Verständnis der kapitalistischen Dekadenz und revolutionäre Perspektive

Vorbemerkung: Wir veröffentlichen hier zwei Artikel aus „Internationell Revolution“ Nr. 102 der Zeitung der Sektion der IKS in Schweden. Wir denken, dass diese Artikel auch für Leser im deutschsprachigen Raum wichtig und interessant sind.

 

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Kritik zur Einleitung von RIFF-RAFF Nr. 6

Die Zeitschrift RIFF-RAFF erscheint dann und wann mit einer dicken Nummer (www.RIFF-RAFF.se). Die letzte Nummer erschien im Sommer 2004. Diese Nummer brachte  eine Reihe von Übersetzungen u.a. von Artikelserie der Gruppe Aufheben, die  verschiedene s. g. Verfallstheorien und Übersetzungen von Pannekoek und Korsch aufgreifen.

In diesem Artikel greifen wir einige Fragen auf, die RIFF-RAFF  in seiner Einleitung „Verfall vorbei und weiter aufgreift. RIFF-RAFF  kann nicht als eine politische Gruppe im eigentlichen Sinn betrachtet werden, sondern als ein loses Netzwerk für Diskussionen.

RIFF-RAFF  schreibt selber: „Die Zielsetzung von RIFF-RAFF von heute ist nicht die Bewahrung oder Schaffung irgendeiner politischen Ideologie, sondern vielmehr hat RIFF-RAFF die Zielsetzung zu diskutieren und zu einer offenen, kritischen und zusammenhängenden Theorie vom Kapitalismus und dessen möglicher Überwindung zu kommen.“

 Die Einleitung RIFF-RAFF’s kann damit wohl als ein Ausdruck von Leuten n  betrachtet werden, die  gelegentlich eine Zeitung herausgeben.. Unsere Kritik  an dieser Einleitung zielt darauf, eine Diskussion über die wichtigen Fragen der revolutionären Bewegung zu eröffnen. Wir haben schon mit den Artikeln „RIFF-RAFF und die kommunistische Perspektive“ und „Ist ein imperialistischer Krieg ein Klassenkrieg oder ein Krieg gegen das Proletariat?“ in der INTERNATIONELL REVOLUTION Nr. 98 zu dieser Debatte beigetragen. Leider ohne irgendein Echo von RIFF-RAFF  trotz ihrer proklamierter Offenheit für andere Gesichtspunkte und Kritik. Wir hoffen natürlich auf Besserung in dieser Absicht. (1)

Das Ziel der Einleitung  RIFF-RAFF’s Nr. 6 ist: „Was wir in der folgenden Einleitung tun werden, ist, die bisherigen Krisen- und Zusammenbruchstheorien in der Arbeiterbewegung dadurch zu kritisieren, dass wir versuchen ihre Beschränkungen und Mängel aus der  Zeit herzuleiten versuchen, in denen sie entstanden sind, aus den vorherrschenden historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen, deren theoretischer Ausdruck sie sind. [...] - ein theoretisches Ausdruck für eine Epoche, mit den Begrenzungen einer Epoche des Klassenkampfes und mit seinen  gesellschaftlich historischen Bedingungen, einschließlich der ideologischen.“. Unter der Überschrift „Verfallstheorie oder Verfall der Theorie?“,  ein Artikel, der zu den  übersetzten Artikeln von „Aufheben“ Stellung nimmt, heißt es: „Aufheben folgt der Theorie vom natürlichen Niedergang des Kapitalismus, wie sie von Engels und  den Orthodoxen der 2. Internationalen entwickelt wurde.“ 

Wir haben schon in einem Artikel in INTERNATIONELL REVIEW 118 (2) sehr deutlich gezeigt, dass die Auffassung von einer  Aufstiegs- und einer  Niedergangsphase der kapitalistischen Produktionsweise immer ein Teil von allen Schriften  Marxens und Engels gewesen ist, also nicht irgendein Einfall, der in der 2. Internationalen oder im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg entstanden wäre. Tatsächlich ist es so, dass die Methode, die Marx in dem Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ präsentiert,  der Kern der marxistischen Methode ist.

Schon in der „Deutschen Ideologie“ drücken Marx und Engels die Grundgedanken  ihrer historischen Methode aus: „Schließlich erhalten wir noch folgende Resultate aus der entwickelten Geschichtsauffassung: 1. In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktivkräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie und Geld) – und was damit zusammenhängt, dass eine Klasse hervorgerufen wird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen, welche aus der Gesellschaft herausgedrängt, in den entschiedensten Gegensatz zu allen andern Klassen forciert wird; eine Klasse, die die Majorität aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewusstsein und über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Bewusstsein, ausgeht.“ („Deutsche Ideologie“, MEW 3, S. 69 )

 Das kommunistische proletarische Bewusstsein, d.h. die Notwendigkeit einer radikalen Revolution, kommt aus dem Bewusstsein, dass die alte Produktionsweise, die nur noch schadet, die gesellschaftliche Entwicklung hindert und zu einer destruktiven Kraft geworden ist, und deshalb durch  eine neue Produktionsweise zu ersetzen ist.

Um die Geschichte der Menschheit verstehen zu können, muss man die materiellen Lebensbedingungen und  deren Entwicklungsgeschichte kennen, d.h. die Entwicklung  der gesellschaftlichen Produktivkräfte und wie weit die den Produktionsverhältnissen entsprechen. Die bisherige Geschichte war eine Geschichte, in der verschiedene Gesellschaftsformen einander ablösten. Ohne das im Blick zu haben,  können wir nicht  verstehen, warum die Menschheit in einem bestimmten Augenblick eine Produktionsweise durch eine andere ersetzt. Diese Umwandlungen nehmen immer Formen einer  mehr oder weniger ausgedehnten Revolution in der Gesellschaft an: „Alle Kollisionen der Geschichte haben also nach unserer Auffassung ihren Ursprung in dem Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Verkehrsform.“ (eben dort, Seite 73)

Die Antwort ist einfach, die Menschen heben nicht ohne weiteres eine funktionierende Weise, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, auf. Ohne dass die Bedingungen für eine Revolution reif sind, können  nicht einmal die am meisten Unterdrückten und Ausgebeuteten  in  einer Gesellschaft mehr als Proteste zustande bringen, und schon gar nicht eine Revolution. So lange die Gesellschaft nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat, um die gesellschaftlichen Produktionskräfte zu entwickeln, solange die Produktionsverhältnisse nicht eine Hinderung für die weitere Entwicklung sind (dies braucht nicht einen totalen  Stillstand in der Entwicklung zu bedeuten), solange steht die soziale Revolution als realistisches Projekt für die Menschheit nicht auf der Tagesordnung. Dieses Verständnis ist grundliegend für den wissenschaftlichen Sozialismus und ist ein –Fortschritt gegenüber dem utopischen Sozialismus und dem Anarchismus.

Marx schrieb in seiner Kritik „Das Elend der Philosophie“ an  Proudhon´s Utopie  1847, zu einem Zeitpunkt als er „über die Grundzüge seiner neuen historischen und ökonomischen Anschauungsweise mit sich ins Reine gekommen war.“ (Vorwort von Engels in MEW Bd. 21, Seite 175): „Soll die unterdrückte Klasse sich befreien können, so muss eine Stufe erreicht sein, auf der die bereits erworbenen Produktivkräfte und die geltenden gesellschaftlichen Einrichtungen nicht mehr nebeneinander bestehen können. Von allen Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst. Die Organisation der revolutionären Elemente als Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktivkräfte voraus, die sich überhaupt im Schoß der alten Gesellschaft entfalten konnten.“ (MEW Bd. 4, S. 181)

Aber es reicht nicht, dass die Produktivkräfte eine Möglichkeit für den Kommunismus geschaffen haben, d.h.  ein bestimmtes technisches Entwicklungsniveau erreicht, es muss auch eine Notwendigkeit sein, d.h. die Gesellschaft muss ein Stadium  erreicht haben, wo es offenkundig ist, dass sie sich nur auf Kosten der Menschheit weiter entwickeln und existieren kann, wo es offenkundig ist, dass sie die Produktivkräfte in Destruktionskräfte verwandelt und die  Menschheit mit dem Untergang bedroht. Das ist die wirkliche Bedeutung des Ausdrucks ‚Sozialismus oder Barbarei’.

Die wichtigste Entdeckung von Marx und Engels war die Methode,  die geschichtliche Entwicklung und die Notwendigkeit zu verstehen, dass die kapitalistische Gesellschaft ihre Widersprüche bis zu dem Punkt entwickeln muss, wo  die Produktionsverhältnisse, nicht mehr die Entwicklung der Produktivkräfte zulassen.  (Siehe „Kapital“ von Marx)

Dieses ganze Verständnis scheint bei den  Redakteuren von RIFF-RAFF  verloren gegangen zu sein, wenn  sie zu den Artikeln von Aufheben  schreiben (vorher wird noch auf die Auseinandersetzung  mit den revisionistischen Kreisen um  Bernstein hingewiesen): „Dagegen wurde eingewandt, dass der Kapitalismus immer wieder auf Grund  seiner eigenen innewohnenden Entwicklung in Krise gerät. In dieser Lage würde die Arbeiterklasse agieren, gezwungen durch die objektive Notwendigkeit, und den Sozialismus einführen. Gemeinsam für beide Perspektiven war, dass sie für die Arbeiterklasse keine aktive Rolle in der Entwicklung des Kapitalismus gab. [...] Für die Revolutionäre, die um die Zeit des 1. Weltkrieges mit dem Reformismus der 2. Internationalen brachen, wurde es zu einem Glaubenssatz, dass sich der Kapitalismus in seiner Niedergangsperiode befand, und dass die entscheidende Krise vor der Tür stand. Freilich unterschied sich die kommunistische Linke von den Leninisten dadurch, dass für sie die Arbeiterklasse eine selbständige und antreibende Rolle in der Revolution hatte, aber keine von den Gruppen sah einen Zusammenhang zwischen dem Kampf der Arbeiterklasse und der Krise des Kapitals.“

Es ist ganz falsch zu sagen, dass man nicht einen Zusammenhang zwischen dem Kampf der Arbeiterklasse und der Krise des Kapitals sah. Aber man machte es aus einem ganz entgegengesetzten Grund. Die Krisen des Kapitalismus sah man (und sieht man) als wichtige Momente für die Entwicklung des Klassenbewusstseins und für den Klassenkampf, weil sie die dem Kapitalismus innewohnenden Widersprüche auf nackte und brutale Weise bloßlegen. Aber natürlich nicht auf die auf den Kopf gestellte Weise, wie das die Operaisten  tun, nämlich dass der Klassenkampf die Krisen herbeiführe.

Andererseits ist es bemerkenswert, zwei verschiedene „Theorien“ auf diese Weise als zwei verschiedene „Alternativen“  gleichzustellen, wovon der eine offenbar gegen und außerhalb der marxistischen und revolutionären Bewegung stand. Außerdem ist es ein fehlerhafter Vergleich. Die grundlegende Sache war, dass das  revisionistische Lager mit Bernstein an der Spitze das Entstehen allgemeiner Krisen leugnete. Rosa Luxemburg schrieb in „Sozialreform oder Revolution“: [...] „Nimmt man jedoch mit  Bernstein an, die kapitalistische Entwicklung gehe nicht in die Richtung zum eigenen Untergang, dann hört der Sozialismus auf, objektiv notwendig zu sein.“ (Lux Werke Bd. 1/1, Seite 376, [fett durch die Verfasser] )

Auch wenn Marx der Ansicht war, dass der Kapitalismus nur durch den Klassenkampf und durch die proletarische Revolution abgeschafft werden kann, arbeitete er mehrere Jahrzehnte intensiv, um zu zeigen, dass der Kapitalismus alleine schon aus ökonomischen Gründen  in unlösbaren inneren Widersprüchen verstrickt ist, die die Kapitalakkumulation bedrohen. Die ökonomischen Krisen sind ein Ausdruck für diese Wiedersprüche (4). Eine Analyse über den veränderten Charakter der ökonomischen Krisen soll dafür ein Mittel sein, um den Punkt  bestimmen zu können, wann die Niedergangsperiode eintrifft.

Etablierter Weltmarkt und die Teilung der Welt in verschiedene nationale Kapitale, die sich hochrüsten, um ihre Einflussgebiete zu verteidigen, das kapitalistische System, das dominierende Produktionsweise in der Welt, die internationalen  Krisen, die mit Gewalt betriebene  internationale Barbarei, die  den internationalen  imperialistischen Krieg zu Folge hatte, aber auch die mehr und mehr politischen Massenstreiks und das Entsehen der Arbeiterräte bei der Revolution 1905, die den russischen Revolution und die Weltrevolution ankündigte, deuteten an, dass etwas Entscheidendes in der Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus geschehen war.

Diese historische Krise im kapitalistischen System, die sich unleugbar deutlich ausdrückte, im ersten die ganze Welt umfassenden imperialistischen Krieg und in der darauf folgenden revolutionären Welle, kann nicht mit der Entwicklung des Klassenkampfes vom Ende des 19. Jahrhunderts und während des ersten Weltkrieges erklärt werden, wenn Riff Raff  nicht an seiner Auffassung festhält, dass  „kapitalistischer“ Krieg immer äußerst ein Krieg gegen das Proletariat ist. Aber dieser Versuch soll nur gar zu offensichtlich zeigen, wie man die Wirklichkeit nach Theorie anzupassen versucht.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit die Redakteure von Riff Raff  mit Theorie umgehen, wenn sie einerseits konstatieren, dass es Widersprüche zwischen ihren Erfahrungen  der Wirklichkeit und den operaistischen Thesen gibt (5,6), aber gleichzeitig um jeden Preis einige Reste  der operaistischen Thesen retten wollen,  wenn sie sage: „Kapitalistische Krisen müsste man als Dialektik zwischen dem  Klassenkampf und der Konkurrenz unter den Kapitalisten verstehen. Die beiden Faktoren sind immer ineinanderverflochten.“

Hiermit hat man nichts gewonnen: „Durch die Konkurrenz, die nichts Anderes bedeutet, als dass die verschiedenen Kapitalisten einander und sich selber die inneren Gesetzmäßigkeiten des Kapitalverhältnisses aufdrängen.“ (Marx, Grundrisse, eigene Übersetzung)

Die operaistische These  genauso unklar wie früher, d. h. es ist nur Klassenkampf, der die  Krisen hervorbringt (nachdem die Konkurrenz an sich keine Krise hervorbringt, sondern ist nur durch die  „Vermittlung von inneren Zwängen des Kapitals“). Die inneren Widersprüche des Kapitals vermeiden  wie die Pest! Und darum ist es offenbar besser, diese Widersprüche zuzudecken.

RIFF-RAFFs Dialektik bleibt unergründlich und es widersprechen  dem  einige Äußerungen  von Marx: „Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst.“ (MEW 25, S. 260) D. h. all die Arbeit, die sich Marx machte, um zu klären, wie es im Kapitalismus auf Grund seiner inneren Widersprüche zu einer Krise kommt, ist wie weggeblasen. Marx hätte nicht Jahrzehnte vergeuden sollen, um am „Kapital“ zu arbeiten.

„Die Profitrate fällt, nicht weil der Arbeiter weniger exploitiert wird, sondern weil im Verhältnis zum angewandten Kapital überhaupt weniger Arbeit angewandt wird.“  (wie oben, S. 256) Und: „Der Fall der Profitrate und beschleunigte Akkumulation sind insofern nur verschiedene Ausdrücke desselben Prozesses, als beide die Entwicklung der Produktivkraft ausdrücken.“ (wie oben, S. 251) Das zeigt mit wünschenswerter Deutlichkeit, dass der wichtigste Faktor, um den Fall der Profitrate zu erklären, sich nicht  im Klassenkampf findet, sondern in der Entwicklung der Produktivkräfte, in den kapitalistischen Formen für den Austausch.

Der Schlussfolgerung  ist, dass der tägliche Klassenkampf  besten Falls  den Fall der Löhne mindern, nicht aber eine Krise im kapitalistischen System hervorrufen kann. Der Kapitalismus selbst ruft ganz kennzeichnend seine eigenen Krisen hervor, ohne Hilfe des Proletariats. Und auch dessen   hypothetisch-theoretischer Beitrag zur Krise ist unbedeutend. Krisen des Systems kann das Proletariat nur durch den  revolutionären Massenstreik hervorrufen, aber dann ist die Krise nicht mehr durch einen Kampf auf  ökonomischem Gebiet, sondern deutlich durch einen politischen Kampf um Macht über die Gesellschaft und die Produktionsmittel verursacht.

Auf gleiche Weise scheinen die Redakteure von RIFF-RAFF  die sonderbare Theorie zu beerben, dass die Gewerkschaften die Interessen der Arbeiter verteidigen könnten, indem sie behaupten, sie könnten das variable  Kapital verteidigen.  “Institutionen wie Parteien und Gewerkschaften – Arbeiterbewegung – die das verteidigen“:

„Als Arbeitskraft hat ein Arbeiter das Interesse, dass das Kapital besteht, dass die Arbeit unter geordneten Formen vor sich geht und dass die Löhne regelmäßig bezahlt werden. Als Arbeiterklasse findet er dagegen sein Interesse an der  Aufhebung seines mit dem Kapital  Verbundenseins, ein Interesse daran, aus der Rolle vom Kapital abhängige Arbeitskraft zu sein herauszukommen,  aufzuhören, ein Arbeiter zu sein.“

Die Redakteure von RIFF-RAFF fahren offenbar fort, den Reformismus für eine aktuelle Alternative zu halten, neben andererseits einem revolutionären Programm. Das ist als befände man sich noch im 19. Jahrhundert mit der Aufteilung in Maximal- und Minimalprogramm. Als ob nichts geschehen wäre, was die Bedingungen für den Klassenkampf des Proletariats geändert hätte.

Wir müssen schon tief Luft holen, um solche Sätze zu fassen. Wir  fragen uns, ob die Redakteure der  RIFF-RAFF  es ernst meinen, wenn sie behaupten, dass beispielsweise die Sozialdemokraten und der Landeszentralverband der schwedischen Gewerkschaften (LO) heute die Interessen der „Arbeiterbewegung“  verteidigen? Sie verteidigen nichts anderes als die Interessen des Kapitals gegen die Arbeiter. Das ist nichts anderes, als ein Beispiel dafür, wie eine falsche Theorie zu einer weltfremden Schlussfolgerung führen kann.

Das durchgehende Thema für Redakteure der RIFF-RAFF ist die Sorge, dass „die Arbeiterklasse keine aktive Rolle in der Entwicklung des Kapitals spielt“, dass das Erkennen von inneren Gesetzen und Widersprüchen des Kapitalismus dazu führen könnte, dass die Arbeiterklasse passiv wird und eine Statistenrolle in der Geschichte bekommt.

Das ist ein Ausdruck für einen ernsthaften Mangel in der Methode, drückt ein Schwanken  zwischen Subjektivismus und Fatalismus aus. Einerseits weist man auf die  Notwendigkeit  und Gesetzmäßigkeit hin und andererseits stellt man dem die  Hoffnung auf das Subjekt gegenüber..

Aber wir versichern, dass der Marxismus die Bedeutung des subjektiven Faktors und des Bewusstseins voll anerkennt: „Da die menschliche Vernunft nur über die blinde Notwendigkeit triumphieren kann, wenn sie ihre eigenen inneren Gesetze erkennt, wenn sie diese Notwendigkeit mit ihrer eigenen Waffe geschlagen hat, ist die Entwicklung des Wissens, die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins die gewaltigste, edelste Aufgabe der denkenden Persönlichkeit. Licht, mehr Licht! – das ist es,  was vor allem notwendig ist.“  (Plechanow, Zur Frage der Entwicklung  der  monistischen Geschichtsauffassung, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt 1975, S. 283)  „Licht, mehr Licht!“, das waren Goethes letzte Worte.

Der ernsthafteste politische Irrtum, den die Einleitung zu RIFF-RAFF  nr. 6 macht, ist:  die Grundlage für die politische Perspektive unter den Teppich zu kehren, nämlich dass sie  auf dialektisch materialistischen Grund aufgebaut ist, und statt dessen die Grundlage in der  Subjektivität, in einem Ideal suchen.. Auch wenn wir nicht meinen, dass RIFF-RAFF  desselben Ursprungs ist  wie Bernstein, glauben wir aufrichtig, dass RIFF-RAFF eine „offene, kritische und zusammenhängende Theorie vom Kapitalismus und von dessen möglicher Überwindung“  sucht. Aber wir meinen, dass der Weg und die Methoden, die sie dabei benutzt, sie gefährlich nah  einer  Verleugnung marxistischer revolutionärer Traditionen bringt. Wir schließen mit der Schlussfolgerung, die Rosa Luxemburg aus ihrer Polemik gegen Bernstein zog: „Mit einem Wort, was wir auf diesem Wege erhalten, ist eine Begründung des sozialistischen Programms durch ´reine Erkenntnis´, das heißt, einfach gesagt, eine idealistische Begründung, während die objektive Notwendigkeit, das heiß t die Begründung durch den Gang der materiellen Entwicklung, dahinfällt.“ (ebendort, S. 377)

 Hilding

Fußnoten

1. Wir bieten speziell unsere Internet an zur Auseinandersetzung an, aber wir  laden  natürlich auch alle, die interessiert sind,  über die Dekadenz des Kapitalismus und über die revolutionäre Perspektive  zu diskutieren, ein zu den öffentlichen Treffen in Göteborg am 03.12. zu kommen. Kontaktinfo RIFF-RAFF: www.RIFF-RAFF.se, RIFF-RAFF, Box 20131, 10460 Stockholm.

2. The theory of decadence lies at the heart of historical materialism: From Marx to the communist left 3. Hier sind die Bordigisten eine glänzende Ausnahme, die als Bordigas Nachfolger die Dekadenztheorie ablehnen – wie auch Gruppen, wie z. B. Socialism ou Barbarie, die sich nicht so sehr von  Bernstein unterscheiden, auch wenn sie die Unvermeidlichkeit der Krisen leugnen. Siehe zur  theoretischen Oberflächigkeit des IBRP in der Dekadenztheorie: The theory of decadence at the heart of historical materialism (iii): Battaglia Comunista abandons the Marxist concept of decadence, part ii: www.internationalism.org/ir/ 120_ decadence_iii.html

4. Es ist deshalb nicht ganz unlogisch, dass man die unlösbaren Krisen verleugnet oder mindestens verharmlost, wenn man die grundlegenden Widersprüche zwischen den Produktivkräften und Produktionsverhältnissen verleugnet. Dieses gilt für beide für  Socialism ou Barbarie’ und die Redakteure der RIFF-RAFF : „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass der Kapitalismus in einer totalen Krise  oder in einen absoluten Niedergang kommen könnte. Eben wenn gewisse Teile des Systems in einer Krise sind, haben sich andere als gesund bewiesen und nach einer massiven Zerstörung des Kapitals – eventuell ein umfassender Großkrieg – konnte die tiefste Depression sich in eine Wachstumsperiode verwandeln.“

5. Siehe INTERNATIONELL REVIEW  Nr. 16 (1:a Quartal 1979) für eine Kritik: The rise and fall of Autonomia Operaia: www.internationalism.org/specialtexts/IR016 auto opaia.htm Dieser Artikel greift eine Kritik auf, die auf viele Positionen  von RIFF-RAFF anwendbar ist. Lest ihn und kritisiert ihn!

6. Wir wissen nicht, ob man von dem Argument beeindruckt ist, das wir in unserer Kritik von ‚Zusammen kämpfen’ in IR Nr. 93,  ‚Autonomismus' - keine Alternative für die Arbeiterklasse’  entwickelten.     

                     

 

Estoniakatastrophe: Bourgeoisie verdunkelt Waffengeschäfte

Während der ganzen Zeit, seit die Fähre Estonia im September 1994 versank, ist die Untersuchung des Unglücks von einer ganzen Reihe sonderbarer und widersprüchlicher Beschlüsse begleitet gewesen. Bemerkenswert war der Beschluss, die Leichen nicht zu bergen, aber vor allem, trotz aller Untersuchungen, Gerichtsverhandlungen (3 bis jetzt!) und Forderungen auf neue Untersuchungen, hat man keinen gefunden, der verantwortlich für das Unglück ist. Auf dem Hintergrund des Denkmals, das man in Djurgarden in Stockholm aufstellte, und der pompösen Reden, die  sich als Schutz für die Opfer der Katastrophe verstehen sollen, ist es einleuchtend, dass während der ganzen Zeit  die Staaten, vor allem, der schwedische, aber eben auch andere beteiligte Staaten, wie Estland oder Finnland, selber alles unternommen haben, um die Untersuchungsarbeit zu erschweren und zu hindern. Das wird umso einleuchtender, weil erst jetzt, zehn Jahre nach dem Schiffbruch von Estonia, tauchen bekräftigende Angaben vom schwedischen Zoll auf, dass das schwedische Verteidigungsministerium die Estonia benutzte, um außerordentlich hochentwickelte militärische Ausrüstung von Russland über Estland nach Schweden zu transportieren. Militärische Ausrüstung, die von Russland gestohlen wurde, etwas, was lange Zeit  von der schwedischen Wehrmacht geleugnet wurde.   Informationen, die man zuerst im TV-Programm „Uppdrag  granskning“ im Dezember 2004 repräsentierte, stellten natürlich die Frage von Estonias Untergang und alle die rechtlichen Fragen um das  Unglück in ein neues Licht. Vor allem ist es die Frage, die blitzartig durch den schwedischen Staat geht, welche Rolle der schwedische Imperialismus im Baltikum spielt. Im Hintergrund aller Verschleierungen des Schiffbruch Estonias stellt sich gerade diese Frage, nachdem Estonia offensichtlich militärische Rüstungsmaterial von einem Staat transportierte, von Estland, von einer früheren Sowjetrepublik, dessen „Selbständigkeit“ in außerordentlich hohem Grade vom schwedischen Imperialismus ökonomisch und diplomatisch unterstützt worden ist. Denn Estland selbst ist der Nabel in den Anstrengungen des schwedischen Staates, sich reellen politischen und ökonomischen Einfluss auf der anderen Seite der Ostsees zu verschaffen. Estlands Armee ist großzügig mit ökonomischen, administrativen und materiellen Unterstützung durch Schweden erbaut, die Offizierskorps sind von schwedischen Militärs Republiken, einen unerhört wichtigen ökonomischen und strategischen Teil der ehemaligen „Sowjetunion“. 1994 als Estonia versank, war es erst einige Zeit her, dass Estland zusammen mit dem Rest der baltischen Republiken von Sowjetrussland ausbrach, und die russische Bourgeoisie war natürlich darüber wütend. Dass ein Erbfeind Russlands, wie Schweden, einen Teil seines Bereichs dazu benutzt, um seine eigenen diplomatischen und imperialistischen Positionen vorzurücken, und besonders Estland dazu benutzt, um heimlich (topsecret) Militärmaterial zu stehlen, macht die Sache für Russland äußerst schlimm. Ohne, dass wir wissen können, was genau bei dem Schiffbruch passierte, müssen wir doch behaupten, dass in einer Welt, die von imperialistischen Realitäten diktiert wird, es nicht all zu unwahrscheinlich wäre, dass Russland Operationen ausgeführt hat, um zu verhindern, dass Schweden oder andere Staaten Estland dazu benutzen würden, strategisches Rüstungsmaterial von Russland zu stehlen oder zu beschädigen. Es ist diese Frage, die so empfindlich für die schwedische Regierung ist, und sie  deshalb  versucht hat, Angaben über Waffentransporte zu verschleiern, trotz aller „entrüsteten“ Reden von Göran Persson und Mona Sahlin – nachdem ihnen bewusst war, dass  so eine Verwicklung in der Estoniakatastrophe, wo 852 Menschen starben, sehr hinderlich  sein könnte, für die zynische Ambition des schwedischen Staates sich als „humane“ und „friedliebende Nation“  zu präsentieren.     

Kelvin 5/2-0