Zum Film "Grounding - die letzten Tage der Swissair":

Die Schweizer Fluggesellschaft als
Symbol für den bankrotten Kapitalismus

Knapp fünf Jahre nach der Pleite
der Swissair findet in der Schweiz die ideologische Verarbeitung dieses Niedergangs
statt, der Tausenden von Angestellten den Arbeitsplatz kostete (1). Am 2.
Oktober 2001, ein paar Wochen nach den Anschlägen des 11. September, blieben
die Swissair-Flieger am Boden, weil die Fluggesellschaft zahlungsunfähig war
und in den verschiedenen Flughäfen nicht einmal mehr den Treibstoff bezahlen
konnte. Dieses "Grounding" ist nun seit Anfang des laufenden Jahres
Titel und Gegenstand eines Kino-Renners in der Schweiz. Im gleichen Zeitraum,
Ende März 2006, erhob die Staatsanwaltschaft Zürich Anklage gegen 16
Führungskräfte der Swissair in ihrer Schlussphase und drei weitere Personen,
die damals beratende oder sonst massgebliche Funktionen hatten. Die
Staatsanwaltschaft inszenierte die Anklageerhebung medienwirksam mit einer
Pressekonferenz. Schnell hiess es darauf in den Medien, das zuständige
Bezirksgericht Bülach werde mit einem solchen Fall, dessen Beweismaterial 4'150
Aktenordner umfasst, überfordert sein. Das Gericht liess diesen Vorwurf nicht
auf sich sitzen: Mitte Mai schickte es denn Fall an die Staatsanwaltschaft
zurück - Anklage ungenügend. Fortsetzung folgt.

Der Film und die Anklageschrift
drehen sich um die gleichen Ereignisse und dieselben Personen. Sie
widersprechen sich in den wesentlichen Zügen der Geschichtsschreibung nicht, und
sie haben auch ein gemeinsames Ziel, nämlich die Schuldigen für das Debakel zu
finden. Trotzdem kommen sie zu einem anderen Schluss. Dies liegt aber in der
Natur der Sache, denn die Staatsanwaltschaft sucht die Schuldigen nach den
Kriterien des Strafgesetzbuches, der Spielfilm aber hat den Massstab der
herrschenden Moral. Strafgesetzbuch und herrschende Moral sind zwar verwandt,
aber nicht deckungsgleich. Die Staatsanwaltschaft klagt konkret Manager wie
Mario Corti, Philippe Bruggisser, Lukas Mühlemann und Jacqualyn Fouse an, denen
sie aber nicht vorwirft, den Untergang der Swissair verursacht zu haben:
"Es sind Menschen, die den Untergang der Swissair verhindern wollten, dies
aber leider mit Methoden versucht haben, die aus unserer Sicht unlauter sind."
(Staatsanwalt Weber) Der Film "Grounding" umgekehrt stellt diejenigen
an den Pranger, die aus Profitgier den Geldhahn zudrehten: die Manager der Bank
UBS, z.B. Marcel Ospel, und ihre Rechtsanwälte, die von der Staatsanwaltschaft
nicht behelligt werden - während umgekehrt die Bank Credit Suisse, an deren
Spitze damals Lukas Mühlemann stand, der letzte CEO "Super-Mario"
Corti und die Finanzchefin Jacqualyn Fouse im Drehbuch des Films die tragischen
Helden sind. Dass eine Bank den Geldhahn zudrehte, d.h. im konkreten Fall nicht
bereit war, weiter Geld in ein Fass ohne Boden zu pumpen, war natürlich nicht
strafbar, aber eben aus der Sicht des Spielfilms moralisch verwerflich,
insbesondere weil damit die Swissair, der "Stolz der Nation", nicht
mehr gerettet werden konnte.

Die beiden
"Verarbeitungen" haben insbesondere zwei gemeinsame Wesenszüge: die
nationale Perspektive und die Suche nach Sündenböcken. Beides darf uns
natürlich bei der Bourgeoisie nicht verwundern, und doch lohnt es sich, diese
beiden Aspekte des gegenwärtigen Diskurses gesondert zu beleuchten.

Nationalistische Kampagne gegen Klassensolidarität

Was den Nationalismus betrifft, so
war dieser rund um die nationale Fluggesellschaft ständiger Begleitlärm. Bei
der versuchten Rettung der Swissair ging es den Herrschenden nie wirklich um
die Erhaltung von Arbeitsplätzen, wie sie heuchlerisch vorgaben, sondern nur um
diejenige der nationalen Airline. Manager und Gewerkschaften waren sich einig,
dass zu diesem Zweck unrentable Teile der Swissair geschlossen und Leute
entlassen werden müssen. Sie wollten verhindern, dass sich die Arbeiter
grundsätzliche Fragen über die Zukunft dieses bankrotten Systems stellen. Die
Pleite der Airline sollte als Einzelfall und nationale Tragödie dargestellt
werden. Ein wichtiger Teil der ideologischen Kampagne zielte darauf ab, dass
sich die Arbeiter mit dem nationalen Symbol "Swissair" identifizieren
statt mit ihren Klassenbrüdern und -schwestern in anderen Branchen, die vor
ähnlichen Perspektiven stehen. Im Film "Grounding - die letzten Tage der
Swissair" werden die Empörung und die Not der schliesslich nach der Pleite
entlassenen Angestellten auf die Enttäuschung über die verloren gegangene
"Schweizer Fluggesellschaft Swissair" reduziert.

Dabei war die Swissair überhaupt
kein Einzelfall. Die belgische Sabena ereilte das gleiche Schicksal, und manch
andere Fluggesellschaft kämpft auch ums Überleben. Und gerade diejenigen, die
noch gewinnbringend fliegen, stellen ebenfalls laufend Angestellte auf die
Strasse. 

Auch im Luftverkehr produziert der
Kapitalismus mehr, als diejenigen, welche die Dienstleistungen in Anspruch
nehmen wollen, bezahlen können. Die Überproduktion -  gemessen an der zahlungsfähigen Nachfrage, nicht an den
tatsächlichen Bedürfnissen - ist im dekadenten Kapitalismus eine ständige
Tendenz. Die Überkapazitäten bei den Airlines führen im Konkurrenzkampf
notwendigerweise zur Verdrängung der Kleinen. Gerade beim Flugverkehr ist der
inländische Markt naturgemäss zu klein; dies gilt erst recht bei so kleinen
Staaten wie Belgien oder der Schweiz.

Es ist wahrscheinlich, dass die
Swissair mehr Überlebenschancen gehabt hätte, wenn die Volksabstimmung im
Dezember 1992 über einen Beitritt zum EWR (Europäischen Wirtschafsraum) nicht
mit einem Nein ausgegangen wäre. Die massgebenden Teile der Bourgeoisie wollten
diesen Beitritt, aber die rechtspopulistische SVP von Christoph Blocher
lancierte eine aus der Sicht der Herrschenden kurzsichtige, isolationistische
Nein-Kampagne, die für den Abstimmungsausgang entscheidend gewesen sein dürfte.
Mittlerweile sitzt Blocher im Bundesrat; mit dieser Integration in die
Regierungsverantwortung wurden dem Rechtspopulismus seiner Partei etwas die
Flügel gestutzt. Aber Tatsache bleibt, dass die Swissair wegen des EWR-Neins
vor 13 Jahren auf dem europäischen Markt entscheidende Nachteile hatte; der
Beitritt zum EWR hätte ihr den im Vergleich zu den europäischen Airlines
gleichberechtigten Zugang zu den Flughäfen der EU gesichert. Das EWR-Nein
bedeutete eine entscheidende Schwächung für die Konkurrenzfähigkeit des
Schweizer Kapitals in verschiedenen Sektoren, gerade im Luftverkehr.

Wir dürfen uns aber keine
Illusionen machen: Selbst wenn die Swissair als nationale Fluggesellschaft in
den Händen der Schweizer Bourgeoisie überlebt hätte, so wäre dies auf Kosten
von zahlreichen Entlassungen geschehen. Dies sieht man gerade in derjenigen
Branche, die noch mehr als die Swissair ein Aushängeschild für die Schweiz und
ihre angebliche Zuverlässigkeit darstellt - im Finanzsektor: Die grossen Banken
und Versicherungen - UBS, CS, Zürich, Winterthur etc. - bauen seit Jahren
beständig Arbeitsplätze ab. Tausende sind schon verloren gegangen. Und weitere
werden folgen. Solange der Kapitalismus mit seiner Profitlogik weiter besteht,
bleiben Arbeitslosigkeit und zunehmende Verelendung ständige Bedrohung und
Realität für die Arbeiter.

Anders sieht es für die
herrschende Klasse aus. Sie verlor mit der Swissair mehr als nur eine Illusion.
Die Fluggesellschaften gehören zu den strategisch wichtigen Sektoren, die
eigentlich nicht aus der Hand der nationalen Bourgeoisie fallen dürfen. Darauf
haben wir bereits in einem Artikel in Weltrevolution Nr. 109 hingewiesen:
"Der Luftverkehr ist ein strategisch entscheidender Sektor für jeden
kapitalistischen Staat, nicht nur auf rein ökonomischem Gebiet, sondern auch
auf militärischer Ebene. (…) Jeder Staat, falls er die Mittel hat, führt eine
Fluggesellschaft unter eigener Flagge, die quasi ein Monopol für die nationalen
Strecken hat. Alle Fluggesellschaften von Bedeutung stehen unter der Kontrolle
eines Staates. (…) Hinter dem Handelskrieg, der im Luftverkehr geführt wird,
gleich wie in anderen Gebieten, stehen sich nicht nur Firmen gegenüber, sondern
die Staaten." (1) Damals, im Winter 2001/02, gab es die Swissair zwar schon
nicht mehr, aber der Schweizer Staat beteiligte sich massgebend am Aufbau einer
neuen nationalen Fluggesellschaft: der Swiss. Drei Jahre später, im März 2005,
war es jedoch auch mit diesem Traum fertig: Die Lufthansa übernahm die Swiss.
Was die Schweizer Bourgeoisie während mehr als 10 Jahren zu verhindern
versuchte, war nun eingetreten - der definitive Verlust der nationalen
Fluggesellschaft an einen grossen Nachbarn.

Einzelfall oder Spitze des Eisbergs?

Damit drängt sich für die
Herrschenden das zweite Thema auf - die Suche nach den Sündenböcken. Für die
Bourgeoisie ist die Katastrophe zu gross, um einfach wieder zur Tagesordnung
überzugehen. Köpfe müssen rollen. Dies ist ein Ziel der Anklageerhebung an die
Strafjustiz; anschliessend wird es voraussichtlich auch noch zivilrechtliche
Verantwortlichkeitsklagen geben.

Die Bourgeoisie will die
Verantwortung für das Debakel personifizieren. Nur so kann sie davon ablenken,
dass das ganze kapitalistische System in einer Krise steckt. Verantwortlich für
diese oder auch andere Pleiten sind letztlich nicht mehr oder weniger kluge
Managerentscheide, sondern der Bankrott dieses Wirtschaftssystems überhaupt.
Wenn die Produktion von den Profiten abhängt, und nicht von den tatsächlichen
menschlichen Bedürfnissen, häuft sich zwangsläufig auf der einen Seite der
Reichtum immer mehr an, während sich das Elend auf der anderen Seite immer mehr
ausbreitet. Die Bedürfnisse der nicht zahlungskräftigen Massen bleiben
unbefriedigt, während umgekehrt die im Überfluss produzierten Waren nicht
verkauft werden können. Es braucht eine Revolution und die Errichtung einer
Produktionsweise, in der nicht mehr für den Markt und den Geldprofit produziert
wird, sondern nach den Bedürfnissen der Menschen verteilt, was sie zusammen
produzieren.

Die Suche nach den Sündenböcken
dient dem Ziel, solche Schlussfolgerungen zu verhindern. Die Justiz, die
Filmindustrie und die Medien geben sich alle Mühe, die Schuld für die
Swissair-Pleite bestimmten Personen in die Schuhe zu schieben: Christoph
Blocher, wegen seiner Anti-EWR-Politik; Philippe Bruggisser wegen seiner
aggressiven Einkaufsstrategie als Swissair-Konzernchef; Marcel Ospel wegen
seiner egoistischen Jagd nach Profiten; dem Zürcher Freisinn wegen seiner
Inkompetenz und Klüngelwirtschaft; Osama Bin Laden wegen der Anschläge vom 11.
September ...

Solche Kampagnen haben insofern
immer wieder Erfolg, als die Medien damit nicht bloss niedrige

Rachegelüste mobilisieren, sondern
eine proletarische Empörung ansprechen, nämlich die Empörung gegen die
Machenschaften und den Lebensstil dieser Verwaltungsräte, CEOs, Rechtsanwälte,
Manager, Terroristen etc. - kurz: all dieser Angehörigen der
Kapitalistenklasse. Diese Empörung ist völlig legitim, ein proletarischer
Reflex, der auf einer Ethik der Unterdrückten fusst.

Doch hat es keinen Sinn die
Empörung bloss auf einzelne Exponenten des Systems zu richten. Denn dies
schliesst die Illusion ein, dass es andere an ihrer Stelle besser machen würden
und damit das Problem gelöst wäre. Die Empörung muss sich mit dem Bewusstsein
paaren, dass wir - die Arbeiterklasse - das ganze System und seine Logik
bekämpfen und überwinden können.

VE, 13.5.06

Fussnote:

1. vgl. Weltrevolution Nr. 109, Dezember/Januar
2001/02, Swissair-Kollaps: Die Arbeiterklasse trägt die Last der Krise