Berliner Luftbrücke 1948 Ein Versuch, die Verbrechen der Alliierten zu vertuschen

Dieser Artikel wurde zum ersten Mal in unserer Zeitung Weltrevolution Nr. 90 - 1998 - veröffentlicht.

Es überrascht nicht, dass die demokratischen Siegermächte des 2. Weltkriegs - die französische, britische und amerikanische Bourgeoisie - dieses Jahr die Gelegenheit ausgenutzt haben, um den 50. Jahrestag der Berliner Luftbrücke, die am 26. Juni 1948 anfing, zu feiern. Die Luftbrücke wird als angeblicher Beweis für die Menschenfreundlichkeit der westlichen demokratischen Imperialismen und ihrer Gnade mit einer besiegten Nation dargestellt, und andererseits gilt sie als Aushängeschild des Widerstands gegen die Bedrohungen durch den russischen Totalitarismus. Damals habe die Luftbrücke einen Zeitraum von Frieden und Wohlstand ermöglicht. Mehr als ein Jahr lang wurden in 277.728 Flügen durch amerikanische und britische Maschinen nach Westberlin über 2.3 Mio. Tonnen Hilfsgüter eingeflogen, da der sowjetische Imperialismus die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten hatte. Die scheinbare Friedensliebe, die Freiheit und Menschenwürde, die diese historische Episode angeblich belege, seien heute noch den Medien und Politikern der westlichen imperialistischen Staaten zufolge lebendig.

Nichts aber liegt der Wirklichkeit ferner, denn, wenn man sowohl die blutige Geschichte der letzten 50 Jahre im allgemeinen wie auch die wirkliche Bedeutung der Berliner Luftbrücke selber vor Augen hat, kann man das Gegenteil sehen. In Wirklichkeit nämlich verdeutlichte die Luftbrücke eine Wende in der imperialistischen US-Politik. Deutschland sollte nicht mehr deindustrialisiert und in ein Bauernland verwandelt werden, wie es die Potsdamer Konferenz von 1945 vorgesehen hatte, sondern es sollte nunmehr als ein Bollwerk des neu geschaffenen westlichen imperialistischen Blocks gegen den Ostblock eingesetzt werden. Dieser Kurswechsel des westlichen Imperialismus kann nicht durch irgendein Mitleid erklärt werden. Der Grund für die Umorientierung lag in der Bedrohung durch den russischen Imperialismus, der dabei war, sich weiter nach Westeuropa auszudehnen, nachdem es dort nach den gewaltigen Massenabschlachtungern und Zerstörungen während des 2. Weltkriegs zu großen ökonomischen und politischen Zerrüttungen gekommen war. So war die Berliner Luftbrücke, während sie auf der einen Seite ein Mittel war, eine hungernde Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen, auf der anderen Seite ein clever ausgedachtes Propagandakunststück, um das Elend der vorangegangenen Jahre zu übertünchen und die neue Orientierung der westdeutschen und westeuropäischen Bevölkerung zu vermitteln, die von da an zur Geisel in dem gerade begonnen Kalten Krieg werden sollten. Neben den Rettungsflugzeugen wurden drei US-Bomberverbände nach Europa verlegt, die die sowjetischen Stellungen in die Reichweite der US-B-29 rücken ließen...

Dennoch gab es trotz des Besuchs von US-Präsident Clinton in Berlin anlässlich dieses Ereignisses nicht soviel Aufheben um dieses Thema. Eine wahrscheinliche Erklärung, weshalb dieses Thema nicht so groß in den Vordergrund gerückt wurde, besteht darin, dass zu ausschweifige Feiern unliebsame Fragen aufkommen ließen hinsichtlich der wirklichen Politik der Alliierten gegenüber der Arbeiterklasse in Deutschland während und in der unmittelbaren Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Zu viel Heuchelei der Demokratien und ihre eigenen Verbrechen gegen die Menschheit würden zutage treten. Dadurch würde auch die Position der Kommunistischen Linken bestätigt, die sowohl die demokratischen und stalinistischen als auch die faschistischen Ausdrücke des dekadenten Kapitalismus während der letzten 70 Jahre unaufhörlich entblößt hat.

Die IKS hat oft mit anderen politischen Tendenzen der Kommunistischen Linken gezeigt, wie die Verbrechen der Alliierten Imperialisten während des 2. Weltkriegs nicht weniger ruchlos waren als die der faschistischen imperialistischen Staaten (1). Sie waren das Ergebnis des Kapitalismus auf einer besonderen Stufe seines historischen Niedergangs. Die Feuerbomben auf deutsche und japanische Großstädte am Ende des Krieges zeigten die unechte Menschenfreundlichkeit der Alliierten. Die Bombardierung all der dicht bevölkerten Zentren in Deutschland verfolgte nicht das Ziel, militärische oder gar ökonomische Ziele zu zerstören. Die Zerrüttung der deutschen Wirtschaft am Kriegsende war nicht auf die ‘Flächenbombardierungen’ zurückzuführen sondern auf die Zerstörung des Transportsystems (2). Im Gegensatz: die Bombardierungen dienten gerade dazu, die Arbeiterklasse zu dezimieren und zu terrorisieren und den Ausbruch einer revolutionären Bewegung aus dem Chaos der Niederlage zu verhindern, wie das 1918 der Fall gewesen war.

Aber das Jahr 1945, der Neuanfang, brachte kein Ende des Schreckgespenstes.

Die Potsdamer Konferenz und die Übereinstimmung zwischen den Alliierten vom März 1946 führten zu konkreten Entscheidungen der Reduzierung der deutschen Industriekapazitäten auf ein niedriges Niveau; gleichzeitig sollte der Landwirtschaft eine größere Priorität eingeräumt werden. Um die Gefahr auszuschalten, dass die deutsche Wirtschaft wieder Krieg führen könnte, wurde Deutschland vollständig untersagt, strategische Produkte herzustellen wie Aluminium, synthetischen Gummi und synthetische Benzine. Darüber hinaus sollte Deutschland gezwungen werden, seine Stahlkapazitäten auf 50% des Niveaus von 1929 zu reduzieren, und die überschüssigen Anlagen sollten demontiert und in die Siegerlände sowohl im Osten wie im Westen verfrachtet werden. (3)

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, welche ‘konkreten Beschlüsse’ hinsichtlich der materiellen Lage der Bevölkerung gefaßt worden waren: ‘Nach der Kapitulation im Mai 1945 wurden Schulen und Universitäten sowie Radiosender, Zeitungen, das Rote Kreuz und die Post geschlossen. Deutschland verlor Kohle, die Ostgebiete (die 25% des bebaubaren Ackerlandes ausmachten), Industriepatente, Bauholz, Goldreserven und einen Großteil seiner Arbeitskraft. Truppen der Alliierten plünderten und zerstörten ebenso Fabriken, Büros, Labors und Werkstätten... Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation im Westen, setzte man deutsche und italienische Gefangene in Kanada, Italien, den USA und in Großbritannien, die zuvor gemäß dem Genfer Abkommen ernährt worden waren, auf stark reduzierte Rationen (...).

Ausländische Hilfsorganisationen wurden daran gehindert, Lebensmittel aus dem Ausland zu schicken. Züge des Roten Kreuz mit Lebensmitteln wurden in die Schweiz zurückgeschickt. Allen ausländischen Regierungen wurde verboten, an deutsche Zivilisten Lebensmittel zu schicken. Lebensmittel wurden im ersten Jahr beschlagnahmt, insbesondere in der französischen Besatzungszone. Die Fischereiflotte mußte im Hafen verbleiben, während Menschen Hunger litten.’ (4)

Deutschland wurde in der Tat durch die russischen, britischen, französischen und US-amerikanischen Besatzungsmächte zu einem Todeslager. Die westlichen Demokratien verhafteten 73% aller deutschen Kriegsgefangenen in ihren Besatzungszonen. Ein größerer Teil der deutschen Bevölkerung starb nach dem Krieg als während der militärischen Auseinandersetzungen, Luftangriffe und in den KZ während des Krieges. Zwischen 9 und 13 Millionen Menschen starben wegen der Politik der Alliierten zwischen 1945-50. Es gab drei Schwerpunkte dieses Völkermordes. Erstens unter den insgesamt 13.3 Millionen Volksdeutschen, die aus den östlichen Teilen Deutschlands, Polens und der Tschechoslowakei, Ungarn usw. vertrieben worden waren, wie es das Potsdamer Abkommen zugelassen hatte. Diese ethnische Säuberung war so human, dass nur 7.3 Mio. Menschen an ihrem Zielort innerhalb der Nachkriegsgrenzen Deutschlands eintrafen, der Rest ‘verschwand’ unter den schrecklichsten Bedingungen. Zweitens unter den deutschen Kriegsgefangenen, die infolge der Hungersnot und der Lebensbedingungen in den Gefangenenlagern der Alliierten starben - eine Gesamtzahl von 1.5-2 Mio. Menschen. Schließlich unter der Bevölkerung allgemein, die mit einer Lebensmittelration von 1000 Kalorien pro Tag auskommen mußte, womit der sichere Hungertod und Krankheiten vorprogrammiert waren. 5.7 Mio. starben unter diesen Umständen.

Das volle Ausmaß dieser unvorstellbaren Barbarei bleibt das best gehütete Geheimnis des demokratischen Imperialismus. Selbst die deutsche Bourgeoisie vertuscht bis heute diese Tatsachen, so dass man sie nur mühselig durch Nachforschungen zusammentragen kann, indem man Ungereimtheiten in den offiziellen Statistiken und Berichten aufdeckt. Zum Beispiel schätzt man die Zahl der Zivilisten, die während dieses Zeitraums starben, unter anderem anhand des gigantischen Rückgangs der Bevölkerungszahl, die durch die Volkszählung in Deutschland 1950 ermittelt wurde. Die Rolle des demokratischen Imperialismus bei dieser Auslöschungskampagne wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Öffnung der sowjetischen Archive ein wenig mehr erhellt. Für einen Großteil des Bevölkerungsrückgangs, der zuvor vom Westen der UdSSR angekreidet worden waren, erweist sich nun der Westen verantwortlich: viel mehr Kriegsgefangene starben beispielsweise in den Kriegsgefangenenlagern der Westmächte als in denen der sowjetisch besetzten Zone. Ihr Tod wurde einfach nicht registriert oder unter anderen ‘Ursachen’ verbucht. Das Ausmaß dieses Abschlachtens ist nicht überraschend, wenn man sich die Bedingungen vergegenwärtigt: vielen Gefangenen wurde kein Essen und kein Dach über dem Kopf angeboten, aus den Krankenhäusern Entlassene verstarben schnell, nachts wurden viele mit Maschinenpistolen willkürlich erschossen, weil man ‘Spaß am Schießen hatte’, oder sie kamen um in den Höhlen, die sie aus Schutz vor der Kälte gegraben hatten, welche von Planierraupen niedergewalzt wurden. Strafgefangene durch Zivilisten zu ernähren, wurde als Schwerverbrechen bestraft (4).

Das Ausmaß der Aushungerung der Zivilbevölkerung, nach dem Krieg zählte man allein 7.5 Millionen Menschen als obdachlos, kann auch aus den Rationen erlesen werden, die ihnen von den westlichen Besatzungsmächten zugestanden wurden. In der französischen Besatzungszone, wo die Lage am schlimmsten war, betrug 1947 die Ration 450 Kalorien pro Tag, die Hälfte der Ration des berühmt-berüchtigten KZ’s in Bergen-Belsen. Nichtsdestotrotz verzeichneten die Militärbehörden normale Sterbezahlen in den von ihnen kontrollierten Gebieten, weshalb man davon ausgehen muß, dass die Sterblichkeitsrate vermutlich doppelt so hoch lag.

Die westliche Bourgeoisie stellt diese Zeit als eine ‘Anpassungsphase’ für die deutsche Bevölkerung nach den unvermeidlichen Kriegsschrecken des 2. Weltkriegs dar. Die Entbehrungen waren eine ‘natürliche’ Folge der Zerrüttungen nach dem Krieg. Auf jeden Fall, so argumentiert die Bourgeoisie, verdiente die deutsche Bevölkerung solch eine Behandlung als Vergeltung für die Auslösung des Krieges und um so für die Kriegsverbrechen des Nazi-Regimes zu sühnen. Dieses ‘Vergeltungs- argument’ ist besonders heuchlerisch aufgrund mehrerer Faktoren. Erstens, weil die vollständige Zerstörung des deutschen Imperialismus ohnehin schon ein Kriegsziel der Alliierten war, bevor sie beschlossen, das ‘große Alibi’ der Konzentrationslager - Auschwitz- als Rechtfertigung zu benutzen. Zweitens: diejenigen, die direkt für den Nationalsozialismus und seine imperialistischen Ziele verantwortlich waren - die deutsche Bourgeoisie - gingen relativ unversehrt aus dem Krieg und seinen Folgen hervor. Während viele führenden Gestalten bei den Nürnberger Prozessen verurteilt wurden, wurde die Mehrzahl der Naziführer und Funktionäre ‘umgesattelt’, und sie konnten im neuen demokratischen Staat, den die Alliierten geschaffen hatten, neue Stellen übernehmen (5). Das deutsche Proletariat hingegen, das am meisten unter der Politik der Alliierten in der Nachkriegszeit litt, trug keine Verantwortung für das Naziregime: die Arbeiter in Deutschland waren die ersten Opfer gewesen. Die alliierte Bourgeoisie, die Hitlers Niederschlagung der Arbeiterklasse nach 1933 unterstützt hatte, zielte auf eine ganze Generation von Arbeitern in Deutschland während und nach dem Krieg, nicht weil sie wegen der Hitlerära Vergeltung üben wollten, sondern weil sie das Gespenst der deutschen Revolution bannen wollten, das sie aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg verfolgte.

Erst als die mörderischen Ziele erreicht waren, und als der US-Imperialismus begriff, dass die Erschöpfung Europas nach dem Krieg die Vorherrschaft Russlands über den ganzen Kontinent herbeiführen könnte, wurde die Politik von Potsdam geändert. Der Wiederaufbau Westeuropas erforderte den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft. Dann konnte der Reichtum der USA, der zum Teil durch die Reparationsleistungen und Plünderungen in Deutschland weiter angeschwollen war, für den Marshall-Plan verwendet werden, um zu helfen, die Bastion Europa zu errichten, die später zum westlichen Block werden sollte. Die Berliner Luftbrücke von 1948 sollte das Symbol dieses Strategiewechsels sein.

Es handelte sich nicht um ein Symbol wirklichen Wohlwollens, sondern es war ein zynischer Trick des Imperialismus, um die Spuren seiner Verbrechen zu verwischen und gleichzeitig die Bevölkerung für neue Katastrophen vorzubereiten und dieselben zu rechtfertigen.

Die Verbrechen des Imperialismus in ihrer stalinistischen und faschistischen Form sind gut bekannt. Wenn die Verbrechen des demokratischen Imperialismus der Weltarbeiterklasse besser bekannt sind, dann wird das Ausmaß der welthistorischen Aufgabe des Proletariats besser zu erkennen sein. Es wundert nicht, wenn die Bourgeoisie die Erkenntnisse und Positionen der Kommunistischen Linke zu dieser Frage mit den Lügen der Extremen Rechten und dem ‘Negationismus’ in einen Topf zu schmeissen sucht. Die Bourgeoisie möchte die Tatsache verheimlichen, dass Völkermord keine abscheuliche Ausnahme ist, die von verrückten und teuflischen Menschen begangen wird, sondern die generelle Herrschaft der Geschichte des dekadenten Kapitalismus ist. Como

(nach einem Artikel aus International Review Nr. 95 (engl./franz./span. Ausgabe)

(1) Internationale Revue, Nr. 19: Hiroshima, Die Lügen der Bourgeoisie, engl. Ausgabe Internationale Revue Nr. 88: Der Antifaschismus rechtfertigt die Barbarei, Nr. 89: Die Alliierten und Nazis sind beide verantwortlich für das Holocaust

(2) Siehe ‘The Strategic Air War Against Germany 1939-45, Der offizielle Bericht der britischen Bombereinheiten, der jetzt erst veröffentlicht wurde.

(3) Herman Van der Wee, Prosperity and Upheaval, Pelican 1987,

(4) James Bacque, Crimes and Mercies, The Fate of German Civilians Under Allied Occupation 1945-50. Warner Books

(5) Tom Bower, Blind Eye to Murder