Aufbrechen: Welche Aufarbeitung der Geschichte?

Anfang des Jahres erschien die neueste Nummer von Aufbrechen, der „Zweimonatlichen Zeitung aus Berlin für kommunistische Debatte und revolutionäre Praxis“ Nr. 3. Schwerpunkt dieser Nummer ist das Thema „Lenin/Leninismus“. So findet man dort auf 10 Seiten 6 Artikel, die sich alle kritisch mit der russischen Revolution, der Rolle der Bolschewiki und Lenins auseinandersetzen. (1)

Im Vergleich zu früheren Ausgaben der Zeitung spiegelt diese Ausgabe einen begrüßenswerten Schritt zu mehr programmatischen Diskussionen wieder. Gerade bei Gruppierungen, die aus linkskapitalistischen politischen Zusammenhängen wie dem Maoismus & Stalinismus  stammen, bei denen die Geschichte der Arbeiterbewegung kaum bekannt ist und deren Geschichtsbild von stalinistischen Verfälschungen geprägt war, ist es unabdingbar, einen programmatischen Bruch mit dieser linkskapitalistischen Vergangenheit herbeizuführen. Dieser Bruch kann nur über die Aneignung der wirklichen Geschichte erfolgen.

Allein die Tatsache, dass sich die GenossInnen des Aufbrechen mit diesem Themenkatalog befassen und sich nicht mehr  aktionistisch zu verausgaben scheinen, ist ein Schritt vorwärts. In der Debatte zwischen Lenin und Gorter im Jahre 1920 beziehen die GenossInnen für Gorter Stellung, leugnen aber andererseits im Gegensatz zu vielen anderen nicht, dass Lenin einen wichtigen Beitrag zur russischen Revolution geleistet hat. Auch verwerfen sie im Gegensatz etwa zu den Rätekommunisten oder anderen „Anti-Leninisten“ nicht die Notwendigkeit einer Partei. In allen Artikeln gibt es wertvolle Ansätze zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Gang der Ereignisse in Russland.

 

Welche Methode zur Aufarbeitung der Geschichte?

Gleichzeitig wird jedoch spürbar, wenn man diese Ausgabe mit etwas mehr Abstand betrachtet, dass die Genossen einen besonderen Zugang zur Geschichte suchen. So wird nach  der Gesamtlektüre ihrer Artikel ein idealistischer Einschlag deutlich, der sich darin äußert, dass sich die Artikel vor allem danach ausrichten, welche Ideen und Konzepte die einzelnen Führerpersönlichkeiten in den Kämpfen gehabt hätten. Die Betonung liegt eher auf den Vorstellungen der Vordenker, der Gedankenwelt einzelner Persönlichkeiten als auf der Vermittlung der wirklichen Abläufe und des kollektiven Prozesses. Diese Tendenz ist zunächst einmal nicht verwunderlich, sondern ist eigentlich nur eine besondere Form der Darstellung der Geschichte, wie sie seit 1989 verstärkt zu finden ist. Denn unter dem Gewicht der bürgerlichen Kampagnen, die die russische Revolution als einen Putsch darstellen und eine Kontinuität zwischen Lenin und Stalin aufzeigen wollen, die überhaupt keine Unterscheidung zwischen Revolution und Konterrevolution machen, kämpfen alle suchenden Leute, die sich heute mit der Geschichte befassen, um so schwerer beim Zugang zur Geschichte.

 

So banal das auch klingen mag, aber man tut sich sehr schwer, so fundamentale Ereignisse wie die  Oktoberrevolution als einen Zusammenprall von Klassen zu sehen. Im Mittelpunkt steht nicht so sehr das kollektive Leben, der Kampf einer Klasse gegen die andere, statt dessen befasst man sich eher mit der Rolle und den Plänen einzelner Persönlichkeiten. Große Schwierigkeiten treten auf, wenn es um die Einschätzung der Dynamik einer Bewegung geht, das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen, die Erschütterungen der ganzen Welt durch die internationale revolutionäre Welle von Kämpfen und die Ausstrahlung der Oktoberrevolution auf die Arbeiterklasse zu analysieren, vor allem den damaligen Stand der Debatten und Erkenntnisse in der Arbeiterbewegung und unter den Revolutionären nachzuvollziehen – und das nicht nur aus heutiger, sondern auch aus damaliger Sicht. Tatsächlich erfordert all das die Überwindung einer Sichtweise, die die Welt von „oben“, sozusagen vom „Balkon der Geschichte“ aus betrachtet, statt dessen muss man sich mit der wirklichen Geschichte, ihrer Dynamik, den Prozessen und Umwälzungen befassen. So wird Persönlichkeiten wie Karl Korsch oder Georg Lukacs in der historischen Auseinandersetzung ein Platz eingeräumt, den sie zu keiner Zeit eingenommen haben. Ein anderes Beispiel: als historische Erklärung für den Opportunismus in der III. Internationale wird die angebliche „philosophische Unzulänglichkeit“ der II. Internationale angeführt (siehe dazu den Artikel zu Aufbrechen und die nationale Frage in Weltrevolution Nr. 97).

 

Im Falle der Aufbrechen-Artikel wird dies anhand der Einschätzung der russischen Revolution bemerkbar. So wird in dem Artikel „Der ‚linke Radikalismus‘ – und die internationale Arbeiterbewegung – Die Kontroverse zwischen Lenin und der ‚deutsch-holländischen Linken‘“ auf der einen Seite Lenin im Gegensatz zu vielen bürgerlichen Behauptungen keineswegs als ‚bürgerlicher Revolutionär‘ dargestellt. Auch beziehen die Genossen anerkennenswerterweise Stellung für Gorter. Andererseits ist ihre Argumentation und Herangehensweise nicht wirklich historisch eingebettet, sie wird nicht eingeordnet in den welt-historischen Kontext, sondern sie sucht auf ‚modernistische‘ (d.h. eine ahistorische) Weise die Welt zu interpretieren und zu beurteilen. So werfen die GenossInnen Lenin vor, dass „Lenin (...) mit dem Verweis auf die Erfahrungen der Bolschewiki die kommunistischen Parteien Westeuropas auf die bürgerlichen Parlamente zu orientieren [versuchte], die es auf revolutionäre Art als Tribüne auszunutzen gälte.“ (S. 3). Hier wird die Position Lenins des Jahres 1920 sozusagen „zeitlos“ verabsolutiert, und mit keiner Zeile Bezug genommen auf den Lenin des Jahres 1914 oder 1917 oder 1919, d.h. dem Wandel seiner Positionen wird nicht Rechnung getragen. Statt dessen soll man glauben, „in der Parlaments- wie in der Gewerkschaftsfrage kapitulierte das Verständnis des ‚großen Strategen Lenin‘ vor den Verhältnissen des entwickelten Kapitalismus und den Anforderungen der proletarischen Revolution. Insofern war es fatal, dass er seine – unter russischen Bedingungen so erfolgreiche – revolutionäre Politik zum Leitstern der weltweiten kommunistischen Bewegung machen wollte. Den Höhepunkt erreichte die Tragödie, als unter der ideologischen Konstruktion des „Leninismus, als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution‘ (Stalin) ein – noch weiter verflachtes – bürgerliches Revolutionsverständnis zur Generallinie der Kommunistischen Internationale wurde.“ (S. 3)

 

Anstatt auf die Dynamik der revolutionären Welle von Kämpfen zu sprechen zu kommen, als nach der Niederschlagung der Kämpfe in Deutschland der internationalen Ausdehnung der Revolution die Spitze gebrochen wurde, der Höhepunkt der Bewegung ab 1919/1920 überschritten war, und die Kommunisten in Russland händeringend nach einem Ausweg aus der Isolierung suchten, die ganze Debatte auf dem II. Kongress der Komintern auf diesem Hintergrund stattfand, wird die oben erwähnte Position Lenins sozusagen zeitlich „verabsolutiert“. Man erfährt bei der Lektüre der Aufbrechen-Artikel nichts davon, dass Lenins gefährliche und opportunistische Position, die einen Rückfall in Methoden des 19. Jahrhunderts (Parlamentsbeteiligung, Gewerkschaftsarbeit) beinhaltete und keineswegs ein Mittel sein konnte, um die „ins Stocken geratenen und zögernden Massen“ weiter zur Revolution vorwärtszutreiben, im Widerspruch stand zu dem ganzen Wirken Lenins selber vor 1919. Es wird nicht erwähnt, dass Lenin als einer der Führer des nach der Revolution entstandenen russischen Staates Stellung bezog. Anstatt der Isolierung der Revolution in Russland entsprechendes Gewicht einzuräumen und zu erklären, dass dieser „Kurswechsel“ nicht nur ein Kurswechsel Lenins, sondern des Großteils der Komintern vom II. zum III. Kongress als Reaktion auf den Rückfluss der Kämpfe war,  wird Lenin z.B. im Artikel „Staat statt Revolution“ dem Vorwurf ausgesetzt: „Ein im Kampf um Befreiung und um den Kommunismus selbständig handelnde Klasse, die mehr ist als eine Manövriermasse ihrer ‚revolutionären Führer‘ passte auch so gar nicht recht ins Weltbild Lenins.“  (S. 6)

 

Durch solche Aussagen kann der Eindruck aufkommen, Lenin sei von Anfang an auf Entmündigung und Entmachtung der Arbeiterräte aus gewesen. In den Artikeln erfährt man nichts darüber, dass Lenin bei der Vorbereitung der Revolution eine Hauptrolle beim Vorwärtstreiben der Massen war und die Speerspitze bis 1919 gegen den Opportunismus blieb. Man bleibt dem Leser eine Erklärung für das Entstehen der Position Lenins schuldig. Auf das Dilemma der Bolschewiki - als Speerspitze der Arbeiterklasse in einem zunehmend isolierten Land handeln zu müssen, aber an der Spitze eines Staates zu stehen, der sich immer mehr den Bedürfnissen der Revolution widersetzte - wird in dem Aufbrechen-Artikel unzureichend eingegangen.

 

Des weiteren wird in mehreren Artikeln, insbesondere aber im Artikel „Staat statt Revolution“ und „Entfremdung minus Sow-jetmacht“ mit Lenins Ideen zum Staat und Sozialismus abgerechnet. Auch hier kann der Leser leicht den Eindruck erhalten, Lenins konfuse und widersprüchliche Ideen zum Sozialismus seien Wegbereiter für die spätere staatskapitalistische Entwicklung gewesen.

Zwar wird an mehreren Stellen eher im Vorbeigehen auf die Tatsache hingewiesen, dass „...der erste Weltkrieg, der Bürgerkrieg und die Intervention der Entente weite Teile des Landes in eine Wüste verwandelten“,[...]  „der Weg in eine revolutionäre Gesellschaft schien wegen des drohenden ökonomischen Zusammenbruchs und der deutschen Offensiven nicht mehr möglich“ (ausgehend von der Lage im Frühjahr 1918), und die Frage wird aufgeworfen, „in wie weit die Ausschaltung des kollektiven Prozesses zum Wesen des Bolschewismus gehörte oder durch die Sachzwänge der Situation in Russland geschuldet war, kann hier jedoch nicht geklärt werden“.

 

Aber es herrscht eher ein merkwürdiges Schweigen über die Gründe für das Entstehen dieses neuen staatskapitalistischen Gebildes, das aufgrund der verhinderten Ausdehnung der Revolution schnell monströse Ausmaße annahm anstatt  - durch die internationale Revolution begünstigt - abzusterben. Man vermisst eine klare Aussage, dass der Sozialismus in einem Land unmöglich ist, und dass jedes Staatsgebilde wie das in Russland nach der Revolution notwendigerweise zu einer konterrevolutionären Kraft werden muss, solange die Revolution nicht international siegt.

 

Die Genossen scheinen nicht zu merken, dass die Tragödie des Niedergangs der russischen Revolution zuallererst eine Bestätigung der klassischen marxistischen Lehre von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Land

 

war. Sie begreifen nicht, dass der Kampf der revolutionären Elemente in der Bolschewistischen Partei - mit Trotzki an der Spitze - gegen die stalinistische Theorie des Sozialismus in einem Land die unabdingbare Verteidigung des Marxismus gegen die stalinistische Konterrevolution darstellte.(2) Dies erfüllt uns umso mehr mit Sorgen, da es sich bei den Aufbrechen GenossInnen zum Teil um Genoss-Innen handelt, die unter dem Einfluss des Stalinismus politisiert wurden, so dass der Bruch mit dieser Weltsicht die unabdingbare Voraussetzung für eine Hinwendung zu einer proletarischen Theorie und Praxis bedeutet.

 

Nicht nur, dass es keine Aussage zur Frage „Sozialismus in einem Land“ in dieser Schwerpunktnummer zu Lenin/Leninismus gibt: darüber hinaus wird in dem oben erwähnten Zitat der Stalinismus als ‚bürgerliches Revolutionsverständnis‘ bezeichnet, während der Stalinismus in Wahrheit die Ideologie der kapitalistischen Konterrevolution war.

 

Die Bilanz der Russischen Revolution – eine Frage von Leben und Tod jeder politischen Gruppe

Die Geschichte seit den 20er Jahren hat bewiesen: Beim Kampf gegen die stalinistische Konterrevolution leisteten nur diejenigen einen wirkungsvollen Beitrag, die am proletarischen Klassencharakter des Oktober 1917 festgehalten haben, und die auch die Rolle der Bolschewiki bei der Revolution entsprechend würdigten. Diejenigen, die den proletarischen Charakter des Oktober 1917 geleugnet und den Beitrag der Bolschewiki zur Revolution über Bord geschmissen und nicht den wirklichen Hintergrund des Niedergangs der Revolution und die verheerende Rolle der Bolschewiki bei dieser Entartung (von der Speerspitze der Revolution zur konterrevolutionären Kraft) berücksichtigt haben, waren nicht in der Lage, einen organisierten, kontinuierlichen Abwehrkampf gegen den Stalinismus aufrechtzuerhalten.

 

Neben einem kleinen Haufen versprengter Genossen um die Berliner KAPD, die zumindest bis Mitte 30er Jahre überleben konnten und den proletarischen Charakter der Oktoberrevolution verteidigten und zu einer wirklichen Aufarbeitung beitrugen, ist es das Hauptverdienst der ‚Italienischen‘ Auslandsfraktion um die Zeitschrift ‚Bilan‘ und der Gauche Communiste de France (GCF), die Lehren aus Russland  gezogen zu haben. Nur durch eine Verteidigung des proletarischen Charakters des Oktobers, nur durch eine Bejahung des Verteidigungskampfes der revolutionären Organisationen gegen den Opportunismus konnten sie eine organisatorische Kontinuität bewahren.  Auch wenn die IKS viele Positionen von der deutsch-holländischen Linken übernommen hat, so hätte unsere Organisation nie aufgebaut werden und überleben können, ohne uns auf den Beitrag der Italienischen Linken hinsichtlich der Organisationsfrage und des Zugangs zur Geschichte zu stützen.

 

Das gesamte Wirken Bilan‘s und der Gruppe GCF (Internationalisme) bestand darin, eine wirklich kritische Bilanz der russischen Revolution aus einer militanten Warte zu ziehen und nicht in den „Gehirnen der Vordenker“ nach den Ursachen des Niedergangs zu suchen (d.h. die Erklärung durch angeblich vorgefertigte Konzepte).

 

Eine Aufarbeitung der Gründe für das Scheitern der Revolution ist nur möglich, indem man sich die Methode der Kommunistischen Linken aneignet.

 

Die Erfahrung aus der Entwicklung gerade seit 68 zeigt, wenn die Leute, die aus K-Gruppen kommen, es nicht schaffen, die wirkliche Geschichte aufzuarbeiten, laufen sie Gefahr, in die alten Muster linkskapitalistischer Auffassungen und Praktiken zurückzuverfallen oder sie verschwinden einfach vom Erdboden.

 

Vor dieser Weichenstellung stehen die Genoss-Innen um die Zeitschrift Aufbrechen. Wir finden, es gibt positive Ansätze in der bisherigen Arbeit der Zeitschrift. Diese Ansätze müssen nun vorangetrieben werden. Die programmatische Auseinandersetzung muss einen wirklichen Anschluss an die Geschichte finden. Die Schatzkammer an Erfahrung und Lehren aus der revolutionären Welle lässt sich nicht öffnen, indem man sozusagen bei der Lektüre von Texten von Korsch, Lukacs oder auch Lenin stehenbleibt und von der wirklichen Entwicklung und den Anstrengungen um Klarheit innerhalb der revolutionären Bewegung absieht.

 

Die revolutionären Organisationen, die die Tradition der Kommunistischen Linken fortsetzen, welche im Abwehrkampf gegen die Entartung der russischen Revolution geboren wurden, bieten einen unerläßlichen Anknüpfungspunkt. Diesen Faden gilt es für die GenossInnen von Aufbrechen aufzugreifen.                                         Weltrevolution

 

(1) „Über die Notwendigkeit, Lenin zu relativieren, um den Leninismus loszuwerden“,

 

-„Bürgerliche oder proletarische Revolution? Klassenkampf- und Organisationsverständnis bei Rosa Luxemburg und W.I. Lenin“,

 

-„Der Verteidigung der philosophischen Thesen von Korschs Lenin-Kritik“,

 

-„Der ‚linke Radikalismus‘ und die internationale Arbeiterbewegung - Die Kontroverse zwischen Lenin und den ‚deutsch-holländischen‘ Linken“,

 

-„Entfremdung minus Sowjetmacht – Die Bolschewiki und Taylor“,

 

-„Staat statt Revolution – Lenins Erziehungsdiktatur....“.

 

(2) Man sollte nicht vergessen, dass Trotzki den aus unserer Sicht berechtigten Verdacht äußerte, dass Stalin Lenin umgebracht hat, weil Lenin einen furchterregender Gegner der stalinistischen Konterrevolution dargestellt hätte. Die Proklamierung des Sozialismus in einem Lande als Position der Komintern konnte wahrscheinlich nur über Lenins Leiche gehen. Und so sehr Lenins Auffassungen zum Staat sich auch im Laufe der Jahre wandelten, gehörte er doch zu denjenigen, die  (viel früher und entschlossener als Trotzki) dem ständigen Wuchern des Staatsapparates entgegentreten wollten und der neuen Bürokratie ihren Kampf angesagt hatten.