Ein Jahr danach: Kämpfe der Studenten in Frankreich - Eindrücke und Erfahrungen von Sympathisanten der IKS zu einer Diskussio

Im Mai 2006 hatten wir die
Möglichkeit, an einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung der IKS in Paris
teilzunehmen. Es ging in dieser Diskussion um die Studentenbewegung im
Frühjahr. Dieser Besuch hat uns sehr beeindruckt, und da uns in diesem
Zusammenhang verschiedene Fragen zugegangen sind, haben wir uns entschieden,
über diese Diskussion und unsere Eindrücke zu berichten.

Fragen über den Grund unserer
Reise:

Ihr seid nicht aus einem Krawalltourismus heraus nach
Frankreich gefahren.

Was waren die Beweggründe für Eure Reise? Was wolltet Ihr
vor Ort?

*Ich habe als Sympathisantin der
IKS nach einer öffentlichen Veranstaltung in Deutschland zum gleichen Thema
spontan den Entschluss gefasst, nach Paris zu fahren und war das erste Mal
dort. Ich war sehr dankbar für die Berichterstattung der IKS über die
Ereignisse in Paris, da die Informationen der bürgerlichen Medien nur sehr
unzureichend und verfälscht erfolgen und meinerseits keinerlei Vertrauen in
deren Wahrheitsgehalt besteht. Ich war sehr begeistert von dem, was die
StudentInnen in Gang gebracht haben. Ich wollte jedoch vor Ort persönlich
dieses Gefühl erleben, mit welcher Energie und Ernsthaftigkeit die StudentInnen
und ArbeiterInnen in der Bewegung standen. Ich war wirklich berührt von dem,
was ich gehört und gesehen habe, es gab und gibt mir den Optimismus und das
Wissen, dass die Arbeiterklasse nicht tot ist. Außerdem war es unser
persönliches Anliegen, den StudentInnen, SchülerInnen und ArbeiterInnen unsere
internationalistische Haltung zu zeigen und unsere uneingeschränkte Solidarität
zu versichern. Wir appellierten an sie, den aufgenommenen Weg nicht zu
verlassen, sich weiter gemeinsam zu treffen, weiter zu diskutieren und weiter
zu kämpfen.

*Wir wollten die Situation vor Ort
kennen und einschätzen lernen. Wir wollten hören, was die StudentInnen und
GenossInnen berichten, die an den Kämpfen teilgenommen haben. Wir konnten
wieder einmal feststellen, wie wichtig Debatten untereinander sind. Weil wir
mit unserer politischen Überzeugung in unserem Alltag so oft isoliert sind und
stets gegen den Strom schwimmen müssen, hat uns in Paris ganz besonders
beeindruckt, eine Atmosphäre zu erleben, wo so viele ArbeiterInnen und
StudentInnen zusammen kommen und lebhaft diskutieren.

Wie wurdet Ihr aufgenommen? Auf welche Stimmung
seid Ihr getroffen?

*Wir sind herzlich aufgenommen
worden, die GenossInnen haben sich große Mühe gemacht und uns die ganze
Diskussion übersetzt. Es wurde auch von den TeilnehmerInnen begrüßt, dass wir
in Deutschland verfolgen, was in Frankreich in der Arbeiterklasse passiert und
dass wir durch unseren Besuch unsere Solidarität zum Ausdruck bringen.

*Ich kann den herzlichen Empfang
durch die GenossInnen nur bestätigen. Wir wurden als gleichberechtigte
Teilnehmerinnen dazu eingeladen und aufgefordert, rege und offen
mitzudiskutieren. Das Bemühen und Interesse der GenossInnen, uns die
Diskussionsinhalte durch Übersetzung möglichst genau rüberzubringen, war für
uns sehr hilfreich und angenehm und untermauerte gleichzeitig den solidarischen
Charakter der Debatte.

Anstatt einer von Euphorie und
Siegestaumel geprägten Stimmung erlebten wir eine ernsthafte, sachliche
Veranstaltung, in der alle Beteiligten um eine klare Analyse der Ereignisse
bemüht waren. Die Diskussion gestaltete sich sehr lebendig unter Einhaltung und
Respekt des Diskussionsstils der IKS. Jede/r TeilnehmerIn, welche/r sprechen
wollte, kam zu Wort. Jeder Beitrag wurde ernst genommen und alle hatten die
Möglichkeit, Fragen zu stellen und aktiv daran mitzuwirken, aufkommende Fragen
gründlich zu beantworten.

Fragen über die Bewegung
selbst:

 

War die
Bewegung der StudentInnen spontan oder durch irgendwelche Organisationen
(Studentenorganisationen oder Gewerkschaften) ins Leben gerufen worden? Was
wollte man erreichen und was hat man erreicht?

*Die Bewegung der StudentInnen war  spontan. Die StudentInnen haben sich gegen
den Gesetzentwurf (CPE), welcher grundlose, fristlose Entlassungen junger
ArbeiterInnen unter 26 Jahren ermöglicht, gewehrt. Sie haben in ihrem Kampf
spezifische studentische Forderungen
hinten angestellt und haben dem Angriff der
Bourgeoisie, der gegen die gesamte Klasse gerichtet war, den Kampf angesagt. So
konnten sie die Solidarität der ganzen Klasse gewinnen und die ArbeiterInnen
davon überzeugen, mit ihnen zusammen zu kämpfen. Was die ArbeiterInnen in
Frankreich dann auch taten. Sie nahmen zu Hunderttausenden an den
Demonstrationen am 18. und 19. März teil.
Der proletarische Teil der
StudentInnen stellte eine neue unerschrockene
Generation der Arbeiterklasse dar. Die Staatsmacht
konnte sie nicht in Angst und Schrecken versetzen. Gerade hier ist das
Geheimnis für den Erfolg dieses Kampfes. Die StudentInnen haben sich als einen
Teil der Klasse verstanden, da sie ja schon oft während des Studiums als
Proletarier gearbeitet haben und so wissen, welche Zukunft auf sie wartet. Sie
haben ein tiefes Bewusstsein darüber, dass sie dem Proletariat angehören
werden.
Es ist eine Solidarität und eine Einheit der Klasse zum Ausdruck
gekommen, die die Bourgeoisie zum Nachgeben gezwungen hat. Der Gesetzentwurf
wurde am 10. April zurückgenommen.

Welche Solidarität und Unterstützung kam von den
ArbeiterInnen in den Betrieben?

*Es wurde berichtet, dass die
Bewegung eine breite Unterstützung durch die ArbeiterInnen erfuhr. Wie durch
das Referat der IKS schon dargestellt, bestätigten auch andere TeilnehmerInnen,
dass sich die ArbeiterInnen in Demonstrationen und Streiks spontan der Bewegung
angeschlossen haben. Sie haben auf Initiative und Einladung der StudentInnen an
deren Vollversammlungen teilgenommen, haben sich durch Diskussionsbeiträge
inhaltlich mit eingebracht und offen ihre Solidarität mit den StudentInnen
bekundet. Sie haben damit dazu beigetragen, dass sich die Bewegung zu einem
gemeinsamen proletarischen Abwehrkampf entwickelte, gegen die sich ständig
verschlechternden Arbeits- und Lebensbedingungen, die ihnen das kapitalistische
System bietet. Allerdings sei es für die StudentInnen mitunter schwer gewesen,
als einzelne Personen zu den ArbeiterInnen in die Fabrik zu gehen. Hier wurde
von den TeilnehmerInnen eingebracht, dass es für zukünftige Bewegungen wichtig
sei, dass massive Delegationen in die Fabriken gehen müssten, um dort
geschlossen ihre Positionen und Meinungen zu vertreten, ohne sich dabei von den
Ratschlägen der Gewerkschaften leiten zu lassen.

Wie war das
Verhältnis zu den Älteren, Nichtstudierenden? Wurden ihre Kampferfahrungen
aufgegriffen und schöpferisch angewandt?

*Die Vollversammlungen der
StudentInnen wurden den verschiedenen Schichten der Arbeiterklasse und der
Bevölkerung geöffnet (ArbeiterInnen, Rentnern, Eltern, Großeltern, Arbeitslosen).
Alle wurden aufgefordert und ermuntert zu reden, Vorschläge zu machen und ihre
Kampferfahrungen einzubringen. Die junge Generation hörte mit Aufmerksamkeit
und großem Interesse zu. Dieser Austausch und Umgang stellte spontan eine
solidarische Verbindung zwischen den Generationen von Kämpfenden her.

Warum geschah dies in Frankreich?  Wurden die Kämpfe in Frankreich in einen
Zusammenhang gesetzt mit der international zunehmenden Bereitschaft der
Arbeiterklasse, den Kampf gegen die Verschärfung der Krise aufzunehmen?

*Die Bourgeoisie ist weltweit
bemüht, die Bedeutung dieser Bewegung herunterzuspielen und erklärt sie als
etwas Besonderes für Frankreich. Dass die französische Bourgeoisie nicht gerade
taktisch klug vorgegangen ist, als sie versucht hat, mit allen Mitteln dieses
Gesetz durchzuboxen, mag zu einem Teil zu diesen Ereignissen beigetragen haben.
Aber das Wichtigste ist doch, dass diese Bewegung nichts Spezielles für
Frankreich ist, sondern ein Ausdruck der weltweiten unterirdischen Reifung in
der Klasse ist. Durch die Zuspitzung der weltweiten Krise, in der das
kapitalistische System seit nunmehr über 30 Jahren steckt, die immer schlimmer
werdenden Lebensbedingungen für die Arbeiterklasse, werden die ArbeiterInnen
gezwungen, über ihre Lage nachzudenken. Die StudentInnen erkennen, wie ihre
berufliche Zukunft aussehen wird, mit immer mehr unsicheren  Arbeitsverhältnissen. Kennzeichnend für die
neuen Verteidigungskämpfe der Arbeiterklasse (wie der Kampf der StudentInnen in
Frankreich) ist die Solidarität und das Einsehen, dass das, was einen Teil der
Klasse betrifft, die ganze Klasse betrifft. Es geht hier nicht nur um
StudentInnen in Frankreich. Dieser Kampf reiht sich an eine ganze Kette der
Verteidigungskämpfe der ArbeiterInnen, ob es die U-BahnarbeiterInnen in New
York oder die ArbeiterInnen am Heathrow Flughafen in London sind. Die
Arbeiterklasse ist eine internationale Klasse, deshalb kann ihr
Verteidigungskampf keine nationalen Grenzen gebrauchen. Daher ist es nicht so
wichtig, in welchem Land diese Kämpfe stattfinden, sondern, dass sie
stattfinden und von der Arbeiterklasse geführt werden.

*Die Kämpfe in Frankreich stehen
nicht isoliert. In den USA, England, Deutschland, etc. hat es in der
vergangenen Zeit eine Reihe von Kämpfen gegen die zunehmende Krise und ihre
Abwälzung auf den Rücken der ArbeiterInnen gegeben. Deshalb wurde die Bewegung
in Frankreich ausdrücklich in einen Zusammenhang gesetzt mit der international
zunehmenden Bereitschaft der Arbeiterklasse, den Kampf gegen die Verschärfung
der Krise aufzunehmen.

Die GenossInnen betonten, dass die
Bewegung höchste Bedeutung für die internationale Arbeiterklasse besitzt, was
die Bourgeoisie natürlich herunterspielen will. Dies zeigt neben den genannten
Beispielen, dass die Arbeiterklasse bereit ist, den Kampf gegen die
Verschärfung der Krise aufzunehmen. Dies bedeutet den Ausdruck der
internationalen Solidarität für die folgenden Generationen mit der Message: Man
kann kämpfen. Man kann gewinnen. Wer nicht kämpft, kann nicht gewinnen.

Ist es
gelungen, die jungen ArbeiterInnen und Arbeitslosen aus den Vorstädten in die
Kämpfe einzubeziehen oder war es eher so, dass man sich von ihnen abgrenzen
musste, da Teile von ihnen  mehrfach die
Demonstrationen angegriffen haben und es ihnen hauptsächlich um die
Auseinandersetzung mit der Staatsmacht ging?

*Die Jugendlichen aus den Vorstädten sind nach Paris zu den
Demos hauptsächlich gekommen, um sich mit der Polizei zu prügeln. Die
Gewerkschaften haben sie in den Demos mit Knüppeln in die Hände der Polizei
getrieben. Im Unterschied zu den Gewerkschaften haben die StudentInnen große
Delegationen in die Vorstädte geschickt, um mit den Jugendlichen zu sprechen
und um ihnen zu erklären, dass die StudentInnen nicht irgendwelche
studentischen Sonderinteressen verteidigen, sondern allgemeine Forderungen der
Arbeiterklasse aufgestellt haben, die auch im Interesse der Jugendlichen der
Vorstädte sind. Dabei war es den StudentInnen wichtig, die Jugendlichen von der
Sinnlosigkeit der Krawalle zu überzeugen und sich von der Art und Weise dieser
Kämpfe abzugrenzen. Das Prinzip der Arbeiterklasse, keine Gewalt gegenüber der
eigenen Klasse, haben die StudentInnen damit zum Ausdruck gebracht.  

Sind die Arbeitslosen dabei, sich zu
organisieren?

*Es gibt keine Arbeitslosenorganisationen. Die Kontrolle
über die Arbeitslosen liegt bei den Gewerkschaften. Wenn die Kämpfe der
Arbeiterklasse weitergehen, werden die Arbeitslosen miteinbezogen. In der Tat
werden die Arbeitslosen ein wichtiger Teil der Kämpfe sein. Sie sind keinem
Betrieb verbunden, also können sie so der Spaltung der Klasse entgegen wirken.
Da sie ihre Unterstützung direkt vom Staat erhalten, bekommt ihr Existenzkampf
direkt einen politischen Charakter. Die Arbeitslosen werden durch ihre eigene
Situation, die Perspektivlosigkeit in dem kapitalistischen System, sehr schnell
auf die Wurzeln des kapitalistischen Übels stoßen. Der Kampf der Arbeitslosen
wird dann eine Radikalisierung, eine weitere Ausdehnung und eine große Dynamik
des Klassenkampfes bewirken.

Wie habt Ihr
das Geschlechterverhältnis vor Ort erlebt? War es in diesen Kämpfen von
Solidarität, Vertrauen und lebendiger, gegenseitiger Unterstützung oder eher
von der bürgerlichen Rollenteilung auch in Fragen des Kampfes geprägt?

*Die Frauen haben sich aktiv und interessiert an der
Diskussion beteiligt. In der Diskussion war weder eine besondere Hervorhebung
der Rolle der Frau noch eine Herabsetzung derselben zum Ausdruck gekommen. Die
Studentinnen haben sich an der Bewegung beteiligt. Sie haben besonders wichtige
Beiträge geleistet, wo es um Überzeugungsarbeit mit Argumenten, Erklärungen,
Organisation, Disziplin oder kollektive Reflektion ging. Weil die StudentInnen
in den Demos, außer einigen Ausnahmen, trotz Provokationen der Polizei nicht
Gewalt anwendeten, wurden die Frauen auch nicht in die Rolle der
„Pflasterkleberinnen“  hineingedrängt,
was für die Studentenbewegung 1968 noch sehr typisch war. Es waren vor allem
die Frauen, die die Polizisten der französischen Bürgerkriegspolizei CSR
agitierten und diese ganz schön verunsicherten. Dass die Frauen in diesen
Kämpfen eine solch große Rolle spielten, zeugt von der Tiefe der Bewegung.

*In der Öffentlichen Veranstaltung
der IKS habe ich eine ausgeglichene Geschlechterverteilung wahrgenommen, wobei
ich beide Geschlechter insgesamt als selbstverständlich gleichberechtigt erlebt
habe. Die Diskussion war, wie auch aus den Kämpfen beschrieben, von
Solidarität, Vertrauen und lebendiger gegenseitiger Unterstützung geprägt. Ich
selbst war besonders davon begeistert, wie ernsthaft, engagiert und aktiv sich
gerade auch die Frauen in den Kämpfen und 
Diskussionen eingebracht haben.

Fragen zur Rolle der
Gewerkschaften und intervenierender Organisationen vor Ort:

Wie hat die
IKS als revolutionäre Organisation in der Bewegung interveniert? Wie hat sie
den Kampf eingeschätzt und unterstützt?

*Die GenossInnen der IKS waren von
Beginn an bei der Bewegung dabei, bei den Demos, auch bei denen, die durch die
Gewerkschaft organisiert waren. Sie haben ihre Presse verteilt und intervenierten
auf den verschiedenen Diskussionen mit vielen interessierten StudentInnen und
ArbeiterInnen. Diese zeigten in immer stärkerem Maße reges Interesse und
wirkliche Sympathie mit dieser revolutionären Organisation. Die IKS hatte sich
in ihrer Unterstützung zwei wesentliche Aufgaben gestellt. Zunächst ging es
darum, die Politik des Schweigens und der Lügen über das Wesen der Diskussionen
in den Vollversammlungen zu brechen. Und weiterhin sollte eine genaue Analyse
der Bewegung dazu führen, die Hauptlehren aus den wichtigen Erfahrungen für die
Perspektiven zukünftiger Kämpfe zu ziehen.
Die Methode und die Interventionen der IKS wurden von den Kämpfenden
überwiegend sehr positiv auf- und angenommen. Einige TeilnehmerInnen
berichteten von ihren Erfahrungen mit anderen Organisationen (z.B. Attac und
die bürgerlichen Linken), von denen sie sich während der Bewegung abgewandt
haben, weil sie von ihnen enttäuscht worden sind. So seien sie teilweise
schockiert gewesen über deren Diskussionsstil und den Umgang miteinander, wo
man sich z.B. gegenseitig das Wort abschnitt, Publikationen der IKS z.B. als
uninteressant und unwichtig zur Seite legte und ignorierte. So verhinderten
diese Organisationen notwendige ernsthafte proletarische Debatten unter den
Arbeitern, die nach politischer Klärung suchten.

 

Was war die Rolle der Gewerkschaften?

 *Die öffentlichen Medien haben versucht es so darzustellen,
dass die Gewerkschaften die Bewegung angeführt und kontrolliert hätten. Dies
ist ihnen jedoch nicht gelungen, weil die StudentInnen verstanden haben, dass
die Gewerkschaften ihre Interessen nicht vertreten.  Zwar gab es Sabotagemanöver z.B. der
Studentengewerkschaft UNEF, die versucht hat, die Vollversammlungen
abzuriegeln, sie nicht für alle Interessierte zu öffnen und bestimmten
Organisationen (vor allem der IKS) das Wort zu verbieten. Dies Vorgehen hat vor
allem die in keiner Gewerkschaft organisierten oder keiner politischen
Organisation zugehörigen StudentInnen dazu gebracht, entschlossen diese Manöver
zu verhindern. So haben die StudentInnen die Organisierung zum größten Teil
dort, wo die StudentInnen am fortgeschrittensten waren, selbst in die Hand
genommen.

Zu den Unterschieden zwischen
der Studentenbewegung 1968 und 2006:

Was ist in der
Studentenbewegung im Frühjahr 2006 anders als in der Studentenbewegung von
1968?

*1968 war ein Grund für die
Proteste der StudentInnen eine stark autoritäre Atmosphäre in den
Universitäten. Im Gegensatz zu früher, wo die Unis noch für eine kleine
Minderheit der Gesellschaft, für eine Elite vorgesehen waren, gab es 1968
massenhaft StudentInnen. Die Strukturen und Praktiken in den Unis entsprachen
aber noch den alten Zeiten. Am Ende des Studiums
hatten die StudentInnen nicht mehr den gleichen gesellschaftlichen Status, wie
die vorhergehende Generation von Uniabsolventen. 1968 war erst der Anfang der
Weltwirtschaftskrise, es gab nicht so viel Arbeitslosigkeit, das Streiken war
leichter. Die StudentInnen hatten 1968 eine kleinbürgerliche romantische
Vorstellung von der Revolution. Sie fühlten sich als Revolutionäre und
verachteten die Elterngeneration als Angepasste und Unterworfene des
Kapitalismus. Die junge Generation lehnte die „Konsumgesellschaft„ ab, es gab
Slogans, wie „nie mehr arbeiten“. Die ältere Generation, die für ihre Kinder geschuftet
hatte, verstand die Jüngeren nicht mehr. Es gab eine Kluft zwischen den
Generationen.

Heute haben die StudentInnen eine
andere Situation, die Weltwirtschaftskrise dauert seit 40 Jahren an, es gibt
Massenarbeitslosigkeit, das Streiken ist viel schwieriger als früher. Nach
dem  Abschluss droht den StudentInnen
Unsicherheit und Arbeitslosigkeit in ganz anderer Dimension als 1968. Oft haben
sie schon während des Studiums als Proletarier gearbeitet. Sie wissen, welche
Zukunft auf sie wartet, sie haben ein tiefes Bewusstsein darüber, dass sie dem
Proletariat angehören werden. Aus diesem Grund ist die Bewegung heute
tiefergehender als 1968, die StudentInnen heute fühlen sich nicht zuerst als
Revolutionäre, aber sie wissen, dass sie zur gleichen Welt wie die
ArbeiterInnen gehören, den gleichen Feind bekämpfen müssen, die Ausbeutung.
Deshalb auch heute die Solidarität mit der Arbeiterklasse und die Öffnung
gegenüber den älteren Generationen. 1968 gab es eher keine Solidarität zwischen
den Generationen und die damaligen StudentInnen hatten oft eine herablassende
Haltung gegenüber der Arbeiterklasse. 

Fragen zur Bedeutung der Bewegung für die Klasse

Ist der Kapitalismus in Frankreich mehr in die Sackgasse
geraten als in Deutschland?

*Der Kapitalismus ist weltweit in
die Sackgasse geraten. Die Industriekernländer sind zwar in der Lage, ihre
Probleme teilweise auf die schwächeren Länder abzuschieben, aber die großen
Widersprüche des Kapitalismus verschärfen sich ständig und erschüttern auch
Länder wie Frankreich und Deutschland. Seit dem I. Weltkrieg hat der
Kapitalismus die Stufe in seiner Entwicklung erreicht, dass die Märkte
gesättigt sind. Seitdem haben wir die Situation, dass alles, was ein Kapitalist
dazu gewinnt, von einem anderen Kapitalisten weggenommen werden muss. Die
höchste Stufe dieser todbringenden Konkurrenz sind die imperialistischen
Kriege, die heute alle Kriege sind,
zwischen den Nationalstaaten. Kein Staat kann sich der Zwangslage der
kapitalistischen Konkurrenz entziehen
und ist mehr und mehr gezwungen, nur die Gesetze des Marktes gelten zu lassen.
Das bedeutet für uns noch mehr Angriffe auf unsere Lebensbedingungen, noch mehr
Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Verelendung, Hunger, Kriminalität,
Umweltverschmutzung, Katastrophen.

Welche Rolle
spielt die Illusion, dass diese kapitalistische Gesellschaft noch zu
reformieren sei, oder weitergehend gefragt: Welche Rolle spielte die Frage der
grundlegenden, revolutionären Veränderung der Gesellschaft gerade auf dem
Hintergrund einer hauptsächlich sehr jungen und im Kampf unerfahrenen
Generation?

*Viele TeilnehmerInnen, v. a. auch
die StudentInnen, erkannten und betonten die Unmöglichkeit von Reformen und
damit die Unmöglichkeit, innerhalb des kapitalistischen Systems etwas verändern
zu können. Die StudentInnen betonten die Notwendigkeit grundlegender
revolutionärer Veränderungen der Gesellschaft. Sie waren jedoch nicht der
Illusion verfallen, dass dies in der nahen Zukunft möglich ist. Es gäbe viele
Diskussionen über die Zukunft, es war eine Politisierung zu erkennen. Z.B. gab
es ein Netz unter den Fakultäten, worüber ein Austausch über das Wissen und die
Erfahrung mit Themen, die die menschliche Gesellschaft allgemein betreffen,
stattfand. Diese wurden von verschiedenen Altersgruppen besucht. Die StudentInnen
und alle anderen TeilnehmerInnen betrachteten es als außerordentlich wichtig,
sich für die Lehren des Kampfes zu interessieren und hielten die politischen
Diskussionen für sehr bedeutungsvoll. Sie wollten  hierdurch das „Nachdenken“ aufrechterhalten
und sich durch neues Wissen und neue Erfahrungen über die gesellschaftlichen
Zusammenhänge ein Bewusstsein schaffen, welches den Weg zu einer echten
Alternative gegenüber dem menschenverachtenden kapitalistischen System
bereitet. Weil sie hier während der Bewegung auch sehr positive Erfahrungen mit
der IKS gemacht haben, sollte die Teilnahme an deren Veranstaltungen weiterhin
ein wichtiger Bestandteil der Diskussionen sein.

Was macht den proletarischen Charakter der Kämpfe
aus?

*Es gibt verschiedene wichtige Aspekte
in der Bewegung, die den proletarischen Charakter der Kämpfe verdeutlichen:

1. Wie schon oben erwähnt, haben die StudentInnen speziell
studentische Forderungen aus ihrer Liste gestrichen. Die von ihnen aufgestellte
Forderung, die Rücknahme des Gesetzesentwurfs, CPE genannt, betrifft die ganze
Arbeiterklasse. Sie wollten nicht nur die Solidarität der gesamten Klasse
suchen, sondern versuchen, die Klasse zum Eintritt in den Kampf zu bewegen.

2. Die StudentInnen haben ihre Kämpfe in Vollversammlungen
organisiert. In diesen Vollversammlungen wurde diskutiert, was zu tun ist. Hier
wurden die Entscheidungen getroffen. Alle, die eine besondere Aufgabe zu
erfüllen hatten, waren den Vollversammlungen gegenüber verantwortlich. Hier
liefen die Informationen zusammen. Das Präsidium wurde an manchen Unis jeden
Tag neu gewählt, die Versammlungen waren auch anderen Teilen der Klasse offen
und es wurde lebendig und aktiv diskutiert. Solche Vollversammlungen sind
Vorformen der Arbeiterräte und sie sind das Mittel, mit dem die
Arbeiterklasse ihren Kampf kollektiv organisiert und bestimmt.

3. Die StudentInnen waren bestrebt, das proletarische
Prinzip „keine Gewalt innerhalb der Klasse“ anzuwenden.

Als die StudentInnen von den Jugendlichen aus
den Vorstädten
in den
Demos angegriffen wurden, verteidigten sie sich zwar, schlugen aber nicht in
erster Linie zurück, sondern schickten aus den Vollversammlungen heraus große
Delegationen in die Vorstädte, um ihnen zu sagen, dass der Kampf der
StudentInnen auch ihr Kampf ist.

Auch ließen sie sich nicht von der Polizei zur Gewalt
provozieren. Wenn die StudentInnen sich hätten provozieren lassen, hätten sie
den Kürzeren gezogen. Die Stärke der Arbeiterklasse liegt im Bewusstsein und im
Zusammenhalt.

Ist es so,
dass die Kämpfe in Frankreich das Klassenbewusstsein hin zu einer autonomen
Kampfführung geschärft haben?

*Die StudentInnen haben gekämpft, mutig und erfolgreich. Es
ist natürlich so, dass die Kämpfe erst mal wieder zurückgehen, aber nicht um zu
verschwinden, sondern, um irgendwo anders wieder aufzubrechen. Damit die
Erfahrungen von diesen Kämpfen zur Schärfung des Klassenbewusstseins führen
können, müssen sie von den Revolutionären und den bewusstesten Teilen der
Klasse analysiert und als lebendiger Teil in den Klassenkampf integriert
werden. Die proletarischen StudentInnen haben gezeigt, dass man den
Klassenkampf in die eigenen Hände nehmen kann.

*Es wurde in der Diskussion betont, dass die Kämpfe in
Frankreich zu bewerten sind als eine Etappe in der Entwicklung des
Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse, die sich seit 2003 wieder mehr in
Bewegung setzt. Die Arbeiterklasse muss erkennen, dass es möglich ist, sich zu
bewegen. Die ArbeiterInnen müssen erkennen, dass es sie als Klasse noch gibt.
Hierbei darf nicht erwartet werden, dass es schnell geht, man muss die Tiefe
erkennen.

Ist der Kommunismus dabei, sich zu verstärken?

*Da es nirgendwo in der Welt den Kommunismus gibt, kann er
auch nicht dabei sein, sich zu verstärken. Sehr wohl hat es aber Anläufe – der
wichtigste am Ende des I. Weltkrieges - in der Welt  gegeben, um ein weltweites menschliches
Gesellschaftssystem, den Kommunismus, errichten zu können. Weil diese Anläufe
gescheitert sind, sind die Grundlagen, warum es dieses Bestreben gab, nicht aus
der Welt. Die grundlegende Änderung der Gesellschaft ist heute notwendiger denn
je. Die heutige Welt drängt immer mehr dazu, dass eine wirkliche Welteinheit,
eine klassenlose Gesellschaft ohne die kapitalistische Konkurrenz hergestellt
wird und dass die Staaten verschwinden. Was man heute sehen kann, ist, dass es
eine internationale Klasse gibt, die Arbeiterklasse,  die mit ihrer wachsender Zunahme von
Klassenbewusstsein, Solidarität und Einheit in ihren Kämpfen weltweit einen
erneuten Anlauf hin zur Revolution nehmen kann.

Wie geht es weiter?

Wie geht es weiter, hat diese Bewegung eine
Fortsetzung? Welche Perspektiven hat die

Bewegung?

*Wenn man die Studentenbewegung in Frankreich als das, was
sie war, ein Teil des weltweiten Klassenkampfes des Proletariats, verstanden
hat, liegt es ja auf der Hand, dass dieser Kampf weitergeht. Die unterirdische
Reifung des Klassenbewusstseins wird weitergehen und bricht erneut irgendwo
anders auf, es müssen nicht unbedingt wieder die StudentInnen in Frankreich
sein.

*Die Frage nach den Perspektiven
war für die TeilnehmerInnen der Diskussion von großer Bedeutung. Sie haben die
Bewegung als eine Etappe der Bewusstseinsreifung des internationalen
Proletariats verstanden. Es ist ihnen klar, dass es keine sofortige Revolution
geben kann und wird. Vor uns ProletarierInnen steht ein Prozess mit ständigem
Auf und Ab und immer wieder Lernen. Es ergibt sich die Notwendigkeit, aus der
Bewegung Bilanz zu ziehen und die Lehren heraus zu arbeiten, die zukünftigen
Bewegungen noch mehr Reife und  Tiefe
geben können. Es muss weiter diskutiert werden, damit Erklärungen dafür gegeben
werden können, wohin die Welt heute steuert. Dafür sollte es weiterhin offene
Diskussionen für alle Interessierten geben, zu denen auch die politischen
Organisationen eingeladen sind, die die Bewegung unterstützt haben. So können
die ArbeiterInnen ihren Widerstand gegen die wachsenden Angriffe des
Kapitalismus intensivieren und die Überwindung dieses Systems vorbereiten.

Was waren die
wichtigsten Ergebnisse/Erfahrungen der Bewegung? (Zentrale Aussage der ÖV)

*Ich fand es sehr gut, dass die
GenossInnen am Ende der Veranstaltung noch einmal den Inhalt der Diskussion
zusammen fassten und die Ergebnisse daraus zusammentrugen.

Die Diskussionsleitung bedankte
sich bei allen TeilnehmerInnen für die rege Beteiligung an der Diskussion, für
die eingebrachten Fragen und Beiträge. Es wurde festgestellt, dass die
Veranstaltung gefüllt wurde durch ein breites Spektrum an Generationen der
Teilnehmenden. Die Reife der Veranstaltung drückte sich neben den Beiträgen
auch in dem internationalen Ausmaß der Diskussion aus, denn es beteiligten sich
Genossen aus Frankreich, Italien, Belgien, der Niederlande, Deutschland und
England. Gleichzeitig demonstrierte sie damit einmal mehr ein ganz wesentliches
und wichtiges Element, welches die Bewegung charakterisierte und zum Erfolg
führte und welches deshalb auch untrennbar zu den zukünftigen Bewegungen
gehören muss -  die internationale
Solidarität des Proletariats.

Weiterhin wurde an die
teilnehmenden StudentInnen, ArbeiterInnen und GenossInnen appelliert, dass die
Erlebnisse und Berichte über die Bewegung sehr wichtig seien und unbedingt
weitergegeben werden müssen und dies über die Diskussionszirkel hinaus, damit
die allgemeine Dynamik zukünftiger Bewegungen vorangetrieben wird. Außerdem sei
es für alle, die ihren Beitrag in den Arbeiterbewegungen leisten wollen,
notwendig, sich der Frage der
Organisierung zu stellen. Hier war die Methode und Organisierung der
StudentInnen, vor allem die Organisation und Durchführung von Vollversammlungen
bewundernswert und beispielhaft.

Alles in allem zeigt und bestätigt
sich die Tiefe der Bewegung, die im Vergleich zur Bewegung von 1968 auch eine
wesentlich größere Reife besaß. Die Bewegung selbst zeigt eine unterirdische
Bewusstseinsreifung der Arbeiterklasse, die von sehr großer Bedeutung ist.
Trotzdem müssen wir ArbeiterInnen darüber hinaus erkennen und verstehen, dass
dies keine klare, lineare Entwicklung bedeutet. Es wird auch in der Zukunft ein
Vor- und Zurück, viele Etappen, Fehler und Lehren geben. Es wird dabei immer
wichtig sein, wieder aufzusteigen und sich den Aufgaben zu stellen, die die
internationale Arbeiterklasse vor sich hat.

Resümee

*Die Ereignisse in Frankreich und
unser Besuch liegen jetzt schon eine Zeit zurück. Wir zählen die Bewegung zu
den bedeutendsten der Arbeiterklasse seit 1968. Die Geschichte hat uns gezeigt,
dass die Bourgeoisie immer dann, wenn die Arbeiterklasse bedeutende Kämpfe
geliefert hat, versucht, diese mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu
verschweigen oder herunter zu spielen. Gerade deshalb halten wir es auch jetzt
noch für notwendig und wichtig, die gemachten Erfahrungen in Erinnerung zu
rufen und in die Arbeiterklasse weiter zu tragen. Obwohl das, was sich die
StudentInnen im Frühjahr 2006 vorgenommen hatten – miteinander zu diskutieren,
Beteiligung an öffentlichen Diskussionsveranstaltungen der IKS – nicht
weitergeführt worden ist, bleibt die Tatsache bestehen, dass die StudentInnen
sich gewehrt und einen großartigen proletarischen Kampf geführt haben. Dieser
Kampf  war ein Ausdruck der
unterirdischen Bewusstseinsentwicklung der gesamten Klasse und er wird wieder
aufbrechen, getragen von einem anderen Teil der Klasse.

*Insgesamt war der Besuch in
Frankreich, der Austausch untereinander, die Teilnahme an der Öffentlichen
Veranstaltung (ÖV) der IKS eine wichtige Erfahrung für uns. Sie hat uns
zusammengeschlossen und uns lebendig gezeigt, wie viel Kraft, Entschlossenheit
und Zuversicht in den Kämpfen der Klasse liegt, wenn sie sich erhebt und ihre
Geschichte in die eigene Hand nimmt.