Bemerkungen zur Finnischen Revolution 1918

Ab 29.01.1918 galt das südliche Finnland als das rote
Finnland, das von der provisorischen Regierung, genannt Volkskommissariat,
regiert wurde. Auf diesem Gebiet liegt ein 
Industrieort, um ein großes Papierwerk herum gewachsen, wo ich herkomme.
Zur Zeit der finnischen Revolution war mein Großvater ein Arbeiter  in diesem Papierwerk. Als die Bourgeoisie die
Revolution niederschlug und das Gebiet, das als rotes Finnland galt, wieder
eroberte, nahm sie Zehntausende Arbeiter gefangen. Unter diesen Gefangenen war
auch mein Großvater.  Daher ist mir die
Revolution in Finnland von  meiner
Kindheit  an bekannt gewesen. Meine
Tante, die 1918 zehn Jahre alt war, hat den Aufstand als Kind der
Arbeiterfamilie  miterlebt und mir und
meinen Brüdern einiges darüber erzählt. Ich kann mich erinnern, dass sie
erzählt hat, dass es den Arbeitern schlecht ging, und sie hatten
12-Stunden-Tage in der Fabrik, und deshalb haben die Arbeiter sich gewehrt. Sie
hat erzählt, wie die "Herren" (wie man in meiner Stadt die
Oberschicht in der Fabrik genannt hat) höhnisch und menschenverachtend zu den
streikenden Arbeitern gesagt haben, streikt nur, es gibt genug Elende draußen
vor den Fabriktoren. Als die "Säuberung", wie die Bourgeoisie die
Niederschlagung der Revolution nach den militärischen Sieg über die roten
Garden nannte, dann vor sich ging, bedeutete dies unter anderem, dass die
Weißgardisten die Wohnungen der Arbeiterklasse systematisch nach Männern und
Waffen durchsuchten. Dieses spielte sich auch bei meinen Großeltern zu Hause
ab. Meine Großmutter lag mit ihrem jüngsten Kind im Wochenbett, die
Weißgardisten marschierten rein, zeigten mit der Waffe auf meine Großmutter,
nannten sie eine Verbrecherin. Dieses Bild haben meine Tanten ihr ganzes Leben
lang in Erinnerung behalten. Viele zu Tode verurteilten Arbeitern wurden nachts
z.B. im Wald erschossen, dass wussten damals alle. Die Angehörigen gingen Nacht
für Nacht in den Wald, um den Schüssen zuzuhören, weil man ja nie wusste, wann
die eigenen Familienangehörigen dran waren. Die Angst, der Schrecken und die
Bitterkeit saßen tief bei den Arbeitern. Meine Tante erzählte, es hätte damals
schon für ein Todesurteil genügt, dass man Brot für die Roten gebacken hat,
oder dass man einfach von jemanden als Roter beschuldigt worden wäre. Als ich
in den 70er Jahren anfing, an  Treffen
einer maoistischen Gruppe teilzunehmen, hatten meine Tanten wirklich Angst,
dass dieses irgendwann ein Grund zur Erschießung sein könnte.

Der Bürgerkrieg hat die Finnen zum Großen Teil erst mal in
zwei Lager geteilt und ein Trauma hinterlassen. Trotz Erzählungen, die ich in
meiner Kindheit gehört habe, war es allgemein so, dass man über den Bürgerkrieg
nicht sprach. Die herrschende Meinung war, dass man die alten  Wunden nicht 
aufreißen sollte und dass ein Bruderkrieg nie mehr entstehen
sollte.  Heute verstehe ich, dass dieses
zu Gunsten der finnischen Bourgeoisie geht, und ein Produkt der
Konterrevolution ist.

Als ich vor einigen Jahren den Artikel über die finnische
Revolution in der Zeitung der schwedischen Sektion der IKS, Internationell
Revolution las, wurde mir klar, dass es sich 1918 in Finnland um eine  proletarische Revolution handelte. Bis dahin
war ich es gewohnt gewesen, dass man über den Bürgerkrieg oder über den
Aufstand sprach.  Natürlich bekam ich
Interesse auch mehr zu erfahren. Bis jetzt bin ich leider erst so weit, dass
ich vier Bücher über die finnische Revolution gelesen habe. Die Art und Weise,
wie man in diesen Büchern die finnische Revolution handelt, ist eine
bürgerliche.  Die große Frage in diesen
Büchern ist, wieso war es möglich, dass Finnen sich gegenseitig in einem
grausamen Bürgerkrieg schlachteten.  Bei
Erörterung dieser Frage, wie auch bei allen anderen Fragen, wird die internationale
Situation 1918, vor allem die weltweite revolutionäre Welle ausgeblendet.
Natürlich übergeht man in diesen Büchern 
die Revolution in Russland nicht, genauso wie auch nicht  die Tatsache, dass die finnische Bourgeoisie
Unterstützung vom kaiserlichen Deutschland erhielt. Aber meiner Meinung nach
wird nicht mal ein Versuch gemacht, die wirklichen Gründe für die Revolution in
Finnland herauszufinden, bzw. wahrscheinlich ist es gerade der Zweck von dieser
Art Geschichtsverarbeitung, die Tatsache zu verwischen, dass wir in einer
Klassengesellschaft leben, und dass es eine Generation von Arbeiterklasse gab,
die einen großartigen Versuch unternommen hat, um die Klassengesellschaft zu
überwinden, in dem man das kapitalistische System stürzt. In einem der Bücher
wird gesagt,  dass heute wohl kaum jemand
allen Ernstes die Werte und Positionen vertritt, für die die Roten und die
Weißen ihren Krieg führten.  Ich denke,
dass sowohl die Bgsie als auch die Arbeiterklasse heute die gleichen Positionen
und Werte vertreten wie damals. Die Bgsie ist heute zu denselben Grausamkeiten
bereit wie damals und das Proletariat hat heute wie damals das Zeug in sich,
eine neue klassenlose, wirklich menschliche Gesellschaft zu errichten und den
Kapitalismus zu stürzen.

Meine Freundin hat mir diese Bücher besorgt, meinte aber,
sie hätte wirklich keine Lust mit diesem Thema sich auseinander zu setzten. Ich
habe angefangen mir diese Mühe zu machen, auch wenn es nicht leicht ist, z.B.
Berichte über das Kriegsgeschehen, die Erschießungen, die Not, das Elend, die
Angst und die Verzweiflung zu lesen, aber schon der Anfang hat sich gelohnt.
Ich habe angefangen, mich von den  Mythen
zu befreien, die den Bürgerkrieg in Finnland umranken. Auch wenn ich als Kind
schon von der Revolution innerhalb der eigenen Familie gehört habe, bin ich
natürlich, wie fast alle, durch die Schule und durch die Gesellschaft zur
Vaterlandsliebe erzogen worden. Sie ist einem immer als etwas Hehres, etwas
Reines und Ehrenhaftes und absolut etwas Gutes vermittelt worden. Wenn man aber
die Geschichte der Entstehung des finnischen Staates liest, kommt einem alles
andere entgegen, als etwas Hehres, Reines, Ehrenhaftes oder Gutes.  Der finnischen Bourgeoisie war es gelungen,
ihre grausame Niederschlagung der Revolution als finnischen Freiheitskrieg zu
verkaufen. Ihr war es auch gelungen, nach dem Krieg glauben zu machen, es
habe  sich in diesem Krieg um einen
Bruderkrieg gehandelt, der sich  nie mehr
wiederholen dürfte. Der Begriff Bruderkrieg erscheint in einem ganz anderen
Licht, wenn man weiß, dass die Bourgeoisie, so bald sie sich von dem Schrecken
der Machtübernahme der Arbeiterklasse in Süd-Finnland erholt hatte und anfangen
konnte sich zu rüsten, auch mit der Zwangsrekrutierung anfing. So mussten
wirklich auch Teile der Arbeiterklasse ihre eigenen Klassenbrüder und
-schwestern umbringen, was sie aus freien Stücken niemals gemacht hätten.

 

Diese Notizen sind meine ganz persönlichen Eindrücke, die
ich von der finnischen Revolution gewonnen habe. Ich weiß, dass dies ein
bescheidener Anfang ist. Der nächste Schritt wird sein, Texte zu lesen, die die
Theoretiker der Arbeiterbewegung über die finnische Revolution geschrieben
haben. In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch mit dem roten Terror
auseinandersetzen. Die finnische Revolution war ein Teil des Kampfes des
weltweiten Proletariats. So sind die Geschichte und die Erfahrungen daraus
nicht nur für die finnische Arbeiterklasse wichtig, sondern für das ganze
Weltproletariat. Somit ist es  auch eine
Aufgabe der Avantgarde der Arbeiterklasse sich damit zu befassen. Ich fühle
mich verantwortlich, im kollektiven Rahmen weiterzuarbeiten, zumal ich die
finnische Sprache kann.

Stockholm 20.01.2007