Leserbrief: Konkret werden - wie macht man das?

Wir haben zwei Briefe eines Kontaktes aus dem
südwestdeutschen Raum erhalten, deren Inhalt von Interesse für unsere
LeserInnen sein dürfte.

Am Anfang des ersten Briefes sagt er einiges über sein
Verhältnis zur IKS aus. „Liebe Freunde, Debattenkultur wird demnächst eines der
Themen sein und ich möchte euch vorab meinen vorläufigen Eindruck dazu
mitteilen. Man kann sagen, dass wir, insbesondere im DISS- aber auch in euren
Veranstaltungen, ein Stück weit solche Debattenkultur eingeübt haben. Und im
Resultat würde ich sagen, es ist genau die Erfahrung, ‚mit denen kann man
reden‘, die unser sehr freundschaftliches Verhältnis ausmacht, trotz bekannter
und vermutlich einer ganzen Menge noch nicht bekannter Differenzen.“

 

Einige Kritiken an der IKS

„Differenzen sollen heute im Mittelpunkt meines Briefes
stehen und zwar nicht im Hinblick auf spezifische Streitpunkte, sondern ich
will versuchen, deutlicher zu machen, was ich im letzten Brief angesprochen
habe: man hört euch zu, freut sich über eure Interventionen, kommt in Kontakt –
aber an einem bestimmten Punkt ist Schluss. Bevor ich euch schreibe, warum es
mir auch so geht, nochmals ganz kurz zu den mir bekannten Reaktionen anderer
Genossen. Man kann sagen, dass alle, die bereit waren, über einen längeren
Zeitraum sich mit euren Positionen oder gar mit euch live auseinanderzusetzen,
anerkennen, dass dies für ihre Entwicklung wichtig war (ist) und entsprechend
sich, trotz Differenzen, ein zukünftiges Zusammenwirken vorstellen können. Eure
Reihen zu verstärken, daran denkt aber keiner. Warum? ‚Man kann nicht sagen,
ihre Positionen seien falsch – häufig im Gegenteil – aber sie sind keine
Antwort auf die Frage, wie wir als Kommunisten Fuß fassen können.’ Das stammt
nicht von mir, entspricht aber meiner Haltung. Für mich kommt noch hinzu, dass
ich aus Erfahrungen über einen recht langen Zeitraum hinweg das Gefühl nicht
loswerde, ihr seid, obwohl niemals aus dieser Ecke kommend, eine Art letzte
K-Gruppe, ohne euch dessen bewusst zu sein.“

Zwar ist es nicht richtig, dass sich niemand ein zukünftiges
Zusammenwirken mit uns vorstellen kann. Wir wollen aber festhalten, dass es dem
Genossen hier nicht um „spezifische Streitpunkte“ geht, sondern um das Problem,
neue Mitglieder zu gewinnen, bzw. um die Präsenz und die Intervention im
Klassenkampf. Einer der Hauptgründe, worauf der Genosse hinweist, ist, was er „die
optimistische Sichtweise“ der IKS über die Dynamik des internationalen
Klassenkampfes nennt. So kritisiert er die Behauptung der IKS, dass es einen
„ungebrochenen Kampfgeist der Klasse“ gebe. Er wirft uns vor, anhand von aus
seiner Sicht dünn gestreuter, nicht ausreichend belegter Beispiele (wie den
Solidaritätsstreik der Mercedes-Beschäftigen in Bremen mit ihren KollegInnen in
Sindelfingen) eine Tendenz zur zunehmenden Bedeutung der Solidarität in den
Arbeiterkämpfen von heute hineinzuinterpretieren. Der Genosse bezieht sich
dabei nicht nur auf Artikel in der deutschsprachigen Presse der IKS, denn:
„...leider ist dieser Artikel keine Ausnahme, sondern die Regel. Vorausgegangen
war ihm beispielsweise vor Monaten ein euphorischer Beitrag der französischen Sektion
anlässlich der Massenbewegung in Frankreich, indem nicht nur eine zum Teil
ständische, zum Teil bestenfalls anpolitisierte Jugend zur neuen revolutionären
Generation ernannt wurde, sondern man auch eine Ära von Massenstreiks
unmittelbar heranziehen sah, die das System ernsthaft in Frage stellen würden.“

Nebenbei bemerkt, bestreiten wir, dass wir eine Ära von
Massenstreiks unmittelbar heranziehen sahen. Welche Bedeutung der Genosse
dieser, aus seiner Sicht übertrieben optimistischen und realitätsfernen
Fehleinschätzung der Lage des Klassenkampfes durch die IKS beimisst, macht er
ebenfalls deutlich: „Es ist diese Sicht der Dinge, die Genossen, die sich für
linkskommunistische Positionen interessieren, auf Distanz zu euch hält. Eine
fast gleiche Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklung hat auch Gruppen
wie Wildcat u.a. ins politische Abseits gebracht. Wenn sich auf Dauer die
Erfahrungen, die Genossen machen, mit eurer Darstellung nicht decken, muss das
nämlich nicht daran liegen, dass sie als noch wenig versierte Marxisten ‚noch
nicht so weit sind’. Es kann auch daran liegen, dass ihr ‚noch nicht so weit
seid’.“

Einerseits übt der Genosse Kritik sowohl an der Analyse
einzelner Kämpfe als auch an der Einschätzung wie auch an der Darstellung des
internationalen Klassenkampfes der IKS. Andererseits glauben wir zu
herauszuhören, dass es dem Genossen um mehr geht als um diese Einschätzung des
Kräfteverhältnisses. Es geht ihm sowohl um die Glaubwürdigkeit der
Revolutionäre als auch um ihre Fähigkeit, nicht nur heute, sondern vor allem in
der Zukunft eine wichtige Situation so einschätzen zu können, dass sie imstande
gesetzt werden, einen wichtigen, vielleicht sogar entscheidenden Beitrag zum
Ausgang dieser Kämpfe beizutragen. Was den ersten Aspekt betrifft, stimmen wir
dem Genossen zu, wenn er schreibt: „Klären lässt sich das nur innerhalb einer
konkreten Analyse – Punkt für Punkt. Eure Artikel müssen in den Kernaussagen
eine gründliche Untersuchung auf den Punkt bringen – nicht umgekehrt Tendenzen
behauptet und propagiert werden, für die man dann ein paar spärliche Ereignisse
anführt. Insbesondere organisationsspezifische Dauerbrenner à la ‚ungebrochener
Kampfgeist der Klasse‘, ‚Linke als Agenten der Bourgeoisie‘, müssen exakt
begründet werden.“ Auch wir glauben, dass eine detaillierte, auch sehr konkrete
Auseinandersetzung um die Analyse bestimmter Ereignisse sehr fruchtbar sein
kann. Allerdings sehen wir uns außerstande, in jeder punktuellen Stellungnahme
zu einzelnen Kämpfen den gesamten politischen Rahmen unserer Analyse zu
präsentieren. Wir schlagen deshalb vor, dass der Genosse zu einem Ereignis
Stellung bezieht, worüber die IKS detailliert und ausführlich ihre Stellung
erläutert hat, wie etwa die Thesen zur Studentenbewegung in Frankreich 2006.

 

Lernen, wie Lenin eine konkrete Situation einschätzte

Was aber den zweiten und grundsätzlicheren Aspekt betrifft,
so erläutert der Genosse sein Anliegen näher in einem zweiten Brief an die IKS.
Dort wird ausgeführt: „...was ich als Quintessenz meiner politischen
Erfahrungen ansehe und was mein wesentliches Anliegen ist gegenüber allen
Genossen oder Diskussionspartnern: wenn einmal die entscheidende Phase anläuft,
ist es das A und O, die methodische und praktische Kompetenz entwickelt zu
haben, diese Kräftekonstellation als schnell verstreichende Gelegenheit zu
erkennen und zu wissen, wo die entscheidenden Hebel angesetzt werden müssen –
der Rest ist Glückssache. (...) Es ist aus diesem Grund, dass ich mich mitunter
als Leninist bezeichne, was etwas völlig anderes ist als Leninismus oder die
Übereinstimmung mit Lenins politischen Positionen.“

Der Genosse befasst sich in seinen Briefen mit dem aktuellen
Stand des Klassenkampfes und auch mit der Frage der Debattenkultur. Gegenüber
beiden Fragen ist es notwenig, die Diskussion fortzusetzen. Aber an dieser
Stelle, in einer ersten Antwort an den Genossen, wollen wir vor allem auf
dieses letzte, aus unserer Sicht enorm wichtige Anliegen eingehen. Natürlich
kann es vorkommen, dass Revolutionäre punktuell oder auch hinsichtlich der
Gesamtperspektiven eines Abschnitts des Klassenkampfes eine zu „optimistische
Sichtweise“ einnehmen können. Dies ist beispielsweise Marx und Engels passiert,
als sie in den Revolutionen von 1848 zunächst den Auftakt zu einer
internationalen proletarischen Revolution in Europa erblickten. Auch der IKS
sind sicherlich solche Fehler unterlaufen, und wir sind dankbar dafür, wenn von
außerhalb daraufhingewiesen wird. Aber auch das Gegenteil kann geschehen. Als
Lenin 1917 sich vor seinem Aufbruch nach Russland von der revolutionären Jugend
der Schweiz verabschiedete, sagte er, dass wahrscheinlich nicht er, sondern
erst die künftige Generation die proletarische Revolution erleben werde. Auch
diese Gefahr gilt es heute zu umgehen. Wenn wir den Genossen richtig deuten,
geht es ihm um mehr, nämlich darum, die Revolutionäre vor den Gefahren des
Schematismus und Dogmatismus zu warnen. Er warnt davor, sich ein Schema von der
Realität zurechtzulegen und alles, was geschieht, sozusagen gewaltsam in dieses
Schema hineinzupressen. Er fordert uns auf, die Realität aufzusuchen, sich auf
sie einzulassen, die eigenen Vorstellungen anhand dieser Realität zu
korrigieren. Er fordert uns auf, konkret zu werden, sich vom Leben, nicht von
Vorurteilen leiten zu lassen. Wir sollen sehen und hören lernen, ohne
Scheuklappen und ohne Vorurteile. Wir sollen uns darauf vorbereiten, das zu
leisten, was Lenin und die Bolschewiki in 1917 geleistet haben, und dadurch ein
wirklich aktiver Faktor in der Geschichte zu werden.

 

Die Fragestellungen 1917

Wir erinnern daran, dass die bolschewistische Partei 1917 in
der Lage war, durch die Annahme der so genannten Aprilthesen überholte
Sichtweisen über den Verlauf der Revolution in Russland abzulegen. Wir erinnern
daran, dass die Bolschewiki im Oktober 1917 ebenfalls im Stande waren, das weit
verbreitete Vorurteil zu überwinden, demzufolge die Weltrevolution nur in einem
der alten Stammländer des Kapitalismus ihren Anfang nehmen könne. Erst diese
Einsicht hat den Weg zum erfolgreichen Aufstand frei gemacht. Auch wenn wir
Fehler in der Analyse des Klassenkampfes machen und manchmal zu optimistisch
sind, so stimmen wir aus ganzem Herzen mit dieser Sorge überein. Es geht in der
Tat darum, auch und gerade in solchen Situationen, konkret werden zu können.

So gerechtfertigt die Aufgabenstellung ist, die Antwort
darauf ist alles andere als einfach. Konkret werden: wie macht man das? Wie
lernt man sehen und hören? Wohlwissend, dass Sehen nicht gleichbedeutend ist
mit Verstehen. Wie kann man wissen, dass man sich nicht täuscht, dass man die
ganze Realität und nicht bloß deren Oberfläche erfasst hat? Lenin mit seinen
Aprilthesen erfasste die Realität der Revolution besser als beispielsweise die
Redaktion der Parteizeitung Prawda um Stalin und Kamenew, die während des
Krieges in Russland geblieben waren. Sahen sie nicht die Realität? Sie sahen,
dass der Zarismus gestürzt worden war, dass sich Räte gebildet hatten, dass es
erstmals in Russland ein frei gewähltes Parlament und eine „demokratisch“
gewählte Regierung gab. Damals gab es ein geflügeltes Wort: Russland - das
freieste Land der Welt. Sie dachten, es gelte diese Freiheiten zu verteidigen.
Auch gegenüber der Invasionsmacht Deutschland. Sie sahen nicht, dass diese
„Freiheit“ zum Mittel der Fortsetzung des imperialistischen Krieges geworden
war. Die Welt ist groß, und man kann sie nicht auf einmal überblicken. Ob wir
wollen oder nicht: Was wir wahrnehmen, ist immer nur ein Ausschnitt. Daher ist
das Denken gefordert, auszuwählen, zu entscheiden, was wesentlich, was
zweitrangig ist. Konkret werden heißt also u.a. herauszufinden, welcher Teil
der Realität zu einem bestimmten Zeitpunkt ausschlaggebend ist. Denken heißt
einerseits zu selektieren, andererseits Zusammenhänge herzustellen. Andernfalls
stehen wir vor den Fakten wie der Ochs vorm Berg. Das geht nicht ohne
Theoriebildung. Konkret und theoretisch sein gehören zusammen. Die Theorie muss
anhand der konkreten Wirklichkeit geprüft werden – aber auch umgekehrt.

Die Verwirrung der Parteiführung in Russland bis April 1917
hing damit zusammen, dass sie bis dahin einem analytischen Rahmen anhing, den
sie 1905 mit Lenin gemeinsam formuliert hatte. Dieser Rahmen war nun hinfällig
geworden. Lenin (aber auch viele andere in der Partei) erkannte, dass die
Theorie nichts Statisches sein kann, da sie die Realität zu erfassen sucht, die
sich ständig verändert. Es gibt im menschlichen Denken einen urwüchsigen
Konservatismus des Alltags. Lenin sah in der Dialektik, in der Erkenntnis der
Realität als Prozess die notwendige Korrektur dazu. Während des Krieges las er
daher die großen Dialektiker wie Marx oder Hegel.

Konkret werden im marxistischen Sinne erfordert außerdem das
Denken in internationalen Dimensionen. Die damaligen Revolutionäre waren nicht
zuletzt deshalb imstande, sowohl den Krieg zu bekämpfen als auch die Anzeichen
der kommenden Revolution zu erkennen, weil sie von der Weltlage und nicht von
der Situation in einem Land ausgingen.

 

Fragen der Einstellung

Aus unserer Sicht erfordert das Konkretwerden nicht nur eine
richtige Methode, sondern auch eine bestimmte Einstellung zur Sache. Der
Konservatismus und die Blindheit eines Teils der Bolschewiki zu Beginn der
Revolution erklärt sich nicht zuletzt durch die Auseinandersetzungen mit
Trotzki 1905 um das Wesen der Revolution in Russland. Damals und seitdem hatten
sie Trotzkis Theorie der permanenten Revolution leidenschaftlich bekämpft,
derzufolge die Revolution in Russland in eine proletarische Weltrevolution
übergehen werde. Dagegen argumentierten sie, dass das Proletariat zwar die
führende Kraft in der Revolution sei, dass aber die Aufgaben der Revolution im
Wesentlichen „bürgerlich-demokratisch“ blieben. Jetzt, im Jahr 1917, den
Augenblick der Weltrevolution zu verkünden - bedeutete das nicht, Trotzki im
Nachhinein Recht zu geben? Schon der Gedanke daran wirkte abschreckend. Das
bedeutete aber in diesem Moment, dass persönliche Eitelkeiten schwerer zu
wiegen drohten als die Hingabe für die Sache selbst. Lenin hingegen nahm
Trotzki in Schutz, nahm ihn dankbar in die Partei auf und nannte ihn „unseren
besten Bolschewik“.

Wir meinen, auch die Emotionen spielen bei der Fähigkeit
mit, konkret zu sein. Stets begleitet das Fühlen das Denken, ob wir dies
wahrnehmen wollen oder nicht. Es geht also nicht darum, die Emotionen auszuschalten.
Es geht vielmehr darum, Emotionen anderer Art zu entwickeln, aus anderen
Quellen stammend, ein Denken und Fühlen, die im Kollektiven sowie in der
Perspektive des Kommunismus verankert sind und daraus ihre Kraft und Richtung
schöpfen.

In seinem zweiten Brief schreibt der Genosse: „Dem gegenüber
sind Schwärmereien und historische Erzählungen über den Kampfgeist und die
Ethik des Proletariats etwas, dass ich mit den K-Gruppen hinter mir gelassen
habe.“

Wir aber meinen, dass Fragen der Moral oder der Wertung bei
der Fähigkeit der Bolschewiki, die revolutionäre Situation erkennen zu können,
mitgewirkt haben. Beispielsweise in der Frage, ob im Oktober der Zeitpunkt des
Aufstands gekommen war oder nicht. Eine zentrale Frage lautete: Darf man
überhaupt das Risiko eingehen, in Russland die Macht zu ergreifen, ohne zu
wissen, ohne wissen zu können, ob die Revolution im Westen ihr auf dem Fuße
folgen wird. Die Gegner eines Aufstandes waren überzeugt, dass ein solches
Risiko, da man Leib und Leben der Proletarier vor allem in Russland aufs Spiel
setzt, nicht zu verantworten sei. Es liegt auf der Hand, dass die Befürworter
dieser Sichtweise vor allem solche Aspekte der konkreten Wirklichkeit betonten,
die ein solches Unterfangen als von vornherein aussichtslos erscheinen ließen.
Demgegenüber haben die Fürsprecher des Aufstandes die Risiken nicht geleugnet.
Der Aufstand ist immer ein Wagnis, und dennoch müssen die Risiken in einem
angemessenen Rahmen liegen. Ist dies der Fall, hat man auch die ethische
Verantwortung auf sich zu nehmen, denn es ginge – so diese Sichtweise – nicht
nur um die unmittelbaren Interessen der Arbeiterklasse, sondern um die Zukunft
der gesamten Menschheit, die nun in den Händen des Proletariats liege, d.h. um
die Auflösung des Proletariats in einer befreiten Menschheit.

In diesem Zusammenhang war es ebenfalls sehr wichtig, dass
man die Frage des Aufstandes als solche studierte. Dabei kam man auf die
Erkenntnis Engels’ zurück, derzufolge der Aufstand sozusagen eine Kunst bzw.
eine Wissenschaft für sich sei. Diese Erkenntnis fehlte schmerzlich Anfang
Januar 1919 in Berlin, als ein Treffen der revolutionären Vertreter mit großer
Mehrheit spontan zum Aufstand aufrief – mit verheerenden Folgen. Man erkannte
nicht, dass der proletarische Aufstand eben nicht spontan sein darf, sondern
planmäßig vorbereitet werden muss, wenn er erfolgreich sein soll.

 

Programmatische Aspekte

Wir meinen, dass eine vorurteilsfreie Einschätzung des
Klassenkampfes nicht nur analytische, theoretische, sondern auch programmatische
Klarheit erfordert. Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts verstand die
Italienische Linke, dass der Antifaschismus etwas Konterrevolutionäres war,
während Trotzki in dieser Hinsicht sehr konfus war. Als ab 1936 große
Arbeiterkämpfe in Belgien, Frankreich, vor allem aber in Spanien im Zeichen des
Antifaschismus ausbrachen, nahm er daher an, dass diese Auseinandersetzungen
der Auftakt zur Weltrevolution sein könnten. Aufgrund ihrer programmatischen
Klarheit erkannte dagegen die Italienische Linke, dass diese Ereignisse – aller
Kampfkraft der Klasse zum Trotz – vielmehr der Auftakt zum zweiten
imperialistischen Krieg waren.

Wir wollen also das Anliegen des Genossen ganz und gar
unterstützen, dabei aber auf die Tatsache hinweisen, dass die Entwicklung der
Fähigkeiten - zu deren Aneignung er sehr zu Recht auffordert - unendlich
schwierig ist, eine ganze Reihe von Voraussetzungen erforderlich macht und
nicht zuletzt eine kollektive Kraft benötigt, d.h. revolutionäre
Organisationen, aber auch das Vorhandensein von Menschen, die mit diesen
Organisationen diskutieren und diese kritisch begleiten. Der Genosse hat Recht.
Lasst uns konkret werden. In diesem Sinne würden wir uns sehr freuen, die
Diskussion fortzuführen, indem wir anhand von konkreten Beispielen aus den
Klassenkämpfen von heute gemeinsam untersuchen, was die Eckpunkte und
Hintergründe einer solchen konkreten marxistischen Analyse sind.

 

Auch die im Moment rege verlaufende Debatte auf unserer
Homepage über die gegenwärtigen Jugendproteste insbesondere in Griechenland,
bietet einen guten Rahmen, um solche Aspekte zu vertiefen. Wir laden alle
unsere LeserInnen herzlich dazu ein, sich an dieser öffentlich geführten
Diskussion zu beteiligen.

 

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