Barikad Kollektiva in Ungarn - Der Klassenkampf in Ungarn aus internationaler Perspektive

Ende Januar
dieses Jahres haben wir einen Text der ungarischen Gruppe Barikad Kollektiva
erhalten. Dieser Text mit dem Titel „Anstelle von proletarischen Kämpfen
... - Bericht über die Situation in Ungarn"
ist der aktuellste in einer Serie von
Artikeln, in denen Barikad Kollektiva die politischen und ökonomischen
Veränderun­gen in Ungarn seit dem Zusammenbruch des Ostblocks analysiert. (1)
Am meisten scheint Barikad die noch ungenügende Antwort der Arbeiterklasse auf
die Krise zu beschäftigen. Wir sind der Überzeugung, dass die Fragen mit denen
sich diese Gruppe auseinandersetzt, von internationalem Interesse sind. Mit diesem
Artikel wollen wir die Diskussion mit Barikad aufnehmen.

Der Text
„Anstelle von proletarischen Kämpfen ..." haben wir mit grossem Interesse gelesen.
Da wir als Organisation in Ungarn selbst nicht „vor Ort" präsent sind und
die Situation in Ungarn oft nur durch die bürgerlichen Medien verfolgen können,
sind wir sehr froh sein um die dargebotenen Kenntnisse und die Einschätzung der
Lage. Was uns immer beeindruckt hat an Barikad Kollektiva, ist die
internationalistische Haltung und die Offenheit zu einer politischen Debatte.
Dies, auch wenn wir uns in manchen Punkten nicht einig sind. Wir verstehen
unsere Antwort auf diesen Text zuallererst als Teil einer proletarischen
Debattenkultur und gemein­samen Erarbeitung einer Perspektive des inter­nationalen
Klassenkampfes.

Wir sind
einverstanden damit, dass die welt­weite Krise die Arbeiterklasse in Ungarn in
besonderer Härte trifft, wie es der Text eingangs beschreibt: „Die
permanente Krise des Kapita­lismus versetzt der weltweiten Arbeiterklasse einen
Schlag nach dem anderen: heute sind die Finanzmärkte zusammengebrochen, die Pro­duktion
geht weltweit zurück, es gibt immer neue Betriebsschliessungen. Die Rezession
fordert auch in Ungarn ihren Tribut. Dennoch ist die Situation hier anders als
in Westeuropa, denn die ungarische herrschende Klasse begann ihren
Frontalangriff gegen die Lebensbedin­gungen der Arbeiterklasse viel früher als
die Bourgeoisie in Westeuropa. Während des Som­mers 2006 begann eine brutale
Erhöhung der Steuern und Preise. Fast alles - über Lebens­mittel, Gas, Strom
und Benzin bis zu den öffent­lichen Transportmitteln - verteuerte sich, und die
ungarische Bourgeoisie setzte alles daran,
ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber den anderen herrschenden Klassen in
der Region zu erhalten. Zudem drängte sie die Entwicklung des Weltmarktes in
diese Richtung."

Die Klassenkämpfe
in Ungarn in der Welt­perspektive

Richtig, die Krise hat heute
unbestreitbar eine noch nie erlebte internationale Dimension und Heftigkeit.
Dass kein Land davor gefeit ist, zeigt deutlich das Beispiel des
„Lohnparadieses" Schweiz, in dem der Einbruch des Finanzsektors und die
Rückgänge in der Automobilzulieferin­dustrie die Wirtschaft brutal erschüttern.
Wie Barikada richtig schon in einem Text (2) von 2006 geschrieben hat, standen
die Karten für die ungarische Ökonomie, für den „kranken Mann der EU" -
natürlich schon vor dem erneuten offenen Ausbruch der Krise im
letzten Herbst schlechter als für man­che andere Staaten Europas. Demzufolge
litt die Arbeiterklasse in Ungarn sicher mit am inten­sivsten auf diesem
Kontinent.

Auch mit den
letzten Sätzen des Textes sind wir vollauf einverstanden: „Die ungarische
Bour­geoisie befindet sich in Aufregung, sie befindet sich in einer derartigen
Misere, dass sie ein­gestehen muss, nicht sicher zu sein über die nahe Zukunft.
Die Zeichen stehen schlecht: die weltweite Rezession wird die Arbeiterklasse
mehr angreifen - dasselbe wird in Ungarn geschehen. Langfristig wird der Unmut
der Arbeiterklasse vermutlich ansteigen und deshalb spielt die Regierung die
ideologische Karte des Aufrufs zur nationalen Einheit und zum natio­nalen
Frieden. Die Gewerkschaften werden ebenfalls versuchen ihre reformistischen
Spiele zu treiben. Unter nationalistischen Massen und denjenigen unter der
Kontrolle der Gewerk­schaften werden diese Manöver für eine Weile erfolgreich
sein. Doch wenn die Arbeiterklasse überall auf der Welt versteht, als Resultat
der dauernden Verschlechterung der Lebensbedin­gungen, dass es keinen Ausweg
gibt, und wenn sie die demokratischen Illusionen überwindet, dann muss die
Arbeiterklasse, die sich als Klasse organisiert, früher oder später die herr­schende
Klasse überall entmachten. Und dies auch hier, - und damit die weltweite
menschli­che Gemeinschaft gründen: den Kommunis­mus."

Die internationale Dynamik im Klassenkampf

Hier berührt
der Beitrag aus Ungarn einen äus­serst wichtigen Punkt. Es ist die internationale
Dimension der Krise, der Angriffe des Kapitals und des Kampfes der
Arbeiterklasse, welche allein imstande ist, eine Kampfesperspektive zu
entwickeln, die über den Kapitalismus hinaus weist. Der Kapitalismus ist ein
Konkur­renzsystem, und die wichtigsten wirtschaftlichen und politischen
Einheiten dieser Konkurrenz sind die Nationalstaaten. Solange der Abwehr­kampf
der Arbeiterklasse als ein Kampf auf nationalem Boden gedacht wird, erscheint er als ein Kampf auf dem Boden des
Systems, welcher dann stets die Bereitschaft
in sich schliessen muss, nichts zu unternehmen, was die
Konkurrenzfähigkeit der „eigenen" Kapitalisten gefährden könnte. Es ist nicht nur die Tiefe der Krise, sondern
zugleich ihr weltweiter Charak­ter, welcher diese reformistische Illusion zu
zerstören imstande ist. Denn von dieser Warte aus gesehen erscheint diese
„Rücksicht" auf die „eigene“ Konkurrenzfähigkeit als das, was es wirklich ist,
nämlich ein sinnloser Unterbietungs­wettlauf der Lohnsklaven, welcher die ganze
Arbeiterklasse in ihr eigenes Verderben führen muss. Umgekehrt gewinnen die
Abwehrkämpfe hier und dort ihre wahre Bedeutung, wenn sie Äusserungen der
internationalen Solidarität des Proletariats gegen die Konkurrenz auf dem
Weltmarkt für Arbeitskräfte sind.

Diese Optik
ist aber nicht nur perspektivisch, in Bezug auf die Zukunft wichtig. Sie ist
schon heute wichtig, um die Dynamik der gegenwärti­gen Arbeiterkämpfe richtig
zu erfassen. In den letzten paar Jahren hat es einige Streiks und
Mobilisierungen der Arbeiterklasse auch in Ungarn gegeben. Diese Aktionen, wie
die Ge­nossen von Barikada zu Recht schildern, waren wenig spektakulär. Sie
haben bisher nirgends die gewerkschaftliche Kontrolle und Abwür­gung der Kämpfe
ernsthaft in Frage stellen können. Diese Schilderungen von Seiten der
GenossInnen erscheinen uns umso glaubwürdi­ger, da sie mehr oder weniger dem
entsprechen, was man in anderen Ländern
ant­rifft. Aber die wahre Bedeutung der Kämpfe auch in Ungarn liegt eben darin,
dass sie Teil einer internationalen Kampfeswelle sind, welche auch noch erst am
Anfang ihrer Entwicklung steht. Barikada selbst hat zu Recht geschrieben: „die
permanente Krise des Kapitalismus ver­setzt der weltweiten Arbeiterklasse einen
Schlag nach dem anderen ..."
und begeht nicht den Irrtum, die Krise
als ein „nationales Phänomen" zu sehen. Das trifft aber nicht weniger für
die Kämpfe selbst zu.

Seit 2003
stellen wir weltweit eine deutliche Zunahme von Klassenkämpfen fest: Textilar­beiter
und Arbeiter des öffentlichen Verkehrs in Ägypten, Busfahrer im Iran,
Beschäftigte in Schuh- und Spielzeugbetrieben in Vietnam, Renault-Dacia
Beschäftigte in Rumänien, Berg­arbeiter in Polen, öffentlicher Dienst und
Lehrer in England, Nokia, Opel-Beschäftigte und Eisenbahner in Deutschland,
Flughafenbeschäftigte und
Honda-Belegschaft in Indien, Cargo-Eisenbahner in der Schweiz oder die Proteste
auf den Antillen diesen Februar. Dies sind nur einige Beispiele einer lan­gen
Liste. Auch ihr habt von Protesten in Un­garn geschrieben, „bei Malev
(Fluggesellschaft), bei einigen Betrieben von Volan (Busfahrer) und anderen
Grossbetrieben".

Bei genauerer
Betrachtung hat sich aber nicht nur die Anzahl der Proteste der Arbeiterklasse
vervielfacht, sondern vor allem auch die Quali­tät dieser Kämpfe! Mit den
Protesten der Schü­ler und Studenten in Frankreich 2006 und in Italien und
Griechenland 2008 ist die junge Generation (deren Perspektive nach der Ausbil­dung
tatsächlich düster ist!) massiv auf die Bühne des Klassenkampfes getreten. Es
ist diejenige Generation der Arbeiterklasse, welche auch die Zukunft prägen
wird. Überdies haben wir vermehrt den Drang streikender Beschäf­tigter
verspürt, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen, wie im spanischen Vigo.
Erst wenn man die Lage weltweit untersucht, wird diese Tendenz deutlich, denn sie
zeigt sich erst im Keim, noch nicht systematisch und überall. Durch die
vermehrten Klassenkämpfe in Län­dern der 3.Welt, wie z.B. in Bangladesh, sind
immer mehr auch neue Teile der Arbeiterklasse auf den Plan getreten und
wegweisend gewor­den, welche nicht dieselbe jahrzehntelange Tradition haben wie
die Arbeiter der alten In­dustriestaaten. Eine Realität sind in den letzten
Monaten auch zunehmend die Revolten gegen den Hunger, der die Arbeiterklasse
mehr und mehr erfasst: Burkina Faso, Kamerun, Haiti, Ägypten...

Die Genossen
von Barikada äussern sich eher enttäuscht und frustriert über die bisherigen
Kämpfe in Ungarn. Und natürlich haben sie recht, darauf hinzuweisen, dass
angesichts der gewaltigen Sackgasse des Kapitalismus und der Angriffe auf die
Arbeiterklasse das Proletariat eigentlich schon heute viel kräftiger reagieren
und seine Perspektive durchsetzen müsste. Andererseits ist das heutige, noch
nie da gewe­sene internationale Vorhandensein von Klassen­kämpfen selbst ein
wichtiger Schritt nach vorne, der die Grundlage einer Reifung auch des Be­wusstseins
der Klasse bilden kann. Um dies zu unterstreichen, möchten wir einen Vergleich
mit den Kämpfen der 1950er Jahre in Osteuropa heranziehen. Damals gab es eine
Kampfeswelle, welche viele Teile des Ostblocks erfasste, von der CSSR und v.a.
die DDR 1953 über Polen bis zu den Aufständen in den Arbeitslagern Sibi­riens.
Die Krönung dieser Welle war wohl die Entstehung der Ar­beiterräte 1956 in
Ungarn. Im Vergleich dazu erscheinen die Kämpfe von heute sehr unbe­deutend zu
sein. Auf der anderen Seite aber waren die Kämpfe der 1950er Jahre
international sehr isoliert. Denn im Westen hatte der
Nachkriegskonjunkturaufschwung bereits eingesetzt. Ausserdem überschattete der Kalte Krieg
damals alle gesellschaftlichen Geschehnisse. Das Ergebnis: Die Massenstreiks in
Osteuropa konnten keine eigene Klassen­perspektive entwickeln, sondern gerieten
in den Sog von Nationalismus, demokratischer Illu­sionen und des Glaubens an
Befreiung durch Annäherung an den „freien" und „goldenen" Westen.
Seitdem hat sich die Welt radikal gewandelt. Bereits Ende der 1960er Jahre
begannen die Illusionen über die Nachkriegs­prosperität zu platzen – v.a. in
den Metropolen des Westens selbst. Zwar wirkte der Sog des westlichen
Kapitalismus 1989 noch stark ge­nug, um in den ehemaligen stalinistischen
Ländern Illusionen über einen möglichen neuen Aufbruch zu erzeugen. Heute aber
gibt es weltweit keine Modelle der Prosperität mehr, keine „Inseln der
Seligen".

Wir sollten
also nicht zu enttäuscht sein über die Unzulänglichkeiten der ersten Kampf­schritte
heute, zumal in einem Land wie Ungarn, wo das Proletariat den Alptraum des
Stalinis­mus, das Trauma der „Schockthera­pie" des „liberalen"
Kapitalismus nach 1989, und nun auch noch die Erdbeben der jüngsten weltweiten
Krisenzuspitzung verarbeiten muss. Wenn wir aber zusammen den Willen der
Arbeiterklasse sich gegen die Krise auf internationaler Ebene zu wehren betrachten,
ändert dies nicht etwas das eher düstere Bild, welches die GenossInnen von der
Lage in Ungarn skiz­zieren? Dabei haben die GenossInnen selber schon in einem
Text 2005 geschrieben:
... wir sind überall auf der Strasse, und wir
sollten uns immer auf den internationalen Charakter unseres Kampfes besinnen!
Nur in diesem Kontext können wir die Lage der Ar­beiterklasse in Ungarn
begreifen.
"
(3)

Die
Bedingungen für den Klassenkampf gleichen sich an

All diese
aufgeführten Arbeiterproteste haben den Kapitalismus bisher nicht überwinden
können – richtig! Wir verstehen auch die Ent­täuschung, wenn die GenossInnen
zum Pro­testtag vom 21. November 2007 in Ungarn schreiben: „Im ganzen Land
streikten mehrere
Tausend
Arbeiter und am Abend marschierten sie vor das Parlament, um die herrschende
Klasse zumindest um einige kleine Konzessio­nen zu bitten - diese scherte sich
aber einen Dreck darum. Vom Standpunkt der herrschen­den Klasse aus verlief
alles perfekt: es gab keine bemerkenswerten Unterbrechungen in der Produktion,
die Kontrolle der Gewerkschaften war wirkungsvoll, die Arbeiter konnten ihren
Unmut im Rahmen der demokratischen Rechte ausdrücken. Der soziale Frieden war
bestätigt
." Das mag wohl so gewesen
sein. Andererseits ist es aber nicht weniger bedeutend, dass sich gerade heute
im internationalen Massstab die Bedingungen der Arbeiterklasse immer mehr
angleichen. Aller furchtbaren Leiden, die das immer mehr verursacht, zum Trotz:
Die Krise ist heute nach wie vor „der beste Verbündete der
Arbeiterklasse", weil immer deutlicher und international die Bedingungen
für zukünftige politische Massenstreiks langsam heranreifen. Schon die heutigen
Proteste gegen die Krise haben vermehrt auch politische Fragen wie die Empörung
gegen den permanenten Krieg und die weltweite Zerstörung der Umwelt als be­gleitende
Triebkräfte aufgegriffen und geniessen immer mehr eine Ausstrahlung, die
Landesgrenzen überschreitet.

Es geht nicht
um „Wahrsagerei" des Klassen­kampfes oder Spekulationen, sondern um eine
Methode, eine Betrachtungsweise der allgemeinen und internationalen Dynamik in
unserer Klasse. Wir sind überzeugt, dass auch Ungarn keine Insel des kompletten
sozialen Friedens oder der Lähmung des Proletariats darstellt, auch wenn die
von den GenossInnen beschriebenen Proteste von der herrschenden Klasse vorerst
abgewehrt werden konnten. Dies war schlussendlich auch in allen anderen Län­dern,
von denen wir hier gesprochen haben, der Fall.

Auch vom
Aktionstag vom 21. November, der in einem Gang vor das Parlament endete, und
der, was die Fakten anbelangt, sicher korrekt beschrieben wurde, sollte man
sich nicht allzu sehr bedrücken lassen.

Die
GenossInnen kennen die Geschichte der Arbeiterklasse zu gut, um die Lehren aus Russland
am Anfang des Jahrhunderts zu ver­gessen. Als in Sankt Petersburg am 22. Januar
1905 tausende Arbeiter mit einer Bittschrift vor den Zarenpalast zogen, in der
sie den Zaren um Einsicht in ihre verzweifelte Lage baten, hätte man enttäuscht
die Hände über dem Kopf zu­sammenschlagen können ob der Illusionen der
russischen Arbeiter in ein allfälliges Mitgefühl des Zaren. Dieser Bittgang
wurde brutal und blutig niedergeschossen. Bekannt ist, dass nur Tage darauf in
ganz Russland gewaltige Mas­senstreiks ausbrachen, in deren Verlauf die ersten
Arbeiterräte entstanden.

Die
herrschende Klasse in Ungarn hat 2007 wesentlich geschickter reagiert als der
Zarismus 1905, wie Barikada richtig schreibt: „die Arbeiter konnten ihren
Unmut im Rahmen der demokratischen Rechte ausdrücken".
Doch das
Beispiel des „Blutsonntags" von 1905 hat ge­zeigt, wie im Klassenkampf oft
alte, läh­mende Illusionen und explosionsartige Arbei­terkämpfe nahe einander liegen
können und wie schnell das Proletariat fähig ist, Illusionen zu überwinden –
vermutlich auch das ungarische! Natürlich schreiben wir nicht das Jahr 1905,
und die Entwicklung heute wird viel mühsamer vor sich gehen.

Enttäuschung
über das Bewusstsein der Arbeiterklasse ...

Ähnlich wie
Arbeiterkämpfe, die oft ungestüm ausbrechen,
kann auch das Bewusstsein Sprünge nach vorn machen. Es entwickelt und
manifestiert sich in der Arbeiterklasse nicht so, dass es sich tagtäglich um
ein messbares Stück erhöhen würde. Die Arbeiterklasse kennt in ihrem Wesen auch
eine unterirdische Reifung des Bewusstseins, einen stillen Verlust von
Illusionen in das bestehende System des Kapi­talismus, der nicht unmittelbar in
offenen Klas­senkämpfen sichtbar ist. Wir gehen davon aus, dass aufgrund der
augenscheinlichen generellen Sackgasse des Kapitalismus – der Krise, der
Kriege, der Umweltzerstörung, der offensichtli­cher werdenden Ratlosigkeit der
Herrschenden - ein solcher Prozess im Gange ist. Die Arbei­terklasse steht
heute weltweit auch Regierungen gegenüber, welche nicht mehr mit demselben oberflächlichen
Hochmut der 1990er Jahre von ihrem System überzeugt sind, sondern oft in Panik
feststellen, dass sie ihre Welt nicht mehr im Griff haben und all ihre
ökonomischen Manöver zur Begleitung der Krise nicht mehr taugen. Barikad hat zu
Recht darauf hingewie­sen.

Wir verstehen
nur allzu gut, wenn man eine Diskrepanz zwischen dem, was historisch notwendig
wäre, und dem, was heute ist, fest­stellt. Eine solche Situation existiert
tatsächlich, dies ist nicht nur in Ungarn, son­dern weltweit so. Notwendig
wären eine unauf­haltsame Verstärkung der Arbeiterkämpfe und die Überwindung
des Kapitalismus durch eine proletarische Revolution. Wir befinden uns aber
heute in einer kapitalistischen Welt, welche ins Chaos abgleitet und sind
selbst Teil einer Ar­beiterklasse, welche zugestandenermassen die Geschichte
der Menschheit noch nicht wirklich in ihre Hände genommen hat. Auch wir gehen
davon aus, dass trotz all der erwähnten
positi­ven Beispiele von internationalen Kämpfen seit 2003 die Arbeiterklasse
angesichts der harten Krise noch zu abwartend ist. In unseren Augen stellt
dieses Abwarten nicht nur Angst, ja Ein­schüchterung angesichts der Tiefe der
Krise und des Ausmasses der Arbeitslosigkeit dar, sondern auch eine Phase des
Nachdenkens und Begreifens und eben eines Verlustes von Illu­sionen in den
Kapitalismus. Auch wenn sich Arbeitskämpfe meist an konkreten Problemen wie
Lohnabbau, Entlassungen oder Betriebs­schliessungen entzünden, spüren viele
Arbeiter, dass es heute nicht mehr genügt bei den „eige­nen" Forderungen
Halt zu machen. Heute steht greifbar im Raum, dass es um die Zukunft der
Menschheit geht.

... oder gar ein Stück Verachtung?

Die
Arbeiterklasse führt heute noch keine Massenstreiks, welche in eine greifbar
revolu­tionäre Richtung gehen. Sie führt im Wesentli­chen Verteidigungskämpfe.
Doch gilt es der eigenen Enttäuschung darüber nicht zuallererst ein Nachdenken
über die hemmenden Faktoren im Klassenkampf entgegenzustellen? Barrikad hat
dies in ihrem Text versucht: „
Das
Fehlen

proletarischer
Selbstorganisierung hat viele Gründe. Zuerst gibt es ein unheilvolles Erbe der
Vergangenheit, einen zerstörerischen Effekt,
den wir heute noch spüren: während der Ka­dar-Epoche befriedigte die
bolschewistische Macht die Arbeiterklasse mit der Aufrecht­erhaltung einer
relativen sozialen Sicherheit, sie liquidierte jegliche proletarische
Selbstorganisation und enteig­nete selbst die Terminologie der kommunisti­schen
Bewegung. Auf der anderen Seite wurde die Arbeiterklasse nach dem
„Wechsel" atomi­siert durch die verstärkte Konkurrenz untereinander, die
Arbeitslosigkeit, dann die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, relativ stabile
Arbeitsplätze und die Mobilität des Arbeitsmarktes. Heute agieren die Arbeiter
lediglich aus ihren individuellen Interessen, die Arbeitsplatzgemeinschaften
sind verschwunden, Klassensolidarität existiert praktisch nicht mehr und viele
der dummen ungarischen Ar­beiter sind sich nicht einmal bewusst, dass sie zu
einer sozialen Klasse gehören. Und diese egoistischen, nihilistischen Arbeiter
mit ihrem falschen Bewusstsein kön­nen durch die vielen bürgerlichen Medien
leicht manipuliert werden, welche Dank der so ge­nannten
„Informationsgesellschaft" eine tag­täglich immer grössere
konterrevolutionäre Propaganda verbreiten. Deshalb folgen die Arbeiter, die heute Angst um ihre Arbeitsplätze
haben, die unzufrieden sind mit dem
sinkenden Lebensstandart, die durch­drungen sind von verschiedensten
bürgerlichen Ideologien, den Gewerkschaften wie gut dres­sierte Tiere."

Eine
Beschönigung der Stärke der Arbeiter­klasse ist immer fehl am Platz,
unbestritten! Doch hier droht man unseres Erachtens eine irritierende
Betrachtungsweise einzuschlagen. Mit euren Beschreibungen einer Arbeiterklasse
als „Schafherde" (wie an einer anderen Stelle beschrieben) löst man sich
eigenartig ab von der eigenen Klasse und nimmt den Platz des enttäuschten
Klagenden über die fehlende Intelligenz des Proletariats ein. Überlassen wir
Gefühle der Verachtung gegenüber der Arbei­terklasse den Vertretern des Kapitalismus,
welche nicht müde werden zu behaupten, das Proletariat sei niemals fähig der
Menschheit eine Perspektive anzubieten. Selbst in einer Situation wie
1939, in der sich die Arbeiterklasse
ideologisch geschlagen in einen Weltkrieg mobilisieren liess, ein Moment der
unvergleichlich grösseren Schwäche als heute (4), haben sich die wirklichen
Revolutionäre nicht mit enttäuschtem Geist von der Materie ihrer Klasse
getrennt. Auch wenn auf der Ebene der menschlichen Gefühle der Wunsch nach
einer möglichst baldigen Überwindung des Kapitalismus verständlich ist, und wir
dies auch noch selber erleben möchten, gilt es sich vor dem Wechselspiel von
revolutionärer Ungeduld und Enttäuschung in Acht zu nehmen. Als politischer
Ausdruck des Proletariates sollten wir Revolutionäre unsere Energie dazu verwen­den,
geduldig zu bleiben und innerhalb der Reihen unserer Klasse zu erklären, was
Sache ist. Dies bedeutet heute vor allem die Vertei­digung des
Internationalismus, eine klare Hal­tung gegenüber der ökonomischen Sackgasse
des Kapitalismus und selbstver­ständlich gute Argumente gegenüber all den
gewerkschaftlichen und parlamentarischen Fallen, so wie die GenossInnen von
Barikad es ja immer wieder getan haben!

Ja,
Illusionen in den Reihen unserer Klasse bekämpfen!

Gegen
den Einfluss der Gewerkschaften, wel­che nicht nur in Ungarn ganz
offensichtlich im „ Wagen des Kapitals sitzen“ (5), werden
wir selbst in einer revolutionären Situation noch massiv zu kämpfen haben. Dies
zeigte deutlich das Beispiel der Deutschen Revolution 1918/19. Ihre Stärke bis hin zum Moment, in dem der
Kapitalismus aus dem letzten Loch pfeift,
hat nichts mit „Dummheit" der Arbeiterklasse zu tun, sondern damit,
dass sie die effektivste Waffe der herrschenden Klasse gegen den Klassenkampf
sind! Wir selbst haben im Gegenteil den Ein­druck erhalten, dass die vermehrten
gewerk­schaftlichen Aktivitäten der letzten Zeit auf­grund des anwachsenden
Drucks und Unmuts von Seiten der Arbeiterklasse entstanden sind, die sich in
einer vermehrten Kampfbereitschaft äussern. Angesichts der Ausweglosigkeit der
Krise hat die herrschende Klasse vor allem Angst vor einer Arbeiterklasse, die
ihre Kämpfe in die eigenen Hände nimmt,
und die Bourgeoisie versucht, der Arbeiterklasse mit dem Instrument der
Gewerkschaften jegliche Initiative von vorneherein aus den Händen zu nehmen und
den Zug nicht zu ver­passen.

Die
Genossinnen schreiben: „Und diese egoistischen, nihilistischen
Arbeiter mit ihrem
falschen Bewusstsein können durch die vielen bürgerlichen Medien leicht manipu­liert
werden, welche dank der sogenannten „Informationsgesellschaft" eine
tagtäglich immer grössere konterrevolutionäre Propa­ganda verbreiten",
so
wäre es doch gerade angesichts der weltweiten Krise unsere Auf­gabe, etwas
genauer zu formulieren, worin denn diese „konterrevolutionäre
Propaganda"
be­steht, eben um sie in den Reihen unserer Klasse auch
aktiv bekämpfen zu können.

Haupttenor
ist heute der Ruf nach der „Beschüt­zerrolle" des Staates. Die
Gewerkschaften bilden dabei die Sperrspitze dieser Propaganda. Ebenfalls
grassieren heute Erklärungen für die Krise, welche darauf abzielen, „schwarze
Schafe" für diese Situation zu suchen, Einzel­kapitalisten, Banken oder
Staatspräsidenten, welche die Krise durch Unverantwortlichkeit und Korruption
verursacht hätten. Auch werden wieder Sün­denböcke ausgesucht, auf die „des
Volkes Zorns" sich abladen soll. In Ungarn und ande­ren Ländern die Roma
und Sinti, wie der Text der GenossInnen hervorhebt. Die Gefahr von Pogromen
unterstreicht umso mehr das drin­gende Bedürfnis, einen bewussten
proletarischen Internationalismus zu verteidigen und zu verbreiten. Da helfen
nur revolutionäre Perspektiven, und kein „Yes we can" und keine verstärkten staatskapitalistischen
Interventionen als Krisenlösung.

Wir
wissen, dass nach jahrelanger internatio­naler Krisenbegleitung durch die
Regierungen sich in Teilen der Arbeiterklasse auch ein Gewöhnungseffekt oder
gar Resignation breit gemacht haben. Wäre eine solche Stimmung in Ungarn
stärker als in anderen Ländern, ändert dies
nichts an der Notwendigkeit, der Analyse über „fehlende proletarische
Kämpfe" eine aktive und aufmunternde Teilnahme an der Bewusstseins­entwicklung
unserer Klasse folgen zu lassen!

(1)
Siehe: „Instead of proletarian struggles ..." in Englisch unter: http://www.anarcom.lapja.hu/
Wir wollen aber hier schon die Genossen von Barikad Kollektiva mit
längeren, von uns über­setzten Zitaten, zu Wort kommen lassen!

(2) siehe:
„Speed Tour blood", auf derselben Website

(3) siehe: "The reality of
the nightmare" Bari­kad Kollektiva, 2005

(4)
Im Gegenteil gehen wir davon aus, dass gerade aufgrund der
internationalen Ungeschla­genheit der Arbeiterklasse heute ein generali­sierter
Krieg, wie die Weltkriege es waren, nicht möglich ist.

(5) Siehe: „The
reality of the nigthmare",
Ka­pitel "Über Reformismus und
Gewerkschaften ...“

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