Barikad Kollektiva in Ungarn - Der Klassenkampf in Ungarn aus internationaler Perspektive

Ende Januar dieses Jahres haben wir einen Text der ungarischen Gruppe Barikad Kollektiva erhalten. Dieser Text mit dem Titel „Anstelle von proletarischen Kämpfen ... - Bericht über die Situation in Ungarn" ist der aktuellste in einer Serie von Artikeln, in denen Barikad Kollektiva die politischen und ökonomischen Veränderun­gen in Ungarn seit dem Zusammenbruch des Ostblocks analysiert. (1) Am meisten scheint Barikad die noch ungenügende Antwort der Arbeiterklasse auf die Krise zu beschäftigen. Wir sind der Überzeugung, dass die Fragen mit denen sich diese Gruppe auseinandersetzt, von internationalem Interesse sind. Mit diesem Artikel wollen wir die Diskussion mit Barikad aufnehmen.

Der Text „Anstelle von proletarischen Kämpfen ..." haben wir mit grossem Interesse gelesen. Da wir als Organisation in Ungarn selbst nicht „vor Ort" präsent sind und die Situation in Ungarn oft nur durch die bürgerlichen Medien verfolgen können, sind wir sehr froh sein um die dargebotenen Kenntnisse und die Einschätzung der Lage. Was uns immer beeindruckt hat an Barikad Kollektiva, ist die internationalistische Haltung und die Offenheit zu einer politischen Debatte. Dies, auch wenn wir uns in manchen Punkten nicht einig sind. Wir verstehen unsere Antwort auf diesen Text zuallererst als Teil einer proletarischen Debattenkultur und gemein­samen Erarbeitung einer Perspektive des inter­nationalen Klassenkampfes.

Wir sind einverstanden damit, dass die welt­weite Krise die Arbeiterklasse in Ungarn in besonderer Härte trifft, wie es der Text eingangs beschreibt: „Die permanente Krise des Kapita­lismus versetzt der weltweiten Arbeiterklasse einen Schlag nach dem anderen: heute sind die Finanzmärkte zusammengebrochen, die Pro­duktion geht weltweit zurück, es gibt immer neue Betriebsschliessungen. Die Rezession fordert auch in Ungarn ihren Tribut. Dennoch ist die Situation hier anders als in Westeuropa, denn die ungarische herrschende Klasse begann ihren Frontalangriff gegen die Lebensbedin­gungen der Arbeiterklasse viel früher als die Bourgeoisie in Westeuropa. Während des Som­mers 2006 begann eine brutale Erhöhung der Steuern und Preise. Fast alles - über Lebens­mittel, Gas, Strom und Benzin bis zu den öffent­lichen Transportmitteln - verteuerte sich, und die ungarische Bourgeoisie setzte alles daran, ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber den anderen herrschenden Klassen in der Region zu erhalten. Zudem drängte sie die Entwicklung des Weltmarktes in diese Richtung."

Die Klassenkämpfe in Ungarn in der Welt­perspektive

Richtig, die Krise hat heute unbestreitbar eine noch nie erlebte internationale Dimension und Heftigkeit. Dass kein Land davor gefeit ist, zeigt deutlich das Beispiel des „Lohnparadieses" Schweiz, in dem der Einbruch des Finanzsektors und die Rückgänge in der Automobilzulieferin­dustrie die Wirtschaft brutal erschüttern. Wie Barikada richtig schon in einem Text (2) von 2006 geschrieben hat, standen die Karten für die ungarische Ökonomie, für den „kranken Mann der EU" - natürlich schon vor dem erneuten offenen Ausbruch der Krise im letzten Herbst schlechter als für man­che andere Staaten Europas. Demzufolge litt die Arbeiterklasse in Ungarn sicher mit am inten­sivsten auf diesem Kontinent.

Auch mit den letzten Sätzen des Textes sind wir vollauf einverstanden: „Die ungarische Bour­geoisie befindet sich in Aufregung, sie befindet sich in einer derartigen Misere, dass sie ein­gestehen muss, nicht sicher zu sein über die nahe Zukunft. Die Zeichen stehen schlecht: die weltweite Rezession wird die Arbeiterklasse mehr angreifen - dasselbe wird in Ungarn geschehen. Langfristig wird der Unmut der Arbeiterklasse vermutlich ansteigen und deshalb spielt die Regierung die ideologische Karte des Aufrufs zur nationalen Einheit und zum natio­nalen Frieden. Die Gewerkschaften werden ebenfalls versuchen ihre reformistischen Spiele zu treiben. Unter nationalistischen Massen und denjenigen unter der Kontrolle der Gewerk­schaften werden diese Manöver für eine Weile erfolgreich sein. Doch wenn die Arbeiterklasse überall auf der Welt versteht, als Resultat der dauernden Verschlechterung der Lebensbedin­gungen, dass es keinen Ausweg gibt, und wenn sie die demokratischen Illusionen überwindet, dann muss die Arbeiterklasse, die sich als Klasse organisiert, früher oder später die herr­schende Klasse überall entmachten. Und dies auch hier, - und damit die weltweite menschli­che Gemeinschaft gründen: den Kommunis­mus."

Die internationale Dynamik im Klassenkampf

Hier berührt der Beitrag aus Ungarn einen äus­serst wichtigen Punkt. Es ist die internationale Dimension der Krise, der Angriffe des Kapitals und des Kampfes der Arbeiterklasse, welche allein imstande ist, eine Kampfesperspektive zu entwickeln, die über den Kapitalismus hinaus weist. Der Kapitalismus ist ein Konkur­renzsystem, und die wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Einheiten dieser Konkurrenz sind die Nationalstaaten. Solange der Abwehr­kampf der Arbeiterklasse als ein Kampf auf nationalem Boden gedacht wird, erscheint er als ein Kampf auf dem Boden des Systems, welcher dann stets die Bereitschaft in sich schliessen muss, nichts zu unternehmen, was die Konkurrenzfähigkeit der „eigenen" Kapitalisten gefährden könnte. Es ist nicht nur die Tiefe der Krise, sondern zugleich ihr weltweiter Charak­ter, welcher diese reformistische Illusion zu zerstören imstande ist. Denn von dieser Warte aus gesehen erscheint diese „Rücksicht" auf die „eigene“ Konkurrenzfähigkeit als das, was es wirklich ist, nämlich ein sinnloser Unterbietungs­wettlauf der Lohnsklaven, welcher die ganze Arbeiterklasse in ihr eigenes Verderben führen muss. Umgekehrt gewinnen die Abwehrkämpfe hier und dort ihre wahre Bedeutung, wenn sie Äusserungen der internationalen Solidarität des Proletariats gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt für Arbeitskräfte sind.

Diese Optik ist aber nicht nur perspektivisch, in Bezug auf die Zukunft wichtig. Sie ist schon heute wichtig, um die Dynamik der gegenwärti­gen Arbeiterkämpfe richtig zu erfassen. In den letzten paar Jahren hat es einige Streiks und Mobilisierungen der Arbeiterklasse auch in Ungarn gegeben. Diese Aktionen, wie die Ge­nossen von Barikada zu Recht schildern, waren wenig spektakulär. Sie haben bisher nirgends die gewerkschaftliche Kontrolle und Abwür­gung der Kämpfe ernsthaft in Frage stellen können. Diese Schilderungen von Seiten der GenossInnen erscheinen uns umso glaubwürdi­ger, da sie mehr oder weniger dem entsprechen, was man in anderen Ländern ant­rifft. Aber die wahre Bedeutung der Kämpfe auch in Ungarn liegt eben darin, dass sie Teil einer internationalen Kampfeswelle sind, welche auch noch erst am Anfang ihrer Entwicklung steht. Barikada selbst hat zu Recht geschrieben: „die permanente Krise des Kapitalismus ver­setzt der weltweiten Arbeiterklasse einen Schlag nach dem anderen ..." und begeht nicht den Irrtum, die Krise als ein „nationales Phänomen" zu sehen. Das trifft aber nicht weniger für die Kämpfe selbst zu.

Seit 2003 stellen wir weltweit eine deutliche Zunahme von Klassenkämpfen fest: Textilar­beiter und Arbeiter des öffentlichen Verkehrs in Ägypten, Busfahrer im Iran, Beschäftigte in Schuh- und Spielzeugbetrieben in Vietnam, Renault-Dacia Beschäftigte in Rumänien, Berg­arbeiter in Polen, öffentlicher Dienst und Lehrer in England, Nokia, Opel-Beschäftigte und Eisenbahner in Deutschland, Flughafenbeschäftigte und Honda-Belegschaft in Indien, Cargo-Eisenbahner in der Schweiz oder die Proteste auf den Antillen diesen Februar. Dies sind nur einige Beispiele einer lan­gen Liste. Auch ihr habt von Protesten in Un­garn geschrieben, „bei Malev (Fluggesellschaft), bei einigen Betrieben von Volan (Busfahrer) und anderen Grossbetrieben".

Bei genauerer Betrachtung hat sich aber nicht nur die Anzahl der Proteste der Arbeiterklasse vervielfacht, sondern vor allem auch die Quali­tät dieser Kämpfe! Mit den Protesten der Schü­ler und Studenten in Frankreich 2006 und in Italien und Griechenland 2008 ist die junge Generation (deren Perspektive nach der Ausbil­dung tatsächlich düster ist!) massiv auf die Bühne des Klassenkampfes getreten. Es ist diejenige Generation der Arbeiterklasse, welche auch die Zukunft prägen wird. Überdies haben wir vermehrt den Drang streikender Beschäf­tigter verspürt, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen, wie im spanischen Vigo. Erst wenn man die Lage weltweit untersucht, wird diese Tendenz deutlich, denn sie zeigt sich erst im Keim, noch nicht systematisch und überall. Durch die vermehrten Klassenkämpfe in Län­dern der 3.Welt, wie z.B. in Bangladesh, sind immer mehr auch neue Teile der Arbeiterklasse auf den Plan getreten und wegweisend gewor­den, welche nicht dieselbe jahrzehntelange Tradition haben wie die Arbeiter der alten In­dustriestaaten. Eine Realität sind in den letzten Monaten auch zunehmend die Revolten gegen den Hunger, der die Arbeiterklasse mehr und mehr erfasst: Burkina Faso, Kamerun, Haiti, Ägypten...

Die Genossen von Barikada äussern sich eher enttäuscht und frustriert über die bisherigen Kämpfe in Ungarn. Und natürlich haben sie recht, darauf hinzuweisen, dass angesichts der gewaltigen Sackgasse des Kapitalismus und der Angriffe auf die Arbeiterklasse das Proletariat eigentlich schon heute viel kräftiger reagieren und seine Perspektive durchsetzen müsste. Andererseits ist das heutige, noch nie da gewe­sene internationale Vorhandensein von Klassen­kämpfen selbst ein wichtiger Schritt nach vorne, der die Grundlage einer Reifung auch des Be­wusstseins der Klasse bilden kann. Um dies zu unterstreichen, möchten wir einen Vergleich mit den Kämpfen der 1950er Jahre in Osteuropa heranziehen. Damals gab es eine Kampfeswelle, welche viele Teile des Ostblocks erfasste, von der CSSR und v.a. die DDR 1953 über Polen bis zu den Aufständen in den Arbeitslagern Sibi­riens. Die Krönung dieser Welle war wohl die Entstehung der Ar­beiterräte 1956 in Ungarn. Im Vergleich dazu erscheinen die Kämpfe von heute sehr unbe­deutend zu sein. Auf der anderen Seite aber waren die Kämpfe der 1950er Jahre international sehr isoliert. Denn im Westen hatte der Nachkriegskonjunkturaufschwung bereits eingesetzt. Ausserdem überschattete der Kalte Krieg damals alle gesellschaftlichen Geschehnisse. Das Ergebnis: Die Massenstreiks in Osteuropa konnten keine eigene Klassen­perspektive entwickeln, sondern gerieten in den Sog von Nationalismus, demokratischer Illu­sionen und des Glaubens an Befreiung durch Annäherung an den „freien" und „goldenen" Westen. Seitdem hat sich die Welt radikal gewandelt. Bereits Ende der 1960er Jahre begannen die Illusionen über die Nachkriegs­prosperität zu platzen – v.a. in den Metropolen des Westens selbst. Zwar wirkte der Sog des westlichen Kapitalismus 1989 noch stark ge­nug, um in den ehemaligen stalinistischen Ländern Illusionen über einen möglichen neuen Aufbruch zu erzeugen. Heute aber gibt es weltweit keine Modelle der Prosperität mehr, keine „Inseln der Seligen".

Wir sollten also nicht zu enttäuscht sein über die Unzulänglichkeiten der ersten Kampf­schritte heute, zumal in einem Land wie Ungarn, wo das Proletariat den Alptraum des Stalinis­mus, das Trauma der „Schockthera­pie" des „liberalen" Kapitalismus nach 1989, und nun auch noch die Erdbeben der jüngsten weltweiten Krisenzuspitzung verarbeiten muss. Wenn wir aber zusammen den Willen der Arbeiterklasse sich gegen die Krise auf internationaler Ebene zu wehren betrachten, ändert dies nicht etwas das eher düstere Bild, welches die GenossInnen von der Lage in Ungarn skiz­zieren? Dabei haben die GenossInnen selber schon in einem Text 2005 geschrieben: ... wir sind überall auf der Strasse, und wir sollten uns immer auf den internationalen Charakter unseres Kampfes besinnen! Nur in diesem Kontext können wir die Lage der Ar­beiterklasse in Ungarn begreifen." (3)

Die Bedingungen für den Klassenkampf gleichen sich an

All diese aufgeführten Arbeiterproteste haben den Kapitalismus bisher nicht überwinden können – richtig! Wir verstehen auch die Ent­täuschung, wenn die GenossInnen zum Pro­testtag vom 21. November 2007 in Ungarn schreiben: „Im ganzen Land streikten mehrere Tausend Arbeiter und am Abend marschierten sie vor das Parlament, um die herrschende Klasse zumindest um einige kleine Konzessio­nen zu bitten - diese scherte sich aber einen Dreck darum. Vom Standpunkt der herrschen­den Klasse aus verlief alles perfekt: es gab keine bemerkenswerten Unterbrechungen in der Produktion, die Kontrolle der Gewerkschaften war wirkungsvoll, die Arbeiter konnten ihren Unmut im Rahmen der demokratischen Rechte ausdrücken. Der soziale Frieden war bestätigt." Das mag wohl so gewesen sein. Andererseits ist es aber nicht weniger bedeutend, dass sich gerade heute im internationalen Massstab die Bedingungen der Arbeiterklasse immer mehr angleichen. Aller furchtbaren Leiden, die das immer mehr verursacht, zum Trotz: Die Krise ist heute nach wie vor „der beste Verbündete der Arbeiterklasse", weil immer deutlicher und international die Bedingungen für zukünftige politische Massenstreiks langsam heranreifen. Schon die heutigen Proteste gegen die Krise haben vermehrt auch politische Fragen wie die Empörung gegen den permanenten Krieg und die weltweite Zerstörung der Umwelt als be­gleitende Triebkräfte aufgegriffen und geniessen immer mehr eine Ausstrahlung, die Landesgrenzen überschreitet.

Es geht nicht um „Wahrsagerei" des Klassen­kampfes oder Spekulationen, sondern um eine Methode, eine Betrachtungsweise der allgemeinen und internationalen Dynamik in unserer Klasse. Wir sind überzeugt, dass auch Ungarn keine Insel des kompletten sozialen Friedens oder der Lähmung des Proletariats darstellt, auch wenn die von den GenossInnen beschriebenen Proteste von der herrschenden Klasse vorerst abgewehrt werden konnten. Dies war schlussendlich auch in allen anderen Län­dern, von denen wir hier gesprochen haben, der Fall.

Auch vom Aktionstag vom 21. November, der in einem Gang vor das Parlament endete, und der, was die Fakten anbelangt, sicher korrekt beschrieben wurde, sollte man sich nicht allzu sehr bedrücken lassen.

Die GenossInnen kennen die Geschichte der Arbeiterklasse zu gut, um die Lehren aus Russland am Anfang des Jahrhunderts zu ver­gessen. Als in Sankt Petersburg am 22. Januar 1905 tausende Arbeiter mit einer Bittschrift vor den Zarenpalast zogen, in der sie den Zaren um Einsicht in ihre verzweifelte Lage baten, hätte man enttäuscht die Hände über dem Kopf zu­sammenschlagen können ob der Illusionen der russischen Arbeiter in ein allfälliges Mitgefühl des Zaren. Dieser Bittgang wurde brutal und blutig niedergeschossen. Bekannt ist, dass nur Tage darauf in ganz Russland gewaltige Mas­senstreiks ausbrachen, in deren Verlauf die ersten Arbeiterräte entstanden.

Die herrschende Klasse in Ungarn hat 2007 wesentlich geschickter reagiert als der Zarismus 1905, wie Barikada richtig schreibt: „die Arbeiter konnten ihren Unmut im Rahmen der demokratischen Rechte ausdrücken". Doch das Beispiel des „Blutsonntags" von 1905 hat ge­zeigt, wie im Klassenkampf oft alte, läh­mende Illusionen und explosionsartige Arbei­terkämpfe nahe einander liegen können und wie schnell das Proletariat fähig ist, Illusionen zu überwinden – vermutlich auch das ungarische! Natürlich schreiben wir nicht das Jahr 1905, und die Entwicklung heute wird viel mühsamer vor sich gehen.

Enttäuschung über das Bewusstsein der Arbeiterklasse ...

Ähnlich wie Arbeiterkämpfe, die oft ungestüm ausbrechen, kann auch das Bewusstsein Sprünge nach vorn machen. Es entwickelt und manifestiert sich in der Arbeiterklasse nicht so, dass es sich tagtäglich um ein messbares Stück erhöhen würde. Die Arbeiterklasse kennt in ihrem Wesen auch eine unterirdische Reifung des Bewusstseins, einen stillen Verlust von Illusionen in das bestehende System des Kapi­talismus, der nicht unmittelbar in offenen Klas­senkämpfen sichtbar ist. Wir gehen davon aus, dass aufgrund der augenscheinlichen generellen Sackgasse des Kapitalismus – der Krise, der Kriege, der Umweltzerstörung, der offensichtli­cher werdenden Ratlosigkeit der Herrschenden - ein solcher Prozess im Gange ist. Die Arbei­terklasse steht heute weltweit auch Regierungen gegenüber, welche nicht mehr mit demselben oberflächlichen Hochmut der 1990er Jahre von ihrem System überzeugt sind, sondern oft in Panik feststellen, dass sie ihre Welt nicht mehr im Griff haben und all ihre ökonomischen Manöver zur Begleitung der Krise nicht mehr taugen. Barikad hat zu Recht darauf hingewie­sen.

Wir verstehen nur allzu gut, wenn man eine Diskrepanz zwischen dem, was historisch notwendig wäre, und dem, was heute ist, fest­stellt. Eine solche Situation existiert tatsächlich, dies ist nicht nur in Ungarn, son­dern weltweit so. Notwendig wären eine unauf­haltsame Verstärkung der Arbeiterkämpfe und die Überwindung des Kapitalismus durch eine proletarische Revolution. Wir befinden uns aber heute in einer kapitalistischen Welt, welche ins Chaos abgleitet und sind selbst Teil einer Ar­beiterklasse, welche zugestandenermassen die Geschichte der Menschheit noch nicht wirklich in ihre Hände genommen hat. Auch wir gehen davon aus, dass trotz all der erwähnten positi­ven Beispiele von internationalen Kämpfen seit 2003 die Arbeiterklasse angesichts der harten Krise noch zu abwartend ist. In unseren Augen stellt dieses Abwarten nicht nur Angst, ja Ein­schüchterung angesichts der Tiefe der Krise und des Ausmasses der Arbeitslosigkeit dar, sondern auch eine Phase des Nachdenkens und Begreifens und eben eines Verlustes von Illu­sionen in den Kapitalismus. Auch wenn sich Arbeitskämpfe meist an konkreten Problemen wie Lohnabbau, Entlassungen oder Betriebs­schliessungen entzünden, spüren viele Arbeiter, dass es heute nicht mehr genügt bei den „eige­nen" Forderungen Halt zu machen. Heute steht greifbar im Raum, dass es um die Zukunft der Menschheit geht.

... oder gar ein Stück Verachtung?

Die Arbeiterklasse führt heute noch keine Massenstreiks, welche in eine greifbar revolu­tionäre Richtung gehen. Sie führt im Wesentli­chen Verteidigungskämpfe. Doch gilt es der eigenen Enttäuschung darüber nicht zuallererst ein Nachdenken über die hemmenden Faktoren im Klassenkampf entgegenzustellen? Barrikad hat dies in ihrem Text versucht: „Das Fehlen proletarischer Selbstorganisierung hat viele Gründe. Zuerst gibt es ein unheilvolles Erbe der Vergangenheit, einen zerstörerischen Effekt, den wir heute noch spüren: während der Ka­dar-Epoche befriedigte die bolschewistische Macht die Arbeiterklasse mit der Aufrecht­erhaltung einer relativen sozialen Sicherheit, sie liquidierte jegliche proletarische Selbstorganisation und enteig­nete selbst die Terminologie der kommunisti­schen Bewegung. Auf der anderen Seite wurde die Arbeiterklasse nach dem „Wechsel" atomi­siert durch die verstärkte Konkurrenz untereinander, die Arbeitslosigkeit, dann die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, relativ stabile Arbeitsplätze und die Mobilität des Arbeitsmarktes. Heute agieren die Arbeiter lediglich aus ihren individuellen Interessen, die Arbeitsplatzgemeinschaften sind verschwunden, Klassensolidarität existiert praktisch nicht mehr und viele der dummen ungarischen Ar­beiter sind sich nicht einmal bewusst, dass sie zu einer sozialen Klasse gehören. Und diese egoistischen, nihilistischen Arbeiter mit ihrem falschen Bewusstsein kön­nen durch die vielen bürgerlichen Medien leicht manipuliert werden, welche Dank der so ge­nannten „Informationsgesellschaft" eine tag­täglich immer grössere konterrevolutionäre Propaganda verbreiten. Deshalb folgen die Arbeiter, die heute Angst um ihre Arbeitsplätze haben, die unzufrieden sind mit dem sinkenden Lebensstandart, die durch­drungen sind von verschiedensten bürgerlichen Ideologien, den Gewerkschaften wie gut dres­sierte Tiere."

Eine Beschönigung der Stärke der Arbeiter­klasse ist immer fehl am Platz, unbestritten! Doch hier droht man unseres Erachtens eine irritierende Betrachtungsweise einzuschlagen. Mit euren Beschreibungen einer Arbeiterklasse als „Schafherde" (wie an einer anderen Stelle beschrieben) löst man sich eigenartig ab von der eigenen Klasse und nimmt den Platz des enttäuschten Klagenden über die fehlende Intelligenz des Proletariats ein. Überlassen wir Gefühle der Verachtung gegenüber der Arbei­terklasse den Vertretern des Kapitalismus, welche nicht müde werden zu behaupten, das Proletariat sei niemals fähig der Menschheit eine Perspektive anzubieten. Selbst in einer Situation wie 1939, in der sich die Arbeiterklasse ideologisch geschlagen in einen Weltkrieg mobilisieren liess, ein Moment der unvergleichlich grösseren Schwäche als heute (4), haben sich die wirklichen Revolutionäre nicht mit enttäuschtem Geist von der Materie ihrer Klasse getrennt. Auch wenn auf der Ebene der menschlichen Gefühle der Wunsch nach einer möglichst baldigen Überwindung des Kapitalismus verständlich ist, und wir dies auch noch selber erleben möchten, gilt es sich vor dem Wechselspiel von revolutionärer Ungeduld und Enttäuschung in Acht zu nehmen. Als politischer Ausdruck des Proletariates sollten wir Revolutionäre unsere Energie dazu verwen­den, geduldig zu bleiben und innerhalb der Reihen unserer Klasse zu erklären, was Sache ist. Dies bedeutet heute vor allem die Vertei­digung des Internationalismus, eine klare Hal­tung gegenüber der ökonomischen Sackgasse des Kapitalismus und selbstver­ständlich gute Argumente gegenüber all den gewerkschaftlichen und parlamentarischen Fallen, so wie die GenossInnen von Barikad es ja immer wieder getan haben!

Ja, Illusionen in den Reihen unserer Klasse bekämpfen!

Gegen den Einfluss der Gewerkschaften, wel­che nicht nur in Ungarn ganz offensichtlich im „ Wagen des Kapitals sitzen“ (5), werden wir selbst in einer revolutionären Situation noch massiv zu kämpfen haben. Dies zeigte deutlich das Beispiel der Deutschen Revolution 1918/19. Ihre Stärke bis hin zum Moment, in dem der Kapitalismus aus dem letzten Loch pfeift, hat nichts mit „Dummheit" der Arbeiterklasse zu tun, sondern damit, dass sie die effektivste Waffe der herrschenden Klasse gegen den Klassenkampf sind! Wir selbst haben im Gegenteil den Ein­druck erhalten, dass die vermehrten gewerk­schaftlichen Aktivitäten der letzten Zeit auf­grund des anwachsenden Drucks und Unmuts von Seiten der Arbeiterklasse entstanden sind, die sich in einer vermehrten Kampfbereitschaft äussern. Angesichts der Ausweglosigkeit der Krise hat die herrschende Klasse vor allem Angst vor einer Arbeiterklasse, die ihre Kämpfe in die eigenen Hände nimmt, und die Bourgeoisie versucht, der Arbeiterklasse mit dem Instrument der Gewerkschaften jegliche Initiative von vorneherein aus den Händen zu nehmen und den Zug nicht zu ver­passen.

Die Genossinnen schreiben: „Und diese egoistischen, nihilistischen Arbeiter mit ihrem falschen Bewusstsein können durch die vielen bürgerlichen Medien leicht manipu­liert werden, welche dank der sogenannten „Informationsgesellschaft" eine tagtäglich immer grössere konterrevolutionäre Propa­ganda verbreiten", so wäre es doch gerade angesichts der weltweiten Krise unsere Auf­gabe, etwas genauer zu formulieren, worin denn diese „konterrevolutionäre Propaganda" be­steht, eben um sie in den Reihen unserer Klasse auch aktiv bekämpfen zu können.

Haupttenor ist heute der Ruf nach der „Beschüt­zerrolle" des Staates. Die Gewerkschaften bilden dabei die Sperrspitze dieser Propaganda. Ebenfalls grassieren heute Erklärungen für die Krise, welche darauf abzielen, „schwarze Schafe" für diese Situation zu suchen, Einzel­kapitalisten, Banken oder Staatspräsidenten, welche die Krise durch Unverantwortlichkeit und Korruption verursacht hätten. Auch werden wieder Sün­denböcke ausgesucht, auf die „des Volkes Zorns" sich abladen soll. In Ungarn und ande­ren Ländern die Roma und Sinti, wie der Text der GenossInnen hervorhebt. Die Gefahr von Pogromen unterstreicht umso mehr das drin­gende Bedürfnis, einen bewussten proletarischen Internationalismus zu verteidigen und zu verbreiten. Da helfen nur revolutionäre Perspektiven, und kein „Yes we can" und keine verstärkten staatskapitalistischen Interventionen als Krisenlösung.

Wir wissen, dass nach jahrelanger internatio­naler Krisenbegleitung durch die Regierungen sich in Teilen der Arbeiterklasse auch ein Gewöhnungseffekt oder gar Resignation breit gemacht haben. Wäre eine solche Stimmung in Ungarn stärker als in anderen Ländern, ändert dies nichts an der Notwendigkeit, der Analyse über „fehlende proletarische Kämpfe" eine aktive und aufmunternde Teilnahme an der Bewusstseins­entwicklung unserer Klasse folgen zu lassen!

(1) Siehe: „Instead of proletarian struggles ..." in Englisch unter: http://www.anarcom.lapja.hu/ Wir wollen aber hier schon die Genossen von Barikad Kollektiva mit längeren, von uns über­setzten Zitaten, zu Wort kommen lassen!

(2) siehe: „Speed Tour blood", auf derselben Website

(3) siehe: "The reality of the nightmare" Bari­kad Kollektiva, 2005

(4) Im Gegenteil gehen wir davon aus, dass gerade aufgrund der internationalen Ungeschla­genheit der Arbeiterklasse heute ein generali­sierter Krieg, wie die Weltkriege es waren, nicht möglich ist.

(5) Siehe: „The reality of the nigthmare", Ka­pitel "Über Reformismus und Gewerkschaften ...“