Welche Vorstellungen vom Kommunismus

Immer wenn wir mit Leuten ins Gespräch kommen, sei es beim Verkauf unserer Zeitung, oder bei Gesprächen unter Kol­legen oder sonstwo, wenn heiß diskutiert wird, wie z.B. bei unseren öffentlichen Diskussionsveranstaltungen, jedes Mal wenn wir sagen, daß wir Kommunisten sind, folgt meist die Frage: "wie stellt ihr euch den Kommunismus denn eigentlich konkret vor?" Und zunächst geraten wir natürlich in etwas Verlegenheit, denn es gibt keine Vorzeigemodelle, keine Region, auf die wir hinweisen können, um zu ver­deutlichen, was uns vom Kommunismus überzeugt hat. Also erscheint unser Pro­gramm, der Kommunismus, schon mal als eine vage, nicht überzeugende Aussage. Zudem haben alle bürgerlichen Parteien (ob rechts, links, grün oder sonst was) alle ihr Programm, auch wenn sie es nachher meist nicht einhalten, um alle nur ein Programm durchzusetzen: Spar- und Kriegspolitik. Im Gegensatz zu den Bürgerlichen haben die Kommunisten also keinen demagogischen Maßnahmen­katalog, nein wir haben gleich ein ganzes Maximalprogramm, eine neue Gesell­schaft vorzuschlagen. Nichts weniger als das. Nur, wie verdeutlichen, was wir ei­gentlich damit meinen?

DER KOMMUNISMUS KANN NICHT INNERHALB, SONDERN NUR NACH DEM KAPITALISMUS ENT­STEHEN

Als erstes ist es uns dann wichtig aufzu­zeigen, daß die Umwälzung hin zum Kommunismus unter ganz anderen Be­dingungen verläuft, als das Durchbrechen neuer Produktionsformen in früheren Ge­sellschaften. Früher war es nämlich so, daß die neuen, aufsteigenden Gesell­schaften sich schon im Schoß der alten Gesellschaft heran entwickelten. Die feu­dalen Gesellschaftsstrukturen tauchten langsam innerhalb der niedergehenden Sklavengesellschaft des Römischen Rei­ches auf. Und dieser Einzug dauerte zum Teil jahrhundertelang.

Auch die bürgerliche Gesellschaft kroch langsam und mit ungleicher Geschwin­digkeit innerhalb der Feudalgesellschaft hervor. Die Bourgeoisie war schon auf ökonomischem Gebiet längst zur herr­schenden Klasse geworden, als sie die letzten politischen Fesseln des Feudalis­mus abstreifte - wie dies in der französi­schen Revolution von 1789 geschah. Während der Kapitalismus also im Feu­dalismus heranwachsen konnte, ist das beim Kommunismus nicht möglich. Der Kommunismus kann nur weltweit entste­hen, und zwar nur auf den Trümmern der kapitalistischen Gesellschaft. Der Kom­munismus ist auch in einem Land nicht möglich (Rußland zeigt das unverkenn­bar), sondern nur weltweit und gleichzei­tig. Denn die Gesetze der Marktwirt­schaft, des Weltmarktes, das Wertgesetz auf der einen, die Entschlossenheit des Kapitals auf der anderen Seite würden ein Entstehen des Kommunismus in einer Region nicht zulassen. Deshalb können die Kommunisten heute kein Modell prä­sentieren, um überzeugend zu wirken.

WAS DER KOMMUNISMUS NICHT IST

Auch wenn es unabdingbar ist, dies zu tun, hilft es gleichzeitig wenig weiter, wenn wir aufzeigen, was der Kommunis­mus nicht ist. Denn an Lügen, "hier ist der Kommunismus", hat es ja mit der Sowjetunion und den anderen Ländern wie Osteuropa und Kuba, Vietnam usw. nie gefehlt. Dadurch ist das ganze Bild vom Kommunismus total verzerrt. In al­ler kürze: für uns ist der Kommunismus kein "Staatskapitalismus", so wie es ihn in der UdSSR, in China, Kuba oder sonstwo gab. Er ist also nicht die einfa­che Verstaatlichung der Produktionsmit­tel. Auch ist er kein "Kriegskommunismus", wie er einst dar­gestellt wurde, als nämlich 1920-21 im Bürgerkrieg in Rußland das Geld abge­schafft worden war, nicht etwa weil Überfluß geherrscht hätte, sondern weil es nichts mehr wert war infolge von In­flation und Krieg. Der Kommunismus hat also nichts mit Kriegswirtschaft und Mangelwirtschaft zu tun, in der eine Staatspartei ihre Diktatur ausübt.

EINIGE HAUPTMERKMALE DES KOMMUNISMUS

Dennoch - auch wenn es unmöglich ist und man Gefahr läuft, einer Spekulation zu verfallen, so lassen sich doch einige Hauptkennzeichen des Kommunismus aufzeigen:

1) Die Produktion findet nicht mehr für Profit, sondern für die Bedürfnisse der Menschen statt.

2) Das Privateigentum wird abgeschafft sein. Alle Güter befinden sich im "Besitz" der Gesellschaft und werden geteilt.

3) Dadurch entfällt die Konkurrenz; die gesamten Mechanismen des Wett­bewerbs, die Überlebensprinzipien der kapitalistischen Gesellschaft (sprich, der Konkurrenzkampf, jeder gegen je­den bis hin zum Krieg) werden ver­schwinden.

4) Die Lohnarbeit wird abgeschafft sein. Die Menschen werden produzie­ren, schaffen, kreativ sein, nicht aus Zwang, ihre Arbeitskraft verkaufen zu müssen, um zu überleben, sondern um die Bedürfnisse der Menschen zu be­friedigen.

Aus den oben genannten Prinzipien geht hervor, daß

- Es keine Zerstörung der Produktion (wie in Krisen oder Kriegen) geben wird.

- Während bislang beispielsweise in den USA während des kalten Krieges 2 von 3 Ingenieuren für das Pentagon arbeiteten, ungeheure Ressourcen in die Kriegswirt­schaft fließen, werden die Ressourcen der Menschheit dann nicht für Zerstörung verwendet, sondern eine für den Men­schen dienliche, nützliche Produktion.

- Damit entfallen all die Mittel für Rü­stung, Militär, Armee, Verteidigung des Privateigentums, der Gewaltverhältnisse, alles Ausgaben von unvorstellbaren Grö­ßen; wenn man bedenkt, daß die Wirt­schaft der meisten Länder, allen voran, die der ehemaligen UdSSR und der USA und natürlich der 3. Welt meist auf die Rüstungsproduktion fixiert ist, wird al­lein das schon eine ungeheure Freisetzung von Ressourcen bewirken.

- Durch die Abschaffung der Konkurrenz und die Produktion nicht von Tausch­werten, um Geld zu machen, sondern von Gebrauchsgütern (nützliche Güter), pro­duziert nicht mehr jeder Konkurrent ge­gen jeden, jeder für sich in seiner Ecke, um sich von seinen Konkurrenten abzu­schotten. Stattdessen wird das ganze Wis­sen der Menschheit, das ganze Know-how, die Technik für alle nutzbringend eingesetzt werden können.

Anstatt dem Prinzip des jeder gegen je­den, jeder für sich unterworfen zu sein, werden alle Reichtümer der Gesellschaft sinnvoll und planerisch abgestimmt in die Produktion einfließen. Das dem Kapita­lismus innewohnende Chaos, hervorgeru­fen durch die Marktwirtschaft und die Konkurrenz, diese Anarchie der kapitali­stischen Produktion wird es nicht mehr geben.

VOLLE ENTFALTUNG DER SCHAFFENSKRAFT DER MEN­SCHEN

Allein die Koordination und Kombination der menschlichen Reichtümer, die For­tentwicklung des Know-how zugunsten der Menschen und nicht zugunsten militä­rischer, zerstörerischer Zwecke, die Frei­setzung von Arbeitskräften aus zerstöreri­schen, unproduktiven, parasitären Sekto­ren, die Integration der Milliarden Men­schen, die im Kapitalismus entweder un­produktiv sind oder gar auf de Straße lie­gen, all das wird zu einem Ansteigen der Produktivität der Arbeit und zu Möglich­keiten der Produktionserweiterung füh­ren. Gleichzeitig wird dadurch die Ge­samtarbeitszeit sinken. Weil sie nicht mehr der Lohnarbeit, einem Ausbeu­tungsverhältnis und auch natürlich nicht mehr einer Entfremdung unterworfen sein werden, wird unter den Menschen soviel Schöpferkraft, soviel Energie, soviel Ein­satz freigesetzt werden, daß dies weit über unser Vorstellungsvermögen hinaus­geht. Während sich die Menschen heute in der Lohnarbeit so teuer wie möglich verkaufen, und so gut wie möglich aus der Affäre ziehen, um nicht zu schnell zu verschlissen zu werden, das ganze Ver­hältnis zur Arbeit eben durch die Ent­fremdung und Ausbeutung bestimmt ist, wird es im Kommunismus ganz anders aussehen.

Zu wissen, daß die produzierten Güter den Menschen zunutze kommen, die Ein­sicht in die Planbarkeit, die Steuerbarkeit der Produktion, das Wissen, daß wir für die Menschen, für die Gesellschaft arbei­ten und nicht für einen Unternehmer, der uns ausbeutet, den letzen Tropfen Schweiß aus einem rauspreßt, all das wird ein bislang nicht gekanntes Interesse und einen Tatendrang der Menschen freiset­zen.

Das heißt im Kommunismus wird es zu einer wahren Explosion der Schaffens­kraft der Menschen kommen. Die wich­tigste Produktivkraft, der Mensch wird sich eben erst dann ungehindert entfalten können.

DAS ENDE DER ENTFREMDUNG

Indem nicht mehr alles dem Profit geopfert, sondern bewußt geplant und sinnvoll entschieden werden kann, die Produktion nicht mehr der Anarchie und dem Chaos unterliegt, sondern von der Gesellschaft selbst organisiert wird und damit darüber bewußt entschieden wird, wie, wo, was, wann produziert wird, wird die ganze Verschwendung und Zer­störung der Ressourcen (Mensch und Natur) nicht mehr vorhanden sein. Der Ansporn in den Menschen, etwas für die Menschen, für die Gesellschaft tun zu wollen, wird alle bislang von den Men­schen aufgebrachten Energien in den Schatten stellen. Während der Kapitalis­mus die Menschen, die er in Lohnarbeit gesteckt hat, aufs brutalste und stumpf­sinnig ausbeutet, deren Arbeitskraft ver­schleißt und sie jahrelang tag-tagein ins Tretwerk der Lohnmaschinerie einspannt, sind gleichzeitig Milliarden von Men­schen einem nackten Überlebenskampf ausgeliefert - arbeits-, wohnungslos, hun­gern oder vegetieren oft - wie in der 3. Welt stumpfsinnig vor sich hin. All das wird im Kommunismus ganz anders sein.

Auch wenn all das hier Erwähnte nur ein kurzer Umriß sein kann, so kann man doch schon erkennen, daß das Aufzeich­nen einer kommunistischen Gesellschaft über unser bisheriges Vorstellungsvermö­gen hinausgeht. Deshalb wollen wir die Gefahr der Spekulation vermeiden - son­dern ganz realistisch unterstreichen, daß wir noch nicht einmal wissen, sondern nur ahnen können, welche zerstörte Ge­sellschaft uns der Kapitalismus hinterlas­sen wird.

Zudem wird der Kommunismus nicht von heute auf morgen möglich sein, sondern nach der Machtergreifung durch die Ar­beiterklasse, der ein zerstörerischer Bür­gerkrieg vorausgehen wird, wird es zunächst eine Übergangsperiode vom Ka­pitalismus zum Kommunismus geben.

Klar ist jedenfalls, daß all dies eine gi­gantische Aufgabe sein wird, daß es gar eine Dauer von ganzen Generationen in Anspruch nehmen wird. Nun wird uns dann natürlich die Frage entgegenge­schleudert, ja wer soll denn eigentlich den Kommunismus errichten? Wollt ihr

das als Partei, als kleine Gruppe machen, oder wer soll das tun? Unsere Antwort, daß die Arbeiterklasse die einzige revolu­tionäre Kraft ist, die dies verwirklichen kann, stößt dann im Gegenzug auf noch mehr Zweifel... womit wir schon an einer zweiten Argumentationslinie angelangt sind... Dies ist natürlich genauso eine der am heißesten diskutierten Fragen, und wir wollen hier aus Platzgründen unsere Le­ser auf unsere bisherigen Antworten dazu (siehe WR 53) verweisen.

DER KOMMUNISMUS: DAS ERGEBNIS EINER LEBENDIGEN, REVOLUTIONÄREN KLASSE

Ja, aber der Mensch, so wie er heute ist, wird er überhaupt dazu in der Lage sein, in einer Gesellschaft ohne Profit, ohne Privateigentum zu leben? Wie werden die Menschen im Kommunismus aussehen?

Vor dieser Frage standen die Kommuni­sten schon im letzten Jahrhundert. Da­mals schon betonten Marx und Engels, die Gründer der wissenschaftlichen Erklä­rung des Kommunismus: "...ebenso wird der gemeinsame Betrieb der Produktion durch die ganze Gesellschaft und die dar­aus folgende neue Entwicklung der Pro­duktion ganz andere Menschen bedürfen und auch erzeugen"(Grundsätze des Kommunismus, 1847).

Um nicht irgendwelchen Spekulationen zu verfallen, heben wir deshalb hervor, daß der Kommunismus nur das Ergebnis einer lebendigen, revolutionären Klasse sein wird, die nicht an der Errichtung neuer Ausbeutungsverhältnisse interes­siert ist, sondern an deren Abschaffung. Zur Erreichung dieses Ziels verfügt die Arbeiterklasse nur über zwei Mittel:

- ihre Fähigkeit, sich vereinigend, über alle sie spaltenden Gräben hinweg zu­sammenzuschließen, kurzum ihre Einheit als Klasse, ihre Klassensolidarität;

- und ihr Bewußtsein.

Ja, aber wenn wir uns den jetzigen Zu­stand der Arbeiterklasse anschauen, wie aber können die Arbeiter dann zu diesem revolutionären Bewußtsein gelangen? Auch darauf antworteten damals schon Marx und Engels: "..sowohl zur massen­haften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst (ist) eine massenhafte Ver­änderung der Menschen nötig, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer REVOLUTION vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine an­dere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in ei­ner Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden" (Deutsche Ideologie, 1845, MEW Bd. 3, S. 70).

Wie aber wird es zu dieser Entfaltung des Bewußtseins kommen? Dieses Bewußtsein wird durch den Stachel der Krise voran­getrieben werden. Denn wenn der Kapi­talismus gezwungen ist, der Arbeiter­klasse die materiellen Grundlagen für ihr Überleben zu entziehen, werden immer mehr Arbeiter die Illusionen über den Charakter dieses Systems verlieren, ler­nen, durch ihren Widerstand als Klasse ihre Kraft zu erkennen, somit an Selbst­vertrauen zu gewinnen. Aus diesen Kämpfen muß dann massenhaft das Be­wußtsein heranwachsen, daß eine neue Gesellschaft nötig ist, und daß der Träger dieser neuen Gesellschaft die Arbeiter­klasse ist. Zu dieser Erkenntnis, zu deren Verbreitung müssen wir als Revolutio­näre beitragen. Dd 7/92