90 Jahre nach der Krise von 1929: Der dekadente Kapitalismus und die Versuche zur Eindämmung der Überproduktion

Der Börsenkrach vom Oktober 1929, der die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre einleitete, bestätigte vor neunzig Jahren, was der Erste Weltkrieg bedeutet hatte, nämlich dass der Kapitalismus definitiv in seine Phase des Niedergangs eingetreten war. Innerhalb weniger Monate gerieten viele Millionen von Menschen in schreckliche materielle Not. Natürlich hat die Bourgeoisie seit dieser Zeit gelernt, die Gewalt der Krise abzuschwächen, aber trotz der Lehren, die sie daraus ziehen konnte, ist diese Krise nie überwunden worden. Dies bestätigt, dass in der Periode die durch den Ersten Weltkrieg eingeläutet wurde, die Widersprüche des Kapitalismus nur zur Verschlechterung der Lebensbedingungen der überwiegenden Mehrheit der Menschheit führen konnten.

Eine globale Krise

Die Krise von 1929 entspricht zweifellos der Diagnose von Marx und Engels aus dem Manifest der Kommunistischen Partei über die bereits im 19. Jahrhundert vom Kapitalismus hervorgerufenen Krisen: „In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion.“ (Kommunistisches Manifest, Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 4. S- 468). Die Krise von 1929 ist nicht mit dem Börsenkrach vom 24. und 29. Oktober 1929 ausgebrochen, sondern die Lage des Kapitals verschlechterte sich vor dieser Zeit in mehreren Ländern und in mehreren Bereichen der Wirtschaft beträchtlich. So war beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Produktion im Bau- und Automobilsektor seit März 1929 rückläufig, und dieser Rückgang weitete sich im Sommer desselben Jahres auf die gesamte Wirtschaft aus. Darüber hinaus war in den europäischen Ländern die Konjunktur im Allgemeinen rückläufig, hier lag der Börsenkrach bereits vor dem, den die USA erlebten. Unter diesen Bedingungen konnten Spekulationen an der New Yorker Börse nur zu einem Gewinnrückgang und letztendlich zu einem Crash führen. Dieser Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in den Kernländern des Kapitalismus war zum einen auf die seit Mitte der 1920er Jahre anhaltende weltweite Überproduktion von Agrarprodukten zurückzuführen, die einen Rückgang der landwirtschaftlichen Einkommen zur Folge hatte, und zum anderen auf das anhaltend niedrige Lohnniveau, das in allen Industrieländern deutlich geringer gestiegen war als die Produktion. Eine solche Dynamik bestätigte eindrücklich, was Marx als Ursache der Krise unterstrichen hatte: "Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde“. Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 25, "Das Kapital", Bd. III, Fünfter Abschnitt, 30. Kapitel. Geldkapital und wirkliches Kapital II, S. 500).

Natürlich reduzierte der Börsencrash die Finanzkapitalreserven stark was den Konkurs von Großbanken wie der Bank of the United States verursachte, was wiederum die Überproduktion verschärfet, da die Finanzierung der Kapitalakkumulation immer schwieriger wurde. Es folgte ein drastischer Rückgang der Investitionen, der den seit mehreren Jahren bestehenden allgemeinen Trend um eine massive Überproduktion von Produktionsgütern erweiterte. Diese Dynamik hat zu einer raschen Beschleunigung des Rückgangs der Industrieproduktion geführt. Ebenso sollte sich die Krise aufgrund der internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen weltweit verschärfen. Die beiden am stärksten entwickelten Länder, die Vereinigten Staaten und Deutschland, verzeichneten den stärksten und schnellsten Rückgang der Wirtschaftstätigkeit. Doch in den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch waren die Bourgeoisie und die meisten ihrer Ökonomen geblendet von der Vorstellung, dass das kapitalistische System ewig sei, und dachten mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Hoover, dass "alles in sechzig Tagen vorbei sein würde" und dass, wie in den Krisen des 19. Jahrhunderts, die wirtschaftliche Erholung spontan erfolgen würde. Die Gewalt der Krise verursachte tiefe Verzweiflung in der herrschenden Klasse, aber da es ihnen zunächst darum ging, einen Mindestgewinn zu erzielen, reagierten die Unternehmen damit, massenhaft Arbeiter zu entlassen und die Löhne zu senken. Was die Staaten betrifft, so haben sie trotz aller Zögerungen versucht, ihre finanzielle Glaubwürdigkeit zu wahren, indem sie einen ausgeglichenen Haushalt durch dieSenkung der öffentlichen Ausgaben aufrechterhalten haben. So wurde in den Vereinigten Staaten eine Politik der Geldmengenreduzierung und der massiven Erhöhung der direkten und indirekten Steuern, die im Juni 1932 beschlossen wurde, durchgeführt. In Deutschland erhöhte Reichskanzler Brüning, genannt Hungerkanzler, die Steuern, reduzierte die Gehälter der Beamten um 10% und ab 1930 die Arbeitslosenunterstützung; im Juni 1931 wurden dann in Deutschland noch härtere Maßnahmen gegen die Arbeitslosen ergriffen. In Frankreich kürzten die verschiedenen Regierungen bereits 1933 die öffentlichen Ausgaben, Renten und Beamtengehälter und 1935 wurden diese um 15% und dann nochmal um 10% gekürzt. Eine weitere Vorgehensweise der Staaten bestand darin, die Volkswirtschaft durch Protektionismus zu schützen: Alle Länder traten in die Fußstapfen der Vereinigten Staaten, deren Kongress den Smoot-Hartley Act verabschiedet hatte, der die Zölle vor dem Absturz im Oktober 1929 um 50% erhöhte. In den 1930er Jahren entwickelte sich sogar ein richtiger Handels- und Währungskrieg zwischen den Großmächten.

Insbesondere das im September 1931 beschlossene Floating des britischen Pfunds und seine Abwertung um mehr als 30 % und die Abwertung des Dollars um 40 % im Jahr 1933 zeigen, dass sich jede Großmacht wie das Vereinigte Königreich und der Commonwealth, die eine imperiale Präferenz für ihren Außenhandel behaupten, auf ihren Einflussbereich zurückgezogen hat. Diese Politik zeigt, dass die Bourgeoisie nicht verstanden hatte, dass der Kapitalismus, der sich vor dem Ersten Weltkrieg in seiner aufsteigenden Periode befand, nicht mehr in der Lage war, die Überproduktion einzudämmen, zu der seine Widersprüche unwiderruflich drängen. Im 19. Jahrhundert hatten die Krisen zu neuen Wachstumsphasen geführt, weil der Weltmarkt noch offen war und somit das modernste und dynamischste inländische Kapital neue Märkte finden konnte, die die zyklischen Probleme der Überproduktion überwinden konnten. Wie Rosa Luxemburg zeigte, war der Erste Weltkrieg Ausdruck der Tatsache, dass der Weltmarkt global zwischen den Großmächten aufgeteilt worden war, und dass es nicht mehr genug neue, zu erobernde Märkte gab. Dies bedeutete, dass der „Ausweg“ aus der Krise nur die Zerstörung des Kapitalismus durch die Arbeiterklasse oder der Ausbruch eines neuen Weltkriegs sein konnte. Infolgedessen haben die staatlichen Maßnahmen, die  in den ersten drei oder vier Jahren nach dem Krach vom Oktober 1929 folgten und die sich auf die Erfahrungen des 19. Jahrhunderts stützten, die Auswirkungen der Überproduktion nicht verringert, sondern im Gegenteil verschlimmert. Tatsächlich waren, wie der Ökonom Kindleberger sagt, diese Jahre "ein Rutschen in den Abgrund". Zwischen dem Herbst 1929 und dem ersten Quartal 1933 schrumpfte das BIP der Vereinigten Staaten und Deutschlands um die Hälfte, das durchschnittliche Preisniveau sank weltweit um 32%, das Volumen des Welthandels um 25%. Eine solche Verschlechterung der wirtschaftlichen Aktivität führte zu einem Rückgang der Gewinne, was erklärt, warum die Bruttoinvestitionen in den Vereinigten Staaten 1932 nahe Null lagen. Mit anderen Worten, viele Unternehmen haben ihre verschlissenen Maschinen nicht ersetzt. Wie Keynes sagte, können Unternehmen ab einem gewissen Grad Preisverfall und damit Verlusten ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen und somitkönnen Banken nur noch zusammenbrechen; was dann auch passierte. Großbanken gingen in allen Ländern in Konkurs. Am 13. Mai 1931 wurde die österreichische Creditanstalt als größte mitteleuropäische Bank zahlungsunfähig; im Juli desselben Jahres befand sich auch die große deutsche Bank Danatbank in Konkurs und aufgrund der Bankenpanik schlossen alle deutschen Banken drei Tage lang; in den USA war die Zahl der Bankenpleiten Anfang 1932 so hoch, dass der neu gewählte Präsident Roosevelt gezwungen war, das gesamte Bankensystem zu schließen (mehr als 1.000 Banken sollten nie wieder öffnen!). Die Folgen für die Arbeiterklasse waren erschreckend: Die Arbeitslosigkeit stieg in allen Ländern: Ende 1932 erreichte die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten mindestens 25% und 30% in Deutschland. [1]Ein großer Teil der Arbeitnehmer arbeitete nur ein paar Stunden in völliger Armut; in Deutschland und Großbritannien wurden die Arbeitslosenunterstützung gekürzt; die Warteschlangen von ausgemergelten Menschen, die fast nur noch Lumpen anhatten, für eine Suppenküche wurden immer länger, während Tonnen unverkäuflicher Waren zerstört wurden. In Brasilien wurden sogar Kaffeevorräte in Lokomotiven verheizt! Schließlich haben Steuererhöhungen zu einer weiteren Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse geführt.

Welche Lehren hat die Bourgeoisie aus der Krise von 1929 gezogen?

Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft zwang die herrschende Klasse und einige ihrer Experten, ihre alten liberalen Gebote der Nichteinmischung durch den Staat und der Einhaltung ausgeglichener Staatshalte in Frage zu stellen und zu erkennen, dass die Ursache der Krise die Überproduktion war, die die Bourgeoisie geschickt in Keynes' Theorie der  "unzureichenden Nachfrage" umtaufte. Um den Zusammenbruch des Kapitals zu stoppen, ging es zunächst darum, dass die Staaten den Produktionsapparat übernahmen, manchmal gar direkt, wie in Frankreich bei den Eisenbahnen oder in Großbritannien bei London Transport oder beim Luftverkehr. Aber vor allem bestand diese staatliche Kontrolle darin, alle Unternehmen durch Regulierung zu zwingen, die Betriebe im Einklang mit den Interessen des nationalen Kapitals zu führen: Das ist der Kern des berühmten New Deal von Präsident Roosevelt in den Vereinigten Staaten oder des De Man Plans in Belgien. In den Vereinigten Staaten hat die US-Regierung durch den Banking Act eine Art Versicherung geschaffen, an die sich die Banken halten mussten, um Mittel von der Zentralbank (FED) zu erhalten. Ein anderes Gesetz organisierte die Agrarpreisstützung, indem es den Landwirten einen Ausgleich anbot, wenn sie die Menge der von ihnen bewirtschafteten Flächen reduzierten. Der National Industrial Recovery Act von 1933 verlangte von den Industriezweigen festgelegte Produktionsquoten und betriebliche Verkaufspreise (in Deutschland wurden die Unternehmen selbst dafür verantwortlich gemacht). Außerdem gewährte sie den Gewerkschaften das Recht, Tarifverträge zu unterzeichnen, was ihnen auch erlaubte, ihren Einfluss auf die Arbeiterklasse zu erhöhen. Solche Gesetze (die auch in anderen Ländern wie Frankreich zur Zeit der Volksfront zu finden waren) verbesserten die Löhne nicht, da die Preise weiter stiegen. Um die Überproduktion abzubauen, zielten diese Gesetze nicht nur auf die Reduzierung der Produktion, sondern auch auf die Steigerung der Nachfrage durch Erhöhung des Haushaltsdefizits. So hat der National Industrial Recovery Act eine Politik der großen öffentlichen Arbeiten wie die Sanierung des Appalachen Tals, den Bau der Triborough Bridge in New York und den Bau zahlreicher Dämme im Tennessee Valley organisiert. Dasselbe geschah nach 1932 in Deutschland mit dem Bau von Autobahnen, dem Graben von Kanälen und der Sanierung bestimmter Regionen. Die Nachfrage künstlich ansteigen zu lassen bei gleichzeitiger Stärkung der Kontrolle über die Arbeiterklasse war auch das Ziel der britischen Bourgeoisie, als sie die Arbeitslosenunterstützung und ein Rentensystem und die Förderung des Wohnungsbaus einführte. Die Entwicklung der staatlichen Kontrolle über das Kapital, die in den 1930er Jahren auf eher chaotische Weise ihren Einzug hielt, sollte sich immer mehr verbreiten und in der Form des so genannten Keynesianismus theoretisiert werden. Die staatliche Kontrolle des gesamten Kapitals mit einer Reihe von Mitteln (von der Verstaatlichung bis zur staatlichen Unterstützung von Unternehmen) wurde zunehmend systematisiert. Die zunehmend massive (staatlich angefachte) Verschuldung der gesamten Wirtschaft sowie die Praxis der öffentlichen Defizite nahmen kontinuierlich zu, um die Auswirkungen der Überproduktion abzumildern. Ebenso die Errichtung des "Wohlfahrtsstaates" nach dem Zweiten Weltkrieg, der die in Westeuropa in den 1930er Jahren ergriffenen Maßnahmen weiter ausbaute – somit wirkte dies als ein Nachfrageregulator und gleichzeitig als ein Instrument der ideologischen Kontrolle der Arbeiterklasse. Wie in den 1930er Jahren konnte der Einsatz all dieser Mittel es dem Staat ermöglichen, die Auswirkungen der Überproduktion über die Zeit zu verteilen. Aber unter keinen Umständen kann die Bourgeoisie die Krise lösen und die Überproduktion wirklich überwinden.

Heute verschärft sich die Krise des kapitalistischen Systems weiter, wenn auch in einem viel langsameren Tempo als in den 1930er Jahren. Sie bestätigt, dass der Staatskapitalismus kein Mittel ist, um der Überproduktion, die dem Kapitalismus innewohnt, ein Ende zu setzen. Tatsächlich ist die Reaktion des Kapitals auf die Krise selbst Ausdruck der Senilität der kapitalistischen Produktionsweise, die sich ständig verstärkt. So kann die Krise nur begrenzt werden, aber dies geschieht nur durch die Verschärfung aller Widersprüche, die immer heftiger und zerstörerischer werden.

Vitaz, 8. Oktober 2019


[1]Einige Statistiken weisen viel höhere Zahlen aus.

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Wirtschaftskrise