Der Marxismus und das Mensch-Natur-Verhältnis

In der Diskussion innerhalb der Umweltbewegung wird eine
Menschheitsfrage& aufgeworfen, doch noch ist die Fragestellung verkürzt auf
Reformationen innerhalb des bestehenden Systems. Folgende Einsendung hat die
Diskussion innerhalb der IKS aufgenommen, um die Frage nach dem 'Marxismus und
das Mensch-Natur-Verhältnis' zu vertiefen.

Der gesellschaftliche und der natürliche Leib der Gattung Mensch – Der
Marxismus und das Mensch-Natur-Verhältnis

„Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur,
soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur,
heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss,
um nicht zu sterben. Dass das physische und geistige Leben des Menschen mit der
Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als dass die Natur mit sich
selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur.“
K. Marx,
Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40,S. 516.

Was hat der Marxismus zu dieser Fragestellung beizutragen? Waren Marx
und Engels nicht noch geblendet von der gewaltigen historischen Aufgabe des
Kapitalismus, die Produktivkraft zu entwickeln? Übersahen sie nicht das
zerstörerische Potential, welches uns heute bedroht? Haben Marx und Engels
schlicht zu früh gelebt, um uns heute eine Orientierung zu bieten? Ist der
Marxismus eine unvollständige Wissenschaft, welche erweitert bzw. abgeschrieben
werden muss?

Die stalinistischen Parteien und ihre bürgerlichen Kritiker haben die
lebendige marxistische Methode zu einer ökonomistischen bzw. rein
philosophischen Lehre oder Weltanschauung degradiert, diese ist sicherlich
endgültig gescheitert, ihre staatskapitalistische Form trieb besonders skurrile
Formen in der ökologischen Zerstörung (Baikal-See). Dagegen gilt es die lebendige
Sprengkraft der marxistischen Methode für die gegenwärtigen Menschheitsfragen
frei zu legen und zu prüfen, welche Orientierung sie uns an diesem Scheideweg
geben kann.

Der Stoffwechsel

Von Anbeginn stand die tiefe historische Perspektive im Zentrum der militanten,
kommunistischen Tätigkeit von Marx und Engels. Sie versuchten Lehren aus der
gesamten Menschheitsgeschichte zu ziehen, um die Untersuchung der Gegenwart zu
vollziehen und den Blick nach vorn zu wagen. So trieb sie die Frage um, was uns
– als Gattung Mensch – von den anderen Lebewesen unterschied - eine Frage die
sie nie mehr loslassen sollte. Sie stellten fest, dass der Mensch ein Teil der
Natur war (und ist) und sich erst aus ihr herausgeschält hat:

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein
Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene
Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als
eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme
und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer
für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese
Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich
seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und
unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit.“ (
K. Marx, Kapital I, MEW 23,
192).

Schon der homo habilis verwendete vor ca. 2,5 Millionen Jahren
Steinwerkzeuge, eine Potenzierung der »seiner Leiblichkeit angehörigen
Naturkräfte«
, die erste rohe Form dessen, was unter den Menschen dann als
Produktivkraft zum Einsatz kommt. Die Veränderung des
Mensch-Natur-Verhältnisses ist also ein evolutionäres und ein historisches.
Evolutionär, als Teil der natürlichen Gattungsveränderung zum homo sapiens.
Historisch, als Bewusstwerdung der Natur und des Menschen und
somit der »menschlichen Geschichte«:

„Aber gerade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die
Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des
menschlichen Denkens, und im Verhältnis, wie der Mensch die Natur verändern
lernte, in dem Verhältnis wuchs seine Intelligenz.“ (
F. Engels, Naturdialektik,
MEW 20, 498.)

Eine bedeutende Stufe im Mensch-Natur-Verhältnis war erklommen. Was
unterscheidet nun den Mensch von den anderen Lebewesen?

„Dass das Bedürfnis des einen durch das Produkt des anderen und vice
versa befriedigt werden kann und der eine fähig ist, den Gegenstand dem
Bedürfnis des andren gegenübersteht, zeigt, dass jeder als Mensch über sein
eigenes besonderes Bedürfnis etc. übergreift und dass sie sich als Mensch
zueinander verhalten; dass ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen
gewusst ist.“
(Marx, Grundrisse MEW 42, S. 168)

Die Fähigkeit des sozialen Handelns – als Menschen zueinander –
unterscheidet die Gattung Mensch von den anderen Lebewesen. Dieses soziale
Handeln besitzt schon eine rohe Form von Bewusstsein in sich (siehe Engels
»Naturdialektik«). Dieser gesamte Bereich wird als „gesellschaftlicher
Stoffwechsel“ in aller Ausführlichkeit und auf den unterschiedlichsten Ebenen
von Marx und Engels entwickelt (Klassenanalyse, Fetischismus, Warenproduktion,
Wertform usw.). Und genau in dieser Fähigkeit zum sozialen Handeln „als
Menschen zueinander“
sehen sie die Möglichkeit des Kommunismus. Wenn die
Produktivkräfte soweit entwickelt sind, dass ein Leben aller Menschen frei von
mühsamer Arbeit und Ausbeutung möglich ist und eine gesellschaftliche Kraft
entstanden ist, deren Kampf zum Kampf der gesamten Menschheitsbefreiung wird,
die den blinden gesellschaftlichen Antagonismus überwindet, dann kann die
Menschheit ihre unbewusste Vorgeschichte hinter sich lassen und das Zeitalter
der bewussten Vergesellschaftung – den Kommunismus – einläuten.

Soweit bekannt.

Den gesellschaftlichen Stoffwechsel bezeichnen Marx und Engels
gerne auch als „zweite“ Natur. Einmal, um auf die materielle Wirklichkeit, dann
jedoch auch, um auf den entscheidenden Unterschied hinzuweisen. Der gesellschaftliche
Stoffwechsel –
aus dem im historischen Verlauf die Klassengesellschaften
entstanden sind – ist zwar in seiner Gesamtheit für den Menschen unbewusst,
doch ausschließlich Mensch-gemacht. Im Unterschied dazu die „erste“ Natur.
„Die Natur ist sein Leib mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um
nicht zu sterben.“ Dies ist ein Stoffwechsel mit der Natur.
Wir können die
Natur bearbeiten, erkunden, nutzen, zähmen, beeinflussen – aber wir können sie
nicht erschaffen, sondern sind abhängig von dem „beständigem Prozess“
mit ihr. Während der gesellschaftliche Stoffwechsel von Menschen gemacht
wird, ist der „beständige“ Stoffwechsel mit der Natur Voraussetzung für
unsere Existenz als Gattung!

Ungeheure Naturkräfte

Vielleicht war Marx und Engels dieses Verhältnis des Menschen zu seinem
eigenen Leib abstrakt bewusst, doch kommen wir zu dem eingangs formulierten
Vorwurf zurück: Sie haben einfach zu früh gelebt - waren sie tatsächlich blind
gegenüber dem zerstörerischen Potential der Produktivkräfte gegenüber der
Natur?

Zuerst sollte deutlich darauf hingewiesen werden, dass in der bei weitem
längsten Zeit der Menschheitsgeschichte für die absolute Mehrheit der
Weltbevölkerung die Arbeit mühsam und qualvoll an den Boden gefesselt war und
nicht nur der herrschaftlichen, sondern auch und häufig sehr drastisch der
natürlichen Willkür (Klimaveränderungen, Dürren, Unwetter, Flutwellen, Einfall
von „Schädlingen“ und wilden Tieren, Vulkanausbrüche …) ausgeliefert war. Der
langsame Einblick in die Bewegungsgesetze der Natur, die Entwicklung der
Wissenschaft waren wichtige Schritte der menschlichen Vergesellschaftung im Stoffwechselprozess
mit der Natur
, als auch für den gesellschaftlichen Stoffwechsel (die
qualitativen Sprünge in der Entwicklung der Produktivkräfte sprengten die
starren gesellschaftlichen Formen).

Marx und Engels wiesen jedoch drastisch auf die Perfidie der
Produktivkraftentwicklung (der „Einverleibung ungeheurer Naturkräfte und der
Naturwissenschaft“
MEW 23, S. 408) im Kapitalismus hin: Statt die Menschen
von der mühsamen Arbeit zu befreien, forcierte die kapitalistische Entwicklung
die Lohnarbeit. Der Einsatz der Maschinerie bedeutete eine Verlängerung und
Intensivierung der Arbeit.

Und da Marx und Engels sowohl über eine tiefe historische Perspektive
verfügten, als auch bemüht waren, vom modernen Stand der Wissenschaften zu
lernen, entgingen ihnen nicht die ersten Auswirkungen auf den „unorganischen
Leib“
Natur: „Wie in der städtischen Industrie wird in der modernen
Agrikultur die gesteigerte Produktivkraft und größere Flüssigmachung der Arbeit
erkauft durch Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft selbst. Und jeder
Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in
der Kunst den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben,
jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene
Zeitfrist zugleich ein Fortschritt in Ruin der dauernden Quellen dieser
Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika
z.B. von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht,
desto rascher dieser Zerstörungsprozess. Die kapitalistische Produktion
entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen
Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums
untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“
(K. Marx, Kapital I, MEW 23, S.529)
Dies muss heute stark unterstrichen werden.

Der Blick zurück legt das Grundproblem offen:

„Das Fazit ist, dass die Kultur - wenn naturwüchsig vorschreitend und
nicht bewusst beherrscht Wüsten hinter sich zurücklässt, Persien, Mesopotamien
etc. Griechenland „
(Brief von Marx an Engels, 26. März 1868). Das
Grundproblem liegt also in dem unbewussten „Fortschritt“ der
Vergesellschaftung – welcher seit den frühen Gesellschaftsformen von Persien
und Mesopotamien und ihrem relativ niedrigen Stand der Produktivkräfte heute
ins Unermessliche gestiegen ist – eine zerstörerische Unermesslichkeit, wie
immer wieder betont werden muss.

Fassen wir zusammen: die Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus schuf
mit der „Einverleibung ungeheurer Naturkräfte und der Naturwissenschaft“
erstmals in der Menschheitsgeschichte die Möglichkeit für die
Überflussproduktion, somit die Möglichkeit der Sicherung der Reproduktion der
gesamten Weltbevölkerung. Beides konnte sich im Kapitalismus nur in seiner
pervertierten Form ausdrücken, anarchische Krisen produzierende Überproduktion
von Waren(müll) bei gleichzeitiger Verelendung der Weltbevölkerung. Dies
beruhte auf einer Veränderung im Stoffwechselprozess mit der Natur, welche in
der Wucht nur mit der neolithischen Revolution verglichen werden kann. Welche
jedoch in ihrer weiteren Entwicklung auf die Zerstörung der „Beständigkeit“
des Prozesses hinausläuft. Solange die Produktivkraftentwicklung der
Kapitalakkumulation bzw. dem Profit untergeordnet bleibt, wird sich daran
nichts ändern. Nur die bewusste Vergesellschaftung ist in der Lage, auch den
Stoffwechselprozess mit der Natur auf eine neue Stufe zu heben, die als Grundlage
die „Beständigkeit“ des Stoffwechselprozess setzt.

„Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der
Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich
erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in
diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die
assoziierten (frei und bewusst vereinten) Produzenten, diesen ihren
Stoffwechsel mit der Natur rational regeln, unter ihre gemeinschaftliche
Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu
werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen
Natur würdigsten und
passendsten Bedingungen vollziehen. (K. Marx, Kapital
III, MEW 25, 828).

Marx und Engels hatten also eine Methode erarbeitet, welche ihnen schon
im aufstrebenden Kapitalismus die Möglichkeit gab, das antagonistische System
in seiner Komplexität und seiner Dialektik von erster und zweiter Natur zu
begreifen und sie ermahnten uns, dass erst die bewusste Vergesellschaftung
unsere „natürlich“ und „sozial“ würdige Gattungsnatur erreichen könne.[1]

Bebels Energiewende

Warum scheint dieser zentrale Aspekt der Marxschen Methode heute so tief
verschüttet? Ist er in der Arbeiterbewegung nicht aufgenommen worden?

Schon ein Blick in die Leserbriefspalten der bürgerlichen Presse lässt
diese Frage klar beantworten. Allein am 25. März 2011 wiesen zwei
Leserbriefschreiber der FAZ auf die Bedeutung von August Bebels Buch „Die Frau
im Sozialismus“ in der heutigen Klimadebatte hin. Im aufstrebenden Kapitalismus
hatte sich besonders in Deutschland unter kritischer Begleitung von Engels die
sozialdemokratische Partei als die Partei der Arbeiterbewegung
etabliert. Sie war eine machtvolle Massenpartei, die das Parlament und ihre
Presse als Agitations- und Propagandabühne nutzte. Arbeiterkulturvereine, Lese-
und Bildungsgruppen bildeten eine eigene proletarische Gegenwelt, man bereitete
sich auf den Weg zum Sozialismus vor. Dieses Selbstbewusstsein der
revolutionären sozialdemokratischen Bewegung drückt sich voll in August Bebels
1879 erschienen Buch „Die Frau im Sozialismus“ aus. Bebel breitet hier
umfangreiches empirisches Material aus und stellt Überlegungen an, wie die
kapitalistischen Antagonismen mit dem damaligen Stand der Produktivkräfte und
ihrer Befreiung und Weiterentwicklung im Sozialismus zu überwinden wären. Es
ist keine Übertreibung zu behaupten, dass Bebel, neben vielen weiteren
Menschheitsfragen, auch die Energiewende um über 130 Jahre vorweggenommen hat:

„Die vollste Ausnutzung und umfassendste Anwendung aber wird diese Kraft
erst in der sozialisierten Gesellschaft erlangen. Sie wird sowohl als
motorische Kraft wie als Licht- und Heizquelle in ungemeinem Maße zur
Verbesserung der Lebensbedingungen der Gesellschaft beitragen. Die Elektrizität
zeichnet sich vor jeder anderen Kraft dadurch aus, dass sie in der Natur im
Überfluss vorhanden ist. Unsere Wasserläufe, Ebbe und Flut des Meeres, der
Wind, das Sonnenlicht liefern ungezählte Pferdekräfte, sobald wir erst ihre
volle und zweckmäßige Ausnützung verstehen.“
(A. Bebel Die Frau im Sozialismus S. 428)[2]

Doch hier sollen keine Illusionen genährt werden, Bebel machte dem
Kapitalismus keine Vorschläge: „Das Kapital tut nicht mit, wo kein Profit
herausspringt. Die Menschlichkeit hat keinen Kurs an der Börse.“
(A. Bebel
S. 427) Ein neuer Schritt im Stoffwechselprozess des Menschen mit (seiner) Natur
war für ihn nur im Sozialismus möglich und er ahnte schon, welche enorme
Bereicherung dies bedeuten würde: „Der Mensch würde an Milde und Moral
gewinnen“

„Der sozialistische Mensch … wird die Natur … beherrschen“

Als Trotzki sich nach Lenins Tod schon weit isoliert im Zentralkomitee
und gesundheitlich angeschlagen im Jahr 1922/23 für einige Monate aufs Land
zurückzog, schrieb er große Teile der Texte, die später als „Literatur und
Revolution“ herausgegeben wurden. Auch Trotzki lässt seinen Blick mit bildmächtiger
Sprache in die Zukunft schweifen. Hier finden sich berührend visionäre
Ausblicke auf die Reichhaltigkeit und Tiefe der nach-revolutionären
kommunistischen Debatte[3], aber auch
deutliche Worte zum zukünftigen Verhältnis des Menschen zu seiner Natur:

„Der sozialistische Mensch will und wird die Natur in ihrem ganzen
Umfang einschließlich der Auerhähne und der Störe mit Hilfe von Maschinen
beherrschen. Er wird beiden ihren Platz anweisen und zeigen, wo sie weichen
müssen. Er wird die Richtung der Flüsse ändern und den Ozeanen Regeln
vorschreiben. […] Natürlich wird dies nicht bedeuten, dass der ganze Erdball in
Planquadrate eingeteilt wird und dass die Wälder sich in Parks und Gärten
verwandeln. Wildnis und Wald, Auerhähne und Tiger wird es wahrscheinlich auch
dann noch geben, aber nur dort, wo ihnen der Mensch der Platz anweist. Und er
wird dies so gescheit einrichten, dass selbst der Tiger den Baukran nicht
bemerken und nicht melancholisch werden, sondern wie in Urzeiten weiterleben
wird. Die Maschine steht nicht im Gegensatz zur Erde.“
(L. Trotzki „Literatur und
Revolution“, S. 212)

Von heute aus gelesen, bekommt dieser Textausschnitt neben dem
visionären auch einen schalen Beigeschmack. Zu sehr schiebt sich hier der über
die Natur herrschende Mensch mit dem konterrevolutionären Programm „Aufbau des
Sozialismus in einem Land“ unter Stalin zusammen. Trotzki hat Stalin zwar
politisch bekämpft, jedoch hat er sich nie von seiner Analyse getrennt, in der
Sowjetunion würden die ersten Schritte zum Sozialismus gemacht. Doch wir müssen
scharf trennen zwischen dem menschen- und naturverachtenden Gigantomanismus des
Stalinismus und der Kreativität der klasssenlosen Gesellschaft. Der Bau des
Stalin-Kanals (der spätere Weißmeer-Ostsee-Kanal) 1931 – 33 änderte nicht nur
„die Richtung der Flüsse“, es wurden auch Zehntausende durch Zwangsarbeit
vernichtet.

Trotzkis Perspektive war (zehn Jahre vorher) trotz verheerendem
Bürgerkrieg, katastrophalen Lebensbedingungen, dem beginnenden Rückfluss der
revolutionären Welle und seiner eigenen politischen Isolation noch sehr
optimistisch, was die zukünftige Kämpfe und den Weg zum Sozialismus betrifft
und er hatte ein tiefes Vertrauen in die Menschheit und ihre kreatives
Potential: „Schließlich wird er die Erde, wenn auch nicht nach seinem Vor-
und Ebenbild, so doch nach seinem Geschmack umbauen. Wir haben keinen Grund zu
der Befürchtung, dass dieser Geschmack ein schlechter sein wird.“
(S. 211).
Ähnlich wie Bebels Visionen deuten Trotzkis Überlegungen auf eine enorme
Kreativität und Radikalität hin – eben Menschheitsfragen. Damals wäre es
notwendig gewesen, eine offene Parteidebatte um die Frage des dialektischen
Verhältnisses des Menschen zu seiner eigenen Natur einzuläuten. Doch die
Konterrevolution war schon weit fortgeschritten, die innerparteiliche Debatte
war erstickt und es gehört zu den traurigen Kapiteln der Menschheitsgeschichte,
dass Stalin an vielen Stellen Ideen von Trotzki aufnahm, um sie mit aller
Menschen- (und Natur-)Verachtung umzusetzen (erinnert sei nur an das Programm
gegen die angeblichen Kulaken auf dem Land und die Zwangskollektivierung,
welche Millionen von Menschen das Leben kostete). Ein deutlicher Beleg dafür,
dass der Stalinismus nicht nur eine un- sondern gar ein anti-marxistische
Politik war.

Die Konterrevolution schritt voran. Die Perversion und Vernichtungskraft
des ersten Weltkrieges wurde im zweiten um ein Vielfaches überschritten. Die
Flächenbombardements von Großstädten und der Abwurf der Atombomben sollten
jeden Gedanken an eine soziale Revolte nach der Menschenschlächterei zermalmen.
Die wenigen Revolutionäre, die überlebt hatten, versuchten die
Klassenperspektive aufrecht zu halten und den historischen Kurz zu bestimmen.
Pannekoek schrieb 1955 im Alter von 82 Jahren: „Die Menschheit ist
damit beschäftigt, sich selbst zu vernichten. In diesem kurzen Satz ist die
atomare Bedrohung treffend formuliert.“
(A. Pannekoek, „Atompolitik“,1955 –
wieder veröffentlicht in „Arbeiterräte – Texte zur sozialen Revolution“,
Germinal 2008). Hiermit schließt sich Pannekoeks Analyse des niedergehenden
Kapitalismus. Schon 1906 hatte er darauf hingewiesen: „Der Kapitalismus ist
jetzt ein Hemmnis des Fortschritts.“
(A. Pannekoek, „Zukunftsstaat“, 1906
bei www.marxist.org) und 1918, während des ersten Weltkriegs, hat er darauf
hingewiesen, dass nun alle Produktionskräfte in den Dienst des Krieges gestellt
worden wären und für Chaos und Verwüstung gesorgt hätten. Im niedergehenden
Kapitalismus ist die Frage „Sozialismus oder Barbarei“ zu einer Gattungsfrage
geworden: „Sozialismus oder Zerstörung der menschlichen Natur“. Diese zutiefst
marxistische Analyse enthält zugleich schon einen deutlichen Hinweis auf die
Haltung, die wir uns nur durch die Revolution zu unserer Natur erkämpfen müssen
und deren Grundverhältnis bereits bei Marx angelegt war[4].

 


[1] „Selbst eine
ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften
zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer,
ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden
Generationen verbessert zu hinterlassen.“
Marx, K. : Das Kapital, Band III
S. 784

„Antizipation der Zukunft – wirkliche Antizipation –
findet überhaupt in der Produktion des Reichtums nur statt mit Bezug auf den
Arbeiter und die Erde. Bei beiden kann durch vorzeitige Überanstrengung und
Erschöpfung, durch Störung des Gleichgewichts zwischen Ausgabe und Einnahme,
die Zukunft realiter [in Wirklichkeit] antizipiert und verwüstet werden. Bei
beiden geschieht es in der kapitalistischen Produktion.“
Marx, K., Kritik
der politischen Ökonomie, S. 303)

[2] das hier
angeführte Zitat stammt aus der 50. Auflage von 1909, hier zitiert er auch den
britischen Physiker Sir S. Thomson: „Nicht allzufern ist der Tag, da die Ausnutzung
der Sonnenstrahlen unser Leben revolutionieren wird, von der Abhängigkeit von
Kohle und Wasserkraft befreit sich der Mensch, und alle großen Städte werden
umringt sein von gewaltigen Apparaten, regelrechten Sonnenstrahlenfallen, in
denen die Sonnenwärme aufgefangen und die gewonnene Energie in mächtigen
Reservoirs aufgestaut wird ... Es ist die Kraft der Sonne, die, in der Kohle,
in den Wasserfällen, in der Nahrung aufgestapelt, alle Arbeit in der Welt
verrichtet. Wie gewaltig diese Kraftabgabe ist, die die Sonne über uns
ausschüttet, wird klar, wenn wir erwägen, daß die Wärme, die die Erde bei hoher
Sonne und klarem Himmel empfängt, nach den Forschungen von Langley einer
Energie von 7.000 Pferdekräften für den Acre gleichkommt. Wenngleich unsere Ingenieure
einstweilen noch nicht den Weg gefunden haben, diese riesenhafte Kraftquelle
auszunutzen, so zweifle ich doch nicht, daß ihnen dies schließlich gelingen
wird. Wenn einst die Kohlenvorräte der Erde erschöpft sind, wenn die
Wasserkräfte unserem Bedürfnis nicht mehr genügen, dann werden wir aus jener
Quelle alle Energie schöpfen, die notwendig ist, um die Arbeit der Welt zu
vollenden. Dann werden die Zentren der Industrie in die glühenden Wüsten der
Sahara verlegt werden, und der Wert des Landes wird danach gemessen werden,
inwieweit es geeignet ist für die Aufstellung der großen
'Sonnenstrahlenfallen'. Hiernach wäre die Sorge, daß es uns
jemals an Heizstoffen fehlen könnte, beseitigt. Und da durch die Erfindung des
Akkumulatoren es möglich ist, große Kraftmengen zu binden und sie für einen
beliebigen Ort und eine beliebige Zeit aufzusparen, so daß neben der Kraft, die
Sonne, Ebbe und Flut uns liefert, die Kraft des Windes und der Bergbäche, die
nur periodisch zu gewinnen sind, erhalten und ausgenutzt werden können, so gibt
es schließlich keine menschliche Tätigkeit, für die, wenn notwendig, motorische
Kraft nicht vorhanden ist.
(A. Bebel Die Frau im Sozialismus S. 428/429)

[3] siehe, die
Internationalen Revue Nr. 31, http://de.internationalism.org/node/616

[4] „Der
Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher
Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens
durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des
ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für
sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser
Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter
Humanismus = Naturalismus, er ist die Wahrhafte Auflösung des Widerstreites
zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung
des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und
Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und
Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese
Lösung.“
Marx, K., Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, S. 135.

Quelle des Briefs
von Marx an Engels, 26. März 1868:

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000002352/6_Kapitel5.pdf?hosts=

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