Buchrezension: Ante Ciliga - Im Land der verwirrenden Lüge

 

Wir haben die Zusendung eines Lesers erhalten,
dem der bloße Verweis auf die Arbeiterkämpfe als Grundlage einer eigenen
Organisierung zu wenig geworden ist. Seit mehreren Monaten beschäftigt er sich
intensiver mit der revolutionären
Tradition in der Arbeiterbewegung und nimmt Teil an den Diskussionen im
linkskommunistischen Milieu. Wir
begrüßen die Initiative des Lesers und ermutigen alle anderen Leser/Innen uns
solche Texte zur Verfügung zu stellen.

Zeugnis
einer fast verschütteten Diskussion

1953 erschien mitten im Kalten Krieg in der Reihe »Rote
Weißbücher« im Verlag für Politik und Wirtschaft Ante Ciligas Aufzeichnungen
»Im Land der verwirrenden Lüge«. Gekürzt aufgelegt als anti-kommunistische
Agitationsausgabe bei Kiepenheuer und Witsch, dem damaligen »Hausverlag« des
Gesamtdeutschen Ministeriums. Die schon längst vergriffene Ausgabe ist in dem
Berliner Kleinverlag »die Buchmacherei«

[i]

neu erschienen.
Diese Wiederveröffentlichung ist nun eingebettet in die Wiederaneignung eines
Teils der verschütteten linkskommunistischen Geschichte. Es gibt ein neues
Vorwort der Herausgeber und ein biografisch interessantes Nachwort.

 

Worin besteht der besondere Wert von Ante Ciligas
Aufzeichnungen? Kritik aus revolutionärer Perspektive hatte es schon vor ihm
gegeben: Früh wurde die anarchistische Kritik, wie Alexander Berkmans 1925
erschienenes Buch »Der Bolschewistische Mythos – Tagebuch aus der russischen
Revolution 1920–1922«, bekannt. Panait Istrati hatte nach seiner zweiten Reise
1929 durch das post-revolutionäre Russland die Lage der Arbeiterklasse
dramatisch geschildert (dieses Buch erschien 1929 auf französisch und 1930 auf
deutsch). Victor Serges aus Russland herausgeschmuggelter Brief

[ii]


entwarf schon 1933 ein beklemmendes Bild der politischen Enge und Repression.
Was Ante Ciliga auszeichnet ist sein besonderes Drama: Im Herbst 1926 wurde er
von der jugoslawischen KP aus seinem Exil in
Österreich, wo er als Delegierter der KPJ im Balkansekretariat der Komintern
tätig war,
an die Kommunistische Universität der nationalen Minderheiten
des Westens in Moskau entsandt, 1927 nahm er Kontakt mit der trotzkistischen
Opposition auf, damit begann seine Reise durch Knast, Lager und Verbannung. Die
Jahre 1931 – 33 verbrachte er im Lager »Isolator« in Werchne-Uralsk und nahm
dort aktiv teil an den Auseinandersetzungen zwischen den diversen
trotzkistischen Gruppen, der Arbeitergruppe und den Dezisten, an deren Ende die
Gründung der »Föderation der Linkskommunisten« stand

[iii]

.

 

Dieser Text möchte untersuchen, wie diese Diskussion durch
die Veröffentlichung des Buches

[iv]


in die internationale revolutionäre Diskussion eingeflossen ist. Wie die
Diskussion der russischen Linken – die sämtlich liquidiert wurden – die
internationalistische linkskommunistische Auseinandersetzung nach einigen
Jahren doch noch bereichern konnte. Vorangestellt ist ein Blick auf die
Generation der »Bewegung für die Befreiung der Arbeiterklasse« und eine kurze
Skizze der diskutierten Themen.

 

Generation
1917

Verfügte Ante Ciliga über eine besonders geniale
Persönlichkeit, die ihn zu einer solchen Erfahrung befähigte? Nein – er war wie
seine ganze Generation 1917 euphorisiert worden. Viele verbanden wie Ciliga
ihre eigene elendige Situation mit der ihrer ganzen Klasse. Der Kampf der
russischen Arbeiterklasse riss den Horizont auf für eine emanzipatorische
Zukunft und machte zugleich offenkundig, wer den Schlüssel zu dieser in der
Hand hatte. Das Ende des imperialistischen Weltgemetzels schien greifbar nahe. Hunderttausende
junge Arbeiter in Europa traten ein in die »Bewegung für die Befreiung der
Arbeiterklasse« (so Agis Stinas über sein Engagement als Jugendlicher 1917).
Sie nahmen an vorderster Front Teil an den Klassenkämpfen in ihren Ländern, sie
beteiligten sich an den Auseinandersetzungen mit Sozialdemokraten und innerhalb
der Gewerkschaften für eine revolutionäre Politik und gegen die staatlichen
Institutionen und den Krieg. Sie wurden durch die revolutionäre Welle zu
Revolutionären gemacht und als Revolutionäre nahmen sie an ihr begeistert teil.
Auch Ante Ciliga war als Soldat der k.u.k Armee von der russischen Revolution
begeistert. Er organisierte sich gleich in dem linken Flügel der kroatischen
Sozialdemokraten, nahm an der ungarischen Räterepublik teil und polemisierte
1919 innerhalb der Partei für die Weltrevolution. Hunderttausende seiner
Generation gingen den gleichen Weg und bauten die kommunistische(n) Partei(en)
mit auf. Die russische Revolution und die Gründung der Kommunistischen
Internationale war für sie der Beginn der Weltrevolution. Ihre Arbeit in der
Arbeiterklasse und in der Partei war Teil dieser weltweiten Kampfbewegung.
Konnte diese Kampfwelle erlahmen? Konnte diese Partei Fehler machen oder gar zu
einer konterrevolutionären Kraft werden? Bis auf wenige spektakuläre
Ausschlüsse (z. B. Boris Souvarine 1924) und die besondere Entwicklung in
Italien und Deutschland

[v]


blieben die meisten Revolutionäre mindestens bis 1926 (Agis Stinas gar bis
1931) in der Partei, obwohl die Degeneration der Revolution und ihrer
Organisationen immer offensichtlicher wurden. Ciligas Weg ist auch hier
typisch: »Während meiner Haft im »Isolator« beteiligte ich mich erst spät an
Diskussionen über Lenins Rolle. Ich gehörte einer Generation junger
KommunistInnen an, für die Lenin unantastbar war. Für mich stand außer Frage,
dass er immer recht gehabt hatte. Die Ergebnisse - die revolutionäre Eroberung
der Macht wie ihr Erhalt - sprachen schließlich dafür. Dadurch waren für mich
und meine Generation sowohl Taktik als auch Mittel gerechtfertigt.«

Die
»kommunistische Linke« in Russland

Die Opposition der russischen Linken

[vi]


hatte sich in der Regel um einen Antrag auf den jährlichen Parteikongressen
Anfang der 20er organisiert. So führten die Demokratischen Zentralisten auf dem
IX. Parteitag vom März-April 1920 ihre Kampagne gegen die »Militarisierung der
Arbeit«, die Arbeiteropposition auf dem X. Parteikongress im März 1921 die
sogenannte Gewerkschaftsdiskussion. 1921 kam Kronstadt und das Fraktionsverbot.
Die Arbeitergruppe um Gavriel Miasnikow (ehemaliges Mitglied der
Arbeiteropposition) veröffentlichte ihr Manifest zum XII. Parteitag 1923

[vii]


und intervenierte illegal in der Streikwelle. Damit wurde klar zum Ausdruck
gebracht: das Klassenterrain zu diesem Zeitpunkt umfasste den Kampf in der
Partei und an der Seite des kämpfenden Proletariats. Doch der Niedergang der
Revolution schritt weiter fort.

 

Als Ciliga Ende 1930 im Lager eintraf, waren fast alle
übriggebliebenen Militanten der Opposition im Lager oder der Verbannung.
Beeindruckend ist, welche Tiefe und Ernsthaftigkeit die Diskussion im Lager
annahm. Die Gruppen hielten Sitzungen ab und jede Tendenz gab ihre eigene
Zeitung heraus. Die Diskussionen

[viii]


waren bestimmt von »sozialistischen Illusionen«, viele Linke hatten sich mit
Trotzki am »linken« Kriegskommunismus orientiert und jede noch so radikale
Kritik an der NEP war letztendlich ein Plädoyer für die Kollektivierung (die Stalin nach seinem »Linksschwenk« scheinbar Trotzkis
Plan folgend durchführte
). Doch auch die Kritiken aus der
Arbeiterperspektive, die mit Trotzki gebrochen hatten, gingen letztendlich
davon aus, dass der Sozialismus in Russland aufzubauen sei. Andere sahen die
historische Klemme und verwarfen nicht nur die Möglichkeit des »Sozialismus in
einem Land«, sondern stellten gleich den proletarischen Charakters der
Revolution von 1917 in Frage. Die Diskussionen im Lager waren somit ein
Panoptikum angefüllt mit Leidenschaft, aber von Ungenauigkeiten und
Verwirrungen. Konnte die Diktatur des Proletariats, die eine Diktatur der
Partei geworden war, als eigenständige Gesellschaftsform »in Richtung auf den
Sozialismus«

[ix]


bezeichnet werden. Nach zehn Jahren war die internationale Ausweitung
ausgeblieben, welche Schlüsse sind daraus zu ziehen?

Zusätzlich beachtenswert ist an Ante Ciligas Buch, dass er
nicht nur die Diskussion um die politische und ökonomische Macht in Russland
nachzeichnet, sondern sich auch bemühte die soziale Realität der Arbeiterklasse
und der Bauernschaft in Russland einzufangen. Die Berichte über das
Massensterben auf dem Land erreichten die Lager, die Lage der Arbeiterklasse
war verheerend

[x]

.
Nach dieser Bestandsaufnahme erfolgte für Ciliga und andere nicht nur der Bruch
mit dem herrschenden russischen Stalinismus, sondern auch mit dem Trotzkismus.

 

Miasnikow
in Paris

Die Analysen der russischen Linken waren in den 20ern einer
kleinen Schar von oppositionellen Linken in Westeuropa bekannt. 1923 verteilte
die KAI

[xi]


in Berlin Flugblätter gegen die Repression der Arbeitergruppe, 1923 und '24
veröffentlichte Worker's Dreadnought Texte der Arbeitergruppe auf englisch,
1925 besuchte Sapranow als Vertreter der Dezisten illegal Karl Korsch, 1927
veröffentlichten »le reveil communiste« und »von den aus der Kommunistischen
Partei ausgeschlossenen Hamburger Oktoberkämpfern« (übersetzt von Hedda Korsch)
die Plattform der 15

[xii]

.
Somit waren die Diskussionen der linken Kommunisten bereits bekannt, als 1930
Gavriel Miasnikow nach Knast und Folter nach Paris fliehen konnte. In Paris
schließt sich Miasnikow der Gruppe »l'ouvrier communiste« (ein Nachfolgeprojekt
von »le reveil communiste«) um Pappalardi (ehemaliges Gründungsmitglied der
italienischen Fraktion) an. Warum führte dies nicht zu einer Umgruppierung der
oppositionellen Kommunisten im Allgemeinen und der internationalistischen
Linken im besonderen?

 

Zehn Jahre nach der Oktoberrevolution hatte sich die Welt
dramatisch gewandelt. Die Revolution in Deutschland war blutig unterdrückt und
spätestens 1923 hatte die Arbeiterklasse eine herbe Niederlage erleiden müssen.
Der britische Generalstreik 1926 war niedergeschlagen worden und die
chinesischen Revolutionäre wurden mehrmals der Konterrevolution ausgeliefert,
bevor 1929 die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Die euphorische Stimmung war
abgeklungen, die wenigen Revolutionäre, die sich außerhalb der bereits
stalinisierten Parteien organisierten, waren eingeklemmt zwischen Stalinismus
und Faschismus. Frankreich war zwar das Zentrum der internationalen Diskussion,
KommunistInnen aus Deutschland, Italien, Rumänien usw. fanden sich hier ein,
doch beschränkte dieses Milieu sich auf einige Dutzend. Die Tiefe und Dramatik
des historischen Wendepunktes war zwar spürbar, jedoch noch nicht analysiert.
In welcher historischen Phase befinden wir uns? Welche politischen und
organisatorischen Schlüsse sind daraus abzuleiten?

 

Die Gruppe »l'ouvrier communiste« um Miasnikow war politisch
stark der Traditionslinie der KAPD verpflichtet. Somit waren sie früh dazu in
der Lage, das politische Scheitern der russischen Revolution festzustellen. Doch
befand sich nach ihrer Analyse nicht nur der Kapitalismus in seiner Todeskrise,
sondern wir befanden uns weiterhin in einer offenen revolutionären Phase.
Welche Probleme diese Analyse mit sich zog, erkennen wir im nächsten Abschnitt.

 

Internationalistische
Diskussion in Frankreich

Während Trotzki innerhalb der Arbeiterklasse Russlands wegen
der »Militarisierung der Arbeit« verhasst war, galt er für die meisten
kommunistischen Oppositionellen außerhalb Russland nach seiner Ausweisung 1929
als tadelloser Führer der Weltrevolution. Trotzki strebte sofort eine
Umgruppierung an. Alfred Rosmer wurde nach Deutschland geschickt, französische
Genossen reisten nach Prinkipo. Trotzkis Entscheidungskriterium für eine
Zusammenarbeit war die Haltung zum russischen Staat. So brach er mit den
»Korschisten«

[xiii]


und lobte die »linke Fraktion der PCI« für ihr Gründungsmanifest von Pantin
1927 und den Bruch mit »le reveil communiste«. Die italienische Fraktion
akzeptiert 1930 Trotzkis Plattform der ILO als Grundlage der Diskussion.
Während »le reveil communiste« 1929 in einem offenen Brief

[xiv]


an die Basis der PCF und der Kommunistischen Internationalen die Möglichkeit
einer Wiederbelebung der KI verwirft und die fraktionelle Orientierung der
Trotzkisten und Bordigisten (so wurde die Fraktion um die Zeitschrift
»Prometeo« bezeichnet) als konterrevolutionär denunzierte.

 

An dieser Stelle müssen wir innehalten und uns den
Hintergrund der Diskussion verdeutlichen. Tiefere Grundlage für die
unterschiedlichen Einschätzungen (innerhalb der Linkskommunisten von »Prometeo«
und »le reveil communiste« und den Trotzkisten) ist nicht die Frage des
»Staatskapitalismus«, sondern die Analyse der historischen Phase. Hier verläuft
die Frontstellung für die folgenden Jahre. »le reveil communiste«

[xv]


(und ab 1930 »l'ouvrier communiste«) geht ähnlich wie Trotzki von einer offenen
revolutionären Phase aus. Dieser kann sich nicht von der Einschätzung der
»revolutionären Phase« trennen und orientiert sich ab 1933 hin zum Aufbau einer
neuen (vierten) Internationale. Die Analyse der historischen Phase ist also eng
verbunden mit der Frage der Organisierung

[xvi]

.
Kein Wunder, dass der Bruch zwischen Fraktion und Trotzki schon 1931/32
erfolgt. Die Fraktion entschließt sich gegen solche voluntaristischen Abenteuer
und für das intensive Studium der dramatischen Kernfragen: wie konnte die erste
erfolgreiche proletarische Revolution solch ein Gebilde hervorbringen, wie
konnte die Führerin der Weltrevolution – die KI – zu einer Kraft der
Konterrevolution werden, wie konnte sich die Phase des revolutionären
Aufbegehrens und der Euphorie in eine der Desillusionierung und Isolation
wenden? Angetrieben von diesen Fragen wurde 1933 Bilan gegründet

[xvii]

.

 

Die ernsthafte und tiefe Analyse der russischen Revolution
befähigte die Fraktion dazu, einige wichtige Prinzipien zu konkretisieren,
hierzu zählen insbesondere die Kritik der nationalen Befreiungsbewegungen

[xviii]


und die Kritik der demokratischen Illusionen. Die größte Prüfung kam mit dem
spanischen Bürgerkrieg

[xix]

.
Die UdSSR und ihre Kommunistischen Parteien traten als imperialistische
Macht mit Deutschland und Italien in den europäischen (wenn nicht schon in den
globalen) Machtkampf ein, Trotzki sprang ihnen an die Seite und sah eine neue
»revolutionäre Phase« eintreten. Doch auch die vielen linkstrotzkistischen
Gruppen

[xx]

,
die bereits mit Trotzki gebrochen hatten, und auch die Minderheit der Fraktion
schlossen sich dieser »revolutionären Hoffnung« an. Spätestens hier erkannte
die Fraktion das Gift der antifaschistischen Ideologie.

 

Umgruppierung
und Bereicherung während des 2. Weltkriegs

Die Politik der Volksfront und des Antifaschismus hatten den
internationalen Klassenkampf in die Irre geführt und das Klassenterrain
verlassen. Der Ausbruch des 2. Weltkriegs verschärfte die Lage noch mehr. Die
Reste der revolutionären Linken waren desorientiert, die trotzkistischen
Gruppen hatten endgültig das eine oder andere imperialistische Lager gewählt.
Doch traten erstmals wieder neue und junge Militanten auf. Der Kern der
zukünftigen französischen Fraktion orientierte sich an den Lehren der Arbeit
von Bilan und war ab 1941 gar wieder in der Lage jährliche Konferenzen
abzuhalten. Der Vormarsch der Nationalsozialisten hatte die RKÖ/RKD

[xxi]


ins Exil nach Frankreich und Belgien getrieben. Als ursprünglich trotzkistische
Organisation hatten sie 1938 als einzige gegen die Gründung der IV.
Internationalen gestimmt und entwickelten einen unnachgiebigen
revolutionären Defätismus. Die Wühlarbeit der RKD, die Flugblätter unter
deutschen Soldaten und unter der französischen Zivilbevölkerung zur
Fraternisation verteilte, war Orientierung für alle Revolutionäre, die die
Aufgabe des Klassenterrains nicht mitmachen wollten. So gründeten sich um die
RKD 1942 die »communiste revolutionaire«. Die RKD und die CR schrieben und verteilten
teilweise zusammen mit dem Kern der späteren französischen Fraktion
Flugblätter, und sie begannen eine vertiefende Diskussion über die russische
Frage. In dieser Diskussion spielte das Buch von Ciliga eine große Rolle. Nun
kamen unnachgiebiger Internationalismus,
Einschätzung der historischen Phase und Arbeiterperspektive (»von unten«) in
der Diskussion zusammen und machten es möglich, dass die Positionen der
italienischen, deutschen und russischen Linken sich gegenseitig befruchteten

[xxii]

.

Die Linkskommunisten in der Tradition der italienischen
Linken waren bisher sehr skeptisch gegenüber der frühzeitigen Einschätzung des
russischen Staates als »Staatskapitalismus« gewesen. Ihnen war es wichtiger,
eine fundamentale Bilanz der revolutionären Welle zu ziehen und sich daran zu
organisieren.

Der Fraktion gelang es, sich durch die gemeinsame illegale
Arbeit und tiefen Diskussionen, die
ernsthaften Auseinandersetzungen, die Ante Ciliga aus dem Lager
schildert, anzueignen. Es ist nun keine Überraschung mehr, dass auch um diese
Zeit herum das Studium von Rosa Luxemburg intensiviert wurde und die
Auseinandersetzung mit der deutsch-holländischen Linken ernsthaftere Formen
annahm. Internationalistische Perspektive und die Überzeugung, dass die
Revolution nur die Sache der Arbeiterklasse selbst sein könne, waren der Kern
des Linkskommunismus. 1943 stellt die Konferenz der Fraktion erstmals fest,
dass die UdSSR »staatskapitalistisch« sei. Doch war dies nun kein Label,
sondern fußte auf dem Kampf um eine revolutionäre Position in den düstersten
Zeiten des Weltgemetzels und der Konterrevolution. Zum 1. Mai 1945 verteilten
RKD, CR und die Fraktion gemeinsam ein Flugblatt an die Proletarier in
Russland, Italien, Deutschland, Frankreich .... »Vorwärts zur kommunistischen Weltrevolution!«

Diese revolutionäre Position ist bis heute nicht
abgebrochen, doch um die heutigen Aufgaben auf den historischen Lehren
aufzubauen, müssen diese erstmal wieder freigeschaufelt und angeeignet werden.
Die Herausgeber des Ciliga Buches sind ebenso um das »historische Erbe des
Marxismus« bemüht und beziehen sich mit Rosa Luxemburg auf die Grundlage jeder
revolutionären Veränderung der »lebendigen Quell selbst, aus dem heraus alle
angeborenen Unzulänglichkeiten der sozialen Institutionen allein korrigiert
werden können: das aktive, ungehemmte, energische politische Leben der
breitesten Volksmassen«

[xxiii]


- dem ist zuzustimmen. Das Interesse an der Wiederaneignung scheint vorhanden,
die erste Auflage ist schon ausverkauft und eine Diskussionsveranstaltung in
Berlin brachte dreißig Interessierte GenossInnen zusammen.


[i]

Das Buch ist
erhältlich bei: http://www.diebuchmacherei.de

[iii]

die er jedoch
aufgrund seiner Deportation nach Sibirien nicht mehr miterleben durfte

[iv]

Der erste Teil »Au
pays du grand mensonge« erschien 1938 und umfasst die Jahre 1926 - 1933, der
zweite Teil erschien 1950 unter dem Titel »Sibérie, terre d'exil et de
l'industrialisation« und behandelt die Jahre seiner Verbannung
1933 – 1935.

[v]

In Italien und
Deutschland waren die Klassenkämpfe am stärksten entwickelt und die
fraktionellen Kämpfe um die richtige Parteipolitik tobten entsprechend am
heftigsten. In Italien wurde die Mehrheit um Amadeo Bordiga ab 1923 kaltgestellt,
in Deutschland wurde die Mehrheit (die spätere KAPD) schon 1919 ausgeschlossen.

[vi]

siehe die
Artikelserie zur russischen Linken http://de.internationalism.org/KomLiRu und
das englischsprachige Buch »The Russian Communist Left«

[vii]

siehe die englische
Ausgabe der International Review 142

[viii]

siehe die
Erstübersetzung des Abschnitts aus »Lenin auch...« auf http://stinas.blogsport.de

[ix]

so Trotzki im
Entwurf der Plattform für die Internationale Linke Opposition (ILO) April 1930,
der 1932 im Lager bekannt wird und Ciliga entsetzt: »Es war fortan vergeblich
zu hoffen, dass Trotzki je zwischen Bürokratie und Proletariat, zwischen
Staatskapitalismus und Sozialismus würde unterscheiden können. Am meisten
schockierte mich an Trotzkis Programm, dass es die Illusionen des westlichen
Proletariats über Russland eher verstärkte als zerstörte.« S. 118

[x]

»Es ist wohl nicht
übertrieben, zu behaupten, dass ein Drittel der Arbeiterklasse in Russland aus
Sklaven besteht.« .S112

[xi]

Kommunistische
Arbeiter Internationale – das kurzlebige Produkt der KAPD Essener Richtung
gemeinsam mit den Gruppen um Herman Gorter in den Niederlanden, um Sylvia
Pankhurst in Britannien und weiteren Gruppen in Belgien, Bulgarien und unter
Exilanten aus der Sowjetunion, 1922 - 25

[xiii]

Korsch hatte 1926 die
»Entschiedene Linke« als Fraktion der KPD mit der Monatszeitschrift
»Kommunistische Politik« gegründet und war gleich ausgeschlossen worden. Nach
der Auflösung der »Entschiedenen Linken« arbeiteten korschistische Zirkel bis
zur nationalsozialistischen Machtübernahme 1933.

[xv]

Sie zerfallen 1931
und ein Teil kehrt später zur Fraktion zurück. Dennoch lohnt sich das Studium
dieses Versuchs, welches sich in der Veröffentlichung und/oder Kommentierung
von Gorter, Bordiga, Trotzki und Korsch auszeichnet.

[xvi]

siehe dazu die
Broschüre »Das Verhältnis Fraktion – Partei in der marxistischen Tradition« der
IKS

[xvii]

genauer, siehe das
Buch »Die Italienische Kommunistische Linke«

[xix]

hier gibt es nicht
den Platz die Klassenkämpfe in Spanien und die Volksfront in Frankreich zu
analysieren, siehe: http://de.internationalism.org/spanien/38

[xx]

Union Communiste
führte im März 1937 in Paris eine internationale Konferenz durch, an der League
for a RWP, LCI, RWL (Oehler), GIK, die Minderheit der Fraktion, Miasniskow,
Ruth Fischer, Arkadi Maslow u. a. teilnahmen

[xxi]

Revolutionäre
Kommunisten Österreich bzw. Deutschland - siehe dazu die empfehlenswerte
Broschüre »Gegen den Strom!« der Bibliothek des Widerstands https://sites.google.com/site/bibliothekdeswiderstandes/

[xxii]

Der letzte
bedeutendere Versuch, der sich im Briefwechsel zwischen Korsch und Bordiga 1926
ausdrückt, war ergebnislos verlaufen, siehe: http://www.sinistra.net/lib/upt/comsmo/keru/keruahecad.html

[xxiii]

Rosa Luxemburg »Zur
russischen Revolution« 1915

Leute: 

Historische Ereignisse: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: