Die Rolle der Frau bei der Entstehung der menschlichen Kultur (Teil 1)

Warum heute über den primitiven Kommunismus schreiben? Der abrupte Sturz in eine katastrophale Wirtschaftskrise und die Ausbreitung von Kämpfen auf der Welt stellen neue Probleme für die Arbeiterklasse auf; dunkle Wolken ballen sich über die Zukunft des Kapitalismus zusammen, alldieweil die Hoffnung auf eine bessere Welt sich offensichtlich nicht durchsetzen kann. Ist es wirklich an der Zeit, die Gesellschaftsgeschichte unserer Spezies in der Periode ihrer Entstehung etwa 200.000 Jahre vor Beginn der Neolithischen Revolution (vor etwa 10.000 Jahren) zu untersuchen? (1) Was uns selbst betrifft, so sind wir davon überzeugt, dass die Frage für die heutigen Kommunisten mindestens genauso wichtig ist wie für Marx und Engels im 19. Jahrhundert, sowohl aus wissenschaftlichem Interesse als auch als ein Element in unserem Verständnis der Menschheit und ihrer Geschichte und für unser Verständnis der Perspektiven und Möglichkeiten einer künftigen kommunistischen Gesellschaft, die in der Lage ist, den todgeweihten Kapitalismus zu ersetzen.

Aus diesem Grund können wir die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel Le Communisme primitif n’est plus ce qu’il était („Der primitive Kommunismus ist nicht das, was er war“) von Christophe Darmangeat im Jahr 2009 nur begrüßen; und in der Tat ist es noch ermutigender, dass das Buch bereits seine zweite Auflage erlebt, was deutlich ein öffentliches Interesse an diesem Thema signalisiert. (2) Dieser Artikel wird in einer kritischen Rückschau versuchen, zu den Problemen zurückzukehren, die sich angesichts der ersten menschlichen Gesellschaften stellten; wir werden dabei von der Gelegenheit profitieren, die Ideen zu erkunden, die vor rund zwanzig Jahren von Chris Knight (3) in seinem Buch Blood Relations vorgestellt worden waren. (4)

Ehe wir ans Eingemachte gehen, sollte eins klar sein: Die Frage des primitiven Kommunismus und der „menschlichen Art“ sind wissenschaftliche Fragen, nicht politische. In diesem Sinn ist es für eine politische Organisation indiskutabel, sich zum Beispiel eine „Position“ über die menschliche Natur anzumaßen. Wir sind davon überzeugt, dass eine kommunistische Organisation solche Debatten und den Durst ihrer Mitglieder nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und, allgemeiner, in der Arbeiterklasse anregen sollte, doch das Ziel hier ist es, die Entwicklung einer materialistischen und wissenschaftlichen Sichtweise der Welt auf der Grundlage der modernen wissenschaftlichen Theorie zu ermutigen, zumindest soweit dies möglich ist für Nicht-Wissenschaftler, die die meisten von uns sind. Die vorgestellten Ideen können daher nicht als „Positionen“ der IKS betrachtet werden: Sie liegen allein in der Verantwortung des Autors resp. der Autorin. (5)

Warum ist die Frage nach unseren Ursprüngen so wichtig?

Warum ist schließlich die Frage nach dem Ursprung unserer Spezies und nach den ersten menschlichen Gesellschaften eine wichtige für Kommunisten? Die Begrifflichkeit des Problems hat sich seit dem 19. Jahrhundert geändert, als Marx und Engels mit Begeisterung das Werk des amerikanischen Anthropologen Lewis Morgan entdeckt hatten. 1884, als Engels Die Ursprünge der Familie, des Privateigentums und des Staates veröffentlichte, war die Wissenschaft gerade erst den Fängen einer Epoche entkommen, in der die Schätzungen des Alters des Planeten oder der menschlichen Gesellschaft auf den biblischen Berechnungen des Bischofs Ussher beruhten. (6) Wie Engels in seinem Vorwort von 1891 schrieb: „Bis zum Anfang der sechziger Jahre kann von einer Geschichte der Familie nicht die Rede sein. Die historische Wissenschaft stand auf diesem Gebiet noch ganz unter dem Einflusse der fünf Bücher Mosis. Die darin ausführlicher als anderswo geschilderte patriarchalische Familienform wurde nicht nur ohne weiteres als die älteste angenommen, sondern auch – nach Abzug der Vielweiberei – mit der heutigen bürgerlichen Familie identifiziert, so daß eigentlich die Familie überhaupt keine geschichtliche Entwicklung durchgemacht hatte…“ (7) Dasselbe traf auf den Eigentumsbegriff zu; die Bourgeoisie konnte gegenüber dem kommunistischen Programm der Arbeiterklasse immer noch einwenden, dass das „Privateigentum“ der menschlichen Gesellschaft immanent ist. Die Idee einer Existenz von gesellschaftlichen Bedingungen für den primitiven Kommunismus waren 1847 derart unbekannt, dass das Kommunistische Manifest mit den Worten begann: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ (eine Erklärung, die Engels mit einer Bemerkung 1884 zu korrigieren meinte).

Morgans Buch Ancient Society war eine großartige Hilfe bei der Demontage der ahistorischen Sichtweise einer menschlichen Gesellschaft, die auf Privateigentum beruht, auch wenn sein Beitrag von der offiziellen Anthropologie oft versteckt oder mit Schweigen übergangen wurde, besonders in Großbritannien. Wie Engels ebenfalls in seinem Vorwort anmerkte: „… machte Morgan das Maß übervoll, indem er nicht nur die Zivilisation, die Gesellschaft der Warenproduktion, die Grundform unserer heutigen Gesellschaft, in einer Weise kritisierte, die an Fourier erinnert, sondern von einer künftigen Umgestaltung dieser Gesellschaft in Worten spricht, die Karl Marx gesagt haben könnte“.

Heute, im Jahr 2012, ist die Situation eine ganz andere. Eine Reihe von Entdeckungen haben den Ursprung des Menschen immer weiter in die Vergangenheit gerückt, so dass wir heute nicht nur wissen, dass das Privateigentum keinesfalls von Anbeginn zum gesellschaftlichen Fundament des Menschen gehörte, sondern im Gegenteil auch, dass es eine verhältnismäßig junge Erfindung ist, da die Landwirtschaft und somit das Privateigentum sowie die Spaltung der Gesellschaft in Klassen erst etwa 10.000 Jahre alt sind. Sicherlich hat die Bildung von Reichtum und Klassen, wie Alain Testart in seinem Werk Les chasseurs-cueilleurs des inégalités gezeigt hatte, nicht über Nacht stattgefunden; es muss eine lange Zeit bis zur Entstehung einer vollentwickelten Landwirtschaft verstrichen sein, in der die Entwicklung von Lagerungstechniken zur Entstehung einer ungleichen Verteilung des angehäuften Reichtums ermuntert hatte. Nichtsdestotrotz ist heute klar, dass der bei weitem längste Abschnitt der menschlichen Geschichte nicht vom Klassenkampf beherrscht war, sondern einer Gesellschaft ohne Klassen vorbehalten war: einer Gesellschaft, die wir zu recht primitiven Kommunismus nennen können.

Heute wird gegenüber der Idee des Kommunismus nicht mehr eingewendet, dass er das ewige Prinzip des Privateigentums vergewaltige, sondern dass er angeblich der „menschlichen Natur“ zuwiderlaufe. „Man kann die menschliche Natur nicht ändern“, wird uns erzählt, und damit ist die angeblich gewalttätige, wetteifernde und egozentrische Natur des Menschen gemeint. Die kapitalistische Ordnung ist also nicht mehr ewig, sondern lediglich das logische und unvermeidliche Resultat einer unveränderlichen Natur. Dieses Argument ist beileibe nicht auf rechte Ideologien beschränkt. Humanistische Wissenschaftler, die, wie sie glauben, derselben Logik einer genetisch vorbestimmten menschlichen Natur folgen, kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Die New York Review of Books (ein tendenziell linkes Intellektuellenblatt) gibt uns in ihrer Ausgabe vom Oktober 2011 ein Beispiel für dieses Räsonieren: „Menschen wetteifern um Ressourcen, Lebensräume, Partner, gesellschaftlichen Status und um fast alles andere. Jeder lebende Mensch ist der Gipfel eines Geschlechts erfolgreicher Wettbewerber, das bis zu den Ursprüngen des Lebens zurückreicht. Wir sind nichts anderes als fein abgestimmte Konkurrenten. Der Zwang zu konkurrieren hat fast in allem, was wir tun, Einzug gehalten, ob wir dies anerkennen oder nicht. Und die besten Wettbewerber unter uns sind oftmals jene, die am meisten belohnt werden. Man muss nicht weiter schauen als bis zur Wall Street, um ein besonders krasses Beispiel dafür zu nennen (…) Das menschliche Dilemma der Überbevölkerung und der Überausbeutung der Ressourcen wird im Wesentlichen durch die ursprünglichen Impulse angetrieben, die einst unsere Urahnen dazu getrieben haben, einen überdurchschnittlichen Reproduktionserfolg zu erzielen.“ (8)

Dieses Argument scheint auf dem ersten Blick unwiderlegbar zu sein: Man muss in der Tat nicht weit schauen, um endlose Beispiele der Habgier, der Gewalt, der Grausamkeit und des Egoismus in der heutigen Gesellschaft und in der Geschichte zu finden. Aber folgt daraus, dass diese Defekte genetisch vorbestimmt sind – wie wir heute sagen würden? Nichts könnte zweifelhafter sein. Um eine Analogie zu bemühen: Ein Baum, der an einer windumtosten Stelle steht, wächst verbogen und verkrüppelt. Dennoch steht dies nicht in seinen Genen geschrieben; unter besseren Bedingungen würde der Baum gerade und hoch wachsen.

Können wir dasselbe über die menschlichen Wesen sagen?

Es ist eine in unseren Artikeln häufig anzutreffende Binsenweisheit, dass der Widerstand des Weltproletariats gegen die Krise des Kapitalismus nicht der Gewaltsamkeit der Angriffe entspricht, denen es ausgesetzt ist. Die kommunistische Revolution war vielleicht niemals notwendiger und trotzdem gleichzeitig so schwierig wie heute. Einer der Gründe hierfür ist sicherlich – aus unserer Sicht -, dass die ArbeiterInnen nicht nur in ihrer eigenen Kraft, sondern auch in der Möglichkeit des Kommunismus ein mangelndes Vertrauen haben. „Es ist eine schöne Idee“, sagen die Menschen uns, „aber weißt du, die menschliche Natur…“

Um sein Selbstvertrauen wiederzuerlangen, muss sich das Proletariat nicht nur den unmittelbaren Problemen des Kampfes stellen; es muss sich auch den größeren historischen Problemen widmen, die sich durch seine potenziell revolutionäre Konfrontation mit der herrschenden Klassen stellen. Unter diesen Problemen gibt es genau jenes der „menschlichen Natur“, und dieses Problem kann nur im wissenschaftlichen Geist erforscht werden. Wir haben kein Interesse an der „Beweisführung“, dass der Mensch „gut“ ist. Wir hoffen zu einem besseren Verständnis dessen zu gelangen, was der Mensch ist, um diese Erkenntnis in das politische Projekt des Kommunismus zu integrieren. Das kommunistische Ziel hängt nicht vom „Guten“ im Menschen ab: Die Notwendigkeit des Kommunismus als einzige Lösung der gesellschaftlichen Blockade ist in den Gegebenheiten der kapitalistischen Gesellschaft angelegt, die uns zweifellos in eine katastrophale Zukunft führen wird, wenn der Kapitalismus nicht einer kommunistischen Revolution Platz macht.

Wissenschaftliche Methode

Bevor wir fortfahren, möchten wir uns kurz der Frage der wissenschaftlichen Methode widmen, besonders ihrer Anwendung auf die Untersuchung der menschlichen Geschichte und des menschlichen Verhaltens. Eine Passage zu Beginn des Buches von Knight scheint uns die Frage, welchen Platz die Anthropologie in den Wissenschaften einnimmt, sehr gut zu schildern: „Mehr als jedes Gebiet der Erkenntnis überbrückt die Anthropologie, als Ganzes genommen, die Kluft, die traditionellerweise die Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften trennt. Daher nimmt sie potenziell, wenn auch nicht immer in der Praxis, eine zentrale Stellung unter den Wissenschaften insgesamt ein. Der ausschlaggebende Faden, der die Naturwissenschaften mit den Geisteswissenschaften verknüpfen könnte, müsste mehr als durch jedes andere Gebiet durch die Anthropologie verlaufen. Hier kommen die Enden zusammen – hier, wo das Studium der Natur endet und das der Kultur beginnt. An welchem Punkt auf der Skala der Evolution hörten biologische Prinzipien auf, die Vorherrschaft auszuüben, und begannen andere, komplexere Prinzipien ihren Platz einzunehmen? Wo genau verläuft die Trennungslinie zwischen dem tierischen und dem menschlichen Gesellschaftsleben? Ist die Unterscheidung eine grundsätzliche oder eher eine graduelle? Und ist es in Anbetracht dieser Frage wirklich möglich, menschliche Phänomene wissenschaftlich zu untersuchen – mit derselben unvoreingenommenen Objektivität, wie ein Astronom auf Galaxien verweisen kann oder ein Physiker auf subatomare Partikel?

Wenn die Frage des Verhältnisses zwischen den Wissenschaften für viele verworren erscheint, liegt dies nur zum Teil an den wirklichen Schwierigkeiten, die darin enthalten sind. Wissenschaft mag mit dem einen Ende in der objektiven Realität verwurzelt sein, doch mit dem anderen Ende ist sie in der Gesellschaft und in uns selbst verwurzelt. Letztendlich aus gesellschaftlichen und ideologischen Gründen ist die moderne Wissenschaft, fragmentiert und verzerrt unter dem immensen, größtenteils noch uneingestandenen politischen Druck, zufällig auf ihr größtes Problem und auf ihre größte Herausforderung gestoßen – die Geistes- und Naturwissenschaften auf der Basis des Verständnisses der Evolution und des Platzes der Menschheit im Rest des Universums in einer einzigen vereinten Wissenschaft zusammenzuschließen.“ (9)

Die Frage der „Trennungslinie“ zwischen der tierischen Welt, deren Verhalten vor allem von der genetischen Erblast vorbestimmt wird, und der menschlichen Welt, wo das Verhalten neben den Genen in einem weitaus größeren Umfang von unserer kulturellen Entwicklung abhängt, scheint uns in der Tat kreuzwichtig zu sein, um die „menschliche Natur“ zu verstehen. Andere Primaten sind durchaus in der Lage, zu lernen und bis zu einem gewissen Punkt zu erfinden und neue Verhaltensweisen zu übermitteln, doch dies bedeutet nicht, dass sie eine „Kultur“ im menschlichen Sinn besitzen. Diese erlernten Verhaltensweisen bleiben „marginal bei der Aufrechterhaltung der sozio-strukturellen Kontinuität“. (10) Was es der Kultur ermöglicht,  in einer „kreativen Explosion“ (11) die Oberhand zu gewinnen, ist die Entwicklung der Kommunikation unter den menschlichen Gruppen, die Entwicklung einer symbolischen Kultur, die auf Sprache und Rituale basiert. Knight zieht in der Tat einen Vergleich zwischen der symbolischen Kultur und der Sprache, die den menschlichen Wesen gestattet, miteinander zu kommunizieren und somit Ideen und daher überall Kultur und Wissenschaften zu übermitteln, die ebenfalls auf einen gemeinsamen Symbolismus gründen, welcher sich auf eine planetare Übereinstimmung zwischen allen Wissenschaftlern und zumindest potenziell zwischen allen menschlichen Wesen stützt. Die wissenschaftliche Praxis ist untrennbar verbunden mit der Debatte und der Fähigkeit eines Jeden, die Schlussfolgerungen zu verifizieren, zu der die Wissenschaft gelangt ist: Sie ist daher der Erzfeind jeder Form der Esoterik, die vom Geheimwissen lebt, das dem Nicht-Eingeweihten verschlossen bleibt.

Weil sie eine universelle Form des Wissens ist und weil sie seit der industriellen Revolution eine eigenständige Produktivkraft gewesen war, die von der assoziierten Arbeit sowohl zeitlich als auch räumlich abhängig ist (12), ist die Wissenschaft von Haus aus internationalistisch, und in diesem Sinn sind Proletariat und Wissenschaft natürliche Verbündete. (13) Dies bedeutet überhaupt nicht, dass es so etwas wie eine „proletarische Wissenschaft“ geben kann. In seinem Artikel über „Marxismus und Wissenschaft“ zitiert Knight diese Worte von Engels: „… je rücksichtsloser und unbefangener die Wissenschaft vorgeht, desto mehr befindet sie sich im Einklang mit den Interessen und Strebungen der Arbeiter. (14). Knight fährt fort: Die Wissenschaft als einzige universelle, internationale und die Spezies vereinigende Form des Wissens hat Vorrang. Wenn sie in den Interessen der Arbeiterklasse verwurzelt werden musste, dann nur in dem Sinne, dass alle Wissenschaft in den Interessen der menschlichen Spezies insgesamt verwurzelt sein muss, wobei die internationale Arbeiterklasse diese Interessen in der modernen Epoche verkörpert, so wie die Erfordernisse der Produktion in früheren Perioden immer diese Interessen verkörpert haben.

Es gibt zwei weitere Aspekte im wissenschaftlichen Denken, die in Carlo Rovellis Buch über den griechischen Philosophen Anaximander von Miletos (15) beleuchtet werden, die wir hier aufgreifen wollen, weil sie uns fundamental erscheinen: Respekt für die Vorgänger und Zweifel.

Rovelli zeigt, dass Anaximanders Haltung gegenüber seinem Meister Thales mit dem Verhalten brach, dass seine Epoche charakterisierte: entweder totale Ablehnung, um sich selbst als neuer Meister zu etablieren, oder sklavische Ergebenheit gegenüber den Worten des „Meisters“, dessen Gedanken in einem Zustand der Mumifizierung gehalten werden. Die wissenschaftliche Haltung besteht im Gegenteil darin, uns auf das Werk der „Meister“ zu stützen, die von uns gegangen sind, und gleichzeitig ihre Fehler zu kritisieren und zu versuchen, das Wissen zu erweitern. Dies ist die Haltung, die wir in Knights Buch bezüglich Lévi-Strauss und bei Darmangeat hinsichtlich Morgan finden.

Der Zweifel ist fundamental für die Wissenschaft, die das ganze Gegenteil der Religion ist, welche stets Gewissheit und Trost in der Unveränderlichkeit einer ewigen Wahrheit anstrebt. Wie Rovelli sagt: „Die Wissenschaft bietet die besten Antworten an, eben weil sie ihre Antworten nicht als absolute Wahrheiten betrachtet; daher ist sie immer in der Lage, zu lernen und neue Ideen aufzunehmen.“ (16) Dies trifft besonders auf die Anthropologie und Paläo-Anthropologie zu, deren Daten oftmals diffus und ungewiss sind und deren beste Theorien über Nacht durch neue Entdeckungen umgekippt werden können.

Ist es überhaupt möglich, eine wissenschaftliche Sicht auf die Geschichte zu haben? Karl Popper (17), der eine Referenz für die meisten Wissenschaftler verkörpert, sagte nein. Er betrachtete Geschichte als ein „einmaliges Ereignis“, das daher nicht reproduzierbar sei. Da die Verifizierung einer wissenschaftlichen Hypothese von einem reproduzierbaren Experiment abhängt, könne die Geschichte nicht als wissenschaftlich erachtet werden. Aus den gleichen Gründen lehnte Popper die Evolutionstheorie als nicht-wissenschaftlich ab. Und doch ist es heute offensichtlich, dass die wissenschaftliche Methode sich als imstande erwiesen hat, die wesentlichen Mechanismen des evolutionären Prozesses soweit offenzulegen, dass die Menschheit nun die Evolution durch die Gentechnologie manipulieren kann. Ohne so weit zu gehen wie Popper, ist es dennoch klar, dass die Anwendung der wissenschaftlichen Methode auf die Untersuchung der Geschichte bis zu dem Punkt, dass wir Vorhersagen über ihre weitere Entwicklung machen können, eine äußerst heikle Übung ist. Auf der einen Seite verkörpert die menschliche Geschichte – wie die Meteorologie zum Beispiel – eine unkalkulierbare Anzahl von unabhängigen Variablen, auf der anderen Seite – und vor allem weil, wie Marx sagte, die Menschen ihre eigene Geschichte machten – ist die Geschichte daher durch Gesetze determiniert, aber auch durch die Fähigkeit (oder Unfähigkeit) der menschlichen Wesen, ihre Handlungen auf bewusstes Denken und auf die Kenntnis dieser Gesetze zu gründen. Die historische Evolution ist stets Beschränkungen unterworfen: In einem bestimmten Moment sind gewisse Entwicklungen möglich, andere nicht. Doch die Art, in der sich eine bestimmte Situation entwickelt, wird ebenfalls von der Fähigkeit des Menschen bestimmt, sich dieser Einschränkungen gewahr zu werden und auf der Grundlage dieses Bewusstseins zu handeln.

Es ist daher besonders wagemutig von Knight, wenn er die volle Strenge der wissenschaftlichen Methode akzeptiert und seine Theorie experimentellen Tests unterwirft. Natürlich ist es unmöglich, die Geschichte experimentell zu „reproduzieren“. Knight macht daher Vorhersagen auf der Basis seiner Hypothese (1991, dem Jahr, als Blood Relations publiziert wurde) bezüglich künftiger archäologischer Entdeckungen: insbesondere dass die frühesten Spuren der symbolischen Kultur des Menschen einen extensiven Gebrauch von rotem Ocker enthüllen würden. 2006, fünfzehn Jahre später, scheinen sich diese Vorhersagen durch die Entdeckungen der ersten bekannten Spuren menschlicher Kultur in der Blombos-Höhle (Südafrika) bestätigt zu haben. (18) Diese beinhalteten in Stein eingravierten roten Ocker, durchbohrte Meeresmuscheln, anscheinend als Körperschmuck benutzt, und sogar den ersten Farbtopf der Welt, was alles in das Evolutionsmodell passt, das Knight vorschlägt (zu dem wir später zurückkehren werden). Es liegt auf der Hand, dass dies kein „Beweis“ seiner Theorie ist, doch erscheint es uns unbestreitbar, dass es seine Hypothese stärkt.

Die wissenschaftliche Methode unterscheidet sich deutlich von dem Ansatz, der von Darmangeat verfolgt wurde, welcher sich, wie uns scheint, auf die induktive Methode einengt, eine Methode, die Tatsachen zusammenbringt, um anschließend aus ihnen einige gemeinsame Faktoren zu extrahieren. Diese Methode ist nicht ohne Wert im wissenschaftlichen Geschichtsstudium: Im Grunde genommen muss jegliche Theorie mit der Realität übereinstimmen. Doch Darmangeat scheint sehr zurückhaltend gegenüber dem Versuch zu sein, weiter zu gehen, und dies scheint uns eher ein empirischer denn ein wissenschaftlicher Ansatz zu sein: Wissenschaft schreitet nicht durch die Induktion aus beobachteten Tatsachen voran, sondern durch die Hypothese, die sich sicherlich in Übereinstimmung mit der Beobachtung befinden muss, aber auch einen Ansatz (experimentell, wenn möglich) anregen sollte, der es ermöglichen würde, weiter zu gehen in Richtung neuer Entdeckungen und neuer Beobachtungen. Die String-Theorie in der Quantenmechanik ist ein eindrucksvolles Beispiel für diese Methode: Obwohl sie soweit wie möglich mit beobachteten Fakten übereinstimmt, kann sie heute experimentell nicht verifiziert werden, da die Partikel (oder „Strings“), deren Existenz sie postuliert, zu klein sind, um mit den existenten Technologien gemessen werden zu können. Die String-Theorie bleibt somit eine spekulative Hypothese – doch ohne diese Art von gewagter Spekulation wäre die Wissenschaft nicht in der Lage, voran zu schreiten.

Ein anderes Problem mit der induktiven Methode besteht darin, dass sie notgedrungen eine Auswahl ihrer Beobachtungen aus der Unermesslichkeit der bekannten Realität treffen muss. So verfährt Darmangeat, wenn er sich allein auf ethnographische Beobachtungen stützt und jegliche Berücksichtigung der Rolle von Evolution und Genetik außer Acht lässt – was uns für ein Werk, das bezweckt, „den Ursprung der Unterdrückung der Frauen“ (so der Untertitel von Darmangeats Buch) offenzulegen, als ein Unding erscheint.

Morgan, Engels und die wissenschaftliche Methode

Wenden wir uns nun, nach diesen sehr bescheidenen Anmerkungen über die Frage der Methodik, wieder Darmangeats Buch zu, das der Ausgangspunkt dieses Artikels ist.

Das Buch ist in zwei Hälften geteilt: Der erste Teil untersucht das Werk des amerikanischen Anthropologen Lewis Morgan, auf dem Engels sein Buch Über den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates basierte, während der zweite Teil Engels‘ Frage bezüglich der Ursprünge der Unterdrückung der Frau aufgreift. In diesem zweiten Teil konzentriert sich Darmangeat darauf, den Gedanken zu attackieren, dass einst ein primitiver, auf dem Matriarchat basierender Kommunismus existierte.

Der erste Teil erscheint uns besonders interessant (19), und wir können Darmangeat rückhaltlos zustimmen, wenn er jene angeblich „marxistische“ Position attackiert, die das Werk von Morgan (und erst recht von Engels) in den Rang eines unantastbaren religiösen Textes hebt. Nichts könnte dem wissenschaftlichen Geist des Marxismus fernerliegen. Auch wenn wir von Marxisten erwarten sollten, das Erscheinen und die Entwicklung der materialistischen Gesellschaftstheorie von einem historischen Standpunkt aus zu betrachten und somit auch früheren Theorien Rechnung zu tragen, ist es völlig klar, dass wir Texte aus dem 19. Jahrhundert nicht als letztes Wort nehmen und die immense Anhäufung von ethnographischen Erkenntnissen seither ignorieren können. Sicherlich ist es notwendig, eine kritische Sichtweise in diesem Zusammenhang aufrechtzuhalten: Darmangeat besteht wie Knight auf die Tatsache, dass der Kampf gegen Morgans Theorien in keiner Weise auf der Grundlage einer „reinen“, „neutralen“ Wissenschaft geführt wurde. Wenn Morgans zeitgenössische und spätere Gegner seine Fehler aufzeigten oder wenn sie die Aufmerksamkeit auf Entdeckungen lenkten, die nicht in seine Theorie passen, war ihr Ziel im Allgemeinen nicht unvoreingenommen. Indem sie Morgan angriffen, attackierten sie die evolutionäre Sichtweise der menschlichen Gesellschaft und versuchten, die patriarchalische Familie und das Privateigentum der bürgerlichen Gesellschaft als „ewige“ Kategorien aller menschlichen Gesellschaften in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wiederherzustellen. Dies war ganz eindeutig der Fall bei Malinowski, einem der größten Ethnographen des frühen 20. Jahrhunderts, der 1931 in einem Rundfunkinterview äußerte: „Ich glaube, dass das zerstörerischste Element in den modernen revolutionären Tendenzen die Idee ist, dass die Elternschaft kollektiv ausgeübt werden kann. Falls wir je an dem Punkt gelangten, die Einzelfamilie als das Schlüsselelement unserer Gesellschaft abzuschaffen, werden wir uns einer gesellschaftlichen Katastrophe gegenübersehen, gegen die der politische Umbruch der Französischen Revolution und die ökonomischen Veränderungen des Bolschewismus unbedeutend sind. Daher ist die Frage, ob die Gruppenmutterschaft eine Institution ist, die niemals existiert hat, oder ob sie ein Arrangement ist, das mit der menschlichen Natur und der sozialen Ordnung kompatibel ist, von einem beträchtlichen praktischen Interesse.“ (18) Hier sind wir weit entfernt von wissenschaftlicher Objektivität…

Kommen wir nun zu Darmangeats Kritik an Morgan. Diese ist in unseren Augen von größtem Interesse, und sei es nur, weil sie mit einer ziemlich detaillierten Zusammenfassung von Morgans Theorie beginnt und diese somit auch für die Nichteingeweihten unter den Lesern zugänglich macht. Besonders begrüßen wir dabei die Tabelle, die die verschiedenen Stufen der Gesellschaftsentwicklung auflistet, die von Morgan und der Anthropologie seiner Zeit benutzt wurden („Wildheit“, „Barbarei“, etc.) und die heute benutzt werden (Altsteinzeit, Jungsteinzeit, etc.), was es erleichtert, sich in die historische Zeit zu versetzen, und die erläuternden Diagramme verschiedener Verwandtschaftssysteme. Der ganze Abschnitt ist voll von klaren, didaktischen Erläuterungen.

Das Fundament der Theorie Morgans besteht darin, die Familienform, das Verwandtschaftssystem und die technische Entwicklung in einer Reihe von evolutionären Schritten zusammenzubringen, die aus dem „Zustand der Wildheit“ (der ersten Stufe der menschlichen Gesellschaftsentwicklung, die der Altsteinzeit entsprach) in die „Barbarei“ (die Jungsteinzeit, Eisen- und Bronzezeit) und schließlich in die Zivilisation führten. Diese Evolution wird demzufolge von der technischen Entwicklung bestimmt, und der scheinbare Widerspruch zwischen den Familien- und Verwandtschaftssystemen, den Morgan in vielen Völkern (insbesondere den Irokesen) beobachtet hat, stellt für ihn die dazwischen liegenden Stufen zwischen einer primitiven und einer fortgeschrittenen Wirtschaft und Technologie dar. Traurig nur für die Theorie, dass, wenn wir genauer hinschauen, dies nicht der Fall ist. Um nur eins der vielen Beispiele Darmangeats zu geben: laut Morgan soll das „punaluanische“ Verwandtschaftssystem angeblich eine der primitivsten technischen und gesellschaftlichen Stufen darstellen, und doch kann es auf Hawaii in einer Gesellschaft angetroffen werden, die Wohlstand, soziale Ungleichheit und eine aristokratische Gesellschaftsschicht beherbergt und die im Begriff ist, sich in einen voll entfalteten Staat und in eine Klassengesellschaft zu verwandeln. Familien- und Verwandtschaftssysteme werden also von gesellschaftlichen Bedürfnissen bestimmt, jedoch nicht in direkter Linie von den primitivsten zu den modernsten.

Bedeutet dies, dass die marxistische Sichtweise der gesellschaftlichen Evolution in die Mülltonne geworfen werden sollte? Ganz oder gar nicht, sagt Darmangeat. Jedoch müssen wir trennen, was Morgan und nach ihm Marx und Engels zusammenzubringen versuchten: die Evolution der Technologie (und somit der Produktivität) und die Familiensysteme. „Obgleich sich die Produktionsweisen alle qualitativ voneinander unterscheiden, besitzen sie alle eine gemeinsame Quantität, die es ermöglicht, sie in eine aufsteigende Reihe einzuordnen, die darüber hinaus grob ihrer chronologischen Ordnung entspricht (…) (Für die Familie) gibt es keine gemeinsame Quantität, die dazu benutzt werden könnte, eine aufsteigende Reihe von verschiedenen Formen herzustellen“. (20) Es liegt auf der Hand, dass die Ökonomie „in letzter Instanz“ (um Engels Worte zu benutzen) der ausschlaggebende Faktor ist: Wenn es keine Ökonomie (d.h. keine Reproduktion von allem Lebensnotwendigen für das menschliche Leben) gäbe, dann würde es auch kein gesellschaftliches Leben geben. Aber diese „letzte Instanz“ hinterlässt einen großen Raum für andere Einflüsse, seien sie geographischer, historischer, kultureller oder anderer Art. Ideen, Kulturen – in ihrem breitesten Sinn – sind ebenfalls ausschlaggebende Faktoren in der Gesellschaft. Am Ende seines Lebens bedauerte es Engels, dass die dringende Not, den historischen Materialismus auf eine sichere Basis zu stellen, Marx und ihm selbst zu wenig Zeit übrig ließ, andere historisch bestimmende Faktoren zu analysieren. (21)

Die Kritik der Anthropologie

Im zweiten Teil seines Buches stellt Darmangeat seine eigenen Gedanken vor. Wir finden hier zwei grundlegende Themen: auf der einen Seite eine historische Kritik der anthropologischen Theorie über die Stellung der Frauen in primitiven Gesellschaften, auf der anderen Seite haben wir die Erläuterungen seiner eigenen Schlussfolgerung zu diesem Subjekt. Die historische Kritik konzentriert sich auf die Evolution dessen, was für Darmangeat die marxistische – oder zumindest marxistisch beeinflusste – Sichtweise des primitiven Kommunismus vom Standpunkt der Frau in der primitiven Gesellschaft ist, und ist eine heftige Anprangerung der „feministischen“ Versuche, die Idee eines urzeitlichen Matriarchats in den ersten menschlichen Gesellschaften zu vertreten.

Diese Auswahl ist nicht unbegründet, auch wenn sie unserer Auffassung nach nicht immer glücklich ist und den Autor dazu verleitet, einige marxistischen Theoretiker zu ignorieren, die in eine solche Untersuchung hineingehören, und andere mit einzuschließen, die dort überhaupt nichts zu suchen haben. Nehmen wir nur einige Beispiele: Darmangeat kritisiert mehrere Seiten lang Alexandra Kollontai (22), sagt aber nichts über Rosa Luxemburg. Nun, welche Rolle Kollontai auch immer in der Russischen Revolution und im Widerstand gegen ihre Degeneration (sie spielte eine führende Rolle in der „Arbeiteropposition“) gespielt hatte, Kollontai hatte nie einen großen Anteil an der Entwicklung der marxistischen Theorie und noch weniger an der Theorie der Anthropologie.

Auf der anderen Seite war Luxemburg nicht nur eine führende marxistische Theoretikerin, sie war auch die Autorin von Einführung in die Nationalökonomie, die sich auf der Grundlage der zu damaliger Zeit aktuellsten Forschungsergebnissen zu einem bedeutenden Teil der Frage des primitiven Kommunismus widmet. Die einzige Rechtfertigung für dieses Ungleichgewicht ist, dass Kollontai zunächst in der sozialistischen Bewegung, schließlich im frühen Sowjet-Russland eine wichtige Rolle im Kampf für die Frauenrechte spielte, während Luxemburg nie großes Interesse am Feminismus zeigte. Zwei weitere marxistische Autoren, die über das Thema des primitiven Kommunismus schrieben, sind nicht einmal erwähnt worden: Karl Kautsky (Ethik und die materialistische Geschichtsauffassung) und Anton Pannekoek (Anthropogenesis).

Unter den unglücklichen Berücksichtigungen finden wir zum Beispiel Evelyn Reed: Dieses Mitglied der amerikanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (einer trotzkistischen Organisation, die die Teilnahme am II. Weltkrieg „kritisch“ unterstützte) wird mit berücksichtigt, weil sie 1975 Feminism and Anthropology schrieb, ein Werk, das damals einen gewissen Erfolg in linken Zirkeln erzielte. Doch wie Darmangeat sagt, wurde das Buch von Anthropologen fast vollständig ignoriert, hauptsächlich wegen der Dürftigkeit seiner Argumente, auf die selbst freundlich gesinnte Kritiker hinwiesen.

Wir finden dieselben blinden Flecken unter den Anthropologen: Claude Lévi-Strauss, eine der wichtigsten Gestalten in der Anthropologie des 20. Jahrhunderts, dessen Theorie über den Übergang von der Natur zur Kultur auf der Idee des Austausches von Frauen zwischen den Männern gründet, erhält nur eine Statistenrolle, während Bronislaw Malinowski erst gar nicht vorkommt.

Doch der blinde Fleck, der am meisten überrascht, ist Chris Knight. Darmangeats Buch konzentriert sich besonders auf die Lage der Frauen in primitiven kommunistischen Gesellschaften und auf die Kritik der Theorien, die einer bestimmten marxistischen oder marxistisch beeinflussten Tradition angehören. 1991 veröffentlichte der britische Anthropologe Chris Knight, der sein Werk ausdrücklich innerhalb der marxistischen Tradition ansiedelt, ein Buch, Blood Relations (Blutsverwandtschaften), das sich exakt mit dem Thema, das Darmangeat umtreibt, beschäftigt. Man könnte erwarten, dass Darmangeat ihm seine größte Aufmerksamkeit widmen würde, dies umso mehr, weil er selbst die „große Belesenheit“ anerkennt, die in diesem Buch zum Ausdruck kommt. Doch nichts davon kommt in Darmangeats Buch vor, ganz das Gegenteil. Er widmet nicht einmal eine Seite (S. 321) Knights These, wo er uns mitteilt, dass Knight „ständig die schwerwiegenden methodischen Fehler von Reed und Briffault wiederholt (Knight sagt nichts über den Erstgenannten, aber zitiert ausgiebig den Letztgenannten)“, was bei einem französisch sprachigen Leser ohne Zugang zu einem Buch, das nur auf Englisch erhältlich ist, den Eindruck hinterlässt, dass Knight nichts andere täte, als Leuten hinterherzulaufen, die von Darmangeat bereits als nicht ernst zu nehmen bezeichnet wurden. (23) Doch ein flüchtiger Blick auf Knights Bibliographie reicht aus, um zu zeigen, dass er, obwohl er in der Tat Briffault zitiert, Marx, Engels, Lévi-Strauss, Marshall Sahlins und vielen mehr einen viel größeren Platz einräumt. Und wenn man sich die Mühe macht, seine Bezugnahmen auf Briffault zu untersuchen, findet man schnell heraus, dass Knight das Werk des Letzteren (1927 veröffentlicht) ungeachtet seiner Verdienste als „überholt in seinen Quellen und seiner Methodik“ (24) betrachtet.

Kurz, unser Gefühl ist, dass Darmangeat uns „zwischen zwei Stühlen sitzen“ lässt: Wir landen bei einer kritischen Schilderung, die weder eine wahre Kritik der von Marxisten vertretenen Positionen noch eine wirkliche Kritik der anthropologischen Theorie ist, und dies vermittelt uns zuweilen den Eindruck, als schauten wir Don Quixote bei seinem Kampf gegen die Windmühlenflügel zu. Die Wahl dieser Struktur scheint uns obskurer als alles andere, ein Argument, das in anderen Zusammenhängen von einem beträchtlichen Interesse ist.

Jens  (Fortsetzung folgt)

 

1) Eine Gesellschaftsgeschichte, die für einige menschliche Populationen bis zum heutigen Tag fortdauert.

2) Editions Smolny, Toulouse, 2009. Wir sind uns der Veröffentlichung der zweiten Ausgabe von Darmangeats Buch (Smolny, Toulouse, 2012) just zu dem Zeitpunkt gewahr geworden, als dieser Artikel kurz vor seiner Veröffentlichung stand, und wir fragten uns natürlich, ob wir diese Rezension neu schreiben müssen. Nachdem wir uns durch die zweite Ausgabe durchgelesen hatten, hatten wir den Eindruck, dass wir diesen Artikel im Wesentlichen in seinem ursprünglichen Zustand belassen konnten. Der Autor wies selbst in einem neuen Vorwort darauf hin, dass er nicht „die Kernideen des Textes verändert (habe), auch nicht die Argumente, auf die er basierte“, und ein Studium der zweiten Ausgabe bestätigt dies. Wir haben uns daher darauf beschränkt, einige Argumente auf der Basis der zweiten Ausgabe näher auszuführen.

3) Chris Knight ist ein englischer Anthropologe und Mitglied der „Radical Anthropology Group“. Er hat an den Debatten über die Wissenschaft auf dem 19. Kongress der IKS teilgenommen, und wir haben seinen Artikel über „Marxismus und Wissenschaft“ auf unserer Website veröffentlicht.

4) Yale University Press, New Haven and London, 1991.

5) Abgesehen davon, verdankt der Autor bzw. die Autorin sehr viel den Diskussionen in der Organisation, ohne die es mit Sicherheit unmöglich gewesen wäre, diese Ideen zu entwickeln.

6) Bischof Ussher war ein umtriebiger Gelehrter des 17. Jahrhunderts, der das Alter der Erde auf der Basis  biblischer Ahnenforschungen berechnete: Er datierte die Schaffung der Erde auf das Jahr 4004 v.Chr.

7) MEW, Band 22, S. 212.

8) http://www.nybooks.com articles/archives/2011/oct/13/can-our-species-escape-destruction.

9) Knight, ob.zit., S. 56f.

10) Ebenda, S. 11. Wir sehen hier eine Analogie zur Warenproduktion und zur kapitalistischen Gesellschaft. Warenproduktion und Handel existierten seit Beginn der Zivilisation oder vielleicht noch länger, doch wurden sie erst im Kapitalismus zu bestimmenden Faktoren.

11) Ebenda, S. 12.

12) Siehe unseren Artikel „Reading notes on science and Marxism“.

13) Dies trifft auf die Wissenschaft wie auch auf andere Produktivkräfte im Kapitalismus zu: „Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangnen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden gestampfte Bevölkerungen – welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoße der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten (…) Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehn, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig, für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums.“ (Marx/Engels, Das kommunistische Manifest, Teil 1, „Bourgeois und Proletarier“.

14) Engels, „Ludwig Feuerbach und das Ende der klassischen deutschen Philosophie. MEW, Band ??.

15) The first scientist: Anaximander and his legacy, Westholme Publishing, 2011.

16) Unsere Übersetzung aus dem Französischen, zitiert in einem auf unserer französischen Website veröffentlichten Artikel.

17) Karl Popper (1902-1994) wurde in Wien, Österreich geboren. Er war einer der einflussreichsten Wissenschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts und ein unumgänglicher Referenzpunkt für alle WissenschaftlerInnen, die an Fragen der Methodik interessiert sind. Er besteht insbesondere auf die Idee der „Widerlegbarkeit“, die feststellt, dass jegliche Hypothese, möchte sie als wissenschaftlich anerkannt werden, in der Lage sein muss, Experimente vorzuschlagen, die es gestatten würden, sie zu widerlegen: Sollten solche Experimente unmöglich sein, kann eine Hypothese nicht in Anspruch nehmen, wissenschaftlich zu sein. Auf dieser Grundlage meinte Popper, dass der Marxismus, die Psychoanalyse und – zumindest anfänglich – der Darwinismus nicht behaupten könnten, eine wissenschaftliche Disziplin zu sein.

18) Siehe das Werk der Stellenbosch-Konferenz, das in The cradle of language, OUP, 2009, und den Artikel, der in der Ausgabe von La Recherche (http://www.larecherche.fr/content/recherche/article?id=30891) im  November 2011 veröffentlicht wurde.

19) Ironischerweise hat Darmangeat in der zweiten Ausgabe den ersten Teil des Buches als Appendix angehängt, anscheinend aus Furcht davor, die fachfremden Leser mit der „Trockenheit“ dieses Teils abzuschrecken, um die Worte des Autors selbst zu benutzen.

20) S. 136 in der ersten Ausgabe. Die Übersetzung aus dem Französischen ist von uns.

21) „Daß von den Jüngeren zuweilen mehr Gewicht auf die ökonomische Seite gelegt wird, als ihr zukommt, haben Marx und ich teilweise selbst verschulden müssen. Wir hatten, den Gegnern gegenüber, das von diesen geleugnete Hauptprinzip zu betonen, und da war nicht immer Zeit, Ort und Gelegenheit, die übrigen an der Wechselwirklung beteiligten Momente zu ihrem Rcht kommen zu lassen. Aber sowie es zur Darstellung eines historischen Abschnitts, also zur praktischen Anwendung kam, änderte sich die Sache, und da war kein Irrtum möglich. Es ist aber leider nur zu häufig, daß man glaubt, eine neue Theorie vollkommen verstanden zu haben und ohne weiteres handhaben zu können, sobald man die Hauptsätze sich angeeignet hat, und das auch nicht immer richtig. und diesen Vorwurf kann ich manchem der neueren ‚Marxisten‘ nicht ersparen, und es ist da auch wunderbares Zeug geleistet worden.“  (Engels, Brief an J. Bloch, 21. September 1890)

22) In der zweiten Ausgabe hat Kollontai sogar einen eigenen Unter-Abschnitt.

23) Die Kritik an Knights Werk ist in der zweiten Ausgabe nicht mehr so ausführlich, mit Ausnahme einer Bezugnahme auf eine kritische Rezension von Joan M. Gero, eine feministische Anthropologin und Autorin von Engendering archaeology. Diese Rezension scheint uns ein wenig oberflächlich und politisch parteiisch. Hier ein typisches Beispiel: „Was Knight als eine ‚erzeugte‘ Perspektive über die Ursprünge der Kultur vorstellt, ist eine paranoide und verzerrende Sichtweise der ‚weiblichen Solidarität‘, die (alle) Frauen als sexuelle Ausbeuter und Manipulatoren (aller) Männer darstellt. Zwischengeschlechtliche Beziehungen werden immerdar und überall als Verhältnisse zwischen Opfern und Manipulatoren charakterisiert; ausbeuterischen Frauen wird stets unterstellt, Männer durch das eine oder andere Mittel in eine Falle locken zu wollen, und tatsächlich würde ihre Verschwörung als die eigentliche Grundlage der Entwicklung unserer Spezies dienen. Die LeserInnen könnten sich durch die Behauptung gekränkt fühlen, dass Männer stets promiskuitiv gewesen seien und dass lediglich guter Sex, gemessen von sich zierenden, aber berechnenden Frauen, sie zu Hause halten und an ihren Nachwuchs interessiert machen könne. Nicht nur, dass das Szenario unwahrscheinlich und nicht erwiesen ist und gleichermaßen  abscheulich für Feministen und Nicht-Feministen ist, hinzu kommt, dass die soziologische Begründung all die nuancierten Versionen der Gesellschaftskonstruktion von geschlechtlichen Verhältnissen, Ideologien und Handlungen aufgibt, die so zentral und faszinierend in den Gender-Studien heute sind“. Kurz, wir werden eingeladen, eine wissenschaftliche These abzulehnen, nicht weil sie falsch ist – Gero hat nichts darüber zu sagen und macht sich nicht die Mühe, dies zu beweisen -, sondern weil sie für bestimmte Feministen „abscheulich“ ist.

24) Darmangeat, ob.zit. S. 328.

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