Die Theorie der Dekadenz im Zentrum des historischen Materialismus

Von Marx zur Kommunistischen
Linken:
Die Positionen der 3. Internationale

Im ersten Artikel dieser Serie, der
in der Internationalen Revue Nr. 34 veröffentlicht wurde, zeigten wir,
dass die Dekadenztheorie sich im eigentlichen Zentrum des historischen
Materialismus bei der Analyse der Evolution der Produktionsweisen durch Marx
und Engels befindet. Sie steht an zentraler Stelle in den programmatischen
Texten der Organisationen der Arbeiterbewegung. Im zweiten Artikel, der in der Internationalen
Revue
Nr. 35 erschien, sahen wir, wie die Organisationen der
Arbeiterbewegung, beginnend mit der Zeit von Marx und Engels über die Zweite
Internationale und ihre marxistische Linke bis hin zur Kommunistischen
Internationale, diese Analyse zum Grundstein ihres Verständnisses der Evolution
des Kapitalismus machten und sich so in die Lage versetzten, die Prioritäten
für die Periode zu bestimmen. Tatsächlich stellten Marx und Engels stets sehr
deutlich fest, dass die Perspektive der kommunistischen Revolution von der
objektiven, historischen und globalen Entwicklung des Kapitalismus abhängt.
Besonders die Dritte Internationale machte diese Analyse zum allgemeinen Rahmen
ihres Verständnisses der neuen Epoche, die mit dem Ausbruch des Ersten
Weltkrieges eingeleitet wurde. Alle politischen Strömungen, die die Dritte Internationale
bildeten, erkannten, dass der erste globale Krieg den Beginn der dekadenten
Phase des Kapitalismus markierte. Wir setzen hier nun unseren historischen
Überblick über die wichtigsten Ausdrücke der Arbeiterbewegung fort, indem wir
die spezifischen politischen Positionen der Kommunistischen Internationale in
der Frage des Parlamentarismus und der Gewerkschaften, für die der Eintritt des
Systems in seine Niedergangsphase wichtige Auswirkungen hatte, näher
untersuchen.


Der Erste Kongress der
Kommunistischen Internationale wurde vom 2. – 6. März 1919 abgehalten, auf dem
Höhepunkt der internationalen revolutionären Welle, die über die großen
Arbeiterkonzentrationen in Europa dahinfegte. Die junge Sowjetrepublik in
Russland war kaum zwei Jahre an der Macht. Im September 1918 fand ein wichtiger
Aufstand in Bulgarien statt. Deutschland befand sich auf dem Höhepunkt der
gesellschaftlichen Gärung, überall wurden Arbeiterräte gebildet, und zwischen
November 1918 und Februar 1919 fand in Berlin eine große Erhebung statt. In
Bayern wurde im November 1918 sogar eine Räterepublik gegründet;
tragischerweise sollte sie nur bis zum Februar 1919 überleben. In Ungarn brach
eine sozialistische Revolution aus und widerstand sechs Monate lang, von März
bis August 1919, erfolgreich den Anschlägen der konterrevolutionären Kräfte.
Infolge der Kriegsgräuel und der Probleme nach Kriegsende erschütterten
wichtige gesellschaftliche Bewegungen auch alle anderen Länder Europas.

Zur gleichen Zeit befanden sich die revolutionären Kräfte aufgrund des
Verrats der Sozialdemokratie, die beim Ausbruch des Krieges im August 1914 auf
die Seite der herrschenden Klasse gewechselt war, im Prozess der
Reorganisierung. Neue Formationen, die aus dem schwierigen Reifungsprozess
entstanden, strebten danach, die Prinzipien und die größten Errungenschaften
der alten Parteien zu sichern. Die Konferenzen von Zimmerwald (September 1915)
und Kienthal (April 1916) haben mit der Regruppierung aller Gegner des
imperialistischen Krieges nachdrücklich zu dieser Reifung beigetragen und
ermöglicht, dass das Fundament einer neuen Internationale gelegt wurde.

  
Im letzten Artikel sahen wir, wie infolge des Ausbruchs des Ersten
Weltkriegs diese neue Internationale den Eintritt des Kapitalismus in eine neue
historische Epoche zum Rahmen ihres Verständnisses der unmittelbaren Aufgaben
machte. Wir wollen nun untersuchen, wie dieser Rahmen direkt oder indirekt bei
der Erarbeitung der programmatischen Positionen berücksichtigt wurde. Wir werden
ebenfalls zeigen, dass die Schnelligkeit der Ereignisse und die komplizierten
Bedingungen seinerzeit den Revolutionären nicht erlaubte, alle politischen
Implikationen aus dem Eintritt des Kapitalismus in seine dekadente Phase in
Bezug auf den Inhalt und die Form des Kampfes der Arbeiterklasse zu erkennen.

Die Gewerkschaftsfrage

Als der Erste Kongress der Dritten
Internationale im März 1919 abgehalten wurde, war die erste Frage, der sich die
entstehenden kommunistischen Organisationen gegenüberstanden, jene nach dem
Inhalt, der Form und der Perspektiven der revolutionären Bewegung, die sich
fast überall in Europa entwickelte. In dem Maße, wie die unmittelbaren Aufgaben
nicht mehr die Erlangung fortschrittlicher Reformen im Rahmen eines sich im
Aufstieg befindlichen Kapitalismus waren, sondern die Eroberung der Macht
angesichts einer Produktionsweise, die zur Jahrhundertwende, mit dem Ausbruch
des Weltkrieges

[1]

, ihren
historischen Bankrott offenbart hatte, korrespondierte auch die Form, die der
Klassenkampf annahm, mit seinem neuen Inhalt und Ziel. Die Organisierung in
Gewerkschaften - im Wesentlichen ökonomische Organe, die eine Minderheit der
Arbeiterklasse um sich scharten – war den Zielen der Bewegung in der
aufsteigenden Phase des Kapitalismus angepasst, aber sie entsprach nicht der
Machtergreifung. Daher schuf die Arbeiterklasse, beginnend mit den
Massenstreiks in Russland 1905

[2]

,
die Sowjets (Arbeiterräte), die Organe verkörpern, welche alle Arbeiter im
Kampf um sich sammeln, deren Inhalt sowohl ökonomischer als auch politischer
Natur ist

[3]

,
und deren fundamentales Ziel darin besteht, die Machtergreifung vorzubereiten. „Nur muss eine praktische Form gefunden
werden, die das Proletariat in den Stand setzt, seine Herrschaft zu
verwirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des
Proletariats
.
Diktatur
des Proletariats!
Das war bisher Latein für die Massen. Mit
der Ausbreitung des Sowjetsystems in der ganzen Welt ist dieses Latein in alle
Sprachen übersetzt worden: die praktische Form der Diktatur ist durch die
Arbeitermassen gefunden. Sie ist den grossen Arbeitermassen verständlich
geworden durch die Sowjetmacht in Russland, durch die Spartakisten in
Deutschland und ähnliche Bewegungen in anderen Ländern (…).“

(„Rede Lenins zur Eröffnung des Ersten Kongresses der Kommunistischen
Internationale“)

Basierend auf der Erfahrung der
Russischen Revolution und dem breiten Auftreten der Arbeiterräte in allen
Aufständen in Europa, war sich die Kommunistische Internationale auf ihrem
Ersten Kongress sehr wohl bewusst, dass große Arbeiterkämpfe nicht mehr im
gewerkschaftlichen Rahmen stattfinden werden, sondern im Rahmen der neuen
Einheitsorgane, der Arbeiterräte: „Der Sieg kann nur dann als gesichert
gelten, wenn nicht nur die städtischen Arbeiter, sondern auch die ländlichen
Proletarier organisiert sind, und zwar organisiert nicht wie früher in
Gewerkschaften und Genossenschaften, sondern in Sowjets.“
(„Thesen und
Referat Lenins über bürgerliche Demokratie und Diktatur des Proletariates“,
Erster Kongress der Komintern). Außerdem bestand die Hauptlehre, die der Erste
Kongress der Dritten Internationale gezogen hatte, in Lenins Worten darin: „Aber
ich glaube, dass wir nach fast zwei Jahren Revolution
die Frage nicht so stellen dürfen, sondern direkte Vorschläge machen müssen,
denn die Ausbreitung des Rätesystems ist für uns, besonders für die
meisten westeuropäischen Länder, die wichtigste Aufgabe. (…) Ich habe
einen praktischen Vorschlag zu machen, der dahin geht, eine Resolution
anzunehmen, in der speziell drei Punkte angenommen werden.  Erstens: Eine der wichtigsten Aufgaben
für die Genossen der westeuropäischen Länder besteht darin, die Massen über
die Bedeutung, die Wichtigkeit und die Notwendigkeit des Rätesystems
aufzuklären
. (…) Drittens müssen wir sagen, dass die Eroberung einer
kommunistischen Mehrheit in den Räten die Hauptaufgabe in allen Ländern
ist, in denen die Sowjetmacht noch nicht gesiegt hat.“
(ebenda).

  Die Arbeiterklasse schuf nicht nur neue
Kampforgane – die Arbeiterräte -, die den neuen Zielen und dem neuen Inhalt des
Kampfes in der Dekadenz des Kapitalismus angepasst waren. Darüber hinaus machte
der Erste Kongress den Revolutionären klar, dass das Proletariat sich auch den
Gewerkschaften stellen musste, die mit Sack und Pack ins Lager der Bourgeoisie
übergegangen waren, wie aus den Berichten der Delegierten der verschiedenen
Ländern ersichtlich wird. So sagte Albert, ein Delegierter aus Deutschland, in
seinem Bericht über die Lage in Deutschland: „Für uns ist von Bedeutung,
dass durch diese Betriebsräte die bisher in Deutschland so sehr einflussreichen
Gewerkschaften an die Wand gedrückt worden sind, die Gewerkschaften, die mit
den Gelben eins waren, die den Arbeitern verboten hatten zu streiken, die gegen
jede offene Bewegung der Arbeiter waren, die den Arbeitern überall in den
Rücken gefallen sind. Diese Gewerkschaften sind seit dem 9. November
vollständig ausgeschaltet. Alle Lohnbewegungen seit dem 9. November wurden
ohne, ja gegen die Gewerkschaften geführt, die selbst keine einzige
Lohnforderung der Arbeiter durchgedrückt hatten.“
(„Protokolle des Ersten
Kongresses der Kommunistischen Internationale“). Dasselbe gilt auch für
Plattens Bericht aus der Schweiz: „Die gewerkschaftliche Bewegung in der
Schweiz hat dieselben Krankheiten aufzuweisen wie die deutsche. (…) Die
Arbeiter in der Schweiz haben frühzeitig erkannt, dass sie ihre materielle Lage
nur verbessern können, wenn sie über die Statuten der Gewerkschaften hinaus
einfach zum Kampf schreiten, nicht unter der Führung des alten
Gewerkschaftsbundes, sondern unter selbst gewählter Leitung. Es kam zur
Gründung eines Arbeiterkongresses und eines Arbeiterrats (…) Der
Arbeiterkongress kam zustande trotz des Widerstandes des Gewerkschaftsbundes
(…)“
(ebenda).
Diese Realität einer oft gewaltsamen Konfrontation
zwischen der in Räten organisierten Arbeiterbewegung und den Gewerkschaften,
die zur letzten Verteidigungslinie des Kapitalismus geworden waren, ist eine
Erfahrung, die sich mehr oder weniger deutlich durch die Berichte aller
Delegierten zieht.

[4]

Die Realität der mächtigen
konterrevolutionären Rolle der Gewerkschaften war neu für die bolschewistische
Partei: In seinem Bericht über Russland konnte Sinowjew noch immer sagen: „Die Gewerkschaften haben bei uns eine andere
Entwicklung durchgemacht als in Deutschland. Sie haben während der Jahre
1904-1905 eine grosse revolutionäre Rolle gespielt, und sie gehen parallel mit
unserem Kampf für den Sozialismus. (…) Die grösste Mehrheit der Mitglieder
vertritt den Standpunkt unserer Partei, und alle Beschlüsse werden nur im
Geiste unserer Partei gefasst.“
Auch sagte Bucharin, Mitverfasser
und Co-Rapporteur der Plattform, die verabschiedet
wurde: „Genossen! Meine Aufgabe besteht darin, die von uns vorgelegten
Richtlinien zu analysieren. (…) Wenn wir für die Russen schreiben würden, so
hätten wir die Rolle der Gewerkschaften in dem revolutionären
Umwandlungsprozess beschrieben. Aber nach der Erfahrung der deutschen
Kommunisten ist dies unmöglich, denn die dortigen Genossen erzählen uns, dass
die Stellung der dortigen Gewerkschaften der unseren völlig entgegengesetzt
ist. Bei uns spielen die Gewerkschaften im Prozess der positiven Arbeit die
Hauptrolle; die Sowjetmacht stütz sich gerade auf sie, in Deutschland ist es
umgekehrt.“
(ebenda).

Dies ist wenig
überraschend, wenn man bedenkt, dass die Gewerkschaften bis 1905 nicht wirklich
in Russland in Erscheinung traten, dass sie erst durch die Sowjets angespornt
wurden. Als die Bewegung nach dem Scheitern der Revolution abebbte, neigten die
Gewerkschaften ebenfalls dazu, zu verschwinden. Die relative Schwäche des
zaristischen Staates ließ es im Gegensatz zu den westlichen Ländern nicht zu,
dass die Gewerkschaften in den Staat integriert werden konnten. In den meisten
entwickelten, westlichen Ländern wie Deutschland, England oder Frankreich
hatten sich die Gewerkschaften durch ihre Beteiligung in verschiedensten
Organismen und Schlichtungskommissionen immer mehr in die Verwaltung der
Gesellschaft eingegliedert. Der Ausbruch des Krieges beschleunigte diese
Tendenz und die Gewerkschaften mussten ihr Lager definitiv wählen. Dies machten
sie in den angeführten Ländern, indem sie die Arbeiterklasse verrieten,
einschliesslich der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CGT in Frankreich

[5]

.
In Russland wurden die Gewerkschaften durch den Klassenkampf, ausgelöst durch
die Privatisierungen und die Schrecken des Krieges, aktiviert. Ihre Rolle
beschränkte sich jedoch mehr auf Anhängsel der Sowjets, wie schon 1905. Es muss
jedoch festgehalten werden, dass trotz ihrer geringeren Integration in den
Staat einige Gewerkschaften in Russland zur Zeit der revolutionären Periode von
1917 eine reaktionäre Rolle spielten, so die Eisenbahnergewerkschaft.

Diese unterschiedlichen Erfahrungen
in der Arbeiterschaft sollten mit der nachlassenden Dynamik der revolutionären
Welle und mit der Isolierung Russlands (zu diesem Zeitpunkt behauptete noch
niemand, dass die bolschewistische Partei die Speerspitze der Konterrevolution
sei) die Fähigkeit der Internationale beeinträchtigen, alle Lehren und
Erfahrungen des Proletariats weltweit zu ziehen und zu vereinheitlichen. Die
Stärke der revolutionären Bewegung, die zur Zeit des Ersten Kongresses
beträchtlich war, wie auch die Übereinstimmung der Erfahrungen aller Delegierten
aus den höchst entwickelten kapitalistischen Ländern in der Gewerkschaftsfrage
ließ diese Frage offen. Genosse Albert zog somit für das Präsidium und als
Co-Rapporteur in der Gewerkschaftsfrage folgende Schlussfolgerung:
„Ich komme gleich auf eine sehr wichtige Frage, die in den Richtlinien nicht
behandelt ist, das ist die gewerkschaftliche Bewegung. Wir haben uns lange mit
dieser Frage beschäftigt. Wir haben die Vertreter der einzelnen Länder über die
gewerkschaftliche Bewegung ausgefragt und müssen feststellen, dass es heute
unmöglich ist, zu dieser Frage in den Richtlinien international Stellung zu
nehmen, da die Stellung des Proletariat in den einzelnen Ländern völlig
verschieden ist. (…) Das alles sind Verhältnisse, die in den einzelnen Ländern
verschieden sind, so dass es uns unmöglich erscheint, den Arbeitern klare
internationale Richtlinien zu geben. Weil dies nicht möglich ist, können wir
diese Frage heute nicht entscheiden, wir müssen es den einzelnen
Landesorganisationen überlassen, zu ihr Stellung zu nehmen.“
(ebenda).
Auf
die Idee der Revolutionierung der Gewerkschaften, die von Reinstein, einem
ehemaligen Mitglied der amerikanischen sozialistischen Arbeiterpartei, der als
Delegierter der Vereinigten Staaten anerkannt wurde

[6]

,
vorgebracht wurde, entgegnete Albert, Delegierter der Kommunistischen
Partei Deutschlands: „Man könnte leicht sagen: ihr müsst sie
revolutionieren, an Stelle der gelben Führer revolutionäre setzen. Aber das
lässt sich nicht so ohne weiteres machen, weil die ganzen
Organisationsformen der Gewerkschaften dem alten Staat angepasst sind, weil das
Rätesystem auf der Grundlage der Fachverbände nicht durchführbar ist.

(ebenda).

Das Kriegsende, eine
gewisse
„Sieges-Euphorie“ in den Siegerländern und die Fähigkeit
der Bourgeoisie, mit der unerschütterlichen Unterstützung durch die
sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften eine heftige Repression gegen
gesellschaftliche Bewegungen zu entfesseln und gleichzeitig wichtige
wirtschaftliche und politische Zugeständnisse gegenüber der Arbeiterklasse (wie
das allgemeine Wahlrecht und den Achtstundentag) zu machen, ermöglichten es
Stück für Stück, die sozioökonomische Lage in allen Ländern zu stabilisieren.
Dies verursachte einen fortschreitenden Verfall in der Intensität der
revolutionären Welle, die gerade wegen der Kriegsgräuel und deren Folgen
entstanden war. Die Erschöpfung des revolutionären Elans und der Beginn einer
Verbesserung der wirtschaftlichen Lage lastete schwer auf der Fähigkeit der
revolutionären Bewegung, die Lehren aus all den Kampferfahrungen auf
internationaler Ebene zu ziehen und ihr Verständnis aller Folgen des
historischen Wandels für die Formen und den Inhalt des proletarischen Kampfes
zu vereinheitlichen. Mit der Isolierung der Russischen Revolution wurde die
Kommunistische Internationale immer stärker von den Positionen der
bolschewistischen Partei dominiert. Diese wurde unter dem fürchterlichen Druck
der Ereignisse in wachsendem Maße dazu gezwungen, Zugeständnisse zu machen, um
zu versuchen, Zeit zu gewinnen und aus dem Schraubstock auszubrechen, in dem
sie gezwängt worden war. Drei wichtige Ereignisse in dieser Rückentwicklung
fanden zwischen dem Ersten und Zweiten Kongress der Kommunistischen
Internationale (Juli 1920) statt. Kurz vor ihrem Zweiten Kongress 1920 schuf
die KI eine Rote Gewerkschaftsinternationale, die in Konkurrenz zur
Internationale der „gelben“ Gewerkschaften in Amsterdam (die mit den
verräterischen sozialdemokratischen Parteien verknüpft waren) stand. Im April
1920 löste die Exekutivkommission der KI ihr Amsterdamer Büro für Westeuropa
auf, das die radikalen Positionen der westeuropäischen Parteien gegen einige
der Orientierungen der KI, insbesondere in der Frage der Gewerkschaften und des
Parlamentarismus, artikuliert hatte. Und schließlich verfasste Lenin im April -
Mai 1920 eines seiner schwächsten Werke: Der Linksradikalismus, eine
Kinderkrankheit des Kommunismus
, in dem er in ungerechtfertigter Weise all
jene kritisierte, die er „Linksradikale“ nannte und die genau jene Ausdrücke
der Linken waren, welche die Erfahrungen der geballtesten und
fortgeschrittensten Bastionen des europäischen Proletariats zum Ausdruck brachten

[7]

.
Statt die Diskussion, die Konfrontation und Vereinheitlichung der
unterschiedlichen Erfahrungen des internationalen Kampfes des Proletariats
weiterzuverfolgen, öffnete dieser Wechsel in der Perspektive und Stellung die
Tür zum Rückzug zu den alten Positionen der radikalen Sozialdemokraten

[8]

.

Trotz des immer ungünstigeren
Verlaufs der Ereignisse bewies die Kommunistische Internationale in ihren
Leitsätzen zur Gewerkschaftsfrage, die auf dem Zweiten Kongress angenommen
wurden, dass sie ihre Fähigkeit zur theoretischen Klärung noch nicht ganz
verloren hatte. Dank der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus dem Kampf
in allen Ländern und einer Annäherung an die Lehren aus der
konterrevolutionären Rolle der Gewerkschaften, gelangte sie zur Überzeugung,
dass Letztere, trotz der entgegen gesetzten Erfahrungen in Russland, während des Ersten Weltkriegs auf die Seite der
Bourgeoisie übergewechselt waren. „Aus denselben Gründen, denen zufolge die
internationale Sozialdemokratie sich mit geringen Ausnahmen nicht als Werkzeug
des revolutionären Kampfes des Proletariats zum Sturz des Kapitalismus, sondern
als eine Organisation erwies, die das Proletariat im Interesse der Bourgeoisie
von der Revolution zurückhält, erwiesen sich die Gewerkschaften während des
Krieges in den meisten Fällen als Teil des Kriegsapparates der Bourgeoise und
halfen dieser, aus der Arbeiterklasse möglichst viel Schweiss auszupressen,
zwecks möglichst energischer Kriegsführung für die Interessen des
kapitalistischen Gewinns.“
(„Leitsätze über die Gewerkschaftsbewegung,
Betriebsräte und die Kommunistische Internationale“). Im Gegensatz zu ihren
eigenen Erfahrungen
in Russland akzeptierten die Bolschewiki auch, dass
von nun an die Gewerkschaften im Wesentlichen eine negative Rolle spielten und
eine mächtige Bremse gegen die Entwicklung des Klassenkampfes bildeten, da sie
genauso wie die Sozialdemokratie vom Reformismus kontaminiert waren.

Jedoch führte der fürchterliche
Druck der Ereignisse – das Umschlagen der revolutionären Welle, die
sozioökonomische Stabilisierung des Kapitalismus und die Isolation der
Russischen Revolution – die Komintern dazu, unter Federführung der Bolschewiki
an den alten radikalen sozialdemokratischen Positionen festzuhalten, statt die
politische Vertiefung zu vervollständigen, die notwendig war, um den Wandel in
der Dynamik, im Inhalt und in der Form des Klassenkampfes in der dekadenten
Phase des Kapitalismus zu verstehen. So wundert es nicht, dass die
programmatischen Leitsätze, die gegen den Widerstand vieler kommunistischer
Organisationen und nicht zuletzt der Repräsentanten der fortgeschrittensten
Fraktionen des westeuropäischen Proletariats vom Zweiten Kongress der Komintern
verabschiedet wurden, einen Rückschritt darstellen. Ohne jegliche Argumente und
in völligem Widerspruch zur allgemeinen Orientierung, die auf dem Ersten
Kongress entwickelt worden war, aber auch zur konkreten Realität des Kampfes
vertraten die Bolschewiki die Idee: „Die
Gewerkschaften, die während es Krieges zu Organen für die Beeinflussung der
Arbeitermassen im Interesse der Bourgeoisie geworden waren, werden jetzt zu
Organen der Zerstörung des Kapitalismus“
(ebenda). Diese Behauptung wurde
zwar sofort
stark modifiziert

[9]

,
doch die Tür war nun offen für alle möglichen taktischen Mittel, um die
Gewerkschaften „wiederzuerobern“, sie „in die Enge zu
treiben“
und die Taktik der Einheitsfront zu entwickeln, etc. – alles
unter dem Vorwand, dass die Kommunisten noch immer eine Minderheit seien, dass
die Situation immer ungünstiger werde, dass es notwendig sei, „mit den Massen
zu gehen“, etc.

Die Entwicklung in der Gewerkschaftsfrage,
die wir oben kurz umrissen haben, ähnelte in vielen Details dem Werdegang der
anderen politischen Positionen der Kommunistischen Internationale. Nachdem sie
wichtige Fortschritte und eine theoretische Klärung erzielt hatte, entwickelte
sie sich mit dem Rückgang der internationalen revolutionären Welle zurück. Es
ist nicht an uns, den Richter der Geschichte zu spielen und Zensuren zu
verteilen, sondern einen Prozess zu verstehen, an dem alle mit ihren Stärken
und Schwächen teilhatten. Angesichts einer wachsenden Isolation und des Drucks
durch den Rückzug sozialer Bewegungen versuchte jede Partei, Verhaltensweisen
und Positionen anzunehmen, die von den spezifischen Erfahrungen der
Arbeiterklasse in den einzelnen Ländern bestimmt wurden. Der vorherrschende
Einfluss der Bolschewiki in der Kommunistischen Internationale, einst ein
aktiver Faktor bei ihrer Gründung, war allmählich in eine Behinderung des
Klärungsprozesses umgeschlagen, indem ihre Positionen im Wesentlichen aus der
Erfahrung der Russischen Revolution allein abgeleitet wurden

[10]

.

Die Frage des Parlamentarismus

Die Position zur Parlamentspolitik
entwickelte sich wie auch jene zur Gewerkschaftsfrage von einem Bestreben zur
Klärung, einschließlich der Leitsätze über den Parlamentarismus, die auf dem
Zweiten Kongress der Komintern angenommen wurden, hin zu einer zweiten Periode.
Diese zeichnete sich durch die Leitsätze aus, diese Thesen wieder
zurückzunehmen

[11]

. Doch mehr
noch als die Gewerkschaftsfrage, auf die wir uns in diesem Artikel konzentriert
haben, wurde die Parlamentarismusfrage im Rahmen der Entwicklung des
Kapitalismus von seiner aufsteigenden zu seiner dekadenten Phase betrachtet. So
können wir in den Leitsätzen des Zweiten Kongresses
lesen: „Der Kommunismus muss von einer klaren theoretischen Einschätzung des
Charakters der gegenwärtigen Epoche ausgehen (Höhepunkt des Kapitalismus;
seine imperialistische Selbstverneinung und Selbstvernichtung; ununterbrochenes
Anwachsen des Bürgerkrieges usw.) (…) Die Stellung der III. Internationale
zum Parlamentarismus wird nicht durch eine neue Doktrin, sondern durch die
Änderungen der Rolle des Parlamentarismus selbst bestimmt
. In der
vergangenen Epoche hat das Parlament als Instrument des sich entwickelnden
Kapitalismus in gewissem Sinne eine historisch fortschrittliche Arbeit
geleistet. Aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen, unter dem zügellosen
Imperialismus, ist das Parlament zu einem Werkzeug der Lüge, des Betrugs, der
Gewalttat und des entnervten Geschwätzes geworden. Angesichts der
imperialistischen Verheerungen, Plünderungen, Gewalttaten, Räubereien und
Zerstörungen verlieren die jeder Planmässigkeit und Festigkeit baren
parlamentarischen Reformen für die werktätigen Massen jede praktische
Bedeutung. (…) Gegenwärtig kann das Parlament für die Kommunisten auf keinen
Fall ein Schauplatz des Kampfes um Reformen, um Verbesserung der Lage der
Arbeiter sein, wie das in gewissen Augenblicken der vergangenen Periode der
Fall war. Der Schwerpunkt des politischen Lebens hat sich vollkommen aus dem
Parlament verschoben, und zwar endgültig
. (…) Dabei muss man stets die
relative Unwichtigkeit dieser Frage im Auge behalten. Da der Schwerpunkt in dem
ausserparlamentarischen Kampf um die Staatsmacht liegt, so versteht es sich von
selbst, dass die Frage der proletarischen Diktatur und des Kampfes der Massen
für diese Diktatur mit der Teilfrage der Ausnutzung des Parlamentarismus nicht
gleichzusetzen ist.“
(„Leitsätze über die kommunistischen Parteien und den
Parlamentarismus“). Leider
standen diese Leitsätze nicht in einem Zusammenhang
mit ihren eigenen theoretischen Untermauerungen. Trotz dieser klaren
Stellungnahmen hatte die Kommunistische Internationale insofern nicht alle
Auswirkungen mit einbezog, als sie von allen Kommunistischen Parteien
verlangte, weiterhin „revolutionäre“ Propaganda auf der parlamentarischen
Tribüne und in den Wahlen zu betreiben.

Die nationale Frage

Das Manifest, das vom Ersten
Kongress der Kommunistischen Internationale verabschiedet wurde, war besonders
in der nationalen Frage sehr weitsichtig, als es angesichts der neuen Periode,
die vom Ersten Weltkrieg eingeleitet wurde, verkündete:
Der nationale Staat, der der kapitalistischen Entwicklung einen
mächtigen Impuls gegeben hat, ist für die Fortentwicklung der Produktivkräfte
zu eng geworden.
Die Folge: „Um so unhaltbarer wurde die Lage der
unter den Grossmächten Europas und anderer Weltteile verstreuten kleinen
Staaten.“
Bis zu dem Punkt, wo die kleinen Staaten sich selbst genötigt
sehen, ihre eigene imperialistische Politik zu entwickeln. „Diese
Kleinstaaten, die zu verschiedenen Zeiten als Bruchstücke von grossen Staaten,
als Scheidemünze zu Bezahlung verschiedener Dienstleistungen, als strategische
Puffer entstanden sind, haben ihre Dynastien, ihre herrschenden Banden, ihre
imperialistischen Ansprüche, ihre diplomatischen Machenschaften. (…)
Gleichzeitig ist die Zahl der Kleinstaaten gestiegen: aus dem Bestand der
österreichisch-ungarischen Monarchie, aus den Teilen des Zarenreichs sondern
sich neue Staatswesen ab, die, kaum in die Welt gesetzt, sich gegenseitig wegen
der staatlichen Grenzen an die Kehle springen.“
Unter Berücksichtigung
dieser Schwächen im
Rahmen eines Systems, das für die Expansion der
Produktivkräfte zu klein geworden ist, wird die nationale Unabhängigkeit als
„illusorisch“ beschrieben. Den kleinen Nationen bleibe keine andere Wahl, als
das Spiel der Großmächte mitzuspielen und sich so teuer wie möglich in den interimperialistischen Beziehungen zu verkaufen. „Ihre
illusorische Unabhängigkeit hatte bis zum Kriege dieselben Stützen wie das
europäische Gleichgewicht: den ununterbrochenen Gegensatz zwischen den beiden
imperialistischen Lagern. Der Krieg hat dieses Gleichgewicht zerstört. Indem
der Krieg anfänglich Deutschland ein gewaltiges Übergewicht verlieh, zwang er
die Kleinstaaten, Heil und Rettung in der Grossmut des deutschen Militarismus
zu suchen. Nachdem Deutschland geschlagen wurde, wandte sich die Bourgeoisie
der Kleinstaaten gemeinsam mit ihren patriotischen „Sozialisten“ dem
siegreichen Imperialismus der Verbündeten zu und begann in den heuchlerischen
Punkten des Wilsonschen Programms Sicherungen für ihr weiteres selbständiges
Fortbestehen zu suchen. (…) Unterdessen bereiteten die alliierten Imperialisten
solche Kombinationen von neuen und alten Staaten vor, um sie durch die
Haftpflicht des gegenseitigen Hasses und allgemeiner Ohnmacht zu binden.“
(„Manifest
an das Proletariat der ganzen Welt“, Erster Kongress der Kommunistischen
Internationale).

Diese Klarheit wurde
unglücklicherweise seit dem Zweiten Kongress, mit der Annahme der „Leitsätze
über die Nationalitäten- und Kolonialfrage“, Zug um Zug preisgegeben, als nicht
mehr davon ausgegangen wurde, dass alle Nationen, ob groß oder klein, gezwungen
waren, eine imperialistische Politik zu praktizieren und sich selbst an die
Strategie der Großmächte zu binden. Tatsächlich wurden die Nationen in zwei Gruppen aufgeteilt: „(…) genaue Trennung der
unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Nationen von den
unterdrückenden, ausbeutenden, vollberechtigten Nationen (…)“
(„Leitsätze
über die Nationalitäten- und Kolonialfrage“) Was beinhaltete: „Jede Partei
die der III. Internationale anzugehören wünscht, ist verpflichtet (…) jede
Freiheitsbewegung in den Kolonien nicht nur mit Worten, sondern auch durch
Taten zu unterstützen (…) Parteimitglieder, die die von der Kommunistischen
Internationale aufgestellten Verpflichtungen und Leitsätze grundsätzlich
ablehnen, müssen aus der Partei ausgeschlossen werden.“
(„Leitsätze über
die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale“). Darüber
hinaus – und im Gegensatz zu dem, was richtigerweise im „Manifest“ des Ersten
Kongresses festgestellt wurde – wurde der Nationalstaat nicht mehr betrachtet
als „zu eng geworden für die Fortentwicklung der Produktivkräfte“, denn „die
Fremdherrschaft hemmt beständig die Entwicklung des sozialen Lebens; daher muss
der erste Schritt der Revolution die Beseitigung dieser Fremdherrschaft sein.“

(„Ergänzungsthesen über die Nationalitäten- und Kolonialfrage“, Punkt 6). Hier
können wir sehen, dass durch den Verzicht auf
eine Vertiefung der
Konsequenzen aus der Analyse über den Eintritt des kapitalistischen Systems in
die Dekadenz die Kommunistische Internationale schnell auf das dünne Eis des
Opportunismus geriet.

Schlussfolgerungen

Wir erheben nicht den Anspruch,
dass die Kommunistische Internationale ein vollständiges Verständnis der
Dekadenz der kapitalistischen Produktionsweise hätte haben müssen. Wie wir im
nächsten Artikel sehen werden, waren sich die Dritte Internationale und ihre
Parteien sicherlich mehr oder weniger bewusst darüber, dass eine neue Epoche
angebrochen war, dass der Kapitalismus ausgedient hatte, dass die unmittelbare
Aufgabe darin bestand, nicht mehr Reformen, sondern die Macht zu erringen, und
dass die Klasse, die den Kapitalismus verkörpert, die Bourgeoisie, reaktionär
geworden ist, zumindest in den zentralen Ländern. Es war eine der Schwächen der
Komintern, dass sie nicht imstande war, alle Lehren aus der neuen Epoche zu
ziehen, die durch den Ersten Weltkrieg eingeleitet worden war, Lehren über den
Inhalt und die Form des proletarischen Kampfes. Weit entfernt davon,
ausschließlich auf die Komintern und ihre Parteien beschränkt gewesen zu sein,
war diese Schwäche vielmehr die Frucht allgemeiner Schwierigkeiten, die die
Arbeiterbewegung als solche hatte: die tiefe Spaltung der Revolutionäre zum
Zeitpunkt des Verrats durch die Sozialdemokratie und die Notwendigkeit ihres
Wiederaufbaus unter den schwierigen Umständen des Krieges und der unmittelbaren
Nachkriegsperiode; die Spaltung zwischen Sieger- und Verliererländern, die
keine günstigen Bedingungen für die Generalisierung der revolutionären Bewegung
schuf; der rapide Rückgang der Bewegungen und Kämpfe, als die einzelnen Länder
wieder soweit waren, die wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Krieg zu
stabilisieren, etc. Diese Schwäche konnte nur wachsen, und es fiel den linken
Fraktionen zu, die sich von der Komintern trennten, die Arbeit fortzusetzen,
die es noch zu machen galt.

C. Mcl.


[1]

„Die 2. Internationale hat ihren Teil an nützlicher
Vorarbeit geleistet, um die proletarischen Massen zunächst während der langen
„friedlichen“ Periode härtester kapitalistischer Sklaverei und raschesten
kapitalistischen Fortschritts im letzten Drittel des 19. und am Anfang des 20.
Jahrhunderts zu organisieren. Der 3. Internationale steht die Aufgabe bevor die
Kräfte des Proletariats zum revolutionären Ansturm  gegen die kapitalistischen Regierungen zu organisieren, zum
Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie aller Länder, für die proletarische Macht,
für den Sieg des Sozialismus!“
(Lenin, „Lage und Aufgaben der
Sozialistischen Internationale“, Werke, Band, 21)             

[2]

siehe die dreiteilige Artikelserie „Die Revolution von
1905 in Russland“, Internationale Revue Nr. 36-38

[3]

„Der wirtschaftliche Kampf des Proletariats
verwandelt sich in der Epoche des Zerfalls des Kapitalismus viel schneller in
einen politischen Kampf, als dies im Zeitalter der friedlichen Entwicklung des
Kapitalismus geschehen konnte. Jeder grosse wirtschaftliche Zusammenstoss kann
die Arbeiter unmittelbar vor die Frage der Revolution stellen.“
(„Leitsätze
über die Gewerkschaftsbewegung, die Betriebsräte und die Kommunistische
Internationale“, 2. Kongress der Komintern) „Lohnkämpfe der Arbeiter
bringen  – auch wenn sie erfolgreich
sind – nicht die erhoffte Hebung der Lebenslage, da der sprungweise sich
erhöhende Kaufpreis aller Bedarfsgüter jeden Erfolg illusorisch macht. Die
Lebenslage der Arbeiter kann nur dann gehoben werden, wenn nicht die
Bourgeoise, sondern das Proletariat selbst die Produktion beherrscht. Die
gewaltigen Lohnkämpfe der Arbeiter in allen Ländern, in denen deutlich die
verzweifelte Lage zum Ausdruck kommt, machen durch ihre elementare Wucht und
Tendenz der Verallgemeinerung die Fortführung der kapitalistischen
Produktionsweise unmöglich.“
(„Richtlinien der Kommunistischen
Internationale“, 1. Kongress der Komintern)

[4]

Auch der Bericht von Feinberg über England unterstreicht:
„Die Gewerkschaften gaben die Errungenschaften, die sie in langjährigem
Kampf erobert hatten, auf, und das Zentralkomitee der Gewerkschaften schloss
den Burgfrieden mit der Bourgeoisie. Aber das Leben, die Verstärkung der
Ausbeutung, die Erhöhung der Lebensmittelpreise zwangen die Arbeiter, sich
gegen die Kapitalisten, die den Burgfrieden zu ihren Ausbeutungszwecken
ausnützen, zu wehren. Sie sahen sich gezwungen, erhöhte Arbeitslöhne zu
verlangen und diese Forderungen durch Streik zu unterstützen. Das
Zentralkomitee der Gewerkschaften und die früheren Führer der Bewegung hatten
der Regierung versprochen, die Arbeiter im Zaum zu halten, und deshalb
versuchten sie die Bewegung zurückzuhalten und desavouierten die Streiks.
Dennoch fanden die Streiks „unoffiziell“ statt.“
(„Protokoll des Ersten
Kongresses der Kommunistischen Internationale“). Der Bericht von Reinstein über
die USA hob hervor: „Nur muss man hier betonen, dass die amerikanische
kapitalistische Klasse praktisch und schlau genug war, einen praktischen und
tatkräftigen Blitzableiter für sich zu schaffen, und dieser bestand in der
Entwicklung einer antisozialistischen grossen gewerkschaftlichen Organisation
unter der Führung von Gompers. (…) Gompers ist aber eher ein amerikanischer
Subatow (…)
(Subatow war der Organisator der „gelben“ Gewerkschaften für
die zaristische Polizei). Kuusinen, der Delegierte für Finnland, ging in der
Diskussion über die „Richtlinien der Kommunistischen Internationale“ in
dieselbe Richtung: „Es gibt eine Anmerkung zu machen bezüglich des
Abschnitts „Demokratie und Diktatur“, bei dem es um die revolutionären
Gewerkschaften und Genossenschaften geht. In Finnland haben wir weder
revolutionäre Gewerkschaften als auch keine revolutionären Genossenschaften und
wir zweifeln auch daran, dass es solche jemals in unserem Land geben wird. Die
Struktur dieser Gewerkschaften und Genossenschaften überzeugt uns, dass nach
der Revolution die neue soziale Ordnung besser aufgebaut werden kann ohne diese
Organisationen.“

[5]

Dies war auch der Grund, weshalb die CGT in Spanien 1914
nicht sofort ins Lager der Bourgeoisie überwechselte, was sie später dann tat.
Da Spanien nicht am Ersten Weltkrieg teilnahm, wurde sie nicht auf die
Feuerprobe gestellt zwischen den Lagern des Proletariates und der Bourgeoise zu
wählen.   

[6]

Dieser Delegierte schlug einen Anhang in diesem Sinne
zur den „Richtlinien“ vor, der vom Kongress abgelehnt wurde.

[7]

Lenin ging soweit, dass er schrieb: „Aus all dem
ergibt sich die Notwendigkeit, die absolute Notwendigkeit für die
kommunistische Partei, die Vorhut des Proletariats, zu lavieren, Absprachen zu
machen, Kompromisse zu schliessen, mit den verschiedenen Gruppen von Arbeitern,
mit den verschiedenen Parteien der Arbeiter und denen anderer Unterdrückter.“

[8]

„ (…) so kann die zweite Aufgabe, die nun zur
nächsten wird und die in der Fähigkeit besteht, die Massen heranzuführen an die
neuen Positionen, die den Sieg der Vorhut in der Revolution zu sichern vermag –
so kann diese nächste Aufgabe nicht erfüllt werden, ohne dass man mit dem
linken Doktrinarismus aufräumt, ohne dass man seine Fehler völlig überwindet
und sich von ihnen frei macht.“

[9]

Die „Leitsätze“ merkten an: „Diese Änderung des
Charakters der Gewerkschaften wird von der alten Gewerkschaftsbürokratie und
durch die alten Organisationsformen der Gewerkschaften auf jede Weise
behindert.“

[10]

„Der 2. Kongress 
der Kommunistischen Internationale erkennt als unrichtig die Ansichten
über die Beziehungen der Partei zu Klasse und Masse, über die Unverbindlichkeit
der Teilnahme der kommunistischen Parteien an den bürgerlichen Parlamenten und
reaktionärsten Gewerkschaften an, die in besonderen Beschlüssen des 2.
Kongresses eingehend widerlegt sind und am vollständigsten durch die
„Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands“ (KAPD) verteidigt werden, sowie teilweise
von der „Kommunistischen Partei der Schweiz“, dem Organ des Osteuropäischen
Sekretariats der Kommunistischen Internationale „Der Kommunismus“ in Wien, und
einigen holländischen Genossen, ferner von einigen kommunistischen
Organisationen in England, z.B. der „Sozialistischen Arbeiterföderation“ u. a.,
sowie von den „Industriearbeitern der Welt“ (IWW) in Amerika und von den Shop
Stewards Committees in England usw.
(„Leitsätze über die Grundaufgaben der
Kommunistischen Internationale“, Punkt 18)               

[11]

Nachdem wir in der Gewerkschaftsfrage ins Detail
gegangen sind, können wir dies im Rahmen dieses Artikels über die Dekadenz
nicht auch noch in der Frage des Parlamentarismus machen. Wir verweisen
französischsprachige Leser auf unsere Artikelsammlung „Mobilisation électorale
– demobilisation de la classe ouvrière“, die zwei Untersuchungen über diese
Frage wieder veröffentlichten, die in Révolution Internationale Nr. 2,
Februar 1973, unter dem Titel „Les Barricades de la bourgeoisie“ und in Révolution
Internationale
Nr. 10, Juli 1974, unter dem Titel „Les élections contre la
classe ouvrière“ erschienen. Der letztgenannte Artikel erschien auf Englisch in
World Revolution Nr. 2, November 1974, unter dem Titel „Elections: the
discreet charm of the bourgeoisie“.

Erbe der kommunistischen Linke: