Deutsche Revolution, Teil XI

Die
Linkskommunisten und der Konflikt zwischen russischem Staat und Weltrevolution

In unserem Artikel “Der
Rückfluss der revolutionären Welle und die Entartung der Kommunistischen
Internationale”
haben wir gezeigt, wie die Verhinderung der internationalen
Ausweitung der Revolution durch die Bourgeoisie und der Rückfluss des
Klassenkampfes eine opportunistische Reaktion der Komintern hervorgerufen
haben. Diese opportunistische Tendenz innerhalb der Komintern stieß auf den
Widerstand jener Kräfte, die sich später Linkskommunisten nannten. Nachdem auf
dem II. Kongress der Komintern 1920 die Parole “Zu den Massen!” gegen den Widerstand der Gruppen des späteren
Linkskommunismus in den Vordergrund gerückt worden war, sollte der III. Kongress,
der im Sommer 1921 veranstaltet wurde, zum entscheidenden Moment im Kampf eben
jener Linkskommunisten gegen den Beginn der Unterordnung der Weltrevolution
unter die Interessen des russischen Staates werden.

Der Beitrag der KAPD

Auf dem III. Weltkongress griff die KAPD zum ersten Mal direkt in
die Debatten ein und entwickelte erste Ansätze einer umfassenden Kritik an dem
Vorgehen der Komintern. In ihren Beiträgen ‚Zur
wirtschaftlichen Krise und  die neuen
Aufgaben der Komintern
‘, über Fragen der Taktik, über die Rolle der
Gewerkschaften und insbesondere über die Entwicklung in Russland betonte die
KAPD gegen die Mehrheitsposition innerhalb der Komintern unaufhörlich die
führende Rolle der Revolutionäre und die Unmöglichkeit der Bildung einer
kommunistischen Massenpartei. Während die italienischen Delegierten, die noch
1920 so tapfer ihre abweichende Auffassung in der Parlamentarismusfrage
gegenüber der Mehrheit in der Komintern vertreten hatten, sich kaum zur
Entwicklung in Russland und zum Verhältnis zwischen der Sowjetregierung und der
Komintern äußerten, war es vor allem das Verdienst der KAPD, diese Fragen auf
dem Kongress aufgeworfen zu haben.

Bevor wir uns näher mit den Auffassungen und der Haltung der KAPD
befassen, möchten wir noch einschränkend bemerken, dass die KAPD weit davon
entfernt war, eine homogene und geschlossene Haltung gegenüber der neuen
Periode und den sich überstürzenden Ereignissen einzunehmen. Zwar besaß sie den
Mut, einen Anfang zu machen bei der Aufarbeitung der Lehren aus der neuen
Periode (Parlamentarismus- und Gewerkschaftsfrage); zwar verstand sie die
Unmöglichkeit der Aufrechterhaltung einer Massenpartei, doch offenbarte die
KAPD trotz ihrer programmatischen Kühnheit einen Mangel an Vorsicht, Sorgfalt
und politischer Stringenz bei der Einschätzung des Kräfteverhältnisses zwischen
den Klassen und in der Frage der politischen Organisation. Ohne alle Mittel bei
der Verteidigung der bestehenden Organisation ausgeschöpft zu haben, neigte sie
dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen.

Es war nicht überraschend, dass die KAPD eine Reihe von
Verirrungen mit dem Rest der revolutionären Bewegung damals teilte. Ähnlich wie
die Bolschewiki meinte auch sie, dass die Partei die Macht ergreifen müsse und
dass der nach der Machtergreifung installierte Staat ein “Arbeiterstaat” sein
müsse.

Auf dem III.Kongress thematisierte die KAPD-Delegation das
Verhältnis zwischen Staat und Partei folgendermaßen: “Wir verkennen keinen Augenblick, in welche Schwierigkeiten die
russische Sowjetmacht durch die Verzögerung der Weltrevolution geraten ist.
Aber wir sehen zugleich die Gefahr, dass aus diesen Schwierigkeiten ein
Widerspruch zwischen den Interessen des revolutionären Weltproletariats und den
Augenblicksinteressen  Sowjetrusslands –
scheinbar oder tatsächlich – sich ergibt (...) Aber die politische und
organisatorische Loslösung der III. Internationalen aus dem System der
russischen Staatspolitik ist das Ziel, auf das hingearbeitet werden muss, wenn
wir den Bedingungen der westeuropäischen Revolution gerecht werden wollen.”
(Hempel/J.Appel,
“Protokolle des III. Weltkongresses der
Komintern”
, S.224)

Während des III. Kongresses neigte die KAPD dazu, die Folgen der
von der Bourgeoisie vereitelten Ausdehnung der Revolution zu unterschätzen.
Statt alle Lehren aus dieser verhinderten Ausweitung zu ziehen, statt sich der
Argumentation Rosa Luxemburgs anzuschließen, die schon 1917 begriffen hatte,
dass “in Russland (...) das Problem nur
gestellt werden (konnte). Es konnte nicht in Russland gelöst werden, es kann
nur international gelöst werden”
, statt dem Aufruf des Spartakusbundes vom
November 1918 zu folgen, in dem letzterer warnte: “Gelingt es Euren herrschenden Klassen, die proletarische Revolution in
Deutschland wie in Russland abzuwürgen, dann werden sie sich mit doppelter
Wucht gegen Euch wenden (...) Deutschland ist schwanger mit der sozialen
Revolution, aber den Sozialismus kann nur das Weltproletariat verwirklichen”
,
neigte die KAPD dazu, die Ursache der allgemeinen Schwierigkeiten in Russland
selbst zu suchen.

“Die in ihrem Glanz
entstandene Idee einer kommunistischen Internationale ist und bleibt lebendig,
aber sie ist nicht mehr verknüpft mit der Existenz Sowjetrusslands. Der Stern
Sowjetrusslands ist heute für die Augen der revolutionären Arbeiter blasser geworden,
in dem Maße, in dem sich Sowjetrussland immer deutlicher zu einem
antiproletarischen, kleinkapitalistischen Bauernstaat entwickelt. Es macht
wenig Freude, etwas derartiges auszusprechen, aber wir wissen, dass die klare
Erkenntnis auch der härtesten Tatsache, dass das rücksichtslose Aussprechen
solcher Erkenntnisse allein die Atmosphäre geben kann, die die Revolution zu
ihrem Leben braucht. (...) Man muss verstehen, dass die russischen Kommunisten
auch den ganzen Umständen ihres Landes entsprechend

 , nach der Zusammensetzung der Bevölkerung
und der außenpolitischen Lage, nichts anderes tun konnten, als eine Diktatur
der Partei aufzurichten, die der einzige festgefügte, disziplinierte,
funktionsfähige Organismus im ganzen Lande war, man muss verstehen, dass die
Ergreifung der Macht durch die Bolschewiki trotz aller Schwierigkeiten
unbedingt richtig war, und dass die Arbeiter von Mittel- und Westeuropa die
weitaus meiste Schuld daran tragen, wenn Sowjetrussland heute, da es sich nicht
auf die revolutionären Kräfte anderer Länder stützen kann, gezwungen ist, sich
auf kapitalistische Mächte zu stützen.

Es ist eine Tatsache, dass
Sowjetrussland sich heute auf die kapitalistischen Kräfte Europas und Amerikas
stützen muss (...) Da Sowjetrussland heute gezwungen ist, sich in seiner
inneren und äußeren Wirtschaftspolitik auf kapitalistische Kräfte zu stützen –
wie lange wird angesichts dieser Tatsache Sowjetrussland bleiben? Wie lange und
mit welchen Mitteln wird die RKP es noch durchsetzen können, dieselbe RKP zu
bleiben, die sie war? Wird sie das durchsetzen können, indem sie
Regierungspartei bleibt? Und wenn sie, um eine kommunistische Partei bleiben zu
können, nicht mehr Regierungspartei bleiben könnte, wie soll man sich dann die
weitere Entwicklung vorstellen?”
(“Die
Sowjetregierung und die III. Internationale”
, in der Kommunistischen Arbeiterzeitung, Herbst 1921)

Die KAPD hat zwar die Gefahren erahnt, vor denen die
Arbeiterklasse stand, aber eine falsche Erklärung geliefert. Statt zu betonen,
dass der Lebensnerv der Revolution – die Macht und Initiative der Sowjets – in
Russland abgetötet wurde, weil die Revolution weltweit scheiterte, statt zu
zeigen, dass der Staat sich auf Kosten der Arbeiterklasse verstärkte, die
Arbeiterräte entwaffnete und ihre Initiative erstickte, wählte die KAPD eine
deterministische und – in der Praxis – fatalistische Argumentationsweise. Der
Hinweis, dass “dass die russischen
Kommunisten auch den ganzen Umständen ihres Landes entsprechend, nach der
Zusammensetzung der Bevölkerung und der außenpolitischen Lage, nichts anderes
tun konnten, als eine Diktatur der Partei aufzurichten”
, zeigt, dass sie im
Grunde nicht begriffen hatte, wie im Oktober 1917 die russische Arbeiterklasse
und ihre Sowjets die Macht überhaupt ergreifen konnten. Die Idee von der
Entstehung eines “kleinkapitalistischen
Bauernstaates”
stellt ebenfalls die Wirklichkeit auf den Kopf. Diese im
zitierten Text erst im Keim vorhandenen Ideen sollten später von den
Rätekommunisten zu einer ganzen Theorie ausformuliert werden.

Die IKS hat ausführlich die falschen und unmarxistischen
Auffassungen der Rätekommunisten über die Entwicklung in Russland bloßgelegt
(s. unsere Artikel in der Internationalen
Revue
Nr. 12 und 13 sowie unser auf Englisch erschienenes Buch The Dutch Left).

Insbesondere haben wir angegriffen:

die Theorie der doppelten Revolution, derzufolge es in den
Industrieregionen Russlands eine proletarische, auf dem Lande aber eine
bäuerlich-demokratische Revolution gegeben habe; eine Theorie, die in
Teilen  der KAPD mit dem Beginn des
Rückflusses der revolutionären Welle und dem erstarkenden Staatskapitalismus
1921 aufkam;

den Fatalismus, der sich hinter der Auffassung verbarg, dass die
russische Revolution notwendigerweise dem Übergewicht des Bauerntums erliegen
musste und die Bolschewiki von vornherein zu ihrer Entartung verdammt gewesen
seien;

die Trennung in unterschiedliche Teile der Welt
(Meridian-Theorie), wonach es in Russland andere Mittel und Wege der Revolution
gebe als in Westeuropa;

die falsche Kritik an den Handelsbeziehungen Russlands zum
kapitalistischen Westen, weil sie den falschen Eindruck erweckt, dass man in
Russland tatsächlich das Geld hätte abschaffen können und der “Aufbau des
Sozialismus in einem Land” doch möglich sei.

Doch je länger man sich mit den Positionen der KAPD befasst, um
so deutlicher wird die Konsequenz, mit der diese Organisation (wie auch die
anderen linkskommunistischen Gruppen) ihr Hauptziel, die Klärung der
politischen Fragen voranzutreiben, verfolgte.

Der wachsende Konflikt zwischen dem russischen Staat und den
Interessen der Weltrevolution

Während die Komintern sich vorbehaltlos hinter die “Außenpolitik”
des russischen Staates stellte, übte die KAPD-Delegation auf dem III.
Weltkongress schonungslose Kritik und legte den Finger in die Wunde.

“Wir alle erinnern uns an
die ungeheure propagandistische Wirkung der diplomatischen Noten
Sowjetrusslands aus jener Zeit, wo die Arbeiter- und Bauernregierung in ihren
Drohungen noch keine Rücksicht zu nehmen brauchte auf das Bedürfnis, Handelsverträge
abzuschließen oder gar auf die Klauseln schon abgeschlossener Verträge. Die
revolutionäre Bewegung Asiens, die für uns alle eine große Hoffnung und für die
Weltrevolution eine objektive Notwendigkeit ist, kann von Sowjetrussland weder
offiziell noch inoffiziell unterstützt werden. Die englischen Agenten in
Afghanistan, Persien und der Türkei arbeiten gut, und jeder revolutionäre
Schritt Russlands stellt die Ausführung der Handelsverträge in Frage. Wer muss
bei dieser Sachlage die auswärtige Politik Sowjetrusslands entscheidend
dirigieren? Die russischen Handelsvertreter in England, Deutschland, Amerika,
Schweden usw.? Ob sie Kommunisten sind oder nicht, sie müssen in jedem Fall
eine Verständigungspolitik treiben.

Innenpolitisch zeigen sich
ähnliche, vielleicht noch gefährlichere Rückwirkungen. Die politische Macht
liegt heute faktisch in den Händen der Kommunistischen Partei (nicht etwa der
Sowjets). (...) während die spärlichen revolutionären Massen in der Partei sich
in ihrer Initiative gehemmt fühlen und die manövrierende Taktik mit wachsendem
Misstrauen beobachten, gewinnen mehr und mehr, insbesondere im großen
Funktionärsapparat, diejenigen an Einfluss, die zur Kommunistischen Partei
gehören, nicht, weil sie eine kommunistische ist, sondern weil sie eine
Regierungspartei ist (...) Es liegt auf der Hand, dass die legalisierten
Möglichkeiten des Freihandels und der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt
unter Staatsaufsicht, d.h. unter Aufsicht einer solchen, in die Defensive
gedrängten und innerlich sich zersetzenden Partei in wachsendem Maße der
durchaus noch nicht abgestorbenen Korruption neue Lebenskraft geben müssen
(...)”

Während die meisten Delegierten des Kongresses immer
bedingungsloser die bolschewistische Partei unterstützten, die im Begriff war,
in den Staatsapparat integriert zu werden, besaß die KAPD-Delegation den Mut,
auf den wachsenden Widerspruch zwischen den Interessen der Arbeiterklasse
einerseits und den Partei- und Staatsinteressen andererseits hinzuweisen.

“Da (die RKP) die Initiative der revolutionären Arbeiter
ausgeschaltet hat und immer weiter ausschaltet, da sie dem Kapital weiteren
Spielraum als bisher geben muss, verwandelt sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen
ihren eigenen Charakter, solange sie Regierungspartei bleibt, und kann dabei
doch nicht verhindern, dass die ökonomische Basis, auf der sie – als
Regierungspartei! – steht, erschüttert und damit die Grundlage ihrer
politischen Macht geschmälert wird.

Was nun aus Russland und was aus der revolutionären
Entwicklung in der ganzen Welt werden müsste, wenn die russische Partei eines
Tages nicht mehr Regierungspartei wäre, lässt sich kaum übersehen. Und dennoch
treiben die Dinge einem Zustande zu, in dem eines Tages – wenn nicht
revolutionäre Erhebungen in Europa ein Gegengewicht schaffen – notwendig werden
wird, diese Frage im Ernst zu stellen, wo also im Ernst nachgeprüft werden
muss, ob im Interesse der proletarischen Revolution das Aufgeben der russischen
Staatsgewalt nicht vielleicht richtiger erscheint, als das Festhalten an ihr
(...)

Dieselbe Russische
Kommunistische Partei, die in ihrem Innern und in ihrer Rolle als
Regierungspartei jetzt in einer solchen kritischen Situation steht, ist auch
die absolut führende Partei der III. Internationale (...) An diesem Punkte ergibt
sich nun der tragische Knoten, in dessen Verschlingung die III. Internationale
sich gefangen hat, und zwar so, dass ihr die revolutionäre Lebensluft
abgeschnitten ist. Die russischen Genossen, unter bestimmender Führung von
Lenin, unterlassen es nicht nur, in der Politik der III. Internationale ein
Gegengewicht gegen die rückläufige Kurve ihrer Staatspolitik zu schaffen,
sondern sie tun alles, um die Politik dieser Internationale mit dieser
rückläufigen Kurve in Einklang zu bringen. (...) Die III. Internationale ist
heute ein Werkzeug der reformistischen Verständigungspolitik  der Sowjetregierung.

Gewiss sind Lenin, Bucharin
usw. in ihrem innersten Wesenskern echte Revolutionäre, aber sie sind eben
jetzt wie das ganze Zentralkomitee der Partei Träger der Staatsgewalt, und
damit unvermeidlich dem Gesetz einer notwendig zum Konservativen hingleitenden
Entwicklung unterworfen.”
(KAZ, “Moskauer Politik”, Herbst 1921)

Auf dem anschließenden Außerordentlichen Kongress der KAPD im
September 1921 äußerte sich Goldstein folgendermaßen dazu: “Wird es in der KP in Russland möglich sein, auf die Dauer diese beiden
Gegensätze in irgendeiner Form auszugleichen? Die KPR zeigt auch heute schon
einen Doppelcharakter, Sie zeigt ihn einmal dadurch, dass sie, weil sie noch die
Regierungspartei in Russland ist, die die Interessen Russlands als Staat
verkörpern muss, dass sie  aber
gleichzeitig auch die Interessen des internationalen Klassenkampfes vertreten
soll und will.”
(September-Kongress, 1921, Protokoll, S. 59)

Die deutschen Linkskommunisten wiesen zu Recht auf die Rolle des
russischen Staates bei der opportunistischen Entartung der Kommunistischen
Internationale hin, und sie hoben richtigerweise auch hervor, dass man die
Interessen der Weltrevolution gegen die Interessen des russischen Staates
verteidigen muss.

Dennoch lag, wie wir bereits gesagt hatten, der Hauptgrund der
opportunistischen Wendung der Komintern tatsächlich nicht in der Rolle des
russischen Staates, sondern in dem Scheitern der revolutionären Ausdehnung auf
Westeuropa und dem darauffolgenden Rückzug des internationalen Klassenkampfes.
Obgleich die KAPD hauptsächlich die russische KP für diesen Opportunismus
verantwortlich machte, war die Politik der prinzipienlosen “Bündnisse”, die von
den sozialdemokratischen Illusionen ausging, damals in sämtlichen
Arbeiterparteien verbreitet. Lange vor den russischen Kommunisten hatte die
Führung der KPD bereits diese opportunistische Wende vollzogen, als sie nach
der Niederlage des Berliner Januaraufstandes 1919 den linken Flügel, die
künftige KAPD, aus der Partei ausgeschlossen hatte.

Tatsächlich waren die KAPD-eigenen Schwächen zunächst und vor
allem das Ergebnis der Desorientierung, die aus der Niederlage und dem
Rückfluss der revolutionären Welle besonders in Deutschland entstanden war. Der
Autorität ihrer revolutionären Führer beraubt, die 1919 im Auftrag der
Sozialdemokratie ermordet worden waren, waren die deutschen Linkskommunisten,
die sich noch entschlossen an die Spitze der anschwellenden revolutionären Welle
gestellt hatten, im Gegensatz zur italienischen Linken unfähig, mit der
Niederlage der Revolution fertigzuwerden. Es kamen noch weitere Faktoren hinzu,
die diese Schwächen der KAPD noch vertieften.

Die Schwächen der KAPD in der Organisationsfrage

Die Gründe für die Schwächen der KAPD im Verständnis der
Organisationsfrage liegen tiefer.

Erinnern wir uns: Aufgrund eines falschen
Organisationsverständnisses innerhalb der KPD gelang es der von Levi
angeführten Zentrale, die Mehrheit wegen ihrer Auffassungen über den
Parlamentarismus und die Gewerkschaften aus der Partei auszuschließen

[B3]

 .
Letztere gründete im Anschluss an die gewaltigen Kämpfe nach dem Kapp-Putsch im
April 1920 die KAPD. Diese frühe Spaltung der Kommunisten in Deutschland
bewirkte eine fatale Schwächung der Arbeiterklasse. Das Drama bestand darin,
dass diese linkskommunistische Strömung, nachdem sie selbst aus der KPD
ausgeschlossen wurde, ebenfalls diese fehlerhafte Auffassung vertrat.

Diese Schwäche wurde wenige Monate später erneut deutlich, als
sich die KAPD-Delegation (mit O. Rühle und P. Merges) kampflos aus dem II.
Weltkongress zurückzog. Ein Jahr später, 1921, lehnte die KAPD das Ultimatum
des III. Weltkongresses, entweder dem Zusammenschluss zur VKPD zuzustimmen oder
aus der Komintern ausgeschlossen zu werden, ab. Ihr daraus resultierender
Ausschluss aus der Komintern rief eine gewisse Feindseligkeit in den Reihen der
KAPD gegenüber der Komintern hervor.

Dadurch wurde eine durchaus mögliche Zusammenarbeit zwischen den
in der Komintern jüngst entstandenen linkskommunistischen Strömungen unmöglich
gemacht. Die deutsche und holländische Linke unternahm nichts, um dem enormen
Druck der KPR entgegenzutreten und gemeinsam mit der italienischen Linken um
Bordiga einen gemeinsame Front gegen die opportunistische Politik der Komintern
zu bilden. Ferner neigte die KAPD zu vorschnellen und überstürzten Urteilen
über die Komintern, wie die folgenden Stellungnahmen der KAPD zum III. Kongress
belegen.

Flucht oder Kampf: die Reaktion gegenüber der Entartung der
Komintern

“Sowjetrussland als Staat scheidet in Zukunft als Faktor der
Weltrevolution aus; es wird zu einem Stützpunkt der internationalen
Konterrevolution (...) Das russische Proletariat hat damit bereits seinen Staat
aus den Händen verloren.

Das bedeutet nichts
Anderes, als dass die Sowjetregierung nunmehr zum Sachwalter der Interessen der
internationalen Bourgeoisie werden muss (...)

Die Sowjetregierung muss zu
einer Regierung über und gegen die Arbeiterklasse werden, nachdem sie offen auf
die Seite des Bürgertums getreten ist. Die Sowjetregierung ist die
Kommunistische Partei Russlands. Also ist die Kommunistische Partei Russlands
ein Gegner der Arbeiterklasse geworden, weil sie als Sowjetregierung die
Interessen des Bürgertums auf Kosten des Proletariats vertritt. Dieser Zustand
wird nicht lange dauern, die Kommunistische Partei Russlands wird sich spalten
müssen (...)

Die Sowjetregierung wird
binnen ganz kurzer Zeit ihr wahres Gesicht eines national-bürgerlichen Staates
nicht mehr verbergen können. Sowjetrussland ist kein
proletarisch-revolutionärer Staat mehr, oder richtiger gesagt, Sowjetrussland
kann noch nicht ein proletarisch-revolutionärer Staat sein.

Denn allein ein Sieg des
deutschen Proletariats in Gestalt der Eroberung der politischen Macht hätte
Sowjetrussland vor seinem jetzigen Schicksal behüten, hätte das russische
Proletariat vor dem Elend und der Unterdrückung durch ihre eigene
Sowjetregierung retten können. Nur die deutsche bzw. westeuropäische Revolution
hätte den Klassenkampf zwischen den russischen Arbeitern und den russischen
Bauern zugunsten der russischen Arbeiter entscheiden können (...)

Der III. Weltkongress hat
die Interessen der proletarischen Weltrevolution untergeordnet den Interessen
der bürgerlichen Revolution eines einzigen Landes. Er, das oberste Organ der
proletarischen Internationale, hat diese proletarische Internationale in den
Dienst eines bürgerlichen Staates gestellt. Er hat damit der 3. Internationale
jede Selbständigkeit genommen und sie in die direkte Abhängigkeit des
Bürgertums gebracht.

Die 3. Internationale ist
für die proletarische Weltrevolution verloren. Sie befindet sich ebenso wie die
2. Internationale in den Händen des Bürgertums.

Daher wird die 3.
Internationale in Zukunft sich im Rahmen ihrer Stärke und Kraft immer dort
bewähren, wo es sich um den Schutz des bürgerlichen Staates Russland handelt;
sie wird aber immer und überall dort versagen, wo es sich um die Förderung der
proletarischen Weltrevolution handelt. Ihre Handlungen werden eine lange Reihe fortgesetzten
Verrates der proletarischen Weltrevolution sein (...)

Die 3. Internationale ist
für die proletarische Weltrevolution verloren.

Die 3. Internationale hat
sich aus dem Vorkämpfer der proletarischen Weltrevolution zu ihrem bitterste

[B4]

 n Feind verwandelt.

(...) An der unheilvollen
Verknüpfung der Leitung eines Staates, dessen anfangs proletarischer Charakter
sich im Laufe der letzten Jahre einen ausgesprochen bürgerlichen Charakter hat
verwandeln müssen, und der Führung der proletarischen Internationale in ein-
und derselben Hand ist die Lösung der ursprünglichen Aufgabe der 3.
Internationale gescheitert. Vor die Alternative zwischen bürgerlicher
Staatspolitik und proletarischer Weltrevolution gestellt, haben sich die
russischen Kommunisten für die Interessen der ersteren entschieden und die
ganze 3. Internationale in deren Dienst gestellt.”
(Die Sowjetregierung und die 3. Internationale im Schlepptau der
internationalen Bourgeoisie
, August 1921)

Während die KAPD zu Recht den wachsenden Opportunismus innerhalb
der Komintern anprangerte, während sie völlig zutreffend die wachsende Gefahr
erkannte, dass die Komintern von den Interessen des russischen Staates
stranguliert und zu dessen Instrument wurde, beging sie andererseits jedoch den
schwerwiegenden Fehler, die tatsächlich existierenden Gefahren als einen
bereits abgeschlossenen Prozess zu betrachten.

Auch wenn 1921 das Kräfteverhältnis schon bedrohlich gekippt und
die internationale Welle von Kämpfen rückläufig war, so legte die KAPD doch
eine gefährliche Voreiligkeit an den Tag und unterschätzte die Notwendigkeit
eines zähen, ausdauernden Kampfes um die Organisation. Daher war zum damaligen
Zeitpunkt die Kernaussage der KAPD, dass die Komintern “heute ein Werkzeug der
reformistischen Verständigungspolitik”
sei, die “offen auf die Seite des Bürgertums getreten” und in die “Abhängigkeit des Bürgertums” geraten
sei, eine falsche Einschätzung. So verbreitete sich innerhalb der KAPD das
Gefühl, die Schlacht um die Komintern sei verloren. Man hatte zwar eine Ahnung
von dem, was später tatsächlich eintreten sollte, aber die Fehleinschätzung der
damaligen Gesamtlage führte dazu, den Kampf gegen den Opportunismus innerhalb der Komintern vorschnell
aufzugeben.

Das Ultimatum des III. Weltkongresses mag die Wut und Empörung in
der KAPD erklären, doch kann es nicht Tatsache rechtfertigen, dass sich die
Genossen voreilig aus dem Ring zurückzogen und bei ihrer Aufgabe der
Verteidigung der Internationale versagten.

Wieder einmal wurde auf tragische Weise deutlich, wie verheerend
falsche und unzureichende Organisationsauffassungen wirken und welche
Auswirkungen sie auf richtige politische Positionen haben können.

Diese große Schwäche der KAPD wird noch durch ein anderes
Beispiel veranschaulicht, nämlich durch die Haltung der KAPD-Delegation auf dem
III. Kongress der Komintern.

Während die
KAPD-Delegation sich vom II. Kongress kampflos zurückzog, erhob die Delegation
zum III. Kongress ihre Stimme als Minderheit und rief kurz danach zu einem
außerordentlichen Kongress der Partei auf.

Diese Delegation warf dem III. Weltkongress vor, durch die
verfälschende Wiedergabe ihrer Positionen und durch Redezeitbeschränkungen,
durch Umstellungen der Tagesordnung, durch selektive Ausgrenzungen bei
Diskussionen die Debatte zu beschränken. So behauptete die KAPD-Delegation, sie
sei  von der Sitzung des während des
Kongresses tagenden EKKIs ausgeschlossen worden, obwohl man über die Frage der
KAPD debattierte (Kongressbericht S. 18). Doch 
als die Diskussion  über den
Status der KAPD geführt werden sollte, verzichtete die KAPD-Delegation darauf,
das Wort zu ergreifen, weil man ‘nicht
unfreiwillige Helfer einer Komödie werden wollte’
. Unter Protest zog die
Delegation aus dem Saal.

Statt es als ihre Aufgabe anzusehen, einen langen, zähen Kampf
gegen die drohende Entartung dieser Organisation zu führen, zog die KAPD
übereilte Schlussfolgerungen und verurteilte die Komintern in Bausch und Bogen.
Sie erklärte die Komintern wie auch die KPR als “für die Arbeiterklasse verloren”.

Darüber hinaus wurde, obgleich es sporadische Kontakte gab, von
den Delegierten der italienischen Linken und der KAPD keine gemeinsame Politik
verfolgt, obwohl auch die Italienische Linke den Kampf gegen den zunehmenden
Opportunismus, der in der Haltung der Komintern zur Parlamentarismusfrage
deutlich wurde, aufgenommen hatte.

Der Ausschluss der KAPD aus der Komintern sollte letztendlich
auch die Position der Italienischen Linken auf dem IV. Kongress schwächen, als
die italienische KP unter Führung von Bordiga von der Komintern zum
Zusammenschluss mit der PSI gezwungen werden sollte. So fanden sich sowohl die
“deutsche” als auch die “italienische” Linke isoliert voneinander im Kampf
gegen den Opportunismus wieder, unfähig, gemeinsam gegen diese Entartung zu
kämpfen. Doch der Flügel um Bordiga hatte wenigstens seine Verantwortung für
die langwierige, zähe Verteidigung und Wiederherrichtung der politischen
Organisation erkannt. Kurz, bevor Bordiga 1923 ein Manifest des Bruchs mit der
Komintern verfassen wollte, nahm er schließlich doch Abstand davon, weil er von
der Notwendigkeit überzeugt war, seinen Kampf innerhalb der Komintern und
innerhalb der italienischen Partei fortsetzen zu müssen.

Auf dem für September 1921 einberufenen Sonderkongress der KAPD
wurde kaum auf die Entwicklung des weltweiten Kräfteverhältnisses eingegangen
und somit versäumt, Schlussfolgerungen hinsichtlich der nächsten Aufgaben der
Partei zu ziehen.

Für die große Mehrheit in der Partei stand die Revolution
weiterhin unmittelbar auf der Tagesordnung. Der reine Wille schien wichtiger
als die Analyse des Kräfteverhältnisses. Ferner stürzte sich ein Teil der
Organisation im Frühjahr 1922 in das Abenteuer der Gründung der
“Kommunistischen Arbeiterinternationale” (KAI).

Die Unfähigkeit, das Zurückweichen des Klassenkampfes zu
erkennen, sollte sich schließlich negativ auf die Fähigkeit der KAPD auswirken,
unter den Bedingungen des zurückgehenden Klassenkampfes und der anbrechenden
Konterrevolution zu überleben.

Die falschen Antworten der russischen Kommunisten

Trotz all ihrer Fehler und Konfusionen ist es das Verdienst der
KAPD, das wachsende Konfliktpotenzial zwischen dem russischen Staat und der
Arbeiterklasse sowie zwischen dem russischen Staat und der Komintern zur
Sprache gebracht zu haben, ohne jedoch gleichzeitig die richtigen Antworten
darauf zu liefern. Was die russischen Kommunisten angeht, so hatten sie die
größten Schwierigkeiten, überhaupt das Wesen dieses Konfliktes zu durchschauen.

Aufgrund der wachsenden Integration der Partei in den
Staatsapparat konnte sie nur eine sehr eingeschränkte Sicht der Dinge
entwickeln. Die Haltung Lenins, der 1917 die Lehren des Marxismus hinsichtlich
Staat und Revolution in seiner bekannten Schrift am klarsten herausgearbeitet
hat, aber gleichzeitig seit 1917 an der Spitze des Staatsapparates gestanden
hatte, bringt die wachsenden Widersprüche und Schwierigkeiten in dieser Frage
deutlich zum Ausdruck.

Heute unternimmt die bürgerliche Propaganda alles, um Lenin als
Vater des totalitären russischen Staatskapitalismus darzustellen. Tatsächlich
aber erkannte Lenin mit seiner brillanten revolutionären Intuition unter allen
russischen Kommunisten seiner Zeit noch am klarsten, dass der Übergangsstaat,
der nach der Oktoberrevolution entstanden war, nicht wirklich die Interessen
und die Politik des Proletariats vertrat. Lenin zog im übrigen daraus den
Schluss, dass die Arbeiterklasse darum kämpfen muss, dem Staat ihre Politik
aufzuzwingen, und das Recht haben müsse, sich gegen ihn zu verteidigen.

Auf dem XI. Parteitag im März 1922 stellte er besorgt fest: “Wir haben nun ein Jahr hinter uns, der
Staat ist in unseren Händen – aber hat er nach unserem Willen funktioniert?
Nein (...) Das Steuer entgleitet den Händen: Scheint, als

[B5]

 sitzt ein Mensch da, der den Wagen lenkt,
aber der Wagen fährt nicht dorthin, wohin er ihn lenkt, sondern dorthin, wohin
ihn ein anderer lenkt.”
(März/April 1922, XI. Parteitag, Ges. Werke, Bd. 33, S. 266)

Er äußerte diese Sorge besonders angesichts der Haltung Trotzkis
in der Gewerkschaftsdebatte 1921. Während vordergründig die Rolle der
Gewerkschaften in der Diktatur des Proletariats behandelt wurde, bestand der
Kern der Frage darin, ob die Arbeiterklasse das Recht hat, ihre Interessen auch
gegen den Übergangsstaat zu verteidigen. Trotzki zufolge, demzufolge der Übergangsstaat
per Definition ein Arbeiterstaat ist, war die Auffassung, das Proletariat müsse
sich gegen ihn verteidigen können, eine Absurdität. Trotzki gebührt zumindest
das Verdienst, seine Logik bis zur letzten Konsequenz durchgeführt zu haben,
als er offen die Militarisierung der Arbeit vertrat. Im Gegensatz zu ihm
bestand Lenin, auch wenn er noch nicht in der Lage war zu erkennen, dass dieser
Staat kein Arbeiterstaat war (diese Position wurde erst in den 30er Jahren von
der Zeitschrift Bilan entwickelt und
vertreten), auf der Notwendigkeit, dass die Arbeiter sich selbst gegen den
Staat wehren können.

Diese völlig berechtigte Sorge Lenins ermöglichte es den
russischen Kommunisten jedoch nicht, zu einer wirklichen Klärung dieser Frage
zu gelangen. Lenin selber wie andere Kommunisten der damaligen Zeit meinten
weiterhin, dass in Russland das ungeheure Gewicht des Kleinbürgertums die
Haupttriebkraft der Konterrevolution sei und nicht der bürokratisierte Staat.

“Der Feind ist im gegebenen
Augenblick und für den gegebenen Zeitabschnitt nicht derselbe, der er gestern
war. Der Feind – das sind nicht die Heerhaufen der Weißgardisten (...) Der
Feind, das ist der graue Alltag der Wirtschaft in einem kleinbäuerlichen Land
mit zerstörter Großindustrie. Der Feind – das ist das kleinbürgerliche Element.
(...) das Proletariat ist geschwächt, zersplittert, entkräftet. Die
‚Kräfte
der Arbeiterklasse‘ sind nicht grenzenlos
(...)Der Zustrom frischer Kräfte aus der Arbeiterklasse ist jetzt schwach,
manchmal sehr schwach (...)
(Wir müssen)
mit der Unvermeidlichkeit eines verlangsamten Zuwachses neuer Kräfte der
Arbeiterklasse rechnen.”
(20.8.1921, Ges. Werke, Bd. 33, S. 3, 6)

Der Rückzug des Klassenkampfes und die Entfaltung des
Staatskapitalismus

Nach den Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse 1920
verschlechterten sich die Bedingungen für die russische Arbeiterklasse
zusehends. Einer immer größeren Isolation ausgesetzt, stand sie nun auch einem
Staat gegenüber, an dessen Spitze die bolschewistische Partei, wie Kronstadt
zeigte, mit harter Hand gegen streikende Arbeiter vorging. Die Niederschlagung
der Arbeiter in Kronstadt hatte vor allem jenen Kräften in der Partei Auftrieb
gegeben, die an einer Stärkung des Staats - falls notwendig, auch auf Kosten
der Arbeiterklasse – und an einer Bindung der Komintern an den russischen Staat
interessiert waren.

Der russische “Übergangsstaat” war mehr und mehr zu einem ganz
“normalen” Staat wie die anderen geworden.

Schon im Frühjahr 1921 hatte die deutsche Bourgeoisie ihre Fühler
nach Moskau ausgestreckt, um in Geheimverhandlungen die Möglichkeit einer
Zusammenarbeit beider Staaten bei der Wiederaufrüstung zu sondieren. Es war
beispielsweise geplant, Flugzeuge für Russland von den Albatross-Werken,
U-Boote von Blöhm & Voss und Gewehre sowie Munition von Krupp herstellen zu
lassen.

[B6]

 

Als Ende 1921 Russland das Projekt einer allgemeinen Konferenz
zur Regelung der Beziehungen zwischen Russland und der kapitalistischen Welt
vorschlug, waren bereits seit langem Geheimverhandlungen zwischen Deutschland
und Russland im Gange. Auf der Konferenz von Genua pries Tschitscherin, der
Leiter der russischen Delegation, die Möglichkeiten an, die das Potenzial der
noch nicht ausgeschöpften Rohstoffquellen Russlands biete, wenn sie in
Zusammenarbeit mit westlichen Kapitalisten realisiert würden. Als diese
Konferenz abgebrochen wurde, hatten Deutschland und Russland im nahegelegenen
Rapallo bereits ein Geheimabkommen abgeschlossen. Wie E.H. Carr schrieb: “Es war die erste große diplomatische
Angelegenheit, wo Sowjetrussland und die Weimarer Republik auf gleichem Fuß
stehend miteinander verhandelt hatten.”
(Die bolschewistische Revolution, Band 3) Aber Rapallo war mehr als
das.

Das im Winter 1917/18 unter dem Druck der deutschen Offensive
zustande gekommene Abkommen von Brest-Litowsk wurde von russischer Seite nur
aus dem Grunde unterschrieben, um die isolierte Bastion des russischen
Proletariats durch einen Waffenstillstand vor dem deutschen Imperialismus zu
schützen. Nicht nur, dass dieses Abkommen Russland also aufgezwungen worden
war, es bedurfte auch einer heftigen und offenen Debatte in der
bolschewistischen Partei, bevor es abgeschlossen wurde.

Das Geheimabkommen von Rapallo dagegen stellte dieses Prinzip auf
den Kopf. Nicht genug damit, dass die russischen staatlichen Vertreter in
diesem Abkommen geheimen Waffenlieferungen zustimmten – diese Tatsache wurde
darüber hinaus auf dem IV. Weltkongress der Komintern mit keinem einzigen Wort
erwähnt!

Die Aufforderung der Komintern an die KPs der Türkei und Persiens,
“die Bewegung zugunsten der nationalen
Freiheit in der Türkei (und Persien) zu unterstützen”
, führte in
Wirklichkeit nur dazu, dass die dortige Arbeiterklasse um so leichter von der
türkischen bzw. persischen Bourgeoisie niedergeschlagen werden konnte. Das
Interesse des russischen Staates an festen Beziehungen zu diesen Staaten hatte
obsiegt.

Schritt für Schritt wurde die Komintern den Bedürfnissen der
russischen Außenpolitik unterworfen. Während zum Zeitpunkt der Gründung der
Komintern 1919 die Betonung noch auf der Zerstörung der kapitalistischen
Staaten gelegen hatte, bestand ab 1921 das Bestreben des russischen Staates
(und seiner Vertreter in der Komintern) 
in einer Stabilisierung der zwischenstaatlichen Verhältnisse. Die
ausbleibende Weltrevolution hatte dem russischen Staat genug Auftrieb
verliehen, um für sich seinen Platz zu beanspruchen.

Auf der Anfang 1922 in Berlin tagenden gemeinsamen Konferenz der
“Arbeiterparteien”, zu der die Komintern die Parteien der II. Internationale
und der 2½. Internationale

[i]


1

[B7]

 eingeladen
hatte, bemühte sich die Komintern-Delegation vor allem um die diplomatische
Anerkennung Sowjetrusslands, um den Aufbau von Handelsbeziehungen zum Westen
und um Hilfe für den wirtschaftlichen Aufbau Sowjetrusslands. Hatte man 1919
noch die Henkersrolle der II. Internationale bloßgestellt, hatte der II.
Weltkongress der Komintern noch 21 Bedingungen aufgestellt, die die Abgrenzung
zur und die Bekämpfung der II. Internationale bezweckten, so saß nun, 1922, die
Komintern im Namen des russischen Staates mit den Parteien eben jener II.
Internationale an einem Tisch! Es war offensichtlich geworden, dass der
russische Staat nicht an der Ausdehnung der Weltrevolution, sondern an seiner
eigenen Stärkung interessiert war. Je stärker die Komintern in sein Schlepptau
geriet, desto deutlicher wurde ihre Abkehr vom Internationalismus.

Das Auswuchern des russischen Staatsapparates

Die politische Orientierung des russischen Staates auf
Anerkennung durch die anderen Staaten ging einher mit der Stärkung des
russischen Staatsapparates im Innern.

Die immer stärkere Integration der Partei in den Staat, die
wachsende Bündelung der Macht in den Händen eines immer kleineren und
begrenzteren Kreises von “Regierenden” und die zunehmende Diktatur des Staates
über die Arbeiterklasse waren das Resultat eines zielstrebigen Vorgehens jener
Kräfte, die an der Verstärkung des Staatsapparates auf Kosten der
Arbeiterklasse interessiert waren.

Auf dem XI. Parteitag im April 1922 wurde Stalin zum
Generalsekretär der Partei ernannt. Damit bekleidete Stalin drei Ämter
gleichzeitig: Er stand außerdem an der Spitze des Volkskommissariats der
Arbeiter- und Bauerninspektion, und er war Mitglied des Politbüros. Mit seiner
Ernennung zum Generalsekretär riss Stalin bald das Tagesgeschäft der Partei an
sich und schaffte es, das Politbüro vom Generalsekretär abhängig zu machen.

Zuvor schon, auf dem X. Parteitag im März 1921, war Stalin zum
Leiter der Säuberungsaktionen geworden

[ii]

.
Im März 1922 hatte sich eine Gruppe von Mitgliedern der Arbeiteropposition an das EKKI gewandt, um die “Unterdrückung der Selbständigkeit, der Arbeiterinitiative, den Kampf
mit allen Mitteln gegen Andersdenkende zu verurteilen (...) Die vereinten
Kräfte der Partei- und Gewerkschaftsbürokratie ignorieren unter Ausnützung
ihrer Macht und Stellung (...) das Prinzip der Arbeiterdemokratie”
(Rosmer,
S. 110) Unter dem Druck der KPR-Führung lehnte das EKKI die Beschwerde der
Gruppe Arbeiteropposition ab.

Anstatt den örtlichen Parteizellen die Initiative zur Ernennung
von Delegierten zu überlassen, wurden mit zunehmender Integration der Partei in
den Staat die Personalfragen in die Hände der Parteileitung und damit des
Staates gelegt. Nicht mehr Wahlen und Abstimmungen auf lokaler Parteiebene
gaben den Ausschlag, sondern die Ernennung durch den verstaatlichten
Parteiapparat, an dessen Spitze der Generalsekretär und das von Stalin
geleitete Organisationsbüro stand. Schon 1923 waren sämtliche Delegierte des
XII. Parteitages von der Parteileitung berufen worden.

Wenn wir an dieser Stelle die Rolle der Partei und ihrer
führenden Persönlichkeiten hervorheben, dann nicht, weil wir das Problem des
Staates auf eine Person – Stalin – 
fixieren wollten und es somit unterschätzen würden. Nein, es war dieser
Staat, der, nachdem er im Oktober 1917 entstanden, die bolschewistische Partei
in sich aufgesogen und seine Tentakeln nach der Komintern ausgestreckt hat, zum
Zentrum der Konterrevolution geworden war. Die Konterrevolution war jedoch kein
quasi passives, anonymes Treiben unbekannter, gesichtsloser oder unsichtbarer
Kräfte, sondern nahm in Gestalt des Staats- und Parteiapparates ganz konkrete
Formen  an. Stalin war einer der
bedeutendsten Repräsentanten dieser Kräfte, die auf den diversen Parteiebenen
die Drähte zogen und all das angriffen, was an revolutionärem Potenzial in der
Partei noch übrig geblieben war.

Dieser Entartungsprozess verursachte in der bolschewistischen
Partei selbst Widerstände und Erschütterungen, über die wir in der Internationalen Revue Nr. 12 und 13
ausführlicher berichtet haben.

Trotz all der o.g. Konfusionen schickte sich Lenin an, sich zum
entschlossensten Gegner dieses Staatsapparates zu entwickeln. Nachdem er zum
ersten Mal einen Schlaganfall im Mai 1922 erlitten hatte, verfasste Lenin kurz
nach seinem zweiten Schlaganfall am 9. März 1923  einen später als sein Testament bekannt gewordenen Text, in dem
er die Ablösung Stalins als Generalsekretär verlangte. So brach Lenin, ans Bett
gefesselt, schon mit dem Tode ringend, im März 1923 mit Stalin, mit dem er jahrelang
Seite an Seite gestanden hatte, und erklärte ihm den Krieg. Doch wurde diese
Kriegserklärung in der Parteipresse, die schon damals stark vom
Generalsekretär, also Stalin, kontrolliert wurde, nie bekanntgegeben.

Es war auch kein Zufall, dass Kamenew, Sinowjew und Stalin, die
die neue Führung – die Troika – bildeten, die typisch bürgerliche Überzeugung
von der Notwendigkeit eines “Thronfolgers” Lenins teilten. Vor dem Hintergrund
eines innerparteilichen Machtkampfes veröffentlichte im Sommer 1923 eine Gruppe
von Gegnern der “Troika” die Plattform
der 46
, die heftige Kritik an der Erdrosselung des proletarischen Lebens in
der Partei übte, und welche sich am 1. Mai 1922 zum ersten Mal seit dem Oktober
1917 geweigert hatte, einen Aufruf zur Weltrevolution mit zu verfassen.

[B8]

 

Im Sommer 1923 brach eine Reihe von Streiks in Russland aus,
insbesondere in Moskau.

Während der russische Staat sich nach Innen immer mehr verstärkte
und nach Außen alles unternahm, um von den großen kapitalistischen Staaten
anerkannt zu werden, sollte sich der Entartungsprozess innerhalb der Komintern
nach der opportunistischen Kehrtwende auf dem III. Weltkongress unter dem Druck
des russischen Staates beschleunigen.

Der IV. Kongress der Komintern: die Unterwerfung unter den
russischen Staat

Mit der Einführung der Einheitsfronttaktik auf dem
IV.Weltkongress im November 1922 warf die Komintern ihre eigenen Prinzipien
über Bord, die sie auf ihrem I. und II. Kongress verfasst hatte, als sie noch
auf schärfste Abgrenzung gegen die Sozialdemokratie und auf ihre kompromisslose
Bekämpfung bestanden hatte.

Zur Rechtfertigung führte sie jetzt an, die Analyse des
Kräfteverhältnisses zwischen Bourgeoisie und Proletariat zeige, dass “die breitesten Massen des Proletariats den
Glauben daran verloren (haben), dass sie in absehbarer Zeit die Macht erobern
können. Die Arbeiterbewegung wird in die Verteidigung gedrängt (...) die
Eroberung der Macht steht als aktuelle Aufgabe nicht auf der Tagesordnung”
(Radek).
Daher müsse man sich mit den Arbeitern, die noch unter dem Einfluss der
Sozialdemokratie stehen, zusammenschließen: “Die
Losung des III. Kongresses
‚Zu den Massen!‘ hat jetzt mehr denn je Gültigkeit (...) Die Taktik der Einheitsfront
ist das Angebot des gemeinsamen Kampfes der Kommunisten mit allen Arbeitern,
die anderen Parteien oder Gruppen angehören (...), die Kommunisten müssen sich
unter Umständen bereit erklären, zusammen mit nichtkommunistischen
Arbeiterparteien und Arbeiterorganisationen eine Arbeiterregierung zu bilden.”
(Thesen zur Taktik der Komintern, IV.
Kongress)

Die KPD rief als erste zu dieser Taktik auf, wie wir im nächsten
Artikel dieser Reihe zeigen werden.

Innerhalb der Komintern stieß diese neue opportunistische
Steigerung, die die Arbeiter geradezu in die Hände der Sozialdemokratie trieb,
auf den erbitterten Widerstand der Italienischen Linken. Schon im März, kurz
nach der Verabschiedung der Thesen zur Einheitsfront, schrieb Bordiga in Il Comunista:

“Was die Arbeiterregierung
angeht, fragen wir: warum sich mit den Sozialdemokraten verbünden? Um nur das
zu machen, was diese verstehen, machen können und wollen; oder um von ihnen zu
verlangen, was sie nicht verstehen, nicht machen können und wollen? Erwartet
man von uns, dass wir den Sozialdemokraten sagen, wir seien zur Zusammenarbeit
mit ihnen bereit, selbst im Parlament und selbst in dieser Regierung, die als
‚Arbeiterregierung‘ getauft wurde? In diesem Fall, d.h. wenn
man von uns verlangt, im Namen der Kommunistischen Partei ein Projekt einer
Arbeiterregierung zu entwerfen, an dem sich Kommunisten und Sozialisten
beteiligen, und um diese Regierung den Massen als
‚anti-bürgerliche
Regierung‘ zu verkaufen, in diesem Fall
übernehmen wir die volle Verantwortung für unsere Antwort, dass solch eine
Haltung im Gegensatz zu allen Grundsatzprinzipien des Kommunismus steht. Diese
politische Formel zu akzeptieren, hieße in der Tat, einfach unsere Fahne
einzuziehen, auf der geschrieben steht: Es gibt keine Arbeiterregierung, die
sich nicht auf den revolutionären Sieg des Proletariats stützt.”
(Il
Comunista
, 26.3.1922)

Auf dem IV. Kongress
sagte die KP Italiens, dass sie “nicht
akzeptieren wird, sich an gemeinsamen Organismen in verschiedenen politischen
Organisationen zu beteiligen (...) Sie wird ebenso vermeiden, sich an
gemeinsamen Erklärungen mit politischen Parteien zu betätigen, wenn diese
Erklärungen im Widerspruch stehen zu ihrem Programm und der Arbeiterklasse als
das Ergebnis von Verhandlungen dargestellt werden, mit der eine gemeinsame
Handlungslinie angestrebt werden soll (...) Von Arbeiterregierung zu sprechen
(...) heißt in der Praxis, das politische Programm des Kommunismus zu
verleugnen, d.h. die Notwendigkeit, die Massen auf den Kampf für die Diktatur
des Proletariats vorzubereiten.”
(Bericht
der Italienischen Kommunistischen Partei an den IV. Kongress der
Kommunistischen Internationale
, November 1922)

Doch nachdem die KAPD durch das Ultimatum auf dem III. Kongress
1921 aus der Komintern ausgeschlossen und damit die kritischste Stimme gegen
die Degeneration der Komintern mundtot gemacht worden war, hing es allein an
der Italienischen Linken, den Standpunkt des Linkskommunismus in der Komintern
zu vertreten.

Gleichzeitig muss jenes Ereignis vom Oktober 1922 mit
berücksichtigt werden, in dessen Verlauf Mussolini in Italien die Macht
ergriff, was eine Verschlechterung der Bedingungen für die Kommunisten in
Italien zur Folge hatte. Vor dieses Problem gestellt, hatte die Italienische
Linke Schwierigkeiten, ihre Kräfte gegen die Degeneration der Komintern und der
Bolschewiki zu mobilisieren.

Zu dieser Zeit schuf der IV. Weltkongress weitere Grundlagen
dafür, dass die Komintern sich den Interessen des russischen Staates unterwarf.

Den russischen Staat und die Interessen der Komintern in einen
Topf schmeißend, interpretierte der Vorsitzende der Komintern, Sinowjew, die
Stabilisierung des Kapitalismus und das Ausbleiben von Angriffen gegen Russland
folgendermaßen: “Wir können jetzt ohne
Übertreibung behaupten, dass die Zeit der größten Schwierigkeiten für die
Kommunistische Internationale überwunden ist und sie sich mittlerweile so
gestärkt hat, dass sie keine Angriffe mehr von der weltweiten Reaktion zu
befürchten hat.”
(Carr, S. 439)

Da die Perspektive der Machtergreifung nicht mehr unmittelbar auf
der Tagesordnung stand, schlug der IV. Kongress vor, die internationale
Arbeiterklasse solle sich neben der Einheitsfronttaktik auch die Unterstützung
und Verteidigung Russlands zu eigen machen. Aus einer Resolution zur Frage der
Russischen Revolution wird ersichtlich, wie stark die Sichtweise der Komintern
von der Lage des russischen Staates geprägt war und wie stark sie den
Standpunkt der internationalen Arbeiterklasse gegenüber der Aufbauarbeit in
Russland hinten anstellte:

“Der IV. Weltkongress der
Kommunistischen Internationale spricht dem schaffenden Volk Sowjet-Russlands
tiefsten Dank und höchste Bewunderung dafür aus, dass es (...) die
Errungenschaften der Revolution bis heute siegreich gegen alle Feinde im Innern
und von Außen verteidigte.

Der IV. Weltkongress stellt
mit größter Genugtuung fest, dass der erste Arbeiterstaat der Welt (...) seine
Lebens- und Entwicklungskraft vollauf bewiesen hat. Der Sowjetstaat ist aus den
Schrecken des Bürgerkriegs gefestigt hervorgegangen.

Der IV. Weltkongress stellt
mit Befriedigung fest, dass Sowjet-Russlands Politik die wichtigste
Vorbedingung für den Aufbau und die Entwicklung zur kommunistischen
Gesellschaft gesichert und befestigt hat: nämlich die Sowjetmacht, die
Sowjetordnung, d.h. die Diktatur des Proletariats. Denn diese Diktatur allein
(...) verbürgt die vollständige Überwindung des Kapitalismus und freie Bahn für
die Verwirklichung des Kommunismus.

Hände weg von
Sowjet-Russland! Rechtliche Anerkennung Sowjet-Russlands! Jede Stärkung
Sowjet-Russlands bedeutet eine Schwächung der Weltbourgeoisie.”

In welchem Maße ein halbes Jahr nach Rapallo der russische Staat
die Komintern an der Leine führte, wurde auch aus der Tatsache ersichtlich,
dass vor dem Hintergrund wachsender imperialistischer Spannungen die
Möglichkeit in der Komintern diskutiert wurde, Russland einen militärischen
Block mit einem der kapitalistischen Staaten schmieden zu lassen. Die Komintern
behauptete, dass mit einem solchen Bündnis das bürgerliche Regime aus dem
Sattel gehoben werde. Doch die Komintern sollte damit immer mehr in den Dienst
des russischen Staates treten. “Ich
behaupte, wir sind schon stark genug, um ein Bündnis mit einer ausländischen
Bourgeoisie einzugehen, um – mit Hilfe dieses bürgerlichen Staates – eine
andere Bourgeoisie zu stürzen (...) Nehmen wir an, ein militärisches Bündnis
ist mit einem bürgerlichen Staat geschlossen worden, besteht die Pflicht der
Genossen in allen Ländern darin, zum Sieg der beiden Bündnisse beizutragen.”
(Zitat
von Bucharin bei Carr, a.a.O., S. 442)

Einige Monate später propagierten Komintern und KPD die
Perspektive eines Bündnisses zwischen der “unterdrückten deutschen Nation” und
Russland. Hinsichtlich den gegensätzlichen Interessen Deutschlands auf der
einen und der alliierten Siegerländer auf der anderen Seite nach dem I.
Weltkrieg bezogen sowohl die Komintern als auch der russische Staat Stellung
zugunsten Deutschlands, das sie als Opfer der französischen imperialistischen
Interessen ansahen.

Bereits auf dem “Ersten Kongress der Werktätigen des Ferner
Ostens” im Januar 1922 setzte die Komintern die Notwendigkeit der
Zusammenarbeit mit “nichtkommunistischen
Revolutionären”
als eine zentrale Doktrin durch. Der IV. Weltkongress
beschloss, “mit allen Kräften die
nationalrevolutionäre Bewegung zu unterstützen, die sich gegen den
Imperialismus richtet”
(Thesen über
die Taktik
), und kritisierte gleichzeitig scharf “die Weigerung der Kommunisten der Kolonien, am Kampf gegen die
imperialistische Vergewaltigung teilzunehmen, unter Vorgabe angeblicher
‚Verteidigung‘ selbständiger Klasseninteressen, [dies] ist
Opportunismus schlimmster Sorte, der die proletarische Revolution im Osten nur
diskreditieren kann.”
(Leitsätze zur
Orientfrage
).

Damit trug die Komintern zu einer enormen Schwächung und
Desorientierung der Arbeiter bei.

Nachdem die revolutionäre Welle von Kämpfen 1919 ihren Höhepunkt
überschritten hatte und sich nach dem Scheitern der revolutionären Ausdehnung
im Rückfluss befand, nachdem sich der russische Staat gefestigt und die
Komintern seinen Interessen unterworfen hatte, fühlte sich die Weltbourgeoisie
stark genug, um jenen Teil der internationalen Arbeiterklasse entscheidend
niederzuringen, der noch am kämpferischsten geblieben war: die Arbeiterklasse
in Deutschland.

Diesen Ereignissen von 1923 werden wir uns im nächsten Artikel
widmen.

Dv.


[i]

Die 2½. Internationale wurde
von den Kommunisten so bezeichnet, weil es sich hier um einen gescheiterten
Umgruppierungsversuch zentristischer Elemente handelte,  die sich wegen des Krieges von der
Sozialdemokratie getrennt hatten, sich aber weigerten, der Komintern
beizutreten.

[ii]

Nachdem die Mitgliederzahl
der Bolschewistischen Partei 1920 auf 600.000 Mitglieder angewachsen war,
wurden 1920-21 im Zuge der “Säuberungsaktionen” ca. 150.000 Mitglieder aus der
Partei entfernt.  Es lag auf der Hand,
dass nicht  nur Karrieristen, sondern
auch viele Arbeiter ausgestoßen wurden. Die Säuberungskommission unter Stalin
war eines der mächtigsten Organe in Russland

Theorie und Praxis: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: