Editorial: Finanzkrise: Von der Liquiditätskrise zur Liquidierung des Kapitalismus

Der Sommer 2007 war ein erneutes
Beispiel dafür, wie der Kapitalismus in immer schneller wiederkehrende Krisen
stürzt: die imperialistische Barbarei mit den andauernden Blutbädern unter
Zivilisten im Irak; die Verwüstungen aufgrund der Klimaerwärmung, welche ihre
Ursachen in der unaufhörlichen Jagd nach Profit hat; und eine erneute
ökonomische Krise, welche eine noch stärkere Verarmung der Weltbevölkerung
ankündigt. Auf der anderen Seite entwickelt die Arbeiterklasse, welche als
einzige Klasse fähig ist, die Menschheit zu retten, ein immer größeres
Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus. Wir wollen hier aber auf die ökonomische
Krise eingehen, die dramatischen Ereignisse im Immobiliensektor in den USA,
welche die ganze internationale Finanzwelt und Ökonomie erschüttert hat.

Die Blase platzt

Die Krise wurde ausgelöst durch den Fall
der Immobilienpreise in den USA, begleitet von einem Rückgang in der
Bauindustrie und der Unfähigkeit zahlreicher Schuldner, die gestiegenen Zinsen
zu bezahlen und Kredite abzustottern, welche heutzutage unter dem Namen
„Subprime" oder Risikoanleihen bekannt sind. Von diesem Epizentrum aus haben
sich die Erschütterungen auf das weltweite Finanzsystem ausgeweitet. Im August
waren ganze Investmentfonds und Handelsbanken, welche Milliarden von Dollars in
dieses riskante Geschäft gesteckt hatten, zusammengebrochen oder mussten
gestützt werden. Selbst zwei „Hedge Funds" der amerikanischen Bear Sterns Bank
verschwanden und mit ihnen eine Milliarde Dollar von Investoren. Die deutsche
Bank ADF musste ebenfalls gerettet werden und die französische BNP Paribas
wurde brutal erschüttert. Die Aktivitäten der Immobilienanleihen-Institute und
anderer Banken waren stark gesunken, was zu einem Schwindel erregenden Sturz an
allen großen Börsenplätzen führte und Milliarden von Dollar „akkumulierter
Arbeit" zerstörte. Um dem Vertrauensverlust und dem Widerstand der Banken, neue
Kredite zu gewähren, entgegenzusteuern, intervenierten die Zentralbanken - die
amerikanische Notenbank FED und die Europäische Zentralbank EZB - und stellten
neue Milliardenbeträge zu günstigeren Zinsen zur Verfügung. Dieses Geld war
natürlich nicht für die hunderttausende von Leuten bestimmt, welche durch das
„Subprime"-Fiasko das Dach über dem Kopf verloren hatten. Auch nicht für die
Tausenden von Arbeitern, welche durch die Krise im Bausektor in die
Arbeitslosigkeit geworfen wurden. Nein, sie waren für den Kreditmarkt selber
bestimmt! Die Finanzinstitute welche enorme Mengen von Geldern verschwendet
hatten wurden wieder aufgemöbelt, damit sie ihr Spekulantentum fortsetzen
können. Doch all das löste die Krise natürlich nicht. In England führte es zur
Farce.

Im September hatte die britische
Staatsbank andere Zentralbanken kritisiert, weil sie riskanten und
unvorsichtigen Investoren, welche die Krise beschleunigten, unter die Arme
gegriffen hatten. Sie schlug eine andere Politik vor, die Schwarze Schafe
bestraft und das Ausbrechen derselben Spekulationsprobleme verhindert soll.
Doch schon am nächsten Tag machte Mervyn King, der Präsident der britischen
Zentralbank, eine Kehrtwende. Die Bank musste den fünftgrößten
Immobilienkreditgeber Englands, die Northern Rock Bank, retten. Deren
„Unternehmensstrategie" bestand darin, auf dem Kreditmarkt mehr Geld
auszuleihen, als den Leuten zur Verfügung zu stellen, welche Wohnungen zu
höheren Zinsen kauften. Als die Kreditmärkte zusammenbrachen, ereilte die
Northern Rock dasselbe Schicksal.

Auch noch nach der Nachricht von der
Unterstützung der Bank bildeten sich enorme Schlangen vor deren Filialen: die
Sparkontoinhaber wollten ihr Geld abheben, und in 3 Tagen wurden 2 Milliarden
Pfund Sterling abgehoben. Dies war der erste Ansturm dieser Art vor einer
englischen Bank seit 140 Jahren (1866). Um einem Ansteckungsrisiko vorzubeugen,
musste die Regierung erneut intervenieren und eine hundertprozentige Garantie
gegenüber den Kunden von Northern Rock und den Sparern anderer bedrohter Banken
gewähren[1]. Am Ende war die „alte Dame der Threadneedle Street" - die
Englische Zentralbank - gezwungen, in derselben Art und Weise wie andere
Zentralbanken, welche sie zuvor kritisiert hatte, ungeheure Mengen von Geld ins
zerbrechliche Bankensystem zu schleudern. Mit dem Resultat, dass die
Glaubwürdigkeit der Leitung des Londoner Finanzzentrums, welches heute einen
Viertel der britischen Wirtschaft ausmacht, ruiniert ist.

Der nächste Akt des ganzen Dramas, das zur Zeit der Redaktion dieses
Artikels anhält, betrifft die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Wirtschaft
im Allgemeinen. Die erste Zinssenkung der FED seit fünf Jahren, die eine
größere Erhältlichkeit von Krediten zum Ziel hat, ist bisher kein Erfolg. Sie
konnte den fortschreitenden Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA
nicht aufhalten und bietet auch für all die 40 anderen Länder, in denen das
Platzen der Spekulationsblase droht, keine Perspektive. Es konnten damit auch
nicht erschwerte Bedingungen für Kredite verhindert werden und damit
Auswirkungen auf Investitionen und die Verschuldung der Haushalte im
Allgemeinen. Ganz im Gegenteil führte es zu einem raschen Fall des Dollars,
welcher verglichen mit anderen Devisen an einen Tiefpunkt gelangt ist, seit
Nixon den Dollar 1971 entwertete. Gleichzeitig verzeichnen nun der Euro und
Rohstoffe wie Öl oder Gold einen Rekordstand.

All dies sind Anzeichen eines Einbruchs der Weltwirtschaft, einer
offenen Rezession und Inflation in der nächsten Zeit.

Oder anders ausgedrückt: Die Wachstumsperiode der letzten sechs
Jahre, basierend auf Hypotheken, Konsum und der gewaltigen auswärtigen
Verschuldung des US-amerikanischen Staatsbudgets ist zu Ende.

So präsentiert sich die gegenwärtige wirtschaftliche Lage. Die Frage
lautet nun: Befindet sich die sich abzeichnende und von allen erwartete
Rezession lediglich im Rahmen des unvermeidlichen Auf und Ab einer gesunden
kapitalistischen Wirtschaft, oder ist sie Zeichen einer Zersetzung, einer
internen Panne des Kapitalismus, welche sich durch immer heftiger werdende
Erschütterungen ausdrückt?

Um auf diese Frage eine Antwort geben zu können, ist es zuerst
notwendig, die Auffassung zu beleuchten, nach der das Anwachsen der Spekulation
und die daraus entspringende Kreditkrise lediglich eine Abweichung eines
ansonsten gesunden Systems seien und durch die Kontrolle des Staates oder eine
bessere Regulation im Griff behalten werden könnten. Oder mit anderen Worten:
Ist die gegenwärtige Krise das Produkt von unverantwortungsvollen Spekulanten?

Die Rolle des
Kredits im Kapitalismus

Die Entwicklung des Bankensystems, der Börse und anderer
Kreditmechanismen ist ein integraler Bestandteil der Entwicklung des
Kapitalismus seit dem 18. Jahrhundert. Sie waren notwendig zur Anhäufung und
Zentralisierung von Geldern und ermöglichten für eine breite industrielle
Expansion die notwendigen Investitionen, welche selbst der reichste
Einzelkapitalist nicht aufbringen konnte. Die Vorstellung vom
Industrieunternehmer, der Kapital anhäuft, indem er sein eigenes Geld einsetzt
oder riskiert, ist eine Fiktion. Die Bourgeoisie benötigt den Zugriff auf
Kapital, das bereits auf den Kreditmärkten konzentriert ist. Auf den
Finanzmärkten pokern die Vertreter der herrschenden Klasse nicht mit ihrem
individuellen Eigentum, sondern mit bereits angehäuftem, sozialem Reichtum in
Geldform.

Der Kredit spielte im Vergleich zu früheren Epochen eine wichtige
Rolle in der Steigerung der Produktivkräfte und in der Bildung eines
Weltmarktes.

Auf der anderen Seite war aufgrund der dem Kapitalismus
innewohnenden Tendenzen der Kredit auch ein gewaltiger Faktor bei der
Überproduktion und der Überschätzung der Möglichkeiten des Marktes, Produkte
aufzunehmen, und wurde somit zu einem Katalysator der Spekulationsblase mit
ihrer Konsequenz der Krise und Austrocknung des Kredits. Gleichzeitig mit der
Verursachung sozialer Katastrophen haben die Börsen und das Bankensystem die
ganzen individuellen Sittenlosigkeiten wie Habgier und Doppelzüngigkeit
gefördert, welche bezeichnend sind für eine ausbeutende Klasse, die von der
Arbeit anderer lebt: Vermögensdelikte, fiktive Zahlungen, skandalöse
Sonderleistungen, goldene Fallschirme (Abgangsentschädigungen von CEOs), Hinterziehung, oder
schlicht und einfach Diebstahl, usw.

Die Spekulation, die riskanten Schulden, die Schwindeleien, die
Börsenkrisen und das Verschwinden unglaublicher Mengen von Mehrwert sind ein
fester Bestandteil der Anarchie der kapitalistischen Produktion.

Die Spekulation ist in Wirklichkeit eine Folge und nicht eine
Ursache der kapitalistischen Krisen. Wenn es heute so scheint, als dominierten
die spekulativen Finanzaktivitäten die gesamte Wirtschaft, dann lediglich
deshalb, weil die kapitalistische Überproduktion seit mehr als 40 Jahren eine
stetig tiefer werdende Krise verursacht, in der der Weltmarkt vollkommen mit
Produkten übersättigt ist und die Investition in die Produktion immer weniger
lukrativ wird. Das Finanzkapital hat keine andere Wahl, als zu spekulieren -
das ist die heutige „Kasinoökonomie"[2].

Ein Kapitalismus ohne finanzielle Exzesse ist unvorstellbar. Sie
sind ein typischer Teil der kapitalistischen Tendenz, so zu produzieren als
hätte der Markt keine Schranken, und der Unfähigkeit selbst eines Allan
Greenspan, des ehemaligen Präsidenten der FED, zu erkennen, dass „der Markt
überschätzt wird".

Der kürzliche Zusammenbruch des Immobilenmarktes in den USA und
anderen Ländern ist eine Illustration des wahren Verhältnisses zwischen der
Überproduktion und dem Kreditzwang.

Der Immobiliensektor zeigt den Anachronismus der kapitalistischen
Produktion auf

Die Krise im Immobilienmarkt erinnert an die Beschreibung der
kapitalistischen Krise wie sie schon Marx im Kommunistischen Manifest
1848 formuliert hatte: „In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie
aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die
Epidemie der Überproduktion. (...) Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel
Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt."

So ist Obdachlosigkeit heutzutage nicht Resultat eines Mangels
an Wohnungen oder Häusern, sondern paradoxerweise eines Überflusses, und es
gibt eine regelrechte Überfülle an leeren Wohnungen und Häusern. Die
Bauindustrie hat grenzenlos gearbeitet in den letzten fünf Jahren. Doch
gleichzeitig ist die Kaufkraft der amerikanischen Arbeiter zurückgegangen, weil
der amerikanische Kapitalismus seinen Profit erhöhen wollte. Es ist ein Graben
entstanden zwischen den neu auf den Markt geworfenen Häusern und der Fähigkeit
der Leute, welche diese wirklich benötigen, sie sich auch zu leisten. Die
riskanten Darlehen - sprich „Subprimes" - hatten den Zweck, neue
Käufer zu finden, welche sich dies aber gar nicht leisten konnten. Eine
Quadratur des Zirkels! Schlussendlich brach der Markt zusammen. Heute werden
immer mehr Hauseigentümer aus ihren vier Wänden herausgeschmissen, weil sie die
steigenden Zinsen nicht mehr bezahlen können, und der Immobilienmarkt wird
dadurch noch mehr gesättigt. In den USA wird erwartet, dass 3 Millionen Leute
ihr Haus verlieren werden, weil sie ihre „Subprime"-Anleihen nicht zurück
bezahlen können. Auch in anderen Ländern, in denen die Immobilienblase geplatzt
oder auf gutem Weg dazu ist, zeichnet sich eine ähnliche Tragödie ab. Die
gesteigerte Bautätigkeit und Hypothekengewährung in den letzten 10 Jahren, weit
davon entfernt, die Obdachlosigkeit zu reduzieren, hat ein angenehmes Wohnen
für einen großen Teil der Bevölkerung unerschwinglich gemacht und
Hauseigentümer in eine prekäre Lage gebracht[3].

Was die Führer des kapitalistischen Systems - die
„Hedge-Fund"-Manager, die Finanzminister, die Leiter der Zentralbanken, usw. -
kümmert, ist nicht die menschliche Tragödie, welche durch das
„Subprime"-Debakel ausgelöst wurde, nicht die Hoffnungen auf ein besseres Leben
(oder nur dann, wenn es zu einer Infragestellung des Kapitalismus führt),
sondern die Unfähigkeit der Konsumenten, die Wucherzinse für ihre Kredite zu
bezahlen.

Das „Suprime"-Debakel zeigt deutlich die Krise des Kapitalismus auf,
seine in der Jagd nach Profit begründete Tendenz zu einer Überproduktion,
gemessen an der Kaufkraft der Märkte. Es zeigt seine Unfähigkeit auf, trotz der
immensen materiellen, technologischen und menschlichen Ressourcen, die
elementaren Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen[4].

Auch wenn das kapitalistische System im Lichte der heutigen Krise
noch so absurd, verschwenderisch und anachronistisch erscheint, versucht die
herrschende Klasse sich und die ganze Bevölkerung zu beruhigen und behauptet,
es sei alles niemals so schlimm wie die Krise von 1929.

Die heutige
Lage: dasselbe Problem wie 1929

Der Krach der Wall Street im Jahre 1929 und die Große Depression
ängstigen die Bourgeoisie nach wie vor, wie die Medienberichterstattung über
die neuen Ereignisse beweist. Mit Leitartikeln, Hintergrundberichten und
historischen Analogien wird versucht, uns zu überzeugen, dass die derzeitige
Bankenkrise nicht zur selben Katastrophe führen werde, dass 1929 ein einmaliges
Ereignis gewesen sei, das sich nur deshalb in eine Katastrophe verwandelt habe,
weil falsche Entscheide gefällt worden seien.

Die „Experten" der Bourgeoisie schüren die Illusion, nach der die
derzeitige Finanzkrise eine Art Wiederholung der Krachs des 19. Jahrhunderts
sei, die in zeitlicher und räumlicher Ausdehnung vergleichsweise begrenzt
waren. In Wirklichkeit hat die derzeitige Lage aber mehr gemeinsam mit 1929 als
mit jener früheren Phase des kapitalistischen Aufstiegs; sie weist
Eigenschaften auf, die typisch sind für die verhängnisvollen wirtschaftlichen
und finanziellen Krisen der Niedergangsphase, die mit dem Ersten Weltkrieg
begonnen hat, einer Phase der Erschütterung der kapitalistischen
Produktionsweise, eines Zeitalters der Kriege und der Revolutionen.

Die wirtschaftlichen Krisen des kapitalistischen Aufstiegs und die
spekulativen Aktivitäten, die sie oft begleiteten oder ihr vorausgingen,
stellten den Puls eines gesunden Systems dar und ebneten den Weg für eine neue
kapitalistische Expansion durch ganze Kontinente, für wichtige technologischen
Fortschritte, die Eroberung kolonialer Märkte, die Umwandlung der Handwerker
und Bauern in Armeen von Lohnarbeitern usw.

Der Börsenkrach in New York im Jahre 1929, der die erste große Krise
des dekadenten Kapitalismus einläutete, stellte alle Spekulationskrisen des 19.
Jahrhunderts in den Schatten. Während der „verrückten 20er Jahre" hatten sich
die Aktienwerte an der Börse von New
York, der wichtigsten der Welt, verfünffacht. Der weltweite Kapitalismus hatte
die Katastrophe des Ersten Weltkrieges nicht überwunden, und im Land, das das
reichste der Welt geworden war, suchte die Bourgeoisie einen Ausweg in der
Börsenspekulation.

Doch der „Schwarze Donnerstag", der 24. Oktober 1929, war der
brutale Absturz. Die Panikverkäufe setzten sich am „Schwarzen Dienstag" der
folgenden Woche fort. Und die Börse befand sich bis zum Jahre 1932 auf dem
absteigenden Ast; mittlerweile hatten die Titel 89% von ihrem maximalen Wert
von 1929 verloren. Sie sanken auf Niveaus, die seit dem 19. Jahrhundert nie
mehr gesehen worden waren. Der Höchststand der Aktienwerte von 1929 wurde erst wieder
im Jahre 1954 erreicht!

In dieser Zeit brach auch das amerikanische Bankensystem, das Geld
für den Kauf von Titeln ausgeliehen hatte, zusammen. Diese Katastrophe kündigte
die große Depression der Dreißiger Jahre an, die bisher tiefste Krise des
Kapitalismus. Das amerikanische BIP wurde halbiert. 13 Millionen Arbeiter
verloren praktisch ohne jede Absicherung die Arbeit. Ein Drittel der
Bevölkerung sank in die bitterste Armut ab. Die Auswirkungen davon waren auf
dem ganzen Planeten zu spüren.

Aber es folgte kein wirtschaftlicher Wiederaufschwung wie jeweils
nach den Krisen des 19. Jahrhunderts. Die Produktion nahm erst wieder einen
Anlauf, nachdem sie auf die Rüstungsproduktion ausgerichtet worden war zur
Vorbereitung des Blutbads zur Neuaufteilung des Weltmarktes, des Zweiten
Weltkrieges; mit anderen Worten, nachdem die Arbeitslosen in Kanonenfutter
verwandelt worden waren.

Die Rezession der Dreißiger Jahre schien die Folge von 1929 zu sein,
aber in Wirklichkeit beschleunigte der Krach der Wall Street nur die chronische
Überproduktionskrise des Kapitalismus in seiner Niedergangsphase, die der
gemeinsame Wesenszug der Krise der Dreißiger Jahre und jener von heute ist, die
im Jahre 1968 begonnen hat.

Die Bourgeoisie der 50er und 60er Jahre verkündete zur Genüge, dass
sie das Problem der Krisen gelöst und dank den Gegenmitteln der staatlichen
Eingriffe in die nationale und internationale Wirtschaft, der
Defizitfinanzierung und der progressiven Besteuerung auf ein geschichtliches
Kuriosum reduziert habe. Zu ihrer Bestürzung trat die weltweite
Überproduktionskrise im Jahre 1968 doch wieder auf.

Seit 40 Jahren torkelt diese Krise von einer Rezession in die
andere; von einer offenen Rezession in die nächste, die noch ernsthafter ist;
von einer Fata Morgana in die folgende. Die Krise seit 1968 hat nicht die
schroffe Form des Krachs von 1929 angenommen.

Im Jahre 1929 ergriffen die bürgerlichen Finanzexperten Maßnahmen,
die die finanzielle Krise nicht eindämmen konnten. Diese Maßnahmen waren keine
Fehler, sondern Methoden, die bei den früheren Einbrüchen des Systems
funktioniert hatten, wie bei jenem von 1907 und der Panik, die er verursacht
hatte; aber sie waren in der neuen Phase nicht mehr ausreichend. Der Staat
lehnte es ab zu intervenieren. Die Zinssätze stiegen, man ließ die
Währungsreserven zurückgehen, die Kredithindernisse sich verstärken und das
Vertrauen ins Banken- und Kreditsystem sich in Luft auflösen. Die
Smoot-Hawley-Zollgesetze stellten Schranken gegen Einfuhren auf, was den
weltweiten Handel weiter verlangsamte und folglich die Rezession nur noch
vertiefte.

In den 40 letzten Jahren hat die Bourgeoisie es verstanden, das
staatliche Instrumentarium zu benützen, um die Zinssätze zu reduzieren,
flüssige Mittel ins Bankensystem einzuspritzen und damit den Finanzkrisen
entgegenzutreten. Sie war fähig, die Krise zu begleiten, aber zum Preis einer
Überladung des kapitalistischen Systems mit Schuldenbergen. Der Niedergang war
gradueller als in den Dreißiger Jahren; aber die Linderungsmittel wirken je
länger je weniger, und das finanzielle System wird immer zerbrechlicher.

Das phänomenale Anwachsen der Schulden in der weltweiten Wirtschaft
während des letzten Jahrzehnts wird auf dem Kreditmarkt durch das
außergewöhnliche Wachstum der heute berühmt berüchtigten Hedge Funds
veranschaulicht. Das geschätzte Kapital dieser Fonds ist von 491 Milliarden
Dollar im Jahre 2000 auf 1745 Milliarden im 2007 angeschwollen[5]. Ihre komplizierten Finanztransaktionen, die mehrheitlich geheim
und nicht reglementiert ablaufen, benutzen Schulden als eine handelbare
Sicherheit auf der Jagd nach dem kurzfristigen Gewinn. Hedge Funds werden als
dafür verantwortlich erachtet, dass sich faule Schulden im ganzen Finanzsystem
verbreitet haben, womit sich die derzeitige Finanzkrise beschleunigt und
ausgedehnt hat.

Der Keynesianismus, das System der Finanzierung mittels staatlicher
Defizite mit dem Zweck, die Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten, hat sich mit
der galoppierenden Inflation der Siebziger Jahre und der Rezessionen von 1975
und 1981 in Luft aufgelöst. Die Reaganomics und der Thatcherismus - Methoden,
mit denen die Profite durch Reduzierung des sozialen Lohns sowie Senkung der
Steuern erhöht und die nicht rentablen Unternehmen dem Konkurs überlassen
wurden, was eine Massenarbeitslosigkeit verursachte - sind seit dem Börsenkrach
von 1987, dem Skandal um Savings and Loans (Kreditgesellschaft für den
Sozialwohnungsbau) und der Rezession von 1991 passé. Den asiatischen Drachen
ging im Jahre 1997 die Luft aus, und sie hinterließen gewaltige Schulden. Die
Internet-Revolution, die „New Economy", hat sich als nicht nachhaltig erwiesen,
und der Aktienboom erlitt im Jahre 1999 ebenfalls Schiffbruch. Der
Immobilienboom, das gewaltige Aufblähen des Konsumkredites in den letzten fünf
Jahren, die gigantische Auslandverschuldung der Vereinigten Staaten zur
Herstellung einer Nachfrage für die weltweite Wirtschaft und die „wunderbare"
Expansion der chinesischen Wirtschaft - all das wird auch in Frage gestellt.

Man kann nicht genau vorhersagen, wie die Weltwirtschaft ihren
Niedergang fortsetzen wird, doch unausweichlich wird es zu immer größeren
Störungen und einer immer härteren Sparpolitik kommen.

Der
Kapitalismus hat die Vorbedingungen für den Sozialismus geschaffen

Im Dritten Band des Kapital argumentiert Karl Marx, dass das
durch den Kapitalismus entwickelte Kreditsystem in embryonaler Form eine neue
Produktionsweise innerhalb der alten hervorgebracht hat. Indem der Reichtum
ausgeweitet und vergesellschaftet, aus den Händen der individuellen Mitglieder
der Bourgeoisie genommen wurde, bereitete der Kapitalismus den Weg für eine
Gesellschaft, in der die Produktion zentralisiert und von den Produzenten
selbst kontrolliert und wo das bürgerliche Eigentum als ein historischer
Anachronismus abgeschafft werden könnte: „Das Kreditwesen beschleunigt daher
die materielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstellung des
Weltmarkts, die als materielle Grundlagen der neuen Produktionsform bis auf
einen gewissen Höhegrad herzustellen, die historische Aufgabe der
kapitalistischen Produktionsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die
gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente
der Auflösung der alten Produktionsweise."
[6]

Seit nunmehr einem Jahrhundert sind die Voraussetzungen reif für die
Abschaffung der bürgerlichen Herrschaft und der kapitalistischen Ausbeutung. Da
es bis jetzt keine radikale Antwort des Proletariats gibt, die dazu führen
könnte, den Kapitalismus weltweit zu überwinden, spitzen sich die Widersprüche
dieses kranken Systems, insbesondere die Wirtschaftskrise, immer mehr zu. Wenn
heute der Kredit immer noch eine Rolle bei der Entwicklung dieser Widersprüche
spielt, so geht es dabei nicht mehr um die Eroberung des Weltmarktes, denn der
Kapitalismus hat schon seit langem die Herrschaft seiner
Produktionsverhältnisse auf den ganzen Planeten ausgedehnt. Die massive Verschuldung
aller Staaten hat es aber dem Kapitalismus tatsächlich erlaubt, einen brutalen
Absturz der Wirtschaft zu vermeiden, was aber nicht umsonst geschah. So war die
verrückte Flucht nach vorn in den allgemeinen und massiven Einsatz des Kredits
anfänglich während Jahrzehnten ein Faktor der Abdämpfung des unüberbrückbaren
Widerspruchs zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den hinfällig
gewordenen kapitalistischen Produktionsverhältnissen, doch werden „die
gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs" brutal beschleunigt, so dass das
gesellschaftliche Gebilde wie noch nie erschüttert wird. Doch werden solche
Erschütterungen allein noch keine Bedrohung für die Spaltung der Gesellschaft
in Klassen darstellen. Sie werden es erst, sobald sie dazu beitragen, das
Proletariat in Bewegung zu setzen.

Die Revolutionäre haben immer hervorgehoben, dass die Krise den
Prozess der Bewusstwerdung darüber, in welcher Sackgasse die derzeitige Welt
steckt, beschleunigen wird. Sie wird langfristig immer mehr Teile der
Arbeiterklasse in Kämpfe stoßen, die es ihr erlauben, Erfahrungen zu sammeln.
Die Herausforderung dieser künftigen Erfahrungen ist die Fähigkeit der
Arbeiterklasse, sich gegenüber allen Kräften der Bourgeoisie zu verteidigen und
zu behaupten, Vertrauen in ihre eigenen Kräfte zu gewinnen und sich je länger
je mehr das Bewusstsein anzueignen, dass sie die einzige Kraft der Gesellschaft
darstellt, die fähig ist, den Kapitalismus zu beseitigen.

Como, 29/10/2007


[1]
In der britischen Wirtschaftszeitschrift The Economist
wurde diese Garantie als ein Bluff betitelt.

[2]
„Und es gibt keine Weisheiten von ‚Globalisierungsgegnern‘ und anderen Gegnern der ‚Verfinanzung‘ der Wirtschaft, die daran auch nur das Geringste ändern könnten. Diese
politischen Strömungen möchten einen
‚sauberen‘, ‚gerechten‘ Kapitalismus, der insbesondere die Spekulation unterbindet. In Tat und
Wahrheit ist Letztere keineswegs Auswuchs eines
‚schlechten‘ Kapitalismus, der seine Verantwortung dafür ‚vergessen‘ habe, in wirklich produktive Sektoren zu investieren. Wie Marx schon im
19. Jahrhundert festgestellt hat, ist die Spekulation eine Folge der Tatsache,
dass die Kapitalbesitzer angesichts des Mangels an zahlungskräftigen
Absatzmärkten für ihre produktiven Investitionen es vorziehen, ihr Kapital
zwecks Gewinnmaximierung kurzfristig in eine gigantische Lotterie zu stecken,
eine Lotterie, die heute den Kapitalismus in ein weltumspannendes Kasino
verwandelt hat. Der Wunsch, dass der Kapitalismus heutzutage auf die
Spekulation verzichtet, ist so realistisch wie der Wunsch, dass aus Tigern
Vegetarier werden."
(Resolution
zur internationalen Lage, 17. Kongress der IKS, siehe in dieser Nummer)

[3]
Benjamin Bernanke, der Präsident der FED sprach von
Hypothekarschuldnern als „Delinquenten". Mit anderen Worten: „Kriminelle
gegen den Reichtum"
. Die „Kriminellen" wurden gebüßt - durch die Erhöhung
der Zinsen!

[4]
Wir können hier nicht auf die Frage der Obdachlosigkeit auf der Welt eingehen.
Laut der UNO-Kommission für Menschenrechte leben 1 Milliarde Menschen ohne
angemessene und 100 Millionen ganz ohne Unterkunft.

[5]
www.mcclatchydc.com

[6]
27. Kapitel, Die Rolle des Kredits in der kapitalistischen
Produktion.

 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: