Interne Debatte der IKS: Marxismus und Ethik (Teil I/b)

Die Ethik vor dem Marxismus

Die Ethik ist das theoretische Verständnis der
Moral, mit dem Ziel, ihre Rolle besser zu begreifen und ihre Inhalte und
Aktionsfelder zu verbessern und zu systematisieren. Auch wenn sie eine
theoretische Disziplin ist, ist ihr Ziel stets ein praktisches gewesen. Eine
Ethik, die nicht dazu beiträgt, das Verhalten im wirklichen Leben zu
verbessern, ist per se wertlos. Die Ethik ist erschienen und hat sich
entwickelt als eine Art philosophische Wissenschaft, und zwar nicht nur aus
historischen Gründen, sondern weil die Moral kein präzises Objekt ist, sondern
ein Verhältnis, das die Gesamtheit des menschlichen Lebens und Bewusstseins
durchdringt. Die Ethik hat die größten Geister der Menschheit beschäftigt; sie
wurde von den klassischen griechischen Philosophen bis hin zu Spinoza und Kant
stets als eine wichtige Frage angesehen.

Ungeachtet der Vielheit der verschiedenen
Vorgehensweisen und der gegebenen Antworten ist ein gemeinsames Ziel, das
sämtliche Spielarten der Ethik auszeichnet, die Beantwortung der Frage: Wie
kann man ein Maximum an Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen
erreichen? Die Ethik war immer eine Waffe für den Kampf, insbesondere für den
Klassenkampf gewesen.

Die Konfrontation mit Krankheit und Tod, mit dem
Interessenkonflikt oder mit der Enttäuschung und dem emotionalen Leiden war oft
eine mächtige Stimulans gewesen, um Ethik zu studieren. Doch während die Moral,
so rudimentär sie in ihren Manifestationen ist, eine uralte Bedingung der
menschlichen Existenz ist, ist die Ethik ein weitaus jüngeres Phänomen. Das
Bedürfnis, seinem eigenen Verhalten und seinem eigenen Leben bewusst eine
Richtung zu geben, ist das Produkt der immer komplexeren Natur des
gesellschaftlichen Lebens. In der Urgesellschaft wurde der Aktivitätssinn ihrer
Mitglieder direkt von der bittersten Armut, der Trägheit und Gleichförmigkeit
des Lebens diktiert. Individuelle Freiheit existierte noch nicht. Vor dem
Hintergrund des wachsenden Widerspruchs zwischen dem öffentlichen und privaten
Leben, zwischen Individualisierung und den Bedürfnissen der Gesellschaft begann
ein theoretischer Denkprozess über das Verhalten und seine Prinzipien. Dieses
Nachdenken ist nicht zu trennen vom Auftreten einer kritischen Haltung
gegenüber der Gesellschaft und vom Willen, sie auf planvolle Weise zu ändern.
Somit wird, wie im antiken Griechenland, das Aufkommen einer solchen Haltung –
wie jene der Philosophie im Allgemeinen –, während das Auseinanderbrechen der
Urgesellschaft in Klassen die Vorbedingung für sie ist, insbesondere von der
Entwicklung der Warenproduktion stimuliert.

Nicht nur das Erscheinen der Ethik, sondern auch
ihre Evolution hängt wesentlich vom Fortschritt im Materiellen, insbesondere
von der ökonomischen Grundlage der Gesellschaft ab. Mit der Klassengesellschaft
änderten sich moralische Forderungen und Sitten notgedrungen, da jede
Gesellschaftsformation von einer Moral abhängt, die ihren Bedürfnissen
entspricht. Dies führte umgekehrt die Ethik zur Konfrontation mit neuen Fragen,
neuen Widersprüchen, die die treibenden Kräfte hinter diesem Prozess sind. Wenn
die herrschende Moral in Widerspruch zur historischen Weiterentwicklung tritt,
wird sie zur Quelle der fürchterlichsten Leiden, die in wachsendem Maße
physischer und psychischer Gewalt zu ihrer eigenen Stärkung bedarf und zu
allgemeiner Desorientierung, wuchernder Heuchelei, aber auch zur
Selbstgeißelung führt. Solche Phasen sind eine besondere Herausforderung für
die Ethik, denn diese hat das Potenzial, neue Prinzipien zu formulieren, die
erst in einer künftigen Zeit greifen und die Massen orientieren werden.

Trotz dieser Abhängigkeit ist die Entwicklung der
Ethik jedoch alles andere als eine passive, mechanische Reflexion der
ökonomischen Lage. Sie besitzt eine eigene innere Dynamik. Dies wird bereits
von der Entwicklung des Materialismus der alten Griechen illustriert, der
Beiträge zur Ethik leistete, die noch heute zum unschätzbaren theoretischen
Erbe der Menschheit gehören. Dies schließt die Identifizierung des Strebens
nach Glück als eine Hauptsorge der Ethik mit ein. Es beinhaltet die Erkenntnis,
dass hinter dem Ruf nach einer Moral der „Mäßigung“ die „entmystifizierte“
materielle Tatsache steht, dass dieses Glück von der Erlangung einer Harmonie
innerhalb des individuellen oder sozialen Organismus und von einem dynamischen
Gleichgewicht innerhalb der Gesamtheit der verschiedenen menschlichen
Bedürfnisse und ihrer Befriedigung abhängt. Bereits Heraklit machte die
zentrale Frage der Ethik aus: das Verhältnis zwischen Individuum und
Gesellschaft, zwischen dem, was das Individuum tatsächlich tut, und dem, was es
im allgemeinen Interesse tun sollte. Doch diese „Naturphilosophie“ war nicht in
der Lage, eine materialistische Erklärung für die Ursprünge der Moral und
insbesondere des Gewissens zu geben. Darüber hinaus hinderte die einseitige
Betonung der Kausalität, zum Schaden der „teleologischen“ Seite der
menschlichen Existenz (planvolle Aktivitäten für ein bewusstes Ziel), sie
daran, befriedigende Antworten auf einige der größten Probleme der Ethik zu
geben.

Daher ebnete nicht nur die objektive gesellschaftliche
Entwicklung, sondern auch dieser Mangel an Lösungen für die gestellten
theoretischen Fragen den Weg zum philosophischen Idealismus. Das Interesse des
Idealismus und mit ihm das neue religiöse Credo des Monotheismus galt nicht
mehr der Erklärung der Natur, sondern der Erforschung des ethischen,
spirituellen Lebens. Dies kulminierte in der Aufteilung der Persönlichkeit in
einen himmlischen (moralischen) und einen materiellen (körperlichen) Teil: halb
Engel, halb Tier. Eine Sichtweise, die perfekt der Konsolidierung der Macht der
herrschenden Klasse des Adels entsprach.

Der Triumph des ethischen Idealismus wurde erst
durch den revolutionären Materialismus der aufsteigenden Bourgeoisie ernsthaft
herausgefordert. Der neue Materialismus postulierte, dass die natürlichen
Impulse des Menschen den Keim all dessen enthalten, was gut ist, und machte die
alte Ordnung und den Zustand der Gesellschaft zur Quelle allen Übels. Aus
dieser Denkschule entstammten nicht nur die theoretischen Waffen der bürgerlichen
Revolution, sondern auch der utopische Sozialismus (Fourier vom französischen
Materialismus, Owen von Benthams System der „Nützlichkeit“).

Doch auch dieser Materialismus war unfähig zu
erklären, woher die Moral stammt. Die Moral kann nicht „natürlich“ erklärt
werden, weil die menschliche Natur bereits die Moral in sich trägt. Auch kann
diese revolutionäre Theorie nicht ihren eigenen Ursprung erklären. Wenn der
Mensch im Moment seiner Geburt nichts als ein unbeschriebenes Blatt Papier,
eine Tabula rasa, ist, wie dieser Materialismus behauptet, und allein von der
herrschenden sozialen Ordnung geformt wird – woher kommen dann die
revolutionären Ideen und wo liegt der Ursprung der moralischen Entrüstung,
diese unerlässliche Voraussetzung für eine neue und bessere Gesellschaft? Sein
wertvollster Beitrag besteht darin, dass er dem Pessimismus des Idealismus –
der die Möglichkeit eines historischen ethischen Fortschritts leugnet und durch
die Aufstellung unerfüllbarer moralischer Forderungen demoralisiert – den Krieg
erklärt hat. Doch trotz seines scheinbar grenzenlosen Optimismus lieferte
dieser allzu mechanische und metaphysische Materialismus nur eine dürftige
Grundlage für ein wirkliches Vertrauen in die Menschheit. Letztendlich
erscheint in dieser Weltsicht der „Aufklärer“ selbst als einzige Quelle der
ethischen Vervollkommnung der Gesellschaft.

Die Tatsache, dass der bürgerliche Materialismus in
seinen Bemühungen scheiterte, die Ursprünge der Moralität allein auf der Basis
der Erfahrung zu erklären (und nicht nur der Rückständigkeit von Deutschland
oder der Provinzialität von Königsberg), steuerte zu Kants Rückfall in den
ethischen Idealismus bei der Erklärung des Phänomens des Gewissens bei. Indem
er das „moralische Gesetz in uns“ zu einem „Ding an sich“ machte, das a
priori
existiere, außerhalb von Zeit und Raum, erklärte Kant faktisch, dass
wir nicht die Ursprünge der Moral kennen können.

Und in der Tat war es, trotz aller unschätzbarer
Beiträge, die die Menschheit geleistet hat und die sozusagen die Teile eines
noch nicht zusammengesetzten Puzzles bildeten, erst das Proletariat, das mit
Hilfe der marxistischen Theorie in der Lage war, eine befriedigende und
kohärente Antwort auf diese Frage zu geben.

Der Marxismus
und die Ursprünge der Moral

Für den Marxismus liegt der Ursprung der Moral im
durch und durch gesellschaftlichen, kollektiven Wesen der menschlichen Gattung.
Diese Moral ist das Ergebnis nicht nur von zutiefst sozialen Trieben, sondern
der Abhängigkeit der Art von geplanter gemeinschaftlicher Arbeit und vom immer
komplexer werdenden Produktionsapparat, den diese Arbeit erfordert. Die
Grundlage und der Kern der Moral ist die Einsicht in die Notwendigkeit der Solidarität
als Antwort auf das Ungenügen des Individuums, auf die Abhängigkeit von der
Gesellschaft. Diese Solidarität ist der gemeinsame Nenner von allem, was im
Laufe der Geschichte der Moral an Positivem und Dauerhaftem hervorgebracht
wurde. Insofern ist sie sowohl Maßstab des moralischen Fortschritts als auch
Ausdruck der Kontinuität dieser Geschichte – trotz aller Unterbrüche und
Rückschläge.

Diese Geschichte ist geprägt von der Erkenntnis,
dass die Überlebenschancen umso größer sind, je mehr die Gesellschaft oder
gesellschaftliche Klasse eine Einheit bildet, je stärker ihr Zusammenhalt ist,
je größer  die Harmonie zwischen ihren
verschiedenen Teilen. Aber es geht nicht allein um die Überlebensfrage. Tiefere
Formen der Kollektivität sind die Voraussetzung für die Entfaltung der
Persönlichkeit und die volle Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Gesellschaft
und ihrer Mitglieder. Nur durch die Beziehung zu anderen kann der Mensch seine
eigene Menschlichkeit entdecken. Die praktische Verfolgung des gemeinsamen
Interesses ist das Mittel, mit dem die Mitglieder der Gesellschaft die Moral
veredeln. Das reichste Leben ist dasjenige, das am stärksten in der
Gesellschaft verwurzelt ist, mit den meisten Verknüpfungen zum Leben anderer.

Der Grund, weshalb nur das Proletariat die Frage des
Ursprungs und des Wesens der Moral beantworten konnte, liegt darin, dass die
Perspektive einer Weltgemeinschaft, einer kommunistischen Gesellschaft den
Schlüssel für das Verständnis der Geschichte der Moral darstellt. Das
Proletariat ist die erste Klasse in der Geschichte, die kein Sonderinteresse zu
verteidigen hat und die durch eine wirkliche Vergesellschaftung der Produktion
vereinigt ist – die Grundlage einer qualitativ höheren Ebene der menschlichen
Solidarität.

Die materialistische Ethik des Marxismus erlaubt es
dank ihrer Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse (namentlich diejenigen von
Darwin, dem Marx Das Kapital gewidmet hat) zu integrieren, zu verstehen,
dass der Mensch als Produkt der Evolution in Tat und Wahrheit nicht als tabula
rasa, als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt. Er bringt eine ganze Reihe von
gesellschaftlichen Bedürfnissen „in die Welt“, die Ergebnis seines tierischen
Ursprungs sind (beispielsweise das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Zuneigung,
ohne die das Neugeborene sich nicht entwickeln, ja nicht einmal überleben
kann).

Aber der Fortschritt der Wissenschaft hat auch offen
gelegt, dass der Mensch darüber hinaus eine Kämpfernatur hat. Diese hat es ihm
ermöglicht aufzubrechen, um die Welt zu erobern, die Naturkräfte zu
beherrschen, sie zu gebrauchen, um das gesellschaftliche Leben auf dem ganzen
Planeten zu entfalten. Die Geschichte zeigt auch, dass der Mensch in aller
Regel vor Schwierigkeiten nicht zurückschreckt. Der Kampf der Menschheit stützt
sich auf eine Reihe von Trieben, die sie aus dem Tierreich geerbt hat:
diejenigen der Selbsterhaltung, der sexuellen Fortpflanzung, des Schutzes der
Nachkommen usw. Im Rahmen der Gesellschaft konnten sich diese
Arterhaltungstriebe nur dadurch entwickeln, dass der Mensch seine Gefühle mit
den Artgenossen teilte. Es stimmt zwar, dass diese Qualitäten das Ergebnis der
Sozialisierung sind; aber ebenso erlauben diese Qualitäten umgekehrt erst ein
Leben in der Gesellschaft. Die Geschichte der Menschheit hat auch gezeigt, dass
der Mensch ein Potential an Aggressivität mobilisieren kann und muss, ohne das
er sich nicht gegen eine feindliche Umwelt verteidigen und behaupten kann.

Doch die Grundlage der Kampfbereitschaft der
menschlichen Gattung geht noch viel mehr in die Tiefe, sie wurzelt vor allem in
der Kultur. Die Menschheit ist der einzige Teil der Natur, der sich durch den
Prozess der Arbeit ständig selbst verwandelt. Das bedeutet, dass das
Bewusstsein zum wichtigsten Mittel ihres Überlebenskampfes geworden ist. Jedes
Mal, wenn der Mensch ein neues Ziel erreicht hat, hat er seine Umwelt verändert
und sich neue, höhere Ziele gesteckt. Dies wiederum hat eine Weiterentwicklung
seines gesellschaftlichen Wesens bedingt.

Die wissenschaftliche Methode des Marxismus hat die
biologischen, „natürlichen“ Ursprünge der Moral und des gesellschaftlichen
Fortschritts aufgedeckt. Weil er die Bewegungsgesetze der menschlichen
Geschichte entdeckte und den metaphysischen Standpunkt überwand, löste der
Marxismus die Fragen, die der alte, bürgerliche Materialismus nicht beantworten
konnte. Damit bewies er die Relativität, aber auch den relativen Wert der
verschiedenen moralischen Systeme der Geschichte. Er legte ihre Abhängigkeit
von der Entwicklung der Produktivkräfte und – ab einem bestimmten
geschichtlichen Zeitpunkt – dem Klassenkampf offen. Dadurch legte er das theoretische
Fundament für eine praktische Überwindung dessen, was eine der größten Geißeln
der Menschheit bis heute gewesen ist: die fanatische, dogmatische Tyrannei
jedes moralischen Systems.

Indem der Marxismus aufzeigte, dass die Geschichte
eine Bedeutung hat und ein kohärentes Ganzes bildet, überwand er den falschen
Gegensatz zwischen dem moralischem Pessimismus des Idealismus und dem hohlen
Optimismus des bürgerlichen Materialismus. Durch den Nachweis eines moralischen
Fortschritts in der Geschichte der Menschheit, erweiterte er die Grundlage für
das Vertrauen des Proletariats in die Zukunft.

Trotz der erhabenen Schlichtheit der
gemeinschaftlichen Grundsätze des Urkommunismus waren seine Tugenden an die
blinde Unterwerfung unter Rituale und Aberglauben gebunden, sie waren nie das
Ergebnis einer bewussten Wahl. Typisch war die örtliche Gebundenheit der
moralischen Grundsätze: Der Fremde verkörperte Böses. Erst mit dem Aufkommen
der Klassengesellschaft (in Europa zur Zeit der Blüte der
Sklavenhaltergesellschaften) konnten menschliche Wesen einen moralischen Wert
unabhängig von Blutsbanden besitzen. Diese Errungenschaft war das Produkt von
Kultur und der Revolte von Sklaven und anderer unterdrückter Schichten. Es ist
wichtig festzuhalten, dass die Kämpfe der ausgebeuteten Klassen, selbst wenn
sie keine revolutionäre Perspektive hatten, das moralische Erbe der Menschheit
durch die Kultivierung eines rebellischen Geistes und einer Empörung, durch die
Erringung eines Respekts vor der menschlichen Arbeit sowie die Idee der Würde
eines jeden menschlichen Wesens bereicherten. Der moralische Reichtum einer
Gesellschaft ist nie bloß das Ergebnis der unmittelbaren wirtschaftlichen,
gesellschaftlichen und kulturellen Konstellation, sondern eine Zusammenfassung
von Errungenschaften der Geschichte. Wir sollten dabei auch nicht vergessen,
dass die Individualisierung nicht allein die Einsamkeit hervorbrachte, sondern
auch zur Entdeckung und Untersuchung der tiefsten Schichten unserer Seele und
zur Grundlegung für die Übernahme individueller Verantwortung führte. So wie
die Erfahrung und das Leiden eines langen und schwierigen Lebens zur Reifung
derjenigen beiträgt, die sich dadurch nicht brechen lassen, wird die Hölle der
Klassengesellschaft zum Wachstum der moralischen Erhabenheit der Menschheit
beitragen – unter der Bedingung, dass diese Gesellschaft überwunden werden
kann.

Es sollte weiter hinzugefügt werden, dass der
historische Materialismus den alten Gegensatz zwischen Trieb und Bewusstsein,
und zwischen Kausalität und Teleologie, der den Fortschritt der Moral
behinderte, auflöste. Die objektiven Gesetzmäßigkeiten der geschichtlichen
Entwicklung sind ihrerseits Ausdrücke der menschlichen Tätigkeit. Sie erscheinen
nur deshalb als äußerliche Kräfte, weil die Ziele, die sich die Menschen
setzen, von den Umständen abhängen, die die Vergangenheit der Gegenwart
vermacht hat. Wenn man diesen Prozess aber als dynamischen begreift, als
Bewegung von der Vergangenheit in die Zukunft, ist die Menschheit sowohl das
Ergebnis als auch die Ursache der Veränderung. In diesem Sinn sind auch die
Moral und die Ethik sowohl das Produkt als auch aktive Faktoren der Geschichte.

Indem der Marxismus das wahre Wesen der Moral
aufdeckt, ist er auch in der Lage, ihre Richtung zu beeinflussen und sie als
Waffe des proletarischen Klassenkampfes zu schärfen. 

Der Kampf
gegen die bürgerliche Moral

Die proletarische Moral entwickelt sich im Kampf
gegen die herrschenden Werte, nicht in der Isolierung von ihnen. Die wachsende
Unerträglichkeit der herrschenden Werte wird zu einer der Hauptantriebskräfte
bei der Entwicklung einer konträren, revolutionären Moral und ihrer Fähigkeit,
die Massen zu ergreifen.

Der Kern der Moral der bürgerlichen Gesellschaft ist
in der Verallgemeinerung der Warenproduktion enthalten. Diese bestimmt ihren
wesentlich demokratischen Charakter, der eine höchst fortschrittliche Rolle bei
der Auflösung des Feudalismus spielte, der jedoch mit dem Niedergang des
kapitalistischen Systems in wachsendem Maße seine irrationale Seite enthüllt.

Der Kapitalismus ordnet die gesamte Gesellschaft,
einschließlich der Arbeitskraft selbst, der Quantifizierung des Tauschwerts
unter. Der Wert der Menschen und ihrer produktiven Aktivitäten liegt nicht mehr
in ihren konkreten menschlichen Qualitäten und ihrem einzigartigen Beitrag zur
Kollektivität, sondern kann nur noch quantitativ, im Vergleich zu anderen und
einem abstrakten Durchschnitt ermessen werden – was sie mit der Gesellschaft
als unabhängige, blinde Kraft konfrontiert. Indem also der Mensch als
Konkurrent gegen den Mitmenschen ausgespielt wird und gezwungen ist, sich
ständig an anderen zu messen, höhlt der Kapitalismus die menschliche
Solidarität als Grundlage der Gesellschaft aus. Indem er von den realen
Qualitäten der lebenden Menschen, einschließlich ihrer moralischen
Qualitäten,  abstrahiert, unterminiert er
die eigentliche Grundlage der Moral. Indem er die Frage: „Was kann ich zur
Gemeinschaft beitragen?“ durch die Frage: „Was ist mein eigener Wert innerhalb
der Gemeinschaft?“ (Reichtum, Macht, Prestige) ersetzt, stellt er die
Möglichkeit einer Gemeinschaft schlechthin in Frage.

Die bürgerliche Gesellschaft neigt dazu, die
moralischen Errungenschaften auszuhöhlen, die die Menschheit in Jahrtausenden
angehäuft hat, von den simplen Traditionen der Gastfreundschaft und des
Respekts gegenüber den anderen im täglichen Leben bis hin zum elementaren
Reflex, jenen zu helfen, die in Not sind.

Mit dem Eintritt des Kapitalismus in seine Schlussphase,
den Zerfall, neigt diese ihm innewohnende Tendenz dazu, vorherrschend zu
werden. Der irrationale Charakter dieser Tendenz – langfristig unvereinbar mit
dem Schutz der Gesellschaft – enthüllt sich in der Notwendigkeit selbst für die  Bourgeoisie, im Interesse einer profitablen
Produktion wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen und Strategien gegen
das „Mobbing“ auszuhecken, Pädagogen einzustellen, die Schulkindern beibringen,
wie man mit Konflikten umgeht und wie man die Qualität der immer selteneren
Fähigkeit, in einer Gruppe zu arbeiten, erlernt, die wichtigste Qualifikation,
die viele Betriebe von den neuen Beschäftigten verlangen.

Eine Besonderheit des Kapitalismus ist die
Ausbeutung auf der Grundlage der „Freiheit“ und juristischen „Gleichheit“ der
Ausgebeuteten. Daher der im Prinzip heuchlerische Charakter seiner Moral. Doch
diese Besonderheit verändert auch die Rolle, die die Gewalt in der Gesellschaft
spielt.

Im Gegensatz zu dem, was seine Apologeten behaupten,
übt der Kapitalismus nicht weniger, sondern eine weitaus rohere Gewalt als jede
andere Ausbeutungsweise aus. Doch weil die Verstärkung des Ausbeutungsprozesses
selbst nun auf einem wirtschaftlichen Verhältnis statt auf physischem Zwang
beruht, gibt es einen qualitativen Sprung in der Anwendung indirekter,
moralischer, psychischer Gewalt. Verleumdungen, Anschläge auf die
Persönlichkeit, die Suche nach Sündenböcken, die gesellschaftliche Isolation
anderer, die systematische Degradierung der menschlichen Würde und des
Selbstvertrauens sind zu täglichen Instrumenten der sozialen Kontrolle und des
Konkurrenzkampfes geworden. Mehr noch: sie sind zu Manifestationen der
demokratischen Freiheit, des moralischen Ideals der bürgerlichen Gesellschaft
geworden. Und je mehr die Bourgeoisie sich auf diese indirekte Gewalt und auf
den Einfluss ihrer Moral gegen das Proletariat verlässt, desto stärker ist ihre
Position.

Die Moral des Proletariats

Der Kampf des Proletariats für den Kommunismus
bildet mit Abstand den höchsten Punkt in der moralischen Entwicklung der
Gesellschaft bis heute. Er beinhaltet, dass die Arbeiterklasse die gesammelten
Kulturgüter geerbt und sie auf einem qualitativ höheren Niveau weiterentwickelt
hat, sie auf diese Weise vor der Liquidierung durch den kapitalistischen
Zerfall bewahrend. Eines der Hauptziele der kommunistischen Revolution ist der
Sieg der sozialen Gefühle und Qualitäten über die anti-sozialen Impulse. Wie
Engels im Antidühring argumentiert, wird eine wirklich menschliche Moral
fern jeder Klassenwidersprüche erst in einer Gesellschaft möglich sein, in der
nicht nur der Klassengegensatz selbst, sondern auch die Erinnerung an ihn
praktisch aus dem täglichen Leben verschwunden ist.

Das Proletariat absorbiert antike
Gemeinschaftsregeln wie auch die Errungenschaften der jüngeren und
komplizierteren Ausdrücke der Moralkultur in seine eigene Bewegung. Dies
beinhaltet auch solch elementare Regeln wie das Verbot des Diebstahls, das für
die Arbeiterbewegung nicht nur eine goldene Regel der Solidarität und des
gegenseitigen Vertrauens ist, sondern auch eine unersetzliche Barriere gegen
fremde moralische Einflüsse der Bourgeoisie und des Lumpenproletariats.

Die Arbeiterbewegung lebt auch von der Entfaltung
des sozialen Lebens, der Sorge um das Leben der anderen, des Schutzes der ganz
Jungen, der ganz Alten und der Bedürftigen. Auch wenn sich die Liebe zur
Menschheit nicht nur auf das Proletariat beschränkt, wie Lenin sagt, ist diese
Wiederaneignung durch die Arbeiterklasse notgedrungen kritisch und strebt die
Überwindung der Rohheit, Kleinlichkeit und der Provinzialität der
nicht-proletarischen ausgebeuteten Klassen und Schichten an.

Das Auftreten der Arbeiterklasse als Träger des
moralischen Fortschritts ist eine perfekte Veranschaulichung der dialektischen
Natur der gesellschaftlichen Entwicklung. Durch die radikale Trennung der
Produzenten von den Produktionsmitteln und ihre radikale Unterordnung unter die
Marktgesetze schuf der Kapitalismus zum ersten Mal in der Geschichte eine
Gesellschaftsklasse, die radikal von ihrer eigenen Menschlichkeit entfremdet
war. Die Genese der modernen Klasse von Lohnarbeitern ist somit eine Geschichte
der Auflösung sozialer Gemeinschaften und ihrer Errungenschaften – der
Entwurzelung, Vagabundierung und Kriminalisierung von Millionen von Männern, Frauen
und Kindern. Abseits der Sphäre der Gesellschaft waren sie einem
unbeschreiblichen Prozess der Brutalisierung und moralischer Degradierung
ausgesetzt. Anfangs waren die Arbeiterbezirke in den industrialisierten
Regionen Brutstätten der Ignoranz, des Verbrechens, der Prostitution, des
Alkoholismus, der Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Doch schon in seiner Untersuchung der Arbeiterklasse
in England konnte Engels feststellen, dass die klassenbewussten unter den
Proletariern die liebenswürdigsten, edelsten und menschlichsten Seiten der
Gesellschaft bildeten. Und später, bei der Bilanzierung der Pariser Kommune,
setzte Marx das Heldentum, den Geist der Selbstaufopferung und Leidenschaft des
kämpfenden, arbeitenden und denkenden Paris für die herkulische Aufgabe dem
parasitären, skeptischen und egoistischen Paris der Bourgeoisie entgegen.

Diese Verwandlung des Proletariats, einst eine
Klasse ohne eigene Menschlichkeit, ist der Ausdruck seines spezifischen
Klassencharakters. Der Kapitalismus hat erstmals in der Geschichte einer Klasse
zum Leben verholfen, die nur durch die Entfaltung der Solidarität ihre
Menschlichkeit bekräftigen und ihre Identität sowie ihre Klasseninteressen
ausdrücken kann. Wie niemals zuvor ist die Solidarität zur Waffe des Klassenkampfes
und zum spezifischen Mittel geworden, durch das die Aneignung, die Verteidigung
und die höhere Entwicklung der menschlichen Kultur und Moral durch eine
ausgebeutete Klasse möglich werden. Wie Marx 1872 erklärte: „Bürger, denken
wir an jenes Grundprinzip der Internationale: die Solidarität. Nur wenn wir
dieses lebenspendende Prinzip unter sämtlichen Arbeitern aller Länder auf
sichere Grundlagen gestellt haben, werden wir das große Endziel erreichen, das
wir uns gesteckt haben. Die Umwälzung muss solidarisch sein, das lehrt uns das
große Beispiel der Pariser Kommune ...“

[1]

Diese Solidarität ist das Resultat des
Klassenkampfes. Ohne die ständige Auseinandersetzung zwischen Fabrikbesitzern
und Arbeitern, sagt Marx, „würde die Arbeiterklasse Großbritanniens und ganz
Europas eine niedergedrückte, charakterschwache, verbrauchte, unterwürfige
Masse sein, deren Emanzipation aus eigner Kraft sich als ebenso unmöglich
erweisen würde wie die der Sklaven des antiken Griechenlands und Roms“

[2]

.

Und Marx fügte hinzu: „Um den Wert von Streiks
und Koalitionen richtig zu würdigen, dürfen wir uns nicht durch die scheinbare
Bedeutungslosigkeit ihrer ökonomischen Resultate täuschen lassen, sondern
müssen vor allen Dingen ihre moralischen und politischen Auswirkungen im Auge
behalten.“

Diese Solidarität geht Hand in Hand mit der
moralischen Empörung der Arbeiter über ihre eigene Erniedrigung. Diese Empörung
ist eine Voraussetzung nicht nur für den Kampf und Selbstrespekt der Arbeiter,
sondern auch für das Aufblühen ihres Klassenbewusstseins. Nachdem er die
Fabrikarbeit als ein Mittel zur Verdummung der Arbeiter definiert hat, kommt
Engels zu dem Schluss: „... wenn dennoch die Fabrikarbeiter nicht nur ihren
Verstand gerettet, sondern auch mehr als andere ausgebildet und geschärft
haben, so war dies wieder nur durch die Empörung gegen ihr Schicksal und gegen
die Bourgeoisie möglich.“

[3]

Die Befreiung der Arbeiter aus dem paternalistischen
Gefängnis des Feudalismus versetzte sie in die Lage, die politische,  globale Dimension dieser „moralischen
Resultate“ zu entwickeln und so sich ihre Verantwortung gegenüber der
Gesellschaft als Ganzes zu Herzen zu nehmen. In seinem Buch über die
Arbeiterklasse in England ruft Engels in Erinnerung, wie in Frankreich die
Politik und in Großbritannien die Ökonomie sie aus ihrer „Gleichgültigkeit
gegenüber den allgemeinen Interessen der Menschheit“
befreite, eine
Gleichgültigkeit, die sie „geistig-tot“ machte.

Für die Arbeiterklasse ist die Solidarität nicht
eine Waffe unter vielen anderen, die angewendet wird, wenn sie benötigt wird.
Sie ist die Essenz des Kampfes und der täglichen Existenz der Klasse. Daher
sind die Organisation und die Zentralisierung ihres Kampfes der lebendige
Ausdruck dieser Solidarität.

Der moralische Aufstieg der Arbeiterbewegung ist
nicht von der Formulierung ihres historischen Ziels zu trennen. Im Verlaufe
seiner Untersuchung der utopischen Sozialisten erkannte Marx den ethischen
Einfluss von kommunistischen Ideen, durch welche „unser Bewusstsein
geschmiedet wird“
. Und in ihrem Werk „Sozialismus und die Kirchen“ rief
Rosa Luxemburg in Erinnerung, dass die Verbrechensraten in den
Industriebezirken von Warschau drastisch zurückgegangen waren, sobald aus
Arbeitern Sozialisten geworden waren.

Kennzeichnend für den moralischen Fortschritt ist
die Erweiterung des Wirkungskreises der sozialen Tugenden und Antriebe, bis die
Gesamtheit der Menschheit erfasst ist. Der bei weitem höchste Ausdruck der menschlichen
Solidarität, des ethischen Fortschritts der Gesellschaft bis heute ist der
proletarische Internationalismus. Dieses Prinzip ist ein unerlässliches Mittel
zur Befreiung der Arbeiterklasse und bereitet die Grundlage für die künftige
menschliche Gemeinschaft. Die Zentralität dieses Prinzips und die Tatsache,
dass nur die Arbeiterklasse es verteidigen kann, unterstreicht die Bedeutung
der moralischen Autonomie des Proletariats gegenüber allen anderen Klassen und
Schichten der Gesellschaft. Es ist unerlässlich für klassenbewusste Arbeiter,
sich selbst größtenteils vom Denken und Fühlen der Bevölkerung zu befreien, um
ihre eigene Moral jener der Bourgeoisie entgegenzusetzen.

Ihre Stellung im Herzen des proletarischen Kampfes
lässt ein neues Verständnis der Bedeutung der Solidarität in der menschlichen
Gesellschaft zu.

Sie ist ein unverzichtbares Mittel, um das Ziel des
Kommunismus zu erreichen, aber auch das Wesen selbst dieses Ziels. Ebenso
besteht das Ziel der Arbeiterbewegung bei der Bekämpfung des Kapitalismus nicht
nur darin, Ausbeutung und materiellen Eigennutz, sondern auch Einsamkeit und
soziale Gleichgültigkeit zu überwinden.

Revolutionen beinhalten stets die moralische
Erneuerung der Gesellschaft. Sie können nicht stattfinden und erfolgreich sein,
es sei denn, die Massen waren bereits zuvor von neuen Werten und Ideen erfasst,
die ihren Kampfgeist, ihren Mut und ihre Entschlossenheit galvanisieren. Die
Überlegenheit der moralischen Werte des Proletariats bildet eines der
prinzipiellen Elemente ihrer Fähigkeit, andere nicht ausbeutende Schichten
hinter sich zu ziehen. Obgleich es unmöglich ist, eine kommunistische Moral
innerhalb der Klassengesellschaft zu etablieren, deuten die Prinzipien der
Arbeiterklasse die Zukunft an und helfen ihr, den Weg zu ebnen. Durch den Kampf
selbst bringt die Klasse ihr Verhalten und ihre Werte allmählich mit ihren
eigenen Bedürfnissen und Zielen in Einklang und erlangt so eine neue
menschliche Würde.

Das Ziel des Proletariats ist nicht ein ethisches
Ideal, sondern die Befreiung der bereits existierenden Elemente der neuen
Gesellschaft. Es hat kein Bedürfnis nach moralischen Illusionen und verabscheut
Heuchelei. Sein Interesse ist es, die Moral von allen Illusionen und
Vorurteilen zu entkleiden. Als erste Klasse in der Gesellschaft mit einem
wissenschaftlichen Verständnis der Gesellschaft erreicht es eine neue Qualität
in dem anderen Hauptanliegen der traditionellen Moral – in der Wahrhaftigkeit.
Wie die Solidarität nimmt die Aufrichtigkeit eine neue und tiefere Bedeutung
an. Angesichts des Kapitalismus, der ohne Lug und Trug nicht leben kann und der
die gesellschaftliche Realität verzerrt – indem er das Verhältnis zwischen den
Menschen zu einem Verhältnis zwischen Objekten macht –, besteht das Ziel des
Proletariats darin, die Wahrheit als unverzichtbares Mittel seiner eigenen
Befreiung zu enthüllen. Daher hat der Marxismus nie versucht, die Bedeutung der
Hindernisse auf dem Weg zum Sieg herunterzuspielen oder vor der Möglichkeit
einer Niederlage zurückzuschrecken. Der härteste Test der Aufrichtigkeit ist
es, sich selbst gegenüber wahrhaftig zu sein. Dies betrifft Klassen genauso wie
Individuen. Natürlich kann dieses Streben nach einem Verständnis der eigenen
Realität schmerzvoll sein und sollte nicht in einem absoluten Sinn verstanden
werden. Doch die Ideologie und die Selbsttäuschung widersprechen direkt den
Interessen der Arbeiterklasse.

In der Tat ist der Marxismus Erbe der besten
wissenschaftlichen Ethik der Menschheit, indem er die Suche nach der Wahrheit
in den Mittelpunkt seiner Beschäftigung rückt. Für das Proletariat ist der
Kampf um Klarheit von höchstem Wert. Die Haltung, Debatten zu vermeiden und zu
sabotieren, ist das Gegenstück davon, da eine solche Vorgehensweise stets die
Tür für das Eindringen fremder Ideologien und Verhaltensweisen weit öffnet.

Neben der Absorbierung der ethischen
Errungenschaften und ihrer Weiterentwicklung 
auf einer höheren Ebene konfrontiert der Kampf für den Kommunismus die
Arbeiterklasse mit neuen Fragen und neuen Dimensionen ethischen Handelns. Zum
Beispiel stellt der Kampf um die Macht direkt die Frage des Verhältnisses
zwischen den Interessen des Proletariats und jenen der Menschheit insgesamt,
die zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Geschichte zwar einander entsprechen, aber
nicht identisch sind. Angesichts einer Wahl zwischen Sozialismus und Barbarei
muss die Arbeiterklasse bewusst Verantwortung für das Überleben der Menschheit
in ihrer Gesamtheit übernehmen. Im September–Oktober 1917, im Angesicht eines
heranreifenden Aufstandes und der Gefahr, dass das Scheitern der Revolution bei
ihrer Ausbreitung zu furchtbaren Leiden für das russische und das
Weltproletariat führen würde, beharrte Lenin darauf, dass dies riskiert werden
müsse, weil ansonsten das Schicksal der Zivilisation selbst auf dem Spiel
stünde. Ebenso wird die Wirtschaftspolitik der Umwandlung nach der
Machtergreifung die Klasse mit der Notwendigkeit konfrontieren, bewusst ein
neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu entwickeln, das nicht mehr ein
Verhältnis eines „Siegers auf erobertem Gebiet“ (Antidühring)
sein kann.

 

IKS


[1]

Marx: „Rede über den
Haager Kongress“, 1872, MEW, Bd. 18, S. 161.

 

[2]

Marx: „Die russische Politik gegenüber der Türkei – Die Arbeiterbewegung
in England“, 1853, MEW, Bd. 9, S. 171.

 

[3]

Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England,
1845. Kapitel „Die einzelnen Arbeitszweige. Die Fabrikarbeiter im engeren Sinne
(Sklaverei. Fabrikregeln)“.

 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: 

Erbe der kommunistischen Linke: