Der Kommunismus ist keine schöne Idee, sondern eine materielle Notwendigkeit

Wir haben zuvor eine Zusammenfassung des ersten Bandes
unserer Artikelreihe zum Kommunismus veröffentlicht, in der wir die Entwicklung
des kommunistischen Programms in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus
anhand der Werke von Marx und Engels thematisierten. Der zweite Band dieser
Reihe befasst sich eingehender mit den weiteren Präzisierungen dieses Programms,
die sich aus den praktischen Erfahrungen und theoretischen Überlegungen der
Arbeiterbewegung während der revolutionären Welle von Kämpfen ergaben, die die
kapitalistische Welt nach 1917 erschüttert hatten. Wir teilen die
Zusammenfassung dieses Bandes in zwei Teile auf: Der hier folgende Teil
untersucht die heroische Phase der revolutionären Welle, als die Aussicht auf
die Weltrevolution noch real und das kommunistische Programm sehr konkret war;
der zweite Teil wird sich mit dem Zurückfluten der revolutionären Welle und mit
den Bemühungen der revolutionären Minderheiten befassen, das unaufhaltsame
Vorwärtsdrängen der Konterrevolution zu begreifen.

1. 1905: Der
Massenstreik öffnete die Tür zur proletarischen Revolution
(International Review Nr. 90)

Wir wollen im zweiten Band der
Kommunismus-Reihe aufzeigen, wie das kommunistische Programm durch die direkte
Erfahrung der proletarischen Revolution weiterentwickelt wurde. Hintergrund ist
die neue Epoche von Kriegen und Revolutionen, die endgültig durch den ersten
imperialistischen Weltkrieg und insbesondere durch das Aufkommen und
anschließende Abflauen der ersten Welle großer revolutionärer Kämpfe der
internationalen Arbeiterklasse zwischen 1917 und Ende der 1920er Jahre
eingeleitet worden war. Deshalb haben wir den übergeordneten Titel dieses
Bandes etwas geändert: Der Kommunismus hieß nicht mehr nur vorherzusagen, was
notwendig wird, sobald der Kapitalismus keine fortschrittliche Rolle mehr
spielt. Der Kommunismus stand nunmehr aufgrund der neuen Bedingungen – der
Niedergang des Kapitalismus – auf der Tagesordnung. Dies bedeutete, dass der
Kapitalismus nicht mehr nur zu einem Hindernis für jeglichen weiteren
Fortschritt, sondern auch zu einer Bedrohung für das eigentliche Überleben der
Menschheit geworden war.

Dieser Band beginnt jedoch mit den
Ereignissen von 1905, mit einer Zeit des Übergangs, als die neuen Bedingungen
erst in groben Zügen erkennbar waren und sich noch nicht endgültig durchgesetzt
hatten – einer Zeit voller Unklarheiten.
Häufig spiegelte sich dies in unklaren Perspektiven wider, die die
Revolutionäre selbst entwickelt hatten. Doch der plötzliche Ausbruch von
Massenstreiks und Aufständen in Russland 1905 gab der Diskussion, die bereits
in der marxistischen Bewegung angestoßen worden war, eine andere Wendung.
Dieses Ereignis griff Fragen auf, die für die angesprochenen Themen dieser
Serie besonders wichtig sind: Auf welche Weise wird die Arbeiterklasse in der
Stunde der Revolution die Macht übernehmen? Das war der eigentliche Hintergrund
der Debatte über den Massenstreik, die insbesondere in der deutschen
Sozialdemokratie aufgekommen war.

Diese Auseinandersetzung fand im
Wesentlichen auf drei Ebenen statt: Auf der einen Seite führte die
revolutionäre Linke um Luxemburg und Pannekoek diese Auseinandersetzung
zunächst gegen die offen revisionistischen Thesen von Bernstein und anderen,
die ausdrücklich jeglichen Bezug zur revolutionären Überwindung des
Kapitalismus fallenlassen wollten, sowie gegen die Gewerkschaftsbürokratie, die
sich keinen Arbeiterkampf vorstellen konnte, der nicht von ihr selbst strikt
kontrolliert wurde. Dieser Teil wollte jeglichen Generalstreik hinsichtlich
seiner Forderungen und Dauer stark einschränken. Und auch hier meinte das
„orthodoxe“ Zentrum der Partei, welches die Idee eines Massenstreiks zwar
formal unterstützte, dass der Massenstreik nur eine begrenzt gültige Taktik
sei, die sich einer im Wesentlichen parlamentarischen Strategie unterzuordnen
habe. Im Gegensatz dazu betrachtete die Linke den Massenstreik als ein Zeichen
dafür, dass der Kapitalismus den Endpunkt seines aufsteigenden Astes erreicht
habe; der Massenstreik sei ein Vorläufer der Revolution. Luxemburgs und
Pannekoeks Analyse, die von allen konservativen Kräften in der Partei als
„anarchistisch“ abgelehnt wurde, war in Wirklichkeit keine Neuauflage der alten
anarchistischen Abstraktion des Generalstreiks in neuem Gewand, sondern ein
Versuch, die tatsächlichen Charakteristiken der Massenbewegung in der neuen
Zeit zu begreifen:

ihre Tendenz, spontan von „unten“ auszubrechen, oft von
Partikularforderungen oder Forderungen begleitet, die nur vorübergehender Natur
waren. Doch diese Spontaneität stand keinesfalls im Gegensatz zur Organisation;
im Gegenteil, in der neuen Periode wurde die Organisierung des Kampfes durch
den Kampf selbst hervorgebracht und konnte infolgedessen auf ein höheres Niveau
gelangen;

die Tendenz zur schnellen, geographischen Ausdehnung auf immer
größere Teile der Arbeiterklasse, die dabei auf dem Streben nach Solidarität
fußte;

die Wechselbeziehung zwischen der ökonomischen und politischen
Dimension des Kampfes, bis hin zur Stufe des bewaffneten Aufstandes;

die Bedeutung der Partei in diesem Prozess, die nicht abnahm,
sondern im Gegenteil noch größer wurde. Ihre Aufgabe bestand nicht länger
darin, den Kampf technisch vorzubereiten, sondern in der politischen Führung
des Kampfes.

Während Luxemburg diese drei
allgemeinen Charakteristiken des Massenstreiks erkannte, trugen die
Revolutionäre in Russland wesentlich zum Verständnis der neuen Kampforganisation,
der Sowjets, bei. Trotzki und Lenin begriffen sehr schnell die Bedeutung der
Sowjets als ein Instrument zur Organisierung des Massenstreiks, als eine
flexible Form, die es den Massen ermöglichte, zu debattieren, zu entscheiden
und ihr Klassenbewusstsein zu entwickeln, und als das Organ des proletarischen
Aufstandes und der politischen Macht. Entgegen jenen „Super-Leninisten“ in der
bolschewistischen Partei, deren erste Reaktion gegenüber den Sowjets darin
bestand, diese dazu aufzurufen, in der Partei aufzugehen, betonte Lenin, dass
die Partei als Organisation der revolutionären Avantgarde und die Sowjets als
Einheitsorganisation der gesamten Klasse keine Rivalen waren, sondern sich
perfekt ergänzten. Somit verdeutlichte er, dass die bolschewistische
Parteiauffassung faktisch einen Bruch mit den alten sozialdemokratischen
Auffassungen über die Massenpartei darstellte, dass sie ein organisches Produkt
aus der neuen Epoche revolutionärer Kämpfe war. Die Ereignisse von 1905 lösten
auch heftige Debatten über die Perspektiven der Revolution in Russland aus. Die
Debatte drehte sich dabei um drei Punkte:

Die Menschewiki warfen ein, dass Russland dazu verurteilt sei, die
Phase der bürgerlichen Revolution zu durchlaufen, und dass aus diesem Grund die
Hauptaufgabe der Arbeiterbewegung in der Unterstützung der liberalen
Bourgeoisie in deren Kampf gegen die zaristische Autokratie liege. Der
revolutionsfeindliche Inhalt dieser Theorie kam 1917 deutlich zum Vorschein.

Lenin und die Bolschewiki begriffen, dass die liberale Bourgeoisie
in Russland zu schwach war, um den Kampf gegen den Zarismus anzuführen. Die
Aufgaben der bürgerlichen Revolution sollten durch eine „demokratische
Revolution“ durchgeführt werden, die durch einen Volksaufstand ausgelöst werde,
in der die Arbeiterklasse die führende Rolle spiele.

Trotzki, der sich auf die 1848er Auffassung von Marx über die
„permanente Revolution“ stützte, ging vornehmlich von einem internationalen
Standpunkt aus. Er meinte, dass die Revolution in Russland notwendigerweise die
Arbeiterklasse dazu antreiben werde, die Macht zu ergreifen, und dass die
Bewegung schnell in eine sozialistische Phase übergehen könne, indem sie sich
mit der Revolution in Westeuropa verbünde. Diese Herangehensweise stellte eine
Verbindung zwischen den Schriften Marx’ über Russland und der konkreten
Erfahrung aus der Revolution von 1917 dar und wurde größtenteils auch von Lenin
1917 übernommen, als er die Auffassung über die „demokratische Diktatur“ über
Bord warf, die ihn in einen Gegensatz zur „orthodoxen“ Auffassung der
Bolschewiki brachte.

In der Zwischenzeit verlieh die
Niederlage von 1905 den Argumenten Kautskys und Anderer in der deutschen
Sozialdemokratie Auftrieb, die behaupteten, dass der Massenstreik nur als eine
defensive Taktik aufgefasst werden solle und dass die beste Strategie für die
Arbeiterklasse in der allmählichen, im Wesentlichen legalistischen
„Ermattungsstrategie“ bestehe, wobei Parlament und Wahlen als Hauptinstrumente
für die Machtübernahme durch das Proletariat betrachtet wurden. Die Antwort der
Linken fasste Pannekoek zusammen, der erwiderte, dass das Proletariat neue
Kampforgane entwickelt habe, die der neuen Epoche im Leben des Kapitals
entsprachen. Er wandte sich gegen den Begriff „Ermattungsstrategie“ und hob
hervor, dass gemäß dem Marxismus die Revolution nicht darauf abziele, den Staat
zu erobern, sondern darauf, ihn zu zerstören und ihn durch neue politische
Machtorgane zu ersetzen.

2. Lenins Staat und
Revolution: eine bemerkenswerte Bestätigung des Marxismus
(International Review Nr. 91)

Aus der Sicht der Philosophen des
bürgerlichen Empirismus ist der Marxismus nie mehr als eine Pseudowissenschaft
gewesen, da er keine Möglichkeit für die Verifizierung bzw. Widerlegung seiner
Hypothesen biete. Tatsächlich kann der Anspruch des Marxismus,
wissenschaftliche Methoden zu benutzen, nicht unter Laborbedingungen bestätigt
bzw. widerlegt werden. Dies kann nur im – wenn
man so will –historischen Labor der Gesellschaft überprüft werden. Dabei
erwiesen sich die katastrophalen Ereignisse des Jahres 1914 als überzeugender
Beweis für die Richtigkeit der grundsätzlichen Perspektive, die sowohl im
Kommunistischen Manifest von 1848 – in dem von der allgemeinen Alternative
zwischen dem Sozialismus und der Barbarei die Rede ist – als auch in Engels’
erstaunlich genauer Vorhersage eines zerstörerischen Krieges in Europa, die er
1887 machte, aufgezeigt wurde. Das revolutionäre Beben von 1917-1919 bestätigte
die andere Seite der Prognose – die Fähigkeit der Arbeiterklasse, gegenüber der
Barbarei des niedergehenden Kapitalismus eine Alternative bieten zu können.

Diese Bewegungen warfen das Problem
der Diktatur des Proletariats auf eine sehr praktische Art auf. Aus der Sicht
der Arbeiterbewegung kann es jedoch keine strikte Trennung zwischen Theorie und
Praxis geben. Lenins Werk Staat und Revolution, das er während des
entscheidenden Zeitraums zwischen Februar und Oktober 1917 in Russland verfasst
hatte, entsprach dem Bedürfnis des Proletariats, ein klares theoretisches
Verständnis seiner praktischen Bewegung zu entwickeln. Dies war besonders
deshalb wichtig, weil der Opportunismus in den Parteien der II. Internationale
noch sehr stark verbreitet war und das Konzept der proletarischen
Diktatur vernebelt hatte, das immer mehr durch die Theoretisierung eines
schrittweisen, parlamentarischen Weges zur Arbeitermacht ersetzt worden war.
Gegen diese reformistischen Verzerrungen – aber auch gegen die von den
Anarchisten verbreiteten falschen Antworten – schickte sich Lenin an, die
grundlegenden Lehren des Marxismus in der Frage des Staates und der
Übergangsperiode zum Kommunismus wiederherzustellen.

Lenins erste Aufgabe bestand deshalb
darin, die Auffassung vom Staat als einem neutralen Instrument
entgegenzutreten, das je nach Charakter seiner Führung entweder positiv oder
negativ eingesetzt werden könne. Es war ungeheuer wichtig, die marxistische
Sicht zu bestätigen, derzufolge der Staat nur das Instrument für die
Unterdrückung einer Klasse durch eine andere sein kann. Diese Tatsache wurde durch
die weit verbreiteten Argumente Kautskys und anderer Verfechter dieser
Strömung, aber auch konkret von den Menschewiki und deren Verbündeten in
Russland vertreten, die von „revolutionärer Demokratie“ schwadronierten und
diese als ein Feigenblatt für die kapitalistische Provisorische Regierung
benutzten, die nach dem Februaraufstand an die Macht gekommen war.

Da es sich bei ihm um ein Organ
handelt, das auf die Bedürfnisse der Klassenherrschaft der Bourgeoisie
zugeschnitten ist, konnte der bestehende bürgerliche Staat nicht im Interesse
des Proletariats umgewandelt werden. So knüpfte Lenin an die historische
Entwicklung der marxistischen Auffassung vom Kommunistischen Manifest bis zu
seinen Lebzeiten an. Er zeigte dabei auf, wie die jeweiligen Erfahrungen des
Arbeiterkampfes – die Revolutionen von 1848 und vor allem die Pariser Kommune
von 1871 – die Notwendigkeit herausgestellt hatten, dass die Arbeiterklasse den
bestehenden Staat zerstören und ihn durch eine neue Art von politischer Macht
ersetzen musste. Diese neue Macht müsse sich auf eine Reihe fundamentaler
Maßnahmen stützen, die die politische Autorität der Arbeiterklasse über alle
Institutionen der Übergangsperiode aufrechterhalten müsse: die Auflösung des
stehenden Heeres, die Wahl und jederzeitige Abwählbarkeit aller Beamten, deren
Bezahlung dem Durchschnittslohn eines Arbeiters entsprechen sollte, die
Zusammenlegung von Exekutive und Legislative in einem einzigen Organ.

Dies waren die Prinzipien der neuen
Sowjetmacht, die Lenin gegenüber dem bürgerlichen Regime der Provisorischen
Regierung verfocht. Die Notwendigkeit, im September/Oktober 1917 von der
Theorie zur Praxis überzugehen, hinderte Lenin daran, der Frage nachzugehen,
inwiefern die Sowjets eine höhere Form der proletarischen Diktatur darstellten
als die Pariser Kommune. Aber Staat und Revolution kommt das große Verdienst
zu, gewisse Unklarheiten in den Schriften von Marx und Engels aus der Welt
geräumt zu haben, denn diese hatten darüber spekuliert, ob die Arbeiterklasse
in einigen der demokratischeren Länder wie Großbritannien, Holland oder den USA
friedlich an die Macht kommen könne. Lenin unterstrich, dass im Zeitalter des
Imperialismus, in dem der militaristische Staat sich überall den Mantel einer
„unparteiischen Macht“ zulegte, es keine Ausnahmen mehr geben könne. In
den“demokratischen“ Ländern wie in den eher autoritären Regimes war das
proletarische Programm dasselbe: Zerstörung des bestehenden Staatsapparates und
die Gründung eines „Kommunestaates“.

Im Gegensatz zum Anarchismus erkannte
Staat und Revolution ebenfalls, dass der Staat als solcher nicht über Nacht
abgeschafft werden kann. Auch nach dem Sturz des bürgerlichen Staates werden
weiterhin Klassen existieren, so wie auch der materielle Mangel vorerst noch
fortbesteht. Diese objektiven Bedingungen machen einen Halbstaat in der
Übergangsperiode erforderlich. Doch Lenin hob hervor, dass das Ziel des
Proletariats nicht darin besteht, diesen Staat ständig zu verstärken, sondern
darin, für die schrittweise Schwächung seiner Rolle im Gesellschaftsleben zu
sorgen, um schließlich ganz auf ihn verzichten zu können. Dies erforderte die
ständige Beteiligung der Arbeitermassen am politischen Leben und ihre wachsame
Kontrolle über alle Staatsfunktionen. Gleichzeitig machte dies eine ökonomische
Umwälzung in Richtung Kommunismus nötig. Gegenüber dieser Frage griff Lenin die
Hinweise von Marx in dessen Kritik des Gothaer Programms auf, in der Letzterer
ein System der Arbeitszeitgutscheine als eine vorübergehende Alternative
gegenüber der Lohnarbeit propagiert hatte. Lenin verfasste diese Schrift am
Vorabend einer gigantischen revolutionären Erfahrung. Er konnte eigentlich nur
die allgemeinen Parameter des Problems der Übergangsperiode aufzeigen. Staat
und Revolution beinhaltet deshalb unvermeidlich Lücken und Unzulänglichkeiten,
die während der darauf folgenden Jahre der Siege und Niederlagen geklärt werden
sollten:

In seiner Schilderung der zum Kommunismus hinführenden
ökonomischen Maßnahmen herrscht eine große Verwirrung über die Möglichkeit für
die Arbeiterklasse, den Wirtschaftsapparat des Kapitals einfach zu übernehmen,
sobald dieser staatliche Formen angenommen hatte. Dieses unzureichende
Verständnis der Gefahren, die vom Staatskapitalismus ausgingen, wurde durch die
irreführende Vorstellung vom „Sozialismus“ als Zwischenstufe der Produktion
zwischen Kapitalismus und Kommunismus verstärkt. Gleichzeitig berücksichtigte
er nicht ausreichend die Tatsache, dass der Übergang zum Kommunismus nur
international in Angriff genommen werden kann.

Das Buch äußert sich wenig zum Verhältnis zwischen der Partei und
dem neuen Staatsapparat; damit lässt es Raum für Konfusionen über den
Parlamentarismus und dafür, dass die Partei die Macht ergreifen und sich mit
dem Staat verschmelzen könne.

Es gibt eine Tendenz, das Ausmaß des Staatsapparates zu
unterschätzen und ihn im Wesentlichen auf eine “bewaffnete Körperschaft” zu
reduzieren, statt Engels’ Erkenntnis aufzugreifen, in der dieser vom Staat als
einem Ausdruck der Klassengesellschaft sprach, der neben seiner Funktion als
klassisches Unterdrückungsorgan die Aufgabe hatte, die Gesellschaft
zusammenzuhalten. Diese Aufgabe spiegelte damit das konservative Wesen des
Staates, auch des Halbstaates in der Übergangsperiode, wider. Die Erfahrungen
in Russland sollten Engels’ Aussage bekräftigen, denn es wurde deutlich, dass
die Gefahren, die von diesem neuen Staat ausgingen, ihn zu einem Hort der
Bürokratisierung und einer eventuellen bürgerlichen Konterrevolution machten.

Trotzdem bietet Staat und Revolution
eine Reihe von Erkenntnissen über die negative Rolle des Staates. Die Schrift
erkannte, dass der neue Staat mit materiellem Mangel konfrontiert sein wird und
dass bei der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums somit „bürgerliches
Recht“ zum Tragen kommen wird. Lenin sprach hinsichtlich dieses neuen Staates
gar von einem „bürgerlichen Staat ohne Bourgeoisie“, was sicherlich eine
zugespitzte Formulierung war, die zwar etwas ungenau war, aber dennoch eine
gewisse Einsicht in die potenziellen Gefahren, die von dem Übergangsstaat
ausgehen, erahnen ließ.

3. 1918: Das Programm
der Kommunistischen Partei Deutschlands
(International Review Nr. 93)

Der Ausbruch der Revolution in
Deutschland 1918 bestätigte die Perspektive, von der die Bolschewiki im
Oktoberaufstand geleitet worden waren: die Perspektive der Weltrevolution. In
Anbetracht der historischen Traditionen der Arbeiterklasse in Deutschland und
dem Platz Deutschlands im Zentrum des Weltkapitalismus stellte die Revolution
in Deutschland den Schlüssel für den gesamten weltrevolutionären Prozess dar.
Sie spielte eine zentrale Rolle bei der Beendigung des Weltkrieges und
bedeutete große Hoffnung für die belagerte proletarische Macht in Russland.
Ebenso besiegelte ihre endgültige Niederlage in den darauf folgenden Jahren das
Schicksal der Revolution in Russland, das einer schrecklichen inneren
Konterrevolution zum Opfer fiel. Während der Sieg der Revolution die Tür zu
einer neuen und höheren Stufe in der menschlichen Gesellschaft hätte aufstoßen
können, löste ihre Niederlage ein Jahrhundert der Barbarei aus, wie sie die
Menschheit noch nie zuvor erlebt hatte.

Im Dezember 1918 – einen Monat nach
dem Aufstand im November und zwei Wochen vor der tragischen Niederlage des
Berliner Aufstandes, in dem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ihr Leben
verloren hatten, hielt die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ihren
Gründungskongress ab. Das neue Parteiprogramm (Was will der Spartakusbund?)
wurde von Rosa Luxemburg selbst vorgestellt, die das Programm in seinen historischen
Kontext einordnete. Auch wenn es durch das Kommunistische Manifest von 1848
inspiriert worden war, musste das neue Programm sich auf sehr unterschiedliche
Traditionen stützen; das Gleiche galt für das Erfurter Programm der deutschen
Sozialdemokratie. Dieses hatte noch zwischen Minimal– und Maximalforderungen
unterschieden, was zu einer Zeit, als die proletarische Revolution noch nicht
unmittelbar auf der Tagesordnung gestanden hatte, adäquat gewesen war. Der
Weltkrieg hatte jedoch eine neue Epoche in der Menschheitsgeschichte
eingeläutet – die Epoche des Niedergangs des Kapitalismus, die Epoche der
proletarischen Revolution. Damit musste das neue Programm dem direkten Kampf
für die proletarische Diktatur und dem Aufbau des Sozialismus Rechnung tragen.
So verlangte es nicht nur einen Bruch mit dem formellen Programm der
Sozialdemokratie, sondern auch mit den reformistischen Illusionen, die die
Partei Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachhaltig
infiziert hatten – und mit den Illusionen über eine allmähliche Machteroberung
mittels des Parlaments, von denen auch so klare und scharfsinnige Revolutionäre
wie Engels beeinflusst worden waren.

Doch die Behauptung, dass die
proletarische Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte stand, beinhaltete
nicht, dass das Proletariat unmittelbar dazu in der Lage war, diese
durchzuführen. So hatte die Novemberrevolution in der Tat gezeigt, dass die
Arbeiterklasse in Deutschland noch lange Zeit brauchen würde, um den Ballast
der Vergangenheit abzuwerfen, wie der immer noch starke Einfluss der
sozialdemokratischen Verräter in den Arbeiterräten bewies. Luxemburg bestand
darauf, dass die Arbeiterklasse in Deutschland sich selbst durch eine Reihe von
Kämpfen erziehen müsse, die sowohl ökonomischer und politischer Art seien und
auf der Ebene der Verteidigung und Offensive stattfinden müssten und die ihr
schließlich das für die Leitung der Gesellschaft notwendige Vertrauen und
Bewusstsein geben werden. Es war eine der großen Tragödien der Revolution in
Deutschland, dass es der Bourgeoisie gelang, das Proletariat in einen
vorzeitigen Aufstand zu locken, der diesen Prozess vereitelte und ihn seiner
weitsichtigsten und klarsten Führer beraubte.

Das Dokument der KPD umriss eingangs
die allgemeinen Ziele und Prinzipien. Es erkannte unverblümt die Notwendigkeit
der gewaltsamen Unterdrückung der bürgerlichen Macht an, während gleichzeitig
die Idee abgelehnt wurde, dass die proletarische Gewalt eine neue Form des
Terrors sei. Es unterstrich, dass der Sozialismus einen qualitativen Schritt
vorwärts in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bedeutet und nicht
durch eine Reihe von oben aufgezwungener Maßnahmen dekretiert werden kann.
Stattdessen könne er nur das Ergebnis des kreativen und kollektiven Werkes von
unzähligen Millionen von Arbeitern sein. Gleichzeitig war dieses Dokument ein
wirkliches Programm, da es eine Reihe von praktischen Schritten vorschlug, die
darauf abzielen, die Herrschaft der Arbeiterklasse zu errichten und erste
Schritte zur Vergesellschaftung der Produktion zu ergreifen wie zum Beispiel:

Entwaffnung der Polizei und Offiziere, Beschlagnahme aller Waffen–
und Munitionsbestände durch die Arbeiterräte, Bildung von Arbeitermilizen;

Aufhebung der Kommandogewalt der Armee und die Ausbreitung der
Soldatenräte;

Bildung von Revolutionstribunalen;

Einberufung eines zentralen Kongresses der Arbeiter- und
Soldatenräte, die überall durch lokale Arbeiter- und Soldatenräte gewählt
werden, und die gleichzeitige Auflösung aller alten Parlamente und
Gemeinderäte;

Begrenzung des Arbeitstages auf maximal sechs Stunden;

Konfiszierung aller Lebensmittel, um die Bevölkerung zu ernähren
und mit Wohnraum sowie Kleidung zu versorgen;

Enteignung von Grund und Boden, Banken, Bergwerken und der
Großbetriebe in Industrie und Handel;

Etablierung von Betriebsräten, um die Hauptaufgabe der Verwaltung
von Fabriken und anderen Arbeitsplätzen zu übernehmen.

Die Mehrzahl der im KPD-Programm
angekündigten Maßnahmen bleibt auch heute gültig, obgleich das Programm als ein
Dokument, das zu Beginn der ungeheuer wichtigen revolutionären Erfahrungen
verfasst wurde, nicht in allen Fragen klar sein konnte. So war die Rede von
Nationalisierungen der Wirtschaft als ein Schritt zum Sozialismus: Damals
konnte man nicht wissen, wie schnell sich das Kapital damit arrangieren konnte.
Während jegliche Form des Putschismus abgelehnt wurde, beharrte es darauf, dass
die Partei selbst die politische Macht ergreifen müsse. Seine Aussagen zu den
internationalen Aufgaben der Revolution sind sehr vage. Doch dies waren
Schwächen, die überwunden hätten werden können, falls die Revolution in
Deutschland nicht im Keim erstickt worden wäre.

4. Die Plattform der
Kommunistischen Internationale
(International Review Nr. 94)

Die Plattform der Kommunistischen
Internationale wurde anlässlich des Ersten Kongresses der Komintern 1919
verfasst. Dies geschah nur wenige Monate nach dem tragischen Ausgang des
Berliner Aufstandes. Doch noch hatte die internationale revolutionäre Welle
ihren Zenit nicht überschritten. Zum Zeitpunkt des Ersten Kongresses der
Komintern traf die Nachricht von der Ausrufung einer neuen Sowjetrepublik in
Ungarn ein. Die Klarheit der politischen Positionen, die auf dem Ersten
Kongress verabschiedet wurden, spiegelte die vorwärts strebende Bewegung der
Klasse wider, so wie das spätere Abgleiten der Komintern in den Opportunismus
direkt mit der abflauenden Bewegung verbunden war.

Bucharin leitete die
Kongress-Diskussionen über den Entwurf einer Plattform ein. Seine Bemerkungen
wurden auch durch die beträchtlichen Fortschritte auf theoretischer Ebene
bestärkt, die die Revolutionäre damals erzielt hatten. Bucharin bestand darauf,
dass der Ausgangspunkt für die Plattform die Anerkennung des Bankrotts des
kapitalistischen Systems auf globaler Ebene war. Von Anfang an begriff die
Komintern, dass die „Globalisierung“ des Kapitals schon eine vollendete
Tatsache war, ja dass sie in der Tat ein grundlegender Faktor beim Niedergang
und Zusammenbruch des Systems war.

Bucharins Rede brachte auch ein
weiteres Merkmal des Kongresses zum Ausdruck: seine offene Haltung gegenüber
den neuen Entwicklungen, die den Beginn der durch den Krieg eingeläuteten
Epoche anzeigten. Er erkannte an, dass zumindest in Deutschland die bestehenden
Gewerkschaften keine positive Rolle mehr spielten und durch neue Klassenorgane
ersetzt werden mussten, die die Massenbewegung hervorgebracht hatte,
insbesondere die Fabrikkomitees. Dies hob sich deutlich von späteren Kongressen
ab, als die Arbeit in den offiziellen Gewerkschaften als für alle Parteien der
Internationale verbindlich erklärt wurde. Doch dies deckte sich mit den
Erkenntnissen der Plattform in der Frage des Staatskapitalismus, da Bucharin an
anderer Stelle argumentierte, dass die Integration der Gewerkschaften in das
kapitalistische System gerade eine Funktion des Staatskapitalismus sei. Die
Plattform selbst bot einen kurzen Überblick über den neuen Zeitraum und die
Aufgaben des Proletariats. Sie versuchte nicht ein detailliertes
Maßnahmenprogramm für die proletarische Revolution zu erstellen. Sie
unterstrich erneut sehr klar, dass mit dem Weltkrieg „eine neue Epoche geboren
(ist) – die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung,
die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats“ (Richtlinien der
Kommunistischen Internationale)

Sie bestand darauf, dass die
Machtergreifung durch das Proletariat die einzige Alternative zur
kapitalistischen Barbarei ist, und rief zur revolutionären Zerstörung aller
Institutionen des bürgerlichen Staates (Parlament, Polizei, Gerichte usw.) und
zu ihrer Ersetzung durch proletarische Machtorgane auf, die sich auf die
bewaffneten Arbeiterräte stützen. Sie entblößte die Leere der bürgerlichen
Demokratie und erklärte, dass allein das Rätesystem die Massen in die Lage
versetzt, eine reale Macht auszuüben. Sie stellte des Weiteren grobe
Richtlinien für die Enteignung der Bourgeoisie und für die Vergesellschaftung
der Produktion auf. Dazu gehörte die unmittelbare Vergesellschaftung der
Hauptzentren der kapitalistischen Industrie und Landwirtschaft, die
schrittweise Integration von kleinen, unabhängigen Produzenten in den
vergesellschafteten Bereich und radikale Maßnahmen mit dem Ziel der Ersetzung
des Marktes durch eine gleichmäßige Verteilung der Produkte.

Im Interesse eines siegreichen
Kampfes bestand die Plattform auf der Notwendigkeit eines vollständigen
politischen Bruchs sowohl mit der rechten Sozialdemokratie, die „ausgesprochene
politische Lakaien des Kapitals und Henker der kommunistischen Revolution“
waren, als auch mit dem Zentrum um Kautsky. Diese Position, die im totalen
Gegensatz zur Politik der zwei Jahre später verabschiedeten Einheitsfront
steht, hatte nichts mit Sektierertum zu tun, da sie von einem Aufruf zur
Einheit mit den echten proletarischen Kräften, wie Teilen der
anarcho-syndikalistischen Bewegung, flankiert wurde. Angesichts der
Einheitsfront der kapitalistischen Konterrevolution, die sich bereits für den
Tod von Luxemburg und Liebknecht verantwortlich zeichnete, rief die Plattform zur
Verbreitung des Massenkampfes in allen Ländern auf, was zu einer direkten
Konfrontation mit dem bürgerlichen Staat führen werde.

5. 1919: Das Programm
der Diktatur des Proletariats
(International Review Nr. 95)

Die Existenz einer Reihe von
verschiedenen nationalen Parteiprogrammen neben der Plattform der
Kommunistischen Internationale wies auf den Fortbestand eines gewissen
Föderalismus auch in der neuen Internationale hin, die danach strebte, die
nationale Autonomie zu überwinden, die zum Niedergang der alten beigetragen
hatte. Aber das Programm der russischen Partei, das für deren 9. Kongress 1919
verfasst wurde, ist von besonderem Interesse. Während das Programm der KP das
Ergebnis einer Partei war, die vor der Aufgabe stand, die Arbeiter in eine Revolution
zu führen, war das neue Programm der bolschewistischen Partei die
Manifestierung der Ziele und Methoden der ersten Sowjetmacht, einer wirklichen
Diktatur des Proletariats. Konkret wurde es also von einer Reihe von Dekreten
begleitet, die die Politik der Sowjetrepublik in bestimmten Fragen
widerspiegelten, obgleich, wie Trotzki eingestand, viele Dekrete eher
propagandistischer Natur waren, als eine praktische Politik darstellten. Wie
die Plattform der Komintern unterstrich auch das Programm von Anfang an den
Beginn der neuen Epoche des niedergehenden Kapitalismus und die Notwendigkeit
der proletarischen Weltrevolution. Ebenso wurde die Notwendigkeit
hervorgehoben, einen vollständigen und tief greifenden Bruch mit den
offiziellen sozialdemokratischen Parteien zu vollziehen. Das Programm war in
folgende Teile aufgeteilt:

Allgemeine Politik: Die Überlegenheit
des Sowjetsystems gegenüber der bürgerlichen Demokratie zeigte sich anhand
ihrer Fähigkeit, die überwältigende Mehrheit der Ausgebeuteten und Unterdrückten
an dem Betrieb des Staates zu beteiligen. Das Programm hob hervor, dass die
Arbeiterräte durch ihre Organisierung auf der Grundlage des Arbeitsplatzes
statt des Wohnortes ein direkter Ausdruck des Proletariats als Klasse sind. Da
die Arbeiterklasse den revolutionären Prozess anführen muss, spiegelt sich dies
in dem größeren Gewicht der städtischen Räte im Verhältnis zu den Räten auf dem
Land wider. Doch wurde nicht die Idee vertreten, dass anstelle der Sowjets die
Partei die Macht ausüben soll. Das übergeordnete Anliegen des Programms, das in
der Zeit der Entbehrungen des Bürgerkrieges geschrieben wurde, bestand darin,
Mittel und Wege zu finden, um dem wachsenden Einfluss der Bürokratie im neuen
Staatsapparat entgegenzutreten, indem eine größere Zahl Arbeiter an der Leitung
der Staatsgeschäfte beteiligt wird. In Anbetracht der schrecklichen
Bedingungen, denen das Proletariat gegenüberstand, erwiesen sich diese jedoch
als unzureichend. Die militanten Arbeiter neigten dazu, sich in
Staatsbürokraten zu verwandeln, statt der Bürokratie den Willen der kämpfenden
Arbeiterklasse aufzuzwingen. Dennoch reflektierte dieser Teil bereits früh ein
Bewusstsein über die Gefahren, die aus dem Staatsapparat hervorgehen.

Nationalitätenfrage: Von einem
richtigen Standpunkt ausgehend – nämlich der Notwendigkeit, nationale Grenzen
innerhalb des Proletariats und der unterdrückten Massen zu überwinden und einen
gemeinsamen Kampf gegen das Kapital zu entwickeln –, offenbarte das Programm
hier einige seiner schwächsten Seiten, als es den Begriff der nationalen
Selbstbestimmung übernahm. Im Grunde lief dieser Begriff nur auf die
Selbstbestimmung der Bourgeoisie hinaus. In der Epoche des Imperialismus kann
dies nur bedeuten, die Dominierung nationaler Einheiten von einem nationalistischen
Herrscher auf einen anderen zu verlagern. Rosa Luxemburg und andere hoben die
schrecklichen Folgen dieser Politik hervor, als sie aufzeigten, dass alle
Nationen, denen die Bolschewiki die „Unabhängigkeit“ gewährten, tatsächlich zu
Stützpfeilern der imperialistischen Intervention gegen die Sowjetmacht wurden.

Militärfragen: Nachdem das Programm
die Notwendigkeit einer Roten Armee zur Verteidigung des neuen Sowjetregimes in
Zeiten des Bürgerkrieges anerkannte, schlug das Programm eine Reihe von Maßnahmen
vor, die sicherstellen sollten, dass die neue Armee tatsächlich eine Waffe des
Proletariats blieb: Ihre Truppen sollten aus dem Proletariat und dem
Halbproletariat hervorgehen. Ihre Ausbildungsmethoden sollten sich auf
sozialistische Prinzipien stützen. Politische Kommissare, die aus den Reihen
bewährter Kommunisten ernannt werden sollten, sollten mit früheren zaristischen
Militärs zusammenarbeiten und sicherstellen, dass diese sich ganz der Sache der
Sowjetmacht widmeten. Gleichzeitig sollten immer mehr Offiziere von
klassenbewussten Arbeitern gestellt werden. Doch die Praxis, die Offiziere zu
wählen – eine Forderung der
ersten Soldatenräte -, wurde nicht zu einem Prinzip erhoben. Auf dem 9.
Kongress entwickelte sich eine von der Gruppe Demokratischer Zentralisten
angestoßene Debatte über die Notwendigkeit, die Prinzipien der Kommune auch in
der Armee aufrechtzuerhalten und sich der Tendenzen in der Armee zu
widersetzen, immer wieder in die alten hierarchischen Methoden oder
Organisationsformen zurückzufallen. Eine weitere Schwäche, vielleicht die
größte, bestand darin, dass der Aufbau der Roten Armee mit der Auflösung der
Roten Garden einherging. Damit verloren die Arbeiterräte ihre besonderen
bewaffneten Kräfte zugunsten eines sehr statisch handelnden Organs, das sich
viel weniger auf die Bedürfnisse des Klassenkampfes einstellen konnte.

Proletarische Justiz: Die
bürgerlichen Gerichte wurden durch die Volksgerichte ersetzt, deren Richter von
der Arbeiterklasse gewählt wurden. Die Todesstrafe sollte abgeschafft, das
Strafsystem von jedem Revanchismus befreit werden. Aber unter den brutalen
Bedingungen des Bürgerkriegs wurde die Todesstrafe bald wieder eingeführt. Und
die revolutionären Tribunale, die errichtet wurden, um mit Notlagen umzugehen,
missbrauchten oft ihre Macht; ganz zu schweigen von den Aktivitäten der
Sonderkommissionen gegen die Konterrevolution, der Tscheka, die immer mehr der
Kontrolle der Sowjets entglitt.

Erziehung: In Anbetracht des enormen
Gewichts der Rückständigkeit Russlands ging es bei den Erziehungsreformen, die
vom Sowjetstaat eingeleitet wurden, schlicht und einfach darum, die
Bildungspolitik Russlands auf das Niveau der fortgeschrittenen
Erziehungsmethoden anzuheben, die bereits in den bürgerlichen Demokratien
praktiziert wurden (wie freie Schulbildung für Kinder beider Geschlechter bis
zum Alter von 17 Jahren). Gleichzeitig ging es bei den langfristigen Zielen
darum, die Schule von einem Organ bürgerlicher Indoktrination zu einem
Instrument der kommunistischen Umwandlung der Welt zu machen. Dies erforderte
die Überwindung von Methoden, die auf Zwang und Hierarchie gebaut waren, die
Abschaffung der strikten Trennung zwischen Hand– und Kopfarbeit und im Allgemeinen die Erziehung einer
neuen Generation in einer Welt, in der Lernen und Arbeiten ein Vergnügen statt
eine Mühsal ist.

Religion: Während man an der
Notwendigkeit einer intelligenten und einfühlsamen Propaganda durch die
Sowjetmacht festhielt, die darauf abzielte, die archaischen religiösen
Vorurteile der Massen zu bekämpfen, wurden alle Bemühungen energisch
zurückgewiesen, die Religion mit Gewalt zu unterdrücken, denn dies führte, wie
die Erfahrung des Stalinismus später lehren sollte, nur zu einem Anwachsen des
religiösen Einflusses.

Wirtschaftsfragen: Obgleich davon ausgegangen
wurde, dass der Kommunismus nur auf weltweiter Ebene errichtet werden kann,
enthielt das Programm einen allgemeinen Rahmen für eine proletarische
Wirtschaftspolitik in jenen Gebieten, die unter der Kontrolle des Proletariats
standen: Enteignung der alten herrschenden Klasse, Zentralisierung der
Produktivkräfte unter der Kontrolle der Sowjets, Mobilisierung aller
verfügbaren Arbeitskräfte, Praktizierung einer neuen Arbeitsdisziplin, die sich
auf die Prinzipien der Klassensolidarität stützte, schrittweise Eingliederung
der unabhängigen Produzenten in die kollektive Produktion. Das Programm
erkannte auch die Notwendigkeit an, dass die Arbeiterklasse kollektiv die
Verwaltung des Produktionsprozesses betreibt. Die Instrumente zur Ausführung
dieser Aufgabe waren jedoch nicht die Arbeiterräte und die Fabrikkomitees (die
nicht einmal in dem Programm erwähnt wurden), sondern die Gewerkschaften, die
aufgrund ihres Wesens dazu neigten, der Arbeiterklasse die kollektive Kontrolle
über die Produktion zu entwinden und sie in die Hände des Staates zu legen. Am
meisten ausschlaggebend war, dass die schrecklichen, durch den Krieg
geschaffenen Bedingungen eine Zersplitterung der proletarischen Massen in den
Städten und ihre Herabstufung bewirkten. Dies machte es für die Arbeiterklasse
immer schwieriger, nicht nur die Fabriken, sondern auch den Staat zu
kontrollieren.

Landwirtschaft: Hier gelangte man zur
Erkenntnis, dass eine auf Bauern gestützte Produktion nicht über Nacht
kollektiviert werden könne, sondern einen mehr oder weniger langen Zeitraum der
Integration in den vergesellschafteten Sektor erfordere. In der Zwischenzeit
müsse die Sowjetmacht den Klassenkampf auf dem Land entfachen, indem die armen
Bauern und die Landarbeiter die größte Unterstützung erhielten.

Güterverteilung: Die Sowjetmacht
stellte sich selbst die grandiose Aufgabe, den Warenhandel durch eine sinnvolle
Güterverteilung zu ersetzen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen
ausrichtet und durch ein Netzwerk von Konsumentenkommunen ersetzt wird. In der
Tat brach das alte Währungssystem in der Zeit des Bürgerkrieges mehr oder
weniger zusammen und wurde durch ein System der Konfiszierungen und
Rationierungen ersetzt. Jedoch dies war auf einen direkten Mangel
zurückzuführen und bedeutete nicht wirklich die Etablierung kommunistischer
Gesellschaftsverhältnisse, obgleich diese oft als solche theoretisiert wurden.
Eine reale Etablierung von Kommunen kann sich nur auf die Fähigkeit stützen,
Überschüsse zu produzieren, was jedoch in einer isolierten proletarischen
Bastion unmöglich ist.

Finanzen: Diese zu optimistische
Einschätzung des Kriegskommunismus spiegelte sich auch in anderen Bereichen
wider, insbesondere in der Idee, dass man allein durch den Zusammenschluss
aller bestehenden Banken zu einer einzigen Staatsbank einen Schritt zur
Auflösung der Banken als solche machen könne. Doch das Geldsystem, das während
der Zeit des Bürgerkriegs nur „abgetaucht“ war, erlebte in Russland bald eine
Wiederauferstehung: Geld in der einen oder anderen Form sowie Mittel zu dessen
Aufbewahrung werden solange bestehen, wie es Tauschbeziehungen gibt, und können
erst durch die Errichtung einer vereinten Weltgemeinschaft überwunden werden.

Wohnungsfrage und öffentliche
Gesundheit: Die proletarische Macht entfaltete eine Vielzahl von Initiativen,
um die Obdachlosigkeit und Überbelegung von Wohnung zu reduzieren, insbesondere
durch die Enteignung bürgerlicher Wohnungen. Doch ihre weiterreichenden
Bestrebungen, eine neue städtische Umgebung zu schaffen, wurden durch die
ungünstigen Bedingungen nach dem Aufstand vereitelt. Das Gleiche trifft auf
viele andere Maßnahmen zu, die die Sowjetmacht dekretiert hatte: Verkürzung des
Arbeitstages, Unterstützungszahlungen für Behinderte und Arbeitslose,
drastische Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Das unmittelbare Ziel
bestand darin, Russland auf den gleichen Standard zu heben, wie er in höher
entwickelten bürgerlichen Staaten erreicht worden war. Aber auch hier wurde die
neue Macht an der Einführung wirklicher Verbesserungen durch das Abführen
gewaltiger Ressourcen an den Kriegsapparat gehindert.

6. 1920: Bucharin und
die Übergangsperiode
(International Review Nr. 96)

Bucharin verfasste neben dem Programm
der russischen Partei einen theoretischen Text über die Probleme der
Übergangsperiode. Obgleich in vielerlei Hinsicht mit großen Fehlern behaftet,
stellen einige Teile einen ernsthaften Beitrag zur marxistischen Theorie dar.
Eine Untersuchung seiner Schwächen ermöglicht, die Probleme zu beleuchten, die
er zu stellen versuchte. Bucharin hatte während des I. Weltkriegs der
theoretischen Avantgarde der bolschewistischen Partei angehört. Sein Buch
Imperialismus und Weltwirtschaft war zur gleichen Zeit wie Rosa Luxemburgs
Untersuchung der neuen Epoche des kapitalistischen Niedergangs –
Die Akkumulation des Kapitals
– veröffentlicht worden. In seinem Buch zeigte Bucharin als einer der ersten
auf, dass diese Phase eine neue Stufe in der Organisierung des Kapitals
eröffnet hatte – die Stufe des Staatskapitalismus, die er hauptsächlich mit dem
globalen militärischen Kampf zwischen imperialistischen Nationalstaaten
verband. In seinem Artikel Hin zu einer Theorie des imperialistischen Staates
vertrat Bucharin eine sehr fortschrittliche Position zur nationalen Frage
(seine Position ähnelte der Position Rosa Luxemburgs über die Unmöglichkeit der
nationalen Befreiung im Zeitalter des Imperialismus) und zur Frage des Staates.
Er gelangte rascher als Lenin zur Position, die dieser in Staat und Revolution
vertrat – die Notwendigkeit der Zerstörung des bürgerlichen Staatsapparates.

Diese Auffassungen wurden in seinem
1920 verfassten Buch Ökonomik der Transformationsperiode weiterentwickelt. In
diesem Text bekräftigte Bucharin die marxistische Auffassung über die
unvermeidliche Katastrophe sowie das gewaltsame Ende der Klassenherrschaft und
somit über die notwendige proletarische Revolution als der einzigen Grundlage
für den Aufbau einer neuen und höheren Produktionsweise. Gleichzeitig befasste
er sich eingehender mit den Eigenschaften dieser neuen Phase der kapitalistischen
Dekadenz. Er hatte eine Vorahnung von der wachsenden Tendenz des senilen
Kapitalismus zur Verschwendung und Zerstörung der akkumulierten
Produktivkräfte, unabhängig von dem damit verbundenen möglichen quantitativen
„Wachstum“. Er zeigte ebenso auf, wie unter den Bedingungen des
Staatskapitalismus die alten Arbeiterparteien und die Gewerkschaften „in den
Staat integriert“ wurden, d.h. wie sie in einem unglaublich aufgeblähten
kapitalistischen Staatsapparat absorbiert wurden.

In seinen groben Umrissen ist die
Darstellung Bucharins der kommunistischen Alternative gegenüber diesem
niedergehenden kapitalistischen System ziemlich eindeutig: eine weltweite
Revolution, die sich auf die Eigenaktivität der Arbeiterklasse und ihrer neuen
Kampforgane stützt – die Sowjets. Eine solche Revolution zielt darauf ab, die
ganze Menschheit in eine vereinte Weltgemeinschaft zusammenzuführen, die die
blinden Gesetze der Produktion in der Warenwirtschaft durch die bewusste
Regelung des gesellschaftlichen Lebens ersetzt.

Doch die Mittel und Ziele der
proletarischen Revolution müssen konkretisiert werden. Dies kann nur das
Ergebnis einer lebendigen Erfahrung und des Nachdenkens sowie der Auswertung
dieser Erfahrung sein. Hier liegt die Schwäche des Buches. Obgleich Bucharin
1918 der linkskommunistischen Tendenz in der bolschewistischen Partei
angehörte, beschränkte sich diese Ausrichtung vor allem auf die Frage des
Brest-Litowsker Waffenstillstandes. Im Gegensatz zu anderen Linkskommunisten
wie etwa Ossinksi war er weitaus weniger im Stande, eine kritische Sichtweise
über die Hauptanzeichen der Bürokratisierung des Sowjetstaates zu entwickeln.
Im Gegenteil, sein Buch neigte eher dazu, als eine Rechtfertigung für den
Status quo während des Bürgerkriegs zu dienen, da er vor allem eine
theoretische Rechtfertigung für die Maßnahmen des Kriegskommunismus als
Ausdruck eines echten Prozesses kommunistischer Umwälzung lieferte.

So bedeutete aus der Sicht Bucharins
das (scheinbare) Verschwinden des Geldes und der Löhne während des
Bürgerkrieges – was ein direktes Ergebnis des Zusammenbruchs der
kapitalistischen Wirtschaft war – die Überwindung der Ausbeutung und der Einzug
einer Form des Kommunismus. Ähnlich machte er aus der bitteren Notwendigkeit
des Mehrfrontenkrieges der Roten Armee, der der proletarischen Revolution in
Russland aufgezwungen wurde, nicht nur eine Regel für die Phase der
revolutionären Kämpfe, sondern gar ein Modell für die Ausdehnung der
Revolution, die sich nunmehr in eine monumentale Schlacht zwischen kapitalistischen
und proletarischen Ländern verwandelt habe. In dieser Hinsicht stand Bucharin
mit seinem Standpunkt viel weiter rechts als Lenin, der niemals vergaß, dass
die Ausdehnung der Revolution vor allem eine politische Aufgabe und nicht
hauptsächlich eine militärische war.

Ironischerweise zeigte sich Bucharin,
nachdem er eindeutig den Staatskapitalismus als die universelle Form der
kapitalistischen Organisierung im Zeitalter des kapitalistischen Niedergangs
identifiziert hat, blind gegenüber der Gefahr des Staatskapitalismus nach der
proletarischen Revolution. Unter dem „proletarischen Staat“, unter dem System
der „proletarischen Verstaatlichungen“ werde die Ausbeutung unmöglich werden.
Der Umstand, dass der neue Staat der organische Ausdruck der historischen
Interessen des Proletariats sei, sei für das Proletariat insofern vorteilhaft,
als sämtliche Klassenorgane der Arbeiter im Staatsapparat verschmolzen und die
ausgeprägtesten hierarchischen Praktiken bei der Verwaltung des
gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens wiederherstellt seien. Ihm fehlte
jegliches Problembewusstsein, dass der Übergangsstaat, der ein Ausdruck der
Notwendigkeit ist, eine nur vorübergehende Gesellschaftsformation
zusammenzuhalten, eine konservative Rolle spielt und sich gar von den
Interessen des Proletariats lösen könnte.

In der Zeit nach 1921 wandelte
Bucharin sich schnell von einem Linken zu einem Anhänger eines rechten Kurses.
Doch in Wirklichkeit gab es eine Kontinuität in dieser Entwicklung: die
Neigung, sich dem Status quo anzupassen. Da sein Buch Die Ökonomik der
Transformationsperiode ein Versuch war, zu erklären, dass das strenge Regime
des Kriegskommunismus bereits das Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse sei,
bedeutete es einige Jahre später keinen großen Kurswechsel, als er erklärte,
dass die Neue Ökonomische Politik NEP – die den Kräften des Marktes freien Lauf
ließ, der in der vorhergehenden Phase lediglich in den Hintergrund getreten war
– bereits die Vorstufe zum Sozialismus sei. Bucharin wurde mehr noch als Stalin
zum Theoretiker des „Sozialismus in einem Land“. Dies kommt schon in der
absurden Behauptung zum Ausdruck, dass die isolierte russische Bastion der
Jahre 1918-20, in der das Proletariat durch den Bürgerkrieg dezimiert worden
war und in der es sich der wachsenden neuen Bürokratie unterwerfen musste,
bereits eine kommunistische Gesellschaft darstelle.

7. 1920: Das Programm
der KAPD
(International Review Nr. 97)

Die Isolierung der Revolution in
Russland sollte sich negativ auf die politischen Positionen der neu gegründeten
Kommunistischen Internationale auswirken, die ihre Klarheit, die sie auf ihrem
Gründungskongress zum Ausdruck gebracht hatte, allmählich verlor, was
insbesondere gegenüber den sozialdemokratischen Parteien deutlich wurde.
Nachdem diese zuvor noch als Parteien der Bourgeoisie gebrandmarkt worden
waren, begann die Komintern die Taktik der „Einheitsfront“ mit eben diesen
Parteien zu praktizieren. Zum Teil manifestierte sich dies in dem Versuch, mehr
Unterstützung für die isoliert gebliebene russische Bastion zu gewinnen. Es
waren die linkskommunistischen Strömungen in einer Reihe von Ländern,
insbesondere in Italien und Deutschland, die sich dem Aufkommen des
Opportunismus in der Komintern vehement entgegenstellten. Einer der ersten
Ausdrücke des wachsenden Opportunismus in der Komintern war Lenins Schrift Der
„linke Radikalismus“ – Die Kinderkrankheit im Kommunismus. Seit seiner
Veröffentlichung lieferte der Text die Grundlage für viele Verfälschungen und
Verzerrungen über die Kommunistische Linke. Insbesondere zeigte sich dies im
Falle der deutschen Linken um die KAPD, die 1920 aus der KPD ausgeschlossen
wurde. Der KAPD wurde vorgeworfen, einer „sektiererischen“ Politik anheim zu
fallen, weil sie die wirklichen Arbeitergewerkschaften willkürlich durch
„revolutionäre Unionen“ ersetzen wollte. Ihr wurden vor allem anarchistische
Tendenzen in der Frage des Parlamentarismus und der Rolle der Partei
vorgeworfen.

In Wirklichkeit war die KAPD, die das
Ergebnis eines tragischen und verfrühten Bruchs in der deutschen Partei war,
nie eine homogene Organisation. Ihr gehörte eine Reihe von Mitgliedern an, die
tatsächlich vom Anarchismus beeinflusst worden waren. Und als die revolutionäre
Welle zurückgewichen war, sollte dieser Einfluss mit zum Auftauchen rätekommunistischer
Ideen beitragen, die die Bewegung der Kommunisten in Deutschland stark prägten.
Aber ein kurzer Blick auf ihr Programm zeigt, dass die KAPD in ihren besten
Zeiten den damaligen Höhepunkt der marxistischen Klarheit verkörperte:

Im Gegensatz zum Anarchismus ging ihr Programm von den objektiven,
historischen Bedingungen des Weltkapitalismus aus: von der neuen, durch den
Weltkrieg eröffneten Epoche der kapitalistischen Dekadenz. Es beharrte auf der
Alternative zwischen Sozialismus und Barbarei.

Im Gegensatz zum Anarchismus unterstützte das Programm
vorbehaltlos seine Solidarität mit der Russischen Revolution und bekräftigte
die Notwendigkeit ihrer weltweiten Ausdehnung. Dabei wurde Deutschland
ausdrücklich als Schlüsselelement für diese Perspektive hervorgehoben.

Die Ablehnung des Parlamentarismus und der Gewerkschaften durch
die KAPD stützte sich nicht auf irgendeinen zeitlosen Moralismus oder auf eine
Besessenheit für Organisationsformen, sondern auf ein Verständnis der neuen
Bedingungen, die die Epoche der proletarischen Revolution mit sich gebracht
hatte, in der Parlamentarismus und Gewerkschaften nunmehr nur den Interessen
des Klassenfeindes dienten.

Dasselbe trifft auf die Befürwortung der Fabrikorganisationen und
der Arbeiterräte durch die KAPD zu. Diese waren keine willkürlichen, von einer
Handvoll Revolutionäre ausgedachten Formen, sondern konkrete organisatorische
Erfahrungen aus der realen Klassenbewegung in der neuen Epoche. Auch wenn es
noch keine vollständige Klarheit über das Wesen der Fabrikorganisationen geben
konnte (die die KAPD immer noch als eine Art ständiger Vorläufer der Räte
betrachtete, die sich auf ein politisches Minimalprogramm stützten), waren sie
alles andere als ein künstliches Produkt der damaligen Zeit, sondern ein
Zusammenschluss der kämpferischsten Arbeiter in Deutschland.

Weit davon entfernt, parteifeindlich zu sein, bekräftigte das
Programm (das durch die Thesen zur Rolle der Partei in der Revolution
untermauert wurde) deutlich die unabdingbare Rolle der Partei als ein Kern der
kommunistischen Kompromisslosigkeit und Klarheit gegenüber der allgemeinen
Klassenbewegung.

Ebenso verteidigte das Programm ohne Zögern die marxistische
Auffassung über die Diktatur des Proletariats.

Hinsichtlich der praktischen
Maßnahmen befand sich das Programm der KAPD in direkter Kontinuität mit dem
Programm der KPD, insbesondere in seinem Aufruf zur Auflösung aller
parlamentarischen und Gemeindeorgane und zu ihrer Ersetzung durch ein
zentralisiertes System der Arbeiterräte. Das Programm der KAPD von 1920 war
dagegen in den Fragen der internationalen Aufgaben der Revolution klarer. Es
rief zum Beispiel zum unmittelbaren Zusammenschluss mit anderen
Sowjetrepubliken auf. Des Weiteren befasste es sich näher mit dem ökonomischen
Inhalt der Revolution. Es betonte die Notwendigkeit unmittelbarer Schritte zur
Ausrichtung der Produktion auf die Bedürfnisse (auch wenn wir der Behauptung
des Programms widersprechen, dass allein die Bildung eines „sozialistischen
Wirtschaftsblocks“ mit Russland einen bedeutenden Schritt zum Kommunismus
bewirken könne). Schließlich warf das Programm einige „neue“ Themen auf, die im
Programm der KPD von 1918/1919 nicht behandelt worden waren, wie das
proletarische Vorgehen gegenüber der Kunst, Wissenschaft, Erziehung und Jugend.
Dies zeigt, dass die KAPD weit davon entfernt war, eine Strömung zu sein, die
die Arbeiterklasse mystifizierte. Sie befasste sich im Gegenteil mit all den
Fragen, die durch die kommunistische Umwälzung der Gesellschaft aufgeworfen wurden.

Theoretische Fragen: