Eine andere Welt ist möglich - Einleitung zur öffentlichen Diskussionsveranstaltung der IKS

Nachmittags um drei, irgendwo auf der Welt, treffen sich ein Narr und ein Realist. Man spricht über das Leben und Arbeiten in dieser Welt, über die Kriege, über das immer mehr um sich greifende Elend, über wachsende Ängste und Krankheiten. Vor allem der Realist spricht diese offensichtlichen Wahrheiten schonungslos aus und steigert sich immer mehr in seine Anklagerede hinein. Der Narr lauscht den Ausführungen kopfnickend, lächelt zugleich aber auch. Dies erbost den Realist schließlich so sehr, dass es ihm herausrutscht: „Bist Du ein Narr oder was? Wieso lächelst Du derart selig, obgleich ich Dir keinen deprimierenderen Zustand der Menschheit und der ganzen Welt schildern könnte?“ Erstaunt blickt der Narr den Realisten an und spricht sanft: Nun ja, dennoch ist eine andere Welt möglich!“ Der arme Realist verschluckt sich daraufhin heftig. Dass sein Freund ein solcher Narr war, das hätte er nun wahrlich auch wieder nicht gedacht. „Was? Gehörst Du etwa auch zu jenen, die tatsächlich glauben, man könnte diese Gesellschaft wirklich verbessern, obgleich doch die ganze Menschheitsgeschichte nichts anderes zeigt, als dass die Menschheit zu schlecht oder dumm ist, für eine Welt ohne Ausbeutung, Kriege und in Harmonie und Vielfalt zu sorgen? Natürlich: wenn dies möglich wäre, dann wäre ich sofort dafür (unter Abwägungen aller Eventualitäten, versteht sich). Doch, mein verehrter Narr, leider kenne ich gar zu viele Einwände, weshalb eine solche, wie du sagst, wahrhaft menschliche Welt, gar nicht umsetzbar ist. Lieber sollte man versuchen, sich als wahrer Realist mit der Welt abzufinden.“ „Du scheinst dir aber über die Unmöglichkeit einer ausbeutungsfreien Gesellschaft sehr sicher zu sein. So lass‘ mich doch bitte deine Einwände hören und dann gemeinsam darüber sprechen, ob eine andere, bessere Welt möglich ist oder nicht!“ Das wird aber ein kurzes Gespräch werden, denkt sich der Realist. Aber nun gut. Mal sehen…

 

„Eine solche Welt“, sagt der Realist, „könnte nie funktionieren, denn der Mensch würde niemals freiwillig arbeiten, ohne Zwang oder Aussicht auf Gewinn!“

„Dies ist eine sehr interessante These“, stellt der Narr fest. „Wieso werden die Menschen in einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft arbeiten, wenn ihr Leben ohnehin garantiert ist? Nun, der Mensch hat manchmal die Neigung, seinen momentanen Zustand auf alle Zeiten zu projizieren. Nach der Devise: wenn heute viele Menschen ihre Arbeit nicht ausstehen können, weil diese einseitig und belastend ist, dann muss es schon immer so gewesen sein. Doch die Arbeit hat sich im Laufe der Geschichte sehr gewandelt und hat sich bis heute auf einem absteigenden Ast bewegt. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass es Jahrtausende gab, in denen Jäger, Sammler und Nomaden zwar ein anstrengendes, zugleich aber auch ein abwechslungsreiches, kollektives und lustvolles Arbeiten kannten. Neben der Vielseitigkeit der Tätigkeiten kam noch hinzu, dass man alles gemeinsam machte, da man nur als Gemeinschaft überleben konnte. Mit der darauffolgenden Sesshaftwerdung stellte sich nun eine Steigerung der Produktivität ein, zugleich aber entstand mit dem Aufkommen des Privateigentums an Grund an Boden das Phänomen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Der Mensch wurde an die Scholle gefesselt und mit der zunehmenden Arbeitsteilung wurde die Arbeit natürlich auch monotoner.

 

Daher wuchs unter den Sklaven und Leibeigenen die Unlust zur Arbeit, was wiederum einen Anstieg von Zwang und Gewalt zur Folge hatte, um die Produktion fortzuführen. Tja, und anders als in den frühen Gesellschaften, in denen zugunsten der eigenen materiellen Bedürfnisse gearbeitet wurde, hat die Arbeitsteilung und die Trennung der Produzenten von ihren Arbeitsinstrumenten im Kapitalismus nun ihren Höhepunkt erreicht. Millionen werden als Reservearmee benutzt, um die Löhne zu drücken, und fristen unfreiwillig ein trauriges Dasein. Jene, denen es gelungen ist, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, leiden unter dem unendlichen Arbeitsdruck, denn produziert wird nicht für die Bedürfnisse der Menschen, sondern für den Profit. Und der ist bekanntlich unersättlich! Doch auch die Gier der Kapitalisten nach immer mehr Profiten ist letztendlich allein das Resultat objektiver Zwänge.

 

Im Kommunismus aber kann die Arbeit auf einer weit höheren Stufe wieder zu einem Quell der Vielfalt, Freude und Motivation werden. Natürlich wird es einen Rest an Tätigkeiten geben, die notwendig, aber nicht sonderlich beliebt sein werden. Aber zum einen wird jeder mal hierfür herangezogen werden, zum anderen wird hierin eine weitere Motivation liegen, um neue Techniken zu entwickeln, die den Menschen solch unangenehme Tätigkeiten abnehmen oder zumindest die Arbeitszeit stetig verkürzen. Im Unterschied zum Kapitalismus bedeuten nämlich neue Erfindungen im Kommunismus einen Vorteil für alle, da die Konkurrenz aufgehoben ist. So wird es keinen Mangel mehr geben, denn es wird für die Bedürfnisse aller produziert; auch kann sich jeder in der Arbeit kreativ und vielseitig entfalten. Zudem hat der Mensch die Freiheit, sämtliche Produkte nicht nur in ausreichender Quantität herzustellen, sondern zugleich oder auch stattdessen auch in bester Qualität. So können Alltagsgegenstände schön werden, gar richtige Kunstwerke!“

„Also, ich weiß nicht recht.“, meint der Realist. „Darüber muss ich erst nachdenken. Arbeit als Freude und kreativen Prozess für alle ist heute jedenfalls schwer vorstellbar. Darauf müssen wir noch mal zurückkommen. Doch jetzt bin ich gespannt, was du gegen meinen zweiten Einwand vorbringst. Jedes Kind weiß, dass der Mensch der größte Feind der Natur ist! Allein dies ist schon Beweis genug, dass eine kommunistische Gesellschaft niemals realisierbar ist.“

Darauf erwidert der Narr: „Nun, besonders die letzten 200 Jahre haben ein unfassbares Ausmaß an Umweltzerstörung erlebt und überbieten alles bis dahin Gesehene, dass ist unbestreitbar. Bleibt die Frage: Wie konnte das geschehen?. Ist die Ursache in der Schlechtigkeit des Menschen zu suchen, oder hat das jeweilige Verhältnis von Mensch und Natur nicht vielmehr etwas mit der Produktionsweise zu tun und ist damit veränderbar? In ihrer Einführung in die Nationalökonomie beschrieb Rosa Luxemburg das Leben in der frühgeschichtlichen Jäger- und Sammlergesellschaft, wie man es heute noch bei einigen wenigen Ureinwohnerstämmen beobachten kann. Dort galt das Totemsystem. Dies bedeutete, dass jeder Stamm bzw. Familienclan ein bestimmtes Tier oder eine bestimmte Pflanze verehrte und schützte. Ihr Verzehr war für diesen Stamm bis auf wenige Ausnahmen ein Tabu. Das trug zu einem harmonischen Geben und Nehmen zwischen Mensch und Natur bei. Das ökologische Gleichgewicht blieb gewahrt. Heute würde man dies wohl eine Politik der Nachhaltigkeit nennen, denn das Totemsystem verhinderte die Ausrottung einzelner Arten. Doch mit dem Beginn der Zivilisation machte sich der Mensch in seiner Ignoranz die Natur untertan. Und nicht immer zum Vorteil für die Natur und gar oft mit negativen Auswirkungen für die Menschen selbst. Wie etwa die Abholzung der Wälder zugunsten des Ackerbaus.

Doch heute ist der Hauptgrund für die Zerstörung der Umwelt in erster Linie die Anarchie der Warenproduktion. Ist es denn ein Zufall, dass seit der Einführung des Kapitalismus der ökologische Raubbau ungeahnte Züge angenommen hat? Die Häufung von Umweltkatastrophen wie die Erderwärmung, Überschwemmungen, Dürren, die Vergiftung des Grundwassers durch Industrieanlagen, die Überfischung der Weltmeere oder die schlimmen Folgen der zahlreichen Kriege ist letztlich auf eine Produktionsweise zurückzuführen, die nach dem Prinzip verfährt: Nach mir die Sintflut; Hauptsache, der Profit stimmt. Dies ist umso tragischer, da wir heute sehr wohl schon ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass die Menschheit im Begriff ist, den Ast abzusägen, auf den sie selbst sitzt. Und doch - sowohl die Ignoranz als auch die Anarchie der Warenproduktion sind überwindbar. Im Kommunismus kann und muss der Mensch wieder lernen, in Harmonie mit der Natur zu leben. Nicht aber, indem das Rad der Geschichte zurückgedreht wird und man wieder auf den Bäumen lebt, sondern auf der Grundlage wissenschaftlicher und technologischer Erkenntnisse und Errungenschaften, mit deren Hilfe die Erde wieder in einen blühenden Garten verwandelt werden kann. Ich denke, dies ist in einer menschlichen Gesellschaft möglich, die eben nicht mehr für den Profit, sondern für die Bedürfnisse der Menschen lebt und arbeitet. Nur so kann ein harmonisches Leben mit der Natur Wirklichkeit werden. Dies wird sich auch in der Auflösung der Megastädte und in der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land bemerkbar machen. Zudem wird man die ersten schon vorhandenen Ansätze von umweltfreundlicher Energieerzeugung, Transport etc. nun voll umsetzen und weiterentwickeln können, da das Hauptkriterium nicht mehr sein wird: Ist es rentabel? Sondern: Ist dies im Sinne von Mensch und Umwelt?“ Der Realist wundert sich sehr. Dies ist eine völlig andere Art und Weise die Welt zu betrachten. Es ist natürlich viel einfacher, sich die Welt aus seinen Alltagserfahrungen zu erklären. Es ist heute so, also war es schon immer so und wird immer so bleiben. Wenn es jedoch stimmt, was der Narr berichtet, dann sah die Welt, die Natur und das Leben der Menschen in verschiedenen Zeiten durchaus sehr unterschiedlich aus. Dennoch ist der Realist skeptisch.  „Das ist ja alles schön und gut“, ruft er aus. „Aber der Kommunismus geht von einer Voraussetzung aus, die so verkehrt ist, dass er trotz aller guter Vorsätze die Menschheit zwangsläufig ins Unglück stürzen muss.“ „Woran denkst Du dabei?“, fragt sein Gegenüber. „Der Kommunismus will alle Menschen gleichmachen und übersieht dabei, dass die Menschen jedoch individuell sehr verschieden sind.“ Darauf entgegnet der Narr: „Ach ja, von diesem Einwand gegen den Kommunismus habe ich auch schon gehört. Doch weiß ich damit nicht so recht etwas anzufangen. Gerne werde ich versuchen, dir darzulegen, weshalb - falls du nicht schon weiter musst.“ „Na, nun red‘ schon, da bin ich sehr gespannt.“

 

„Nun, die Forderung nach Gleichheit aller Menschen kam mit den bürgerlichen Revolutionen auf und stellte einen wirklichen Fortschritt dar. Nicht mehr die Geburt, also der Stand, sollte entscheiden, ob einer wer war oder nicht, sondern die eigenen besonderen Fähigkeiten. Mit der Französischen Revolution setzte sich die Vorstellung durch, dass alle Menschen per Geburt gleich sind und sich erst in und mit ihrer Umwelt unterschiedlich entwickeln. Heute ist die Vorstellung der Gleichheit eines der Fundamente der Demokratie. Das Positive hieran ist der Gedanke, dass die Menschen veränderbar sind. Doch zugleich beinhaltet diese Auffassung einen Vergleich der Menschen und damit einen Haken. Jeder Mensch misst seinen Wert in der modernen kapitalistischen Gesellschaft durch den Vergleich mit anderen. So haben wir das starke Moment der Konkurrenz. Das Paradoxe ist, dass gerade im Kapitalismus die Menschen durch diese Gleichheit funktionalisiert und entmenschlicht werden. Der Mensch ist zur Ware geworden. ArbeiterInnen müssen als Konkurrenten im Kampf um den Arbeitsplatz gegeneinander antreten. Der Wert eines jeden Menschen wird hier nicht in seiner einzigartigen Persönlichkeit ausgemacht, sondern danach beurteilt, wie gut er als Rädchen im Getriebe der kapitalistischen Maschine funktioniert. Diese Entfremdung vom Menschsein kritisierten schon Pädagogen wie Rousseau und Humboldt. Im Kommunismus aber ist der Mensch keine Ware mehr. Und jetzt kommt das auf den ersten Blick Unfassbare: Gerade im Kommunismus wird der Mensch zum ersten Mal ein echtes Individuum, eine echte eigene Persönlichkeit. Diese Einmaligkeit wird erst durch die Aufhebung der Warengesellschaft ermöglicht, so dass der Mensch alle seine Kräfte und Fähigkeiten ausbilden kann. Dass jeder Mensch einzigartig und individuell ist, das ist eben, was uns alle als menschliche Wesen eint. Und so wird es möglich sein, was schon der gute alte Saint-Simon forderte: Jeder wird nach seinen Bedürfnissen leben und nach seinen Fähigkeiten der ganzen Gesellschaft das Bestmögliche von sich geben. Dadurch werden die Menschen verstehen, wie wertvoll ein jeder für die Totalität der Menschheit ist.“ Als der Narr nun den Realisten etwas genauer betrachtet, bemerkt er dessen veränderten Gesichtsausdruck. „Was ist denn los?“ fragt der Narr. „Ach, mein lieber Narr. Die Welt und die Menschen schienen mir stets durch und durch schlecht und unfähig zur Veränderung. Dies ist zwar eine unschöne Vorstellung, aber sie ist zugleich einfach zu verstehen und man braucht dann auch weiter nicht viel zu tun. Nun aber beginne ich mich zu fragen, wer von uns beiden eigentlich der Narr ist!“