Vor 100 Jahren: Die Revolution von 1905 in Russland (Teil I)

Vor 100 Jahren unternahm das
Proletariat in Russland die erste revolutionäre Bewegung des 20. Jahrhunderts,
heute bekannt als die russische Revolution von 1905. Da sie, anders als die
Oktoberrevolution zwölf Jahre später, nicht zu einem erfolgreichen Schluss
gelangte, geriet diese Bewegung fast vollständig in Vergessenheit. Dies ist
auch der Hauptgrund, warum sie nicht zum Mittelpunkt von Verleumdungs- und
Verunglimpfungskampagnen wurde, wie es der Russischen Revolution von 1917
geschah, besonders im Herbst 1989, als die Berliner Mauer niedergerissen wurde.
Dennoch erbrachte die Revolution von 1905 eine Reihe von Lehren, Klärungen und
Antworten auf Fragen der damaligen Arbeiterbewegung, ohne die die Revolution
von 1917 sicherlich nicht gelungen wäre. Darüber hinaus befindet sich 1905,
obgleich diese Ereignisse vor 100 Jahren stattgefunden haben, politisch näher
an uns, als man annehmen könnte. Aus diesen Gründen müssen sich die
Generationen der Revolutionäre von heute und morgen die grundlegenden Lehren
der ersten russischen Revolution wiederaneignen.

Die Ereignisse von 1905
fanden statt, als die Periode des Niedergangs des Kapitalismus heraufdämmerte.
Dieser Niedergang setzte bereits Zeichen, auch wenn nur eine winzige Minderheit
der Revolutionäre jener Zeit in der Lage war, seine Bedeutung für den tief
greifenden Wandel zu erahnen, der sich in der Gesellschaft und in den
Bedingungen des proletarischen Kampfes vollzog. Im Verlaufe dieser Ereignisse entfaltete
die Arbeiterklasse massive Bewegungen über die Fabriken, Branchen und sonstigen
Kategorien hinaus. Es gab keine gemeinsamen Forderungen, auch keine klare
Unterscheidung zwischen dem Ökonomischen und dem Politischen, wie dies zuvor
mit dem Gewerkschaftskampf auf der einen und dem parlamentarischen Kampf auf
der anderen Seite der Fall gewesen war. Es gab keine klaren Direktiven von den
politischen Parteien oder den Gewerkschaften. Zum ersten Mal schuf die Dynamik
einer Bewegung Organe, die Sowjets (oder: Arbeiterräte), welche zur Form werden
sollten, in der sich das revolutionäre Proletariat in Russland 1917 und während
der revolutionären Welle, die Europa im Anschluss an den Oktober erschütterte,
organisieren und Macht ausüben sollte.

1905 nahm die
Arbeiterbewegung an, dass die bürgerliche Revolution in Russland noch immer auf
der Tagesordnung stand, da die russische Bourgeoisie nicht die politische Macht
hatte, sondern dem feudalen Zarismus unterjocht blieb. Doch sollte die führende
Rolle, die die Arbeiterklasse in diesen Ereignissen übernahm, diese Idee auf
den Kopf stellen. Die reaktionäre Orientierung, die der parlamentarische und
gewerkschaftliche Kampf im Begriff war anzunehmen, entsprechend dem
Periodenwechsel, der stattgefunden hatte, war beileibe nicht deutlich und
sollte es für eine geraume Zeit auch nicht werden. Doch die zweitrangige oder
völlig nicht-existente Rolle, die die Gewerkschaften und das Parlament in der
Bewegung in Russland spielten, war ein erstes ersichtliches Anzeichen dafür.
Die Fähigkeit der Arbeiterklasse, die Leitung ihrer eigenen Zukunft zu
übernehmen und sich selbst zu organisieren, weckte Zweifel an der Sichtweise
der deutschen Sozialdemokratie und der internationalen Arbeiterbewegung, was
die Aufgaben der Partei, ihre Funktion als Richtungsweisende Organisation der
Arbeiterklasse anbelangte, und warf ein neues Licht auf die
Verantwortlichkeiten der politischen Avantgarde der Arbeiterklasse. Viele
Elemente, die später entscheidende Positionen der Arbeiterbewegung in der Phase
der kapitalistischen Dekadenz bilden sollten, waren 1905 bereits vorhanden.

Die Revolution von 1905 war
Gegenstand vieler Schriften innerhalb der Arbeiterbewegung zu jener Zeit, und
die Fragen, die sie stellte, wurden heiss debattiert. Innerhalb des Rahmens
einer kleinen Reihe von drei Artikeln wollen wir uns auf bestimmte Lehren
konzentrieren, die uns als zentral für die Arbeiterbewegung heute und immer
noch als völlig relevant erscheinen: der revolutionäre Charakter der
Arbeiterklasse und die ihr innewohnende Fähigkeit, sich dem Kapitalismus
historisch entgegenzustellen und der Gesellschaft eine neue Perspektive zu
geben; der Charakter der Sowjets, "Die endgültige Form der Diktatur des
Proletariats", wie Lenin sagte; die Fähigkeit der Arbeiterklasse, aus der
Erfahrung zu lernen, die Lehren aus ihren Niederlagen zu ziehen, die
Kontinuität ihrer historischen Schlacht und die Reifung der Bedingungen für die
Revolution. Um so zu verfahren, müssen wir zunächst kurz zu den Ereignissen von
1905 zurückkehren, wobei wir uns auf jene beziehen, die Zeugen und
Protagonisten zu dieser Zeit waren, wie Trotzki, Lenin, Rosa Luxemburg, und die
in ihren Schriften imstande waren, nicht nur die allgemeinen politischen Lehren
zu ziehen, sondern auch die intensiven Emotionen, die durch den Kampf in jenen
Monaten geweckt wurden, zu vermitteln.(
1)

Das revolutionäre Wesen
der Arbeiterklasse

Die Russische Revolution von
1905 ist eine besonders deutliche Veranschaulichung dessen, was der Marxismus
meint, wenn er vom grundsätzlich revolutionären Charakter der Arbeiterklasse
spricht. Sie zeigt die Fähigkeit des russischen Proletariats, von einer
Situation, in der es ideologisch von den Werten der kapitalistischen
Gesellschaft beherrscht wurde, zu einer Position zu gelangen, in welcher es
durch eine massive Kampfbewegung sein Selbstvertrauen entfaltete, seine
Solidarität entwickelte und seine historische Stärke entdeckte, bis hin zu dem
Punkt, wo es Organe schuf, die es in die Lage versetzte, seine Zukunft in die
eigenen Hände zu nehmen. Dies ist ein lebendiges Beispiel für die materielle
Kraft, zu der das Klassenbewusstsein des Proletariats wird, wenn es beginnt,
sich zu regen. In den Jahren vor 1968 erzählte uns die westliche Bourgeoisie,
dass das Proletariat "verbürgerlicht" sei, dass nichts mehr von ihm
zu erwarten sei. Die Ereignisse in Frankreich 1968 und die gesamte
internationale Welle von Kämpfen, die dem folgten, überführten dies als glatte
Lüge. Sie beendeten die längste Periode einer Konterrevolution in der
Geschichte, die durch die Niederlage der revolutionären Welle von 1917–23
eingeleitet worden war. Selbst nach dem Fall der Berliner Mauer hörte die
Bourgeoisie nicht auf zu erklären, dass der Kommunismus tot und die
Arbeiterklasse verschwunden sei – und die Schwierigkeiten, die Letztere erfuhr,
schienen ihr Recht zu geben. Die Bourgeoisie hat stets ein Interesse, ihren
eigenen Totengräber zu begraben. Doch die Arbeiterklasse existiert weiterhin –
es gibt keinen Kapitalismus ohne Arbeiterklasse, und was 1905 in Russland stattfand,
zeigt uns, wie sie von einer Situation der Unterwerfung und der ideologischen
Konfusion unter dem kapitalistischen Joch in eine Lage gelangen kann, in
welcher sie zum Subjekt der Geschichte wird, auf dem alle Hoffnungen ruhen, da
sie die Zukunft der Menschheit in ihrem eigentlichen Dasein verkörpert.

Kurze Geschichte der ersten
Schritte der Revolution

Bevor wir uns der Dynamik der
russischen Revolution von 1905 widmen, müssen wir kurz den internationalen und
historischen Kontext in Erinnerung rufen, der Ausgangspunkt der Revolution war.
Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren von einer besonders
ausgeprägten wirtschaftlichen Entwicklung in ganz Europa gekennzeichnet. Es
waren die Jahre, in denen sich der Kapitalismus am dynamischsten entwickelte.
Die Länder, die im kapitalistischen Sinne fortgeschritten waren, versuchten, in
die rückständigen Regionen zu expandieren, sowohl um billige Arbeitskräfte und
Rohstoffe zu erschliessen als auch um neue Märkte für ihre Produkte zu
schaffen. In diesem Kontext wurde das zaristische Russland, ein Land, dessen
Wirtschaft noch sehr rückständig war, zu einem idealen Objekt für den Import
grosser Summen ausländischen Kapitals, um eine mittelständische und
Grossindustrie zu errichten. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die Wirtschaft
vollständig umgewandelt: "Einen mächtigen Hebel der Industrialisierung des
Landes bildeten die Eisenbahnen."2 Verglichen mit anderen Ländern mit
soliderer Industriestruktur wie Deutschland und Belgien, zeigen die von Trotzki
zitierten Daten der Industrialisierung Russlands, dass, obwohl die Zahl der
Arbeiter im Verhältnis zur riesigen Bevölkerung immer noch relativ bescheiden
war (1,9 Millionen verglichen mit 1,56 in Deutschland und 600'000 im winzigen
Belgien), Russland dennoch eine moderne Industriestruktur hatte, ebenbürtig mit
jener der anderen Weltmächte. Scheinbar aus dem Nichts wurde die
kapitalistische Industrie Russlands nicht durch eine innere Dynamik, sondern
mithilfe ausländischen Kapitals und ausländischer Technologie geschaffen.
Trotzkis Daten zeigen, dass die Arbeitskraft in Russland weitaus konzentrierter
als in anderen Ländern war, weil sie überwiegend zwischen den mittleren und
grossen Unternehmen aufgeteilt war (38,5% in Unternehmen mit mehr als 1'000
Arbeitern und 49,5% in Unternehmen zwischen 51 und 1'000 Arbeitern, wohingegen
es in Deutschland 10% resp. 46% waren). Diese Daten über die
Wirtschaftsstruktur erklären die revolutionäre Vitalität eines Proletariats,
das ansonsten unterging in einem zutiefst rückständigen Land, welches noch
immer von der bäuerlichen Wirtschaft beherrscht wurde.

Darüber hinaus fielen die
Ereignisse von 1905 nicht aus heiterem Himmel, sondern waren das Produkt von
Ereignissen, die Russland vom Ende des 19. Jahrhunderts an fortlaufend schüttelten.
Wie Rosa Luxemburg zeigt: "Dieser Januarmassenstreik in Petersburg spielte
sich nun zweifellos unter dem unmittelbaren Eindruck jenes riesenhaften
Generalstreiks ab, der kurz vorher, im Dezember 1904, im Kaukasus, in Baku,
ausgebrochen war und eine Weile lang ganz Russland in Atem hielt. Die
Dezemberereignisse in Baku waren aber ihrerseits nichts anderes als ein letzter
und kräftiger Ausläufer jener gewaltigen Massenstreiks, die wie ein
periodisches Erdbeben in den Jahren 1903 und 1904 ganz Südrussland
erschütterten und deren Prolog der Massenstreik in Batum (im Kaukasus) im März
1902 war. Diese erste Massenstreikbewegung in der fortlaufenden Kette der
jetzigen revolutionären Eruptionen ist endlich nur um vier bis fünf Jahre vor
dem grossen Generalstreik der Petersburger Textilarbeiter in den Jahren 1896
und 1897 entfernt…"3

Der 9. Januar 20054 ist der
100. Jahrestag des so genannten "Blutigen Sonntags", der am Anfang
einer Reihe von Ereignissen im alten zaristischen Russland stand, die das Jahr
1905 hindurch stattfanden und in einer blutigen Repression des Moskauer
Aufstandes im Dezember mündeten. Die Aktivitäten der Klasse fanden praktisch
pausenlos das ganze Jahr hindurch statt, obwohl die Kampfformen nicht immer
dieselben waren und die Kämpfe nicht immer dieselbe Intensität besassen. Es gab
drei bedeutende Momente während dieses revolutionären Jahres: die Monate
Januar, Oktober und Dezember.

Januar

Im Januar 1905 wurden vier
Arbeiter von den Putilow-Werken in St. Petersburg entlassen. Aus Solidarität
mit ihnen begann eine Streikbewegung: Es wurde eine Petition für politische
Freiheit, für das Recht auf Bildung und den Achtstundentag, gegen die
Besteuerung etc. entworfen, die dem Zaren von einer Massendemonstration
überreicht werden sollte. Es war die Repression dieser Demonstration, die zum
Ausgangspunkt eines einjährigen revolutionären Grossbrandes werden sollte. In
der Tat kam der revolutionäre Prozess in Russland auf einzigartige Weise in
Fahrt. "Tausende von Arbeitern – wohlgemerkt keine Sozialdemokraten,
sondern religionsfromme, kaiserfromme Leute – unter der Führung des Priesters
Gapon gehen von allen Stadtteilen aus zum Zentrum der Hauptstadt, zum Platze
vor dem Winterpalast, um dem Zaren eine Petition zu überreichen. Die Arbeiter
gehen mit Heiligenbildern, und ihr damaliger Führer Gapon versichert dem Zaren
schriftlich, er bürge ihm für die Unverletzlichkeit seiner Person und bitte
ihn, vor dem Volk zu erscheinen."5 Im April 1904 war Pater Gapon der
Spiritus Rector einer "Versammlung russischer Fabrik- und Büroarbeiter in
der Stadt St. Petersburg", autorisiert von der Regierung und im geheimen
Einverständnis mit dem Polizeioffizier Subatow.6 Wie Lenin sagte, bestand die
Rolle dieser Organisation darin, die damalige Arbeiterbewegung zu umklammern
und zu kontrollieren, so wie heute, wo dasselbe Ziel mit anderen Mitteln
erreicht wird. Doch der Druck, der sich innerhalb des Proletariats aufgebaut
hatte, hatte bereits den kritischen Punkt erreicht. "Der legale
Arbeiterverein war Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit der Subatowleute.
Und nun wächst die Subatowsche Bewegung über ihren Rahmen hinaus, und diese von
der Polizei im Interesse der Polizei, zur Unterstützung der Selbstherrschaft,
zur Demoralisierung des politischen Selbstbewusstsein der Arbeiter geschaffene
Bewegung wendet sich gegen die Selbstherrschaft, wird zu einem Ausbruch des
proletarischen Klassenkampfes."7 All dies nahm Gestalt an, als die
Arbeiter am Winterpalast ankamen, um dem Zaren ihre Forderungen auszuhändigen,
und von den Truppen attackiert wurden, die "die Menge mit der blanken
Waffe an(greifen), es wird geschossen gegen die waffenlosen Arbeiter, die auf
den Knien die Kosaken anflehten, sie zum Kaiser zu lassen. Nach polizeilichen
Mitteilungen gab es mehr als tausend Tote, mehr als zweitausend Verwundete. Die
Erbitterung der Arbeiter war unbeschreiblich."8 Die Petersburger Arbeiter
hatten an den Zaren, den sie den "Kleinen Vater" nannten, appelliert,
und sie waren ausser sich vor Zorn, als er ihre Petition mit bewaffneten Kräften
beantwortete. Es war diese tiefe Empörung, die den revolutionären Kampf des
Januars auslöste. Dieselbe Arbeiterklasse, die eben noch Pater Gapon und
religiösen Ikonen gefolgt war und ihre Petition an den "Kleinen Vater des
Volkes" gerichtet hatte, zeigte nun, im Moment der Revolution, eine
unvorhergesehene Stärke. Der geistige Zustand des Proletariats veränderte sich
in dieser Periode rapide; dies ist typisch für den revolutionären Prozess, in
welchem die Proletarier, worin ihr Glauben und ihre Furcht auch immer bestand,
entdecken und sich bewusst werden, dass ihre Einheit sie stark macht. "Von
einem Ende bis zum anderen ging eine gewaltige Streikwoge über das Land, die
seinen ganzen Körper erschütterte. Nach annähernder Schätzung umfasste der Streik
122 Städte und Dörfer, einige Bergwerke des Donezbassins und 10 Eisenbahnen.
Die proletarischen Massen wurden bis in ihre Tiefen aufgewühlt. Der Streik zog
gegen eine Million Menschen in seinen Bannkreis. Ohne Plan, oft ohne
Forderungen, sich immer wieder erneuernd, nur dem Solidaritätsinstinkte
gehorchend, beherrschte er fast zwei Monate lang das Land."9 Sich auf
Streikaktionen aus Solidarität einzulassen, ohne eine spezifische Forderung zu
stellen, da "der nach Millionen zählenden proletarischen Masse ganz plötzlich
scharf und schneidend die Unerträglichkeit jenes sozialen und ökonomischen
Daseins zum Bewusstsein kam.”10, war sowohl ein Ausdruck als auch ein aktiver
Faktor bei der Reifung des Bewusstseins des russischen Proletariats darüber,
dass es eine Klasse ist und dass es als solche seinen Klassenfeind
konfrontieren muss.

Dem Generalstreik im Januar
folgte eine Periode andauernder Kämpfe um ökonomische Forderungen, die überall
im Land aufflackerten und wieder erloschen. Diese Periode war weniger spektakulär,
aber ebenso wichtig. "Die verschiedenen Unterströme des sozialen Prozesses
der Revolution durchkreuzen einander, hemmen einander, steigern die inneren
Widersprüche der Revolution (…) nicht nur der Januarblitz des ersten
Generalstreiks, sondern noch mehr das darauffolgende grosse Frühlings- und
Sommergewitter der ökonomischen Streiks (spielten) eine grosse Rolle".
Auch wenn es "keine Sensationsnachrichten vom russischen Kampfplatz"
gab, "wird in der Wirklichkeit in der Tiefe des ganzen Reiches die ganze Maulwurfsarbeit
der Revolution ohne Rast Tag für Tag und Stunde für Stunde fortgesetzt"
(ebenda). In Warschau fanden blutige Konfrontationen statt. In Lodz wurden
Barrikaden errichtet. Die Matrosen des Panzerkreuzers Potemkin meuterten auf
dem Schwarzen Meer. Diese gesamte Periode bereitete die zweite, stärkere
Periode der Revolution vor.

Oktober

"Diese zweite
revolutionäre Hauptaktion des Proletariats trägt schon einen wesentlich anderen
Charakter als die erste im Januar. Freilich war auch hier der erste Anlass zum
Ausbruch des Massenstreiks ein untergeordneter und scheinbar zufälliger: der
Konflikt der Eisenbahner mit der Verwaltung wegen der Pensionskasse. Allein die
darauf erfolgte allgemeine Erhebung des Industrieproletariats wird vom klaren
politischen Gedanken getragen. Der Prolog des Januarstreiks war ein Bittgang
zum Zaren um politische Freiheit, die Losung des Oktoberstreiks lautete: ‚Fort
mit der konstitutionellen Komödie des Zarismus!‘ Und dank dem sofortigen Erfolg
des Generalstreiks, dem Zarenmanifest vom 30. Oktober, fliesst die Bewegung
nicht nach innen zurück, wie im Januar, um erst die Anfänge des ökonomischen
Klassenkampfes nachzuholen, sondern ergiesst sich nach aussen, in eine eifrige
Bestätigung der frisch eroberten politischen Freiheit. Demonstrationen,
Versammlungen, eine junge Presse, öffentliche Diskussionen und blutige Massaker
als das Ende vom Lied, darauf neue Massenstreiks und Demonstrationen…"
(ebenda)

Im Oktober fand eine
qualitative Änderung statt, die in der Bildung eines Sowjets in Petersburg
ihren Ausdruck fand, welcher zu einem Meilenstein in der Geschichte der
internationalen Arbeiterbewegung werden sollte. Mit der Ausweitung des
Druckarbeiterstreiks auf die Eisenbahnen und Telegrafenämter trafen die
Arbeiter auf einer allgemeinen Versammlung die Entscheidung, einen Sowjet zu
bilden, der zum zentralen Nervensystem der Revolution wurde. "Der
Arbeiter-Delegiertenrat entstand als die Erfüllung eines objektiven, durch den
Gang der Ereignisse erzeugten Bedürfnisses nach einer Organisation, die die
Autorität darstellen könnte, ohne Traditionen zu haben, einer Organisation, die
mit einem Male die zerstreuten, nach Hunderttausenden zählenden Massen umfassen
könnte, ohne ihnen viele organisatorische Hemmungen aufzuerlegen, nach einer Organisation,
die die revolutionären Strömungen innerhalb des Proletariats vereinigen, die
einer Initiative fähig und automatisch sich selbst kontrollieren
könnte…".11 Bald darauf wurden Sowjets auch in vielen anderen Städten
gegründet.

Die Bildung der ersten Sowjets
verlief unbemerkt von einem grossen Teil der internationalen Bewegung. Rosa
Luxemburg, die auf der Basis der Revolution von 1905 so meisterhaft die neuen
Kennzeichen des Kampfes des Proletariats in der Morgendämmerung einer neuen
historischen Epoche – den Massenstreik – analysiert hatte, betrachtete die
Gewerkschaften noch immer als die Organisationsform der Klasse.12 Es waren die
Bolschewiki (wenn auch nicht sofort) und Trotzki, die den Fortschritt
erkannten, den die Bildung dieser Organe für die Arbeiterbewegung darstellte,
denn sie begriffen, dass die Sowjets tatsächlich Organe für die Machtergreifung
sind. Wir werden diesen Punkt hier nicht weiter ausführen, da wir ohnehin
beabsichtigen, uns mit ihm in einem anderen Artikel näher zu befassen.13 Wir
wollen nur darauf hinweisen, dass von dem Moment an, wo der Kapitalismus in
seine Epoche des Niedergangs getreten war, das Proletariat mit der
unmittelbaren Aufgabe des Sturzes des Kapitalismus konfrontiert war. So führten
zehn Monate des Kampfes, der sozialistischen Agitation, der Reifung des
Bewusstseins, der Änderung des Gleichgewichts der Kräfte zwischen den Klassen
ganz "natürlich" zur Schaffung von Organen zur Ausübung von Macht.

"Insgesamt waren die
Sowjets ganz simple Streikkomitees, gleich jenen, die stets während wilder
Streiks gebildet worden waren. Da die Streiks in Russland in den grossen
Fabriken ausbrachen und sich sehr schnell auf die Städte und Provinzen
ausbreiteten, mussten die Arbeiter permanent in Kontakt bleiben. Sie trafen
sich am Arbeitsplatz und diskutierten, (…) sie sandten Delegationen zu anderen
Fabriken (…) Doch diese Aufgaben waren tatsächlich viel breiter gefächert als
in den gegenwärtigen Streiks. Die Arbeiter mussten sich wirklich von der
schlimmen Unterdrückung durch den Zarismus befreien und waren sich darüber
bewusst, dass durch ihre Tat die eigentlichen Fundamente der russischen
Gesellschaft umgewandelt wurden. Es ging nicht nur um Löhne, sondern auch um
all die allgemeinen, die Gesellschaft betreffenden Probleme. Sie mussten für
sich selbst einen zuverlässigen Weg in den vielen Gebieten finden und sich mit
politischen Fragen befassen. Als sich der Streik intensivierte und übers ganze
Land ausbreitete, was Industrie und Transport zum Erliegen brachte und die
Behörden lähmte, waren die Sowjets mit neuen Problemen konfrontiert. Sie
mussten das gesellschaftliche Leben organisieren, auf die Aufrechterhaltung der
Ordnung wie auf die effiziente Funktionsweise des lebenswichtigen öffentlichen
Dienstes achten, kurz: Funktionen erfüllen, die gewöhnlich Sache der Regierung
sind. Die Arbeiter führten die von ihnen getroffenen Entscheidungen auch
aus."14

Dezember

"Die Gärung nach dem
kurzen Verfassungstraum und dem grausamen Erwachen führt endlich im Dezember
zum Ausbruch des dritten allgemeinen Massenstreiks im ganzen Zarenreich.
Diesmal sind der Verlauf und der Ausgang wieder ein ganz anderer als in den
beiden früheren Fällen. Die politische Aktion schlägt nicht mehr in eine
ökonomische um wie im Januar, sie erringt aber auch nicht mehr einen raschen
Sieg wie im Oktober. Die Versuche der russischen Kamarilla mit der wirklichen
politischen Freiheit werden nicht mehr gemacht, und die revolutionäre Aktion
stösst somit zum ersten Male in ihrer ganzen Breite auf die starre Mauer der materiellen
Gewalt des Absolutismus."15 Aufgeschreckt von der Bewegung des
Proletariats, reihte sich die kapitalistische Bourgeoisie hinter dem Zaren ein.
Der Regierung gelang es nicht, die liberalen Gesetze, die sie versprochen
hatte, durch die Duma zu bringen. Die Führer des Petrograder Sowjet wurden
inhaftiert. Doch in Moskau wurde der Kampf fortgesetzt: "Der Gipfel der
Revolution 1905 bildete der Dezemberaufstand in Moskau. Die kleine Zahl der
Aufständischen, nämlich der organisierten und bewaffneten Arbeiter – sie waren
nicht zahlreicher als etwa achttausend – leistete während neun Tagen Widerstand
der zaristischen Regierung, die der Moskauer Garnison kein Vertrauen schenken
konnte, dieselbe vielmehr hinter Schloss und Riegel halten musste und nur dank
der Ankunft des Semenowski-Regiments aus Petersburg den Aufstand zu
unterdrücken imstande war".16

Der proletarische Charakter
der Revolution von 1905 und die Dynamik des Massenstreiks

Das historische Hauptelement
ist bereits umrissen worden, und wir wollen daher hier nur einen Punkt
unterstreichen: Die Revolution von 1905 hatte nur einen Hauptprotagonisten, das
russische Proletariat, und ihre ganze Dynamik folgte strikt der Logik dieser
Klasse. Die gesamte internationale Arbeiterbewegung erwartete eine bürgerliche
Revolution in Russland und glaubte, dass es die zentrale Aufgabe der
Arbeiterklasse war, sich am Sturz des Feudalstaates zu beteiligen und auf eine
Etablierung bürgerlicher Freiheiten zu drängen, wie dies in den Revolutionen
von 1789 und 1848 der Fall gewesen war. Doch nicht nur, dass es der
Massenstreik der Arbeiterklasse war, der das Ganze anschob, darüber hinaus
führte seine Dynamik zur Schaffung von Machtorganen der Arbeiterklasse. Lenin
selbst war sich klar genug darüber, als er sagte, dass es abgesehen von ihrem
"bürgerlich demokratischen" Charakter und "nach ihrem sozialen
Inhalt (…) eine proletarische (Revolution) war, nicht nur in dem Sinne, dass
das Proletariat die führende Kraft, die Avantgarde der Bewegung darstellte,
sondern auch in dem Sinne, dass das spezifische proletarische Kampfesmittel,
nämlich der Streik, das Hauptmittel der Aufrüttelung der Massen und das am
meisten Charakteristische im wellenmässigen Gang der entscheidenden Ereignisse
bildete." (ebenda) Doch wenn Lenin vom Streik sprach, dürfen wir diesen
nicht als 4, 8 oder 24-Stunden-Aktion verstehen, wie heute von den
Gewerkschaften allerorten vorgeschlagen. Tatsächlich sollte das, was sich 1905
entwickelte und später Massenstreik genannt wurde, sollte dieses "Meer von
Erscheinungen" – wie es Rosa Luxemburg bezeichnete – die spontane
Ausweitung und Selbstorganisierung des Kampfes des Proletariats alle grossen
Bewegungen von Kämpfen im 20. Jahrhundert charakterisieren. "Der rechte
Flügel der Zweiten Internationalen, die Mehrheit, konnte, überrascht von der
Gewalttätigkeit dieser Ereignisse, überhaupt nicht verstehen, was vor sich
ging, sondern offenbarte seine lautstarke Missbilligung und Abscheu gegenüber
der Entwicklung des Klassenkampfes – und liess somit den Prozess erahnen, der ihn
in das Lager des Klassenfeindes führen sollte."17 Der linke Flügel, der
die Bolschewiki, Rosa Luxemburg und Pannekoek mit einschloss, sah sich bald in
seinen Positionen (gegen Bernsteins Revisionismus18 und den parlamentarischen
Kretinismus) bestätigt, doch er musste grosse theoretische Anstrengungen
unternehmen, um die veränderten Bedingungen im Leben des Kapitalismus
vollständig zu begreifen – die Phase des
Imperialismus und der Dekadenz – die den Wandel in den Zielen und Mitteln des
Klassenkampfes bestimmten. Doch Luxemburg hatte bereits die Voraussetzungen
dafür skizziert: "So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein
spezifisch russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als
eine allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich aus dem
gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der
Klassenverhältnisse ergibt (…) die heutige russische Revolution steht auf einem
Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den Berg, über den Höhepunkt
der kapitalistischen Entwicklung hinweggeschritten ist."19

Der Massenstreik ist nicht
einfach eine Bewegung der Massen, eine Art Volksaufstand, der "alle
Unterdrückten" umfasst und als solcher positiv ist, wenn wir den Worten
der linkskapitalistischen und anarchistischen Ideologie folgen. 1905 schrieb
Pannekoek: "Nimmt man die Masse ganz im allgemeinen, das ganze Volk, so
findet man, dass bei der gegenseitigen Aufhebung entgegengesetzter Auffassungen
und Willen anscheinend nichts übrig bleibt als eine willenlose, launenhafte,
zügellose, charakterlose, passive Masse, hin und her schwankend zwischen
verschiedenen Antrieben, zwischen aufbäumendem Impuls und dumpfer
Gleichgültigkeit – bekanntlich das Bild in dem die liberalen Schriftsteller am
liebsten das Volk darstelle. (…) Denn zwischen der kleinsten Einheit, der
Einzelpersonen, und dem ganzen Allgemeinen, in dem alle Unterschiede aufgehoben
sind, der inerten Massen, kennen sie kein Zwischenglied; sie kennen nicht die
Klassen. Demgegenüber ist es die Kraft der sozialistischen Geschichtslehre,
dass sie in die unendliche Verschiedenheit der Persönlichkeiten Ordnung und
System brachte durch die Verteilung der Gesellschaft in Klassen. (…)
Unterscheidet man in der geschichtlichen Massenbewegung die besonderen Klassen,
so tritt aus dem zuvor unentwirrbaren Nebelbild auf einmal ein übersichtlicher
Kampf der Klassen hervor, mit seinen wechselnden Momenten, von Angriff,
Rückzug, Verteidigung, Sieg und Niederlage."20

Während sich die Bourgeoisie
und mit ihr die Opportunisten der Arbeiterbewegung mit Abscheu von der
"unbegreiflichen" Bewegung in Russland 1905 abwandten, sei es an der
revolutionären Linken gewesen, die Lehren aus der neuen Situation zu ziehen:
"Daher sind die Massenaktionen eine natürliche folge der imperialistischen
Entwicklung des modernen Kapitalismus und bilden immer mehr die notwendige Form
des Kampfes gegen ihn. (...) Früher musste die Volkserhebung entweder das ganze
Ziel erobern, oder sie waren gescheitert, wenn ihre Macht nicht dazu
ausreichte. Unsere Massenaktionen (des Proletariats) können nicht scheitern;
auch wenn das gesetzte Ziel nicht erreicht wird, sind sie nicht vergebens, und
sogar zeitweilige Rückschläge bauen an dem zukünftigen Sieg mit."21

Der Massenstreik ist kein
fertiges Rezept wie der von den Anarchisten propagierte
"Generalstreik"22, er ist vielmehr der originäre Ausdruck der
Arbeiterklasse, eine bestimmte Art, ihre Kräfte zu sammeln, um ihren
revolutionären Kampf vorzubereiten. "Mit einem Wort: Der Massenstreik, wie
ihn uns die russische Revolution zeigt, ist nicht ein pfiffiges Mittel,
ausgeklügelt zum Zwecke einer kräftigeren Wirkung des proletarischen Kampfes,
sondern er ist die Bewegungsweise der proletarischen Masse, die
Erscheinungsform des proletarischen Kampfes in der Revolution."23 Heute
haben wir keine direkte oder indirekte Vorstellung, was ein Massenstreik ist,
mit der Ausnahme des für die Älteren unter uns wohl bekannten Kampfes der
polnischen Arbeiter 1980.24 So wenden wir uns einmal mehr Rosa Luxemburg zu,
die einen soliden und klaren Rahmen anbietet: "… dass die Massenstreiks,
von jenem ersten grossen Lohnkampf der Petersburger Textilarbeiter im Jahre
1896/1897 bis zu dem letzten grossen Massenstreik im Dezember 1905, ganz
unmerklich aus ökonomischen in politische übergehen, so dass es fast unmöglich
ist, die Grenzen zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den grossen
Massenstreiks wiederholt sozusagen im Kleinen die allgemeine Geschichte des
russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein ökonomischen oder jedenfalls
partiellen gewerkschaftlichen Konflikt, um die Stufenleiter bis zur politischen
Kundgebung zu durchlaufen (…) Der Januarmassenstreik 1905 entwickelt sich aus
dem internen Konflikt in den Putilow-Werken, der Oktoberstreik aus dem Kampf
der Eisenbahner um die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem Kampf
der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der Fortschritt
der Bewegung im ganzen äussert sich nicht darin, dass das ökonomische
Anfangsstadium ausfällt, sondern vielmehr in der Rapidität, womit die
Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen wird, und in der Extremität
des Punktes, bis zu dem sich der Massenstreik voranbewegt (…) bilden das
ökonomische und das politische Moment in der Massenstreikperiode, weit entfernt,
sich reinlich zu scheiden oder gar auszuschliessen (…), vielmehr nur zwei
ineinander geschlungene Seiten des proletarischen Klassenkampfes in " 25
Hier greift Rosa Luxemburg einen wichtigen Aspekt des revolutionären Kampfes
des Proletariats auf: die unzertrennliche Einheit zwischen dem ökonomischen und
politischen Kampf. Im Gegensatz zu jenen, die damals sagten, dass der
politische Kampf hervorrage, dass er sozusagen der edle Aspekt in der
Konfrontation des Proletariats mit der Bourgeoisie sei, erklärt Luxemburg klar
und deutlich, wie sich der Kampf vom ökonomischen zum politischen Terrain
entwickelt und dann mit Macht zum Terrain des ökonomischen Kampfes zurückkehrt.
Dies wird besonders deutlich, wenn man die Texte über die Revolution von 1905
und die Frühjahrs- und Sommerperiode liest. In der Tat sehen wir, wie das
Proletariat am blutigen Sonntag mit einer politischen Demonstration begann,
indem es um politische Rechte ersuchte, und sich dann, nach der schweren
Repression, nicht etwa zurückzog, sondern vielmehr mit neuer Energie und Stärke
auf die Bühne trat und sich für die Verteidigung seiner Arbeits- und
Lebensbedingungen einsetzte. Aus diesem Grund gab es in den folgenden Monaten
einen Anstieg in der Zahl der Kämpfe: "Hier wird um den Achtstundentag gekämpft,
dort gegen die Akkordarbeit, hier werden brutale Meister auf dem Handkarren im
Sack ‚hinausgeführt‘, anderswo gegen infame Strafsysteme, überall um bessere
Löhne, hier und da um Abschaffung der Heimarbeit gekämpft." (ebenda).
Diese Periode war auch von grosser Bedeutung, weil sie, wie Rosa Luxemburg
betont, dem Proletariat die Gelegenheit gab, im Nachhinein all die Lehren des
Prologs zum Januar zu verinnerlichen und ihre Ideen für die Zukunft zu klären.
In der Tat: "Der plötzlich durch den elektrischen Schlag einer politischen
Aktion wachgerüttelte Arbeiter greift im nächsten Augenblick vor allem zu dem
Nächstliegenden: zur Abwehr gegen sein ökonomisches Sklavenverhältnis; die
stürmische Geste des politischen Kampfes lässt ihn plötzlich mit ungeahnter
Intensität die Schwere und den Druck seiner ökonomischen Ketten
fühlen."(ebenda).

Der spontane Charakter der
Revolution und das Vertrauen in die Arbeiterklasse

Ein besonders wichtiger Aspekt
des revolutionären Prozesses in Russland 1905 war sein ausgesprochen spontaner
Charakter. Die Kämpfe entstanden, entwickelten und verstärkten sich. Sie
verhalfen neuen Kampfinstrumenten wie dem Massenstreik oder den Sowjets zur
Entstehung, ohne dass es den revolutionären Parteien jener Zeit gelang, Schritt
zu halten mit den Ereignissen oder gar zunächst die Folgen dessen völlig zu
verstehen, was sich da ereignete. Die Stärke des Proletariats innerhalb der
Bewegung zur Verteidigung seiner eigenen Interessen ist eindrucksvoll und
enthält eine ausserordentliche Kreativität. Lenin erkannte dies in seiner
Einschätzung der Revolution von 1905, die er ein Jahr darauf verfasste:
"Vom Streik und von Demonstrationen zu einzelnen Barrikaden, von einzelnen
Barrikaden zu massenweiser Errichtung von Barrikaden und zum Strassenkampf mit
den Truppen. Über den Kopf der Organisationen hinweg ging der proletarische
Massenkampf vom Streik zum Aufstand über. Darin liegt die allergrösste
geschichtliche Errungenschaft der russischen Revolution, die im Dezember 1905
erreicht wurde, eine Errungenschaft, die wie alle vorangegangenen um den Preis
des grössten Opfers erkauft wurde. Vom politischen Massenstreik wurde die
Bewegung auf eine höhere Stufe gehoben. Sie zwang die Reaktion, in ihrem
Widerstand bis zum letzten zu gehen, und brachte dadurch mit Riesenschritten
den Augenblick nahe, in dem die Revolution im Gebrauch der Angriffsmittel
ebenfalls bis zum letzten gehen wird. Die Reaktion kann nicht weiter gehen als
bis zum Artilleriebeschuss von Barrikaden, Häusern und der Menschenmenge auf
den Strassen. Die Revolution kann noch weiter gehen als bis zum Kampf der
Moskauer Kampfgruppen, sie kann noch viel, viel weiter gehen, in die Breite und
in die Tiefen (…) Den Wechsel in den objektiven Bedingungen des Kampfes, der
den Übergang vom Streik zum Aufstand erforderte, hat das Proletariat früher als
seine Führer gefühlt. Die Praxis ist, wie stets, der Theorie
vorausgegangen."26

Diese Passage von Lenin ist
besonders wichtig heute, wenn man bedenkt, dass viele Zweifel, die unter
politisierten Elementen und, bis zu einem gewissen Umfang, auch innerhalb
proletarischer Organisation vorhanden sind, mit dem Gedanken verknüpft sind,
dass es dem Proletariat nie gelingen wird, sich aus seiner Apathie zu befreien,
in die es manchmal zu fallen scheint. Was 1905 geschah, straft diesen Gedanken
auf bemerkenswerte Weise Lügen, und das Erstaunen, das wir fühlen, wenn wir
sehen, dass der Klassenkampf spontan war, drückt lediglich die Unterschätzung
des tief greifenden Prozesses aus, der innerhalb der Klasse stattfindet, der
unterirdischen Reifung des Bewusstseins, von dem Marx sprach, wenn er den
"alten Maulwurf" erwähnte. Das Vertrauen in die Arbeiterklasse, in
ihre Fähigkeit, eine politische Antwort auf die Probleme zu geben, die die
Gesellschaft heimsuchen, ist eine Grundfrage in der gegenwärtigen Periode. Nach
dem Fall der Berliner Mauer und der ihm folgenden bürgerlichen Kampagne rund um
das Scheitern des Kommunismus, fälschlicherweise auf das berüchtigte
stalinistische Regime gemünzt, hat die Arbeiterklasse Schwierigkeiten, sich
selbst als Klasse anzuerkennen und mit einem Ziel, einer Perspektive, einem
Ideal, für das es sich zu kämpfen lohnt, zu identifizieren. Dieser Mangel an
Perspektive bewirkt automatisch eine Dämpfung des Kampfgeistes, er schwächt die
Überzeugung, die notwendig ist, um zu kämpfen, denn man kämpft nicht für
Nichts, sondern nur, wenn man etwas anstrebt. Aus diesem Grund sind heute die
Abwesenheit von Klarheit über die Perspektive und der Mangel an Überzeugung in
sich selbst eng miteinander verknüpft. Solch eine Situation kann im
Wesentlichen nur in der Praxis überwunden werden, durch die direkte Erfahrung
der Arbeiterklasse über ihre Fähigkeiten und über die Notwendigkeit, für eine
Perspektive zu kämpfen. Genau dies geschah in Russland 1905, als "In einigen
Monaten sah es vollständig anders aus! Hunderte revolutionäre Sozialdemokraten
wuchsen ‚plötzlich‘ zu Tausenden, Tausende wurden zu Führern von 2 bis 3
Millionen Bauern, die Bauernbewegung erzeugte Sympathie im Heere und führte zu
Militäraufständen, zu bewaffneten Kämpfen eines Teiles des Heeres gegen einen
anderen Teil. "27 Dies war nicht nur für das Proletariat in Russland
notwendig, sondern auch für das Weltproletariat, einschliesslich des höchst
entwickelten deutschen Proletariats.

"In der Revolution, wo die
Masse selbst auf dem politischen Schauplatz erscheint, wird das
Klassenbewusstsein ein praktisches, aktives. Dem russischen Proletariat hat
deshalb ein Jahr der Revolution jene ‚Schulung‘ gegeben, welche dem deutschen
Proletariat 30 Jahre parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht
künstlich geben können (…) Ebenso sicher wird aber umgekehrt in Deutschland in
einer Periode kräftiger politischer Aktionen das lebendige, aktionsfähige
revolutionäre Klassengefühl die breitesten und tiefsten Schichten des
Proletariats ergreifen, und zwar um so rascher und um so mächtiger, je
gewaltiger das bis dahin geleistete Erziehungswerk der Sozialdemokratie
ist."28 Wir können, indem wir Rosa Luxemburg sinngemäss wiedergeben,
gleichermassen sagen dass auch heute, in dieser Periode der tiefen
internationalen Wirtschaftskrise und angesichts der offenkundigen Unfähigkeit
der Bourgeoisie, dem Bankrott des kapitalistischen Systems etwas entgegen zu
setzen, ein aktives und lebendiges revolutionäres Gefühl die reifsten Teile des
Proletariats ergreifen wird, und dies wird besonders in den entwickelteren
kapitalistischen Ländern geschehen, wo der Erfahrungsschatz der Klasse am
reichsten und am tiefsten verwurzelt ist und wo die revolutionären Kräfte,
obschon noch immer schwach, präsenter sind. Dieses Vertrauen, das wir heute in
der Arbeiterklasse ausdrücken, ist weder ein Glaubensbekenntnis noch ein
blindes, mystisches Vertrauen, sondern beruht exakt auf der Geschichte der
Klasse und auf ihre gelegentlich überraschende Fähigkeit, aus der
offensichtlichen Trägheit zu erwachen. Wie wir versucht haben aufzuzeigen, ist,
obwohl es zutrifft, dass die dynamischen Prozesse, durch welche ihr Bewusstsein
reift, oftmals verborgen und schwer zu durchschauen sind, es gewiss, dass diese
Klasse historisch wegen ihrer Stellung in der Gesellschaft sowohl als
ausgebeutete als auch als revolutionäre Klasse gefordert ist, jene Klasse zu
konfrontieren, die sie unterdrückt, die Bourgeoisie. Mit der Erfahrung dieser
Auseinandersetzung wird sie das Selbstvertrauen wieder entdecken, dessen sie
heute entbehrt:

"Hier sind die Massen
schon vorher organisiert, ihre Aktion ist im voraus überlegt und vorbereitet,
und nach deren Abschluss bleibt die Organisation zusammen. (…) In unseren
Massenaktionen handelt es sich nun allerdings auch um die Eroberung der
Herrschaft, aber wir wissen, dass sie nur durch eine hochorganisierte,
sozialistische Volksmasse möglich ist. (…) Die Befestigung der
Klassenherrschaft, die wir ins Auge fassen, ist nur dadurch möchlich, das jetzt
eine bleibende Volksmacht allmählich und unerschütterlich aufgebaut wird, bis
zu dem Grade, dass sie die Staatsgewalt der Bourgeoisie durch ihre Wucht
einfach zerdrückt und in nichts auflöst."29

Neben der Entwicklung des
Selbstvertrauens der Arbeiterklasse gibt es ein weiteres entscheidendes Element
im proletarischen Kampf: die Solidarität innerhalb ihrer Reihen. Die
Arbeiterklasse ist die einzige Klasse, die einen wirklichen Sinn für
Solidarität besitzt, da es in ihr keine divergierenden wirtschaftlichen
Interessen gibt – anders als die Bourgeoisie, eine Klasse der Konkurrenz, für
die sich die Solidarität lediglich innerhalb des nationalen Rahmens oder gegen
ihren historischen Gegner, das Proletariat, ausdrückt. Die Konkurrenz innerhalb
des Proletariats wird ihm vom Kapitalismus aufgezwungen, doch die Gesellschaft,
die es mit seiner Zeugungskraft und mit seinem Dasein in die Welt setzt, ist
eine Gesellschaft, die mit allen Teilungen Schluss macht, eine wirkliche
menschliche Gemeinschaft. Die proletarische Solidarität ist eine fundamentale
Waffe im proletarischen Kampf; sie stand am Anfang der riesigen Erhebungen in
Russland 1905: "Der Funke, der den Brand entfachte, war einer der
alltäglichen Zusammenstösse zwischen Arbeit und Kapital – ein Streik in einem
Werk. Interessant jedoch ist, dass dieser Streik der 12'000 Putilow-Arbeiter,
der am Montag dem, 3. Januar ausbrach, vor allem ein Streik der proletarischen
Solidarität war. Der Anlass war die Entlassung von vier Arbeitern. ‚Als die
Forderung, sie wieder einzustellen, nicht erfüllt wurde‘ schreibt uns am 7.
Januar ein Genosse aus Pertersburg, ‚wurde die Arbeit sofort und sehr einmütig
niedergelegt‘"30

Es ist kein Zufall, dass die
Bourgeoisie heute versucht, den Begriff der Solidarität zu verzerren, indem sie
ihn in einer "humanitären" Form präsentiert oder als
"ökonomische Solidarität" aufbereitet, einer der Tricks der neuen,
"alternativen" Antiglobalisierungsbewegung, die versucht, der
allmählichen Bewusstwerdung entgegenzuwirken, die sich in der Tiefe der
Gesellschaft über die Sackgasse, die der Kapitalismus für die Menschheit
repräsentiert, entwickelt. Auch wenn die Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit
sich noch nicht über die Macht ihrer Solidarität bewusst ist, die Bourgeoisie
selbst hat die Lehren nicht vergessen, die das Proletariat in die Geschichte
geprägt hat.

1905 war eine grosse
Arbeiterbewegung, die aus den Tiefen der revolutionären Seele des Proletariats
emporkam und die die schöpferische Macht der revolutionären Klasse zeigte. Heute
hat das Proletariat trotz aller Schläge, die die Bourgeoisie in ihrem
Todeskampf ausgeteilt hat, seine Fähigkeiten immer noch erhalten. Es liegt an
den Revolutionären, ihre Klasse in die Lage zu versetzen, sich die grossen
Erfahrungen ihrer vergangenen Geschichte wiederanzueignen und unermüdlich das
theoretische und politische Terrain für die Entwicklung des Kampfes sowie des
Bewusstseins der Klasse heute und morgen zu bereiten.

"Aber im Sturm der
revolutionären Periode verwandelt sich eben der Proletarier aus einem
Unterstützung heischenden vorsorglichen Familienvater in einen
‚Revolutionsromantiker‘, für den sogar das höchste Gut, nämlich das Leben,
geschweige das materielle Wohlsein im Vergleich mit den Kampfidealen geringen
Wert besitzt. Wenn aber die Leitung der Massenstreiks im Sinne des Kommandos
über ihre Entstehung und im Sinne der Berechnung und Deckung ihrer Kosten Sache
der revolutionären Periode selbst ist, so kommt dafür die Leitung bei
Massenstreiks in einem ganz anderen Sinne der Sozialdemokratie und ihren
führenden Organen zu (…) ist die Sozialdemokratie berufen, die politische
Leitung auch mitten in der Revolutionsperiode zu übernehmen. Die Parole, die
Richtung dem Kampfe zu geben, die Taktik des politischen Kampfes so
einzurichten, dass in jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze
Summe der vorhandenen und bereits ausgelösten, betätigten Macht des
Proletariats realisiert wird…"31 1905 waren die Revolutionäre (zu jener
Zeit Sozialdemokraten genannt) oft überrascht, überfordert von der Heftigkeit
der Bewegung, von ihrer Neuheit sowie von ihren schöpferischen Einfällen. Sie
waren nicht immer in der Lage, die passenden Losungen für, wie Rosa Luxemburg
sagt, "jede Phase, jeden Moment" zu finden, und sie begingen sogar ernste
Fehler. Doch die grundlegende revolutionäre Arbeit, die sie vor und während der
Bewegung leisteten, die sozialistische Agitation, die aktive Beteiligung an den
Kämpfen ihrer Klasse waren unerlässliche Faktoren der Revolution von 1905. Ihre
Fähigkeit, im Anschluss daran die Lehren aus diesen Ereignissen zu ziehen,
bereitete den Boden für den Sieg von 1917.
Ezechiele (5.12.2004)

Fußnoten:

1 Es ist innerhalb des Rahmens dieser Artikel nicht möglich,
den ganzen Reichtum dieser Ereignisse oder sämtliche aufgeworfene Fragen zu
schildern, und wir verweisen den Leser auf die historischen Dokumente selbst.
Ausserdem haben wir eine Reihe von Punkten ausser Acht gelassen, wie die
Diskussion über die bürgerlichen Aufgaben (gemäss der Menschewiki), den
"demokratisch-bürgerlichen" Charakter (gemäss der Bolschewiki) der
Russischen Revolution oder die "Theorie der permanenten Revolution"
(laut Trotzki), die alle mehr oder weniger dazu neigen, die Aufgaben des
Proletariats innerhalb des nationalen Rahmens und unter den Vorzeichen der
Aufstiegsphase des Kapitalismus zu betrachten. Des Gleichen können wir nicht
auf die Diskussion in der deutschen Sozialdemokratie, insbesondere zwischen
Kautsky und Rosa Luxemburg über den Massenstreik, eingehen

2 Leo Trotzki: 1905.

3 R. Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S.103.

4 22. Januar, entsprechend dem alten Julianischen Kalender,
der damals in Russland noch gültig war.

5 V. I. Lenin: Ein Vortrag über die Revolution von 1905, in:
LW Bd. 23, S. 244.

6 Subatow war ein hochrangiger Polizeioffizier, der in
Übereinstimmung mit der Regierung Arbeiterassoziationen gründete und damit
bezweckte, die Konflikte innerhalb eines strikt ökonomischen Rahmens zu halten
und sie von jeder Kritik an der Regierung abzuhalten.

7 V. I. Lenin: Der Petersburger Streik, in: LW Bd. 8,

S. 78.

8 V. I. Lenin: Ein Vortrag über die Revolution von 1905, in:
LW Bd. 23, S. 244.

9 L. Trotzki: 1905.

10 R. Luxemburg: Massenstreik Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S.112.

11 L. Trotzki: 1905

12 s. unseren Artikel Notes on the mass strike, in:
International Review, Nr. 27 (frz., engl., span. Ausgabe).

13 s. unseren Artikel 1905 Revolution: Fundamental Lessons
for the Proletariat, in: International Review, Nr. 43, (frz., engl., span.
Ausgabe).

14 A. Pannekoek: Die Arbeiterräte (Entwurf von 1941–42),
eigene Übersetzung.

15 R. Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S.123.

16 V. I. Lenin: Ein Vortrag über die Revolution von 1905, in:
LW Bd. 23, S. 258.

17 s. Die historische Bedingung der Generalisierung des
Klassenkampfes, in: International Revue, Nr. 7.

18 Innerhalb der deutschen Sozialdemokratie förderte
Bernstein die Idee vom friedlichen Übergang zum Sozialismus. Seine Strömung
wurde als revisionistisch bezeichnet. Rosa Luxemburg kämpfte gegen sie als ein
Ausdruck einer gefährlichen opportunistischen Verirrung, die die Partei betraf,
in ihrem Pamphlet Sozialreform oder Revolution an.

19 R. Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S.149.

20 A. Pannekoek: Marxismus und Theologie, veröffentlicht in
der Neuen Zeit 1905, zitiert in: Massenaktion und Revolution.

21 A. Pannekoek: Massenaktion und Revolution, Neue Zeit,
1912.

22 s. Die historischen Bedingungen der Generalisierung des
Klassenkampfes, in: International Revue, Nr. 7.

23 R. Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S. 128.

24 s. Polen 1980: Perspektive und Bedeutung der Kämpfe, in:
Internationalen Revue Nr. 6.

25 R. Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S. 127/128.

26 V. I. Lenin: Die Lehren des Moskauer Aufstand, in: LW Bd.
11, S. 158/159.

27 V.I. Lenin: Ein Vortrag über die Revolution von 1905, in:
LW Bd. 23, S. 244.

28 R. Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S. 145.

29 A. Pannekoek: Massenaktion und Revolution, Neue Zeit,
1912.

30 V.I.
Lenin: Revolutionstage, in: LW Bd. 8, S. 102

31 R. Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in:
Werke Bd. 2, S.133/134.

Geschichte der Arbeiterbewegung: 

Theoretische Fragen: 

Erbe der kommunistischen Linke: