Der Kapitalismus ist in einer Sackgasse: weder Sparpolitik noch Konjunkturprogramme werden daran etwas ändern

„Die G20 ist auf der Suche nach einem neuen Weg
die Welt zu regieren". Dermassen ambitiös titelte ein Artikel in der Zeitung Le
Monde
vom 26. Juni 2010 zum letzten Gipfeltreffen der Grossmächte. Eine
wahrlich hohe Erwartung angesichts der katastrophalen Lage der Welt!

Hoffnungen auf eine Besserung zu haben ist
tatsächlich nachvollziehbar. Doch in den letzten zwei Jahren haben sich die
Angriffe gegen die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse nur verschärft. Trotz
all der grossartigen Ankündigungen eines baldigen, oder schon eingetretenen,
wirtschaftlichen Aufschwungs stagniert die Weltwirtschaft, und die Zukunft
sieht düster aus. Das Treffen der Regierungschefs die über die Weltwirtschaft
entscheiden, und damit auch das Schicksal der Weltbevölkerung in den Händen
halten, versprach nach einem Weg zu suchen der alles besser werden lässt.

Das G8 Treffen (eine Vorbereitung auf das G20
Treffen) hatte sich zuvor auf folgende Politik geeinigt um die Welt aus der
Krise zu führen: Konjunkturprogramme starten wie sie die USA empfehlen und
schon eingeführt haben, oder Sparprogramme durchzuführen um den drohenden
Staatsbankrott abzuwenden, so wie es die meisten europäischen Staaten empfehlen
und durchziehen. Die G20 sollte die Banken Besteuern um einen Reserve-Fonds
gegen Finanzkrisen anzulegen, denn die Krise von 2007 ist nicht gelöst, auch
wenn die schlimmsten Auswirkungen im Zaum gehalten werden können. Gleichzeitig
sollte eine „Regulierung des Finanzsystems" beschlossen werden um die
destabilisierendsten Formen der Spekulation einzudämmen und die finanziellen
Ressourcen mehr auf die Entwicklung der Produktion zu lenken. Doch was war das
Resultat dieses G20 Gipfels? Nichts! Der ganze Berg von Problemen ist um keinen
Millimeter kleiner geworden. Es wurden keine Beschlüsse gefasst zu all diesen
Problemen, wie wir weiter in diesem Artikel sehen werden. Die G20 Beteiligten
konnten lediglich ihre Unstimmigkeiten feststellen: „Bezüglich der Fragen die
am G20 Gipfel im Zentrum standen beschlossen die Teilnehmer, das Wichtigste sei
es abzuwarten. Die Divergenzen sind zu gross und demnach auch die mangelnde
Vorbereitung"[1] . Der
französische Präsident Sarkozy gab sich grösste Mühe die Hilflosigkeit der
Herrschenden dieser Welt herunterzuspielen: „Man kann nicht an jedem
Gipfeltreffen historischen Entscheide fällen"!

Die vorgängigen G20 Treffen hatten Reformen
versprochen, aufgrund der Erfahrungen aus der „subprime"-Krise und der darauf
folgenden Finanzkrise. Diesmal wurden nicht einmal Versprechen gemacht. Weshalb
sind die grossen Manger des Weltkapitalismus nicht fähig irgendeinen Entscheid
zu fällen? Der Grund liegt darin, dass es keine Lösung gibt für die Krise des
Kapitalismus - ausser der Überwindung dieser historisch senilen
Produktionsweise. Doch es gibt auch noch eine andere Erklärung die mehr aus den
direkten Umständen hervorgeht: Seit sich die Staatschefs bewusst darüber sind
wie weit die Weltwirtschaft in eine Krise abgleitet, sind sie schlau genug
geworden um Phrasen wie die des früheren Präsidenten der Elfenbeinküste F.
Houphouet Boigny „Wir befinden uns am Rande des Abgrundes, aber wir haben einen
grossen Schritt vorwärts gemacht"[2] zu
vermeiden. Unter den heutigen Umständen würde dies niemandem mehr ein Lächeln
abringen.

Das Ende
der Konjunkturprogramme und die Rückkehr
der Depression

Der Ausbruch der Finanzkrise 2008 hatte
zu einem Rückgang in den meisten Ländern der Welt geführt (und hauptsächlich zu
einer Verlangsamung in China und Indien). Um diesem Phänomen entgegenzutreten
hatten die Herrschenden in den meisten Ländern Konjunkturprogramme
verabschiedet, wobei die Chinas und er USA am umfangreichsten waren. Nachdem
diese Konjunkturpakete einen teilweisen Anschub der wirtschaftlichen
Aktivitäten und eine Stabilisierung der Wirtschaft der am meisten entwickelten
Länder bewirken konnte, sind die Auswirkungen auf die Nachfrage, die Produktion
und den Handel daran zu verpuffen.

Trotz all der Propaganda über den Aufschwung
der in Gang gekommen sei, sind die Herrschenden nunmehr gezwungen
einzugestehen, dass sich die Dinge nicht in diese Richtung entwickeln. In den
USA hatte man für 2010 ein Wachstum von 3,5 % erwartet, es wurde jedoch auf 2,7
% korrigiert; die Arbeitslosigkeit vergrössert sich Woche für Woche und die
amerikanische Wirtschaft begann mit dem Abbau von Arbeitsplätzen[3];
im Generellen zeigten verschiedenste Messfaktoren für die wirtschaftliche
Aktivität in den USA ein Abflauen des Wachstums. In der Eurozone betrug das
Wachstum im ersten Quartal 2010 kaum 0,1 % und die Europäische Zentralbank
schätzt für das gesamte Jahr ein Wachstum das 1 % nicht überschreitet. Die
schlechten Nachrichten brechen nicht ab. Das Wachstum in der
Industrieproduktion ist zurückgegangen und die Arbeitslosigkeit wieder am
steigen, mit Ausnahme Deutschlands. Für 2010 wurde ein anhaltender Rückgang des
Bruttosozialproduktes in Spanien vorausgesagt (minus 0,3 %). Es ist auffallend,
dass in den USA und in Europa die Investitionen laufend rückgängig sind und
dass damit also die Unternehmen kein reales Wachstum in der Produktion
vorsehen.

In Asien, der Region die als das neue
Anziehungsgebiet der Weltwirtschaft gesehen wurde, gehen die Aktivitäten
zurück. In China ist der Conference Board Index, dem im April ein Wachstum von
1,7 % vorausgesagt wurde, nur um 0,3 % angestiegen. Diese Zahl ist durch erst
kürzlich veröffentlichte bestätigt worden. Wenn die monatlichen Zahlen für ein
bestimmtes Land nicht zwangsläufig den generellen Trend aufzeigen, so zeigt
andererseits die Tatsache, dass in den grössten Ländern Asiens die Wirtschaft
dieselbe Entwicklung einschlägt etwas Bedeutsames auf: In Indien gehen die
wirtschaftlichen Aktivitäten zurück, in Japan sind die Zahlen der industriellen
Produktion und des Haushaltkonsums im Mai rückläufig.

Und schlussendlich, um alle Fanfaren in
der Presse über einen Aufschwung Lügen zu strafen, zeigt der Baltic Dry Index,
der die Entwicklung des Welthandels misst, nach unten und bestätigt diesen
Trend.

Staatsbankrotte

Immer mehr Staaten haben
Schwierigkeiten, ihre Zinszahlungen für ihre Schulden zu erfüllen.

Aber die Zinszahlungen sind eine
unabdingbare Bedingung dafür, dass die großen Banken weiterhin Kredite
vergeben. Jedoch sind die PIIGs nicht die einzigen Staaten mit wachsender
Verschuldung. Die Ratingagenturen haben auch ausdrücklich gedroht,
Großbritannien herabzustufen und es in die Reihe der PIIGs einzuordnen, falls
das Land keine großen Anstrengungen zur Reduzierung seiner öffentlichen
Schulden unternähme. Auch Japan (das in den 1990er Jahren als ein Land
gehandelt wurde, das die USA als wirtschaftlich führende Macht überholen
könnte) hat ein öffentliches Verschuldungsniveau erreicht, das der zweifachen
Summe seines BIP entspricht [4].
Diese Liste, die wir noch verlängern könnten, zeigt, dass die Tendenz zur
Zahlungsunfähigkeit der Staaten eine weltweite Tendenz ist, weil alle Staaten
von der Zuspitzung der Krise seit 2007 betroffen sind und auch vor ähnlichen
Gleichgewichtsstörungen wie in Griechenland oder Portugal stehen.

Aber nicht nur Staaten nähern sich der
Zahlungsunfähigkeit. Das Bankensystem ist auch immer mehr aufgrund folgender
Faktoren gefährdet:

-   Alle Spezialisten wissen und sagen, dass die
Banken ihre „giftigen Produkte" nicht wirklich „entsorgen" konnten, die Ende
2008 zum Bankrott zahlreicher Finanzinstitute geführt hatten;

-   trotz dieser Schwierigkeiten haben die Banken
aber nicht aufgehört auf den Weltfinanzmärkten mit dem Kauf von
Hochrisikoprodukten zu spekulieren. Im Gegenteil, sie mussten damit fortfahren,
um zu versuchen, die massiv eingefahrenen Verluste auszugleichen;

-   die Zuspitzung der Krise seit Ende 2007 hat
zu zahlreichen Firmenpleiten geführt, so dass viele arbeitslos gewordene
Beschäftigte ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können.

Ein Beispiel hierzu gab es neulich am
22. Mai, als die Caja Sur in Spanien vom Staat übernommen werden musste. Aber
dieses Beispiel ist nur die Spitze des Eisberges der Schwierigkeiten der Banken
in der letzten Zeit. Andere Banken in Europa wurden von Ratingagenturen
heruntergestuft (Caja Madrid in Spanien, BNP in Frankreich), aber vor allem hat
die EZB die Finanzwelt darüber informiert, dass die europäischen Banken in den
nächsten beiden Jahren ihre Aktiva um 195 Milliarden senken müssten, und dass
der geschätzte Kapitalbedarf bis 2012 auf 800 Mrd. Euro ansteigen werde. Ein
anderes Ereignis der letzten Zeit wirft ebenso ein krasses Licht auf die
gegenwärtige Zerbrechlichkeit des Bankensystems: Siemens hat beschlossen, eine
eigene Bank aufzubauen. D.h. eine Bank, die nur Siemens und seinen Kunden zu
Diensten stünde. Nachdem Siemens schon bei der Lehman Brothers Pleite ca. 140
Millionen Dollar hat abschreiben müssen, hat der Konzern Angst, dass sich
Ähnliches wiederholen könnte mit seinem Guthaben bei anderen „klassischen"
Banken. Andere Firmen wie Veolia, das mit British American Tobacco und anderen
Firmen zusammenarbeitet, hatten schon im Januar 2010 den gleichen Schritt
vollzogen [5].
Es ist klar, wenn Firmen, deren Solidität im Augenblick nicht infrage gestellt
wird, ihre Gelder nicht mehr den großen Banken anvertrauen, wird deren Lage
sich nicht verbessern.

Man muss hervorheben, dass die Probleme
der Zahlungsunfähigkeit der Staaten und der Banken sich in den nächsten Wochen
und Monaten nur zuspitzen können. Der "Bankrott » eines Staates, falls er keine
Hilfe von anderen bekommen sollte wie im Falle Griechenlands, würde zum
Bankrott der Banken führen, bei denen dieser Staat in der Kreide steht. Die
Kredite deutscher und französischer Banken, die diese an die PIIGS Staaten
(Portugal, Spanien, Italien, Irland, Griechenland) vergeben hatten, belaufen
sich auf ca. 1000 Milliarden Euro. Die Zahlungsunfähigkeit eines dieser Länder
würde ohne Zweifel unberechenbare Risiken für Deutschland und Frankreich und
somit für die Weltwirtschaft mit sich bringen.

Gegenwärtig stellt Spanien das Auge des
Wirbelsturms der Finanzkrise dar. Die EZB hat verlautbaren lassen, dass die
spanischen Banken, die über keine ausreichende Glaubwürdigkeit zur Aufnahme von
Krediten auf dem Markt verfügen, von der EZB Gelder in der Höhe von 85.6 Mrd.
Euro allein im Monat Mai erhalten haben. Außerdem kreisen Gerüchte, dass der
spanische Staat bis Ende Juli, Anfang August enorme Summen zurückzahlen müsse [6].
Es muss ziemlich schnell gehandelt werden - deshalb sind der Direktor des IWF,
D. Strauss-Kahn, und der stellvertretende US-Finanzminister C. Collins, nach
Madrid gereist. Ein Rettungsplan in der Höhe von 200 oder 250 Mrd. Euro sei in
Abklärung.

Wenn Spanien soviel Aufmerksamkeit erregt,
dann weil die Folgen der finanziellen Schwierigkeiten sehr schwerwiegend wären:

-   wenn Spanien keine Hilfe bekäme, wenn der
spanische Staat pleite wäre, würde dies eine große Vertrauenskrise in den Euro
auslösen. Mit anderen Worten - die Euro-Zone würde sehr schwer erschüttert
werden;

-   Frankreich und Deutschland, d.h. die beiden
stärksten in der Euro-Zone, können für die Verpflichtungen Spaniens nicht
einspringen; dies würde zu einer extremen Destabilisierung ihrer eigenen
Finanzen und damit ihrer gesamten Wirtschaft führen (der Ökonom P. Artus
vertritt diese Einschätzung ).[7]

Das bedeutet, dass die Hilfe für den
spanischen Staat zur Vermeidung einer Zahlungsunfähigkeit nur das Ergebnis
einer Übereinkunft zwischen allen westlichen Staaten sein könnte, und dass der
dafür erforderliche Preis notwendigerweise eine größere Zerbrechlichkeit ihrer
eigenen finanziellen Lage wäre. Und da die meisten Staaten sich der Lage in
Spanien annähern, müssen auch sie Maßnahmen ergreifen, um Kettenreaktionen der
Zahlungsunfähigkeit zu verhindern. Daraus geht hervor, dass der Kapitalismus
nicht mehr über die Mittel verfügt, sich solch einer Verschärfung der Krise
entgegenzustellen.

Die Divergenzen unter den
Staaten hinsichtlich der einzuschlagenden Politik

„Sparpolitik oder Konjunkturpakete :
die Führer der G8 weiterhin uneins" - titelte Le Monde am 27./28. Juni. Trotz
einer diplomatischen Formulierung geht daraus hervor, dass die beteiligen
Staaten völlig zerstritten sind. Großbritannien und Deutschland und mit ihm die
Euro-Zone treten für rigorose Sparmaßnahmen ein; die USA und zu einem
geringeren Maße China plädieren für Konjunkturpakete. Welche Inhalte und welche
Gründe stecken hinter diesen Divergenzen?

Nachdem man die Folgen eines Bankrotts
des griechischen Staates für Europa und die Welt bewertet hatte, sahen sich die
EU und der FMI schließlich gezwungen, ein Rettungspaket für Griechenland zu
verabschieden, das ungeachtet der weiterhin bestehenden Divergenzen unter den
beteiligten Staaten angenommen wurde. Aber dieses Ereignis hat eine wichtige
Wende bei der Politik aller Staaten der Euro-Zone bewirkt. Zunächst sind alle
mit der Notwendigkeit einverstanden gewesen, den hilfsbedürftigen Staaten unter
die Arme zu greifen, denn deren Zahlungsunfähigkeit würde das ganze europäische
Finanzsystem erschüttern, mit dem Risiko, dass es zusammenbrechen könnte.
Deshalb wurde ein Unterstützungsfond von 750 Milliarden Euro geschaffen, der zu
zwei Dritteln aus Mitteln der Euro-Staaten und zu einem Drittel aus Geldern des
IWF gedeckt wird, womit den Staaten in Zahlungsschwierigkeiten ermöglicht
werden soll, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Auch hat die EZB mehr oder
weniger faule Kredite in ihren Bestand übernommen, wie zum Beispiel durch die
Übernahme von spanischen Banken.

Um schließlich die Gefahren der
Zahlungsunfähigkeit zu senken, haben die Staaten beschlossen, ihre eigenen
öffentlichen Defizite zu reduzieren und das Bankensystem zu regulieren. Zu
diesem Zweck wurden Sparprogramme verabschiedet, die zu einer Verschlechterung der
Lebensbedingungen der Arbeiter führen werden, die mit den Verschlechterungen in
den 1930er Jahren vergleichbar sein werden. Die Liste der Angriffe ist dermaßen
lang, dass sie hier den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Wir können nur
einige sehr aufschlussreiche Beispiele nennen. In Spanien wurden die
Beamtengehälter um 5% gesenkt, 13.000 Stellen gestrichen. In Frankreich, wo
neben der Verschiebung des Renteneintrittalters um mindestens zwei Jahre nur
jeder zweite in Rente gehende Kollege ersetzt werden soll. Gleichzeitig sollen
100.000 Stellen im öffentlichen Dienst zwischen 2011-2013 gestrichen werden.
Die 2009 eingeleiteten Konjunkturankurbelungsmaßnahmen werden eingestellt.
Steuermehreinnahmen von fünf Milliarden Euro sind geplant. In Großbritannien
sind dem Osborne-Plan zufolge Ausgabenkürzungen bei den Ministerien von 25% im
Laufe der nächsten fünf Jahre vorgesehen. Eine ganze Reihe von
Sozialleistungen, von denen die Einkommensschwächsten profitierten, wird
eingefroren. Die Mehrwertsteuer steigt von 17.5% auf 20%. Man geht davon aus,
dass allein der Osborne-Plan zu einem Verlust von ca. 1.3 Millionen
Arbeitsstellen führen wird. Bis 2014 sollen 14.000 Stellen im öffentlichen
Dienst in Deutschland gestrichen werden, zahlreiche Kürzungen für Arbeitslose
sind angekündigt worden. In allen Ländern werden die öffentlichen Investitionen
zurückgeschraubt.

Die hinter diesen Maßnahmen verfolgten
Ziele sind: Durch die Rettung des Finanzsystems mittels der Unterstützung für
die in Schwierigkeiten steckenden Banken und der von Zahlungsunfähigkeit
bedrohten Staaten sollen die öffentlichen Finanzen saniert werden, um später
erneut Schulden machen zu können, damit so in der Zukunft wieder Wachstum
ermöglicht wird. Hinter diesem Ziel steckt zunächst die Absicht der Herrschenden
in Deutschland, ihre eigenen ökonomischen Interessen zu schützen. Für das
deutsche Kapital, das weiterhin sehr stark auf den Export setzt, insbesondere
auf den Export von Maschinen und chemischen Produkten, kommt es nicht infrage,
erhöhte Produktionskosten in Kauf zu nehmen, um dadurch in Schwierigkeiten
steckende Länder Europas (über eine gewisse Grenze hinaus) zu unterstützen.
Dadurch würde seine Wettbewerbsfähigkeit eingeschränkt. Und da Deutschland
wirklich als einziges Land den anderen finanziell entscheidend unter die Arme
greifen kann, zwingt es allen anderen eine drakonische Sparpolitik auf, auch
wenn dies nicht deren Interessen entspricht.

Wenn Großbritannien, das nicht der
Euro-Zone angehört, den gleichen Kurs einschlägt, spiegelt das die Tiefe der
Krise wider. GB kann sich keine Konjunkturprogramme mehr leisten, nachdem sein
Haushaltsdefizit 2010 11.5% des BIP erreicht hat. Zu große Gefahren einer
Zahlungsunfähigkeit würden entstehen und damit des Zusammenbruchs des
britischen Pfunds. Auch Japan praktiziert die gleiche Sparpolitik aufgrund
seiner hohen öffentlichen Verschuldung. Mehr und mehr Länder gehen davon aus,
dass ihre Defizite und öffentliche Verschuldung zu hoch geworden sind, und die
Zahlungsunfähigkeit würde eine enorme Schwächung des nationalen Kapitals mit
sich bringen. Sie stimmen damit für eine Politik der Sparmaßnahmen, welche
wiederum nur zu einer Deflation führen kann.[8]Und
gerade diese Bewegung zu einer deflationären Dynamik macht den USA Angst. Sie
beschuldigen die Europäer, eine neue „Episode Hoover"
herbeizuführen (1930, bei Ausbruch der Wirtschaftskrise 1929 war er im Amt),
d.h. sie beschuldigen die Staaten Europas, die Welt in eine Depression und eine
Deflation zu treiben wie 1929-32. Auch wenn es legitim sei, die Verschuldung
der öffentlichen Haushalte zurückfahren zu wollen, solle dies erst später
geschehen, wenn der Aufschwung » wirklich in Gang gekommen sei. Indem sie für
solch eine Politik eintreten, verteidigen die USA nur ihre eigenen Interessen,
denn als Emittenten der Weltleitwährung bedeutet das Drucken von zusätzlichem
Geld für die Finanzierung der Konjunkturpakete für sie nur eine Unterschrift
auf dem Geldschein. Und dennoch müssen sie befürchten, dass die Wirtschaft in
eine Deflation hineinrutscht.

Gleich welche Option gewünscht oder
eingeschlagen wird, die Strategiewechsel während der letzten Zeit sowie die
Befürchtungen seitens verschiedener Flügel der herrschenden Klasse belegen die
Orientierungslosigkeit, die in ihren Reihen herrscht: Es gibt einfach keine
gute Lösung mehr.

Welche Perspektiven?

Die Wirkungen der Konjunkturpakete
verpuffen, wir stehen vor einem Versinken in der Depression. Solch eine Dynamik
führt bei den Betrieben zu wachsenden Schwierigkeiten, ausreichend Profite zu
erzeugen; die Gefahr entsteht, vom Wettbewerb verdrängt zu werden. Die
Sparpolitik, die in vielen Ländern umgesetzt werden wird, wird das Abrutschen
in die Depression nur noch beschleunigen und die Deflation verstärken, von der
es schon jetzt einige Anzeichen gibt.

Ohne Zweifel ist die Hoffnung, mit
Hilfe einer Sparpolitik die öffentlichen Finanzen zu sanieren, um später wieder
Schulden machen zu können, eine reine Illusion. Berechnungen des IWF zufolge
ziehen die Folgen des Sparpakets in Griechenland einen Rückgang des BIP um 8%
nach sich. Auch wird mit einem Rückgang des BIP in Spanien gerechnet. Die
Sparpakete werden zu verminderten Steuereinnahmen führen und damit die Defizite
noch erhöhen, obwohl die Sparpakete diese eigentlich senken sollten. Ende 2010
und Anfang 2011 muss man mit einem Produktionsrückgang und einem schrumpfenden
Handel in den meisten Ländern der Welt rechnen. Dies wird schwerwiegende Folgen
für immer größere Teile der Arbeiterklasse haben und eine Verschlechterung
ihrer Lage bewirken.

Man kann nicht ausschließen, dass in
Anbetracht des beschleunigten Versinkens in der Depression infolge der
Sparmaßnahmen nach einigen Monaten ein Richtungswechsel stattfindet und die
Politik übernommen wird, welche die USA befürworten. Die letzten sechs Monate
haben deutlich werden lassen, dass die Herrschenden, die kaum mehr über
Spielraum verfügen, jetzt unfähig sind, über einen kurzen Zeitraum hinaus zu
denken, denn erst vor einem Jahr wurden überall Konjunkturpakete aufgelegt.
Wenn neue Konjunkturprogramme beschlossen würden, würde dies zu einem erhöhten
Geldumlauf führen (die USA seien schon dabei, diese Politik zu praktizieren).
Dies führt aber zu einem Verfall der Währung, d.h. einer Explosion der
Inflation, mit anderen Worten zu neuen dramatischen Angriffen gegen die Arbeiterklasse.

 

Vitaz,
3.07.10

 


[1] Le Monde, 29. Juni
2010

 

[2]www.dicocitations.com/citations/citation-7496.php

 

[3] Nach fünf aneinander folgenden Monaten in denen
Arbeitsplätze geschaffen wurden gab es im Juni einen Abbau von 125000
Arbeitsplätzen, mehr als die Wirtschaftsexperten befürchtet hatten. Siehe dazu
den Artikel „Après cinq mois de créations d`emplois, les Etats-Unis se
remettent à en détruire"
(www.lemonde.fr/economie/article/2010/07/03/apres-cinq-mois-de-creations-...)

 

[4] Nur weil Japan zweitgrößter Devisenbesitzer auf der Welt
ist, wurde Japan von den Ratingagenturen noch nicht so stark heruntergestuft
wie viele weniger stark verschuldete Länder als Japan.

 

[5]http://lemonde.fr/economie/article/2010/06/29/siemens-cree-sa-banque-afi...

 

[6] Es soll sich um 280 Milliarden Euros handeln. Natürlich sind
diese Zahlen, die in Kreisen von Börsianern zirkulieren, keine offiziellen.
Vielmehr haben die amtlichen Stellen sie dementiert, denn in solchen Fällen
würde Schweigen als Bestätigung angesehen und zu einer unbeschreiblichen Panik
führen.

 

[7]Le Monde,
16. April 2010

 

[8] Rückgang der Preise, die in diesem Falle durch eine
unzureichende Nachfrage hervorgerufen würde, die wiederum eine Folge der
Spaßmaßnahmen ist.

 

Aktuelles und Laufendes: 

Theoretische Fragen: