Vor 100 Jahren: Die russische Revolution von 1905 (Teil 3)

Debatte in der revolutionären Avantgarde über die Folgen von 1905

Die ersten Artikel dieser Reihe warfen einen Blick zurück, um zu überprüfen, was diese Veränderung bedeutete, stellten Form und Inhalt von 1905 dem Vergangenen gegenüber und untersuchten, inwiefern sie der neuen Periode in der Dekadenz des Kapitalismus entsprachen. Wir zeigten auf, dass die Gewerkschaften von den Sowjets als jene organisatorische Form verdrängt wurden, die am besten zum Zweck und Charakter des Kampfes passt, welchen die Arbeiterklasse heute führt. Wir haben gezeigt, dass es falsch war, die Sowjets als ein Produkt der angeblichen Rückständigkeit Russlands zu betrachten, und haben das Augenmerk auf die Tatsache geworfen, dass die Bildung der Sowjets im Gegenteil Ausdruck eines fortgeschrittenen Bewusstseinstandes der Arbeiterklasse war. In dieser neuen Periode hörten die Gewerkschaften auf, ein Mittel zur Durchsetzung der Interessen der Arbeiterklasse zu sein, und verwandelten sich in ein Hindernis gegen die Weiterentwicklung des Kampfes und in eine Falle für die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse sowie ihrer entschlossensten Elemente. Die Entwicklung von Gewerkschaften in Russland 1905 und auch 1917 spiegelte die revolutionäre Leidenschaft der Arbeiterklasse, welche jedes Mittel zu nutzen versuchte, um ihren Kampf voran zu bringen, aber auch einen faktischen Mangel an Erfahrungen mit den Gewerkschaften wider. Es waren die Sowjets, die den Kampf anführten und ihm einen revolutionären Charakter verliehen; die Gewerkschaften trotteten nur hinterher.

Die Entstehung der Sowjets war untrennbar mit dem Massenstreik verbunden, der als Kampfmethode gegen den Kapitalismus auftauchte, als Teilreformen und Linderungen nicht mehr zu erlangen waren. Wie die Sowjets entsprang er einem Bedürfnis der gesamten Klasse und brachte dieselbe nicht nur zusammen, sondern förderte auch ihr Klassenbewusstsein. Dadurch stieß er mit den Beschränkungen der Gewerkschaften und Teilen der revolutionären Bewegung zusammen, die in einer solchen Bewegung nur ein anarchistisches Spektrum erblickten. Es blieb der Linken der Arbeiterklasse, mit Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek an der Spitze, überlassen, den Massenstreik nicht als bloße Taktik der Führung, sondern als eine elementare, revolutionäre und erneuernde Kraft zu verteidigen, die inmitten der Arbeiterklasse entstanden war und fähig ist, ihre Kampfbereitschaft und ihr Bewusstsein auf eine neue und höhere Ebene zu stellen.

1905 zeigte auf, dass der Kampf um Reformen vom Kampf für die Revolution verdrängt worden war.

Wir haben ebenfalls darauf hingewiesen, dass diese Veränderungen nichts spezifisch Russisches waren, sondern die gesamte Arbeiterklasse betrafen, als der Kapitalismus in seine dekadente Phase eintrat. Die Arbeiterklasse, die sich als eine internationale Klasse konsolidiert hatte und für ihre Interessen zu kämpfen bereit war, sah sich von  nun an mit der Notwendigkeit konfrontiert, den Kapitalismus zu überwinden und die Produktionsverhältnisse umzuwandeln, statt für Verbesserungen in ihnen zu kämpfen. Überall auf der Welt fand in den Jahrzehnten vor dem I. Weltkrieg eine Eskalation und Intensivierung von Streiks statt, die die alten Organisationsweisen und die alten Ziele des Kampfes in Frage zu stellen begannen und die von Zeit zu Zeit in einem offenen Konflikt mit dem Staat aufflammten. Kurzum: Nach 1905 wurde der Kampf der Arbeiterklasse zum Kampf für den Kommunismus.

Die wahre Bedeutung von 1905 ist also, dass dieses Ereignis zukunftsweisend war und den Weg für sämtliche Streiks ebnete, die im dekadenten Kapitalismus stattfanden, das heißt für alle Kämpfe der letzten hundert Jahre und für jene von morgen.

1905 öffnete das Tor zur Zukunft

Die Rolle, die 1905 bei der Wegbereitung der Zukunft spielte, konnte man mit großer Klarheit 1917 sehen, als die Sowjets die Hauptwaffe der Revolution waren. Sie waren die Form, die Letztere annahm. Die Sowjetmacht stand gegen die bürgerliche Macht der Provisorischen Regierung, wie Trotzki beredt in seinem Werk Die Geschichte der Russischen Revolution schilderte: „Wie war die reale Konstitution des Landes nach der Aufrichtung der neuen Macht?Die monarchistische Reaktion verkroch sich in die Löcher. Sobald nur die ersten Wasser der Sintflut zurückwichen, gruppierten sich die Besitzenden aller Arten und Richtungen um das Banner der Kadettenpartei, die mit einem Male die einzige nichtsozialistische Partei und gleichzeitig die äußerste Rechte in der offenen Arena geworden war. (...) Die Massen ergossen sich in die Sowjets wie in ein Triumphtor der Revolution. Alles, was außerhalb der Sowjets blieb, fiel von der Revolution gleichsam ab und schien einer anderen Welt zugehörig (...) Den Sowjets wandten sich alle Aktiven aus den Massen zu, und während der Revolution siegte mehr denn je die Aktivität; da nun die Massenaktivität von Tag zu Tag wuchs, so erweiterte sich die Basis der Sowjets ununterbrochen. Dies war auch die einzige reale Basis der Revolution.“[i]

Die Sowjets – und nur die Sowjets – haben eine Organisationsform, die sowohl für die Mittel als auch den Zweck des Kampfes für den Kommunismus geeignet ist. Jedoch war dies zu damaliger Zeit alles andere als klar, insbesondere für die Revolutionäre in Russland. Dies wurde in der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage auf dem Ersten Kongress der Dritten Internationale offensichtlich, wie wir im Artikel „Von Marx zur Kommunistischen Linken, Teil 3“ in der Internationalen Revue Nr. 123 (engl., franz. und span. Ausgabe)[ii] gezeigt haben. Delegierte vieler europäischer Länder prangerten in der Diskussion unmissverständlich die konterrevolutionäre Rolle an, die die Gewerkschaften mittlerweile spielten. Im Gegensatz dazu argumentierte Sinowjew, der den Bericht über Russland verfasste: „Die zweite Organisationsform der Arbeiter in Russland sind die Gewerkschaften. Sie entwickelten sich hier anders als in Deutschland: Sie spielten eine wichtige revolutionäre Rolle in den Jahren 1904-05 und marschieren heute Seite an Seite mit uns in den Kampf für den Sozialismus (...) Eine große Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder unterstützt unsere Parteiposition, und sämtliche Entscheidungen der Gewerkschaften werden im Geiste jener Positionen getroffen“. Dies bestätigt keineswegs, dass die Gewerkschaften in Russland irgendwelche besonderen Tugenden besaßen, sondern bezog sich auf gewisse Besonderheiten der russischen Situation. Wie der Artikel sagt, wurden die Gewerkschaften von der Welle der Sowjets mitgerissen. Während der revolutionären Phase war ihre Rolle als Instrument des kapitalistischen Staates gegen die Arbeiterklasse weniger offensichtlich als sonst.

Auch wenn die Revolution von 1917 erst durch 1905 ermöglicht wurde, konnte die Revolution von 1905 selbst nicht zu einer weltweiten kommunistischen Revolution führen. Dies hätte erst 1917 geschehen können, wenn es der Revolution gelungen wäre, sich überall auf der Welt auszubreiten und zu triumphieren. Dennoch zogen die isolierten Gruppen von Revolutionären, die die Zerschlagung der revolutionären Welle von 1917-23 überlebt und bestrebt waren, die revolutionäre Bewegung neu zu errichten, viele Lehren aus ihr. Hierin bestand insbesondere die Rolle der Kommunistischen Linken. Die Richtigkeit dieser Lehren ist immer wieder auch von den Erfahrungen der Arbeiterklasse in ihrem täglichen Kampf und in ihren größeren Anstrengungen, wie Polen Anfang 1980, bewiesen worden. Bereits unmittelbar nach 1905 wurde begonnen, die Lehren aus dieser Revolution zu ziehen, und genau dieser Arbeit wollen wir uns nun zuwenden.

Die Lehren ziehen: Eine Frage der Methode

In diesem letzten Teil unserer Artikelreihe über 1905 werden wir schauen, wie die revolutionäre Bewegung sowohl bezüglich der Weiterentwicklung ihrer Positionen als auch bezüglich ihrer Methoden antwortete. Dies ist kein unwichtiger Punkt, wenn man berücksichtigt, dass eine Änderung in der tatsächlichen Lage auch andere Mittel erfordert, um mit dieser Situation richtig umzugehen.

Was an der theoretischen Auseinandersetzung und Debatte nach 1905 auffällt, ist ihr kollektiver und internationaler Charakter, auch wenn die Teilnehmer sich nicht immer völlig klar darüber waren.

Während Marx nach der Pariser Kommune von 1870 in der Lage gewesen war, ihre Bedeutung für den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation (die Erste Internationale) in einer einzigen Broschüre zusammenzufassen, war dies nach 1905 aufgrund der Komplexität der gestellten Frage nicht möglich.

Insbesondere hatten es die Revolutionäre jener Zeit mit einem unerhörten historischen Epochenwechsel zu tun, mit Veränderungen, die viele Annahmen und Errungenschaften der Arbeiterbewegung über den Haufen warfen, wie die Rolle der Gewerkschaften und die Form des Klassenkampfes. Die Leistung der Linken der Arbeiterbewegung bestand nicht nur darin, diese Herausforderungen anzunehmen, sondern auch darin, zu solch tiefer Einsicht in so viele Fragen zu gelangen und solch ein großartiges Vermächtnis an theoretischen Mühen zu hinterlassen, und vor allem in ihrem bemerkenswerten Können bei der Anwendung der marxistischen Methode. Diese Leistung überwiegt bei weitem die Lücken und Schwächen in ihren Bemühungen. Etwas anderes, ja Perfektion zu erwarten ist nicht nur einfach naiv, sondern offenbart auch eine Unfähigkeit, den wahren Charakter des Marxismus und des gesamten Kampfes der Arbeiterklasse zu begreifen. Das wäre so, als erwarte man von der Arbeiterklasse, jeden Streik zu gewinnen, jedes Manöver der Bourgeoisie zu durchschauen und letztendlich imstande zu sein, die kommunistische Revolution aus dem Stand zu machen.

Der manchmal bruchstückhafte Charakter der Debatte und ihrer Beiträge war nicht eine Schwäche, sondern eine unvermeidliche Konsequenz aus der Entwicklung, die in Gestalt der theoretischen Auseinandersetzung als Pendant zur Entwicklung des „praktischen“ Kampfes stattgefunden hat. In der Tat kann man soweit gehen zu sagen, dass das Pendant zum Massenstreik der massenhafte theoretische Kampf ist. Natürlich umfasst Letzterer nicht so große Zahlen wie Ersterer, aber er drückt den gleichen kollektiven Geist aus und erfordert die gleichen Qualitäten der Solidarität, Bescheidenheit und Selbstaufopferung. Vor allem aber erfordert er ein aktives Engagement, wie unsere Genossen von Internationalisme vor fast 60 Jahren betonten: „Entgegen der Idee, dass Militante nur auf der Grundlage von Gewissheiten handeln können (...) bestehen wir darauf, dass es keine Gewissheiten gibt, sondern lediglich ein kontinuierlicher Prozess des Hinwegschreitens über alte Wahrheiten. Allein eine Aktivität, die auf den jüngsten Entwicklungen basiert, auf Fundamenten, die kontinuierlich angereichert werden, ist wirklich revolutionär. Im Gegensatz dazu ist eine Handlungsweise, die auf den Wahrheiten von Gestern beruht, welche bereits ihre Gültigkeit verloren haben, steril, schädlich und reaktionär. Man mag versucht sein, die Mitglieder mit absoluten Gewissheiten und Wahrheiten abzuspeisen, doch nur relative Wahrheiten, die eine Antithese, Zweifel enthalten, können eine revolutionäre Synthese bewirken.“[iii] Dies ist es, was die Linke der Arbeiterbewegung – Lenin, Luxemburg, Pannekoek, etc. – vom Zentrum trennte, das von Kautsky und der offen revisionistischen, von Bernstein angeführten Rechten verkörpert wurde. Der Graben zwischen den Zentristen und der Linken wurde in der Debatte über den Massenstreik deutlich, als Kautsky sich unfähig zeigte, die grundlegenden Veränderungen im Klassenkampf zu erkennen, die von Rosa Luxemburg analysiert worden waren. Außerstande, über die Sichtweise der Vergangenheit hinauszugehen, in der der Massenstreik allein ein vom Zentralkomitee benutztes Werkzeug war, konnte Kautsky Luxemburgs Argumenten nichts abgewinnen und versuchte gar in der zweiten Stufe der Diskussionen, ihre Veröffentlichung zu blockieren.[iv]

Die Debatten nach 1905

Es ist möglich, einige der Schlüsselaussagen aus den Dokumenten und der Debatte, die nach 1905 aufkamen, zu identifizieren:

-          Neben den praktischen Lehren von 1905 teilten sie das Merkmal, eher Ansätze denn fertige Produkte zu sein.

-          Es wurde keine einzige Arbeit produziert, die eine allgemeine Analyse bewerkstelligte.

-          Kein Einzelner widmete sich allen Aspekten des Themas.

-          Vieles aus der Diskussion stammte aus vergangenen Diskussionen, wie die Frage des Massenstreiks, der Rolle der revolutionären Organisation und der Arbeiterklasse in der demokratischen Revolution.

Dies spiegelte die Realität eines Epochenwechsels wider, in der es sowohl Abgrenzungen als auch den Versuch gibt, jene Abgrenzungen zu verstehen und zu meistern. In einer Periode immenser Veränderungen sind viele desorientiert. Einige verwerfen die gesamte Vergangenheit, andere hängen an dem, was sie kennen, und versuchen, die Veränderungen zu ignorieren, während wiederum andere die Veränderungen erkennen und bemüht sind, sich ihnen anzupassen, ohne jenes aus der Vergangenheit, was auch weiterhin gültig bleibt, aufzugeben. Diese unterschiedlichen Antworten existierten innerhalb der Arbeiterbewegung und bestimmten die Spaltungen, die sich zwischen den Rechten, dem Zentrum und den Linken entwickelten. Darüber hinaus verlief diese Debatte im Wesentlichen zwischen diesen Tendenzen und nicht zwischen Individuen. Wirkliche Bemühungen, die neue Situation zu verstehen, kamen nur von der Linken. Die Rechte dagegen wandte sich sowohl von den Schlussfolgerungen als auch von der marxistischen Methode ab. Auch die Zentristen kehrten ihr in wachsendem Maße zugunsten einer sterilen, konservativen Orthodoxie, die am deutlichsten von Karl Kautsky verkörpert wurde, den Rücken zu.

Die wesentliche Leistung der Linken bestand in der Erkenntnis, dass die Gesellschaft eine neue Periode betreten hat, und in ihrem Streben nach Verständnis. Dabei vertrat die Linke die marxistische Methode und somit das wahre Vermächtnis von Marx. In Lenins, Luxemburgs und Trotzkis Werken gibt es genug Hinweise darauf, dass die objektiven Bedingungen sie vorwärts getrieben haben. Alle drei entwarfen wichtige Analysen:

-          Lenin über die zentrale Rolle der Organisation und auch über das Verhältnis zwischen Strategie und Taktik;

-          Trotzki über die große historische Dynamik, die ihn zu einer klaren Sichtweise der Rolle der Sowjets führte; darüber hinaus kam er der Erkenntnis der Eröffnung einer Periode der proletarischen Revolution am nächsten;

-          Luxemburg über die Dynamik innerhalb der Klasse, die ihren Ausdruck im Massenstreik findet.

Die theoretischen Bemühungen der Arbeiterklasse waren nicht auf diese drei beschränkt, sondern umfasste auch viele andere linke Strömungen, die entstanden waren, wo immer es eine politische, organisierte Arbeiterbewegung gab. Lenin und Luxemburg sahen sich zu dem Versuch veranlasst, sich über die Veränderungen in den Strukturen des Kapitalismus klar zu werden, auch wenn dies nicht der Zweck ihrer Untersuchung war.

In Anbetracht der Tatsache, dass das Vermächtnis von 1905 das Werk der gesamten Linken der Arbeiterbewegung war, wollen wir, statt uns der Reihe nach mit allen Individuen zu beschäftigen, einen Blick auf ihre Bemühungen werfen, die wichtigen Fragen des Ziels, der Methode und der Form der Arbeiterkämpfe in der neuen Periode zu verstehen.

Das Ziel: die proletarische Revolution

Niemand erklärte es ausdrücklich, aber alle ahnten es: Alle erkannten, dass die proletarische Revolution nicht mehr in ferner Zukunft lag, nicht mehr ein bloßes Ideal war, sondern zu einer unübersehbaren Realität geworden war. Lenin, Trotzki und Luxemburg erklärten zwar formal die bürgerliche Revolution zum Ziel, doch ihre Analysen des Charakters dieser bürgerlichen Revolution und der Rolle der Arbeiterklasse stellten indirekt ihre eigene Annahme in Frage. Sie alle betonten, dass das Proletariat dabei die Hauptkraft sein wird, und erkannten, wenn auch in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Umfang, dass dies die Situation fundamental verändert. Es war also die Methode, die sie gegen jene vereinte, die lediglich die alten Schemata anwendeten.

1906 veröffentlichte Trotzki die Schrift Ergebnisse und Perspektiven, in der er die Idee einer permanenten Revolution (oder der „ununterbrochenen Revolution“, wie sie damals noch genannt wurde) vorstellte. Darin befasste er sich mit den „Voraussetzungen der Revolution“ und vertrat die Ansicht, dass sie alle erfüllt seien.

Die erste Voraussetzung ist „produktionstechnisch“, d.h. sie betrifft den Entwicklungsgrad der Produktionsmittel. Er argumentierte, dass sie erfüllt gewesen sei: Seit die gesellschaftliche Arbeitsteilung zur Arbeitsteilung in der Manufaktur führte und besonders, seit die Manufaktur von der Fabrik mit maschineller Produktion abgelöst wurde“.[v] Er geht so weit zu behaupten, dass ausreichende technische Voraussetzungen für die kollektivistische Produktion in diesem oder jenem Umfang schon seit 100 bis 200 Jahren gegeben sind“. Jedoch fügte er hinzu: Aber die technischen Vorzüge des Sozialismus genügen allein keineswegs, um ihn zu verwirklichen (…) Weil es zu dieser Zeit keine soziale Kraft gab, die bereit und fähig gewesen wäre (ihn) zu realisieren“.

Dies führt zur zweiten Voraussetzung, zur „sozialökonomischen“, mit anderen Worten: zur Entwicklung des Proletariats. Hier stellt Trotzki die Frage: „(…) wie groß muß die relative, zahlenmäßige Stärke des Proletariats sein? Muß es die Hälfte, zwei Drittel oder neun Zehntel der Bevölkerung ausmachen?“, um aber sogleich einen solchen „Schematismus“ zu verwerfen und festzuhalten: Die Bedeutung des Proletariats beruht ganz und gar auf seiner Rolle in der Großproduktion.“ Für Trotzki zählt allein die qualitative Rolle, die das Proletariat spielt, und nicht so sehr die quantitative Bedeutung. Dies hat zwei wichtige Folgen. Erstens, dass es für das Proletariat nicht notwendig ist, die Mehrheit der Bevölkerung zu bilden, um den Sozialismus einzuführen. Zweitens (und noch spezifischer), dass das Proletariat wegen der Konzentration und der Größe der Industrie ein weitaus größeres Gewicht in Russland besaß, als dies in Ländern wie Großbritannien und Deutschland der Fall war, wo der Anteil des Proletariats an der Gesamtbevölkerung ähnlich hoch war. Nach der Betrachtung der Rolle des Proletariats in anderen großen Ländern zieht Trotzki den Schluss: Aus all dem können wir zu dem Schluss kommen, dass die ökonomische Evolution – das Wachstum der Industrie, das Wachstum der Großbetriebe. das Wachstum der Städte, das Wachstum des Proletariats im allgemeinen und des Industrieproletariats im besonderen – bereits den Schauplatz bereitet hat, nicht nur für den Kampf des Proletariats um die politische Macht, sondern auch für ihre Eroberung.“

Die dritte Voraussetzung ist die „Diktatur des Proletariats“, mit der Trotzki im Wesentlichen die Entwicklung des Klassenbewusstseins zu meinen scheint: Es ist (…) notwendig, dass sich diese Klasse ihres objektiven Interesses bewusst ist. Es ist notwendig, dass sie versteht, daß es für sie keinen anderen Ausweg als den Sozialismus gibt; es ist notwendig, dass sie sich zu einer Armee vereint, die stark genug ist, um die Staatsgewalt in offenem Kampf zu erobern.“ Er stellt nicht ausdrücklich fest, ob dies bereits der Fall ist, aber lehnt die Idee vieler „sozialistischer Ideologen“ ab, die besagt: Das Proletariat und „die Menschheit“ überhaupt müßten vor allem ihre alte egoistische Natur ablegen, im gesellschaftlichen Leben sollten die Impulse des Altruismus vorherrschen usw.“ Diese Erkenntnis über das dynamische Verhältnis zwischen Revolution und Bewusstsein ist eine der wichtigsten Einblicke in die ganze Frage, wie sich eine Revolution entwickelt. Beim Anblick der besonderen Lage in Russland behauptet Trotzki, dass 1905 direkt die Frage der Revolution gestellt habe: „(…) das russische Proletariat (zeigte) eine Kraft, die in diesem ungeheuren Ausmaß von den russischen Sozialdemokraten selbst in ihrer optimistischsten Stimmung nicht erwartet worden war. Der Verlauf der russischen Revolution war in seinen Grundzügen entschieden. Was vor zwei oder drei Jahren eine Möglichkeit war oder schien, ist zur unmittelbaren Wahrscheinlichkeit geworden, und alles spricht dafür, dass diese Wahrscheinlichkeit bereit ist, zur Notwendigkeit zu werden.“ [vi]

Bereits in Ergebnisse und Perspektiven argumentierte Trotzki, dass eine historische Weiterentwicklung das Übergehen der revolutionären Rolle von der Bourgeoisie auf das Proletariat bedeute. Er behauptete, dass die Revolution von 1905 und die Bildung des Petersburger Sowjets dies bestätigten. Dies bedeutete, dass bürgerliche Revolutionen so, wie sie einst betrachtet worden waren, nicht mehr möglich sind. Trotzki lehnte besonders die Idee ab, dass das Proletariat erst eine Revolution ausführt und anschließend die Macht der Bourgeoisie überreicht: Wenn man sich die Sache so vorstellt, dass die Sozialdemokratie in eine provisorische Regierung eintritt, sie während einer Periode revolutionär-demokratischer Reformen anführt, auch noch ihre radikalsten Maßnahmen verteidigt und sich hierbei auf das Organisierte Proletariat stützt, dass die Sozialdemokratie dann, nachdem das demokratische Programm erfüllt ist, aus dem von ihr gebauten Haus auszieht und den bürgerlichen Parteien den Weg freigibt, selbst in die Opposition geht und damit eine Epoche parlamentarischer Politik eröffnet: sich dies vorzustellen, hieße, die Idee einer Arbeiterregierung kompromittieren. Nicht deshalb, weil es, „prinzipiell“ unzulässig wäre – eine so abstrakte Fragestellung entbehrt jeden Inhalts –, sondern weil es völlig irreal, weil es ein Utopismus übelster Sorte, weil es eine Art von revolutionär-philisterhaftem Utopismus ist.“[vii] Wenn das Proletariat die Mehrheit in der Regierung hält, ist es nicht mehr seine Aufgabe, das Minimalprogramm der Reformen zu verwirklichen, sondern das Maximalprogramm der sozialen Revolution. Dies ist keine Frage des Wollens, sondern der Dynamik der Situation. Trotzki veranschaulichte dies am Beispiel des Achtstundentages. Auch wenn diese Maßnahme „nicht im mindesten den kapitalistischen Verhältnissen widerspricht“, würde seine Einführung dennoch auf den auf den organisierten und hartnäckigen Widerstand der Kapitalisten stoßen“, der in Aussperrungen und Betriebsschließungen enden würde. Eine bürgerliche Regierung, die damit konfrontiert wäre, würde klein beigeben und die Arbeiter unterdrücken, doch für eine Arbeiterregierung gibt es nur einen Ausweg: die Enteignung der geschlossenen Fabriken und Betriebe und die Organisation ihrer Produktion auf der Grundlage gesellschaftlicher Rechnungsführung“. Kurz, laut Trotzki „wird die russische Revolution die Bedingungen schaffen, unter denen die Macht in die Hände des Proletariats übergehen kann (und im Falle des Sieges der Revolution muss sie dies tun), bevor die Politiker des bürgerlichen Liberalismus Gelegenheit erhalten ihr staatsmännisches Genie voll zu entfalten“.[viii]

Wie Trotzki stellt auch Lenin die Revolution in den Kontext der internationalen Entwicklung der objektiven Bedingungen: „(…) wir (dürften) einen vollen Sieg der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, d.h. die revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft nicht fürchten (...), denn ein solcher Sieg werde uns die Möglichkeit geben, Europa zur Erhebung zu bringen, und das sozialistische Proletariat Europas werde uns, nachdem es das Joch der Bourgeoisie abgeschüttelt habe, seinerseits helfen, die sozialistische Umwälzung zu vollbringen (...) Der ‚Wperjod‘[ix] zeigte dem revolutionären Proletariat Russlands eine aktive Aufgabe: im Kampf für die Demokratie siegen und diesen Sieg ausnutzen, um die Revolution nach Europa hinüberzutragen.“[x]

Dies ist nur ein Auszug aus einer langen, polemischen Gegenüberstellung der bolschewistischen und menschewistischen Positionen in der Frage der Revolution von 1905, die von beiden als bürgerlich-demokratisch betrachtet wurde. Die Erstgenannten riefen (nimmt man das folgende Zitat aus der Kongressresolution) das Proletariat dazu auf, die Führung zu übernehmen, während die Letztgenannten (nimmt man die Resolution der Konferenz[xi] dazu neigten, die Initiative der Bourgeoisie zu überlassen: „Die Konferenzresolution spricht von der Liquidierung der alten Ordnung im Prozess des beiderseitigen Kampfes zwischen den Elementen der Gesellschaft. Die Parteitagsresolution sagt, dass wir, die Partei des Proletariats, diese Liquidierung vornehmen müssen, dass eine wirkliche Liquidierung nur durch die Errichtung der demokratischen Republik erfolgen kann, dass wir diese Republik erkämpfen müssen, dass wir für sie und für die volle Freiheit nicht nur gegen die Selbstherrschaft, sondern auch gegen die Bourgeoisie kämpfen werden, sobald sie versuchen wird (und sie wird es unbedingt versuchen), uns unsere Errungenschaften zu entreißen. Die Parteitagsresolution ruft eine bestimmte Klasse zum Kampf auf für ein genau bestimmtes nächstes Ziel. Die Konferenzresolution stellt Betrachtungen an über den beiderseitigen Kampf verschiedener Kräfte. Die eine Resolution spiegelt die Mentalität des aktiven Kampfes, die andere die des passiven Zuschauers wider (...)“[xii] Die Betonung der Notwendigkeit für das Proletariat, die führende Rolle zu übernehmen, wird immer und immer wieder von Lenin gegen die Menschewiki zitiert, die er mit Parteirechte meint: „Unser rechter Flügel glaubt nicht an einen vollen Sieg der gegenwärtigen, d.h. der bürgerlich-demokratischen Revolution in Russland, er fürchtet diesen Sieg und stellt die Losung dieses Sieges nicht entschieden und eindeutig vor dem Volke auf. Er irrt ständig zu dem grundfalschen und den Marxismus verflachenden Gedanken ab, dass nur die Bourgeoisie die bürgerliche Revolution selbständig ‚machen’ könne oder dass nur die Bourgeoisie berufen sei, die bürgerliche Revolution zu führen. Die Rolle des Proletariats als des Vorkämpfers für einen vollen und entscheidenden Sieg der bürgerlichen Revolution ist dem rechten Flügel der Sozialdemokratie nicht klar.“[xiii] „In Russland werden der Sozialdemokratie von den gegenwärtigen Verhältnissen solch große Aufgaben auferlegt, wie sie vor keiner einzigen der westeuropäischen sozialdemokratischen Parteien stehen. Wir sind von der sozialistischen Umwälzung unvergleichlich weiter entfernt als die westlichen Genossen, aber wir stehen vor der bürgerlich-demokratischen Bauernrevolution, in welcher dem Proletariat die Rolle des Führers zufallen wird.“[xiv] Diese Zitate zeigen den dynamischen Charakter der bolschewistischen Position, so dass die Bolschewiki, auch wenn sie nicht erkannten, dass sich die Bedingungen für die proletarische Revolution allgemein entwickelt hatten, dennoch in der Lage waren, die zentrale Rolle, die das Proletariat spielte, zu begreifen und dies deutlich in den Begriffen eines Machtkampfes auszudrücken. Obwohl Lenin ausdrücklich feststellt, dass 1905 eine bürgerliche Revolution gewesen sei[xv], öffnete die von ihm entwickelte Analyse über die besondere Rolle des Proletariats das Tor zur scheinbaren Kehrtwende im April 1917 und zum Aufruf zu einer proletarischen Revolution: „Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss.“[xvi] Die Frage der unmittelbaren Taktik, die so viel Platz in Lenins Schriften einnimmt und die zu scheinbaren Positionswechseln führt (wie in der Frage der Wahlen zur Duma), rührt aus der ständigen Sorge her, das allgemeine Verständnis der Situation auf die tatsächlichen Aktivitäten der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Organisation zu beziehen, statt in zeitlosen Schemata gefangen zu bleiben.

Luxemburgs Position zur Revolution von 1905 erkennt ebenfalls an, dass diese die Frage der proletarischen Revolution gestellt hat, auch hier trotz der formalen Annahme, dass deren Aufgabe die bürgerliche Revolution sei. Dies  ergibt sich aus ihrer Analyse des Massenstreiks als eines Ausdrucks der Revolution: „Der Massenstreik ist bloß die Form des revolutionären Kampfes (...) Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist nicht ein pfiffiges Mittel, ausgeklügelt zum Zwecke einer kräftigeren Wirkung des proletarischen Kampfes, sondern er ist die Bewegungsweise der proletarischen Masse, die Erscheinungsform des proletarischen Kampfes in der Revolution.“ [xvii] Auch sie unterstreicht die zentrale Rolle, die das Proletariat gespielt hatte: „… am 22. Januar … hat zum erstenmal das russische Proletariat als Klasse die politische Bühne betreten, zum erstenmal ist endlich auf dem Kampfplatz diejenige Macht erschienen, die allein geschichtlich berufen und imstande ist, den Zarismus in den Staub zu werfen und in Russland wie überall das Banner der Zivilisation aufzupflanzen. (…) die Macht und die Zukunft der revolutionären Bewegung liegt einzig und allein im klassenbewussten russischen Proletariat“ .[xviii]

Luxemburg äußert sich sehr ausdrücklich über die sich ändernde historische Periode, als sie die Französische, Deutsche und Russische Revolution miteinander vergleicht: „... die heutige russische Revolution steht auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den Berg, über den Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, sondern umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer Kämpfe entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung mit dem Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die vielen neuen Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die heutige Revolution realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen Russlands zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter Nachläufer der alten bürgerlichen als ein Vorläufer der neuen Serie der proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten kapitalistischen Länder.“[xix] Später scheint sie sogar zu argumentieren, dass die Aufgabe, der sich das deutsche Proletariat gegenübersieht, die proletarische Revolution sei: „... kann es sich bei einer Periode offener politischer Volkskämpfe in Deutschland als letztes geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um die Diktatur des Proletariats handeln.“[xx]

Die Methode: der Massenstreik

Luxemburgs größter Beitrag zur von 1905 angeregten Diskussion ist ihre Publikation Der Massenstreik, die politische Partei und die Gewerkschaften, die sie im August 1906 verfasst hatte[xxi] und in der sie den Charakter sowie die Merkmale des Streiks analysierte. Nach einem Rückblick auf die traditionelle marxistische Position zum Massenstreik, der Kritik an den anarchistischen und revisionistischen Positionen und einem Blick auf die aktuelle Entwicklung des Streiks in Russland fasste Luxemburg die Hauptaspekte des Massenstreiks zusammen.

Erstens und im Gegensatz zu dem, was sich Anarchisten und viele in der sozialdemokratischen Partei darunter vorstellten, ist der Massenstreik nicht ein „Akt, eine Einzelhandlung“, sondern „vielmehr die Bezeichnung, der Sammelbegriff einer ganzen jahrelangen, vielleicht jahrzehntelangen Periode des Klassenkampfes“.[xxii] Dies führt zu einer Unterscheidung zwischen Massenstreiks als „politische Demonstrationsstreiks“ und als „Kampfstreiks“. Erstere sind eine Taktik, die von der Partei gehandhabt wird, und weisen „das größte Maß von Parteidisziplin, bewusster Leitung und politischen Gedanken auf (...), (müssten) also nach dem Schema als die höchste und reifste Form des Massenstreiks erscheinen“.[xxiii] In Wahrheit jedoch gehören sie zu den Anfängen der Bewegung und werden „mit der Entwicklung der ernsten revolutionären Kämpfe“[xxiv] immer unwichtiger. Sie räumen das Feld zugunsten der elementareren Kräfte des kämpferischen Massenstreiks.

Zweitens überwindet diese Form des Massenstreiks die willkürliche Spaltung zwischen den ökonomischen und den politischen Kämpfen: „Jeder neuer Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf, indem er zugleich seine äußeren Möglichkeiten erweitert und den inneren Antrieb der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust erhöht. Nach jeder schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem Kapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das ständige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt ...“[xxv] Die Einheit zwischen ökonomischen und politischen Kämpfen ist „eben der Massenstreik“.[xxvi]

Drittens ist „der Massenstreik von der Revolution unzertrennlich“. Jedoch lehnt Luxemburg das in der Arbeiterbewegung weit verbreitete Schema ab, nach dem der Massenstreik nur in einer blutigen Konfrontation mit dem Staat enden könne, die durch das Gewaltmonopol des Letztgenannten unvermeidlich zu einem massenhaften Blutvergießen führen müsse. Dies war die Grundlage, auf der der Massenstreik als nutzlose Geste bekämpft wurde. Im Gegensatz dazu entstand er, auch wenn die Russische Revolution sicherlich einen Zusammenstoß mit dem Staat und Blutvergießen beinhaltete, aus den objektiven Bedingungen des Klassenkampfes; er entstand aus dem In-die-Bewegung-Setzen von immer größeren Massen der Arbeiterklasse. Kurz: „... produziert nicht der Massenstreik die Revolution, sondern die Revolution produziert den Massenstreik“.[xxvii]

Viertens kann, wie der vorherige Punkt besagt, ein wirklicher Massenstreik nicht dekretiert oder im Voraus geplant werden. Dies veranlasst Luxemburg dazu, das Element der Spontaneität zu betonen und die Idee zurückzuweisen, dass dies eine Folge der angeblichen Rückständigkeit Russlands sei: „Die Revolution ist, auch wenn in ihr das Proletariat mit der Sozialdemokratie an der Spitze die führende Rolle spielt, nicht ein Manöver des Proletariats im freien Felde, sondern sie ist ein Kampf mitten im unaufhörlichen Krachen, Zerbröckeln, Verschieben aller sozialen Fundamente. Kurz, in den Massenstreiks in Russland spielt das Element des Spontanen eine so vorherrschende Rolle, nicht weil das russische Proletariat ‚ungeschult‘ ist, sondern weil sich Revolutionen nicht schulmeistern lassen.“[xxviii] Auch lässt sie sich nicht dazu verleiten, die Bedeutung der Organisation zu verneinen: „Der Entschluss und Beschluss der Arbeiterschaft spielt auch dabei eine Rolle, und zwar kommt die Initiative sowie die weitere Leitung natürlich dem organisierten und aufgeklärtesten sozialdemokratischen Kern des Proletariats zu.“[xxix]

Luxemburgs Analyse unterscheidet sich deshalb so stark von jenen der Anarchisten und der orthodoxen Marxisten, weil sie innerhalb eines anderen Zusammenhangs angesiedelt ist: in jenem der Revolution. Auf den ersten Seiten von Massenstreik macht sie klar, dass ihre Schlussfolgerungen, die scheinbar jenen von Marx und Engels widersprechen, nur das Ergebnis der Anwendung ihrer Methode auf eine neue Situation sind: „... es sind dieselben Gedankengänge, dieselbe Methode, die der Marx-Engelschen Taktik, die auch der bisherigen Praxis der deutschen Sozialdemokratie zugrunde lagen, welche jetzt in der russischen Revolution ganz neue Momente und neue Bedingungen des Klassenkampfes erzeugten ...“[xxx]

Kurz und gut, Luxemburg präsentiert eine Analyse der revolutionären Dynamik - mit der Arbeiterklasse an der Spitze -, die aus den sich ändernden objektiven Bedingungen entsteht. Dies führt sie richtigerweise dazu, die Spontaneität des Massenstreiks zu betonen, aber auch zur Erkenntnis, dass diese Spontaneität faktisch das Produkt der Erfahrung der Arbeiterklasse ist. Dies unterscheidet sie von solchen Leuten wie Kautsky, der, auch wenn er damals bei der Unterstützung des Massenstreiks gesehen wurde, der orthodoxen Sichtweise verbunden blieb und unfähig war, die fundamentalen Veränderungen zu begreifen, die die Russische Revolution von 1905 verkörperte.

1910 entwickelte sich eine zweite Phase der Debatte über den Massenstreik[xxxi], die zum endgültigen Bruch zwischen Luxemburg und Kautsky führte. In dieser Debatte spielte Pannekoek eine wichtige Rolle und vertrat nicht nur Positionen, die denen Luxemburgs nahe standen, sondern entwickelte sie auch weiter. Er beginnt, indem er ausdrücklich die Frage des Massenstreiks mit den Lehren von 1905 verknüpft: „Das russische Proletariat … hat die Deutschen im Gebrauch einer neuen Waffe unterwiesen, des Generalstreiks“; „Die russische Revolution schaffte die Voraussetzungen für eine revolutionäre Bewegung in Deutschland“.[xxxii] In seiner Auffassung über den Charakter des Massenstreiks folgt er Luxemburg, indem er ihn als einen Prozess betrachtet und Kautskys Auffassung über ihn als einen „einmaligen Akt“ kritisiert. Er argumentiert, dass der Massenstreik eine Fortsetzung des Tageskampfes bilde, und richtet eine Verbindung zwischen den aktuellen Aktionsformen, die eher klein sind, und jenen Aktionen her, die zur Eroberung der Macht führen. Er setzt die Massenaktion in Beziehung zur Entwicklung des Kapitalismus: „... unter dem Einfluss der modernen Formen des Kapitalismus haben sich in der Arbeiterbewegung neue Aktionsformen ausgebildet, die Massenaktionen (...) Als sie sich aber zu einer machtvollen Praxis entwickelten, stellten sie neue Probleme; die Frage der sozialen Revolution – bisher ein Endziel in ungreifbarer Ferne – erhob sich als eine beginnende Gegenwartsfrage vor den Augen des kämpferischen Proletariats.“[xxxiii] Er fährt fort, indem er die dynamischen, entwicklungsfähigen Aspekte des Massenstreiks verteidigt: „Deshalb weisen wir noch einmal darauf hin, dass im Fortschreiten dieser Aktionen, bei denen die tiefsten Interessen und Leidenschaften der Massen zum Durchbruch kommen, nicht die Angehörigkeit zur Organisation, nicht eine traditionelle Ideologie, sondern immer mehr der reale Klassencharakter den Ausschlag gibt.“[xxxiv] Er zieht den Schluss, dass der wesentliche Unterschied zwischen seiner Position und jener von Kautsky in der Frage der Revolution besteht, und zeigt damit, wohin Kautskys Zentrismus führt: „Über diese Revolution sind nun unsere Meinungen auseinander gekommen. Für Kautsky bilden sie einen Akt in der Zukunft, eine politische Katastrophe, und haben wir uns bis dahin nur auf jene große Entscheidungsschlacht vorzubereiten, indem wir unsere Macht zusammenbringen, unsere Truppen sammeln und sie einüben. Für uns ist sie ein Prozess der Revolution – in dessen erste Anfänge wir schon hineinwachsen -, weil die Massen erst gesammelt, eingeübt und zu einer zur Eroberung der Herrschaft fähigen Organisation gemacht werden können durch den Kampf um die Herrschaft selbst. Diese Verschiedenheit der Auffassung ergibt eine durchaus verschiedene Bewertung der Gegenwartsaktionen; und es ist klar, dass die revisionistische Ablehnung jeder revolutionären Aktion und ihre Hinausschiebung in unbestimmte Ferne bei Kautsky sie in mancher Gegenwartsfrage einander nahe bringen müssen, in der sie zusammen uns gegenüberstehen.“[xxxv]

Die Form: die Sowjets

Trotzki schildert die Sowjets in seinem Buch 1905 als sehr mächtig, wie wir in früheren Artikeln dieser Reihe sahen. Am Ende des Buches fasst er in einer Passage, die in dieser Serie bereits teilweise zitiert wurde, die Bedeutung des Sowjets während der Revolution zusammen:

„Bereits vor der Einsetzung des Rates finden wir in den Kreisen des industriellen Proletariats zahlreiche revolutionäre Organisationen, deren Leitung hauptsächlich von der Sozialdemokratie besorgt wurde. Aber das waren Organisationen im Proletariat; ihr unmittelbares Ziel war -  der Kampf um den Einfluss auf die Massen. Der Rat aber schwang sich mit einem Schlage zur Organisation des Proletariats auf, sein Ziel war – der Kampf um die revolutionäre Macht. Indem der Delegiertenrat zum Brennpunkt der revolutionären Kräfte des Landes wurde, löste er sich dennoch nicht in dem Chaos der Revolution auf, er war und blieb der organisierte Ausdruck des Klassenwillens des Proletariats. In seinem Kampfe um die Macht bediente er sich der Methoden, die sich aus dem Charakter des Proletariats als einer Klasse naturgemäß ergeben: aus seiner Rolle in der Produktion, seiner Zahl, seiner sozialen Gleichartigkeit. Noch mehr: den Kampf um die Macht an der Spitze aller revolutionären Kräfte verband er mit der allseitigen Leitung der Klassenselbsttätigkeit der Arbeitermassen – er förderte nicht nur die  Organisation der Gewerkschaften, er griff sogar in die Konflikte einzelner Arbeiter mit ihren Arbeitgebern (...) Das Hauptkampfmittel des Rates war der politische Massenstreik. Die revolutionäre Wirkung eines solchen Streiks besteht darin, dass sie über den Kopf des Kapitals hinweg die staatliche Gewalt desorganisiert. Je größer und allgemeiner die von ihm herbeigeführte Anarchie wird, um so näher ist der Sieg. Aber nur in einem Falle: wenn diese Anarchie nicht mit anarchistischen Mitteln herbeigeführt wird. Die Klasse, die auf dem Wege der einmaligen Arbeitseinstellung den Produktionsapparat und zu gleicher Zeit den zentralisierten Apparat der Staatsgewalt lahm legt, indem sie die einzelnen Teile des Landes von einander isoliert und eine allgemeine Unsicherheit erzeugt, muss selbst genügend organisiert sein, wenn sie nicht als erstes Opfer der von ihr geschaffenen Anarchie fallen will. Je mehr der Streik die bestehende Staatsorganisation paralysiert, um so mehr muss die Organisation des Streiks selbst die Ausübung der Staatsfunktionen auf sich nehmen. Die Bedingungen des allgemeinen Streiks als eines proletarischen Kampfmittels waren zugleich die Bedingungen des gewaltigen Einflusses des Arbeiterdelegiertenrates.“[xxxvi]

Nach der Niederlage der Revolution schaute er nach vorn, auf die Rolle, die der Rat in Zukunft spielen würde: „Das städtische Russland bildete eine zu schmale Basis für den Kampf. Der Sowjet wollte den Kampf auf Landesebene führen, er selbst blieb jedoch vor allem eine Petersburger Angelegenheit … Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich bei der nächsten Revolutionswelle solche Arbeiterräte im ganzen Land bilden werden. Ein allrussischer Arbeitersowjet, der von einem Landeskongress organisiert wird, übernimmt dann die Führung … Die Geschichte wiederholt sich nicht. Der neue Sowjet wird die Erfahrung der fünfzig Tage nicht noch einmal durchmachen müssen. Aber er wird aus diesen fünfzig Tagen sein ganzes Aktionsprogramm herleiten können …: die revolutionäre Kooperation mit der Armee, der Bauernschaft und den unteren Schichten der Mittelklassen; die Beseitigung des Absolutismus; die Zerschlagung des absolutistischen Militärapparats; die partielle Auflösung und partielle Reorganisation der Armee; die Abschaffung der Polizei und des bürokratischen Apparats; den Achtstundentag; die Bewaffnung des Volkes, vor allem der Arbeiter; die Umwandlung des Sowjets in Organe einer revolutionären, städtischen Selbstverwaltung; die Bildung von Bauernsowjets, die an Ort und Stelle die Agrarrevolution überwachen; Wahlen zur konstituierenden Versammlung … Es ist leichter, einen solchen Plan zu formulieren als ihn auszuführen. Aber wenn der Revolution der Sieg bestimmt ist, dann muss das Proletariat diese Rolle übernehmen. Es wird eine revolutionäre Leistung vollbringen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.“[xxxvii]

In Ergebnisse und Perspektiven unterstreicht Trotzki, dass die Sowjets eine Kreation der Arbeiterklasse waren, die der revolutionären Periode entsprach: „Das waren keine genau vorbereiteten Verschwörerorganisationen, die in einem Moment der Erregung die Macht über die proletarische Masse ergriffen hatten. Nein, das waren Organe, die von dieser Masse selbst planmäßig zur Koordinierung ihres revolutionären Kampfes geschaffen wurden. Und diese, von der Masse gewählten und der Masse verantwortlichen Sowjets, diese unbedingt demokratischen Einrichtungen, führen eine äußerst entscheidende Klassenpolitik im Geiste des revolutionären Sozialismus.“[xxxviii]

Lenins Haltung gegenüber den Sowjets von 1905 ist bereits in der Internationalen Revue Nr. 123 (engl., franz. und span. Ausgabe) kurz erwähnt worden, in der wir aus einem unveröffentlichten Brief zitierten, worin er die Opposition einiger Bolschewiki gegenüber den Sowjets ablehnte, für „sowohl den Sowjet der Arbeiterdeputierten als auch die Partei“[xxxix] stritt sowie das Argument ablehnte, dass der Sowjet irgendeiner Partei angeschlossen sein müsse. Nach der Revolution verteidigte Lenin beharrlich die Rolle der Sowjets bei der Organisierung und Vereinigung der Klasse. Noch vor dem Vereinigungskongress von 1906[xl] entwarf er eine Resolution über die Sowjets der Arbeiterdeputierten, in der sie als ein Kennzeichen des revolutionären Kampfes anerkannt wurden und nicht als einmaliges Phänomen von 1905: „Sowjets der Arbeiterdeputierten (entstehen) auf dem Boden der politischen Massenstreiks als parteilose Organisationen der breiten Arbeitermassen (…); (sie sind) Keimformen der revolutionären Staatsmacht“[xli] Die Resolution legte ferner die Haltung der Bolschewiki gegenüber den Sowjets dar und schloss, dass die Revolutionäre an ihnen teilnehmen und die Arbeiterklasse so wie auch Bauern, Soldaten und Seeleute dazu veranlassen sollten, sich ebenfalls an ihnen zu beteiligen. Doch warnte die Resolution davor, dass die Ausweitung der Aktivitäten und des Einflusses des Sowjets in sich zusammenbrechen würde, es sei denn, sie würde von einer Armee gestützt: „daher muss die Bewaffnung des Volkes und die Verstärkung der militärischen Organisation des Proletariats als eine Hauptaufgabe dieser Einrichtungen in jeder revolutionären Situation betrachtet werden“.[xlii] In anderen Texten verteidigt Lenin die Rolle der Sowjets als Organe des allgemeinen revolutionären Kampfes, wobei er allerdings sagt, dass sie allein nicht ausreichten, um eine bewaffnete Erhebung zu organisieren. 1917 erkannte er, dass die Ereignisse über die bürgerliche Revolution hinaus auf die proletarische Revolution zusteuerten und dass in ihrem Zentrum die Sowjets stünden: „Keine parlamentarische Republik – von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts -, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande, von unten bis oben.“[xliii] Nun analysierte er in Worten, die denen Trotzkis auffallend ähnlich waren, den Charakter der Doppelmacht, die in Russland existierte: „Diese Doppelherrschaft kommt zum Ausdruck im Bestehen zweier Regierungen: der eigentlichen, wirklichen Hauptregierung, der Regierung der Bourgeoisie, der ‚Provisorischen Regierung’ Lwow und Co., die über alle Machtorgane verfügt, und der zusätzlichen, ‚kontrollierenden’ Nebenregierung in Gestalt des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die über keine Organe der Staatsmacht verfügt, sich aber unmittelbar auf die anerkannt absolute Mehrheit des Volkes, auf die bewaffneten Arbeiter und Soldaten stützt.“[xliv]

Von 1905 zur kommunistischen Revolution

Die Streitfragen, die die Revolution von 1905 provozierte, haben alle folgenden revolutionären Praktiken und Debatten geprägt. In diesem Sinn ziehen wir den Schluss, dass 1905 nicht einfach eine Generalprobe für 1917 war, wie gemeinhin gesagt wird, sondern der erste Akt in einem Drama, das noch nicht sein Finale erreicht hatte. Die Fragen von Theorie und Praxis, die wir in dieser Serie öfters erwähnt haben, wurden kontinuierlich weiterentwickelt. Eine Konstante bestand darin, dass es immer die Linke der Arbeiterbewegung war, die diese Arbeit leistete. Während der revolutionären Welle schlossen sich viele andere Lenin, Luxemburg, Trotzki und Pannekoek an. Im Gefolge ihrer Niederlage, als die Konterrevolution im Allgemeinen und der Stalinismus im Besonderen triumphierten, wurden ihre Reihen drastisch ausgedünnt. Der Stalinismus war die Negation der vielgestaltigen proletarischen Formen von 1905: Arbeiter wurden im Namen des „Arbeiterstaates“ abgeschlachtet, die Sowjets wurden zugunsten einer zentralen Bürokratie erstickt, und der Begriff der proletarischen Revolution wurde zu einer ideologischen Waffe der Außenpolitik des stalinistischen Staates pervertiert.

Jedoch widerstanden überall auf der Welt Minderheiten der Konterrevolution. Die entschlossensten und gründlichsten unter ihnen waren jene Organisationen, die wir als der Kommunistischen Linken angehörig betrachten und die das Thema zahlreicher Studien der IKS gewesen sind.[xlv] Die Fragen des Ziels, der Methode und der Form der Revolution standen im Mittelpunkt ihrer Arbeit, und dank ihren Bemühungen und ihrer Selbstaufopferung sind viele der Lehren von 1905 vertieft und geklärt worden.

Was die zentrale Frage der proletarischen Revolution selbst angeht, so bestand der größte Schritt vorwärts in der Erkenntnis, dass die materiellen Bedingungen für die kommunistische Weltrevolution seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts existierten. Dies wurde auf dem ersten Kongress der Dritten Internationale vertreten und von der Italienischen Kommunistischen Linken mit der Erarbeitung der Theorie der kapitalistischen Dekadenz weiterentwickelt. Sie machte deutlich, dass die Ära der bürgerlichen Revolutionen zu Ende war und dass die Diskussion in Russland über die Rolle des Proletariats nicht faktisch eine Widerspiegelung der Verspätung der bürgerlichen Revolution in diesem Land war, sondern ein Indikator dafür, dass die ganze Welt in eine neue Periode eingetreten war, in der die Aufgabe die weltweite kommunistische Revolution war und bleibt. Diese Klärung schuf den einzigen Rahmen, innerhalb dessen alle anderen Fragen verstanden werden konnten.

Die Anerkennung der unersetzlichen Rolle des Massenstreiks bedeutete ein Wiederaufgreifen der fundamentalen marxistischen Position, dass die Revolution durch eine Klassenschlacht zwischen Proletariat und Bourgeoisie erfolgt. Der parlamentarische Weg war niemals eine Option; genauso wenig würde der Kommunismus das Resultat einer Anhäufung von Reformen durch die Teilkämpfe sein. Die Massenaktion stellt Klasse gegen Klasse. Sie ist auch das Mittel, womit das Proletariat sein Bewusstsein und seine praktische Erfahrung entwickelt. Wie Pannekoek und Luxemburg erkannten, zog sie in immer höherem Tempo Arbeiter an, bildete sie und trainierte sie für den Kampf. Sie ist eine ungleichförmige Bewegung, die aus der Arbeiterklasse entsteht und innerhalb derer die revolutionären Minderheiten eine dynamische Rolle spielen. Ihre Wirklichkeit bestätigt den grundlegenden marxistischen Standpunkt über die Wechselbeziehung zwischen Bewusstsein und Aktion.

Die Diskussion über die Rolle der Sowjets bzw. die Arbeiterräte führte zur Klarheit über die Rolle der Gewerkschaften, über das Verhältnis zwischen revolutionärer Organisation und den Räten und über die ganze Frage der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus.

North, 2.2.06

[i] siehe L. Trotzki, 1905, Kap. 10, Die neue Macht.

[ii] Diese Artikel ist Teil der Serie Die Dekadenztheorie im Zentrum des historischen Materialismus und wird voraussichtlich in der Internationalen Revue Nr. 39 auf Deutsch erscheinen.

[iii] Gegen die Auffassung vom ‚genialen Chef‘, Internationale Revue Nr. 33 (engl., franz. und span. Ausgabe).

[iv] s. R. Luxemburg, Die Theorie und die Praxis,http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1910/theoprax/index.htm.

[v] s. L. Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, Kap. 7, Die Voraussetzungen des Sozialismus, http://www.marxists.org/
deutsch/archiv/trotzki/1906/erg-pers/index.htm

[vi] a.a.O., Kap. 8, Die Arbeiterregierung in Russland und der Sozialismus.

[vii] a.a.O., Kap. 6, Das proletarische Regime.

[viii] a.a.O., Kap. 4, Revolution und Proletariat.

[ix] Wperjod (Vorwärts) wurde von den Bolschewiki gegründet, nachdem die Menschewiki 1903 im Anschluss an den Zweiten Kongress der russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei die Kontrolle über die Iskra (Der Funke) übernommen hatten.

[x] s. W. I. Lenin, Ges. Werke, Band 9, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Kap. 10, Die ‚revolutionären Kommunen‘ und die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.

[xi] Im April 1905 beriefen die Bolschewiki den Dritten Kongress der RSDAP ein. Die Menschewiki verweigerten ihre Teilnahme und hielten ihre eigene Konferenz ab.

[xii] s. W. I. Lenin, Ges. Werke Bd. 9, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Kap. 4, Die Liquidierung der monarchischen Staatsordnung und die Republik.

[xiii] s. W. I. Lenin, Ges. Werke, Bd. 10, Bericht über den Vereinigungsparteitag der SDAPR, Kap. VIII, Die Ergebnisse des Parteitags.

[xiv] s. W. I. Lenin, Ges. Werke, Bd. 10 S. 428, Der Wahlsieg der Sozialdemokratie in Tiflis, 1906.

[xv] „Der Grad der ökonomischen Entwicklung Russlands (die objektive Bedingung) und der Grad des Klassenbewusstseins und der Organisiertheit der breiten Massen des Proletariats (die subjektive Bedingung, die mit der objektiven unlöslich verbunden ist) machen eine sofortige vollständige Befreiung der Arbeiterklasse unmöglich. Nur ganz unwissende Leute können den bürgerlichen Charakter der vor sich gehenden demokratischen Umwälzung ignorieren ...“ (aus: Zwei Taktiken der Sozialdemokratie ..., Kap. 2, „Was sagt die Resolution des III. Parteitags der SDAPR über die provisorische revolutionäre Regierung?“

[xvi] s. W. I. Lenin, Ges. Werke Bd. 24 S. 4, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution (Die Aprilthesen)

[xvii] ) s. R. Luxemburg, Der Massenstreik, die Partei und die Gewerkschaften, Kap. IV

[xviii] s. R. Luxemburg, Die Revolution in Russland, Gesammelte Werke Bd. 1 /2 S. 492 ff.

[xix] s. R. Luxemburg, Der Massenstreik, die Partei und die Gewerkschaften, Kap. VII.

[xx] Ebenda.

[xxi] Es wurde geschrieben, als Luxemburg nach ihrer Entlassung aus polnischer Haft in Finnland war, wo sie sich an der revolutionären Bewegung beteiligt hatte. Es ist möglicherweise aufschlussreich, dass sie viel Zeit in Finnland mit führenden Bolschewiki, einschließlich Lenin, verbrachte.

[xxii] s. R. Luxemburg, Der Massenstreik, die Partei und die Gewerkschaften, Kap. IV.

[xxiii] Ebenda.

[xxiv] Ebenda.

[xxv] Ebenda.

[xxvi] Ebenda.

[xxvii] Ebenda.

[xxviii] Ebenda

[xxix] Ebenda.

[xxx] s.o.; Kap. I.

[xxxi] Siehe unser Buch The Dutch and the German Communist Left für eine breitere Diskussion darüber.

[xxxii] Prussia in Revolt, in: Internationalist Socialist Review“, Band 10, Nr. 11, Mai 1910, http://marxists.org/archive/pannekoek/1912/tactics.htm

[xxxiii] s. A. Pannekoek, Marxistische Theorie und revolutionäre Taktik, in: Die Neue Zeit, XXXI, Nr. 1, 1912, http://marxists.org/archive/pan
nekoek/1912/tactics.htm

[xxxiv] Ebenda.

[xxxv] Ebenda.

[xxxvi] s. L. Trotzki, 1905, Kap. 22, „Die Bilanz der Revolution“, http://marxists.org/archive/trotsky/works/1905/ch22.

[xxxvii] Aus einem Beitrag zur Geschichte des Sowjets, zitiert nach Isaac Deutscher, Trotzki – Der bewaffnete Prophet 1879–1921, Kap. VI, Die ‚Permanente Revolution’

[xxxviii] Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven; Kapitel 3 1789 – 1848 – 1905.

[xxxix] s. W. I. Lenin, Ges. Werke, Bd. 10, Unsere Aufgaben und der Sowjet der Arbeiterdeputierten.

[xl] Der Einheitskongress der SDAPR wurde im April 1906 abgehalten und führte zur Wiedervereinigung der Bolschewiki mit den Menschewiki, was eine Folge der Dynamik der Revolution war.

[xli] s. W. I. Lenin, Ges. Werke Bd. 10 S. 148 f., Taktische Plattform zum Vereinigungsparteitag der SDAPR

[xlii] Ebenda. Es gab keine Diskussion über die Sowjets auf dem Kongress, der von den Menschewiki dominiert war.

[xliii] s. W. I. Lenin, Ges. Werke Bd. 24, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution (Aprilthesen).

[xliv] s. W. I. Lenin, Ges. Werke Bd. 24 S. 45, Über die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Die eigenartige Doppelherrschaft und ihre klassenmäßige Bedeutung.

[xlv] siehe unsere Bücher The Italian Left 1926-45, The Dutch and German Communist Left, The Russian Communist Left und The British Communist Left (sie sind auch in anderen Sprachen erschienen, auszugsweise auch auf Deutsch).