Wirtschaftskrise: 30 Jahre offene Krise des Kapitalismus

Die 90er Jahre

Der dritte Teil dieser Geschichte der kapitalistischen Krise
ist der Dekade der 90er Jahre gewidmet. Dieses Jahrzehnt hat sich noch nicht
dem Ende genähert, und allein die letzten 30 Monate gestalteten sich auf
ökonomischer Ebene schon als besonders ernst

[1]

.

Das letzte Jahrzehnt erlebte den Kollaps aller Modelle des
ökonomischen Managements, die der Kapitalismus als Allheilmittel und Lösung
seiner Krise präsentiert hat: 1989 fand die Auflösung des stalinistischen
Modells statt, das die Bourgeoisie als ”Kommunismus” darstellte, um so die Lüge
vom ”Triumph des Kapitalismus” besser verkaufen zu können. Seitdem kippten,
auch wenn etwas diskreter, nacheinander das deutsche, japanische, schwedische
und schweizerische Modell, und schließlich brachen die ”Tiger” und ”Drachen”
einer nach dem anderen zusammen. Diese Kette von Fehlschlägen demonstriert,
dass der Kapitalismus keine Lösung für seine historische Krise besitzt und dass
all die Jahre des Schwindels und der Manipulationen der ökonomischen Gesetze die
Lage nur noch schlimmer gemacht haben.  

Der Zusammenbruch des Ostblocks und die Weltrezession von
1991-93

Der Untergang der Länder des alten russischen Blocks

[2]


war eine echte Katastrophe: Zwischen 1989 und 1993 fiel die Produktion
regelmäßig um 10 bis 30 Prozent. Zwischen 1989 und 1993 verlor Russland 70%
seiner produzierenden Industrie! Während sich das Tempo dieses Sturzes
mittlerweile etwas verlangsamt hat, bleibt die Leistungsbilanz dennoch
verheerend: In Ländern wie Bulgarien, Rumänien und Russland sind die Zahlen
negativ, nur in Polen, Ungarn und Tschechien sind sie positiv.

Der Kollaps der Wirtschaft dieser Länder, die mehr als ein
Sechstel der Erdoberfläche bedecken, ist – zumindest in ”Friedenszeiten” - der
schlimmste im 20. Jahrhundert gewesen. Hinzugefügt werden sollte die Liste der
Opfer der 80er Jahre: die Mehrheit der afrikanischen Länder und eine reichliche
Anzahl von asiatischen, karibischen, mittel- und südamerikanischen Ländern. Die
Fundamente der kapitalistischen Reproduktion erlitten eine neue und schwer
wiegende Zerrüttung. Jedoch war der Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks kein
isoliertes Ereignis; er war nur der Vorbote neuer Verwerfungen der
Weltwirtschaft: Nach fünf Jahren der Stagnation und Finanzkrisen (s. unseren
vorherigen Artikel) wurden Ende 1990 die Hauptindustrieländer von der Rezession
erfasst:

-
Den Vereinigten Staaten ereilte zwischen 1989 und 1990 eine Verlangsamung des
Wachstums (von 2 auf 0,5%), dessen Rate 1991 negativ wurde (-0,8%).

-
Großbritannien wurde von der seit 1945 schlimmsten Rezession heimgesucht, die
bis 1993 anhielt.

-
In Schweden erwies sich die Rezession als heftigste in der Nachkriegszeit und
führte zu einer Situation der Semi-Stagnation (das famose ”Schwedische Modell”
verschwand aus den Textbüchern).

-
Zwar verzögerte sich die Rezession in Deutschland und in anderen Ländern
Westeuropas, doch Mitte 1992 explodierte sie auch dort und dauerte bis 1993/94.
1993 sank die Industrieproduktion Deutschlands um 8,3%; in den Ländern der EU
schrumpfte sie um insgesamt ein Prozent.

-
Japan stürzte ab 1990 in den Zustand einer sich allmählich entfaltenden
Rezession: Das durchschnittliche Wachstum betrug während der Periode von
1990-97 erbärmliche 1,2%, und dies trotz der Tatsache, dass die Regierung elf
Förderungsprogramme aufgelegt hatte!

-
Die Arbeitslosigkeit erreichte neue Rekorde. Dies wird anhand einiger Zahlen
deutlich genug:

-
1991 wurden in den 24 Ländern der OECD sechs Millionen Arbeitsplätze
vernichtet.

-
Zwischen 1991 und 1993 wurden in den zwölf Ländern der Europäischen Union 8
Millionen Arbeitsplätze abgebaut.

-
1992 erreichte die Arbeitslosigkeit in Deutschland Ausmaße, wie sie seit den
30er Jahre nicht mehr erblickt worden waren, und stieg, weit entfernt davon zu
fallen, seitdem weiter an, um 1994 die 4-Millionen- und 1995 die
5-Millionen-Grenze zu überschreiten.

Betrachtet man nur den Fall der Produktionszahlen, so
scheint die Rezession von 1991-93 etwas milder ausgefallen zu sein wie jene von
1974-75 oder 1980-82, doch es gibt eine Reihe von Elementen, die das Gegenteil
beweisen:

-
Anders als die früheren Rezessionen wurde kein Bereich von der Krise
ausgespart.

-
Die Rezession traf die Rüstungs- und Computersektoren, die bis dahin nicht
betroffen waren, besonders hart. 1991 entließ IBM 20.000 Arbeiter (1993 waren
es bereits 80.000), NCR entließ 18.000, Digital Equipment 10.000, Wang 8.000
etc. 1993 plante die modernisierte und mächtige deutsche Autoindustrie 100.000
Entlassungen

-
Dies verlieh Phänomenen Vorschub, die in früheren Rezessionen nicht beobachtet
wurden. Letztere waren entstanden, weil die mit der Gefahr der Inflation
konfrontierten Regierungen die Kreditquellen schlossen. Ganz im Gegensatz dazu
versuchten sie in der Rezession von 1991-93, die Wirtschaft mit beträchtlichen
Kreditspritzen zu stimulieren- und scheiterten. ”Anders als in den
Rezessionen von 1967, 1970, 1974-75, 1980-82 bewirkt der Anstieg im
Geldvolumen, das direkt vom Staat geschaffen wird (Banknoten und Geldmünzen,
die von den Zentralbanken herausgegeben werden) keinen Anstieg mehr im Volumen
der Bankkredite. Die amerikanische Regierung hat das Gaspedal durchgedrückt,
doch die Banken haben nicht reagiert.”
(International Review, Nr.
70, ”Eine Rezession anders als ihre Vorgänger”) So senkte die Federal Reserve
der Vereinigten Staaten zwischen 1989 und 1992 die Zinsraten 22 Mal, von 10 auf
3% (ein Niveau, das niedriger ist als die Inflationsrate, was bedeutet, dass
das Geld, das den Banken geliehen wurde, praktisch zinslos war), doch die
Wirtschaft zu stimulieren bewirkte dies nicht. Es handelt sich hierbei um, wie
die Experten es nennen, die ”Schuldenfalle”.

-Dies verursachte einen größeren Ausbruch der Inflation. Die
Zahlen für 1989-90 betragen:

USA                           06,0%

Großbritannien          10,4%

EG                                  06,1%

Brasilien                    1800%

Bulgarien                      
70%

Polen                                 50%

Ungarn                          
40%

UdSSR                         
34%

In der Rezession von 1991-93 drohte die Rückkehr jener
gefürchteten Kombination, die den bürgerlichen Regierungen in 70er Jahren so
viel Sorgen bereitet hatten: Rezession und Inflation bzw. ”Stagflation”. Es
zeigt ganz allgemein, dass das ”Krisenmanagement”, das wir im ersten Artikel
dieser Reihe analysiert hatten, die kapitalistischen Gebrechen weder überwinden
noch lindern kann, sondern nichts anderes tun kann, als sie aufzuschieben, mit
der Folge, dass jede neue Rezession um so schlimmer wird. So offenbarte die
Rezession von 1991-93 drei qualitativ äußerst wichtige Fakten:

-
die steigende Unfähigkeit, die Produktion mit Krediten anzukurbeln;

-
die immer größere Gefahr einer Kombination zwischen der Stagnation der
Produktion auf der einen und der Explosion der Inflation auf der anderen Seite;

-
die Tatsache, dass die shooting stars der Wirtschaft (Computer,
Telekommunikation, Rüstung), die bis dahin von der Krise verschont geblieben
waren, nun ebenfalls betroffen waren.

Eine Wirtschaftsaufschwung ohne Arbeitsplätze

Nach einigen schüchternen Ansätzen 1993 erlebte im
darauffolgenden Jahr die Wirtschaft der Vereinigten Staaten, begleitet von
Großbritannien und Kanada, ein steigendes Wachstum, das allerdings nie mehr als
5% betrug. Angesichts dessen vermeinte der Bourgeoisie, bereits Hurra zu
schreien und mit Sprüchen über ”Jahre des ununterbrochenen Wachstums” die
Wirtschaftsaufschwung in alle vier Himmelsrichtungen hinauszuposaunen.

-
Diese ”Aufschwung” gründete sich auf ein massives Wachstum der Verschuldung der
USA und der Weltwirtschaft als Ganzes:

...- Zwischen 1987 und 1997 wuchs die Gesamtverschuldung der USA um 628
Millionen Dollar pro Tag. Grundlage dieser Verschuldung war einerseits die
Ableitung enormer Dollarmassen in die ganze Welt

[3]


und andererseits die unkontrollierte Stimulation des Konsums der
Privathaushalte, die das private Sparvermögen derart schrumpfen ließ, dass 1996
der Wert der Sparguthaben das erste Mal seit 53 Jahren wieder negativ war.

...- China und die sogenannten asiatischen ”Tiger” und ”Drachen” bezogen
beträchtliches Kapital aus der Parität zwischen ihren Währungen und dem Dollar
(eine große Gelegenheit für ausländische Investoren), mit dem sie ihr
schnelles, aber illusorisches Wachstum ölten.

...- Eine Reihe wichtiger lateinamerikanischer Länder (Brasilien, Chile,
Argentinien, Venezuela und Mexiko) bildete das Zentrum enormer spekulativer
Anleihen, für die mit hohen, kurzfristigen Zinsraten bezahlt wurden.

-
Die spektakuläre Steigerung der Arbeitsproduktivität erlaubte eine Senkung der
Arbeitskosten und machte amerikanische Waren konkurrenzfähiger.

-
Die aggressive Handelspolitik von Seiten des amerikanischen Kapitals stand auf
folgenden Säulen:

...- auf dem Zwang gegenüber seinen Rivalen, ihre
Zölle und andere protektionistische Maßnahmen abzubauen;

...- auf der Dollarmanipulation, die es erlaubte, seinen Kurs zu senken,
wenn die Stimulation des Exports vorrangig war, und ihn anzuheben, wenn es
darum ging, Kapital anzulocken;

...- auf der Ausnutzung sämtlicher Instrumente, die die USA als
imperialistische Hauptmacht besitzen (militärisch, diplomatisch, ökonomisch),
um ihre Position auf dem Weltmarkt zu verbessern.

Die europäischen Länder folgten dem Weg der USA und kamen ab
1995 ebenfalls in den Genuss eines ”Wachstums”, wenn auch auf viel niedrigerem
Niveau (die Zahlen schwankten zwischen 1% und 3%).

Das auffälligste Kennzeichen dieser neuen ”Aufschwung”
besteht darin, dass es eine Aufschwung ohne Arbeitsplätze war, was eine neue
Entwicklung, verglichen mit den früheren, einleitete. So:

-
hörte die Arbeitslosigkeit in den OECD-Ländern zwischen 1993 und 1996 nicht auf
zu wachsen;

-
vernichteten Großunternehmen Arbeitsplätze, statt neue zu schaffen: Laut
Berechnungen kürzten die ”Fortune 500”-Unternehmen zwischen 1993 und 1996
500.000 Stellen;

-
sank zum ersten Mal seit 1945 die Zahl der öffentlichen Angestellten. Die amerikanische
Bundesadministration strich zwischen 1994 und 1996 118.000 Arbeitsplätze;

-
wurde das Wachstum der Unternehmensprofite, anders als in früheren
Aufschwungphasen, nicht von einer Steigerung der Beschäftigungsquote begleitet
– ganz im Gegenteil.

Die neuen Jobs, die geschaffen wurden, waren schlecht
bezahlt und Teilzeitarbeit.

Diese Aufschwung, die die Arbeitslosigkeit noch steigerte,
ist ein beredtes Zeugnis für das große Ausmaß, das die historische Krise des
Kapitalismus erreicht hat, wie wir in der International Review, Nr. 80
betont hatten: ”Wenn die kapitalistische Wirtschaft gesund ist, ist die
Steigerung oder Aufrechterhaltung der Profite das Ergebnis einer Steigerung der
Zahl ausgebeuteter Arbeiter und der Fähigkeit, größere Mengen an Mehrwert aus
ihnen herauszupressen. Leidet sie aber an einer chronischen Krankheit,
verhindert trotz der Intensivierung der Ausbeutung und Produktivität der Mangel
an Märkten eine Aufrechterhaltung ihrer Profite, ohne die Zahl der
ausgebeuteten Arbeiter zu reduzieren, ohne den Kapitalismus zu zerstören.”

Wie bei der offenen Rezession von 1991-93 ist die Aufschwung
von 1994-97, entsprechend ihrer Zerbrechlichkeit und gewaltigen Widersprüche,
ein neuer Ausdruck der Vertiefung der kapitalistischen Krise; aber sie unterscheidet
sich von den früheren darin, dass:

-
viel weniger Länder einbezogen sind;

-
die USA nicht mehr die Rolle der Weltwirtschaftslokomotive spielen, indem sie
ihren ”Partnern" den nötigen Schub verleihen; vielmehr wurde diese
Aufschwung auf Kosten anderer, besonders Deutschlands und Japans, erreicht;

-
die Arbeitslosigkeit weiterhin wächst; im günstigsten Fall kann man sagen, dass
sie etwas langsamer wächst;

-
die Aufschwung begleitet wurde von Erschütterungen an den Finanzmärkten und
Börsen, unter anderem:

...- der Zusammenbruch der mexikanischen Wirtschaft (1994);

...- die Verwerfungen des europäischen Währungssystems (1995);

...- der Bankrott der Barings-Bank (1996).

Wir können die Schlussfolgerung ziehen, dass im Werdegang
der kapitalistischen Krise in den letzten 30 Jahren jede neue Aufschwungphase
schwächer als die vorherige und trotzdem stärker als die folgende ist, während
jede neue Rezession schlimmer als die letzte, aber nicht so schlimm wie die
kommende ist.

Die sogenannte ”Globalisierung”

In den 90er Jahren waren wir Zeuge der überschäumenden
Ideologie der ”Globalisierung”. Demzufolge würde eine Ausdehnung der
Marktgesetze, der strikten staatlichen Ausgabendisziplin, der Flexibilität der
Arbeit und der unbegrenzten Zirkulation von Kapital auf den gesamten Globus die
”endgültige” Überwindung der Krise möglich machen (natürlich in Kombination mit
einer ganzen Ladung niederdrückender Opfer auf dem Rücken des Proletariats).
Wie alle ihr vorausgehenden ”Modelle” ist auch diese neue Alchimie ein Versuch
der wichtigsten kapitalistischen Staaten, mit der Krise Schritt zu halten, um
ihr Tempo zu drosseln. Er wird getragen wird von drei Hauptelementen:

-
von einer gewaltigen Steigerung der Produktivität,

-
von einer Verminderung der Handelsbarrieren und anderer Restriktionen des
Weltmarktes;

- von einer spektakulären Entwicklung der
finanziellen Transaktionen.

Der Anstieg in der Produktivität

Während der 90er Jahre erlebten die meisten Hauptindustrieländer
einen beträchtlichen Anstieg in der Produktivität. Bei diesem Wachstum müssen
wir unterscheiden zwischen der Kostenreduzierung einerseits und dem Wachstum
der organischen Zusammensetzung des Kapitals (Verhältnis zwischen konstantem
und variablem Kapital) andererseits.

Viele Faktoren trugen zur Kostenreduzierung bei:

-
ein immenser Druck auf die Lohnkosten: Verminderung des Nominallohns und
wachsende Kürzungen jenes Lohnanteils, der in den Sozialausgaben materialisiert
wird;

-
ein Schwindel erregender Fall der Rohstoffpreise;

-
die organisierte und systematische Eliminierung unproduktiver Bereiche des
Produktionsapparates – im privaten wie im öffentlichen Sektor – durch
mannigfaltige Mechanismen: auf die ganz simple Tour, durch Betriebsschließungen
nämlich, durch Privatisierung von Staatseigentum, Fusionen, Kauf und
Übereignung von Aktien.

-
die sogenannte ”Ausgliederung”, mit anderen Worten: der Transfer wenig
rentabler Wertproduktion in die Dritte Welt mit ihren niedrigen Arbeitskosten
und lächerlich geringen Preisen (die häufig auf Dumping zurückzuführen sind),
was den zentralen Länder erlaubt, ihre Kosten zu vermindern.

Das allgegenwärtige Resultat war eine universelle
Reduzierung der Arbeitskosten (und ein krasses Wachstum sowohl des absoluten
als auch des relativen Mehrwerts).

Stand der jährlichen Schwankungen in den Kosten pro
Arbeitseinheit (Quelle: OECD)

                                    1985-96       1996            1997            1998

Australien                       3,8                    2,8        1,7        2,8

Deutschland                   0,0                  -0,4     -1,5    
-1,0

Frankreich                      1,5                     0,9       0,8         0,4

Großbritannien          4,6                     2,5       3,4         2,8

Italien                          4,1                     3,8       2,5         0,8

Japan                         0,5     
            -2,9       1,9        
0,5

Kanada                           3,1                     3,8       2,5         0,8

Schweden                      4,4                     4,0       0,5         1,7

Schweiz                          3,5                     1,3     -0,4      
-0,7

Spanien                          4,2                     2,6       2,7         2,0

Südkorea                        7,0                     4,3       3,8        -4,3

Vereinigte Staaten 
3,1                  2,0       2,3         2,0

Was den Anstieg in der Zusammensetzung des Kapitals angeht,
so ist dies nichts Neues in der Periode der kapitalistischen Dekadenz, da dies
unerlässlich ist, um den Fall der Profitrate auszugleichen. Die systematische
Einführung von Robotern, der Informationstechnologie und der Telekommunikation
verlieh diesem Prozess weiteren Auftrieb.

Dieser Anstieg in der organischen Zusammensetzung verleiht
diesem oder jenem Einzelkapital, dieser oder jener Nation einen gewissen
Vorteil gegenüber den Konkurrenten, doch was bedeutet dies vom Standpunkt des
gesamten Weltkapitals aus? In der aufsteigenden Periode, als das System fähig
war, immer größere Arbeitermassen in seine Ausbeutungsverhältnisse
einzuverleiben, bildete das Wachstum der organischen Zusammensetzung einen
beschleunigenden Faktor in der kapitalistischen Expansion. Unter den
gegenwärtigen Umständen der Dekadenz und einer 30-jährigen, chronischen Krise
ist die Wirkung dieses Anstiegs in der organischen Zusammensetzung eine völlig
andere. Auch wenn er lebenswichtig ist für jedes Einzelkapital, um die Tendenz
zum Fall der Profitrate auszugleichen, hat er für das Gesamtkapital insofern
eine andere Wirkung, als er die Überproduktion verschärft und durch die
Verminderung des variablen Kapitals, d.h. durch die Entlassung immer größerer
Arbeitermassen auf die Straße, der eigentlichen Ausbeutungsgrundlage den Boden
entzieht.

Die Reduzierung der Handelsbarrieren

Die bürgerliche Propaganda hat das Verschwinden von
Handelsbarrieren im letzten Jahrzehnt als ”Triumph des Marktes” bezeichnet. Wir
wollen dies hier nicht detaillierter analysieren

[4]

,
doch ist es notwendig, die Wahrheit zu enthüllen, die sich hinter diesen
ideologischen Nebelkerzen verbirgt:

-
Die Abschaffung von Handelszöllen und anderer protektionistischer Maßnahmen
fand im Wesentlichen nur einseitig statt: Sie wurde von den schwächsten Ländern
zum Nutzen der stärksten ausgeführt und betraf vor allem Brasilien, Russland,
Indien etc. Weit davon entfernt, ihre eigenen Handelsbarrieren zu reduzieren,
haben die Hauptindustrieländer neue geschaffen, indem sie das Alibi des
Umweltschutzes, der ”Menschenrechte” u.ä. benutzen. Im Gegensatz zu ihrer
Darstellung in der bürgerlichen Ideologie hat diese Politik die
imperialistischen Spannungen noch verschärft.

-
Angesichts der Verschlimmerung der Krise haben die Hauptindustrieländer die
Politik der ”Kooperation” durchgesetzt, deren Inhalt sich darauf konzentriert:

...- die Auswirkungen der Krise und der verschärften Konkurrenz auf die
schwächsten Länder abzuwälzen;

...- mit allen Mitteln einen Zusammenbruch des Welthandels zu verhindern,
was nichts anderes bewirkt als eine weitere Verschärfung der Krise mit
besonders schwerwiegenden Konsequenzen für die zentralen Länder.

Die Globalisierung der Finanztransaktionen

Während der 90er Jahre fand eine neue Schuldeneskalation
statt. Quantität verwandelte sich in Qualität, die Verschuldung mutierte zur
Überverschuldung:

-
In den 70er Jahren konnten die Schulden reduziert werden, indem man das Risiko
einging, eine Rezession zu provozieren; seit Mitte der 80er Jahre ist die
Verschuldung zur dauernden und wachsenden Notwendigkeit für jeden Staat während
des Aufschwungs wie auch in der Rezession geworden: ”Die Verschuldung ist
keine Option, keine Wirtschaftspolitik, für die sich die Weltführer entscheiden
oder nicht. Sie ist ein Zwang, eine Notwendigkeit, die ihnen durch die
Funktionsweise und die Widersprüche des kapitalistischen Systems aufgezwungen
wird.”
(International Review, Nr. 87, ”The casino
economy”)

-
Einerseits benötigen Staaten, Banken und das Business einen Zustrom von
frischem Kapital, was nur durch die Finanzmärkte ermöglicht werden kann. Dies
führt zu einem rasenden Wettbewerb um Geldanleihen. Allein für diesen Zweck
wurden in wachsendem Maße sorgfältig ausgeheckte Tricks genutzt: die Etablierung
einer erzwungenen Parität zwischen den lokalen Währungen und dem Dollar (dieser
Trick wurde von China und den berühmten ”Tigern” und ”Drachen” benutzt), die
Neubewertung von Währungen, um Kapital an sich zu binden, wachsende Zinsraten
etc.

-
Andererseits ”findet der Profit aus der Produktion nicht mehr genügend
Anlagemöglichkeiten in rentablen Investitionen, um die Produktionskapazitäten
zu steigern. ‚Krisenmanagements bedeutet also, andere Anlagemöglichkeiten für
dieses Übermaß an flüssigem Kapital zu finden, um seine abrupte Entwertung zu
vermeiden” (ebenda). Es sind die Staaten und die angesehensten
Finanzinstitutionen selbst, die die frenetische Spekulation stimulierten, nicht
nur, um das Platzen dieser gigantischen Blase von fiktivem Kapital zu
vermeiden, sondern auch, um die Kosten der stetig wachsenden Verschuldung zu
vermindern.

Die Überverschuldung sowie die überbordende und irrationale
Spekulation, die von Ersterer verursacht wurde, führten zur berühmten
”grenzenlosen Bewegungsfreiheit” des Kapitals, zum Gebrauch der Elektronik und
des Internet bei Finanztransaktionen, zur Koppelung der Währungen an den
Dollar, zur ungehinderten Rückführung der Profite in die Heimat. Das
komplizierte Finanzmanagement der 80er Jahre (s. die vorhergehenden Artikel)
nimmt sich gegen die raffinierten und verschlungenen Tricks der finanziellen
”Globalisierung” in den 90er Jahren wie ein Kinderspiel aus. Bis in die Mitte
der 80er Jahre hinein war die Spekulation, die schon immer im Kapitalismus
existiert hatte, ein mehr oder weniger temporäres Phänomen. Seither hat sie
sich in ein tödliches, aber unerlässliches Gift verwandelt, das untrennbar mit
dem Prozess der Überverschuldung verbunden und notgedrungen Bestandteil der
Funktionsweise des Systems geworden ist. Das Gewicht der Spekulation ist
beträchtlich: Gemäß den Zahlen der Weltbank ist das sogenannte ”Risikokapital”
auf 30 Milliarden Dollar angewachsen, von denen 24 Milliarden aus den
Industrieländern kommen.

Eine vorläufige Bilanz der 90er Jahre

Wir möchten hier einige vorläufige Schlussfolgerungen aus
der Periode 1990-96 (vor der Explosion, die als ”asiatische Krise” bezeichnet
wurde) anbieten, die uns wichtig erscheinen.

Die Entwicklung der Wirtschaftslage

1. Die durchschnittlichen Wachstumsraten sind weiter gefallen:
Steigerungsraten in BSP (Durchschnitt der 24 OECD-Länder)

            1960-70       5,6%

            1970-80       4,1%

            1980-90       3,4%

            1990-95       2,4%

 

2.
Die Amputation der produzierenden Industrie- und Landwirtschaftssektoren setzt
sich fort und betrifft alle Bereiche, die ”veralteten” wie auch die
”Vorreiter”.

Entwicklung des BSP-Anteils des direkt produzierenden
Gewerbes (in %) (Industrie und Landwirtschaft)

1975            1985            1996

Vereinigte Staaten            36,2            32,7            27,8

China                         74,8            73,5            68,5

Indien                         64,2            61,1            59,2

Japan                         47,9            44,2            40,3

Deutschland              52,2            47,6            40,8

Brasilien                    52,3            56,8            51,2

Kanada                      40,7            38,1            34,3

Frankreich                 40,2            34,4            28,1

Großbritannien          43,7            43,2            33,6

Italien                          48,6            40,7            33,9

Belgien                      39,9            33,6            32,0

Israel                          40,1            33,1            31,3

Südkorea                   57,5            53,5            49,8

3.
Im Kampf gegen den unvermeidlichen Fall der Profitrate sucht das Business
Zuflucht bei einer ganzen Reihe von Maßnahmen, welche den Fall kurzfristig
verzögern sollen, aber mittelfristig das Problem nur noch weiter verschärfen
werden:

-
die Reduzierung der Arbeitskosten und die Steigerung der organischen
Zusammensetzung des Kapitals;

-
Dekapitalisierung: der massive Transfer von Vermögenswerten (Fabriken,
Eigentum, finanzielle Investitionen), um die Profite aufzublähen;

-
Konzentration: Betriebsfusionen haben ein spektakuläres Wachstum erlebt.

Der Wert von Fusionen in Milliarden Dollar (Quelle: ”JP
Morgan”)

                        Europäische Union             Vereinigte
Staaten

1990               260                                         240

1992               214                                         220

1994               234                                         325

1996               330                                         628

1997               558                                         910

1998               670                                         1500

Während der gigantische Prozess der Kapitalkonzentration
zwischen 1850 und 1910 die Entwicklung der Produktion widerspiegelte und
positiv für die Entfaltung der Wirtschaft war, drückt der gegenwärtige Prozess
das Gegenteil aus. Es handelt sich hier um eine defensive Antwort, die darauf
ausgerichtet ist, den starken Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage
dadurch auszugleichen, indem sie die Verringerung der Produktionskapazitäten
organisiert (1998 kürzten die Industrieländer ihre Produktionskapazitäten um 10%)
und die Arbeitskräfte reduziert: Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass
infolge der getätigten Fusionen 1998 die Zahl der Arbeitsplätze insgesamt um
11% reduziert wurde.

4.
Die Fundamente des Weltmarktes wurden ein weiteres Mal reduziert: Große Teile
Afrikas, eine gewisse Anzahl asiatischer und lateinamerikanischer Länder
beteiligten sich nur noch schwach am Weltmarkt, da sie sich in einer Lage des
Zerfalls befinden. Sie sind bekannt geworden als ”schwarze Löcher”: ein Zustand
des Chaos‘, die Wiederauferstehung von Formen der Sklaverei, eine Wirtschaft,
die auf Tauschhandel und Ausplünderung basiert.

5.
Die bisher als ”Modelle” gepriesenen Länder sind in eine ausgedehnte Stagnation
gestürzt. Dies ist der Fall in Deutschland, der Schweiz, in Japan und Schweden,
wo:

-
die durchschnittliche Wachstumsrate der Produktion in der Periode von 1990 bis
1997 zwei Prozent nicht überschritt;

-
die Arbeitslosigkeit beträchtlich wuchs: zwischen 1990 und 1997 verdoppelte sie
sich praktisch (zum Beispiel betrug in der Schweiz die Arbeitslosigkeitsrate
zwischen 1970 und 1990 noch 1%; 1997 war sie auf 5,2% gestiegen);

-
alle vier Länder von Gläubigern zu Schuldnern wurden (die Schweizer Haushalte
sind die nach den USA und Japan am höchsten verschuldeten in der Welt);

-
Besonders prekär ist die Situation der Schweizer Wirtschaft, die bis vor kurzem
noch als die gesündeste in der Welt galt:

Wachstum des Schweizer BSP

            1992            0,3%

            1993            0,8%

            1994            0,5%

            1995            0,8%

            1996            0,2%

            1997            0,7%

 

6.
Die Verschuldung setzt ihr unaufhaltsames Wachstum fort und verwandelt sich in
eine Überverschuldung:

-
Die globale Verschuldung stieg auf die astronomische Zahl von 30 Billarden
Dollar (anderthalb Jahre der Weltproduktion).

-
Japan, Deutschland und die anderen westeuropäischen Länder nahmen die oberen
Ränge der Höchstverschuldeten ein (ein Jahrzehnt zuvor waren ihre Schulden noch
weitaus moderater):

Der prozentuale Anteil der Schulden am Bruttosozialprodukt
(Quelle: Weltbank)

1975 1985 1996

Vereinigte Staaten                                  48,9            64,2

Japan                                     45,6            67,0            87,4

Deutschland                          24,8            42,5            60,7

Kanada                                  43,7            64,1            100,5

Frankreich                             20,5            31,0            56,2

Großbritannien                      62,7            53,8            54,5

Italien                                      57,5            82,3            123,7

Spanien                                 12,7            43,7            130,0

-
Die Länder der Dritten Welt litten an einer neuen Überdosis Schulden:

Die Gesamtschulden der ”unterentwickelten Länder”
(Quelle:  Weltbank)

            1990            1.480.000 Millionen $

            1994            1.927.000 Millionen $

            1996            2.177.000 Millionen $

7.
Die Finanzplätze erlebten die schlimmsten Erschütterungen seit 1929 und hörten
auf, ein sicherer Ort  zu sein, wie das
bis Mitte der 80er Jahre noch der Fall war. Ihre Aushöhlung wird von einer
gigantischen Entwicklung der Spekulation begleitet, die alle Aktivitäten
betrifft: Aktien in den Börsen, Eigentum, Kunst, Landwirtschaft, etc.

8.
Zwei Phänomene, die stets im Kapitalismus existiert hatten, haben in diesem
Jahrzehnt alarmierende Ausmaße angenommen:

-
die Korruption von Politikern und Wirtschaftsmanagern, die ein Produkt zweier
miteinander verbundener Faktoren ist:

...- des immer überwältigenderen Gewichts des Staates in der Wirtschaft
(Geschäfte sind in wachsendem Maße abhängig von staatlichen Investitionsplänen,
von Subventionen, öffentlichen Aufträgen);

...- der wachsenden Schwierigkeit, mit ”legalen” Mitteln ausreichenden
Profit zu erzielen.

- die Kriminalisierung der Wirtschaft, die immer
stärkere wechselseitige Durchdringung von Staaten, Banken, Business und
Drogen-, Waffen-, Kinder- und Menschenhändlern. Die dubiosesten Geschäfte sind
zumeist die profitabelsten, und die ”seriösesten” Institutionen öffentlicher
und privater Natur können nicht anders, um ihren Appetit zu stillen. Nichts
veranschaulicht deutlicher die Tendenz zum wirtschaftlichen Zerfall.

9. Im Gefolge der o. g. Erscheinungen hat sich auch
ein Phänomen in den Industrieländern breit gemacht, das bis dahin für die
Bananenrepubliken und stalinistischen Regimes reserviert war – das Phänomen
immer unverfrorener Verfälschungen von Wirtschaftsindikatoren und der
”kreativen Buchführung” in allen Variationen. Dies ist ein weiterer Ausdruck
der Verschlimmerung der Krise, da es für die Bourgeoisie stets notwendig war,
über zuverlässige Statistiken zu verfügen (besonders in den Ländern des
”westlichen” Staatskapitalismus, wo der Markt benötigt wird, um zu einem
unbestechlichen Urteil über die Funktionsweise der Wirtschaft zu gelangen).

Die Weltbank, Quelle vieler Statistiken, führt als einen
Teil des BSP den Begriff der ”nicht handelsfähigen Dienstleistungen” auf, der
die Zahlungen für das Militär, die Staatsbediensteten und Lehrer umfasst. Eine
andere Methode, die Zahlen aufzublähen, besteht darin, nicht nur die
landwirtschaftlichen Tätigkeiten, sondern auch eine ganze Reihe von
Dienstleistungen als ”Eigenkonsum” zu berücksichtigen. Der viel gerühmte
”Haushaltsüberschuss” des amerikanischen Staates ist eine Fiktion, die
aufrechterhalten wird, indem man mit den Überschüssen der Sozialversicherungen
spielt

[5]

.  Doch werden, gemessen an ihrer großen
sozialen und politischen Bedeutung, die skandalösesten Tricks mit den
Arbeitslosenstatistiken angestellt, die beträchtlich nach unten ”korrigiert”
werden:

-
In den USA hat unsere Publikation Internationalism die von der
Clinton-Administration benutzten Tricks deutlich gemacht, um ihre
”hervorragenden” Arbeitslosenzahlen zu erzielen: indem sie diejenigen, die
einer Teilzeitarbeit nachgehen, in ihren Beschäftigtenzahlen voll mit
einschließt, indem sie jene Arbeitslose aus ihren Statistiken eliminiert, die
sich weigern, irgendeinen McBurger-Job anzunehmen, indem sie die verschiedenen
Teilzeitjobs, die von einem Arbeiter ausgeübt werden, so zählt, als würden sie
von mehreren Individuen ausgeführt u.s.w.

- In
Deutschland werden nur diejenigen als arbeitslos anerkannt, die einen Job von
mindestens 18 Arbeitsstunden in der Woche suchen, in den Niederlanden beträgt
die Zahl der zu leistenden Wochenarbeitsstunden 12 Stunden und in Luxemburg 20
Wochenstunden

[6]

.

-
Österreich und Griechenland haben sich der monatlichen Statistiken entledigt,
um auf vierteljährliche überzugehen, mit denen sie die wirklichen Zahlen
verschleiern wollen.

-
In Italien werden diejenigen, die zwischen 20 und 40 Stunden in der Woche oder
nur zwischen vier und sechs Monaten im Jahr arbeiten, nicht als arbeitslos
anerkannt. In Großbritannien werden jene Arbeitslosen, die keine staatliche
Unterstützung erhalten, aus den Statistiken ausradiert.

Die Lage der Arbeiterklasse

1.
Die Arbeitslosigkeit hat sich während dieses Jahrzehnts brutal ausgeweitet:

Arbeitslosigkeit in den 24 Ländern der OECD

            1989            30 Millionen

            1993            35 Millionen

            1996            38 Millionen

 

Arbeitslosigkeit in den Industrieländern in % (Quelle:  IAO)

                        1976            1980            1990            1996

USA                           7,4            7,1            6,4            5,4

Japan                         1,8            2,0            2,1            3,4

Deutschland              3,8            2,9            5,0            12,4

Frankreich                 4,4            6,3            9,1            12,4

Italien  6,6                  7,5            10,6            12,1

Großbritannien          5,6            6,4            7,9            8,2

Die IAO hat erklärt, dass 1996 die weltweite Arbeitslosigkeit
und Unterbeschäftigung die Schwelle von einer Milliarde erreicht hat.

2.
Die chronische Unterbeschäftigung in der Dritten Welt hat sich auf die
Industrieländer ausgebreitet:

-
1995 machten die Zeitarbeitsverträge 20% der Arbeitskräfte in den 24
OECD-Ländern aus.

-
Der IAO-Bericht von 1996 bemerkte, dass ”zwischen 25% und 30%  der Arbeiter der Welt auf einen
Arbeitsplatz, dessen Arbeitstag kürzer ist, als sie es wünschten, oder auf
einen Lohn angewiesen sind, der niedriger ist als das notwendige Minimum, um
anständig zu leben”.

3.
In der Dritten Welt hat eine massive Wiederkehr vergangen geglaubter
Ausbeutungsformen stattgefunden, wie Kinderarbeit (nahezu 200 Millionen gemäß
den Statistiken der Weltbank von 1996), Sklaverei oder Arbeitszwang – selbst in
entwickelten Ländern wie Frankreich wurden Diplomaten verurteilt, weil sie ihr
von Madagaskar oder Indonesien mitgebrachtes Hauspersonal wie Sklaven behandelt
hatten.

4.
Zusammen mit allgemeinen Massenentlassungen (besonders in den Großbetrieben)
haben sich die Regierungen der Politik der ”Reduzierung überflüssiger Kosten”
verschrieben:

-
Einschränkungen der Abfindungen im Falle von Entlassungen;

-
Kürzungen der Arbeitslosengelder und einer Reihe anderer Wohlfahrtsgelder.

5.
Die Löhne haben zum ersten Mal seit den 30er Jahren eine nominale Senkung
erlebt:

-
Das Lohnniveau in Spanien war 1997 niedriger als in den 80er Jahren.

-
In den USA fiel der Durchschnittslohn zwischen 1974 und 1997 um 20%.

-
In Japan fielen die Löhne zum ersten Mal seit 1955 (1998 um 0,9%).

6.
Es werden permanent wesentliche Bereiche der Sozialausgaben gekürzt. Dagegen
steigen die Steuern, Preise und Sozialversicherungsabgaben ohne Unterlass.

7.
Seit Mitte des Jahrzehnts hat das Kapital eine neue Angriffsfront eröffnet: die
Eliminierung eines legalen Minimums in den Arbeitsbedingungen. Dies hatte eine
Reihe von Konsequenzen zur Folge:

-
die Verlängerung des Arbeitstages (insbesondere durch die Demagogie der
”35-Stunden-Woche”, welche eine flexible Berechnung der Arbeitsstunden auf
jährlicher Grundlage und daher auch einen Abbau der Überstundenzuschläge
voraussetzte);

-
die Eliminierung der Grenzen für das Rentenalter;

-
die Aufhebung der Grenzen für das Alter des Berufseintritts (zwei Millionen
Kinder arbeiten bereits in den Ländern der EU);

-
der Abbau des Arbeitsschutzes und des Schutzes vor Berufskrankheiten etc.

8.
Ein anderer, unübersehbarer Aspekt besteht darin, dass Banken,
Versicherungsgesellschaften u.a. die Arbeiter dazu drängen, ihre kleinen
Einkommen (oder ihre Erbschaften von Eltern oder Großeltern) auf das russische
Roulett der Börsen zu setzen, um sie so zu den ersten Opfern der ständigen
Purzelbäume an den Börsen zu machen. Doch ein noch größeres Problem ist, dass
mit den Kürzungen der lächerlichen Sozialversicherungsrenten die Arbeiter in
die Abhängigkeit von Rentenfonds gezwungen werden, die die Masse ihrer Beiträge
in Börsengeschäfte investieren, welche große Unsicherheiten in sich bergen:
Beispielsweise verlor 1997 der wichtigste Rentenfonds der Angestellten im
Erziehungswesen der USA 11% seines Wertes (s. ”Internationalism”, Nr.
105)

Die bürgerliche Propaganda hat bis zum Überdruss die
Verringerung der Ungleichheiten, die ”Demokratisierung” des Wohlstands und des
Konsums propagiert. Dreißig Jahre der sich ausweitenden historischen Krise des
Kapitalismus haben diese Proklamationen systematisch der Lüge überführt und die
marxistische Analyse bestätigt, wonach die Verschlimmerung der Krise eine
eindeutige Tendenz zur wachsenden Verarmung der Arbeiterklasse und der gesamten
ausgebeuteten Bevölkerung mit sich bringt. Im Kapitalismus ist die Menschheit
in einer immer kleineren Minderheit mit unverschämt großem Reichtum auf der
einen Seite und einer wachsenden Mehrheit von Menschen auf der anderen Seite
geteilt, die unter fürchterlicher und niederschmetternder Armut leiden. Einige
im Jahresbericht der UNO von 1998 zusammengefassten Zahlen sind sehr
aufschlussreich: Während es noch 1996 weltweit 358 Superreiche waren, die in ihren
Händen dasselbe Geldvermögen wie das der 2,5 Milliarden Ärmsten konzentrierten
hatten, besaßen 1997 allein die 225 reichsten Menschen das Äquivalent des
Milliardenheeres der Verarmten.

Adalen


[1]

Es ist nicht der Zweck dieser Artikelreihe, die neue
Stufe der historischen Krise des Kapitalismus zu analysieren, die im August
1997 mit der sog. ”asiatischen Krise” erklommen wurde. Siehe dazu International
Review
Nr. 92 und andere spezifischere Studien darüber.

[2]

Es ist nicht das Ziel dieses Artikels, die Konsequenzen
daraus für den Klassenkampf, die imperialistischen Spannungen und für das
Überleben der dem stalinistischen Regime unterworfenen Länder zu analysieren.
Wir wollen hier auf die Artikel verweisen, die wir in der International
Review
, besonders in den Nr. 60, 61, 62, 63 und 64, veröffentlicht haben.

[3]

Während die amerikanische Produktion 26,7% der
Weltproduktion ausmacht, betragen die Dollarmengen 47,5% der Bankdepositen,
64,1% der Weltwährungsreserven und 47,6% der Finanztransaktionen (Zahlen von
der Weltbank).

[4]

s. International Review, Nr. 86, ”Behind the
‚gobalisation‘ of the economy: the aggravation of the capitalist crisis”;

[5]

gemäß einer Analyse, die am 9. November 1998 in der New
York Times
veröffentlicht wurde;

[6]

Diese und die folgenden Zahlen wurden dem Offiziellen
Jahrbuch der Europäischen Union (1997) entnommen.

Theoretische Fragen: