Bericht des 23. Internationalen Kongresses der IKS über den Klassenkampf: Bildung, Verlust und Rückeroberung der proletarischen Klassenidentität

Die kapitalistische Gesellschaft, die sich in der Endphase ihres Niedergangs befindet, bringt eine ganze Reihe von „Identitätskrisen“ hervor. Die Atomisierung, die dem System der verallgemeinerten Warenproduktion innewohnt, erreicht neue Dimensionen, und das gilt sowohl für das gesellschaftliche Leben als Ganzes als auch für die Reaktionen auf das zunehmende Elend und die zunehmende Unterdrückung, die das System hervorruft. Einerseits werden Gruppen und Einzelpersonen, die unter besonderer Unterdrückung leiden, ermutigt, als bestimmte Gruppen dagegen zu kämpfen – als Frauen, als Schwule, als Transgender, als ethnische Minderheiten usw. –, wobei sie nicht selten direkt miteinander konkurrieren, wie bei der aktuellen Konfrontation zwischen Transgender-Aktivist*innen und bestimmten Zweigen des Feminismus. Diese Phänomene der „Identitätspolitik“ werden gleichzeitig vom linken Flügel der Bourgeoisie bis hin zu ihren angesehensten Akademiker*innen und mächtigsten politischen Kreisen (wie in der Demokratischen Partei in den USA) übernommen.

Unterdessen erhebt sich der rechte Flügel der Bourgeoisie, während er vordergründig den Aufstieg der Identitätspolitik ablehnt, zur Verteidigung seiner eigenen Form der Identitätssuche: die Suche nach den wahren Männern, die vom Gespenst des Feminismus bedroht seien, die Sehnsucht nach dem Ruhm der Weißen Rasse, die von ausländischen Horden verdrängt werde.

Die Suche nach diesen partiellen und manchmal völlig fiktiven Identitäten und Gemeinschaften ist ein Gradmesser für die Selbstentfremdung der Menschheit in einer historischen Epoche, in der eine universelle menschliche Gemeinschaft sowohl möglich als auch notwendig für das Überleben der Gattung ist. Und vor allem ist sie, wie andere Erscheinungsformen des sozialen Zerfalls, das Produkt des Verlustes der einen Identität, deren Bestätigung zur Schaffung einer solchen Gemeinschaft führen kann, auch bekannt als Kommunismus: der Klassenidentität des Proletariats. Die jüngste Bewegung der „Gelb-Westen“ in Frankreich veranschaulicht die Gefahren, die sich aus diesem Verlust der Klassenidentität ergeben: dass eine große Zahl von Arbeiter*innen, zu Recht verärgert über die ständigen Angriffe auf ihren Lebensstandard, nicht für ihre eigenen Interessen, sondern hinter den Forderungen und Handlungen anderer sozialer Klassen mobilisiert wird – in diesem Fall des Kleinbürgertums und eines Teil der Bourgeoisie selbst[1].

Die Identität des Proletariats ist wesentlich revolutionär

Die Ausbeutung der Arbeiterklasse ist der Grundstein für das gesamte Gebäude des Kapitalismus. Es ist nicht nur eine Form der Unterdrückung unter vielen, wie die Befürworter der Identitätspolitik offen oder heimlich argumentieren. Denn trotz aller Veränderungen, die der Kapitalismus in den letzten zwei Jahrhunderten durchgemacht hat, regiert der Kapitalismus weiterhin die Erde, und das, was Karl Marx 1844 über das revolutionäre Wesen des Proletariats schrieb und oft zitiert wurde, bleibt so wahr wie eh und je. Es ist eine Klasse, deren Kampf gegen den Kapitalismus die Lösung für all das „besondre Unrecht“ dieser Gesellschaft beinhaltet – eine Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.[2]

In der Heiligen Familie, die er in der gleichen Zeit schrieb, erklärt Marx, dass die Arbeiterklasse ihrem Sein gemäß eine revolutionäre Klasse ist, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst ist:

Wenn die sozialistischen Schriftsteller dem Proletariat diese weltgeschichtliche Rolle zuschreiben, so geschieht dies keineswegs, wie die kritische Kritik zu glauben vorgibt, weil sie die Proletarier für Götter halten. Vielmehr umgekehrt. Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not - den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit - zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muß das Proletariat sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben. Es macht nicht vergebens die harte, aber stählende Schule der Arbeit durch. Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.[3]

Klassenidentität hat also eine objektive Grundlage, die so lange unveränderlich bleibt, wie es den Kapitalismus gibt, aber das subjektive Bewusstsein dessen, „was das Proletariat ist“, wird seit langem von der negativen Seite der proletarischen Bedingung zurückgehalten: der Tatsache, dass „der Mensch im Proletariat sich selbst verloren hat“, dass es eine Klasse ist, die unter dem vollen Gewicht der menschlichen Selbstentfremdung leidet. In späteren Werken erklärte Marx, dass die besonderen Formen der Entfremdung in der kapitalistischen Gesellschaft – der Prozess, der auch als „Verdinglichung“ bekannt ist, der Schleier der Mystifizierung, der dem universellen Warenaustausch innewohnt – es den Ausgebeuteten besonders schwer machen, das wirkliche Wesen ihrer Ausbeutung und die wahre Identität ihrer Ausbeuter zu begreifen. Und deshalb muss es ein „theoretisches Bewusstsein dieses Verlustes“ geben, und der Sozialismus muss in seinen Methoden wissenschaftlich werden.  Aber dieses theoretische Bewusstsein ist keineswegs von den realen Bedingungen der Arbeit und ihrer Revolte gegen die Unmenschlichkeit der kapitalistischen Ausbeutung getrennt.

Wenn Marx schreibt, dass sich das Proletariat  „nicht selbst befreien (kann), ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben“, meint die so genannte „Kommunisierungs“-Strömung, dass jeder positive Bezug auf eine Klassenidentität nur reaktionär sein könne, da sie nicht mehr als eine Beschönigung dessen sei, was das Proletariat innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ist, deshalb verlange die kommunistische Revolution die sofortige Selbstaufhebung der Arbeiterklasse. Aber damit verliert diese Strömung die dialektische Wirklichkeit einer Arbeiterklasse aus den Augen als einer Klasse, die sowohl der kapitalistischen Gesellschaft als auch nicht ihr angehört, die zugleich ausgebeutet wie auch revolutionär ist. Wir bestehen mit Marx darauf, dass das Proletariat nur dann den Weg zur wirklichen Auflösung aller Klassen und zum „völligen Neubeginn“ der Menschheit ebnen kann, wenn es sich sowohl auf der Ebene seiner wirtschaftlichen und sozialen Kämpfe wie auch als tonangebend für die politische Ausrichtung der Gesellschaft behauptet. Deshalb wird sich dieser Bericht genau auf das Problem der Klassenidentität konzentrieren: von seiner ersten Entwicklung in der aufstrebenden Phase des Kapitalismus über seinen späteren Verlust bis hin zur zukünftigen Wiederaneignung.

Die Bildung von Klassenidentität

Das Proletariat ist per Definition die Klasse der Besitzlosigkeit. Es formte sich nach der Enteignung der Bauern von ihren kleinen Grundstücken oder der Handwerker von ihren Produktionsmitteln; die Enteigneten wurden in die verseuchten Elendsviertel der frühen Industriegesellschaft getrieben. Engels schreibt in Die Lage der arbeitenden Klasse in England über all die demoralisierenden Auswirkungen dieses Prozesses, der zahlreiche Proletarier in Alkoholsucht und Kriminalität führte und sie dem brutalsten Wettbewerb untereinander aussetzte. Aber Engels lehnte jede moralisierende Verurteilung dieser rein individuellen Reaktionen auf ihren Zustand ab und verwies auf die Alternative, die sich bereits abzeichnete: den kollektiven Kampf der Arbeiter für die Verbesserung ihres Zustands durch die Gründung von Gewerkschaften, Bildungs- und Kulturvereinen und politischen Parteien wie den Chartisten - all dies letztlich inspiriert von der Vision einer höheren Gesellschaftsform. Die physische Zusammenführung der Arbeiter in den Städten und Fabriken war die objektive Voraussetzung für diesen Kampf. Dies ist eine Dimension der Arbeitsvereinigung, die die relative Isolation von Handwerkern und Bauern überwindet; aber als rein „soziologischer“ Prozess war die Maschinerie der frühen Industrialisierung so brutal und traumatisch, dass sie auch zur Produktion einer gleichgültigen Masse von Armen und sogar zum Aussterben des Proletariats durch Hunger und Krankheit hätte führen können. Es war die Anerkennung eines gemeinsamen Klasseninteresses, im Gegensatz zu dem der Bourgeoisie, das die eigentliche Grundlage für die ursprüngliche Klassenidentität des Proletariats war. Die „Organisation der Proletarier zur Klasse“, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, war also untrennbar mit dem Wachstum des Klassenbewusstseins und der Organisation verbunden: „und damit zur politischen Partei“, wie es weiter fährt. Die Arbeiterklasse ist nicht nur eine assoziierte Klasse „an sich“, nicht nur objektiv: Assoziation als Voraussetzung für eine höhere Form der sozialen Organisation entsteht erst, wenn die subjektive Dimension, die Selbstorganisation und Vereinigung der Klasse im Kampf gegen Ausbeutung, aus ihrer Stellung im kapitalistischen Gesellschaftsverhältnis heraus entsteht.

Aber das Proletariat bleibt die Klasse der Besitzlosigkeit, und das galt schließlich für seine Instrumente selbst, die es zu seiner eigenen Verteidigung geschaffen hatte. Die ersten Gewerkschaften und politischen Parteien, die eigentlich auf dem Verständnis beruhten, dass das Proletariat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft war, und das Projekt der Aufhebung der bestehenden Ordnung verfolgten, waren auch an die Notwendigkeit gebunden, dass die Klasse ihr Los innerhalb des Systems verbessern musste. Und entgegen den ersten Erwartungen der Gründer des Marxismus war dieses System noch weit entfernt von einer „finalen Krise“ oder Periode des Niedergangs, so dass je länger und umfangreicher das Proletariat seine Organisationen innerhalb des Rahmens der kapitalistischen Gesellschaft schmiedete, desto größerer wurde die Gefahr, dass diese Organisationen Teil der bürgerlichen Gesellschaft – institutionalisiert werden. Wie Engels es 1892 formulierte: Die Trades Unions, vor kurzem noch als Teufelswerk verrufen, wurden jetzt von den Fabrikanten kajoliert und protegiert als äußerst wohlberechtigte Einrichtungen und als ein nützliches Mittel, gesunde ökonomische Lehren unter den Arbeitern zu verbreiten.[4] Im Rückblick und nach bitterer historischer Erfahrung wissen wir, dass der Weg zur Revolution nicht über den schrittweisen Aufbau von Massenorganisationen der Arbeiter*innen innerhalb des Systems führt. Im Gegenteil, als die eigentliche Probe mit dem Beginn der Dekadenz bevorstand, wurden diese Organisationen, die durch die herrschende Gesellschaft und Ideologie langsam, aber sicher korrumpiert worden waren, von der herrschenden Klasse endgültig übernommen, um ihr bei der Führung ihrer imperialistischen Kriege und der Bekämpfung der Revolution zu helfen.

Dies war keineswegs ein linearer Prozess. Das Proletariat wurde ständig daran erinnert, dass es im Wesentlichen eine gesetzlose Klasse war – eine Kraft für die Revolution. Seine ersten Bemühungen, elementarste Vereinigungen zu seiner Verteidigung zu bilden, wurden von der Bourgeoisie schonungslos unterdrückt, die lange Zeit brauchte, um zu verstehen, dass sie die eigenen Organisationen der Arbeiter*innen gegen sie einsetzen konnte. Darüber hinaus drängten die politischen Bedingungen in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts das Proletariat in mindestens zwei wichtigen historischen Momenten zu offenen Aufständen gegen die herrschende Klasse: 1848 und 1871. In Frankreich, wo die Revolution nach der Erfahrung von 1789-93 bereits heimisch war, nahm die Arbeiterklasse die Waffen gegen den Staat in die Hand und stellte insbesondere 1871 konkret die Aufgabe seiner Zerstörung und der Ersetzung durch die Diktatur des Proletariats. Aber Klassenbewegungen, die auf eine revolutionäre Zukunft hindeuteten, waren nicht auf Frankreich beschränkt: In England, dem Land der „graduellen Veränderungen“, enthüllte die Streikbewegung von 1842 bereits die Konturen des Massenstreiks, der in einer späteren Epoche zur charakteristischen Kampfmethode werden sollte[5]. Die Chartistenbewegung selbst verstand ihre Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht als eine Forderung, dass die Arbeiterklasse die politische Macht in die eigenen Hände nehmen sollte, und ihre Methoden beschränkten sich nicht auf Petitionen an die Bourgeoisie: Sie führten auch zu einem Flügel der „physischen Gewalt“, der 1839 während des Aufstandes in Newport nicht zögerte, sich gegen das bestehende Regime zu bewaffnen[6]. Die Gründung der Ersten Internationale 1864, obwohl sie ihren Ursprung in der Notwendigkeit der internationalen Koordination von Abwehrkämpfen hatte, war ein weiterer Beleg dafür, dass die Arbeiterklasse mit den Fundamenten der bürgerlichen Gesellschaft zusammen stieß – dass eine wirklich selbstbewusste Klassenidentität nicht in den Rahmen des Nationalstaats gezwängt werden konnte.   

Die Angst, die die Internationale und die Pariser Kommune in den Herzen der Bourgeoisie weckten, sowie die objektiven Bedingungen der kapitalistischen Expansion auf den ganzen Planeten in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten die Grundlage für die spätere Integration der Massenarbeiterorganisationen in die bürgerliche Gesellschaft und schließlich in den Staatsapparat selbst. Zu diesen Faktoren kommen die Verwirrungen und opportunistischen Zugeständnisse hinzu, die innerhalb der proletarischen Bewegung selbst entstanden sind, nicht zuletzt die Identifikation des Proletariats mit dem nationalen Interesse, die die Zweite Internationale mit ihrer föderalen Struktur und ihren Schwierigkeiten, die Entwicklung der nationalen Frage zu verstehen, nie überwinden konnte. Aber das Gefühl einer Klassenidentität, das während der langen Zeit der Sozialdemokratie entstand, einer Zeit, in der die organisierte Arbeiterbewegung einem großen Teil der Arbeiter*innen nicht nur Organe zur wirtschaftlichen Verteidigung und zur politischen Betätigung, sondern ein ganzes soziales und kulturelles Leben zur Verfügung stellte, verschwand keineswegs mit dem Anbruch der Epoche des kapitalistischen Niedergangs. Im Gegenteil, verwandelt in eine gegen das Proletariat gerichtete Mystifikation, lastete es „wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ und wurde insbesondere von den sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien übernommen, um ihre Kontrolle über die Arbeiterklasse zu behalten: „Klassenidentität ist die Anerkennung durch das Proletariat, dass es eine eigenständige Klasse in der Gesellschaft darstellt, der Bourgeoisie gegenüber steht und eine aktive Rolle in der Gesellschaft spielt. Dies bedeutet jedoch nicht mechanisch, dass es sich selbst als die revolutionäre Klasse in der Gesellschaft erkennt. Viele Jahre lang stand die Klassenidentität im Zeichen der Vorstellung einer Klasse der kapitalistischen Gesellschaft, die einen angemessenen Lebensstandard anstrebte und Anerkennung als gesellschaftliche Kraft genoss.

Diese Art der Identität wurde durch die Konterrevolution und insbesondere durch die Gewerkschaften und den Stalinismus geschaffen, indem sie sich auf bestimmte Schwächen stützten, die auf die Zeit der Zweiten Internationale zurückgehen: ein Arbeiter, der sich um seine Rechte in der Gesellschaft kümmert, von ihr anerkannt wird, mit den Großunternehmen und Arbeitervierteln verbunden ist, stolz auf seinen Zustand als „Arbeiterbürger“ ist und zum Universum der großen Arbeiterfamilie gehört.

Eine solche Identität war sehr stark mit einer bestimmten Periode verbunden: der des Zenits des Kapitalismus (1870-1914), aber ihre Verlängerung in die Zeit der Dekadenz, in der die von Marx angekündigte Vision eines Proletariats, das zutiefst von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen ist, dazu geführt hat, dass sie zu einer sehr gefährlichen falschen Identität geworden ist, voller Illusionen darüber, in die kapitalistische Gesellschaft integriert zu werden, sich ihr anzupassen, wodurch eine wirkliche Klassenidentität und ein wirkliches Bewusstsein angegriffen wurden. Die einzige mögliche Identität für das Proletariat ist die einer Klasse, die von dieser Gesellschaft ausgeschlossen ist und die die kommunistische Perspektive in sich trägt“[7].

Hauptstufen der Entfremdung von der Klassenidentität im Zeitalter der Dekadenz

Ein Text über das Krafteverhältnis zwischen den Klassen, den unser internationales Zentralorgan im April 2018 angenommen hat und der sich auf den Orientierungstext über Vertrauen und Solidarität[8] bezog, skizzierte zwei Phasen in der Geschichte der Arbeiterbewegung seit 1848. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung und der Verlust des Selbstbewusstseins der Arbeiterklasse, aber diese Frage ist sehr eng mit dem Problem der Klassenidentität verbunden: Die Arbeiterklasse kann nur dann Vertrauen in sich selbst haben, wenn sie sich ihrer eigenen Existenz und Interessen bewusst ist.

Während der ersten Phase, die vom Beginn seiner Selbstbehauptung als autonome Klasse bis zur revolutionären Welle 1917–23 reichte, war die Arbeiterklasse trotz einer Reihe von oftmals blutigen Niederlagen in der Lage, mehr oder weniger kontinuierlich ihr Selbstvertrauen und ihre politische und gesellschaftliche Einheit zu formen. Die wichtigsten Manifestationen dieser Fähigkeit waren, in Ergänzung zum Arbeiterkampf selbst, die Entwicklung einer sozialistischen Vision, einer theoretischen Kapazität, einer politischen revolutionären Organisation. All dies, das Werk von Jahrzehnten und Generationen, wurde von der Konterrevolution unterbrochen und gar in sein Gegenteil verkehrt. Nur winzige revolutionäre Minderheiten waren imstande, ihr Vertrauen in das Proletariat in den folgenden Jahrzehnten aufrechtzuerhalten. 1968, mit dem Ende der Konterrevolution, begann sich diese Tendenz erneut umzukehren. Jedoch blieben die neuen Ausdrücke des Selbstvertrauens und der Klassensolidarität durch diese neue und ungeschlagene proletarische Generation in den immediatistischen Kämpfen verwurzelt. Sie beruhten nicht im gleichen Maße wie vor der Konterrevolution auf eine sozialistische Vision, auf die politische Erschaffung einer Klassentheorie und auf das Weiterreichen angesammelter Erfahrung und Kenntnisse von einer Generation an die nächste. Mit anderen Worten, das historische Selbstvertrauen des Proletariats und seine Traditionen der aktiven Einheit und kollektiven Auseinandersetzung gehören zu den Aspekten seiner Auseinandersetzung, die am meisten durch den Bruch in der organischen Kontinuität gelitten haben. Zudem gehören sie zu den schwierigsten Aspekten, die es wiederherzustellen gilt, da sie mehr als viele andere von einer lebenden politischen und sozialen Kontinuität abhängen. Dies erhöht umgekehrt die besondere Verwundbarkeit der neuen Generationen der Klasse und ihrer revolutionären Minderheiten.“

Wir können hinzufügen, dass der große Verrat von 1914-18 schon vor dem erschütternden Schlag der Niederlage der ersten revolutionären Welle den Verlust jahrzehntelanger geduldiger Arbeit beim Aufbau ihrer Gewerkschaften und politischen Parteien bedeutete, ein Verlust, der für die Arbeiterklasse besonders schwer zu akzeptieren und zu verstehen war: Selbst unter den Revolutionären, die sich diesem Verrat widersetzten, konnte nur eine Minderheit begreifen, dass diese Organisationen für die Klasse unwiederbringlich verloren gegangen waren. Mit dem Aufstieg des Stalinismus wurde das, was bislang bloß eine Schwäche in der Klarheit gewesen war, zur Grundlage für die Bildung einer Schein-Identität, wie es der Bericht über die Perspektiven des Klassenkampfs nachzeichnete. Aber obwohl diese schreckliche Last, die aus der Vergangenheit stammt, katastrophale Auswirkungen auf den Fortschritt der revolutionären Welle hatte – was insbesondere in der Theorie und der Praxis der Einheitsfront zum Ausdruck kam  –, warf diese Periode auch Licht auf die neue Form der Klassenidentität, die sich im Massenstreik, in der Bildung von Arbeiterräten und im Aufstieg der Dritten Internationale ausdrückte. Wie Marx bereits gesagt hatte, ist das Proletariat revolutionär oder es ist nichts: Diese wiederentdeckte Klassenidentität war nicht wirklich „neu“, sondern brachte nur das zum Vorschein, „was das Proletariat ist“. In der Epoche der Kriege und Revolutionen kann die Klasse ihre Identität nur begreifen, indem sie sich außerhalb aller bestehenden Institutionen und in direkter Antithese zur kapitalistischen Gesellschaft organisiert.

Die folgenden Jahrzehnte der Konterrevolution vertieften diesen Prozess der Enteignung. In den 1930er Jahren wurde das Proletariat mit der größten Wirtschaftskrise in der Geschichte des Kapitalismus konfrontiert, der ersten realen Wirtschaftskrise der Dekadenz. Aber die Kommunistischen Parteien, die gegründet worden waren, um dem Verrat von 1914 entgegenzuwirken, hatten ihrerseits den Internationalismus zugunsten der berüchtigten Theorie des Sozialismus in einem Land aufgegeben und versuchten über die Volksfront, die Arbeiterklasse politisch in die Nation aufzulösen und sie auf den Krieg vorzubereiten. Sogar die anarchistischen Gewerkschaften, die in Spanien ein proletarisches Leben aufrecht erhalten hatten, verfielen diesem weiteren Verrat. Der Ausbruch des Krieges 1939 bedeutete entgegen Vercesis Argument nicht das „soziale Verschwinden des Proletariats“ und damit die Nutzlosigkeit organisierter politischer Aktivitäten für Revolutionäre. Das Proletariat kann sozial nicht verschwinden, solange es Kapital gibt, und die Bildung revolutionärer Minderheiten entspricht einem ständigen Bedürfnis innerhalb der Klasse. Aber er bedeutete sicherlich einen neuen Schritt in ihrer Orientierungslosigkeit, nicht nur wegen des Terrors von Faschismus und Stalinismus, sondern, noch heimtückischer, durch ihre Einbindung in das Projekt der Verteidigung der Demokratie. Und es beinhaltete die schnelle Integration der trotzkistischen Opposition in die Kriegsanstrengungen und die Auflösung ihrer linken Fraktionen. Das Proletariat meldete sich gegen Ende des Krieges in einigen Ländern zurück, vor allem in Italien 1943, aber entgegen den Erwartungen eines großen Teils der italienischen kommunistischen Linken (einschließlich Vercesi) bedeutete dies keine Umkehrung des konterrevolutionären Kurses.

Die Konterrevolution, die immer totalitärere Formen annahm, hielt auch in der Zeit des Aufschwungs nach dem Krieg an, während das Kapital neue Formen entdeckte, um das Selbst-Bewusstsein des Proletariats zu untergraben. Dies war die Zeit, in der „Soziologen mit der Theoretisierung der ‚Verbürgerlichung‘ der Arbeiterklasse begannen, die sie als Folge der Entwicklung von Konsumgesellschaft und Wohlfahrtsstaat sahen. Und in der Tat bremsen diese beiden Aspekte des Kapitalismus nach 1945 immer noch die Arbeiterklasse auf ihrem Weg zur Bildung einer revolutionäre Kraft.  Die Konsumgesellschaft atomisiert die Arbeiterklasse und verbreitet die Illusion, dass jede*r ins Paradies des individuellen Besitzes eintreten könne.  Der Wohlfahrtsstaat – der in manchen Fällen von linken Parteien eingeführt und als Eroberung der Arbeiterklasse dargestellt wurde – ist ein noch bedeutenderes Instrument der kapitalistischen Kontrolle. Er untergräbt das Selbstvertrauen der Arbeiterklasse und macht sie abhängig vom Wohlwollen des Staates; und später, in der Phase der Massenmigration, bedeutete deren Organisierung durch den Nationalstaat, dass die Frage des Zugangs zu medizinischer Versorgung, zu Wohnungen und anderen Dienstleistungen zu einem starken Faktor bei der Stempelung der Migrant*innen zu Sündenböcken und bei Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse wurde.“[9]

Die Wiederbelebung des Klassenkampfes nach 1968, der mit dem Massenstreik in Polen 1980 seinen Höhepunkt erreichte, widerlegte die Vorstellung, wonach die Arbeiterklasse in den Kapitalismus integriert worden sei, und gab uns einen weiteren Einblick in ihre wesentliche Identität als einer Kraft, die sich nur durch die Zerschlagung ihrer institutionellen Ketten ausdrücken kann. Wildcat-Streiks außerhalb der Gewerkschaften, Generalversammlungen und jederzeit abwählbare Streikkomitees, starke Tendenzen zur Ausweitung des Kampfes – Embryonen oder tatsächliche Erscheinungsformen des Massenstreiks – riefen die Perspektive der Arbeiterräte wach. Gleichzeitig bildete sie den Nährboden für eine kleine, aber wichtige Wiederbelebung der internationalen kommunistischen Bewegung, die in den 1950er Jahren beinahe ganz verschwunden war – eine wesentliche Voraussetzung für die zukünftige Gründung einer neuen Weltpartei.

Und doch gilt, wie die oben zitierte Passage aus dem Orientierungstext über Vertrauen und Solidarität argumentiert: Während der Mai 68 und die nachfolgenden Bewegungen die Frage nach einer neuen Gesellschaft auf theoretischer Ebene aufwarfen, blieb der Klassenkampf als Ganzes auf dem wirtschaftlichen Terrain und es gelang ihm nicht, in eine politische Konfrontation mit dem Kapitalismus hinüberzuwachsen. Die Grenzen des proletarischen Wiedererwachens enthielten die Samen der neuen Phase des Zerfalls, in der das Proletariat nahe an den Punkt gekommen ist, wo es seine Klassenidentität ganz verliert.

Klassenidentität in der Phase des Zerfalls

Um zu verstehen, warum sich das Selbst-Bewusstsein des Proletariats als soziale Kraft seit Ende der 1980er Jahre zurückzieht, ist es notwendig, seine verschiedenen Dimensionen getrennt zu untersuchen, um zu begreifen, wie sie zusammenwirken.

Zunächst einmal neigt eine kapitalistische Gesellschaft, deren Voraussetzungen fragwürdig werden, eine Gesellschaft in offener Auflösung, eine Gesellschaft, die schon jahrzehntelang im Niedergang begriffen und in ihrer weiteren Entwicklung blockiert ist, mehr oder weniger automatisch dazu, die soziale Atomisierung zu verschärfen, die von Anfang an ein wesentliches Merkmal dieser Gesellschaft war, wie Engels in Die Lage der arbeitenden Klasse in England festhielt:

(...) und wenn wir auch wissen, daß diese Isolierung des einzelnen, diese bornierte Selbstsucht überall das Grundprinzip unserer heutigen Gesellschaft ist, so tritt sie doch nirgends so schamlos unverhüllt, so selbstbewußt auf als gerade hier in dem Gewühl der großen Stadt. Die Auflösung der Menschheit in Monaden, deren jede ein apartes Lebensprinzip und einen aparten Zweck hat, die Welt der Atome ist hier auf ihre höchste Spitze getrieben.[10]

In der Endphase dieser Gesellschaft verschärft sich der Krieg eines jeden gegen jeden auf allen Ebenen: von der zunehmenden Entfremdung des Einzelnen über den gewaltsamen Konkurrenzkampf zwischen Straßenbanden, die auf der Ebene dieser oder jener Wohnsiedlung oder Nachbarschaft operieren, über den rasenden Kampf zwischen Unternehmen um ihren Anteil an einem begrenzten Markt bis hin zum wachsenden Chaos der militärischen Rivalitäten zwischen Staaten und Protostaaten auf internationaler Ebene. Diese Tendenz liegt auch der Suche nach Gemeinschaften zugrunde, die auf einer beschränkten Identität beruhen, auf die wir bereits hingewiesen haben – ein Reflex gegen die Atomisierung, der aber nur dazu dient, sie auf einer anderen Ebene zu verstärken. Diese Auflösung der sozialen Bindungen schreitet dauernd und heimtückisch fort – in umgekehrter Richtung zum Potenzial für die Vereinigung der Arbeiterklasse um ihre gemeinsamen Interessen, mit anderen Worten: zur Neubildung der proletarischen Klassenidentität.

Die Bourgeoisie ist natürlich direkt von diesem Prozess betroffen – wie wir in Bezug auf ihre Fähigkeit zur Kontrolle ihres politischen Apparats und in Bezug auf die wachsende Schwierigkeit, stabile Allianzen auf der Ebene der Beziehungen zwischen den Staaten aufrechtzuerhalten, festgestellt haben. Aber im Gegensatz zur Arbeiterklasse kann die Bourgeoisie die Auswirkungen des Zerfalls bis zu einem gewissen Grad zu ihrem Vorteil nutzen und sogar verstärken. Der Zusammenbruch des Ostblocks zum Beispiel war ein Paradebeispiel für die „objektiven“ Zerfallsprozesse, die durch eine sich vertiefende und unlösbare Wirtschaftskrise angetrieben wurden. Aber aufgrund der besonderen historischen Umstände, die mit der Bildung dieses Blocks verbunden waren – das Ergebnis einer besiegten proletarischen Revolution, die zu einem System führte, das sich vom Kapitalismus des Westens abzuheben schien –, gelang es der Bourgeoisie, aus diesen Ereignissen einen wahrhaften ideologischen Ansturm gegen das Proletariat zu orchestrieren, einen Angriff auf das Klassenbewusstsein, der seit den 90er Jahren eine wichtige Rolle beim Rückfluss des Kampfes spielte. In einer Arbeiterklasse, die bereits in den Kampfwellen nach 68 große Schwierigkeiten hatte, eine Perspektive für ihren Widerstand zu entwickeln, griffen die Kampagnen über den „Tod des Kommunismus“ diese wesentliche Dimension des Klassenbewusstseins frontal an: ihre Fähigkeit, perspektivisch zu denken und sich eine Orientierung für die Zukunft zu geben. Aber diese Kampagnen hörten damit nicht auf: Sie verkündeten nicht nur das Ende jeder Möglichkeit einer Alternative zum Kapitalismus, sondern auch das Ende des Klassenkampfes und der Arbeiterklasse selbst. Dabei war sich die Bourgeoisie selbst der Notwendigkeit bewusst, die Klassenidentität als Mittel zur Bekämpfung der Bedrohung durch die proletarische Revolution zu untergraben.

Eine dritte Dimension der Untergrabung der Klassenidentität in der Zeit des Zerfalls hängt damit zusammen: Das Beharren darauf, dass die Arbeiterklasse eine bedrohte oder ausgestorbene Art sei, wird durch die strukturellen Veränderungen gestützt, zu deren Einführung die herrschende Klasse als Reaktion auf die Wirtschaftskrise ihres Systems verpflichtet war – alles, was unter die irreführenden Titel Neoliberalismus und Globalisierung fällt, vor allem aber der Prozess der „Deindustrialisierung“ der alten kapitalistischen Zentren. Dieser Prozess wurde natürlich von der Notwendigkeit bestimmt, unrentable Industrien aufzugeben und Kapital in Gebiete der Welt zu verlagern, in denen die gleichen Waren viel billiger produziert werden können. Aber es gab immer ein direktes arbeiterfeindliches Element in diesem Prozess: Die Bourgeoisie war sich zum Beispiel bewusst, dass sie sich mit dem Sieg über die Bergleute in Großbritannien und der Schließung der Minen nicht nur von einem großen wirtschaftlichen Klotz am Fuß befreien, sondern auch einen schweren Schlag gegen einen sehr kämpferischen Teil ihres Klassenfeindes ausführen würde. Natürlich schaffte die Bourgeoisie durch die Verlagerung ganzer Industrien in den Fernen Osten und anderswo neue proletarische Bataillone im Klassenkrieg, aber sie hatte auch ein gewisse Ahnung davon, dass die industrielle Arbeiterklasse der wichtigsten kapitalistischen Zentren eine besondere Gefahr für sie darstellte. Die Arbeiterklasse beschränkt sich nicht allein auf das Industrieproletariat, aber dieser Sektor war schon immer das Herzstück der Arbeiterbewegung und insbesondere der massiven und revolutionären Kämpfe der Vergangenheit – was sich zum Beispiel in der Rolle der Putilow-Werke in der Russischen Revolution, der Arbeiter des Ruhrgebiets in der Deutschen Revolution, der Renault-Arbeiter im französischen Massenstreik von 1968 und der Werftarbeiter in Polen im Jahr 1980 zeigte.

Neben der Schließung vieler dieser alten Industrien hat der Kapitalismus versucht, ein neues Modell der Arbeiterklasse zu schaffen, insbesondere in den Dienstleistungsbranchen, die in den älteren kapitalistischen Ländern wie Großbritannien ein größeres Gewicht im Wirtschaftsleben erhielten. Dieses Modell ist die so genannte „Gig Economy“, in der die Arbeiter*innen aufgefordert werden, sich nicht als Arbeiter*innen zu verstehen, sondern als Einzelunternehmer*innen, die, wenn sie hart genug arbeiten, vorwärts kommen können, die mit dem Unternehmen individuell verhandeln können, um ihre Löhne und sonstigen Bedingungen zu verbessern. Auch diese Veränderungen werden letztendlich von den Bedürfnissen des Profits diktiert, aber sie werden auch von der Bourgeoisie aufgegriffen, um zu verhindern, dass sich die Arbeiter*innen als Arbeiter*innen und als Teil einer ausgebeuteten Klasse sehen.

6. Populismus und Anti-Populismus

Seit unserem letzten Kongress im April 2017 hat sich der populistische Aufschwung fortgesetzt, trotz der Bemühungen der maßgebenden Fraktionen der Bourgeoisie, einen Damm gegen ihn zu errichten, wie bei der Wahl von Macron in Frankreich und dem von der Demokratischen Partei und einem Teil der staatlichen Sicherheitsdienste in den USA organisierten „Widerstand“ gegen Trump. Die Zuverlässigkeit Deutschlands als Hindernis für die Ausbreitung des Populismus wurde durch die Wahlerfolge  der AfD und die Entwicklung einer pogromistischen Bewegung auf der Straße an Orten wie Chemnitz stark geschwächt. Die Spaltung und Beinahe-Lähmung der britischen Bourgeoisie bezüglich Brexit haben sich verstärkt. Die Einsetzung einer populistischen Regierung in Italien zusammen mit der Opposition populistischer Regierungen in Osteuropa haben die Zukunft der EU ernsthaft erschwert. Die Bedrohung der Einheit des spanischen Staates durch die Kräfte des katalanischen und anderer Nationalismen ist nicht überwunden. In Brasilien ist der Sieg von Bolsanaro ein neuer Schritt im Aufstieg der „starken Führer“, die sich offen für Staatsterror gegen jede Opposition gegen ihre Herrschaft einsetzen. Schließlich zeigt das Phänomen der „Gelben Westen“ in Frankreich und anderswo die Fähigkeit der Populisten, sich nicht nur im Wahlzirkus, sondern auch auf den Straßen in großen Demonstrationen zu manifestieren, die einige der Anliegen und sogar die Methoden der Arbeiterklasse aufgreifen können, während sie gleichzeitig die Bedeutung der Klassenidentität weiter vernebeln.

Der Populismus mit seiner aggressiv nationalistischen und fremdenfeindlichen Sprache, seiner Geringschätzung für sachliche Beweise und wissenschaftliche Forschung, seiner Verbreitung von Verschwörungstheorien und seiner kaum verborgenen Nähe zur nackten Gewalt faschistischer Straßenbanden ist zweifellos ein reines Produkt des Zerfalls, der Hinweis darauf, dass die Kapitalistenklasse angesichts des historischen Patts zwischen den Klassen sogar nach ihren eigenen Begriffen Rückschritte macht. Aber während der Populismus ein Produkt des sozialen Zerfalls ist und dazu neigt, die Kontrolle der Bourgeoisie über ihren gesamten politischen und wirtschaftlichen Apparat zu untergraben, kann die herrschende Klasse auch hier die Probleme des Populismus in ihrem dauerndem Krieg gegen das Klassenbewusstsein nutzen.

Dies zeigt sich bei Teilen des Proletariats, die, ohne jede Perspektive auf Klassenwiderstand gegen den Kapitalismus und die Auswirkungen seiner Krise, direkt in die populistische Politik hineingezogen wurden und in eine neue Version des „Sozialismus der Narren“ verfallen sind: die Idee, dass ihr Elend durch die wachsende Flut von Migranten und Flüchtlingen verursacht werde, die wiederum die Schocktruppen finsterer Eliten seien, die darauf abzielten, die christliche, weiße oder nationale Kultur zu untergraben. Diese Wahnvorstellungen verbinden sich mit der bedingungslosen Unterstützung der populistischen Parteien und Demagogen, die sich als „gegen die Elite“ gerichtete Kräfte, als Tribüne des „wahren Volkes“ präsentieren. Der Einfluss solcher Ideen – die auch eine bedeutende Minderheit in Richtung der Praxis des Pogroms und des Terrorismus führen können – wirkt eindeutig dagegen, dass diese Teile des Proletariats ihre wahre Identität als Teil einer ausgebeuteten Klasse wiedererlangen, als Teil der Klasse, die nicht durch antinationale Intrigen ins Elend gedrängt wurde, sondern durch die unerbittlichen Auswirkungen der globalen kapitalistischen Krise.

Aber eingedenk Bordigas berühmten Diktums, dass „das schlimmste Produkt des Faschismus der Antifaschismus ist“, müssen wir auch darauf hinweisen, dass die bürgerliche Opposition gegen den Populismus eine nicht minder wichtige Rolle in dem ideologischen Schwindel spielt, der das Proletariat daran hindert, seine unabhängigen und antagonistischen Klasseninteressen gegen alle Flügel der herrschenden Klasse anzuerkennen. Luxemburg schrieb auf den ersten Seiten ihrer Junius-Broschüre über die Pogromstimmung, die sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Deutschland ausbreitete, eine „Kischinjow-Luft“, „in der der Schutzmann an der Ecke der einzige  Vertreter der Menschenwürde war“. 

In den USA wird das gleiche Erscheinungsbild durch die ungeheuren Äußerungen und Praktiken von Trump geschaffen, so dass die Demokraten, liberale Republikaner, Richter am Obersten Gerichtshof und sogar das FBI und die CIA beginnen, wie die Guten auszusehen. In Großbritannien stimuliert die scheinbare Dominanz des politischen Lebens durch eine kleine Bande von „Brexit-Extremisten“, die wiederum mit Geld zweifelhafter Herkunft und sogar mit den Machenschaften des russischen Imperialismus verbunden ist, die Entwicklung einer Massen-Opposition gegen den Brexit, die mit der offenen Ermutigung von Teilen der Medien bis zu 750.000 Menschen auf den Straßen von London mobilisieren kann, um ein zweites Referendum zu fordern. Obwohl solche Mobilisierungen oft als brave Mittelstandsbewegung verspottet werden, ziehen sie zweifellos eine große Zahl dieses gebildeten städtischen Proletariats an, das durch die Lügen der Populisten verärgert ist, sich aber noch nicht von den liberalen und linken Fraktionen der Bourgeoisie lösen kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die gesamte politische Debatte wird in der Regel durch die Fragen von für oder gegen Trump, für oder gegen den Brexit usw. dominiert, eine Debatte, die von patriotischen und demokratischen Ideologien völlig beherrscht wird. Die bürgerliche Opposition gegen Trump stellt sich als das wirkliche, eigentliche Amerika dar, noch mehr als Trump und seine Anhänger, und sie verurteilt die gegenwärtige Regierung vor allem wegen ihrer Verletzung demokratischer Normen; ebenso geht es im Vereinigten Königreich immer um die wahren Interessen „unseres Landes“, und beide Seiten präsentieren sich als diejenige, die an Demokratie und dem Willen des Volkes interessiert sei.  Dieselbe Polarisierung lässt sich in den „Kulturkriegen“ beobachten, die den Aufstieg des Populismus vorangetrieben haben: Wie wir bereits erwähnt haben, ist der Populismus selbst eine Form der Identitätspolitik, die sich als Verteidiger der ausschließlichen Interessen dieser oder jener Nation oder ethnischen Gruppe versteht, und er führt einen sich aufschaukelnden Kampf mit allen anderen Formen der Identitätspolitik, sei es mit den islamistischen Banden, die dazu dienen, die Wut einer bestimmten Schicht von hoffnungslosen jungen Proletarier*innen, die in städtischen Ghettos festsitzen, in die Irre zu lenken, oder sei es mit der Linken und ihren Kampagnen zu Rassen- und Geschlechterfragen. Diese Polarisierung ist ein echter Ausdruck einer zerfallenden und zunehmend gespaltenen Gesellschaft, aber angesichts des Proletariats zeigt der dekadente Kapitalismus seinen totalitären Charakter, insofern als gerade diese Polarisierung das soziale und politische Terrain einnimmt und dazu neigt, die Entstehung von Debatten oder Aktionen auf dem Terrain des Proletariats zu blockieren.

Die Gefahr des Nihilismus und das Potenzial für eine Wiederentdeckung der Klassenidentität

Die kapitalistische Welt in ihrem Zerfall erzeugt zwangsläufig apokalyptische Stimmungen. Sie kann der Menschheit keine Zukunft bieten, und ihr Potenzial für die Zerstörung in einem Ausmaß, das jede Phantasie übertrifft, ist für weite Teile der Weltbevölkerung immer offensichtlicher geworden. Die extremste Ausprägung dieses Gefühls, dass die Welt, in der wir leben, an ihr Ende gelangt sei, , drückt sich in der verzerrten Mythologie des islamischen Dschihadismus oder der rechtsgerichteten christlichen Überlebensideologie aus, aber es geht dabei um eine viel allgemeinere Stimmung. Zunehmend beunruhigende Berichte von wissenschaftlichen Gremien über Klimawandel, Artenzerstörung und toxische Verschmutzung aller Art haben das Gefühl des Untergangs verstärkt: Wenn die Wissenschaftler sagen, dass wir 12 Jahre Zeit haben, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern, dann ist bereits jetzt klar, dass die Regierungen und Unternehmen der Welt fast nichts tun werden, um die in diesen Berichten befürworteten Maßnahmen durchzuführen, aus Angst, den Wettbewerbsvorteil der Volkswirtschaften zu schwächen. Mit dem Aufkommen populistischer Regierungen wird die Weigerung, etwas gegen die Klimaerwärmung zu tun, trotz der realen Gefahren für die Welt immer krasser; man setzt auf reinen Vandalismus, den Rückzug aus internationalen Abkommen und die Beseitigung aller Grenzen der Ausbeutung der Natur, wie im Falle von Trump in den USA und Bolsanaro in Brasilien. Hinzu kommt, dass der imperialistische Krieg chaotischer und unberechenbarer wird, während eine wachsende Zahl von Staaten Zugang zu Atomwaffen hat; so ist es kaum verwunderlich, dass Nihilismus und Verzweiflung noch weiter verbreitet sind als in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, trotz der nicht verblichenen Schatten von Auschwitz, Hiroshima und eines drohenden Atomkriegs zwischen den beiden imperialistischen Blöcken.

Nihilismus und Verzweiflung entstehen aus einem Gefühl der Machtlosigkeit, aus einem Verlust der Überzeugung, dass es eine mögliche Alternative zu dem vom Kapitalismus vorbereiteten Alptraumszenario gibt. Nihilismus und Verzweiflung neigen dazu, die Reflexion und den Willen zum Handeln zu lähmen. Und wenn die einzige soziale Kraft, die diese Alternative darstellen könnte, praktisch nichts von ihrer eigenen Existenz weiß, bedeutet das, dass das Spiel vorbei ist, dass der Punkt, ab welchem es kein Zurück mehr gibt, bereits erreicht ist?

Wir sind uns durchaus bewusst, dass der Kapitalismus umso mehr die Grundlage für eine menschlichere Gesellschaft untergräbt, je länger er im Zerfall versinkt. Auch dies wird am deutlichsten durch die Zerstörung der Umwelt veranschaulicht, die den Punkt erreicht, an dem sie die Tendenz zu einem vollständigen Zusammenbruch der Gesellschaft beschleunigen kann, ein Sachverhalt, der nicht die Selbstorganisation und das Vertrauen in die Zukunft begünstigt, die für die Durchführung der Revolution erforderlich sind; und selbst wenn das Proletariat auf dem ganzen Planeten an die Macht kommt, wird es mit einer gigantischen Arbeit konfrontiert sein, die nicht nur das von der kapitalistischen Akkumulation hinterlassene Chaos aufräumt, sondern auch eine Spirale der Zerstörung umkehrt, die bereits in Gang gesetzt wurde.

Aber wir wissen ebenso, dass Verzweiflung die Realität auch verzerrt, einerseits Panik und andererseits Verdrängung erzeugt und es uns nicht erlaubt, klar über die Möglichkeiten nachzudenken, die uns noch zur Verfügung stehen. In einer Reihe jüngerer Dokumente, die den Kongressen der IKS und den Treffen des Zentralorgans vorgelegt wurden, hat die Organisation eine Reihe objektiver Entwicklungen untersucht, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden (oder besser gesagt sich fortgesetzt) haben und die sich für das Proletariat auszahlen könnten. Die wichtigsten dieser Entwicklungen sind:

  • Das Wachstum des Proletariats auf weltweiter Ebene, das wir in der Vergangenheit tendenziell verneint haben, insbesondere durch das außerordentliche Wachstum der Industrie in China und anderen Ländern im Osten und im Pazifikraum. Die von einigen Soziologen vorgebrachte Idee, dass wir in einer „postindustriellen“ Gesellschaft leben, erscheint völlig lächerlich, wenn man sieht, dass sich die kapitalistische Gesellschaft mehr denn je „als eine gewaltige Akkumulation von Waren“ präsentiert; und dass der Kern all dieses Materials, dieses rasante Bauen, Produzieren und Verteilen, trotz der enormen Fortschritte der Robotisierung immer noch vom Menschen getragen wird. Der Kapitalismus ohne das Proletariat ist eine reine Fiktion. Gleichzeitig haben wir eine zunehmende Proletarisierung unzähliger „professioneller“ und nicht werkseigener Arbeitsplätze erlebt.
  • Dieses Wirtschaftswachstum – so fragil es auch sein mag – hat sich gerade durch seine Verbindung mit der modernen Kommunikationstechnologie zunehmend globalisiert, eine internationale Kette, die ständig an die nationalen Grenzen stößt und den Kapitalismus zwingt, sich international zu organisieren. Der gegenwärtige Trend zum nationalistischen Protektionismus versucht, diese Entwicklung umzukehren, aber es ist bezeichnend, dass die meisten seiner Befürworter in Wirklichkeit nicht in der Lage sind, ihre Verbindungen zum „heimatlosen“ globalen Kapital zu brechen. In Großbritannien zum Beispiel sind die führenden Finanziers von Brexit (wie Arron Banks, dessen Offshore-Fonds derzeit gerichtlich untersucht werden) allesamt Spekulanten auf der Weltbühne, und das Gleiche gilt für Trump und einige seiner engagiertesten Unterstützer.  Und diese Tendenzen haben zu einer Arbeiterklasse geführt, die in ihrer Form und in ihren täglichen Aktivitäten immer internationaler wird: aufgrund der Nutzung des Internets zur Koordination globaler Produktionsnetzwerke, der „Freizügigkeit der Arbeit“ über Grenzen hinweg, die zwangsläufig mit dem Kapitalverkehr einhergeht, und anderer Ursachen. Dies ist ein Teil der Klasse, der ebenfalls hochqualifiziert ist, oft eine Universitätsausbildung und eine „natürliche“ Widerstandskraft gegen Populismus und Rassismus hat.
  • Zu diesen Entwicklungen in Form des Proletariats gehört auch eine zunehmende Einbeziehung von Frauen in die damit verbundene Arbeitswelt – in die Gesundheits- und Pflegeindustrie im Westen, in die Kommunikationsindustrie in Indien zum Beispiel oder in die Fabrikproduktion in Bangladesch und China. Dies bildet die objektive Grundlage für die Überwindung der Geschlechtertrennung in der Klasse und für das Verständnis, dass die sexuelle Unterdrückung von Frauen und andere Formen der sexuellen Unterdrückung an der Wurzel ein Problem für die Klasse sind, ein fieses Hindernis für ihre Vereinigung. Gleichzeitig war die Teilnahme von Proletarierinnen am Klassenkampf immer ein starkes Element bei der Entwicklung der moralischen Dimension.
  • Technologische Entwicklungen – in marxistischer Hinsicht die Entwicklung der Produktivkräfte – sind potenziell auch ein Faktor, um zu erkennen, wie veraltet eigentlich die kapitalistischen Produktionsweise ist. Im heutigen Produktionsprozess erzeugt der zunehmende Einsatz von Computern und Robotern einerseits Arbeitslosigkeit, andererseits Überarbeitung; aber umgekehrt wird auch deren mögliche Nutzung zur Entlastung der Menschheit von der Plackerei immer deutlicher. Gleichzeitig deutet der Einsatz der digitalen Technologie in den Bereichen Vertrieb, Zahlung und Finanzierung auf die Möglichkeit hin, dass die Warenform selbst bankrott ist, dass die Technologie einfach zur Messung der Verteilung nach Bedarf eingesetzt werden könnte. Daraus sind verschiedene utopische „postkapitalistische“ Theorien entstanden, die sich in dem Glauben wiegen, dass solche Entwicklungen automatisch durch den Einsatz der Technologie selbst eintreten würden[11], die aber dennoch eine von Marx vorhergesagte wachsende Realität zum Ausdruck bringen: dass „das Kapital sich selbst überlebt hat“.
  • Dass die Warenform, die Wertproduktion überholt ist, drückt sich vor allem in dem vielleicht wichtigsten „objektiven Faktor“ aus: der Wirtschaftskrise. Sie ist die Unfähigkeit des Kapitals, aus sich selbst über sich selbst hinauszugehen, die der Grund für die gegenwärtige Krise der Zivilisation ist; und wenn die Widersprüche, die sich aus diesem historischen Zustand ergeben, am offensten werden, neigen sie dazu, der ausgebeuteten Klasse die Notwendigkeit einer neuen Produktionsweise aufzuzeigen. Die Krise von 2008 – auch wenn ihre Form (eine Kreditklemme, die die Proletarier*innen mehr als einzelne Sparende denn als Teil einer kollektiven Klasse traf) und die Mittel zu ihrer Überwindung (die Anwendung schwerer Dosen desselben Giftes, das überhaupt zu ihr geführt hatte) eine massive und globale Entwicklung des Klassenbewusstseins nicht begünstigten – bleibt dennoch ein Beweis für die wesentliche Verletzlichkeit und Überfälligkeit des Systems, das in Zukunft auf noch größere Krisen zusteuert. Über der Weltwirtschaft brauen sich große Sturmwolken zusammen, und es steht außer Frage, dass die wachsende Unfähigkeit der herrschenden Klasse, die wirtschaftlichen Widersprüche des Systems zu meistern, und damit die zunehmende Notwendigkeit frontaler Angriffe auf die Arbeits- und Lebensbedingungen ein Schlüsselfaktor für die Wiederbelebung des Klassenkampfes und eines breiteren proletarischen Selbstbewusstseins bleiben.
  • Die Notwendigkeit einer Entwicklung auf der subjektiven Ebene.

Aber wir müssen bedenken, dass diese objektiven Faktoren, obwohl sie für die Wiederherstellung der Klassenidentität und des Klassenbewusstseins notwendig sind, an sich nicht ausreichend sind, und dass es andere Faktoren gibt, die der Realisierung des darin enthaltenen Potenzials entgegenwirken. So haben die neuen Generationen von Industriearbeitern im Osten oft ein hohes Maß an Militanz gezeigt (z.B. massive Streiks in der Textilindustrie in Bangladesch), aber es fehlen ihnen die langen politischen Traditionen des westlichen Proletariats, auch wenn diese weitgehend begraben wurden. Die Integration von Frauen in die Lohnarbeit war, wenn das Klassenbewusstsein gering ist, oft begleitet von einer Zunahme an Belästigungen.  Und wir haben auch gesehen (sicherlich in den 1930er Jahren, aber auch bis zu einem gewissen Grad nach 2008), dass die Wirtschaftskrise unter bestimmten Umständen eher zu einem Faktor der Demoralisierung und der individuellen Atomisierung als der kollektiven Mobilisierung werden kann.

Die Arbeiterklasse ist die Klasse des Bewusstseins. Im Gegensatz zur bürgerlichen Revolution basiert ihre Revolution nicht auf einer stetigen Anhäufung von Reichtum und wirtschaftlicher Macht. Es kann nur Erfahrung, die Tradition der Kämpfe, Organisationsmethoden und so weiter sammeln. Zusammenfassend ist das subjektive Element entscheidend, um ein objektives Potenzial zu begreifen und umzusetzen.

Dieses subjektive Potenzial kann nicht unmittelbar gemessen werden. Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen existiert historisch, und wir können sagen, dass, auch wenn die Zeit nicht auf unserer Seite steht, und obwohl der Zerfall zu einer wachsenden Bedrohung wird und man bei der  Arbeiterklasse gewaltige Unterschiede bei dem Bestreben der Überwindung des gegenwärtigen Rückflusses feststellen kann, sie weltweit seit 1968 nicht geschlagen worden ist und somit ein Hindernis gegen den vollständigen Absturz in die Barbarei bleibt; sie behält somit das Potenzial zur Überwindung des gesamten Systems. – Aber wir können dies nur dann weiter behaupten, wenn wir die unmittelbaren Ausdrucksformen der Rebellion gegen die soziale Ordnung sorgfältig prüfen. Und diese fehlen nicht:

Im Hinblick auf die offenen Kämpfe der Klasse werden wir uns zwei aktuelle Beispiele ansehen:

1. In Großbritannien haben wir in den letzten zwei Jahren kleine, aber bedeutende Streiks von Arbeiter*innen in der „Gig“-Ökonomie erlebt, wie in einem Artikel von Worldrevolution beschrieben:

  • „Eine der Ängste hinsichtlich Arbeiter*innen in sehr prekären Gelegenheitsjobs, unter denen sich zahlreiche Immigrant*innen befinden, besteht darin, dass sie nicht in der Lage seien zu kämpfen und  sie daher nur ein Druckmittel zur Senkung der Löhne seien. Unternehmen wie Uber und Deliveroo behaupten gerne, dass ihre Mitarbeiter selbständig seien (also keinen Mindestlohn, Urlaub oder Krankenstand bekommen). Der jüngste Streik bei Deliveroo, der sich auf die Fahrer von UberEats ausbreitete, hat beide Fragen beantwortet. Sie sind definitiv Teil der Arbeiterklasse und durchaus in der Lage, sich zu verteidigen.

Vor der Drohung mit einem neuen Vertrag, der den Wechsel ergäbe von einem Stundenlohn plus Bonus für jede Lieferung (7 Pfund plus 1 Pfund) zu bloß einem Lohn für jede Lieferung, organisierten die Arbeiter*innen von Deliveroo, trotz ihrer scheinbaren Isolation voneinander und ihrer prekären Umstände, Treffen, um ihren Kampf zu führen, eine Moped- und Fahrrad-Demo durch die Straßen von London und einen 6-tägigen Streik. Sie bestanden auf gemeinsamen Verhandlungen gegenüber dem „Angebot“ des Geschäftsführers, mit ihnen individuell zu sprechen. Am Ende wurde die Drohung, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren würden, wenn sie den neuen Vertrag nicht unterschreiben würden, zurückgezogen; und er wurde von denen, die sich dafür entscheiden, vor Gericht angefochten. Ein Teilsieg.

Einige UberEats-Fahrer*innen kamen zu Deliveroo-Meetings. Sie sehen sich ähnlichen Bedingungen gegenüber und erhalten fälschlicherweise den Status einer selbständigen Erwerbstätigkeit; die Bezahlung ist gesunken, so dass sie kaum den Mindestlohn verdienen, ohne garantierte Bezahlung, nur 3,30 Pfund pro Lieferung. Nach einem wilden Streik wurde ein Arbeiter entlassen (oder „deaktiviert“, da er nicht durch das Arbeitsrecht geschützt ist), was den Mut unterstreicht, den Arbeiter*innen brauchen, die in so unsicheren Branchen kämpfen…“[12].

In jüngerer Zeit, im Oktober 2018, streikten die Beschäftigten einer Reihe von Schnellimbissen in verschiedenen Städten im Vereinigten Königreich – Macdonalds, TGI Fridays und JD Witherspoon wie auch UberEats-Fahrer*innen, und die einen schlossen sich wechselseitig den Streikposten und Demonstrationen der anderen an. Wie der Artikel in Worldrevolution, der Zeitung der IKS in Großbritannien, sagt, basieren diese Aktionen auf der Erkenntnis, dass die Arbeiter*innen dieser Unternehmen tatsächlich Teil einer kollektiven gesellschaftlichen Klasse, und nicht einfach isolierte Individuen sind. Es war auch bedeutsam, dass an diesen Streiks neben den im Vereinigten Königreich Geborenen auch viele Migrations-Arbeiter*innen beteiligt waren, während einige der Aktionen mit Streiks in denselben Unternehmen in Europa koordiniert wurden. Gleichzeitig, so die BBC, „werden die Streiks parallel zu den Arbeitskämpfen der Fast-Food-Arbeiter in Chile, Kolumbien, den USA, Belgien, Italien, Deutschland, den Philippinen und Japan durchgeführt“[13].

Der Begriff des „Prekariats“, der auf diese Arbeiter*innen angewendet wird, impliziert, dass es sich um eine neue Klasse handelt, aber prekäre Beschäftigung war schon immer Teil der Lage der Arbeiterklasse. In gewisser Weise führen uns die Methoden der „Gig-Economy“, bei der die Arbeiter*innen oft sehr kurzfristig und zufällig beschäftigt werden, zurück zu den Tagen, in denen Bau- oder Hafenarbeiter als Tagelöhner in der Warteschlange zur Arbeitssuche anstanden.

Die Versuche von Arbeiter*innen aus verschiedenen Unternehmen und Ländern, zusammenzukommen, sind eine Bestätigung der Klassenidentität gegenüber dem zuvor erwähnten „neuen Modell“ und zeigen, dass kein Teil der Klasse, egal wie zerstreut und unterdrückt, unfähig ist, für seine  Interessen zu kämpfen. Gleichzeitig hat die Tatsache, dass diese Arbeiter*innen von den traditionellen Gewerkschaften weitgehend ignoriert wurden, einen Raum für radikalere Formen der Gewerkschaftsarbeit eröffnet: In Großbritannien haben halbsyndikalistische Organisationen wie „die IWW“, die „Independent Workers Union of Great Britain“ und „United Voices of the World“ dies schnell ausgenutzt, um die Arbeiter*innen zu „organisieren“. Dies ist wohl unvermeidlich in einer Situation, in der es keine allgemeine Klassenbewegung gibt, aber der Einfluss dieser radikalen Gewerkschaften zeugt von der Notwendigkeit für die Bourgeoisie, einer echten Radikalisierung unter einer Minderheit von Arbeiter*innen zu begegnen.

2. Kämpfe gegen die Kriegswirtschaft im Nahen Osten: Die Streiks und Demonstrationen, die im Juli 2018 in vielen Teilen Jordaniens, des Irak und des Iran ausbrachen und in mehreren kürzlich auf unserer Webseite[14] veröffentlichten Artikeln beschrieben wurden, waren eine direkte Reaktion der Proletarier*innen der Region auf das Elend, das der Bevölkerung durch die Kriegswirtschaft zugefügt wurde. Die Forderungen der Proteste konzentrierten sich stark auf grundlegende wirtschaftliche Fragen: Wasserknappheit und Gesundheitsversorgung, Armutslöhne oder ausstehende Lohnzahlungen, Arbeitslosigkeit, was beweist, dass diese Bewegungen auf einem Klassenterrain begannen. Sie stellten auch eine Reihe politischer Forderungen, die dazu neigten, proletarische Interessen gegen die Interessen der herrschenden Klasse und ihrer Kriege voranzustellen: Im Iran zum Beispiel wurden sowohl „fundamentalistische“ als auch „Reform“-Fraktionen der Theokratie in einen Topf geworfen und die imperialen Ansprüche des iranischen Regimes häufig verspottet; im Irak riefen Demonstranten, dass sie weder Sunniten noch Schiiten seien; und „nicht nur Regierungs- und Kommunalgebäude waren das Ziel von Angriffen der Demonstrationen, sondern auch die schiitischen Institutionen, deren „Unterstützung“ für die Welle der Proteste als scheinheilig entlarvt wurde. Die Delegation des „radikalen“ Populisten al-Sadr zu den Demonstrierenden wurde angegriffen und davongejagt – das zeigten Filme in den Sozialen Medien“[15].

Noch wichtiger ist, dass es im Herbst 2018 eine Reihe von sehr kämpferischen Arbeiterstreiks in der iranischen Industrie gab, mit einigen klaren Ausdrucksformen der Solidarität zwischen den Arbeiter*innen verschiedener Unternehmen, wie im Falle der Stahlarbeiter*innen von Foolad und der Zuckerarbeiter*innen von HaftTappeh. Letzterer Kampf wurde auch international bekannt durch die Abhaltung von Vollversammlungen und Äußerungen eines wichtigen Streikführers, Ismail Bakhshi, über ihren Streikausschuss als einer Art embryonalen Sowjets oder Arbeiterrates. Dies griffen verschiedene Leuten des Milieus auf, die damit suggerierten, dass Arbeiterräte im Iran auf der unmittelbaren Tagesordnung stünden, was unserer Meinung nach bei weitem nicht der Fall ist. Andere Aussagen von Bakhshi zeigen, dass es selbst bei den fortgeschritteneren Arbeiter*innen ernsthafte Verwirrung über die Selbstverwaltung gibt[16]. Es ist auch so, dass einige der Parolen in den früheren Straßenprotesten einen nationalistischen und sogar monarchistischen Charakter hatten. Trotz dieser tiefgreifenden Schwächen sind wir nach wie vor der Meinung, dass diese Kampfwelle im Iran ein wichtiger Ausdruck des intakten Potenzials des Klassenkampfes war. Da der Krieg zu einer ständig gegenwärtigen Realität für wachsende Teile der Klasse wird, erinnern diese Bewegungen nicht nur an den absoluten Antagonismus zwischen dem Proletariat und dem imperialistischen Krieg, sondern auch an ein embryonales Bewusstsein für diesen Antagonismus, das sich sowohl in einigen der formulierten Parolen als auch in der internationalen Gleichzeitigkeit dieser Aufwallungen im Iran, im Irak und in Jordanien ausdrückt.

Die Ausbreitung der sozialen Empörung

Diese Beispiele werden nicht als Beweis für eine globale Wiederbelebung des Klassenkampfes oder gar des Endes seines Rückzugs präsentiert, was ohnehin das Entstehen wichtiger Klassenbewegungen in den zentralen Ländern des Systems erfordern würde. In diesen Ländern ist die soziale Situation noch stärker durch das Fehlen großer Kämpfe auf dem proletarischen Terrain gekennzeichnet. Und doch haben wir eine Reihe von Protesten erlebt, die eine wachsende Empörung über die Brutalität und Zerstörungskraft der kapitalistischen Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Insbesondere in den USA haben wir die direkten Aktionen an den Flughäfen gegen die Inhaftierung und Vertreibung von Reisenden aus muslimischen Ländern gesehen; riesige Demonstrationen nach Polizeischüssen auf junge Schwarze in einer Reihe von Städten: Charlotte, St. Louis, New York, Sacramento ... und die massive Mobilisierung junger Menschen nach den Schießerei an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Der Klimawandel und die Zerstörung der Umwelt sind auch ein Grund für Proteste, insbesondere die in vielen Ländern unter dem Dach von „Youth for Climate“ organisierten Schulstreiks oder die Proteste von Extinction Rebellion in London, gegen die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten. Ebenso wurde die Empörung über die herablassende und gewalttätige Behandlung von Frauen - nicht nur in „rückständigen“ Ländern wie Indien, sondern auch in den so genannten „liberalen Demokratien“ - auch auf der Straße ausgedrückt und nicht auf Internetforen beschränkt.

Angesichts des allgemeinen Verlustes der Klassenidentität kann man kaum verhindern, dass solche Proteste in die Fallen der Bourgeoisie tappen – in Mystifikationen über Identitätspolitik und Reformismus, und somit direkt von linken und demokratischen bürgerlichen Fraktionen manipuliert werden. Das Phänomen der Gelbwesten zeigt auch die Gefahr, dass sich die Klasse weiter in interklassistischen Bewegungen verliert, die von der Ideologie des Populismus und Nationalismus dominiert werden.

Nur durch die Wiedererlangung des Selbstbewusstseins als Klasse, durch die Entwicklung des Kampfes auf dem eigenen Terrain, können all die Energie und der legitime Zorn, die heute in sterile oder schädliche Richtungen gelenkt werden, morgen vom Proletariat „wiederhergestellt“ werden. Dass dies mehr als ein vager Wunsch ist, zeigt die Dynamik der Indignados-Bewegung im Jahr 2011. Motiviert durch „klassische“ Themen der Arbeiterklasse – Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzunsicherheit, die Auswirkungen des Crashs 2008 auf den Lebensstandard – war sie eine Bewegung, die auch Fragen nach der Zukunft der Menschheit in einem System aufwarf, das viele ihrer Teilnehmer*innen als „veraltet“ betrachteten. In der Folge organisierten sie alle möglichen Diskussionen über Moral, Wissenschaft, Umwelt, Fragen von Sex und Geschlecht usw. – in diesem Sinne wurde der Geist vom Mai 68 wieder belebt, indem sie die Frage nach einer Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft stellten. Dies war Ausdruck einer proletarischen Bewegung, die zu verstehen begonnen hatte, dass sie sowohl die Antwort auf „besondere Fehler“ als auch diejenige auf den „Fehler im Allgemeinen“ enthält. Es zeigte sich, dass sich der Klassenkampf nicht nur auf weitere Sektoren der kapitalistischen Wirtschaft, sondern auch auf die Bereiche Politik und Kultur erstrecken muss.

Dennoch bleibt das Problem bestehen, dass, auch wenn die Indignados im Wesentlichen eine Bewegung des Proletariats waren, größtenteils zusammengesetzt aus Erwerbstätigen, prekär Beschäftigten, Arbeitslosen, Studierenden und Gymnasiast*innen, sich die Mehrheit ihrer Protagonist*innen vor allem als Bürger*innen sah und daher besonders anfällig für die Ideologie von „Echte Demokratie jetzt“ und anderen Linken war, die versuchten, die Bewegung in ein reformiertes parlamentarisches Regime zu integrieren. Es gab natürlich einen beträchtlichen proletarischen Flügel der Bewegung (im politischen und nicht im soziologischen Sinne), der die Dinge anders sah, aber diese Leute blieben eine Minderheit und scheinen eine noch viel kleinere Minderheit von Leuten hervorgebracht zu haben, die sich in Richtung revolutionärer Politik bewegt haben. Das „Identitätsproblem“ der Indignados-Bewegung wurde 2017 weiter betont, als so viele derjenigen, die wirklich empört über die Zukunft des Kapitalismus waren, in den Betrug des Nationalismus, insbesondere seiner katalanischen Version, verfallen sind.

Eine der größten Schwächen der Bewegung war ihre mangelnde Verbindung zwischen der Bewegung auf den Straßen und Plätzen und den Kämpfen am Arbeitsplatz, und diese Lücke ist etwas, das zukünftige Kämpfe überwinden müssen. Wir haben in den jüngsten Bewegungen im Nahen Osten und vielleicht noch deutlicher bei den Streiks der Metallarbeiter in Vigo im Jahr 2006 einen Blick darauf geworfen. Denn so, wie die Gewinnung der Straße für die Zusammenführung von Arbeiter*innen aus verschiedenen Sektoren wie auch mit Arbeitslosen unerlässlich ist, so ist die Bewegung an den Arbeitsplätzen der Schlüssel, um alle Menschen auf der Straße daran zu erinnern, dass sie Teil einer Klasse sind, die ihre Arbeitskraft an das Kapital verkaufen muss.

Diese Verbindung wird auch bei der Lösung der Aufgabe, vereinigenden Organisationen in den künftigen Massenbewegungen zu finden, – bei der Frage der Arbeiterräte – von Bedeutung sein. In früheren revolutionären Bewegungen entstanden die Arbeiterräte spontan aus der Zentralisierung der Vollversammlungen in den großen Industrieeinheiten. Dies wird zweifellos ein wichtiger Faktor in Regionen bleiben, in denen solche Einheiten noch bestehen (z.B. in Deutschland) oder in der letzten Zeit entwickelt worden sind (China, indischer Subkontinent, etc.). Aber angesichts der Bedeutung der alten Zentren des Klassenkampfes, vor allem Europas, die einem langen Prozess der Deindustrialisierung unterworfen gewesen sind, ist es möglich, dass Räte aus einem Zusammenschluss von Versammlungen, die an zentralen Arbeitsplätzen wie Krankenhäusern, Universitäten, Lagern usw. abgehalten werden, und Massentreffen hervorgehen, die auf Straßen und Plätzen abgehalten werden, wo Arbeiter*innen aus verstreuten Arbeitsplätzen, Arbeitslose und prekär Beschäftigte ihre Kämpfe vereinigen können.

Die Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung durch die kombinierten Auswirkungen der Krise und die Veränderungen in der „Zusammensetzung“ der Arbeiterklasse proletarisiert wurden, bedeutet, dass Versammlungen, die auf territorialen und nicht auf industriellen Einheiten beruhen, einen proletarischen Charakter behalten werden, auch wenn die Gefahr des Einflusses kleinbürgerlicher und anderer Schichten in solchen Organisationsformen offensichtlich besteht. Solche Dilemmata führen uns zur Frage der Autonomie der Klasse und ihres Verhältnisses zum Übergangsstaat in der Revolution der Zukunft, denn die Arbeiterklasse, die ihre Identität als revolutionäre soziale Kraft wiederentdeckt hat, wird diese Identität als Autonomie während der Übergangszeit politisch und organisatorisch bewahren müssen, bis alle Proletarier*innen geworden sind und somit keine*r mehr Proletarier*in ist.

Es ist auch wahrscheinlich, dass diese neu gefundene revolutionäre Identität in Zukunft eine direktere politische Form annehmen wird: Mit anderen Worten, dass sich die Klasse durch ein wachsendes Festhalten an der kommunistischen Perspektive definieren wird, nicht zuletzt, weil die Tiefe der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise die Illusionen in eine mögliche „Rückkehr zur Normalität“ des im Zerfall befindlichen Kapitalismus aufgelöst haben wird. Wir sahen einen Hinweis darauf beim Erscheinen des proletarischen Flügels in der Indignados-Bewegung: Sein proletarischer Charakter basierte nicht so sehr auf seiner soziologischen Zusammensetzung, sondern auf seinem Kampf zur Verteidigung der Autonomie der Versammlungen und einer allgemeinen Perspektive der sozialen Transformation gegenüber den verschiedenen linken Trittbrettfahrern. Die Partei der Zukunft könnte durch das Zusammenspiel solcher großen proletarischen Minderheiten mit den kommunistischen politischen Organisationen entstehen. Natürlich bedeutet die Zerbrechlichkeit des bestehenden Milieus der Kommunistischen Linken, dass es keine Garantie dafür gibt, dass das Rendezvous stattfindet. Aber wir können sagen, dass das Auftauchen neuer Elemente, die sich heute in Richtung der Kommunistischen Linken bewegen – einige von ihnen sind sehr jung – ein Zeichen dafür ist, dass der Prozess der unterirdischen Reifung eine Realität ist und dass er trotz der sehr offensichtlichen Schwierigkeiten des Klassenkampfes weitergeht. Auch wenn wir verstehen, dass die Partei der Zukunft keineswegs eine Massenorganisation sein wird, die die Klasse als Ganzes umfassen will, bringt diese Dimension der Politisierung des Kampfes das zum Vorschein, was im klassischen marxistischen Wort zusammengefasst ist: „Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei.

(28.12.18)


[2] Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung

[4] Vorwort zur englischen Ausgabe (von 1892) zu Die Lage der arbeitenden Klasse in England

[5] vgl. dazu den Artikel in unserer englischsprachigen Presse: History of the workers' movement in Britain, Part 2: Chartism and the 1842 general strike, http://en.internationalism.org/wr/304/chartism-1848

[6] Dieser Bewegung war der Aufstand der Merthyr im Jahre 1831 vorausgegangen, der, so könnte man argumentieren, besser organisiert und erfolgreicher war, auch wenn die Arbeiter*innen nur in einer Stadt und nur für einen kurzen Moment die Macht übernehmen konnten. Er war auch der erste dokumentierte Moment, in dem die Arbeiter unter der roten Flagge marschierten.

[7] Aus einem Bericht über die Perspektiven des Klassenkampfes, Dezember 2015

[8] Internationale Revue Nr. 31, 2003, Orientierungstext: Das Vertrauen und die Solidarität im Kampf des Proletariats; https://de.internationalism.org/internationalerevue/200312/615/orientierungstext-das-vertrauen-und-die-solidaritaet-im-kampf-des-pro

[9] Resolution zum Klassenkampf, 22. IKS-Kongress

[10] Aus dem Kapitel „Die großen Städte“.

[11]Siehe zum Beispiel Paul Masons Buch, Postkapitalismus, Grundrisse einer kommenden Ökonomie, und seine Kritik durch die Communist Workers‘ Organisation (CWO).

[13] McDonald's, UberEats and Wetherspoon workers strike over pay (https://www.bbc.com/news/business-45734662)

Rubric: 

Arbeiten des 23. Kongresses der IKS