Kommunismus - Keine schöne Utopie, sondern eine Notwendigkeit - Band 3, Teil 10: Bilan, die Holländische Linke und der Übergang zum Kommunismus

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Nach einer Verzögerung, die viel länger war, als wir ursprünglich beabsichtigt hatten, nehmen wir den dritten Band der Reihe über den Kommunismus wieder auf. Erinnern wir uns kurz daran, dass der erste Band, der auch in englischer und französischer Sprache als gedrucktes Buch erschienen ist, damit begann, die Entwicklung des Konzepts des Kommunismus von den vorkapitalistischen Gesellschaften bis zu den ersten utopischen Sozialisten zu betrachten, und sich dann auf die Arbeit von Marx und Engels und die Bemühungen ihrer Nachfolger in der Zweiten Internationale konzentrierte, den Kommunismus nicht als ein abstraktes Ideal zu verstehen, sondern als eine materielle Notwendigkeit, die durch die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft selbst ermöglicht wurde.[1] Der zweite Band untersuchte die Periode, in der sich die marxistische Vorhersage der proletarischen Revolution, die zuerst in der Periode des Aufstiegs des Kapitalismus formuliert wurde, durch den Anbruch der "Epoche der Kriege und Revolutionen", welche die Kommunistische Internationale 1919 erkannte, konkretisierte.[2] Der dritte Band konzentriert sich bisher auf den nachhaltigen Versuch der Italienischen Kommunistischen Linken in den 1930er Jahren, die Lehren aus der Niederlage der ersten internationalen Revolutionswelle, vor allem aber der russischen Revolution, zu ziehen und die Implikationen dieser Lehren für eine künftige Periode des Übergangs zum Kommunismus zu erörtern.[3]

Wie wir oft betont haben, war die Kommunistische Linke in erster Linie das Produkt einer internationalen Reaktion gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationale und ihrer Parteien. Die linken Gruppen in Italien, Deutschland, Russland, Großbritannien und anderswo stimmten in ihrer Kritik an der Fehlentwicklung der Kommunistischen Internationale in Richtung Parlamentarismus, Gewerkschaftswesen und Kompromiss mit den Parteien der Sozialdemokratie überein. Es gab intensive Debatten unter den verschiedenen linken Strömungen und einige konkrete Versuche der Koordination und Umgruppierung, wie die Gründung der Kommunistischen Arbeiterinternationale 1922, im Wesentlichen durch Gruppen, die mit der deutschen kommunistischen Linken verbunden waren. Aber gleichzeitig lieferte das schnelle Scheitern dieser neuen Formation den Beweis dafür, dass die Flut der Revolution der Ebbe wich und dass die Zeit für die Gründung einer neuen Weltpartei nicht reif war. Darüber hinaus machte diese übereilte Initiative von Elementen innerhalb der deutschen Bewegung deutlich, was vielleicht die schwerwiegendste Spaltung in den Reihen der kommunistischen Linken war – die Trennung zwischen ihren beiden wichtigsten Ausdrucksformen, denen in Deutschland und Italien. Diese Spaltung war nie absolut: In den frühen Tagen der Kommunistischen Partei Italiens gab es Versuche, andere linke Strömungen zu verstehen und mit ihnen zu debattieren; und an anderer Stelle haben wir auf die Debatte zwischen Bordiga und Korsch später in den 1920er Jahren hingewiesen.[4]

Diese Kontakte nahmen jedoch ab, als sich die Revolution zurückzog und als die beiden Strömungen auf unterschiedliche Weise auf die neuen Herausforderungen reagierten, denen sie gegenüberstanden. Die Italienische Linke war, völlig zu Recht, von der Notwendigkeit überzeugt, in der KI zu bleiben, solange sie ein proletarisches Leben hatte, und vorzeitige Spaltungen oder die Ausrufung neuer und künstlicher Parteien zu vermeiden – genau der Kurs, den die Mehrheit der deutschen Linken verfolgte. Darüber hinaus konnte das Aufkommen offen parteifeindlicher Tendenzen in der deutschen Linken, insbesondere der Gruppe um Rühle, die Überzeugung von Bordiga und anderen, dass diese Strömung von anarchistischer Ideologie und Praxis beherrscht wurde, nur noch verstärken. In der Zwischenzeit waren die deutschen linken Gruppen, die dazu neigten, die gesamte Erfahrung des Bolschewismus und des Oktobers 1917 als Ausdruck einer verspäteten bürgerlichen Revolution zu definieren, immer weniger in der Lage, die Italienische Linke von der Hauptströmung der Kommunistischen Internationale zu unterscheiden, nicht zuletzt, weil jene weiterhin argumentierte, dass der Platz der Kommunisten innerhalb der Internationale sei, um gegen deren opportunistischen Kurs zu kämpfen.

Die heutigen "bordigistischen" Gruppen haben diese tragische und folgenschwere Trennung theoretisiert, indem sie darauf bestehen, dass sie allein die historische kommunistische Linke darstellten und dass die deutsche KAPD und ihre Ableger in Wirklichkeit nichts anderes als eine kleinbürgerlich-anarchistische Abweichung seien. Gruppen wie die Internationale Kommunistische Partei (Il Partito) gehen sogar so weit, dass sie eine Verteidigung von Lenins Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus veröffentlichen und den Text als Warnung für "künftige Abtrünnige" preisen.[5] Diese Haltung offenbart ein ziemlich tragisches Versäumnis und eine Unfähigkeit zu erkennen, dass die Linkskommunisten als Genossen und Genossinnen gemeinsam gegen die zunehmend abtrünnige Führung der KI hätten kämpfen sollen.

Dies war jedoch bei weitem nicht die Haltung der italienischen Linken während ihrer theoretisch fruchtbarsten Periode: derjenigen, die auf die Bildung der Linksfraktion im Exil (aus dem faschistischen Italien) Ende der 20er Jahre und die Veröffentlichung der Zeitschrift Bilan zwischen 1933 und 1938 folgte. In einem "Resolutionsentwurf über die internationalen Verbindungen" in Bilan Nr. 22 schrieben sie, dass die "internationalistischen Kommunisten Hollands (die Gorter-Tendenz) und Elemente der KAPD die erste Reaktion auf die Schwierigkeiten des russischen Staates, die erste Erfahrung einer proletarischen Verwaltung, durch die Verbindung mit dem Weltproletariat mittels eines von der Internationale ausgearbeiteten Systems von Prinzipien" darstellen. Sie kamen zu dem Schluss, dass der Ausschluss dieser Genossen aus der Internationale "keine Lösung für diese Probleme gebracht hat".

Diese Herangehensweise legte die grundlegenden Fundamente proletarischer Solidarität fest, auf denen eine Debatte stattfinden konnte, trotz der sehr beträchtlichen Divergenzen zwischen den beiden Strömungen; Divergenzen, die sich bis Mitte der 30er Jahre beträchtlich vergrößert hatten, als die deutsch-holländische Linke sich in Richtung der Positionen des Rätekommunismus entwickelte und nicht nur den Bolschewismus, sondern die Parteiform selbst als bürgerlichen Charakters definierte. Weitere Schwierigkeiten ergaben sich aus der Sprache und der mangelnden Kenntnis der jeweiligen Positionen der anderen Seite, was, wie wir in unserem Buch Die Italienische Kommunistische Linke feststellen, dazu führte, dass die Beziehungen zwischen den beiden Strömungen weitgehend auf indirekte Weise stattfanden.

Der Hauptverbindungspunkt zwischen den beiden Strömungen war die Ligue des Communistes Internationalistes (LCI) in Belgien, die in Kontakt mit der Groep van Internationale Communisten (GIC) und anderen Gruppen in Holland stand. Es ist vielleicht bezeichnend, dass die wichtigsten Früchte dieser Kontakte, die auf den Seiten von Bilan erschienen, die von Hennaut von der LCI verfasste Zusammenfassung des Buches der GIC: Grundprinzipien Kommunistischer Produktion und Verteilung[6] war, und die brüderlichen, aber kritischen Bemerkungen über das Buch, die in Mitchells Reihe Probleme der Übergangsperiode enthalten waren. Soweit wir wissen, hat die GIC auf keinen dieser Artikel geantwortet, aber es ist dennoch wichtig, uns daran zu erinnern, dass die Voraussetzungen für eine Debatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Grundprinzipien geschaffen wurden, nicht zuletzt deshalb, weil es sehr wenige spätere Versuche gab, die Diskussion voranzutreiben.[7] Wir sollten klarstellen, dass der vorliegende Artikel nicht versuchen wird, eine eingehende oder detaillierte Analyse der Grundprinzipien durchzuführen. Er hat das bescheidenere Ziel, die in Bilan veröffentlichten Kritiken an dem Buch zu untersuchen und damit einige mögliche Bereiche für zukünftige Diskussionen aufzuzeigen.

Die GIC untersucht die Lehren aus der Niederlage

Auf der Pariser Konferenz der neu gegründeten linkskommunistischen Gruppen 1974 erklärte Jan Appel, der KAPD- und GIC-Veteran, der einer der Hauptautoren der Grundprinzipien war, dass der Text als Teil des Versuchs geschrieben worden war, zu verstehen, was bei der Erfahrung des Staatskapitalismus oder "Staatskommunismus, wie wir ihn manchmal zu nennen pflegten" in der Russischen Revolution schief gelaufen war, und einige Richtlinien festzulegen, die es ermöglichen sollten, ähnliche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Trotz ihrer Differenzen über das Wesen der Russischen Revolution war es genau das, was die Genossen der Italienischen Linken motivierte, eine Analyse über die Probleme der Übergangsperiode zu erstellen, obwohl sie nur zu gut verstanden, dass sie durch die Tiefen der Konterrevolution gingen.

Für Mitchell, wie für den Rest der Italienischen Linken, waren die GIC die "holländischen Internationalisten", Genossen, die von einem tiefen Engagement für den Sturz des Kapitalismus und dessen Ersetzung durch eine kommunistische Gesellschaft beseelt waren. Beide Strömungen verstanden, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Problemen der Übergangsperiode weit mehr war als eine intellektuelle Übung um ihrer selbst willen. Sie waren Militante, für die die proletarische Revolution eine Realität war, die sie mit eigenen Augen gesehen hatten; trotz der schrecklichen Niederlage dieser Revolution behielten sie volles Vertrauen, dass sie sich wieder erheben würde, und waren überzeugt, dass sie mit einem klaren kommunistischen Programm bewaffnet sein musste, wenn sie beim nächsten Mal triumphieren wollte.

Am Anfang seiner Zusammenfassung der Grundprinzipien stellt Hennaut genau diese Frage: "Erscheint es nicht als Zeitverschwendung, uns über die sozialen Regeln zu quälen, die die Arbeiter nach Vollendung der Revolution aufstellen müssen, zu einem Zeitpunkt, da die Arbeiter keineswegs auf die letzte Schlacht zu marschieren, sondern in der Tat den Boden, den sie gewonnen haben, an die triumphierende Reaktion abtreten? Mehr noch, ist nicht schon alles zu diesem Thema auf den Kongressen der KI gesagt worden? ... Gewiss, für diejenigen, für die die ganze Wissenschaft der Revolution darauf hinausläuft, die Skala der Manöver aufzudecken, die die Massen zu befolgen haben, muss das Unternehmen besonders sinnlos erscheinen. Aber für diejenigen, die der Meinung sind, dass die Präzisierung der Ziele des Kampfes eine der Funktionen jeder Emanzipationsbewegung ist, und dass die Formen dieses Kampfes, seine Mechanismen und die Gesetze, die ihn regeln, nur in dem Maße vollständig ans Licht gebracht werden können, in dem die zu erreichenden Endziele klar geworden sind, das heißt, dass die Gesetze der Revolution immer deutlicher hervortreten, je mehr das Bewusstsein der Arbeiterklasse wächst – für sie ist die theoretische Anstrengung, genau zu definieren, was die Diktatur des Proletariats sein wird, eine Aufgabe von ursprünglicher Notwendigkeit".[8]

Wie wir bereits erwähnt haben, war Hennaut kein Mitglied der GIC, sondern der belgischen LCI. In gewisser Weise war er in der Lage, als "Vermittler" zwischen der Deutsch-Holländischen und der Italienischen Linken zu agieren, da er mit beiden Übereinstimmungen und Differenzen hatte. In einem früheren Beitrag für Bilan[9] kritisierte er die Vorstellung der italienischen Genossen von der "Diktatur der Partei" und legte den Schwerpunkt darauf, dass die Arbeiterklasse die Kontrolle über die politische und wirtschaftliche Sphäre durch ihre eigenen allgemeinen Organe wie die Räte ausübt. Gleichzeitig lehnte er Bilans Auffassung von der UdSSR als einem degenerierten proletarischen Staat ab und definierte sowohl das politische Regime als auch die Wirtschaft in Russland als kapitalistisch. Aber es sollte hinzugefügt werden, dass er auch damit begonnen hatte, den proletarischen Charakter der Revolution in Russland abzulehnen, indem er die fehlende Reife der objektiven Bedingungen betonte, so dass "die Revolution vom Proletariat gemacht wurde, aber es war keine proletarische Revolution".[10] Diese Analyse stand der der Rätekommunisten recht nahe, aber Hennaut grenzte sich auch in einer Reihe von Schlüsselpunkten von ihnen ab: Gleich zu Beginn seiner Zusammenfassung macht er deutlich, dass er mit ihrer Ablehnung der Partei nicht einverstanden ist. Für Hennaut wäre die Partei nach der Revolution umso notwendiger, um die ideologischen Überreste der alten Welt zu bekämpfen, obwohl er die Schwäche der GIC in diesem Punkt nicht als das Hauptproblem der Grundprinzipien ansieht; und am Ende seiner Zusammenfassung, in Bilan Nr. 22, weist er auf die Schwäche der Staatskonzeption der GIC und ihre etwas rosige Sicht der Bedingungen, unter denen eine Revolution stattfindet, hin. Er ist jedoch von der Bedeutung des Beitrags der GIC überzeugt und bemüht sich sehr ernsthaft, sie in vier Artikeln genau zusammenzufassen. Offensichtlich war es im Rahmen einer solchen Zusammenfassung nicht möglich, den ganzen Reichtum – und einige der offensichtlichen Widersprüche – in den Grundprinzipien zu vermitteln, aber er macht eine gute Arbeit, um die wesentlichen Punkte des Buches zu umreißen.

Hennauts Zusammenfassung hebt die bedeutsame Tatsache hervor, dass sich die Grundprinzipien keineswegs außerhalb der bisherigen Traditionen und Erfahrungen der Arbeiterklasse verorten, sondern sich auf eine historische Kritik an fehlerhaften Auffassungen, die innerhalb der Arbeiterbewegung entstanden waren, und auf praktische revolutionäre Erfahrungen – vor allem die russische und ungarische Revolution – stützen, die hauptsächlich negative Lehren hinterlassen hatten. Die Grundprinzipien enthalten daher Kritik an den Ansichten von Kautsky, Varga, dem Anarcho-Syndikalisten Leichter und anderen, während sie gleichzeitig versuchen, an die Arbeit von Marx und Engels anzuknüpfen, insbesondere an die Kritik des Gothaer Programms und den Anti-Dühring. Sie gehen von der einfachen Feststellung aus, dass die Ausbeutung der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft vollständig mit ihrer Trennung von den Produktionsmitteln durch das kapitalistische gesellschaftliche Verhältnis der Lohnarbeit verbunden ist. Seit der Zeit der Zweiten Internationale war die Arbeiterbewegung auf die Vorstellung abgeglitten, dass die einfache Abschaffung des Privateigentums das Ende der Ausbeutung bedeute, und die Bolschewiki hatten dieses (Miss-)Verständnis nach der Oktoberrevolution weitgehend übernommen.

Für die Grundprinzipien kann die Verstaatlichung oder Kollektivierung der Produktionsmittel sehr wohl mit Lohnarbeit und der Entfremdung der Arbeiter von ihrem eigenen Produkt koexistieren. Entscheidend ist also, dass die Arbeiter selbst, durch ihre eigenen, im Betrieb verwurzelten Organisationen, nicht nur über die physischen Produktionsmittel, sondern über das gesamte gesellschaftliche Produkt verfügen. Um aber sicherzustellen, dass das gesellschaftliche Produkt vom Anfang bis zum Ende des Arbeitsprozesses in den Händen der Produzenten bleibt (Entscheidungen darüber, was und in welchen Mengen produziert wird, Verteilung des Produkts einschließlich der Entlohnung des einzelnen Produzenten), bedurfte es eines allgemeinen ökonomischen Gesetzes, das einer strengen Buchführung unterworfen werden konnte: die Berechnung des gesellschaftlichen Produkts auf der Basis der durchschnittlichen gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Obwohl gerade die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit dem "Wert" der Produkte in der kapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegt, wäre dies keine Wertproduktion mehr, denn die einzelnen Unternehmen würden zwar ihren eigenen Anteil an der in ihren Produkten enthaltenen Arbeitszeit maßgeblich mitbestimmen, aber die Unternehmen würden ihre Produkte dann nicht auf dem Markt verkaufen (und die Grundprinzipien kritisieren die Anarchosyndikalisten gerade dafür, dass sie sich die zukünftige Wirtschaft als ein Netzwerk unabhängiger, durch Tauschbeziehungen verbundener Unternehmen vorstellen). Aus der Sicht der GIC würden die Produkte einfach in Übereinstimmung mit den gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen verteilt, die von einem Kongress der Räte zusammen mit einem zentralen Amt für Statistik und einem Netzwerk von Konsumgenossenschaften bestimmt würden. Die Grundprinzipien legen Wert darauf, dass weder der Rätekongress noch das Statistikamt "zentralisierte" oder "staatliche" Organe sind. Ihre Aufgabe ist es nicht, Arbeit zu dirigieren, sondern mit dem Kriterium der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die weitgehend auf der Basisebene berechnet wird, die Planung und Verteilung des gesellschaftlichen Produkts im globalen Maßstab zu überwachen. Eine konsequente Anwendung dieser Prinzipien würde sicherstellen, dass sich in der nächsten Revolution eine Situation nicht wiederholt, in der "die Maschine unseren Händen entgleitet" (Lenins berühmte Worte über den Werdegang des Sowjetstaates, zitiert nach den Grundprinzipien). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Schlüssel zum Sieg der Revolution in der Fähigkeit der Arbeiter liegt, die direkte Kontrolle über die Wirtschaft aufrechtzuerhalten, und das zuverlässigste Werkzeug, um dies zu erreichen, ist die Regulierung von Produktion und Verteilung durch die Abrechnung der Arbeitszeit.

Die Kritik der Italienischen Linken

Wie wir bereits sagten, begrüßte die Italienische Linke[11] den Beitrag der GIC, sparte aber nicht mit Kritik an dem Text. Grob gesagt lassen sich diese Kritiken in vier Rubriken einordnen, obwohl sie alle auf andere Themen überleiten und alle eng miteinander verknüpft sind.

1. Eine nationale Vision der Revolution.

2. Eine idealistische Auffassung von den realen Bedingungen der proletarischen Revolution.

3. Das Unverständnis für das Problem des Staates und des Zentralismus sowie die Konzentration auf die Ökonomie auf Kosten der politischen Fragen.

4. Weitere theoretische Differenzen bezüglich der Ökonomie der Übergangsperiode: die Überwindung des Wertgesetzes und der Inhalt des Kommunismus; Egalitarismus und die Entlohnung der Arbeit.

1. Eine nationale Vision der Revolution

In seiner Serie "Partei – Staat – Internationale"[12] hatte Vercesi bereits Hennaut und die holländischen Genossen dafür kritisiert, dass sie das Problem der Revolution in Russland von einem eng gefassten nationalen Standpunkt aus angehen. Er bestand darauf, dass keine wirklichen Fortschritte auf dem Weg zu einer kommunistischen Gesellschaft gemacht werden könnten, solange die Bourgeoisie im Weltmaßstab an der Macht sei – welche Fortschritte auch immer in einem Bereich unter proletarischer "Leitung" gemacht würden, sie könnten nicht endgültig sein:

"Der Fehler, den die holländischen Linkskommunisten und mit ihnen Genosse Hennaut unserer Meinung nach begehen, besteht darin, dass sie eine im Grunde sterile Richtung eingeschlagen haben, denn es ist fundamental für den Marxismus, dass die Grundlagen einer kommunistischen Wirtschaft nur auf Weltebene und niemals innerhalb der Grenzen eines proletarischen Staates verwirklicht werden können. Dieser kann zwar in den ökonomischen Bereich eingreifen, um den Produktionsprozess zu verändern, aber er kann diesen Prozess keinesfalls endgültig auf kommunistische Grundlagen stellen, weil die Bedingungen für die Verwirklichung einer solchen Ökonomie nur im Weltmaßstab existieren (...). Wir werden der Verwirklichung des höchsten Ziels nicht näher kommen, indem wir den Arbeitern weismachen, dass sie nach ihrem Sieg über die Bourgeoisie die Wirtschaft in einem einzigen Land direkt leiten können. Bis zum Sieg der Weltrevolution sind die Bedingungen dafür nicht gegeben, und um die Dinge in die Richtung zu lenken, die das Heranreifen dieser Bedingungen ermöglicht, muss man damit beginnen, anzuerkennen, dass es unmöglich ist, in einem einzigen Land endgültige Ergebnisse zu erzielen."[13]

In seiner Artikelserie führte Mitchell dieses Thema weiter aus:

"Während es unbestreitbar ist, dass ein nationales Proletariat bestimmte ökonomische Aufgaben erst nach der Installierung der Errichtung seiner eigenen Herrschaft in Angriff nehmen kann, kann der Aufbau des Sozialismus erst nach der Zerstörung der mächtigsten kapitalistischen Staaten in Gang kommen, auch wenn der Sieg eines 'armen' Proletariats eine enorme Bedeutung erlangen kann, wenn er in den Entwicklungsprozess der Weltrevolution integriert wird. Mit anderen Worten: Die Aufgaben eines siegreichen Proletariats in Bezug auf die eigene Wirtschaft werden den Notwendigkeiten des internationalen Klassenkampfes untergeordnet.

Es ist bemerkenswert, dass, während alle echten Marxisten die Theorie des 'Sozialismus in einem Land' abgelehnt haben, die meisten Kritiken an der Russischen Revolution sich im Wesentlichen auf die Modalitäten des Aufbaus des Sozialismus konzentrierten, wobei sie eher wirtschaftliche und kulturelle als politische Kriterien betrachteten und vergaßen, die logischen Schlussfolgerungen zu ziehen, die sich aus der Unmöglichkeit jeder Art von nationalem Sozialismus ergeben."[14]

Einen großen Teil der Serie widmete Mitchell auch der Argumentation gegen die von den Rätekommunisten weitgehend aufgegriffene menschewistische Idee, dass die Russische Revolution nicht wirklich proletarisch gewesen sein könne, weil Russland nicht reif für den Sozialismus gewesen sei. Gegen diesen Ansatz behauptet Mitchell, dass die Bedingungen für die kommunistische Revolution nur im Weltmaßstab gegeben sein konnten, und dass die Revolution in Russland lediglich der erste Schritt einer weltweiten Revolution gewesen sei, die durch die Tatsache notwendig wurde, dass der Kapitalismus als Weltsystem in seine Periode des Niedergangs eingetreten war. Daher musste jedes Verständnis dessen, was in Russland schief gelaufen war, im Kontext der Weltrevolution gesehen werden: Die Degeneration des Sowjetstaates war in erster Linie nicht das Ergebnis der wirtschaftlichen Maßnahmen der Bolschewiki, sondern der Isolierung der Revolution. Die holländischen Genossen hätten sich "ein falsches Urteil über die Russische Revolution angemaßt und vor allem den Umfang ihrer Forschungen über die tieferen Ursachen der reaktionären Entwicklung der UdSSR stark eingeschränkt. Sie suchen die Erklärung dafür nicht in der tieferen Entwicklung des nationalen und internationalen Klassenkampfes (eines der negativen Merkmale ihrer Studie ist, dass sie jede Betrachtung der politischen Probleme mehr oder weniger ausblenden), sondern im ökonomischen Mechanismus."[15]

Kurz gesagt: Es gibt Grenzen für die Schlussfolgerungen, die wir aus den wirtschaftlichen Maßnahmen während der Russischen Revolution ziehen können. Selbst die perfektesten Maßnahmen hätten ohne die Ausdehnung der Weltrevolution den proletarischen Charakter des Regimes in der UdSSR nicht bewahrt, und dasselbe würde für jedes Land gelten, ob "fortgeschritten" oder "rückständig", das sich in einer vom Kapital beherrschten Welt isoliert wiederfindet.

2. Die tatsächlichen Bedingungen nach der proletarischen Revolution

Wir haben festgestellt, dass Hennaut selbst auf die Tendenz der holländischen Genossen hinwies, die Verhältnisse im Gefolge einer proletarischen Revolution zu vereinfachen: "Es mag vielen Lesern so erscheinen, als ob in der besten aller möglichen Welten alles zum Besten stehe. Die Revolution marschiere voran, sie könne nicht ausbleiben, und es genüge, die Dinge sich selbst zu überlassen, damit der Sozialismus Wirklichkeit werde."[16] Vercesi hatte auch argumentiert, dass sie dazu neigten, die Heterogenität des Klassenbewusstseins auch nach der Revolution gewaltig zu unterschätzen – ein Fehler, der direkt damit zusammenhing, dass die Rätekommunisten die Notwendigkeit einer politischen Organisation der fortgeschritteneren Elemente der Arbeiterklasse nicht verstanden. Außerdem hing dies auch damit zusammen, dass die holländischen Genossen die Schwierigkeiten unterschätzten, die sich den Arbeitern bei der direkten Übernahme der Leitung der Produktion stellten. Mitchell seinerseits argumentierte, dass die holländischen Genossen von einem idealen, abstrakten Schema ausgingen, das bereits die Stigmata der kapitalistischen Vergangenheit als Grundlage für das Voranschreiten zum Kommunismus ausschließt.

"Wir haben bereits deutlich gemacht, dass die holländischen Internationalisten bei ihrem Versuch, die Probleme der Übergangsperiode zu analysieren, viel mehr von ihren Wunschbildern als von der historischen Realität inspiriert sind. Ihr abstraktes Schema, in dem sie als vollkommen prinzipientreue Menschen das Wertgesetz, den Markt und das Geld ausschließen, muss logischerweise auch eine 'ideale' Verteilung der Produkte zur Folge haben. Denn für sie gilt: "Die proletarische Revolution kollektiviert die Produktionsmittel und öffnet damit den Weg zum kommunistischen Leben; die dynamischen Gesetze der individuellen Konsumtion müssen absolut und notwendigerweise miteinander verbunden sein, weil sie unauflöslich mit den Gesetzen der Produktion verbunden sind. Diese Verbindung wird 'von selbst' durch den Übergang zur kommunistischen Produktion hergestellt" (S. 72 ihrer Arbeit)."[17]

Später konzentriert sich Mitchell auf die Hindernisse, die der Einführung der gleichen Entlohnung der Arbeit in der Übergangszeit entgegenstehen (wir werden in einem zweiten Artikel darauf zurückkommen). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für die niederländischen Genossen die untere und die obere Stufe des Kommunismus völlig durcheinander geraten sind:

"Indem sie die dialektische Analyse ablehnen und das Problem des Zentralismus übergehen, haben sie gleichzeitig die Bedeutung der Worte verändert, denn was sie betrachten, ist nicht die Übergangsperiode, die für die Marxisten unter dem Gesichtspunkt der Lösung praktischer Probleme als einzige von Interesse ist, sondern die höhere Stufe des Kommunismus. Es ist dann leicht, von „einer allgemeinen gesellschaftlichen Buchführung zu sprechen, die auf einem wirtschaftlichen Zentrum beruht, zu dem alle Ströme des Wirtschaftslebens fließen, das aber kein Recht hat, die Produktion zu leiten oder über die Verteilung des gesellschaftlichen Produkts zu entscheiden“. Und sie fügen hinzu, dass „in der Assoziation freier und gleicher Produzenten die Kontrolle des Wirtschaftslebens nicht von Persönlichkeiten oder Ämtern ausgeht, sondern aus der öffentlichen Registrierung des realen Verlaufs des Wirtschaftslebens resultiert. Das bedeutet, dass die Produktion durch die Reproduktion kontrolliert wird“. Mit anderen Worten: 'Das Wirtschaftsleben wird durch die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit von selbst gesteuert'. Mit solchen Formulierungen kann die Lösung der Probleme der proletarischen Leitung überhaupt nicht vorankommen, denn die brennende Frage, die sich dem Proletariat stellt, ist nicht, die Mechanismen auszuarbeiten, die die kommunistische Gesellschaft regeln, sondern den Weg zu finden, der zu ihr führt."[18]

Es stimmt, dass es eine Reihe von Abschnitten in den Grundprinzipien gibt, in denen die holländischen Genossen Marx' Unterscheidung zwischen der unteren und der oberen Stufe der Übergangsperiode zitieren; und sie erkennen an, dass es einen Prozess gibt, eine Bewegung in Richtung auf den integralen Kommunismus, in dem die Notwendigkeit der Arbeitszeitbuchhaltung zum Beispiel in Bezug auf den individuellen Konsum allmählich an Bedeutung verlieren wird:

"Eines der charakteristischsten Merkmale der AGA-Betriebe [Anm.: öffentliche Dienstleistungen wie Gesundheits- und Bildungswesen] sahen wir in der Tatsache, dass hier das 'Nehmen nach Bedürfnissen' verwirklicht ist. Der Maßstab der Arbeitsstunde spielt hier in der Distribution also keine Rolle mehr. Mit dem Wachstum des Kommunismus wird dieser Betriebstyp mehr ausgedehnt werden, so dass auch Lebensmittelfürsorge, Personentransport, Wohnungsfürsorge usw., kurz: die Befriedigung der allgemeinen Bedürfnisse, auf dieser Basis stehen werden. Diese Entwicklung ist ein PROZESS, der sich, soweit es sich um die technische Seite der Aufgabe handelt, schnell vollziehen kann. Je mehr die Gesellschaft in dieser Richtung wächst, je mehr die Produkte nach diesem Prinzip verteilt werden, desto weniger wird die individuelle Arbeitszeit das Maß für die individuelle Konsumtion sein."[19]

Und doch sprechen sie gleichzeitig, wie Mitchell oben bemerkt, davon, dass die "freien und gleichen Produzenten" über dieses oder jenes gerade in der unteren Stufe entscheiden, einer Zeit, in der wahre Freiheit und Gleichheit vom organisierten Proletariat erkämpft, aber noch nicht endgültig erobert worden sind. Der Begriff "freie und gleiche Produzenten" kann wirklich nur auf eine Gesellschaft angewendet werden, in der es keine Arbeiterklasse mehr gibt.

Ein Beispiel für diese Tendenz zur Vereinfachung ist ihre Behandlung der Agrarfrage. Nach diesem Abschnitt der Grundprinzipien werde die "Bauernfrage", die eine so große Belastung für die Russische Revolution war, für die Revolution der Zukunft keine großen Probleme aufwerfen, weil die Entwicklung der kapitalistischen Industrie den Großteil der Bauernschaft bereits in das Proletariat integriert habe. Dies ist ein Beispiel für eine gewisse eurozentrische Sichtweise (und selbst in Europa war dies in den 1930er Jahren bei weitem nicht der Fall), die nicht berücksichtigt, dass im Weltmaßstab eine riesige Anzahl nicht ausbeutender, aber auch nicht proletarischer Massen existiert, die die proletarische Revolution in die wirklich sozialisierte Produktion integrieren muss.

3. Der Staat, der Zentralismus und der Ökonomismus

Wenn man von der Existenz anderer Klassen als der des Proletariats in der Übergangsperiode spricht, stellt sich sofort die Frage nach einer halb-staatlichen Organisation, die u.a. die Aufgabe hätte, diese Massen politisch zu vertreten. Eine weitere Konsequenz des abstrakten Schemas der holländischen Genossen ist also, dass sie das Problem des Staates vermeiden. Wiederum sieht Hennaut, wie wir festgestellt haben, dass "der Staat im System der holländischen Genossen einen Platz einnimmt, der gelinde gesagt zweideutig ist"[20]. Mitchell stellt fest, dass die Arbeiterklasse, solange es Klassen gibt, die Geißel eines Staates ertragen muss, und dass dies mit dem Problem des Zentralismus verbunden ist:

"Die Analyse der holländischen Internationalisten entfernt sich zweifellos vom Marxismus, weil sie nie die wesentliche Tatsache vorbringt, dass das Proletariat gezwungen ist, sich mit der 'Geißel' des Staates auseinanderzusetzen, bis die Klassen verschwunden sind, das heißt, bis zum Verschwinden des Weltkapitalismus. Aber eine solche historische Notwendigkeit zu betonen, bedeutet zuzugeben, dass die Staatsfunktionen immer noch vorübergehend mit der Zentralisierung verwechselt werden, auch wenn dies nach der Zerstörung des kapitalistischen Unterdrückungsapparates geschieht und der Entwicklung des kulturellen Niveaus der arbeitenden Massen und ihrer Fähigkeit, die Verantwortung zu übernehmen, nicht unbedingt entgegensteht. Anstatt die Lösung für diese Entwicklung im realen Kontext der historischen und politischen Bedingungen zu suchen, haben die holländischen Internationalisten versucht, sie in einer Formel für die Aneignung zu finden, die sowohl utopisch als auch rückschrittlich ist und die sich nicht so deutlich vom 'bürgerlichen Recht' unterscheidet, wie sie sich vorstellen."[21]

Im Lichte der russischen Erfahrung hatten die niederländischen Genossen sicherlich Recht, wenn sie sich davor hüteten, dass irgendein zentrales Organisationsorgan diktatorische Befugnisse über die Arbeiter übernehmen könnte. Gleichzeitig lehnen die Grundprinzipien die Notwendigkeit einer gewissen Form der zentralen Koordination nicht ab. Sie sprechen von einem Zentralamt für Statistik und einem "Wirtschaftskongress der Arbeiterräte", aber diese werden als wirtschaftliche Gremien dargestellt, die mit einfachen Koordinationsaufgaben betraut sind: Sie scheinen keine politischen oder staatlichen Funktionen zu haben. Aber indem sie einfach im Voraus anordnen, dass solche zentralen oder koordinierenden Organe keine staatlichen Funktionen übernehmen oder mit ihnen verbunden sein werden, schwächen sie in Wirklichkeit die Fähigkeit der Arbeiter, sich gegen eine reale Gefahr zu verteidigen, die während der gesamten Übergangsperiode bestehen wird: die Gefahr, dass der Staat, selbst ein "Halbstaat", der starr von den Einheitsorganen der Arbeiter gelenkt wird, sich zunehmend zu einer von der Gesellschaft autonomen Macht formt und wieder direkte Formen der wirtschaftlichen Ausbeutung durchsetzt.

Der Begriff des postrevolutionären Staates taucht in dem Buch zwar kurz auf (und zwar im allerletzten Kapitel). Aber in den Worten der GIC "steht [der Staat] als reiner Machtapparat der Diktatur des Proletariats da. Er wird den Widerstand der Bourgeoisie brechen –, aber er hat in der Verwaltung der Wirtschaft nichts zu suchen".[22]

Mitchell bezieht sich nicht auf diese Passage, aber sie würde seinen Bedenken gegen die Tendenz der GIC, den Staat und die Diktatur des Proletariats als ein und dasselbe zu sehen, nicht widersprechen – eine Identifizierung, die seiner Ansicht nach die Arbeiter zugunsten des Staates entwaffnet: "Die aktive Anwesenheit proletarischer Organisationen ist die Bedingung, um den proletarischen Staat im Dienste der Arbeiter zu halten und zu verhindern, dass er sich gegen sie wendet. Den widersprüchlichen Dualismus des proletarischen Staates zu leugnen, bedeutet, die historische Bedeutung der Übergangsperiode zu verfälschen.

Einige Genossen sind dagegen der Meinung, dass es in dieser Periode eine Identifikation zwischen den Arbeiterorganisationen und dem Staat geben müsse (vgl. Genosse Hennaults 'Wesen und Entwicklung des russischen Staates', Bilan S. 1121). Die holländischen Internationalisten gehen sogar noch weiter, wenn sie sagen, dass, da "die Arbeitszeit das Maß für die Verteilung des gesellschaftlichen Produkts ist und die gesamte Verteilung außerhalb jeder 'Politik' bleibt, die Gewerkschaften im Kommunismus keine Funktion haben und der Kampf für die Verbesserung der Lebensbedingungen zu einem Ende gekommen sein wird" (S. 115 ihrer Arbeit).

Der Zentrismus geht auch von der Vorstellung aus, dass, da der Sowjetstaat ein Arbeiterstaat sei, jede von den Arbeitern erhobene Forderung zu einem Akt der Feindseligkeit gegenüber 'ihrem' Staat werde und daher die völlige Unterordnung der Gewerkschaften und der Betriebskomitees unter den Staatsmechanismus rechtfertige."[23]

Die deutsch-niederländische Linke erkannte natürlich viel schneller, dass die Gewerkschaften bereits im Kapitalismus aufgehört hatten, proletarische Organe zu sein, ganz zu schweigen von der Übergangsperiode zum Kommunismus, wo die Arbeiterklasse ihre eigenen Einheitsorgane (Fabrikkomitees, Arbeiterräte usw.) geschaffen hätte. Aber Mitchells grundlegender Punkt bleibt vollkommen gültig. Indem sie den Weg mit dem Ziel verwechseln, indem sie andere nichtproletarische Klassen und die ganze komplexe soziale Heterogenität der Situation nach dem Aufstand aus der Gleichung ausschließen und vor allem indem sie eine fast sofortige Abschaffung des Zustands des Proletariats als ausgebeutete Klasse ins Auge fassen, lassen die holländischen Genossen, bei aller Antipathie gegen den Staat, die Tür für die Idee offen, dass während der Übergangsperiode die Notwendigkeit für die Arbeiterklasse, ihre unmittelbaren Interessen zu verteidigen, überflüssig werde. Für die italienische Linke war die Notwendigkeit, die Unabhängigkeit der Gewerkschaften und/oder Fabrikkomitees von der allgemeinen Organisation der Gesellschaft – kurz gesagt, vom Übergangsstaat – zu bewahren, eine grundlegende Lehre aus der Russischen Revolution, wo der "Arbeiterstaat" am Ende die Arbeiter unterdrückte.

Dieses Ausweichen oder die Vereinfachung der Frage des Staates ist, ebenso wie das Versagen der GIC, die Notwendigkeit der internationalen Ausdehnung der Revolution zu begreifen, Teil einer umfassenderen Unterschätzung der politischen Dimension der Revolution. Die Besessenheit der GIC ist die Suche nach einer Methode zur Berechnung, Verteilung und Entlohnung der gesellschaftlichen Arbeit, so dass die zentrale Kontrolle auf ein Minimum beschränkt werden kann und die Übergangswirtschaft auf halbautomatische Weise zum integralen Kommunismus fortschreiten kann. Aber für Mitchell ist die Existenz solcher Gesetze kein Ersatz für die wachsende politische Reife der arbeitenden Massen, für ihre tatsächliche Fähigkeit, dem gesellschaftlichen Leben ihre eigene Richtung aufzuzwingen.

"Die holländischen Genossen haben zwar eine unmittelbare Lösung vorgeschlagen: kein wirtschaftlicher oder politischer Zentralismus, der nur eine unterdrückerische Form annehmen kann, sondern die Übertragung der Verwaltung auf Unternehmensorganismen, die die Produktion durch ein 'allgemeines Wirtschaftsgesetz' (...) koordinieren würden. Für sie vollzieht sich die Abschaffung der Ausbeutung (und damit der Klassen) nicht in einem langen historischen Prozess, in dem die Beteiligung der Massen an der gesellschaftlichen Verwaltung unaufhörlich wächst, sondern in der Kollektivierung der Produktionsmittel, sofern diese das Verfügungsrecht der Betriebsräte über die Produktionsmittel und das gesellschaftliche Produkt beinhaltet. Aber abgesehen davon, dass dies eine Formulierung ist, die ihren eigenen Widerspruch enthält – da sie darauf hinausläuft, der integralen Kollektivierung (Eigentum aller und von niemandem im Besonderen) eine Art eingeschränkte, zerstreute Kollektivierung zwischen gesellschaftlichen Gruppen entgegenzusetzen (die Aktiengesellschaft ist auch eine partielle Form der Kollektivierung) –, neigt sie einfach dazu, eine juristische Lösung (das Recht, über die Unternehmen zu verfügen) durch eine andere juristische Lösung, die Enteignung der Bourgeoisie, zu ersetzen. Aber wie wir bereits gesehen haben, ist die Enteignung der Bourgeoisie nur die Anfangsbedingung für die gesellschaftliche Transformation (auch wenn die volle Kollektivierung nicht sofort realisierbar ist), und der Klassenkampf wird wie vor der Revolution weitergehen, aber auf politischer Grundlage, die es dem Proletariat erlaubt, die entscheidende Richtung durchzusetzen."[24]

Hinter dieser Ablehnung der politischen Dimension des Klassenkampfes können wir einen grundlegenden Unterschied zwischen den beiden Zweigen der kommunistischen Linken in ihrem Verständnis des Übergangs zum Kommunismus erkennen. Die holländischen Genossen erkennen zwar die Notwendigkeit von Wachsamkeit, "denn aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise bleibt vorläufig noch eine kräftige Tendenz, die Verfügungsgewalt in eine Zentrale zu legen"[25], aber dieser erhellende Absatz erscheint in der Mitte einer Untersuchung über die Buchhaltungsmethoden in der Übergangsperiode, und im Buch insgesamt gibt es wenig Sinn für den immensen Kampf, der notwendig sein wird, um die Gewohnheiten der Vergangenheit sowie ihre materielle und soziale Verkörperung in Klassen, Schichten und Individuen zu überwinden, die dem Kommunismus mehr oder weniger feindlich gegenüberstehen. In der Sichtweise der GIC scheint es wenig Notwendigkeit für einen politischen Kampf, eine Konfrontation zwischen gegensätzlichen Klassenstandpunkten, innerhalb der Organe der Arbeiterklasse zu geben, sei es am Arbeitsplatz oder auf einer breiteren gesellschaftlichen Ebene. Das stimmt auch mit ihrer Ablehnung der Notwendigkeit kommunistischer politischer Organisationen, der Klassenpartei, überein.

Wir werden uns im zweiten Teil dieses Artikels mit einigen der eher theoretischen Probleme der ökonomischen Dimension der kommunistischen Transformation befassen.

C.D. Ward, 08.03.2013

Anhang

Auszug aus unserem Buch Die Deutsch-Holländische Linke

Kapitel 7, Teil 4: Eine „ökonomistische“ Sichtweise der Revolution: die Grundprinzipien

b) Die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus

Die Frage der Übergangsperiode zum Kommunismus nach der Machtergreifung durch die Arbeiterräte wurde von den deutschen, dann von den holländischen Rätekommunisten immer von einem streng ökonomischen Standpunkt aus angegangen. Die Entartung der Russischen Revolution und die Entwicklung Sowjetrusslands zum Staatskapitalismus bewiesen nach Ansicht der GIC das Scheitern der "Politik", in der die Diktatur des Proletariats in erster Linie als eine politische Diktatur über die gesamte Gesellschaft gesehen wurde und die die wirtschaftlichen Aufgaben des Proletariats in den Hintergrund drängte. Diese Idee wurde von Pannekoek mit besonderem Nachdruck vertreten: "Die traditionelle Auffassung ist die Herrschaft der Politik über die Wirtschaft ... was die Arbeiter anstreben müssen, ist die Herrschaft der Wirtschaft über die Politik."[26]

Diese Ansicht war genau das Gegenteil von dem, was andere revolutionäre Gruppen in den 30er Jahren vertraten, wie z. B. die italienische kommunistische Linke, die eine ganze theoretische Diskussion über die Zeit des Übergangs eröffnet hatte.[27]

Anders als die deutsche und italienische kommunistische Linke[28] zeigte die GIC kein großes Interesse an den politischen Fragen der proletarischen Revolution, an theoretischen Überlegungen über den Staat in der Übergangsperiode. Das Verhältnis zwischen dem neuen Staat der Übergangsperiode, den revolutionären Parteien und den Arbeiterräten wurde trotz der russischen Erfahrung nie behandelt. Es gibt auch nichts über das Verhältnis zwischen der revolutionären Internationale und dem Staat oder den Staaten in Ländern, in denen das Proletariat die politische Macht übernommen hat. Ebenso wenig wurden die komplexen Fragen der proletarischen Gewalt[29] und des Bürgerkriegs in einer revolutionären Periode gestellt. Für die GIC schien es, als ob es kein Problem der Existenz eines Staates – oder eines Halbstaates – in der Periode des Übergangs zum Kommunismus gäbe. Die Fragen, ob es ihn gebe und welcher Art er sei ("proletarischer" Staat oder eine vom Proletariat geerbte "Geißel"), wurden nie gestellt. Diesen Problemen wurde mehr oder weniger ausgewichen.

Der Haupttext der GIC[30] über die Übergangsperiode, "Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung", befasste sich nur mit den ökonomischen Problemen dieser Periode.

Der Ausgangspunkt der GIC war, dass das Scheitern der russischen Revolution und die Entwicklung zum Staatskapitalismus nur durch die Unkenntnis oder sogar die Leugnung der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Transformation der Gesellschaft erklärt werden konnte – dieses Problem war der gesamten Arbeiterbewegung gemeinsam. Aber paradoxerweise erkannte die GIC die fundamentale Rolle der russischen Erfahrung an, die es erst ermöglichte, die marxistische Theorie voranzubringen:

"... zumindest was die industrielle Produktion betraf [...] hat Russland versucht, das Wirtschaftsleben nach den Prinzipien des Kommunismus zu ordnen – und ist dabei völlig gescheitert! [...] Es war vor allem die Schule der Praxis, die die Russische Revolution verkörperte, der wir diese Erkenntnis zu verdanken haben, denn sie hat uns unmissverständlich gezeigt, welche Folgen es hat, wenn man zulässt, dass sich eine zentrale Autorität als gesellschaftliche Macht etabliert, die dann dazu übergeht, alle Macht über den Produktionsapparat in ihren ausschließlichen Händen zu konzentrieren."[31]

Für die holländischen Rätekommunisten bedeutete die Diktatur des Proletariats unmittelbar "die Vereinigung der freien und gleichen Produzenten". Die Arbeiter, die in den Fabriken in Räten organisiert waren, mussten den gesamten Produktionsapparat in die Hand nehmen und ihn für ihre eigenen Bedürfnisse als Konsumenten arbeiten lassen, ohne auf irgendeine zentrale staatsähnliche Instanz zurückzugreifen, da dies nur die Aufrechterhaltung einer Gesellschaft der Ungleichheit und Ausbeutung bedeuten konnte. Auf diese Weise wäre es möglich, eine Situation zu vermeiden, in der die Art von "Staatskommunismus", die während der Phase des Kriegskommunismus 1918-20 eingerichtet wurde, sich unweigerlich in eine Form von Staatskapitalismus verwandelt, dessen Produktionsbedürfnisse die der Arbeiter als Produzenten und Konsumenten dominieren. In der neuen Gesellschaft, die von den Räten und nicht von einem von einer zentralisierten Partei geführten Staat beherrscht wird, würde die Lohnarbeit - die Quelle aller Ungleichheit und aller Ausbeutung der Arbeitskraft - abgeschafft werden.

Letztlich waren für die GIC die Probleme der Übergangsperiode sehr einfach: Die Hauptsache war, dass die Produzenten das gesellschaftliche Produkt auf egalitäre Weise und durch Ausübung der Autorität "von unten nach oben" kontrollieren und verteilen sollten. Das wesentliche Problem der Übergangsperiode, wie es sich 1917 zeigte, war für sie nicht politisch – die Frage der weltweiten Ausdehnung der proletarischen Revolution –, sondern ökonomisch. Was zählte, war die unmittelbare, egalitäre Steigerung des Arbeiterkonsums, die von den Fabrikräten organisiert wurde. Das einzige wirkliche Problem der Übergangsperiode war für die GIC die Beziehung zwischen den Produzenten und ihren Produkten: "Es ist das Proletariat selbst, das den Grundstein legt, der das grundlegende Verhältnis zwischen den Produzenten und dem Produkt ihrer Arbeit zementiert. Dies und nur dies ist die Schlüsselfrage der proletarischen Revolution."[32]

Wie aber sollte die "egalitäre" Verteilung des Sozialprodukts erreicht werden? Offensichtlich nicht durch einfache juristische Maßnahmen: Verstaatlichung, "Sozialisierung", die verschiedenen Formen der Übernahme von Privateigentum durch den Staat. Die Lösung lag nach Ansicht der GIC in der Berechnung der Produktionskosten in Form der Arbeitszeit in den Betrieben, bezogen auf die Menge der geschaffenen gesellschaftlichen Güter. Abhängig von der jeweiligen Produktivität der verschiedenen Unternehmen wäre natürlich für das gleiche Produkt die benötigte Arbeitsmenge ungleich. Um dieses Problem zu lösen, würde es genügen, die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit für jedes Produkt zu berechnen. Die Arbeitsmenge, die in den produktivsten Betrieben, also denjenigen, die über dem gesellschaftlichen Durchschnitt liegen, geleistet wird, würde in einen gemeinsamen Fonds fließen. Dies würde die weniger produktiven Unternehmen auf das allgemeine Niveau bringen. Gleichzeitig würde es dazu dienen, den technischen Fortschritt einzuführen, der für die Entwicklung der Produktivität in den Unternehmen eines bestimmten Sektors notwendig ist, um die durchschnittliche Produktionszeit zu reduzieren.

Die Organisation des Konsums sollte auf denselben Prinzipien beruhen. Ein allgemeines System der sozialen Buchführung, das auf statistischer Dokumentation beruht und von den in Räten und Genossenschaften organisierten Erzeugern-Verbrauchern eingerichtet wird, soll zur Berechnung der Verbrauchsfaktoren verwendet werden. Nach verschiedenen Abzügen – Ersatz verschlissener Maschinen, technische Verbesserungen, ein Sozialversicherungsfonds für Arbeitsunfähige, für Naturkatastrophen usw. – würde die Sozialreserve für jeden Verbraucher gleich verteilt. Den egalitären Produktionsbedingungen, die durch die Berechnung der durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit gewährleistet werden, stünden allgemein gleiche Bedingungen für alle einzelnen Konsumenten gegenüber. Dank dieses Systems der sozialen Buchhaltung würde das Wertgesetz abgeschafft: Produkte würden nicht mehr auf der Grundlage ihres Tauschwertes mit Geld als universellem Maß zirkulieren. Darüber hinaus würde die neue Gesellschaft mit der Einrichtung eines "neutralen", von den Räten nicht losgelösten, von jeder Personengruppe und von jeder zentralen Stelle unabhängigen Buchhaltungs- und Statistikzentrums der Gefahr der Bildung einer parasitären Bürokratie entgehen, die sich einen Teil des Sozialprodukts aneignet.

Die Grundprinzipien haben das Verdienst, die Bedeutung der ökonomischen Probleme in der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus zu unterstreichen, umso mehr, als dies in der revolutionären Bewegung nur sehr selten angesprochen wurde. Ohne eine reale und kontinuierliche Steigerung des Arbeiterkonsums hat die Diktatur des Proletariats keine Bedeutung, und die Verwirklichung des Kommunismus wäre ein frommer Wunsch.

Aber der Text der GIC litt unter einer ganzen Reihe von Schwächen, die auch anderen revolutionären Gruppen nicht verborgen blieben.[33]

Die Grundprinzipien befassen sich eigentlich nur mit der entwickelten Phase des Kommunismus, in der die Regierung der Menschen durch die "Verwaltung der Dinge" ersetzt worden ist, gemäß dem von Marx verkündeten Prinzip "jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Die GIC glaubte, dass es sofort möglich sei, sobald die Arbeiterräte in einem bestimmten Land die Macht übernommen hätten, zu einer entwickelten Form des Kommunismus überzugehen. Sie ging von einer idealen Situation aus, in der das siegreiche Proletariat den Produktionsapparat der hochentwickelten Länder übernommen hat und von allen Kosten des Bürgerkriegs (Zerstörung, ein großer Teil der Produktion geht für militärische Bedürfnisse drauf) verschont geblieben ist; außerdem geht sie davon aus, dass es kein Problem mit den Bauern gebe, das der Vergesellschaftung der Produktion im Wege steht, da, so die GIC, die landwirtschaftliche Produktion bereits vollständig industriell und vergesellschaftet sei.[34] Schließlich stellten weder die Isolierung einer oder mehrerer proletarischer Revolutionen noch die Archaismen der kleinbäuerlichen Produktion ein wesentliches Hindernis für die Errichtung des Kommunismus dar: "Weder das Ausbleiben der Weltrevolution noch die Untauglichkeit der einzelnen landwirtschaftlichen Betriebe auf dem Lande für die staatliche Leitung können für das Scheitern der russischen Revolution [...] auf wirtschaftlicher Ebene verantwortlich gemacht werden."[35]

Damit entfernte sich die GIC von der marxistischen Auffassung der Übergangsperiode, die zwei Phasen unterschied: eine untere Stufe, die manchmal als Sozialismus bezeichnet wurde, in der die "Regierung der Menschen" eine proletarische Wirtschaftspolitik in einer noch vom Mangel beherrschten Gesellschaft bestimmt; und eine höhere Phase, die des eigentlichen Kommunismus, einer Gesellschaft ohne Klassen, ohne Wertgesetz, in der sich die Produktivkräfte frei entwickeln, im Weltmaßstab, unbelastet von nationalen Grenzen. Aber auch für die untere Stufe der Übergangsperiode, die noch vom Wertgesetz und der Existenz rückständiger Klassen beherrscht wird, betonte der Marxismus, dass die Bedingung für jede wirtschaftliche Transformation in eine sozialistische Richtung der Triumph der Weltrevolution ist. Der Beginn jeder wirklichen wirtschaftlichen Umgestaltung der neuen, noch in Klassen gespaltenen Gesellschaft hängt in erster Linie davon ab, dass sich das Proletariat gegenüber den anderen Klassen politisch behauptet.

Die "ökonomistische" Sichtweise der GIC hängt mit ihrer Unfähigkeit zusammen, das Problem der Existenz eines Staates – eines "Halbstaates" – in der Periode der Diktatur des Proletariats, am Anfang der Übergangsperiode, zu begreifen. Dieser Halbstaat stellt eine Gefahr für die proletarische Macht dar, da sie eine Kraft zur Erhaltung der Gesellschaft ist, "eine Kraft, die aus der Gesellschaft hervorgeht, sich aber über sie erhebt und sich mehr und mehr von ihr verselbständigt".[36]

Die Theorie der GIC über die Übergangsperiode scheint der anarchistischen Theorie nahe zu stehen, die die Existenz eines Staates und damit eines politischen Kampfes um die Herrschaft über die neue Gesellschaft leugnet. Die im Grunde "technische" Rolle, die die GIC den Arbeitern zuweist, die damit beauftragt sind, die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit in der Produktion einzuhalten, war eine implizite Negierung ihrer politischen Rolle.

Wie die Anarchisten sah auch die GIC den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft als einen mehr oder weniger natürlichen und automatischen Prozess. Nicht als Höhepunkt eines langen, widersprüchlichen Prozesses des Klassenkampfes um die Vorherrschaft des Halbstaates, gegen alle konservativen Kräfte, sondern als Ergebnis einer linearen, harmonischen, fast mathematischen Entwicklung. Diese Ansicht hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Ideen der utopischen Sozialisten des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit Fouriers Universeller Harmonie.[37]

Die letzte Schwäche der Grundprinzipien liegt in der Frage der Verbuchung der Arbeitszeit, selbst in einer fortgeschrittenen kommunistischen Gesellschaft, die über die Knappheit hinausgegangen ist. Ökonomisch gesehen könnte dieses System das Wertgesetz wieder einführen, indem es der für die Produktion benötigten Arbeitszeit einen buchhalterischen und nicht einen gesellschaftlichen Wert gibt. Hier wendet sich die GIC gegen Marx, für den das Standardmaß in der kommunistischen Gesellschaft nicht mehr die Arbeitszeit, sondern die freie Zeit, die Freizeit ist.[38]

Zweitens bietet die Existenz eines "neutralen", vermeintlich technischen Buchhaltungszentrums keine ausreichende Garantie für den Aufbau des Kommunismus. Dieses "Zentrum" könnte zu einem Selbstzweck werden, indem es Stunden gesellschaftlicher Arbeit auf Kosten der Konsumbedürfnisse und der Freizeit der Produzenten-Konsumenten akkumuliert und sich zunehmend von der Gesellschaft verselbständigt. Wenn die Produzenten "an der Basis" sich immer weniger um die Kontrolle des "Zentrums" und um die gesellschaftliche Organisation im Allgemeinen kümmerten, käme es unweigerlich zu einer Übertragung der Funktionen, die von den Organen der Produzenten ausgeführt werden sollten, auf "technische" Organe, die sich mehr und mehr verselbstständigen. Die Leugnung dieser potentiellen Gefahren durch die GIC blieb nicht ohne Folgen. Die holländischen Internationalisten lehnten schließlich jede Möglichkeit ab, dass es auch im Kommunismus einen Kampf der Produzenten für die Verbesserung ihrer Arbeits- und Existenzbedingungen geben könnte: Die GIC weigerte sich, die Möglichkeit einer Gesellschaft ins Auge zu fassen, in der der Kampf "für bessere Lebensbedingungen niemals endet" und in der "der Kampf um die Verteilung der Produkte weitergeht"[39]. Führt dies nicht die Idee wieder ein, dass die Produzenten-Konsumenten nicht gegen sich selbst kämpfen können, einschließlich ihrer "Buchhaltungszentrale"?

Für die GIC erscheint der Kommunismus als eine absolute Gleichheit zwischen den Produzenten, die gleich zu Beginn der Übergangsperiode verwirklicht werden soll,[40] als ob es im Kommunismus keine natürliche (physische oder psychische) Ungleichheit in Produktion und Konsumtion mehr gäbe. Tatsächlich aber kann der Kommunismus als "reale Gleichheit in einer natürlichen Ungleichheit"[41] definiert werden.

 

[3] Die Artikel befinden sich in der englischen Ausgabe der International Review Nr. 127-132 (auch im Internet)

[4] Vgl. den Artikel im Band 2 dieser Reihe (auf Englisch), Unravelling the Russian enigma in International Review Nr. 105

[6] Bilan Nr. 19, 20, 21, 22, 23

[7] Unter den Studien zu den Grundprinzipien können wir Paul Matticks Einleitung von 1970 zur deutschen Neuauflage des Buches erwähnen, die unter http://www.libcom.org/library/introduction-paul-mattick (Englisch) erhältlich ist. Die 1990er Ausgabe des Buches, herausgegeben von Movement for Workers' Councils, enthält einen langen Kommentar von Mike Baker, geschrieben kurz vor seinem Tod, der auch zum Verschwinden der Gruppe führte. Unser eigenes Buch, The Dutch and German Communist Left, 2001, enthält einen Abschnitt über die Grundprinzipien, den wir als Anhang zu diesem Artikel veröffentlichen. Dieser Abschnitt zeigt die Kontinuität unserer Ansichten mit den Kritiken an dem Text, die zuerst durch Mitchells Artikel aufgeworfen wurden. Die deutsche Ausgabe der Grundprinzipien ist 2020 erneut aufgelegt worden.

[8] Bilan Nr. 19, Les fondements de la production et de la distribution communistes

[9] Bilan Nr. 33 und 34, Nature et évolution de la révolution russe

[10] Bilan Nr. 34, S. 1124

[11] Wir sollten hier präziser sein: Mitchell, selbst ehemaliges Mitglied der LCI, gehörte eigentlich der Belgischen Fraktion an, die sich wegen der Frage des Krieges in Spanien von der LCI abgespaltet hatte. In einer seiner Artikelserien über die Übergangsperiode (Bilan Nr. 38) äußerte er einige Kritikpunkte "an den Genossen von Bilan", da er das Gefühl hatte, dass sie dem wirtschaftlichen Aspekt der Übergangsperiode nicht genug Aufmerksamkeit schenkten.

[12] Vgl. auf Englisch: https://en.internationalism.org/ir/127/vercesi-period-of-transition; oder auch das entsprechende Kapitel in unserem Buch Die Italienische Kommunistische Linke: https://de.internationalism.org/bilanz; siehe auch auf Deutsch übersetzt: Gauche Communiste de France (Kommunistische Linke Frankreichs), M.C. April 1946, aus INTERNATIONALISME, https://de.internationalism.org/iks/200604/855/3-thesen-ueber-das-wesen-des-staates-und-der-proletarischen-revolution.  

[13] Bilan Nr. 21, zitiert in The 1930s: debate on the period of transition, in International Review n° 127 (englische Ausgabe)

[14] Bilan Nr. 37, wiederveröffentlicht in englischer Übersetzung in International Review n° 132

[15] Bilan Nr. 35, wiederveröffentlicht in englischer Übersetzung in International Review n° 131

[16] Bilan Nr. 22, Les internationalistes hollandais sur le programme de la révolution prolétarienne

[17] Bilan Nr. 35

[18] Bilan Nr. 37

[19] Grundprinzipien, Kapitel VI, “Die allgemeine gesellschaftliche Arbeit”

[20] Bilan Nr. 22

[21] Bilan Nr. 37

[22] Grundprinzipien, Kapitel XIX, Untertitel “Vermeintliche Utopie”

[23] Bilan Nr. 37

[24] Bilan Nr. 37

[25] Grundprinzipien, Kapitel X, Untertitel “Die sachliche Kontrolle”

[26] “De Arbeidersklasses en de Revolutie”, in Radencommunisme Nr. 4, März/April 1940

[27] Einige Texte von Bilan über die Übergangsperiode wurden auch ins Italienische übersetzt: Rivoluzione e reazione (lo stato tardo-capitalistico nell'analisi delle Sinistra Communista), Università degli studi di Massina, Milan, Dotl A2. Giuffre editore, 1983, mit einer Einleitung von Dino Erba und Arturo Peregalli.

[28] Die Frage nach dem Staat in der Übergangsperiode wurde vor allem von der Essener Tendenz der KAPD  1927 gestellt. Die Arbeiterräte wurden als “proletarischer” Staat identifiziert  (siehe  KAZ, Essen. S. 1 - 11, 1927). Der einzige Beitrag der Berliner Tendenz war ein Text von Appel (Max Hempel) der “Lenins Staatkommunismus” in Proletarier N° 4-6, Mai 1927 kritisierte: “Marx-Engels und Lenin über die Rolle des Staates in der proletarischen Revolution”

[29] Die Frage nach dem Staat in der Übergangsperiode wurde vor allem von der Essener Tendenz der KAPD  1927 gestellt. Die Arbeiterräte wurden als “proletarischer” Staat identifiziert (siehe KAZ, Essen, S. 1-11, 1927). Der einzige Beitrag der Berliner Tendenz war ein Text von Appel (Max Hempel) der “Lenins Staatkommunismus” im Proletarier Nr. 4-6, Mai 1927 kritisierte: “Marx-Engels und Lenin über die Rolle des Staates in der proletarischen Revolution”.

[30] Die Grundprinzipien mit einer Einleitung von Paul Mattick wurden 1970 in Berlin vom Rudger Blankertz Verlag wiederveröffentlicht, die holländische Ausgabe, die viele Ergänzungen enthält, wurde 1972 von Uitgevery De Vlam mit einer Einleitung des Spartacusbond wiederveröffentlicht. Eine vollständige französische Übersetzung ist von Cahiers Spartacus geplant. Eine englische Ausgabe wurde in London von Movement for Workers’ Councils, 1990, veröffentlicht.

[31] Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, 1930

[32] Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, Hervorhebung GIC

[33] Eine Kritik des GIC-Textes wurde in Bilan von Nr. 11 bis 38, geschrieben von Mitchell (Jehan van den Hoven), einem Mitglied der belgischen LCI veröffentlicht. Hennaut, im Namen der LCI, erstellte in Bilan Nr. 19, 20, 21, 22 und 23 eine Zusammenfassung der Grundprinzipien.

[34] Diese These wurde 1933 von der GIC in der Broschüre Ontwikkelingsljnen in de landbouw, S. 1-48 vertreten.

[35] Grundprinzipien in der Wiederöffentlichung De Vlam, 1970, S. 10

[36] Engels, Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staats. Ein Resümee und eine Studie über die verschiedenen Positionen der Linken in der Dritten Internationale zur Übergangsperiode finden sich in den Thesen von J. Sie: Sur la période de transition au socialisme: les positions des gauches de la 3ème Internationale, veröffentlicht von Cosmopolis, Leiden, 1986.

[37] Diese Rückkehr zur Utopie findet sich bei Rühle, der 1939 eine Studie zu den utopischen Bewegungen veröffentlichte: Mut zur Utopie!, wiederveröffentlicht 1971 bei Rowohlt, Hamburg: Otto Rühle, Bauplane für eine neue Gesellschaft.

[38] „so wird einerseits die notwendige Arbeitszeit ihr Maß an den Bedürfnissen des gesellschaftlichen Individuums haben, andrerseits die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft so rasch wachsen, daß, obgleich nun auf den Reichtum aller die Produktion berechnet ist, die disposable time aller wächst. Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums. Die Arbeitszeit als Maß des Reichtums setzt den Reichtum selbst als auf der Armut begründet und die disposable time nur existierend im und durch den Gegensatz zur Surplusarbeitszeit oder Setzen der ganzen Zeit des Individuums als Arbeitszeit und Degradation desselben daher zum bloßen Arbeiter, Subsumtion unter die Arbeit“ (Marx, Grundrisse, Heft VII, MEW 42, S. 622).

[39] Grundprinzipien, S. 40

[40] Der Großteil der kommunistischen Linken beharrte dagegen darauf, dass Gleichheit bei der Verteilung von Konsumgütern gleich zu Beginn der Übergangsperiode unmöglich sei. Vor allem in einer Periode des Bürgerkriegs, in der die neue Macht der Räte auf die Existenz von Spezialisten angewiesen sein würde.

[41] Bilan Nr. 35, Sept./Okt. 1936, “Problèmes de la période de transition”, von Mitchell („Probleme der Übergangsperiode“)

Anmerkung: Mittlerweile (2020) liegt auf Deutsch erstmals die vollständige 2. Auflage der holländischen Ausgabe von 1935 vor, diese ist umfassender als die Ausgabe von 1930/31, die meistens aus der deutschen Wiederveröffentlichung von 1970 bekannt ist. Unsere Zitate aus den Grundprinzipien (im vorliegenden Anhang) sind eigene Übersetzungen, die bisher nicht mit dieser neuen Ausgabe abgeglichen wurden (Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung (anarchia-versand.net))