Seit zwei Wochen lautet bei den Vollversammlungen und an den Blockaden die Parole der Schüler*innen- und Studierenden-Bewegung: „Durchhalten bis zum 17. Oktober“. In der Hoffnung, dass sich uns Beschäftigte, Landwirte, die Gelbwesten, Arbeitslose, RentnerInnen … anschließen. Nun ist es soweit. Wie viele von uns sind heute also in Frankreich auf den Straßen? 500.000? 1 Million? Diese Zahl kann uns ein Gefühl der Stärke vermitteln und uns glauben lassen, dass die Dynamik in Richtung immer mehr mobilisierter Demonstrierender geht. Doch gerade in solchen Momenten ist es unerlässlich, gemeinsam nachzudenken und zu diskutieren. Denn die Fallen, in die unsere Bewegung tappen kann, beginnen sich bereits zu öffnen.
1. Die Bewegung der Gymnasiast*innen begann am 17. September am Lycée Saint-Exupéry in Créteil. Sehr schnell breitete sie sich auf die Schulen im Großraum Paris und dann auf ganz Frankreich aus. Als Reaktion darauf hat der Staat eine brutale Repression entfesselt, mit Tränengas, Schlägen und Inhaftierungen. Aus Solidarität schlossen sich die Studierenden dem Kampf an.
2. Seit zwei Wochen finden an fast allen Universitäten täglich Vollversammlungen statt. Die Debatten dort sind lebhaft. Im Bewusstsein, dass „eine Bewegung, die sich nicht ausbreitet, eine Bewegung ist, die stirbt“, haben sehr viele Versammlungen beschlossen, Flugblätter an Bahnhöfen und Arbeitsstätten zu verteilen, um alle Arbeiter*innen dazu aufzurufen, sich dieser Bewegung anzuschließen. „Wir rufen die Beschäftigten dazu auf, sich an ihren Arbeitsstätten in Vollversammlungen selbst zu organisieren, um gemeinsam über ihre Forderungen und Aktionen zu entscheiden. Lasst uns diese Vollversammlungen der Beschäftigten mit denen der Schüler*innen und Studierenden zusammenführen, um gemeinsam über das weitere Vorgehen der Mobilisierung zu entscheiden […]. Wir alle leiden unter Sparmaßnahmen, hohen Lebenshaltungskosten und prekären Lebensverhältnissen“ (Flugblatt, das von Studierenden an der Gare du Nord und der Gare de Lyon in Paris verteilt wurde).
3. Diese Ausweitung der Bewegung führte zu massiven Demonstrationen. Am 29. September sowie am 6., 8. und 13. Oktober waren die Demonstrationszüge jedes Mal dicht gedrängt, getragen von einem starken Geist der Solidarität und dem Willen, gemeinsam zu kämpfen. Da kam allen die Erinnerung an die Bewegung vom Mai 68 auf. Das Transparent Die Generation 6-7 macht 68 wieder tauchte überall auf. Und es stimmt, dass die aktuelle soziale Bewegung von weltweiter und historischer Bedeutung ist. Die Bewegung in Frankreich ist international zu einem „Maßstab“ geworden: in Belgien, Deutschland, Italien, Spanien, Griechenland und Chile. In den letzten Tagen kamen aus allen Ländern Europas (über die sozialen Netzwerke) Solidaritätsbekundungen mit den Schüler*innen: „Euer Kampf ist unser aller Kampf! Überall stehen wir vor denselben Problemen!“
4. Doch wenn der Mai ’68 Geschichte geschrieben hat, dann vor allem deshalb, weil nach den Studierenden auch die Arbeiter*innen sehr massiv in den Kampf eingetreten sind. Der Mai ’68, das waren 10 Millionen Streikende.
Und genau diese sehr hohe Hürde schafft es die Bewegung derzeit nicht zu nehmen: einen großen Teil der Arbeiterklasse in den Streik und in den Kampf mitzureißen. Deshalb glauben wir, dass die Bewegung heute am Scheideweg steht. Angesichts der Erschöpfung der Gymnasiast*innen, die seit einem Monat an den Blockaden beteiligt sind, und angesichts der Schwierigkeiten der studentischen Vollversammlungen, die Beschäftigten mitzureißen, wächst die Gefahr zunehmend, dass ein ganzer Teil der Bewegung in die Falle von Minderheits- und Spektakelaktionen tappt: den Konflikt mit der Polizei zu suchen, diesen oder jenen symbolischen Ort der Macht zu erobern. „Am 13. Oktober nehmen wir Matignon ein“, hatten einige bereits in der Vollversammlung gefordert, was dazu geführt hätte, dass Hunderte von Jugendlichen von den Polizeischlägern niedergemetzelt worden wären. Es gibt keine Abkürzung. Der einzige Weg, die Bewegung weiter zu stärken, besteht darin, zu versuchen, den Kampf auf alle Sektoren auszuweiten. Flugblätter an Bahnhöfen verteilen. Massenhaft vor die Tore der Fabriken und an alle Orte gehen, an denen sich die Arbeiter*innen sammeln.
5. Um den Kurs zu halten, müssen wir, wie schon beim Kampf gegen das CPE-Gesetz im Jahr 2006, unsere für alle offenen Vollversammlungen verteidigen: Studierende, Arbeitslose, prekär Beschäftigte, Beschäftigte oder Rentner*innen, aus dem öffentlichen und privaten Sektor. Autonome und gut organisierte Vollversammlungen, die abstimmen und Mandate erteilen. In den letzten Tagen neigen immer mehr Vollversammlungen dazu, sich auf spezifische Parolen für Schüler*innen und Studierende zu beschränken, auf bestimmte Fragen bezüglich ihrer Schule oder ihrer Universität, und sich auf Blockaden und Besetzungen zu konzentrieren, auf Kosten der Begegnung und der Ausweitung. Diese Dynamik ist gefährlich.
6. Nicht in die Falle von Gewalt und Verrohung tappen; auf die unvermeidlichen Provokationen der Polizei nicht eingehen; das bewahren, was die Stärke unserer Bewegung ausmacht (ihre Solidarität, ihre Vollversammlungen, ihren Willen, die gesamte Klasse zu vereinen) – das ist entscheidend für unsere Bewegung und die kommenden Kämpfe. Denn dieser Kampf kündigt weitere an! Das soziale Klima hat sich weltweit gerade verändert. Die in prekäre Verhältnisse gedrängte „Generation Z“ und mit ihr die gesamte Arbeiterklasse bekräftigen immer deutlicher, dass sie die Zukunft aus Krieg und Elend ablehnen, die der Kapitalismus uns allen bringt.
Die Zukunft gehört dem Klassenkampf!
Internationale Kommunistische Strömung, 14. Oktober 2026