Rolle der Frau bei der Entstehung der Kultur (Teil 3)

Im Gegensatz dazu,
und dies ist unsere erste Frage, ist Darmangeat weitaus weniger
eindeutig bei der Frage, warum die geschlechtliche Arbeitsteilung
diese Rolle den Männern überlassen sollte, sagt er doch selbst,
dass „physiologische Gründe (…) problematisch sind bei der
Erklärung, warum Frauen von der Jagd ausgeschlossen wurden“ (S.
314f.) Auch ist nicht klar, warum die Jagd und die Nahrung als ihr
Produkt prestigeträchtiger sein sollten als das Produkt des Sammelns
und des Gartenbaus, besonders wenn Letztere die Hauptquelle der
gesellschaftlichen Ressourcen sind.

 


Noch grundsätzlicher: woher kam die erste Arbeitsteilung, und warum
sollte sie auf dem Geschlecht beruhen? Hier sehen wir, wie Darmangeat
sich in seiner eigenen Vorstellungskraft verliert: „Wir können uns
vorstellen, dass selbst eine keimhafte Spezialisierung der
menschlichen Spezies gestattete, eine größere Effektivität zu
erlangen, als wenn ihre Mitglieder weiterhin jede Handlung ohne
Unterscheidung ausgeübt hätte (…) Wir können uns ebenfalls
vorstellen, dass sich diese Spezialisierung durch die Stärkung der
gesellschaftlichen Bande im Allgemeinen und der Bande innerhalb der
Familiengruppen im Besonderen in der gleichen Richtung auswirkte.“[9]
Gut, natürlich können wir uns viel „vorstellen“, doch ist dies
nicht vielmehr das, was eigentlich demonstriert werden sollte?


Was die Frage angeht: „Wie kam die Arbeitsteilung auf der Grundlage
der Geschlechter zustande?“, scheint dies für Darmangeat „nicht
sehr schwierig zu sein. Es erscheint offensichtlich, dass für die
Mitglieder prähistorischer Gesellschaften dieser Unterschied der am
unmittelbarsten ersichtliche ist.“[10]
Wir können hier einwenden, dass, auch wenn geschlechtliche
Unterschiede sicherlich „unmittelbar ersichtlich“ für die ersten
menschlichen Wesen gewesen waren, dies keine ausreichende Erklärung
für die Entstehung einer geschlechtlichen Arbeitsteilung ist.
Primitive Gesellschaften sind reich an Einordnungen, besonders jene,
die auf Totems beruhen. Warum sollte die Arbeitsteilung nicht auf dem
Totemismus basieren? Dies ist offensichtlich ein bloßes Hirngespinst
– genauso wie Darmangeats Hypothese. Was noch schwerer wiegt, ist,
dass Darmangeat einen anderen äußerst eindeutigen Unterschied nicht
erwähnt, einen Unterschied, der überall in archaischen
Gesellschaften wichtig ist: den Unterschied des Alters.


Wenn es darum geht, trägt Darmangeats Buch – trotz seines eher
prahlerischen Titels – nicht viel Erhellendes bei. Die
Unterdrückung der Frauen beruhte auf der geschlechtlichen
Arbeitsteilung. So sei es. Doch wenn wir fragen, woher diese Teilung
kommt, werden wir abgespeist „mit bloßen Hypothesen, demzufolge
wir uns vorstellen können, dass gewisse biologische Einschränkungen,
die wahrscheinlich mit der Schwangerschaft und dem Stillen zu tun
haben, das physiologische Substrat für die geschlechtliche
Arbeitsteilung und den Ausschluss der Frauen von der Jagd bilden“
(S. 322).[11]

Von den Genen zur
Kultur

Am Ende seiner
Argumentation lässt uns Darmangeat mit folgender Schlussfolgerung
zurück: Im Ursprung der Frauen-Unterdrückung liegt die
geschlechtliche Arbeitsteilung, und trotzdem war diese Teilung ein
erheblicher Schritt vorwärts in der Arbeitsproduktivität, selbst
wenn ihre Ursprünge in einer weit entfernten und unzugänglichen
Vergangenheit verborgen bleiben.

Darmangeat bemüht
sich hier darum, dem marxistischen „Modell“ treu zu bleiben. Doch
was ist, wenn das Problem verkehrt herum gestellt wurde? Wenn wir das
Verhalten jener Primaten betrachten, die dem Menschen am nächsten
sind, insbesondere die Schimpansen, dann sehen wir, dass nur die
männlichen Tiere jagen gehen – die weiblichen sind zu sehr damit
beschäftigt, ihre Jungen zu füttern und auf sie aufzupassen (und
sie vor den männlichen Artgenossen zu schützen: Wir sollten nicht
vergessen, dass männliche Primaten oftmals Kindsmord am Nachwuchs
anderer männlicher Artgenossen praktizieren, um sich für ihre
eigenen reproduktiven Bedürfnisse Zugang zu den Muttertieren zu
verschaffen). „Arbeitsteilung“ zwischen männlichen Tieren, die
jagen, und weiblichen Tieren, die es nicht tun, ist also nichts
menschlich Spezifisches.  Das Problem – das nach einer
Erklärung ruft – ist nicht, warum die Jagd dem männlichen
Geschlecht des Homo sapiens vorbehalten war, sondern
warum es der männliche Homo sapiens ist, und nur der
männliche Homo sapiens, der das Produkt seiner Jagd verteilt.
Was bemerkenswert ist, wenn wir den Homo sapiens mit
seinen Cousins unter den Primaten vergleicht, ist der Wirkungsbereich
der oft sehr strengen Regeln und Tabus, die genauso unter den
Aborigines in den glühenden Wüsten Australiens wie unter den
Eskimos im arktischen Eis angetroffen werden und die den kollektiven
Verzehr der Jagdbeute voraussetzen. Der Jäger hat nicht das Recht,
sein eigenes Produkt zu konsumieren; er muss es zurück ins Lager
bringen, um es an die anderen zu verteilen. Die Regeln, die die
Verteilung regulieren, variieren beträchtlich von einem Volk zum
anderen, aber ihre Existenz ist universell.

Es lohnt sich darauf
hinzuweisen, dass die Geschlechtsunterschiede des Homo
sapiens
 ein gutes Stück geringer sind als beim Homo
erectus
, was in der Tierwelt allgemein ein Indikator für
ausgewogenere Verhältnisse zwischen den Geschlechtern ist.

Überall sind das
Teilen von Nahrung und das kollektive Einnehmen von Mahlzeiten das
Fundament der ersten Gesellschaften. In der Tat hat das gemeinsame
Mahl bis in die modernen Zeiten überlebt: Selbst heute ist es
unmöglich, sich irgendeinen großen Moment im Leben (Geburt,
Hochzeit oder Begräbnis) ohne das gemeinsame Mahl vorzustellen. Wenn
Menschen in schlichter Freundschaft zusammenkommen, findet dies fast
immer rund um ein gemeinsames Essen statt, ob am Barbecue in
Australien oder um einen Restauranttisch in Frankreich.


Dieses Teilen von Nahrung, das anscheinend aus uralten Zeiten stammt,
ist ein Aspekt des menschlichen kollektiven und gesellschaftlichen
Lebens, der sich stark von dem unserer weit entfernten Verfahren
unterscheidet. Wir werden hier mit dem konfrontiert, was der
Darwinologe Patrick Tort als einen „unbezahlbaren Ausdruck des
‚Egoismus‘ unserer Gene“ beschrieben hat: Die Mechanismen, die
von Darwin und Mendel beschrieben worden waren und von den modernen
Genetikern bestätigt wurden, haben ein soziales Leben generiert, in
dem die Solidarität eine zentrale Rolle spielt, wobei dieselben
Mechanismen durch den Wettbewerb funktionieren.[12]

Diese Frage des
Teilens ist unserer Ansicht nach fundamental, aber nur Teil eines
viel weiter gefassten wissenschaftlichen Problems: Wie können wir
den Prozess erklären, der eine Spezies, deren Verhaltensänderungen
vom langsamen Rhythmus der genetischen Evolution bestimmt wurden, in
unsere eigene Spezies umwandelt, deren Verhalten – auch wenn es
sich natürlich noch immer auf unserem genetischen Erbe gründet –
sich dank einer viel schnelleren Evolution der Kultur verändert? Und
wie können wir erklären, dass ein auf Konkurrenz basierender
Mechanismus eine Spezies geschaffen hat, die nur durch Solidarität
überleben kann: die wechselseitige Solidarität der Frauen bei der
Kindsgeburt und -aufzucht, die Solidarität von Männern auf der
Jagd, die Solidarität der Jäger gegenüber der Gesellschaft als
Ganzes, wenn sie die Jagdbeute beisteuern, die Solidarität der
Gesunden mit den Alten oder Verletzten, die nicht mehr in der Lage
sind, zu jagen oder ihre eigene Nahrung zu finden, die Solidarität
der Alten gegenüber den Jungen, denen sie nicht nur die
lebenswichtigen Kenntnisse über die Natur und Welt beibringen,
sondern auch die gesellschaftlichen, historischen, rituellen und
mystischen Kenntnisse, die das Überleben einer strukturierten
Gesellschaft ermöglichen? Dies scheint uns das fundamentale Problem
zu sein, dass sich durch die Frage der „menschlichen Natur“
stellt.


Dieser Übergang von einer Welt zu einer anderen fand in einem
Zeitraum von mehreren hunderttausend Jahren statt, eine wichtige
Periode, die wir in der Tat als eine „revolutionäre“ beschreiben
können.[13]
Sie ist eng verknüpft mit der Evolution des menschlichen Gehirns,
seiner Größe (und mutmaßlich auch seiner Struktur, auch wenn dies
natürlich weitaus schwieriger in den archäologischen Funden
nachzuweisen ist). Das Wachstum der Hirngröße stellt unsere sich
entfaltende Spezies vor einer ganzen Reihe von Problemen, von denen
der schiere Energiebedarf des Hirns nicht das geringste ist: ungefähr
20 Prozent der gesamten Energieaufnahme eines Individuums – enorme
Proportionen.

Obwohl die Spezies
zweifellos vom Prozess der Enzephalisation (der evolutionären
Entwicklung der Großhirnrinde) profitiert hat, stellte dies ein ganz
reales Problem für die Frau dar. Die Größe des Kopfes bedeutet,
dass die Geburt früher eintreten muss, andernfalls passt der Embryo
nicht mehr durch das mütterliche Becken. Dies wiederum setzt einen
weitaus längeren Zeitraum der Abhängigkeit des Kleinkindes voraus,
das, verglichen mit anderen Primaten, „vorzeitig“ zur Welt kommt;
das Wachstum des Gehirns erfordert mehr Pflege, sowohl strukturell
als auch energetisch (Proteine, Lipide, Kohlehydrate). Wir scheinen
es mit einem unlösbaren Rätsel oder vielmehr mit einem Rätsel zu
tun zu haben, das die Natur erst nach dem langen Zeitraum löste, in
dem Homo erectus lebte und sich über Afrika
verbreitete, in dem sich jedoch allem Anschein nach weder im
Verhalten noch in der Morphologie viel änderte. Dann aber folgte
eine Periode der rasanten Weiterentwicklung, die ein Wachstum des
Gehirnumfangs und das Auftreten all der spezifisch menschlichen
Verhaltensformen erlebte: Sprache, symbolische Kultur, Kunst, der
intensive Gebrauch von Werkzeugen und deren große Vielfalt, etc.

Es gibt ein weiteres
Rätsel. Wir haben die radikalen Änderungen im männlichen Homo
sapiens
zur Kenntnis genommen, doch die physiologischen und
Verhaltensänderungen im weiblichen Homo sapiens sind
nicht weniger bemerkenswert, besonders vom Standpunkt der
Reproduktion aus.

Es gibt in diesem
Zusammenhang einen auffälligen Unterschied zwischen dem
weiblichen Homo sapiens und anderen Primaten. Unter
Letzteren (und besonders jenen, die uns am nächsten stehen)
signalisiert das Weibchen im Allgemeinen den Männchen seine
Eisprungphase (und damit die Phase seiner größten Fruchtbarkeit)
auf die deutlichste Weise: mit unübersehbaren Genitalorganen, einem
„geilen“ Verhalten besonders gegenüber dem dominanten Männchen,
charakteristischen Ausdünstungen. Unter den Menschen verhält es
sich genau umgekehrt: Die Sexualorgane sind verborgen und ändern
sich nicht während des Eisprungs, und die weiblichen Menschen sind
sich nicht einmal bewusst, wenn sie „brünstig“ sind.

Am anderen Ende des
Eizyklus‘ ist der Unterschied zwischen dem Homo sapiens und
anderen Primaten gleichermaßen frappierend: ergiebige und sichtbare
Monatsblutungen, das Gegenteil zum Schimpansen zum Beispiel. Da
Blutverlust Energieverlust bedeutet, müsste die natürliche
Selektion eigentlich gegen überflüssigen Blutfluss arbeiten; also
kann Letzterer nur mit einem ausgesuchten Vorteil erklärt werden –
aber welchem?

Ein weiteres
bemerkenswertes Kennzeichen der menschlichen Menstruation ist ihre
Periodizität und Synchronität. Viele Untersuchungen haben bereits
die Leichtigkeit aufgezeigt, mit der viele Gruppen von Frauen ihre
Perioden synchronisieren, und Knight zeigt mit einer Tabelle der
Monatszyklen unter Primaten auf, dass die menschliche Frau eine
Periode hat, die vollkommen mit dem Mondzyklus übereinstimmt. Warum?
Oder ist dies nur Zufall?


Man könnte versucht sein, dies alles als irrelevant für die
Erklärung der Sprache und der menschlichen Besonderheiten im
Allgemeinen abzutun. Solch eine Reaktion wäre darüber hinaus in
völliger Eintracht mit der aktuellen Ideologie, die die Periode der
Frauen wenn nicht als Tabu, so doch als etwas Negatives betrachtet:
Man denke nur an all die Reklamefeldzüge für „weibliche
Hygieneprodukte“, deren Fähigkeiten, die Periode unsichtbar zu
machen, angepriesen werden. Die Entdeckung der immensen Bedeutung des
Menstruationsblutes und all dessen in der primitiven menschlichen
Gesellschaft, was mit ihm assoziiert wird, die sich beim Studium des
Buchs von Knight erschließt, ist somit umso erschreckender für uns
als Mitglieder der modernen Gesellschaft. Und der Glaube an die
enorme Macht – jenseits von Gut und Böse – der Perioden der
Frauen ist, so meinen wir, ein universelles Phänomen. Es ist kaum
eine Übertreibung zu sagen, dass die Monatsblutungen alles
„regulieren“, einschließlich der Harmonie im Universum.[14]
Selbst in Völkern, wo es eine starke männliche Vorherrschaft gibt
und wo alles getan wird, um Frauen zu entwerten, regen ihre Perioden
die Furcht in den Männern an. Menstruationsblut wird als etwas
„Giftiges“ betrachtet, eine kaum noch zurechnungsfähige Ansicht,
die für sich genommen ein Hinweis auf seine Macht ist. Man ist gar
versucht, den Schluss zu ziehen, dass die Gewalt der Männer gegen
Frauen in direkter Proportion zur Furcht steht, die die Frauen in
Männern auslösen.[15]

Die Universalität
dieses Glaubens ist bedeutend und verlangt nach einer Erklärung. Wir
können uns drei mögliche Deutungen vorstellen:

· Er könnte
das Resultat von Strukturen sein, die im menschlichen Geist angelegt
sind, wie Lévi-Strauss‘ Strukturalismus suggeriert. Heute würden
wir eher sagen, dass sie im human-genetischen Erbe angelegt sind –
doch dies scheint allem zu widersprechen, was über die Genetik
bekannt ist.

· Es könnte
auf das Prinzip „dieselbe Ursache - dieselben Auswirkungen“
zurückgeführt werden. Gesellschaften, die sich in Hinsicht ihrer
Produktionsverhältnisse und ihrer Techniken gleichen, produzieren
die gleichen Mythen.

· Die
Ähnlichkeit der Mythen könnte schließlich auf einen gemeinsamen
historischen Ursprung zurückgeführt werden. Wenn dies der Fall
wäre, dann müsste angesichts der Tatsache, dass die verschiedenen
Gesellschaften, in denen Menstruationsmythen vorkommen, geographisch
weit auseinanderliegen, der gemeinsame Ursprung sehr weit
zurückliegen.

Knight favorisiert
die dritte Erklärung: Er betrachtet in der Tat die universelle
Mythologie rund um die Menstruation als etwas sehr Altes, das auf die
eigentlichen Ursprünge der Menschheit zurückgeht.

Die Entstehung
der Kultur

Wie sind diese
verschiedenen Fragen miteinander verknüpft? Wie könnte der Link
zwischen der Menstruation der Frauen und der kollektiven Jagd
aussehen? Und wie zwischen den beiden und anderen auftretenden
Phänomenen wie Sprache, symbolische Kultur, eine Gesellschaft, die
auf gemeinsamen Regeln beruht? Diese Fragen scheinen uns fundamental
zu sein, weil all diese „Evolutionen“ keine isolierten Phänomene
sind, sondern Elemente in einem einzigen Prozess, der vom Homo
erectus
 zu uns führt. Die Hyper-Spezialisierung der
modernen Wissenschaften erschwert, was größtenteils auch von den
Wissenschaftlern so gesehen wird, das Verständnis dieses umfassenden
Prozesses, der von einer einzelnen spezialisierten wissenschaftlichen
Disziplin nicht erfasst werden kann.


Was wir an Knights Werk am bemerkenswertesten finden, ist eben dieses
Bemühen, genetische, archäologische, paläontologische und
anthropologische Daten in einer „allumfassenden Theorie“ der
menschlichen Evolution zusammenzubringen, analog zu den Anstrengungen
der theoretischen Physik, die uns die Super-String- oder die
Schleifenquantengravitationstheorie beschert hat.[16]

Versuchen wir also
diese Theorie zusammenzufassen, die heute als „Sexstreiktheorie“
bekannt ist. Um es einfach und schematisch zu sagen, stellt Knight
die Hypothese auf, dass es zunächst bei den weiblichen Homo,
die mit den Schwierigkeiten der Kindsgeburt und der Säuglingspflege
konfrontiert waren, zu einer Verhaltensänderung gekommen war: Die
Frauen wandten sich vom dominanten Männchen ab, um in einer Art von
gegenseitigem Unterstützungspakt ihre Aufmerksamkeit den
zweitrangigen Männchen zu schenken. Die Männchen akzeptierten, die
Weibchen zurückzulassen, wenn sie jagen gingen, und ihnen die
Jagdbeute zurückzubringen; im Gegenzug erlangten sie Zugang zu den
Weibchen und somit eine Chance zur Reproduktion, was ihnen bis dahin
vom Alphamännchen verwehrt worden war.

Diese
Verhaltensänderung bei den Männchen – die anfangs, wir erinnern
uns, den Evolutionsgesetzen unterworfen war – ist nur unter
bestimmten Bedingungen möglich, insbesondere unter zwei: Einerseits 
darf es für die Männchen nicht möglich sein, anderswo Zugang zu
Weibchen zu finden; andererseits müssen die Männchen darauf
vertrauen können, dass sie in ihrer Abwesenheit nicht verdrängt
werden. Dies sind also kollektive Verhaltensweisen. Die Weibchen -
die die treibende Kraft in diesem evolutionären Prozess sind –
müssen gegenüber den Männchen eine kollektive Sexverweigerung
aufrechterhalten. Diese kollektive Verweigerung wird den Männchen
wie auch anderen Weibchen deutlich durch die Monatsblutung
signalisiert, die mit einem „universellen“ und sichtbaren
Ereignis synchronisiert ist: dem Mondzyklus und den Gezeiten, die sie
in der semiaquatischen Umgebung des afrikanischen Grabenbruchs, wo
die Menschheit zuerst auftauchte, begleiten.

Die Anfänge der
Solidarität sind gemacht: zunächst unter den Weibchen, dann auch
unter den Männchen. Kollektiv ausgeschlossen vom Zugang zu den
Weibchen, können sie eine in wachsendem Maße organisierte
kollektive Großwildjagd in die Tat umsetzen, die die Fähigkeit zur
Planung und zur Solidarität im Angesicht von Gefahren erfordert.

Gegenseitiges
Vertrauen entsteht in der kollektiven Solidarität innerhalb jedes
Geschlechts, aber auch zwischen den Geschlechtern: das weibliche
Vertrauen in der männlichen Beteiligung an der Kinderaufzucht, das
männliche Vertrauen darin, dass ihnen nicht die Chance zur
Reproduktion vorenthalten wird.


Dieses theoretische Modell gestattet uns, das Rätsel zu lösen, das
Darmangeat unbeantwortet ließ: Warum sind Frauen so strikt von der
Jagd ausgeschlossen? Gemäß des Modells Knights kann dieser
Ausschluss nur ein absoluter gewesen sein, denn wenn sich einige
Weibchen – und insbesondere jene, die noch unbelastet waren von
eigenem Nachwuchs – der gemeinsamen Jagd mit den Männchen
anschließen konnten, dann hätten Letztere Zugang zu
empfängnisbereiten Weibchen gehabt und wären nicht mehr gezwungen
gewesen, die Jagdbeute mit aufziehenden Weibchen und ihren Jungen zu
teilen. Damit das Modell funktioniert, sind die Weibchen gezwungen,
eine totale Solidarität unter Ihresgleichen aufrechtzuerhalten. Von
diesem Standpunkt aus ist es möglich, das Tabu zu verstehen, das
eine absolute Trennung zwischen Frauen und Jagd aufrechterhält und
das das Fundament für allen anderen Tabus ist, die sich um die
Menstruation und dem Blut der Jagd drehen und die den Frauen
verbieten, mit irgendwelchen Schneidewerkzeugen umzugehen. Die
Tatsache, dass dieses Tabu, einst eine Quelle der weiblichen Stärke
und Solidarität, unter anderen Umständen zu einer Quelle der
gesellschaftlichen Schwäche und Unterdrückung werden sollte, mag
auf dem ersten Blick paradox erscheinen: In der Realität ist dies
nur ein besonders auffälliges Beispiel für eine dialektische
Umkehrung, eine weitere Veranschaulichung der tiefen dialektischen
Logik allen evolutionären und historischen Wandels.[17]

Die Weibchen, die am
erfolgreichsten dieses neue Verhalten unter Ihresgleichen und unter
den Männchen durchsetzten, hinterließen mehr Nachkommen. Der
Prozess der Großhirnbildung konnte fortgesetzt werden. Das Tor zu
einer Weiterentwicklung des Menschen war offen.

Gegenseitige
Solidarität und gegenseitiges Vertrauen wurden also nicht durch eine
Art glückseligen Mystizismus in die Welt gesetzt, sondern im
Gegenteil durch die mitleidlosen Gesetze der Evolution.

Dieses gegenseitige
Vertrauen ist eine Vorbedingung für die Entstehung einer echten
Fähigkeit zur Sprache, die von der gegenseitigen Akzeptanz
gemeinsamer Regeln (Regeln, die so elementar sind wie die Idee, dass
ein einziges Wort dieselbe Bedeutung für mich wie für dich hat) und
von einer Gesellschaft abhängt, die auf Kultur und Gesetz basiert,
die nicht mehr dem langsamen Rhythmus der genetischen Evolution
unterworfen, sondern in der Lage ist, sich weitaus schneller neuen
Umgebungen anzupassen. Eines der ersten Elemente der neuen Kultur ist
logischerweise der Transfer all dessen vom genetischen in den
kulturellen Bereich (wenn wir es so sagen können), das die
Entstehung dieser neuen Gesellschaftsform ermöglicht hat: Die
ältesten Mythen und Rituale drehen sich rund um die Menstruation der
Frauen (und den Mond, der ihre Synchronität garantiert) und ihre
Rolle in der Regulierung nicht nur der gesellschaftlichen, sondern
auch der natürlichen Ordnung.

Einige
Schwierigkeiten und eine mögliche Fortsetzung

Wie Knight selbst
sagt, ist seine Theorie eine Art von „Ursprungsmythos“ und bleibt
eine Hypothese. Dies an sich ist selbstverständlich kein Problem;
ohne Hypothesen und Spekulationen gäbe es keinen wissenschaftlichen
Fortschritt. Die Religion, nicht die Wissenschaft, versucht bestimmte
Wahrheiten zu etablieren.

Was uns angeht, so
würden wir gern zwei Einwände gegen das Narrativ erheben, das
Knight vorschlägt.

Der erste betrifft
die verstrichene Zeit. Als Blood Relations 1991
veröffentlicht wurde, datierten die ersten Anzeichen künstlerischen
Ausdrucks und daher der Existenz einer symbolischen Kultur, die in
der Lage ist, Mythen und Rituale, die sich im Zentrum seiner
Hypothese befinden, zu transportieren, vor nur 60.000 Jahren. Doch
die ersten Gebeine moderner Menschen sind etwa 200.000 Jahre alt: Was
passierte also in den 140.000 „fehlenden“ Jahren? Und wie könnte
der Vorläufer einer völlig ausgebildeten Kultur zum Beispiel unter
unseren unmittelbaren Ahnen ausgesehen haben?


Dies stellt nicht so sehr die Theorie an sich in Frage, sondern ist
ein Problem, das nach weiterer Untersuchung verlangt. Seit den 1990er
Jahren haben Ausgrabungen in Südafrika (Blombos Caves, Klasies
River, Kelders) allem Anschein nach den Zeitraum des erstmaligen
Gebrauchs von Kunst und abstrakten Symbolismus auf 80.000 oder gar
140.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückdatiert.[18]
Was den Homo erectus anbetrifft, scheinen die
Überreste, die bei Dmanisi in Georgien Anfang der Nuller Jahre
entdeckt und auf ein Alter von 1,8 Millionen Jahren datiert wurden,
bereits auf einen gewissen Grad an Solidarität hinzuweisen: Ein
Individuum lebte etliche Jahre ohne Zähne, was nahelegt, dass andere
ihm beim Essen halfen.[19]
Gleichzeitig waren ihre Werkzeuge immer noch primitiv, und laut den
Experten praktizierten sie noch keine Großwildjagd. Dies alles
sollte uns nicht überraschen: Darwin hat seinerzeit bereits
festgestellt, dass menschliche Merkmale wie Empathie, die
Wertschätzung des Schönen und der Freundschaft bereits im Tierreich
existierten, wenn auch auf einem, verglichen mit der Menschheit,
rudimentären Niveau.


Unser zweiter Einwand ist gewichtiger und betrifft die
„Antriebskraft“, die das Wachstum des menschlichen Gehirns
bewirkte. Knight ist mehr darauf bedacht, festzulegen, wie dieses
Wachstum ermöglicht wurde, und so steht diese Frage nicht im
Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit: Laut seinem Interview auf unserem
Kongress hat er im Grunde die Theorie der „wachsenden sozialen
Komplexität“ sich zu eigen gemacht, eine Theorie, wonach die
menschlichen Wesen sich dem Leben in immer größeren Gruppen
anpassen mussten (diese Theorie wird von Robert Dunbar verfochten[20]
und ist auch von J.-L. Dessalles in seinem Buch Warum wir
sprechen
 aufgegriffen worden, dessen Argumente er selbst auf
unserem letzten Kongress vorstellte). Wir können hier nicht in die
Details gehen, doch scheint uns diese Theorie nicht ohne Probleme zu
sein. Immerhin variiert die Größe der Primatengruppen von einem
Dutzend im Falle der Gorillas bis zu etlichen Hundert für die
Hamadryas-Paviane: Es wäre daher notwendig, sowohl aufzuzeigen,
warum Hominini gesellschaftliche Bedürfnisse entwickelten, die über
die der Paviane hinausgingen (dies steht noch aus), als auch zu
demonstrieren, dass Hominini in immer größeren Gruppen lebten, bis
hin zur „Dunbar-Zahl“ zum Beispiel.[21]

Alles in allem
ziehen wir es vor, den Prozess der Großhirnbildung  und der
Sprachentwicklung mit der wachsenden Bedeutung der „Kultur“ (im
breitesten Sinn des Wortes) in der menschlichen Fähigkeit, sich der
Umwelt anzupassen, in Verbindung zu bringen. Es gibt häufig die
Neigung, sich die Kultur allein in materiellen Begriffen
(Steinwerkzeuge, etc.) vorzustellen. Doch wenn wir das Leben von
Jäger-Sammler-Völkern in unserer eigenen Epoche untersuchen, sind
wir über nichts so beeindruckt wie über ihre profunde Kenntnis über
ihre natürliche Umgebung: das Verhalten der Tiere, die Merkmale von
Pflanzen, etc. Jedes jagende Tier „kennt“ das Verhalten seiner
Beutetiere und kann sich dem bis zu einem gewissen Punkt anpassen.
Bei menschlichen Wesen ist diese Kenntnis jedoch nicht genetisch,
sondern kulturell bedingt und muss von Generation zu Generation
übermittelt werden. Während die Nachahmung die Übermittlung eines
beschränkten Grades von „Kultur“ erlaubt (Affen, die einen Stock
benutzen, um zum Beispiel Termiten zu angeln), liegt es auf der Hand,
dass die Übermittlung menschlicher (oder eigentlich
proto-menschlicher) Kenntnisse etwas mehr als Nachahmung erfordert.


Man könnte auch behaupten, je mehr die Kultur die Genetik bei der
Bestimmung unseres Verhaltens ersetzt, desto wichtiger wird die
Übermittlung dessen, was wir die „spirituelle“ Kultur (Mythen,
Rituale, die Kenntnis heiliger Plätze, etc.) nennen, für die
Aufrechterhaltung des Gruppenzusammenhalts. Dies wiederum führt uns
zur Verknüpfung der Sprachentwicklung mit einem anderen äußeren
Merkmal, das in unserer Biologie verankert ist: die „frühe“
Menopause der Frauen, gefolgt von einer langen Periode der
Unfruchtbarkeit, was ein weiteres Merkmal ist, das die menschlichen
Frauen nicht mit ihren Primaten-Cousinen teilen.[22]
Wie konnte eine „frühe“ Menopause von der natürlichen Selektion
favorisiert werden, obwohl sie offensichtlich das weibliche
Reproduktionspotenzial einschränkt? Die wahrscheinlichste Hypothese
ist wohl die, dass Frauen in der Menopause ihren Töchtern besser
helfen können, das Überleben ihrer eigenen Enkelkinder und damit
ihres eigenen genetischen Erbes sicherzustellen.[23]


Die Probleme, die wir gerade angeschnitten haben, betreffen den
Zeitraum, der von Blood Relations abgedeckt wird.
Doch es gibt eine weitere Schwierigkeit, die den Zeitraum der
bekannten Geschichte angeht. Es ist naheliegend, dass die primitiven
Gesellschaften, von denen wir Kenntnis haben (und welche Darmangeat
beschreibt), sich stark von den hypothetischen ersten menschlichen
Gesellschaften Knights unterscheiden. Um nur das Beispiel von
Australien zu nehmen, dessen Aboriginal-Gesellschaft eine der
technisch primitivsten ist, die wir kennen: Die Hartnäckigkeit von
Mythen und rituellen Praktiken, die der Menstruation große Bedeutung
zumessen, geht Hand in Hand mit einer völligen Vorherrschaft der
Männer über die Frauen. Wenn wir davon ausgehen, dass Knights
Hypothese weitgehend korrekt ist – wie können wir dann erklären,
was sich zu einer veritablen „männlichen Konterrevolution“
auswuchs? In seinem Kapitel 13 (S. 449) unterbreitet Knight eine
Hypothese, um das zu erklären. Er behauptet, dass das Verschwinden
der Megafauna – Arten wie der gigantische Wombat – und eine Zeit
des trockenen Wetters am Ende des Pleistozän die Jagdmethoden
durcheinanderbrachten und dem Überfluss ein Ende bereiteten, den er
als materielle Vorbedingung für das Überleben des primitiven
Kommunismus betrachtete. 1991 schrieb Knight, dass ein
archäologischer Beweis seiner Hypothese noch aussteht. Seine eigenen
Forschungen beschränken sich auf Australien. Auf jeden Fall hat es
für uns den Anschein, dass dieses Problem ein weites
Untersuchungsgebiet eröffnet, das es gestatten würde, die wahre
Geschichte des längsten Zeitraums in der Existenz der Menschheit ins
Auge zu fassen: von unseren Ursprüngen bis zur Erfindung der
Landwirtschaft.[24]

Die
kommunistische Zukunft


Wie kann das Studium der menschlichen Ursprünge unsere Auffassung
über eine künftige kommunistische Gesellschaft verdeutlichen?
Darmangeat sagt uns, dass der Kapitalismus die erste menschliche
Gesellschaft sei, die es gestatte, sich ein Ende der geschlechtlichen
Arbeitsteilung und die Gleichheit der Frauen vorzustellen – eine
Gleichheit, die heute in einigen wenigen Ländern Gesetz geworden
sei, die aber nirgendwo eine faktische Gleichheit sei: „…
auch wenn der Kapitalismus das Los der Frauen an sich weder
verbessert noch verschlimmert hat, ist er dennoch das erste System,
das es ermöglicht hat, die Frage ihrer Gleichheit mit Männern zu
stellen; und obwohl er sich als unfähig erwiesen hat, diese
Gleichheit Wirklichkeit werden zu lassen, hat er dennoch die Elemente
zusammengeführt, die sie realisieren werden.“[25]

Zwei Kritiken
erscheinen uns angebracht zu sein: Die erste ist, dass die immense
Bedeutung der Integration der Frauen in die Welt der Lohnarbeit
ignoriert wird. Trotz allem hat der Kapitalismus den Arbeiterfrauen
zum ersten Mal in der Geschichte der Klassengesellschaften eine ganz
reale materielle Unabhängigkeit von den Männer geschenkt und somit
die Möglichkeit, auf Augenhöhe mit den Männern am Kampf für die
Befreiung des Proletariats und somit der Menschheit in ihrer
Gesamtheit teilzunehmen.


Die zweite Kritik betrifft den eigentlichen Gleichheitsbegriff.
Dieser Begriff ist mit dem Brandzeichen der bürgerlichen Ideologie
versehen, eine Hinterlassenschaft des Kapitalismus, und nicht das
Ziel einer kommunistischen Gesellschaft, die im Gegenteil die
Unterschiede zwischen den Individuen anerkennt und – um Marx‘
Ausdruck zu benutzen – auf ihre Fahnen schreibt: „Jeder nach
seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“[26]
Nun, außerhalb des Gebiets der Science Fiction haben Frauen sowohl
eine Fähigkeit als auch ein Bedürfnis, die bzw. das die Männer
niemals haben werden: zu gebären.[27]
Ohne diese Fähigkeit hätte die Menschheit keine Zukunft, doch sie
ist auch eine körperliche Funktion und daher ein Bedürfnis für
Frauen.[28]
Eine kommunistische Gesellschaft muss daher jeder Frau, die es
wünscht, die Möglichkeit zu geben, mit Freude zu gebären, im
Vertrauen darauf, dass ihr Kind in der menschlichen Gemeinschaft
willkommen geheißen wird.

Hier können wir
womöglich eine Parallele zur evolutionistischen Vision ziehen, die
Knight unterbreitet. Proto-Frauen stießen den Evolutionsprozess in
Richtung Homo sapiens und symbolischer Kultur an,
weil sie ihre Kinder nicht mehr allein aufziehen konnten: Sie mussten
die Männer dazu bringen, der Kindesaufzucht und der Erziehung der
Jungen materielle Unterstützung zukommen zu lassen. Auf diese Weise
führten sie das Prinzip der Solidarität unter Frauen, die von ihren
Kinder in Anspruch genommen werden, unter Männern, die von der Jagd
in Beschlag genommen werden, und zwischen Frauen und Männern, die
gemeinsam ihre gesellschaftliche Verantwortung teilen, in die
menschliche Gesellschaft ein.

Heute sind wir mit
einer Situation konfrontiert, in der der Kapitalismus uns immer mehr
auf den Status atomisierter Individuen reduziert, worunter Kinder
aufziehende Frauen am meisten leiden. Nicht nur, dass die
„Herrschaft“ der kapitalistischen Gesellschaft die Familie auf
ihren kleinsten Ausdruck (Mutter, Vater, Kinder) reduziert, die
allgemeine Desintegration des sozialen Lebens bedeutet darüber
hinaus, dass immer mehr Frauen sich in der misslichen Lage befinden,
ihre sehr jungen Kinder allein aufzuziehen, und die Notwendigkeit,
Arbeit zu finden, distanziert sie häufig von ihren eigenen Müttern,
Schwestern oder Tanten, die einst das natürliche
Unterstützungsnetzwerk für Frauen mit kleinen Kindern waren. Die
„Welt der Arbeit“ ist mitleidlos gegenüber Frauen mit Kindern.
Sie sind gezwungen, ihre Säuglinge nach bestenfalls ein paar Monaten
abzustillen (abhängig vom verfügbaren Schwangerschaftsurlaub, wenn
überhaupt) und sie einem Kindermädchen anzuvertrauen, oder sind –
wenn sie arbeitslos sind – vom gesellschaftlichen Leben
abgeschnitten und gezwungen, sich mittels äußerst begrenzter
Ressourcen um ihre Babys zu kümmern.

In einem gewissen
Sinn befinden sich Arbeiterinnen in einer Lage, die vergleichbar ist
mit der ihrer fernen Vorfahren - nur eine Revolution kann ihre
Situation verbessern. So wie die „Revolution“ es nach Knights
Hypothese Frauen erlaubte, sich der sozialen Unterstützung erst
durch andere Frauen, dann durch die Männer beim Gebären und bei der
Erziehung ihrer Kinder zu versichern, so muss auch die kommende
kommunistische Revolution die Unterstützung der Frauen bei ihrer
Schwangerschaft und die kollektive Erziehung der Kinder in den
Mittelpunkt stellen. Nur eine Gesellschaft, die ihren Kindern und
ihrer Jugend einen privilegierten Platz einräumt, kann den Anspruch
erheben, eine hoffnungsvolle Zukunft anzubieten: Von diesem
Standpunkt aus kompromittiert sich der Kapitalismus allein durch die
Tatsache, dass ein wachsender Teil seiner Jugend als „überzählig“
betrachtet wird.

Jens 

[1]Editions
Smolny, Toulouse 2009 und 2012. Wenn nicht anders festgestellt, sind
die Zitate und Seitenangaben der ersten Edition entnommen.

[2]Darmangeat
stellt einige interessante Ideen über die gewachsene Bedeutung der
physischen Kraft bei der Bestimmung der Geschlechterrollen nach der
Erfindung der Landwirtschaft vor (das Pflügen zum Beispiel).

[3]Darmangeat
besteht zweifellos zu Recht  darauf, dass die Beteiligung an
gesellschaftlicher Produktion eine notwendige, aber nicht
ausreichende Bedingung für die Sicherstellung einer günstigen
Umgebung für Frauen ist.

[4]In
dem Abschnitt „Die Familie“, MEW, Band 21, S. 68.

[5]Bruce
Trigger, 
Understanding early
civilizations
.

[6]Knights
Buch widmet ein Abschnitt der „männlichen Menstruation“ (S.
428). Ebenfalls verfügbar in PDF auf Knights Website.

[7]„Der
menschliche Geist hat seine Erfordernisse, von denen eines die
Kohärenz ist“ (S. 319). Wir möchten hier nicht auf die Frage
eingehen, woher diese Erfordernisse kommen und warum sie ihre
besonderen Formen annehmen – Fragen, die Darmangeat unbeantwortet
lässt.

[8]Um
eine leidenschaftliche, aber kritische Schilderung des Denkens von
Lévi-Strauss zu erhalten, verweisen wir den Leser/die Leserin auf
Knights Kapitel „Lévi-Strauss and ‚The
Mind
‘“.

[9]C.
Darmangeat, 2. Ausgabe, S. 214f.


[10]Ebenda.


[11]Merkwürdigerweise
hebt Darmangeat selbst nur einige Seiten zuvor hervor, dass in
bestimmten nordamerikanischen Indianergesellschaften unter bestimmten
Bedingungen „Frauen alles tun konnten; sie meisterten die gesamte
Bandbereite weiblicher und männlicher Aktivitäten“ (S. 314).


[12]Siehe
den Artikel über Patrick Torts L’Effet
Darwin
 und Chris Knights Artikel über Solidarität und das
egoistische Gen.


[13]Vgl.
„The great leap forward“ von Anthony Stigliani.


[14]Bemerkenswerterweise
ist das Wort für die Periode der Frauen in der deutschen,
französischen, spanischen und englischen Sprache „die Regel“.


[15]Dies
ist ein Thema, das sich durch das gesamte Buch Darmangeats zieht.
Siehe unter anderem das Beispiel der Huli in Neuguinea (S. 222, 2.
Ausgabe).


[16]Und
besser noch: hat sich dabei verdient gemacht, die Theorie lesbar und
zugänglich für den Laien zu machen.


[17]Daher
kommen wir, wenn Darmangeat uns erzählen will, dass Knights These
„kein Wort über die Gründe verliert, warum es Frauen systematisch
und vollkommen verboten wurde, zu jagen und Waffen zu bedienen“,
nicht umhin, uns zu fragen, ob er das Buch bis zu seinem Schluss
gelesen hat.


[18]Siehe
die Wikipedia-Artikel über Blombos Cave.


[19]Siehe
den Artikel in La Recherche: „Etonnants
primitifs de Dmanisi
“.


[20]Siehe
zum Beispiel Dunbar, The Human Story. Robin Dunbar
erklärt die Evolution der Sprache mit dem Wachstum menschlicher
Gruppen; Sprache erschien als eine weniger aufwändige Form der
gegenseitigen Körperpflege, durch die unsere Primaten-Cousins ihre
Freundschaften und Bündnisse aufrechterhalten. „Dunbars Zahl“
hat als die größte Zahl enger Beziehungen, die das menschliche
Gehirn zu behalten in der Lage ist (ungefähr 150), Eingang in die
anthropologische Theorie gefunden; Dunbar meint, dass dies die
maximale Größe der ersten menschlichen Gruppen gewesen sei.


[21]Die
Hominini (der Zweig des evolutionären Stammbaums, zu dem die
modernen Menschen gehören) trennte sich von den Panini (der Zweig,
der Schimpansen und Bonobos umfasst) vor etwa sechs bis neun
Millionen Jahren.


[22]Vgl.
„Menopause in non-human primates“, US-National Library of
Medicine).


[23]Siehe
die Zusammenfassung der „Großmutter-Hypothese“.


[24]Einiges
ist bereits in dieser Richtung getan worden, in einem Land auf der
anderen Seite der Erde, Australien, vom Anthropologen Lionel Sims in
einem Artikel mit dem Titel „The ‚Solarisation‘ of
the moon: manipulated knowledge at Stonehenge
“,
veröffentlicht in Cambridge Archaeological
Journal
, 16:2.


[25]Darmangeat,
ob.zit., S. 426.


[26]Nicht
umsonst schrieb Marx in seiner Kritik am Gothaer Programm:
„Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem
Maßstab bestehn; aber die ungleichen Individuen (und sie wären
nicht verschiedene Individuen, wenn sie nicht ungleich wären) sind
nur an gleichem Maßstab meßbar, soweit man sie unter einen gleichen
Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite
faßt, z.B. im gegebnen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet
und weiter nichts in ihnen sieht, von allem andern absieht.“


[27]Einer
der wenigen originellen Science Fiction-Autoren heute, Iain M. Banks,
hat eine pan-galaktische Gesellschaft („The Culture“) geschaffen,
die praktisch kommunistisch ist und in der Menschen eine solche
Kontrolle über ihre hormonellen Funktionen erlangt haben, dass sie
fähig sind, beliebig das Geschlecht zu wechseln und somit auch zu
gebären.


[28]Was
natürlich nicht bedeutet, dass alle Frauen Kinder in die Welt setzen
wollen, und noch weniger, dass sie dazu gezwungen werden sollten.

Theoretische Fragen: