Deutsche Revolution VIII

Der Kapp-Putsch 1920

Die Rechten greifen an, die Demokratie fügt den Arbeitern die Niederlage
bei

In der Internationalen Revue Nr. 19 haben wir aufgezeigt, dass die
Arbeiterklasse 1919 nach dem Scheitern des Januaraufstands in einer Reihe von
zerstreuten Kämpfen schwerwiegende Niederlagen hinnehmen musste. Mit der
blutrünstigsten Gewalt schlug die herrschende Klasse in Deutschland gegen die
Arbeiter zu.

1919 war der Spitze der
revolutionären Welle überschritten. Und nachdem die Arbeiterklasse in Russland
gegenüber dem Ansturm der konterrevolutionären Truppen, die die demokratischen
Staaten gegen Russland organisiert hatten, isoliert blieb, wollte in
Deutschland die Bourgeoisie die Arbeiterklasse, die durch die 1919 erlittenen
Niederlagen angeschlagen war, weiter angreifen und vollständig auf den Boden
werfen.

Die Arbeiterklasse sollte die Kosten des Krieges tragen

Nach dem Desaster des Krieges, als
die Wirtschaft dabei war zusammenzubrechen, wollte die herrschende Klasse die
Situation ausnutzen, um der Arbeiterklasse die ganzen Kosten des Krieges
aufzubürden. In Deutschland waren zwischen 1913 und 1920 die Ernten in der
Landwirtschaft und die industrielle Produktion um mehr als die Hälfte gefallen.
Von der vorhandenen Produktion sollte noch ein Drittel an die Siegerländer
abgeführt werden. In vielen Wirtschaftszweigen brach die Produktion weiter
zusammen. Unterdessen schossen die Preise rasant in die Höhe; betrugen die
Lebenshaltungskosten 1913 100 Einheiten, waren sie 1920 auf 1.100 Einheiten.
Nach dem Hungern im Krieg stand jetzt wieder der Hunger im ‘Frieden’ auf dem
Programm. Die Unterernährung dehnte sich weiter aus. Chaos und Anarchie der
kapitalistischen Produktion, Verarmung und Hunger in den Reihen der Arbeiter
herrschten überall.

Die Bourgeoisie setzt den Versailler Vertrag zur Spaltung der
Arbeiterklasse ein

Gleichzeitig wollten die
Siegermächte des Westens die deutsche Bourgeoisie als Verlierer des Krieges zur
Kasse bitten. Zu dem Zeitpunkt bestanden jedoch große Interessensgegensätze
zwischen den Siegermächten.

Während die USA daran interessiert
waren, dass Deutschland als Gegenpol gegen England wirken könnte und sich
deshalb gegen eine Zerschlagung Deutschlands stellten, wollte Frankreich die
möglichst nachhaltigste militärische, wirtschaftliche und territoriale
Schwächung und gar eine Zerstückelung Deutschlands. Im Versailler Vertrag (28.
Juni 1919) wurde deshalb beschlossen, dass in Deutschland das Militär bis zum
10. April 1920 von 400.000 auf 200.000 Mann, bis 10. Juli auf 100.000 Mann
reduziert werden solle. Von 24.000 Offizieren würden nur 4.000 in die neue
republikanische Armee, die Reichswehr, übernommen werden. Die Reichswehr fasste
diesen Beschluss als eine lebensgefährliche Bedrohung für sie auf und wollte
sich mit allen Mitteln dagegen zur Wehr setzen. Unter allen bürgerlichen
Parteien – von SPD über Zentrum bis zu den Rechten– herrschte Einigkeit, dass
der Versailler Vertrag wegen nationalen Interessen verworfen werden sollte. Nur
aufgrund des von den Siegermächten ausgeübten Zwangs beugten sie sich.
Gleichzeitig benutzte die Bourgeoisie den Versailler Vertrag dazu, die schon im
Krieg vorhandene Spaltung in der internationalen Arbeiterklasse noch weiter zu
vertiefen: in Arbeiter der Siegermächte und der Verliererstaaten.

Vor allem große Teile des Militärs
fühlten sich durch den Versailler Vertrag bedroht und wollten sofort ihren
Widerstand organisieren. Erneut strebten sie einen Krieg mit den Siegermächten
an. Dazu musste aber der Arbeiterklasse eine weitere entscheidende Niederlagen
schnell beifügt werden.

Aber das Großkapital wollte die
Militärs nicht an die Macht kommen lassen. Die SPD hatte bislang an der Spitze
des Staates ganze Arbeit geleistet. Seit 1914 hatte sie die Arbeiterklasse
gefesselt, in den revolutionären Kämpfen im Winter 1918/1919 die Sabotage und
Repression organisiert. Das Kapital brauchte nicht die Militärs, um seine
Herrschaft aufrechtzuerhalten, es hatte die Diktatur der Weimarer Republik und
setzte weiter auf sie. So schossen von der SPD befehligte Polizeitruppen am 13.
Januar 1920 auf eine Massendemo vor dem Reichstag. 42 Tote blieben auf der
Strecke. In einer Streikwelle im Ruhrgebiet Ende Februar wurde von der
‘demokratischen Regierung’ die Todesstrafe gegen revolutionäre Arbeiter
angedroht.

Als im Februar Teile des Militärs
Putschbestrebungen in Gang setzten, wurden diese deshalb nur von wenigen
Kapitalfraktionen gestützt. Vor allem der agrarische Osten bildete ihren
Stützpunkt, da er besonders stark an einer Rückeroberung durch den Krieg
verloren gegangener Gebiete interessiert war.

Der Kapp-Putsch Die Rechten
greifen an ...

Dass ein Putschversuch in
Vorbereitung war, pfiffen die Spatzen von den Dächern. Aber die SPD-geführte
Regierung unternahm zunächst nichts gegen diese Bestrebungen. Am 13. März zog
eine ‘Marine-Brigade’ unter dem Kommando des Generals von Lüttwitz in Berlin
ein, umstellte das Regierungsgebäude und rief den Sturz der Ebert-Regierung
aus. Nachdem Ebert die Generale Seeckt und Schleicher um sich versammelte, um
mit ihnen die Niederschlagung des rechtsradikalen Putsches durch die
SPD-geführte Regierung zu besprechen, weigerten sich die Militärs, denn wie der
oberste Militärchef sagte: ‘Die
Reichswehr will keinen ‘Bruderkrieg’ Reichswehr gegen Reichswehr zulassen’.

Die Regierung floh zunächst nach
Dresden und dann nach Stuttgart. Zwar erklärte Kapp die bürgerliche Regierung
für abgesetzt, aber sie wurde nicht einmal verhaftet. Vor ihrer Flucht nach
Stuttgart konnte die Regierung noch einen Aufruf zum Generalstreik erlassen,
der ebenfalls von den Gewerkschaften unterstützt wurde, und zeigte damit
erneut, wie heimtückisch dieser linke Flügel des Kapitals gegen die Arbeiter
vorzugehen verstand.

”Kämpft mit jedem Mittel um die Erhaltung der Republik. Lasst allen
Zwist beiseite! Es gibt nur ein Mittel gegen die Diktatur Wilhelm II.:

- Lahmlegung jeden Wirtschaftslebens

- Keine Hand darf sich nicht mehr rühren

- Kein Proletarier darf der Militärdiktatur helfen

- Generalstreik auf der ganzen Linie

- Proletarier vereinigt Euch. Nieder mit der Gegenrevolution.

Die sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung: Ebert, Bauer, Noske,

Der Parteivorstand der SPD– O. Wels”

Gewerkschaften und SPD traten
sofort für den Schutz der bürgerlichen Republik ein – auch wenn sie dabei eine
‘arbeiterfreundliche Sprache’ benutzten.

[i]


Kapp erklärte die Nationalversammlung für aufgelöst, kündigte Neuwahlen an und
drohte jedem streikenden Arbeiter mit der Todesstrafe.

Die Reaktion der Arbeiterklasse:  Der bewaffnete Abwehrkampf

Die Empörung unter den Arbeitern
war riesig. Ihnen war sofort klar, dass es sich um einen Angriff gegen die
Arbeiterklasse handelte. Überall entflammte heftigster Widerstand. Natürlich
ging es nicht darum, die für abgesetzt erklärte, verhasste
Scheidemann-Regierung zu verteidigen, die vorher so blutig gegen die
Arbeiterklasse gewütet hatte.

Von der Waterkant über Ostpreußen,
Mitteldeutschland, Berlin, Baden-Württemberg, Bayern bis zum Ruhrgebiet, keine
Großstadt, in der es nicht Demonstrationen gab, kein Industriezentrum, wo nicht
die Arbeiter in den Streik traten und versuchten, Polizeistationen zu stürmen
und sich zu bewaffnen. Keine Fabrik, wo es keine Vollversammlung gab, um über
den Widerstand zu entscheiden. In den meisten Großstädten fingen die
putschistischen Truppen oder die Reichswehr an, auf demonstrierende Arbeiter zu
schießen. Dutzende von Arbeitern fielen am 13. und 14. März unter den Schüssen
der Putschisten.

In den Industriezentren wurden
Aktionsausschüsse, Vollzugsräte, Arbeiterräte gebildet. Die Arbeitermassen
strömten auf die Straße.

Seit dem November 1918 war die
Mobilisierung der Arbeiter noch nie so stark gewesen.

Überall bäumte sich die heftigste
Wut der Arbeiter gegen die rechten Militärs gleichzeitig auf.

Am 13. März, dem Tag des
Einmarsches der Kapp-Truppen in Berlin, reagierte die KPD-Zentrale in Berlin
mit Abwarten. In einer ersten Stellungnahme riet die KPD-Zentrale noch vom
Generalstreik ab, ”Das Proletariat wird
keinen Finger rühren für die demokratische Republik ... Die Arbeiterklasse, die
gestern noch in Banden geschlagen war von den Ebert-Noske, und waffenlos, ..
ist in diesem Augenblick nicht aktionsfähig. Die Arbeiterklasse wird den Kampf
gegen die Militärdiktatur aufnehmen in dem Augenblick und mit den Mitteln, die
ihr günstig erscheinen. Dieser Augenblick ist noch nicht da ...”
Doch die
KPD-Zentrale täuschte sich. Die Arbeiter selber wollten nicht abwarten, sondern
innerhalb von wenigen Tagen reihten sich mehr Arbeiter in diesen Abwehrkampf
ein, als sich seit Beginn der revolutionären Welle in den vielen zerstreuten
Bewegungen zuvor mobilisiert hatten. Überall hieß die Parole ‘Bewaffnung der
Arbeiter’, ‘Niederschlagung der Putschisten’.

Während 1919 in ganz Deutschland
zerstreut gekämpft worden war, hatte der Putsch an vielen Orten die
Arbeiterklasse gleichzeitig mobilisiert. Dennoch kam es abgesehen vom
Ruhrgebiet kaum zu Kontaktaufnahmen der Arbeiter in den verschiedenen Städten
untereinander. Landesweit erhob sich der Widerstand spontan, ohne eine ihn
zentralisierende Bewegung.

Das Ruhrgebiet, die größte
Konzentration der Arbeiterklasse, war zentrale Zielscheibe der Kappisten
gewesen. So wurde das Ruhrgebiet zum Zentrum des Abwehrkampfes. Von Münster aus
wollten die Kappisten die Arbeiter im Ruhrgebiet einkesseln. Nur die Arbeiter
im Ruhrgebiet bündelten ihre Kämpfe in mehreren Städten und bildeten eine
zentrale Streikleitung. Überall werden Aktionsausschüsse gebildet. Es wurden
systematisch bewaffnete Arbeiterverbände aufgestellt. Man spricht von 80.000
bewaffneten Arbeitern im gesamten Ruhrgebiet. Dies war die größte militärische
Mobilisierung in der Geschichte der Arbeiterbewegung neben dem Abwehrkampf in
Russland.

Obwohl der Widerstand der Arbeiter
auf militärischer Ebene nicht zentral geleitet wurde, gelang es den bewaffneten
Arbeitern, den Vormarsch der Kapp-Putschisten zu stoppen. In einer Stadt nach
der anderen konnten die Putschisten verjagt werden. Diese Erfolge hatten die
Arbeiter 1919 in den verschiedenen Erhebungen nicht verbuchen können. Am 20.
März musste sich das Militär gar aus dem Ruhrgebiet ganz zurückziehen. Am 17.
März war Kapp schon zurückgetreten, sein Putsch hatte keine 100 Stunden
gedauert. Der Widerstand der Arbeiterklasse hatte ihn zu Fall gebracht.

Ähnlich der Entwicklung ein Jahr
zuvor hatten sich die stärksten Widerstandszentren in Sachsen, Hamburg,
Frankfurt und München gebildet.

[ii]


Die machtvollste Reaktion der Arbeiter kam jedoch im Ruhrgebiet zustande.

Während in den anderen Orten
Deutschlands die Bewegung nach dem Rücktritt Kapps und dem Scheitern des
Putsches sofort wieder stark abflachte, war im Ruhrgebiet mit dem Rücktritt des
Putschisten die Bewegung nicht zu stoppen. Viele Arbeiter glaubten, dass man
jetzt weitergehen müsse.

Die Grenzen der Reaktion der Arbeiter

Während sich spontan und in
Windeseile eine große Abwehrfront der Arbeiter gegen die blutrünstigen
Putschisten erhoben hatte, war klar, dass die Frage des Sturzes der Bourgeoisie
keineswegs auf der Tagesordnung stand, sondern es ging in den Augen der meisten
Arbeiter nur um ein Zurückschlagen eines bewaffneten Angriffs.

Und welcher Schritt der
erfolgreichen Abwehr des Putschistenangriffes hätte folgen sollen, war damals
unklar.

Abgesehen vom Ruhrgebiet erhoben
die Arbeiter in anderen Regionen kaum Forderungen, die der Bewegung der Klasse
eine größere Dimension hätte geben können. Solange sich der Druck aus den
Betrieben gegen den Putsch richtete, gab es eine einheitliche Linie unter den
Arbeitern, aber sobald die putschistischen Truppen niedergeworfen wurden, trat
die Bewegung auf der Stelle und suchte ein klares Ziel. Einen Teil des Militärs
zurückschlagen, ihn in einer Gegend zum Rückzug zu zwingen, heißt noch nicht,
die Kapitalistenklasse gestürzt zu haben,

An verschiedenen Orten gab es
Versuche von anarcho-syndikalistisch-rätistischen Kräften, erste Maßnahmen in
Richtung Sozialisierung der Produktion in Gang zu setzen, weil man glaubte,
nachdem man in einer Stadt die rechtsradikalen Kräfte vertrieben hatte, die Tür
zum Sozialismus öffnen zu können. So wurden vielerorts durch die Arbeiter eine
Reihe von ‘Kommissionen’ gebildet, die dem bürgerlichen Staat Anweisungen geben
wollten, was zu tun sei. Erste Maßnahmen der Arbeiter nach einer erfolgreichen
‘Schlacht’ auf dem Weg zum Sozialismus, erste winzige Ansätze einer Doppelmacht
– als solche wurden sie dargestellt. Aber diese Auffassungen sind ein Zeichen
der Ungeduld, die in Wirklichkeit von der dringendsten Aufgabe ablenkt. Solche
Maßnahmen ins Auge zu fassen, nachdem man nur LOKAL ein günstiges
Kräfteverhältnis aufgebaut hat, sind eine große Gefahr für die Arbeiterklasse,
weil sich die Machtfrage zunächst für ein ganzes Land und in Wirklichkeit nur
international stellt. Deshalb müssen solche Zeichen kleinbürgerlicher Ungeduld
und des ‘sofort alles haben wollen’ bekämpft werden.

Während die Arbeiter wegen der
Bedrohung durch die Militärs sich sofort militärisch mobilisierten, fehlte
jedoch der unabdingbare Druck aus den Fabriken. Ohne den entsprechenden Impuls
aus den Betrieben, ohne die Masseninitiative, die auf die Straße drängt und
sich in Arbeiterversammlungen äußert, wo gemeinsam die Lage diskutiert wird und
Entscheidungen getroffen werden, kann die Bewegung nicht wirklich von der
Stelle kommen. Dazu ist aber die größtmögliche Eigeninitiative, das Bestreben
nach der Ausdehnung und dem Zusammenschluss der Bewegung erforderlich, was
wiederum mit einer tiefgreifenden Bewusstseinsentwicklung verbunden ist, wo die
Feinde des Proletariats entlarvt werden.

Deswegen reicht nicht einfach die
Bewaffnung und die entschlossene militärische Abwehrschlacht – die
Arbeiterklasse selber muss ihr wichtigstes Geschütz auffahren: ihr Bewusstsein
über ihre eigenen Rolle, ihre Fähigkeit, sich selbst zu organisieren,
vorantreiben. Dazu stehen die Arbeiterräte an zentraler Stelle. Die
Arbeiterräte und Aktionsausschüsse, die in den Abwehrkämpfen wieder spontan
entstanden waren, waren jedoch noch zu schwach entwickelt, um der Bewegung als
Sammelpunkt und als Speerspitze zu dienen.

Hinzu kam, dass die SPD von Anfang
an alles unternahm, um gerade ihren Sabotagehebel gegen die Räte anzusetzen.
Während die KPD den Schwerpunkt ihrer Intervention auf die Neuwahl der
Arbeiterräte setzte, die Initiative in den Räten selber verstärken wollte,
blockierte die SPD diese Versuche ab.

SPD und Gewerkschaften: Speerspitze bei der Niederschlagung der
Arbeiterklasse

Im Ruhrgebiet saßen wiederum viele
SPD-Vertreter in den Aktionsausschüssen und in der zentralen Streikleitung. So
versuchte die SPD erneut wie zwischen November 1918 und Ende 1919 die Bewegung
sowohl von Innen wie auch von Außen her zu sabotieren, um, sobald die Arbeiter
entscheidend geschwächt waren, mit der Repression gegen sie vorzugehen.

Denn nachdem am 17. März Kapp
zurückgetreten war und seine Truppen aus dem Ruhrgebiet am 20. März abzogen,
und nachdem die ‘geflüchtete’ SPD-geführte Regierung um Ebert-Bauer wieder die
Geschäfte übernommen hatte, konnte die Regierung und mit ihr das Militär ihre
Kräfte neu gruppieren.

Wieder einmal kamen SPD und
Gewerkschaften dem Kapital zu Hilfe. Sie verlangten das sofortige Ende der
Kämpfe. Die Regierung stellte ein Ultimatum. Mit großer demagogischer Kunst
wollten sie die Arbeiter zum Einstellen der Kämpfe bewegen. Ebert und
Scheidemann riefen sofort zur Wiederaufnahme der Arbeit auf: ”Kapp und Lüttwitz sind erledigt, aber
junkerliche und syndikalistische Empörung bedrohen noch immer den deutschen
Volksstaat. Ihnen gilt der weitere Kampf, bis auch sie sich bedingungslos
unterwerfen. Für dieses große Ziel ist die republikanische Front noch inniger
und fester zu schließen. Der Generalstreik trifft bei längerer Dauer nicht nur
die Hochverräter, sondern auch unsere eigene Front. Wir brauchen Kohlen und
Brot zur Fortführung des Kampfes gegen die alten Mächte, deshalb Abbruch des
Volksstreiks, dafür aber stets Alarmbereitschaft.”

Gleichzeitig bot die SPD
politische Scheinkonzessionen an, mit deren Hilfe sie der Bewegung die Spitze
brechen wollte. So versprach sie ”mehr
Demokratie”
in den Betrieben, einen ”entscheidenden
Einfluss auf die Neuregelung der wirtschaftlichen und sozialen Gesetzgebung”

und die Säuberung der Verwaltung von putschfreundlich gesinnten Kräften. Vor
allem die Gewerkschaften legten sich ins Zeug, damit ein Waffenstillstand
unterzeichnet wurde. Im sogenannten Bielefelder Abkommen wurden dann
Konzessionen versprochen, die aber nur ein Vorwand sein konnten, um nach dem
Bremsen der Bewegung um so heftiger die Repression zu organisieren

Gleichzeitig wurde wieder mit der
‘ausländischen Intervention’ gedroht. Sollte es zu einer weiteren Ausdehnung
der Kämpfe kommen, würden ausländische Truppen – vor allem die USA – eingreifen.
Lebensmittellieferungen aus Holland an die hungernde Bevölkerung wurden von den
Militärs unterbunden.

So sollten SPD und Gewerkschaften
wieder zum Drahtzieher der Repression gegen die Arbeiter werden. Dieselbe SPD,
deren Minister einige Tage zuvor noch, am 13. März, zum Generalstreik gegen die
Putschisten aufgerufen hatten, nahmen jetzt wieder die Zügel in die Hand für
die Repression. Denn während die ‘Waffenstillstandsverhandlungen’ stattfanden,
die Regierung scheinbare Konzessionen machte, war die volle Mobilisierung der
Reichswehr in Absprache mit der SPD schon im Gange. So gingen viele Arbeiter
von der fatalen Illusion aus, da man Regierungstruppen vor sich habe, die der
‘demokratische Staat’ der Weimarer Republik gegen die Putschisten geschickt
habe, würden diese keine Kampfhandlungen gegen die Arbeiter unternehmen. So
rief das Verteidigungskomitee in Berlin-Köpenick die Arbeiterwehren dazu auf,
den Kampf einzustellen. Nach dem Einzug der ‘regierungstreuen Truppen’ wurden
sofort Standgerichte gebildet, deren Wüten sich in nichts von dem blutrünstigen
Vorgehen der Freikorps ein Jahr zuvor unterschied. Jeder, der im Besitz von
Waffen war, wurde sofort erschossen. Tausende Arbeiter wurden misshandelt,
gefoltert und erschossen und unzählige Frauen vergewaltigt. Man spricht von
mehr als 1.000 ermordeten Arbeitern allein im Ruhrgebiet.

Es waren die Truppen des frisch
gegründeten demokratischen Staates, die gegen die Arbeiterklasse geschickt
wurden.

Und während die Schergen der
Putschisten es nicht geschafft hatten, die Arbeiter zu Boden zu werfen, sollten
dies die Henker der Demokratie bewerkstelligen.

Seit dem 1. Weltkrieg sind alle bürgerlichen Parteien reaktionär und
Todfeinde der Arbeiterklasse

In der dekadenten Phase des
Kapitalismus hat die Arbeiterklasse seitdem diese Erkenntnis immer wieder
gewinnen müssen: Es gibt keine Fraktion der herrschenden Klasse, die weniger
reaktionär oder der Arbeiterklasse gegenüber weniger feindselig eingestellt
ist. Im Gegenteil: Die linken Kräfte, wie die SPD es wieder einmal unter Beweis
stellen sollte, sind nur noch hinterlistiger und heimtückischer in ihren
Angriffen gegen die Arbeiter.

Im dekadenten Kapitalismus gibt es
keine Fraktion der Bourgeoisie, die noch irgendwie fortschrittlich und
unterstützungswert wäre. Deshalb sollten die Illusionen über die
Sozialdemokratie in Wirklichkeit mit dem Blut der Arbeiterklasse bezahlt
werden. Bei der Niederschlagung der Bewegung gegen den Kapp-Putsch zeigte die
SPD erneut ihre ganze heimtückische List, wie sie im Dienste des Kapitals
handelt.

Einmal trat sie als ”radikaler
Vertreter der Arbeiter” auf. Nicht nur schaffte sie es, die Arbeiter zu
täuschen, sondern auch die Arbeiterparteien ließen sich durch die SPD Sand in
die Augen streuen. Denn während die KPD laut und deutlich vor der SPD auf
Reichsebene warnte, vorbehaltlos den bürgerlichen Charakter ihrer Politik
aufzeigte, wurde sie vor Ort selber Opfer der Heimtücke der SPD. Denn in den
verschiedenen Städten unterzeichnete die KPD mit der SPD Aufrufe zum Generalstreik:

In Frankfurt z.B. riefen SPD, USPD
und KPD dazu auf: ”Nun gilt es den Kampf
aufzunehmen, nicht zum Schutze der bürgerlichen Republik, sondern zur
Aufrichtung der Macht des Proletariats. Verlaßt sofort die Betriebe und die
Büros!”

In Wuppertal beschlossen die
Bezirksleitungen von SPD, USPD und KPD den Aufruf: ”Der einheitliche Kampf muss geführt werden mit dem Ziel:

1. Erringung der politischen Macht durch die Diktatur des Proletariats,
bis zur Festigung des Sozialismus auf der Grundlage des reinen Rätesystems.

2. Sofortige Sozialisierung der dazu reifen Wirtschaftsbetriebe.

Dieses Ziel zu erreichen, rufen die unterzeichneten Parteien (USPD, KPD,
SPD) dazu auf, am Montag, den 15. März, geschlossen in den Generalstreik zu
treten ...”

Die Tatsache, dass KPD und USPD
die wahre Rolle der SPD hier nicht entblößten, sondern der Illusion einer
möglichen Einheitsfront mit dieser Partei Vorschub leisteten, die die
Arbeiterklasse verraten hatte und der soviel Blut an den Fingern wegen der von
ihr organisierten Repression gegen die Arbeiter klebte, sollte für die
Arbeiterklasse verheerende Auswirkungen haben.

Die SPD wiederum zog in
Wirklichkeit alle Fäden der Repression gegen die Arbeiter. Sie sorgte sofort
nach Rückzug der Putschisten mit Ebert an der Regierungsspitze dafür, dass die
Reichswehr einen neuen Chef – von Seeckt – bekam, der sich als ausgekochter
Militär einen Ruf als Henker der Arbeiterklasse verdient hatte. Mit
grenzenloser Demagogie stachelte das Militär den Hass gegen die Arbeiter an: ”Während der Putschismus von rechts
zerschlagen abtreten muss, erhebt der Putschismus von links aufs neue das Haupt
(..). wir führen die Waffen gegen jeden Putsch.”
So wurden die Arbeiter,
die gegen die Putschisten gekämpft hatten, als die eigentlichen Putschisten beschimpft.
”Lasst euch nicht irremachen durch
bolschewistische und spartakistische Lügen. Bleibt einig und stark. Macht Front
gegen den alles vernichtenden Bolschewismus. Im Namen der Reichsregierung: von
Seeckt und Schiffer.”

Das wirkliche Blutbad gegen die
Arbeiter übte die Reichswehr aus, die von der SPD dirigiert wurde. Es rückte
die ‘demokratische Armee’, die Reichswehr gegen die Arbeiter vor, die Kappisten
hatten längst die Flucht ergriffen!

Die Schwäche der Revolutionäre – für die Arbeiterklasse fatal

Während die Arbeiterklasse sich
mit großem Heldenmut dem Angriff der Militärs entgegenwarf und nach einer
weiteren Orientierung für ihre Kämpfe suchte, hinkten die Revolutionäre selbst
der Bewegung hinterher. So wurde das Fehlen einer starken Kommunistischen
Partei zu einer der entscheidenden Ursachen des erneuten Rückschlags, den die
proletarische Revolution in Deutschland erleiden sollte.

Wie wir in früheren Artikeln
aufgezeigt haben, war die KPD durch den Ausschluss ihrer Opposition auf dem
Heidelberger Parteitag im Oktober 1919 entscheidend geschwächt worden, und im
März 1920 gab es in Berlin gerademal einige Hundert Mitglieder, die Mehrzahl
der Mitglieder war ausgeschlossen worden.

Zudem lastete über der Partei das
Trauma der verheerenden Fehler der Revolutionäre aus der blutigen Januarwoche
1919, als die KPD nicht geschlossen die Falle, die die Bourgeoisie für die
Arbeiter aufgestellt hatte, aufdecken und die Arbeiter nicht daran hindern
konnte, in diese zu laufen.

So schätzte die KPD jetzt am 13. März
das Kräfteverhältnis falsch ein, denn sie meinte, es sei zu früh zum
Zurückschlagen. Fest stand, dass die Arbeiterklasse gegenüber einer Offensive
der Bourgeoisie nicht die Wahl des Zeitpunktes hatte, und die
Abwehrbereitschaft der Arbeiter war groß. In dieser Lage war die Orientierung
der Partei vollkommen richtig: ”Sofortiger
Zusammentritt in allen Betrieben zur Neuwahl von Arbeiterräten. Sofortiger
Zusammentritt der Räte zu Vollversammlungen, die die Leitung des Kampfes zu
übernehmen und die über die nächsten Maßnahmen zu beschließen haben. Sofortiger
Zusammentritt der Räte zu einem Zentralkongreß der Räte. Innerhalb der Räte
werden die Kommunisten kämpfen: für die Diktatur des Proletariats, für die
Räterepublik ...”
(15. März 1920).

Aber nachdem die SPD nach dem 20.
März die Zügel der Regierungsgeschäfte wieder in die Hand genommen hatte,
erklärte die KPD-Zentrale am 21. März 1920:

”Für die weitere Eroberung der proletarischen Massen für den Kommunismus
ist ein Zustand, wo die politische Freiheit unbegrenzt ausgenützt werden, wo
die bürgerliche Demokratie nicht als die Diktatur des Kapitals auftreten
könnte, von der größten Wichtigkeit für die Entwicklung in der Richtung zur
proletarischen Diktatur.

Die KPD sieht in der Bildung einer sozialistischen Regierung unter
Ausschluß von bürgerlich-kapitalistischen Parteien einen erwünschten Zustand
für die Selbstbetätigung der proletarischen Massen und ihr Heranreifen für die
Ausübung der proletarischen Diktatur.

Sie wird gegenüber der Regierung eine loyale Opposition treiben, solange
diese Regierung die Garantien für die politische Betätigung der Arbeiterschaft
gewährt, solange sie die bürgerliche Konterrevolution mit allen ihr zu Gebot
stehenden Mitteln bekämpft und die soziale und organisatorische Kräftigung der
Arbeiterschaft nicht hemmen wird”
(21. März 1920, Zentrale der
KPD).

Wenn die KPD der SPD gegenüber
eine ‘loyale Opposition’ versprach, was erwartete sie von dieser? War es nicht
die gleiche SPD gewesen, die während des Krieges und seit Beginn der
revolutionären Welle alles unternommen hatte, um die Arbeiter zu täuschen, sie
an den Staat zu binden und immer wieder kaltblütig die Repression organisiert
hatte!

Indem die KPD-Zentrale diese
Haltung einnahm, ließ sie sich auf das gefährlichste durch die Manöver der SPD
täuschen.

Wenn die Avantgarde der
Revolutionäre sich schon so irreführen ließen, war es nicht verwunderlich, dass
unter den Massen der Arbeiter die Illusionen über die SPD noch größer waren!

Diese Politik der Einheitsfront
‘von unten’, die im März 1920 von der KPD-Zentrale schon praktiziert wurde,
sollte dann von der Komintern Zug um Zug übernommen werden. Die KPD hatte damit
einen tragischen Anfang gesetzt.

Für die aus der KPD im Oktober
1919 ausgeschlossenen Genossen sollten die Fehler der KPD-Zentrale dann der
Anlass sein, nur kurze Zeit später, Anfang April 1920, in Berlin die KAPD zu
gründen.

Wieder einmal hatte die
Arbeiterklasse in Deutschland heldenhaft gegen das Kapital gekämpft. Während
international die Kampfeswelle schon stärker abgeklungen war, hatte sich die
Arbeiterklasse in Deutschland ein weiteres Mal den Angriffen des Kapitals
entschlossen entgegengeworfen. Aber erneut musste die Arbeiterklasse ohne eine
wirklich schlagkräftige Organisation an ihrer Seite auskommen.

Das Zögern und die politischen
Fehler der Revolutionäre in Deutschland verdeutlichen, wie schwerwiegend die
Unklarheit und das Versagen einer revolutionären Organisation ins Gewicht
fällt.

Diese von der Bourgeoisie
angezettelte Provokation nach dem Kapp-Putsch endete leider in einer neuen und
schwerwiegenden Niederlage der Arbeiterklasse in Deutschland. Trotz des
heldenhaften Mutes und der Entschlossenheit, mit der sich die Arbeiter in den
Kampf stürzten, mussten die Arbeiter erneut ihre weiterhin bestehenden
Illusionen über die SPD und die bürgerliche Demokratie teuer bezahlen. Durch
die chronische Schwäche ihrer revolutionären Organisation politisch
gehandikapt, durch die Politik und das heimtückische Vorgehen der
Sozialdemokratie getäuscht, erlitten sie eine Niederlage und wurden schließlich
nicht den Kugeln der rechtsextremen Putschisten ausgeliefert, sondern der sehr
demokratischen Reichswehr, die unter dem Befehl der SPD-geführten Regierung
stand.

Aber diese neue Niederlage des
Proletariats in Deutschland war vor allem ein Schlag gegen die weltweite
revolutionäre Welle, wodurch Sowjetrussland noch weiter in die Isolation
geriet.

Dv


[i]

Die Frage
ist bis heute ungeklärt, ob es sich nicht um eine gezielte Provokation
gehandelt hat, wo es eine Absprache zwischen den Militärs und Regierung gab.
Man kann keinesfalls als ausgeschlossen betrachten, dass die herrschende Klasse
einen Plan hatte, um die Putschisten als provozierenden Faktor einzusetzen nach
dem Konzept: die ‘Rechten’ locken die Arbeiter in die Falle, die
‘demokratische’ Diktatur schlägt dann zu!

[ii]

In Mitteldeutschland trat zum
ersten Mal Max Hoelz in Erscheinung, der durch die Organisierung von
bewaffneten Kampfverbänden der Arbeiter Polizei und Militär viele Gefechte
lieferte, bei seinen Aktionen in Geschäften Waren beschlagnahmte und sie an
Arbeitslose verteilte. Wir werden in einem späteren Artikel erneut auf ihn
zurückkommen.

Theorie und Praxis: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: