`Flurbereinigung` oder Zuspitzung der Krise?
Kann man die jetzige Beschleunigung der Krise als nur eine „Flurbereinigung“, eine „Wertberichtigung“ ansehen oder was kündigt sie an? Während der vergangenen 25 Jahre kam es zu mehreren großen Finanzbeben: 1982: Schuldenkrise in Mexiko und Lateinamerika1987: New Yorker Börse 1992/93: Krise des Europäischen Währungssystems1994/95: Neue Mexikokrise1997/98: Asienkrise1998: Russlandkrise1998/99: Brasilienkrise2000/01 Türkeikrise2001-: Argentinienkrise2002: neue BrasilienkriseEnde der 1990er Jahre platzte die Blase der New Economy. Nach allen vorherigen Erschütterungen ist es offensichtlich, dass die jüngste Krise eine neue gravierende Stufe darstellt, welches dieses Mal die größte Wirtschaftsmacht der Erde, die USA voll trifft. Während die Finanzkrisen früher meist auf einige wenige Länder oder Bereiche begrenzt werden konnten, wird jetzt neben den USA auch Europa erfasst. Diese Krise ist also geographisch viel breiter und schwererwiegend. Allein deshalb können wir schon von einem qualitativ neuen Schritt reden. Dieser wird aber auch daran ersichtlich, dass im Gegensatz zu früher, als die Erschütterungen meist nur einige Wochen, vielleicht Monate dauerten, dieses Beben noch länger anhalten wird und das Ende noch nicht absehbar ist. Zuvor ließen sich durch Rettungspakete hier oder da die gebrochenen Dämme wieder reparieren, dagegen sieht die Situation jetzt viel gefährlicher aus, denn, auch nachdem sehr viele staatliche Maßnahmen ergriffen wurden, haben diese den Abwärtstrend nicht aufhalten können. Es gibt die Gefahr des Kontrollverlustes, nicht nur weil die Zentren des Finanzkapitals in den USA und Europa in den Sog geraten sind, sondern auch aufgrund des Umfangs der aufgestauten Widersprüche, wo sich nun ein viel explosiveres Gemisch zusammengebraut hat als bei früheren Erschütterungen. In den letzten Jahren hat sich im Finanzbereich ein krebsartiges Geschwulst entwickelt, das völlig undurchsichtig und absolut unübersichtlich geworden ist. „Bis 1970 hatten 80% des Finanztransfers etwas mit dem Handel von Waren oder Dienstleistungen zu tun. Mitte der 1970er Jahre war das Verhältnis schon umgekehrt, nur 20% der Finanztransfers bezogen sich auf Warenproduktion oder Warenzirkulation. Ende der 1990er Jahre war dieser Prozentsatz auf nahezu 1% geschrumpft. In der Zeit von 1985-2000 stieg die US-Warenproduktion lediglich 50%, aber die Menge des in Umlauf befindlichen Geldes stieg um das Dreifache. Die Geldmenge ist sechsmal schneller gewachsen als die Produktionszunahme. 1997 – vor dem damaligen Aktienverfall – umfassten die globalen Finanztransfers 600 Billionen $, aber die Güterproduktion machte nur 1% aus“ (Financial Reckoning Day, Wiggin/Bonner, The soft depression of the 21st century, www.dailyreckoning.com). So sind eigentlich nur auf Papier bestehende Finanzimperien entstanden, in deren Mitte Hedge Funds, Equity Funds stehen. Sie haben zum Entstehen einer riesigen Spekulationsblase beigetragen, die jetzt dabei ist, ihre Luft abzulassen. Banken haben sich in Projekte gestürzt, deren Finanzierung völlig ungewiss und total risikobehaftet ist. Das deutlichste Beispiel ist die Vorgehensweise am US-Immobilienmarkt: Auf der verzweifelten Suche nach Absatzmärkten für Immobilien lockten US-Hypothekenbanken unzählige Käufer, die eigentlich über gar kein ausreichendes Einkommen zur Finanzierung von Immobilien verfügen. So sind vielen Geringverdienern Kaufverträge für Immobilien aufgeschwätzt worden, die eine Anfangszinsbelastung von beispielsweise 300 $ im Monat ausmachten. Nach 1-2 Jahren verdoppelt oder verdreifacht sich diese jedoch, um somit zum Beispiel auf 900$ pro Monat zu klettern. Konsequenz: Millionen Immobilienerwerber können die Raten nicht mehr bezahlen. Hier liegt ein Schlüssel für die Erklärung des großen Baubooms in den USA während der letzten Jahre – ein auf Pump, auf ‚faulen Krediten’ (subprime =’minderwertig’) basierendes Wachstum, das jetzt zusammengebrochen ist. Die Käufer können nicht nur ihre Zinsen nicht mehr zahlen, sie müssen ihre Immobilien verkaufen, der Wert des Hauses sinkt. Durch die Zwangsversteigerungen sind sie dann zwar ihr Haus oder ihre Wohnung los, nicht jedoch ihre Schulden. Zudem sind die Realeinkommen der Beschäftigten gesunken, was ihre Zahlungsfähigkeit drastisch untergräbt. Diese Tatsache des Reallohnverlustes der arbeitenden Bevölkerung, welche lange Zeit von den Herrschenden bestritten wurde, muss jetzt in Anbetracht der Zahlungsunfähigkeit dieser Kreditnehmer auch von der Obrigkeit eingestanden werden.Nachdem nun für zahlreiche Immobilienbesitzer damit Obdachlosigkeit zu einer realen Bedrohung wird, schliddern die Banken selbst in große Liquiditätsnöte. Denn die angeblichen Garantien der Banken werden pulversiert. Während jeder kleine Kreditnehmer in Deutschland durch die Schufa durchleuchtet wird, bevor ihm auch nur ein geringfügiger Kredit eingeräumt wird, sieht es bei den Banken offensichtlich anders aus. Eine Unmenge von Banken hat sich ganz waghalsig an diesen Geschäften mit faulen Krediten beteiligt, versucht diese aber zu verbergen. Eine Bank nach der anderen muss eingestehen doch mehr verwickelt zu sein als bisher zugegeben. Ob Citibank, Merrill Lynch, Hypo-Estate, IKB, Sächsische Landesbank usw. – die Bankenwelt sitzt auf „faulen Krediten“. Konsequenz: keine Bank traut der anderen mehr. Sie weigern sich, anderen Banken neue Kredite zu gewähren; ein riesiger Liquiditätsnotstand hat sich breit gemacht. Die EZB sah sich gezwungen, um Kettenreaktionen auszuschließen, zur Jahreswende 2007/08 den Kapitalmarkt mit einem Betrag von 350 Mrd. Euro zu versorgen. Das ist die größte Geldspritze in der Geschichte der EZB. Theoretisch soll dieses Geld wieder an den Kreditgeber EZB zurückfließen, aber in der Praxis werden solche Kredite immer wieder refinanziert, so dass das Geld in Umlauf bleibt. Wenn ein Banker dem anderen nicht mehr traut, weil jeder dem anderen etwas vorlügt und das wahre Ausmaß der jeweiligen „Abschreibungen“ verschweigt, ruft diese eine tiefe Krise, ja die Gefahr der Lähmung hervor.