Bilan Nr. 11 vom Oktober/November 1934
Krisen und Zyklen in der Wirtschaft des niedergehenden Kapitalismus II
Vorstellung
Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil einer Studie, die in der Zeitschrift "Bilan" 1934 erschienen ist. Wir haben in der letzten Nummer der Internationalen Revue den ersten Teil publiziert, in dem Mitchell die Grundlagen der marxistischen Analyse des Profits und der Kapitalakkumulation in der Kontinuität von Marx und Rosa Luxemburg untersucht. In diesem zweiten Teil wendet er sich der "Analyse der allgemeinen Krise des dekadenten Imperialismus" zu und erklärt mit einer bemerkenswerten Klarheit die Merkmale dieser allgemeinen Krise des Imperialismus. Diese Studie errichtete damals die theoretische Grundlage für das Verständnis der unausweichlichen Tendenz zum Krieg in der historischen Krise des Kapitalismus. Sie bleibt von brennendem Interesse, da sie einen theoretischen Rahmen gibt für das heutige Verständnis der Wirtschaftskrise. IKS
Inhaltsverzeichnis
Die italienische kommunistische Linke; Einleitung
Sie war in Italien in den Jahren vor dem I. Weltkrieg um Amadeo Bordiga, ihrem bekanntesten Führer, entstanden und stand von 1921 bis 1925 an der Spitze der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI). Damals spielte die Strömung um Gramsci nur eine untergeordnete, zweitrangige Rolle. Als rechtem Flügel gestaltete es sich ihm trotz der Unterstützung durch die Komintern als schwierig, die linke Führung, die von der Mehrheit der PCI-Mitglieder unterstützt wurde, beiseite zu drängen. Doch nach dem Kongress von Lyon 1926 wurde die alte „bordigistische“ Mehrheit langsam aus der Partei gedrängt. Kurz darauf wurde ihr prominentestes Mitglied, Bordiga, ins Gefängnis geworfen. Nach seiner Haftentlassung zog er sich aus allen militanten Aktivitäten zurück und widmete sich seinem Beruf als Ingenieur und Architekt. Erst 1944 brach er sein Schweigen wieder.
So setzten die italienischen Linkskommunisten ihre Aktivitäten ohne Bordiga und außerhalb Italiens fort, wo die „faschistischen“ Gesetze jede organisierte politische Aktivität unmöglich gemacht hatten. 1927 wurden sie linke Fraktion der PCI, 1935 schließlich Fraktion der Kommunistischen Linken. In der ganzen Zeit ihrer Existenz, von ihrer Gründung in Pantin 1927 bis zu ihrer Auflösung 1945, machte sie sich das Erbe der Partei, als Bordiga noch die Führung innegehabt hatte, zu eigen und entwickelte es weiter.
Kapitel 1: Die Ursprünge (1912 – 1926)
Alle Linken in den sozialdemokratischen Parteien entstammten der II. Internationale. Mit der reformistischen Strömung konfrontiert, die vor allem von Bernstein, Jaurès, Turati und Renner repräsentiert wurde, entstand die marxistische Strömung erst sehr spät. Zudem war sie mehr eine Tendenz linker Oppositioneller als eine wirklich international organisierte Fraktion innerhalb der Internationale. Zu Beginn des Jahrhunderts war die revolutionäre Strömung auf nationaler Ebene organisiert: zunächst 1903 in Russland und Bulgarien durch die Bolschewiki und „Tesniki", dann 1909 in den Niederlanden in Gestalt der neuen Partei Gorters und Pannekoeks. In der deutschen SPD, der viel beachteten und geachteten Führungspartei innerhalb der Internationale, waren die Linksradikalen um Rosa Luxemburg trotz der Gründung ihrer eigenen Partei in Polen, der SDKPIL, nicht als Fraktion organisiert. Obwohl die linken Strömungen schon lange die „opportunistische Gefahr" angeprangert hatten, begannen sie sich erst während des Weltkrieges international zu organisieren.
Kapitel 2: 1927 – 1933 Italienische Linke oder Deutsche Linke?
Die Italienische Linke verhielt sich in den 20er Jahren gegenüber der Existenz anderer Linkskommunisten innerhalb der Internationale nicht gleichgültig. Sie verstand sich als Bestandteil der Internationale; sie setzte sich mit den Thesen, die von der KAPD und ihren Theoretikern Gorter und Pannekoek vertreten wurden, auseinander und veröffentlichte die grundsätzlichen Texte der Strömung der Deutschen Linken in "Il Soviet". Selbstverständlich gab es auch eine gewisse Annäherung zwischen beiden Strömungen angesichts der Angriffe der Kommunistischen Internationale (KI) gegen den "Extremismus", den Lenin als "Kinderkrankheit" bezeichnet hatte. Sie stimmten vollauf überein in der Frage des "Abstentionismus" (Wahlverweigerung), in der Ablehnung der Einheitsfront mit der Sozialdemokratie (eine Taktik, die auf dem III. Kongress der KI verabschiedet worden war) und der Ablehnung einer Vereinigung mit den deutschen "Unabhängigen" und den italienischen "Maximalisten".
Kapitel 3: Die Geburt der Linken Fraktionen der KPI (1927 - 1933)
Die Spaltung im Juli 1927, bei der sich die Minderheit an den Positionen der Deutschen Linken orientierte, führte zum eigentlichen Entstehen der linken Fraktion der KPI. Sie hatte nun kein Organ mehr, um darin ihre Positionen zu entwickeln und existierte von nun an auch nicht mehr als offizielle Organisation. Aus der KPI ausgeschlossen, gingen ihre Mitglieder ins Exil nach Frankreich, Belgien, Luxemburg, in die Schweiz, selbst nach Russland und in die USA. Da sie nach den Ausnahmegesetzen, die 1926 von Mussolini eingeführt worden waren, nicht mehr in der Lage waren, in Italien aktiv zu sein, hatten sie sich bis in die entlegensten Länder zerstreut. Diese heikle Situation konnte den Willen der Fraktion jedoch nicht brechen. Da sie sich als Teil eines einheitlichen internationalen Körpers, der Internationalen der Arbeiter, fühlte, erlag sie der demoralisierenden Wirkung des Exils nicht. Im Gegenteil, sie holte neue Reichtümer aus dem politischen Leben jener Länder heraus, in denen sie sich wiederfand. Obwohl die Fraktion die Situation in Italien stets aufmerksam verfolgte, beteiligte sie sich selbstverständlich auch an den politischen Auseinandersetzungen, die sich zurzeit des Ausschlusses Trotzkis aus der Internationale und der Entstehung von Oppositionsgruppen in der Komintern zu entwickeln begannen. Die Linke nahm erhobenen Hauptes die Bedingungen der „Emigration" an; dies kam auch in einer Intervention Bordigas auf der VI. Erweiterten Exekutive der Komintern 1926 zum Ausdruck, als er die Italiener mit dem auserwählten Volk der Juden verglich:
„Auf eine gewisse Weise spielen wir eine internationale Rolle, weil das italienische Volk ein Volk von Emigranten ist, in der ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung des Wortes und seit der Ankunft des Faschismus auch im politischen Sinne (...) es ist fast so wie mit den Hebräern: Wenn wir in Italien geschlagen sind, so können wir uns wenigstens mit dem Gedanken trösten, dass auch die Hebräer nicht in Palästina stark waren, sondern außerhalb Palästinas."
Kapitel 4: Weshalb BILAN? Abstecken einer Niederlage, Voraussetzung des Sieges - Das Gewicht der Konterrevolution
In der letzten Nummer des "Bulletin d'information de la fraction de gauche italienne" (Februar 1933) schrieb Vercesi: ".... der Sieg des Faschismus in Deutschland markiert den Bruch mit dem revolutionären Kurs, der 1917 eingeschlagen worden war und im Sieg des internationalen Proletariates hätte enden können. Dieser Sieg markiert aber auch die Wende zum kapitalistischen Ausgang der aktuellen Situation: zum Krieg."
Im November 1933 erschien die erste Ausgabe des "theoretischen Organs der linken Fraktion der KPI" : "Bilan". Da es in der Italienischen Fraktion keine Franzosen gab, war Gaston Davouste (Chazé) von der Union Communiste offizieller Herausgeber, der seinen Namen zur Verfügung stellte, um der Zeitung ein legales Erscheinen zu ermöglichen. “Bilan” wurde in Brüssel in französischer Sprache gedruckt. Auf dem Titelblatt konnte man lesen: "Lenin 1917 - Noske 1919 - Hitler 1933". Bis zu ihrem Verschwinden im Februar 1938 wurden 46 Nummern der monatlich erscheinenden Zeitschrift herausgegeben. “Bilan” übernahm die Nachfolge des "Bulletin d'information", auf dessen Cover die Losung stand: "Die Zukunft gehört dem Kommunismus!".
Kapitel 5: Der Krieg in Spanien – Kein Verrat
Die Periode von 1936 bis 1939 war gekennzeichnet durch die endgültige Durchsetzung der militärischen Vorbereitungen und durch die Ausweitung der Konflikte in Asien und Europa. Mehr noch als der chinesisch-japanische Konflikt sollte der Krieg in Spanien als Testgebiet für die neuesten Waffen dienen – Waffen, die im Weltkrieg zur Anwendung kommen sollten.
Im Gegensatz zum vorangegangenen Zeitraum sollte die Italienische Fraktion die Gefahr unterschätzen. Ein Teil der Organisation gelangte gar zur Überzeugung, dass die Ereignisse in Spanien den Beginn der Weltrevolution markierten. Entgegen diesem Standpunkt nahm die Mehrheit ihrerseits an, dass mit jedem lokalen Konflikt der weltweite Zusammenstoß zwischen Proletariat und Bourgeoisie näher rücken würde.
Kapitel 6: Hin zum Krieg oder zur Revolution? (1937 – 1939)
Im Februar 1938 erschien die erste Nummer von Octobre. Bis August 1939 wurden insgesamt fünf Ausgaben dieser Zeitschrift herausgegeben. Sie war das monatlich erscheinende Organ des Internationalen Büros der linkskommunistischen Fraktionen. Wie Bilan wurde sie in Brüssel gedruckt, wo sich auch die Redaktion befand. Verantwortlich für die Zeitschrift war Albert Boyer aus Paris, da in Folge der Ereignisse in Spanien Gaston Davoust (Chazé) nicht mehr die offizielle Verantwortung für die Organe der internationalen Linkskommunisten ausüben konnte.
Es war beabsichtigt, die internationale Zeitschrift Octobre in drei Sprachen herauszugeben, auf Französisch, Deutsch und Englisch. Die Linkskommunisten kündigten an, dass „bald die englische und deutsche Ausgabe veröffentlicht werde“, und appellierten eindringlich an „die deutschen Genossen“, sie sollten „mit Übersetzungen ins Deutsche dazu beitragen, ihre Schwierigkeiten zu überwinden“.
Das Verschwinden von Bilan und das Erscheinen von Octobre war Zeichen eines tiefgreifenden Orientierungswechsels innerhalb der italienischen und belgischen Fraktion. Das Titelblatt war mit einem Kreis versehen, der den Globus stilisierte und auf dem die Worte „révolution mondiale“ (Weltrevolution) standen. Der Titel Octobre zeigt klar und deutlich, dass die Linkskommunisten sich am Vorabend eines neuen „Roten Oktober“ wähnten.
Die Gründung eines internationalen Büros Ende 1937 war Ausdruck der Hoffnung, die Grundlage einer neuen Internationalen zu bilden. Das Beispiel von Zimmerwald, Ausgangspunkt für die Gründung der III. Internationalen, war in den Köpfen der Genossen noch lebendig. Der Verrat, den seit 1933 sämtliche kommunistischen und trotzkistischen Parteien begangen hatten (womit sie dem Beispiel der Sozialdemokraten von 1914 folgten), zeigte der Italienischen Linken, dass es allein an ihr lag, das Zentrum einer neuen Internationalen zu bilden. Die vergangene Arbeit, die „vor allem in der Kontaktaufnahme mit Einzelpersonen in verschiedenen Ländern bestand, welche eine kämpferische Position gegen den imperialistischen Krieg eingenommen hatten“, musste zu einer „anderen Arbeitsphase werden mit der Perspektive der Bildung von linken Fraktionen“ (Bilan, Nr. 43, „Für ein internationales Büro der linkskommunistischen Fraktionen“).
Die Schaffung eines internationalen Büros, das die beiden Fraktionen miteinander verband, bedeutete zweifellos eine Verstärkung der italienischen Linkskommunisten. Die Bildung eines internationalen Zentrums vor Ausbruch des Krieges (die Zimmerwalder Konferenz, der Grundstein für die III. Internationale, wurde erst während des I. Weltkrieges auf Initiative der Bolschewiki organisiert), trug zur Illusion bei, besser vorbereitet zu sein, als es damals die Bolschewiki waren. Bilan war demnach wegen der „Auflösung aller Gruppen, die am Ende ihre Entwicklung gelangt waren“, von der Bildfläche verschwunden. Das Internationale Büro vertrat die Auffassung, dass die Auflösung der verschiedenen Gruppen es ihm ermögliche, dem Proletariat den Verrat der alten Arbeiterparteien vor Augen zu führen, wodurch sich das Proletariat rechtzeitig von ihnen distanzieren könne, ohne einen neuen „4. August 1914“ zu erleben.
Aber war Bilan tatsächlich am Ende ihrer Entwicklung angelangt? Die Diskussionen zwischen den beiden Fraktionen über die Frage des Staates und der Gewerkschaften, die in den internen Bulletins „Il seme comunista“ und Octobre ausgetragen wurden, zeigten im Gegenteil, dass diese „Bilanz“ noch unvollendet war.