Wir veröffentlichen hier eine Reihe von Dokumenten, die vom 23. Kongress der IKS stammen: Berichte, die diskutiert und ratifiziert wurden (oder Auszüge daraus), und Resolutionen, die angenommen wurden. Dazu gehören auch ein Artikel über die gesamte Arbeit des Kongresses und der Bericht über den Historischen Kurs mit einer kurzen Einführung dazu. Wir fügen dieser Sammlung einen Bericht zur Aktualisierung unserer Analyse über den Zerfall hinzu, der bereits vom 22. IKS-Kongress ratifiziert worden ist und einen Rahmen für einige der Berichte an den 23. Kongress gibt.
Im Frühjahr 2019 hielt die IKS ihren 23. Internationalen Kongress ab. In diesem Artikel wollen wir über unsere Arbeit berichten.
Punkt 4 des Berichts über die Struktur und die Funktionsweise der revolutionären Organisation definiert den Internationalen Kongress als „(…) Ort, wo die Einheit der Organisation in ihrem ganzen Ausmaß zum Ausdruck kommt. Auf dem Internationalen Kongreß wird das Programm der IKS definiert, bereichert und korrigiert; dort werden auch die Organisationsformen und Funktionsweisen festgelegt, verändert oder präzisiert; die Analysen und Gesamtausrichtungen angenommen; eine Bilanz der vergangenen Aktivitäten gezogen und Arbeitsperspektiven für die Zukunft verabschiedet.“[1]
Im Mittelpunkt dieses Kongresses stand unsere Kontinuität mit der Kommunistischen Internationale, deren hundertjähriges Gründungsjubiläum im vergangenen Jahr stattfand. Historische Kontinuität und Transmission sind ein grundlegendes Anliegen der revolutionären Organisation. Auf dieser Grundlage wurde in der vom Kongress verabschiedeten Aktivitätenresolution daran erinnert, dass „die Kommunistische Internationale vor hundert Jahren im März 1919 mit der Absicht gegründet wurde, die ‚Partei des revolutionären Aufstandes des Weltproletariats‘ zu sein. Heute, unter anderen Umständen, aber unter Bedingungen, die immer noch durch die historische Epoche der Dekadenz des Kapitalismus bestimmt sind, bleibt das von der Kommunistischen Internationale gesteckte Ziel, die Schaffung der weltpolitischen Partei der revolutionären Arbeiterklasse, das Ziel der fraktionsähnlichen Arbeit der IKS.“
Die Resolution besteht auf der Tatsache, dass „die Kommunistische Internationale nicht aus heiterem Himmel geschaffen wurde, ihre Gründung hing von den vorangegangenen Jahrzehnten der fraktionsähnlichen Arbeit der marxistischen Linken in der Zweiten Internationale ab, insbesondere von der bolschewistischen Partei“[2]. Das bedeutet für die heutigen Revolutionäre, dass „so wie die Komintern nicht ohne die Vorarbeit der marxistischen Linken hätte geschaffen werden können, so wird die zukünftige Internationale nicht ohne eine internationale zentralisierte fraktionähnliche Tätigkeit der organisatorischen Erben der Kommunistischen Linken zustande kommen“.
Wir haben daran erinnert, dass „die Kommunistische Internationale unter den schwierigsten Umständen gegründet wurde, die man sich vorstellen kann: Sie folgte auf vier Jahre massenhaften Gemetzels und Verelendung des Weltproletariats; die revolutionäre Bastion in Russland war einer totalen Blockade und militärischen Interventionen durch die imperialistischen Mächte unterworfen; der Spartakisten-Aufstand in Deutschland war im Blut ertränkt worden, und zwei der Schlüsselfiguren der neuen Internationale, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wurden kurz vor ihrer Gründung ermordet“. Die Resolution unterstreicht, dass trotz der Unterschiede zur Zeit der revolutionären Reaktion auf den Ersten Weltkrieg und der darauf folgenden Konterrevolution“die IKS immer schwierigeren Bedingungen gegenübersteht, da der dekadente Kapitalismus in seiner Phase des Zerfalls immer mehr in eine barbarische Spirale aus Wirtschaftskrise und imperialistischem Konflikt versinkt. Um ihre historischen Aufgaben zu erfüllen, muss die IKS Kraft und Kampfgeist aus den Krisen schöpfen, denen sie ausgesetzt sein wird, so wie es die marxistische Linke von 1919 tat.“
Uns in eine Linie der Kontinuität mit den Bemühungen der Kommunistischen Internationale stellend, sah der Kongress sein Ziel darin, unsere Arbeit ähnlich wie die einer Fraktion zu entwickeln und zu konkretisieren. Der Begriff der Fraktion war in der Geschichte der Arbeiterbewegung immer von entscheidender Bedeutung. Wie die Arbeiterklasse als Ganzes sind ihre politischen Organisationen dem Druck fremder Ideologien ausgesetzt, sowohl der bürgerlichen als auch der kleinbürgerlichen. Dies führt insbesondere zur Krankheit des Opportunismus.[3] Um gegen diese Krankheit zu kämpfen, erzeugt das Proletariat linke Fraktionen innerhalb seiner Organisationen: „Es war immer die Linke, die für die Kontinuität zwischen den drei wichtigsten internationalen politischen Organisationen des Proletariats sorgte. Es war die Linke, die durch die marxistische Strömung die Kontinuität zwischen der Ersten und Zweiten Internationale gegen die proudhonistischen, bakuninistischen, blanquistischen und korporatistischen Strömungen gewährleistete. Es war die Linke – die zuerst die reformistischen Tendenzen bekämpfte und dann die „Sozialpatrioten“ –, die während des Krieges die Kontinuität zwischen der Zweiten und Dritten sicherstellte. Und es war wiederum die Linke, und insbesondere die Italienische und Deutsch-Holländische Linke, welche die revolutionären Errungenschaften der Dritten Internationale, die von der sozialdemokratischen und stalinistischen Konterrevolution unterworfen wurde, aufgriff und weiterentwickelte.“[4]
Wenn sein Kampf siegreich sein soll, braucht das Proletariat eine Kontinuität in seinem Klassenbewusstsein. Andernfalls ist es dazu verdammt, Spielball der Pläne seines Feindes zu sein. Die linken Fraktionen waren immer die engagiertesten und entschlossensten bei der Verteidigung dieser Kontinuität des Klassenbewusstseins, seiner Entwicklung und Bereicherung.
Gruppen wie die Internationalistische Kommunistische Tendenz (IKT) erheben folgenden Einwand: „Fraktion von was? Lange Zeit gab es innerhalb des Proletariats keine kommunistischen Parteien.“[5] Und es stimmt, dass die Kommunistischen Parteien in den 1930er Jahren endgültig zur Bourgeoisie überliefen. Wir sind keine Fraktionen, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht eine ähnliche Arbeit wie eine Fraktion leisten müssten.[6] Ein Werk, das sich zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügt:
Der Kongress vertiefte unser Verständnis der fraktionsähnlichen Arbeit auf der Ebene unserer Presse, unserer Intervention, der theoretischen Methode, der Ausarbeitung der marxistischen Methode und der Verteidigung der Organisation. Es gibt eine ganze Arbeit, die mit dem Bau einer Brücke zur zukünftigen Partei verbunden ist und die auf sehr festen theoretischen, programmatischen, analytischen und organisatorischen Grundlagen beruhen muss. Das ist es, was das Proletariat braucht, wenn es einen Weg durch die schrecklichen Erschütterungen des Kapitalismus finden und eine revolutionäre Offensive zum Sturz dieses Systems entwickeln will.
In diesem Rahmen der fraktionsähnlichen Arbeit wurde dem Kongress ein Bericht über die Transmission (d.h. die Weitergabe der Erfahrung) vorgelegt, obwohl wir aus Zeitmangel nicht in der Lage waren, ihn zu diskutieren. Angesichts der Bedeutung der Frage werden wir jedoch die Diskussion in der nächsten Zeit führen. Die Transmission von Erfahrungen ist für das Proletariat lebenswichtig. Viel mehr als alle anderen revolutionären Klassen in der Geschichte braucht es die Lehren aus den Kämpfen seiner vorangegangenen Generationen, um sich deren Errungenschaften anzueignen und seinen Kampf in Richtung seiner revolutionären Ziele voranzutreiben. Die Weitergabe ist für die Kontinuität der revolutionären Organisationen besonders wichtig, weil es eine ganze Reihe von Ansätzen, Praktiken, Traditionen und Erfahrungen gibt, die zum Proletariat gehören und den fruchtbaren Boden bilden, auf dem die proletarisch-politische Organisation ihre Arbeitsweise entfaltet und ihre Lebendigkeit bewahrt. Wie es in der vom Kongress verabschiedeten Aktivitätenresolution heißt: „Die IKS muss in der Lage sein, den neuen Genossen die Notwendigkeit zu vermitteln, die Geschichte der revolutionären Bewegung gründlich zu studieren und ein wachsendes Wissen über die verschiedenen Elemente der Erfahrung der Kommunistischen Linken in der Zeit der Konterrevolution zu entwickeln.“
Der Bericht über die Transmission widmet ein zentrales Kapitel dem Verständnis der Bedingungen der Militanz und den historischen Errungenschaften, die sie leiten müssen. Die Bildung bewusster, entschlossener Militanter, die fähig sind, den härtesten Prüfungen standzuhalten, ist eine sehr schwierige Aufgabe, aber sie ist für die Bildung der zukünftigen Partei der proletarischen Revolution unerlässlich.
In den 1980er Jahren begann die IKS zu verstehen, dass die Gesellschaft weltweit in eine historische Sackgasse geraten war. Einerseits hatte der Kapitalismus angesichts des Widerstands des Proletariats der zentralen Länder gegen eine massive militärische Mobilisierung keine freie Hand, um sich auf das organische Ergebnis seiner historischen Krise – den allgemeinen imperialistischen Weltkrieg – zuzubewegen. Andererseits war das Proletariat trotz der Fortschritte in seinen Kämpfen zwischen 1983 und 1987 nicht in der Lage, seine eigene Perspektive hin zur proletarischen Revolution zu eröffnen. Da keine der beiden Klassen in der Lage war, ihre jeweilige Perspektive durchzusetzen, begann die Gesellschaft auf der Stelle zu treten, sie trat in einen Fäulnisprozess ein, ein wachsendes Chaos, die Ausbreitung zentrifugaler Tendenzen, jeder kämpft für sich selbst. Eine spektakuläre Erscheinung dieser Dynamik war der Zusammenbruch des Ostblocks.
Die IKS musste sich einer Herausforderung für die marxistische Theorie stellen. Einerseits haben wir im September 1989 die Thesen über die ökonomische und politische Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern[7] vorgelegt, in denen wir zwei Monate vor dem Fall der Berliner Mauer den brutalen Untergang der UdSSR ankündigten. Andererseits waren wir gezwungen, die neue Situation gründlich zu verstehen, indem wir 1990 die Thesen über den Zerfall ausarbeiteten, deren Grundgedanke folgender war: „(...) den allgemeinen Zerfall herauszustellen, in den dieses System gegenwärtig versinkt und der sich noch verschlimmern wird. Neben dem streng quantitativen Aspekt erreicht das Phänomen des gesellschaftlichen Zerfalls heute solch ein Ausmaß und solch eine Tiefe, daß eine neue und einzigartige Qualität erlangt wird, die den Eintritt des Kapitalismus in eine besondere Phase, in die ultimative Phase seiner Geschichte manifestiert, eine Phase, in welcher der Zerfall ein, wenn nicht gar der entscheidende Entwicklungsfaktor der Gesellschaft sein wird.“[8]
Der 23. Kongress hat die beträchtliche Verschärfung des Zerfallsprozesses, von dem insbesondere die zentralen Länder betroffen sind, sorgfältig untersucht. Wir haben spektakuläre Beispiele dafür gesehen – unter anderem den Brexit in Großbritannien, den Sieg von Trump oder die Regierung Salvini in Italien.
All diese Punkte wurden in den Berichten und Beschlüssen des Kongresses, die wir veröffentlicht haben[9], weitgehend aufgegriffen, und wir laden unsere Leser und Leserinnen dazu ein, diese Dokumente aufmerksam und kritisch zu studieren. Mit diesen Dokumenten versuchen wir, auf die wichtigsten Tendenzen der gegenwärtigen Situation zu reagieren.
Der Zerfall, der sich unserer Ansicht nach weltweit ausbreitet und immer mehr alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens beherrscht, ist ein in der Geschichte der Menschheit beispielloses Phänomen. Im Kommunistischen Manifest von 1848 wurde eine solche Möglichkeit in Betracht gezogen: „Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“ Historische Beispiele, die den Zusammenbruch einer ganzen Zivilisation und den „gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“ betrafen, waren jedoch lokal begrenzt und konnten durch die spätere Herrschaft neuer Eroberer leicht überwunden werden. In dem Maße, in dem die Dekadenz der Produktionsweisen vor dem Kapitalismus (Sklaverei, Feudalismus) das mächtige wirtschaftliche Aufkommen der neuen herrschenden Klasse mit sich brachte und diese eine Ausbeuterklasse war, konnten die neuen Produktionsverhältnisse den Zerfall der alten Ordnung begrenzen und sogar für ihre eigenen Interessen von diesem profitieren. Im Gegensatz dazu ist dies im Kapitalismus unmöglich, da „die kommunistische Gesellschaft, die allein dem Kapitalismus folgen kann, sich nicht innerhalb desselben entwickeln kann; es gibt es keine Möglichkeit irgendeiner Regeneration der Gesellschaft, wenn es zuvor nicht einen gewaltsamen Sturz der bürgerlichen Klasse und die Auslöschung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse gegeben hat.“ (Thesen über den Zerfall)
Das Proletariat muss sich den Bedingungen und Auswirkungen dieser neuen historischen Epoche stellen und alle Lehren ziehen, die sich daraus für seinen eigenen Kampf ergeben, insbesondere über die Notwendigkeit, noch energischer als in der Vergangenheit seine politische Klassenautonomie zu verteidigen, da der Zerfall diese in große Gefahr bringt. Der Zerfall begünstigt Teilbereichs-Kämpfe (Feminismus, Ökologie, Antirassismus, Pazifismus, usw.), Kämpfe, die nicht an die Wurzeln der Probleme gehen, sondern nur deren Auswirkungen ansprechen und, schlimmer noch, sich auf bestimmte Aspekte des Kapitalismus konzentrieren, während das System als Ganzes erhalten bleibt. Diese Mobilisierungen verwässern das Proletariat in einer klassenübergreifenden Masse, die sich in eine Reihe falscher „Gemeinschaften“ auf der Grundlage von Rasse, Religion, Affinität usw. zersplittert und auflöst. Die einzige Alternative ist der Kampf des Proletariats gegen die Ausbeutung, denn „der Kampf gegen die ökonomischen Grundlagen des Systems beinhaltet den Kampf gegen die Überbaubereiche der kapitalistischen Gesellschaft, aber im umgekehrten Fall triff das nicht zu“ (Punkt 12 unserer Plattform).
Die revolutionäre Organisation zeichnet sich durch ein kämpferisches Engagement innerhalb der Klasse aus. Dies konkretisiert sich in der Verabschiedung von Resolutionen, in denen die gegenwärtige Situation in einen historischen Rahmen gestellt wird, um Perspektiven aufzuzeigen, die eine Orientierung für den proletarischen Kampf geben können. So hat der Kongress eine spezifische Resolution über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen und eine allgemeinere Resolution zur internationalen Lage verabschiedet.
Der Zerfall hat einen starken Einfluss auf den Kampf des Proletariats. Konfrontiert mit den blendenden Auswirkungen des Sturzes des angeblichen „Sozialismus“ 1989 und der enormen antikommunistischen Kampagne der Bourgeoisie, hat die Arbeiterklasse einen tiefen Rückschlag in ihrem Bewusstsein und in ihrer Kampfbereitschaft erlitten, deren Auswirkungen immer noch andauern – und in den letzten 30 Jahren sogar noch schlimmer geworden sind.[10]
Der Kongress vertiefte den historischen Rahmen für das Verständnis des Klassenkampfes, indem er die Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen seit 1968[11] genau untersuchte. Die Resolution unterstreicht folgendes:
Auf dem Kongress gab es unterschiedliche Einschätzungen über den Klassenkampf und seine Dynamik. Hat das Proletariat auf der Ebene des Bewusstseins Niederlagen erlitten, die seine Fähigkeiten ernsthaft schwächen? Gibt es eine unterirdische Reifung des Bewusstseins, oder erleben wir im Gegenteil eine Vertiefung des Rückgangs der Klassenidentität und des Bewusstseins?
Diese Fragen sind Teil einer laufenden Debatte, wobei Änderungsanträge zur Kongressresolution[13] vorgelegt wurden.
Entsprechend seiner Verantwortung untersuchte der Kongress auch weitere Aspekte, die die Entwicklung der Welt bestimmen:
Der Marxismus ist eine lebendige Theorie. Das bedeutet, dass er in der Lage sein muss, zu erkennen, dass bestimmte Instrumente zur Analyse der historischen Situation nicht mehr genügen. Dies ist der Fall bei dem Begriff des Historischen Kurses, der auf die Periode 1914-89 voll und ganz zutraf, der aber als Mittel zum Verständnis der Dynamik des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen in der gegenwärtigen historischen Periode in gewissen Aspekten die Geltung verloren hat und erweitert werden muss. Dies veranlasste den Kongress, einen Bericht zu dieser Frage zu verabschieden.[15]
Die revolutionäre Organisation ist ein Fremdkörper in der bürgerlichen Gesellschaft. Das Proletariat ist „einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist“ (Marx). Die Arbeiter können nie wirklich ihren Platz in dieser Gesellschaft finden, weil sie als ausgebeutete Klasse, die jeglicher Produktionsmittel beraubt ist, wirtschaftlich immer in einer prekären Situation und der Arbeitslosigkeit ausgeliefert sind, und weil sie politischen „Parias“ („Ausgestoßene“) sind, die ihre Perspektive und ihre Emanzipation nur außerhalb des Kapitalismus finden können. Dies ist nur möglich in einer kommunistischen Gesellschaft, die nicht entstehen kann, bevor der bürgerliche Staat weltweit gestürzt wird. Die Bourgeoisie, ihre Politiker, ihre Ideologen mögen den „arbeitenden Bürger“, die Arbeiter als eine Summe entfremdeter Individuen verächtlich akzeptieren, aber sie verabscheuen und lehnen das Proletariat als Klasse wütend ab. Entsprechend den Eigenschaften ihrer Klasse sind revolutionäre Organisationen, obwohl sie Teil der kapitalistischen Welt sind, gleichzeitig ein Fremdkörper innerhalb dieser Welt, weil ihre eigentliche Existenzberechtigung und ihr Programm auf der Notwendigkeit eines totalen Bruchs mit der Funktionsweise, der Herangehensweise und den Werten der heutigen Gesellschaft beruhen.
In diesem Sinne ist die revolutionäre Organisation ein Gebilde, das von der bürgerlichen Gesellschaft heftigst abgelehnt wird. Nicht nur wegen der historischen Bedrohung, die sie als Vorhut des Proletariats darstellt, sondern weil ihre bloße Existenz die Bourgeoisie ständig daran erinnert, dass sie selbst von der Geschichte verurteilt ist. Eine Bestätigung der dringenden Notwendigkeit, dass die Menschheit den tödlichen Wettbewerb eines „Jeden gegen Alle“ durch die Vereinigung freier und gleichgestellter Individuen ersetzen muss. Es ist diese neue Form der Radikalität, die die Bourgeoisie nicht verstehen kann und die sie mit Angst erfüllt, so dass sie sich ständig gegen die Organisationen und Revolutionäre des Proletariats mobilisieren muss. Wie es das Kommunistische Manifest unterstreicht: „Die kommunistische Revolution ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen; kein Wunder, daß in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird.“
Ein Fremdkörper zu sein bedeutet, dass die revolutionäre Organisation ständig bedroht ist. Dies nicht nur durch Repression und die Versuche, sie von innen heraus durch spezialisierte staatliche Organe oder durch die Aktionen parasitärer Gruppen (dazu später) zu infiltrieren und zu zerstören, sondern auch durch die ständige Gefahr, durch das Eindringen arbeiterfeindlicher Ideologien von ihren Aufgaben und ihrer Funktion abgelenkt zu werden.
Die Organisation kann ohne permanenten Kampf nicht existieren. Der Kampfgeist ist ein wesentliches Merkmal der revolutionären Organisation. Kämpfe, Krisen und Schwierigkeiten sind die ureigensten Merkmale aller revolutionären Organisationen.
„In der Zweiten Internationale (1889-1914) war die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) bekannt wegen ihrer Anfälligkeit für Krisen und Spaltungen, die sie erlebt hatte. Sie wurde deshalb von den gewichtigsten Parteien der Internationale mit Missachtung bestraft, vor allem von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), die von Erfolg zu Erfolg zu eilen schien und deren Mitgliederzahlen und Wählerstimmen sich stetig vermehrten. Doch die Krisen der russischen Partei und der Kampf des bolschewistischen Flügels, sie zu überwinden und aus ihnen zu lernen, stählten die revolutionäre Minderheit in ihrer Bereitschaft, Widerstand gegen den imperialistischen Krieg von 1914 zu leisten und die Oktoberrevolution von 1917 anzuführen. Im Gegensatz dazu kollabierte die Fassade der Einheit der SPD (die nur von „Störenfrieden“ wie Rosa Luxemburg herausgefordert wurde) 1914 vollkommen und unwiderruflich mit dem totalen Verrat ihrer internationalistischen Prinzipien angesichts des Ersten Weltkrieges.“[16]
Die Verteidigung der Organisation ist ein fester Bestandteil der Tätigkeit der Organisation und war daher ein wichtiger Punkt in der Bilanz und den Perspektiven unserer Aktivitäten auf diesem Kongress. Dieser Kampf wird an allen Fronten geführt. Die wichtigste und spezifischste ist der Kampf gegen Versuche, sie zu zerstören (durch Verleumdung, Verunglimpfung, Verdacht und Misstrauen). Aber gleichzeitig „ist auch die IKS dem Druck des Opportunismus auf die programmatischen Positionen ausgesetzt; und sie muss gegen die Gefahr einer Sklerose kämfen, die die anderen Gruppen der Kommunistischen Linken schon in einem höheren Ausmaß geschwächt haben“ (Aktivitätsresolution des Kongresses). Deshalb besteht eine Einheit und eine Kohärenz zwischen diesem lebenswichtigen Aspekt des Kampfes gegen die drohende Zerstörung und der nicht minder wichtigen Notwendigkeit, gegen jeden Ausdruck von Opportunismus, der in unseren Reihen entstehen könnte, zu kämpfen:“Ohne diesen permanenten Kampf auf langfristiger historischer Ebene und Wachsamkeit gegenüber dem politischen Opportunismus, werden die Verteidigung der Organisation, ihre Zentralisierung und die Prinzipien ihrer Funktionsweise als solche nutzlos sein. Wenn es wahr ist, dass ohne proletarisch-politische Organisation das beste Programm eine Idee ohne soziale Kraft ist, so ist es ebenso wahr, dass ohne volle Treue zum historischen Programm des Proletariats die Organisation zu einer leeren Hülle wird. Zwischen den Prinzipien der politischen Organisation und den programmatischen Prinzipien des Proletariats gibt es Einheit und keinen Gegensatz oder Trennung.“ (ebenda)
Dennoch muss auf jeden Versuch, die Organisation zu zerstören, schnell und energisch reagiert werden, denn, „während der Kampf für die Verteidigung der Theorie und der Kampf für die Verteidigung der Organisation untrennbar und gleichermaßen unverzichtbar sind, so stellt das Aufgeben der Verteidigung der Theorie eine Bedrohung dar, sicherlich tödlich, aber eher mittelfristig, während das Aufgaben der Organisation schon eine kurzfristige Bedrohung darstellt. Solange sie existiert, kann sich die Organisation erholen, auch auf der Ebene der Theorie, aber wenn die Organisation nicht mehr existiert, wird keine Theorie sie wiederbeleben.“ (ebenda)
Die Geschichte der Arbeiterbewegung hat eine Gefahr verdeutlicht, die heute eine erhebliche Bedeutung erlangt hat – die Gefahr des Parasitismus. Die Erste Internationale musste sich bereits gegen diese von Marx und Engels identifizierte Gefahr verteidigen: „Es ist außerdem an der Zeit, ein für allemal den inneren Kämpfen ein Ende zu bereiten, die durch das Vorhandensein dieser parasitären Körperschaft täglich von neuem in unserer Assoziation provoziert werden. Diese Streitigkeiten dienen nur dazu, Kräfte zu vergeuden, die dazu benutzt werden sollten, das jetzige bourgeoise Regime zu bekämpfen. Indem die Allianz die Tätigkeit der Internationale gegen die Feinde der Arbeiterklasse lähmt, dient sie ausgezeichnet der Bourgeoisie und den Regierungen.“ (Engels, Der Generalrat an alle Mitglieder der Internationalen Arbeiterassotiation)
Die Internationale musste gegen das Komplott von Bakunin kämpfen, einem Abenteurer, der eine Fassade des Radikalismus benutzte, um ein Werk der Intrigen und Verleumdungen gegen Militante wie Marx und Engels, Angriffe auf das Zentralorgan der Internationale (den Generalrat), Destabilisierung und Desorganisation der Sektionen, die Schaffung geheimer Strukturen zur Verschwörung gegen die Tätigkeit und das Funktionieren der proletarischen Organisation zu verbergen.[17]
Zweifellos sind die historischen Bedingungen, unter denen sich der heutige proletarische Kampf entwickelt, ganz anders als zur Zeit der Ersten Internationale. Es handelte sich um eine Massenorganisation, die alle lebendigen Kräfte des Proletariats zusammenfasste, eine „Macht“, die die bürgerlichen Regierungen wirklich beunruhigte. Heute ist das proletarische Milieu extrem schwach, reduziert auf eine Anzahl kleiner Gruppen, die keine unmittelbare Gefahr für die Bourgeoisie darstellen. Dennoch haben die Schwierigkeiten und Gefahren, denen dieses Milieu ausgesetzt ist, Ähnlichkeiten mit denjenigen, mit denen die Erste Internationale konfrontiert war. Insbesondere die Existenz von „parasitären Körpern“, deren Daseinsgrund nicht darin besteht, zum Kampf der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie beizutragen, sondern im Gegenteil darin, die Tätigkeit der in diesem Kampf engagierten Organisationen zu sabotieren. Zur Zeit der Ersten Internationale führte die von Bakunin angeführte Allianz eine Sabotagearbeit innerhalb der Internationalen selbst durch (bevor sie auf dem Haager Kongress im September 1872 ausgeschlossen wurde). Heute, vor allem wegen der Zersplitterung des proletarischen Milieus in eine Handvoll kleiner Gruppen, operieren die „Parasiten“ nicht innerhalb einer bestimmten Gruppe, sondern am Rande, im Umfeld dieser Gruppen und versuchen, entweder aufrichtige, aber unerfahrene Leute zu rekrutieren oder jene, die von kleinbürgerlichen Ideen beeinflusst wurden (wie es die Allianz in Spanien, Italien, der Schweiz und Belgien tat). Sie können dadurch die authentisch proletarischen Gruppen diskreditieren und ihre Aktivitäten sabotieren (wie es die Allianz tat, als sie erkannte, dass sie nicht in der Lage sein würde, die Kontrolle über die Internationale zu übernehmen).
Leider ist diese Lehre aus der Geschichte von der Mehrheit der Organisationen der Kommunistischen Linken vergessen worden. Da die Priorität der Parasiten darin besteht, die größte Organisation der Kommunistischen Linken, die IKS, ins Visier zu nehmen, halten diese Organisationen dies für ein „Problem der IKS“ und gehen sogar so weit, dass sie in bestimmten Momenten herzliche Beziehungen zu parasitären Gruppen unterhalten. Das Verhalten der parasitären Gruppen (von der Communist Bulletin Group vor fast 40 Jahren über eine Reihe kleiner Gruppen, Blogs oder Einzelpersonen bis zur Internationalen Gruppe der Kommunistischen Linken GIGC) spricht jedoch für sich selbst:
Der Generalrat der Ersten Internationale war der Ansicht, dass das Bündnis „ausgezeichnet der Bourgeoisie und den Regierungen“ dient. Ebenso wird in der Aktivitätenresolution des 23. Kongresses die Auffassung vertreten, dass „in der gegenwärtigen historischen Epoche der Parasitismus objektiv im Namen der Bourgeoisie arbeitet, um die IKS zu zerstören“ und dass, „wie die Erfahrung der letzten 30 Jahre zeigt, der politische Parasitismus eine der größten Gefahren ist, denen wir uns stellen müssen. (...) In den vergangenen Jahrzehnten hat der politische Parasitismus nicht nur weiter agiert, sondern sein gegen die IKS gerichtetes Arsenal weiter entwickelt und sein Repertoire erweitert.“
So konnten wir in letzter Zeit eine raffiniertere, aber auch gefährlichere Art von Machenschaften beobachten: die Verfälschung der Tradition der Kommunistischen Linken durch die irreführende Verbreitung der Idee einer Existenz einer Kommunistischen Linken auf der Grundlage des Trotzkismus. Unabhängig von der dahinter steckenden Absicht zielt ein solches Unterfangen darauf ab, die Front der Verleumdung und des Denunziantentums zu verstärken, um so einen „Sperrring zu schaffen, der die IKS von den anderen Organisationen und Gruppen des proletarisch-politischen Milieus und von den suchenden politisierten Leuten isoliert.“ (ebenda)
Aus diesem Grund verpflichtete der Kongress die gesamte Organisation zu einem entschlossenen und unnachgiebigen Kampf gegen den Parasitismus, da der Kongress der Ansicht ist, dass „eine wesentliche, langfristige Achse der Intervention der IKS ein offener und kontinuierlicher politischer und organisatorischer Kampf gegen den Parasitismus sein muss, um ihn aus dem proletarischen Milieu zu verbannen.“ (ebenda)
Unsere fraktionsähnliche Tätigkeit hat also eine Reihe von Facetten, die eine Einheit bilden: Verteidigung der Organisation, Kampf gegen den Parasitismus, Entwicklung des Marxismus, Fähigkeit zur Analyse und Intervention angesichts der Entwicklung der Weltlage. Diese Einheit stand im Mittelpunkt dieses Kongresses und wird die Tätigkeit der IKS leiten müssen. Wie wir zu Beginn dieses Artikels sagten, standen im Mittelpunkt des 23. Kongresses eine kämpferische Erinnerung an die Erfahrung der Dritten Internationale und das Bemühen, alle Lehren aus dieser Erfahrung zu ziehen. Deshalb endet die Aktivitätenresolution mit folgender Verpflichtung: „Um ihre historischen Aufgaben zu erfüllen, muss die IKS Kraft und Kampfgeist aus den Krisen schöpfen, denen wir ausgesetzt sind, wie es die marxistische Linke von 1919 tat. Wenn sie fähig ist, fraktionsähnliche Arbeit zu übernehmen, dann wird sie die Mittel haben, die gegenwärtigen und neuen revolutionären Energien der Kommunistischen Linken auf klaren programmatischen Grundlagen neu zu gruppieren und so ihre Rolle bei der Gründung der zukünftigen Partei voll und ganz zu spielen.“
IKS, Dezember 2019
[2]Innerhalb der Zweiten Internationale leisteten nur die Bolschewiki eine konsequente Fraktionsarbeit, während andere Strömungen gegen den zügellosen Opportunismus kämpften, allerdings ohne einen kohärenten und globalen Kampf auf allen Ebenen zu führen (Luxemburg, Pannekoek, Bordiga usw.). Diese Unterscheidung ist wichtig: siehe Teil 3 und 4 unserer Polemik mit dem BIPR: "Das Verhältnis zwischen Fraktion und Partei in der marxistischen Tradition [3]".
[3] Siehe: Resolution on opportunism and centrism in the periode of decadence, International Review Nr. 44, https://en.internationalism.org/content/3152/6th-congress-icc-what-stake [4]
[4] "Understanding the Decadence of Capitalism: The classe nature of the social democracy [5]", International Review Nr. 50 (engl., franz. und span. Ausgabe).
[5] https://www.leftcom.org/en/articles/2018-12-22/the-fraction-party-question-in-the-italian-left [6]
[6] Internationale Revue Nr. 53: Bericht über die Rolle der IKS als „Fraktion“ [7].
[9] siehe: Resolution über die internationale Lage (2019), Bericht über die Auswirkungen des Zerfalls auf das politische Leben der Bourgeoise (2019, auf Englisch, Französische, Spanisch), Bericht über den Zerfall heute (Mai 2017)
[10] de.internationalism.org/content/1374/kollaps-des-stalinismus-die-arbeiterklasse-vor-einer-schwierigeren-lage [10]
[12] Siehe dazu: und https://en.internationalism.org/international-review/201111/4593/indignados-spain-greece-and-israel [12]
[13] Die IKS hatte immer als zentrale Orientierung das Bemühen, dass ihre Debatten vor der gesamten Klasse und dem politisierten Milieu veröffentlicht werden. Dabei haben wir eine genaue Methode eingehalten: „Weil die Debatten, die in der Organisation stattfinden, im allgemeinen die ganze Arbeiterklasse betreffen, müssen diese auch nach Außen getragen werden, wobei aber die folgenden Bedingungen eingehalten werden müssen:
- Diese Debatten betreffen allgemeine politische Fragen und sie müssen einen ausreichenden Reifegrad erreicht haben, damit ihre Veröffentlichung einen wirklichen Beitrag zur Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse liefert.
- Die Bedeutung und der Raum für diese Debatten darf das allgemeine Gleichgewicht der Publikationen nicht stören.
- Die Organisation als Ganzes entscheidet und übernimmt die Veröffentlichung dieser Publikationen entsprechend den gültigen Kriterien, die auch für das Schreiben irgendeines anderen Artikels in der Presse angewandt werden: der Grad der Klarheit und der Redaktionsform, das Interesse, das er für die Arbeiterklasse darstellt. Deshalb soll man keine Texte auf irgendeine Einzelinitiative von einzelnen Mitgliedern der Organisation hin außerhalb der für diesen Zweck bestimmten Organe veröffentlichen. Auch gibt es kein „formales“ Recht innerhalb der Organisation (weder für ein einzelnes Mitglied noch für eine Tendenz), einen bestimmten Text veröffentlichen zu lassen, wenn die Verantwortlichen der Publikationen dessen Nützlichkeit nicht sehen oder den Zeitpunkt nicht für angebracht erachten.“ (Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre, in Internationale Revue Nr. 22)
[14] auf Englisch (https://en.internationalism.org/content/16711/report-impact-decomposition-political-life-bourgeoisie-23rd-icc-congress [13]), Französisch und Spanisch auf unserer Webseite veröffentlicht
[15] Vgl. https://de.internationalism.org/content/2929/einfuehrung-zum-bericht-ueber-den-historischen-kurs-2019 [14] und https://de.internationalism.org/content/2930/bericht-ueber-den-historischen-kurs [15]
[16] Ausserordentliche Internationale Konferenz der IKS: Die Nachrichten über unser Ableben sind stark übertrieben [16], Internationale Revue Nr. 52.
Der Bericht zur Frage des "Historischen Kurses" des 23. Kongresses der IKS, den wir nachstehend veröffentlichen, bestätigt eine wesentliche Änderung der Analyse in einem Grundlagentext von 1978, mit dem Titel Der Historische Kurs (Internationale Revue Nr. 5)
Diese Änderung der Analyse ist eine direkte Folge der Veränderung des globalen Kontextes nach dem Zusammenbruch des imperialistischen Ostblocks im Jahr 1989, der ebenfalls zum Zerfall des Westblocks führte. Was sich in der neuen Situation mit dem Eintritt der Welt in die Periode des Zerfalls des Kapitalismus tatsächlich aufdrängt, ist die Notwendigkeit, die bedeutenden Veränderungen in der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen zu analysieren. Insbesondere die Tatsache, dass die alternative „Revolution oder die Zerstörung der Menschheit“ durch einen Weltkrieg sich nicht mehr unter den gleichen Bedingungen stellt, da mit dem Verschwinden der beiden imperialistischen Blöcke der Weltkrieg momentan nicht mehr auf der Tagesordnung steht.
Bei der Erarbeitung der notwendigen Änderung unserer Analyse haben wir die Methode von Marx und der marxistischen Bewegung seit ihrer Gründung aufgegriffen, die darin besteht, Positionen, die Analyse oder sogar das komplette Programm zu ändern, wenn sie nicht mehr dem Lauf der Geschichte entsprechen, um dem eigentlichen Zweck des Marxismus als revolutionäre Theorie treu zu bleiben. Ein berühmtes Beispiel ist das der wichtigen Änderungen, die Marx und Engels im Laufe der Zeit am Kommunistischen Manifest selbst vorgenommen haben und die in den späteren Vorworten, die sie diesem grundlegenden Werk hinzugefügt haben, im Lichte der historischen Veränderungen zusammengefasst wurden. Nachfolgende Generationen von revolutionären Marxisten verwendeten die gleiche kritische Methode:
„Der Marxismus ist eine revolutionäre Weltanschauung, die stets nach neuen Erkenntnissen ringen muss, die nichts so verabscheut wie das Erstarren in einmal gültigen Formen, die am besten im geistigen Waffengeklirr der Selbstkritik und im geschichtlichen Blitz und Donner ihre lebendige Kraft bewährt.“ (Rosa Luxemburg, Antikritik, Ges. Werke, Band 5, Seite 523)
Luxemburgs Beharren auf der Notwendigkeit, frühere Analysen zu überdenken, um dem Wesen und der Methode des Marxismus als revolutionäre Theorie treu zu bleiben, stand damals in direktem Zusammenhang mit der tiefen Bedeutung des Ersten Weltkriegs. Der Krieg von 1914-1918 markierte den Wendepunkt in der Produktionsweise des Kapitalismus, von seiner Periode des Aufstiegs oder Fortschritts hin zu einer Periode der Dekadenz und des Zusammenbruchs, welche die Bedingungen und das Programm der Arbeiterbewegung grundlegend veränderte. Aber lediglich die Linke in der Zweiten Internationale erkannte, dass die vorangegangene Periode endgültig vorbei war und dass das Proletariat in die "Epoche der Kriege und Revolutionen" – wie die Dritte Internationale es später ausdrückte – eintrat. Der opportunistische rechte Flügel der Sozialdemokratie behauptete fälschlicherweise, der imperialistische Erste Weltkrieg sei ein nationaler Verteidigungskrieg – wie die begrenzten und kleineren Kriege des 19. Jahrhunderts – und schloss sich mit der imperialistischen Bourgeoisie zusammen. Der zentristische Flügel behauptete, der Krieg sei nur eine vorübergehende Verirrung und die Dinge würden nach der Einstellung der Feindseligkeiten "wieder zur Normalität zurückkehren". Vertreter dieser beiden Strömungen kämpften schließlich offen gegen die proletarische revolutionäre Welle, die den Ersten Weltkrieg beendete, während die Führer der proletarischen Revolutionsversuche wie Luxemburg, Lenin und Trotzki in den neu gegründeten kommunistischen Parteien die "Ehre des internationalen Sozialismus" bewahrten, indem sie die überholten Formeln der Sozialdemokratie ablegten, die nun zur Rechtfertigung der Konterrevolution benutzt wurden.
Die großen Veränderungen, welche sich mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 ausdrückten, hatten nicht das gleiche Ausmaß wie die von 1914. Aber sie markierten eine bedeutende neue Etappe in der Entwicklung der kapitalistischen Dekadenz, die mit der Entstehung ihrer letzten Phase, der des sozialen Zerfalls, zusammenfällt. Die Wende von 1989 änderte zwar nicht das politische Programm der Arbeiterklasse, das während der gesamten Dekadenz des Kapitalismus gültig blieb, aber sie markierte eine große Veränderung gegenüber den Bedingungen, unter denen sich der Klassenkampf in den sieben Jahrzehnten zwischen 1914 und 1989 entwickelt hatte. Der Bericht, den wir hier veröffentlichen, trägt zu den kritischen Bemühungen bei, die marxistische Analyse über diesen wichtigen Wendepunkt in der Weltgeschichte zu aktualisieren.
Im Jahr 1989, genau zum Zeitpunkt der genannten Ereignisse, welche die Welt erschütterten, hatte die IKS bereits in verschiedenen Texten die sich abzeichnenden wichtigen Veränderungen analysiert. Im Text Der Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft von 1990, und im Orientierungstext Militarismus und Zerfall von 1991 (beide in: Internationale Revue Nr. 13) unterstrich die IKS, dass die folgende Periode vom beschleunigten Zerfall und dem Chaos einer Produktionsweise in ihrer Agonie beherrscht würden, die noch immer von den gewaltsamen und zerstörerischen Widersprüchen der kapitalistischen Dekadenz geprägt ist, nun jedoch in einer neuen Form und in einem neuen Kontext. Das Wiederaufleben des proletarischen Klassenkampfes ab 1968, der den Ausbruch eines dritten Weltkrieges verhinderte, stand nun vor neuen Schwierigkeiten und einer sich abzeichnenden langen Periode des Rückzugs und der Desorientierung der Arbeiterklasse. Aber die sich vertiefende Wirtschaftskrise wird das Proletariat dazu drängen, seinen Kampf wieder aufzunehmen.
Darüber hinaus beendete der Zusammenbruch des Ostblocks, vielleicht endgültig, die Teilung der Welt in zwei bewaffnete Lager, welche die prägende Konstellation war, in die der Imperialismus die Welt in seiner dekadenten Phase gesteuert hatte. Der Erste und der Zweite Weltkrieg sowie die Ereignisse davor und danach zeigten, dass der Kapitalismus sich nicht mehr wie im 19. Jahrhundert durch koloniale Expansion entwickeln konnte und dass es jedem der rivalisierenden imperialistischen Staaten überlassen blieb, durch die Massaker des Krieges eine neue Aufteilung des Weltmarkts zu seinem Vorteil zu betreiben. Dieser Versuch drückte sich in der Tendenz aus, die verschiedenen Länder hinter jedem der beiden mächtigsten Gangster neu zu gruppieren, ein Prozess, der sich nach 1945 voll und ganz bestätigt hat. Nach dem Zeitraum 1914-1989, der von der Teilung der Welt in zwei rivalisierende imperialistische Blöcke beherrscht war, hörte die Tendenz zur Blockbildung in den interimperialistischen Beziehungen auf und jede Macht verfolgt bisher ihren blutigen Weg, der vom "Jeder für sich" geprägt ist.
Der Bericht untersucht und bekräftigt diese seit 1989 modifizierte Analyse. Aber er erweitert ihren Geltungsbereich.
2015 begann der 21. Kongress der IKS mit einem großen, langfristigen Projekt, das 40 Jahre unseres Bestehens Revue passieren ließ, um „ein möglichst klares Licht auf unsere Stärken und Schwächen zu werfen und festzustellen, was in unseren Analysen gültig ist und wo wir uns geirrt haben. Dies mit dem Ziel, uns zu stärken und unsere Schwächen zu überwinden.“ (40 Jahre nach der Gründung der IKS: Welche Bilanz, welche Perspektiven für unsere Arbeit, Internationale Revue Nr. 53) Der hier publizierte Bericht über die Frage des Historischen Kurses vom 23. Kongresses ist eine Folge dieser spezifischen Bemühungen und führt die Analyse, die bereits in den vor dreißig Jahren verfassten Texten enthalten ist, einen Schritt weiter, indem er den ursprünglichen Text über den Historischen Kurs von 1978 Punkt für Punkt untersucht. Dabei kommt er zum Schluss, dass allein der Begriff "Historischer Kurs" nicht mehr als ausreichend angesehen werden kann, um alle Perioden des Klassenkampfes abzudecken. Er gilt für den Zeitraum von Sarajevo 1914 bis zum Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1989, nicht aber für die vorangegangene oder die folgende Periode. Mit dieser Schlussfolgerung unterstreicht der Bericht eine sehr wichtige Unterscheidung, die zwischen zwei verschiedenen Konzepten zu machen ist:
- Einerseits das Konzept des Historischen Kurses, das auf die Zeit von Sarajevo bis zum Fall der Berliner Mauer (einschließlich ihrer verschiedenen Phasen) anwendbar ist und die Dynamik der Gesellschaft in diesem Zeitraum betrifft, die unlösbar mit dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen verbunden, aber nicht identisch ist.
- Andererseits das Konzept des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen, das für alle Perioden des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat gilt.
Diese beiden Begriffe – Historischer Kurs und Kräfteverhältnis zwischen den Klassen – sind daher nicht identisch oder synonym, aber der Text von 1978 legt diese Unterscheidung nicht eindeutig fest.
Wir freuen uns, dass der Bericht vor seiner Veröffentlichung bereits eine lebhafte öffentliche Debatte ausgelöst hat (mehrere Dutzend Beiträge in unserem Online-Forum zu diesem Thema seit Juli 2019), da seine wichtigsten Schlussfolgerungen bereits in der Resolution zur internationalen Lage des 23. Kongresses enthalten waren, die unseren Lesern bereits zugänglich sind. Heute ist noch nicht der Zeitpunkt, um eine Bilanz dieser Debatte zu ziehen, die sich noch im Anfangsstadium befindet. Aber sie muss entwickelt werden. Die kritische Debatte ist ein wesentlicher Teil der marxistischen Bemühungen, ein neues Verständnis der Aktualität zu gewinnen, während wir im „geschichtlichen Blitz und Donner“ stehen.
In der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx drängen die Widersprüche des Kapitalismus zur Alternative: Sozialismus oder Barbarei. Entweder ein Kampf des Proletariats zur Überwindung der Herrschaft der Bourgeoisie oder die absolute Zerstörung dieser sich gegenüberstehen Klassen und der gesamten Gesellschaft.
Ein Verständnis der Entwicklung des Klassenkampfes innerhalb des Kapitalismus – in seinen verschiedenen historischen Etappen, mit seinen Fortschritten und Rückschritten, der wechselnden relativen Stärke der sich gegenüberstehenden Akteure – war deshalb für die Analyse der Avantgarde des Proletariats und für die Anwendung der marxistischen Methode immer von entscheidender Bedeutung.
Der einschneidende Veränderung der globalen Situation, hervorgerufen durch den Zusammenbruch des Ostblocks 1989 und den Schritt des Kapitalismus in die Phase des gesellschaftlichen Zerfalls, forderte von unserer Organisation, unter Einbezug der wachsenden Schwierigkeiten der Arbeiterklasse in dieser neuen Situation, eine Anpassung der Analyse über die gesellschaftliche Dynamik bezüglich des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen. Konkret: Die Analyse über den Historischen Kurs vom 3. Internationalen Kongress der IKS im Jahr 1978 (Internationale Revue Nr. 5) war nach 1989 nicht mehr anwendbar, da die imperialistischen Rivalitäten nicht mehr die Form einer Konfrontation zwischen zwei Blöcken annahm und eine kapitalistische Antwort in der Form eines neuen imperialistischen Weltkrieges für die nächste Zukunft nicht mehr bevorstand. Der Text Militarismus und Zerfall von 1991 (Internationale Revue Nr. 13), den die IKS unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verfasste, die Thesen über den Zerfall von 1990 (Internationale Revue Nr. 13), der Text Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, Destabilisation und Chaos" von 1990 (Internationale Revue Nr. 12) betrachteten das weltweite Kräfteverhältnis zwischen den Klassen bereits auf eine andere Art und Weise, im Vergleich zum Text von 1978.
In den folgenden zwei Jahrzehnten untersuchte die IKS den Wechsel in der Analyse über das Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen und die Auswirkungen für die Dynamik der gesamten Gesellschaft in vielen Texten und Artikeln, vor allem in veröffentlichen Berichten und Resolutionen über den Klassenkampf für unsere Internationalen Kongresse. Diese bestätigten die zunehmenden Schwierigkeiten und Bedrohungen für die Arbeiterklasse, hervorgerufen durch die Periode des sozialen Zerfalls des Kapitalismus.
Dazu können zum Beispiel verweisen auf den Bericht über den Klassenkampf vom 13. Kongress der IKS 1999 (Internationale Revue Nr. 25) und den Bericht über den Klassenkampf für den 14. Kongress mit dem Titel: Die revolutionäre Bewegung und das Konzept des Historischen Kurses (Internationale Revue Nr. 29 und 30).
Andere Artikel über die Frage des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen in der Periode des Zerfalls behandelten diese Frage ebefalls: Weshalb hat die Arbeiterklasse den Kapitalismus noch nicht überwunden? (International Review Nr. 103 und 104, engl., franz., span. Ausgabe) und Den Zerfall des Kapitalismus verstehen (Internationale Revue Nr. 34)[1]
Auch wenn die IKS die wichtigsten theoretischen Elemente entwickelte, um zu verstehen, was sich im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen verändert hatte, so stellten wir bisher noch keine spezifische Untersuchung über den Text zum Historischen Kurs von 1978 an. Zweifellos ist eine Korrektur dieses Versäumnisses – wenn auch verspätet – erforderlich, wenn wir unserer historischen Methode treu bleiben wollen. Dies nicht nur, um unsere Analyse und Argumentation angesichts der großen Ereignisse zu ergänzen oder zu ändern, sondern um diese Änderung auch unter konkreter Bezugnahme auf die ursprüngliche Analyse zu begründen. Unsere politische Methode bestand nie darin, frühere Positionen oder Analysen aufzugeben, ohne öffentlich auf das, was wir früher entwickelt hatten, zu berücksichtigen, denn eine ahistorische Invarianz oder ein Monolithismus sind widersinnig und stellen ein Hindernis für die Klärung des Klassenbewusstseins dar. Was im Text über den Historischen Kurs von 1978 gültig bleibt, was durch den veränderten historischen Kontext innerhalb des dekadenten Kapitalismus überholt ist und die Grenzen dieses Textes aufgezeigt hat, all das muss genauer verstanden und erklärt werden, damit etwaige verbliebene Anachronismen aufgedeckt und geklärt werden können.
Punkt 1: Revolutionäre müssen fähig sein, Voraussagen zu treffen. Dies ist eine spezielle Fähigkeit und Notwendigkeit des menschlichen Bewusstseins (Marx verglich die aus Instinkt schaffende Biene und den mit Bewusstsein bauenden menschlichen Architekten). Der Marxismus, als eine wissenschaftliche Methode wie die Wissenschaft, kann „nur durch die Umwandlung der auf eine Reihe von Experimenten gegründeten Hypothesen in Vorhersagen und durch die Konfrontation dieser Vorhersagen mit neuen Experimenten als Forscher diese Hypothesen für richtig (oder falsch) erklären und sein Verständnis fortentwickeln“. (Der Historische Kurs, Internationale Revue Nr. 5)
Der Marxismus stellt seine Voraussagen über die kommunistische Revolution auf eine wissenschaftliche, materialistische Analyse über den Zusammenbruch des Kapitalismus und die Klasseninteressen des revolutionären Proletariats. Diese allgemeine und langfristige Perspektive ist für Marxisten relativ einfach. Die Schwierigkeit für RevolutionärInnen besteht darin, mittelfristige Vorhersagen darüber zu treffen, ob der Klassenkampf voranschreitet oder zurückgeht. Vor allem kann sich der Marxismus offensichtlich nicht auf kontrollierte Experimente verlassen, so wie es die Laborwissenschaft tun kann.
Punkt 2: Der proletarische Klassenkampf ist von sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen, von extremen Höhen und Tiefen gekennzeichnet, was darauf zurückzuführen ist, dass die Arbeiterklasse eine ausgebeutete Klasse ist, die in der alten Gesellschaft keinerlei Machtbasis hat und daher für lange Perioden zur Unterwerfung verurteilt ist. Die relativ kurzen Aufschwünge ihres Kampfes werden durch die Krisenzeiten des Kapitalismus (Wirtschaftskrise und Krieg) bestimmt. Das Proletariat kann nicht von einem Erfolg zum nächsten voranschreiten, so wie es die aufstrebenden Ausbeuterklassen in der Vergangenheit jeweils konnten. Tatsächlich ist der endgültige Erfolg des Proletariats durch eine lange Reihe von schmerzhaften Niederlagen gekennzeichnet. Daher Marx' Aussage in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte von 1852 über die extrem ungleiche Entwicklung des Klassenkampfes.[2] Die Existenz einer derart ungradlinigen Entwicklung des Klassenkampfes war in der Vergangenheit offensichtlich, aber die Länge und Tiefe der Konterrevolution zwischen 1923 und 1968 hat sie verschleiert.
Punkt 3: Dennoch sind genaue mittelfristige Vorhersagen der Revolutionäre über die Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen unerlässlich. Die Folgen von Fehlern in dieser Hinsicht sind ernst: das Abenteurertum von Willich-Schapper nach den Niederlagen der Revolutionen von 1848; die „Theorie der Offensive“ der KAPD, als die revolutionäre Welle in den 1920er Jahren verebbte, Trotzkis Gründung der 4. Internationale von 1938 in der Tiefe der Konterrevolution. Im Gegensatz zu diesen Beispielen haben sich einige Vorhersagen als vollkommen gültig erwiesen: Marx und Engels, die erkannten, dass nach 1849 und 1871 jeweils eine Periode des Rückzugs der Arbeiterklasse unvermeidlich war; Lenins Vorhersage einer weltrevolutionären Welle in den Aprilthesen von 1917; die Klarsicht der Italienischen Kommunistischen Linken bezüglich der 1930er Jahre als eine Periode der entscheidenden Niederlage.
Punkt 4, 5, 11: Die Vorhersage über die Dynamik und Richtung des Klassenkampfes zeigt an, ob Revolutionäre mit oder gegen den Strom schwimmen. Fehler oder Unwissenheit darüber, was diese Richtung ist, können katastrophal sein. Dies gilt insbesondere in der kapitalistischen Dekadenz, wo der Gegensatz – imperialistischer Krieg oder proletarische Revolution – viel höher ist als in der Periode des kapitalistischen Aufstiegs.
Punkt 6: Der Gegensatz und der gegenseitige Ausschluss der beiden Begriffe der historischen Alternative Krieg oder Revolution. Während die Krise des dekadenten Kapitalismus zu einer dieser beiden Alternativen führen kann, entwickeln sich Krieg oder Revolution nicht im Einklang, sondern antagonistisch. Dieser Punkt richtet sich insbesondere an Battaglia Comunista und die Comunist Workers Organisation CWO, die Weltkrieg und Revolution in der Zeit seit 1968 als gleichermaßen möglich angesehen haben – und dies immer noch tun.
Punkte 7, 8: Diese Punkte zeigen, dass die imperialistischen Weltkriege des 20. Jahrhunderts und insbesondere derjenige von 1939-45 erst dann entfacht werden konnten, als das Proletariat besiegt, seine revolutionären Versuche zerschlagen, und es dann hinter den Kriegsideologien seiner jeweiligen imperialistischen Herren mobilisiert worden war. Dies mit Hilfe des Verrats der ehemaligen Arbeiterparteien, die die Klassengrenze unwiderbringlich überschritten hatten.
Punkt 9: Die Situation des Proletariats seit 1968 ist nicht mehr dieselbe wie vor den beiden vorangegangenen Weltkriegen. Es ist ungeschlagen und kämpferisch, widerstandsfähig gegen die mobilisierenden Ideologien der imperialistischen Blöcke und stellt somit ein Hindernis für die Entfesselung eines dritten Weltkrieges dar.
Punkt 10: Alle militärischen und wirtschaftlichen Bedingungen für einen neuen Weltkrieg sind bereits vorhanden, nur die Unterwerfung des Proletariats fehlt. Ein Punkt, der auch an Battaglia Comunista gerichtet war, welche Gruppe andere unplausible Erklärungen dafür hatte, weshalb der Weltkrieg noch nicht ausgebrochen war.
Die ersten fünf Punkte des Textes über den Historischen Kurs behalten ihre absolute Gültigkeit bezüglich der Bedeutung und Notwendigkeit, dass die Revolutionäre die zukünftige Entwicklung des Klassenkampfes vorhersagen: die Notwendigkeit, solche Vorhersagen aus der Sicht der marxistischen Methode auszuarbeiten; die Stichhaltigkeit der historischen Beispiele, die den kritischen Charakter der Prognosen der Revolutionäre bezüglich des Klassenkampfes und die schwerwiegenden Folgen von Fehlern in dieser Hinsicht zeigen; die Argumente gegen die Gleichgültigkeit oder den Agnostizismus von Battaglia Comunista und der CWO in dieser Frage.
Das zentrale Argument des Textes behält auch für den Zeitraum 1914-1989 seine volle Gültigkeit. Mit dem Beginn der Periode der Dekadenz des Kapitalismus haben sich die Bedingungen der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen gegenüber denen der Periode des Aufstiegs des Kapitalismus grundlegend geändert. Die Tendenz des Imperialismus in der Periode der Dekadenz führte zu weltweiten Konfrontationen zwischen rivalisierenden Blöcken, welche, als der Erste Weltkrieg mit voller Wucht ausbrach, die massive Mobilisierung der Arbeiterklasse als Kanonenfutter erforderten. Der Ausbruch der Feindseligkeiten hing von einer politischen Niederlage der wichtigsten Teile des Weltproletariats ab. Die sozialdemokratischen Parteien und die Gewerkschaften, die durch einen langen Prozess der opportunistischen und revisionistischen Degeneration verfault waren, scheiterten im kritischen Moment von 1914 kläglich und gaben, von einigen Ausnahmen abgesehen, den Internationalismus auf und schlossen sich den Kriegsanstrengungen ihrer eigenen nationalen herrschenden Klasse an, wobei sie die orientierungslose Arbeiterklasse hinter sich herzogen. Die Erfahrung des beispiellosen Abschlachtens von Arbeitern in Uniform in den Schützengräben und das Elend an der "Heimatfront" führten jedoch nach einigen Jahren zur Wiedererlangung des Gewichts des Proletariats auf der Waage des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen und eröffneten die weltrevolutionäre Welle von 1917-1923, welche die Bourgeoisie zwang, den Krieg zu beenden, um die Ausbreitung der proletarischen Revolution zu verhindern.
Seit dem Ersten Weltkrieg wurde daher die Vorstellung eines historischen Kurses des Klassenkampfes in Richtung Krieg oder in Richtung Revolution klar bestätigt. Um seine militärische Antwort auf die Krisen der kapitalistischen Dekadenz durchzusetzen, musste der Kapitalismus die revolutionären Bestrebungen des Proletariats besiegen und dieses, als es geschlagen war, hinter den Interessen der Bourgeoisie mobilisieren. Umgekehrt stellte ein wiederauflebendes Proletariat ein großes Hindernis für dieses Unterfangen dar und eröffnete die Möglichkeit der Alternative des Proletariats: die kommunistische Revolution.
Die Niederlage der Revolution in Russland und in Deutschland in den 1920er Jahren eröffnete den Kurs hin zum Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gab es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg keine Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen, da das Proletariat nicht nur politisch, sondern auch physisch durch die beispiellose Brutalität und den Terror des Stalinismus und Faschismus einerseits, und des demokratischen Antifaschismus andererseits, vor, während, und unmittelbar nach dem Massenmord des Krieges besiegt wurde. Aus den Trümmern des Krieges von 1939-45 ging keine revolutionäre Welle hervor, im Gegensatz zur Lage am Ende des Krieges von 1914-18. Die Situation der fortgesetzten proletarischen Niederlage führte jedoch nicht zu einem dritten Weltkrieg nach 1945, wie es Revolutionäre damals glaubten. Die 1950er und 60er Jahre brachten einen langen wirtschaftlichen Wiederaufbau und einen langwierigen Kalten Krieg mit stellvertretenden lokalen Kriegen mit sich. In dieser Zeit gewann das Proletariat allmählich seine Stärke zurück, und das Gewicht der Kriegsideologien der 1930er Jahre verminderte sich. Mit dem Ausbruch einer neuen Weltwirtschaftskrise begann 1968 auch ein neues Wiederaufleben des Klassenkampfes, das eine weitere imperialistische Lösung durch einen dritten Weltkrieg vereitelte. Aber die Arbeiterklasse war nicht in der Lage, von ihren defensiven Kämpfen zu einer revolutionären Offensive überzugehen. Der Zusammenbruch eines der beiden imperialistischen Blöcke, des Ostblocks im Jahr 1989, setzte der Möglichkeit eines Weltkriegs ein Ende, obwohl imperialistischen Kriege selbst unter dem Druck der sich verschärfenden Weltwirtschaftskrise in chaotischer Form weiter zunahmen.
Für das bessere Verständnis des Problems zitieren wir hier aus einem Treffen unseres Zentralorgans im Januar 1990:
"In der Periode der kapitalistischen Dekadenz sind alle Staaten imperialistisch und ergreifen die notwendigen Maßnahmen, um ihren Appetit zu befriedigen: Kriegswirtschaft, Waffenproduktion usw. Wir müssen klar sagen, dass die sich vertiefenden Erschütterungen der Weltwirtschaft und die Rivalitäten zwischen den verschiedenen Staaten auch zunehmend auf militärischer Ebene nur noch schärfer werden können. Der Unterschied wird in der kommenden Periode darin bestehen, dass diese Gegensätze, die bisher von den beiden großen imperialistischen Blöcken gesteuert und genutzt wurden, nun in den Vordergrund treten werden. Das Verschwinden des russischen imperialistischen Gendarmen und das zukünftige Verschwinden des amerikanischen Gendarmen öffnen, was ihre ehemaligen "Partner" betrifft, die Tür zur Entfesselung einer ganzen Reihe weiterer lokaler Rivalitäten. Im Augenblick können diese Rivalitäten und Konfrontationen nicht in einen Weltkrieg ausarten (selbst wenn man annimmt, dass das Proletariat nicht mehr in der Lage wäre, Widerstand zu leisten). Mit dem Verschwinden der von den beiden Blöcken auferlegten Disziplin, drohen diese Konflikte jedoch häufiger und gewaltsamer zu werden, vor allem natürlich in den Gebieten, in denen das Proletariat am schwächsten ist (...) der Trend zu einer neuen Teilung der Welt zwischen zwei Militärblöcken wird durch das immer tiefer und weiter verbreitete Phänomen der Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft, wie wir bereits hervorgehoben haben, eingeschränkt und vielleicht sogar endgültig gefährdet.
In einem solchen Kontext des Kontrollverlusts der Weltbourgeoisie über die Situation ist es unwahrscheinlich, dass die dominanten Sektoren der Weltbourgeoisie heute in der Lage sind, die für die Wiederherstellung der Militärblöcke notwendige Organisation und Disziplin umzusetzen (...) Deshalb ist es von grundlegender Bedeutung zu betonen, dass, wenn die Lösung des Proletariats – die kommunistische Revolution – die einzige ist, die sich der Zerstörung der Menschheit entgegenstellen kann (welche die einzige „Antwort“ darstellt, welche die Bourgeoisie auf ihre Krise geben kann), diese Zerstörung nicht unbedingt aus einem dritten Weltkrieg resultieren muss. Sie kann auch Folge der Fortsetzung des Zerfalls bis hin zu den extremen Folgen (ökologische Katastrophen, Epidemien, Hungersnöte, entfesselte lokale Kriege usw.) sein.
Nachdem sich die historische Alternative "Sozialismus oder Barbarei", wie sie der Marxismus immer hervorhob, während des größten Teils des 20. Jahrhunderts in der Form von "Sozialismus oder imperialistischer Krieg" ausgedrückt hat, ist in den letzten Jahrzehnten durch die Entwicklung von Atomwaffen in der erschreckenden Form von "Sozialismus oder Zerstörung der Menschheit" offensichtlich geworden. Auch heute, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, ist diese Perspektive voll und ganz gültig. Aber es muss betont werden, dass eine solche Zerstörung durch einen allgemeinen imperialistischen Krieg ODER durch den Zerfall der Gesellschaft entstehen kann. (…)
Auch wenn der Weltkrieg zum gegenwärtigen Zeitpunkt und vielleicht endgültig keine Bedrohung für das Leben der Menschheit darstellen kann, so kann diese Bedrohung, wie wir gesehen haben, sehr wohl vom Zerfall der Gesellschaft ausgehen. Und dies um so mehr, da die Entfesselung des Weltkrieges das Festhalten des Proletariats an den Idealen der Bourgeoisie erfordert, ein Phänomen, das im Augenblick bei seinen entscheidenden Teilen keineswegs auf der Tagesordnung steht. Der Zerfall braucht dieses Festhalten an den Idealen der Bourgeoisie durch die Arbeiterklasse nicht, um die Menschheit zu zerstören. In der Tat stellt der Zerfall der Gesellschaft streng genommen keine "Antwort" der Bourgeoisie auf die offene Krise der Weltwirtschaft dar. In Wirklichkeit kann sich diese Zersetzung gerade deshalb entwickeln, weil die herrschende Klasse aufgrund der Nicht-Rekrutierung des Proletariats nicht in der Lage ist, ihre eigene spezifische Antwort auf diese Krise, den Weltkrieg und die Mobilisierung für ihn zu geben. Die Arbeiterklasse kann, indem sie ihre Kämpfe entwickelt (wie sie es seit Ende der 1960er Jahre getan hat) und sich nicht unter bürgerliche Fahnen stellen lässt, die Bourgeoisie daran hindern, den Weltkrieg auszulösen. Andererseits kann nur der Sturz des Kapitalismus den Zerfall der Gesellschaft aufhalten. So wie die Kämpfe des Proletariats in diesem System in keiner Weise dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus entgegenwirken können, so können die Kämpfe des Proletariats in diesem System kein Hindernis gegen dessen Zerfall darstellen."
1989 markiert einen grundlegenden Wandel in der allgemeinen Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft in der Phase der Dekadenz.
Vor diesem Datum war das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen der bestimmende Faktor dieser Dynamik. Von diesem Kräfteverhältnis hing der Ausgang der Verschärfung der Widersprüche im Kapitalismus ab: entweder die Entfesselung des Weltkriegs oder die Entwicklung des Klassenkampfes, mit der Perspektive der Überwindung des Kapitalismus.
Nach 1989 war diese allgemeine Dynamik der kapitalistischen Dekadenz nicht mehr direkt durch das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen bestimmt. Wie auch immer dieses Kräfteverhältnis aussehen mag, der Weltkrieg steht nicht mehr auf der Tagesordnung, aber der Kapitalismus wird weiterhin im Zerfall versinken, da der gesellschaftliche Zerfall dazu neigt, der Kontrolle der sich gegenüberstehenden Klassen zu entgleiten.
Im Paradigma, das den größten Teil des 20. Jahrhunderts beherrschte, definierte der Begriff des "Historischen Kurses" die beiden möglichen Ergebnisse einer historischen Entwicklung: entweder Weltkrieg oder Klassenkonflikte. Nachdem das Proletariat eine entscheidende Niederlage erlitten hatte (wie am Vorabend von 1914 oder als Folge der Zerschlagung der revolutionären Welle von 1917-23), wurde der Weltkrieg unausweichlich. Im Paradigma, das die gegenwärtige Situation definiert (bis zur Rekonstituierung zweier neuer imperialistischer Blöcke, was vielleicht nie geschehen wird), ist es durchaus möglich, dass das Proletariat eine tiefe Niederlage erleidet, ohne dass dies eine entscheidende Auswirkung auf die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft hat. Man kann sich natürlich fragen, ob eine solche Niederlage die Konsequenz hätte, das Proletariat dauerhaft daran zu hindern, seinen Kopf wieder zu erheben. Wir müssten dann von einer endgültigen Niederlage sprechen, die zum Ende der Menschheit führen würde. Eine solche Möglichkeit ist nicht auszuschließen, insbesondere angesichts des zunehmenden Gewichts des Zerfalls. Diese Bedrohung wird im Manifest des 9. Kongresses deutlich aufgezeigt: "Kommunistische Revolution oder Zerstörung der Menschheit". Aber wir können keine Prognose in dieser Richtung abgeben, weder in Bezug auf die gegenwärtige Situation der Schwäche der Arbeiterklasse noch für den Fall, dass sich diese Situation weiter verschlechtert. Deshalb ist der Begriff des "Historischen Kurses" nicht mehr in der Lage, die Dynamik der gegenwärtigen Weltlage und das Kräfteverhältnis zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat in der Periode des Zerfalls zu definieren. Nachdem er zu einem für diese neue Periode unzureichenden Konzept geworden ist, muss er aufgegeben werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Text über den Historischen Kurs von 1978, obwohl er in Bezug auf die Methode und die Analyse der Periode 1914-1989 richtig war, heute begrenzt ist. Dies weil er erstens von großen und beispiellosen historischen Ereignissen überholt wurde, und zweitens durch seine Tendenz, den Begriff des Historischen Kurses und denjenigen der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen als identisch zu setzen, obwohl sie nicht identisch sind. Insbesondere spricht der Text von 1978 vom Historischen Kurs, um die verschiedenen Momente des Klassenkampfes im 19. Jahrhundert zu beschreiben, auch wenn in Wirklichkeit:
- eine Zunahme der Arbeiterkämpfe weder die Aussicht auf eine revolutionäre Periode zu einer Zeit bedeutete, in der die proletarische Revolution noch nicht auf der Tagesordnung stand, noch den Ausbruch eines großen Krieges verhindern konnte (z.B. den Krieg zwischen Frankreich und Preußen 1870, als die Macht des Proletariats zunahm);
- eine große Niederlage des Proletariats (wie die Zerschlagung der Pariser Kommune) nicht zu einem neuen Krieg führte.
In gewisser Weise ähnelt diese Tendenz, den Historischen Kurs fälschlicherweise mit dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen im Allgemeinen zu identifizieren, der unpräzisen Art und Weise, wie der Begriff des Opportunismus verwendet wurde. Eine Zeit lang gab es innerhalb der IKS, und im weiteren Sinne im politischen proletarischen Milieu, eine Identifizierung zwischen Opportunismus und Reformismus. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts beruhte eine solche Identifizierung, auch wenn sie bereits ein Fehler war, auf einer Realität: In der Tat war zu dieser Zeit eine der wichtigsten Erscheinungsformen des Opportunismus der Reformismus. Aber mit dem Eintritt des Kapitalismus in seine Periode der Dekadenz hat der Reformismus nicht mehr seinen Platz in der Arbeiterbewegung: Organisationen oder Strömungen, die die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus durch progressive Reformen des gegenwärtigen Systems befürworten, gehören notwendigerweise auf die Seite der Bourgeoisie, während der Opportunismus weiterhin eine Krankheit darstellt, die die proletarischen Organisationen vergiften und zerstören kann.
Wir haben dazu tendiert, auf der Grundlage der Erfahrungen der Arbeiterklasse im 20. Jahrhundert den Begriff der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat mit dem Begriff eines "Historischen Kurses" zu identifizieren, während dieser auf eine grundlegende und exklusive Alternative in den Konsequenzen hinweist, den Weltkrieg oder die Revolution, also eine Auswirkung jenes Kräfteverhältnisses. In gewisser Weise ähnelt die gegenwärtige historische Situation der des 19. Jahrhunderts: Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen kann sich in die eine oder andere Richtung entwickeln, ohne das Leben der Gesellschaft entscheidend zu beeinflussen. Ebenso wenig kann dieses Kräfteverhältnis oder seine Entwicklung als "Kurs" bezeichnet werden. In diesem Sinne kann der Begriff "Niederlage des Proletariats", wenn er in der gegenwärtigen Periode seinen ganzen Wert behält, nicht mehr dieselbe Bedeutung haben wie in der Zeit vor 1989. Wichtig hingegen ist es, die Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat zu berücksichtigen, und ständig zu studieren: Können wir davon ausgehen, dass diese Entwicklung zugunsten des Proletariats verläuft (was noch nicht bedeutet, dass es kein Zurück mehr gibt) oder dass wir uns in einer Dynamik der Schwächung der Klasse befinden (in dem Wissen, dass diese Dynamik auch umgekehrt werden kann).
In einem allgemeineren und langfristigen Sinne bringt der Verzicht auf das Konzept des "Historischen Kurses" die Notwendigkeit mit sich, dass revolutionäre Marxisten eine vertiefte historische Untersuchung der gesamten Entwicklung des proletarischen Klassenkampfes an die Hand nehmen, um die Kriterien für die Bewertung des Kräfteverhältnisses zwischen Bourgeoisie und Proletariat in der Periode des kapitalistischen Zerfalls besser zu verstehen.
[1]Dieser Artikel erwähnt die Gleichgültigkeit anderer Gruppen der Kommunistischen Linken gegenüber dieser Frage und ihre entschiedene Ablehnung der Analyse der IKS als „nicht-marxistisch“, was darauf hindeutet, dass sie noch keinen theoretischen Beitrag zu dieser lebenswichtigen Frage der Entwicklung des Gleichgewichts der Klassenkräfte leisten können – zumal sie die berühmte erste Zeile des Kommunistischen Manifests, und damit ein wesentliches Gebot des historischen Materialismus, vergessen haben. Bezüglich des Parasitismus denunziert der Artikel den Angriff der polizeiähnlichen "Internen Fraktion der IKS" (heute die IGCL) auf den IKS-Bericht über den Klassenkampf vom 14. Kongress und seine Analyse der Auswirkungen des kapitalistischen Zerfalls auf den Klassenkampf als eine "opportunistische" und "revisionistische" "Liquidierung des Klassenkampfes", obwohl das Personal dieser Gruppe mit dieser Analyse noch einverstanden war, als diese Leute kurz zuvor noch Mitglieder der IKS waren. Organisatorischer Verrat geht im parasitären Milieu Hand in Hand mit politischem.
[2] „Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze!“
Vor mehr als 25 Jahren hat die IKS die Thesen zum Zerfall verabschiedet . Seitdem ist diese Analyse der gegenwärtigen Phase der Gesellschaft zu einem Schlüsselelement im Verständnis unserer Organisation über die Entwicklung der Welt geworden. Das folgende Dokument ist im Hinblick auf die Entwicklung der Weltlage im letzten Vierteljahrhundert und insbesondere in der jüngsten Zeit eine Aktualisierung der Thesen zum Zerfall.
Konkret müssen wir die wesentlichen Punkte der Thesen mit der gegenwärtigen Situation konfrontieren: In welchem Maße sind die verschiedenen Elemente bestätigt, ja sogar verstärkt worden, und inwieweit sind sie widerlegt worden oder müssen weiterentwickelt werden. Insbesondere die gegenwärtige Weltlage erfordert es, dass wir auf drei Fragen von zentraler Bedeutung zurückkommen:
- Terrorismus
- Flüchtlinge
- den Aufstieg des Populismus als Ausdruck des Kontrollverlusts der Bourgeoisie über das „politische Spiel”.
„Doch so wie es angebracht ist, eine klare Unterscheidung zwischen der Dekadenz des Kapitalismus und der Dekadenz früherer Gesellschaften zu machen, so ist es auch unverzichtbar, den grundlegenden Unterschied zwischen den Zerfallselementen, die den Kapitalismus seit Anfang des Jahrhunderts erfaßt haben, und dem allgemeinen Zerfall herauszustellen, in den dieses System gegenwärtig versinkt und der sich noch verschlimmern wird. Neben dem streng quantitativen Aspekt erreicht das Phänomen des gesellschaftlichen Zerfalls heute solch ein Ausmaß und solch eine Tiefe, daß eine neue und einzigartige Qualität erlangt wird, die den Eintritt des Kapitalismus in eine besondere Phase, in die ultimative Phase seiner Geschichte manifestiert, eine Phase, in welcher der Zerfall ein, wenn nicht gar der entscheidende Entwicklungsfaktor der Gesellschaft sein wird.” (Punkt 2)
„Konkret: nicht nur, daß der imperialistische Charakter aller Staaten, die Drohung eines neuen Weltkriegs, die Absorption der Gesellschaft durch den staatlichen Moloch, die permanente kapitalistische Wirtschaftskrise in der Zerfallsphase fortbestehen, sie erreichen in Letzterer eine Synthese und einen ultimativen Abschluß.” (Punkt 3)
„Doch die Geschichte bleibt in solch einer Situation, in der die beiden fundamentalen – und antagonistischen – Klassen der Gesellschaft aufeinanderprallen, ohne ihre eigene Antwort durchsetzen zu können, nicht stehen. Noch weniger als in den anderen vorhergehenden Produktionsweisen ist im Kapitalismus eine Stagnation, ein „Einfrieren“ des gesellschaftlichen Lebens möglich. Während die Widersprüche des krisengeschüttelten Kapitalismus sich noch weiter zuspitzen, führen die Unfähigkeit der Bourgeoisie, der gesamten Gesellschaft irgendeine Perspektive anzubieten, und die Unfähigkeit des Proletariats, die seinige offen zu behaupten, zum Phänomen des allgemeinen Zerfalls, zur Fäulnis der Gesellschaft bei lebendigem Leib.” (Punkt 4)
„Tatsächlich kann sich keine Produktionsweise entwickeln, sich lebensfähig halten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sicherstellen, wenn sie nicht in der Lage ist, der von ihr dominierten Gesellschaft in ihrer Gesamtheit eine Perspektive anzubieten. Und dies trifft besonders auf den Kapitalismus als dynamischste Produktionsweise der Geschichte zu.” (Punkt 5)
„In einer historischen Lage dagegen, in der die Arbeiterklasse noch nicht in der Lage ist, sich unmittelbar im Kampf für ihre eigene Perspektive, für die einzige realistische, die kommunistische Revolution zu engagieren, in der aber auch die Bourgeoisie keine Perspektive anzubieten hat, noch nicht mal kurzfristig, kann die einstige Fähigkeit Letzterer, das Phänomen des Zerfalls in der Dekadenzperiode einzuschränken und zu kontrollieren, nicht mehr helfen, sondern löst sich unter den wiederholten Schlägen der Krise in Luft auf.” (Punkt 5)
Zunächst müssen wir auf einem wesentlichen Aspekt unserer Analyse bestehen: Der Begriff „Zerfall“ wird auf zwei verschiedene Arten verwendet. Zum einen bezieht er sich auf ein Phänomen, das die Gesellschaft besonders in der Zeit der Dekadenz des Kapitalismus betrifft, und zum anderen bezieht er sich auf eine bestimmte historische Phase des Kapitalismus, seine Endphase.
„Neben dem streng quantitativen Aspekt erreicht das Phänomen des gesellschaftlichen Zerfalls heute solch ein Ausmaß und solch eine Tiefe, daß eine neue und einzigartige Qualität erlangt wird, die den Eintritt des Kapitalismus in eine besondere Phase, in die ultimative Phase seiner Geschichte manifestiert, eine Phase, in welcher der Zerfall ein, wenn nicht gar der entscheidende Entwicklungsfaktor der Gesellschaft sein wird.” (Punkt 2)
Auf der Grundlage unserer Analyse des Zerfalls können wir diese beispiellose Situation erkennen, in der keine der beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, weder die Bourgeoisie noch das Proletariat, in der Lage ist, ihre eigene Antwort auf die Krise der kapitalistischen Wirtschaft – entweder den Weltkrieg oder umgekehrt die kommunistische Revolution umzusetzen. Selbst wenn es zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen den Klassen gekommen wäre, wenn sich die Bourgeoisie z.B. auf einen neuen allgemeinen Krieg zubewegt oder wenn das Proletariat Kämpfe geführt hätte, die eine revolutionäre Perspektive eröffneten, würde das nicht bedeuten, dass die Periode des Zerfalls der Gesellschaft beendet wäre (wie die IGCL dümmlich behauptet). Der Zerfallsprozess der Gesellschaft ist unumkehrbar, weil er der Endphase der kapitalistischen Gesellschaft entspricht. Das Einzige, was bei einer solchen Wende hätte geschehen können, ist eine Verlangsamung dieses Prozesses, sicherlich keine „Umkehr“. Aber eine solche Wende ist auf jeden Fall nicht eingetreten. Das Weltproletariat war im vergangenen Vierteljahrhundert völlig unfähig, sich überhaupt eine Perspektive für den Umsturz der bestehenden Ordnung zu verschaffen. Ganz im Gegenteil, wir haben einen Rückschritt in seiner Kampfbereitschaft sowie in seiner Fähigkeit, die grundlegende Waffe seines Kampfes, die Solidarität, zu zeigen, erlebt.
Ebensowenig ist es der Bourgeoisie gelungen, für sich selbst eine wirkliche Perspektive zu erreichen, „außer der Flickschusterei, um die Wirtschaft zu stützen“ (Thesen, Punkt 9). Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schien die Weltwirtschaft nach einer Periode der Instabilität in diesem Bereich eine deutliche Erholung von ihrer Krise zu erleben. Vor allem die BRIC-Staaten zeigten beeindruckende Wachstumsraten. Doch die Euphorie, die die Weltbourgeoisie erfasst hatte, die sich vorstellte, dass ihre Wirtschaft wie in der Zeit des „Nachkriegsbooms“ wieder aufleben könnte, wurde durch die Erschütterungen der Jahre 2007-2008, welche die Zerbrechlichkeit des Finanzsektors vor Augen führten, als eine Depression ähnlich der der 1930er Jahre drohte, grausam gedämpft. Der Weltbourgeoisie gelang es, den Schaden zu begrenzen, insbesondere mit einer massiven Injektion von öffentlichen Geldern in die Wirtschaft, die zu einer Explosion der Staatsschulden führte und namentlich die Euro-Krise in den Jahren 2010-2013 auslöste. Gleichzeitig blieb die Wachstumsrate der größten Volkswirtschaft der Welt auf einem niedrigeren Niveau als vor 2007, obwohl die Zinssätze praktisch bei Null lagen. Was die hochgelobten BRIC-Länder betrifft, so sind sie nun auf die „ICs” (Indien und China) reduziert worden, da Brasilien und Russland mit einer spektakulären Verlangsamung ihres Wachstums oder sogar einer Rezession konfrontiert sind. Was heute in der herrschenden Klasse dominiert, ist nicht Euphorie, der Glaube an eine „strahlende Zukunft“, sondern Ernüchterung und Angst, was sicherlich nicht der gesamten Gesellschaft das Gefühl vermittelt, dass eine „bessere Zukunft möglich ist“, insbesondere bei den Ausgebeuteten, deren Lebensbedingungen sich weiter verschlechtern.
Die historischen Bedingungen, die zu dieser Phase des Zerfalls geführt haben, bestehen also nicht nur weiter, sondern haben sich verschlechtert, was zu einer Vertiefung der meisten Erscheinungen des Zerfalls geführt hat.
Um diese Verschlimmerung vollständig zu verstehen, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass – wie Punkt 2 der Thesen hervorhebt – von der Epoche oder Phase des Zerfalls, und nicht nur von „Erscheinungen des Zerfalls“ die Rede ist.
Punkt 1 der Thesen besteht darauf, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen der Dekadenz des Kapitalismus und der Dekadenz anderer Produktionsweisen, die ihm vorausgegangen sind, gibt. Diesen Unterschied zu betonen ist wichtig in Bezug auf die Frage, die den Schlüssel zum Zerfall darstellt: die Perspektive. Wenn wir die Dekadenz des Feudalismus betrachten, können wir sehen, dass sie durch die „parallele“ Entstehung der kapitalistischen Beziehungen und den allmählichen und teilweisen Aufstieg der Klasse der Bourgeoise begrenzt wurde. Der Zerfall einer Reihe von wirtschaftlichen, sozialen, ideologischen und politischen Formen der Feudalgesellschaft wurde in der Realität (nicht unbedingt mit einem wirklichen Bewusstsein) durch die neu sich herausbildende Produktionsweise in gewisser Weise abgeschwächt. Zwei Beispiele seien genannt: Der Absolutismus wurde in einigen Ländern für die wirtschaftliche Entwicklung des Kapitals genutzt und trug zur Bildung eines nationalen Marktes bei; und die religiöse Auffassung von der „Reinigung des Körpers“ – der angeblich die Heimstätte des Teufels war – hatte einen Nutzen für die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, indem sie die Geburtenrate erhöhte und den zukünftigen Proletariern und Proletarierinnen Disziplin aufzwang.
Aus diesem Grund mag es in der Dekadenz des Feudalismus mehr oder weniger fortgeschrittene Erscheinungen des gesellschaftlichen Zerfalls gegeben haben, aber es konnte keine spezifische Zerfallsphase geben. In der Geschichte der Menschheit konnten einige sehr isolierte Zivilisationen in einem vollständigen Zerfall enden, was zu ihrem Verschwinden führte. Aber nur der Kapitalismus kann in seiner Dekadenz als historisches und weltweites Phänomen eine globale Ära des Zerfalls aufweisen.
Die Thesen von 1990 wiesen auf die wichtigsten sozialen Erscheinungsformen des Zerfalls hin:
• „die Zunahme von Hungersnöten in den Ländern der „Dritten Welt“ [...]
• die Umwandlung der „Dritten Welt“ in ein gewaltiges Slum, in dem Hunderte von Millionen Menschen wie Ratten in der Kanalisation leben [...]
• die Ausbreitung desselben Phänomens im Herzen der großen Städte der „fortgeschrittenen“ Länder [...]
• die „zufälligen“ Katastrophen, deren Zahl sich in der letzten Zeit vervielfacht hat [...]
• die immer zerstörerischeren Folgen von „Naturkatastrophen“ auf menschlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene [...]
• die Umweltverschmutzung, die unglaubliche Ausmaße annimmt [...]” (Punkt 7)
Die offiziellen Zahlen der FAO zeigen einen Rückgang der Unterernährung seit den 1990er Jahren. Dennoch gibt es auch heute noch fast eine Milliarde Menschen, die an Unterernährung leiden. Diese Tragödie betrifft insbesondere Südasien und vor allem Afrika südlich der Sahara, wo in einigen Regionen fast die Hälfte der Bevölkerung, vor allem die Kinder, dem Hunger zum Opfer fallen, mit dramatischen Folgen für ihr Wachstum und ihre Entwicklung. Während die Technologie zu phänomenalen Produktivitätssteigerungen, auch im Agrarsektor, geführt hat, können die Bauern in vielen Ländern ihre Produkte nicht verkaufen, und der Hunger ist wie in den schlimmsten Zeiten der Menschheitsgeschichte weiterhin eine Geißel für Hunderte von Millionen Menschen. Und wenn er die reichen Länder nicht trifft, dann deshalb, weil der Staat noch immer in der Lage ist, seine Armen zu ernähren. Zum Beispiel erhalten 50 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten Nahrungsmittelhilfe-Gutscheine.
Heute leben mehr als eine Milliarde Menschen in Slums, und die Zahl hat sich seit 1990 noch erhöht. Die „Verwandlung der Dritten Welt in ein riesiges Slum“ ist also so offensichtlich, dass der dem Davos-Forum 2015 vorgelegte Bericht über globale Risiken erstmals die „rasche und unkontrollierte Urbanisierung“ zu den großen Risiken zählt, die den Planeten bedrohen, wobei er insbesondere feststellt, dass „40 % des urbanen Wachstums weltweit in Barackensiedlungen stattfindet“, was bedeutet, dass dieser Anteil in den unterentwickelten Ländern viel höher ist.
Und dieses Phänomen des Wachstums von Elendsvierteln breitet sich tendenziell in den reichsten Ländern aus, und zwar in verschiedenen Formen: Millionen von Amerikanern, die während der Subprime-Krise ihr Zuhause verloren, die Zahl der bestehenden Obdachlosen, die Lager von Roma oder Flüchtlingen am Rande vieler europäischer Städte und sogar in den Zentren ... Und selbst von denjenigen, die in dauerhaften Wohnungen leben, hausen zig Millionen in echten Slums. Im Jahr 2015 lebten 17,4 % der Einwohner der Europäischen Union unter überfüllten Bedingungen, 15,7 % der Wohnungen hatten undichte Leitungen oder Fäulnis, und 10,8 % der Wohnungen waren ohne Heizung. Dies galt nicht nur für die armen Länder Europas, denn die Zahlen lagen bei 6,7 %, 13,1 % bzw. 5,3 % in Deutschland und 8 %, 15,9 % bzw. 10,9 % im Vereinigten Königreich.
Wir könnten auch viele Beispiele für „zufällige“ Katastrophen in den letzten 25 Jahren anführen. Aber es genügt, zwei der spektakulärsten und dramatischsten Beispiele zu nennen, die nicht in der Dritten Welt, sondern in den beiden am weitesten entwickelten Wirtschaftsmächten zu finden sind: die Überschwemmungen von New Orleans im August 2005 (fast 2000 Tote, eine fast entvölkerte Stadt) und die Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011, die mit der von Tschernobyl 1986 vergleichbar ist.
Was das „die Umweltverschmutzung“ betrifft, „die unglaubliche Ausmaße annimmt“, so waren wir, als wir diese Worte schrieben noch weit entfernt von den heutigen Beobachtungen und Prognosen, die in wissenschaftlichen Kreisen allgemein anerkannt sind und auf die die meisten Sektoren der Bourgeoisie jedes Landes sich berufen (auch wenn die herrschende Klasse aufgrund der Gesetze des Kapitalismus nicht in der Lage ist, die erforderlichen Maßnahmen durchzuführen). Die Liste ist lang, nicht nur der Katastrophen, die die Menschheit aufgrund der Umweltzerstörung erwarten, sondern auch derjenigen, die uns schon jetzt treffen: die Verschmutzung der Luft in den Städten und des Wassers der Ozeane, der Klimawandel, der immer heftigere Wetterphänomene mit sich bringt, die sich ausbreitende Wüstenbildung, das zunehmende Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten, die das biologische Gleichgewicht unseres Planeten immer mehr bedrohen (das Verschwinden der Bienen zum Beispiel ist eine Bedrohung für unsere Nahrungsressourcen).
Das Bild, das wir 1990 zeichneten, war folgendes:
• „die unglaubliche Korruption, die im politischen Apparat wächst und gedeiht [...]
• die Entwicklung des Terrorismus, der Geiselnahmen als Mittel der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Staaten unter Verletzung von „Gesetzen“, die der Kapitalismus einst verabschiedet hatte, um die Konflikte zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse zu „reglementieren“
• der ununterbrochene Anstieg der Kriminalität, der Unsicherheit, der Gewalt in den Städten [...]
• die Flutwelle der Drogen, die heute zu einem Massenphänomen werden und stark zur Korruption im Staat und den Finanzorganismen beitragen [...]
• die Fülle an Sekten, das Wiederaufleben religiöser Geisteshaltungen auch in fortgeschrittenen Ländern, die Ablehnung eines vernunftgesteuerten, zusammenhängenden, konstruktiven Denkens [...]
• die Belanglosigkeit, die Käuflichkeit all der „künstlerischen“ Produktionen, der Literatur, der Musik, der Malerei, der Architektur [...]
• das „Jeder für sich“, die Atomisierung des Einzelnen, die Zerstörung der Familienbeziehungen, die Ausgrenzung der alten Menschen, die Zerstörung der Gefühle [...]” (Punkt 8)
All diese Aspekte haben sich bestätigt und sogar noch verschlimmert. Lässt man die Aspekte, die mit den nachstehend hervorgehobenen Punkten (Terrorismus, Flüchtlingsfrage und Zunahme des Populismus) zusammenhängen, kurz beiseite, so kann man beispielsweise feststellen, dass die Gewalt und die städtische Kriminalität in vielen Ländern Lateinamerikas und auch in den Vororten einiger europäischer Städte – teilweise im Zusammenhang mit dem Drogenhandel, aber nicht nur dort – explodiert ist. Was diesen Handel und sein enormes Gewicht in der Gesellschaft, auch auf wirtschaftlicher Ebene, betrifft, so kann man sagen, dass es sich um einen ständig wachsenden „Markt“ handelt, da das Unbehagen und die Verzweiflung, die jede Schicht der Bevölkerung trifft, zunehmen. Was die Korruption und all die Machenschaften – in anderen Worten „Wirtschaftskriminalität“ – angeht, so sind in den letzten Jahren viele Fälle aufgedeckt worden (wie die „Panama-Papiere“, die nur eine winzige Spitze des Eisbergs des Gangstertums sind, in dem der Finanzsektor immer mehr Fuß fassen muss). In Bezug auf die Käuflichkeit von Kulturschaffenden und ihre Rehabilitierung können wir die jüngste Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan, künstlerisches Symbol der Revolte in den 1960er Jahren, zitieren, aber es gibt noch viele andere, die wir nennen könnten. Schließlich hat sich die Zerstörung der menschlichen Beziehungen, der Familienbande und des menschlichen Mitgefühls nur noch verschlimmert, wie der Gebrauch von Antidepressiva, die Explosion von psychischem Druck und Stress am Arbeitsplatz und das Aufkommen neuer Berufe, die solche Menschen „unterstützen“ sollen, belegen. Es gibt auch Hinweise auf echte Massaker wie das vom Sommer 2003 in Frankreich, wo 15.000 ältere Menschen während der Hitzewelle starben.
Diese Frage ist selbstverständlich weder in der Geschichte noch in den Analysen der IKS neu (siehe z.B. den Text Terror, Terrorismus und Klassengewalt, der in der Nummer 3 der Internationalen Revue veröffentlicht wurde. Gleichwohl ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass unser Genosse MC auf der Grundlage der Bombenanschläge von Paris im Jahr 1985 eine Reflexion über den Zerfall begann. Als besonders bedeutsam analysieren die Thesen den Eintritt des Kapitalismus in die Phase des Zerfalls: „die Entwicklung des Terrorismus, der Geiselnahmen als Mittel der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Staaten unter Verletzung von „Gesetzen“, die der Kapitalismus einst verabschiedet hatte, um die Konflikte zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse zu ‘reglementieren’“.
Es ist kaum notwendig, darauf hinzuweisen, wie weit diese Frage im Leben des Kapitalismus einen herausragenden Platz eingenommen hat. Heute ist der Terrorismus als Instrument des Krieges zwischen Staaten in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens gerückt. Wir haben sogar die Konstituierung eines neuen Staates, das Kalifat des IS, mit seiner Armee, seiner Polizei, seiner Verwaltung, seinen Schulen erleben müssen, für den der Terrorismus die auserkorene Waffe ist.
Die quantitative und qualitative Zunahme der Rolle des Terrorismus hat vor 15 Jahren mit dem Angriff auf die Twin Towers einen entscheidenden Schritt getan, und es war die führende Weltmacht, die diesem Angriff bewusst die Tür öffnete, um ihre Intervention in Afghanistan und im Irak zu rechtfertigen. Die Anschläge von Madrid 2004 und London 2005 haben dies bestätigt. Die Gründung des IS in den Jahren 2013-14 und die Angriffe in Frankreich in den Jahren 2015-16, Belgien und Deutschland im Jahr 2016 stellen einen weiteren Schritt in diesem Prozess dar.
Darüber hinaus geben uns die Thesen einige Anhaltspunkte dafür, die wachsende Faszination eines Teils der Jugend in den entwickelten Ländern für den Dschihadismus und Selbstmordattentate zu verstehen:
• „die Ausbreitung des Nihilismus, der Selbstmorde unter Jugendlichen, der Hoffnungslosigkeit [...], des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit
• die Fülle an Sekten, das Wiederaufleben religiöser Geisteshaltungen auch in fortgeschrittenen Ländern, die Ablehnung eines vernunftgesteuerten, zusammenhängenden, konstruktiven Denkens [...]
• das Überhandnehmen von Gewalt- und Horrorszenen, von Blut und Massakern in eben diesen Medien [...]”
All diese Aspekte haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nur noch verstärkt. Sie betreffen alle Bereiche der Gesellschaft. Im fortgeschrittensten Land der Welt ist eine „religiöse Rechte“ (die „Tea Party“) innerhalb einer der beiden politischen Parteien entstanden, die für die Verwaltung der Interessen des nationalen Kapitals zuständig ist, eine Bewegung, die die am meisten begünstigten Gesellschaftsschichten umfasst. In ähnlicher Weise hat in einem Land wie Frankreich die Einführung der Homo-Ehe (die an sich nur ein Manöver der Linken war, um vom Verrat ihrer Wahlversprechen und den Angriffen auf die Ausgebeuteten abzulenken) Millionen von Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen mobilisiert, vor allem aber die Bürgerlichen und Kleinbürger, die eine solche Maßnahme als Beleidigung Gottes betrachteten. Gleichzeitig nehmen Obskurantismus und religiöser Fanatismus unter den am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppen, insbesondere unter den jungen proletarischen Eingewanderten, die muslimisch sind, weiter zu und ziehen eine beträchtliche Anzahl von „einheimischen“ Jugendlichen mit sich. Noch nie haben wir in europäischen Städten so viele Schleier oder gar „Burkas“ um die Köpfe muslimischer Frauen gesehen. Und was ist mit der Haltung jener Zehntausenden von jungen Menschen, die nach der Ermordung der Karikaturisten der Zeitung Charlie Hebdo der Meinung waren, sie hätten sich das selbst zuzuschreiben, indem sie den „Propheten“ gezeichnet haben?
Diese Frage wird in den Thesen von 1990 nicht behandelt. Deshalb bieten wir hier eine Ergänzung an, die sich mit diesem Problem befasst.
Die Frage der Flüchtlinge hat in den letzten Jahren einen zentralen Platz im Leben der Gesellschaft erhalten. Im Jahr 2015 waren mehr als 6 Millionen Menschen gezwungen, ihr Land zu verlassen, wodurch die Zahl der Flüchtlinge auf der Welt auf über 65 Millionen angestiegen ist (mehr als die Bevölkerung Großbritanniens). Dazu kommen noch die 40 Millionen Menschen, die innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben werden. Dieses Phänomen ist seit dem Zweiten Weltkrieg beispiellos.
Vertreibung und Auswanderung sind Teil der Geschichte der Menschheit, einer Spezies, die vor 200.000 Jahren in einem kleinen Teil Ostafrikas auftauchte und sich überall auf der Welt ausbreitete, wo es verwertbare Ressourcen für Nahrung und andere Grundbedürfnisse des Lebens gab. Einer der großen Momente dieser Bevölkerungsbewegungen ist die Kolonialisierung des größten Teils des Planeten durch die europäischen Mächte, ein Phänomen, das vor 500 Jahren entstand und mit dem Aufstieg des Kapitalismus zusammenfiel (siehe hierzu den entsprechenden Abschnitt des Kommunistischen Manifests). Im Allgemeinen setzen sich die Migrationsströme (auch wenn sie Händler, Abenteurer oder durch Eroberung getriebene Soldaten umfassen) hauptsächlich aus Bevölkerungsgruppen zusammen, die aus ihrem Land wegen Verfolgung (englische Protestanten der „Mayflower“, Juden aus Osteuropa) oder Armut (Iren, Sizilianer) fliehen. Erst mit dem Aufkommen des Kapitalismus in seiner Dekadenzphase werden die vorherrschenden Migrationsströme umgekehrt. Zunehmend sind es die Bewohner der Kolonien, die, vom Elend getrieben, in die Metropolen kommen, um Arbeit (im Allgemeinen gering qualifiziert und sehr schlecht bezahlt) zu finden. Dieses Phänomen setzte sich nach den Entkolonialisierungswellen fort, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1960er Jahre aufeinander folgten. Ende der 1960er Jahre führte die offene Krise der kapitalistischen Wirtschaft mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit in den entwickelten Ländern bei gleichzeitiger Zunahme der Armut in den ehemaligen Kolonien zu einem deutlichen Anstieg der illegalen Einwanderung. Seitdem hat sich die Situation trotz der heuchlerischen Reden der herrschenden Klasse nur noch verschlimmert, die in den „Papierlosen“ noch billigere Arbeitskräfte findet im Vergleich zu denen, die Papiere haben.
Mehrere Jahrzehnte lang ging es bei den Migrationsströmen also hauptsächlich um wirtschaftliche Auswanderung. Neu ist jedoch, dass in den letzten Jahren der Anteil der Einwandernden, die aus Kriegs- oder Repressionsgründen aus ihrem Land geflohen sind, explodiert ist und eine Situation wie nach dem Spanischen Krieg oder dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschaffen hat. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Flüchtlinge, die mit allen möglichen Mitteln, auch mit den gefährlichsten, an die Türen Europas klopfen, was die Aufnahmefähigkeit der europäischen Länder auf die Probe stellt und die Flüchtlingsfrage zu einem wichtigen politischen Thema in diesen Ländern macht (siehe unten zur Frage des Populismus).
Die massiven Bevölkerungsbewegungen sind keine Phänomene, die der Phase des Zerfalls vorbehalten sind. Aber sie nehmen heute eine Dimension an, die sie zu einem eigenständigen Element des Zerfalls macht, und wir können auf dieses Phänomen die Analyse anwenden, die wir 1990 zur Arbeitslosigkeit vorgelegt haben:
„Zwar ist die Arbeitslosigkeit, die direkt aus der Wirtschaftskrise resultiert, als solche kein Ausdruck des Zerfalls, aber sie kann in dieser besonderen Phase der Dekadenz zu Konsequenzen führen, die aus ihr ein singuläres Element im Zerfall machen.” (Punkt 14)
Das Jahr 2016, insbesondere mit der Brexit-Abstimmung und der Wahl von Donald Trump an die Spitze der ersten Weltmacht, markiert eine Phase von großer Bedeutung in der Entwicklung eines Phänomens, das noch keine bedeutende Rolle gespielt hatte, als es in Ländern wie Frankreich, Österreich oder, in geringerem Maße, Italien mit dem Aufstieg der populistischen extremen Rechten bei den Wahlen auftrat. Dieses Phänomen ist offensichtlich nicht das Ergebnis eines bewussten politischen Willens der herrschenden Teile der Bourgeoisie, auch wenn diese Teile es eindeutig gegen das Bewusstsein des Proletariats einzusetzen wissen.
In den Thesen von 1990 heißt es:
„Unter den Hauptkennzeichen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft muß man die zunehmenden Schwierigkeiten der Bourgeoisie hervorheben, die Entwicklung der Lage auf politischer Ebene zu kontrollieren.” (Punkt 9)
„Diese allgemeine Tendenz der Bourgeoisie, die Kontrolle über die Leitung ihrer Politik zu verlieren, ist ein wichtiger Faktor beim Zusammenbruch des Ostblocks, und er wird mit diesem Zusammenbruch noch stärker werden, aufgrund:
• der Zuspitzung der Wirtschaftskrise, die aus Letzterem resultiert;
• der Auflösung des westlichen Blocks infolge des Verschwindens des rivalisierenden Blocks;
• der Schürung der einzelnen Rivalitäten, die das vorübergehende Zurückdrängen der Perspektive eines Weltkriegs zwischen verschiedenen Sektoren der Bourgeoisie (insbesondere zwischen nationalen Fraktionen, aber auch zwischen Cliquen innerhalb eines gleichen Nationalstaats) bewirkt.” (Punkt 10)
Die Verschärfung der Wirtschaftskrise infolge des Zusammenbruchs des Ostblocks hat sich zu Beginn nicht fortgesetzt. Dennoch haben die anderen Aspekte ihre Gültigkeit behalten. Was in der gegenwärtigen Situation betont werden muss, ist die volle Bestätigung dieses Aspekts, den wir vor 25 Jahren festgestellt haben: die Tendenz, dass die herrschende Klasse zunehmend die Kontrolle über ihren politischen Apparat verliert.
Offensichtlich werden diese Ereignisse von verschiedenen Sektoren der Bourgeoisie (insbesondere von denen der Linken) aus bekannten historischen Gründen dazu benutzt, die Flamme des Antifaschismus (dies ist besonders in Deutschland der Fall) wiederzubeleben. Auch in Frankreich gab es bei den letzten Regionalwahlen im Dezember 2015 eine „Republikanische Front“, bei der die Sozialistische Partei ihre Kandidaten zurückzog und dazu aufrief, für die Rechte zu stimmen, um dem Front National den Weg zu blockieren. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass das Hauptangriffsziel antifaschistischer Kampagnen, die Arbeiterklasse, derzeit keine Bedrohung oder auch nur eine große Sorge für die Bourgeoisie darstellt.
In der Tat kann die fast einhellige Meinung der verantwortungsbewusstesten Sektoren der Bourgeoisie und ihrer Medien gegen den Brexit, gegen die Wahl von Trump, gegen die extreme Rechte in Deutschland oder gegen den Front National in Frankreich nicht als ein Manöver betrachtet werden: die vom Populismus vorgeschlagenen wirtschaftlichen und politischen Optionen sind keineswegs realistische Option für die Verwaltung des nationalen Kapitals (im Gegensatz zu den Optionen der Linken des Kapitals, die angesichts der „Exzesse“ der neoliberalen Globalisierung eine Rückkehr zu keynesianischen Lösungen vorschlagen). Wenn wir uns auf den Fall Europas beschränken, könnten populistisch geführte Regierungen, wenn sie ihre Programme umsetzen, nur zu einer Art Vandalismus führen, der die Instabilität, die die Institutionen dieses Kontinents bedroht, nur noch weiter verschärfen würde. Und dies um so mehr, als das politische Personal der populistischen Bewegungen zwar eine ernsthafte Erfahrung auf dem Gebiet der Demagogie gesammelt hat, aber keineswegs bereit ist, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen.
Bei der Entwicklung unserer Analyse des Zerfalls sind wir davon ausgegangen, dass dieses Phänomen sich sowohl auf die Form der imperialistischen Konflikte (siehe den Artikel Militarismus und Zerfall, in der Internationalen Revue 13) als auch auf das Bewusstsein des Proletariats auswirkt. Demgegenüber waren wir der Ansicht, dass es keine wirklichen Auswirkungen auf die Entwicklung der Krise des Kapitalismus haben würde. Wenn der gegenwärtige Aufstieg des Populismus dazu führen würde, dass diese Strömung in einigen der wichtigsten europäischen Länder an die Macht käme, so würde der Zerfall jedoch auch eine solche Auswirkung entfalten.
In der Tat kann der Aufstieg des Populismus in einem bestimmten Land spezifische Ursachen haben (wie z. B. nach dem Sturz des Stalinismus für bestimmte osteuropäische Länder, die Auswirkungen der Finanzkrise von 2007-2008, die Millionen von Amerikanern ruiniert und ihrer Häuser beraubt hat, usw.). Dennoch hat er ein gemeinsames Element, das in den meisten fortgeschrittenen Ländern auftritt: der tiefe Vertrauensverlust in die „Eliten“, d.h. die traditionellen Regierungsparteien (konservative oder fortschrittliche wie die Sozialdemokraten) aufgrund ihrer Unfähigkeit, die Gesundheit der Wirtschaft wiederherzustellen, den stetigen Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Armut zu stoppen. In diesem Sinne stellt der Aufstieg des Populismus eine Art Revolte gegen die derzeitigen politischen Führer dar, aber eine Revolte, die nicht zu einer alternativen Perspektive zum Kapitalismus führen kann. Die einzige Klasse, die eine solche Alternative bieten kann, ist das Proletariat, wenn es sich auf seinem Klassenterrain mobilisiert und sich der Notwendigkeit und der Möglichkeit der kommunistischen Revolution bewusst wird. Mit dem Populismus ist es dasselbe wie mit dem allgemeinen Phänomen des Zerfalls der Gesellschaft, das die gegenwärtige Lebensphase des Kapitalismus kennzeichnet: Ihre entscheidende Ursache ist die Unfähigkeit des Proletariats, eine eigene Antwort, eine eigene Alternative zur Krise des Kapitalismus zu finden. In diesem Vakuum wird der Vertrauensverlust in die offiziellen Institutionen der Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage sind, sie zu schützen, der Vertrauensverlust in die Zukunft, die Tendenz, in die Vergangenheit zu blicken, Sündenböcke zu suchen, die für die Katastrophe verantwortlich sind, immer stärker. In diesem Sinne ist der Aufstieg des Populismus ein Phänomen, das ganz typisch für die Epoche des Zerfalls ist. Dies gilt umso mehr, als er wertvolle Verbündete im Aufstieg des Terrorismus findet, der ein wachsendes Gefühl der Angst und Hilflosigkeit hervorruft, insbesondere angesichts des massiven Zustroms von Flüchtlingen, die die Angst schüren, dass sie gekommen sind, um den Einheimischen die Arbeit wegzunehmen oder neue Terroristen zu infiltrieren.
Als wir den Eintritt des Weltkapitalismus in die akute Phase seiner Wirtschaftskrise erkannten, wiesen wir darauf hin, dass es diesem System zunächst gelungen war, seine katastrophalsten Auswirkungen auf die Peripherie abzuwälzen, dass diese Auswirkungen aber wie ein Bumerang in das Zentrum zurückkehren würden. Dasselbe Modell gilt für die drei Fragen, die seither ausführlicher diskutiert wurden:
- Der Terrorismus existiert bereits in einem viel dramatischeren Ausmaß in einigen Ländern der Peripherie;
- dieselben Länder haben ein weitaus größeres Problem mit Flüchtlingen als die zentralen Länder;
- diese Länder sind auch den Erschütterungen ihres politischen Apparates ausgesetzt.
Die Tatsache, dass die zentralen Länder heute eine derartigen Bumerangeffekt erleben, ist ein Anzeichen dafür, dass die menschliche Gesellschaft weiter und tiefer in den Zerfall rutscht.
Einer der Gründe für die Schwierigkeiten, auf die das Proletariat und vor allem seine eigene Avantgarde gestoßen sind, um diese Epoche des Zerfalls zu erkennen und zu verstehen und sich gegen sie zu wappnen, liegt in der Natur des Zerfalls als einer historischen Phase.
Der Prozess des Zerfalls, der die gegenwärtige historische Periode prägt, stellt ein Phänomen dar, das auf sehr heimtückische Weise voranschreitet. Insofern er die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens am tiefsten berührt und sich in der Zerrüttung der tiefsten sozialen Beziehungen manifestiert, hat er nicht unbedingt einen einzigen und unbestreitbaren Ausdruck, wie z.B. der Ausbruch des Weltkrieges oder revolutionäre Verhältnisse. Vielmehr drückt sie sich durch eine Vielzahl von Phänomenen aus, die in keinem offensichtlichen Zusammenhang miteinander stehen.
Jedes der Phänomene könnte für sich genommen zeigen, dass der Zerfall nicht neu ist, sondern mit früheren Stadien der kapitalistischen Dekadenz verbunden ist. Zum Beispiel gibt es eine Fortsetzung der imperialistischen Kriege. Innerhalb dieser Kontinuität findet man jedoch das Element der Tendenz des „Jeder-für-sich“ und insbesondere „die Entwicklung des Terrorismus, der Geiselnahmen als Mittel der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Staaten unter Verletzung von „Gesetzen“, die der Kapitalismus einst verabschiedet hatte, um die Konflikte zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse zu ‘reglementieren’“ (These 8). Diese Elemente erscheinen „undeutlich“ inmitten der klassischen und allgemeinen Züge des imperialistischen Krieges, was es schwierig macht, sie zu identifizieren. Eine oberflächliche Untersuchung wird sie nicht aufdecken. Dasselbe gilt für den politischen Apparat der Bourgeoisie (so kann das Aufkommen des Populismus fälschlicherweise mit dem Phänomen des Faschismus zwischen den beiden Kriegen in Verbindung gebracht werden).
Die Tatsache, dass die beiden wesentlichen Klassen der Gesellschaft (das Proletariat und die Bourgeoisie) nicht in der Lage sind, eine Perspektive zu bieten, begünstigt das Fehlen einer globalen Vision und führt zu einer passiven Anpassung an die bestehende Realität. Dies begünstigt engstirnige, blinde, kleinbürgerliche Visionen ohne Zukunftsorientierung. Man kann sagen, dass der Zerfall an sich schon ein mächtiger Faktor ist, der das Bewusstsein der eigenen Wirklichkeit auslöscht. Das ist sehr gefährlich für das Proletariat. Aber es erzeugt auch eine Blindheit der Bourgeoisie, so dass der Zerfall aufgrund der Schwierigkeit, ihn zu erkennen, ein kumuliertes Phänomen erzeugt, das in seinen Auswirkungen spiralförmig ansteigt.
Schließlich verschärfen zwei dem Kapitalismus eigentümliche Tendenzen diese Schwierigkeit, den Zerfall und seine Folgen zu erkennen, noch weiter:
Der „Kapitalismus als dynamischste Produktionsweise der Geschichte” (Punkt 5); und „die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren.” (Kommunistisches Manifest).
Dies vermittelt den Eindruck einer permanenten „Modernität“, einer Gesellschaft, die trotz allem „fortschreitet“ und sich entwickelt. Eine Folge davon ist, dass der Zerfall nicht in allen Ländern einheitlich verläuft. Er ist in China und anderen asiatischen Ländern stärker abgeschwächt. Andererseits nimmt er in anderen Teilen der Welt eine viel extremere Form an, zum Beispiel in Afrika oder in einigen Ländern Lateinamerikas. All dies neigt dazu, den Zerfall zu „verschleiern“. Man könnte sagen, dass der ekelerregende Geruch, den er erzeugt, durch den verführerischen Duft der „Modernität“ vermindert wird.
In den fortgeschrittensten Ländern ist die Bourgeoisie mit der Entwicklung des Staatskapitalismus immer noch in der Lage, bestimmte Gegentendenzen zu erzeugen, um die Auswirkungen des Zerfalls zu vermindern. Wir können dies beim Brexit sehen, wo die britische Bourgeoisie sich schnell wieder organisiert hat, um den Schaden zu begrenzen.
In Punkt 13 der Thesen wird diese Frage in den folgenden Passagen behandelt:
„Die verschiedenen Elemente, die die Stärke des Proletariats ausmachen, stoßen direkt mit den verschiedenen Facetten dieses ideologischen Zerfalls zusammen:
• Das kollektive Handeln und die Solidarität stoßen mit der Atomisierung, dem „Jeder für sich“, dem „Frechheit zahlt sich aus“ zusammen.
• Das Bedürfnis nach Organisierung steht dem gesellschaftlichen Zerfall entgegen, der Zerstörung von Beziehungen, die erst ein gesellschaftliches Leben ermöglichen.
• Die Zuversicht in die Zukunft und in die eigenen Kräfte wird ständig untergraben durch die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die in der Gesellschaft durch den Nihilismus, durch die Ideologie des „No future“ immer mehr überhand nimmt.
• Das Bewußtsein, die Klarheit, die Kohärenz und Einheit im Denken, der Sinn für Theorie müssen sich mühsam ein Weg bahnen inmitten der Flucht in Trugbilder, der Drogen, Sekten, des Mystizismus, der Verweigerung des Nachdenkens und der Zerstörung des Denkens, die unsere Epoche charakterisieren.” (Punkt 13)
Die Erfahrungen der Kämpfe der letzten 25 Jahre haben diese Analysen weitgehend bestätigt. Dies gilt insbesondere, wenn man die beiden am weitesten fortgeschrittenen Bewegungen dieser Periode betrachtet: die Anti-CPE-Bewegung in Frankreich im Jahr 2006 und die Bewegung der Indignados in Spanien im Jahr 2011. Es trifft zu, dass die Solidarität im Zentrum beider Bewegungen stand, wie sie auch im Zentrum begrenzterer Erfahrungen stand – wie anlässlich der Mobilisierung gegen die Rentenreform in Frankreich 2003 oder beim U-Bahnstreik in New York 2005. Diese Ausdrücke blieben jedoch isoliert und riefen, abgesehen davon, dass sie auf eine eher passive Sympathie stießen, keine allgemeine Mobilisierung der Klasse hervor.
Solidarität und kollektives Handeln ist eines der grundlegenden Merkmale des proletarischen Kampfes, aber es war viel schwieriger, es zum Ausdruck zu bringen als in der Vergangenheit, trotz der schweren Angriffe auf die Arbeiterklasse, zum Beispiel auf der Ebene der Entlassungen. Es stimmt, dass die einschüchternde Erfahrung der Krise zu einem vorübergehenden Rückzug in der Kampfbereitschaft geführt hat, aber die Tatsache, dass ein solcher Rückzug fast permanent geworden ist, bedeutet, dass wir verstehen müssen, dass dieser Faktor zwar eine Rolle spielt, aber nicht der einzige ist, und wir sollten die Bedeutung dessen bedenken, was These 13 über das „Jeder-für-sich“, die Atomisierung und den individuellen Rückzug sagt.
Die Frage der Organisation steht im Mittelpunkt des Kampfes des Proletariats. Abgesehen von den enormen Schwierigkeiten, die revolutionäre Minderheiten haben, sich ernsthaft mit der Frage der Organisation auseinanderzusetzen (die einen weiteren Text verdienen würde), haben die Probleme der Klasse sich zu organisieren, trotz der spektakulären Verbreitung von Vollversammlungen in der Bewegung der Indignados oder in der Anti-CPE-Bewegung, verschärft. Abgesehen von diesen fortgeschritteneren Beispielen, die ein zukunftsweisender Schritt bleiben, haben viele andere ähnliche Kämpfe große Schwierigkeiten gehabt, sich zu organisieren. Dies gilt insbesondere für die „Occupy“-Bewegung im Jahr 2011 oder die Bewegungen in Brasilien und der Türkei im Jahr 2013.
Das Vertrauen in die eigene Stärke als Klasse ist ein Schlüsselelement des Kampfes des Proletariats, das bisher so sehr fehlte. In den Fällen der beiden soeben erwähnten wichtigen Bewegungen erkannte sich die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer nicht als Teil der Arbeiterklasse. Sie sahen sich selbst als „normale Bürger*innen“, was vom Standpunkt der Auswirkungen demokratischer Illusionen, aber auch angesichts der gegenwärtigen populistischen Welle sehr gefährlich ist.
Auch das Vertrauen in die Zukunft und insbesondere in die Möglichkeit einer neuen Gesellschaft fehlte, abgesehen von einigen wenigen sehr allgemeinen Einsichten oder der Fähigkeit, auf sehr embryonale Weise Fragen über den Staat, die Moral, die Kultur usw. zu stellen. Diese Überlegungen sind aus der Sicht der Zukunft sicherlich sehr interessant. Sie sind jedoch sehr begrenzt geblieben und im Allgemeinen weit unter dem Niveau der Überlegungen, das 1968 in den am weitesten entwickelten Bewegungen erreicht wurde.
Die Entwicklung des Bewusstseins und des kohärenten und einheitlichen Denkens ist eines der Elemente, das, wie in Punkt 13 der Thesen erwähnt, in dieser Phase auf enorme Hindernisse stößt. Während das Jahr 1968 durch einen bedeutenden sozialen Umwälzungsprozess unter verschiedenen Minderheiten vorbereitet wurde und danach, zumindest für eine Weile, eine Vielzahl von suchenden Elementen hervorbrachte, sollten wir feststellen, dass nur sehr wenig dieser sozialen Reifung die Bewegungen von 2006 und 2011 vorbereitet bzw. überdauert hat. Trotz des Ernstes der historischen Situation – unvergleichlich ernster als 1968 – ist keine neue Generation von revolutionären Minderheiten aufgetaucht. Dies zeigt, dass sich die traditionelle Kluft innerhalb des Proletariats – wie Rosa Luxemburg betonte – zwischen objektiver Entwicklung und subjektivem Verständnis – mit dem nicht zu unterschätzenden Phänomen des Zerfalls bedeutend verschärft hat.
Die kapitalistische Gesellschaft, die sich in der Endphase ihres Niedergangs befindet, bringt eine ganze Reihe von „Identitätskrisen“ hervor. Die Atomisierung, die dem System der verallgemeinerten Warenproduktion innewohnt, erreicht neue Dimensionen, und das gilt sowohl für das gesellschaftliche Leben als Ganzes als auch für die Reaktionen auf das zunehmende Elend und die zunehmende Unterdrückung, die das System hervorruft. Einerseits werden Gruppen und Einzelpersonen, die unter besonderer Unterdrückung leiden, ermutigt, als bestimmte Gruppen dagegen zu kämpfen – als Frauen, als Schwule, als Transgender, als ethnische Minderheiten usw. –, wobei sie nicht selten direkt miteinander konkurrieren, wie bei der aktuellen Konfrontation zwischen Transgender-Aktivist*innen und bestimmten Zweigen des Feminismus. Diese Phänomene der „Identitätspolitik“ werden gleichzeitig vom linken Flügel der Bourgeoisie bis hin zu ihren angesehensten Akademiker*innen und mächtigsten politischen Kreisen (wie in der Demokratischen Partei in den USA) übernommen.
Unterdessen erhebt sich der rechte Flügel der Bourgeoisie, während er vordergründig den Aufstieg der Identitätspolitik ablehnt, zur Verteidigung seiner eigenen Form der Identitätssuche: die Suche nach den wahren Männern, die vom Gespenst des Feminismus bedroht seien, die Sehnsucht nach dem Ruhm der Weißen Rasse, die von ausländischen Horden verdrängt werde.
Die Suche nach diesen partiellen und manchmal völlig fiktiven Identitäten und Gemeinschaften ist ein Gradmesser für die Selbstentfremdung der Menschheit in einer historischen Epoche, in der eine universelle menschliche Gemeinschaft sowohl möglich als auch notwendig für das Überleben der Gattung ist. Und vor allem ist sie, wie andere Erscheinungsformen des sozialen Zerfalls, das Produkt des Verlustes der einen Identität, deren Bestätigung zur Schaffung einer solchen Gemeinschaft führen kann, auch bekannt als Kommunismus: der Klassenidentität des Proletariats. Die jüngste Bewegung der „Gelb-Westen“ in Frankreich veranschaulicht die Gefahren, die sich aus diesem Verlust der Klassenidentität ergeben: dass eine große Zahl von Arbeiter*innen, zu Recht verärgert über die ständigen Angriffe auf ihren Lebensstandard, nicht für ihre eigenen Interessen, sondern hinter den Forderungen und Handlungen anderer sozialer Klassen mobilisiert wird – in diesem Fall des Kleinbürgertums und eines Teil der Bourgeoisie selbst[1].
Die Ausbeutung der Arbeiterklasse ist der Grundstein für das gesamte Gebäude des Kapitalismus. Es ist nicht nur eine Form der Unterdrückung unter vielen, wie die Befürworter der Identitätspolitik offen oder heimlich argumentieren. Denn trotz aller Veränderungen, die der Kapitalismus in den letzten zwei Jahrhunderten durchgemacht hat, regiert der Kapitalismus weiterhin die Erde, und das, was Karl Marx 1844 über das revolutionäre Wesen des Proletariats schrieb und oft zitiert wurde, bleibt so wahr wie eh und je. Es ist eine Klasse, deren Kampf gegen den Kapitalismus die Lösung für all das „besondre Unrecht“ dieser Gesellschaft beinhaltet – eine „Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.“[2]
In der Heiligen Familie, die er in der gleichen Zeit schrieb, erklärt Marx, dass die Arbeiterklasse ihrem Sein gemäß eine revolutionäre Klasse ist, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst ist:
„Wenn die sozialistischen Schriftsteller dem Proletariat diese weltgeschichtliche Rolle zuschreiben, so geschieht dies keineswegs, wie die kritische Kritik zu glauben vorgibt, weil sie die Proletarier für Götter halten. Vielmehr umgekehrt. Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not - den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit - zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muß das Proletariat sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben. Es macht nicht vergebens die harte, aber stählende Schule der Arbeit durch. Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.“[3]
Klassenidentität hat also eine objektive Grundlage, die so lange unveränderlich bleibt, wie es den Kapitalismus gibt, aber das subjektive Bewusstsein dessen, „was das Proletariat ist“, wird seit langem von der negativen Seite der proletarischen Bedingung zurückgehalten: der Tatsache, dass „der Mensch im Proletariat sich selbst verloren hat“, dass es eine Klasse ist, die unter dem vollen Gewicht der menschlichen Selbstentfremdung leidet. In späteren Werken erklärte Marx, dass die besonderen Formen der Entfremdung in der kapitalistischen Gesellschaft – der Prozess, der auch als „Verdinglichung“ bekannt ist, der Schleier der Mystifizierung, der dem universellen Warenaustausch innewohnt – es den Ausgebeuteten besonders schwer machen, das wirkliche Wesen ihrer Ausbeutung und die wahre Identität ihrer Ausbeuter zu begreifen. Und deshalb muss es ein „theoretisches Bewusstsein dieses Verlustes“ geben, und der Sozialismus muss in seinen Methoden wissenschaftlich werden. Aber dieses theoretische Bewusstsein ist keineswegs von den realen Bedingungen der Arbeit und ihrer Revolte gegen die Unmenschlichkeit der kapitalistischen Ausbeutung getrennt.
Wenn Marx schreibt, dass sich das Proletariat „nicht selbst befreien (kann), ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben“, meint die so genannte „Kommunisierungs“-Strömung, dass jeder positive Bezug auf eine Klassenidentität nur reaktionär sein könne, da sie nicht mehr als eine Beschönigung dessen sei, was das Proletariat innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ist, deshalb verlange die kommunistische Revolution die sofortige Selbstaufhebung der Arbeiterklasse. Aber damit verliert diese Strömung die dialektische Wirklichkeit einer Arbeiterklasse aus den Augen als einer Klasse, die sowohl der kapitalistischen Gesellschaft als auch nicht ihr angehört, die zugleich ausgebeutet wie auch revolutionär ist. Wir bestehen mit Marx darauf, dass das Proletariat nur dann den Weg zur wirklichen Auflösung aller Klassen und zum „völligen Neubeginn“ der Menschheit ebnen kann, wenn es sich sowohl auf der Ebene seiner wirtschaftlichen und sozialen Kämpfe wie auch als tonangebend für die politische Ausrichtung der Gesellschaft behauptet. Deshalb wird sich dieser Bericht genau auf das Problem der Klassenidentität konzentrieren: von seiner ersten Entwicklung in der aufstrebenden Phase des Kapitalismus über seinen späteren Verlust bis hin zur zukünftigen Wiederaneignung.
Das Proletariat ist per Definition die Klasse der Besitzlosigkeit. Es formte sich nach der Enteignung der Bauern von ihren kleinen Grundstücken oder der Handwerker von ihren Produktionsmitteln; die Enteigneten wurden in die verseuchten Elendsviertel der frühen Industriegesellschaft getrieben. Engels schreibt in Die Lage der arbeitenden Klasse in England über all die demoralisierenden Auswirkungen dieses Prozesses, der zahlreiche Proletarier in Alkoholsucht und Kriminalität führte und sie dem brutalsten Wettbewerb untereinander aussetzte. Aber Engels lehnte jede moralisierende Verurteilung dieser rein individuellen Reaktionen auf ihren Zustand ab und verwies auf die Alternative, die sich bereits abzeichnete: den kollektiven Kampf der Arbeiter für die Verbesserung ihres Zustands durch die Gründung von Gewerkschaften, Bildungs- und Kulturvereinen und politischen Parteien wie den Chartisten - all dies letztlich inspiriert von der Vision einer höheren Gesellschaftsform. Die physische Zusammenführung der Arbeiter in den Städten und Fabriken war die objektive Voraussetzung für diesen Kampf. Dies ist eine Dimension der Arbeitsvereinigung, die die relative Isolation von Handwerkern und Bauern überwindet; aber als rein „soziologischer“ Prozess war die Maschinerie der frühen Industrialisierung so brutal und traumatisch, dass sie auch zur Produktion einer gleichgültigen Masse von Armen und sogar zum Aussterben des Proletariats durch Hunger und Krankheit hätte führen können. Es war die Anerkennung eines gemeinsamen Klasseninteresses, im Gegensatz zu dem der Bourgeoisie, das die eigentliche Grundlage für die ursprüngliche Klassenidentität des Proletariats war. Die „Organisation der Proletarier zur Klasse“, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, war also untrennbar mit dem Wachstum des Klassenbewusstseins und der Organisation verbunden: „und damit zur politischen Partei“, wie es weiter fährt. Die Arbeiterklasse ist nicht nur eine assoziierte Klasse „an sich“, nicht nur objektiv: Assoziation als Voraussetzung für eine höhere Form der sozialen Organisation entsteht erst, wenn die subjektive Dimension, die Selbstorganisation und Vereinigung der Klasse im Kampf gegen Ausbeutung, aus ihrer Stellung im kapitalistischen Gesellschaftsverhältnis heraus entsteht.
Aber das Proletariat bleibt die Klasse der Besitzlosigkeit, und das galt schließlich für seine Instrumente selbst, die es zu seiner eigenen Verteidigung geschaffen hatte. Die ersten Gewerkschaften und politischen Parteien, die eigentlich auf dem Verständnis beruhten, dass das Proletariat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft war, und das Projekt der Aufhebung der bestehenden Ordnung verfolgten, waren auch an die Notwendigkeit gebunden, dass die Klasse ihr Los innerhalb des Systems verbessern musste. Und entgegen den ersten Erwartungen der Gründer des Marxismus war dieses System noch weit entfernt von einer „finalen Krise“ oder Periode des Niedergangs, so dass je länger und umfangreicher das Proletariat seine Organisationen innerhalb des Rahmens der kapitalistischen Gesellschaft schmiedete, desto größerer wurde die Gefahr, dass diese Organisationen Teil der bürgerlichen Gesellschaft – institutionalisiert werden. Wie Engels es 1892 formulierte: „Die Trades Unions, vor kurzem noch als Teufelswerk verrufen, wurden jetzt von den Fabrikanten kajoliert und protegiert als äußerst wohlberechtigte Einrichtungen und als ein nützliches Mittel, gesunde ökonomische Lehren unter den Arbeitern zu verbreiten.“[4] Im Rückblick und nach bitterer historischer Erfahrung wissen wir, dass der Weg zur Revolution nicht über den schrittweisen Aufbau von Massenorganisationen der Arbeiter*innen innerhalb des Systems führt. Im Gegenteil, als die eigentliche Probe mit dem Beginn der Dekadenz bevorstand, wurden diese Organisationen, die durch die herrschende Gesellschaft und Ideologie langsam, aber sicher korrumpiert worden waren, von der herrschenden Klasse endgültig übernommen, um ihr bei der Führung ihrer imperialistischen Kriege und der Bekämpfung der Revolution zu helfen.
Dies war keineswegs ein linearer Prozess. Das Proletariat wurde ständig daran erinnert, dass es im Wesentlichen eine gesetzlose Klasse war – eine Kraft für die Revolution. Seine ersten Bemühungen, elementarste Vereinigungen zu seiner Verteidigung zu bilden, wurden von der Bourgeoisie schonungslos unterdrückt, die lange Zeit brauchte, um zu verstehen, dass sie die eigenen Organisationen der Arbeiter*innen gegen sie einsetzen konnte. Darüber hinaus drängten die politischen Bedingungen in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts das Proletariat in mindestens zwei wichtigen historischen Momenten zu offenen Aufständen gegen die herrschende Klasse: 1848 und 1871. In Frankreich, wo die Revolution nach der Erfahrung von 1789-93 bereits heimisch war, nahm die Arbeiterklasse die Waffen gegen den Staat in die Hand und stellte insbesondere 1871 konkret die Aufgabe seiner Zerstörung und der Ersetzung durch die Diktatur des Proletariats. Aber Klassenbewegungen, die auf eine revolutionäre Zukunft hindeuteten, waren nicht auf Frankreich beschränkt: In England, dem Land der „graduellen Veränderungen“, enthüllte die Streikbewegung von 1842 bereits die Konturen des Massenstreiks, der in einer späteren Epoche zur charakteristischen Kampfmethode werden sollte[5]. Die Chartistenbewegung selbst verstand ihre Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht als eine Forderung, dass die Arbeiterklasse die politische Macht in die eigenen Hände nehmen sollte, und ihre Methoden beschränkten sich nicht auf Petitionen an die Bourgeoisie: Sie führten auch zu einem Flügel der „physischen Gewalt“, der 1839 während des Aufstandes in Newport nicht zögerte, sich gegen das bestehende Regime zu bewaffnen[6]. Die Gründung der Ersten Internationale 1864, obwohl sie ihren Ursprung in der Notwendigkeit der internationalen Koordination von Abwehrkämpfen hatte, war ein weiterer Beleg dafür, dass die Arbeiterklasse mit den Fundamenten der bürgerlichen Gesellschaft zusammen stieß – dass eine wirklich selbstbewusste Klassenidentität nicht in den Rahmen des Nationalstaats gezwängt werden konnte.
Die Angst, die die Internationale und die Pariser Kommune in den Herzen der Bourgeoisie weckten, sowie die objektiven Bedingungen der kapitalistischen Expansion auf den ganzen Planeten in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten die Grundlage für die spätere Integration der Massenarbeiterorganisationen in die bürgerliche Gesellschaft und schließlich in den Staatsapparat selbst. Zu diesen Faktoren kommen die Verwirrungen und opportunistischen Zugeständnisse hinzu, die innerhalb der proletarischen Bewegung selbst entstanden sind, nicht zuletzt die Identifikation des Proletariats mit dem nationalen Interesse, die die Zweite Internationale mit ihrer föderalen Struktur und ihren Schwierigkeiten, die Entwicklung der nationalen Frage zu verstehen, nie überwinden konnte. Aber das Gefühl einer Klassenidentität, das während der langen Zeit der Sozialdemokratie entstand, einer Zeit, in der die organisierte Arbeiterbewegung einem großen Teil der Arbeiter*innen nicht nur Organe zur wirtschaftlichen Verteidigung und zur politischen Betätigung, sondern ein ganzes soziales und kulturelles Leben zur Verfügung stellte, verschwand keineswegs mit dem Anbruch der Epoche des kapitalistischen Niedergangs. Im Gegenteil, verwandelt in eine gegen das Proletariat gerichtete Mystifikation, lastete es „wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ und wurde insbesondere von den sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien übernommen, um ihre Kontrolle über die Arbeiterklasse zu behalten: „Klassenidentität ist die Anerkennung durch das Proletariat, dass es eine eigenständige Klasse in der Gesellschaft darstellt, der Bourgeoisie gegenüber steht und eine aktive Rolle in der Gesellschaft spielt. Dies bedeutet jedoch nicht mechanisch, dass es sich selbst als die revolutionäre Klasse in der Gesellschaft erkennt. Viele Jahre lang stand die Klassenidentität im Zeichen der Vorstellung einer Klasse der kapitalistischen Gesellschaft, die einen angemessenen Lebensstandard anstrebte und Anerkennung als gesellschaftliche Kraft genoss.
Diese Art der Identität wurde durch die Konterrevolution und insbesondere durch die Gewerkschaften und den Stalinismus geschaffen, indem sie sich auf bestimmte Schwächen stützten, die auf die Zeit der Zweiten Internationale zurückgehen: ein Arbeiter, der sich um seine Rechte in der Gesellschaft kümmert, von ihr anerkannt wird, mit den Großunternehmen und Arbeitervierteln verbunden ist, stolz auf seinen Zustand als „Arbeiterbürger“ ist und zum Universum der großen Arbeiterfamilie gehört.
Eine solche Identität war sehr stark mit einer bestimmten Periode verbunden: der des Zenits des Kapitalismus (1870-1914), aber ihre Verlängerung in die Zeit der Dekadenz, in der die von Marx angekündigte Vision eines Proletariats, das zutiefst von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen ist, dazu geführt hat, dass sie zu einer sehr gefährlichen falschen Identität geworden ist, voller Illusionen darüber, in die kapitalistische Gesellschaft integriert zu werden, sich ihr anzupassen, wodurch eine wirkliche Klassenidentität und ein wirkliches Bewusstsein angegriffen wurden. Die einzige mögliche Identität für das Proletariat ist die einer Klasse, die von dieser Gesellschaft ausgeschlossen ist und die die kommunistische Perspektive in sich trägt“[7].
Ein Text über das Krafteverhältnis zwischen den Klassen, den unser internationales Zentralorgan im April 2018 angenommen hat und der sich auf den Orientierungstext über Vertrauen und Solidarität[8] bezog, skizzierte zwei Phasen in der Geschichte der Arbeiterbewegung seit 1848. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung und der Verlust des Selbstbewusstseins der Arbeiterklasse, aber diese Frage ist sehr eng mit dem Problem der Klassenidentität verbunden: Die Arbeiterklasse kann nur dann Vertrauen in sich selbst haben, wenn sie sich ihrer eigenen Existenz und Interessen bewusst ist.
„Während der ersten Phase, die vom Beginn seiner Selbstbehauptung als autonome Klasse bis zur revolutionären Welle 1917–23 reichte, war die Arbeiterklasse trotz einer Reihe von oftmals blutigen Niederlagen in der Lage, mehr oder weniger kontinuierlich ihr Selbstvertrauen und ihre politische und gesellschaftliche Einheit zu formen. Die wichtigsten Manifestationen dieser Fähigkeit waren, in Ergänzung zum Arbeiterkampf selbst, die Entwicklung einer sozialistischen Vision, einer theoretischen Kapazität, einer politischen revolutionären Organisation. All dies, das Werk von Jahrzehnten und Generationen, wurde von der Konterrevolution unterbrochen und gar in sein Gegenteil verkehrt. Nur winzige revolutionäre Minderheiten waren imstande, ihr Vertrauen in das Proletariat in den folgenden Jahrzehnten aufrechtzuerhalten. 1968, mit dem Ende der Konterrevolution, begann sich diese Tendenz erneut umzukehren. Jedoch blieben die neuen Ausdrücke des Selbstvertrauens und der Klassensolidarität durch diese neue und ungeschlagene proletarische Generation in den immediatistischen Kämpfen verwurzelt. Sie beruhten nicht im gleichen Maße wie vor der Konterrevolution auf eine sozialistische Vision, auf die politische Erschaffung einer Klassentheorie und auf das Weiterreichen angesammelter Erfahrung und Kenntnisse von einer Generation an die nächste. Mit anderen Worten, das historische Selbstvertrauen des Proletariats und seine Traditionen der aktiven Einheit und kollektiven Auseinandersetzung gehören zu den Aspekten seiner Auseinandersetzung, die am meisten durch den Bruch in der organischen Kontinuität gelitten haben. Zudem gehören sie zu den schwierigsten Aspekten, die es wiederherzustellen gilt, da sie mehr als viele andere von einer lebenden politischen und sozialen Kontinuität abhängen. Dies erhöht umgekehrt die besondere Verwundbarkeit der neuen Generationen der Klasse und ihrer revolutionären Minderheiten.“
Wir können hinzufügen, dass der große Verrat von 1914-18 schon vor dem erschütternden Schlag der Niederlage der ersten revolutionären Welle den Verlust jahrzehntelanger geduldiger Arbeit beim Aufbau ihrer Gewerkschaften und politischen Parteien bedeutete, ein Verlust, der für die Arbeiterklasse besonders schwer zu akzeptieren und zu verstehen war: Selbst unter den Revolutionären, die sich diesem Verrat widersetzten, konnte nur eine Minderheit begreifen, dass diese Organisationen für die Klasse unwiederbringlich verloren gegangen waren. Mit dem Aufstieg des Stalinismus wurde das, was bislang bloß eine Schwäche in der Klarheit gewesen war, zur Grundlage für die Bildung einer Schein-Identität, wie es der Bericht über die Perspektiven des Klassenkampfs nachzeichnete. Aber obwohl diese schreckliche Last, die aus der Vergangenheit stammt, katastrophale Auswirkungen auf den Fortschritt der revolutionären Welle hatte – was insbesondere in der Theorie und der Praxis der Einheitsfront zum Ausdruck kam –, warf diese Periode auch Licht auf die neue Form der Klassenidentität, die sich im Massenstreik, in der Bildung von Arbeiterräten und im Aufstieg der Dritten Internationale ausdrückte. Wie Marx bereits gesagt hatte, ist das Proletariat revolutionär oder es ist nichts: Diese wiederentdeckte Klassenidentität war nicht wirklich „neu“, sondern brachte nur das zum Vorschein, „was das Proletariat ist“. In der Epoche der Kriege und Revolutionen kann die Klasse ihre Identität nur begreifen, indem sie sich außerhalb aller bestehenden Institutionen und in direkter Antithese zur kapitalistischen Gesellschaft organisiert.
Die folgenden Jahrzehnte der Konterrevolution vertieften diesen Prozess der Enteignung. In den 1930er Jahren wurde das Proletariat mit der größten Wirtschaftskrise in der Geschichte des Kapitalismus konfrontiert, der ersten realen Wirtschaftskrise der Dekadenz. Aber die Kommunistischen Parteien, die gegründet worden waren, um dem Verrat von 1914 entgegenzuwirken, hatten ihrerseits den Internationalismus zugunsten der berüchtigten Theorie des Sozialismus in einem Land aufgegeben und versuchten über die Volksfront, die Arbeiterklasse politisch in die Nation aufzulösen und sie auf den Krieg vorzubereiten. Sogar die anarchistischen Gewerkschaften, die in Spanien ein proletarisches Leben aufrecht erhalten hatten, verfielen diesem weiteren Verrat. Der Ausbruch des Krieges 1939 bedeutete entgegen Vercesis Argument nicht das „soziale Verschwinden des Proletariats“ und damit die Nutzlosigkeit organisierter politischer Aktivitäten für Revolutionäre. Das Proletariat kann sozial nicht verschwinden, solange es Kapital gibt, und die Bildung revolutionärer Minderheiten entspricht einem ständigen Bedürfnis innerhalb der Klasse. Aber er bedeutete sicherlich einen neuen Schritt in ihrer Orientierungslosigkeit, nicht nur wegen des Terrors von Faschismus und Stalinismus, sondern, noch heimtückischer, durch ihre Einbindung in das Projekt der Verteidigung der Demokratie. Und es beinhaltete die schnelle Integration der trotzkistischen Opposition in die Kriegsanstrengungen und die Auflösung ihrer linken Fraktionen. Das Proletariat meldete sich gegen Ende des Krieges in einigen Ländern zurück, vor allem in Italien 1943, aber entgegen den Erwartungen eines großen Teils der italienischen kommunistischen Linken (einschließlich Vercesi) bedeutete dies keine Umkehrung des konterrevolutionären Kurses.
Die Konterrevolution, die immer totalitärere Formen annahm, hielt auch in der Zeit des Aufschwungs nach dem Krieg an, während das Kapital neue Formen entdeckte, um das Selbst-Bewusstsein des Proletariats zu untergraben. Dies war die Zeit, in der „Soziologen mit der Theoretisierung der ‚Verbürgerlichung‘ der Arbeiterklasse begannen, die sie als Folge der Entwicklung von Konsumgesellschaft und Wohlfahrtsstaat sahen. Und in der Tat bremsen diese beiden Aspekte des Kapitalismus nach 1945 immer noch die Arbeiterklasse auf ihrem Weg zur Bildung einer revolutionäre Kraft. Die Konsumgesellschaft atomisiert die Arbeiterklasse und verbreitet die Illusion, dass jede*r ins Paradies des individuellen Besitzes eintreten könne. Der Wohlfahrtsstaat – der in manchen Fällen von linken Parteien eingeführt und als Eroberung der Arbeiterklasse dargestellt wurde – ist ein noch bedeutenderes Instrument der kapitalistischen Kontrolle. Er untergräbt das Selbstvertrauen der Arbeiterklasse und macht sie abhängig vom Wohlwollen des Staates; und später, in der Phase der Massenmigration, bedeutete deren Organisierung durch den Nationalstaat, dass die Frage des Zugangs zu medizinischer Versorgung, zu Wohnungen und anderen Dienstleistungen zu einem starken Faktor bei der Stempelung der Migrant*innen zu Sündenböcken und bei Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse wurde.“[9]
Die Wiederbelebung des Klassenkampfes nach 1968, der mit dem Massenstreik in Polen 1980 seinen Höhepunkt erreichte, widerlegte die Vorstellung, wonach die Arbeiterklasse in den Kapitalismus integriert worden sei, und gab uns einen weiteren Einblick in ihre wesentliche Identität als einer Kraft, die sich nur durch die Zerschlagung ihrer institutionellen Ketten ausdrücken kann. Wildcat-Streiks außerhalb der Gewerkschaften, Generalversammlungen und jederzeit abwählbare Streikkomitees, starke Tendenzen zur Ausweitung des Kampfes – Embryonen oder tatsächliche Erscheinungsformen des Massenstreiks – riefen die Perspektive der Arbeiterräte wach. Gleichzeitig bildete sie den Nährboden für eine kleine, aber wichtige Wiederbelebung der internationalen kommunistischen Bewegung, die in den 1950er Jahren beinahe ganz verschwunden war – eine wesentliche Voraussetzung für die zukünftige Gründung einer neuen Weltpartei.
Und doch gilt, wie die oben zitierte Passage aus dem Orientierungstext über Vertrauen und Solidarität argumentiert: Während der Mai 68 und die nachfolgenden Bewegungen die Frage nach einer neuen Gesellschaft auf theoretischer Ebene aufwarfen, blieb der Klassenkampf als Ganzes auf dem wirtschaftlichen Terrain und es gelang ihm nicht, in eine politische Konfrontation mit dem Kapitalismus hinüberzuwachsen. Die Grenzen des proletarischen Wiedererwachens enthielten die Samen der neuen Phase des Zerfalls, in der das Proletariat nahe an den Punkt gekommen ist, wo es seine Klassenidentität ganz verliert.
Um zu verstehen, warum sich das Selbst-Bewusstsein des Proletariats als soziale Kraft seit Ende der 1980er Jahre zurückzieht, ist es notwendig, seine verschiedenen Dimensionen getrennt zu untersuchen, um zu begreifen, wie sie zusammenwirken.
Zunächst einmal neigt eine kapitalistische Gesellschaft, deren Voraussetzungen fragwürdig werden, eine Gesellschaft in offener Auflösung, eine Gesellschaft, die schon jahrzehntelang im Niedergang begriffen und in ihrer weiteren Entwicklung blockiert ist, mehr oder weniger automatisch dazu, die soziale Atomisierung zu verschärfen, die von Anfang an ein wesentliches Merkmal dieser Gesellschaft war, wie Engels in Die Lage der arbeitenden Klasse in England festhielt:
„(...) und wenn wir auch wissen, daß diese Isolierung des einzelnen, diese bornierte Selbstsucht überall das Grundprinzip unserer heutigen Gesellschaft ist, so tritt sie doch nirgends so schamlos unverhüllt, so selbstbewußt auf als gerade hier in dem Gewühl der großen Stadt. Die Auflösung der Menschheit in Monaden, deren jede ein apartes Lebensprinzip und einen aparten Zweck hat, die Welt der Atome ist hier auf ihre höchste Spitze getrieben.“[10]
In der Endphase dieser Gesellschaft verschärft sich der Krieg eines jeden gegen jeden auf allen Ebenen: von der zunehmenden Entfremdung des Einzelnen über den gewaltsamen Konkurrenzkampf zwischen Straßenbanden, die auf der Ebene dieser oder jener Wohnsiedlung oder Nachbarschaft operieren, über den rasenden Kampf zwischen Unternehmen um ihren Anteil an einem begrenzten Markt bis hin zum wachsenden Chaos der militärischen Rivalitäten zwischen Staaten und Protostaaten auf internationaler Ebene. Diese Tendenz liegt auch der Suche nach Gemeinschaften zugrunde, die auf einer beschränkten Identität beruhen, auf die wir bereits hingewiesen haben – ein Reflex gegen die Atomisierung, der aber nur dazu dient, sie auf einer anderen Ebene zu verstärken. Diese Auflösung der sozialen Bindungen schreitet dauernd und heimtückisch fort – in umgekehrter Richtung zum Potenzial für die Vereinigung der Arbeiterklasse um ihre gemeinsamen Interessen, mit anderen Worten: zur Neubildung der proletarischen Klassenidentität.
Die Bourgeoisie ist natürlich direkt von diesem Prozess betroffen – wie wir in Bezug auf ihre Fähigkeit zur Kontrolle ihres politischen Apparats und in Bezug auf die wachsende Schwierigkeit, stabile Allianzen auf der Ebene der Beziehungen zwischen den Staaten aufrechtzuerhalten, festgestellt haben. Aber im Gegensatz zur Arbeiterklasse kann die Bourgeoisie die Auswirkungen des Zerfalls bis zu einem gewissen Grad zu ihrem Vorteil nutzen und sogar verstärken. Der Zusammenbruch des Ostblocks zum Beispiel war ein Paradebeispiel für die „objektiven“ Zerfallsprozesse, die durch eine sich vertiefende und unlösbare Wirtschaftskrise angetrieben wurden. Aber aufgrund der besonderen historischen Umstände, die mit der Bildung dieses Blocks verbunden waren – das Ergebnis einer besiegten proletarischen Revolution, die zu einem System führte, das sich vom Kapitalismus des Westens abzuheben schien –, gelang es der Bourgeoisie, aus diesen Ereignissen einen wahrhaften ideologischen Ansturm gegen das Proletariat zu orchestrieren, einen Angriff auf das Klassenbewusstsein, der seit den 90er Jahren eine wichtige Rolle beim Rückfluss des Kampfes spielte. In einer Arbeiterklasse, die bereits in den Kampfwellen nach 68 große Schwierigkeiten hatte, eine Perspektive für ihren Widerstand zu entwickeln, griffen die Kampagnen über den „Tod des Kommunismus“ diese wesentliche Dimension des Klassenbewusstseins frontal an: ihre Fähigkeit, perspektivisch zu denken und sich eine Orientierung für die Zukunft zu geben. Aber diese Kampagnen hörten damit nicht auf: Sie verkündeten nicht nur das Ende jeder Möglichkeit einer Alternative zum Kapitalismus, sondern auch das Ende des Klassenkampfes und der Arbeiterklasse selbst. Dabei war sich die Bourgeoisie selbst der Notwendigkeit bewusst, die Klassenidentität als Mittel zur Bekämpfung der Bedrohung durch die proletarische Revolution zu untergraben.
Eine dritte Dimension der Untergrabung der Klassenidentität in der Zeit des Zerfalls hängt damit zusammen: Das Beharren darauf, dass die Arbeiterklasse eine bedrohte oder ausgestorbene Art sei, wird durch die strukturellen Veränderungen gestützt, zu deren Einführung die herrschende Klasse als Reaktion auf die Wirtschaftskrise ihres Systems verpflichtet war – alles, was unter die irreführenden Titel Neoliberalismus und Globalisierung fällt, vor allem aber der Prozess der „Deindustrialisierung“ der alten kapitalistischen Zentren. Dieser Prozess wurde natürlich von der Notwendigkeit bestimmt, unrentable Industrien aufzugeben und Kapital in Gebiete der Welt zu verlagern, in denen die gleichen Waren viel billiger produziert werden können. Aber es gab immer ein direktes arbeiterfeindliches Element in diesem Prozess: Die Bourgeoisie war sich zum Beispiel bewusst, dass sie sich mit dem Sieg über die Bergleute in Großbritannien und der Schließung der Minen nicht nur von einem großen wirtschaftlichen Klotz am Fuß befreien, sondern auch einen schweren Schlag gegen einen sehr kämpferischen Teil ihres Klassenfeindes ausführen würde. Natürlich schaffte die Bourgeoisie durch die Verlagerung ganzer Industrien in den Fernen Osten und anderswo neue proletarische Bataillone im Klassenkrieg, aber sie hatte auch ein gewisse Ahnung davon, dass die industrielle Arbeiterklasse der wichtigsten kapitalistischen Zentren eine besondere Gefahr für sie darstellte. Die Arbeiterklasse beschränkt sich nicht allein auf das Industrieproletariat, aber dieser Sektor war schon immer das Herzstück der Arbeiterbewegung und insbesondere der massiven und revolutionären Kämpfe der Vergangenheit – was sich zum Beispiel in der Rolle der Putilow-Werke in der Russischen Revolution, der Arbeiter des Ruhrgebiets in der Deutschen Revolution, der Renault-Arbeiter im französischen Massenstreik von 1968 und der Werftarbeiter in Polen im Jahr 1980 zeigte.
Neben der Schließung vieler dieser alten Industrien hat der Kapitalismus versucht, ein neues Modell der Arbeiterklasse zu schaffen, insbesondere in den Dienstleistungsbranchen, die in den älteren kapitalistischen Ländern wie Großbritannien ein größeres Gewicht im Wirtschaftsleben erhielten. Dieses Modell ist die so genannte „Gig Economy“, in der die Arbeiter*innen aufgefordert werden, sich nicht als Arbeiter*innen zu verstehen, sondern als Einzelunternehmer*innen, die, wenn sie hart genug arbeiten, vorwärts kommen können, die mit dem Unternehmen individuell verhandeln können, um ihre Löhne und sonstigen Bedingungen zu verbessern. Auch diese Veränderungen werden letztendlich von den Bedürfnissen des Profits diktiert, aber sie werden auch von der Bourgeoisie aufgegriffen, um zu verhindern, dass sich die Arbeiter*innen als Arbeiter*innen und als Teil einer ausgebeuteten Klasse sehen.
Seit unserem letzten Kongress im April 2017 hat sich der populistische Aufschwung fortgesetzt, trotz der Bemühungen der maßgebenden Fraktionen der Bourgeoisie, einen Damm gegen ihn zu errichten, wie bei der Wahl von Macron in Frankreich und dem von der Demokratischen Partei und einem Teil der staatlichen Sicherheitsdienste in den USA organisierten „Widerstand“ gegen Trump. Die Zuverlässigkeit Deutschlands als Hindernis für die Ausbreitung des Populismus wurde durch die Wahlerfolge der AfD und die Entwicklung einer pogromistischen Bewegung auf der Straße an Orten wie Chemnitz stark geschwächt. Die Spaltung und Beinahe-Lähmung der britischen Bourgeoisie bezüglich Brexit haben sich verstärkt. Die Einsetzung einer populistischen Regierung in Italien zusammen mit der Opposition populistischer Regierungen in Osteuropa haben die Zukunft der EU ernsthaft erschwert. Die Bedrohung der Einheit des spanischen Staates durch die Kräfte des katalanischen und anderer Nationalismen ist nicht überwunden. In Brasilien ist der Sieg von Bolsanaro ein neuer Schritt im Aufstieg der „starken Führer“, die sich offen für Staatsterror gegen jede Opposition gegen ihre Herrschaft einsetzen. Schließlich zeigt das Phänomen der „Gelben Westen“ in Frankreich und anderswo die Fähigkeit der Populisten, sich nicht nur im Wahlzirkus, sondern auch auf den Straßen in großen Demonstrationen zu manifestieren, die einige der Anliegen und sogar die Methoden der Arbeiterklasse aufgreifen können, während sie gleichzeitig die Bedeutung der Klassenidentität weiter vernebeln.
Der Populismus mit seiner aggressiv nationalistischen und fremdenfeindlichen Sprache, seiner Geringschätzung für sachliche Beweise und wissenschaftliche Forschung, seiner Verbreitung von Verschwörungstheorien und seiner kaum verborgenen Nähe zur nackten Gewalt faschistischer Straßenbanden ist zweifellos ein reines Produkt des Zerfalls, der Hinweis darauf, dass die Kapitalistenklasse angesichts des historischen Patts zwischen den Klassen sogar nach ihren eigenen Begriffen Rückschritte macht. Aber während der Populismus ein Produkt des sozialen Zerfalls ist und dazu neigt, die Kontrolle der Bourgeoisie über ihren gesamten politischen und wirtschaftlichen Apparat zu untergraben, kann die herrschende Klasse auch hier die Probleme des Populismus in ihrem dauerndem Krieg gegen das Klassenbewusstsein nutzen.
Dies zeigt sich bei Teilen des Proletariats, die, ohne jede Perspektive auf Klassenwiderstand gegen den Kapitalismus und die Auswirkungen seiner Krise, direkt in die populistische Politik hineingezogen wurden und in eine neue Version des „Sozialismus der Narren“ verfallen sind: die Idee, dass ihr Elend durch die wachsende Flut von Migranten und Flüchtlingen verursacht werde, die wiederum die Schocktruppen finsterer Eliten seien, die darauf abzielten, die christliche, weiße oder nationale Kultur zu untergraben. Diese Wahnvorstellungen verbinden sich mit der bedingungslosen Unterstützung der populistischen Parteien und Demagogen, die sich als „gegen die Elite“ gerichtete Kräfte, als Tribüne des „wahren Volkes“ präsentieren. Der Einfluss solcher Ideen – die auch eine bedeutende Minderheit in Richtung der Praxis des Pogroms und des Terrorismus führen können – wirkt eindeutig dagegen, dass diese Teile des Proletariats ihre wahre Identität als Teil einer ausgebeuteten Klasse wiedererlangen, als Teil der Klasse, die nicht durch antinationale Intrigen ins Elend gedrängt wurde, sondern durch die unerbittlichen Auswirkungen der globalen kapitalistischen Krise.
Aber eingedenk Bordigas berühmten Diktums, dass „das schlimmste Produkt des Faschismus der Antifaschismus ist“, müssen wir auch darauf hinweisen, dass die bürgerliche Opposition gegen den Populismus eine nicht minder wichtige Rolle in dem ideologischen Schwindel spielt, der das Proletariat daran hindert, seine unabhängigen und antagonistischen Klasseninteressen gegen alle Flügel der herrschenden Klasse anzuerkennen. Luxemburg schrieb auf den ersten Seiten ihrer Junius-Broschüre über die Pogromstimmung, die sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Deutschland ausbreitete, eine „Kischinjow-Luft“, „in der der Schutzmann an der Ecke der einzige Vertreter der Menschenwürde war“.
In den USA wird das gleiche Erscheinungsbild durch die ungeheuren Äußerungen und Praktiken von Trump geschaffen, so dass die Demokraten, liberale Republikaner, Richter am Obersten Gerichtshof und sogar das FBI und die CIA beginnen, wie die Guten auszusehen. In Großbritannien stimuliert die scheinbare Dominanz des politischen Lebens durch eine kleine Bande von „Brexit-Extremisten“, die wiederum mit Geld zweifelhafter Herkunft und sogar mit den Machenschaften des russischen Imperialismus verbunden ist, die Entwicklung einer Massen-Opposition gegen den Brexit, die mit der offenen Ermutigung von Teilen der Medien bis zu 750.000 Menschen auf den Straßen von London mobilisieren kann, um ein zweites Referendum zu fordern. Obwohl solche Mobilisierungen oft als brave Mittelstandsbewegung verspottet werden, ziehen sie zweifellos eine große Zahl dieses gebildeten städtischen Proletariats an, das durch die Lügen der Populisten verärgert ist, sich aber noch nicht von den liberalen und linken Fraktionen der Bourgeoisie lösen kann.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die gesamte politische Debatte wird in der Regel durch die Fragen von für oder gegen Trump, für oder gegen den Brexit usw. dominiert, eine Debatte, die von patriotischen und demokratischen Ideologien völlig beherrscht wird. Die bürgerliche Opposition gegen Trump stellt sich als das wirkliche, eigentliche Amerika dar, noch mehr als Trump und seine Anhänger, und sie verurteilt die gegenwärtige Regierung vor allem wegen ihrer Verletzung demokratischer Normen; ebenso geht es im Vereinigten Königreich immer um die wahren Interessen „unseres Landes“, und beide Seiten präsentieren sich als diejenige, die an Demokratie und dem Willen des Volkes interessiert sei. Dieselbe Polarisierung lässt sich in den „Kulturkriegen“ beobachten, die den Aufstieg des Populismus vorangetrieben haben: Wie wir bereits erwähnt haben, ist der Populismus selbst eine Form der Identitätspolitik, die sich als Verteidiger der ausschließlichen Interessen dieser oder jener Nation oder ethnischen Gruppe versteht, und er führt einen sich aufschaukelnden Kampf mit allen anderen Formen der Identitätspolitik, sei es mit den islamistischen Banden, die dazu dienen, die Wut einer bestimmten Schicht von hoffnungslosen jungen Proletarier*innen, die in städtischen Ghettos festsitzen, in die Irre zu lenken, oder sei es mit der Linken und ihren Kampagnen zu Rassen- und Geschlechterfragen. Diese Polarisierung ist ein echter Ausdruck einer zerfallenden und zunehmend gespaltenen Gesellschaft, aber angesichts des Proletariats zeigt der dekadente Kapitalismus seinen totalitären Charakter, insofern als gerade diese Polarisierung das soziale und politische Terrain einnimmt und dazu neigt, die Entstehung von Debatten oder Aktionen auf dem Terrain des Proletariats zu blockieren.
Die kapitalistische Welt in ihrem Zerfall erzeugt zwangsläufig apokalyptische Stimmungen. Sie kann der Menschheit keine Zukunft bieten, und ihr Potenzial für die Zerstörung in einem Ausmaß, das jede Phantasie übertrifft, ist für weite Teile der Weltbevölkerung immer offensichtlicher geworden. Die extremste Ausprägung dieses Gefühls, dass die Welt, in der wir leben, an ihr Ende gelangt sei, , drückt sich in der verzerrten Mythologie des islamischen Dschihadismus oder der rechtsgerichteten christlichen Überlebensideologie aus, aber es geht dabei um eine viel allgemeinere Stimmung. Zunehmend beunruhigende Berichte von wissenschaftlichen Gremien über Klimawandel, Artenzerstörung und toxische Verschmutzung aller Art haben das Gefühl des Untergangs verstärkt: Wenn die Wissenschaftler sagen, dass wir 12 Jahre Zeit haben, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern, dann ist bereits jetzt klar, dass die Regierungen und Unternehmen der Welt fast nichts tun werden, um die in diesen Berichten befürworteten Maßnahmen durchzuführen, aus Angst, den Wettbewerbsvorteil der Volkswirtschaften zu schwächen. Mit dem Aufkommen populistischer Regierungen wird die Weigerung, etwas gegen die Klimaerwärmung zu tun, trotz der realen Gefahren für die Welt immer krasser; man setzt auf reinen Vandalismus, den Rückzug aus internationalen Abkommen und die Beseitigung aller Grenzen der Ausbeutung der Natur, wie im Falle von Trump in den USA und Bolsanaro in Brasilien. Hinzu kommt, dass der imperialistische Krieg chaotischer und unberechenbarer wird, während eine wachsende Zahl von Staaten Zugang zu Atomwaffen hat; so ist es kaum verwunderlich, dass Nihilismus und Verzweiflung noch weiter verbreitet sind als in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, trotz der nicht verblichenen Schatten von Auschwitz, Hiroshima und eines drohenden Atomkriegs zwischen den beiden imperialistischen Blöcken.
Nihilismus und Verzweiflung entstehen aus einem Gefühl der Machtlosigkeit, aus einem Verlust der Überzeugung, dass es eine mögliche Alternative zu dem vom Kapitalismus vorbereiteten Alptraumszenario gibt. Nihilismus und Verzweiflung neigen dazu, die Reflexion und den Willen zum Handeln zu lähmen. Und wenn die einzige soziale Kraft, die diese Alternative darstellen könnte, praktisch nichts von ihrer eigenen Existenz weiß, bedeutet das, dass das Spiel vorbei ist, dass der Punkt, ab welchem es kein Zurück mehr gibt, bereits erreicht ist?
Wir sind uns durchaus bewusst, dass der Kapitalismus umso mehr die Grundlage für eine menschlichere Gesellschaft untergräbt, je länger er im Zerfall versinkt. Auch dies wird am deutlichsten durch die Zerstörung der Umwelt veranschaulicht, die den Punkt erreicht, an dem sie die Tendenz zu einem vollständigen Zusammenbruch der Gesellschaft beschleunigen kann, ein Sachverhalt, der nicht die Selbstorganisation und das Vertrauen in die Zukunft begünstigt, die für die Durchführung der Revolution erforderlich sind; und selbst wenn das Proletariat auf dem ganzen Planeten an die Macht kommt, wird es mit einer gigantischen Arbeit konfrontiert sein, die nicht nur das von der kapitalistischen Akkumulation hinterlassene Chaos aufräumt, sondern auch eine Spirale der Zerstörung umkehrt, die bereits in Gang gesetzt wurde.
Aber wir wissen ebenso, dass Verzweiflung die Realität auch verzerrt, einerseits Panik und andererseits Verdrängung erzeugt und es uns nicht erlaubt, klar über die Möglichkeiten nachzudenken, die uns noch zur Verfügung stehen. In einer Reihe jüngerer Dokumente, die den Kongressen der IKS und den Treffen des Zentralorgans vorgelegt wurden, hat die Organisation eine Reihe objektiver Entwicklungen untersucht, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden (oder besser gesagt sich fortgesetzt) haben und die sich für das Proletariat auszahlen könnten. Die wichtigsten dieser Entwicklungen sind:
Aber wir müssen bedenken, dass diese objektiven Faktoren, obwohl sie für die Wiederherstellung der Klassenidentität und des Klassenbewusstseins notwendig sind, an sich nicht ausreichend sind, und dass es andere Faktoren gibt, die der Realisierung des darin enthaltenen Potenzials entgegenwirken. So haben die neuen Generationen von Industriearbeitern im Osten oft ein hohes Maß an Militanz gezeigt (z.B. massive Streiks in der Textilindustrie in Bangladesch), aber es fehlen ihnen die langen politischen Traditionen des westlichen Proletariats, auch wenn diese weitgehend begraben wurden. Die Integration von Frauen in die Lohnarbeit war, wenn das Klassenbewusstsein gering ist, oft begleitet von einer Zunahme an Belästigungen. Und wir haben auch gesehen (sicherlich in den 1930er Jahren, aber auch bis zu einem gewissen Grad nach 2008), dass die Wirtschaftskrise unter bestimmten Umständen eher zu einem Faktor der Demoralisierung und der individuellen Atomisierung als der kollektiven Mobilisierung werden kann.
Die Arbeiterklasse ist die Klasse des Bewusstseins. Im Gegensatz zur bürgerlichen Revolution basiert ihre Revolution nicht auf einer stetigen Anhäufung von Reichtum und wirtschaftlicher Macht. Es kann nur Erfahrung, die Tradition der Kämpfe, Organisationsmethoden und so weiter sammeln. Zusammenfassend ist das subjektive Element entscheidend, um ein objektives Potenzial zu begreifen und umzusetzen.
Dieses subjektive Potenzial kann nicht unmittelbar gemessen werden. Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen existiert historisch, und wir können sagen, dass, auch wenn die Zeit nicht auf unserer Seite steht, und obwohl der Zerfall zu einer wachsenden Bedrohung wird und man bei der Arbeiterklasse gewaltige Unterschiede bei dem Bestreben der Überwindung des gegenwärtigen Rückflusses feststellen kann, sie weltweit seit 1968 nicht geschlagen worden ist und somit ein Hindernis gegen den vollständigen Absturz in die Barbarei bleibt; sie behält somit das Potenzial zur Überwindung des gesamten Systems. – Aber wir können dies nur dann weiter behaupten, wenn wir die unmittelbaren Ausdrucksformen der Rebellion gegen die soziale Ordnung sorgfältig prüfen. Und diese fehlen nicht:
Im Hinblick auf die offenen Kämpfe der Klasse werden wir uns zwei aktuelle Beispiele ansehen:
1. In Großbritannien haben wir in den letzten zwei Jahren kleine, aber bedeutende Streiks von Arbeiter*innen in der „Gig“-Ökonomie erlebt, wie in einem Artikel von Worldrevolution beschrieben:
Vor der Drohung mit einem neuen Vertrag, der den Wechsel ergäbe von einem Stundenlohn plus Bonus für jede Lieferung (7 Pfund plus 1 Pfund) zu bloß einem Lohn für jede Lieferung, organisierten die Arbeiter*innen von Deliveroo, trotz ihrer scheinbaren Isolation voneinander und ihrer prekären Umstände, Treffen, um ihren Kampf zu führen, eine Moped- und Fahrrad-Demo durch die Straßen von London und einen 6-tägigen Streik. Sie bestanden auf gemeinsamen Verhandlungen gegenüber dem „Angebot“ des Geschäftsführers, mit ihnen individuell zu sprechen. Am Ende wurde die Drohung, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren würden, wenn sie den neuen Vertrag nicht unterschreiben würden, zurückgezogen; und er wurde von denen, die sich dafür entscheiden, vor Gericht angefochten. Ein Teilsieg.
Einige UberEats-Fahrer*innen kamen zu Deliveroo-Meetings. Sie sehen sich ähnlichen Bedingungen gegenüber und erhalten fälschlicherweise den Status einer selbständigen Erwerbstätigkeit; die Bezahlung ist gesunken, so dass sie kaum den Mindestlohn verdienen, ohne garantierte Bezahlung, nur 3,30 Pfund pro Lieferung. Nach einem wilden Streik wurde ein Arbeiter entlassen (oder „deaktiviert“, da er nicht durch das Arbeitsrecht geschützt ist), was den Mut unterstreicht, den Arbeiter*innen brauchen, die in so unsicheren Branchen kämpfen…“[12].
In jüngerer Zeit, im Oktober 2018, streikten die Beschäftigten einer Reihe von Schnellimbissen in verschiedenen Städten im Vereinigten Königreich – Macdonalds, TGI Fridays und JD Witherspoon wie auch UberEats-Fahrer*innen, und die einen schlossen sich wechselseitig den Streikposten und Demonstrationen der anderen an. Wie der Artikel in Worldrevolution, der Zeitung der IKS in Großbritannien, sagt, basieren diese Aktionen auf der Erkenntnis, dass die Arbeiter*innen dieser Unternehmen tatsächlich Teil einer kollektiven gesellschaftlichen Klasse, und nicht einfach isolierte Individuen sind. Es war auch bedeutsam, dass an diesen Streiks neben den im Vereinigten Königreich Geborenen auch viele Migrations-Arbeiter*innen beteiligt waren, während einige der Aktionen mit Streiks in denselben Unternehmen in Europa koordiniert wurden. Gleichzeitig, so die BBC, „werden die Streiks parallel zu den Arbeitskämpfen der Fast-Food-Arbeiter in Chile, Kolumbien, den USA, Belgien, Italien, Deutschland, den Philippinen und Japan durchgeführt“[13].
Der Begriff des „Prekariats“, der auf diese Arbeiter*innen angewendet wird, impliziert, dass es sich um eine neue Klasse handelt, aber prekäre Beschäftigung war schon immer Teil der Lage der Arbeiterklasse. In gewisser Weise führen uns die Methoden der „Gig-Economy“, bei der die Arbeiter*innen oft sehr kurzfristig und zufällig beschäftigt werden, zurück zu den Tagen, in denen Bau- oder Hafenarbeiter als Tagelöhner in der Warteschlange zur Arbeitssuche anstanden.
Die Versuche von Arbeiter*innen aus verschiedenen Unternehmen und Ländern, zusammenzukommen, sind eine Bestätigung der Klassenidentität gegenüber dem zuvor erwähnten „neuen Modell“ und zeigen, dass kein Teil der Klasse, egal wie zerstreut und unterdrückt, unfähig ist, für seine Interessen zu kämpfen. Gleichzeitig hat die Tatsache, dass diese Arbeiter*innen von den traditionellen Gewerkschaften weitgehend ignoriert wurden, einen Raum für radikalere Formen der Gewerkschaftsarbeit eröffnet: In Großbritannien haben halbsyndikalistische Organisationen wie „die IWW“, die „Independent Workers Union of Great Britain“ und „United Voices of the World“ dies schnell ausgenutzt, um die Arbeiter*innen zu „organisieren“. Dies ist wohl unvermeidlich in einer Situation, in der es keine allgemeine Klassenbewegung gibt, aber der Einfluss dieser radikalen Gewerkschaften zeugt von der Notwendigkeit für die Bourgeoisie, einer echten Radikalisierung unter einer Minderheit von Arbeiter*innen zu begegnen.
2. Kämpfe gegen die Kriegswirtschaft im Nahen Osten: Die Streiks und Demonstrationen, die im Juli 2018 in vielen Teilen Jordaniens, des Irak und des Iran ausbrachen und in mehreren kürzlich auf unserer Webseite[14] veröffentlichten Artikeln beschrieben wurden, waren eine direkte Reaktion der Proletarier*innen der Region auf das Elend, das der Bevölkerung durch die Kriegswirtschaft zugefügt wurde. Die Forderungen der Proteste konzentrierten sich stark auf grundlegende wirtschaftliche Fragen: Wasserknappheit und Gesundheitsversorgung, Armutslöhne oder ausstehende Lohnzahlungen, Arbeitslosigkeit, was beweist, dass diese Bewegungen auf einem Klassenterrain begannen. Sie stellten auch eine Reihe politischer Forderungen, die dazu neigten, proletarische Interessen gegen die Interessen der herrschenden Klasse und ihrer Kriege voranzustellen: Im Iran zum Beispiel wurden sowohl „fundamentalistische“ als auch „Reform“-Fraktionen der Theokratie in einen Topf geworfen und die imperialen Ansprüche des iranischen Regimes häufig verspottet; im Irak riefen Demonstranten, dass sie weder Sunniten noch Schiiten seien; und „nicht nur Regierungs- und Kommunalgebäude waren das Ziel von Angriffen der Demonstrationen, sondern auch die schiitischen Institutionen, deren „Unterstützung“ für die Welle der Proteste als scheinheilig entlarvt wurde. Die Delegation des „radikalen“ Populisten al-Sadr zu den Demonstrierenden wurde angegriffen und davongejagt – das zeigten Filme in den Sozialen Medien“[15].
Noch wichtiger ist, dass es im Herbst 2018 eine Reihe von sehr kämpferischen Arbeiterstreiks in der iranischen Industrie gab, mit einigen klaren Ausdrucksformen der Solidarität zwischen den Arbeiter*innen verschiedener Unternehmen, wie im Falle der Stahlarbeiter*innen von Foolad und der Zuckerarbeiter*innen von HaftTappeh. Letzterer Kampf wurde auch international bekannt durch die Abhaltung von Vollversammlungen und Äußerungen eines wichtigen Streikführers, Ismail Bakhshi, über ihren Streikausschuss als einer Art embryonalen Sowjets oder Arbeiterrates. Dies griffen verschiedene Leuten des Milieus auf, die damit suggerierten, dass Arbeiterräte im Iran auf der unmittelbaren Tagesordnung stünden, was unserer Meinung nach bei weitem nicht der Fall ist. Andere Aussagen von Bakhshi zeigen, dass es selbst bei den fortgeschritteneren Arbeiter*innen ernsthafte Verwirrung über die Selbstverwaltung gibt[16]. Es ist auch so, dass einige der Parolen in den früheren Straßenprotesten einen nationalistischen und sogar monarchistischen Charakter hatten. Trotz dieser tiefgreifenden Schwächen sind wir nach wie vor der Meinung, dass diese Kampfwelle im Iran ein wichtiger Ausdruck des intakten Potenzials des Klassenkampfes war. Da der Krieg zu einer ständig gegenwärtigen Realität für wachsende Teile der Klasse wird, erinnern diese Bewegungen nicht nur an den absoluten Antagonismus zwischen dem Proletariat und dem imperialistischen Krieg, sondern auch an ein embryonales Bewusstsein für diesen Antagonismus, das sich sowohl in einigen der formulierten Parolen als auch in der internationalen Gleichzeitigkeit dieser Aufwallungen im Iran, im Irak und in Jordanien ausdrückt.
Diese Beispiele werden nicht als Beweis für eine globale Wiederbelebung des Klassenkampfes oder gar des Endes seines Rückzugs präsentiert, was ohnehin das Entstehen wichtiger Klassenbewegungen in den zentralen Ländern des Systems erfordern würde. In diesen Ländern ist die soziale Situation noch stärker durch das Fehlen großer Kämpfe auf dem proletarischen Terrain gekennzeichnet. Und doch haben wir eine Reihe von Protesten erlebt, die eine wachsende Empörung über die Brutalität und Zerstörungskraft der kapitalistischen Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Insbesondere in den USA haben wir die direkten Aktionen an den Flughäfen gegen die Inhaftierung und Vertreibung von Reisenden aus muslimischen Ländern gesehen; riesige Demonstrationen nach Polizeischüssen auf junge Schwarze in einer Reihe von Städten: Charlotte, St. Louis, New York, Sacramento ... und die massive Mobilisierung junger Menschen nach den Schießerei an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Der Klimawandel und die Zerstörung der Umwelt sind auch ein Grund für Proteste, insbesondere die in vielen Ländern unter dem Dach von „Youth for Climate“ organisierten Schulstreiks oder die Proteste von Extinction Rebellion in London, gegen die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten. Ebenso wurde die Empörung über die herablassende und gewalttätige Behandlung von Frauen - nicht nur in „rückständigen“ Ländern wie Indien, sondern auch in den so genannten „liberalen Demokratien“ - auch auf der Straße ausgedrückt und nicht auf Internetforen beschränkt.
Angesichts des allgemeinen Verlustes der Klassenidentität kann man kaum verhindern, dass solche Proteste in die Fallen der Bourgeoisie tappen – in Mystifikationen über Identitätspolitik und Reformismus, und somit direkt von linken und demokratischen bürgerlichen Fraktionen manipuliert werden. Das Phänomen der Gelbwesten zeigt auch die Gefahr, dass sich die Klasse weiter in interklassistischen Bewegungen verliert, die von der Ideologie des Populismus und Nationalismus dominiert werden.
Nur durch die Wiedererlangung des Selbstbewusstseins als Klasse, durch die Entwicklung des Kampfes auf dem eigenen Terrain, können all die Energie und der legitime Zorn, die heute in sterile oder schädliche Richtungen gelenkt werden, morgen vom Proletariat „wiederhergestellt“ werden. Dass dies mehr als ein vager Wunsch ist, zeigt die Dynamik der Indignados-Bewegung im Jahr 2011. Motiviert durch „klassische“ Themen der Arbeiterklasse – Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzunsicherheit, die Auswirkungen des Crashs 2008 auf den Lebensstandard – war sie eine Bewegung, die auch Fragen nach der Zukunft der Menschheit in einem System aufwarf, das viele ihrer Teilnehmer*innen als „veraltet“ betrachteten. In der Folge organisierten sie alle möglichen Diskussionen über Moral, Wissenschaft, Umwelt, Fragen von Sex und Geschlecht usw. – in diesem Sinne wurde der Geist vom Mai 68 wieder belebt, indem sie die Frage nach einer Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft stellten. Dies war Ausdruck einer proletarischen Bewegung, die zu verstehen begonnen hatte, dass sie sowohl die Antwort auf „besondere Fehler“ als auch diejenige auf den „Fehler im Allgemeinen“ enthält. Es zeigte sich, dass sich der Klassenkampf nicht nur auf weitere Sektoren der kapitalistischen Wirtschaft, sondern auch auf die Bereiche Politik und Kultur erstrecken muss.
Dennoch bleibt das Problem bestehen, dass, auch wenn die Indignados im Wesentlichen eine Bewegung des Proletariats waren, größtenteils zusammengesetzt aus Erwerbstätigen, prekär Beschäftigten, Arbeitslosen, Studierenden und Gymnasiast*innen, sich die Mehrheit ihrer Protagonist*innen vor allem als Bürger*innen sah und daher besonders anfällig für die Ideologie von „Echte Demokratie jetzt“ und anderen Linken war, die versuchten, die Bewegung in ein reformiertes parlamentarisches Regime zu integrieren. Es gab natürlich einen beträchtlichen proletarischen Flügel der Bewegung (im politischen und nicht im soziologischen Sinne), der die Dinge anders sah, aber diese Leute blieben eine Minderheit und scheinen eine noch viel kleinere Minderheit von Leuten hervorgebracht zu haben, die sich in Richtung revolutionärer Politik bewegt haben. Das „Identitätsproblem“ der Indignados-Bewegung wurde 2017 weiter betont, als so viele derjenigen, die wirklich empört über die Zukunft des Kapitalismus waren, in den Betrug des Nationalismus, insbesondere seiner katalanischen Version, verfallen sind.
Eine der größten Schwächen der Bewegung war ihre mangelnde Verbindung zwischen der Bewegung auf den Straßen und Plätzen und den Kämpfen am Arbeitsplatz, und diese Lücke ist etwas, das zukünftige Kämpfe überwinden müssen. Wir haben in den jüngsten Bewegungen im Nahen Osten und vielleicht noch deutlicher bei den Streiks der Metallarbeiter in Vigo im Jahr 2006 einen Blick darauf geworfen. Denn so, wie die Gewinnung der Straße für die Zusammenführung von Arbeiter*innen aus verschiedenen Sektoren wie auch mit Arbeitslosen unerlässlich ist, so ist die Bewegung an den Arbeitsplätzen der Schlüssel, um alle Menschen auf der Straße daran zu erinnern, dass sie Teil einer Klasse sind, die ihre Arbeitskraft an das Kapital verkaufen muss.
Diese Verbindung wird auch bei der Lösung der Aufgabe, vereinigenden Organisationen in den künftigen Massenbewegungen zu finden, – bei der Frage der Arbeiterräte – von Bedeutung sein. In früheren revolutionären Bewegungen entstanden die Arbeiterräte spontan aus der Zentralisierung der Vollversammlungen in den großen Industrieeinheiten. Dies wird zweifellos ein wichtiger Faktor in Regionen bleiben, in denen solche Einheiten noch bestehen (z.B. in Deutschland) oder in der letzten Zeit entwickelt worden sind (China, indischer Subkontinent, etc.). Aber angesichts der Bedeutung der alten Zentren des Klassenkampfes, vor allem Europas, die einem langen Prozess der Deindustrialisierung unterworfen gewesen sind, ist es möglich, dass Räte aus einem Zusammenschluss von Versammlungen, die an zentralen Arbeitsplätzen wie Krankenhäusern, Universitäten, Lagern usw. abgehalten werden, und Massentreffen hervorgehen, die auf Straßen und Plätzen abgehalten werden, wo Arbeiter*innen aus verstreuten Arbeitsplätzen, Arbeitslose und prekär Beschäftigte ihre Kämpfe vereinigen können.
Die Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung durch die kombinierten Auswirkungen der Krise und die Veränderungen in der „Zusammensetzung“ der Arbeiterklasse proletarisiert wurden, bedeutet, dass Versammlungen, die auf territorialen und nicht auf industriellen Einheiten beruhen, einen proletarischen Charakter behalten werden, auch wenn die Gefahr des Einflusses kleinbürgerlicher und anderer Schichten in solchen Organisationsformen offensichtlich besteht. Solche Dilemmata führen uns zur Frage der Autonomie der Klasse und ihres Verhältnisses zum Übergangsstaat in der Revolution der Zukunft, denn die Arbeiterklasse, die ihre Identität als revolutionäre soziale Kraft wiederentdeckt hat, wird diese Identität als Autonomie während der Übergangszeit politisch und organisatorisch bewahren müssen, bis alle Proletarier*innen geworden sind und somit keine*r mehr Proletarier*in ist.
Es ist auch wahrscheinlich, dass diese neu gefundene revolutionäre Identität in Zukunft eine direktere politische Form annehmen wird: Mit anderen Worten, dass sich die Klasse durch ein wachsendes Festhalten an der kommunistischen Perspektive definieren wird, nicht zuletzt, weil die Tiefe der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise die Illusionen in eine mögliche „Rückkehr zur Normalität“ des im Zerfall befindlichen Kapitalismus aufgelöst haben wird. Wir sahen einen Hinweis darauf beim Erscheinen des proletarischen Flügels in der Indignados-Bewegung: Sein proletarischer Charakter basierte nicht so sehr auf seiner soziologischen Zusammensetzung, sondern auf seinem Kampf zur Verteidigung der Autonomie der Versammlungen und einer allgemeinen Perspektive der sozialen Transformation gegenüber den verschiedenen linken Trittbrettfahrern. Die Partei der Zukunft könnte durch das Zusammenspiel solcher großen proletarischen Minderheiten mit den kommunistischen politischen Organisationen entstehen. Natürlich bedeutet die Zerbrechlichkeit des bestehenden Milieus der Kommunistischen Linken, dass es keine Garantie dafür gibt, dass das Rendezvous stattfindet. Aber wir können sagen, dass das Auftauchen neuer Elemente, die sich heute in Richtung der Kommunistischen Linken bewegen – einige von ihnen sind sehr jung – ein Zeichen dafür ist, dass der Prozess der unterirdischen Reifung eine Realität ist und dass er trotz der sehr offensichtlichen Schwierigkeiten des Klassenkampfes weitergeht. Auch wenn wir verstehen, dass die Partei der Zukunft keineswegs eine Massenorganisation sein wird, die die Klasse als Ganzes umfassen will, bringt diese Dimension der Politisierung des Kampfes das zum Vorschein, was im klassischen marxistischen Wort zusammengefasst ist: „Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei“.
(28.12.18)
[1] https://de.internationalism.org/content/2834/die-bewegung-der-gelbwesten-ein-volksaufstand-ohne-perspektive [18]
[2] Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
[4] Vorwort zur englischen Ausgabe (von 1892) zu Die Lage der arbeitenden Klasse in England
[6] Dieser Bewegung war der Aufstand der Merthyr im Jahre 1831 vorausgegangen, der, so könnte man argumentieren, besser organisiert und erfolgreicher war, auch wenn die Arbeiter*innen nur in einer Stadt und nur für einen kurzen Moment die Macht übernehmen konnten. Er war auch der erste dokumentierte Moment, in dem die Arbeiter unter der roten Flagge marschierten.
[7] Aus einem Bericht über die Perspektiven des Klassenkampfes, Dezember 2015
[8] Internationale Revue Nr. 31, 2003, Orientierungstext: Das Vertrauen und die Solidarität im Kampf des Proletariats; /content/615/orientierungstext-das-vertrauen-und-die-solidaritaet-im-kampf-des-proletariats-1-teil [21]
[9] Resolution zum Klassenkampf, 22. IKS-Kongress
[10] Aus dem Kapitel „Die großen Städte“.
[11]Siehe zum Beispiel Paul Masons Buch, Postkapitalismus, Grundrisse einer kommenden Ökonomie, und seine Kritik durch die Communist Workers‘ Organisation (CWO).
[12] Deliveroo, Uber Eats: Struggle by precarious and immigrant workers (https://en.internationalism.org/content/14136/deliveroo-ubereats-struggles-precarious-and-immigrant-workers [22], 2016)
1) Vor dreißig Jahren betonte die IKS die Tatsache, dass das kapitalistische System in die letzte Phase seiner Dekadenzzeit, die seines Zerfalls eingetreten war. Diese Analyse basierte auf einer Reihe von empirischen Fakten, bot aber gleichzeitig einen Rahmen für das Verständnis dieser Fakten: „Doch die Geschichte bleibt in solch einer Situation, in der die beiden fundamentalen - und antagonistischen - Klassen der Gesellschaft aufeinanderprallen, ohne ihre eigene Antwort durchsetzen zu können, nicht stehen. Noch weniger als in den anderen vorhergehenden Produktionsweisen ist im Kapitalismus eine Stagnation, ein ‘Einfrieren’ des gesellschaftlichen Lebens möglich. Während die Widersprüche des krisengeschüttelten Kapitalismus sich noch weiter zuspitzen, führen die Unfähigkeit der Bourgeoisie, der gesamten Gesellschaft irgendeine Perspektive anzubieten, und die Unfähigkeit des Proletariats, die seinige offen zu behaupten, zum Phänomen des allgemeinen Zerfalls, zur Fäulnis der Gesellschaft bei lebendigem Leib.“ (Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus, Mai 1990, auch Thesen über den Zerfall genannt, Punkt 4, Internationale Revue Nr. 13)
Unsere Analyse hat die beiden Bedeutungen des Begriffs „Zerfall“ sorgfältig geklärt; einerseits gilt er für ein Phänomen, das die Gesellschaft betrifft, insbesondere in der Zeit der Dekadenz des Kapitalismus, und andererseits bezeichnet er eine bestimmte historische Phase dieser Phase, ihre Endphase: „.... so ist es auch unverzichtbar, den grundlegenden Unterschied zwischen den Zerfallselementen, die den Kapitalismus seit Anfang des Jahrhunderts erfaßt haben, und dem allgemeinen Zerfall herauszustellen, in den dieses System gegenwärtig versinkt und der sich noch verschlimmern wird. Neben dem streng quantitativen Aspekt erreicht das Phänomen des gesellschaftlichen Zerfalls heute solch ein Ausmaß und solch eine Tiefe, daß eine neue und einzigartige Qualität erlangt wird, die den Eintritt des Kapitalismus in eine besondere Phase, in die ultimative Phase seiner Geschichte manifestiert, eine Phase, in welcher der Zerfall ein, wenn nicht gar der entscheidende Entwicklungsfaktor der Gesellschaft sein wird.“ (a.a.O., Punkt 2)
Vor allem dieser letzte Punkt, die Tatsache, dass der Zerfall tendenziell zum entscheidenden Faktor für die Entwicklung der Gesellschaft und damit aller Komponenten der Weltsituation wird – eine Idee, die von den anderen Gruppen der Kommunistischen Linken keineswegs geteilt wird –, bildet den Schwerpunkt dieser Resolution.
2) Die Thesen über den Zerfall vom Mai 1990 heben eine ganze Reihe von Merkmalen in der Entwicklung der Gesellschaft hervor, die sich aus dem Eintritt des Kapitalismus in diese letzte Phase seiner Existenz ergeben. Der vom 22. Kongress angenommene Bericht stellte fest, dass sich all diese Merkmale verschlechtern, wie z.B.:
Der gleiche Bericht des 22. Kongresses des IKS betonte auch die Bestätigung und Verschärfung der politischen und ideologischen Erscheinungsformen des Zerfalls, die wir 1990 festgestellt hatten:
„- die unglaubliche Korruption, die im politischen Apparat wächst und gedeiht, (...);
Der Bericht des 22. Kongresses konzentrierte sich insbesondere auf die Entwicklung eines Phänomens, das bereits 1990 festgestellt wurde (und das eine wichtige Rolle im Bewusstsein der IKS über den Eintritt des dekadenten Kapitalismus in die Zerfallsphase gespielt hatte): die Benutzung des Terrorismus in imperialistischen Konflikten. Der Bericht stellte fest, dass: „Die quantitative und qualitative Zunahme des Stellenwerts des Terrorismus hat mit dem Angriff auf die Zwillingstürme (...) einen entscheidenden Schritt getan (...). Dies wurde anschließend mit den Anschlägen in Madrid 2004 und London 2005 (....), der Gründung von Daesh 2013-14 (...), den Angriffen in Frankreich 2015-16, Belgien und Deutschland 2016 bestätigt“. Der Bericht stellte auch fest, dass im Zusammenhang mit diesen Angriffen und als charakteristischer Ausdruck des Zerfalls der Gesellschaft die Ausbreitung des radikalen Islamismus, der ursprünglich von der Schiiten inspiriert war (mit der Errichtung des Mullah-Regimes im Iran im Jahr 1979), aber im Wesentlichen das Ergebnis war der sunnitischen Bewegung ab 1996 mit der Ausbreitung und Festsetzung der Taliban in Kabul und, noch mehr, nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein im Irak durch amerikanische Truppen.
3) Zusätzlich zur Bestätigung der bereits in den Thesen von 1990 festgestellten Tendenzen stellte der vom 22. Kongress angenommene Bericht fest, dass zwei neue Phänomene aufgetreten waren, die sich aus dem anhaltenden Zerfall ergeben hatten und eine wichtige Rolle im politischen Leben vieler Länder spielen sollten:
Massive Bevölkerungswanderungen sind kein für die Phase des Zerfalls spezifisches Phänomen. Sie erhalten nun jedoch eine Dimension, die sie zu einem singulären Element dieses Zerfalls machen, sowohl in Bezug auf ihre aktuellen Ursachen (insbesondere das Chaos des Krieges, das in den Herkunftsländern herrscht) als auch auf ihre politischen Folgen in den Zielländern. Insbesondere die massive Ankunft von Flüchtlingen in Europa war eine wichtige Grundlage für die populistische Welle, die sich in Europa entfaltete, obwohl diese Welle schon lange vorher zu steigen begann (vor allem in einem Land wie Frankreich mit dem Aufstieg des Front National).
4) Tatsächlich haben populistische Parteien in Europa in den letzten zwanzig Jahren mittlerweile dreimal mehr Stimmen erhalten (ihr Anteil stieg von 7% auf 25%), wobei die Zahl nach der Finanzkrise 2008 und der Flüchtlingskrise 2015 stark gestiegen ist. In etwa zehn Ländern nehmen diese Parteien an der Regierung oder einer Mehrheit im Parlament teil: Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Bulgarien, Österreich, Dänemark, Norwegen, Schweiz und Italien. Auch dort, wo populistische Gruppen nicht an der Regierung beteiligt sind, haben sie einen erheblichen Einfluss auf das politische Leben der Bourgeoisie. Wir zitieren drei Beispiele:
Ob die populistischen Strömungen in der Regierung sind oder einfach nur das klassische politische Spiel stören, sie entsprechen weder einer rationalen Option für die Verwaltung des nationalen Kapitals noch einer bewussten Karte der maßgebenden Teile der bürgerlichen Klasse, die, insbesondere durch ihre Medien, diese Strömungen ständig anprangern. Was der Aufstieg des Populismus tatsächlich ausdrückt, ist die Verschlimmerung eines Phänomens, das bereits in den Thesen von 1990 angekündigt wurde: „Unter den Hauptkennzeichen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft muß man die zunehmenden Schwierigkeiten der Bourgeoisie hervorheben, die Entwicklung der Lage auf politischer Ebene zu kontrollieren.“ (Punkt 9) Ein Phänomen, das im Bericht des 22. Kongresses deutlich erwähnt wird: „Was in der gegenwärtigen Situation betont werden muss, ist die volle Bestätigung dieses Aspekts, den wir vor 25 Jahren identifiziert haben: der Trend zu einem wachsenden Kontrollverlust der herrschenden Klasse über ihren politischen Apparat.“
Der Aufstieg des Populismus ist unter den gegenwärtigen Umständen Ausdruck des zunehmenden Kontrollverlustes der Bourgeoisie über das Funktionieren der Gesellschaft, der sich im Wesentlichen daraus ergibt, was im Kern ihres Zerfalls liegt, der Unfähigkeit der beiden grundlegenden Klassen der Gesellschaft, eine Antwort auf die unlösbare Krise zu geben, in die die kapitalistische Wirtschaft versinkt. Mit anderen Worten, der Zerfall ist im Wesentlichen das Ergebnis der Ohnmacht der herrschenden Klasse, einer Ohnmacht, die in ihrer Unfähigkeit verwurzelt ist, diese Krise in der kapitalistischen Produktionsweise zu überwinden, und die zunehmend dazu neigt, ihren politischen Apparat zu beeinflussen.
Zu den aktuellen Ursachen der populistischen Welle gehören die Hauptmanifestationen des sozialen Zerfalls: der Anstieg von Verzweiflung, Nihilismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, verbunden mit einer wachsenden Ablehnung der „Eliten“ (die „Reichen“, Politiker, Technokraten) und in einer Situation, in der die Arbeiterklasse nicht in der Lage ist, selbst auf embryonale Weise eine Alternative anzubieten. Es ist natürlich möglich, dass der Populismus in Zukunft seinen Einfluss verliert, entweder weil er selbst seine eigene Machtlosigkeit und Korruption bewiest oder weil ein Wiedererstarken der Arbeiterkämpfe ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Andererseits kann sie in keiner Weise die historische Tendenz der Gesellschaft, im Zerfall zu versinken, oder die verschiedenen Erscheinungsformen davon in Frage stellen, einschließlich des zunehmenden Kontrollverlustes der Bourgeoisie über ihr politisches Spiel. Und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Innenpolitik jedes Staates, sondern auch auf alle Beziehungen zwischen Staaten und die imperialistischen Konfigurationen.
5) 1989-90 analysierten wir angesichts des Auseinanderbrechens des Ostblocks dieses in der Geschichte beispiellose Phänomen des Zusammenbruchs eines ganzen imperialistischen Blocks ohne einen generalisierten Konflikt als erste große Verdeutlichung der Phase des Zerfalls. Gleichzeitig untersuchten wir die neue Weltkonstellation, die sich aus diesem historischen Ereignis ergab:
„Das Verschwinden des russischen imperialistischen Gendarmen und damit auch der Gendarmenrolle des amerikanischen Imperialismus gegenüber seinen wichtigsten ‚Partnern‘ von einst öffnet Tür und Tor für eine ganzen Reihe von lokalen Rivalitäten. Diese Rivalitäten und Zusammenstöße können gegenwärtig nicht in einen Weltkrieg ausarten (selbst wenn das Proletariat nicht in der Lage wäre, sich dagegen zur Wehr zu setzen). (...) Bislang hat im Zeitalter der Dekadenz solch eine Situation der ‚Verzettelung‘ der imperialistischen Antagonismen in Abwesenheit von Blöcken (oder von Schlüsselregionen), die die Welt unter sich aufgeteilt haben, nie lange angedauert. Das Verschwinden der imperialistischen Konstellation, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen war, trug die Tendenz zur Bildung zweier neuer Blöcke in sich. Heute steht dies jedoch noch nicht auf der Tagesordnung“, denn „die Tendenz zur Aufteilung der Welt zwischen zwei neuen Blöcken (wird) durch das sich immer mehr zuspitzende und ausdehnende Phänomen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft konterkariert oder gar irreparabel geschädigt, wie wir bereits hervorgehoben haben. (...)
Vor einem solchen Hintergrund, dem Kontrollverlust der Weltbourgeoisie über die Lage, läßt sich nicht beurteilen, ob die dominanten Teile unter ihr heute in der Lage sind, die notwendige Organisierung und Disziplinierung für die Neubildung von militärischen Blöcken umzusetzen.“ (Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks – Destabilisierung und Chaos, Internationale Revue Nr. 12)
So stellte 1989 einen grundsätzlichen Wechsel in der allgemeinen Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft dar:
6) In dem Paradigma, das den größten Teil des 20. Jahrhunderts beherrschte, definierte der Begriff des „Historischen Kurses“ das Ergebnis einer historischen Entwicklung: entweder Weltkrieg oder Klassenkämpfe, und sobald das Proletariat eine entscheidende Niederlage erlitten hatte (wie am Vorabend von 1914 oder nach der revolutionären Welle von 1917-23), wurde der Weltkrieg unvermeidlich. Im Paradigma, das die gegenwärtige Situation definiert (solange sich nicht zwei neue imperialistische Blöcke herausbilden, was möglicherweise nie mehr geschehen wird), ist es möglich, dass das Proletariat eine so tiefe Niederlage erleidet, die endgültig ein Wiedererstarken verhindert, aber es ist durchaus auch möglich, dass das Proletariat eine tiefe Niederlage erleidet, ohne dass dies eine entscheidende Konsequenz für die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft hat. Deshalb ist der Begriff des „Historischen Kurses“ nicht mehr geeignet, die Situation der gegenwärtigen Welt und das Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat zu definieren.
In gewisser Weise ähnelt die aktuelle historische Lage der des 19. Jahrhunderts. Denn zu jener Zeit:
- bedeutete eine Zunahme der Arbeiterkämpfe nicht die Aussicht auf eine Revolution – in einer Epoche, in der die proletarische Revolution noch nicht auf der Tagesordnung stand; ebenso wenig konnte sie verhindern, dass ein großer Krieg ausbrach (z.B. der Krieg zwischen Frankreich und Preußen 1870, als die Macht des Proletariats mit der Entwicklung der IAA anstieg);
Allerdings ist es wichtig zu betonen, dass der Begriff des „Historischen Kurses“, wie er von der Italienischen Fraktion in den 1930er Jahren und von der IKS zwischen 1968 und 1989 verwendet wurde, durchaus gültig war und den grundlegenden Rahmen für das Verständnis der Weltlage bildete. Die Tatsache, dass unsere Organisation seit 1989 die neuen, noch nie aufgetretenen Tatsachen dieser Situation berücksichtigen musste, kann keineswegs als Infragestellung unseres Analyserahmen bis zum damaligen Zeitpunkt interpretiert werden.
7) Bereits 1990, zur gleichen Zeit, als wir das Verschwinden der imperialistischen Blöcke sahen, die den „Kalten Krieg“ beherrscht hatten, betonten wir, dass sich die militärischen Auseinandersetzungen fortsetzen und sogar verschärfen würden:
„Im Zeitalter der Dekadenz des Kapitalismus sind ALLE Staaten imperialistisch und treffen ihre Vorkehrungen, um sich dieser Realität anzupassen: Kriegswirtschaft, Aufrüstung usw. Daher werden die zunehmenden Erschütterungen der Weltwirtschaft die Zwietracht zwischen den verschiedenen Staaten schüren, einschließlich und zunehmend auf der militärischen Ebene. (...) Diese Rivalitäten und Zusammenstöße können gegenwärtig nicht in einen Weltkrieg ausarten (...). Hingegen werden diese Konflikte aufgrund des Wegfalls der vom Block auferzwungenen Disziplin viel häufiger und gewalttätiger werden, insbesondere natürlich in den Regionen, wo das Proletariat am schwächsten ist.“ (Internationale Revue Nr. 12, Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks – Destabilisierung und Chaos).
Keineswegs „impliziert das gegenwärtige Verschwinden der Blöcke eine Verringerung oder gar Infragestellung des beherrschenden Einflusses des Imperialismus auf die Gesellschaft. Der fundamentale Unterschied liegt in der Tatsache, daß, wenn das Ende des Stalinismus der Eliminierung einer besonders absurden Form des Staatskapitalismus gleich kam, das Ende der Blöcke die Tür zu einer noch barbarischeren, absurderen, chaotischeren Form des Imperialismus öffnet.“ (Internationale Revue Nr. 13, Militarismus und Zerfall)
Seitdem hat die globale Situation diese Tendenz zu einem sich verschlimmernden Chaos, wie wir vor einem Jahr beobachtet haben, nur noch bestätigt:
„Die Entwicklung des Zerfalls hat zu einer blutigen und chaotischen Entfesselung von Imperialismus und Militarismus geführt. Die Explosion der Tendenz eines jeden für sich selbst hat zum Aufstieg der imperialistischen Ambitionen der Mächte der zweiten und dritten Ebene sowie zur zunehmenden Schwächung der dominanten Stellung der USA in der Welt geführt. Die gegenwärtige Situation ist gekennzeichnet durch imperialistische Spannungen und ein immer weniger kontrollierbares Chaos, vor allem aber durch seinen höchst irrationalen und unberechenbaren Charakter, der mit den Auswirkungen des populistischen Drucks verbunden ist, insbesondere mit der Tatsache, dass die stärkste Macht der Welt heute von einem populistischen Präsidenten geführt wird, der mit von seinem Temperament geprägten unberechenbaren Reaktionen regiert.“ (Internationale Revue Nr. 55, Bericht über die imperialistischen Spannungen, Juni 2018).
8) Im Nahen Osten, wo die Schwächung der amerikanischen Führung am deutlichsten zu erkennen ist und wo die amerikanische Unfähigkeit, sich militärisch direkt in Syrien zu engagieren, das Feld für andere Imperialismen offen gelassen hat, bündeln sich diese historischen Tendenzen:
Russland hat sich dank seiner militärischen Stärke im syrischen Konfliktfeld ausbreiten können und sich als eine wichtige Kraft zur Erhaltung seines Marinestützpunktes in Tartus etabliert.
Der Iran ist durch seinen militärischen Sieg zur Rettung seines Verbündeten, des Assad-Regimes, und durch den Bau eines irakisch-syrischen Landkorridors, der den Iran direkt mit dem Mittelmeer und der libanesischen Hisbollah verbindet, der Hauptnutznießer und hat sein Ziel erreicht, in dieser Region die Führung zu übernehmen, insbesondere durch den Einsatz von Truppen außerhalb seines Territoriums.
Die Türkei, besessen von der Angst vor der Einrichtung autonomer kurdischer Zonen, die sie destabilisieren, operiert militärisch in Syrien.
Die militärischen „Siege“ im Irak und in Syrien gegen den Islamischen Staat und der Machterhalt Assads bieten keine Aussicht auf Stabilisierung. Im Irak hat die militärische Niederlage des Islamischen Staates die Ressentiments der ehemaligen sunnitischen Fraktion um Saddam Hussein, der sie hervorgebracht hat, nicht beseitigt: Die erstmalige Machtausübung durch die Schiiten treibt sie nur noch weiter an. In Syrien bedeutet der militärische Sieg des Regimes nicht die Stabilisierung oder Befriedung des gemeinsamen syrischen Raums, der der Intervention verschiedener Imperialismen mit konkurrierenden Interessen ausgesetzt ist.
Russland und der Iran sind tief gespalten über die Zukunft des syrischen Staates und die Anwesenheit ihrer Truppen auf seinem Territorium; weder Israel, das der Stärkung der Hisbollah im Libanon und in Syrien feindlich gegenübersteht, noch Saudi-Arabien, das sich gegen den Aufstieg des Irans mit anderen zusammenschließt, können diesen iranischen Fortschritt tolerieren; während die Türkei die übermäßigen regionalen Ambitionen ihrer beiden Rivalen nicht akzeptieren kann.
Auch die Vereinigten Staaten und der Westen können ihre Ambitionen in diesem strategischen Bereich der Welt nicht aufgeben.
Die zentrifugale Aktion der verschiedenen kleinen und großen Mächte, deren divergierende imperialistische Appetite ständig aufeinander prallen, fördert nur das Fortbestehen der gegenwärtigen Konflikte, wie im Jemen, sowie die Aussicht auf zukünftige Konflikte und die Ausbreitung von Chaos.
9) Während Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1989 dazu verdammt schien, nur eine untergeordnete Machtrolle zu spielen, feiert es ein starkes Comeback auf der imperialistischen Ebene. Als Macht im Niedergang und ohne die wirtschaftliche Fähigkeit, den militärischen Wettbewerb mit anderen Großmächten langfristig aufrechtzuerhalten, hat es durch die Wiederherstellung seiner militärischen Fähigkeiten seit 2008 seine sehr hohe militärische Aggressivität und seine Macht bewiesen, international als Störfaktor aufzutreten:
Die derzeitige Annäherung Russlands an China auf der Grundlage der Ablehnung amerikanischer Allianzen im asiatischen Raum hat nur schwache Aussichten auf eine langfristige Allianz angesichts der unterschiedlichen Interessen der beiden Staaten. Die Instabilität der Beziehungen zwischen den Mächten verleiht dem russischen eurasischen Staat und dem Kontinent jedoch eine neue strategische Bedeutung im Hinblick auf die Rolle bei der Eindämmung Chinas.
10) Die aktuelle Situation ist vor allem durch den schnellen Machtzuwachs Chinas geprägt. Dieses hat die Aussicht (durch massive Investitionen in neue technologische Bereiche, in künstliche Intelligenz usw.), sich bis 2030-50 als führende Wirtschaftsmacht zu etablieren und bis 2050 eine „Weltklasse-Armee zu schaffen, die in der Lage ist, in jedem modernen Krieg den Sieg zu erringen“. Die sichtbarste Ausdrucksform ihrer Ambitionen ist die seit 2013 eingeleitete Errichtung der „Neuen Seidenstraßen“ (Schaffung von Verkehrskorridoren auf See und an Land, Zugang zum europäischen Markt und Schutz ihrer Handelsrouten), die als Mittel zur Stärkung ihrer wirtschaftlichen Präsenz, aber auch als Instrument zur Entwicklung ihrer imperialistischen Macht in der Welt und auf lange Sicht konzipiert sind und die die amerikanische Vorherrschaft unmittelbar bedrohen.
Dieser Aufstieg Chinas führt zu einer allgemeinen Destabilisierung der Beziehungen zwischen den Mächten, die bereits in eine ernsthafte strategische Phase eingetreten sind, in der die dominante Macht, die Vereinigten Staaten, versucht, die chinesischen Macht, die sie bedroht, einzudämmen und deren Aufstieg zu brechen. Die von Obama begonnene amerikanische Reaktion – von Trump wieder aufgegriffen und mit anderen Mitteln verstärkt – stellt einen Wendepunkt in der amerikanischen Politik dar. Die Verteidigung ihrer Interessen als Nationalstaat folgt nun der Politik des „Jeder-für-sich“, die die imperialistischen Beziehungen dominiert: Die Vereinigten Staaten entwickeln sich vom Weltpolizisten zum Hauptfaktor einer Politik des „Jeder-für-sich“, d.h. einer Politik des Chaos und stellen die seit 1945 unter ihrer Schirmherrschaft entstandene Weltordnung in Frage.
Dieser „strategische Kampf für die neue Weltordnung zwischen den Vereinigten Staaten und China“, der in allen Bereichen gleichzeitig geführt wird, erhöht die Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit weiter, die bereits in der besonders komplexen, instabilen und sich wandelnden Situation des Zerfalls verankert sind: Dieser große Konflikt zwingt alle Staaten, ihre sich entwickelnden imperialistischen Optionen zu überdenken.
11) Die Phasen des Aufstiegs Chinas sind untrennbar mit der Geschichte der imperialistischen Blöcke und ihrem Verschwinden 1989 verbunden: Die Position der Kommunistischen Linken über die „Unmöglichkeit der Entstehung neuer Industrienationen“ in der Zeit der Dekadenz und die Verurteilung von Staaten, „die ihren industriellen Rückstand vor dem Ersten Weltkrieg nicht wettmachen konnten“, dazu, „in totaler Unterentwicklung zu stagnieren oder in eine chronische Abhängigkeit gegenüber den hochindustrialisierten Ländern zu geraten“, galt im Zeitraum von 1914 bis 1989. Es war die Zwangsjacke der Organisation der Welt in zwei gegnerische imperialistische Blöcke (andauernd zwischen 1945 und 1989) zur Vorbereitung auf den Weltkrieg, die jede größere Umwälzung der Hierarchie zwischen den Mächten verhinderte. Chinas Aufstieg begann mit der amerikanischen Hilfe, die seine imperialistische Annäherung an die Vereinigten Staaten im Jahr 1972 belohnte. Er setzte sich nach dem Verschwinden der Blöcke im Jahr 1989 entschlossen fort. China scheint der Hauptnutznießer der „Globalisierung“ zu sein, nachdem es 2001 der WTO beigetreten und zur Werkstatt der Welt geworden war; dorthin wurden immer mehr Produktionsstandorte aus dem Westen verlagert und seitens des Westens immer mehr investiert, so dass es schließlich zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt wurde. Es bedurfte der beispiellosen Umstände der historischen Epoche des Zerfalls, um China den Aufstieg zu ermöglichen; ohne diese Umstände des Zerfalls wäre es nicht dazu gekommen.
Chinas Macht trägt alle Stigmata der Endphase des Kapitalismus: Sie basiert auf der extremen Ausbeutung der proletarischen Arbeitskräfte, auf der ungezügelten Entwicklung der Kriegswirtschaft durch das nationale Programm der „militärisch-zivilen Fusion“ und wird von der katastrophalen Zerstörung der Umwelt begleitet, während der „nationale Zusammenhalt“ auf der polizeilichen Kontrolle der Massen beruht, die der politischen Bildung der Einheitspartei und in Xinjiang und Tibet brutaler physischer Unterdrückung unterworfen sind. Tatsächlich ist China nur eine riesige Metastase des generalisierten militärischen Krebsgeschwürs des gesamten kapitalistischen Systems: Seine Rüstungsproduktion entwickelt sich in rasendem Tempo, sein Verteidigungshaushalt hat sich in 20 Jahren versechsfacht und liegt seit 2010 an zweiter Stelle der Welt.
12) Die Errichtung der „Neuen Seidenstraße“ und Chinas allmählicher, anhaltender und langfristiger Fortschritt (Abschluss von Wirtschaftsabkommen oder zwischenstaatlichen Partnerschaften in der ganzen Welt (mit Italien; mit dem Zugang zum Hafen von Athen im Mittelmeerraum) bis nach Lateinamerika; mit der Errichtung einer Militärbasis in Dschibuti – dem Tor zu seinem wachsenden Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent) betrifft alle Staaten und stört das ganze „bestehende Gleichgewicht“.
In Asien hat China bereits das Gleichgewicht der imperialistischen Kräfte zum Nachteil der Vereinigten Staaten verändert. Es ist jedoch nicht möglich, dass es die durch den Niedergang der amerikanischen Führung hinterlassene „Lücke“ automatisch füllt, weil das Jeder-für-sich im imperialistischen Bereich dominiert und das Misstrauen, das seine Macht hervorruft. Bedeutende imperialistische Spannungen haben sich insbesondere in folgenden Konflikten aufgebaut:
Die Feindseligkeit dieser beiden Staaten gegenüber China treibt ihre Konvergenz und ihre Annäherung an die Vereinigten Staaten voran. Letztere haben eine Vier-Parteien-Allianz Japan-Vereinigte Staaten-Australien-Indien ins Leben gerufen, die einen Rahmen für die diplomatische, aber auch militärische Annäherung zwischen den verschiedenen Staaten gegen den Aufstieg Chinas bietet.
In dieser Phase des „Aufholens“ gegenüber der US-Macht durch China versucht dieses, seine hegemonialen Ambitionen zu verbergen, um eine direkte Konfrontation mit seinem Rivalen zu vermeiden, die seinen langfristigen Plänen schadet, während die Vereinigten Staaten jetzt die Initiative ergreifen, die chinesischen Bemühungen zu blockieren, und den größten Teil ihrer imperialistischen Aufmerksamkeit auf den indisch-pazifischen Raum richten.
13) Trotz Trumps Populismus, trotz Meinungsverschiedenheiten innerhalb der amerikanischen Bourgeoisie über die Verteidigung ihrer Führung und trotz Spaltungen, insbesondere in Bezug auf Russland, verfolgt die Trump-Administration eine imperialistische Politik in Kontinuität und Übereinstimmung mit den grundlegenden imperialistischen Interessen des amerikanischen Staates. Die Mehrheit der Sektoren der amerikanischen Bourgeoisie ist sich einig, dass es wichtig ist, den Rang der USA als unbestritten führende Weltmacht zu verteidigen.
Angesichts der chinesischen Herausforderung durchlaufen die Vereinigten Staaten eine große Transformation ihrer imperialistischen Weltstrategie. Diese Verschiebung basiert auf der Beobachtung, dass der Rahmen der „Globalisierung“ die Position der Vereinigten Staaten nicht gesichert, sondern eher geschwächt hat. Die Formalisierung des Prinzips der Verteidigung nur ihrer Interessen als Nationalstaat und die Auferlegung profitabler Machtverhältnisse als Hauptgrundlage für die Beziehungen zu anderen Staaten durch die Trump-Administration bestätigt das Scheitern der Politik der letzten 25 Jahre des Kampfes gegen die Tendenz des „Jeder-für-sich“ als Weltpolizist zur Verteidigung der ab 1945 geltenden Weltordnung und zieht die Konsequenzen daraus.
Diese Trendwende der Vereinigten Staaten spiegelt sich wider in:
- dem Rückzug aus (oder Infragestellung von) internationalen Abkommen und Institutionen, die zu Hindernissen für ihre Vorherrschaft geworden sind oder den gegenwärtigen Bedürfnissen des amerikanischen Imperialismus widersprechen: Rückzug aus dem Pariser Abkommen über den Klimawandel, Reduzierung der Beiträge an die UNO und Rückzug aus der UNESCO, dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, dem Globalen Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration;
Das Vandalen-Verhalten eines Trump, das amerikanische internationale Verpflichtungen über Nacht unter Missachtung etablierter Regeln kündigen kann, stellt einen neuen und starken Faktor der Unsicherheit dar und gibt weitere Impulse zum „Jeder-für-sich“. Es ist ein weiteres Kennzeichen der neuen Phase, in der der Kapitalismus weiter in die Barbarei und den Abgrund des ungezügelten Militarismus versinkt.
14) Der Wandel in der amerikanischen Strategie ist auf einigen den wichtigsten imperialistischen Schauplätzen spürbar:
Washington fügt jedoch China eindeutig einen Rückschlag zu, das Venezuela zu seinem politischen Verbündeten zur Ausweitung seines Einflusses auserwählt und sich als machtlos gegenüber den USA erwiesen hat, sich ihrem Druck zu widersetzen. Es ist nicht unmöglich, dass diese amerikanische Offensive der imperialistischen Rückeroberung ihres lateinamerikanischen Hinterhofes eine systematischere Offensive gegen China auf anderen Kontinenten einleiten könnte. Vorläufig ebnet sie den Weg zum Einbruch Venezuelas in das Chaos eines festgefahrenen Zusammenstoßes zwischen bürgerlichen Fraktionen sowie zu einer zunehmenden Destabilisierung der gesamten südamerikanischen Zone.
15) Die gegenwärtige allgemeine Verstärkung der imperialistischen Spannungen spiegelt sich in der Wiederbelebung des Wettrüstens und des Kampfes um die militärische technologische Vorherrschaft nicht nur dort wider, wo die Spannungen am deutlichsten sind (in Asien und im Nahen Osten), sondern für alle Staaten, alle führenden Großmächte. Alles deutet darauf hin, dass eine neue Phase der interimperialistischen Auseinandersetzungen und der tieferen Versenkung des Systems in die Kriegsbarbarei bevorsteht.
In diesem Kontext wird die EU (Europäische Union) in Bezug auf die internationale imperialistische Situation weiterhin der Tendenz zur Fragmentierung begegnen, wie sie im Bericht über die imperialistischen Spannungen vom Juni 2018 (International Review Nr. 161, engl./frz./span. Ausgabe; auf Deutsch auf der Webseite unter Bericht über die imperialistischen Spannungen [28]) analysiert ist.
16) Auf wirtschaftlicher Ebene ist die Situation des Kapitalismus seit Anfang 2018 durch eine starke Verlangsamung des weltweiten Wachstums gekennzeichnet (von 4% im Jahr 2017 auf 3,3% im Jahr 2019), aufgrund derer die Bourgeoisie eine weitere Verschlechterung in den Jahren 2019-20 erwartet. Diese Verlangsamung erwies sich 2018 als stärker wie erwartet, und der IWF musste seine Prognosen für die nächsten zwei Jahre zurückschrauben, und sie betrifft praktisch alle Teile des Kapitalismus gleichzeitig: China, die Vereinigten Staaten und die Eurozone. Im Jahr 2019 haben sich 70% der Weltwirtschaft verlangsamt, insbesondere in den „fortgeschrittenen“ Ländern (Deutschland, Vereinigtes Königreich). Einige der Schwellenländer befinden sich bereits in der Rezession (Brasilien, Argentinien, Türkei), während China, das sich seit 2017 verlangsamt und 2019 voraussichtlich noch um 6,2% wachsen wird, die niedrigsten Wachstumsraten seit 30 Jahren verzeichnet.
Der Wert der meisten Währungen in den Schwellenländern hat sich teilweise deutlich abgeschwächt, wie in Argentinien und der Türkei.
Ende 2018 verzeichnete der Welthandel ein Nullwachstum, während die Wall Street 2018 die größten „Korrekturen“ an den Aktienmärkten der letzten 10 Jahre erlebte. Die meisten Indikatoren blinken und legen die Aussicht auf einen neuen Tiefpunkt in der kapitalistischen Wirtschaft frei.
17) Die Kapitalistenklasse hat keine Zukunft anzubieten, ihr System wurde von der Geschichte verurteilt. Seit der Krise von 1929, der ersten großen Krise im Zeitalter der Dekadenz des Kapitalismus, hat die Bourgeoisie nicht aufgehört, die Intervention des Staates zur Ausübung der allgemeinen Kontrolle über die Wirtschaft zu vergrößern. Zunehmend mit einer Verengung der außerkapitalistischen Märkte konfrontiert, die mehr und mehr von einer allgemeinen Überproduktion bedroht sind, hat sich „der Kapitalismus (...) durch die bewusste Intervention der Bourgeoisie am Leben (erhalten), die es sich nicht länger leisten kann, der unsichtbaren Hand des Marktes zu trauen. Doch die Lösungen werden auch zu Problemen:
Seit den 70er Jahren haben diese Probleme zu verschiedenen Wirtschaftsstrategien geführt, die abwechslungsweise auf den „Keynesianismus“ und den „Neo-Liberalismus“ setzten, doch keine kann die bestehenden Probleme in den Griff bekommen, geschweige denn eine endgültige Lösung herbeiführen. Bemerkenswert ist jedoch die Entschlossenheit der Bourgeoisie, ihre Wirtschaft um jeden Preis am Leben zu erhalten und ihre Fähigkeit, die Tendenz zum Zusammenbruch durch eine gigantische Verschuldung zu bremsen.“ (Resolution zur internationalen Lage, 16. Kongress der IKS, 2005)
Der auf der Ebene jedes nationalen Kapitals errichtete Staatskapitalismus, der aus den Widersprüchen der Dekadenz und der historischen Sackgasse des kapitalistischen Systems hervorgeht, gehorcht jedoch nicht einem strengen wirtschaftlichen Determinismus; im Gegenteil, sein Handeln, das im Wesentlichen politischer Natur ist, integriert und kombiniert gleichzeitig die wirtschaftliche Dimension, die soziale (wie man seinen Klassenfeind entsprechend dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen bekämpft) und die imperialistische Dimension (die Notwendigkeit, einen riesigen Rüstungssektor im Zentrum jeder wirtschaftlichen Aktivität zu halten). So hat der Staatskapitalismus in der Geschichte der Dekadenz verschiedene Phasen und Organisationsmodalitäten erlebt.
18) In den 1980er Jahren wurde unter dem Einfluss der großen Wirtschaftsmächte eine solche neue Phase eingeleitet: die der „Globalisierung“. In einem ersten Schritt erfolgte sie zunächst in Form der Reaganomics, schnell gefolgt von einer zweiten, die die beispiellose historische Situation des Zusammenbruchs des Ostblocks nutzte, um eine umfassende Reorganisation der kapitalistischen Produktion auf globaler Ebene zwischen 1990 und 2008 zu erweitern und zu vertiefen.
Die Aufrechterhaltung der Zusammenarbeit zwischen den Staaten, insbesondere unter Nutzung der alten Strukturen des Westblocks, und die Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung im Handel waren Mittel zur Bewältigung der sich verschärfenden Krise (die Rezessionen von 1987 und 1991-93), aber auch der ersten Auswirkungen der Zerfalls, die im wirtschaftlichen Bereich damit weitgehend abgeschwächt werden konnten.
Nach dem Beispiel der EU bei der Beseitigung von Zollschranken zwischen den Mitgliedstaaten wurde die Integration vieler Zweige der Weltproduktion durch die Entwicklung echter Produktionsketten auf globaler Ebene verstärkt. Durch die Kombination von Logistik, Informationstechnologie und Telekommunikation, werden Größenvorteile erzielt; durch die verstärkte Nutzung der Arbeitskraft des Proletariats (durch erhöhte Produktivität, internationalen Wettbewerb, Freizügigkeit der Arbeitskräfte, um niedrigere Löhne durchzusetzen), die Unterordnung der Produktion unter die finanzielle Logik der maximalen Rentabilität hat der Welthandel, wenn auch in geringerem Maße, weiter zugenommen, die Weltwirtschaft stimuliert und einen „zweiten Atemstoß“ erzeugt, der die Existenz des kapitalistischen Systems verlängert hat.
19) Der Krach von 2007/09 bedeutete einen weiteren Schritt beim Versinken des kapitalistischen Systems in seine unumkehrbare Krise: Nach vier Jahrzehnten des Rückgriffs auf Kredite und Schulden, um dem wachsenden Hang zur Überproduktion entgegenzuwirken, unterbrochen von immer tieferen Rezessionen und immer begrenzteren Erholungen, war die Rezession 2009 die bedeutendste seit der Weltwirtschaftskrise. Es war das massive Eingreifen der Staaten und ihrer Zentralbanken, welches das Bankensystem vor dem völligen Bankrott bewahrte und eine riesige Staatsverschuldung schuf, indem die Zentralbanken Staatsanleihen zurückkauften, die nicht mehr zurückgezahlt werden konnten.
Das chinesische Kapital, das auch stark von der Krise betroffen ist, hat eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung der Weltwirtschaft gespielt, indem es Pläne zur Wiederbelebung der Wirtschaft in den Jahren 2009, 2015 und 2019 auf der Grundlage massiver Staatsverschuldung umgesetzt hat.
Nicht nur die Ursachen der Krise 2007-2011 sind nicht gelöst oder überwunden, sondern auch die Schwere und die Widersprüche der Krise sind auf ein höheres Niveau gerückt: Es sind nun die Staaten selbst, die mit der erdrückenden Last ihrer Schulden konfrontiert sind (den „Staatsschulden“), die ihre Interventionsfähigkeit zur Wiederbelebung ihrer jeweiligen Volkswirtschaften weiter beeinträchtigen. „Schulden wurden eingesetzt, um die ungenügenden Absatzmärkte zu kompensieren, doch dies führt zu keinem Wachstum, wie die ab 2007 einsetzende Finanzkrise verdeutlicht. Wie auch immer, all die Maßnahmen, die zur erneuten Beschränkung der Schulden ergriffen werden, konfrontieren den Kapitalismus mit seiner Überproduktionskrise, und das in einem internationalen Kontext der permanenten Zuspitzung und Begrenzung des Spielraums für finanzielle Manöver.“ (Resolution zur internationalen Lage, 20. Kongress der IKS, 2013).
20) Die aktuelle Entwicklung der Krise durch die zunehmenden Störungen, die sie in der Organisation der Produktion zu einer riesigen multilateralen Konstruktion auf internationaler Ebene erleidet, die durch gemeinsame Regeln vereinheitlicht sein sollten, zeigt die Grenzen der „Globalisierung“. Das ständig wachsende Bedürfnis nach Einheit (was nie etwas anderes bedeutet hat als die Auferlegung des Gesetzes des Stärkeren auf die Schwächsten) einer aufgrund der „transnationalen“ Verflechtung stark nach Ländern segmentierten Produktion (in Einheiten, die grundsätzlich durch Wettbewerb getrennt sind und in denen jedes Produkt an einem Ort entworfen und mit Hilfe von Elementen, die anderswo hergestellt werden, an einem dritten Ort zusammengebaut wird) stößt sich am nationalen Wesen jedes Kapitals, an die Grenzen des Kapitalismus, der unwiderruflich in sich gegenseitig konkurrierende Nationen aufgeteilt ist. Dies ist der maximale Grad der Einheit, den die bürgerliche Welt nicht aufheben kann. Die sich vertiefende Krise (sowie die Forderungen der imperialistischen Rivalität) stellen multilaterale Institutionen und Mechanismen auf eine harte Probe.
Diese Tatsache wird durch die derzeitige Haltung der beiden Hauptmächte im Wettbewerb um die Weltherrschaft veranschaulicht:
21) Der Einfluss des Zerfalls ist ein zusätzlicher destabilisierender Faktor. Insbesondere die Entwicklung des Populismus verschärft die sich verschlechternde Wirtschaftslage weiter, indem er einen Faktor der Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit angesichts der Turbulenzen der Krise einführt. Die Machtergreifung populistischer Regierungen mit unrealistischen Programmen für das nationale Kapital, die das Funktionieren der Weltwirtschaft und des Handels schwächen, schafft ein Durcheinander und erhöht die Gefahr einer Schwächung der vom Kapitalismus seit 1945 auferlegten Maßnahmen, die darauf abzielten, einen autarken Rückzug auf den nationalen Rahmen zu vermeiden, der die unkontrollierte Ausbreitung der Wirtschaftskrise fördert. Das Durcheinander des Brexit und der schwierige Austritt aus der EU sind ein weiteres Beispiel: Die Unfähigkeit der britischen Regierungsparteien, über die Bedingungen für die Trennung und die Art der künftigen Beziehungen zur Europäischen Union zu entscheiden, die Unsicherheiten bei der „Wiederherstellung“ der Grenzen, insbesondere zwischen Nordirland und Irland, die ungewisse Zukunft eines proeuropäischen Schottlands, das sich vom Vereinigten Königreich zu trennen droht, beeinträchtigen die englische Wirtschaft (durch die Entwertung des Pfunds) sowie die seiner ehemaligen EU-Partner, die um die langfristige Stabilität gebracht werden, die sie zur Regulierung der Wirtschaft benötigen.
Die Meinungsverschiedenheiten über die Wirtschaftspolitik in Großbritannien, den USA und anderswo zeigen, dass es nicht nur zwischen rivalisierenden Nationen, sondern auch im eigenen Land wachsende Spaltungen gibt – Spaltungen zwischen „Multilateralisten“ und „Unilateralisten“, aber auch innerhalb dieser beiden Ansätze (z.B. zwischen „harten“ und „weichen“ Brexitern im Vereinigten Königreich). Nicht nur gibt es keinen Minimalkonsens mehr über die Wirtschaftspolitik unter den Ländern des ehemaligen Westblocks – diese Frage wird auch innerhalb der nationalen Bourgeoisien selbst immer kontroverser.
22) Die gegenwärtige Anhäufung all dieser Widersprüche im aktuellen Kontext der fortschreitenden Wirtschaftskrise sowie die Fragilität des Währungs- und Finanzsystems und die massive weltweite Verschuldung der Staaten nach 2008 eröffnen eine Zeit schwerer Verwerfungen und stellen das kapitalistische System wieder vor die Aussicht auf einen Abwärtstrend. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass der Kapitalismus sicherlich nicht alle Mittel endgültig ausgeschöpft hat, die sein Versinken in der Krise verlangsamen und unkontrollierte Situationen, insbesondere in den Kernländern, vermeiden sollen. Die Überschuldung der Staaten, bei denen ein wachsender Teil des Sozialprodukts für den Schuldendienst aufgewendet werden muss, wirkt sich stark auf die nationalen Haushalte aus und verringert ihren Handlungsspielraum angesichts der Krise erheblich. Deshalb ist es gewiss, dass diese Situation:
23) Was das Proletariat betrifft, so können diese neuen Verwerfungen nur zu noch schwerwiegenderen Angriffen auf seine Lebens- und Arbeitsbedingungen auf allen Ebenen und insbesondere in der ganzen Welt führen:
Obwohl die Bourgeoisie in allen Ländern immer mehr gezwungen ist, ihre Angriffe auf die Arbeiterklasse zu verstärken, ist ihr Handlungsspielraum auf der politischen Ebene keineswegs erschöpft. Wir können sicher sein, dass sie alle Mittel einsetzen wird, um zu verhindern, dass das Proletariat auf seinem eigenen Klassenterrain auf die zunehmende Verschlechterung seiner Lebensbedingungen durch die Verwerfungen in der Weltwirtschaft reagiert.
Mai 2019
1) Ende der 1960er Jahre, mit der Erschöpfung des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit, war die Arbeiterklasse angesichts der sich verschlechternden Lebensbedingungen wieder auf der gesellschaftlichen Bühne aufgetaucht. Die international explodierenden Arbeiterkämpfe beendeten die längste Zeit der Konterrevolution in der Geschichte, öffneten einen neuen historischen Kurs in Richtung Klassenkonfrontationen und hinderten die herrschende Klasse daran, ihre eigene Antwort auf die akute Krise des Kapitalismus zu geben: einen dritten Weltkrieg. Dieser neue historische Kurs war durch das Aufkommen massiver Kämpfe gekennzeichnet, insbesondere in den zentralen Ländern Westeuropas mit der Bewegung vom Mai 1968 in Frankreich, gefolgt vom „Heißen Herbst“ in Italien 1969 und vielen anderen Kämpfen wie in Argentinien im Frühjahr 1969 und in Polen im Winter 1970-71. In diesen massiven Bewegungen erhoben große Teile der neuen Generation, die keinen Krieg erlebt hatten, erneut die Perspektive des Kommunismus zur realen Möglichkeit.
Im Zusammenhang mit dieser allgemeinen Bewegung der Arbeiterklasse in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren müssen wir auch die internationale Wiederbelebung der organisierten Kommunistischen Linken in einem sehr kleinen, aber nicht minder bedeutenden Ausmaß hervorheben, der Tradition, die der Flagge der proletarischen Weltrevolution in der langen Nacht der Konterrevolution treu geblieben war. In diesem Prozess stellte die Gründung der IKS einen wichtigen Impuls für die Kommunistische Linke als Ganzes dar.
Angesichts einer Dynamik, die zu einer Politisierung der Arbeiterkämpfe führte, entwickelte die Bourgeoisie (die von der Bewegung vom Mai 1968 überrascht worden war) sofort eine groß angelegte und langfristige Gegenoffensive, um zu verhindern, dass die Arbeiterklasse ihre eigene Antwort auf die historische Krise der kapitalistischen Wirtschaft gibt: die proletarische Revolution.
2) Aufgrund des Bruchs in der politischen Kontinuität mit der Arbeiterbewegung der Vergangenheit manifestierte sich die Tendenz zur Politisierung der 1960er Jahre in der Entstehung dessen, was Lenin einen „politischen Sumpf“ nannte: ein Milieu von verwirrten Gruppen und Elementen und gleichzeitig eine Übergangszone, die zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat liegt. Im Moment seiner größten Ausdehnung umfasste dieser Bereich der Politisierung vor allem junge und unerfahrene Menschen, viele von ihnen Student*innen. Bereits in der ersten Hälfte der 1970er Jahre war das Ergebnis einer Kristallisierung innerhalb dieser Zone, dass:
- es der Linken des Kapitals gelang, einen großen Teil dieser jungen Elemente, die am Prozess der Politisierung beteiligt waren, für sich zu gewinnen;
- Frustration und Enttäuschung viele von ihnen, die stark von der Ungeduld und dem „Radikalismus“ des Kleinbürgertums geprägt waren, zu Teilkämpfen führten oder in gewaltsame, von kleinen Minderheiten getragene Aktionen des Terrorismus (Baader-Meinhof-Gruppe in Deutschland, Rote Brigaden in Italien, dann Action Directe in Frankreich);
- die Schichten des Sumpfes, die nach proletarischen Positionen strebten, dazu tendierten, sich in Richtung autonomer und/oder operaistischer (arbeitertümelnder) Politik oder der Verteidigung des Mythos der „Selbstverwaltung“ zu bewegen.
Darüber hinaus haben die „kritische“ Anlehnung der wichtigsten linken Gruppen (Trotzkisten und Maoisten) an die Konterrevolution und ihre organisatorische Praxis und Intervention als kryptostalinistische Sekten, aber auch der sinnlose Aktivismus des autonomen Milieus und der Gewaltkult der terroristischen Mikrogruppen einen großen Teil dieser neuen Generation auf dem Weg zu einer Politisierung zerstört. Dieses destruktive Unterfangen trug dazu bei, die wirkliche revolutionäre Bewegung des Proletariats zu entstellen und zu diskreditieren. Parallel zu dieser äußerst negativen Rolle, die der pseudoradikale Teil des Sumpfes und die Gruppen der extremen Linken spielten, entwickelte die Bourgeoisie eine breit angelegte und langfristige politische Gegenoffensive gegen die historische Wiederbelebung des Klassenkampfes. Diese politische Gegenoffensive der Bourgeoisie bestand zunächst Anfang der 1970 er Jahre darin, die „Alternative“ zu schaffen, die Linke in den wichtigsten westlichen Ländern an die Regierung zu bringen. Das Ziel, die Arbeiterklasse wieder in die Wahlurne zu treiben, indem man die Illusion sät, dass das Programm der linken Parteien es ermöglichen würde, die Lebensbedingungen der ausgebeuteten Massen zu verbessern. Diese erste Welle von Kämpfen, die sich seit Ende der 1960 er Jahre entwickelt hatte, erschöpfte sich daher in diesen „Jahren der Illusionen“.
3) Aber mit der Verschärfung der Wirtschaftskrise in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre war eine neue Welle von Arbeiterkämpfen entstanden, an denen auch das Proletariat in einigen osteuropäischen Ländern (insbesondere in Polen im Sommer 1980) beteiligt war.
Angesichts dieser Wiederaufnahme des Klassenkampfes nach einer kurzen Zeit des Rückflusses musste die Bourgeoisie ihre Strategie ändern, die darauf abzielte, jede Politisierung des Proletariats durch ihre wirtschaftlichen Kämpfe zu verhindern. Im Sinne einer vernünftigen Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen bürgerlichen Fraktionen wurde es den rechten Regierungsparteien überlassen, wirtschaftliche Angriffe gegen die Lebensbedingungen des Proletariats zu führen, während die linken Oppositionsparteien (unterstützt von den Gewerkschaften und Linken) die Verantwortung dafür trugen, die Kämpfe der Arbeiter*innen von innen zu sabotieren und sie auf das Terrain der parlamentarischen Mystifikationen zu lenken.
Der Massenstreik in Polen im August 1980 zeigte, dass das Proletariat trotz des bleiernen Gewichts der stalinistischen Regime in der Lage war, seinen Kopf zu heben und spontan seine Kampfmethoden wiederzuerlangen, einschließlich souveräner Vollversammlungen, der Wahl von diesen Versammlungen gegenüber rechenschaftspflichtigen Streikkomitees, der notwendigen geografischen Ausdehnung der Kämpfe und ihrer Vereinigung über korporatistische Spaltungen hinaus.
Dieser gigantische Kampf der Arbeiterklasse in Polen hat gezeigt, dass das Proletariat sich gerade im Kampf der Massen gegen wirtschaftliche Angriffe seiner eigenen Stärke bewusst werden, seine Klassenidentität gegen das Kapital bekräftigen und sein Selbstvertrauen entwickeln kann.
Aber die Niederlage der polnischen Arbeiter*innen mit der Gründung der „freien“ Gewerkschaft Solidarnosc (die von den Gewerkschaften der westlichen Länder unterstützt wurde) zeigte auch das sehr starke Gewicht demokratischer Illusionen in einem Land, in dem das Proletariat keine Erfahrung mit der bürgerlichen Demokratie hatte. Die Niederlage und Unterdrückung polnischer Arbeiter*innen eröffnete Anfang der 1980er Jahre eine neue Zeit des Rückzugs für den internationalen Klassenkampf.
4) Trotz seiner Tiefe war dieser Rückzug jedoch nur von kurzer Dauer. In der ersten Hälfte der 80er Jahre kam es angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, der Explosion der Arbeitslosigkeit und der neuen Angriffe auf die Lebensbedingungen des Proletariats in den zentralen Ländern zu einer dritten Welle von Kämpfen. Trotz der Niederlage des langen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien 1985 war diese Kampfwelle durch die Erosion der Linken in der Opposition gekennzeichnet, eine zunehmende Diskreditierung der Gewerkschaften (so geschehen in mehreren Ländern, darunter auch in Skandinavien, mit sporadischen spontanen Streiks, die außerhalb und gegen wiederholte Gewerkschaftsmanöver ausbrachen). Diese dritte Welle von Arbeiterkämpfen ging einher mit einer Zunahme der Stimmenthaltung bei den Wahlen.
Um nicht überrascht zu sein wie im Mai 68 und die ganze Dynamik der Konfrontation mit dem Gewerkschaftswesen an sich zu brechen, entwickelte die Bourgeoisie eine dritte Strategie: die Stärkung ihres Apparats zur Kontrolle der Arbeiterklasse durch den Einsatz von Basisgewerkschaften, angeführt von den Gruppen der extremen Linken des Kapitals. Angesichts des Anstiegs der Kampfbereitschaft, insbesondere im öffentlichen Sektor, stärkte die Bourgeoisie ihre gewerkschaftlichen und gewerkschaftsähnlichen Kräfte. Ziel dieser Politik war es, eine Ausweitung der Kämpfe über Unternehmen oder Sektoren hinaus zu verhindern, die Klassenidentität des Proletariats zu sabotieren, indem man zwischen „Kopf- und Handarbeiter*innen“ spaltete, und jede Tendenz zur Selbstorganisation des Proletariats zu stoppen.
5) Es war die britische Bourgeoisie (die intelligenteste der Welt), mit der Politik der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher, die den Ton für die Strategie der herrschenden Klasse in anderen zentralen Ländern angab, um die Dynamik des Klassenkampfes zu brechen.
Dank der sabotierenden Rolle der Bergarbeitergewerkschaft hatte die herrschende Klasse die Arbeiter*innen in einem langen, anstrengenden Teilstreik gefangen genommen, der völlig getrennt von anderen Produktionsbereichen war. Die vernichtende Niederlage des Bergarbeiterstreiks hat der gesamten Arbeiterklasse in diesem Land einen schweren Schlag versetzt. Dieser Erfolg der herrschenden Klasse in Großbritannien diente als Vorbild für die Bourgeoisie in anderen Ländern, insbesondere in Frankreich, dem Land in Europa, in dem das Proletariat traditionell sehr kämpferisch war. Die französische Bourgeoisie, inspiriert vom Beispiel der Eisernen Lady, die die Dynamik des Klassenkampfes blockierte, machte sich daran, die Arbeiter*innen im Korporatismus einzusperren, indem sie die Tendenz des „Jeder-gegen-jeden“ (eines der ersten Phänomene der Auflösung des Kapitalismus) voll ausnutzte.
Da die traditionell kämpferischsten und erfahrensten Sektoren des französischen Proletariats seit Mai 68 mehrfach mit Gewerkschaftssabotage konfrontiert waren (in den Bereichen Bergbau, Stahl, Verkehr, Automobilindustrie ...), konnte die Bourgeoisie eine solche Strategie nur nutzen, indem sie „Koordinationen“ einrichtete, welche die diskreditierten großen Gewerkschaftsbünden bei ihrer Sabotagearbeit ablösten.
In Italien, wo das Proletariat sehr wichtige und massenhafte Kämpfe geführt hatte (der Heiße Herbst 1969), benutzte die Bourgeoisie auch die gleiche Politik der korporatistischen Eindämmung, indem sie die Koordinationen der Bildungsarbeiter von 1987 wiederbelebte.
In Frankreich explodierte die Kampfbereitschaft trotz der Niederlage des Eisenbahnarbeiterstreiks 1986 (die der sabotierenden Arbeit der „Koordinationen“ bei der SNCF zu verdanken war) zwei Jahre später, 1988, wieder in einem anderen Teil des öffentlichen Sektors, in den Krankenhäusern. Angesichts einer tiefen und allgemeinen Unzufriedenheit gegenüber den Gewerkschaften und der potenziellen Gefahr, dass sich dieser massenhafte Kampf auf den gesamten öffentlichen Sektor ausbreitete, bekräftigte die herrschende Klasse erneut ihre Strategie der sektoriellen Einsperrung und Spaltung der Arbeiterklasse. Die französische Bourgeoisie konnte einen noch unerfahrenen und politisch „rückständiger“ gebliebenen Krankenhaussektor, die Krankenschwestern und -pfleger, nutzen, um jedes Streben nach Vereinigung in den Krankenhäusern zu kontrollieren und jede Möglichkeit einer Ausbreitung der Bewegung auf andere Teile des öffentlichen Sektors zu sabotieren.
Um die Bewegung im Krankenhaussektor zu brechen, bestand das Manöver der Bourgeoisie darin, den Krankenschwestern und -pflegern allein eine Art Bestechung anzubieten (eine Lohnerhöhung von 350 französischer Franken pro Monat, die eine Milliarde Franken verflüssigte, die bereits zu diesem Zweck in Reserve gehalten worden waren), während andere Kategorien in den Krankenhäusern, die sich für die Bewegung mobilisiert hatten, nichts erhielten! Diese Niederlage der Arbeiterklasse angesichts der historischen Tendenz des „Jeder-gegen-jeden“ konnte dem Proletariat nur dank der Drecksarbeit der selbsternannten „Krankenpflege-Koordination“ zugefügt werden, die mit Hilfe der CFDT sofort in Angriff genommen worden war. Diesem halbgewerkschaftlichen Organ gelang es, den Zorn des Pflegepersonals auf den sandigen Grund der Verteidigung eines bestimmten „Status“ zu führen, des „Bac plus 3“, der Grundlage für die Berechnung ihrer Löhne sein sollte, während ihre Bewegung mit dem Kampf gegen den Personalmangel und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen begonnen hatte, von denen alle in den Krankenhäusern, „Kopf- und Handarbeiter*innen“ betroffen waren (siehe unsere Broschüre Bilan des luttes des infirmières: les coordinations, la nouvelle arme de la bourgeoisie). In den anderen Ländern Europas, auch in Deutschland (insbesondere in der Automobilindustrie), bestand dieses Manöver der Bourgeoisie darin, einer Gruppe von Arbeiter*innen desselben Unternehmens Lohnerhöhungen zu gewähren, um die Arbeiter*innen zu spalten, die Konkurrenz zwischen ihnen zu verschärfen, die Klassensolidarität zu schwächen und sie gegeneinander auszuspielen.
Aber noch schlimmer ist, dass die Bourgeoisie und ihre dressierten Gewerkschaften mit dieser Strategie, die Arbeiter*innen zu spalten und das „Jeder-gegen-jeden“ zu fördern, in der Lage waren, die Niederlagen des Proletariats als Siege darzustellen.
Die Revolutionäre dürfen den Machiavellismus der Bourgeoisie bei der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen nicht unterschätzen. Dieser Machiavellismus kann nur mit der Verschärfung der Angriffe auf die ausgebeutete Klasse fortgesetzt werden. Die Stagnation des Klassenkampfes, dann sein Rückzug Ende der 80er Jahre, resultierte aus der Fähigkeit der herrschenden Klasse, bestimmte Erscheinungsformen des Zerfalls der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere die Tendenz des „Jeder-gegen-jeden“, gegen die Arbeiterklasse zu wenden.
6) Seit dem Abebben der ersten Welle von Kämpfen waren es im Wesentlichen demokratische Illusionen (die durch die Gegenoffensive der Bourgeoisie und die gewerkschaftliche Sabotage angetrieben wurden), die das Haupthindernis für die Politisierung der Kämpfe der Arbeiterklasse darstellten.
Wie im Artikel in der Internationalen Revue Nr. 23 Der Kampf des Proletariats im aufsteigenden und im dekadenten Kapitalismus hervorgehoben, ist die Arbeiterklasse mit mehreren Faktoren konfrontiert, die die Politisierung ihrer Kämpfe erschweren:
- Die eigentliche Wesen des Proletariats sowohl als ausgebeutete Klasse, die von allem Eigentum enteignet wurde, wie auch als revolutionäre Klasse hat immer dazu geführt, dass das Klassenbewusstsein nicht von Sieg zu Sieg vorwärtsdrängen, sondern sich nur durch eine Reihe von Niederlagen ungleichmäßig zum Sieg entwickeln kann, wie Rosa Luxemburg argumentierte.
In der Zeit der Dekadenz:
- kann die Arbeiterklasse zur Verteidigung ihrer Interessen keine ständigen Massenorganisationen, politischen Parteien und Gewerkschaften, die ihr gehören würden, mehr unterhalten;
- gibt es kein politisches „Minimal“-Programm mehr wie in der vorherigen Epoche, sondern nur noch ein „Maximal“-Programm. Die bürgerliche Demokratie und ihr nationaler Rahmen sind keine Bühne mehr für das politische Handeln des Proletariats;
- hat der bürgerliche Staat gelernt, die ehemaligen politischen Parteien der Arbeiter*innen, die das Proletariat verraten hatten, intelligent gegen die Politisierung der Klasse einzusetzen.
Darüber hinaus hat in der aktuellen Epoche:
- der bürgerliche Staat gelernt, das Tempo der Wirtschaftskrise zu verlangsamen, und seine Angriffe in Abstimmung mit den Gewerkschaften zu planen, indem er alle möglichen Mittel einsetzte, um eine einheitliche Reaktion der Arbeiterklasse und eine Wiederaneignung der schließlich politischen Ziele seines Kampfes gegen den Kapitalismus zu verhindern;
- und haben alle Kräfte des Kapitalismus daran gearbeitet, die Politisierung der Arbeiterklasse zu blockieren, indem sie sie daran gehindert haben, die Verbindung zwischen ihren wirtschaftlichen Kämpfen gegen die Ausbeutung und der Weigerung der Arbeiter*innen in den zentralen Ländern herzustellen, sich für die Kriegspolitik der Bourgeoisie mobilisieren zu lassen. Ein besonders wichtiges Manöver in den frühen 1980er Jahren war die pazifistische Kampagne gegen Reagans „Star Wars“-Programm. Als sich die dritte Welle von Kämpfen in den späten 1980er Jahren zu erschöpfen begann, erfuhr die Dynamik des Klassenkampfes durch den spektakulären Zusammenbruch des Ostblocks und der stalinistischen Regime im Jahr 1989 einen brutalen Schlag und veränderte damit das Kräfteverhältnis zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie zugunsten der letzteren erheblich. Dieses Ereignis kündigte lautstark den Eintritt des Kapitalismus in die letzte Phase seiner Dekadenz an: die des Zerfalls. Als der Stalinismus zusammenbrach, tat er der Bourgeoisie einen letzten Gefallen. Er erlaubte es der herrschenden Klasse, der Dynamik des Klassenkampfes ein Ende zu setzen, die sich mit Fortschritten und Rückschlägen in zwei Jahrzehnten entwickelt hatte.
Da nicht der Kampf des Proletariats, sondern die Verrottung der kapitalistischen Gesellschaft auf innen heraus dem Stalinismus ein Ende setzte, konnte die Bourgeoisie dieses Ereignis ausnutzen, um eine gigantische ideologische Kampagne zu entfesseln, die darauf abzielte, die größte Lüge der Geschichte fortzusetzen: die Identifikation des Kommunismus mit dem Stalinismus. Damit hat die herrschende Klasse dem Bewusstsein des Proletariats einen äußerst heftigen Schlag versetzt. Die ohrenbetäubenden Kampagnen der Bourgeoisie über den so genannten „Bankrott des Kommunismus“ haben zu einem Rückschritt des Proletariats auf seinem Weg zu seiner historischen Perspektive des Sturzes des Kapitalismus geführt. Sie waren ein großer Schlag gegen seine Klassenidentität.
Dieses tiefe Zurückweichen des Bewusstseins und des Klassenkampfes hat sich in einem Rückgang des Kampfgeistes der Arbeiter*innen in allen Ländern, einer Stärkung der demokratischen Illusionen, einer sehr starken Wiederbelebung der gewerkschaftlichen Kontrolle und einer sehr großen Schwierigkeit für das Proletariat ausgedrückt, auf den Weg massiver Kämpfe zurückzukehren, trotz der Verschärfung der Wirtschaftskrise, des Anstiegs der Arbeitslosigkeit, der Prekarität und der allgemeinen Verschlechterung seiner Lebensbedingungen in allen Sektoren und allen Ländern.
Darüber hinaus musste sich das Proletariat mit dem Eintritt des Kapitalismus in die Endphase seiner Dekadenz nun der widerlichen Atmosphäre der Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft stellen, die seine Fähigkeit beeinträchtigt, den Weg zurück zu seiner revolutionären Perspektive zu finden. Auf der ideologischen Ebene „Die verschiedenen Elemente, die die Stärke des Proletariats ausmachen, stoßen direkt mit den verschiedenen Facetten dieses ideologischen Zerfalls zusammen:
- Das kollektive Handeln und die Solidarität stoßen mit der Atomisierung, dem "Jeder für sich", dem "Frechheit zahlt sich aus" zusammen.
- Das Bedürfnis nach Organisierung steht dem gesellschaftlichen Zerfall entgegen, der Zerstörung von Beziehungen, die erst ein gesellschaftliches Leben ermöglichen.
- Die Zuversicht in die Zukunft und in die eigenen Kräfte wird ständig untergraben durch die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die in der Gesellschaft durch den Nihilismus, durch die Ideologie des "No future" immer mehr überhand nimmt.
- Das Bewußtsein, die Klarheit, die Kohärenz und Einheit im Denken, der Sinn für Theorie müssen sich mühsam ein Weg bahnen inmitten der Flucht in Trugbilder, der Drogen, Sekten, des Mystizismus, der Verweigerung des Nachdenkens und der Zerstörung des Denkens, die unsere Epoche charakterisieren.“ (Thesen über den Zerfall, Internationale Revue Nr. 13)
Mit dem Rückzug von seiner revolutionären Perspektive und der Klassenidentität hat auch das Proletariat das Vertrauen in sich selbst und in seine Fähigkeit, den Kapitalismus bei der Verteidigung seiner Lebensbedingungen effektiv zu bekämpfen, weitgehend verloren.
7) Einer der objektiven Faktoren, die den Verlust der Klassenidentität des Proletariats verschärften, war die Politik der Verlagerung und Umstrukturierung des Produktionsapparats in den wichtigsten Ländern Westeuropas und der Vereinigten Staaten. Viele große Konzentrationen von Arbeiter*innen wurden mit der Schließung von Minen, Stahlwerken, Automobilwerken usw. aufgelöst, Sektoren, in denen die Arbeiterklasse traditionell massive und sehr kämpferische Kämpfe geführt hatte. Diese industrielle Verwüstung wurde von der Stärkung der ideologischen Kampagnen über das Ende des Klassenkampfes und damit jeder revolutionären Perspektive begleitet. Diese bürgerlichen Kampagnen konnten sich dank der stalinistischen oder sozialdemokratischen Parteien entwickeln, die die Arbeiterklasse seit Jahrzehnten nur mit den Arbeitern im „Blaumann“ identifizieren und so die Tatsache verschleiern, dass Lohnarbeit und die Ausbeutung der Arbeitskraft die Arbeiterklasse definieren. Darüber hinaus ist das „Kopfarbeit“-Proletariat mit der Entwicklung neuer Technologien viel stärker auf kleine Produktionseinheiten verteilt, was das Entstehen massiver Kämpfe erschwert.
In einer solchen Situation des Rückzugs des Klassenbewusstseins des Proletariats und der Abkehr von jeder revolutionären Perspektive dominieren die Tendenz des Jeder-für-sich und die Konkurrenz im Kampf darum, inmitten des wachsenden wirtschaftlichen Abschwungs zu überleben.
Die Zunahme von Arbeitslosigkeit und Unsicherheit hat auch das Phänomen der „Uberisierung“ der Arbeit hervorgebracht. Indem die Uberisierung eine Internetplattform zur Arbeitssuche nutzt, verschleiert sie den Verkauf der Arbeitskraft an einen Chef hinter der Form von „selbständig Erwerbenden“ und verstärkt gleichzeitig die Verarmung und Unsicherheit dieser „Unternehmer“. Die „Uberisierung“ der individuellen Arbeit ist ein Schlüsselfaktor für die Atomisierung und die Schwierigkeiten, in den Streik zu treten, denn die Selbstausbeutung dieser Arbeiter*innen fesselt ihre Fähigkeit, kollektiv zu kämpfen und untereinander Solidarität gegen die kapitalistische Ausbeutung zu entwickeln.
8) Mit dem Bankrott der Bank Lehman Brothers und der Finanzkrise von 2008 konnte die Bourgeoisie einen weiteren Keil in das Bewusstsein des Proletariats treiben, indem sie eine neue ideologische Kampagne auf globaler Ebene entwickelte, die darauf abzielte, die (von den linken Parteien vorgetragene) Idee zu vermitteln, dass es die „betrügerischen Bankiers“ seien, die für diese Krise verantwortlich sind, während sie gleichzeitig den Anschein erweckte, dass der Kapitalismus durch Börsianer und die Macht des Geldes personifiziert werde.
Die herrschende Klasse war somit in der Lage, die Wurzeln des Versagens ihres Systems zu verbergen. Einerseits versuchte sie, die Arbeiterklasse zur Verteidigung des „schützenden“ Staates aufzufordern, da die Bankenrettungsmaßnahmen angeblich zum Schutz der Kleinsparer gedacht waren. Andererseits wurde diese Bankenrettungspolitik auch, insbesondere von der Linken, genutzt, um mit dem Finger auf Regierungen zu zeigen, die versuchten, die Bankiers und die Finanzwelt zu schützen.
Aber abgesehen von diesen Verschleierungen bestand die Wirkung dieser Kampagne auf die Arbeiterklasse darin, ihre Machtlosigkeit gegenüber einem unpersönlichen Wirtschaftssystem zu verstärken, dessen allgemeine Gesetze wie Naturgesetze erscheinen, die nicht kontrolliert oder verändert werden können.
9) Die Entfesselung imperialistischer Konflikte im Nahen Osten sowie das absolute Elend der verarmten Massen der Länder des afrikanischen Kontinents haben zu einem zunehmenden Flüchtlingsstrom in die Länder Westeuropas geführt. Auf der anderen Seite des Atlantiks wurde das Versinken des Kapitalismus im Zerfall durch den Exodus von Wellen von Migranten aus lateinamerikanischen Ländern in die Vereinigten Staaten veranschaulicht.
Angesichts dieser Zeichen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft ist eine neue Gefahr für das Proletariat entstanden: die populistische Ideologie, die auf einer „identitären“ Entsolidarisierungspolitik gründet und angesichts der sich verschärfenden Krise, der „Verknappung der Ressourcen“, dafür eintritt, dass die „einheimischen“ Bevölkerungsgruppen das Schlimmste nur auf Kosten anderer nicht ausbeutender Teile der Bevölkerung vermeiden könnten. Diese Politik drückt sich aus im Protektionismus, in der Stigmatisierung von Einwanderern als „Profiteure des Sozialstaates“ und in der Schließung der Grenzen gegen Migrantenwellen.
Die zunehmend offene Ablehnung traditioneller bürgerlicher Parteien und „Eliten“ hat nicht zu einer Politisierung des Proletariats auf seinem Klassenterrain geführt, sondern zu einer Tendenz, auf dem parlamentarischen Terrain der bürgerlichen Demokratie „neue“ Leute zu suchen. Diese „neuen Leute“ sind größtenteils populistische Demagogen und Abenteurer (wie Donald Trump). Der Aufstieg rechtsextremer Parteien in mehreren europäischen Ländern ebenso wie der Aufstieg von Trump in den Vereinigten Staaten, der mit vielen Stimmen von Arbeiter*innen im „Rostgürtel“ gewählt wurde, zeigen, dass gewisse Teile des Proletariats (die von der Arbeitslosigkeit besonders betroffenen sind) durch Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und all die reaktionären und wissenschaftsfeindlichen Ideologien, die der Kapitalismus in seiner Fäulnis ausdünstet, vergiftet werden können.
Die Tendenz des Jeder-für-sich und die Auflösung Gesellschaft haben sich auch in der Gefahr manifestiert, dass bestimmte Bereiche des Proletariats sich unter nationalen oder regionalen Flaggen rekrutieren lassen (wie dies während der Krise um die Unabhängigkeit in Katalonien im Jahr 2018 der Fall war).
10) Aufgrund der gegenwärtigen großen Schwierigkeiten der Arbeiterklasse bei der Entwicklung ihrer Kämpfe, aufgrund ihrer Unfähigkeit, im Moment ihre Klassenidentität wiederzuerlangen und eine Perspektive für die gesamte Gesellschaft zu eröffnen, neigt das soziale Terrain dazu, von klassenübergreifenden Kämpfen besetzt zu sein, denen insbesondere das Kleinbürgertum den Stempel aufdrückt. Diese soziale Schicht, ohne historische Zukunft, kann nur ein Vehikel für Illusionen in die Möglichkeit der Reform des Kapitalismus sein, indem sie behauptet, dass der Kapitalismus ein „menschlicheres Gesicht“ haben sowie demokratischer, gerechter, sauberer, besorgter um die Armen und die Erhaltung des Planeten sein könne.
Diese klassenübergreifenden Bewegungen sind das Ergebnis einer Perspektivlosigkeit, die die Gesellschaft als ganze betrifft, einschließlich eines wichtigen Teils der herrschenden Klasse selbst.
Der Volksaufstand der „Gelbwesten“ in Frankreich gegen die „hohen Lebenshaltungskosten“ sowie die internationale Bewegung der „Jugend für das Klima“ sind Beispiele für die Gefahr des Interklassismus (der klassenübergreifenden Ideologie) für das Proletariat. Die Bürgerrevolte der „Gelbwesten“ (die von Anfang an von allen Parteien der Rechten und der extremen Rechten unterstützt und ermutigt wurde) zeigte die Fähigkeit der Bourgeoisie, klassenübergreifende soziale Bewegungen gegen das Bewusstsein des Proletariats einzusetzen.
Durch die Freigabe eines Pakets von 10 Milliarden Euro zur Bewältigung des Chaos im Zusammenhang mit den Demonstrationen der Gelbwesten konnten die französische Bourgeoisie und ihre Medien heimtückisch die Idee vermitteln, dass nur interkulturelle Bürgerbewegungen und kleinbürgerliche Kampfmethoden die Regierung zurückdrängen können.
Angesichts der Beschleunigung der wirtschaftlichen Angriffe auf die ausgebeutete Klasse und der Gefahr des Wiederauflebens von Arbeiterkämpfen versucht die Bourgeoisie nun, Klassenfeinde zu beseitigen. Indem sie versucht, das Proletariat in der „Gesellschaft der Bürger“ zu ertränken und seine Positionen zu verwässern, will die herrschende Klasse verhindern, dass es seine Klassenidentität wiedererlangt. Die internationale Medienberichterstattung über die Gelbwesten-Bewegung zeigt, dass die Vermittlung dieser Botschaften ein Anliegen der Bourgeoisie aller Länder ist.
Die Bewegung der Jugend für das Klima, die zwar eine weltweite Sorge über die Gefahr der Vernichtung der Menschheit zum Ausdruck bringt, wurde vollkommen auf das Gebiet der Teilbereichskämpfe abgelenkt, die von der Bourgeoisie leicht zu beantworten und stark kleinbürgerlich geprägt sind.
- „Nur das Proletariat trägt eine Perspektive für die Menschheit in sich, und deshalb gibt es in seinen Reihen den größten Widerstand gegen diesen Zerfall. Doch das Proletariat ist nicht immun gegen den Zerfall, insbesondere weil die Kleinbourgeoisie, mit der es sich auseinanderzusetzen hat, der Hauptträger dieses Zerfalls ist. (...) In dieser Periode muß es sein Ziel sein, den schädlichen Auswirkungen des Zerfalls in seinen eigenen Reihen zu trotzen, indem es nur auf seine eigenen Kräfte zählt, auf seine Fähigkeit baut, sich kollektiv und solidarisch für die Verteidigung seiner Interessen als ausgebeutete Klasse einzusetzen (...)“ (Thesen über den Zerfall).
Der Kampf um die Klassenautonomie des Proletariats ist in dieser Situation, die durch die Verschärfung des Zerfalls des Kapitalismus diktiert wird, von entscheidender Bedeutung:
- gegen klassenübergreifende Kämpfe;
- gegen Teilbereichskämpfe aller Arten von sozialen Kategorien, die eine falsche Illusion einer „Schutzgemeinschaft“ vermitteln;
- gegen die Mobilisierungen auf dem faulen Terrain von Nationalismus, Pazifismus, „ökologischer“ Reform usw.
Im Kräftegleichverhältnis zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat ist immer die herrschende Klasse in der Offensive, außer in einer revolutionären Situation. Trotz ihrer Schwierigkeiten in den eigenen Reihen und der zunehmenden Tendenz, die Kontrolle über ihren politischen Apparat zu verlieren, ist es der Bourgeoisie gelungen, die Ausdrücke der Auflösung ihres Systems abzulenken – und zwar gegen das Bewusstsein und die Klassenidentität des Proletariats. Die Arbeiterklasse hat daher den tiefen Rückschlag, den sie seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der stalinistischen Regime erlitten hat, noch nicht überwunden. Dies umso weniger, als demokratische und antikommunistische Kampagnen, die langfristig aufrechterhalten werden, regelmäßig aktualisiert worden sind (z.B. anlässlich des hundertsten Jahrestages der Oktoberrevolution 1917).
11) Dennoch hat die Bourgeoisie es trotz dreißig Jahren Rückzug des Klassenkampfes bisher versäumt, der Arbeiterklasse eine entscheidende Niederlage zuzufügen, wie sie es in den 1920er und 1930er Jahren tat. Trotz der Ernsthaftigkeit der anstehenden Fragen in der aktuellen historischen Epoche ist die Situation nicht identisch mit der der konterrevolutionären Periode. Das Proletariat der zentralen Länder hat keine physische Niederlage erlitten (wie dies bei der blutigen Niederschlagung der Revolution in Deutschland während der ersten revolutionären Welle von 1917-23 der Fall war). Es wurde nicht massiv unter nationalen Fahnen rekrutiert. Die überwiegende Mehrheit der Proletarier ist nicht bereit, ihr Leben auf dem Altar der Verteidigung des nationalen Kapitals zu opfern. In den großen Industrieländern, in den Vereinigten Staaten wie auch in Europa, schlossen sich die proletarischen Massen nicht den imperialistischen (und so genannten „humanitären“) Kreuzzügen ihrer „nationalen“ Bourgeoisie an.
Der proletarische Klassenkampf besteht aus Fortschritten und Rückschlägen, bei denen die Arbeiterklasse danach strebt, ihre Niederlagen zu überwinden, aus ihnen zu lernen und wieder in den Kampf zurückzukehren. Wie Marx es im 18. Brumaire festhielt: „Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, (…) Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta!“
Diese „Verhältnisse“, die eine „Situation schaffen, die jede Umkehr unmöglich macht“, werden in erster Linie von der Erschöpfung der Linderungsmittel bestimmt, die es der Bourgeoisie bisher ermöglicht haben, den Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu verlangsamen. Damit die Voraussetzungen für die Entstehung einer Periode des revolutionären Kampfes geschaffen werden können, ist es notwendig, dass „die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die ‚Unterschichten‘ das Alte nicht mehr wollen und die ‚Oberschichten‘ in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen.“ (Lenin, Kinderkrankheit…)
Die unaufhaltsame Verschärfung von Armut, Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, die Angriffe auf die Würde der Ausgebeuteten in den kommenden Jahren bilden die materielle Grundlage, die die neuen Generationen von Proletariern dazu bringen kann, den Weg zurück auf den Weg der Kämpfe zu finden, die von früheren Generationen zur Verteidigung all ihrer Lebensbedingungen geführt wurden. Trotz aller Gefahren, die das Proletariat bedrohen, hat die Zeit der Auflösung des Kapitalismus die objektiven „Verhältnisse“, die seit Beginn der Arbeiterbewegung den Anstoß für die revolutionären Kämpfe des Proletariats bildeten, nicht beseitigt.
12) Die sich verschärfende Wirtschaftskrise hat bereits eine neue Generation auf der gesellschaftlichen Bühne auftreten lassen, auch wenn dieser Auftritt noch sehr begrenzt und embryonal ist: 2006 die Studentenbewegung in Frankreich gegen den CPE, fünf Jahre später folgte die Bewegung der „Indignados“ in Spanien. Diese beiden massenhaften Bewegungen der proletarischen Jugend haben spontan die Kampfmethoden der Arbeiterklasse wiederentdeckt, einschließlich der Debattenkultur in für alle offenen Massenversammlungen.
Diese Bewegungen waren auch durch Solidarität zwischen den Generationen gekennzeichnet (während sich die Studentenbewegung der späten 1960er Jahre, die sehr stark durch das Gewicht des Kleinbürgertums geprägt war, oft im Gegensatz zu den für den Krieg mobilisierten Generationen gesehen hatte).
Während sich in der Bewegung gegen den CPE die überwiegende Mehrheit der Student*innen, die gegen die Aussicht auf Arbeitslosigkeit und Unsicherheit kämpften, als Teil der Arbeiterklasse verstanden, hatten die Indignados in Spanien (obwohl sich ihre Bewegung international über soziale Netzwerke verbreitet hatte) kein klares Bewusstsein über die Zugehörigkeit zur ausgebeuteten Klasse.
Während die massenhafte Bewegung gegen den CPE eine proletarische Reaktion auf einen wirtschaftlichen Angriff war (welche die Bourgeoisie zum Rückzug des CPE zwang), war die Indignados-Bewegung im Wesentlichen von einer globalen Reflexion über den Bankrott des Kapitalismus und die Notwendigkeit einer anderen Gesellschaft geprägt.
Innerhalb dieser neuen Generation ist die Klassenidentität des Proletariats aufgrund der mangelnden Erfahrung dieser jungen Generation, ihrer Anfälligkeit für die Mystifikationen der „Antiglobalisierungs“-Ideologie und ihrer Schwierigkeit, die Geschichte und Erfahrung der Arbeiterbewegung zurückzugewinnen, noch nicht wiederhergestellt worden.
Dennoch hatten diese Bewegungen begonnen, die Grundlage für eine langsame Reifung des Bewusstseins innerhalb der Arbeiterklasse (und insbesondere der jungen hochqualifizierten Generationen) über die Herausforderungen der aktuellen historischen Situation zu legen.
13 Ein wesentliches Merkmal der Entwicklung des proletarischen Klassenbewusstseins war immer seine Fähigkeit zur unterirdischen Reifung, d.h. die Fähigkeit, sich auch außerhalb von Perioden des offenen Kampfes und sogar in Zeiten großer Niederlagen zu entwickeln. Das Klassenbewusstsein kann sich in kleinen Minderheiten vertiefen, ohne dass es sich im gesamten Proletariat weit ausbreitet. Die Entwicklung des Klassenbewusstseins sollte daher nicht nur an seiner unmittelbaren Ausbreitung in der Klasse zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen werden, sondern auch an seiner historischen Kontinuität. Wie wir im Artikel der International Review Nr. 42, Interne Debatte: Zentristisches Abgleiten in Richtung Rätismus, geschrieben haben: „Es ist nötig zu unterscheiden zwischen dem, was Teil einer Kontinuität in der historischen Bewegung des Proletariats ist – die fortschreitende Ausarbeitung seiner politischen Positionen und seines Programms –, und dem, was mit den von den Umständen abhängigen Faktoren zusammenhängt – dem Grad der Aufnahme dieser Positionen und ihrer Wirkung in der ganzen Klasse."
Die Existenz und entschlossene Aufrechterhaltung der Organisationen der Kommunistischen Linken unter den schwierigen Bedingungen des Zerfalls des Kapitalismus drückt diese unterirdische Fähigkeit des Klassenbewusstseins aus, seine historische Bewegung auch in einer Zeit der tiefen Orientierungslosigkeit des Proletariats wie heute zu entwickeln.
Diese unterirdische Reifung des Klassenbewusstseins des Proletariats drückt sich heute auch im Auftauchen kleiner Minderheiten und junger Leute aus, die auf der Suche nach einer Klassenperspektive und den Positionen der Kommunistischen Linken sind.
Die Organisationen der Kommunistischen Linken dürfen diese kleinen Minderheiten nicht ignorieren, auch wenn sie unbedeutend erscheinen. Der Kristallisierungsprozess ist in der Zeit des kapitalistischen Zerfalls viel langsamer und ungleichmäßiger als Ende der 1960 er und Anfang der 1970er Jahre.
Trotz der schädlichen Auswirkungen des Zerfalls und der Gefahren für das Proletariat „bleiben die historischen Möglichkeiten völlig offen. Trotz des Schlags, der der Bewußtwerdung des Proletariats durch den Zusammenbruch des Ostblocks verabreicht wurde, hat das Proletariat auf seinem Klassenterrain keine große Niederlage erlitten. (...) Aber darüber hinaus, und das ist das Element, das in letzter Instanz die Entwicklung der Weltlage bestimmt, bildet derselbe Faktor, der sich am Anfang der Entwicklung des Zerfalls befindet, den wesentlichen Ansporn für den Kampf und die Bewußtwerdung der Klasse, die eigentliche Bedingung für ihre Fähigkeit, dem ideologischen Gift der gesellschaftlichen Fäulnis zu widerstehen. Denn auch wenn das Proletariat kein Terrain findet, um die Teilkämpfe gegen die Auswirkungen des Zerfalls zu vereinen, bildet sein Kampf gegen die direkten Auswirkungen der Krise die Grundlage für die Weiterentwicklung seiner Klassenstärke und Einheit.“ (Thesen über den Zerfall).
14) In den wirtschaftlichen und defensiven Kämpfen des Proletariats siegen „von Zeit zu Zeit (...) die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter. Sie wird befördert durch die wachsenden Kommunikationsmittel, die von der großen Industrie erzeugt werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten miteinander in Verbindung setzen. Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren. Jeder Klassenkampf ist aber ein politischer Kampf. Und die Vereinigung, zu der die Bürger des Mittelalters mit ihren Vizinalwegen Jahrhunderte bedurften, bringen die modernen Proletarier mit den Eisenbahnen in wenigen Jahren zustande. Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber sie ersteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger.“ (Kommunistisches Manifest)
Die „wachsenden Kommunikationsmittel“, die es den Arbeiter*innen ermöglicht, sich „miteinander in Verbindung zu setzen“, um die „Lokalkämpfe zu zentralisieren“, sind nicht mehr die Eisenbahnen, wie zu Marx' Zeiten, sondern die neuen digitalen Telekommunikationstechnologien.
Wenn nämlich die Auswirkungen der „Globalisierung“, der Standortverlagerungen, des Verschwindens ganzer Industriesektoren, der Aufsplitterung der Produktion in eine Vielzahl kleiner Produktionseinheiten, der Vervielfachung kleiner Dienstleistungsarbeitsplätze, der Prekarisierung und der Uberisierung der Arbeit zu den Schlägen auf die Klassenidentität des Proletariats der alten Industriemetropolen beigetragen haben, so enthalten doch die neuen wirtschaftlichen, technologischen und sozialen Bedingungen, unter denen sich das Proletariat heute befindet, Elemente, die die Wiedereroberung dieser Klassenidentität in einem viel größeren Umfang als in der Vergangenheit begünstigen. Die „Globalisierung“ und insbesondere die Entwicklung des Internets, die Errichtung einer Art „globalen Netzwerks“ von Wissen, Fähigkeiten, Zusammenarbeit bei der Arbeit zur gleichen Zeit wie des Massenverkehrs, schaffen die objektiven Grundlagen für die Entwicklung einer Klassenidentität auf globaler Ebene, insbesondere für die neuen proletarischen Generationen.
15) Einer der Hauptgründe, warum das Proletariat nicht in der Lage war, seine Kämpfe und sein Bewusstsein so weit zu entwickeln, wie es der Ernst der geschichtlichen Lage erfordert, ist der Bruch der politischen Kontinuität mit der Arbeiterbewegung der Vergangenheit (und insbesondere mit der ersten revolutionären Welle von 1917-23). Dieser Bruch wurde durch die Schwäche der revolutionären Organisationen der linkskommunistischen Strömung veranschaulicht, die den Stalinismus in den 1920er und 1930er Jahren bekämpft hatten.
Das bedeutet, dass eine enorme Verantwortung auf der Kommunistischen Linken als Brücke zwischen der ehemaligen verschwundenen Partei (der Dritten Internationale) und der zukünftigen Partei des Proletariats liegt. Ohne Gründung dieser zukünftigen Weltpartei wird eine proletarische Revolution unmöglich sein, und die Menschheit wird am Ende von der Barbarei des Krieges und/oder der langsamen Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft verschluckt werden.
Die Kommunisten haben „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ (Kommunistisches Manifest).
Mai 2019
Das Proletariat kann die Menschheit nur dann von den immer schwereren Ketten des Weltkapitalismus befreien, wenn sein Kampf beseelt und befruchtet ist von der kritischen historischen Kontinuität seiner kommunistischen Organisationen, von diesem geschichtlichen Faden, der den Bund der Kommunisten von 1848 mit den gegenwärtigen Organisationen verbindet, die sich auf die Kommunistische Linke berufen. Ohne diesen Kompass sind seine Reaktionen gegen die Barbarei und das Elend des Kapitalismus zu blinden, verzweifelten Aktionen verurteilt, die es zu einer endgültigen Kette von Niederlagen führen können.
Der Blog von Nuevo Curso versucht, die Arbeit von Munis als „kommunistische Linke“ auszugeben, der es aber nie wirklich geschafft hat, mit der falschen Herangehensweise und den falschen Orientierungen der Linksopposition zu brechen, die im Trotzkismus versumpfte, einer Strömung, die sich seit den 1940er Jahren eindeutig als Verteidigerin des Kapitalismus positionierte, zusammen mit ihren großen Brüdern, dem Stalinismus und der Sozialdemokratie.
Wir haben auf diesen Bluff mit dem Artikel Nuevo Curso und eine „Kommunistische Linke Spaniens“: Was sind die Ursprünge der Kommunistischen Linken[1] reagiert, in welchem wir mit Argumenten nachweisen, dass sich „die zukünftige Weltpartei, wenn sie einen echten Beitrag zur kommunistischen Revolution leisten will, (...) nicht auf das Erbe der Linken Opposition stützen (kann). Sie muss ihr Programm und ihre Aktionsmethoden auf die Erfahrungen der Kommunistischen Linken stützen. Es gibt (...) ein gemeinsames Erbe der Kommunistischen Linken, das sie von anderen linken Strömungen unterscheidet, die aus der Kommunistischen Internationale hervorgegangen sind. Aus diesem Grund ist jeder, der behauptet, zur Kommunistischen Linken zu gehören, dafür verantwortlich, die Geschichte dieses Teils der Arbeiterbewegung, ihre Ursprünge als Reaktion auf die Degeneration der Parteien der Kommunistischen Internationale und der verschiedenen Zweige, aus denen sie besteht (Italienische Linke, Deutsch-Holländische Linke usw.), zu kennen und bekannt zu machen. Es ist vor allem wichtig, die historischen Konturen der Kommunistischen Linken und die Unterschiede, die sie von anderen linken Strömungen der Vergangenheit, insbesondere der trotzkistischen Strömung, trennen, sehr genau herauszuarbeiten.“
Diesen im August 2019 geschriebenen Artikel hat Nuevo Curso völlig ignoriert. Das Dröhnen dieses Schweigens hallt laut in den Ohren von uns allen, die wir das Erbe und die kritische Kontinuität der Kommunistischen Linken verteidigen. Dieses Schweigen ist umso schockierender, wenn Nuevo Curso jeden Tag neue Artikel veröffentlicht, in denen er sich mit jedem erdenklichen Thema von Netflix, über die Weihnachtsbotschaft des spanischen Königs, bis hin zum Ursprung der Weihnachtsfeier beschäftigt. Er hielt es jedoch nicht für notwendig, sich etwas so Wesentlichem wie der argumentierten Rechtfertigung seines Anspruchs, die mehr oder weniger kritische Kontinuität von Munis mit der Linksopposition, die den Trotzkismus hervorbrachte, als Kommunistische Linke auszugeben, zu widmen.
Unser Artikel schloss mit den Fragen „Vielleicht handelt es sich um einen sentimentalen Kult um einen ehemaligen proletarischen Kämpfer [Munis]. Wenn das der Fall ist, müssen wir sagen, dass es sich um ein Unterfangen handelt, das dazu bestimmt ist, mehr Verwirrung zu stiften, denn seine in Dogmen verwandelten Thesen werden vor allem die schlimmsten seiner Fehler neu auflegen. (...) Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass die authentische kommunistische Linke mit einer Spam-Doktrin angegriffen wird, die über Nacht mit den Materialien dieses großen Revolutionärs erstellt wurde. Wenn dies der Fall ist, ist es die Pflicht der Revolutionäre, einen solchen Betrug mit der maximalen Energie zu bekämpfen.“
Das Schlimmste an der Niederlage der weltrevolutionären Welle von 1917-23 ist, dass die gigantischen Verfälschungen des Stalinismus als „Kommunismus“, „Marxismus“ und „proletarische Prinzipien“ ausgegeben wurden. Die heutigen revolutionären Organisationen können nicht zulassen, dass das gesamte hart erkämpfte Erbe, das die Kommunistische Linke über fast ein Jahrhundert erschaffen hat, durch eine Spam-Doktrin ersetzt wird, die auf der Grundlage der Verwirrung und der opportunistischen Ruinen, die die Linke Opposition darstellte, produziert worden ist. Dies wäre ein brutaler Schlag gegen die Perspektive der proletarischen Weltrevolution.
Die Ursprünge von Nuevo Curso
Im September 2017 entdeckten wir zum ersten Mal eine Website einer Gruppe namens Nuevo Curso[2], die sich zunächst als eine Gruppe darstellte, die an den Positionen der Kommunistischen Linken interessiert und offen für Diskussionen sei. Das haben sie zumindest in ihrer Antwort auf die erste Korrespondenz, die wir ihnen geschickt haben, geschrieben: „(…) wir sehen uns nicht als politische Gruppe, als Proto-Partei oder so etwas (…) Im Gegenteil, da wir sehen, dass unsere Arbeit so etwas wie einen „Schulungscharakter“ besitzt, die Diskussionen am Arbeitsplatz, unter Jugendlichen usw. unterstützt und, sobald einige wenige Punkte geklärt sind, als Brücke zu den neu dazugestoßenen Menschen dient, die den Marxismus mit den internationalistischen Organisationen (im Wesentlichen die IKT und ihr die IKS) entdecken, die aus unserer Sicht die natürlichen Triebkräfte der zukünftigen Partei sein sollten, selbst wenn ihr jetzt noch sehr schwach seid (wie die ganze Klasse natürlich).“ [3]
Diese Position verschwand einige Monate später, ohne dass es dafür eine detaillierte und überzeugende Erklärung gegeben hätte. Stattdessen beriefen sie sich kurze Zeit später auf eine Kontinuität mit einer angeblichen „Spanischen Kommunistischen Linken“, deren Ursprung im Wirken von Munis und seiner Gruppe FOR liege.[4] Wir haben bereits gezeigt, dass diese vermeintliche Abstammung eine Verwechslung zwischen der Kommunistischen Linken und dem Trotzkismus bedeutet, und dass die Positionen von Nuevo Curso aus Sicht der Kontinuität der politischen Prinzipien nicht denen der Kommunistischen Linken folgen, sondern denen des Trotzkismus, oder im besten Fall den Versuchen, damit zu brechen.[5] Es gibt daher keine programmatische Kontinuität von Nuevo Curso mit der Kommunistischen Linken.
Aber wie steht es um die organische Kontinuität? Dazu sagten sie ursprünglich selbst: „Wir sind tätig unter dem Blog und der „Schule des Marxismus“; wir sind eine kleine Gruppe von fünf Menschen, die seit fünfzehn Jahren in einer Arbeitsgemeinschaft, die als Gütergemeinschaft fungiert, zusammen arbeiten und leben. Es war unsere Art, der Prekarisierung zu widerstehen und Geld zu verdienen. Auch um eine Lebensweise zu erhalten, in der wir in einer schwierigen Zeit diskutieren, lernen und unseren Familien und Freunden nützlich sein können“ (idem).
Und wie sie auch eingestehen, war ihre Haupttätigkeit weit davon entfernt, marxistische Kritik zu sein; vielmehr bestand sie in Ermangelung einer größeren Konkretisierung darin, ihre Bemühungen „der Möglichkeit zu widmen, eine produktivere Arbeitsorganisation zu entfalten (eine neue kooperative oder kommunitäre Bewegung, die die technologische Möglichkeit einer entmerkantilisierten (warenfreien) Gesellschaft, d.h. des Kommunismus, sichtbar machen würde)“[6] (idem).
Andererseits, zusätzlich zu diesem zentralen Kern, und anscheinend aus verschiedenen Dynamiken kommend, die stärker mit Reflexion und Diskussion verbunden sind, haben sich verschiedene Gruppen von jungen Menschen in mehreren Städten getroffen.[7]
In Anbetracht dieses Geflechtes überrascht der Bezug auf die Positionen der Kommunistischen Linken, die die Website von Nuevo Curso von Anfang an gemacht hatte. Und die Rolle eines Mitglieds, das dazu beiträgt, wird auch in dem Brief erläutert: „Einer von uns (sie beziehen sich auf den Kern der Kooperative, Nachtrag von uns), Gaizka[8], war ein alter Kontakt von euch in den 90er Jahren, und wie er sagt, fing er langsam an klarer zu sehen, und er lernte den Marxismus bei euch kennen. Auf ihn und die von ihm mitgebrachte Bibliothek bauen zu können, war ein wichtiger Teil unseres Prozesses.“
Tatsächlich tauchte dieses „Mitglied der Kooperative“ im Dezember 2017 bei unserem öffentlichen Treffen in Madrid zum hundertsten Jahrestag der Russischen Revolution auf und entpuppte sich als alter Bekannter, genannt Gaizka, der in den 90er Jahren eine Diskussion mit der IKS über unser Programm geführt hatte. Am Ende des öffentlichen Treffens teilte er uns mit, dass er mit einer Gruppe junger Menschen in Kontakt stehe, „ihnen eine marxistische Schulung gebe“, und er ermutigte uns, den Kontakt mit ihm wieder aufzunehmen.
Unsere Antwort auf seinen Vorschlag, den Kontakt wieder aufzunehmen, war, dass er zunächst bestimmte politische Verhaltensweisen klären sollte, die er in den 90er Jahren nicht erklären konnte, wo er Karrierebestrebungen zeigte und eine Bindung mit der PSOE[9] eingegangen war – während er sich gleichzeitig auf die Positionen der Kommunistischen Linken berief.[10]
Er hat weder im Dezember 2017 noch danach auf die vier Briefe geantwortet, die wir ihm im gleichen Sinne geschickt haben. Aus diesem Grund fordern wir heute von ihm weiterhin eine Erklärung – und setzen damit die proletarische Tradition fort, die darin besteht, Klarheit über diese Art von unsicheren und unklaren Episoden zu schaffen. Dies auf dem Hintergrund der Tatsache, dass die Verfolgung seiner politischen Tätigkeit[11], seit wir ihn kennen, ohne eine solche Erklärung eine aufrecht erhaltene Beziehung hauptsächlich zur PSOE aufzeigt.
Der „Knick“ in Gaizkas Werdegang – 1992-1994, Kontakt mit der IKS und sein Rückzieher
1992 kontaktierte Gaizka die IKS und präsentierte sich als Mitglied einer Gruppe namens „Union Espartaquista“, die die Positionen der Kommunistischen Linken Deutschlands verteidigen wolle (die sie heute als nicht mehr so wertvoll zu erachten scheinen). In Wirklichkeit geht es im Grunde genommen um ihn und seine Partnerin[12]; und sein Wissen über die Positionen und Traditionen der Kommunistischen Linken ist eher ein Wunsch als Wirklichkeit.
Von Anfang an wollte er schnell in unsere Organisation eintreten, und es war ihm unangenehm, als sich die Diskussionen aufgrund mangelnder Klarheit in die Länge zogen oder als ein Teil seines Verhaltens in Frage gestellt wurde. Dies insbesondere in Bezug auf eine andere Person, die sich einem Diskussionskreis in Madrid anschloss, an dem sich auch eine Delegation der Gruppe Battaglia Comunista teilweise beteiligte.
Die Diskussion über seine politische Karriere warf auch Probleme auf. Obwohl er uns mitgeteilt hatte, dass er mit der Jugendorganisation der PSOE in Kontakt stand, zeigte er eine Art Faszination für Kibbuze[13] und einen Diskurs, der ihn manchmal mit Borrell[14] und der pro-israelischen sozialistischen Lobby[15] zu verbinden schien. Genau so wenig hat er jemals seine organisatorischen Verbindungen mit der PSOE oder den Bruch mit ihr geklärt [16].
1994 gab es in der IKS Debatten über das Problem des Gewichts des Zirkelgeistes in der Arbeiterbewegung seit 1968 und den Einfluss affinitärer Beziehungen unter dem Deckmantel von Projekten „kommunitären Zusammenlebens“. Bei diesen Diskussionen über unsere Organisationsprinzipien haben wir Gaizka unsere Positionen dazu erläutert. Es ist möglich, dass er deshalb, als wir ihn direkt um Aufklärung über unklare Aspekte seines Werdeganges[17] baten, sich überhaupt nicht überrascht fühlte, obwohl wir ihn zur Rede stellten und dabei das Gespräch aufzeichnen wollten (wir hatten noch nie ein Gespräch mit ihm aufgenommen). Aber er lieferte einfach keine Erklärung dazu ab und verschwand aus der Welt der Kommunistischen Linken – bis jetzt!
Aufrechterhaltene Verbindungen zur PSOE ...
Was Fragen zu Gaizkas politischer Laufbahn aufwirft, ist nicht, dass er zu irgendeinem Zeitpunkt ein Sympathisant oder Mitglied der sozialistischen Jugend war und dass er es nicht klar mitgeteilt hätte. Dagegen ist eine Erklärung erforderlich, weshalb sein Lebenslauf trotz seiner vermeintlichen Überzeugung von den Positionen der Kommunistischen Linken voller Hinweise darauf ist, dass er politische Verbindungen zu Personen unterhielt, die hohe Funktionäre in der PSOE sind oder waren.
In den Jahren 1998-99 nahm er als „Berater“, ohne jemals zu erklären, was das bedeutet, an Borrells Kampagne für die PSOE-Vorwahlen teil, wie es in einigen seiner eigenen Rezensionen im Internet heißt. Einer unserer Militanten sah ihn zufällig im Fernsehen in den Büros des PSOE-Kandidaten.[18] Gaizka hat versucht, sich aus der Affäre zu ziehen, indem er sich selbst als bloßen „Laufburschen“ der Kampagne darstellte, den Borrell nicht einmal bemerkt hätte. Aber die Wahrheit ist, dass einige PSOE-Führer, wie zum Beispiel Miquel Iceta[19],öffentlich sagten, dass sie Gaizka in dieser Kampagne kennen lernten. Es ist nicht sehr plausibel anzunehmen, dass die PSOE-Eliten Borrell gebeten hätten, ihnen seinen „Laufburschen“ vorzustellen.
Darüber hinaus nahm Gaizka im selben Jahr zusammen mit David Balsa, dem derzeitigen Präsidenten der Europa-Mittelamerika-Konferenz und damaligen Präsidenten des Europäischen Rates für humanitäre Maßnahmen und Zusammenarbeit[20], dem ehemaligen Führer der Sozialistischen Jugend und ehemaligen Mitglied der Exekutive der Sozialistischen Partei Galiziens, an einer „Humanitären Mission“ des Europäischen Rates für humanitäre Maßnahmen und Zusammenarbeit im Kosovo teil. In einem Brief an die Italienische Radikale Partei bezeichnet Gaizka ihn als „den Kerl, der anstelle von mir nach Albanien gegangen ist“.
Abgesehen davon, was dies über den Verdacht einer engeren Beziehung Gaizkas mit der PSOE hinaus suggerieren mag, als er es jemals zugegeben hat, bedeutete dies eine aktive Teilnahme an einem imperialistischen Krieg unter dem Deckmantel „humanitärer Aktionen“ und der Verteidigung von „Menschenrechten“.[21]
Im Jahr 2003 unterstützte er auch beratend den Wahlkampf des PSOE-Kandidaten Belloch[22] um das Bürgermeisteramt von Zaragoza, und diesmal gab er zu: „Ich war sehr engagiert bei der Kampagne des Bürgermeisters Juan Alberto Belloch, die Stadt als urbanen Raum mit einem wirtschaftlichen Umfeld neu zu definieren, in der die Art von Unternehmen, die mit wirklichen Gemeinschaften verbunden und international stark vernetzt sind, sich entwickeln können“.
Im Jahr 2004, nach den Attentaten vom 11. März und dem Wahlsieg der PSOE, schrieb Rafael Estrella ein Vorwort für das Buch von Gaizka, voll des Lobes und Anerkennung für seine Qualitäten. Jener Herr war Mitglied der PSOE, Sprecher des Auswärtigen Ausschusses des Abgeordnetenhauses und Präsident der Parlamentarischen Versammlung der NATO[23]. Das Buch unterstreicht die Unfähigkeit der rechten Volkspartei, der Partido Popular, die Angriffe von Atocha zu verstehen, aber gegenüber der PSOE findet sich im Buch kein Wort der Kritik. Felipe Gonzalez selbst zitierte gelegentlich daraus.
Derselbe PSOE-Abgeordnete war später von 2007 (bis 2012) Spaniens Botschafter in Argentinien und lud Gaizka ein, sein Buch in der Botschaft vorzustellen und ihn mit ausgewählten politischen und wirtschaftlichen Kreisen dieses Landes in Kontakt zu bringen.
Ein weiterer „Pate“, der eine wichtige Rolle in Gaizkas südamerikanischem Abenteuer spielte, war Quico Mañero, von dem er in einer Widmung eines anderen seiner Bücher sagte: „An Federico Quico Mañero, Freund, Verbinder der Welten und so oft Lehrer, der uns seit Jahren ermunterte, im Tanz der Kontinente und Gespräche zu „leben“; er empfing uns und versorgte uns an jedem Ort, an dem wir aufschlugen. Ohne ihn hätten wir nie als Neo-Venezianer leben können“.
Izquierda Socialista (eine linke Strömung der PSOE) schrieb über diesen Mann: „Der Teil von REPSOL[24], der Argentinien abdeckt, ist in den Händen von Don Quico Mañero, Ex-Ehemann von Elena Valenciano[25], historischer Leiter der PSOE (Generalsekretärin der Sozialistischen Jugend), Berater und Geschäftsmann mit engen Beziehungen zu Felipe González, der 2005 in den argentinischen Vorstand von REPSOL-YPF berufen wurde. Gegen ihn wird derzeit wegen des Invercaria-Skandals und der andalusischen Reptilienfonds ermittelt, von denen er 1,1 Millionen Euro erhielt.“[26]
Im gleichen Zeitraum, 2005, arbeitete Gaizka für die Jaime Vera Stiftung der PSOE, die traditionell eine Ausbildungseinrichtung für politische Kader der Partei ist und die 2005 anscheinend ein internationales Ausbildungsprogramm für Führungskräfte begann, die über die Grenzen Spaniens hinaus Einfluss gewinnen sollten. In diesem Zusammenhang beteiligte sich Gaizka an der Bildung der sogenannten K-Cyberaktivisten in Argentinien, die Cristina Kirchners Kampagne 2007 unterstützten, als sie Staatspräsidentin wurde: „Die Idee wurde vor zwei Jahren geboren, durch eine politische Einigung der Regierung. Es war im Jahr 2005, eine Reihe von jungen Menschen wurde von der Casa Rosada ausgewählt, um in der Jaime Vera Foundation, der staatlichen Schule der Führer der PSOE, der spanischen sozialistischen Partei, ausgebildet zu werden. Es gab die Gründer des K-Cyberaktivismus: den Aktivisten Sebastián Lorenzo (www.sebalorenzo.com.ar [29]) und Javier Noguera (nogueradetucuman.blogspot.com), Regierungssekretär von José Alperovich, Gouverneur von Tucumán. (…) Wir waren erstaunt, als sie über Blogs und soziale Netzwerke sprachen“, sagte Noguera gegenüber LA NACION. Es handelte sich um niemand geringeren als den spanischen „Professor“, die weltweite Referenz für Cyberaktivitäten ... derselbe, der vor einem Monat, begleitet von Botschafter Rafael Estrella, in Buenos Aires sein neues Buch vorstellte“[27].
Während der 2010er Jahre und insbesondere nach der Wahlniederlage der PSOE gibt es weniger Spuren der Verbindung mit dieser Partei.
... und manchmal zum Rechtsliberalismus
Tatsächlich versuchte Gaizka vor dem Sieg der PSOE im Jahr 2004, seine Schäfchen vor dem Aufstieg der PP ins Trockene zu bringen, und diesmal arbeitete er mit der Jugend der PP bei der Gründung von Los Liberales.org zusammen, die nach den Worten seiner Organisatoren dazu dienen sollten, „ein Gerüst zu schaffen, in dem man dem im Internet tätigen hispanischen Liberalismus ein wenig Ordnung schafft. An diesem Wochenende haben wir uns an die Arbeit gemacht und nach vielen Stunden vor dem Computer das, was im Internet existiert, als Produkt der verschiedenen (und manchmal antagonistischen) liberalen und libertären Familien (nicht zu verwechseln mit Anarchisten) abgebildet. So entstand Los Liberales.org, ein überparteiliches Projekt für Liberale und solche, die sich für diese Art des Denkens interessieren ...“[28].
Zu diesem Arrangement gehörten Leute wie Jiménez Losantos[29], für dessen Zeitung Libertad digital Gaizka mehrere Artikel schrieb, oder die christlichen Liberalkonservativen, bei denen die anderen nicht wussten, ob sie als liberal oder rechtsextrem zu gelten haben.
Gemäß den Worten des Journalisten Ignacio Escolar[30] im Buch La blogosfera hispana, hat dieser Club „nicht lange gehalten. Ideologische und persönliche Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gründern beendeten das Projekt.“
Was treibt ein Kerl wie Gaizka in den Reihen der Kommunistischen Linken? [31]
Die Untersuchung von Gaizkas politischem Lebenslauf zeigt seine enge Verbindung mit der PSOE. Seit diese an ihrem außerordentlichen Kongress im April 1921[32] das proletarische Lager definitiv verlassen hat, weist sie eine lange Geschichte im Dienste des kapitalistischen Staates auf: Unter der Diktatur von Primo de Rivera (1923-30) arbeitete ihre Gewerkschaft UGT als Informantin der Polizei und verriet zahlreiche CNT-Mitglieder; und Largo Caballero, der eine Brückenfunktion zwischen PSOE und UGT wahrnahm, war Berater des Diktators. 1930 schlug die PSOE einen neuen Ton an und stellte sich an die Spitze der Kräfte, die 1931 die Zweite Republik errichteten, in welcher sie einer Regierung vorstand, die von 1931 bis 1933 mit den Republikanern zusammen arbeitete. Man muss dabei festhalten, dass diese Regierung in diesen zwei Jahren mittels ihrer Repression gegen Streiks und Aufstände 1500 Arbeiter*innen tötete. Später war die PSOE im Zentrum der Volksfrontregierung, welche die Anstrengungen zum Krieg und die Militarisierung vorantrieb und im Mai 1937 den stalinistischen Schlägern grünes Licht gab zur Unterdrückung des Arbeiteraufstands in Barcelona. Mit der Rückkehr zur Demokratie 1975 wurde die PSOE das Rückgrat des Staats, die Partei, die am längsten die Regierungsgewalt ausübte (1982-1996, 2004-2011 und seit 2018). Die PSOE-Regierungen setzten die brutalsten Maßnahmen gegen die Bedingungen der Arbeiterklasse durch, indem sie die Pläne der 80er Jahre zum Strukturwandel umsetzten, die den Verlust EINER MILLION JOBS bedeuteten, oder das Programm des Sozialabbaus, das von der PSOE-Regierung unter Zapatero eingeleitet und später von der PP-Regierung von Rajoy fortgesetzt wurde.
Gaizka hat mit diesem Bollwerk des bürgerlichen Staates kollaboriert, und es geht nicht um die Beziehungen zu „Mitgliedern von der Basis“, die mehr oder weniger ahnungslos sein könnten, sondern zu hohen Parteifunktionären, nicht mehr und nicht weniger als zu Borrell, der gerade für die Außenpolitik der Europäischen Kommission zuständig ist, zu Belloch, der Innenminister war, zu Estrella, der Präsident der Parlamentarischen Versammlung der NATO war.
In Gaizkas Lebenslauf findet man nicht die geringste Spur von fester Überzeugung hinsichtlich der Positionen der Kommunistischen Linken, und um offen zu sein, nicht einmal, dass er überhaupt politische Überzeugungen hat, da er nicht gezögert hat, eine Zeit lang mit dem rechten Lager zu flirten. Gaizkas „Marxismus“ würde eher in den Bereich des „Marxismus-Grouchismus“ gehören – unter Hinweis darauf, was der berühmte Komiker Groucho Marx sagte: „Das sind meine Prinzipien, wenn sie dir nicht gefallen, habe ich noch andere in der Tasche.“
Deshalb stellt sich die Frage: Was bewegt Gaizka dazu, heute mit Nuevo Curso eine „historische“ Verbindung zu einer angeblichen „Spanischen Kommunistischen Linken“ herstellen zu wollen? Was hat dieser Herr mit diesen Positionen zu tun, mit dem historischen Kampf der Arbeiterklasse? Und weiter im gleichen Sinn: Wie kommt es, dass eine Parasitengruppe wie die GIGC, von der einige Mitglieder 1992-94 den Zentralorganen der IKS angehörten und über das Verhalten von Gaizka im Bilde waren, und die jetzt wissen, dass er die Haupttriebkraft von Nuevo Curso ist, nun wegschauen, die Klappe halten und versuchen, seinen Werdegang zu verschleiern, und stattdessen erklären, dass diese Gruppe die Zukunft der Kommunistischen Linken und ähnliches darstellt?
„Nuevo Curso ist ein Blog von Genossen, die seit letztem September regelmäßig Positionen zur Situation und zu breiteren, auch theoretischen Fragen veröffentlichen. Leider sind sie nur auf Spanisch verfügbar. Alle von ihnen vertretenen Positionen sind eindeutig Klassenpositionen und spiegeln den programmatischen Rahmen der Kommunistischen Linken wider (…) Wir sind sehr beeindruckt nicht nur von der Art und Weise, wie sie kompromisslos an die Klassenpositionen erinnern, sondern vor allem von der „marxistischen Qualität“ der Texte der Genossen“.[33]
„Die Gründung der Gruppe Emancipación als eigenständige politische Gruppe bringt die Tatsache zum Ausdruck, dass das internationale Proletariat, auch wenn es unterworfen ist und weit davon entfernt ist all die Angriffe des Kapitals wenigstens zurückzudrängen, es tendenziell schafft, kämpfend Widerstand zu leisten. Damit gelingt es ihm, sich aus der ideologischen Umklammerung des Kapitals zu lösen; seine revolutionäre Zukunft bleibt weiterhin bestehen. Die Gründung der Gruppe spiegelt die gegenwärtige (relative) „Vitalität“ des Proletariats wider“.[34]
In der Tradition der Arbeiterbewegung, deren historische Kontinuität heute durch die Kommunistische Linke verkörpert wird, sind die Organisationsprinzipien, die Prinzipien der Funktionsweise, sowie das Verhalten und die Ehrlichkeit der Militanten ebenso wichtig wie die programmatischen Prinzipien. Einige der wichtigsten Kongresse in der Geschichte der Arbeiterbewegung, wie der Haager Kongress der I. Internationale 1872, widmeten sich diesem Kampf für die Verteidigung des proletarischen Verhaltens (und das, obwohl der Kongress ein Jahr nach der Pariser Kommune stattfand und vor der Notwendigkeit stand, eine Bilanz zu erstellen und Lehren zu ziehen)[35]. Marx selbst verfasste eine umfangreiche Schrift, die ihn mehr als ein Jahr in Anspruch nahm. Er unterbrach dabei seine Arbeit an „Das Kapital“. In dieser Schrift verteidigte er proletarisches Verhalten gegen die Intrigen von Herrn Vogt, einem bonapartistischen Agenten, der eine Verleumdungskampagne gegen ihn und seine Genossen organisierte. Vor kurzem haben wir einen Artikel über Bebels und Liebknechts Anprangerung des unehrlichen Verhaltens von Lassalle und Schweitzer veröffentlicht[36]. Und bereits zu Anfang des 20. Jahrhundert verfasste Lenin ein Buch – Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück –, um die Lehren aus dem 2. Kongress der SDAPR aus dem Gewicht von Verhaltensweisen zu ziehen, die dem Proletariat fremd sind. Man könnte auch Trotzki erwähnen, der in einem Ehrengericht seine Integrität gegen Stalins Verleumdungen verteidigt hat.
Dass eine Person mit engen Verbindungen zu führenden Persönlichkeiten der PSOE plötzlich im Lager der Kommunistischen Linken landet, sollte alle Gruppen und Militanten alarmieren, die für die historischen Interessen unserer Klasse kämpfen, einschließlich der Teilnehmer des Blogs Nuevo Curso, die dies in gutem Glauben tun, im Glauben, dass sie für die Prinzipien der Kommunistischen Linken kämpfen.
1994 baten wir Gaizka um Aufklärung über seinen Hintergrund und seine Beziehungen, die damals schon zweifelhaft waren. Er verschwand von der Bildfläche. Im Jahr 2018, angesichts seines vollen Rucksacks mit Kontakten in die hohen Sphären der PSOE, fragten wir ihn wieder und er schwieg. Zur Verteidigung der Kommunistischen Linken, ihrer Integrität und ihrer zukünftigen Beiträge müssen wir von ihm Rechenschaft fordern.
IKS, 20.01.2020
[1] Nuevo Curso und eine "Kommunistische Linke Spaniens": Was sind die Ursprünge der Kommunistischen Linken? [30]
[2] Seit Juni 2019 hat sich Nuevo Curso tatsächlich in eine politische Gruppe umgewandelt mit dem Namen Emancipación, obwohl ihre Website unter dem gleichen Titel Nuevo Curso weiter betrieben wird. Diese Entwicklung hat keinen Einfluss auf den Sachverhalt, den unser Artikel behandelt.
[3] 7.11.2017 von Nuevo Curso <[email protected] [31]> an [email protected] [32]
[4] Siehe auf unserer Webseite unter anderem:
1) En memoria de Munis, militante de la clase obrera [33];
2) Polémica: ¿Adónde va el F.O.R.? [34];
3) El comunismo está al orden del día en la historia: Castoriadis, Munis y el problema de la ruptura con el trotskismo [35] (I) und Castoriadis, Munis y el problema de la ruptura con el trotskismo.(II) [36];
4) 1.Crítica del libro JALONES DE DERROTA PROMESAS DE VICTORIA [37];
5) Las confusiones del FOR sobre Octubre 1917 y España 1936 [38];
[5] Nuevo Curso und eine "Kommunistische Linke Spaniens": Was sind die Ursprünge der Kommunistischen Linken? [39]
[6] Wer kann das verstehen? Wir werden hier nicht versuchen herauszufinden, was diese Art von Aktivität konkret bedeutet. Es genügt, vorerst zu sagen, dass es trotz der leichtsinnigen Behauptung, es ging hier um Kommunismus, dies nichts mit einer revolutionären oder wirklich kommunistischen Aktivität zu tun hat, wie im gleichen Brief anerkannt wird. Dort steht nämlich, dass man, um in Richtung Marxismus voranzuschreiten, mit der Kritik an dieser Aktivität anfangen müsste.
[7] „Aber in den letzten anderthalb oder zwei Jahren, überall um uns herum, fingen wir an, eine Veränderung zu bemerken. Anders ausgedrückt. Dutzende von Jugendlichen tauchten auf, die eine Geisteshaltung hatten, die uns gefiel, die aber dem Stalinismus oder dem folkloristischsten Trotzkismus folgten“ (aus dem Brief von Nuevo Curso, idem).
[8] Im Brief wird der echte Name verwendet; hier verwenden wir den Namen, unter dem wir ihn in den 90er Jahren kannten.
[9] Partido Socialista Obrero Espagnol (spanische Sozialdemokratie)
[10] Wir hatten jedoch kein Problem, ein Treffen mit diesen Gruppen von Jugendlichen zu arrangieren – im Gegenteil. Im November 2018 trafen wir eine von diesen.
[11] Unter seinem richtigen Vor- und Nachnamen ist Gaizka eine öffentliche Figur im Internet, und das erlaubt uns, seine Anwesenheit und Teilnahme an verschiedenen politischen Initiativen zu verfolgen. Und gleichzeitig erklärt dies, dass wir hier nicht alle Unterlagen zur Verfügung stellen können, ohne seine Identität zu enthüllen.
[12] Anfänglich gab es auch andere Leute, die später aber aus der Gruppe austraten.
[13] Diese Faszination merkt man auch heute noch in Gaizkas gegenwärtigen Beiträgen; sie wird aber verpackt als Verteidigung der Erfahrungen in der Gemeinschaft des Kibbuz, insbesondere in seiner ersten Phase zu Beginn des Jahrhunderts, ohne Bezugnahme auf die politische Rolle, die die Kibbuze bei den imperialistischen Interessen des Staates Israel gespielt haben. „Die Indianos (d.h. die Gemeinschaft um Gaizka, NdR) sind Gemeinschaften, die den Kibbuzen ähnlich sind (es gibt keine individuellen Ersparnisse, die Genossenschaften selbst stehen unter kollektiver und demokratischer Kontrolle, usw.), aber es gibt wichtige Unterschiede, wie das Fehlen einer gemeinsamen nationalen oder religiösen Ideologie, da sie über mehrere Städte zerstreut verteilt sind, anstatt sich auf wenige Einrichtungen zu konzentrieren, und das Verständnis, dass es Kriterien gibt, die über die wirtschaftliche Vernunft hinausgehen.“ (aus einem Interview mit Gaizka)
[14] Borrell, ein ausgebildeter Luftfahrtingenieur und Ökonom, betätigte sich in den 1970er Jahren politisch und trat der PSOE während des spanischen Übergangs (vgl. Wikipedia Spanisch: Transición española [40]) bei und hatte während der Regierungen von Felipe González verschiedene leitende Positionen inne, zunächst im Ministerium für Wirtschaft und Finanzen als Generalsekretär für Haushalt und öffentliche Ausgaben (1982-1984) und als Staatssekretär im Finanzministerium (1984-1991); später wurde er Mitglied des Ministerrates als Leiter des Ministeriums für Entwicklung und Verkehr. In der Opposition nach den Parlamentswahlen 1996 wurde Borrell 1998 unerwartet von den Mitgliedern der PSOE zum Kandidaten für den Regierungsvorsitz gewählt, eine Rolle, die er bis zu seinem Rücktritt 1999 innehatte. Von da an, mit Schwerpunkt auf der Europapolitik, wurde er für den Zeitraum 2004-2009 Mitglied des Europäischen Parlaments und wurde in der ersten Hälfte der Legislaturperiode Präsident der Kammer. Nach einer Zeit des Rückzugs von der vordersten Front kehrte er im Juni 2018 mit seiner Ernennung zum Außenminister, der Europäischen Union und der Zusammenarbeit in der Regierung unter dem Vorsitz von Pedro Sánchez in den Ministerrat zurück (Wikipedia).
[15] Borrell war 1969 in einem Kibbuz, und seine erste Frau und Mutter seiner beiden Kinder ist jüdischer Herkunft. Er ist bekannt als Verfechter pro-israelischer Interessen in der Sozialistischen Partei.
[16] Es ist nicht die einzige Beziehung, die unklar bleibt. Wir haben jetzt erfahren, dass er in der gleichen Zeit, in der er eine Diskussion mit der IKS zwecks Integration führen wollte, sich als Cyberpunk betätigte und in Spanien die Haupttriebkraft des Trends namens Cyberpunk und Förderer des Cyberaktivismus war.
[17] Der Wunsch nach einem „kommunitären“ Lebensstil, der seine Faszination für den Kibbuz erklärt – und auch in der „Union Espartaquista“ präsent war, bei der es gängig war zusammenzuleben –, war nur ein Beispiel.
[18] In den 80er Jahren wurde jemand namens „Chenier“ in unseren Reihen als Abenteurer entlarvt und in unserer Presse als solcher angeprangert. Kurz darauf wurde er beobachtet, wie er im Dienste Sozialistischen Partei Frankreichs tätig war. Dies drängte uns die Frage auf nach einer möglichen Beziehung zwischen Gaizka und der PSOE, die enger sein mochte, als er es je zugegeben hatte.
[19] Derzeitiger Generalsekretär der PSC (Sozialistische Partei Kataloniens); seit 1978 Mitglied der sozialistischen Jugend und der PSOE; 1998-99 Abgeordneter des Parlaments für Barcelona im Abgeordnetenkongress.
[20] Da diese Institution nicht sehr bekannt ist, geben wir hier eine Notiz zu ihrer Gründung an, welche in der Zeitung UH de Navarra erschienen ist, basierend auf einer Meldung der Agentur Efe: Un español preside el nuevo Consejo Europeo de Acción Humanitaria y Cooperación [41].
[21] Gerade der Krieg im ehemaligen Jugoslawien (mit den ersten Bombardierungen und Massakern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg), wurde im Namen des „Humanitarismus“ geführt, und die Luftangriffe der NATO wurden als „eine Hilfe für die Bevölkerung“ gegen die paramilitärischen Einheiten dargestellt. Unser Position zur imperialistischen Krieg 1999 im Kosovo findet ihr hier (auf Englisch: Editorial: ‘Peace’ in Kosovo, a moment of imperialist war [42])
[22] Juan Alberto Belloch war Justiz- und Innenminister unter Felipe González (1993-1996), bevor er Bürgermeister von Zaragoza wurde.
[23] Vgl. Wikipedia.
[24] REPSOL ist der marktführende Erdölkonzern in Spanien und international präsent, insbesondere in Südamerika.
[25] Anführerin der PSOE und die rechte Hand von Alfredo Pérez Rubalcaba, verstorbener Innenminister und authentischer „Richelieu“ sozialistischer Regierungen, der Fluglotsen zwang, mit Maschinengewehren im Rücken zu arbeiten.
[26] "PATRIOTAS POR DIOS, POR LA PATRIA Y REPSOL".
[27] Tageszeitung La Nación, Argentinien
[28] Dieser Blog existiert nicht mehr, so dass wir keinen aktiven Link angeben können; aber wir verfügen über die maßgeblichen Screenshots.
[29] Ein Journalist, der ursprünglich ein maoistischer Militanter der Roten Fahne und der Stalinistischen Partei in Katalonien (PSUC) war, der heute Vox und den rechten Flügel der PP unterstützt. Er hat für ABC und El Mundo geschrieben und war Sprecher beim COPE. Derzeit arbeitet er mit bei der Zeitung Libertad digital und deren Radio is.radio.
[30] Gründer der Zeitung Público, die er später verließ, um Diario.es zu promoten, für die er in erster Linie verantwortlich ist. Analyst in den TV-Talkshows des Senders La Sexta.
[31] „¿Qué hace una chica como tú en un sitio como éste?“ (Was treibt ein Mädchen wie du an einem solchen Ort?) ist ein Song der Madrider Band Burning, die in den 1980er Jahren ein Vermögen verdiente, so dass ein Film von Fernando Colomo mit Carmen Maura in der Hauptrolle entstand.
[32] Auf diesem Kongress vollzog sich die Trennung der letzten proletarischen Tendenzen, die noch in der PSOE Widerstand geleistet hatten, von der Partei, wenn man auch festhalten muss, dass sie ziemlich konfus (zentristisch) waren. Das Thema dieses Kongresses war die Frage, ob man sich der Dritten Internationale anschließe, was mit 8269 Stimmen gegen deren 5016 verworfen wurde. Die Anhänger einer Aufnahme in die Komintern verließen den Kongress und gründeten darauf die Spanische Kommunistische Arbeiterpartei (Partido Comunista Obrero Español).
[33] Révolution ou Guerre Nr. 9 (GIGC)
[34] Révolution ou Guerre Nr. 12 (GIGC)
Trotz der durch die Pandemie verursachten Schwierigkeiten hat die IKS ihren 24. internationalen Kongress abgehalten, und wir ziehen eine positive Bilanz. Wie wir es immer getan haben und wie es der Praxis der Arbeiterbewegung entspricht, berichten wir über seine Arbeit mit dieser umfassenden Stellungnahme und durch eine Reihe von Dokumenten, die unsere Aktivitäten und Interventionen in den nächsten zwei Jahren leiten werden, Berichte und Resolutionen, die bereits seit einigen Monaten auf unserer Website veröffentlicht sind.[1] Der Kongress fand im vollen Bewusstsein der daran Teilnehmenden statt, dass die Weltlage ernst ist, insbesondere aufgrund des Fortbestehens einer der gefährlichsten Pandemien der Geschichte, die bei weitem noch nicht überwunden ist.
Das Schlimmste wäre, diese Lage zu unterschätzen, wie es zum einen die Regierungen tun, die verkünden, dass "alles unter Kontrolle ist" und "wir wieder zur Normalität zurückgekehrt sind", während auf der anderen Seite eine Schar von Negationisten und Impfgegnerinnen (mit ihren Lügen als Ergänzung zu denjenigen der Regierungen) die Wirklichkeit der Pandemie bestreiten, indem sie von "Verschwörungen" und "dunklen Machenschaften" sprechen und eine reale Tatsache – die Stärkung der totalitären Kontrolle des Staates – dazu benutzen, sie im Namen der "Verteidigung der demokratischen Freiheiten" hochzuspielen und damit die Bedeutung der Gefahren, die die Pandemie für das menschliche Leben darstellt, zu verschleiern.
Das Ärgste an der Pandemie ist die Art und Weise, wie alle Staaten darauf reagiert haben: völlig unverantwortlich, mit widersprüchlichen und chaotischen Maßnahmen, ohne den geringsten Plan, ohne jegliche Koordination, zynischer denn je mit dem Leben von Millionen von Menschen spielend.[2] Und das nicht in den Staaten, die gewöhnlich als "Schurkenstaaten" bezeichnet werden, sondern in den Vereinigten Staaten, Deutschland, China, den "fortschrittlichsten" Ländern, in denen es angeblich "Zivilisation und Fortschritt" gibt. Die Pandemie hat die Dekadenz und den Zerfall des Kapitalismus, die Fäulnis seiner sozialen und ideologischen Strukturen, die Unordnung und das Chaos, das von seinen Produktionsverhältnissen ausgeht, die Zukunftslosigkeit einer Produktionsweise, die von immer heftigeren Widersprüchen beherrscht wird, die sie nicht überwinden kann, deutlich gemacht.
Schlimmer noch: Was die Pandemie ankündigt, sind neue und tiefere Erschütterungen in allen Ländern, noch mehr imperialistische Spannungen, ökologische Zerstörung, Wirtschaftskrise... Das Weltproletariat darf sich nicht durch vage Versprechen einer "Rückkehr zur Normalität" täuschen lassen. Es muss der Realität ins Auge sehen, um zu verstehen, dass die Pandemie das Gesicht der Barbarei deutlich gezeichnet hat und diese in Zukunft noch stärker ausgeprägt sein wird.
Der 24. Kongress der IKS fand, wie die Kongresse der revolutionären Organisationen im Laufe der Geschichte, in einem Rahmen der Brüderlichkeit und tiefgreifender Debatten statt und hatte die Aufgabe, den Analyserahmen des Zerfalls des Kapitalismus zu bestätigen und mögliche Fehler oder nicht ausreichend ausgearbeitete Einschätzungen zu korrigieren. Der Kongress beantwortete eine Reihe von notwendigen Fragen:
- Entspricht der Begriff des Zerfalls und seiner fortschreitenden Ausbreitung völlig der Methode des Marxismus?
- Wie äußern sich die Auswirkungen des Zerfalls, ihrer Beschleunigung, Vervielfältigung und Verkettung mit den anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, vor allem mit der Wirtschaft?
- Wie wirkt sich der Zerfall auf den Klassenkampf aus, und welche Perspektive hat er?
- Und schließlich: Welche Rolle spielt die Organisation in dieser Situation? Und wie bereitet sie sich angesichts dieser Herausforderungen auf die Zukunft vor?
Dieser Kongress bestätigte, dass die Analyse des Zerfalls in der Kontinuität des Marxismus steht. 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, stellten die Marxisten fest, dass der Kapitalismus in seine Epoche der Dekadenz eingetreten war, eine Analyse, die 1919 von den Richtlinien der Kommunistischen Internationale bestätigt wurde, die von der "Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung" sprach. Getreu diesem Ansatz hat die IKS vor mehr als drei Jahrzehnten eine spezifische und letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus identifiziert: seinen Zerfall. Diese Zerfallsphase ist die Anhäufung einer Reihe von Widersprüchen, die die kapitalistische Gesellschaft nicht zu lösen vermochte, wie wir in Punkt 3 der Thesen zum Zerfall[3] sagten: "In dem Maße, wie die Widersprüche und Erscheinungsweisen der Dekadenz des Kapitalismus, die nacheinander die verschiedenen Momente dieser Dekadenz markieren, nicht mit der Zeit verschwinden, sondern sich aufrechterhalten und gar noch zuspitzen, erscheint die Zerfallsphase als das Ergebnis einer Anhäufung all dieser Charakteristiken eines im Sterben liegenden Systems, das ein dreiviertel Jahrhundert lang einer in Agonie befindlichen Produktionsweise vorstand, die von der Geschichte abgeurteilt worden war. Konkret: nicht nur, daß der imperialistische Charakter aller Staaten, die Drohung eines neuen Weltkriegs, die Absorption der Gesellschaft durch den staatlichen Moloch, die permanente kapitalistische Wirtschaftskrise in der Zerfallsphase fortbestehen, sie erreichen in Letzterer eine Synthese und einen ultimativen Abschluß.“
Diese Analyse, die erstmals vor 30 Jahren entwickelt wurde, hat sich in ihrer ganzen Tragweite bestätigt, so dass wir in der Resolution zur internationalen Lage des 24. Kongresses feststellen, „dass die wichtigsten Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte in der Tat die Gültigkeit dieses Rahmens bestätigt haben, wie die Verschärfung des "Jeder für sich" auf internationaler Ebene, das "Zurückschlagen" der Zerfallsphänomene in die Kernländer des Weltkapitalismus durch die Zunahme des Terrorismus und der Flüchtlingskrise, wie der Aufstieg des Populismus und der Verlust der politischen Kontrolle durch die herrschende Klasse, die fortschreitende Fäulnis der Ideologie durch die Verbreitung von Sündenbockdenken, religiösem Fundamentalismus und Verschwörungstheorien zeigen. Und so, wie die Zerfallsphase der konzentrierte Ausdruck aller Widersprüche des Kapitals ist, vor allem in seiner Epoche des Niedergangs, so ist die gegenwärtige Covid-19-Pandemie ein Destillat aller wichtigsten Erscheinungen des Zerfalls – und ein aktiver Faktor bei seiner Beschleunigung.“ [4]
Seitdem unser Kongress seine Arbeit abgeschlossen hat, haben sich die Ereignisse mit einer noch nie dagewesenen Heftigkeit überschlagen, was unsere Analyse eindeutig bestätigt: imperialistische Kriege in Äthiopien, der Ukraine, im Jemen und in Syrien; die Verschärfung der Konfrontation zwischen den USA und China; die enorme Auswirkung der ökologischen Krise auf der ganzen Welt, insbesondere durch die Vervielfachung von katastrophalen Überschwemmungen und Waldbränden. Heute erlebt die Pandemie eine neue Welle von Infektionen und die sehr gefährliche Bedrohung durch die Omikron-Variante; gleichzeitig verschärft sich die Wirtschaftskrise. – Die Verteidigung des marxistischen Rahmens des Zerfalls ist heute notwendiger denn je angesichts der Blindheit anderer Gruppen der Kommunistischen Linken und des Eindringens aller Arten von modernistischen, skeptischen, nihilistischen Positionen in das revolutionäre Milieu, das seine Augen vor der Realität der Situation verschließt. In diesem Moment erleben wir in einer Reihe von Ländern die Entfaltung entschlossener Arbeiterkämpfe, die mehr denn je die Kraft und Klarheit dieses Analyserahmens brauchen.
Der 24. Kongress konnte die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls feststellen, indem er die Ursachen und Folgen der Pandemie eingehend untersuchte: „Die Covid-19-Pandemie, die erste von solchem Ausmaß seit dem Ausbruch der Spanischen Grippe 1918, ist der wichtigste Moment in der Entwicklung der kapitalistischen Zerfallsperiode seit der endgültigen Eröffnung der Periode im Jahr 1989. Die Unfähigkeit der herrschenden Klasse, die daraus resultierenden sieben bis zwölf Millionen und mehr Todesfälle zu verhindern, bestätigt, dass das kapitalistische Weltsystem, sich selbst überlassen, die Menschheit in den Abgrund der Barbarei und in ihre Zerstörung zieht und dass nur die proletarische Weltrevolution dieses Abgleiten aufhalten und die Menschheit in eine andere Zukunft führen kann.“ (ebenda) – Die Pandemie hat die folgenden Tatsachen bestätigt:
- Der Kapitalismus ist zwar das erste System in der Geschichte, dessen Produktionsverhältnisse sich weltweit ausgebreitet haben und herrschend sind, doch diese Herrschaft ist eminent chaotisch, da sie auf einem Todeskampf um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt zwischen den kapitalistischen Staaten beruht. Der globale Charakter des Kapitalismus erlaubt ihm kein organisiertes und koordiniertes Handeln auf globaler Ebene – was die einzige rationale und wirksame Antwort auf Phänomene wie die COVID-Pandemie wäre – , da er nicht global eine Einheit und zentralisiert ist. Im Gegenteil, der Todeskampf um die Märkte und die imperialistische Kontrolle der Welt hat zu immer abwegigeren und gefährlicheren Verhaltensweisen der Staaten geführt, die die Menschen der Pandemie schutzlos ausgeliefert haben und sie sogar dramatisch verschlimmert haben. China verbarg den ursprünglichen Pandemieherd in Wuhan absichtlich zwei Monate lang. Anschließend reagierten große Länder wie die USA aus Angst, ihre Wirtschaft zu lähmen, nur sehr langsam, was die Gefährlichkeit der Pandemie massiv verschärfte und zu übereilten und unorganisierten extremen Maßnahmen wie Lockdowns usw. zwang.
- Die kapitalistischen Staaten sind ausnahmslos auf die gleiche Weise gegen die Arbeiterklasse vorgegangen: Restriktionen ohne jegliche Planung mit Hilfe von Repression; Schließung von Versorgungszentren ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Bedingungen der Arbeiter; Aufrechterhaltung von Produktions- und Dienstleistungsarbeiten ohne Rücksicht auf das Leben der Arbeiter*innen, wie es bei den Beschäftigten des Gesundheitswesens in allen Ländern der Fall war (es wird geschätzt, dass 17.000 Beschäftigte des Gesundheitswesens an COVID gestorben sind und allein in Amerika 570.000 infiziert wurden.[5]
- Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die WHO (Weltgesundheitsorganisation) gegründet, die eine gewisse Koordinierung zwischen den Staaten bei der Bekämpfung von Epidemien ermöglichte; angesichts der Pandemie wurde die WHO jedoch ignoriert, und jeder Staat ging seinen eigenen Weg, was zu mehr Ansteckungen und Todesfällen führte und ein organisiertes Vorgehen verhinderte. Dies ist ein deutlicher Ausdruck des Fortschreitens des kapitalistischen Zerfalls.[6]
- Der Streit um die Herstellung und Verteilung des Impfstoffs ist Ausdruck des Chaos und der Fäulnis der Bourgeoisie. Angesichts der Wirtschaftskrise werden solche Konflikte um unmittelbare Interessen zwischen den bürgerlichen Fraktionen noch schärfer zu Tage treten.
Der 24. Kongress kam zum Schluss, dass die Pandemie nicht lediglich eine "Katastrophe" ist oder nur als Gesundheitskrise betrachtet werden kann (wie sie in vorkapitalistischen Produktionsweisen und selbst noch im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts periodisch auftraten). Es handelt sich um eine globale Krise – gesundheitlich, wirtschaftlich, sozial und politisch, aber auch moralisch und ideologisch, bei allem, was sie offenbart hat. Es handelt sich um eine Krise des kapitalistischen Zerfalls als Produkt der Akkumulation von Widersprüchen des Systems in den letzten 30 Jahren, wie es in unserem Bericht über Pandemie und Zerfall für den 24. Kongress[7] heißt. Konkret ist die Pandemie das Ergebnis:
- des Abbaus des Gesundheitssystems in allen Ländern der Welt. Zudem wussten die Staaten seit Beginn des 21. Jahrhunderts um die Ausbreitung von Epidemien wie EBOLA, SARS usw., dennoch wurden die Budgets für Gesundheitsdienste und wissenschaftliche Forschung gekürzt. Dies steht im Gegensatz zu der exorbitanten Erhöhung der Rüstungsetats und der Aufstockung der Repressionskräfte.
- Viruserkrankungen wie COVID-19 sind auch die Folge der Lebensbedingungen großer Teile der Arbeiterklasse in allen Ländern, da diese Proletarisierten gezwungen sind, in überfüllten und unhygienischen Räumen zu leben.
- Die Irrationalität der kapitalistischen Produktion, bei der ausschließlich der Profit im Vordergrund steht, verwüstet Wälder, Flüsse und Meere. Insbesondere die Zerstörung der Wälder verändert auf gefährliche Weise die "biologische Kette" zwischen Tieren, Pflanzen und Menschen mit unvorhersehbaren Folgen. – Die meisten Wissenschaftler führen die Entstehung von COVID 19 auf diese Ursache zurück.
„Die IKS steht mehr oder weniger allein mit der Verteidigung der Theorie des Zerfalls. Andere Gruppen der kommunistischen Linken lehnen sie völlig ab, entweder, wie im Fall der Bordigisten, weil sie nicht akzeptieren, dass der Kapitalismus ein System im Niedergang ist (oder bestenfalls in diesem Punkt inkonsequent und zweideutig sind); oder, wie im Fall der Internationalistischen Kommunistischen Tendenz, weil das Reden über eine "letzte" Phase des Kapitalismus viel zu apokalyptisch klinge, oder weil die Definition des Zerfalls als Abstieg ins Chaos eine Abweichung vom Materialismus sei, der nach Ansicht der IKT die Wurzeln jedes Phänomens in der Wirtschaft und vor allem in der Tendenz zum Fall der Profitrate zu finden versucht.“ (Resolution zur internationalen Lage, 24. Kongress der IKS, Punkt 2).
Die Resolution zu den Aktivitäten des 24. Kongresses unterstreicht, dass "die Covid-19-Pandemie, die Anfang 2020 begann, die Beschleunigung der Auswirkungen des gesellschaftlichen Zerfalls des Kapitalismus auf eindrucksvolle Weise bestätigt".
Im Zusammenhang mit der Pandemiekrise zeigt sich, dass der Zerfall weiter fortgeschritten ist: 1) er hat die zentralen Länder, insbesondere die USA, erfasst; 2) es gibt eine Kombination und Gleichzeitigkeit zwischen den Auswirkungen des Zerfalls, im Gegensatz zu früheren Perioden, als sie lokal begrenzt waren und sich nicht gegenseitig beeinflussten. Das Jahrzehnt der 2020er Jahre ist voller großer Ungewissheiten, häufigerer und zusammenhängender Katastrophen, das Abgleiten des Kapitalismus in die Barbarei wird ein immer erschreckenderes Gesicht bekommen.
Die Perspektiven für das Proletariat müssen im Rahmen des kapitalistischen Zerfalls analysiert werden. In der von unserem letzten Kongress angenommenen Resolution zum Kräfteverhältnis zwischen den Klassen[8] wurden die Schwierigkeiten und Schwächen der Arbeiterklasse in den letzten 30 Jahren aufgezeigt. Die IKS hat erkannt, dass seit den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und mit dem Beginn des Zerfalls, die Zunahme der Schwierigkeiten des Proletariats, die Kampagnen über den "Tod des Kommunismus", das "Verschwinden der Arbeiterklasse" und die Auswirkungen des Zerfalls Auswirkungen auf die Identität der Klasse hatten. Aber die IKS hat auf ihrem 24. Kongress wie schon auf früheren Kongressen bekräftigt, dass die Arbeiterklasse nicht geschlagen ist:
„Trotz der enormen Probleme, vor denen das Proletariat steht, lehnen wir die Vorstellung ab, dass die Klasse bereits im Weltmaßstab besiegt sei oder kurz vor einer solchen Niederlage stehe, die mit der der Konterrevolution vergleichbar wäre, einer Niederlage, von der sich das Proletariat möglicherweise nicht mehr erholen könne. Das Proletariat als ausgebeutete Klasse kann nicht umhin, durch die Schule der Niederlagen zu gehen, aber die zentrale Frage ist, ob das Proletariat bereits so sehr vom unerbittlichen Vormarsch der Zerfallsphase überwältigt worden ist, dass sein revolutionäres Potenzial effektiv untergraben worden ist. Die Einschätzung einer solchen Niederlage in der Zerfallsphase ist eine weitaus komplexere Aufgabe als in der Periode vor dem Zweiten Weltkrieg, als sich das Proletariat offen gegen den Kapitalismus erhoben hatte und durch eine Reihe von schweren Niederlagen zerschlagen wurde (...)“ (Resolution zur internationalen Lage, 24. Kongress, Punkt 28).
Es liegt auf der Hand, dass wir unsere analytischen Fähigkeiten schärfen müssen, um diese Situation des "no return" zu erkennen, denn „Wie wir bereits in Erinnerung gerufen haben, birgt die Zerfallsphase in der Tat die Gefahr, dass das Proletariat einfach nicht reagiert (...)“ (ebenda).
Demgegenüber behaupten wir, „dass es immer noch genügend Beweise gibt, die zeigen, dass trotz des unzweifelhaften "Voranschreitens" der Zerfallsphase, trotz der Tatsache, dass die Zeit nicht mehr zugunsten der Arbeiterklasse läuft, das Potential für eine tiefgreifende proletarische Wiederbelebung – die zu einer Wiedervereinigung zwischen der ökonomischen und der politischen Dimension des Klassenkampfes führt – nicht verschwunden ist“.
Der Kongress analysierte die "kleinen, aber bedeutsamen Anzeichen einer unterirdischen Reifung des Bewusstseins, die sich in einem Versuch des globalen Nachdenkens über das Scheitern des Kapitalismus und der Notwendigkeit einer anderen Gesellschaft in einigen Bewegungen zeigte (insbesondere in derjenigen der Indignados 2011), aber auch durch das Auftauchen von jungen Leuten, die nach Klassenpositionen suchen und sich dem Erbe der Kommunistischen Linken zuwenden“.
Wir müssen auch bedenken, dass die Lage der Arbeiterklasse nicht dieselbe ist wie nach dem Zusammenbruch des russischen Blocks und der Bestätigung des Zerfalls durch die Ereignisse im Jahr 1989. Damals konnte die Bourgeoisie diese Ereignisse als Beweis für den Tod des Kommunismus, für den Sieg des Kapitalismus und den Beginn einer strahlenden Zukunft für die Menschheit darstellen. Dreißig Jahre Zerfall haben diese ideologische Täuschung ernsthaft untergraben, und insbesondere die Pandemie hat die Verantwortungslosigkeit und Fahrlässigkeit aller kapitalistischen Regierungen und die Realität einer Gesellschaft offenbart, die von tiefen wirtschaftlichen Spaltungen geplagt ist und in der wir keineswegs "alle in einem Boot sitzen". Im Gegenteil, die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen haben die Bedingungen der Arbeiterklasse offengelegt, sowohl als Hauptopfer der Gesundheitskrise als auch als Quelle aller Arbeit und aller materiellen Produktion und insbesondere als Erfüllerin der Grundbedürfnisse der Menschheit. Dies kann die Grundlage für eine zukünftige Wiederherstellung der Klassenidentität sein. Zusammen mit der zunehmenden Einsicht, dass der Kapitalismus eine völlig überholte Produktionsweise ist, hat dies bereits zur Entstehung von politisierten Minderheiten beigetragen, deren Anliegen vor allem darin besteht, die dramatische Situation der Menschheit zu verstehen.
Trotz der sozialen Atomisierung aufgrund des Zerfalls, trotz der bewussten Versuche, die Arbeitskräfte durch Strategeme wie die grüne Wirtschaft oder ideologische Kampagnen aufzuspalten, die darauf abzielen, die besser ausgebildeten Teile des Proletariats als "Mittelschicht" und in Richtung Individualismus Neigende darzustellen, bleiben die Arbeiter und Arbeiterinnen eine Klasse, die in den letzten Jahren zahlenmäßig zugenommen hat und global vernetzt ist, doch mit dem Voranschreiten des Zerfalls ist es auch wahr, dass die Atomisierung und soziale Isolation zunimmt. Dies ist ein Faktor, der es der Arbeiterklasse vorerst erschwert, ihre eigene Klassenidentität zu erleben. Nur durch die Kämpfe der Arbeiterklasse auf ihrem eigenen Klassenterrain wird sie in der Lage sein, ihre kollektive Aktion zu entfalten, welche die kollektive Kraft ankündigt, die das Proletariat im Weltmaßstab haben muss, um den Kapitalismus zu stürzen.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter werden vom Kapital im Produktionsprozess zusammengebracht, die assoziierte Arbeit findet dort zwar unter Zwang statt, aber der revolutionäre Charakter des Proletariats beinhaltet, diese Bedingungen in einem kollektiven Kampf dialektisch aufzuheben. Der kollektive Kampf gegen die Ausbeutung, der von dem aus dem Proletariat hervorgehenden kommunistischen Bewusstsein geleitet wird, enthält das Potenzial für die Befreiung des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit, denn eine Gesellschaft, die das gesamte Potenzial der assoziierten Tätigkeit bewusst nutzen kann und für die das Weltproletariat kämpfen muss, ist die kommunistische Gesellschaft.
„Im Gegensatz zur bordigistischen Auffassung darf die Organisation der Revolutionäre nicht "monolithisch" sein. Wenn es Divergenzen in ihren Reihen gibt, spiegelt das die Tatsache wider, daß es sich um eine lebendige Organisation handelt, die nicht immer eine unmittelbare, fest geformte Antwort auf die Probleme hat, vor denen die Klasse steht. Der Marxismus ist weder ein Dogma, noch ein Katechismus. Er ist ein theoretisches Instrument einer Klasse, die mittels ihrer Geschichte und im Hinblick auf ihre historische Zukunft schrittweise - Höhen und Tiefen durchlaufend - zu einer Bewußtwerdung hin voranschreitet, die die unabdingbare Vorbedingung ihrer Befreiung ist.“[9]
Seit dem 23. Internationalen Kongress der IKS wurden Meinungsverschiedenheiten zu verschiedenen Fragen diskutiert: führen die imperialistischen Spannungen zu einem neuen Weltkrieg, ist das Proletariat bereits besiegt? Was ist die Aufgabe der Organisation im Moment? Dies führt zu der Frage, was die Aktivität ähnlich einer Fraktion[10] in der gegenwärtigen Zerfallsphase bedeutet.
Die Divergenzen bei der Analyse der internationalen Lage fanden ihren ersten öffentlichen Ausdruck in dem Dokument „Divergenzen mit der Resolution zur internationalen Lage auf dem 23. Kongress der IKS“[11]. Die Resolution zu den Aktivitäten unseres jüngsten Kongresses unterstreicht: "Die Organisation hat sich auf allen Ebenen – auf dem Kongress, auf Sitzungen der Zentralorgane, auf Sektionstreffen und in etwa 45 Einzelbeiträgen in internationalen Bulletins in den letzten vier Jahren – bemüht, auf die Divergenzen der Genossinnen und Genossen einzugehen, und hat auch begonnen, die Debatte nach außen zu veröffentlichen. Das Bemühen der Organisation, den Divergenzen in dieser Zeit zu begegnen, ist Ausdruck eines positiven Willens, die Verteidigung ihrer Positionen und Analysen in Polemiken zu verstärken".
Die Divergenzen wurden auf dem 24. Kongress weiter erläutert:
- Bereitet die Polarisierung der imperialistischen Spannungen, vor allem zwischen den USA und China, nicht den Weg zu einem Dritten Weltkrieg?
- Sind die brutalen Maßnahmen, die von den Staaten ergriffen werden, nicht ein verdecktes Mittel, um die Bevölkerung auf einen imperialistischen Weltkrieg vorzubereiten?
- Ist die Pandemie ein "gesellschaftlich-natürliches" Phänomen, das die Staaten zur Kontrolle der Bevölkerung ausnutzen können, oder drückt sie vor allem den allgemeinen Zerfall des Kapitalismus aus und beschleunigt ihn?
- Wie kann das Proletariat diese schwierige historische Lage bewältigen? Braucht es zunächst ein klares Bewusstsein darüber, was der Kommunismus ist? Oder ist die Entwicklung seiner Kämpfe auf seinem Klassenterrain nötig, wodurch die Reifung seines Bewusstseins und die Stärkung der Interventionsfähigkeit seiner kommunistischen Organisationen ermöglicht werden?
Diese und andere Fragen wurden auf dem Kongress erörtert und werden im Bemühen um größtmögliche Klarheit in Diskussionspapieren öffentlich dargelegt. Dies ist eine Praxis der Arbeiterbewegung, die die IKS sehr ernst genommen hat, wie der oben zitierte Text zeigt:
„Weil die Debatten, die in der Organisation stattfinden, im allgemeinen die ganze Arbeiterklasse betreffen, müssen diese auch nach Außen getragen werden, wobei aber die folgenden Bedingungen eingehalten werden müssen:
- Diese Debatten betreffen allgemeine politische Fragen und sie müssen einen ausreichenden Reifegrad erreicht haben, damit ihre Veröffentlichung einen wirklichen Beitrag zur Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse liefert.
- Die Bedeutung und der Raum für diese Debatten darf das allgemeine Gleichgewicht der Publikationen nicht stören.
- Die Organisation als Ganzes entscheidet und übernimmt die Veröffentlichung dieser Publikationen entsprechend den gültigen Kriterien, die auch für das Schreiben irgendeines anderen Artikels in der Presse angewandt werden: der Grad der Klarheit und der Redaktionsform, das Interesse, das er für die Arbeiterklasse darstellt.“ (Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre)
Der Kongress zog eine positive Bilanz der Tätigkeit der Organisation in den letzten zwei Jahren und hob insbesondere die Solidarität mit allen Genossen hervor, die von der Pandemie oder von den schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen der Zwangsmaßnahmen betroffen waren (eine ganze Reihe von Genossinnen und Genossen verlor ihre Existenzgrundlage).
Diese positive Bilanz sollte uns nicht dazu veranlassen, unsere Wachsamkeit zu verringern. Die kommunistische Organisation steht unter mehrfachem Druck, Errungenschaften – die teuer erkauft wurden – können schnell verloren gehen. In der vom Kongress verabschiedeten Aktivitätenresolution heißt es: "Die Beschleunigung des Zerfalls wirft wichtige Probleme auf der Ebene der Militanz, der Theorie und der Organisationsstruktur auf".
Diese Probleme sind nicht neu, sie sind Ausdruck der Auswirkungen des Zerfalls auf das Funktionieren und die Militanz der kommunistischen Organisationen, denn: „Die verschiedenen Elemente, die die Stärke des Proletariats ausmachen, stoßen direkt mit den verschiedenen Facetten dieses ideologischen Zerfalls zusammen:
- Das kollektive Handeln und die Solidarität stoßen mit der Atomisierung, dem "Jeder für sich", dem "Frechheit zahlt sich aus" zusammen.
- Das Bedürfnis nach Organisierung steht dem gesellschaftlichen Zerfall entgegen, der Zerstörung von Beziehungen, die erst ein gesellschaftliches Leben ermöglichen.
- Die Zuversicht in die Zukunft und in die eigenen Kräfte wird ständig untergraben durch die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die in der Gesellschaft durch den Nihilismus, durch die Ideologie des "No future" immer mehr überhand nimmt.
- Das Bewußtsein, die Klarheit, die Kohärenz und Einheit im Denken, der Sinn für Theorie müssen sich mühsam ein Weg bahnen inmitten der Flucht in Trugbilder, der Drogen, Sekten, des Mystizismus, der Verweigerung des Nachdenkens und der Zerstörung des Denkens, die unsere Epoche charakterisieren.“ (Der Zerfall: die letzten Phase der Dekadenz des Kapitalismus, These 13)
Angesichts dieser Gefahren besteht unsere Aufgabe vor allem darin, uns auf die Zukunft vorzubereiten. Das grundlegende Ziel der IKS, eine Brücke zur künftigen kommunistischen Weltpartei des Proletariats zu schlagen, wurde auf ihrem Gründungskongress 1975 festgelegt und auf dem 23. Kongress bekräftigt. Aber der Charakter dieses Ziels hat sich in den letzten Jahren durch mehrere Faktoren verschärft: die Beschleunigung des Zerfalls und die Schwierigkeiten des Klassenkampfes des Proletariats verschärfen zunehmend die Herausforderungen für die Organisation der Revolutionäre; die Überalterung und gleichzeitig das Auftauchen neuer Mitglieder, die sich der Organisation im Rahmen des Zerfalls anschließen; die zunehmenden Angriffe des politischen Parasitentums gegen die Organisation; das Gewicht des Opportunismus und Sektierertums in den Gruppen, die der Kommunistischen Linken entstammen.
Der 24. Kongress der IKS war in der Lage, die Perspektive, die Schwierigkeiten und die Gefahren zu erkennen, mit denen sie konfrontiert ist, und hat eine Reihe von Pfeilern für ihre Rolle bei der Transmission definiert, die die Orientierung für den nächsten Zeitraum sein werden. Angesichts dieser Situation kann die Vorbereitung der Zukunft jedoch nur so verstanden werden, dass wir gegen den Strom schwimmen müssen.
Historisch gesehen, konnte sich die marxistische Bewegung nur entwickeln, indem sie sich erfolgreich mit bedeutsamen Ereignissen auseinandersetzte. Und sie war daher auf einen Kampfgeist angewiesen, auf den Willen, alle Hindernisse zu überwinden, die die bürgerliche Gesellschaft ihr in den Weg stellt. Die Erfahrung der IKS ist in dieser Hinsicht nicht anders. Die Organisationen, die in der Geschichte eine überragende Rolle spielen sollen, mussten sich in echten Feuerproben bewähren: Die marxistische Strömung in der Mitte des 19. Jahrhunderts war trotz der Inhaftierung, des Exils und der großen Armut ihrer Mitglieder nach der Niederlage von 1848 das Sprungbrett für die Gründung der Ersten Internationale in den 1860er Jahren. Bilan und die GCF (Gauche Communiste de France) haben die Prüfungen der Konterrevolution des Stalinismus der 1930er, 40er und 50er Jahre, Faschismus und Antifaschismus und den imperialistischen Zweiten Weltkrieg durchgestanden, um die revolutionäre Flamme für künftige Generationen am Leben zu erhalten. Es ist klar, dass die Zerfallsphase der Lackmustest für die IKS ist.
Die Fähigkeit, die Welt und die historische Situation zu analysieren, ist eine der Säulen unserer unmittelbaren Perspektive; die marxistische Methode des historischen Materialismus und die ständige Bezugnahme auf das Erbe früherer Errungenschaften sowie die Auseinandersetzung mit den Divergenzen sind Teil der Vorbereitung auf die Zukunft. Kurz gesagt, die Säulen der Intervention, der theoretischen Vertiefung, der Stärkung und der Verteidigung der Organisation stehen im Zusammenhang mit der Rolle der Transmission bei der Vorbereitung der zukünftigen kommunistischen Weltpartei des Proletariats.
Zur Vorbereitung auf die Zukunft gehört auch der kompromisslose Kampf gegen den politischen Parasitismus. Die Anstrengungen der letzten Jahre zeigen die Notwendigkeit, den Kampf gegen den politischen Parasitismus fortzusetzen und ihn bloßzustellen, so wie es die IKS vor der Arbeiterklasse, unseren Kontakten und dem Milieu der Kommunistischen Linken getan hat.
Der Kampf gegen den Opportunismus in den Organisationen der Kommunistischen Linken, verknüpft mit dem Kampf gegen den politischen Parasitismus[12], wird in der nächsten Zeit wichtig sein. Es besteht die große Gefahr, dass das Potenzial der zukünftigen Einheit der Revolutionäre verloren geht und verkümmert. Die Erfahrung der Verteidigung der Organisation gegen Angriffe und zum Durchbrechen des Sperrrings um die IKS während der letzten zwei Jahre zeigt, dass der Kampf gegen Opportunismus und Sektierertum gleichbedeutend ist mit der Verteidigung unserer Geschichte und der Kenntnis dieser Geschichte.
In der kommenden Zeit will die IKS die Presse verbessern. In den letzten Jahrzehnten hat das Bemühen um Polemiken mit dem proletarischen politischen Milieu in unseren Reihen nachgelassen. In der nächsten Zeit beabsichtigt die Organisation, diese Situation wenden, und unsere fraktionsähnliche Arbeit beinhaltet auch die Vorbereitung auf die Zukunft, indem wir die Polemik ausweiten und uns von der ersten Phase von Iskra oder den ersten Ausgaben von Internationalisme inspirieren lassen, die der Polemik gegen Vercesi und seiner opportunistischen Strömungen gewidmet waren. Als Antwort auf die Fäulnis der bürgerlichen Ideologie, auf den Obskurantismus ihrer Mystifikationen, muss unsere Presse als Orientierung der wissenschaftlichen Theorie und Rationalität fungieren, um der Arbeiterklasse eine konkrete Perspektive für den Sturz des Kapitalismus zu bieten. Wir müssen unseren Vertrieb sowohl der Papierpresse wie der digitalen Publikationen verstärken.
Durch das Ziehen von Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit, durch den unerbittlichen Kampf gegen das politische Parasitentum und den Opportunismus, durch das frühzeitige Erkennen der ständigen Entwicklungen der historischen Entwicklung, durch die Verteidigung der Organisation und ihrer einheitlichen, vereinigten und zentralisierten Arbeitsweise, hat der 24. Kongress sich die Vorbereitung auf die Zukunft zur Aufgabe gesetzt. Dies setzt aber voraus, dass man sich kritisch auf die historische Kontinuität der kommunistischen Organisationen beruft, wie es in der Aktivitätsresolution des Kongresses heißt:
„Im stürmischen Übergang in die Zukunft der "Kriege und Revolutionen" erklärte Rosa Luxemburg auf dem Gründungskongress der Kommunistischen Partei Deutschlands 1919, dass die Partei ‚unter das Banner des Marxismus‘ zurückkehre. Als sich die Arbeiterklasse in Russland zum ersten Mal in der Geschichte darauf vorbereitete, den bürgerlichen Staat zu stürzen, erinnerte Lenin an die Errungenschaften von Marx und Engels in Staat und Revolution zur Frage des Staates. (...) Die IKS muss, während sie sich auf die beispiellose Instabilität und Unvorhersehbarkeit der Fäulnis des Weltkapitalismus vorbereitet, das Erbe, das kämpferische Beispiel und die organisatorische Erfahrung von Marc Chirik[13], dreißig Jahre nach seinem Tod, zurückgewinnen. Das heißt, zur Tradition und Methode der Kommunistischen Linken zurückkehren (...) Diese Tradition lebt weiter und muss kritisch wieder aufgegriffen werden, sie ist in der Tat die einzige, die die IKS und die Arbeiterklasse durch die bevorstehende Feuerprobe führen kann.“
IKS, Dezember 2021
[1] Wir hielten es für sinnvoll, den Kongressunterlagen einen Bericht über die imperialistischen Konflikte beizufügen, der kürzlich auf einer Sitzung des internationalen Zentralorgans der IKS angenommen wurde.
[2] Alle Ausbeutungsformen, die dem Kapitalismus vorausgingen (Sklaverei, Feudalismus, asiatische Despotie), haben auf verbrecherische Weise mit dem Leben Tausender von Menschen gespielt, aber der Kapitalismus hat diese Barbarei zu ihren extremsten Ausprägungen gebracht. Was ist ein imperialistischer Krieg? Millionen von Menschen werden als Kanonenfutter für die schmutzigen wirtschaftlichen und imperialistischen Interessen von Nationen, Staaten, Kapitalisten benutzt, d.h. sie sind Spielzeug in den Händen des Kapitalismus. Es ist daher nichts Neues, wenn die Regierungen die Handhabung der Pandemie als ein Spiel betrachten, bei dem sie verantwortungslos mit dem Leben von Millionen von Menschen umgehen.
[3] Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], Internationale Revue 13
[5] COVID-19: Las muertes de personal sanitario ascienden al menos a 17.000, mientras las organizaciones piden una rápida distribución de las vacunas, Amnistía Internacional (amnesty.org) [48].
[6] Der Kapitalismus basiert, wie wir oben festgestellt haben, auf dem Wettbewerb bis zum Tod zwischen Staaten und zwischen Kapitalisten, daher ist das "Jeder für sich" in seine DNA eingeschrieben, aber dieses Merkmal hat sich mit der kapitalistischen Zerfallsphase in einem noch nie dagewesenen Ausmaß verschärft.
[7] 24. Internationaler Kongress der IKS: Bericht über die Pandemie und die Entwicklung des Zerfalls [49]
[8] Resolution über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen (2019) [11], Internationale Revue 56
[9] Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre [2], Internationale Revue 22
[10] Bericht über die Rolle der IKS als „Fraktion“ [7], Internationale Revue 53
[11] Interne Debatte in der IKS über die internationale Lage [50], zu finden auf unserer Webseite unter IKSonline 2021
[12] Aufbau der revolutionären Organisation -Thesen über den Parasitismus [51], Internationale Revue 22
[13] Marc Chirik: Wichtigster Mitgründer der IKS, der sich vor allem durch seine Fähigkeit auszeichnete, die theoretischen Errungenschaften der revolutionären Bewegung am Leben zu erhalten, insbesondere die von der Linksfraktion der Kommunistischen Partei Italiens ausgearbeiteten. So konnte er sich bei der Analyse der Entwicklung der Weltlage kritisch und klar orientieren. Dieses politische "Gespür", das auf der umfassenden Analyse des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen beruhte, ermöglichte es ihm, bestimmte "Dogmen" der Arbeiterbewegung in Frage zu stellen, ohne dabei vom marxistischen Ansatz und der Methode des historischen Materialismus abzurücken, sondern sie vielmehr in der Dynamik der Entwicklung der konkreten historischen Realität zu verankern. Vgl. dazu unsere Artikel: MARC: Von der Oktoberrevolution 1917 bis zum 2. Weltkrieg [52] (IKSonline Dezember 2006) und MARC: Vom 2. Weltkrieg bis zur Gegenwart [53], International Review 66 (engl./frz./span. Ausgabe).
Diese Resolution steht in Kontinuität mit dem Bericht über den Zerfall des 22. IKS-Kongresses, der Resolution über die internationale Lage des 23. Kongress und dem Bericht über Pandemie und Zerfall des 24. Kongresses. Sie basiert auf der These, dass die Dekadenz des Kapitalismus nicht nur verschiedene Stadien oder Phasen durchläuft, sondern dass wir seit den späten 1980er Jahren ihre letzte Phase, die Phase des Zerfalls, erreicht haben; ferner, dass der Zerfall selbst eine Geschichte hat, und ein zentrales Ziel dieser Texte ist es, den theoretischen Rahmen des Zerfalls anhand der Entwicklung der Weltlage zu "überprüfen". Sie haben gezeigt, dass die wichtigsten Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte in der Tat die Gültigkeit dieses Rahmens bestätigt haben, wie die Verschärfung des "Jeder für sich" auf internationaler Ebene, das "Zurückschlagen" der Zerfallsphänomene in die Kernländer des Weltkapitalismus durch die Zunahme des Terrorismus und der Flüchtlingskrise, wie der Aufstieg des Populismus und der Verlust der politischen Kontrolle durch die herrschende Klasse, die fortschreitende Fäulnis der Ideologie durch die Verbreitung von Sündenbockdenken, religiösem Fundamentalismus und Verschwörungstheorien zeigen. Und so wie die Zerfallsphase der konzentrierte Ausdruck aller Widersprüche des Kapitals ist, vor allem in seiner Epoche des Niedergangs, so ist die gegenwärtige Covid-19-Pandemie ein Destillat aller wichtigsten Erscheinungen des Zerfalls – und ein aktiver Faktor bei seiner Beschleunigung.
1. Die Covid-19-Pandemie, die erste von solchem Ausmaß seit dem Ausbruch der Spanischen Grippe 1918, ist der wichtigste Moment in der Entwicklung der kapitalistischen Zerfallsperiode seit der endgültigen Eröffnung der Periode im Jahr 1989. Die Unfähigkeit der herrschenden Klasse, die daraus resultierenden sieben bis zwölf Millionen und mehr Todesfälle zu verhindern, bestätigt, dass das kapitalistische Weltsystem, sich selbst überlassen, die Menschheit in den Abgrund der Barbarei und in ihre Zerstörung zieht und dass nur die proletarische Weltrevolution dieses Abgleiten aufhalten und die Menschheit in eine andere Zukunft führen kann.
2. Die IKS steht mehr oder weniger allein mit der Verteidigung der Theorie des Zerfalls. Andere Gruppen der kommunistischen Linken lehnen sie völlig ab, entweder, wie im Fall der Bordigisten, weil sie nicht akzeptieren, dass der Kapitalismus ein System im Niedergang ist (oder bestenfalls in diesem Punkt inkonsequent und zweideutig sind); oder, wie im Fall der Internationalistischen Kommunistischen Tendenz, weil das Reden über eine "letzte" Phase des Kapitalismus viel zu apokalyptisch klinge, oder weil die Definition des Zerfalls als Abstieg ins Chaos eine Abweichung vom Materialismus sei, der nach Ansicht der IKT die Wurzeln jedes Phänomens in der Wirtschaft und vor allem in der Tendenz zum Fall der Profitrate zu finden versucht. All diese Strömungen scheinen die Tatsache zu ignorieren, dass unsere Analyse in Kontinuität mit den Richtlinien der Kommunistischen Internationale von 1919 steht, die nicht nur darauf bestand, dass der imperialistische Weltkrieg von 1914-18 den Eintritt des Kapitalismus in die „Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung“, die „Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats" ankündigte, sondern auch betonte, dass „die alte kapitalistische »Ordnung« nicht mehr“ existiere, „sie kann nicht mehr bestehen. Das Endresultat der kapitalistischen Produktionsweise ist das Chaos. Und dieses Chaos kann nur die größte, produktive Klasse überwinden: die Arbeiterklasse. Sie muss eine wirkliche Ordnung schaffen, die kommunistische Ordnung.“ So wurde das Drama, vor dem die Menschheit stand, in der Tat in den Begriffen Ordnung gegen Chaos dargestellt. Und die Gefahr eines chaotischen Zusammenbruchs wurde mit der „Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise“ in Verbindung gebracht, mit anderen Worten: mit einem grundlegenden Element des Systems selbst – eines Systems, das dem Marxismus zufolge auf einem qualitativ höheren Niveau als in jeder früheren Produktionsweise beinhaltet, dass die Produkte menschlicher Arbeit zu einer fremden Macht werden, die über und gegen ihre Schöpfer steht. Die Dekadenz des Systems stellt somit aufgrund seiner unlösbaren Widersprüche eine neue Spirale in diesem Kontrollverlust dar. Und wie die Plattform der Komintern erklärt, treibt die Notwendigkeit, zu versuchen, die kapitalistische Anarchie innerhalb jedes Nationalstaates zu überwinden – durch Monopole und vor allem durch staatliche Interventionen – sie nur auf neue Höhen im globalen Maßstab, was im imperialistischen Weltkrieg gipfelt. Während also der Kapitalismus auf bestimmten Ebenen und für bestimmte Phasen seine angeborene Tendenz zum Chaos zurückhalten kann (z.B. durch die Mobilisierung für den Krieg in den 1930er Jahren oder die Periode des Wirtschaftsbooms, die auf den Krieg folgte), geht die am tiefsten greifende Tendenz in Richtung der "inneren Zersetzung", die für die Komintern die neue Epoche charakterisiert.
3. Während die Richtlinien der Komintern vom Beginn einer „neuen Epoche“ sprachen, gab es innerhalb der Komintern Tendenzen, die katastrophale Lage der Nachkriegswelt als eine endgültige Krise im unmittelbaren Sinne zu sehen und nicht als ein ganzes Zeitalter von Katastrophen, das viele Jahrzehnte dauern könnte. Und das ist ein Irrtum, in den Revolutionäre schon oft verfallen sind (aufgrund einer fehlerhaften Analyse, aber auch weil es nicht möglich ist, den genauen Moment mit Sicherheit vorherzusagen, wann ein Umschlag auf historischer Ebene erfolgt): 1848, als das Kommunistische Manifest bereits verkündete, dass die Hülle des Kapitals zu eng geworden war, um die Produktivkräfte, die es in Bewegung gesetzt hatte, zu fassen; 1919-20 mit der Theorie des brutalen Zusammenbruchs des Kapitals, die insbesondere von der deutschen kommunistischen Linken entwickelt wurde; 1938 mit Trotzkis Auffassung, dass die Produktivkräfte aufgehört hatten zu wachsen. Die IKS selbst hat auch die Fähigkeit des Kapitalismus unterschätzt, auf seine eigene Weise zu expandieren und sich zu entwickeln, sogar in einem allgemeinen Kontext des fortschreitenden Niedergangs, vor allem im Fall des stalinistischen China nach dem Zusammenbruch des russischen Blocks. Jedoch sind diese Fehler Produkte einer unmittelbaren Interpretation der kapitalistischen Krise, nicht ein inhärenter Fehler in der Dekadenztheorie selbst, die den Kapitalismus in dieser Periode eher als eine wachsende Fessel für die Produktivkräfte denn als ein absolutes Hindernis sieht. Aber der Kapitalismus befindet sich seit mehr als einem Jahrhundert im Niedergang, und die Erkenntnis, dass wir an die Grenzen des Systems stoßen, ist völlig konsistent mit dem Verständnis, dass die Wirtschaftskrise trotz aller Höhen und Tiefen im Wesentlichen permanent geworden ist; dass die Mittel der Zerstörung nicht nur ein solches Niveau erreicht haben, dass sie alles Leben auf dem Planeten vernichten könnten, sondern sich in den Händen einer zunehmend instabilen Welt-"Ordnung" befinden; dass der Kapitalismus eine planetarische ökologische Katastrophe heraufbeschworen hat, wie es sie in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat. Zusammengefasst basiert die Erkenntnis, dass wir uns tatsächlich im Endstadium der kapitalistischen Dekadenz befinden, auf einer nüchternen Einschätzung der Realität. Noch einmal: Dies sollte auf einer historischen, nicht auf einer tageszeitlichen Zeitskala gesehen werden. Aber es bedeutet, dass diese letzte Phase unumkehrbar ist und es keine andere historische Alternative als den Kommunismus oder die Zerstörung der Menschheit geben kann; vor dieser Alternative stehen wir heute.
4. Im Gegensatz zu den von der herrschenden Klasse propagierten Ansichten ist die Covid-19-Pandemie kein rein "natürliches" Ereignis, sondern resultiert aus einer Kombination natürlicher, sozialer und politischer Faktoren, die alle mit dem Funktionieren des kapitalistischen Systems im Zerfall verbunden sind. Das "wirtschaftliche" Element ist hier in der Tat entscheidend, und zwar wiederum auf mehr als einer Ebene. Es ist die Wirtschaftskrise, die verzweifelte Jagd nach Profit, die das Kapital dazu getrieben hat, in jeden Teil der Weltoberfläche einzudringen, um sich das zu schnappen, was Adam Smith das "freie Geschenk" der Natur nannte, und dabei die verbleibenden Schutzgebiete für wildes Leben zu zerstören und das Risiko von Zoonose-Krankheiten enorm zu erhöhen. Der Finanzcrash von 2008 wiederum führte zu einer brutalen Kürzung der Investitionen in die Erforschung neuer Krankheiten, in medizinische Ausrüstung und Behandlung, was die tödlichen Auswirkungen des Coronavirus exponentiell erhöhte. Dies wurde wiederum verschärft durch die massiven Angriffe auf das Gesundheitswesen (Kürzung der Bettenzahlen und des Personals usw.), das durch die Pandemie völlig überfordert wurde. Und die Verschärfung des Wettbewerbs "Jeder für sich" zwischen Unternehmen sowohl wie zwischen Nationen weltweit hat die Bereitstellung von Sicherheitsmaterial und Impfungen stark verzögert. Und auch entgegen den utopischen Hoffnungen gewisser Teile der herrschenden Klasse wird die Pandemie nicht zu einer harmonischeren Weltordnung führen, wenn sie erst einmal in Schach gehalten ist. Nicht nur, weil diese Pandemie wahrscheinlich nur ein Warnzeichen für noch schlimmere Pandemien ist, die noch kommen werden, da die grundlegenden Bedingungen, die sie hervorgebracht haben, von der Bourgeoisie nicht angegangen werden können, sondern auch, weil die Pandemie eine weltwirtschaftliche Rezession, die sich schon vor der Pandemie abzeichnete, erheblich verschlimmert hat. Das Ergebnis wird das Gegenteil von Harmonie sein, da die nationalen Wirtschaften versuchen werden, sich im Kampf um schwindende Märkte und Ressourcen gegenseitig die Kehle durchzuschneiden. Dieser verschärfte Wettbewerb wird sich sicherlich auch auf militärischer Ebene äußern. Und die "Rückkehr zur Normalität" des kapitalistischen Wettbewerbs wird neue Lasten auf die Schultern der Ausgebeuteten der Welt legen, die die Hauptlast der Bemühungen des Kapitalismus tragen müssen, einen Teil der gigantischen Schulden wieder einzutreiben, die er durch seine Versuche, die Krise zu bewältigen, ausgegeben hat.
5. Kein Staat kann vorgeben, ein Modell für den Umgang mit der Pandemie zu sein. Wenn es einigen Staaten in Asien anfangs gelungen ist, effizienter mit ihr umzugehen (wobei Länder wie China die Zahlen und die Wirklichkeit des wahren Ausmaßes der Pandemie frisiert haben), so liegt das an ihrer Erfahrung im Umgang mit Pandemien auf sozialer und kultureller Ebene, da dieser Kontinent historisch gesehen den Boden für die Entstehung neuer Krankheiten bot, und vor allem daran, dass diese Staaten die während der SARS-Epidemie im Jahr 2003 geschaffenen Mittel, Institutionen und Koordinationsverfahren beibehalten haben. Die Ausbreitung des Virus auf Weltebene, die internationale Bildung neuer Varianten, stellen gerade das Problem auf der Ebene dar, auf der die Ohnmacht der Bourgeoisie am deutlichsten zutage tritt, vor allem ihre Unfähigkeit, einheitlich und koordiniert vorzugehen (wie das jüngste Scheitern des Vorschlags, einen Vertrag zum Kampf gegen Pandemien zu unterzeichnen, zeigt) und dafür zu sorgen, dass die gesamte Menschheit den Schutz von Impfstoffen erhält.
6. Die Pandemie, ein Produkt der Zersetzung des Systems, offenbart sich somit als eine gewaltige Kraft zur weiteren Beschleunigung dieser Zerfallsphase. Darüber hinaus bestätigt ihre Auswirkung auf die mächtigste Nation der Erde, die USA, was bereits im Bericht zum 22. Kongress festgestellt wurde: die Tendenz, dass die Auswirkungen des Zerfalls mit verstärkter Kraft in das Herz des kapitalistischen Weltsystems zurückkehren. In der Tat befinden sich die USA jetzt im "Zentrum" des globalen Zerfallsprozesses. Die katastrophale Fehlbehandlung der Covid-Krise durch die populistische Trump-Administration hat sicherlich wesentlich dazu beigetragen, dass die USA die höchsten Todesraten der Welt durch diese Krankheit aufweisen. Gleichzeitig wurde das Ausmaß der Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse in den USA durch die umstrittenen Wahlen im November 2020 und vor allem durch die Erstürmung des Kapitols durch Trump-Anhänger am 6. Januar 2021, angestachelt durch Trump und seine Entourage, offengelegt. Dieses Ereignis zeigt, dass die innere Zerrissenheit der USA die gesamte Gesellschaft durchzieht. Obwohl Trump aus der Regierung verdrängt wurde, bleibt der Trumpismus eine starke, schwer bewaffnete Kraft, die sich sowohl auf der Straße als auch an den Wahlurnen äußert. Und da der gesamte linke Flügel des Kapitals sich hinter dem Banner des Antifaschismus versammelt, besteht die reale Gefahr, dass die Arbeiterklasse in den USA in gewaltsame Konflikte zwischen rivalisierenden Fraktionen der Bourgeoisie verwickelt wird.
7. Die Ereignisse in den USA verdeutlichen auch den fortschreitenden Zerfall der ideologischen Strukturen des Kapitalismus, wobei wiederum die USA "Vorreiter" sind. Der Amtsantritt der populistischen Trump-Administration, der starke Einfluss des religiösen Fundamentalismus, das wachsende Misstrauen gegenüber der Wissenschaft haben ihre Wurzeln in bestimmten Faktoren der Geschichte des amerikanischen Kapitalismus, aber die Entwicklung des Zerfalls und insbesondere der Ausbruch der Pandemie haben alle Arten von irrationalen Ideen in den Mainstream des politischen Lebens gebracht, die genau die völlige Perspektivlosigkeit für die Zukunft widerspiegeln, die die bestehende Gesellschaft bietet.
Insbesondere die USA sind zum Knotenpunkt für die Ausstrahlung von "Verschwörungstheorien" in der gesamten fortgeschrittenen kapitalistischen Welt geworden, vor allem über das Internet und die sozialen Medien, die die technologischen Mittel zur weiteren Untergrabung der Grundlagen jeglicher Vorstellung von objektiver Wahrheit in einem Ausmaß bereitgestellt haben, von dem der Stalinismus und der Nationalsozialismus nur träumen konnten. Verschwörungstheorien, die in verschiedenen Formen auftreten, haben bestimmte gemeinsame Merkmale: die personalisierte Sichtweise über geheime Eliten, die die Gesellschaft aus dem Verborgenen heraus steuerten, eine Ablehnung wissenschaftlicher Methoden und ein tiefes Misstrauen gegenüber allen offiziellen Diskursen. Im Gegensatz zur Mainstream-Ideologie der Bourgeoisie, die die Demokratie und die bestehende Staatsmacht als wahre Repräsentanten der Gesellschaft darstellt, haben die Verschwörungstheorien ihr Gravitationszentrum im Hass auf die etablierten Eliten, einem Hass, den sie gegen das Finanzkapital und die klassische demokratische Fassade des staatskapitalistischen Totalitarismus richten. Das verleitete Vertreter der Arbeiterbewegung in der Vergangenheit dazu, diesen Ansatz als "Sozialismus der Narren" zu bezeichnen (August Bebel, mit Bezug auf den Antisemitismus) – ein Fehler, der vor dem Ersten Weltkrieg noch verständlich war, heute aber gefährlich wäre. Der verschwörungstheoretische Populismus ist kein verzerrter Versuch, sich dem Sozialismus oder irgendetwas, das dem proletarischen Klassenbewusstsein ähnelt, zu nähern. Eine seiner Hauptquellen ist die Bourgeoisie selbst: der Teil der Bourgeoisie, der sich darüber ärgert, gerade aus den elitären inneren Kreisen seiner eigenen Klasse ausgeschlossen zu sein, unterstützt von anderen Teilen der Bourgeoisie, die ihre frühere zentrale Position verloren haben oder dabei sind, sie zu verlieren. Die Massen, die diese Art von Populismus hinter sich herzieht, sind weit davon entfernt, von der Bereitschaft beseelt zu sein, die herrschende Klasse herauszufordern, sondern hoffen, indem sie sich mit dem Kampf um die Macht derjenigen identifizieren, die sie unterstützen, in irgendeiner Weise an dieser Macht teilzuhaben oder zumindest von ihr auf Kosten anderer begünstigt zu werden.
8. Während das Voranschreiten des kapitalistischen Zerfalls neben der chaotischen Zuspitzung der imperialistischen Rivalitäten in erster Linie die Form der politischen Zersplitterung und des Kontrollverlusts der herrschenden Klasse annimmt, bedeutet dies nicht, dass die Bourgeoisie bei ihren Bemühungen, die Gesellschaft zusammenzuhalten, nicht mehr auf den Staatstotalitarismus zurückgreifen könnte. Im Gegenteil, je mehr die Gesellschaft zum Auseinanderbrechen neigt, desto verzweifelter wird das Vertrauen der Bourgeoisie in die zentralisierende Staatsmacht, die das Hauptinstrument dieser machiavellistischsten aller herrschenden Klassen ist. Die Reaktion der Fraktionen der herrschenden Klasse, die dem allgemeinen Interesse des nationalen Kapitals und des Staates gegenüber verantwortlicher gesonnen sind, auf den Aufstieg des Populismus ist ein typisches Beispiel dafür. Die Wahl Bidens, unterstützt durch eine enorme Mobilisierung der Medien, von Teilen des politischen Apparats und sogar des Militärs und der Sicherheitsdienste, drückt diese reale Gegentendenz zur Gefahr der sozialen und politischen Desintegration aus, die am deutlichsten vom Trumpismus verkörpert wird. Kurzfristig können solche "Erfolge" als Bremse gegenüber dem wachsenden sozialen Chaos fungieren. Angesichts der Covid-19-Krise zeigen die beispiellosen Abschottungsmaßnahmen, die als letztes Mittel die unkontrollierte Ausbreitung der Krankheit aufhalten sollen; der massive Rückgriff auf die Staatsverschuldung, um ein Minimum an Lebensstandard in den fortgeschrittenen Ländern zu erhalten; die Mobilisierung wissenschaftlicher Ressourcen, um einen Impfstoff zu finden – das Bedürfnis der Bourgeoisie, das Bild des Staates als Beschützer der Bevölkerung zu bewahren, und ihren Unwilligkeit, angesichts der Pandemie Glaubwürdigkeit und Autorität zu verlieren. Längerfristig führt dieser Rückgriff auf den Staatstotalitarismus aber eher zu einer weiteren Verschärfung der Widersprüche des Systems. Die nahezu Lähmung der Wirtschaft und die Anhäufung von Schulden können kein anderes Ergebnis haben, als die globale Wirtschaftskrise zu beschleunigen, während auf der sozialen Ebene die massive Ausweitung der polizeilichen Befugnisse und der staatlichen Überwachung, die zur Durchsetzung der Lockdown-Gesetze eingeführt wurden – und zwangsläufig zur Rechtfertigung aller Formen von Protest und Dissens verwendet werden –, das Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment zusehends verschärfen, was sich hauptsächlich auf dem antiproletarischen Terrain der "Bürgerrechte" ausdrückt.
9. Der offensichtliche Charakter der politischen und ideologischen Zerfallsprozesse in der führenden Macht der Welt bedeutet nicht, dass die anderen Zentren des Weltkapitalismus in der Lage wären, alternative Festungen der Stabilität zu bilden. Am deutlichsten wird dies wiederum im Fall von Großbritannien, das gleichzeitig von den höchsten Covid-Todesraten in Europa und den ersten Symptomen der selbst zugefügten Wunde des Brexit heimgesucht wird sowie der realen Möglichkeit eines Auseinanderbrechens in seine konstituierenden "Nationen" gegenübersteht. Die aktuellen hässlichen Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und der EU über die Verwendbarkeit und Verteilung von Impfstoffen bieten einen weiteren Beweis dafür, dass der Haupttrend in der globalen bürgerlichen Politik heute in Richtung zunehmender Fragmentierung und nicht in Richtung Einheit angesichts eines "gemeinsamen Feindes" geht. Europa selbst ist von diesen zentrifugalen Tendenzen nicht verschont geblieben, nicht nur in Bezug auf den Umgang mit der Pandemie, sondern auch in Bezug auf die Frage der "Menschenrechte" und der Demokratie in Ländern wie Polen und Ungarn. Es ist bemerkenswert, dass selbst zentrale Länder wie Deutschland, das früher als relativer "sicherer Hafen" politischer Stabilität galt und auf seine wirtschaftliche Stärke bauen konnte, diesmal von einem wachsenden politischen Chaos betroffen ist. Die Beschleunigung des Zerfalls im historischen Zentrum des Kapitalismus ist sowohl durch einen Kontrollverlust als auch durch zunehmende Schwierigkeiten bei der Herstellung politischer Homogenität gekennzeichnet. Auch wenn die EU nach dem Verlust ihrer zweitgrößten Volkswirtschaft nicht unmittelbar von größeren Spaltungen bedroht ist, hängen diese Bedrohungen weiterhin über dem Traum von einem vereinten Europa. Und während die chinesische Staatspropaganda die wachsende Uneinigkeit und Inkohärenz der "Demokratien" hervorhebt und sich selbst als Bollwerk globaler Stabilität präsentiert, ist Pekings zunehmender Rückgriff auf Repression im Innern, wie gegen die "Demokratiebewegung" in Hongkong und die uigurischen Muslime, in Wirklichkeit ein Beweis dafür, dass China eine tickende Zeitbombe ist. Das außergewöhnliche Wachstum Chinas ist selbst ein Produkt des Zerfalls. Die wirtschaftliche Öffnung während der Deng-Periode in den 1980er Jahren mobilisierte riesige Investitionen, vor allem aus den USA, Europa und Japan. Das Tiananmen-Massaker 1989 machte deutlich, dass diese wirtschaftliche Öffnung von einem unflexiblen politischen Apparat durchgesetzt wurde, der nur durch eine Kombination aus Staatsterror, einer rücksichtslosen Ausbeutung der Arbeitskraft, die Hunderte Millionen Arbeiter einem Dauerzustand als Wanderarbeiter unterwirft, und einem rasenden Wirtschaftswachstum, dessen Fundamente nun zunehmend wackelig erscheinen, dem Schicksal des Stalinismus im russischen Block entgehen konnte. Die totalitäre Kontrolle über den gesamten Gesellschaftskörper, die repressive Verhärtung der stalinistischen Fraktion von Xi Jinping, ist kein Ausdruck von Stärke, sondern eine Manifestation der Schwäche des Staates, dessen Zusammenhalt durch die Existenz von Fliehkräften innerhalb der Gesellschaft und wichtigen Cliquenkämpfen innerhalb der herrschenden Klasse gefährdet ist.
10. Im Gegensatz zu einer Situation, in der die Bourgeoisie in der Lage ist, die Gesellschaft für den Krieg zu mobilisieren wie in den 1930er Jahren, ist die Endphase des Weges, des Rhythmus und der Formen der Dynamik des verfaulenden Kapitalismus in Richtung Zerstörung der Menschheit schwieriger vorherzusagen, weil er das Ergebnis einer Konvergenz verschiedener Faktoren ist, von denen einige teilweise verborgen sein können. Das Endergebnis, so betonen die Thesen zum Zerfall, ist dasselbe: „Seiner eigenen Logik und seinen letzten Konsequenzen überlassen, führt [der Kapitalismus] die Gesellschaft zum gleichen Ergebnis wie der Weltkrieg. Ob man brutal von einem thermonuklearen Bombenhagel in einem Weltkrieg ausgelöscht wird oder durch die Umweltverschmutzung, die Radioaktivität der Atomkraftwerke, den Hunger, die Epidemien und die Massaker der verschiedenen kriegerischen Konflikte (in denen auch Atomwaffen eingesetzt werden können) vernichtet wird, läuft letztendlich aufs gleiche hinaus. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Zerstörung besteht darin, daß die erste schneller ist, während die zweite langsamer ist, dafür aber umso mehr Leid verursacht.“ Heute jedoch werden die Konturen dieses Vernichtungstriebes schärfer. Die Folgen der Naturzerstörung durch den Kapitalismus lassen sich immer weniger leugnen, ebenso wie das Versagen der Weltbourgeoisie mit all ihren globalen Konferenzen und Versprechen, sich in Richtung einer "grünen Wirtschaft" zu bewegen, einen Prozess aufzuhalten, der untrennbar mit dem Bedürfnis des Kapitalismus verbunden ist, in seinem konkurrierenden Streben nach dem Akkumulationsprozess jeden letzten Winkel des Planeten zu durchdringen. Die Covid-Pandemie ist wahrscheinlich der bisher bedeutendste Ausdruck dieses tiefgreifenden Ungleichgewichts zwischen Mensch und Natur, aber auch andere Warnzeichen mehren sich, vom Schmelzen des Polareises bis zu den verheerenden Bränden in Australien und Kalifornien und der Verschmutzung der Ozeane durch den Abfall der kapitalistischen Produktion.
11. Gleichzeitig mehren sich die "Massaker der verschiedenen kriegerischen Konflikte", da der Kapitalismus in seiner letzten Phase in ein zunehmend irrationales imperialistisches "Jeder gegen jeden" stürzt. Die zehnjährige Agonie in Syrien, einem Land, das nun durch einen Konflikt, an dem mindestens fünf rivalisierende Lager beteiligt sind, völlig ruiniert ist, ist vielleicht der deutlichste Ausdruck dieses erschreckenden "Haifischbeckens", aber wir sehen ähnliche Erscheinungsformen in Libyen, am Horn von Afrika und im Jemen; Kriege, die durch das Aufkommen regionaler Mächte wie dem Iran, der Türkei und Saudi-Arabien unterstützt und verschlimmert wurden, von denen keiner die Disziplin der globalen Hauptmächte akzeptieren kann: Diese Mächte zweiten oder dritten Ranges können bedingte Bündnisse mit den mächtigsten Staaten schmieden, nur um sich in anderen Situationen als Gegner zu konfrontieren (wie im Fall der Türkei und Russlands im Krieg in Libyen). Die wiederkehrenden militärischen Konfrontationen in Israel/Palästina zeugen ebenfalls von der Unlösbarkeit vieler dieser Konflikte, und in diesem Fall wurde das Abschlachten von Zivilisten durch die Entwicklung einer Pogromstimmung innerhalb Israels selbst verschärft, was die Auswirkungen der Zersetzung sowohl auf militärischer als auch auf sozialer Ebene zeigt. Gleichzeitig beobachten wir eine Verschärfung der Konflikte zwischen den Weltmächten. Die Verschärfung der Rivalitäten zwischen den USA und China war bereits unter Trump zu beobachten, aber die Biden-Administration wird in dieselbe Richtung weitergehen, wenn auch unter anderen ideologischen Vorwänden, wie z.B. Chinas Menschenrechtsverletzungen; gleichzeitig hat die neue Administration angekündigt, dass sie sich nicht mehr vor Russland "wegducken" wird, das nun seinen Stützpunkt im Weißen Haus verloren hat. Und auch wenn Biden versprochen hat, die USA wieder in eine Reihe von internationalen Institutionen und Abkommen einzubinden (zum Klimawandel, zum iranischen Atomprogramm, zur NATO...), bedeutet das nicht, dass die USA auf ihre Fähigkeit verzichten werden, allein zur Verteidigung ihrer Interessen zu handeln. Der Militärschlag gegen proiranische Milizen in Syrien durch die Biden-Administration nur Wochen nach der Wahl war eine klare Aussage in diesem Sinne. Das Streben eines Jeder-für-sich wird es für die Vereinigten Staaten immer schwieriger, wenn nicht gar unmöglich machen, ihre Führungsrolle durchzusetzen – ein Beispiel für die Beschleunigung des Jeder-gegen-jeden in der Zerfallsperiode.
12. Innerhalb dieses chaotischen Bildes steht zweifellos die wachsende Konfrontation zwischen den USA und China tendenziell im Mittelpunkt. Die neue Administration hat damit ihr Bekenntnis zum "Tilt to the East" (zur Neigung nach Osten, jetzt unterstützt von der Tory-Regierung in Großbritannien) demonstriert, die bereits eine zentrale Achse der Außenpolitik Obamas war. Konkretisiert hat sich dies in der Entwicklung der "Quad", einer explizit antichinesischen Allianz zwischen den USA, Japan, Indien und Australien. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir auf die Bildung stabiler Blöcke und einen allgemeinen Weltkrieg zusteuern.
Der Weg zum Krieg wird immer noch durch die starke Tendenz des „Jeder-für-sich“ und Chaos auf imperialistischer Ebene behindert, während der Kapitalismus in den zentralen kapitalistischen Ländern noch nicht über die politischen und ideologischen Elemente verfügt – einschließlich insbesondere einer politischen Niederlage der Arbeiterklasse –, welche die Gesellschaft ‚vereinigen‘ und den Weg zum Weltkrieg ebnen könnten. Die Tatsache, dass wir immer noch in einer im Wesentlichen multipolaren Welt leben, wird insbesondere durch das Verhältnis zwischen Russland und China verdeutlicht. Während Russland sich in bestimmten Fragen sehr willig gezeigt hat, sich mit China zu verbünden, im Allgemeinen in Opposition zu den USA, ist es sich nicht weniger der Gefahr bewusst, sich seinem östlichen Nachbarn unterzuordnen, und ist einer der Hauptgegner von Chinas "Neuer Seidenstraße" in Richtung imperialistischer Hegemonie.
13. Das bedeutet nicht, dass wir in einer Ära größerer Sicherheit lebten als in der Periode des Kalten Krieges, die unter der Bedrohung durch ein nukleares Armageddon litt. Im Gegenteil: Wenn die Phase des Zerfalls durch einen zunehmenden Kontrollverlust der Bourgeoisie gekennzeichnet ist, so gilt dies auch für die enormen Mittel der Zerstörung – nukleare, konventionelle, biologische und chemische –, die von der herrschenden Klasse angehäuft worden und nun über eine weitaus größere Zahl von Nationalstaaten verteilt sind als in der vorangegangenen Periode. Wir sehen zwar keinen kontrollierten Marsch in Richtung Krieg, der von disziplinierten Militärblöcken angeführt würde, aber wir können die Gefahr einseitiger militärischer Ausbrüche oder sogar grotesker Unfälle nicht ausschließen, die eine weitere Beschleunigung des Abgleitens in die Barbarei bedeuten würden.
14. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kapitalismus außerhalb einer Weltkriegssituation ist die Wirtschaft direkt und tiefgreifend von einem Phänomen betroffen – der Covid-19-Pandemie –, das nicht direkt mit den Widersprüchen der kapitalistischen Wirtschaft zusammenhängt. Das Ausmaß und die Bedeutung der Auswirkungen der Pandemie als Produkt der Agonie eines Systems, das sich in völliger Zersetzung befindet und völlig obsolet ist, veranschaulicht die beispiellose Tatsache, dass das Phänomen der kapitalistischen Zersetzung nun auch massiv und in globalem Maßstab die gesamte kapitalistische Wirtschaft betrifft. Dieses Eindringen der Auswirkungen des Zerfalls in die Wirtschaftssphäre wirkt sich direkt auf die Entwicklung der neuen Phase der offenen Krise aus und läutet eine in der Geschichte des Kapitalismus noch nie dagewesene Situation ein. Die Auswirkungen des Zerfalls, welche die Mechanismen des Staatskapitalismus, die bisher zur "Begleitung" und Begrenzung der Auswirkungen der Krise eingerichtet wurden, tiefgreifend verändern, bringen einen Faktor der Instabilität und Zerbrechlichkeit, der wachsenden Unsicherheit in die Situation ein.
Das Chaos, das sich der kapitalistischen Wirtschaft bemächtigt, bestätigt Rosa Luxemburgs Ansicht, dass der Kapitalismus keinen rein ökonomischen Zusammenbruch erleben wird. „Je gewalttätiger das Kapital vermittelst des Militarismus draußen in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nichtkapitalistischer Schichten aufräumt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdrückt, um so mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltbühne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unmöglichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalsherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch ökonomisch auf ihre natürliche selbstgeschaffene Schranke gestoßen ist.“ (Akkumulation des Kapitals, Kapitel 32)
15. Indem die Pandemie ein kapitalistisches System traf, das sich bereits seit Anfang 2018 in einem deutlichen Abschwung befand, konkretisierte sie schnell die Vorhersage des 23. Kongresses der IKS, dass wir auf einen neuen Absturz in die Krise zusteuern.
Die gewaltige Beschleunigung der Wirtschaftskrise – und die Ängste der Bourgeoisie – lassen sich an der Höhe der enormen Schuldenmauer ablesen, die eilig errichtet wurde, um den Produktionsapparat vor dem Bankrott zu bewahren und ein Minimum an sozialem Zusammenhalt zu gewährleisten.
Eine der wichtigsten Erscheinungsformen der Schwere der gegenwärtigen Krise liegt – im Gegensatz zu vergangenen Situationen offener Wirtschaftskrisen und im Gegensatz zur Krise von 2008 – darin, dass die zentralen Länder (Deutschland, China und die USA) gleichzeitig getroffen wurden und zu den am stärksten von der Rezession betroffenen Ländern gehören, in China durch einen starken Rückgang der Wachstumsrate 2020. Die schwächsten Staaten sehen ihre Wirtschaft durch Inflation, den Wertverfall ihrer Währung und Verarmung stranguliert.
Nach vier Jahrzehnten des Rückgriffs auf Kredit und Schulden, um der wachsenden Tendenz zur Überproduktion entgegenzuwirken, unterbrochen von immer tieferen Rezessionen und immer begrenzteren Erholungen, markierte die Krise von 2007-9 bereits einen weiteren Schritt im Abstieg des Kapitalismus in eine irreversible Krise. Während massive staatliche Interventionen das Bankensystem vor dem völligen Ruin bewahren konnten und die Verschuldung in noch schwindelerregendere Höhen trieben, wurden die Ursachen der Krise von 2007-09 nicht überwunden. Die Widersprüche der Krise verschoben sich auf eine höhere Ebene mit einer erdrückenden Schuldenlast für die Staaten selbst. Die Versuche, die Volkswirtschaften wieder anzukurbeln, führten nicht zu einer wirklichen Erholung: Ein seit dem Zweiten Weltkrieg beispielloses Element war, dass abgesehen von den USA, China und in geringerem Maße auch Deutschland die Produktionsniveaus in allen anderen wichtigen Ländern zwischen 2013 und 2018 stagnierten oder sogar sanken. Die extreme Fragilität dieser "Erholung", indem sie alle Voraussetzungen für eine weitere deutliche Verschlechterung der Weltwirtschaft versammelte, nahm die aktuelle Situation bereits vorweg.
Trotz des historischen Ausmaßes der Erholungspläne und weil die Wiederankurbelung der Wirtschaft auf so chaotische Weise erfolgt, ist noch nicht absehbar, wie – und in welchem Ausmaß – es der Bourgeoisie gelingen wird, die Situation zu stabilisieren, da diese von allerlei Ungewissheiten geprägt ist, vor allem hinsichtlich der Entwicklung der Pandemie selbst.
Im Gegensatz zu dem, was die Bourgeoisie 2008 tun konnte, als sie die G7 und die G20, in welchen sich die wichtigsten Staaten zusammengefunden hatten, versammelte und in der Lage war, sich auf eine koordinierte Antwort auf die Kreditkrise zu einigen, reagiert heute jedes nationale Kapital in verzettelter Form, ohne jede andere Sorge als die Wiederbelebung der eigenen Wirtschaftsmaschinerie und ihr Überleben auf dem Weltmarkt, ohne Abstimmung zwischen den Hauptkomponenten des kapitalistischen Systems. ‚Jeder für sich selbst‘ ist entscheidend vorherrschend geworden.
Die offensichtliche Ausnahme des europäischen Konjunkturprogramms, einschließlich der Vergemeinschaftung von Schulden zwischen den EU-Ländern, erklärt sich aus dem Bewusstsein der beiden wichtigsten EU-Staaten, dass ein Minimum an Zusammenarbeit zwischen ihnen notwendig ist, um eine größere Destabilisierung der EU zu vermeiden, um ihren Hauptrivalen China und den USA die Stirn zu bieten, auch auf die Gefahr hin, eine beschleunigte Abwertung ihrer Position in der Weltarena zu riskieren.
Der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit, die Pandemie einzudämmen und die Lähmung der Produktion zu vermeiden, führte zum "Krieg der Masken" und zum "Krieg der Impfstoffe" Der gegenwärtige Krieg der Impfstoffe, die Art und Weise, wie sie hergestellt und verteilt werden, ist ein Spiegel der Zerrissenheit, die die Weltwirtschaft befallen hat.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat die Bourgeoisie alles getan, um eine gewisse Zusammenarbeit zwischen den Staaten aufrechtzuerhalten, indem sie sich insbesondere auf die aus der Zeit der imperialistischen Blöcke geerbten Organe der internationalen Regulierung stützte. Dieser Rahmen der "Globalisierung" ermöglichte es, die Auswirkungen der Phase des Zerfalls auf der wirtschaftlichen Ebene zu begrenzen, indem die Möglichkeit der "Assoziierung" von Nationen in verschiedenen Gebieten der Wirtschaft – Finanzen, Produktion usw. – maximal vorangetrieben wurde.
Mit der Verschärfung der Krise und der imperialistischen Rivalitäten wurden die multilateralen Institutionen und Mechanismen bereits durch die Tatsache auf die Probe gestellt, dass die Hauptmächte zunehmend ihre eigene Politik betrieben, insbesondere China, indem es sein riesiges paralleles Netzwerk, die Neue Seidenstraße, aufbaute, und die USA, die dazu neigten, jenen Institutionen den Rücken zu kehren, weil sie nicht mehr geeignet waren, die vorherrschende Rolle der USA zu erhalten. Der Populismus trat bereits als ein Faktor in Erscheinung, der die schon bedenkliche wirtschaftliche Lage verschlimmerte, indem er ein Element der Unsicherheit angesichts der Auswirkungen der Krise einführte. Seine Machtübernahme in verschiedenen Ländern beschleunigte die Abstumpfung der Mittel, die der Kapitalismus seit 1945 eingesetzt hatte, um ein Abdriften in einen Rückzug hinter nationale Grenzen zu vermeiden, was nur zu einer unkontrollierten 'Ansteckung', d.h. Befeuerung der Wirtschaftskrise führen kann.
Die Entfesselung der Dynamik des „jeder-für-sich“ ergibt sich aus dem durch die Krise verschärften Widerspruch im Kapitalismus zwischen dem immer globaler werdenden Maßstab der Produktion und der nationalen Struktur des Kapitals. Indem er ein wachsendes Chaos innerhalb der Weltwirtschaft hervorruft (mit der Tendenz zur Zersplitterung der Produktionsketten und der Aufteilung des Weltmarktes in regionale Zonen, zur Stärkung des Protektionismus und der Vervielfachung einseitiger Maßnahmen), ist dieser völlig irrationale Zug jeder Nation, sich auf Kosten aller anderen zu retten, kontraproduktiv für jedes nationale Kapital und eine Katastrophe auf Weltebene und ein entscheidender Faktor für die Verschlechterung der gesamten Weltwirtschaft.
Dieses Vorpreschen der "verantwortungsvollsten" bürgerlichen Fraktionen in Richtung eines zunehmend irrationalen und chaotischen Managements des Systems und vor allem das beispiellose Voranschreiten dieser Tendenz hin zu „jedem für sich“, offenbart einen zunehmenden Kontrollverlust der herrschenden Klasse über ihr eigenes System.
16. Als einzige Nation mit einer positiven Wachstumsrate im Jahr 2020 (2 %) ist China nicht als großer Sieger oder gestärkt aus der Pandemiekrise hervorgegangen, auch wenn es auf Kosten seiner Rivalen vorübergehend an Boden gewonnen hat. Ganz im Gegenteil. Die anhaltende Wachstumsverschlechterung seiner Wirtschaft, die weltweit am höchsten verschuldet ist und zudem eine niedrige Auslastung der Kapazitäten und einen Anteil an "Zombie-Unternehmen" von über 30% aufweist, zeugt davon, dass China von nun an nicht mehr in der Lage ist, die Rolle zu spielen, die es in den Jahren 2008-11 bei der Wiederankurbelung der Weltwirtschaft gespielt hat.
China ist konfrontiert mit einer Verkleinerung der Märkte auf der ganzen Welt, mit dem Wunsch zahlreicher Staaten, sich aus der Abhängigkeit von der chinesischen Produktion zu befreien, und mit der Gefahr der Zahlungsunfähigkeit einiger Länder, die in das Projekt der Seidenstraße eingebunden und die am stärksten von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen sind. Die chinesische Regierung verfolgt daher eine Ausrichtung auf die binnenwirtschaftliche Entwicklung des Plans "Made in China 2025" und des Modells des "Doppelten Kreislaufs", das auch darauf abzielt, den Verlust der Auslandsnachfrage durch die Stimulierung der Binnennachfrage zu kompensieren. Dieser politische Neuausrichtung stellt jedoch keine "Hinwendung nach innen" dar, der chinesische Imperialismus wird und kann der Welt nicht den Rücken kehren. Im Gegenteil, das Ziel dieses Wandels ist es, eine nationale Autarkie auf dem Gebiet der Schlüsseltechnologien zu erlangen, um desto mehr in der Lage zu sein, jenseits der eigenen Grenzen an Boden zu gewinnen. Er stellt eine neue Stufe in der Entwicklung ihrer Kriegswirtschaft dar. All dies verursacht mächtige Konflikte innerhalb der herrschenden Klasse, zwischen den Anhängern der Lenkung der Wirtschaft durch die Kommunistische Partei Chinas und denen, die mit der Marktwirtschaft und dem Privatsektor verbunden sind, zwischen den "Planern" der Zentralbehörde und den lokalen Behörden, die die Investitionen selbst lenken wollen. Sowohl in den Vereinigten Staaten (in Bezug auf die "GAFA"-Technologieriesen aus dem Silicon Valley) als auch – noch entschiedener – in China (in Bezug auf Ant International, Alibaba usw.) gibt es eine starke Bewegung des zentralen Staatsapparats hin zur Zerschlagung von Unternehmen, die zu groß (und zu mächtig) werden, um sie zu kontrollieren.
17. Die Folgen der rasenden Umweltzerstörung durch den sich zersetzenden Kapitalismus, die Phänomene der Klimaveränderung und der Zerstörung der Artenvielfalt, führen in erster Linie zu einer weiteren Verelendung der am meisten benachteiligten Teile der Weltbevölkerung (Afrika südlich der Sahara und Südasien) oder derjenigen, die Opfer militärischer Konflikte sind. Aber sie betreffen mehr und mehr alle Volkswirtschaften, an ihrer Spitze die entwickelten Länder.
Wir erleben derzeit die Vervielfachung extremer meteorologischer Phänomene, extrem heftige Regenfälle und Überschwemmungen, große Brände, die durch die Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur (Städte, Straßen, Flussanlagen) zu enormen finanziellen Verlusten in Stadt und Land führen. Diese Phänomene stören das Funktionieren des industriellen Produktionsapparates und schwächen auch die Produktivität der Landwirtschaft. Die globale Klimakrise und die daraus resultierende zunehmende Desorganisation des Weltmarktes für Agrarprodukte bedrohen die Ernährungssicherheit vieler Staaten.
Der sich zersetzende Kapitalismus verfügt nicht über die Mittel, um die globale Erwärmung und die ökologische Verwüstung wirklich zu bekämpfen. Diese wirken sich schon jetzt zunehmend negativ auf die Reproduktion des Kapitals aus und können nur ein Hindernis für die Rückkehr zum Wirtschaftswachstum sein.
Getrieben von der Notwendigkeit, veraltete Schwerindustrien und fossile Brennstoffe zu ersetzen, stellt die "grüne Wirtschaft" keinen Ausweg für das Kapital dar, weder auf der ökologischen noch auf der ökonomischen Ebene. Ihre Produktionsnetzwerke sind nicht grüner und nicht weniger umweltschädlich. Das kapitalistische System ist nicht in der Lage, sich auf eine "Grüne Revolution" einzulassen. Das Vorgehen der herrschenden Klasse in diesem Bereich verschärft unweigerlich die zerstörerische wirtschaftliche Konkurrenz und die imperialistischen Rivalitäten. Das Entstehen neuer und potenziell profitabler Sektoren, wie z.B. die Produktion von Elektrofahrzeugen, könnte bestenfalls bestimmten Teilen der stärkeren Volkswirtschaften zugutekommen, aber angesichts der Grenzen zahlungsfähiger Märkte und der zunehmenden Probleme, auf die der immer massivere Einsatz von Geldschöpfung und Verschuldung stößt, werden sie nicht in der Lage sein, als Lokomotive für die Wirtschaft als Ganzes zu fungieren. Die "Grüne Wirtschaft" ist auch ein privilegiertes Mittel mächtiger ideologischer Mystifikationen über die Möglichkeit, den Kapitalismus zu reformieren, und eine erlesene Waffe gegen die Arbeiterklasse, die Werksschließungen und Entlassungen rechtfertigt.
18. Als Reaktion auf die zunehmenden imperialistischen Spannungen erhöhen alle Staaten ihre militärischen Anstrengungen, sowohl in Bezug auf den Umfang als auch auf die Dauer. Die militärische Spirale dehnt sich auf immer mehr "Konfliktzonen" aus, wie z.B. Cyber-Sicherheit und die zunehmende Militarisierung des Weltraums. Alle Atommächte fahren ihre Atomprogramme diskret wieder hoch. Alle Staaten modernisieren und passen ihre Streitkräfte an.
Dieser irrsinnige Rüstungswettlauf, zu dem jeder Staat durch die Gesetze der interimperialistischen Konkurrenz unrettbar verdammt ist, ist umso irrationaler, als das zunehmende Gewicht der Kriegswirtschaft und der Rüstungsproduktion einen beträchtlichen Teil des nationalen Reichtums absorbiert: Diese gigantische Masse an Militärausgaben im Weltmaßstab bedeutet, auch wenn sie eine Profitquelle für die Waffenhändler darstellt, eine Sterilisierung und eine Zerstörung von Teilen des Gesamtkapitals. Die Investitionen, die bei der Produktion und dem Verkauf von Waffen und Rüstungsgütern realisiert werden, bilden keineswegs den Ausgangspunkt oder die Quelle für die Akkumulation neuer Profite: Einmal produzierte oder erworbene Waffen dienen nur dazu, Tod und Zerstörung zu säen oder in Arsenalen ungenutzt herumzustehen, bis sie veraltet sind und ersetzt werden müssen. Die ökonomischen Auswirkungen dieser völlig unproduktiven Ausgaben "werden für das Kapital katastrophal sein. Angesichts bereits unüberschaubarer Haushaltsdefizite ist die massive Erhöhung der Militärausgaben, die das Anwachsen der zwischenimperialistischen Antagonismen notwendig macht, eine wirtschaftliche Belastung, die den Abstieg des Kapitalismus in den Abgrund nur beschleunigen wird" (Report on the International Situation, in International Review 35 [engl./frz./span. Ausgabe]).
19. Nach Jahrzehnten gigantischer Verschuldung gehen die massiven Liquiditätsspritzen, die in den jüngsten Konjunkturprogrammen enthalten sind, weit über das Volumen früherer Interventionen hinaus. Die Milliarden von Dollar, die durch die amerikanischen, europäischen und chinesischen Pläne freigesetzt wurden, haben die Weltverschuldung auf den Rekordwert von 365% des Welt-BIP gebracht.
Die Verschuldung, die vom Kapitalismus während seiner gesamten Epoche der Dekadenz immer wieder als Linderungsmittel für die Krise der Überproduktion eingesetzt wurde, ist eine Maßnahme, um die Dinge auf Kosten noch schwererer Krämpfe in die Zukunft zu verschieben. Sie hat jetzt ein noch nie dagewesenes Ausmaß angenommen. Seit der Großen Depression hat die Bourgeoisie ihre Entschlossenheit gezeigt, ein System, das zunehmend von der Überproduktion und der schwindenden Verfügbarkeit von Märkten bedroht ist, durch immer raffiniertere Mittel der staatlichen Intervention am Leben zu erhalten, die darauf abzielen, eine umfassende Kontrolle über ihre Wirtschaft auszuüben. Aber sie hat keine Möglichkeit, die wirklichen Ursachen der Krise zu bekämpfen. Selbst wenn es keine feste, vorherbestimmte Grenze für die überstürzte Flucht in die Verschuldung gibt, einen Punkt, an dem eine Fortsetzung unmöglich wird, kann diese Politik nicht unbegrenzt weitergehen, ohne schwerwiegende Auswirkungen auf die Stabilität des Systems infolge der Schuldenlast zu haben, wie die immer häufigeren und ausgedehnteren Krisen des letzten Jahrzehnts zeigen – aber auch, weil sich eine solche Politik, zumindest in den letzten vier Jahrzehnten, als immer weniger effektiv bei der Wiederbelebung der Weltwirtschaft erwiesen hat.
Die Schuldenlast verurteilt das kapitalistische System nicht nur zu immer verheerenderen Konvulsionen (Bankrott von Unternehmen und sogar von Staaten, Finanz- und Währungskrisen usw.), sondern kann auch, indem sie den Spielraum der Staaten, die Gesetze des Kapitalismus zu überlisten, immer mehr einschränkt, ihre Fähigkeit zur Wiederbelebung ihrer jeweiligen Volkswirtschaften nur behindern.
Die Krise, die sich bereits seit Jahrzehnten abzeichnet, wird die schwerste der gesamten Dekadenzperiode werden, und ihre historische Bedeutung wird sogar die erste Krise dieser Epoche, die Krise, die 1929 begann, übertreffen. Nach mehr als 100 Jahren Zuspitzung kapitalistischer Dekadenz, mit einer Wirtschaft, die durch den Militärsektor verwüstet, durch die Auswirkungen der Umweltzerstörung geschwächt, in ihren Reproduktionsmechanismen durch Verschuldung und staatliche Manipulationen tiefgreifend verändert, der Pandemie zum Opfer gefallen ist und zunehmend unter allen anderen Auswirkungen der Zersetzung leidet, ist es eine Illusion zu glauben, dass es unter diesen Bedingungen eine dauerhafte Erholung der Wirtschaft geben wird.
20. Gleichzeitig sollten Revolutionäre nicht der Versuchung erliegen, in eine "katastrophenhafte" Vision einer Weltwirtschaft am Rande des endgültigen Zusammenbruchs zu verfallen. Die Bourgeoisie wird weiterhin bis zum Tode um das Überleben ihres Systems kämpfen, sei es mit direkten wirtschaftlichen Mitteln (wie der Ausbeutung unerschlossener Ressourcen und potenzieller neuer Märkte, typisch für Chinas Projekt der Neuen Seidenstraße) oder politisch, vor allem durch die Manipulation von Krediten und die Missachtung des Wertgesetzes. Das bedeutet, dass es immer noch Phasen der Stabilisierung zwischen den wirtschaftlichen Erschütterungen mit immer schwerer wiegenden Folgen geben kann.
21. Die Rückkehr zu einer Art "Neo-Keynesianismus", die durch die enormen Ausgabenverpflichtungen der Biden-Administration und Initiativen zur Erhöhung der Unternehmenssteuern eingeleitet wurden – wenngleich auch motiviert durch die Notwendigkeit, die bürgerliche Gesellschaft zusammenzuhalten, und durch die ebenso dringende Notwendigkeit, sich den schärfer werdenden imperialistischen Spannungen zu stellen –, zeigt die Bereitschaft der herrschenden Klasse, mit verschiedenen Formen des Wirtschaftsmanagements zu experimentieren, nicht zuletzt, weil die Mängel der in den Thatcher-Reagan-Jahren eingeführten neoliberalen Politik unter dem Licht der Pandemiekrise stark zutage getreten sind. Allerdings können solche politischen Veränderungen die Weltwirtschaft nicht davor bewahren, zwischen den beiden Gefahren von Inflation und Deflation, neuen Kreditklemmen und Währungskrisen zu schwanken, die alle zu brutalen Rezessionen führen.
22. Die Arbeiterklasse zahlt einen hohen Preis für die Krise. Erstens, weil sie der Pandemie am unmittelbarsten ausgesetzt ist und die Hauptleidtragende der Ansteckungen ist, und zweitens, weil das Absacken der Wirtschaft die schwersten Angriffe seit der Großen Depression auf allen Ebenen der Arbeits- und Lebensbedingungen entfesselt, obgleich nicht alle Teile der Klasse auf die gleiche Art betroffen sein werden.
Die Vernichtung von Arbeitsplätzen war 2020 viermal so groß wie 2009, aber das volle Ausmaß des bevorstehenden massiven Anstiegs der Massenarbeitslosigkeit ist noch nicht bekannt. Obwohl die öffentlichen Subventionen, die in einigen Ländern an Teilarbeitslose ausgezahlt werden, den sozialen Schock abmildern sollen (in den Vereinigten Staaten zum Beispiel ist das Durchschnittseinkommen der Lohnempfänger im ersten Jahr der Pandemie laut offizieller Statistik sogar gestiegen – zum ersten Mal in der Geschichte des Kapitalismus während einer Rezession –, werden Millionen von Arbeitsplätzen sehr bald verschwinden.
Die exponentielle Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und die allgemeine Senkung der Löhne werden zu einem gigantischen Anstieg der Verarmung führen, von der viele Arbeiter bereits betroffen sind. Die Zahl der Hungeropfer in der Welt hat sich verdoppelt und in den westlichen Ländern gibt es wieder Hunger.
Diejenigen, die noch einen Job haben, müssen mit einer höheren Arbeitsbelastung und einer verschärften Ausbeutungsrate rechnen.
Von den Bemühungen der Bourgeoisie, die wirtschaftliche Situation zu "normalisieren", hat die Arbeiterklasse nichts anderes zu erwarten als Entlassungen und Lohnkürzungen, verschärftem Stress und Angst, drastische Erhöhungen der Sparmaßnahmen auf allen Ebenen, im Bildungswesen sowie bei den Gesundheitsrenten und Sozialleistungen. Kurzum, wir werden eine Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen auf einem Niveau erleben, das keine der Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg bisher erlebt hat.
23. Da die kapitalistische Produktionsweise in ihre Dekadenz eingetreten ist, wächst der Druck, diesen Niedergang mit staatskapitalistischen Maßnahmen zu bekämpfen. Die Tendenz zur Stärkung der staatskapitalistischen Organe und Formen ist jedoch alles andere als eine Stärkung des Kapitalismus; im Gegenteil, sie sind Ausdruck der zunehmenden Widersprüche auf wirtschaftlicher und politischer Ebene. Mit der Beschleunigung des Zerfalls im Gefolge der Pandemie erleben wir auch eine starke Zunahme der staatskapitalistischen Maßnahmen. Diese sind nicht Ausdruck einer größeren staatlichen Kontrolle über die Gesellschaft, sondern vielmehr Ausdruck der wachsenden Schwierigkeiten, die Gesellschaft als Ganzes zu organisieren und ihre zunehmende Tendenz zur Fragmentierung zu verhindern.
24. Die IKS erkannte Anfang der 90er Jahre, dass der Zusammenbruch des Ostblocks und die endgültige Eröffnung der Zerfallsphase dem Proletariat wachsende Schwierigkeiten bereiten würden: Der Mangel an politischer Perspektive, der schon in den 80er Jahren ein zentrales Element der Schwierigkeiten der Klassenbewegung war, wurde durch die ohrenbetäubenden Kampagnen über den Tod des Kommunismus ernsthaft verschärft; in Verbindung damit wurde das Klassenbewusstsein des Proletariats in der neuen Periode stark geschwächt, sowohl durch die atomisierenden und spaltenden Auswirkungen des gesellschaftlichen Zerfalls als auch durch die bewussten Bemühungen der herrschenden Klasse, diese Auswirkungen durch ideologische Kampagnen (das "Ende der Arbeiterklasse") und die "materiellen" Veränderungen, die durch die Politik der Globalisierung herbeigeführt wurden (Auflösung traditioneller Zentren des Klassenkampfes, Verlagerung von Industrien in Regionen der Welt, in denen die Arbeiterklasse nicht den gleichen Grad an historischer Erfahrung hatte usw.), zu verschärfen.
25. Die IKS neigte dazu, die Tiefe und Dauer dieses Rückzugs im Klassenkampf zu unterschätzen und sah oft Anzeichen dafür, dass der Rückfluss kurz vor der Überwindung stünde und wir bald darauf neue internationale Wellen des Kampfes wie in der Periode nach 1968 erleben würden. Im Jahr 2003 sagte die IKS auf der Grundlage neuer Kämpfe in Frankreich, Österreich und anderswo eine Wiederbelebung der Kämpfe durch eine neue Generation von Proletariern voraus, die weniger von den antikommunistischen Kampagnen beeinflusst worden waren und einer zunehmend unsicheren Zukunft gegenüberstehen würden. In hohem Maße wurden diese Vorhersagen durch die Ereignisse von 2006-2007, insbesondere den Kampf gegen den CPE in Frankreich, und von 2010-2011, insbesondere durch die Indignados-Bewegung in Spanien, bestätigt. Diese Bewegungen zeigten Fortschritte auf der Ebene der Solidarität zwischen den Generationen, der Selbstorganisation durch Versammlungen, der Diskussionskultur, der wirklichen Sorge um die Zukunft der Arbeiterklasse und der Menschheit als Ganzer. In diesem Sinne zeigten sie das Potenzial für eine Vereinigung der wirtschaftlichen und politischen Dimensionen des Klassenkampfes. Es dauerte jedoch lange, bis wir die immensen Schwierigkeiten verstanden, mit denen diese neue Generation konfrontiert war, die unter den Bedingungen der Zerfallserscheinungen "aufgewachsen" war, Schwierigkeiten, die das Proletariat daran hinderten, den Rückzug nach 1989 in dieser Zeit umzukehren.
26. Ein Schlüsselelement in diesen Schwierigkeiten war die fortgesetzte Erosion der Klassenidentität. Dies hatte sich bereits in den Kämpfen von 2010/11 gezeigt, insbesondere in der Bewegung in Spanien: Trotz der wichtigen Fortschritte, die auf der Ebene des Bewusstseins und der Organisation gemacht wurden, sah sich die Mehrheit der Indignados eher als "Bürger*innen" denn als Teil einer Klasse, was sie anfällig für die demokratischen Illusionen machte, mit denen Leute wie Democracia Real (der späteren Podemos) hausieren gingen, und später für das Gift des katalanischen und spanischen Nationalismus. In den nächsten Jahren wurde der Rückfluss, der dieser Bewegungen folgte, durch den raschen Aufstieg des Populismus vertieft, der neue Spaltungen in der internationalen Arbeiterklasse schuf – Spaltungen, die nationale und ethnische Gräben ausschlachtete, angeheizt durch die pogromistischen Einstellungen der populistischen Rechten, aber auch politische Spaltungen zwischen Populismus und Anti-Populismus. Überall auf der Welt wuchsen Wut und Unzufriedenheit, die auf ernsthafter materieller Entbehrung und echten Zukunftsängsten beruhten; aber in Ermangelung einer proletarischen Antwort wurde ein Großteil davon in klassenübergreifende Revolten wie die Gelbwesten in Frankreich kanalisiert, in Kampagnen zu einzelnen Themen auf dem bürgerlichen Terrain wie die Klimaproteste, in Bewegungen für Demokratie gegen Diktatur (Hongkong, Weißrussland, Myanmar usw.) oder in das unentwirrbare Geflecht rassischer und sexueller Identitätspolitik, die dazu dienen, die entscheidende Frage der proletarischen Klassenidentität als einzige Grundlage für eine authentische Antwort auf die Krise der kapitalistischen Produktionsweise weiter zu verschleiern. Die Ausbreitung dieser Bewegungen – ob sie nun als klassenübergreifende Revolten oder offen bürgerliche Mobilisierungen auftreten – hat nicht nur für die Arbeiterklasse als Ganzes, sondern auch für die kommunistische Linke selbst, für die Organisationen, die die Verantwortung haben, das Klassenterrain zu definieren und zu verteidigen, erhebliche Schwierigkeiten geschaffen.
Ein deutliches Beispiel dafür war die Unfähigkeit der Bordigisten und der IKT zu erkennen, dass die durch den Polizistenmord an George Floyd im Mai 2020 provozierte Wut sofort in bürgerliche Kanäle umgeleitet wurde. Aber auch die IKS ist angesichts dieser oft verwirrenden Vielzahl von Bewegungen auf wichtige Probleme gestoßen und wird im Rahmen ihrer kritischen Bilanz auf die letzten 20 Jahre Art und Ausmaß der Fehler, die wir in der Zeit vom Arabischen Frühling 2011 über die sogenannten Kerzenscheinproteste in Südkorea bis zu diesen neueren Revolten und Mobilisierungen gemacht haben, ernsthaft untersuchen müssen.
27. Insbesondere die Pandemie hat der Arbeiterklasse erhebliche Schwierigkeiten bereitet:
- Die Mehrheit der Arbeiter*innen erkennt die Realität dieser Krankheit und die realen Gefahren, die durch das Zusammenkommen in großer Zahl entstehen, was die Möglichkeit von Vollversammlungen und Arbeiterdemonstrationen verhindert; das Proletariat ist nicht nur mit der Bourgeoisie konfrontiert, sondern auch und in einem unmittelbareren Sinne mit dem Virus. Im Allgemeinen sind Situationen, in denen Naturkatastrophen eine überragende Rolle spielen, für die Entwicklung des Klassenkampfes nicht förderlich. Die Empörung Voltaires gegen die Natur wegen des Erdbebens von Lissabon ließ sich nicht verallgemeinern. Im Gegensatz zum "sozialen Erdbeben" des Massenstreiks von 1905 in Russland brachte das Erdbeben von 1906 in San Francisco die Sache des Proletariats ebenso wenig voran wie das von 1923 in Tokio.
- Wie immer zögert die Bourgeoisie nicht, die Auswirkungen des Zerfalls gegen die Arbeiterklasse einzusetzen. Während die Lockdowns in erster Linie durch die Einsicht der Bourgeoisie motiviert waren, dass sie keine andere Möglichkeit hatte, die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, wird sie sicherlich die Situation ausnutzen, um die Atomisierung und die Ausbeutung der Arbeiterklasse durchzusetzen, insbesondere durch das neue Modell des "Homeoffice". Dieser neue Schritt in der Atomisierung der arbeitenden Bevölkerung ist eine Quelle wachsenden psychologischen Leidens, besonders unter der Jugend (mit steigenden Suizidraten).
- Ebenso hat die herrschende Klasse die Bedingungen der Pandemie genutzt, um ihre Systeme der Massenüberwachung zu verstärken und neue repressive Gesetze einzuführen, die Proteste und Demonstrationen einschränken, neben zunehmend offener Polizeigewalt gegen alle Ausdrucksformen sozialer Unzufriedenheit.
- Der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit infolge der Kontakteinschränkungen wird weder in dieser Situation noch kurzfristig ein Faktor für die Vereinheitlichung der Arbeiterkämpfe sein, sondern eher die Atomisierung weiter verstärken.
- Obwohl die Lockdowns eine große soziale Unzufriedenheit hervorgerufen haben, hat diese, wenn sie sich offen geäußert hat wie in Spanien im Februar und in Deutschland im April 2021, überwiegend die Form von Protesten "für individuelle Freiheit" angenommen, die für die Arbeiterklasse eine totale Sackgasse sind.
- Ganz allgemein hat die Zeit der Pandemie einen weiteren Aufschwung der "Identitätspolitik" erlebt, in der die Unzufriedenheit mit dem Leben unter dem gegenwärtigen System in einen Strudel aufeinanderprallender Identitäten auf der Grundlage von Rasse, Geschlecht, Kultur usw. aufgesplittert wird, die eine große Bedrohung für die Wiederherstellung der einzigen Identität darstellen, die in der Lage ist, die gesamte Menschheit hinter sich zu vereinen und zu befreien: die proletarische Klassenidentität. Darüber hinaus verbirgt sich hinter diesem Chaos konkurrierender Identitäten, die die gesamte Bevölkerung durchdringen, der Wettbewerb zwischen verschiedenen bürgerlichen Fraktionen von rechts bis links, der die Gefahr in sich birgt, die Arbeiterklasse in neue Formen des reaktionären "Kulturkampfes" und sogar in einen gewaltsamen Bürgerkrieg zu zerren.
28. Trotz der enormen Probleme, vor denen das Proletariat steht, lehnen wir die Vorstellung ab, dass die Klasse bereits im Weltmaßstab besiegt sei oder kurz vor einer solchen Niederlage stehe, die mit der der Konterrevolution vergleichbar wäre, einer Niederlage, von der sich das Proletariat möglicherweise nicht mehr erholen könne. Das Proletariat als ausgebeutete Klasse kann nicht umhin, durch die Schule der Niederlagen zu gehen, aber die zentrale Frage ist, ob das Proletariat bereits so sehr vom unerbittlichen Vormarsch der Zerfallsphase überwältigt worden ist, dass sein revolutionäres Potenzial effektiv untergraben worden ist. Die Einschätzung einer solchen Niederlage in der Zerfallsphase ist eine weitaus komplexere Aufgabe als in der Periode vor dem Zweiten Weltkrieg, als sich das Proletariat offen gegen den Kapitalismus erhoben hatte und durch eine Reihe von schweren Niederlagen zerschlagen wurde, oder in der Periode nach 1968, als das Haupthindernis für den Vorstoß der Bourgeoisie in Richtung eines neuen Weltkriegs die Wiederaufnahme des Kampfes durch eine neue und unbesiegte Generation von Proletarisierten war. Wie wir bereits in Erinnerung gerufen haben, birgt die Zerfallsphase in der Tat die Gefahr, dass das Proletariat einfach nicht reagiert und über einen langen Zeitraum hinweg zermahlen wird – eher ein "Tod durch tausend Stiche" als eine frontale Klassenkonfrontation. Demgegenüber behaupten wir, dass es immer noch genügend Beweise gibt, die zeigen, dass trotz des unzweifelhaften "Voranschreitens" der Zerfallsphase, trotz der Tatsache, dass die Zeit nicht mehr zugunsten der Arbeiterklasse läuft, das Potential für eine tiefgreifende proletarische Wiederbelebung – die zu einer Wiedervereinigung zwischen der ökonomischen und der politischen Dimension des Klassenkampfes führt – nicht verschwunden ist. Das zeigt sich anhand:
- des Fortbestehens wichtiger proletarischer Bewegungen, die in der Zerfallsphase (2006-7, 2010-11, etc.) entstanden sind;
- des Umstandes, dass wir vor der Pandemie einige embryonale und sehr zerbrechliche Anzeichen für ein Wiederaufleben des Klassenkampfes sahen, insbesondere in Frankreich 2019. Und auch wenn diese Dynamik dann durch die Pandemie und die Lockdowns weitgehend blockiert wurde, gab es in mehreren Ländern auch während der Pandemie einige Arbeiterproteste, vor allem zu Fragen der Sicherheit, insbesondere der Hygiene, am Arbeitsplatz.
- Der kleinen, aber bedeutsamen Anzeichen einer unterirdischen Reifung des Bewusstseins, die sich in einem Versuch des globalen Nachdenkens über das Scheitern des Kapitalismus und der Notwendigkeit einer anderen Gesellschaft in einigen Bewegungen zeigte (insbesondere in derjenigen der Indignados 2011), aber auch durch das Auftauchen von jungen Leuten, die nach Klassenpositionen suchen und sich dem Erbe der Kommunistischen Linken zuwenden.
- Noch wichtiger ist, dass die Situation, mit der die Arbeiterklasse konfrontiert ist, nicht mehr dieselbe ist wie nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Beginn der Phase des Zerfalls im Jahr 1989. Damals war es möglich, diese Ereignisse als Beweis für den Tod des Kommunismus und den Sieg des Kapitalismus, für den Beginn einer strahlenden Zukunft für die Menschheit darzustellen. Dreißig Jahre Zerfallsphase haben diese ideologische Täuschung einer helleren Zukunft schwer untergraben, und insbesondere die Pandemie hat die Verantwortungslosigkeit und Fahrlässigkeit aller kapitalistischen Regierungen und die Realität einer von tiefen wirtschaftlichen Spaltungen zerrissenen Gesellschaft aufgedeckt, in der wir keineswegs "alle in einem Boot" sitzen. Im Gegenteil, die Pandemie und der Lockdown haben eher den Zustand der Arbeiterklasse offenbart, sowohl als Hauptopfer der Gesundheitskrise, aber auch als Quelle aller Arbeit und aller materieller Produktion, insbesondere zur Befriedigung der Grundbedürfnisse. Dies kann eine der Grundlagen für eine zukünftige Wiederherstellung der Klassenidentität sein. Und zusammen mit der wachsenden Einsicht, dass der Kapitalismus eine völlig überholte Produktionsweise ist, war dies bereits ein Element für das Auftreten der politisierten Minderheiten, deren Motivation vor allem darin bestand, die dramatische Situation der Menschheit zu verstehen.
- Auf einer breiteren historischen Ebene schließlich hat der Prozess des Zerfalls den assoziierten Charakter der Arbeit im Kapitalismus nicht beseitigt. Dies gilt trotz der durch den Zerfall hervorgerufenen gesellschaftlichen Atomisierung, trotz bewusster Versuche, die Arbeitskraft durch Strategien wie die "Gig Economy" zu fragmentieren, trotz ideologischer Kampagnen, die darauf abzielen, die besser ausgebildeten Teile des Proletariats als "Mittelschicht" darzustellen. Das Kapital mobilisiert weltweit immer mehr Arbeiter*innen, der Prozess der Proletarisierung und damit die Ausbeutung der lebendigen Arbeit geht unvermindert weiter. Die Arbeiterklasse ist heute größer und vernetzter denn je, aber mit dem Fortschreiten des Zerfalls verstärkt sich die soziale Atomisierung und Isolierung. Dies drückt sich auch in den Schwierigkeiten der Arbeiterklasse aus, ihre eigene Klassenidentität zu erfahren. Nur durch die Kämpfe der Arbeiterklasse auf ihrem eigenen Klassenterrain ist sie in der Lage, ihre "assoziierte" Macht zu schaffen, die eine Vorwegnahme der assoziierten Arbeit im Kommunismus ausdrückt. Die Arbeiter werden vom Kapital im Produktionsprozess zusammengeführt, die gemeinsame Arbeit wird unter Zwang realisiert, aber der revolutionäre Charakter des Proletariats bedeutet, diese Verhältnisse in einem kollektiven Kampf dialektisch umzukehren. Die Ausbeutung der gemeinsamen Arbeit wird ‚umgedreht‘ im Kampf gegen die Ausbeutung und für die Befreiung des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit, für eine Gesellschaft, die es versteht, das volle Potenzial der assoziierten Arbeit bewusst zu nutzen.
In diesem Sinne enthält der Abwehrkampf der Arbeiterklasse den Keim der qualitativ höheren gesellschaftlichen Beziehungen, die das Endziel des Klassenkampfes sind – das, was Marx die "frei assoziierten Produzenten" nannte. Durch die Assoziation, durch die Zusammenführung aller seiner Bestandteile, Fähigkeiten und Erfahrungen kann das Proletariat mächtig werden, kann es der immer bewusstere und geeintere Kämpfer für und Vorbote einer befreiten Menschheit werden.
29. Trotz der Tendenz, dass der Prozess des Zerfalls auf die Wirtschaftskrise reagiert, bleibt diese auch in der gegenwärtigen Phase der "Verbündete des Proletariats". Wie es die Thesen zum Zerfall ausdrücken: "Aber darüber hinaus, und das ist das Element, das in letzter Instanz die Entwicklung der Weltlage bestimmt, bildet derselbe Faktor, der sich am Anfang der Entwicklung des Zerfalls befindet, den wesentlichen Ansporn für den Kampf und die Bewußtwerdung der Klasse, die eigentliche Bedingung für ihre Fähigkeit, dem ideologischen Gift der gesellschaftlichen Fäulnis zu widerstehen. Denn auch wenn das Proletariat kein Terrain findet, um die Teilkämpfe gegen die Auswirkungen des Zerfalls zu vereinen, bildet sein Kampf gegen die direkten Auswirkungen der Krise die Grundlage für die Weiterentwicklung seiner Klassenstärke und Einheit. (...) Dies ist so, weil:
- die ökonmischen Attacken (Lohnsenkungen, Entlassungen, Verschärfung der Arbeitshetze, etc.) im Gegensatz zu den Auswirkungen des Zerfalls (z.B. die Umweltverschmutzung, die Drogensucht, die Unsicherheit usw.), die relativ unterschiedslos alle Gesellschaftsschichten erfassen und einen günstigen Nährboden für klassenübergreifende Kampagnen und Mystifikationen bilden (wie Ökologie, Anti-AKW-Bewegungen, antirassistische Mobilisierungen usw.), direkt aus der Krise herrühren, die ganz spezifisch das Proletariat (das heißt, die Mehrwert produzierende und auf diesem Terrain das Kapital konfrontierende Klasse) betrifft;
- die Wirtschaftskrise im Gegensatz zum gesellschaftlichen Zerfall, der hauptsächlich den Überbau betrifft, ein Phänomen ist, das direkt die Infrastruktur der Gesellschaft selbst ergreift, auf denen dieser Überbau ruht; daher stellt die Krise die ultimativen Ursachen der gesamten Barbarei bloß, unter der die Gesellschaft leidet, und ermöglicht somit der Arbeiterklasse, sich der Notwendigkeit einer radikalen Umwälzung dieses Systems bewußt zu werden, ohne zu versuchen, einige Teilaspekte zu verbessern." (These 17)
30. Folglich müssen wir jede Tendenz zurückweisen, die Bedeutung der "defensiven", ökonomischen Kämpfe der Klasse herunterzuspielen, was ein typischer Ausdruck der modernistischen Anschauung ist, die die Klasse nur als eine ausgebeutete Kategorie und nicht gleichermaßen als historische, revolutionäre Kraft sieht. Es ist natürlich richtig, dass der ökonomische Kampf allein die Folgen der Verwesung nicht aufhalten kann: Wie es in den Thesen zum Zerfall heißt: "Um der Bedrohung ein Ende zu machen, die der Zerfall darstellt, reicht der Widerstand der Arbeiter gegen die Folgen der Krise nicht mehr aus: allein die kommunistische Revolution kann solch einer Gefahr beikommen." Aber es ist ein großer Fehler, die ständige, dialektische Wechselwirkung zwischen den ökonomischen und politischen Aspekten des Kampfes aus den Augen zu verlieren, wie Rosa Luxemburg in ihrer Arbeit über den Massenstreik von 1905 betonte; und wiederum in der Hitze der deutschen Revolution von 1918/19, als die "politische" Dimension offen zutage trat, bestand sie darauf, dass das Proletariat immer noch seine ökonomischen Kämpfe als einzige Grundlage für die Organisierung und Vereinigung als Klasse entwickeln müsse. Es wird die Kombination eines erneuerten Verteidigungskampfes auf einem Klassenterrain sein, der auf die objektiven Grenzen der sich zersetzenden bürgerlichen Gesellschaft stößt und durch die Intervention der revolutionären Minderheit befruchtet wird, die es der Arbeiterklasse ermöglichen wird, eine notwendige umfassende proletarische Politisierung zu erreichen – um ihre revolutionäre Perspektive wiederzuerlangen und die Menschheit aus dem Albtraum des sich zersetzenden Kapitalismus herauszuführen.
31. In einer ersten Phase wird die Wiederentdeckung der Klassenidentität und der Kampfbereitschaft der Klasse eine Form des Widerstands gegen die zersetzenden Auswirkungen des kapitalistischen Zerfalls darstellen – ein Bollwerk gegen die weitere Zersplitterung und Spaltung der Arbeiterklasse ihrer selbst. Ohne die Entwicklung des Klassenkampfes neigen solche Phänomene wie die Zerstörung der Umwelt und die Ausbreitung des militärischen Chaos dazu, Gefühle der Ohnmacht und den Rückgriff auf falsche Lösungen wie Ökologismus und Pazifismus zu verstärken. Aber in einem weiter entwickelten Stadium des Kampfes, wenn eine revolutionäre Situation herangereift ist, kann die Realität dieser Bedrohungen für das Überleben der Spezies zu einem Faktor der Einsicht werden, dass der Kapitalismus tatsächlich die Endphase seines Niedergangs erreicht hat und dass die Revolution der einzige Ausweg ist. Insbesondere die Kriegstreiberei des Kapitalismus – vor allem, wenn die Großmächte direkt oder indirekt daran beteiligt sind – kann ein wichtiger Faktor für die Politisierung des Klassenkampfes sein, da sie sowohl eine sehr konkrete Zunahme der Ausbeutung und der physischen Gefahr mit sich bringt als auch eine weitere Bestätigung dafür, dass die Gesellschaft vor der folgenschweren Wahl zwischen Sozialismus und Barbarei steht. Aus Faktoren der Demobilisierung und Verzweiflung können diese Bedrohungen die Entschlossenheit des Proletariats stärken, dieses sterbende System zu beseitigen.
"Auch kann das Proletariat in der Zukunft nicht darauf hoffen, die Schwächung, die der Zerfall in der Bourgeoisie selbst bewirkt, zu seinen Gunsten auszunutzen. In dieser Periode muß es sein Ziel sein, den schädlichen Auswirkungen des Zerfalls in seinen eigenen Reihen zu trotzen, indem es nur auf seine eigenen Kräfte zählt, auf seine Fähigkeit baut, sich kollektiv und solidarisch für die Verteidigung seiner Interessen als ausgebeutete Klasse einzusetzen (selbst wenn die Propaganda der Revolutionäre ständig die Gefahren des Zerfalls unterstreichen muß). Nur in der vorrevolutionären Periode, d.h. wenn das Proletariat zur Offensive übergegangen ist, wenn es sich direkt und offen im Kampf für seine eigenen historische Perspektive engagiert, kann es bestimmte Effekte des Zerfalls, insbesondere den Zerfall der bürgerlichen Ideologie und der Kräfte der kapitalistischen Macht, als Hebel benutzen und gegen das Kapital wenden." (Thesen zum Zerfall)
In gewisser Weise "befindet sich die Kommunistische Linke heute in einer ähnlichen Situation wie in den 1930er Jahren, in dem Sinne, dass sie gezwungen ist, eine neue und beispiellose historische Situation zu verstehen." (Resolution zur Internationalen Lage [54], 13. Kongress der IKS, International Review Nr. 97 (engl./frz./span. Ausgabe), 1999)
Diese Beobachtung, zutreffender denn je, würde intensive Debatten zwischen den Organisationen des proletarischen politischen Milieus erfordern, um die Bedeutung der Covid-19-Krise in der Geschichte des Kapitalismus und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu analysieren. Angesichts der rasanten Entwicklung der Ereignisse wirken die Gruppen des proletarischen politischen Milieus jedoch völlig hilflos und entwaffnet: Statt die marxistische Methode als lebendige Theorie zu begreifen, reduzieren sie sie auf ein invariantes Dogma, in dem der Klassenkampf als unveränderliche Wiederholung ewig gültiger Schemata gesehen wird, ohne zeigen zu können, was nicht nur fortbesteht, sondern sich auch verändert hat. So ignorieren die bordigistischen oder rätistischen Gruppen hartnäckig den Eintritt des Systems in seine Phase der Dekadenz. Auf der anderen Seite lehnt die Internationale Kommunistische Tendenz (IKT) die Zerfallsphase als katastrophistische Sichtweise ab und beschränkt ihren Erklärungswert auf die Binsenweisheit, dass der Profit für die Pandemie verantwortlich sei, und die illusorische Vorstellung, dass diese nur ein anekdotisches Ereignis, eine Zwischenstation, in den Angriffen der Bourgeoisie zur Maximierung ihrer Profite sei. Diese Gruppen des proletarischen politischen Milieus begnügen sich damit, die Schemata der Vergangenheit zu wiederholen, ohne die spezifischen Umstände, den Zeitpunkt und die Auswirkungen der Pandemie zu analysieren. Infolgedessen ist ihr Beitrag zur Beurteilung des Kräfteverhältnisses zwischen den beiden antagonistischen Klassen in der Gesellschaft, der Gefahren oder Chancen für die Klasse und ihre Minderheiten sehr dürftig.
Ein dezidiert marxistischer Ansatz ist umso notwendiger, als das Misstrauen gegenüber dem offiziellen Diskurs derzeit zum Aufkommen zahlreicher trügerischer und fantastischer "alternativer Erklärungen" der Ereignisse führt. Verschwörungstheorien, eine fantasievoller als die andere, tauchen auf und werden von Millionen von Anhängern geteilt: Die Pandemie und heute die massenhafte Impfung seien Machenschaften der Chinesen, um ihre Vorherrschaft zu sichern, ein Komplott der Weltbourgeoisie zur Kriegsvorbereitung oder zur Umstrukturierung der Weltwirtschaft, eine Übernahme durch eine geheime Internationale der Virologen oder eine nebulöse Weltverschwörung der Eliten (unter der Leitung von Soros oder Gates), ... Diese allgemeine Atmosphäre verursacht sogar eine Desorientierung des politischen Milieus, einen regelrechten "Corona-Blues".
Für die IKS ist der Marxismus „eine lebendige Gedankenwelt, für die jedes bedeutsame historische Ereignis eine Gelegenheit zur Bereicherung darstellt. (…) Die revolutionären Organisationen und Militanten tragen die besondere und fundamentale Verantwortung, dieses Bemühen um einen Denkprozeß mit Herzblut auszuführen und, wie unsere Ahnen Lenin, Luxemburg, die Italienische Fraktion der Internationalen Kommunistischen Linken (BILAN), die Kommunistische Linke Frankreichs usw., gleichzeitig vorsichtig und kühn vorwärtszuschreiten:
indem sie sich fest auf die Errungenschaften der marxistischen Grundlagen stützen,
indem sie die Wirklichkeit ohne Scheuklappen untersuchen und indem sie die Gedankenwelt "ohne Verbote und ohne Ächtung" (BILAN) zur Entfaltung verhelfen.
Angesichts solcher historischen Ereignisse ist es besonders wichtig, daß die Revolutionäre in der Lage sind, die veralteten von den nach wie vor gültigen Analysen unterscheiden, um eine doppelte Klippe zu umschiffen: entweder sich in seiner Verknöcherung einzuschließen oder "das Kind mit dem Bade auszuschütten".“ (Orientierungstext: Militarismus und Zerfall [55], Internationale Revue Nr. 13, 1991)
Deshalb zwang die Covid-19-Krise die IKS, die herausragenden Elemente dieses wichtigen Ereignisses in den Rahmen des Zerfalls zu setzen, den die Organisation vor mehr als 30 Jahren zum Verständnis der Entwicklung des Kapitalismus entwickelt hatte. Dieser Rahmen wird in der Resolution zur internationalen Lage [56] des 23. Internationalen Kongresses der IKS (2019) deutlich in Erinnerung gerufen: „Vor dreißig Jahren betonte die IKS die Tatsache, dass das kapitalistische System in die letzte Phase seiner Dekadenzzeit, die seines Zerfalls eingetreten war. Diese Analyse basierte auf einer Reihe von empirischen Fakten, bot aber gleichzeitig einen Rahmen für das Verständnis dieser Fakten: „Doch die Geschichte bleibt in solch einer Situation, in der die beiden fundamentalen - und antagonistischen - Klassen der Gesellschaft aufeinanderprallen, ohne ihre eigene Antwort durchsetzen zu können, nicht stehen. Noch weniger als in den anderen vorhergehenden Produktionsweisen ist im Kapitalismus eine Stagnation, ein ‘Einfrieren’ des gesellschaftlichen Lebens möglich. Während die Widersprüche des krisengeschüttelten Kapitalismus sich noch weiter zuspitzen, führen die Unfähigkeit der Bourgeoisie, der gesamten Gesellschaft irgendeine Perspektive anzubieten, und die Unfähigkeit des Proletariats, die seinige offen zu behaupten, zum Phänomen des allgemeinen Zerfalls, zur Fäulnis der Gesellschaft bei lebendigem Leib.“ (Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], Punkt 4, Internationale Revue Nr. 13, 1991).
Unsere Analyse hat die beiden Bedeutungen des Begriffs „Zerfall“ sorgfältig geklärt; einerseits gilt er für ein Phänomen, das die Gesellschaft betrifft, insbesondere in der Zeit der Dekadenz des Kapitalismus, und andererseits bezeichnet er eine bestimmte historische Phase dieser Phase, ihre Endphase: „(...) so ist es auch unverzichtbar, den grundlegenden Unterschied zwischen den Zerfallselementen, die den Kapitalismus seit Anfang des Jahrhunderts erfaßt haben, und dem allgemeinen Zerfall herauszustellen, in den dieses System gegenwärtig versinkt und der sich noch verschlimmern wird. Neben dem streng quantitativen Aspekt erreicht das Phänomen des gesellschaftlichen Zerfalls heute solch ein Ausmaß und solch eine Tiefe, daß eine neue und einzigartige Qualität erlangt wird, die den Eintritt des Kapitalismus in eine besondere Phase, in die ultimative Phase seiner Geschichte manifestiert, eine Phase, in welcher der Zerfall ein, wenn nicht gar der entscheidende Entwicklungsfaktor der Gesellschaft sein wird.“ (ebenda Punkt 2)
Vor allem dieser letzte Punkt, die Tatsache, dass der Zerfall tendenziell zum entscheidenden Faktor für die Entwicklung der Gesellschaft und damit aller Komponenten der Weltsituation wird – eine Idee, die von den anderen Gruppen der Kommunistischen Linken keineswegs geteilt wird –, bildet den Schwerpunkt dieser Resolution.“ (Resolution zur internationalen Lage [56], 23. Kongress der IKS, Internationale Revue Nr. 56). In diesem Zusammenhang ist es das Ziel dieses Berichts, die Auswirkungen der Covid-19-Krise auf die Vertiefung der Widersprüche innerhalb des kapitalistischen Systems und die Auswirkungen derselben auf die Vertiefung der Phase des Zerfalls zu bewerten.
1. Die Covid-19 Krise offenbart die Tiefe der Fäulnis des Kapitalismus
Die Pandemie wütet im Herzen des Kapitalismus: Eine erste, eine zweite, schließlich eine dritte Infektionswelle überrollt die Welt und insbesondere die Industrieländer; die Versorgung in den Krankenhäusern droht zusammenzubrechen und man ist gezwungen, immer wieder mehr oder weniger radikale Kontaktbeschränkungen zu verhängen. Nach einem Jahr Pandemie lauten die offiziellen Zahlen, die in vielen Ländern weitgehend unterschätzt werden, mehr als 500.000 Todesfälle in den USA und mehr als 650.000 in der Europäischen Union und Lateinamerika.
In den letzten zwölf Monaten haben sich die Bourgeoisien, nicht nur der peripheren Länder, sondern vor allem der Hauptindustrieländer, trotz dieser Produktionsweise mit ihren unbegrenzten wissenschaftlichen und technologischen Kapazitäten als unfähig erwiesen:
- die Ausdehnung der Pandemie zu verhindern, dann ihren Wiederausbruch durch eine zweite, dritte, .... Welle;
- eine Überforderung der Krankenhäuser zu vermeiden, wie in Italien, Spanien, aber auch in Großbritannien und den USA;
- Techniken und Instrumente zu entwickeln, um die verschiedenen Wellen zu kontrollieren und einzudämmen;
- die Suche nach einem Impfstoff zu koordinieren und zu zentralisieren und eine geplante und gut durchdachte Produktions-, Verteilungs- und Impfpolitik für den gesamten Planeten aufzustellen.
Stattdessen haben sie um die Ergreifung inkohärenter und chaotischer Maßnahmen konkurriert und in ihrer Verzweiflung auf Maßnahmen aus den dunkelsten Zeiten der Geschichte zurückgegriffen, wie Kontaktbeschränkungen, Quarantäne oder Ausgangssperren. Sie verurteilten Hunderttausende von Menschen zum Tode, indem man sich auf die Covid-Patienten für die Aufnahme in überfüllte Krankenhäuser konzentrierte und die Behandlung anderer schwerer Krankheiten aufschob.
Der katastrophale Verlauf der Pandemie ist grundlegend mit dem unerbittlichen Druck der historischen Krise der kapitalistischen Produktionsweise verbunden. Die Auswirkungen der Sparmaßnahmen, die sich seit der Rezession von 2007-2011 noch verschärft haben, der rücksichtslose wirtschaftliche Wettbewerb zwischen den Staaten und die Priorität, die insbesondere in den Industrieländern der Aufrechterhaltung der Produktionskapazitäten zu Lasten der Gesundheit der Menschen im Namen des Primats der Wirtschaft eingeräumt wird, haben das Ausmaß der Pandemie begünstigt und stellen ein dauerhaftes Hindernis für ihre Eindämmung dar. Diese Pandemie ist nicht das Produkt des Schicksals oder der Unzulänglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse oder gesundheitlicher Mittel (wie es in früheren Produktionsweisen der Fall gewesen sein mag); sie kommt auch nicht wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, noch stellt sie eine vorübergehende Erscheinung dar. Sie drückt die grundsätzliche Ohnmacht der untergehenden kapitalistischen Produktionsweise aus, die über die Fahrlässigkeit dieser oder jener Regierung hinausgeht, sondern im Gegenteil auf die Blockierung und Fäulnis der gesamten bürgerlichen Gesellschaft hinweist. Und vor allem zeigt es das Ausmaß dieses seit 30 Jahren andauernden Zerfalls.
1.1. Sein Auftauchen wirft ein Schlaglicht auf 30 Jahre des Zerfalls.
Die Covid-19-Krise ist nicht aus dem Nichts entstanden; sie ist sowohl Ausdruck als auch Ergebnis einer 30-jährigen Zerfallsphase, die eine Tendenz zur Vervielfachung, Vertiefung und immer deutlicheren Konvergenz der verschiedenen Erscheinungsformen des Zerfalls verdeutlicht.
(a) Die Wichtigkeit und Bedeutung der Zerfallsdynamik wurde von der IKS bereits Ende der 80er Jahre analysiert: „Während die Bourgeoisie kein freies Spiel hat, um ihre „Lösung“ durchzusetzen, den generalisierten imperialistischen Krieg, und der Klassenkampf nicht ausreichend entwickelt ist, um eine revolutionäre Perspektive zu verdeutlichen, versinkt der Kapitalismus noch stärker in der Dynamik des Zerfalls, dem Verfaulen am lebendigen Leib, was sich auf allen Ebenen seiner Existenz äußert:
- Verschlechterung der internationalen Beziehungen zwischen den Staaten, was sich durch das Aufblühen des Terrorismus ausdrückt;
- immer wieder technologische und sogenannte Naturkatastrophen;
- Zerstörung der ökologischen Umwelt;
- Hungersnöte, Epidemien, Ausdruck der absoluten Verarmung, die immer mehr um sich greift;
- Explosion der "Nationalitätenkonflikte";
- das Leben der Gesellschaft wird geprägt durch die Zunahme der Kriminalität, der Selbstmorde, des Wahnsinns, individuelle Atomisierung;
- ideologischer Zerfall, gekennzeichnet unter anderem durch die Entwicklung des Mystizismus, des Nihilismus, der Ideologie des "Jeder für sich" usw.“ (Resolution zur Internationalen Lage, 8. Kongress der IKS, 1989, Internationale Revue Nr. 11)
(b) Die Implosion des Sowjetblocks markiert eine spektakuläre Beschleunigung des Prozesses, trotz der Kampagnen, die dies vertuschen wollen. Der Zusammenbruch einer der beiden sich gegenüberstehenden imperialistischen Blöcke von innen heraus, ohne dass dies das Produkt entweder eines Weltkrieges zwischen den Blöcken oder der proletarischen Offensive gewesen wäre, kann nur als ein wesentlicher Ausdruck des Eintritts in die Phase des Zerfalls verstanden werden. Die sich in dieser Implosion manifestierenden Tendenzen des Kontrollverlustes und der Verschärfung des "Jeder für sich" wurden jedoch weitgehend kaschiert und zunächst durch die Wiederbelebung des Ansehens der "Demokratie" aufgrund ihres "Sieges über den Kommunismus" (Kampagnen über den Tod des Kommunismus und die Überlegenheit der demokratischen Regierungsform) konterkariert; dann durch den 1. Golfkrieg (1991), der im Namen der Vereinten Nationen gegen Saddam Hussein geführt wurde und der es Bush Senior ermöglichte, eine "internationale Staatenkoalition" unter Führung der USA durchzusetzen und damit die Tendenz zum Alleingang zu bremsen. Schließlich durch die Tatsache, dass der wirtschaftliche Zusammenbruch infolge der Implosion des Ostblocks nur die ehemaligen Länder des russischen Blocks, einen besonders rückständigen Teil des Kapitalismus, betraf und die Industrieländer weitgehend verschonte.
(c) Zu Beginn des 21. Jahrhunderts äußert sich die Ausbreitung des Zerfalls vor allem in der Explosion des „Jeder für sich“ und des Chaos auf der imperialistischen Ebene. Der Angriff auf die New Yorker Zwillingstürme und das Pentagon durch Al-Qaida am 11. September 2001 und die einseitige militärische Antwort der Bush-Administration öffneten die "Büchse der Pandora" der Zerfallserscheinungen: Mit dem Angriff und der Invasion des Irak im Jahr 2003 unter Missachtung internationaler Konventionen oder Organisationen und ohne die Meinung ihrer wichtigsten "Verbündeten" zu berücksichtigen, wurde die führende Weltmacht vom Polizisten der Weltordnung zur Haupttriebkraft des „Jeder für sich“ und des Chaos. Die Besetzung des Irak, gefolgt vom Bürgerkrieg in Syrien (2011), verschärften die imperialistische Jeder-für-sich-Haltung nicht nur im Nahen Osten, sondern in der ganzen Welt gewaltig. Sie verschärften auch den Trend einer sich abschwächenden Führungsrolle der USA, während Russland wieder Punkte gewonnen hat, insbesondere durch eine "störende", aufwühlende imperialistische Rolle in Syrien, und China als Herausforderer der Supermacht USA rasch aufsteigt.
(d) In den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts steht das quantitative und qualitative Wachstum des Terrorismus, begünstigt durch die Ausbreitung von Chaos und kriegerischer Barbarei in der Welt, als Instrument des Krieges zwischen Staaten im Mittelpunkt. Das hat zur Bildung eines neuen Staates geführt, des "Islamischen Staates" (IS), mit Armee, Polizei, Verwaltung, Schulen, für den der Terrorismus die Waffe der Wahl ist und der eine Welle von Selbstmordattentaten im Nahen Osten, aber auch in den Metropolen der Industrieländer entfesselt hat. „Die Gründung des IS in den Jahren 2013-14 und die Angriffe in Frankreich in den Jahren 2015-16, Belgien und Deutschland im Jahr 2016 stellen einen weiteren Schritt in diesem Prozess dar.“ (Bericht über den Zerfall heute [57], 22. Kongress der IKS, 2017, veröffentlicht in Internationale Revue Nr. 56). Diese Ausbreitung dieses "Kamikaze-Terrorismus“ geht Hand in Hand mit dem Anstieg des irrationalen und fanatischen religiösen Radikalismus auf der ganzen Welt, vom Nahen Osten bis Brasilien, von den USA bis Indien.
(e) 2016-17 zeigen das Brexit-Referendum in Großbritannien und der Aufstieg von Trump in den USA den populistischen Tsunami als besonders markante neue Erscheinungsform des sich vertiefenden Zerfalls. „Der Aufstieg des Populismus ist unter den gegenwärtigen Umständen Ausdruck des zunehmenden Kontrollverlustes der Bourgeoisie über das Funktionieren der Gesellschaft, der sich im Wesentlichen daraus ergibt, was im Kern ihres Zerfalls liegt, der Unfähigkeit der beiden grundlegenden Klassen der Gesellschaft, eine Antwort auf die unlösbare Krise zu geben, in die die kapitalistische Wirtschaft versinkt. Mit anderen Worten, der Zerfall ist im Wesentlichen das Ergebnis der Ohnmacht der herrschenden Klasse, einer Ohnmacht, die in ihrer Unfähigkeit verwurzelt ist, diese Krise in der kapitalistischen Produktionsweise zu überwinden, und die zunehmend dazu neigt, ihren politischen Apparat zu beeinflussen.
Zu den aktuellen Ursachen der populistischen Welle gehören die Hauptmanifestationen des sozialen Zerfalls: der Anstieg von Verzweiflung, Nihilismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, verbunden mit einer wachsenden Ablehnung der „Eliten“ (die „Reichen“, Politiker, Technokraten) und in einer Situation, in der die Arbeiterklasse nicht in der Lage ist, selbst auf embryonale Weise eine Alternative anzubieten.“ (Resolution zur internationalen Lage: imperialistische Spannungen, Leben der Bourgeoisie, Wirtschaftskrise [56], 23. Kongress der IKS, Punkt 4, Internationale Revue Nr. 56) Während diese populistische Welle vor allem die Bourgeoisien der Industrieländer betrifft, so manifestiert sie sich auch in anderen Regionen der Welt in Form der Machtübernahme starker und "charismatischer" Führer (Orban, Bolsonaro, Erdogan, Modi, Duterte, ...) oft mit der Unterstützung von Sekten oder extremistischen Bewegungen religiöser Inspiration (evangelikale Kirchen in Lateinamerika oder in Afrika, Muslimbruderschaft in der Türkei, hinduistische rassistische Identitätsbewegungen im Fall von Modi).
Die Zerfallsphase hat bereits eine 30-jährige Geschichte und der kurze Überblick zeigt, wie sich die Fäulnis des Kapitalismus durch Phänomene ausgebreitet und vertieft hat, die nach und nach immer mehr Aspekte der Gesellschaft erfasst haben und die die Zutaten bilden, die den explosiven Charakter der weltweiten Covid-19 Krise hervorgerufen haben. Es stimmt, dass die Entwicklung dieser Phänomene in den letzten 30 Jahren nicht kontinuierlich war, aber sie fand auf verschiedenen Ebenen statt (ökologische Krise, das imperialistische „Jeder für sich“, Zersplitterung der Staaten, Terrorismus, soziale Unruhen, Verlust der Kontrolle über den politischen Apparat, ideologischer Verfall) und untergrub zunehmend die Versuche des Staatskapitalismus, dieser Dynamik entgegenzuwirken und einen gewissen gemeinsamen Rahmen aufrechtzuerhalten. Doch während die verschiedenen Phänomene eine beachtliche Intensität erreichten, erschienen sie bis dahin als „eine Vermehrung von Symptomen welche ohne offensichtlichen Zusammenhang erschienen war. Dies im Gegensatz zu früheren Perioden kapitalistischer Dekadenz, die von so offensichtlichen Meilensteinen wie dem Weltkrieg oder der proletarischen Revolution definiert und beherrscht wurden.“ (Bericht über die Covid-Pandemie und die Periode des kapitalistischen Zerfalls [58], Juli 2020) Es ist gerade die Bedeutung der Covid-19-Krise, dass sie, wie die Implosion des Ostblocks, in hohem Maße bezeichnend für die Phase der Zersetzung ist, indem sie alle Faktoren der Fäulnis des Systems in sich bündelt und anhäuft.
1.2. Seine Wirkung ergibt sich aus dem Zusammenspiel der von ihm geförderten Zerfallserscheinungen
So, wie es die verschiedenen Erscheinungsformen der Dekadenz (Weltkriege, allgemeine Wirtschaftskrisen, Militarismus, Faschismus und Stalinismus, usw.) gibt, so auch eine Häufung von Erscheinungsformen der Zerfallsphase. Das Ausmaß der Auswirkungen der Covid-19-Krise erklärt sich nicht nur aus dieser Akkumulation, sondern auch aus dem Zusammentreffen der ökologischen, gesundheitlichen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Zerfallserscheinungen in einer noch nie dagewesenen Spirale, die zu einem tendenziellen Kontrollverlust über immer mehr Aspekte der Gesellschaft und zu einem Ausbruch irrationaler Ideologien geführt hat, die für die Zukunft der Menschheit äußerst gefährlich sind.
(a) Covid-19 und Zerstörung der Natur
Die Pandemie ist eindeutig Ausdruck des Bruchs im Verhältnis zwischen Mensch und Natur, der mit der Dekadenz des Systems und insbesondere mit der letzten Phase dieser Dekadenz, dem Zerfall, genauer gesagt mit dem unkontrollierten Wachstum der Städte und der Konzentration (Ausbreitung übervölkerter Elendsviertel) in den Randgebieten des Kapitalismus, der Abholzung der Wälder und dem Klimawandel eine Intensität und eine weltweite Dimension erreicht hat, die zuvor nie erreicht wurde. So wies im Fall von Covid-19 eine aktuelle Studie von Forschern der Universitäten Cambridge und Hawaii sowie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (in der Zeitschrift Science of the Total Environment) darauf hin, dass der Klimawandel in Südchina im vergangenen Jahrhundert die Konzentration von Fledermausarten, die Träger von Tausenden von Coronaviren sind, in der Region begünstigt und die Übertragung von SARS-CoV-2, wahrscheinlich über das Schuppentier, auf den Menschen ermöglicht hat1.
Seit Jahrzehnten führt die unwiederbringliche Zerstörung der Natur zu einer wachsenden Gefahr von Umwelt- und Gesundheitskatastrophen, wie die SARS-, H1N1- und Ebola-Epidemien zeigen, die glücklicherweise nicht zu Pandemien wurden. Doch obwohl der Kapitalismus über die technologische Stärke verfügt, Menschen auf den Mond zu schicken und monströse Waffen zu produzieren, die den Planeten dutzendfach zerstören können, war er nicht in der Lage, die Mittel zur Verfügung zu stellen, um die ökologischen und gesundheitlichen Probleme zu beheben, die zum Ausbruch der Covid-19-Pandemie führten. Der Mensch wird zunehmend von seinem "organischen Körper" (Marx) getrennt, und der gesellschaftliche Zerfall verstärkt diese Tendenz.
(b) Covid-19 und wirtschaftliche Rezession
Gleichzeitig haben Spar- und Umstrukturierungsmaßnahmen in der Forschung und im Gesundheitssystem, die seit der Rezession 2007-2011 verstärkt wurden, die Krankenhauskapazitäten reduziert und die Forschung zu Covid-Viren verlangsamt, wenn nicht sogar gestoppt, obwohl frühere Epidemien Warnzeichen für ihre Gefährlichkeit waren. Andererseits war es während der Pandemie das primäre Ziel der Industrieländer, die Produktionskapazitäten so lange wie möglich aufrechtzuerhalten (und auch Kindertagesstätten, Kindergärten und Grundschulen, damit die Eltern zur Arbeit gehen konnten), wohl wissend, dass Unternehmen und Schulen trotz der getroffenen Maßnahmen (Tragen einer Maske, Abstand halten usw.) eine nicht zu vernachlässigende Quelle der Ansteckung darstellen. Insbesondere während der Kontaktbeschränkungen im Sommer 2020 spielte die Bourgeoisie zynisch mit der Gesundheit der Bevölkerung im Namen des Primats der Ökonomie, das schon immer vorherrschte, auch wenn dies zum Entstehen einer neuen Welle der Pandemie und der Wiederholung der Kontaktbeschränkungen, der Zunahme der Zahl der Krankenhausaufenthalte und der Todesfälle beitragen musste.
(c) Covid-19 und das „Jeder für sich“ auf imperialistischer Ebene
Die wachsende Konkurrenz zwischen den Staaten hat die Ausbreitung der Pandemie von Anfang an stark begünstigt und sogar ihre Ausnutzung für hegemoniale Zwecke gefördert. Erstens trugen die anfänglichen Versuche Chinas, den Ausbruch des Virus zu vertuschen, und seine Weigerung, Informationen an die WHO weiterzugeben, wesentlich zur anfänglichen Ausbreitung der Pandemie bei. Zweitens wurden das Fortbestehen der Pandemie und ihre verschiedenen Wellen sowie die Zahl der Opfer durch die Weigerung vieler Länder begünstigt, ihre Vorräte an Gesundheitsmaterialien mit ihren Nachbarn zu "teilen". Dazu trugen auch das wachsende Chaos in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ländern bei, auch und gerade innerhalb der EU, und der "Impfstoff-Wettlauf" zwischen konkurrierenden Pharmariesen (mit lukrativen Gewinnen für die Gewinner), statt alle verfügbaren medizinischen und pharmakologischen Kompetenzen zu bündeln. Der "Impfstoffkrieg" zwischen den Staaten ist in vollem Gange: So hatte sich die Europäische Kommission zunächst geweigert, die von Pfizer-BioNTech vorgeschlagenen 5 Millionen zusätzlichen Impfstoffdosen zu reservieren – auf Druck Frankreichs, das eine gleichwertige Zusatzbestellung für die französische Firma Sanofi forderte. Der Impfstoff von AstraZeneca/Oxford University ist vorrangig für England reserviert, zum Nachteil von EU-Bestellungen. Darüber hinaus werden chinesische (Sinovac), russische (Sputnik V), indische (BBV152) oder amerikanische (Moderna) Impfstoffe von diesen Staaten als Instrumente imperialistischer Politik weithin instrumentalisiert. Die Konkurrenz zwischen den Staaten und die Explosion des "Jeder für sich" haben das erschreckende Chaos bei der Bewältigung der Pandemiekrise noch verstärkt.
(d) Covid-19 und der Verlust der Kontrolle der Bourgeoisie über ihren politischen Apparat
Der Verlust der Kontrolle über den politischen Apparat war bereits eines der Merkmale, die die Implosion des Ostblocks kennzeichneten, aber er war damals als eine Besonderheit erschienen, die mit dem besonderen Charakter der stalinistischen Regime verbunden war. Die Flüchtlingskrise (2015-16), das Aufkommen sozialer Unruhen gegen die Korruption der Eliten und vor allem die populistische Flutwelle (2016), die in den vorangegangenen Jahrzehnten sicherlich schon vorhanden, aber weniger ausgeprägt waren, haben die Bedeutung dieses Phänomens als Ausdruck des fortschreitenden Zerfalls in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts 2010-2020 unterstrichen. Diese Dimension spielte eine entscheidende Rolle bei der Ausweitung der Covid-19-Krise. Der Populismus und insbesondere populistische Führer wie Bolsonaro, Johnson oder Trump haben die Ausbreitung und die tödlichen Auswirkungen der Pandemie durch ihre „vandalenartige“ Politik begünstigt: Sie haben Covid-19 als einfache Grippe verharmlost, eine inkohärente Umsetzung einer Politik zur Begrenzung der Ansteckungen begünstigt, indem sie offen ihre Skepsis ihr gegenüber zum Ausdruck brachten und jede internationale Zusammenarbeit sabotierten. So hat sich Trump offen über die empfohlenen Hygienemaßnahmen hinweggesetzt, China offen beschuldigt (er sprach vom "chinesischen Virus") und jegliche Zusammenarbeit mit der WHO verweigert.
Dieser "Vandalismus" drückt auf bezeichnende Weise den Kontrollverlust der Bourgeoisie über ihren politischen Apparat aus: Nachdem sie sich zunächst als unfähig erwiesen hatten, die Ausbreitung der Pandemie zu begrenzen, haben es die verschiedenen nationalen Bourgeoisien versäumt, ihre Aktionen zu koordinieren und ein umfassendes System von "Tests" und "Verfolgung und Aufspürung" einzurichten, um neue Wellen der Ansteckung von Covid-19 zu kontrollieren und zu begrenzen. Schließlich verdeutlicht der langsame und chaotische Ablauf der Impfkampagne einmal mehr die Schwierigkeiten des Staates, die Pandemie adäquat zu managen. Die Abfolge von widersprüchlichen und unwirksamen Maßnahmen hat in der Bevölkerung eine wachsende Skepsis und Misstrauen gegenüber den Regierungsrichtlinien geschürt: "Wir können feststellen, dass es den Bürgern im Vergleich zur ersten Welle schwerer fällt, sich an die Empfehlungen zu halten" (D. Le Guludec, Präsident der Haute Autorité de Santé in Frankreich, LMD 800, November 2020). Diese Sorge plagt die Regierungen der Industrieländer (von Macron bis Biden) stark, und sie drängen die Bevölkerung, den Empfehlungen und Richtlinien der Behörden zu folgen.
(e) Covid-19 und Ablehnung von Eliten, irrationale Ideologien oder Aufkommen von Verzweiflung
Populistische Bewegungen sind nicht nur gegen die Eliten gerichtet, sondern fördern auch den Aufstieg nihilistischer Ideologien und das rückschrittlichste religiöse Sektenverhalten, das durch die sich vertiefende Phase des Zerfalls bereits verstärkt wurde. Die Covid-19-Krise hat eine beispiellose Explosion von Verschwörungstheorien und wissenschaftsfeindlichen Ansichten ausgelöst, die die Anfechtung der staatlichen Gesundheitspolitik anheizen. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf, die wildeste Vorstellungen über das Virus und die Pandemie verbreiten. Außerdem haben populistische Führer wie Bolsonaro oder Trump ihre Verachtung für die Wissenschaft offen zum Ausdruck gebracht. Die exponentielle Ausbreitung des irrationalen Denkens und die Infragestellung der wissenschaftlichen Rationalität während der Pandemie ist eine eindrucksvolle Illustration des sich beschleunigenden Zerfalls. Populistische Ablehnung der Eliten und irrationale Ideologien haben dazu geführt, dass staatliche Maßnahmen wie Ausgangssperren und Abriegelungen auf rein bürgerlichem Terrain zunehmend gewaltsam bekämpft werden. Diese eliten- und staatsfeindliche Wut hat das Aufkommen von "vandalenartigen", nihilistischen, staatsfeindlichen Kundgebungen (Dänemark, Italien, Deutschland) oder Aufständen gegen Einschränkungen (mit Rufen wie "Freiheit!", "Für unsere Rechte und unser Leben"), gegen die "Diktatur der Einschränkungen" oder die "Täuschung durch ein Virus, das es nicht gibt", angeregt, wie sie im Januar in Israel, im Libanon, in Spanien und vor allem in vielen niederländischen Städten ausgebrochen sind.
1.3. Eine Bündelung der Auswirkungen in den Zentren des Kapitalismus
Die Auswirkungen der Zerfallsphase trafen zunächst die Peripherie des Systems hart: Länder Osteuropas mit dem Zusammenbruch des Sowjetblocks und Ex-Jugoslawien, Kriege im Nahen Osten, Wiederaufflammen kriegerischer Spannungen in Asien (Afghanistan, Korea, chinesisch-indischer Grenzkonflikt), Hungersnöte, Bürgerkriege, Chaos in Afrika. Das änderte sich mit der Flüchtlingskrise, die eine massive Flut von Asylsuchenden nach Europa brachte, oder mit dem Exodus verzweifelter Bevölkerungsgruppen aus Mexiko und Mittelamerika, die in die USA zu gelangen versuchten, dann mit den dschihadistischen Anschlägen in den USA und im Herzen Europas und schließlich mit dem populistischen Tsunami von 2016. Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist der Kern der Industrieländer zunehmend betroffen und dieser Trend bestätigt sich dramatisch mit der Covid-19-Krise.
Die Pandemie traf das Herz des Kapitalismus, insbesondere die USA, mit voller Wucht. Im Vergleich zur Krise von 1989, der Implosion des Ostblocks, die die Phase des Zerfalls einleitete, besteht ein entscheidender Unterschied gerade darin, dass die Covid-19-Krise nicht einen besonders rückständigen Teil der kapitalistischen Produktionsweise betrifft, dass sie also nicht als Sieg des "demokratischen Kapitalismus" dargestellt werden kann, da sie im Gegenteil durch die Demokratien Europas und die USA das Zentrum des kapitalistischen Systems trifft. Wie ein Bumerang kommen die schlimmsten Auswirkungen des Zerfalls, die der Kapitalismus jahrelang auf die Peripherie des Systems abgewälzt hatte, zurück und treffen die Industrieländer, die nun im Zentrum der Turbulenzen stehen und weit davon entfernt sind, von all ihren Auswirkungen befreit zu sein. Auf diese Auswirkung auf die zentralen Industrieländer hatte die IKS schon hinsichtlich der schrumpfenden Kontrolle des „politischen Spiels“ hingewiesen, vor allem ab 2017. Aber heute stehen die amerikanische, englische, deutsche Bourgeoisie (und ihnen folgend die der anderen Industrieländer) im Zentrum des Wirbelsturms der Pandemie und ihrer Folgen auf der gesundheitlichen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen und ideologischen Ebene.
Unter den zentralen Ländern sind die USA, das mächtigste unter ihnen, am stärksten von der Covid-Krise erfasst: die höchste absolute Zahl an Infektionen und Todesfällen weltweit; eine beklagenswerte Gesundheitssituation; eine unter Trump wie „Vandalen“ handelnde Administration, die die Pandemie katastrophal verwaltete und das Land international von seinen Verbündeten isoliert hat; eine Wirtschaft, die in tiefen Schwierigkeiten steckt; ein Präsident, der die Wahlen diskreditierte, zum Marsch auf das Parlament aufrief, die Spaltung des Landes vertiefte und das Misstrauen gegenüber Wissenschaft und rationalen Daten schürte und als "Fake News" bezeichnete. Heute sind die USA das Epizentrum des Zusammenbruchs.
Wie ist es zu erklären, dass die Pandemie dieses Mal weniger die "Peripherie" des Systems zu treffen scheint (Anzahl der Infektionen sowie Zahl der Todesfälle), und zwar insbesondere Asien und Afrika? Es gibt natürlich eine Reihe von Indizien: Klima, Bevölkerungsdichte oder geografische Isolation (wie die Fälle von Neuseeland, Australien oder Finnland in Europa zeigen), aber auch die relative Zuverlässigkeit der Daten: Zum Beispiel stellt sich die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 im Jahr 2020 in Russland als dreimal höher heraus als die offizielle Zahl (185.000 statt 55.000), wie eine der Vize-Ministerpräsidentinnen, Tatjana Golikowa, aufgrund der Übersterblichkeit einräumt (De Morgen, 29.12.2020).
Grundsätzlich hat die Tatsache, dass Asien und Afrika bereits Erfahrung im Umgang mit Pandemien (H1N1, Ebola) haben, sicherlich zu ihren Gunsten gewirkt. Dann gibt es verschiedene Erklärungen wirtschaftlicher Art (die mehr oder weniger große Dichte an internationalem Austausch und Kontakten, die Wahl von begrenzten Einschränkungen, die eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Tätigkeit ermöglichen), sozialer Art (eine ältere Bevölkerung, von denen Unzählige in "Altersheimen" untergebracht sind), medizinischer Art (eine mehr oder weniger hohe durchschnittliche Lebenserwartung: vgl. Frankreich: 82,4; Vietnam: 76; China: 76,1; Ägypten: 70,9; Philippinen: 68,5; Kongo: 64,7 und die mehr oder weniger große Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten). Darüber hinaus sind und werden die Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas indirekt stark von der Pandemie betroffen sein, durch Verzögerungen bei der Impfung in der Peripherie, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Krise und die Verlangsamung des Welthandels, wie die derzeitige Gefahr einer Hungersnot in Mittelamerika aufgrund der wirtschaftlichen Stagnation zeigt. Schließlich hängt die Tatsache, dass die europäischen Länder und die USA es so weit wie möglich vermeiden, drastische und brutale Einschränkungen und Kontrollen zu verhängen, wie sie in China erlassen wurden, zweifellos auch mit der Vorsicht der Bourgeoisie gegenüber einer desorientierten, aber nicht besiegten Arbeiterklasse zusammen, die nicht bereit ist, sich vom Staat "einsperren" zu lassen. Der Verlust der Kontrolle über den politischen Apparat und die Wut in der Bevölkerung angesichts des Zusammenbruchs des Gesundheitswesens und des Scheiterns der Gesundheitspolitik machen es umso notwendiger, mit Bedacht zu handeln.
2. Die Covid-19-Krise läutet eine starke Beschleunigung des Zerfallsprozesses ein
Angesichts eines proletarischen politischen Milieus, das nach der Leugnung vergangener Zerfallserscheinungen die pandemische Krise als eine vorübergehende Episode betrachtet, muss die IKS im Gegenteil betonen, dass das Ausmaß der Covid-19-Krise und ihre Folgen keine "Rückkehr zur Normalität" ermöglichen werden. Auch wenn die Zuspitzung des Zerfalls, genau wie es bei der Dekadenz der Fall ist, nicht linear verläuft, auch wenn der Abgang des Populisten Trump und die Übernahme der Macht durch Biden in den USA zunächst das Bild einer illusorischen Stabilisierung vermitteln mögen, muss man sich bewusst sein, dass verschiedene Tendenzen, die sich während der Covid-19-Krise manifestiert haben, eine Beschleunigung des Prozesses der Fäulnis und der Zerstörung des Systems darstellen.
2.1. Der verrottende Überbau infiziert nun auch die wirtschaftliche Basis
Im Jahr 2007 kam unsere Analyse noch zu dem Schluss: “Paradoxerweise ist die wirtschaftliche Lage des Kapitalismus am geringfügigsten vom Zerfall beeinträchtigt. Dies verhält sich hauptsächlich deshalb so, weil es gerade diese wirtschaftliche Lage ist, die in letzter Instanz die anderen Aspekte des Lebens dieses Systems bestimmt, einschließlich jener, die sich aus dem Zerfall ergeben. (…) Trotz aller Reden über den „Triumph des Liberalismus" und das „Gesetz des freien Marktes" verzichten die Staaten heute weder auf Interventionen in die Wirtschaft noch auf Strukturen, die die Aufgabe haben, die internationalen Beziehungen wenigstens ansatzweise zu regulieren. Im Gegenteil: in der Zwischenzeit sind weitere Institutionen geschaffen worden, wie beispielsweise die Welthandelsorganisation.“ (Resolution zur internationalen Lage [59], Internationale Revue Nr. 40, 2007) Bisher wurden die wirtschaftliche Krise und der Zerfall durch den Eingriff des Staates getrennt, erstere schien nicht durch den zweiten beeinflusst zu sein.
In der Tat wurden die internationalen Mechanismen des Staatskapitalismus, die im Rahmen der imperialistischen Blöcke (1945-89) eingesetzt wurden, ab den 1990er Jahren auf Initiative der Industrieländer als Linderungsmittel für die Krise und als Schutzschild gegen die Auswirkungen des Zerfalls aufrechterhalten. Die IKS hatte die multilateralen Mechanismen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und eine gewisse Koordinierung der Wirtschaftspolitik nicht als Vereinigung des Kapitals auf Weltebene und auch nicht als Tendenz zum Super-Imperialismus verstanden, sondern als Zusammenarbeit der Bourgeoisien auf internationaler Ebene, um den Markt und die Weltproduktion zu regulieren und zu organisieren, um das Gewicht des Versinkens in der Krise zu verlangsamen und die Auswirkungen der Zerfallseffekte auf den neuralgischen Bereich in der Wirtschaft zu vermeiden und schließlich das Herz des Kapitalismus (USA, Deutschland, ...) zu schützen. Dieser Mechanismus des Widerstands gegen Krise und Zerfall erodierte jedoch mehr und mehr. Seit 2015 haben mehrere Phänomene begonnen, eine solche Erosion zum Ausdruck zu bringen: die Tendenz einer beträchtlichen Schwächung der Koordination zwischen den Ländern, insbesondere in Bezug auf die Erholung der Wirtschaft (und die deutlich im Gegensatz zu der koordinierten Reaktion steht, die angesichts der Krise von 2008-2011 stattfand), eine Fragmentierung der Beziehungen zwischen und innerhalb von Staaten. Seit 2016 haben das Brexit-Votum und die Trump-Präsidentschaft das Risiko der Lähmung und Fragmentierung der
Europäischen Union erhöht und den Handelskrieg zwischen den USA und China, aber auch die wirtschaftlichen Spannungen zwischen den USA und Deutschland verschärft.
Eine wesentliche Konsequenz der Covid-19-Krise ist die Tatsache, dass die Auswirkungen des Zerfalls, der Verschärfung des „Jeder für sich“ und des Kontrollverlusts, die bisher im Wesentlichen den Überbau des kapitalistischen Systems betrafen, nun dazu tendieren, sich direkt auf die ökonomische Basis des Systems auszuwirken, auf seine Fähigkeit, die ökonomischen Erschütterungen beim Versinken in seine historische Krise zu bewältigen. „Bei der Entwicklung unserer Analyse des Zerfalls sind wir davon ausgegangen, dass dieses Phänomen sich sowohl auf die Form der imperialistischen Konflikte (siehe den Artikel Orientierungstext: Militarismus und Zerfall, in der Internationalen Revue Nr. 13) als auch auf das Bewusstsein des Proletariats auswirkt. Demgegenüber waren wir der Ansicht, dass es keine wirklichen Auswirkungen auf die Entwicklung der Krise des Kapitalismus haben würde. Wenn der gegenwärtige Aufstieg des Populismus dazu führen würde, dass diese Strömung in einigen der wichtigsten europäischen Länder an die Macht käme, so würde der Zerfall jedoch auch eine solche Auswirkung entfalten“ (Bericht über den Zerfall heute [57], 22. Kongress der IKS 2017, Internationale Revue Nr. 56, 2020). Tatsächlich ist die im Jahr 2017 erkannte Perspektive schnell zur Realität geworden, und nun müssen wir berücksichtigen, dass sich Wirtschaftskrise und Zerfall zunehmend gegenseitig stören und beeinflussen.
So haben Haushaltsbeschränkungen in der Gesundheitspolitik und der Krankenhausversorgung die Ausbreitung der Pandemie begünstigt, was wiederum zu einem Zusammenbruch des Welthandels und der Volkswirtschaften, insbesondere der Industrieländer, geführt hat (die BIPs der wichtigsten Industrieländer werden im Jahr 2020 so negativ sein wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr). Die wirtschaftliche Rezession wird ihrerseits den weiteren Verfall des Überbaus fördern. Andererseits wird die Verschärfung der Haltung des „Jeder für sich“ und des Kontrollverlustes, welche die Krise um Covid-19 insgesamt kennzeichnen, nun auch die Wirtschaft infizieren. Auffallend ist die fehlende internationale Abstimmung zwischen den zentralen Ländern auf wirtschaftlicher Ebene (kein G7-, G8- oder G20-Treffen im Jahr 2020), und auch die fehlende Koordination der Wirtschafts- und Gesundheitspolitik zwischen den EU-Ländern ist offensichtlich. Angesichts des Drucks der wirtschaftlichen Widersprüche innerhalb der Kernländer des Kapitalismus, angesichts des Zögerns Chinas bezüglich seiner Politik (sich weiter der Welt zu öffnen oder einen nationalistischen strategischen Rückzug nach Asien einzuleiten), werden die Erschütterungen der wirtschaftlichen Basis tendenziell immer stärker und chaotischer werden.
2.2. Die zentralen Länder im Mittelpunkt der wachsenden Instabilität der Beziehungen innerhalb und zwischen den Bourgeoisien
In den vergangenen Jahren haben wir eine Verschärfung der Spannungen innerhalb und zwischen den Bourgeoisien erlebt. Insbesondere mit der Machtübernahme von Trump und der Umsetzung des Brexits hat sich dies auf der Ebene der Bourgeoisien, insbesondere der amerikanischen und englischen, die bisher als die stabilsten und erfahrensten der Welt galten, deutlich geäußert: Die Folgen der Covid-19 Krise können diese Spannungen nur noch weiter verschärfen:
- Die englische Bourgeoisie gerät in den Post-Brexit-Nebel, nachdem sie durch Trumps Niederlage die Unterstützung des großen Bruders USA verloren hat, während sie gleichzeitig die volle Wucht der Folgen der Pandemie zu spüren bekommt. Was den Brexit betrifft, so scheint die Unzufriedenheit mit dem unklaren Abkommen mit der EU sowohl bei denjenigen, die das Abkommen nicht wollten (Schottland, Nordirland), als auch bei denjenigen, die einen harten Brexit wollten (Fischereiindustrie), groß zu sein, während es (noch?) kein Abkommen mit der EU für Dienstleistungen (80 % des Handels) gibt und die Spannungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich wachsen (z.B. wegen Impfstoffen). Was die Covid-19-Krise anbelangt, so musste England in aller Eile umstrukturieren, hat die Marke von 120.000 Todesfällen überschritten und steht unter einem schrecklichen Druck auf seine Gesundheitsdienste. Unterdessen ist es zu großen Spannungen innerhalb ihrer wichtigsten politischen Parteien, der Tories und der Labour Party, die sich beide in einer schweren internen Krise befinden, gekommen.
- Die Verschärfung der Spannungen zwischen den USA und anderen Staaten war unter der Trump-Administration offensichtlich: „Das Vandalen-Verhalten eines Trump, das amerikanische internationale Verpflichtungen über Nacht unter Missachtung etablierter Regeln kündigen kann, stellt einen neuen und starken Faktor der Unsicherheit dar und gibt weitere Impulse zum „Jeder für sich“. Es ist ein weiteres Kennzeichen der neuen Phase, in der der Kapitalismus weiter in die Barbarei und den Abgrund des ungezügelten Militarismus versinkt.“ (Resolution zur internationalen Lage (2019): imperialistische Spannungen, Leben der Bourgeoisie, Wirtschaftskrise [56], Internationale Revue Nr. 56, Punkt 13) Aber auch innerhalb der US-Bourgeoisie selbst sind die Spannungen virulent. Dies zeigte sich bereits in der Strategie, die die Aufrechterhaltung ihrer Vorherrschaft während des katastrophalen Irak-Abenteuers von Bush Junior sicherstellen sollte: "Die Beförderung der so genannten „Neokonservativen" an die Staatsspitze 2001 war ein regelrechtes Desaster für die US-Bourgeoisie. Weshalb hat die führende Bourgeoisie der Welt diese Bande von Abenteurern und Stümpern dazu berufen, ihre Interessen zu vertreten? Was war der Grund für die Blindheit der herrschenden Klasse des stärksten kapitalistischen Landes der Welt? Tatsächlich war die Beauftragung der Bande um Cheney, Rumsfeld und Konsorten mit den Regierungsgeschäften keineswegs eine ebenso simple wie gigantische „Fehlbesetzung" durch die US-Bourgeoisie. Wenn sich die Lage der USA auf dem imperialistischen Terrain noch sichtbarer verschlechtert hat, so ist dies vor allem Ausdruck der Sackgasse, in der sich dieses Land schon zuvor durch den zunehmenden Verlust ihrer Führungsrolle befand, und des allgemein herrschenden „Jeder-für-sich" in den internationalen Beziehungen, das die Zerfallsphase kennzeichnet.“ (Resolution zur internationalen Lage [59], 17. Kongress der IKS, Internationale Revue Nr. 40, 2007) Aber mit Trumps "vandalismusähnlicher" Politik und der Covid-19-Krise scheinen die Widersprüche innerhalb der US-Bourgeoisie viel breiter zu sein (Einwanderung, Wirtschaft), und vor allem scheint die Fähigkeit des politischen Apparats, den Zusammenhalt einer zersplitterten Gesellschaft aufrechtzuerhalten, unterminiert zu sein. In der Tat haben nationale "Einheit" und "Identität" angeborene Schwächen, die sie anfällig für Zerfallstendenzen machen. So die Existenz großer ethnischer und migrantischer ‚Communities‘, die seit den Anfängen der USA unter Rassendiskriminierung leiden und von denen einige vom "offiziellen" Leben ausgeschlossen sind; das Gewicht von Kirchen und Sekten, die irrationales und wissenschaftsfeindliches Denken propagieren, die große Autonomie der Verwaltung der Staaten der "Amerikanischen Union" im Verhältnis zur Bundesmacht (es gibt z.B. eine Unabhängigkeitsbewegung in Texas), der immer deutlicher werdende Gegensatz zwischen den Staaten der Ost- und Westküste (Kalifornien, Oregon, Washington, New York, Massachusetts, etc.), die die Vorteile der "Globalisierung" voll ausschöpfen, und die Bundesstaaten des Südens (Tennessee, Louisiana, etc.), des "Rostgürtels" (Indiana, Ohio, etc.) und des "tiefen Zentrums" (Oklahoma, Kansas, etc.), die eindeutig einen eher protektionistischen Ansatz favorisieren, tendieren zu einer Fragmentierung der amerikanischen Gesellschaft, auch wenn der Bundesstaat noch lange nicht die Kontrolle über die Situation verloren hat. Das Spektakel der Anfechtung des Ablaufs und der Ergebnisse der letzten Präsidentschaftswahlen sowie die "Erstürmung" des Kapitols durch Trumps Anhänger vor den Augen der Weltöffentlichkeit wie in einer Bananenrepublik bestätigen jedoch die Verschärfung dieses Trends zur Zersplitterung.
Im Hinblick auf die zukünftige Verschärfung der Spannungen innerhalb und zwischen den Bourgeoisien sind zwei Punkte zu klären.
(a) Die Machtübernahme Bidens ändert nichts an den Wurzeln der Probleme der USA
Die Amtsübernahme der Biden-Administration bedeutet keineswegs den Abbau der Spannungen zwischen und innerhalb der Fraktionen der Bourgeoisie, und vor allem verschwindet damit nicht die Prägung der Innen- und Außenpolitik durch den Populismus Trumps: Einerseits haben 4 Jahre Unberechenbarkeit und Vandalismus durch Trump, zuletzt im katastrophalen Umgang mit der Pandemie, die innenpolitische Situation der USA, die Fragmentierung der amerikanischen Gesellschaft sowie ihre internationale Positionierung tiefgreifend geprägt. Mehr noch hat Trump in der letzten Phase seiner Präsidentschaft alles getan, um die Situation für seinen Nachfolger noch chaotischer zu machen (vgl. den Brief der letzten 10 Verteidigungsminister, in dem Trump aufgefordert wird, die Armee nicht in die Anfechtung der Wahlergebnisse im Dezember 2020 einzubeziehen, in die Besetzung des Kongresses durch seine Anhänger). Zweitens zeigen Trumps Wahlergebnisse, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung seine Ideen und vor allem seine Abneigung gegen politische Eliten teilt. Schließlich deutet der Einfluss Trumps und seiner Ansichten auf einen Großteil der republikanischen Partei auf eine schwierige Führung für die (außerhalb der politischen Eliten) unpopuläre Biden-Administration hin. Bidens Sieg hat mehr mit einer Anti-Trump-Polarisierung zu tun als mit Begeisterung für das Programm des neuen Präsidenten.
Auch wenn die Biden-Administration auf der formalen Ebene und in bestimmten Bereichen wie der Klimapolitik oder der Einwanderung zum Bruch mit Trumps Politik tendieren wird, so kann ihre Innenpolitik der "Rache" der Eliten – die hauptsächlich an den beiden Küsten wohnen – am "deep America" (die Themen fossile Brennstoffe und "the wall" hängen genau damit zusammen) und ihre Außenpolitik, gekennzeichnet durch die Fortsetzung von Trumps Politik im Nahen Osten und eine Verstärkung der Konfrontation mit China (vergleiche Bidens harte Haltung gegenüber Xi während ihres ersten Telefongesprächs und die Forderung der USA an die EU, ihr Handelsabkommen mit China zu überprüfen) auf lange Sicht nur zu einer Verstärkung der Instabilität innerhalb der US-Bourgeoisie und zwischen den Bourgeoisien anderer Länder führen.
(b) China ist nicht der große Sieger der Situation
Offiziell präsentiert sich China als „das Land, das die Pandemie besiegt hat". Wie sieht die Lage wirklich aus? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die kurzfristigen (effektive Kontrolle der Pandemie) und mittelfristigen Auswirkungen der Covid-19 Krise bewerten.
China trägt eine überwältigende Verantwortung für die Entstehung und Ausbreitung der Pandemie. Nach dem SARS-Ausbruch 2003 wurden Protokolle für lokale Behörden erstellt, um die zentralen Behörden zu warnen. Schon beim Ausbruch der Schweinepest 2019 wurde klar, dass dies nicht funktioniert, weil im stalinistischen Staatskapitalismus lokale Beamte um ihre Karrieren/Beförderungen fürchten, wenn sie schlechte Nachrichten verkünden. Dito zu Beginn des Covid-19 in Wuhan. Es waren die "demokratischen Bürgeroppositionen", die letztlich die Nachrichten veröffentlichten und somit mit Verzögerung die Nachrichten an die Führung in Beijing weiterleiteten. Die "zentrale Ebene" fiel zunächst durch Abwesenheit auf: Sie warnte die WHO nicht, und drei Wochen lang war Xi abwesend, drei wertvolle Wochen gingen verloren. Seitdem weigert sich China immer noch, der WHO überprüfbare Daten über die Entwicklung der Pandemie auf seinem Territorium zu liefern.
Die kurzfristigen Auswirkungen sind in erster Linie indirekt. Die offiziellen Zahlen der Ansteckungen und Todesfälle sind nicht zuverlässig. (Diese reichen von 30.000 bis zu mehreren Millionen) und laut der New York Times ist sich möglicherweise die chinesische Regierung selbst nicht über das Ausmaß der Epidemie bewusst, da die lokalen Behörden aus Angst vor Repressalien seitens der Zentralregierung über die Anzahl der Infektionen, Tests und Todesfälle lügen. Die Verhängung rücksichtsloser und barbarischer Abriegelungen ganzer Regionen, die buchstäblich Millionen von Menschen wochenlang in ihren Häusern einsperren (in den letzten Monaten wurde das wieder regelmäßig praktiziert), legte jedoch die chinesische Wirtschaft für mehrere Wochen völlig lahm und führte zu massiver Arbeitslosigkeit (205 Millionen ab Mai 2020) und katastrophalen Erntefolgen (in Kombination mit Dürren, Überschwemmungen und Heuschreckenplagen). 2020 ist das Wachstum des BIP um mehr als 4 % niedriger als 2019 (+6,1 % zu +1,9 %); der Binnenkonsum wurde durch eine vollständige Freigabe von Krediten durch den Staat aufrechterhalten.
Längerfristig sieht sich die chinesische Wirtschaft mit der Verlagerung strategischer Industrien durch die USA und europäische Länder und den Schwierigkeiten der "Neuen Seidenstraße" konfrontiert, und zwar wegen finanzieller Probleme, die mit der Wirtschaftskrise zusammenhängen und durch die Covid-19 Krise noch verschärft werden (chinesische Finanzierung, aber vor allem der Verschuldungsgrad von "Partner"-Ländern wie Sri Lanka, Bangladesch, Pakistan, Nepal usw.), aber auch wegen des wachsenden Misstrauens vieler Länder und des gegen China gerichteten Drucks der USA. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es im Jahr 2020 zu einem Einbruch des finanziellen Wertes der in das Projekt "Neue Seidenstraße" gesteckten Investitionen kam (-64%).
Die Covid-19-Krise und die Hindernisse, auf die die "Neue Seidenstraße" stößt, haben die Spannungen, die sich an der Spitze des chinesischen Staates immer deutlicher abzeichnen, noch verschärft, zwischen der "ökonomistischen" Fraktion, die vor allem auf wirtschaftliche Globalisierung und "Multilateralismus" setzt, um Chinas kapitalistische Expansion voranzutreiben, und der "nationalistischen" Fraktion, die eine muskulösere Politik fordert und die Stärke ("Es ist China, das Covid besiegt hat") angesichts interner (die Uiguren, Hongkong, Taiwan) und externer Bedrohungen (Spannungen mit den USA, Indien und Japan) betont. Im Hinblick auf den nächsten Volkskongress im Jahr 2022, der den neuen Präsidenten ernennen (oder den alten bestätigen?) soll, ist die Lage in China daher auch besonders instabil.
2.3. Der Staatskapitalismus als Faktor, der die Widersprüche verschärft
"Wie die GCF 1952 festgestellt hat, ist der Staatskapitalismus keine Lösung für die Widersprüche des Kapitalismus, auch wenn er deren Auswirkungen verzögern kann, sondern er ist Ausdruck dieser Widersprüche. Die Fähigkeit des Staates, eine zerfallende Gesellschaft zusammenzuhalten, so eindringlich sie auch sein mag, ist daher dazu bestimmt, im Laufe der Zeit nachzulassen und letztlich zu einem erschwerenden Faktor genau der Widersprüche zu werden, die er einzudämmen versucht. Der Zerfall des Kapitalismus ist die Periode, in der ein wachsender Kontrollverlust der herrschenden Klasse und ihres Staates zum dominierenden Trend der gesellschaftlichen Entwicklung wird, was Covid so dramatisch offenbart.“ (Bericht über die Covid-Pandemie und die Periode des kapitalistischen Zerfalls [58], Juli 2020) Mit der Pandemiekrise kommt der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit eines massiven Interventionismus des Staatskapitalismus, um die Auswirkungen der Krise zu begrenzen, und einer gegenläufigen Tendenz zum Kontrollverlust, zur Fragmentierung, die ihrerseits durch diese Versuche des Staates seine Kontrolle aufrechtzuerhalten, verschärft wird, auf besonders akute Weise zum Ausdruck.
Die Covid-19-Krise stellt vor allem eine Beschleunigung des Glaubwürdigkeitsverlustes des Staatsapparates dar. Während der Staatskapitalismus massiv intervenierte, um die Auswirkungen der Pandemie zu bewältigen (sanitäre Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen, Massenimpfungen, allgemeiner finanzieller Ausgleich zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen, etc.), erwiesen sich die auf den verschiedenen Ebenen ergriffenen Maßnahmen oft als unwirksam oder riefen neue Widersprüche hervor (die Impfung verschärfte die staatsfeindliche Opposition der "Impfgegner", der wirtschaftliche Ausgleich für eine Branche erregte den Unmut anderer). Wenn also der Staat die gesamte Gesellschaft repräsentieren und ihren Zusammenhalt aufrechterhalten soll, wird er von der Gesellschaft immer weniger als solcher anerkannt: Angesichts der wachsenden Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit der Bourgeoisie, die auch in den zentralen Ländern immer deutlicher zutage tritt, besteht die Tendenz, den Staat als eine Struktur im Dienste der korrupten Eliten zu sehen, als eine Kraft der Unterdrückung. Infolgedessen fällt es ihr immer schwerer, Regeln durchzusetzen: In vielen europäischen Ländern wie Italien, Frankreich oder Polen, aber auch in den USA, kam es zu Demonstrationen gegen staatliche Maßnahmen zur Schließung von Betrieben oder gegen Ausgehverbote. Überall, vor allem unter jungen Menschen, entstehen Social-Media-Kampagnen, die sich gegen diese Regeln wenden, wie zum Beispiel der Hashtag "Ich will das Spiel nicht mehr spielen" in Holland.
Die Unfähigkeit der Staaten, damit umzugehen, wird durch die Auswirkungen des populistischen "Vandalismus" sowohl symbolisiert als auch beeinflusst. Die Störung des politischen „Spiels“ der Bourgeoisie in den Industrieländern ist seit Beginn des 21. Jahrhunderts durch populistische Bewegungen und Parteien, die oft der extremen Rechten nahestehen, auffällig. Erinnern wir uns an den überraschenden Einzug von Le Pen in die „Endrunde" der Präsidentschaftswahlen 2002 in Frankreich, den blitzartigen und spektakulären Durchbruch der "Liste Pim Fortuyn" in den Niederlanden 2001-2002, die Berlusconi-Regierungen mit Unterstützung der extremen Rechten in Italien, den Aufstieg von Jörg Haider und der FPÖ in Österreich oder den Aufstieg der Tea Party in den USA. Schon damals verknüpfte die IKS das Phänomen mit der Schwäche der Bourgeoisien: "Sie hängen von der Stärke oder Schwäche der nationalen Bourgeoisie ab. In Italien neigen die Schwächen und inneren Spaltungen der Bourgeoisie, auch aus imperialistischer Sicht, dazu, eine bedeutende populistische Rechte wieder aufleben zu lassen. In Großbritannien hingegen ist die faktische Nichtexistenz einer spezifischen rechtsextremen Partei mit der Erfahrung und überlegenen Beherrschung des politischen Spiels durch die englische Bourgeoisie verbunden." (Rise of the Far Right in Europe: Is There a Fascist Danger Today? [60] International Review Nr. 110 (engl./frz./span. Ausgabe), 2002) Während die Tendenz zum Kontrollverlust tatsächlich weltweit ist und die Peripherie geprägt hat (Länder wie Brasilien, Venezuela, Peru in Lateinamerika, die Philippinen oder Indien in Asien), so trifft sie heute die Industrieländer, die historisch stärksten Bourgeoisien (Großbritannien) und heute vor allem die USA, hart. Während die populistische Welle von der Anfechtung des Establishments profitiert, dezimiert und destabilisiert die Machtübernahme der Populisten durch ihre "vandalismusartige" Politik (vgl. Trump, Bolsonaro, aber auch die "populistische Regierung" M5S und Lega in Italien) die staatlichen Strukturen weiter, insofern sie weder Willens noch in der Lage sind, die Staatsgeschäfte verantwortungsvoll zu übernehmen.
Diese Beobachtungen widersprechen der These, dass die Bourgeoisie durch diese Maßnahmen eine Mobilisierung und Unterwerfung der Bevölkerung im Hinblick auf eine Mobilisierung für einen generalisierten Krieg durchführt. Im Gegenteil, die chaotische Gesundheitspolitik und die Unfähigkeit der Staaten, mit der Situation umzugehen, drücken die Schwierigkeit der Bourgeoisien der zentralen Länder aus, ihre Kontrolle über die Gesellschaft durchzusetzen. Die Zunahme dieser Tendenz kann die Glaubwürdigkeit der demokratischen Institutionen verändern (ohne dass dies im gegenwärtigen Kontext die geringste Verstärkung des Klassenterrains bedeutet) oder im Gegenteil die Entwicklung von Kampagnen zur Verteidigung dieser Institutionen oder sogar zur Wiederherstellung einer "wahren Demokratie" bedeuten: So gab es während des Angriffs auf das Kapitol diejenigen, die die Demokratie zurückfordern wollten, die "von den Eliten als Geisel genommen wurde" ("das Kapitol ist unser Haus"), und diejenigen, die die Demokratie gegen einen populistischen Putsch verteidigten.
Die Tatsache, dass die Bourgeoisie immer weniger in der Lage ist, eine Perspektive für die gesamte Gesellschaft aufzuzeigen, führt auch zu einer beängstigenden Ausbreitung irrationaler alternativer Ideologien und zu einer wachsenden Verachtung einer wissenschaftlichen und begründeten Vorgehensweise. Natürlich ist der Zusammenbruch der Werte der herrschenden Klasse nicht neu. Seit Ende der 1960er Jahre ist dies offensichtlich, aber die Vertiefung von Zersetzung, Chaos und Barbarei hat den Aufstieg von Hass und Gewalt nihilistischer Ideologien und des rückschrittlichsten religiösen Sektierertums gefördert. Die Covid-19-Krise hat zu einem Aufschwung dieser Bewegungen wie QAnon, Wolverine Watchmen, Proud Boys oder der Boogaloo-Bewegung in den USA, evangelikaler Sekten in Brasilien, Lateinamerika oder Afrika, sunnitischer oder schiitischer muslimischer Sekten, aber auch hinduistischer oder buddhistischer Sekten geführt. Sie verbreiten Verschwörungstheorien und völlig abwegige Vorstellungen über das Virus, die Pandemie, den Ursprung (Kreationismus) oder die Zukunft der Gesellschaft. Die exponentielle Ausbreitung des irrationalen Denkens und der Ablehnung der Beiträge der Wissenschaft wird sich tendenziell beschleunigen.
2.4. Die Zunahme gegen den Staat gerichteter Unruhen und klassenübergreifenden Bewegungen
Ausbrüche von Volksaufständen gegen Elend und kriegerische Barbarei waren seit Beginn der Zerfallsphase vorhanden und nehmen im 21. Jahrhundert zu: Argentinien (2001-2002), die französischen Vorstädte 2005, Iran 2009, London und andere englische Städte 2011, der Ausbruch von Unruhen im Maghreb und im Nahen Osten 2011-12 (der "Arabische Frühling"). Eine neue Welle sozialer Unruhen brach aus in Chile, Ecuador oder Kolumbien (2019), im Iran (2017-18 und wieder 2019-20), im Irak, im Libanon (2019-2020), aber auch in Rumänien (2017), Bulgarien (2013 und 2019-2020) oder Frankreich mit der "Gelbwesten"-Bewegung (2018-2019) und, mit spezifischen Ausprägungen, in Ferguson (2014) und Baltimore (2016) in den USA. Diese Revolten spiegelten die wachsende Verzweiflung der Bevölkerungen wider, die unter der Erosion der sozialen Beziehungen leiden und den traumatischen und dramatischen Folgen der Verarmung in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch oder endlosen Kriegen ausgesetzt sind. Sie richten sich auch zunehmend gegen die Korruption der Cliquen an der Macht und ganz allgemein gegen die politischen Eliten.
Im Zuge der Covid-19-Krise häufen sich derartige Wutausbrüche, die sich in Form von Demonstrationen und sogar Ausschreitungen äußern. Sie neigen dazu, sich um drei Pole herum zu kristallisieren:
(a) klassenübergreifende Bewegungen, die die Revolte gegen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Covid-19-Krise zum Ausdruck bringen (z.B. die "Gelbwesten");
(b) identitätsbasierte Bewegungen, die populistischen Ursprungs sind (MAGA) oder sich auf einen Teilaspekt (Einpunktforderung) beschränken und dazu neigen, die Spannungen zwischen Teilen der Bevölkerung zu verschärfen (wie z. B. Rassenrevolten (BLM), aber auch religiös inspirierte Bewegungen – z.B. in Indien – usw.);
(c) Anti-Establishment- und antistaatliche Bewegungen im Namen der "individuellen Freiheit", eines nihilistischen Typs, ohne wirkliche "Alternativen", wie z.B. "Anti-Vax"- oder Verschwörungs-Bewegungen ("Holt meine Institutionen von den Eliten zurück").
Solche Bewegungen führen oft zu Krawallen und Plünderungen und dienen als Ventil für Jugendbanden aus vom Zerfall geplagten Vierteln. Während diese Bewegungen den ernsthaften Verlust der Glaubwürdigkeit der politischen Strukturen der Bourgeoisie aufzeigen, bietet keine von ihnen in irgendeiner Weise eine Perspektive für die Arbeiterklasse. Nicht jede Revolte gegen den Staat ist automatisch ein günstiges Terrain für das Proletariat: Im Gegenteil, sie lenkt es von seinem Klassenterrain auf ein Terrain, das nicht das seine ist.
2.5. Die Ausnutzung der ökologischen Bedrohung durch die Kampagnen der Bourgeoisie
Die Pandemie veranschaulicht die dramatische Verschärfung der Umweltzerstörung, die nach den Erkenntnissen und Prognosen, die inzwischen in wissenschaftlichen Kreisen einhellig akzeptiert werden und die sich die Mehrheit der bürgerlichen Klasse in allen Ländern selbst zu eigen gemacht hat (Pariser Abkommen, 2015), alarmierende Ausmaße annimmt: Verschmutzung der Luft in den Städten und des Wassers in den Ozeanen, Klimawandel mit immer heftigeren meteorologischen Phänomenen, das Voranschreiten der Wüstenbildung und die Beschleunigung des Verschwindens von Pflanzen- und Tierarten, die das biologische Gleichgewicht unseres Planeten zunehmend bedrohen. “All diese wirtschaftlichen und sozialen Katastrophen, die im allgemeinen zwar auf die Dekadenz zurückgehen, bilden mit ihrer Häufung und ihrem Ausmaß die Tatsache ab, daß dieses System sich in einer völlig ausweglosen Lage befindet und dem größten Teil der Weltbevölkerung keine Zukunft anzubieten hat, außer der Zunahme von unvorstellbarer Barbarei. Es ist ein System, dessen Wirtschaftspolitik, Forschungen und Investitionen systematisch auf Kosten der Zukunft der Menschheit und damit auch auf Kosten der Zukunft des Systems an sich verwirklicht werden.“ (Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], Internationale Revue Nr. 13, 1991, Punkt 7)
Die herrschende Klasse ist aufgrund der ureigenen Gesetze des Kapitalismus und insbesondere der Verschärfung der Widersprüche durch das Versinken im Zerfall nicht in der Lage, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Daher kann sich die ökologische Krise nur verschärfen und in Zukunft neue Katastrophen hervorrufen. In den letzten Jahrzehnten hat die Bourgeoisie jedoch die ökologische Dimension zurückgewonnen, um eine Perspektive für "Reformen innerhalb des Systems" zu schaffen. Insbesondere die Bourgeoisien der Industrieländer stellen die "ökologische Transition" und die "grüne Ökonomie" in den Mittelpunkt ihrer aktuellen Kampagnen zur Durchsetzung einer Perspektive der drakonischen Austerität, als Teil ihrer Wirtschaftspolitik nach der Pandemie, zur Restrukturierung und Stärkung der Wettbewerbsposition der Industrieländer. So stehen sie im Mittelpunkt der "Konjunkturprogramme" der Europäischen Kommission für die EU-Länder und des Konjunkturprogramms der Biden-Administration in den USA. Die Ökologie wird also in den kommenden Jahren mehr denn je eine große Mystifikation darstellen, welche von den Revolutionären bekämpft werden muss.
3. Schlussfolgerungen
Dieser Bericht hat gezeigt, dass die Pandemie keine neue Periode einleitet, sondern in erster Linie ein Indikator für den Grad des Zerfalls ist, der während der dreißigjährigen Zerfallsphase erreicht wurde, ein Grad, der bisher oft unterschätzt wurde. Gleichzeitig kündigt die Pandemie auch eine deutliche Beschleunigung verschiedener Zerfallseffekte in der kommenden Zeit an, wie insbesondere die Auswirkungen der Covid-19-Krise auf die staatliche Wirtschaftsführung und ihre verheerenden Folgen für die zentralen Industrieländer, allen voran für die Supermacht USA, zeigen. Es gibt Möglichkeiten für spezifische gegenläufige Entwicklung, die eine gewisse “Pause“ oder sogar eine gewisse Rückgewinnung der Kontrolle durch den Staatskapitalismus erzwingen können. Aber diese spezifischen Ereignisse werden keineswegs bedeuten, dass die historische Dynamik des Versinkens in der Phase des Zerfalls, die in diesem Bericht hervorgehoben wird, in Frage gestellt wird.
Wenn die Perspektive auch nicht die eines generalisierten Weltkrieges (zwischen imperialistischen Blöcken) ist, so kündigt das gegenwärtige Versinken in der Tendenz des "Jeder für sich" doch eine brutale Zunahme mörderischer, kriegerischer Auseinandersetzungen, aussichtsloser, in Blut ertränkter Revolten oder anderer Katastrophen für die Menschheit an. “Der Verlauf der Geschichte ist unumkehrbar: der Zerfall führt, wie sein Name sagt, zur Auflösung und Fäulnis der Gesellschaft, ins Nichts. Seiner eigenen Logik und seinen letzten Konsequenzen überlassen, führt er die Gesellschaft zum gleichen Ergebnis wie der Weltkrieg. Ob man brutal von einem thermonuklearen Bombenhagel in einem Weltkrieg ausgelöscht wird oder durch die Umweltverschmutzung, die Radioaktivität der Atomkraftwerke, den Hunger, die Epidemien und die Massaker der verschiedenen kriegerischen Konflikte (in denen auch Atomwaffen eingesetzt werden können) vernichtet wird, läuft letztendlich aufs gleiche hinaus. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Zerstörung besteht darin, daß die erste schneller ist, während die zweite langsamer ist, dafür aber umso mehr Leid verursacht.“ (Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], Internationale Revue Nr. 13, 1991, Punkt 11)
Das Fortschreiten der Zerfallsphase kann auch zu einer Abschwächung der Fähigkeit des Proletariats führen, seine revolutionäre Aktion durchzuführen. Die Arbeiterklasse befindet sich damit in einem Wettlauf gegen das Versinken der Gesellschaft in der Barbarei eines historisch überholten Systems. Natürlich können die Kämpfe der Arbeiter*innen die Entwicklung des Zerfalls nicht verhindern, aber sie können den Auswirkungen dieses Zerfalls, des "Jeder für sich", Einhalt gebieten. Zur Erinnerung: „Die Dekadenz des Kapitalismus war notwendig, damit das Proletariat in der Lage ist, den Kapitalismus zu stürzen. Dagegen ist das Auftreten des historischen Phänomens des Zerfalls, das Resultat der Verlängerung der Dekadenz infolge des Ausbleibens der proletarischen Revolution, keineswegs eine notwendige Etappe für das Proletariat auf dem Weg zu seiner Emanzipation.“ (Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], Internationale Revue Nr. 13, 1991, Punkt 12)
Die Covid-19 Krise erzeugt somit eine noch unberechenbarere und verworrenere Situation. Die Spannungen auf den verschiedenen Ebenen (gesundheitlich, sozioökonomisch, militärisch, politisch, ideologisch) werden große soziale Umwälzungen, massive Volksaufstände, zerstörerische Unruhen, intensive ideologische Kampagnen – wie die um die Ökologie – hervorrufen. Ohne einen soliden Rahmen für das Verständnis der Ereignisse werden Revolutionäre nicht in der Lage sein, ihre Rolle als politische Avantgarde der Klasse zu spielen, sondern werden stattdessen zu ihrer Verwirrung beitragen, zur Abschwächung ihrer Fähigkeit, ihre revolutionäre Rolle zu erfüllen.
Frühjahr 2021
1 Dieser Text wurde im Juli 2020 geschrieben, und wir konnten eine neuere Information nicht berücksichtigen, die die These als plausibel ansieht, dass die Epidemie ihren Ursprung in einem Laborunfall in Wuhan, China, hatte (siehe dazu den folgenden Artikel von Le Monde vom 14.05.2021: Origines du Covid-19 : l’hypothèse d’un accident à l’Institut de virologie de Wuhan relancée après la divulgation de travaux inédits [61]). Dennoch würde diese Hypothese, wenn sie bestätigt würde, unsere Analyse, dass die Pandemie ein Produkt des Zerfalls des Kapitalismus ist, in keiner Weise schmälern. Im Gegenteil, es würde verdeutlichen, dass letztere die wissenschaftliche Forschung in einem Land nicht verschont, dessen kometenhaftes Wachstum in den letzten Jahrzehnten den Stempel des Zerfalls trägt.
Auf ihrem 23. Internationalen Kongress stellte die IKS klar, dass wir zwischen dem Konzept des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen und dem Begriff des Historischen Kurses unterscheiden müssen. Ersteres gilt für alle Phasen des Klassenkampfes, sowohl im Aufstieg als auch in der Dekadenz, während der zweite nur für die Dekadenz gilt und dann auch nur in der Zeit zwischen dem Vorlauf zum Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989. Die Idee eines Historischen Kurses macht nur in Phasen Sinn, in denen es möglich wird, die allgemeine Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft entweder auf einen Weltkrieg oder auf entscheidende Klassenkonfrontationen hin vorherzusagen. So konnte die Italienische Linke in den 1930er Jahren erkennen, dass die vorangegangene Niederlage des Weltproletariats in den 1920er Jahren einen Kurs in Richtung des Zweiten Weltkriegs eröffnet hatte, während die IKS nach 1968 richtig argumentierte, dass der Kapitalismus ohne eine frontale Niederlage einer wiederauflebenden Arbeiterklasse nicht in der Lage sein würde, das Proletariat für einen Dritten Weltkrieg zu rekrutieren. Im Gegensatz dazu kann das System in der Phase des Zerfalls, dem Produkt einer historischen Pattsituation zwischen den Klassen, selbst wenn der Weltkrieg durch den Zerfall des Blocksystems für die absehbare Zukunft von der Tagesordnung entfernt wurde, in andere Formen der irreversiblen Barbarei abgleiten, ohne dass es zu einer frontalen Konfrontation mit der Arbeiterklasse kommt. In einer solchen Situation wird es viel schwieriger zu erkennen, wann ein "Point of no return" erreicht und die Möglichkeit einer proletarischen Revolution ein für alle Mal begraben ist.
Aber die "Unvorhersehbarkeit" im Zerfall bedeutet keineswegs, dass es den Revolutionären nicht mehr um die Einschätzung des globalen Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen gehen würde. Dieser Punkt wird offensichtlich durch den Titel der Resolution des 23. Kongresses zum Klassenkampf bekräftigt: Resolution über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen. Es gibt zwei Schlüsselelemente dieser Resolution, die wir hier hervorheben müssen:
- "Im Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist es immer die herrschende Klasse, die in der Offensive ist, außer in einer revolutionären Situation" (Punkt 9). In bestimmten Momenten können die Verteidigungskämpfe der Arbeiterklasse die Angriffe der Bourgeoisie zurückdrängen, aber in der Dekadenz besteht die Tendenz, dass solche Siege immer begrenzter und kurzlebiger werden: Dies ist ein zentraler Faktor, damit die proletarische Revolution in dieser Epoche sowohl eine Notwendigkeit als auch eine Möglichkeit wird;
- Das primäre Mittel zur "Messung" des Kräfteverhältnisses ist die Beobachtung der Tendenz der Arbeiterklasse, ihre Klassenautonomie zu entwickeln und ihre eigene Lösung für die historische Krise des Systems zu präsentieren. Kurz gesagt, die Tendenz zur Politisierung – die Entwicklung des Klassenbewusstseins bis zu dem Punkt, an dem die Arbeiterklasse die Notwendigkeit begreift, die politische Maschinerie der herrschenden Klasse zu konfrontieren und zu stürzen und sie durch ihre eigene Klassendiktatur zu ersetzen.
Diese Themen sind der "rote Faden", der sich durch die Resolution zieht, wie im ersten Abschnitt angekündigt:
"Ende der 1960er Jahre, mit der Erschöpfung des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit, war die Arbeiterklasse angesichts der sich verschlechternden Lebensbedingungen wieder auf der gesellschaftlichen Bühne aufgetaucht. Die international explodierenden Arbeiterkämpfe beendeten die längste Zeit der Konterrevolution in der Geschichte, öffneten einen neuen historischen Kurs in Richtung Klassenkonfrontationen und hinderten die herrschende Klasse daran, ihre eigene Antwort auf die akute Krise des Kapitalismus zu geben: einen dritten Weltkrieg. Dieser neue historische Kurs war durch das Aufkommen massiver Kämpfe gekennzeichnet, insbesondere in den zentralen Ländern Westeuropas mit der Bewegung vom Mai 1968 in Frankreich, gefolgt vom „Heißen Herbst“ in Italien 1969 und vielen anderen Kämpfen wie in Argentinien im Frühjahr 1969 und in Polen im Winter 1970-71. In diesen massiven Bewegungen erhoben große Teile der neuen Generation, die keinen Krieg erlebt hatten, erneut die Perspektive des Kommunismus zur realen Möglichkeit.
Im Zusammenhang mit dieser allgemeinen Bewegung der Arbeiterklasse in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren müssen wir auch die internationale Wiederbelebung der organisierten Kommunistischen Linken in einem sehr kleinen, aber nicht minder bedeutenden Ausmaß hervorheben, der Tradition, die der Flagge der proletarischen Weltrevolution in der langen Nacht der Konterrevolution treu geblieben war. In diesem Prozess stellte die Gründung der IKS einen wichtigen Impuls für die Kommunistische Linke als Ganzes dar.
Angesichts einer Dynamik, die zu einer Politisierung der Arbeiterkämpfe führte, entwickelte die Bourgeoisie (die von der Bewegung vom Mai 1968 überrascht worden war) sofort eine groß angelegte und langfristige Gegenoffensive, um zu verhindern, dass die Arbeiterklasse ihre eigene Antwort auf die historische Krise der kapitalistischen Wirtschaft gibt: die proletarische Revolution."[1]
Die Resolution zeichnet dann in groben Zügen nach, wie die Bourgeoisie, die machiavellistische Klasse schlechthin, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einsetzte, um diese Dynamik zu blockieren:
- In einer ersten Phase, in der sie der Arbeiterklasse eine rein bürgerliche politische Alternative anbot. In den späten 60er und frühen 70er Jahren durch die Entgleisung ihrer Bestrebungen in Richtung der falschen Morgendämmerung linker Regierungen, die in der Lage wären, den Kapitalismus zu humanisieren und sogar eine sozialistische Gesellschaft einzuführen, und ab den späten 70er Jahren durch die Arbeitsteilung zwischen einer harten Rechten an der Macht, die die von der Wirtschaftskrise geforderten brutalen Kürzungen des Lebensstandards der Arbeiterklasse durchführt, und einer "Linken in der Opposition", die besser in der Lage ist, die Bedrohung durch die Wellen des Kampfes, die diese Periode kennzeichneten, aufzufangen;
- den umfangreichen Einsatz der extremen Linken des Kapitals (Maoisten, Trotzkisten usw.), um die wachsende Suche nach politischen Antworten durch eine signifikante Minderheit der neuen Generation wieder einzufangen;
- die Aktionen von radikalen Gewerkschaften und sogar "außergewerkschaftlichen" Organisationsformen, die von der extremen Linken manipuliert werden, um die wachsende Enttäuschung der Arbeiter über die Gewerkschaften und die Gefahr, dass die Arbeiter zu einem politischen Verständnis der Rolle der Gewerkschaften in der dekadenten Epoche gelangen, zum Entgleisen zu bringen;
- der Einsatz von korporatistischer und nationalistischer Ideologie, um wichtige Arbeiterkämpfe zu isolieren und, wo nötig, durch direkte staatliche Repression zu zerschlagen (vgl. den Bergarbeiterstreik in Großbritannien und, in viel größerem Maßstab, den Massenstreik in Polen 1980);
- die bewusste Reorganisation der globalen Produktion und des Handels, die ab den 1980er Jahren einsetzte: die Politik der "Globalisierung" war zwar grundsätzlich von der Notwendigkeit bestimmt, auf die Wirtschaftskrise zu reagieren, enthielt aber auch ein direkt arbeiterfeindliches Element, indem sie versuchte, traditionelle Zentren proletarischer Kampfkraft aufzubrechen und die Klassenidentität zu untergraben;
- Der tatsächlich stattfindende Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft wandte sich gegen die Arbeiterklasse. So wurde die in dieser neuen Phase verstärkte Tendenz des "Jeder für sich selbst" genutzt, um die gesellschaftliche Atomisierung und korporatistische Spaltung zu verstärken. Vor allem der Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus" im Ostblock war der Startschuss für eine gigantische Kampagne über den vorgeblichen Tod des Kommunismus, die die Schwierigkeiten der Arbeiterklasse, eine eigene revolutionäre Perspektive zu entwickeln, vertiefte und erweiterte.
Während diese Schwierigkeiten bereits in den 1980er Jahren wuchsen – und die Wurzel der Pattsituation zwischen den Klassen bildeten –, eröffneten die Ereignisse von 1989 nicht nur endgültig die Phase des Zerfalls, sondern brachten einen tiefgreifenden Rückzug der Klasse auf allen Ebenen mit sich: in ihrer Kampfbereitschaft, in ihrem Bewusstsein, in ihrer eigentlichen Fähigkeit, sich als spezifische Klasse in der bürgerlichen Gesellschaft zu erkennen. Darüber hinaus beschleunigte sie alle negativen Tendenzen des gesellschaftlichen Zerfalls, die schon in der vorangegangenen Periode eine Rolle gespielt hatten: das krebsartige Wachstum von Egoismus, Nihilismus und Irrationalität, die die natürlichen Produkte einer Gesellschaftsordnung sind, die der Menschheit keine Perspektive für ihre Zukunft mehr bieten kann.[2]
Die Resolution des 23. Kongresses bekräftigt auch, dass es trotz aller negativen Faktoren der Zerfallsphase, die das Kräfteverhältnis ungünstig bestimmen, immer noch Anzeichen für eine proletarische Gegentendenz gab. Insbesondere die Studentenbewegung gegen den CPE in Frankreich 2006 und die Indignados-Bewegung in Spanien 2011 sowie das Wiederauftauchen neuer Leute, die nach genuin kommunistischen Positionen suchen, liefern konkrete Beweise dafür, dass das Phänomen der unterirdischen Reifung des Bewusstseins, das Wühlen des "alten Maulwurfs", auch in der neuen Phase noch wirkt. Das Streben einer neuen Generation von Proletariern, die Sackgasse der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen, das erneute Interesse an früheren Bewegungen, die die Möglichkeit einer revolutionären Alternative aufgeworfen hatten (1917-23, Mai 68 usw.), bestätigen, dass die Perspektive einer zukünftigen Politisierung nicht im Schlamm des Zerfalls ertränkt wurde. Doch bevor wir weiter zu einem besseren Verständnis des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen im letzten Jahrzehnt, und vor allem im Gefolge der Covid-Pandemie, vorstoßen, ist es notwendig, tiefer darauf einzugehen, was genau mit dem Begriff Politisierung gemeint ist.
Die marxistische Avantgarde der Arbeiterbewegung hat in ihrer ganzen Geschichte dafür gekämpft, die Wechselbeziehung zwischen verschiedenen Aspekten des Klassenkampfes zu klären: ökonomisch und politisch, praktisch und theoretisch, defensiv und offensiv. Der tiefe Zusammenhang zwischen der ökonomischen und der politischen Dimension wurde von Marx in seiner ersten Polemik mit Proudhon hervorgehoben:
"Man sage nicht, daß die gesellschaftliche Bewegung die politische ausschließt. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine gesellschaftliche wäre.
Nur bei einer Ordnung der Dinge, wo es keine Klassen und keinen Klassengegensatz gibt, werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein."[3]
Diese Polemik setzte sich in den Tagen der Ersten Internationale im Kampf gegen die Lehren von Bakunin fort. In dieser Periode war die Notwendigkeit, die politische Dimension des Klassenkampfes zu bekräftigen, vor allem mit dem Kampf um Reformen und damit mit der Intervention in die parlamentarische Arena der Bourgeoisie verbunden. Aber der Konflikt mit den Anarchisten sowie die praktischen Erfahrungen der Arbeiterklasse warfen auch Fragen auf, die mit der offensiven Phase des Kampfes zusammenhingen, vor allem mit den Ereignissen der Pariser Kommune, dem ersten Beispiel der politischen Macht der Arbeiterklasse.
In der Zeit der Zweiten Internationale, vor allem in ihrer Degenerationsphase, begann ein neuer Kampf: der Kampf der linken Strömungen gegen die wachsende Tendenz, die ökonomische Dimension, die als Spezialität der Gewerkschaften angesehen wurde, und die politische Dimension, die sich zunehmend auf die Bemühungen der Partei um Sitze in bürgerlichen Parlamenten und Kommunen reduzierte, rigide zu trennen.
Mit dem Anbruch der dekadenten Epoche des Kapitalismus bekräftigten das dramatische Auftreten des Massenstreiks 1905 in Russland und die Entstehung der Sowjets die wesentliche Einheit der ökonomischen und der politischen Dimension und die Notwendigkeit unabhängiger Klassenorgane, die beide Aspekte miteinander verbinden. Wie Luxemburg es in ihrem Pamphlet über den Massenstreik, das im Wesentlichen eine Polemik gegen die überholten Vorstellungen der sozialdemokratischen Rechten und der Mitte war, ausdrückte:
"Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der Arbeiterklasse, einen ökonomischen und einen politischen, sondern es gibt nur einen Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet ist."[4]
Es ist jedoch notwendig, daran zu erinnern, dass diese beiden Dimensionen zwar Teile einer Einheit sind, aber nicht identisch, und ihre Einheit wird von den Arbeitern, die sich in den tatsächlichen Kämpfen engagieren, oft nicht begriffen. Selbst wenn ein Streik um wirtschaftliche Forderungen schnell mit der aktiven Opposition von Organen des bürgerlichen Staates (Regierung, Polizei, Gewerkschaften usw.) konfrontiert wird, ist vielleicht der "objektiv" politische Kontext des Kampfes nur für eine militante Minderheit der beteiligten Arbeiter offensichtlich.
Darüber hinaus wird betont, dass innerhalb der Bewegung hin zu einem Bewusstsein für die politischen Implikationen des Kampfes zwei unterschiedliche Dynamiken im Spiel sind: einerseits das, was man als Politisierung der Kämpfe bezeichnen könnte, und andererseits die Entstehung von politisierten Minderheiten, die mit dem unmittelbaren Aufschwung des offenen Kampfes verbunden sein können oder auch nicht.
Und wieder haben wir es im ersten Fall mit einem Prozess zu tun, der sich durch verschiedene Phasen bewegt. In der Dekadenz kann es zwar keine proletarische Intervention in die bürgerliche politische Sphäre mehr geben, aber es kann immer noch defensive politische Forderungen und Debatten geben, die noch nicht die Frage der politischen Macht oder einer neuen Gesellschaft stellen, z. B. wenn Proletarier darüber diskutieren, wie sie auf Polizeigewalt reagieren sollen, wie bei den Massenstreiks in Polen 1980 oder der Anti-CPE-Bewegung 2006. Erst in einem sehr fortgeschrittenen Stadium des Kampfes können die Arbeiter*innen die Ergreifung der politischen Macht als ein wirkliches Ziel ihrer Bewegung ins Auge fassen. Nichtsdestotrotz ist das, was die Politisierung von Kämpfen im Allgemeinen charakterisiert, der Ausbruch einer massiven Debattenkultur, wo der Arbeitsplatz, die Straßenecke, der öffentliche Platz, Universitäten und Schulen Schauplätze leidenschaftlicher Diskussionen darüber sind, wie der Kampf vorangebracht werden kann, wer die Feinde des Kampfes sind, über seine Organisationsmethoden und allgemeinen Ziele, wie Trotzki und John Reed sie in ihren Büchern über die Russische Revolution von 1917 beschrieben haben und die vielleicht das wichtigste "Warnzeichen" für die Bourgeoisie über die Gefahren waren, die von den Ereignissen von Mai/Juni 1968 in Frankreich ausgingen.
Für den Marxismus ist die kommunistische Minderheit eine Emanation der Arbeiterklasse, aber der Arbeiterklasse, gesehen als historische Kraft in der bürgerlichen Gesellschaft; sie ist kein mechanisches Produkt ihrer unmittelbaren Kämpfe. Sicherlich kann die Erfahrung eines bitteren Klassenkonflikts einzelne Arbeiter zu revolutionären Schlussfolgerungen treiben, aber Kommunisten können auch "gemacht" werden, indem man über die allgemeinen Bedingungen des Proletariats und des Kapitalismus im Allgemeinen nachdenkt, und sie können auch ihren soziologischen Ursprung in Schichten außerhalb des Proletariats haben. So drückt es Marx in der "Deutschen Ideologie" aus:
"In der Entwicklung der Produktivkräfte kommt ein Stadium, wo Produktionskräfte und Verkehrsmittel ins Leben gerufen werden, die unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil stiften, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte sind (...) und was damit zusammenhängt, daß eine Klasse hervorgerufen wird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen, welche aus der Gesellschaft herausgedrängt, in den entschiedensten Gegensatz zu allen anderen Klassen forciert wird; eine Klasse, die die Majorität aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewußtsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Bewußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den anderen Klassen vermöge der Anschauung der Stellung dieser Klasse bilden kann".
Offensichtlich ist die Konvergenz der beiden Dynamiken – der Politisierung der Kämpfe und der Entwicklung der revolutionären Minderheit – wesentlich für das Entstehen einer revolutionären Situation; und wir können sogar sagen, dass eine solche Konvergenz, wie sie der einleitende Abschnitt der Resolution für den Mai 68 in Frankreich feststellt, der Ausdruck einer Verschiebung des Verlaufs der Geschichte hin zu großen Klassenauseinandersetzungen sein kann. In ähnlicher Weise sind die Fortschritte im allgemeinen Kampf der Arbeiterklasse und das Auftreten politisierter Minderheiten beides an der Wurzel Produkte der unterirdischen Reifung des Bewusstseins, die auch dann weitergehen kann, wenn der offene Kampf aus dem Blickfeld verschwunden ist. Die beiden Dynamiken zu verwechseln, kann aber auch zu falschen Schlussfolgerungen führen, insbesondere zu einer Überschätzung des unmittelbaren Potenzials des Klassenkampfes. Wie der englische Ausdruck besagt: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
Die Resolution (Punkt 6) warnt uns auch vor den ganz erheblichen Schwierigkeiten, die der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse im Wege stehen, dass sie "entweder revolutionär oder nichts" ist. Sie spricht von der Natur der Arbeiterklasse als einer ausgebeuteten Klasse, die allen Zwängen der herrschenden Ideologie unterworfen ist, so dass "das Klassenbewusstsein nicht von Sieg zu Sieg voranschreiten kann, sondern sich nur ungleichmäßig durch eine Reihe von Niederlagen entwickeln kann"; sie stellt auch fest, dass die Klasse in der Dekadenz mit zusätzlichen Schwierigkeiten konfrontiert ist, zum Beispiel: dem Nichtvorhandensein von Massenorganisationen, in denen die Arbeiter eine politische Kultur aufrechterhalten und entwickeln können; dem Nichtvorhandensein eines Minimalprogramms, was bedeutet, dass der Klassenkampf die schwindelerregenden Höhen des Maximalprogramms erklimmen muss; der Verwendung früherer Instrumente der Arbeiterorganisationen gegen den Klassenkampf, was – insbesondere im Fall des Stalinismus – dazu beigetragen hat, eine Kluft zwischen den echten kommunistischen Organisationen und der Masse der Arbeiterklasse zu schaffen. An anderer Stelle betont die Resolution in Anlehnung an unsere Thesen zum Zerfall die neuen Schwierigkeiten, die durch die besonderen Bedingungen der letzten Phase des kapitalistischen Niedergangs entstehen.
Eine dieser Schwierigkeiten wird in der Resolution ausführlich behandelt: die Gefahr, die von klassenübergreifenden Kämpfen wie den Gelbwesten in Frankreich oder den Volksaufständen ausgeht, die durch die zunehmende Verelendung der Massen in den weniger "entwickelten" Ländern ausgelöst werden. In all diesen Bewegungen, in einer Situation, in der die Arbeiterklasse ein sehr niedriges Niveau der Klassenidentität hat und noch weit davon entfernt ist, ihre Kräfte so zu bündeln, dass sie dem Zorn und der Unzufriedenheit, die sich in der Gesellschaft aufbauen, eine Perspektive geben könnte, nehmen die Proletarisierten nicht als eigenständige soziale und politische Kraft teil, sondern als eine Masse von Individuen. In einigen Fällen sind diese Bewegungen nicht nur klassenübergreifend und vermischen proletarische Forderungen mit den Bestrebungen anderer sozialer Schichten (wie im Fall der Gelbwesten), sondern vertreten offen bürgerliche Ziele, wie die Demokratieproteste in Hongkong oder die Illusion von nachhaltiger Entwicklung oder Rassengleichheit innerhalb des Kapitalismus, wie im Fall der Youth-for-Climate-Märsche und der Black-Lives-Matter-Proteste. Die Resolution ist nicht ganz präzise, was die hier zu treffende Unterscheidung angeht, was ein Spiegelbild breiterer Probleme in den Analysen der IKS zu solchen Ereignissen ist: daher die Notwendigkeit eines speziellen Abschnitts in diesem Bericht, der diese Fragen klärt.
"Aufgrund der gegenwärtigen großen Schwierigkeiten der Arbeiterklasse bei der Entwicklung ihrer Kämpfe, aufgrund ihrer Unfähigkeit, im Moment ihre Klassenidentität wiederzuerlangen und eine Perspektive für die gesamte Gesellschaft zu eröffnen, neigt das soziale Terrain dazu, von klassenübergreifenden Kämpfen besetzt zu sein, denen insbesondere das Kleinbürgertum den Stempel aufdrückt. (...) Diese klassenübergreifenden Bewegungen sind das Ergebnis einer Perspektivlosigkeit, die die Gesellschaft als ganze betrifft, einschließlich eines wichtigen Teils der herrschenden Klasse selbst. (...) Der Kampf um die Klassenautonomie des Proletariats ist in dieser Situation, die durch die Verschärfung des Zerfalls des Kapitalismus diktiert wird, von entscheidender Bedeutung:
- gegen klassenübergreifende Kämpfe;
- gegen Teilbereichskämpfe aller Arten von sozialen Kategorien, die eine falsche Illusion einer „Schutzgemeinschaft“ vermitteln;
- gegen die Mobilisierungen auf dem faulen Terrain von Nationalismus, Pazifismus, „ökologischer“ Reform usw." (Resolution über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen, 23. Kongress der IKS)
Klassenübergreifende Kämpfe und partielle Kämpfe sind Hindernisse für die Entwicklung des Arbeiterkampfes. Wir haben in letzter Zeit gesehen, wie schwer es der IKS gefallen ist, diese beiden Fragen zu meistern:
- Wir haben die Gelbwesten zu Beginn als eine Bewegung mit positiven Elementen für den Klassenkampf gesehen (wegen des Themas der Ablehnung der Gewerkschaften);
- in der Jugendbewegung um die Klimafrage, die ein Teilbereichskampf ist, haben wir die Mobilisierung der Jugendlichen als etwas Positives gesehen und dabei Punkt 12 unserer Plattform vergessen;
- bei der Ermordung von George Floyd gab es Tendenzen, sie als eine klassenübergreifende Bewegung zu sehen, als die Empörung, die sie auslöste, zu einer Mobilisierung auf einem direkt bürgerlichen Terrain führte, die eine demokratischere Polizei und Justiz forderte.
Die Einleitung zur Diskussion über den Klassenkampf am 23. Kongress erinnerte daran, dass die Analyse der Bewegungen des Arabischen Frühlings nicht in die kritische Bilanz aufgenommen wurde, die wir seit dem 21. Kongress durchführten, trotz ungeklärter Differenzen, insbesondere „der Fragen opportunistischer Ausrutscher, die wir in der Vergangenheit z.B. gegenüber der klassenübergreifenden Bewegung des Arabischen Frühling und anderer machten“[5].
Wenn die Organisation in ihrer Intervention auch nicht den Begriff "Interklassismus" benutzte, um diese Bewegungen zu qualifizieren, so beschrieb sie sie doch in einer Weise, die alle Merkmale einer klassenübergreifenden Bewegung entwickelte und zeigte, dass sie über deren Wesen nicht völlig im Dunkeln tappte: "Die Arbeiterklasse hat bis anhin noch nicht als eine selbständige Kraft auftreten können in dem Sinne, dass sie die Richtung der Revolten, welche sich oft als Revolten aller ausgebeuteten Schichten, der ruinierten Bauernschaft und der verarmenden Mittelschichten manifestierten, hätte in die Hände nehmen können."[6]
Die damals entwickelte Position – „Im Allgemeinen steht die Arbeiterklasse nicht an der Spitze dieser Rebellion, aber sie spielt sicherlich eine wesentliche Rolle und übt Einfluss aus, was sich an den Organisationsmethoden der Bewegung und in einigen Fällen an der spezifischen Entwicklung der Arbeiterkämpfe ablesen lässt, wie die Streiks in Algerien und vor allem die große Streikwelle in Ägypten“[7] – schaffte es nicht, das Klassenterrain, auf dem sie sich entwickelten, genau zu verorten oder die Dynamik der Arbeiterkomponente herauszuarbeiten, die in diesen Bewegungen zu finden war.
- Unsere Analyse basierte auf einer von Empirie geprägten Herangehensweise: Der Vergleich mit dem Iran 1979, der sicherlich anregend war, wurde herangezogen, ohne ihn in die neue Situation zu stellen, ohne ihn mit Hilfe unseres Rahmens zu rekontextualisieren: "Bei dem Versuch, den Klassencharakter dieser Rebellionen zu begreifen, muss man deshalb zwei sich ergänzende Fehler vermeiden: auf der einen Seite die Vermengung all dieser Massen mit dem Proletariat (eine Position, die am deutlichsten von der Groupe Communiste Internationaliste - GCI verkörpert wird) und auf der anderen Seite die Ablehnung alles Positiven in den Revolten, da sie nicht explizite Arbeiterrevolten sind. "[8] Der zweite Teil des Zitats macht Zugeständnisse an eine Herangehensweise, die "positive Punkte" und "negative Punkte" betrachtet, ohne sie auf ihren Klassencharakter zu gründen.
- Eine Überschätzung dieser Bewegungen: "All diese Erfahrungen sind wichtige Schritte bei der Entwicklung eines echten revolutionären Bewusstseins. Aber der Weg in dieser Richtung ist noch sehr lang, es stehen noch viele Hindernisse im Weg, Illusionen und ideologische Schwächen"[9]; "Alle diese Revolten sind eine großartige Erfahrung auf dem Weg hin zu einem revolutionären Bewusstsein"[10].
Obwohl die Organisation zu Recht darauf hinwies, dass die Indignados-Bewegung und die Aufstände der ausgebeuteten Klassen und insbesondere der Arbeiterklasse im Nahen Osten einen gemeinsamen Ursprung in den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise haben, tat sie dies, indem sie alle Bewegungen, ob sie nun aus den zentralen Ländern oder aus den Ländern der Peripherie kamen, auf die gleiche Ebene stellte oder sie amalgamierte. Das heißt, ohne sie in den Rahmen der Kritik der Theorie des schwachen Gliedes zu stellen (siehe die Resolution zur internationalen Lage vom 20. Kongress)[11].
Die IKS definierte die Indignados-Bewegung als eine Bewegung der Arbeiterklasse, gekennzeichnet durch:[12]
- einen Verlust der Klassenidentität: "Dies erklärt zum Teil, weshalb die Teilnahme der Arbeiterklasse an diesen Bewegungen nicht im Vordergrund stand, sondern dass sich eher Arbeiter als Individuen beteiligten (Beschäftigte, Arbeitslose, Studenten, Rentner…), die nach einer Klärung suchen, sich gefühlsmäßig beteiligen, die aber nicht über die Kraft, den Zusammenhalt und die Klarheit verfügen, die man erlangt, wenn man kollektiv als Klasse handelt".
- die Anwesenheit nicht-proletarischer Schichten: "Unter den Empörten gibt es viele Mitglieder nicht-proletarischer Schichten, insbesondere eine immer stärker lohnabhängig werdende Mittelschicht". "Obgleich die Bewegung als sehr vage und ungenau definiert erscheint, stellt dies ihren Klassencharakter nicht infrage, vor allem wenn wir die Entwicklung in ihrer Dynamik betrachten, d.h. im Hinblick auf die Zukunft (...) Die Arbeiterklasse ist in dieser Bewegung nicht als führende Kraft zu erkennen, auch gibt es keine spürbare Mobilisierung von den Arbeitsplätzen ausgehend. Man spürt vielmehr die Präsenz der Arbeiterklasse anhand der Dynamik des Suchens, der Klärung, der Vorbereitung des gesellschaftlichen Nährbodens, der Erkenntnis, dass wichtige Kämpfe auf uns zukommen. Darin steckt seine Bedeutung, auch wenn dies nur ein sehr kleiner, sehr unsicherer Schritt ist."
Unsere Texte aus dieser Zeit machen keinen Unterschied zwischen der Indignados-Bewegung in Spanien und den Revolten in den arabischen Ländern. Es gibt jedoch sehr wichtige Unterschiede: In Spanien dominierte der proletarische Flügel die Indignados-Bewegung zwar nicht, aber er kämpfte für seine eigene Autonomie angesichts der Bemühungen von "Demokratie Jetzt", ihn zu zerstören. In den arabischen Ländern war das Proletariat bestenfalls nicht in der Lage, sich auf seinem eigenen Terrain zu behaupten oder seine eigenen Kampfmethoden zu nutzen, um sein Bewusstsein zu entwickeln, und ließ sich hinter nationalistischen und demokratischen Fraktionen mobilisieren[13].
Ohne jemals die Existenz des Zerfalls oder das Gewicht der tiefgreifenden Schwierigkeiten in diesen Bewegungen zu leugnen, stand die Analyse dieser Bewegungen in den arabischen Ländern mit ihrer Betonung der "positiven Aspekte" der sozialen Revolten[14] nicht im Kontext des Zerfalls[15]. Dies führte dazu, die entschiedene Anprangerung des demokratischen und nationalistischen Giftes abzuschwächen, das in diesen Ländern so mächtig war, und der Gefahr, die es vor allem in diesen Teilen der Welt darstellte, aber auch und vor allem der Propaganda der westlichen Bourgeoisien gegenüber dem europäischen Proletariat, die die Notwendigkeit der Demokratie in den arabischen Ländern betonte.
Die Ungeduld, nach der Wiederbelebung der Kämpfe im Jahr 2003 überall und schnell einen Ausweg aus dem Rückzug nach 1989 zu sehen, war eine schwere Last: "Die jüngste internationale Welle von Revolten gegen die kapitalistische Sparpolitik öffnet die Tür zu einer anderen Lösung: die Solidarität aller Ausgebeuteten über religiöse oder nationale Spaltungen hinweg; Klassenkampf in allen Ländern mit dem ultimativen Ziel einer weltweiten Revolution, die die Negation der nationalen Grenzen und Staaten sein wird. Ein oder zwei Jahre zuvor wäre eine solche Perspektive für die meisten völlig utopisch gewesen. Heute betrachtet eine wachsende Zahl von Menschen die globale Revolution als eine realistische Perspektive gegenüber der kollabierenden Ordnung des globalen Kapitals."[16]
Die Position der IKS war nicht nur von einer allgemeinen Überschätzung der Situation geprägt, sondern innerhalb dieser von einer Überschätzung der Bedeutung der Bewegungen in den arabischen Ländern für die Entwicklung einer proletarischen Perspektive. Ebenso wirkte sich die Tendenz, die Bedeutung der Debatte im politischen proletarischen Milieu zu vernachlässigen, negativ aus: Während der Beitrag des NCI zur Analyse der Piqueteros-Bewegung 2002-4 sehr wichtig gewesen war, war die IKS nicht in der Lage, die von Internationalist Voice daran geübte Kritik zu berücksichtigen (die allerdings nicht auf dem gleichen Niveau der Klarheit war wie die Analyse des NCI).
Wir können aus diesen Tatsachen schließen, dass die IKS zwar in der Analyse der Bewegungen in den arabischen Ländern im Jahr 2011 ihren massenhaften Charakter untersuchte, auch ihre Gleichzeitigkeit mit anderen Bewegungen in den westlichen Ländern sowie die Formen, die diese Bewegungen angenommen haben (Versammlungen etc.), auch die Anwesenheit der Arbeiterklasse (im Unterschied zum chaotischen Charakter einiger klassenübergreifender Unruhen oder von Mobilisierungen, die von linken Gruppen kontrolliert waren, wie z.B. den Piqueteros), doch all dies, ohne einen Schritt zurückzutreten und einen klaren Blick auf das zu haben, was sie wirklich darstellten, in einem Kontext, in dem die erfahrensten Teile des Weltproletariats nicht in der Lage waren, eine Perspektive und eine Richtung anzubieten. Dieser Ansatz war im Immediatismus gefangen.
In dem Gesamtzusammenhang, der die Ungeduld und Überstürzung begünstigte, die in der Organisation herrschte, in der Vorstellung, dass das Weltproletariat den Rückzug nach 1989 bereits massiv überwunden habe, war dieser Immediatismus sicherlich das Vorzimmer zum Opportunismus, der Ausgangspunkt für ein Abgleiten in den Opportunismus und das Aufgeben von Klassenpositionen, was durch die verschiedenen Arten, wie sich dieser Immediatismus manifestierte, belegt werden kann:
- die eher widersprüchliche Art unserer Stellungnahmen zu den Aufständen im Nahen Osten;
- das Fehlen von Kohärenz und Artikulation auf der Grundlage der Grundsatzpositionen der Organisation, die unseren politischen Analysen zugrunde liegen, oder sogar das Vergessen oder Aufgeben dieser Positionen (z.B. das Ersetzen des Konzepts der klassenübergreifenden Kämpfe durch "soziale Revolten“, ohne wirklich zu erklären, was wir mit "sozialen Revolten" meinten);
- die eher empirische und oberflächliche Herangehensweise, die dazu neigt, an der Oberfläche der Dinge zu bleiben und den politischen Rahmen der IKS zu ersetzen;
- die große Rolle, die unsere Auffassung der Empörung als einseitig positiver Faktor für die Entwicklung des proletarischen Bewusstseins (oder sogar als Hinweis auf den positiven Charakter einer Bewegung, angewandt auf alle Arten von Bewegungen) spielte;
- die Tendenz, positive Elemente dort zu sehen, wo die Situation von den größten Gefahren für die Klasse beherrscht wurde, was zu einer Schwächung der Anprangerung der bürgerlichen Ideologie durch die Organisation führte.
Während all diese Elemente zusammen die Bedingungen für offen opportunistische Positionen mit sich bringen – wenn die proletarische Klarheit und die Verteidigung der Klassenpositionen durch die IKS diesen schädlichen Tendenzen nicht ein Hindernis in den Weg stellt –, sollte betont werden, dass die IKS keine Positionen eingenommen hat, die ihrer Plattform und ihren Klassenpositionen direkt widersprechen. Wir müssen diese Schwierigkeiten auf der Ebene dessen einordnen, was sie wirklich sind (was nicht bedeutet, ihre Bedeutung und Gefahren zu relativieren). Die Analyse und Intervention der IKS wurde durch den Immediatismus geschwächt (mit allem, was dies auf der Ebene der Zweideutigkeit, der Oberflächlichkeit, des Mangels an Strenge, des Vergessens der Verteidigung unseres Rahmens und unserer politischen Positionen und einer Dynamik, die dem Opportunismus Tür und Tor öffnet, bedeutet), aber wir können nicht schlussfolgern, dass sie direkt opportunistische Positionen einnahm (was hingegen in Bezug auf die Jugendbewegung um die Ökologie der Fall war).
Der Ausrutscher gegenüber der Jugendbewegung gegen die ökologische Zerstörung zeigte ein Vergessen von Punkt 12 unserer Plattform: "Die ökologische Frage, wie alle sozialen Fragen (ob Erziehung, familiäre und sexuelle Beziehungen oder was auch immer) sind dazu bestimmt, eine enorme Rolle in jeder zukünftigen Bewusstwerdung und jedem kommunistischen Kampf zu spielen. Das Proletariat, und nur es, hat die Fähigkeit, diese Fragen in sein eigenes revolutionäres Bewusstsein zu integrieren. Dadurch wird es dieses Bewusstsein verbreitern und vertiefen. Es wird so in der Lage sein, alle "Teilbereichskämpfe" zu führen und ihnen eine Perspektive zu geben. Die proletarische Revolution wird sich im Kampf um den Kommunismus mit all diesen Problemen ganz konkret auseinandersetzen müssen. Aber sie können nicht der Ausgangspunkt für die Entwicklung einer revolutionären Klassenperspektive sein. In Abwesenheit des Proletariats sind sie schlimmstenfalls der Ausgangspunkt für neue Runden der Barbarei. Das Flugblatt und der Artikel der IKS in Belgien sind krasse Beispiele für Opportunismus. Diesmal ist es nicht Opportunismus in organisatorischen Fragen, sondern Opportunismus in Bezug auf die Klassenpositionen, wie sie in unserer Plattform dargelegt sind" (Genosse S., Beitrag im internen Bulletin 2019).
Wir müssen zugeben, dass der Bericht über den Klassenkampf an den 23. Kongress auf dieser Ebene Zweideutigkeiten enthielt. Er nahm eine zweideutige Position über die Natur dieser Bewegungen ein und ließ die Tür offen für die Idee, dass sie eine positive Rolle in der Entwicklung des Bewusstseins spielen könnten.[17]
Wir haben uns schwer getan, zu erkennen, was diese beiden Arten von Bewegungen unterscheidet, mit der Tendenz, sie zu amalgamieren, sie auf dieselbe Ebene zu stellen. Was ist es also, was klassenübergreifende Kämpfe und Teilbereichskämpfe unterscheidet? In klassenübergreifenden Bewegungen werden die Forderungen der Arbeiter verwässert und mit kleinbürgerlichen Forderungen vermischt (vgl. die Gelbwesten). Das ist nicht der Fall bei Teilbereichskämpfen, die sich im Wesentlichen auf der Ebene des Überbaus ausdrücken, deren Forderungen sich auf Themen konzentrieren, die die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft aussparen, auch wenn sie auf den Kapitalismus als Verantwortlichen verweisen können, wie bei der Klimafrage oder bei der Unterdrückung der Frauen, die dem kapitalistischen Patriarchat angelastet wird. Sie sind auch Faktoren der Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse, Spaltungen mit Arbeiter*innen, die im Energiesektor beschäftigt sind im ersten Fall, oder durch die Verstärkung von Spaltungen zwischen den Geschlechtern. Arbeiter*innen können in Teilbereichskämpfe hineingezogen werden, aber das macht sie nicht klassenübergreifend. Es geht darum, den Unterschied zwischen Teilbereichskämpfen und klassenübergreifenden Kämpfen zu klären, und was sie gemeinsam haben können.
In den 2010er Jahren erkannte die IKS die Empörung als einen wichtigen Bestandteil des Klassenkampfes des Proletariats und als einen Faktor seiner Bewusstwerdung. Allerdings hatte die IKS die Tendenz, ihre Bedeutung "an sich" auf eine etwas metaphysische Art und Weise zu definieren. Eine der Wurzeln unserer Schwierigkeiten liegt in der unangemessenen und einseitigen Verwendung des Begriffs der Empörung als etwas notwendigerweise Positives, ein Anzeichen für Reflexion und sogar für die Entwicklung des Klassenbewusstseins, ohne die Klassennatur ihres Ursprungs oder das Klassenterrain, auf dem sie zum Ausdruck kommt, zu berücksichtigen. Mit dem weiteren Eintauchen in den Zerfall wird es viele Bewegungen geben, die von Empörung, Abscheu, Wut unter großen Schichten der Gesellschaft gegen die Erscheinungen dieser Periode angetrieben werden.
Der Bericht über den Klassenkampf für den 23. IKS Kongress widmet sich unter anderem der Ausbreitung der sozialen Empörung gegen die zerstörerische Natur der kapitalistischen Gesellschaft (z.B. in den Reaktionen gegen die Ermordung von Schwarzen, zur Klimafrage oder gegen die Belästigung von Frauen). Die dabei behauptete Idee, dass diese Bewegungen, die auf Wut basieren, durch das Proletariat übernommenen werden könnten, wenn es nur seine Klassenidentität wiedererlangte und auf seinem Terrain kämpfte, führt eine Zweideutigkeit darüber ein, ob das Proletariat die Führung über solche Bewegungen in ihrer gegenwärtigen Form „übernehmen“ kann. Dies steht im Widerspruch zu dem, was in Punkt 12 unserer Plattform gesagt wird: “Der Kampf gegen die ökonomischen Grundlagen des Systems beinhaltet den Kampf gegen den Überbau der kapitalistischen Gesellschaft, aber umgekehrt trifft dies nicht zu." Außerdem behindern solche partiellen Kämpfe tendenziell den Kampf der Arbeiterklasse, ihre Autonomie, und deshalb weiß die Bourgeoisie sehr wohl, wie sie sie zur Erhaltung der kapitalistischen Ordnung übernehmen kann. In diesem Sinne ist die Empörung an sich kein Faktor in der Entwicklung des Klassenbewusstseins: Alles hängt von dem Terrain ab, auf dem sie zum Ausdruck kommt. Diese emotionale Reaktion, die von verschiedenen Klassen kommen kann, führt nicht automatisch zu einer Reflexion, die zur Entwicklung des Klassenbewusstseins beitragen kann.
Die Organisation muss klären: Was wären im historischen Maßstab die Bedingungen für eine autonome proletarische Bewegung, die erfüllt sein müssten, um all den verschiedenen Unmutsäußerungen und Unterdrückungen, die von der kapitalistischen Gesellschaft auferlegt werden und die heute, in Ermangelung einer proletarischen Führung, ihr einziges Ventil auf dem Terrain klassenübergreifender oder bürgerlicher Mobilisierungen finden, einen völlig neuen Fokus und eine neue Richtung zu geben.
Die Auswirkung der kapitalistischen Krise auf die gesamte Gesellschaft wirft eine weitere Frage auf, die es zu klären gilt: Wie ist das Verhältnis des Kampfes des Proletariats zu anderen Klassen, zu nicht ausbeuterischen Zwischenschichten, die im Kapitalismus noch existieren und in der Lage sind, eigene Mobilisierungen gegen die Politik des Staates zu entwickeln (wie z.B. die Bauernbewegungen)?
Fast ein Jahrzehnt ist seit der Indignados-Bewegung vergangen. So wichtig sie auch war, sie markierte keineswegs eine Umkehr im Rückzug der 1989 begonnen hatte. Wir wissen auch, dass die Bourgeoisie – vor allem in Frankreich, wo die Gefahr einer politischen Ansteckung am deutlichsten war – Gegenmaßnahmen ergriff, um zu verhindern, dass eine ähnliche oder weiter fortgeschrittene Bewegung in der traditionellen "Heimat" der Revolutionen ausbricht.
In vielerlei Hinsicht hat sich der Rückzug der Arbeiterklasse nach dem Abklingen der Bewegungen um 2011 vertieft. Die Illusionen, die im Arabischen Frühling vorherrschten, sind angesichts der Unfähigkeit der Arbeiterklasse, den verschiedenen Revolten eine Führung zu geben, in Barbarei, Krieg, Terrorismus und grausamer Unterdrückung ertränkt worden. In Europa und den USA hat die populistische Flut, zum Teil genährt durch die barbarischen Entwicklungen in Afrika und im Nahen Osten, die die Flüchtlingskrise und den Rückschlag des islamischen Terrorismus auslösten, einen Teil der Arbeiterklasse überrollt. In der "Dritten Welt" provozierte die zunehmende wirtschaftliche Misere tendenziell Revolten, bei denen die Arbeiterklasse wiederum nicht in der Lage war, sich auf ihrem eigenen Terrain zu manifestieren. Noch deutlicher kam die Tendenz der sozialen Unzufriedenheit, einen klassenübergreifenden Charakter anzunehmen, in einem zentralen Land wie Frankreich mit den Gelbwesten-Demonstrationen zum Ausdruck, die ein ganzes Jahr lang anhielten. Ab 2016, mit dem Machtantritt von Trump und dem Votum für den Brexit in Großbritannien, erreichte der Aufstieg des Populismus spektakuläre Ausmaße und zog einen Teil der Arbeiterklasse in seine Kampagnen gegen die "Eliten" hinein. Und im Jahr 2020 beschleunigte sich dieser ganze Zerfallsprozess mit der Pandemie noch dramatischer. Das durch die Pandemie erzeugte Klima der Angst und die daraus resultierende Abschottung haben die Atomisierung der Arbeiterklasse weiter verstärkt und tiefgreifende Schwierigkeiten für eine Klassenantwort auf die verheerenden wirtschaftlichen Folgen der Covid-19 Krise geschaffen.
Und doch sahen wir, nicht lange bevor die Pandemie zuschlug, eine neue Entwicklung der Klassenbewegungen: die Streiks der Lehrer und der General Motors Autobeschäftigten in den USA; die weit verbreiteten Streiks im Iran 2018, die die Frage der Selbstorganisation aufwarfen, auch wenn sie, entgegen den Übertreibungen von Teilen des proletarischen Milieus, noch weit von der Bildung von Räten entfernt waren. Insbesondere diese Streiks im Iran warfen die Frage der Klassensolidarität angesichts der staatlichen Repression auf.
Vor allem haben wir die Kämpfe in Frankreich Ende 2019 gesehen, wo wichtige Teile der Arbeiterklasse um Klassenforderungen herum auf der Straße waren und die Gelbwesten-Bewegung beiseite schoben, die auf eine symbolische Präsenz im Hintergrund der Aufmärsche reduziert wurde.
Es gab Parallelen in anderen Ländern, zum Beispiel in Finnland. Aber dann traf die Pandemie das Herz Europas und lähmte weitgehend die Möglichkeit der Kämpfe in Frankreich, eine internationale Dimension anzunehmen. Dass dies eine reale Möglichkeit gewesen wäre, zeigte in verschiedensten Ländern der Ausbruch von Streiks von Arbeiter*innen zur Verteidigung ihrer Arbeitsbedingungen angesichts der völlig unzureichenden Gesundheitsmaßnahmen von Staat und Arbeitgebern.[18] Diese Bewegungen konnten sich angesichts der restriktiven Bedingungen der ersten Aussperrung nicht weiterentwickeln, obwohl die zentrale Rolle der Arbeiterklasse bei der Aufrechterhaltung des sozialen Lebens von den Sektoren hervorgehoben wurde, die keine andere Wahl hatten, als während der Aussperrung weiterzuarbeiten: Gesundheit, Transport, Lebensmittelversorgung usw. Die herrschende Klasse bemühte sich sehr, diese Arbeiter*innen als Helden*innen im Dienste der Nation darzustellen, aber die Heuchelei der Regierungen – und damit die Klassengrundlage für die "Opfer", die die Lohnabhängigen zu erbringen hatten – war für viele offensichtlich. In Großbritannien zum Beispiel gab es wütende Proteste der Angestellten im Gesundheitswesen, als klar wurde, dass ihr "Heldentum" keine Lohnerhöhung wert war.[19]
Zusätzlich zu der Pandemie sah sich die Arbeiterklasse schnell mit weiteren Hindernissen für die Entwicklung des Klassenbewusstseins konfrontiert, vor allem in den USA, wo die Black-Lives-Matter-Proteste die Aufmerksamkeit auf das "einzige Thema" der Rasse lenkten, gefolgt von dem riesigen Wahlkampf, der demokratischen Illusionen neuen Auftrieb gab. Beide Kampagnen hatten eine große internationale Wirkung. Insbesondere in den USA bleibt die Gefahr, dass die Arbeiterklasse über die Identitätspolitik von rechts und links in gewaltsame Auseinandersetzungen hinter konkurrierenden bürgerlichen Fraktionen hineingezogen wird, sehr real: Der dramatische Angriff von Trump-Anhängern auf das Kapitol zeigt, dass der Trumpismus, auch wenn Trump aus der Regierung entfernt wurde, als mächtige Kraft auf der Straße bestehen bleibt. Schließlich sehen sich die Arbeiter jetzt mit einer weiteren Welle der Pandemie und einer neuen Serie von Abriegelungen konfrontiert, die nicht nur die staatlich erzwungene Atomisierung der Klasse erneuern, sondern auch zu Explosionen der Frustration gegen die Lock-downs geführt haben, die einige Teile der Klasse in reaktionäre Proteste hineingezogen haben, die von Verschwörungstheorien und der Ideologie des "souveränen Individuums" angeheizt wurden.
Für den Moment hat die Kombination all dieser Probleme, aber vor allem die durch die Pandemie auferlegten Bedingungen, als gewichtige Bremse für die fragile Wiederbelebung des Klassenkampfes zwischen 2018 und 2020 gewirkt. Es ist schwer vorherzusagen, wie lange diese Situation andauern wird, und deshalb können wir keine konkreten Perspektiven für die Entwicklung des Kampfes in der kommenden Periode geben. Was wir jedoch sagen können, ist, dass die Arbeiterklasse mit brutalen Angriffen auf ihre Lebensbedingungen konfrontiert sein wird. Dies hat bereits in einer Reihe von Sektoren begonnen, in denen die Arbeitgeber ihre Belegschaften drastisch reduziert haben. Die Regierungen der zentralen Länder des Kapitalismus zeigen immer noch eine gewisse Vorsicht im Umgang mit der Klasse, indem sie Firmen subventionieren, um sie in die Lage zu versetzen, ihre Angestellten zu halten, indem sie solche, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, "beurlauben", um einen sofortigen Absturz in die Verarmung zu verhindern. Ebenso indem sie Maßnahmen ergreifen, um Zwangsräumungen von Mieter*innen zu vermeiden, die ihre Mieten nicht bezahlen können. Dies kostet die Regierungen enorme Summen und erhöht die ohnehin schon angeschwollene Schuldenlast erheblich. Wir wissen, dass früher oder später die Arbeiter*innen dafür zur Kasse gebeten werden.
Die dramatischen Entwicklungen in der Weltlage seit dem letzten IKS-Kongress haben zwangsläufig zu Debatten sowohl innerhalb der Organisation als auch in unserem Milieu von Kontakten und Sympathisant*innen geführt. Diese Debatten haben sich auf die Bedeutung der Pandemie und die Beschleunigung des Zerfalls konzentriert, aber sie haben auch neue Fragen über das Kräfteverhältnis zwischen den Klasse aufgeworfen. Auf dem 24. Kongress unserer Sektion in Frankreich (Révolution Internationale, RI) im Sommer 2020 wurde Kritik am Bericht über den Klassenkampf geäußert, vor allem an seiner Einschätzung der Bewegung gegen die Rentenreformen in Frankreich Anfang 2019. Insbesondere Genossin M. argumentierte – unserer Meinung nach zurecht –, dass darin behauptet wurde, dass die Bewegung einen gewissen Grad an Politisierung erreicht habe, ohne ausreichende Beweise für einen solchen Fortschritt zu liefern; gleichzeitig mangelte es dem Bericht an Klarheit hinsichtlich der Unterscheidung zwischen der Politisierung von Kämpfen und der Politisierung von Minderheiten – eine Unterscheidung, die der vorliegende Bericht zu klären versucht hat. In ihrem Text warnt M. vor einer Überschätzung des gegenwärtigen Niveaus des Klassenkampfes (einem Fehler, den wir in der Vergangenheit oft begangen haben – vgl. den Bericht an den 21. Kongress):
"Die Tendenz, die Kämpfe zu politisieren, zeigte sich keineswegs in der Bewegung gegen die Rentenreform in Frankreich. Es gab keinen Raum für eine proletarische Debatte, keine Generalversammlung. Die Politisierung der Arbeiterklasse auf ihrem eigenen Klassenterrain wird untrennbar mit ihrem Auftauchen aus dem tiefgreifenden Rückzug verbunden sein, den sie seit 1989 erlebt hat. Das Proletariat in Frankreich, wie in allen Ländern, hat noch nicht den Weg zurück zu seiner revolutionären Perspektive gefunden, ein Weg, der durch den Zusammenbruch des Ostblocks blockiert wurde. Mit der Verschärfung der Krise und den Angriffen auf ihre Lebensbedingungen ist es offensichtlich, dass die Arbeiterklasse sich heute mehr und mehr bewusst wird, dass der Kapitalismus ihr keine Zukunft zu bieten hat. Sie sucht nach einer Perspektive, aber sie weiß noch nicht, dass diese Perspektive in ihren Händen und in ihren Kämpfen verborgen und verschüttet ist. Dieses Bewusstsein über die monströse Realität der heutigen Welt bedeutet keine Politisierung auf ihrem eigenen Klassenterrain, d.h. außerhalb des Rahmens der bürgerlichen Demokratie. Trotz seines enormen kämpferischen Potentials (das durch den Einbruch der Pandemie nicht erschöpft wurde) stellt das Proletariat in Frankreich noch nicht die Frage der proletarischen Revolution. Auch wenn das Wort "Revolution" auf einigen Transparenten wieder aufgetaucht ist, welchen Inhalt hat es? Ich glaube nicht, dass es eine Frage der "proletarischen" Revolution ist. Die Arbeiterklasse in Frankreich hat ihre Klassenidentität noch nicht wiedergefunden (die in der Bewegung gegen die Rentenreform noch sehr embryonal war). Es gibt in ihr immer noch eine Ablehnung oder zumindest ein sehr tiefes Misstrauen gegenüber dem Wort 'Kommunismus'."
Darüber hinaus argumentiert M., dass diese Überschätzung der Tendenz zur Politisierung die Tür für eine rätistische Vision öffnen kann: “Die Politisierung der Kämpfe kann nur verifiziert werden, wenn die revolutionäre Avantgarde beginnt, einen gewissen Einfluss in den Arbeiterkämpfen zu haben (vor allem in den Vollversammlungen). Dies ist heute nicht der Fall. Der Bericht von RI öffnet daher die Tür für eine rätistische Vision, indem er behauptet, dass es bereits 'die Anzeichen einer Politisierung des Kampfes' gebe".
Die Gefahr einer rätistischen Sichtweise wird auch in den Divergenzen angesprochen, die Genosse S. auf und nach dem 23. Kongress äußerte, jedoch nicht mit demselben Ausgangspunkt. Diese Divergenzen haben sich seither vertieft und zu einer öffentlichen Debatte geführt, die ihrerseits eine gewisse Wirkung auf einige unserer Kontakte hatte. Insofern sie sich auf das Problem des Gleichgewichts der Klassenkräfte beziehen, berühren diese Divergenzen drei Schlüsselfragen:
- das Potenzial und die Grenzen der wirtschaftlichen Kämpfe,
- die Frage der unterirdischen Reifung,
- die Frage der "politischen Niederlagen". Hier hat die Veröffentlichung der ersten Runde der Debatte über die Divergenzen einige unserer Kontakte dazu veranlasst, Fragen darüber zu stellen, was in den 1980er Jahren passiert sei.
In seiner Antwort auf unsere Replik in einem internen Bulletin bekräftigt S., wo er mit dem IKS über die Notwendigkeit des ökonomischen Kampfes übereinstimmt: weil die Arbeiter ihre physische Existenz gegen die kapitalistische Ausbeutung verteidigen müssen; weil die Arbeiter dafür kämpfen müssen, über den Arbeitstag hinaus ein "Leben" zu haben, damit sie Zugang zur Kultur, zu politischen Debatten usw. haben; und weil, wie Marx es ausdrückte, eine Klasse, die auf dieser Ebene nicht für ihre Interessen kämpfen kann, sich gewiss nicht als eine zur Erneuerung der Gesellschaft fähige Kraft präsentieren kann. Aber gleichzeitig, so argumentiert er, sind unter den Bedingungen des Zerfalls, nicht zuletzt durch die Untergrabung einer Perspektive für die soziale Revolution durch die Auswirkungen des Zusammenbruchs des Ostblocks, die historischen Verbindungen zwischen der ökonomischen und der politischen Dimension des Kampfes so weit zerbrochen, dass diese Einheit nicht durch eine Entwicklung der ökonomischen Kämpfe allein wiederhergestellt werden kann. Und hier zitiert er Rosa Luxemburg in Sozialreform oder Revolution, um die IKS vor einem Rückfall in eine rätistische Sichtweise zu warnen, in der die "Arbeiter selbst", ohne die unverzichtbare Rolle der revolutionären Organisation, ihre revolutionäre Perspektive wiedererlangen können: "Der Sozialismus wohnt also dem alltäglichen Kampfe der Arbeiterklasse durchaus nicht als Tendenz inne, er wohnt inne nur hier den immer mehr sich zuspitzenden objektiven Widersprüchen der kapitalistischen Wirtschaft, dort der subjektiven Erkenntnis von der Unerlässlichkeit der Aufhebung durch eine soziale Umwälzung."
Daraus schließt S., dass die Hauptgefahr, der sich die IKS gegenübersieht, eine rätistische Abweichung ist, bei der die Organisation es der Wiederbelebung der ökonomischen Kämpfe überlässt, sich "spontan" zu politisieren, und damit ignoriert, was ihre Hauptaufgabe sein sollte: die Durchführung der notwendigen theoretischen Vertiefung, die es der Klasse ermöglichen würde, wieder Vertrauen in den Marxismus und die Möglichkeit einer kommunistischen Gesellschaft zu gewinnen.
Wir haben gesehen, dass die Gefahr des Rätismus nicht von der Hand zu weisen ist, wenn es darum geht, den Prozess der Politisierung zu verstehen: Wir haben schmerzhaft gelernt, dass die Gefahr, übermäßig begeistert auf die Möglichkeiten und die vermeintliche Tiefe der unmittelbaren Kämpfe zu reagieren, allgegenwärtig ist. Wir stimmen auch mit Luxemburg – und mit Lenin – darin überein, dass das sozialistische Bewusstsein nicht das mechanische Produkt des täglichen Kampfes ist, sondern ein Produkt der historischen Bewegung der Klasse, was selbstverständlich die theoretische Ausarbeitung und Intervention der revolutionären Organisation einschließt. Was aber in der Argumentation von S. fehlt, ist jegliche Erklärung des tatsächlichen Prozesses, durch den die revolutionäre Theorie die Massen wieder "ergreifen" kann. Unserer Ansicht nach hängt dies mit einer Meinungsverschiedenheit über die Frage der unterirdischen Reifung zusammen.
In seinem Text heißt es: "Die Antwort fragt, ob ich die Situation heute für schlimmer halte als in den 1930er Jahren (als Gruppen wie Bilan trotz der Niederlage der Klasse zu einer politischen und theoretischen 'unterirdischen Reifung' des Bewusstseins beitrugen), während ich die Existenz einer solchen Reifung in der Gegenwart verneine. Ja, auf der Ebene der unterirdischen Reifung ist die Situation in der Tat schlechter als in den 1930er Jahren, da die Tendenz unter den Revolutionären heute eher in Richtung politischer und theoretischer Regression geht".
Um darauf zu antworten, ist es notwendig, auf unsere ursprüngliche Debatte über die Frage der unterirdischen Reifung zurückzugehen – auf den Kampf gegen die rätistische Auffassung, dass sich das Klassenbewusstsein nur in Phasen des offenen Kampfes entwickelt.
So war MCs[20] Argument in Über die unterirdische Reifung vom Oktober 1983, dass die Ablehnung der unterirdischen Reifung die Rolle der revolutionären Organisation bei der Herausbildung des Klassenbewusstseins zutiefst unterschätzt: "Der Klassenkampf des Proletariats geht durch Höhen und Tiefen, aber das ist nicht der Fall mit dem Klassenbewusstsein: die Idee der Regression des Bewusstseins mit dem Rückzug des Klassenkampfes wird durch die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung widerlegt, eine Geschichte, in der die Ausarbeitung und Vertiefung der Theorie in einer Periode des Rückzugs weitergeht. Es ist wahr, dass sich das Feld, der Umfang ihrer Aktion verengt, aber nicht ihre Ausarbeitung in der Tiefe".
Genosse S. leugnet natürlich nicht die Rolle der revolutionären Organisation bei der Entwicklung der Theorie. Wenn er also von "unterirdischer Regression" spricht, meint er, dass die kommunistische politische Avantgarde (und damit die IKS) es versäume, die theoretische Arbeit zu leisten, die notwendig wäre, um das Vertrauen der Arbeiterklasse in ihre revolutionäre Perspektive wiederherzustellen – dass sie sich theoretisch und politisch rückwärts bewege.
Aber wir sollten uns daran erinnern, dass der Text von MC die unterirdische Reifung nicht auf die Arbeit der revolutionären Organisation beschränkt:
"Die Arbeit der Reflexion geht in den Köpfen der Arbeiter weiter und wird sich im Aufschwung neuer Kämpfe manifestieren. Es existiert ein kollektives Gedächtnis der Klasse, und dieses Gedächtnis trägt auch zur Entwicklung der Bewusstwerdung und ihrer Ausdehnung in der Klasse bei". Oder noch einmal: "Dieser Prozess der Bewusstseinsentwicklung ist nicht allein den Kommunisten vorbehalten, aus dem einfachen Grund, dass die kommunistische Organisation nicht der einzige Sitz des Bewusstseins ist. Dieser Prozess ist auch das Produkt anderer Elemente der Klasse, die fest auf einem Klassenterrain bleiben oder in diese Richtung tendieren".
Das ist wichtig, weil S. gerade die unterirdische Reifung auf die revolutionäre Organisation allein zu beschränken scheint. Wenn wir ihn richtig verstehen, sei dies, da die IKS zur theoretischen und politischen Regression tendiere, ein Beweis für die "unterirdische Regression", von der er spricht. Natürlich stimmen wir nicht mit dieser Einschätzung der gegenwärtigen Situation des IKS überein, aber das ist eine andere Diskussion. Der Punkt, auf den man sich hier konzentrieren sollte, ist, dass die kommunistische Organisation und das proletarische-politische Milieu nur die Spitze des Eisbergs in einem tieferen Prozess sind, der in der Klasse vor sich geht:
In einer Polemik mit der CWO in International Review 43 über das Problem der unterirdischen Reifung des Bewusstseins haben wir diesen Prozess wie folgt definiert:
"- auf der am wenigsten bewußten Ebene und in den meisten Teilen der Klasse äußert sich dies durch einen wachsenden Widerspruch zwischen dem historischen Wesen, den wirklichen Bedürfnissen der Klasse und der oberflächlichen Unterstützung der Arbeiter für die bürgerlichen Ideen. Dieser Gegensatz mag lange Zeit größtenteils unausgesprochen, verdeckt oder unterdrückt bleiben, oder er mag in seiner negativen Form durch den Verlust von Illusionen und eine Loslösung von den Hauptthemen der bürgerlichen Ideologie auftauchen;
- in einem begrenzteren Teil der Klasse ninmt das in den Reihen vieler Arbeiter, die fest auf einem proletarischen Terrain verwurzelt bleiben, die Form von Diskussionen über die früheren Kämpfe an, mehr oder weniger formalen Diskussionen über die zukünftigen Auseinandersetzungen, das Auftauchen von kämpferischen Kernen in den Fabriken und unter den Arbeitslosen. Die eindruckvollste Verdeutlichung dieses Aspektes des Phänomens der unterirdischen Reifung wurde jüngst mit den Massenstreiks in Polen im Sommer 1980 geliefert, in denen die von den Arbeitern angewandten Kampfmethoden bewiesen, daß sie die Lehren aus den Kämpfen von 1956,1970 und 1976 gezogen hatten.
- In einem Teil der Klasse, der zahlenmäßig noch kleiner, aber dazu bestimmt ist, mit dem Voranschreiten des Kampfes weiter anzuwachsen, nimmt dies die Form einer ausdrücklichen, offenen Verteidigung des kommunistischen Programms an und somit der Umgruppierung einer organisierten marxistischen Avantgarde. Das Auftauchen von kommunistischen Organisationen, das keine Widerlegung des Begriffs der unterirdischen Reifung darstellt, ist sowohl ein Ergebnis wie auch ein aktiver Faktor bei diesem Prozeß." [21]
Was in diesem Modell fehlt, ist ein weiteres Milieu: Leute, die zwar oft nicht direkte Produkte von Klassenbewegungen sind, aber nach kommunistischen Positionen suchen, also der Sumpf (oder ein Teil davon – der Teil, der ein Produkt eines politischen Fortschritts ist, auch wenn er verwirrt ist, im Gegensatz zu den degenerierenden Elementen, die einen Rückschritt von einer höheren Ebene der Klarheit ausdrücken), und jene, die sich expliziter auf die revolutionären Organisationen zubewegen.
Das Auftauchen eines solchen Milieus ist nicht das einzige Anzeichen für eine unterirdische Reifung, aber es ist sicherlich das offensichtlichste. Genosse S. hat argumentiert, dass das Erscheinen dieses Milieus allein schon mit dem Verweis auf das revolutionäre Wesen der Arbeiterklasse erklärt werden könne. Da wir aber die Klasse nicht als statische, sondern als dynamische Kraft verstehen, ist es genauer, es als Produkt einer Bewegung zum Bewusstsein innerhalb der Klasse zu sehen. Und es ist sicherlich notwendig, die Bewegung innerhalb der Bewegung zu studieren, um zu verstehen, ob in dieser Schicht ein Reifungsprozess stattfindet – mit anderen Worten: Zeigt das Milieu der suchenden Elemente selbst Zeichen einer Entwicklung? Und wenn wir die beiden "Wellen" der politisierten Minderheiten vergleichen, die seit etwa 2003 aufgetaucht sind, gibt es in der Tat Hinweise darauf, dass eine solche Entwicklung stattgefunden hat.
Der erste Schub fand Mitte der 2000er Jahre statt und fiel mit dem zusammen, was wir eine neue Generation der Arbeiterklasse nannten, die sich in der Anti-CPE-Bewegung und den Indignados äußerte. Ein kleiner Teil dieses Milieus wandte sich der Kommunistischen Linken zu und schloss sich sogar der IKS an, was Hoffnungen weckte, dass wir eine neue Generation von Revolutionären vor uns hätten (vgl. den Orientierungstext zur Debattenkultur[22]). Was wir tatsächlich erlebten, war eine Bewegung (der französische Begriff "mouvance" wäre zutreffender), die sich weitgehend im Sumpf befand und die sich als sehr durchlässig für den Einfluss von Anarchismus, Modernismus und politischem Parasitismus erwies. Eines der kennzeichnenden Merkmale dieser Mouvance war neben dem Misstrauen gegenüber der politischen Organisation eine tiefe Ablehnung des Konzepts der Dekadenz und damit der als sektiererisch und apokalyptisch angesehenen Gruppen der Kommunistischen Linken, allen voran der IKS. Einige der Elemente in dieser Welle waren in den 1990er Jahren in den Ultra-Aktivismus der antikapitalistischen Bewegung involviert gewesen. Und obwohl sie einen ersten Schritt gemacht hatten, die zentrale Rolle der Arbeiterklasse beim Sturz des Kapitalismus zu sehen, behielten sie ihre aktivistischen Neigungen bei, was einige von ihnen (z.B. die Mehrheit des Kollektivs, das libcom organisiert) zu einem wiederbelebten Anarcho-Syndikalismus drängte, zu Ideen des "Organisierens" am Arbeitsplatz, die von der Möglichkeit lebten, kleine Siege zu erringen, und sich von jeder Vorstellung abwandten, dass die objektive und historische Entfaltung der Krise selbst ein Faktor in der Entwicklung des Klassenkampfes ist.
Die zweite Welle von suchenden Elementen, die wir in den letzten Jahren wahrgenommen haben, ist von geringerem Ausmaß als die vorangegangene, aber sicherlich auf einer tiefer greifenden Ebene angesiedelt: Sie neigt dazu, die Dekadenz und sogar den Zerfall des Kapitalismus als selbstverständlich zu betrachten; sie umgeht oft den Anarchismus, der ihrer Meinung nach nicht über die theoretischen Werkzeuge verfügt, um die gegenwärtige Periode zu verstehen, und hat weniger Angst davor, direkt mit den Gruppen der Kommunistischen Linken Kontakt aufzunehmen. Oft sehr jung und ohne direkte Erfahrung mit dem Klassenkampf, geht es diesen Leuten in erster Linie darum, sich zu vertiefen, die chaotische Welt, mit der sie konfrontiert sind, zu verstehen, indem sie sich die marxistische Methode aneignen. Hier liegt unserer Ansicht nach eine klare Konkretisierung des kommunistischen Bewusstseins vor, das sich, mit den Worten Rosa Luxemburgs ausgedrückt, aus "hier den immer mehr sich zuspitzenden objektiven Widersprüchen der kapitalistischen Wirtschaft, dort der subjektiven Erkenntnis der Arbeiterklasse von der Unerlässlichkeit ihrer Aufhebung durch eine soziale Umwälzung" ergibt.
In Bezug auf diese entstehende Schicht politisierter Elemente hat die IKS eine doppelte Verantwortung als "fraktionsähnliche" Organisation. Einerseits natürlich die lebenswichtige theoretische Ausarbeitung, die erforderlich ist, um eine klare Analyse einer sich ständig verändernden Weltsituation zu liefern und die kommunistische Perspektive zu bereichern.[23] Aber es beinhaltet auch eine geduldige Arbeit des Aufbaus der Organisation: die Arbeit der "Kaderbildung", wie es die Gauche Communiste de France GCF nach dem Zweiten Weltkrieg ausdrückte, das heißt, die Entwicklung neuer Militanter, die den Kurs durchhalten; die Verteidigung gegen die Einfälle der bürgerlichen Ideologie und die Verleumdungen des politischen Parasitismus, etc. Diese Arbeit des organisatorischen Aufbaus taucht in der Antwort des Genossen S. überhaupt nicht auf, doch ist sie eines der Hauptelemente im konkreten Kampf gegen den Rätismus.
Außerdem: Wenn dieser Prozess der unterirdischen Reifung des Bewusstseins ein realer ist, wenn er die Spitze des Eisbergs von Entwicklungen ist, die in weitaus breiteren Schichten der Klasse stattfinden, dann hat die IKS recht, wenn sie die Möglichkeit einer zukünftigen Wiederverbindung zwischen den Abwehrkämpfen und der wachsenden Erkenntnis, dass der Kapitalismus der Menschheit keine Zukunft zu bieten hat, ins Auge fasst. Mit anderen Worten, dieser Prozess kündigt das intakte Potenzial für die Politisierung der Kämpfe und ihre Konvergenz mit dem Entstehen neuer revolutionärer Minderheiten und dem wachsenden Einfluss der kommunistischen Organisation an.
Die Veröffentlichung einer ersten Runde der Debatte über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen hat verschiedene Divergenzen in unserem Milieu enger Sympathisanten zum Vorschein gebracht. Im IKS-Forum, insbesondere im Thread Interne Debatte i [62]n der [62] IK [62]S [62] über die internationale Lage | International Communist Current (internationalism.org) [62], im Austausch von Beiträgen mit MH, Debatte über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen | International Communist Current (internationalism.org) [63], in unseren Kontakttreffen und auf seinem eigenen Blog[24] hat sich namentlich Genosse MH zunehmend kritisch zu unserer Auffassung geäußert, dass es im Wesentlichen der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 war, der den langen Rückzug der Arbeiterklasse auslöste, aus dem wir noch nicht herausgekommen sind. Für MH war es im Wesentlichen eine politisch-ökonomische Offensive der herrschenden Klasse nach 1980, angeführt vor allem von der britischen Bourgeoisie, die der dritten Welle von Klassenkämpfen ein Ende bereitete (oder besser: sie bei der Geburt abwürgte). Aus dieser Sicht war es die Niederlage des Bergarbeiterstreiks 1985 in Großbritannien, die die Niederlage der Kämpfe in den 1980er Jahren markierte. Diese Schlussfolgerung führt MH derzeit dazu, unsere Sicht der Kämpfe nach 1968 neu zu bewerten und sogar den Begriff des Zerfalls in Frage zu stellen, obwohl seine Differenzen manchmal zu implizieren scheinen, dass "der Zerfall gesiegt hat" und dass wir uns der Realität einer schweren historischen Niederlage der Arbeiterklasse stellen müssen. Genosse Baboon stimmt weitgehend mit MH über die zentrale Bedeutung der Niederlage des Bergarbeiterstreiks überein, ist ihm aber nicht bis zu dem Punkt gefolgt, den Zerfall in Frage zu stellen oder zu dem Schluss zu kommen, dass der Rückzug der Arbeiterklasse vielleicht einen qualitativen Schritt in eine Art historische Niederlage gemacht habe.[25]
Genosse S. scheint dies nun aber immer deutlicher zu vertreten. Wie er es kürzlich in einem Brief an unser internationales Zentralorgan formulierte:
"Gibt es eine grundsätzliche Divergenz über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen oder gibt es sie nicht?
Die Position der Organisation ist, dass die Arbeiterklasse unbesiegt ist. In unseren Reihen gibt es auch die entgegengesetzte Position, dass die Arbeiterklasse in den letzten fünf Jahren eine politische Niederlage erlitten hat, deren Hauptsymptom die Explosion des Identitarismus aller Art ist, die in erster Linie aus dem Versagen der Klasse resultiert, ihre eigene Klassenidentität wiederzufinden. Die Position der Organisation ist, dass die Situation der Klasse besser ist als in den 1990er Jahren unter dem Schock des 'Todes des Kommunismus', während die andere Position davon ausgeht, dass die Situation der Klasse heute schlimmer ist als in den 1990er Jahren, dass das Weltproletariat heute kurz davor steht, eine politische Niederlage von einem Ausmaß zu erleiden, von dem es vielleicht eine Generation braucht, um sich zu erholen".
Wie wir zu Beginn dieses Berichts dargelegt haben, bedeutet die Anerkennung der IKS, dass das Konzept des Historischen Kurses in der Phase der Zerfalls nicht mehr gilt, dass es viel schwieriger wird, die Gesamtdynamik der Ereignisse zu beurteilen und insbesondere zu dem Schluss zu kommen, dass die Tür zu einer revolutionären Zukunft endgültig geschlossen ist, da der Zerfall das Proletariat in einem allmählichen Prozess überwältigen kann, ohne dass die Bourgeoisie es direkt, in einem Kampf von Angesicht zu Angesicht, besiegen muss, wie es in der Periode der revolutionären Welle nach dem Ersten Weltkrieg der Fall war. Es ist daher schwierig zu verstehen, was S. mit einer "politischen Niederlage von einem Ausmaß, von dem es vielleicht eine Generation braucht, um sich zu erholen", meint. Wenn das Proletariat es noch nicht in einem offenen politischen Kampf mit dem Klassenfeind aufgenommen hat, wie es das 1917-23 getan hat, nach welchen Kriterien beurteilen wir dann, dass der Rückzug des Klassenkampfes in den letzten drei Jahrzehnten einen solchen Punkt erreicht hat? Und außerdem, da auf eine solche Niederlage vermutlich eine große Beschleunigung der Barbarei folgen würde und – nach der Ansicht von S. – ein Weltkrieg oder zumindest ein "begrenzter" nuklearer Holocaust – welche Möglichkeiten zur "Erholung" würden der nächsten Generation bleiben?
Ein letzter Punkt: Genosse S. behauptet, dass wir die Situation der Klasse als "besser" als nach dem Zusammenbruch der Blöcke sehen würden. Dies ist nicht richtig. Wir haben zwar gesagt, dass die Bedingungen für künftige Klassenkonfrontationen somit zwangsläufig reifen, und wie der Bericht über den Klassenkampf für den Kongress unserer Sektion in Frankreich gezeigt hat, findet dies in einem Kontext statt, der sich sehr von der Situation zu Beginn der Phase des Zerfalls unterscheidet:
- Während 1989 als Niederlage des Kommunismus und Sieg des Kapitalismus dargestellt werden konnte, kann die Pandemie nicht als Rechtfertigung der Überlegenheit des gegenwärtigen Systems präsentiert werden. Im Gegenteil, trotz aller Mystifikationen, die die Ursprünge und die Natur der Pandemie umgeben, liefert sie einen weiteren Beweis dafür, dass das kapitalistische System zu einer Gefahr für die Menschheit geworden ist, auch wenn dies im Moment nur eine kleine Minderheit klar erkannt hat.
- Während die Ereignisse von 1989 einen schweren Schlag für die Kampfbereitschaft und das Klassenbewusstsein darstellten und die Entwicklung des Zerfalls tendenziell den Verlust der Klassenidentität verschärft hat, ist die Pandemie im Kontext einer gewissen Wiederbelebung des Klassenkampfes ausgebrochen. Während die Bereitschaft der Bourgeoisie, Gesundheit und Leben im Interesse des Profits zu opfern, sowie ihr chaotischer Umgang mit der Pandemie tendenziell ein Bewusstsein dafür hervorruft, dass wir nicht "alle im gleichen Boot sitzen“ – dass die Arbeiterklasse und die Armen die Hauptopfer der Pandemie und der kriminellen Fahrlässigkeit der herrschenden Klasse sind.
Aber all diese "Pluspunkte" kommen nach 30 Jahren Zerfall, in einer Periode, in der die Zeit nicht mehr zugunsten des Proletariats läuft, das weiterhin unter den sich anhäufenden Wunden leidet, die ihm eine Gesellschaft zufügt, die stehenden Fußes verrottet. In mancher Hinsicht würden wir zustimmen, dass die Situation "schlimmer" ist als in den 1980er Jahren. Aber wir werden in unserer Aufgabe als revolutionäre Minderheit versagen, wenn wir irgendeinen der Wegweiser ignorieren, die auf eine Wiederbelebung des Klassenkampfes hindeuten – auf eine proletarische Bewegung, die die Möglichkeit enthält, die Gesellschaft vor einem endgültigen Sturz in den Abgrund zu bewahren.
Frühjahr 2021
[1] Resolution über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen [11], Internationale Revue Nr. 56
[3] Das Elend der Philosophie, 1847
[4] Der Massenstreik, die Partei und die Gewerkschaften, 1906
[5] Aus einem Beitrag des Genossen J. in einem internen Bulletin 2011.
[6] Soziale Revolten im Maghreb und im Nahen Osten, nukleare Katastrophe in Japan, Krieg in Libyen: Nur die proletarische Revolution kann die Menschheit vor dem kapitalistischen Horror retten [64], Internationale Revue 47. Die Resolution des 21. Kongresses hat noch eine zweideutige Zeile zu den Bewegungen im Nahen Osten, die "vom Interklassismus geprägt" seien.
[7] Was ist los in Nordafrika, im Nahen & Mittleren Osten? [65] (IKSonline, März 2011)
[8] ebd.
[9] ebd.
[10] Soziale Revolten im Maghreb und im Nahen Osten, nukleare Katastrophe in Japan, Krieg in Libyen: Nur die proletarische Revolution kann die Menschheit vor dem kapitalistischen Horror retten [64], Internationale Revue 47.
[11] Wir bemühten die "Metapher der fünf Ströme (...):
1. Soziale Bewegungen junger Menschen in prekären Arbeitssituationen, Arbeitslosigkeit oder im Studium, welche mit dem Kampf gegen das CPE-Gesetz in Frankreich 2006 begannen, mit der Revolte in Griechenland 2008 weitergingen, und 2011 in der Bewegung der Empörten und Occupy gipfelten.
2. Bewegungen die massiv waren, doch von der Bourgeoisie gut kontrolliert und im Vorfeld vorbereitet wurden, wie in Frankreich 2007, Frankreich und Großbritannien 2010, Griechenland 2010-2012, usw.
3. Bewegungen, die unter dem Gewicht der klassenübergreifenden Ideologie litten, wie in Tunesien und Ägypten 2011.
4. Ansätze massiver Streiks in Ägypten 2007, Vigo (Spanien) 2006, China 2009.
5. Bewegungen in Fabriken oder in einzelnen Industriesektoren, die vielversprechende Zeichen enthielten, wie bei Lindsey 2009, bei Tekel 2010 oder diejenige der Elektrizitätsangestellten in Großbritannien 2011.
Diese fünf Ströme gehören trotz ihrer Unterschiede der Arbeiterklasse. Jeder drückt auf seine Art eine Bemühung der Arbeiterklasse aus, zu sich selber zurückzufinden trotz all der Schwierigkeiten und Hindernisse, die ihr von der Bourgeoisie in den Weg gelegt werden. Jeder enthält eine Dynamik der Suche, der Klärung und der Vorbereitung des Klassenterrains. In unterschiedlicher Weise sind sie durch die Vollversammlungen Teil der Suche nach „der Welt, die uns zum Sozialismus führen wird“ (wie es Rosa Luxemburg bezüglich der Arbeiterräte ausdrückte)." (Resolution zur internationalen Lage, 20. IKS-Kongress, Internationale Revue 51)
[12] Die Bewegung der Empörten in Spanien, Griechenland und Israel: Von der Empörung zur Vorbereitung der Klassenkämpfe [66], Internationale Revue 48
[13] Wie der Titel des Artikels aus IR 48 andeutet, wurden die Bewegungen in Griechenland und Israel im Jahr 2011 (aber auch die Proteste in der Türkei und in Brasilien im Jahr 2013) auf sehr ähnliche Weise analysiert wie die Indignados in Spanien. Eine kritische Durchsicht aller unserer Artikel aus dieser Zeit ist daher erforderlich.
[14] Zu hinterfragen ist auch die Existenz von Unklarheiten und Verwirrungen über die positive Wirkung von Hungerunruhen für die Entwicklung von Klassenbewusstsein (vgl. International Review 134 [engl./frz./span. Ausgabe]).
[15] Das Kapitel "Kämpfe gegen die Kriegswirtschaft im Nahen Osten" aus dem Bericht zum 23. Kongress wurde nicht eingehend diskutiert. Der Bericht spricht von der Existenz proletarischer Bewegungen in mehreren Ländern, und es ist notwendig, diese Bewegungen auf einer solideren und tieferen Grundlage neu zu bewerten und zu versuchen, die Analyse dieser Bewegungen in den Rahmen der Kritik des schwachen Glieds sowie den Kontext des Zerfalls zu stellen (was der Bericht nicht explizit zu tun scheint, indem er den auf die Bewegungen von 2011 angewandten Ansatz übernimmt), um die Natur dieser Bewegungen und ihre Stärken und Schwächen zu betrachten.
[16] Aus dem englischsprachigen Artikel auf ICConline 2011 "Israel protestiert: ‘Mubarak, Assad, Netanyahu’!", zitiert im zuvor erwähnten Artikel in IR 48
[17] "Angesichts des allgemeinen Verlustes der Klassenidentität kann man kaum verhindern, dass solche Proteste in die Fallen der Bourgeoisie tappen – in Mystifikationen über Identitätspolitik und Reformismus, und somit direkt von linken und demokratischen bürgerlichen Fraktionen manipuliert werden."
[20] Marc Chirik, Gründungsmitglied der IKS und ehemaliges Mitglied von BILAN und der Gauche Communiste de France. Vgl. International Review Nr. 65 und 66 (engl./frz./span. Ausgabe): Marc, Part 1: From the Revolution of October 1917 to World War II | International Communist Current (internationalism.org) [69]; Marc, Part 2: From World War II to the present day | International Communist Current (internationalism.org) [70]
[23] Wie in der Diskussion im internationalen Zentralorgan der IKS im Februar hervorgehoben wurde, kann der IKS nicht vorgeworfen werden, die Bemühungen um eine Vertiefung unseres Verständnisses des kommunistischen Programms zu vernachlässigen. Die Existenz einer dreißigjährigen Serie über den Kommunismus liefert einen Beweis dafür, dass wir hier nicht bei Null anfangen...
[25] Wir werden hier nicht weiter auf diese Diskussionen eingehen, außer zu sagen, dass sie auf einer Unterschätzung sowohl der bedeutenden Kämpfe zu beruhen scheinen, die nach 1985 stattfanden, wo die Infragestellung der Gewerkschaften in Ländern wie Frankreich und Italien die herrschende Klasse zwang, ihren Gewerkschaftsapparat zu radikalisieren, als auch vor allem auf einer Unterschätzung der Auswirkungen des Zusammenbruchs des Ostblocks auf die Kampfbereitschaft und das Bewusstsein.
Der vorliegende Bericht setzt die Arbeit des am 24. Kongress von Révolution Internationale angenommenen Berichts fort.[1] Mehrere Aspekte werden in diesem angemessen behandelt, insbesondere die Maßnahmen, die im wirtschaftlichen Bereich angesichts der Pandemie ergriffen wurden, das gewaltsame Eindringen des Zerfalls in den wirtschaftlichen Bereich, der Angriff auf die Lebensbedingungen der Arbeiter und Arbeiterinnen, der sich zu einem echten Alptraum entwickelt. Wir werden nicht näher auf diese Elemente eingehen, sondern uns auf die Perspektive konzentrieren: Wohin entwickelt sich die Weltwirtschaft nach der großen Katastrophe, die mit der Pandemie ausgebrochen ist?
Der vom 23. Internationalen Kongress verabschiedete Bericht zur Wirtschaftskrise ging davon aus: "Wir müssen die Möglichkeit erheblicher Schocks in der Weltwirtschaft in den Jahren 2019-2020 in Betracht ziehen. Negative Faktoren sind die Anhäufung von zunehmend unkontrollierbaren Schulden, der tobende Handelskrieg, starke Abwertungen von überbewerteten Finanzanlagen, eine Schrumpfung der deutschen Wirtschaft um -0,1 % im dritten Quartal 2018 und die niedrigste Wachstumsrate der chinesischen Wirtschaft des letzten Jahrzehnts".
Für das Jahr 2020 verzeichnete die Weltbank einen globalen Rückgang der Wirtschaftsleistung von 5,2 %, d.h. 7 % für die 23 größten Volkswirtschaften der Welt und 2,5 % in den "Entwicklungsländern". Laut Weltbank ist der Produktionsrückgang der schlimmste seit 1945 und "das erste Mal seit 1870, dass so viele Volkswirtschaften einen gleichzeitigen Produktionsrückgang erlebt haben"[2]. Ein sehr wichtiges Phänomen ist der Rückgang des Welthandels. Ein Indikator ist der Rückgang des Weltseehandels, der im Jahr 2020 um 10 % zurückging. Doch paradoxerweise "haben sich die Containerpreise in den letzten zwei Monaten im Durchschnitt vervierfacht. Von rund 1.500 Dollar auf fast 5.000 Dollar. In einigen Fällen waren es sogar bis zu 12.000 Dollar. Das liegt daran, dass Länder wie China ihre Schiffe und Container für den Eigengebrauch nutzen und sie damit dem globalen Verkehr entziehen“[3].
Für 2021 wird ein Aufschwung der Weltwirtschaft prognostiziert, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Pandemie bis Juni 2021 überwunden ist, ansonsten sind die Prognosen deutlich pessimistischer. Es wird fieberhafte Wachstumssteigerungen geben, aber darüber hinaus sollten wir bedenken, dass die seriösesten Prognosen auf eine Stabilisierung der Weltwirtschaft ab 2023 hindeuten. Die Erfahrung mit dem Aufschwung nach 2008 ist, dass er lange brauchte, um zu greifen (ab 2013), eher blutleer war und 2018 Anzeichen der Erschöpfung zeigte. Wie wir im Laufe dieses Berichts sehen werden, sind die aktuellen Bedingungen der Weltwirtschaft viel schlechter als 2008, und anstatt Vorhersagen zu machen ist es wichtig, diese erhebliche Verschlechterung zu verstehen.
Einerseits vermitteln die "Experten" ein irreführendes Bild von den Auswirkungen der Pandemiekrise auf die Wirtschaft. Sie gehen von dem Axiom aus, dass eine solche Krise keine irreversiblen Auswirkungen auf den Wirtschaftsapparat habe und dass sich die Wirtschaft auf einem höheren Niveau als in der vorherigen Periode erholen werde. Eine solche Annahme unterschätzt die erhebliche Verschlechterung des langfristigen Produktions-, Finanz- und Handelsgewebes, das durch die Pandemiekrise wahrscheinlich tiefgreifend geschwächt wird. Es wird geschätzt, dass in den OECD-Ländern 30 % der Unternehmen dauerhaft verschwinden könnten. Wir haben mehr als 100 Jahre einer kapitalistischen Dekadenz hinter uns, mit einer Wirtschaft, die durch die Kriegswirtschaft und die Auswirkungen der Umweltzerstörung deformiert, durch Verschuldung und staatliche Manipulationen in ihren Reproduktionsmechanismen tiefgreifend verändert, durch Pandemien ausgehöhlt und zunehmend von den Auswirkungen des Zerfalls betroffen ist. Unter solchen Bedingungen ist es illusorisch zu glauben, dass sich die Wirtschaft ohne den geringsten Kratzer erholen werde.
Auf der anderen Seite hat die tiefgreifende Schwäche des proklamierten "Aufschwungs" von 2013-2018 bereits die aktuelle Situation eingeläutet. Außerhalb der USA, Chinas und in geringerem Maße Deutschlands hat die Produktion in allen großen Ländern der Welt stagniert oder ist (nach Schätzungen der Weltbank) gesunken – etwas, das es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat.
Bereits auf dem 22. Kongress stellten wir den wachsenden Einfluss der Zerfallseffekte auf wirtschaftlicher Ebene und insbesondere auf die staatskapitalistische Bewältigung der Krise fest. Wir waren uns dieser Tendenz in dem vom 23. Kongress angenommenen Bericht zur Wirtschaftskrise bewusst, der dieses Vordringen des Zerfalls als einen der Hauptfaktoren in der Entwicklung der wirtschaftlichen Situation feststellte, und schließlich vertiefte der vom 24. Kongress von Révolution Internationale angenommene Bericht zu diesem Thema diese Analyse, die sich auf die Pandemie in einem doppelten Sinne konzentrierte: als Folge des Zerfalls, aber auch der Verschärfung der Wirtschaftskrise, und gleichzeitig als Faktor einer starke Beschleunigung der letzteren.
Es ist wichtig, unsere Herangehensweise an die Frage zu unterstreichen: Eines der Merkmale der Dekadenz ist, dass das kapitalistische System versucht, alle Möglichkeiten, die in seinen Produktionsverhältnissen enthalten sind, bis an ihre äußersten Grenzen zu dehnen, auch auf die Gefahr hin, seine eigenen ökonomischen Gesetze zu verletzen. So ist "einer der Hauptwidersprüche des Kapitalismus derjenige, der aus dem Konflikt zwischen der zunehmend globalen Natur der Produktion und der notwendigerweise nationalen Struktur des Kapitals entsteht. Indem er die wirtschaftlichen, finanziellen und produktiven Möglichkeiten der 'Verbände' der Nationen bis an ihre Grenzen ausreizt, hat der Kapitalismus in seinem Kampf gegen die Krise einen bedeutenden 'frischen Wind' erhalten, aber gleichzeitig hat er sich in eine riskante Situation gebracht" (Bericht zum 23. Kongress). Diese "riskante Situation" hat ihre ernsten Konsequenzen im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Zerfalls auf dem wirtschaftlichen Terrain gezeigt, besonders in den letzten fünf Jahren der 2010er Jahre.
Die Pandemie bündelt eine Beschleunigung des Zerfalls in sich und verschlimmert ihn gleichzeitig. Der Bericht über die Wirtschaftskrise konzentriert sich auf diese grundlegende Realität. Die Resolution zur Lage in Frankreich zeigt diese zentrale Achse deutlich: "Im Jahr 2008, während der 'Subprime-Krise', war die Bourgeoisie in der Lage, auf internationaler Ebene koordiniert zu reagieren. Die berühmten G7, G8, ... G20 (die in den Schlagzeilen waren) symbolisierten diese Fähigkeit der Staaten, sich zumindest darauf zu einigen, zu versuchen, auf die 'Schuldenkrise' zu reagieren. 12 Jahre später sind die Spaltung, der 'Krieg der Masken' und dann der 'Krieg der Impfstoffe', die Kakophonie der Beschlüsse zur Schließung der Grenzen gegen die Ausbreitung von Covid-19, die fehlende Abstimmung auf internationaler Ebene (mit Ausnahme Europas, das sich gegen seine Konkurrenten zu schützen versucht), um den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu begrenzen, Anzeichen für den Vormarsch des 'Jeder für sich' und das Abgleiten der höchsten politischen Machtgruppen des Kapitalismus in eine zunehmend irrationale Verwaltung des Systems". Diese Tendenz ist besonders in den USA stärker, wo ein langer Trend des wirtschaftlichen Niedergangs mit einer beispiellosen Verschärfung der Erosion des politischen Apparats und des sozialen Gewebes einhergeht.
Es wäre jedoch ein Fehler zu glauben, dass diese Tendenz auf die Vereinigten Staaten beschränkt ist. In Europa scheint Deutschland reagiert zu haben, aber die Spannungen innerhalb der EU werden immer deutlicher und der Schock des Brexit wird Folgen haben, die noch nicht absehbar sind. Chinas "Stabilität" ist mehr Schein als Sein.
Folglich können wir sagen, dass die Auswirkungen des Zusammenbruchs im wirtschaftlichen Bereich und in der staatlichen Verwaltung der Wirtschaft nicht mehr verschwinden und einen immer stärkeren Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung haben werden. Es stimmt zwar, dass die Bourgeoisie Gegentendenzen in Gang setzen wird (z. B. die EU-Vereinbarungen zur teilweisen Vergemeinschaftung der Schulden oder Bidens Aufhebung bestimmter von Trump beschlossener Maßnahmen), aber jenseits der Bremsen oder der Gegenmaßnahmen wird das Gewicht des Zerfalls auf die Wirtschaft und auf die staatliche Verwaltung der Wirtschaft stärker werden, mit Folgen, die im Moment schwer vorherzusagen sind. Anstatt Vorhersagen zu treffen, müssen wir die Entwicklungen genau beobachten und innerhalb des von uns aufgestellten Gesamtrahmens Schlussfolgerungen ziehen.
Mit der Antwort, die das Kapital in den meisten Ländern auf die Pandemie geben musste (die Lockdowns, die noch nicht beendet sind), ist eine der schlimmsten Rezessionen der Geschichte eingetreten.
Um einen allgemeinen Zusammenbruch zu verhindern, war die Bourgeoisie gezwungen, Milliardenbeträge nachzuschießen. Dies hat es ihr ermöglicht, sich "durchzuschlagen", "den Sturm zu überstehen"[4]. Es wird notwendig sein, "die Weltwirtschaft zu retten". Und wie wird diese komplizierte Operation durchgeführt werden?
Wir können sagen, dass sie unter viel schlechteren Bedingungen als 2008 durchgeführt werden, dass sie eine heftige Dosis an Sparmaßnahmen mit sich bringen und dass die Weltwirtschaft in einem viel schlechteren Zustand zurückbleiben wird, mit weniger Kapazität zur Erholung, mit Chaos und erheblichen Erschütterungen.
Fünf Faktoren erklären diese schlechteren Bedingungen:
1. Das wachsende Gewicht des Zerfalls in der Wirtschaft und dem Staatskapitalismus;
2. China wird nicht mehr in der Lage sein, die Rolle einer Rettungslokomotive zu spielen, wie es das 2008 getan hat;
3. Umweltkatastrophe;
4. das Gewicht der Kriegswirtschaft;
5. die erdrückende Last der Schulden.
Mit der Pandemie haben wir eine chaotische und irrationale Reaktion der Staaten erlebt, angefangen bei den größten und mächtigsten. Die WHO wurde von allen Staaten ignoriert, wodurch die erforderliche internationale Strategie, die sich möglichst auf wissenschaftliche Kriterien stützt, verhindert wurde. Jeder Staat hat versucht, seine Wirtschaft so spät wie möglich herunterzufahren, um keine Wettbewerbs- und imperialistischen Vorteile gegenüber seinen Konkurrenten zu verlieren. Ebenso wurden die Wirtschaften wieder geöffnet, um Vorteile gegenüber den Rivalen zu erlangen, und die durch die Verschärfung der Pandemie verursachten Schließungen waren gefangen in dem Widerspruch zwischen der Notwendigkeit, die Produktion angesichts der Rivalen aufrechtzuerhalten und zu steigern, und der Notwendigkeit zu verhindern, dass der Produktionsapparat und der soziale Zusammenhalt durch neue Ansteckungswellen angegriffen werden.
Der Maskenkrieg war ein entwürdigendes Spektakel: Staaten, die als "seriös" galten, wie Frankreich oder Deutschland, stahlen unverhohlen Lieferungen von Masken, die für andere Länder bestimmt waren. Dasselbe ist mit Ausrüstungsgegenständen wie Beatmungsgeräten, Sauerstoff, persönlicher Schutzausrüstung usw. geschehen.
Im aktuellen Krieg um Impfstoffe: ihre Herstellung, ihre Verteilung und die Impfungen selbst zeigen die wachsende Unordnung, in die die Weltwirtschaft abgleitet.
In der Impfstoff-Forschung und -Herstellung haben wir einen chaotischen Wettlauf zwischen den Staaten gesehen, die in einem erbitterten Wettbewerb stehen. Großbritannien, China, Russland, die Vereinigten Staaten usw. befanden sich in einem Wettlauf gegen die Zeit, um den Impfstoff als Erster zu haben. Eine internationale Koordination hat gefehlt. Die Impfstoffe wurden in Rekordzeit getestet, ohne wirkliche Garantie für die Wirksamkeit.
Die Verteilung ist ebenso chaotisch. Der Konflikt der EU mit der britischen Firma AstraZeneca ist ein Zeugnis dafür. Die reicheren Länder haben die ärmeren Länder ungeschützt gelassen. Israel hat seine Staatsbürger geimpft und die Palästinenser außen vor gelassen. Russland benutzt irreführende Propaganda, um seinen Impfstoff als den besten darzustellen. Es ist ein Beweis dafür, dass der Impfstoff als Instrument der imperialistischen Einflussnahme benutzt wird. Russland und China machen daraus keinen Hehl und verkünden offen, dass sie den Ländern, die sich ihren wirtschaftlichen, politischen und militärischen Forderungen beugen, niedrigere Preise anbieten werden.
Und schließlich ist die Art und Weise, in der die Bevölkerung geimpft wird, wirklich verblüffend unorganisiert und undiszipliniert. In Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, um nur einige Beispiele zu nennen, gibt es einen ständigen Versorgungsmangel, Verzögerungen bei der Impfung sogar bei den Gruppen, die als vorrangige Gruppen vorgesehen sind (Gesundheitspersonal, über 65-Jährige). Die geplanten Impfungen wurden mehrfach verschoben. Oft wird die erste Dosis verabreicht und die zweite auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben, wodurch die Wirksamkeit des Impfstoffs gefährdet wird. Machthaber, Politiker, Geschäftsleute, das Militär usw. haben die Liste der Prioritätsgruppen umgangen und wurden zuerst geimpft.
Was uns dieses entwürdigende Spektakel um die Impfstoffe zeigt, ist eine wachsende Tendenz des Kapitalismus, die Fähigkeit zur "internationalen Zusammenarbeit" zu untergraben, die es geschafft hatte, die Wirtschaftskrise im Zeitraum 1990-2008 zu mildern. Der Kapitalismus beruht auf einem mörderischen Wettbewerb – und dieses konstituierende Merkmal des Kapitalismus ist in der Blütezeit der "Globalisierung" nicht verschwunden –, aber was wir jetzt sehen, ist ein verschärfter Wettbewerb, der ein so sensible Themen wie Gesundheit und Epidemien zum Gegenstand hat. Wenn in der aufsteigenden Periode des Kapitalismus die Konkurrenz zwischen den Kapitalen und Nationen ein Faktor der Expansion und Entwicklung des Systems war, ist sie in der Dekadenz im Gegenteil ein Faktor der Zerstörung und des Chaos: Zerstörung durch die Barbarei des imperialistischen Krieges; Chaos (das auch Zerstörung und Kriege einschließt) vor allem mit dem Vordringen der Zerfallsauswirkungen in den Bereich der Wirtschaft und seine staatliche Verwaltung. Dieses Chaos wird zunehmend die globalen Produktions- und Versorgungsketten, die Planung der Produktion, die Fähigkeit, "unerwartete" Phänomene wie Pandemien oder andere Katastrophen zu bekämpfen, betreffen.
Die Rückführung der Produktion ins Heimatland durch multinationale Unternehmen war bereits seit 2017 im Gange, scheint sich aber mit der Pandemie beschleunigt zu haben: "Eine diese Woche veröffentlichte Studie der Bank of America über 3.000 Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von insgesamt 22 Billionen Dollar, die in 12 wichtigen globalen Sektoren angesiedelt sind, besagt, dass 80 % dieser Unternehmen Pläne haben, einen Teil ihrer Produktion aus dem Ausland zu repatriieren. ‚Dies ist der erste Wendepunkt in einem jahrzehntelangen Trend‘, verkünden die Autoren. In den letzten drei Jahren sind 153 Unternehmen in die USA zurückgekehrt, während 208 Unternehmen in die EU zurückgekehrt sind“.[5]
Sind diese Maßnahmen unumkehrbar? Erleben wir das Ende der Phase der "Globalisierung", d.h. der globalen Produktion, die stark mit einer internationalen Arbeitsteilung verflochten ist, wobei Produktions-, Transport- und Logistikketten im globalen Maßstab organisiert sind?
Die erste Überlegung ist, dass die Pandemie länger dauert als erwartet. Am 28. September 2020 wurde die Zahl von einer Million Todesfällen erreicht; am 15. Januar, weniger als vier Monate später, waren es bereits zwei Millionen. Obwohl Impfstoffe eingesetzt werden, sagt die wissenschaftliche Direktorin der WHO, Soumya Swaminathan, voraus, dass wir bis 2022 warten müssen, um eine vernünftige Immunisierung der Bevölkerung in Europa zu erreichen. Es ist wahrscheinlich, dass die Störungen und Unterbrechungen in der Produktion das ganze Jahr 2021 andauern werden.
Zweitens, wenn wir die historische Erfahrung betrachten, können wir sehen, dass die Maßnahmen des Staatskapitalismus, die als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg ergriffen wurden, nach Kriegsende nicht völlig verschwanden, und 10 Jahre später, mit der Krise von 1929, machten sie einen gigantischen Sprung, was die richtige Vorhersage des Ersten Kongresses der Kommunistischen Internationale bestätigte: "(...) all diese Grundfragen des wirtschaftlichen Lebens der Welt werden nicht durch den freien Wettbewerb, nicht durch Kombinationen nationaler und internationaler Trusts geregelt, sondern durch direkte Anwendung von militärischer Gewalt im Interesse ihrer weiteren Erhaltung. Hat die völlige Unterordnung der Staatsmacht unter die Gewalt des Finanzkapitals die Menschheit zur imperialistischen Schlachtbank geführt, so hat das Finanzkapital durch diese Massenabschlachtung nicht nur den Staat, sondern auch sich selbst vollends militarisiert und ist nicht mehr fähig, seine wesentlichen ökonomischen Funktionen anders als mittels Blut und Eisen zu erfüllen."[6]
Ebenso ist es wahrscheinlich, dass die Maßnahmen, die als Reaktion auf die Pandemie auf dem wirtschaftlichen Terrain ergriffen wurden, bestehen bleiben, auch wenn es teilweise Rückschläge geben wird.
Dies wird durch die Tatsache bestätigt, dass sich China, Deutschland und die USA schon seit 2015 in diese Richtung bewegen – wie wir im Bericht zum 23. Kongresses geschrieben haben. Die Maßnahmen, die während der Pandemie ergriffen worden sind, vertiefen nur eine Orientierung, die bereits in den 2010er Jahren vorhanden war.
Dass die Großmächte ihre finanziellen und wirtschaftlichen Antworten auf die Gefahr des Bankrotts vorerst nicht koordiniert haben, ist ein Beweis dafür. Während es in der Krise 2008 vermehrt zu Treffen der G8, G20 etc. kam, ist diese Art von Koordination nun offensichtlich nicht mehr vorhanden.[7]
Allerdings bietet die globalisierte Struktur der Weltproduktion den mächtigsten Volkswirtschaften große Vorteile, und sie werden Maßnahmen ergreifen, um die oben beschriebenen großen Störungen zu beheben. Ein ganz klares Beispiel: Der Plan zur Vergemeinschaftung der Schulden in der EU kommt vor allem Deutschland zugute, das seine Exporte nach Spanien, Italien etc. konsolidieren wird. Diese Länder, die als "die großen Nutznießer" dargestellt werden, werden am Ende die großen Verlierer sein, da ihr industrielles Gewebe durch die überwältigende Konkurrenz der deutschen Exporte geschwächt werden wird. Tatsächlich wird die Vergemeinschaftung der Schulden Deutschland helfen, der chinesischen Präsenz in den südeuropäischen Ländern zu begegnen, die sich seit 2013 verstärkt hat. Wir sind nicht Zeugen einer Demontage der Globalisierung, sondern ihrer zunehmenden Verwerfung – zum Beispiel durch die Tendenz zur Zersplitterung in regionale Bereiche –, des viel größeren Gewichts protektionistischer Tendenzen, der Verlagerung von Produktionsgebieten, der Vervielfachung von Maßnahmen, die jedes Land für sich selbst ergreift, unter Verletzung internationaler Vereinbarungen. Kurzum, ein wachsendes Chaos in der Funktionsweise der Weltwirtschaft.
Im Zeitraum 2009-2015 spielte China mit seinen Käufen und Investitionen eine wesentliche Rolle bei der schwachen Belebung der Weltwirtschaft nach dem schweren Umbruch von 2008. Kann China angesichts der aktuellen Situation die gleiche Rolle als Lokomotive der Weltwirtschaft spielen?
Wir denken, dass diese Möglichkeit aus mindestens 4 Gründen sehr unwahrscheinlich ist:
1. Chinas aktuelle Situation ist viel schwächer als damals: Das Produktionswachstum geht langsam aber sicher weiter zurück; laut IWF wird China das schlechteste Wachstum seit 35 Jahren haben: nur 1,2%. Laut der (bordigistischen) Internationalen Kommunistischen Partei „lag die offizielle Arbeitslosenquote in China Ende April bei 6%; aber eine Studie einer chinesischen Organisation schätzte die reale Arbeitslosigkeit zum gleichen Zeitpunkt auf 20,5% (oder 70 Millionen Arbeitslose); die Studie wurde zurückgezogen und die Leitung der Organisation von den Behörden bestraft, aber westliche Ökonomen legten Zahlen in der gleichen Größenordnung vor“ (zitiert in unserem internen Bulletin).
Chinas Verschuldungsgrad ist gigantisch (300% des BIP im Jahr 2019); die Situation vieler seiner Unternehmen ist sehr fragil. So gibt es in China z.B. 30% Zombie-Unternehme[8], was der höchste Prozentsatz weltweit ist (in Deutschland und Frankreich wird er auf 10% geschätzt). Auch halten staatliche Unternehmen immer noch einen großen Anteil an der Wirtschaft und diese Unternehmen haben die höchste Schuldenlast.
2. Das Seidenstraßenprojekt – ein 60 Länder umfassender Plan zur kommerziellen, wirtschaftlichen und imperialistischen Expansion – zielt darauf ab, einen globalen Wirtschaftsraum ausschließlich für China zu definieren, mit dem Ergebnis, dass die Rolle, die China bei der Stimulierung des Welthandels spielen kann, immer kleiner wird. Chinas Rivalen und vor allem die USA haben darauf mit einem Handelskrieg und im asiatisch-ozeanischen Raum mit dem Trans-Pacific Economic Cooperation Agreement reagiert, das 12 Länder in diesem Raum miteinander verbindet. Und von den Ländern, die sich durch ihre Teilnahme am Seidenstraßenprojekt bei China verschulden mussten, sind einige am stärksten von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie betroffen, die ihre Zahlungsfähigkeit bedroht.
3. Diese "Vereinbarungen" zeigen, dass die Dynamik, die die kommenden Jahre dominieren wird – außer es gäbe eine Trendwende, was höchst unwahrscheinlich ist – nicht die einer "Kooperation" ist, sondern eher eine große Fragmentierung der Weltproduktion in ‘reservierte’ Bereiche unter chinesischer, amerikanischer, deutscher Vormundschaft.
4. Der Schuldenberg, der nach 2008 dazu diente, den chinesischen Motor "anzukurbeln", ermöglichte ein zweistelliges Wachstum in China und schuf auch in China selbst größere Märkte für viele Exporteure aus den USA, Ostasien und Europa. Aber die Voraussetzungen dafür, dass sich dies wiederholt, sind nicht gegeben. Alle Länder sind protektionistischer geworden. Außerdem haben die Arbeitskräfte in China, die zu den niedrigsten Löhnen gehörten, höhere Löhne erhalten, was zu erheblichen Arbeitsplatzverlagerungen aus China in andere, noch billigere Länder (Südostasien, Afrika) geführt hat.
Der Prozess der ökologischen Zerstörung (Verwüstung und Verschmutzung der Umwelt und der natürlichen Ressourcen) reicht weit zurück. Der imperialistische Krieg und die Kriegswirtschaft haben in erheblichem Maße zu diesem Prozess beigetragen. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit dieser Prozess die kapitalistische Wirtschaft negativ beeinflusst hat, indem er die Akkumulation behindert hat.
Im Rahmen dieses Berichts können wir darauf keine ausführliche Antwort geben. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass im Zusammenhang mit den zunehmenden Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen den Ländern, mit den nationalistischen Manövern der einzelnen Staaten, die ökologische Zerstörung einen immer negativeren Einfluss auf die Reproduktion des Kapitals haben wird und dazu beiträgt, dass die Momente des wirtschaftlichen Aufschwungs in der kommenden Periode viel schwächer und instabiler sind als in der Vergangenheit.
Die Luftverschmutzung tötet schätzungsweise 7 Millionen Menschen pro Jahr. Verunreinigtes Wasser verursacht jedes Jahr etwa 485.000 Todesfälle.[9]
Während des 20. Jahrhunderts starben in der Dritten Welt 260 Millionen Menschen an Luftverschmutzung in Innenräumen, etwa doppelt so viele wie in allen Kriegen des Jahrhunderts. Das sind mehr als viermal so viele, wie durch Luftverschmutzung im Freien starben.[10]
Extreme Wetterereignisse, Artensterben, sinkende landwirtschaftliche Erträge und giftige Luft und Wasser schädigen bereits die Weltwirtschaft, wobei allein die Verschmutzung jedes Jahr 4,6 Billionen USD kostet.[11]
Allein der Schutz der Städte an den Küsten wird große Summen verschlingen – ebenso viel wie, wenn nicht sogar mehr als alle Rettungspakete, die im Rahmen der Corona-Pandemie verabschiedet werden mussten. Die wirtschaftlichen Implikationen dieses Chaos sind sehr real. Die Auswirkungen dieses Prozesses der Selbstzerstörung sind schwindelerregend. Es wird berechnet, dass bei einem Temperaturanstieg von 4 ºC durch den Klimawandel das globale BIP gegenüber 2010 um 30 % fallen wird (der Rückgang während der Depression in den 30er Jahren betrug 26,7 %). Der jetzige Rückgang wird dauerhaft sein: 1,2 Milliarden Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Diese Zahlen berücksichtigen weder die sich vertiefende Wirtschaftskrise noch die Auswirkungen von Covid.
All diese Schäden werden durch die Covid-Krise erheblich verschlimmert, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis die Auswirkungen abgeschätzt werden können. Tatsächlich drückt die Covid-Pandemie selbst deutlich aus, welche Folgen die ökologische Zerstörung für die Wirtschaft hat: „Die Besiedlung von Naturräumen und der Kontakt des Menschen mit Tieren, die Reservoire für Viren und Krankheitserreger sind, ist das erste Glied in der Kette, die die Pandemien erklärt. Die Zerstörung von Lebensräumen in Wäldern in tropischen Gebieten führt dazu, dass viele Krankheitserreger, die zuvor auf unzugängliche Orte beschränkt waren, auf den Menschen übertragen werden können. Menschen treffen auf Tierarten, mit denen sie vorher nicht in Berührung gekommen sind, und erhöhen so die Wahrscheinlichkeit, sich mit von Tieren übertragenen Krankheiten zu infizieren. Tiermärkte, Transport und Globalisierung verbreiten sie dann".[12]
Institutionen wie die Weltbank warnen eindringlich vor den Folgen der ökologischen Zerstörung, zum Beispiel in Bezug auf die Ausbreitung der Armut:
„Neue Forschungen schätzen, dass der Klimawandel bis 2030 zwischen 68 Millionen und 135 Millionen Menschen in die Armut treiben wird. Der Klimawandel ist eine ernsthafte und spezifische Bedrohung für Länder in Afrika südlich der Sahara und Südasien, den Regionen, in denen sich die meisten armen Menschen befinden. In mehreren Ländern lebt ein großer Teil der Armen in konfliktbetroffenen Gebieten, die in hohem Maße Überschwemmungen ausgesetzt sind, wie Nepal, Kamerun, Liberia und die Zentralafrikanische Republik“.[13]
Das Scheitern der internationalen Zusammenarbeit rund um die Covid-Pandemie ist ein Vorgeschmack auf die Jeder-gegen-jeden Haltung, die angesichts des Klimawandels vorherrschen wird. Der aus der Covid-Pandemie resultierende verschärfte wirtschaftliche Wettbewerb kann diese Dynamik nur noch beschleunigen. Die Fähigkeit des Kapitalismus, den Anstieg der globalen Temperatur zu begrenzen, wird immer schwächer.
„Zusammengenommen würden schnelle Maßnahmen gegen den Temperaturanstieg und ein erneutes Bekenntnis zur Globalisierung die Weltwirtschaft auf einen Output von 185 Billionen Dollar im Jahr 2050 bringen. Ein Verzögern der Maßnahmen zur Senkung der Kohlenstoffemissionen und ein Ausfransen der grenzüberschreitenden Verbindungen könnte es auf 149 Billionen Dollar begrenzen – das entspricht quasi dem Verlust des gesamten BIP der USA und Chinas im letzten Jahr".[14]
Der Widerspruch zwischen den Interessen der kapitalistischen Nation und des gesamten kapitalistischen Systems einerseits und der Zukunft der Menschheit andererseits könnte nicht deutlicher sein. Wenn weitere Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, werden sich die imperialistischen und wirtschaftlichen Spannungen mit dem Aufstieg Chinas zur wichtigsten Wirtschaftsmacht der Welt qualitativ verschärfen. Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, wird die Weltwirtschaft um 30 % schrumpfen, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringen wird.
Dies kann die Umweltzerstörung durch den Kapitalismus nur exponentiell weiter vertiefen und den Boden für weitere Pandemien bereiten, da die Bedingungen dafür erweitert werden, wie mehrere Beiträge in den Diskussionsbulletins hervorhoben.[15]
Die Kriegswirtschaft, so ruft uns Internationalisme in Erinnerung, ist ein Ballast für die Weltwirtschaft. Trotz der klaren Position des Orientierungstextes
Militarismus & Zerfall[16] neigten Teile der Organisation zur Ansicht, dass in der Zeit des Zerfalls die Kriegsausgaben tendenziell reduziert würden und nicht mehr die enormen Auswirkungen hätten, die sie in der Zeit der Blöcke und des Kalten Krieges hatten. Diese Ansicht ist falsch, wie der auf dem 23. Kongress verabschiedete Bericht unterstreicht: „Die globalen Militärausgaben verzeichnen 2019 den größten Anstieg seit zehn Jahren. Im Laufe des Jahres 2019 erreichten die Militärausgaben weltweit 1,9 Billionen Dollar (1,8 Billionen Euro), ein Anstieg von 3,6 Prozent in einem Jahr, der größte seit 2010. ‚Die Militärausgaben haben den höchsten Stand seit dem Ende des Kalten Krieges erreicht‘, sagte Nan Tian, ein Forscher am SIPRI".[17]
Die Notwendigkeit, Covid zu bekämpfen, hat die Aufrüstung nicht verringert. Der Etat der Bundeswehr steigt bis 2021 um 2,85%, Spanien erhöht die Militärausgaben um 4,7, Frankreich um 4,5 und Großbritannien um weitere 18,5 Milliarden Euro.[18]
In den Vereinigten Staaten hat der Senat, um die gegen China gerichtete Hysterie zu schüren, eine astronomische Erhöhung der Militärausgaben beschlossen, die bis 2021 740 Milliarden Dollar erreichen werden. In Japan „genehmigte Premierminister Yoshihide Suga am Montag die neunte Erhöhung des Militärbudgets in Folge und stellte damit einen neuen Rekord von 5,34 Billionen Yen (etwa 51,7 Milliarden Dollar) auf, eine Steigerung von 1,1% gegenüber dem Vorjahresbudget“.[19]
„Die US-Kriege in Afghanistan, Irak, Syrien und Pakistan haben die amerikanischen Steuerzahler 6,4 Billionen Dollar gekostet, seit sie im Jahr 2001 begannen. - Diese Summe ist 2 Billionen Dollar mehr als alle Ausgaben der Bundesregierung im kürzlich abgeschlossenen Haushaltsjahr“.[20]
Für China liegen keine Daten für 2021 vor, aber die Militärausgaben sind 2020 offenbar weniger stark gestiegen als 2019. Allerdings „erreichte die Volksbefreiungsarmee zwei wichtige Meilensteine, indem sie ihren ersten zu 100 % einheimischen Flugzeugträger und ihre erste ballistische Interkontinentalrakete, die die USA erreichen kann, vorstellte. Außerdem baute China 2017 in Dschibuti seinen ersten Militärstützpunkt in Übersee. Peking entwirft außerdem eine neue Generation von Zerstörern und Raketen, um seine Abschreckung gegenüber seinen asiatischen Nachbarn und der US-Marine zu stärken.“[21]
Russland hat seine Militärausgaben im Dreijahreszeitraum 2018-2021 drastisch erhöht, Australien „hat in den letzten zwei Jahren ein ehrgeiziges Marineprogramm zum Aufbau einer Hochseeflotte mit zwölf neuen U-Booten, die von der französischen Werft DCNS gebaut werden sollen, neun Fregatten (ein Programm, für das sich Navantia bewirbt), zwei Logistikschiffen und zwölf Patrouillenschiffen gestartet; außerdem wird es bis 2020 72 US-Kampfflugzeuge vom Typ F-35 von Lockheed Martin erhalten. Die australischen Behörden planen sogar, ihr Budget innerhalb eines Jahrzehnts auf 21 Milliarden Dollar pro Jahr zu verdoppeln“. Die skandinavischen Länder "sehen die russische Bedrohung ihres Luftraums und in der Arktis immer weniger als Fiktion an, und im Falle Schwedens wurden die Wiedereinführung der Wehrpflicht und erhebliche Erhöhungen des Verteidigungsbudgets angekündigt“.[22]
Dieser kurze Blick auf den blutigen Dschungel der Militärausgaben zeigt, dass die Kriegswirtschaft und die Rüstung, abgesehen von dem anfänglichen Schub, den sie geben können, am Ende eine immer schwerere Last für sie darstellen, und wir können voraussehen, dass sie an der Tendenz mitwirken werden, die wirtschaftliche Erholung, die der Kapitalismus für die Zeit nach der Covid-Pandemie anstrebt, brüchiger und noch anfälliger für Erschütterungen machen.[23]
Im Jahr 1948 umfasste der Marshall-Plan eine Kreditsumme von 8 Milliarden Dollar; der Brady-Plan zur Rettung der südamerikanischen Volkswirtschaften im Jahr 1985 umfasste 50 Milliarden Dollar; die Ausgaben, um aus dem Sumpf des Jahres 2008 herauszukommen, erreichten die astronomische Zahl von 750 Milliarden Dollar.
Die aktuellen Zahlen lassen die früheren Geldspritzen für die Wirtschaft als geringfügig erscheinen. Die EU hat ein 750-Milliarden-Euro-Paket geschnürt. In Deutschland "setzt die Regierung das größte Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik ein. Zur Finanzierung dieses Pakets wird der Bund neue Kredite in Höhe von rund 156 Milliarden Euro aufnehmen.“[24] Biden hat dem Kongress ein 1,9 Billionen Dollar schweres Konjunktur- und Hilfsprogramm vorgeschlagen. Der gesamte Stimulus, der im Jahr 2020 in die US-Wirtschaft fließt, wird auf 4 Billionen Dollar geschätzt.
Die weltweite Verschuldung lag im dritten Quartal 2020 bei 229 Billionen Euro, 365 % des weltweiten BIP (ein neuer historischer Rekord). In den Industrieländern liegt diese Verschuldung bei 382 %. Laut dem International Institute of Finance hat sich diese Eskalation seit 2016 beschleunigt, mit einem Anstieg in den letzten 4 Jahren von 44 Billionen Euro. In diesem Rahmen müssen wir uns mit den Folgen der aktuellen Eskalation der globalen Verschuldung auseinandersetzen.[25]
Die Akkumulation des Kapitals (die von Marx definierte erweiterte Reproduktion) hat als Grundlage ihrer Entwicklung die außerkapitalistischen Märkte und die nicht ausreichend in den Kapitalismus integrierten Bereiche. Wenn beide kleiner werden, ist der einzige Ausweg für das staatlich organisierte Kapital die Verschuldung, die darin besteht, immer größere Geldsummen wegen der erwarteten Produktion der kommenden Jahre in die Wirtschaft zu pumpen.
Wenn es in den großen Volkswirtschaften keine inflationären Schocks gibt, dann aus drei Gründen:
1) Die deflationäre Tendenz, die die Weltwirtschaft seit 2008 erfasst hat.
2) Die Überbewertung der Vermögenswerte von Unternehmen und sogar Staaten ist chronisch geworden und hat die Aussagekraft der seit Jahrzehnten nicht mehr verlässlichen Wirtschaftszahlen geschwächt.
3) Nullzins oder sogar Negativzinsen.
Einer der Faktoren, die es dem globalen Kapital ermöglichten, die Auswirkungen der Verschuldung abzufedern, war die internationale Koordination der Geldpolitik, ein gewisses Maß an Koordination und Organisation der Finanztransaktionen auf globaler Ebene. Wenn dieser Faktor allmählich versagt und das "Jeder für sich" die Oberhand gewonnen hat, welche Konsequenzen sind dann zu erwarten?
Der Kapitalismus hat das Äquivalent von dreieinhalb Jahren der Weltproduktion eingesetzt. Ist das eine unbedeutende Zahl, die ins Unendliche gestreckt werden könnte? Ganz und gar nicht. Dieser gigantische Wundbrand ist der Nährboden nicht nur für verrückte Spekulationsrallyes, die sich im undurchschaubaren Labyrinth der Finanztransaktionen institutionalisiert haben, sondern auch für Währungskrisen, gigantische Firmen- und Bankenpleiten, und sogar bedeutende Staaten können bankrott gehen. Dieser Prozess impliziert logischerweise, dass der Binnenmarkt für Kapital nicht unendlich wachsen kann, auch wenn es keine feste Grenze in dieser Angelegenheit gibt. In diesem Zusammenhang stellt die Krise der Überproduktion in der gegenwärtigen Phase ihrer Entwicklung ein Problem der Rentabilität für den Kapitalismus dar. Die Bourgeoisie schätzt, dass etwa 20 % der Produktivkräfte der Welt ungenutzt sind. Die Überproduktion von Produktionsmitteln ist besonders sichtbar und betrifft Europa, die Vereinigten Staaten, Indien, Japan usw.[26]
Seit 1985, als die USA ihre Position als Gläubiger aufgaben, um zu einem der größten Schuldner zu werden, leidet die Weltwirtschaft an der abartigen Situation, dass praktisch alle Länder verschuldet sind, die größten Gläubiger wiederum die größten Schuldner sind, und jeder weiß das. Heute – nach Jahrzehnten gigantischer Verschuldung – haben die jüngsten Rettungspakete alle bisherigen Interventionen übertroffen. Aber jetzt sind die großen Spieler alle so hoch verschuldet, dass die Gefahr von 'Detonationen' und Schuldenlawinen steigt. Jetzt erleichtert die 'Nullzins‘-Situation noch die Politik der steigenden Schuldenlasten, aber – alle anderen Faktoren beiseite gelassen – sollten die Zinsen steigen, wird etwas ins Rutschen kommen ...
Die brutale Schließung der Produktion hat Folgen. Erstens werden China und Deutschland, aber auch andere große Produktionsländer, mit einer riesigen Produktionsüberkapazität konfrontiert sein, die nicht sofort kompensiert werden kann. Im Allgemeinen werden sich der Maschinensektor, die Elektronik, die IT, die Rohstoffversorgung, das Transportwesen usw. mit riesigen Lagerbeständen und einer langsamen Wiederbelebung der Nachfrage konfrontiert sehen.
Obwohl es zweifellos Momente der Erholung der Produktion geben wird (die in der kapitalistischen Propaganda enthusiastisch bejubelt werden) und obwohl es Gegentendenzen geben wird, die die intelligentesten Sektoren des Kapitals in Gang setzen werden[27], ist es unbestreitbar, dass die Weltwirtschaft im kommenden Jahrzehnt erschüttert und geschwächt sein wird.
Im letzten halben Jahrhundert hat der Kapitalismus angesichts der vielen Umwälzungen, die er erlebt hat (1975, 1987, 1998, 2008), die Fähigkeit gezeigt, "weiterzumachen". Die globalen Bedingungen, die wir gerade analysiert haben, erlauben uns jedoch die Vermutung, dass diese Fähigkeit erheblich geschwächt ist. Es wird nicht – wie die Rätisten und Bordigisten hoffen – zu einem großen finalen Zusammenbruch kommen, aber da das Herz der Weltwirtschaft – insbesondere die USA und in zunehmendem Maße auch Teile Europas – stark destabilisiert ist, wird es schwieriger werden, eine Antwort auf die Krise auf internationaler Ebene zu koordinieren, was zusammen mit dem erdrückenden Gewicht der Schulden eine klare Bestätigung der Perspektive darstellt, die im Bericht des 23. Kongresses aufgezeigt wurde : "Das destabilisierende Gewicht der ungezügelten Verschuldung; die wachsende Sättigung der Märkte; die zunehmenden Schwierigkeiten des 'globalisierenden Managements' der Weltwirtschaft, verursacht durch den Einbruch des Populismus, aber auch die Verschärfung des Wettbewerbs und das Gewicht der enormen Investitionen, die das Wettrüsten erfordert; schließlich, ein nicht zu vernachlässigender Faktor, die zunehmend negativen Auswirkungen der galoppierenden Zerstörung der Umwelt und die unkontrollierte Umwälzung der 'natürlichen' Gleichgewichte des Planeten“.
Eine der Maßnahmen, die die Staaten ergreifen werden, um die Wirtschaft anzukurbeln, sind die so genannten "Green Economy"-Pläne. Diese werden von der Notwendigkeit angetrieben, die alte Schwerindustrie und fossile Brennstoffe durch Elektronik, Computerisierung, KI, leichte Materialien und neue Energiequellen zu ersetzen, die eine höhere Produktivität, Kostenreduzierung und Arbeitseinsparungen ermöglichen. Eine Zeit lang mögen die großen Investitionen, die eine solche Wiederbelebung der Wirtschaft erfordert – die auch die Rüstungsproduktion einschließt –, die Wirtschaft der Länder ankurbeln, die in diesem Prozess am besten positioniert sind, aber das Gespenst der Überproduktion wird wieder zurückkehren und die Weltwirtschaft heimsuchen.
Die Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiter verlief in der Zeit von 1967-80 sehr langsam.
Sie begann sich erst in den 1980er Jahren zu beschleunigen, als die Sozialleistungen eingeschränkt wurden, Massenentlassungen stattfanden und sich die Prekarität der Arbeit durchzusetzen begann.
Im Zeitraum 1990-2008 setzte sich die Verschlechterung fort: Der systematische Abbau von Arbeitsplätzen wurde zum "Normalfall". Außerdem begann eine Wohnungskrise. Die Massenmigration drückte auf die Löhne und Arbeitsbedingungen in den zentralen Ländern. Allerdings war der Rückgang der Lebensbedingungen in den zentralen Ländern noch allmählich und begrenzt. Es gab etwas Perverses, das den Rückgang überdeckte: die Entwicklung massiver Kredite in proletarischen Haushalten.
In dem vom 23. Kongress angenommenen Bericht zeigten wir die enorme Verschlechterung des Lebensstandards des Proletariats in den zentralen Ländern, erhebliche Kürzungen bei Renten, Gesundheit, Bildung, Sozialleistungen usw., den Anstieg der Arbeitslosigkeit und insbesondere die spektakuläre Entwicklung der Arbeitsplatzunsicherheit. Die 2010er Jahre haben eine große Eskalation der Verschlechterung des Arbeitslebens in den zentralen Ländern bedeutet. Die allmählichen Angriffe, die wir zwischen 1970-2008 gesehen haben, begannen sich im Jahrzehnt 2010-2020 zu beschleunigen.
Die Pandemiekrise hat die Angriffe auf die Lebensbedingungen der Arbeiter verschärft. Erstens wurden in allen Ländern die Arbeiter zur Schlachtbank geführt, weil sie gezwungen waren, in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren und sich ohne Schutzausrüstung am Arbeitsplatz wiederfanden (in der Tat gab es zu Beginn der Schließung deswegen viele Proteste in Fabriken, Lagern usw.). Es ist jedoch anzumerken, dass Arbeiter im Gesundheitswesen und in Altenheimen eine hohe Anzahl von Infektionen und Todesfällen erlitten haben. Arbeiter*innen in der Lebensmittelindustrie waren ebenfalls stark betroffen[28], ebenso wie Lohnabhängige in der Landwirtschaft, von denen die meisten Migrant*innen sind.[29]
Angriffe auf die Arbeiterklasse in allen Ländern, aber besonders in den zentralen Ländern, stehen eindeutig auf der Tagesordnung. Der Bericht der ILO Covid-19 und die Welt der Arbeit ist unverblümt: "Die Covid-19-Pandemie hat der Welt der Arbeit die schwerste Krise seit der Großen Depression der 1930er Jahre beschert".
Arbeitslosigkeit. Die Überkapazitäten in der Industrie und die langsame und schwache Erholung der Nachfrage werden als starker Anreiz für massive Entlassungen wirken. Während der Zeit der strikten Abschottung verdeckten die enormen staatlichen Subventionen für die Teilzeitarbeitslosen den Ernst der Lage vieler Arbeiter*innen, die unter einer drastischen Reduzierung ihrer Einkommen leiden. Eine allmähliche "Normalisierung" der wirtschaftlichen Funktionsweise wird jedoch eine weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiter mit sich bringen, die in vielen Fällen unumkehrbar ist. Nach Angaben der ILO ist ein weltweiter Verlust von 36 Millionen Arbeitsplätzen das Best-Case-Szenario und 130 Millionen sind das Worst-Case-Szenario, das für das Jahr 2021 geschätzt wird.[30]
Wir können das an einer Analyse der düsteren Perspektive für die Autoindustrie verdeutlichen: "Ein Experte der deutschen Autoindustrie gab folgende Prognose ab: Der Prognose zufolge werden alle großen Automobilmärkte im zweistelligen Prozentbereich schrumpfen. Am stärksten betroffen sind Frankreich und Italien mit einem Rückgang von jeweils 25 Prozent, Spanien mit 22 Prozent sowie Deutschland, die USA und Mexiko mit jeweils 20 Prozent. Für den größten Automobilmarkt der Welt, China, erwartet Dudenhöffer einen Absatzrückgang von rund 15 Prozent. In den deutschen Werken gibt es plötzlich Überkapazitäten von 1,3 bis 1,7 Millionen Fahrzeugen. Kurzarbeit kann nur kurze Zeiträume überbrücken. Kein Unternehmen könnte über Jahre hinweg ungenutzte Produktionskapazitäten vorhalten. Deshalb sind heute 100.000 der 830.000 Arbeitsplätze bei Autoherstellern und Zulieferern in Deutschland gefährdet – "unter optimistischen Annahmen", wie Dudenhöffer schreibt“.[31]
Prekarität. Die ILO nennt Prekarität "nicht ausreichend ausgelastete Beschäftigung" und schätzt, dass sich weltweit 473 Millionen Arbeitnehmer in diesem Zustand befinden (2020). Ebenso wichtig ist die informelle Arbeit: "Mehr als 2 Milliarden Arbeiter sind mit wirtschaftlichen Aktivitäten beschäftigt, die nicht ausreichend oder überhaupt nicht durch formale Systeme in Gesetz oder Praxis abgedeckt sind". Nach Angaben der ILO "verdienen 630 Millionen Arbeiter weltweit nicht genug mit ihrer Arbeit, um sich und ihre Familien aus der Armut zu befreien“.[32]
Löhne. In Bezug auf die Löhne hat die ILO den globalen Rückgang der Löhne bis 2020 auf 8,3 % geschätzt. Trotz staatlicher Unterstützungsmaßnahmen sinken die Löhne bis 2020 (ILO-Daten) in Peru um 56,2 %, in Brasilien um 21,3 %, in Vietnam um 6,9 %, in Italien um 4,0 %, in Großbritannien um 2,9 % und in den USA um 9,3 %.
Der oben erwähnte ILO-Bericht warnt, dass "die Krise besonders verheerende Auswirkungen auf viele Bevölkerungsgruppen und gefährdete Sektoren auf der ganzen Welt hat. Junge Menschen, Frauen und Geringqualifizierte mit niedrigem Einkommen werden es schwerer haben, von einer baldigen Erholung zu profitieren und sind einem sehr hohen Risiko ausgesetzt, langfristige Folgen und Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt zu erleiden“.
Die unglaubliche Höhe der Staatsverschuldung kann nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden; ab einem bestimmten Punkt wird sie zwangsläufig zur Verabschiedung drastischer Sparmaßnahmen führen, die Bildung, Gesundheit, Renten, Subventionen, Sozialleistungen usw. betreffen.
Vom "intelligenten Management" des Staatskapitalismus ist nichts zu erwarten, nur Sparpolitik, Elend, Chaos und keine Zukunft. Die Zukunft der Menschheit liegt in den Händen des Proletariats, sein Widerstand gegen die brutale Sparpolitik und die Politisierung dieses Widerstands werden in der kommenden Periode der Schlüssel sein.
(Frühjahr 2021)
[1] Die Auswirkungen des Zerfalls auf die Wirtschaft: Bericht über die Wirtschaftskrise (24. Kongress von Révolution Internationale, 2020) [74]
[2] La pandémie de Covid-19 plonge l’économie planétaire dans sa pire récession depuis la Seconde Guerre [75] mondiale
[3] Die Weltmarkpreise im Schiffsverkehr vervierfachten sich nach der Covid-Pandemie.
[4] Die Zahlen und die Analyse dieser massiven Geldspritzen sind in dem vom 24. Kongress von Révolution Internationale angenommenen Bericht über die Wirtschaftskrise enthalten, so dass wir sie hier nicht wiederholen werden (vgl. Fn 1).
[5] La Vanguardia: Associación de Cargadores de España [76], 02.03.2020
[6] Manifest des Ersten Kongresses der Komintern
[7] Biden schlug einen G-10-Gipfel vor, nicht um sich wirtschaftlich mit China abzustimmen, sondern um es zu isolieren.
[8] Zombie-Firmen sind solche, die ständig ihre Schulden refinanzieren müssen, weil der Schuldendienst ihre ganzen Gewinne verschlingt und sie dazu zwingt, weitere Schulden aufzunehmen.
[10] Quelle: assessment paper, AIR POLLUTION [78], Guy Hutton, 2011
[11] The economics of extinction [79], Kirk Hamilton, Cameron Hepburn, Alexander Teytelboym, Frank Sperling, François Cohen, 2018
[12] Quelle: LA VANGUARDIA [80], Rapport de l'Agence européenne pour l'environnement, 08.09.2020
[13] LA BANQUE MONDIALE [81]
[14] Bloomberg Businessweek [82], 13.11.2020
[15] „(…) die rücksichtslose Eroberung "wilder" Gebiete durch das Kapital, wie wir bereits bei Ebola gesehen haben, [was] mit dem Landhunger dieses kapitalistischen Systems zu tun hat, d.h. mit dem Funktionieren der Grundrenten. Die zunehmende Urbanisierung, die Ausbeutung jedes Quadratzentimeters des Planeten (...) führt zu einer erzwungenen Koexistenz zwischen den Arten." (D.) "Es besteht in der Tat die Tendenz, das Ausmaß zu unterschätzen, in dem die Pandemie ein Produkt der ökologischen Dimension ist, ein weiteres grundlegendes Merkmal des Zerfalls. Das Zitat aus Le Fil Rouge ist interessant, da die Tendenz zu Pandemien mit dem metabolischen Austausch mit der Natur (Marx) verbunden ist – der durch die Entwicklung des Kapitalismus in Dekadenz und Zerfall verzerrte Ausmaße angenommen hat. Die Vorstellung, dass es sich beinahe um eine Naturkatastrophe handle, führt dazu, die sozialen Wurzeln aus dem Blickfeld zu verlieren." (B.) (2020)
[17] Bericht des International Peace Research Institute (SIPRI), publiziert am 27.04.2020.
[18] Quelle: Alemania incrementa en 1300 millones su presupuesto de defensa [83], infodefensa.com, 01.12.2020
[20] Quelle: CNBC [85], America has spent $6.4 trillion on wars in the Middle East and Asia since 2001, a new study says, 20.11.2019
[21] Quelle: EL COMERCIO [86], China fijó el gasto militar en USD 178 000 millones para este 2020, 21.05.2020
[22] China und Russland verdoppeln ihre Militärausgaben innerhalb eines Jahrzehnts, ABC Internacional [87], 12.11.2017
[23] Die Kriegswirtschaft kann die Wirtschaft zunächst ankurbeln. Aber diese Ankurbelung ist trügerisch, und das zeigt sich, wenn wir die langfristige Perspektive betrachten. Es gibt das Beispiel Russland. In jüngerer Zeit ist da der Fall der Türkei, die nach einem spektakulären Start heute durch das erdrückende Gewicht der Kriegsanstrengungen zunehmend geschwächt ist. Auch der Iran und Saudi-Arabien, die sich in einer extremen Rivalität befinden, werden wirtschaftlich immer mehr geschwächt.
[24] Aus einem internen Kommuniqué unserer Sektion in Deutschland
[25] Republica, "La deuda mundial escalará en 2020 a un récord de 233 billones", 18.11.2020.
[26] Die Auswirkungen des Zerfalls auf die Wirtschaft: Bericht über die Wirtschaftskrise (24. Kongress von Révolution Internationale, 2020) [74]
[27] Siehe dazu den in der vorstehenden Fußnote erwähnten Bericht zur Wirtschaftskrise des 24. Kongresse von RI.
[28] "Die Situation in der Fleischverpackungsindustrie zeigte ein ähnliches Bild wie in den Schlachthäusern von Chicago vor mehr als einem Jahrhundert. Plötzlich wurden hohe Infektionsraten beim Personal in den Schlachthöfen bekannt. Es wurde bekannt, dass dies die modernen Sweatshops in Deutschland sind, mit sehr billigen Arbeitskräften aus Osteuropa, die in Baracken oder sehr heruntergekommenen, überfüllten Wohnungen leben – angemietet von Subunternehmern der Schlachthöfe. Hunderte von ihnen haben sich aufgrund der beengten Arbeits- und Wohnverhältnisse angesteckt" (Kommuniqué unserer Sektion in Deutschland, 2020)
[29] In Spanien versuchten im April 2020 Erdbeerpflücker, zumeist Arbeiter aus Marokko und Afrika, gegen die entsetzliche Überbelegung ihrer Baracken zu streiken, woraufhin die linke Koalitionsregierung sofort die Guardia Civil einsetzte.
[30] Quelle: ILO, Observatoire de l’OIT Le Covid‑19 et le monde du travail [88], 7. Auflage, 15.01.2021
[31] Aus einem Kommuniqué unserer Sektion in Deutschland
Dieser Bericht steht im Zusammenhang mit der Resolution zur internationalen Lage, die vom 24. Kongress der IKS verabschiedet wurde, insbesondere mit den folgenden Punkten:
„8. Während das Voranschreiten des kapitalistischen Zerfalls neben der chaotischen Zuspitzung der imperialistischen Rivalitäten in erster Linie die Form der politischen Zersplitterung und des Kontrollverlusts der herrschenden Klasse annimmt, bedeutet dies nicht, dass die Bourgeoisie bei ihren Bemühungen, die Gesellschaft zusammenzuhalten, nicht mehr auf den Staatstotalitarismus zurückgreifen könnte. (...) Die Wahl Bidens, unterstützt durch eine enorme Mobilisierung der Medien, von Teilen des politischen Apparats und sogar des Militärs und der Sicherheitsdienste, drückt diese reale Gegentendenz zur Gefahr der sozialen und politischen Desintegration aus, die am deutlichsten vom Trumpismus verkörpert wird. (...)
9. Der offensichtliche Charakter der politischen und ideologischen Zerfallsprozesse in der führenden Macht der Welt bedeutet nicht, dass die anderen Zentren des Weltkapitalismus in der Lage wären, alternative Festungen der Stabilität zu bilden. (...)
12. Innerhalb dieses chaotischen Bildes steht zweifellos die wachsende Konfrontation zwischen den USA und China tendenziell im Mittelpunkt. Die neue Administration hat damit ihr Bekenntnis zum "Tilt to the East" (zur Neigung nach Osten, jetzt unterstützt von der Tory-Regierung in Großbritannien) demonstriert, die bereits eine zentrale Achse der Außenpolitik Obamas war.“
Vor diesem Hintergrund zielt dieser Bericht darauf ab, die Ereignisse der letzten Monate zu erfassen und sich zu den folgenden drei Fragen zu äussern:
1. Wo steht der Niedergang der Hegemonie der USA?
2. Hat China von den Ereignissen in diesem Zeitraum profitiert?
3. Was ist heute der vorherrschende Trend in der imperialistischen Konfrontation?
"Bestätigt als die einzig verbliebene Supermacht würden die USA alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu verhindern, dass eine andere Supermacht - in Wirklichkeit ein anderer imperialistischer Block - ihre "neue Weltordnung" herausfordert" (Resolution zur internationalen Lage, Punkt 4, 15. Kongress der IKS, 2003). Die Geschichte der letzten 30 Jahre ist in Bezug auf die USA durch einen systematischen Niedergang ihrer Führungsrolle gekennzeichnet, trotz einer beharrlichen Politik, die darauf abzielt, ihre Hegemonie in der Welt aufrechtzuerhalten.
Verschiedene Phasen kennzeichnen die Bemühungen der USA, ihre Führungsrolle angesichts sich verändernder Bedrohungen aufrechtzuerhalten. Sie sind auch von der internen Uneinigkeit innerhalb der amerikanischen herrschenden Klasse über die zu verfolgende Politik geprägt und werden diese zudem noch verschärfen.
(a) Die "Neue Weltordnung" unter Führung der USA (Bush senior und Clinton: 1990-2001)
Präsident Bush senior nutzte die Invasion der irakischen Streitkräfte in Kuwait aus, um eine breite internationale Militärkoalition um die USA herum zu mobilisieren, um Saddam Hussein zu "bestrafen". Der erste Golfkrieg sollte ein "Exempel" statuieren: Angesichts einer Welt, die immer mehr von Chaos und dem "Jeder für sich" beherrscht wird, sollte ein Mindestmaß an Ordnung und Disziplin durchgesetzt werden, und zwar in erster Linie in den wichtigsten Ländern des ehemaligen Westblocks. Die einzige Supermacht, die sich gehalten hat, wollte der "internationalen Gemeinschaft" eine "neue Weltordnung" unter ihrer Ägide aufzwingen, weil sie als einzige die Mittel dazu hatte, aber auch, weil sie in der globalen Unordnung am meisten zu verlieren hat.
Allerdings wird sie diese Rolle nur ausüben können, wenn sie die ganze Welt zunehmend in das Korsett des Militarismus und der Kriegsbarbarei zwängt wie während des blutigen Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien, als sie den imperialistischen Appetit der europäischen Länder (Deutschland, Großbritannien und Frankreich) mit der Durchsetzung der "Pax americana" in der Region unter ihrer Autorität (Dayton-Abkommen, Dez. 1995) abwehren musste.
(b) Die USA als "Weltsheriff/ Weltpolizist" (Bush junior: 2001-2008)
Die Al-Qaida-Anschläge vom 11. September 2001 veranlassten Präsident Bush junior, einen "War against terror" gegen Afghanistan und vor allem gegen den Irak im Jahr 2003 zu entfesseln. Trotz allen Drucks und der Verwendung von "Fake News", um die "internationale Gemeinschaft" hinter den USA gegen die "Achse des Bösen" zu mobilisieren, scheiterten die USA dabei, die anderen imperialistischen Staaten gegen Saddams "Schurkenstaat" zu mobilisieren, und marschierten fast allein in den Irak ein, mit Tony Blairs England als einzigem bedeutenden Verbündeten.
Das Scheitern dieser Interventionen, das durch den Rückzug aus dem Irak (2011) und aus Afghanistan (2021) unterstrichen wurde, machte deutlich, dass die USA nicht mehr in der Lage waren, den "Weltsheriff" zu spielen und der Welt ihre Ordnung aufzuzwingen. Im Gegenteil, dieser "Krieg gegen den Terror" hat die Büchse der Pandora des Zerfalls in diesen Regionen vollends geöffnet, indem er die Ausbreitung des „Jeder für sich“ selbst verschärft hat, was sich insbesondere in einer allseitigen Zunahme der imperialistischen Ambitionen von Mächten wie China und Russland, natürlich dem Iran, aber auch der Türkei, Saudi-Arabien und sogar den Golf-Emiraten oder Katar manifestiert hat. Die zunehmende Ausweglosigkeit der US-Politik und die irrsinnige Flucht in die kriegerische Barbarei haben die deutliche Schwächung der globalen Führungsrolle der USA deutlich gemacht.
Die Obama-Regierung versuchte, die Auswirkungen der katastrophalen Politik Bushs zu verringern (die Hinrichtung Bin Ladens 2011 unterstrich die absolute technologische und militärische Überlegenheit der USA), und wies immer deutlicher auf den Aufstieg Chinas als Hauptgefahr für die amerikanische Hegemonie hin, was innerhalb dieser Bourgeoisie und ihres Staatsapparats intensive Debatten auslöste.
(c) Die "America First"-Politik (Trump, im Grunde fortgeführt von Biden: 2017)
Die von Trump ab 2017 umgesetzte Politik des "America First" auf imperialistischer Ebene stellt in Wirklichkeit die offizielle Anerkennung des Scheiterns der imperialistischen Politik der USA in den letzten 25 Jahren dar: „Die Formalisierung des Prinzips der Verteidigung nur ihrer Interessen als Nationalstaat und die Auferlegung profitabler Machtverhältnisse als Hauptgrundlage für die Beziehungen zu anderen Staaten durch die Trump-Administration bestätigt das Scheitern der Politik der letzten 25 Jahre des Kampfes gegen die Tendenz des „Jeder für sich“ als Weltpolizist zur Verteidigung der ab 1945 geltenden Weltordnung und zieht die Konsequenzen daraus.“ (23. Internationaler Kongress der IKS, Resolution zur internationalen Lage, Internationale Revue Nr. 56, Frühling 2020)
Angesichts der mangelnden Bereitschaft der Arbeitermassen, sich für massive Militäreinsätze zu engagieren, und der hohen Verluste, die ein massiver Einsatz von Soldaten in der Welt mit sich bringen würde (vgl. bereits die Rekrutierungsschwierigkeiten von Bush junior für den Irakkrieg), bedeutete diese Position zwar eine maximale Begrenzung der Operationen mit "boots on the grounds", ging aber vor allem mit einer zunehmenden Polarisierung und einer betonten Aggressivität gegenüber China einher, das tendenziell immer mehr als Hauptgefahr identifiziert wird. Während diese Position in der Obama-Regierung weiterhin umstritten war und auch in der Trump-Regierung Spannungen zwischen den Befürwortern der Bekämpfung von "Schurkenstaaten" wie dem Iran (Pompeo, Kushner) und den Befürwortern der "chinesischen Hauptgefahr" (Geheimdienst und Militär) auftraten, ist die Polarisierung auf letztere Option zweifellos die zentrale Achse der Außenpolitik Bidens. Es handelt sich dabei um eine strategische Entscheidung der USA, ihre Kräfte auf den militärischen und technologischen Wettbewerb mit China zu konzentrieren, um ihre Vormachtstellung zu bewahren und sogar auszubauen und ihre Position als "Pate" des herrschenden Clans gegenüber den konkurrierenden Clans (China und nebenbei Russland), die ihre Hegemonie am direktesten bedrohen, zu verteidigen. Schon als Weltpolizist verschärften die USA kriegerische Gewalt, Chaos und das „Jeder für sich“; ihre aktuelle Politik ist keineswegs weniger destruktiv geworden, ganz im Gegenteil.
Die von der Trump-Regierung eingeleitete Polarisierung der USA gegenüber China und eine entsprechende Umverteilung der Kräfte wurden von der Biden-Regierung in vollem Umfang übernommen. Diese hat nicht nur die von Trump eingeleiteten aggressiven wirtschaftlichen Maßnahmen gegen China beibehalten, sondern vor allem den Druck durch eine aggressive Politik erhöht:
- politisch: Verteidigung der Rechte der Uiguren und Hongkongs, diplomatische und handelspolitische Annäherung an Taiwan, Hacker-Vorwürfe gegen China;
- militärisch im Chinesischen Meer durch explizite und spektakuläre Aktionen in den letzten Monaten: vermehrte Militärübungen unter Beteiligung der US-Flotte und der Flotten von Verbündeten im Südchinesischen Meer, alarmierende Berichte über die unmittelbar drohende chinesische Intervention in Taiwan, Präsenz von US-Spezialkräften in Taiwan zur Betreuung taiwanischer Eliteeinheiten, Abschluss eines neuen Verteidigungsabkommens, des AUKUS, zwischen den USA, Australien und Großbritannien, das eine militärische Koordination eingeführt hat, die ausdrücklich gegen China gerichtet ist, Bidens Zusage, Taiwan im Falle einer chinesischen Aggression zu unterstützen.
Taiwan hat in der Strategie der USA gegenüber China immer eine wichtige Rolle gespielt. Während es im Kalten Krieg ein wichtiger Teil der Eindämmungsmaßnahmen des „kommunistischen“ Blocks war, stellte es in den 1990er und frühen 2000er Jahren das Schaufenster der globalisierten kapitalistischen Gesellschaft dar, in die China eingebunden war. Mit dem Aufstieg Chinas hat sich der Blickwinkel jedoch geändert und Taiwan spielt wieder eine geostrategische Rolle, um der chinesischen Marine den Zugang zum Westpazifik zu versperren. Auf strategischer Ebene “stellen die Produktionsstätten der Insel in der Tat den Großteil der Halbleiter der neuesten Generation her, die für die globale digitale Wirtschaft (Smartphones, vernetzte Objekte, künstliche Intelligenz usw.) unerlässlich sind“ (Le Monde diplomatique, Oktober 2021).
China hat seinerseits aggressiv auf diesen politischen und militärischen Druck reagiert, insbesondere auf denjenigen, der Taiwan betrifft: Abhaltung massiver und bedrohlicher See- und Luftmanöver rund um die Insel, Veröffentlichung alarmierender Studien, die auf ein "noch nie dagewesenes" Kriegsrisiko mit Taiwan hinweisen, oder Pläne für einen Überraschungsangriff auf Taiwan, der zu einer totalen Niederlage der Streitkräfte der Insel führen würde.
Warnungen, Drohungen und Einschüchterungen haben sich also in den letzten Monaten im Chinesischen Meer abgewechselt. Sie unterstreichen den wachsenden Druck, den die USA auf China ausüben. In diesem Zusammenhang haben die USA alles darangesetzt, andere asiatische Länder, die über Pekings Expansionsbestrebungen besorgt sind, hinter sich zu bringen, indem sie beispielsweise versucht haben, eine Art asiatische NATO, die QUAD, zu gründen, die die USA, Japan, Australien und Indien vereint, und Südkorea mit einzubeziehen. Andererseits und in ähnlicher Weise wollte Biden die NATO wiederbeleben, um die europäischen Länder in seine Politik des Drucks gegen China einzubinden. Paradoxerweise zeigt die Bildung des AUKUS die Grenzen auf, die dem Zusammenschluss anderer Nationen hinter den USA gesetzt sind. Der AUKUS bedeutet zunächst eine Ohrfeige für Frankreich und macht Bidens schöne Worte von der "Partnerschaft" innerhalb der NATO zunichte. Darüber hinaus bestätigt dieses Abkommen auch die Zurückhaltung von Ländern wie Indien mit seinen eigenen imperialistischen Ambitionen und vor allem von Südkorea und Japan, die zwischen der Angst vor Chinas militärischer Aufrüstung und ihren beträchtlichen Industrie- und Handelsbeziehungen zu China eingeklemmt sind.
Nachdem der Irak und Syrien in Chaos und blutige Barbarei versunken sind, bestätigen die Ereignisse vom September 2021 in Afghanistan voll und ganz die prägenden Trends dieses Zeitraums: den Niedergang der US-Führung und den Aufstieg von Chaos und dem „Jeder gegen jeden“.
Der völlige Zusammenbruch des afghanischen Regimes und der afghanischen Armee, der blitzartige Vormarsch der Taliban trotz einer 20-jährigen US-Militärintervention im Land und Hunderten von Milliarden Dollar, die im "nation building" versenkt wurden, sowie die panikartige Evakuierung von US-Bürgern und Mitarbeitern bestätigen auf eindrucksvolle Weise, dass die USA nicht mehr in der Lage sind, die Rolle des "Weltpolizisten" zu erfüllen. Konkret hat der dramatische und chaotische Abzug der US-Truppen aus Afghanistan zu einer inneren und äußeren Niederlage für die Biden-Regierung geführt.
(a) Außenpolitisch untergrub das Debakel in den Augen seiner "Verbündeten" die Vertrauenswürdigkeit der USA
Da selbst NATO-Sekretär J. Stoltenberg zugeben musste, dass die USA nicht mehr garantieren, die europäischen Verbündeten gegen ihre Feinde zu verteidigen, wurde Bidens gesamte Charmeoffensive gegenüber der NATO und den Verbündeten zunichte gemacht. Das völlige Fehlen von Absprachen innerhalb der NATO und der absolute Alleingang der USA führten zu empörten Reaktionen in London, Berlin und Paris. Was die Kollaborateure der Amerikaner in Afghanistan (wie die Kurden in Syrien, die von Trump verraten wurden) betrifft, so fürchten sie zu Recht um ihr Leben: Hier ist eine Weltmacht Nummer eins, die nicht in der Lage ist, das Leben ihrer Kollaborateure und die Unterstützung ihrer Verbündeten zu garantieren. Sie verdient daher kein "Vertrauen" (wie Xi Jinping sarkastisch betonte!).
(b) Innenpolitisch hat sie die Glaubwürdigkeit der Biden-Administration ausgehöhlt
In der Resolution zur internationalen Lage des 24. IKS-Kongresses heißt es: "Die Wahl Bidens, unterstützt durch eine enorme Mobilisierung der Medien, von Teilen des politischen Apparats und sogar des Militärs und der Sicherheitsdienste, drückt diese reale Gegentendenz zur Gefahr der sozialen und politischen Desintegration aus, die am deutlichsten vom Trumpismus verkörpert wird. Kurzfristig können solche "Erfolge" als Bremse gegenüber dem wachsenden sozialen Chaos fungieren.“ (Punkt 8) Das Afghanistan-Debakel hat jedoch nicht nur die Unzuverlässigkeit der USA gegenüber ihren Verbündeten deutlich gemacht, sondern auch die Spannungen innerhalb der amerikanischen Bourgeoisie verschärft und allen gegnerischen Kräften (Republikanern und Populisten), die diesen übereilten und demütigenden Rückzug durch eine Regierung, die "die Vereinigten Staaten international entehrt", verurteilen, einen breiten Raum eröffnet. Und das zu einem Zeitpunkt, da die von der Biden-Administration propagierte Politik der industriellen Wiederbelebung und der großen Bauvorhaben, die die vom Populismus verursachten Schäden begrenzen sollte, auf heftigen Widerstand der Republikaner im Kapitol und Trumps stieß und sie angesichts einer stagnierenden Impfpolitik gezwungen war, Zwangsmaßnahmen gegenüber der Bevölkerung zu ergreifen.
Die fehlende Zentralisierung der Taliban-Macht, die unzähligen Strömungen und Gruppen mit den unterschiedlichsten Bestrebungen, aus denen sich die Bewegung zusammensetzt, und die Vereinbarungen mit lokalen Kriegsherren, das ganze Land rasch einzunehmen, führen dazu, dass die Situation von Chaos und Unberechenbarkeit geprägt ist, wie die jüngsten Anschläge gegen die Hazara-Minderheit zeigen. Dies kann den Interventionswillen der verschiedenen Imperialismen nur verstärken, aber auch die Unberechenbarkeit der Situation und damit auch das herrschende Chaos.
- Der Iran ist mit den Hazara-Minderheiten entlang seiner Grenzen verbunden und will seinen Einfluss in dieser Region aufrechterhalten. Pakistan ist besorgt, dass der Sieg der Taliban (die es über seinen Geheimdienst finanziert) zu einer Unabhängigkeitsbewegung der paschtunischen Bevölkerung innerhalb seiner eigenen Grenzen führen könnte. Indien, das das gestürzte Regime in großem Umfang finanzierte, sieht sich nun mit einer Intensivierung der muslimischen Guerilla im indischen Kaschmir konfrontiert. Russland hat seine Truppen in den ehemaligen Sowjetrepubliken Asiens verstärkt, um jeglichen Bestrebungen, die dortigen dschihadistischen Bewegungen zu unterstützen, entgegenzuwirken.
- Zieht insbesondere China irgendeinen Vorteil aus dem Rückzug der USA? Das Gegenteil ist der Fall. Das Chaos in Afghanistan selbst macht eine kohärente und langfristige Politik in diesem Land unberechenbar. Außerdem stellt die Präsenz der Taliban an Chinas Grenzen ein ernsthaftes Gefahrenpotenzial für islamistische Infiltrationen nach China (Uiguren) dar, zumal die pakistanischen "Brüder" der Taliban (die TTP, Cousins des ISK) eine Anschlagskampagne gegen die Baustellen der "neuen Seidenstraße" führen, bei der bereits ein Dutzend chinesischer "Entwicklungshelfer" ums Leben gekommen sind. China versucht, der Gefahr in Afghanistan zu begegnen, indem es sich in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens (Turkmenistan, Tadschikistan und Usbekistan) niederlässt. Diese Republiken gehören jedoch traditionell zum russischen Einflussbereich, was die Gefahr einer Konfrontation mit diesem "strategischen Verbündeten" erhöht, dem seine langfristigen Interessen (die "neue Seidenstraße") ohnehin fundamental entgegenstehen (siehe Punkt 4.2, der sich mit der chinesisch-russischen Allianz befasst).
China hat in den letzten Jahrzehnten einen kometenhaften Aufstieg in wirtschaftlicher und imperialistischer Hinsicht erlebt, der es zum wichtigsten Herausforderer der USA gemacht hat. Wie die Ereignisse in Afghanistan im September 2021 bereits zeigen, konnte es jedoch weder vom anhaltenden US-Rückgang noch von der Covid-19-Krise und ihren Folgen profitieren, um seine Positionen in den imperialistischen Beziehungen zu stärken – im Gegenteil. Betrachten wir die Schwierigkeiten, mit denen die chinesische Bourgeoisie in Bezug auf die Kontrolle des Coronavirus, die Verwaltung der Wirtschaft, die imperialistischen Beziehungen und die Spannungen innerhalb der eigenen Bourgeoisie konfrontiert ist.
China setzt auf Herdenimmunität, bevor es das Land öffnet, aber die strikte Lockdown-Politik, die es in der Zwischenzeit in ganzen Städten und Regionen anwendet, wann immer Infektionen festgestellt werden, belastet die Wirtschafts- und Handelsaktivitäten schwer. So führte die Schließung des Hafens von Yantian, des drittgrößten Containerhafens der Welt, im Mai zur monatelangen Blockade von Tausenden von Containern und Hunderten von Schiffen, was den weltweiten Seeverkehr völlig durcheinanderbrachte.
Das Streben nach kollektiver Immunität veranlasst zudem einige chinesische Provinzen und Städte dazu, finanzielle Sanktionen gegen die Hinterherhinkenden zu verhängen. Angesichts der zahlreichen Kritiken in den chinesischen sozialen Netzwerken hat die Zentralregierung solche Maßnahmen blockiert, da sie dazu tendierten, "den nationalen Zusammenhalt zu gefährden".
Am gravierendsten sind sicher die übereinstimmenden Daten über die begrenzte Wirksamkeit der chinesischen Impfstoffe, die von verschiedenen Ländern, die sie verwenden, mitgeteilt wurden: “Insgesamt scheint die Impfkampagne in Chile – die mit derzeit 62 % Geimpften in der Bevölkerung wichtig ist – keine nennenswerten Auswirkungen auf den Anteil der Todesfälle zu haben“ (H. Testard, Covid-19: Impfung hebt in Asien ab, aber die Zweifel an den chinesischen Impfstoffen wachsen, Asialyst, 21.07.21). Die chinesischen Verantwortlichen erwägen heute sogar Vereinbarungen über den Import von Pfizer oder Moderna, um die Unwirksamkeit ihrer eigenen Impfstoffe zu kompensieren.
Abgesehen von der unbestreitbaren Verantwortung Chinas für den Ausbruch der Pandemie belastet Pekings ineffizientes Management der Covid-Krise die allgemeine Politik des chinesischen Staatskapitalismus.
Das starke Wachstum, das China in den letzten 40 Jahren verzeichnet hat – auch wenn die Zahlen im letzten Jahrzehnt bereits rückläufig waren – scheint sich dem Ende zuzuneigen. Experten erwarteten, dass das chinesische BIP im Jahr 2021 um weniger als 6 % wachsen wird, während es im letzten Jahrzehnt durchschnittlich 7 % und im Jahrzehnt davor über 10 % betrug. Verschiedene andere Faktoren verschärfen die derzeitigen Schwierigkeiten der chinesischen Wirtschaft:
(a) Die Gefahr des Platzens der chinesischen Immobilienblase: Evergrande, die Nummer zwei der chinesischen Immobilienbranche, wird derzeit von rund 300 Milliarden Euro Schulden erdrückt, die sie nicht mehr bedienen kann, was allein 2 % des BIP des Landes entspricht. Andere Bauträger wie Fantasia Holdings oder Sinic Holdings, die ihren Gläubigern gegenüber fast zahlungsunfähig sind, sind ebenfalls betroffen. Generell hat der Immobiliensektor, der 25 % der chinesischen Wirtschaft ausmacht, eine gigantische öffentliche und private Verschuldung in Höhe von mehreren Billionen US-Dollar verursacht. Der Konkurs von Evergrande ist in Wirklichkeit nur die erste Sequenz eines bevorstehenden globalen Zusammenbruchs dieses Sektors. Heute stehen so viele Wohnungen leer, dass sie 90 Millionen Menschen beherbergen könnten. Zwar wird der unmittelbare Zusammenbruch des Sektors insofern vermieden, als die chinesischen Behörden keine andere Wahl haben, als die Schäden des Schiffbruchs zu begrenzen und ansonsten sehr schwere Auswirkungen auf den Finanzsektor zu riskieren: "(...) Es wird keinen Schneeballeffekt wie 2008 [in den USA] geben, weil die chinesische Regierung die Maschine stoppen kann, meint Andy Xie, ein unabhängiger Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Mitarbeiter von Morgan Stanley in China, der von Le Monde zitiert wird. Ich denke, dass wir mit Anbang [Versicherungsgruppe, Anm. d. Ü.] und HNA [Hainan Airlines] gute Beispiele dafür haben, was passieren kann: Es wird einen Ausschuss geben, der das Unternehmen, die Gläubiger und die Behörden an einen Tisch bringt und der entscheidet, welche Vermögenswerte verkauft, welche umstrukturiert werden sollen und schließlich wie viel Geld übrig bleibt und wer Gelder verlieren kann". (P.-A. Donnet, Fall von Evergrande in China: Das Ende des billigen Geldes, Asialyst, 25.09.21).
Doch während der chinesische Immobiliensektor sein Geschäftsmodell auf einer phänomenalen Verschuldung aufbaut, schreiben viele andere Sektoren rote Zahlen: Ende 2020 betrug die Gesamtverschuldung chinesischer Unternehmen 160 % des BIP des Landes, während die Verschuldung amerikanischer Unternehmen bei etwa 80 % lag, und die "toxischen" Investitionen der Lokalregierungen würden heute laut Analysten von Goldman Sachs allein 53 Billionen Yuan ausmachen, was einer Summe entspricht, die 52 % des chinesischen BIP ausmacht. Somit besteht die Gefahr, dass das Platzen der Immobilienblase nicht nur andere Wirtschaftssektoren ansteckt, sondern auch zu sozialer Instabilität führt (fast 3 Millionen direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen mit Evergrande zusammen), der größten Angst der regierenden KPCh.
(b) Energieausfälle: Sie sind die Folge einer unzureichenden Kohleversorgung, die unter anderem durch die Rekordüberschwemmungen in der Provinz Shaanxi verursacht wurde, die allein 30 % des landesweiten Brennstoffs produziert, und auch durch die von Xi beschlossenen strengeren Vorschriften zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung. Der Mangel belastet bereits die Industrietätigkeit in mehreren Regionen: Die Stahl-, Aluminium- und Zementindustrie leiden bereits unter der Einschränkung des Stromangebots. Diese Einschränkung hat die Produktionskapazitäten für Aluminium um etwa 7 % und für Zement um 29 % reduziert (Zahlen von Morgan Stanley), und Papier und Glas könnten die nächsten betroffenen Sektoren sein. Diese Kürzungen bremsen nun das Wirtschaftswachstum im ganzen Land. Die Lage ist jedoch noch ernster, als es auf den ersten Blick scheint: "Denn diese Stromknappheit wirkt sich nun auch auf den Wohnungsmarkt in einigen Regionen des Nordostens aus. So hat die Provinz Liaoning die Stromabschaltungen aus dem Industriesektor auf Wohnnetze ausgeweitet" (P.-A. Donnet, China: How the serious electricity shortage threats the economy, Asialyst, 30.09.21).
(c) Unterbrechungen in den Produktions- und Lieferketten: Diese hängen mit der Energiekrise, aber auch mit den Ausgangsbeschränkungen infolge der Covid-Infektionen (siehe vorherigen Punkt) zusammen. Sie beeinträchtigen die Produktion in Industrien in verschiedenen Regionen und erhöhen das Risiko von Unterbrechungen in den bereits angespannten nationalen und globalen Lieferketten, zumal einige Hersteller mit einem akuten Mangel an Halbleitern konfrontiert sind.
Die Verwirklichung der "Neuen Seidenstraße" wird immer schwieriger, was auf die finanziellen Probleme im Zusammenhang mit der Covid-Krise und den Schwierigkeiten der chinesischen Wirtschaft, aber auch auf die Vorbehalte der Partner zurückzuführen ist:
- Einerseits wurde das Verschuldungsniveau der "Partner"-Länder durch die Covid-Krise erhöht, und diese sind nun nicht mehr in der Lage, die Zinsen für die chinesischen Kredite zu zahlen. Länder wie Sri Lanka, Bangladesch, Kirgisistan, Pakistan, Montenegro und verschiedene afrikanische Länder haben China gebeten, die Zahlung ihrer Schulden, die in diesem Jahr fällig sind, umzustrukturieren, hinauszuschieben oder zu streichen.
- Andererseits gibt es ein wachsendes Misstrauen vieler Länder gegenüber Chinas Vorgehen (EU, Kambodscha, Philippinen, Indonesien) in Verbindung mit dem von den USA gegen China gerichteten Druck (wie in Lateinamerika), und es gibt auch die Folgen des durch den Zerfall erzeugten Chaos, das einige Schlüsselländer der "Neuen Seidenstraße", wie z.B. Äthiopien, destabilisiert. Kurzum, es ist nicht verwunderlich, dass es 2020 zu einem Einbruch des finanziellen Werts der in das Projekt "Neue Seidenstraße" geflossenen Investitionen (-64 %) gekommen ist, obwohl China seit 2013 mehr als 461 Milliarden US-Dollar verliehen hat.
Unter Deng Xiao Ping richtete der chinesische Staatskapitalismus stalinistischer Prägung unter dem Deckmantel der Politik "Reiche schaffen, um ihren Reichtum zu teilen", "freie" Zonen (Hongkong, Macao etc. ) ein, um einen "freien Markt"-Kapitalismus zu entwickeln, der den Zufluss von internationalem Kapital ermöglichte und auch einen privatkapitalistischen Sektor förderte, der mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der "Globalisierung" der Wirtschaft in den 1990er Jahren dort exponentiell wuchs, auch wenn der öffentliche Sektor unter direkter staatlicher Kontrolle immer noch 30 % der Wirtschaft ausmacht. Wie ging die rigide und repressive Struktur des stalinistischen Staates und der Einheitspartei mit dieser "Öffnung" für den Privatkapitalismus um? Ab den 1990er Jahren wandelte sich die Partei, indem sie massiv Unternehmer und Leiter von Privatunternehmen aufnahm. "Anfang der 2000er Jahre hob der damalige Präsident Jiang Zemin das Verbot der Rekrutierung von Unternehmern aus dem Privatsektor, die bis dahin als Klassenfeinde angesehen worden waren, auf (...). Die so ausgewählten Geschäftsleute werden Mitglied der politischen Elite, was ihnen garantiert, dass ihre Unternehmen zumindest teilweise vor Kadern mit räuberischen Tendenzen geschützt sind" (Que reste-t-il-t-il du communisme en Chine ?, Le monde diplomatique Nr. 68, Juli 2021). Heute machen Fachkräfte und Manager mit Hochschulabschluss 50 % der KPCh-Anhängerschaft aus.
Die Gegensätze zwischen den verschiedenen Fraktionen werden sich daher nicht nur innerhalb der staatlichen Strukturen, sondern auch innerhalb der KPCh selbst äußern. Seit mehreren Jahren (vgl. bereits den Bericht über imperialistische Spannungen des 20. Kongresses der IKS, 2013, Internationale Revue Nr. 51) wachsen die Spannungen zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb der chinesischen Bourgeoisie, insbesondere zwischen jenen, die stärker mit privatkapitalistischen Sektoren verbunden sind, die von internationalem Handel und Investitionen abhängen, und jenen, die mit staatlichen Strukturen und Finanzkontrolle auf regionaler oder nationaler Ebene verbunden sind, also jenen, die eine Öffnung gegenüber dem Welthandel befürworten, und jenen, die eine stärker nationalistische Politik vorantreiben. Insbesondere die "Linkswende", die von der Fraktion hinter Präsident Xi eingeleitet wurde und weniger wirtschaftlichen Pragmatismus und mehr nationalistische Ideologie bedeutet, hat in den letzten Jahren die Spannungen und die politische Instabilität verstärkt: Davon zeugen "die anhaltenden Spannungen zwischen Premierminister Li Keqiang und Präsident Xi Jinping über den wirtschaftlichen Aufschwung ebenso wie die "neue Position" Chinas auf der internationalen Bühne" (China: in Beidaihe, "Sommeruniversität" der Partei, interne Spannungen auf den Punkt gebracht, A. Payette, Asialyst, 06.09.20), die "Kriegspolitik", die die chinesische Diplomatie gegenüber Taiwan betreibt, aber gleichzeitig Xis spektakuläre Erklärung, dass China bis 2060 eine CO2-neutrale Wirtschaft erreichen will, die explizite Kritik an Xi, die immer wieder auftaucht (zuletzt der Aufsatz "Virusalarm", der von einem angesehenen Professor für Verfassungsrecht an der Qinghua-Universität in Peking veröffentlicht wurde und das Ende Xis vorhersagt), Spannungen zwischen Xi und den Generälen, die die Volksarmee führen, Interventionen des Staatsapparats gegenüber Unternehmern, die zu "flamboyant" und kritisch gegenüber der staatlichen Kontrolle sind (Jack Ma und Ant Financial, Alibaba). Einige Konkurse (HNA, Evergrande) könnten übrigens auf die Cliquenkämpfe innerhalb der Partei zurückgeführt werden, beispielsweise im Rahmen der zynischen Kampagne zum "Schutz der Bürger vor den Exzessen der ‚kapitalistischen Klasse‘“.
Kurzum: Die chinesische Bourgeoisie profitiert keineswegs von der aktuellen Situation, sondern ist wie andere Bourgeoisien mit der Last der Krise, dem Chaos des Zerfalls und den inneren Spannungen konfrontiert, die sie mit allen Mitteln innerhalb ihrer veralteten staatskapitalistischen Strukturen einzudämmen versucht.
Die in den vorangegangenen Punkten analysierten Umstände zeigen zwar, dass die Spannungen zwischen den USA und China tendenziell eine dominierende Rolle auf der imperialistischen Bühne einnehmen, ohne dass sie jedoch eine Tendenz zur Bildung imperialistischer Blöcke hervorbringen. Denn abgesehen von einigen begrenzten Bündnissen wie dem AUKUS gelingt es der Hauptmacht des Planeten, den USA, heute nicht nur nicht, die anderen Mächte für ihre politische Linie zu mobilisieren (früher gegen den Irak oder den Iran, heute gegen China), sondern sie ist darüber hinaus unfähig, ihre eigenen Verbündeten zu verteidigen und die Rolle eines "Blockführers" zu spielen. Dieser Niedergang der US-Führung führt zu einer Verschärfung des Chaos, das sich sogar zunehmend auf die Politik aller dominanten Imperialismen auswirkt, einschließlich Chinas, das es ebenfalls nicht schafft, seine Führung dauerhaft auf andere Länder auszudehnen.
Die Tatsache, dass die Taliban die Amerikaner "besiegt" haben, wird all die kleinen Haie ermutigen, die nicht zögern werden, ihre Interessen einzubringen, wenn es niemanden gibt, der "Regeln auferlegt". Wir treten in eine Beschleunigung des gesetzlosen Imperiums und das größte Chaos der Geschichte ein. „Jeder für sich“ wird zum zentralen Faktor der imperialistischen Beziehungen, und kriegerische Barbarei bedroht ganze Teile der Welt.
(a) Zentralasien, Naher Osten und Afrika:
Neben der Barbarei des Bürgerkriegs im Irak, in Syrien, Libyen oder Jemen und dem Absturz Afghanistans in den Horror gibt es starke Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan, angeregt durch die Türkei, die damit Russland provoziert. In Äthiopien (unterstützt von Eritrea) ist ein Bürgerkrieg gegen die "Rebellenprovinz" Tigray (unterstützt vom Sudan und von Ägypten) ausgebrochen, und schließlich wachsen die Spannungen zwischen Algerien und Marokko. Die "Somalisierung" von Staaten und die Zone der Instabilität und "Rechtlosigkeit" (siehe dazu auch den Bericht des 20. Kongresses der IKS, 2013) haben sich immer weiter ausgedehnt: Das Chaos herrscht nun von Kabul bis Addis Abeba, von Sanaa bis Eriwan, von Damaskus bis Tripolis, von Bagdad bis Bamako.
(b) Mittel- und Südamerika:
Covid trifft den Subkontinent hart (1/3 der weltweiten Todesfälle im Jahr 2020 bei 1/8 der Weltbevölkerung) und hat ihn in die schlimmste Rezession seit 120 Jahren gestürzt: Schrumpfung des BIP um 7,7 % und Anstieg der Armut um fast 10 % im Jahr 2020 (Le monde diplomatique [LMD], Okt. 2021). Das Chaos wächst, wie in Haiti, das unter der blutigen Herrschaft von Banden und in entsetzlichem Elend versinkt, und auch in Mittelamerika ist die Lage katastrophal: Hunderttausende verzweifelter Menschen fliehen vor Elend und Chaos und drohen die Südgrenze der USA zu überrennen. Die Region leidet zunehmend unter den mit dem Zerfall verbundenen Konvulsionen: soziale Aufstände in Kolumbien und Chile, populistische Verwirrung in Brasilien. Mexiko versucht, seine eigenen Karten zu spielen (Vorschlag einer neuen OAS usw.), ist aber zu sehr von den USA abhängig, um seine eigenen Bestrebungen durchzusetzen. Die USA waren nicht in der Lage, Maduro in Venezuela, dem die Chinesen und Russen und sogar der Iran weiterhin "humanitäre" Unterstützung leisten, sowie das Regime in Kuba zu stürzen. China hat sich vor allem seit 2008 in die Wirtschaft der Region eingeschlichen und ist zu einem wichtigen Gläubiger vieler lateinamerikanischer Staaten geworden, doch die Gegenoffensive der USA übt derzeit starken Druck auf einige Staaten (Panama, Ecuador, Chile) aus, sich von Pekings "räuberischen Wirtschaftsaktivitäten" zu distanzieren.
(c) Europa:
Die Spannungen zwischen der NATO und Russland haben sich in den letzten Monaten verschärft: Nach dem Vorfall mit dem Ryanair-Flugzeug, das von Weißrussland entführt und abgefangen wurde, um einen nach Litauen geflüchteten Dissidenten festzunehmen, gab es im Juni NATO-Manöver im Schwarzen Meer vor der Küste der Ukraine, bei denen es zu einem Zusammenstoß zwischen einer britischen Fregatte und russischen Schiffen kam, und im September gemeinsame Manöver der russischen und weißrussischen Armee an der Grenze zu Polen und den baltischen Staaten angesichts von NATO-Übungen auf ukrainischem Gebiet, die in Putins Augen eine echte Provokation darstellten.
Das zunehmende Chaos erhöht auch die Spannungen innerhalb der Bourgeoisie und verstärkt die Unberechenbarkeit ihrer imperialistischen Positionierung. Dies gilt für Länder wie Brasilien, wo die katastrophale Gesundheitssituation und das unverantwortliche Management der Regierung Bolsonaro zu einer immer stärkeren politischen Krise führen, und für andere lateinamerikanische Länder (politische Instabilität in Ecuador, Peru, Kolumbien oder Argentinien). Im Nahen und Mittleren Osten können die Spannungen zwischen den Clans und Stämmen, die Saudi-Arabien beherrschen, das Land destabilisieren, während Israel von der Opposition eines großen Teils der politischen Fraktionen von rechts bis links gegen Netanjahu und gegen die religiösen Parteien, aber auch von Pogromen im Landesinneren gegen "israelische" Araber geprägt ist. Schließlich gibt es noch die Türkei, die eine Lösung für ihre politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten in einer selbstmörderischen Flucht nach vorn in imperialistische Abenteuer (von Libyen bis Aserbaidschan) sucht.
In Europa verschärfen das Debakel in Afghanistan und die "U-Boot-Affäre" sowie der Post-Brexit die Destabilisierung von Organisationen, die aus Blockperioden hervorgegangen sind, wie die NATO oder die EU. Innerhalb der NATO zweifeln europäische Länder zunehmend an der Zuverlässigkeit der USA. So hat Deutschland dem Druck der USA in Bezug auf die Ostseepipeline mit Russland nicht nachgegeben, und Frankreich kann den Affront der USA im U-Boot-Deal mit Australien nicht verdauen, während andere europäische Länder in den USA nach wie vor ihren wichtigsten Beschützer sehen. Die Frage der Beziehungen zu Großbritannien bei der Umsetzung der Brexit-Vereinbarungen (Nordirland und Fischereiquoten) spaltet die EU-Länder, und es gibt starke Spannungen zwischen Frankreich und Großbritannien. Innerhalb der EU selbst bringen die Flüchtlingsströme die Staaten weiterhin gegeneinander auf, während Länder wie Ungarn und Polen die in den EU-Verträgen festgelegten "supranationalen Befugnisse" immer offener in Frage stellen und die Hydra des Populismus Frankreich bei den Wahlen im Frühjahr 2022 bedroht.
Chaos und zunehmendes "Jeder für sich" behindern auch tendenziell die Kontinuität des Handelns der wichtigsten Imperialismen: Die USA sehen sich gezwungen, den Druck durch regelmäßige Luftangriffe auf schiitische Milizen aufrechtzuerhalten, die ihre verbliebenen Kräfte im Irak bedrängen; Russland muss in der bewaffneten Konfrontation zwischen Armenien und Aserbaidschan, die durch die imperialistischen Alleingänge der Türkei angeheizt wurde, "Feuerwehr“ spielen; die Ausweitung des Chaos am Horn von Afrika durch den Bürgerkrieg in Äthiopien unter Beteiligung des Sudan und Ägyptens, die die Tigray-Region und Eritrea die äthiopische Zentralregierung unterstützen, bringt insbesondere die Pläne Chinas durcheinander, das das als Stabilitätspol und "neue Werkstatt der Welt" gepriesene Äthiopien als Stützpunkt für sein "Belt and Road Project" in Nordostafrika vorgesehen hatte und zu diesem Zweck einen Militärstützpunkt in Dschibuti errichtet hatte. Die anhaltenden Auswirkungen der mit der Pandemie verbundenen Maßnahmen und Unsicherheiten sind auch ein destabilisierender Faktor in der imperialistischen Politik der verschiedenen Staaten: Stagnation der Impfungen in den USA nach einem fulminanten Start, neue umfangreiche Corona-Beschränkungen ganzer Regionen und offensichtlich mangelnde Wirksamkeit der Impfstoffe in China, Explosion der Ansteckungen und der überhöhten Sterblichkeitsrate (660 000), Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Impfstoffen in Russland (Impfrate von etwas mehr als 30 %). Diese Instabilität kennzeichnet auch die Bündnisse, wie insbesondere das zwischen China und Russland. Wenn diese Länder eine "strategische Zusammenarbeit" (Charakterisierung des chinesisch-russischen Kommuniqués vom 28.06.21) gegen die USA und in Bezug auf den Nahen Osten, den Iran oder Nordkorea aufbauen und sogar gemeinsame Übungen ihrer Armeen und Seekräfte organisieren, unterscheiden sich ihre politischen Ambitionen grundlegend: Der russische Imperialismus zielt vor allem auf die Destabilisierung von Regionen ab und kann kaum mehr als "frozen conflicts" (Syrien, Lybien, Ukraine, Georgien, ...) anstreben, während China eine langfristige wirtschaftliche und imperialistische Politik verfolgt: die "neue Seidenstraße". Außerdem ist sich Russland sehr wohl bewusst, dass die Routen der "Neuen Seidenstraße" über Land und durch die arktische Zone seinen Interessen direkt entgegenstehen, da sie die russischen Einflusszonen in Zentralasien und Sibirien unmittelbar bedrohen und Russland, das ein Bruttosozialprodukt hat, das lediglich dem Italiens entspricht, in Bezug auf den Industrieapparat nicht mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt mithalten kann.
"Kriegswirtschaft (...) ist keine Wirtschaftspolitik, die die Widersprüche des Kapitalismus lösen oder die Grundlage für eine neue Etappe der kapitalistischen Entwicklung schaffen kann. (...) Die alleinige Funktion der Kriegswirtschaft ist (…) der Krieg! Ihre Daseinsberechtigung besteht in der systematischen, effektiven Zerstörung der Produktionsmittel und in der Produktion von Zerstörungsmitteln – die wahre Logik der kapitalistischen Barbarei.“ (Internationale Revue Nr. 1, (deutsch) 1978, Bericht über die internationale Lage, 2. Kongress der IKS). Die Tatsache, dass die Perspektive nicht auf die Bildung breiter, stabiler Bündnisse, imperialistischer "Blöcke", die sich in eine weltweite Konfrontation werfen, gerichtet ist und sich somit die Frage eines Weltkriegs derzeit nicht stellt, ändert nichts an der Tatsache, dass sich die Kriegswirtschaft heute verschärft. Die Wirtschaft den militärischen Notwendigkeiten zu unterwerfen, belastet die Wirtschaft schwer, aber diese Irrationalität ist keine Wahl: Sie ist das Produkt der Sackgasse des Kapitals, die durch den sozialen Zerfall beschleunigt wird.
Das Wettrüsten verschlingt phänomenale Summen, im Fall der USA, die in dieser Hinsicht immer noch einen großen Vorteil haben, aber auch im Fall Chinas, das seine Militärausgaben in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich erhöht hat. "Der Anstieg der weltweiten Militärausgaben um 2,6 % erfolgt in einem Jahr, in dem das weltweite Bruttoinlandprodukt (BIP) um 4,4 % zurückgegangen ist (Auswertung des Internationalen Währungsfonds, Oktober 2020), was hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zurückzuführen ist. Infolgedessen erreichten die Militärausgaben in Prozent des BIP – die sogenannte militärische Belastung – im Jahr 2020 einen globalen Durchschnitt von 2,4 %, verglichen mit 2,2 % im Jahr 2019. Dies ist der stärkste jährliche Anstieg dieser Ausgaben seit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2009" (Sipri-Pressemitteilung, April 2021). Dieser Wettlauf betrifft nicht nur konventionelle und nukleare Waffen, sondern auch die noch deutlichere Militarisierung von Weltraumprogrammen und die Ausweitung des Wettlaufs auf bisher verschonte Gebiete wie die arktischen Regionen.
Angesichts der erschreckenden Ausbreitung des imperialistischen „Jeder gegen jeden“ beschränkt sich das Wettrüsten nicht auf die großen Imperialistischen Länder, sondern betrifft alle Staaten, insbesondere auf dem asiatischen Kontinent, der einen deutlichen Anstieg der Militärausgaben verzeichnet: So ist die Umkehrung des jeweiligen Gewichts von Asien und Europa zwischen 2000 und 2018 spektakulär: Im Jahr 2000 entfielen 27 % beziehungsweise 18 % der weltweiten Verteidigungsausgaben auf Europa und Asien. Im Jahr 2018 sind diese Verhältnisse umgekehrt: Auf Asien entfallen 28 % und auf Europa 20 % (Sipri-Daten).
Diese Militarisierung drückt sich heute auch in einer beeindruckenden Entwicklung der Cyberaktivitäten von Staaten (Hackerangriffe, die oft direkt oder indirekt mit Staaten in Verbindung stehen, wie der Cyberangriff Israels auf die iranischen Atomanlagen) sowie der künstlichen Intelligenz und der militärischen Robotik (Roboter, Drohnen) aus, die eine immer wichtigere Rolle bei nachrichtendienstlichen Aktivitäten oder militärischen Operationen spielen.
Doch "der eigentliche Schlüssel zur Konstituierung der Kriegswirtschaft (...) [ist] die physische und/oder ideologische Unterwerfung des Proletariats unter den Staat, [der] Grad der Kontrolle, die der Staat über die Arbeiterklasse hat" (International Review [engl./frz./span. Ausgabe] Nr. 11, 1977). Dieser Aspekt ist jedoch noch nicht eine Realität. Das erklärt, warum die Beschleunigung des Wettrüstens heute mit einem starken Widerwillen der großen imperialistischen Mächte (USA, China, Russland, Großbritannien oder Frankreich) einhergeht, Soldaten vor Ort einzusetzen ("boots on the ground"), aus Angst vor den Auswirkungen, die eine massive Rückkehr der "body bags" (Leichensäcke) auf die Bevölkerung und insbesondere die Arbeiterklasse haben könnte. Zu nennen sind hier der Einsatz privater Militärfirmen (Wagner-Organisation der Russen, Blackwater/Academi der USA, usw.) oder das Engagement lokaler Milizen bei der Durchführung von Aktionen: Einsatz syrischer sunnitischer Milizen durch die Türkei in Libyen und Aserbaidschan, kurdischer Milizen durch die USA in Syrien und Irak, der Hisbollah oder irakischer schiitischer Milizen durch den Iran in Syrien, sudanesischer Milizen durch Saudi-Arabien im Jemen, einer von Frankreich und der EU "gecoachten" regionalen Truppe (Tschad, Mauretanien, Mali, Niger, Burkina Fasso) in der Liptako-Region, .....
Die Perspektive besteht also in einer Vervielfachung barbarischer und blutiger Konflikte:
"11. Gleichzeitig mehren sich die "Massaker der verschiedenen kriegerischen Konflikte", da der Kapitalismus in seiner letzten Phase in ein zunehmend irrationales imperialistisches "Jeder gegen jeden" stürzt.
13. Das bedeutet nicht, dass wir in einer Ära größerer Sicherheit lebten als in der Periode des Kalten Krieges, die unter der Bedrohung durch ein nukleares Armageddon litt. Im Gegenteil: Wenn die Phase des Zerfalls durch einen zunehmenden Kontrollverlust der Bourgeoisie gekennzeichnet ist, so gilt dies auch für die enormen Mittel der Zerstörung – nukleare, konventionelle, biologische und chemische –, die von der herrschenden Klasse angehäuft worden und nun über eine weitaus größere Zahl von Nationalstaaten verteilt sind als in der vorangegangenen Periode.“ (Resolution zur internationalen Lage)
In dem Maße wie die Bourgeoisie in der Lage ist, die schlimmsten Auswirkungen des Zerfalls gegen das Proletariat zu richten, müssen wir uns bewusst sein, dass dieser Kontext mörderischer Barbarei den Kampf des Proletariats keineswegs erleichtern wird:
- Die Beschleunigung des Zerfalls wird zu endlosen Kriegen überall auf der Welt führen, zu einer Vervielfachung von Massakern und Elend, zu Millionen von Flüchtlingen, die überall ziellos umherirren, zu unbeschreiblichem sozialen Chaos und Umweltzerstörung. All dies wird das Gefühl von Angst und Demoralisierung in den Reihen des Proletariats verstärken.
- Die verschiedenen bewaffneten Konflikte werden genutzt werden, um intensive Kampagnen zur Verteidigung der Demokratie, der Menschenrechte und der Frauenrechte auszulösen, wie im Fall von Afghanistan, Äthiopien, Syrien oder dem Irak.
Dementsprechend muss unsere Intervention das Fortschreiten der Barbarei und die Gefährlichkeit der Situation anprangern, sie muss das Proletariat ständig davor warnen, die Gefahren zu unterschätzen, die die Situation der chaotischen Vielzahl von Konflikten im Zusammenhang mit dem „Jeder für sich“ als vorherrschende Dynamik mit sich bringt: "Seiner eigenen Logik und seinen letzten Konsequenzen überlassen, führt er die Gesellschaft zum gleichen Ergebnis wie der Weltkrieg. Ob man brutal von einem thermonuklearen Bombenhagel in einem Weltkrieg ausgelöscht wird oder durch die Umweltverschmutzung, die Radioaktivität der Atomkraftwerke, den Hunger, die Epidemien und die Massaker der verschiedenen kriegerischen Konflikte (in denen auch Atomwaffen eingesetzt werden können) vernichtet wird, läuft letztendlich aufs gleiche hinaus. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Zerstörung besteht darin, daß die erste schneller ist, während die zweite langsamer ist, dafür aber umso mehr Leid verursacht." (Der Zerfall: Die letzte Phase des Kapitalismus, Internationale Revue Nr. 13 [deutsch] Punkt 11).
23.10.2021
Die Serie, die wir über die grundlegenden Unterschiede (Klassenunterschiede)[1] zwischen der Linken und der extremen Linken des Kapitals auf der einen Seite und den kleinen Organisationen, die das Erbe der Kommunistischen Linken beanspruchen, auf der anderen Seite veröffentlichen, hat bisher drei Teile: - eine falsche Auffassung von der Arbeiterklasse; - eine Methode und Denkweise im Dienste des Kapitalismus und - eine Funktionsweise, die gegen kommunistische Prinzipien verstößt[2]. Dieser vierte Teil widmet sich der moralischen Frage, um den Abgrund aufzuzeigen, der die Moral der Parteien, die vorgeben, die Ausgebeuteten zu verteidigen, von der proletarischen Moral trennt, die jede echte kommunistische Organisation zu praktizieren hat.
Das Proletariat hat eine Moral. Daraus ergibt sich, dass seine Organisationen eine Moral haben müssen, die mit seinem historischen Kampf und der kommunistischen Perspektive, die es vertritt, im Einklang steht. Während in bürgerlichen Organisationen Amoralität, Skrupellosigkeit, Pragmatismus und erbärmlichster Utilitarismus weit verbreitet sind, muss innerhalb einer proletarischen Organisation notwendigerweise eine Kohärenz zwischen Programm, Arbeitsweise und Moral bestehen.
Welche Art von Moral herrscht in einer bürgerlichen Partei? Ganz einfach – "alles ist erlaubt": Manöver, Staatsstreiche, sozusagen Messerstiche in den Rücken, Intrigen, Lügen und die schlimmste Heuchelei. Der Stalinismus gibt uns ein eindrucksvolles Beispiel mit seinen Forderungen an seine Militanten, die abscheulichsten Taten im Namen der "Diktatur des Proletariats", der "Verteidigung des Sozialismus" usw. zu begehen. Genau wie der Stalinismus rühmen die trotzkistischen Gruppen den gleichen moralischen Pragmatismus und eine blinde und skrupellose Unterstützung für die theoretischen Fehler, die Trotzki in seinem Buch Ihre Moral und unsere gemacht hat, das ansonsten gültige Überlegungen und Elemente enthält.
Die "sozialistischen" Parteien ihrerseits werden als Verfechter positiver Gefühle dargestellt: "Solidarität", "Einbeziehung", "historisches Gedächtnis", "politische Korrektheit" und "gesunder Menschenverstand".
All dieses Geschwätz steht in radikalem Widerspruch zu ihren Aktionen, wenn an der Regierung, wo sie die Arbeiterklasse erbarmungslos angreifen, Streiks mit einer Heftigkeit unterdrücken, die nicht von derjenigen der Rechten zu unterscheiden ist, und zum Beispiel gegen Immigranten Maßnahmen ergreifen, die reinsten Rassismus zum Ausdruck bringen[3]. Was ihr inneres Funktionieren betrifft, so zeigen sie ein Muster der raffiniertesten Intrigen, subtilsten Bündnisänderungen und Kriegen zwischen Clans. Die sozialistischen Parteien sind Experten für die schlimmsten Taktiken der Infiltration, der Zerstörung von innen heraus, Schöpfer trojanischer Pferde usw. Ebenso ihr sprichwörtliches Know-how in dem Führen von "Dossiers", das sowohl ihre "Freunde" als auch ihre Feinde betrifft, die sie mit falschen Allianzen zu fesseln oder von Schlüsselstellungen zu vertreiben versuchen.
Welcher moralische Ballast wurde Militanten auferlegt, die in bürgerlichen Parteien im Allgemeinen und speziell in der Linken und der extremen Linken waren?
1. Blinder Gehorsam gegenüber den Führern.
2. Pragmatismus und erbärmlicher Utilitarismus.
3. Eine Skrupellosigkeit im Namen der "Sache".
4. Bedingungslose Unterwerfung unter die Gebote des nationalen Kapitals.
5. Akzeptieren der Durchführung von Handlungen, die die grundlegendste Moral verleugnen.
6. Spezialisierung auf Manöver und getarnte Intrigen durch 'brillante Taktik'[4].
All dies wird mit einer Heuchelei gerechtfertigt, die typisch ist für eine Bourgeoisie, die im Namen der 'höchsten Moral' die schlimmste Barbarei und die unglaublichsten Ungerechtigkeiten verteidigt: Solidarität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit... Es ist die berühmte Doppelmoral: Die Politiker und die Führer haben ihre Moral, die darin besteht, sich durch alle Arten von schmutzigem Handel zu bereichern, Rivalen (einschließlich Parteigenossen) loszuwerden und sich um jeden Preis an der Macht zu halten, ohne zu zögern, die verwerflichsten Taten zu begehen. Gleichzeitig verteidigen sie eine "andere Moral" für ihre Untergebenen, für die Mitglieder, für die Schocktruppen der Partei, die, wie wir bereits sagten, Rechtschaffenheit, Opfer, Gehorsam usw. üben müssen.
Um den proletarischen Instinkt der Moral bei den Kämpfern zu zerstören, bestehen sie mit Nachdruck darauf, dass alle Moral "bürgerlich oder religiös" ist und dass sich die Mitglieder daher nur auf "politische Erwägungen" stützen können, um ihr Verhalten zu orientieren. Dieses Argument beruht auf der Tatsache, "dass in der gesamten Geschichte der Klassengesellschaften die herrschende Moral stets die Moral der herrschenden Klasse gewesen war. Dies ist insoweit richtig, als die Moral und der Staat, aber auch Moral und Religion stets synonym in der öffentlichen Meinung waren. Die moralischen Gefühle der Gesellschaft im Ganzen sind stets von den Ausbeutern, durch Staat und Religion, benutzt worden, um den herrschenden Zustand heilig zu sprechen und für ewig zu erklären. Und in der Realität bestand die Hauptrolle, die die Moral in dieser Geschichtsepoche gespielt hat, faktisch darin, den Status quo zu erhalten, die ausgebeuteten Klassen dazu zu bringen, sich in ihrer Unterdrückung zu ergeben. Die Attitüde des Moralisierens, mit der die herrschende Klasse stets danach getrachtet hat, den Widerstand der arbeitenden Klassen durch die Einflößung eines Schuldbewusstseins zu brechen, ist eine der großen Geißeln der Menschheit. Sie ist auch eine der subtilsten und effektivsten Waffen zur Absicherung der Klassenherrschaft."[5]
Moralisieren erzeugt in uns Schuldgefühle. Dies bringt uns dazu, uns schuldig zu fühlen, weil wir essen, für unsere Bedürfnisse kämpfen und uns gut fühlen wollen. Dem Moralismus zufolge drückt dies ein ‚ausschließendes‘ und egoistisches Gefühl aus. Wie kann man es wagen zu essen, wenn Menschen in der Welt hungern? Wie kann man trinken und im Wasser baden, während sich die Umwelt jeden Tag noch mehr verschlechtert? Wie kann man auf einer bequemen Matratze schlafen, wenn Einwanderer auf einem harten Boden schlafen?
Die Moral der Bourgeoisie ist eher die der dekadenten Bourgeoisie des 20. und 21. Jahrhunderts, die darin besteht, die Arbeiter glauben zu machen, dass die minimalen Mittel zum Lebensunterhalt, die ihnen zur Verfügung stehen (Wohnung, Nahrung, Kleidung) oder die Annehmlichkeiten, die sie haben (Elektrohaushaltgeräte, Fernsehen und Internet, bezahlter Urlaub), unverschämter Luxus seien, der auf dem Rücken der Armen der Welt erworben werde, ein "Privileg" in einem Wort, das verschleiert, dass dies die Mittel zur Ausübung ihrer Ausbeutung sind.
Der Moralismus und seine Verfechter innerhalb der Linken und der extremen Linken wollen, dass wir uns für alle durch den Kapitalismus verursachten Leiden in der Welt schuldig fühlen und ein soziales Problem zu einem Problem des Einzelnen machen. So wird die Geißel der Arbeitslosigkeit individuell von den 212 Millionen Arbeitslosen in der Welt verursacht.
Im Allgemeinen zerstört Schuldgefühl die Überzeugung und die Kampfbereitschaft. Diese Gesellschaft propagiert das Schuldgefühl als ihre Lebensweise und macht Schuldzuweisungen gegen andere zu einem Mittel des individualistischen Kampfes, indem sie einige zu einem bestimmten Zeitpunkt sich als schuldig fühlen lässt, die dann ihrerseits versuchen, andere zu einem anderen Zeitpunkt für schuldig zu erklären. Es ist kein Widerspruch, sich in einem Moment schuldig zu fühlen und im nächsten Moment Anschuldigungen gegen andere zu erheben; das ist Teil einer unmenschlichen und individualistischen Moral, die immer um die "Schuldfrage" kreist. Der Kampf gegen die Schuld, ob sie nun von der kapitalistischen Propaganda und ihren spezialisierten Parteien ausgeht oder ob sie als eine Form des Individualismus aus den Beziehungen zwischen Militanten entspringt, ist ein zentraler Kampf der proletarischen Moral.
Der Kampf gegen das bürgerliche Moralisieren darf nicht dazu führen, dass wir die Moral ablehnen. Wir müssen unterscheiden zwischen Moralisieren und Moral: "Ungeachtet all dessen ist seine Pervertierung durch die Hände des Stalinismus kein Grund, das Konzept der proletarischen Moral beiseitezulegen, so wie sie denn auch keine Rechtfertigung dafür ist, dem Konzept des Kommunismus den Rücken zuzukehren. Der Marxismus hat gezeigt, dass die moralische Geschichte der Menschheit nicht nur die Geschichte der Moral der herrschenden Klasse ist. Er hat vorgeführt, dass ausgebeutete Klassen eigene ethische Werte besitzen und dass diese Werte eine revolutionäre Rolle im Fortschreiten der Menschheit spielten. Er hat bewiesen, dass Moral weder mit der Funktion der Ausbeutung noch mit dem Staat oder mit der Religion identisch ist und dass die Zukunft – wenn es denn eine Zukunft geben sollte – einer Moral jenseits von Ausbeutung, Staat und Religion gehört." [6]
"Der Begriff der Moral in der Arbeiterbewegung, obwohl er, sagen wir, nie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der Debatten oder theoretischen Auseinandersetzungen stand, hat nichts mit dem zu tun, was uns die Linke erzählt. Die Moral ist keine 'idealistische' oder scholastische Frage, die nur die Nachahmer/Fortsetzer der Philosophien des Byzantinischen Reiches interessiert, die über das Geschlecht der Engel debattierten, während die Osmanen die Verteidigungsanlagen von Konstantinopel angriffen. Die Moral, wie jedes soziale Produkt des Menschen, ist per Definition eines der Hauptmerkmale der sozialen Beziehungen, mit denen wir uns ausgestattet haben. Eine Realität, die man als kollektiv kalibrierten Sinn für die Angemessenheit oder Nicht-Angemessenheit der Form und Ausrichtung, die wir den Beziehungen, in die wir eingebunden sind, geben, zusammenfassen könnte. Sollte dies dem Proletariat fremd sein, der Klasse, die sowohl das Kind bestimmter sozialer Beziehungen als auch der Träger anderer Beziehungen ist, einer anderen, viel höheren Form der Organisation unserer sozialen Existenz? Wenn in der Vergangenheit, trotz der hier kopierten wichtigen Zitate, die Frage nicht zu sehr entwickelt wurde, dann deshalb, weil die proletarische Bewegung eine lange und reiche Tradition des Organisationslebens hatte, in der die Mehrheit ihrer Kämpfer Regeln für die Diskussion, für den Umgang mit den Genoss*innen, für das Zusammenleben mit ihnen, für die gegenseitige Hilfe und ihr ganzes Vertrauen und ihre Solidarität, wenn es nötig war, einhielt; das heißt, sie lebten eine Moral, die dem Wesen der proletarischen Klasse entsprach: der Klasse der Solidarität, des Vertrauens, der Trägerin der wahren schöpferischen Fähigkeiten der Menschheit und einer wahren menschlichen Kultur.“[7]
In Wirklichkeit will der einzelne Bourgeois eine Moral für die ausgebeutete Mehrheit (die Moral der Sklaven, wie Nietzsche sagte) und "eine andere Moral", viel "geschmeidiger" und frei von jeglichen Skrupeln, für die herrschende Klasse. Für das Kapital sind alle Mittel (einschließlich des Mordes) in Ordnung, wenn sie eine Steigerung der Profite oder den Fortschritt der Macht ermöglichen. Wie Marx sagte, ist das Kapital "blut- und schmutztriefend" zur Welt gekommen, und alle Mittel wurden für seine Expansion eingesetzt: Massaker, Sklaverei, schmutzige Allianzen mit den feudalen Klassen, staatliche Attentate, Verschwörungen... Vergessen wir nicht, dass einer der ersten Ideologen der Bourgeoisie Machiavelli war, und das Wort Machiavellismus wird benutzt, um die moralische Entartung und die skandalöse Skrupellosigkeit zu definieren.[8]
Doppelmoral entspricht am besten der Ideologie und den Methoden des Kapitals. Sie ist der Spiegel des erbitterten Wettbewerbs eines ‚jeden für sich‘, der in den Beziehungen der kapitalistischen Produktion herrscht: "In jeder Aktienschwindelei weiß jeder, daß das Unwetter einmal einschlagen muß, aber jeder hofft, daß es das Haupt seines Nächsten trifft, nachdem er selbst den Goldregen aufgefangen und in Sicherheit gebracht hat. Après moi le déluge! ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation.“[9]
Das Proletariat lehnt die Doppelmoral entschieden ab. In seinem Kampf müssen seine Mittel im Einklang mit seinen Zielen stehen; man kann nicht für den Kommunismus kämpfen, indem man Lügen, Gerüchte, Manöver, Doppelzüngigkeit, Schuldgefühle, den Durst nach Berühmtheit usw. einsetzt. Solche Haltungen müssen energisch bekämpft und als radikal unvereinbar mit kommunistischen Prinzipien abgelehnt werden. Mit diesen "moralischen Abkürzungen" kommt man auf dem schwierigen Weg zum Kommunismus keinen Millimeter voran; das Gegenteil ist der Fall, und man findet sich an Händen und Füßen gefesselt von einem Verhalten, das zum kapitalistischen System gehört; die Gefahr ist, sich von den Gesetzen seines Funktionierens vergiften zu lassen und sich somit von der revolutionären Perspektive zu trennen.
Für die IKS spielt die proletarische Moral eine zentrale Rolle: "Unsere Auffassung zu dieser Frage findet ihren lebendigen Ausdruck in unseren Statuten (1982 verabschiedet). Wir haben stets darauf bestanden, dass die Statuten nicht eine Kollektion von Regeln sind, die festlegen, was erlaubt ist und was nicht, sondern eine Orientierung für unser Verhalten und unsere Haltung, die ein in sich zusammenhängendes Ganzes von moralischen Werten (besonders bezüglich des Verhältnisses unter den Mitgliedern und gegenüber der Organisation) zusammenfasst. Daher verlangen wir von jedem, der Mitglied der Organisation werden will, eine tiefgehende Übereinstimmung mit diesen Werten. Doch die Statuten als integraler Bestandteil unserer Plattform regeln nicht allein, wer unter welchen Umständen Mitglied der IKS werden kann. Sie bedingen auch den Rahmen und den Geist des militanten Lebens der Organisation und jedes ihrer Mitglieder."
Aber die Entwicklung einer organisatorischen Funktionsweise und von Beziehungen zwischen den Genossen auf der Grundlage der moralischen Kriterien des Proletariats ist keine leichte Aufgabe; sie erfordert einen beharrlichen Kampf. Heute leidet das Proletariat unter einem ernsten Problem der Identität und des Vertrauens in sich selbst, und dies verschärft im allgemeinen historischen Kontext dessen, was wir den Zerfall des Kapitalismus[10], nennen, die Schwierigkeiten des Lebens und der täglichen Praxis einer proletarischen Moral nicht nur innerhalb der Arbeiterklasse als Ganzes, sondern auch innerhalb ihrer revolutionären Organisationen. Was die gegenwärtige Gesellschaft in einer weit verbreiteten und tödlichen Weise aus all ihren Poren ausstößt, ist Skrupellosigkeit, Unehrlichkeit, Skepsis, Zynismus... ein endloser Angriff auf die proletarische Moral.
Im Gegensatz zu der Vorstellung, die der Stalinismus von den Kommunisten als Fanatikern, die zu allem fähig seien, um den 'Kommunismus' durchzusetzen, verbreitet hat, haben sie immer eine feste moralische Haltung gezeigt[11] und damit die Bedeutung der Frage der Moral für die Arbeiterbewegung zum Ausdruck gebracht[12].
Gegenüber dem Marxismus besteht ein Vorurteil, das es schwierig macht, seine feste Verankerung in moralischen Kriterien zu verstehen. Gegenüber dem utopischen Sozialismus verteidigte der Marxismus die Notwendigkeit, die kommunistischen Positionen nicht in moralischen Positionen, sondern in einer wissenschaftlichen Analyse der Situation des Kapitalismus, des Kräftegleichgewichts zwischen den Klassen, der historischen Perspektive usw. zu verorten. Daraus darf man jedoch nicht ableiten, dass der Marxismus ausschließlich auf wissenschaftlichen Prinzipien beruhen müsse, während er moralische Prinzipien ablehne: "Der Marxismus hat nie die Notwendigkeit oder die Bedeutung des Beitrags nicht-theoretischer und nicht-wissenschaftlicher Faktoren beim Aufstieg der Menschheit geleugnet. Im Gegenteil, er hat immer ihre Notwendigkeit und gar ihre relative Unabhängigkeit begriffen. Daher war er in der Lage, ihre gegenseitigen Verbindungen in der Geschichte zu untersuchen und ihre gegenseitige Ergänzung zu erkennen."
Der Marxismus ist keine kalte Ideologie (wie der griechische Schriftsteller Kostas Papaioannon in den 1960er Jahren sagte), die Militante als Bauern des "Zentralkomitees" betrachtet, die nach Belieben in einer Schachpartie gegen die herrschende Klasse manipuliert werden. In ihren Beziehungen untereinander und gegenüber der Organisation sowie gegenüber dem Proletariat verhalten sich die Militanten mit der strengsten moralischen Rechtschaffenheit.
Dieser letzte Punkt ist entscheidend für das Verständnis, dass in unserer Epoche der gesellschaftliche Zerfall die Moral innerhalb des revolutionären Kampfes umso wichtiger macht. "Heute, angesichts des „Jeder-für-sich“ des kapitalistischen Zerfalls und der Aushöhlung aller moralischen Werte, wird es für revolutionäre Organisationen – und, allgemeiner noch, für die aufkommende neue Generation von Militanten – unmöglich sein, sich zu behaupten, ohne sich Klarheit über moralische und ethische Themen verschafft zu haben. Nicht nur die bewusste Entwicklung der Arbeiterkämpfe, sondern auch eine spezifische theoretische Auseinandersetzung mit diesen Fragen und die Wiederaneignung des Werkes der marxistischen Bewegung sind zu einer Überlebensfrage geworden. Dieser Kampf ist unverzichtbar nicht nur für den proletarischen Widerstand gegen den Zerfall und die aus diesem resultierende amoralische Haltung, sondern auch, um das proletarische Vertrauen in eine Zukunft der Menschheit mithilfe des eigenen historischen Projekts wiederzugewinnen."
Die Schwierigkeit, auf die revolutionäre Generationen heute stoßen, besteht darin, dass auf der einen Seite eine proletarische Moral, die auf Solidarität, Vertrauen, Loyalität, bewusster Zusammenarbeit und Wahrheitssuche beruht, notwendiger denn je ist, aber die historischen Bedingungen der Dekadenz und des Zerfalls des Kapitalismus sowie die Schwierigkeiten der Arbeiterklasse lassen dies utopischer, unpraktischer und sinnloser erscheinen.
Wie es in unserem Text zur Ethik heißt: "Doch die Barbarei und Unmenschlichkeit der kapitalistischen Dekadenz ist einmalig. Es ist nicht leicht, nach Auschwitz und Hiroshima und angesichts permanenter, allgemeiner Zerstörung das Vertrauen in die Möglichkeit eines moralischen Fortschritts aufrecht zu halten. (...) Die öffentliche Meinung glaubt das Urteil des englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588–1679) bestätigen zu können, dass der Mensch unter seinesgleichen wie ein Wolf unter Wölfen ist. Der Mensch wird im Grunde als destruktiv, räuberisch, egoistisch, heillos irrational und in seinem Sozialverhalten als unter vielen Tierarten stehend betrachtet."
Es gibt jedoch ein weiteres Element, das der Entwicklung der Moral eine zusätzliche Schwierigkeit hinzufügt: die Kluft zwischen Naturwissenschaften und Technik und das noch stärker ausgeprägte Hinterherhinken der Sozialwissenschaften, wie Pannekoek in seinem Buch Anthropogenesis: a study in the origins of man schrieb: "Die Naturwissenschaften gelten als das Feld, auf dem sich das menschliche Denken in einer kontinuierlichen Reihe von Triumphen mit der größten Kraft entwickelt hat, die konzeptionellen Formen der Logik... Im Gegenteil, am anderen Ende der Skala bleiben menschliche Handlungen und Beziehungen, in denen das Handeln und Denken hauptsächlich von Leidenschaft und Impulsen, von Willkür und Unberechenbarkeit, von Tradition und Glauben bestimmt wird (...). Der Kontrast, der sich hier zeigt, mit der Perfektion auf der einen Seite und der Unvollkommenheit auf der anderen, bedeutet, dass der Mensch die Kräfte der Natur beherrscht, aber nicht die ihm innewohnenden Willens- und Leidenschaftskräfte. Wo er stillsteht und vielleicht manchmal rückwärts geht, ist der offensichtliche Mangel an Kontrolle über seine eigene "Natur". Offensichtlich ist dies der Grund, warum die Gesellschaft so weit hinter der Wissenschaft steht. Möglicherweise besitzt der Mensch die Herrschaft über die Natur. Aber er hat noch immer keine Herrschaft über seine eigene Natur".
Diese Situation der Ignoranz und des Unverständnisses für diese tiefgreifenden Aspekte der menschlichen Existenz macht es sehr schwierig, diesem Phänomen zu begegnen, das durch den sozialen und ideologischen Zerfall ständig verschlimmert wird: "die Ausbreitung des Nihilismus, der Selbstmorde unter Jugendlichen, der Hoffnungslosigkeit (wie er durch das "No Future" der Riots in den westlichen Großstädten zum Ausdruck kommt), des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit unter den "Skinheads" und "Hooligans", ... die Flutwelle der Drogen, die heute zu einem Massenphänomen werden und stark zur Korruption im Staat und den Finanzorganismen beitragen, die kein Teil der Welt verschonen und besonders die Jugend erfassen, ein Phänomen, das immer weniger die Flucht in Trugbilder zum Ausdruck bringt und immer mehr den Wahnsinn und den Selbstmord widerspiegelt... die Fülle an Sekten, das Wiederaufleben religiöser Geisteshaltungen auch in fortgeschrittenen Ländern, die Ablehnung eines vernunftgesteuerten, zusammenhängenden, konstruktiven Denkens auch in Teilen einiger "wissenschaftlicher" Milieus... das "Jeder für sich", die Atomisierung des Einzelnen, die Zerstörung der Familienbeziehungen, die Ausgrenzung der alten Menschen, die Zerstörung der Gefühle und ihre Ersetzung durch die Pornographie"[13].
Während alle bürgerlichen Parteien (ob rechts oder links) das Ziel haben, die heutigen Verhältnisse so zu verwalten, dass der Kapitalismus erhalten bleibt, befindet sich die revolutionäre Organisation an einem Punkt zwischen der Gegenwart und der kommunistischen Zukunft des Proletariats. Dazu pflegt sie die bereits erwähnten moralischen Qualitäten, die die Säulen einer zukünftigen kommunistischen Weltgesellschaft sein werden. Diese Qualitäten sind durch das Gewicht der herrschenden Ideologie und des kapitalistischen Zerfalls ständig bedroht. Sie zu verteidigen erfordert neben einer ständigen theoretischen Ausarbeitung eine ständige Anstrengung, einen unermüdlichen kritischen Geist und Wachsamkeit.
Für revolutionäre Organisationen hat diese Kultur sowohl innerhalb der Organisation (interne Funktionsweise) als auch nach außen (in Interventionen) einen Stellenwert. Es geht nicht darum, die Organisation von der Welt zu isolieren und sich in kleine, selbstverwaltete Gemeinschaften einzuschließen (was der reformistische Fehler des Anarchismus ist), sondern in ihr selbst existiert ein ständiger Kampf um die Entwicklung dieser Prinzipien. Wie Lessing, der deutsche Dichter des achtzehnten Jahrhunderts, sagte: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen". In einer revolutionären Organisation sind Prinzipien genauso wichtig wie der Kampf um sie.
Der Kampf für den Kommunismus lässt sich nicht auf eine einfache Frage der Propaganda reduzieren: zu erklären, was eine zukünftige Gesellschaft ist; die historische Rolle des Proletariats bei der Überwindung der Widersprüche des Kapitalismus aufzuzeigen usw. Das wäre ein einseitiger und verkürzter Begriff. Im Gegensatz zu den Produktionsweisen, die ihm vorausgingen, kann der Kommunismus nicht von selbst aus entfremdenden und entfremdeten Prozessen entstehen, sondern nur mit dem vollen Bewusstsein und dem massiven subjektiven Engagement des Proletariats. In der revolutionären Organisation ist der Kampf für ein kohärentes Leben nach kommunistischen Prinzipien noch entscheidender. Der Kampf für den Kommunismus ist unmöglich ohne ständige Wachsamkeit und eine Antwort gegen Verhaltensweisen wie Neid, Eifersucht, Lügen, Intrigen, Manipulation, Diebstahl und Gewalt gegenüber anderen.
In einem seiner polemischen Exzesse behauptete Bordiga, dass man auch durch eine Monarchie zum Kommunismus gelangen könne. Damit wollte er zeigen, dass es darauf ankomme, "zum Kommunismus zu gelangen", während "der Weg dorthin" wenig zähle, jede Methode wäre recht. Wir lehnen eine solche Denkweise kategorisch ab: Um zum Kommunismus zu gelangen, muss man wissen, wie man ihn erreichen kann, die Mittel müssen mit dem kommunistischen Ziel übereinstimmen. Gegen den Pragmatismus von Stalinismus und Trotzkismus, die blind der Maxime "der Zweck heiligt die Mittel" folgen, müssen das Proletariat und seine revolutionären Organisationen eine klare Kohärenz zwischen Zweck und Mitteln, zwischen Praxis und Theorie, zwischen Aktion und Prinzipien aufrechterhalten.
Die vorherrschende Moral schwankt zwischen zwei scheinbar gegensätzlichen Alternativen, die aber um den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft kreisen, was eine Lösung der Frage nicht nur nicht zulässt, sondern das Dilemma eher noch verschärft.
Auf der einen Seite haben wir den Individualismus, bei dem das Individuum "das tut, was gut für es ist", auf Kosten der anderen. Auf der anderen Seite haben wir die Unterwerfung des Individuums unter die "Interessen der Gesellschaft" (eine Formel, hinter der sich die totalitäre Herrschaft des Staates verbirgt), die sich im Wesentlichen in zwei Formen darstellt: die einer Ansammlung anonymer und unpersönlicher Individuen (die von den Stalinisten und Trotzkisten bevorzugte Form) und die des kantischen moralischen Imperativs, der zum individuellen Verzicht und zur Aufopferung für andere führt (in dieser Tendenz findet sich auch die christliche Moral).
In Wirklichkeit sind diese beiden moralischen Pole nicht gegensätzlich. Im Gegenteil, sie sind komplementär, da sie zwei Aspekte der Dynamik des Kapitalismus widerspiegeln. Auf der einen Seite ist der Utilitarismus von Bentham eine idealistische Vision des erbitterten Wettbewerbs, der die treibende Kraft des Kapitalismus ist. Hier kämpft jeder Einzelne für sein eigenes Wohlergehen, ohne Rücksicht auf die anderen, und dies soll "zum Wohle aller" sein, d.h. zum "Wohle" des guten Funktionierens des kapitalistischen Systems (gegen den Feudalismus), wobei Privilegien oder erworbene Positionen nicht respektiert werden, außer wenn es darum geht, sich dem Funktionieren einer mörderischen Wettbewerbsgesellschaft zu unterwerfen.
Eine zweite Komponente des utilitaristischen und amoralischen Pols ist die Entstellung der Darwin’schen Theorie, die zum "Sozialdarwinismus" wird. Nach dieser Sichtweise ist die natürliche Auslese das Ergebnis eines grausamen und erbarmungslosen Krieges, in dem der "Stärkere" triumphiert und der „Schwächere" eliminiert wird, wodurch "die Höherentwicklung der menschlichen Spezies" ermöglicht wird. Wir können hier keine Verteidigung von Darwins materialistischem Evolutionskonzept[14] entwickeln, aber es ist klar, dass diese moralische Vision des "Sozialdarwinismus" eine Idealisierung der kapitalistischen Wirklichkeit darstellt, in ein pseudowissenschaftliches Gewand gehüllt, während der Kapitalismus tatsächliche der Krieg eines Jeden gegen alle ist. Diese Idealisierung drückt den herrschenden Verhältnissen den Stempel der Zustimmung auf, einer Realität, die durch den Zerfall des Systems noch verschärft wird.
Auf der anderen Seite trat Kant für einen anderen moralischen Pol ein, der allem Anschein nach entgegengesetzt war: für den berühmten moralischen Imperativ. Dieser stellte eine Art "Zurückhaltung des entfesselten Egoismus" dar, um den sozialen Zusammenhalt nicht zu zerstören. Es handelt sich um eine "kritische" Akzeptanz der Barbarei des Wettbewerbs, während man versucht, ihm Grenzen und Regeln aufzuerlegen, um seine destruktiven Auswüchse zu vermeiden. Der Kapitalismus führt zur Zerstörung der Menschheit, weil er in seiner DNA die Vernichtung des gesellschaftlichen Wesens der Menschheit trägt, das sie in den vielen Jahrtausenden ihrer Existenz erworben hat. Der kantische moralische Imperativ, der dieser Tendenz Einhalt gebieten will, ist nichts anderes als eine idealistische Version der Rolle eines "Regulators" und Garanten des minimalen gesellschaftlichen Zusammenhalts, den der Staat übernimmt, eine Rolle, die im dekadenten Kapitalismus durch das Chaos und die Selbstzerstörung, die seine Widersprüche auslösen, noch verstärkt wird.
Der kantische Moralismus und der Utilitarismus sind die beiden Seiten der gleichen Münze. Die Tendenz, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb der Sozialdemokratie unter der Losung "Rückkehr zu Kant" entwickelte, begnügte sich nicht nur damit, den marxistischen Materialismus anzugreifen und zu zerstören, sondern griff auch eine proletarische Moral an, die nichts mit dem moralischen Imperativ zu tun hat.
Stalinismus und trotzkistische Gruppen haben die Idee propagiert, dass die kommunistische Militanz das blinde Opfer des Individuums für den moralischen Imperativ sei, der durch die übergeordneten Interessen der 'Partei' oder des 'sozialistischen Vaterlandes' verkörpert werde.
Die Ablehnung dieser barbarischen Moral, die zur blinden Unterwerfung und Selbstzerstörung der Militanten führt, hat in zahlreichen Fällen zum anderen Extrem der bürgerlichen Moral geführt: zu den Auswüchsen des Kults des Individualismus, der für das Kleinbürgertum charakteristisch ist und zu dessen schärfstem Ausdruck der Anarchismus gehört.
Das Proletariat trägt die Lösung des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft in sich. Wie es im Kommunistischen Manifest heißt, gilt im Kommunismus: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassen-Gegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines Jeden, die Bedingung für die freie Entwicklung Aller ist.“[15]
Im Kapitalismus hat die assoziierte Arbeit im Weltmaßstab des Proletariats die Perspektive, darüber hinauszugehen: Wenn die gemeinsame Arbeit viel weiter geht als die Summe der individuellen Arbeiten, ist der Beitrag jedes Einzelnen einzigartig und unverzichtbar für das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit.
Revolutionäre Organisationen sind durch den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft unter der Form des Individualismus einem ständigen Angriff ausgesetzt. Wir haben uns bereits in zahlreichen Texten mit dem Problem befasst, das wir hier kurz angesprochen haben[16]. Dieser Individualismus, der sich als 'frei', 'rebellisch' und 'kritisch' ausgibt, ist in Wirklichkeit ein Gefangener all der zerstörerischen Impulse, die der Kapitalismus ausbrütet (Konkurrenz, Egoismus, Manipulation, Schuld, Rivalität und Rachegeist), und übt einen großen Druck im Leben der revolutionären Organisation aus. Seine "Revolte" geht nicht weiter als die blinde und dumme Polarisierung "gegen jede Autorität", die sie zu einem direkten Faktor der Desorganisation und der Spannungen zwischen den Genoss*innen macht. Schließlich gründet seine "Kritik" auf Misstrauen und Ablehnung jeglichen kohärenten Denkens und ersetzt es durch Spekulationen, Vorurteile und die extravagantesten Interpretationen.
Dieser Individualismus steht im diametralen Gegensatz zur Solidarität, die nicht nur eine der senkrechten Säulen des Proletariats, sondern auch des Funktionierens der revolutionären Organisationen ist. Wir haben dieses Thema in unserem Orientierungstext über Vertrauen und Solidarität im proletarischen Kampf[17] ausführlich behandelt.
C. Mir, 1. März 2018
[1] Für eine globalere Analyse dieser Unterschiede siehe unseren Artikel in Spanisch: "Was sind die Unterschiede zwischen der Kommunistischen Linken und der IV. Internationale? [90]“
Siehe auch in Französisch: "Revolutionäre Prinzipien und revolutionäre Praxis" und in Englisch: "Die Kommunistische Linke und die Kontinuität des Marxismus [91]", und "The International Conferences of the Communist Left (1976-1980). Lessons of an experience for the proletarian milieu" (International Review Nr. 122, 3. Quartal 2005).
[2] Siehe unsere vorangegangenen Artikel 1-3 in dieser Reihe:
[3] Die deutsche Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) gibt ein perfektes Beispiel für dieses Verhalten, von dem sie sagt, es habe nichts damit zu tun – eine reine Lüge. Es war die SPD, die in den Jahren 1918-1923 die revolutionären Versuche des Proletariats in Deutschland unterdrückte und damit hunderttausend Tote zu verantworten hatte, und sie befahl auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (1919). Jüngeren Datums sind die Aktionen der sozialdemokratischen Regierung Schröder in den 2000er Jahren, die brutal gegen die Lebensbedingungen der Arbeiter vorging und beispielsweise die Mini-Jobs von 400 Euro im Monat umsetzte.
[4] Trotzki selbst verteidigte eine zweideutige Position zu diesen Manövern.
Einerseits anerkannte er, dass "die herrschenden Klassen, besitzergreifend, ausbeuterisch, gebildet, ihre Erfahrung mit der Welt so groß, ihr Klasseninstinkt so ausgeprägt, ihre Spionagemittel so vielfältig, dass man, wenn man versucht, sie zu täuschen, indem man sich als etwas ausgibt, das man nicht ist, nicht von Feinden, sondern von Freunden in eine Falle gelockt wird". Andererseits aber, so sagt er, "muss der nützliche Wert dieser Manöver strikt als Mittel in Bezug auf die grundlegenden Methoden des revolutionären Kampfes eingesetzt werden" (Die Dritte Internationale nach Lenin).
Diese Theoretisierung des Manövers im Allgemeinen, ohne die Tatsache zu klären, dass es nur gegen den Klassenfeind, aber niemals gegen die Arbeiterklasse und ihre revolutionären Organisationen eingesetzt werden kann, hat trotzkistischen Organisationen geholfen, alle möglichen Manöver gegen die Arbeiterklasse und gegen ihre eigenen Militanten zu rechtfertigen.
[5] Marxismus und Ethik, Internationale Revue Nr. 39 (sofern nicht anders erwähnt, stammen Zitate aus diesem Text).
[6] Marxismus und Ethik
[7] La importancia del debate moral y organizativo [95] (Von der Wichtigkeit der moralischen und organisatorischen Debatte), Acción Proletaria, April 2017
[8] Machiavellismus, das Bewusstsein und die Einheit der Bourgeoisie, International Review Nr. 31 (engl./frz./span. Ausgabe), viertes Quartal 1982.
[9] Karl Marx, Das Kapital, Band 1, III. Abschnitt, 8. Kapitel.
[10] Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus, Internationale Revue Nr. 13, 1991.
[11] Das bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede in der Auffassung von Moral gegeben hätte, einige mehr utilitaristisch wie im Fall von Lenin und andere mehr kohärent wie im Fall von Rosa Luxemburg. Das ist eine Frage, die vertieft werden sollte.
[12] Wir können hier zwei Beispiele anführen: 1839-42 waren die wahrscheinlich wichtigsten Mobilisierungen in der Geschichte des Proletariats in Großbritannien, und ihr Hauptmotiv war die Empörung und das Entsetzen, das in Teilen des Proletariats über die schreckliche Ausbeutung ihrer Klasse, Männer, Frauen und Kinder, insbesondere in der Textilindustrie, ausgelöst wurde. Das zweite Motiv ist der spontane Streik, der 1941 in Holland gegen die Deportation von Juden durch die Nazis ausbrach.
[13] Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus, Internationale Revue Nr. 13.
[14] Siehe zum Beispiel den Text von Anton Pannekoek Marxismus und Darwinismus (Teile eins und zwei, veröffentlicht in der International Review Nr. 137 und 138 (engl./frz./span. Ausgabe).
[16] Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre [2] (Januar 1982), auf Deutsch publiziert in Internationale Revue Nr. 22; Dokumente aus dem Organisationsleben: Die Frage der Funktionsweise in der IKS [97] (Oktober 1993), Internationale Revue Nr. 30
[17] Das Vertrauen und die Solidarität im Kampf des Proletariats [21], 1. und 2. Teil [98], viertes Quartal 2002.
Dieser Artikel ist Teil der Serie „Das verborgene Erbe der Linken des Kapitals“, in der wir uns damit befassen wollen, wie mit etwas umzugehen sei, was für zahlreiche Gruppen und Militante der Kommunistischen Linken schwierig ist: Es geht nicht nur darum, mit allen politischen Positionen der Parteien des Kapitals (populistisch, faschistisch, rechts, links, extrem links) zu brechen, sondern es ist auch notwendig, mit ihren Organisationsmethoden, ihrer Moral und ihrer Denkweise zu brechen. Dieser Bruch ist absolut notwendig, aber er ist schwierig, weil wir täglich mit den ideologischen Feinden der Befreiung der Menschheit leben: der Bourgeoisie, der Kleinbourgeoisie und dem Lumpenproletariat. In diesem fünften Artikel der Reihe befassen wir uns mit der entscheidenden Frage der Debatte[1].
Die Debatte ist die Quelle des Lebens des Proletariats, einer Klasse, die keine unbewusste Kraft ist, die blind kämpft und vom Determinismus der objektiven Bedingungen angetrieben wird. Sie ist im Gegenteil eine bewusste Klasse, deren Kampf von einem Verständnis der Notwendigkeiten und Möglichkeiten auf dem Weg zum Kommunismus geleitet wird. Dieses Verständnis ergibt sich nicht aus absoluten Wahrheiten, die ein für alle Mal im Manifest der Kommunistischen Partei formuliert wurden oder dem privilegierten Geist brillanter Führer entstammen, sondern es ist ein Produkt "der intellektuellen Entwicklung der Arbeiterklasse (die aus gemeinsamer Aktion und Diskussion hervorgehen muss)". Die Ereignisse und das Auf und Ab des Kampfes gegen das Kapital, Niederlagen mehr als seine Erfolge, können die Kämpfer nur die Unzulänglichkeiten all ihrer Mittel spüren lassen und sie zu einem grundlegenden Verständnis der wirklichen Bedingungen der Emanzipation der Arbeiter führen"[2].
Die revolutionären Proletarier und Proletarierinnen stützen sich auf die gigantischen Debatten der Massen. Die autonome und selbstorganisierte Aktion der Arbeiterklasse beruht auf Debatten, an denen Hunderttausende von Arbeitern, Jugendliche, Frauen, Rentnerinnen und Rentner aktiv teilnehmen. Die Russische Revolution von 1917 basierte auf einer permanenten Debatte mit Tausenden von Diskussionen vor Ort, auf den Straßen, in den Straßenbahnen... Die Tage des Jahres 1917 haben uns zwei Bilder hinterlassen, die die Bedeutung der Debatte für die Arbeiterklasse gut veranschaulichen: die blockierte Straßenbahn, weil ihre Insassen, einschließlich des Fahrers, beschlossen, anzuhalten und über ein Thema zu diskutieren; oder ein Fenster zur Straße, aus dem ein Redner eine Rede hält, vor dem sich eine Menge von Hunderten von Menschen versammelt, die zusammenkommen, um zuzuhören und zu diskutieren.
Auch der Mai 68 war eine ständige Debatte der Massen. Es besteht ein eklatanter Kontrast zwischen den Diskussionen der Arbeiter bei den Streiks im Mai, bei denen über die Zerstörung des Staates, die Schaffung einer neuen Gesellschaft, um Gewerkschaftssabotage usw. diskutiert wurde, und von "radikalen" Maoisten kontrollierte "Studentenversammlungen" in Deutschland im Jahr 1967, bei der es drei Stunden dauerte, um zu entscheiden, wie eine Demonstration organisiert werden sollte. "Wir reden miteinander und wir hören einander zu" war einer der beliebtesten Slogans vom Mai 68.
Die Bewegungen von 2006 und 2011 (Kampf gegen den CPE in Frankreich und die Bewegung der Indignados in Spanien[3]) basierten auf der lebendigen Debatte von Tausenden von Arbeitern, Jugendlichen usw. und auf uneingeschränkter Diskussion. An besetzten Orten wurden "fliegende Bibliotheken" organisiert, die an eine Aktion erinnerten, die während der Russischen Revolution von 1917 mit großer Wucht auftrat, wie John Reed 10 Tage, die die Welt erschütterten unterstrich: "Ganz Russland lernte lesen. Und es las – Politik, Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte wissen. In jeder Großstadt, fast in jeder Stadt, an der ganzen Front hatte jede politische Partei ihre Zeitung, manchmal mehrere. Hunderttausende von Flugblättern wurden von Tausenden Organisationen verteilt, überschwemmten die Armee, die Dörfer, die Fabriken, die Straßen. Der Drang nach Wissen, so lange unterdrückt, brach sich in der Revolution mit Ungestüm Bahn. Allein aus dem Smolny-Institut gingen in den ersten sechs Monaten Tonnen, Wagenladungen Literatur ins Land. Russland saugte den Stoff auf, unersättlich, wie heißer Sand das Wasser. Und es waren nicht Fabeln, die verschlungen wurden, keine Geschichtslügen, keine verwässerte Religion oder der billige Roman, der demoralisiert – es waren soziale und ökonomische Theorien, philosophische Schriften, die Werke Tolstois, Gogols und Gorkis“ [4].
Während die Debatte der Lebensnerv der Arbeiterklasse ist, so gilt dies umso mehr für ihre revolutionären Organisationen: "Im Gegensatz zu der bordigistischen Auffassung darf die Organisation der Revolutionäre nicht "monolithisch" sein. Wenn es Divergenzen in ihren Reihen gibt, spiegelt das die Tatsache wider, daß es sich um eine lebendige Organisation handelt, die nicht immer eine unmittelbare, fest geformte Antwort auf die Probleme hat, vor denen die Klasse steht. Der Marxismus ist weder ein Dogma, noch ein Katechismus. Er ist ein theoretisches Instrument einer Klasse, die mittels ihrer Geschichte und im Hinblick auf ihre historische Zukunft schrittweise – Höhen und Tiefen durchlaufend – zu einer Bewußtwerdung hin voranschreitet, die die unabdingbare Vorbedingung ihrer Befreiung ist. Wie jedes menschliche Nachdenken und Überlegen, das auch bei der Entwicklung des proletarischen Bewußtseins vorhanden ist, handelt es sich nicht um einen linearen und mechanischen Prozeß, sondern um einen widersprüchlichen und mit Kritiken behafteten Prozeß. Er setzt notwendigerweise die Auseinandersetzung mit kontroversen Argumenten voraus. Tatsächlich ist der berühmte "Monolithismus" oder die viel gepriesene "Invarianz" der Bordigisten eine Illusion, ein Schein (was sich oft in den Stellungnahmen dieser Organisation und ihrer verschiedenen Sektionen widerspiegelt). Entweder ist die Organisation vollständig verkalkt und hat den Bezug zum Leben der Klasse verloren, oder sie ist nicht monolithisch und ihre Positionen sind nicht invariant, unveränderlich."[5]
Die Leute, die in bürgerlichen politischen Parteien waren, haben jedoch selbst erfahren, dass diese "Debatte" eine Farce und eine offensichtliche Quelle des Leidens ist. In allen bürgerlichen Parteien, egal welcher Couleur, nimmt die "Debatte" die Form eines "Duells mit Knüppeln" an wie im berühmten Gemälde von Goya im Prado-Museum in Madrid. Die Wahldebatten sind nur Müll, voll von Beleidigungen, Anschuldigungen, schmutziger Wäsche, Fallen und hinterhältigen Hieben. Es sind Schauspiele der Verunglimpfung und Abrechnung, die als Boxkämpfe konzipiert sind, bei denen Realität und Wahrheit nichts zählen. Es geht nur darum zu sehen, wer gewinnt und wer verliert, wer am besten betrügen und lügen kann, wer mit dem größten Zynismus Gefühle manipulieren kann.[6]
In bürgerlichen Parteien ist die "freie Meinungsäußerung" reiner Humbug. Die Dinge können bis zu einem gewissen Punkt gesagt werden, aber nicht darüber hinaus, wenn die Dominanz der "Führung" in Frage gestellt wird. Wenn diese Schwelle überschritten wird, wird eine Lügenkampagne gegen diejenigen organisiert, die es gewagt haben, selbst zu denken, wenn sie nicht direkt aus der Partei ausgestoßen werden. Diese Praktiken haben in allen Parteien stattgefunden, in denen sowohl die Peiniger als auch ihre Opfer davon Gebrauch machen. Rosa Diez, eine Führerin der baskischen PSOE, ist so zur Zielscheibe einer heftigen Verleumdungskampagne von Spitzeln aus den Reihen der "Genossen" ihrer Partei geworden. Sie wollte sich nicht der damals geltenden Orientierung für eine Zusammenarbeit mit dem baskischen Nationalismus anschließen, und die Parteifreunde machten ihr das Leben bis zu ihrem Austritt aus der Partei unmöglich. Dann gründete sie die UYPD (die versuchte, eine zentristische Position zu halten, die dann von Ciudadanos übernommen wurde), und wenn Rivalen und Gegner in ihrer eigenen Gruppe auftauchten, ereilte sie dasselbe Schicksal, und die Machenschaften erreichten sogar neue Tiefen des Sadismus und Zynismus, die Stalin zum Schaudern gebracht hätten.
Im Allgemeinen werden Debatten in bürgerlichen Parteien, unabhängig von ihrer Komplexität, vermieden. Stalin verbot Debatten und profitierte dabei von einem schwerwiegenden Fehler der Bolschewistischen Partei im Jahr 1921: dem Verbot der Fraktionen, einer Maßnahme, die Lenin als falsche Antwort auf Kronstadt vorschlug.[7] Der Trotzkismus blockiert gleichermaßen die Debatte in seinen eigenen Reihen und praktiziert dieselbe Art von Ausschluss und Repression. Ein Beispiel dafür ist ein versuchter Ausschluss aus der Linken Opposition, der in einem stalinistischen Gefängnis geschah(!)[8], wie das Buch von Anton Ciliga[9] bezeugt, das in früheren Artikeln dieser Serie schon zitiert wurde: "Zum ideologischen Kampf im trotzkistischen 'Kollektiv' kam ein organisatorischer Konflikt hinzu, der für einige Monate ideologische Fragen auf eine zweite Ebene verlagerte. Diese Konflikte prägen die Psychologie und die Gewohnheiten der russischen Opposition. Sowohl die Rechte als auch die Mitte stellen den 'bolschewistischen Militanten' das folgende Ultimatum: entweder sie lösen sich auf und stellen ihre Veröffentlichung ein oder sie werden aus der trotzkistischen Organisation ausgeschlossen.
Tatsächlich war die Mehrheit der Meinung, dass es keine Notwendigkeit für eine Untergruppe innerhalb der trotzkistischen Fraktion gäbe. Dieses Prinzip der 'monolithischen Fraktion' war im Grunde dasselbe, das Stalin für die gesamte Partei inspirierte."
Auf den Kongressen solcher Organisationen hört niemand den Vorträgen zu, die aus langweiligen Ausführungen bestehen, in denen gleichzeitig das eine und das andere bekräftigt wird. Es werden Gebietskonferenzen, Seminare und viele andere Veranstaltungen organisiert, die nichts anderes als „public relations“-Veranstaltungen sind.
Die "Debatte" in diesen Organisationen entsteht, wenn es darum geht, die herrschende Clique zu vertreiben und sie durch eine neue zu ersetzen. Dies kann verschiedene Gründe haben: fraktionelle Interessen, Abweichungen hinsichtlich der Verteidigung des nationalen Interesses, schlechte Wahlergebnisse... Von hier aus bricht die "Debatte" aus, die sich als ein Kampf um die Macht erweist. Bei manchen Gelegenheiten besteht die "Debatte" darin, dass eine Fraktion eine verworrene und widersprüchliche "These" erfindet und sich gewaltsam gegen die der Rivalen stellt, wobei sie mit Worten, aufhetzenden Adjektiven ("opportunistisch", "Aufgabe des Marxismus" usw.) und anderen raffinierten Vorwänden zu heftiger Kritik greift. Die "Debatte" wird zu einer bloßen Abfolge von Beleidigungen, Drohungen, dem Streuen von schmutziger Wäsche in der Öffentlichkeit, Anschuldigungen..., die hin und wieder durch diplomatische Zustimmungsakte unterbrochen werden, um den Wunsch nach Einheit "zu zeigen" und zu zeigen, dass man seinen Rivalen schätzt, die letztendlich doch "Genossen" sind[10]. Schließlich kommt ein Moment, in dem sich ein Gleichgewicht zwischen den streitenden Kräften einstellt und die "Debatte" zu einer Summe von "Meinungen" wird, die jeder als sein Eigentum verteidigt, was zu keiner Klärung führt, sondern eher zu einer chaotischen Summe von Ideen oder "versöhnlichen" Texten, in denen gegensätzliche Ideen nebeneinander gestellt werden.[11]
Daraus lässt sich schließen, dass die "Debatte" in den bürgerlichen Organisationen (unabhängig von ihrem Platz auf dem politischen Schachbrett, der von der extremen Rechten bis zur extremen Linken reicht) eine Farce und ein Mittel zur Einleitung persönlicher Angriffe ist, die schwerwiegende psychologische Folgen für die Opfer haben kann und die die auffallende Grausamkeit und das völlige Fehlen moralischer Skrupel der Täter zeigt. Schließlich ist es ein Spiel, bei dem die Täter manchmal zu Opfern werden und umgekehrt. Die schreckliche Behandlung, die sie erlitten haben, kann vielen anderen zugefügt werden, sobald sie die Macht erlangt haben.
Die proletarische Debatte ist grundlegend anders. Die Debatte innerhalb proletarischer Organisationen reagiert nach radikal anderen Prinzipien als denjenigen, die wir soeben in bürgerlichen Parteien gesehen haben.
Allein das Klassenbewusstsein des Proletariats (d.h. das selbst entwickelte Wissen um die Ziele und Mittel seines historischen Kampfes) bringt eine unbegrenzte und ungehinderte Debatte hervor: Dieses Bewusstsein kann „nicht ohne solidarische, öffentliche, internationale Debatte entwickelt werden“, wie wir in unserem Text Die Debattenkultur: Eine Waffe des Klassenkampfes[12] bekräftigt haben. Kommunistische Organisationen, die die fortschrittlichste und dauerhafteste Anstrengung für die Entwicklung des Bewusstseins in der Klasse ausdrücken, brauchen die Debatte als eine lebenswichtigen Waffe: "Eine der ersten Forderungen, die sie erhoben, war, dass die Debatte nicht als ein Luxus betrachtet werden dürfe, sondern als eine dringende Notwendigkeit; dass jene, die sich an ihr beteiligen, den Anderen ernstnehmen und lernen sollten, sich einander zuzuhören; dass Argumente die Waffen dieser Auseinandersetzung sind, und nicht die brutale Gewalt oder der Appell an moralische bzw. theoretische ‘Autoritäten’", fährt der genannte Text fort.
In einer proletarisch-politischen Organisation muss die Diskussion das Gegenteil der verwerflichen Methoden sein, die wir oben angeprangert haben. Es geht darum, eine gemeinsame Basis einer geteilten Wahrheit zu finden, wo es keine Gewinner oder Verlierer gibt und wo der einzige Triumph der der gemeinsamen Klarheit ist. Die Diskussion basiert auf Argumenten, Hypothesen, Analysen, Zweifeln – Irrtümer sind Teil des Weges, der zu tauglichen Schlussfolgerungen führt. Anschuldigungen, Beleidigungen, die Personalisierung von Genoss*innen oder Organisationsstrukturen müssen kategorisch untersagt werden, denn es geht nicht darum, wer etwas sagt, sondern was gesagt wird.
Meinungsverschiedenheiten sind notwendige Momente, um zu einer Position zu kommen. Nicht weil es ein "demokratisches Recht" gibt, sondern eine Pflicht, sie zu äußern, wenn man von einer Position nicht überzeugt ist oder sie als unzureichend oder verworren empfindet. Im Laufe einer Debatte werden Positionen gegeneinander gestellt, und manchmal gibt es Minderheitenpositionen, die mit der Zeit zu denen der Mehrheit werden. Das war der Fall bei Lenin mit seinen Aprilthesen, die, als er sie 1917 bei seiner Ankunft in Russland vorstellte, eine Minderheitsposition innerhalb einer bolschewistischen Partei waren, die von opportunistischen, vom Zentralkomitee aufgezwungenen Abweichungen beherrscht wurde. Durch eine intensive Diskussion, an der sich alle Mitglieder beteiligten, wurde die Partei von der Gültigkeit der Positionen Lenins überzeugt und nahm sie an.[13]
Die unterschiedlichen Positionen, die innerhalb einer revolutionären Organisation zum Ausdruck kommen, sind keine festen Haltungen, die Eigentum derer sind, die sie verteidigen. In einer revolutionären Organisation widerspiegeln "die Divergenzen keinesfalls die verschiedenen materiellen, persönlichen oder die Interessen von "Pressure groups" […], sondern [sie sind] der Ausdruck eines lebendigen und dynamischen Prozesses der Klärung der Probleme […], vor denen die Klasse steht und die als solche mit der Vertiefung der Diskussion und im Lichte der Erfahrungen überwunden werden müssen" (Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre, bereits oben zitiert).
In proletarischen Organisationen kann es keine "aufgeklärten Köpfe" geben, denen man, ohne etwas zu hinterfragen, folgen muss. Es ist klar, dass es Genoss*innen geben kann, die über größere Fähigkeiten verfügen oder die sich in bestimmten Themenbereichen besser auskennen. Es gibt sicherlich Militante, deren Hingabe, Überzeugung und Begeisterung eine gewisse moralische Autorität beinhaltet. Aber nichts von alledem verleiht ihnen einen besonderen privilegierten Status, der diese oder jene Militante zu einer "brillanten Führerin", zu einer Fachperson in dieser oder jener Frage oder zu einer "großen Theoretikerin" macht. „Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun, Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“, sind Worte aus der Kampfhymne der Zweiten Internationale.
Genauer gesagt, wie es im Text über Struktur und Funktionsweise heißt: "In der Organisation gibt es keine 'erhabenen' und dann 'zweitrangige', 'weniger würdevolle' Aufgaben. Die Aufgabe der theoretischen Herausarbeitung wie die Verwirklichung der praktischen Aufgaben, die Arbeit innerhalb der Zentralorgane wie auch die spezifische Arbeit in den örtlichen Sektionen sind ebenso wichtig für die Organisation. Sie dürfen deshalb nicht hierarchisch geordnet werden (nur der Kapitalismus errichtet solche Hierarchien)."
In einer kommunistischen Organisation ist es notwendig, gegen jede Tendenz zur blinden Gefolgschaft zu kämpfen, ein Fehler, der darin besteht, sich ohne nachzudenken an der Position eines "klaren Militanten" oder an einem Zentralorgan auszurichten. In einer kommunistischen Organisation muss jeder Militante einen kritischen Geist bewahren, darf nicht alles blind übernehmen, sondern soll analysieren, worum es geht, einschließlich dessen, was von der "Führung", den Zentralorganen oder den "fortgeschrittensten Militanten" kommt. Das ist das Gegenteil von dem, was in den bürgerlichen Parteien und vor allem bei ihren Vertretern in der Linken der Fall ist. In diesen letzteren Organisationen sind blinde Gefolgschaft und der extremste Respekt vor den Führern die Norm; und in der Tat existierten diese Tendenzen bereits in der trotzkistischen Opposition: „Die Briefe, in denen Trotzki und Rakowski zu aktuellen Problemen Stellung nahmen, wurden im Gefängnis lebhaft kommentiert. Man war nicht wenig betroffen über den Geist der Hierarchie und des unbedingten Gehorsams gegen den Führer, von dem die russische Opposition durchdrungen war. Jedes Wort Trotzkis galt als Evangelium. Übrigens, die Rechts- ebenso wie die Links-Trotzkisten legten diese Worte offensichtlich tendenziös aus. Der völligen Unterwerfung der Partei unter Lenin und Stalin entsprach bei der Opposition die Unterwerfung unter Lenin und Trotzki: alles übrige war eine ‚Einflüsterung des Teufels’.“ (Anton Ciliga, a.a.O. – zu finden unter www.kommunismus.narod.ru/knigi/pdf/Ante_Ciliga_-_Im_Land_der_verwirrenden_Luege.pdf [99], S. 59)
Es gibt eine sehr gefährliche Idee, die man strikte verwerfen muss: Es gebe "fachkundige" Militante, die, wenn sie einmal gesprochen hätten, "alles gesagt haben", man "könnte es nicht besser sagen", und andere beschränken sich darauf, Notizen zu machen und zu schweigen.
Diese Sichtweise lehnt eine proletarische Debatte radikal ab, die ein dynamischer Prozess ist, in dessen Verlauf viele, auch irrtümliche Anstrengungen unternommen werden, um Probleme zu bewältigen. Die oberflächliche Sichtweise, die in der kapitalistischen Logik verwurzelt ist, nur das "Produkt" oder das Endergebnis zu sehen, ohne es von allem zu unterscheiden, was zu seiner Ausarbeitung geführt hat, sich nur auf den abstrakten und zeitlosen Wert des Austauschs zu konzentrieren, führt dazu, dass man denkt, dass alles von "brillanten" Führern kommt. Marx teilte diese Sichtweise nicht. In einem Brief an Wilhem Blos schrieb er 1877: „Ich »grolle nicht« (wie Heine sagt) und Engels ebensowenig. Wir beide geben keinen Pfifferling für Popularität. Beweis z.B., im Widerwillen gegen allen Personenkultus, habe ich während der Zeit der Internationalen die zahlreichen Anerkennungsmanöver, womit ich von verschiedenen Ländern aus molestiert ward, nie in den Bereich der Publizität dringen lassen, und habe auch nie darauf geantwortet, außer hie und da durch Rüffel. Der erste Eintritt von Engels und mir in die geheime Kommunistengesellschaft geschah nur unter der Bedingung, daß alles aus den Statuten entfernt würde, was dem Autoritätsaberglauben förderlich. (Lassalle wirkte später grade in der entgegengesetzten Richtung.)“[14]
Im Verlauf einer Debatte werden Hypothesen und Gegenpositionen formuliert. Es werden einige Annäherungen gemacht, einige Fehler begangen und es gibt einige klarere Interventionen; aber das globale Ergebnis kommt nicht von dem "weitsichtigsten Militanten", sondern ist eine dynamische und lebendige Synthese aller in die Diskussion integrierten Positionen. Die schließlich angenommene Position ist nicht die derjenigen, die "recht" hatten, und sie impliziert keinen Antagonismus zu denen, die "falsch" lagen; sie ist eine neue und weiter fortgeschrittene Position, die kollektiv zur Klärung der Dinge beiträgt.
Offensichtlich ist die Debatte innerhalb einer proletarischen Organisation nicht einfach. Sie entwickelt sich nicht in einer Welt für sich, sondern sie muss das ganze Gewicht der herrschenden Ideologie und der von ihr mitgetragenen Auffassung von Debatte tragen. Es ist unvermeidlich, dass "Formen der Debatte", die der bürgerlichen Gesellschaft angehören und die uns jeden Tag durch die Spektakel ihrer Parteien, ihr Fernsehen und ihre Müllsendungen, soziale Netzwerke, Wahlkämpfe usw. überfallen, in das Leben proletarischer Organisationen eindringen. Gegen diese zerstörerische Infiltration muss ein ständiger Kampf geführt werden. Wie unser zuvor zitierter Text über die Debattenkultur zeigt:
"Da die spontane Tendenz innerhalb des Kapitalismus nicht die Klärung von Ideen, sondern Gewalt, Manipulation und das Erringen von Mehrheiten ist (am beispielhaftesten im Wahlzirkus der bürgerlichen Demokratie), enthält die Infiltration dieses Einflusses in proletarischen Organisationen die Keime der Krise und Degeneration. Die Geschichte der bolschewistischen Partei veranschaulicht dies perfekt. So lange wie die Partei die Speerspitze der Revolution war, war die lebendigste, oft kontroverse Debatte eines ihrer Hauptmerkmale. Im Gegensatz dazu war die Verbannung realer Fraktionen (nach dem Massaker von Kronstadt 1921) ein unübersehbares Anzeichen und aktiver Faktor ihrer Degenerierung".
Dieser Text wies auf das giftige Erbe hin, das der Stalinismus in den Reihen der Arbeiter hinterlassen hat und das auf den Kommunisten lastet, von denen nicht wenige ihr politisches Leben in stalinistischen, maoistischen oder trotzkistischen Organisationen begannen und denken, "dass der Austausch von Argumenten mit dem 'bürgerlichem Liberalismus' identisch sei, dass ein 'guter Kommunist' jemand sei, der seinen Mund hält sowie seinen Kopf und seine Gefühle ausschaltet. Die Genossen, die heute entschlossen sind, die Auswirkungen dieses todgeweihten Produkts der Konterrevolution abzuschütteln, verstehen in wachsendem Masse, dass dies die Ablehnung nicht nur ihrer Positionen, sondern auch ihrer Mentalität erfordert."
In der Tat müssen wir die Mentalität bekämpfen, die die Debatte verfälscht und die aus jeder Pore der bürgerlichen Welt und insbesondere des vulgären Stalinismus und all seiner Anhängsel hervorquillt, vor allem von denen, die eine größere "Offenheit" vortäuschen, wie den Trotzkisten. Es ist notwendig, bei der Verteidigung einer Position klar und entschieden zu sein, aber das bedeutet nicht Arroganz und Brutalität. Eine Diskussion kann kämpferisch sein, aber das bedeutet nicht streitsüchtig und aggressiv. Man kann die Dinge beim Namen nennen, aber daraus kann man nicht ableiten, dass man beleidigend und zynisch sein sollte. Man muss nicht nach Aussöhnung von Argumenten oder nach Kompromissen suchen, aber das darf nicht mit Sektierertum und der Weigerung, sich die Argumente anderer anzuhören, verwechselt werden. Wir müssen ein für alle Mal einen Weg finden, der dem Morast der Verwirrung und Entstellung entgeht, den der Stalinismus und seine Avatare geschaffen haben.
Obwohl der bürokratische Kollektivismus der bürgerlichen Parteien mit seinem Monolithismus und seinen brutalen Zwängen ein Hindernis für die Debatte darstellt, ist es notwendig, sich vor dem zu schützen, was als sein Gegensatz erscheint, während es in Wirklichkeit sein Ergänzungsstück ist. Wir beziehen uns hier auf die individualistische Vision der Debatte.
Diese besteht darin, dass jeder "seine eigene Meinung" hat und diese "Meinung" ist Privateigentum. Folglich wird die Kritik an der Position eines Genossen zu einem Angriff: sein "Privateigentum" ist verletzt worden, weil es ihm gehört. Diese oder jene Position dieses oder jenes Genossen zu kritisieren, wäre gleichbedeutend damit, ihn zu bestehlen oder ihm sein Essen wegzunehmen.
Diese Sichtweise ist ziemlich falsch. Wissen entspringt nicht der "persönlichen Vernunft" oder der " inneren Überzeugung" eines jeden Einzelnen. Was wir denken, ist Teil einer historischen und sozialen Anstrengung, die mit der Arbeit und der Entwicklung der Produktivkräfte verbunden ist. Was jeder Einzelne sagt, ist nur dann "originell", wenn es auf kritische Weise in eine kollektive Denkanstrengung eingebunden ist. Das Denken des Proletariats ist das Produkt seines historischen Kampfes auf Weltebene, eines Kampfes, der sich nicht auf seine ökonomischen Kämpfe beschränkt, sondern der, wie Engels sagte, drei miteinander verbundene Dimensionen enthält: den ökonomischen, den politischen und den ideologischen Kampf.
Jede proletarisch-politische Organisation ist in der kritischen historischen Kontinuität einer langen Kette verbunden, die vom Bund der Kommunisten (1848) bis zu den kleinen existierenden Organisationen der kommunistischen Linken reicht. In dieser historischen Linie sind Positionen, Ideen, Auffassungen und die Beiträge eines jeden Militanten eingebunden. Während jeder Militante darauf abzielt, das Wissen noch weiter zu erweitern, betrachten sie dies nicht als individuelle Anstrengung, sondern mit dem Ziel, die Klärung von Positionen und Orientierungen für die Gesamtheit der Organisation des Proletariats so weit wie möglich zu bringen.
Die Vorstellung, dass "jeder seine Meinung hat", ist ein ernsthaftes Hindernis für die Debatte und ist komplementär zum bürokratischen Monolithismus der bürgerlichen Parteien. In einer Debatte, in der jeder seine Meinung hat, kann das Ergebnis entweder ein Konflikt zwischen Siegern und Besiegten sein, oder es kann eine Summe von verschiedenen, nutzlosen, widersprüchlichen Meinungen sein. Individualismus ist ein Hindernis für Klarheit, und wie in einer monolithischen Partei bedeutet die Frage "hier ist meine Meinung, nimm sie oder lass es", dass es keine Debatte gibt, wenn jeder seine "eigene Meinung" vertritt.
Die proletarische Debatte hat einen historischen Charakter; sie nimmt das Beste der wissenschaftlichen und kulturellen Diskussion auf, die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat: "Grundsätzlich ist die Debattenkultur ein Ausdruck des eminent sozialen Charakters der Menschheit. Sie ist insbesondere eine Auswirkung des spezifisch menschlichen Gebrauchs der Sprache. Der Gebrauch der Sprache als ein Mittel zum Informationsaustausch ist etwas, was die Menschheit mit vielen Tieren teilt. Was die Menschheit jedoch vom Rest der Natur unterscheidet, ist die Fähigkeit, Argumentationen (die mit der Entwicklung der Logik und der Wissenschaften verknüpft sind) zu pflegen, auszutauschen und die anderen kennenzulernen (die Kultivierung des Mitgefühls, das unter anderem. mit der Entwicklung der Kunst verknüpft ist)".
Die Kultur der Debatte hat ihre Wurzeln im Urkommunismus, machte aber im antiken Griechenland einige entscheidende Fortschritte: "Engels verweist beispielsweise auf die Rolle der allgemeinen Versammlungen der Griechen der homerischen Phase, der frühen germanischen Stämme oder der Irokesen Nordamerikas und lobt ausdrücklich die Debattenkultur der letzteren."
"Die Debatte entstand aus einer praktischen Notwendigkeit heraus. In Griechenland entwickelt sie sich durch den Vergleich verschiedener Wissensquellen. Verschiedene Denkweisen, Untersuchungsmethoden und deren Ergebnisse, Produktionsmethoden, Sitten und Gebräuche werden miteinander verglichen. Sie erweisen sich als widersprüchlich, bestätigen oder ergänzen sich gegenseitig. Sie treten miteinander in Kampf oder unterstützen sich gegenseitig, oder beides. Absolute Wahrheiten werden durch den Vergleich relativiert".
Unser Text über die Struktur und Funktionsweise der Organisation fasst die Grundprinzipien der proletarischen Debatte zusammen:
- "Verwerfung jeglicher disziplinarischer oder ‚administrativer’ Maßnahmen seitens der Organisation gegenüber Mitgliedern, die mit bestimmten Punkten nicht einverstanden sind. Genauso wie die Minderheit lernen muss, wie man sich als Minderheit innerhalb der Organisation verhält, muss die Mehrheit wissen, was sie als Mehrheit zu tun hat, und vor allem darf sie nicht die Tatsache ausnutzen, dass ihre Position zu der Position der Organisation geworden ist, um die Debatte irgendwie zu ersticken, indem z.B. Mitglieder der Minderheit gezwungen werden, als Sprecher für Positionen aufzutreten, die sie nicht unterstützen.
- Die gesamte Organisation muss danach streben, dass die Diskussionen (selbst wenn es sich um Divergenzen zu Prinzipen handelt, die nur zu einer organisatorischen Spaltung führen können) auf die deutlichste Art geführt werden (ohne dass dadurch natürlich die Organisation gelähmt oder sie bei der Verwirklichung ihrer Aufgaben geschwächt würde), um sich dadurch gegenseitig von der Gültigkeit der jeweiligen Analysen zu überzeugen. Oder dass zumindest dadurch die grösste Klarheit über das Wesen und die Tragweite der Unstimmigkeiten und Divergenzen geschaffen wird.
Weil die Debatten, die in der Organisation stattfinden, im allgemein die gesamte Arbeiterklasse betreffen, so müssen diese auch nach außen getragen werden..."
Das Proletariat ist eine internationale Klasse und deshalb muss seine Debatte einen internationalen und zentralisierten Charakter haben. Wenn die Debatte nicht eine Addition von Einzelmeinungen ist, kann sie auch nicht die Summe einer Reihe von lokalen Meinungen sein. Die Stärke des Proletariats ist seine Einheit und sein Bewusstsein, das darauf abzielt, sich auf der Weltebene auszudrücken.
Die internationale Debatte, die die Beiträge und Erfahrungen des Proletariats aller Länder integriert, ist das, was Klarheit und eine globale Vision schafft, die den proletarischen Kampf stärker machen.
C. Mir, 11. Juli 2018
[1] Die Teile eins bis vier der Serie sind auf unserer Internetseite veröffentlicht.
[2] Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von 1890, Engels.
[3] Siehe unsere Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich im Frühling 2006 [101] und unser 2011 verbreitetes internationales Flugblatt Von der Empörung zur Hoffnung [102].
[4] John Reed, Zehn Tage, die die Welt erschütterten; zitiert nach http://www.derfunke.at/html/pdf/geschichte/klassiker/Reed-10_Tage.pdf [103], S. 18
[5] Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre [2], Internationale Revue Nr. 22 (ein Text vom Januar 1982).
[6] Siehe unseren Artikel auf Spanisch "Die Wahldebatte ist das Gegenteil einer echten Debatte". https://es.internationalism.org/cci-online/200802/2185/debates-electorales-lo-contrario-de-un-verdadero-debate [104]
[7] In der Garnison von Kronstadt, in der Nähe von Petrograd, erhoben sich Matrosen und Arbeiter. Die Sowjetmacht schlug diese Bewegung brutal nieder, was einen sehr wichtigen Schritt zur Degeneration der proletarischen Bastion Russland bedeutete (siehe https://en.internationalism.org/specialtexts/IR003_kron.htm [105]). In einer falschen Schlussfolgerung aus diesen Ereignissen beschloss die bolschewistische Partei, die sich nun in voller opportunistischer Degeneration befand, auf ihrem Zehnten Kongress, vorübergehend Fraktionen innerhalb der Partei zu verbieten.
[8] Ein "Isolations"-Gefängnis in Werchneuralsk am Ural.
[9] Das russische Enigma
[10] Im Krieg um die Nachfolge in der spanischen konservativen Volkspartei (PP) verkündeten die sechs Kandidaten täglich, dass sie "Freunde" seien.
[11] Ein aktuelles Beispiel dafür war die Feier des letzten Parteitags der ERC (Esquerra Republicana de Catalunya – Linke Republik Katalonien, einer unabhängig agierenden Partei), bei der die Führung eine "versöhnliche" Linie mit der spanischen Zentralregierung vertrat. Allerdings erlaubte sie ihrer Basis, ihre Intervention mit einem Sammelsurium von "unabhängigen" und "ungehorsamen" Änderungsanträgen zu radikalisieren, die sich sowohl auf die "Autonomie" innerhalb Spaniens als auch auf die Unabhängigkeit von Spanien bezogen.
[12] Die Debattenkultur: eine Waffe des Klassenkampfes [72], Internationale Revue 41.
[13] Vgl. Lenins Aprilthesen, Wegweiser zur proletarischen Revolution, International Review (engl./frz./span. Ausgabe) Nr. 89
[14] Marx an Wilhelm Blos, 10. Nov. 1877, in: MEW, Bd. 34, S. 308f.
Seit mehr als einem Jahr kämpft die herrschende Klasse weltweit mit der Covid-19 Pandemie, ohne dass wirklich ein Licht am Ende des Tunnels in Sicht wäre. Bis jetzt waren es die ärmsten und unterentwickelten Länder, die den höchsten Preis für die Krankheiten, ob epidemisch oder endemisch, zahlten. Es sind nun die entwickelten Länder, die durch die Covid-19 Pandemie in ihren Grundfesten erschüttert werden.
Vor mehr als einem Jahrhundert bedeutete der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Eintritt des Kapitalismus in seine Periode der Dekadenz. Der Zusammenbruch des Ostblocks und die Auflösung des westlichen Blocks im Jahr 1990 und die darauffolgende globale Schockwelle mit tiefgreifenden Umwälzungen waren Symptome der globalen Zerbröckelung der Gesellschaft und signalisierten den Eintritt des Kapitalismus in die letzte Phase seiner Dekadenz, die des Zerfalls.
Und nach dem Kapitalismus? Wenn es dem Weltproletariat gelingt, den Kapitalismus zu stürzen, bevor er die Menschheit vernichtet, dann wird es die in der kommunistischen Gesellschaft vereinigte Menschheit sein, die angesichts der Probleme von Krankheiten und anderen Katastrophen eine Antwort geben kann, die nicht durch kapitalistische Ausbeutung, Konkurrenz und Anarchie untergraben wird.
In den Vereinigten Staaten sind heute mindestens 25 Millionen Menschen infiziert und mehr als 410.000 sind gestorben. Es sind mehr Covid-Tote zu beklagen als amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg gefallen sind! Im vergangenen April hatte die Zahl bereits die Anzahl der Toten während des Vietnamkriegs übertroffen. In der großen Metropole Los Angeles ist einer von zehn Einwohnern kontaminiert. In Kalifornien sind die Krankenhäuser zum Bersten voll. Zu Beginn der Gesundheitskrise wurde die gesamte amerikanische Bevölkerung durch die riesigen Gräben aufgeschreckt, in denen im Bundesstaat New York, auf Hart Island, "nicht abgeholte" Tote aufbewahrt wurden. In Europa hatte Schweden, das einst für die "soziale Fürsorge" seiner Bürger bekannt war, zu Beginn der Pandemie daraufgesetzt, schnell Herdenimmunität zu erlangen. Schweden hat gerade einen nationalen Rekord gebrochen, den der Zahl der Todesfälle, der seit der großen Hungersnot von 1869 gehalten wurde.
Die Covid-19 Pandemie ist keine unvorhersehbare Katastrophe, die auf die undurchsichtigen Gesetze des Zufalls und der Natur basiert. Der Kapitalismus selbst ist für diese weltweite Katastrophe verantwortlich, für mehr als zwei Millionen Tote. Im Gegensatz zu den von Tieren ausgehenden Seuchen der Vergangenheit (z.B. die im Mittelalter durch Ratten eingeschleppte Pest) ist diese Pandemie heute im Wesentlichen auf den maroden Zustand des Planeten zurückzuführen. Die globale Erwärmung, die Abholzung der Wälder, die Zerstörung der natürlichen Territorien von Wildtieren sowie die Ausbreitung von Slums in unterentwickelten Ländern haben die Entwicklung aller Arten von neuen Viren und ansteckenden Krankheiten begünstigt.
Die Bourgeoisie wurde durch das Virus deshalb überrascht und gelähmt, weil die wissenschaftlichen Studien über Coronaviren vor etwa fünfzehn Jahren überall eingestellt wurden, weil die Entwicklung des Impfstoffs als "unrentabel" beurteilt wurde! Außerdem zielten die meisten wissenschaftlichen und technologischen Spitzenforschungen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, auf Produkte ab, für die ein lukrativer Markt garantiert war, oder sie waren im Wesentlichen dem militärischen Sektor gewidmet, einschließlich der Forschung für bakteriologischen Waffen.
Zudem ist die Welt noch weit davon entfernt, die aktuelle Pandemie in den Griff zu bekommen, während andere, noch schrecklichere Bedrohungen[1] - wie z. B. Nympha, dass die gleiche Ursache hat, - bereits identifiziert wurden, ohne dass eine dieser Krankheiten bisher Anlass zu Forschungsprojekten von Pharma-Unternehmen gegeben hätte.[2]
Mehrere Impfstoffe wurden bereits in Rekordzeit entwickelt; sie zeigen die technologischen Möglichkeiten, die zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden könnten. Dennoch stehen auch heute noch, wie zu Beginn der Pandemie, eine Reihe von Problemen der wirklichen Bewältigung der Krankheit im Wege, und sie sind die direkte Folge der Tatsache, dass dieses System eindeutig in den Diensten einer Ausbeuterklasse steht, der es nur insoweit um die Gesundheit der Bevölkerung geht, um die Arbeitskraft derer zu erhalten, die sie ausbeutet.
In der Tat ist das Gesundheitssystem damit völlig überfordert, da angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise in allen Ländern die Regierungen sowohl der Rechten als auch der Linken seit Jahrzehnten ständig die Budgets für Soziales, Gesundheit und Forschung kürzen. Da das Gesundheitssystem nicht profitabel ist, wurde die Zahl der Betten reduziert, Krankenhausabteilungen geschlossen, Arztstellen gestrichen, die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals verschlechtert, Bestände an Masken vernichtet da sie als zu teuer im Unterhalt gelten, Beatmungsgeräte waren in vielen Krankenhäusern Mangelware.
Um die unkontrollierte Ausbreitung der Pandemie zu begrenzen, konnte die Bourgeoisie nicht mehr tun, als auf mittelalterliche Methoden wie Abschottungen (Kontaktreduzierungen usw.) zurückzugreifen. Überall musste sie Ausgangssperren, soziale Distanzierung und Maskenpflicht verhängen. Viele Grenzen sind verriegelt, öffentliche und kulturelle Einrichtungen sind in den meisten europäischen Ländern geschlossen. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg hatte die Menschheit eine solche Tortur erlebt.
Darüber hinaus ist die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie - sowohl international als auch in den einzelnen Ländern - welche durch die zugespitzte Wirtschaftskrise verschärft wurde, von Beginn der Pandemie an eindeutig ein Faktor für die Beschleunigung der Gesundheitskrise gewesen. Sie hat zum offenen Ausdruck von Rivalitäten geführt, die zeitweise so scharf sind, dass sie von den Medien als "Krieg" bezeichnet werden.
Der "Krieg der Masken" ist ein lehrreiches Beispiel für den zynischen und ungezügelten Wettbewerb, in den alle Staaten verwickelt sind, wobei jeder versucht, diese überlebenswichtige Ausrüstung durch das Bieten von noch höheren Beträgen bis hin zum unverhohlenen Diebstahl an sich zu reißen!
Ebenfalls "Krieg, um unter den Ersten zu sein, die einen wirksamen Impfstoff produzieren", in dem jedes Land im Wettbewerb mit allen anderen misstrauisch die Ergebnisse seiner Arbeit bewacht, um zu versuchen, in die Spitzengruppe derer zu kommen, die den lukrativen Markt teilen werden. Eine solche Situation des "Jeder für sich" verhindert jede internationale Koordination und Kooperation zur Ausrottung dieser Pandemie und verzögert die Herstellung eines Impfstoffs viel länger, als wenn er das Produkt einer internationalen Kooperation gewesen wäre.
Beim "Krieg um die Beschaffung von Impfstoffen in großen Mengen" steht viel auf dem Spiel. Die Länder, die Dank der Impfung zu den ersten gehören werden, die eine Herdenimmunität erreichen, werden auch die ersten sein, die mit dem Wiederankurbeln ihres Produktionsapparates und ihrer Wirtschaft beginnen können. Das Problem ist, dass der Impfstoff zwar in einer Reihe von Ländern in großen Mengen produziert wird, aber nicht in ausreichender Menge, um den Bedarf zu decken. Diese Situation hat zu erheblichen Spannungen z. B. zwischen der Europäischen Union und Großbritannien geführt, da letzteres nicht in der Lage war, die von der EU erteilten Aufträge für den Impfstoff von AstraZeneca (britisch-schwedischer Konzern) gemäß dem vertraglich festgelegten Mengen und Fristen zu erfüllen. Um dies zu tun, wäre es gezwungen gewesen, seine eigenen Impfstofflieferungen aus dieser Herstellung zu reduzieren. Daraufhin erhob die EU ihre Stimme und Deutschland ging so weit, Vergeltungsmaßnahmen anzudrohen und BioNTech-Pfizer Impfstoffe, die in der Europäischen Union hergestellt werden und für den Verkauf in Großbritannien bestimmt sind, „zurückzuhalten“. Infolge dieser Verschärfung sind neue Spannungen zwischen London und Brüssel über das "Nordirland-Protokoll" entstanden, einem entscheidenden Teil des Brexit-Vertrags[3].
Die europäischen Medien hatten die gute Leistung Europas angesichts des wirtschaftlichen Erdbebens, das durch den Ausbruch der Pandemie ausgelöst wurde, begrüßt, insbesondere dank bestimmter Vereinbarungen: z.B. die Vergemeinschaftung neuer Schulden innerhalb der EU, oder die, welche den Kauf von für die Mitgliedstaaten bestimmten Impfstoffen an die Europäische Kommission delegiert. Hinter den Kulissen unterzeichneten jedoch einige Mitgliedstaaten, nicht zuletzt Deutschland, separate Verträge mit BioNTech-Pfizer, Moderna und Curevac, die "ein Erdbeben in Brüssel auslösten "[4].
Unerwartet begann Deutschland, das bis dahin mit einer Sterblichkeitsrate die weit unter der aller Industrieländer lag, sehr gut abgeschnitten hatte, ebenso furchterregende Opferzahlen zu registrieren wie andere sogenannt entwickelte Länder wie Frankreich, Großbritannien oder die Vereinigten Staaten. "Mit fast 2,1 Millionen Infektionen in einem Jahr hat Deutschland eine Sterblichkeitsrate von 2,4 %, die der von Frankreich entspricht..."[5], und die Hälfte der Übersterblichkeit während der beiden Pandemiewellen in Deutschland ist auf die Infektion älterer Menschen zurückzuführen.
Als die ersten Impfstoffe auf den Markt kamen, gab es nur wenige Industrieländer, in denen kapitalistische Anarchie und administrativer Kleingeist bei der katastrophalen Verwaltung ihrer Verteilung an die verschiedenen Impfzentren nicht vorherrschten. Dasselbe galt für Spritzen und medizinische Geräte. Als Zeichen dafür, dass in der Gesellschaft etwas nicht stimmt, mussten die Regierungen in einer Reihe von Ländern auf das Militär zurückgreifen, um die medizinischen Dienste zu unterstützen, sich um die Logistik der Verteilung zu kümmern, die Bestellungen zu verfolgen, aber auch die Impfstoffe vor Diebstahl zu schützen.
Während in den stärker industrialisierten Ländern ein Mangel an Impfstoffen besteht, fehlen diese in den ärmeren Ländern. Dort stehen hauptsächlich chinesische Impfstoffe[6] zur Verfügung, deren Wirksamkeit nicht eindeutig belegt ist. Wenn umgekehrt der Staat Israel in der Lage war, die für die Impfung seiner gesamten Bevölkerung erforderlichen Dosen zu beschaffen, dann deshalb, weil er den Impfstoff von Pfizer 43 % teurer gekauft hat als den von der Europäischen Union ausgehandelten Preis.
Millionen von Arbeitern haben weltweit ihren Job verloren, die Armut hat sich dramatisch ausgebreitet und vertieft. Umzingelt von der Gefahr der Ansteckung, der Realität der Arbeitslosigkeit und dem Absturz in die Armut versinken große Teile der Weltbevölkerung, große Massen von Menschen in prekären Situationen, in Verzweiflung. In den industrialisierten Metropolen wirkt sich die erzwungene Isolation infolge der verschiedenen Kontaktbeschränkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung aus, was sich im Ansturm auf die psychiatrischen Dienste und in der Zunahme von Selbstmorden zeigt.
Während für große Teile der Arbeiterklasse die sich aus der Pandemie ergebende Situation eine unwiderrufliche Anklage gegen die Bourgeoisie darstellt, wird andererseits bei vielen Teilen der Bevölkerung jedes Nachdenken durch alle möglichen Verschwörungstheorien behindert. Dies ist insbesondere in den Vereinigten Staaten der Fall, dem am weitesten entwickelten Land der Welt, das an der Spitze der Wissenschaft steht. Während die Pandemie bereits begonnen hatte über den amerikanischen Kontinent zu fegen, bildete sich ein großer Teil der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten ein, dass Covid-19 nicht existiert und dass es sich um ein Komplott handelt, um Trumps Wiederwahl zu torpedieren! Andere, weniger extreme Sichtweisen, die aber ebenso skurrile Theorien darstellen, haben ihre Blüten getrieben und sehen hinter den Maßnahmen, die die Bewegungsfreiheit einschränken, die Hand derer, die uns manipulieren und nach einem Vorwand suchen, um uns "einzusperren" oder den Pharmakonzernen zu erlauben, Profite einzustreichen. In einigen Ländern haben Demonstrationen zu diesem Thema stattgefunden. In Spanien skandierten die Teilnehmer "Krankenhäuser sind leer", und in Israel demonstrierten ultraorthodoxe Juden. Auch die extreme Rechte beteiligte sich an einigen dieser Demonstrationen, vor allem in den Niederlanden. In diesem Land gab es regelrechte Unruhen mit vereinzelten gewaltsamen Aktionen, die sich gegen medizinische Einrichtungen richteten.
Diese Krise ist das Produkt der gegenwärtigen Zerfallsphase innerhalb der Dekadenz des Kapitalismus und eine Illustration seiner Erscheinungsformen. Der Verlust der Kontrolle der herrschenden Klasse über ihr eigenes System, die beispiellose Verschärfung des "Jeder für sich", das Aufkommen der irrationalsten Thesen und Ideologien, das sind die Hauptmerkmale der Situation, die durch den Ausbruch dieser Pandemie entstanden ist. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 sind sie in die Gesellschaft eingedrungen. Sie sind geprägt durch das Aufkommen der irrationalsten, reaktionärsten und meist obskurantistischen Ideologien, den Aufstieg des religiösen Fanatismus und des Islamischen Staates und seiner jungen Selbstmordattentäter, die im Namen Allahs zum "Heiligen Krieg" angeworben werden.
All diese reaktionären Ideologien waren auch der Nährboden, der die Entwicklung von Fremdenfeindlichkeit und Populismus in den zentralen Ländern, insbesondere in den Vereinigten Staaten, ermöglicht hat. Dies gipfelte in der Erstürmung des Capitols am 6. Januar durch Trumps Stoßtruppen. Dieser verwirrende Angriff auf den Tempel der amerikanischen Demokratie vermittelte der ganzen Welt ein desaströses Bild von der führenden Weltmacht. Das Land der Demokratie und Freiheit erschien als eine vulgäre Bananenrepublik (wie der ehemalige Präsident George Bush selbst einräumte) mit dem Risiko bewaffneter Zusammenstöße unter der Zivilbevölkerung.[7]
Die Anhäufung all dieser Zerfallserscheinungen im globalen Maßstab und auf allen Ebenen der Gesellschaft zeigt, dass der Kapitalismus in den letzten dreißig Jahren tatsächlich in eine neue historische Periode eingetreten ist: die letzte Phase seiner Dekadenz, die des Zerfalls.
Mehr denn je hängt das Überleben der Menschheit von der Fähigkeit des Proletariats ab, den Kapitalismus zu stürzen, bevor er jede Form des sozialen Lebens auf dem Planeten unmöglich macht. Darüber hinaus werden die Eigenschaften einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft es unmöglich machen, dass die Gesellschaft für Krankheiten so anfällig ist wie heute angesichts der Covid-19 Pandemie.
Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses kurzen Artikels auf Überlegungen einzugehen wie “Warum wäre heute eine solche Gesellschaft möglich, wenn sie in der Vergangenheit nicht verwirklicht wurde?", oder "Wie das revolutionäre Proletariat den Sturz des Kapitalismus im Weltmaßstab und die Umgestaltung der Produktionsverhältnisse in die Hand nehmen kann?". Die IKS hat dieser Frage bereits viele Artikel gewidmet. Wir können nicht sagen, wie das Leben der von der Entfremdung der Klassengesellschaften befreiten Gesellschaftsmitglieder aussehen würde, aber wir können unzweifelhaft feststellen, dass die Entfremdung und das „Jeder für sich“ selbst immer brutalere und unmenschlichere Formen im dahinsiechenden Kapitalismus annehmen. Wir beschränken uns hier auf den wirtschaftlichen Aspekt und seine direkten sozialen Folgen.
- Der Kommunismus ist nicht nur ein alter Menschheitstraum oder das einfache Produkt des menschlichen Willens, sondern er stellt die einzige Gesellschaft dar, die in der Lage ist, die Widersprüche zu überwinden, die die kapitalistische Gesellschaft ersticken. Jedoch müssen seine wirtschaftlichen Merkmale wie folgt aussehen:
- das einzige Motiv der Produktion ist die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse;
- die produzierten Güter werden nicht mehr Waren, Tauschwerte sein, sondern nur noch Gebrauchswerte; mit anderen Worten, sie werden für die Bedürfnisse der Menschen und nicht für den Markt produziert;
- Das Privateigentum an den Produktionsmitteln, ob individuell wie im ursprünglichen Kapitalismus oder als Staatseigentum wie im dekadenten Kapitalismus (in seiner stalinistischen, faschistischen oder demokratischen Version), wird vergesellschaftet. Das heißt, das Ende allen Eigentums, und damit aller Existenz von sozialen Klassen und damit aller Ausbeutung.
Wenn man die Faktoren betrachtet, die den sehr großen Schwierigkeiten der Gesellschaft bei der Abwehr der Covid-19 Pandemie und auch bei der Bewältigung ihrer tragischen sozialen Folgen zugrunde liegen, kann man nicht umhin, sich zu fragen, welches Gewicht die gleichen Faktoren in einer kommunistischen Gesellschaft gehabt hätten. In der Tat wären sie nicht vorhanden gewesen:
- Wir wissen, dass am Ursprung der Pandemie der Zustand der schrittweisen Zerstörung des Planeten steht, der sich mit der Dekadenz des Kapitalismus verschlimmerte, insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg: "Jedoch war es im wesentlichen der gegenwärtigen Epoche des Kapitalismus, der Epoche, die seit 1914 von den Marxisten als Dekadenz dieser Produktionsweise definiert wurde, überlassen, daß die rücksichtslose Zerstörung der Umwelt durch das Kapital eine andere Stufe und Qualität erreichte, während sie gleichzeitig jede historische Legitimation verlor. Dies ist die Epoche, die alle kapitalistischen Nationen dazu zwingt, miteinander auf einem gesättigten Weltmarkt zu konkurrieren; eine Epoche der ständigen Kriegswirtschaft also (…) eine Epoche, die charakterisiert ist durch eine irrationale, verschwenderische Vervielfältigung von Industriekomplexen in jeder nationalen Einheit, durch das verzweifelte Ausplündern der natürlichen Rohstoffe durch eine jede Nation in ihrem Versuch, in der gnadenlosen Hetzjagd auf dem Weltmarkt zu überleben.“[8] Sobald die Bourgeoisie auf globaler Ebene politisch besiegt ist, wird eine vorrangige Aufgabe darin bestehen, die Schäden zu reparieren, die der Kapitalismus dem Planeten zugefügt hat, und damit das Gedeihen des Lebens auf der Erde möglich zu machen. Damit wird auch die Möglichkeit des Auftretens von Pandemien vom Typ Covid-19 ausgeschlossen.
- Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass in Zukunft nicht andere Pandemien mit einem anderen Ursprung als Covid-19 auftreten werden. Aus Sorge um das Überleben und das Wohlergehen ihrer Mitglieder wird die neue Gesellschaft daher ihre wissenschaftlichen Kenntnisse weiterentwickeln, um das Auftreten möglicher unbekannter Krankheiten bestmöglich vorhersehen zu können. Eine solche Anstrengung der Gesellschaft kann im Vergleich zu dem, wozu der Kapitalismus fähig ist, beträchtlich sein, da dies nicht mehr der Gewinnerzielung unterworfen, sondern auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ausgerichtet sein wird. Dazu bedarf es der Verbreitung und Zentralisierung allen Wissens auf der ganzen Welt und nicht dem "Hüten" und Zurückhalten von Wissen infolge der Realisierung von Profit und Wettbewerb. Krankheiten und die damit verbundenen Risiken werden nicht mehr versteckt, damit "die Wirtschaft weiterlaufen kann", sondern es wird kollektiv und verantwortlich reagiert, ohne Unterwerfung unter wirtschaftliche Gesetze, die die Menschen beherrschen.
- Dieser letzte Faktor bedeutet, dass medizinische Einrichtungen, die im Gegensatz zur jetzigen Situation ständig nicht dem Gesetz des Gewinns unterliegen, verbessert werden können und nicht dem Verfall preisgegeben werden.
- Aber auch in einer kommunistischen Gesellschaft ist nicht auszuschließen, dass die Menschheit trotz der Bedeutung, die dann der Vorbeugung beigemessen wird, mit Unerwartetem fertig werden muss, z. B. durch die Notwendigkeit, so schnell wie möglich einen Impfstoff oder Medikamente zur Behandlung von Krankheiten herzustellen. Aus den Merkmalen der kommunistischen Gesellschaft, die nicht von Konkurrenz geplagt wird, geht hervor, dass sie dann die assoziierten Kräfte der gesamten Menschheit für dieses Ziel mobilisieren könnte, ganz im Gegensatz zu dem, was heute bei der Herstellung eines Impfstoffs gegen Covid-19 geschah. Es ist in der Tat keine Spekulation zu behaupten, dass die Menschheit sehr realen Gefahren ausgesetzt sein wird, die sich aus den (möglicherweise irreversiblen) Schäden ergeben, die der dekadente und verfallende Kapitalismus den zukünftigen Generationen hinterlässt. Angesichts dieser Gefahren wird das Proletariat alle notwendigen Maßnahmen zur Sanierung der Gesundheit und der Umwelt durchführen müssen, damit die Menschheit frei von den blinden Gesetzen des Kapitalismus leben kann.
- Und wenn die Menschheit trotz immer größerer Anstrengungen zur Vorbeugung gegen alles, was die menschliche Spezies bedrohen könnte, vor großen Herausforderungen stehen wird, wird sie sich ihnen solidarisch, in gemeinsamer Anstrengung stellen und nicht, indem sie einen Teil der Menschheit ihrem brutalen Schicksal überlässt lässt, wie heute Millionen von Menschen, die von den "Vorteilen" des Kapitalismus ausgeschlossen werden.
Zwischen dem Moment, in dem das Proletariat beginnt, die politische Macht der Bourgeoisie in einer Reihe von Ländern, dann im Weltmaßstab (eine Welt ohne Grenzen) zu stürzen, und dem Moment, in dem eine Gesellschaft ohne soziale Klassen, ohne Ausbeutung, ohne Geld entsteht, muss das Proletariat die Übergangsgesellschaft in diese Richtung führen. Und das wird lange Zeit dauern. Dennoch, auch wenn es nicht möglich ist, mit der Umwälzung der Gesellschaft vor der Ergreifung der politischen Macht im Weltmaßstab zu beginnen, wird das Proletariat an der Macht eine komplett andere Einstellung zur Krankheit haben als die Bourgeoisie. Dies wird durch den von uns veröffentlichten Artikel "Gesundheitsversorgung in Sowjetrussland" veranschaulicht, der sich auf die Maßnahmen der Sowjetregierung zwischen Juli 1918 und Juli 1919 bezieht
Wir haben bisher die Gefahren betont, die der Zerfall des Kapitalismus für die Gesellschaft und für die Möglichkeit einer proletarischen Revolution selbst darstellt. Das ist unsere Verantwortung, denn es ist die Aufgabe der Revolutionäre, sich klar und deutlich gegenüber Arbeiterklasse auszudrücken, ohne ihr die Schwierigkeiten zu verheimlichen denen sie gegenüberstehen wird. Aber es ist ebenso unsere Aufgabe, besonders angesichts der vorherrschenden Skepsis, aufzuzeigen, dass es die Möglichkeit eines revolutionären Auswegs aus der gegenwärtigen Situation gibt. Dies ergibt sich einerseits aus der Tatsache, dass die Arbeiterklasse, obwohl sie große Schwierigkeiten erlebt, keine große Niederlage erlitten hat, die sie daran hindert, wie in den 1930er Jahren auf die Angriffe der Bourgeoisie zu reagieren. Und diese Angriffe hageln bereits auf die Arbeiterklasse nieder, und das ist erst der Anfang.
In der Tat kann die Pandemie die Wirtschaftskrise nur noch weiter verschärfen. Und wir sehen es schon an den Pleiten von Unternehmen und den Massenentlassungen seit Beginn dieser Pandemie. Angesichts des sich verschlimmernden Elends, der Verschlechterung all ihrer Lebensbedingungen in allen Ländern, wird die Arbeiterklasse keine andere Wahl haben, als gegen die Angriffe der Bourgeoisie zu kämpfen. Selbst wenn sie heute den Schock dieser Pandemie erleidet, und selbst wenn der soziale Zerfall es ihr sehr viel schwerer macht ihre Kämpfe zu entwickeln, wird sie keine andere Wahl haben als ums Überleben zu kämpfen. In Anbetracht der Explosion der Arbeitslosigkeit in den meisten entwickelten Ländern heißt es: kämpfen oder sterben. Das ist die einzige Alternative für die wachsenden Massen der Proletarier und die jungen Generationen!
In seinen zukünftigen Kämpfen, auf seinem eigenen Klassenterrain und inmitten des Dunstkreises des sozialen Zerfalls, muss das Proletariat erneut seinen Weg einschlagen, um seine revolutionäre Perspektive zu finden und zu stärken.
Trotz all des Leids, das sie hervorruft, bleibt die Wirtschaftskrise auch heute noch der beste Verbündete des Proletariats. Wir müssen also nicht nur das Elend sehen, sondern auch die Bedingungen für die Überwindung dieses Elends.
Sylver 17.02.2021
[1]Nipah trat in den Jahren 1995/1999 in Malaysia und Singapur unter Schweinezüchtern auf. 2011 tauchte es episodisch in Bangladesch und Ostindien auf, 2012 in Kambodscha (vor allem um die touristischen Tempel von Angkor Wat) und 2020 in China und Thailand, also in Gebieten der asiatischen Tropenwälder. Es wird durch den Urin oder Speichel von Flughunden übertragen, die aus ihrer natürlichen Umgebung (aufgrund von Bränden, Dürre, Abholzung, landwirtschaftlichen Praktiken) in die nahe menschliche Umgebung vertrieben werden, und es wird über Schweinefarmen auf den Menschen übertragen. Neben ähnlichen Symptomen wie Covid-19 verursacht es eine Blitz-Enzephalitis (die Sterblichkeitsrate schwankt tatsächlich zwischen 40 und 75 %). Seine Inkubations- und Infektionszeit, die sehr breit ist, kann von 5 bis 45 Tagen variieren. Quelle WHO, Nipah-Virus
[2]Quelle: La fondation néerlandaise. Pharmariesen nicht bereit für die nächste Pandemie
[3]Zeitschrift Le Monde: Neue Spannungen zwischen London und Brüssel wegen des 'Nordirland-Protokolls', einem entscheidenden Teil des Brexit-Vertrags.
[4]Zeitschrift Le Monde vom 3. Februar 2021: "Es wird festgelegt, dass sich die Teilnehmer verpflichten, keine Einzelverträge mit denselben Laboratorien abzuschließen. Deutschland hat jedoch eingeräumt, Verträge mit BioNTech-Pfizer, Moderna und Curevac abgeschlossen zu haben.", Artikel Covid-19: Nach Ungarn könnte der russische Impfstoff Sputnik weitere europäische Länder verführen...
[5]Zeitschrift Les Echos vom 12. Februar 2021. Coronavirus: Die 50.000 Todesfälle, die Deutschland erzittern lassen
[6]"Bereits im September schätzte die Nichtregierungsorganisation Oxfam, dass die reichen Länder, die nur 13% der Weltbevölkerung repräsentieren, mehr als die Hälfte (51%) der Dosen der wichtigsten untersuchten Impfstoffe in die Hände bekommen haben.“ Zeitung Le Monde: Klinische Studien, Produktion, Auslieferung... Die sechs Herausforderungen im Rennen um den Covid-19-Impfstoff
[7]Zur Situation in den Vereinigten Staaten siehe unseren Artikel Die Vereinigten Staaten und der globale Kapitalismus in der Sackgasse
[8] Ökologie: Der Kapitalismus vergiftet die Erde. Internationale Revue Nr. 13 https://de.internationalism.org/Umwelt_13 [106]
Der Artikel ist eine Wiederveröffentlichung aus Révolution Internationale, Nr. 5, 1973. Er wurde als Ergänzung zu unserer Broschüre "Die Dekadenz des Kapitalismus" verfasst.
Wenn man den Verteidigern und Fürsprechern der kapitalistischen Gesellschaft glaubt, dann müsste man meinen, der Kapitalismus würde ewig dauern. Keine andere Gesellschaft sei vorstellbar. Die Herrschenden wollen damit auf unserer Unkenntnis der Geschichte bauen. In Wirklichkeit aber ist der Kapitalismus - wie alle anderen, ihm vorausgegangenen Produktionsformen - eine vorübergehende Gesellschaft.
Alle früheren Gesellschaften durchliefen eine aufsteigende und niedergehende Phase, bis sie schließlich von einer neuen Produktionsform abgelöst wurden. So geschah es mit der römischen Sklavengesellschaft und auch mit dem Feudalismus. Der Kapitalismus selber dehnte sich bis zur Jahrhundertwende 19. zum 20. Jahrhundert über den ganzen Erdball aus, bis er nach seiner aufsteigenden Phase in sein Niedergangs Stadium, seine Dekadenz, eingetreten ist.
Im nachfolgenden Artikel stellen wir das Konzept der Dekadenz in der Geschichte dar und gehen auf die Merkmale der kapitalistischen Dekadenz ein, indem wir an die Dekadenzerscheinungen der früheren Gesellschaften anknüpfen.
Dieser Artikel dient als Ergänzung und als Beilage zu unserer Broschüre "DIE DEKADENZ DES KAPITALISMUS", auf die wir unsere Leser hiermit aufmerksam machen möchten.
Heute ist der Sozialismus keine historische Notwendigkeit, weil die große Mehrheit der Menschen ausgebeutet und somit entfremdet ist. Ausbeutung und Entfremdung gab es schon in der Zeit der Sklavengesellschaft, unter dem Feudalismus und im Kapitalismus im 19. Jahrhundert, ohne dass aber der Sozialismus die geringste Chance zu seiner Verwirklichung gehabt hätte.
Damit der Sozialismus zu einer Wirklichkeit wird, müssen nicht nur die Mittel zu seinem Aufbau (die Arbeiterklasse - die Produktionsmittel) ausreichend entwickelt sein, sondern auch das System selber, das er überwinden soll - der Kapitalismus - muss aufgehört haben, ein für die Entwicklung der Produktivkräfte unabdingbares System zu sein, um gar zu einer wachsenden Fessel zu werden, d.h. das System selber muss in sein Niedergangs Stadium eingetreten sein.
"Als das Schicksal einer Gesellschaftsordnung, die auf Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen beruht, als das Ideal einer kommunistischen Gemeinschaft war der Sozialismus Jahrtausende alt. Bei den ersten Aposteln des Christentums, bei verschiedenen religiösen Sekten des Mittelalters, im Bauernkrieg blitzte die sozialistische Idee immer als radikalste Äußerung der Empörung gegen die bestehende Gesellschaft auf. Allein gerade als ein Ideal, das zu jeder Zeit, in jedem geschichtlichen Milieu empfohlen werden konnte, war der Sozialismus nichts als ein schöner Traum vereinzelter Schwärmer, eine goldene Phantasie, unerreichbar wie der luftige Schein des Regenbogens an der Wolkenwand.
Am Ausgang des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts tritt die sozialistische Idee zuerst mit Kraft und Nachdruck auf, losgelöst von religiös-sektiererischer Schwärmerei, vielmehr als ein Widerschein der Schrecken und Verheerungen, die der aufkommende Kapitalismus in der Gesellschaft anrichtete. Doch auch jetzt ist der Sozialismus im Grunde genommen nichts anderes als ein Traum, eine Erfindung einzelner kühner Köpfe. Hören wir den ersten Vorkämpfer der revolutionären Erhebungen des Proletariats, Gracchus Babeuf, der während der großen Französischen Revolution einen Handstreich zur gewaltsamen Einführung der sozialen Gleichheit unternahm, so ist die einzige Tatsache, auf die er sich in seinen kommunistischen Bestrebungen zu stützen weiß, die schreiende Ungerechtigkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung. Dies in den düstertesten Farben auszumalen, wird er nicht müde in seinen leidenschaftlichen Artikeln, Pamphleten wie in seiner Verteidigungsrede vor dem Tribunal, das ihm das Todesurteil gesprochen hat. Sein Evangelium des Sozialismus ist eine eintönige Wiederholung von Anklagen gegen die Ungerechtigkeit des Bestehenden, gegen die Leiden und Qualen, das Elend und die Erniedrigung der arbeitenden Massen, auf deren Kosten sich eine Handvoll Müßiggänger bereichert und herrscht. Es genügte nach Babeuf, dass die bestehende Gesellschaftsordnung wert ist, zugrunde zu gehen, damit sie auch schon vor hundert Jahren wirklich gestürzt werden konnte, sobald sich nur eine Gruppe entschlossener Männer fände, die sich der Staatsgewalt bemächtigte und das Regime der Gleichheit einführte, so wie die Jakobiner 1793 die politische Macht ergriffen und die Republik eingeführt hatten.
Auf ganz anderen Methoden und doch im wesentlichen auf derselben Grundlage beruhen die sozialistischen Ideen, die von den drei großen Denkern: Saint-Simon und Fourier in Frankreich, Owen in England in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit viel mehr Genie und Glanz vertreten wurden. Freilich, an eine revolutionäre Machtergreifung zur Verwirklichung des Sozialismus dachte auch nicht entfernt einer von den genannten Männern mehr; im Gegenteil waren sie, wie die ganze Generation, die der großen Revolution nachfolgte, enttäuscht von allem sozialen Umsturz und aller Politik, ausgesprochene Anhänger rein friedlicher Propagandamittel. Allein die Basis der sozialistischen Idee war bei allen ihnen dieselbe: Sie war in ihrem Wesen nur Projekt, Erfindung eines genialen Kopfes, der ihn der geplagten Menschheit zur Verwirklichung empfahl, um sie aus der Hölle der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu erlösen.
So blieben denn jene sozialistischen Theorien trotz aller Kraft ihrer Kritiken und des Zaubers ihrer Zukunftsideale ohne namhaften Einfluß auf die wirklichen Bewegungen und Kämpfe der Zeitgeschichte. Babeuf ging mit einem Häuflein Freunde in der konterrevolutionären Sturzwelle unter wie ein schwankendes Schiffchen, ohne zunächst eine andere Spur als eine kurze leuchtende Zeile auf den Blättern der Revolutionsgeschichte zu hinterlassen. Saint-Simon und Fourier haben es nur zu Sekten begeisterter und begabter Anhänger gebracht, die sich nach einiger Zeit zerstreuten oder neue Richtungen einschlugen, nachdem sie reiche und fruchtbare Anregungen an sozialen Ideen, Kritiken und Versuchen ausgestreut hatten. Am meisten hat Owen auf die Massen des Proletariats gewirkt, doch gehen auch seine Einflüsse, nachdem sie eine Elitetruppe der englischen Arbeiter in den 30er und 40er Jahren begeistert hatten, nachmals spurlos verloren.
Eine neue Generation sozialistischer Führer trat in den 40er Jahren auf: Weitling in Deutschland, Proudhon, Louis Blanc, Blanqui in Frankreich. Die Arbeiterklasse hatte bereits ihrerseits den Kampf gegen die Kapitalherrschaft aufgenommen, sie hat in den elementaren Aufständen der Lyoner Seidenweber in Frankreich, in der Chartistenbewegung in England das Signal zum Klassenkampf gegeben. Aber zwischen diesen spontanen Regungen der ausgebeuteten Massen und den verschiedenen sozialistischen Theorien bestand kein unmittelbarer Zusammenhang. Weder hatten die revolutionierten Proletariermassen ein bestimmtes sozialistisches Ziel im Auge, noch suchten die sozialistischen Theoretiker ihre Ideen auf einen politischen Kampf der Arbeiterklasse zu stützen. Ihr Sozialismus sollte durch gewisse schlau ersonnene Einrichtungen, wie die Proudhonsche Volksbank für gerechten Warenaustausch oder die Produktionsassoziationen Louis Blancs, realisiert werden. Der einzige Sozialist, der auf den politischen Kampf als Mittel zur Verwirklichung der sozialen Revolution rechnete, war Blanqui, dadurch der einzige wirkliche Vertreter des Proletariats und seiner revolutionären Klasseninteressen in jener Periode. Allein auch sein Sozialismus war im Grunde genommen ein Projekt, das, jederzeit realisierbar, als eine Frucht des entschlossenen Willens einer revolutionären Minderheit und eines von ihr durchgeführten plötzlichen Umsturzes ins Werk gesetzt werden konnte". ("Rosa Luxemburg, Einführung in die Nationalökonomie, Ges. Werke, Bd. 5, S. 588).
Der unvermeidbare Fehler der Utopisten lag in ihrer Auffassung vom Verlauf der Geschichte. Für alle hing dieser von dem Willen bestimmter Gruppen von Individuen ab: aus Babeufs oder Blanquis Sicht würden einige entschlossene Arbeiter die Entscheidung herbeiführen, Saint Simon, Fourier oder Owen wandten sich gar an den guten Willen der Bourgeoisie für die Verwirklichung ihrer Projekte.
Das Auftauchen des Proletariats als selbständige Klasse während der Revolution von 1848 sollte aufzeigen, dass es eine eigenständige Klasse ist, die den Sozialismus verwirklichen könnte. Dies bestätigte die Auffassung Marens, derzufolge - wie schon im Kommunistischen Manifest verkündet - die Welt in eine Klassengesellschaft gespalten ist, und dass die Geschichte der Menschheit die Geschichte von Klassenkämpfen ist.
Die Entwicklung der Gesellschaften kann deshalb nur verstanden werden, wenn man den Rahmen begreift, der diese Kämpfe bestimmt, d.h. innerhalb der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse, die die Menschen miteinander verbinden und sie in Klassen untereinander aufspalten: die Produktionsverhältnisse.
Zu wissen, ob der Sozialismus möglich ist, erfordert zu bestimmen, ob die Entwicklung der Produktivkräfte - welche die Produktionsverhältnisse bestimmt - die Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus durch den Sozialismus unumgänglich macht. Dies wiederum erfordert eine genaue Auffassung von den geschichtlichen Bedingungen, die eine gesellschaftliche Umwälzung verlangt.
"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.
Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.
In der Betrachtung solcher Umwälzungen muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konfliktes bewusst werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, eben sowenig kann man eine solche Epoche von Umwälzungen aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.... In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden" (Marx, "Zur Kritik der politischen Ökonomie", Vorwort, MEW Bd. 13, S. 7).
Die Phase des Niedergangs eines Systems, die Zeit vor ihrem Niedergang, die auch ihre Überwindung auf die Tagesordnung stellt, entspricht dem Zeitraum, wenn alle Produktionsverhältnisse ihre geschichtlich erforderliche Rolle nicht mehr spielen: die der Entwicklung der Produktivkräfte der notwendigen Güter für das überleben der Gesellschaft. Dies ist der Zeitraum der "gesellschaftlichen Revolutionen".
Um insbesondere die Dekadenz des Kapitalismus festzulegen, müssen wir folgendermaßen vorgehen:
- wir wollen die These von Marx bei den Hauptumwälzungen der Geschichte überprüfen, um daraus das Konzept der Dekadenz eines Systems herauszuarbeiten. Dann werden wir dieses allgemeine Konzept der Dekadenz auf den besonderen Fall des Kapitalismus überprüfen, um daraus dessen spezifische Merkmale und die politischen Konsequenzen abzuleiten.
Wie Marx sagte, muss man "in der Betrachtung solcher Umwälzungen (...) stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konfliktes bewusst werden und ihn ausfechten“.
Zu Beginn der Menschheit herrschte der Urkommunismus als gesellschaftliche Organisationsform vor. Ungeachtet wichtiger örtlicher Unterschiede, die auf rassen-, klima- oder geschichtlich bedingte Ursachen zurückzuführen waren, bestanden die Wesenszüge der primitiven Gesellschaften im Gemeineigentum der Produktionsmittel (hauptsächlich der Boden) und der gemeinsamen Bearbeitung der Erde und der gemeinsamen Jagd, deren Ernte und Beute gleichmäßig unter der Bevölkerung aufgeteilt wurden. Die Auffassung, derzufolge das Privateigentum eine dem "menschlichen Wesen" innewohnende Eigenschaft sei, ist ein Mythos, der von den bürgerlichen Ökonomen seit dem 18. Jahrhundert verbreitet wird, um das kapitalistische System als das "natürlichste", "selbstverständlichste" darzustellen, das am "besten den tiefsten menschlichen Instinkten" entspricht. Diese Verhältnisse untereinander waren kein Ausdruck einer Ideologie der Brüderlichkeit, auch nicht einer göttlichen Gestaltung, die auf Gleichheit zwischen den Menschen geachtet hätte.
Es war die Hilflosigkeit der Menschen gegenüber einer Natur, die umso feindlicher war, als das Niveau ihrer Technik schwach entwickelt war, und die Notwendigkeit eines Zusammenhaltes, den diese Hilflosigkeit hervorbrachte, welche die Menschen zwang, in festgefügten Gemeinschaften zu leben, in denen die wenigen Produktionsmittel gleichmäßig verteilt benutzt wurden. Die Gleichheitsideologie, die damals bestand, war zunächst eine Folge dieser Verhältnisse und nicht ihre Ursache.
Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. (ebenda).
Ebenso waren es nicht ideologische Motive, die ursächlich waren für das Verschwinden des primitiven Kommunismus, sondern das Verschwinden der materiellen Bedingungen selbst hat dies bewirkt. Wenn man untersucht, wie diese ‚Gleichheitsgesellschaften‘ sich in Ausbeutungsgesellschaften verwandelt haben, wie damit die Klassenspaltungen und auch das Privateigentum entstanden sind, stellt man fest, dass sie das Ergebnis des Fortschritts der Produktionstechniken sind.
Wir wollen hier den Fall außer Acht lassen, wo sie das Ergebnis der "zivilisatorischen Wirkung" der Kolonialmassaker durch die Europäer vom 15. Jahrhundert an waren.
Man geht heute davon aus, dass je nach Region auf der Erde und je nach örtlichen historischen Bedingungen die Gesellschaften des primitiven Kommunismus sich aufgelöst haben und entweder von der asiatischen Produktionsweise oder von den Sklavengesellschaften ersetzt wurden.
Als eine Gemeinschaft feststellte, dass ihre bearbeiteten Felder nicht mehr fruchtbar waren, oder dass es keine Beute mehr zu jagen gab, oder als ihre Bevölkerung zu stark anwuchs, war sie gezwungen, ihren Einzugsbereich auszudehnen oder ihren Herrschaftsbereich auf neue Territorien auszuweiten. In Gebieten, in denen es eine relativ starke Bevölkerungskonzentration gab - z.B. im Mittelmeergebiet - konnte solch eine Erweiterung nur auf Kosten anderer Gemeinschaften geschehen.
Anfangs konnten die so hervorgerufenen Kriege nur die Form von Morden annehmen, oder es gab auch Kannibalismus, um sich die Böden der besiegten Völker anzueignen. Solange das gesellschaftliche Produktivitätsniveau es den Menschen erlaubte, nur gerade soviel zu produzieren wie nötig für ihr eigenes Überleben, hatte der Sieger kein Interesse daran, "neue Münder" in seine hungrige Gemeinschaft einzugliedern. Dazu musste erst die Arbeitsproduktivität ausreichend ansteigen, um die besiegten Menschen zu zwingen, kostenlos und durch Zwang Arbeit dem Sieger abzuliefern, wobei gleichzeitig das Überleben selbst der Besiegten sichergestellt werden musste. Dies war die Grundlage des Sklaventums.
Die kommunistischen Verhältnisse mussten schließlich ersetzt werden, um auf einem Hintergrund von Kriegen und Eroberungen ein höheres Produktivitätsniveau zu nutzen.
Dieses bislang noch wenig ergründete Wirtschaftssystem war im Allgemeinen das Ergebnis des Bedürfnisses bestimmter Gemeinschaften, auf die von der Natur in bestimmten Gegenden aufgeworfenen Probleme zu reagieren (Trockenheit, Überschwemmungen, Monsunregen usw.). In solchen Gegenden wurden die Gemeinschaften sehr schnell gezwungen, die Zyklen der Natur zu untersuchen, Projekte in Angriff zu nehmen, um mit dem Wasser hauszuhalten usw., um ihr Leben zu schützen. Die Komplexität ihrer Arbeiten, die technischen Kenntnisse, die zu diesem Zweck erforderlich waren, sowie die Notwendigkeit einer Autorität, die all diese Arbeiten koordinierte, haben Schichten von Spezialisten (Priester, die sich mehr mit Untersuchungen und der Beobachtung der Natur beschäftigten, standen oft am Anfang der Kastenbildung) hervorgebracht. Mit einer besonderen Aufgabe in den Diensten der Gemeinschaft befasst, neigten diese Spezialisten - die oft als die Schöpfer dieser neuen Reichtümer erschienen - dazu, als herrschende Kaste aufzutreten. Sie eigneten sich schrittweise die erarbeiteten Mehrwerte auf Kosten der Gemeinschaft an. Die Entwicklung der Produktivkräfte wandelte diese Diener der Gesellschaft in deren Ausbeuter um.
Die "asiatische Produktionsweise" ließ jedoch diese "gemeinschaftlichen Produktionsverhältnisse" innerhalb der Bereiche der Produktion selbst fortbestehen. Die herrschende Klasse eignete sich nur den von der Arbeit dieser Gemeinschaften produzierten Mehrwert an. Aber eine erste Überwindung des primitiven Kommunismus fand damit statt. Die Notwendigkeit, neue Produktionstechniken anzuwenden, bewirkte den Übergang zu neuen Produktionsverhältnissen und die Aufgabe der alten. Die Einführung neuer Produktionstechniken löschte schließlich die letzten Reste von "Gleichheit" innerhalb dieser Gesellschaften aus. Das Düngen des Bodens und noch allgemeiner die Notwendigkeit, eine engere Verbindung zwischen den Bewohnern und dem Boden zu schaffen, führten in den meisten Fällen dazu, dass die systematische Neuaufteilung des Lands, die zuvor willkürlich oder den Bedürfnissen der Familien gemäß erfolgte, abgeschafft wurde. Die Notwendigkeit, eine größere Kontinuität bei der Bearbeitung des Bodens zu ermöglichen, manchmal aber auch die Exzesse bei den Steuerbelastungen, brachte ebenso den Übergang vom Gemeineigentum zum Privateigentum mit sich. Und damit entfaltete sich auch langsam die wachsende Ungleichheit, wodurch mit der Zeit ein Teil der Bevölkerung gezwungen wurde, die Böden der Reichen zu bearbeiten, um dafür im Gegenzug einen Teil der Ernte zu erhalten. Es wuchs eine Hierarchie in der Gesellschaft heran, die die Gestalt der Leibeigenschaft oder des Feudalismus annahm.
Die kommunistischen Produktionsverhältnisse brachen unter dem Druck des Fortschritts der Produktivkräfte zusammen, um von der Sklavengesellschaft oder dem östlichen Despotismus (und dieser wiederum von der Leibeigenschaft) abgelöst zu werden, denn die Produktivkräfte kollidierten mit dem alten Rahmen.
"Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten" (ebenda).
Als Ergebnis der Entwicklung der Produktivkräfte in den Gegenden, wo ein Volk ein anderes unterworfen hat, ermöglichte die Sklavengesellschaft die Aneignung der Mehrarbeit durch einen Teil der Bevölkerung, der von dem Rest der Gesellschaft erarbeitet worden war. Als herrschende Klasse, die nach Profiten und Privilegien strebten, wurden die Sklavenherren zu Antreibern der Entwicklung der Produktivkräfte. Aber diese eng mit den Eroberungskriegen verbundene Entwicklung nahm überall die Form der Zunahme der Zahl der Sklaven und der großen Arbeiten an, die die Ausplünderung der eroberten Länder erleichterten. Auf diesem Hintergrund entfalteten sich die Zivilisation in Griechenland und im alten Rom.
Die römische Sklavenwirtschaft - deren Niedergang die Tür öffnete zum Feudalismus - stützte sich auf die Plünderung und die Ausbeutung der unterworfenen Völker. Diese lieferten Rom den Hauptteil der Subsistenzmittel (Lebensmittel, Tributleistungen und Sklaven). Es trat gar häufig auf, dass viele so "importierte" Güter das Ergebnis verschiedener Produktionsformen waren, wie z.B. der "asiatischen Produktionsform". Aber das Zentrum lebte weiter in der Sklavengesellschaft, und sie befasste sich hauptsächlich mit der extensiven Ausbeutung (Olivenbäume und Viehzucht) und den großen Arbeiten. Diese dienten oft militärischen Zielen, die wiederum eine bessere Ausnutzung der Kolonien (Straßen usw.) ermöglichten und dem herrschenden Volk viele Vorteile verschafften.
Die politische Macht floss oft zusammen mit der herrschenden militärischen Macht. Und der wirtschaftliche Wohlstand hing meist von den kriegerischen Fähigkeiten der Metropole ab.
Die große Entfaltung der römischen Zivilisation entsprach dem Zeitraum der großen Siege und Eroberungen Roms. Ihr Höhepunkt war die Phase, als Rom die Gegend des Mittelmeers beherrschte und sie ausbeutete. Gleichzeitig entsprach der Niedergang des Römischen Reiches im 2. Jahrhundert dem Ende der Ausdehnungsphase, und im 3. Jahrhundert gab es dann die ersten Niederlagen des Imperiums (251 wurde der Kaiser Decius besiegt und von den Goten getötet, 260 wurde der Kaiser Valerian gefangengenommen, schließlich vom König der Perser gedemütigt. Und im 3. Jahrhundert brachen überall nahezu gleichzeitig Revolten in den Kolonien des Reiches aus).
Die Schwierigkeit, die Herrschaft in so einem großen Reich mit den damals vorhandenen Mitteln aufrechtzuerhalten, liefert uns zum Teil die Gründe für die Erklärung des Endes der Ausdehnung des Römischen Reiches. Aber vor allem der Abstand zwischen der schwachen wirtschaftlichen Produktivität der Sklavengesellschaft Roms und seiner Kolonien (die sich ohne eine höhere Produktivität mit ihren asiatischen Produktionsweisen entwickelt hatten), musste den Aufstand der letzten erfolgreich enden lassen.
Die Produktionsverhältnisse der Sklavengesellschaft ermöglichten nur eine schwache Arbeitsproduktivität. Unter den damaligen Bedingungen musste ein Ansteigen der Arbeitsproduktivität einhergehen mit der Perfektionierung der Bearbeitung des Bodens, dem Einsatz von Pflügen und Dünger, und der systematischen Bewässerung, d.h. der Schaffung einer engen Verbindung zwischen demjenigen, der den Boden bearbeitete und dem Boden und damit eine gewisse Sorgfalt bei der Arbeit. Dies war für die Einführung der neuen Produktionstechniken erforderlich. Solch ein Fortschritt verlangte die Abschaffung der Sklaverei, in der die Sklavenherren ihre Sklaven unabhängig von ihrer Produktivität unterhielten, und in der nur die Angst vor der Strafe zur Arbeit und Produktion zwang, und damit natürlich mit der geringsten Sorgfalt gearbeitet wurde.
Die Sklaverei war nur lohnend als ein Mittel zur Ausbeutung der eroberten, unterworfenen Völker. Unabhängig davon, ob diese Eroberungen eingestellt wurden oder abnahmen, die Beute damit ausblieb, d.h. die Quelle des Reichtums aus den Tributzahlungen und der Sklavenarbeit versiegte, wodurch der Wert der Sklaven nur noch anstieg, all das änderte nichts daran, dass die Sklaverei zu einem unrentablen System wurde, einer Fessel für die Entwicklung der Produktion.
Die Notwendigkeit, zu einer neuen Form der Produktionsverhältnisse überzugehen, führte im Zentrum des alten römischen Reiches zum Auftauchen von feudalen Ausbeutungsformen (Leibeigenschaft), wo die großen Grundbesitzer Landstücke an "freie" Familien im Austausch für einen Teil ihrer Produktion überließen. Aber die Überwindung der Sklaverei führte auch zur Verwerfung der Privilegien der herrschenden Klasse. Der "Zusammenprall" zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft und den vorhandenen, bis dahin bestehenden Produktionsverhältnissen bewirkte den Niedergang des Römischen Reiches.
"Die Entfaltung der Produktion verlangsamte sich oder kam ganz zum Stillstand. Die reichen Römer strichen die Ausbeute der Minen und die jeweiligen Ernten ein, Weideland und Wälder in halb-trockenen Gebieten verschwanden. Die Arbeitskräfte wurden zügellos ausgebeutet, wodurch Unzufriedenheit und Lustlosigkeit gegenüber der Arbeit hervorgerufen wurde. Neue Arbeitstechniken wurden gar verboten, neue Bewässerungs- und Abwassersysteme vernachlässigt, obgleich diese lebenswichtig waren... Kriege, Epidemien und der Mangel an Lebensmitteln sowie eine wachsende Ablehnung gegenüber kinderreichen Familien sollten die Bevölkerung des Reiches auf über ein Drittel der vorherigen Größe schrumpfen lassen, vielleicht gar noch mehr. Und in Italien sank sie im Laufe des 3 Jahrhunderts noch mehr ab"
(Shepard B. Clough, "The Rise and Fall of Civilisation", S. 140-142, Editions Payot).
Nach dem Sklaventum oder der asiatischen Produktionsform ermöglichte der Feudalismus jahrhundertelang einen neuen Aufstieg der Produktivkräfte der Gesellschaft.
In den feudalen autarken Beziehungen erreichte die Landarbeit einen bis dahin nicht erreichten Höchststand (Verbesserung der Pflüge, die Hufe der Zugtiere wurden beschlagen, Verbesserung der Gespanne - sie wurden entweder am Kopf oder am Hals anstatt um den Bauchbereich angebracht - Entfaltung der Bewässerungssysteme und des Düngens usw.). Auch gab es neben der Fortentwicklung der Landarbeit eine umfangreiche Weiterentwicklung der Arbeit der Handwerker. Sie hatte sich als einfaches Anhängsel der Landwirtschaft entfaltet, denn sie lieferte Arbeitswerkzeuge und bestimmte Konsumgüter, die für die herrschende Klasse bestimmt waren (hauptsächlich Kleidung und Kriegswerkzeug). Das Handwerk profitierte von dem Bedürfnis für neue Werkzeuge sowie von dem Anwachsen der Reichtümer der Bodenbesitzer infolge des Ansteigens der Produktivität in der Landwirtschaft. Dieser letzte Faktor spielte eine umso größere Rolle, da die Klasse der Gutsherren, bei der die Akkumulation zum Zwecke der Erweiterung der Produktion noch nicht bekannt war. Dies war ein Wesenszug der bürgerlichen Klasse, denn die Feudalherren verwendeten ihren ganzen Reichtum nur für den persönlichen Konsum.
Aber der Feudalismus traf schon vom 12. Jahrhundert an auf die Grenzen der Ausdehnungsfähigkeit seiner anbaufähigen Landstücke. "Es gibt ausreichend Hinweise auf den Mangel an Böden gegen Ende des 13. Jahrhunderts, um zu der Meinung zu kommen, dass die Ausdehnung der anbaufähigen Landstücke schwächer war als das natürliche Anwachsen der Bevölkerung und dass mit Ausnahme von einigen Orten sie wahrscheinlich unzureichend war, um die Tendenz des Absinkens der Arbeitsproduktivität auszugleichen. Der Druck, der so auf die Böden ca. seit dem Jahre 1.200 in Holland, Sachsen, Rheinland, Bayern und Tirol ausgeübt wurde, war ein Faktor, der zu einer massiven Völkerwanderung nach Osten führte. Und ab dem Ende des 14. Jahrhunderts waren die Grenzen der Waldrodung zum Zweck der Gewinnung von Acker- und Weideland im Nord-Osten Deutschlands und in Böhmen schon erreicht" (Maurice Dobb "Untersuchungen über die Entwicklung des Kapitalismus, S. 59).
"Die Zeitgenossen des Heiligen Ludwig und in einigen Gegenden von Philipp dem Schönen konnten tatsächlich ein Anwachsen des Wertes der Böden feststellen, deren Ertrag bis an ihre Grenzen gelangt waren. Die gewagtesten Rodungen und Urbarmachungen wurden unternommen, weil man immer mehr Menschen ernähren musste, und da man nicht wusste, wie die Bodenerträge gesteigert werden könnten, stützte man sich auf die Erweiterung der Größe des landwirtschaftlich genutzten Bodens. Heide und brachliegende Landstriche wurden für den Ackerbau genutzt. Sumpfgegenden an englischen Küstenstrichen, die Sümpfe um den Poitou wurden trockengelegt und der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt - je nach den technisch vorhandenen Möglichkeiten. Manchmal ging man aber auch zu weit" (J. Favier, "Von Marco Polo zu Christopher Kolumbus", S. 125).
Von da an konnte die Gesellschaft aus dieser Sackgasse nur durch eine neue Entwicklung der Produktivität der Arbeit ausbrechen. Aber diese war innerhalb des Rahmens der Familienmäßigen handwerklichen Ausbeutung auf ihre äußersten Grenzen gestoßen. Nur der Übergang von der individuellen zur assoziierten Arbeit, in der viele Menschen mittels Arbeitsteilung und dem Einsatz von komplexeren Produktionsmitteln zusammenwirkten, konnte unter jenen Bedingungen die notwendige Steigerung der Produktivität ermöglichen.
Die Entfaltung der Handwerksarbeit, die vom Feudalismus bewirkt wurde, schuf damit in den wiedererstarkenden Städten den notwendigen Rahmen für solch eine Arbeitsform.
Aber der feudale Rahmen selber blockierte die Bedingungen, die eine wirkliche Entwicklung dieser Wirtschaftsform ermöglichten:
- einerseits stützte sich der Feudalismus auf die lebenslange Fesselung des Menschen an seine Produktionsmittel sowie an den Gutsbesitzer, wogegen die Manufaktur eine große Mobilität der Arbeitskraft forderte, damit eine Trennung des Arbeiters von den Produktionsmitteln,
- andererseits war der Feudalismus das System der lokalen Macht, der Autarkie, des abgeschlossenen Bereiches und der Wegegelder, die für alle Güter erhoben wurden, welche durch die Gutsherrenbesitztümer befördert wurden. Aber die Manufaktur erforderte auch hier die Mobilität der Rohstoffe und der Waren im Allgemeinen, wodurch eine Entwicklung einsetzte, in der sich die Produktion an einem Ort konzentrierte, mit Produkten, die aus allen Himmelsrichtungen kamen, sowie der Absatz dieser Produkte,
- schließlich stützte sich die Manufaktur auf die Akkumulation und die Konzentration der Profite, um die Werkzeuge und die Maschinen besser auszunutzen, zu erneuern und zu erweitern, was nur durch eine arbeitsteilige Produktion möglich ist. Sie erfordert also eine Geisteshaltung der Erfolgssuche, des Gewinnstrebens bei der Arbeit und dies wurde verkörpert durch das Recht, die dadurch erzielten Gewinne selber einzukassieren. Aber die Privilegien der Feudalherren stützten sich wiederum auf die militärische und nicht die wirtschaftliche Stärke und dann ausschließlich auf die Gesetze der Übertragung von Gütern gemäß Erbschaften.
Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit war der Gutsherr dem Leibeigenen gleichgestellt oder stand sogar unter ihm. Deshalb verachtete die Feudalgesellschaft die Arbeit, die als etwas Erniedrigendes dargestellt wurde.
Für den Feudalherren war es ein Vergnügen, seine Macht zu zeigen, indem er seine ganzen Einnahmen selber verbrauchte. Die Feudalwirtschaft kannte nicht und verwarf die Akkumulation mit Ziel des Anwachsens der Produktion, wodurch wiederum eine Hürde für die Manufaktur aufgestellt wurde.
Nachdem der Feudalismus anfänglich eine neue Entwicklung der Produktivkräfte ermöglicht hatte, wurde er so selber später ca. vom 14. Jahrhundert an zu einem Hindernis für die weitere Entwicklung, denn er war auf die Grenzen der Expansion gestoßen, weil er die bestellbaren, landwirtschaftlich nutzbaren Flächen nicht mehr vergrößern konnte und gleichzeitig eine produktivere Wirtschaftsform behinderte.
"Anfang des 14. Jahrhunderts war das Ende der Ausdehnungsphase der mittelalterlichen Wirtschaft. Bis dahin gab es beständige Fortschritte in der mittelalterlichen Wirtschaft. (...). Aber Anfang des 14. Jahrhunderts war es zum Stillstand dieser Entwicklung, zum Niedergang, zur Dekadenz gekommen. Wenn man sich nicht zurückentwickelt, geht man nicht mehr nach vorne. Europa lebte sozusagen auf der Grundlage der bis dahin erreichte Positionen. Die wirtschaftliche Front stabilisierte sich... Das wirtschaftliche Vorandrängen kam zum Erliegen, weil der Außenhandel auch nicht mehr zunahm... In Flandern und in Brabant hielt die Tuchherstellung noch ihre Blütephase aufrecht, aber ihr Wohlstand nahm nicht mehr zu; gegen Mitte des Jahrhunderts sackte er plötzlich in sich zusammen. In Italien machten die meisten der großen Banken, die so lange den Geldhandel kontrolliert hatten, pleite.... Die Dekadenz der großen Jahrmärkte in der Champagne setzte auch damals zu Beginn des 14. Jahrhunderts ein. Damals wuchs auch die Bevölkerung nicht mehr, und dies war das klarste Symptom des Zustands einer Gesellschaft, die sich "stabilisiert" hatte und einer Entwicklung, die ihren Höhepunkt erreicht hatte" (H. Pirenne "Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters", S. 158 PUF).
Ebenso wie zur Zeit der Sklavengesellschaft rief der Niedergang des Feudalismus Hungersnöte hervor, und das Anwachsen der Produktivkräfte hinkte stark hinter dem Anwachsen der Bevölkerung hinterher. Neben den Hungersnöten gab es meist Epidemien, die sich umso schneller ausbreiten konnten, da die Bevölkerung zumeist unterernährt war. So grassierte zwischen 1315-1317 in ganz Europa eine schreckliche Hungersnot, gefolgt von mehr als 30 Jahren schwarzer Pest, die zwischen 1347-1350 wahrscheinlich mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahinraffte.
"Es trifft zwar zu, dass bis dahin Länder, die relativ am Rand gestanden hatten, wie Polen und Böhmen, sich langsam zu aktivieren begannen. Aber ihr spätes Erwachen hat nicht zur Folge gehabt, dass die gesamte westliche Welt dadurch nochmal nach vorne gedrängt worden wäre. Wenn man nur dies berücksichtigt, wird ziemlich deutlich, dass man damals in einen Zeitraum eingetreten war, wo man "mehr aufrechterhielt als man Neues schuf". Die soziale Unzufriedenheit brachte sowohl den Willen und die Unfähigkeit, eine Lage zu verbessern zum Ausdruck, die überhaupt nicht mehr den Bedürfnissen der Menschen entsprach" (Henri Pirenne, ebenda, S. 158).
Die im 14. Jahrhundert eingesetzte Dekadenz des Feudalismus setzte sich fort bis zu den letzten juristischen Umwälzungen durch die bürgerlichen Revolutionen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert in England und Frankreich. Aber vom 14. Jahrhundert an fing ein neuer Produktionstyp an, die ganze Gesellschaft zu beherrschen: der Kapitalismus. Indem er einen Kampf gegen die feudalen Fesseln entfaltete, war er der große Nutznießer des Auseinanderbrechens im 14. Jahrhunderts, denn er ermöglichte eine Aktivierung des Wirtschaftslebens.
Die Entwicklung der Produktivkräfte kann unter zwei Aspekten gesehen werden:
- Ansteigen der Zahl der Arbeiter, die in die Produktion mit einem gegebenen Produktivitätsniveau integriert werden;
- Entwicklung der Produktivität der Arbeit mit einer gegebenen Zahl von Arbeitern.
In Wirklichkeit gibt es in einem sich ausdehnenden System beide Aspekte. Ein in der Krise steckendes System dagegen ist ein System, das auf die Grenzen bei beiden Ebenen gleichzeitig stößt.
Man könnte von einer "äußeren Grenze" für die Ausdehnung des Systems sprechen (der Unfähigkeit, das Einflussgebiet des Systems auszudehnen) und einer "inneren" Grenze (Unfähigkeit, eine bestimmte Stufe der Produktivität zu überwinden). Wenn man das Ende der Sklavengesellschaft betrachtet, das Römische Reich, sieht man, dass die "äußere Grenze" durch die materielle Unmöglichkeit bestimmt wird, den Einzugsbereich des Reiches auszudehnen. Die "innere Grenze" ist die Unmöglichkeit, die Produktivität der Sklaven zu erhöhen, ohne dass das gesellschaftliche System selber umgewälzt wird, ja ohne, dass der Sklavenstatus selber abgeschafft wird. Im Falle des Feudalismus sind dies das Ende der Neulandgewinnung, die Unmöglichkeit, neues bestellbares Land zu gewinnen, was als "äußere Grenze" wirkt. Die "innere" Grenze besteht in der Unfähigkeit, die Produktivität des Leibeigenen oder des einzelnen Handwerkers zu erhöhen, ohne dass sie zu Proletariern würden, ohne für sie die assoziierte Arbeit durch das Kapital einzuführen, d.h. ohne eine grundlegende Umwälzung der feudalen Wirtschaftsstrukturen.
Die Untersuchung dieser beiden Art Grenzen zeigt eine dialektische Verbindung zwischen beiden: Rom konnte sein Reich aufgrund der technischen Grenzen (Produktivität) nicht unbeschränkt ausdehnen; umgekehrt je mehr die Schwierigkeiten der Ausdehnung zunahmen, desto mehr war es gezwungen, seine eigene Produktivität zu erhöhen, wodurch diese wiederum bis an ihre äußersten Grenzen getrieben wurde. Auch die feudalen Neulandgewinnungen, die Rodungen und Urbarmachungen von neuen Feldern waren durch das Niveau der Techniken im Feudalismus begrenzt, und je knapper die Felder wurden, desto mehr versuchte man in den Städten und auf dem Lande, die Produktivität in der Feudalgesellschaft bis an den Rand des Kapitalismus zu treiben.
Letzten Endes wird diese Lage durch die Grenzen hervorgerufen, auf die die Entwicklung der Produktivität innerhalb der alten Gesellschaft stößt. Diese Produktivität ist gerade der Maßstab für die Entwicklungsstufe der Produktivkräfte. Sie ist der quantitative Ausdruck einer gewissen Kombination der menschlichen Arbeit und der Produktionsmittel, der lebendigen und toten Arbeit.
Jeder Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte, d.h. jedem globalen Niveau der Produktivität entspricht ein gewisser Typ der Produktionsverhältnisse. Wenn diese Produktivität auf ihre äußersten möglichen Grenzen innerhalb des ihr entsprechenden Systems stößt, tritt diese Gesellschaft - wenn sie nicht umgewälzt wird - in die Phase ihres wirtschaftlichen Niedergangs. Dann gibt es so etwas wie einen "Schneeballeffekt": die ersten Auswirkungen der Krise wirken als beschleunigende Faktoren. Z.B. sowohl am Ende des Römischen Reiches als auch beim Niedergang des Feudalismus trieb der Rückgang der Einkommen der herrschenden Klassen diese zur Verschärfung der Ausbeutung der Arbeitskräfte bis zu deren Erschöpfung. In beiden Fällen hat dies zur Folge, dass die Arbeiter sich abwenden, kein Interesse zeigen und die Unzufriedenheit zunimmt, was die Profite nur noch weiter fallen lassen wird. Auch die Unmöglichkeit, neue Arbeiter in die Produktion zu integrieren, zwingt die Gesellschaft dazu, für den Lebensunterhalt einer ganzen Schicht von inaktiven Menschen zu sorgen, und die wiederum als eine Last für den Profit wirken.
Hier muss man auch die galoppierende Entwertung der Währungen feststellen, die es gegen Ende des Mittelalters gab: "Rom hatte darauf gehofft, die Regierungsausgaben durch erhöhte Steuern zu decken, aber als sich diese als unzureichend herausstellten, musste man auf die Inflation zurückgreifen (gegen Ende des 2. Jahrhunderts). Dieses erste Mittel wurde hin und wieder während des 3. Jahrhunderts eingesetzt, und bestimmte Währungen verloren mehr als 200 % ihres Wertes. Aus diesem Grund zerfiel die Währung des Reiches, jede Stadt und jede Provinz gab ihre eigene Währung aus" (Shepard und B. Clough, ebenda, S. 141).
Und gegen Ende des Mittelalters:
"In einer Welt, in der die Geldmasse nicht mehr ausreichend war, ließen die Zahlungen (an die Soldaten, welche für den Schutz gegen Banden oder in Kriegen eingesetzt wurden) noch das Bedürfnis nach dem kostbaren Metall ansteigen, damit der Versuch, den Wert der im Kreislauf befindlichen Münzen zu hoch anzusetzen. Der Nennwert und das Gewicht der Münzen nahmen ab, aber die Herrscher traten für eine Erhöhung ihres Zahlungswertes ein. Die Geldmünze, die zwei Sou wert war, enthielt nunmehr weniger reines Silber und mehr Blei und wurde mit 3 Sou gehandelt. Das war die Inflation" (J. Favier, ebenda, S. 127).
Neben diesen ökonomischen Konsequenzen rief die Krise eine Reihe von gesellschaftlichen Erschütterungen hervor, die ihrerseits wiederum die schwache Subsistenzwirtschaft behinderte. Die weitere Entfaltung der Produktivität stieß systematisch mit den vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen zusammen, wodurch in immer stärkerem Maße jede neue Entwicklung der Produktivkräfte unmöglich wurde. Die Überwindung der alten Gesellschaft rückte auf die Tagesordnung.
"Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist..." (ebenda). Tatsächlich hat es nie ein System geschafft, wirklich alle Produktivkräfte zu entwickeln, die es theoretisch entfalten könnte.
Einerseits sind die wirtschaftlichen Konsequenzen und die gesellschaftlichen Katastrophen, welche aus den ersten großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten hervorgehen, die wir oben erwähnt haben, Fesseln, die das System daran hindern, bis an seine äußersten Grenzen zu stoßen. Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass ein Wirtschaftssystem eine Gesamtheit von Produktionsverhältnissen ist, die sich zwischen den Menschen entwickelt haben, unabhängig von ihrem Willen und entsprechend dem Niveau der Produktivkräfte, mit dem Ziel, ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Lange bevor das letzte Produktionsinstrument entfaltet wurde, und während der Produktion schon angefangen hat, langsamer als die Bedürfnisse der Bevölkerung zu wachsen, verliert das System seine historische Daseinsberechtigung, und alles in der Gesellschaft drängt auf seine Überwindung.
Andererseits fangen die Grundlagen der neuen Gesellschaft unter dem Druck der Produktivkräfte an, sich innerhalb der alten zu entfalten. Aber dies trifft nur auf die früheren Gesellschaften zu, in denen die Klasse, die die Überwindung eines Systems ermöglicht hat, nie eine ausgebeutete Klasse war. Der Feudalismus entfaltete sich innerhalb der alten Sklavengesellschaft des Römischen Reiches. An der Spitze der ersten feudalen Güter in Rom standen oft alte Mitglieder des Stadtrates, die vor dem Staat flüchteten, welcher sie für das Eintreiben der Steuern verantwortlich gemacht hatte.
Ebenso gegen Ende des Feudalismus wurden Mitglieder des Adels zu Geschäftsleuten, und in den Städten entfalteten sich oft gegen den Widerstand der örtlichen Gutsherren die ersten Manufakturen, die dem Kapitalismus seinen Einzug ermöglichten.
Diese "ersten Zentren des zukünftigen Systems" (große römische Gutshöfe, bürgerliche Städte) entstanden meist als Ergebnis des Zerfalls des alten Systems. Es gab dort jeweils eine Vielzahl von Elementen, die vor dem alten System flüchteten. Als Ergebnisse, Sprösslinge der Dekadenz des Systems, verwandelten sie sich meist schnell zu beschleunigenden Faktoren dieses Niedergangs.
Die materiellen Bedingungen ermöglichten den Übergang zu einer neuen Gesellschaftsform, die schon in der alten Gesellschaft herangereift war, und der Druck, der von ihnen ausgeübt wurde, reichte meist aus, um die ersten Keime einer neuen Gesellschaft in ihr empor sprießen zu lassen.
"... und neue Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind" (ebenda).
Es reicht nicht aus, dass die Produktion auf die äußersten Grenzen der alten Gesellschaft stößt. Auch müssen die Mittel zu ihrer Überwindung vorhanden sein, oder dabei sein zu entstehen. Wenn diese beiden Bedingungen geschichtlich vorhanden sind, steht die Einführung neuer Produktionsverhältnisse auf der Tagesordnung. Aber der Widerstand der alten Gesellschaft (Widerstand der alten privilegierten Klassen, Trägheit der Sitten und Gewohnheiten, Ideologie und Religion usw.) und der Spalt zwischen der Verwirklichung dieser beiden Bedingungen bewirken, dass der Übergang zur neuen Gesellschaft nicht in einer kontinuierlichen, schrittweisen Art erfolgt.
Die Niedergangs Stufe eines Systems ist der Zeitraum, in der dieser zu verwirklichende geschichtliche Sprung noch nicht gemacht wurde. Sie ist der Ausdruck eines wachsenden Widerspruches zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Es ist, als ob ein Körper in einer Kleidung, einem Korsett steckt, das zu eng geworden ist.
Solange die Gesellschaft in diesen Bedingungen gefangen bleibt, brechen eine Reihe von typischen Phänomenen auf, die alle diesen Widerspruch zum Ausdruck bringen. Wir wollen nun auf diese Merkmale zu sprechen kommen.
Wenn die Wirtschaft erschüttert wird, gerät der ganze, sie unterstützende Überbau ebenfalls in eine Krise und in Verfall. Die Anzeichen dieses Zerfalls sind alles charakteristische Erscheinungsweisen des Niedergangs eines Systems. Auch sie werden später zu Faktoren, die den Prozess der Dekadenz beschleunigen. Viele bürgerliche Politiker haben darin die Hauptursache, die Hauptantriebskraft des "Endes der Zivilisation" gesehen.
Wir werden uns hier mit vier Phänomenen des "Überbaus" befassen, die sowohl beim Niedergang der Sklavengesellschaft wie bei dem des Feudalismus auftraten. Es handelte sich dabei nicht um einen Zufall der Geschichte, sondern um typische Phänomene für die Dekadenz eines Systems.
Es geht dabei um:
- den Zerfall der herrschenden ideologischen Formen innerhalb der alten Gesellschaft,
- die Entfaltung von Kriegen zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse,
- die Intensivierung und Entwicklung der Klassenkämpfe,
- die Verstärkung des Staatsapparates.
Die herrschende Ideologie in einer in Klassen gespalteten Gesellschaft ist notwendigerweise die Ideologie der herrschenden Klasse. Ob diese sich "erweitern", "bereichern", "entfalten" kann, hängt von der wirklichen Fähigkeit dieser Klasse ab, dass ihre Herrschaft von der gesamten Gesellschaft akzeptiert wird. Eine Gesellschaft akzeptiert nur eine vorhandene Ideologie, wenn ihr Wirtschaftssystem ihren Bedürfnissen entspricht. Je mehr ein Wirtschaftssystem den Wohlstand und die Sicherheit der Menschen garantieren kann, desto mehr akzeptieren die Menschen, die unter diesem System leben, dessen Auffassungen zur Rechtfertigung des Systems. Unter den Bedingungen der Ausdehnung, der aufsteigenden Phase können die Ungerechtigkeiten der wirtschaftlichen Verhältnisse als "ein notwendiges Übel" erscheinen. Die Überzeugung, dass "schließlich jeder auf seine Kosten kommt" ist der Nährboden für das Sprießen von demokratischen Ideologien - vor allem bei dem Teil, der den größten Nutzen daraus zieht, die herrschende Klasse.
Das Regime der Republik entspricht der Blütezeit der römischen Wirtschaft; in dem sich ausdehnenden Feudalismus übte der König nur die oberste Herrschaft aus, er war der Auserwählte unter Gleichen. Die Gesetzgebung selber war relativ wenig entwickelt, denn das System entsprach den objektiven Bedürfnissen der Gesellschaft, so dass die Mehrzahl der Probleme von "selbst geregelt" werden konnte.
Die Wissenschaften entfalteten sich, die Philosophie neigte zum Rationalismus, zum Optimismus und zur Zuversicht in den Menschen. Das schamhafte Gesicht einer jeden Ausbeutungsgesellschaft war durch die wirtschaftliche Blütephase relativ verwischt worden; die Ideologien standen nicht so sehr vor der Notwendigkeit, die Wirklichkeit zu vertuschen und Unmögliches zu rechtfertigen. Die Kunst selber spiegelte diesen Optimismus wider und es gab "Höhepunkte" der Kunst in den Blütephasen der Wirtschaft (was man seinerzeit "das Goldene Zeitalter" der lateinischen Kunst nannte, ging einher mit der Phase der vollen Ausdehnung des Reiches; in den Blütephasen des 11. und 12. Jahrhunderts z.B. gab es auch im Feudalismus eine künstlerische und geistige Erneuerung).
Aber die Produktionsverhältnisse schlugen um in eine Fessel für die Gesellschaft, und alle, der Vergangenheit zugehörigen Ideologieformen waren entwurzelt, ihres Inhaltes entleert, von der Wirklichkeit selber widerlegt. Im niedergehenden römischen Reich konnte die Ideologie der politischen Macht nur eine immer stärkere "übernatürliche" und diktatorische Form annehmen. Auch in der Niedergangsphase des Feudalismus gab es eine Tendenz, dass der Wesenszug des "Erhabenen" der Monarchie und der adligen Privilegierten mehr an Gewicht annahm, dem jedoch in Wirklichkeit der Boden entzogen wurde durch die Warenbeziehungen, die die Bourgeoisie einführte.
Die Philosophie und die Religionen spiegelten einen wachsenden Pessimismus wider, das Vertrauen in die Menschen wich der Flucht in den Fatalismus und einen wachsenden Obskurantismus (Aufblühen des Stoizismus, schließlich des Neoplatonismus im niedergehenden Römischen Reich. Im Stoizismus sprach man von den Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen durch die Schmerzen, die zweitgenannte Ideologie verwarf die Fähigkeit des Menschen, die Probleme der Welt mit Hilfe des Verstandes zu begreifen).
Am Ende des Mittelalters gab es das gleiche Phänomen:
"In diesem Niedergang gab es ein Aufblühen des Mystizismus in all seinen Formen. Die Darstellung der Kunst des Sterbens und die Imitation Jesus Christus standen im Vordergrund. Aber auf emotionaler Ebene rückten die großen öffentlichen Sympathie- und Mitleidsbekundungen in den Vordergrund, die so betont wurden von den predigenden Mitgliedern der Bettelmönche. Auf dem Lande gab es überall Geißelbrüder, die sich mit Riemenschlägen auf die Brust auf den Dorfplätzen zur Schau stellten, um das menschliche Mitgefühl zu erwecken und die Christen zur Buße aufzurufen. Diese Erscheinungen riefen seltsame Phänomene hervor, wie diese Blutbefleckungen, die den Erlöser darstellen sollen. Sehr schnell brach eine Hysterie aus, und die Kirchenoberen traten auf den Plan, um sich gegen diese "Unruhestifter" zu stellen und zu verhindern, dass ihr Wirken noch die Zahl der Vagabunden anschwellen lässt... Die Kunst des Makaberen blühte auf. Heilige Texte genossen selbst bei den "hellsten und aufgewecktesten Köpfen" große Anerkennung: die Apokalypse" (Favier, ebenda, S. 152).
All dies spiegelt den wachsenden Graben zwischen den Verhältnissen wider, die die Gesellschaft beherrschen und den bis dahin herrschende Ideen.
Die einzigen Ideologien, die in solchen Zeiten einen Aufstieg erleben, sind einerseits das Recht und andererseits die Ideologien, die eine neue Gesellschaft ankündigen.
Das Recht in einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft kann nur der Ausdruck der Interessen und des Willens der herrschenden Klasse, eingepackt in Gesetze, sein. Es sind die Regeln, die das "gute Funktionieren" des Ausbeutungssystems ermöglichen. Am Anfang eines neuen Gesellschaftssystems erfährt der ganze Bereich des Juristischen deshalb einen besonderen Aufschwung, wenn nämlich "neue Spielregeln" eingeführt werden, aber auch am Ende der Gesellschaft, wenn das System immer unpopulärer und immer weniger den Bedürfnissen der Menschen angepasst ist, wird die Entschlossenheit der herrschenden Klasse, ihren "Willen" und ihre Macht gesetzmäßig durchzusetzen, immer stärker. Die Gesetze spiegeln dann die Notwendigkeit wider, den Unterdrückungsapparat zu verschärfen, der für ein überholtes System unerlässlich ist. Deshalb die Weiterentwicklung des juristischen Bereiches während der Niedergangsphase des Römischen Reiches wie auch während des Feudalismus (Diokletius, der größte Herrscher des niedergehenden Reiches, verkündete auch die meisten Erlasse und Verordnungen. Auch vom 18. Jahrhundert an erschienen die ersten Sammlungen des Gewohnheitsrechtes).
Gleichzeitig neben dem Recht der alten Gesellschaft tauchen in der Niedergangsphase derselben Ideen auf, die einen neuen Typ gesellschaftlicher Verhältnisse befürworten. Sie äußern sich in Kritiken, die zunächst noch gemäßigt und beschränkt bleiben, dann aber revolutionär werden. Sie liefern die Rechtfertigung der neuen Gesellschaft. Dieses Phänomen war besonders in Westeuropa vom 15. Jahrhundert an festzustellen. Der Protestantismus, insbesondere der Calvins, mit seiner Religion - der sich dem Katholizismus entgegenstellte - räumte die Möglichkeit eines mit Zinsen behafteten Kredites ein (eine Lebensbedingung des Kapitals). Er bejahte die geistige Bereicherung, die die Arbeit ermöglichte, und er bewunderte den "Menschen, der Erfolg hat" (wodurch man indirekt Stellung bezog gegen die Privilegien des Adels, und man rechtfertigte damit die neue Lage des arrivierten, nichtadligen Bürgerlichen), der die übernatürliche Rolle der katholischen Kirche infrage stellte (die der größte Grundbesitzer war), um die Auslegung der Bibel durch den Menschen selbst ohne Notwendigkeit eines Vermittlers zu betonen. Diese neue Religion stellte ein ideologisches Element dar, das den Kapitalismus ankündigte und als einen Motor für diesen wirkte.
Auch spiegelte die Entfaltung des bürgerlichen Rationalismus, der auch zum Erscheinen der Philosophen und Ökonomen des 17. und 18. Jahrhunderts führte, das revolutionäre Element des Konfliktes wider, in dem sich die Gesellschaft befand.
Der Zerfall der alten herrschenden Ideologie, Entfaltung der Ideologie der neuen Gesellschaft, Obskurantismus gegen Rationalismus, Pessimismus gegen Optimismus. Man fand, wie Marx sagte, all die juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen, philosophischen, kurzum die ideologischen Formen, welche dem Menschen eine Bewusstwerdung des Konfliktes ermöglichten und ihn bis an sein Ende trieben.
Die Blütezeit eines Ausbeutungssystems ermöglicht eine relative Harmonie unter den Ausbeutern und damit "demokratische Verhältnisse" unter ihnen. Aber wenn dieses System nicht mehr "rentabel" ist, wenn die Profite fallen, tritt an die Stelle der Harmonie die kriegerische Auseinandersetzung. Neben den Banden, die am Ende des Römischen Reiches und am Ende des Mittelalters tätig waren, gab es mehr Kriege zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse.
Vom 2. Jahrhundert an gab es in Rom Kriege zwischen Rittern, Bürokraten, Armeeführern gegen Senatoren und Patrizier. "Zwischen 235 und 285 starben nur 2 von 26 Kaisern eines natürlichen Todes, und manchmal gab es bis zu 30 Thronbewerber" (S.B. Clough, ebenda, S. 142).
Gegen Ende des Mittelalters hatten die Kriege zwischen den Gutsherren solch ein Ausmaß angenommen, dass die westlichen Könige gezwungen waren, sie zu verbieten, und Ludwig IX. ging gar soweit, das Tragen von Waffen zu untersagen. Der Hundertjährige Krieg war ein Teil dieser Erscheinung.
Wenn die herrschende Klasse nicht mehr die Widersprüche des Systems unter Kontrolle halten kann, die zu einem Fall der Profite führen, besteht ihre unmittelbare Lösung darin, dass jede Fraktion versucht, der anderen etwas zu entreißen, oder zumindest Produktionsbedingungen zu ihren Gunsten einzusetzen, die ihr eine Profitsteigerung ermöglichen.
In der Dekadenz eines Systems gibt es drei Phänomene, die die Intensivierung des Klassenkampfes zu einer der Haupteigenschaften dieser Niedergangs Periode machen:
- die Entfaltung der Misere. Wir haben schon gezeigt, dass gegen Ende des römischen Reiches und am Ende des Feudalismus jeweils Hungersnöte auftraten, Epidemien und eine sich ausbreitende Verarmung. Wir haben auch die Konsequenzen desselben für die privilegierte Klasse untersucht, aber natürlich leiden die ausgebeuteten Klassen am stärksten darunter. Dadurch kam es immer häufiger zu Revolten und Aufständen.
- die Verstärkung der Ausbeutung. Wir haben auch aufgezeigt, wie in einem niedergehenden System die Produktivität immer weniger durch technische Mittel erhöht werden kann. Dadurch wurden die herrschenden Klassen gezwungen, dies durch eine verschärfte Ausbeutung der Arbeitskraft auszugleichen. Diese wurde bis zur Erschöpfung eingesetzt. Bestrafungsregelungen für "fehlerhafte Arbeit" wurden verschärft usw...
Neben der Armut konnte dieser verschärfte Druck nur den Kampf der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter verstärken. Die Reaktionen der Arbeiter waren so gewalttätig, und schließlich auch so stark gegen das eigentliche Ziel der Ausbeuter gerichtet, dass die Produktivität weiter untergraben wurde, dass sowohl gegen Ende des Römischen Reiches wie auch gegen Ende des Mittelalters die Strafen durch andere Mittel ersetzt wurden (Befreiung der Sklaven und Leibeigenen).
- der Kampf der Klasse, die Träger der neuen Gesellschaft war. Gleichzeitig neben den Revolten der Ausgebeuteten entfaltete sich der Kampf einer neuen Klasse (große feudale Grundbesitzer gegen Ende des römischen Reiches, Bourgeoisie am Ende des Feudalismus), die anfingen, ihre "eigenen" Ausbeutungssysteme aufzubauen, wodurch die Grundlagen des alten zerstört wurden. Diese Klassen mussten so einen ständigen Kampf gegen die alte privilegierte Klasse führen.
Während dieses Kampfes fanden sie in den Revolten der Arbeiter immer die notwendige Stärke, die ihnen fehlte, um die alten, reaktionär gewordenen Strukturen, niederzuwerfen (nur in der proletarischen Revolution ist die Klasse, welche Trägerin der neuen Gesellschaft ist, gleichzeitig eine ausgebeutete Klasse).
Alle diese Elemente liefern die Erklärung für die Tatsache, dass die Dekadenz einer Gesellschaft notwendigerweise eine Verstärkung des Klassenkampfes mit sich bringt. So führte im niedergehenden Römischen Reich "die Situation, welche durch die Schwächen der Produktion geschaffen worden war, zu einer immer stärkeren Besteuerung, zur Abwertung des Geldes und zu einer immer größeren Unabhängigkeit der Großgrundbesitzer. Dadurch wurde die politische und gesellschaftliche Desorganisation nur noch verstärkt, und die Prinzipien, welche die Beziehungen zwischen den Menschen regelten, verschwanden... Verarmte Eigentümer, ruinierte Geschäftsleute, Arbeiter in den Städten, Sklaven, Siedler, desertierende Aufständische aus der Armee plünderten in Gallien, in Sizilien, Italien, Nordafrika und in Kleinasien. 235 erfasste eine Welle von Plünderungen ganz Norditalien. 238 gab es in Nordafrika Bürgerkrieg. 268 griffen die Siedler Galliens zahlreiche Städte an, und 269 brach in Sizilien eine Sklavenrevolte aus" (Clough, ebenda, S. 142).
"Das Ausmaß der sozialen Bewegungen, die den westlichen Teil des römischen Reiches des 5. Jahrhunderts erfassten, war beeindruckend. Alle Regionen und besonders die Bretagne, der Westen Galliens, der Norden Spaniens und Afrika wurden erschüttert..."(Lucien Musset, Les Invasions, S. 226).
Gegen Ende des Mittelalters das gleiche Bild: "Vom Ende des 13. Jahrhunderts erschütterten Arbeiteraufstände die flämischen Städte. Während des Hundertjährigen Krieges und der italienischen Spaltungen gab es viele städtische Erhebungen infolge der Misere, und vagabundierende Truppen plünderten auf dem Lande. Oft waren es die Gleichen, die Landlosen, die auch erwerbslos geworden waren: Bauernaufstände auf dem französischen Land, Tuchain aus Languedoc, Lollarden aus dem südlichen England, Maillotins aus Paris, Coquillards aus der Bourgogne. Von bestimmten Volkstribunen wurde ihre Lage ausgenutzt; auch wurde manche Revolte für eine Machtpolitik einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe oder von Individuen eingesetzt. Etienne Marcel wollte Dauphin (Gattin des französischen Thronfolgers) die Vorherrschaft einer Fraktion der reichen Bourgeoisie aufzwingen... van Artevelde hatte die Misere der flämischen Arbeiter ausgenutzt, Cola di Renzo als "Volkstribun“ das des "niedrigen Volkes", das der Exzesse der römischen Aristokratie überdrüssig geworden war. In Florenz dienten die Revolten der Ciompi, die Hungerrevolten waren, schließlich den Interessen der Medici... So führten die Kriege und das allgemeine Chaos zu Plünderungen, zu Aufständen und zu Massakern" (Favier, ebenda, S. 137, siehe auch Pirenne, S. 160 ff.).
Die Revolutionen Cromwells 1649 in England und die Französische Revolution von 1789 waren die spektakulären Ergebnisse der Kämpfe, die durch den Niedergang der Feudalgesellschaft und den Aufstieg des Kapitalismus hervorgerufen wurden.
Die Entwicklung, die Aufrechterhaltung und die Überwindung einer gegebenen Gesellschaft sind das Werk einer Gruppe von Menschen, die entschlossen sind, gemäß ihrer eigenen wirtschaftlichen Position innerhalb einer Gesellschaft zu handeln. Die Kraft zur Aufrechterhaltung eines Systems ist zunächst die der Klasse, die daraus am größten Nutzen schlägt. Die Kraft der neuen Gesellschaft ist auch die der Klasse, die davon am meisten profitiert.
So werden in den Handlungen der gesellschaftlichen Klassen alle objektiven Kräfte konkretisiert, die die Gesellschaft in Widersprüche gestürzt haben. Die Klassenkonflikte sind nichts anderes als die, die in der Wirklichkeit die Entwicklung der Produktivkräfte mit den bestehenden Produktionsverhältnissen aufeinanderprallen lassen.
Während das Recht in Gestalt von Gesetzen dem Interesse und dem Willen der herrschenden Klasse entspricht, ist der Staat die bewaffnete Macht, um diese Gesetze durchzusetzen. Er ist der "Hüter" der für die Ausbeutung einer Klasse durch eine andere notwendige Ordnung. Gegenüber den wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen, die typisch sind für die Phase der Dekadenz eines Systems, muss der Staat mit seiner Verstärkung reagieren. "Die Entwicklung der Funktion ruft die Entwicklung des Organs hervor".
GEGEN DIE GESELLSCHAFTLICHE "UNORDNUNG"
Als eine bewaffnete Kraft der herrschenden Klasse entstanden, ist der Staat hauptsächlich ein Diener dieser Klasse. Aber in diesem "Diener" bündeln sich alle Interessen der herrschenden Klasse wieder: seine Aufgabe besteht darin, eine allgemeine, globale Ordnung aufrecht zuhalten. Deshalb muss er eine umfassendere Auffassung von der Funktionsweise des Systems haben - und dessen Bedürfnissen - als die Individuen, die der herrschenden Klasse angehören. Von der Gesamtheit der Gesellschaft getrennt, weil er ein Unterdrückungsorgan in den Diensten einer Minderheit ist, unterscheidet er sich auch von dieser Minderheit durch seinen Charakter als Einheitsorgan gegenüber den verschiedenen Fraktionsinteressen oder individuellen Ausbeuterinteressen. Auch sind die Privilegien der staatlichen Bürokratie eng mit der guten Funktionsweise des Systems als Ganzes verbunden. Deshalb ist der Staat nicht nur als einziger dazu in der Lage, eine ausreichend globale Auffassung von der Wirtschaft zu entwickeln, sondern er ist auch der einzige, für den sich hinter diesen globalen Interessen auch unmittelbare und vitale verbergen.
In den Dekadenzperioden verstärkt sich auch der Staat, nicht nur weil er einer wachsenden Zahl von Revolten der unterdrückten Klasse entgegentreten muss, sondern auch weil er als einziger in der Lage ist, den Zusammenhalt der herrschenden Klasse zu gewährleisten, die sich selbst zerfleischt und bei der jeder gegen jeden kämpft.
Die Entwicklung der Macht der römischen Kaiser vor allem vom 2. Jahrhundert an sowie der Feudalmonarchien konnte sich auf eine wirkliche Rechtfertigung sowohl in ihrem Kampf gegen die Revolten der Aufständischen als auch in ihren Handlungen zum Schutz der "herrschenden Ordnung" stützen, um die Kämpfe zwischen den Teilen der herrschenden Klasse zu bremsen. Der Kaiser Septime der Strenge (193-211) enteignete gar "die Besitztümer der Senatoren und Geschäftsleute der Stadt, um sich die notwendigen Mittel für die Bezahlung der Soldaten zu verschaffen, die für seine Sicherheit und seine Macht sorgten" (Clough). Die Monarchie der Kapetinger musste sich auf Kosten der großen feudalen Grundherren entwickeln.
In den meisten Fällen stellten die Kriege einen mächtigen Faktor beim Prozess der Verstärkung des Staatsapparates dar. Nur die staatliche Autorität kann die Zusammenfassung der dafür erforderlichen Kräfte gewährleisten. Der Staat geht somit immer verstärkt aus einem Krieg hervor. Dieser Faktor hat eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Macht der Monarchie, insbesondere in Frankreich gespielt.
GEGEN DIE WIRTSCHAFTLICHE UNORDNUNG
Es gab ein sehr starkes wirtschaftliches Eingreifen des Staates sowohl beim Zerfall des Römischen Reiches wie auch beim Niedergang des Feudalismus.
"Was die Produktion angeht, meinte er (Kaiser Dioticius, 284-305), dass zur Anregung der Produktion eine Art "staatlich gelenkte Wirtschaft" die Aktivität der "Kollegien" regeln würde, die Ausbeutung der großen Güter und eine Preiskontrolle gewährleisten könnte. Schließlich wurden die Steuerbeträge überprüft und Maßnahmen zur Stabilisierung der Währung ergriffen" (Clough, S. 143).
Die feudalen Königreiche verstärkten sich, indem sie eine starke interventionistische Verwaltung schufen. Die Entwicklung der Bürokratie verlief so, dass die Höfe der Feudalherren aufhörten, zu "wandern" und sich in einer Stadt niederließen: Paris, Westminster, Pamplona, Moskau. Der König bediente sich seiner eigenen Beamten (Landvögte und Seneschalle in Frankreich), deren wirtschaftlichen Aufgaben im ganzen Herrschaftsbereich des Königs zunahmen.
Als die wirtschaftlichen Verhältnisse einer Gesellschaft zu einer Fessel für diejenigen wurden, die in ihnen lebten, vermochte nur noch eine bewaffnete Macht für deren Weiterbestand sorgen. Als bewaffnete Macht und letzte Bündelung der Gesetze des Systems neigte der Staat dazu, die Wirtschaft in seine Hände zu nehmen.
Alles in einer niedergehenden Gesellschaft treibt zum Entstehen dieses Phänomens: die parasitären Kosten der Aufrechterhaltung einer Wirtschaft, die nicht mehr rentabel ist, führt zur Erhebung von Steuergeldern. Nur ein starker Staat kann es schaffen, diese Steuergelder aus einer ausgehungerten und zur Revolte bereiten Bevölkerung herauszupressen. Für die Kaiser des niedergehenden römischen Reiches und Feudalkönige war dies eine der Grundlagen zur Verstärkung ihrer Macht. Die Wirtschaft entsprach nicht mehr den Notwendigkeiten, die durch die gesellschaftliche Wirklichkeit entstanden waren. Die Wirtschaftsinitiativen fanden nicht mehr diesen "natürlichen Kompass" bei der Suche nach Wohlstand und Harmonie mit dem Rest der Welt. Die Intervention des Staates und seiner Kräfte wurde somit zum einzigen Mittel, um die Lähmung der Wirtschaft in einem totalen Chaos zu verhindern. Eine Tendenz zur Bürokratisierung der Gesellschaft und zur systematischen Kontrolle der Individuen entfaltete sich sowohl am Ende der Sklavengesellschaft wie auch in der Endphase des Feudalismus.
Diese Tendenz erreichte erschreckende Ausmaße zur Zeit des niedergehenden Römischen Reiches: "Jeder litt unter dieser Lage und versuchte ihr zu entweichen. Die Bauern flüchteten vom Land, die Arbeiter gaben ihren Beruf auf, die Dekurien zogen sich aus den Stadträten zurück. Die herrschende Macht wusste darauf keine Antwort: jeden an seine Lage binden, die Löcher stopfen, durch die man flüchten konnte. Die Parole hieß damals "Jeder auf seinen Posten", sonst wird die römische Kultur untergehen. Es war der Ausnahmezustand, lebenslang. Die gesellschaftlichen Bedingungen, der Beruf wurden vererbbar. Es entstanden wahre Kastensysteme, hier handelte es sich um kein primitives, spontanes Phänomen, sondern um ein neues, politisches, das von Oben aufgezwungenen war". (F. Lot, "Das Ende der Antike und der Beginn des Mittelalters", S. 109).
Einigen Arbeitern wurden Brandwunden mit Schmiedeeisen beigebracht, um sie daran zu hindern, dass sie ihren Beruf wechselten. überall gab es Verfolgungen.
Auch gegen Ende des Feudalismus gab es dieses staatliche Eingreifen. Aber es gab einen bedeutenden Unterschied zwischen den wirtschaftlichen Aktionen im ausgehenden Mittelalter und im zerfallenden Römischen Reich.
Als die Sklavengesellschaft auseinanderbrach, trat an ihre Stelle ein System, das sich auf die Autarkie stützte, mit einer stark zerstückelten, zersplitterten wirtschaftlichen Tätigkeit. Es gab also einerseits Versuche der Verstärkung des Staates und mehr Zentralisierung durch denselben, andererseits aufkommender Feudalismus. Zwei gleichzeitige, aber dennoch vollkommen entgegengesetzte Phänomene. Der Feudalismus wiederum wurde durch den Kapitalismus überwunden, d.h. durch ein System, das immer mehr Bündelung und Eingliederung, Zusammenfassung der wirtschaftlichen Aktivität erforderte. Die Zentralisierung und das Eingreifen durch den Feudalstaat, die auf die Notwendigkeit des Überlebenskampfes des zerfallenden Feudalismus zurückgehen, waren somit objektiv Mittel für die Entwicklung der Grundlagen des Kapitalismus.
Mehrere grundlegende Faktoren zwangen die Monarchie, diese doppelte geschichtliche Rolle zu spielen:
1) die Monarchie musste oft Unterstützung in den bürgerlichen Städten zur Verstärkung ihrer Macht suchen,
2) die Klasseninteressen der Adligen als Ausbeuter konnten relativ einfach mit den Interessen der aufsteigenden Bourgeoisie in Einklang gebracht werden,
3) die aufsteigende Stärke der Bourgeoisie, die vom 15. Jahrhundert an die Grundlagen des Kapitalismus schuf, ermöglichte ihr, dem Adel eine Teilung der Macht abzuverlangen.
Die von Edward II. und III. ergriffenen Wirtschaftsmaßnahmen, die merkantilistische Politik Henry VII. in England, die wirtschaftliche Wiederaufrichtung unter Ludwig XV. in Frankreich, die von den französischen und englischen Königen vom 15 Jahrhundert ergriffenen protektionistischen Maßnahmen, die sich alle als günstig für die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie erwiesen, sowie das Akzeptieren der bürgerlichen Parlamente durch die beiden Monarchien zeigen, dass die Feudalmonarchie beim Prozess der ursprünglichen Akkumulation des Kapitalismus eine wichtige Rolle gespielt haben.
Aber es wäre absurd, die Feudalmonarchie nur unter diesem Aspekt zu betrachten. Die Monarchie blieb hauptsächlich feudal, sie war das letzte Bollwerk des Feudalismus. So bewiesen es jedenfalls die Tatsachen wie z.B.: der ständige Kampf zwischen dem König und dem bürgerlichen Parlament; die Verteidigung der Privilegien der Adligen (nur die Nichtadligen zahlten in Frankreich Steuern) durch den König; der Kampf gegen den Protestantismus in Frankreich, der als Religion der Bourgeoisie dargestellt wurde, schließlich die Tatsache selber, dass die Bourgeoisie in England und in Frankreich es nötig hatte, Revolutionen zu machen, um eine wirkliche Entfaltung des Kapitalismus zu ermöglichen.
Trotz dieser doppelten Rolle der feudalen Monarchie bei der Sicherstellung des Überlebens des Systems kam es unaufhaltsam zu einer Verstärkung des Staates, die typisch ist für die Dekadenz einer Gesellschaft.
Wenn man für den Niedergang einer Gesellschaft das Bild von einem Körper nimmt, dem ein für ihn zu klein gewordenes Kleid angelegt werden soll, ist die Entwicklung des Staatsapparates nur ein Versuch desselben, um sich zu verstärken, damit dem Druck, der ihn zum Zerplatzen bringt, besser standgehalten werden kann. Zerfall der herrschenden Ideologie, Entfaltung von Kriegen und Revolutionen, Verstärkung des Staates, dies waren die herausragendsten Merkmale einer niedergehenden Gesellschaft, in der die Produktivkräfte auf immer mehr Schwierigkeiten bei ihrer Entfaltung stoßen. Das Wirtschaftssystem war keine historische Notwendigkeit mehr und wurde zu einer Fessel, die die ganze Gesellschaft in eine wachsende Barbarei versinken ließ.
(aus Révolution Internationale, Nr. 5, 1973).
Der Krieg in der Ukraine hört nicht auf, seine Flut von Mord, Zerstörung, Vergewaltigungen auszudehnen und das Leid der Flüchtlinge, die versuchen dem wütenden Feuer der Kriegsparteien zu entfliehen, noch zu verschlimmern. Die täglichen Bilder der hemmungslosen Barbarei vor den Toren Westeuropas, dem historischen Zentrum des Kapitalismus, sind unerträglich, apokalyptisch und massiv. Die Konsequenzen, die von dort weltweit ausstrahlen, sind kolossal, allein schon wegen der nuklearen Risiken, die der Konflikt für die Menschheit birgt. Es ist klar, dass dieser Krieg eine Folge der Zuspitzung der imperialistischen Spannungen weltweit, eine enorme Verschärfung des weltweiten Chaos darstellt, das alle imperialistischen Großmächte einbezieht und direkt betrifft.
Der Krieg in der Ukraine ist heute der zentralste und repräsentativste Ausdruck der allgemeinen Zerfallsdynamik in die der Kapitalismus die Welt hineinzieht, insbesondere weil er ein von der Bourgeoisie bewusst entfesseltes Ereignis ist, das die gesamte Gesellschaft dauerhaft und schwer beeinträchtigen wird. Aber er ist auch Teil eines Prozesses, in dem viele Katastrophen und Widersprüche zusammenlaufen, die die herrschende Klasse immer weniger kontrollieren kann:
- die Covid-19-Pandemie ist noch lange nicht eingedämmt, wie die massiven und extrem brutalen Lockdowns in Peking und Shanghai und die Explosion neuer "Corona-Wellen" aufgrund neuer Varianten in Europa zeigen;
- die Wirtschaftskrise vereint nun Inflation, Desorganisation der Produktionsketten und das unaufhaltsame Abgleiten der Weltwirtschaft in eine Rezession, die vorübergehend durch die Rekordsubventionen der Federal Reserve und der EZB eingedämmt worden war;
- die Zahl der Flüchtlinge, die vor Barbarei und Elend in Afrika, Syrien, Libyen, Lateinamerika, Asien und nun auch in Europa fliehen, ist dramatisch angestiegen;
- die Unfähigkeit der Bourgeoisie, das Ziel zu erreichen, den Anstieg der globalen Temperatur des Planeten auf 1,5° C zu begrenzen, ist so offensichtlich, dass selbst die optimistischsten Propagandisten nicht mehr daran glauben.
Und wir könnten noch viele weitere Stigmata hinzufügen, wie die Explosion der Gewalt in den Städten, das individuelle Durchwursteln angesichts des Elends, die Zunahme von wahnhaften "Verschwörungstheorien", Korruption etc.
Der Krieg in der Ukraine markiert jedoch einen neuen, gewaltigen Absturz in die Barbarei. 1991, kurz nach dem Zusammenbruch der UdSSR, versprach Bush Senior in seiner „Rede an die Nation“ über den Golfkrieg eine "neue Weltordnung". Die Bourgeoisie versuchte, die Ausgebeuteten davon zu überzeugen, dass der Kapitalismus endgültig triumphiert hat und eine strahlende Zukunft eröffnet. 30 Jahre später sind diese Versprechungen verflogen und bestätigen jeden Tag aufs Neue die Herausforderungen, die der Erste Kongress der Kommunistischen Internationale 1919 klar erkannt hatte: "Die neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung, die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats [...]. Der Menschheit, deren ganze Kultur jetzt in Trümmern liegt, droht die Gefahr vollständiger Vernichtung. Es gibt nur eine Kraft, die sie retten kann, und diese Kraft ist das Proletariat. Die alte kapitalistische "Ordnung" existiert nicht mehr, sie kann nicht mehr bestehen. Das Endresultat der kapitalistischen Produktionsweise ist das Chaos".
Für diejenigen, die eine Blitzkrieg-Invasion erwartet hatten, allen voran die russische Bourgeoisie selbst (oder zumindest die Putin-Clique), wie es bei der Krim-Offensive 2014 der Fall war, haben diese vier Monate Krieg im Gegenteil gezeigt, dass der Konflikt von langer Dauer sein wird. Das anfängliche Scheitern der russischen Invasion führte zu einer systematischen Zerstörung von Städten wie Mariupol, Sewerodonezk oder nun Lyssytschansk, was an die Vernichtung von Städten wie Grosny (Tschetschenien), Falludscha (Irak) oder Aleppo (Syrien) erinnerte. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Städte immer massiver und systematischer zerstört, obwohl der Ausgang des Konflikts bereits feststand: Hiroshima und Nagasaki in Japan, Arbeiterstädte in Deutschland. Im aktuellen Konflikt dauerte es nur wenige Wochen, bis Bilder von gewaltigen Zerstörungen und dem Erdboden gleichgemachten Städten zu sehen waren.
Im Gegensatz zu denjenigen die behaupten, der Krieg würde einen neuen Zyklus kapitalistischer Akkumulation eröffnen und damit die Möglichkeit des Kapitalismus, eine "Lösung" für die Krise zu finden, zeigt die Realität, dass der Krieg nichts anderes ist als die Zerstörung von Produktivkräften. Wie die Kommunistische Linke Frankreichs bereits 1945 feststellte: "Der Krieg war das unentbehrliche Mittel des Kapitalismus, das ihm Möglichkeiten der weiteren Entwicklung eröffnete, und zwar zu der Zeit, als diese Möglichkeiten bestanden (die Periode des Aufstiegs des Kapitalismus) und nur mit dem Mittel der Gewalt eröffnet werden konnten. Ebenso findet der Zusammenbruch der kapitalistischen Welt, die historisch alle Entwicklungsmöglichkeiten ausgeschöpft hat, im modernen Krieg, dem imperialistischen Krieg, den Ausdruck dieses Zusammenbruchs, der, ohne irgendwelche Möglichkeiten für die weitere Entwicklung der Produktion zu eröffnen, nur die Produktivkräfte in den Abgrund stürzt und in beschleunigtem Tempo Ruine um Ruine anhäuft". All das trifft zuerst, und vor allem, die arbeitende Bevölkerung. Erste Schätzungen der Opferzahlen gehen von bisher über 50.000 Toten in der Ukraine und etwa 6 Millionen Flüchtlingen aus. Zelensky spricht von 100 getöteten ukrainischen Soldaten pro Tag und 500 Verwundeten (die meisten von ihnen schwerst beeinträchtigt fürs ganze Leben). Auf russischer Seite sind die Verluste höher als während der gesamten Invasionskampagne in Afghanistan 1979-1989. Fabriken, Straßen und Krankenhäuser werden in Schutt und Asche gelegt. Laut der Wirtschaftsfakultät in Kiew wird jede Woche zivile Infrastruktur im Wert von 4,5 Milliarden US-Dollar zerstört.
Die Bombardierungen und die militärische Besetzung in der unmittelbaren Nähe von Tschernobyl ließen eine radioaktive Verseuchung befürchten, doch das Ausmaß des Krieges und seine Auswirkungen auf die Umwelt gehen weit darüber hinaus: "Chemische Fabriken wurden in einem besonders anfälligen Land bombardiert. Die Ukraine nimmt 6 % des europäischen Territoriums ein, enthält aber 35 % seiner biologischen Artenvielfalt mit etwa 150 geschützten Arten und zahlreichen Feuchtgebieten". Allgemein: "Nach dem Waffenstillstand von 1918 setzen Dutzende Tonnen von Granaten, die von den Kriegsparteien zurückgelassen wurden, weiterhin ihre chemischen Verbindungen im Untergrund der Departements Somme und Meuse frei. Millionen von Minen, die in Afghanistan oder Nigeria verstreut sind, verseuchen ständig landwirtschaftliche Flächen und verurteilen die Bevölkerung zu Angst und Elend, ganz zu schweigen von dem Atomwaffenarsenal, das eine in der Geschichte der Menschheit beispiellose ökologische Bedrohung darstellt"... "Der industrielle Krieg ist die Matrix aller Umweltverschmutzungen". (Le cout écologique exorbitante des guerres, un impensé politique, Le Monde).
Während bei der vorherigen Krise 2008 viele Arbeiter ihren Arbeitsplatz oder sogar ihr Haus verloren, weil sie ihre Hypothek nicht bezahlen konnten, so wird in diesem Krieg direkt die Aussicht auf eine Hungersnot in mehreren Teilen der Welt eröffnet, und zwar nicht nur wegen der Unterbrechung des Handels mit Getreide und Saatgut in die Länder der Peripherie. Die Bedrohung durch Hunger betrifft auch direkt die wirtschaftlich schwächsten Bevölkerungsgruppen in den USA und anderen Kernländern. Die Bourgeoisie kann den Produktionsrückgang, der sich seit der Pandemie stark verschlechtert hat, nicht weiter durch Schulden kompensieren, insbesondere angesichts einer anhaltend hohen Inflation und des durch den Krieg in der Ukraine ausgelösten Drucks des Militarismus. Biden, der 30 Milliarden zur Unterstützung der Wirtschaft versprochen hatte, erklärt nun, wie alle Regierungen in Europa, dass "die guten Zeiten vorbei sind".
Dennoch haben sie keine Skrupel, die Militärausgaben exorbitant zu erhöhen (was auch die Inflation hochhalten wird). Macron hat erklärt, dass Frankreich in eine "Kriegswirtschaft" eingetreten ist. In Deutschland hat die sozialdemokratische Regierung von Scholz, an der auch die Grünen beteiligt sind, einen Nachtragshaushalt von 100 Milliarden Euro für die Aufrüstung bewilligt, was ein historisches Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg darstellt. Japan plant seinen Verteidigungshaushalt auf 2 % seines BIP zu erhöhen und wäre damit die drittgrößte Militärmacht der Welt. China, das seine Ausgaben seit 2020 um 4,7 % erhöht hat (293 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr), und die USA (801 Milliarden US-Dollar) belegen den zweiten bzw. ersten Platz.
Eine weitere Dimension der Auswirkungen des Krieges auf die Wirtschaftskrise ist die Beschleunigung des Deglobalisierungsprozesses (auch wenn der Krieg selbst nicht die Ursache dafür ist), in erster Linie durch die schwere Beschädigung des militärisch-geostrategischen und handelspolitischen Projekts Chinas und seiner "neuen Seidenstraße". Die Pandemie hatte die Desorganisation der globalen Produktion und den Trend zur "Produktionsrückverlagerung" bereits stark beschleunigt, doch der Krieg versetzt ihr einen weiteren großen Schlag: Handelsrouten über das Schwarze Meer werden stark beeinträchtigt und viele Unternehmen müssen Russland verlassen. Die nationalen Bourgeoisien der am stärksten deindustrialisierten Länder stellen den Trend zur Standortverlagerung bereits als "Chance" für die Beschäftigung und die nationale Wirtschaft dar, auch wenn die WTO hat bereits vor den Gefahren eines solchen Prozesses gewarnt hat: Der Wettlauf um die Anhäufung von Rohstoffen in jeder Nation, weit davon entfernt die Unsicherheit der Wirtschaft zu verringern, könne im Gegenteil die Lieferketten noch mehr stören und die weltweite Produktion aufgrund des Jeder-für-sich selbst deutlich verlangsamen. Man braucht sich nur an die Piraterie zu erinnern, die die Staaten während des "Maskenkriegs" betrieben haben. All dies trägt zur Logistikkrise und den damit verbundenen fehlenden Gütern bei und erzeugt das scheinbare Paradoxon, dass eine Krise, die ihren Ursprung in einer allgemeinen Überproduktion hat, zu einem Mangel an Waren führt. Die Folgen der Vertiefung der Krise für die Arbeiterklasse sind schon jetzt brutalste Prekarität und Entlassungen aufgrund von Firmenpleiten.
Es ist schwer zu sagen, wie der Stand der Pandemie in Russland und der Ukraine ist. Wie 1918 bei der sogenannten "Spanischen Grippe" hatte der Krieg die verheerenden Auswirkungen der Infektion erheblich verschlimmert. Es ist jedoch nicht abwegig anzunehmen, dass jetzt die Bourgeoisie zwar schon vor dem Ukraine-Krieg nicht in der Lage war, die Pandemie einzudämmen, wie das Fiasko des Sputnik-Impfstoffs zeigt, die Situation aber nun mit den durch den Krieg erzwungenen schlechten hygienischen Bedingungen und der Zerstörung der Gesundheitsinfrastruktur völlig außer Kontrolle geraten ist. Aber die Pandemie ist, obwohl sie letztlich das Produkt der Zersetzung des Systems und seines Versinkens im Zerfall ist (was neue Pandemien in der Zukunft ankündigt), ein Phänomen im Leben des Kapitalismus, das die herrschende Klasse nicht bewusst entschieden hat und das sich ihrem Willen aufdrängt. Im Gegenteil dazu: Der Krieg ist eine bewusste und willentliche Entscheidung der Bourgeoisie, ihre einzige „Antwort“ auf den Zusammenbruch des Kapitalismus!
Wie Rosa Luxemburg bereits während des Ersten Weltkriegs analysiert hatte, sind in der Dekadenz des Kapitalismus alle Länder imperialistisch. Der Imperialismus ist die Form, die der Kapitalismus in einem bestimmten Moment seiner Entwicklung, nämlich seiner niedergehenden Phase, der Dekadenz, annimmt. Jedes nationale Kapital verteidigt mit Zähnen und Klauen seine Interessen auf der Weltbühne, auch wenn nicht alle über gleichwertige Mittel verfügen.
Die bürgerliche Propaganda prangert in der Ukraine und im Westen die Offensive und die Kriegsverbrechen von Diktator Putin und auf russischer Seite die "Nazi-Bedrohung" für die Ukraine an, so wie im Ersten Weltkrieg die alliierte Seite zur Rekrutierung gegen den Militarismus des Kaisers aufrief und die Achsenmächte gegen den Expansionismus des Zaren. Während des Zweiten Weltkriegs präsentierte jede Seite auch ihre "legitimen" Rechtfertigungen: Antifaschismus gegen Hitler oder die Verteidigung Deutschlands gegen die Überwältigung durch die Kriegs-Reparationen.
Die westliche Bourgeoisie hebt auch hervor, dass die Ukraine ein kleines Land ist, das dem russischen Bären zum Opfer fällt. Aber hinter der Ukraine stehen die NATO und die USA, und Russland sucht andererseits die Unterstützung Chinas. Der Krieg zwischen der Ukraine und Russland ist insofern Teil eines größeren Konflikts, in dem sich die führende Macht der USA und ihr erklärter Herausforderer China gegenüberstehen. Der Ursprung des aktuellen Krieges liegt in dem Bestreben der USA, ihre globale Hegemonie, die seit dem Zusammenbruch des stalinistischen Blocks und zuletzt nach dem Fiasko von Bush Junior im Irak 2003 und dem Rückzug aus Afghanistan bis 2021 im Schwinden begriffen ist, wieder zu stärken. Ähnlich wie Bush Senior 1991 Saddam Hussein in die Irre führte, berichtete die US-Regierung von der Mobilisierung russischer Truppen an der ukrainischen Grenze und machte klar, dass die USA im Falle einer drohenden Invasion nicht eingreifen würden, wie 2014 auf der Krim. Die russische Regierung konnte ihrerseits nicht tolerieren, dass die Ukraine der NATO beitrat, nachdem sie einen großen Teil ihres historischen Einflussbereichs (u.a. Polen, Ungarn und die baltischen Staaten) integriert hatte. Sie hatte also keine andere Wahl, als mit der ursprünglichen Idee einer „schnellen Aktion“, um ein Veto gegen die Ambitionen der Ukraine zu erzwingen, in den amerikanischen sauren Apfel zu beißen. Die Unterstützung der USA für Zelenski, und ihr Druck auf die NATO-Mitglieder sich in die gleiche Richtung zu bewegen, haben Russland jedoch in einen auf beiden Seiten mit brutalsten Mitteln geführten Zermürbungskonflikt verwickelt, der länger anhalten wird als erwartet.
Die US-Regierung versucht auf diese Weise, die Schwäche des russischen Imperialismus, der einer Weltmacht im 21. Jahrhundert nicht gewachsen ist, bloßzustellen und ihn so weit wie möglich zu zermürben. Darüber hinaus ist es den USA gelungen, den europäischen Mächten ihre Disziplin aufzuzwingen, insbesondere angesichts der Unabhängigkeitsbestrebungen des französischen Imperialismus (Macron hatte erklärt, dass "die NATO hirntot ist") und Deutschlands, die infolge der Sanktionen nicht nur den Rückgang der russischen Gaslieferungen und die Schließung des russischen Marktes für ihre eigenen Waren hinnehmen mussten, sondern auch die Haushaltskosten der unter amerikanischem Druck beschlossenen Aufrüstung. Vor allem aber besteht das strategische Ziel der USA hinter dem Ukraine-Konflikt darin, ihren größten Herausforderer, den chinesischen Imperialismus, zu schwächen.
Den USA ist es gelungen, jegliche Unterstützung Chinas für Russland zu erschweren, wodurch die größte asiatische Macht als unzuverlässiger Partner erscheint. Neben der Blockade einer auch für das Projekt der „neuen Seidenstraße“ sehr wichtigen Region, demonstrierte Amerika seine Stärke und seine "internationale diplomatische Strategie", die eine sehr explizite Warnung an Peking darstellt.
Alles in allem haben die USA wieder einmal nicht gezögert, ein Chaos zu entfesseln, das neue, noch schlimmere Stürme ankündigt, um ihre imperialistischen Interessen und ihre globale Führungsrolle zu verteidigen. Die Schwächung des russischen Imperialismus könnte langfristig dazu führen, dass Russland in verschiedene kleine, mit Atomwaffen ausgestattete Imperialismen zerfällt. Ebenso führt die Bevormundung der europäischen Mächte faktisch zu ihrer Wiederbewaffnung, insbesondere Deutschlands, was seit seiner Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorgekommen ist. Xi Jinping sieht seine neue Seidenstraße von einer Blockade bedroht und den "strategischen Verbündeten" Russland in größten Schwierigkeiten. Das wahre Opfer dieses Krieges ist jedoch nicht die Ukraine, Russland, China oder Europa, sondern die Arbeiterklasse, von der im Westen, aber auch überall auf der Welt, im Namen der Kriegsanstrengungen immense Opfer verlangt werden, und die an der Front das höchste Opfer ihres eigenen Lebens bringen soll!
Die Arbeiterklasse in der Ukraine war bereits seit der "Orangen Revolution" 2004 darauf eingestimmt worden, in den Konflikten zwischen verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie Partei für die eine oder andere Seite Position zu ergreifen, und wurde seit 2014 weitgehend an der Front gegen Russland mobilisiert. Heute werden die Arbeiter als Kanonenfutter auf das Schlachtfeld geschickt, während ihre Familien verzweifelt vor dem Krieg fliehen, wenn sie nicht in den Städten, Krankenhäusern oder Bahnhöfen massakriert werden. Die ukrainische Arbeiterklasse ist heute völlig besiegt und nicht in der Lage, eine Klassenantwort auf die Situation zu geben, geschweige denn eine revolutionäre Perspektive zu erheben wie in Russland oder Deutschland während des Ersten Weltkriegs.
In Russland ist es Putin, entgegen den Spekulationen der internationalen Presse, nicht gelungen, die allgemeine Mobilisierung der Bevölkerung für den Krieg durchzusetzen. Das Proletariat hatte sich schon in den nationalistischen Konflikten nach dem Zerfall der ehemaligen UdSSR nicht direkt zur Verteidigung Russlands heranziehen lassen. Aber die Tatsache, dass das Proletariat beim Zusammenbruch des Stalinismus 1990 keine bewusste Rolle spielen konnte und sich von den demokratischen Kampagnen über den „Tod des Kommunismus" mitreißen ließ, lastet auf der Arbeiterklasse in allen östlichen Ländern - wie die demokratischen Illusionen die schon während der Bewegung in Polen 1980 sehr deutlich gezeigt hatten. In Russland ist das Gewicht des Demokratismus aufgrund der Propaganda der bürgerlichen Fraktionen, die gegen Putins Autoritarismus sind jetzt sogar noch größer. Während einzelne, winzige Minderheiten wie die Gruppe KRAS mutigst eine internationalistische Position gegen beide kriegsführenden Lager vertreten, ist die Arbeiterklasse in Russland nicht in der Lage, in der unmittelbaren Situation die Initiative für einen Kampf gegen den Krieg zu ergreifen. Die konkrete Situation der Kämpfe, Diskussionen und Bewusstwerdung der Arbeiter in Russland bleibt aber nach wie vor weitgehend ein Rätsel.
All dies bedeutet jedoch nicht, dass das Weltproletariat besiegt ist. Seine Hauptteile in Westeuropa, wo die historischen und jüngsten Erfahrungen aus den wichtigsten Kämpfen gegen den Kapitalismus gesammelt werden, wo seine Minderheiten ihr revolutionäres politisches Programm verteidigen und entwickeln, wurden bislang nicht direkt in den Krieg hineingezogen. Auch hier hat die antikommunistische Kampagne zu einem Rückgang der Kampfkraft und des Bewusstseins des Proletariats geführt, zu einem Verlust der Klassenidentität; obwohl wir seit 2003 Ausdrucksformen verschiedener Versuche gesehen haben eine Kampfkraft zu entwickeln, oder die Entstehung von Minderheiten, auch wenn diese nur klein sind.
Im Übrigen führt die Bourgeoisie in den Kernländern eine regelrechte demokratisch-ideologische Kampagne zur Unterstützung der ukrainischen Armee gegen Putin, insbesondere unter dem Motto: "Waffen für die Ukraine". Die kombinierten Auswirkungen der Schwäche der Arbeiterklasse seit 1990 und dieser aktuellen Kriegskampagne führen zu einer Demobilisierung und einem Gefühl der Ohnmacht angesichts des Ernstes der Lage. Daher ist auch in diesen Ländern nicht mit einer sofortigen Reaktion der Arbeiterklasse auf den Krieg zu rechnen.
Während des Ersten Weltkriegs war die Antwort der Arbeiterklasse, die den Krieg beendete, eine Folge der Kämpfe in den Fabriken im Hinterland gegen das Elend und die Opfer, die der Krieg auferlegte. Auch in der aktuellen Situation fordert die Bourgeoisie im Namen des Krieges Opfer, angefangen bei Energieeinsparungen bis hin zu Lohnkürzungen und Entlassungen. Die Arbeiterklasse, vor allem in den Kernländern, wird gezwungen sein, für die Verteidigung ihrer Lebensbedingungen zu kämpfen. In diesem Kampf werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Proletariat seine Identität und seine revolutionäre Perspektive wiederfindet. In der gegenwärtigen Situation wird dieser Kampf zum Verständnis der Beziehung zwischen den Opfern im Hinterland und dem höchsten Opfer des Lebens an der Front führen müssen.
Die Intervention revolutionärer Gruppen (und der sie umgebenden Minderheiten) in die Klasse ist unerlässlich. Im Ersten Weltkrieg war die internationalistische Zimmerwalder Konferenz 1915, die zensiert wurde und anfangs der gesamten Klasse kaum bekannt war, ein Leuchtfeuer für das Weltproletariat inmitten der Dunkelheit der Schlachtfelder. Die revolutionären Gruppen sind heute in der Klasse weit weniger anerkannt als damals, und die Situation ist eine andere: kein allgemeiner Krieg und keine generelle Niederlage des Proletariats. Dennoch sind die Methode der Zimmerwalder Konferenz und die Verteidigung der historischen Tradition und Prinzipien des Proletariats (welche die Sozialdemokratie damals verraten hatte), durch die linkskommunistischen Fraktionen immer noch hochaktuell. Das Terrain der Verteidigung des proletarischen Internationalismus und des Erbes der Kommunistischen Linken ist in der Tat das, was die Gemeinsame Erklärung von Gruppen der internationalen Kommunistischen Linken zum Krieg in der Ukraine fordert, die wir auf unserer Website und in dieser Internationalen Revue veröffentlichen.
10.07.2022
Anfang 2020 war die globale Covid-19-Krise das Produkt, aber vor allem ein mächtiger Beschleuniger des Zerfalls des kapitalistischen Systems auf verschiedenen Ebenen: erhebliche wirtschaftliche Destabilisierung, Verlust der Glaubwürdigkeit der Staatsapparate, Verschärfung der imperialistischen Spannungen.
Heute drückt der Krieg in der Ukraine eine weitere Stufe dieser Zuspitzung durch ein Hauptmerkmal des Abstiegs des Kapitalismus in seine Niedergangsperiode und insbesondere in die Zerfallsphase aus: die Verschärfung des Militarismus.
Die Brutalität dieser Beschleunigung war in den vorherigen Berichten nicht vorhergesehen worden (siehe Bericht und Resolution zur internationalen Lage des 24. Kongresses der IKS), und obwohl der Bericht über imperialistische Spannungen vom November 2021 in seinem letzten Punkt die Ausweitung des Militarismus und der Kriegswirtschaft (§ 4.3) und die Ausbreitung von Chaos, Instabilität und kriegerischer Barbarei (§ 4.1) behandelte, war deren brutale Beschleunigung in Europa durch die massive russische Invasion in der Ukraine für die IKS trotz allem überraschend.
Aus allgemeiner Sicht ist daran zu erinnern, dass die Entwicklung des Militarismus nicht nur typisch für die gegenwärtige Zerfallsphase, sondern untrennbar mit dem Verfall des Kapitalismus verbunden ist: "In der Tat bilden der Militarismus und der imperialistische Krieg die zentralen Manifestationen des Eintritts des Kapitalismus in den Zeitraum seiner Dekadenz (...), was so weit ging, daß für die damaligen Revolutionäre der Imperialismus und der dekadente Kapitalismus zu Synonymen wurden. Der Imperialismus war keine besondere Erscheinungsform des Kapitalismus, sondern seine Überlebensform in der neuen historischen Periode. Nicht der eine oder andere Staat war imperialistisch geworden, sondern alle Staaten, wie Rosa Luxemburg enthüllte. Wenn der Imperialismus, der Militarismus und der Krieg an diesem Punkt mit der Epoche der Dekadenz identifiziert werden konnten, dann deshalb, weil die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu einer Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden sind“ (Orientierungstext: Militarismus und Zerfall, in Internationale Revue Nr. 13, 1991 [55]).
In den 75 Jahren zwischen August 1914 und November 1989 stürzte der Kapitalismus die Menschheit in mehr als zehn Jahre Weltkriege und anschließend in fast 45 Jahre "Kalten Krieg" und bewaffnete "Koexistenz" zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Block, die sich in mörderischen Konfrontationen auf den Kriegsschauplätzen beider Bündnisse (Vietnam, Naher Osten, Angola, Afghanistan) und in einem wahnwitzigen "Wettrüsten" konkretisierte, das sich schließlich als tödlich für den Ostblock herausstellte.
In einer Situation, in der sowohl die Bourgeoisie als auch das Proletariat nicht in der Lage waren, eine Lösung für die historische Krise des Kapitalismus durchzusetzen, leitete der Zusammenbruch des Sowjetblocks die Phase des Zerfalls ein, die sich durch eine Explosion des Jeder-für-sich und des Chaos auszeichnet, die das Produkt des Auseinanderbrechens der Blöcke und des Wegfalls der von ihnen auferlegten Disziplin sind. Der Militarismus manifestierte sich in einer Vielzahl barbarischer Konflikte, oft in Form von Bürgerkriegen, der Explosion imperialistischer Ambitionen und dem Zerfall staatlicher Strukturen: Somalia, Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien, Donbass und Krim, Islamischer Staat, Libyen, Sudan (Nord- und Südsudan), Jemen, Mali. Diese Konflikte tendierten auch dazu, sich Europa zu nähern (Jugoslawien, Krim, Donbass) und es durch Flüchtlingsströme stark zu betreffen.
Der aktuelle Krieg in der Ukraine ist jedoch nicht nur die Fortsetzung der oben beschriebenen Entwicklung des Militarismus in der Zerfallsphase, sondern stellt zweifellos eine äußerst wichtige qualitative Vertiefung des Militarismus und seiner barbarischen Konkretisierungen dar, und zwar aus mehreren Gründen:
- Er ist die erste militärische Konfrontation dieser Größenordnung zwischen Staaten, die seit 1945 vor den Toren Europas stattfindet, und diese Konfrontation führt zu wirtschaftlichem Chaos und einem Strom von Millionen von Flüchtlingen in die anderen europäischen Länder, so dass das Zentrum Europas heute zum zentralen Schauplatz der imperialistischen Konfrontationen wird;
- dieser Krieg bezieht direkt die beiden größten Länder Europas ein, von denen das eine über Atomwaffen oder andere Massenvernichtungswaffen verfügt und das andere von der NATO finanziell und militärisch unterstützt wird. Dieser Gegensatz zwischen Russland und der NATO weckt Erinnerungen an die Blockkonfrontation der 1950er bis 1980er Jahre und den damit verbundenen nuklearen Terror, aber er findet in einem noch weniger vorhersehbaren Kontext statt, gerade weil es keine konstituierten Blöcke und die damit verbundene Blockdisziplin gibt (wir werden später darauf zurückkommen);
- das Ausmaß der Kämpfe, Zehntausende von Toten, die systematische Zerstörung ganzer Städte, die Hinrichtung von Zivilisten, die verantwortungslose Beschießung von Atomkraftwerken, die enormen wirtschaftlichen Folgen für den gesamten Planeten unterstreichen sowohl die Barbarei als auch die wachsende Irrationalität von Konflikten, die in einer Katastrophe für die Menschheit münden können.
Die Entwicklung des Krieges in der Ukraine kann nur verstanden werden, wenn man sie als direktes Produkt zweier vorherrschender Tendenzen begreift, die die imperialistischen Beziehungen in der gegenwärtigen Zerfallsperiode prägen und die die IKS in ihren früheren Berichten herausgestellt hat: Einerseits der Kampf der Vereinigten Staaten gegen den unaufhaltsamen Niedergang ihrer globalen Hegemonie, der dazu führt, dass die Entwicklung des Chaos in der Welt gefördert wird, und andererseits die Verschärfung der imperialistischen Ambitionen in alle Richtungen, die insbesondere die Aggressivität Russlands wiederbelebt hat, das rachsüchtig danach strebt, wieder einen wichtigen Platz auf der imperialistischen Bühne einzunehmen.
Seit Obamas Präsidentschaft hat sich die US-Bourgeoisie in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht zunehmend auf ihren Hauptherausforderer China konzentriert. In diesem Punkt gibt es eine absolute Kontinuität zwischen der Politik der Trump- und der Biden-Regierung. Wie in diesem Zusammenhang Russland "neutralisiert" werden soll, darüber gab es jedoch Differenzen: Trump zielte eher darauf ab, Russland gegen China einzuspannen, aber diese Option stieß auf den Widerstand und die Opposition großer Teile der amerikanischen Bourgeoisie sowie der staatlichen Strukturen (Geheimdienste, Armee, Diplomatie ...) angesichts der undurchsichtigen Verbindungen Trumps zur russischen Führungsfraktion, aber vor allem wegen des Misstrauens gegenüber einer Allianz mit einem Land, das 50 Jahre lang der Todfeind gewesen war. Die Strategie des herrschenden Teils der amerikanischen Bourgeoisie, der heute von der Biden-Regierung vertreten wird, zielt vielmehr darauf ab, Russland entscheidende Schläge zu versetzen, sodass es keine potenzielle Bedrohung für die USA mehr darstellt: "Wir wollen, dass Russland so geschwächt wird, dass es Dinge wie die Invasion der Ukraine nicht mehr tun kann", sagte der amerikanische Verteidigungsminister Lloyd Austin bei seinem Besuch in Kiew am 25.04.2022.[1]
Diese Politik der Schwächung Russlands ermöglicht es den USA auch, China indirekt zu warnen („das erwartet euch, wenn ihr beschließt, in Taiwan einzumarschieren“) und ihm einen strategischen Rückschlag zuzufügen, da der Konflikt Putins militärische Fähigkeiten drastisch reduziert und sein "Bündnis" daher zu einer Belastung für Xi Jinping wird.
Die Ukraine-Krise bot der Biden-Administration eine erstklassige Gelegenheit, eine solche Strategie der radikalen Schwächung Russlands und der Einkesselung Chinas auf machiavellistische Weise umzusetzen.
Die herrschende Fraktion der russischen Bourgeoisie ihrerseits machte den entscheidenden Fehler, das taktische Debakel der USA in Kabul mit einer strategischen Niederlage zu verwechseln, obwohl es sich im Grunde nur um eine Neupositionierung der US-Streitkräfte gegenüber ihrem zentralen Gegner China handelte. Mit der Absicht nach dem Zusammenbruch der UdSSR die Rückkehr des russischen Imperialismus auf die Weltbühne zu unterstreichen, hielt sie den Zeitpunkt für günstig, um mit der Rückeroberung der Ukraine (oder zumindest großer Teile ihrer strategischen Regionen) einen großen Schlag zu landen. Während diese für die Putin-Fraktion Teil des "historischen Russlands" ist, entglitt sie nicht nur zunehmend ihrem Einflussbereich, sondern lief auch Gefahr, weniger als 500 km von Moskau entfernt zur Speerspitze der NATO zu werden.
Damit tappte Putin in die von den USA gestellte Falle. Die USA stellten eine machiavellistische Falle, ähnlich der, die sie im ersten Golfkrieg gegen Saddam wegen dessen Invasion Kuwaits aufgestellt hatten: Sie schrien von den Dächern, dass russische Truppen davor stünden, massiv in die Ukraine einzumarschieren, und machten gleichzeitig klar, dass sie selbst nicht eingreifen würden, da "die Ukraine nicht zur NATO gehöre". Folglich konnte Putin kaum anders handeln, ohne dass es als Rückzug gegenüber Bidens harter Linie interpretiert worden wäre, zumal es zunächst so aussah, als würde sich der amerikanische Gegenschlag im Großen und Ganzen auf die Art von Vergeltungsmaßnahmen beschränken, die bei der Besetzung der Krim im Jahr 2014 angewendet wurden.
Indem es den USA gelang, Russland in einen groß angelegten Krieg in der Ukraine hineinzuziehen, verhalf ihnen das machiavellistische Manöver kurzfristig zweifellos zu wichtigen Punkten an drei entscheidenden Fronten:
Der Krieg ermöglichte es den USA, die europäischen Länder, die eine gewisse Unabhängigkeit an den Tag legten, dazu zu zwingen sich wieder einzufügen (während dies zum Zeitpunkt der Invasion des Irak 2003 überhaupt nicht gelungen war). Tatsächlich wurde die amerikanische Kontrolle über die NATO in ihrer ganzen Bandbreite wiederhergestellt, obwohl Trump sogar mit dem Gedanken spielte, sich aus der NATO zurückzuziehen (gegen den Willen des Militärs). Die protestierenden europäischen "Verbündeten" wurden zur Ordnung gerufen: So brachen Deutschland oder Frankreich ihre Handelsbeziehungen zu Russland ab und leiteten in Windeseile die militärischen Investitionen ein, die die USA seit 20 Jahren gefordert hatten. Neue Länder wie Schweden oder Finnland bewerben sich um eine Mitgliedschaft und die EU wird sogar teilweise energiepolitisch von den USA abhängig werden. Kurzum, das genaue Gegenteil von Putins illusionären Hoffnungen, dass sich die europäischen Staaten in der Ukraine-Frage spalten würden.
Der Krieg bedeutet schon jetzt eine erhebliche militärische, aber auch wirtschaftliche Schwächung Russlands, eine Schwächung, die sich mit der Fortsetzung des Krieges noch verstärken wird. Die Ergebnisse sind nach fast drei Monaten "Sonderoperation" für Russland bereits jetzt dramatisch:
Putin kann die Feindseligkeiten in diesem Stadium jedoch nicht einstellen, da er um jeden Preis Trophäen braucht, um die Operation innenpolitisch zu rechtfertigen und zu retten, was vom militärischen Prestige Russlands noch zu retten ist, was zu noch mehr militärischen, menschlichen und wirtschaftlichen Verlusten führen wird. Da andererseits, je länger der Krieg dauert, Russlands Militärmacht und Wirtschaft immer mehr bröckeln werden, haben die USA zynischerweise auch kein Interesse daran, eine Beendigung der Feindseligkeiten zu fördern, selbst wenn sie dafür Militär, Zivilisten und städtische Zentren in der Ukraine opfern müssen, denn sie wollen Russland ausbluten lassen. In diesem Sinne sind die aktuellen Kampagnen rund um die Verteidigung der gemarterten Ukraine, die russischen Kriegsverbrechen (Butcha, Kramatorsk, Mariupol ...) und die Durchführung eines "Völkermords an den Ukrainern" – Kampagnen, die insbesondere von den USA und Großbritannien inszeniert werden und persönlich auf Putin abzielen ("Putin hat den Verstand verloren"; "Russland ist kein Teil unserer Welt"). Sie ermöglichen es, jede Aussicht auf kurzfristige Verhandlungen (die von Frankreich und Deutschland oder auch von der Türkei gesponsert werden) zu konterkarieren und die Schwächung Russlands auf die Spitze zu treiben oder sogar einen Regimewechsel anzuregen. Kurzum, unter den derzeitigen Bedingungen kann das Blutvergießen nur weitergehen und kann sich die Barbarei nur ausweiten, wahrscheinlich über Monate oder sogar Jahre hinweg, und dies in besonders blutigen und gefährlichen Formen, wie z.B. der Drohung mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen.
Hinter Russland zielen die USA grundsätzlich auf China ab und setzen es unter Druck, denn das grundlegende Ziel des machiavellistischen Manövers der USA ist es, das russisch-chinesische Paar zu schwächen und China eine Warnung zukommen zu lassen. China reagierte zurückhaltend auf die russische Invasion, indem es die "Rückkehr des Krieges auf den europäischen Kontinent" bedauerte und zur "Achtung der Souveränität" und der "territorialen Integrität gemäß den Grundsätzen der Vereinten Nationen" aufrief (Xi Jinping, 08.03.2022). Tatsächlich hat auch China enge Beziehungen zur Ukraine (14,4% der ukrainischen Importe und 15,3% der ukrainischen Exporte) und hat mit Präsident Selenskyj ein "Abkommen über strategische Zusammenarbeit" unterzeichnet, "das die zentrale Rolle seines Landes in den eurasischen Projekten der neuen Seidenstraßen festschreibt" (Le Monde Diplomatique [LMD], April 2022, S. 9). Der Ukraine-Konflikt blockiert jedoch verschiedene Zweige der "Seidenstraße", was zweifellos ein nicht zu unterschätzendes Ziel des amerikanischen Manövers darstellt.
Das ohnehin schon geschwächte Russland ist gezwungen, China um Hilfe zu bitten, doch China ist vorsichtig und hat es bislang vermieden, die "Sonderoperation" seines Verbündeten offen zu unterstützen, da die Unterstützung eines geschwächten Russlands auch China schwächen könnte: Es würde wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen nach sich ziehen und zum Verlust von Handelsrouten und Märkten nach Europa und sogar in die USA führen, die ansonsten wichtiger sind als der Handel mit Russland (3% der chinesichen Importe und 2% seiner Exporte). Andererseits würden der Zusammenbruch der russischen Militärmacht und die immensen Schwierigkeiten seiner Wirtschaft Russland zu einem Verbündeten machen, der nicht mehr auf seine Stärke (sein militärisches Fachwissen) bauen kann und stattdessen eine peinliche Belastung für China darstellen könnte.
Peking missbilligt die Sanktionen zwar, wendet sie aber eher symbolisch als behindernd für Russland an: Die Asiatische Bank für Infrastrukturinvestitionen hat ihre Geschäfte mit Russland und Weißrussland eingestellt, und die großen staatlichen chinesischen Raffinerien haben ihre Öleinkäufe in Russland aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen der westlichen Länder gestoppt. Ebenso weigern sich die großen Staatsbanken, Energieabkommen mit Russland zu finanzieren, weil sie zu riskant sind. Hinter den Kulissen jedoch kaufen dieselben Staatsunternehmen über Scheinfirmen und langfristige Verträge auf den internationalen Märkten billige Vorräte an russischem LNG und Öl auf, die niemand haben will.
Kurzfristig mag der Krieg in der Ukraine zwar eine Atmosphäre der Bipolarisierung begünstigt haben, insbesondere durch das propagierte Bild einer Konfrontation zwischen dem "Block der Autokratien" und dem "Block der Demokratien", das im Übrigen von den USA intensiv propagiert wird, doch dieser Eindruck muss bereits wieder überdacht werden, wenn man die Positionierung Chinas analysiert (siehe den vorherigen Punkt). Und auf längere Sicht werden die Auswirkungen der derzeitigen kriegerischen Feindseligkeiten keineswegs eine stabile Umgruppierung der imperialistischen Staaten fördern, sondern im Gegenteil die Gegensätze in allen Bereichen und die Spannungen zwischen den Geiern verschärfen.
Indem die USA im Ukraine-Konflikt bis zum Äußersten gehen, schüren sie trotz der Europa vorübergehend aufgezwungenen Einheit die Entwicklung des Jeder-für-sich. Bei der Abstimmung in der UNO über den Ausschluss Russlands aus dem Menschenrechtsrat stimmten 24 Länder dagegen und 52 enthielten sich: Indien, Brasilien, Mexiko, Iran, aber auch Saudiarabien und die Emirate (VAE) entwickeln ihre eigene imperialistische Positionierung, ohne sich hinter die USA oder Russland zu stellen, und beteiligen sich nicht am Boykott Russlands: "Im Gegensatz zur Mehrheit der westlichen Nationen, allen voran den USA, nehmen die Länder des Südens eine vorsichtige Haltung gegenüber dem bewaffneten Konflikt zwischen Moskau und Kiew ein. Die Haltung der Golfmonarchien, die doch mit Washington verbündet sind, ist bezeichnend für diese Weigerung, Partei zu ergreifen: Sie verurteilen sowohl die Invasion in der Ukraine als auch die Sanktionen gegen Russland. So setzt sich eine multipolare Welt durch, in der bei fehlenden ideologischen Differenzen die Interessen der Staaten Vorrang haben" (LMD, Mai 2022, S. 1). Japan, das mit seiner Aufrüstung begonnen hat und gegenüber Russland und China aggressiv auftritt, macht seine eigenen imperialistischen Ambitionen deutlich, indem es sich weigert, das Projekt einer Gaspipeline mit Russland zu stoppen. Das NATO-Mitglied Türkei verfolgt trotz dieser Bindung seine eigenen imperialistischen Ziele, indem es gute Beziehungen zu Russland unterhält (obwohl es gleichzeitig Streitigkeiten wegen Libyen und dem Krieg Armenien/Aserbaidschan gibt). Selbst europäische Länder brechen nicht alle Kontakte zu Russland ab (Frankreich oder Italien schließen nur ungern die Niederlassungen ihrer Unternehmen, die Gaspipeline von Russland nach Europa durch die Ukraine funktioniert noch immer, wenn auch mit gelegentlichen Kürzungen, und liefert beiden Kriegsparteien finanzielle Einnahmen, Belgien nimmt den Diamantensektor von den Boykottmaßnahmen aus usw.), und Ungarn schielt sogar gierig auf das ukrainische Transkarpatien mit seinen ungarischen Minderheiten. Diese Tendenz zur Verschärfung eines brutalen Jeder-gegen-jeden wird durch die schweren imperialistischen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges in der Ukraine noch verstärkt werden.
Für die Russische Föderation sind die Folgen dieser "Sonderoperation" schwerwiegend und könnten nach der Fragmentierung infolge der Implosion ihres Blocks ('89-92) eine zweite tiefgreifende Destabilisierung darstellen: Militärisch wird sie wahrscheinlich ihren Rang als zweitgrößte Armee der Welt verlieren; ihre bereits geschwächte Wirtschaft wird noch weiter in den Abgrund stürzen (ein Rückgang der Wirtschaft um 12% laut dem russischen Finanzministerium, der stärkste Rückgang seit 1994). Die Kampagne um die russischen Kriegsverbrechen und der Aufbau von Ermittlungs- und Gerichtsstrukturen auf internationaler Ebene zielen letztlich darauf ab, Putin und seine Berater vor ein internationales Gericht wegen "Kriegsverbrechen" oder sogar "Völkermord" zu stellen. Auf diese Weise werden die internen Spannungen zwischen den Fraktionen der russischen Bourgeoisie nur noch größer, während die Putin-Fraktion in die Enge getrieben wird und mit der Energie der Verzweiflung um ihr Überleben kämpft. Mitglieder der herrschenden Fraktion (vgl. Medwedew) warnen bereits vor den Folgen: einem möglichen Zusammenbruch der Russischen Föderation und dem Entstehen verschiedener Mini-Russland mit unberechenbaren Führern und Atomwaffen.
Die Folgen der Ukraine-Krise sind für den größten Herausforderer der USA, China, gefährlich destabilisierend. Dies betrifft in erster Linie das Dilemma seiner Haltung gegenüber Russland, da es Sanktionen für seine Wirtschaft befürchtet, aber auch die Blockade wichtiger Verkehrsadern seiner Seidenstraße: "Im Moment ist das große Werk des chinesischen Präsidenten – Seidenstraßen, die ihr Netz über Zentralasien bis nach Europa spinnen – gefährdet. Ebenso wie seine Hoffnung auf engere Beziehungen zur Europäischen Union als Gegengewicht zu den USA" (LMD, April 2022, S. 9). Der russisch-ukrainische Krieg kommt für Xi Jinping wenige Monate vor dem Parteitag der KPCh, auf dem er für eine dritte Amtszeit bestätigt werden soll, zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt, zumal die Pandemie wieder zu grassieren beginnt und die wirtschaftlichen Aussichten schlecht sind.[2]
Die chinesische Wirtschaft leidet immer noch schwer unter der Pandemie, wobei im März und April die 27 Millionen Einwohner:innen der Industrie- und Handelsmetropole Shanghai und nun auch große Teile der Hauptstadt Peking eingesperrt wurden. Die Bevölkerung zeigt immer offener ihre Panik und Unzufriedenheit mit dem wochenlangen, unmenschlichen Lockdown. Die Regierung kann ihre Null-Covid-Politik jedoch kaum revidieren, (a) wegen der extrem niedrigen Impfrate bei älteren Menschen und der schlechten Qualität der chinesischen Impfstoffe gegenüber den aktuellen Varianten, aber vor allem (b) angesichts der politischen Auswirkungen, die ein Wechsel der Strategie im Vorfeld des XX. Parteitags der KPCh auf die Fraktion Xi haben würde, die sich zu deren hartnäckigen Verfechterin gemacht hat. So verhängte Xi in Shanghai einen drastischen Lockdown gegen die "Sabotage" der örtlichen Kader, was zu großer Unzufriedenheit in der Bevölkerung führte. Er entsandte 50.000 Mitglieder der bewaffneten Sonderpolizei von Shandong, die der Zentralregierung untersteht, um "die Kontrolle über die Situation zu übernehmen". Für Xi "muss die ‚Null-Covid-Strategie‘ funktionieren, Shanghai muss ‚gesäubert‘ werden. Ein Scheitern würde bedeuten, der Opposition, die versucht, sich seiner Wiederwahl zu widersetzen, zumindest teilweise Recht zu geben" ("Zero Covid in Shanghai: Xi Jinping's political battle", A. Payette, Asialyst, 14.04.22). Und das um jeden Preis: Experten der japanischen Investmentbank Nomura haben Anfang April errechnet, dass 45 chinesische Städte, die 40% des chinesischen BNP ausmachen, einem vollständigen oder teilweisen Lockdown unterzogen werden. Diese drastischen Maßnahmen führen zu erheblichen Problemen im Straßenverkehr und in den Häfen (Ende April warteten in Shanghai über 300 Schiffe auf ihre (Ent-)Ladung, dreimal so viele wie im Jahr 2020, als die Lage bereits kritisch war) sowie zu Störungen in der Industrieproduktion und in den nationalen und internationalen Lieferketten.
Infolgedessen wird die Verlangsamung der Wirtschaft, die durch die seit zwei Jahren wiederholten Lockdowns im Rahmen der "Zero Covid"-Politik und durch den Krieg in der Ukraine noch verstärkt wird, immer offensichtlicher. Das Wachstum wird derzeit auf 4,5 % des BIP geschätzt (die chinesische Regierung rechnete mit einem Anstieg um 5,5 %, die pessimistischsten Prognosen gehen jedoch von 3,5 % aus; vgl. "Zero covid in Shanghai: the political battle of Xi Jinping", A. Payette, Asialyst, 14.04.22) und das in dem Jahr, in dem der Volkskongress zusammentreten muss, um einen neuen Präsidenten zu wählen. Was die chinesische Bourgeoisie besonders beunruhigt, sind verschiedene miserable Zahlen im März: So gingen die Einzelhandelsumsätze um 3,5 % zurück, die Arbeitslosigkeit stieg um 5,8 % (die offiziellen Zahlen sind zu niedrig angesetzt) und die Importe kamen praktisch zum Stillstand. Schließlich geht es auch im Immobiliensektor, der im letzten Jahr vom Staat radikal reguliert wurde, um den Zusammenbruch einiger großer Unternehmen zu begleiten, weiter bergab: Der Verkauf von Häusern ging um 26,7 % zurück, der stärkste Rückgang seit Februar 2020. "Laut einem Bericht des Institute of International Finance in einem Ende März [2022] veröffentlichten Bericht ‚sind die Finanzströme, die China verlassen, beispiellos. Die russische Invasion in der Ukraine wird die chinesischen Märkte wahrscheinlich in ein neues Licht rücken‘. Diese Kapitalflucht sei ‚sehr ungewöhnlich‘, heißt es in dem Bericht weiter. Chinesische Anleihen, die von ausländischen Investoren gehalten werden, fielen allein im Februar um 80,3 Milliarden Yuan, der drastischste Rückgang seit Januar 2015, als diese Statistiken erstmals erfasst wurden. [...] Westliche Sanktionen gegen sein Land würden zu einem Rückgang der ausländischen Investitionen sowie zu einer Abwanderung von chinesischem Kapital führen. [...] Diese wirtschaftlichen und finanziellen Bedrohungen sind ernst zu nehmen, da sie das wachsende Misstrauen ausländischer Investoren gegenüber China widerspiegeln" ("Krieg in der Ukraine: Chinas Doppelmoral könnte es teuer zu stehen kommen", P.-A. Donnet, Asialyst, 16.04.22).
Die schwierige Wirtschaftslage belastet schließlich auch die Aufrechterhaltung der gigantischen Finanzierung des Projekts der neuen Seidenstraßen, das zudem durch die Blockade mehrerer seiner Zweige aufgrund des Ukraine-Konflikts stark beeinträchtigt wird, aber auch durch das zunehmende Chaos, das mit dem Zerfall verbunden ist, wie die Destabilisierung Äthiopiens, das ein zentraler "Hub" für den afrikanischen Zweig darstellen sollte, oder die Unfähigkeit von Ländern, die bei China verschuldet sind, ihre Schulden zu begleichen (Sri Lanka).
Die USA scheuen sich nicht, diese Schwierigkeiten zu verschärfen und in ihrer Konfrontation mit Peking auszunutzen, und das in einem schwierigen Umfeld für die chinesische Bourgeoisie, die wirtschaftlich, politisch und sozial immer stärker unter Druck gerät.
In Europa könnte die Entscheidung Deutschlands, massiv aufzurüsten und seinen Militärhaushalt zu verdoppeln, mittelfristig eine wichtige imperialistische Begebenheit darstellen. Zu Beginn der Zerfallsperiode betonte unsere Analyse: „Was Deutschland angeht, das einzigen Land, das möglicherweise wieder in die Rolle schlüpfen kann, die es schon in der Vergangenheit innehatte, so gestattet es seine gegenwärtige Militärmacht (es verfügt nicht einmal über Atomwaffen!) ihm nicht, auf absehbare Zeit den USA auf diesem Terrain entgegenzutreten“("Militarismus und Zerfall", Internationale Revue 13, 1991), und obwohl wir heute den Aufstieg Chinas berücksichtigen müssen, den wir übersehen hatten, dürfte die massive Wiederaufrüstung Deutschlands ein entscheidender Faktor für die Ausweitung künftiger imperialistischer Konfrontationen in Europa und der Welt sein.
Tatsächlich muss diese Aufrüstung in einem Kontext gesehen werden, in dem sich mit der Verlängerung des Ukraine-Konflikts die Meinungsverschiedenheiten nicht nur zwischen den osteuropäischen Ländern (das fanatisch antirussische Polen gegenüber dem Moskau-nahen Ungarn), sondern auch zwischen den europäischen Mächten (Frankreich, Deutschland, Italien) und den USA über die Aufrechterhaltung der kriegerischen Politik gegenüber Russland immer deutlicher abzeichnen. Angesichts der Möglichkeit, dass die Trump-Fraktion in den USA wieder an die Macht kommt und sich ein "unnachgiebiger" Pol USA-Großbritannien-Polen gegenüber Russland bildet, wird die militärische Autonomie der europäischen Mächte durch die Entwicklung eines EU-Pols außerhalb der NATO immer mehr zu einer zwingenden Notwendigkeit.
Schließlich sind die innere Lage in den USA und insbesondere die Spannungen innerhalb der Bourgeoisie selbst ein starker unvorhersehbarer Faktor. Wie groß wird Bidens Handlungsspielraum nach den Zwischenwahlen im November sein und wer wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten, vielleicht wieder Trump? Tatsächlich ist Bidens Popularität in den letzten Monaten gesunken, während ein seit vier Jahrzehnten nicht mehr gesehener Anstieg der Verbraucherpreise die Ausgaben für Benzin, Lebensmittel, Mieten und andere Waren in die Höhe treibt. "Die Zustimmungsraten für Joe Biden schwanken laut dem Umfrageaggregator FiveThirtyEight nun um 42,2 Prozent. Da in sieben Monaten die Zwischenwahlen stattfinden, wird zunehmend erwartet, dass die demokratischen Abgeordneten ihre hauchdünne Kontrolle über eine oder vielleicht sogar beide Kammern des Kongresses verlieren werden" (20 minutes und Agenturen, 15.04.22). Die Europäer wissen genau, dass Bidens Zusagen und das "Comeback" der NATO zunächst mal für maximal zwei Jahre gelten.
Aber unabhängig davon, welche Fraktion der Bourgeoisie an der Regierung ist, ist klar, dass es seit Beginn der Zerfallsperiode (siehe die Irakkriege 1991 und 2003) die USA sind, die in ihrem Bestreben, ihre schwindende Vorherrschaft zu verteidigen, durch ihre Interventionen und Manöver die wichtigste Kraft zur Ausweitung des Chaos sind: Sie haben in Afghanistan und im Irak Chaos geschaffen und das Aufblühen von Al-Qaida wie IS begünstigt. Im Herbst 2021 haben sie bewusst die Spannungen mit China um Taiwan angestachelt, um die anderen asiatischen Mächte hinter sich zu scharen – in diesem Fall allerdings mit weniger Erfolg als in der Ukraine. Ihre Politik ist heute nicht anders, auch wenn ihr machiavellistisches Manöver sie als friedliche Nation erscheinen lassen, die sich gegen die russische Aggression wehren. Dieses Schüren des kriegerischen Chaos durch die USA ist für sie die wirksamste Barriere gegen die Entfaltung Chinas als Herausforderer: "Diese Krise wird sicherlich nicht das letzte Kapitel in Washingtons langem Kampf um die Sicherung einer dominanten Position in einer instabilen Welt sein" (LMD, März 2022, S. 7). Gleichzeitig wird der Krieg in der Ukraine ausgenutzt, um eine unmissverständliche Warnung an Peking vor einer möglichen Invasion Taiwans auszusprechen.
Die Zerfallsphase verschärft eine ganze Reihe von Merkmalen des Militarismus stark und fordert dazu auf, die Formen, die die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen annehmen, genauer zu untersuchen.
Das Fehlen jeglicher wirtschaftlicher Motivation oder Vorteile für Kriege war seit dem Beginn des kapitalistischen Niedergangs offenkundig: "Der Krieg war ein unabdingbares Mittel, mit welchem der Kapitalismus sich unerschlossene Gebiete für die Entwicklung eröffnete, zu einer Zeit, als solche Gebiete noch existierten und nur mit Gewalt erschlossen werden konnten. Auf derselben Weise findet die kapitalistische Welt, nachdem historisch alle Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft sind, im modernen imperialistischen Krieg den Ausdruck ihres Zusammenbruchs, der die Produktivkräfte nur noch tiefer in den Abgrund reißt und nur noch schneller Ruine auf Ruine häuft.“ ("Rapport à la Conférence de la Gauche Communiste de France de juillet 1945", wiedergegeben im "Bericht zum historischen Kurs“, angenommen auf dem 3. Kongress der IKS, Internationale Revue 5, 1979)
Der Krieg in der Ukraine zeigt deutlich, wie der Krieg nicht nur seine wirtschaftliche Funktion, sondern sogar seine strategischen Vorteile verloren hat: Russland führt einen Krieg im Namen der Verteidigung der russischsprachigen Bevölkerung, massakriert aber Zehntausende Zivilisten in den überwiegend russischsprachigen Gebieten, verwandelt diese Städte und Regionen in Ruinenfelder und erleidet selbst erhebliche materielle und infrastrukturelle Verluste. Wenn es am Ende dieses Krieges im besten Fall den Donbass und die Südostukraine einnimmt, hat es ein Trümmerfeld erobert, eine Bevölkerung, die es hasst, und einen erheblichen strategischen Rückschlag in Bezug auf seine Großmachtambitionen erlitten. Was die USA betrifft, so müssen sie bei ihrer Politik, China ins Visier zu nehmen, eine Politik der "verbrannten Erde" betreiben, die außer einer unermesslichen Explosion des wirtschaftlichen, politischen und militärischen Chaos keine wirtschaftlichen oder strategischen Vorteile mit sich bringt. Die Irrationalität des Krieges war noch nie so offensichtlich.
Diese zunehmende Irrationalität kriegerischer Auseinandersetzungen geht mit einer wachsenden Verantwortungslosigkeit der jeweils die Macht ausübenden Fraktion der Bourgeoisie einher, wie das unverantwortliche Abenteuer von Bush junior und den "Neocons" im Irak 2003, das Abenteuer von Trump von 2018 bis 2021 oder die Putin-Fraktion in Russland illustrieren. Sie sind Ausfluss der Verschärfung des Militarismus und des Kontrollverlusts der Bourgeoisie über ihren politischen Apparat, was zu einem Abenteurertum führen kann, das langfristig für diese Fraktionen katastrophal, aber auch für die Menschheit gefährlich ist.
Mehr denn je steht die Wirtschaft im Dienste des Krieges, und die Sinnlosigkeit der hohen Militärausgaben inmitten einer Wirtschafts- und Pandemiekrise tritt offen zutage: "Heute kristallisiert sich in den Waffen die ultimative technologische Perfektionierung. Die Herstellung hochentwickelter Zerstörungssysteme ist zum Symbol einer modernen und erfolgreichen Wirtschaft geworden. Doch diese technologischen "Wunder", die im Nahen Osten ihre mörderische Wirkung gezeigt haben, sind vom Standpunkt der Produktion und der Wirtschaft aus gesehen nichts weiter als eine gigantische Verschwendung. Im Gegensatz zu den meisten anderen Waren haben Waffen die Besonderheit, dass sie, sobald sie produziert sind, aus dem Produktionszyklus des Kapitals herausgeworfen werden. Sie können nämlich weder dazu dienen, das konstante Kapital zu erweitern oder zu ersetzen (anders als etwa Maschinen), noch die Arbeitskraft der Arbeiter zu erneuern, die dieses konstante Kapital in Bewegung setzen. Waffen dienen nicht nur der Zerstörung, sondern sind an sich schon eine Kapitalvernichtung, eine Sterilisierung des Reichtums" ("Where is the crisis? Wirtschaftskrise und Militarismus", International Review Nr. 65 [engl./frz./span. Ausgabe], 1991). Seit 1996 haben sich die Militärausgaben in allen Ländern verdoppelt, was eine verstärkte Militarisierung zeigt. Laut dem Stockholm Institute for Peace Studies (SIPRI) wurden 2021 2 Billionen US-Dollar für Rüstung ausgegeben, ein neuer Rekord. Davon gaben die USA 34 %, China 14 % und Russland 3 % aus. Der Krieg in der Ukraine wird die Militärbudgets in Europa explodieren lassen, während Pandemie-, Wirtschafts- und Umweltkrisen massive Investitionen erfordern.
Außerdem werden wirtschaftliche Waffen massiv im Dienste des Militarismus eingesetzt: China hatte Australien bereits mit wirtschaftlichen Vergeltungsmaßnahmen gedroht, weil das Land die chinesische Politik in Hongkong oder Xinjiang kritisierte, und Algerien, das mit Marokko im Konflikt steht, hat die Gaslieferungen an dieses Land eingestellt, aber der Krieg in der Ukraine verleiht dieser Art von Politik noch eine andere Dimension: Die USA und die europäischen Länder nutzen sie, um Russland in die Knie zu zwingen, und die USA drohen China mit Vergeltungsmaßnahmen, falls es Russland unterstützt; letztere nutzen sie auch, um Druck auf Europa auszuüben (US-Gas als Ersatz für russisches Gas). Das Krebsgeschwür des Militarismus belastet zunehmend den Handel und die Wirtschaftspolitik der Staaten.
Die Folgen des Ukraine-Krieges für die wirtschaftliche Situation vieler Länder sind dramatisch: Russland ist ein wichtiger Düngemittel- und Energielieferant, Brasilien ist für seine Ernten auf Düngemittel angewiesen. Die Ukraine ist ein großer Exporteur von Agrarprodukten, und die Preise für Lebensmittel wie Weizen drohen in die Höhe zu schießen; Staaten wie Ägypten, die Türkei, Tansania oder Mauretanien sind zu 100 % von russischem oder ukrainischem Weizen abhängig und stehen am Rande einer Hungerkrise; Sri Lanka oder Madagaskar, die bereits überschuldet sind, sind bankrott. Laut UN-Generalsekretär droht die Ukraine-Krise "bis zu 1,7 Milliarden Menschen – mehr als ein Fünftel der Menschheit – in Armut, Not und Hunger zu stürzen" (UN info, 13. April 2022); die wirtschaftlichen und sozialen Folgen werden weltweit und unabsehbar sein: Verarmung, Elend, Hunger, Aufstände...
Die erhebliche Beschleunigung des Militarismus verlangt von Revolutionären, die aktuelle Kriegsdynamik konkret zu untersuchen und die Herausforderungen und Gefahren der gegenwärtigen Periode genau zu benennen. Es geht keineswegs darum, über das "Geschlecht der Engel" zu diskutieren, sondern darum, alle Konsequenzen dieser Dynamik für die Bestimmung des Kräfteverhältnisses, der Verbindung von Krieg und Klassenkampf und der Dynamik der heutigen Arbeiterkämpfe sowie für unsere Intervention in Bezug auf diese zu erfassen.
In den letzten zehn Jahren hat sich tatsächlich eine Polarisierung zwischen den USA und China entwickelt. Diese Polarisierung ist in erster Linie das Ergebnis einer Änderung der US-Politik, die sich im Laufe der Obama-Regierung durchgesetzt hat. "2011 war die US-Führung zu dem Schluss gekommen, dass ihr obsessiver Krieg gegen den Terrorismus – obwohl er im Kongress und in der Öffentlichkeit immer noch populär war – ihren Status als Supermacht geschwächt hatte. Bei einem geheimen Treffen im Sommer jenes Jahres beschloss die Regierung von Barack Obama, einen Schritt zurück zu machen und der Konkurrenz mit China eine höhere strategische Bedeutung beizumessen als dem Krieg gegen den Terrorismus. Dieser neue Ansatz, der als ‚Tilt to the East‘ [Neigung nach Osten] bezeichnet wird, wurde vom US-Präsidenten während einer Rede vor dem australischen Parlament in Canberra am 17. November 2011 angekündigt" (LMD, März 2022, S. 7). Die wachsende Erkenntnis, dass der gefährlichste Herausforderer für die Aufrechterhaltung der schwindenden Führungsrolle der USA China ist, hat dazu geführt, dass die wirtschaftlichen und militärischen Mittel neu positioniert wurden, um dieser Hauptgefahr zu begegnen. Der Widerstand der Taliban in Afghanistan und das Entstehen der Organisation Islamischer Staat verzögerten und verlangsamten die Umsetzung dieser Politik durch die Obama-Regierung, sodass sie erst mit der Trump-Regierung voll zum Tragen kam und in der vom damaligen Verteidigungsminister James Mattis entworfenen "Nationalen Verteidigungsstrategie" formuliert wurde.
Somit geht diese Tendenz zur Polarisierung hauptsächlich von den USA aus und ist die aktuelle Strategie der untergehenden Supermacht, um ihre Hegemonie aufrechtzuerhalten. Nachdem ihre Positionierung als "Weltpolizist" gescheitert ist, konzentriert sie sich nun auf eine Politik, die darauf abzielt, ihren gefährlichsten Herausforderer zu kontern. Für China hingegen ist eine solche Polarisierung derzeit höchst störend[3]: Trotz seiner derzeitigen massiven Investitionen in seine Armee ist sein Rückstand bei der Entwicklung seiner militärischen Ausrüstung immens und seine technologische und wirtschaftliche Entwicklung (Seidenstraße) erfordert derzeit die Aufrechterhaltung der Globalisierung und der Multipolarität. Wie schon seit 1989 mit der imperialistischen Politik der USA wird auch die derzeitige Politik der Polarisierung das Chaos und das imperialistische Jeder-gegen-jeden nur noch weiter verschärfen. Dies zeigt sich heute deutlich an der russischen Invasion in der Ukraine, der massiven Aufrüstung Deutschlands, der zunehmenden Aggressivität des japanischen Imperialismus, der Sonderstellung Indiens, den Manövern der Türkei etc.
Erinnern wir uns zunächst an die Position der IKS zur Blockbildung nach 1990: "Während sich die Konstituierung von Blöcken historisch als die Konsequenz aus der Entwicklung des Militarismus und Imperialismus darstellt, bildet die Zuspitzung der beiden in der gegenwärtigen Phase im Leben des Kapitalismus paradoxerweise ein Haupthindernis bei der Bildung eines neuen Blocksystems, das an die Stelle der alten Blockkonstellation treten könnte“ („Militarismus und Zerfall“, 1991, in Internationale Revue Nr. 13, Punkt 9). Inwieweit begünstigen die aktuellen Konflikte die Faktoren, die für die Entstehung einer Dynamik in Richtung Blockbildung angeführt werden?
(a) Da Waffengewalt zum wichtigsten Faktor geworden ist, um das globale Chaos einzudämmen und sich als Blockführer zu behaupten, und die USA über eine Militärmacht verfügen, die der gesamten Militärmacht der anderen Großmächte entspricht, verfügt derzeit kein Land über ein "militärisches Potenzial, um die Führungsrolle in einem Block zu beanspruchen, der mit dem von dieser Macht geführten Block konkurrieren könnte", was durch den Krieg in der Ukraine noch einmal verdeutlicht wird. Da „die Herausforderungen und die Dimension der Konflikte zwischen den Blöcken immer globalere, allgemeinere Ausmaße annehmen (je mehr Gangster kontrolliert werden müssen, desto stärker muß der "Gangsterboß" sein); (…) Und je mehr Schäden die historische Krise und ihre offene Form anrichtet, desto stärker muß ein Blockführer sein, um die Auflösungstendenzen der verschiedenen nationalen Fraktionen einzugrenzen und zu kontrollieren. Es liegt auf der Hand, daß sich in der letzten Phase der Dekadenz, im Zerfall, ein solches Phänomen nur noch ins Unermessliche steigern kann.“ (ebenda, Punkt 11)
(b) „Gleichermaßen entspricht die Formierung von imperialistischen Blöcken der Notwendigkeit, eine solche Disziplin auch den verschiedenen nationalen Bourgeoisien aufzuzwingen, um ihre wechselseitigen Antagonismen einzuhegen und sie für die Hauptkonfrontation, nämlich die zwischen den beiden militärischen Lagern, zusammenzuschließen“ ("Militarismus und Zerfall“, Pkt. 4). Sehen wir heute angesichts dieser Tatsache eine Tendenz, diese Disziplin zu verstärken? Die Tatsache, dass die USA den europäischen Staaten im Rahmen des Krieges in der Ukraine eine Disziplin innerhalb der NATO auferlegt haben, ist nur vorübergehend und zeigt bereits Risse auf: Die Türkei macht "Alleingänge", Ungarn bricht die Brücken zu Russland nicht ab, Deutschland, das die Füße stillhält, Frankreich drängt auf die Bildung eines europäischen Pols. Das Bündnis zwischen China und Russland ist seinerseits von begrenzter Reichweite und China hütet sich davor, sich zu sehr an der Seite Russlands zu engagieren, während andere Länder in der Welt sehr zurückhaltend sind, was ein Engagement an der Seite von Konfliktmächten angeht.
Kurzum, obwohl es eine Polarisierung insbesondere um die amerikanische Supermacht gibt und in diesem Rahmen punktuelle Allianzen entstehen können (USA-Japan-Korea; Türkei-Russland in Syrien; China-Russland) oder alte Allianzen vorübergehend wiederbelebt werden (NATO), deuten die Tendenzen in den gegenwärtigen imperialistischen Konfrontationen nicht auf eine Dynamik in Richtung der Bildung von zwei antagonistischen Blöcken hin, wie wir sie vor dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg oder während des "Kalten Krieges" beobachten konnten: "(...) in der Ära nach dem Kalten Krieg haben die Staaten keine dauerhaften Freunde oder Sponsoren mehr, sondern fluktuierende, schwankende, zeitlich begrenzte Verbündete" (LMD, Mai 2022, S. 8).
Die Blockbildung war bis zur Zerfallsphase eine vorherrschende Tendenz. In dieser Phase geht die Tendenz angesichts der in dieser Phase verschärften Merkmale eher in Richtung Krieg ohne Blockbildung: "In der neuen historischen Epoche, in die wir eingetreten sind und die von den Ereignissen am Persischen Golf bestätigt wird, zeigt sich die Welt als ein riesiger Hexenkessel, in dem die Tendenz zum "Jeder für sich" voll zum Tragen kommt und in dem die zwischenstaatlichen Allianzen weit entfernt von jener Stabilität sind, die die Blöcke auszeichnen, sondern von den Bedürfnissen des Moments diktiert sind. Eine Welt in tödlicher Unordnung, in blutigem Chaos, in dem der amerikanische Gendarm für ein Minimum an Ordnung durch den immer massiveren und brutaleren Einsatz seiner Militärmacht zu sorgen versucht. ("Militarismus und Zerfall“, Punkt 11)
Ist die gegenwärtige Dynamik auf einen Weltkrieg ausgerichtet, d.h. eine allgemeine Konfrontation zwischen Ländergruppen, die sich hinter ihren jeweiligen "Bossen" gruppieren?
Die Weltkriege, die wir in der kapitalistischen Dekadenz erlebt haben, waren alle mit der Existenz von Koalitionen hinter einem "Anführer" verbunden, deren Architektur lange vor dem Ausbruch des Konflikts festgelegt wurde, der aufgrund der Blocklogik in weltweite Konfrontationen mündete: 1914 standen sich zwei große Allianzen gegenüber: die Entente (die Triple-Entente England, Frankreich und Russland, ab 1907 und später die Quadruple-Entente nach dem Beitritt Italiens 1915) gegenüber der Triplice (die Triple-Allianz zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, gegründet 1882, verlängert 1887 und bestätigt 1891/1896); zwei Bündnisachsen standen sich 1939 gegenüber: die Achse Rom-Berlin-Tokio (1936 geschlossen und im August '39 durch den Deutsch-Sowjetischen Pakt ergänzt) und der Bündnispakt zwischen Frankreich und Großbritannien in Kombination mit zwei Dreierbündnissen (Frankreich-Großbritannien-Polen und Frankreich-Großbritannien-Türkei) sowie einer "Verständigungspolitik" zwischen Großbritannien und den USA; schließlich standen sich zwischen 1945-1989 die beiden Blöcke des Westens und des Ostens (die NATO und der Warschauer Pakt) gegenüber. Außerdem bedeuteten solche Kriege die massive Mobilisierung riesiger Armeen, während die Bourgeoisie heute Massenmobilisierungen von Bevölkerungen vermeidet (außer teilweise in der Ukraine) und die Armeen der Hauptimperialismen seit den 1990er Jahren sich neu strukturiert haben (Verringerung ihrer Massivität, Aufbau spezialisierter Berufstruppen und Entwicklung von Technologien im Zusammenhang mit militärischer Robotik und Kybernetik im Fall der Armeen der USA, Chinas, Russlands und Europas) und weitgehend private Söldner und 'Vertragsarbeiter' einsetzen.
Die oben dargelegte Analyse darf uns keineswegs beruhigen, was die Gefahr von Kriegen in der Zerfallsphase trotz fehlender Blockdynamik betrifft. Wir müssen uns nämlich bewusst sein, dass ein solcher Kontext keineswegs bedeutet, dass ein bedeutender kriegerischer Konflikt ausgeschlossen und dass die Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Großmächten vernachlässigbar wäre, ganz im Gegenteil: "In der Tat befand sich nicht die Bildung zweier imperialistischer Blöcke am Ausgangspunkt des Militarismus und des Imperialismus. Das Gegenteil ist der Fall: die Bildung der Blöcke ist nur die äußerste Konsequenz (die in einem gegebenen Zeitpunkt die Ursachen selbst verschärfen kann), eine Manifestation (und sicher nicht die einzige) des Versinkens des dekadenten Kapitalismus im Militarismus und im Krieg" („Militarismus und Zerfall“, Punkt 5).
Das Nichtexistenz von Blöcken macht die Situation paradoxerweise gefährlicher, da Konflikte durch eine größere Unvorhersehbarkeit gekennzeichnet sind: "Mit seiner Ankündigung, seine ‚Waffen der nuklearen Abschreckung‘ in Alarmbereitschaft zu versetzen, hat der russische Präsident Wladimir Putin alle Generalstäbe gezwungen, ihre Doktrinen, die meist aus dem Kalten Krieg stammen, zu aktualisieren. Die Gewissheit der gegenseitigen Vernichtung – das englische Akronym MAD bedeutet ‚verrückt‘ – reicht nicht mehr aus, um die Möglichkeit taktischer, angeblich begrenzter Nuklearschläge auszuschließen. Mit dem Risiko eines unkontrollierten Amoklaufs" (LMD, April 2022, S. 1). Paradoxerweise kann man nämlich argumentieren, dass die Blockbildung die Möglichkeiten eines Ausrutschers einschränkte
- wegen der Blockdisziplin;
- auch wegen der Notwendigkeit, dem Weltproletariat in den Zentren des Kapitalismus zuvor eine entscheidende Niederlage zuzufügen (vgl. die Analyse des historischen Kurses in den 1980er Jahren).
Obwohl es also derzeit keine Aussicht auf eine Blockbildung oder einen 3. Weltkrieg gibt, ist die Situation gleichzeitig durch eine größere Gefährlichkeit gekennzeichnet, die mit der Intensivierung des Jeder-gegen-jeden und der zunehmenden Irrationalität zusammenhängt: Die Unvorhersehbarkeit der Entwicklung der Konfrontationen, die Möglichkeiten ihrer Entgleisung, die stärker ist als in den 50er bis 80er Jahren, kennzeichnen die Phase des Zerfalls und stellen eine der besonders besorgniserregenden Dimensionen dieser qualitativen Beschleunigung des Militarismus dar.
Abschließend müssen wir verstehen, dass sich die Bedingungen des Krieges zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg einerseits und den heutigen Bedingungen andererseits grundlegend unterscheiden und dementsprechend auch die Perspektiven für das Proletariat. Während das Abgleiten in die Barbarei in der Ukraine zerstörerisch und brutal ist, ist auch die Bedeutung solcher Konflikte für die Arbeiterklasse schwieriger zu begreifen. Während Verbrüderungen im Ersten Weltkrieg technisch und politisch möglich geworden waren – Arbeiter waren immer noch in der Lage, über die Schützengräben hinweg zu kommunizieren –, gibt es heute kein solches Potenzial. Es gibt auch keine Hunderttausende von Menschen, die gemeinsam an den Fronten zusammengezogen sind, mit Möglichkeiten für Diskussionen, massive Reaktionen gegen ihre Vorgesetzten und Revolten.
Wir können daher im Moment keine Klassenreaktion an der Kriegsfront erwarten, auch wenn russische Soldaten desertieren oder sich weigern könnten, für die Ukraine eingezogen zu werden. Die Arbeiterklasse hat heute nicht die Fähigkeit, Klassenwiderstand gegen den imperialistischen Krieg zu leisten – weder in der Ukraine noch in Russland – und im Moment auch nicht im Westen. Was die allgemeineren Perspektiven für die Entwicklung des Klassenkampfes heute betrifft, so werden sie im Bericht über die Lage des Klassenkampfes behandelt.
IKS 09.05.2022
IKS 09.05.2022
[1] Die Biden-Fraktion will Russland auch "zur Rechenschaft ziehen" für seine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der USA, zum Beispiel durch die Versuche, die jüngeren Präsidentschaftswahlen zu manipulieren.
[2] "Xi hat nur eine 50%ige Chance, für eine dritte Amtszeit als Präsident wiedergewählt zu werden, weil er drei große Fehler begangen hat, erklärt eine anonyme Quelle, die von dem britischen Journalisten Mark O'Neill, einem in Hongkong lebenden China-Kenner, zitiert wird. Der erste ist der, dass er die diplomatischen Beziehungen Chinas seit 2012 ruiniert hat. Als er an die Macht kam, unterhielt China gute Beziehungen zu den meisten Ländern der Welt. Nun sind seine Beziehungen zu vielen dieser Länder, insbesondere zum Westen und zu seinen Verbündeten in Asien, durch ihn geschädigt. Zweitens hat die ‚Null-Covid‘-Politik der chinesischen Wirtschaft großen Schaden zugefügt, die das für dieses Jahr erwartete BIP-Wachstum von 5,5 Prozent nicht erreichen wird. Nahezu 50 Städte sind gesperrt und ein Ende ist nicht in Sicht. Der dritte Grund ist seine Ausrichtung auf Putin. Dadurch wurden die ohnehin schon schlechten Beziehungen zu Europa und Nordamerika noch weiter beschädigt. Chinesische Unternehmen sind nun angewiesen, keine neuen Verträge mit russischen Firmen abzuschließen, da dies Sanktionen nach sich ziehen könnte. Wo ist der Nutzen für China?" (zitiert aus „‘Zero Covid‘ in China: Xi Jinping stramm in seinen Stiefeln, taub für Wirtschaftsalarm", P.-A. Donnet, Asialyst, 07.05.22)
[3] Durchgesickerte Informationen aus dem Pentagon enthüllten, dass das chinesische militärische Oberkommando gegen Ende der Amtszeit Trumps heimlich Kontakt mit dem Pentagon aufgenommen hatte, weil es sich über die Gefahr eines atomaren Angriffs auf China durch Trump beunruhigte.
Die Organisationen der Kommunistischen Linken müssen ihr gemeinsames Erbe, das Festhalten an den Prinzipien des proletarischen Internationalismus, geschlossen verteidigen, insbesondere in einer Zeit großer Gefahren für die Weltarbeiterklasse. Die Rückkehr des imperialistischen Gemetzels nach Europa im Krieg in der Ukraine ist ein solcher Zeitpunkt. Deshalb veröffentlichen wir im Folgenden mit anderen Unterzeichner:innen aus der Tradition der Kommunistischen Linken (und einer Gruppe mit einem anderen Werdegang, die die Erklärung voll unterstützt) eine gemeinsame Erklärung zu den grundlegenden Perspektiven für die Arbeiterklasse angesichts des imperialistischen Krieges.
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Die Arbeiter:innen haben kein Vaterland!
Nieder mit allen imperialistischen Mächten!
Statt der kapitalistischen Barbarei: Sozialismus!
Der Krieg in der Ukraine wird aufgrund der widersprüchlichen Interessen der verschiedenen großen und kleinen imperialistischen Mächte geführt - nicht im Interesse der Arbeiterklasse, die eine Klasse der internationalen Einheit ist. Es ist ein Krieg um strategische Gebiete, um militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft, der offen und verdeckt von den Kriegstreibern an der Spitze der US-amerikanischen, russischen und der westeuropäischen Staatsapparate geführt wird, wobei die ukrainische herrschende Klasse als keineswegs unschuldiger Spielball auf dem imperialistischen Weltschachbrett agiert.
Die Arbeiterklasse, nicht der ukrainische Staat, ist das eigentliche Opfer dieses Krieges, sei es in Form von abgeschlachteten, wehrlosen Frauen und Kindern, hungernden Flüchtlingen oder eingezogenem Kanonenfutter in einer der beiden Armeen, oder in Form der zunehmenden Not, die die Auswirkungen des Krieges für die Arbeiter:innen in allen Ländern mit sich bringen werden.
Die Kapitalistenklasse und ihre bürgerliche Produktionsweise können ihre nationalen Konkurrenzkämpfe, die zum imperialistischen Krieg führen, nicht überwinden. Das kapitalistische System kann nicht verhindern, dass es in eine größere Barbarei versinkt.
Die Weltarbeiterklasse kommt ihrerseits nicht umhin, ihren Kampf gegen die Verschlechterung der Löhne und des Lebensstandards zu entwickeln. Der jüngste Krieg, der größte in Europa seit 1945, warnt die Welt vor den Zukunftsaussichten im Kapitalismus, wenn der Kampf der Arbeiterklasse nicht zum Sturz der Bourgeoisie und ihrer Ersetzung durch die politische Macht der Arbeiterklasse, die Diktatur des Proletariats, führt.
Der russische Imperialismus will den enormen Rückschlag von 1989 wettmachen und wieder eine Weltmacht werden. Die USA wollen ihren Status als Supermacht und ihre Weltherrschaft bewahren. Die europäischen Mächte fürchten die russische Expansion, aber auch die erdrückende Vorherrschaft der USA. Die Ukraine will sich mit dem stärksten imperialistischen Macho verbünden.
Seien wir ehrlich, die USA und die westlichen Mächte haben die überzeugendsten Lügen und die größte Lügenmaschine in den Medien, um ihre wahren Ziele in diesem Krieg zu rechtfertigen - sie reagieren angeblich auf die russische Aggression gegen kleine souveräne Staaten, verteidigen die Demokratie gegen die Autokratie des Kremls und halten die Menschenrechte angesichts der Brutalität Putins hoch.
Die stärkeren imperialistischen Gangster haben in der Regel die bessere Kriegspropaganda, die größere Lüge, weil sie ihre Feinde provozieren und dazu bringen können, zuerst zu feuern. Aber erinnern wir uns an die ach so friedliche Vorgehensweise dieser Mächte in jüngster Zeit im Nahen Osten, in Syrien, im Irak und in Afghanistan, daran, wie die US-Luftstreitkräfte kürzlich die Stadt Mosul dem Erdboden gleichmachten, wie die Koalitionstruppen die irakische Bevölkerung unter dem falschen Vorwand, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen, ins Verderben stürzten. Erinnern wir uns weiter zurück an die zahllosen Verbrechen dieser Demokratien gegen die Zivilbevölkerung im vergangenen Jahrhundert, sei es in den 1960er Jahren in Vietnam, in den 1950er Jahren in Korea, während des Zweiten Weltkriegs in Hiroshima, Dresden oder Hamburg. Die russischen Gräueltaten gegen die ukrainische Bevölkerung stammen im Wesentlichen aus demselben imperialistischen Drehbuch.
Der Kapitalismus hat die Menschheit in die Ära des permanenten imperialistischen Krieges katapultiert. Es ist eine Illusion, von ihm zu verlangen, den Krieg zu "beenden". "Frieden" kann höchstens ein Intermezzo im kriegerischen Kapitalismus sein.
Je mehr er in einer unlösbaren Krise versinkt, desto größer wird die militärische Zerstörung sein, die der Kapitalismus neben seinen wachsenden Katastrophen der Umweltverschmutzung und Seuchen mit sich bringt. Der Kapitalismus ist verrottet und reif für eine revolutionäre Veränderung.
Das kapitalistische System, das immer mehr zu einem System des Krieges mit all seinen Schrecken wird, findet derzeit keinen nennenswerten Klassenwiderstand gegen seine Herrschaft, so dass das Proletariat unter der sich verschärfenden Ausbeutung seiner Arbeitskraft und den ultimativen Opfern leidet, die der Imperialismus von ihm auf dem Schlachtfeld fordert.
Die Entwicklung der Verteidigung seiner Klasseninteressen sowie seines Klassenbewusstseins, das durch die unverzichtbare Rolle der revolutionären Avantgarde gefördert wird, birgt ein noch größeres Potenzial des Proletariats, nämlich die Fähigkeit, sich als Klasse zu vereinigen, um den politischen Apparat der Bourgeoisie vollständig zu stürzen, wie es 1917 in Russland geschah und damals in Deutschland und anderswo drohte. Das heißt, das System zu stürzen, das zum Krieg führt. Die Oktoberrevolution und die Aufstände, die sie in den anderen imperialistischen Mächten auslöste, sind in der Tat ein leuchtendes Beispiel nicht nur für den Widerstand gegen den Krieg, sondern auch für einen Angriff auf die Macht der Bourgeoisie.
Heute sind wir noch weit von einer solchen revolutionären Periode entfernt. Auch die Bedingungen des Kampfes des Proletariats unterscheiden sich von denen, die zur Zeit des ersten imperialistischen Gemetzels herrschten. Was jedoch angesichts des imperialistischen Krieges gleich bleibt, sind die Grundprinzipien des proletarischen Internationalismus und die Pflicht der revolutionären Organisationen, diese Prinzipien innerhalb des Proletariats mit aller Kraft zu verteidigen, wenn nötig auch gegen den Strom.
Die Dörfer Zimmerwald und Kienthal in der Schweiz wurden berühmt als Treffpunkte der Sozialist:innen beider Seiten im Ersten Weltkrieg mit dem Ziel, einen internationalen Kampf zur Beendigung des Gemetzels zu beginnen und die patriotischen Führer der sozialdemokratischen Parteien anzuprangern. Auf diesen Treffen brachten die Bolschewiki, unterstützt von der Bremer Linken und der Niederländischen Linken, die wesentlichen Prinzipien des Internationalismus gegen den imperialistischen Krieg vor, die auch heute noch gültig sind:
keine Unterstützung weder für das eine noch für das andere imperialistische Lager; die Ablehnung aller pazifistischen Illusionen; und die Erkenntnis, dass nur die Arbeiterklasse und ihr revolutionärer Kampf dem System, das auf der Ausbeutung der Arbeitskraft beruht und ständig imperialistische Kriege hervorbringt, ein Ende setzen können.
In den 1930er und 1940er Jahren war es nur die politische Strömung, die sich heute Kommunistische Linke nennt, die an den von den Bolschewiki im Ersten Weltkrieg entwickelten internationalistischen Prinzipien festhielt. Die Italienische Linke und die Niederländische Linke stellten sich im zweiten imperialistischen Weltkrieg aktiv gegen beide Seiten und lehnten sowohl die faschistischen als auch die antifaschistischen Rechtfertigungen für das Gemetzel ab - im Gegensatz zu den anderen Strömungen, die die proletarische Revolution forderten, einschließlich des Trotzkismus. Damit verweigerten diese kommunistischen Linken dem Imperialismus des stalinistischen Russlands jegliche Unterstützung in diesem Konflikt.
Heute, angesichts der Beschleunigung des imperialistischen Konflikts in Europa, halten die politischen Organisationen, die sich auf das Erbe der Kommunistischen Linken stützen, weiterhin die Fahne des konsequenten proletarischen Internationalismus hoch und bieten einen Bezugspunkt für diejenigen, die die Prinzipien der Arbeiterklasse verteidigen.
Deshalb haben die Organisationen und Gruppen der Kommunistischen Linken, die heute zahlenmäßig klein und wenig bekannt sind, beschlossen, diese gemeinsame Erklärung herauszugeben und die internationalistischen Prinzipien, die gegen die Barbarei zweier Weltkriege geschmiedet wurden, so weit wie möglich zu verbreiten.
Keine Unterstützung für irgendeine Seite bei dem imperialistischen Gemetzel in der Ukraine.
Keine Illusionen in Pazifismus: Der Kapitalismus kann nur durch endlose Kriege leben.
Nur die Arbeiterklasse kann dem imperialistischen Krieg durch ihren Klassenkampf gegen die Ausbeutung ein Ende setzen, der zum Sturz des kapitalistischen Systems führt.
Arbeiter:innen der Welt, vereinigt euch!
---
Internationale Kommunistische Strömung (www.internationalism.org [109])
Istituto Onorato Damen (https://www.istitutoonoratodamen.it/ [110])
Internationalist Voice (en.internationalistvoice.org [111])
Die Gruppe Internationalist Communist Perspective (Korea) unterstützt die gemeinsame Erklärung vollkommen (국제코뮤니스트전망 - International Communist Perspective (jinbo.net) [112].
6. April 2022
Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine vor den Toren Europas trägt auf gefährliche Weise zur explosiven Anhäufung der Widersprüche des Kapitalismus bei: ökologische Katastrophe, Wiederaufflammen von Pandemien, verheerende Inflation, immer irrationalere Kriege aus der Sicht der Bourgeoisie selbst, immer kurzlebigere Bündnisse, die von einem Jeder-für-sich dominiert werden, Destabilisierung immer größerer Teile der Welt, sozialer Zerfall und Zersplitterung, Fluchtmigration etc. In der gegenwärtigen Situation kann das Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse, wie schon angesichts des Ersten Weltkriegs, nur der weltweite Sturz des Kapitalismus sein. Davon hängt das Überleben der Menschheit selbst ab.
Angesichts des Ersten Weltkriegs, des Aderlasses und der enormen wirtschaftlichen Opfer hatte sich die Arbeiterklasse vom Verrat der sozialdemokratischen Parteien erholen können, die sie in den Weltkonflikt hineingezogen hatten. Im Zweiten Weltkrieg war dies nicht möglich gewesen, da die wichtigsten Teile des Proletariats von der stalinistischen Konterrevolution niedergewalzt, bei der Niederlage der Revolution in Deutschland zerschlagen und unter die Knute des Faschismus gezwungen wurden, um sich für die Verteidigung der Demokratie und den Antifaschismus zu engagieren.
Seit der historischen Wiederaufnahme der Klassenkämpfe 1968 hat das Proletariat keine so große Niederlage erlitten, dass die Bourgeoisie heute in der Lage wäre, ihre konzentriertesten und erfahrensten Teile im Herzen des Kapitalismus mit den Angriffen zu konfrontieren, die aus der Verschärfung der Weltwirtschaftskrise, den wirtschaftlichen Kosten der Kriege – insbesondere in der Ukraine – und der weltweiten Stärkung des Militarismus resultieren; aber auch mit den wirtschaftlichen Folgen der Klimaerwärmung, der weltweiten Desorganisation der Produktion usw.
Nicht alle Teile des Weltproletariats befinden sich in demselben Kräfteverhältnis gegenüber der Bourgeoisie. Das Proletariat in der Ukraine hat, indem es sich hinter die Fahne der nationalen Verteidigung einspannen ließ, eine große politische Niederlage erlitten, die durch die Massaker des Krieges noch verstärkt und verschlimmert wurde. Das Proletariat in Russland, dessen Lage nicht so kritisch ist, hat dennoch bei weitem nicht die Mittel, um sich auf seinem Klassenterrain dem Krieg in der Ukraine zu widersetzen.
Der Kapitalismus hat sich in den verschiedenen Regionen der Welt ungleichmäßig entwickelt. Dasselbe gilt für das Proletariat, das ein Produkt dieses Systems ist. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem der Weltmarkt entstanden und der Kapitalismus in seine historische Krise eingetreten war, gibt es daher erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Fraktionen des Proletariats in der Welt. Im historischen Herzen des Kapitalismus, in Westeuropa, wo die Arbeiterklasse schon am längsten konzentriert ist, hat sie unersetzliche historische Erfahrungen gemacht, die ihrem Klassenkampf eine potenzielle Stärke verleihen, die es in keinem anderen Land der Welt gibt. Nicht einmal in den USA, die im 20. Jahrhundert alle anderen Mächte überholten, und noch weniger in China, obwohl es im 21. Jahrhundert rasant zur zweitgrößten Macht der Welt aufgestiegen ist.[1] Westeuropa, wo die weltweit erfahrensten Teile der Bourgeoisie und des Proletariats aufeinandertreffen, wird für den Prozess der weltweiten Verbreitung des Klassenkampfes entscheidend sein.
Die Geschichte des Klassenkampfes selbst belegt die entscheidende Rolle, die das westeuropäische Proletariat spielen wird.
Was das westeuropäische Proletariat von anderen Teilen des Weltproletariats unterscheidet, sind die historischen Erfahrungen, die Konzentration, das historische Bewusstsein, der Widerstand gegen die Mystifikationen der Bourgeoisie und insbesondere die demokratische Mystifikation.
Aufschlussreich ist die Erinnerung an die "berühmtesten" Erfahrungen:
- Die Pariser Kommune, vom 18. März bis zum 28. Mai 1871, ist in der Geschichte die erste Konkretisierung der Notwendigkeit und der Möglichkeit der Übernahme der politischen Macht durch die Arbeiterklasse[2];
- Die revolutionäre Welle von 1917-1923: Sie ging von Europa aus, hatte aber Auswirkungen auf die ganze Welt. Ihren Höhepunkt erreichte sie in Russland mit der Machtergreifung des Proletariats im Jahr 1917, doch danach verlagerte sich ihr Schwerpunkt nach Europa, vor allem nach Deutschland. Tatsächlich ist die Russische Revolution die Ausnahme, die die Regel bestätigt, wie die von Lenin tausendfach betonte Tatsache zeigt, dass es ein "historischer Zufall" war, dass es den Russen zufiel für kurze Zeit das Banner der Revolution zu tragen, da die Machtergreifung in Deutschland für das Schicksal der Weltrevolution entscheidend war.
- Die historische Wiederaufnahme der Klassenkämpfe im Jahr 1968, die das Ende der Konterrevolution einläutete, wurde durch den Ausbruch des französischen Proletariats im Mai jenes Jahres eingeleitet, dem 1969 das Proletariat in Italien folgte, und diese Welle des Klassenkampfes breitete sich allmählich auf verschiedenen Ebenen auf verschiedene Teile der Welt aus. An dieser Stelle sei auf das Ausmaß und die Bedeutung der Klassenkämpfe des Proletariats in Polen in den Jahren 1971, 1976 und 1980 hingewiesen, die eine eindrucksvolle Bestätigung für die Rückkehr des Klassenkampfes auf weltweiter Ebene darstellten. "Eindeutig haben die Arbeiter in Polen viele Lehren aus ihren Erfahrungen von 1956, 1970 und 1976 gezogen. Aber im Gegensatz zu diesem Kämpfen in Gdansk, in Gdynia und Stettin 1970, in denen die Straßenkämpfe am bedeutendsten waren, hat der Klassenkampf der Arbeiter 1980 bewusst verfrühte Zusammenstöße vermieden. Es gab keine Tote. Die Arbeiter spürten, dass ihre Kraft vor allem in der Generalisierung, der Ausdehnung des Kampfes und in der Organisierung der Solidarität besteht.“[3]
In der Tat bildeten die Kämpfe in Polen den Höhepunkt der internationalen Wiederaufnahme der Kämpfe der Klasse, die 1968 in Frankreich eröffnet wurden. Sie zeugten von einem seit der revolutionären Welle von 1917-1923 nicht mehr erreichten Grad an Selbstorganisierung des Kampfes, was auf den ersten Blick unsere Analyse zu entkräften scheint, die die entscheidende Bedeutung des westeuropäischen Proletariats in den Mittelpunkt der revolutionären Perspektive stellt. In Wirklichkeit wurde unsere Analyse durch die Art und Weise bestätigt, wie jene Kämpfe von der Weltbourgeoisie niedergeschlagen wurden, wobei im Zentrum ihres Vorgehens gegen die Arbeiterklasse in Polen die Einschließung derselben hinter der Mystifikation der "freien" Gewerkschaften und der demokratischen Forderungen stand, durch die "materielle und politische Übernahme des Aufbaus des "Solidarnosc"-Apparats durch die Linke und die Gewerkschaften des Westens (Überweisungen von Geld, Druckmaterial, Delegationen, die dem Neuling die verschiedenen Techniken der Sabotage von Kämpfen beibringen sollen..."[4].
Die Art und Weise, wie die Bourgeoisie diesen Teil des Weltproletariats besiegt hat, verdeutlicht die tiefen Schwächen der Arbeiterklasse, die allen Ländern des ehemaligen Ostblocks gemein sind und sich in der Last demokratischer Illusionen und sogar der Religion ausdrücken. Diese Schwächen blieben nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sehr lebendig, da die totalitären stalinistischen Regime oftmals durch rechte "autoritäre" Regime ersetzt wurden.
Die Episode der Klassenkämpfe in Polen ist also keineswegs ein Gegenbeispiel für die Bedeutung des westeuropäischen Proletariats, sondern veranschaulicht sie im Gegenteil. Aus diesem Grund sind wir generell der Ansicht, dass aus den oben genannten historischen Gründen "das Epizentrum eines kommenden revolutionären Erdbebens im industriellen Herzen Westeuropas liegen wird, wo die optimalen Bedingungen für das Bewusstsein und die revolutionäre Kampffähigkeit der Klasse gegeben sind, was dem Proletariat dieser Zone eine Rolle als Avantgarde des Weltproletariats verleiht".[5]
Aus diesen Gründen haben Gebiete wie Japan und Nordamerika, obwohl sie die meisten materiellen Voraussetzungen für eine Revolution erfüllen, aufgrund der mangelnden Erfahrung und der ideologischen Rückständigkeit des dortigen Proletariats nicht die günstigsten Voraussetzungen für die Auslösung eines revolutionären Prozesses. Dies ist besonders deutlich in Bezug auf Japan, gilt aber in gewissem Maße auch für Nordamerika, wo sich die Arbeiterbewegung als Anhängsel der europäischen Arbeiterbewegung entwickelt hat, mit Besonderheiten wie dem Mythos "The Frontier"[6] oder auch, für eine ganze Periode, dem höchsten Lebensstandard der Arbeiterklasse in der Welt – was es der Bourgeoisie ermöglichte, sich einen viel stärkeren ideologischen Einfluss auf die Arbeiter zu sichern als in Europa.
Was das Proletariat in China betrifft, das zahlreichste der Welt (China ist die Werkstatt des Planeten), so entspricht seine Zahl keineswegs seiner Erfahrung[7] und es ist verwundbar (noch mehr als in den osteuropäischen Ländern) durch Manöver, die die Bourgeoisie ihm entgegensetzen wird, insbesondere die Gründung "freier" Gewerkschaften, wenn sich die Notwendigkeit dazu ergibt.
Die Anerkennung solcher Unterschiede bedeutet nicht, dass der Klassenkampf oder die Tätigkeit von Revolutionären in anderen Teilen der Welt als Westeuropa bedeutungslos ist. Tatsächlich ist die Arbeiterklasse global, ihr Klassenkampf existiert überall dort, wo sich Proletarier und Kapital gegenüberstehen. Die Lehren aus den verschiedenen Ausdrucksformen dieses Kampfes sind für die gesamte Arbeiterklasse gültig, wo auch immer sie stattfinden.[8]
Das westeuropäische Proletariat hält mehr denn je und trotz seiner gegenwärtig sehr großen Schwierigkeiten, die das gesamte Proletariat betreffen, den Schlüssel für eine weltweite Erneuerung des Klassenkampfes in der Hand, für das Weltproletariat, das in der Lage ist, den Weg zur Weltrevolution zu beschreiten. Aus all diesen Gründen und im Gegensatz zu dem, was Lenin am Beispiel der Russischen Revolution vorschnell verallgemeinert hatte, entfaltet sich eine solche Bewegung, die sich später auf die weiter entwickelten Länder ausdehne, eben gerade nicht zuerst in den Ländern, in denen die Bourgeoisie am schwächsten ist (das "schwächste Glied der kapitalistischen Kette").[9] Dort würde das Proletariat nicht nur seiner eigenen Bourgeoisie gegenüberstehen, sondern in der einen oder anderen Form würde die Weltbourgeoisie dafür sorgen, dass es mundtot gemacht wird.
Ende der 1960er Jahre waren in den USA die Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Weigerung vieler junger Arbeiter, für die Nation zu kämpfen, ein indirekter Vorbote der Eröffnung eines neuen globalen Kurses des Klassenkampfes, der das Ende eines halben Jahrhunderts der Konterrevolution markierte.
Seit der historischen Wiederaufnahme der Klassenkämpfe 1968 und während der gesamten Periode, in der die Welt in zwei rivalisierende imperialistische Blöcke geteilt war, hat ein dritter Weltkrieg nur deshalb nicht stattgefunden, weil die Arbeiterklasse in den wichtigsten Industrieländern Europas und in den Vereinigten Staaten – ungeschlagen und ideologisch nicht der Bourgeoisie unterworfen – nicht bereit war, die Opfer des Krieges an den Produktionsstätten oder an der Front zu akzeptieren.[10]
Auch wenn die neue weltweite Dynamik hin zu entscheidenden Klassenauseinandersetzungen es der Bourgeoisie unmöglich machte, auf einen Weltkrieg zuzusteuern, brachen überall dort "lokale" Kriege aus, wo das Proletariat keine gesellschaftliche Kraft darstellte, die in der Lage gewesen wäre, einen solchen Krieg zu verhindern. In diesen Kriegen standen sich Berufs- oder Söldnertruppen in den Diensten der Großmächte gegenüber in Ländern, in denen das lokale Proletariat nicht nur nicht die Kraft hatte, sich ihnen durch seinen eigenen Klassenkampf zu widersetzen, sondern in denen es zwangsweise oder mit Zustimmung auf die eine oder andere Seite gezogen wurde. Es ist jedoch keineswegs ein Zufall, dass in keinen dieser Konflikte das Proletariat der westeuropäischen Länder militärisch eingespannt werden konnte.
Seit dem Zusammenbruch der zwei Blöcke waren lokale Kriege noch stärker als in der vorangegangenen Periode allgegenwärtig, mörderisch und verheerend. Aber für keinen dieser Kriege war das Proletariat der westeuropäischen Länder für die Bourgeoisie mobilisierbar.
Und wenn diese Länder direkt Kriege anzettelten, wie 1991 im ehemaligen Jugoslawien, wurden immer Berufssoldaten mobilisiert, von denen ein Teil zugegebenermaßen Söhne von Proletariern waren, die ihre Arbeitskraft nirgendwo sonst verkaufen konnten. Aber meistens und gerade deshalb wurden diese Truppen auf die Rolle von sogenannten "Eingreifkräften" beschränkt.
Es ist bezeichnend, dass die Bourgeoisie in den Vereinigten Staaten, wo das Proletariat nicht die gleiche politische Kraft wie in Westeuropa darstellt, die Wehrpflichtigen (Proletarier in Uniform) mit Vorsicht und Umsicht für ihre Kriegseinsätze heranziehen konnte. Das Trauma des Vietnamkriegs ist jedoch noch nicht überwunden und die Bevölkerung (vor allem die Arbeiterklasse) reagiert immer noch empfindlich auf die Entsendung von Truppen, die aus Proletariern in Uniform bestehen, auf Kriegsschauplätze. Der Zweite Irakkrieg (2003) war in dieser Hinsicht eine weitere Warnung für die Bourgeoisie, die dazu neigte, zu glauben, das Vietnam-Syndrom sei verflogen. Nach einem Jahr der Besetzung des Irak durch amerikanische Truppen "haben das Klima der ständigen Unsicherheit der Truppen und die Rückkehr der "body bags" den – wenn auch relativen – patriotischen Eifer der Bevölkerung, auch im Herzen des "tiefen Amerikas", merklich abgekühlt"[11].
Seitdem war für Obama (in Bezug auf Syrien) und noch mehr für Trump (überall) die Doktrin "no boots on the ground" (keine Truppen auf dem Boden), die den amerikanischen Militärinterventionen Grenzen setzt.
Aus all diesen Gründen ist es unvorstellbar, dass in der gegenwärtigen Situation ein oder mehrere westeuropäische Länder eine Offensive starten, wie es Russland in der Ukraine getan hat.
So wie wir die Gründe für die Nichtbeteiligung des westeuropäischen Proletariats an kriegerischen Konflikten seit den späten 1960er Jahren erläutert haben, müssen wir auch verstehen, warum das Proletariat in einigen Ländern direkt in den Krieg hineingezogen wurde wie in der Ukraine oder sich ihm nicht widersetzte wie in Russland.
In den 1980er Jahren war das Industrieproletariat der UdSSR eines der größten der Welt. Die Arbeiter im Donbass in der Ukraine führten damals (Mitte der 1980er Jahre) Kämpfe, die den Eindruck erwecken konnten, dass das Proletariat im Osten die Initiative ergriff. Der Höhepunkt wurde mit den Kämpfen in Polen in den Jahren 1970, 1976 und 1980 erreicht, in denen es zu den oben erwähnten Massenmobilisierungen kam. In diesem Teil der Welt hingegen machte das Gewicht der Konterrevolution, verkörpert durch die Existenz totalitärer politischer Regime – die zwar starr und fragil waren – das Proletariat viel anfälliger für demokratische, gewerkschaftliche, nationalistische und sogar religiöse Mystifikationen.
Im Sommer 1989 kämpften 500.000 Bergarbeiter im Donbass (Ukraine) und in Südsibirien (die UdSSR existierte noch und die Ukraine war ein Teil davon) in der größten Bewegung seit 1917 für ihre Forderungen auf ihrem Klassenboden. Aber die Bewegung war damals (wie auch der Kampf in Polen 1980) von demokratischen Illusionen geprägt, die sie schließlich in die Sackgassen des Kampfes gegen den Totalitarismus, der Forderung nach "Autonomie" der Unternehmen trugen, damit diese den Teil der Kohle verkaufen könnten, der nicht an den Staat abgegeben werde.[12]
Angesichts des Zusammenbruchs des stalinistischen Blocks gab es statt Massenkämpfen des Proletariats Bewegungen, die vom Gewicht des separatistischen Nationalismus gegenüber der UdSSR und von demokratischen Illusionen geprägt waren. Dieselben Schwächen prägten das Chaos, das in den 1990er Jahren in der Russischen Föderation herrschte.
Eines der bedeutendsten Elemente der Schwäche des Proletariats im Osten war die Unfähigkeit, angesichts der stärksten Momente des Klassenkampfes wie 1980 in Polen bei Minderheiten ein Denken hervorzurufen, das es ihnen ermöglicht hätte, sich an den Positionen der Kommunistischen Linken zu orientieren.
Der Fall der Ukraine
Das ukrainische Proletariat ist sehr schwach entwickelt. Denn außerhalb des Bergbaubeckens und einiger Industriezentren in Kiew, Charkow oder Dnjepropetrowsk herrschte die handwerkliche Landwirtschaft vor. Eine solche Situation hat sich in den 1990er Jahren noch verschärft, wie wir in einem Artikel aus dem Jahr 2006 berichtet haben: "Laut der Volkszählung von 1989 zu dem Zeitpunkt, als der Urbanisierungsgrad in der Ukraine seinen Höhepunkt erreichte, lebten 33,1% der Bevölkerung des Landes auf dem Land. Von den 16 Regionen, die die orangefarbene Fraktion unterstützen sollten (Kiew nicht mitgerechnet), lag dieser Anteil nur in drei Regionen unter 41%. In fünf Regionen lag der Anteil zwischen 43 und 47 Prozent und in acht Regionen über 50 Prozent, in einigen Fällen sogar deutlich (Oblast Ternopol 59,2 Prozent; Oblast Zakarpate 58,9 Prozent). In den 1990er Jahren verschlechterte sich die Situation noch weiter: Die Industrie wurde zerstört, das kulturelle Niveau der Bevölkerung sank, die Arbeiter mussten auf ihre Gemüsegärten zurückgreifen, um zu überleben, und begannen, wieder auf dem Land zu arbeiten und ihre sozialen Beziehungen zu den Dörfern, in denen sie zudem viele Familienangehörige haben, wiederherzustellen. Daher hat der Einfluss der ländlichen kleinbürgerlichen Atmosphäre immens zugenommen."[13]
Im Jahr 1993, nach der Unabhängigkeit der Ukraine, gelang es den Arbeitern in der Industrieregion Pridneprovie, sich auf ihrem Klassenterrain zu mobilisieren und den Rücktritt von Präsident Kutschma und die Abhaltung allgemeiner Wahlen zu erzwingen. Doch schon 2004 ließ sich das Proletariat in die Streiks der Arbeitgeber und den Kampf zwischen den Fraktionen der Bourgeoisie in der so genannten "Orangen Revolution" locken, wo sich die Konfrontation zwischen der pro-russischen und der pro-amerikanischen Option durchsetzte. Seit der russischen Besetzung der Krim im Jahr 2014 hat diese Situation bereits zu bewaffneten Auseinandersetzungen geführt, in die das Proletariat hineingezogen wurde.
Angesichts des aktuellen Krieges in der Ukraine kommt es zu einer Mobilisierung der Bevölkerung, einschließlich des Proletariats. Die "Verteidigung des Vaterlandes" hat alle anderen Überlegungen überlagert.
Der Fall Russland
Die Bedeutung des Proletariats in Russland für das Weltproletariat ist größer als die des Proletariats in der Ukraine. Und obwohl alles, was wir über die Schwächen des Proletariats in den östlichen Ländern gesagt haben, auf jenes angewendet werden kann, wurde es dennoch nicht direkt in die Auseinandersetzungen zwischen den Fraktionen der Bourgeoisie mobilisiert; auch wenn es sicherlich ein großes Gewicht demokratischer Illusionen gibt, die durch Putins Ankunft und die Durchsetzung eines neuen Totalitarismus erheblich verstärkt wurden.
Trotz solcher Schwächen war das russische Proletariat jedoch nicht mobilisierbar. Dies ist sowohl Ursache als auch Folge der Auslösung der Roten Armee in Afghanistan: "Die Behörden können sich nicht auf den Gehorsam der "Roten" Armee selbst verlassen. In dieser sind die Soldaten, die den verschiedenen Minderheiten angehören, die heute ihre Unabhängigkeit fordern, immer weniger bereit, sich töten zu lassen, um die russische Vormundschaft über diese Minderheiten zu sichern. Hinzu kommt, dass die Russen selbst zunehmend davor zurückschrecken, diese Art Tätigkeit zu übernehmen. Das haben Demonstrationen wie die vom 19. Januar im südrussischen Krasnodar gezeigt, deren Slogans deutlich machten, dass die Bevölkerung nicht bereit ist, ein neues Afghanistan zu akzeptieren, Demonstrationen, die die Behörden dazu zwangen, die Tage zuvor mobilisierten Reservisten freizulassen.“[14]
In Russland bedeutet Krieg noch nicht die Mobilisierung der gesamten Bevölkerung, und wenn aus ihrer Mitte "Ersatz"-Soldaten rekrutiert werden, dann nur unter dem Deckmantel der Teilnahme an "Militärmanövern". In den russischen Medien wird die Anspielung auf den Krieg selbst zensiert und nur von einer "Sonderoperation" in der Ukraine berichtet. Und im Gegensatz zur patriotischen Stimmung in der Ukraine gibt es in Russland keine bekannten Demonstrationen öffentlicher Unterstützung für den Krieg (abgesehen natürlich von den offiziellen Zeremonien, die von der Putin-Clique inszeniert werden).
Dennoch gibt es aus den oben genannten Gründen derzeit keine Möglichkeit, dass das Proletariat in Russland allein die Kraft hat, den Krieg zu beenden, und seine künftige Reaktion auf die Situation ist bislang schwer genau vorherzusagen.
In den Jahren 1968-1980 bis zum Zusammenbruch des Ostblocks und der Auflösung des Westblocks war die Entwicklung der Kampfkraft und des Denkens des Weltproletariats, insbesondere in den Kernländern, Teil einer Dynamik, die aus drei aufeinanderfolgenden Wellen von Kämpfen bestand, wobei die ersten beiden Wellen durch die Manöver und Strategien der Bourgeoisie zur Bewältigung dieser Wellen vorübergehend gestoppt wurden. Die dritte Welle wurde mit den Folgen des Zusammenbruchs des Ostblocks konfrontiert, der den Klassenkampf aufgrund der Kampagnen der Bourgeoisie über den "Tod des Kommunismus" und der schwierigeren Bedingungen für den Klassenkampf in der nun beginnenden Phase des Zerfalls[15] des Kapitalismus tiefgreifend zurückwarf. In der Tat, wie wir bereits hervorgehoben haben, beeinträchtigt der Zerfall des Kapitalismus tiefgreifend die wesentlichen Dimensionen des Klassenkampfes: kollektives Handeln, Solidarität; - das Bedürfnis nach Organisation; - die Beziehungen die jedes Leben in der Gesellschaft begründen, indem sie diese dekonstruieren; - das Vertrauen in die Zukunft und in die eigenen Kräfte; - das Bewusstsein, die Klarheit, die Kohärenz und Einheit des Denkens, die Lust an der Theorie.[16]
Trotz dieser Schwierigkeiten war die Arbeiterklasse nicht verschwunden, wie eine Reihe von Versuchen des Klassenkampfes, sich einen Weg zu bahnen, illustrierte: 2003 (öffentlicher Sektor in Europa, insbesondere in Frankreich; 2006 (Kampf gegen den CPE in Frankreich, eine Mobilisierung der jüngeren Generation der Arbeiterklasse gegen die Prekarität); 2011 Mobilisierung der "Empörten", die von Ansätzen einer umfassenden Reflexion über den Bankrott des Kapitalismus zeugte; 2019 in Frankreich die Mobilisierung gegen die Rentenreform)[17]; Ende 2021/Anfang 2022 der Anstieg der Wut und Entwicklung der Kampfbereitschaft in den USA, Iran, Italien, Korea trotz des durch die Pandemie verursachten Betäubungseffekts.[18]
Unabhängig von den Schwierigkeiten, mit denen das Proletariat in diesem Zeitraum und insbesondere seit 1990 konfrontiert war, hat es in den wichtigsten Industrieländern keine Niederlage erlitten, was bedeutet, dass es in der Lage sein wird, seinen Klassenkampf wieder aufzunehmen und auf ein neues Niveau zu heben, angesichts der beispiellosen Flut von Angriffen, die alle seine Teile in allen Ländern der Welt und in allen Sektoren immer härter treffen werden.
Der Ausbruch des Krieges an den Toren Europas alarmiert das Weltproletariat erneut in Bezug auf das, was Revolutionäre bereits angesichts des Ersten Weltkriegs hervorgehoben hatten: Solange der Kapitalismus nicht gestürzt wird, drohen der Menschheit die schlimmsten Katastrophen und letztlich der Untergang. “Friedrich Engels sagte einmal: ‚Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma: entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.‘ Aber was bedeutet denn ein ‚Rückfall in die Barbarei‘ auf der Stufe der Zivilisation, die wir heute in Europa haben? (...) Werfen wir in diesem Augenblick einen Blick um uns herum, und wir werden verstehen, was ein Rückfall der bürgerlichen Gesellschaft in die Barbarei bedeutet. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur – sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte." (Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, 1915). In der gegenwärtigen Periode lautet das Dilemma, vor dem die Gesellschaft steht, genauer gesagt "Sozialismus oder Untergang der Menschheit".
Daher muss die Haltung der revolutionären Avantgarde gegenüber dem Ersten Weltkrieg heute unbedingt eine Inspiration für die Verteidigung des konsequenten Internationalismus sein, der nur dann Sinn macht, wenn die Notwendigkeit des Sturzes des Kapitalismus betont wird.
Der proletarische Internationalismus ist, wie die Erfahrung des Zusammenbruchs der Zweiten Internationale angesichts des Weltkriegs gezeigt hat, keine Absichtserklärung oder pazifistische Parole. Der proletarische Internationalismus ist die Verteidigung des Klassenkriegs gegen den imperialistischen Krieg und die Verteidigung der historischen Tradition der Prinzipien der Arbeiterbewegung, die von der Kommunistischen Linken verkörpert wird. Die Zimmerwalder Konferenz[19] – insbesondere die Debatten und Gegenüberstellungen der verschiedenen Positionen auf dieser Konferenz und die daraus resultierende politische Klärung – muss heute eine Quelle der Inspiration für konsequente Revolutionäre sein, um ihre Verantwortung sowohl bei der Umgruppierung der authentisch proletarischen Kräfte als auch bei der offenen, brüderlichen und kompromisslosen Konfrontation der zwischen ihnen bestehenden Divergenzen wahrzunehmen.
In diesem Sinne ist es notwendig, klarzustellen, dass die Bedingungen, mit denen das Proletariat heute konfrontiert ist, um daraus die Konsequenzen für das Eingreifen von Revolutionären zu ziehen, sich von denen des Ersten Weltkriegs unterscheiden:
- Während das Proletariat in der Ukraine eine tiefe Niederlage erlitten hat und das russische Proletariat in großen Schwierigkeiten steckt, gilt dies nicht für das Proletariat in anderen Ländern, insbesondere nicht für das westeuropäische Proletariat.
- Dennoch waren alle Teile des Weltproletariats von diesem Ereignis betroffen, das in ihren Reihen ein tiefes Gefühl der Ohnmacht auslöste. Kaum hatte das Proletariat begonnen, sich von dem Schock der Pandemie zu erholen, musste es einen zweiten Schlag hinnehmen, der noch härter war als der erste und sich unweigerlich auf seine Fähigkeit auswirkte und auswirken wird, sich gegen die gewaltigen wirtschaftlichen Angriffe zu mobilisieren, die auf es niederprasseln. Auch wenn die Streiks bereits zunehmen, ist unklar, wie lange das Proletariat noch brauchen wird, um sich angesichts der Flut von Angriffen in Bewegung zu setzen.
- Das Proletariat wird keine andere Wahl haben, als den historischen Weg seines Klassenkampfes gegen die Folgen der Ausbeutung wieder aufzunehmen. Durch diese Kämpfe kann es das Bewusstsein (das mit den Kampagnen über den „Tod des Kommunismus“ verloren ging) zurückgewinnen, eine eigenständige Klasse zu sein, die dem Kapitalismus antagonistisch gegenübersteht und nur auf die Solidarität ihrer verschiedenen Teile und ihre Einheit zählen kann ... es kann den Weg zurückfinden, auf dem es sich – eröffnet durch den Mai 1968 in Frankreich und die darauf folgenden Mobilisierungen weltweit – der Mittel, Ziele und Herausforderungen seines Kampfes bewusst wird.
- Der Erste Weltkrieg war ein Faktor, der das Bewusstsein für die Notwendigkeit, den Kapitalismus zu stürzen, schärfte, und gleichzeitig war er auch ein Mobilisierungsfaktor. Allerdings kam eine solche Mobilisierung (insbesondere die Verbrüderungen, die Mobilisierung von Arbeiterinnen usw.) nur dann wirklich zum Ausdruck, wenn sie sich auf eine starke Bewegung des Proletariats stützen konnte, die von „hinten“, von den Arbeitsplätzen aus, für die Verteidigung ihrer Lebensbedingungen aufbrach.
- Es wäre eine Selbsttäuschung und eine schwere Irreführung des Proletariats, wenn man glauben machen würde, dass seine Teile in der Ukraine oder in Russland heute sich gegen den Krieg mobilisieren können. Dies kann nur zu einer unverantwortlichen Überschätzung der Möglichkeiten führen, die sich dem Proletariat in diesen beiden Ländern bieten. Außerdem trägt eine solche Losung in der gegenwärtigen Weltlage dazu bei, das Weltproletariat von seiner Aufgabe abzulenken, den Kapitalismus durch die Entwicklung seines Klassenkampfes gegen die Angriffe des krisengeschüttelten Kapitalismus zu stürzen. Dieser stellt viel günstigere Bedingungen für die Revolution dar als der Krieg, da die Bourgeoisie die Entwicklung ihrer Wirtschaftskrise nicht aufhalten kann, während sie den Krieg durch Friedensschluss beenden und so die revolutionäre Dynamik entwaffnen und das Proletariat der Sieger- und der Besiegtenländer spalten kann, wie es in der weltweiten revolutionären Welle der ersten Nachkriegszeit der Fall war.[20]
- Die Losung vom "revolutionären Defätismus" hat den gleichen Fehler, das Weltproletariat von der Weltrevolution gegen den krisengeschüttelten Kapitalismus abzulenken. Hinzu kommt als weiterer Mangel, dass sie unterschiedliche Taktiken für die verschiedenen nationalen Fraktionen des Proletariats angesichts des Krieges befürwortet. Während einige die Niederlage ihrer eigenen Bourgeoisie anstreben sollten, um den revolutionären Prozess zu beschleunigen, soll das für die Proletarier auf der anderen Seite nicht gelten. Es ist daher kein Zufall, dass diese Losung bei Linken und anderen Hetzern für den imperialistischen Krieg so beliebt ist, die einen Fehler Lenins ausnutzen, der damals im Zusammenhang mit seinem unerschütterlichen Internationalismus völlig nebensächlich war.[21]
1981 hatte die Fähigkeit der Weltbourgeoisie, dem polnischen Proletariat eine Niederlage zuzufügen, indem sie die demokratischen und gewerkschaftlichen Illusionen dieses Teils des Weltproletariats ausnutzte, die IKS dazu veranlasst, Lenins Theorie vom schwächsten Glied in der imperialistischen Kette zu kritisieren, derzufolge ein Land mit einer weniger entwickelten Bourgeoisie die besten Möglichkeiten für eine siegreiche Revolution biete. Das Gegenteil ist der Fall. Es wird die Aufgabe des westeuropäischen Proletariats sein, sich mit den erfahrensten globalen Fraktionen der Bourgeoisie auseinanderzusetzen. Vom Ergebnis dieser Konfrontation wird ein weltweiter revolutionärer Kampf abhängen.
Silvio, 2. Juli 2022
[1] Siehe: Das westeuropäische Proletariat im Zentrum der Generalisierung des Klassenkampfes (1982), International Review Nr. 31 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[2] Siehe: Über den 140. Jahrestag der Pariser Kommune, in International Review Nr. 146 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[3] Siehe: Massenstreik in Polen 1980: Ein neuer Durchbruch wurde erreicht, in Internationale Revue Nr. 6 (deutsche Ausgabe)
[4] Siehe: Nach der Repression in Polen: Perspektiven für weltweite Klassenkämpfe, in International Review Nr. 29 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[5] Siehe: Das westeuropäische Proletariat im Zentrum der Generalisierung des Klassenkampfes (1982), International Review Nr. 31 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[6] In der amerikanischen Gesellschaft hat der Ausdruck „The Frontier“ eine spezifische Bedeutung, die sich auf ihre Geschichte bezieht. Während des 19. Jahrhunderts war einer der wichtigsten Aspekte der Entwicklung der Vereinigten Staaten die Ausbreitung des Industriekapitalismus nach Westen, was zur Besiedlung dieser Gebiete mit Bevölkerungsgruppen führte, die hauptsächlich aus Menschen europäischer oder afrikanischer Abstammung bestanden – natürlich auf Kosten der einheimischen Indianerstämme. Die Hoffnung, die mit „The Frontier“ verbunden war, prägte Geist und Ideologie in Amerika stark.
[7] Die Kommunen von Shanghai und Kanton, die 1927 von der Kuo-Min-Tang mit der Komplizenschaft der stalinisierten Kommunistischen Internationale blutig niedergeschlagen wurden, konnten nur winzige Spuren im Gedächtnis der Arbeiterklasse hinterlassen. Es wird gewaltige gesellschaftliche Umwälzungen brauchen, um diese Erfahrungen wieder zu aktiven Faktoren in der Entwicklung des Klassenbewusstseins des Proletariats in China zu machen.
[8] Wie die Kämpfe in Argentinien 1969 (der Cordobazo), in Ägypten, in Südafrika sowohl unter der Apartheid als auch unter der Herrschaft Nelson Mandelas ...
[9] Siehe: Das westeuropäische Proletariat im Zentrum der Generalisierung des Klassenkampfes (1982), International Review Nr. 31 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[10] Resolution über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen [11] (2019), Internationale Revue Nr. 56, und Vor 50 Jahren, Mai 1968: Die Fortschritte und Rückzüge im Klassenkampf seit 1968 [113], IKSonline April 2019
[11] Siehe: Die Verhaftung Saddam Husseins, Verhandlungen über einen Frieden in Palästina: Es gibt keinen Frieden im Nahen Osten, in International Review Nr. 116 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[12] China, Polen, Naher Osten, Streiks in der UdSSR und in den USA, in International Review Nr. 59 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[13] Die „Orange Revolution“ in der Ukraine: das Gefängnis des Autoritarismus und der Demokratie, in International Review Nr. 126 (englische, französische, spanische Ausgabe)
[14] Siehe: Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks – Destabilisierung und Chaos [114], in Internationale Revue Nr. 12, 1990
[15] Siehe: Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], in Internationale Revue Nr. 13, 1991
[16] „Das kollektive Handeln und die Solidarität stoßen mit der Atomisierung, dem "Jeder für sich", zusammen. - Das Bedürfnis nach Organisierung steht dem gesellschaftlichen Zerfall entgegen, der Zerstörung von Beziehungen, die erst ein gesellschaftliches Leben ermöglichen; - Die Zuversicht in die Zukunft und in die eigenen Kräfte wird ständig untergraben durch die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die in der Gesellschaft durch den Nihilismus, durch die Ideologie des "No future" immer mehr überhand nimmt; - Das Bewußtsein, die Klarheit, die Kohärenz und Einheit im Denken, der Sinn für Theorie müssen sich mühsam ein Weg bahnen inmitten der Flucht in Trugbilder, der Drogen, Sekten, des Mystizismus, der Verweigerung des Nachdenkens und der Zerstörung des Denkens, die unsere Epoche charakterisieren.“ (Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], Internationale Revue Nr. 13, 1991
[17] Siehe dazu: Vor 50 Jahren, Mai 1968: Die Fortschritte und Rückzüge im Klassenkampf seit 1968 [113], IKSonline April 2019; Resolution über das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen [11] (2019), Internationale Revue Nr. 56; 24. Kongress der IKS: Resolution zur internationalen Lage [47], in Internationale Revue Nr. 57, 2021
[18] Internationales Flugblatt der IKS: Gegen die Angriffe der Bourgeoisie brauchen wir einen vereinten und massiven Kampf! [115]
[19] Siehe: Zimmerwald 1915-1917: vom Krieg zur Revolution Internationale in Revue Nr: 44 (1986) (englische, französische, spanische Ausgabe)
[20] Siehe: Militarismus und Zerfall (Mai 2022) [116] - Aktualisierung des Orientierungstextes von 1990, in Internationale Revue 58
[21] "Diese Losung wurde von Lenin während des Ersten Weltkriegs in den Vordergrund gestellt. Sie entsprach dem Wunsch, das Zaudern der "zentristischen" Elemente anzuprangern, die zwar "im Prinzip" darin übereinstimmten, jede Beteiligung am imperialistischen Krieg abzulehnen, aber dennoch dafür plädierten, mit dem Aufruf an die Arbeiter "ihres" Landes zu warten, bis die Arbeiter in den "feindlichen" Ländern bereit seien, den Kampf gegen diesen Krieg aufzunehmen. Zur Unterstützung dieser Position führten sie das Argument an, dass die Proletarier eines Landes, wenn sie den Proletariern der Feindesländer zuvorkämen, den Sieg der letzteren im imperialistischen Krieg begünstigen würden. Auf diesen bedingten "Internationalismus" antwortete Lenin ganz richtig, dass die Arbeiterklasse eines Landes keine gemeinsamen Interessen mit "ihrer" Bourgeoisie habe, wobei er insbesondere klarstellte, dass die Niederlage der Bourgeoisie ihren Kampf nur begünstigen könne, wie man bereits bei der Pariser Kommune (als Ergebnis der Niederlage gegen Preußen) und bei der Revolution von 1905 in Russland (geschlagen im Krieg gegen Japan) gesehen habe. Aus dieser Erkenntnis schloss er, dass jedes Proletariat die Niederlage "seiner" eigenen Bourgeoisie "herbeisehnen" müsse. Letztere Position war schon damals falsch, da sie dazu führte, dass die Revolutionäre in jedem Land für "ihr" Proletariat die günstigsten Bedingungen für die proletarische Revolution forderten, während die Revolution auf globaler Ebene und zunächst in den großen fortgeschrittenen Ländern (die alle in den Krieg verwickelt waren) stattfinden sollte. Bei Lenin führte die Schwäche dieser Position jedoch nie dazu, dass der kompromissloseste Internationalismus in Frage gestellt wurde", aus dem Artikel: Polemik: Das politische proletarische Milieu angesichts des Golfkrieges, in Revue internationale Nr. 64 (1991) (englische, französische, spanische Ausgabe)
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Europa ist in den Krieg eingetreten. Es ist nicht das erste Mal seit der Schlächterei des Zweiten Weltkrieges von 1939-45. Anfang der 1990er Jahre hatte der Krieg im ehemaligen Jugoslawien gewütet und 140 000 Tote gefordert - mit Massenmorden an Zivilisten im Namen der "ethnischen Säuberung" wie in Srebrenica im Juli 1995, wo 8000 Männer und Jugendliche kaltblütig ermordet wurden. Der Krieg, der jetzt mit der Offensive der russischen Armeen gegen die Ukraine ausgebrochen ist, ist bislang nicht so tödlich, aber niemand weiß, wie viele Opfer er letztendlich fordern wird. Doch schon jetzt hat er ein viel größeres Ausmaß als der Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Heute stehen sich nicht Milizen oder Kleinstaaten gegenüber. Im aktuellen Krieg stehen sich die beiden größten Staaten Europas gegenüber, die 150 bzw. 45 Millionen Einwohner haben und über gewaltige Armeen verfügen: 700.000 Soldaten in Russland und über 250.000 in der Ukraine.
Die Großmächte hatten sich bereits in die Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien eingemischt, wenn auch nur indirekt oder durch die Beteiligung an "Interventionsstreitkräften" unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. Heute kämpft Russland nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen alle in der NATO zusammengeschlossenen westlichen Länder, die sich zwar nicht direkt an den Kämpfen beteiligen, aber erhebliche Wirtschaftssanktionen gegen das Land verhängt haben, während sie gleichzeitig damit begonnen haben Waffen an die Ukraine zu liefern.
Der jetzt begonnene Krieg ist ein dramatisches Ereignis von größter Bedeutung, in erster Linie für Europa, aber auch für die ganze Welt. Er hat bereits Tausende von Soldaten auf beiden Seiten und Zivilisten das Leben gekostet. Er hat Hunderttausende von Flüchtlingen in die Flucht getrieben. Er wird zu weiteren Preissteigerungen bei Energie und Getreide führen, was Kälte und Hunger bedeutet, während in den meisten Ländern der Welt die Ausgebeuteten, und die Ärmsten der Armen, bereits mitansehen mussten, wie ihre Lebensbedingungen angesichts der Inflation zusammenbrachen. Wie immer ist es die Klasse, welche den Großteil des gesellschaftlichen Reichtums produziert, die Arbeiterklasse, die den höchsten Preis für die kriegerischen Machenschaften der Herren der Welt bezahlen wird.
Man kann diese Kriegstragödie nicht von der gesamten Weltlage der letzten zwei Jahre trennen: der Pandemie, der Verschärfung der Wirtschaftskrise, der Vervielfachung der Umweltkatastrophen. Dieser Krieg ist ein klarer Ausdruck dafür, dass die Welt in die Barbarei abgleitet.
Jeder Krieg wird von massiven Lügenkampagnen begleitet. Um die Bevölkerung und insbesondere die Ausgebeuteten dazu zu bringen, die schrecklichen Opfer zu akzeptieren die von ihnen verlangt werden, die Aufopferung des Lebens derjenigen die an die Front geschickt werden, die Trauer ihrer Mütter, Gefährtinnen und Kinder, der Terror gegen die Zivilbevölkerung, die Entbehrungen und die Verschärfung der Ausbeutung, dafür werden ihnen Lügen aufgetischt.
Putins Lügen sind plump und nach dem Vorbild des ehemaligen Sowjetregimes, in dem er seine Karriere als Offizier des KGB, der Organisation der politischen Polizei und des Spionagedienstes, begann. Er behauptet, eine "militärische Spezial-Operation" durchzuführen, um den Menschen im Donbass zu helfen, die Opfer eines "Völkermords" geworden seien. Er verbietet den Medien unter Androhung von Sanktionen, das Wort "Krieg" zu verwenden. Nach seinen Angaben will er die Ukraine vom "Nazi-Regime" befreien, das dort regiere. Es stimmt zwar, dass die russischsprachige Bevölkerung im Osten der Ukraine der Verfolgung durch ukrainische nationalistische Milizen, die nicht selten dem Nazi-Regime nachtrauern ausgesetzt ist, aber es gibt keinen Völkermord.
Die Lügen der westlichen Regierungen und Medien sind in der Regel subtiler. Nicht immer übrigens: Die USA und ihre Verbündeten, darunter das sehr "demokratische" Grossbritannien, Spanien, Italien... sowie die Ukraine (!), verkauften uns damals die Intervention im Irak 2003 im Namen der – völlig erfundenen – Bedrohung durch "Massenvernichtungswaffen" in den Händen von Saddam Hussein. Diese Intervention forderte mehrere hunderttausend Tote und zwei Millionen Flüchtlinge unter der irakischen Bevölkerung, sowie mehrere Zehntausend getötete Soldaten der Koalition.
Heute servieren uns die "demokratischen" Führer und die Medien des Westens die Fabel vom Kampf zwischen dem "bösen Teufel" Putin und dem "sympathischen Unschuldigen" Selensky. Dass Putin ein zynischer Verbrecher ist, wussten wir schon lange. Dazu hat er das passende Aussehen. Selensky profitiert davon, dass er nicht so viele Straftaten begangen hat wie Putin und dass er vor seinem Eintritt in die Politik ein beliebter Komödiendarsteller war (und deshalb auch über ein großes Vermögen in Steuerparadiesen verfügt). Sein komödiantisches Talent hat es ihm nun ermöglicht, seine neue Rolle als Kriegsherr zu übernehmen, der Männern zwischen 18 und 60 Jahren verbietet, ihre Familien ins Ausland zu begleiten, der die Ukrainer dazu aufruft, sich für "ihr Vaterland", d.h. für die Interessen der ukrainischen herrschenden Klasse und der Oligarchen töten zu lassen. Denn unabhängig von der Couleur der regierenden Parteien und dem Tonfall ihrer Reden, sind alle Nationalstaaten in erster Linie Verteidiger der Interessen der ausbeutenden Klasse – der nationalen Bourgeoisie gegenüber den Ausgebeuteten –, und der Konkurrenz mit anderen nationalen Bourgeoisien.
In der Kriegspropaganda stellt sich jeder beteiligte Staat als der "Angegriffene" dar, der sich gegen den "Aggressor" verteidigen muss. Da aber alle Staaten in Wirklichkeit Räuber sind, ist es müßig sich zu fragen welcher Räuber beim militärischen Zusammenstoss zuerst geschossen hat. Heute hat Putins Russland zuerst losgeschlagen, doch zuvor hatte die NATO unter US-amerikanischer Führung eine Vielzahl von Ländern in ihre Reihen aufgenommen, die vor dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion von Russland dominiert wurden. Indem er die Initiative zum Krieg ergreift, will der Räuber Putin einen Teil der früheren Macht seines Landes zurückgewinnen, insbesondere indem er die Ukraine daran hindert, der NATO beizutreten.
In Wirklichkeit ist der permanente Krieg, mit all dem schrecklichen Leid das er verursacht, seit Beginn des 20. Jahrhunderts untrennbar mit dem kapitalistischen System verbunden. Einem System, das auf der Konkurrenz zwischen Unternehmen und zwischen Staaten beruht, in dem der Handelskrieg in den Krieg der Waffen mündet, in dem die Verschärfung seiner wirtschaftlichen Widersprüche und seiner Krise die kriegerischen Konflikte immer mehr anheizt. Ein System, das auf Profit und der grausamen Ausbeutung der Produzenten beruht, in dem letztere gezwungen sind Blutgeld zu zahlen, nachdem sie zuvor den Preis der Ausbeutung bezahlt haben.
Seit 2015 sind die weltweiten Militärausgaben stark angestiegen. Dieser Krieg hat diesen Prozess nun noch einmal brutal beschleunigt. Ein Symbol dieser Todesspirale ist Deutschland, das begonnen hat Waffen an die Ukraine zu liefern, ein historisches Novum seit dem Zweiten Weltkrieg. Zum ersten Mal finanziert die Europäische Union den Kauf und die Lieferung von Waffen an die Ukraine. Und nun die offenen Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Atomwaffen einzusetzen, um seine Entschlossenheit und seine Zerstörungskraft zu beweisen.
Niemand kann genau vorhersagen, wie sich dieser Krieg entwickeln wird, auch wenn Russland über eine viel stärkere Armee als die Ukraine verfügt. Es gibt auf der ganzen Welt, und auch in Russland selbst, zahlreiche Demonstrationen gegen den Einmarsch in die Ukraine. Aber es sind nicht diese Demonstrationen, die die Feindseligkeiten beenden können. Die Geschichte hat gezeigt, dass die einzige Kraft, die den kapitalistischen Krieg beenden kann die ausgebeutete Klasse ist, das Proletariat, der direkte Feind der bürgerlichen Klasse. Das war der Fall, als die Arbeiterklasse in Russland im Oktober 1917 den bürgerlichen Staat stürzte und als die Arbeiter und Soldaten in Deutschland im November 1918 aufbegehrten und die Regierung zwangen, den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Dass Putin nun hunderttausende Soldaten in die Ukraine in den Tod schicken kann, dass viele Ukrainer heute bereit sind, ihr Leben für die "Verteidigung des Vaterlandes" zu opfern, liegt zum großen Teil daran, dass die Arbeiterklasse in diesem Teil der Welt besonders geschwächt ist. Der Zusammenbruch der Regime im Jahr 1989, die sich heuchlerisch als "sozialistisch" oder als "Arbeiterstaaten" bezeichneten, war ein brutaler Schlag gegen die weltweite Arbeiterklasse. Dieser Schlag traf die Arbeiterklasse, die seit 1968 und in den 1970er Jahren in Ländern wie Frankreich, Italien oder Großbritannien massive Kämpfe geführt hatte. Aber noch viel mehr traf er die Arbeiterklasse in den angeblich "sozialistischen" Ländern wie Polen, die im August 1980 massiv und mit großer Entschlossenheit kämpften und die Regierung dazu zwangen, auf Repressionen zu verzichten und ihre Forderungen zu erfüllen.
Echte Solidarität mit den Opfern des Krieges, mit der Zivilbevölkerung und mit den Soldaten beider Seiten, die als Proletarier in Uniform zu Kanonenfutter gemacht wurden, lässt sich mitnichten dadurch erreichen, dass man "für den Frieden" demonstriert oder sich sogar dafür entscheidet, ein Land gegen ein anderes zu unterstützen. Die einzige Solidarität besteht darin, ALLE kapitalistischen Staaten zu denunzieren, ALLE Parteien, die dazu aufrufen, sich hinter diese oder jene Nationalflagge zu stellen, ALLE die uns mit der Illusion von Frieden und "guten Beziehungen" zwischen den Völkern täuschen. Die einzige Solidarität die wirklich etwas bewirken kann, ist die Entwicklung massiver und bewusster Kämpfe der Arbeiterklasse auf der ganzen Welt. Und dies insbesondere im Bewusstsein, dass sie eine Vorbereitung für den Sturz des Systems darstellen, welches für Kriege und all die Barbarei verantwortlich ist die die Menschheit zunehmend bedroht: den Kapitalismus.
Heute stehen mehr denn je die alten Losungen der Arbeiterbewegung auf der Tagesordnung, die im Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 enthalten waren: Proletarier haben kein Vaterland! Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Für den Klassenkampf des internationalen Proletariats!
Internationale Kommunistische Strömung IKS
28. Februar 2022
Die IKS verabschiedete im Mai 1990 die Thesen „Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9]“ (Internationale Revue Nr. 13 [118]) wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, der dem Zusammenbruch der Sowjetunion vorausging. Die Falle, die die USA Saddam Hussein stellten und die dazu führte, dass dieser Anfang August 1990 in Kuwait einmarschierte, und die anschließende Zusammenballung der US-Streitkräfte in Saudi-Arabien waren eine erste Folge des Verschwindens des Ostblocks und der Versuch der US-Macht, die Reihen der Atlantischen Allianz zu schließen, die durch das Verschwinden ihres östlichen Gegners vom Zerfall bedroht war. Aufgrund dieser Ereignisse, die die militärische Offensive der wichtigsten westlichen Länder unter Führung der USA gegen den Irak vorbereiteten, diskutierte und verabschiedete die IKS im Oktober 1990 einen "Orientierungstext: Militarismus und Zerfall [55]“ (Internationale Revue Nr. 13 [118]), der eine Ergänzung zu den „Thesen über den Zerfall“ darstellte.
Auf dem 22. Internationalen Kongress 2017 verabschiedete die IKS eine Aktualisierung der „Thesen zum Zerfall“ ("Bericht über den Zerfall heute [57]", Internationale Revue Nr. 56, 2020), die im Wesentlichen den 27 Jahre zuvor verabschiedeten Text bestätigten. Heute veranlasst uns der Krieg in der Ukraine dazu, ein ergänzendes Dokument zur Frage des Militarismus zu erstellen, das dem Dokument vom Oktober 1990 ähnlich ist und eine Aktualisierung darstellt. Ein solches Vorgehen ist umso notwendiger, als der Fehler, den wir begingen, als wir den Ausbruch dieses Krieges nicht vorhersahen, darauf zurückzuführen war, dass wir den analytischen Rahmen vergessen hatten, den sich die IKS seit mehreren Jahrzehnten zur Frage des Krieges in der Periode des kapitalistischen Niedergangs gegeben hatte.
1) Der Text "Militarismus und Zerfall [55]" von 1990 erinnert in Punkt 1 an den lebendigen Charakter der marxistischen Methode und die Notwendigkeit, die Analysen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, ständig mit den neuen Realitäten zu konfrontieren, die uns begegnen, sei es, um jene zu kritisieren, zu bestätigen oder anzupassen und zu präzisieren. Es ist nicht notwendig, in diesem Text weiter darauf einzugehen. Angesichts der Fehlinterpretationen des aktuellen Krieges in der Ukraine, die uns von einigen bürgerlichen "Experten", aber auch von der Mehrheit der Gruppen des Proletarischen Politischen Milieus (PPM) geliefert werden, ist es jedoch sinnvoll, auf die Grundlagen der marxistischen Methode in Bezug auf die Frage des Krieges und allgemeiner auf den historischen Materialismus zurückzukommen.
Diesem liegt die Idee zugrunde: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen“ (Marx, "Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie [119]"). Diese Vorrangstellung der materiellen wirtschaftlichen Basis gegenüber anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens ist oft Gegenstand einer mechanischen und reduktionistischen Interpretation gewesen. Dies ist eine Tatsache, die Engels in einem Brief an Joseph Bloch vom 21. September 1890 (und in vielen anderen Texten) feststellt und kritisiert: "Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus - politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw. - Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignissen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt oder so unnachweisbar ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten, vernachlässigen können) als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt.“ (MEW, Band 37, S. 463)
Natürlich kann man von den "Experten" der Bourgeoisie nicht verlangen, dass sie sich auf die marxistische Methode stützen. Andererseits ist es traurig, dass viele Organisationen, die sich ausdrücklich zum Marxismus bekennen und diese Methode in Bezug auf die Grundprinzipien der Arbeiterbewegung wie den proletarischen Internationalismus tatsächlich vertreten, bei der Analyse der Kriegsursachen nicht an die von Engels vertretene, sondern an die von ihm kritisierte Sichtweise anknüpfen. So konnten wir in Bezug auf den Golfkrieg 1990-91 Folgendes lesen: "Die Vereinigten Staaten definierten ungeschminkt das 'amerikanische nationale Interesse', das sie handeln ließ: die Sicherung einer stabilen Versorgung mit dem im Golf geförderten Öl zu einem angemessenen Preis: dasselbe Interesse, das sie den Irak gegen den Iran unterstützen ließ, lässt sie jetzt Saudi-Arabien und die Petromonarchien gegen den Irak unterstützen." (Flugblatt der IKP - Le Prolétaire) Oder: "In Wirklichkeit ist die Golfkrise wirklich eine Krise für das Öl und für diejenigen, die es kontrollieren. Ohne billiges Öl werden die Profite sinken. Die Profite des westlichen Kapitalismus sind bedroht, und aus diesem und keinem anderen Grund bereiten die USA ein Blutbad im Nahen Osten vor ...". (Flugblatt der CWO, Sektion der Internationalist Communist Tendency in Großbritannien). Eine Analyse, die von der italienischen IKT-Sektion Battaglia Comunista ergänzt wird: "Öl, das direkt oder indirekt in fast allen Produktionszyklen vorkommt, hat ein entscheidendes Gewicht im Prozess der monopolistischen Rentenbildung, und dementsprechend ist die Kontrolle seines Preises von lebenswichtiger Bedeutung (...). Mit einer Wirtschaft, die eindeutig Anzeichen einer Rezession zeigt, einer Staatsverschuldung von erschreckendem Ausmaß und einem Produktionsapparat, der im Vergleich zu den europäischen und japanischen Konkurrenten ein großes Produktivitätsdefizit aufweist, können es sich die USA derzeit nicht im Geringsten leisten, die Kontrolle über eine der grundlegenden Variablen der gesamten Weltwirtschaft zu verlieren: den Ölpreis." Was seit über 30 Jahren im Nahen Osten geschieht, widerlegt eine solche Analyse. Die verschiedenen Abenteuer der USA in dieser Region (wie der 2003 von der Regierung Bush junior begonnene Krieg) haben der amerikanischen Bourgeoisie unvergleichlich höhere wirtschaftliche Kosten verursacht als alles, was ihr die Kontrolle des Ölpreises eingebracht hat (wenn sie denn durch diese Kriege überhaupt eine solche Kontrolle ausüben konnte).
Heute kann der Krieg in der Ukraine keine direkt wirtschaftlichen Ziele haben. Weder für Russland, das die Kampfhandlungen am 24. Februar 2022 begann, noch für die USA, die seit mehr als zwei Jahrzehnten die Schwächung Russlands nach dem Zusammenbruch seines Reiches 1989 ausgenutzt haben, um die Ausdehnung der NATO bis an die Grenzen des Landes voranzutreiben. Wenn es Russland gelingt, seine Kontrolle über weitere Teile der Ukraine zu etablieren, wird es mit horrenden Ausgaben für den Wiederaufbau von Gebieten konfrontiert werden, die es gerade verwüstet. Darüber hinaus werden die Wirtschaftssanktionen, die seitens der westlichen Länder eingeführt werden, die ohnehin schon schwache Wirtschaft der Ukraine langfristig weiter schwächen. Auf westlicher Seite werden diese Sanktionen ebenfalls erhebliche Kosten verursachen, ganz zu schweigen von der Militärhilfe für die Ukraine, die sich bereits auf zig Milliarden Dollar beläuft. Tatsächlich ist der aktuelle Krieg eine weitere Illustration der Analysen der IKS zur Frage des Krieges in der Periode des kapitalistischen Niedergangs und insbesondere in der Zerfallsphase, die den Höhepunkt dieses Niedergangs darstellt.
2) Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Arbeiterbewegung herausgestellt, dass Imperialismus und imperialistischer Krieg die bedeutendste Erscheinungsform des Eintritts der kapitalistischen Produktionsweise in ihre historische Niedergangsphase, ihre Dekadenz, darstellen. Dieser Wechsel der historischen Periode brachte eine grundlegende Veränderung in den Ursachen der Kriege mit sich. Die Kommunistische Linke Frankreichs hat die Züge dieser Veränderung auf eine sehr erhellende Weise präzisiert: "In der Epoche des aufsteigenden Kapitalismus drückten Kriege (ob nationale, koloniale oder imperialistische Eroberungen) die aufstrebende Bewegung, die Reifung, Stärkung und Ausdehnung des kapitalistischen Wirtschaftssystems aus. Die kapitalistische Produktion fand im Krieg die Fortsetzung ihrer Wirtschaftspolitik mit anderen Mitteln. Jeder Krieg rechtfertigte sich und zahlte sich aus, indem er ein neues Feld für noch größere Expansionen öffnete, die kapitalistische Weiterentwicklung sicherte.
In der Epoche des dekadenten Kapitalismus drückt der Krieg genauso wie der Frieden diese Dekadenz aus und beschleunigt sie außerordentlich.
Es wäre falsch, den Krieg als etwas Negatives schlechthin zu betrachten, als Zerstörer und Fessel der gesellschaftlichen Entwicklung, dem Frieden entgegengesetzt, der als der normale, positive Weg einer ununterbrochenen Entwicklung der Produktion und der Gesellschaft erscheint. Dies hieße, ein moralistisches Konzept in einen objektiven, ökonomisch bestimmten Verlauf einzuführen.
Der Krieg war ein unabdingbares Mittel, mit welchem der Kapitalismus sich unerschlossene Gebiete für die Entwicklung eröffnete, zu einer Zeit, als solche Gebiete noch existierten und nur mit Gewalt erschlossen werden konnten. Auf derselben Weise findet die kapitalistische Welt, nachdem historisch alle Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft sind, im modernen imperialistischen Krieg den Ausdruck ihres Zusammenbruchs, der die Produktivkräfte nur noch tiefer in den Abgrund reißt und nur noch schneller Ruine auf Ruine häuft.
Im Kapitalismus gibt es keinen grundlegenden Widerspruch zwischen Krieg und Frieden, aber es gibt einen Unterschied zwischen der Phase des Aufstiegs und des Verfalls der kapitalistischen Gesellschaft und somit einen Unterschied im Wesen des Krieges (und im Verhältnis zwischen Krieg und Frieden) in den jeweiligen Phasen. Während der ersten Phase besitzt der Krieg die Funktion, eine Expansion des Marktes und damit der Produktionsmittel der Konsumgüter zu gewährleisten; dagegen ist während der zweiten Phase die Produktion hauptsächlich auf die Produktion von Zerstörungsmittel, d.h. auf den Krieg, ausgerichtet. Die Dekadenz der kapitalistischen Gesellschaft findet ihren treffendsten Ausdruck in der Tatsache, dass in der dekadenten Periode die wirtschaftlichen Aktivitäten hauptsächlich auf Krieg eingestellt sind, wohingegen in der aufsteigenden Phase die Kriege dem wirtschaftlichen Entwicklungsprozess dienten.
Das bedeutet nicht, dass der Krieg zum Ziel der kapitalistischen Produktion geworden ist, da dies die Erzeugung von Mehrwert bleibt. Aber es bedeutet, dass der Krieg zur permanenten Lebensform des dekadenten Kapitalismus wird."
(Bericht an die Konferenz der Kommunistischen Linken Frankreichs im Juli 1945, wiedergegeben im "Bericht über den Historischen Kurs [120]", angenommen auf dem 3. Kongress der IKS, Internationale Revue Nr. 5).
Diese 1945 formulierte Analyse hat sich seitdem als grundsätzlich gültig erwiesen, selbst wenn es keinen neuen Weltkrieg gegeben hat. Seit jener Zeit hat die Welt mehr als 100 Kriege erlebt, die mindestens so viele Todesopfer gefordert haben wie der Zweite Weltkrieg. Eine Situation, die sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des "Kalten Krieges", die die erste große Manifestation des Eintritts des Kapitalismus in seine Zerfallsphase darstellten, fortsetzte und sogar noch verschärfte. Unser Text von 1990 kündigte dies bereits an: "Der allgemeine Zerfall der Gesellschaft stellt die letzte Phase in der Epoche der Dekadenz des Kapitalismus dar. In diesem Sinne werden in dieser Phase die typischen Charakteristiken der Dekadenzperiode nicht hinfällig: die historische Krise der kapitalistischen Ökonomie, der Staatskapitalismus und auch die grundlegenden Phänomene wie der Militarismus und der Imperialismus. Mehr noch: in dem Maße, wie der Zerfall sich als der Höhepunkt der Widersprüche präsentiert, derer sich der Kapitalismus seit dem Beginn seiner Dekadenz in wachsendem Maße erwehren muß, spitzen sich auch die typischen Charakteristiken dieser Periode in der ultimativen Phase der Dekadenz zu (…)
Genausowenig wie das Ende des Stalinismus die historische Tendenz des Staatskapitalismus infrage stellt, von dem er nur ein Ausdruck war, impliziert das gegenwärtige Verschwinden der Blöcke eine Verringerung oder gar Infragestellung des beherrschenden Einflusses des Imperialismus auf die Gesellschaft. Der fundamentale Unterschied liegt in der Tatsache, daß, wenn das Ende des Stalinismus der Eliminierung einer besonders absurden Form des Staatskapitalismus gleich kam, das Ende der Blöcke die Tür zu einer noch barbarischeren, absurderen, chaotischeren Form des Imperialismus öffnet." (Militarismus und Zerfall). Der Golfkrieg 1990-91, die Kriege im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren, der 11-jährige Irakkrieg ab 2003, der 20-jährige Krieg in Afghanistan und viele kleinere Kriege, vor allem in Afrika, haben diese Vorhersage bestätigt.
Der Krieg in der Ukraine, d. h. im Herzen Europas, hat diese Realität erneut und in noch viel größerem Ausmaß verdeutlicht. Er ist eine beredte Bestätigung der These der IKS über die völlige Irrationalität des Krieges im Niedergang des Kapitalismus aus der Perspektive der globalen Interessen dieses Systems (siehe den Text "Bedeutung und Auswirkungen des Krieges in der Ukraine", Internationale Revue Nr. 168, angenommen im Mai 2022).
3) Obwohl die Unterscheidung zwischen den Kriegen des 19. und des 20. Jahrhunderts, wie sie im GCF-Text von 1945 gemacht wird, absolut gültig ist und die Aussage "Die Dekadenz der kapitalistischen Gesellschaft findet ihren treffendsten Ausdruck in der Tatsache, dass in der dekadenten Periode die wirtschaftlichen Aktivitäten hauptsächlich auf Krieg eingestellt sind, wohingegen in der aufsteigenden Phase die Kriege dem wirtschaftlichen Entwicklungsprozess dienten“ (siehe oben), im Großen und Ganzen richtig ist, kann man nicht jedem der Kriege im 19. Jahrhundert eine direkt ökonomische Ursache zuordnen. Beispielsweise hatten die napoleonischen Kriege für die französische Bourgeoisie katastrophale Kosten, was sie letztlich gegenüber der englischen Bourgeoisie erheblich schwächte und dieser den Weg zu deren dominanten Position Mitte des 19. Jahrhunderts erleichterte. Dasselbe gilt für den Krieg von 1870 zwischen Preußen und Frankreich. Im letzteren Fall hat Marx (in der "Ersten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg") den Begriff "dynastischer Krieg" aufgegriffen, mit dem die französischen und deutschen Arbeiter diesen Krieg bezeichneten. Auf deutscher Seite strebte der preußische König die Bildung eines Imperiums an, indem er die Vielzahl kleiner germanischer Staaten, denen es zuvor nur gelungen war, eine Zollunion (Zollverein) zu bilden, um seine Krone gruppierte. Die Annexion von Elsass-Lothringen war das Geschenk dieser Ehe. Für Napoleon III. war der Krieg im Wesentlichen darauf ausgerichtet, eine politische Struktur, das Zweite Kaiserreich, zu stärken, die durch die industrielle Entwicklung Frankreichs bedroht war. Auf preußischer Seite, jenseits der Ambitionen des Monarchen, ermöglichte dieser Krieg die Schaffung einer politischen Einheit Deutschlands, was den Grundstein für die volle industrielle Entwicklung dieses Landes legte, während er auf französischer Seite völlig reaktionär war. In der Tat ist dieser Krieg ein perfektes Beispiel für Engels' Darstellung des historischen Materialismus. Man sieht, wie der Überbau der Gesellschaft, insbesondere die politischen und ideologischen Elemente (die Regierungsform und die Schaffung eines Nationalgefühls), eine sehr wichtige Rolle für den Verlauf der Ereignisse spielen. Gleichzeitig sieht man, wie sich die ökonomische Basis der Gesellschaft mit der Verwirklichung der industriellen Entwicklung Deutschlands und damit des gesamten Kapitalismus in letzter Instanz durchsetzt.
Tatsächlich vergessen Analysen, die sich als "materialistisch" bezeichnen, indem sie in jedem Krieg nach einer wirtschaftlichen Ursache suchen, dass der marxistische Materialismus auch dialektisch ist. Und dieses "Vergessen" wird zu einem erheblichen Hindernis für das Verständnis der imperialistischen Konflikte unserer Zeit, während diese gerade durch die enorme Stärkung des Militarismus im Leben der Gesellschaft gekennzeichnet ist.
4) Der Text "Militarismus und Zerfall" aus dem Jahr 1990 widmet einen wichtigen Teil der Rolle, die die amerikanische Macht in den imperialistischen Konflikten der beginnenden Periode einnehmen sollte: „In der neuen historischen Epoche, in die wir eingetreten sind und die von den Ereignissen am Persischen Golf bestätigt wird, zeigt sich die Welt als ein riesiger Hexenkessel, in dem die Tendenz zum "Jeder für sich" voll zum Tragen kommt und in dem die zwischenstaatlichen Allianzen weit entfernt von jener Stabilität sind, die die Blöcke auszeichnen, sondern von den Bedürfnissen des Moments diktiert sind. Eine Welt in tödlicher Unordnung, in blutigem Chaos, in dem der amerikanische Gendarm für ein Minimum an Ordnung durch den immer massiveren und brutaleren Einsatz seiner Militärmacht zu sorgen versucht.“
Diese Rolle des "Weltpolizisten" haben die USA in gewisser Weise auch nach dem Zusammenbruch ihres Rivalen aus dem Kalten Krieg weitergespielt, wie man in Jugoslawien, insbesondere Ende der 1990er Jahre, und vor allem im Nahen Osten seit Beginn des 21. Jahrhunderts (namentlich in Afghanistan und im Irak) gesehen hat. Sie haben diese Rolle auch in Europa übernommen, indem sie neue Länder in die von ihnen kontrollierte Militärorganisation NATO aufgenommen haben, Länder, die zuvor Teil des Warschauer Pakts oder sogar der UdSSR waren (Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn). Die Frage, die sich bereits 1990 mit dem Ende der Aufteilung der Welt zwischen dem Westblock und dem Ostblock stellte, war die nach einer neuen Aufteilung der Welt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hatte: „Bislang hat im Zeitalter der Dekadenz solch eine Situation der "Zersplitterung" der imperialistischen Antagonismen in Abwesenheit von Blöcken (oder von Schlüsselregionen), die die Welt unter sich aufgeteilt haben, nie lange angedauert. Das Verschwinden der imperialistischen Konstellation, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen war, trug die Tendenz zur Bildung zweier neuer Blöcke in sich.“ (Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - Destabilisierung und Chaos [114]) Gleichzeitig wies der Text auf alle Hindernisse hin, die einem solchen Prozess im Wege stehen, insbesondere auf den Zerfall des Kapitalismus: "Darüberhinaus, und langfristig der wichtigste Aspekt, wird die Tendenz zur Aufteilung der Welt zwischen zwei neuen Blöcken durch das sich immer mehr zuspitzende und ausdehnende Phänomen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft konterkariert oder gar irreparabel geschädigt, wie wir bereits hervorgehoben haben“ (ebenda). Diese Analyse wurde in dem Grundsatztext "Militarismus und Zerfall" entwickelt und drei Jahrzehnte später durch das Ausbleiben einer solchen Aufteilung der Welt zwischen zwei Militärblöcken bestätigt. Der Text "Bedeutung und Auswirkungen des Krieges in der Ukraine [121]" führt dieses Thema weiter aus und stützt sich dabei weitgehend auf den Text von 1990, um zu verdeutlichen, dass die Wiederherstellung zweier imperialistischer Blöcke, die die Welt unter sich aufteilen, immer noch nicht auf der Tagesordnung steht. Es mag sich lohnen, daran zu erinnern, was wir 1990 schrieben:
"So konnte es zu Anfang der Dekadenzperiode und bis in die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs hinein eine gewisse "Parität" zwischen verschiedenen Partnern einer imperialistischen Koalition geben, obgleich es stets die Notwendigkeit eines Platzhirsches gab. Zum Beispiel existierte im Ersten Weltkrieg in Bezug auf die einsatzfähige militärische Schlagkraft keine grundlegende Disparität zwischen den drei "Siegern": Großbritannien, Frankreich und den USA. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges jedoch hatte sich die Lage beträchtlich verändert, denn die "Sieger" gerieten nunmehr in eine enge Abhängigkeit von den USA, die eine erhebliche Überlegenheit gegenüber ihren "Verbündeten" ausübten. Diese verstärkte sich noch im Verlauf des gesamten "Kalten Krieges" (der jetzt zu Ende geht), als beide Blockführer, die USA und die UdSSR, durch die Kontrolle über die zerstörerischsten Atomwaffen über eine absolut erdrückende Überlegenheit gegenüber den anderen Ländern ihres Blocks verfügten. Eine solche Tendenz erklärt sich aus der Tatsache, daß mit dem Versinken des Kapitalismus in seiner Dekadenz:
- die Herausforderungen und die Dimension der Konflikte zwischen den Blöcken immer globalere, allgemeinere Ausmaße annehmen (je mehr Gangster kontrolliert werden müssen, desto stärker muß der "Gangsterboß" sein);
- die Waffensysteme immer wahnwitzigere Investitionen erfordern (insbesondere können nur die ganz großen Länder die für den Aufbau von kompletten Atomwaffenarsenalen erforderlichen Ressourcen bereitstellen und ausreichende Mittel in die Entwicklung der komplizierter Waffensysteme stecken);
- vor allem die zentrifugalen Tendenzen zwischen den Staaten, die aus der Zuspitzung der nationalen Gegensätze resultieren, sich nur weiter verstärken können.
Mit diesem letztgenannten Faktor verhält sich so wie mit dem Staatskapitalismus: je mehr sich die verschiedenen Fraktionen einer nationalen Bourgeoisie unter dem Druck der Krise und der damit angefachten Konkurrenz zerfleischen, umso mehr muß sich der Staat verstärken, um seine Autorität über sie auszuüben. Und je mehr Schäden die historische Krise und ihre offene Form anrichtet, desto stärker muß ein Blockführer sein, um die Auflösungstendenzen der verschiedenen nationalen Fraktionen einzugrenzen und zu kontrollieren. Es liegt auf der Hand, daß sich in der letzten Phase der Dekadenz, im Zerfall, ein solches Phänomen nur noch ins Unermeßliche steigern kann.
Wegen all dieser Gründe und insbesondere aufgrund des letztgenannten ist die Bildung einer neuen imperialistischen Blockkonstellation nicht nur in den nächsten Jahren unmöglich, sondern wird möglicherweise nie mehr eintreten: entweder die proletarische Revolution oder die Zerstörung der Menschheit wird dem zuvorkommen.“ (Militarismus und Zerfall)
Diese Analyse ist auch heute noch voll und ganz gültig, aber wir müssen darauf hinweisen, dass wir in dem Text von 1990 völlig außer Acht gelassen hatten, dass China eines Tages zu einem neuen Blockführer werden könnte, obwohl heute klar ist, dass sich China zum Hauptrivalen der USA entwickelt. Hinter dieser Auslassung steckte ein großer Analysefehler: Wir hatten nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass China eine Wirtschaftsmacht ersten Ranges werden könnte, was eine Voraussetzung dafür ist, dass ein Land die Führungsrolle in einem imperialistischen Block beanspruchen kann. Das hat die chinesische Bourgeoisie übrigens sehr gut verstanden: Sie kann nur dann mit der amerikanischen Bourgeoisie militärisch konkurrieren, wenn sie eine wirtschaftliche und technologische Stärke aufbaut, die ihre militärische Stärke unterstützen kann, sonst droht ihr das gleiche Schicksal wie der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre. Unter anderem aus diesem Grund kann China, auch wenn es seine militärischen Ambitionen (insbesondere in Bezug auf Taiwan) zunehmend ausbreitet, noch lange nicht behaupten, dass es einen neuen imperialistischen Block um sich herum gruppieren kann.
5) Der Krieg in der Ukraine hat die Sorgen über einen Dritten Weltkrieg wieder aufleben lassen, insbesondere durch Putins Drohungen mit Atomwaffen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich mit dem Weltkrieg genauso verhält wie mit den imperialistischen Blöcken. In der Tat stellt ein Weltkrieg die letzte Phase der Blockbildung dar. Genauer gesagt, weil es konstituierte imperialistische Blöcke gibt, kann ein Krieg, der zunächst nur eine begrenzte Anzahl von Ländern betrifft, durch das Handeln der Allianzen zu einem allgemeinen Flächenbrand eskalieren. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, dessen tiefere historische Ursachen in der Verschärfung der imperialistischen Rivalitäten zwischen den europäischen Mächten lagen, erfolgte in Form einer Verkettung von Situationen, in denen die verschiedenen Alliierten nach und nach in den Konflikt eintraten: Österreich-Ungarn wollte mit Unterstützung seines Verbündeten Deutschland die Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo am 28. Juni 1914 nutzen, um das Königreich Serbien, das beschuldigt wurde, den Nationalismus der serbischen Minderheiten in Österreich-Ungarn zu schüren, in die Schranken zu weisen. Das Land erhielt sofort die Unterstützung seines russischen Verbündeten, der zudem mit Großbritannien und Frankreich die "Triple-Entente" gebildet hatte. Anfang August 1914 traten alle diese Länder gegeneinander in den Krieg ein und zogen später weitere Staaten wie Japan, Italien 1915 und die USA 1917 in den Konflikt. Auch als Deutschland im September 1939 Polen angriff, führte ein Vertrag aus dem Jahr 1920 zwischen Polen, dem Vereinigten Königreich und Frankreich dazu, dass diese Länder Deutschland den Krieg erklärten, obwohl ihre Bourgeoisien nicht besonders an einem solchen Konflikt interessiert waren, wie die Unterzeichnung des Münchner Abkommens ein Jahr zuvor gezeigt hatte. Der Konflikt zwischen den drei europäischen Hauptmächten sollte sich schnell auf die ganze Welt ausweiten. Heute besagt Artikel 5 der NATO-Charta, dass ein Angriff auf ein NATO-Mitglied als Angriff auf alle Verbündeten angesehen wird. Aus diesem Grund sind die Länder, die vor 1989 zum Warschauer Pakt (und sogar zur Sowjetunion, wie die baltischen Staaten) gehörten, begeistert in die NATO eingetreten: Es war die Garantie, dass das benachbarte Russland nicht versuchen würde, sie anzugreifen. Eine Haltung, die Finnland und Schweden nach jahrzehntelanger "Neutralität" gerade eingenommen haben. Auch aus diesem Grund konnte Putin eine Situation nicht akzeptieren, in der der ukrainische Staat Gefahr lief, der NATO beizutreten, wie es in seiner Verfassung verankert war.
Das Fehlen einer Teilung der Welt in zwei Blöcke bedeutet also, dass ein dritter Weltkrieg derzeit nicht auf der Tagesordnung steht und vielleicht auch nie wieder auf der Tagesordnung stehen wird. Es wäre jedoch unverantwortlich, den Ernst der globalen Lage zu unterschätzen. Wie wir im Januar 1990 schrieben:
„Daher ist es von großer Bedeutung, klarzustellen, daß, wenn die Lösung des Proletariats - die kommunistische Revolution - die einzige ist, die der Zerstörung der Menschheit (die die einzige "Lösung" ist, die die Bourgeoisie auf ihre Krise geben kann) trotzen kann, diese Zerstörung nicht zwangsläufig aus einem dritten Weltkrieg resultieren muß. Sie könnte gleichermaßen aus dem bis zum Äußersten getriebenen Zerfall resultieren (Umweltkatastrophen, Epidemien, Hungersnöte, die Entfesselung lokaler Kriege usw.).
Die historische Alternative "Sozialismus oder Barbarei", wie sie von den Marxisten herausgestellt worden war, wurde, nachdem sie im Verlauf des größten Teils dieses Jahrhunderts die Gestalt des "Sozialismus oder imperialistischer Weltkrieg" angernommen hatte, im Verlaufe der letzten Jahrzehnte aufgrund der Entwicklung der Atomwaffen in der furchterregenden Form des "Sozialismus oder Zerstörung der Menschheit" präzisiert. Heute, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, bleibt diese Perspektive vollkommen gültig. Jedoch muß man aufzeigen, daß solch eine Zerstörung aus großen imperialistischen Kriegen ODER auch aus dem Zerfall der Gesellschaft hervorgehen kann.“ (Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - Destabilisierung und Chaos [114])
Die drei Jahrzehnte seit der Annahme dieses Dokuments durch die IKS haben deutlich gemacht, dass selbst abgesehen von einem dritten Weltkrieg "Umweltkatastrophen, Epidemien, Hungersnöte, die Entfesselung lokaler Kriege" tatsächlich die vier apokalyptischen Reiter sind, die das Überleben der Menschheit bedrohen.
6) Der Orientierungstext "Militarismus und Zerfall" schloss mit einem Abschnitt über "Das Proletariat und der imperialistische Krieg". Angesichts der Bedeutung dieser Frage kann es sich lohnen, große Auszüge aus diesem Teil zu zitieren, anstatt ihn zu paraphrasieren:
„Mehr denn je zuvor wird die Frage des Kriegs eine zentrale Frage im Kapitalismus sein. Mehr als je zuvor ist sie eine grundlegende Frage für die Arbeiterklasse. Die Bedeutung dieser Frage ist freilich nichts Neues. Sie stand schon vor dem Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt (wie die internationalen Kongresse von Stuttgart 1907 und von Basel 1912 beweisen). Sie wurde selbstverständlich im Verlauf des ersten imperialistischen Gemetzels noch maßgeblicher (wie der Kampf von Lenin, Rosa Luxemburg, Liebknecht genauso wie die Revolution in Rußland und Deutschland zeigte). Sie behielt ihre ganze Schärfe zwischen den beiden Weltkriegen, insbesondere während des Spanienkriegs, ganz zu schweigen von der Bedeutung, die sie im Verlauf des größten Holocausts dieses Jahrhunderts, zwischen 1939-45, offenbarte. Sie hat schließlich ihre ganze Bedeutung im Laufe der verschiedenen nationalen "Befreiungs"kriege nach 1945 bewahrt, in Momenten der Konfrontation zwischen den beiden imperialistischen Blöcke. Im Grunde war der Krieg seit dem Beginn des Jahrhunderts die entscheidendste Frage, mit der das Proletariat und seine revolutionären Minderheiten konfrontiert waren, weit vor den Fragen der Gewerkschaften und des Parlamentarismus z.B. Und dies konnte auch nicht anders sein, stellt doch der Krieg die konzentrierteste Form der Barbarei des dekadenten Kapitalismus dar, die seine Agonie und die Bedrohung, die er für das Überleben der Menschheit bildet, zum Ausdruck bringt.
In der gegenwärtigen Periode, in der noch mehr als in den vergangenen Jahrzehnten die kriegerische Barbarei (zum Leidwesen der Herren Bush und Mitterand mit ihren Prophezeiungen einer "neuen Friedensordnung") ein ständiger und allgegenwärtiger Faktor der Weltlage ist und die entwickelten Länder in wachsender Weise mit impliziert sind (in den Grenzen, die allein vom Proletariat dieser Länder festgelegt werden), ist die Frage des Krieges noch wichtiger für die Arbeiterklasse. Die IKS hat seit langem aufzeigt, daß im Gegensatz zur Vergangenheit die Entfaltung einer nächsten revolutionären Welle nicht aus dem Krieg, sondern aus der Verschärfung der Wirtschaftskrise hervorgehen wird. Diese Analyse bleibt weiterhin vollkommen gültig: die Mobilisierungen der Arbeiter, Ausgangspunkt der großen Klassenkämpfe, werden sich aus der Reaktion auf die ökonomischen Angriffe entwickeln. Ebenso wird auf der Ebene der Bewußtwerdung die Verschärfung der Krise ein grundlegender Faktor in der Offenlegung der historischen Sackgasse der kapitalistischen Produktionsweise sein. Doch auf eben dieser Ebene der Bewußtwerdung wird die Frage des Krieges wiederum eine vorrangige Rolle spielen:
- indem die fundamentalen Konsequenzen dieser historischen Sackgasse aufgezeigt werden: die Zerstörung der Menschheit;
- indem der Krieg die einzige objektive Konsequenz aus der Krise, der Dekadenz und dem Zerfall darstellt, den die Arbeiterklasse jetzt schon (im Gegensatz zu den anderen Manifestationen des Zerfalls) eingrenzen kann, weil sie sich in den zentralen Ländern gegenwärtig nicht hinter den nationalistischen Fahnen mobilisieren läßt.“ (Punkt 13)
„Es stimmt, daß der Krieg viel einfacher als die Krise selbst und die ökonomischen Angriffe gegen die Arbeiterklasse genutzt werden kann:
- er kann die Ausbreitung des Pazifismus begünstigen;
- er kann ein Gefühl der Hilflosigkeit in den Reihen der Arbeiter bewirken und es der Bourgeoisie gestatten, ihre ökonomischen Angriffe auszuführen.“ (Punkt 14)
Der Krieg in der Ukraine löst heute tatsächlich ein Gefühl der Ohnmacht bei den Proletarisierten aus, wenn er nicht zu einer dramatischen Vereinnahmung und dem Triumph des Chauvinismus führt, wie es in diesem Land und zum Teil auch in Russland der Fall ist. In den westlichen Ländern ermöglicht er sogar eine gewisse Stärkung der demokratischen Ideologie dank der Fluten an Propaganda, die von den Main-Stream-Medien verbreitet werden. Wir würden eine Konfrontation zwischen dem "Bösen", der "Diktatur" (Putin), auf der einen Seite und dem "Guten", der "Demokratie" (Selenskyj und seine westlichen Unterstützer), auf der anderen Seite erleben. Eine solche Propaganda war 2003 natürlich weniger wirksam, als der "Boss" der "großen amerikanischen Demokratie", Bush junior, das Gleiche tat wie Putin, als er den Krieg gegen den Irak begann (Benutzung einer riesigen Lüge, Verletzung des "Völkerrechts" der UNO, Einsatz "verbotener" Waffen, Bombardierung der Zivilbevölkerung, "Kriegsverbrechen").
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich die Analyse der IKS zur Frage des "schwächsten Glieds" vor Augen zu halten, die den Unterschied zwischen dem Proletariat in den Kernländern, insbesondere in Westeuropa, und dem Proletariat in den Ländern der Peripherie und des ehemaligen "sozialistischen" Blocks hervorhebt. " (siehe insbesondere unsere Artikel "Le prolétariat d'Europe occidentale au centre de la généralisation de la lutte de classe, critique de la théorie du maillon le plus faible [122]" in der französischen Ausgabe Revue Internationale n° 31 und "Débat : à propos de la critique de la théorie du 'maillon le plus faible [123]'" in la Revue Internationale n° 37).
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine unterstreicht die sehr große politische Schwäche des Proletariats in diesen Ländern. Der aktuelle Krieg wird auch negative politische Auswirkungen auf das Proletariat der Kernländer haben, aber das bedeutet nicht, dass der Aufschwung der demokratischen Ideen, den es erleidet, es endgültig lähmen wird. Insbesondere bekommt es bereits jetzt die Folgen dieses Krieges durch die wirtschaftlichen Angriffe zu spüren, die mit dem dramatischen Anstieg der Inflation einhergehen, (die bereits vor dem Ausbruch des Krieges begonnen hatte, aber durch den Krieg noch verstärkt wurde). Es wird zwangsläufig wieder den Weg des Klassenkampfes gegen diese Angriffe einschlagen müssen.
„In der gegenwärtigen historischen Situation wird die Intervention der Kommunisten in der Klasse, abgesehen natürlich von der beträchtlichen Zuspitzung der Wirtschaftskrise und den damit verbundenen Angriffen gegen das gesamte Proletariat, bestimmt werden durch:
- die fundamentale Bedeutung der Frage des Kriegs,
- die entscheidende Rolle der Revolutionäre in der Bewußtwerdung der Klasse darüber, was heute auf dem Spiel steht.
Es ist daher wichtig, daß diese Frage im Vordergrund der Propaganda der Revolutionäre steht. Und in Zeiten wie heute, in denen diese Frage unmittelbar im Mittelpunkt der internationalen Lage steht, ist es wichtig, daß sie die besondere Sensibilität der Arbeiter gegenüber diesem Thema nutzen, indem sie ihr Priorität verleihen und sich ihr mit ausgesuchter Hartnäckigkeit widmen.
Insbesondere haben die revolutionären Organisationen zur Aufgabe:
die Manöver der Gewerkschaften zu entblößen, die so tun, als ob sie zu ökonomischen Kämpfen aufriefen, um so besser die Kriegspolitik zu unterstützen (beispielsweise im Namen einer "gerechten Aufteilung" der Opfer zwischen Arbeitern und Bosse);
mit größter Heftigkeit die widerwärtige Heuchelei der Linken anzuprangern, die im Namen des "Internationalismus" und des "Kampfes gegen den Imperialismus" faktisch zur Unterstützung eines der imperialistischen Lager aufrufen;
die pazifistischen Kampagnen abzulehnen, die ein besonders gutes Mittel sind, um die Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus zu demobilisieren, indem sie auf die Ebene des Interklassismus gelockt wird;
die Tragweite dessen, was zur Zeit auf dem Spiel steht, aufzuzeigen, indem sie alle Auswirkungen der erheblichen Umwälzungen, die die Welt derzeit erlebt, und namentlich die Periode des Chaos begreifen, in die Welt eingetreten ist.“ (Punkt 15, ebenda)
7) Diese vor über 30 Jahren hervorgehobenen Leitlinien sind auch heute noch voll und ganz gültig. Aber in unserer Propaganda gegen den imperialistischen Krieg ist es auch notwendig, an unsere Analyse der Bedingungen für die Verallgemeinerung revolutionärer Kämpfe zu erinnern, die insbesondere in unserem Text von 1981 "Die historischen Bedingungen der Generalisierung des Klassenkampfes" (Internationale Revue Nr. 7) entwickelt wurde. Jahrzehntelang waren Revolutionäre, gestützt auf die Beispiele der Pariser Kommune (im Anschluss an den französisch-preußischen Krieg), der Revolution von 1905 in Russland (während des russisch-japanischen Krieges), von 1917 in Russland und von 1918 in Deutschland, der Ansicht, dass der imperialistische Krieg die besten Bedingungen für die proletarische Revolution schaffe oder dass diese sogar nur aus dem Weltkrieg hervorgehen könne. Diese Analyse ist unter den Gruppen der Kommunistischen Linken immer noch weit verbreitet, was zum Teil ihre Unfähigkeit erklärt, die Frage des Historischen Kurses zu verstehen. Nur die IKS hat jene Analyse klar in Frage gestellt und ist zur "klassischen" Analyse zurückgekehrt, wie sie von Marx und Engels zu ihrer Zeit (und teilweise von Rosa Luxemburg) entwickelt wurde, die davon ausgingen, dass der revolutionäre Kampf des Proletariats aus dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus und nicht aus dem Krieg zwischen kapitalistischen Staaten hervorgehen würde.
Die Argumente, die zur Unterstützung unserer Analyse vorgebracht werden, lassen sich wie folgt zusammenfassen:
a) Wenn in einem Land der Krieg massive Reaktionen des Proletariats hervorruft, hat die Bourgeoisie dieses Landes eine wichtige Karte in der Hand, um solchen Reaktionen den Wind aus den Segeln zu nehmen: die Einstellung der Feindseligkeiten, den Abbruch des Krieges. So geschah es im November 1918 in Deutschland, wo die Bourgeoisie, angeleitet durch das Beispiel der Revolution in Russland, wenige Tage nach dem Aufstand der Matrosen im Ostseegebiet sofort den Waffenstillstand mit den Entente-Ländern unterzeichnete. Im Gegensatz dazu ist keine Bourgeoisie in der Lage, die wirtschaftlichen Erschütterungen zu überwinden, die die Ursache für die massiven und weit verbreiteten Kämpfe des Proletariats wären.
b) "... der Krieg bringt sowohl Sieger als auch Besiegte hervor, in der gleichen Zeit wie sich die revolutionäre Wut gegen die Bourgeoisie entwickelt, entsteht auch in der Bevölkerung eine revanchistische Tendenz. Und diese Tendenz dringt bis in die Reihen der Revolutionäre vor, wie die national-kommunistische Tendenz in der K.A.P.D. und der Kampf gegen den Versailler Vertrag als Achse der Propaganda K.P.D. bezeugen sollten. Wie die Nachkriegszeiten nach dem Ersten und noch mehr nach dem Zweiten Weltkrieg es gezeigt haben, entsteht neben einer wirklichen und langsamen Wiederaufnahme des Klassenkampfes der Geist des Überdrusses, wenn nicht gar ein chauvinistischer Wahn." („Die Bedingungen der Generalisierung des Klassenkampfes“, Internationale Revue Nr. 7, 1981)
c) Die Bourgeoisie hat aus dem Ersten Weltkrieg und der revolutionären Welle, die er ausgelöst hat, Lehren gezogen. Einerseits stellte sie fest, dass sie eine tiefe politische Niederschlagung des Proletariats in den zentralen Ländern sicherstellen musste, bevor sie sich in den Zweiten Weltkrieg stürzte. Dies erreichte sie mit der Einführung des Naziterrors auf deutscher Seite und der antifaschistischen Vereinnahmung auf Seiten der Alliierten. Andererseits traf die herrschende Klasse zahlreiche Vorkehrungen, um jegliches Erwachen des Proletariats im Laufe oder am Ende des Krieges zu verhindern oder im Keim zu ersticken, insbesondere in den besiegten Ländern. "In Italien, wo die Gefahr am größten war [nach den Arbeiterkämpfen, die ab März 1943 den industriellen Norden erfassten], beeilte sich die Bourgeoisie (...), das Regime und dann auch die Bündnisse zu wechseln [Der König setzte Mussolini ab und ersetzte ihn durch den alliiertenfreundlichen Admiral Badoglio]. Im Herbst 1943 war Italien zweigeteilt, der Süden in den Händen der Alliierten, der Rest von den Nazis besetzt. Auf Churchills Rat hin ("man muss Italien im eigenen Saft schmoren lassen") verzögerten die Alliierten ihren Vormarsch nach Norden und erreichten damit ein doppeltes Ergebnis: Einerseits wurde der deutschen Armee die Unterdrückung der proletarischen Bewegung überlassen; andererseits wurde den "antifaschistischen" Kräften die Aufgabe zugewiesen, dieselbe Bewegung vom Boden des antikapitalistischen Kampfes auf den des antifaschistischen Kampfes umzulenken. (...) In Deutschland (...) betreibt die Weltbourgeoisie eine systematische Aktion, um die Wiederkehr ähnlicher Ereignisse wie 1918-19 zu verhindern. Zunächst führen die Alliierten kurz vor Kriegsende eine Massenausrottung der Bevölkerung in den Arbeitervierteln durch beispiellose Bombenangriffe auf große Städte wie Hamburg oder Dresden durch (...). Diese Ziele haben keinen militärischen Wert (im Übrigen waren die deutschen Armeen bereits auf dem Rückzug): In Wirklichkeit geht es darum, das Proletariat zu terrorisieren und jegliche Organisation des Proletariats zu verhindern. Zweitens lehnen die Alliierten jeden Gedanken an einen Waffenstillstand ab, solange sie nicht das gesamte deutsche Territorium besetzt haben: Sie legen Wert darauf, dieses Territorium direkt zu verwalten, da sie wissen, dass die besiegte deutsche Bourgeoisie möglicherweise nicht in der Lage sein wird, die Situation allein zu kontrollieren. Schließlich hielten die Alliierten nach deren Kapitulation und in enger Zusammenarbeit mit ihr die deutschen Kriegsgefangenen monatelang zurück, um eine explosive Mischung zu vermeiden, die durch das Zusammentreffen mit der Zivilbevölkerung hätte entstehen können. In Polen war es in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 die Rote Armee, die den Nazi-Truppen die Drecksarbeit überließ, die aufständischen Arbeiter in Warschau zu massakrieren: Die Rote Armee wartete monatelang nur wenige Kilometer vor der Stadt darauf, dass die deutschen Truppen den Aufstand erstickten. Dasselbe geschah Anfang 1945 in Budapest". ("Klassenkampf gegen den imperialistischen Krieg: Die Arbeiterkämpfe in Italien 1943", International Review Nr. 75, engl./frz./span. Ausgabe).
d) Das revolutionäre Wiedererwachen des Proletariats im Ersten Weltkrieg wurde durch die Merkmale des Krieges begünstigt: vorwiegend Infanteriegefechte, Grabenkrieg, der die Verbrüderung von Soldaten beider Seiten erleichterte, die sich über lange Zeiträume nur wenige Meter voneinander entfernt befanden. Der Zweite Weltkrieg war kein Grabenkrieg, sondern war geprägt vom massiven Einsatz mechanischer und technologischer Mittel, insbesondere von Panzern und Flugzeugen, ein Trend, der sich seither noch verstärkt hat, da die Staaten zunehmend auf Berufsarmeen zurückgreifen, die immer raffiniertere Waffen einsetzen können, was die Möglichkeiten einer direkten Verbrüderung zwischen Kämpfern beider Seiten erheblich einschränkt. Und schließlich, "last but not least", würden in einem dritten Weltkrieg früher oder später Atomwaffen zum Einsatz kommen, was natürlich die Frage nach der Möglichkeit eines proletarischen Aufbegehrens vollkommen ausschließt.
8) In der Vergangenheit haben wir die Losung des "revolutionären Defätismus" kritisiert. Diese Losung, die während des Ersten Weltkriegs insbesondere von Lenin hervorgehoben wurde, beruhte auf einem grundlegend internationalistischen Anliegen: der Entlarvung der von den Sozialchauvinisten verbreiteten Lügen, dass ihr Land zuvor den Sieg erringen müsse, damit die Proletarier dieses Landes in den Kampf für den Sozialismus eintreten könnten. Angesichts dieser Lügen wiesen die Internationalist:innen darauf hin, dass nicht der Sieg eines Landes den Kampf der Proletarier dieses Landes gegen ihre Bourgeoisie förderte, sondern im Gegenteil seine Niederlage (wie die Beispiele der Pariser Kommune nach der Niederlage gegen Preußen und der Revolution von 1905 nach dem Debakel Russlands gegen Japan gezeigt hatten). Später wurde diese Parole des "revolutionären Defätismus" so interpretiert, dass das Proletariat in jedem Land die Niederlage der eigenen Bourgeoisie herbeisehnt, um den Kampf für deren Sturz zu fördern, was natürlich einem echten Internationalismus den Boden entzieht. In Wirklichkeit hat Lenin selbst (der 1905 die Niederlage Russlands gegen Japan begrüßt hatte) vor allem die Losung "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" hervorgehoben, die eine Konkretisierung des Änderungsantrags darstellte, den er zusammen mit Rosa Luxemburg und Martow auf dem Stuttgarter Kongress der Sozialistischen Internationale 1907 eingebracht und durchgesetzt hatte: "Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.“ (Internationaler Sozialistenkongress zu Stuttgart, 1907)
Die Revolution in Russland 1917 war eine glänzende Umsetzung der Losung "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg": Die Proletarier richteten die Waffen, die ihnen die Ausbeuter anvertraut hatten, um ihre Klassenbrüder in anderen Ländern abzuschlachten, gegen ihre Ausbeuter. Obwohl es, wie oben erwähnt, nicht ausgeschlossen ist, dass Soldaten ihre Waffen gegen ihre Offiziere richten könnten (im Vietnamkrieg kam es vor, dass amerikanische Soldaten "versehentlich" Vorgesetzte töteten), wären solche Vorfälle nur von sehr begrenztem Ausmaß und könnten in keiner Weise die Grundlage für eine revolutionäre Offensive bilden. Aus diesem Grund sollten wir in unserer Propaganda weder die Losung des "revolutionären Defätismus", noch die Losung der "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" in den Vordergrund stellen.
Aus diesem Grund muss in unserer Propaganda nicht nur die Losung vom "revolutionären Defätismus", sondern auch die Losung von der "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" in Frage gestellt werden.
Allgemeiner gesagt, ist es die Verantwortung der Gruppen der Kommunistischen Linken, eine Bilanz der Positionierung der Revolutionäre gegenüber dem Krieg in der Vergangenheit zu ziehen, indem sie herausstellen, was weiterhin gültig ist (die Verteidigung der internationalistischen Prinzipien) und was nicht mehr gilt (die "taktischen" Losungen). In diesem Sinne kann zwar die Losung von der "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" von nun an keine realistische Perspektive mehr darstellen, aber es ist andererseits angebracht, die Gültigkeit des 1907 auf dem Stuttgarter Kongress angenommenen Zusatzes zu betonen und insbesondere die Idee, dass Revolutionäre "die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen" haben. Diese Losung ist angesichts der gegenwärtigen Schwäche des Proletariats natürlich nicht sofort umsetzbar, aber sie bleibt ein Wegweiser für das Eingreifen der Kommunisten in die Klasse.
IKS, 11.07.2022
Das letzte Mal, als wir uns in dieser Reihe speziell mit dem Problem des Staates in der Übergangsperiode befassten, war in unserer Einleitung zu den Thesen über den Staat, die von der Gauche Communiste de France GCF 1946[1] herausgegeben worden waren. Wir stellten diesen Text als eine wichtige Fortsetzung der Arbeit der Italienischen Linken vor, die in den 1930er Jahren eine Reihe von Artikeln veröffentlicht hatte, welche die Lehren aus der Niederlage der Russischen Revolution zogen und das Problem des Staates als zentral ansahen. Aufbauend auf den Warnungen von Marx und Engels vor der Tendenz des Staates, sich von der Gesellschaft zu entfremden, und der Charakterisierung des Staates als eine vorübergehende Geißel, die das Proletariat nutzen muss, indem es seine schädlichsten Aspekte so weit wie möglich einschränkt, hatten die Artikel von Vercesi und insbesondere von Mitchell (Mitglied der Belgischen Fraktion) bereits einen Unterschied zwischen der notwendigen Funktion des "proletarischen Staates" und der tatsächlichen, effektiven Macht des Proletariats[2] gemacht. Der Text der GCF ging noch einen Schritt weiter, indem er argumentierte, dass der Staat dem Proletariat als Träger des Kommunismus und damit einer staatenlosen Gesellschaft von Natur aus fremd ist.
In unserer Einleitung zu den Thesen haben wir auf einige Schwächen oder Unklarheiten im Text hingewiesen (zu den Gewerkschaften, der Rolle der Partei, dem Wirtschaftsprogramm der Revolution), von denen die meisten durch den Diskussions- und Klärungsprozess, der im Mittelpunkt der Aktivitäten der GCF stand, im Wesentlichen beseitigt werden konnten. Doch wurden diese Fortschritte – vor allem in Bezug auf die Gewerkschaften und die Partei – in anderen Texten[3] korrigiert, da die Gruppe unseres Wissens keine weiteren Dokumente zur Frage der Übergangsperiode selbst verfasste.
Die Thesen von 1946 waren ein Produkt der kollektiven Arbeit der GCF und wurden von Marc Chirik verfasst, der eine Schlüsselrolle bei der Bildung und theoretischen Entwicklung der Gruppe gespielt hatte. Als sich die Gruppe nach 1952 auflöste (trotz Marcs Bemühungen, sie aufrechtzuerhalten), wurde Marc nach Venezuela "verbannt", wo er über ein Jahrzehnt lang keine organisierte politische Tätigkeit ausübte. Dies war jedoch keine Periode, in der er sich von politischen Überlegungen zurückgezogen hätte, und sobald sich die Zeiten zu ändern begannen, Anfang bis Mitte der 60er Jahre, hatte Marc mit einigen jungen Leuten einen Diskussionskreis gebildet, aus dem 1964 die Gruppe Internacionalismo hervorging. Diese Gruppe wiederum wurde schließlich zur Sektion der IKS in Venezuela.
Marc selbst kehrte nach Europa zurück, um an den historischen Ereignissen im Mai-Juni 1968 teilzunehmen, und blieb, um an der Gründung der Gruppe Révolution Internationale mitzuwirken, die später die französische Sektion der IKS werden sollte.
Für die Generation der Revolutionäre, die aus der vom Mai 68 ausgelösten internationalen Kampfwelle hervorging, schien die Revolution nicht mehr so weit entfernt zu sein. Eine Reihe neuer Gruppen und Mitglieder, die die Tradition der Kommunistischen Linken wiederentdeckt hatten, machten sich nicht nur daran, sich vom linken Flügel des Kapitals abzugrenzen, indem sie sich die in der Zeit der Konterrevolution erarbeiteten grundlegenden Klassenpositionen wieder aneigneten, sondern eröffneten eine Debatte über den Charakter der zu erwartenden Revolution und den Weg zu einer kommunistischen Gesellschaft.
Der von der GCF vorgeschlagene und von Marc weiter ausgearbeitete Ansatz für die Übergangsperiode und den Halbstaat wurde bald zu einem Brennpunkt vieler leidenschaftlicher Diskussionen unter den neuen Gruppen. Die Mehrheit von Révolution Internationale und der ihr nahestehenden Gruppen war von Marcs Argumenten überzeugt, aber es wurde von Anfang an klargestellt, dass diese spezielle Analyse nicht als Klassengrenze gelten konnte, da die Geschichte ihren Wahrheitsgehalt noch nicht endgültig bewiesen hatte. Die Diskussion wurde also innerhalb der neu gegründeten IKS und mit anderen Gruppen fortgesetzt, die sich an den Debatten über die internationale Umgruppierung der neu entstehenden revolutionären Kräfte beteiligten, die diese Phase kennzeichneten. Die erste Ausgabe der International Review enthielt Beiträge über die Übergangsperiode von Marc (im Namen von Révolution Internationale) und einen langen Artikel, der Ideen in die gleiche Richtung entwickelte und vom jungen Genossen C.D. Ward im Namen von World Revolution in Großbritannien verfasst wurde, sowie einen Text von Rivoluzione Internazionale in Italien, der für den proletarischen Charakter des Übergangsstaates plädierte, und einen weiteren Beitrag von Revolutionary Perspectives, der Keimzelle der zukünftigen Communist Workers Organisation CWO. Diese Texte wurden für die Konferenz von 1975 verfasst, auf der die formelle Gründung der IKS stattfand. Obwohl keine Zeit war, die Diskussion während des Treffens zu führen, wurden sie als Beitrag zu einer laufenden Debatte veröffentlicht.
Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass diese Debatten hitzig waren. Die Gruppe Workers Voice aus Liverpool zog sich bald aus den Diskussionen zurück und führte die Mehrheitsposition der zukünftigen IKS zur Übergangsperiode als Beweis für ihren konterrevolutionären Charakter an, da sie angeblich bedeutete, in einem zukünftigen revolutionären Prozess für einen Staat einzutreten, der die Arbeiterräte dominieren würde. Wie wir damals argumentierten ("Grenzenloses Sektierertum" in World Revolution Nr. 3), war dies nicht nur ein falscher Vorwurf, sondern auch weitgehend ein Vorwand, um die lokale Autonomie der Workers Voice vor der Gefahr zu bewahren, von einer größeren internationalen Organisation verschluckt zu werden. Aber andere Reaktionen jener Zeit zeigten, wie sehr die Errungenschaften der Italienischen Kommunistischen Linken im Nebel der Konterrevolution untergegangen waren. Auf dem Zweiten IKS-Kongress 1977, auf dem eine Resolution (und eine Gegenresolution) über den Staat in der Übergangsperiode auf der Tagesordnung stand, schien beispielsweise ein Delegierter von Battaglia Comunista, die damals und auch heute noch behauptet, die konsequenteste Fortsetzerin der Tradition der Italienischen Linken zu sein, von der bloßen Vorstellung, den proletarischen Charakter des Übergangsstaates in Frage zu stellen, sprachlos zu sein, auch wenn diese Ansicht lediglich eine logische Schlussfolgerung aus den Beiträgen Bilans in den 1930er Jahren war.
Obwohl die Resolution, die die Mehrheitsposition zum Ausdruck brachte, schließlich auf dem Dritten Kongress der IKS 1979 angenommen wurde, hatte der Kongress von 1977 festgestellt, dass die Debatte noch nicht ausreichend ausgereift war und fortgesetzt werden sollte. Eine Reihe von Beiträgen zu dieser Debatte wurde später als Broschüre veröffentlicht, was die Reichhaltigkeit der Debatte zeigt.[4] Innerhalb der IKS war die Minderheit nicht homogen, sondern tendierte zu der Vorstellung, dass die Position von Bilan zum Staat in der Übergangsperiode die richtige gewesen sei, während die GCF von der marxistischen Konzeption abgewichen sei. Einige der Genossen der Minderheit schlossen sich später der Mehrheitsposition an, während andere begannen, andere Schlüsselentwicklungen der GCF, die von der IKS weitergeführt wurden, in Frage zu stellen, vor allem in der Frage der Partei. Die meisten von ihnen zerstreuten sich in verschiedene Richtungen – einer wandte sich einer orthodoxeren bordigistischen Position zu, ein anderer startete einen kurzen Versuch, eine neue Version von Bilan (Fraction Communiste Internationaliste) zu bilden, während andere das gefährliche Gebräu aus Anarchismus, Bordigismus und der Verteidigung des so genannten "Arbeiterterrorismus" in sich aufnahmen, das den Weg der Groupe Communiste Internationaliste prägte.[5]
In diesem Artikel werden wir uns auf drei Diskussionsbeiträge von Marc Chirik aus dieser Zeit innerhalb der IKS konzentrieren. Diese Herangehensweise ist eine Fortsetzung und ein Abschluss der drei vorangegangenen Artikel in dieser Reihe, die sich mit dem Beitrag bestimmter Personen innerhalb der proletarisch-politischen Bewegung während der Zeit der Konterrevolution (d. h. Damen, Bordiga, Munis und Castoriadis) zur kommunistischen Theorie befasst haben. Das Interesse besteht nicht darin, an diese einzelnen Kommunisten wie in akademischen Zeitschriften heranzugehen, wo die Theorie immer als intellektuelles Eigentum dieses oder jenes Spezialisten angesehen wird. Im Gegenteil, als Klassenkämpfer konnten diese Genossen ihre Beiträge nur mit dem Ziel leisten, etwas zu entwickeln, das weit davon entfernt ist, das Urheberrecht Einzelner zu sein, sondern nur existiert, um das universelle Eigentum des Proletariats zu werden – das kommunistische Programm. Für uns ist das kommunistische Programm ein Werk der Assoziation, in dem die einzelnen Genossen ihren besonderen Beitrag innerhalb eines größeren Kollektivs leisten können. Und genau die herausragende Eigenschaft von Marc Chirik war seine Fähigkeit, das, was er durch seine Lebenserfahrung auf organisatorischer und programmatischer Ebene erworben hatte, zu "universalisieren" – es an andere Genoss:innen weiterzugeben. So gab es in der Geschichte der IKS eine Reihe von wichtigen Beiträgen zu diesem allgemeinen Bemühen, den Weg zum Kommunismus zu erhellen, auch von anderen Genossen der Organisation – auf einige davon werden wir in diesem Artikel eingehen. Aber es besteht kein Zweifel, dass die von Marc verfassten Texte Beispiele für sein tiefes Verständnis der marxistischen Methode sind und es verdienen, noch einmal im Detail untersucht zu werden. Wir entschuldigen uns im Voraus für die Länge einiger Zitate aus diesen Artikeln, aber wir denken, dass es das Beste ist, Marcs Worte so weit wie möglich für sich selbst sprechen zu lassen.
Der in International Review Nr. 1 (engl./frz./span. Ausgabe) veröffentlichte Artikel zeichnet sich dadurch aus, dass er die Frage der Übergangsperioden in einem breiten historischen Rahmen stellt. "Die menschliche Geschichte besteht aus verschiedenen stabilen Gesellschaften, die an eine bestimmte Produktionsweise und damit an stabile soziale Beziehungen gebunden sind. Diese Gesellschaften beruhen auf den ihnen innewohnenden ökonomischen Gesetzen. Sie bestehen aus festen sozialen Klassen und stützen sich auf entsprechende Überbauten. Die grundlegenden stabilen Gesellschaften in der geschriebenen Geschichte waren: die Sklavengesellschaft, die asiatische Gesellschaft, die Feudalgesellschaft und die kapitalistische Gesellschaft.
Was Perioden des Übergangs von Perioden stabiler Gesellschaften unterscheidet, ist die Zersetzung der alten sozialen Strukturen und die Bildung neuer Strukturen. Beide sind mit einer Entwicklung der Produktivkräfte verbunden und gehen mit dem Auftreten und der Entwicklung neuer Klassen sowie der Entwicklung von Ideen und Institutionen einher, die diesen Klassen entsprechen.
Die Periode des Übergangs ist keine eigenständige Produktionsweise, sondern eine Verbindung zwischen zwei Produktionsweisen – der alten und der neuen. Es ist die Periode, in der sich die Keime der neuen Produktionsweise langsam zum Nachteil der alten entwickeln, bis sie die alte Produktionsweise verdrängen und eine neue, dominante Produktionsweise bilden.
Zwischen zwei stabilen Gesellschaften (und dies wird auch für die Zeit zwischen Kapitalismus und Kommunismus zutreffen, so wie es in der Vergangenheit der Fall war), ist die Zeit des Übergangs eine absolute Notwendigkeit. Das liegt daran, dass die Erschöpfung der Existenzgrundlage der alten Gesellschaft nicht automatisch die Reifung und die Entfaltung der Bedingungen der neuen Gesellschaft bedeutet. Mit anderen Worten: Der Niedergang der alten Gesellschaft bedeutet nicht automatisch die Reifung der neuen, sondern ist nur die Bedingung für deren Entstehen.
Dekadenz und Übergangszeit sind zwei sehr unterschiedliche Phänomene. Jede Übergangsphase setzt den Zerfall der alten Gesellschaft voraus, deren Produktionsweise und -verhältnisse die äußerste Grenze ihrer möglichen Entwicklung erreicht haben. Jedoch bedeutet nicht jede Dekadenzperiode notwendigerweise eine Übergangsperiode, insofern die Übergangsperiode einen Schritt hin zu einer neuen Produktionsweise darstellt. Auch das antike Griechenland verfügte nicht über die historischen Bedingungen, die für eine Überwindung der Sklaverei notwendig waren, ebenso wenig wie das alte Ägypten.
Dekadenz bedeutet die Erschöpfung der alten gesellschaftlichen Produktionsweise; Übergang bedeutet das Aufkommen der neuen Kräfte und Bedingungen, die eine Auflösung und Überwindung der alten Widersprüche ermöglichen".
Zu der Zeit, als dieser Text geschrieben wurde, war die entstehende revolutionäre Bewegung bereits mit dem Einfluss der Vorläufer der heutigen Strömung der "Kommunisierung" konfrontiert, insbesondere mit den Schriften von Jacques Camatte und Jean Barrot (Dauvé). Die IKS hatte bereits eine Spaltung durch eine Gruppe von Mitgliedern hinter sich, die aus der trotzkistischen Organisation Lutte Ouvrière kamen, aber schnell den pseudoradikalen Vorstellungen verfielen, die das kennzeichneten, was wir damals "Modernismus" nannten: dass die Arbeiterklasse im Wesentlichen zu einer Klasse für das Kapital geworden sei, dass ihr Kampf für unmittelbare Forderungen eine Sackgasse sei und dass die kommunistische Revolution die unmittelbare Selbstverneinung der Arbeiterklasse bedeute und nicht ihre politische Bestätigung durch die Diktatur des Proletariats. In dieser Sichtweise wurde die Idee einer vom Proletariat gelenkten Übergangsperiode als nichts anderes als die Verewigung des Kapitals angeprangert: Der Prozess der Kommunisierung (Vergesellschaftung) mache eine Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Kommunismus überflüssig.[6]
Dass sich solche Ideen in der revolutionären Bewegung durchsetzten, zeigte auch die Entwicklung einer der Gruppen, die an der Konferenz teilnahmen – die Revolutionary Workers' Group mit Sitz in Chicago, die ebenfalls aus dem Trotzkismus hervorgegangen war, nun aber die Nutzlosigkeit des Kampfes für wirtschaftliche Forderungen entdeckte (siehe Vorwort zu International Review Nr. 1). In der Zwischenzeit bestand die Gruppe Revolutionary Perspectives darauf, dass eine isolierte proletarische Bastion sich bewusst vom Weltmarkt abschotten und gleichzeitig alle möglichen kommunistischen Maßnahmen innerhalb ihrer Grenzen umsetzen sollte: Dies war weniger eine modernistische Verirrung als eine verspätete Entschuldigung für den "Kriegskommunismus" der Periode 1918-21 in Russland, aber sie teilt mit den Kommunisierern die Idee, dass es möglich ist, authentische kommunistische Maßnahmen in einem einzelnen Land oder einer Region einzuführen.[7]
Der Text von Marc liefert uns einen soliden Ausgangspunkt für die Kritik an all diesen Ansätzen. Einerseits besteht er darauf, dass jede neue Produktionsweise das Ergebnis einer mehr oder weniger langen Übergangsperiode ist, die "keine eigenständige Produktionsweise, sondern ein Bindeglied zwischen zwei Produktionsweisen – der alten und der neuen – darstellt". Dies gilt mit Sicherheit für die Zeit des Übergangs zum Kommunismus, die alles andere als eine stabile Produktionsweise ist (manchmal irreführend als "Sozialismus" bezeichnet). Im Gegenteil, sie wird der Schauplatz eines anhaltenden Kampfes sein, um die kommunistische Umgestaltung der sozialen Beziehungen gegen das immense wirtschaftliche und ideologische Gewicht der alten Gesellschaft und sogar der Jahrtausende alten Klassengesellschaft, die dem Kapitalismus vorausging, voranzutreiben. Dies gilt auch nach der Eroberung der Weltherrschaft durch das Proletariat und gilt umso mehr in Situationen, in denen die ersten proletarischen Vorposten auf ein feindliches kapitalistisches Umfeld treffen.
Gleichzeitig wird in dem Text erläutert, dass sich die Übergangsperiode zum Kommunismus grundlegend von allen bisherigen Übergängen unterscheidet:
- Ihr Ziel ist nicht die Einführung einer neuen Form der Klassenausbeutung, sondern die Abschaffung aller Formen der Ausbeutung;
- Während frühere Übergänge das Ergebnis blinder wirtschaftlicher Gesetze waren, ist der Kommunismus eine Gesellschaft, in der die gesamte Produktion und Verteilung bewusster menschlicher Tätigkeit unterliegt;
- Im Gegensatz zu früheren Produktionsweisen kann der Kommunismus nicht in einem Teil der Welt existieren, sondern muss weltumspannend sein;
- Im Gegensatz zu früheren Übergangsperioden, bei denen sich die alten herrschenden Klassen und ihre Staatsformen bis zu einem gewissen Grad an die neue Produktionsweise anpassen konnten, erfordert der Kommunismus die vollständige Zerstörung der wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Kapitalismus.
Daraus folgt, dass der Übergang zum Kommunismus nicht innerhalb des Kapitalismus beginnen kann, durch eine Anhäufung wirtschaftlicher Veränderungen, die als Grundlage für die Macht der neuen herrschenden Klasse dienen, sondern erst nach einem im Wesentlichen politischen Akt – der gewaltsamen Zerschlagung des bestehenden Staatsapparats. Dies ist der Ausgangspunkt für die Ablehnung jeder Vorstellung, wonach ein wirklicher Kommunisierungsprozess[8] vor der Zerstörung der weltweiten Macht der Bourgeoisie beginnen könne. Jegliche wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die vor dem Erreichen dieses Punktes vorgenommen werden, sind im Wesentlichen Notlösungen, vorübergehende Maßnahmen, die nicht als eine Art "real existierender Kommunismus" dargestellt werden sollten und deren Hauptziel darin bestünde, die politische Vorherrschaft der Arbeiterklasse in einem bestimmten Gebiet zu stärken.
Auch für die Zeit nach dem Beginn der eigentlichen Übergangsphase warnt der Text vor einer Idealisierung der von der Arbeiterklasse ergriffenen Sofortmaßnahmen:
"Auf wirtschaftlicher Ebene besteht die Übergangsperiode aus einer ökonomischen Politik (und nicht mehr aus einer politischen Ökonomie) des Proletariats, um den Prozess der allgemeinen Vergesellschaftung von Produktion und Verteilung zu beschleunigen. Die Verwirklichung dieses Programms des integralen Kommunismus auf allen Ebenen ist zwar das von der Arbeiterklasse bekräftigte und verfolgte Ziel, unterliegt jedoch in der Übergangsperiode den unmittelbaren, konjunkturellen und kontingenten Bedingungen, die nur ein rein utopischer Voluntarismus ignorieren würde. Das Proletariat wird sofort versuchen, seinem Ziel so weit wie möglich näher zu kommen, wobei es die unvermeidlichen Zugeständnisse, die es hinnehmen muss, anerkennt. Zwei Gefahren bedrohen eine solche Politik:
- die Idealisierung dieser Politik, indem sie als kommunistisch dargestellt wird, obwohl sie nichts dergleichen ist;
- die Leugnung der Notwendigkeit einer solchen Politik im Namen eines idealistischen Voluntarismus".
Der gesamte Text ist von einem revolutionären Realismus geprägt. Es handelt sich um die radikalste gesellschaftliche Umwälzung seit Bestehen der menschlichen Spezies, und es ist absurd zu glauben, dass dieser Prozess – der für die große Mehrheit der Menschheit heute als unmöglich, als der menschlichen Natur zuwiderlaufend, bestenfalls als "eine nette Idee, die niemals funktionieren würde" angesehen wird – tatsächlich in einem Zug, historisch gesehen, über Nacht stattfinden könnte.
Im weiteren Verlauf des Textes werden einige spezifischere Aspekte dieser "ökonomischen Politik" skizziert, die allerdings recht allgemein bleiben:
- Sofortige Vergesellschaftung der großen kapitalistischen Konzentrationen und der wichtigsten Zentren der produktiven Tätigkeit.
- Planung von Produktion und Verteilung – das Kriterium der Produktion muss die maximale Befriedigung der Bedürfnisse sein und nicht mehr die Akkumulation.
- Massive Verkürzung des Arbeitstages.
- Deutliche Anhebung des Lebensstandards.
- Versuch der Abschaffung der auf dem Lohn und seiner Geldform basierenden Entlohnung.
- Vergesellschaftung des Konsums und der Bedürfnisbefriedigung (Transport, Freizeit, Mahlzeiten, etc.).
- Die Beziehung zwischen den kollektivierten Sektoren und den noch individuellen Produktionssektoren – vor allem auf dem Land – muss zu einem organisierten kollektiven Austausch durch Genossenschaften tendieren, wodurch der Markt und der individuelle Austausch verdrängt werden.
Der Text von Marc beginnt mit der folgenden Warnung: "Die Revolutionäre haben die Frage nach der Übergangsperiode immer mit größter Vorsicht gestellt. Die Anzahl, die Komplexität und vor allem die Neuartigkeit der Probleme, die das Proletariat zu lösen hat, verhindern jede Ausarbeitung von detaillierten Plänen der zukünftigen Gesellschaft; jeder Versuch, dies zu tun, läuft Gefahr, in eine Zwangsjacke zu geraten, die die revolutionäre Aktivität der Klasse ersticken wird". Es ist verständlich, dass Marc uns nur eine sehr allgemeine Skizze einer möglichen "ökonomischen Politik" des Proletariats liefert. Einer der Punkte ist etwas zu allgemein – "wesentliche Erhöhung des Lebensstandards" –, um viel damit anzufangen, aber die anderen geben in der Tat die allgemeine Richtung an, und einer markiert eindeutig einen Fortschritt gegenüber dem Text von 1946, nämlich wenn es heißt, dass "das Kriterium der Produktion die maximale Befriedigung der Bedürfnisse und nicht mehr die Akkumulation sein muss", da der Text von 1946 noch dazu tendierte, die "Entwicklung der Produktivkräfte" des Proletariats als einen Prozess der Akkumulation zu sehen, der nur die Expansion des Werts bedeuten kann. In der Tat sind wir uns heute nur allzu bewusst, dass sowohl die ökonomischen als auch die ökologischen Krisen des Systems das Ergebnis einer "Überakkumulation" sind und dass eine wirkliche Entwicklung notwendigerweise die Form einer tiefgreifenden Transformation und Reorganisation der im Kapitalismus akkumulierten Produktivkräfte annehmen muss (was zum Beispiel die Abkehr von stark umweltverschmutzenden Produktions-, Energie- und Verkehrsformen, die Reduzierung der kapitalistischen Megastädte auf ein weitaus menschlicheres Maß, eine massive Wiederaufforstung usw. beinhaltet).
Was die Verteilung des gesellschaftlichen Produkts in der Übergangsperiode betrifft, so äußert sich der Text nicht zur Debatte über "Arbeitszeitgutscheine", die auf den Vorschlägen von Marx in der Kritik des Gothaer Programms beruhen und z. B. von den niederländischen Rätekommunisten der GIK in den Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung[9] und von der CWO in ihrem jüngsten Artikel über die Übergangsperiode[10] nachdrücklich befürwortet werden. Aber der Text von Marc gibt die Richtung vor, indem er sowohl auf dem Versuch der Abschaffung von Lohn- und Geldformen als auch auf der umfassenden Vergesellschaftung des Konsums besteht: kostenlose Bereitstellung von Verkehrsmitteln, gemeinsame Mahlzeiten usw. Im World Revolution-Text in International Review Nr. 1 ist die Position in ihrer Ablehnung der Arbeitszeitgutscheine deutlicher. Obwohl Marx diese Gutscheine nicht als eine Form von Geld ansah, da sie nicht akkumuliert werden könnten, argumentiert der World Revolution-Text, dass das Arbeitszeitsystem nicht wirklich über die kapitalistische Vorstellung von Arbeit als "Tausch" zwischen dem einzelnen, atomisierten Arbeiter und der "Gesellschaft" hinausgeht: „Das System der Arbeitszeitgutscheine würde dazu neigen, die arbeitsfähigen Proletarier von den arbeitsunfähigen zu trennen (eine Situation, die sich in einer internationalen revolutionären Krise noch verstärken könnte), und würde darüber hinaus einen Keil zwischen die Proletarier und andere Schichten treiben und den Prozess der sozialen Integration hemmen. Ein solches System würde eine immense bürokratische Überwachung der Arbeit jedes einzelnen Arbeiters erfordern und bei einem Abschwung der Revolution sehr leicht in eine Form von Geldlohn ausarten (diese Nachteile gelten sowohl für die Zeit des Bürgerkriegs als auch für die Übergangsperiode selbst).
Ein Rationierungssystem unter der Kontrolle der Arbeiterräte würde sich leichter für eine demokratische Regulierung der Gesamtressourcen einer proletarischen Bastion und für die Förderung von Solidaritätsgefühlen unter allen Mitgliedern der Klasse eignen. Aber wir machen uns keine Illusionen darüber, dass dieses oder irgendein anderes System eine "Garantie" gegen die Rückkehr der Lohnsklaverei in ihrer nackten Form wäre.“
Wir glauben jedoch nicht, dass wir heute mit größerer Sicherheit als 1975 sagen können, dass diese Debatte über die unmittelbaren wirtschaftlichen Maßnahmen des Proletariats an der Macht ein für alle Mal erledigt ist. Im Gegenteil, sie kann und sollte zwar heute weitergeführt werden (wir wollen in einem späteren Artikel dieser Reihe auf die Frage zurückkommen), aber sie kann nur durch eine zukünftige revolutionäre Praxis entschieden werden.
Nach der Definition des allgemeinen Charakters der Übergangsperiode bekräftigt der Text die Position zum Staat, die bereits im Text der GCF von 1946 umrissen worden war:
“Die Übergangsgesellschaft ist immer noch eine in Klassen geteilte Gesellschaft, und daher wird in ihr notwendigerweise jene Institution entstehen, die allen in Klassen geteilten Gesellschaften eigen ist: der STAAT.
Bei allen Beschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen, mit denen wir diese Institution umgeben werden (die Funktionäre werden gewählt und abwählbar sein, ihr Konsum wird dem eines Arbeiters entsprechen, es wird eine Vereinigung zwischen den Funktionen der Legislative und der Exekutive geben, usw.) und die diesen Staat zu einem "Halbstaat" machen, dürfen wir niemals den historischen antisozialistischen und daher antiproletarischen und im Wesentlichen konservativen Charakter des Staates aus den Augen verlieren. Der Staat bleibt der Hüter des Status quo.
Wir erkennen die Unvermeidbarkeit dieser Institution an, die das Proletariat als notwendiges Übel nutzen muss, um den Widerstand der schwindenden Kapitalistenklasse zu brechen und einen einheitlichen administrativen und politischen Rahmen in dieser Zeit zu bewahren, in der die Gesellschaft immer noch von antagonistischen Interessen zerrissen ist.
Aber wir lehnen die Idee kategorisch ab, diesen Staat zum Vorreiter des Kommunismus zu machen. Seiner Natur nach ("die bürgerliche Natur in seinem Wesen" – Marx) ist er im Wesentlichen ein Organ zur Erhaltung des Status quo und ein Hemmschuh für den Kommunismus. Daher kann der Staat weder mit dem Kommunismus noch mit dem Proletariat, das Träger des Kommunismus ist, identifiziert werden. Das Proletariat ist per definitionem die dynamischste Klasse der Geschichte, da es die Unterdrückung aller Klassen, einschließlich seiner selbst, durchführt. Deshalb drückt das Proletariat, obwohl es sich des Staates bedient, seine Diktatur nicht durch den Staat, sondern über den Staat aus. Das ist auch der Grund, warum das Proletariat unter keinen Umständen zulassen kann, dass diese Institution (der Staat) gewaltsam in die Klasse eingreift, noch dass sie die Diskussionen und Aktivitäten der Klassenorgane – der Räte und der revolutionären Partei – bestimmt".
Gerade diese Position – der konservative und nicht-proletarische Charakter des Staates – war Gegenstand unterschiedlicher Argumente innerhalb der IKS, nicht nur in Bezug auf den Übergangsstaat, sondern auf den Staat im Allgemeinen.
Die Broschüre von 1981 enthielt einen Text von Marc mit dem Titel Die Ursprünge des Staates und all das, der eine Antwort auf einen Text[11] war, der von zwei Genossen der Minderheit, M. und S., verfasst worden war, die den Begriff des proletarischen Staates auf der Grundlage einer Untersuchung der historischen Ursprünge des Staates verteidigten. M. und S. vertraten die Ansicht, dass der Staat, der im Wesentlichen die Schöpfung und das Instrument einer herrschenden Klasse sei, in Zeiten, in denen diese Klasse selbst eine revolutionäre oder zumindest aktiv fortschrittliche Kraft ist, eine revolutionäre Rolle spielen könne, während er nur dann dazu verdammt sei, eine reaktionäre Rolle zu spielen, wenn diese Klasse selbst dekadent oder obsolet wird. Ihr Text lehnt also die Definition des Staates als "konservativ" in seinem zentralen Wesen ab. Was seine wesentliche Funktion betrifft, so sei er ein Instrument zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere. Dementsprechend könne und müsse der Staat in der Übergangsperiode einen proletarischen Charakter haben, denn er sei nichts anderes als die Schöpfung der Arbeiterklasse mit dem Ziel, ihre Diktatur auszuüben.
In seiner Antwort liefert Marc eine kurze, aber aufschlussreiche Geschichte der Art und Weise, wie die proletarische Bewegung durch ihre eigenen Debatten und vor allem durch ihre eigenen Erfahrungen im Klassenkampf ihr Verständnis der Frage des Staates entwickelt hat: Von den ersten Ideen von Babeuf und den Gleichen über die Eroberung des Staates durch die bewaffnete Revolution bis zu den Intuitionen der Utopisten über den Kommunismus als eine Gesellschaft ohne Staat; von der Kritik der Hegelschen Staatsanbetung durch den jungen Marx bis zu den Lehren, die der Bund der Kommunisten aus den Revolutionen von 1848 und vor allem von Marx und Engels aus der Pariser Kommune von 1871 zog, als zum ersten Mal klar wurde, dass der bestehende Staat nicht erobert, sondern aufgelöst werden muss. Der Überblick geht weiter zu den Studien von Morgan über den Urkommunismus, die es Engels ermöglichten, die historischen Ursprünge des Staates zu analysieren, über die Stärken, Schwächen und unvollständigen Einsichten Lenins in Bezug auf die Erfahrungen der Russischen Revolution bis hin zu den Bemühungen der Kommunistischen Linken, alle von den vorangegangenen Ausdrucksformen der Bewegung erzielten Fortschritte zu synthetisieren und weiterzuentwickeln. Ziel ist es zu zeigen, dass unser Verständnis des Problems des Staates und der Übergangsperiode nicht das Produkt einer unveränderlichen marxistischen Orthodoxie ist, sondern sich im Lichte der realen Erfahrung und der Reflexion über diese Erfahrung entwickelt hat und in der Tat weiterentwickeln wird.
Der Kern des Textes ist der Bezug auf die berühmte Passage von Engels, in der es darum geht, dass der Staat erstmals in der langen Übergangsperiode auftaucht, in der die urkommunistische Gesellschaft der Entstehung definitiver Klassenunterschiede weicht – nicht als bewusste Schöpfung ex nihilo einer herrschenden Klasse, sondern als eine Emanation der Gesellschaft in einem bestimmten Stadium ihrer Entwicklung: "Der Staat ist also keineswegs eine der Gesellschaft von außen aufgezwungene Macht; ebensowenig ist er 'die Wirklichkeit der moralischen Idee', 'das Bild und die Wirklichkeit der Vernunft', wie Hegel behauptet. Er ist vielmehr ein Produkt der Gesellschaft auf bestimmter Entwicklungsstufe; er ist das Eingeständnis, dass diese Gesellschaft sich in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selbst verwickelt, sich in unversöhnliche Gegensätze gespalten hat, die zu bannen sie ohnmächtig ist. Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden ökonomischen Interessen nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der 'Ordnung' halten soll; und diese, aus der Gesellschaft hervorgegangene, aber sich über sie stellende, sich mehr und mehr entfremdende Macht ist der Staat.“[12]
Marc erklärt, dass dies nicht bedeutet, dass der Staat eine neutrale oder vermittelnde Rolle in der Gesellschaft einnimmt, aber es zeigt, dass eine einfache Definition des Staates als "Formation bewaffneter Menschen", deren Funktion darin besteht, Repression gegen die ausgebeuteten oder unterdrückten Klassen auszuüben, unzureichend ist, da die Hauptaufgabe des Staates darin besteht, die Gesellschaft zusammenzuhalten, und dafür kann Repression allein niemals ausreichen. Daher ist es notwendig, ideologische Institutionen, Formen der politischen Vertretung usw. einzusetzen. Wie Marx in Der König von Preußen und die Sozialreform (1844) schrieb: „Der Staat und die Einrichtung der Gesellschaft sind von dem politischen Standpunkt aus nicht zwei verschiedene Dinge. Der Staat ist die Einrichtung der Gesellschaft“ – natürlich mit der Einschränkung, dass wir immer noch von einer in Klassen geteilten Gesellschaft sprechen.
Marc kehrt dann zu Engels zurück, um zu betonen, dass diese Funktion, die Gesellschaft zu organisieren, sie zusammenzuhalten, bedeutet, die bestehenden Produktionsverhältnisse zu bewahren und daher "...der Staat aus der Notwendigkeit entstand, die Klassengegensätze in Schach zu halten, aber auch mitten im Kampf zwischen den Klassen entstand, ist er normalerweise der Staat der mächtigsten, wirtschaftlich herrschenden Klasse, die durch seine Mittel auch zur politisch herrschenden Klasse wird und so neue Mittel erwirbt, um die unterdrückte Klasse niederzuhalten und auszubeuten“.[13]
Diese notwendige Identifikation der ausbeutenden Klassen der Vergangenheit mit dem Staat gilt jedoch nicht für das Proletariat, da es als ausgebeutete Klasse keine eigene Wirtschaft hat. Und wir können hinzufügen: In einer Situation, in der der alte Staat demontiert ist und die alte bürgerliche Gesellschaft sich in Auflösung befindet, wird das Proletariat immer noch ein Instrument brauchen, um zu verhindern, dass die Konflikte zwischen ihm und den anderen nicht-ausbeutenden Klassen die Gesellschaft zerreißen. Und da diese Situation in gewissem Sinne eine Rückkehr zu den ursprünglichen Bedingungen darstellt, die zur Bildung des Staates geführt haben, werden staatliche Formen erscheinen, sich herausbilden, sich manifestieren, ob die Arbeiterklasse es will oder nicht. Und gerade deshalb wird der Übergangsstaat, so sehr das Proletariat ihn auch zu beherrschen vermag, kein rein proletarisches Organ sein, sondern – wie die Arbeiteropposition bereits 1921 in Bezug auf den Sowjetstaat zu erkennen vermochte – einen "heterogenen"[14] Charakter haben, der auf territorialen Kommunen oder auf sowjet-ähnlichen Organen beruht, in denen notwendigerweise die gesamte nicht ausbeutende Bevölkerung vertreten ist.
Was die "konservative" Rolle des Staates betrifft, so ist eine Klarstellung des Originaltextes von 1946 angebracht, in dem es heißt, dass "der Staat im Laufe der Geschichte als konservativer und reaktionärer Faktor in Erscheinung getreten ist". Aber konservativ und reaktionär sind nicht genau dasselbe. Die Funktion des Staates ist immer konservativ im Sinne des Schutzes, der Kodifizierung und der Stabilisierung von Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Je nach Epoche kann diese Rolle global der fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte dienen; in Zeiten der Dekadenz wird dieselbe Rolle offen reaktionär im Sinne von rückwärtsgewandt, alles Vergangene und Überholte bewahrend. Der entscheidende Unterschied zur Minderheit lag nicht hier, sondern in ihrer Vorstellung, dass die dynamische Bewegung – die Bewegung in Richtung Zukunft – vom Staat und nicht von der Gesellschaft ausging. In einem in der International Review Nr. 11 veröffentlichten und von RV unterzeichneten Artikel[15] wird eindringlich dargelegt, dass selbst in der bürgerlichen Revolution, auf die sich die Genossen der Minderheit am liebsten als Beispiel für den Staat als revolutionäres Instrument beriefen, die wirklich radikale Bewegung, die den Sturz des alten Regimes vorantrieb, von "unten" kam, von der "plebiszitären" Bewegung auf den Straßen, den Generalversammlungen in den "Sektionen" oder der ersten Pariser Kommune von 1793 – die immer wieder an die wirtschaftlichen und politischen Grenzen stießen, die von der staatlichen Zentralmacht der Bourgeoisie in ihrem Streben nach Ordnung und Stabilität gesetzt wurden. Dies gilt umso mehr für die proletarische Revolution, bei der die kommunistische Umgestaltung unter Führung der Arbeiterklasse ständig die gesetzlich festgelegten Grenzen überschreiten muss, die von der offiziellen Organisation der Übergangsgesellschaft, dem Staat, festgelegt werden.
Im dritten Text, der 1978 in International Review Nr. 15[16] veröffentlicht wurde, führt Marc einige der in den beiden vorangegangenen Artikeln aufgeworfenen Fragen weiter aus, insbesondere aber greift er eine wichtige Erkenntnis aus dem im vorangegangenen Artikel verwendeten Engels-Zitat auf und entwickelt sie weiter: "Diese Macht, die aus der Gesellschaft hervorgegangen ist, sich aber über sie stellt und sich immer mehr von ihr entfremdet, ist der Staat“.[17]
Wie Marc feststellt, ist die Anerkennung des Staates als eine der ursprünglichsten Manifestationen der Entfremdung des Menschen von sich selbst oder von dem, was er sein kann, eine der frühesten politischen Einsichten von Marx und war der Schlüssel zu seiner Kritik der Hegelschen Philosophie: "In seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie[18], mit der er sein Leben als revolutionärer Denker und Kämpfer begann, kämpfte Marx nicht nur gegen Hegels Idealismus, der die Idee zum Ausgangspunkt aller Bewegung machte (die „Idee zum Subjekt, zum wirklichen Subjekt, oder richtiger gesagt, Prädikat", wie er in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie schrieb), er prangerte auch vehement die Schlussfolgerungen dieser Philosophie an, die den Staat zum Vermittler zwischen dem gesellschaftlichen Menschen und dem universellen politischen Menschen, zum Versöhner der Spaltung zwischen dem privaten Menschen und dem universellen Menschen machte. Hegel, der den wachsenden Konflikt zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat feststellte, wollte die Lösung dieses Widerspruchs in der Selbstbeschränkung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer freiwilligen Eingliederung in den Staat finden, denn, wie er sagte, "nur im Staat hat der Mensch ein vernunftgemäßes Dasein" und "alles, was der Mensch ist, verdankt er dem Staat, und in ihm liegt sein Wesen. All seinen Wert und seine geistige Wirklichkeit hat der Mensch nur durch den Staat" (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte). Gegen diese wahnhafte Apologie des Staates sagte Marx: "Die menschliche Emanzipation ist erst vollendet, wenn der Mensch seine eigenen Kräfte als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat, so dass die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in Form der politischen Kraft von ihm selbst getrennt ist", d.h. der Staat (aus Die Judenfrage)".
Das theoretische Werk von Marx bezog also von Anfang an Position gegen den Staat als solchen, der ein Produkt, ein Ausdruck und ein aktiver Faktor der Entfremdung des Menschen ist. Im Gegensatz zu Hegels Forderung nach einer Stärkung des Staates und seiner Absorption der bürgerlichen Gesellschaft bestand Marx entschieden darauf, dass das Absterben des Staates gleichbedeutend mit der Emanzipation der Menschheit sei, und dieser Grundgedanke sollte sich durch sein ganzes Leben und Werk hindurch fortsetzen und weiterentwickeln.
Am deutlichsten wird dies in dem Abschnitt der Kritik, der sich mit der Frage des Wahlrechts befasst, die für Hegel die Trennung zwischen der gesetzgebenden Versammlung und der Zivilgesellschaft strikt aufrechterhielt, da die Wähler in keiner Weise ein Mandat über die Gewählten ausübten. Marx sah eine andere Möglichkeit, wenn die Wahl allgemein würde und "die Wähler die Wahl hätten, entweder selbst über die öffentlichen Angelegenheiten zu beraten und zu entscheiden oder bestimmte Personen zu beauftragen, diese Aufgaben in ihrem Namen zu erfüllen". Das Ergebnis einer solchen "direkten Demokratie" wäre das Folgende:
"In der unbeschränkten sowohl aktiven als passiven Wahl hat die bürgerliche Gesellschaft sich erst wirklich zu der Abstraktion von sich selbst, zu dem politischen Dasein als ihrem wahren allgemeinen wesentlichen Dasein erhoben. Aber die Vollendung dieser Abstraktion ist zugleich die Aufhebung der Abstraktion. Indem die bürgerliche Gesellschaft ihr politisches Dasein wirklich als ihr wahres gesetzt hat, hat sie zugleich ihr bürgerliches Dasein, in seinem Unterschied von ihrem politischen, als unwesentlich gesetzt; und mit dem einen Getrennten fällt sein Andres, sein Gegenteil. Die Wahlreform ist also innerhalb des abstrakten politischen Staats die Forderung seiner Auflösung, aber ebenso der Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft.“
Diese Worte mögen noch in der Sprache der Demokratie formuliert sein, aber sie tendieren auch dazu, diese zu überwinden, da sie nicht nur die Auflösung des Staates, sondern auch der bürgerlichen Gesellschaft vorwegnehmen. Im darauffolgenden Jahr schrieb Marx die "Einleitung" zur Kritik, die im Gegensatz zu dieser tatsächlich veröffentlicht wurde (in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern von 1844), und verfasste die Ökonomischen und Philosophischen Manuskripte. Im ersten Manuskript identifiziert Marx das Proletariat als Träger der revolutionären Veränderung, im zweiten Manuskript erklärt er endgültig den Kommunismus als die einzig mögliche Zukunft der menschlichen Gesellschaft.
Um auf Marcs Text zurückzukommen, ist es bezeichnend, dass er seine gesamte Untersuchung wieder in einen sehr weiten historischen Bogen einbettet. Wie im vorangegangenen Text über die Ursprünge des Staates, in dem er ausführlich über die "nichtjüdische" Gesellschaft und ihren Untergang spricht, beginnt er mit der Auflösung der urkommunistischen Gesellschaft und dem ersten Auftauchen des Staates. Diesen Schritt definiert er als die anfängliche Antithese oder Negation, die sicherstellt, dass alle nachfolgenden Klassengesellschaften trotz aller Veränderungen, die von einer Produktionsweise zur anderen stattgefunden haben, eine wesentliche Einheit und Kontinuität beibehalten – bis hin zur zukünftigen Abschaffung der Klassen und damit dem Absterben des Staates, der die Synthese, die "Negation der Negation, die Wiederherstellung der menschlichen Gemeinschaft auf einer höheren Ebene" ist.
In der ganzen langen Epoche der ersten Negation, der Klassengesellschaft, tendiert der Staat immer mehr dazu, sich selbst und seine eigenen privaten Interessen zu verewigen, sich immer mehr von der Gesellschaft zu entfremden. So erreicht die zunehmend totalitäre Macht des Staates ihren Höhepunkt in dem Phänomen des Staatskapitalismus, der zur Epoche des Niedergangs des Kapitalismus gehört. "Mit dem Kapitalismus haben Ausbeutung und Unterdrückung einen Paroxysmus erreicht, denn der Kapitalismus ist das verdichtete Produkt aller bisherigen Gesellschaften der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Der Staat hat im Kapitalismus seine Bestimmung erreicht und ist zu dem abscheulichen und blutigen Monster geworden, das wir heute kennen. Mit dem Staatskapitalismus hat er die Absorption der bürgerlichen Gesellschaft verwirklicht, er wurde zum Manager der Wirtschaft, zum Chef der Produktion, zum absoluten und unbestrittenen Herrn über alle Mitglieder der Gesellschaft, über ihr Leben und ihre Aktivitäten; er hat Terror und Tod entfesselt und einer allgemeinen Barbarei vorgestanden".
Dieser ganze Prozess ist somit ein Schlüssel, um die Kluft zwischen der Menschheit, wie sie sein könnte, und der Menschheit, wie sie jetzt ist, zu messen. Kurz gesagt, die sich verschärfende Entfremdung der Menschheit, die ihren extremsten Punkt in der bürgerlichen Gesellschaft erreicht hat. Im Gegensatz dazu steht die "wirkliche Bewegung", die Entfaltung des Kommunismus, der als Voraussetzung für seine künftige Entfaltung das Absterben des Staates gewährleisten muss, um das Versprechen von Marx zu erfüllen, "dass der Mensch seine eigenen Kräfte als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat".
Dieses Geschichtspanorama ermöglicht es uns, den im Wesentlichen konservativen Charakter des Staates besser zu verstehen, seinen notwendigen Antagonismus zu der Dynamik, die aus der gesellschaftlichen, der menschlichen Sphäre hervorgeht:
"Wir müssen sehr aufpassen, dass wir nicht in die Verwirrung und den Eklektizismus verfallen, der behauptet, der Staat sei sowohl konservativ als auch revolutionär. Dies würde die Realität auf den Kopf stellen und dem Hegelschen Irrtum Tür und Tor öffnen, der den Staat zum Subjekt der gesellschaftlichen Bewegung macht. Die These vom konservativen Charakter des Staates, der vor allem auf seine eigene Erhaltung bedacht ist, ist eng und dialektisch mit der Vorstellung verknüpft, dass die Emanzipation der Menschheit mit dem Absterben des Staates identifiziert werden kann".
In Marcs Artikel wird in dem Absatz, der diesen Abschnitt einleitet, darauf hingewiesen, dass Hegels Kardinalfehler in der Geschichtswissenschaft, in dem er den Staat als die wahre, vorwärtstreibende Kraft ansieht, auch auf der logischen Ebene begangen wird, in seiner Verwechslung von Subjekt und Prädikat, Idee und Wirklichkeit, die auch Marx in der Kritik ausführlich kritisiert: "Familie und bürgerliche Gesellschaft sind die Voraussetzungen des Staats; sie sind die eigentlich Tätigen; aber in der Spekulation wird es umgekehrt. Wenn aber die Idee versubjektiviert wird, werden hier die wirklichen Subjekte, bürgerliche Gesellschaft, Familie, 'Umstände, Willkür etc.' zu unwirklichen, anderes bedeutenden, objektiven Momenten der Idee."[19]
Der Artikel in International Review Nr. 15 geht auch näher auf die Form des Übergangsstaates ein:
"Für die Struktur der Übergangsgesellschaft können wir folgende Prinzipien aufstellen:
1. Die gesamte nicht ausbeutende Bevölkerung wird auf der Grundlage von territorialen Räten oder Kommunen organisiert, die von unten nach oben zentralisiert werden und den Kommunestaat hervorbringen.
2. Die Arbeiter nehmen an dieser Räteorganisation teil, individuell wie alle Mitglieder der Gesellschaft und kollektiv durch ihre autonomen Klassenorgane, auf allen Ebenen der Räteorganisation.
3. Das Proletariat stellt sicher, dass es auf allen Ebenen, vor allem aber auf den höheren Ebenen, eine vorherrschende Vertretung hat.
4. Das Proletariat behält und bewahrt die volle Freiheit gegenüber dem Staat. Unter keinem Vorwand wird das Proletariat die Entscheidungsgewalt seiner eigenen Organe, der Arbeiterräte, der des Staates unterordnen; es muss dafür sorgen, dass das Gegenteil der Fall ist.
5. Insbesondere wird es die Einmischung des Staates in das Leben und die Tätigkeit der organisierten Klasse nicht dulden; es wird dem Staat jedes Recht und jede Möglichkeit nehmen, die Arbeiterklasse zu unterdrücken.
6. Das Proletariat behält seine Waffen außerhalb jeglicher Kontrolle durch den Staat".
Diese Perspektiven sind keine Rezepte für die Kochbücher der Zukunft; sie "...beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind“ (Kommunistisches Manifest: Proletarier und Kommunisten). Im Gegenteil, sie sind die Schlussfolgerungen, die aus der realen Erfahrung der Russischen Revolution gezogen werden müssen. Hier, in ihrer ersten schwungvollen Periode, waren die spezifischen Organe der Arbeiterklasse – Fabrikkomitees, Rotgardisten, von Betriebsversammlungen gewählte Sowjets – Teil eines breiteren Netzes von Sowjets, die die gesamte nichtausbeutende Bevölkerung umfassten. Marcs Skizze der Struktur des Übergangsstaates verdeutlicht jedoch die Notwendigkeit, dass die Arbeiterklasse ihre Kontrolle über diesen allgemeinen Staatsapparat ausüben muss, eine Idee, die in der Russischen Revolution nur implizit vorhanden war, zum Beispiel in der Vorstellung, dass die Stimmen der Arbeiterversammlungen und -delegierten mehr zählen sollten als die Stimmen der Delegierten der Bauern und anderer nichtausbeutenden Klassen. Gleichzeitig überwindet sein Entwurf einige entscheidende Fehler, die in Russland ab 1917 gemacht wurden, insbesondere die Tatsache, dass mit Beginn des Bürgerkriegs 1918 die werkseigenen Milizen, die Roten Garden, in die territoriale Rote Armee aufgelöst wurden. Damit wurde den Arbeiter:innen ein entscheidendes Instrument zur Verteidigung ihrer spezifischen Interessen entzogen, notfalls auch gegen den Übergangsstaat und seine Armee. Der folgende Absatz in Marcs Text weist auf eine weitere wesentliche Lehre aus der russischen Erfahrung hin:
"Es bleibt nur noch zu bekräftigen, dass die politische Partei der Klasse kein Staatsorgan ist. Lange Zeit vertraten die Revolutionäre diese Ansicht nicht, aber das war ein Zeichen für die Unreife der objektiven Situation und ihren eigenen Mangel an Erfahrung. Die Erfahrung der Russischen Revolution hat gezeigt, dass diese Sichtweise überholt ist. Die Struktur eines auf politischen Parteien basierenden Staates ist typisch für die bürgerliche Demokratie, für den bürgerlichen Staat. Die Gesellschaft in der Übergangsphase kann ihre Macht nicht an politische Parteien, d.h. an spezialisierte Organe, delegieren. Der Halbstaat wird sich auf das Rätesystem stützen, auf die direkte und ständige Beteiligung der Massen am Leben und Funktionieren der Gesellschaft. Das bedeutet, dass die Massen ihre Vertreter jederzeit abberufen, ersetzen und eine ständige und direkte Kontrolle über sie ausüben können. Die Delegation der Macht an Parteien, gleich welcher Art, führt die Trennung zwischen Macht und Gesellschaft wieder ein und ist somit ein großes Hindernis für ihre Emanzipation.
Darüber hinaus wird die Übernahme oder Beteiligung der proletarischen Partei an der Staatsmacht, wie die russische Erfahrung zeigt, ihre Funktionen tiefgreifend verändern. Ohne in eine Diskussion über die Funktion der Partei und ihr Verhältnis zur Klasse einzutreten – was eine andere Debatte eröffnet –, genügt es hier zu sagen, dass die kontingenten Forderungen des Staates letztendlich die Oberhand über die Partei gewinnen und sie dazu bringen, sich mit dem Staat zu identifizieren und sich von der Klasse zu trennen, bis hin zum Widerstand gegen die Klasse".
Zu dieser Skizze eines möglichen Übergangsstaates der Zukunft muss eine Frage gestellt werden. Sie beruht auf dem Grundprinzip, dass das Proletariat als einzige kommunistische Klasse jederzeit seine Autonomie gegenüber allen anderen Klassen bewahren muss. Die direkte Übersetzung dieses Konzepts ist die Forderung, dass die Arbeiterräte ihre Diktatur über den Staat ausüben sollen, und die soziale Zusammensetzung dieser Räte ist klar: Es handelt sich um stadtweite Räte, die sich aus Delegierten zusammensetzen, die von allen Betrieben dieser Stadt gewählt werden. Das Problem für uns ist, dass dieses Konzept zu einer Zeit – in den 1970er Jahren – entwickelt wurde, als die Arbeiterklasse noch ein klares Klassenbewusstsein hatte und in den zentralen Ländern des Kapitals in großen Betrieben wie Fabriken, Bergwerken, Werften usw. konzentriert war. Aber in den letzten Jahrzehnten wurden diese Konzentrationen durch den Prozess der "Globalisierung" weitgehend aufgelöst, und die Arbeiterklasse wurde durch diese Veränderungen nicht nur materiell atomisiert, sondern auch einer unerbittlichen ideologischen Offensive ausgesetzt, vor allem seit dem Zusammenbruch des angeblichen "Kommunismus" nach 1989: einer Offensive, die auf der Vorstellung beruht, dass die Arbeiterklasse nicht mehr existiert, dass sie jetzt bestenfalls eine Art Unterklasse ist, sogar eine rassische Unterklasse, wie in der abscheulichen Vorstellung, dass die Arbeiterklasse per Definition "weiß" sei. Ebenso wurde unsere Klasse durch den Prozess der "Uberisierung", der darauf abzielt, jede:n Arbeiter:in als individuelle:n Unternehmer:in darzustellen, weiter zersplittert. Vor allem aber wurde sie von der Propaganda angegriffen, die behauptet, der Klassenkampf sei ein völliger Anachronismus und könne nicht zur Bildung einer menschlicheren Gesellschaft führen, sondern nur zu den schlimmsten Formen des Staatsterrors, wie in der UdSSR unter Stalin.[20]
Diese Veränderungen und Kampagnen haben die Arbeiterklasse vor große Schwierigkeiten gestellt und werfen echte Probleme bei der Bildung der Arbeiterräte der Zukunft auf. Es ist nicht so, dass die Idee der Räte völlig verschwunden oder zu einem bloßen Anhängsel der bürgerlichen Demokratie geworden wäre. Der ihr zugrunde liegende Gedanke tauchte zum Beispiel in den Massenversammlungen der Bewegung der Indignados in Spanien 2011 auf – und gegen jene Gruppen wie Echte Demokratie jetzt, die die Versammlungen nutzen wollten, um dem parlamentarischen System eine Art vampirisches Leben einzuhauchen, gab es in der Bewegung jene, die argumentierten, dass diese Versammlungen eine höhere Form der Selbstverwaltung als das alte parlamentarische System seien. Die Mehrheit der Teilnehmenden dieser Versammlungen waren in der Tat Proletarier:innen, aber es waren vor allem Student:innen, Arbeitslose, prekär Beschäftigte, und sie überwanden ihre Atomisierung, indem sie sich auf den Plätzen der Städte oder in eher lokalen Nachbarschaftsversammlungen zusammenfanden. Gleichzeitig gab es wenig oder keine entsprechende Tendenz, Versammlungen in den größeren Betrieben abzuhalten.
In gewisser Weise war diese Form der Versammlungsorganisation eine Rückkehr zur Form der Kommune von 1871, die sich aus Delegierten der Pariser Stadtteile (vor allem aber der Arbeiterviertel) zusammensetzte. Die Arbeiterräte oder Sowjets von 1905 oder 1917 waren ein Fortschritt gegenüber der Kommune, da sie ein konkretes Mittel darstellten, das es der Klasse ermöglichte, sich als Klasse zu organisieren. Die "territoriale" Form hingegen ist viel anfälliger für die Idee, dass es die Bürger seien, die sich zusammenschließen, und nicht eine Klasse mit einem eigenen Programm, und wir haben diese Schwäche sehr deutlich in der Indignados-Bewegung gesehen. Und in jüngster Zeit haben die sozialen Revolten, die die Welt vom Nahen Osten bis nach Südamerika erschüttert haben, noch deutlicher die Gefahr des Interklassismus (der klassenübergreifenden Bewegungen) aufgezeigt, dass das Proletariat in den Protesten der allgemeinen Bevölkerung untergeht, die einerseits von der demokratischen Ideologie und andererseits von der verzweifelten, unorganisierten Gewalt, die das Lumpenproletariat kennzeichnet, dominiert wird.[21]
Wir können nicht sicher sein, wie dieses Problem in einer zukünftigen Massenbewegung angegangen werden wird, in der sich das Proletariat vielleicht durch eine Kombination von Massenversammlungen am Arbeitsplatz und auf der Straße organisieren wird. Es kann auch sein, dass die Autonomie der Arbeiterklasse in Zukunft einen direkteren politischen Charakter annehmen muss: mit anderen Worten, dass die Klassenorgane der nächsten Revolution sich viel mehr als in der Vergangenheit über ihre Fähigkeit definieren werden, proletarische politische Positionen einzunehmen und zu verteidigen (wie z.B. die Opposition zu Parlament und Gewerkschaften, die Demaskierung der kapitalistischen Linken usw.). Dies bedeutet keineswegs, dass die Betriebe und die von ihnen ausgehenden Räte aufhören werden, ein entscheidender Mittelpunkt für das Zusammenkommen der Arbeiterklasse als Klasse zu sein. Dies wird sicherlich in Ländern wie China der Fall sein, deren rasante Industrialisierung den Gegenpol zur Deindustrialisierung von Teilen des Kapitalismus im Westen bildet. Aber selbst in diesen gibt es immer noch beträchtliche Konzentrationen von Arbeiter:innen in Sektoren wie Gesundheit, Verkehr, Kommunikation, Verwaltung und Bildung (und auch im verarbeitenden Gewerbe...). Und wir haben einige Beispiele dafür gesehen, wie die Beschäftigten die Nachteile der Aufsplitterung in kleine Unternehmen überwinden können, z.B. im Kampf der Stahlarbeiter in Vigo in Spanien im Jahr 2006, wo Versammlungen von Streikenden im Stadtzentrum Arbeiter:innen aus einer Reihe von kleinen Stahlfabriken zusammenbrachten. Wir werden auf diese Fragen in einem späteren Artikel zurückkommen. Sicher ist jedoch, dass die Klassenautonomie des Proletariats in jeder künftigen revolutionären Umwälzung mit einer echten Aneignung der Erfahrungen früherer Revolutionen und vor allem der Erfahrungen des nachrevolutionären Staates zusammengehen wird. Wir können mit einiger Zuversicht sagen, dass die Kritik des Staates, die von einer Linie von Revolutionären ausgearbeitet wurde, die Marx, Engels und Lenin mit BILAN und Marc Chirik sowohl in der GCF als auch in der IKS verbindet, für die Wiederaneignung ihrer eigenen Geschichte durch die Arbeiterklasse und damit für die Verwirklichung ihrer kommunistischen Zukunft unerlässlich sein wird.
C. D. Ward, August 2019
[1] In the aftermath of World War Two: debates on how the workers will hold power after the revolution [124], International Review 1. Hälfte 2014, auf unser englischsprachigen Webseite
[2] Einige Artikel und unsere Analyse dazu findet man unter: Communism is on the agenda of history [125], auf unser englischsprachigen Webseite
[3] Siehe zum Beispiel: Nature and function of the proletarian party [126], International Review 2. Hälfte 2014, auf unser englischsprachigen Webseite
[4] Einige Artikel dazu: The Period of Transition - Preface [127], ICConline 2005. Die gedruckte Originalausgabe der Broschüre The periode of transition from capitalism to communism ist vergriffen. Es können jedoch Kopien angefertigt werden.
[5] Die Entwicklung dieser Gruppe, vor allem ihre Großzügigkeit gegenüber dem Terrorismus und ihr gewalttätiges Vorgehen gegen Genossen der IKS, beförderte sie aus dem proletarischen Lager. Siehe: How the Groupe Communiste Internationaliste spits on proletarian internationalism [128], ICConline September 2006
[6] Einer der jüngsten Befürworter dieser Idee ist die Gruppe Internationalist Perspective (internationalist-perspective.org/IP/ip-texts/communisation.html) . Eine interessante Antwort auf diejenigen, die die Notwendigkeit einer Übergangsperiode ablehnen, wurde 2014 von der CWO veröffentlicht, vgl. The Period of Transition and its Dissenters [129], auf der Webseite der IKT (leftcom.org)
[7] Siehe unsere Kritik an Dauvé über die Ereignisse in Spanien 1936 in Review of 'When Insurrections Die': modernist ideas hinder a break from anarchism [130], World Revolution Nr. 230, Dezember 1999 (auch online verfügbar).
[8] An sich ist der Begriff Kommunisierung (Vergemeinschaftung) gültig, denn es ist vollkommen richtig, dass kommunistische gesellschaftliche Verhältnisse nicht das Produkt staatlicher Dekrete sind, sondern der "wirklichen Bewegung, die den gegenwärtigen Zustand aufhebt", wie Marx es ausdrückte. Aber wir lehnen die Vorstellung ab, dass dieser Prozess ohne die Übernahme der Macht durch die Arbeiterklasse stattfinden kann.
[9] Communism is not a ‘nice idea’, Vol. 3 Part 10, “Bilan, the Dutch left, and the transition to communism [131]”, International Review Nr. 151
[10] vgl. Fußnote 6
[11] The state in the period of transition, S. and M., Mai 1977
[12] Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, Kapitel 9
[13] Engels verwendet den Ausdruck "normalerweise", weil er weiter sagt: "Es gibt jedoch Ausnahmeperioden, in denen die Kräfte der sich bekämpfenden Klassen so annähernd gleich sind, dass die Staatsmacht als scheinbarer Vermittler für den Augenblick eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den beiden erlangt. Dies gilt für die absolute Monarchie des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, die den Adel und das Bürgertum gegeneinander ausspielt, und für den Bonapartismus des Ersten und vor allem des Zweiten Französischen Kaiserreichs, der das Proletariat gegen das Bürgertum und das Bürgertum gegen das Proletariat ausspielt". Marc kommentiert solche Ausnahmen in Die Ursprünge des Staates und all das, indem er Beispiele anführt, in denen im Rahmen der Klassengesellschaft die Staatsform, die im Allgemeinen der vorherrschenden Produktionsweise entspricht, auch dazu dienen kann, Produktionsverhältnisse zu schützen, die nach langer Abwesenheit wieder aufgetaucht sind – das Beispiel der Sklaverei vom 17. bis zum 19. Jahrhundert.
[14] The proletariat and the transitional state [132], International Review Nr. 100 (engl./frz./span. Ausgabe)
[15] State and dictatorship of the proletariat [133], International Review Nr. 11 (engl./frz./span. Ausgabe)
[16] The state in the period of transition [134], International Review Nr. 15 (engl./frz./span. Ausgabe)
[17] Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, Kapitel 9
[18] MEW Bd. 1 S. 378 ff.
[19] MEW Bd. 1 S. 206
[20] Der Bericht des 23. Internationalen Kongresses der IKS über den Klassenkampf [135] (Internationale Revue Nr. 56) fokussierte sich auf die Frage der Klassenidentität.
[21] Siehe: Angesichts der globalen Wirtschaftskrise und der Armut: "Volksrevolten" sind eine Sackgasse [136], IKSonline November 2019
Angesichts der schwerwiegenden Entwicklungen im imperialistischen Krieg in der Ukraine hat die IKS u.a. mit einem internationalen Flugblatt reagiert, das die Barbarei des Konflikts und die heuchlerischen Lügen der herrschenden Klasse in beiden Lagern anprangert und darauf besteht, dass die Entwicklung des Klassenkampfes in allen Ländern der einzige Ausweg aus dem Alptraum dieses verrotteten Systems ist. Das Flugblatt steht auf unserer Webseite zur Verfügung und wir fordern alle, die mit unseren Positionen sympathisieren, auf, es in eurem Umfeld zu verteilen, sei es digital oder auf Papier.
Wir werden auch das Thema unserer internationalen öffentlichen Online-Diskussionen ändern, die für den 5. März (12 Uhr) und den 6. März (19 Uhr) geplant sind und in Englisch durchgeführt wird. Das Treffen wird sich nun auf die Bedeutung dieses Konflikts und die Verantwortung der internationalistischen Minderheiten konzentrieren. Wenn ihr an dem Treffen teilnehmen möchtet und ihr euch noch nicht angemeldet habt, schreibt uns bitte so bald wie möglich an [email protected] [137] und gebt an, welcher Tag oder welche Tage euch am besten passen. Wir werden euch am Tag des Treffens die Anmeldedaten zusenden.
Die Kapitulation der proletarischen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vor dem Imperialismus im Jahre 1914 ist unter Revolutionären wohlbekannt. Ebenso die Tatsache des opportunistischen Niedergangs der SPD, der zu diesem folgenschweren Verrat an der Arbeiterklasse führte.
Weniger bekannt ist der kontinuierliche Kampf, den der revolutionäre Flügel der Partei seit ihrer Gründung gegen die Kräfte des reformistischen Opportunismus führte, und zwar nicht nur auf theoretischer Ebene durch so bahnbrechende Werke wie die Kritik des Gothaer Programms von Karl Marx, den Anti-Dühring von Friedrich Engels oder Reform oder Revolution von Rosa Luxemburg, sondern auch auf der Ebene der Verteidigung der organisatorischen Klassenprinzipien.
Der folgende Text, der sich oft auf Recherchen in Büchern und Dokumenten stützt, die nur in deutscher Sprache verfügbar sind, zeichnet die Geschichte dieses Organisationskampfes in zwei Teilen nach. Der erste Teil umfasst den Zeitraum von 1872 bis 1889, vom Gothaer bis zum Erfurter Programm; der zweite Teil beschreibt die darauffolgende Zeit bis 1914.
Der Kampf um den Erhalt wichtiger Errungenschaften
Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune reagierte die Bourgeoisie europaweit mit einer Welle der Repression. Natürlich waren die Kommunarden in Frankreich, von denen mehr als 20.000 von der Versailler Regierung ermordet und 38.000 verhaftet und mehr als 7.000 zur Flucht gezwungen worden waren, die Hauptopfer. Aber in Anbetracht dieser ersten großen erfolgreichen Machtergreifung in einer Stadt durch die Arbeiterklasse wurden auch die Arbeiterorganisationen in anderen Ländern verstärkter Repression ausgesetzt.
Gleichzeitig startete die herrschende Klasse einen Angriff von Innen gegen die I. Internationale – mit Bakunin und seiner „Allianz der Sozialistischen Demokratie“ als Speerspitze. Mit Hilfe einer geheimen Organisation sollten die bisherigen Errungenschaften der I. Internationale auf der Ebene der Funktionsweise untergraben, die I. Internationale dem Anarchismus preisgegeben werden. Auf dem Haager Kongress 1872 entblößte der Generalrat der I. Internationale mit Marx und Engels an deren Spitze diesen Komplott. Dieser Kampf zur Verteidigung der Organisation sollte zu einem der wertvollsten Erfahrungsschätze der revolutionären Bewegung werden, dessen Bedeutung und Konsequenzen jedoch zum damaligen Zeitpunkt weitestgehend unterschätzt wurden und lange Zeit in Vergessenheit gerieten. Die IKS hat in einer Reihe von Artikel (Internationale Revue Nrn. 17, 19 und 20) diesen Kampf und diese Lehren ausführlich dargestellt. Wir empfehlen sie unseren Leser:innen als unerlässliches Ausgangsmaterial, um die nachfolgende Entwicklung zu begreifen.[1]
Die deutschen Sektionen der IAA beteiligten sich aktiv an der Vorbereitung des Haager Kongresses – gegen den Widerstand der Herrschenden in Deutschland. Nach der Pariser Kommune war die Bildung von Sektionen der Internationale in Deutschland verboten worden, nur Einzelbeitritte waren möglich. Damit gab es offiziell keine Mitgliedschaft einer Organisation aus Deutschland in der IAA und auch offiziell keine örtlichen Sektionen. In den meisten europäischen Ländern konnte keine Organisation von nennenswerter Größe existieren, wenn sie sich nach 1872 offen zur Internationale bekannte. Die Regierung verbot den in Deutschland wohnenden Mitgliedern der IAA, nach Den Haag zu reisen und als Delegierte zu wirken, dennoch gelang es ihnen, diese Zwangsmaßnahmen zu umgehen. Wilhelm Liebknecht und August Bebel, führende Persönlichkeiten der SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei/Eisenacher[2] [1869-1875]), wurden wegen Hochverrats inhaftiert, weil sie während des deutsch-französischen Krieges eine internationalistische Position eingenommen hatten. Viele Genossen, die für den Volksstaat (die Publikation der SDAP) schrieben, wurden verhaftet, und die Behörden untersagten die Veröffentlichung von Material über den Haager Kongress. Dennoch konnte die deutsche Delegation auf dem Kongress immerhin 15 Delegierte von insgesamt 65 Delegierten stellen (d.h. knapp ein Viertel) und eine aktive Rolle spielen. Marx hatte ein Mandat aus Leipzig, Engels eins aus Breslau erhalten und Cuno war Vorsitzender des Ausschusses zur Untersuchung der Tätigkeit der Bakuninistischen Allianz.
Nach Abschluss des Haager Kongresses (2.-7. September 1872) fuhren die Delegierten sofort zum Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Eisenacher) nach Mainz (7.-11. September).
Während die Eisenacher auch nach dem Haager Kongress anfangs noch vehement gegen die Bakuninisten Stellung bezogen, ließen aber schon kurze Zeit später ab Herbst 1872/73 die Stellungnahmen des Volksstaat gegen die Bakuninisten nach. Liebknecht enthielt sich in dieser Phase der Kritik an den Anarchisten, er wollte aus taktischen Gründen gegenüber den Lassalleanern[3] zurückweichen. Demgegenüber drohten Marx und Engels, falls der Volksstaat sich einen Maulkorb anlege, müssten sie ihre Mitarbeit aufkündigen; man könne keine Einheit durch Aufgabe von Prinzipien anstreben. Nach der Kritik von Marx und Engels reaktivierte der Volksstaat wieder kurzfristig seine Kritiken an den Bakuninisten.[4] Unterdessen trieben die Lassalleaner weiterhin ihre Wühlarbeit zur Unterstützung der Bakuninisten. Im April 1873 verwarfen die Lassalleaner die Beschlüsse des Haager Kongresses, sie schickten gar Delegierte zu einem Treffen der Bakuninisten in der Schweiz.
Der Vereinigungskongress von Gotha und die Verwischung der Prinzipien
Die Neigung der Eisenacher, gegenüber den Lassalleanern zurückzuweichen, war u.a. mit den begonnenen Vereinigungsbestrebungen zwischen den Lassalleanern und den Eisenachern begründet worden, denn auf dem Mainzer Kongress der SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei) 1872 wurden die Weichen gestellt für „ein prinzipielles Zusammengehen“ mit dem ADAV, auch wenn auf dem Coburger Kongress 1874 der SDAP noch hauptsächlich über eine gegenseitige Unterstützung im Klassenkampf diskutiert wurde und eine sofortige Vereinigung von SDAP und ADAV nicht auf der Tagesordnung stand. Die Führer der SDAP ließen sich entgegen dem Votum von Marx und Engels zu einer schnellen Vereinigung im März 1875 in Gotha hinreißen und gründeten die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). „Man muss sich durch das Geschrei nach „Einigung“ nicht beirren lassen (…) Natürlich will jede Parteileitung Erfolge sehn, das ist auch ganz gut. Aber es gibt Umstände, wo man den Mut haben muss, den augenblicklichen Erfolg wichtigeren Dingen zu opfern. Namentlich bei einer Partei wie die unsrige, deren schließlicher Erfolg so absolut gewiss ist, und die zu unseren Lebzeiten und unter unseren Augen sich so kolossal entwickelt hat, braucht man den augenblicklichen Erfolg keineswegs immer und unbedingt. (…) Jedenfalls glaube ich, dass die tüchtigen Elemente unter den Lassalleanern Ihnen mit der Zeit von selbst zufallen werden und dass es deshalb unklug wäre, die Frucht vor der Reife zu brechen, wie die Einigungsleute wollen. Übrigens hat schon der alte Hegel gesagt: Eine Partei bewährt sich dadurch als die siegende, dass sie sich spaltet und die Spaltung vertragen kann“. Im gleichen Brief warnte Engels davor, nachdem sich die Eisenacher gewissermaßen in Konkurrenz zum ADAV sahen, man „gewöhnt sich, in allem zuerst an ihn zu denken (…) Nach unserer Ansicht, die wir durch lange Praxis bestätigt gefunden haben, ist aber die richtige Taktik in der Propaganda nicht die, dem Gegner hier und da einzelne Leute und Mitgliedschaften abspenstig zu machen, sondern auf die große noch teilnahmslose Masse zu wirken. Eine einzige neue Kraft, die man aus dem Rohen heraus selbst herangezogen hat, ist mehr wert als ein Lassallscher Überläufer, die immer den Keim ihrer falschen Richtung mit in die Partei hineintragen.“[5]
Nachdem die Pariser Kommune niedergeschlagen und die I. Internationale in Europa ab 1873[6] de facto aufgelöst war, hatte sich der Schwerpunkt der Arbeit auf die einzelnen Länder verlagert. „Der Schwerpunkt der Bewegung [ist] nach Deutschland verlegt”[7], nachdem dort die marxistische Tendenz politische Anerkennung dank ihres Internationalismus während des deutsch-französischen Krieges gewonnen hatte.
In den 1870er Jahren war die SAPD eine der ersten Parteien, die nach der Niederschlagung der Pariser Kommune und der darauf international einsetzenden Repression als Zusammenschluss von zwei existierenden Parteien in einem Land gegründet wurde. Weil unmittelbar nach der Auflösung der I. Internationale keine größere internationale Zusammenarbeit möglich war, stand die Arbeiterbewegung international vor der Aufgabe, in den einzelnen Ländern auf eine Parteigründung hinzuarbeiten und diese programmatisch und organisatorisch auf eine höhere Stufe als in den 1860er Jahren zu stellen.[8]
In Österreich wurde die Vereinigte Sozialdemokratische Partei Österreichs im April 1874 gegründet (ihr Programm stützte sich auf das der Eisenacher).[9] In den anderen Ländern setzte der Prozess der Parteienbildung erst später ein.[10]
Der Gothaer Gründungskongress der SAPD (1875) brachte dennoch einige Merkmale des Fortschritts zum Ausdruck, dass z.B. das erste Mal eine in einem ganzen Land vorhandene Partei mit festen Organisationsprinzipien gegründet wurde. Die Fusion aus zwei Organisationen – ADAV und Eisenacher – hatte es ermöglicht, dass die „Führerdiktatur“, die zuvor im ADAV von Lassalle ausgeübt worden war, überwunden und die Leitung der Partei in kollektive und zentralisierte Hände gelegt wurde. Der 1867 in einem Duell verstorbene Lassalle hatte bei den Lassalleanern die Rolle eines Präsidenten mit geradezu diktatorischen Vollmachten und Ansprüchen gespielt, und dessen Herangehensweise warf immer noch seine Schatten auf den ADAV.
Die Statuten des ADAV von 1872 verlangten in „III. Mitgliedschaft § 3: Jeder Arbeiter wird durch einfache Beitrittserklärung Mitglied des Vereins mit vollem und gleichem Stimmrecht und kann jederzeit austreten. § 6 Die Angelegenheiten des Vereins werden verwaltet durch den Vorstand, bestehend aus einem Präsidenten und 24 Mitgliedern.“ In den nachfolgenden Punkten wurden vor allem die Befugnisse des Präsidenten weiter definiert. Die Statuten der 1875 gegründeten SAPD sahen vor: „§ 1 Der Partei kann jeder angehören, der sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und für die Förderung der Arbeiterinteressen tatkräftig, auch durch Geldopfer, eintritt. Wer drei Monate keine Beiträge leistet, wird nicht mehr als Parteigenosse betrachtet“. Weil es schon Verbote für die Vereinsbildung und aktive Beteiligung an revolutionären Organisationen gab, hatte man in den Statuten Hinweise auf eine aktive Mitarbeit in der Organisation vermieden.
Weiterhin hieß es: „Parteigenossen, welche gegen das Interesse der Partei handeln, können vom Vorstand ausgeschlossen werden. Berufung an den Parteikongress ist zulässig“ (§ 2 der Statuten). In dieser Hinsicht wurde eine Kontinuität mit den Methoden des Bundes der Kommunisten hergestellt, die allerdings nur über die Eisenacher weitergegeben wurde.
Während die neu gegründete Partei auf organisatorischer Ebene einen Schritt nach vorne darstellte, spiegelte die Partei auf programmatischer Ebene die große politische Unreife wider, die sich in einer Vielzahl von Geburtsschwächen äußerte.
Von den Lassalleanern waren 73 Delegierte für 15.322 Mitglieder, von den Eisenachern 56 Delegierte für 9121 Stimmen zugegen.[11] Weil die Lassalleaner konfuser waren, sollte man aus Sicht der Führung Kompromisse eingehen und programmatische Verwässerungen im Interesse der Einheit hinnehmen. Als von Karl Marx am 5. Mai 1875 an Wilhelm Bracke „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ geschickt wurden, verheimlichte die Parteiführung diese vor dem Kongress und den Parteimitgliedern; selbst der berühmtesten Führerpersönlichkeit Bebel wurde das Schreiben vorenthalten. So schrieb Marx u.a. an Wilhelm Bracke am 5.5.1875: „Nach abgehaltenem Koalitionskongress werden Engels und ich nämlich eine kurze Erklärung veröffentlichen, des Inhalts, dass wir besagtem Prinzipienprogramm durchaus fernstehen und nichts damit zu haben. (…) Abgesehen davon ist es meine Pflicht, ein nach meiner Überzeugung durchaus verwerfliches und die Partei demoralisierendes Programm auch nicht durch diplomatisches Stillschweigen anzuerkennen. Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Konnte man also nicht – und die Zeitumstände ließen das nicht zu – über das Eisenacher Programm hinausgehen, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktion gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen. Macht man aber Prinzipienprogramme (statt dies bis zurzeit aufzuschieben, wo dergleichen durch längere gemeinsame Tätigkeit vorbereitet war), so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der Parteibewegung misst (…) Man wollte offenbar alle Kritik eskamotieren und die eigne Partei nicht zum Nachdenken kommen lassen. Man weiß, wie die bloße Tatsache der Vereinigung die Arbeiter befriedigt, aber man irrt sich, wenn man glaubt, dieser augenblickliche Erfolg sei nicht zu teuer erkauft. Übrigens taugt das Programm nichts, auch abgesehen, von der Heiligsprechung der Lassallschen Glaubensartikel.“[12] [13]
Engels schrieb im Oktober 1875 in einem Brief an Wilhelm Bra cke: „Wir sind ganz Ihrer Ansicht, dass Liebknecht durch seinen Eifer, die Einigung zu erreichen, jeden Preis für sie zu zahlen, die ganze Sache verfahren hat. (…) Nachdem der Einigungsprozess einmal auf fauler Grundlage ins Werk gesetzt und ausposaunt war, durfte er um keinen Preis scheitern.“ [14]
Die heftige Kritik von Marx und Engels an der mangelnden Klarheit und gar opportunistischen Haltung verdeutlichte, wieviel Wert Marx und Engels auf programmatische Klarheit gelegt hatten, dass Einheit nicht durch die Preisgabe des Programms und das Zusammengehen mit unzuverlässigen, unklaren Kräften herbeigeführt werden darf. Dass es besser wäre, erst einmal wenige zu sein, aber auf klarer Basis arbeitend, anstatt viele auf unklarer Basis. Damit vertraten Marx und Engels den Standpunkt, dass Einheit nur auf klaren Grundlagen geschaffen werden und Klarheit nicht der Einheit zum Opfer fallen darf. Das Festhalten an programmatischer Unnachgiebigkeit und Prinzipientreue zeichnete das Verhalten der Marxisten gegenüber später auftauchenden opportunistischen Tendenzen und Kräften aus. Insofern stand die Haltung von Marx und Engels, nicht Einheit um jeden Preis, sondern Klarheit und keine Angst vor Abgrenzung und ggf. Spaltung im Gegensatz zur späteren Politik der SPD.
Gleichzeitig brachte die Art und Weise, wie man mit der Kritik von Marx und Engels an diesen Schwächen umging, eine Tendenz zum Vorschein, die in der revolutionären Bewegung immer wieder aufgetreten ist: Ein Ausweichen, wenn nicht gar Verschweigen der Kritiken unter dem Vorwand, dass die Einheit bzw. Vereinigung wichtiger sei als Klarheit. Wie wir unten aufzeigen, konnte Friedrich Engels erst im Jahre 1891 (d.h. 16 Jahre später und erst nach Marxen‘s Tod) die Veröffentlichung dieser Kritik in der „Neuen Zeit“ gegen den heftigsten Widerstand der Opportunisten in der Parteiführung durchsetzen. Indem das Gothaer Programm bestimmte opportunistische Auffassungen schriftlich verankerte, erleichterte es später das Aufkommen des Opportunismus. Erst auf Drängen Engels wurde in das Programm ein Punkt aufgenommen, der die Solidarität des deutschen Proletariats mit den Arbeitern aller Länder und dessen Bereitschaft zur Erfüllung seiner internationalen Pflichten verkündete.[15] Hinzu kam, dass neben der unzureichenden Betonung des Internationalismus auf dem Gothaer-Gründungskongress nahezu überhaupt kein Bezug genommen wurde auf die Konsequenzen aus der Erfahrung der Pariser Kommune. Es gab schon eine Art Lücke in der historischen Kontinuität und in der Weitergabe der Erfahrung aus dem Kampf um die Organisation gegen die Bakuninisten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Verwässerung oder Verzerrung der wichtigen politischen Kritiken war deren falsche Darstellung als angeblich aus persönlichen Motiven entstanden. Selbst Franz Mehring, der eine ansonsten lesenswerte Biographie von Marx und eine Geschichte der deutschen Sozialdemokratie schrieb, tappte in diese Falle: „Marx verkannte, dass der Programmentwurf die theoretischen Anschauungen beider Fraktionen getreu widerspiegelte; er glaubte, dass die Eisenacher den wissenschaftlichen Kommunismus bereits in allen seinen Konsequenzen erfasst hätten, während die Lassalleaner eine zurückgebliebene Sekte seien (...)“ – „Sonst gewöhnt, die Arbeiterbewegung immer nach ihrem großen Wurfe zu beurteilen, nahm er für dieses Mal die Dinge allzu sehr unters Mikroskop und suchte hinter kleinen Unbehilflichkeiten, Unebenheiten, Ungenauigkeiten des Ausdrucks hinterhältige Absichten, die wirklich nicht dahinter steckten. Auch lässt sich nicht leugnen, dass seine Antipathie gegen Lassalle in diesem Briefe sein Urteil beeinflusst hat (...)“.[16] Somit spielte Mehring die Auseinandersetzung über die Grundsatzprinzipien herunter und stellte jene als eine Frage der persönlichen Antipathie zwischen Marx und Lassalle dar. Anstatt zu betonen, dass die Überwindung des Lassalleanertums ein teilweises Abstreifen einer Fessel bedeutete, schrieb Mehring: „Der Lassalleanismus erlosch in diesen Gothaer Tagen für immer, und doch waren sie die leuchtendsten Ruhmestage Lassalles. Wie recht immer Marx mit seinen Einwendungen gegen das Gothaer Programm haben mochte, das Schicksal seines Programmbriefes zeigte klar, dass die Wege, auf denen sich in Deutschland eine mächtige und unbesiegbare Arbeiterpartei als Trägerin der sozialen Revolution entwickeln konnte, von Lassalle richtig erkannt worden waren.“[17]
Gleichzeitig gab es Anzeichen von Unklarheiten insofern, als Mehring gewissermaßen die Entwicklung von Parteien in den einzelnen Ländern der Entwicklung auf internationaler Ebene ‚gegenüberstellte‘.
„Der Gedanke der internationalen Solidarität hatte in dem modernen Proletariat so tiefe Wurzeln geschlagen, dass er keiner äußeren Stütze mehr bedurfte, und die nationalen Arbeiterparteien entwickelten sich durch die industriellen Umwälzungen der siebziger Jahre so eigentümlich und kräftig, dass sie über den Rahmen der Internationalen hinauswuchsen (...)“[18]
Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune und der Unmöglichkeit der Fortsetzung der Arbeit der I. Internationale mussten zwar die Tätigkeiten der Revolutionäre notgedrungenermaßen zunächst auf die einzelnen Länder ausgerichtet werden, um die Bedingungen für die Gründung von Parteien zu schaffen. Aber dieser Schwerpunkt in den einzelnen Ländern hieß nicht, dass damit die internationale Ausrichtung und die Zusammenarbeit überholt und die internationale Solidarität oder gar eine Internationale somit zu einer überflüssigen Stütze geworden wären, oder dass durch das schnelle Wachstum der Parteien in einzelnen Ländern der nationale Rahmen gar über den internationalen Rahmen hinausgewachsen wäre. Vielleicht spiegelt diese Sichtweise Mehrings Elemente eines mangelnden internationalen Geistes wider, auf den Engels schon zuvor bei der Kritik des Gothaer Programms hingewiesen hatte. Die internationalistische Ausrichtung kann nur durch einen ständigen und bewussten Kampf gegen nationale oder gar lokalistische Schwerpunkte verwirklicht werden. Obwohl der Hauptteil der Aktivitäten auf den Aufbau der SAPD gelegt wurde, unternahm man auch Anstrengungen zur internationalen Kontaktaufnahme und Vorbereitung der Gründung der II. Internationale 1889.
Aus Platzgründen können wir hier auf den Beitrag der SAPD zur Gründung der II. Internationale nicht näher eingehen.
Darüber hinaus setzte sich die Tendenz, Errungenschaften zu ‚vergessen‘ fort. Im Vergleich zur 1872 noch vorhandenen Entschlossenheit eines Großteils der deutschen Delegierten auf dem Haager Kongress und der anschließenden Verteidigung der Politik des Generalrates gegenüber den Bakuninisten durch die SDAP schien diese Haltung 1875 in Gotha begraben worden zu sein. Die Lehren aus dem nur drei Jahre zuvor stattgefundenen Haager Kongress, auf dem die Prinzipien der Revolutionäre vehement verteidigt worden waren, wurden nicht weiter aufgegriffen. Es gab keine Hinweise auf eine Kontinuität und Weitergabe dieser Erfahrung. Stattdessen neigte Mehring später dazu, auch diesen Kampf wie den zwischen der Orientierung Lassalles und der Marxens als einen Konflikt zwischen der Autorität Marxens und der Bakunins darzustellen.
Der Kampf für eine revolutionäre Organisation gegen den parlamentarischen Opportunismus
Auf dem Gothaer Vereinigungskongress 1875 wurde Hamburg als Sitz des Parteivorstandes und Leipzig zum Sitz der Kontrollkommission gewählt. Aufgeschreckt durch die erstarkende Arbeiterbewegung verboten die Behörden die SAPD im Geltungsbereich des preußischen Vereinsgesetzes ab März 1876 und kurze Zeit später auch vor allem in Bayern und Sachsen. Die Bourgeoisie in Deutschland fing an, ihre Pläne für ein generelles Verbot der SAPD zu schmieden. Die Attentatsversuche von zwei Individuen wurden als Vorwand genommen, um am 21.10.1878 das Sozialistengesetz zu verabschieden.
Alle Vereine mit sozialdemokratischen, sozialistischen oder kommunistischen Zielen sollten aufgelöst, Druckschriften und Versammlungen mit dem Ziel der Verbreitung solcher Ziele ebenso verboten werden wie Bildungsvereine, Tanzvereine, Theaterclubs (die Mitglieder der SAPD waren zuvor meist als Mitglieder eines Vereins amtlich registriert). „In der Folgezeit wurden 1.299 Druckschriften, 95 Gewerkschaften, 23 Unterstützungsvereine, 106 politische und 108 so genannte Vergnügungsvereine verboten. Rund 1.500 Personen wurden zu Haftstrafen verurteilt, knapp 900 aus verschiedenen Orten des Reiches ausgewiesen. Die Ausgewiesenen, die nicht ins Exil gingen, mussten meist in abgelegene Regionen umsiedeln und versuchten dort, weiterhin politisch zu wirken. Lediglich die Reichstagsfraktion der SAP blieb aufgrund des Persönlichkeitswahlrechts unbehelligt und konnte ihre parlamentarische Arbeit fortsetzen.“[19]
D.h. während die Partei an der Basis in ihren Aktivitäten gehindert und die Festigung eines Organisationsgewebes verhindert werden sollte, durfte (und sollte aus der Sicht der Herrschenden) ihr ganzer Schwerpunkt sich auf die Parlamentstätigkeit konzentrieren. Auch wenn Bismarck die Parlamentstätigkeit anfänglich ebenso verbieten wollte, gaben die anderen bürgerlichen Fraktionen im Reichstag dem Drängen Bismarcks nicht nach. Das Bestreben der bürgerlichen Parteien war letztendlich, die SAPD voll ins parlamentarische Räderwerk einzuspannen. Somit wurde die Mobilisierung für die Wahlen damals schon zu einem Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Im Vergleich zu den Repressionsmaßnahmen in Russland unter dem Zaren war das Sozialistengesetz in Deutschland bei weitem nicht so brutal, aber sehr viel heimtückischer.
Noch bevor das Sozialistengesetz im Reichstag verabschiedet worden war, hatte im vorauseilenden Gehorsam das in Hamburg ansässige, als Parteivorstand fungierende Zentralwahlkomitee die Selbstauflösung der Parteiorganisation gegen die Position von Bebel und Liebknecht zu dieser Frage gegenüber den Polizeibehörden verkündet und die lokalen Sektionen auch zur Selbstauflösung aufgefordert! Die Parteiführung schlug den „absoluten Legalismus“ vor: „Haltet fest an der Lösung, die wir Euch oft zugerufen: an unserer Gesetzlichkeit müssen unsere Feinde zugrunde gehen“. „Seid ruhig, lasst euch nicht provozieren.“ [20]
Wie Marx und Engels in einem Zirkular 1879 schrieben, war der „vorauseilende Gehorsam“ des Parteivorstands keine Ausnahme. “Die Partei zeigt gerade jetzt unter dem Druck des Sozialistengesetzes, dass sie nicht gewillt ist, den Weg der gewaltsamen, blutigen Revolution zu gehen, sondern entschlossen ist …, den Weg der Gesetzlichkeit, d.h. der Reform zu beschreiben“[21] Dem hielten Marx und Engels entgegen: „Um der Bourgeoisie die letzte Spur von Angst zu nehmen, soll ihr klar und bündig bewiesen werden, dass das rote Gespenst wirklich nur ein Gespenst ist, nicht existiert. Was aber ist das Geheimnis des roten Gespensts, wenn nicht die Angst der Bourgeoisie vor dem unausbleiblichen Kampf auf Tod und Leben zwischen ihr und dem Proletariat? (…) Es sind die Repräsentanten des Kleinbürgertums, die sich anmelden, voll Angst, das Proletariat durch seine revolutionäre Lage gedrängt, möge „zu weit gehn“. (…) Alle historisch notwendigen Konflikte werden umgedeutet in Missverständnisse und alle Diskussionen beendigt mit der Beteuerung: in der Hauptsache sind wir ja alle einig. (…).“[22]
„Die sozialdemokratische Partei soll keine Arbeiterpartei sein, sie soll nicht den Haß der Bourgeoisie oder überhaupt jemandes auf sich laden; sie soll vor allem unter der Bourgeoisie energische Propaganda machen; statt auf weitgehende, die Bourgeois abschreckende und doch in unserer Generation unerreichbare Ziele Gewicht zu legen, soll sie lieber ihre ganze Kraft und Energie auf diejenigen kleinbürgerlichen Flickreformen verwenden, die der alten Gesellschaftsordnung neue Stützen verleihen und dadurch die endliche Katastrophe vielleicht in einen allmählichen, stückweisen und möglichst friedfertigen Auflösungsprozeß verwandeln könnten.“[23]
Gleichzeitig artikulierten einige Stimmen in der SAPD die Notwendigkeit gewaltsamer Reaktionen. So trat Johannes Most für den individuellen Terror ein, welcher aber auf dem ersten Kongress der SAPD im schweizerischen Wyden 1880 verworfen wurde.
Kampf gegen Spitzel und Verleumdungen
Auch setzte die Partei die seit dem Bund der Kommunisten entwickelte Tradition fort, sich entschlossen gegen Verleumdungen zu wehren, da sie das Vertrauen innerhalb der Partei untergraben. So wurde in der illegalen Organisation der Berliner Sozialdemokraten in deren Statut 1882 beschlossen:
§ 13: Über alles in der Organisation Erörterte, es mag zum Gegenstand haben, was es will, ist für jeden in der Organisation nicht Tätigen, selbst wenn er bekannter Genosse ist, Verschwiegenheit Pflicht. Erfährt ein Genosse von einem anderen etwas Belastendes, so ist es seine Pflicht, vorerst Stillschweigen zu bewahren und dies auch von dem die Sache Übermittelnden zu verlangen, nach den Gründen und dem Urheber der Verdächtigung sich zu erkundigen und seinem Hauptmann sofort davon Kenntnis zu geben, der das Erforderliche zu veranlassen und in nächster Sitzung im Beisein des Klägers und des Angeschuldigten die Sache zur Regelung zu bringen hat. Ist der Beschuldigte der Hauptmann, so ist dessen Stellvertreter die Meldung zu machen. Jeder andere Weg, besonders das Weiterverbreiten von Verdächtigungen ohne erwiesenen und von der Hauptmannschaft festgestellten Grund ist für uns von den schädlichsten Folgen, und da es notorisch im Interesse der Polizei liegt, durch Verbreitung von Verleumdungen Uneinigkeit unter uns zu bringen, so setzt sich jeder, der bei fraglichen Anlässen nicht den hier vorgeschriebenen Weg innehält, der Gefahr aus, als von der Polizei dazu beauftragt angesehen zu werden.[24]
Auf dem Parteikongress im August 1880 in Wyden wurde eine „Resolution über den Parteiausschluss von Wilhelm Hasselmann“ verabschiedet. „Nachdem der Kongress über die Intrigen und das gewissenlose Gebaren Hasselmanns aufgeklärt ist, billigt er die von den Abgeordneten proklamierte Ausschließung Hasselmanns voll und ganz und warnt alle auswärtigen Genossen, den Vorspiegelungen dieser als notorischer Verleumder entlarvten Persönlichkeit Glauben zu schenken.“ Auf dem gleichen Kongress wurde eine „Resolution über den Parteiausschluss von Johannes Most“ beschlossen.
„In Erwägung, dass Johann Most seit längerer Zeit sich in Widerspruch mit den von ihm selbst noch unter dem Sozialistengesetz vertretenen Grundsätzen der Partei gesetzt und nur noch den Einflüssen seiner häufig wechselnden Laune folgt;
in fernerer Erwägung, dass Most sich zum Kolporteur jeder gegen die deutsche Sozialdemokratie erhobenen Verleumdung, komme sie, von welcher Seite sie wollte, gemacht hat und notorischen Polizeiagenten trotz erteilter Warnung Vorschub leistete, nur weil sie auf die sogenannten Parteiführer schimpften;
- in schließlicher Erwägung, dass Most Handlungen begangen hat, die allen Gesetzen der Ehrenhaftigkeit widersprechen,
erklärt der Kongress, dass er jede Solidarität mit Johann Most zurückweist und ihn als aus der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands ausgeschieden betrachtet.“[25]
Dank ihres von den Mitgliedern der Partei errichteten Netzwerks konnte die Partei ein Dutzend Jahre lang ihren Einfluss vor Ort weiter ausbauen und lernte auch, materielle und politische Solidarität für die Verfolgten zu organisieren; d.h. die harten Bedingungen der Illegalität entmutigten die Parteimitglieder nicht, sondern diese stärkten die Solidarität untereinander.
Die Funktionsweise unter dem Sozialistengesetz?
Die noch vorhandenen Parteiinstanzen sprachen sich gegen eine nationale Geheimorganisation aus, da diese zu leicht durch die Polizei ausgehoben werden könnte und die Partei dann völlig handlungsunfähig sei. Tatsächlich ging man mit einer Kombination zwischen illegaler und legaler Arbeit (hauptsächlich im Parlament) vor. In Deutschland selbst organisierte man die „Herausgabe der illegalen Zeitung 'Der Sozialdemokrat', die im Ausland hergestellt und über ein konspiratives Verteilernetz (u.a. Rote Feldpost) im Reich verbreitet wurde. Die legale und illegale Aktivität musste von einem geheimen Funktionärskörper geleitet werden, genannt 'Corpora, Zirkel, Interne oder innere Organisation‘. Er war vom Verteilerapparat des 'Sozialdemokrat' aus Sicherheitsgründen formal getrennt. Mit Hilfe dieser facto illegalen Organisation, bei der J. Motteler eine herausragende Rolle spielte, wurde vor Ort der Zusammenhalt der Partei weiter ermöglicht. Spitzel wurden in der Zeitung ‚Sozialdemokrat‘ entlarvt. Unter dem Tarnnamen ‚Die eiserne Maske‘ warnte der Sicherheitsdienst der Partei vor Spitzeln und Provokateuren“ (Fricke, S. 182).
So konnte zum einen das Abgleiten in eine verschwörerische Gesellschaft verhindert, und zum anderen ein illegal funktionierender Apparat aufgebaut werden. Parteitreffen fanden unter dem Deckmantel von Gesangsvereinen und Raucherclubs statt.[26]
Auf dem ersten Parteikongress 1880 seit der Illegalität im schweizerischen Wyden wurde aus der bisherigen Formulierung, dass die Partei mit "allen gesetzlichen Mitteln" ihre Ziele durchsetzen wolle, das Wort mit allen 'gesetzlichen' (legalen) Mitteln gestrichen, weil man sich nicht darauf beschränken und einengen lassen wollte.
Diese Notwendigkeit, dass die Mitglieder vor Ort über ausreichend Spielraum für Eigeninitiativen verfügen, und gleichzeitig die Partei über ein Netz von Vertrauensleuten untereinander in Kontakt stehen musste, wurde auf dem Wydner Kongress diskutiert.: „Wir können nicht nach einer Schablone handeln, nicht in jedem einzelnen Falle die sogenannten „Führer“ befragen, aber ebenso wenig soll und darf ein einzelner auf eigne Faust handeln. Gemeinsame Beratung ist notwendig, einerlei unter welcher Form, und in wichtigen Fragen gemeinsames Handeln mit dem Ganzen. Das muss für all unser Tun und Lassen unsere Richtschnur sein.
Also organisiert Euch, einerlei wie. Die größeren, besser situierten und mehr mit geistigen Kräften versehenen Orte müssen die kleinen ihrer Umgebung unterstützen, und [da] dies die Genossen in größerer Anzahl nicht können, so müssen die Vertreter derselben aus den verschiedenen Orten häufig in mündlichen Verkehr miteinander treten.“[27]
Da die Partei weiterhin für die Reichstagswahlen Kandidaten aufstellen durfte, wurden in jedem Wahlkreis „Wahlvereine“ gegründet, die zur Aufgabe hatten, „die Genossen theoretisch zu schulen und zu durchgebildeten Sozialisten zu machen. Die Verwaltung der Parteigeschäfte und die Erledigung der öffentlichen Agitation sollte nach wie vor die ‚innere Bewegung‘ besorgen.“[28] D.h. trotz der legalen Treffen in Wahlvereinen zu Propagandazwecken hielt die Partei die „innere Organisation“, ihr im Untergrund arbeitendes Organisationsgewebe aufrecht. Dies war für ihr Überleben entscheidend.
Jedoch wurde dieses sich ergänzende „Wechselspiel“ zwischen Zentralisierung und ausreichend Initiative vor Ort später theoretisiert und als Grundsatzargument gegen Zentralisierung vorgetragen.
Auf dem Wydner Kongress wurde die „offizielle Parteileitung… den derzeitigen Reichstagsabgeordneten übertragen.“[29] Die Übertragung der Parteileitung an die Parlamentsabgeordneten aufgrund deren Immunität sollte sich jedoch als Falle herausstellen, denn eine revolutionäre Partei darf eine Parlamentsfraktion nicht als „natürliche Führung“ betrachten. Lenin warnte später davor, dass Parlamentsfraktionen „gewisse Spuren des Einflusses der allgemeinen bürgerlichen Wahlverhältnisse an[haften]“.[30] Somit trug diese Maßnahme, die Leitung in die Hände der Parlamentarier zu übertragen, weiter dazu bei, die Betonung nicht auf die Initiative an der Parteibasis zu legen, sondern sehr stark den Blick auf die Parlamentstätigkeiten zu richten.
Die eigentliche Parteileitung, die die illegale Arbeit zentralisierte, lag de facto in den Händen eines Subkomitees aus 5 Leuten. Wegen großer geographischer Zerstreuung konnten die Genossen jedoch nur selten zusammenkommen und es gab immer große Kommunikationsprobleme. De facto spielte Bebel (d.h. der prominenteste Führer) die herausragende Rolle bei der Führung der Partei.
Nach dem Kopenhagener Kongress 1883 erklärte das offizielle Zentralorgan der SAPD noch: „Wir sind eine revolutionäre Partei, unser Ziel ist ein revolutionäres, und wir geben uns über seine Durchführung auf parlamentarischem Wege keinen Illusionen hin.“[31] Aber opportunistische Regungen waren auf dem Kopenhagener Kongress unverkennbar zu spüren. Über die offensichtlichen Divergenzen auf dem Kongress schrieb der Sozialdemokrat weiter: „Wir haben keinen Grund, es zu verhehlen, dass in manchen Fragen die Meinungen der Genossen auseinandergehen, denn es ist gerade ein Zeichen der Stärke unserer Partei, dass sie trotzdem nach außen hin als ein geschlossenes Ganzes dasteht. So hart auch die Geister aufeinanderplatzten, so offen und rückhaltlos man sich auch gegenseitig die Meinung sagte, so trat doch andererseits deutlich das allgemeine Bestreben hervor: Nicht Majorisierung, sondern Auseinandersetzung und Verständigung. Nichts von Cliquen, die miteinander rivalisierten, sondern Genossen, die in der einen Frage sich gegenüberstanden und in der anderen wiederum zusammenstimmen, unbeeinflusst durch persönliche Beziehungen. Und dieser lebhafte Meinungsaustausch bei den verschiedenen Fragen der Taktik etc. zeigte, dass unsere Partei in keiner Weise der Gefahr der Verknöcherung ausgesetzt ist, dass es in ihr kein Papsttum gibt und keine Orthodoxie, sondern dass sie innerhalb der in unserem Programm niederlegten Grundsätze Raum hat für jede ehrlich verfochtene Überzeugung.“ (ebenda)
Aber die Bereitschaft zur Diskussion über Divergenzen innerhalb des gemeinsam geteilten programmatischen Rahmens wurde schnell infrage gestellt.
Während die Partei sich auf der einen Seite durch die Repression unter dem Sozialistengesetz nicht fesseln ließ, entstand auf der anderen Seite vor allem unter den legal im Reichstag tätigen Reichstagsabgeordneten immer mehr die Angst vor einer fortdauernden Illegalisierung der Partei. Und es setzte die Tendenz zu einer Verselbständigung der Reichstagsfraktion und einer opportunistischen Entwicklung vor allem in deren Reihen ein. Es entstand ein wachsender Graben zwischen Parlamentariern und der „Basis“. Schon 1883, d.h. wenige Jahre nach dem Beginn des Sozialistengesetzes, schrieb dazu Bebel an Engels: „Und da unterliegt es keinem Zweifel, dass es unter unseren Parlamentlern speziell Leute gibt, die weil sie an die Höhe der revolutionären Entwicklung nicht glauben, zum Parlamenteln geneigt sind und jedes scharfe Vorgehen sehr ungern sehen.“[32] Wenig später schrieb Bebel an W. Liebknecht: „Mir kommt öfter als je der Gedanke, den Parlamentarismus an den Nagel zu hängen, er ist eine gute Schule der Versumpfung. Das werden wir an den eigenen Freunden noch genugsam erleben.“[33] Und auch 1885 warnte Bebel, der am längsten im Parlament tätige und entschlossenste Reichstagsabgeordnete der SAPD: „Das Reichstagsmandat befriedigt ihren Ehrgeiz und ihre Eitelkeit, sie sehen sich mit großer Selbstbefriedigung unter den Auserwählten der“Nation“ und finden an der Parlamentskomödie Geschmack und nehmen sich sehr ernst. Außerdem studieren die meisten nicht mehr oder sie sind mit ihren Studien auf bedenkliche Abwege geraten, dem praktischen Leben sind sie auch entfremdet und wissen nicht, wie es darin aussieht…“[34] Engels sprach von einem Versuch der Opportunisten „zur Konstituierung des kleinbürgerlichen Elements als des herrschenden, offiziellen in der Partei und zur Zurückdrängung des proletarischen zu einem nur geduldeten.“[35]
Der Opportunismus im parlamentarischen Gewand
Die Sozialdemokratische Reichstagsfraktion publizierte am 20.3.1885 eine Stellungnahme gegen die Kritik der SAPD-Zeitung „Sozialdemokrat“ an der Fraktion: „In der letzten Zeit, namentlich im Monat Januar d J. waren im „Sozialdemokraten“ mehrfach offene und versteckte Angriffe gegen die sozialdemokratische Fraktion des deutschen Reichstages zu lesen. Sie bezogen sich vorzugsweise auf das Verhalten der sozialdemokratischen Reichstagsmitglieder in der Frage der Dampfersubvention. (….) Nicht das Blatt ist es, welches die Haltung der Fraktion zu bestimmen, sondern die Fraktion ist es, welche die Haltung des Blattes zu kontrollieren hat.“[36] [37] Gegen diese Erklärung protestierte Bebel: „Durch diese Erklärung wirft sich die Fraktion zum absoluten Herrscher über die Haltung des Parteiorgans auf. „Der Sozialdemokrat ist danach nicht mehr Parteiorgan, sondern Fraktionsorgan, den Parteigenossen ist jede Meinungsäußerung, die der Fraktion unangenehm oder unbequem ist, untersagt, und die Pressfreiheit, die das Programm für alle fordert, ist für die eignen Parteigenossen eine leere Phrase.“[38] Und auch aus verschiedenen Städten in Deutschland wurden weitere Protestschreiben verfasst. So z.B. das Protestschreiben der Sozialdemokraten in Frankfurt/Main Mittel April 1885: „Wir können (…) konstatieren, dass tatsächlich das Sozialistengesetz anfängt, seine erzieherische Wirkung auszuüben; unsere Abgeordneten sind schon sehr zahm geworden. (...) Wir Genossen von Frankfurt (Main) erblicken in dieser Fraktionserklärung den Versuch zu einer diktatorischen Maßregelung, den Versuch der Mehrheit der Fraktion, eine Art Ausnahmegesetz in unser inneres Parteileben einzuführen (…) Wir sehen aus dem Ton dieses Ukases, dass bei der Mehrheit der Fraktion das edle demokratische Selbstbewusstsein einem verwerflichen Dünkel gewichen ist, welcher sich im Begriff „Entrüstungssturm“ (…) äußert. (….) Wir brauchen wohl nicht zu erklären, dass wir den Mitgliedern der Fraktion keine besonderen (aristokratischen) Rechte einräumen,..(…) Wir erklären, dass wir nach wie vor das Verhalten unserer Abgeordneten im Parteitag einer öffentlichen Kontrolle respektive Kritik unterziehen werden, nach wie vor Meinungsverschiedenheiten öffentlich ausfechten werden und uns nicht zu willenlosen Trägern einer Ideen herunterdrücken lassen.“[39] Aus Wuppertal Barmen kam ein ähnliches Protestschreiben der Sozialdemokraten am 18.5.1885: „Wir gehören nicht zu denjenigen, welche sich, nachdem wir unsere Vertreter zahlreicher denn je ins Parlament geschickt, Wunderdinge von der parlamentarischen Tätigkeit derselben versprochen haben, wir wissen sehr wohl, dass die Emanzipation der Arbeiter nicht in den Parlamenten ausgefochten wird.“[40]
Der Abgeordnete der SAPD Wilhelm Blos verwarf jede revolutionäre Haltung des Sozialdemokraten. Daraufhin verfassten Wahlmänner aus Wuppertal Barmen folgende Stellungnahme: „1. Wenn Herr Blos behauptet, seine Wähler hätten ihn nach Berlin gesandt, um sich an der Gesetzgebung zu beteiligen und im Sinne des sozialdemokratischen Programms auf dieselbe einzuwirken, so können wir diese Auffassung als eine korrekte nicht so sehen. Wir glauben, dass es die Standpunkte der Partei widerstreitet, wenn man das „Parlamenteln“ als Hauptgrund oder gar als die einzige Ursache der Wahltätigkeit bezeichnen will. Wir unsererseits haben gewählt:
a) Aus agitatorischen und propagandistischen Rücksichten;
b) Um durch unsere Stimmen lauten Protest zu erheben gegen die heutige Klassenherrschaft;
c) Um unsere Vertreter eventuell in die Lage zu versetzen, diesem Protest auf der Tribüne entschiedenen Ausdruck zu verleihen.“[41]
Die hier aufgezeigten Auseinandersetzungen machten deutlich, dass während dieser Jahre zwei Flügel aufeinanderstießen, die Engels zu der Einsicht führten, dass die Spaltung der Partei aufkommen könne. Im Mai 1882 schrieb Engels an Bebel: “Darüber, dass es eines Tages zu einer Auseinandersetzung mit den bürgerlich gesinnten Elementen der Partei und zu einer Scheidung zwischen rechtem und linkem Flügeln kommen wird, habe ich mir schon längst keine Illusion mehr gemacht und dies auch schon in dem handschriftlichen Aufsatz über den Jahrbuchsartikel geradezu als wünschenswert ausgesprochen. (…) Ich erwähnte den Punkt in meinem letzten Brief nicht ausdrücklich, weil es mir mit dieser Spaltung keine Eile zu haben scheint. (…)
Andrerseits wissen sie, dass wir unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes auch unsere Gründe haben, innere Spaltung zu vermeiden, die wir nicht öffentlich debattieren können.“[42] Aber selbst unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes hielt er die Notwendigkeit für nicht ausgeschlossen. Denn nur wenige Monate später griff er die gleiche Frage auf: “Die Streitfrage ist rein prinzipiell: soll der Kampf als Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie geführt werden, oder soll es gestattet sein, auf gut opportunistisch (oder wie das in sozialistischer Übersetzung heißt: possibilistisch) den Klassencharakter der Bewegung und das Programm überall da fallenzulassen, wo man dadurch mehr Stimmen, mehr ‘Anhänger’ bekommen kann? (…) Einigung ist ganz gut, solange sie geht, aber es gibt Dinge, die höher stehn als die Einigung.”[43] – “Ich würde jede Spaltung, unter dem Sozialistengestz, für ein Unglück halten, da jedes Mittel der Verständigung mit den Massen abgeschnitten ist. Aber es kann uns aufgezwungen werden, und dann muss man den Tatsachen ins Gesicht sehn.”[44] Und die gleiche Betonung auf eine Zuspitzung der Gegensätze, und dass man die Spaltung zum richtigen Zeitpunkt nicht scheuen dürfe: “Die Teilung ins proletarische und ins bürgerliche Lager wird immer ausgesprochener, und wenn die Bürgerlichen sich einmal dazu ermannt haben, die Proletarischen zu überstimmen, kann der Bruch provoziert werden. Diese Möglichkeit muss, glaub’ ich im Auge gehalten werden. Provozieren sie den Bruch – wozu sie sich aber noch etwas Courage antrinken müssten – so ist’s nicht so schlimm. Ich bin stets der Ansicht, dass, solange das Sozialistengesetz besteht, wir ihn nicht provozieren dürften; kommt er aber, nun dann darauf los, und dann geh’ ich mit dir ins Geschirr.”[45]
Selbst unter den harten Bedingungen der Illegalität war die Sozialdemokratie damals bestrebt, sich nicht international zu isolieren. Weil während der 1880er Jahre die Neuorganisierung der politischen Organisationen in Europa an Fahrt aufnahm, wurde die deutsche Sozialdemokratie zu einer Vorreiterin der internationalen Kontakte und der Vorbereitung einer neuen Internationale. „Zur Herstellung einer regelmäßigen Verbindung der Sozialisten und Sozialistenvereine des Auslandes unter sich und mit der Partei in Deutschland sowie zur Pflege des Verkehrs zwischen letzterer und den Bruderparteien des Auslandes wird eine Verkehrsstelle außerhalb Deutschlands geschaffen, welche den Verkehr zwischen den einzelnen Vereinen zu vermitteln, alle Beschwerden, Anträge etc. entgegenzunehmen und in geeigneter Weise zu erledigen hat.“[46]
Trotz des Sozialistengesetzes gelang es den Herrschenden nicht, die Partei zu zerschlagen oder ihren Einfluss zurückzudrängen. Im Gegenteil: 1878, dem Jahr der Einführung des Sozialistengesetzes, erhielt die SAPD: 437.000 Stimmen (7.6%), 2 Abgeordnete nach der Hauptwahl, 9 nach der Stichwahl; 1890: 1.427.000 Stimmen, d.h. 19,7% der Stimmen, 20 Abgeordnete bei der Hauptwahl und 35 nach der Stichwahl.[47] Die großen Wahlerfolge spiegelten damit den Zulauf zur SAPD wider. Aber gleichzeitig vergrößerten sie nicht nur das Gewicht der Reichstagsabgeordneten innerhalb der Partei, sondern die parlamentarische Ausrichtung insgesamt und die damit verbundene damit die Ideologie.
Im September 1890 wurde das Sozialistengesetz aufgehoben. Auf dem kurz danach stattfindenden Parteitag in Halle wurde die SAPD in SPD umbenannt.
Die Debatten über das Programm konnten aufgrund der Bedingungen des Sozialistengesetzes nur extrem eingeschränkt stattfinden. Nun wurde nach dem Ende des Gesetzes auf dem Parteitag in Halle 1890 und insbesondere in Erfurt 1891 die Programmfrage als zentraler Punkt auf die Tagesordnung gesetzt. Nach ausführlichen Diskussionen mit mehr als 400 Versammlungen und einer Vielzahl von Artikeln und Diskussionsbeiträgen in der SPD-Presse plante man wichtige Korrekturen gegenüber dem Gothaer-Programm vorzunehmen. Wir sind in unserer Artikelserie in der International Review 84-88 (engl./frz./span. Ausgabe; auch in unserem Buch Communism is not just a „nice idea“ veröffentlicht[48]) ausführlich auf die Debatten und Kritiken an den Positionen des Erfurter Programms eingegangen und konzentrieren uns hier weiterhin auf die Organisationsfrage.[49]
Zum ersten Mal wurde 1891 die Kritik von Marx und Engels am Gothaer Programm veröffentlicht und breit diskutiert. Die zur Zeit von Gotha tätige Parteileitung, die seinerzeit die Kritiken von Marx und Engels der Partei vorenthalten hatten, stimmte 1891 auf dem Erfurter Kongress diesen Kritiken zu. Somit wurden die spezifisch lassalleanischen und vulgär-sozialistischen Auffassungen des Gothaer Programms überwunden.
Auch wurden auf dem Haller und dem Erfurter Kongress die Auffassungen der erstmals in Erscheinung getretenen oppositionellen, anarchistisch geprägten Gruppe „Die Jungen“ diskutiert und abgelehnt.
Die Statuten – Gradmesser der Organisationsprinzipien
In den Statuten wurde Folgendes zur Mitgliedschaft geregelt: „§ 1 Zur Partei gehörig wird jede Person betrachtet, die sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und die Partei nach Kräften unterstützt“.[50] Die Mitglieder mussten sich somit nur zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennen und nicht zu seinen Einzelheiten selbst. Für Leute wie Ignaz Auer[51] war dies ein Anlass, sich gegen „Engherzigkeit“ auf Programmebene auszusprechen, denn „der eine oder andere [habe] gegen diesen oder jenen speziellen Punkt seine Bedenken und eine kleine Abweichung irgendwelcher Art [spiele] gar keine Rolle“. Damit sollte Auer zufolge den Mitgliedern Spielraum für ihre eigene Interpretation des Parteiprogramms gelassen werden. §1 der Statuten verlangte auch nicht, dass sich jedes Mitglied einer Parteiorganisation anschließen sollte, noch war die Rede von der „Unterstützung der Partei nach Kräften“, dies beinhaltete nicht unbedingt aktive Mitarbeit.
„Nach Lage der Vereinsgesetzgebung in sämtlichen größeren deutschen Staaten musste der Parteitag in Halle von der Schaffung einer zentralisierten Organisation absehen. Jeder Versuch, eine über ganz Deutschland ausgebreitete Vereinigung ins Leben zu rufen, mit örtlichen Mitgliedschaften, Bevollmächtigten, ordentlichen regelmäßigen Beiträgen, Mitgliedskarten etc. würde nur zur Folge haben, dass in kürzester Zeit die Auflösung der Partei wegen Übertretung der Bestimmungen irgendeines Paragraphen des Vereinsgesetzes erfolgte. (…) Da nun in dem größten Teile Deutschlands politische Vereine nicht miteinander in Verbindung treten dürfen, so darf auch keine Korrespondenz oder sonstige Verbindung zwischen den Lokalvereinen und der Parteileitung stattfinden. (…) Nun muss aber die Parteileitung (…) überall Verbindungen haben (…). Diese Aufgabe sollen die Vertrauensmänner (…) erfüllen. Diese Vertrauensmänner sollten in erster Linie die Korrespondenten sein, an welche die Parteileitung ihre Mitteilungen richtet, und die ihrerseits die Parteileitung über die Vorgänge in den einzelnen Orten und Wahlkreisen unterrichten“.[52]
Die erstmals in Erscheinung getretene oppositionelle Gruppe der Jungen trat für einen losen Parteimitgliedsbegriff ein. Sie sprachen sich gegen eine festgefügte Parteiorganisation aus und plädierten für eine lose, unverbindliche Organisationsform. Ihnen zufolge sei ein allgemeines Bekenntnis zur SPD oder die Stimmabgabe für einen SPD-Kandidaten ausreichend, um sich als Sozialdemokrat zu bezeichnen.
In Bebels Entwurf zu den Statuten für den Parteitag in Halle bildete der Parteitag die „oberste Vertretung der Partei“. Bebel betonte konkrete, feste, für alle Mitglieder der Partei verbindliche Verhaltensregeln. Diese Betonung auf verbindlichen Verhaltensregeln war wegweisend für die spätere Auseinandersetzung auf dem 2. Parteitag der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1903 (siehe dazu folgenden Artikel in International Review 116 [engl./frz./span. Ausgabe] 1903-4: the birth of Bolshevism [138]..).
Auf dem Haller Parteitag wurde auch erstmals das Verhältnis zwischen Reichstagsfraktion und Gesamtpartei diskutiert. Während Bebel nach dem Ende der Ausnahmebedingungen des Sozialistengesetzes wieder die Parteileitung von der Reichstagsfraktion auf den Parteitag und den von ihm gewählten Parteivorstand als die entscheidende Instanz übertragen wollte, der Parteivorstand dem Parteitag gegenüber rechenschaftspflichtig sein sollte, und die Reichstagsfraktion somit ihrer Sonderrechte enthoben werden sollte, erhob sich dagegen seitens der Parlamentarier Widerstand. Ebenso war auf dem Kongress in Halle vorgesehen, dass der vom Kongress gewählte Parteivorstand das Parteiorgan Vorwärts kontrollieren sollte. Ignaz Auer pochte weiterhin auf Sonderrechten der Reichstagsfraktion: „Der [parlamentarischen] Fraktion sollte das Aufsichts- und das Kontrollrecht über den Parteivorstand und damit über die gesamte Parteitätigkeit übertragen werden, max. die Fraktion wurde über den vom Parteitag gewählten Parteivorstand gestellt. Die Unterwerfung der Partei unter die Parlamentsabgeordneten sollte somit aus der Sicht Auers statutenmäßig festgelegt werden. Der Abgeordnete Georg v. Vollmar forderte in der Debatte über die Organisationsfrage auf dem Haller Kongress, jeder Ort solle selbstständig über seine Organisationsform entscheiden, eine Zersplitterung der Organisation in autonome Teilorganisationen sei auch ein guter Schutz vor eventueller weiterer Repression.“[53] Gleichzeitig verwarf Auer programmatische Grundsätze der Partei. Hier spürte man die Theoretisierung der Zentralisierungsfeindlichkeit sowie das Bestreben, die Partei und deren Zentralorgan der Parlamentsfraktion unterzuordnen.
Den von Bebel vorgelegten Entwurf bezeichnete Bebel selbst Engels gegenüber als „Kompromisswerk“.[54] Bebel gestand später in Anbetracht des Widerstands der Parlamentarier ein: „Da ließ ich mich breitschlagen und gab des lieben Friedens willen nach.“ Kurze Zeit später bekannte Bebel gegenüber Victor Adler: „Ich habe dabei wieder einmal erkannt, wie es sich rächt, wenn man dem Zuge nach rechts nachgibt.“[55] Schließlich verabschiedete die Partei ein Statut, in dem der Parteivorstand die Parteileitung übernahm. Mit der Anerkennung, dass der Parteitag die oberste Vertretung der Partei sei, in der Verbindlichkeit der vom Parteitag beschlossenen Dokumente und Beschlüsse, in der Rechenschaftspflicht des Parteivorstands gegenüber dem Parteitag, der Herausgabe der Zeitung „Vorwärts“ als Zentralorgan wurden die Grundsätze für die Funktionsweise der Partei gemäß dem „Parteigeist“ gelegt. Lenin konnte sich später 1903 auf diese Parteiprinzipien stützen.
In Anbetracht der großen Schwächen des 1875er Gothaer Programms war das Erfurter Programm von 1891 trotz alledem ein Schritt vorwärts. Die im Gothaer Programm noch vorhandenen reformistischen lassalleanischen Ideen waren nicht mehr vorhanden; es wurde eine wissenschaftliche Begründung geliefert, dass der Kapitalismus weiterhin aufgrund seiner Widersprüche dem Untergang geweiht sei, und dass die Arbeiterklasse durch die Eroberung der politischen Macht die einzig mögliche Lösung herbeiführen könne: die Überwindung dieser Gesellschaft. Nichtsdestotrotz gab es Mängel in diesem Programm, so war z.B. nicht die Rede von der notwendigen Diktatur des Proletariats bei der Überwindung des Kapitalismus. Engels hatte bei der Debatte über den Programmentwurf an den politischen Forderungen des Entwurfs Kritik geübt. Er nutzte die Gelegenheit, „auf den friedfertigen Opportunismus … und das frisch-fromm-fröhlich-freie ‚Hineinwachsen‘ der alten Sauerei ‚in die sozialistische Gesellschaft‘ loszuhauen“.[56] In der Endfassung war jedoch an den politischen Forderungen, die Engels kritisiert hatte, nichts Wesentliches geändert worden, tatsächlich wurde seine Kritik zurückgehalten und erst zehn Jahre später veröffentlicht.[57]
Engels Warnung vor reformistischen Illusionen…
Beeinflusst durch die Hoffnung auf ein „repressionsfreies Leben in der Demokratie“[58] und einer in einigen Kreisen schon 1890-91 spürbaren Hoffnung auf ein mögliches Hineinwachsen der Gesellschaft in den Sozialismus warnte Engels: “Aus Furcht vor einer Erneuerung des Sozialistengesetzes, aus der Erinnerung an allerlei unter der Herrschaft jenes Gesetzes gefallenen voreiligen Äußerungen soll jetzt auf einmal der gegenwärtige gesetzliche Zustand in Deutschland der Partei genügen können, alle ihre Forderungen auf friedlichem Weg durchzuführen. Man redet sich und der Partei vor, ‚die heutige Gesellschaft wachse in den Sozialismus hinein‘, ohne zu fragen, ob sie damit nicht ebenso notwendig aus ihrer alten Gesellschaftsverfassung hinauswachse...“[59]
Aber während Engels zurecht vor der Gefahr opportunistischer Hoffnungen warnte, verfiel er selbst einer gewissen Euphorie, die Rosa Luxemburg später auf dem Gründungskongress der KPD aufgriff (vgl. Deutsche Revolution VI, Der gescheiterte Organisationsaufbau, Internationale Revue 22 [139]).
… vorübergehend durch Euphorie beiseitegedrängt
In den Jahren seit dem Sozialistengesetz hatte die SPD ihren Stimmenanteil auf mehr als 20% gesteigert. Dies rief eine Euphorie sowie Illusionen über einen entsprechenden Machtzuwachs der Arbeiterklasse hervor. Schon 1884, nachdem die SAPD eine halbe Million Stimmen für sich verbucht hatte, meinte Engels gegenüber Kautsky in einem Brief: „Zum ersten Mal in der Geschichte steht eine solid geschlossenen Arbeiterpartei als wirkliche politische Macht da, entwickelt und großgewachsen unter den härtesten Verfolgungen, unaufhaltsam einen Posten nach dem anderen erobernd (…), - eine Macht (…), die aber ebenso sicher und unaufhaltsam sich emporarbeitet (…) dass die Gleichung ihrer wachsenden Geschwindigkeit und damit der Zeitpunkt ihres schließlichen Siegs sich schon jetzt [1884] mathematisch berechnen lässt.“[60] Und im Herbst 1891 schrieb Engels „Elf Jahre Reichsacht und Belagerungszustand haben ihre Stärke vervierfacht und sie zur stärksten Partei Deutschlands gemacht. (…) Die Sozialdemokratische Partei, die einen Bismarck gestürzt, die nach elfjährigem Kampf das Sozialistengesetz gebrochen, die Partei, die wie die ansteigende Flut alle Dämme überbraust, die sich über Stand und Land ergießt, bis in die reaktionärsten Ackerbraudistrikte, diese Partei steht heute auf dem Punkt, wo sie mit fast mathematisch genauer Berechnung die Zeit bestimmen kann, in der sie zur Herrschaft kommt.
Die Zahl der sozialistischen Stimmen war
1871 |
101.927 |
1874 |
351.670 |
1877 |
493.447 |
1884 |
549.990 |
1887 |
763.128 |
1890 |
1.427.298 |
(…) Bei den Wahlen von 1895 dürfen wir also auf mindestens 2.5 Millionen Stimmen rechnen; diese aber würden um 1900 sich auf 3.5 bis 4 Millionen steigern. (…) Die Hauptstärke der deutschen Sozialdemokratie liegt aber keineswegs in der Zahl ihrer Wähler. Bei uns wird man Wähler erst mit 25 Jahren, aber schon mit 20 Soldat. Und da grade die junge Generation es ist, die unserer Partei ihre zahlreichsten Rekruten liefert, so folgt daraus, dass die deutsche Armee mehr und mehr vom Sozialismus angesteckt wird. Heute haben wir einen Soldaten auf fünf, in wenig Jahren werden wir einen auf drei haben, und gegen 1900 wird die Armee, früher das preußische Element des Landes in ihrer Majorität sozialistisch sein. Das rückt heran, unaufhaltsam wie ein Schicksalsschluss. Die Berliner Regierung sieht es kommen, ebenso gut wie wir, aber sie ist ohnmächtig. Die Armee entschlüpft ihr.“[61] „Dass die Zeit herannaht, wo wir die Majorität in Deutschland sind, oder doch die einzige Partei, die stark genug, das Ruder zu führen – falls Friede bleibt – das ist doch handgreiflich.“[62] Und auch in den letzten Jahren vor seinem Tod meinte er z.B. 1892: „(…) der Sieg der europäischen Arbeiterklasse [hängt] nicht allein von England ab. Er kann nur sichergestellt werden durch das Zusammenwirken von mindestens England, Frankreich und Deutschland. In den letztern Ländern ist die Arbeiterbewegung der englischen ein gut Stück voraus. In Deutschland steht sie sogar innerhalb messbarer Entfernung vom Triumph.“[63] 1894 prognostizierte er gar, dass „wir fast den Tag errechnen [können], an dem die Staatsmacht in unsere Hände fallen wird.“[64]
Diese Glorifizierung der Wahlergebnisse wird auch anhand der Aussage deutlich, die Bebel auf dem Hamburger Parteitag 1897 machte: „Reichstagswahlen sind für uns als Kampfpartei immer das wichtigste Ereignis gewesen, weil sie uns Gelegenheit geben, für unsere Ideen und Forderungen mit allem Nachdruck einzutreten, weil wir an dem Wahlergebnis konstatieren können, wie die Entwicklung unserer Partei in dem abgelaufenen Zeitraum gewesen ist; sie waren und sind uns der Gradmesser, wie weit die Partei auf ihrem Vormarsch zum Sieg vorgedrungen ist. Von diesem Gesichtspunkt haben wir schon im Jahre 1867 die Wahlen als beste Gelegenheit betrachtet, unsere Kraft zu messen.“[65]
Bevor er dieser vorübergehenden Euphorie verfiel, betonte Engels jedoch vor dem Erfurter Kongress, dass die SPD den revolutionären Weg fortsetzen und keinerlei Festlegungen auf einen ‚gesetzmäßigen‘, ‚friedlichen‘ Entwicklungsweg zum Sozialismus zulassen dürfe.
Die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung und ggf. Spaltung von den Opportunisten
In Anbetracht der großen Divergenzen zwischen Lassalleanern und Eisenachern zu Anfang der 1870er Jahren hatten Marx und Engels – wie oben dargestellt – vor der Gefahr des Verlustes der programmatischen Klarheit gewarnt und auf eine scharfe Abgrenzung bestanden. Immer wieder betonten sie: „(…) In unserer Partei können wir zwar Individuen aus jeder Gesellschaftsklasse, aber durchaus keine kapitalistischen, keine mittelbürgerlichen oder mittelbäuerlichen Interessengruppen gebrauchen.“[66] Auch als zur Zeit des Sozialistengesetzes immer neue Kreise – auch aus der herrschenden Klasse – zur Sozialdemokratie stießen, bestand Engels in einer Korrespondenz mit Bebel und Liebknecht darauf: „Wenn solche Leute aus anderen Klassen sich der proletarischen Bewegung anschließen, so ist die erste Forderung, dass sie keine Reste von bürgerlichen, kleinbürgerlichen etc. Vorurteilen mitbringen, sondern sich die proletarische Anschauungsweise unumwunden aneignen.(…) Sind Gründe da, sie [Leute mit bürgerlichen und kleinbürgerlichen Vorstellungen] vorderhand [in einer Arbeiterpartei] zu dulden, so besteht die Verpflichtung, sie nur zu dulden, ihnen keine Einfluss auf die Parteileitung zu gestatten, sich bewusst zu bleiben, dass der Bruch mit ihnen nur eine Frage der Zeit ist.“[67] „(...) das Proletariat [würde] seine leitende geschichtliche Rolle verscherzen (…), wenn es diesen [kleinbürgerlichen und bürgerlichen] Vorstellungen und Wünschen Konzessionen machte“.[68] Deshalb bezog Engels auch die Möglichkeit in Betracht, dass es nach dem Fall des Sozialistengesetzes zur Spaltung zwischen dem proletarischen und kleinbürgerlichen Flügel in der Partei kommen könne. „Diesen ganzen Unrat verdanken wir zum allergrößten Teil Liebknecht mit seiner Vorliebe für gebildete Klugscheißer und Leute in bürgerlichen Stellungen, womit man dem Philister gegenüber dicktun kann. Einem Literaten und einem Kaufmann, die mit dem Sozialismus liebäugeln, kann er nicht widerstehen. Das sind aber gerade in Deutschland die gefährlichsten Leute (…). Die Spaltung kommt so sicher wie etwas, nur bleibe ich dabei, dass wir sie unter dem Sozialistengesetz nicht provozieren dürfen.“[69] Es war offensichtlich, dass das staatliche Vorgehen auf eine Zerschlagung und Spaltung der Partei abzielte, und dass das Zusammenrücken der Partei in dieser Phase im Vordergrund stand. Aber Entschlossenheit gegenüber der Repression stellt keinen Automatismus zur Verhinderung opportunistischer Tendenzen dar. Im Gegenteil, unter Umständen kann der Opportunismus sogar noch ungestörter wuchern.
Engels erkannte 1890 kurz vor dem Fall des Sozialistengesetzes auch: „Die Partei ist so groß, dass absolute Freiheit der Debatte innerhalb ihrer eine Notwendigkeit ist. Anders sind die vielen neuen Elemente, die in den letzten drei Jahren zugekommen und die stellenweise noch recht grün und roh, gar nicht zu assimilieren und auszubilden (…). Die größte Partei im Reich kann nicht bestehen, ohne dass alle Schattierungen in ihr vollauf zu Wort kommen, und selbst der Schein der Diktatur à la Schweitzer muss vermieden werden.“[70] Um einen gewissen Schutz gegen nicht hinnehmbare Abweichungen aufzubauen, sollten die führenden Parteiämter mit vollamtlichen, von der Partei besoldeten Funktionären besetzt werden. Dies wiederum bot aber keinen wirklichen Schutz gegen Opportunismus oder gar zensierendes Vorgehen der Parteiführung. Um den Kampf gegen den Opportunismus und deren Vertreter in der Reichstagsfraktion freier führen zu können, meinte Engels gar, die radikalen Kräfte sollten ein unabhängiges Presseorgan haben: „Eure ‚Verstaatlichung‘ der Presse hat ihre großen Übelstände, wenn sie zu weit geht. Ihr müsst absolut eine Presse in der Partei haben, die vom Vorstand und selbst Parteitag nicht direkt abhängig ist, d.h. in die in der Lage ist, innerhalb des Programms und der angenommenen Taktik gegen einzelne Parteischritte ungeniert Opposition zu machen und innerhalb der Grenzen des Parteianstandes auch Programm und Taktik frei der Kritik zu unterwerfen.“[71]
In einem Brief an Bebel warnte Engels diesen nicht nur vor der Vorgehensweise der Rechten und dessen Sprachrohr Vollmar, sondern er sprach auch eine Reihe taktischer Empfehlungen aus.[72]
Die Jungen
Auf dem Haller Parteitag 1890 fand auch zum ersten Mal eine offene Auseinandersetzung mit der von der bürgerlichen Presse so bezeichneten oppositionellen Gruppe die Jungen statt.[73] In der Tat scheint der einzige gemeinsame Nenner ihr geringes Durchschnittsalter gewesen zu sein.[74]
Ihre soziale Zusammensetzung war äußerst heterogen. Politisch verband sie vor allem ihre Warnung vor den Gefahren des Parlamentarismus. „1.) Die Haltung der Sozialdemokratie im Reichstag, welche zuweilen geeignet war, die Hoffnung zu erwecken, als könne bereits auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft die Lage der arbeitenden Klasse nennenswert verbessert werden. 2.) Die Agitation bei den letzten Reichstagswahlen, welche vielfach mehr darauf hinauslief, Sitze im Parlament zu gewinnen als Sozialdemokraten zu machen. 3.) Das Eintreten der Fraktion für bürgerparteiliche Kandidaten bei den letzten Stichwahlen. 4.) Das Vorgehen der Fraktion in der Frage des 1. Mai.[75] […] 6.) Eine gewisse Art der Genossen, sachliche Kritik als persönliche Beleidigungen zu behandeln.“[76]
Diese politische Kritik an opportunistischen Tendenzen in der Partei wurde aber dadurch verwischt und verlor an Glaubwürdigkeit, weil Bruno Wille „Korruption“ in den Reihen der SPD-Parlamentarier andeutete und somit dazu neigte, das Problem an Personen festzumachen.
Auf einer Großveranstaltung der SPD Ende August 1890 in Berlin, an der mehr als 10.000 Parteimitglieder teilnahmen, trat Bebel in einer Debatte mit einigen Vertretern der Jungen den Kritiken derselben entgegen. Am Ende der Debatte wurde eine Resolution verabschiedet, bei der von den ca. 4.000 ausgezählten Teilnehmern (von den 10.000 Teilnehmern passte nur die Hälfte in den Saal) ca. 300-400 Stimmen gegen die von Bebel verfasste Resolution stimmten. „Die Versammlung erklärt die von verschiedenen Seiten aufgestellte Behauptung, die sozialdemokratische Reichstagsfraktion sei korrumpiert, sie beabsichtige die Partei zu vergewaltigen, und sei bestrebt, die freie Meinungsäußerung in der Parteipresse zu unterdrücken, für eine durch Nichts bewiesene schwere Beleidigung der Fraktion, beziehentlich der Parteileitung. Die Versammlung erklärt ferner die gegen die bisherige parlamentarische Tätigkeit der Fraktion gerichteten Angriffe für ungerechtfertigt.“[77]
Auf dem Erfurter Parteitag stellte eine Untersuchungskommission ihre Untersuchungsergebnisse der Beschuldigungen eines Teils der Jungen vor. Das Mandat dieser Untersuchungskommission hatte aber zwei Aufgaben gleichzeitig behandelt: Hinsichtlich der Beschuldigungen der systematischen Korruption und dass Parteigelder nach Gunst an Schmarotzer vergeben wurden, sprach die Untersuchungskommission die Beschuldigten von dem Vorwurf frei.
Gleichzeitig verwarf sie die politischen Kritiken, die in einem auf dem Haller Parteitag verbreiteten, anonym verfassten Flugblatt geäußert worden waren. In dem Flugblatt hatte es geheißen: „Nicht Unehrlichkeit werfen wir aber deshalb den Führern vor, sondern allzu große Rücksichtnahme auf alle möglichen Machtfaktoren, hervorgegangen von der veränderten Lebensstellung und der zu geringen Fühlung mit dem Proletarierelend, dem Pulsschlag des gequälten Volkes.“[78]
„Das Schlimmste, was uns das Sozialistengesetz gebracht hat, ist die Korruption“ (Wille bezog sich vor allem auf politisches Verhalten und richtete diesen Vorwurf vor allem gegen die Parteiführung).[79]
Gleichzeitig warnten die Jungen vor der Gefahr der Versumpfung der Partei.[80]
Dem hielt die Kommission ihren politischen Befund entgegen: „1.) Es ist nicht wahr, dass der revolutionäre Geist seitens einzelner Führer systematisch ertötet wird. 2.) Es ist nicht wahr, dass in der Partei eine Diktatur geübt wird. 3.) Es ist nicht wahr, dass die ganze Bewegung verflacht und die Sozialdemokratie zur puren Reformpartei kleinbürgerlicher Richtung herabgesunken ist. 4) Es ist nicht wahr, dass der Revolution von der Tribüne des Reichstages feierlich abgeschworen wurde. 5.) Es geschah bis heute nichts, um den Vorwurf zu rechtfertigen, dass versucht worden wäre, den Ausgleich zwischen Proletarier und Bourgeois herbeizuführen.“[81]
Schließlich wurden einige Mitglieder der Jungen, die den Vorwurf der Korruption weiter aufrechterhielten, auf dem Erfurter Parteitag ausgeschlossen. Zuvor waren andere Mitglieder aus der Partei ausgetreten. Nach einem abgelehnten Widerspruch gegen ihren Ausschluss gründete die Opposition am 8. November 1891 kurz nach dem Erfurter Parteitag den „Verein Unabhängiger Sozialisten“ (ihr Organ wurde Der Sozialist, der von 1891-1899 erschien). Engels meinte, dieser verbreite „nichts als Klatsch und Lügen“.[82]
Diese zu Anfang der 1890er Jahre aufgetauchte Opposition hatte zwar ein Gespür für die sich verstärkende Gefahr der Verflachung der Partei gezeigt. Indem sie aber die Kritiken an der Politik der Partei in den Vorwurf der Bestechlichkeit der Parteiführer packte – ohne irgendwelche konkreten Belege –, sie somit eine Personalisierung vornahm, verpufften ihre begründeten Warnungen vor den Gefahren der Versumpfung. Zuvor hatten einige Vertreter der Jungen (Werner und Wille) gar geltend gemacht, ein Zentralorgan der Partei (d.h. in der Form einer Zeitung) sei überhaupt nicht notwendig. Auch traten einige von ihnen gegen Zentralisierung auf und nur für lose Strukturen ein, und sie sprachen sich gegen verbindliche Mitgliedskriterien aus.
Der Gründungsaufruf der „Unabhängigen Sozialisten“ betonte, die „Organisationsform der heutigen Partei [schränke] die Bewegung der proletarischen Gesellschaftsklassen ein“. Stattdessen trat man für eine „freie Ausgestaltung der Organisation“ ein, und der Zweck der Organisation wurde als „Diskutier- und Bildungsverein“ umrissen[83].
Die „Unabhängigen Sozialisten“ spalteten sich kurz nach ihrer Gründung – ein Teil kehrte wieder zurück zur SPD, davon ein Teil zu den Revisionisten, ein anderer schloss sich den Anarchisten an.
Für die SPD war die Auseinandersetzung mit diesem heterogenen Haufen eine doppelte Herausforderung gewesen: Einerseits durfte man Beschuldigungen auf der Verhaltensebene wie Korruptionsvorwürfe nicht ungeprüft im Raum stehen lassen. Und wer solche Beschuldigungen ohne Beleg weiter aufrechterhielt, durfte zurecht nicht ungestraft in der Partei bleiben.
Aber gleichzeitig wurde die Bereitschaft der Partei getestet, sich mit Warnungen vor dem Opportunismus, die unvermeidlich konfus und zum Teil irreführend, krakeelend – wie Engels meinte – vorgetragen wurden, auseinanderzusetzen. Eine Politik des Ausschlusses aufgrund von politischen Divergenzen stand nicht auf der Tagesordnung. Vor dem Haller Parteitag trat Engels gegen einen Parteiausschluss auf: „Ich werde Bebel und Liebknecht wohl vor dem Kongress hier sehen und das mögliche tun, dass ich sie von der Unklugheit aller Herausschmeißereien überzeuge, die nicht auf schlagende Beweise von der Partei schädigenden Handlungen, sondern bloß auf Anklagen der Oppositionsmacherei gegründet sind.“[84]
„Dass ihr auf dem Kongress spielend damit [mit dem Anhang der Jungen] fertig werdet, ist klar. Aber sorgt dafür, dass keine Keime gelegt werden für zukünftige Schwierigkeiten. Macht keine unnötigen Märtyrer, zeigt, dass Freiheit der Kritik herrscht, und wenn herausgeworfen werden muss, dann nur in Fällen, wo ganz eklatante und vollauf erweisbare Tatsachen (…) der Gemeinheit und des Verrats vorliegen.“[85]
Nach dem Erfurter Parteitag billigte Engels deren Ausschluss, vor allem weil die Jungen fortgesetzt unbewiesene Verdächtigungen und Anklagen in die Welt gesetzt hatten. Aber schon kurz nach dem von ihm gutgeheißenen Parteiausschluss wurde ihm bewusst, dass Leute wie Vollmar (Vertreter der Rechten) „viel gefährlicher“ waren als die Jungen.[86] Schon eine kurze Zeit später nahm er eine differenzierte Haltung an. Er bezeichnete deren Angriffe gegen die „Spießer“ in der Partei als „unbezahlbar“.[87]
Selbst Bebel erkannte nach der Veröffentlichung der Schrift des Oppositionellen Hans Müller Der Klassenkampf in der Sozialdemokratie im Sommer 1892 die positive Rolle der Jungen. „An und für sich ist es ganz gut, dass so ein paar Wadenkneifer da sind, die einen daran erinnern aufzupassen, dass man nicht stolpert. Hätten wir diese Opposition nicht, wir müssten uns eine machen. Schimpft man auf dem nächsten Parteitag auf sie, dann singe ich ihr Lob.“[88]
Der beschriebene Kampf zwischen den revolutionären und opportunistischen Tendenzen in der deutschen Sozialdemokratie verschärfte sich in der Folgezeit von 1890 bis 1914. Wir werden diesen verschärften Konflikt im zweiten Teil des Artikels beschreiben.
Januar 2022, Dino
[1] Die I. Internationale und der Kampf gegen das Sektierertum [43]; Der Haager Kongreß von 1872: Der Kampf gegen den politischen Parasitismus [17]; Der Kampf des Marxismus gegen das politische Abenteurertum [44]
[2] In Eisenach fand der Gründungskongress der SDAP statt.
[3] Lassalle und Schweitzer: Der Kampf gegen politische Abenteurer in der Arbeiterbewegung [45], IKSonline Dezember 2019
[4] Antwort von Engels im Mai 1873 – in Volksstaat gegen Lassalleaner – MEW, Bd. 18, S. 319-325
[5] Engels an Bebel, 20.6.1873, MEW Bd. 33, S. 590
[6] Die I. Internationale wurde auf der Konferenz von Philadelphia am 15.07.1876 offiziell aufgelöst.
[7] Engels an Conrad Schmidt, 12. April 1890, MEW Bd. 37, S. 384
[8] Marx schrieb am 27.9.1873 an Friedrich A. Sorge, „Nach meiner Ansicht von den europäischen Verhältnissen ist es durchaus nützlich, die formelle Organisation der Internationalen einstweilen in den Hintergrund treten zu lassen und nur, wenn möglich, den Zentralpunkt in New York deswegen nicht aus den Händen zu geben, damit keine Idioten wie Perret oder adventurers wie Cluseret sich der Leitung bemächtigen und die Sache kompromittieren (…) Einstweilen genügt es, die Verbindung mit den Tüchtigsten in den verschiedenen Ländern nicht ganz aus den Händen schlüpfen zu lassen (…)“ (MEW 33, S. 606).
[9] Österreichische Sozialdemokraten wählten 1873 gar die Redaktion des Volksstaats zum Schiedsrichter für die Entscheidung von Streitfragen in der österreichischen Partei (Quelle: The International Working Class Movement, Progress Publishers, Moscow 1976, Band 2, 1871-1904, S. 261).
[10] In Großbritannien waren die kämpferischsten Arbeiter ausschließlich im Rahmen der Gewerkschaftsbewegung aktiv, Gründung der Social-Democratic Federation 1884.
Frankreich: Die nach der Pariser Kommune entstandenen Organisationen waren rein berufsständisch und konzentrierten sich auf den wirtschaftlichen Kampf. "Erst 1878, anlässlich der Wahlen in Frankreich, wurde die Parti Ouvrier unter der Führung von Guesde und Lafargue und unter direkter Beteiligung von Marx, der das politische Programm verfasste, gegründet." (aus The International Working Class, ebenda, S. 237). In Frankreich kam es zu einer frühen Spaltung zwischen den "Possibilistes" (reformistischer Flügel) und den Kräften um Guesde – Bildung der französischen Arbeiterpartei, Fédération d‘ouvriers socialistes).
Belgien: Gründung der Sozialistischen Partei 1879 – Belgische Arbeiterpartei 1885
Niederlande: 1882 Sozialdemokratische Union
Schweiz: im Frühjahr 1873 wurde ein allgemeiner nationaler Arbeiterkongress gegründet, 1888 – Gründung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz
Spanien: 1879 - Sozialistische Arbeiterpartei
Portugal: - 1875 Portugiesische Sozialistische Partei
Italien: keine Gründung in den 1870er Jahren, 1881 wurde die "Revolutionäre Sozialistische Partei" gegründet, die sich 1883 mit dem "Partito Operaio" vereinigte. 1892 – Gründung der Sozialistischen Partei in Genua
USA: Workingmen's Party of Illinois (1873) und Social-Democratic Workingmen's Party of North America (1874) (entstanden aus Sektionen der Internationale)
Ungarn: Die Gründung einer Arbeiterpartei wurde im März 1873 angekündigt, aber sofort verboten.
Russland: 1883 gründete Plechanow – aufgrund der Repressionen musste er ins Ausland gehen – die erste russische sozialdemokratische Organisation.
So existierte Mitte der 1870er Jahre eine organisierte Arbeiterbewegung nur in einigen europäischen Ländern und bis zu einem gewissen Grad in den USA und in einigen anderen Ländern (The International Working Class movement, S. 205 ff.). Das Gothaer Programm beeinflusste jedoch die Programme der in der zweiten Hälfte der 1870er und zu Beginn der 1880er Jahre gegründeten Parteien, z.B. das der 1876 gegründeten Sozialdemokratischen Liga Dänemarks sowie der Flämischen Sozialistischen Partei 1877, der Portugiesischen Sozialistischen Partei 1877, der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Partei 1878, der Sozialdemokratischen Liga der Niederlande 1882, der Allgemeinen Arbeiterpartei Ungarns 1880.
[11] Mehring, Geschichte der Sozialdemokratie, S. 451
[12] Marx an Wilhelm Bracke, 5.5.1875, MEW 19 S. 13,
[13] In seinem Brief vom 12. Oktober 1875 an Bebel unterstrich Engels, dass sich das Gothaer Programm aus folgenden unmarxistischen Hauptgedanken zusammensetzte:
1) „Aus den Lassalleschen Sätzen und Stichwörtern, die aufgenommen zu haben eine Schmach unserer Partei bleibt“, wie den Phrasen von der „einen reaktionären Masse“ außerhalb der Arbeiterklasse, vom „ehernen Lohngesetz“, von der „Staatshilfe für Produktivgenossenschaften“ usw. Laut Engels war dies „das kaudinische Joch, unter dem unsere Partei zum größeren Ruhm des heiligen Lassalle durchgekrochen ist“.
2) aus vulgärdemokratischen Forderungen, wie der Losung vom „freien Staat“, der angeblich über den Klassen stehen würde;
3) aus „Forderungen an den ‚heutigen‘ Staat, die sehr konfus und unlogisch sind“,
4) aus allgemeinen Sätzen, „meist dem Kommunistischen Manifest und den Statuten der Internationale entlehnt, die aber so umredigiert sind, dass sie entweder total Falsches enthalten oder aber reinen Blödsinn. (…) Das Ganze ist im höchsten Grad unordentlich, konfus, unzusammenhängend, unlogisch und blamabel“ (MEW Bd. 34 S. 158).
[14] Engels an Bracke, MEW Bd. 34 S. 155
[15] „Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der deutschen Arbeiterbewegung an der Spitze der europäischen Bewegung beruht wesentlich auf ihrer echt internationalen Haltung während des Kriegs.“ Brief Engels an Bebel, 18/28.3.1875, MEW Bd. 19 S. 4
[16] Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Bd. 2 S. 449-450
[17] Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Band 2 S. 453
[18] Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Band 2 S. 419
[19] Das Sozialistengesetz, 1878-1890, Dietz Verlag Berlin 1980
[20] Mehring, ebenda S. 516
[21] Erklärung von Höchberg, Eduard Bernstein und Schramm, sie verfassten „Rückblicke auf die sozialistische Bewegung in Deutschland“ und verwarfen den revolutionären Charakter der Partei und forderten die Umwandlung der SAPD in eine kleinbürgerlich-demokratische Reformpartei (Dokumente und Materialien zu Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. III S. 119). Aus Furcht vor weiterer Repression sprach sich der Parteiflügel um Eduard Bernstein für die Umwandlung der SAPD in eine legalistische Reformpartei aus, um so das Verbot hinfällig erscheinen zu lassen.
[22] Marx/Engels, Zirkular an Bebel, Liebknecht Bracke u.a., 17./18.9.1879, MEW Bd 34 S. 394-408, https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band34.pdf [140]
[23] http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_150.htm [141], Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 150-166.
[24] Dieter Fricke, Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1869-1917, Illegale Organisation der Sozial Demokratie, Berlin, Dietz Verlag 1887, S. 204
[25] Dokumente und Materialien, a.a.O., Bd. III S. 148
[26] In Anbetracht der Gefahr, dass eine zu stark zentralisierte illegale Organisationsstruktur im Falle eines Zuschlagens durch die Polizei zu schnell außer Gefecht werden könnte, plädierte auch Engels: „Je loser die Organisation dem Anschein nach ist, desto fester ist sie in Wirklichkeit.“ Engels an J. Ph. Becker, 1.4.1880, MEW Bd. 34 S. 441.
[27] „Aufruf der Parteivertretung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands vom 18.09.1880 über die Aufgaben nach dem Wydener Kongress“ (Dokumente und Materialien, Bd. III S. 153)
[28] Fricke, ebenda S. 211.
[29] „Resolution über die Organisation der Partei“
„1. Die offizielle Parteivertretung wird den derzeitigen Reichstagsabgeordneten übertragen.
2. Im Falle, dass die nächstjährigen Reichstagswahlen einen wesentlichen Personenwechsel unter den Abgeordneten zur Folge haben sollten, so haben sich die abgehenden und die neu gewählten Abgeordneten unter Beiziehung von Vertrauenspersonen darüber zu verständigen, wer die Geschäfte weiter zu führen hat. Die Verteilung der Geschäfte ist Sache der Abgeordneten.
5. Die Organisation an den einzelnen Orten bleibt dem Ermessen der dort lebenden Genossen überlassen, doch erklärt es der Kongress als Pflicht der Genossen, allerwärts für möglichst gute Verbindungen zu sorgen.“
[30] Lenin, Über zwei Briefe, Werke Bd 15, S. 291.
[31] Der Sozialdemokrat, 12.4.1883. in Dokumente und Materialien, Bd. III S. 190
[32] Bebel, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd 2/2 S. 106; Fricke, a.a.O., S. 193
[33] Dirk H. Müller, Idealismus und Revolution, Colloquium Verlag, Berlin, 1975, S. 15
[34] Brief Bebels an Liebknecht vom 26.7.1885, Internationales Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam, Nachlass Liebknecht, Bog. 108/111; Fricke, a.a.O., S. 276
[35] Engels an Bebel, 4.8.1885, MEW Bd. 36, S. 292
[36] Die sozialdemokratische Fraktion des deutschen Reichstags, Der Sozialdemokrat, Nr. 14, 2.4.1885, in Dokumente und Materialien zu Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. III, S. 223
[37] Die Frage der „Dampfersubvention“ brachte den Willen einiger Abgeordneter zum Vorschein, die Subventionen zu unterstützen, die von der Regierung im Wettlauf mit den anderen Staaten um die Eroberung des Planeten für den deutschen Seeverkehr gefordert wurden, um die Dampferlinien zu subventionieren und so dem deutschen Kapital bessere Chancen einzuräumen.
[38] Protestschreiben Bebels vom 5.4.1885 an die sozialdemokratische Reichstagsfraktion gegen deren Erklärung, IISG Amsterdam, NL Bebel, Nr. 42, in Dokumente und Materialien; MEW Bd. 3 S. 226
[39] Dokumente und Materialien, Bd. III S. 229
[40] Dokumente und Materialien, S. 231, Stellungnahme der Vertrauensmänner in Barmen vom 22. Januar 1882
[41] Dokumente und Materialien zu Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. III S. 177, 2. 2. 1892, Der Sozialdemokrat
[42] Engels an Bebel, 21.6.1882, MEW Bd. 35 S. 334 f.
[43] Engels an Bebel, 28.10.1882, MEW Bd. 35 S. 383
[44] Engels an Bebel, 10./11. Mai 1883, MEW Bd. 36 S. 27,
[45] Engels an Bebel, MEW Bd. 36, 11.10.1884, S. 215
[46] „Resolution über die Errichtung einer internationalen Verkehrsstelle unter den Sozialisten“, Dokumente und Materialien, Bd. III S. 149,
[47] Fricke, Die deutsche Arbeiterbewegung 1869-1890
[48] en.internationalism.org/internationalreview/199601/1617/1883-95-social-democracy-advances-communist-cause
[49] Karl Kautsky hatte den „allgemeinen“ Teil und Eduard Bernstein den „praktischen“ Teil verfasst.
[50] Der Grundsatz, dass Parteimitglieder Mitgliedsbeiträge zahlen sollte, wurde hier nicht ausdrücklich erwähnt, um Strafmaßnahmen durch das Vereinsgesetz auszuweichen.
[51] Ignaz Auer wurde später dafür bekannt, dass er ein Wesen des Opportunismus auf den Punkt brachte, als er zu Eduard Bernstein bemerkte: "Was du forderst, mein lieber Ede, ist etwas, was man weder offen zugibt noch formell abstimmen lässt; man macht es einfach."
[52] Der Parteivorstand im Zirkular Nr. 1 des Parteivorstandes der SPD vom Okt. 1890 über den Parteiaufbau, Dokumente und Materialien, Bd. III S. 348
[53] Protokoll über die Verhandlungen der Parteitage der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Halle 1890 und Erfurt 1891, Leipzig 1983, – Vorwort zum Haller Parteitag, S. 32
[54] Brief Bebels an Engels, 27.8.1890, Bebel a.a.O., S. 365
[55] Aus dem Vorwort über die Protokolle über die Verhandlungen der Parteitage der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Halle 1890 und Erfurt 1891, S. 29, Originalzitat Bebel: Brief an Victor Adler, 5.9.1890, in Ausgewählte Reden und Schriften, Band 2/2, S. 371
[56] F. Engels, MEW Bd. 22 S. 594
[57] Wir sind in mehreren Artikeln ausführlich auf diese Schwächen eingegangen, siehe u.a. unseren schon zuvor genannten Artikel in International Review 84 & 85.
[58] Es kam immer wieder zu gezielten Repressionsmaßnahmen. So verbot 1895 der Polizeipräsident von Berlin den Parteivorstand von Berlin, d.h. er wurde aufgelöst, nicht aber die Partei auf örtlicher Ebene oder auf nationaler Ebene. Erneut übertrug er seine Befugnisse/Aufgaben/Leitung der Partei an die Reichstagsfraktion. Solche Schritte der Polizei scheuchten diejenigen auf, die „auf dem Sofa der Demokratie“ sitzend, dabei waren, ihre Kampfbereitschaft zu verlieren.
[59] Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891, MEW Bd. 22 S. 234. Engels Kritik wurde von der Führung der SPD erst 10 Jahre später veröffentlicht. Die Umstände sind nicht genau aufgeklärt. In einer Vorbemerkung verwies die SPD-Führung darauf, dass man Engels Manuskript im literarischen Nachlass des 1900 verstorbenen W. Liebknecht gefunden habe (MEW Bd. 22 S. 595).
[60] Engels an Kautsky, 8.11.1884, MEW Bd. 36 S. 230
[61] F. Engels in Der Sozialismus in Deutschland, MEW Bd. 22 S. 250
[62] F. Engels an Bebel, 29.9.1891, MEW Bd. 38 S. 163
[63] Engels, Einleitung zur englischen Ausgabe der Entwicklung des Sozialismus, 1892, MEW Bd. 22 S. 311
[64] Engels an Pablo Iglesias, 26.3.1894, MEW Bd. 39 S. 229. Auch wenn er diese Art Aussagen durch die Einschränkung relativierte, dass die Entwicklung sehr wohl z.B. durch einen europäischen Krieg mit schrecklichen, weltweiten Folgen alles über den Haufen schmeißen könnte, sieht man den Einfluss des Stimmenzuwachses auch auf Engels. (siehe u.a. Engels an Bebel, 24/26. 10. 1891, MEW 38, S. 189)
[65] Hamburger Parteitag 1897, Protokoll S. 123.
[66] Engels, Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland, MEW Bd. 22 S. 495
[67] Engels an Bebel, Liebknecht u.a., Mitte September 1879, MEW Bd. 34 S. 394-408
[68] Engels an Bebel, 24.11.1879, MEW Bd. 34 S. 426
[69] Engels an Bebel, 22.-24. Juni 1885, MEW Bd. 36 S. 335
[70] Engels an Sorge, 9.8.1890, MEW Bd. 37 S. 440
[71] Engels an Bebel, 19.11.1892, MEW Bd. 38 S. 517
[72] „Es wird wohl in diesem oder dem nächsten Jahr zum Bruch mit ihm [Vollmar] kommen müssen; er scheint die staatssozialistischen Schnurren der Partei mit Gewalt aufdrängen zu wollen. Da er aber ein abgefeimter Intrigant ist, und da ich in Kämpfen mit dieser Art Leuten allerlei Erfahrung habe – M[arx] und ich haben gegenüber dieser Sorte oft Böcke in der Taktik gemacht und entsprechendes Lehrgeld zahlen müssen -, so bin ich so frei, Dir hier einige Winke zu unterbreiten.
Vor allen Dingen gehen diese Leute darauf hinaus, uns formell ins Unrecht zu setzen, und das muss man vermeiden. Sonst reiten sie auf diesem Nebenpunkt herum, um den Hauptpunkt, dessen Schwäche sie fühlen, zu verdunkeln. Also Vorsicht in den Ausdrücken, öffentlich wie privatim. Du siehst, wie geschickt der Kerl Deine Äußerung über Liebknecht benutzt, um zwischen ihm, Liebknecht und Dir Krakeel zu erzeugen - (…) und so Dich zwischen zwei Stühle zu setzen. Zweitens, da es für sie darauf ankommt, die Hauptfrage zu verdunkeln, muss man jeden Anlass dazu vermeiden; alle Nebenpunkte, die sie aufrühren, so kurz und so schlagend wie möglich erledigen, damit sie ein für allemal aus der Welt kommen, selbst muss man aber jeden sich etwa bietenden Seitenweg oder Nebenpunkt soweit irgend möglich vermeiden, trotz aller Versuchung. Sonst wird das Feld der Debatte immer ausgedehnter, und der ursprüngliche Streitpunkt verschwindet immer mehr aus dem Gesichtsfeld. Und dann ist auch kein entscheidender Sieg mehr möglich, und das ist für den Klüngler schon ein hinreichender Erfolg und für uns wenigstens eine moralische Schlappe.“ Engels an Bebel, 23.7.1892, MEW Bd. 38 S. 407.
[73] Ein Jahr später, auf dem Erfurter Parteitag, gehörten von den 250 Delegierten knapp ein Dutzend dieser Opposition an.
[74] Vier dieser Delegierten waren ca. 30 Jahre, einer 23 Jahre, und sie alle waren erst 2-3 Jahre in der Partei. Einer (Bruno Wille) gehörte ihr nicht einmal an. Sie waren entweder Studenten, lebten freiberuflich oder wie im Falle Willes gewissermaßen als bezahlter Wanderredner.
[75] Der Parteivorstand und die Parlamentsfraktion wandten sich gegen einen für den 1. Mai anberaumten Streik.
[76] Dirk H. Müller, Idealismus und Revolution, Zur Opposition der Jungen gegen den Sozialdemokratischen Parteivorstand, S. 60, Beitrag von H. Müller, Der Klassenkampf…, S. 88 und SD, Nr. 35 vom 30. August 1890.
[77] Müller, a.a.O. S. 64
[78] Müller, S. 89
[79] Müller, S. 52
[80] „(…) Die Taktik der Partei ist falsch und verkehrt. 9.) Sozialismus und Demokratie haben nichts gemein mit den Reden unserer Abgeordneten. (…) 12.) Das Reden vom Hineinwachsen der heutigen Gesellschaft in den sozialistischen Staat sei ein Blödsinn. Die solches sagen, sind selbst weit schlimmeres als politische Kindsköpfe.“ (Die Anschuldigungen der Berliner Opposition, S. 24 im Original, in D. H. Müller, S. 94)
[81] Erfurter Parteitagsprotokoll, S. 318
[82] Engels an Sorge, 21.11.1891, MEW Bd. 38 S. 217
[83] Der Anteil der Arbeiter in dem Vorstand war verschwindend gering, es gab mehr „Literaten“, Kleingewerbetreibende als Arbeiter, Müller, a.a.O. S. 130 u. 133
[84] Engels an F.A. Sorge, 9.8.1890, MEW Bd. 37 S. 440
[85] Engels an Liebknecht, 10.8.1890, MEW Bd. 37 S. 445; siehe auch Engels an Laura Lafargue, 27.10.1890, MEW Bd. 38 S. 193
[86] Engels an F. A. Sorge, „...Herr Vollmar (…) ist viel gefährlicher als jene, er ist schlauer und ausdauernder (…)“, 24.10.1891, MEW Bd. 38 S. 183
[87] Engels an Victor Adler, 30.8.1892, MEW Bd. 38 S. 444 – „...aber was sitzen in der Fraktion für Spießer und kommen immer wieder hinein! Eine Arbeiterpartei hat da nur die Wahl zwischen Arbeitern, die sofort gemaßregelt werden und dann leicht als Parteipensionäre verlumpen, oder Spießbürgern, die sich selbst ernähren, aber die Partei blamieren. Und diesen gegenüber sind die Unabhängigen unbezahlbar.“
[88] Bebel an Engels, 12.10.1892, Bebel-Engels S. 603 (in D. Müller S. 126).
Die jahrelangen Versuche der Herrschenden, durch das Sozialistengesetz die Sozialdemokratie mit Hilfe der Repression „mundtot“ zu machen, waren gescheitert. Dennoch war es den Herrschenden gelungen, die Aktivitäten der Sozialdemokratie in großem Maße auf die parlamentarische Bahn zu lenken, wodurch die anderen Aktivitäten außerhalb der Wahlpropaganda stark vernachlässigt und die theoretischen Anstrengungen in den Hintergrund gedrängt wurden. D.h. auch wenn die Herrschenden das Wachstum der Partei nicht verhindern konnten, hatte sich das ideologische Gift der Demokratie ausgebreitet, das echte Arbeitersolidarität untergrub und den Kampfgeist zunehmend erstickte. Gleichzeitig war langsam unter einem beträchtlichen Teil der Funktionäre der Partei, angefangen von den Parlamentsabgeordneten bis hin zu Gewerkschaftsführern usw., das Gefühl entstanden: Sich nur keiner Gefahr von Strafmaßnahmen durch den bürgerlichen Staat aussetzen, jede Konfrontation mit dem Staat scheuen, ein neues „Anti-Sozialistengesetz“ vermeiden; kurzum: ducken.
Begünstigt wurde diese Entwicklung dadurch, dass nach dem deutsch-französischen Krieg Deutschland bei der Industrialisierung in eine fulminante Aufholjagd gegenüber den anderen europäischen Rivalen und den USA eintrat. Zudem vermittelte das zahlenmäßig rapide Anwachsen der Arbeiterklasse in den Städten, die zunächst unter erbärmlichen hygienischen und materiellen Bedingungen wohnen und arbeiten musste, bevor sich ihre Lage schrittweise verbesserte, das Gefühl, dass der Kapitalismus den Arbeitern doch ein Auskommen ermöglichen könnte.[1] Geblendet durch diese aufsteigende Phase des Kapitalismus mit den scheinbar überwundenen Wirtschaftskrisen fingen schon ab den frühen 1890er Jahren gewisse Kreise in der SPD an, die programmatischen Grundlagen infrage zu stellen. Das rasante wirtschaftliche Wachstum und die dadurch entstandenen Illusionen lieferten für den sich verstärkenden Opportunismus einen wertvollen Humusboden.
Dass diese Infragestellung des Programms und der Organisationsprinzipien untrennbar miteinander verbunden war und einen komplexen, vielschichtigen und heimtückischen Entartungsprozess einleitete, können wir hier im Rahmen dieses Artikels nicht umfassend schildern. Wir wollen hier vor allem einige Hauptmerkmale dieses Prozesses auf Organisationsebene herausheben.
Im Aufruf der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, der kurz vor den Februarwahlen 1890 erschien, wurde behauptet: „Die heutige Gesellschaft wächst in den Sozialismus hinein“. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Grillenberger verkündete im Februar 1891, die SPD strebe nicht nach einem gewaltsamen Sturz der bestehenden Ordnung, denn der Sozialismus werde als Folge von Reformen und nicht als Folge einer Revolution entstehen.[2] Bernstein meinte: „Dieses Hineinwachsen [der Partei] in den Staat, wie ich es an anderer Stelle genannt habe, unterscheidet eben die Partei von der Sekte. Die Partei mag sich der Ordnung des Staates, in dem sie wirkt, noch so feindselig gegenüberstellen, so kann sie doch bei Strafe politischer Unfruchtbarkeit nicht umhin, sich in das Leben dieses Staates organisch einzugliedern. Das ist der bisherige Entwicklungsgang der deutschen Sozialdemokratie gewesen, wie es der Entwicklungsgang der sozialistischen Partei in allen Ländern, wo sie zu einer größeren Bedeutung gelangt.“ (Eduard Bernstein, „Parteidisziplin", Neue Zeit, S. 1216).
Friedrich Engels wandte sich bei der Debatte um das Erfurter Programm entschieden gegen die Perspektive, dass „die heutige Gesellschaft in den Sozialismus“ hineinwachse. Aber so heftig Engels auch diese frühen und offenen Infragestellungen des Programms anprangerte, diese wurden Ende der 1890er Jahre trotzdem noch offensiver und deutlicher propagiert. 1898 veröffentlichte deren Sprachrohr Eduard Bernstein Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, in welchem Text er gänzlich auf das Ziel der Bewegung verzichtete und alles der Bewegung selbst unterordnete.
Nach dem Tod Friedrich Engels 1895 setzte Rosa Luxemburg diese Kritiken fort und entblößte umfassend die Position und die Haltung Bernsteins in ihrer Schrift Sozialreform oder Revolution. Auf dem Parteitag der Sozialdemokratie 1899 in Hannover sagte sie in einer Rede über die Ablösung der kapitalistischen Gesellschaft: „Es ist eine allbekannte Tatsache, dass wir seit etwa einem Jahrzehnt in unseren Reihen eine ziemlich starke Strömung haben, die im Geiste der Bernsteinschen Auffassung dahin strebt, unsere jetzige Praxis bereits als Sozialismus hinzustellen und so – natürlich unbewusst – den Sozialismus, den wir erstreben, den einzigen Sozialismus, der keine Phrase und Einbildung ist, zur revolutionären Phrase zu machen. Bebel hat mit Recht wegwerfend gesagt, dass die Auffassungen Bernsteins so verschwommen, deutungsvoll sind, dass man sie nicht in einen festen Rahmen fassen kann, ohne dass er sagen kann, ihr habt mich missverstanden. Früher schrieb Bernstein nicht so. Diese Unklarheit, diese Widersprüche hängen nicht mit seiner Person, sondern mit seiner Richtung, mit dem Inhalt seiner Ausführung zusammen. Wenn Sie die Parteigeschichte seit zehn Jahren verfolgen, namentlich die Parteitagsprotokolle studieren, so sehen Sie, dass die Bernsteinsche Richtung allmählich erstarkt ist, aber noch durchaus nicht zur Reife gelangt ist; ich hoffe, dass sie es nie wird.“[3]
Sie hob hervor, dass die Versumpfung der Partei nicht auf „schlechte Politik“ der Parteiführung, sondern auf den Parlamentarismus und das Gift der Demokratie selbst zurückzuführen sei. Neben Rosa Luxemburg als Stimme der jungen Generation, die die tieferen Wurzeln des Revisionismus am entschlossensten aufspürte, traten auch einige ältere Führer der SPD wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegen die Revisionisten auf den Plan.
Um die Jahrhundertwende zeigte sich Bebel sehr entschlossen, den Revisionisten den Kampf anzusagen. „Die Partei soll wissen, bis zu welchem Stadium der Korruption und des Verrats an den Parteiinteressen die Dinge gediehen sind.“[4] Die Sozialdemokratie soll auf dem Boden des unversöhnlichen Klassenkampfes gegen die bestehende Ordnung weiter voranschreiten: „Solange ich atmen und schreiben und sprechen kann, soll es nicht anders werden. Ich will der Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und dieser Staatsordnung bleiben.“ (ibid) Und Wilhelm Liebknecht schrieb 1899 ein Jahr vor seinem Tod: „Ich bin für die Einheit der Partei – für die nationale und internationale Einheit der Partei. Aber es muss die Einheit des Sozialismus und der Sozialisten sein. Die Einheit mit Gegnern, mit Leuten, die andere Ziele und anderen Interessen haben, ist keine sozialistische Einheit. (…) Auf dem Boden des Klassenkampfes sind wir unbesiegbar; verlassen wir ihn, so sind wir verloren, weil wir keine Sozialisten mehr sind. Die Kraft und die Macht des Sozialismus besteht in der Tatsache, dass wir einen Klassenkampf führen, dass die arbeitende Klasse durch die Kapitalistenklasse ausgebeutet und unterdrückt wird und dass in der kapitalistischen Gesellschaft wirksame Reformen, welcher der Klassenherrschaft und Klassenausbeutung ein Ende machen, unmöglich sind. Wir können nicht mit unseren Prinzipien schachern, wir können keinen Kompromiss, keinen Vertrag mit dem herrschenden System schließen. Wir müssen mit dem herrschenden System brechen, es auf Leben und Tod bekämpfen. Es muss fallen, damit der Sozialismus siegen kann…“[5].
Aber trotz dieser großen Entschlossenheit mangelte es dem größten Teil der Verteidiger des Programms an Bemühungen, die tieferen Wurzeln bloßzulegen. Lediglich Rosa Luxemburg und die wenigen Stimmen um sie gingen ausreichend in die Tiefe.
Neben der programmatischen Revision begannen diese Revisionisten auch, die organisatorischen Grundlagen der Partei zu untergraben. Bernstein z.B. plädierte offen für die Tolerierung von Disziplinbrüchen: „Denn ehe wir Parteileute sind, sind wir Menschen. (…) Es kann unter Umständen im Interesse der Partei und ihrer gesunden Entwicklung förderlich sein, ihr nicht zu gehorchen.“[6]
Dem gegenüber betonte Rosa Luxemburg die Partei könne nur funktionieren durch „die unbedingte Unterordnung des einzelnen unter den Gesamtwillen der Organisation als Fundament unserer Existenz als Partei (…) Und da gibt es keine Ausnahme, keine Absolution von der Pflicht der Disziplin. Denn die Disziplin bindet entweder alle in der Partei, oder sie ist für niemanden verpflichtend.“[7] Sie erklärte weiterhin: Die sozialdemokratischen Disziplin „ist das geschichtliche Werkzeug und das unentbehrliche Hilfsmittel, um den im Programm der Arbeiterpartei, in Parteitagsbeschlüssen und internationalen Kongressbeschlüssen aufgesteckten Willen fortlaufend zur politischen Tat zu schmieden“[8].
Heine beanspruchte das Recht auf „freie Meinungsäußerung“, „Autonomie“ und „freie Selbstbestimmung“ in der Partei. Ähnlich wie Bernstein rechtfertigte Heine den ständigen Bruch der Parteidisziplin, um „Kadavergehorsam“ gegenüber der Parteiführung zu vermeiden.[9] Auf dem Parteitag in Hannover verlangte Heine 1899 die „Freiheit der unbeschränkten“ Kritik, d.h. das sagen zu wollen, was jedem Mitglied in den Sinn kommt, unabhängig davon, ob es mit den Prinzipien der Organisation übereinstimmt oder nicht. Rosa Luxemburg hielt dem entgegen: „Ich sagte keine einzige Partei gibt es, die die Freiheit der Kritik in so ausgiebigem Maße gewährt wie die unserige. Wenn Sie aber darunter verstehen sollten, dass die Partei im Namen der Freiheit der Kritik kein Recht haben sollte, zu gewissen Meinungen und Kritiken der letzten Zeit Stellung zu nehmen und durch Majoritätsbeschluss zu erklären: wir stehen nicht auf diesem Standpunkte, so muss ich dagegen protestieren, denn wir sind nicht ein Diskutierclub, sondern eine politische Kampfpartei, die bestimmte Grundanschauungen haben muss.“[10] Kautsky ergänzte diese Variante von demokratistischen Auffassungen, als er ab 1900 den Standpunkt vertrat, in der Partei müsse es einen „Wettbewerb der verschiedenen Auffassungen“ geben. Mit anderen Worten sollte es statt der Mehrheitsposition der Partei ein Nebeneinander von verschiedenen Positionen geben.
Als die SAPD 1875 in Gotha gegründet wurde, verlangten die Statuten noch eine tatkräftige Unterstützung der Partei. Um die Jahrhundertwende wurden auch bei dieser Auseinandersetzung in der Sozialdemokratie die entgegengesetzten Auffassungen zwischen dem opportunistischen und revolutionären Flügel ersichtlich. Unter dem Motto, die SPD müsse zu einer “Volkspartei” werden, die “jedem offen steht”, und weil der größtmögliche Stimmengewinn das oberste Ziel sei und sich die Partei deshalb nicht als “Sekte” verhalten dürfe, stellten sich die Revisionisten gegen jede Einhaltung der früheren Mitgliedskriterien.
Ein Merkmal der Haltung der Revisionisten war deshalb: möglichst schwache oder gar keine Aufnahmekriterien. Aus ihrer Sicht könne und müsse eine Massenpartei immer mehr Leute aufnehmen, ohne aktive Mitarbeit und ohne tiefere innere Überzeugung, Gegen den Versuch, die Mitgliedskriterien strenger zu fassen, lehnte „bereits 1900 Auer auf dem Parteitag in Mainz den von Delegierten eingebrachten Vorschlag ab, den ersten Paragraphen der Satzung der Sozialdemokratischen Partei dadurch zu verstärken, dass beim Eintritt in die Partei die Teilnahme an der Parteiarbeit und die Zugehörigkeit zu einer Parteiorganisation verlangt werden sollten. Solche Forderungen, so behauptete Auer, seien geeignet, die besten Menschen, die sich Sozialdemokraten nannten, wegen der polizeilichen Verfolgungen usw. von der Partei abzustoßen.“[11] Eine aktive Mitarbeit, so die Revisionisten, sei nicht mehr erforderlich. Bei einer Massenpartei, die nur auf große Wahlerfolge ausgerichtet war, konnte man einfach sein Einverständnis erklären, ohne aktiv mitzuwirken. In Wirklichkeit verleitete der parlamentarische Schwerpunkt der Aktivität die Partei zur Passivität im „Alltag“ und zur Aufweichung ihres Programms. In den Statuten der SPD wurde dann auch ab dem Mainzer Parteitag 1900 jeglicher Passus einer aktiven Mitarbeit gestrichen. Kein Wort mehr von Mitgliedsbeiträgen – man sprach bis 1905 lediglich von dauerhafter „Unterstützung“ durch Geldmittel.
Zusätzlich wandten die Revisionisten ein, es bestehe die Gefahr, dass der Polizei Mitgliederlisten in die Hände fallen könnten (die SPD verfügte z.B. 1905 über ca. 385.000 Mitglieder). Deshalb hatte man auch in Jena 1905 in den Statuten nicht verankert, dass sich jedes Mitglied an der „praktischen Arbeit“ beteiligen sollte. Man übertrieb teilweise die Gefahr, dass die Polizei repressiv gegen die Partei vorgehen könnte, um die Mitglieder nicht zur Mitarbeit zu verpflichten.[12] D.h. somit hatte die Partei ab der Jahrhundertwende den Anspruch auf aktive Beteiligung der Mitglieder an der Parteiarbeit über Bord geworfen. Lediglich ein verbales Bekenntnis zum Programm und finanzielle Unterstützung wurden verlangt.[13]
Während in Deutschland um die Jahrhundertwende die Frage der aktiven Mitarbeit und deren Festlegung in den Statuten auf dem Hintergrund des Niedergangs der Partei behandelt wurde, fand diese Auseinandersetzung, wie wir weiter unten sehen werden, 1903 auf dem 2. Parteitag der SDAPR in einem anderen Kontext statt.
Gleichzeitig begannen die Revisionisten in der SPD auch Artikel für bürgerliche Zeitungen zu schreiben. Auch offizielle Verwaltungsämter im Staat sollten angestrebt werden – z.B. kandidierte der SPD-Mann Lindemann für das Oberbürgermeisteramt in Stuttgart. Im Wahlkampf trug er keine der sozialdemokratischen Forderungen vor.[14] Bis zum damaligen Zeitpunkt lehnte die Partei es ab, dass SPD-Mitglieder öffentliche, staatstragende Ämter übernehmen. Nun wurde auch von den Revisionisten dafür plädiert, bei Haushaltsposten, die den Interessen der Arbeiter entsprächen (z.B. Bildung, Sozialversicherung), die Staatshaushalte zu bewilligen. Auch wenn dies noch nicht auf nationaler Ebene für den Reichstag befürwortet wurde, gab es Abgeordnete der SPD in einzelnen Teilen Deutschlands (wie z.B. Bayern und Baden-Württemberg), die sich durch ihre Budgetabstimmungen direkt hinter die bürgerliche Regierung stellten.[15]
Während einige Stimmen in der Partei für eine stärkere Zentralisierung der Partei eintraten, forderten andere eine „Föderation von Vereinen“. Vollmar warnte sogar davor, eine zentralistische Organisationsform würde nur die „Organisation der staatlichen Bürokratie“ kopieren.
Hinter dem Anspruch auf „Autonomie“ seitens der Abgeordneten gegenüber der Partei und dem Föderalismus stand in Wirklichkeit die Preisgabe der programmatischen Positionen der SPD als Arbeiterpartei.[16] All diese oben erwähnten kleinen Schritte auf verschiedenen Ebenen waren weit mehr als ein „Versagen der Führer“, wie Rosa Luxemburg betonte, sie brachten vielmehr den Prozess der Integration des Parteiapparates in den Staat zum Ausdruck.
Bis 1899 war die SPD durch Verbote und Einschränkungen hinsichtlich der Mitgliedschaft und der Funktionsweise der Partei (bis 1899 durfte kein Kontakt der Parteisektionen untereinander bestehen) immer mit der Gefahr der Repression konfrontiert. Seit 1899 war durch Aufhebung des Verbindungsgebotes diese Fessel gefallen. Weil dieser Prozess von den Kräften im Parlament am stärksten mit vorangetrieben wurde, trat die Parlamentsfraktion wie zuvor schon 1890/1891 auf dem Haller und dem Erfurter Parteitag erneut für die Kontrolle des Parteivorstandes durch die Reichstagsfraktion ein.[17] Engels wandte sich gegen solche Maßnahmen.
Begleitet wurde dieser Revisionismus durch eine Vernachlässigung theoretischer Arbeit. Luxemburg hatte schon früh die theoretische Schwächung in ihrem Text Stillstand und Fortschritt im Marxismus (1903) angeprangert. Auch Clara Zetkin hatte am 11. September 1899 in einem Brief an Karl Kautsky berichtet, dass „in den Massen unserer Parteigenossen kein regeres Interesse an der Erörterung grundsätzlicher Fragen vorhanden ist“[18]. Wie wenig auf der Ebene der „leitenden Parteifunktionäre“ Wert auf Theorie gelegt wurde, zeigen die Auswahlkriterien und die Orientierung für deren Arbeit. Es wurden gefordert: „Treffsicherer Ausdruck, eiserne Energie, zähe Ausdauer bei Durchführung gefasster Beschlüsse (…), dabei Ruhe und Besonnenheit“[19]. Dabei wurde die Bereitschaft zur theoretischen Ausarbeitung nicht mal erwähnt. Und auch Heine wandte sich gegen die „Betonung des Theoretischen“, da sie ein „Grundfehler unserer deutschen Sozialdemokratie“ ist. Seine Sorge war vor allem die „Sorge um die Gegenwart“. „Die Hauptsache ist, dass wir wachsen. Das ist Klassenkampf. Für das andere lässt die Zukunft sorgen.“[20] Die ablehnende Haltung, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und den Blick nur auf die Gegenwart zu richten, war ein Wesensmerkmal des Revisionismus. Dies ging einher mit einem Prozess der Erlahmung des Lebens in den Parteiversammlungen selbst. So wurde eine „Lauheit und Indolenz“ in der Partei bemängelt.[21]
Auf den Parteitagen um die Jahrhundertwende nahm der Abwehrkampf der Kräfte, die sich gegen das Aufkommen des Revisionismus zur Wehr setzen wollten, zu. So wurde z.B. auf dem Dresdner Parteitag von 1903 folgende Resolution vorgelegt: „Der Parteitag verurteilt auf das entschiedenste die revisionistischen Bestrebungen, unsere bisherige gewährte und siegesgekrönte, auf dem Klassenkampf beruhende Taktik in dem Sinne zu ändern, dass an Stelle der Eroberung der politischen Macht durch Überwindung unserer Gegner eine Politik des Entgegenkommens an die bestehende Ordnung der Dinge tritt. Die Folge einer derartigen revisionistischen Taktik wäre, dass aus einer Partei, die auf die möglichst rasche Umwandlung der bestehenden bürgerlichen in die sozialistische Gesellschaftsordnung hinarbeitet, also im besten Sinne des Wortes revolutionär ist, eine Partei tritt, die sich mit der Reformierung der bürgerlichen Gesellschaft begnügt. Daher ist der Parteitag im Gegensatz zu den in der Partei vorhandenen revisionistischen Bestrebungen der Überzeugung, dass die Klassengegensätze sich nicht abschwächen, sondern stetig verschärfen, und erklärt:
1. dass die Partei die Verantwortlichkeit ablehnt für die auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden politischen und wirtschaftlichen Zustände und dass sie deshalb jede Bewilligung von Mitteln verweigert, welche geeignet sind, die herrschende Klasse an der Regierung zu erhalten;
2. dass die Sozialdemokratie gemäß der Resolution Kautsky des Internationalen Sozialistenkongresses zu Paris im Jahre 1900 einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben kann.
Der Parteitag verurteilt ferner jedes Bestreben, die vorhandenen, stets wachsenden Klassengegensätze zu vertuschen, um eine Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern.“[22] Diese Resolution wurde von Bebel, Kautsky und Singer eingebracht und mit 288 gegen 11 Stimmen angenommen. Viele Revisionisten, die keinen Mut hatten, innerhalb der Partei gegen die Mehrheit zu votieren, stimmten heuchlerisch dafür, nur um später umso entschlossener ihre Positionen weiter zu verteidigen. Anhand der Parteitage von 1898-1903 wird deutlich, dass in der Partei der Kampf gegen die Versumpfung eingesetzt hatte, d.h. die Partei war noch nicht mehrheitlich auf dem Abstieg. Der Vorstand, dem von der Parteilinken Vorschläge und Anträge für den Kampf gegen die Revisionisten vorgelegt wurden, wich immer stärker aus. Im Sommer 1904 verfasste der Vorstand eine spezielle Erklärung mit dem „dringenden Ersuchen, im ‚Namen der Einheit‘ alle ‚innerparteilichen Streitigkeiten ruhen zu lassen‘“. Auf dem Dresdner Parteitag, so berichtete Paul Frölich in seiner Biographie zu Rosa Luxemburg, war auf der einen Seite dem Revisionismus verbal eine Abfuhr erteilt worden, gleichzeitig wurde auf dem Parteitag aber ein heftiger und perfider Angriff gegen Franz Mehring eingeleitet. Man kann davon ausgehen, dass dieser Angriff gegen Mehring von den Revisionisten als Art Gegenoffensive mit angestachelt wurde, da Mehring damals dem Lager um Rosa Luxemburg angehörte.[23] Wie „rücksichtsvoll“ und „nachgiebig“ in der SPD mit den Revisionisten umgegangen wurde, prangerte Lenin in seiner Schrift Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück an.[24]
Auch wenn mit dieser Ablehnung der Regierungsbeteiligung und der Budgetbewilligung den Revisionisten zunächst einmal die Stirn geboten worden war, wollte der Vorstand die Revisionisten in den Reihen der Partei weiter wirken lassen, obwohl sie eine klare Untergrabung und Aufgabe des Programms betrieben. Viele Kräfte unterschätzten die Gefahr des Revisionismus. Dieser spiegelt den permanenten Druck der bürgerlichen Ideologie wider, die theoretischen Errungenschaften zu untergraben. Viele hielten ihn lediglich für ein vorübergehendes und kein lebensbedrohliches Phänomen, mit dem man in einer „pluralistischen, demokratischen Debatte“ unter „gleichberechtigten“ Stimmen leben könne. Victor Adler erklärte: „Schließlich ist es kein Unglück, dass wir zwei Strömungen in der Partei haben; die Hauptsache ist nur, dass die andere (die revisionistische) hübsch in der Minderheit bleibt.“[25] Kautsky glaubte ab 1903, dass z.B. durch die oben zitierte Resolution vom Dresdner Parteitag die Gefahr des Revisionismus gebannt sei. „Das Begräbnis des theoretischen Revisionismus als politischer Faktor“ sei auf dem Dresdner Parteitag erfolgt.[26] Nachdem sich Kautsky gegenüber seinem früheren Busenfreund Bernstein jahrelang abwartend und wohlwollend verhielt, hegte dieser, wie seine Rede auf dem Lübecker Parteitag 1901 zeigte, die Hoffnung: „Bernstein hat uns daran erinnert, dass er zehn Jahre lang als Redakteur des „Sozialdemokrat“ gewirkt hat. Ja, zehn Jahre lang hat er am „Sozialdemokrat“ gewirkt, zu unserer Freude und zu unserem Nutzen, und ich wünsche nichts sehnlicher, als dass er die Tradition, auf die er sich beruft, wieder erneuert. (…) Möge er die alten Traditionen erneuern!“[27] Über die Art und Weise, wie der Revisionismus bekämpft werden müsste, gab es aber auch in den Reihen der Linken unterschiedliche Auffassungen. Bebel vermittelte gegenüber Kautsky den Standpunkt, dass der Opportunismus sozusagen von selbst absterbe. „Was den Revisionismus zermalmt, ist die innere und äußere Entwicklung Deutschlands, die ihm alle seine Illusionen zerstört.“[28] Dies zeigt, wie stark selbst Bebel sich im Charakter des Revisionismus irrte. Während es einerseits Kräfte in der Partei gab, die Resolutionen gegen den Revisionismus vorschlugen, wurde dennoch zum Teil von den gleichen Kräften eine Radikalisierung des Kampfes gebremst bzw. abgeblockt. „Ein Antrag, der unter anderem von Kautsky, Luxemburg, Zetkin unterstützt wird, die Frage des Generalstreiks auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen, wird mit sehr großer Mehrheit abgelehnt.“[29]
Jedoch wurde der Kampf gegen den Revisionismus durch den Zentrismus äußerst erschwert.[30]
Karl Kautsky verkörperte diesen Trend. Nachdem Rosa Luxemburg für eine Zeit nach ihrer Ankunft in Deutschland 1898 zusammen mit Karl Kautsky gegen den Revisionismus Stellung bezogen hatte, schlich sich jener schrittweise vor diesem Kampf davon. Hatte er zunächst ohnehin nur reagiert, nachdem Rosa Luxemburg ihn sozusagen „nach vorne gepeitscht“ hatte und er nur ungern gegen seinen alten Freund Bernstein Farbe bekennen wollte, fing er langsam an, diesen Kampf zu sabotieren.
Der Vergleich zwischen der Rolle Kautskys, der als die große Autorität des Marxismus nach dem Tode Engels angesehen wurde, und Plekhanov, der eine wesentliche Rolle bei der Ausbreitung des Marxismus und der Arbeiterbewegung in Russland spielte, ist aufschlussreich. Kautsky sträubte sich Stellung zu beziehen; er beanspruchte theoretische Aussagen zu treffen, hielt sich aber für über den „Organisationsfragen“ stehend und wich später der Konfrontation mit den Revisionisten immer stärker aus. Auch wenn die Komponente der besonderen persönlichen Beziehung zu Bernstein ihn zusätzlich zurückhielt, hob er sich vor allem durch seine mangelnde Kampfbereitschaft hervor. Stattdessen trat er für Versöhnung mit dem Revisionisten Bernstein ein und äußerte die Hoffnung, dass Bernstein wieder auf den richtigen Kurs gebracht werden könnte. Als Bernstein 1899 in Hannover auf dem Parteitag und auch in den darauffolgenden Parteitagen angegriffen wurde, vertrat Kautsky 1900 die Auffassung, dass Bernstein nicht aus der Partei ausgeschlossen werden sollte, da das nur bei Mitgliedern möglich sei, die „unehrenhaft sind, die Partei beschimpfen oder den Parteibeschlüssen zuwiderhandeln. Bernstein tut weder das eine noch das andere. Seine Haltung ist nicht die einer entschiedenen Gegnerschaft, sondern allgemeiner Verschwommenheit. Man kann niemanden zwingen, konsequent zu sein.“[31] Solch eine Haltung des Übertünchens der völlig entgegengesetzten Standpunkte, als Bernstein das Ziel der Überwindung des Kapitalismus über Bord warf, hat die Entschlossenheit der Linken geschwächt und zur Unterschätzung der Gefahr der Revisionisten beigetragen. Die verheerende Rolle des Zentrismus und insbesondere dessen bekanntester Stimme Kautsky sollte während der Jahre vor dem Krieg, aber auch noch nach 1914 schwerwiegende Auswirkungen haben, da er in der Form der 1917 gegründeten USPD für eine enorme Schwächung der revolutionären Arbeit sorgte. Kautsky und die Zentristen behinderten eine größere Sammlung der linken Kräfte, weil er die Gegensätze „verwässerte“.[32] Mit den Revisionisten und Reformisten bestände „normalerweise kein Widerstreit der Interessen, kein Klassengegensatz, sondern bloß eine Verschiedenheit der Meinungen über den Weg, auf dem das gemeinsame Ziel am besten erreicht wird.“[33] Lenin, der den Charakter und die wirkliche Rolle Kautskys erst spät erkannte, schrieb 1914: „Rosa Luxemburg hatte Recht, als sie bereits vor langer Zeit schrieb, Kautsky sei die ‚Servilität des Theoretikers‘ eigen, die Kriecherei, einfacher gesagt, die Kriecherei vor der Mehrheit der Partei, vor dem Opportunismus.“[34]
Nach den ersten wilden Streiks in Pennsylvania 1900, 1902 in Belgien, 1903 in Holland, 1904 in Ungarn und vielen anderen Ländern brachten die revolutionären Kämpfe 1905 in Russland zum ersten Mal eine neue Kampfform – die Arbeiterräte – hervor.[35]
Unter dem Eindruck dieser Ereignisse verstärkte sich die Kritik vor allem in der deutschen Sozialdemokratie und später auch in den Niederlanden an der nahezu ausschließlichen Orientierung auf die Parlamentswahlen und den gewerkschaftlich organisierten Kampf. „Schon seit einem Jahr bilden die Reichstagswahlen den Grundton und das Schlagwort bei allem unserm Tun und Lassen. Auf diese Weise werden die Massen durch den ständigen Kehrreim systematisch fasziniert, es werden in ihnen unwillkürlich ganz übertriebene Hoffnungen erweckt, wie wenn der Ausgang der Wahlen eine Art neue Ära in der politischen Geschichte Deutschlands, einen Wendepunkt in den Schicksalen des Klassenkampfes bedeuten sollte. (…) Unser Parteileben als der Ausdruck der Gesamtinteressen des proletarischen Klassenkampfes hat seine mannigfachen Seiten, die um keines vorübergehenden taktischen Zweckes willen vernachlässigt werden dürfen. Wir haben Aufgaben, die ständiger Natur sind, die über die bevorstehenden Reichstagswahlen hinausreichen und auf keinen Fall zurückgestellt werden dürfen.“[36] Damit schwamm man gegen den Strom in der Partei, denn die spektakuläre Zunahme an Mitgliedern und Wahlstimmen für die SPD schien den „Nur-Parlamentarismus“-Anhängern auf den ersten Blick Recht zu geben. Für den Zeitraum zwischen 1878-1906 können die Mitgliederzahlen nur geschätzt werden. Vor dem Sozialistengesetz betrug sie ungefähr 35.000, nach dem Ende des Sozialistengesetzes (1890) ca. 75.000, um die Jahrhundertwende ca. 100.000, anschließend stieg sie sprunghaft an, wobei sie während der Wirtschaftskrisen 1907-1909 und 1912/1913 eher nur langsam anstieg.[37]
Entwicklung der Mitgliederzahl 1905-1914
Jahr |
Mitgliederzahl |
Steigerung Vorjahr % |
1905/06 |
384.000 |
|
1906/07 |
530.000 |
38 |
1907/08 |
587.000 |
11 |
1908/09 |
633.000 |
8 |
1909/10 |
720.000 |
14 |
1910/11 |
836.000 |
16 |
1911/12 |
970.000 |
16 |
1912/13 |
982.000 |
1 |
1913/14 |
1.085.000 |
11 |
1905 kritisierte die Leipziger Volkszeitung die zu starke Orientierung der Partei auf parlamentarischen Kampf, es bestehe die Gefahr, dass die Sozialdemokratie ein „bloßer Wahlmechanismus“ bleibe.
„Je mehr unsere Organisationen wachsen, Hunderttausende und Millionen umfassen, umso mehr wächst notgedrungen der Zentralismus. Damit geht aber auch das geringe Maß an geistigem und politischem Inhalt, an Initiative und Entschluss, das im alltäglichen Leben der Partei von den Organisationen aufgebracht wird, gänzlich auf die kleinen Kollegien an der Spitze: auf Vereinsvorstände, Bezirksvorstände und Parlamentarier, über. Was für die große Masse der Mitglieder übrigbleibt, sind die Pflichten zum Beitragszahlen, zum Flugblätteraustragen, zum Wählen und zu Wahlschlepperdiensten, zur Hausagitation für das Zeitungsabonnement und dergleichen.“[38]
Während unter den Revisionisten in Anbetracht der quantitativen Erfolge das Gefühl der „Unbesiegbarkeit“ solch einer ständig wachsenden Massenpartei aufkam, und auch viele Arbeiter das Gefühl hatten, die Partei werde dank der vielen Parlamentssitze immer mächtiger, hatte sich in Wirklichkeit zum einen das Leben in der Partei selbst immer mehr „verflacht“ und zum anderen kam es zu einer immer engeren Verflechtung zwischen Gewerkschaftsapparat, Parlamentariern und dem Staatsapparat. „Zwischen der Sozialdemokratie und der bürgerlichen Welt war eine geistige Endosmose hergestellt, durch die Giftstoffe der bürgerlichen Zersetzung in die Blutzirkulation des proletarischen Parteikörpers frei eindringen konnten.“[39]
„Die Revisionisten greifen das Programm auf Schritt und Tritt an, sie begehen Verstoß auf Verstoß gegen die Prinzipien der Partei, aber stets drücken sie sich um eine klare und unzweideutige Festlegung ihres Standpunktes herum. (…) [Die Revisionisten] hatten an allen Grundlagen der sozialdemokratischen Weltanschauungen herumgemäkelt. Der eine warf den historischen Materialismus über Bord, der andere die Werttheorie. Die Auffassung vom Klassenkampfe sollte der „Ergänzung“ bedürfen, die Marxsche Krisentheorie, die Grundrententheorie waren in ihren Augen fraglich geworden. (…) Man ist in der deutschen Sozialdemokratie zum Teil erschrecklich gleichgültig für politische Dinge geworden, weil die Gelegenheit politische Aktionen zu führen, so gering ist. Dieser Umstand kommt den Revisionisten zugute. Sie haben trotz all ihrer Niederlagen das Feld behauptet, weil es den organisierten Arbeitern nur zu oft gleichgültig war, was in den Redaktionsstuben, in den Parlamenten, in den Stadtverordnetenversammlungen geschah. (…) Dieses Bedürfnis nach Ruhe führte dann dazu, dass in manchem Parteiorgan der Revisionismus blüht, trotzdem die Mitgliedschaft des Parteiorts, die über das Organ zu entscheiden hat, weit entfernt ist vom Revisionismus… Es ist gewissermaßen eine Partei in der Partei erstanden, es hat sich eine Cliquenwirtschaft herausgebildet. (…) Es liegt ein Plan darin. (…) [Es wurde] Cliquenpolitik gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit der Partei [betrieben]. Vor zehn Jahren wurde auf dem Stuttgarter Parteitag der geistige Kampf um die Grundsätze der Partei begonnen. In diesem Kampfe haben die Revisionisten Niederlagen auf Niederlagen erlitten. Jetzt gilt es nicht mehr, die theoretischen Grundsätze zu verteidigen, sondern es gilt, in Nürnberg zu entscheiden, ob die Partei von der Clique vergewaltigt werden darf, es gilt, dem Spiel von Leuten, die sich über das formale und das moralische Recht in der Partei hinwegsetzen wollen, einen unzerbrechlichen Riegel vorzuschieben.“[40] Auch Hermann Duncker wies darauf hin, dass sich ein sich verselbständigender Machtapparat in der Partei entwickelt hatte. „Aber die Masse wird durch die Beamtenkörperschaft gelähmt. Wie ein eiserner Ring schließt die Beamten- u[nd] Funktionärskörperschaft die Massen ab. Es ist die furchtbare Schattenseite der Bürokratie.“[41]
Schon Anfang der 1890er Jahre hatten die Rechten begonnen, engere Verbindungen untereinander aufzubauen. Engels sprach von „Sonderbünden“, gar von einer Art Fronde.[42] Am 6. 10.1903 schrieb Zetkin an Bebel „Die Revisionisten ‚arbeiten‘ offenbar nach einem einheitlichen Feldzugsplan und nach vereinbartem Schema (…) Wir stehen einer vollendeten Verschwörung gegenüber (…) Mit Stillschweigen und Vertuschen darüber hinwegsehen und Gras darüber wachsen zu lassen, liefe darauf hinaus, die Partei mit dem Makel dieser tiefsten Korruption zu behaften.“[43]
Auf dem Dresdner Parteitag 1903 führten die Revisionisten eine Sonderkonferenz durch.[44] Auch wurde der Kontakt zwischen bestimmten Kreisen der Bourgeoisie und führenden Kräften der Parlamentsfraktion zunehmend intensiviert. „Unter den Fittichen der „Bildung“ und der „allgemeinmenschlichen Kultur“ fanden sich nämlich an den schönen Winterabenden sozialdemokratische Parlamentarier mit bürgerlichen Journalisten zusammen, um sich „von den Strapazen des Berufs“ und der „politischen Fachsimpelei“ zu erholen.“[45]
Seit der Jahrhundertwende hatten sich u.a. um Heine und Vollmar führende Opportunisten geschart, die regelmäßig zu „Bierabenden“ bzw. „Donnerstagabenden“ zusammenkamen. Die zunehmenden Zusammenkünfte zwischen Vertretern der Revisionisten und bestimmen Kreisen des Kapitals war den revolutionären Kräften nicht entgangen. Bebel schrieb Liebknecht am 10.11.1908, bei diesen Bierabenden „findet sich der ganze revisionistische Klüngel zusammen“[46]. Neben diesem Zusammenrücken der Rechten in separaten Treffen aller Art (unter sich in der Partei oder mit bestimmen Kreisen der Bourgeoisie) wurde auch eine Hetze in der SPD gegen die Kräfte angefacht, die gegen die Entartung ankämpften. Gegen jede Stimme, ob aus den Reihen der SPD selbst oder aus dem Ausland, die sich kritisch mit den Revisionisten und der Parteiführung auseinandersetzte, wurde entschlossen und oft perfide vorgegangen.[47] Wir haben dies in einem früheren Artikel ausführlich dokumentiert.[48]
Der damals aufgekommene Revisionismus hatte in Deutschland besonders starke Ausmaße und eine besondere Bedeutung aufgrund der Ausstrahlung und herausragenden Position der deutschen Sozialdemokratie, die über mehr als eine Million Mitglieder verfügte, erlangt. Lange Zeit wurde K. Kautsky nahezu als „Papst des Marxismus“ angesehen, und Bernstein trat international als der „Bote des Revisionismus“ auf. Der Revisionismus war jedoch keineswegs auf Deutschland beschränkt, denn z.B. in Frankreich war Millerand in die französische Regierung eingetreten. In Italien stellte 1902 auf dem Kongress in Imola die reformistische Strömung um Turati und die Zeitschrift La Critica Sociale die Mehrheit dar.
Wir sind in anderen Artikeln unserer Presse ausführlich auf den Hintergrund und den Verlauf des 2. Parteitages eingegangen.[49]
Wie schon in diesem Artikel ausführlicher dargestellt, handelte es sich um eine Zeit herannahender historischer Umbrüche, den Übergang von der aufsteigenden zur dekadenten Phase des Kapitalismus. Ein Merkmal dieses Prozesses war, dass die Bedingungen für das Bestehen oder die Bildung einer Massenpartei sich langsam auflösten. Während bei einer Massenpartei eine relativ passive Mitgliedschaft möglich war, verlangte eine Partei in der dekadenten Phase des Kapitalismus mehr als je zuvor die aktive Mitarbeit. Es reichte nicht mehr aus, hauptsächlich Wahlhelfer zu sein; stattdessen sollte sich die Partei zu einer zahlenmäßig kleinen, aber kampfkräftigen Partei wandeln, die auf das aktive Engagement aller ihrer Mitglieder angewiesen war. Auch wenn Lenin diese Umwälzung bei der Statutendiskussion auf dem 2. Parteitag 1903 noch nicht so deutlich spüren konnte, schwebte dieser Wandel über der Partei und insofern nahm diese Auseinandersetzung die kaum 20 Jahre später ab 1919 aufgekommene Auseinandersetzung über die neuen Bedingungen für die Rolle der Partei vorweg.[50]
Als der Opportunist Wolfgang Heine für eine Verteidigung der lokalen Autonomie eintrat, zeigte Lenin die Parallelen in der Denkweise zwischen Leuten wie Heine und den Menschewiki auf. „Wolfgang Heine schrieb in einem Artikel, den ‚die Sozialistischen Monatshefte‘ im April 1904 druckten, gegen die Einmischung der ‚ernannten Obrigkeit‘, d.h. des Parteivorstands, in die Tätigkeit der sozialdemokratischen Organisationen. Heine spielte sich als Vorkämpfer des ‚demokratischen Prinzips‘ auf und rebellierte gegen die angeblich besonders gefährliche ‚Tendenz zur Bureaukratisierung und Centralisierung der Partei.‘ (Wolfgang Heine, Demokratische Randbemerkungen zum Fall Göhre. In ‚Sozialistische Monatshefte‘, 1904, Nr. 4, S. 281-291). Heine entlehnte seine wichtigsten Schlussfolgerungen der Broschüre von Martow ‚Abermals in der Minderheit‘ und dessen Rede auf dem II. Parteitag, um die örtlichen Parteiinstitutionen gegen die zentralen auszuspielen und die Partei vor einer ‚doctrinären Politik‘ zu warnen, bei der ‚alle wichtigen politischen Entscheidungen von einer Centrale aus zu treffen‘ wären. Er wandte sich überhaupt gegen den Begriff Disziplin. Heine stellte sich gegen ‚eine alles umfassende große Organisation, möglichst zentralisiert, eine Taktik, eine Theorie‘, zu schaffen. Dieses Geschrei gegen die Herabsetzung, ‚Abtötung‘, ‚Bürokratisierung‘ des freien ideologischen Kampfes und die Forderung nach ‚Freiheit der Kritik‘ sowie nach ‚absolut individuellem ideologischem Schöpfertum‘ waren der konzentrierte Ausdruck des Individualismus….“[51] Innerhalb der SPD brachte das Bestreben zur Aufgabe der Zentralisierung und die Untergrabung der Autorität der Parteitage eine klare Revision und Regression zum Ausdruck. Die Anfang der 1890er Jahre zuvor auf dem Haller / Erfurter Kongress verabschiedete Position von der Souveränität des Kongresses, dass die Zentralorgane dessen Beschlüsse umsetzen müssen und diese für alle Parteimitglieder und Parteiinstanzen verbindlich sind, wurde hier verworfen. Dagegen bedeutete das Bestehen auf der Einhaltung der Parteibeschlüsse in den Reihen der SDAPR einen klaren Schritt vorwärts gegenüber dem zuvor vorherrschenden Zirkelgeist. Die Revisionisten in der SPD und die Menschewiki auf dem 2. Parteitag der SDAPR bliesen ins gleiche Horn.
Nach der Durchführung des 2. Parteitages der SDAPR[52] fand wenige Wochen später in Dresden der SPD–Parteitag unbehelligt von jeglichen Belästigungen der Polizei statt. Zum ersten Mal wurde in der SPD-Presse im Dezember 1903 über diesen Parteitag berichtet. Ein halbes Jahr später erschien Rosa Luxemburgs Kritik an der Position der Bolschewiki: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie [53]. Als Lenin ihr kurze Zeit später antwortete, weigerte sich Kautsky als Herausgeber der Neue Zeit Lenins Text zu veröffentlichen.[54] Die „Nachricht vom russischen Streit“ würde den Sympathien der deutschen Sozialdemokraten für die russischen Sozialdemokraten beider Richtungen abträglich sein. „Es handele sich um einen ‚Familienstreit‘, der keine ‚internationale Bedeutung‘ habe, Lenin habe diesen ‚unheilvollen Zwist begonnen.‘“[55] Kautsky bezeichnete den Streit zwischen Menschewiki und Bolschewiki als „persönliche Zwistigkeiten“ infolge „rein persönlicher Feindseligkeiten“ zwischen den Führern beider Fraktionen (Kautsky, Brief 14.2.1905 an Axelrod). Er behauptete weiter „Euren Lenin kennen wir noch nicht, und ihm können wir nicht aufs Wort glauben.“[56] Wie Lenin später feststellte, brachte der Vorwärts keinen einzigen Artikel mit einer objektiven Einschätzung der Tätigkeit der Bolschewiki, während in der Neuen Zeit Menschewiki und Trotzki immer wieder zu Wort kamen.[57]
Aus Kautskys Sicht war die Frage der Parteimitgliedschaft „nicht prinzipiell“. „In den Spalten der menschewistischen „Iskra“ behauptete er, die ‚Mehrheit darf ihren Willen der Minderheit nicht aufzwingen‘“, sondern müsse sich mit ihr aufgrund „möglichst großer gegenseitiger Zugeständnisse“ verständigen. Damit wurde die Position des Erfurter Parteitages verworfen, wonach Parteitagsbeschlüsse verbindlich waren und somit Minderheiten die Mehrheitsbeschlüsse akzeptieren und umsetzen müssen.
Ein weiterer Grund für das Ausweichen der SPD-Parteiführung bzw. des Flügels um Kautsky vor dem Kampf in der SDAPR bestand darin, dass man tatsächlich eher auf Seiten der Menschewiki stand. „Müsste ich“, so schrieb Kautsky, “zwischen Martow und Lenin wählen, so würde ich mich auf Grund aller Erfahrungen unserer Tätigkeit in Deutschland entschieden für Martow aussprechen“[58]. Kautsky beabsichtigte in der Iskra einen Artikel gegen die Bolschewiki zu veröffentlichen. Insgesamt hörte man kaum Stimmen aus der SPD, die die Position der Bolschewiki zu diesem Zeitpunkt unterstützten.
Darüber hinaus wurde eine tiefgreifende Divergenz Kautskys gegenüber den Bolschewiki zu Organisationsfragen deutlich, denn er war der Ansicht, dass das Prinzip der Autonomie, auf das er die Erfolge der deutschen Sozialdemokratie in den Jahren des Sozialistengesetzes zurückführte, zum maßgebenden Organisationsprinzip der SDAPR werden müsste. Wie in einem früheren Artikel entwickelt, war zur Zeit des Sozialistengesetzes eine gewisse Autonomie der örtlichen lokalen Parteieinheiten unvermeidbar, aber seit dem Ende des Sozialistengesetzes und vor allem nach der Abschaffung jeglicher Restriktionen für das Funktionieren der SPD um die Jahrhundertwende gab es keine Begründung mehr für diese Schutzmaßnahmen der lokalen Sektionen in der Form einer gewissen Autonomie gegenüber der Partei insgesamt. In Wirklichkeit handelte es sich um eine lokalistische, zentralisationsfeindliche Auffassung, die ein Ausdruck der vorherrschenden föderalistischen Auffassungen in der II. Internationale war.
Anhand dieser verschiedenen Aspekte (ein Herunterspielen bzw. ein Versuch des Verschweigens der Divergenzen, ein Parteiergreifen für die Menschewiki, eine Darstellung der Prinzipienfrage als ein Streit zwischen Personen, Ablehnung der Zentralisierung, Verwerfen der statutenmäßigen Festlegung zur aktiven Mitarbeit in der Partei) wird der Rückschritt von Teilen der SPD zum damaligen Zeitpunkt deutlich.
Gleichzeitig waren die Statuten der anderen Parteien der II. Internationale nicht klarer hinsichtlich Mitgliedschaft und Zentralisierung.[59]
Während die Mehrheit in der SPD nicht verstand, was auf dem 2. Parteitag der SDAPR auf dem Spiel stand bzw. Teile von ihnen offen für die Menschewiki Partei ergriffen hatten, könnte man einwenden, dass diese Wahrnehmung des Kampfes in Russland durch die unterschiedlichen objektiven Bedingungen geprägt und gewissermaßen verfälscht wurde.
Tatsächlich gab es große Unterschiede zwischen der Situation der beiden Parteien. In Deutschland gab es Zeichen eines politischen Niedergangs der Partei, u.a. ersichtlich anhand einer degenerierenden Reichstagsfraktion. Der kraftlose und abblockende Vorstand, der nur durch die Initiative „von Unten“, durch die Masse der Parteimitglieder „angeschoben“ wurde, zeigte immer deutlicher revisionistische Züge und eine wachsende Integration in den Staat. Deshalb legte in jenen Jahren Rosa Luxemburg die Betonung auf die Massenaktivität, „Initiative von Unten“, „Spontaneität“, Wachsamkeit, eigenständiges Denken der „Basis“. Zu Recht zeigte sie ein „Misstrauen“ gegenüber einem mächtigen, sich immer mehr verselbständigenden Vorstand. Dagegen gab es in Russland kein vergleichbares „erdrückendes Gewicht“ eines Zentralorgans, sondern einen Kampf, wo der Zirkelgeist durch den Parteigeist gebannt und die Kongressbeschlüsse überhaupt respektiert werden mussten.
Während die Revolutionäre in Russland seit jeher unter den Bedingungen der Illegalität unter dem Zar mit einer viel drastischeren Repression kämpften und diese Illegalität die Partei nicht daran hinderte, die Frage der Mitgliedschaft und aktiver Mitarbeit zu einer zentralen Frage auf dem 2. Parteitag 1903 zu machen, war der Einwand des „altgedienten“ SPD-Führers Auers, ein Bekenntnis zur aktiven Mitarbeit könne zur Entblößung gegenüber dem Staat führen, vor allem eine opportunistische Ausrede.
Wir sind in unserem Artikel[60] ausführlich auf die Divergenzen zwischen Lenin und Luxemburg eingegangen und haben darin schon die Mängel an Rosa Luxemburgs Herangehensweise kritisiert. In ihrem Artikel Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie warnte sie u.a. vor „Ultrazentralismus“; die Parteiführung sollte nicht „mit so absoluten Machtbefugnissen“ ausgestattet werden, „wie Lenin es tut“.[61]
In seiner Antwort an Rosa Luxemburg unterstrich Lenin, dass er „nicht den „rücksichtslosen Zentralismus“ verteidige, sondern die elementare Parteidisziplin, die von den Menschewiki verletzt wurde. Er betrachtete das Zentralkomitee nicht als den „eigentlichen aktiven Kern der Partei“, sondern verteidige nur dessen statutenmäßig festgelegten Rechte. Er fordere lediglich, dass das Zentralkomitee die Richtung der Parteimehrheit vertrete. Lenin schrieb: „dass der Streit bei uns hauptsächlich darum geht, ob das Zentralkomitee und das Zentralorgan die Richtung der Parteitagsmehrheit vertreten sollen oder nicht“[62]. „[Die Genossin] zieht es vor, gegen die mechanische Unterwerfung eines Teils unter das Ganze, gegen den Kadavergehorsam, gegen die blinde Unterordnung und ähnliche Schreckgespenster zu wettern. Ich bin der Genossin Luxemburg sehr dankbar für die Darlegung des höchst geistreichen Gedankens, dass der Kadavergehorsam für die Partei sehr schädlich ist, aber ich möchte doch gern wissen: Hält die Genossin es für normal, kann sie es zulassen, hat sie in irgendeiner Partei je gesehen, dass in den Zentralbehörden, die sich Parteibehörden nennen, die Minderheit des Parteitags dominieren darf?“ Weiter antwortete Lenin, dass „(…) die Zeit schon vorbei ist, da man ein Parteikollegium durch einen Privatzirkel ersetzen konnte“[63].
In Anbetracht der Erfahrung mit dem erdrückenden und lähmenden Gewicht der deutschen Parteiführung, gegen die eine Mobilisierung „der Basis“ geboten war, schlussfolgerte Luxemburg, dass „die proletarische Armee sich erst im Kampf selbst rekrutiert und erst im Kampf auch über die Aufgaben des Kampfes klar wird. (…) Die großen Massen müssen sich in einer ihr eigenen Weise betätigen, ihre Massenenergie, ihre Tatkraft entfalten können, sie müssen sich selbst als Masse rühren, handeln, Leidenschaft, Mut und Entschlossenheit entwickeln.“[64] Während Rosa Luxemburg 1905 bei der Analyse der Bedeutung der Massenstreikbewegung und der inneren Triebkraft, der Spontaneität der Klasse, richtig lag, muss man betonen, dass die Initiative der Klasse alleine nicht reicht. Um eine Revolution erfolgreich durchzuführen, ist eine revolutionäre Organisation unabdingbar, aber diese entsteht nicht allein durch die Spontaneität der Massen. Sie ist das Ergebnis eines jahrelangen, gar jahrzehntelangen, zähen und harten Kampfes, bei dem die Positionen und Prinzipien erarbeitet und verteidigt werden müssen. Auch wenn Luxemburg dieser Notwendigkeit zugestimmt hat, lag ihre Betonung, geprägt durch die Erfahrung vor allem in Deutschland, darauf, dass die große Masse der Parteimitglieder die „Führung“ vorantreiben müsse. „Die Massen müssen, zur Geltung kommen, um das Schiff der Partei vorwärtszustoßen, dann können sie getrost in die Zukunft blicken.“[65] Und sie befürchtete in Anbetracht der deutschen Erfahrung, dass eine zu starke „zentralistische“ Führung nur zum Sieg des Opportunismus führen würde. Die Wurzeln des Opportunismus lagen aber nicht nur im bürgerlichen Parlamentarismus, dessen Gewicht in Deutschland viel erdrückender war als in Russland. Das heißt, es ging bei der Auseinandersetzung zwischen Luxemburg und Lenin um die Frage, wie die Organisation aufgebaut werden muss, und wie das Verhältnis zwischen Spontaneität und Bewusstheit in der revolutionären Bewegung aussieht. Die revolutionäre Organisation kann nicht einfach der „Spiegel“ der Klasse selbst sein, und ihre Rolle darf nicht von dem jeweiligen Grad und Umfang der Spontaneität der Arbeiterklasse abhängen. Die Betonung der Notwendigkeit der Spontaneität bei Rosa Luxemburg nach dem 1905 erstmals in Erscheinung getretenen Massenstreik und der Initiative und Wachsamkeit der großen Parteimassen gegenüber einem schwankenden oder opportunistisch werdenden Vorstand, in dessen Händen Zentralisierung tatsächlich ein Werkzeug zur Erwürgung der Aktivität der Parteibasis wurde, war völlig richtig, aber sie darf nicht auf die gleiche Stufe gestellt werden wie der Parteiaufbau.[66] Es besteht die Gefahr, dass man den Unterschied zwischen Klasse und Partei verwischt.
Der Organisationsaufbau muss gewissermaßen dem Handeln der Klasse „vorausgehen“, denn revolutionäre Organisationen dürfen mit dem Aufbau der Organisation nicht „so lange warten, bis die Klasse bereit und reif genug“ ist, weil die Reifung und Fähigkeit der Klasse sich zu radikalisieren wiederum auch von der Intervention der Revolutionäre selbst abhängt.
Vielleicht können wir hier tiefergehende Schwächen in der Auffassung von Rosa Luxemburg erkennen, die sich zwar äußerst kämpferisch und mit klaren programmatischen Entblößungen dem Kurs der Revisionisten und der Erwürgungspolitik der Führung der SPD entgegenstellte, dabei selbst aber die Komponente der aktiven Bemühungen um den Aufbau der Organisation vernachlässigte. Auch wenn dies nur ein Aspekt der Schwächen der Revolutionäre war, wie wir unten weiter sehen werden, kündigte sich hier vielleicht schon etwas an, was die Gauche Communiste de France (GCF) Jahrzehnte später diagnostizierte: „Die Geschichte sollte Lenins Position meisterhaft bestätigen. Ohne auf die Untersuchung anderer und vielfältiger Faktoren der russischen Situation einzugehen, können wir sagen, dass der Sieg der proletarischen Revolution im Oktober 1917 in erster Linie auf die Erfüllung dieser entscheidenden Bedingung zurückzuführen war, auf die Existenz dieser Partei, die Lenin unermüdlich 20 Jahre lang geschmiedet hatte. Im Gegensatz dazu sollte das Jahr 1918 in Deutschland die Niederlage der Revolution bringen, die trotz des großartigen und heroischen Kampfgeistes der Massen nicht zuletzt auf die verspätete Bildung der Partei und damit auf ihre Unerfahrenheit, ihr Zögern und ihre Unfähigkeit, die Revolution zu ihrem Sieg zu führen, zurückzuführen war. Das war der Preis und die experimentelle Widerlegung von Rosa Luxemburgs Theorie von der Spontaneität der revolutionären Bewegung.“[67]
Insbesondere nach den Massenstreiks in Russland 1905 spürten die SPD- und Gewerkschaftsführung, dass die Eigeninitiative der Arbeiter, die Entfaltung von Massenstreiks, die Bündelung der Kräfte der Arbeiterklasse in Arbeiterräten usw. sowie die daraus zu ziehenden Lehren und Orientierungen, die insbesondere von Rosa Luxemburg in Massenstreik, Partei und Gewerkschaften und Pannekoek in Die taktischen Differenzen in der Arbeiterbewegung gezogen wurden, eine Bedrohung für sie werden würden. Aus ihrer Sicht wurde alles, was aus Russland kam – Massenstreiks, Arbeiterräte, die Russische Partei – vor allem die Bolschewiki – nicht nur mit Misstrauen betrachtet, sondern auch mit großer Hochnäsigkeit verworfen.
Zwar hatte es in der Geschichte der revolutionären Bewegung immer wieder Rückschläge, Repression, Zerstreuung und auch die Auflösung des Bundes der Kommunisten und der I. Internationale gegeben. Auch hatte die revolutionäre Bewegung Erfahrungen gesammelt im Kampf gegen Opportunismus, Anarchismus und Abenteurertum. Aber noch nie zuvor hatte eine Degenerierung einer Partei stattgefunden, und deshalb verfügte die revolutionäre Bewegung noch nicht über Erfahrung im Abwehrkampf dagegen.
Zunächst bestand eine große Herausforderung darin, diese Gefahr der Entartung überhaupt zu erkennen. Zwar hatten Marx, Engels und Bebel schon in den 1880er Jahren erste opportunistische und revisionistische Anzeichen entblößt, als aber der Revisionismus in den 1890er Jahren eine festere Gestalt annahm und durch Bernstein quasi zu einem Programm ausgearbeitet wurde, stellte Rosa Luxemburg als erste mit ihrer Schrift Sozialreform oder Revolution diese Entwicklung in einen tieferen theoretisch-programmatischen Rahmen. Sie entblößte zu jener Zeit am deutlichsten die Unvereinbarkeit von revisionistischer Richtung und Marxismus. Gleichzeitig ging es um die Analyse der tieferen Ursachen und die Herausforderung durch den sich anbahnenden Umbruch in der Entwicklung des Kapitalismus selbst, dessen aufsteigende Phase seinem Ende zuneigte, und wo erste Anzeichen der Dekadenz zu erkennen waren.
Die jeweiligen Umwälzungen wie die schrittweise Anbindung und Integration des Gewerkschaftsapparates in den Staatsapparat, und die Unterwerfung der Partei unter die Gewerkschaften[68], das Aufkommen der Arbeiterräte 1905 in Russland und das neue Phänomen des Massenstreiks, und die Identifikation großer Teil des Parteiapparates mit den Parlamentariern an der Spitze mit dem Staat, die Abstumpfung der Partei durch Demokratismus und die zunehmende Erosion der Kampfbereitschaft – all diese langsam erkennbaren Zeichen waren Teile einer umfassenden und zusammenhängenden Umwälzung. Aber den revolutionären Kräften gelang es zum damaligen Zeitpunkt noch nicht, diese Phänomene in einen deutlichen Zusammenhang zu bringen.
Der Hintergrund war die zunehmende Integration des Parteiapparates in den Staat, ja die Identifikation der Gewerkschaften und der Partei selbst mit dem Staat. Dieser Prozess wurde zwar am deutlichsten verkörpert durch die Führungsspitzen, die Parlamentsfraktion und die Gewerkschaftsfunktionäre, aber er beschränkte sich nicht auf einige Leute. Deshalb hätte auch kein schneller, entschlossener Rauswurf der Revisionisten das Problem aus der Welt geschafft, handelte es sich doch um einen allgemeinen Fäulnisprozess, bei dem die Kampfbedingungen in der Gesellschaft insgesamt sich umwälzten. Gewiss war dies damals erst im Keim zu spüren.
Dabei war den anderen Parteien in der II. Internationale die Trageweite des Niedergangsprozesses nicht klar. Da die meisten Parteien durch die Wahlerfolge der SPD verblendet wurden, die SPD auch im Ausland deshalb nahezu glorifiziert wurde, wurde man sich erst sehr spät dieser Dynamik bewusst. In Russland gab es gar die meisten „Bewunderer“ der SPD.[69]
Dem Niedergang hatten die entschlossenen Kräfte einen unnachgiebigen Kampf angesagt. Die Auseinandersetzungen auf dem Hannoveraner Parteitag 1899 bis zum Dresdner Parteitag 1903 spiegeln diese Entschlossenheit wider.
Bei dem internationalen Kampf zwischen Revisionismus und den Verteidigern des Marxismus war Deutschland eine Hauptbühne. Während wir uns hier ausführlicher mit der Reaktion in der SPD auf die Entwicklung in der SDAPR befasst haben, muss man eigentlich die Lage in den anderen Ländern mit berücksichtigen, um einen umfassenderen Einblick zu gewinnen. Aus Platzgründen haben wir dies hier nicht getan. Jedoch wurde schon in diesen Jahren der Auseinandersetzung um die Organisationsfrage deutlich, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen der SDAPR und der SPD (und im Wesentlichen trifft das auch auf die anderen Parteien in Europa zu), schon zum damaligen Zeitpunkt darin bestand, dass sich mit den Bolschewiki unter Lenin ein entschlossener Pol in der SDAPR herauskristallisiert hatte, der für die Einhaltung der Parteibeschlüsse eintrat, wogegen es in der SPD zwar entschlossene einzelne Stimmen wie die von Rosa Luxemburg oder teilweise noch von Bebel gab, die aber nicht als starke, gebündelte Kraft auftraten und zu keinem ausreichenden Gegenpol wurden. Hinsichtlich der Kampfbereitschaft, der Unnachgiebigkeit und Kompromisslosigkeit unterschieden sich die Bolschewiki und die linken Kräfte in Deutschland nicht. Vielmehr fehlte es diesen Kräften in Deutschland an Geschlossenheit, an Zusammenhalt und gemeinsamen Vorgehen.
Nachdem 1890 auf dem Haller und Erfurter Parteitag der Revisionismus deutlich in Erscheinung getreten, aber von den linken Kräften noch resolut entblößt und zum Teil in die Schranken verwiesen werden konnte, hatte es um 1900 unter einigen Linken in der SPD noch das Gefühl gegeben, 1899 wären auf dem Hannoveraner Parteitag und 1903 in Dresden die Revisionisten ausreichend entlarvt worden. Aber während der Revisionismus in Parteiresolutionen offiziell angeprangert und mehrheitlich verworfen worden war, drang er in Wirklichkeit sozusagen durch die Hintertür immer tiefer in die SPD ein.
Wie oben erwähnt sollten die Ereignisse von 1905, als zum einen der Massenstreik der Arbeiter in Russland die neuen Bedingungen im dekadenten Kapitalismus „ankündigte“, und zum anderen die Zuspitzung der Kriegsgefahr durch den Krieg zwischen Japan und Russland und später immer stärker zwischen den europäischen Mächten deutlich machen, dass der immer aktiver auftretende Revisionismus nur mit gebündelten Kräften zurückgedrängt werden könnte.[70]
Trotz dieser Entwicklung unternahm man aber weder innerhalb der SPD noch auf internationaler Ebene ausreichende Schritte, um zu einem Schulterschluss der internationalistischen und gegen den Revisionismus gerichteten Kräfte zu kommen. Und gleichzeitig blieb Lenin relativ unbekannt außerhalb des Bereichs der russischen Partei. „Diese fraktionelle Arbeit Lenins fand nur innerhalb der russischen Partei statt, ohne dass er versuchte, sie auf die internationale Ebene zu bringen. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, seine Reden auf verschiedenen Kongressen zu lesen, und man kann sagen, dass diese Arbeit außerhalb der russischen Sphären völlig unbekannt blieb.“[71]
Zwar wurde auf dem 1907 in Stuttgart stattgefundenen Kongress der II. Internationale mit über 60.000 Demonstrationsteilnehmern gegen den Krieg eine Resolution gegen die Kriegsgefahr angenommen, die von Lenin, Luxemburg und Martow gemeinsam verfasst wurde und über die ursprüngliche, zögerliche, von Bebel verfasste hinausging. Hierdurch wurde die Entschlossenheit der linken, internationalistischen Kräfte bezeugt, gemeinsam, über alle Landesgrenzen hinweg der Kriegsgefahr entgegenzutreten. Aber in den Parteien insgesamt wurde der Widerstand gegen die Kriegsgefahr nicht weiter verstärkt. Das Gleiche wiederholte sich später bei den Kongressen in Kopenhagen 1910 und Basel 1912. Im Rückblick muss man sagen, die Zusammenarbeit der linken Kräfte erfolgte nahezu ausschließlich auf den Kongressen und in den Proklamationen gegen die Kriegsgefahr; bei dem Kampf gegen den Revisionismus und um die Organisationsfrage blieb man weitestgehend zersplittert.
Während die wachsende Kriegsgefahr mehr als nur ein gemeinsames Vorgehen bei Kongressen und Resolutionen verlangte, verhinderten die Divergenzen zur Organisationsfrage die linken Kräfte ein näheres Zusammenrücken. Dies war umso tragischer, da – wie oben erwähnt – die Rechten und die Revisionisten längst zusammengerückt waren.
Paul Frölich berichtet in seiner Autobiographie, dass es nur in einzelnen Städten Kontakte untereinander gab, aber es fehlten städteübergreifende Bemühungen zu einem gemeinsamen Vorgehen, einer Bündelung und erst recht einer Zentralisierung der Opposition innerhalb der SPD.[72] Dabei war eine der Lehren aus dem Kampf um die Organisation auf dem Haager Kongress mehr als 30 Jahre zuvor gewesen, dass der Komplott Bakunins nur durch das entschlossene Handeln des Generalrates der I. Internationale abgewehrt werden konnte. Ein „loser, zusammengewürfelter“ Haufen reicht nicht aus, sondern eine feste, zusammengeschweißte Front muss aufgebaut werden. Zwar gab es Ansätze auf dem Parteitag 1910 in Magdeburg oder dem Parteitag 1911 in Jena, als linke Delegierte zu Sonderberatungen zusammen kamen.[73] Auch waren die Linken in einigen Städten insbesondere in den Redaktionen der vielen Zeitungen und Zeitschriften der SPD stärker vertreten, aber es gab keine Ansätze zu einer gemeinsamen Presse. 1913 kündigten Rosa Luxemburg und andere Linke, nachdem ihnen ein Maulkorb nach dem anderen angelegt worden war, die Mitarbeit in der Leipziger Volkszeitung auf und gaben ab Dezember 1913 die Sozialdemokratische Korrespondenz heraus. „Wir drei, und ich ganz besonders, was ich betonen möchte, sind der Auffassung, dass die Partei eine innere Krise durchmacht, viel, viel schwerer als zu jener Zeit, da der Revisionismus aufkam. Das Wort mag hart sein, aber es ist meine Überzeugung, dass die Partei dem Marasmus zu verfallen droht, wenn es so weiter geht. In einer solchen Situation gibt es für eine revolutionäre Partei nur eine Rettung: die denkbar schärfste, rücksichtsloseste Selbstkritik. Daher denke ich mir die Rolle der Leipziger Volkszeitung gemäß ihrer bisherigen Tradition, dass sie gerade jetzt Tag für Tag diese Aufgaben zu verfolgen hat.“[74]
Im Rückblick kann man sehen, dass vor dem Krieg kein Netzwerk von linken Kräften aufgebaut wurde, das in der dramatischen Zeit nach 1914, als die Parteiführung verraten hatte, einen soliden organisatorischen Gegenpol und eine Brücke hätte darstellen können. Dadurch hatten die linken Kräfte nicht gelernt, als eigenständige Fraktion INNERHALB der Sozialdemokratie und darüber hinaus innerhalb der II. Internationale zusammenzuarbeiten. Kurzum, während auf der einen Seite die Bolschewiki innerhalb der SDAPR einen unnachgiebigen Kampf gegen alle möglichen opportunistischen und liquidatorischen Kräfte führten und sie dabei über Jahre wichtige Kampferfahrung für die Organisation erlangten und auch lernten, wie man Divergenzen behandelt, ohne dass die Organisation auseinanderbricht, dabei einen Kampfgeist für die Organisation formten, eigneten sich die linken Kräfte innerhalb der Sozialdemokratie in Deutschland solche Erfahrungen nicht an.
In der SPD wurden zwar „Arbeitsgemeinschaften“ gebildet, aber diese konnten nie das Gegengewicht darstellen, das die Bolschewiki jahrelang innerhalb der SDAPR erlangt hatten. Man ging nie über punktuelle Schritte hinaus.
Ab Herbst 1910 wurden in einigen süddeutschen Städten „Karl-Marx-Klubs“ gegründet, in denen sich Linke zusammenschlossen. Die Rechten wandten sich sofort gegen deren Existenz. In Stuttgart gelang es 1910 den Linken, den Sozialdemokratischen Verein unter ihren Einfluss zu bringen. Vor allem die Schriften und das Auftreten der Gruppe um Rosa Luxemburg lässt keinen Zweifel daran, dass gekämpft wurde, aber dieser Widerstand blieb zerstückelt und seine Ausstrahlungskraft als Gegenpol blieb zu schwach. Gewiss begünstigte die Tatsache, dass die SPD mehr als eine Million Mitglieder umfasste, die „Trägheit“ der Masse, die ohnehin nie diesen Kampfgeist erworben hatte. Infolge dieses unzureichend erkennbaren Gegenpols fehlte eine ausreichende Abgrenzung vom Zentrum und den Revisionisten. Während in der Partei immer noch das Dogma der Einheit nach außen vertreten wurde, war die Partei tatsächlich schon innerlich zerrissen. Der internationalistische, revolutionäre Gegenpol war aber weder in der Partei noch in der Klasse insgesamt deutlich genug zu erkennen. Dies sollte im Laufe des Krieges, vor allem 1917 und 1918 dazu führen, dass viele Arbeiter den Unterschied zwischen SPD, USPD, Zentristen und Spartakisten und anderen revolutionären Linken nicht deutlich genug sahen. Bei einer niedergehenden Organisation verlangt der Widerstand ab einer gewissen Stufe auch INNERHALB der Partei eine eigenständige Organisierung, um die Kräfte zu bündeln und die Zukunft vorzubereiten. Weil diese Bemühungen fehlten, gab es 1914, als es um die Organisierung des Widerstandes in der Illegalität ging, keine Kanäle und kein ausreichendes Netzwerk der Linken, um zu diskutieren, zu klären und zu agieren. Man war trotz der seit Jahren erkennbaren Gefahr des Krieges mit der zu erwartenden Verschärfung der Bedingungen für die Arbeit der Revolutionäre nicht auf die Illegalität vorbereitet und wie der Kampf gegen die Verräter auf eine neue Stufe gestellt werden musste![75] Die Fixierung auf die Wahlen, den Parlamentsbetrieb, d.h. der ganze Rahmen der bürgerlichen Demokratie, hatte zu einer gewissen Lähmung und Vernachlässigung der Erfahrung der Revolutionäre aus früheren Kämpfen geführt.[76]
Während man die zunehmende opportunistische Versumpfung und die offene Ablehnung der Prinzipien durch die Revisionisten beobachtet und angeprangert hatte, und insbesondere bei der Kriegsfrage gewissermaßen den Verrat kommen sah, hatten die Revolutionäre sich nicht wirklich konsequent darauf eingestellt.
Wie oben ausgeführt, gehörten zu den linken Kräften in der SPD Ende der 1890er Jahre noch führende Persönlichkeiten wie Bebel, Wilhelm Liebknecht und auch Karl Kautsky. Schnell aber stellte sich heraus, dass Kautsky dem Kampf gegen den Revisionismus ausweichen wollte, und er nur durch das „Einprügeln“ durch Rosa Luxemburg zu Stellungnahmen gegen Bernstein bewogen werden konnte. Nach 1903-1905 verhielt er sich immer offener zentristisch, während er im Ausland noch lange als eine theoretische Kapazität, ja als „Papst des Marxismus“ angesehen wurde. Die Abgrenzung von solchen „theoretisch“ renommierten, aber dem Kampf ausweichenden Kräften ist ein schwieriges Unterfangen. Und als Führer bekannte Persönlichkeiten wie Bebel und auch Wilhelm Liebknecht, die seit jeher durch ihr Auftreten im Parlament großes Ansehen erworben hatten, erwiesen sich als unfähig, eine entschlossene Opposition gegen die Revisionisten anzuführen.[77] Rosa Luxemburg, die am heftigsten und am mutigsten Widerstand gegen die Revisionisten leistete, und deren programmatische Ansichten den klarsten Gegenpol bildeten, war zwar trotz der ganzen Hetzkampagne gegen sie am populärsten, und sie erhielt viel Zulauf bei Versammlungen[78], aber die „besten“, „klarsten“ und meist bekannten Führer reichen nicht, um eine wirksame Opposition auf die Beine zu stellen. Eine organisierte, gemeinsame Fraktionsarbeit ist erforderlich. Dabei muss es Kräfte geben, die die verschiedenen Widerstandskräfte zusammenführen, sie zusammenschweißen. Rosa Luxemburg hat nie eine „eigenständige“ linke Strömung um sich gebildet. Es gelang ihr und ihrer Gruppe nicht, die verschiedenen Kräfte in Deutschland um ihren Flügel zu scharen. War es, weil sie selbst vielleicht die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der linken Kräfte unterschätzte?[79] Stattdessen bewahrte man eher Distanz und teilweise herrschte gar ein gewisses Misstrauen unter verschiedenen linken Kräften vor. Es gab mehrere Faktoren, die dafür eine Rolle spielten. Wir werden weiter unten auf einige eingehen.
Weit bis ins erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts genoss die SPD international ein riesengroßes Ansehen innerhalb der II. Internationale, insbesondere in Russland. Die deutsche Sozialdemokratie stehe „hinsichtlich Organisiertheit, Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Bewegung, Reichtum und Gehalt der marxistischen Literatur an der Spitze aller sozialdemokratischen Parteien“[80]. U.a. weil sie zahlenmäßig die stärkste Massenpartei war und die größten Wahlerfolge einfuhr, wurde sie als Modell angesehen. International vernebelten auch hier die beeindruckenden Stimmenzahlen, dass der Wurm schon in der Partei steckte.[81]
Den Versumpfungsprozess der SPD hatten die meisten Teile der II. Internationale nicht gesehen oder unterschätzt. Die Erfahrung zeigt, die Idealisierung eines Teils der Arbeiterbewegung ist immer problematisch, insbesondere wenn dies in ein völlig unkritisches Nachlaufen umschlägt. Das war zum Teil seitens der Menschewiki gegenüber den rechten bzw. zentristischen Kräften in der SPD der Fall, aber wie oben erwähnt, lobte Lenin eine lange Zeit die SPD und insbesondere Kautsky über alles.[82]
Wir haben in anderen Artikeln schon auf die Besonderheiten der Bedingungen und der Funktionsweise der II. Internationale hingewiesen, und dass ein Niedergangsprozess nicht isoliert in einem Land aufgehalten werden kann, sondern dafür der internationale Zusammenschluss der linken Kräfte erforderlich ist.
Auf programmatischer Ebene gab es eine sehr große Heterogenität unter den linken Flügeln – einerseits wurde in den Niederlanden und in Deutschland Kritik an dem „Nur-Parlamentarismus“ und an der Versumpfung der Gewerkschaften geübt. Dies waren Fragen, die bei den Revolutionären in Russland nicht besonders im Vordergrund standen, da sie in Russland selbst nicht so sehr mit dem alles erdrückenden Gewicht des Parlamentarismus und der Gewerkschaftsarbeit konfrontiert waren. Auf Organisationsebene gab es in der Internationale kein Internationales Büro bis zum Jahre 1900 und innerhalb der II. Internationale gab es abgesehen von der Kriegsfrage nahezu keine gemeinsame Zusammenarbeit der linken Flügel.
Während z.B. Lenin von den Menschewiki und auch von Trotzki nach 1903 aufs heftigste angegriffen wurde, hinderten sicherlich die Divergenzen zwischen Luxemburg und Lenin diese daran, Lenin gegen die Verunglimpfungen, Beschimpfungen der Menschewiki, Trotzki und Sozialrevolutionäre in Schutz zu nehmen. Und während in der SPD die Hetze gegen Rosa Luxemburg einsetzte, sprang ihr Lenin nicht bei. Vielleicht hätte er sich anders verhalten, wenn er das wahre Ausmaß dieser Kampagne gekannt hätte. Kurzum man muss von einer mangelnden Solidarität und einem unzureichenden Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Linken in der II. Internationale sprechen. Z.B. agierten die „linken“ Kräfte in den Niederlanden entweder meist nur „lokal“ oder aber ohne ausreichende abgestimmte Zusammenarbeit mit den linken Stimmen in der SPD und der II. Internationale insgesamt.[83] Als der Kampf in der SDAPR 1903 auf dem 2. Parteitag in der II. Internationale bekannt wurde, schlug die SPD z.B. 1905 vor, dass ein „Einigungsversuch“ zwischen Menschewiki und Bolschewiki mit Hilfe eines „Schiedsgerichtes“ unternommen werden sollte. Die Menschewiki verbanden mit dem Vorschlag eines Schiedsgerichts die Hoffnung, dass die Mehrheitsposition der Bolschewiki damit überworfen werden könnte. Lenin verwarf diese Herangehensweise und pochte darauf, dass in diesen Fragen jeweils der Parteitag selbst entscheiden müsse und nicht ein internationales Schiedsgericht, da es um politische Tendenzen ging, „die von der Partei angenommen oder abgelehnt werden, nicht aber von einem Gericht gerechtfertigt oder verurteilt werden“ können[84]. Schließlich wurde der SPD-Vorschlag eines Schiedsgerichts fallengelassen. Auch nachdem dieser im Juni 1905 dann vom ISB erneuert wurde, lehnten die Bolschewiki ihn wieder aus den gleichen Gründen ab.
Bei den nahezu ein Jahrzehnt dauernden Auseinandersetzungen zwischen Menschewiki und Bolschewiki drängte die SPD immer wieder auf „eine Wiedervereinigung“ der beiden Flügel, obwohl sich hier zwei entgegensetzte Richtungen gegenüberstanden.
Selbst als im Januar 1912 auf der 7. Konferenz der SDAPR die Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki in Prag vollzogen worden war, drängten die SPD und vor allem die Kräfte um Rosa Luxemburg immer noch auf die Wiedervereinigung der beiden Flügel.[85] Sie richteten sich damit ausdrücklich gegen die Position Lenins. Auch brachte der Vorwärts im März 1912 einen Artikel, in dem die Bolschewiki als Usurpatoren und Spalter bezeichnet wurden. Die SPD lehnte es ab, Lenins Antwort zu veröffentlichen. Daraufhin schrieb Lenin eigens eine Broschüre in deutscher Sprache.[86]
Seit dem Ende der 1890er Jahre war eine Divergenz in der II. Internationale um die Nationalitätenfrage aufgekommen, die von besonderer Bedeutung war für das Verhältnis zwischen den aus Polen und Litauen stammenden bzw. dort wirkenden Revolutionären und der SDAPR, insbesondere den Bolschewiki. Die Gruppe um Rosa Luxemburg hatte als erste angefangen, die Möglichkeit nationaler Autonomie Polens zu verwerfen.[87] Die nachfolgenden Jahre waren durch das Fortbestehen dieser Divergenzen, insbesondere zwischen Lenin und Luxemburg bestimmt.[88] Auch wenn diese Divergenzen die Bolschewiki und den Flügel um Rosa Luxemburg nie bei der Verteidigung des Internationalismus behinderten, belasteten sie trotzdem das Verhältnis zwischen beiden Seiten. Auf dem 2. Parteitag der SDAPR 1903 sollte diese Frage auf die Tagesordnung gesetzt werden. Aufgrund der Debatte um die Statuten und die Frage des Zirkelgeistes wurde diese Auseinandersetzung aber auf dem 2. Parteitag nicht ausgetragen.
Rückblickend ist Bedeutung dieser Divergenz für das Verhältnis zwischen den Bolschewiki und dem Flügel um Luxemburg/Jogiches schwer einzuschätzen – jedenfalls trug sie dazu bei, dass die Genossen in der SPD, die aus Polen stammten, gegenüber den Bolschewiki auf Distanz blieben.[89]
Das Verhältnis zwischen den linken Kräften aus Polen und den Bolschewiki wurde zudem noch durch einen weiteren Faktor belastet: Karl Radek wurde ab 1904 in der polnischen SDKPL ein Fehlverhalten vorgeworfen; auch in den nachfolgenden Jahren hielt man ihm weitere kleinere Fehlverhalten vor. Nach der ersten Untersuchung des Falles – es ging um den Diebstahl eines Mantels von einem Genossen – wurde er Jahre nach dem Delikt von der polnischen Partei ausgeschlossen. Da Radek mittlerweile in Deutschland wohnte und in der SPD tätig war, strengte der SPD-Vorstand u.a. auf Drängen von Luxemburg/Jogiches ein Parteiausschlussverfahren aus der SPD an, dem sich wiederum Genossen aus Bremen widersetzten. Zu ihnen gehörten Frölich, Knief, Pannekoek, d.h. Mitglieder des linken SPD-Flügels in der Hansestadt. Sie setzten eine Untersuchungskommission ein, die Radek im Gegensatz zum Parteitag der SPD „freisprach“. 1913 hatte ebenso die Russische Partei Radeks Fall untersucht und ihn „freigesprochen“. So wurde Radek von der russischen Partei und der Bremer Sektion (oder Teilen davon) als rehabilitiert angesehen, von der SPD-Führung und dem Zentralkomitee der polnischen Partei jedoch ausgeschlossen.[90] Weil es kein gemeinsames Vorgehen innerhalb der verschiedenen Parteien der II. Internationale gab, man nicht wusste, wie man bei konträren Schlussfolgerungen von Untersuchungskommissionen in solchen Fragen verfahren sollte, wurde das Verhältnis vor allem zwischen Luxemburgs Gruppe, den Bremer Linken und den Bolschewiki zusätzlich erschwert.
Wie zuvor schon erwähnt, waren im Werdegang der Sozialdemokratie mehrere Lücken in der Weitergabe der Erfahrungen und des Kampfgeistes entstanden:
- z.B. wurde nicht angeknüpft an die Lehren aus dem Haager Kongress (1872);
- die Generation von Militanten, die die Organisation zur Zeit des Sozialistengesetzes aufrechterhalten hatte, vermochte nicht diesen Kampfgeist an die Nachfolgegeneration weiterzugeben, die durch das Gift des Parlamentarismus und der Demokratie „gelähmt“ wurde;
- die Lehren aus dem Kampf der Bolschewiki 1903 wurden weder verstanden noch weitergegeben.
Wie oben erwähnt – als der Revisionismus und Opportunismus jeglicher Couleur immer mehr Einfluss gewann – konnten sich die jungen Kräfte um Rosa Luxemburg (die zu Beginn der Konfrontation mit Bernstein 1899 selbst gerade mal 30 Jahre war) nur auf ganz wenige stützen. Meist „versagten“ die Alten, deren Kampfgeist bei vielen schon gebrochen war.
Trotz ihrer nahezu 40 Jahre langen Existenz gab es in der SPD keinen nennenswerten Grundsatztext zur Organisationsfrage. Stattdessen hatte man sich mitreißen und aufsaugen lassen durch die Wirkungsmöglichkeit als Massenpartei. Die Erfahrungen im Kampf zur Verteidigung der Organisation wurden nie aufgearbeitet. Zwar mangelte es nicht an Texten zur Geschichte der Organisation, und schon 1890 war der Vorschlag zur Erarbeitung einer Geschichte der Partei gemacht worden.[91] Aber Mehrings 1897 veröffentlichtes Buch über die Geschichte der Sozialdemokratie oder dessen Biographie über Marx oder Bebels „Mein Leben“ lieferten auffallend wenige klare Aussagen zu den Hauptlehren des Kampfes um die Organisation. Im Gegensatz dazu trat Lenin in seinem Text Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück schon sehr früh und schnell für die Hauptlehren aus dem Kampf in der Partei ein. Wie oben erwähnt blieb dieser Text abgesehen von den Kritiken von Rosa Luxemburg nahezu ohne Echo.
Paul Frölich, der Anfang der 1900er Jahre politisiert worden und in die Partei als Jugendlicher eingetreten war, schrieb dazu: „Mir will es fast erscheinen, als sei zwischen den aktiven Parteiarbeitern, die während des Ausnahmegesetzes und kurz nach seiner Aufhebung begonnen hatten, eine Rolle zu spielen, und unserer Generation eine Lücke gewesen. (…) Wir empfanden uns auch als neue Genration, die mit etwas vorlautem Hochmut auf die Älteren herabschaute.“[92]
Erst 1904 wurde auf dem Parteitag in Bremen ein Antrag auf Bildung proletarischer Jugendorganisationen gestellt.[93] Diese wurde jedoch mangels Unterstützung auf dem Parteitag verworfen. Genossen aus Stuttgart schlugen demselben Parteitag in Bremen vor, die Schulungsarbeit in der Partei zu verbessern und proletarische Jugendorganisationen zu gründen.[94] Durch die Verstärkung von Schulungsarbeit und die Schaffung von Jugendorganisationen lässt sich das Problem allein nicht lösen. Tatsächlich müssen nicht nur bei der Lektüre und Diskussionen von Texten, sondern auch in der Alltagsarbeit der Organisation und vor allem bei der Auseinandersetzung um die Prinzipien die „Alten“ den Jungen ihre Erfahrung und Haltung weitergeben.
Weil aber die Wichtigkeit der Organisationsfrage als solche unterschätzt wurde und auch in der Zeitschrift Neue Zeit zwar eine Vielzahl von Themen behandelt wurde, aber die Aufarbeitung der Grundsatzfragen und der Organisationserfahrungen vernachlässigt wurden, fehlte es auch an ausreichenden Quellen zur Organisationsfrage.[95]
Dabei sollte die Gründung der Parteischule der Bildung der (führenden) Genossen dienen.[96] In ihr standen zwar viele Themen zur Geschichte auf dem Programm, aber die Aufarbeitung der Organisationskämpfe fehlte im Curriculum.
Insgesamt wurden also die Organisationserfahrungen aus der Zeit zwischen den 1870ern und 1914 in der SPD nirgendwo schriftlich tiefergehend festgehalten, und ebenso sehr mangelte es an der Fähigkeit der Generation, deren Kampfgeist noch ungebrochen war, diese Erfahrungen weiter zu vermitteln.[97]
Dino (Juni 2022)
[1] Deutschland überholte Großbritannien und wurde Zweites hinter den US.
[2] Geschichte der Zweiten Internationale, S. 277, Moskau 1982
[3] Rosa Luxemburg, 14. Oktober 1899, Gesammelte Werke, Bd. 1/1 S. 572,
[4] Bebel in Brief an Kautsky, 9.9.1903, zit. nach Fricke (Dieter Fricke, Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1869-1917, Illegale Organisation der Sozial Demokratie, Berlin, Dietz Verlag 1887), S. 249, IISG, NL Kautsky, D III 87.
[5] Brief Wilhelm Liebknechts vom 10.08.1899 an den Jahreskongress der französischen Arbeiterpartei (Le Parti ouvrier français) über den Eintritt A.E. Millerands in die bürgerliche Regierung und die Einheit der Partei, in Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band IV, S. 31
[6] Bernstein, „Parteidisziplin und Überzeugungstreue“, Sozialistische Monatshefte, 1901, H.11, S. 848 f., siehe auch Fricke, S. 247.
[7] Rosa Luxemburg, „Gefährliche Neuerungen“, Leipziger Volkszeitung, 9.5.1911, Bd. 2, S. 508.
[8] Rosa Luxemburg, „Parteidisziplin“, 4.12.1914, Bd. 4, S. 16
[9] Fricke, ebenda, S. 247
[10] Parteitag der SPD in Hannover 1899, Ges. Werke 1/1, S. 574
[11] Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom 17. bis 21. September 1900, Berlin, 1900, S. 135), aus „Die Geschichte der Zweiten Internationale“, S. 788.
[12] Jena Protokoll, 1905, S. 117/158
[13] § 1 Zur Partei gehörig wird jede Person betrachtet, die sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und die Partei dauernd durch Geldmittel unterstützt (Mainz, Statuten, 1900); d.h. Mitglieder der SPD mussten nicht ständig aktiv sein, sondern hatten nur die Prinzipien anzuerkennen (nicht das Programm im Detail). Schließlich war von aktiver Mitarbeit bei den Statuten von 1909 (verabschiedet auf dem Leipziger Parteitag) kein Wort zu lesen. „§ 1: Zur Partei gehört jede Person, die sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und Mitglied der Parteiorganisation ist.“
[14] „Bis jetzt waren wir in der Partei der Auffassung, dass uns alle Arten öffentlicher Wahlen dazu dienen, für die Sozialdemokratie und ihr Programm, ihre Auffassungen, ihre Ziele die Volksmassen zu gewinnen. Nichts Ähnliches in dem Wahlkampf für den Stuttgarter Oberbürgermeister (…). Hier war es die Person des Kandidaten, für die allein gekämpft wurde. Seine Vorzüge, seine Verdienste, seine Absichten, sein Programm (...)Von dem Gesamtprogramm der Sozialdemokratie, von den politischen Klassenbestrebungen des Proletariats war keine Rede (…) Derartige Wahlen hat man in der deutschen Sozialdemokratie noch nicht gesehen. Bis jetzt war für uns die Sache, die Partei alles, die Person nichts. Hier war die Partei nichts und die Person alles.“ (Rosa Luxemburg, „Der Disziplinbruch als Methode“, 15.5.1911, Leipziger Volkszeitung, in Ges. Werke, Bd. 2, S. 512).
[15] Schon im Juli 1910 hatte die SPD-Landtagsfraktion von Baden dem Budget zugestimmt und sich damit über den Beschluss des Nürnberger Parteitags von 1908 hinweggesetzt, nach dem die Budgets der Regierungen grundsätzlich abzulehnen waren. Die radikaleren Kräfte wollten gegen diesen Disziplinbruch auf dem Magdeburger Parteitag auftreten (1910), „dem revisionistischen Block einen radikalen Block entgegensetzen“ (Wohlgemuth, S. 38). Eine Dokumentation zu deren Vorgehen liegt uns nicht vor. Es ist nicht bekannt, ob und wie Pannekoek und Luxemburg, die beide auf dem Parteitag anwesend waren, an einem Strang gezogen haben.
[16] Bernstein sprach von „Staatswerdung der Partei (…) [welche wiederum neue Maßstäbe) für den Umfang und die Grenzen ihrer Hoheitsansprüche der Mitglieder gegenüber“ erforderlich machte, m.a.W. die Mitglieder hätten sich einer in den Staat integrierten Partei zu unterwerfen. (Fricke, S. 288, Bernstein, Parteidisziplin, Sozialistische Monatshefte, 1910, H 19/20, S. 1218).
[17] Bebel, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 2/2, S. 379-384.
[18] Fricke 246.
[19] „Leitfaden für die Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei des Agitationsbezirks obere Rheinprovinz“, Köln, Oktober 1913, S. 5, in Fricke S. 283. Man kann vermuten, dass Leute wie Friedrich Ebert, Führer und späterer Regierungschef, diesen Kriterien entsprachen.
[20] Heine an Haenisch, 9.2.1915, Zsta Potsdam NL Haenisch, Nr. 134, BI.39 und 44, Fricke, S. 289.
[21] Fricke, S. 239.
[22] „Resolution gegen den Revisionismus“, Dresdner Parteitag, Sept. 1903.
[23] Mehring, 1846 geboren, war erst spät für die SPD gewonnen worden. Er hatte in den 1870er selbst gegen die SAPD „gefochten“. Nachdem er von sozialdemokratischen Positionen überzeugt worden war, hatte er in der Tat keine ausreichend deutliche Abrechnung mit seinen eigenen früheren Positionen veröffentlicht. Siehe dazu auch P. Frölich, Im radikalen Lager, S. 36
[24] „Bebel erklärte auf den Kongressen seiner Partei öffentlich, daß er keinen Menschen kenne, der sich so sehr durch seine Umgebung beeinflussen lasse wie Genosse Bernstein (nicht Herr Bernstein, wie sich früher Genosse Plechanow auszudrücken pflegte, sondern Genosse Bernstein): Wir werden ihn in unseren Kreis aufnehmen, wir werden ihn zum Reichstagsabgeordneten machen, wir werden gegen den Revisionismus kämpfen, ohne mit unangebrachter Schärfe (à la Sobakewitsch-Parvus) gegen den Revisionisten zu kämpfen - wir werden diesen Revisionisten ‚durch Milde töten‘ (kill with kindness), wie diese Methode, wenn ich nicht irre, Gen. Max Beer in einer englischen sozialdemokratischen Versammlung kennzeichnete, als er die deutsche Nachgiebigkeit, Friedfertigkeit, Milde, Elastizität und Umsicht gegen die Angriffe Hyndmans, des englischen Sobakewitsch, verteidigte. Ganz genauso wollte auch Gen. Plechanow den kleinen Anarchismus und den kleinen Opportunismus der Genossen Axelrod und Martow ‚durch Milde töten‘." (Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, Kleine Unannehmlichkeiten dürfen ein großes Vergnügen nicht stören, Band 7, S. 373)
[25] Victor Adler an Kurt Eisner, 6.9.1903, IML, ZPA, NL 60/59, Fricke, S. 251.
[26] Fricke, S. 251
[27] Kautsky, Rede auf dem Parteitag der SPD in Lübeck, September 1901, Dokumente IV, S. 80
[28] Bebel 8.10.1912, in Fricke S. 294
[30] “Der Zentrismus ist eine Spielart des Opportunismus, eine Erscheinungsform, die dazu neigt, sich zwischen offenem Opportunismus und revolutionären Positionen zu positionieren und zu schwanken. Lenin bezeichnete den Zentrismus als 'inkonsequent, unentschlossen, getarnt, zögerlich, heuchlerisch, geschwätziger Opportunismus, schwankend". Für ein tieferes Verständnis siehe den Artikel der IKS: https://en.internationalism.org/content/3146/discussion-opportunism-and-centrism-working-class-and-its-organizations [143].
[31] Kautsky an Sorge, 2. 2.1900, IISG, NL Kautsky, C 691, Fricke, S. 293.
[32] Kautsky, Der Weg zur Macht, 1909
[33] Kautsky, Parlamentarismus und Demokratie, S. 17F, Fricke, S. 292.
[34] Lenin, Brief an Schlapnikow, 27.10.1914, Werke Bd. 35, S. 142 f.
[35] Rosa Luxemburg, „Die Theorie und Praxis“, Ges. Werke, Bd. 2, S. 404, Die Neue Zeit, 1909/1919, S. 564. Vgl. auch unsere Artikelserie zu 1905 in Internationale Revue Nr. 35-38, https://de.internationalism.org/content/58/vor-100-jahren-die-revolution-von-1905-russland-teil-i [144]); Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften; Trotzki 1905.
[36] Rosa Luxemburg, „Zum kommenden Parteitag“, Jena, 1911, 29.6.1911, Ges. Werke, Bd. 2, S. 555
[37] Fricke, S. 308
[38] Rosa Luxemburg, „Taktische Fragen“, 1913, Bd. 3, S., 253.
[39] R. Luxemburg, „Geknickte Hoffnungen“, 1903, Bd. 1 / 2, S. 399 ff.
[40] „Zehn Jahre Revisionismus“, Julian Marchlewski (Karski), Leipziger Volkszeitung vom 1.09.1908, in Dokumente und Materialien, Bd. IV, S. 242
[41] Brief von Hermann Duncker an seine Frau, 14.09.1910 IML, ZPA, NL 45/125, in Fricke, S. 287
[42] Engels an W. Liebknecht 24.11.1894, MEW 39, S. 330, siehe auch Fricke S. 288
[43] IISG 183/12-17, Fricke, S. 250.
[44] Wolfgang Heine, „Sonderkonferenz“, Sozialistische Monatshefte, 1912, H. 18/20, S. 1 142 ff.; in Fricke, S. 289,
[45] R. Luxemburg, „Geknickte Hoffnungen“, 1903, Bd. 1/2, S. 399 ff.
[46] Fricke, S. 289.
[47] Alexandra Kollontai schreibt in ihrem Buch Ich habe viele Leben gelebt: 1912 war „in Russland […] mein Buch „Durch das Europa der Arbeiter“ erschienen. Darin hatte ich die Neigung des Parteiapparates der deutschen Sozialdemokratie zum Opportunismus und auf seine zunehmende Bürokratisierung hingewiesen. Verschiedentlich hatte ich das „Generalsgehabe“, die Blasiertheit und die Arroganz führender Leute verspottet und dem bürokratischen Dünkel und Konservatismus der Parteiführung das gesunde Klassenempfinden der einfachen Parteimitglieder gegenübergestellt. (…) Die Parteiführung war aufgebracht.“ (S. 157) Kollontai berichtet weiter, Karl Liebknecht habe eine Rezension über ihr Buch geschrieben. Als Reaktion darauf schrieb ein anonymer Schreiberling: „Aus welchem Grund behält die deutsche Polizei eigentlich eine russische politische Emigranten in Berlin? Da stimmt doch was nicht!“ (Kollontai, S. 159).
[48] 1914: Wie der deutsche Sozialismus dazu kam, die ArbeiterInnen zu verraten [145], Internationale Revue Nr. 52
[49] Siehe insbesondere: 1903-4: the birth of Bolshevism [138], in International Review Nr. 116 (engl./frz./span. Ausgabe)
[50] 1920: The Programme of the KAPD [146], in International Review Nr. 97 (engl./frz./span. Ausgabe)
[51] Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, Werke, Bd. 7, S. 403 f.; Die Geschichte der Zweiten Internationale, S. 789; siehe auch Neue Zeit, Jahrgang 22, 1903-1904, Bd. 2, Nr. 28, S. 37.
[52] Dieser war in Brüssel begonnen worden, musste dann aber wegen polizeilicher Repressionsgefahr nach London verlegt werden.
[53] Ges. Werke, Bd. 1/2, S. 422 (Neue Zeit, 1903/1904, I, S. 484-492, II, S. 529-535)
[54] Lenin Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Antwort an R. Luxemburg, 1904, Bd. 7, S. 480-491
[55] Kautsky gründete 1882 die Neue Zeit und war deren Herausgeber bis 1917. Reisberg, S. 62
[56] Geschichte der II. Internationale, S. 790
[57] „Wenn Deutsche [Sozialdemokraten] schreiben, umgehen sie gewöhnlich die Frage der Meinungsverschiedenheiten. Wenn in den deutschen sozialdemokratischen Presseorganen Russen schreiben, so beobachten wir entweder eine Vereinigung sämtlicher Auslandsgrüppchen mit den Liquidatoren zu unflätigstem Geschimpfe auf die „Leninisten“ (wie es im Frühjahr 1912 im „Vorwärts“ geschah) oder das Geschreibsel eines Tyszkianers, Trotzkisten oder anderen Mitglieds eines Auslandszirkels, der die Frage bewusst verdunkelt. Jahrelang kein einziges Dokument, keine einzige Zusammenfassung von Resolutionen, keine einzige Analyse der Ideen, kein einziger Versuch, Tatsachenmaterial zusammenzuführen. Wir bedauern die deutschen Parteiführer, dass sie (…) sich nicht schämen, die Märchen der liquidatorischen Informatoren anzuhören und zu wiederholen“ (Lenin, Ges. Werke, Bd. 19, „Eine gute Resolution und eine schlechte Rede“, Proletarskaja Prawda Nr. 6, 13. Dez. 1913).
[58] Die Geschichte der II. Internationale, Bd. 2, S. 791
[59] Die SP Frankreichs (Guesdisten) beschränkte sich auf den Hinweis, „die Partei besteht aus politischen Gruppen, deren Mitglieder Mitgliedskarten haben und zugunsten der zentralen Parteiorganisation einen monatlichen Beitrag entrichten“. Die Französische Sozialistische Partei (Jaurès) die SP Österreichs und die Belgische Arbeiterpartei verzichteten überhaupt darauf, die Mitgliedschaft genauer zu definieren. Die Statuten der Parteien der II. Internationale enthielten kein Wort über den bindenden Charakter der Beschlüsse der Zentralorgane für die lokalen Parteiorganisationen (Geschichte der II. Internationale, S. 699).
[60] 1903-1904: the birth of Bolshevism, Lenin and Luxemburg [147], in International Review Nr. 118 (engl./frz./span. Ausgabe)
[61] Luxemburg, Organisationsfragen der russisschen Sozialdemokratie, Ges. Werke, Bd. 1/2, S. 422, 424
[62] Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Antwort an R. Luxemburg, Lenin, Bd. 7, 1904
[63] Ebenda, S. 365.
[64] Rosa Luxemburg, Taktische Fragen, Bd. 3, S. 253.
[65] Jenaer Parteitag 1911, S. 161, 319
[66] „Unser Organisationsapparat wie unsre Parteitaktik ist seit 20 Jahren, seit dem Fall des Sozialistengesetzes, im Grunde genommen auf die eine Hauptaufgabe zugeschnitten gewesen: auf Parlamentswahlen und parlamentarischen Kampf. Darin haben wir das Äußerste geleistet, und darin sind wir groß geworden. Aber die neue Zeit des Imperialismus stellt uns immer mehr vor neue Aufgaben, denen mit dem Parlamentarismus allein, mit dem alten Apparat und der alten Routine nicht beizukommen ist. Unsre Partei muss lernen, Massenaktionen in entsprechenden Situationen in Fluss zu bringen und sie zu leiten.
(…) Das Proletariat kann seine Kräfte nicht sammeln und seine Macht für den endgültigen Sieg nicht anders steigern, als indem es sich im Kampfe erprobt, mitten durch Niederlagen und alle Wechselfälle, die ein Kampf mit sich bringt. Ein ausgefochtener großer Kampf, ganz gleich ob er mit Sieg oder Niederlage endet, leistet in kurzer Zeit an Klassenaufklärung und geschichtlicher Erfahrung mehr als Tausende von Propagandaschriften und Versammlungen in windstiller Zeit.“ (Rosa Luxemburg, „Taktische Fragen“, Juni 1913, Leipziger Volkszeitung, Bd. 3, S. 256)
[67] Internationalisme, Gauche Communiste de France, n°4, 1946, S. 73.
[68] Auf dem Gewerkschafskongress in Köln 1905 wurde die Diskussion über den Massenstreik als „verwerflich“ betrachtet und verworfen.
[69] Claudie Weill, Marxistes russes et social-démocratie allemande 1898-1904, Paris, 1977
[70] Der Weg zum 1. Weltkrieg wurde von Rosa Luxemburg in ihrer Junius-Broschüre am besten nachgezeichnet.
[71] „La fraction dans les partis socialistes de la Seconde Internationale“, Bilan Oct.-Nov. 1935, n° 24, p. 814).
[72] Frölich berichtete in seiner Autobiographie auch von oppositionellen Kräften in verschiedenen deutschen Städten, bei denen sich oft die jüngere Generation durch große Altersunterschiede von älteren, oft reformistischen und revisionistischen Kräften abgrenzte.
[73] Reisberg, Lenins Beziehungen zur deutschen Arbeiterbewegung, Berlin, 1970, S. 125
[74] P. Frölich, Im radikalen Lager, S. 54
[75] Langsam verlor die Partei die Gewohnheit illegaler Arbeit, obwohl 1908 noch repressive Maßnahmen gegen sie ergriffen worden waren. „1908 wurde in Deutschland ein Gesetz über Gewerkschaften und Versammlungen erlassen, das das Recht auf Abhaltung von Versammlungen in anderen Sprachen als Deutsch einschränkte, der Polizei freie Hand bei der Unterdrückung sozialdemokratischer Propaganda ließ und Personen unter 18 Jahren den Beitritt zu politischen Gewerkschaften und die Teilnahme an politischen Versammlungen untersagte. Auch wurden Sozialdemokraten von bestimmten Arbeitsplätzen, z. B. bei der Eisenbahn, ausgeschlossen.“ (The International Working Class Movement, Vol. 3, p. 317)
[76] Man muss hinzufügen, dass zwar der Flügel um Rosa Luxemburg in der Illegalität und im Exil „groß“ geworden war, aber sie selbst hatte keine Erfahrung mit einer Fraktionsarbeit gesammelt, da der Bruch zwischen der SDKP und PSP relativ schnell vollzogen wurde.
[77] Leute wie Bebel, hoch angesehener und integer gebliebener Führer der SPD, kritisierten zwar den Revisionismus, drangen aber nicht wirklich zur Wurzel vor. Oder Leute wie Mehring lieferten zwar wertvolle Texte, erwiesen sich aber nicht als ausreichend entschlossene Kämpfer.
[78] Es gibt viele Berichte von ihr und aus der Presse, die von Tausenden von begeisterten Versammlungsteilnehmern bei ihren Reden berichten, auf denen sie oft über eine Stunde sprach.
[79] „So hatte Rosa Luxemburg schnell ausreichend Spielraum, aber sie hatte nie die Möglichkeit, die Erfahrung eines Fraktionskampfes zu erleben, um eine Partei zu verteidigen, die vom Entartungsprozess bedroht ist. Deshalb hat sie es nie geschafft, eine Fraktionsarbeit zu betreiben, und damit hat sie auch nie wirklich die Auffassung einer Fraktionsarbeit verstanden. Diese Schwäche wurde teuer während des heldenhaften Kampfes der Spartakisten gegen die Entartung der deutschen SPD bezahlt, und sie war zum Teil mit ein Grund für die fatale Verspätung bei der Bildung einer neuen kommunistischen Partei in Deutschland im Jahre 1918.“ (DAS VERHÄLTNIS FRAKTION - PARTEI IN DER MARXISTISCHEN TRADITION, VON MARX BIS LENIN, 1848-1917, I. Von Marx bis zur II. Internationale [3], IKS online April 2006.
[80] Lenin, Der Jenaer Parteitag der SPD, September 1905, Werke, Bd. 9, S. 285; Reisberg, S. 60
[81] Aus der Reichstagswahl 1912 ging sie mit 34,8 % Wählerstimmen bzw. 110 Reichstagsmandaten als klare Wahlsiegerin hervor.
[82] Wie groß das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der SPD oder genauer gesagt in gewisse Kräfte der SPD war, bezeugt die Tatsache, dass die SDAPR nach 1905 der SPD treuhänderisch eine große Summe Gelder anvertraute. Das blockierte auch wieder eine Annäherung. Siehe Dietrich Geyer, Kautskys Russisches Dossier, Deutsche Sozialdemokraten als Treuhänder des russischen Parteivermögens, 1910-1915, Frankfurt/New York, 1981.
[83] Pannekoek, der jahrelang in Deutschland lebte, zog jedenfalls in Organisationsfragen mit Rosa Luxemburg nicht an einem Strang.
[84] Lenin, Werke, Bd. 7, S. 600
[85] Reisberg (S.130)
[86] In dieser Broschüre (Zur gegenwärtigen Sachlage in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands – Lenin, Juli 1912, Werke, Bd. 18, S. 191-209), von der 600 Exemplare von Frankreich aus nach Deutschland gebracht wurden, betonte Lenin, die Bolschewiki seien die legale Parlamentsfraktion; es gebe allerlei legale Arbeitervereinigungen, aber die illegale Parteiorganisation sei die Basis. Deutschland war übrigens ein zentraler „Umschlagplatz“ für den Transport von illegaler Literatur nach Russland, die oft aus der Schweiz und aus Großbritannien via Deutschland an die Genossen in Russland weiter geschmuggelt wurden.
[87] Siehe Rosa Luxemburgs „Die industrielle Entwicklung Polens“, Inaugural-Dissertation zu Polen – Ges. Werke, Bd. 1, S. 113.
[88] Selbst während des 1. Weltkriegs ging die Auseinandersetzung nach der Veröffentlichung der Junius-Broschüre durch Luxemburg und die Polemik Lenins mit ihr weiter; und auch nach Ausbruch der Revolution verstummte die Kritik Rosa Luxemburgs an der Haltung der Bolschewiki nicht.
[89] Eine zusätzliche Belastung zwischen dem Flügel um Rosa Luxemburg und den Bolschewiki entstand 1913 zu einem Zeitpunkt, als das ISB und die SPD eine Wiedervereinigung der SDAPR einfädeln wollten.
[90] Literaturhinweise: u.a. Karl-Ernst Moring, Die Sozialdemokratische Partei in Bremen, 1890-1914, Reformismus und Radikalismus in der Sozialdemokratischen Partei Bremens, Hannover, 1968, veröffentlicht von der Friedrich-Ebert-Stiftung; Lenin, Die Spaltung in der Polnischen Sozialdemokratie, 12. Januar 1912, Werke Band 18 S. 472; derselbe: Auch Vereiniger, 15. November 1913, Band 19 S. 493; derselbe: An das Sekretariat des ISB, 21. November 1912, Band 19 S. 266)
[91] Antrag von Sozialdemokraten aus Dresden zur Ausarbeitung einer Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Eine umfassende Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung soll verfasst werden. Begründung: “Dieses Interesse wird vollkommen nur dann gewahrt werden, wenn die geforderte Untersuchung nicht auf eine Glorifizierung unserer Partei hinausläuft, sondern mit der Strenge und Unparteilichkeit wissenschaftlicher Methode Licht und Schatten gleichmäßig gerecht verteilt. Wir verlangen darum eine wissenschaftliche Arbeit, die dabei in einer schönen, allgemein verständlichen Sprache geschrieben sein soll.“ (Dokumente, Bd. III, S. 348, Parteitag Halle, 1890)
[92] P. Frölich, Im radikalen Lager, S. 43
[93] „Der Parteivorstand wird beauftragt, sozialistische Jugendvereine zu gründen.“ (Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung, IV, S. 120)
[94] „Der Parteitag möge beschließen, dass der Parteitag 1905 sich mit der Frage zu beschäftigen hat, wie es zu ermöglichen sei, dass mit der zunehmenden Zahl der Parteianhänger auch die Ausbildung und Schulung derselben gleichen Schritt hält, was um so notwendiger ist, als die gegenwärtigen Zustände einer Verflachung entgegenführen. Es wäre zu prüfen, ob eine Lösung dieser Frage wohl in Verbindung mit der Schaffung möglichst umfassender Jugendorganisationen geschaffen werden kann.“ (Dokumente, IV, S. 120). Auch dieser Antrag wurde verworfen, jedoch 1905, ein Jahr später, angenommen.
[95] In den Publikationen der Bolschewiki findet man in der Zeit zwischen 1903-1912 dagegen ständig Artikel zur Organisationsfrage.
[96] “Die Arbeit der Organisation absorbierte die ganze Energie - für das Studium blieb keine Zeit. Denn die unerbittlichen Anforderungen der praktischen Arbeit müssen die Leidenschaft für das Wissen schwächen. Die kleinen Industrien schrien nach neuen Kräften, die aggressiveren Arbeiter verlangten das volle Maß; und jeder junge Mann, der etwas Eifer und Fähigkeit zeigte, wurde sofort an die Arbeit gesetzt und fand fortan keine Zeit mehr für theoretische Studien. Außerdem hörten die bürgerlichen Parteien auf, mit Theorien, Prinzipien und Argumenten zu kämpfen. An ihre Stelle traten Beschimpfungen, persönliche Angriffe und die Verdrehung von Tatsachen. Um gegen die Bourgeoisie Krieg zu führen, war also nicht theoretisches Wissen notwendig, sondern vielmehr polemische Gewandtheit und Kenntnis der Tatsachen; am wenigsten wurde das Bedürfnis nach grundlegendem Wissen in einem solchen Kampf empfunden.“ Anton Pannekoek, The Social Democratic Party School in Berlin [148], 1907, Source: The International Socialist Review, New York, Vol. VIII, No. 6 (December 1907), pp. 820-824.
[97] Z.B. kann man bei Bebel viel aus der Zeit des Sozialistengesetzes und davor lesen, aber für die Zeit danach gibt es kaum weiterreichende Ausführungen.
Seit 1989 und dem Zusammenbruch der fälschlicherweise als "kommunistisch" bezeichneten Regime des ehemaligen imperialistischen Blocks um die UdSSR musste sich der authentische Marxismus gegen eine verstärkte Kampagne von Entstellungen und Lügen zur Wehr setzen, in der behauptet wurde, der Marxismus sei eine veraltete, diskreditierte Ideologie, die, wenn sie in die Praxis umgesetzt würde, nur den Boden für den stalinistischen totalitären Gulag bereiten könnte. Diese Kampagnen wurden nicht nur durch die Existenz von Regimen begünstigt, die die Ausbeutung und Unterdrückung der Werktätigen unter einer roten Fahne aufrechterhalten haben, sondern auch durch alle früheren Ausdrucksformen der Arbeiterbewegung, die, nachdem sie auf die Seite der Bourgeoisie übergetreten sind, weiterhin eine entstellte Version des Marxismus als Entschuldigung für ihre Beteiligung an imperialistischen Kriegen und ihre Befürwortung verstaatlichter Formen kapitalistischer Herrschaft verwenden; und dies ist ein Merkmal der letzten 100 Jahre und mehr. So wurde die Mobilisierung der Arbeiterklasse für die Schlachtfelder von 1914-18 von ehemaligen Sozialisten angeführt, die sich auf Passagen von Marx und Engels beriefen, die in der Zeit, als nationale Kriege noch möglich waren, anwendbar waren, um ihre Unterstützung für einen imperialistischen und reaktionären Weltkrieg zu rechtfertigen. Später demonstrierten die Stalinisten und Trotzkisten ihre Verbundenheit mit dem Lager des Kapitals, indem sie dem Zweiten Weltkrieg einen trügerischen marxistischen Schein verliehen, insbesondere indem sie zur Verteidigung des "sozialistischen Vaterlandes" oder des "degenerierten Arbeiterstaates" in der UdSSR aufriefen.
Doch die Konterrevolution, die die Arbeiterklasse nach den heldenhaften Kämpfen von 1917-23 überrollte, nahm nicht nur die offenkundigen Formen des Stalinismus und des Faschismus an. Sie brauchte auch ihre "demokratische" Seite, vor allem in der Ideologie des Antifaschismus, die Arbeiter und sogar ehemalige revolutionäre Kämpfer anziehen sollte, die von den Schrecken der faschistischen Unterdrückung und des Massenmords angewidert waren. Aber auf der theoretischen Ebene brachte diese demokratische Konterrevolution auch eine neue Deformation des Marxismus hervor, die als "westlicher Marxismus" bezeichnet wird und ein Schlüsselelement dessen ist, was wir Modernismus nennen.[1] Im Gegensatz zu den Stalinisten und Trotzkisten war diese Strömung eher amorph und legte kein definitives Programm für die Verstaatlichung des Kapitals vor (obwohl sie allgemein akzeptierte, dass es in dem, was Marcuse und andere als "Sowjetmarxismus" bezeichneten, tatsächlich etwas Nichtkapitalistisches gab). Er war hauptsächlich an den Universitäten oder an staatlich anerkannten "Instituten für Sozialforschung" angesiedelt – vor allem an der Frankfurter Schule, dem wichtigsten intellektuellen Impulsgeber für den "westlichen Marxismus".
Diese Strömung kann als Ursprung des Modernismus angesehen werden, da sie den Anspruch erhebt, eine Kritik an den "überholten Dogmen" des Marxismus zu üben, die vielleicht einmal gültig gewesen seien, aber im "modernen Kapitalismus" nicht mehr gälten. Natürlich ist der authentische Marxismus weit davon entfernt, ein statisches Dogma zu sein, und muss ständig die endlosen Veränderungen analysieren, die die dynamischste und expansivste Gesellschaft der Menschheitsgeschichte mit sich bringt. Aber das Wesen des Modernismus besteht darin, dass er sich auf den Namen Marx beruft, um den Marxismus seiner Grundprinzipien und aller revolutionären Züge zu berauben. Er zeichnet sich also durch einige oder alle der folgenden Elemente aus:
- An erster Stelle steht die Ablehnung des revolutionären Charakters der Arbeiterklasse. Das Scheitern der revolutionären Versuche von 1917-23 demonstrierte für den Modernismus das historische Scheitern der Arbeiterklasse und sogar ihre Begeisterung für die Konterrevolution – sei es, weil sie sich dem Faschismus unterwarf (ein starkes Element in den Schriften von Adorno, zum Beispiel) oder weil der "traditionelle" Marxismus selbst als verantwortlich für den Stalinismus angesehen wurde (was später diese "postmarxistischen" Ideologien mit den Hauptthemen der ideologischen Kampagnen, die dem "Zusammenbruch des Kommunismus" von 1989 folgten, in Einklang bringen sollte). Nachdem Marcuse in der Zeit des Nachkriegsbooms zu dem Schluss gekommen war, dass die Arbeiterklasse des Westens durch wirtschaftlichen Wohlstand und "eindimensionale" Ideologien wie Konsumstreben gekauft worden war, suchte er nach anderen "revolutionären" Subjekten, wie den Studenten, die gegen den Vietnamkrieg protestierten, oder den Bauern, die angeblich den "antiimperialistischen Kampf" in den Randgebieten des Systems anführt;[2]
- die Ablehnung jeglicher Kontinuität mit der fortschreitenden historischen Entwicklung, sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen mit der proletarischen Bewegung: Marx wird akzeptiert, aber Engels wird oft bestenfalls als Vulgarisierer abgetan; die Zweite Internationale spielt in der Entwicklung des Marxismus keine Rolle und wird ausschließlich mit ihrem opportunistischen Flügel identifiziert; die gleiche Behandlung kann auch der Kommunistischen Internationale vorbehalten werden, die nur als Quelle des heutigen "Sowjetmarxismus" angesehen wird;
- die Ablehnung des Ziels der Diktatur des Proletariats und des Aufbaus einer revolutionären Klassenpartei, was mit dem oben Gesagten übereinstimmt. In der Tat wird revolutionäre Militanz oft als die höchste Form der Entfremdung dargestellt.
Der Marxismus wird auf diese Weise in eine individuelle utopische Ablehnung des Kapitalismus auf kulturell-ideologischer Ebene umgewandelt, wobei der frühe Marx und sein Ansatz zum Problem der Entfremdung zu diesem Zweck entstellt werden, oder die Kritik der politischen Ökonomie wird in ein ausgeklügeltes Argument zugunsten des immerwährenden, unveränderlichen Charakters des Kapitalismus und eine Ablehnung der Theorie der Dekadenz des Kapitalismus verwandelt.
In unserem Artikel "Modernismus: Von der Linken ins Leere", der im April 1975 in World Revolution Nr. 3 veröffentlicht wurde, haben wir die Frankfurter Schule als eine der Hauptquellen des Modernismus identifiziert und gezeigt, dass ihre Hauptvertreter sich offen mit der herrschenden Klasse und dem imperialistischen Krieg von 1939-45 identifiziert haben:
"In den 30er und 40er Jahren begannen die stalinistischen Weggefährten am Institut für Sozialforschung in Frankfurt (Marcuse, Horkheimer, Adorno), den Rahmen festzulegen, den die Modernisten heute benutzen. Ihnen zufolge scheiterten der Marxismus und das Proletariat, weil sie nicht "revolutionär" genug waren. So hatten sich die Arbeiter beispielsweise 1936-38 nicht vehement für die Verteidigung des republikanischen Spaniens eingesetzt... Unfähig zu erkennen, dass die Niederschlagung der Arbeiteraufstände von 1917-23 letztlich einen neuen imperialistischen Krieg ermöglichte, "entschieden" sich diese Dilettanten in eben diesem imperialistischen Konflikt enthusiastisch für die Unterstützung der alliierten Seite".
Der Artikel weist zum Beispiel darauf hin, dass Marcuse während des Krieges für das US Office of Intelligence Research im Außenministerium tätig war und dort die Leitung der Osteuropa-Abteilung übernahm.
Der Titel des Artikels, der die Ursprünge des Modernismus im linken Flügel des Kapitals verortet, ist in diesem Fall vollkommen zutreffend. Spätere Erfahrungen bestätigten jedoch, dass der Modernismus, ebenso wie die verschiedenen im Kommunistischen Manifest kritisierten Verzerrungen des Sozialismus, auch in Strömungen Wurzeln schlagen konnte, die ursprünglich versucht hatten, sich auf dem Terrain des Proletariats zu verorten. In den 1960er Jahren machte sich die Gruppe Socialisme ou Barbarie (S ou B) angesichts des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit auf, um zu beweisen, dass Marx mit der Unvermeidbarkeit von Wirtschaftskrisen im Kapitalismus falsch gelegen hatte. Nach dem Bruch mit dem Trotzkismus hatte S ou B 1948 darauf bestanden, dass der Kapitalismus zu einem dekadenten System geworden war; dies wurde von der Gauche Communiste de France (GCF) als eine potenziell positive Entwicklung begrüßt, obwohl die GCF sie ausdrücklich vor den Schwierigkeiten eines vollständigen Bruchs mit dem Trotzkismus und vor der intellektuellen Arroganz warnte, sich selbst als allein fähig zu sehen, die Probleme der Arbeiterklasse und der revolutionären Bewegung zu lösen, ohne jeglichen Hinweis auf die linke kommunistische Tradition, die bereits tiefgreifende Fragen über die Niederlage der Revolutionen von 1917-23 und das Wesen des "sozialistischen" Systems in der UdSSR und anderswo gestellt hatte[3]. In Wirklichkeit sollte S ou B beweisen, dass sie in den 50er und 60er Jahren nicht weniger vom kapitalistischen Wachstum fasziniert waren als eine Figur wie der Sozialdemokrat Bernstein in den 1890er Jahren gewesen war. Und da sie die Dogmen des Stalinismus und Trotzkismus zunehmend als im Marxismus selbst verwurzelt ansahen, begannen sie, nicht nur die wirtschaftlichen Widersprüche des Systems, sondern sogar den grundlegenden Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und dem Kapital in Frage zu stellen und ihn durch einen nebulösen Konflikt zwischen "Befehlsgebern und Befehlsnehmern" zu ersetzen, der die klassische anarchistische Besessenheit von "Autorität" reproduzierte. Eine logische Folge der Leugnung der inneren Widersprüche des Kapitals war die Ausarbeitung eines Konzepts des Sozialismus als ein System der "Selbstverwaltung", das mit der Warenproduktion koexistieren könnte - ein weiterer Rückschritt zum Anarchismus, der als neue und radikale Alternative zum "traditionellen Marxismus"[4]. präsentiert wurde.
S ou B und insbesondere ihre Vision einer verallgemeinerten Selbstverwaltung hatten einen großen Einfluss auf die situationistische Strömung, die mit den Ereignissen im Mai-Juni 1968 ihre Blütezeit erlebte. Ein Artikel von Marc Chirik in Révolution Internationale Nr. 2, 1969[5], zeigt, dass sich der Einfluss von S ou B auch auf die Ablehnung der marxistischen Auffassung von der tiefen Verbindung zwischen dem Klassenkampf und einer objektiven kapitalistischen Krise durch die Situationisten erstreckte. Für sie waren die großen Klassenbewegungen von 68 und danach vor allem die Folge subjektiver Faktoren: auf einer allgemeinen Ebene die Langeweile und Entfremdung des "Alltagslebens" im Kapitalismus, aber auch ganz konkret die exemplarische Intervention der Situationisten selbst. Die Situationisten waren also in die modernistische Weltanschauung eingebettet, hatten aber an einer echten Klassenbewegung teilgenommen und standen trotz des klassisch "künstlerischen" – in Wirklichkeit kleinbürgerlichen – Charakters von Slogans wie "Never Work Ever" dem Kampf der Arbeiterklasse weit weniger feindlich gegenüber als einige ihrer Nachfolger.
Anfang der 1970er Jahre hatten sowohl S ou B als auch die Situationistische Internationale aufgehört zu existieren, und die meisten modernistischen Strömungen – von denen einige durch die Schule von S ou B und Situationismus gegangen waren, und sogar des bordigistischen Zweigs der kommunistischen Linken – hatten eine "marxistischere" Sprache entwickelt, die in der Lage war, die Fehler der Selbstverwaltung zu erkennen (auch wenn sie diese, wie wir sehen werden, oft in neuen Formen wieder aufleben ließen) und darauf zu bestehen, dass der Kommunismus die Beseitigung der Totalität der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse bedeutet, die auf Lohnarbeit und Warenproduktion beruhen. Dies war die Geburtsstunde der "Kommunisierungs“-Strömung, die seitdem zur Hauptform der modernistischen Ideologie geworden ist. Es ist kein Zufall, dass diese Entwicklung mit dem Wiederaufleben der kommunistischen Linken zusammenfiel. Die AnhängerInnen der Kommunisierung, wie die Gruppe Invariance um Jacques Camatte, die Gruppe Mouvement Communiste um Barrot/Dauvé[6] oder die Organisation des Jeunes Travailleurs Révolutionnaires um Dominic Blanc, waren viel eher bereit, sich als Erben der historischen kommunistischen Linken zu präsentieren, aber auch als Kritiker ihrer Grenzen, und vor allem des "Konservatismus" der wiederbelebten kommunistischen linken Gruppen mit ihrem Beharren auf der Notwendigkeit einer militanten politischen Organisation und auf dem Abwehrkampf der Arbeiterklasse als Voraussetzung für eine künftige kommunistische Revolution. Die Elemente dieser neuen Strömung haben sich selbst als "Kommunisierung" bezeichnet, weil sie behaupten, die einzigen wirklichen Kommunisten zu sein, die einzigen, die verstanden haben, was Marx in der Deutschen Ideologie meinte, als er den Kommunismus als "die wirkliche Bewegung, die den gegenwärtigen Zustand aufhebt" definierte. In diesem Sinne wurde dieser aktualisierte Ausdruck des Modernismus, auch wenn es zu Beginn einige Debatten zwischen den Kommunisierenden und den neuen linkskommunistischen Gruppen gab[7], zunehmend zu einer zerstörerischen Kraft gegen die Kommunistische Linke, wie die Rolle der so genannten Bérard- oder Ex-Lutte-Ouvrière-Tendenz zeigt, die sich 1974 von Révolution Internationale abspaltete und sehr schnell aus dem politischen Leben verschwand.
Wie bereits erwähnt, stand das Wiederaufleben der Kommunistischen Linken Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in engem Zusammenhang mit dem Erdbeben des internationalen Klassenkampfes, das weite Teile Europas und Amerikas erschütterte, und auch mit der immer deutlicher werdenden Rückkehr der offenen Wirtschaftskrise. In dieser Zeit, in der die AnhängerInnen der Kommunisierung und vor allem Camatte die zentrale Bedeutung des Klassenkampfes der ArbeiterInnen immer mehr in Frage stellten, hatte die Idee, dass die Arbeiterklasse lediglich eine "Klasse für das Kapital" sei und dass ihre Zukunft eher in ihrer Negation als in ihrer Bejahung als Klasse liege, noch weit weniger Gewicht als nach den Schwierigkeiten des Klassenkampfes in den 80er Jahren und vor allem mit dem Beginn der Phase des kapitalistischen Zerfalls nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989. Wie wir an anderer Stelle[8] dargelegt haben, war dieser Zeitraum durch eine echte Schwächung der Klassenidentität und des Bewusstseins des Proletariats gekennzeichnet, eine eigenständige und antagonistische Kraft innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu sein. Diese Bedingungen boten einen fruchtbaren Boden für die Kommunisierenden, die im Allgemeinen argumentierten, dass das Proletariat genau diese Klassenidentität aufheben muss, nicht als Endergebnis eines revolutionären Kampfes, sondern als dessen Voraussetzung. Und in einer Zeit, in der die Krise des Systems mehr und mehr zu Volksaufständen führt, in denen die Arbeiterklasse keine eindeutige Rolle spielt, kann es so aussehen, als ob sich die Ideen der Kommunisierung bestätigen und wir beginnen würden, den "Aufstand der Menschheit" gegen das Kapital zu erleben, den Camatte und andere bereits in den 70er Jahren vorausgesagt hatten.
Parallel dazu gingen die ersten Anzeichen einer Wiederbelebung des Klassenkampfes im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts mit einem gewissen Wiederaufleben des Anarchismus einher, der junge Leute anzog, die auf der Suche nach revolutionären Ideen waren, aber größtenteils nicht an die genuin marxistische Tradition anknüpfen konnten, die sie immer noch mit der Niederlage der Russischen Revolution und der Degeneration des Bolschewismus in Verbindung brachten. Angesichts des schwachen theoretischen Rahmens des Anarchismus konnte die Kommunisierung, insbesondere Einzelpersonen wie Dauvé und Gruppen wie Théorie Communiste, Aufheben und Endnotes, dem anarchistischen Milieu den Anschein theoretischer Tiefe vermitteln, indem sie ihre Vertrautheit mit der marxistischen Terminologie unter Beweis stellten, ohne jedoch die meisten zentralen Vorurteile des Anarchismus in Frage zu stellen, insbesondere die Ablehnung einer zentralisierten politischen Organisation. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist die Kommunisierungsströmung selbst eine neue Variante des Anarchismus, wie wir in den folgenden Artikeln dieser Serie zu zeigen versuchen werden. Da sich aber viele ihrer AnhängerInnen nicht nur auf Marx, sondern auch auf Bordiga, die KAPD und andere Bestandteile der Tradition der Kommunistischen Linken berufen, können sie oft mit der wirklichen linkskommunistischen Tradition verwechselt werden, was sich äußerst negativ auf die politische Entwicklung neuer Leute auswirken kann, die nach kommunistischer Klarheit suchen.
Genau aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich die Kommunistische Linke scharf von der Kommunisierungstendenz abgrenzt in den wichtigsten Fragen, die sie von ihr trennt:
- In erster Linie, indem sie darauf besteht, dass trotz aller Veränderungen in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse, die wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, trotz aller ideologischen und politischen Rückschläge, die die Arbeiterklasse erfahren hat, sie die einzige revolutionäre Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft bleibt, und dass ihre Kämpfe zur Verteidigung ihrer materiellen Interessen der einzige Boden bleiben, auf dem ein revolutionärer Angriff auf das Kapital wachsen kann. Daher die Ablehnung aller Theorien, die die Arbeiterklasse auffordern, sich selbst zu negieren oder auf ihre Verteidigungskämpfe zu verzichten.
- Zweitens durch die Bekräftigung, dass die revolutionäre Minderheit international und auf der Grundlage einer kohärenten politischen Plattform organisiert sein muss, um gegen den Ansturm der bürgerlichen Ideologie zu kämpfen und um die unmittelbaren wirtschaftlichen Kämpfe in eine politische und soziale Offensive gegen das gesamte System umzuwandeln. Daher die Kritik an der Vorstellung, dass kommunistische Militanz "die höchste Stufe der Entfremdung" sei, dass proletarische politische Organisationen nur "Sekten" oder "Schläger" sein können und sich in eine lose Kooperation zwischen souveränen Individuen auflösen sollten. Dabei werden wir zeigen, wie die Feindseligkeit gegenüber der revolutionären Organisation Teile der Kommunisierungsströmung zum politischen Parasitismus und ihre Neigung zum Individualismus zum bürgerlichen Karrierestreben geführt haben.
- Drittens werden wir die Notwendigkeit verteidigen, dass die Arbeiterklasse für ihre politische Diktatur über die Gesellschaft kämpfen muss, um eine Periode des Übergangs zum Kommunismus einzuleiten, im Gegensatz zu den Ansichten der Kommunisierung über eine Art "große Auflösung", die sowohl die Notwendigkeit der politischen Macht der Arbeiterklasse als auch eine Periode des Übergangs umgeht.
Wir sehen diese Serie als einen Ableger unserer langjährigen Serie über die historische Entwicklung des kommunistischen Programms[9]. Indem wir die Punkte aufgreifen, die uns von den oben genannten AnhängerInnen der Kommunisierung unterscheiden, werden wir auch einen historischen Ansatz verfolgen, indem wir uns auf einige der "klassischen" Texte der Kommunisierungstheorie aus den 1970er Jahren und den Werdegang einiger der Hauptfiguren in der Entwicklung der Kommunisierungstheorie konzentrieren.
Unsere geplanten Artikel werden daher Folgendes umfassen:
- einen Rückblick auf den ersten großen Kampf der IKS gegen die Modernisierungs-/Kommunisierungstheorie in ihren eigenen Reihen, die "Ex-Lutte-Ouvière-Tendenz" in den frühen 70er Jahren;
- eine Erinnerung an den politischen Werdegang von Jacques Camatte, der in vielerlei Hinsicht das wahre "Geheimnis" oder die Richtung der Kommunisierungstheorie offenbart;
- eine Kritik von Texten wie Camattes "Über die Organisation" und der OJTR "Militanz: Das höchste Stadium der Entfremdung";
- eine Antwort auf bestimmte Texte von Barrot/Dauvé über "kommunistische Maßnahmen" und die Abschaffung des Wertes.
Im Rahmen dieser Arbeit werden wir auch einige der eigenen Texte der IKS als Antwort auf die modernistische Konzeption des Kommunismus und des Klassenkampfes neu veröffentlichen, von denen die meisten seit vielen Jahren nicht mehr verfügbar sind.
CDW (August 2022)
[1] Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff "Modernismus" verwendet, um einige der künstlerischen Strömungen zu beschreiben, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg aufkamen, z. B. die experimentellen Schriften von James Joyce und Virginia Wolf, Schönbergs atonale Musik oder Expressionismus und Kubismus in der Malerei. Es wäre natürlich interessant, diese künstlerischen Bewegungen in ihrem historischen Kontext zu analysieren (siehe z. B. Notes towards a history of art in ascendant and decadent capitalism [149], ICConline Juni 2012), aber hier wollen wir deutlich machen, dass unsere Verwendung des Begriffs Modernismus zur Beschreibung einer bestimmten politischen Strömung eine ganz andere Bedeutung hat.
[2] Siehe Paul Matticks Critique of Marcuse: One-dimensional man in class society, Merlin Press, 1972, für eine proletarische Antwort auf Marcuses Theorie der Integration der Arbeiterklasse in den Kapitalismus. Wir werden hier nicht versuchen, eine weitergehende Kritik der Hauptfiguren und Ideologien der Frankfurter Schule vorzunehmen, obwohl dies eine wichtige Aufgabe für die Zukunft bleibt. Es ist offensichtlich, dass diese Schule von gelehrten und sogar brillanten Intellektuellen geleitet wurde, die reale Fragen untersuchten, vor allem die Art und Weise, wie die kapitalistische Ideologie die Masse der Bevölkerung und insbesondere die Arbeiterklasse durchdringt. Dabei versuchten sie, Elemente des Marxismus und der Psychoanalyse Freuds zusammenzuführen. Da dieser Syntheseversuch jedoch nicht vom kommunistischen Standpunkt aus, vom Standpunkt der "vergesellschafteten Menschheit“, um die Terminologie der 10. Feuerbach-These zu verwenden, sondern vom Standpunkt des isolierten Professors aus gedacht wurde, scheiterte er nicht nur an dieser umfassenden "kritischen Theorie", sondern diente gerade durch seine Raffinesse dazu, wissbegierige Geister für ein Projekt zu gewinnen, das nur von der herrschenden Ideologie instrumentalisiert werden konnte.
[3] Der Kommunismus steht auf der Tagesordnung der Geschichte: Castoriadis, Munis und das Problem des Bruchs mit dem Trotzkismus | International Communist Current (internationalism.org) Communism is on the agenda of history: Castoriadis, Munis and the problem of breaking with Trotskyism | International Communist Current (internationalism.org) [150]
[4] Castoriadis, Munis and the problem of breaking with Trotskyism Second part: On the content of the communist revolution [151], International Review Nr. 161 (Herbst 2018 - Castoriadis, Munis und das Problem des Bruchs mit dem Trotzkismus – Zweiter Teil: Über den Inhalt der kommunistischen Revolution)
[5] Den Mai verstehen [152], Weltrevolution Nr. 182 (Nachdruck aus Révolution Internationale Nr. 2, 1969)
[6] Nicht zu verwechseln mit der existierenden "arbeitertümelnden" Gruppe Mouvement Communiste
[7] Das Mouvement Communiste schickte zum Beispiel einen Beitrag zur Konferenz in Liverpool 1973, die von Workers Voice organisiert wurde, nachdem Internationalism in den USA zu einem internationalen Diskussionsnetzwerk aufgerufen hatte.
[8] Siehe den Bericht des 23. Internationalen Kongresses der IKS über den Klassenkampf: Bildung, Verlust und Rückeroberung der proletarischen Klassenidentität [135], Internationale Revue Nr. 56, 2019
[9] Themen zur Reflexion und Diskussion [153], auf unserer englischsprachigen Webseite (unter „Theory and practice“): "Der Kommunismus ist nicht nur eine schöne Idee, sondern eine materielle Notwendigkeit"
Der Krieg in der Ukraine ist kein Donnerschlag aus blauem Himmel. Seine Verwüstungen finden zu einem Zeitpunkt statt, in dem sich katastrophale Phänomene häufen: Klimawandel, Umweltzerstörung, beschleunigte Verschärfung der Wirtschaftskrise, politische Erschütterungen, die sogar das älteste Land des Kapitalismus (Großbritannien) betreffen, Wiederkehr entsetzlicher Hungersnöte im großen Stil, Massenmigration von Menschen, die aus Kriegsgebieten, vor Massakern, Verfolgung oder Elend fliehen... Diese Kombination von Phänomenen, ihre Interdependenz und Wechselwirkung veranlasste die Internationale Kommunistische Strömung, das nachstehend veröffentlichte Dokument anzunehmen, das versucht, sie in einen größeren historischen Rahmen einzuordnen, indem es das ebenfalls sehr wichtige Ereignis des Aufkommens einer großen Streikbewegung berücksichtigt, die Großbritannien erschütterte und aus einer tiefen Unzufriedenheit resultierte: den "Sommer des Zorns".
1. Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts werden zu einer der krisenhaftesten Zeiten in der Geschichte und haben bereits unbeschreibliche Katastrophen und Leid mit sich gebracht. Sie begannen mit der Covid-19-Pandemie (die immer noch andauert) und einem Krieg im Herzen Europas, in der Ukraine, der bereits seit über neun Monaten andauert und dessen Ausgang niemand vorhersehen kann. Der Kapitalismus ist in eine Phase schwerer Unruhen auf allen Ebenen eingetreten. Hinter dieser Anhäufung und Verflechtung von Katastrophen steht die drohende Vernichtung der Menschheit. Wie wir bereits in unseren Thesen zum Zerfall [9][1] betonen, ist der Kapitalismus "die erste [Gesellschaft], die das Überleben der Menschheit selbst bedroht, die erste, die die menschliche Spezies zerstören kann" (These 1).
2. Die Dekadenz des Kapitalismus ist kein homogener, gleichmäßiger Prozess: Er hat vielmehr eine Geschichte, die sich in mehreren Phasen ausdrückt. Die Phase des Zerfalls wurde in unseren Thesen zum Zerfall identifiziert, als "eine spezifische Phase, die letzte Phase seiner Geschichte, die Phase, in der der Zerfall zu einem, wenn nicht sogar dem entscheidenden Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung wird" (These 2). Es ist klar, dass wir, wenn das Proletariat nicht in der Lage wäre, den Kapitalismus zu stürzen, eine schreckliche Agonie erleben würden, die in die Vernichtung der Menschheit mündet.
3. Mit dem blitzartigen Ausbruch der Covid-Pandemie haben wir die Existenz von vier Merkmalen aufgezeigt, die für die Zerfallsphase typisch sind:
- Die zunehmende Schwere ihrer Auswirkungen. Die Pandemie verursachte 15 bis 20 Millionen Tote, eine allgemeine Lähmung der Wirtschaft für mehr als ein Jahr, den Zusammenbruch der nationalen Gesundheitssysteme, die Unfähigkeit der Staaten, sich international zu koordinieren, um das Virus zu bekämpfen und Impfstoffe herzustellen, wobei jeder Staat stattdessen in eine Politik des Jeder-für-sich versinkt. Diese Situation ist nicht nur Ausdruck der Unmöglichkeit des Systems, seinen vom Wettbewerb diktierten Gesetzen zu entkommen, sondern auch der Verschärfung von Rivalitäten, die zu inkompetenten Handlungen, Verirrung und Chaos der bürgerlichen Verwaltung geführt haben, und zwar selbst in den mächtigsten oder entwickeltesten Ländern der Welt.
- Das Eindringen der Auswirkungen des Zerfalls auf wirtschaftlicher Ebene. Dieser Trend, der bereits auf dem 23. IKS-Kongress festgestellt wurde, hat sich voll bestätigt und stellt eine "Neuigkeit" dar, weil es der Bourgeoisie in den Kernländern seit den 1980er Jahren gelungen war, die Wirtschaft vor den hauptsächlichen Auswirkungen des Zerfalls zu schützen.[2]
- Die zunehmende Wechselwirkung ihrer Effekte, wodurch sich die Widersprüche des Kapitalismus auf einem nie zuvor erreichten Niveau verschärfen. In den dreißig Jahren zuvor gelang es der herrschenden Klasse nämlich mehr oder weniger (vor allem in den Kernländern), die Auswirkungen des Zerfalls zu isolieren oder zu begrenzen, wodurch es in der Regel möglich war, ihre Wechselwirkung untereinander zu vermeiden. Was stattdessen seit zwei Jahren klar zutage tritt, ist die Wechselwirkung und das Ineinandergreifen von kriegerischer Barbarei, einer phänomenalen ökologischen Krise, dem Chaos im politischen Apparat vieler der mächtigsten Bourgeoisien, der aktuellen Pandemie und der wachsenden Gefahr neuer Gesundheitskrisen, von Hungersnöten, der gigantischen Flucht von Millionen von Menschen, der Verbreitung der rückständigsten und irrationalsten Ideologien etc., all dies inmitten einer virulenten Verschärfung der Wirtschaftskrise, die ganze Bevölkerungsteile noch weiter schwächt, insbesondere eine Arbeiterklasse, die einer zunehmenden Verarmung und einer beschleunigten Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen (Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Schwierigkeiten, sich zu ernähren, eine Wohnung zu finden, usw.) ausgesetzt ist.
- Die zunehmende Präsenz ihrer Auswirkungen in den Kernländern. Während die Kernländer in den letzten dreißig Jahren vor den Auswirkungen des Zerfalls relativ geschützt waren, werden sie heute mit voller Wucht getroffen und, was noch schlimmer ist, neigen sie dazu, zu seinen größten Verbreitern zu werden, wie in den USA, wo man Anfang 2021 Zeuge des Versuchs von Anhängern des Populisten Trump wurde, das Kapitol zu stürmen, als handle es sich um eine gewöhnliche Bananenrepublik.
4. Das Jahr 2022 war ein leuchtendes Beispiel für diese vier Merkmale, durch:
- den Ausbruch des Krieges in der Ukraine;
- das Auftreten nie dagewesener Flüchtlingswellen;
- die Fortsetzung der Pandemie mit Gesundheitssystemen, die am Rande des Zusammenbruchs stehen;[3]
- einen zunehmenden Kontrollverlust der herrschenden Klasse über ihren politischen Apparat, der sich in der Krise in Großbritannien spektakulär manifestiert hat;
- eine Agrarkrise, die bei einer allgemeinen Überproduktion zu einer Verknappung vieler Nahrungsmittel führt, was seit über einem Jahrhundert der Dekadenz des Kapitalismus ein relativ neues Phänomen darstellt: "Kurzfristig greift der Klimawandel die Grundpfeiler der Ernährungssicherheit an. Steigende Temperaturen und extreme Klimaschwankungen drohen die Ernten zu gefährden; tatsächlich verkürzte sich im Jahr 2020 die Wachstumszeit der Kulturen im Winter und Frühjahr um 9,3 Tage für Mais, 1,7 Tage für Reis und 6 Tage für Weizen im Vergleich zum Zeitraum 1981 bis 2004";[4]
- erschreckende Hungersnöte, von denen immer mehr Länder betroffen sind.[5]
Nun führt die Aggregation und Interaktion zerstörerischer Phänomene zu einem "Strudeleffekt", der jede seiner Teilwirkungen bündelt, katalysiert und vervielfacht, indem er noch verheerendere Verwüstungen verursacht. Einige WissenschaftlerInnen sehen dies mehr oder weniger deutlich vor sich, wie Marine Romanello vom University College London: "Unser Bericht für dieses Jahr zeigt, dass wir uns an einem kritischen Punkt befinden. Wir sehen, wie der Klimawandel die Gesundheit auf der ganzen Welt ernsthaft beeinträchtigt, während gleichzeitig die anhaltende globale Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen diese Gesundheitsschäden inmitten einer Vielzahl von globalen Krisen verschlimmert". Dieser "Strudeleffekt" stellt jedoch eine qualitative Veränderung dar, deren Folgen in der kommenden Zeit immer deutlicher zu Tage treten werden.
In diesem Zusammenhang muss die führende Rolle des Krieges als eine von den kapitalistischen Staaten gewollte und geplante Aktion hervorgehoben werden, die zum mächtigsten und schwerwiegendsten Faktor für Chaos und Zerstörung wurde. Tatsächlich bewirkt und beinhaltet der Krieg in der Ukraine einen Multiplikatoreffekt der Faktoren von Barbarei und Zerstörung:
- ein immer bestehendes Risiko der Bombardierung von Atomkraftwerken, wie es besonders um den Standort Saporischschja zu sehen ist;
- die Gefahr des Einsatzes von chemischen und nuklearen Waffen;
- die gewaltsame Eskalation des Militarismus mit seinen Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima;
- die direkten Auswirkungen des Krieges auf die Energie- und Nahrungsmittelkrise.
In diesem Zusammenhang muss man die Ausweitung der Umweltkrise in ihrer ganzen Schwere verstehen, die auf ein bisher nicht gekanntes Niveau ansteigt:
- eine Hitzewelle im Sommer, die schlimmste seit 1961, mit der Aussicht, dass sich solche Hitzewellen dauerhaft etablieren werden;
- eine noch nie dagewesene Dürre, laut Experten die schlimmste seit 500 Jahren, die sogar Flüsse wie die Themse, den Rhein oder den Po, die normalerweise schnell fließen, in Mitleidenschaft zieht;
- verheerende Brände, ebenfalls die schlimmsten seit Jahrzehnten;
- unkontrollierbare Überschwemmungen wie in Pakistan, wo ein Drittel der Landesfläche betroffen war (ebenso wie in Thailand);
- ein drohender Kollaps der Eisschilde infolge des Abschmelzens von Gletschern, die eine Größe vergleichbar mit der Fläche Großbritanniens haben, mit katastrophalen Folgen.
Ein weiterer Umstand, der mit der Umweltkrise zusammenhängt und sie gleichzeitig verschärft, ist die marode Situation der Kernkraftwerke[6] vor dem Hintergrund der Energiekrise (als Folge der Wirtschaftskrise), aber auch als Folge des Krieges in der Ukraine. Hier besteht eindeutig die Gefahr beispielloser Katastrophen, die zu derjenigen hinzukommt, die sich aus der Bombardierung ukrainischer Kernkraftwerke ergibt.
Wir sind nicht die Einzigen, die den Ernst der Lage erkennen, und es ist sogar eine Persönlichkeit, die kaum ein Feind des Kapitalismus ist, die verkündet, dass "die Klimakrise uns umbringt. Damit wäre nicht nur die Frage der Gesundheit unseres Planeten beendet, sondern auch die der gesamten Bevölkerung durch die Luftverschmutzung...". (Antonio Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, in einer Botschaft an die Generalversammlung im September 2022).
5. Hintergrund dieser katastrophalen Entwicklung ist die erhebliche Verschärfung der Wirtschaftskrise, die sich seit 2019 entwickelt und die erstens durch die Pandemie und zweitens durch den Krieg nur noch verschärft wurde. Es zeichnet sich ab, dass diese Krise länger und tiefer sein wird als die Krise von 1929. Zunächst einmal, weil die Auswirkungen des Zerfalls auf die Wirtschaft dazu neigen, die Produktionsabläufe durcheinander zu bringen, was zu ständigen Engpässen und Blockaden in einer Situation wachsender Arbeitslosigkeit führt, die paradoxerweise mit einem Mangel an Arbeitskräften einhergeht. Sie drückt sich vor allem in einer entfesselten Inflation aus, die durch die verschiedenen aufeinanderfolgenden Rettungspakete, die von den Staaten angesichts der Pandemie und des Krieges hastig geschnürt wurden, durch eine Flucht nach vorn in die Verschuldung nur noch weiter angeheizt wurde. Die Zinserhöhungen der Zentralbanken, mit denen sie versuchen, die Inflation zu bremsen, könnten eine sehr heftige Rezession auslösen, die sowohl die Staaten als auch die Unternehmen in den Würgegriff nimmt. Es ist ein wahrer Tsunami des Elends, eine brutale Verarmung des Proletariats in den Kernländern, die nunmehr im Gange ist.
6. Infolgedessen befinden sich wichtige Länder in einer zunehmend gefährlichen Lage, was schwerwiegende Auswirkungen auf die gesamte Welt haben kann:
- In Russland wird es zwangsläufig zu großen Konvulsionen kommen. Es ist unwahrscheinlich, dass eine einfache Absetzung Putins ohne Blutvergießen und blutige Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fraktionen der herrschenden Klasse ablaufen wird. Eine mögliche Fragmentierung von Teilen Russlands, dem größten Staat der Welt und einem der am stärksten bewaffneten Staaten, hätte unvorhersehbare Folgen für die ganze Welt.
- China wird zunehmend von den wiederholten Schlägen der Pandemie (und möglicherweise weiteren, die noch kommen werden), der Schwächung der Wirtschaft, wiederholten Umweltkatastrophen und dem enormen imperialistischen Druck der USA in Mitleidenschaft gezogen. Die wirtschaftliche und strategische Anstrengung, die die "Neuen Seidenstraßen" darstellen, kann die schwierige Lage des chinesischen Kapitalismus nur noch weiter verschärfen. Wie die Resolution zur internationalen Lage des 24. Kongresses der IKS betont: "China ist eine tickende Zeitbombe [...]. Die totalitäre Kontrolle über den gesamten Gesellschaftskörper, die repressive Verschärfung, die Xi Jinpings stalinistische Fraktion betreibt, sind kein Ausdruck von Stärke, sondern im Gegenteil eine Manifestation der Schwäche des Staates, dessen Zusammenhalt durch die Existenz zentrifugaler Kräfte in der Gesellschaft und bedeutender Cliquenkämpfe innerhalb der herrschenden Klasse gefährdet ist".
- Die Vereinigten Staaten selbst werden von den schwersten Konflikten innerhalb der herrschenden Klasse seit dem Zweiten Weltkrieg heimgesucht. "Das Ausmaß der Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse der USA wurde durch die umstrittenen Wahlen im November 2020 und vor allem durch die Erstürmung des Kapitols durch Trump-Anhänger am 6. Januar 2021, die von Trump und seiner Entourage angetrieben wurden, offengelegt. Dieses letzte Ereignis zeigt, dass die innere Spaltung, die die USA erschüttert, die gesamte Gesellschaft durchzieht. Obwohl Trump aus der Regierung verdrängt wurde, bleibt der Trumpismus eine mächtige, schwer bewaffnete Kraft, die sich sowohl auf der Straße als auch an den Wahlurnen ausdrückt".[7] Dies wurde erst kürzlich durch Bidens Zwischenwahlen bestätigt, bei denen die Spaltungen zwischen den beiden rivalisierenden Banden (Demokraten und Republikaner) noch nie so tief und verschärft waren. Ebenso wurden die Zerreißproben innerhalb der beiden Lager deutlich, während das Gewicht des Populismus und das der rückwärtsgewandtesten Ideologien zunimmt, die von der Ablehnung eines rationalen und kohärenten Denkens geprägt sind. Dies war ersichtlich anhand der Versuche, eine erneute Kandidatur Trumps zu verhindern. Aber das Gewicht des Populismus ist keineswegs eingedämmt worden, sondern hat sich nur tiefer und dauerhafter in der amerikanischen Gesellschaft wie auch im Rest der Welt verankert. Dies ist ein Indikator für den Grad der Verwesung der sozialen Beziehungen.
7. Die Verschlechterung der Weltlage in einem noch nie dagewesenen Ausmaß wird durch zwei sehr wichtige Faktoren noch verschärft, die mit der unzureichenden Kontrolle der kapitalistischen Staaten, insbesondere der mächtigsten, über die sozialen Beziehungen als Ganzes zusammenhängen:
- Wie wir im Zuge der Covid-19-Krise und sogar schon früher (auf unserem 23. Kongress 2019) festgestellt haben, ist die Fähigkeit der großen Staaten zur Zusammenarbeit, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu verzögern und abzuschwächen und die Folgen des Zerfalls auf die schwächeren Länder zu begrenzen oder abzuschieben, erheblich geschwächt worden, und der Trend geht nicht in Richtung einer "Rückkehr" der Politik der "internationalen Zusammenarbeit", sondern eher in die entgegengesetzte Richtung. Eine solche Schwierigkeit kann das globale Chaos nur noch verschlimmern.
- Andererseits kann man innerhalb der stärksten Bourgeoisien der Welt keineswegs erkennen, dass sich eine Politik herausbildet, die eine solch zerstörerische und schnelle Erosion auch nur teilweise oder zeitweise aufhalten könnte. Ohne die Reaktionsfähigkeit der herrschenden Klasse zu unterschätzen, ist zumindest im Moment nicht zu erkennen, dass eine Politik wie in den 1980er und 1990er Jahren eingeführt wird, die die schlimmsten Auswirkungen der Krise und des Zerfalls abmilderte und hinauszögerte.
8. Diese Entwicklung, auch wenn sie uns in ihrer Geschwindigkeit und ihrem Ausmaß überraschen mag, war in der Aktualisierung unserer Analyse des Zerfalls durch den 22. Kongress (Bericht über den Zerfall heute[8]) weitgehend vorhergesagt worden: Einerseits hatte der Bericht den Aufstieg des Populismus in den Kernländern klar als eine wichtige Manifestation des Kontrollverlusts der Bourgeoisie über ihren politischen Apparat anerkannt. Ebenso erwähnten wir darin als weitere Manifestation den Ausbruch von Flüchtlingswellen und die Abwanderung von Menschen in die Zentren des Kapitalismus und wiesen insbesondere auf die Umweltkatastrophe und ihr Ausmaß hin.
Gleichzeitig benannte der Bericht Probleme, die heute in den Medien nicht den ersten Platz einnehmen, sich aber stetig verschärft haben: Terrorismus, das Wohnungsproblem in den Kernländern, Hungersnöte und insbesondere "die Zerstörung der menschlichen Beziehungen, der Familienbande und des menschlichen Mitgefühls“, die sich „nur noch verschlimmert“ haben, „wie der Gebrauch von Antidepressiva, die Explosion von psychischem Druck und Stress am Arbeitsplatz und das Aufkommen neuer Berufe, die solche Menschen ‚unterstützen’ sollen, belegen. Es gibt auch Hinweise auf echte Massaker wie das vom Sommer 2003 in Frankreich, wo 15.000 ältere Menschen während der Hitzewelle starben." Es ist anzumerken, dass die Pandemie diesen Trend erheblich und bis zum Äußersten verschärft hat und dass Selbstmorde und psychische Erkrankungen in diesem Zeitraum als "zweite Pandemie" betrachtet wurden.
9. Die Perspektive, die wir einnehmen, ergibt sich konsequent aus dem analytischen Rahmen, der in den "Thesen zum Zerfall" dreißig Jahre zuvor abgesteckt wurde:
- "Doch die Geschichte bleibt in solch einer Situation, in der die beiden fundamentalen – und antagonistischen – Klassen der Gesellschaft aufeinanderprallen, ohne ihre eigene Antwort durchsetzen zu können, nicht stehen. Noch weniger als in den anderen vorhergehenden Produktionsweisen ist im Kapitalismus eine Stagnation, ein ‚Einfrieren‘ des gesellschaftlichen Lebens möglich“ (These 4). In den letzten dreißig Jahren hat sich die Fäulnis nur vertieft und mündet heute in eine qualitative Verschärfung, die ihre zerstörerischen Folgen in einer nie zuvor gesehenen Weise manifestiert.
- „Tatsächlich kann sich keine Produktionsweise entwickeln, sich lebensfähig halten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sicherstellen, wenn sie nicht in der Lage ist, der von ihr dominierten Gesellschaft in ihrer Gesamtheit eine Perspektive anzubieten. Und dies trifft besonders auf den Kapitalismus als dynamischste Produktionsweise der Geschichte zu“ (These 5). Die heutige Situation ist die Fortsetzung von mehr als 50 Jahren, in denen sich die kapitalistische Krise unaufhaltsam verschärft hat, ohne dass die Bourgeoisie in der Lage gewesen wäre, eine Perspektive zu bieten, während das Proletariat bis jetzt nicht in der Lage ist, seine eigene voranzutreiben: die kommunistische Revolution. So treibt die Welt in eine Spirale der Barbarei und Zerstörung, in der die zentralen Länder, die eine ganze Zeit lang eine relativ bremsende Rolle für den Zerfall gespielt haben, nun zu einem verschärfenden Faktor für den Zerfall werden.
Weiter „führt dieser Zerfall nicht zu einem früheren Gesellschaftstyp, zu einer früheren Phase im Leben des Kapitalismus zurück. Der Verlauf der Geschichte ist unumkehrbar: der Zerfall führt, wie sein Name sagt, zur Auflösung und Fäulnis der Gesellschaft, ins Nichts“ (These 11).
10. Angesichts dieser Situation warnen die "Zerfallsthesen" zwar davor, dass "heute die Zeit im Gegensatz zu den siebziger Jahren nicht mehr zugunsten der Arbeiterklasse arbeitet“ (These 16) und die Gefahr einer langsamen, aber letztlich unumkehrbaren Erosion der eigentlichen Grundlagen des Kommunismus besteht, stellen aber dennoch klar, dass "die historischen Möglichkeiten völlig offen“ bleiben (These 17).
Denn: "Trotz des Schlags, der der Bewußtwerdung des Proletariats durch den Zusammenbruch des Ostblocks verabreicht wurde, hat das Proletariat auf seinem Klassenterrain keine große Niederlage erlitten. In diesem Sinne bleibt sein Kampfgeist praktisch intakt. Aber darüber hinaus, und das ist das Element, das in letzter Instanz die Entwicklung der Weltlage bestimmt, bildet derselbe Faktor, der sich am Anfang der Entwicklung des Zerfalls befindet, den wesentlichen Ansporn für den Kampf und die Bewußtwerdung der Klasse, die eigentliche Bedingung für ihre Fähigkeit, dem ideologischen Gift der gesellschaftlichen Fäulnis zu widerstehen. [...] der Kampf gegen die direkten Auswirkungen der Krise [bildet] die Grundlage für die Entfaltung ihrer Stärke und ihrer Einheit als Klasse.“ (These 17) Und „die Wirtschaftskrise im Gegensatz zum gesellschaftlichen Zerfall, der hauptsächlich den Überbau betrifft, [ist] ein Phänomen [...], das direkt die Infrastruktur der Gesellschaft selbst ergreift, auf denen dieser Überbau ruht; daher stellt die Krise die ultimativen Ursachen der gesamten Barbarei bloß, unter der die Gesellschaft leidet, und ermöglicht somit der Arbeiterklasse, sich der Notwendigkeit einer radikalen Umwälzung dieses Systems bewußt zu werden, ohne zu versuchen, einige Teilaspekte zu verbessern.“
"Die Wirtschaftskrise ist ein Phänomen, das direkt die Infrastruktur der Gesellschaft betrifft, auf der dieser Überbau beruht; in diesem Sinne legt sie die letzten Ursachen der gesamten Barbarei frei, die über die Gesellschaft hereinbricht, und ermöglicht so dem Proletariat, sich der Notwendigkeit eines radikalen Systemwechsels bewusst zu werden, ohne zu versuchen, einige Teilaspekte zu verbessern." (These 17)
Diese Perspektive beginnt sich tatsächlich abzuzeichnen: "Angesichts der Angriffe der Bourgeoisie zeigt die Arbeiterklasse in Großbritannien, dass sie wieder bereit ist, für ihre Würde zu kämpfen und die Opfer abzulehnen, die ihr das Kapital immer wieder auferlegt. Und wieder einmal spiegelt sie am deutlichsten die internationale Dynamik wider: Letzten Winter brachen in Spanien und den USA Streiks aus; diesen Sommer kam es auch in Deutschland und Belgien zu Arbeitsniederlegungen; für die kommenden Monate sagen alle Kommentatoren eine ‘explosive soziale Situation’ in Frankreich und Italien voraus. Es ist unmöglich vorherzusagen, wo und wann sich die Kampfbereitschaft in naher Zukunft wieder massiv manifestieren wird, aber eines ist sicher: Das Ausmaß der derzeitigen Mobilisierungen der Arbeiterklasse in Grossbritannien stellt eine wichtige historische Tatsache dar. Es ist vorbei mit der Passivität, mit der Unterwerfung. Die neue Generation von Arbeitern und Arbeiterinnen erwacht".[9]
Wir haben herausgearbeitet, dass die Kämpfe in Großbritannien einen Bruch gegenüber der bis dahin vorherrschenden Passivität und Desorientierung darstellten. Die Rückkehr der Kampfbereitschaft der Arbeiter als Reaktion auf die Krise kann zu einer Quelle der Bewusstseinsbildung werden, ebenso wie unser Eingreifen, das angesichts einer solchen Situation von entscheidender Bedeutung ist. Es ist offensichtlich, dass jede Beschleunigung des Zerfalls es schafft, den kämpferischen Bemühungen der Arbeiter einen Dämpfer zu versetzen: Die Bewegung in Frankreich 2019 erlitt einen Dämpfer beim Ausbruch der Pandemie. Das bedeutet eine nicht zu unterschätzende zusätzliche Schwierigkeit angesichts der Entwicklung der Kämpfe und der Wiedergewinnung des Vertrauens des Proletariats in sich selbst und in seine eigenen Kräfte. Dennoch gibt es keinen anderen Weg als den Kampf. Die Wiederaufnahme des Kampfes ist an sich schon ein erster Sieg. Das Weltproletariat in einem sehr quälenden Prozess mit vielen bitteren Niederlagen kann schließlich seine Identität als Klasse wiedererlangen und letztendlich in eine internationale Offensive gegen dieses sterbende System eintreten.
11. Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts werden in diesem Zusammenhang also eine enorme Bedeutung für die historische Entwicklung haben. Sie werden mit noch größerer Deutlichkeit als in der Vergangenheit die im kapitalistischen Zerfall enthaltene Perspektive der Vernichtung der Menschheit aufzeigen. Am anderen Pol wird das Proletariat beginnen, erste Schritte zu unternehmen, wie sie in der Kampfbereitschaft der Streiks in Großbritannien zum Ausdruck kommen, um seine Lebensbedingungen gegen die zunehmenden Angriffe der jeweiligen Bourgeoisie und die Schläge der Weltwirtschaftskrise mit all ihren Auswirkungen zu verteidigen. Diese ersten Schritte werden oft zögerlich und voller Schwächen sein, aber sie sind unerlässlich, damit die Arbeiterklasse in der Lage ist, ihre historische Fähigkeit zur Durchsetzung ihrer kommunistischen Perspektive zu bekräftigen. So werden sich die beiden Pole der Perspektive im Großen und Ganzen in der Alternative: Zerstörung der Menschheit oder kommunistische Revolution gegenüberstehen, auch wenn die letztere Alternative noch in weiter Ferne liegt und mit enormen Hindernissen konfrontiert ist. Die Klärung dieses historischen Kontexts ist eine gewaltige, aber absolut notwendige und lebenswichtige Aufgabe für die revolutionären Organisationen des Proletariats. Sie verlangt von ihnen, dass sie die besten Verfechter und Verbreiter einer allgemeinen Perspektive sind. Sie ist auch ein entscheidender Test für ihre Fähigkeit, die Herausforderungen, die sich aus den verschiedenen Aspekten der gegenwärtigen Situation ergeben – Krieg, Krise, Klassenkampf, Umweltkrise, politische Krise usw. – zu analysieren und Antworten darauf zu geben.
IKS, 28. Oktober 2022
[1] Angenommen 1990, siehe Internationale Revue 13
[2] Vgl. Internationale Revue 57, Bericht zur Wirtschaftskrise für den 24. Internationalen Kongress der IKS [154], Frühjahr 2021
[3] Insgesamt ist das Risiko für die menschliche Gesundheit, selbst in den «entwickelten Ländern», dramatisch gestiegen, während WissenschaftlerInnen auch vor weiteren Pandemien warnen. Eine Studie eines Teams des London University College, die in The Lancet veröffentlicht wurde, zeigt auf, wie die Klimakrise die Ausbreitung des Denguefiebers zwischen 2018 und 2021 um 12% ansteigen ließ und dass „die Anzahl Toter aufgrund von Hitzewellen zwischen 2017 und 2021 um 68% anstieg im Vergleich zu 2000 bis 2004“.
[4] The Lancet (2022). Es sei darauf hingewiesen, dass die enorme ökologische Verschlimmerung zwar nicht der einzige Faktor der Nahrungsmittelkrise ist, dass aber die Konzentration der Produktion auf sehr wenige Länder und die massiven Finanzspekulationen mit Weizen und anderen Grundnahrungsmitteln das Problem noch verschärfen.
[5] Der Internationale Währungsfonds anerkennt auf seine Weise die Realität der Lage: "Es ist wahrscheinlicher, dass sich das Wachstum weiter verlangsamt und die Inflation höher ausfällt als erwartet. Insgesamt sind die Risiken hoch und im Großen und Ganzen mit der Situation zu Beginn der Pandemie vergleichbar – eine noch nie dagewesene Kombination von Faktoren prägt die Aussichten, wobei die einzelnen Elemente in einer Weise zusammenwirken, die naturgemäß schwer vorherzusagen ist. Viele der oben beschriebenen Risiken sind im Wesentlichen eine Verschärfung der Kräfte, die bereits im Basisszenario vorhanden sind. Darüber hinaus kann die Verwirklichung kurzfristiger Risiken mittelfristige Risiken beschleunigen und die Lösung langfristiger Probleme erschweren".
[6] In Frankreich, das international ein Kernenergieriese ist, sind gegenwärtig 32 seiner 56 Atomreaktoren abgestellt.
[7] 24. Internationaler Kongress der IKS: Resolution zur internationalen Lage [47], Internationale Revue 57
[8] Vgl. Bericht über den Zerfall heute (Mai 2017) [57], Internationale Revue 56
[9] Sommer des Zorns in Großbritannien: Die Bourgeoisie erzwingt neue Opfer. Die Arbeiterklasse antwortet mit Streiks [155], Weltrevolution 185, September 2022
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Vor 130 Jahren, als die Spannungen zwischen den kapitalistischen Mächten in Europa zunahmen, sprach Friedrich Engels von dem Dilemma, vor dem die Menschheit steht: Kommunismus oder Barbarei.
Dieses trat konkret in Form des Ersten Weltkriegs auf, der 1914 ausbrach und 20 Millionen Tote und weitere 20 Millionen Invalide forderte. In den Kriegswirren kam es zu einer Pandemie der Spanischen Grippe mit mehr als 50 Millionen Todesopfern.
Die Revolution in Russland 1917 und die revolutionären Versuche in verschiedenen Ländern setzten dem Gemetzel ein Ende und zeigten die andere Seite des von Engels aufgeworfenen historischen Dilemmas: die Möglichkeit des Kommunismus durch die revolutionäre Klasse, das Proletariat.
Aber die Zerschlagung des weltrevolutionären Versuchs, die brutale Konterrevolution in Russland, die vom Stalinismus unter dem Banner des "Kommunismus" verübt wurde, das Massaker am Proletariat in Deutschland, das von der Sozialdemokratie[1] initiiert und vom Nationalsozialismus vollendet wurde, die Mobilisierung der ProletarierInnen unter den Bannern des Antifaschismus und der Verteidigung des "sozialistischen" Vaterlandes führte 1939-45 zu einem neuen Schub der Barbarei, dem Zweiten Weltkrieg mit 60 Millionen Toten und unendlich viel Leid: die Konzentrationslager der Nazis und der Stalinisten, die alliierten Bombenangriffe auf Dresden, Hamburg und Tokio (Januar 1945), der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch die USA.
Seitdem hat der Krieg nicht aufgehört, auf allen Kontinenten Menschenleben zu fordern. Zunächst gab es die Blockkonfrontation zwischen den USA und der UdSSR, den so genannten Kalten Krieg (1945-89), mit einer endlosen Kette lokaler Kriege und der Bedrohung durch eine Flut von Atombomben, die über dem gesamten Planeten schwebte.
Nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1989-91 haben chaotische Kriege den Planeten mit Blut überzogen: Irak, Jugoslawien, Ruanda, Afghanistan, Jemen, Syrien, Äthiopien, Sudan... Der Krieg in der Ukraine ist die schwerste kriegerische Auseinandersetzung seit 1945.
Die Barbarei des Krieges geht einher mit einer Vervielfachung und einer Wechselwirkung zerstörerischer Kräfte, die sich gegenseitig verstärken: die COVID-Pandemie, die noch lange nicht besiegt ist und die Bedrohung durch neue Pandemien ankündigt; die Umweltkatastrophe, die sich beschleunigt und verstärkt, indem sie mit klimatischen Störungen einhergeht und immer unkontrollierbarere und tödlichere Katastrophen verursacht: Dürre, Überschwemmungen, Hurrikane, Tsunamis ..., unvergleichliche Verschmutzung von Land, Wasser, Luft und Weltraum; die schwere Ernährungskrise, die Hungersnöte biblischen Ausmaßes verursacht. Vor vierzig Jahren drohte die Menschheit in einem Dritten Weltkrieg unterzugehen, heute kann sie durch diese bloße Ansammlung und tödliche Kombination der derzeit wirkenden Zerstörungskräfte ausgelöscht werden. "Ob man brutal von einem thermonuklearen Bombenhagel in einem Weltkrieg ausgelöscht wird oder durch die Umweltverschmutzung, die Radioaktivität der Atomkraftwerke, den Hunger, die Epidemien und die Massaker der verschiedenen kriegerischen Konflikte (in denen auch Atomwaffen eingesetzt werden können) vernichtet wird, läuft letztendlich aufs gleiche hinaus. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Zerstörung besteht darin, daß die erste schneller ist, während die zweite langsamer ist, dafür aber umso mehr Leid verursacht." (Thesen zum Zerfall, Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9], Mai 1990, Internationale Revue Nr. 13).
Das von Engels dargestellte Dilemma nimmt eine viel dringendere Form an: KOMMUNISMUS oder die ZERSTÖRUNG DER MENSCHHEIT. Die Lage ist ernst, und es ist notwendig, dass die internationalistischen Revolutionäre dies unserer Klasse unmissverständlich sagen, denn nur unsere Klasse kann durch einen hartnäckigen Kampf die kommunistische Perspektive eröffnen.
Die sogenannten "Massenmedien" verfälschen und unterschätzen die Realität des Krieges. Anfangs berichteten sie vierundzwanzig Stunden am Tag nur über den Krieg in der Ukraine. Doch im Laufe der Zeit wurde der Krieg banalisiert, er schafft es nicht einmal mehr auf die Titelseiten der Zeitungen, sein Echo geht nicht über ein paar Drohgebärden hinaus, über Opferaufrufe, "Waffen in die Ukraine zu schicken", über Propagandakampagnen, die gegen die Rivalen gehämmert werden, über Fake News, alles gewürzt mit der leeren Illusion von "Verhandlungen".
Den Krieg zu banalisieren und sich an seinen widerlichen Geruch von Leichen und rauchenden Ruinen zu gewöhnen, ist die schlimmste Perfidie, die man sich vorstellen kann.
Millionen von Menschen in Afrika, Asien oder Mittelamerika kennen keine andere Realität als den Krieg; von der Geburt bis zum Tod leben sie in einem Dauerzustand der Barbarei, in dem Grausamkeiten aller Art an der Tagesordnung sind: Kindersoldaten, Strafaktionen, Geiselnahmen, Terroranschläge, Massenvertreibungen, wahllose Bombardierungen.
Während sich die Kriege der Vergangenheit auf die Frontlinien beschränkten und nur einen sehr begrenzten Teil der Bevölkerung mobilisierten, handelt es sich bei den Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts um totale Kriege, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfassen, die gesamte Bevölkerung mobilisieren, sowohl die Soldaten als auch die Zivilbevölkerung, und deren Auswirkungen sich über die ganze Welt erstrecken und alle Länder in Mitleidenschaft ziehen, auch diejenigen, die nicht unmittelbar an den Kriegen beteiligt sind. In den Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts kann sich kein Bewohner und kein Ort auf dem Planeten ihren tödlichen Auswirkungen entziehen.
An der Front, die sich über Tausende von Kilometern zu Lande, zu Wasser, in der Luft - und im Weltraum erstrecken kann, werden Menschenleben durch Bomben, Schüsse, Minen, in vielen Fällen durch "Friendly Fire" ausgelöscht. Von einem mörderischen Wahn ergriffen, durch den Terror der Vorgesetzten gezwungen oder in Extremsituationen gefangen, sind alle Beteiligten gezwungen, die selbstmörderischsten, kriminellsten und zerstörerischsten Handlungen auszuführen.
Ein Teil der militärischen Front ist die "Führung des Krieges aus der Ferne" mit dem unaufhörlichen Einsatz hochmoderner Zerstörungsmaschinen: Flugzeuge, die pausenlos Tausende von Bomben abwerfen; Drohnen, die ferngesteuert alle "Ziele" des Gegners ansteuern; mobile oder stationäre Artillerie, die den Gegner unerbittlich unter Beschuss nimmt; Raketen, die Hunderte oder Tausende von Kilometern zurücklegen.
Das so genannte "Hinterland" wird zu einem ständigen Kriegsschauplatz. Jeder kann bei der periodischen Bombardierung ganzer Städte sterben..... In den Produktionsstätten arbeiten die Menschen mit dem Gewehr im Nacken, umgeben von der Polizei, den politischen Parteien, den Gewerkschaften und anderen Institutionen des "Vaterlandes", während sie gleichzeitig Gefahr laufen, von feindlichen Bomben verstümmelt zu werden. Die Arbeit wird zu einer noch größeren Hölle als der tägliche Horror der kapitalistischen Ausbeutung.
Das dramatisch rationierte Essen ist eine schmutzige, stinkende Suppe. Es gibt kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung. Millionen von Menschen sehen ihre Existenz auf das „tierische“ Überleben reduziert. Unzählige Geschosse prasseln auf uns nieder, die Tausende von Menschen töten und ihnen schreckliche Qualen bereiten; am Boden gibt es endlose Kontrollpunkte der Polizei oder des Militärs, und die Gefahr, von bewaffneten Schergen, den "Verteidigern des Vaterlandes", verhaftet zu werden. Ständig muss man in dreckige, von Ratten verseuchte Keller flüchten. Der Respekt, die elementarste Solidarität, das Vertrauen, das rationale Denken ... werden von der Atmosphäre des Terrors hinweggefegt, die nicht nur von der Regierung, sondern auch durch die Nationale Einheit aufgezwungen wird, an der Parteien und Gewerkschaften mit gnadenlosem Eifer teilnehmen. Die absurdesten Gerüchte, die unwahrscheinlichsten Nachrichten kursieren unaufhörlich und schüren eine hysterische Atmosphäre der Denunziation, des wahllosen Verdachts, der brutalen Spannung und des Pogroms.
Der Krieg ist eine Barbarei, die von den Regierungen gewollt und geplant wird, die ihn verschärfen, indem sie bewusst Hass, Spannungen und Spaltungen zwischen den Menschen, Tod um des Todes willen, Folter, Unterwerfung und Machtverhältnisse als einzige Logik der gesellschaftlichen Entwicklung propagieren. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen um das Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine zeigen, dass beide Seiten keine Skrupel haben, eine radioaktive Katastrophe zu provozieren, die schlimmer sein könnte als Tschernobyl und enorme Folgen für die europäische Bevölkerung hätte. Die Bedrohung durch den Einsatz von Atomwaffen ist unübersehbar.
Der Kapitalismus ist das heuchlerischste und zynischste System der Geschichte. Die ganze ideologische Kunst besteht darin, diese Interessen als das "Interesse des Volkes" auszugeben, geschmückt mit den höchsten Idealen: Gerechtigkeit, Frieden, Fortschritt, Menschenrechte…
Alle Staaten fabrizieren eine IDEOLOGIE DES KRIEGES, um diesen zu rechtfertigen und ihre "Bürger" in tötungsbereite Hyänen zu verwandeln. „Der Krieg ist ein methodisches, organisiertes, riesenhaftes Morden. Zum systematischen Morden muß aber bei normal veranlagten Menschen erst der entsprechende Rausch erzeugt werden. Dies ist seit jeher die wohlbegründete Methode der Kriegführenden. Der Bestialität der Praxis muß die Bestialität der Gedanken und der Gesinnung entsprechen, diese muß jene vorbereiten und begleiten.“(Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie)
Die großen Demokratien haben den FRIEDEN als eine Säule ihrer Kriegsideologie. Demonstrationen "für den Frieden" haben imperialistische Kriege vorbereitet. Im Sommer 1914 und 1938/39 demonstrierten Millionen von Menschen "für den Frieden" in einem hilflosen Ruf von "Menschen guten Willens", Ausbeutern und Ausgebeuteten, die sich an den Händen hielten, was die "demokratische" Seite als Rechtfertigung für die Beschleunigung der Kriegsvorbereitungen nutzte.
Im Ersten Weltkrieg mobilisierte Deutschland seine Truppen zur "Verteidigung des Friedens", "gebrochen durch das Attentat von Sarajewo auf seinen österreichischen Verbündeten". Auf der gegnerischen Seite traten Frankreich und Großbritannien in die Schlacht im Namen des "von Deutschland gebrochenen" Friedens. Im Zweiten Weltkrieg täuschten Frankreich und Großbritannien in München angesichts der Ansprüche Hitlers "Friedensbemühungen" vor, während sie sich fieberhaft auf den Krieg vorbereiteten. Der Einmarsch in Polen durch die gemeinsame Aktion von Hitler und Stalin lieferte ihnen den perfekten Vorwand, um in den Krieg zu ziehen ... In der Ukraine sagte Putin bis Stunden vor der Invasion am 24. Februar, dass er "Frieden" wolle, während die Vereinigten Staaten Putins Kriegstreiberei schonungslos anprangerten …
Die Nation, die nationale Verteidigung und alle Ideologien, die sie umgeben (Rassismus, Religion usw.), sind der Aufhänger für die Mobilisierung des Proletariats und der gesamten Bevölkerung für das imperialistische Gemetzel. Die Bourgeoisie verkündet in Zeiten des "Friedens" die "Koexistenz der Völker", aber mit dem imperialistischen Krieg verschwindet alles, dann fallen die Masken und alle verbreiten Hass auf das Fremde und die standhafte Verteidigung der Nation.
Alle stellen ihre Kriege als "defensiv" dar. Vor 100 Jahren hießen die für die Kriegsbarbarei verantwortlichen Ministerien "Kriegsministerium", heute heißen sie mit der größten Heuchelei "Verteidigungsministerium". Verteidigung ist das Feigenblatt der Kriegsführung. Es gibt keine angegriffenen Nationen und keine angreifenden Nationen, sie alle sind aktive Teilnehmer am tödlichen Kriegsgeschehen. Russland erscheint im gegenwärtigen Krieg als "Aggressor", da es die Initiative zum Einmarsch in die Ukraine ergriffen hat, aber zuvor haben die Vereinigten Staaten die NATO heimtückisch auf die Länder des ehemaligen sowjetischen Machtbereichs ausgedehnt. Es ist nicht möglich, jedes Glied für sich zu betrachten, sondern es ist notwendig, die blutige Kette der imperialistischen Konfrontation zu betrachten, die die gesamte Menschheit seit mehr als einem Jahrhundert in Atem hält.
Sie sprechen von einem "sauberen Krieg", der "humanitären Regeln" folgt. Dies ist eine abscheuliche Täuschung! Die Kriege des dekadenten Kapitalismus kennen keine andere Regel als die der absoluten Vernichtung des Gegners, und das schließt ein, die Untertanen des Gegners mit gnadenlosen Bombenangriffen zu terrorisieren ... Im Krieg wird ein Kräfteverhältnis hergestellt, in dem ALLES erlaubt ist, von der brutalsten Vergewaltigung und Bestrafung der gegnerischen Bevölkerung bis zum wahllosesten Terror gegen die eigenen "Bürger". Russlands Bombardierung der Ukraine steht in einer Reihe mit der Bombardierung des Iraks durch die USA und davor der Bombardierung Vietnams, der Bombardierung ehemaliger Kolonien Frankreichs wie Madagaskar und Algerien, der Bombardierung Dresdens und Hamburgs durch die "demokratischen Alliierten" und der nuklearen Barbarei von Hiroshima und Nagasaki. Die Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts wurden von Methoden der Massenvernichtung begleitet, die von allen Seiten angewandt wurden, auch wenn die demokratische Seite sie oft finsteren Persönlichkeiten in die Schuhe schob und diese die Rolle des Schuldigen spielten.
Sie sprechen von "gerechten Kriegen". Die NATO-Länder, die die Ukraine unterstützten, sagen, es sei ein Kampf für Demokratie gegen Putins Despotismus. Putin sagt, er werde die Ukraine "entnazifizieren". Beide sind offenkundig betrügerisch. Die Seite der "Demokratien" hat Blut an ihren Händen: Blut aus den unzähligen Kriegen, die sie direkt (Vietnam, Jugoslawien, Irak, Afghanistan) oder indirekt (Libyen, Syrien, Jemen ...) angezettelt haben; Blut von den Tausenden von Migranten, die auf See oder an den "heißen Grenzen" in den USA oder in Europa getötet wurden ... Der ukrainische Staat setzt Terror ein, um die ukrainische Sprache und Kultur durchzusetzen; er ermordet Arbeiter allein für das Verbrechen, Russisch zu sprechen; er zwangsrekrutiert jeden jungen Menschen, der auf der Straße erwischt wird; er benutzt die Bevölkerung, auch die in Krankenhäusern, als menschliche Schutzschilde; er setzt Nazi-Banden ein, um die Bevölkerung zu terrorisieren ... Neben Bombardierungen, Vergewaltigungen und Hinrichtungen im Schnellverfahren lässt Putin Tausende von Familien in Konzentrationslager in abgelegenen Gebieten umsiedeln, übt Terror in den "befreiten" Gebieten aus und rekrutiert Ukrainer für die Armee, indem er sie in Stellungen schickt, in denen der Tod sicher ist.
Vor zehntausend Jahren war eines der Mittel zur Auflösung des frühen Kommunismus der Stammeskrieg. Seitdem ist der Krieg unter der Ägide der auf Ausbeutung basierenden Produktionsweise eine der schlimmsten Geißeln. Bestimmte Kriege haben jedoch eine fortschrittliche Rolle gespielt, zum Beispiel bei der Entwicklung des Kapitalismus, der Bildung neuer Nationen, der Ausweitung des Weltmarkts und der Förderung der Entwicklung der Produktivkräfte.
Seit dem Ersten Weltkrieg ist die Welt jedoch vollständig unter den kapitalistischen Mächten aufgeteilt, so dass der einzige Ausweg für jedes nationale Kapital darin besteht, seinen Rivalen Märkte, Einflusssphären und strategische Gebiete abzutrotzen. Dies macht den Krieg und alles, was damit einhergeht (Militarismus, gigantische Anhäufung von Rüstungsgütern, diplomatische Bündnisse), zum Lebensprinzip des Kapitalismus. Eine permanente imperialistische Spannung bestimmt die Welt und zieht alle Nationen, ob groß oder klein, in den Abgrund, unabhängig von ihrer ideologischen Definition, der Ausrichtung ihrer Regierungen, ihrer rassischen Zusammensetzung oder ihrem kulturellen und religiösen Erbe. ALLE NATIONEN SIND IMPERIALISTISCH. Der Mythos von den "friedlichen und neutralen" Nationen ist eine Täuschung: Wenn bestimmte Nationen eine "neutrale" Politik verfolgen, dann nur, um die verschiedenen gegnerischen Lager auszunutzen und sich eine eigene Einflusszone zu schaffen. Im Juni 2022 hat Schweden, ein Land, das seit mehr als 70 Jahren offiziell neutral ist, seinen Beitritt zur NATO erklärt, es hat "keine Ideale verraten", sondern seine imperialistische Politik "mit anderen Mitteln" fortgesetzt.
Der Krieg kann ein Geschäft für die direkt oder indirekt mit ihm verbundenen Wirtschaftszweige sein. Es mag auch ein bestimmtes Land eine Zeit lang begünstigen, aber für den Kapitalismus als Ganzes ist es eine wirtschaftliche Katastrophe, eine irrationale Verschwendung, ein WENIGER, das die Weltproduktion belastet und Verschuldung, Inflation und Umweltzerstörung verursacht, niemals ein MEHR, das die kapitalistische Akkumulation ausweitet.
Als unausweichliche Notwendigkeit für das Überleben einer jeden Nation ist der Krieg eine tödliche wirtschaftliche Belastung. Die UdSSR brach zusammen, weil sie sich dem wahnsinnigen Wettrüsten nicht widersetzen konnte, das die Konfrontation mit den USA mit sich brachte und das letztere mit dem berühmten Einsatz des Kriegs der Sterne in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Die Vereinigten Staaten, die als großer Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen und bis Ende der 1960er Jahre einen spektakulären wirtschaftlichen Aufschwung erlebten, haben ihre Position allmählich eingebüßt, unter anderem aufgrund der gigantischen Kriegsanstrengungen, die sie seit mehr als 80 Jahren unternehmen mussten und der kostspieligen militärischen Operationen, die sie durchführen mussten, um ihren Status als führende Weltmacht zu erhalten.
Der Kapitalismus trägt in seinen Genen die verschärfte Konkurrenz, das ALLE GEGEN ALLE und JEDER FÜR SICH – das trifft auf jeden Kapitalisten, jede Nation zu.
Diese "organische" Tendenz des Kapitalismus trat jedoch in seiner aufstrebenden Periode (19. Jahrhundert) nicht deutlich in Erscheinung, da jedes nationale Kapital noch über genügend Raum für seine Expansion verfügte, ohne mit anderen Konkurrenten in Konflikt geraten zu müssen.
In der Zeit der beiden Weltkriege und des "Kalten Krieges" (1945-89) wurde die Tendenz zur gegenseitigen Zerstörung zwischen den Staaten mit den gigantischen Zerstörungen der beiden Weltkriege und den unzähligen lokalen Kriegen sowie mit der Bedrohung durch einen Atomkrieg, der als Mutually Assured Destruction (MAD, dt. "gegenseitig zugesicherte Zerstörung" oder auch „Gleichgewicht des Schreckens“) bezeichnet wurde, verkörpert. Diese Zerstörung wurde jedoch durch die Struktur von zwei antagonistischen imperialistischen Blöcken "organisiert", die die Unterordnung aller Länder unter die jeweiligen Blockführer (USA und UdSSR) erzwangen.
Seit 1989, mit dem Ende dieser brutalen Disziplin, haben zentrifugale Tendenzen eine Welt des mörderischen Chaos geformt, in der Imperialismen mit globalen Ambitionen, Imperialismen mit regionalen Ansprüchen und eher lokale Imperialismen alle danach streben, ihren drängenden Begierden freien Lauf zu lassen. In diesem Szenario versuchen die Vereinigten Staaten zu verhindern, dass sie von irgendjemandem in den Schatten gestellt werden, indem sie ihre überwältigende militärische Macht unerbittlich einsetzen, sie unermüdlich ausbauen und ständig schwer destabilisierende Militäroperationen durchführen. Die 1990 nach dem Ende der UdSSR versprochene "Neue Weltordnung" des Friedens und des Wohlstands wurde sofort durch den Golfkrieg (1991) und dann durch die Kriege im Nahen Osten, im Irak und in Afghanistan widerlegt, die die kriegerischen Tendenzen derart anheizten, dass der "demokratischste Imperialismus der Welt", die USA, der erste Akteur ist, der das Chaos verbreitet.
China hat sich zu einem Anwärter auf die Ablösung der US-Führung entwickelt. Seine Armee ist trotz ihrer Modernisierung weit von der Stärke und Erfahrung des amerikanischen Rivalen entfernt; seine "Kriegstechnologie", die Grundlage für eine wirksame Bewaffnung und Kriegseinsätze, ist immer noch begrenzt und zerbrechlich, weit entfernt von der Macht der USA; China ist im Pazifik von einer Kette feindlicher Mächte umgeben (Japan, Südkorea, Taiwan, Australien usw.), was seine maritime imperialistische Expansion blockiert. Angesichts dieser ungünstigen Situation hat China ein gigantisches ökonomisch-imperialistisches Unternehmen mit der Bezeichnung Seidenstraße in Angriff genommen, das auf eine globale Etablierung und eine territoriale Ausdehnung durch Zentralasien in einer der am meisten destabilisierten Regionen der Welt abzielt. Dies ist ein Projekt mit sehr ungewissem Ausgang, das eine umfassende und unermessliche wirtschaftliche und militärische Investition und eine politisch-soziale Mobilisierung erfordert, welche seine Führungsmöglichkeiten überfordert, die vor allem auf der politischen Rigidität seines Staatsapparats beruhen, einem schweren Erbe des stalinistischen Maoismus: dem systematischen und brutalen Einsatz seiner Repressionskräfte, dem Zwang und der Unterwerfung unter einen gigantischen ultra-bürokratisierten Staatsapparat, wie man an den zunehmenden Protesten angesichts der Regierungspolitik der "Null-Covid" sehen kann. Diese abwegige Ausrichtung und die Anhäufung von Widersprüchen, die seine Entwicklung tiefgreifend untergraben, könnten den tönernen Koloss China schließlich erschüttern. Ebenso wie die brutale und bedrohliche Reaktion der USA den Grad an mörderischem Wahnsinn, an blinder Flucht in Barbarei und Militarismus (einschließlich der zunehmenden Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens) veranschaulicht, den der Kapitalismus als Symptome eines weit verbreiteten Krebsgeschwürs erreicht hat, das die Welt zerfrisst und nunmehr die Zukunft der Erde und das Leben der Menschheit direkt bedroht.
Der Krieg in der Ukraine ist kein Sturm im Wasserglas; er folgt auf die schlimmste Pandemie des 21. Jahrhunderts, COVID, mit mehr als 15 Millionen Toten, deren Verwüstungen mit den drakonischen Einschränkungen in China weitergehen. Doch beide sind Teil einer Kette von Katastrophen, die die Menschheit heimsuchen, und treiben diese auch an: ökologische Zerstörung, Hungersnöte, die mit Gewalt in Afrika, Asien und Mittelamerika einhergehen, die unglaubliche Flüchtlingswelle, die 2021 eine noch nie dagewesene Zahl von 100 Millionen Menschen erreichte, das politische Chaos, das zentrale Länder erfasst, wie wir sie bei den Regierungen in Großbritannien oder beim Populismus in den Vereinigten Staaten oder dem Aufstieg der dunkelsten Verschwörungstheorien sehen.
Die Pandemie hat die Widersprüche offengelegt, die den Kapitalismus untergraben. Ein Sozialsystem, das sich beeindruckender wissenschaftlicher Fortschritte rühmt, greift auf die mittelalterliche Methode der Quarantäne zurück, während sein Gesundheitssystem zusammenbricht und seine Wirtschaft fast zwei Jahre lang lahmgelegt werden muss, was die Wirtschaftskrise noch verschärft. Eine Gesellschaftsordnung, die behauptet, den Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben zu haben, bringt die absurdesten und irrationalsten Ideologien hervor, die rund um die Pandemie mit lächerlichen Verschwörungstheorien explodiert sind, viele davon aus dem Munde der "großen Weltführer".
Die Pandemie hat eine direkte Ursache in der ökologischen Katastrophe, die die Menschheit seit Jahren bedroht. Der Kapitalismus, der vom Profit und nicht von der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse angetrieben wird, ist ein Raubtier an den natürlichen Ressourcen ebenso wie der menschlichen Arbeitskraft, aber gleichzeitig neigt er dazu, die natürlichen Gleichgewichte und Prozesse zu zerstören, indem er sie wie ein Zauberlehrling auf chaotische Weise verändert und alle möglichen Katastrophen mit zunehmend zerstörerischen Folgen verursacht: globale Erwärmung, Dürren, Überschwemmungen, Brände, Schmelzen von Gletschern und Eisbergen, massives Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten mit unvorhersehbaren Folgen und Vorboten des Aussterbens der menschlichen Spezies, zu dem der Kapitalismus führt. Die ökologische Katastrophe wird durch die Notwendigkeiten des Krieges, durch die Kriegseinsätze selbst (der Einsatz von Atomwaffen ist ein offensichtlicher Ausdruck davon) und durch die Zuspitzung der Krise verschärft, die jedes nationale Kapital dazu zwingt, auf der verzweifelten Suche nach Rohstoffen zahlreiche Gebiete weiter zu verwüsten. Der Sommer 2022 ist ein deutliches Beispiel für die schwerwiegenden Bedrohungen, denen die Menschheit im ökologischen Bereich ausgesetzt ist: steigende Temperaturen - der heißeste Sommer seit 1961 -, weit verbreitete Dürren, die Flüsse wie den Rhein, den Po oder die Themse betreffen, verheerende Waldbrände, Überschwemmungen wie die in Pakistan, die ein Drittel der Landesfläche in Mitleidenschaft ziehen - und inmitten dieses Panoramas ziehen die Regierungen ihre lächerlichen Umweltschutzmaßnahmen im Namen der Kriegsanstrengungen zurück!
"Das Endresultat der kapitalistischen Produktionsweise ist das Chaos", sagte der erste Kongress der Kommunistischen Internationale 1919. Es ist selbstmörderisch und irrational und widerspricht allen wissenschaftlichen Kriterien, zu glauben, dass all diese Verwüstungen nur eine Summe von vorübergehenden Phänomenen sind, die jeweils durch spezifische Ursachen bestimmt werden. Es gibt einen eisernen Zusammenhang, einen blutigen roten Faden, der sie miteinander verbindet und sie zu einem tödlichen Wirbelsturm zusammenführt, der die Menschheit bedroht:
- Wir sind Zeugen einer Beschleunigung der Widersprüche des Kapitalismus, die sich miteinander verbinden und eine Vervielfachung der Faktoren von Zerstörung und Chaos hervorrufen;
- die Wirtschaft befindet sich nicht nur in einer Krise, sondern auch in einem zunehmenden Chaos (ständige Versorgungsblockaden, Überproduktion und Mangel an Waren und Arbeitskräften);
- die am stärksten industrialisierten Länder, die eigentlich Oasen des Wohlstands und des Friedens sein sollten, werden destabilisiert und werden selbst zu Faktoren der internationalen Instabilität.
Wie wir im Manifest unseres 9. Kongresses (1991) sagten: "Nie zuvor hatte es so viele Gemetzel von dem Ausmaß gegeben wie während der beiden letzten Weltkriege. Nie zuvor war der Fortschritt der Wissenschaft in solch einem Masse für Zerstörungen, für Massaker eingesetzt worden. Nie zuvor hatte solch eine Anhäufung von Reichtümern solch eine Reihe von Hungersnöten und Leiden hervorgerufen wie die, die seit Jahrzehnten in den Ländern der 3. Welt zu verzeichnen sind. Aber scheinbar hat die Menschheit noch nicht das Schlimmste hinter sich. Denn die Dekadenz des Kapitalismus bedeutet auch Todeskampf dieses Systems. Dieser Todeskampf selber hat eine Geschichte: Heute sind wir in seine Endphase eingetreten, die des allgemeinen Zerfalls der Gesellschaft, ihres Verfaulens.“
Von allen Klassen in der Gesellschaft ist das Proletariat am stärksten vom Krieg betroffen. Der "moderne" Krieg basiert auf einer gigantischen industriellen Maschine, die die mehrfach verstärkte Ausbeutung des Proletariats erfordert.
Das Proletariat ist eine internationale Klasse, die kein Vaterland hat, aber der Krieg besteht darin, dass sich die Arbeiter um des Vaterlandes willen, das sie ausbeutet und unterdrückt, gegenseitig umbringen.
Als Klasse, die nicht nach einer neuen Form der Ausbeutung strebt, sondern nach der Abschaffung aller Ausbeutung, und die kein besonderes Interesse hat, ist das Proletariat die Klasse des Bewusstseins; der Krieg hingegen ist die irrationale Konfrontation, das Ende jeglichen freien Denkens.
Das Interesse des Proletariats besteht darin, nach der klarsten Wahrheit zu suchen; in Kriegen ist das erste Opfer die Wahrheit.
Das Proletariat ist die Klasse der Einheit über die Grenzen von Sprache, Religion, Rasse oder Nationalität hinweg; Krieg ist Spaltung und tödliche Konfrontation, die durch Sprache, Religion, Rasse oder Nationalität zerrissen wird.
Die wichtigste Stärke des Proletariats ist die Solidarität, die durch den Krieg, der die Vernichtung aller Menschen zur einzigen Tätigkeit macht, weggefegt wird.
Das Proletariat ist die Klasse des gegenseitigen Vertrauens, der Krieg verlangt Misstrauen, Angst vor dem "Fremden", den abartigsten Hass.
Da der Krieg die tiefste Faser des proletarischen Wesens angreift, erfordert der generalisierte Krieg die vorherige Niederlage des Proletariats. Der erste Weltkrieg war möglich, weil die damaligen Parteien der Arbeiterklasse, die sozialistischen Parteien, zusammen mit den Gewerkschaften unsere Klasse verrieten und sich mit ihren Bourgeoisien im Rahmen der NATIONALEN UNION gegen den Feind verbündeten.
Doch dieser Verrat vermochte die proletarische Antwort nicht zu unterdrücken. 1915 versammelte sich die Linke der Sozialdemokratie in Zimmerwald und zeigte das Banner des Kampfes für die Weltrevolution. Dies trug zur Entstehung von Massenkämpfen bei, die den Weg für die Revolution in Russland 1917 und die weltweite Welle von 1917-23 ebneten. Eine bleibende Lektion von 1917-18! Der Erste Weltkrieg wurde nicht durch diplomatische Verhandlungen oder durch die Eroberungen dieses oder jenes Imperialismus beendet, er wurde durch den internationalen revolutionären Aufstand des Proletariats beendet. Nur das Proletariat kann der Kriegsbarbarei ein Ende setzen, indem es seinen Klassenkampf auf die Zerstörung des Kapitalismus richtet.
Um den Weg zum Zweiten Weltkrieg zu eröffnen, sorgte die Bourgeoisie nicht nur für die physische, sondern auch für die ideologische Niederlage des Proletariats. Das Proletariat war überall dort gnadenlosem Terror ausgesetzt, wo seine revolutionären Versuche am weitesten gegangen waren: in Deutschland unter dem Nationalsozialismus, in Russland unter dem Stalinismus. Gleichzeitig wurde es aber auch ideologisch umworben, indem man die Fahnen des Antifaschismus und der Verteidigung des "sozialistischen Vaterlandes", der UdSSR, schwang.
„Es wurde im Gegenteil, an Händen und Füssen gefesselt, von „Sieg zu Sieg“ in den zweiten imperialistischen Krieg geführt, der ihm im Gegensatz zum ersten nicht erlauben sollte, auf revolutionäre Weise in den Vordergrund zu treten, sondern zu seiner Integration in die „siegreichen Bewegungen“ der „Résistance“, des „Antifaschismus oder der kolonialen und nationalen „Befreiung“ geführt hat.“ (Manifest des ersten Internationalen Kongresses der IKS 1975).
Seit der historischen Wiederaufnahme des Klassenkampfes im Jahr 1968 und während der gesamten Periode, in der die Welt in zwei imperialistische Blöcke geteilt war, hat die Arbeiterklasse in den wichtigsten Ländern die vom Krieg geforderten Opfer abgelehnt, und erst recht, an die Front zu gehen, um für das Vaterland zu sterben, was die Tür zu einem Dritten Weltkrieg geschlossen hat. Und daran hat sich seit 1989 nichts geändert.
Die "Nicht-Mobilisierung" des Proletariats in den Kernländern für den Krieg ist jedoch NICHT ausreichend. Aus der historischen Entwicklung seit 1989 lässt sich eine zweite Lehre ziehen: Weder die einfache Weigerung, sich an Kriegsoperationen zu beteiligen, noch ein einfacher Widerstand gegen die kapitalistische BARBAREI reichen aus. EIN VERHARREN IN DIESEM STADIUM WIRD DEN KURS AUF DIE ZERSTÖRUNG DER MENSCHHEIT NICHT AUFHALTEN.
Das Proletariat muss sich auf das politische Terrain der allgemeinen internationalen Offensive gegen den Kapitalismus begeben. „ Nur...
... wird es dem Proletariat ermöglichen, den Angriffen des Kapitalismus jeweils entgegenzutreten, um letztendlich in die Offensive überzugehen und dieses barbarische System niederzureißen.“ (Thesen zum Zerfall [9], These 17)
Der Hintergrund für die Anhäufung von Zerstörung, Barbarei und Katastrophen, die wir anprangern, ist die unumkehrbare Wirtschaftskrise des Kapitalismus, die die Grundlage für sein gesamtes Funktionieren bildet. Seit 1967 ist der Kapitalismus in eine Wirtschaftskrise geraten, aus der er sich auch 50 Jahre später nicht befreien kann, im Gegenteil, wie die wirtschaftlichen Erschütterungen seit 2018 und die lähmende Eskalation der Inflation zeigen, verschlimmert sie sich erheblich, mit ihren Folgen von Elend, Arbeitslosigkeit, Prekarität und Hungersnot.
Die kapitalistische Krise berührt die Grundfesten dieser Gesellschaft. Inflation, Prekarität, Arbeitslosigkeit, höllische Arbeitsrhythmen und Arbeitsbedingungen, die die Gesundheit der ArbeiterInnen zerstören, unbezahlbarer Wohnraum zeugen von einer unaufhaltsamen Verschlechterung des Lebens der Arbeiterklasse, und obwohl die Bourgeoisie versucht, alle erdenklichen Spaltungen zu schaffen, indem sie bestimmten Kategorien von ArbeiterInnen "privilegiertere" Bedingungen zugesteht, sehen wir im Ganzen einerseits, was möglicherweise die schwerste Krise in der Geschichte des Kapitalismus sein wird, und andererseits die konkrete Realität der absoluten Verelendung der Arbeiterklasse in den zentralen Ländern, jene Ankündigung, die Marx für die historische Perspektive des Kapitalismus gemacht hat und über die sich die Ökonomen und andere Ideologen der Bourgeoisie so sehr mokiert haben.
Die unaufhaltsame Verschärfung der Krise des Kapitalismus ist ein wesentlicher Anreiz für den Kampf und das Klassenbewusstsein. Der Kampf gegen die Auswirkungen der Krise ist die Grundlage für die Entwicklung ihrer Stärke und Einheit. Die Wirtschaftskrise wirkt sich direkt auf die Infrastruktur der Gesellschaft aus; daher legt sie die Ursachen der gesamten Barbarei, die über der Gesellschaft hängt, offen und ermöglicht es dem Proletariat, sich der Notwendigkeit einer radikalen Veränderung des Systems bewusst zu werden und nicht mehr so zu tun, als ob man einige Aspekte des Systems verbessern könnte.
Im Kampf gegen die brutalen Angriffe des Kapitalismus und insbesondere gegen die Inflation, die die ArbeiterInnen in ihrer Gesamtheit allgemein und wahllos trifft, werden sie ihre Kampfbereitschaft entwickeln, sie werden beginnen können, sich als eine Klasse zu erkennen, die eine Kraft, eine Autonomie und eine historische Rolle in der Gesellschaft zu spielen hat. Diese politische Entwicklung des Klassenkampfes wird die Arbeiterklasse in die Lage versetzen, den Krieg zu beenden, indem sie dem Kapitalismus ein Ende setzt.
Diese Perspektive zeichnet sich allmählich ab: "Angesichts der Angriffe der Bourgeoisie, zeigt die Arbeiterklasse in Großbritannien, dass sie wieder bereit ist, für ihre Würde zu kämpfen und die Opfer abzulehnen, die ihr das Kapital immer wieder auferlegt. Und wieder einmal spiegelt sie am deutlichsten die internationale Dynamik wider: Letzten Winter brachen in Spanien und den USA Streiks aus; diesen Sommer kam es auch in Deutschland und Belgien zu Arbeitsniederlegungen; für die kommenden Monate sagen alle Kommentatoren eine "explosive soziale Situation" in Frankreich und Italien voraus. Es ist unmöglich vorherzusagen, wo und wann sich die Kampfbereitschaft in naher Zukunft wieder massiv manifestieren wird, aber eines ist sicher: Das Ausmaß der derzeitigen Mobilisierungen der Arbeiterklasse in Grossbritannien stellt eine wichtige historische Tatsache dar. Es ist vorbei mit der Passivität, mit der Unterwerfung. Die neue Generation von Arbeitern und Arbeiterinnen erwacht." (IKS, Internationales Flugblatt, Sommer des Zorns in Großbritannien: Die Bourgeoisie erzwingt neue Opfer. Die Arbeiterklasse antwortet mit Streiks [155], August 2022)
Wir erleben einen Bruch mit der früheren Passivität und Orientierungslosigkeit. Die Rückkehr der Kampfbereitschaft als Reaktion auf die Krise kann zu einem Bewusstseinsschwerpunkt werden, der durch die Intervention kommunistischer Organisationen belebt wird. Es ist klar, dass jede Beschleunigung des Zerfalls die kämpferischen Bemühungen der ArbeiterInnen verlangsamt: die Bewegung in Frankreich 2019 wurde durch den Ausbruch der Pandemie geschwächt; die Kämpfe des Winters 2021 wurden durch den Krieg in der Ukraine unterbrochen, usw. Dies bedeutet eine zusätzliche Schwierigkeit für die Entwicklung der Kämpfe. Aber es gibt keinen anderen Weg als den Kampf, der Kampf selbst ist der erste Sieg.
Das Weltproletariat behält selbst in einem zwangsläufig schwierigen Prozess, der von den politischen und gewerkschaftlichen Apparaten seines Klassenfeindes mit Hindernissen und Fallen gespickt wird und bittere Niederlagen mit sich bringt, seine Fähigkeiten intakt, um seine Klassenidentität wiederzufinden und endlich eine internationale Offensive gegen dieses sterbende System zu starten.
Die zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts werden daher für die historische Entwicklung von großer Bedeutung sein. Sie werden – wie wir bereits seit 2020 gesehen haben – deutlicher als in der Vergangenheit die Perspektive der Zerstörung der Menschheit aufzeigen, die der kapitalistische Zerfall in sich birgt. Am anderen Pol wird das Proletariat beginnen, die ersten Schritte zu machen, oft zögerlich und voller Schwächen, in Richtung seiner historischen Fähigkeit, die kommunistische Perspektive zu erheben. Wir stehen vor den beiden Polen der Perspektive, die Zerstörung der Menschheit oder die kommunistische Revolution, obwohl letztere noch weit entfernt ist und auf enorme Hindernisse stößt.
Es ist selbstmörderisch für das Proletariat, sich vor den gigantischen Hindernissen zu verstecken oder sie zu unterschätzen, die sowohl von den Aktionen des Kapitals und seiner Staaten als auch von der Situation der Fäulnis selbst ausgehen, die die soziale Atmosphäre in der ganzen Welt vergiftet:
1) Die Bourgeoisie hat die Lehren aus dem großen Schrecken gezogen, den ihr der anfängliche Triumph der Revolution in Russland und die weltweite Welle von 1917-23 beschert haben, sie konnte "in der Praxis" beweisen, was das Kommunistische Manifest 1848 ankündigte: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Die Bourgeoisie hat mit dem Proletariat „ihre eigenen Totengräber“ geschaffen.
a. Sie arbeitet international zusammen gegen das Proletariat, wie man angesichts der Revolution in Russland 19171 und in Deutschland 1918 oder angesichts des Massenstreiks in Polen 1980 gesehen hat.[2]
b. Sie hat einen gigantischen Apparat zur Kontrolle, Ablenkung und Sabotage der Arbeiterkämpfe entwickelt, der von den Gewerkschaften und den Parteien aller Couleur, von der extremen Rechten bis zur extremen Linken, gebildet wird.
c. Sie nutzt alle Instrumente ihres Staates und der Massenmedien, um ständige ideologische Kampagnen zu führen und politische Manöver zu artikulieren, die das proletarische Bewusstsein und den proletarischen Kampf stören.
2) Der Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft verschärft den Mangel an Vertrauen in die Zukunft und des Proletariats in sich selbst, das "Jeder für sich", die soziale Zersplitterung in gegensätzliche Kategorien, der Korporatismus, sind erhebliche Hindernisse für die Entwicklung der Arbeiterkämpfe und vor allem für ihre revolutionäre Politisierung.
3) In diesem Zusammenhang besteht die Gefahr, dass das Proletariat in klassenübergreifende Kämpfe oder in Bewegungen hineingezogen wird, die es auf ein bürgerliches Terrain zerren, wie Feminismus, Antirassismus usw.
4) „In der Tat muß man verdeutlichen, daß heute die Zeit im Gegensatz zu den siebziger Jahren nicht mehr zugunsten der Arbeiterklasse arbeitet. Solange die Gefahr der Zerstörung der Gesellschaft nur durch den imperialistischen Krieg ausging, reichte die bloße Tatsache, daß die Kämpfe des Proletariats in der Lage waren, sich als entscheidende Barriere gegen eine solche "Lösung" zu behaupten, aus, um den Weg zu dieser Zerstörung zu versperren. Doch im Gegensatz zum imperialistischen Krieg, der für seine Entfesselung das Bekenntnis der Arbeiterklasse zu den Idealen der Bourgeoisie erfordert, benötigt der Zerfall keineswegs die Mobilisierung der Arbeiterklasse, um die Menschheit zu zerstören. So wie sie nicht dem wirtschaftlichen Zusammenbruch trotzen können, so sind die Kämpfe des Proletariats in diesem System auch nicht in der Lage, den Zerfall zu bremsen. Daher ist, selbst wenn die Gefahr, die der Zerfall für das Leben der Gesellschaft darstellt, viel langfristiger erscheint als jene, die von einem Weltkrieg ausgeht (falls die Bedingungen dafür existieren, was heute nicht der Fall ist), diese Gefahr umso heimtückischer.“ (Thesen zum Zerfall, These 16).
Dieses Ausmaß an Gefahren sollte uns nicht in Fatalismus verfallen lassen. Die Stärke des Proletariats ist das Bewusstsein seiner Schwächen, seiner Schwierigkeiten, der Hindernisse, die der Feind oder die Situation selbst gegen seinen Kampf errichten. „Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen Hic Rhodus, hic salta!“ (Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, Band 8, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, S. 115-123, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1972)
In ernsten historischen Situationen wie den großen Kriegen wie in der Ukraine kann das Proletariat erkennen, wer seine Freunde und wer seine Feinde sind. Feinde sind nicht nur die großen Führer wie Putin, Selenski oder Biden, sondern auch die Parteien der extremen Rechten, der Rechten, der Linken und der extremen Linken, die mit den unterschiedlichsten Argumenten, einschließlich Pazifismus, den Krieg unterstützen und rechtfertigen.
Seit mehr als einem Jahrhundert hat nur die Kommunistische Linke systematisch und konsequent den imperialistischen Krieg verurteilt und die Alternative des Klassenkampfes des Proletariats, seine Ausrichtung auf die Zerstörung des Kapitalismus durch die proletarische Weltrevolution verteidigt.
Der Kampf des Proletariats beschränkt sich nicht nur auf seine Verteidigungskämpfe oder Massenstreiks. Ein unverzichtbarer, ständiger und untrennbarer Bestandteil davon ist der Kampf ihrer kommunistischen Organisationen und konkret, seit einem Jahrhundert, der Kommunistischen Linken. Die Einheit aller Gruppen der Kommunistischen Linken ist angesichts der kapitalistischen Dynamik der Zerstörung der Menschheit unerlässlich. Wie wir im Manifest unseres ersten Kongresses (1975) sagten: „Dem Monolithismus der Sekten den Rücken zuwendend, ruft die Internationale Kommunistische Strömung die Kommunisten aller Länder auf, sich der ungeheuren Verantwortung bewusst zu werden, die die ihre ist, die künstlichen Streitigkeiten aufzugeben, die sie entzweien, die künstlichen Spaltungen zu überwinden, die die alte Gesellschaft ihnen aufgebürdet hat. Die IKS ruft sie auf, sich um diese Aufgabe zusammenzuschließen um vor Beginn der entscheidenden Kämpfe die internationale, vereinte Organisation der Avantgarde zu bilden. Als bewussteste Fraktion der Klasse sind es sich die Kommunisten schuldig, ihr den Weg zu zeigen, indem sie sich die Losung "REVOLUTIONÄRE ALLER LÄNDER, VEREINIGT EUCH" zu eigen machen.“
IKS, Dezember 2022
[1] Angesichts des revolutionären Versuchs in Deutschland im Jahr 1918 erklärte sich der Sozialdemokrat Noske bereit, die Rolle des "Bluthunds" der Konterrevolution zu übernehmen.
[2] Die vereinigten Armeen der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Japans arbeiteten ab April 1918 mit den Überresten der ehemaligen zaristischen Armee in einem schrecklichen Bürgerkrieg zusammen, der 6 Millionen Menschen das Leben kostete.
a) die allgemeinen Analysen und Orientierungen der Organisation zu erarbeiten, insbesondere im Hinblick auf die internationale Lage;
b) die Aktivitäten der Organisation seit dem letzten Kongress zu überprüfen und zu bilanzieren;
c) ihre Orientierungen für die Zukunft festzulegen.
Revolutionäre Organisationen existieren jedoch nicht um ihrer selbst willen. Sie sind sowohl Ausdruck des historischen Kampfes des Proletariats als auch der entschlossenste Teil dieses Kampfes. Es ist die Arbeiterklasse, die den Revolutionären ihre Organisationen anvertraut, damit sie ihre Aufgabe wahrnehmen können und ein aktiver Faktor in der Entwicklung des proletarischen Bewusstseins und des proletarischen Kampfes zur Revolution sind.
Es die Aufgabe der revolutionären Organisationen, der Arbeiterklasse im Gesamten Rechenschaft über ihre Arbeit abzulegen. Durch die Veröffentlichung eines großen Teils der Dokumente, die auf unserem letzten Kongress verabschiedet wurden, nimmt die vorliegende Ausgabe unserer Internationalen Revue diese Aufgabe wahr. Die Hauptaufgabe des 25. Kongresses bestand darin, den Ernst der historischen Situation zu verstehen.
Wie im Bericht über den Klassenkampf dargelegt, werden in den 2020er Jahren mit Covid 19, dem Krieg in der Ukraine und der weltweiten Zunahme der Kriegswirtschaft, der Wirtschaftskrise mit ihrer verheerenden Inflation, mit der globalen Erwärmung und der Verwüstung der Natur, mit der Zunahme des Jeder-für-sich, des Irrationalismus und des Obskurantismus, dem Zerfall des gesamten sozialen Gefüges nicht nur verheerende Dynamiken addiert. Alle diese Dynamiken treffen zusammen und verstärken sich in einer Art "Strudel-Effekt". Diese katastrophale Dynamik des Kapitalismus bedeutet somit weit mehr als eine Verschärfung der internationalen Situation. Sie stellt schlicht das Überleben der Menschheit selbst in Frage.
Der 25. Internationale Kongress verabschiedete als ersten Bericht die Aktualisierung der Thesen über den Zerfall (2023).
Die IKS hatte im Mai 1990 die Thesen mit dem Titel Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus verabschiedet, die unsere Analyse der Weltlage rund um den Zusammenbruch des imperialistischen Ostblocks Ende 1989 und danach darstellten. Der Kerngedanke dieser Thesen war, dass die Dekadenz der kapitalistischen Produktionsweise, die mit dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte, in eine neue Phase eingetreten war, die vom allgemeinen Zerfall der Gesellschaft beherrscht wird. 27 Jahre später, auf ihrem 22. Kongress im Jahr 2017, hatte unsere Organisation es für notwendig erachtet, eine erste Aktualisierung dieser Thesen vorzunehmen, indem sie den Bericht über den Zerfall heute (Mai 2017) annahm. Dieser Text machte deutlich, dass sich nicht nur die 1990 angenommene Analyse weitgehend bestätigt hatte, sondern dass bestimmte Aspekte eine neue Bedeutung erlangt hatten: die Explosion der Flüchtlingsströme, die vor Kriegen, Hunger und Verfolgung flohen, der Anstieg des fremdenfeindlichen Populismus, der sich zunehmend auf das politische Leben der herrschenden Klasse auswirkte, usw.
Heute, nur sechs Jahre später, hielt es die IKS für notwendig, die Texte von 1990 und 2017 erneut zu aktualisieren. Warum so schnell? Weil wir heute eine dramatische Verstärkung der Auswirkungen dieses allgemeinen Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft erleben.
Angesichts der unübersehbaren Realität ist selbst die herrschende Klasse gezwungen, diesen schwindelerregenden Sturz des Kapitalismus ins Chaos anzuerkennen. So zitiert unser Bericht auch Texte, die für die politischen und wirtschaftlichen Führer der kapitalistischen Welt bestimmt sind, wie den Global Risks Report (GRR), der auf den Analysen einer Vielzahl von sog. "Experten" beruht und jedes Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos vorgestellt wird. Die IKS führt hier eine Methode der Arbeiterbewegung fort, sich auf die Arbeit der Experten der herrschenden Klasse zu stützen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um jene Statistiken und Fakten hervorzuheben, die die Realität der kapitalistischen Welt offenbaren.
Die gleiche Methode findet sich auch in marxistischen Klassikern wie Engels' Die Lage der arbeitenden Klasse in England oder Marx' Das Kapital. Im Global Risks Report heißt es: "Die ersten Jahre dieses Jahrzehnts kündigten eine besonders unruhige Periode in der menschlichen Geschichte an. ... COVID-19 ... Krieg in der Ukraine ... Nahrungsmittel- und Energiekrisen ... Inflation ... geopolitische Auseinandersetzungen und das Gespenst eines Atomkriegs ... unhaltbare Schuldenniveaus ... Rückgang der menschlichen Entwicklung ... alle diese Elemente kommen zusammen, um ein einzigartiges, unsicheres und unruhiges Jahrzehnt zu gestalten."
Die grossen Experten der Bourgeoisie legen hier den Finger auf eine Dynamik, die sie grundsätzlich nicht verstehen können. Ja, in der Tat: "Alle diese Elemente kommen zusammen, um ein einzigartiges, unsicheres und unruhiges Jahrzehnt zu gestalten." Sie bezeichnen diese Dynamik übrigens als "Polykrisen", als ob es sich um verschiedene Krisen handeln würde, die sich nur addieren. In Wirklichkeit - und nur unsere Thesen über den Zerfall machen es möglich, dies zu verstehen - verbirgt sich hinter dieser Explosion schlimmster Ausdrücke des Kapitalismus ein und dieselbe Dynamik: die Fäulnis dieses dekadenten Systems. Die kapitalistische Produktionsweise hat keine Perspektive mehr zu bieten, und da das Proletariat bis heute nicht in der Lage ist, seine revolutionäre Aufgabe zu verwirklichen, taucht die gesamte Menschheit ins No Future und seine Folgen ein: Irrationalität, Abschottung, Atomisierung... In dieser Perspektivlosigkeit liegen die tiefsten Wurzeln der Zersetzung der Gesellschaft in all ihren Aspekten.
Selbst im proletarischen Lager gibt es eine Tendenz, für jede der katastrophalen Erscheinungen der gegenwärtigen Geschichte eine spezifische und isolierte Ursache zu finden und den Zusammenhang der gesamten Dynamik nicht zu sehen. Die Gefahr ist dann so groß, dass man:
- durch die sich überschlagenden Ereignisse verwirrt, verloren und hin und her geworfen wird;
- sich auf einen einzigen Aspekt zu konzentrieren, egal wie spektakulär und verheerend er ist (wie z.B. der Krieg in der Ukraine), und dann in eine Art unmittelbaren Katastrophismus gleitet ("Schnell, wir müssen unbedingt handeln, weil der dritte Weltkrieg ausbricht");
- die Gefahr unterschätzt und nicht versteht, dass die gesamte Dynamik wie ein Getriebe ist, in dem alle Rädchen, alle Krisen und alle Faktoren ineinandergreifen, sich gegenseitig antreiben, beeinflussen und sich vervielfachen.
Wir müssen uns mit der Gefahr, den historischen Zerfall zu unterschätzen, beschäftigen. Auf den ersten Blick meint man, wenn man den Ausbruch eines dritten Weltkriegs ankündigt, damit das Schlimmste vorauszusehen. In Wirklichkeit - und der Krieg in der Ukraine bestätigt dies erneut - ist der tatsächliche Prozess, der zu allgemeiner Barbarei und sogar zur Vernichtung der Menschheit führen kann, eine Kombination von Faktoren: Ein Krieg, der sich durch eine Vervielfachung der Konflikte (Naher und Mittlerer Osten, Balkan, Osteuropa etc.) auszeichnet und immer unberechenbarer und irrationaler wird; das sich erwärmende Klima mit seinen Katastrophen; ein Gangstertum und No Future-Denken; Konflikte und Auswirkungen, die immer größere Teile der Weltbevölkerung befallen, ... Dieser Prozess der Fäulnis ist umso gefährlicher, da er immer undurchschaubarer und hinterhältiger wird und sich allmählich in jede Pore der Gesellschaft einschleicht.
Unter diesen verschiedenen Ausdrucksformen, die den Zerfall nähren und beschleunigen, ist der Krieg (und die allgemeine Entwicklung des Militarismus) als gewollter und bewusster Akt der herrschenden Klasse, der zentrale Faktor für die Beschleunigung des Zerfalls. Aus diesem Grund stand der Bericht über die imperialistische Situation auf unserem Kongress an zweiter Stelle der Tagesordnung: "In der Phase des Zerfalls wird vor allem einer der verhängnisvollsten Aspekte des Krieges in der Dekadenz hervorgehoben: seine Irrationalität. Mit dem Beginn dieser Phase werden die Auswirkungen des Militarismus immer unvorhersehbarer und katastrophaler. Unsere Vulgärmaterialisten verstehen diesen Aspekt nicht und wenden ein, dass Kriege immer eine wirtschaftliche Motivation und damit eine Rationalität haben. Sie übersehen, dass die heutigen Kriege im Grunde nicht wirtschaftlich, sondern geostrategisch motiviert sind, und selbst dann erreichen sie nicht mehr ihre ursprünglichen Ziele, sondern führen zum gegenteiligen Ergebnis. (...) Der Krieg in der Ukraine ist eine beispielhafte Bestätigung dafür: Unabhängig von den geostrategischen Zielen des russischen oder amerikanischen Imperialismus wird das Ergebnis ein Land in Trümmern (Ukraine), ein wirtschaftlich und militärisch ruiniertes Land (Russland), eine noch angespanntere und chaotischere imperialistische Situation von Europa bis Zentralasien und Millionen von Flüchtlingen in Europa sein."
In der Organisation gibt es einige Genossen, die mit dieser Analyse der gegenwärtigen imperialistischen Dynamik deutlich nicht einverstanden sind. Für sie konkretisiert der Krieg in der Ukraine nicht nur eine Tendenz zur Bi-Polarisierung der Welt. Rund um China auf der einen und die USA auf der anderen Seite würden sich zwei immer klarer definierte Lager herausbilden, zwei Lager, die sich letztendlich zu Blöcken formieren und in einem dritten Weltkrieg gegeneinander antreten könnten. Der Kongress war eine Gelegenheit ihnen erneut zu antworten: "Die Folgen des Konflikts in der Ukraine führen nicht zu einer "Rationalisierung" der Spannungen durch eine "bipolare" Ausrichtung der Imperialismen hinter zwei dominanten "Paten", sondern im Gegenteil zur Explosion einer Vielzahl von imperialistischen Ambitionen, die sich nicht auf die Ambitionen der großen Imperialismen (die im nächsten Abschnitt untersucht werden) oder auf Osteuropa und Zentralasien beschränken, wodurch der chaotische und irrationale Charakter der Konfrontationen noch verstärkt wird."
Um ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die Gesamtheit der Gefahren zu erkennen welche die Menschheit und insbesondere der Arbeiterklasse schweben, müssen Revolutionäre den Zusammenhang der Gesamtsituation und den tatsächlichen Ernst der Lage verstehen. Unser Bericht zeigt, dass nur die marxistische Methode und ihr Materialismus ein solches Verständnis ermöglichen. Es bedarf eines Materialismus, der nicht vulgär ist, eines dialektischen und historischen Materialismus, der in der Lage ist, alle Faktoren in ihrer Beziehung und Bewegung zu erfassen, eines Materialismus, der die Kraft des Denkens in seiner Beziehung und seinem Einfluss auf die gesamte materielle Welt einbezieht, denn das Denken ist eine der treibenden Kräfte der Geschichte. Unser Bericht hebt vier zentrale Punkte hervor, die Teile dieser Methode sind:
Auf die 1989/90 eröffnete historische Situation angewandt, können wir sagen: Es existierten in dieser historischen Situation durchaus Manifestationen der Zersetzung in der Phase der Dekadenz des Kapitalismus aber heute beweist die Häufung dieser Manifestationen eine Bruchstelle im Leben der Gesellschaft. Sie signalisiert den Eintritt in eine neue Epoche der kapitalistischen Dekadenz. Es ist der Eintritt eine Phase, in der der Zerfall das bestimmende Element wird.
Dies ist eines der wichtigsten Phänomene der gegenwärtigen Situation. Die verschiedenen Erscheinungsformen des Zerfalls erschienen anfangs unabhängig voneinander. Ihre Häufung deutete bereits darauf hin, dass wir in eine neue Epoche des kapitalistischen Verfalls eingetreten waren. Diese verschiedenen Erscheinungsformen wirken nun vor unseren Augen zunehmend in einer Art "Kettenreaktion", einem "Wirbel" zusammen, welcher der Geschichte eine immense Beschleunigung verleiht. Diese kumulierten Effekte gehen weit über ihre bloße Addition hinaus.
Bei diesem historischen Ansatz geht es darum, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die untersuchten Ereignisse keine statischen, unantastbaren Dinge sind, die seit jeher und in alle Zeit existieren. Vielmehr handelt es um sich um Prozesse, die sich ständig verändern, durchaus mit Elementen der Kontinuität, aber auch und vor allem der Transformation und sogar des Bruches.
Die marxistische Dialektik weist der Zukunft einen grundlegenden Platz in der Entwicklung und Bewegung der Gesellschaft zu. Von den drei Momenten eines historischen Prozesses - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft - ist es der letztere, der den grundlegenden Faktor in ihrer Dynamik darstellt. Gerade weil der heutigen Gesellschaft dieses grundlegende Element der Zukunft und der Perspektive fehlt (eine Perspektive die nur die Arbeiterklasse aufzeigen kann), was immer mehr Menschen, insbesondere die Jugend, zu spüren bekommen, versinkt diese Gesellschaft in eine tiefe Verzweiflung und verrottet auf der Stelle.
Es ist diese Methode, die es unserer Resolution zur internationalen Lage ermöglicht, unsere Analyse vom Abstrakten zum Konkreten zu erheben: "(…) [nun]erleben wir diesen "Strudel-Effekt", bei dem all die verschiedenen Ausdrucksformen einer sich zersetzenden Gesellschaft aufeinander einwirken und den Abstieg in die Barbarei beschleunigen. So hat sich die Wirtschaftskrise durch die Pandemie und die Lockdowns, den Ukraine-Krieg und die steigenden Kosten der Umweltkatastrophen spürbar verschärft. Der Krieg in der Ukraine wird inzwischen schwerwiegende Auswirkungen auf ökologischer Ebene und weltweit haben; der Wettbewerb um die schwindenden natürlichen Ressourcen wird die militärischen Rivalitäten weiter verschärfen und soziale Revolten weiter anfachen."
Auf der anderen Seite dieses Pols der Zerstörung befindet sich der Pol der revolutionären Perspektive des Proletariats. Die letzten Monate haben gezeigt, dass das Proletariat nicht besiegt ist, sondern beginnt, seinen Kopf zu heben und den Weg zurück in den Kampf zu finden. 2022 erkannte die IKS in den Streiks in Großbritannien eine Veränderung der Situation der Arbeiterklasse. In unserem internationalen Flugblatt vom 31. August Die Bourgeoisie erzwingt neue Opfer, die Arbeiterklasse antwortet mit Streiks schrieben wir: "Die Bourgeoisie erzwingt neue Opfer, die Arbeiterklasse antwortet mit Kampf": "Enough is enough", "Zu viel ist zu viel". Das ist der Ruf, der sich in den letzten Wochen in Grossbritannien wie ein Echo von Streik zu Streik verbreitet hat. Diese massive Bewegung, die in Anlehnung an den "Winter des Zorns" von 1979 "Sommer des Zorns" genannt wird, betrifft jeden Tag Arbeiter in immer mehr Bereichen. (…) Man muss bis zu den riesigen Streiks von 1979 zurückgehen, um eine größere und massivere Bewegung zu finden. Eine Bewegung dieser Größenordnung in einem Land wie Grossbritannien ist kein "lokales" Ereignis. Es ist ein Ereignis von internationaler Bedeutung, eine Botschaft an die Ausgebeuteten aller Länder. Die Rückkehr der Massenstreiks in Großbritannien markiert die Rückkehr der Kampfbereitschaft des Weltproletariats."
Theoretisch gewappnet, um die Streiks und Demonstrationen, die in vielen Ländern entstanden, zu verstehen, konnte die IKS im Rahmen ihrer Möglichkeiten intervenieren und acht verschiedene Flugblätter verbreiten und die Entwicklung der Bewegung und die Überlegungen der Arbeiterklasse verfolgen.
Allen Flugblättern ist gemeinsam, dass sie Folgendes betonen:
- die Rückkehr der Kampfkraft der Arbeiterklasse
- die historische und internationale Dimension der Dynamik
- das wachsende Gefühl in den Reihen der Arbeiter, dass alle "im selben Boot" sitzen, ein Nährboden für eine Wiedergewinnung der Klassenidentität
- die Notwendigkeit, die Kämpfe selbst in die Hand zu nehmen und sich die Lehren aus den
vergangenen Kämpfen wieder anzueignen
Auch hier gibt es, wie bezüglich des Kriegs in der Ukraine, eine Meinungsverschiedenheit und eine Debatte innerhalb der Organisation.
Dieselben Genossen, die glauben, im Krieg in der Ukraine einen Schritt in Richtung Blockbildung und eines dritten Weltkrieges zu sehen, argumentieren, dass die aktuellen Kämpfe und die Kampfbereitschaft der Arbeiter keinen Bruch in einer negativen Dynamik seit den 1980er Jahren darstellen, keinen Bruch mit einer langen Reihe von Niederlagen, die zwar nicht endgültig seien, die aber zu einer besonders schweren Schwächung vor allem auf der Ebene des Bewusstseins geführt hätten.
In dieser Sicht "bleibt in einer kapitalistischen Welt, die seit 1989 mehr denn je chaotisch und ‘naturgemäß’ auf einen Krieg zusteuert, die politische Antwort des Proletariats weit hinter dem zurück, was die Situation von ihm verlangt" (einer der vom Kongress abgelehnten Änderungsanträge der Genossen zur Resolution des 25. Kongresses über die internationale Lage).
Für sie erinnert die aktuelle Situation, ohne identisch zu sein (siehe Historischer Kurs), an die 1930er Jahre, mit einem kämpferischen Proletariat in vielen zentralen Ländern, das aber trotzdem nicht in der Lage war, den Krieg zu verhindern. "(...), im Moment hat die notwendige Entwicklung von Massenversammlungen und einer echten Debattenkultur noch nicht stattgefunden. Ebenso wenig wie die Entstehung einer neuen Generation politisierter proletarischer KämpferInnen." (ebd.) Ein weiteres Argument für das Ausmaß der sozialen Bewegungen und die Ausbreitung von Streiks in sehr vielen Ländern ist, dass der Mangel an Arbeitskräften in vielen Bereichen und die Notwendigkeit, die Kriegswirtschaft voll in Gang zu halten, die Situation für die Arbeiterklasse günstig machen, um höhere Löhne zu fordern. Für den Kongress widerlegt die Realität, die sich vor unseren Augen entwickelt, nämlich die laufende Verarmungswelle mit steigenden Preisen bei stagnierenden Löhnen und hagelnden Regierungsangriffen, diese Theorie.
Für die Genossen entsprechen die Flugblätter, die die IKS in den letzten Monaten in den verschiedenen sozialen Bewegungen verteilt hat - etwa 150.000 Stück - nicht den Erfordernissen der Situation. In Übereinstimmung mit ihrer Analyse eines besiegten Proletariats und einer Dynamik hin zur Bildung zweier Blöcke und zum Weltkrieg sei die erste Aufgabe von Revolutionären nicht die Intervention, sondern die theoretische Vertiefungsarbeit.
Der Kongress zog stattdessen eine sehr positive Bilanz der internationalen Intervention der Organisation in die Kämpfe. Die IKS wusste, dass sie nicht die gesamte Klasse und die Mobilisierungen beeinflussen kann, denn revolutionäre Organisationen können in der gegenwärtigen historischen Periode keinen solchen Einfluss haben. Diese Rolle, die Massen zu lenken, ist nur möglich, wenn die Klasse ihr Bewusstsein und ihren historischen Kampf auf einer viel höheren Ebene als heute entwickelt hat. Unsere Intervention richtete sich an Minderheiten auf der Suche nach Klassenpositionen. Die beträchtliche Anzahl von Diskussionen, die das Verteilen dieser Flugblätter in den Demonstrationszügen mit sich brachten, die erhaltenen Briefe und die neuen Besucher unserer verschiedenen öffentlichen Diskussionsveranstaltungen zeigen, dass unsere Intervention ihren Zweck erfüllt: die Reflexion eines Teils der politisierten Minderheiten anzuregen, die Debatte zu stimulieren und die revolutionären Kräfte zur Umgruppierung anzuregen.
Hinter der Erkenntnis der historischen Bedeutung der Rückkehr des Klassenkampfes nach Großbritannien und ihrer Auswirkungen auf unsere Intervention in den Kampf steht die gleiche Methode, die es uns ermöglicht hat, das Neue in der gegenwärtigen Beschleunigung der Zersetzung mit ihrem Strudel-Effekt zu begreifen: die Umwandlung von Quantität in Qualität, der historische Ansatz. Eine Facette dieser Methode ist hier von besonderer Bedeutung - ihre internationale Dimension.
Die Berücksichtigung der zwangsläufig internationalen Dimension des Klassenkampfes ermöglichte es 1968 den späteren Gründern der IKS, die wahre und tiefere Bedeutung der Mai-Ereignisse sofort zu erkennen. Während das gesamte damalige proletarische Milieu nur eine Studentenrevolte sah und behauptete, es gebe "nichts Neues unter der Sonne", erkannten unser Genosse Marc Chirik und die Militanten, die sich allmählich zusammenschlossen, dass diese Bewegung das Ende der Konterrevolution und die Eröffnung einer neuen Periode des internationalen Klassenkampfes ankündigte.
Deshalb heißt es in Punkt 8 der Resolution des 25. Internationalen Kongresses der IKS zur internationalen Lage, die wir verabschiedet haben, ausdrücklich: "Die Wiederbelebung der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse in einer Reihe von Ländern ist ein bedeutendes historisches Ereignis, das nicht nur auf lokale Umstände zurückzuführen ist und sich nicht durch rein nationale Bedingungen erklären lässt. Die Kämpfe, die seit dem Sommer 2022 in Großbritannien stattfinden, haben eine Bedeutung, die über den britischen Rahmen hinausgeht. Die Reaktion der britischen Arbeiter und Arbeiterinnen wirft ein Licht auf die Kämpfe in anderen Ländern und verleiht ihnen eine neue und besondere Bedeutung. Die Tatsache, dass die gegenwärtigen Kämpfe von einem Teil des Proletariats initiiert wurden, der am meisten unter dem allgemeinen Rückzug des Klassenkampfes seit Ende der 80er-Jahre gelitten hat, ist von großer Bedeutung: So wie die Niederlage in Großbritannien 1985 den allgemeinen Rückzug Ende der 80er-Jahre ankündigte, offenbart die Rückkehr der Streiks und der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse in Großbritannien die Existenz einer tiefen Dynamik innerhalb des Proletariats der ganzen Welt."
In Wirklichkeit hatten wir uns schon Anfang 2022 auf diese Möglichkeit vorbereitet! Im Januar veröffentlichten wir ein internationales Flugblatt mit der Ankündigung Auf dem Weg zu einer brutalen Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Auf der Grundlage von Indizien für die Entwicklung des Kampfes, die sich abzuzeichnen begannen, kündigten wir die Möglichkeit eines Gegenschlags unserer Klasse an. Die Rückkehr der Inflation stellte in der Tat einen fruchtbaren Boden für die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse dar. Einen Monat später verschärfte der Ausbruch des Krieges in der Ukraine die Auswirkungen der Wirtschaftskrise noch erheblich, indem er die Preise für Energie und Lebensmittel in die Höhe trieb.
In Anbetracht der grossen Schwierigkeiten unserer Klasse, aber auch in Kenntnis der Geschichte der Kämpfe, wusste die IKS, dass es keine direkte und umfassende Reaktion unserer Klasse auf die Barbarei des Krieges geben würde, dass es aber die Möglichkeit einer Reaktion auf die Auswirkungen des Krieges im "Hinterland", in Europa und den USA[1], gab: Streiks angesichts der Opfer, die im Namen der Kriegswirtschaft verlangt wurden. Und genau das geschah auch.
Auf dieser theoretischen und historischen Grundlage hatte die IKS keine Illusionen über die Möglichkeit einer Klassenreaktion direkt gegen den Krieg. Sie glaubte nicht, dass überall internationalistische Komitees aus dem Boden schiessen würden, und sie versuchte erst recht nicht, solche künstlich zu schaffen. Unsere Antwort bestand in erster Linie darin, dass wir versuchten, die internationalistische Tradition der Kommunistischen Linken so entschieden wie möglich zu verteidigen, indem wir alle Kräfte des Proletarischen Politischen Milieus dazu aufriefen, eine gemeinsame Erklärung zu verfassen. Während ein Großteil dieses revolutionären Milieus unseren Aufruf ignorierte oder sogar ablehnte[2], antworteten drei Gruppen (Internationalist Voice, Instituto Onorato Damen und Internationalist Communist Perspective) positiv, um die Methode des Kampfes und der Bündelung internationaler Kräfte am Leben zu erhalten, die die Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal im September 1915 und April 1916 angesichts des Ersten Weltkriegs initiiert hatten.[3]
Zimmerwald und Kienthal in der Schweiz wurden berühmt als Orte, an denen sich Sozialisten aus zwei verschiedenen Lagern während des Ersten Weltkriegs trafen, um einen internationalen Kampf zur Beendigung der kriegerischen Schlächterei zu beginnen und die patriotischen Führer der sozialdemokratischen Parteien zu entlarven. Auf diesen Konferenzen stellten die Bolschewiki, unterstützt von der Bremer- und Holländischen Linken, die wichtigsten Grundsätze des Internationalismus gegen den imperialistischen Krieg heraus, die bis heute gültig sind: keine Unterstützung für eines der imperialistischen Lager, Ablehnung aller pazifistischen Illusionen und die Erkenntnis, dass nur die Arbeiterklasse und ihr revolutionärer Kampf das System überwinden können, das auf der Ausbeutung der Arbeitskraft beruht und permanent den imperialistischen Krieg produziert. Heute, angesichts der Beschleunigung des imperialistischen Konflikts in Europa, ist es die Pflicht der politischen Organisationen, die auf dem Erbe der Kommunistischen Linken basieren, weiterhin das Banner eines kohärenten proletarischen Internationalismus hochzuhalten und einen Bezugspunkt für diejenigen zu bieten, die die Prinzipien der Arbeiterklasse verteidigen. Dies ist zumindest die Entscheidung jener Organisationen und Gruppen der Kommunistischen Linken, die beschlossen haben, diese gemeinsame Erklärung zu veröffentlichen, um die internationalistischen Prinzipien, die gegen die Barbarei des Krieges geschmiedet wurden, so weit wie möglich zu verbreiten.
Diese Art und Weise, revolutionäre Kräfte um die Grundprinzipien der Kommunistischen Linken zu gruppieren, ist eine historische Lektion für die Zukunft. Zimmerwald gestern, die Gemeinsame Erklärung von heute sind Wegweiser, die den Weg für morgen zeigen.
In den vorbereitenden Debatten und auf dem Kongress selbst stand die zentrale Frage des Aufbaus der Organisation im Mittelpunkt. Auch wenn es sich dabei um die zentrale Dimension der Aktivitäten der IKS handelt, geht diese Sorge um die Zukunft weit über unsere Organisation allein hinaus:
"Angesichts des zunehmenden Aufeinandertreffens der beiden alternativen Pole - Zerstörung der Menschheit oder kommunistische Revolution - haben die revolutionären Organisationen der Kommunistischen Linken, und insbesondere die IKS, eine unersetzliche Rolle bei der Entwicklung des Klassenbewusstseins zu spielen und müssen ihre Energien zur permanenten theoretischen Vertiefung und Erarbeitung einer klaren Analyse der Weltlage verwenden. Gleichzeitig müssen sie in die Kämpfe unserer Klasse eingreifen, um die Notwendigkeit der Klassenautonomie, der Selbstorganisation und der Vereinigung sowie der Entwicklung der revolutionären Perspektive zu verteidigen. Diese Arbeit kann nur auf der Grundlage eines geduldigen Aufbaus der revolutionären Organisation durchgeführt werden, der die Grundlage für die Weltpartei der Zukunft schafft. All diese Aufgaben erfordern einen energischen Kampf gegen alle Einflüsse der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologie auf das Milieu der Kommunistischen Linken und der IKS selbst. Gegenwärtig sind die Gruppen der Kommunistischen Linken mit der Gefahr einer echten Krise konfrontiert. Mit einigen Ausnahmen waren sie nicht in der Lage, zur Verteidigung des Internationalismus angesichts des imperialistischen Krieges in der Ukraine gemeinsam die Stimme zu erheben, und sie sind zunehmend offen für das Eindringen von Opportunismus und Parasitismus. Ein rigoroses Festhalten an der marxistischen Methode und den proletarischen Prinzipien ist die einzige Antwort auf diese Gefahren." (Resolution des 25. Internationalen Kongresses der IKS zur internationalen Lage, Punkt 9)
Damit die Revolution letztendlich möglich ist, muss das Proletariat die Waffe der Partei in den Händen halten. Diesen zukünftigen Aufbau der Partei gilt es bereits heute vorzubereiten. Mit anderen Worten: Eine Minderheit von organisierten Revolutionären trägt die Verantwortung dafür, die bestehenden Organisationen am Leben zu erhalten, den historischen Prinzipien der Arbeiterbewegung und insbesondere der Kommunistischen Linken treu zu bleiben und diese Prinzipien und Positionen an die neue Generation weiterzugeben, die sich nach und nach dem revolutionären Lager anschließen wird.
Konkurrenzdenken, Opportunismus, Zugeständnisse an die bürgerliche Ideologie und Trittbrettfahrerei innerhalb des Proletarischen Politischen Milieus sind allesamt Dolchstöße in den Rücken der Revolution. In der äußerst schwierigen Situation des beschleunigten Zerfalls, der die Menschen verwirrt, zum Jeder-für-sich verleitet und das Vertrauen in die Fähigkeit der Klasse und ihrer Minderheiten, sich zu organisieren und zu vereinigen, untergräbt, ist es die Verantwortung der revolutionären Organisationen, nicht nachzugeben und weiterhin die Prinzipien der Kommunistischen Linken zu verteidigen. Revolutionäre Organisationen stehen vor einer gewaltigen Herausforderung: Sie müssen in der Lage sein, die Erfahrungen weiterzugeben, die die Generation gesammelt hat, welche aus der Welle des Mai 68 hervorgegangen ist.
Seit Ende der 1960er Jahre, also fast sechzig Jahre lang, ist der dekadente Kapitalismus langsam in eine endlose Wirtschaftskrise und zunehmende Barbarei geschlittert. Während das Proletariat von 1968 bis Mitte der 1980er Jahre eine ganze Reihe von Kämpfen führte und insbesondere in der Konfrontation mit den Gewerkschaften große Erfahrungen sammelte, ging der Klassenkampf ab 1985/86 stark zurück und war bis heute fast erloschen. In diesem sehr schwierigen Umfeld schlossen sich nur sehr wenige militante Kräfte den revolutionären Organisationen an. Eine ganze Generation ging unter dem Eindruck der Propaganda vom "Tod des Kommunismus" nach 1989/1990 verloren. Seitdem haben mit der Entwicklung des Zerfalls, die die militante Überzeugung durch die Verstärkung von No Future Denken, Individualismus, Verlust des Vertrauens in das organisierte Kollektiv und in den historischen Kampf der Arbeiterklasse heimtückisch angreift, viele militante Kräfte nach und nach den Kampf aufgegeben und sind verschwunden.
Ja, die Zukunft der Menschheit liegt heute auf einer sehr kleinen Anzahl von Schultern, die über die ganze Welt verstreut sind. Ja, der desolate Zustand des Politischen Proletarischen Milieus, das von Konkurrenzdenken und Opportunismus durchsetzt ist, macht die Erfolgsaussichten der Revolution noch geringer. Und gerade deshalb ist die Rolle der revolutionären Organisationen im Allgemeinen und der IKS im Besonderen noch entscheidender. Der Schlüssel zur Zukunft liegt darin, den neuen Generationen von revolutionären Aktivisten, die langsam heranwachsen, die Lehren aus unserer Geschichte zu vermitteln und Organisationen zu schaffen, die vom revolutionären Geist vergangener Generationen von Militanten erfüllt sind.
IKS, 11. Juni 2023
[1] Unser Bericht über den Klassenkampf und die Debatte auf dem Kongress haben erneut die entscheidende Rolle des Proletariats der westlichen Länder hervorgehoben, welches aufgrund seiner Geschichte und Erfahrung die Verantwortung hat, dem Weltproletariat den Weg zur Revolution zu weisen. In unserem Bericht wurde auf unsere Position der "Kritik des schwächsten Gliedes" hingewiesen. Es ist auch dieser Ansatz, der uns die Heterogenität des Proletariats in den verschiedenen Teilen der Welt, die enorme Schwäche des Proletariats in den östlichen Ländern und die Möglichkeit von Konflikten in der Balkanregion vor Augen geführt hat. So gelang es unserem Bericht bereits in diesem Frühjahr, die Lehren aus dem Krieg in der Ukraine zu ziehen und vorherzusagen: "Die Unfähigkeit der Arbeiterklasse dieses Landes, sich dem Krieg und ihrer Rekrutierung zu widersetzen, die die Möglichkeit dieses imperialistischen Gemetzels eröffnet hat, zeigt, in welchem Maße die kapitalistische Barbarei und Fäulnis in immer größeren Teilen der Welt an Boden gewinnt. Nach Afrika, dem Nahen Osten und Zentralasien ist nun auch ein Teil Mitteleuropas von der Gefahr bedroht, langfristig ins imperialistische Chaos zu stürzen. Die Ukraine hat gezeigt, dass es in einigen Satellitenstaaten der ehemaligen UdSSR, in Weißrussland, Moldawien und im ehemaligen Jugoslawien ein Proletariat gibt, das durch jahrzehntelange Ausbeutung durch den Stalinismus im Namen des "Kommunismus", die Last der demokratischen Illusionen und den Nationalismus sehr geschwächt ist, sodass ein Krieg wüten kann. Im Kosovo, in Serbien und in Montenegro nehmen die Spannungen tatsächlich zu."
[2] Die Internationalistische Kommunistische Tendenz IKT hat es vorgezogen, sich auf das Abenteuer von No War But The Class War einzulassen. Siehe: No War But The Class War, Ein Komitee das seine Teilnehmer in eine Sackgasse führt https://de.internationalism.org/content/3105/no-war-class-war-ein-komitee-das-seine-teilnehmer-eine-sackgasse-fuehrt [158]
[3] Siehe: Gemeinsame Erklärung von Gruppen der Internationalen Kommunistischen Linken zum Krieg in der Ukraine https://de.internationalism.org/content/3043/gemeinsame-erklaerung-von-gruppen-der-internationalen-kommunistischen-linken-zum-krieg [159]
Der Text der IKS über die Perspektiven, die sich in den 2020er-Jahren eröffnen[1], begründet, dass die vielfältigen Widersprüche und Krisen des kapitalistischen Weltsystems – ökonomisch, medizinisch, militärisch, ökologisch, sozial – immer mehr zusammenkommen und sich gegenseitig beeinflussen, um eine Art „Strudeleffekt“ zu erzeugen, der die Zerstörung der Menschheit zu einem immer wahrscheinlicheren Ergebnis macht. Diese Schlussfolgerung ist inzwischen so offensichtlich geworden, dass wichtige Teile der herrschenden Klasse ein ähnliches Bild zeichnen. Die Alarmglocken läuteten bereits im UN-Bericht über die Entwicklung der Menschheit 2022[2], aber der im Januar 2023 veröffentlichte „Global Risk Report“ des Weltwirtschaftsforums WEF ist sogar noch deutlicher und spricht von einer „Polykrise“, dem die menschliche Zivilisation gegenübersteht: „Zu Beginn des Jahres 2023 ist die Welt mit einer Reihe von Risiken konfrontiert, die sich sowohl als völlig neu als auch unheimlich vertraut anfühlen. Wir haben eine Rückkehr ‚älterer‘ Risiken erlebt – Inflation, Lebenshaltungskostenkrisen, Handelskriege, Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern, weit verbreitete soziale Unruhen, geopolitische Konfrontationen und das Schreckgespenst eines Atomkriegs –, die nur wenige der Wirtschaftsführer und politischen Entscheidungsträger dieser Generation erlebt haben. Hinzu kommen vergleichsweise neue Entwicklungen in der globalen Risikolandschaft, darunter eine nicht mehr tragbare Verschuldung, eine neue Ära niedrigen Wachstums, geringe globale Investitionen und De-Globalisierung, ein Niedergang der menschlichen Entwicklung nach jahrzehntelangen Fortschritten, die rasche und uneingeschränkte Entwicklung von Technologien mit doppeltem Verwendungszweck (zivil und militärisch) sowie der wachsende Druck durch die Auswirkungen des Klimawandels und die Ambitionen in einem immer kleiner werdenden Zeitfenster für den Übergang zu einer 1,5°Celsius-Welt. Zusammengenommen werden diese Faktoren ein einzigartiges, unsicheres und turbulentes Jahrzehnt prägen“.
Das ist die Bourgeoisie, die ehrlich mit sich selbst über die aktuelle globale Situation spricht, auch wenn sie sich über die Möglichkeit, Lösungen innerhalb des bestehenden Systems zu finden, nur Illusionen machen kann. Und sie wird diese Illusionen weiterhin an die Weltbevölkerung verkaufen, unterstützt von jeder Menge politischer Parteien und Protestkampagnen, die radikal klingende Programme anbieten, die niemals die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse in Frage stellen, die zu der drohenden Katastrophe geführt haben.
Für uns als Kommunisten kann es natürlich keine Lösung geben, die nicht die kapitalistischen Verhältnisse abschafft und die Grundlage für eine weltweite kommunistische Gesellschaft schafft. Und das, was das WEF als weiteres „Risiko“ in der kommenden Periode bezeichnet – „weit verbreitete soziale Unruhen“ – beinhaltet, wenn wir den Begriff von all den verschiedenen bürgerlichen oder klassenübergreifenden Bewegungen, die er unter dieser Kategorie einordnet, lösen, den Gegenpol der Alternative, mit der die Menschheit konfrontiert ist: der internationale Klassenkampf, der allein zum Sturz des Kapitals und zur Schaffung des Kommunismus führen kann.
Die Bourgeoisie ist nicht in der Lage, die „Polykrise“ im Rahmen der unlösbaren wirtschaftlichen Widersprüche zu sehen, die sich aus den bestehenden antagonistischen gesellschaftlichen Verhältnissen ergeben, sondern sieht ihre Ursache in der Abstraktion der „menschlichen Tätigkeit“; sie kann sie auch nicht in einen kohärenten historischen Rahmen einordnen. Für die Kommunisten hingegen ist die katastrophale Entwicklung des Weltkapitalismus das Ergebnis eines mehr als ein Jahrhundert andauernden Niedergangs dieser Produktionsweise.
Der Krieg von 1914–18 und die revolutionäre Welle, die er auslöste, veranlassten den Ersten Kongress der Kommunistischen Internationale zu der Aussage, dass der Kapitalismus seine Epoche der „inneren Auflösung“, der „Kriege und Revolutionen“ erreicht habe und vor der Wahl zwischen Sozialismus und einem Abstieg in Barbarei und Chaos stehe. Die Niederlage der ersten revolutionären Versuche des Proletariats bedeutete, dass die Ereignisse der 1920er, 30er und 40er-Jahre (die größte wirtschaftliche Depression in der Geschichte des Kapitalismus, ein noch verheerenderer Weltkrieg, systematischer Völkermord usw.) die Waage in Richtung Barbarei kippen ließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigte der darauffolgende Konflikt zwischen dem US-amerikanischen und dem russischen Block, dass der dekadente Kapitalismus nun die Fähigkeit hatte, die Menschheit zu zerstören. Doch die Dekadenz des Kapitalismus setzte sich in mehreren Phasen fort: der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit, die Rückkehr der offenen Krise Ende der 1960er-Jahre, das Wiederaufleben der internationalen Arbeiterklasse nach 1968. Letzteres beendete die Vorherrschaft der Konterrevolution, verhinderte den Drang zu einem neuen Weltkrieg und eröffnete einen neuen historischen Kurs in Richtung Klassenauseinandersetzungen, der das Potenzial für die Wiederbelebung der kommunistischen Perspektive enthielt. Doch die Unfähigkeit der Arbeiterklasse, als Ganzes diese Perspektive zu entwickeln, führte zu einer Pattsituation zwischen den Klassen, die in den 1980er-Jahren immer deutlicher zutage trat. In dieser Periode trat der Kapitalismus in eine qualitativ neue und terminale Phase innerhalb der Dekadenz des Kapitalismus ein, die Phase des Zerfalls. Der spektakulärste Ausdruck davon war der Kollaps der alten imperialistischen Weltordnung in den Jahren 1989–91. Die Tatsache, dass diese Phase durch eine wachsende Tendenz zum Chaos in den internationalen Beziehungen gekennzeichnet war, stellte ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Weltkrieg dar, was die Zukunft der menschlichen Gesellschaft jedoch keineswegs sicherer machte. In unseren 1990 veröffentlichten „Thesen zum Zerfall“ sagten wir voraus, dass der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft durch eine Kombination aus regionalen Kriegen, ökologischer Zerstörung, Pandemien und sozialem Zusammenbruch auch ohne einen Weltkrieg zwischen den organisierten imperialistischen Blöcken zur Zerstörung der Menschheit führen könnte. Wir sagten auch voraus, dass der Zyklus der Arbeiterkämpfe von 1968–89 zu Ende war und dass die Bedingungen der neuen Phase große Schwierigkeiten für die Arbeiterklasse mit sich bringen würden.
Die gegenwärtige Situation des Weltkapitalismus bestätigt diese Prognose auf eindrucksvolle Weise. Die 2020er-Jahre begannen mit der Covid-Pandemie, auf die 2022 der Krieg in der Ukraine folgte. Gleichzeitig wurden wir Zeuge zahlreicher Bestätigungen der weltweiten ökologischen Krise (Hitzewellen, Überschwemmungen, Abschmelzen der Polkappen, massive Verschmutzung der Luft und der Ozeane, usw.). Seit 2019 erleben wir auch einen neuen Absturz in die Wirtschaftskrise, da die „Heilmittel“ für die sogenannte Finanzkrise von 2008 alle ihre Grenzen offenbaren. Doch während es der herrschenden Klasse der großen Länder in den vorangegangenen Jahrzehnten gelungen war, die Wirtschaft bis zu einem gewissen Grad vor den Auswirkungen des Zerfalls zu bewahren, erleben wir jetzt diesen „Strudeleffekt“, bei dem all die verschiedenen Ausdrucksformen einer sich zersetzenden Gesellschaft aufeinander einwirken und den Abstieg in die Barbarei beschleunigen. So hat sich die Wirtschaftskrise durch die Pandemie und die Lockdowns, den Ukraine-Krieg und die steigenden Kosten der Umweltkatastrophen spürbar verschärft. Der Krieg in der Ukraine wird inzwischen schwerwiegende Auswirkungen auf ökologischer Ebene und weltweit haben; der Wettbewerb um die schwindenden natürlichen Ressourcen wird die militärischen Rivalitäten weiter verschärfen und soziale Revolten weiter anfachen. In dieser Verkettung von Auswirkungen spielt der imperialistische Krieg, der das Ergebnis bewusster Entscheidungen der herrschenden Klasse ist, eine zentrale Rolle. Aber selbst die Auswirkungen einer „natürlichen“ Katastrophe wie des schrecklichen Erdbebens in der Türkei und in Syrien werden durch die Tatsache, dass sie sich in einer Region ereignet hat, die bereits durch den Krieg zerstört war, erheblich verschlimmert. Und auch die endemische Korruption von Politikern und Unternehmern ist ein weiteres Merkmal des sozialen Verfalls: In der Türkei führte das rücksichtslose Profitstreben der lokalen Bauindustrie zur Missachtung von Sicherheitsstandards, die die Zahl der Todesopfer des Erdbebens erheblich hätten verringern können. Diese Beschleunigung und Wechselwirkung der Phänomene des Zerfalls markiert eine weitere Umwandlung von Quantität in Qualität innerhalb dieser Endphase der Dekadenz und macht deutlicher denn je, dass die weitere Existenz des Kapitalismus zu einer greifbaren Bedrohung für das menschliche Überleben geworden ist.
Auch der Krieg in der Ukraine hat eine lange „Vorgeschichte“. Er ist der Höhepunkt der wichtigsten Entwicklungen der imperialistischen Spannungen der letzten drei Jahrzehnte, insbesondere:
– Der Zusammenbruch des Blocksystems seit 1945 Ende der 1980er-Jahre und die Entfesselung des „Jeder für sich“ in den imperialistischen Beziehungen, was einen erheblichen Niedergang der globalen Führungsrolle der USA zur Folge hatte.
– Das Auftauchen Chinas in diesem neuen globalen Umfeld des „Jeder für sich“ als wichtigster imperialistischer Herausforderer der USA mit seiner langfristigen Strategie, die weltweiten wirtschaftlichen Grundlagen für seine künftige imperialistische Vorherrschaft zu schaffen. Die Reaktion der USA auf ihren eigenen Niedergang und den Aufstieg Chinas bestand nicht darin, sich aus dem Weltgeschehen zurückzuziehen, im Gegenteil. Die USA haben ihre eigene Offensive gestartet, die darauf abzielt, den Vormarsch Chinas einzuschränken, von Obamas „Schwenk nach Osten“ über Trumps Fokus auf Handelskrieg bis hin zu Bidens direkterem militärischen Ansatz (Provokationen rund um Taiwan, Abschuss chinesischer Spionageballons, die Gründung von AUKUS, die neue US-Basis auf den Philippinen usw.). Ziel dieser Offensive ist es, eine Brandmauer um China zu errichten, die dessen Fähigkeit, sich als Weltmacht zu entwickeln, blockiert.
– Gleichzeitig haben die USA die schrittweise Einkreisung Russlands durch die Erweiterung der NATO weiter vorangetrieben, nicht nur mit dem Ziel, Russland selbst einzudämmen und zu schwächen, sondern vor allem, sein Bündnis mit China zu sabotieren. Die Falle, die Russland in der Ukraine gestellt wurde, war der letzte Zug in diesem Schachspiel, der Moskau keine andere Wahl ließ, als militärisch zurückzuschlagen und es in einen Krieg zu treiben, der das Potenzial hat, es auszubluten und seine Ambitionen als regionale und globale Macht zu untergraben.
Im Schatten dieser globalen imperialistischen Rivalitäten kommt es zu einer Ausweitung und Verschärfung anderer Konfliktbereiche, die ebenfalls mit dem Kampf zwischen den Hauptmächten zusammenhängen, jedoch auf noch chaotischere Weise. Zahlreiche Regionalmächte spielen zunehmend ihr eigenes Spiel, sowohl im Hinblick auf den Ukraine-Krieg als auch auf die Konflikte in ihrer eigenen Region. So agiert die Türkei, Mitglied der NATO, als „Vermittler“ für Putins Russland, indem sie Russland militärische Drohnen für den Einsatz in der Ukraine liefert, während sie im libyschen „Bürgerkrieg“ direkt gegen Russland auftritt. Saudi-Arabien hat sich den USA widersetzt, indem es sich weigerte, die Öllieferungen zu erhöhen und damit die Weltölpreise zu senken; Indien hat sich geweigert, die von den USA angeführten Wirtschaftssanktionen gegen Russland einzuhalten. In der Zwischenzeit hat der Krieg in Syrien, über den in den großen Medien seit dem Einmarsch in der Ukraine kaum noch berichtet wird, seine Verwüstungen fortgesetzt, wobei die Türkei, der Iran und Israel mehr oder weniger direkt in das Gemetzel verwickelt sind. Jemen ist ein blutiges Schlachtfeld zwischen Iran und Saudi-Arabien geblieben; der Regierungsantritt einer rechtsextremen Regierung in Israel gießt Öl ins Feuer des Konflikts mit der PLO, der Hamas und dem Iran. Im Anschluss an ein neues Gipfeltreffen zwischen den USA und Afrika hat Washington eine Reihe wirtschaftlicher Maßnahmen angekündigt, die ausdrücklich darauf abzielen, dem wachsenden Engagement Russlands und Chinas auf dem afrikanischen Kontinent entgegenzuwirken. Afrika leidet unter den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Lebensmittelversorgung und unter einem ganzen Mosaik regionaler Kriege und Spannungen (Äthiopien-Tigray, Sudan, Libyen, Ruanda-Kongo usw.), die allen regionalen und globalen imperialistischen Geiern Tür und Tor öffnen. Im Fernen Osten rasselt Nordkorea, eines der wenigen Länder, die Russland direkt mit Waffen beliefern, mit dem Säbel gegenüber Südkorea (insbesondere durch neue Raketenstarts, die auch eine Provokation gegenüber Japan darstellen). Und hinter Nordkorea steht China, das auf die zunehmende Einkreisung der USA reagiert.
Ein weiteres Kriegsziel der USA in der Ukraine – ein klarer Bruch mit Trumps Bemühungen, das NATO-Bündnis zu untergraben – besteht darin, die unabhängigen Ambitionen ihrer europäischen „Verbündeten“ zu zügeln und sie zu zwingen, die US-Sanktionen gegen Russland zu befolgen und die Ukraine weiter aufzurüsten. Diese Politik, die darauf abzielt, das NATO-Bündnis zusammenzuhalten, hatte einen gewissen Erfolg, wobei Großbritannien der eifrigste Unterstützer der ukrainischen Kriegsanstrengungen war. Die Wiederherstellung eines echten, von den USA kontrollierten Blocks liegt jedoch in weiter Ferne. Frankreich und Deutschland – wobei letzteres angesichts seiner Abhängigkeit von russischen Energielieferungen am meisten zu verlieren hat, wenn es seine traditionelle „Ostpolitik“ aufgibt – sind nach wie vor inkonsequent, was die Lieferung der von Kiew geforderten Waffen angeht, und haben ihre eigenen diplomatischen „Initiativen“ gegenüber Russland und China fortgesetzt. In der Zwischenzeit hat China eine sehr vorsichtige Haltung gegenüber dem Krieg in der Ukraine eingenommen, indem es vor kurzem seinen eigenen „Friedensplan“ vorstellte und sich nicht bereit erklärte, Moskau die „tödliche Hilfe“ zu liefern, die es so dringend fordert.
Die Gesamtlage – selbst wenn man die Frage der dafür erforderlichen Mobilisierung des Proletariats in den zentralen Ländern außer Acht lässt – bestätigt also die Auffassung, dass wir uns nicht auf die Bildung stabiler imperialistischer Blöcke zubewegen. Das mindert aber keineswegs die Gefahr einer unkontrollierten militärischen Eskalation, einschließlich des Einsatzes von Atomwaffen. Seit George Bush Senior nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1989 eine „neue Weltordnung“ verkündet hat, sind die USA mit ihren Versuchen, diese „Ordnung“ durchzusetzen, zur bedeutendsten Kraft geworden, die Unordnung und Instabilität in der Welt verstärkt. Diese Dynamik wurde durch das alptraumhafte Chaos, das in Afghanistan und im Irak nach den US-Invasionen in diese Länder weiterhin herrscht, deutlich veranschaulicht, aber der gleiche Prozess ist auch im Ukraine-Konflikt am Werk. Russland an die Wand zu drücken, birgt also die Gefahr einer verzweifelten Reaktion des Moskauer Regimes, einschließlich des Einsatzes von Atomwaffen; andererseits könnte ein Zusammenbruch des Regimes den Zerfall Russlands selbst auslösen, wodurch eine neue Chaoszone mit höchst unvorhersehbaren Folgen entstehen würde. Die Irrationalität des Krieges in der Dekadenz des Kapitalismus lässt sich nicht nur an seinen gigantischen wirtschaftlichen Kosten messen, die alle Möglichkeiten für kurzfristige Gewinne oder Wiederaufbaumaßnahmen bei weitem übersteigen, sondern auch am rasanten Zusammenbruch der militärisch-strategischen Ziele, die in der Periode der kapitalistischen Dekadenz die wirtschaftliche Rationalität des Krieges mehr und mehr verdrängt haben. Nach dem ersten Golfkrieg haben wir in unserem Orientierungstext „Militarismus und Zerfall“ (Internationale Revue Nr. 13, 1991) das folgende Szenario für die imperialistischen Beziehungen in der Phase des Zerfalls vorausgesagt:
„In der neuen historischen Epoche, in die wir eingetreten sind und die von den Ereignissen am Persischen Golf bestätigt wird, zeigt sich die Welt als ein riesiger Hexenkessel, in dem die Tendenz zum „Jeder für sich“ voll zum Tragen kommt und in dem die zwischenstaatlichen Allianzen weit entfernt von jener Stabilität sind, die die Blöcke auszeichnen, sondern von den Bedürfnissen des Moments diktiert sind. Eine Welt in tödlicher Unordnung, in blutigem Chaos, in dem der amerikanische Gendarm für ein Minimum an Ordnung durch den immer massiveren und brutaleren Einsatz seiner Militärmacht zu sorgen versucht.“[3]
Wie die Invasionen in Afghanistan und im Irak Anfang der 2000er-Jahre gezeigt haben, hat die zunehmende Abhängigkeit der USA von ihrer Militärmacht deutlich gezeigt, dass die „imperialistische Politik der USA weit davon entfernt ist, dieses Minimum an Ordnung zu erreichen, und dass sie zu einem der Hauptfaktoren für die weltweite Instabilität geworden ist.“ (Resolution zur internationalen Lage, 17. IKS-Kongress, Internationale Revue Nr. 40, 2007)[4] , und die Ergebnisse der Offensive der USA gegen Russland haben noch deutlicher gemacht, dass der „Weltpolizist“ zum Hauptfaktor für die Verschärfung des Chaos auf globaler Ebene geworden ist.
Der Krieg in der Ukraine ist ein weiterer Schlag für eine kapitalistische Wirtschaft, die bereits durch ihre inneren Widersprüche und durch die aus ihrem Zerfall resultierenden Erschütterungen geschwächt und untergraben ist. Die kapitalistische Wirtschaft befand sich bereits inmitten eines Abschwungs, der durch die Entwicklung der Inflation, den zunehmenden Druck auf die Währungen der Großmächte und die wachsende finanzielle Instabilität (die sich im Platzen der Immobilienblasen in China sowie in den Kryptowährungen und der Technologie widerspiegelt) gekennzeichnet war. Der Krieg verschärft nun die Wirtschaftskrise auf allen Ebenen. Der Krieg bedeutet die wirtschaftliche Vernichtung der Ukraine, die starke Schwächung der russischen Wirtschaft durch die immensen Kosten des Krieges und die Auswirkungen der von den westlichen Mächten verhängten Sanktionen. Die Schockwellen des Krieges sind in der ganzen Welt zu spüren und führen zu einer Nahrungsmittelkrise und Hungersnöten, da die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe schnellen und Getreide knapp wird.
Die greifbarste Folge des Krieges in der Welt ist die Explosion der Militärausgaben, die auf über 2000 Milliarden Dollar angestiegen sind. Alle Staaten der Welt befinden sich in einer Aufrüstungsspirale. Mehr denn je werden die Volkswirtschaften den Erfordernissen des Krieges unterworfen und der Anteil des nationalen Reichtums, der für die Produktion von Zerstörungsinstrumenten aufgewendet wird, steigt. Das Krebsgeschwür des Militarismus bedeutet die Sterilisierung des Kapitals und stellt eine erdrückende Belastung für den Handel und die Volkswirtschaft dar, was dazu führt, dass von den Ausgebeuteten immer größere Opfer verlangt werden.
Gleichzeitig haben sich die schwersten Finanzkonvulsionen seit der Krise von 2008, die aus einer Reihe von Bankenpleiten in den USA (darunter die sechzehnt-größte Bank der USA) und dann der Credit Suisse (die zweitgrößte Bank des Landes) hervorgegangen ist, auf internationaler Ebene ausgebreitet, während die massiven Interventionen der US-amerikanischen und der schweizerischen Zentralbank die Ansteckungsgefahr für andere Länder in Europa und andere risikoreiche Sektoren nicht bannen oder verhindern konnten, dass sich diese Pleiten zu einer “systemischen“ Kreditkrise ausweiten.
Anders als im Jahr 2008, als der Zusammenbruch großer Banken durch ihr Engagement in Subprime-Hypotheken verursacht wurde, sind die Banken diesmal vor allem durch ihre langfristigen Investitionen in Staatsanleihen geschwächt, die durch den plötzlichen Anstieg der Zinssätze zur Bekämpfung der Inflation an Wert verlieren. Die derzeitige finanzielle Instabilität ist zwar (noch) nicht so dramatisch wie im Jahr 2008, trifft aber den Kern des Finanzsystems, da der Rückgriff auf Staatsanleihen – insbesondere durch das US-Finanzministerium im Zentrum dieses Systems – immer als der sicherste Hafen galt.
Auf jeden Fall sind Finanzkrisen, unabhängig von ihrer inneren Dynamik und ihren unmittelbaren Ursachen, letztlich immer eine Manifestation der Überproduktionskrise, die 1967 wieder auftrat und durch Faktoren im Zusammenhang mit dem Zerfall des Kapitalismus noch verschärft wurde.
Der Krieg offenbart vor allem den Triumph des Kampfes des „Jeder für sich“ und das Scheitern, ja sogar das Ende jeglicher „Global Governance“ auf der Ebene der Koordinierung der Volkswirtschaften, der Lösung der Klimaprobleme, usw. Diese Tendenz des „Jeder für sich“ in den Beziehungen zwischen den Staaten hat sich seit der Krise von 2008 immer weiter verstärkt, und der Krieg in der Ukraine hat viele der wirtschaftlichen Tendenzen, die seit den 1990er-Jahren unter dem Begriff „Globalisierung“ zusammengefasst werden, zum Stillstand gebracht.
Nicht nur, dass die Fähigkeit der wichtigsten kapitalistischen Mächte zur Zusammenarbeit, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise einzudämmen, mehr oder weniger verschwunden ist, sondern die USA haben angesichts der Verschlechterung ihrer Wirtschaft und der Verschärfung der globalen Krise und um ihre Position als führende Weltmacht zu bewahren, zunehmend bewusst versucht, ihre Konkurrenten zu schwächen. Dies ist ein offener Bruch mit einem großen Teil der Regeln, die sich die Staaten seit der Krise von 1929 gegeben haben. Er öffnet den Weg in eine Ungewissheit, die mehr und mehr von Chaos und unvorhersehbaren Folgen beherrscht wird.
In der Überzeugung, dass die Wahrung ihrer Führungsposition gegenüber dem Aufstieg Chinas in hohem Maße von ihrer Wirtschaftsmacht abhängt, die durch den Krieg politisch und militärisch gestärkt wurde, gehen die USA auch auf wirtschaftlicher Ebene gegen ihre Rivalen in die Offensive. Diese Offensive geht in mehrere Richtungen. Die USA sind der große Gewinner des gegen Russland geführten „Gaskriegs“ zum Nachteil der europäischen Staaten, die gezwungen sind, die russischen Gasimporte einzustellen. Nachdem die USA dank der unter Obama eingeleiteten langfristigen Energiepolitik die Selbstversorgung mit Öl und Gas erreicht haben, hat der Krieg die Vormachtstellung der USA im strategischen Bereich der Energie bestätigt. Die USA haben ihre Rivalen auf dieser Ebene in die Defensive gedrängt: Europa musste sich mit seiner Abhängigkeit von amerikanischem Flüssigerdgas abfinden. China, das in hohem Maße von importierten Kohlenwasserstoffen abhängig ist, wurde dadurch geschwächt, dass die USA nun in der Lage sind, Chinas Versorgungswege zu kontrollieren. Die USA verfügen nun über eine noch nie dagewesene Fähigkeit, auf dieser Ebene Druck auf den Rest der Welt auszuüben.
Die verschiedenen geldpolitischen, finanziellen und industriellen Initiativen (von Trumps Konjunkturprogrammen bis hin zu Bidens massiven Subventionen für Produkte „Made in the USA“, dem Inflation Reduction Act, usw.) haben die „Widerstandsfähigkeit“ der US-Wirtschaft erhöht, was Kapitalinvestitionen und Industrieverlagerungen auf amerikanisches Territorium anlockt. Die USA begrenzen die Auswirkungen der derzeitigen weltweiten Konjunkturabschwächung auf ihre Wirtschaft und schieben die schlimmsten Auswirkungen von Inflation und Rezession auf den Rest der Welt ab.
Um ihren entscheidenden technologischen Vorsprung zu sichern, streben die USA außerdem die Verlagerung strategischer Technologien (Halbleiter) in die USA bzw. die internationale Kontrolle über diese Technologien an, von denen sie China ausschließen wollen, während sie gleichzeitig mit Sanktionen gegen jeden Konkurrenten um ihr Monopol drohen.
Das Bestreben der USA, ihre wirtschaftliche Macht zu erhalten, hat zur Folge, dass das kapitalistische System insgesamt geschwächt wird. Der Ausschluss Russlands vom internationalen Handel, die Offensive gegen China und die Abkopplung der beiden Volkswirtschaften, kurzum der erklärte Wille der USA, die Weltwirtschaftsbeziehungen zu ihren Gunsten umzugestalten, markiert einen Wendepunkt: Die USA erweisen sich als Faktor der Destabilisierung des Weltkapitalismus und der Ausweitung des Chaos auf wirtschaftlicher Ebene.
Europa wurde durch den Krieg, der es seiner wichtigsten Stärke, nämlich seiner Stabilität, beraubt hat, besonders hart getroffen. Das Kapital Europas leidet unter der beispiellosen Destabilisierung seines „Wirtschaftsmodells“ und läuft Gefahr, infolge des Drucks des „Gaskriegs“ und des amerikanischen Protektionismus in einen Prozess der Deindustrialisierung und der Rückverlagerung von Produktionsstätten in den amerikanischen oder asiatischen Raum zu geraten.
Vor allem in Deutschland konzentrieren sich alle Widersprüche dieser beispiellosen Situation explosionsartig. Das Ende der russischen Gaslieferungen bringt Deutschland in eine Situation wirtschaftlicher und strategischer Fragilität, die seinen Wettbewerbsvorteil und seine gesamte Industrie bedroht. Das Ende des Multilateralismus, von dem das deutsche Kapital mehr als jede andere Nation profitiert hat (und der es auch von der Last der Militärausgaben befreit hat), wirkt sich direkter auf seine vom Export abhängige Wirtschaftskraft aus. Es läuft auch Gefahr, bei der Energieversorgung von den USA abhängig zu werden, während letztere ihre „Verbündeten“ dazu drängen, sich dem wirtschaftlichen/strategischen Krieg gegen China anzuschließen und auf ihre chinesischen Märkte zu verzichten. Da China ein so wichtiger Absatzmarkt für das deutsche Kapital ist, stellt dies Deutschland vor ein großes Dilemma, das von anderen europäischen Mächten in einer Zeit geteilt wird, in der die EU selbst von der Tendenz ihrer Mitgliedstaaten bedroht ist, ihre nationalen Interessen über die der Union zu stellen.
China, das vor zwei Jahren noch als der große Gewinner der Covid-Krise dargestellt wurde, ist eine der charakteristischsten Ausprägungen des Strudeleffekts. Das Land, das bereits unter einer wirtschaftlichen Verlangsamung leidet, steht nun vor großen Turbulenzen.
Seit Ende 2019 lähmen die Pandemie, die wiederholten Schließungen und die Flut von Infektionen, die auf die Abkehr von der „Null-Covid“-Politik folgten, die chinesische Wirtschaft.
China ist in die globale Krisendynamik verwickelt, sein Finanzsystem ist durch das Platzen der Immobilienblase bedroht. Der Niedergang des russischen Partners und die Unterbrechung der „Seidenstraßen“ nach Europa durch bewaffnete Konflikte oder das herrschende Chaos richten erheblichen Schaden an. Der starke Druck der USA verschärft die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes weiter. Und angesichts der wirtschaftlichen, gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Probleme stellt die angeborene Schwäche der stalinistischen Staatsstruktur ein großes Handicap dar. China ist weit davon entfernt, die Rolle einer Lokomotive der Weltwirtschaft spielen zu können, es stellt eine tickende Zeitbombe dar, deren Destabilisierung unvorhersehbare Folgen für den Weltkapitalismus hat.
Die wichtigsten Zonen der Weltwirtschaft befinden sich bereits in einer Rezession oder stehen kurz davor, in eine solche abzurutschen. Die Schwere der „Krise, die sich seit Jahrzehnten abzeichnet und die sich zur schwersten Krise der gesamten Dekadenzperiode entwickeln wird, deren historische Bedeutung sogar die größte Krise dieser Epoche, die von 1929, übertreffen wird „, beschränkt sich jedoch nicht auf das Ausmaß dieser Rezession. Die historische Schwere der gegenwärtigen Krise markiert einen fortgeschrittenen Punkt im Prozess der „inneren Zersetzung“ des Weltkapitalismus, der von der Kommunistischen Internationale 1919 angekündigt wurde und der sich aus dem allgemeinen Kontext der Endphase der Dekadenz ergibt, deren Haupttendenzen folgende sind:
– Die Beschleunigung des Zerfalls und die vielschichtigen Auswirkungen seiner Folgen auf eine kapitalistische Wirtschaft, deren Zustand sich bereits verschlechterte;
– die Beschleunigung des Militarismus im Weltmaßstab,
– die akute Entwicklung des „Jeder für sich“ zwischen den Nationen vor dem Hintergrund eines immer schärferen Wettbewerbs zwischen China und den USA um die Weltherrschaft,
– die Abkehr von den Regeln der Zusammenarbeit zwischen den Nationen, um den Widersprüchen und Erschütterungen des Systems zu begegnen,
– das Fehlen einer Lokomotive, die die kapitalistische Wirtschaft wieder anschieben kann,
– die Perspektive der absoluten Verarmung des Proletariats in den zentralen Ländern, die bereits im Gange ist.
Wir beobachten das Zusammentreffen verschiedener Ausdrucksformen der Wirtschaftskrise, und vor allem ihrer Wechselwirkung in der Dynamik ihrer Entwicklung: So erfordert die hohe Inflation eine Anhebung der Zinssätze; dies wiederum provoziert eine Rezession, die ihrerseits eine Quelle der Finanzkrise ist und zu neuen Liquiditätsspritzen und damit zu einer noch höheren Verschuldung führt, die bereits astronomisch ist und einen weiteren Faktor der Inflation darstellt.... All dies zeigt den Bankrott dieses Systems und seine Unfähigkeit, der Menschheit eine Perspektive zu bieten.
Die Weltwirtschaft steuert auf eine Stagflation zu, eine Situation, die durch die Auswirkungen der Überproduktion und die Entfesselung der Inflation infolge des Anstiegs der unproduktiven Ausgaben (in erster Linie Rüstungsausgaben, aber auch die exorbitanten Kosten für die Folgen des Zerfalls) und des Rückgriffs auf das Drucken von Geld gekennzeichnet ist, was die Verschuldung weiter anheizt. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Chaos und der unvorhergesehenen Beschleunigungen offenbart die Bourgeoisie nicht nur ihre Ohnmacht, sondern alles was sie tut verschlimmert die Situation noch.
Für das Proletariat bedeuten der Inflationsschub und die Weigerung der Bourgeoisie die „Lohn-Preis-Spirale“ zu bremsen, einen drastischen Rückgang der Kaufkraft. Hinzu kommen die massiven Entlassungen, die brutalen Kürzungen der Sozialbudgets und die Angriffe auf die Renten, die für uns eine Zukunft in Armut mit sich bringen werden, wie sie in den Ländern der Peripherie bereits Realität ist. Für immer breitere Schichten des Proletariats in den zentralen Ländern wird es zunehmend schwieriger werden, eine Wohnung, eine Heizung, Lebensmittel oder Sozialleistungen zu erhalten.
Die Bourgeoisie ist mit einem massiven Arbeitskräftemangel in einer Reihe von Sektoren konfrontiert. Dieses Phänomen, das in seinem Ausmaß und seinen Auswirkungen auf die Produktion etwas Neues ist, scheint das Ergebnis einer Reihe von Faktoren zu sein, die die inneren Widersprüche des Kapitalismus und die Auswirkungen des Zerfalls zusammenführen. Es ist gleichzeitig das Produkt der Unkontrolliertheit des Kapitalismus, die sowohl Überkapazitäten – Arbeitslosigkeit – als auch Arbeitskräftemangel erzeugt. Weitere Faktoren dieses Phänomens sind die Globalisierung und die zunehmende Zersplitterung des Weltmarktes, die die internationale Verfügbarkeit von Arbeitskräften erschweren; demografische Faktoren wie sinkende Geburtenraten und die Überalterung der Bevölkerung, die die Zahl der für die Ausbeutung verfügbaren Arbeitskräfte einschränken, sowie der relative Mangel an ausreichend qualifizierten Arbeitskräften, dies trotz der selektiven Einwanderungspolitik zahlreicher Staaten. Hinzu kommt die Abwanderung von Lohnabhängigen aus Branchen, in denen die Arbeitsbedingungen unerträglich geworden sind.
Der Krieg in der Ukraine ist auch ein deutliches Beispiel dafür, wie ein Krieg die ökologische Krise weiter beschleunigen kann, die sich während der gesamten Periode der Dekadenz aufgebaut hat, aber bereits in den ersten Jahrzehnten der Endphase des Kapitalismus ein neues Niveau erreicht hatte. Die Zerstörung von Gebäuden, Infrastruktur, Technologie und anderen Ressourcen stellt eine enorme Energieverschwendung dar, und ihr Wiederaufbau wird noch mehr Kohlenstoffemissionen verursachen. Der allumfassende Einsatz hochgradig zerstörerischer Waffen führt zur Verschmutzung von Boden, Wasser und Luft, wobei die ständige Gefahr besteht, dass die gesamte Region erneut zu einer Quelle atomarer Strahlung wird, sei es durch die Bombardierung von Kernkraftwerken oder durch den gezielten Einsatz von Atomwaffen. Aber auch auf globaler Ebene hat der Krieg ökologische Auswirkungen, da er das Erreichen der globalen Ziele zur Begrenzung der Emissionen in noch weitere Ferne rücken lässt, da jedes Land mehr auf seine „Energiesicherheit“ bedacht ist, was im Allgemeinen eine weitere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bedeutet.
So wie die ökologische Krise ein Faktor des Strudeleffekts ist, erzeugt sie auch ihre eigenen „Rückkopplungsschleifen“, die den Prozess der globalen Erwärmung bereits beschleunigen. So birgt das Schmelzen der Polkappen nicht nur die Gefahr eines steigenden Meeresspiegels in sich, sondern wird selbst zu einem Faktor des globalen Temperaturanstiegs, da der Verlust des Eises eine geringere Fähigkeit mit sich bringt, die Sonnenenergie zurück in die Atmosphäre zu reflektieren. Ebenso wird durch das Abschmelzen des Dauerfrostbodens in Sibirien ein riesiger Vorrat an dem starken Treibhausgas Methan freigesetzt. Die sich verschlimmernden und kombinierten Auswirkungen der globalen Erwärmung (Überschwemmungen, Waldbrände, Dürre, Bodenerosion usw.) machen bereits jetzt immer mehr Teile des Planeten unbewohnbar und verschärfen das globale Flüchtlingsproblem, das durch die Fortdauer und Ausweitung imperialistischer Konflikte bereits angeheizt wird.
Wie Marx und Rosa Luxemburg erklärten, hat das unerbittliche Streben nach Märkten und Rohstoffen den Kapitalismus dazu getrieben, in den gesamten Planeten einzudringen und ihn zu ‚besetzen‘ und die verbleibenden „wilden“ Gebiete zu zerstören oder dem Gesetz des Profits zu unterwerfen. Dieser Prozess ist untrennbar mit der Entstehung von Zoonose-Krankheiten wie Covid verbunden und legt damit die Grundlage für künftige Pandemien.
Die herrschende Klasse ist sich der Gefahren, die von der ökologischen Krise ausgehen, zunehmend bewusst, vor allem, weil all dies mit enormen wirtschaftlichen Kosten verbunden ist. Aber die jüngsten Umweltkonferenzen haben die grundsätzliche Unfähigkeit der herrschenden Klasse, mit der Situation umzugehen, bestätigt, da der Kapitalismus ohne die Konkurrenz zwischen den Nationalstaaten und die Anforderungen des „Wachstums“ nicht existieren kann. Ein Teil der Bourgeoisie, wie z.B. ein beträchtlicher Flügel der Republikanischen Partei in den USA, deren Ideologie von der für die Zerfallsphase des Kapitalismus typischen tiefgreifenden Irrationalität getragen wird, leugnet weiterhin die Klimawissenschaft, aber wie die Berichte des WEF und der UNO zeigen, sind sich die intelligenteren Fraktionen des Ernstes der Lage durchaus bewusst. Aber die angeblichen Lösungen, die sie anbieten, können nie an der Wurzel des Problems ansetzen und stützen sich auf technische Lösungen, die genauso giftig sind wie die bestehende Technologie (wie im Fall der „sauberen“ Elektrofahrzeuge, deren Lithiumbatterien auf riesigen und hochgradig umweltschädlichen Bergbauprojekten beruhen) oder weitere Angriffe auf die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse bedeuten. So ist die Idee einer „Postwachstums“-Wirtschaft, in der ein „wohlwollender“ und „wahrhaft demokratischer“ Staat über alle grundlegenden Verhältnisse des Kapitalismus (Lohnarbeit, verallgemeinerte Warenproduktion) waltet, nicht nur eine logische Absurdität – da gerade diese Verhältnisse die Notwendigkeit einer endlosen Akkumulation begründen –, sondern würde auch heftige Sparmaßnahmen nach sich ziehen, die mit dem Slogan „weniger konsumieren“ gerechtfertigt werden. Und während der radikalere Flügel der „grünen“ Bewegungen (Fridays for Future, Extinction Rebellion usw.) zunehmend das Geschwätz der Umweltkonferenzen der Regierungen kritisiert, können ihre Aufrufe zu direktem Handeln durch besorgte „Bürger“ nur die Notwendigkeit verschleiern, dass die Arbeiterklasse dieses System auf ihrem eigenen Klassenterrain bekämpfen und erkennen muss, dass ein wirklicher „Systemwechsel“ nur durch die proletarische Revolution zustande kommen kann. Da die Umweltkatastrophen immer schneller aufeinander folgen, wird die Bourgeoisie solche Formen des Protests mit Sicherheit als falsche Alternativen zum Klassenkampf nutzen, der allein die Perspektive einer radikal neuen Beziehung zwischen der Menschheit und ihrer natürlichen Umwelt entwickeln kann.
1990 wiesen unsere „Thesen zum Zerfall“ auf die wachsende Tendenz der herrschenden Klasse hin, die Kontrolle über ihr politisches Spiel zu verlieren. Der Aufstieg des Populismus, der durch die völlige Perspektivlosigkeit des Kapitalismus und die Entwicklung des „Jeder für sich“ auf internationaler Ebene genährt wird, ist wahrscheinlich der deutlichste Ausdruck dieses Kontrollverlusts. Diese Tendenz hat sich trotz der Gegenbewegungen anderer, „verantwortungsbewussterer“ Fraktionen der Bourgeoisie fortgesetzt (z.B. die Ablösung von Trump und die rasche Absetzung von Truss in Großbritannien). In den USA bereitet Trump immer noch eine neue Präsidentschaftskandidatur vor, die im Falle eines Erfolgs die gegenwärtige außenpolitische Ausrichtung der US-Regierung ernsthaft untergraben würde; in Großbritannien, dem klassischen Land der stabilen parlamentarischen Regierung, haben wir eine Reihe von vier aufeinanderfolgenden Tory-Premierministern erlebt, die Ausdruck tiefer Spaltungen in der Tory-Partei als Ganzes sind und wiederum hauptsächlich von den populistischen Kräften angetrieben werden, die das Land in das Fiasko des Brexit getrieben haben. Abseits der historischen Zentren des kapitalistischen Systems agieren nationalistische Demagogen wie Erdogan und Modi weiterhin als Außenseiter und verhindern die Bildung einer soliden Allianz hinter den USA in ihrem Konflikt mit Russland. In Israel ist Netanjahu ebenfalls aus seinem scheinbaren politischen Grab auferstanden, unterstützt von ultrareligiösen, offen für weitere Annexionen eintretenden Kräften, und seine Bemühungen, den Obersten Gerichtshof seiner Regierung unterzuordnen, haben eine riesige Protestbewegung ausgelöst, die ganz von Aufrufen zur Verteidigung der „Demokratie“ beherrscht wird.
Der Sturm von Trump-Anhängern auf das Kapitol am 6. Januar 2020 hatte deutlich gemacht, dass sich die Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse selbst im mächtigsten Land der Welt immer mehr verfestigen und das Potenzial haben, in gewaltsame Auseinandersetzungen und sogar Bürgerkriege auszuarten. Nach der Wahl von Lula in Brasilien versuchten die Kräfte hinter Bolsonaro ihre eigene Version des 6. Januar 2020. In Russland gibt es immer mehr Anzeichen für eine Opposition gegen Putin innerhalb der herrschenden Klasse, vielleicht am deutlichsten bei ultra-nationalistischen Gruppen, die mit dem Verlauf der derzeitigen „militärischen Sonderoperation“ in der Ukraine nicht zufrieden sind. Gerüchte über Militärputsche machen die Runde; und während Putin selbst sich derzeit dem Druck von rechts durch ständige Drohungen, den „Krieg mit dem Westen“ zu eskalieren, anpasst, wäre eine Ablösung Putins durch eine rivalisierende Bande alles andere als ein friedlicher Prozess. Schließlich treten auch in China die Spaltungen innerhalb der Bourgeoisie immer deutlicher zutage, insbesondere zwischen der Fraktion um Xi Jinping, die für eine verstärkte zentralstaatliche Kontrolle der gesamten Wirtschaft und eine energisch nationalistische Außenpolitik eintritt, und den Rivalen, die sich stärker für die Möglichkeiten der Entwicklung von Privatkapital und ausländischen Investitionen einsetzen. Obwohl noch auf dem Parteitag im Oktober 2022 die Herrschaft der Xi-Fraktion unangreifbar schien, haben ihr katastrophaler Umgang mit der Covid-Krise, die sich verschärfende Wirtschaftskrise und die durch den Ukraine-Krieg entstandenen schwerwiegenden Dilemmata die wahren Schwächen der chinesischen herrschenden Klasse offenbart, die durch einen starren stalinistischen Apparat belastet wird, dem die Mittel zur Anpassung an die großen sozialen und wirtschaftlichen Probleme fehlen.
Diese Spaltungen setzen jedoch der Fähigkeit der herrschenden Klasse die Auswirkungen des Zerfalls gegen die Arbeiterklasse zu wenden, oder angesichts eines zunehmenden Klassenkampfes ihre Spaltungen vorübergehend beiseite zu schieben, um ihrem historischen Todfeind entgegenzutreten, kein Ende. Und selbst wenn die Bourgeoisie nicht in der Lage ist, ihre internen Spaltungen zu kontrollieren, ist die Arbeiterklasse ständig von der Gefahr bedroht, hinter rivalisierenden Fraktionen ihres Klassenfeindes mobilisiert zu werden.
Die Wiederbelebung der Kampfbereitschaft der Arbeiter in einer Reihe von Ländern ist ein bedeutendes historisches Ereignis, das nicht nur auf lokale Umstände zurückzuführen ist und sich nicht durch rein nationale Bedingungen erklären lässt. Die Kämpfe, die seit dem Sommer 2022 in Großbritannien stattfinden, haben eine Bedeutung, die über den britischen Kontext hinausgeht. Die Reaktion der britischen Arbeiter und Arbeiterinnen wirft ein Licht auf die Kämpfe in anderen Ländern und verleiht ihnen eine neue und besondere Bedeutung. Die Tatsache, dass die gegenwärtigen Kämpfe von einem Teil des Proletariats initiiert wurden, der am meisten unter dem allgemeinen Rückzug des Klassenkampfes seit Ende der 80er-Jahre gelitten hat, ist von großer Bedeutung: So wie die Niederlage in Großbritannien 1985 den allgemeinen Rückzug Ende der 80er-Jahre ankündigte, offenbart die Rückkehr der Streiks und der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse in Großbritannien die Existenz einer tiefen Dynamik innerhalb des Proletariats der ganzen Welt. Angesichts der Verschärfung der Weltwirtschaftskrise beginnt die Arbeiterklasse, ihre Antwort auf die unaufhaltsame Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in derselben internationalen Bewegung zu entwickeln. Diese Analyse gilt auch für die drei Monate andauernden Massenmobilisierungen der Arbeiterklasse in Frankreich angesichts des Angriffs der Regierung auf die Renten. Seit Jahrzehnten gehört die Arbeiterklasse in diesem Land zu den kämpferischsten der Welt, aber ihre Mobilisierungen Anfang 2023 sind nicht einfach eine Fortsetzung der großen Kämpfe der vorangegangenen Periode. Das Ausmaß dieser Mobilisierungen erklärt sich auch und grundlegend dadurch, dass sie Teil einer Kampfbereitschaft sind, die das Proletariat heute in vielen Ländern hervorbringt.
Die gegenwärtigen Arbeiterkämpfe in Europa bestätigen, dass die Klasse nicht besiegt ist und ihr Potenzial bewahrt. Die Tatsache, dass die Gewerkschaften diese Bewegungen kontrollieren, ohne dabei in Frage gestellt zu werden, schmälert oder relativiert deren Bedeutung nicht. Im Gegenteil, die Haltung der herrschenden Klasse, die seit langem auf eine Wiederbelebung der Arbeiterkämpfe vorbereitet ist, zeugt von deren Potenzial: Die Gewerkschaften waren von vornherein darauf ausgerichtet, eine „kämpferische“ Haltung einzunehmen und sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, um ihre Rolle als Hüter der kapitalistischen Ordnung voll zu spielen.
Das Ausmaß und die Gleichzeitigkeit dieser Bewegungen, die von einer neuen Generation von Arbeitern und Arbeiterinnen getragen werden, zeugen von einem Stimmungswandel in der Klasse und stellen einen Bruch mit der Passivität und Orientierungslosigkeit dar, die seit Ende der 80er-Jahre bis heute vorherrschte.
Angesichts der Bewährungsprobe des Krieges in der Ukraine war eine direkte Reaktion der Arbeiterklasse nicht zu erwarten. Die Geschichte zeigt, dass sich die Arbeiterklasse nicht direkt gegen den Krieg mobilisiert, sondern gegen seine Auswirkungen auf das Leben „an der Front in der Heimat“. Die Abwesenheit an pazifistischen Mobilisierungen – die von der Bourgeoisie organisiert werden – bedeutet nicht, dass das Proletariat am Krieg festhält, aber es zeigt die Wirksamkeit der Kampagne zur „Verteidigung der Ukraine gegen den russischen Aggressor“. Es handelt sich jedoch nicht nur um eine passive Verweigerung. Die Arbeiterklasse in den zentralen Ländern ist bisher nicht bereit, das höchste Opfer des Todes zu akzeptieren, lehnt aber auch die vom Krieg geforderten Opfer der Lebens- und Arbeitsbedingungen ab. Die gegenwärtigen Kämpfe sind genau die Antwort der Arbeiter und Arbeiterinnen auf dieser Ebene; sie sind die einzig mögliche Antwort und enthalten die Voraussetzungen für die Zukunft, aber gleichzeitig zeigen sie, dass die Arbeiterklasse noch nicht in der Lage ist, die Verbindung zwischen Krieg und der Verschlechterung ihrer Bedingungen herzustellen.
Das IKS hat immer darauf bestanden, dass trotz der Schläge gegen das Klassenbewusstsein, trotz seines Rückflusses in den letzten Jahrzehnten:
– das Proletariat der zentralen Länder enorme Reserven an Kampfkraft bewahrt hat, die bisher nicht entscheidend auf die Probe gestellt worden sind;
– die Entwicklung eines offenen Widerstands gegen die Angriffe des Kapitals stellt in der heutigen Situation mehr denn je die wichtigste Voraussetzung für das Proletariat dar, um seine Klassenidentität als Ausgangspunkt für eine allgemeinere Entwicklung des Klassenbewusstseins zurückzugewinnen.
Bis jetzt scheinen die an die Oberfläche gekommenen kämpferischen Äußerungen „nur ein geringes Echo innerhalb des Rests der Klasse zu haben: Das Phänomen, dass die Kämpfe in einem Land auf Bewegungen anderswo ‚antworten‘, scheint nahezu nicht-existent zu sein. Unter diesen Umständen ist es selbst für die Revolutionäre schwierig, ein klares Strickmuster oder definitive Anzeichen von Fortschritt im Klassenkampf zu erkennen. Für die Klasse im Allgemeinen trug die zersplitterte und separate Natur der Kämpfe – zumindest oberflächlich – wenig dazu bei, das Selbstvertrauen des Proletariats, sein Bewusstsein über sich selbst als eine besondere gesellschaftliche Kraft, als eine internationale Klasse mit dem Potenzial, die herrschende Ordnung herauszufordern, zu verstärken oder zu erneuern“.[5]
Heute verändert die Kombination aus Rückkehr der Kampfbereitschaft der Arbeiter und Verschärfung der Weltwirtschaftskrise (im Vergleich zu 1968 oder 2008), die keinen Teil des Proletariats verschont und alle gleichzeitig trifft, objektiv die Grundlagen für den Klassenkampf.
Die Verschärfung der Krise und die Intensivierung der Kriegswirtschaft können sich nur im Weltmaßstab fortsetzen und überall eine steigende Kampfbereitschaft erzeugen. Die Inflation wird bei dieser Entwicklung von Kampfbereitschaft und Bewusstsein eine besondere Rolle spielen. Indem sie alle Länder, die gesamte Arbeiterklasse trifft, treibt die Inflation das Proletariat zum Kampf. Da es sich nicht um einen Angriff handelt, den die Bourgeoisie vorbereiten und schließlich zurückziehen kann, sondern um ein Produkt des Kapitalismus, impliziert es einen tieferen Kampf und ein tieferes Nachdenken.
Das Wiederaufleben der Kämpfe bestätigt die Analyse der IKS, dass die Krise tatsächlich der beste Verbündete des Proletariats bleibt: „Die Entfaltung der Krise ist Voraussetzung dafür, dass die Klasse in der Lage ist, dem ideologischen Gift der Fäulnis der Gesellschaft entgegenzutreten. Obwohl die Arbeiterklasse sich in den sog. Teilkämpfen gegen die Auswirkungen des Zerfalls nicht als Klasse zusammenschließen kann, bildet der Kampf gegen die direkten Auswirkungen der Krise dennoch die Grundlage für die Entfaltung ihrer Stärke und ihrer Einheit als Klasse.“ („Thesen zum Zerfall“, Internationale Revue Nr. 13).[6] Die heutige Entwicklung der Kämpfe ist keine Eintagsfliege, sondern hat eine Zukunft. Sie deutet auf einen Prozess der Wiederbelebung der Klasse nach Jahren des Rückflusses hin und birgt das Potenzial für die Wiedererlangung der Klassenidentität, also dafür, dass die Klasse sich wieder dessen bewusst wird, was sie ist, welches Gewicht sie hat, wenn sie in den Kampf eintritt.
Alles deutet darauf hin, dass diese in Europa entstandene Klassenbewegung lange anhalten kann und in anderen Teilen der Welt auch aufgenommen wird. Eine neue Situation tut sich für den Klassenkampf auf. Angesichts der Gefahr der Zerstörung durch den Zerfall des Kapitalismus zeigen diese Kämpfe, dass die historische Perspektive völlig offen bleibt: „Diese ersten Schritte werden oft zögerlich und voller Schwächen sein, aber sie sind unerlässlich, damit die Arbeiterklasse in der Lage ist, ihre historische Fähigkeit zur Durchsetzung ihrer kommunistischen Perspektive zu bekräftigen. So werden sich die beiden alternativen Pole – Zerstörung der Menschheit oder kommunistische Revolution – gegenüberstehen, auch wenn die letztere Alternative noch in weiter Ferne liegt und mit enormen Hindernissen konfrontiert ist.“[7]
Obwohl die Umstände des Zerfalls ein Hindernis für die Entwicklung der Kämpfe und die Wiederherstellung des Selbstbewusstseins des Proletariats darstellen, ist es der Klasse gelungen, zum Kampf zurückzukehren, dies auch wenn der Zerfall erschreckend weiter vorangeschritten ist und obwohl die Zeit nicht mehr auf ihrer Seite ist. Die jüngsten Ereignisse haben unsere Vorhersage in der „Resolution zur internationalen Lage“ vom 24. internationalen Kongress eindrucksvoll bestätigt: „Wie wir bereits in Erinnerung gerufen haben, birgt die Zerfallsphase in der Tat die Gefahr, dass das Proletariat einfach nicht reagiert und über einen langen Zeitraum hinweg zermalmt wird – eher ein „Tod durch tausend Stiche“ als eine frontale Klassenkonfrontation. Demgegenüber behaupten wir, dass es immer noch genügend Beweise gibt, die zeigen, dass trotz des unzweifelhaften „Voranschreitens“ des Zerfalls, trotz der Tatsache, dass die Zeit nicht mehr zugunsten der Arbeiterklasse läuft, das Potential für eine tiefgreifende proletarische Wiederbelebung – die zu einer Wiedervereinigung zwischen der ökonomischen und der politischen Dimension des Klassenkampfes führt – nicht verschwunden ist.“[8]
Der Kampf selbst ist der erste Erfolg des Proletariats; dies wird besonders deutlich anhand folgender Punkte:
– Der Weg zur Wiedererlangung der Klassenidentität. Während das fragile Wiederauftauchen des Klassenkampfes (USA 2018, Frankreich 2019) durch die Pandemie und die Aussperrungen weitgehend blockiert wurde, haben diese Ereignisse den Zustand der Arbeiterklasse als Hauptopfer der Gesundheitskrise, aber auch als Quelle aller Arbeit und aller materiellen Produktion lebenswichtiger Güter offenbart. Die Arbeiter und Arbeiterinnen machen jetzt eine kollektive Erfahrung des Kampfes, in dem es eine Suche nach Einheit und einen Beginn der Solidarität zwischen den verschiedenen Sektoren der Klasse, zwischen „Arbeitern“ und „Angestellten“, zwischen den Generationen gibt. Das Gefühl, dass alle in einem Boot sitzen, wird die Arbeiterklasse in die Lage versetzen, sich als eine soziale Kraft zu erkennen, die durch dieselben Ausbeutungsbedingungen vereint ist. Die Wiederherstellung der Klassenidentität des Proletariats beinhaltet eine Dimension, die untrennbar mit diesen ersten Schritten der Anerkennung seiner selbst und seiner Stärke verbunden ist; sie beinhaltet auch die Identifizierung seines Klassengegners, über diesen oder jenen Arbeitgeber oder diese oder jene Regierung hinaus. Diese Wiederaufnahme der Konfrontation zwischen den Klassen schafft die Voraussetzungen für die Perspektive einer bewussteren Politisierung des Kampfes – ein langer und mühsamer Prozess, der gerade erst begonnen hat.
– Ein Fortschritt in der unterirdischen Reifung des Bewusstseins, die sich über einen längeren Zeitraum und auf verschiedenen Ebenen entwickelt hat. In den breiteren Schichten der Klasse nimmt die unterirdische Reifung zunächst die Form eines Verlusts der Illusion in die Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus an, eines Bewusstseins, dass die Situation nur noch schlimmer werden kann, dass die gesamte Dynamik des Kapitalismus die Gesellschaft an die Wand drückt, vor allem aber eine tiefsitzende Abneigung gegen die Ausbeutungsbedingungen, die heute in der Losung „Genug ist genug“ zusammengefasst wird. In einem begrenzteren Teil der Klasse ist eine Rückbesinnung auf vergangene Kämpfe und die Suche nach Lehren über die Mittel zur Stärkung des Kampfes zu beobachten, wie ein wirksames Kräfteverhältnis gegen den bürgerlichen Staat geschaffen werden kann. Und schließlich: „In einem Teil der Klasse, der zahlenmäßig noch kleiner, aber dazu bestimmt ist, mit dem Voranschreiten des Kampfes weiter anzuwachsen, nimmt dies die Form einer ausdrücklichen, offenen Verteidigung des kommunistischen Programms an und somit der Umgruppierung einer organisierten marxistischen Avantgarde.“[9] Konkretisiert wird dies durch das Auftreten von Minderheiten, die sich für die politischen Positionen der Kommunistischen Linken interessieren.
Es war der allmähliche Verlust der Klassenidentität, der es der Bourgeoisie ermöglichte, die beiden größten Momente des proletarischen Kampfes seit den 1980er-Jahren (die Bewegung gegen den Contrat Première Embauche (CPE) in Frankreich 2006 und die Indignados in Spanien 2011) zu sterilisieren bzw. zurückzugewinnen, weil den Hauptkräften diese entscheidende Grundlage für die allgemeinere Entwicklung des Bewusstseins entzogen wurde. Heute ist die Tendenz zur Wiedererlangung der Klassenidentität und die Entwicklung der unterirdischen Reifung Ausdruck der wichtigsten Veränderung auf der subjektiven Ebene, die das Potenzial für die künftige Entwicklung des proletarischen Kampfes zeigt. Die Klassenidentität ist ein untrennbarer Bestandteil des Klassenbewusstseins, denn sie bedeutet das Bewusstsein, eine Klasse zu bilden, die durch gemeinsame Interessen vereint ist, die denen der Bourgeoisie entgegengesetzt sind, sie bedeutet die „Konstituierung des Proletariats als Klasse“ (Kommunistisches Manifest), und sie ist ein untrennbarer Bestandteil des Klassenbewusstseins für die Anerkennung des bewussten revolutionären Wesens des Proletariats. Ohne sie gibt es keine Möglichkeit für die Klasse, an ihre Geschichte anzuknüpfen, um die Lehren aus den vergangenen Kämpfen zu ziehen und so ihre gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfe zu führen. Klassenidentität und Klassenbewusstsein können nur durch die Entwicklung des autonomen Kampfes der Klasse auf ihrem eigenen Terrain gestärkt werden.
Die Wiederbelebung der Kampfkraft der Klasse und die unterirdische Reifung des Bewusstseins erfordern für die Bourgeoisie, dass die Gewerkschaften, diese staatlichen Organe, die darauf spezialisiert sind, den Kämpfen der Arbeiterklasse Fesseln anzulegen, und die linken politischen Organisationen, die bürgerlichen falschen Freunde der Arbeiterklasse, sich an die vorderste Front des Klassenkampfes stellen.
Die derzeitige Wirksamkeit der gewerkschaftlichen Kontrolle beruht auf den Schwächen, die sich aus dem Zerfall ergeben, Schwächen, die von der Bourgeoisie politisch ausgenutzt werden, und aus dem Rückzug des Bewusstseins, der seit einigen Jahrzehnten andauert und der sich in der „Rückkehr der Gewerkschaften“ und dem Erstarken der reformistischen Ideologie in den Kämpfen der kommenden Periode, die die Arbeit der Gewerkschaften erheblich erleichtert ausdrückt.
Insbesondere das Gewicht der Atomisierung, die Perspektivlosigkeit, die Schwäche der Klassenidentität, der Verlust der Errungenschaften und der Lehren aus den Konfrontationen mit den Gewerkschaften in der Vergangenheit sind die Ursachen für den äußerst wichtigen Einfluss des in Sektoren und Berufsgruppen aufgeteilten Denkens. Diese Schwäche ermöglicht es den Gewerkschaften, einen starken Einfluss auf die Klasse zu behalten.
Obwohl sie noch nicht von einer Herausforderung die Kontrolle des Kampfes zu verlieren bedroht sind, waren die Gewerkschaften gezwungen, sich an die aktuellen Kämpfe anzupassen, um ihre übliche Arbeit der Spaltung besser ausführen zu können. Dies indem sie eine „kämpferischere“, „an die Arbeiterklasse gerichtete“ Sprache verwenden und sich selbst als Schmiede der Klasseneinheit darstellen, um diese besser sabotieren zu können.
Parallel dazu arbeiten die verschiedenen linken Organisationen (und die Linke des Kapitals im Allgemeinen) innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften und unterstützen diese nach Kräften. Als Verfechter der raffiniertesten arbeiterfeindlichen Mystifikationen in einer radikalen Verkleidung haben sie auch die Funktion, Minderheiten zu einzufangen, die nach Klassenpositionen suchen.
Die ständige Verteidigung der „Demokratie“ und der Interessen des „Volkes“ zielt darauf ab, die Existenz von Klassengegensätzen zu verschleiern, die Lüge vom Staat als Beschützer zu nähren und die proletarische Klassenidentität anzugreifen, indem die Arbeiterklasse auf eine Masse von Bürgern oder „Sektoren“ von Aktivitäten reduziert wird, die durch besondere Interessen getrennt sind.
Angesichts der Bewegungen der nicht ausbeutenden Schichten oder des von der Wirtschaftskrise zermürbten Kleinbürgertums muss sich das Proletariat vor „Volks“-Aufständen oder klassenübergreifenden Kämpfen hüten, die seine eigenen Interessen in einer undifferenzierten Summe des „Volkes“ untergehen lassen. Es muss fest auf dem Terrain der Verteidigung seiner eigenen Forderungen und seiner Klassenautonomie stehen, als Vorbedingung für die Entwicklung seiner Kraft und seines Kampfes.
Die Arbeiterklasse muss auch die von der Bourgeoisie gestellten Fallen rund um die Ein-Themen-Kämpfe (oder auch Teilkämpfe genannt: zur Rettung der Umwelt, gegen Rassenunterdrückung, Feminismus usw.) ablehnen, die sie von ihrem eigenen Klassenterrain ablenken. Eine der wirksamsten Waffen der herrschenden Klasse ist ihre Fähigkeit, die Auswirkungen des Zerfalls gegen die Klasse zu wenden und die zersetzenden Ideologien des Kleinbürgertums zu fördern. Auf dem Boden des Zerfalls, der Irrationalität, des Nihilismus und des „No-Future“ gedeihen alle möglichen ideologischen Strömungen. Ihre zentrale Rolle besteht darin, jeden abstoßenden Aspekt dieses dekadenten kapitalistischen Systems zu einem Motiv für einen spezifischen Kampf zu machen, der von verschiedenen Kategorien der Bevölkerung oder manchmal vom „Volk“ geführt wird, aber immer getrennt von jeder wirklichen Infragestellung des Systems als Ganzes.
All diese Ideologien (ob ökologische, „woke“, anti-rassistische, etc.), die den Klassenkampf leugnen, oder wie diejenigen, die „Intersektionalität“ predigen, den Klassenkampf auf die gleiche Ebene stellen wie den Kampf gegen Rassismus oder männlichen Chauvinismus, stellen eine Gefahr für die Klasse dar, insbesondere für die junge Generation von Arbeitern und Arbeiterinnen, denen es an Erfahrung mangelt, die aber zutiefst über den Zustand der Gesellschaft empört sind. Auf dieser Ebene werden diese Ideologien durch eine ganze Reihe von Linken und Modernisten („Kommunisierer“) ergänzt, deren Rolle es ist, die Bemühungen des Proletariats zur Entwicklung des Klassenbewusstseins zu unterdrücken und die Menschen vom Klassenkampf abzulenken.
Wenn der Klassenkampf von Natur aus international ist, ist die Arbeiterklasse gleichzeitig eine heterogene Klasse, die ihre Einheit durch ihren Kampf erlangen muss. In diesem Prozess hat das Proletariat der zentralen Länder die Aufgabe, dem Weltproletariat die Tür zur Revolution zu öffnen.
In den Ländern wie China, Indien usw. hat sich die Arbeiterklasse zwar als sehr kämpferisch erwiesen, und trotz ihrer quantitativen Bedeutung sind diese Teile des Proletariats aufgrund ihrer fehlenden historischen Erfahrung besonders anfällig für die ideologischen Fallen und Mystifikationen der herrschenden Klasse. Ihre Kämpfe werden leicht zur Hilflosigkeit verdammt oder in bürgerliche Sackgassen abgeleitet (Forderungen nach mehr Demokratie, Freiheit, Gleichheit usw.) oder in klassenübergreifenden, von anderen sozialen Schichten dominierten Bewegungen völlig verwässert. Wie der arabische Frühling 2010 gezeigt hat, wurde der sehr reale Arbeiterkampf in Ägypten schnell zu einem „Volk“ verwässert, das dann hinter Fraktionen der herrschenden Klasse auf das bürgerliche Terrain von „mehr Demokratie“ gezogen wurde. Oder die gewaltige Protestbewegung im Iran, wo in Ermangelung einer klaren revolutionären Perspektive, die von den erfahreneren Teilen des Weltproletariats in Westeuropa verteidigt wird, die vielen Arbeiterkämpfe im Land nur in der Volksbewegung untergehen und von ihrem Klassenterrain hinter der Parole der Frauenrechte abgelenkt werden können.
In den USA hat das Proletariat der stärksten Weltmacht trotz der Schwächen, die damit zusammenhängen, dass die Arbeiterklasse in diesem Land nicht direkt mit der Konterrevolution konfrontiert war und weniger direkt dem Weltkrieg ausgesetzt war, und trotz des Fehlens einer tiefen revolutionären Tradition, trotz zahlreicher Hindernisse, die durch den Zerfall entstanden sind, die Fähigkeit bewiesen, seine Kämpfe (während der Pandemie, während der „Striketobers“-Streikwelle 2021) auf seinem Klassenterrain zu entwickeln. Dabei kann man die USA als Epizentrum des Zerfalls bezeichnen (das Gewicht der Rassenspaltung und des Populismus, die ganze Atmosphäre des Quasi-Bürgerkriegs zwischen Populisten und Demokraten, die Sackgasse von Bewegungen, die auf einem bürgerlichen Terrain arbeiten, wie Black Lives Matter). Das Proletariat der USA zeigt in einer sehr schwierigen politischen Situation, dass es beginnt, auf die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu reagieren.
Der Schlüssel zur revolutionären Zukunft des Proletariats liegt weiterhin in den Händen seiner Teile in den zentralen Ländern des Kapitalismus. Nur das Proletariat der alten industriellen Zentren Westeuropas bildet den Ausgangspunkt für die künftige Weltrevolution:
– Weil es die Hauptstätte der bedeutendsten revolutionären Erfahrung der Arbeiterklasse ist, von den ersten Kämpfen von 1848, über die Pariser Kommune von 1871, bis zur Revolution in Deutschland 1918-19.
– Weil das europäische Proletariat durch die Konfrontation mit den raffiniertesten bürgerlichen Mystifizierungen von Demokratie, Wahlen, Gewerkschaften am meisten abgehärtet wurde.
– Weil es auch mit der Konterrevolution in den verschiedenen Formen der Diktatur der herrschenden Klasse konfrontiert wurde: bürgerliche Demokratie, Stalinismus und Faschismus.
– Weil sich die Frage der Internationalisierung des Klassenkampfes durch die geographische Nähe der mächtigsten Nationen in Europa von vornherein stellt.
– Weil die politischen Gruppen der Kommunistischen Linken, obwohl sie noch eine sehr kleine und schwache Minderheit sind, dort präsent sind.
Angesichts des zunehmenden Aufeinandertreffens der beiden alternativen Pole – Zerstörung der Menschheit oder kommunistische Revolution – haben die revolutionären Organisationen der Kommunistischen Linken, und insbesondere die IKS, eine unersetzliche Rolle bei der Entwicklung des Klassenbewusstseins zu spielen und müssen ihre Energien zur permanenten theoretischen Vertiefung und Erarbeitung einer klaren Analyse der Weltlage verwenden. Gleichzeitig müssen sie in die Kämpfe unserer Klasse eingreifen, um die Notwendigkeit der Klassenautonomie, der Selbstorganisation und der Vereinigung sowie der Entwicklung der revolutionären Perspektive zu verteidigen. Diese Arbeit kann nur auf der Grundlage eines geduldigen Aufbaus der revolutionären Organisation durchgeführt werden, der die Grundlage für die Weltpartei der Zukunft schafft. All diese Aufgaben erfordern einen energischen Kampf gegen alle Einflüsse der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologie auf das Milieu der Kommunistischen Linken und der IKS selbst. Gegenwärtig sind die Gruppen der Kommunistischen Linken mit der Gefahr einer echten Krise konfrontiert. Mit einigen Ausnahmen waren sie nicht in der Lage, zur Verteidigung des Internationalismus angesichts des imperialistischen Krieges in der Ukraine gemeinsam die Stimme zu erheben, und sie sind zunehmend offen für das Eindringen von Opportunismus und Parasitismus. Ein rigoroses Festhalten an der marxistischen Methode und den proletarischen Prinzipien ist die einzige Antwort auf diese Gefahren.
IKS, Anfang Mai 2023
[1] Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Vernichtung der Menschheit auf [160]
[5] 14. Kongress der IKS: Bericht über den Klassenkampf: Die revolutionäre Bewegung und das Konzept des Historischen Kurses, Teil 2 [162]
[6] 14. Kongress der IKS: Bericht über den Klassenkampf: Die revolutionäre Bewegung und das Konzept des Historischen Kurses, Teil 2 [162]
Die IKS verabschiedete im Mai 1990 Thesen mit dem Titel Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus, die unsere umfassende Analyse der Lage der Welt zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des imperialistischen Ostblocks Ende 1989 und für die Zeit danach darstellten. Der Kerngedanke dieser Thesen war, wie der Titel schon sagt, dass die Dekadenz der kapitalistischen Produktionsweise, die mit dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte, in eine neue Phase seiner Entwicklung eingetreten war, die vom allgemeinen Zerfall der Gesellschaft beherrscht wird. Auf ihrem 22. Kongress 2017 hatte unsere Organisation durch die Annahme eines Textes mit dem Titel Bericht über den Zerfall heute (Mai 2017) eine Aktualisierung des Dokuments von 1990 für notwendig erachtet, um "die wesentlichen Punkte der Thesen mit der gegenwärtigen Situation [zu] konfrontieren: In welchem Maße sind die verschiedenen Elemente bestätigt, ja sogar verstärkt worden, und inwieweit sind sie widerlegt worden oder müssen weiterentwickelt werden". Dieses zweite Dokument, das 27 Jahre nach dem ersten verfasst wurde, machte deutlich, dass sich die 1990 angenommene Analyse weitgehend bestätigt hatte. Gleichzeitig wurden in diesem Text von 2017 Aspekte der Weltlage angesprochen, die in dem Text von 1990 nicht enthalten waren, die aber das dort gezeichnete Bild vervollständigten und an Bedeutung gewonnen hatten: die Explosion der Ströme von Menschen, die vor Kriegen, Hunger und Verfolgung fliehen, und auch der Anstieg des fremdenfeindlichen Populismus, der sich zunehmend auf das politische Leben der herrschenden Klasse auswirkt.
Die IKS hält es heute für notwendig, die Texte von 1990 und 2017 erneut zu aktualisieren, und zwar nicht ein Vierteljahrhundert nach letzterem, sondern nur sechs Jahre danach, weil wir in der letzten Zeit eine spektakuläre Beschleunigung und Verstärkung der Erscheinungsformen dieses allgemeinen Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft erlebt haben.
Diese katastrophale und beschleunigte Entwicklung des Zustands der Welt ist den wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Führern der Welt natürlich nicht entgangen. Im "Global Risks Report" (GRR), der auf den Analysen einer Vielzahl von "Experten" (1200 im Jahr 2022) beruht und jedes Jahr auf dem Davoser Wirtschaftsforum (World Economic Forum – WEF), in dem diese führenden Politiker zusammenkommen, vorgestellt wird, heißt es :
"Die ersten Jahre dieses Jahrzehnts kündigten eine besonders unruhige Periode in der menschlichen Geschichte an. Die Rückkehr zu einer ‘neuen Normalität’ nach der COVID-19-Pandemie wurde schnell durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine beeinträchtigt, der eine neue Serie von Nahrungsmittel- und Energiekrisen einleitete – und damit Probleme entzündete, die Jahrzehnte des Fortschritts zu lösen versucht hatten.
Zu Beginn des Jahres 2023 sieht sich die Welt mit einer Reihe von Risiken konfrontiert, die sowohl völlig neu als auch unheimlich vertraut sind. Wir haben die Rückkehr ‘alter’ Risiken – Inflation, Lebenshaltungskostenkrisen, Handelskriege, Kapitalabflüsse aus Schwellenländern, weit verbreitete soziale Unruhen, geopolitische Auseinandersetzungen und das Schreckgespenst eines Atomkriegs – erlebt, die nur wenige Wirtschaftsführer und öffentliche Entscheidungsträger dieser Generation kannten. Diese Phänomene werden durch relativ neue Entwicklungen in der globalen Risikolandschaft verstärkt, darunter unhaltbare Schuldenstände, eine neue Ära des schwachen Wachstums, geringerer globaler Investitionen und der Deglobalisierung, ein Rückgang der menschlichen Entwicklung nach Jahrzehnten des Fortschritts, die rasche und unkontrollierte Entwicklung von Technologien mit doppeltem Verwendungszweck (zivil und militärisch) und der zunehmende Druck durch die Auswirkungen des Klimawandels und der damit verbundenen Ambitionen in einem immer kleiner werdenden Zeitfenster für den Übergang zu einer Welt mit +1,5°C. All diese Elemente laufen zusammen, um ein einzigartiges, unsicheres und unruhiges Jahrzehnt zu gestalten." (Wichtigste Schlussfolgerungen: einige Auszüge)
In der Regel versucht die herrschende Klasse, sei es in Regierungserklärungen oder in den großen Medien, die Feststellungen über den extremen Ernst der Weltlage abzuschwächen. Wenn sie jedoch die wichtigsten Führungspersönlichkeiten der Welt zusammenbringt, wo sie mit sich selbst spricht, wie beim jährlichen Forum in Davos, kommt sie nicht umhin, eine gewisse Klarheit an den Tag zu legen. Es ist übrigens bezeichnend, dass die alarmierenden Feststellungen in diesem Bericht in den großen Medien nur sehr wenig Widerhall fanden, deren grundlegende Berufung nicht darin besteht, die Bevölkerung und insbesondere die Ausgebeuteten ehrlich zu informieren, sondern als Propagandaagenturen zu fungieren, die dazu bestimmt sind, sie eine Situation akzeptieren zu lassen, die immer katastrophaler wird, und ihnen den vollständigen historischen Bankrott der kapitalistischen Produktionsweise zu verheimlichen.
Tatsächlich decken sich die Feststellungen, die in dem im Januar 2023 auf dem Davoser Forum vorgelegten Bericht enthalten sind, weitgehend mit dem Text, den die IKS im Oktober 2022 unter dem Titel Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Vernichtung der Menschheit auf verabschiedet hat. In Wirklichkeit ist die Analyse der IKS derjenigen der klügsten "Experten" der herrschenden Klasse nicht nur um einige Monate, sondern um Jahrzehnte vorausgegangen, da die Feststellungen, die in unserem Dokument vom Oktober 2022 getroffen werden, nur eine frappierende Bestätigung der Prognosen sind, die wir bereits Ende der 1980er Jahre, insbesondere in unseren Thesen zum Zerfall, hervorgehoben haben. Dass die Kommunisten bei der Vorhersage der großen katastrophalen Trends, die die kapitalistische Welt prägen, einen gewissen, ja sicheren Vorsprung vor den bürgerlichen "Experten" haben, ist nicht überraschend: Die herrschende Klasse kann in der Regel nur vor sich selbst und vor der Klasse, die sie ausbeutet und die als einzige eine Lösung für die Widersprüche, die die Gesellschaft untergraben, bieten kann, dem Proletariat, eine grundlegende Tatsache verschleiern: die kapitalistische Produktionsweise ist ebenso wenig wie die Produktionsweisen, die ihr vorausgingen, von ewiger Dauer. Wie die Produktionsweisen der Vergangenheit ist sie dazu bestimmt, wenn sie nicht vorher die Menschheit selbst zerstört, durch eine andere, überlegene Produktionsweise ersetzt zu werden, die der Entwicklung der Produktivkräfte entspricht, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Geschichte ermöglicht hat. Eine Produktionsweise, die die Warenbeziehungen, die den Kern der historischen Krise des Kapitalismus ausmachen, abschaffen wird, in der es keinen Platz mehr für eine privilegierte Klasse gibt, welche von der Ausbeutung der Produzenten lebt. Gerade weil sie ihren eigenen Untergang nicht in Betracht ziehen kann, ist die bürgerliche Klasse in der Regel unfähig, einen klaren Blick auf die Widersprüche zu werfen, die die von ihr geführte Gesellschaft in den Untergang treiben.
Im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals auf Deutsch schrieb Marx: "Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt – die allgemeine Krise. Sie ist wieder im Anmarsch, obgleich noch begriffen in den Vorstadien, und wird durch die Allseitigkeit ihres Schauplatzes, wie die Intensität ihrer Wirkung, selbst den Glückspilzen des neuen heiligen, preußisch-deutschen Reichs Dialektik einpauken."
Zur gleichen Zeit, als die IKS die Zerfallsthesen annahm, die den Eintritt des Kapitalismus in eine neue, letzte Phase seiner Dekadenz ankündigten, die durch eine qualitative Verschärfung der Widersprüche dieses Systems und einen allgemeinen Zerfall der Gesellschaft gekennzeichnet ist, schwärmte der "praktische Bourgeois", insbesondere in der Person von Präsident Bush senior, von der neuen glorreichen Perspektive, die der Zusammenbruch der stalinistischen Regime und des "sowjetischen" Blocks in seinen Augen einleitete, einer Ära des "Friedens" und "Wohlstands". Heute, vor der "widerspruchsvollen Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft" nicht in der Gestalt einer zyklischen Krise des 19. Jahrhunderts, sondern einer permanenten und unlösbaren Krise ihrer Wirtschaft, die zu einer zunehmenden Störung und einem Chaos in der Gesellschaft führt, ist der "praktische Bourgeois" gezwungen, sich ein wenig "Dialektik" einpauken zu lassen.
Aus diesem Grund wird sich die Aktualisierung der Zerfallsthesen weitgehend auf die Analysen und Prognosen im "Global Risks Report" von 2023 sowie auf unseren Text vom Oktober 2022 stützen, den er in vielerlei Hinsicht bestätigt. Es ist eine Bestätigung durch die klarsten Instanzen der herrschenden Klasse, in Tat und Wahrheit ein echtes Eingeständnis des historischen Bankrotts ihres Systems. Die Verwendung von Daten und Analysen, die von der feindlichen Klasse geliefert werden, ist keine "Erfindung" der IKS. Tatsächlich verfügen Revolutionäre in der Regel nicht über die Mittel, um die Daten und Statistiken zu sammeln, die der Staats- und Verwaltungsapparat der Bourgeoisie für seine eigenen Zwecke der Gesellschaftsführung erhebt. Indem er sich zum Teil – natürlich kritisch – auf diese Art von Daten stützte, gab Engels seiner Studie über Die Lage der arbeitenden Klasse in England Fleisch an den Knochen. Und Marx verwendete, insbesondere in Das Kapital, häufig die "Blue Notes" der britischen parlamentarischen Untersuchungen. Bei den Analysen und Prognosen, die von den "Experten" der Bourgeoisie erstellt werden, muss man noch kritischer sein als bei den Fakten, vor allem wenn sie einer Propaganda entsprechen, die "beweisen" soll, dass der Kapitalismus das beste oder das einzige System sei, das den Menschen Fortschritt und Wohlstand sichern könne. Wenn diese Analysen und Prognosen jedoch auf die katastrophale Sackgasse hinweisen, in der sich dieses System befindet, was natürlich nicht mit seiner Apologie übereinstimmen kann, ist es nützlich und wichtig, sich auf sie zu stützen, um unsere eigenen Analysen und Prognosen zu untermauern und zu stärken.
In dem im Oktober 2022 verabschiedeten Text heißt es:
"Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts werden zu einer der krisenhaftesten Zeiten in der Geschichte und haben bereits unbeschreibliche Katastrophen und Leid mit sich gebracht. Sie begannen mit der Covid-19-Pandemie (die immer noch andauert) und einem Krieg im Herzen Europas, in der Ukraine, der bereits seit über neun Monaten andauert und dessen Ausgang niemand vorhersehen kann. Der Kapitalismus ist in eine Phase schwerer Unruhen auf allen Ebenen eingetreten. Hinter dieser Anhäufung und Verflechtung von Katastrophen steht die drohende Vernichtung der Menschheit. (...)
Mit dem blitzartigen Ausbruch der Covid-Pandemie haben wir die Existenz von vier Merkmalen aufgezeigt, die für die Zerfallsphase typisch sind:
- Die zunehmende Schwere ihrer Auswirkungen. (...)
- Das Eindringen der Auswirkungen des Zerfalls auf wirtschaftlicher Ebene (...).
- Die zunehmende Wechselwirkung ihrer Effekte, wodurch sich die Widersprüche des Kapitalismus auf einem nie zuvor erreichten Niveau verschärfen (...).
- Die zunehmende Präsenz ihrer Auswirkungen in den Kernländern (...)
Das Jahr 2022 war ein leuchtendes Beispiel für diese vier Merkmale, durch:
- den Ausbruch des Krieges in der Ukraine;
- das Auftreten nie dagewesener Flüchtlingswellen;
- die Fortsetzung der Pandemie mit Gesundheitssystemen, die am Rande des Zusammenbruchs stehen;
- einen zunehmenden Kontrollverlust der herrschenden Klasse über ihren politischen Apparat, der sich in der Krise in Großbritannien spektakulär manifestiert hat;
- eine Agrarkrise, die bei einer allgemeinen Überproduktion zu einer Verknappung vieler Nahrungsmittel führt, was seit über einem Jahrhundert der Dekadenz des Kapitalismus ein relativ neues Phänomen darstellt (...).
- erschreckende Hungersnöte, von denen immer mehr Länder betroffen sind.
Nun führt die Aggregation und Interaktion zerstörerischer Phänomene zu einem "Strudel-Effekt", der jede seiner Teilwirkungen bündelt, katalysiert und vervielfacht, indem er noch verheerendere Verwüstungen verursacht (...). Dieser "Strudel-Effekt" stellt jedoch eine qualitative Veränderung dar, deren Folgen in der kommenden Zeit immer deutlicher zu Tage treten werden.
In diesem Zusammenhang muss die führende Rolle des Krieges als eine von den kapitalistischen Staaten gewollte und geplante Aktion hervorgehoben werden, die zum mächtigsten und schwerwiegendsten Faktor für Chaos und Zerstörung wurde. Tatsächlich bewirkt und beinhaltet der Krieg in der Ukraine einen Multiplikatoreffekt der Faktoren von Barbarei und Zerstörung (...).
In diesem Zusammenhang muss man die Ausweitung der Umweltkrise in ihrer ganzen Schwere verstehen, die auf ein bisher nicht gekanntes Niveau ansteigt:
- eine Hitzewelle im Sommer, die schlimmste seit 1961, mit der Aussicht, dass sich solche Hitzewellen dauerhaft etablieren werden;
- eine noch nie dagewesene Dürre, laut Experten die schlimmste seit 500 Jahren, die sogar Flüsse wie die Themse, den Rhein oder den Po, die normalerweise schnell fließen, in Mitleidenschaft zieht;
- verheerende Brände, ebenfalls die schlimmsten seit Jahrzehnten;
- unkontrollierbare Überschwemmungen wie in Pakistan, wo ein Drittel der Landesfläche betroffen war (ebenso wie in Thailand);
- ein drohender Kollaps der Eisschilde infolge des Abschmelzens von Gletschern, die eine Größe vergleichbar mit der Fläche Großbritanniens haben, mit katastrophalen Folgen."
Die von den "Experten" des WEF getroffenen Feststellungen sind nicht anders:
"Das nächste Jahrzehnt wird von ökologischen und gesellschaftlichen Krisen geprägt sein, die durch tiefer liegende geopolitische und wirtschaftliche Trends angeheizt werden. Die ‘Krise der Lebenshaltungskosten’ wird als das schwerwiegendste globale Risiko für die nächsten zwei Jahre eingestuft, mit einem kurzfristigen Höhepunkt. Der ‘Verlust der biologischen Vielfalt und der Zusammenbruch der Ökosysteme’ wird als eines der globalen Risiken angesehen, die sich im nächsten Jahrzehnt am schnellsten verschlechtern werden, und alle sechs Umweltrisiken gehören zu den zehn größten Risiken für die nächsten zehn Jahre. Neun Risiken sind in der Rangliste der zehn wichtigsten kurz- und langfristigen Risiken enthalten, darunter ‘geoökonomische Konfrontation’ und ‘Erosion des sozialen Zusammenhalts und gesellschaftliche Polarisierung’, sowie zwei Neuzugänge in der Rangliste: ‘weit verbreitete Cyberkriminalität und Cyberunsicherheit’ und ‘unfreiwillige Migration in großem Maßstab’.
Regierungen und Zentralbanken könnten in den nächsten zwei Jahren mit hartnäckigem Inflationsdruck konfrontiert sein, insbesondere aufgrund der Möglichkeit eines lang anhaltenden Krieges in der Ukraine, anhaltender Engpässe aufgrund einer anhaltenden Pandemie und eines Wirtschaftskrieges, der zu einer Entkopplung der Lieferketten führt. Auch die Risiken einer Verschlechterung der Wirtschaftsaussichten sind erheblich. Ein Ungleichgewicht zwischen Geld- und Fiskalpolitik wird die Wahrscheinlichkeit von Liquiditätsschocks erhöhen und damit einen längeren Wirtschaftsabschwung und eine weltweite Überschuldung signalisieren. Eine anhaltende angebotsinduzierte Inflation könnte zu einer Stagflation führen, deren sozioökonomische Folgen angesichts einer beispiellosen Wechselwirkung mit historisch hohen Staatsverschuldungsniveaus schwerwiegend sein könnten. Die Fragmentierung der Weltwirtschaft, geopolitische Spannungen und schwierigere Umstrukturierungen könnten in den nächsten zehn Jahren zu einer weit verbreiteten Überschuldung beitragen. (...)
Der Wirtschaftskrieg wird zur Normalität, mit zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen den Weltmächten und staatlichen Eingriffen in die Märkte in den nächsten zwei Jahren. Die Wirtschaftspolitik wird defensiv eingesetzt werden, um die Autarkie und Souveränität gegenüber rivalisierenden Mächten zu stärken, aber sie wird auch zunehmend offensiv eingesetzt werden, um den Aufstieg anderer zu begrenzen. Die intensive geoökonomische Militarisierung wird die Sicherheitsanfälligkeiten hervorheben, die sich aus der wechselseitigen Abhängigkeit von Handel, Finanzen und Technologie zwischen den global integrierten Volkswirtschaften ergeben, und damit das Risiko bergen, dass der Zyklus von Misstrauen und Entkopplung eskaliert.
Die Befragten des GRPS [Global Risks Perception Survey] erwarten, dass die zwischenstaatlichen Konfrontationen in den nächsten zehn Jahren weitgehend wirtschaftlicher Natur bleiben werden. Allerdings könnten der jüngste Anstieg der Militärausgaben und die Verbreitung neuer Technologien an eine größere Anzahl von Akteuren zu einem globalen Wettrüsten bei aufstrebenden Technologien führen. Die längerfristige globale Risikolandschaft könnte durch Multi-Domain-Konflikte und asymmetrische Kriege definiert werden, wobei der gezielte Einsatz von Waffen der neuen Technologien in einem potenziell zerstörerischeren Ausmaß als in den letzten Jahrzehnten stattfindet.
Die immer stärkere Verflechtung von Technologien mit dem kritischen Funktionieren von Gesellschaften setzt die Bevölkerung direkten inneren Bedrohungen aus, einschließlich solcher, die versuchen, das Funktionieren der Gesellschaft zu zerschlagen. Parallel zur Zunahme der Cyberkriminalität werden Versuche, wichtige technologische Ressourcen und Dienstleistungen zu stören, häufiger werden, wobei Angriffe auf Landwirtschaft und Wasser, Finanzsysteme, öffentliche Sicherheit, Transport, Energie und Kommunikationsinfrastrukturen in den Nationalstaaten, im Weltraum und unter Wasser erwartet werden.
Die Zerstörung der Natur und der Klimawandel sind intrinsisch miteinander verbunden – ein Versagen in einem Bereich wird sich kaskadenartig auf den anderen auswirken. Ohne politische Veränderungen oder bedeutende Investitionen wird die Wechselwirkung zwischen den Auswirkungen des Klimawandels, dem Verlust der biologischen Vielfalt, der Ernährungssicherheit und dem Verbrauch natürlicher Ressourcen den Zusammenbruch von Ökosystemen beschleunigen, die Nahrungsmittelversorgung und den Lebensunterhalt in klimasensiblen Volkswirtschaften gefährden, die Auswirkungen von Naturkatastrophen verstärken und die Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels begrenzen.
Verschärfte Krisen weiten ihre Auswirkungen auf die Gesellschaften aus, beeinträchtigen die Lebensgrundlagen eines viel größeren Teils der Bevölkerung und destabilisieren weltweit mehr Volkswirtschaften als traditionell gefährdete Gemeinschaften und fragile Staaten. Aufbauend auf den für 2023 erwarteten größten Risiken – insbesondere der ‘Energieversorgungskrise’, der ‘steigenden Inflation’ und der ‘Nahrungsmittelversorgungskrise’ – macht sich bereits eine globale Krise der Lebenshaltungskosten bemerkbar. (...)
Die daraus resultierenden sozialen Unruhen und die politische Instabilität werden nicht auf die Schwellenländer beschränkt bleiben, da der wirtschaftliche Druck die mittleren Einkommensschichten weiter aushöhlt. Die zunehmende Frustration der Bürger über die Verluste bei der menschlichen Entwicklung und den Rückgang der sozialen Mobilität sowie die wachsende Kluft bei Werten und Gleichheit stellen eine existenzielle Herausforderung für die politischen Systeme auf der ganzen Welt dar. Die Wahl weniger zentristischer Führungspersönlichkeiten sowie die politische Polarisierung zwischen den wirtschaftlichen Supermächten in den nächsten zwei Jahren könnten zudem den Raum für kollektive Problemlösungen weiter einschränken, Allianzen zerbrechen und zu einer volatileren Dynamik führen.
Angesichts der geringeren Finanzierung des öffentlichen Sektors und konkurrierender Sicherheitsbedenken schwindet unsere Fähigkeit, den nächsten globalen Schock abzufangen. In den nächsten zehn Jahren werden weniger Länder über den nötigen Haushaltsspielraum verfügen, um in zukünftiges Wachstum, grüne Technologien, Bildung, Pflege und Gesundheitssysteme zu investieren.
Durch gleichzeitige Schocks, tief vernetzte Risiken und die Erosion der Widerstandsfähigkeit entsteht das Risiko von Polykrisen – bei denen disparate Krisen so interagieren, dass die Gesamtauswirkungen die Summe der einzelnen Teile bei weitem übersteigen. Die Erosion der geopolitischen Zusammenarbeit wird mittelfristig eine Kettenreaktion auf die globale Risikolandschaft auslösen, insbesondere indem sie zu einer potenziellen Polykrise aus interdependenten ökologischen, geopolitischen und sozioökonomischen Risiken beiträgt, die mit dem Angebot und der Nachfrage nach natürlichen Ressourcen zusammenhängen. Der Bericht beschreibt vier potenzielle Zukünfte, die sich auf die Verknappung von Nahrungsmitteln, Wasser, Metallen und Mineralien konzentrieren und die alle eine humanitäre und ökologische Krise auslösen könnten, von Wasserkriegen und Hungersnöten bis hin zur anhaltenden Übernutzung der ökologischen Ressourcen und einer Verlangsamung der Eindämmung des Klimawandels und der Anpassung an ihn." (Wichtigste Schlussfolgerungen: einige Auszüge)
"Die globale ‘neue Normalität’ ist eine Rückkehr zu den Grundlagen – Nahrung, Energie, Sicherheit – der Probleme, die unsere globalisierte Welt zu lösen bestimmt war. Diese Risiken werden verstärkt durch das anhaltende gesundheitliche und wirtschaftliche Risiko einer globalen Pandemie, durch einen Krieg in Europa und Sanktionen, die sich auf eine global integrierte Wirtschaft auswirken, sowie durch die Eskalation des technologischen Wettrüstens, das durch den industriellen Wettbewerb und verstärkte staatliche Interventionen unterstützt wird. Längerfristige strukturelle Veränderungen der geopolitischen Dynamik (...) fallen mit einem schnelleren Wandel der Wirtschaftslandschaft zusammen und ebnen den Weg für eine Ära geringen Wachstums, niedriger Investitionen und geringer Kooperation sowie für einen potenziellen Rückgang der menschlichen Entwicklung nach jahrzehntelangem Fortschritt." (1.1. Die aktuellen Krisen, S. 13)
"Die Kombination aus extremen Wetterereignissen und begrenzter Versorgung könnte die aktuelle Krise der Lebenshaltungskosten in ein katastrophales Szenario von Hunger und Not für Millionen von Menschen in importabhängigen Ländern verwandeln oder die Energiekrise in eine humanitäre Krise in den ärmsten Schwellenmärkten verwandeln.
Schätzungen zufolge wurden in Pakistan mehr als 800.000 Hektar Ackerland durch Überschwemmungen zerstört (...). Prognostizierte Dürren und Wasserknappheit könnten zu geringeren Ernten und Viehsterben in Ostafrika, Nordafrika und im südlichen Afrika führen und damit die Ernährungsunsicherheit verschärfen.
‘Schwere Schocks oder Preisschwankungen bei Rohstoffen’ sind in 47 Ländern, die im Rahmen der Meinungsumfrage des Forums unter Führungskräften (EOS) befragt wurden, eines der fünf größten Risiken für die nächsten zwei Jahre, während ‘schwere Krisen bei der Rohstoffversorgung’ ein eher lokal begrenztes Risiko darstellen und in 34 Ländern, darunter die Schweiz, Südkorea, Singapur, Chile und die Türkei, als Hauptsorge genannt werden. Die katastrophalen Auswirkungen von Hungersnöten und der Verlust von Menschenleben können auch weiter entfernte Folgen haben, da das Risiko allgemeiner Gewalt steigt und unfreiwillige Migrationen zunehmen" (Krise der Lebenshaltungskosten, S. 15).
"Einige Länder werden nicht in der Lage sein, künftige Schocks einzudämmen, in künftiges Wachstum und grüne Technologien zu investieren oder die künftige Widerstandsfähigkeit von Bildungs-, Gesundheits- und Umweltsystemen zu stärken, da die Auswirkungen von den Mächtigsten verschärft und von den Schwächsten unverhältnismäßig stark getragen werden." (Wirtschaftliche Verlangsamung, S. 17)
"Angesichts der Verwundbarkeiten, die durch die Pandemie und später den Krieg aufgezeigt wurden, orientiert sich die Wirtschaftspolitik, insbesondere in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften, zunehmend an geopolitischen Zielen. Die Länder versuchen, eine ‘Selbstversorgung’ aufzubauen, die durch öffentliche Hilfen unterstützt wird, und ‘Souveränität’ gegenüber rivalisierenden Mächten zu erlangen, (...).
Dies könnte zu Ergebnissen führen, die dem angestrebten Ziel zuwiderlaufen, zu einer geringeren Widerstandsfähigkeit und einem geringeren Produktivitätswachstum führen und das Ende einer Wirtschaftsära einläuten, die durch billigeres und globalisiertes Kapital, Arbeitskräfte, Rohstoffe und Güter gekennzeichnet war.
Diese Situation wird wahrscheinlich weiterhin bestehende Bündnisse schwächen, da sich die Nationen auf sich selbst zurückziehen werden" (Geoökonomische Konfrontation, S. 19).
"Heute haben die atmosphärischen Werte von Kohlendioxid, Methan und Distickstoffoxid allesamt Höchststände erreicht. Die Emissionspfade machen es sehr unwahrscheinlich, dass die globalen Ambitionen, die Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, erreicht werden.
Die jüngsten Ereignisse haben eine Diskrepanz zwischen dem, was wissenschaftlich notwendig ist, und dem, was politisch opportun ist, deutlich gemacht.
Dennoch haben geopolitische Spannungen und wirtschaftlicher Druck die Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels bereits eingeschränkt – und in einigen Fällen sogar umgekehrt –, zumindest auf kurze Sicht. So hat die EU beispielsweise mindestens 50 Milliarden Euro für den Auf- und Ausbau der Infrastruktur und der Versorgung mit fossilen Brennstoffen ausgegeben, und einige Länder haben Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen.
Die bittere Realität, dass 600 Millionen Menschen in Afrika keinen Zugang zu Elektrizität haben, verdeutlicht die Unfähigkeit, den Wandel zu denen zu bringen, die ihn brauchen, und die anhaltende Attraktivität von schnellen Lösungen auf der Grundlage fossiler Brennstoffe, trotz der damit verbundenen Risiken.
Der Klimawandel wird auch zunehmend zu einem Schlüsselfaktor für Migration werden, und es gibt Hinweise darauf, dass er bereits zur Entstehung von Terrorgruppen und Konflikten in Asien, dem Nahen Osten und Afrika beigetragen hat." (Die Kluft in der Klimapolitik, S. 21).
In dieser Feststellung über den Zustand der heutigen Welt finden sich alle Elemente wieder, die in unserem Text vom Oktober 2022 zitiert wurden, und zwar oft in ausführlicherer Form. Insbesondere die vier Hauptmerkmale der gegenwärtigen Situation:
- die zunehmende Schwere der Auswirkungen des Zerfalls;
- das Hereinbrechen der Auswirkungen des Zerfalls auf die Wirtschaft;
- die zunehmende Wechselwirkung seiner Effekte, wodurch sich die Widersprüche des Kapitalismus in einem bisher nicht gekannten Ausmaß verschärfen;
- die zunehmende Präsenz seiner Auswirkungen in den Kernländern;
sind im WEF-Dokument durchaus präsent, wenn auch mit etwas anderen Worten und Artikulationen, und die politischen Auswirkungen des Zerfalls auf die am weitesten entwickelten Länder werden mit etwas "zaghaften" Worten angesprochen: Man will die Regierungen und politischen Kräfte dieser Länder nicht verärgern, indem man ihre zunehmend irrationale und chaotische Politik anspricht.
Insbesondere betont der WEF-Bericht die zunehmende Interaktion der Zerfallseffekte, die wir als "Strudel-Effekt" bezeichnen. Dazu führt er den Begriff "Polykrise" ein, der bereits in den 1990er Jahren von Edgar Morin verwendet wurde, einem französischen "Philosophen", der mit Castoriadis, dem Mentor der Gruppe Socialisme ou Barbarie, befreundet war. Die Definitionen dieses Begriffs, die der WEF-Bericht übernimmt, lauten wie folgt:
"Ein Problem wird zur Krise, wenn es unsere Fähigkeit zur Bewältigung in Frage stellt und damit unsere Identität bedroht. In der Polykrise sind die Schocks disparat, aber sie interagieren so, dass das Ganze noch erdrückender ist als die Summe seiner Teile.
Eine andere Erklärung für Polykrisen wäre folgende: Wenn multiple Krisen in multiplen globalen Systemen kausal ineinandergreifen, so dass sich die Aussichten der Menschheit erheblich verschlechtern."
Diese "erhebliche Verschlechterung der Aussichten der Menschheit" findet sich im WEF-Bericht im Kapitel mit dem Titel "Global Risks 2033: Tomorrow's Catastrophes" ("Globale Risiken 2033: Die Katastrophen von morgen"), ein Titel, der bereits die Tonalität dieser Aussichten verdeutlicht. Auch einige der Untertitel sind bedeutsam: "Natürliche Ökosysteme: Der Punkt ohne Umkehr ist überschritten", "Menschliche Gesundheit: Perma-Pandemien und chronische Kapazitätsherausforderungen", "Menschliche Sicherheit: Neue Waffen, neue Konflikte".
Konkreter sind hier einige Beispiele, wie der WEF-Bericht diese Themen untergliedert:
"Die biologische Vielfalt innerhalb und zwischen den Ökosystemen geht bereits jetzt schneller zurück als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit.
Menschliche Eingriffe haben sich negativ auf ein komplexes und fein ausbalanciertes globales natürliches Ökosystem ausgewirkt und eine Kette von Reaktionen ausgelöst. In den nächsten zehn Jahren wird das Zusammenspiel von Verlust der biologischen Vielfalt, Umweltverschmutzung, Verbrauch natürlicher Ressourcen, Klimawandel und sozioökonomischen Faktoren eine gefährliche Mischung bilden. Da schätzungsweise mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung mäßig oder stark von der Natur abhängt, wird der Zusammenbruch der Ökosysteme erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen haben. Dazu gehören das vermehrte Auftreten von zoonotischen Krankheiten, geringere Ernteerträge und ein geringerer Nährwert, zunehmender Wasserstress, der potenziell gewalttätige Konflikte verschärft, der Verlust von Lebensgrundlagen, die von Nahrungsmittelsystemen und natürlichen Dienstleistungen wie der Bestäubung abhängen, sowie immer dramatischere Überschwemmungen, ein Anstieg des Meeresspiegels und Erosionen aufgrund der Schädigung natürlicher Hochwasserschutzsysteme wie Wasserwiesen und Küstenmangroven.
Naturzerstörung und Klimawandel sind intrinsisch miteinander verbunden – ein Misserfolg in der einen Sphäre wird sich kaskadenartig in der anderen auswirken, und um eine Netto-Null zu erreichen, werden Minderungsmaßnahmen für beide Hebel erforderlich sein. Wenn es uns nicht gelingt, die Erwärmung auf +1,5°C oder sogar 2°C zu begrenzen, werden die anhaltenden Auswirkungen von Naturkatastrophen sowie Temperatur- und Niederschlagsveränderungen zur Hauptursache für den Verlust der biologischen Vielfalt in Bezug auf ihre Zusammensetzung und Funktion werden.
Die anhaltende Schädigung von Kohlenstoffsenken, z. B. durch Entwaldung und auftauende Permafrostböden, und der Rückgang der Produktivität der Kohlenstoffspeicherung (Böden und Ozean) könnten diese Ökosysteme in "natürliche" Quellen von Kohlenstoff- und Methanemissionen verwandeln. Der bevorstehende Kollaps der Eiskappen Grönlands und der Westantarktis könnte zum Anstieg des Meeresspiegels und zu Überschwemmungen an den Küsten beitragen, während das "Absterben" der Korallenriffe in niedrigen Breiten, die die Kinderstube des Meereslebens sind, mit Sicherheit Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung und die marinen Ökosysteme im weiteren Sinne haben wird.
Der Druck auf die Biodiversität wird wahrscheinlich durch die anhaltende Entwaldung für landwirtschaftliche Zwecke und die damit verbundene Nachfrage nach zusätzlichem Ackerland noch verstärkt, vor allem in subtropischen und tropischen Gebieten mit dichter Biodiversität, wie Subsahara-Afrika und Südostasien.
Man muss jedoch einen existenzielleren Rückkopplungsmechanismus berücksichtigen: Die Biodiversität trägt zur Gesundheit und Widerstandsfähigkeit von Böden, Pflanzen und Tieren bei, und ihr Rückgang gefährdet die Erträge der Nahrungsmittelproduktion und ihren Nährwert. Dies könnte dann die Entwaldung anheizen, die Lebensmittelpreise erhöhen, die lokalen Lebensgrundlagen gefährden und zu ernährungsbedingten Krankheiten und Todesfällen beitragen. Es kann auch zu unfreiwilliger Migration in großem Maßstab führen.
Es ist klar, dass der Umfang und das Tempo, die für den Übergang zu einer grünen Wirtschaft erforderlich sind, neue Technologien erfordern. Einige dieser Technologien dürften jedoch neue Auswirkungen auf natürliche Ökosysteme haben, und die Möglichkeiten, die Ergebnisse ‘in der Praxis zu testen’, sind begrenzt" (Natürliche Ökosysteme: Der Punkt ohne Umkehr ist überschritten, S. 31).
"Die globale öffentliche Gesundheit steht unter wachsendem Druck, und die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt laufen Gefahr, nicht mehr angemessen zu funktionieren.
Angesichts der aktuellen Krisen kann die psychische Gesundheit auch durch zunehmende Stressfaktoren wie Gewalt, Armut und Einsamkeit verschärft werden.
Die Gesundheitssysteme sehen sich mit erschöpften Arbeitenden und anhaltenden Engpässen konfrontiert, und das zu einer Zeit, in der die Haushaltskonsolidierung die Aufmerksamkeit und die Ressourcen auf andere Stellen abzulenken droht. Im nächsten Jahrzehnt könnten häufigere und ausgedehntere Epidemien von Infektionskrankheiten im Zusammenhang mit chronischen Krankheiten erschöpfte Gesundheitssysteme weltweit an den Rand des Zusammenbruchs bringen. (...)
Der Klimawandel dürfte auch die Unterernährung verschärfen, da die Ernährungsunsicherheit zunimmt. Der Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre kann zu Nährstoffmangel bei Pflanzen führen und sogar die Aufnahme von Schwermineralien beschleunigen, die mit Krebs, Diabetes, Herzerkrankungen und Wachstumsstörungen in Verbindung gebracht wurden." (Menschliche Gesundheit: Perma-Pandemien und chronische Kapazitätsherausforderungen, S. 35)
"Eine Umkehr des Trends zur Entmilitarisierung wird das Risiko von Konflikten erhöhen, und zwar in einem potenziell zerstörerischeren Ausmaß. Das wachsende Misstrauen und der Argwohn zwischen globalen und regionalen Mächten haben bereits zu einer Neufestlegung der Prioritäten bei den Militärausgaben und zu einer Stagnation der Nichtverbreitungsmechanismen geführt. Die Verbreitung wirtschaftlicher, technologischer und damit auch militärischer Macht auf eine Vielzahl von Ländern und Akteuren ist die Ursache für die jüngste Iteration eines globalen Wettrüstens.
Die Verbreitung von zerstörerischeren Militärwaffen und neuer Technologien kann neue Formen der asymmetrischen Kriegsführung ermöglichen, die es kleinen Mächten und Einzelpersonen erlauben, auf nationaler und globaler Ebene größere Wirkung zu erzielen" (Menschliche Sicherheit: Neue Waffen, neue Konflikte, S. 38).
"Die Gesamtheit der aufkommenden Bedenken hinsichtlich des Angebots und der Nachfrage nach natürlichen Ressourcen wird bereits zu einem zunehmend besorgniserregenden Thema. Die Befragten der GRPS-Umfrage [Global Risks Perception Survey] haben starke Beziehungen und wechselseitige Verbindungen zwischen den ‘Krisen um natürliche Ressourcen’ und den anderen in den vorangegangenen Kapiteln identifizierten Risiken festgestellt.
Der Bericht beschreibt vier Zukunftsszenarien, die sich auf die Verknappung von Nahrungsmitteln, Wasser, Metallen und Mineralien konzentrieren und die alle eine humanitäre und ökologische Krise auslösen könnten – von Wasserkriegen und Hungersnöten bis hin zur anhaltenden Übernutzung ökologischer Ressourcen und der Verlangsamung von Klimaschutz und -anpassung." (Rivalitäten um Ressourcen: Vier Zukunftsszenarien, S. 57)
Die Schlussfolgerung des Berichts gibt uns ein zusammenfassendes Bild davon, wie die Welt im Jahr 2030 aussehen wird:
"Globale Armut, klimasensitive Existenzkrisen, Unterernährung und ernährungsbedingte Krankheiten, staatliche Instabilität und unfreiwillige Migration haben alle zugenommen, wodurch Instabilität und humanitäre Krisen verlängert und ausgeweitet werden. (...)
Die Unsicherheit in Bezug auf Ernährung, Energie und Wasser wird zu einem Faktor, der zu sozialer Polarisierung, zivilen Unruhen und politischer Instabilität führt.
Übernutzung und Verschmutzung – die Tragödie der globalen Gemeingüter – haben sich ausgebreitet. Hungersnöte sind in einem Ausmaß zurückgekehrt, wie es sie im letzten Jahrhundert nicht gegeben hat. Das Ausmaß der humanitären und ökologischen Krisen verdeutlicht die Lähmung und Ineffizienz der wichtigsten multilateralen Mechanismen angesichts der Krisen, mit denen die Weltordnung konfrontiert ist, die sich in eine Spirale von Polykrisen verwandeln, die sich fortsetzen und verschärfen".
Der Bericht versucht an einigen Stellen, seine Leser nicht zu sehr verzweifeln zu lassen, indem er z. B. sagt:
"Einige der im diesjährigen Bericht beschriebenen Risiken stehen kurz vor einem Wendepunkt. Es ist an der Zeit, kollektiv, entschlossen und mit einer langfristigen Perspektive zu handeln, um den Weg zu einer positiveren, integrativeren und stabileren Welt zu ebnen." Insgesamt zeigt er jedoch, dass die Mittel "für kollektives, entschlossenes Handeln" im gegenwärtigen System nicht vorhanden sind.
In dem Text von 1990 haben wir die Entwicklung unserer Analyse auf die Feststellung gestützt, dass auf globaler Ebene eine ganze Reihe von tödlichen oder chaotischen Erscheinungsformen des sozialen Lebens aufgetreten sind oder sich verschlimmert haben. Wir können sie hier noch einmal aufrufen, um festzustellen, wie sehr die gegenwärtige Situation, wie sie oben dargestellt wurde, diese Erscheinungen verschärft und verstärkt hat:
- "die Zunahme von Hungersnöten in den Ländern der 'Dritten Welt'";
- "die Umwandlung der 'Dritten Welt' in ein gewaltiges Slum" und "die Ausbreitung desselben Phänomens im Herzen der großen Städte der 'fortgeschrittenen' Länder";
- "die 'zufälligen' Katastrophen" und "die immer zerstörerischeren Folgen von ‘Naturkatastrophen’ auf menschlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene";
- "die Umweltverschmutzung (tote Flüsse, Meere als Kloaken, verseuchte Luft in den Städten", radioaktive Verseuchung, "Treibhauseffekt";
- die Ausbreitung von "Epidemien";
- "die unglaubliche Korruption, die im politischen Apparat [der herrschenden Klasse] wächst und gedeiht".
Das Phänomen der Korruption wird im WEF-Bericht nicht behandelt (man soll die Korrupten nicht verärgern!). Trotz aller "tugendhaften" Programme gedeiht diese Geißel nur, natürlich besonders in den Ländern der Dritten Welt: Der Sieg der Taliban in Afghanistan und das Vordringen dschihadistischer Gruppen in der Sahelzone verdanken beispielsweise viel der ungezügelten Korruption der Regime, die an ihrer Spitze standen oder stehen. In den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, allen voran Russland und die Ukraine, regieren Mafiastrukturen. Doch dieses Phänomen macht auch vor den am weitesten entwickelten Ländern nicht halt, mit all den Machenschaften (die nur die Spitze des Eisbergs sind), die durch die "Panama Papers" und andere Instanzen aufgedeckt wurden. Ebenso fließen die "Petrodollars" in Strömen in Richtung der fortgeschrittenen Länder, insbesondere der europäischen, um mit der Gefälligkeit von "Entscheidungsträgern dieser Länder" absurde und schädliche Entscheidungen zu erkaufen, wie die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft an Katar oder (unglaublich, aber wahr) die Vergabe der Asiatischen Winterspiele an Saudi-Arabien! Ein Höhepunkt wurde jedoch erreicht, als die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, einer Institution, die unter anderem die Korruption bekämpfen sollte, mit Koffern voller Banknoten aus Katar erwischt wurde.
Schließlich ist klar, dass die schreckliche Zahl der Todesopfer bei den Erdbeben in der Türkei und in Syrien Anfang Februar hauptsächlich auf die Korruption zurückzuführen ist, die es den Bauunternehmern ermöglichte, sich über die offiziellen Erdbebenschutzvorschriften hinwegzusetzen, um ihre Profite zu steigern.
Wie wir gesehen haben, wird diese Frage im WEF-Bericht sehr vorsichtig behandelt, insbesondere wenn er von einer "existenziellen Herausforderung für die politischen Systeme der Welt" und der "Wahl von weniger zentristischen Führern" spricht.
Schließlich werden 1990 identifizierte Erscheinungsformen des Zerfalls weder im WEF-Bericht (aus oft "diplomatischen" Gründen) noch in unserem Text vom Oktober 2022 direkt erwähnt, weil sie im Vergleich zum Kerngedanken dieses Textes zweitrangig waren: dem beträchtlichen Schritt, den der Zerfall mit dem Eintritt in die 2020er Jahre gemacht hat.
Hierfür gibt es zwei Beispiele (unter vielen anderen): die anhaltenden massenhaften Tötungen in den USA und die jüngsten Morde an mehreren Teenagern durch andere Teenager in Frankreich.
Die Zunahme von rassistischem Hass (oft im Namen der Religion), der den Nährboden bildet, auf dem rechtsextreme Populisten gedeihen (Nigel Farrage in Großbritannien, Trump und seine "Fans" in den USA, Le Pen in Frankreich, Meloni in Italien usw.).
Kein Rückgang dieser Geißel, veranschaulicht durch die Macht der Drogenbanden wie in Mexiko.
Es gibt heute zahlreiche Beispiele für die Verschärfung dieses Phänomens durch den Aufstieg:
- des Salafismus, der obskursten Version des Islams;
- des rechtsextremen christlichen Fanatismus, der durch die wachsende Bedeutung der Evangelikalen wie in den USA oder Brasilien veranschaulicht wird;
- eines kriegerischen und fremdenfeindlichen Hinduismus in Indien (dem bevölkerungsreichsten Land der Welt);
- eines rechtsextremen "Kampfjudentums" in Israel.
Natürlich vermeidet es der WEF-Bericht sorgfältig, diese Phänomene zu erwähnen: Man muss höflich sein gegenüber den Teilnehmern des Davoser Forums, die Regierungen vertreten, für die Religion und religiöser Fanatismus ein wichtiges politisches Instrument ihrer Macht darstellen.
Jüngste Entwicklung von Verschwörungstheorien, insbesondere zum Zeitpunkt der Covid-Pandemie, die oft mit rechtsextremer Ideologie in Verbindung stehen. Mit einem Gegenstück auf der anderen Seite des politischen Spektrums: dem wachsenden Erfolg des "Wokismus", einer aus den amerikanischen Universitäten stammenden Strömung, deren "Radikalität" darin besteht, sich in kleinen "militanten" Kapellen um völlig bürgerliche Themen zu gruppieren, die vorgeben, "das System zu bekämpfen".
Ein dramatisches Beispiel ist die Isolation älterer Menschen während der Pandemie vor dem Einsatz von Impfstoffen, insbesondere in Altenheimen. Und auch die Not der Familien der Verstorbenen.
Alle Passagen in Anführungszeichen sind den Thesen von 1990 entnommen. Sie geben die Merkmale wieder, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Welt vorhanden waren und die wir als Grundlage für unsere Analyse heranzogen. Diese gleichzeitige Häufung all dieser katastrophalen Erscheinungen, ihre Quantität, deuteten darauf hin, dass eine qualitativ neue Periode in der Geschichte des kapitalistischen Verfalls begann. In den Thesen war die Wechselwirkung zwischen einer Reihe dieser Manifestationen bereits vorhanden. Damals hatten wir jedoch vor allem den gemeinsamen Ursprung dieser Erscheinungsformen hervorgehoben, die sich in gewisser Weise parallel zu entwickeln schienen, ohne miteinander in Wechselwirkung zu treten. Insbesondere hatten wir festgestellt, dass die Wirtschaftskrise des Kapitalismus zwar grundsätzlich die Ursache für das Phänomen des Zerfalls der Gesellschaft war, dass sie aber von den verschiedenen Erscheinungsformen dieses Zerfalls nicht wirklich betroffen war.
Am 22. Kongress wiesen wir nicht nur auf zwei neue, miteinander verbundene Erscheinungsformen des Zerfalls hin – die Masseneinwanderung und den Aufstieg des Populismus –, sondern auch darauf, dass die Wirtschaft allmählich vom Zerfall betroffen ist (insbesondere durch den Aufstieg des Populismus), während sie zuvor noch relativ unberührt geblieben war. Heute erlebt diese Wechselwirkung zwischen grundlegenden Aspekten der Weltlage und von entscheidender historischer Bedeutung einen dramatischen und dramatischen Aufschwung. Unser Text vom Oktober 2022 und der WEF-Bericht machen deutlich, wie sehr sich diese verschiedenen Erscheinungsformen nun gegenseitig bedingen.
So kommt es mit dem Eintritt in die 2020er Jahre und insbesondere 2022 zu einer Beschleunigung der Geschichte, zu einer weiteren dramatischen Verschärfung des Zerfalls, der die menschliche Gesellschaft, ja sogar die menschliche Spezies – und das wird von einer wachsenden Zahl von Menschen wahrgenommen – in die Vernichtung treibt.
Diese Verschärfung der verschiedenen Konvulsionen auf dem Planeten, ihre zunehmende Wechselwirkung, ist eine Bestätigung nicht nur unserer Analyse, sondern auch der marxistischen Methode, auf der sie beruht – einer Methode, die andere Gruppen im Proletarischen Politischen Milieu bei der Ablehnung unserer Analyse des Zerfalls gerne "vergessen".
Dieser Teil des Berichts, den wir nachstehend veröffentlichen, wurde um eine Reihe von Entwicklungen erweitert, die Teil der Methode des Marxismus zur Erfassung der Realität sind. Sie waren in der dem Kongress vorgelegten Fassung nicht explizit enthalten, untermauern diese aber. Der Zweck einer solchen Ergänzung besteht darin, die öffentliche Debatte zur Verteidigung der marxistischen Auffassung des Materialismus gegen die vulgäre Auffassung des Materialismus, die von den meisten Teilen des Proletarischen Politischen Milieus (PPM), insbesondere den „Damenisten“ und „Bordigisten“, vertreten wird, anzuregen.
Insgesamt haben die Gruppen des PPM sehr wenig von dem verstanden, was wir mit unserer Analyse über den Zerfall meinen. Wer sich die Mühe gemacht hat, bei der Widerlegung dieser Analyse am weitesten zu gehen, ist die „bordigistische“ Gruppe Partito Comunista Internazionale - Il Comunista, die in Frankreich Le Prolétaire herausgibt. Sie widmete unserer Analyse des Aufstiegs des Populismus in verschiedenen Ländern und seiner Verbindung mit der Analyse über den Zerfall (die er als "berühmt und wolkig" („fameuse et fumeuse“) bezeichnet) zwei Artikel, aus denen hier einige Auszüge zitiert werden:
"Révolution Internationale erklärt uns die Wurzeln dieses sogenannten ‚Zerfalls‘: ‚“die gegenwärtige Unfähigkeit der beiden grundlegenden und antagonistischen Klassen, der Bourgeoisie und des Proletariats, ihre eigene Perspektive (Weltkrieg oder Revolution) in den Vordergrund zu stellen, hat zu einer Situation der ‚momentanen Blockade‘ und des Verrottens der Gesellschaft stehenden Fußes geführt“. Die Proletarier, die tagtäglich mit ansehen müssen, wie sich ihre Ausbeutungs- und Lebensbedingungen verschlechtern, werden sich freuen zu erfahren, dass ihre Klasse in der Lage ist, die Bourgeoisie zu blockieren und sie daran zu hindern, ihre ‚Perspektiven‘ voranzutreiben ...“ (Le Prolétaire 523).
"Wir bestreiten also, dass die Bourgeoisie „die Kontrolle über ihr System“ politisch verloren habe und dass die von den Regierungen Großbritanniens oder der Vereinigten Staaten verfolgte Politik auf eine mysteriöse Krankheit namens ‚Populismus‘ zurückzuführen sei, die durch „das Abgleiten der Gesellschaft in die Barbarei“ verursacht werde, (…) Um es ganz allgemein zu sagen: Diese Wendungen (zu denen man auch die Fortschritte der extremen Rechten in Schweden oder Deutschland mit Unterstützung eines Teils des bürgerlichen politischen Personals zählen könnte) haben die Funktion, ein Bedürfnis der bürgerlichen Herrschaft zu befriedigen, sei es innen- oder außenpolitisch, in einer Situation, in der sich die wirtschaftlichen und politischen Risiken auf internationaler Ebene anhäufen – und nicht etwas, das ‚“das politische Spiel stört mit der Folge eines zunehmenden Kontrollverlusts des bürgerlichen politischen Apparats auf der Ebene der Wahlen" (Le Prolétaire 530).
Was die Vorstellung betrifft, dass der Populismus einer echten "realistischen" Politik der Bourgeoisie entspreche, die von dieser kontrolliert werde, sollten die Ereignisse der letzten Jahre in Großbritannien Le Prolétaire zu denken geben.
Wie man sieht, macht sich diese Gruppe die Mühe, zum Kern unserer Analyse vorzudringen: zur Pattsituation zwischen den Klassen, die infolge der historischen Wiedererstarkung des Weltproletariats 1968 entstanden war (die Le Prolétaire wie das gesamte PPM verkannte). Tatsächlich steckt hinter dieser Verkennung das Unverständnis und die Ablehnung des Begriffs des Historischen Kurses, der auf eine Meinungsverschiedenheit verweist, die wir mit den Gruppen haben, die aus dem Partito von 1945 hervorgingen.
Die Existenz der Zerfallsperiode zu bestreiten, wie es die „Bordigisten tun, bedeutet die Leugnung der grundlegenden historischen Rolle, die der Klassenkampf bei der Entwicklung der Weltsituation gespielt hat. Mit anderen Worten: eine erhebliche Abkehr von der marxistischen Methode. Den entscheidenden Faktor des Klassenkampfes nur in den außergewöhnlichen Momenten anzuerkennen, in denen das Proletariat offen auf der Weltbühne auftritt, d.h. wenn die Fähigkeiten der Arbeiterklasse für jede und jeden offensichtlich sind, ist ein Hinweis auf den Niedergang der Epigonen der Italienischen Kommunistischen Linken.
Dass die Bourgeoisie zu allen Zeiten, ob in Zeiten der Niederlage oder des Rückzugs oder in Zeiten der Revolution, immer gelernt hat, auf die Dispositionen der Arbeiterklasse Rücksicht zu nehmen, war dem Marxismus schon nach 1848 bekannt, nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands des französischen Proletariats im Juni jenes Jahres. Marx' Achtzehnter Brumaire des Louis Bonaparte, den Engels stets als Paradebeispiel für die Anwendung der Methode des historischen Materialismus auf Weltereignisse darstellte, zeigt, dass die Bourgeoisie nach den Ereignissen von 1848 gezwungen war, die Arbeiterklasse, auch wenn sie besiegt war, dennoch als ihren historischen Gegner anzuerkennen. Diese Anerkennung war ein wichtiger Faktor bei der Ausrichtung der herrschenden Klasse hinter dem Staatsstreich von Louis Bonaparte 1852 und der Unterdrückung der republikanischen Fraktion der Bourgeoisie.[1]
Als weitere Nachfolgerin des Partito von 1945 hat die Internationalistische Kommunistische Tendenz (IKT, ehemals Internationales Büro für die Revolutionäre Partei) ebenfalls das ABC des historischen Materialismus aufgegeben, wonach "die Geschichte die Geschichte des Klassenkampfes ist", und sie stellt stolz ihre Ignoranz gegenüber der gegenwärtigen Periode des Zerfalls des Weltkapitalismus und seiner zugrunde liegenden Ursachen, die im Zustand der Klassenantagonismen liegen, zur Schau.
Die IKT versucht auch, unsere Analyse als nicht marxistisch und idealistisch darzustellen:
"Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erklärte die IKS dann auf einmal, der Zusammenbruch der UdSSR habe eine neue Situation hervorgebracht, in der der Kapitalismus eine neue Stufe, die sie “Zerfall“ nennt, erreicht hat. In ihrem Unverständnis für die Funktionsweise des Kapitalismus ist für die IKS so ziemlich jedes Ungemach – vom religiösen Fundamentalismus bis hin zu den zahlreichen Kriegen, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ausgebrochen sind, lediglich Ausdruck von Chaos und Zerfall. Wir denken, dies liegt nahe dran, vollständig den Boden des Marxismus zu verlassen, da diese Kriege ebenso wie die früheren Kriege der dekadenten Phase des Kapitalismus Resultat eben dieser imperialistischen Ordnung sind. (...) Eine Überproduktion von Kapital und Waren, die zyklisch durch den tendenziellen Fall der Profitrate hervorgerufen wird, führt zur Wirtschaftskrise und zu Widersprüchen, die wiederum den imperialistischen Krieg erzeugen. Sobald dann (durch den Krieg) ausreichend Kapital abgewertet und genügend Produktionsmittel zerstört wurden, kann ein neuer Produktionszyklus beginnen. Wir befinden uns in der Endphase eine solche Krise seit 1973 und ein neuer Akkumulationszyklus hat noch nicht begonnen" (Marxismus oder Idealismus - Unsere Differenzen mit der IKS).
Es ist fraglich, ob sich die Genossen der IKT (die glauben, dass wir nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 plötzlich unsere Analyse über den Zerfall aus dem Hut gezaubert hätten) die Mühe gemacht haben, unseren Grundlagentext von 1990 zu lesen. In seiner Einleitung sprachen wir Klartext: "Schon vor den Ereignissen in Osteuropa hat die IKS auf dieses historische Phänomen aufmerksam gemacht (siehe INTERNATIONALE REVUE, Nr. 11)." Es ist auch eine bedauerliche Oberflächlichkeit, uns die Idee zu unterstellen, dass "fast alles Schlechte (...) nur ein Ausdruck von Chaos und Zerfall" sei. Und sie hauen uns einen Grundgedanken um die Ohren, an den wir ihrer Meinung nach nicht gedacht haben: "Diese Kriege sind ebenso wie die früheren Kriege in der dekadenten Phase des Kapitalismus das Ergebnis dieser imperialistischen Ordnung selbst". Was für eine Erkenntnis! Wir haben nie etwas anderes gesagt, aber die Frage, die gestellt wird und die sie sich nicht stellen, ist, in welchen allgemeinen historischen Kontext sich die imperialistische Ordnung heute einfügt. Für die Militanten der IKT reicht es aus, dass genügend konstantes Kapital vernichtet wird, damit ein neuer Akkumulationszyklus beginnen kann. Aus dieser Sicht sind die Zerstörungen, die heute in der Ukraine stattfinden, eine Wohltat für die Gesundheit der Weltwirtschaft. Wir werden diese Botschaft an die Wirtschaftsführer der Bourgeoisie weitergeben müssen, die auf dem jüngsten Forum in Davos, wie wir gesehen haben, über die Perspektive der kapitalistischen Welt und insbesondere über die negativen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Weltwirtschaft alarmiert sind. Tatsächlich täten diejenigen, die uns einen Bruch mit dem marxistischen Ansatz bescheinigen, gut daran, die grundlegenden Texte von Marx und Engels erneut zu lesen (oder überhaupt zu lesen) und zu versuchen, die von ihnen angewandte Methode zu verstehen. Wenn die Tatsachen selbst, die Entwicklung der Weltlage, Tag für Tag die Gültigkeit unserer Analyse bestätigen, dann zum großen Teil deshalb, weil sie sich fest auf die dialektische Methode des Marxismus stützt (auch wenn es in den Thesen von 1990 keinen ausdrücklichen Verweis auf diese Methode und keine Zitate von Marx oder Engels gibt).
In ihrer Ablehnung der Analyse des Zerfalls des Weltkapitalismus zeichnet sich die IKT dadurch aus und bringt sich in Verlegenheit, dass sie ihre polemische, wenn auch stumpfe Axt auch gegen einen anderen Pfeiler der Marxschen Methode des historischen Materialismus richtet, der in Marx' Vorwort Zur Kritik der Politischen Ökonomie von 1859 zusammengefasst ist (und im ersten Punkt der Plattform der IKT wieder aufgegriffen wird). Die Produktionsverhältnisse in jeder Gesellschaftsformation der menschlichen Geschichte – Verhältnisse, die die Interessen und Handlungen der aus ihnen hervorgehenden entgegengesetzten Klassen bestimmen – verwandeln sich immer aus Faktoren der Entwicklung der Produktivkräfte in einer aufsteigenden Phase in negative Hemmnisse derselben Kräfte in einer anderen Phase, wodurch die Notwendigkeit einer sozialen Revolution entsteht. Aber die Periode des Zerfalls, der Höhepunkt eines Jahrhunderts der Dekadenz des Kapitalismus als Produktionsweise, existiert für die IKT schlichtweg nicht.
Obwohl die IKT den Ausdruck "Dekadenzphase des Kapitalismus" verwendet, hat sie nicht verstanden, was diese Phase für die Entwicklung der Wirtschaftskrise des Kapitalismus oder der daraus resultierenden imperialistischen Kriege bedeutet.
In der Zeit des Aufstiegs des Kapitalismus waren die Produktionszyklen – gemeinhin als Booms und Zusammenbrüche bezeichnet – der Herzschlag eines sich allmählich ausdehnenden Systems. Die begrenzten Kriege dieser Zeit konnten entweder diese Progression durch nationale Konsolidierung beschleunigen – wie es der französisch-preußische Krieg von 1871 für Deutschland tat – oder durch koloniale Eroberung neue Märkte gewinnen. Die Verwüstungen der beiden Weltkriege, die imperialistischen Zerstörungen der dekadenten Periode und ihre Folgen drücken im Kontrast dazu den Ruin des kapitalistischen Systems und seine Ausweglosigkeit als Produktionsweise aus.
Für die IKT jedoch ist die gesunde Dynamik der kapitalistischen Akkumulation des 19. Jahrhunderts ewig: Für diese Organisation haben die Produktionszyklen nur an Größe zugenommen. Und das führt sie zu der Absurdität, dass ein neuer kapitalistischer Produktionszyklus in der Asche eines dritten Weltkriegs gedüngt werden könne.[2] Selbst die Bourgeoisie ist nicht so dumm optimistisch, was die Aussichten ihres Systems angeht, und hat ein besseres Verständnis für das Zeitalter der Katastrophen, mit dem sie konfrontiert ist.
Die IKT mag "ökonomisch materialistisch" sein, aber nicht im marxistischen Sinne der Analyse der Entwicklung der Produktionsverhältnisse unter grundlegend veränderten historischen Bedingungen.
In drei grundlegenden Werken der Arbeiterbewegung, Marx' Das Kapital, Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals und Lenins Staat und Revolution, findet man eine historische Herangehensweise an die untersuchten Fragen. Marx widmet viele Seiten der Erklärung, wie sich die kapitalistische Produktionsweise, die die Gesellschaft seiner Zeit bereits voll beherrscht, im Laufe der Geschichte entwickelt hat. Rosa Luxemburg untersucht, wie die Frage der Akkumulation von verschiedenen älteren Autoren gestellt wurde, und Lenin tut das Gleiche in Bezug auf die Frage des Staates. Bei diesem historischen Ansatz geht es darum, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Realitäten, die man untersucht, keine statischen, unantastbaren Dinge sind, die zu allen Zeiten existiert haben, sondern Prozessen entsprechen, die sich ständig verändern und Elemente der Kontinuität, aber auch und vor allem der Transformation und sogar des Bruchs aufweisen. Die Thesen von 1990 versuchen, sich von diesem Ansatz inspirieren zu lassen, indem sie die aktuelle historische Situation in die allgemeine Geschichte der Gesellschaft, die Geschichte des Kapitalismus und insbesondere die Geschichte des Niedergangs dieses Systems einordnen. Konkret stellen sie die Ähnlichkeiten zwischen der Dekadenz vorkapitalistischer Gesellschaften und derjenigen der kapitalistischen Gesellschaft fest, aber auch und vor allem die Unterschiede zwischen ihnen – eine Frage, die für das Eintreten der Zerfallsphase innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist: "(...) im Gegensatz zu den früheren Gesellschaften, als die neuen Produktionsverhältnisse, die den alten, überholten Produktionsverhältnissen folgen sollten, innerhalb der alten Gesellschaft heranreiften – was die Auswirkungen und das Ausmaß ihrer Dekadenz in gewisser Weise einschränkte –, [kann] die kommunistische Gesellschaft, die allein dem Kapitalismus folgen kann, sich nicht innerhalb desselben entwickeln (...); es gibt keine Möglichkeit irgendeiner Regeneration der Gesellschaft, wenn es zuvor nicht einen gewaltsamen Sturz der bürgerlichen Klasse und die Auslöschung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse gegeben hat" (These 1).
Im Gegensatz dazu kann der ahistorische Materialismus der IKT alle Ereignisse, alle Kriege, in allen Epochen erklären, indem er beschwörend dieselbe Formel anwendet: "Akkumulationszyklen". Dieser orakelhafte Materialismus erklärt, weil er alles erklärt, nichts, und deshalb kann er die Gefahr des Idealismus nicht austreiben. Im Gegenteil, die vom Vulgärmaterialismus geschaffenen Lücken müssen mit idealistischem Zement gefüllt werden. Wenn die tatsächlichen Bedingungen des revolutionären Kampfes des Proletariats nicht verstanden oder erklärt werden können, ist ein idealistischer Deus ex machina notwendig, um das Problem zu lösen: "die revolutionäre Partei". Dabei handelt es sich jedoch nicht um die kommunistische Partei, die unter bestimmten historischen Bedingungen entsteht und aufgebaut wird, sondern um eine fast mythische Partei, die zu jeder Zeit mit opportunistischer heißer Luft aufgeblasen werden kann.
Die Epigonen der Italienischen Linken[3] mussten also, als sie die Existenz einer Periode des Zerfalls des Weltkapitalismus beschrieben, versuchen, zwei wichtige Pfeiler der marxistischen Methode des historischen Materialismus zu beseitigen. Erstens die Tatsache, dass die Geschichte des Kapitalismus, wie jede frühere Geschichte, die Geschichte des Klassenkampfes ist, und zweitens die Tatsache, dass sich die entscheidende Rolle der ökonomischen Gesetze mit der historischen Entwicklung einer Produktionsweise verändert.
Es gibt eine dritte vergessene Forderung, die in den beiden anderen Aspekten der marxistischen Methode implizit enthalten ist: die Anerkennung der dialektischen Entwicklung aller Phänomene, einschließlich der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften, gemäß der Einheit der Gegensätze, die Lenin in seiner Arbeit zu diesem Thema während des Ersten Weltkriegs als das Wesen der Dialektik beschreibt. Während die Epigonen die Entwicklung nur in Begriffen der Wiederholung und der Zu- oder Abnahme sehen, versteht der Marxismus, dass die historische Notwendigkeit – der materialistische Determinismus – sich widersprüchlich und wechselwirkend ausdrückt, so dass Ursache und Wirkung ihren Platz wechseln können und die Notwendigkeit sich durch einen verschlungenen Pfad offenbart.
Für den Marxismus entsteht der Überbau der Gesellschaftsformationen, d. h. ihre politische, rechtliche und ideologische Organisation, auf der Grundlage der wirtschaftlichen Infrastruktur und wird von dieser bestimmt. Das haben auch die Epigonen so verstanden. Dass dieser Überbau jedoch sowohl als Ursache – wenn nicht sogar als Prinzip – als auch als Wirkung fungieren kann, entgeht ihnen. Engels musste gegen Ende seines Lebens in einer Reihe von Briefen, die er in den 1890er Jahren gegen den Vulgärmaterialismus der damaligen Epigonen richtete, genau diesen Punkt betonen. Seine Korrespondenz ist eine absolut wichtige Lektüre für diejenigen, die heute leugnen, dass der Zerfall des kapitalistischen Überbaus eine katastrophale Wirkung auf die wirtschaftlichen Grundlagen des Systems haben könnte.
"Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische etc. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren auch aufeinander und auf die ökonomische Basis. Es ist nicht, dass die ökonomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendigkeit." (Engels an Borgius, 25. Januar 1894, Hervorhebungen im Original)
In der Endphase des kapitalistischen Niedergangs, seiner Zerfallsperiode, wird die Rückwirkung des zerfallenden Überbaus auf die wirtschaftliche Infrastruktur immer stärker, wie die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-Pandemie, des Klimawandels und des imperialistischen Krieges in Europa – außer für die blinden Jünger von Bordiga und Damen – eindrücklich bewiesen haben.[4]
Marx hatte nicht die Möglichkeit, seine Methode, die er insbesondere in Das Kapital anwendete, zu erläutern, wie er es als Vorhaben formuliert hatte. Er erwähnte diese Methode nur sehr kurz im Nachwort der zweiten deutschen Ausgabe seines Buches. Es ist unsere Aufgabe, insbesondere angesichts der oft dummen Anschuldigungen des PPM (und noch mehr der Trittbrettfahrer), unsere Analyse sei "nicht marxistisch", sie sei "idealistisch", die Treue des Ansatzes der Thesen von 1990 gegenüber der dialektischen Methode des Marxismus hervorzuheben, aus denen in diesem Zusammenhang einige weitere Elemente in Erinnerung zu rufen sind:
Dieser Gedanke taucht im Text von 1990 immer wieder auf. Es mag auch in der früheren Dekadenz des Kapitalismus Zerfallserscheinungen gegeben haben, aber heute beweist die Häufung dieser Erscheinungen eine Transformations-Bruchstelle im Leben der Gesellschaft und signalisiert den Eintritt in eine neue Epoche der kapitalistischen Dekadenz, in der der Zerfall zum bestimmenden Element wird. Diese Komponente der marxistischen Dialektik beschränkt sich nicht auf soziale Tatsachen. Wie Engels insbesondere im Anti-Dühring und Die Dialektik der Natur betont, ist dies ein Phänomen, das in allen Bereichen zu finden ist und das übrigens auch von anderen Denkern erfasst wurde. So zitiert Engels im Anti-Dühring einen Satz von Napoleon Bonaparte, der heißt: "Zwei Mameluken waren drei Franzosen unbedingt überlegen; (...) 1000 Franzosen warfen jedesmal 1500 Mameluken", was auf die Disziplin zurückzuführen ist, die wirksam wird, wenn sie eine große Anzahl von Kämpfern betrifft. Engels betont auch sehr stark, dass dieses Gesetz im Bereich der Wissenschaften voll und ganz gilt. Was die gegenwärtige historische Situation und die Zunahme einer ganzen Reihe von katastrophalen Tatsachen betrifft, so bedeutet es, der marxistischen Dialektik den Rücken zu kehren (was seitens der bürgerlichen Ideologie und der Mehrheit der akademischen "Spezialisten" normal ist), wenn man sich nicht auf dieses Gesetz der Umwandlung von Quantität in Qualität stützt, was jedoch für das gesamte PPM gilt, das versucht, eine spezifische und isolierte Ursache auf jede der katastrophalen Manifestationen der gegenwärtigen Geschichte anzuwenden.
Die verschiedenen Komponenten des gesellschaftlichen Lebens haben zwar jeweils ihre Eigenart und können unter bestimmten Umständen sogar eine relative Autonomie erlangen, aber sie bestimmen sich gegenseitig innerhalb einer Totalität, die "in letzter Instanz" (aber nur in letzter Instanz, wie Engels in seinem berühmten Brief an J. Bloch vom 21. September 1890 sagt) von der Produktionsweise und den Produktionsverhältnissen und ihrer Entwicklung regiert wird. Dies ist eine der Haupterscheinungen der gegenwärtigen Lage. Die verschiedenen Erscheinungsformen des Zerfalls, die anfangs vielleicht unabhängig voneinander erschienen, deren Häufung aber bereits darauf hindeutete, dass wir in eine neue Epoche des kapitalistischen Verfalls eingetreten waren, wirken nun in einer Art "Kettenreaktion" oder eines "Strudels" zunehmend aufeinander zurück, der der Geschichte die Beschleunigung aufprägt, von der wir Zeugen sind (einschließlich der "Experten" in Davos).
Schließlich steht die Entlehnung des historischen Ansatzes aus der marxistischen Dialektik, dieses wesentlichen Aspekts der Bewegung, der Transformation, im Mittelpunkt des Kerngedankens unserer Analyse über den Zerfall: "Tatsächlich kann sich keine Produktionsweise entwickeln, sich lebensfähig halten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sicherstellen, wenn sie nicht in der Lage ist, der von ihr dominierten Gesellschaft in ihrer Gesamtheit eine Perspektive anzubieten. Und dies trifft besonders auf den Kapitalismus als dynamischste Produktionsweise der Geschichte zu" (These 5). Und gerade heute kann einstweilen keine der beiden grundlegenden Klassen, weder die Bourgeoisie noch das Proletariat, der Gesellschaft eine solche Perspektive bieten.
Für diejenigen, die uns als "Idealisten" bezeichnen, ist es ein Skandal zu behaupten, dass ein ideologischer Faktor, das Fehlen eines Projekts in der Gesellschaft, das Leben der Gesellschaft maßgeblich beeinflussen kann. In Wirklichkeit beweisen sie damit, dass der Materialismus, auf den sie sich berufen, nichts anderes als ein Vulgärmaterialismus ist, der bereits seinerzeit von Marx kritisiert wurde, insbesondere in den Thesen über Feuerbach. In ihrer Sicht entwickeln sich die Produktivkräfte autonom. Und die Entwicklung der Produktivkräfte allein diktiert die Veränderungen in den Produktionsverhältnissen und den Beziehungen zwischen den Klassen.
Ihnen zufolge bleiben Institutionen und Ideologien, also der Überbau, so lange bestehen, wie sie die bestehenden Produktionsverhältnisse legitimieren, bewahren. Und daher werden Elemente wie Ideen, menschliche Moral oder auch politische Eingriffe in den historischen Prozess ausgeschlossen.
Der historische Materialismus enthält neben den wirtschaftlichen Faktoren auch andere Faktoren wie den Reichtum der Natur und Kontextfaktoren. Die Produktivkräfte enthalten viel mehr als nur Maschinen oder Technologie. Sie enthalten Wissen, Know-how und Erfahrung. Eigentlich alles, was den Arbeitsprozess ermöglicht oder ihn behindert. Die Form der Zusammenarbeit, des Zusammenschlusses sind selbst Produktivkräfte und ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der wirtschaftlichen Transformation und Entwicklung.
Diejenigen, die man als "Anti-Dialektiker"[5] bezeichnen könnte, leugnen die Unterscheidung zwischen den objektiven und den subjektiven Bedingungen des revolutionären Kampfes. Sie leiten die Fähigkeit der Klasse von der bloßen Verteidigung ihrer unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen ab. Sie gehen davon aus, dass die Klasseninteressen des Proletariats auch seine Fähigkeit schaffen werden, diese Interessen zu verwirklichen und zu verteidigen. Sie leugnen die Kräfte, die am Werk sind, um die Arbeiterklasse systematisch zu desorganisieren, ihre Fähigkeiten zu vernichten, sie zu spalten und den Klassencharakter ihres Kampfes zu vernebeln.
Wie Lenin bemerkte, müssen wir konkrete Analysen der konkreten Situation erarbeiten. Und in der am weitesten entwickelten kapitalistischen Gesellschaft wird der Ideologie eine sehr wichtige Rolle zugewiesen, einem Apparat, der die bürgerlichen Interessen verteidigen, rechtfertigen und dem kapitalistischen System Stabilität verleihen soll. Deshalb betonte Marx, dass für die kommunistische Revolution sowohl ihre objektiven als auch ihre subjektiven Bedingungen erfüllt sein müssen. Die erste Bedingung ist die Fähigkeit der Wirtschaft, in ausreichendem Überfluss für die Weltbevölkerung zu produzieren. Die zweite Bedingung ist ein ausreichendes Niveau der Entwicklung des Klassenbewusstseins. Das bringt uns zurück zu unserer Analyse über die Frage des "schwächsten Glieds" und der notwendigen historischen Erfahrung, die sich im Bewusstsein ausdrückt.
Die „Deterministen" isolieren die Entwicklung der Produktivkräfte von ihrem sozialen Kontext. Sie neigen dazu, JEDE Bedeutung des ideologischen Überbaus zu leugnen, auch wenn sie es abstreiten. Arbeitskämpfe neigen dazu, als eine reine Frage von Reflexen zu erscheinen. Dies ist eine grundlegend fatalistische Sichtweise, die in Bordigas Idee, dass "die Revolution so sicher ist, als ob sie bereits stattgefunden hätte", gut zum Ausdruck kommt. Eine solche Sichtweise führt zu einer passiven Unterwerfung, einer Unterwerfung, die auf die automatischen Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklung wartet. Letztlich lässt sie keinen Raum für den Klassenkampf als Grundvoraussetzung für jede Veränderung und steht damit im Widerspruch zum ersten Satz des Kommunistischen Manifests: "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen."
Die dritte These über Feuerbach gibt uns einen guten Einblick in den historischen Materialismus und lehnt jeden strengen Determinismus ab:
"Die materialistische Lehre, dass die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte veränderter Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und dass der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine Teil über der Gesellschaft erhaben ist (Z. B. bei Robert Owen). Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden."
Unsere Kritiker werden darin wahrscheinlich eine idealistische Vision sehen, aber wir halten daran fest, dass die marxistische Dialektik der Zukunft einen grundlegenden Platz in der Entwicklung und Bewegung der Gesellschaft zuweist. Von den drei Momenten eines historischen Prozesses – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – ist letztere der grundlegende Faktor in seiner Dynamik.
Die Rolle der Zukunft ist in der Geschichte der Menschheit von grundlegender Bedeutung. Die ersten Menschen, die sich von Afrika aus aufmachten, die Welt zu erobern, und die Aborigines, die sich von Australien aus aufmachten, den Pazifik zu erobern, suchten für die Zukunft nach neuen Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Sorge um die Zukunft treibt sowohl den Wunsch nach Fortpflanzung als auch die meisten Religionen an. Und da unsere Kritiker "richtig wirtschaftliche" Beispiele brauchen, können wir zwei Beispiele aus der Funktionsweise des Kapitalismus anführen. Wenn ein Kapitalist investiert, dann nicht mit Blick auf die Vergangenheit, sondern um einen zukünftigen Gewinn zu erzielen. Ebenso ist der Kredit, der eine so grundlegende Rolle in den Mechanismen des Kapitalismus spielt, nichts anderes als ein Wechsel auf die Zukunft.
Die Rolle der Zukunft ist in den Texten von Marx und allgemein des Marxismus allgegenwärtig. Diese Rolle wird in der bekannten Passage aus dem Kapital gut deutlich:
"Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss."
Offensichtlich ist diese wesentliche Rolle der Zukunft in der Gesellschaft noch grundlegender für die Arbeiterbewegung, deren Kämpfe in der Gegenwart nur aus der Perspektive der kommunistischen Revolution in der Zukunft einen wirklichen Sinn erhalten.
"Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts [die proletarische Revolution] kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft." (Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte)
"Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.“ (Marx, Lohn, Preis und Profit)
"’Das Endziel, was es immer sei, ist mir Nichts, die Bewegung alles.’ [sagt Bernstein. Es ist] (...) aber das sozialistische Endziel das einzige entscheidende Moment (...), das die sozialdemokratische Bewegung von der bürgerlichen Demokratie und dem bürgerlichen Radikalismus unterscheidet, das die ganze Arbeiterbewegung aus einer müßigen Flickarbeit zur Rettung der kapitalistischen Ordnung in einen Klassenkampf gegen diese Ordnung, um die Aufhebung dieser Ordnung verwandelt, (...)". (Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution?)
"Was tun?", "Womit beginnen?" (Lenin).
Und gerade weil der heutigen Gesellschaft dieses grundlegende Element, die Zukunft, die Perspektive fehlt (was immer mehr Menschen, insbesondere die Jugend, zu spüren bekommen), eine Perspektive, die nur das Proletariat bieten kann, versinkt sie in Verzweiflung und verrottet stehenden Fußes.
Der Bericht des WEF 2023 warnt sehr überzeugend vor dem extremen Ernst der gegenwärtigen Lage der Welt, die in den 2030er Jahren noch viel schlimmer sein wird, "wenn es keine politischen Veränderungen oder bedeutenden Investitionen gibt". Gleichzeitig "zeigt er die Lähmung und Ineffizienz der wichtigsten multilateralen Mechanismen angesichts der Krisen auf, mit denen die Weltordnung konfrontiert ist", und weist auf die "Diskrepanz zwischen dem, was wissenschaftlich notwendig, und dem, was politisch opportun ist", hin. Mit anderen Worten: Die Lage ist hoffnungslos und die gegenwärtige Gesellschaft ist definitiv nicht in der Lage, den Kurs ihrer Zerstörung umzukehren, was den Titel unseres Textes vom Oktober 2022 bestätigt: "Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Vernichtung der Menschheit auf".
Gleichzeitig wird in diesem Bericht mehrfach die Aussicht auf "weitverbreitete soziale Unruhen" erwähnt, die "nicht auf die Schwellenländer beschränkt sein werden" (was bedeutet, dass sie auch die weiter entwickelten Länder betreffen werden) und "eine existenzielle Herausforderung für die politischen Systeme der ganzen Welt darstellen". Nichts weniger als das! Für das WEF und die Bourgeoisie im Allgemeinen werden diese sozialen Unruhen in die negative Kategorie der "Risiken" und Bedrohungen für die "Weltordnung" eingeordnet. Doch die WEF-Prognosen gießen zaghaft und unbeabsichtigt Wasser auf die Mühlen unserer eigenen Analyse, indem sie darauf hinweisen, dass das Proletariat weiterhin eine Bedrohung für die bürgerliche Ordnung darstellt. Wie die gesamte Bourgeoisie unterscheidet auch das WEF nicht zwischen den verschiedenen sozialen Unruhen: All dies führe zu "Unordnung" und "Chaos". Und es stimmt, dass einige Bewegungen in diese Kategorie fallen, wie es zum Beispiel beim "Arabischen Frühling" der Fall war. Aber in Wirklichkeit fürchtet die Bourgeoisie am meisten, ohne dass sie es offen ausspricht oder sich dessen voll bewusst ist, dass es unter diesen "sozialen Unruhen" einige gibt, die den Sturz ihrer Macht über die Gesellschaft und das kapitalistische System ankündigen: die Kämpfe des Proletariats.
So illustriert das WEF auch unter diesem Aspekt unsere Thesen von 1990 und unseren Text vom Oktober 2022. Dieser greift die Idee auf, dass das Proletariat trotz aller Schwierigkeiten, auf die es gestoßen ist, das Spiel nicht verloren hat, dass "die historischen Möglichkeiten völlig offen bleiben (These 17)“. Und er erinnert daran: "Trotz des Schlags, der der Bewußtwerdung des Proletariats durch den Zusammenbruch des Ostblocks verabreicht wurde, hat das Proletariat auf seinem Klassenterrain keine große Niederlage erlitten. In diesem Sinne bleibt sein Kampfgeist praktisch intakt. Aber darüber hinaus, und das ist das Element, das in letzter Instanz die Entwicklung der Weltlage bestimmt, bildet derselbe Faktor, der sich am Anfang der Entwicklung des Zerfalls befindet, den wesentlichen Ansporn für den Kampf und die Bewußtwerdung der Klasse, die eigentliche Bedingung für ihre Fähigkeit, dem ideologischen Gift der gesellschaftlichen Fäulnis zu widerstehen. Denn auch wenn das Proletariat kein Terrain findet, um die Teilkämpfe gegen die Auswirkungen des Zerfalls zu vereinen, bildet sein Kampf gegen die direkten Auswirkungen der Krise die Grundlage für die Weiterentwicklung seiner Klassenstärke und Einheit" (ebd.).
Zudem ist "die Wirtschaftskrise im Gegensatz zum gesellschaftlichen Zerfall, der hauptsächlich den Überbau betrifft, ein Phänomen (...), das direkt die Infrastruktur der Gesellschaft selbst ergreift, auf denen dieser Überbau ruht; daher stellt die Krise die ultimativen Ursachen der gesamten Barbarei bloß, unter der die Gesellschaft leidet, und ermöglicht somit der Arbeiterklasse, sich der Notwendigkeit einer radikalen Umwälzung dieses Systems bewußt zu werden, ohne zu versuchen, einige Teilaspekte zu verbessern" (ebd.).
Und tatsächlich können wir heute feststellen, dass die Arbeiterklasse trotz der Last des Zerfalls (insbesondere des Zusammenbruchs des Stalinismus) und der langen Erstarrung, die sie befallen hat, immer noch auf der Bühne der Geschichte präsent ist und die Fähigkeit hat, ihren Kampf wieder aufzunehmen, wie insbesondere die Kämpfe in Großbritannien und Frankreich zeigen (die beiden Proletariate, die 1864 die Gründung der IAA initiierten: ein Wink der Geschichte!).
In diesem Sinne wirken zwar die verschiedenen Erscheinungsformen des Zerfalls negativ auf den Kampf des Proletariats und sein Bewusstsein (Gewicht des Populismus, des Interklassismus, der demokratischen Illusionen), aber wir haben heute eine neue Bestätigung dafür, dass nur die direkt wirtschaftlichen Angriffe es dem Proletariat ermöglichen, sich auf seinem Klassenterrain zu mobilisieren, und dass diese Angriffe, die sich derzeit entladen und sich noch verschärfen werden, die Bedingungen für eine bedeutende Entwicklung der Arbeiterkämpfe auf internationaler Ebene schaffen. So müssen wir unterstreichen, was in dem Text vom Oktober 2022 geschrieben steht:
- "Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts werden in diesem Zusammenhang also eine enorme Bedeutung für die historische Entwicklung haben. Sie werden mit noch größerer Deutlichkeit als in der Vergangenheit die im kapitalistischen Zerfall enthaltene Perspektive der Vernichtung der Menschheit aufzeigen. Am anderen Pol wird das Proletariat beginnen, erste Schritte zu unternehmen, wie sie in der Kampfbereitschaft der Streiks in Großbritannien zum Ausdruck kommen, um seine Lebensbedingungen gegen die zunehmenden Angriffe der jeweiligen Bourgeoisie und die Schläge der Weltwirtschaftskrise mit all ihren Auswirkungen zu verteidigen. Diese ersten Schritte werden oft zögerlich und voller Schwächen sein, aber sie sind unerlässlich, damit die Arbeiterklasse in der Lage ist, ihre historische Fähigkeit zur Durchsetzung ihrer kommunistischen Perspektive zu bekräftigen. So werden sich die beiden Pole der Perspektive im Großen und Ganzen in der Alternative: Zerstörung der Menschheit oder kommunistische Revolution gegenüberstehen, auch wenn die letztere Alternative noch in weiter Ferne liegt und mit enormen Hindernissen konfrontiert ist."
In der Tat ist der Weg, den das Proletariat gehen muss, extrem lang und schwierig. Einerseits muss es sich vor allen Fallen hüten, die die Bourgeoisie ihm in den Weg stellt, und das in einer ideologischen Atmosphäre, die durch den Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft vergiftet ist, der den Kampf und das Bewusstsein des Proletariats ständig behindert:
- „Das kollektive Handeln und die Solidarität stoßen mit der Atomisierung, dem ‘Jeder für sich’, dem ‘Frechheit zahlt sich aus’ zusammen.
- Das Bedürfnis nach Organisierung steht dem gesellschaftlichen Zerfall entgegen, der Zerstörung von Beziehungen, die erst ein gesellschaftliches Leben ermöglichen.
- Die Zuversicht in die Zukunft und in die eigenen Kräfte wird ständig untergraben durch die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die in der Gesellschaft durch den Nihilismus, durch die Ideologie des "No future" immer mehr überhandnimmt.
- Das Bewußtsein, die Klarheit, die Kohärenz und Einheit im Denken, der Sinn für Theorie müssen sich mühsam ein Weg bahnen inmitten der Flucht in Trugbilder, der Drogen, Sekten, des Mystizismus, der Verweigerung des Nachdenkens und der Zerstörung des Denkens, die unsere Epoche charakterisieren." (These 13)
Die Thesen von 1990 betonen diese Schwierigkeiten. Sie betonen insbesondere, dass es "fundamental [ist] zu verstehen, daß je länger die Arbeiterklasse zögert, den Kapitalismus zu stürzen, desto größer die Gefahren und schädlichen Auswirkungen des Zerfalls werden" (These 15).
"In der Tat muß man verdeutlichen, daß heute die Zeit im Gegensatz zu den siebziger Jahren nicht mehr zugunsten der Arbeiterklasse arbeitet. Solange die Gefahr der Zerstörung der Gesellschaft nur durch den imperialistischen Krieg ausging, reichte die bloße Tatsache, daß die Kämpfe des Proletariats in der Lage waren, sich als entscheidende Barriere gegen eine solche "Lösung" zu behaupten, aus, um den Weg zu dieser Zerstörung zu versperren. Doch im Gegensatz zum imperialistischen Krieg, der für seine Entfesselung das Bekenntnis der Arbeiterklasse zu den Idealen der Bourgeoisie erfordert, benötigt der Zerfall keineswegs die Mobilisierung der Arbeiterklasse, um die Menschheit zu zerstören. So wie sie nicht dem wirtschaftlichen Zusammenbruch trotzen können, so sind die Kämpfe des Proletariats in diesem System auch nicht in der Lage, den Zerfall zu bremsen. Daher ist, selbst wenn die Gefahr, die der Zerfall für das Leben der Gesellschaft darstellt, viel langfristiger erscheint als jene, die von einem Weltkrieg ausgeht (falls die Bedingungen dafür existieren, was heute nicht der Fall ist), diese Gefahr umso heimtückischer. Um der Bedrohung ein Ende zu machen, die der Zerfall darstellt, reicht der Widerstand der Arbeiter gegen die Folgen der Krise nicht mehr aus: allein die kommunistische Revolution kann solch einer Gefahr beikommen." (These 16)
Die brutale Beschleunigung des Zerfalls, die wir heute erleben und die selbst in den Augen der klarsten Teile der Bourgeoisie die Aussicht auf die Vernichtung der Menschheit immer bedrohlicher werden lässt, stellt durchaus eine Bestätigung dieser Analyse dar. Und da nur die kommunistische Revolution der zerstörerischen Dynamik des Zerfalls und ihren zunehmend schädlichen Auswirkungen ein Ende setzen kann, mag dies eine Vorstellung davon vermitteln, wie schwierig der Weg zum Sturz des Kapitalismus ist. Ein Weg, auf dem die Aufgaben, die das Proletariat zu bewältigen hat, gewaltig sind. Insbesondere muss es sich seine Klassenidentität, die durch die Konterrevolution und die verschiedenen Erscheinungsformen des Zerfalls, insbesondere den Zusammenbruch der sogenannten "sozialistischen" Regime, stark beeinträchtigt wurde, wieder vollständig aneignen. Es wird sich auch, und das ist ebenfalls grundlegend, ihre früheren Erfahrungen wieder aneignen müssen, was eine gewaltige Aufgabe ist, da diese Erfahrungen die ProletarierInnen so sehr vergessen haben. Hier liegt eine grundlegende Verantwortung der kommunistischen Avantgarde: einen entscheidenden Beitrag zu dieser Wiederaneignung der Lehren aus mehr als anderthalb Jahrhunderten proletarischen Kampfes durch die gesamte Klasse zu leisten.
Die Schwierigkeiten, mit denen das Proletariat konfrontiert sein wird, werden nicht mit dem Sturz des kapitalistischen Staates in allen Ländern verschwinden. In der Tradition von Marx haben wir oft die immense Aufgabe betont, die die Arbeiterklasse in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus erwartet – eine Aufgabe, die mit allen Revolutionen der Vergangenheit nicht zu vergleichen ist, da es darum geht, von der "Herrschaft der Notwendigkeit zur Herrschaft der Freiheit" überzugehen. Und es ist klar, dass die Aufgabe umso gewaltiger wird, je länger die Revolution auf sich warten lässt: Tag für Tag zerstört der Kapitalismus den Planeten mehr und mehr und damit auch die materiellen Voraussetzungen für den Kommunismus. Außerdem wird die Machtergreifung des Proletariats auf einen schrecklichen Bürgerkrieg folgen, der die Verwüstungen aller Art, die die kapitalistische Produktionsweise schon vor der revolutionären Periode angerichtet hat, noch verstärkt. In diesem Sinne wird die Aufgabe des Wiederaufbaus der Gesellschaft, die das Proletariat zu bewältigen hat, unvergleichlich gigantischer sein als die, die es hätte bewältigen müssen, wenn es während der revolutionären Welle der ersten Nachkriegszeit die Macht ergriffen hätte. Auch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs waren zwar enorm, aber sie betrafen nur die von den Schlachten betroffenen Länder, was einen Wiederaufbau der Weltwirtschaft ermöglichte, zumal die größte Industriemacht, die USA, von diesen Zerstörungen verschont geblieben war. Heute ist jedoch der gesamte Planet von den zunehmenden Zerstörungen aller Art betroffen, die durch den sterbenden Kapitalismus verursacht werden. Daher muss klar sein, dass die weltweite Machtergreifung der Arbeiterklasse an sich noch keine Garantie dafür ist, dass sie ihre historische Aufgabe, die Errichtung des Kommunismus, erfüllen kann. Der Kapitalismus hat durch die enorme Entwicklung der Produktivkräfte die materiellen Voraussetzungen für den Kommunismus geschaffen, aber die Dekadenz dieses Systems und sein Zerfall könnten diese Voraussetzungen untergraben und dem Proletariat einen völlig unwiederbringlich verwüsteten Planeten hinterlassen.
Es ist daher die Verantwortung der Revolutionäre, auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, denen das Proletariat auf dem Weg zum Kommunismus begegnen wird. Ihre Aufgabe ist es nicht, Trost zu spenden, um die Arbeiterklasse nicht verzweifeln zu lassen. Nur die Wahrheit ist revolutionär, wie Marx sagte, so schrecklich sie auch sein mag.
Wenn es dem Proletariat gelingt, die Macht zu ergreifen, wird es jedoch eine Reihe von Trümpfen in der Hand haben, um die Aufgabe des Wiederaufbaus der Gesellschaft zu bewältigen.
Zum einen kann es die gewaltigen Fortschritte nutzen, die Wissenschaft und Technik im 20. und in den beiden ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts gemacht haben. Der WEF-Bericht erwähnt diese Fortschritte mit dem Hinweis, dass es sich um "Technologien mit doppeltem Verwendungszweck (zivil und militärisch)" handelt. Das ist ein großer Fortschritt, denn es ist klar, dass das Militär heute den Löwenanteil (neben vielen anderen unproduktiven Ausgaben) an den Vorteilen des technologischen Fortschritts hat.
Insgesamt muss die proletarische Machtergreifung zu einer beispiellosen Befreiung der von den Gesetzen des Kapitalismus gefangenen Produktivkräfte führen. Nicht nur die enorme Last der militärischen und unproduktiven Ausgaben wird beseitigt werden, sondern auch die monströse Verschwendung, die durch die Konkurrenz zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen und nationalen Sektoren der bürgerlichen Gesellschaft und die phänomenale Unterauslastung der Produktivkräfte (geplante Obsoleszenz, Massenarbeitslosigkeit, fehlende oder mangelhafte Bildungssysteme usw.) entsteht.
Der größte Trumpf des Proletariats in dieser Übergangs- und Wiederaufbauphase wird jedoch nicht technologischer oder rein wirtschaftlicher Natur sein. Er wird grundsätzlich politischer Art sein. Wenn es dem Proletariat gelingt, die Macht zu übernehmen, bedeutet das, dass es in der Zeit der Konfrontation mit dem kapitalistischen Staat, im Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie, ein sehr hohes Maß an Bewusstsein, Organisation und Solidarität erreicht hat. Und das sind Errungenschaften, die wertvoll sein werden, wenn es sich den immensen Herausforderungen stellt, die auf es zukommen. Vor allem aber wird sich das Proletariat auf die Zukunft stützen können, dieses grundlegende Element im Leben der Gesellschaft, jene Zukunft, deren Fehlen in der heutigen Gesellschaft der Kern ihrer Verrottung auf den Füßen ist.
In ihrem im Oktober veröffentlichten Bericht über die menschliche Entwicklung 2021-22 (2021/2022 Human Development Report) mit dem Titel "Unsichere Zeiten, instabile Leben" sagt uns die UN: "Neue Sphären von Unsicherheiten interagieren, um neue Arten von Unsicherheiten – einen neuen Komplex von Unsicherheiten – zu schaffen, die es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat. Zusätzlich zu den alltäglichen Unsicherheiten, mit denen die Menschen seit Urzeiten konfrontiert sind, navigieren wir nun in unbekannten Gewässern, gefangen in drei volatilen, sich kreuzenden Strömungen:
- Der gefährliche globale Wandel des Anthropozäns.
- Die Fortsetzung weitreichender gesellschaftlicher Veränderungen nach dem Vorbild der industriellen Revolution.
- Die Unwägbarkeiten und das Schwanken der polarisierten Gesellschaften. (...)
Die globalen Krisen haben sich gehäuft: die globale Finanzkrise, die andauernde globale Klimakrise und die Covid-19-Pandemie, eine drohende globale Nahrungsmittelkrise. Wir haben das hartnäckige Gefühl, dass uns die Kontrolle über unser Leben entgleitet, dass die Normen und Institutionen, auf die wir uns früher zur Sicherung von Stabilität und Wohlstand verlassen haben, dem heutigen Unsicherheitskomplex nicht gewachsen sind".
Wie man sieht, geht dieser UN-Bericht in die gleiche Richtung wie der WEF-Bericht. Er geht in gewisser Weise sogar noch weiter, da er davon ausgeht, dass die Erde aufgrund des menschlichen Handelns in eine neue geologische Periode eingetreten ist, die im 17. Jahrhundert beginnt und die er Anthropozän nennt und die wir Kapitalismus nennen. Vor allem aber betont er die tiefe Verzweiflung, das "No future", das die Gesellschaft zunehmend durchdringt (und das er als "Unsicherheitskomplex" bezeichnet).
Gerade die Tatsache, dass die proletarische Revolution der menschlichen Gesellschaft eine verlorene Zukunft zurückgibt, wird ein mächtiger Faktor für die Fähigkeit der Arbeiterklasse sein, das "gelobte Land" des Kommunismus endlich zu erreichen, nachdem sie nicht nur 40 Jahre, sondern weit über ein Jahrhundert "durch die Wüste" gegangen ist.
[1] «Es lehrte sie der Instinkt, dass die Republik zwar ihre politische Herrschaft vollendet, aber zugleich deren gesellschaftliche Grundlage unterwühlt, indem sie nun ohne Vermittlung, ohne den Versteck der Krone, ohne das nationale Interesse durch ihre untergeordneten Kämpfe untereinander und mit dem Königtum ableiten zu können, den unterjochten Klassen gegenüberstehn und mit ihnen ringen müssen. Es war Gefühl der Schwäche, das sie vor den reinen Bedingungen ihrer eignen Klassenherrschaft zurückbeben und sich nach den unvollständigern, unentwickelteren und eben darum gefahrloseren Formen derselben zurücksehnen ließ.» Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, III. Teil (MEW 8 S. 140)
[2] Diese grundlegende qualitative (und nicht nur quantitative) Veränderung im Leben des Kapitalismus wird im Manifest der Kommunistischen Internationale (März 1919) klar herausgestellt: "Hat die völlige Unterordnung der Staatsmacht unter die Gewalt des Finanzkapitals die Menschheit zur imperialistischen Schlachtbank geführt, so hat das Finanzkapital durch diese Massenabschlachtung nicht nur den Staat, sondern auch sich selbst vollends militarisiert und ist nicht mehr fähig, seine wesentlichen ökonomischen Funktionen anders als mittels Blut und Eisen zu erfüllen. (...) Die Verstaatlichung des wirtschaftlichen Lebens, gegen welche der kapitalistische Liberalismus sich so sträubte, ist zur Tatsache geworden. Nicht nur zum freien Wettbewerb, sondern auch zur Herrschaft der Trusts, Syndikate und anderer wirtschaftlicher Ungetüme gibt es keine Rückkehr." Aber offensichtlich kennen die IKT-Genossen dieses Dokument nicht; es sei denn, sie sind mit dieser grundlegenden Position der KI nicht einverstanden, was sie klar sagen sollten.
[3] Wir geben uns selbst die Erlaubnis zu dieser Bezeichnung, denn die Nachfahren des Partito von 1945 haben der revolutionären theoretischen Arbeit von Bilan, der Italienischen Linken im Exil in den 1930er Jahren, den Rücken gekehrt.
[4] Ein anderer Brief von Engels über die marxistische Methode scheint für diese Jünger genau richtig zu sein: "Was den Herren allen fehlt, ist Dialektik. Sie sehn stets nur hier Ursache, dort Wirkung. Dass dies eine hohle Abstraktion ist, dass in der wirklichen Welt solche metaphysische polare Gegensätze nur in Krisen existieren, dass der ganze große Verlauf aber in der Form der Wechselwirkung – wenn auch sehr ungleicher Kräfte, wovon die ökonomische Bewegung weitaus die stärkste, ursprünglichste, entscheidendste Kraft – vor sich geht, dass hier nichts absolut und alles relativ ist, das sehn sie nun einmal nicht, für sie hat Hegel nicht existiert." (Engels an Conrad Schmidt, 27. Oktober 1890)
[5] Man muss die marxistische, objektive Dialektik von der leeren, subjektiven Dialektik der verschiedenen Strömungen des Anarchismus und des Modernismus unterscheiden, die verwirrt auf dem Niveau stehen bleiben, überall Widersprüche zu finden. Sie mögen einige der Phänomene des Zerfalls anerkennen, aber sie weigern sich bezeichnenderweise, die letzte Ursache und die Logik der Zerfallsperiode im wirtschaftlichen Bankrott des kapitalistischen Systems zu sehen. Für sie ist die objektive historische Dialektik ein Anathema, denn sie würde sie ihres Hauptanliegens berauben, nämlich der dogmatischen Bewahrung ihrer individuellen Meinungsfreiheit. Wenn der Wirtschaftsfaktor als einer von mehreren gleich wichtigen Faktoren behandelt wird, bleibt ihre Dialektik subjektiv, ahistorisch und – wie bei den Epigonen der Italienischen Linken – unfähig, den Verlauf der Ereignisse zu erfassen.
Die 2020er Jahre, die mit einer schrecklichen Pandemie begannen, waren eine konkrete Erinnerung an die einzige Alternative, die es gibt: proletarische Revolution oder die Zerstörung der Menschheit. Mit Covid 19, dem Konflikt in der Ukraine und dem Wachstum der Kriegswirtschaft überall, der Wirtschaftskrise und ihrer verheerenden Inflation, mit der globalen Erwärmung und der Zerstörung der Natur, die immer mehr das Leben selbst bedrohen, mit dem Aufkommen eines „Jeder für sich selbst“, der Irrationalität und des Obskurantismus, dem Zerfall des gesamten sozialen Gefüges, erleben wir die 2020er Jahre nicht nur als eine Anhäufung von tödlichen Geißeln; alle diese Geißeln konvergieren, kombinieren und nähren sich gegenseitig. Die 2020er Jahre werden eine Verkettung aller schlimmsten Übel des dekadenten und verrottenden Kapitalismus sein. Der Kapitalismus ist in eine Phase schwerer und extremer Erschütterungen eingetreten, deren bedrohlichste und blutigste die Gefahr einer Zunahme militärischer Konflikte ist.
Die Dekadenz des Kapitalismus hat eine Geschichte, und seit 1914 hat sie mehrere Phasen durchlaufen. Diejenige, die 1989 begann, ist „eine spezifische Phase - die letzte Phase - seiner Geschichte, in der der Zerfall ein Faktor, wenn nicht sogar der entscheidende Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung wird“.[1] Das Hauptmerkmal dieser Phase des Zerfalls, ihre tiefsten Wurzeln, die die gesamte Gesellschaft untergraben und den Verfall hervorrufen, ist das Fehlen einer Perspektive. Die 2020er Jahre beweisen einmal mehr, dass die Bourgeoisie der Menschheit nur mehr Elend, Krieg und Chaos, eine wachsende und zunehmend irrationale Unordnung bieten kann. Aber was ist mit der Arbeiterklasse? Was ist mit ihrer revolutionären Perspektive, dem Kommunismus? Es liegt auf der Hand, dass das Proletariat seit Jahrzehnten in immense Schwierigkeiten geraten ist; seine Kämpfe waren selten und nicht sehr massiv, seine Fähigkeit, sich zu organisieren, ist immer noch äußerst begrenzt und vor allem weiß es nicht mehr, dass es als Klasse, als soziale Kraft existiert, die in der Lage ist, ein revolutionäres Projekt anzuführen. Und die Zeit ist nicht auf der Seite der Arbeiterklasse.
Auch wenn die Gefahr einer langsamen und schließlich unumkehrbaren Aushöhlung der Grundlagen des Kommunismus besteht, ist dieses Ende in der totalen Barbarei nicht fatal, im Gegenteil, die historische Perspektive bleibt völlig offen. Denn „trotz des Schlags, den der Zusammenbruch des imperialistischen Ostblocks dem Bewusstsein des Proletariats versetzt hat, hat es auf dem Terrain seines Kampfes in diesem Sinne keine größere Niederlage erlitten, seine Kampffähigkeit bleibt praktisch intakt. Aber darüber hinaus, und das ist das Element, das letztlich die Entwicklung der Weltlage bestimmt, stellt derselbe Faktor, der der Entwicklung des Zerfalls, der unaufhaltsamen Verschärfung der Krise des Kapitalismus zugrunde liegt, den wesentlichen Anreiz für den Kampf und das Bewusstsein der Klasse dar, die eigentliche Bedingung für ihre Fähigkeit, dem ideologischen Gift der Fäulnis der Gesellschaft zu widerstehen. Ihr Kampf gegen die direkten Auswirkungen der Krise selbst bildet die Grundlage für die Entwicklung ihrer Stärke und ihrer Klasseneinheit“.[2]
Und heute, angesichts der schrecklichen Verschärfung der Weltwirtschaftskrise und der Rückkehr der Inflation, beginnt die Arbeiterklasse zu reagieren und den Weg ihres Kampfes zu finden. All ihre historischen Schwierigkeiten bleiben bestehen, sie ist noch weiter davon entfernt, ihre eigenen Kämpfe zu organisieren und sich ihres revolutionären Projekts bewusst zu werden, aber die wachsende Kampfbereitschaft angesichts der brutalen Schläge der Bourgeoisie auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen ist der fruchtbare Boden, auf dem das Proletariat seine Klassenidentität wiederentdecken kann; sich wieder dessen bewusst wird, was es ist, was seine Stärke ist, wenn es kämpft, wenn es Solidarität zeigt und seine Einheit entwickelt. Es ist ein Prozess, ein Kampf, der nach Jahren der Passivität wieder aufgenommen wird, ein Potenzial, das die aktuellen Streiks andeuten. Das deutlichste Zeichen für diese mögliche Dynamik ist die Rückkehr der Arbeiterstreiks in Großbritannien. Dies ist ein Ereignis von historischer Bedeutung.
Die Rückkehr der Kampfbereitschaft der Arbeiter und Arbeiterinnen als Reaktion auf die Wirtschaftskrise kann zu einem Brennpunkt für die Entwicklung des Bewusstseins werden. Bis jetzt hat jede Beschleunigung des Zerfalls zu einer Unterbrechung der ersten Ausdrucksformen der Kampfkraft geführt: die Bewegung in Frankreich 2019 litt unter dem Ausbruch der Pandemie; die Kämpfe des Winters 2021 kamen angesichts des Krieges in der Ukraine zum Stillstand, usw. Dies bedeutet eine zusätzliche und nicht unbedeutende Schwierigkeit für die Entwicklung der Kämpfe und das Vertrauen des Proletariats in sich selbst. Es gibt jedoch keinen anderen Weg als den Kampf: Der Kampf ist an sich der erste Erfolg. Das Weltproletariat kann in einem sehr mühsamen Prozess mit vielen bitteren Niederlagen allmählich seine Klassenidentität zurückgewinnen und langfristig eine internationale Offensive gegen dieses marode System starten. Mit anderen Worten: Die kommenden Jahre werden für die Zukunft der Menschheit entscheidend sein.
In den 1980er Jahren steuerte die Welt eindeutig entweder auf einen Krieg oder auf große Klassenkonflikte zu. Das Ergebnis dieses Jahrzehnts war ebenso unerwartet wie beispiellos: einerseits die Unmöglichkeit für die Bourgeoisie, in einen Weltkrieg zu ziehen, verhindert durch die Weigerung der Arbeiterklasse, Opfer zu akzeptieren; und andererseits war dieselbe Arbeiterklasse unfähig, ihre Kämpfe zu politisieren und eine revolutionäre Perspektive anzubieten. Dies führte zu einer Art Blockade, die die gesamte Gesellschaft in eine Situation ohne Zukunft stürzte und somit einen allgemeinen Zerfall zur Folge hatte. Die „Jahre der Wahrheit“ der 1980er Jahre[3] führten so zu einer Phase des Zerfalls. Heute ist die Situation noch intensiver und dramatischer:
Die beiden Pole der Perspektive werden auftauchen und aufeinanderprallen. In diesem Jahrzehnt wird es gleichzeitig zu einer immer dramatischeren Verschärfung der Auswirkungen des Zerfalls und zu Reaktionen der Arbeiterklasse kommen, die eine andere Zukunft anbieten. Die einzige Alternative, die Zerstörung der Menschheit oder die proletarische Revolution, wird wieder auftauchen und immer deutlicher spürbar werden. Es handelt sich also um einen Kampf, den Klassenkampf. Und für einen günstigen Ausgang wird die Rolle der revolutionären Organisationen entscheidend sein. Ob es um die Entwicklung des Klassenbewusstseins und die Organisierung des Kampfes geht oder darum, dass die Minderheiten klar verstehen, was auf dem Spiel steht und welche Perspektive sie haben – unsere Rolle wird entscheidend sein. Wir selbst müssen uns daher der laufenden Dynamik, ihres Potenzials, der Stärken und Schwächen unserer Klasse sowie der ideologischen Angriffe und Fallen, die uns die historische Situation des Zerfalls und die Bourgeoisie, die intelligenteste und machiavellistischste herrschende Klasse der Geschichte, in den Weg legen, am klarsten und deutlichsten bewusst sein.
Der Krieg ist immer ein entscheidendes Moment für das Weltproletariat. Mit dem Krieg erleidet die Weltarbeiterklasse das Massaker an einem Teil von ihr selbst, aber sie erhält auch eine Ohrfeige durch die herrschenden Klasse. In jeder Hinsicht ist der Krieg das genaue Gegenteil von dem, was die Arbeiterklasse ist, von ihrem internationalen Charakter, denn: „Die Arbeiter haben kein Vaterland. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Der Ausbruch des Konflikts in der Ukraine stellt somit das Weltproletariat auf die Probe. Die Reaktion auf diese Barbarei ist ein erster Anhaltspunkt, um zu verstehen, wo unsere Klasse steht, wo das Kräfteverhältnis gegenüber der Bourgeoisie ist. Und hier gibt es keine Homogenität. Im Gegenteil, es gibt große Unterschiede zwischen den Ländern, zwischen der Peripherie und den zentralen Regionen des Kapitalismus.
In der Ukraine wird die Arbeiterklasse physisch und ideologisch unterdrückt. Die Arbeiter engagieren sich in großem Umfang für die Verteidigung des Vaterlandes, gegen den „russischen Eindringling“, gegen „den brutalen Schläger Putin“, für die Verteidigung der ukrainischen Kultur und der Freiheiten, für die Demokratie und schließen sich der Mobilisierung in den Fabriken wie in den Schützengräben an. Diese Situation ist offensichtlich das Ergebnis der Schwäche der internationalen Arbeiterbewegung, aber auch der Geschichte des Proletariats in der Ukraine. Auch wenn es sich um ein konzentriertes und gebildetes Proletariat mit einer langen Erfahrung handelt, hat dieses Proletariat auch und vor allem die Folgen der Konterrevolution und des Stalinismus mit voller Wucht zu spüren bekommen. Die in den 1930er Jahren von den sowjetischen Behörden organisierte Hungersnot, der „Holomodor“, bei dem fünf Millionen Menschen ihr Leben verloren, bildet die Grundlage für den Hass gegen den russischen Nachbarn und ein starkes patriotisches Gefühl. In jüngerer Zeit, Anfang der 2010er Jahre, entschied sich ein ganzer Teil der ukrainischen Bourgeoisie, sich von der russischen Vormundschaft zu emanzipieren und sich mit dem Westen zu verbünden. In Wirklichkeit spiegelte diese Entwicklung den zunehmenden Druck der USA auf die gesamte Region wider. Die „Orangene Revolution“[4] von 2004 und dann der „Maidan“ (oder „Revolution der Würde“) von 2014 zeigten, wie sehr sich ein sehr großer Teil der Bevölkerung für die Verteidigung der „Demokratie“ und der ukrainischen Unabhängigkeit gegen den russischen Einfluss einsetzte. Seitdem hat die nationalistische Propaganda nur noch zugenommen, bis sie im Februar 2022 ihren Höhepunkt erreichte.
Die Unfähigkeit der Arbeiterklasse in diesem Land, sich dem Krieg und seiner Mobilisierung zu widersetzen, eine Unfähigkeit, die die Möglichkeit dieses imperialistischen Gemetzels eröffnete, zeigt das Ausmaß, in dem die kapitalistische Barbarei und der Zerfall in immer weiteren Teilen des Globus an Boden gewinnen. Nach Afrika, dem Nahen Osten und Zentralasien ist nun ein Teil Mitteleuropas von der Gefahr bedroht, in ein imperialistisches Chaos zu stürzen. Die Ukraine hat gezeigt, dass es in einigen Satellitenländern der ehemaligen UdSSR, in Weißrussland, in Moldawien, im ehemaligen Jugoslawien ein Proletariat gibt, das durch die jahrzehntelange rücksichtslose Ausbeutung durch den Stalinismus im Namen des „Kommunismus“ sehr geschwächt ist, Jahrzehnte, in denen es die Last der demokratischen Illusionen trug und vom Nationalismus zerfressen wurde. Im Kosovo, in Serbien und Montenegro nehmen die Spannungen zu.
Andererseits ist das Proletariat in Russland nicht bereit, sein Leben in großem Umfang zu opfern. Gewiss, die Arbeiterklasse Russlands ist heute nicht in der Lage, sich dem Kriegsabenteuer ihrer eigenen Bourgeoisie zu widersetzen, gewiss, sie nimmt diese Barbarei und ihre 100.000 Toten ohne Reaktion hin, gewiss, die Reaktion der Wehrpflichtigen, nicht an die Front zu gehen, nimmt die Form der Desertion oder der Selbstverstümmelung an, so viele verzweifelte individuelle Handlungen, die das Fehlen einer Klassenreaktion widerspiegeln. Aber es bleibt die Tatsache, dass die russische Bourgeoisie keine allgemeine Mobilisierung ausrufen kann. Denn die russischen Arbeiter und Arbeiterinnen zeigen keine ausreichende Unterstützung für die Idee, sich massenhaft im Namen des Vaterlandes abschlachten zu lassen.
In Asien ist es höchstwahrscheinlich genauso: Es wäre also ein Fehler, aus der Schwäche des Proletariats in der Ukraine vorschnell abzuleiten, dass auch der Weg frei ist, um einen militärischen Konflikt zwischen China und Taiwan oder zwischen den beiden Koreas zu entfesseln. In China, Südkorea und Taiwan verfügt die Arbeiterklasse über eine höhere Konzentration, Bildung und ein stärkeres Bewusstsein als in der Ukraine und in Russland. Die Weigerung, sich zu Kanonenfutter machen zu lassen, ist in diesen Ländern auch heute noch die plausibelste Situation. Abgesehen vom Kräftegleichgewicht zwischen den imperialistischen Mächten, die in dieser Region der Welt involviert sind, allen voran China und die USA, stellt also das Vorhandensein einer sehr hohen Konzentration von gebildeten Arbeitern die erste Bremse für die Kriegsdynamik dar.
Was die zentralen Länder betrifft, so sind die großen demokratischen Mächte im Gegensatz zu 1990 oder 2003 nicht direkt in den Ukraine-Konflikt involviert, sie schicken keine Truppen aus Berufssoldaten. Es kann ihnen derzeit nur darum gehen, die Ukraine politisch und militärisch gegen die russische Invasion zu unterstützen und die „demokratische Freiheit des ukrainischen Volkes gegen den Diktator Putin zu verteidigen“, indem sie Waffen schicken, die alle als „Verteidigungswaffen“ bezeichnet werden.
Im Jahr 2003 und noch mehr 1991 hatten sich die Auswirkungen des Krieges in einer relativen Lähmung der Kampfbereitschaft, aber auch in einer besorgten und tiefen Reflexion über die historischen Herausforderungen niedergeschlagen. Diese Situation innerhalb der Klasse erforderte damals von den linken Kräften der Bourgeoisie die Organisation von Friedensdemonstrationen, die überall gegen den „US-Imperialismus und seine Verbündeten“ blühten. Diese großen Mobilisierungen gegen die Interventionen der westlichen Länder waren nicht das Werk der Arbeiterklasse, denn indem sie sagten: „Wir sind gegen die Politik unserer Regierung, die sich am Krieg beteiligt“, wirkten sie auf die Arbeiterklasse ein, führten sie in eine Sackgasse und erstickten jegliche Bewusstseinsentwicklung. Das ist heute nicht mehr der Fall: Es gibt keine derartigen pazifistischen Mobilisierungen. Diejenigen, die die Politik der westlichen Länder und ihre Unterstützung für die Ukraine kritisieren, sind vor allem die mit Putin verbundenen rechtsextremen Kräfte. In den Vereinigten Staaten sind es die Trumpisten oder Republikaner, die „schwanken“.
Das Fehlen einer pazifistischen Mobilisierung heute bedeutet nicht, dass das Proletariat dem Krieg gleichgültig gegenübersteht oder ihm gar anhängt. Ja, die Kampagne zur Verteidigung der Demokratie und der Freiheit in der Ukraine gegen den russischen Aggressor hat in dieser Hinsicht ihre volle Wirksamkeit bewiesen: die Arbeiterklasse steckt in der Falle der Macht der pro-demokratischen Propaganda. Aber anders als 1991 ist die Kehrseite der Medaille, dass sie keinen Einfluss auf die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse hat. Es handelt sich keineswegs um ein einfaches passives Nichtbefolgen. Die Arbeiterklasse in den zentralen Ländern ist nicht bereit den Tod (auch von Berufssoldaten) hinzunehmen, sondern sie lehnt auch die Opfer ab, die der Krieg mit sich bringt, die Verschlechterung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen. So ist Großbritannien, das europäische Land, das sowohl materiell als auch politisch am stärksten in den Krieg involviert ist, das am entschlossensten ist, die Ukraine zu unterstützen, gleichzeitig das Land, in dem die Kampffähigkeit der Arbeiterklasse derzeit am stärksten zum Ausdruck kommt. Die Streiks in Großbritannien sind, zusammen mit den Mobilisierungen in Frankreich, der am weitesten fortgeschrittene Teil der internationalen Klassenreaktion, der Ablehnung der Opfer (der Überausbeutung, der Verringerung der Zahl der Arbeiter, der Erhöhung des Arbeitstempos, des Preisanstiegs usw.) durch die Arbeiterklasse, die die Bourgeoisie dem Proletariat auferlegt und die der Militarismus ihr mehr und mehr aufzwingt.
Eine der derzeitigen Grenzen der Bemühungen unserer Klasse ist ihre Unfähigkeit, einen Zusammenhang zwischen der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen und dem Krieg herzustellen. Die entstehenden und sich entwickelnden Arbeiterkämpfe sind eine Antwort der Arbeiterklasse auf die ihnen auferlegten Bedingungen; sie bilden die einzig mögliche Antwort auf die Politik der Bourgeoisie, aber gleichzeitig zeigen sie sich im Moment nicht in der Lage, die Frage des Krieges aufzugreifen und zu integrieren. Dennoch müssen wir auf mögliche Entwicklungen achten. Zum Beispiel: In Frankreich kam es am 19. Januar zu massiven Demonstrationen nach der Ankündigung einer Rentenreform im Namen eines ausgeglichenen Haushalts und der sozialen Gerechtigkeit; am nächsten Tag, dem 20. Januar, verkündete Präsident Macron feierlich einen Rekord-Militärhaushalt von 400 Milliarden Euro. Der Zusammenhang zwischen den geforderten Opfern und den Kriegsausgaben wird sich zwangsläufig im Laufe der Zeit in den Köpfen der Arbeiterklasse festsetzen.
Die Verschärfung der Kriegswirtschaft impliziert unmittelbar eine Verschärfung der Wirtschaftskrise; die Arbeiterklasse stellt diesen Zusammenhang noch nicht wirklich her, sie mobilisiert nicht global gegen die Kriegswirtschaft, aber sie wehrt sich gegen deren Auswirkungen, gegen die Wirtschaftskrise, vor allem gegen die zu niedrigen Löhne angesichts der Inflation.
Das ist keine Überraschung. Die Geschichte zeigt, dass die Arbeiterklasse nicht direkt gegen den Krieg an der Front mobilisiert, sondern gegen seine Auswirkungen auf das tägliche Leben im Hintergrund. Bereits 1982 haben wir in einem Artikel in der International Review Nr. 30 die Frage „Ist der Krieg eine günstige Bedingung für die kommunistische Revolution?“ verneint und bekräftigt, dass vor allem die Wirtschaftskrise den fruchtbarsten Boden für die Entwicklung der Kämpfe und des Bewusstseins darstellt, indem wir zu Recht hinzufügten, dass „die Verschärfung der Wirtschaftskrise diese Schranken im Bewusstsein einer wachsenden Zahl von Proletariern durch die Tatsachen, die zeigen, dass es sich um denselben Klassenkampf handelt, niederreißt“.
Die Reaktion der Arbeiterklasse auf den Krieg, auch wenn sie weltweit sehr heterogen ist, zeigt, dass das Proletariat dort, wo der Schlüssel für die Zukunft liegt, wo es eine angesammelte historische Erfahrung gibt, in den zentralen Ländern, keine große Niederlage erlitten hat, dass es nicht bereit ist, sich einspannen zu lassen und sein Leben zu opfern. Darüber hinaus deutet die Reaktion auf die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf eine Dynamik hin, die zur Wiederaufnahme des Kampfes der Arbeiter in diesen Ländern führt.
Mit der Rückkehr zum Streik haben die britischen Arbeiter ein klares Signal an die Arbeiter in der ganzen Welt gesendet: „Wir müssen kämpfen“. Ein Teil der linken Presse titelte sogar manchmal: „In Großbritannien: die große Rückkehr des Klassenkampfes“. Der Eintritt des britischen Proletariats in den Kampf stellt somit ein Ereignis von historischer Bedeutung dar.
Diese Streikwelle wurde vom Teil des europäischen Proletariats angeführt, der am meisten unter dem allgemeinen Rückzug des Klassenkampfes seit Ende der 1980er Jahre gelitten hat. Hatten die britischen Arbeiter in den 1970er Jahren, wenn auch mit einer gewissen Verzögerung im Vergleich zu anderen Ländern wie Frankreich, Italien oder Polen, sehr wichtige Kämpfe entwickelt, die in der Streikwelle von 1979 („Winter der Unzufriedenheit“) gipfelten, so sah sich die britische Arbeiterklasse in den 1980er Jahren einer wirksamen Gegenoffensive der Bourgeoisie ausgesetzt, die in der Niederlage des Bergarbeiterstreiks von 1985 gegenüber der Regierung von Margaret Thatcher gipfelte. Diese Niederlage und der Rückzug des britischen Proletariats kündigten in gewisser Weise den historischen Rückzug des Weltproletariats an, indem sie das Ergebnis der Unfähigkeit, die Kämpfe zu politisieren, und das Gewicht des Korporatismus vorzeitig offenlegten. In den 1990er und 2000er Jahren war Großbritannien besonders von der Deindustrialisierung und der Verlagerung von Industrien nach China, Indien oder Osteuropa betroffen. In den letzten Jahren litt die britische Arbeiterklasse unter dem Ansturm der populistischen Bewegungen und vor allem unter der ohrenbetäubenden Brexit-Kampagne, die die Spaltung in „Verbleiber“ und „Verlasser“ vorantrieb, sowie unter der Covid-Krise, die die Arbeiterklasse schwer belastete. Schließlich wurde sie in jüngster Zeit mit der Forderung nach den notwendigen Opfern für die Kriegsanstrengungen konfrontiert, die im Vergleich zum „heldenhaften ukrainischen Volk“, das unter den Bomben Widerstand leistet, „sehr gering“ seien. Doch trotz all dieser Schwierigkeiten und Hindernisse erscheint heute eine Generation von Proletariern auf der sozialen Bühne, die nicht mehr wie die Älteren unter der Last der Niederlagen der „Thatcher-Generation“ leidet, eine neue Generation, die ihr Haupt erhebt, indem sie zeigt, dass die Arbeiterklasse in der Lage ist, auf die Angriffe mit Klassenkampf zu antworten. Alles in allem sehen wir ein Phänomen, das mit dem der französischen Arbeiterklasse von 1968 durchaus vergleichbar (aber nicht identisch) ist: die Ankunft einer jungen Generation, die weniger unter der Last der Konterrevolution leidet als die Älteren. So wie die Niederlage von 1985 in Großbritannien den allgemeinen Rückzug der späten 1980er Jahre einläutete, deutet die Rückkehr der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse und der Streiks auf der britischen Insel auf eine tiefgreifende Dynamik in den Reihen des Weltproletariats hin. Der „Sommer des Zorns“ von 2022 (der sich im Herbst, Winter und bald auch im Frühling 2023 fortsetzt) kann aus mehreren Gründen nur eine Ermutigung für die weltweite Arbeiterklasse sein: Es handelt sich um die Arbeiterklasse der fünften Weltwirtschaftsmacht und um ein englischsprachiges Proletariat, dessen Kämpfe nun in Ländern wie den USA, Kanada oder sogar in anderen Regionen der Welt, wie Indien oder Südafrika, eine wichtige Wirkung haben können. Da Englisch außerdem die Sprache der Weltkommunikation ist, übersteigt der Einfluss dieser Bewegungen notwendigerweise die möglichen Auswirkungen von Kämpfen in Frankreich oder Deutschland. In diesem Sinne weist das britische Proletariat nicht nur den europäischen Arbeitern und Arbeiterinnen den Weg, die an der Spitze des Aufstiegs des Klassenkampfes stehen müssen, sondern auch dem Weltproletariat, und insbesondere dem amerikanischen Proletariat. Im Hinblick auf künftige Kämpfe kann die britische Arbeiterklasse somit als Bindeglied zwischen dem westeuropäischen und dem amerikanischen Proletariat dienen. In den USA gibt es, wie die Streiks in vielen Fabriken in den letzten Jahren zeigen, eine wachsende Kampfbereitschaft der Klasse, und die Occupy-Bewegung hat damals bereits das Nachdenken offenbart, das in ihren Reihen am Werk war; wir dürfen nicht vergessen, dass das Proletariat auf dieser Seite des Atlantiks eine große Geschichte und Erfahrung hat. Aber seine Schwächen sind auch sehr groß: das Gewicht der Irrationalität, des Populismus und der Rückständigkeit; das Gewicht der Isolation innerhalb des eigenen Kontinents; das Gewicht der kleinbürgerlichen und bürgerlichen Ideologie über Freiheiten, Rasse usw. Die Verbindung zu Europa, die Verbindung, die Großbritannien herstellt, ist daher umso wichtiger.
Um zu verstehen, inwiefern die Rückkehr der Streikbewegung ein Zeichen für die Möglichkeit einer zukünftigen Entwicklung des proletarischen Kampfes und Bewusstseins ist, müssen wir auf das zurückkommen, was wir in unserer Resolution zur internationalen Lage, die auf unserem internationalen Kongress im Jahr 2021 angenommen wurde, gesagt haben: „Im Jahr 2003 sagte die IKS auf der Grundlage neuer Kämpfe in Frankreich, Österreich und anderswo eine Erneuerung der Kämpfe durch eine neue Generation von Proletariern voraus, die weniger durch antikommunistische Kampagnen beeinflusst worden waren und mit einer zunehmend unsicheren Zukunft konfrontiert sein würden. Diese Vorhersagen wurden durch die Ereignisse von 2006-07, insbesondere den Kampf gegen den CPE in Frankreich, und 2010-11, insbesondere die Indignados-Bewegung in Spanien, weitgehend bestätigt. Diese Bewegungen haben wichtige Fortschritte bei der Solidarität zwischen den Generationen, der Selbstorganisation durch Versammlungen, der Diskussionskultur und der echten Sorge um die Zukunft der Arbeiterklasse und der Menschheit insgesamt gezeigt. In diesem Sinne zeigten sie das Potenzial für eine Vereinigung der wirtschaftlichen und politischen Dimensionen des Klassenkampfes. Wir haben jedoch lange gebraucht, um die immensen Schwierigkeiten zu verstehen, mit denen diese neue Generation konfrontiert war, die unter den Bedingungen des Zerfalls 'aufgewachsen' war, Schwierigkeiten, die das Proletariat daran hindern würden, den Rückzug nach 1989 in dieser Periode umzukehren.“[5] Das Schlüsselelement dieser Schwierigkeiten ist die anhaltende Erosion der Klassenidentität. Dies ist der Hauptgrund dafür, dass die CPE-Bewegung von 2006 keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat: In ihrer Folge gab es keine Diskussionszirkel, kein Auftreten von Kleingruppen, nicht einmal Bücher, Sammlungen von Zeugnissen usw., so dass sie heute in den Reihen der Jugend völlig unbekannt ist. Die prekären Studenten jener Zeit hatten sich die Kampfmethoden des Proletariats (Vollversammlungen) und die Art seines Kampfes (Solidarität) zu eigen gemacht, ohne es zu wissen, was es unmöglich machte, sich des Wesens, der Stärke und der historischen Ziele ihrer eigenen Bewegung bewusst zu werden. Dies ist dieselbe Schwäche, die die Entwicklung der Indignados-Bewegung in den Jahren 2010-2011 behindert und verhindert hat, dass die Früchte und Lehren daraus gezogen werden konnten. In der Tat „sah sich die Mehrheit der Indignados trotz bedeutender Fortschritte im Bewusstsein und in der Organisation eher als „Bürger“ denn als Mitglieder einer Klasse, was sie anfällig für die demokratischen Illusionen machte, die von Gruppen wie Democratia real Ya! (die spätere Podemos), und später für das Gift des katalanischen und spanischen Nationalismus.[6] Aufgrund der fehlenden Verankerung ist die Bewegung ins Trudeln geraten. Da es sich um die Anerkennung eines gemeinsamen Klasseninteresses handelt, das dem der Bourgeoisie entgegengesetzt ist, da es sich um die „Konstituierung des Proletariats als Klasse“ handelt, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, ist die Klassenidentität untrennbar mit der Entwicklung eines Klassenbewusstseins verbunden.
Ohne Klassenidentität ist es zum Beispiel unmöglich, eine bewusste Verbindung zur Geschichte der Klasse, ihren Kämpfen und Lehren herzustellen.
Mit anderen Worten, die beiden größten Momente der proletarischen Bewegung seit den 1980er Jahren, die Bewegung gegen den CPE und die Indignados, wurden vor allem wegen des Fehlens einer allgemeineren Bewusstseinsentwicklung, wegen des Verlusts der Klassenidentität, entweder sterilisiert oder von der Bourgeoisie zurückgewonnen. Die Rückkehr des Streiks in Großbritannien birgt die Möglichkeit, diese erhebliche Schwäche zu überwinden. Historisch gesehen ist das Proletariat in Großbritannien durch bedeutende Schwächen gekennzeichnet (gewerkschaftliche Kontrolle und Korporatismus, Reformismus)[7] , aber das Wort „Arbeiter“ ist dort weniger ausgelöscht worden als anderswo; in Großbritannien ruft das Wort kein Schamgefühl hervor; und dieser Streik kann damit beginnen, aus ihm einen internationalen Begriff zu machen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen in Großbritannien sind nicht auf allen Ebenen führend, weil ihre Kampfmethoden zu sehr von ihren Schwächen geprägt sind, das wird die Rolle des Proletariats anderswo sein. Aber sie senden heute die wichtigste Botschaft: Wir kämpfen nicht als Bürger oder Studenten, sondern als Arbeiter und Arbeiterinnen. Und dieser Schritt nach vorne ist möglich dank dieser beginnenden Reaktion der Arbeiterklasse auf die Wirtschaftskrise.
Die Realität dieser Dynamik lässt sich an der besorgten Reaktion der Bourgeoisie, insbesondere in Westeuropa, auf die Gefahren einer Ausweitung der „sich verschlechternden sozialen Lage“ ablesen. Dies ist insbesondere in Frankreich, Belgien oder Deutschland der Fall, wo die Bourgeoisie im Gegensatz zur britischen Bourgeoisie Maßnahmen ergriffen hat, um den Anstieg der Öl-, Gas- und Strompreise zu begrenzen oder die Auswirkungen von Inflation und Preissteigerungen durch Subventionen oder Steuersenkungen zu kompensieren, und lautstark behauptet, sie wolle die „Kaufkraft“ der Arbeitnehmer schützen. In Deutschland folgten auf „Warnstreiks“ im Oktober und November 2022 sofort die Ankündigung von „Inflationszuschüssen“ (3000 Euro in der Metallindustrie, 7000 Euro in der Autoindustrie) und Versprechen von Lohnerhöhungen.
Doch angesichts der realen Verschärfung der Weltwirtschaftskrise sind die nationalen Bourgeoisien weiterhin gezwungen, das Proletariat im Namen der Wettbewerbsfähigkeit und des Haushaltsausgleichs anzugreifen; ihre „Schutzmaßnahmen“ und andere „Absicherungen“ werden nach und nach abgebaut. In Italien wird mit dem „Finanzgesetz 2023“ ein großer Teil der „Sonderunterstützung“ gekürzt, was einen neuen Frontalangriff auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen darstellt. In Frankreich musste die Regierung Macron nach monatelanger Vorbereitung Anfang Januar 2023 ihre große Rentenreform ankündigen. Das Ergebnis: Massive Demonstrationen, die noch größer waren, als die Gewerkschaften erwartet hatten. Abgesehen von den Millionen auf der Straße waren es die Atmosphäre und die Art der Diskussionen auf den Demonstrationen in Frankreich, die sehr deutlich zeigen, was in unserer Klasse vor sich geht:
Offensichtlich ist diese positive Dynamik noch nicht auf der Ebene der Selbstorganisation angekommen. Die Konfrontation mit den Gewerkschaften ist im Moment noch nicht da. Unsere Klasse hat diesen Punkt noch nicht erreicht, die Frage wird im Moment nicht gestellt. Und wenn die Arbeiterklasse beginnt, sich dieser Frage zu stellen, wird es ein sehr langer Prozess sein, der die Rückeroberung der Vollversammlungen und der Ausschüsse beinhaltet, mit all den Fallen, die die verschiedenen Formen der Gewerkschaftsbewegung aufgestellt haben (die Gewerkschaftszentralen, die Basis, die Koordinationen, usw.). Aber die Tatsache, dass die Gewerkschaften, um mit den Anliegen der Klasse Schritt zu halten und an der Spitze der Bewegung zu bleiben, gezwungen sind, große, scheinbar einheitliche Demonstrationen zu organisieren, während sie dies monatelang vermieden haben, zeigt, dass es eine Tendenz gibt, dass die Arbeiterklasse ihre Solidarität im Kampf zum Ausdruck bringen.
Es ist auch interessant zu verfolgen, wie sich die Situation in Großbritannien auf dieser Ebene entwickelt hat. Nach 9 Monaten wiederholter Streiks scheinen die Wut und die Kampfbereitschaft nicht abgenommen zu haben. Anfang Januar schlossen sich Sanitäter und Lehrer der Streikrunde an. Und auch hier keimt der Gedanke auf, gemeinsam zu kämpfen. So musste sich der gewerkschaftliche Ton anpassen und Worte wie „Einheit“ und „Solidarität“ sowie Versprechen für gemeinsame Kundgebungen stärker betonen. Zum ersten Mal sind die streikenden Bereiche am selben Tag auf die Straße gegangen, z. B. die Krankenschwestern und Krankenpfleger.
Eine solche Gleichzeitigkeit der Kämpfe in mehreren Ländern hat es seit den 1980er Jahren nicht mehr gegeben! Der Einfluss der Militanz der britischen Arbeiterklasse auf das Proletariat in Frankreich muss noch genauer verfolgt werden, ebenso wie der Einfluss der Tradition der Straßendemonstrationen in Frankreich auf die Situation in Großbritannien. Vor fast 160 Jahren, am 28. September 1864, wurde die Internationale Arbeiterassoziation gegründet, hauptsächlich auf Initiative der britischen und französischen Arbeiter. Dies ist mehr als nur ein Blick zurück in die Geschichte. Es zeigt die Tiefe des Geschehens: Die erfahrensten Teile des Weltproletariats sind in Bewegung und verschaffen sich erneut Gehör. Die Klasse in Deutschland, die noch tief von den Niederlagen der 1920er Jahre, ihrer physischen und ideologischen Zerschlagung gezeichnet ist, ist noch weitgehend abwesend, aber die Intensität der Wirtschaftskrise, die sie zu treffen beginnt, wird auch sie zu einer Reaktion zwingen.
Die Verschärfung der Krise und die Folgen des Krieges werden anschwellen und überall Wut und Kampfbereitschaft hervorrufen. Und es ist wesentlich, dass die Verschärfung der Weltwirtschaftskrise jetzt die Form der Inflation annimmt, denn:
Inflationsperioden in der Geschichte haben daher das Proletariat regelmäßig auf die Straße getrieben. Das gesamte Ende des 19. Jahrhunderts war auf internationaler Ebene durch steigende Preise gekennzeichnet, und gleichzeitig entwickelte sich ein Prozess von Massenstreiks, von Belgien ab 1892 bis Russland 1905. Die 1980er Jahre in Polen hatten ihre Wurzeln in den steigenden Fleischpreisen. Das Gegenbeispiel ist Deutschland in den 1930er Jahren: Wenn die galoppierende Inflation auch damals zu einer immensen Wut führte, so trug sie doch zur Angst, zum Rückzug und zur Desorientierung der Klasse bei. Aber dieser Zeitpunkt liegt in einer ganz anderen historischen Periode, nämlich der der Konterrevolution, und gerade in Deutschland war das Proletariat ideologisch und physisch bereits am stärksten zerschlagen worden.
Heute ist (West-)Deutschland von der Weltwirtschaftskrise betroffen wie seit den 1930er Jahren nicht mehr, aber diese Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, dieses Wiederauftauchen der Inflation findet im Rahmen einer internationalen Wiederbelebung der Kampffähigkeit der Arbeiterklasse statt. Die Entwicklung der sozialen Lage in diesem Land nach jahrzehntelangem relativem Dornröschenschlaf muss daher genau beobachtet werden.
So bleibt trotz der Tendenz des Zerfalls, auf die Wirtschaftskrise einzuwirken, noch der beste Verbündete des Proletariats. Dies ist eine neue Bestätigung unserer Thesen zum Zerfall: „Die unaufhaltsame Verschärfung der Krise des Kapitalismus ist der wesentliche Ansporn des Kampfes und des Bewusstseins der Klasse, die eigentliche Bedingung für ihre Fähigkeit, dem ideologischen Gift der Fäulnis der Gesellschaft zu widerstehen. So wie das Proletariat in partiellen Kämpfen gegen die Auswirkungen des Zerfalls keine Grundlage für die Klasseneinheit finden kann, so bildet sein Kampf gegen die direkten Auswirkungen der Krise selbst die Grundlage für die Entwicklung seiner Stärke und seiner Klasseneinheit.“ Wir hatten also Recht, als wir in unserer letzten Resolution zur internationalen Lage sagten: „Wir müssen jede Tendenz zurückweisen, die Bedeutung der 'defensiven' ökonomischen Kämpfe der Klasse herunterzuspielen, was ein typischer Ausdruck der modernistischen Auffassung ist, die die Klasse nur als eine ausgebeutete Kategorie und nicht auch als eine historische, revolutionäre Kraft sieht.“ Diese entscheidende Position haben wir bereits in unserem Artikel „Der Kampf des Proletariats im aufsteigenden und dekadenten Kapitalismus“ in der Internationalen Revue Nr. 7 verteidigt, der zu unserem Erbe gehört: „Der proletarische Kampf tendiert dazu, über den rein ökonomischen Rahmen hinauszugehen und sozial zu werden, indem er den Staat direkt konfrontiert, sich politisiert und die massive Beteiligung der Klasse fordert“.[8] Es ist dieselbe Idee, die in Lenins Formel enthalten ist: „Hinter jedem Streik lauert die Hydra der Revolution“ (siehe Anhang).
Die Bewegung von 2006 gegen den CPE [163] (Contrat Premier Emploi [Ersteinstellungsvertrag]) in Frankreich war eine Reaktion auf einen wirtschaftlichen Angriff, der sofort tiefgreifende allgemeine politische Fragen aufgeworfen hat, insbesondere die der Organisation in Versammlungen, aber auch die der Solidarität zwischen den Generationen. Aber, wie wir oben gesehen haben, hat der Verlust der Klassenidentität all diese grundlegenden Fragen überdeckt. In den kommenden Streiks, auf internationaler Ebene, angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, besteht die Möglichkeit, dass die Arbeiter, trotz all ihrer Schwächen und Illusionen, beginnen, sich selbst zu sehen, sich selbst zu erkennen, die Stärke zu verstehen, die im kollektiven Handeln liegt, und somit als Klasse, und dann werden all die Fragen, die seit Anfang der 2000er Jahre auf Eis liegen, über die Perspektive („Eine andere Welt ist möglich“), über die Methoden des Kampfes (Versammlungen und die Überwindung der korporatistischen Spaltungen), über das Gefühl, „alle im selben Boot“ zu sitzen, über die Notwendigkeit der Solidarität, zur Grundlage der Einheit. Auf diese Weise werden die aktuellen Probleme deutlicher, sie können endlich bewusst gesehen und diskutiert werden. Auf diese Weise werden die wirtschaftliche und die politische Dimension miteinander verwoben.
Die Intensivierung der Kriegswirtschaft und die Verschärfung der Wirtschaftskrise in einem globalen Kontext führen zu einem Anstieg von Wut und Kampfbereitschaft auch auf globaler Ebene. Und wie im Falle des Krieges führt die Heterogenität des Proletariats in den verschiedenen Ländern zu einer Heterogenität der Antworten und des Potenzials der einzelnen Bewegungen. Es gibt eine ganze Reihe von Kämpfen, die von der jeweiligen Situation, der Geschichte des Proletariats und seiner Erfahrung abhängen.
Viele Länder nähern sich der europäischen Situation an, mit einer hohen Konzentration von Arbeitern und „demokratischen“ Regierungen an der Macht. Dies ist der Fall in Mittel- und Südamerika. Der Streik der ärztlichen Angestellten und Pflegekräfte Ende November oder der „Generalstreik“ Ende Dezember in Argentinien bestätigen diese relative Ähnlichkeit, diese teilweise gemeinsame Dynamik. Aber in diesen Ländern hat das Proletariat nicht die gleichen Erfahrungen gesammelt wie in Europa und Nordamerika. Das Gewicht der Zwischenschichten und damit die Gefahr der interklassischen Falle sind dort viel größer; die Piqueteros-Bewegung der 1990er Jahre ist in Argentinien immer noch das dominierende Kampfmodell. Vor allem aber ist das gesamte soziale Gefüge vom Zerfall bedroht: Gewalt und Drogenhandel beherrschen die Gesellschaft im Norden Mexikos, in Kolumbien, in Venezuela und beginnen in Peru, Chile zu wuchern. Diese Schwächen erklären zum Beispiel, warum Venezuela in diesem letzten Jahrzehnt in eine verheerende Wirtschaftskrise geraten ist, ohne dass das Proletariat darauf reagieren konnte, obwohl es sich um ein hochgebildetes Industrieproletariat mit einer starken Kampftradition handelt.
Diese Realität bestätigt einmal mehr die Hauptverantwortung des Proletariats in Europa. Auf seinen Schultern lastet die Pflicht, den Weg zu weisen, indem es Kämpfe entwickelt, die die Methoden des Proletariats in den Mittelpunkt stellen: Arbeiterversammlungen, vereinheitlichende Forderungen, Solidarität zwischen Sektoren und Generationen… und die Verteidigung der Arbeiterautonomie, eine Lehre, die auf die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 zurückgeht!
Wir müssen vor allem die Entwicklung des Klassenkampfes in China verfolgen. In China gibt es 770 Millionen Arbeiter und es scheint, dass die Zahl der Streiks angesichts einer Wirtschaftskrise, die sich in Form von riesigen Entlassungswellen äußert, deutlich zunimmt. Einige Analysten vermuten, dass die neue Generation von Beschäftigten nicht bereit ist, die gleichen ausbeuterischen Bedingungen wie ihre Eltern zu akzeptieren, weil angesichts der sich entwickelnden Wirtschaftskrise das Versprechen einer besseren Zukunft im Austausch für die derzeitigen Opfer nicht mehr gilt. Die eiserne Faust des chinesischen Staates, dessen Autorität vor allem auf Unterdrückung beruht, kann dazu beitragen, die Wut zu schüren und die Menschen zu massiven Kämpfen zu bewegen. Die schreckliche Geschichte des Proletariats in China lässt jedoch vermuten, dass das Gift der demokratischen Illusionen sehr stark sein wird; es ist unvermeidlich, dass die Wut und die Forderungen auf bürgerliches Terrain umgeleitet werden: gegen das „kommunistische“ Joch, für Rechte und Freiheiten usw. So war es zumindest, als sich Ende 2022 die Wut gegen die unerträglichen Einschränkungen der chinesischen Anti-Covid-Politik entlud.
In einem ganzen Teil der Welt ist das Proletariat durch eine sehr große historische Schwäche gekennzeichnet und seine Kämpfe können nur auf Ohnmacht reduziert werden und/oder in bürgerlichen Sackgassen untergehen (Forderung nach mehr Demokratie, Freiheit, Gleichheit usw.) oder in klassenübergreifenden Bewegungen verwässert werden. Dies ist die wichtigste Lektion des Arabischen Frühlings von 2010; auch wenn die Arbeitermobilisierung real war, wurde sie im „Volk“ verwässert und vor allem waren die Forderungen auf das bürgerliche Terrain eines Herrscherwechsels („Mubarak raus“ usw.) und die Forderung nach mehr Demokratie gerichtet. Die große Protestbewegung im Iran ist ein perfektes neues Beispiel dafür. Die massive Wut der Bevölkerung wendet sich den Forderungen nach Frauenrechten zu (der zentrale und inzwischen weltberühmte Slogan lautet „Frau, Leben, Freiheit“), so dass viele proletarische Kämpfe im Land zwar noch stattfinden, aber von der Volksbewegung nur übertönt werden können. In den letzten Jahren hat die sehr radikale Sprache dieser sozialen Bewegungen dazu geführt, dass man glaubt, es gäbe eine bestimmte Form der Selbstorganisation der Arbeiter: Kritik an den Gewerkschaften, Aufrufe zu Arbeiterräten usw. In Wirklichkeit ist diese gespielte marxistische Terminologie eine von der radikalen Linken verbreitete Fassade, die nicht der Realität der Aktionen der Arbeiterklasse im Iran entspricht.[9] Viele der militanten Linken aus dem Iran haben sich in den 1970er/80er Jahren in Europa ausbilden lassen und dieses Vokabular mitgenommen, das sie zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen, d. h. der Interessen des linken Flügels des Kapitals im Iran, verwenden.
Außerdem bedienen sich demokratische Staaten dieser Bewegungen, in China wie im Iran:
Hier zeigt sich, dass die politische Schwäche des Proletariats in einem Land von der Bourgeoisie gegen das gesamte Weltproletariat instrumentalisiert wird; und umgekehrt können die vom Proletariat der zentralen Länder gesammelten Erfahrungen allen den Weg weisen.
Solche Verwirrungen über die sozialen Bewegungen, die die Länder der Peripherie erschüttern, zwingen uns, unsere eigene Kritik an der Theorie des „schwächsten Gliedes“, die Teil unseres Erbes ist, in Erinnerung zu rufen. In der Resolution zur internationalen Lage vom Januar 1983 schrieben wir: „Die andere wichtige Lehre aus diesen Kämpfen und ihrer Niederlage ist, dass diese weltweite Verallgemeinerung der Kämpfe nur von den Ländern ausgehen kann, die das wirtschaftliche Herz des Kapitalismus bilden. Das heißt, die fortgeschrittenen Länder des Westens und unter diesen diejenigen, in denen die Arbeiterklasse die älteste und umfassendste Erfahrung hat: Westeuropa“.[10] Und, um noch genauer zu sein, heißt es in unserer Resolution vom Juli 1983: „Weder die Länder der Dritten Welt, noch der Ostblock, noch Nordamerika, noch Japan können der Ausgangspunkt für den Prozess sein, der zur Revolution führt:
Außerhalb der zentralen Länder kann es zwar zu massiven Kämpfen kommen, die die Wut, den Mut und die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse in diesen Teilen der Welt zeigen, doch können diese Bewegungen allein keine Perspektive entwickeln. Diese Unmöglichkeit unterstreicht die historische Verantwortung des Proletariats in Europa, das die Pflicht hat, sich auf seine Erfahrungen zu stützen, um die raffiniertesten Fallen der Bourgeoisie, beginnend mit der Demokratie und den „freien Gewerkschaften“, aufzusprengen und so den Weg nach vorn zu weisen.
Was wir in den aktuellen Streiks und Demonstrationen sehen, die Entwicklung der Solidarität, des Gefühls, dass wir gemeinsam kämpfen müssen, dass wir alle im selben Boot sitzen, deutet auf eine gewisse unterirdische Reifung des Bewusstseins hin. Wie Marc Chirik[12] in seinem Text „Über die unterirdische Reifung“ in einem internen Bulletin von 1983 schrieb, „geht die Reflexion in den Köpfen der Arbeiter weiter und manifestiert sich im Wiederaufleben der Kämpfe. Es gibt ein kollektives Klassengedächtnis, und dieses Gedächtnis trägt auch zur Entwicklung des Bewusstseins und seiner Ausbreitung in der Klasse bei“. Aber wir müssen präziser werden. Die unterirdische Reifung drückt sich auf unterschiedliche Weise aus, je nachdem, ob es sich um die Klasse als Ganzes, um die kämpferischeren Sektoren oder um Minderheiten handelt, die Klarheit suchen. Wie wir in unserer Internationalen Revue Nr. 43 schrieben:
Wo findet also diese unterirdische Reifung in den verschiedenen Ebenen unserer Klasse statt?
Die Untersuchung der Politik der Bourgeoisie ist immer unabdingbar, sowohl um die Lage unserer eigenen Klasse besser einschätzen zu können als auch um die Fallen zu erkennen, die gegen sie vorbereitet werden. So beweist die Energie, die die Bourgeoisie in den zentralen Ländern vor allem durch ihre Gewerkschaften aufwendet, um die Kämpfe zu spalten, die Streiks voneinander zu isolieren, massive Einheitsdemonstrationen zu vermeiden, dass sie nicht will, dass sich die Arbeiter zusammenschließen, um für Lohnerhöhungen zu demonstrieren, weil sie weiß, dass dies der fruchtbarste Boden für die Rückeroberung der Klassenidentität ist.
Bisher hat diese Strategie funktioniert, aber die Bourgeoisie weiß, dass der Gedanke, „alle zusammen“ kämpfen zu müssen, in den Köpfen der Arbeiter und Arbeiterinnen weiter keimen wird, da sich die Krise überall verschärft. Außerdem gibt es bereits einen kleinen Teil der Klasse, der sich diese Frage stellt. Um sich auf die Zukunft vorzubereiten, aber auch um das Denken der gegenwärtigen Minderheiten einzufangen und zu sterilisieren, geben sich einige Gewerkschaften daher zunehmend eine radikale Fassade, indem sie einen klassenkämpferischen, kämpferischen Gewerkschaftsstil propagieren.
Bei den Demonstrationen fällt auch auf, wie sehr die linksextremen Organisationen einen immer größeren Teil der Jugend anziehen. Ein Teil der trotzkistischen Gruppen behauptet, sich mehr und mehr mit dem Kampf der revolutionären Arbeiterklasse für den Kommunismus zu befassen, während sie sich in den 1990er Jahren im Gegenteil der Verteidigung der Demokratie, den linken Aktionsfronten usw. zuwandten. Dieses neue Mäntelchen ist das Ergebnis der Anpassung der Bourgeoisie an das, was sie in der Klasse spürt: nicht nur die Rückkehr der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse, sondern auch eine gewisse Reifung des Bewusstseins.
Dieser wachsende Radikalismus eines Teils der linksbürgerlichen und gewerkschaftlichen Kräfte zeigt sich übrigens auch in der Frage des Krieges. Viele „kämpfende“ Gewerkschaften und Parteien, die sich als anarchistisch, trotzkistisch oder maoistisch bezeichnen, haben „internationalistische“ Erklärungen verfasst, d.h. sie prangern scheinbar die beiden Lager in der Ukraine, in Russland und in den USA, an und rufen scheinbar zu einem vereinten Kampf der Arbeiterklasse auf. Auch hier hat diese Aktivität der Linken des Kapitals eine doppelte Bedeutung: die kleinen Minderheiten auf der Suche nach den sich entwickelnden Klassenpositionen einzufangen und längerfristig auf die tiefen Sorgen der Klasse zu reagieren.
Bei alledem dürfen wir weder die Auswirkungen der imperialistischen Propaganda noch die des Krieges selbst auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse unterschätzen. Wenn die „Verteidigung der Demokratie“ heute nicht ausreicht, um die Arbeiter direkt zu mobilisieren, so bleibt doch die Tatsache bestehen, dass sie die Köpfe der Menschen verwirrt, dass sie Illusionen und die Lüge vom Schutzstaat aufrechterhält. Der ständige Diskurs über das „Volk“ trägt dazu bei, die Klassenidentität noch mehr anzugreifen und vergessen zu machen, dass die Gesellschaft in unversöhnliche, antagonistische Klassen gespalten ist, da das „Volk“ eine durch die Nation zusammengefasste Interessengemeinschaft sein soll. Nicht zuletzt verstärkt der Krieg selbst alle Ängste, die Irrationalität, den Wunsch, sich zurückzuziehen: das Unbegreifliche dieses Krieges, die wachsende Unordnung und das Chaos, die Unfähigkeit, die Entwicklung des Konflikts vorherzusehen, die Gefahr einer Ausweitung, die Angst vor einem dritten Weltkrieg oder dem Einsatz von Atomwaffen.
Ganz allgemein hat in den letzten zwei Jahren die Irrationalität in der Bevölkerung zugenommen, während sich gleichzeitig der Zerfall vertieft hat: Pandemie, Krieg und die Zerstörung der Natur haben das Gefühl der Zukunftslosigkeit erheblich verstärkt. In der Tat hat sich alles, was wir 2019 in unserem „Bericht zum Klassenkampf für den 23. Internationalen Kongress der IKS“ geschrieben haben, bestätigt und verstärkt:
„Die kapitalistische Welt im Zerfall erzeugt notwendigerweise apokalyptische Stimmungen. Sie kann der Menschheit keine Zukunft bieten, und ihr Zerstörungspotential von unvorstellbarem Ausmaß ist breiten Schichten der Weltbevölkerung immer deutlicher geworden...
Nihilismus und Verzweiflung entstehen aus einem Gefühl der Ohnmacht, aus dem Verlust der Überzeugung, dass es irgendeine mögliche Alternative zu dem Alptraumszenario gibt, das der Kapitalismus vorbereitet. Sie lähmen das Nachdenken und den Willen zum Handeln. Und wenn die einzige gesellschaftliche Kraft, die diese Alternative darstellen könnte, sich ihrer eigenen Existenz praktisch nicht bewusst ist, bedeutet dies dann, dass das Spiel vorbei ist, dass der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, bereits erreicht ist?
Sicherlich erkennen wir, dass der Kapitalismus, je länger er im Zerfall versinkt, umso mehr die Grundlage für eine menschlichere Gesellschaft untergräbt. Am deutlichsten zeigt sich dies an der Umweltzerstörung, die den Punkt erreicht, an dem sie die Tendenz zum völligen Zusammenbruch der Gesellschaft beschleunigen kann, ein Zustand, der die für die Revolution notwendige Selbstorganisation und das Vertrauen in die Zukunft nicht begünstigt“[14].
Die Bourgeoisie nutzt diesen Brandherd schamlos gegen die Arbeiterklasse aus, indem sie kleinbürgerlichen Ideologien des Zerfalls fördert. In den USA ist ein ganzer Teil des Proletariats von den schlimmsten Auswirkungen des Zerfalls betroffen, wie z. B. der Zunahme von Fremdenfeindlichkeit und Rassenhass. In Europa zeigt die Arbeiterklasse größeren Widerstand gegen diese extrem ekelerregenden Erscheinungen, während sich auch in diesem historischen Kernland Verschwörungstheorien und die Ablehnung des rationalen Denkens (z. B. die Anti-Impf-Strömung) auszubreiten beginnen. Und vor allem wird das Proletariat in allen zentralen Ländern zunehmend durch Ökologismus und Wokismus kontaminiert.
Hier lässt sich ein allgemeiner Prozess erkennen: Jeder Aspekt dieses dekadenten und zersetzten Kapitalismus wird isoliert und von der Frage des Systems und seiner Wurzeln getrennt, um daraus einen fragmentierten Kampf zu machen, an dem entweder eine Kategorie der Bevölkerung (Schwarze, Frauen usw.) oder alle als „Volk“ beteiligt sein müssen. All diese Bewegungen stellen eine Gefahr für die Arbeiterklasse dar, die so Gefahr laufen, in interklassische oder geradezu bürgerliche Kämpfe hineingezogen zu werden, in denen sie in der Masse der „Bürger“ untergehen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der klassischen und erfahrenen Sektoren der Klasse scheinen von diesen Ideologien und diesen Formen des „Kampfes“ weniger beeinflusst zu sein. Aber die jüngere Generation, die sowohl von der Tradition des Klassenkampfes abgeschnitten ist als auch besonders empört über eklatante Ungerechtigkeiten und besorgt über die düstere Zukunft ist, geht in diesen „nicht gemischten“ Bewegungen (Versammlungen nur für Schwarze oder nur für Frauen usw.), den Ideologien rund um „Gender“ (die Theorie der Abwesenheit eines biologischen Unterschieds zwischen den Geschlechtern) usw. weitgehend unter. Anstelle des Kampfes gegen die Ausbeutung, die die Wurzel des kapitalistischen Systems ist, der eine immer breitere Emanzipationsbewegung ermöglicht (die Frage der Frauen, der Minderheiten usw.), wie es 1917 der Fall war, lassen die Ideologien der Ökologen, der Wokisten, der Indigenisten, der „Zadisten“[15] den Klassenkampf beiseite, leugnen ihn oder betrachten ihn sogar als Ursache für den aktuellen Zustand der Gesellschaft. Nach der Strömung, die sich in Frankreich als „racialistes“ bezeichnet, ist der Klassenkampf eine Sache der Weißen, die die Unterdrückung der Schwarzen aufrechterhält; nach dem Wokismus ist der Klassenkampf eine Sache der Vergangenheit, die von Macho-Paternalismus und Herrschaft geprägt ist; oder nach der Theorie der Intersektionalität ist der Kampf der Arbeiter nur ein Kampf, der anderen gleichgestellt ist: Feminismus, Antirassismus, „Klassismus“ usw. sind allesamt besondere Kämpfe gegen die Unterdrückung, die manchmal nebeneinander stehen und „konvergieren“. Das Ergebnis ist katastrophal: Ablehnung der Arbeiterklasse und ihrer Kampfmethoden, Spaltung nach Kategorien, die nichts anderes ist als eine Form von „jeder für sich“, oberflächliche Kritik am Kapitalismus, die in der Forderung nach Reformen, größerem „Bewusstsein“ der Herrschenden, neuen Gesetzen usw. endet. Die Bourgeoisie zögert daher nicht, all diesen Bewegungen, wann immer es möglich ist, ein maximales Echo zu verleihen. Alle demokratischen Staaten haben den Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ aufgegriffen, der im Iran zum Symbol des sozialen Protests geworden ist.
Und da diese Bewegungen offensichtlich machtlos sind, wird ein Teil dieser jungen Menschen, die radikalsten und rebellischsten, zu „stärkeren“, „direkten“ Aktionen, Sabotage usw. aufgerufen. In den letzten Monaten haben wir die Entwicklung der „radikalen Ökologie“ beobachtet. Die „linkeste“ dieser Ideologien ist die „Intersektionalität“: Sie behauptet, es ginge um Revolution und Klassenkampf, aber sie stellt den Kampf gegen Ausbeutung und den Kampf gegen Rassismus, Machismus usw. auf dieselbe Ebene, um den Kampf der Arbeiterklasse besser zu verwässern und ihn hinterhältig auf den Interklassismus zu lenken.
Mit anderen Worten, all diese Ideologien des Zerfalls decken das gesamte Spektrum des Denkens ab, das in unserer Klasse, insbesondere in der Jugend, aufkeimt, und sind somit sehr wirksam, um die Bemühungen eines Proletariats zu sterilisieren, das nach Wegen sucht, wie es kämpfen kann, wie es sich dieser Welt entgegenstellen kann, die in Barbarei und Zerstörung versinkt. Ein ganzer Teil der Parteien und Organisationen der Linken und der extremen Linken fördert offensichtlich diese Ideologien.
Es ist auffallend, wie ein ganzer Teil des Trotzkismus mehr und mehr die Betonung auf „das Volk“ legt; und die Ableger des Modernismus (Kommunisierer und andere)[16] haben hier die Aufgabe, sich speziell darum zu kümmern, die Jugend, die ganz klar die Zerstörung des Kapitalismus anstrebt, für sich zu gewinnen, die Drecksarbeit zu erledigen, sie vom Klassenkampf zu distanzieren und jede Rückeroberung der Klassenidentität zu verhindern.
In den kommenden Jahren wird es sowohl eine Entwicklung des Kampfes des Proletariats angesichts der Verschärfung der Wirtschaftskrise geben (Streiks, Aktionstage, Demonstrationen, soziale Bewegungen) als auch ein Versinken der gesamten Gesellschaft in den Zerfall mit all den Gefahren, die dies für unsere Klasse bedeutet (Teilkämpfe, Bewegungen zwischen den Klassen und sogar bürgerliche Forderungen). Gleichzeitig besteht die Möglichkeit einer fortschreitenden Rückeroberung der Klassenidentität und des wachsenden Einflusses der Zerfalls-Ideologien.
Gegenüber der Klasse als Ganzes werden wir über unsere Presse, bei Demonstrationen, in möglichen politischen Versammlungen und Vollversammlungen intervenieren müssen, um:
Gegenüber einem ganzen Teil der Klasse, der den Zustand der Gesellschaft und die Perspektive in Frage stellt, müssen wir das weiterentwickeln, was wir mit unserem Text über die 2020er Jahre begonnen haben, nämlich die Kohärenz unserer Analyse so gut wie möglich zum Ausdruck zu bringen, da sie die einzige ist, die in der Lage ist, die verschiedenen Aspekte der historischen Situation miteinander zu verbinden und die Realität der Dynamik des historischen Moments herauszustellen.
Konkret müssen wir gegenüber all jenen jungen Menschen, die kämpfen wollen, aber in den Ideologien des Zerfalls gefangen sind, unsere Kritik am Wokismus, Ökologismus usw. entwickeln und an die Erfahrungen der Arbeiterbewegung in all diesen Fragen erinnern (die Frage der Frauen, der Natur usw.). Genauso wie es absolut notwendig ist, alle Fragen zu beantworten, die der Trotzkismus in seinen Sack stecken will (die Verteilung des Reichtums, der Staatskapitalismus, der Kommunismus, usw.). Hier gewinnt die Frage der Perspektive und des Kommunismus, der Schwachpunkt unserer Intervention, ihre volle Bedeutung.
Im Hinblick auf die suchenden Minderheiten schließlich erscheinen die konkrete Anprangerung der verschiedenen linksextremen Kräfte, die sich entwickeln um dieses Potenzial zu zerstören, sowie der Kampf gegen alle Ableger des Modernismus absolut vorrangig; es ist unsere Verantwortung für die Zukunft und den Aufbau der Organisation. Und hier bekommt unser Aufruf an die Organisationen der Kommunistischen Linken, sich angesichts des Krieges in der Ukraine auf eine internationalistischen Erklärung zu verständigen, seine volle Bedeutung, nämlich die Methode unserer Vorgänger, die der Konferenz von Zimmerwald 1915, aufzugreifen, damit die heutigen Minderheiten sich in der Geschichte der Arbeiterbewegung verankern und den Gegenwinden, die von der Bourgeoisie und ihren Ideologien der extremen Linken geblasen werden, widerstehen können.
IKS, Frühling 2023
Zum Zusammenhang zwischen Ökonomie und Politik in der Kampf- und Bewusstseinsentwicklung:
Auszug aus Rosa Luxemburgs Pamphlet: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften
„Wenn wir aber anstatt der untergeordneten Spielart des demonstrativen Streiks den Kampfstreik ins Auge fassen, wie er im heutigen Rußland den eigentlichen Träger der proletarischen Aktion darstellt, so fällt weiter ins Auge, daß darin das ökonomische und das politische Moment unmöglich voneinander zu trennen sind. Auch hier weicht die Wirklichkeit von dem theoretischen Schema weit ab, und die pedantische Vorstellung, in der der reine politische Massenstreik logisch von dem gewerkschaftlichen Generalstreik als die reifste und höchste Stufe abgeleitet, aber zugleich klar auseinandergehalten wird, ist von der Erfahrung der russischen Revolution gründlich widerlegt. Dies äußert sich nicht bloß geschichtlich darin, daß die Massenstreiks, von jenem ersten großen Lohnkampf der Petersburger Textilarbeiter im Jahre 1896/1897 bis zu dem letzten großen Massenstreik im Dezember 1905, ganz unmerklich aus ökonomischen in politische übergehen, so daß es fast unmöglich ist, die Grenze zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den großen Massenstreiks wiederholt sozusagen im kleinen die allgemeine Geschichte der russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein ökonomischen oder jedenfalls partiellen gewerkschaftlichen Konflikt, um die Stufenleiter bis zur politischen Kundgebung zu durchlaufen. Das große Massenstreikgewitter im Süden Rußlands 1902 und 1903 entstand, wie wir gesehen, in Baku aus einem Konflikt infolge der Maßregelung Arbeitsloser, in Rostow aus Lohndifferenzen in den Eisenbahnwerkstätten, in Tiflis aus einem Kampf der Handelsangestellten um die Verkürzung der Arbeitszeit, in Odessa aus einem Lohnkampf in einer einzelnen kleinen Fabrik. Der Januarmassenstreik 1905 entwickelt sich aus dem internen Konflikt in den Putilow-Werken, der Oktoberstreik aus dem Kampf der Eisenbahner um die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem Kampf der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der Fortschritt der Bewegung im ganzen äußert sich nicht darin, daß das ökonomische Anfangsstadium ausfällt, sondern vielmehr in der Rapidität, womit die Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen wird, und in der Extremität des Punktes, bis zu dem sich der Massenstreik voranbewegt.
Allein die Bewegung im ganzen geht nicht bloß nach der Richtung vom ökonomischen zum politischen Kampf, sondern auch umgekehrt. Jede von den großen politischen Massenaktionen schlägt, nachdem sie ihren politischen Höhepunkt erreicht hat, in einen ganzen Wust ökonomischer Streiks um. Und dies bezieht sich wieder nicht bloß auf jeden einzelnen von den großen Massenstreiks, sondern auch auf die Revolution im ganzen. Mit der Verbreitung, Klärung und Potenzierung des politischen Kampfes tritt nicht bloß der ökonomische Kampf nicht zurück, sondern er verbreitet sich, organisiert sich und potenziert sich seinerseits in gleichem Schritt. Es besteht zwischen beiden eine völlige Wechselwirkung.
Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf, indem er zugleich seine äußeren Möglichkeiten erweitert und den inneren Antrieb der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust erhöht. Nach jeder schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem Kapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das ständige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt, und zugleich führt das unermüdliche ökonomische Bohren des Proletariats alle Augenblicke bald hier, bald dort zu einzelnen scharfen Konflikten, aus denen unversehens politische Konflikte auf großem Maßstab explodieren.
Mit einem Wort: Der ökonomische Kampf ist das Fortleitende von einem politischen Knotenpunkt zum andern, der politische Kampf ist die periodische Befruchtung des Bodens für den ökonomischen Kampf. Ursache und Wirkung wechseln hier alle Augenblicke ihre Stellen, und so bilden das ökonomische und das politische Moment in der Massenstreikperiode, weit entfernt, sich reinlich zu scheiden oder gar auszuschließen, wie es das pedantische Schema will, vielmehr nur zwei ineinandergeschlungene Seiten des proletarischen Klassenkampfes in Rußland. Und ihre Einheit ist eben der Massenstreik. Wenn die spintisierende Theorie, um zu dem „reinen politischen Massenstreik“ zu gelangen, eine künstliche logische Sektion an dem Massenstreik vornimmt, so wird bei diesem Sezieren, wie bei jedem anderen, die Erscheinung nicht in ihrem lebendigen Wesen erkannt, sondern bloß abgetötet.“
Quelle: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1906/mapage/kap4.htm [164]
[2] Ebd.
[4] Die "orangefarbene Revolution" gehört zur Bewegung der "Farbrevolutionen" oder "Blumenrevolutionen", einer Reihe von "populären", "friedlichen" und pro-westlichen Aufständen, von denen einige zwischen 2003 und 2006 in Eurasien [166] und im Nahen Osten zu Regierungswechseln führten: die "Rosenrevolution" in Georgien 2003, die "Tulpenrevolution" in Kirgisistan, die "Jeansrevolution" in Weißrussland und die "Zedernrevolution" im Libanon 2005.
[5] 24. Kongress: Resolution zur internationalen Lage [47]; Punkt 25
[6] Ebd. Punkt 26
[7] „Man muß gestehen, daß das deutsche Proletariat der Theoretiker des europäischen
Proletariats, wie das englische Proletariat sein Nationalökonom und das französische
Proletariat sein Politiker ist.“ Pariser Vorwärts, „Kritische Randglossen“ (1844)
[8] „Der Kampf des Proletariats im aufsteigenden und im dekadenten Kapitalismus [167]“ Internationale Revue Nr. 7
[9] Einige Genossen glauben im Gegenteil, dass diese radikale Sprache der Linken und der Basiskomitees dem Bedürfnis entspricht, die embryonalen Formen der Selbstorganisation und Solidarität, die wir seit 2018 in der Arbeiterklasse im Iran sehen, die Linken wieder zurückerobern wollen. Daher muss darüber diskutiert werden.
[10] „Resolution on the International Situation (1983) [168]“, International Revue [169] Nr. 35
[11] „Debate: On the critique of the theory of the "weakest link" [170], International Revue [171], Nr. 37
[12] Um mehr über unseren Genossen Marc Chirik zu erfahren, lesen Sie die Artikel: Marc, Part 1: „From the Revolution of October 1917 to World War II [69]“, International Rewiev Nr. 65 und „Marc, Part 2: From World War II to the present day [70]“, International Review Nr. 66
[13] „Reply to the CWO: On the subterranean maturation of consciousness [172]“, International Review Nr. 43
[14] „Bericht des 23. Internationalen Kongresses der IKS über den Klassenkampf: Bildung, Verlust und Rückeroberung der proletarischen Klassenidentität [135]“, Internationale Revue Nr. 56
[15] Anmerkung des Übersetzers: ZAD steht in Frankreich für "zone à défendre", ein von Demonstranten besetztes Gebiet.
[16] Siehe unsere laufende Serie über die Kommunisierer [173] (engl.)
Die IKS hat kürzlich ihren 25. Internationalen Kongress abgehalten, auf dem sie eine Reihe von Berichten über die Weltlage angenommen hat. Dies ist der Bericht über die imperialistischen Spannungen.
Eine genaue Analyse der historischen Situation und der sich daraus ergebenden Perspektiven ist eine der Hauptaufgaben der revolutionären Organisationen, die einen soliden Rahmen für ihre Intervention in der Klasse schaffen und ihr präzise Orientierungen vorschlagen müssen, um die Dynamik des Kapitalismus oder die Aktionen und Manöver der Bourgeoisie zu verstehen. Leider vernachlässigen die Gruppen des Proletarischen Politischen Milieus insgesamt diese Aufgabe weitgehend, entweder weil sie in den Schemata der Vergangenheit verhaftet bleiben, die sie mechanisch anwenden, ohne sie einer Kritik zu unterziehen, selbst wenn sie der historischen Realität nicht mehr entsprechen (die bordigistischen Gruppen), oder weil ihr Opportunismus sie dazu verleitet, einem unmittelbaren und empirischen Ansatz den Vorzug zu geben, der auf einen illusorischen unmittelbaren Erfolg abzielt, anstatt sich die Mühe zu machen, die Solidität und Relevanz ihrer Analysen zu überprüfen (die Internationalistische Kommunistische Tendenz)[1].
Die IKS ihrerseits hat, getreu der Tradition der Arbeiterbewegung und der marxistischen Methode, ihre Analyserahmen stets einer kritischen Überprüfung unterzogen, um festzustellen, ob sie weiterhin gültig sind – oder ob sie umgekehrt geändert oder sogar revidiert werden müssen. Diesem Ansatz folgend, geht der vorliegende Bericht von der Resolution zur internationalen Lage des 24. IKS-Kongresses (2021)[2] aus. Darin wird die erhebliche Beschleunigung des Zerfalls hervorgehoben, die sich damals in den Verheerungen der Pandemie und ihren Auswirkungen auf die wirtschaftliche Basis des Systems zeigte, und damit die Alternative "Sozialismus oder Barbarei" konkretisiert, die die 3. Internationale hervorhob. Aber: "Im Gegensatz zu einer Situation, in der die Bourgeoisie in der Lage ist, die Gesellschaft für den Krieg zu mobilisieren wie in den 1930er Jahren, ist die Endphase des Weges, des Rhythmus und der Formen der Dynamik des verfaulenden Kapitalismus in Richtung Zerstörung der Menschheit schwieriger vorherzusagen, weil er das Ergebnis einer Konvergenz verschiedener Faktoren ist, von denen einige teilweise verborgen sein können." (Resolution, Punkt 10). Diese Beschleunigung des Zerfalls in Bezug auf die imperialistischen Konfrontationen wird durch verschiedene Beobachtungen unterstrichen:
- Eine Intensivierung der Entwicklung des Militarismus, der bereits zur Lebensweise des Kapitalismus in seiner dekadenten Phase geworden war. So stürzen die "Massaker der verschiedenen kriegerischen Konflikte" den Kapitalismus "in ein zunehmend irrationales imperialistisches ‚Jeder gegen jeden‘" (Pkt. 11), während wir gleichzeitig eine Verschärfung der Konflikte zwischen den Weltmächten erleben. „Innerhalb dieses chaotischen Bildes steht zweifellos die wachsende Konfrontation zwischen den USA und China tendenziell im Mittelpunkt." (Punkt 12) Während die Rivalität zwischen den USA und China zu eskalieren droht, hat die neue Biden-Administration angekündigt, dass sie sich von Russland nicht länger "wegducken" wird (Punkt 11).
- Die aggressive Politik der Vereinigten Staaten, die angesichts des Niedergangs ihrer Hegemonie nicht „auf ihre Fähigkeit verzichten werden, allein zur Verteidigung ihrer Interessen zu handeln". Doch "Das Streben eines Jeder-für-sich wird es für die Vereinigten Staaten immer schwieriger, wenn nicht gar unmöglich machen, ihre Führungsrolle durchzusetzen – ein Beispiel für die Beschleunigung des Jeder-gegen-jeden in der Zerfallsperiode." (Punkt 11)
- „Das außergewöhnliche Wachstum Chinas ist selbst ein Produkt des Zerfalls. (...) Die totalitäre Kontrolle über den gesamten Gesellschaftskörper, die repressive Verhärtung der stalinistischen Fraktion von Xi Jinping, ist kein Ausdruck von Stärke, sondern eine Manifestation der Schwäche des Staates“ (Pkt. 9).
- Die zunehmenden Spannungen bedeuten "jedoch nicht, dass wir auf die Bildung stabiler Blöcke und einen allgemeinen Weltkrieg zusteuern" (Punkt 12). Dies bedeutet jedoch nicht, "dass wir in einer Ära größerer Sicherheit lebten als in der Periode des Kalten Krieges (...). Im Gegenteil: Wenn die Phase des Zerfalls durch einen zunehmenden Kontrollverlust der Bourgeoisie gekennzeichnet ist, so gilt dies auch für die enormen Mittel der Zerstörung – nukleare, konventionelle, biologische und chemische –, die von der herrschenden Klasse angehäuft worden (...)" sind (Punkt 13).
Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine und die daraus resultierende Verschärfung der imperialistischen Spannungen stehen voll im Einklang mit dem vom 24. Internationalen Kongress angenommen Bezugsrahmen. Sie stellen jedoch zweifellos eine qualitative Entwicklung des gesellschaftlichen Abgleitens in die Barbarei dar, indem sie die treibende Rolle des Militarismus in der Wechselbeziehung der verschiedenen Krisen (gesundheitliche, wirtschaftliche, politische, ökologische usw.), von denen der Kapitalismus derzeit betroffen ist, hervorheben.
Nach zwei Jahren der Pandemie war der Ausbruch des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 ein qualitativer Schritt in der Versenkung der Gesellschaft in die Barbarei. Seit 1989 hatten die USA zwar mehrfach die Konfrontation gesucht (mit dem Irak, dem Iran, Nordkorea oder Afghanistan), aber diese Konfrontationen hatten nie eine andere imperialistische Großmacht involviert oder Auswirkungen auf den gesamten Planeten gehabt. Dieser Krieg ist etwas anderes:
"Er ist die erste militärische Konfrontation dieser Größenordnung zwischen Staaten, die seit 1945 vor den Toren Europas stattfindet, (...) so dass das Zentrum Europas heute zum zentralen Schauplatz der imperialistischen Konfrontationen wird (...);
- dieser Krieg bezieht direkt die beiden größten Länder Europas ein, von denen das eine über Atomwaffen oder andere Massenvernichtungswaffen verfügt und das andere von der NATO finanziell und militärisch unterstützt wird. Dieser Gegensatz zwischen Russland und der NATO weckt Erinnerungen an die Blockkonfrontation der 1950er bis 1980er Jahre und den damit verbundenen nuklearen Terror (...);
- das Ausmaß der Kämpfe, Zehntausende von Toten, die systematische Zerstörung ganzer Städte, die Hinrichtung von Zivilisten, die verantwortungslose Beschießung von Atomkraftwerken, die enormen wirtschaftlichen Folgen für den gesamten Planeten unterstreichen sowohl die Barbarei als auch die wachsende Irrationalität von Konflikten, die in einer Katastrophe für die Menschheit münden können."[3] Ein Jahr nach Ausbruch des Krieges und im Anschluss an unseren internen Bericht vom Mai 2022 ist es wichtig, die wichtigsten Lehren aus dem Konflikt in Bezug auf die imperialistischen Beziehungen und den von der IKS vorgeschlagenen Bezugsrahmen zu ziehen.
Der materielle und menschliche Tribut eines einjährigen Krieges ist schrecklich: die menschlichen Verluste und die materielle Zerstörung sind gigantisch, die Zahl der Vertriebenen geht in die Millionen. Beide Seiten haben Dutzende von Milliarden Euro versenkt (45 Mrd. Euro für die USA, 52 Mrd. für die EU, 77 Mrd. für Russland, d.h. 25% seines BIP). Russland wendet inzwischen etwa 50 % seines Staatshaushalts für den Krieg auf, während der hypothetische Wiederaufbau der Ukraine mehr als 700 Milliarden Dollar erfordern würde. Dieser Krieg hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Verschärfung der imperialistischen Spannungen.
1.1. Die imperialistische Offensive der USA
Angesichts des Niedergangs ihrer Hegemonie verfolgen die Vereinigten Staaten seit den 1990er Jahren eine aggressive Politik zur Verteidigung ihrer Interessen, insbesondere gegenüber Russland, dem ehemaligen Führer des rivalisierenden Blocks. Trotz der nach dem Zusammenbruch der UdSSR eingegangenen Verpflichtung, die NATO nicht zu erweitern, haben die Amerikaner alle Länder des ehemaligen Warschauer Paktes in dieses Bündnis integriert, darunter auch Länder wie die baltischen Staaten, die selbst Teil der ehemaligen UdSSR waren, und zogen 2008 in Erwägung, dies auch mit Georgien und der Ukraine zu tun. Die "Orangene Revolution" in der Ukraine im Jahr 2014 hatte das prorussische Regime durch eine prowestliche Regierung ersetzt, und weit verbreitete Proteste in Belarus bedrohten das prorussische Lukaschenko-Regime. Angesichts dieser Strategie der Einkreisung versuchte das Putin-Regime, mit dem Einsatz seiner militärischen Macht zu reagieren, dem Überbleibsel seiner Vergangenheit als Chef des Blocks (Georgien im Jahr 2008, Krim und Donbass im Jahr 2014 usw.). Angesichts der Umwälzungen des russischen Imperialismus begannen die USA, die Ukraine zu bewaffnen und ihre Armee im Umgang mit hochentwickelten Waffen zu schulen. Als Russland seine Armee in Weißrussland und der Ostukraine stationierte, spannten sie die Falle auf, indem sie behaupteten, Putin würde in die Ukraine einmarschieren, während sie versicherten, dass sie selbst nicht in die Situation eingreifen würden.
Kurz gesagt, wenn der Krieg tatsächlich von Russland ausgelöst wurde, dann ist er die Folge der Strategie der Einkreisung und des Erstickens des letzteren durch die Vereinigten Staaten. Auf diese Weise ist es den Vereinigten Staaten gelungen, ihre aggressive Politik zu intensivieren, die ein weitaus ehrgeizigeres Ziel verfolgt, als nur Russlands Ambitionen zu stoppen:
- Die verhängnisvolle Falle, die sie Russland gestellt haben, führt in der unmittelbaren Folge zu einer erheblichen Schwächung der verbleibenden militärischen Macht Russlands und zu einer radikalen Schwächung seiner imperialistischen Ambitionen. Der Krieg demonstrierte auch die absolute Überlegenheit der US-Militärtechnologie, die die Grundlage für das "Wunder" der "kleinen Ukraine" ist, die den "russischen Bären" zurückgedrängt hat.
- Dann zogen sie die Schrauben innerhalb der NATO an, indem sie die europäischen Länder zwangen, sich dem Bündnis anzuschließen, insbesondere Frankreich und Deutschland, die dazu neigten, ihre eigene Politik gegenüber Russland zu entwickeln und die NATO zu ignorieren, die der französische Präsident Macron noch vor einigen Monaten als "hirntot" bezeichnet hatte.
- Abgesehen von der Prügel, die Russland verabreicht wurde, war das Hauptziel der Amerikaner zweifellos eine unmissverständliche Warnung an ihren Hauptherausforderer China ("das erwartet euch, wenn ihr den Versuch einer Invasion in Taiwan riskiert"). In den letzten zehn Jahren konzentrierte sich die Verteidigung der US-Führung auf den Aufstieg dieses ernsthaften Herausforderers. Unter der Trump-Administration nahm dieser Wunsch, China zu konfrontieren, vor allem die Form eines offenen Handelskriegs an, aber die Biden-Administration hat den Druck auch militärisch erhöht (die Spannungen um Taiwan). Der Krieg hat Chinas einzigen wichtigen Verbündeten geschwächt, der ihm vor allem militärischen Input liefern könnte, und belastet das Projekt der Neuen Seidenstraße, dessen eine Achse durch die Ukraine führte.
1.2. Die vernichtende Niederlage des russischen Imperialismus
Das ursprüngliche Ziel Russlands bestand darin, durch eine kühne kombinierte Operation seiner Elitetruppen schnell Kiew zu erreichen, um die Selenskyj-Partei zu beseitigen und eine prorussische Regierung zu installieren, und zweitens durch die Einnahme von Odessa den Zugang zum Schwarzen Meer abzuschneiden. Da sie die Widerstandskraft der von den USA finanziell und militärisch unterstützten ukrainischen Armee unterschätzte, aber auch ihre eigenen militärischen Fähigkeiten überschätzte, erlitt sie eine bittere Niederlage. Das zweite, bescheidenere Ziel war die Besetzung des Nordostens des Landes, aber auch hier erlitt die russische Armee schwere Verluste und musste sich vor Charkiw zurückziehen und Cherson aufgeben. Die Programme zur Mobilisierung neuer Rekruten führten dazu, dass Hunderttausende junger Russen ins Ausland flohen und die russische Armee gezwungen war, sich auf die Söldner der Wagner-Gruppe zu stützen, die oft gewöhnliche Gefangene waren, um die Frontlinie zu halten. Sie versucht nun mit allen Mitteln, das Gebiet zwischen dem Donbass und der Krim zu halten. Zu diesem Zweck werden alle Städte, Kraftwerke und Brücken massiv bombardiert, damit die Ukraine für ihren Sieg teuer bezahlen muss und Selenskyj gezwungen wird, die russischen Bedingungen zu akzeptieren. Angesichts seiner prekären militärischen Lage ist zudem nicht auszuschließen, dass Russland am Ende taktische Atomwaffen einsetzen wird.
Wie auch immer es ausgeht, schon jetzt ist klar, dass Russland aus diesem militärischen Abenteuer stark geschwächt worden ist. Aus militärischer Sicht ist es ausgeblutet, da es Hunderttausende Soldaten verloren hat, insbesondere seine erfahrensten Eliteeinheiten, eine große Anzahl der modernsten und leistungsfähigsten Panzer, Flugzeuge und Hubschrauber; aus wirtschaftlicher Sicht ist es stark geschwächt durch die enormen Kosten des Krieges (25 % seines BIP in diesem Jahr) sowie durch den Zusammenbruch der Wirtschaft, der durch die Kriegsanstrengungen und die Sanktionen der westlichen Länder verursacht wurde; schließlich hat sein Image als imperialistische Macht stark unter den Ereignissen gelitten, die ihm die militärischen und wirtschaftlichen Grenzen seiner Macht aufgezeigt haben.
1.3 Der europäische und chinesische Imperialismus unter Druck
Die europäischen Bourgeoisien, insbesondere Frankreich und Deutschland, hatten Putin dazu gedrängt, diesen Krieg nicht zu beginnen oder bloß einen zeitlich und vom Umfang her begrenzten Angriff zu starten. Die Indiskretionen von Boris Johnson enthüllten, dass Deutschland sogar erwog, einen russischen "Blitzkrieg" von wenigen Tagen zur Beseitigung des Regimes zu unterstützen. Angesichts des Scheiterns der russischen Streitkräfte und des unerwarteten Widerstands der ukrainischen Armee mussten sich Macron und Scholz jedoch kleinlaut der US-geführten NATO-Position anschließen. Sie halten sich jedoch weiterhin aus dem militärischen Engagement in der Ukraine heraus und zögern, alle wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland zu kappen. Andererseits haben sie ihren Militäretat für die massive Aufrüstung ihrer Streitkräfte drastisch erhöht (eine Verdoppelung selbst für Deutschland, d. h. 107 Milliarden Euro). Der jüngste Besuch von Bundeskanzler Scholz in Peking bestätigte die Entschlossenheit Deutschlands, sich den USA nicht zu beugen und wichtige Wirtschaftsbeziehungen zu China zu unterhalten.
Angesichts der Schwierigkeiten seines russischen "Verbündeten" und der indirekten, aber nachdrücklichen Drohungen der Vereinigten Staaten hat China im Ukraine-Konflikt eine sehr vorsichtige Haltung eingenommen: Es hat zur Einstellung der Feindseligkeiten aufgerufen und sich zwar nicht formell an die Sanktionen gegen Russland gehalten, aber auch keine Waffen oder militärische Ausrüstung an Russland geliefert. Xi hat Putin gegenüber sogar offen seine Besorgnis zum Ausdruck gebracht und Russland aufgefordert, Verhandlungen zu suchen. Für die chinesische Bourgeoisie ist die Lektion bitter: Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass alle globalen imperialistischen Ambitionen illusorisch sind, wenn es keine militärische und wirtschaftliche Macht gibt, die mit der Supermacht USA konkurrieren kann. Heute verfügt China weder über die Streitkräfte noch über die Wirtschaftsstruktur, um solche globalen imperialistischen Ambitionen zu unterstützen. Seine gesamte wirtschaftliche und kommerzielle Expansion ist den Kriegswirren und dem Druck der amerikanischen Macht ausgeliefert. Natürlich gibt China seine imperialistischen Ambitionen, insbesondere die Rückeroberung Taiwans, nicht auf, wie Xi Jinping auf dem KPCh-Kongress betonte, aber es kann nur langfristig Fortschritte machen und muss vermeiden, amerikanischen Provokationen nachzugeben.
Auf einer allgemeineren Ebene stellt der Konflikt in der Ukraine nicht nur eine äußerst wichtige qualitative Vertiefung des Militarismus dar, sondern er ist auch die treibende Kraft hinter der Verschärfung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten (Inflation und Rezession), der Gesundheitsprobleme (die Covid-Welle), des Zustroms von Flüchtlingen und der Unfähigkeit des Systems, die ökologische Krise zu bewältigen (die Reaktivierung von Atom- und sogar Kohlekraftwerken), die den gegenwärtigen Absturz in den Zerfall kennzeichnen, und zwar auf globaler Ebene.
Die anfängliche Leugnung einer massiven Invasion der Ukraine durch die IKS trotz ausdrücklicher Warnungen der USA war nicht Ausdruck einer Unzulänglichkeit unseres analytischen Rahmens, sondern Ausdruck einer mangelnden Beherrschung desselben und insbesondere eines "Vergessens" der in dem Text "Militarismus und Zerfall" (1990)[4] dargelegten Orientierungen. Die IKS hat daher ein ergänzendes Dokument zur Aktualisierung des Textes vom Oktober 1990 ("Militarismus und Zerfall, Mai 2022"[5]) angenommen. Darin wird insbesondere auf die folgenden Lehren hingewiesen, die durch das Kriegsjahr in der Ukraine voll zum Tragen kommen:
2.1. Die Notwendigkeit eines dialektisch-materialistischen Ansatzes für die aktuellen Ereignisse
Die Frage der Methode ist für das Verständnis der aktuellen Ereignisse von entscheidender Bedeutung: Soll der dialektische Materialismus als einfacher ökonomischer Determinismus aufgefasst werden oder eher, wie Engels 1890 in einem Brief an Bloch anmahnt, als eine dialektische Methode, die die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Aspekten der Realität berücksichtigt, insbesondere die Beziehung zwischen der ökonomischen Basis und dem Überbau, auch wenn "das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens" ist[6]. Dieser Ansatz widerspricht allen vulgärmaterialistischen Analysen, die im Proletarischen Politischen Milieu in der Mehrheit sind und die jeden Krieg nur auf der Grundlage der unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen erklären, ohne die Situationen in den verschiedenen Phasen des Kapitalismus zu differenzieren. Demgegenüber war die Kommunistische Linke Frankreichs (GCF) klar in ihrem Verständnis, wenn sie sagte: „Die Dekadenz der kapitalistischen Gesellschaft kommt darin zum Ausdruck, dass sich die wirtschaftliche Tätigkeit von den Kriegen zur wirtschaftlichen Entwicklung (aufsteigende Periode) im Wesentlichen auf den Krieg beschränkt (dekadente Periode). Das bedeutet nicht, dass der Krieg zum Ziel der kapitalistischen Produktion geworden ist – das Ziel bleibt für den Kapitalismus immer die Produktion von Mehrwert –, aber es bedeutet, dass der Krieg, der einen permanenten Charakter angenommen hat, zur Lebensweise des dekadenten Kapitalismus geworden ist"[7].
2.2. Die Irrationalität des Militarismus wird im Zerfall akzentuiert
In der Phase des Zerfalls wird vor allem einer der verhängnisvollsten Aspekte des Krieges in der Dekadenz hervorgehoben: seine Irrationalität. Mit dem Beginn dieser Phase werden die Auswirkungen des Militarismus immer unvorhersehbarer und katastrophaler. Unsere Vulgärmaterialisten verstehen diesen Aspekt nicht und wenden ein, dass Kriege immer eine wirtschaftliche Motivation und damit eine Rationalität haben. Sie übersehen, dass die heutigen Kriege im Grunde nicht wirtschaftlich, sondern geostrategisch motiviert sind, und selbst dann erreichen sie nicht mehr ihre ursprünglichen Ziele, sondern führen zum gegenteiligen Ergebnis:
- Die Vereinigten Staaten haben die beiden Golfkriege sowie den Krieg in Afghanistan geführt, um ihre Führungsrolle auf dem Planeten zu behaupten, aber sowohl der Irak als auch Afghanistan haben zu einer Explosion von Chaos und Instabilität geführt, die eine Welle von Flüchtlingen an die Türen der Industrieländer klopfen lässt;
- was auch immer die Ziele der vielen imperialistischen Aasgeier – Russen, Türken, Iraner, Israelis, Amerikaner oder Europäer – waren, die in die schrecklichen Bürgerkriege in Syrien oder Libyen eingriffen, sie hinterließen ein Land in Trümmern, zersplittert und in Clans gespalten, mit Millionen von Flüchtlingen, die in die Nachbarländer strömten oder in die Industrieländer flohen.
Der Krieg in der Ukraine ist eine beispielhafte Bestätigung dafür: Unabhängig von den geostrategischen Zielen des russischen oder amerikanischen Imperialismus wird das Ergebnis ein Land in Trümmern (Ukraine), ein wirtschaftlich und militärisch ruiniertes Land (Russland), eine noch angespanntere und chaotischere imperialistische Situation von Europa bis Zentralasien und Millionen von Flüchtlingen in Europa sein.
2.3. Das zunehmende Chaos und die imperialistischen Spannungen behindern weitgehend den Weg zur Blockbildung
Die Zunahme des Militarismus und der Irrationalität des Krieges bedeutet eine erschreckende Ausweitung der militärischen Barbarei. Sie führt jedoch nicht zu einer Umgruppierung der Imperialismen zu Blöcken und damit zu einem allgemeinen Krieg auf dem gesamten Planeten. Verschiedene Elemente unterstützen diese Analyse:
- Der Krieg in der Ukraine hat keine starke und stabile Ausrichtung der Imperialismen hinter den Führern der potenziellen Blöcke gezeigt: Wichtige imperialistische Mächte wie Indien, Brasilien und sogar Saudi-Arabien halten sich eindeutig von den Protagonisten fern; die Verbindung zwischen China und Russland hat sich nicht verfestigt, im Gegenteil, und während die USA den Krieg genutzt haben, um ihre Ansichten innerhalb der NATO durchzusetzen, ziehen Mitgliedsländer wie die Türkei oder Ungarn offen auf eigene Faust los, und Deutschland und Frankreich versuchen mit allen Mitteln, ihre eigene Politik zu entwickeln.
- Ein Blockführer muss in der Lage sein, Vertrauen unter den Ländern des Blocks zu schaffen und die Sicherheit seiner Verbündeten zu garantieren, während China seinen russischen Verbündeten nur sehr zurückhaltend unterstützt hat. Was die Vereinigten Staaten betrifft, so war Trumps "America First"-Politik eine kalte Dusche für die "Verbündeten", die dachten, sie könnten sich auf die USA verlassen, und Biden verfolgt im Grunde dieselbe Politik: Er hat ohne Rücksprache mit seinen Verbündeten beschlossen, seine Truppen aus Kabul abzuziehen, und er lässt sie einen hohen Preis für den Energieboykott der russischen Wirtschaft zahlen, während die Vereinigten Staaten in diesem Bereich autark sind.
- Das Fehlen eines besiegten Proletariats, eine unabdingbare Voraussetzung für die Beteiligung eines Landes an einem Weltkrieg. Die jüngsten Kämpfe in verschiedenen westlichen Ländern zeigen, dass das Proletariat nicht bereit ist, die durch die Wirtschaftskrise auferlegten Entbehrungen zu akzeptieren, geschweige denn die mit einem allgemeinen Krieg verbundenen Opfer. Selbst in Russland, wo das Proletariat schwach und einem starken nationalistischen Druck ausgesetzt ist, unterstützt die Mehrheit der Bevölkerung den Krieg nicht. Schließlich fehlt auch eine starke ideologische Waffe, die in der Lage wäre, das Proletariat für sich zu gewinnen, wie der Faschismus und der Antifaschismus in den 1930er Jahren.
Die Bildung von Blöcken ist nicht zu verwechseln mit Ad-hoc-Bündnissen, die für bestimmte Ziele geschlossen werden. So verfolgt die Türkei, Mitglied der NATO, in der Ukraine eine Politik der Neutralität gegenüber Russland und hofft, dies nutzen zu können, um sich mit Russland in Syrien gegen die von den USA unterstützten kurdischen Milizen zu verbünden. Gleichzeitig konfrontiert es Russland in Libyen oder in Zentralasien, wo es Aserbaidschan gegen Armenien, ein Mitglied der von Russland geführten Allianz, militärisch unterstützt.
2.4. Die Polarisierung der Spannungen ist ein Produkt der US-Offensive
Wenn seit der Mitte des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts eine Polarisierung der imperialistischen Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China immer deutlicher zutage tritt, so ist dies keineswegs als Beginn einer Dynamik in Richtung Blockbildung zu werten. Im Gegensatz zu letzterer ist sie nicht das Ergebnis des Drucks des Herausforderers (Deutschland, UdSSR in der Vergangenheit), sondern einer systematischen Politik, die von der dominierenden imperialistischen Macht, den Vereinigten Staaten, verfolgt wird, um den unumkehrbaren Niedergang ihrer Führung aufzuhalten. Zunächst konzentrierte sie sich darauf, die Bestrebungen der ehemaligen Verbündeten des US-Blocks, insbesondere Deutschlands, zu neutralisieren. Dann zielte sie darauf ab, die "Achse des Bösen" (Irak, Iran, Nordkorea) zu polarisieren, um andere Imperialismen hinter dem Weltpolizisten zu versammeln. In jüngster Zeit besteht ihr Ziel gerade darin, das Auftauchen von Herausforderern zu verhindern.
Dreißig Jahre einer solchen Politik der USA haben keine Disziplin und Ordnung in die imperialistischen Beziehungen gebracht, sondern stattdessen das Jeder-für-sich, Chaos und Barbarei verschärft. Die Vereinigten Staaten sind heute ein wichtiges Instrument für die erschreckende Ausweitung der militärischen Konfrontationen.
2.5. Der Krieg erleichtert die Entwicklung des proletarischen Kampfes nicht
Gewiss, auf einer allgemeinen Ebene zeigt der Krieg in der Ukraine den Bankrott dieses Systems (vor allem, weil er offensichtlich eine bewusste Aktion der herrschenden Klasse ist) und kann in diesem Sinne eine Quelle des Bewusstseins dieses Bankrotts darstellen, auch wenn dies heute auf Minderheiten der Klasse beschränkt ist. Grundsätzlich bestätigt er jedoch die Analyse des IKS, dass der Krieg und die Gefühle der Ohnmacht und des Entsetzens, die er hervorruft, die Entwicklung des Kampfes der Arbeiterklasse nicht begünstigen. Andererseits führt er zu einer erheblichen Verschärfung der Wirtschaftskrise und der Angriffe auf die Arbeitenden, was diese dazu bringt, sich jenen zu widersetzen, um ihre Lebensbedingungen zu verteidigen[8].
In der gegenwärtigen Periode kann der Krieg in der Ukraine nicht als ein isoliertes Phänomen betrachtet werden. Der Eintritt in die zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts ist in erster Linie durch eine Anhäufung und Wechselwirkung verschiedener Arten von Krisen gekennzeichnet – Gesundheitskrise, Wirtschaftskrise, Klima- und Ernährungskrise, Spannungen zwischen den imperialistischen Mächten –, aber vor allem sind sie alle von den Auswirkungen dieses Konflikts betroffen, der einen echten Multiplikator und Verstärker von Barbarei und zerstörerischem Chaos darstellt. Dieser Krieg ist der zentrale Faktor, der die Intensivierung der anderen Aspekte bestimmt:
"In diesem Zusammenhang muss die führende Rolle des Krieges als eine von den kapitalistischen Staaten gewollte und geplante Aktion hervorgehoben werden, die zum mächtigsten und schwerwiegendsten Faktor für Chaos und Zerstörung wurde. Tatsächlich bewirkt und beinhaltet der Krieg in der Ukraine einen Multiplikatoreffekt der Faktoren von Barbarei und Zerstörung:
- ein immer bestehendes Risiko der Bombardierung von Atomkraftwerken, wie es besonders um den Standort Saporischschja zu sehen ist;
- die Gefahr des Einsatzes von chemischen und nuklearen Waffen;
- die gewaltsame Eskalation des Militarismus mit seinen Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima;
- die direkten Auswirkungen des Krieges auf die Energie- und Nahrungsmittelkrise"[9]. Kurz gesagt, wie auch immer das Szenario in den kommenden Monaten aussehen wird, die globalen Auswirkungen des Konflikts in der Ukraine werden sich manifestieren durch:
(a) die Ausweitung der imperialistischen Spannungsgebiete in der Welt sowie die Destabilisierung der politischen Strukturen in vielen Staaten,
(b) die Verschärfung der Konfrontationen zwischen den Hauptprotagonisten des Konflikts sowie innerhalb der verschiedenen Bourgeoisien dieser Länder (einschließlich der ukrainischen).
Die Folgen des Konflikts in der Ukraine führen nicht zu einer "Rationalisierung" der Spannungen durch eine "bipolare" Ausrichtung der Imperialismen hinter zwei dominanten "Paten", sondern im Gegenteil zur Explosion einer Vielzahl von imperialistischen Ambitionen, die sich nicht auf die der großen Imperialismen (die im nächsten Abschnitt untersucht werden) oder auf Osteuropa und Zentralasien beschränken, wodurch der chaotische und irrationale Charakter der Konfrontationen noch verstärkt wird.
1.1. Zunehmende imperialistische Konfrontationspunkte in der Welt
- In Europa wird das Auftauchen einer von den USA stark bewaffneten Ukraine im Osten den Kampf zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Imperialismus um die Kontrolle des Landes anheizen[10]. Ihre zentrale Position wird auch zu Spannungen mit anderen osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Ungarn (das die Ukraine nur sehr zögerlich unterstützt) und vor allem Polen führen, welche Länder in verschiedenen Teilen der Ukraine Minderheiten haben. Im Westen hat der Druck auf Deutschland zu Meinungsverschiedenheiten mit Frankreich geführt, während die Konflikte in Bosnien oder zwischen Serben und Kosovaren (durch russische Söldner der Wagner-Gruppe) neu entfacht werden. Schließlich reagierte die EU mit Verärgerung auf das Inflationsbekämpfungsgesetz (Inflation Reduction Act), das als regelrechte Kriegserklärung an die europäischen Exporte in die USA angesehen wurde.
- In Zentralasien geht der Rückzug des russischen Imperialismus Hand in Hand mit einer raschen Ausweitung der Präsenz anderer imperialistischer Mächte wie China, der Türkei, des Iran und natürlich der USA in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Im Fernen Osten besteht die Gefahr von Konflikten zwischen China und Indien (mit regelmäßigen Grenzkonflikten) oder Japan (das massiv aufrüstet), ganz zu schweigen von den Spannungen zwischen Indien und Pakistan und den wiederkehrenden Spannungen zwischen den beiden koreanischen Staaten, in die die USA voll involviert sind. Die besondere imperialistische Position Indiens verdient es, erwähnt zu werden: Während seine Beziehungen zu China auf politischer, militärischer und wirtschaftlicher Ebene konfliktreich sind, sind sie in Bezug auf die Vereinigten Staaten (Mitglied der QUAD, aber nicht des AUKUS) oder Russland (wichtige militärische Verträge) zweideutiger, was ein eindrucksvolles Beispiel des Jeder-für-sich und der Fragilität der Annäherung zwischen imperialistischen Mächten ist.
- Im Nahen Osten werden die Schwächung Russlands, die innere Destabilisierung wichtiger Geier wie dem Iran (Volksaufstände, Kämpfe zwischen Fraktionen und imperialistischer Druck) oder der Türkei (katastrophale Wirtschaftslage) große Auswirkungen auf die imperialistischen Beziehungen haben, auch wenn diese drei Länder dazu neigen, sich mit dem Ziel anzunähern, in Syrien und im Irak militärische Aktionen gegen verschiedene kurdische Fraktionen durchzuführen, die von den USA unterstützt werden. Schließlich sind auch die Haltung des in den Bürgerkrieg im Jemen verwickelten Saudi-Arabiens, das sich der US-Politik widersetzt und sich Russland und China annähert, sowie die Bildung einer rechtsextremen Regierung in Israel Ausdruck der Verschärfung des militärischen Chaos und des Jeder-für-sich.
- Während in Afrika die Energie- und Nahrungsmittelkrise und Kriegsspannungen in verschiedenen Regionen wüten (Bürgerkrieg zwischen der äthiopischen Zentralregierung und der aufständischen Provinz Tigray, in den auch Eritrea oder der Sudan verwickelt sind, Bürgerkrieg in Libyen, starke Spannungen zwischen Nord- und Südsudan sowie zwischen Algerien und Marokko), fördert die Aggressivität der imperialistischen Mächte die Destabilisierung und das Chaos. Zwischen 2016 und 2020 hat China das Äquivalent aller westlichen Investitionen im gleichen Zeitraum (70 Milliarden Dollar) investiert und 17 afrikanischen Ländern die Rückzahlung von 23 zinslosen Krediten im Jahr 2021 erlassen. Indien hat 2018 Frankreich als drittwichtigsten Handelspartner des Kontinents (nach China und den USA) abgelöst. Der Handel der Türkei mit dem afrikanischen Kontinent ist innerhalb von zwanzig Jahren von 5 Milliarden Dollar auf 25 Milliarden Dollar angestiegen. Russland seinerseits setzt seine destabilisierenden Aktivitäten in Mali und der Zentralafrikanischen Republik mit den Söldnern der Wagner-Gruppe fort und bleibt gleichzeitig ein wichtiger Handelspartner für afrikanische Länder wie Ägypten, Äthiopien und Südafrika im Bereich Waffen und Landwirtschaft (Getreide und Düngemittel). Frankreich und Großbritannien, die an Boden verlieren, wollen einen Marktanteil zurückgewinnen und versprechen Investitionen. Um dem Einfluss des russischen und chinesischen Imperialismus in Afrika entgegenzuwirken, organisierte der US-Imperialismus am 13. Dezember 2022 in Washington ein wichtiges amerikanisch-afrikanisches Gipfeltreffen, auf dem 55 Milliarden Dollar für Afrika über drei Jahre versprochen wurden.
1.2 Zunehmende Destabilisierung des politischen Apparats der Bourgeoisie in vielen Staaten
Das zunehmende Gewicht des Zerfalls tendiert auch dazu, den Kontrollverlust des politischen Apparats der Bourgeoisie zu akzentuieren, den Kampf zwischen den Fraktionen und den Druck der populistischen Tendenzen zu verstärken.[11] Diese zunehmende politische Instabilität wird sich immer stärker auf die Unberechenbarkeit der imperialistischen Positionierung auswirken, wie die Präsidentschaft von Trump gezeigt hat.
Die europäischen Länder, die unter starkem Druck der USA stehen und zudem Spannungen unter sich haben, sind mit populistischen Tendenzen und Kämpfen zwischen Fraktionen der Bourgeoisie konfrontiert, die den politischen Apparat der Bourgeoisie stark destabilisieren und zu Änderungen der imperialistischen Ausrichtungen führen können. Dies ist bereits nicht nur in Großbritannien der Fall, sondern auch in Italien, wo es mehrere Regierungen mit populistischen Komponenten gab. Diese zunehmende Destabilisierung verstärkt sich auch in Frankreich ("Les Républicains" von Ciotti sind bereit, mit den Populisten zu regieren) und sogar in Deutschland[12]. Imperialistische Unruhen können auch die Spannungen innerhalb der Bourgeoisien verschärfen, wie dies in Russland und China der Fall ist (siehe nächster Abschnitt), und schließlich zu imperialistischen Neuorientierungen führen. So können im Iran die Auseinandersetzungen zwischen Fraktionen innerhalb der iranischen Bourgeoisie, die bestimmte ausländische Einmischungen anfachen und die Revolten und Verzweiflungsbekundungen der Bevölkerung ausnutzen, die imperialistischen Orientierungen verändern[13].
Schließlich haben in vielen Staaten Afrikas (Sudan, Äthiopien), Asiens (Pakistan, Afghanistan) oder Lateinamerikas (Peru, Ecuador, Bolivien, Chile) die Häufung von Volksaufständen oder interethnischen Massakern die Destabilisierung der staatlichen Struktur gekennzeichnet, und diese verschiedenen Situationen haben die Instabilität der imperialistischen Beziehungen und die Unvorhersehbarkeit der Konflikte noch verstärkt.
Ein Jahr Krieg hat erhebliche Turbulenzen in den Orientierungen der großen beteiligten Imperialismen, aber auch in den Spannungen innerhalb der verschiedenen Bourgeoisien dieser Länder verursacht.
2.1. Die US-Offensive ist mehr denn je ein zentraler Faktor für die Zunahme der Spannungen und des Chaos
2.1.1. Der anfängliche Erfolg der gegenwärtigen US-Offensive beruht auf einem Merkmal, das bereits in Militarismus und Zerfall (1990) hervorgehoben wurde: die wirtschaftliche und vor allem militärische Überlegenheit der USA, die die Kräfte potenziell konkurrierender Mächte übersteigt. Diesen Vorteil nutzen die USA mit ihrer Politik der Polarisierung voll aus. Diese Politik hat nie zu mehr Ordnung und Disziplin in den imperialistischen Beziehungen geführt, sondern im Gegenteil die militärischen Konfrontationen vervielfacht, die "Jeder für sich"-Haltung verschärft, Barbarei und Chaos in vielen Regionen (Naher Osten, Afghanistan, ...) gesät, den Terrorismus verstärkt, riesige Flüchtlingswellen ausgelöst und die Ambitionen der kleinen und großen Haie verschärft.
Die Frage, mit der die USA heute in der Ukraine konfrontiert sind, ist, ob sie Russland, das nach diesem Krieg ohnehin keinen Anspruch mehr auf eine imperialistische Führungsrolle in der Welt erheben kann, einen Ausweg anbieten oder ob sie auf eine totale Demütigung abzielen, die eine verzweifelte und unkontrollierte Reaktion der russischen Bourgeoisie hervorrufen und das Risiko eines Zerfalls Russlands, schlimmer als 1990, und damit eine Destabilisierung dieses Teils des Planeten mit sich bringen könnte. Die dominierenden Fraktionen der US-Bourgeoisie (insbesondere die Demokraten) sind sich dieser Gefahren zweifellos bewusst, auch wenn sie darauf bedacht sind, ihre bereits weitgehend erreichten Ziele zu verwirklichen, nämlich die endgültige Schwächung Russlands und vor allem die Verstärkung des Drucks auf China, um es einzudämmen und seine Expansion zu verhindern. Infolgedessen messen die USA die militärischen Fähigkeiten der ukrainischen Armee sorgfältig aus, üben Druck auf Selenskyj aus, damit er die Kontrolle über seine Verwaltung und seine Armee verstärkt, und weisen darauf hin, dass "dieser Krieg auf die eine oder andere Weise am Verhandlungstisch enden muss" (General Milley, Vorsitzender der US-Generalstabschefs). Dieser Ausrichtung kann jedoch entgegengewirkt werden durch:
- eine mögliche Strategie der russischen Führung, aus der Müdigkeit des Westens Kapital zu schlagen, indem sie den Krieg in die Länge zieht, sowie durch den Druck der Hardliner-Fraktion, die einen totalen Krieg fordert (siehe unten);
- Spannungen innerhalb des ukrainischen Staats- und Militärapparats, wobei einige Fraktionen weitere Offensiven bis zum vollständigen Sieg über Russland fordern, einschließlich der Rückeroberung des Donbass und der Krim;
- ein irrationaler Ausrutscher, der mit dem Chaos und der Barbarei des Umfelds zusammenhängt, wie der Einschlag einer Rakete in Polen, Weißrussland oder einem Atomkraftwerk.
Wie auch immer der Konflikt ausgeht, die derzeitige Konfrontationspolitik der Biden-Administration, die weit davon entfernt ist, die Spannungen abklingen zu lassen oder die imperialistischen Geier zu disziplinieren, wird ein wichtiger Faktor für die Zukunft der Region sein. Diese Politik:
- wird die wirtschaftlichen und militärischen Spannungen mit dem chinesischen Imperialismus weiter verschärfen;
- wird die Widersprüche zwischen den Imperialismen verschärfen, zum Beispiel in Mitteleuropa, wo die Schwächung Russlands und die massive Aufrüstung der Ukraine die Gegensätze zwischen den mitteleuropäischen Ländern wie Polen, Ungarn, Rumänien und natürlich Deutschland verschärfen wird. In Zentralasien drängeln sich neben den USA bereits der chinesische, der türkische und der iranische Imperialismus, um den Platz Russlands einzunehmen;
- wird die Widersprüche innerhalb der verschiedenen Bourgeoisien verschärfen, natürlich in den USA, Russland und der Ukraine, aber auch in Deutschland oder China, wie wir in den folgenden Punkten entwickeln werden.
Entgegen der Rhetorik ihrer Führer steht die offensive und brutale Politik der Vereinigten Staaten somit an der Spitze der militärischen Barbarei und der mit dem kapitalistischen Zerfall verbundenen Zerstörung.
2.1.2. Die Strategie der USA zur Bekämpfung ihres Niedergangs hat auch die Spaltung der amerikanischen Bourgeoisie offenbart. Während in Bezug auf die Politik gegenüber China ein klarer Konsens besteht, betreffen diese Spaltungen nun die Frage, wie Russland im Rahmen der Konzentration auf den "Hauptfeind" China "neutralisiert" werden kann. Die Trump-Fraktion tendierte dazu, ein Bündnis mit Russland gegen China ins Auge zu fassen, aber diese Ausrichtung stieß auf den Widerstand großer Teile der US-Bourgeoisie und auf den Widerstand der meisten staatlichen Strukturen. Die Strategie der dominierenden Fraktionen der US-Bourgeoisie, die heute von der Biden-Administration vertreten werden, zielt stattdessen darauf ab, Russland so entscheidende Schläge zu versetzen, dass es keine potenzielle Bedrohung mehr für die USA darstellen kann: "Wir wollen Russland so schwächen, dass es nicht mehr in der Lage ist, Dinge wie eine Invasion in der Ukraine zu unternehmen"[14], und gleichzeitig eine klare Warnung an China aussprechen ("das kommt davon, wenn ihr beschließt, in Taiwan einzumarschieren").
Die Zwischenwahlen haben bestätigt, dass die Gräben zwischen Demokraten und Republikanern sowie die Spaltungen innerhalb der beiden Lager immer noch tief sind und sich verschärfen[15], während das Gewicht des Populismus und der rückständigsten Ideologien, die sich durch die Ablehnung rationalen und kohärenten Denkens auszeichnen, durch die Kampagnen zur Absetzung Trumps[16] keineswegs gestoppt werden konnte, sondern die amerikanische Gesellschaft immer stärker und dauerhafter belastet hat. Diese Spannungen innerhalb der amerikanischen Bourgeoisie (die nicht einfach auf die Irrationalität der Person Trump reduziert werden können), die durch die Neigung des Repräsentantenhauses zu den Republikanern und die neue Präsidentschaftskandidatur von Trump, der immer noch von mehr als 30 % der Amerikaner (d.h. fast 2/3 der republikanischen Wähler) favorisiert wird, für die Wahlen 2024 noch verstärkt werden, bringen eine Dosis Unsicherheit in die amerikanische Politik der massiven Unterstützung für die Ukraine und ermutigen andere Länder nicht, die Versprechen der Vereinigten Staaten für bare Münze zu nehmen.
Diese Unvorhersehbarkeit der US-Politik ist selbst (neben ihrer Polarisierungspolitik) ein Faktor, der das Chaos in der Zukunft verschärft.
2.2. Die Schwächung Russlands weckt den Appetit anderer Imperialismen und verschärft die internen Spannungen
2.2.1. Die gescheiterte Intervention in der Ukraine, die bereits katastrophal ist, wird in den kommenden Monaten noch schwerwiegendere Folgen haben. Die russische Armee hat ihre Ineffizienz unter Beweis gestellt und viele ihrer Elitesoldaten sowie einen Großteil ihrer modernsten Ausrüstung verloren. Die russische Wirtschaft wird hart getroffen, vor allem in den High-Tech-Sektoren, da aufgrund des Boykotts Rohstoffe fehlen und zahlreiche Mitglieder der technologischen Elite abwandern (1 Million Menschen sollen ins Ausland geflohen sein). Trotz enormer finanzieller Anstrengungen (50 % des Staatshaushalts werden inzwischen für die Kriegsanstrengungen aufgewendet) kann der für die langfristigen Kriegsanstrengungen entscheidende Sektor der Rüstungsindustrie nicht mithalten, und es ist bezeichnend, dass Russland auf die Hilfe Nordkoreas (Munition) und des Irans (Drohnen) zurückgreifen muss, um die Defizite der eigenen Kriegswirtschaft auszugleichen.
Aber vor allem auf der Ebene der imperialistischen Beziehungen wird Moskau immer deutlicher unter seiner Niederlage leiden. Russland ist isoliert, und selbst "befreundete" Länder wie China und Kasachstan distanzieren sich offen davon. Darüber hinaus weigern sich die verschiedenen Länder Zentralasiens, die früher der UdSSR angehörten, ihre in Russland lebenden Bürger zu mobilisieren und stehen Russland zunehmend kritisch gegenüber: Kasachstan hat 200.000 Russen aufgenommen, die vor dem Mobilisierungsbefehl geflohen sind, hat die russische Invasion ausdrücklich missbilligt und der Ukraine materielle Hilfe geleistet; Kirgisistan und Tadschikistan haben Russland offen kritisiert, weil es nicht in der Lage war, in ihren internen Konflikt einzugreifen; Armenien ist wütend darüber, dass Russland den Beistandspakt, der es im Krieg mit Aserbaidschan gebunden hat, nicht eingehalten hat; selbst Lukaschenko, der Tyrann von Weißrussland, versucht verzweifelt, sich nicht zu sehr mit Putin einzulassen. Der Zusammenbruch des russischen Einflusses in Osteuropa und Zentralasien wird die Spannungen zwischen den verschiedenen Bourgeoisien in diesen Regionen verschärfen und den Appetit der großen Aasgeier wecken, was die Destabilisierung dieser Regionen noch verstärken wird. Und zu allem Überfluss wird Russland eine von den Vereinigten Staaten mächtig bewaffnete Ukraine 500 km von Moskau entfernt akzeptieren müssen.
2.2.2. Intern werden die Spannungen zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb der russischen Bourgeoisie immer stärker und sichtbarer. Es zeigen sich mehrere Tendenzen:
Die Spaltungen innerhalb der russischen Bourgeoisie und insbesondere innerhalb der Putin-Fraktion werden immer deutlicher; wir können drei Hauptrichtungen erkennen:
- Die pro-demokratische Fraktion, die derzeit stark unterdrückt wird.
- Die Fraktion hinter Putin, die ihrerseits in 3 Fraktionen unterteilt ist:
/die "Hardliner"-Fraktion hinter dem tschetschenischen Führer Kadyrow und der Wagner-Gruppe;
/eine kleinere Fraktion, die sich dafür einsetzt, dass Putin den Krieg in der Ukraine beendet;
/eine Fraktion hinter Putin, der versucht, diese beiden Fraktionen gegeneinander auszuspielen, um seinen Einfluss auf den russischen Staat zu erhalten.
Offensichtlich ziehen sich diese Spaltungen sowohl durch die Armee und die Sicherheitsapparate als auch durch Putins Gefolge.
Von Putins politischem Überleben bis hin zum Überleben der Russischen Föderation und deren imperialistischem Status steht nach der Niederlage in der Ukraine viel auf dem Spiel: Wenn Russland in Problemen versinkt, wird es wahrscheinlich zu Abrechnungen und sogar zu blutigen Zusammenstößen zwischen rivalisierenden Fraktionen kommen. Kriegsherren wie Kadyrow oder Prigoschin (Gründer der Wagner-Gruppe) tauchen auf und stellen sich zunehmend gegen den Generalstab, ja kritisieren sogar Putin. Außerdem stammt ein Großteil der getöteten Soldaten aus einigen der ärmeren autonomen Republiken, was zu zahlreichen Demonstrationen und Sabotageakten in diesen Regionen und möglicherweise zu einer Zersplitterung der Russischen Föderation führt. Diese Widersprüche deuten auf eine Phase großer Instabilität im größten und am stärksten bewaffneten Staat der Welt hin, mit dem Risiko eines Kontrollverlusts und unvorhersehbaren Folgen für die Welt.
2.3. Der chinesische Herausforderer im Umbruch
Konnte man sich vor zwei Jahren auf der Grundlage eines empirischen Ansatzes noch vorstellen, dass China der große Gewinner der Covid-Krise war, so bestätigen die jüngsten Daten heute auf allen Ebenen, dass es im Gegenteil mit allen Arten von Destabilisierung und der Aussicht auf ernsthafte Turbulenzen konfrontiert ist.
Angesichts der Falle, die dem russischen "Verbündeten" in der Ukraine gestellt wurde, und der vernichtenden Niederlage, die dieser erlitten hat, versucht China, die Situation mit den Vereinigten Staaten zu beruhigen, deren Polarisierungspolitik sich – über Russland – grundsätzlich gegen China richtet, wie die anhaltenden Spannungen um Taiwan zeigen. Die Strategie Chinas unterscheidet sich jedoch grundlegend von der Russlands. Während Russlands einziger Trumpf seine militärische Macht als ehemaliger Blockführer ist, weiß die chinesische Bourgeoisie, dass die Entwicklung ihrer Stärke mit einem wirtschaftlichen Aufbau verbunden ist, der noch Zeit braucht, um sich zu entfalten.
Wird man ihr diese Zeit geben? Unter dem Druck der Entwicklung des militärischen Chaos und der imperialistischen Polarisierung ist China gleichzeitig mit einer gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Destabilisierung konfrontiert, was die chinesische Bourgeoisie in eine besonders unangenehme Lage bringt.
2.3.1. China ist in mehrfacher Hinsicht stark destabilisiert:
- Die Unfähigkeit Chinas, die Gesundheitskrise, die es seit Ende 2019 erlebt, in den Griff zu bekommen, hat seine Wirtschaft weitgehend lahmgelegt und seine Bevölkerung benachteiligt. Die Folgen waren gigantisch, einschließlich endloser Lockdowns, wie im November 2022, als bis zu 412 Millionen Chinesinnen und Chinesen unter schrecklichen Bedingungen in verschiedenen Teilen Chinas eingesperrt waren, oft für mehrere Monate.
- Die chinesische Wirtschaft hat durch die wiederholten Abriegelungen, die Immobilienblase und die Blockierung verschiedener Routen der "Seidenstraße" durch bewaffnete Konflikte (Ukraine) oder durch das Chaos in der Umgebung (Äthiopien) einen schweren Rückschlag erlitten.
Es wird erwartet, dass das BIP-Wachstum im Jahr 2022 nicht mehr als 3 % betragen wird, das ist das niedrigste Wachstum seit 1976 (abgesehen vom "Covid-Jahr" 2020). Von der sich verschlechternden Situation sind vor allem junge Menschen betroffen, die Arbeitslosenquote unter den arbeitssuchenden Universitätsstudentinnen und -studenten wird auf 20 % geschätzt.
- Der dramatische demografische Niedergang, der zum ersten Rückgang der Gesamtbevölkerung Chinas seit 60 Jahren geführt hat und die Bevölkerung bis zum Jahr 2100 auf etwa 600 Millionen Menschen schrumpfen lassen könnte, führt zu einer allmählichen Umkehrung der Alterspyramide und zu einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Industrie aufgrund der gestiegenen Arbeitskosten einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung sowie zu einem Druck auf das Rentensystem, das heute kaum existiert, und auf die Sozial- und Gesundheitsinfrastruktur für eine alternde Bevölkerung.
- Was die chinesische Bourgeoisie noch mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass die wirtschaftlichen Probleme in Verbindung mit der Gesundheitskrise zu großen sozialen Protestbewegungen geführt haben, obwohl die Politik des chinesischen Staates seit 1989 darauf ausgerichtet ist, soziale Unruhen größeren Ausmaßes um jeden Preis zu vermeiden. Die Bewegungen von Käufern, die durch die Schwierigkeiten und Konkurse der Immobilienriesen getäuscht wurden, aber vor allem die Unruhen, die Streiks, wie der der 200.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in der gewaltigen Fabrik des taiwanesischen Riesen Foxconn, der die iPhones von Apple zusammenbaut, und die weit verbreiteten Demonstrationen in vielen chinesischen Städten, wie Shanghai, mit den Rufen "Xi Jinping tritt zurück! Rücktritt der KPCh" haben Xi und seinen Anhängern den kalten Schweiß auf die Stirn getrieben.
2.3.2. Die Erschütterungen eines überholten neostalinistischen Modells[17]
Angesichts wirtschaftlicher und dann gesundheitspolitscher Schwierigkeiten bestand die Politik von Xi Jinping seit Beginn seiner zweiten Amtszeit (2017) darin, zu den klassischen Rezepten des Stalinismus zurückzukehren:
- An der Wirtschaftsfront hatte die chinesische Bourgeoisie seit Deng Xiao Ping einen fragilen und komplexen Mechanismus geschaffen, um ein allmächtiges Einparteiensystem aufrechtzuerhalten, das mit einer direkt vom Staat geförderten Privatbourgeoisie zusammenlebt. "Ende 2021 war die Ära der Reformen und der Offenheit von Deng Xiaoping eindeutig vorbei und wurde durch eine neue staatsorientierte Wirtschaftsorthodoxie ersetzt"[18]. In der Tat hat die dominante Fraktion hinter Xi Jinping die chinesische Wirtschaft in Richtung einer absolut stalinistischen Staatskontrolle umorientiert.
- Auf sozialer Ebene hat es die "Null Covid"-Politik Xi nicht nur ermöglicht, die rücksichtslose staatliche Kontrolle über die Bevölkerung zu verschärfen, sondern diese Kontrolle auch den regionalen und lokalen Behörden aufzuerlegen, die sich zu Beginn der Pandemie als unzuverlässig und ineffektiv erwiesen hatten. Noch im vergangenen Herbst schickte er Polizeieinheiten der Zentralregierung nach Schanghai, um lokale Behörden, die die staatlichen Kontrollmaßnahmen liberalisierten, zur Ordnung zu rufen.
Doch wie der vorangegangene Punkt zeigt, hat diese Politik der chinesischen Behörden sie in eine Sackgasse geführt. Angesichts der explosiven sozialen Proteste sah sich das Regime nämlich gezwungen, in großer Eile auf allen Ebenen einen Rückzieher zu machen und innerhalb weniger Tage die Politik aufzugeben, die es jahrelang gegen alle Widerstände verfolgt hatte:
- Es hat die "Null Covid"-Politik abrupt aufgegeben, ohne die geringste Alternative vorzuschlagen, ohne eine Immunität erreicht zu haben, ohne wirksame Impfstoffe oder ausreichende Vorräte an Medikamenten, ohne eine Politik der Impfung der Schwächsten, ohne ein Krankenhaussystem, das in der Lage ist, den Schock aufzufangen, und die unvermeidliche Katastrophe ist tatsächlich eingetreten: Die Patienten stehen Schlange, um in die überfüllten Krankenhäuser zu gelangen, und die Leichen stapeln sich vor den überfüllten Krematorien; Prognosen sagen voraus, dass bis zum Sommer voraussichtlich 1,7 Millionen Menschen sterben werden, und mehrere zehn Millionen werden von der aktuellen Viruswelle schwer betroffen sein. Darüber hinaus werden Zehntausende von Arbeiterinnen und Arbeitern entlassen, die für die Organisation der Lockdowns eingestellt wurden oder in Fabriken arbeiten, die Tests oder andere Anti-Covid-Materialien herstellen, was zu großen sozialen Verwerfungen führt.
- Das Regime überdenkt seine Politik der absoluten staatlichen Kontrolle der Wirtschaft, indem es die Kontrollen für den Zugang zu Krediten im Immobiliensektor und die antimonopolistischen Maßnahmen im Technologiesektor abbaut. Es verspricht sogar, dass ausländische Banken und Investmentgesellschaften vollständige Eigentümer von Unternehmen in China werden könnten. Doch die Skepsis unter den ausländischen Unternehmen ist nach wie vor groß, und der Abzug ausländischen Kapitals aus China ist nach wie vor massiv, während der wirtschaftliche Druck aus den USA zunimmt, insbesondere mit dem Inflation Reduction Act (Inflationsbekämpfungsgesetz) und dem CHIPS and Science Act (CHIPS- und Wissenschaftsgesetz), die sich direkt gegen die Exporte chinesischer Technologieunternehmen (z. B. Huawei) in die USA richten.
Diese Zickzack-Politik offenbart die Sackgasse eines stalinistischen Regimes, in der "die extreme Unbeweglichkeit der gesellschaftlichen Strukturen (...) praktisch keinen Raum für das Auftauchen von Oppositionskräften innerhalb der Bourgeoisie läßt, welche in der Lage sind, die Rolle eines Puffers zu spielen".[19] Der chinesische Staatskapitalismus konnte zwar die Chancen nutzen, die sich durch seinen Blockwechsel, die Implosion des Sowjetblocks und die von den USA und den großen westlichen Blockmächten vorangetriebene Globalisierung der Wirtschaft boten, aber die angeborenen Schwächen seiner stalinistischen Staatsstruktur sind jetzt angesichts der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Probleme ein großes Handicap. Die verzweifelten Zuckungen des Regimes offenbaren das Scheitern der Politik von Xi Jinping, der nach Hinterzimmerabsprachen zwischen Fraktionen innerhalb der KPCh für eine dritte Amtszeit wiedergewählt wurde, und lassen Fraktionskonflikte innerhalb eines Staatsapparats erahnen, dessen Unfähigkeit, politische Starrheit zu überwinden, das schwere Erbe des maoistischen Stalinismus offenbart.[20]
2.3.3. Eine imperialistische Politik unter Druck
Angesichts der wirtschaftlich-militärischen Offensive der Vereinigten Staaten von Taiwan bis zur Ukraine scheint die chinesische Bourgeoisie die Lehren auf imperialistischer Ebene gezogen zu haben und richtet ihre Politik im Moment auf eine Strategie aus, die darauf abzielt, die Spirale der Provokationen, ob militärisch oder nicht, zu vermeiden:
- Die von Xi 2017 eingeleitete aggressive nationalistische "Wolfskrieger"-Diplomatie wurde aufgegeben und der Sprecher des Außenministeriums, der sie verkörperte, Zhao Lijian, wurde degradiert;
- China versucht, der Strategie der Isolierung durch die Suche nach neuen Partnerschaften in alle Richtungen zu begegnen: Xi hat in drei Monaten 25 ausländische Staatsoberhäupter getroffen, um seine Wirtschaft anzukurbeln und diplomatische Beziehungen zu knüpfen (z. B. mit Deutschland, Saudi-Arabien und Europa);
- es engagiert sich zunehmend auf der internationalen Bühne, wie seine versöhnliche Haltung beim letzten G20-Gipfel in Indonesien und seine starke Beteiligung an der Konferenz von Montreal über ökologische Vielfalt zeigen
Die wirtschaftliche und militärische Aggressivität der Vereinigten Staaten nimmt jedoch durch die massive Aufrüstung Taiwans zu, aber auch durch die Erhöhung des Drucks auf Chinas "Partner" wie Iran und Pakistan. Mit dem Aufstieg des japanischen Militarismus sowie den zunehmend selbstbewussten Ambitionen Indiens kann dieser verstärkte imperialistische Druck im Mittleren Osten und im pazifischen Raum zu unvorhergesehenen Entwicklungen führen. Andererseits übt der "Strudel" von Umwälzungen und Destabilisierungen, der die chinesische Bourgeoisie trifft, auch einen starken Druck auf ihre imperialistische Politik aus und verleiht ihr ein hohes Maß an Unvorhersehbarkeit. Und es sollte klar sein, dass die Destabilisierung des chinesischen Kapitalismus unvorhersehbare Folgen für den Weltkapitalismus haben wird.
2.4. Der deutsche Imperialismus steht vor einer zunehmenden Destabilisierung
Auch Deutschland sieht sich mit einer Reihe eindeutiger Signale konfrontiert: Sein Status als militärischer Zwerg hat es gezwungen, als Mitglied der NATO zurückzustecken; die von den USA den Europäern auferlegte Blockade bei russischem Öl und Gas stürzt es in große wirtschaftliche Schwierigkeiten, zumal das Inflationsbekämpfungsgesetz und das CHIPS- und Wissenschaftsgesetz auch ein direkter Angriff auf europäische und damit insbesondere deutsche Importe sind.
2.4.1. Zum Zeitpunkt der Implosion des Sowjetblocks wies die IKS darauf hin, dass es „auf absehbare Zeit kein Land [gibt], das in der Lage wäre, den USA ein Rüstungspotential entgegenzusetzen, das ihm erlauben würde, die Stellung des Führers eines mit den USA rivalisierendes Blocks anzustreben"[21]; und dass die einzige imperialistische Macht, die längerfristig potenziell in der Lage ist, zum zentralen Kern eines mit den Vereinigten Staaten konkurrierenden Blocks zu werden, nach unserer Analyse Deutschland sei: "Was Deutschland angeht, dem einzigen Land, das möglicherweise wieder in die Rolle schlüpfen kann, die es schon in der Vergangenheit innehatte, so gestattet es seine gegenwärtige Militärmacht (es verfügt nicht einmal über Atomwaffen!) ihm nicht, auf absehbare Zeit den USA auf diesem Terrain entgegenzutreten. Und in dem gleichen Maße, wie der Kapitalismus in seiner Dekadenz versinken wird, ist es für einen Blockführer immer unerläßlicher, über erdrückende militärische Überlegenheit zu verfügen, um seinen Rang zu verteidigen."[22]
Deutschland befand sich damals jedoch in einer besonders komplexen Situation: Es stand vor der enormen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Herausforderung, die ehemalige DDR in sein industrielles Gefüge zu integrieren, während ausländische Truppen (amerikanische, aber auch aus anderen NATO-Ländern) auf seinem Territorium stationiert waren. Diese gigantische finanzielle Anstrengung zur "Wiedervereinigung" des geteilten Landes machte es unmöglich, die erheblichen Investitionen zu tätigen, die es gebraucht hätte, um die Streitkräfte auf das erforderliche Niveau zu bringen, wobei die Teilung des Landes und die Demontage der Streitkräfte natürlich die Folge der Niederlage von 1945 waren.[23] In diesem Zusammenhang hat die deutsche Bourgeoisie in den letzten zwanzig Jahren eine entschlossene wirtschaftliche und imperialistische Expansionspolitik in Richtung Osten entwickelt, indem sie viele östliche Länder zu Zulieferern ihrer Industrie machte und gleichzeitig ihre stabile und billige Energieversorgung durch Gas- und Ölabkommen mit Russland sicherstellte, was es ihr auch ermöglichte, die Globalisierung der Wirtschaft voll auszunutzen. Gleichzeitig sicherte sie sich durch die Integration der osteuropäischen Staaten in die EU auch eine politische Vormachtstellung innerhalb der EU.
2.4.2. Die illusorische Hoffnung, ihre imperialistische Macht ohne den Einsatz des Militarismus und den Aufbau einer konsequenten Militärmacht entwickeln zu können, hat sich durch den Krieg in der Ukraine zerschlagen. Die deutsche Bourgeoisie hat jedoch alles getan, um die Partnerschaft mit Russland trotz des Konflikts aufrechtzuerhalten:
- Sie hat Scheinfirmen gegründet, um das gemeinsame Projekt mit Russland für Pipelines unter der Ostsee (North Stream 1 und 2) fortzusetzen, trotz der Androhung von Wirtschaftssanktionen durch die USA;
- sie hat (wie Frankreich) eine intensive Diplomatie gegenüber Putin entwickelt, um zu versuchen, den Konflikt zu vermeiden oder zu begrenzen;
- sie hat erwogen, die russische Operation gegen die Ukraine mit der Vorstellung eines schnellen Sieges zu unterstützen, der dann nur begrenzte Auswirkungen auf die Wirtschaftsbeziehungen haben würde (nach den Äußerungen von Boris Johnson gegenüber CNN).
Der intensive Krieg, der durch massive US-Waffenlieferungen finanziert und aufrechterhalten wird, setzt Berlin besonders unerträglich unter Druck, aber dies ist eine Erweiterung der bereits deutlichen Feindseligkeit der Trump-Administration gegenüber der autonomen Politik des deutschen Imperialismus, die seine Position als militärischer Zwerg hervorhebt und seine Energieversorgungsquellen unter die Kontrolle anderer stellt.
2.4.3. Angesichts dessen hat die deutsche Bourgeoisie, die in die Falle getappt ist, alle Maßnahmen ergriffen, um (a) ihre militärische Position zu stärken, (b) neue Wirtschaftspartnerschaften zu suchen und (c) ihre imperialistische Präsenz in Osteuropa aufrechtzuerhalten:
(a) Angesichts der bitteren Erkenntnis, dass es illusorisch war, imperialistische Ambitionen durchzusetzen, ohne sie mit einer konsequenten militärischen Macht zu begleiten, hat sie den Militäretat verdoppelt (es wird 8 Jahre dauern, um die deutsche Armee auf den neuesten Stand zu bringen) und drakonische wirtschaftliche und energiepolitische Maßnahmen ergriffen, um die Verteidigung ihrer industriellen Struktur zu gewährleisten;
(b) sie hat sich auf die Suche nach neuen strategischen Allianzen begeben, insbesondere mit China, wie der überraschende Alleingang von Bundeskanzler Scholz am 4. November 2022 bei Xi zeigt, der unter anderem den Kauf von 25 % der Anteile am Hamburger Hafen durch Peking beinhaltete: "Dieser Besuch des deutschen Bundeskanzlers in Peking ist umso merkwürdiger, als die 27 Mitgliedstaaten auf ihrem letzten Gipfel im Oktober letzten Jahres drei Stunden lang darüber diskutiert hatten, wie sie mit Peking umgehen sollten. Der europäische Ton war damals sehr viel härter geworden, und die baltischen Länder (...) hatten die EU aufgefordert, im Umgang mit China äußerste Vorsicht walten zu lassen"[24].
(c) Sie kündigte ihre Bereitschaft an, einen umfangreichen Marshallplan für den Wiederaufbau der Ukraine zu finanzieren.
2.4.4. Diese Reaktionen der deutschen Bourgeoisie auf die US-Offensive verschärfen die Spannungen und die "Jeder für sich"-Haltung nicht nur gegenüber den USA, sondern auch innerhalb Europas selbst. So haben die deutschen Entscheidungen, Kampfflugzeuge bei den USA zu bestellen und einen auf deutscher und israelischer Technologie basierenden Raketenabwehrschild aufzubauen, indem die mit Frankreich geplanten hochentwickelten Waffenprogramme (Flugzeuge und Panzer) eingefroren wurden, zu großen Rissen zwischen Frankreich und Deutschland, dem Rückgrat der EU, geführt.
Der französische Imperialismus hat beschlossen, eine Deutsch-Französische Ministerrats-Sitzung zu verschieben, und hat seine Weigerung zum Ausdruck gebracht, eine Gaspipeline zu bauen, die Spanien und Deutschland verbinden würde, um Gas aus Afrika zu holen. Der letzte gemeinsame Deutsch-Französische Rat im Januar 2023 hat die Situation nicht verändert, trotz der rhetorischen gemeinsamen Erklärungen: "Emmanuel Macron und Olaf Scholz haben am Sonntag in Paris eine symbolische Show zum 60. Jahrestag des Élysée-Vertrags veranstaltet, aber keine starken Vorschläge zur Unterstützung der Ukraine, zur europäischen Verteidigung oder zur Energiekrise gemacht"[25]. Es liegt jedoch nicht im Interesse Deutschlands, sich zu weit von Frankreich zu entfernen, das die erste Militärmacht in Europa darstellt und eine zentrale Säule für die Aufrechterhaltung einer um Deutschland herum gruppierten EU ist.
Der Ansatz der deutschen Regierung, dass jeder für sich selbst handelt, wenn es um wirtschaftliche Maßnahmen, die Beziehungen zu China oder die Zukunft der Ukraine geht, führt zu zunehmenden Spannungen mit anderen Ländern in der EU, insbesondere mit einigen osteuropäischen Ländern, wie den baltischen Staaten oder Polen, die die Politik der USA stark unterstützen.
Diese Politik von Scholz führt auch zu Spaltungen innerhalb der deutschen Bourgeoisie (einige der Grünen in der Regierung waren beispielsweise gegen Scholz' Reise nach China), und im Gegensatz zur SPD befürworten die anderen Regierungsparteien (FDP und Grüne) eher die US-Politik gegenüber Russland. Diese Differenzen zwischen den Fraktionen der deutschen Bourgeoisie dürften sich mit der Verschärfung der Wirtschaftskrise und dem Druck auf die deutsche Wirtschaft und die imperialistische Position des Landes weiter vertiefen und eine zunehmende politische Instabilität ankündigen, mit der Gefahr eines stärkeren Einflusses populistischer Bewegungen[26] angesichts der sich verschlechternden sozialen Lage.
Die Explosion des Militarismus ist das Beispiel schlechthin für die qualitative Verschärfung der Periode des Zerfalls und kündigt gleichzeitig eine unvermeidliche Verschärfung des Chaos und des "Jeder für sich" an.
- Die Explosion der Militärbudgets: Neben den Vereinigten Staaten, die ihr Militärbudget, das bereits 8,3 % des Staatshaushalts ausmacht, weiter aufstocken, war bereits vor dem Krieg in der Ukraine ein deutlicher Anstieg der Militärausgaben zu verzeichnen, vor allem in Asien, in China (5 % des Budgets), Indien (das nach den "großen Zwei" das drittgrößte Land in Bezug auf die Militärausgaben ist), Pakistan und Südkorea. Seitdem ist als direkte Folge der Invasion in der Ukraine eine phänomenale Beschleunigung zu verzeichnen, vor allem bei den Großmächten wie Japan, das innerhalb von 5 Jahren 320 Milliarden Dollar für seine Streitkräfte bereitgestellt hat, die höchsten Rüstungsausgaben seit 1945, und vor allem in Westeuropa mit Deutschland, das seinen Verteidigungshaushalt ebenfalls um 107 Milliarden Euro erhöht hat, aber auch Frankreich und Großbritannien. Auch kleinere Imperialismen wie die Türkei (die bereits die zweitgrößte Armee in der NATO hat) oder Saudi-Arabien und in Europa ein Land wie Polen, das die stärkste Armee in Europa haben will, rüsten bis an die Zähne auf.
- Die Ausweitung des Militarismus auf den Weltraum und die Wiederbelebung der atomaren Macht: Das Wettrüsten erstreckt sich zunehmend auf die Eroberung der Erdumlaufbahn und des Weltraums. Auch hier ziehen die Vereinigten Staaten, aber auch China, alle Register, und die letzten Anzeichen von Kooperation schwinden. Schließlich "vergrößern oder modernisieren alle Atomwaffenstaaten ihre Arsenale, und die meisten verstärken die nukleare Rhetorik und die Rolle der Atomwaffen in ihrer Militärstrategie. Dies ist ein sehr beunruhigender Trend"[27].
- Die Verstärkung der Umsetzung der Kriegsökonomie: Der Krieg in der Ukraine wirft eindeutig die Frage nach der Neuausrichtung in den "Denkfabriken" der Bourgeoisie, der Finanzinvestitionen und vor allem der Mittel zur Sicherung des Zusammenhalts der Bevölkerungen auf:
"Deshalb ist die Fähigkeit, die Ukraine mit genügend Waffen auszustatten, um den Krieg zu gewinnen, eine wachsende Sorge, es geht um eine Art Übergang zu einer Kriegsökonomie in Friedenszeiten, (...) Und die westlichen Führer werden mit ihren Bevölkerungen eine offene Diskussion über die zukünftigen Kosten der Verteidigung und Sicherheit führen müssen, es ist eine Anstrengung der ganzen Nation, aller Nationen, denn es geht nicht nur darum, dass der Verteidigungsminister mehr Ausrüstung [bei der Industrie] bestellt. Es geht darum, eine Diskussion darüber zu führen, wie wir die Produktion steigern können. Die Schwachstellen in der Rüstungslieferkette sind nicht nur auf die niedrigen öffentlichen Ausgaben zurückzuführen, sondern auch auf die gesellschaftliche Einstellung und die Zurückhaltung der Finanzinstitute bei Investitionen in Rüstungsunternehmen".[28]
Wir haben darauf hingewiesen, dass "die Aggregation und Interaktion zerstörerischer Phänomene zu einem "Strudel" [führt], der jede seiner Teilwirkungen bündelt, katalysiert und vervielfacht, indem er noch verheerendere Verwüstungen verursacht".[29] Wenn die Wirtschaftskrise in letzter Instanz die Hauptursache für die Tendenz zum Krieg ist, wird diese Tendenz nun in eine Verschärfung der Wirtschaftskrise umgewandelt. In der Tat sind Krieg und Militarismus weit davon entfernt, die Wirtschaft anzukurbeln, sondern sie verschärfen die Krise. Diese Ausgabenexplosion als Folge des Ukraine-Konflikts wird die Verschuldung der Staaten verschlimmern, die eine weitere Belastung für die Wirtschaft darstellt. Sie wird zu einer Beschleunigung des Inflationsanstiegs führen, der eine weitere Bedrohung für das Wirtschaftswachstum darstellt; die Bekämpfung der Inflation wiederum erfordert eine Kreditverknappung, die nur zu einer offenen Rezession führen kann, was ebenfalls eine Verschärfung der Wirtschaftskrise bedeutet. Schließlich hat der Krieg in der Ukraine zu einem enormen Anstieg der Energiekosten geführt, der die gesamte Industrieproduktion belastet, sowie zu einer Verknappung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und zu einer Verlangsamung des Welthandels.
Kurz, „die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts werden zu einer der krisenhaftesten Zeiten in der Geschichte“[30], denn die von der Kommunistischen Internationale 1919 aufgestellte Alternative "Sozialismus oder Barbarei" konkretisiert sich zunehmend als "Sozialismus oder Zerstörung der Menschheit".
[1] Die IKT verwendet zuweilen den Begriff der Dekadenz, ohne jedoch seine Implikationen zu erläutern, und sie versäumt es auch, den Begriff des revolutionären Defätismus unter Berücksichtigung der Merkmale des gegenwärtigen Kontextes neu zu überdenken. Siehe unsere Kritik der No War But The Class War-Komitees:
Zur Geschichte der Gruppen "Kein Krieg außer dem Klassenkrieg [174], World Revolution 393
No War But The Class War, Paris: ein Komitee, das seine Teilnehmer in eine Sackgasse führt [175], World Revolution 395
[3] Bericht über die imperialistischen Spannungen (Mai 2022): Bedeutung und Auswirkungen des Krieges in der Ukraine [121], Internationale Revue 58
[5] Internationale Revue 58 [116]
[6] zitiert in Militarismus und Zerfall (2022) [116]
[7] Bericht an die Konferenz der Gauche Communiste de France von Juli 1945
[8] Vgl. dazu den Bericht über den Klassenkampf vom 25. Kongress des IKS, der in Kürze veröffentlicht wird.
[9] Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Vernichtung der Menschheit auf [160], Internationale Revue (online, 2022)
[10] Siehe dazu die Pläne für den Wiederaufbau der Ukraine.
[11] Siehe dazu die jüngsten Wahlen in Brasilien.
[12] Vgl. das "Reichsburger"-Komplott, in das bedeutende Teile der Sicherheitsdienste verwickelt waren.
[13] Vgl. die Annäherung an Russland.
[14] US-Verteidigungsminister Lloyd Austin bei seinem Besuch in Kiew am 25.04.2022. Die Biden-Fraktion will also Russland für seine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Amerikas "büßen" lassen, zum Beispiel für seine Versuche, die letzten Präsidentschaftswahlen zu manipulieren.
[15] Vgl. die Wahl des republikanischen Sprechers des Repräsentantenhauses.
[16] Z. B. die verschiedenen drohenden Klagen.
[17] "Das offensichtlichste, bekannteste Merkmal der osteuropäischen Länder, auf dem übrigens der Mythos ihres ‚sozialistischen Charakters’ beruht, ist der extrem hohe Grad der Verstaatlichung ihrer Wirtschaft (...) Der Staatskapitalismus ist kein auf diese Länder beschränktes Phänomen. (...) Zwar ist die Tendenz zum Staatskapitalismus also eine weltweite geschichtliche Gegebenheit, jedoch zieht sie nicht alle Länder gleichermaßen in Mitleidenschaft (...) In den fortgeschrittenen Ländern, wo es eine alte Industrie- und Finanzbourgeoisie gibt, äußert sich diese Tendenz im Allgemeinen in einer fortschreitenden Verflechtung zwischen "privaten" und verstaatlichten Sektoren. (...) Die Tendenz zum Staatskapitalismus nimmt die extremste Form dort an, wo der Kapitalismus die größten Widersprüche erlebt, wo die klassische Bourgeoisie am schwächsten ist. In diesem Sinne ist die direkte Übernahme der Hauptproduktionsmittel durch den Staat, die den Ostblock (und zum Großteil auch die 'Dritte Welt') charakterisiert, in erster Linie eine Manifestation der Rückständigkeit und Zerbrechlichkeit ihrer Wirtschaft" (Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern [8], Internationale Revue 12).
[18] Foreign Affairs, zitiert in Courrier International Nr. 1674
[19] Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern [8], Internationale Revue 12
[20] "(...) für ein entwickeltes Nationalkapital, das von verschiedenen Teilen der Bourgeoisie "privat" vereinnahmt wird, ist die parlamentarische Demokratie der angemessenste politische Apparat“ (während) „der fast vollständigen Verstaatlichung der Produktionsmittel (...) die totalitäre Macht einer Einheitspartei" entspricht (ebd.)
[21] Orientierungstext: Militarismus und Zerfall [55], Internationale Revue 13
[22] ebd.
[23] Die deutliche Senkung der unproduktiven Ausgaben in den 1950er und 60er Jahren war jedoch die Grundlage für den beeindruckenden Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft.
[24] "Olaf Scholz solo in Peking", P.-A. Donnet, Asialyst 05.11.2022
[25] "Zwischen Frankreich und Deutschland, eine trügerische Annäherung", Le Monde 23.01.2023
[26] Vgl. das "Reichsburger"-Komplott.
[27] Wilfred Wan, Direktor des SIPRI-Programms für Massenvernichtungswaffen, SIPRI-Bericht, 05.12.2022
[28] Admiral R. Bauer, Leiter des NATO-Militärausschusses, in https://www.defenseone.com [176]
[29] Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Zerstörung der Menschheit auf [160], Internationale Revue (online, 2022)
[30] ebd.
Die vom 24. IKS-Kongress verabschiedete Resolution bot einen Rahmen, um die Organisation durch die sich entwickelnde Wirtschaftskrise zu führen. Darin heißt es: "Das Ausmaß und die Bedeutung der Auswirkungen der Pandemie als Produkt der Agonie eines Systems, das sich in völliger Zersetzung befindet und völlig obsolet ist, veranschaulicht die beispiellose Tatsache, dass das Phänomen der kapitalistischen Zersetzung nun auch massiv und in globalem Maßstab die gesamte kapitalistische Wirtschaft betrifft. Dieses Eindringen der Auswirkungen des Zerfalls in die Wirtschaftssphäre wirkt sich direkt auf die Entwicklung der neuen Phase der offenen Krise aus und läutet eine in der Geschichte des Kapitalismus noch nie dagewesene Situation ein. Die Auswirkungen des Zerfalls, welche die Mechanismen des Staatskapitalismus, die bisher zur "Begleitung" und Begrenzung der Auswirkungen der Krise eingerichtet wurden, tiefgreifend verändern, bringen einen Faktor der Instabilität und Zerbrechlichkeit, der wachsenden Unsicherheit in die Situation ein." (Punkt 14)
Sie erkannte auch die vorherrschende Rolle des "Jeder für sich" in den Beziehungen zwischen den Nationen und, dass das "Vorpreschen der "verantwortungsvollsten" bürgerlichen Fraktionen in Richtung eines zunehmend irrationalen und chaotischen Managements des Systems und vor allem das beispiellose Voranschreiten dieser Tendenz hin zu „jedem für sich“ (...) einen zunehmenden Kontrollverlust der herrschenden Klasse über ihr eigenes System" offenbart (Punkt 15). Diese Tendenz ruft "ein wachsendes Chaos innerhalb der Weltwirtschaft [hervor] (mit der Tendenz zur Zersplitterung der Produktionsketten und der Aufteilung des Weltmarktes in regionale Zonen, zur Stärkung des Protektionismus und der Vervielfachung einseitiger Maßnahmen), [so] ist dieser völlig irrationale Zug jeder Nation, sich auf Kosten aller anderen zu retten, kontraproduktiv für jedes nationale Kapital und eine Katastrophe auf Weltebene und ein entscheidender Faktor für die Verschlechterung der gesamten Weltwirtschaft" (Punkt 15).
Sie unterstreicht, dass "die Folgen der rasenden Umweltzerstörung durch den sich zersetzenden Kapitalismus, die Phänomene der Klimaveränderung und der Zerstörung der Artenvielfalt (...) mehr und mehr alle Volkswirtschaften [betreffen], an ihrer Spitze die entwickelten Länder, (...) das Funktionieren des industriellen Produktionsapparates [stören] und (...) auch die Produktivität der Landwirtschaft [schwächen]. Die globale Klimakrise und die daraus resultierende zunehmende Desorganisation des Weltmarktes für Agrarprodukte bedrohen die Ernährungssicherheit vieler Staaten." (Punkt 17)
Auch wenn die Resolution nicht den Ausbruch eines Krieges zwischen Nationen vorsah, so hieß es doch: "(...) wir können die Gefahr einseitiger militärischer Ausbrüche oder sogar grotesker Unfälle nicht ausschließen, die eine weitere Beschleunigung des Abgleitens in die Barbarei bedeuten würden“ (Punkt 13).
Und es ist klar: "Die Krise, die sich bereits seit Jahrzehnten abzeichnet, wird die schwerste der gesamten Dekadenzperiode werden, und ihre historische Bedeutung wird sogar die erste Krise dieser Epoche, die Krise, die 1929 begann, übertreffen. Nach mehr als 100 Jahren Zuspitzung kapitalistischer Dekadenz, mit einer Wirtschaft, die durch den Militärsektor verwüstet, durch die Auswirkungen der Umweltzerstörung geschwächt, in ihren Reproduktionsmechanismen durch Verschuldung und staatliche Manipulationen tiefgreifend verändert, der Pandemie zum Opfer gefallen ist und zunehmend unter allen anderen Auswirkungen der Zersetzung leidet, ist es eine Illusion zu glauben, dass es unter diesen Bedingungen eine dauerhafte Erholung der Wirtschaft geben wird."[1]
Also:
- Die Beschleunigung des Zerfalls und die Auswirkungen ihrer kumulativen Effekte auf die bereits stark degradierte kapitalistische Wirtschaft;
- der Ausbruch des Krieges und die weltweite Zunahme des Militarismus, die die Situation drastisch verschlechtern;
- die Zunahme des "Jeder für sich" zwischen den Nationen auf allen Ebenen vor dem Hintergrund eines immer schärferen Wettbewerbs zwischen China und den USA um die globale Vorherrschaft;
- der Verzicht auf ein Mindestmaß an Regeln und Zusammenarbeit zwischen den Nationen, um die Widersprüche und Erschütterungen des Systems zu bewältigen;
- das Fehlen einer Lokomotive, die die kapitalistische Wirtschaft wiederbeleben könnte;
- die Perspektive der totalen Verarmung steht nun für das Proletariat der zentralen Länder auf der Tagesordnung;
all diese Indikatoren weisen auf die historische Schwere der gegenwärtigen Krise hin und veranschaulichen den Prozess des "inneren Zerfalls" des Weltkapitalismus, wie er von der Kommunistischen Internationale 1919 proklamiert wurde.
Ein französischer Großindustrieller fasste es so zusammen: „Was in den letzten zwei Jahren außergewöhnlich war, ist, dass Krisen beginnen, aber nicht aufhören. Es gibt einen echten Akkumulationseffekt. Die Covid-Krise begann im Jahr 2020, aber sie ist immer noch da! Seitdem sind wir mit extremem Druck und Unterbrechungen in den Versorgungsketten konfrontiert, mit einem tiefgreifend veränderten Verhältnis zur Arbeit, mit einem Krieg an den Grenzen Europas, mit der Energiekrise und der Rückkehr der Inflation und schließlich mit der Verwirklichung des Klimawandels (...) Die Schocks summieren sich. Sie sind plötzlich und heftig.“ (Les Echos 21.-22.10.2022) In einer historischen Situation, in der sich die verschiedenen Zerfallseffekte in einem verheerenden Wirbelsturm vereinen, ineinandergreifen und interagieren, mit der globalen Erwärmung und der ökologischen Krise, dem „Jeder für sich“ in den Beziehungen zwischen den Staaten und allgemein den grundlegenden Widersprüchen des Kapitalismus, werden der Krieg und seine Auswirkungen zum zentralen Verschärfungsfaktor der Wirtschaftskrise:
- Die Zerstörung der Ukraine: Der Umfang der Wirtschaft ist auf 40 % des ursprünglichen Umfangs geschrumpft. Nach Angaben des ukrainischen Premierministers "wurde der Schaden im Herbst auf 350 Milliarden Dollar geschätzt. Diese Schätzungen dürften sich jedoch bis Ende des Jahres auf 700 Milliarden Dollar verdoppeln, was auf die massiven Angriffe Moskaus auf unsere Infrastruktur zurückzuführen ist. (...) Die derzeitigen Stromausfälle werden voraussichtlich einen Verlust von 3 bis 9 % des BIP bedeuten“.[2] Die militärischen Anstrengungen verschlingen 30 % der Ressourcen; die fehlenden Haushaltseinnahmen haben die Regierung gezwungen, sich zu verschulden und Geld zu drucken.
- Inflation: Diese Entwicklung treibt die Inflation weltweit in die Höhe: 7,2 % in den Industrieländern, 9,8 % in den Schwellenländern, 13,8 % im Nahen Osten und in Zentralasien und 14,4 % in Afrika südlich der Sahara. In der EU liegt der Durchschnitt bei 10 %, wobei dieser Wert in einigen EU-Ländern höher ist: In Lettland und Litauen liegt er bei 22 %, in den Niederlanden bei 17 %. Die USA erreichten Mitte 2022 einen Höchststand von 9 % und fielen bis Ende 2022 auf 7,1 %.
- Die Verschärfung der weltweiten Nahrungsmittelkrise und Hungersnöte: Der Krieg, der zwei wichtige Getreide- und Düngemittelproduzenten gegeneinander ausspielt, hat zu einem "beispiellosen Anstieg des Hungers geführt, der schlimmer ist als jeder andere seit dem Zweiten Weltkrieg"[3]: "Der Schock wird durch andere große Probleme verschärft, die bereits zu höheren Preisen und Warenknappheit geführt haben, darunter die Covid-19-Pandemie, logistische Engpässe, hohe Energiekosten und die jüngsten Dürren, Überschwemmungen und Brände."[4] Die weltweite Getreideproduktion ist zurückgegangen: China steht nach schweren Überschwemmungen im Jahr 2021 vor der schlechtesten Weizenernte seit Jahrzehnten, und in Indien sind die Ernteerträge in diesem Jahr aufgrund beispielloser Hitzewellen „deutlich geringer ausgefallen". Die steigenden Preise und die "Bedrohung der Lebensmittelsicherheit" haben eine "Welle des Lebensmittelprotektionismus" ausgelöst: Indien verbietet die Ausfuhr von Getreide oder führt Quoten ein (in Argentinien, Kasachstan, Serbien...), um die heimische Versorgung zu gewährleisten. Während der amerikanische Winterweizen "in einem schlechten Zustand" ist, gehen Frankreichs Reserven "zur Neige" und "die Welt steht vor einer Weizenknappheit".[5]
- Die kapitalistische Anarchie erreicht neue Dimensionen. Die Organisation der Produktions- und Versorgungsketten, die jedes nationale Kapital bisher ohne Konsequenzen einer Vielzahl von Abhängigkeiten aussetzte, und der Welthandel, der bisher ohne Einschränkungen ablaufen konnte, sind durch die Pandemie und den Krieg untergraben worden, was die Situation verändert hat. Die Abriegelung Chinas, die Sanktionen gegen Russland und die Auswirkungen des Handelskriegs zwischen den USA und China haben zu vielfältigen Blockaden und Unterbrechungen sowohl in der Produktion als auch im Handel geführt und Chaos und Anarchie verursacht; in vielen Bereichen kommt es zu Engpässen: z.B. bei Computerchips, medizinischen Produkten, Rohstoffen.
- Die Entwicklung des Militarismus und der Rüstungsproduktion. Eine der wichtigsten Folgen des Krieges ist die Steigerung der Rüstungsausgaben in allen Staaten in schwindelerregende Höhen. Die Belastung der Volkswirtschaft durch die Militärausgaben (ein totes Gewicht für das Kapital), die beschleunigte Zunahme der Rüstungsproduktion, die mögliche Umwandlung strategischer Sektoren in Militärindustrien, die daraus resultierende Verschuldung und der Rückgang der Investitionen in anderen Wirtschaftssektoren werden die Volkswirtschaften und den Welthandel erheblich verändern.
Mit dem Ziel, die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt "ausbluten zu lassen", haben die westlichen Sanktionen gegen Russland ein echtes "schwarzes Loch" in der Weltwirtschaft mit noch unbekannten Folgen aufgerissen. Auch wenn die russische Wirtschaft noch nicht zusammengebrochen oder (wie von Biden versprochen) zweigeteilt ist, wird die russische Wirtschaft erstickt und in den Ruin getrieben, gefangen in der Falle des anhaltenden Krieges und erdrosselt durch die von den USA verhängten Vergeltungsmaßnahmen. Mit einem Rückgang des BIP um 11 % und einer Inflation von 22 % haben die Wirtschaftssanktionen die russischen Kriegsanstrengungen geschwächt[6] und in der Industrie lähmende Engpässe verursacht. Das Embargo auf Halbleiter schränkt die Produktion von Präzisionsraketen und Panzern ein.[7]
Durch den Rückzug ausländischer Hersteller ist der Automobilsektor fast vollständig zusammengebrochen (97 %). Die Sektoren Luftfahrt (von strategischer Bedeutung) und Luftverkehr (von entscheidender Bedeutung für ein so großes Land), die vollständig von westlichen Technologien abhängig sind, wurden schwer getroffen.
Da Hunderttausende von Russen ins Ausland fliehen, erleidet die russische Wirtschaft einen massiven Verlust an Arbeitskräften, insbesondere im IT-Sektor, aus dem 100.000 Spezialisten abgewandert sind.
Die von China und denjenigen, die sich den westlichen Sanktionen widersetzen (Indien, die Türkei, die Abnehmer russischer Energie), angebotene Hilfe mag eine vorübergehende Atempause verschaffen, aber sie kann den Wegfall der westlichen Märkte nicht kompensieren, ganz im Gegenteil. Die Durchsetzung des europäischen Embargos gegen russisches Öl ab Anfang Dezember (in einem Umfang, der diesen Käufen entspricht) wird diesen "frischen Wind" zerstören.
Während die chinesischen Importe aus Russland gestiegen sind, sind die Exporte nach Russland im Einklang mit denen aus dem Westen gesunken (aufgrund der vorsichtigen Umsetzung der meisten westlichen Sanktionen durch China[8]). Die Widerstandsfähigkeit des Rubels und sogar sein Anstieg gegenüber dem Dollar spiegeln dieses massive Ungleichgewicht zwischen dem hohen Volumen an Öl- und Gasexporten und dem parallelen Einbruch der Importe infolge der Sanktionen wieder und sind keineswegs ein Zeichen von Stärke. Die Finanzsanktionen und das Einfrieren von 40-50% der russischen Reserven sowie das Verbot der Nutzung des SWIFT-Systems haben die praktische Fähigkeit des Landes, Auslandszahlungen zu leisten, sowie die Glaubwürdigkeit der Kreditwürdigkeit des russischen Staates zunehmend beeinträchtigt.
Trotz der scheinbaren Widerstandsfähigkeit Russlands sind die Sanktionen eine gewaltige Kriegswaffe und werden mittelfristig erhebliche Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben, und wegen ihrer "verzögerten" Wirkung wird die Verlängerung des Krieges das Mittel sein, mit dem die USA ihr Ziel der "Zerstörung" der russischen Wirtschaft erreichen.
Der seismische Schock des Krieges stellt eine wichtige "epochale Veränderung" dar, die nicht nur die einzelnen Nationen, insbesondere die europäischen, sondern auch die internationale Situation betrifft.
"(Von März bis August) erhielt die Ukraine 84 Milliarden Euro von 40 Partnerstaaten und EU-Institutionen – die wichtigsten Verbündeten sind die USA, EU-Institutionen, Großbritannien, Deutschland, Kanada, Polen, Frankreich, Norwegen, Japan und Italien." "Zwischen September und Dezember 2022 könnte die Ukraine bis zu 30 Milliarden Dollar erhalten." Die EU spielt eine zentrale Rolle "bei der Aufrechterhaltung der makrofinanziellen Stabilität der Ukraine" (durch die Bereitstellung von 10 Milliarden Euro zwischen März und September 2022)[9]. Die wirtschaftliche Schockwelle des Krieges in der Welt wirkt sich nicht in gleicher Weise sofort und mittelfristig auf die wichtigsten Gebiete des Planeten aus. Das europäische Kapital leidet unter den brutalsten Auswirkungen. Es handelt sich um eine beispiellose Destabilisierung ihres "Wirtschaftsmodells" für diese Länder.
Aufgrund der von den USA gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen sind europäische Unternehmen, die stärker in Russland engagiert sind als amerikanische, direkter vom Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland betroffen.
Das russische Gasembargo hat enorme Auswirkungen auf Europa: "Die wirklichen Bomben fallen in der Ukraine, aber es ist, als ob auch die industrielle Infrastruktur der EU zerstört worden wäre. Der Kontinent wird eine heftige Industriekrise erleben. Das wird ein furchtbarer Schock für die öffentlichen Finanzen und für die mittleren und armen Klassen in den europäischen Ländern sein."[10] Wie J. Borrell sagte: "Die Vereinigten Staaten haben sich um unsere Sicherheit gekümmert. China und Russland bildeten die Grundlage für unseren Wohlstand. Diese Welt gibt es nicht mehr (...) Unser Wohlstand beruhte auf der Energie aus Russland, seinem Gas, das angeblich billig, stabil und risikofrei war. All das war falsch (...) Dies wird zu einer tiefgreifenden Umstrukturierung unserer Wirtschaft führen."
Jedes Kapital sieht sich mit fast unlösbaren Widersprüchen und Dilemmata konfrontiert und muss drastische und dringende wirtschaftliche und strategische Entscheidungen treffen, um seine nationale Souveränität zu schützen und seinen Weltrang zu sichern.
1. Obwohl sich das Wachstum bereits vorher verlangsamt hatte, führte der starke Anstieg der Energiepreise (der Gaspreis hat sich im Vergleich zu 2010 verzwanzigfacht) bereits zu einem Abschwung in ganzen Industriesektoren, die stark von Energieimporten abhängig und in denen große Teile des Geschäfts nicht mehr rentabel oder wettbewerbsfähig waren. Einige von ihnen mussten die Produktion drosseln (Chemie, Glas, Hochöfen in der Stahlindustrie, Aluminium usw.), um die exorbitanten Kosten auszugleichen, während viele Insolvenzen aufgrund des dramatischen Rückgangs der Rentabilität drohen.
2. Angesichts des Ernstes der Lage griff der Staat massiv ein, indem er die wichtigsten Energieunternehmen, Uniper in Deutschland und EDF in Frankreich, verstaatlichte und "finanzielle oder Zollschranken" errichtete, um die Unternehmen zu schützen und die Auswirkungen auf Unternehmen und Einzelpersonen abzufedern.
3. In den europäischen Ländern besteht die reale Gefahr einer Deindustrialisierung und eines wirtschaftlichen Abstiegs aufgrund der anhaltenden Differenz der Energiepreise zwischen Europa und den USA und Asien. In dieser Atmosphäre des "Sich-selbst-Rettens" neigen diejenigen, die dazu in der Lage sind, dazu, europäische Aktivitäten, deren Überleben bedroht ist, in amerikanische oder asiatische Gebiete zu verlagern, wo die Energiepreise niedriger sind.
4. Mit dem Versiegen der russischen Gaslieferungen ist zu befürchten, dass die Produktion in den am stärksten gefährdeten Sektoren wie der Chemie-, Metallurgie-, Holz-, Papier-, Kunststoff- und Kautschukindustrie eingeschränkt oder sogar unterbrochen werden muss, zum Beispiel in Frankreich während des Winters. Hinzu kommt der Stromschock: Aufgrund unzureichender Investitionen und des maroden Zustands der Kernkraftwerke könnten Stromausfälle bereits im Januar nächsten Jahres zu einer Verringerung oder gar Stilllegung der Produktion und zu einem Chaos in Sektoren wie Verkehr, Lebensmittelverarbeitung und Telekommunikation in der fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt führen![11]
Die Aushöhlung des deutschen Kapitals: Gerade in Deutschland scheinen sich alle Widersprüche dieser beispiellosen Situation zu konzentrieren und zu explodieren. Das Ende der russischen Gaslieferungen bringt das deutsche Kapital in eine Situation beispielloser strategischer und wirtschaftlicher Fragilität: Die Wettbewerbsfähigkeit seines gesamten Produktionssektors steht auf dem Spiel[12] und das deutsche (und europäische) Kapital läuft Gefahr, von der Abhängigkeit von russischem Gas zu einer Abhängigkeit von amerikanischem Flüssiggas überzugehen, das die Vereinigten Staaten dem europäischen Kontinent aufzwingen wollen, indem sie die Rolle übernehmen, die bisher Russland gespielt hat. Das Ende des Multilateralismus, von dem das deutsche Kapital mehr als jede andere Nation profitiert hat (und sich mit der "Friedensdividende" von 1989 auch von der Last der Militärausgaben befreit hat), wirkt sich direkter auf seine Wirtschaftskraft aus, die auf dem Export beruht. Schließlich bringt der von den USA ausgeübte Druck, ihre "Verbündeten" in den wirtschaftlich-strategischen Krieg mit China zu ziehen und auf Märkte in China zu verzichten, Deutschland in ein großes Dilemma, da es in hohem Maße vom chinesischen Markt abhängig ist. Aufgrund seiner führenden Position in der EU hat das Schwanken der deutschen Macht Auswirkungen auf ganz Europa, das in unterschiedlichem Maße von den gleichen Widersprüchen und Dilemmata geprägt ist.
China und die Seidenstraßen sind direkt betroffen. Eines der Ziele des Krieges ist neben der Schwächung Russlands, China ins Visier zu nehmen. Der Krieg konterkariert das Hauptziel der Seidenstraßen, die Ukraine zu einem Tor zum europäischen Markt zu machen; das Chaos schneidet China von einem seiner wichtigsten Märkte ab. Das bedeutet, dass es eine alternative Route über den Nahen Osten suchen muss.
Obwohl sich die Großmächte einig sind, dass "der Klimawandel eine destabilisierende, ja sogar wirtschaftlich zerstörerische Kraft ist", war die COP in Sharm El Sheikh über die Frage "Wer soll das bezahlen?" zerrissen. Abgesehen von der angeborenen Unfähigkeit des Kapitalismus, die Zerstörung der Natur aufzuhalten, ist die Rückkehr und Vorbereitung aller Staaten auf einen Krieg "hoher Intensität" der Todesstoß für das Engagement der Großmächte zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen. In der Tat: "Kein Krieg ohne Öl. Ohne Öl ist es unmöglich, Krieg zu führen (...) Der Verzicht auf die Möglichkeit, reichlich und billig an Öl zu kommen, bedeutet schlicht Abrüstung. Transporttechnologien [die ohne Öl, Wasserstoff und Elektrizität auskommen] sind für Armeen völlig untauglich. Batteriebetriebene elektrische Panzer werfen so viele technische und logistische Probleme auf, dass sie als unmöglich angesehen werden müssen, ebenso wie alles andere, was an Land fährt (gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Maschinen, leichte Geländewagen, Lastwagen). Der Verbrennungsmotor und sein Kraftstoff sind so effizient und flexibel, dass es selbstmörderisch wäre, sie zu ersetzen."[13]
Der Kapitalismus ist dazu verurteilt, immer mehr unter den Auswirkungen zu leiden (riesige Brände, Überschwemmungen, Hitzewellen, Dürren, gewaltige Wetterphänomene...), die die kapitalistische Wirtschaft immer stärker beeinträchtigen und bestrafen: Der Klimafaktor (der bereits ein Aspekt der Implosion der arabischen Länder im Jahrzehnt 2010 war) trägt selbst zum Zusammenbruch besonders anfälliger Länder in der Peripherie des Kapitalismus bei. Laut UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat in Pakistan das "Klima-Gemetzel ein noch nie dagewesenes Ausmaß" erreicht; es hat Schäden verursacht, die auf das 2½-fache des BIP geschätzt werden – eine Katastrophe, die wirtschaftlich nicht zu bewältigen ist.[14] Vor allem wirkt sich das Ausmaß des Klimaschocks jetzt direkt auf die Kernländer des Kapitalismus und ihre gesamte Wirtschaftstätigkeit auf allen Ebenen aus:
- Die Kosten der klimabedingten Schäden in den zentralen Ländern steigen weiter an: Allein in den Vereinigten Staaten "beliefen sich die Gesamtkosten von Naturkatastrophen in den 1980er Jahren auf 3 Milliarden Dollar pro Jahr. Dieser Betrag stieg von 2000 bis 2010 auf mehr als 20 Milliarden Dollar pro Jahr (...) Und von 2011 und 2012 (...) begannen sich diese Kosten zu verdoppeln" und erreichten "300 Milliarden Dollar an materiellen Schäden im Jahr 2018, was ¾ der jährlichen Kosten für den Schuldendienst der USA entspricht".
- Der Handel mit produktiven Infrastrukturen (und deren Verteilung) ist direkt betroffen und untergräbt und gefährdet die Stabilität der nationalen Volkswirtschaften aufgrund des Klimawandels: Unter anderem stört die Kombination aus Dürre und übermäßiger Wassernutzung in Amerika, Europa und China sowohl die nukleare als auch die hydroelektrische Stromerzeugung, unterbricht und reduziert den Warenfluss auf den Flüssen und "stellt ein großes Risiko für die landwirtschaftlichen Kapazitäten der USA dar (...) Ein permanenter Zustand der Wasserkatastrophe, der mit Konflikten und interner Migration behaftet ist, greift im amerikanischen Westen um sich". China ist bedroht „von einer neuen Ernährungsunsicherheit, die durch die klimatische, wasserwirtschaftliche und biologische Anfälligkeit der Landwirtschaft verursacht wird".
Die "immer schnelleren und intensiveren" Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels stellen die Staaten vor große Herausforderungen. Die Versalzung der Böden führt zur Sterilisierung von Ackerland (wie in Bangladesch). Sie bedrohen sowohl die Megastädte an den Küsten (wie in den Vereinigten Staaten an der Ost- und Westküste und in vielen Städten Chinas) als auch die Küstenindustrie (die Ölindustrie am Golf von Mexiko; die Region Shenzhen in China, das Zentrum der chinesischen Elektronikindustrie, wo "die chinesischen Stadtverwaltungen bereits damit begonnen haben, Hunderttausende von Menschen zu evakuieren".
In den letzten zwei Jahren haben die verschiedenen Zerfallserscheinungen, die sich bereits auf die kapitalistische Wirtschaft auszuwirken begannen, eine neue Qualität angenommen, mit einer noch nie dagewesenen Wechselwirkung von bisher unbekanntem Ausmaß, die sich in einer Art infernalischem "Strudel" noch verstärkt hat, in dem jede Katastrophe die Virulenz der anderen nährt: Die Pandemie hat die Weltwirtschaft gestört; dies wiederum hat den barbarischen Krieg und die Umweltkrise verschärft. Der Krieg und die Umweltkrise werden weiterhin enorme Auswirkungen haben, die das Herz der Großmächte treffen und die Wirtschaftskrise, die den Hintergrund für diese katastrophale Entwicklung bildet, erheblich verschärfen.
Ein kapitalistisches System, das als Ganzes bereits durch die aus seinen Widersprüchen und seinem Zerfall resultierenden Erschütterungen geschwächt war, wurde durch den Krieg weiter beeinträchtigt.
Die Schockwelle des Krieges hat eine sehr anfällige Wirtschaft getroffen, die seit der Pandemie in einigen Sektoren stark geschwächt ist: "2022 wird die weltweite Automobilproduktion immer noch niedriger sein als 2019. In China wird sie sicherlich um 7 % steigen, aber in Europa wird sie um 25 % und in den Vereinigten Staaten um 11 % niedriger bleiben. Die Industrie hat an Volumen verloren und sieht ihre Kosten steigen..."[15]
"Die grundlegenden Ursachen der Inflation sind in den spezifischen Bedingungen der Funktionsweise der kapitalistischen Produktionsweise in ihrer dekadenten Phase zu suchen. In der Tat erlaubt uns die empirische Beobachtung zu erkennen, dass die Inflation grundsätzlich ein Phänomen dieser Epoche des Kapitalismus ist, und dass sie sich am stärksten in Kriegszeiten manifestiert (1914-18, 1939-45, im Koreakrieg, 1957-58 in Frankreich während des Algerienkriegs...), d.h. in Zeiten, in denen die unproduktiven Ausgaben am höchsten sind. Es ist daher logisch, das Phänomen der Inflation mit diesem spezifischen Merkmal der Dekadenz, dem hohen Anteil der Rüstungsausgaben und allgemeiner der unproduktiven Ausgaben in der Wirtschaft, zu erklären.“[16]
Als Folge der Zunahme des Gewichts der unproduktiven Ausgaben, der Anhäufung einer Schuldenlast durch die Staaten in ihren verschiedenen Rettungsplänen zur Bewältigung der Pandemie und in der Entwicklung der Kriegswirtschaft und der allgemeinen Aufrüstung der kapitalistischen Nationen wird die Inflation nur noch weiter ansteigen[17], weil jedes nationale Kapital den Bedarf hat, die unproduktiven Ausgaben zu erhöhen, mit:
- den absurden Rüstungsausgaben, die die Wirtschaft mehr denn je in den Dienst des Krieges stellen, und der ungezügelten Produktion von Zerstörungsmitteln ohne jede wirtschaftliche Vernunft;
- den Auswirkungen des Rückgriffs auf das Drucken von Geld zur Finanzierung der Schulden, um die Widersprüche des Systems zu beseitigen;
- den exorbitanten Kosten der Verwüstungen, die der Zerfall für die Gesellschaft und die Produktionsinfrastrukturen verursacht: Pandemien, Unwetter usw.
- der Überalterung der Bevölkerung in allen Ländern (auch in China), die den Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung stark verringert.
Mit einer Inflation auf hohem und dauerhaftem Niveau, die der Kapitalismus nicht mehr wie früher kontrollieren kann (die Bourgeoisie lehnt eine Rückkehr zu 2 % als unrealistisch ab), markiert sie auch eine wichtige Etappe der Verschärfung der Krise. Sie wird sich immer negativer auf die Wirtschaft auswirken, indem sie den Welthandel und die Produktion destabilisiert, die sie der notwendigen Transparenz beraubt, während sie ein wesentlicher Vektor der Währungs- und Finanzinstabilität bilden wird.
Die Anfälligkeit des kapitalistischen Systems wird durch "wachsende Risiken für die Finanzstabilität in wichtigen Bereichen der Finanzmärkte und der Staatsverschuldung" deutlich (K. Georgiewa, IWF) und durch neue "Risse", die sich auftun.
- Die Fragilität und die Spannungen rund um die Währungen der wichtigsten Mächte werden zu einem immer wichtigeren Merkmal der Situation: der Fall des Pfunds gegenüber dem Dollar auf den niedrigsten Stand in der Geschichte, er verlor 17 % seines Wertes; die Abwertung des Yen (-21 %) auf den niedrigsten Stand seit 1990; der Fall des Yuan auf den niedrigsten Stand gegenüber dem Dollar seit 14 Jahren; der beispiellose Fall des Euro auf die gleiche Parität mit dem Dollar... Die Zentralbanken müssen bereits eingreifen, um ihre Währungen zu stützen; eine zunehmende monetäre Instabilität zeichnet sich ab.
- Das Platzen der Finanzblase bei den Kryptowährungen (mit einem Rückgang der Börsenwerte des Bitcoin-Marktes auf ein Drittel innerhalb eines Jahres) und prominente Insolvenzen in diesem Sektor wie die von FTX (dem weltweit zweitgrößten Akteur im Bereich der Kryptowährungen) haben dazu geführt, dass die Bourgeoisie eine Ansteckung anderer Akteure im traditionellen Finanzwesen befürchtet. Die finanzielle Instabilität in diesem Sektor ist ein Vorbote für die Gefahr weiterer Zusammenbrüche, wie dem im Immobiliensektor (50 % des weltweiten Transaktionswerts), der in China seinen Anfang nahm und auch anderswo aufzutreten droht.
- Ähnlich: "Die Tech-Wirtschaft ist ins Stocken geraten, (...) In den letzten zehn Jahren haben wir das Entstehen einer Finanzblase erlebt, die durch den von den Zentralbanken geschaffenen Liquiditätsüberfluss genährt wurde. (...) Diese Blase ist seit dem Beginn des russisch-ukrainischen Krieges und dem Aufkommen der Inflation geplatzt. Die Bewertung von Technologieunternehmen an der Börse ist zusammengebrochen. Amazon ist das erste Unternehmen in der Geschichte, das 1.000 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren hat. Ein Verlust von 200 Milliarden Dollar in sechs Monaten für Meta. (...) Diese brutale Rückkehr zur Realität hat insbesondere in den Vereinigten Staaten umfangreiche Entlassungspläne ausgelöst. Wahrscheinlich wurden im Jahr 2022 in der Tech-Industrie 130.000 Arbeitsplätze vernichtet.“[18]
Obwohl die Masse der Verschuldung (260 % des Welt-BIP) bereits das gesamte System schwächt[19], die Entwicklung des Charakters der Verschuldung, die immer weniger auf dem bereits geschaffenen Mehrwert beruht und sich aus der Druckerpresse und den Schulden der Staaten speist, geht die Fortsetzung der Verschuldungspolitik weiter; trotz der schädlichen Auswirkungen auf die zunehmend unsichere Stabilität des kapitalistischen Systems bleibt sie eine unvermeidliche Notwendigkeit für alle nationalen Kapitale. Alle Staaten sind mehr und mehr auf sie angewiesen, um die Widersprüche des kapitalistischen Systems zu bewältigen. Dies ist der Grund für die Aussetzung des EU-Stabilitätspakts, der erst Anfang 2023 wieder in Kraft gesetzt wurde, nachdem er durch die Lockerung seiner Durchsetzungsregeln stark modifiziert worden war, und zwar höchstwahrscheinlich, um der EZB die Rolle des Kreditgebers der letzten Instanz zu ermöglichen.
Die Verantwortungslosigkeit und die Fahrlässigkeit der herrschenden Klasse, die sich sowohl in der Gesundheitskrise als auch in der Energiekrise und angesichts der Klimakatastrophe gezeigt haben, sind wichtige Faktoren für die Verschärfung der Krise.
Zu diesen Faktoren kommen das politische Chaos und die Auswirkungen des Populismus innerhalb der herrschenden Klasse hinzu. Sie haben katastrophale Auswirkungen auf die britische Wirtschaft, auf die älteste Bourgeoisie der Welt. Der Brexit veranschaulicht die wirtschaftliche Irrationalität des "Jeder für sich": "Statt des Wohlstands, der Souveränität und des internationalen Einflusses, die [die Konservativen] durch die Trennung von ihren Nachbarn zu erreichen behaupteten, haben sie nur einen Rückgang der Exporte, die Abwertung des Pfunds, die schlechtesten Wachstumsprognosen der Industrieländer außer Russland und eine diplomatische Isolation erreicht.[20]" (Le Monde 18/19.12.2022) Nach Johnsons Abgang erklärt sich die kurze Amtszeit der Inkompetenz und Vetternwirtschaft der Regierung von Liz Truss durch ihre unverantwortlichen Entscheidungen, die vom Rest der herrschenden Klasse verurteilt wurden: Die Ankündigung von 45 Milliarden Pfund ungedeckter Steuersenkungen zugunsten der Reichsten der Gesellschaft löste einen Absturz des Pfunds und die Angst vor seinem Zusammenbruch und einer Schuldenkrise aus!
In Italien haben die Zusagen von Ministerpräsidentin Meloni, die europäischen Regeln zu respektieren (das erste Mal, dass eine rechtsextreme Regierung in einem der Gründungsländer der EU an die Macht gekommen ist), die Ängste über die Zukunft des italienischen Konjunkturprogramms, das vom Europäischen Währungsfonds finanziert wird, der durch eine vereinbarte Verschuldung der Mitgliedsländer geschaffen wurde, vorübergehend beruhigt, aber es verheißt nichts Gutes für die künftige Stabilität.[21]
Schließlich können die Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse durch die Entscheidungen und Prioritäten, die bei der Verteidigung der Interessen der einzelnen nationalen Kapitale in diesem mehr als unsicheren und widersprüchlichen Kontext zu treffen sind, nur noch verschärft werden.
Im Bericht 2020 stellte die IKS die Frage, ob die Entwicklung des "Jeder für sich", die ihren Ursprung in der Sackgasse der Überproduktion und der zunehmenden Schwierigkeit des Kapitals hat, die erweiterte Kapitalakkumulation zu realisieren, während es den Auswirkungen der Zerfall ausgesetzt ist, unumkehrbar ist. Seit der Krise von 2008 (die als Krise der Globalisierung betrachtet werden kann) und bis heute hat sich das Prinzip "Jeder für sich" in den Beziehungen zwischen den Mächten schrittweise qualitativ verändert und ist nun vollkommen siegreich. Nach Ansicht des IWF wird der Krieg "die globale wirtschaftliche und geopolitische Ordnung grundlegend verändern“. Der Konflikt in der Ukraine bringt die "Zwischenzeit" nach 2008 zu Ende und markiert das Ende der Globalisierung:
- Das „Jeder für sich" zeigte sich nach 2008 zunächst in der Tendenz Chinas und vor allem der USA, den Rahmen der Globalisierung in Frage zu stellen; der einen durch die Sabotage von Strukturen wie der WTO, des anderen durch die Entwicklung seines eigenen alternativen Projekts der Seidenstraßen.
- Dies wurde während der Covid-Epidemie auf brillante Weise veranschaulicht, insbesondere durch die Unfähigkeit, eine Politik der Produktion, der Verteilung und der Impfung auf globaler Ebene zu koordinieren; das ganovenhafte Verhalten bestimmter Länder, die für andere Länder bestimmte medizinische Ausrüstung stahlen; die Tendenz, sich in den nationalen Rahmen zurückzuziehen; und das Bestreben jeder Bourgeoisie, ihre eigene Wirtschaft auf Kosten der anderen zu retten, da diese irrationalen Tendenzen für alle Länder und für die Weltwirtschaft insgesamt nur verhängnisvoll sein konnten.
- Der derzeitige "Krieg um Gas" zwischen den Nationen erweist sich als ebenbürtig zum Maskenkrieg[22]: Die jüngste Sabotage der Nord-Stream-II-Pipeline, für die ein noch nicht identifizierter "staatlicher Agent" verantwortlich gemacht wird, veranschaulicht die Gangstermentalität, während "auf dem LNG-Markt (...) alles möglich ist".[23]
Die USA sind der große Gewinner des Krieges, auch auf wirtschaftlichem Gebiet. Unter den historischen Bedingungen des Zerfalls erlangen die USA durch den Krieg, den ultimativen Ausdruck des Krieges aller gegen alle, die militärische Macht – als einziges wirkliches Mittel, das den USA zur Verfügung steht, um ihre Weltherrschaft zu verteidigen – die momentane Stärkung ihrer nationalen Wirtschaft zum Nachteil des Rests der Welt um den Preis einer globalen Verwerfung und der entscheidenden Schwächung des gesamten kapitalistischen Systems[24]. Diese wirtschaftliche Stärkung der USA ist das unmittelbare Produkt des Jeder-gegen-jeden; sie steht nicht im Widerspruch zum Versinken des gesamten Systems in der Spirale seines Zerfalls (sie ist ein Ausdruck davon und stellt keineswegs eine Stabilisierung dar, sondern zeugt im Gegenteil von seinem tieferen Versinken), da sie als ihre Folge und Bedingung die extreme Entwicklung des Chaos und die Schwächung des kapitalistischen Systems als Ganzes hat. "Die unerschütterliche Unterstützung Washingtons für die Ukraine hat die USA zum globalen Gewinner der Sequenz gemacht, ohne dass ein einziger GI einen Fuß auf ukrainischen Boden setzen musste. Ein unbestreitbarer geostrategischer, militärischer und politischer Gewinn. (...) Vor dem Hintergrund von unverhohlenem Protektionismus und wirtschaftlichem Nationalismus kann sich Bidens Amerika nun ganz dem technologischen Krieg gegen seinen einzigen großen Rivalen, China, widmen. Europa, dem es während der Covid-Krise gelungen war, solidarisch zu handeln, ist geschwächt und gespalten, das deutsch-französische Tandem liegt in Trümmern."[25] In diesem Abstieg des Weltkapitalismus in den Abgrund verändert der Krieg die Situation für jedes Kapital und stellt alle globalen Wirtschaftsbeziehungen auf den Kopf:
- Der Öl- und Gaskrieg: In einem beispiellosen Umschwung ist Washington der große Gewinner – während die USA vor 10 Jahren noch kein LNG exportierten, sind sie heute der weltweit größte Exporteur. "Die Vereinigten Staaten sind im Energiebereich nahezu unabhängig, was es ihnen ermöglicht, sich in einer Welt, in der Kohlenwasserstoffe zu geopolitischen Waffen geworden sind, ruhig zu verhalten. Amerika muss kein Gas importieren, es ist der weltweit führende Produzent vor Russland. Auch beim Erdöl ist Washington der weltweit größte Produzent und hat in letzter Zeit seine Abhängigkeit von ausländischem Rohöl verringert"[26] (Le Point Géopolitique, Les guerres de l'énergie, S. 7). Der Krieg in der Ukraine ist das Ergebnis einer weitreichenden, langfristig angelegten Autarkiepolitik seit der Obama-Regierung, mit der die USA der zunehmenden Macht ihres chinesischen Herausforderers entgegentreten wollen, und ermöglicht es ihnen, den Krieg in vollem Umfang zu nutzen, um ihre Industrie anzukurbeln[27] und sich selbst als Hauptakteur zu etablieren. Die USA drängen ihre Rivalen in die Defensive und in eine unterlegene Position an dieser strategischen Energiefront:
Europa ist fast auf die Abhängigkeit von russischem Gas und amerikanischem LNG reduziert. Um dieser tödlichen Strangulierung zu entkommen, versuchen die Europäer verzweifelt, ihre Lieferanten zu diversifizieren.
China, das in hohem Maße von Kohlenwasserstoffimporten abhängig ist, ist im Nachteil und wurde von den USA geschwächt, die nun in der Lage sind, die Land- und Seewege der chinesischen Lieferungen zu kontrollieren und zu unterbrechen.
- Die Stärkung des Militärsektors: Mit einem Anteil von 40 % am Rüstungsmarkt ist "der unbestreitbare strategische Erfolg der amerikanischen Kriegsmaschinerie" ein Ansporn für die US-Militärindustrie: "Das Arsenal der Demokratie, wie Präsident F. D. Roosevelt es nannte, ist voll ausgelastet (...) Infolgedessen sieht sich der amerikanische Militärsektor einem beträchtlichen Produktionsdruck ausgesetzt.[28]"
- Der starke Dollar und die Erhöhung der Zinssätze: Das beispiellose Ausmaß des Biden-Plans zur Unterstützung der US-Wirtschaft mit 1,17 Billionen Dollar zur Ankurbelung der Nachfrage und des Konsums, gefolgt vom Beginn des Abbaus der quantitativen Lockerung und der schrittweisen Anhebung der Zinssätze durch die Fed (ab Anfang 2022) hat alle Konkurrenten überrascht. Diese Politik nutzt sowohl die zentrale Rolle des Dollars (in den Reserven der Zentralbanken der Welt, sein Übergewicht in der Weltwirtschaft und im Handel) als auch den starken Dollar, die Größe ihrer Wirtschaft und ihren Rang als führende Wirtschaftsmacht der Welt aus:
a. Anziehung und Kanalisierung von Kapital und Investitionen (auf der Suche nach einem sicheren Hafen) in die US-Wirtschaft,
b. den Rest der Welt dazu zu bringen, die eigene Wirtschaft finanziell zu unterstützen,
c. Abwälzung der negativsten Auswirkungen der Inflation auf andere schwächere Länder.[29] Die USA stabilisieren und stärken ihre eigene Wirtschaft auf direkte Kosten ihrer unmittelbarsten Konkurrenten.
Den USA ist das Risiko, eine Rezession anzuheizen, den internationalen Handel zu verlangsamen und Finanzkrisen in den schwächsten Staaten zu provozieren, völlig gleichgültig, solange ihre eigene Wirtschaft davon profitiert und sie in der Lage sind, ihre eigene Wirtschaft zu retten und ihren Platz als führende Weltmacht zu sichern.
- Verstärkter Protektionismus: Mit dem Inflationsbekämpfungsgesetz der US-Regierung in Höhe von 370 Milliarden Dollar für öffentliche Investitionen in die US-Industrie in Verbindung mit starken protektionistischen Maßnahmen, die in den USA hergestellte Produkte gegenüber importierten Produkten bevorzugen, hat die EU einen "zweiten Wettbewerbsschock" (nach dem Gasschock) erlebt.
Generell zielen alle wirtschaftlichen, monetären, finanziellen und industriellen Maßnahmen in den USA darauf ab, Investitionen anzuziehen und Unternehmen zur Ansiedlung in den USA zu bewegen. Das "Eldorado" der niedrigen Energiepreise und der Subventionen lenkt Kapital und große ausländische Unternehmen in die USA, zum Nachteil insbesondere Europas. Mehr als sechzig deutsche Unternehmen (Lufhansa, Siemens, etc.) planen Investitionen in den USA. VW hat angekündigt, dass es seine Produktion von Elektrofahrzeugen in den USA steigern will und plant, 7 Milliarden in seine US-Standorte zu investieren. BMW investiert 1,7 Milliarden in sein Werk in North Carolina und ist versucht, dort Batterien zu produzieren, anstatt in europäischen Projekten. Frankreich schätzt seine potenziellen Verluste auf "10 Milliarden Euro an Investitionen" und "10.000 potenzielle Arbeitsplätze".
Diesem "Kippen" der Vereinigten Staaten "auf die falsche Seite" des Protektionismus (so die EU)[30] wird mit der Androhung eines "Buy European Act" begegnet; und "Frankreich und Deutschland haben einen Vorschlag für eine Gegenoffensive formuliert ... und Brüssel aufgefordert, die Regeln für öffentliche Subventionen für Unternehmen sowie gezielte Subventionen und Steuergutschriften für strategische Sektoren zu lockern".[31]
- Landwirtschaft: "Der Krieg in der Ukraine hat das globale landwirtschaftliche Gleichgewicht gestört. Afrika und der Maghreb waren die ersten Opfer. Aber auch der alte Kontinent wurde in Mitleidenschaft gezogen. In den letzten zehn Jahren war Europa bei der Versorgung mit Mais von der Ukraine abhängig[32] (...) Auch wenn ein großer Teil der Lieferungen die Ukraine verlassen konnte, konnten die europäischen Abnehmer nicht genug bekommen und mussten bei anderen Lieferanten anklopfen. Die Vereinigten Staaten verfügen über sehr große Maisproduktionskapazitäten (...) Diese Stärke hat es ihnen nicht nur ermöglicht, ihren eigenen Inlandsmarkt zu bedienen, sondern auch Russland und die Ukraine zu verdrängen und in großem Umfang in andere Länder, insbesondere nach Europa, zu exportieren".[33]
- Die US-Offensive gegen China auf wirtschaftlicher Ebene: Aus einer Position der Stärke heraus erhöhen die USA den Druck auf China und greifen dessen wirtschaftliche Interessen weltweit durch verschiedene Initiativen an und versuchen, indem sie von der Schwächung und der Spaltung der Europäer profitieren, diese mit verschiedenen Mitteln zu zwingen, sich ihrer Offensive anzuschließen[34]: Eine „Premiere": Das Treffen der G7 im Juni 2022 prangerte "intransparente und marktverzerrende Interventionen Chinas" an und rief zu "kollektiven Ansätzen, auch außerhalb der G7, auf, um die Herausforderungen anzugehen, die sich aus nicht marktwirtschaftlichen Politiken und Praktiken ergeben, die die Weltwirtschaft verzerren", und zwar mit dem demokratischen Argument, "alle Formen von Zwangsarbeit aus den globalen Lieferketten zu eliminieren, einschließlich staatlich geförderter Zwangsarbeit, wie etwa in Xinjiang".
Um ihren entscheidenden technologischen Vorsprung gegenüber China zu sichern, organisieren die Vereinigten Staaten die Verlagerung[35] der Produktion der neuesten Generation von Halbleitern auf den heimischen Boden und kontrollieren den gesamten Sektor auf internationaler Ebene, von dem sie China ausschließen wollen, und drohen mit Sanktionen gegen jeden Konkurrenten, der Handelsbeziehungen mit China unterhält, die dieses "Monopol" verletzen könnten.
Das umfangreiche Investitionsprogramm der Globalen Partnerschaft für Infrastrukturen in Höhe von 600 Milliarden Dollar für diese Entwicklungsländer bis zum Jahr 2027 zielt vorrangig darauf ab, den riesigen Projekten entgegenzuwirken, die China im Rahmen der Seidenstraßen vor allem in Afrika südlich der Sahara, aber auch in Mittelamerika und Asien finanziert.
Die Gründung der Indo-Pazifischen Wirtschaftspartnerschaft[36] mit dem Ziel, "die neuen Regeln für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zu schreiben" (Biden) und "starke und widerstandsfähige Lieferketten" unter der Kontrolle Washingtons aufzubauen, wurde von China sofort als "Cliquenbildung, die es in Schach halten soll", angeprangert.
Steht die EU unter dem Zeichen des "Jeder für sich"? Mit der einseitigen Freigabe eines 200-Milliarden-Dollar-Stützungsplans für die deutsche Wirtschaft (der als "Stinkfinger gegen den Rest Europas" bezeichnet wird) und dem Streit zwischen Frankreich und Deutschland um die Führung steht die EU vor großen internen Konflikten. "Einige Länder, wie Deutschland, haben die Mittel, ihre Industrie massiv zu subventionieren. Andere, wie Italien, weit weniger. Griechenland, Spanien und auch Frankreich sind darüber beunruhigt und fordern europäische Solidaritätsmaßnahmen, um diese Unterschiede auszugleichen. Das amerikanische Inflationsbekämpfungsgesetz liegt bei 2 % des BIP, wir müssen eine vergleichbare Anstrengung unternehmen", sagte Präsident Macron. „Deutschland, die Niederlande und Schweden sind dagegen nach wie vor gegen ein neues europäisches Finanzpaket."[37] Die beiden europäischen Mächte sind gegenüber China nicht auf einer Wellenlänge: "Diplomatische Nettigkeiten reichen nicht mehr aus, um die Kluft zwischen Washington – das Peking als seinen Hauptkonkurrenten sieht – und der deutschen Regierung zu verbergen, deren Interesse in der Aufrechterhaltung guter Handelsbeziehungen mit China liegt. (...) Obwohl Frankreich nicht mit den Vereinigten Staaten verbündet ist, steht es Washington näher als Berlin. China ist nur der fünftgrößte Handelspartner Frankreichs (...) Als Macron Xi am Rande des G20-Gipfels traf, war seine Position näher an der von Biden als an der von Scholz.“[38] Scholz' Reise allein nach China wurde also von Macrons Reise in die USA beantwortet.
Sollten sich diese Spannungen infolge der vom amerikanischen Rivalen geschürten konkurrierenden nationalen Interessen so weit verschärfen, dass ein Auseinanderbrechen der EU droht, würde dies die Krise weiter verschärfen und das gesamte kapitalistische System destabilisieren.
Chinas Reaktion: Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie die von den USA eingeleitete Entkopplung der amerikanischen und chinesischen Wirtschaft China verwundbar macht:
- Die Sanktionen gegen Russland sind eine Warnung an China über "die enormen Folgen möglicher westlicher Sanktionen gegen China für die chinesische Wirtschaft"[39]. Da das Land über riesige Devisenreserven in Dollar verfügt, "hat der Krieg in der Ukraine die Alarmglocken läuten lassen (...) Chinesische Experten stellen fest, dass seine Abhängigkeit vom Dollar ein noch größeres Problem darstellt als der Fall Russlands. China ist nicht bereit, sich möglichen westlichen Sanktionen zu stellen" und "will die Sicherheit seiner Auslandsanlagen drastisch erhöhen, um die Fehler Russlands nicht zu wiederholen, (...) die Struktur seiner Auslandsinvestitionen zu ändern und die Abhängigkeit vom US-Dollar so schnell wie möglich zu verringern"[40], um den Widerspruch zu vermeiden, "dass es derzeit keine andere Lösung für den Schutz des Wertes der aus seinem Handelsüberschuss stammenden Dollars gibt, als sie ständig an die Vereinigten Staaten zu verleihen".[41]
- Die Bemühungen des Staates, den Yuan zu einer internationalen Währung zu machen, die mit dem Dollar konkurriert, sind gescheitert, selbst in einem Kontext, in dem viele Länder versuchen könnten, sich vor westlichen Sanktionen zu schützen: Der Yuan stagniert bei 2,88 % der Devisenreserven (von denen 30 % von Russland gehalten werden) im Vergleich zu 59,5 % für den Dollar und 19,76 % für den Euro; und seit 2015 auf Platz 5 im globalen Zahlungsverkehr mit einem Anteil von 2,44 % im Vergleich zu 42 % für den Dollar. Die PBC (People's Bank of China) muss dafür kämpfen, die Abwertung des Yuan gegenüber dem Dollar zu stoppen.
- "Infolge der in den letzten Jahren von den Vereinigten Staaten ergriffenen Maßnahmen", die den Export von Spitzentechnologie (die in der Hightech-Produktion in den Bereichen Automobil, Luftfahrt, Weltraumforschung, wissenschaftliche Forschung, Computer, Verkehr, Medizin usw. verwendet wird) einschränken, "ist China derzeit nicht mehr im Rennen (...) Die chinesischen Halbleiterhersteller verfügen nicht über die Technologie, um aufzuholen. (...) So sehr, dass einige Experten bezweifeln, dass China kurz- und mittelfristig in der Lage sein werde, in diesem Bereich aufzuholen, der für einen großen Teil des künftigen Wirtschaftswachstums verantwortlich ist" (Asyalist).
- China befindet sich in einem Konkurrenzkampf auf Leben und Tod um die Kontrolle bestimmter strategischer Sektoren (z.B. seltene Erden und Metalle); oder es nutzt die Schwächung Russlands, um Verträge mit den zentralasiatischen Republiken zu schließen und sich Saudi-Arabien anzunähern, um seine Kohlenwasserstoffversorgung zu sichern.
- Chinas lebenswichtige wirtschaftliche Interessen stehen bei den Spannungen mit Taiwan auf dem Spiel, das wie Singapur eine wichtige Plattform für Chinas verarbeitende Industrie darstellt und für sein derzeitiges Wirtschaftsmodell unverzichtbar ist.
Das Ergebnis: Der Ausschluss Russlands vom internationalen Handel durch die Vereinigten Staaten, die Offensive gegen China und ihr Wunsch, die globalen Wirtschaftsbeziehungen zu ihrem Vorteil umzugestalten, markieren einen Wendepunkt in der Vision des Freihandels, die die amerikanische Politik fast dreißig Jahre lang geleitet hat. Dies wird zu einer weiteren Zersplitterung des Weltmarktes und zu einer Vervielfachung regionaler Abkommen führen, wie dem zwischen den USA, Kanada und Mexiko im Jahr 2020.[42]
Die Tatsachen, dass "die Unterzeichner mehr gemeinsame Interessen haben würden" und dass Staaten und Unternehmen „gleichgesinnte Partner bevorzugen und nicht mehr mit jedem Beliebigen Handel treiben würden“, verheißen nichts Gutes für die Stabilität, ebenso wenig wie die Bildung exklusiver Wirtschaftsbeziehungen unter der Schirmherrschaft der großen Sponsoren. Im Gegenteil, da sie dazu neigen, den vielfältigen Spannungslinien zwischen den Mächten zu folgen, wird dies nur zu einer weiteren Zersplitterung des Weltmarkts auf globaler Ebene und zur Verstärkung des Handelskriegs zwischen allen Beteiligten, des nationalen Rückzugs und des Strebens nach der Erhaltung der nationalen Souveränität auf allen Ebenen führen. Dies wird nur den überlebenswichtigen Wunsch verstärken, strategische Versorgungsketten zu kontrollieren, die für das nationale Überleben unerlässlich sind, und die Notwendigkeit, sich gegenüber anderen Mächten durch Erpressung usw. oder durch Umgehung derselben in eine starke Position zu bringen.[43]
Kurz und gut: Die Fähigkeit der wichtigsten kapitalistischen Nationen zusammenzuarbeiten, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf das gesamte kapitalistische System und auf sich selbst zu verzögern und abzumildern, ist nicht nur langsam verschwunden (ohne erkennbare Gegenleistung), sondern es wird auch immer deutlicher, dass es eine Politik gibt, die insbesondere von der ersten der Großmächte, den Vereinigten Staaten, betrieben wird, um ihre eigene Position in der Weltarena auf direkte Kosten der anderen Mächte desselben Typs (und des Rests der Welt) zu sichern, indem sie deren Interessen angreift und sie absichtlich schwächt.
Diese Situation ist ein klarer Bruch mit einem wesentlichen Teil der Regeln, die nach der Krise von 1929 aufgestellt wurden, und eröffnet eine neue Dimension, terra incognita, in der sich das Chaos in größerem Umfang entfalten wird, auch in und zwischen den zentralen Ländern, mit Auswirkungen, die noch schwer vorstellbar sind und die den Kern des kapitalistischen Systems treffen, das noch tiefer in die Krise versinkt.
Die unumkehrbare Krise des Kapitalismus ist der Hintergrund für eine Beschleunigung von Chaos und Barbarei. Die seit 50 Jahren andauernde Wirtschaftskrise, die sich seit 2018 beschleunigt hat, manifestiert sich offen in einer galoppierenden Inflation mit ihren Folgen in Form von Elend, Hunger und weit verbreiteter Verarmung.
"Die kapitalistische Krise berührt die Grundfesten dieser Gesellschaft. Inflation, Prekarität, Arbeitslosigkeit, höllische Arbeitsrhythmen und Arbeitsbedingungen, die die Gesundheit der ArbeiterInnen zerstören, unbezahlbarer Wohnraum zeugen von einer unaufhaltsamen Verschlechterung des Lebens der Arbeiterklasse, und obwohl die Bourgeoisie versucht, alle erdenklichen Spaltungen zu schaffen, indem sie bestimmten Kategorien von ArbeiterInnen "privilegiertere" Bedingungen zugesteht, sehen wir im Ganzen einerseits, was möglicherweise die schwerste Krise in der Geschichte des Kapitalismus sein wird, und andererseits die konkrete Realität der absoluten Verelendung der Arbeiterklasse in den zentralen Ländern, jene Ankündigung, die Marx für die historische Perspektive des Kapitalismus gemacht hat und über die sich die Ökonomen und andere Ideologen der Bourgeoisie so sehr mokiert haben."[44]
Im Gegensatz zu den 1930er Jahren gibt es heute mehr krisenverschärfende Faktoren. Die Pandemie und der Krieg in der Ukraine geben der Situation eine neue Qualität. Die Verkettung der Zerfallsfaktoren ist die Ursache für eine Spirale der Verschlechterung und der Verschlechterung der globalen Wirtschaftslage. "Es zeichnet sich ab, dass diese Krise länger und tiefer sein wird als die Krise von 1929. Zunächst einmal, weil die Auswirkungen des Zerfalls auf die Wirtschaft dazu neigen, die Produktionsabläufe durcheinander zu bringen, was zu ständigen Engpässen und Blockaden in einer Situation wachsender Arbeitslosigkeit führt, die paradoxerweise mit einem Mangel an Arbeitskräften einhergeht. Sie drückt sich vor allem in einer entfesselten Inflation aus, die durch die verschiedenen aufeinanderfolgenden Rettungspakete, die von den Staaten angesichts der Pandemie und des Krieges hastig geschnürt wurden, durch eine Flucht nach vorn in die Verschuldung nur noch weiter angeheizt wurde. Die Zinserhöhungen der Zentralbanken, mit denen sie versuchen, die Inflation zu bremsen, könnten eine sehr heftige Rezession auslösen, die sowohl die Staaten als auch die Unternehmen in den Würgegriff nimmt. Es ist ein wahrer Tsunami des Elends, eine brutale Verarmung des Proletariats in den Kernländern, die nunmehr im Gange ist."[45] Das Gespenst der "Stagflation" geht um in der Welt. Während es in den 1970er Jahren ein Konzept der bürgerlichen Ökonomen war, einen Zustand hoher Inflation mit wirtschaftlicher Stagnation zu charakterisieren, wird diese Gefahr heute offensichtlich, und die derzeitige unkontrollierte Inflation und wirtschaftliche Verlangsamung wird zu einer Kette von Bankrotten sogar ganzer Länder (Pakistan, Sri Lanka usw.) sowie zu finanziellen Turbulenzen und noch größeren Schwierigkeiten in den Schwellenländern führen.
"Das Wachstum in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wird sich voraussichtlich von 5,1 % im Jahr 2021 auf 2,6 % im Jahr 2022 stark abschwächen (1,2 Prozentpunkte weniger als im Januar prognostiziert). Es wird erwartet, dass sich das Wachstum weiter auf 2,2 % im Jahr 2023 abschwächt, was größtenteils auf die Rücknahme der geld- und fiskalpolitischen Unterstützung während der Pandemie zurückzuführen ist."[46] Die Bourgeoisie hat keine andere Wahl, als die Zinsen weiter anzuheben, wie es die Fed im letzten November getan hat, alle Staaten sind in diese Dynamik involviert und dies wird zu Schrumpfungen auf den Märkten, Unternehmensschließungen mit massiven Entlassungen führen, wie wir es bei den Technologieunternehmen in den USA sehen können (GAFAM). Die Verlagerung von Unternehmen von China nach Amerika (Nearshoring) wird die Arbeitslosensituation in bestimmten Regionen der Welt noch verschärfen.
Im Gegensatz zu den 1930er Jahren sind die derzeitigen Schuldenstände beispiellos. China, die zweitgrößte Macht der Welt, ist mit dem 2,5-fachen seines BIP verschuldet! Gleichzeitig ist es zu einem Geldgeber geworden, vor allem um seine Seidenstraße zu unterstützen und seinen Einfluss in Afrika und Lateinamerika zu sichern. Die Vereinigten Staaten, deren Gesamtverschuldung inzwischen 31 Billionen (Millionen Millionen) übersteigt, haben 5 Milliarden Dollar gedruckt, während die EU mit 750 Millionen Euro 20 % mehr gedruckt hat als die USA. Die Aussichten für die kommenden Jahre werden für den Kapitalismus voller Erschütterungen und Schwierigkeiten sein.
i. - Die chinesische Wirtschaft hat eine starke Verlangsamung erlitten, die auf wiederholte Blockaden und dann auf den Tsunami von Infektionen zurückzuführen ist, der ein Chaos im Gesundheitssystem hervorgerufen hat, aber auch auf die Immobilienblase und die Blockade mehrerer Routen der "Seidenstraße" aufgrund bewaffneter Konflikte (Ukraine) oder des herrschenden Chaos (Äthiopien). In der ersten Hälfte dieses Jahres betrug das Wachstum 2,5 %, so dass das für dieses Jahr angestrebte Ziel von 5 % unerreichbar wird. Zum ersten Mal seit 30 Jahren wird das Wirtschaftswachstum in China geringer sein als in anderen asiatischen Ländern (Vietnam). Große Technologie- und Wirtschaftsunternehmen wie Alibaba, Tencent, JD.com und iQiyi haben 10-30 % ihrer Belegschaft entlassen. Junge Menschen sind von der sich verschlechternden Situation besonders betroffen: Die Arbeitslosenquote unter arbeitsuchenden UniversitätsstudentInnen wird auf 20 % geschätzt. Auch die Ausbaupläne für die "Neue Seidenstraße" sind aufgrund der sich verschärfenden Wirtschaftskrise in Gefahr: Fast 60 % der Schulden gegenüber China entfallen heute auf Länder, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden, gegenüber 5 % im Jahr 2010. Darüber hinaus nimmt der wirtschaftliche Druck aus den USA zu, u. a. durch den Inflation Reduction Act und den CHIPS and Science Act, die sich direkt gegen Technologieexporte mehrerer chinesischer Technologieunternehmen (z. B. Huawei) in die USA richten.
Was die chinesische Bourgeoisie noch mehr beunruhigt, sind die wirtschaftlichen Probleme in Verbindung mit der Gesundheitskrise, die zu großen sozialen Protesten geführt haben.
ii. - Das Scheitern des neostalinistischen Modells der chinesischen Bourgeoisie. Angesichts der Schwierigkeiten in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen besteht die Politik von Xi Jinping darin, zu den klassischen Rezepten des Stalinismus zurückzukehren:
- In wirtschaftlicher Hinsicht hatte die chinesische Bourgeoisie seit Deng Xiao Ping einen fragilen und komplexen Mechanismus geschaffen, um ein allmächtiges Einparteiensystem aufrechtzuerhalten, das mit einer direkt vom Staat geförderten Privatbourgeoisie zusammenarbeitet. "Ende 2021 ist die Ära der Reformen und der Öffnung unter Deng Xiaoping eindeutig vorbei und wird durch eine neue etatistische Wirtschaftsorthodoxie ersetzt.“[47] Die dominierende Fraktion hinter Xi Jinping richtet die chinesische Wirtschaft auf eine absolute staatliche Kontrolle im stalinistischen Stil aus.
- An der sozialen Front sorgte Xi mit der "Null Covid"-Politik nicht nur für eine rücksichtslose staatliche Kontrolle über die Bevölkerung, sondern zwang diese Kontrolle auch den regionalen und lokalen Behörden auf, die sich zu Beginn der Pandemie als unzuverlässig und ineffektiv erwiesen hatten. Im Herbst schickte er Einheiten der zentralen Staatspolizei nach Shanghai, um die lokalen Behörden zu zügeln, die die Abriegelungsmaßnahmen liberalisierten.
"[F]ür ein entwickeltes Nationalkapital, das von verschiedenen Teilen der Bourgeoisie ‚privat‘ vereinnahmt wird, ist die parlamentarische Demokratie der angemessenste politische Apparat; der fast vollständigen Verstaatlichung der Produktionsmittel entspricht die totalitäre Macht einer Einheitspartei".[48]
Das Scheitern der "Null Covid"-Politik hat dazu geführt, dass der Mann, der sie durchgesetzt hat, Xi Jinping, für eine dritte Amtszeit wiedergewählt wurde, und zwar um den Preis komplexer Kompromisse zwischen den Fraktionen der KPCh. Die chinesische Bourgeoisie beweist damit mehr denn je ihre angeborene Unfähigkeit, die politische Starrheit ihres Staatsapparats zu überwinden, ein schweres Erbe des stalinistischen Maoismus.
iii. - Eine Krise, die sich unaufhaltsam ausbreitet. Die zweitgrößte Macht der Welt ist in der gleichen Dynamik gefangen wie ihre Rivalen. Diese Katastrophe ist noch nicht zu Ende.
- Chinas Rolle in der Finanzkrise 2008 bestand darin, die Krise einzudämmen und die Investitionen nicht einzustellen, einschließlich der Konzentration auf den Binnenmarkt und die Infrastruktur (Hochgeschwindigkeitszüge), natürlich alles auf dem Rücken eines Schuldenbergs. Dennoch blieb es während der Finanzkrise 2008 ein "gesunder Wirtschaftszweig". Heute kann man das nicht mehr sagen, denn nach dem Konkurs von Evergrande folgte der von Shintao (dem zweitgrößten Bauunternehmen nach Evergrande). Allein Evergrande hat 350 Milliarden Dollar Schulden, die es nicht zurückzahlen kann. Hinter diesen Schulden stehen internationale Investoren, die ihr Geld einfordern, darunter auch BlackRock. So viele regionale Banken sind pleite gegangen, dass sie einen chinesischen "Corralito"[49] ausgelöst haben. 320 Immobilienprojekte sind zum Stillstand gekommen, und es gibt 100 Millionen leere Wohnungen. Die Verschuldung der privaten Haushalte hat sich auf 7 Billionen Dollar verdreifacht, und auch die Unternehmen sind verschuldet. Die Trockenheit hat die Stromerzeugung aus Wasserkraft so stark reduziert, dass es zu Rationierungen und teilweisen Schließungen von Fabriken kommt, wie z. B. TESLA, das ironischerweise Elektroautos herstellt! Was war die Antwort der chinesischen Bourgeoisie auf die Krise? Niedrigere Zinssätze, massive staatliche Einstellungen, staatliche Mittel für Infrastruktur und Immobilien (nichts Neues!) und wir kennen bereits die "Wirksamkeit" dieser Maßnahmen... Wir können nur eine Reihe von wirtschaftlichen Schocks in der nahen Zukunft in diesem Teil der Welt erwarten.
- Der Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten und die Absicht, nicht von China abhängig zu sein, haben die Industrieländer, allen voran die Vereinigten Staaten, gezwungen, ihre Lieferketten zu diversifizieren und nach neuen Maquiladora-Ländern[50] zu suchen. So entwickeln sich Länder wie Mexiko, aber vor allem Vietnam, das China in Bezug auf das prozentuale Wirtschaftswachstum bereits überholt hat, zu den neuen "Maquiladoras" des Kapitalismus. In diesem Jahr sind die US-Aufträge an chinesische Hersteller um 40 % zurückgegangen (CNBC).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der chinesische Staatskapitalismus zwar in der Lage war, die Chancen zu nutzen, die sich durch den Blockwechsel, die Implosion des Sowjetblocks und die von den USA und den großen westlichen Staaten befürwortete Globalisierung der Wirtschaft boten, dass aber seine angeborene Schwäche in seiner stalinistisch geprägten Staatsstruktur nun angesichts der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Probleme ein großes Handicap darstellt. Die Situation deutet auf Instabilität und mögliche Umwälzungen hin, auch für die Position von Xi und seinen Anhängern innerhalb der KPCh. Eine Destabilisierung des chinesischen Kapitalismus hätte unvorhersehbare Folgen für den globalen Kapitalismus.
Im Jahr 2021 sind die Militärausgaben explosionsartig angestiegen. Die USA erhöhen ihre Ausgaben um 38 % (auf 880 Milliarden Dollar), China um 14 % (auf 243 Milliarden Dollar) und Russland um 3 % (auf 65 Milliarden Dollar). Die militärische Überlegenheit der USA spiegelt sich auch in ihrem Budget wider. Nach Angaben des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (SIPRI) gab die Welt im selben Jahr 2 Billionen Dollar für das Militär aus.
In der gesamten indo-pazifischen Region sind die Militärausgaben gestiegen, aus Angst, dem chinesischen Imperialismus zum Opfer zu fallen: Japan hat sein Militärbudget ebenfalls verdoppelt und ein "Verteidigungstransfer"-Abkommen mit Vietnam unterzeichnet, Thailand investiert 125 Millionen Dollar in 50 Kriegsschiffe, um seine Meere zu schützen, Indonesien erhöht seine Militärausgaben im Chinesischen Meer um 200 %, und die Philippinen haben gerade zusätzliche 64 Millionen Dollar von den USA erhalten, um ihre Militärbasen zu verstärken, um die chinesische Gefahr einzudämmen. Aber diese Region ist nicht die einzige, die von dieser Dynamik betroffen ist; niemand wird verschont.
Die Welt steuert auf eine Explosion der Militärausgaben zu, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben hat. All diese unproduktiven Ausgaben werden auf dem Rücken der arbeitenden Menschen ausgetragen.
- Der Energiekrieg wird die Zukunft des Kapitalismus prägen: Trotz der verzweifelten Suche nach sauberer und erneuerbarer Energie wird dies im Kapitalismus unmöglich sein. Die Kontrolle über Energiequellen, insbesondere Gas und vor allem Öl, wird für jedes Kapital eine Frage der "nationalen Sicherheit" bleiben. Das Funktionieren der Wirtschaft hängt davon ab, und auf imperialistischer Ebene läuft das Militär mit Benzin oder Diesel. Die USA haben derzeit die Kontrolle über diese Ressourcen, und die Tatsache, dass sie jetzt Europas Hauptlieferant sind, wird zu einer Quelle künftiger Erpressung und eines Drucks auf die EU-Länder. Die Reise von Xi nach Saudi-Arabien und das jüngste Energieabkommen mit Russland bestätigen dies (30. Dezember 2022).
Die historische Beschleunigung des Einflusses von Kriegen auf die Wirtschaft ist erwähnenswert und wurde durch den Krieg in der Ukraine auf tragische Weise demonstriert. Wenn wir einen historischen Vergleich mit dem Vietnamkrieg anstellen, so war die militärische Belastung für die Wirtschaft damals schwer, aber heute ist der Einfluss des Militarismus auf die Wirtschaft noch größer.
Der Kapitalismus ist das einzige System in der Geschichte, das in der Lage ist, die Natur in großem Umfang zu zerstören, ganze Ökosysteme zu vernichten und das Aussterben von Arten zu beschleunigen, die die gesamte natürliche Ordnung verändern. Dieses Phänomen ist kumulativ und beschleunigt sich, was zu einer raschen Zerstörung des Planeten führt. Die derzeitige "saubere Energiewende" ist lediglich ein Ausdruck des Kampfes zwischen Kapitalisten und ihrer Konkurrenz auf Leben und Tod. Es geht nur darum, wer zuerst auf den Markt kommt und seinen Konkurrenten die Kunden wegnimmt. Das ganze Gerede über ihre "Sorge" um die Umwelt ist Demagogie. Die sich verschlimmernde "ökologische Krise" beschleunigt sich und verursacht unannehmbare Verwüstungen. Die Vereinigten Staaten, deren ehemaliger Präsident Trump die Existenz des "Klimawandels" leugnete, sind mit den Auswirkungen dieser ökologischen Krise konfrontiert, und die führende Weltmacht ist weit davon entfernt, von "Naturkatastrophen" "verschont" zu bleiben, und hält sogar den zweifelhaften Weltrekord in der Zerstörung der Artenvielfalt. In der Tat kann der Kapitalismus nicht gleichzeitig ein wettbewerbsfähiges System und "ökologisch" sein, denn
- sein Ziel ist der Profit, nicht die Erhaltung der Natur, die vom Kapitalismus immer als eine Quelle freier Ressourcen betrachtet wird und an der ohne Folgen Raubbau betrieben werden kann;
- das "Jeder für sich" und die Anarchie der Produktion bedeuten, dass die Bourgeoisie keine Kontrolle über die "neuen Technologien" hat, sie ist der Zauberlehrling!
- Der technologische Fortschritt ist einseitig; er kümmert sich nie um die globalen Auswirkungen. Wenn die Gewinnung von Lithium für Autobatterien umweltschädlich ist und die Wiederverwertbarkeit auf 5 % sinkt, spielt das keine Rolle. Die Hauptsache ist, "grüne" Autos zu verkaufen.
- Die Trennung zwischen Mensch und Natur wird im Kapitalismus so extrem, dass der Mensch als "außerhalb" seiner natürlichen Umwelt stehend betrachtet wird.
Andererseits ändert die Rückkehr zur Kohle nichts an dem enormen Versagen des Kapitalismus bei der Beseitigung der Kohlenstoffemissionen, selbst wenn die Unternehmen eine zusätzliche Steuer zur Deckung der Umweltschäden zahlen, was nur ein Vorwand ist. Hatten die Europäer beschlossen, aus der Kernenergie auszusteigen, so versuchen sie nun, sie wieder einzuführen, um ihre Abhängigkeit von Russland und den USA auszugleichen. Dies ist ein weiteres Beispiel für das Versagen des Kapitalismus, der uns dazu drängt, alte Errungenschaften wiederzubeleben, auch wenn sie umweltschädlich sind. Jedes Land kümmert sich nur um sich selbst und die anderen leiden darunter!
Ein Übergang zu "grüner Energie" im Kapitalismus ist gleichbedeutend mit der Illusion eines Kapitalismus ohne Kriege.
Die unproduktiven Ausgaben des Kapitals werden nicht aufhören, der Militarismus und die Aufrechterhaltung des Staates werden ihren Tribut von der Arbeiterklasse fordern. Dieses Phänomen der Verarmung der Arbeiterklasse in den zentralen Ländern hat seine Geschichte, aber seit der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine hat es sich beschleunigt. Die Inflation verringert die Kaufkraft der ArbeiterInnen drastisch, und anders als in den 1970er Jahren greift die Bourgeoisie heute nicht auf eine Lohnindexierung zurück. So hat die Bourgeoisie im Vereinigten Königreich eine harte Haltung gegenüber Forderungen nach Lohnerhöhungen zum Ausgleich der Inflation eingenommen, der britische Premierminister hat gesagt, dass "keine Verhandlungen möglich sind".
- Der Slogan der britischen Streiks "Heizen oder essen" verdeutlicht den Ernst der Lage. Für viele Arbeiterfamilien ist es teurer, für Energie zu bezahlen als für die Hypothek: immer miserablere Löhne, steigende Lebenshaltungskosten, immer höhere Preise, Massenentlassungen, Kürzungen der sozialen Sicherheit, Angriffe auf die Renten usw. All dies deutet auf eine Zukunft des Elends hin, auf die das Proletariat reagieren muss, indem es seinen Klassenbrüdern und -schwestern in Großbritannien, Europa und sogar in den USA folgt. Eine Zukunft der Verarmung des Proletariats tut sich auf und beschleunigt sich.
- Der "Mangel an Arbeitskräften". Die Diskussion [auf dem IKS-Kongress] sollte eine Antwort auf dieses Phänomen geben: Ist der Mangel das Produkt einer "neuen" Beziehung zur Arbeit in einem Teil der Klasse? Ist er das Produkt der zunehmenden Anarchie, die sich des Kapitals bemächtigt und sowohl Arbeitslosigkeit (Überkapazität) als auch Personalmangel erzeugt? In diesem Bericht können nur einige Elemente genannt werden, wie zum Beispiel die folgenden:
- Die Logistik des Warenkapitalismus ist chaotisch, es gibt nicht genügend Fahrer und die Produkte verderben oder sind knapp. Im Gesundheitswesen gibt es zu viele freie Stellen, und im Bildungswesen verlassen die Lehrpersonen schnell ihren Arbeitsplatz. In China zum Beispiel findet jeder fünfte junge Mensch keinen "aussichtsreichen" Job und zieht es vor, ihn nicht anzunehmen. "Lass es verrotten" (bai lan) ist ein gängiger chinesischer Ausdruck für junge Menschen, die keine Arbeit annehmen wollen. Dahinter verbirgt sich offensichtlich ein individuelles und verzweifeltes Ergebnis, eine "private" Reaktion auf die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Die neuen Generationen wollen nicht mit dem Tempo der kapitalistischen Produktion leben. Dieses Phänomen ist gleichzeitig Ausdruck eines Mangels an Klassenidentität, sie organisieren sich nicht zum Kampf und nehmen nur eine individuelle Position angesichts eines eminent sozialen, wirtschaftlichen und politischen Problems ein. Die Kürzung der Arbeitslosenunterstützung, das Fehlen von Renten in vielen Ländern, die Zunahme von psychischen Erkrankungen und Suiziden, all dies schafft unerträgliche Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Die Krise und die Aussicht auf eine weltweite Rezession schaffen die Voraussetzungen dafür, dass die Arbeitenden beginnen, ihre Kämpfe auf ihrem eigenen Terrain zu führen. "[D]ie Wirtschaftskrise [ist] im Gegensatz zum gesellschaftlichen Zerfall, der hauptsächlich den Überbau betrifft, ein Phänomen (...), das direkt die Infrastruktur der Gesellschaft selbst ergreift, auf denen dieser Überbau ruht; daher stellt die Krise die ultimativen Ursachen der gesamten Barbarei bloß, unter der die Gesellschaft leidet, und ermöglicht somit der Arbeiterklasse, sich der Notwendigkeit einer radikalen Umwälzung dieses Systems bewußt zu werden, ohne zu versuchen, einige Teilaspekte zu verbessern" (Thesen zur Zerfall [9], Internationale Revue 12).
Januar 2023
[1] Resolution zur internationalen Lage [47], Internationale Revue 57
[2] Le Monde 17.12.2022
[3] Der Hunger ist während der Pandemie um etwa 18 % gestiegen und betrifft heute 720 bis 811 Millionen Menschen. Die Kürzung der Nahrungsmittelhilfe, ihre Neuausrichtung auf die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen oder die Umlenkung ihrer Mittel auf die erhöhten Militärausgaben haben dazu geführt, dass für Afghanistan, wo 23 Millionen Menschen von einer Hungersnot bedroht sind, und Somalia, wo ein Teil der Bevölkerung "unmittelbar vom Tod bedroht" ist, die erforderlichen Mittel nicht aufgebracht werden konnten.
[4] In Europa führt die erhebliche Verringerung der Düngemittelproduktion (die viel Erdgas verbraucht) aufgrund der hohen Energiepreise zu einem Rückgang des Düngemittelverbrauchs in der ganzen Welt, von Brasilien bis zu den Vereinigten Staaten, was den Umfang der nächsten Ernte gefährdet. Ein Beispiel: "Brasilien, der größte Sojaproduzent der Welt, bezieht fast die Hälfte seines Phosphatdüngers aus Russland und Weißrussland. Es hat nur noch Vorräte für drei Monate. Der brasilianische Verband der Sojaproduzenten (Aprosoja) hat seine Mitglieder aufgefordert, in diesem Jahr weniger oder gar keinen Dünger zu verwenden. Die brasilianische Sojabohnenernte, die durch die schwere Dürre ohnehin schon geschmälert wurde, wird dadurch wahrscheinlich noch geringer ausfallen. Brasilien verkauft seine Sojabohnen hauptsächlich an China, das einen Großteil davon als Tierfutter verwendet. Weniger und teurere Sojabohnen könnten die chinesischen Landwirte dazu zwingen, die Futterrationen für ihre Tiere zu reduzieren. Die Folge: kleinere Kühe, Schweine und Hühner - und teureres Fleisch."
[5] Alle Zitate in diesem Abschnitt stammen von Courrier International
[6] "Der Rückgang der öffentlichen Einnahmen aufgrund des westlichen Embargos für den Kauf von Gold, Kohle und Metallen führt dazu, dass bestimmte Regimenter nur periodisch Sold erhalten. Dies könnte dazu beitragen, dass sie sich weigern zu kämpfen oder gar kapitulieren." (Les Echos 17.09.2022)
[7] "Viele Fabriken des militärisch-industriellen Komplexes mussten ihre Produktion reduzieren oder sogar schließen, wie die Fabrik für Flugabwehrraketen in Uljanowsk, die Fabrik für Luft-Luft-Raketen in Wjmpel oder die Panzerfabrik in Uralwagonsawod, die wichtigste Produktionsstätte des Landes." (Les Echos 17.09.2022)
[8] "Obwohl Peking sich weigert, seinen wichtigsten strategischen Partner öffentlich zu desavouieren, haben sich die chinesischen Behörden weitgehend an die vom Westen gegen Russland verhängten Sanktionen gehalten. Chinesische Unternehmen sind westlichen Unternehmen in ihrem Exodus vom russischen Markt gefolgt: Die chinesischen Tech-Giganten – Lenovo, TikTok und Huawei – haben alle ihre Aktivitäten in Russland blockiert, während die chinesischen Erbauer der arktischen Module für das russische Gas-Megaprojekt Arctic-LNG2 beschlossen haben, ihre Zusammenarbeit mit Novatek zu beenden. Und schließlich hat UnionPay, einer der weltweit größten staatlich kontrollierten Zahlungsabwickler, entgegen den Beteuerungen der offiziellen Kreml-Propaganda seine Pläne zur Zusammenarbeit mit russischen Banken Ende April auf Eis gelegt und damit deren Hoffnungen auf eine Alternative zu den amerikanischen Zahlungsriesen Visa und Mastercard zunichte gemacht. Dieser komplexe Pas-de-deux sollte in den Augen Pekings die chinesischen Interessen schützen und die Auswirkungen des Krieges auf die chinesische Wirtschaft minimieren..." Aerion24.news [177], 11.09.2022
[9] "Rechnet man [zu den reinen Militärausgaben] die humanitäre Hilfe, die wirtschaftliche Nothilfe und die Flüchtlingshilfe hinzu, haben die EU und ihre Mitgliedstaaten nach Angaben des Kieler Instituts mehr Hilfe geleistet als die Vereinigten Staaten, nämlich 52 Milliarden Dollar gegenüber 48 Milliarden Dollar für Washington." (Les Echos, 3./4.02.2023)
[10] IFRI, Le Point Géopolitique, Les guerres de l'énergie, S. 6
[11] Das Beispiel Südafrika zeigt die allgemeine Natur des Problems: Zu den Auswirkungen der Dürre und der Wasserknappheit, die das Land in diesem Herbst erlebt, kommt eine Energiekrise ungekannten Ausmaßes hinzu, die auf die Veralterung und den Ausfall der alten Kohlekraftwerke zurückzuführen ist, die ständige Stromausfälle verursachen, die das Abpumpen des Wassers in den Drakensbergen und seine Lieferung an Johannesburg und Pretoria, die rationiert sind, verhindern, während 40 % in Lecks im Netz verschwinden. Um die gesamte Infrastruktur zu reparieren, wären jedoch 3,4 Milliarden Euro erforderlich, über die die Wasserbehörde nicht verfügt.
[12] In der chemischen Industrie (dem größten Gasverbraucher) ist die Produktion beispielsweise drastisch zurückgegangen; 70 % des Sektors verzeichneten Verluste; bei der BASF sind ganze Bereiche nicht mehr rentabel oder wettbewerbsfähig, was zu einem Rückgang der Ergebnisse um 30 % geführt hat. Ganz Europa (das 60 % der Ausfuhren dieses Sektors aufnimmt) ist davon betroffen!
[13] Conflits Nr. 42
[14] Die Überschwemmungen haben die Ernten in diesem Land, das weltweit an fünfter Stelle der Baumwollproduzenten steht, fast vollständig zerstört. Für die Textilindustrie, die 10 % des BIP ausmacht, ist dies ein kolossaler Verlust; die Landwirtschaft im Sindh wurde zerstört, der Viehbestand dezimiert, der Rest der Krankheit überlassen: "Die Ernährungssicherheit der 220 Millionen Einwohner ist in Gefahr" (Le Monde 14.09.2022). Hinzu kommen die Geißeln Malaria, Dengue-Fieber, Cholera und Typhus. Als viertgrößter Reisproduzent und -lieferant für China und die afrikanischen Länder südlich der Sahara "wird jeder Rückgang der Exporte die weltweite Ernährungsunsicherheit nur noch verstärken, die durch den Rückgang der Weizenexporte aus der Ukraine noch verstärkt wird" (Le Monde 14.09.2022).
[15] Les Echos, 23./24.12.2022
[16] Révolution Internationale Nr. 6, alte Serie
[17] "Die Inflation sollte nicht mit einem anderen Phänomen im Leben des Kapitalismus verwechselt werden, nämlich dem Anstieg der Preise für bestimmte Waren aufgrund eines unzureichenden Angebots. Dieses Phänomen hat in letzter Zeit aufgrund des Krieges in der Ukraine ein besonderes Ausmaß angenommen, was die Versorgung mit einer beträchtlichen Menge verschiedener landwirtschaftlicher Produkte beeinträchtigt hat, deren Mangel bereits ein Faktor der Verschlimmerung von Elend und Hunger in der Welt ist. Die Inflation ist ein ständiges Merkmal der dekadenten Periode des Kapitalismus, das die Wirtschaft stark beeinträchtigt. Wie der Angebotsmangel schlägt sie sich in steigenden Preisen nieder, aber sie ist die Folge des Gewichts der unproduktiven Ausgaben in der Gesellschaft, deren Kosten auf die Kosten der produzierten Güter umgelegt werden. Schließlich ist ein weiterer Inflationsfaktor die Folge der Abwertung der Währungen, die sich aus dem Rückgriff auf das Drucken von Geld ergibt, das den unkontrollierten Anstieg der weltweiten Verschuldung begleitet, die sich derzeit 260 % des weltweiten BIP nähert."
[18] Marianne Nr. 1341
[19] "Viele Zahlungsausfälle sind absehbar. Der IWF schätzt, dass zwei Drittel der einkommensschwachen Länder und ein Viertel der Schwellenländer mit ernsthaften Schuldenproblemen konfrontiert sind." (Le Monde 24.09.2022)
[20] Der Brexit hat zu einem Abwürgen der britischen Wirtschaft geführt: "Das Vereinigte Königreich ist das einzige fortgeschrittene Land, dessen Exporte im vergangenen Jahr gesunken sind und unter dem Niveau vor dem Brexit bleiben (...) die Unternehmensinvestitionen blieben 10 % unter dem Niveau von Mitte 2016." (Les Echos 24.09.2022) "Mit dem Brexit ist der europäische Finanzpass, der den Verkauf von Produkten in der gesamten EU ermöglichte, verloren gegangen. Etwa zehntausend Banker haben den Finanzplatz London verlassen und sind nach Dublin, Frankfurt, Paris, Luxemburg oder Amsterdam gezogen. (...) Ein weiteres Phänomen: Seit Ende 2019 ist die Zahl der Arbeitsplätze im britischen Finanzsektor um 76.000 gesunken (von derzeit insgesamt 1,06 Millionen) ... Der Brexit hat beim Niedergang der City im Zusammenhang mit den rund zehntausend verlagerten Arbeitsplätzen eine wichtige Rolle gespielt, aber hauptsächlich indirekt, weil die großen internationalen Finanzinstitute sich entschieden haben, anderswo zu investieren." (Le Monde 19.11.2022)
[21] "Diese Angleichung an die Europäische Kommission und ihre Austeritätsdoktrin wird für einen großen Teil der Wählerschaft von Frau Meloni nicht unproblematisch sein." (Le Monde Diplomatique, Dezember 2022)
[22] "Seit den frühen 1980er Jahren träumten die Vereinigten Staaten unter Reagan davon, Europa vom russischen Gas abzuschneiden. Sie übten enormen Druck aus. Sie übten enormen Druck aus, damit die Gaspipeline Nord Stream 1 nie das Licht der Welt erblickte, und taten dies Jahre später bei Nord Stream 2 erneut, indem sie sogar mit Sanktionen gegen Unternehmen drohten, die sich an dem Projekt beteiligen würden. Der Krieg in der Ukraine ist für sie ein Geschenk des Himmels."
[23] "Eine Geschichte sorgte im letzten Frühjahr [2022] für Schlagzeilen: Ein LNG-Tanker verließ Freeport, Texas, am 21. März mit dem Ziel Asien. Doch nach zehn Tagen Fahrt änderte er mitten im Pazifik abrupt seinen Kurs, um nach Europa umzukehren (...) Die hohen Prämien, die auf dem Alten Kontinent für diese kostbare LNG-Ladung geboten wurden, überzeugten BP, das Unternehmen, das das Schiff gechartert hatte, seine Pläne zu ändern." (Le Point Géopolitique, Les guerres de l'énergie, S. 36) "Anfang November kreisten etwa 30 Gastanker, beladen mit LNG im Wert von 2 Milliarden Dollar, vor der spanischen Küste und den nordeuropäischen Terminals. Wann werden sie entladen? ‚Die Makler, die die Tanker kontrollieren, warten darauf, dass die Preise steigen, wenn die Temperaturen im Winter sinken‘, schreibt die FT (4/11/2022)" (Le Monde Diplomatique, Dezember 2022)
[24] Die Auswirkungen der Krise auf die US-Wirtschaft, die relative Erosion des Gewichts der US-Wirtschaft in der Welt, die Auswirkungen des Zerfalls ihres politischen Apparats sowie die historische Tendenz, ihre Führungsrolle zu verlieren, sollten nicht dazu führen, dass die Realität der Vormacht der Vereinigten Staaten und ihre Fähigkeit, sie auf allen Ebenen zu verteidigen, unterschätzt wird: "Die Vereinigten Staaten verfügen über ein einzigartiges panoptisches System, das es ihnen erlaubt, die meisten Nervenzentren der Globalisierung zu kontrollieren. ‚Global' bleibt das Adjektiv, das ihre Macht und Strategie am besten beschreibt. Sie stützen sich auf ein Überwachungssystem und die gleichzeitige Kontrolle der "gemeinsamen Räume": Meer, Luft, Raum und Digitales. Die ersten drei entsprechen unterschiedlichen physischen Umgebungen, die von der vierten durchdrungen werden. Dank des Dollars und des Gesetzes, garantiert durch ihre überwältigende militärische Überlegenheit, behalten die Vereinigten Staaten eine gewaltige Macht der Strukturierung und damit der Destrukturierung". T. Gomart, Guerres invisibles („Unsichtbare Kriege"), 2021, S. 251
[25] L'Express Nr. 3725
[26] "Seit 2020 übersteigen die Exporte die Importe, und der Hauptlieferant ist ein Land, zu dem es in den kommenden Jahren gute Beziehungen unterhalten dürfte, da es sich um Kanada handelt (51 % des importierten Erdöls stammen von seinem nördlichen Nachbarn). Eine Energieversicherung, die es den USA ermöglicht, eine offensive Diplomatie in der Ukraine zu betreiben" (Le Point Géopolitique, Les guerres de l'énergie, S. 7).
[27] "In der ersten Hälfte des Jahres 2022 stiegen die LNG-Exporte (alle Länder) um 20 %, wobei fast zwei Drittel nach Europa gingen. Amerika hat ein erhebliches Potenzial. Erstens, weil es einen politischen Konsens gibt, weiter in Schiefergas zu investieren. Zweitens, weil sie über das umfangreichste Pipelinenetz aller Länder verfügen. Und schließlich, weil sie massiv in Verflüssigungsterminals investieren. (...) Rund um den Golf von Mexiko, südlich von Louisiana, von Texas bis Florida, wird eine LNG-Revolution geschrieben. In Amerika gibt es derzeit nur 8 Verflüssigungsterminals. Aber fünf sind noch im Bau, 12 weitere sind bereits genehmigt und warten auf die Genehmigung, und acht Genehmigungen sind in Arbeit." L'Express Nr. 3725
[28] "Die meisten europäischen Länder haben Bestellungen aufgegeben. Allen voran Deutschland, das angekündigt hat, bis zu 35 F35-Kampfflugzeuge von Lockheed Martin kaufen zu wollen. Die Royal Navy wird 300 Millionen Euro investieren, um die Fähigkeiten ihrer Tomahawk-Raketen zu verbessern. Die Niederlande haben eine Milliarde Euro für Patriot-Mittelstrecken-Raketenabwehrsysteme auf den Tisch gelegt. Estland hat in diesem Sommer sechs Himars-Systeme und eine ballistische Rakete bestellt, die ein fast 300 km entferntes Ziel erreichen kann. Bulgarien beschloss im September, seine Bestellung von F16-Kampfjets im Gesamtwert von 1,3 Milliarden Dollar weiter aufzustocken." L'Express Nr. 3725
[29] "Das Kapital verlässt die Schwellenländer und schwächt dabei ihre Währungen. (Die ghanaische Währung -41%, der taiwanesische Dollar -13%, der mongolische Tugrik -16%) (...) Elf Schwellenländer riskieren eine Zahlungsbilanzkrise aufgrund der internationalen Währungsstraffung (Chile, Pakistan, Ungarn, Kenia, Tunesien)." Le Monde 13.10.2022
[30] Eine weitere Belastung für den internationalen Handel ist die Erhöhung der Zölle durch viele Länder, darunter auch die Vereinigten Staaten. Seit 2010 ist der Wert des Welthandels, der Zöllen und anderen Schranken unterliegt, laut WTO von 126 Milliarden Dollar auf 1,5 Billionen Dollar gestiegen.
[31] Angesichts "'des Endes der liberalen Ära der Globalisierung' (Lemaire) haben auch die französischen Arbeitgeber ihre Doktrin geändert... und befürworten einen 'intelligenten Protektionismus'". Les Echos 23./24.12.2022
[32] Fast ein Viertel der auf dem Kontinent verbrauchten Maiskolben wird außerhalb der EU-Grenzen angebaut, insbesondere in der Ukraine, die im Laufe der Jahre zu unserem Hauptlieferanten geworden ist. Da die Kämpfe die Aussaat gestört haben, könnte die Produktion des Landes in diesem Jahr um 10 bis 15 Millionen Tonnen zurückgehen.
[33] L'Express Nr. 3725
[34] "Für Washington kann Europa China nicht gleichzeitig als Partner, Konkurrent und Rivale betrachten", Bloomberg, 21.11.2022.
[35] „Joe Biden unterzeichnete im vergangenen August den "Chips and Science Act", mit dem Milliarden von Dollar in die Industrie fließen sollen, darunter 57 Milliarden Dollar in Form von Darlehen, Zuschüssen und anderen steuerlichen Maßnahmen, um die US-Halbleiterhersteller zum Aufbau von Kapazitäten zu ermutigen.“ Asyalist
[36] Die Mitgliedsstaaten dieses Abkommens sind: Australien, Brunei, Indien, Indonesien, Japan, Südkorea, Malaysia, Neuseeland, die Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam. Zusammen mit den Vereinigten Staaten repräsentieren sie 40 % des weltweiten BIP.
[37] Le Monde 17.12.2022
[38] Bloomberg, 21.11.2022
[39] "Laut einer Studie des chinesischen Staatsrats vom vergangenen April, deren Text Japan zugespielt wurde, hätten diese Sanktionen "dramatische Auswirkungen auf China", das "zu einer von der Welt abgeschnittenen Planwirtschaft zurückkehren würde. Es bestünde dann die ernste Gefahr einer Nahrungsmittelkrise", da diese Sanktionen durch die Unterbrechung der Importe von wichtigen Nahrungsmitteln Schaden anrichten würden. Ein Importstopp für Sojabohnen würde insbesondere die chinesischen Lebensmittelketten, die in hohem Maße von Sojabohnen abhängig sind, in eine Krise stürzen, während eine Verringerung oder ein Stopp der Exporte schwerwiegende Folgen für die finanziellen Einnahmen hätte, heißt es in dem Dokument aus Peking. China importiert 30 % seines Sojabohnenbedarfs aus den Vereinigten Staaten. Die chinesische Sojabohnenproduktion deckt weniger als 20 % des Bedarfs des Landes. Sojabohnen sind wichtig für die Herstellung von Speiseölen und für die Fütterung von Schweinen, die 60 % des von den Chinesen konsumierten Fleisches ausmachen.“
[40] Conflits Nr. 41, Sept.-Okt. 2022
[41] T. Gomart, Guerres invisibles, 2021, S. 242
[42] Dies wird durch die jüngsten Äußerungen von Finanzministerin Janet Yellen belegt: "Im Jahr 2022 förderte die Biden-Administration einen Wirtschaftsplan zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der USA gegenüber Versorgungsunterbrechungen, indem sie Engpässe in den Häfen beseitigte, stark in die physische Infrastruktur investierte und inländische Produktionskapazitäten in Schlüsselsektoren des 21. Jahrhunderts wie Halbleiter und erneuerbare Energien aufbaute. (...) Die Regierung Biden beabsichtigt, die Effizienz des Handels aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Vereinigten Staaten und ihrer Partner zu fördern, indem sie einen ‚Friend-Sharing‘-Ansatz verfolgt. (...) Das Ziel des 'Friend-Sharing'-Ansatzes ist die Vertiefung unserer wirtschaftlichen Integration mit einer großen Anzahl von vertrauenswürdigen Handelspartnern, auf die wir uns verlassen können. (...) Im Rahmen des EU-US-Handels- und Technologierates arbeiten wir gemeinsam an der Schaffung sicherer Lieferketten in den Bereichen Solarenergie, Halbleiter und seltene Erden. Die Vereinigten Staaten schmieden ähnliche Partnerschaften im Rahmen des Indo-Pazifischen Wirtschaftsrahmens (IPEF) und in Lateinamerika im Rahmen der Amerikanischen Partnerschaft für wirtschaftlichen Wohlstand. Die am IPEF beteiligten Länder, auf die 40 % des weltweiten BIP entfallen, haben sich verpflichtet, ihre Anstrengungen zur Diversifizierung der Lieferketten zu koordinieren. (...) Das 'Friend-Sharing' wird schrittweise umgesetzt. Es werden bereits neue Lieferketten entwickelt. Die EU arbeitet mit Intel zusammen, um Investitionen in Höhe von rund 90 Milliarden Dollar in den Aufbau einer Halbleiterindustrie zu ermöglichen. Die USA arbeiten mit ihren zuverlässigen Partnern an der Entwicklung eines umfassenden Halbleiter-Ökosystems in den Vereinigten Staaten. Wir arbeiten auch mit Australien zusammen, um in unseren beiden Ländern Anlagen für den Abbau und die Verarbeitung seltener Erden zu errichten." (Le Monde 1./2.01.2023)
[43] "Der Handelskrieg ist einer der Schauplätze, auf denen sich die chinesisch-amerikanische strategische Rivalität abspielt, mit einer wichtigen Konsequenz für alle Beteiligten: die Umwandlung von Interdependenzen in Hebel der Macht (...). Indem sie das multilaterale System, das sie selbst aufgebaut hatten, aufgaben, destabilisierten [die Vereinigten Staaten] ihre traditionellen Verbündeten bewusst und bekundeten gleichzeitig ihren Wunsch, weiterhin ihre strukturierende Macht auszuüben. Selbst wenn sie die Formen des Multilateralismus beibehält, wird die Biden-Administration sie nutzen, um Chinas Machtaufstieg so weit wie möglich einzudämmen", T. Gomart, Guerres invisibles, 2021, S. 112
[44] Drittes Manifest der IKS. Der Kapitalismus führt zur Zerstörung der Menschheit, nur die Weltrevolution des Proletariats kann dem ein Ende setzen [178]
[45] Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Vernichtung der Menschheit auf [160], Internationale Revue, online 2022
[46] Weltbank, Juni 2022
[47] Foreign Affairs, zit. nach Courrier International 1674
[48] Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern [8], Internationale Revue 12
[49] Inoffizielle Bezeichnung für die wirtschaftlichen Maßnahmen, die in Argentinien während der Wirtschaftskrise 2001 ergriffen wurden, um den Liquiditätswettlauf zu beenden und die Kapitalflucht zu bekämpfen: Begrenzung der Bargeldabhebungen und Verbot aller Überweisungen ins Ausland.
[50] Länder, in denen gewisse Fabriken von Zöllen befreit sind, um Waren zu niedrigeren Kosten zu produzieren.
Die Entwicklung der Weltlage seit dem 25. Kongress der IKS im Frühling 2023 bestätigt voll und ganz, was wir in der damals angenommenen Resolution zur internationalen Lage sagten. Nicht nur, dass der Zerfall zum entscheidenden Faktor in der gesellschaftlichen Entwicklung wird, wie wir bereits 1990 vorausgesehen haben,[1] sondern in diesem Jahrzehnt «führt die Aggregation und Interaktion zerstörerischer Phänomene zu einem 'Strudeleffekt', der jede seiner Teilwirkungen bündelt, katalysiert und vervielfacht, indem er noch verheerendere Verwüstungen verursacht».[2]
Konkret verschärft sich die Wirtschaftskrise, und die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse verschlechtern sich erheblich, was einen "Bruch" mit der Situation der Passivität und die Entwicklung von Kampfbereitschaft und möglicherweise eines Bewusstseins begünstigt, das eine Bewegung hin zur Annahme einer revolutionären Perspektive zum Ausdruck bringt, auch wenn sie noch langsam und zerbrechlich ist. Gleichzeitig zeigen die ökologischen Verschlechterungen und die Vervielfachung der imperialistischen Kriegsgebiete (Ukraine, Armenien/Aserbaidschan, Bosnien, Afrika, Naher Osten) die Perspektive der Zerstörung und des Ruins, die der Kapitalismus der Menschheit bietet.
Im Bereich der Umweltkatastrophe lassen die jüngsten Ereignisse keinen Raum für Zweifel oder Relativierung der Folgen ökologischer Schäden für die Bewohnbarkeit des Planeten und das Überleben vieler Arten (einschließlich der menschlichen Spezies). Jüngste Beispiele sind die massiven Überschwemmungen in Pakistan oder der Temperaturanstieg in diesem Sommer auf über 40 Grad in den Ländern Südeuropas, die Umweltverschmutzung, die in Indien zur Schließung der Schulen während der Weihnachtsferien im November geführt hat und bei jedem dritten Kind Atemprobleme verursacht, die aktuelle Lungenentzündungsepidemie bei Kindern in China, die Hungersnöte in Afrika usw.
Von allen Elementen des "Strudeleffekts" ist es jedoch der imperialistische Krieg, der den Gang der Ereignisse in der Weltlage unmittelbar beschleunigt. Seit dem 25. Kongress im Frühling 2023 erleben wir eine Art Patt im Krieg in der Ukraine, das Wiederaufflammen des Krieges in Berg-Karabach, die kriegerischen Spannungen auf dem Balkan und vor allem den Krieg zwischen Israel und der Hamas. Im Hintergrund steht die wachsende Konfrontation zwischen den USA und China. Diese Häufung von Konflikten ist nicht Ausdruck einer Dynamik zur Bildung imperialistischer Blöcke, sondern bestätigt die "Jeder für sich"-Tendenz der imperialistischen Konfrontationen in dieser Periode.
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1. Was die Analyse der imperialistischen Konfrontationen während des Kalten Krieges anbelangt, so haben sich die Koordinaten der marxistischen Analyse in der gegenwärtigen Situation verändert, vor allem, was die Möglichkeit der Bildung imperialistischer Blöcke und die Konfrontation der Klassen anbelangt. Trotzdem beharren die Bordigisten (Programma, Le Prolétaire, Il Partito) und Damenisten (ICT) darauf, in der gegenwärtigen Situation die Bildung von zwei gegensätzlichen imperialistischen Blöcken um China und die USA zu sehen und damit den Marsch in Richtung eines dritten Weltkriegs, der auf der Annahme der Niederlage des Proletariats beruht. In der Tat neigen selbst die "Experten" der Bourgeoisie dazu, die vorherrschende Tendenz der imperialistischen Konflikte in Richtung "Multipolarität" anzuerkennen.[3]
In der Resolution des 24. Kongresses 2021 zur internationalen Lage haben wir geschrieben:
"Der Weg zum Krieg wird immer noch durch die starke Tendenz des „Jeder-für-sich“ und Chaos auf imperialistischer Ebene behindert, während der Kapitalismus in den zentralen kapitalistischen Ländern noch nicht über die politischen und ideologischen Elemente verfügt – einschließlich insbesondere einer politischen Niederlage der Arbeiterklasse –, welche die Gesellschaft ‚vereinigen‘ und den Weg zum Weltkrieg ebnen könnten. Die Tatsache, dass wir immer noch in einer im Wesentlichen multipolaren Welt leben, wird insbesondere durch das Verhältnis zwischen Russland und China verdeutlicht. Während Russland sich in bestimmten Fragen sehr willig gezeigt hat, sich mit China zu verbünden, im Allgemeinen in Opposition zu den USA, ist es sich nicht weniger der Gefahr bewusst, sich seinem östlichen Nachbarn unterzuordnen, und ist einer der Hauptgegner von Chinas "Neuer Seidenstraße" in Richtung imperialistischer Hegemonie."[4]
2. Die Anerkennung des unkontrollierten Verhältnisses der imperialistischen Kräfte, das im Wesentlichen durch die Tendenz zum "Jeder für sich" gekennzeichnet ist, darf nicht dazu führen, dass die Gefahr der Explosion unkontrollierter militärischer Konflikte unterschätzt wird, wie es zu Beginn des Krieges in der Ukraine 2022 der Fall war. Der Konflikt zwischen den USA und China könnte durchaus zu einer direkten militärischen Konfrontation führen, so dass die Gefahr eines offenen Konflikts in diesem Bereich (die in der Resolution des 25. Kongresses zur internationalen Lage etwas unterschätzt wurde) weiter analysiert werden muss.
Die erklärte geopolitische Strategie der USA seit 1989 besteht darin, das Entstehen einer Macht zu verhindern, die es mit ihrer massiven militärischen Überlegenheit auf der Weltbühne aufnehmen könnte. Diese Doktrin bestätigte gleichzeitig, dass ihr primäres Ziel nicht die Wiederherstellung eines Blocks war, und deutete darauf hin, dass sie im Gegensatz zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, wo sie in einer defensiven Haltung abwarteten, bevor sie als Sieger hervorgingen, jetzt auf der Weltbühne in die militärische Offensive gehen und die dominierende Kraft der imperialistischen Destabilisierung werden mussten.
Die Fiaskos im Irak und in Afghanistan haben gezeigt, dass die Politik des Weltpolizisten nur noch mehr Chaos erzeugt und gleichzeitig den Niedergang des US-Imperialismus verdeutlicht. In jüngster Zeit haben sie versucht, mit einer strikteren Verteidigung ihrer eigenen Interessen zu reagieren (Trumps "America first" und Bidens "America is back"), auch wenn dies ein noch größeres Chaos auslöst. Wie wir bereits festgestellt hatten, stellt Chinas enorme wirtschaftliche, technologische und militärische Entwicklung eine Bedrohung für die amerikanische Vorherrschaft dar.
Aus diesem Grund entwickeln die USA eine Politik, die darauf abzielt, das Fortschreiten der wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Entwicklung in China zu behindern, und zwar durch die Verlagerung von Unternehmen, die Einschränkung der Zusammenarbeit in der universitären Spitzenforschung, die Blockierung von Technologieexporten, die "Quadrupel-Chip-Allianz" zwischen den USA und Taiwan, Japan und Südkorea, die darauf abzielt, China von den weltweiten Lieferketten für Mikrochips zu isolieren, usw. Auf der militärischen Seite versuchen die USA mit Initiativen wie QUAD, der "NATO Asiens", in der sich die USA mit Japan, Indien, Australien und Südkorea zusammenschließen, oder AUKUS, einem militärischen Kooperationsabkommen mit Australien und dem Vereinigten Königreich, eine geopolitische Einkreisung zu erreichen, um die Kontrolle über den Indopazifik und den asiatischen Kontinent zu gewährleisten. Die Einkreisung der USA wird immer enger, und die letzten Schritte waren die Einrichtung amerikanischer Militärstützpunkte auf den Philippinen und die Gewinnung Vietnams als Verbündeten in der Region. Letztlich verfolgen die USA mit dem Krieg in der Ukraine auch das Ziel, China strategisch und militärisch zu isolieren, Russland auszubluten, ihm jegliche weltmachtpolitische Bedeutung zu nehmen und zu verhindern, dass China seine Militärtechnologie, seine Energieressourcen und seine Erfahrung im imperialistischen "Great Game" der Welt nutzen kann. Der blutige Stillstand des Krieges in der Ukraine hat dieses US-Projekt des Ausblutens Russlands vorangetrieben.
In jüngster Zeit wurde die Politik der Einkreisung Chinas durch eine Reihe von Provokationen verstärkt, wie den Besuch von Pelosi in Taipeh, den Abschuss von Wetterballons, die angeblich der Spionage dienten, die Ankündigung von 345 Millionen Dollar Militärhilfe für Taiwan oder Bidens Erklärungen, dass die USA nicht zögern würden, Truppen auf die Insel zu schicken, um sie vor einer chinesischen Invasion zu verteidigen.
All diese amerikanischen Initiativen deuten auf eine Strategie der Isolierung und Provokation Chinas hin, das die USA in verfrühte Konfrontationen zu drängen versuchen, für die es noch nicht gerüstet ist und die zu militärischen Zusammenstößen führen könnten. Damit wird die Politik der Einkreisung der "UdSSR" wiederholt, die diese dazu zwang, sich in imperialistische Abenteuer zu verwickeln, die ihre realen wirtschaftlichen und militärischen Möglichkeiten überstiegen, und die schließlich zum Zusammenbruch des von ihr angeführten imperialistischen Blocks führte.
Es besteht kein Zweifel daran, dass China dazugelernt und die Lehren aus dem Zusammenbruch des Ostblocks zur Kenntnis genommen hat; aber wir sollten nicht ausschließen, dass es angesichts der Fortsetzung und Verschärfung des Drucks der USA am Ende keine andere Wahl hat, als zu reagieren; und deshalb sollten wir die Möglichkeit eines Konflikts, insbesondere im Chinesischen Meer um Taiwan, nicht unterschätzen. Es liegt auf der Hand, dass im Falle eines solchen Konflikts die Folgen für die ganze Welt katastrophal und schrecklich wären, auch wenn das Ausmaß eines solchen Konflikts durch mehrere Faktoren begrenzt wäre, insbesondere durch das Fehlen globaler imperialistischer Blöcke und die Unfähigkeit der US-Bourgeoisie, eine unbesiegte Arbeiterklasse in eine umfassende Mobilisierung für einen Krieg zu ziehen.
3. Der blutige Konflikt, der derzeit im Nahen Osten herrscht, ist gerade im Zusammenhang mit der chaotischen und unvorhersehbaren Ausweitung der Tendenz jeder imperialistischen Macht entstanden, für sich selbst zu handeln, und nicht aus einer Bewegung zur Festigung von Blöcken.
Der Rückzug einer starken US-Militärpräsenz im Nahen Osten übertrug Israel die Aufrechterhaltung der Pax Americana in der Region im Rahmen der Osloer Abkommen (1993), die den Grundsatz der "zwei Staaten" (also eines lokalen palästinensischen Staates) anerkannten. Es herrschte scheinbar Ruhe, die sogar die Unterzeichnung des Abraham-Abkommens im Jahr 2020 ermöglichte, das den Frieden zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten unter Ausschluss des Irans sanktionierte. In der Praxis hat Israel jedoch seine Politik der Schikanierung der arabischen Bevölkerung und der Unterstützung der Siedler im Westjordanland fortgesetzt und intensiviert und die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) sabotiert, indem es die Hamas unterstützte, die nun ihr Todfeind ist, und damit in der Praxis das amerikanische Mandat sabotierte. Die Situation hat mit der Netanjahu-Regierung in Verbindung mit der extremen Rechten eine Grenze erreicht. Der Finanzminister hat die Armee aufgefordert, sich für die Angriffe auf die Siedler mit dem Niederbrennen palästinensischer Häuser zu rächen, und die Präsenz der israelischen Soldaten konkurriert mit der der PA-Polizei. Die Hamas, die die letzten Wahlen im Gazastreifen gewonnen hat, wollte das Schicksal des Westjordanlandes nicht tatenlos abwarten und hat einen verzweifelten Angriff gestartet. Dieser Angriff fiel jedoch mit den Ambitionen einer anderen Regionalmacht – dem Iran – zusammen, der seine Präsenz in der Region geschwächt sah und der seinerseits unter der Schirmherrschaft Chinas im März ein Abkommen mit Saudi-Arabien über die "Seidenstraße" unterzeichnet hatte, das in direkter Konkurrenz zu dem von Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten steht.
Das Wall Street Journal machte öffentlich, was alle wussten: Der Hamas-Anschlag wurde offen vom Iran und der Hisbollah im Südlibanon vorbereitet und unterstützt.
Israels Antwort, die Zerstörung des Gazastreifens unter dem Vorwand, die Hamas auszulöschen, zeigt eine Politik der verbrannten Erde auf beiden Seiten. Die mörderische Wut der Hamas findet in Israels vernichtender Rache die andere Seite der Medaille. Und auf globaler Ebene ist das Feuer in der Region ein Aufruf zum Eingreifen anderer regionaler Mächte, insbesondere des Iran, der der Hauptnutznießer der Situation ist, in der das regionale Gleichgewicht gestört ist.
Dies ist jedoch nicht im Sinne der USA. Die Biden-Administration hatte keine andere Wahl, als die Reaktion der israelischen Armee widerwillig zu unterstützen, indem sie – wenn auch vergeblich – versuchte, die Spannungen abzubauen, und war gezwungen, ihre militärische Präsenz in der Region wiederherzustellen, indem sie "neben dem Flugzeugträger Ford den Kreuzer Normandy und die Zerstörer Thomas Hudner, Ramage, Carney und Roosevelt entsandte und die Präsenz von F-35-, F-15-, F-16- und A-10-Kampfflugzeugstaffeln in der Region verstärken wird".[5] Einige mussten bereits angesichts der Angriffe auf amerikanische Truppen im Irak eingreifen. Ziel ist es, den Iran um jeden Preis von einer direkten oder über die Hisbollah durchgeführten Intervention abzuhalten, aber auch Israel davon abzuhalten, seine Drohung, den Iran "von der Landkarte zu tilgen", wahr zu machen.
Russland seinerseits profitiert zweifellos davon, dass sich der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit und der Kriegspropaganda von der Ukraine nach Palästina verlagert. Dies beeinträchtigt die finanziellen und militärischen Ressourcen, die die USA an der russischen Front einsetzen könnten, und "verschafft eine Atempause" für die Intensität ihres Krieges dort. Darüber hinaus profitiert Putin von der Unterstützung der USA für die Grausamkeit der israelischen Unterdrückung, indem er die Heuchelei der amerikanischen Gesellschaft und des "Westens" anprangert, der seinerseits die Besetzung der Krim kritisiert, aber der Invasion in Gaza zustimmt. Russland kann jedoch seine eigenen Interessen in der Region durch diesen Krieg nicht wesentlich voranbringen.
China mag die Abschwächung der US-Politik des "Schwenks nach Osten" ebenfalls begrüßen, aber Krieg und die Destabilisierung der Region laufen seinen eigenen geopolitischen Interessen bei der Gestaltung der neuen Seidenstraße zuwider.
Der gegenwärtige Krieg im Nahen Osten ist daher nicht das Ergebnis der Dynamik der imperialistischen Blockbildung, sondern des "Jeder für sich". Ebenso wie die Konfrontation in der Ukraine bestätigt dieser Krieg die vorherrschende Tendenz der globalen imperialistischen Situation: eine wachsende Irrationalität, die durch die Tendenz jeder imperialistischen Macht, für sich selbst zu handeln, und die blutige Politik der dominierenden Macht, der USA, genährt wird, um ihrem unvermeidlichen Niedergang entgegenzuwirken, indem sie den Aufstieg jedes potenziellen Herausforderers verhindert.
4. Der Krieg im Nahen Osten wirkt sich auf die gesamte Arbeiterklasse in den zentralen Ländern noch stärker aus als derjenige in der Ukraine. Einerseits, weil in einigen Ländern wie Frankreich ein großer Prozentsatz der Einwanderer aus arabischen Ländern kommt[6]. Zum anderen aber auch, weil die "Verteidigung des palästinensischen Volkes" seit langem zum Gepäck der "linken Ideologie" der trotzkistischen und anarchistischen Gruppen gehört und auch, das muss gesagt werden, zur Unterstützung der "nationalen Befreiung" einiger bordigistischer Gruppen wie Programma. So haben wir Demonstrationen zur Verteidigung der Palästinenser und für den Frieden von 30.000 Leuten in Berlin, 40.000 in Brüssel und 35.000 in Madrid, mehr als 500.000 in London gesehen. Auf der anderen Seite geht der Zionismus in Deckung hinter der "Judenfrage", die nicht nur historisch aufgeladen ist, sondern auch einen Teil der Bevölkerung in Europa und den USA betrifft. Dies erklärt die Demonstrationen und Aktionen gegen den Antisemitismus in Frankreich, in letzter Zeit in London, Paris oder in Deutschland; und auch die Kampagnen an amerikanischen Universitäten wie Harvard, wo Studierende, die die Massaker anprangerten, des Antisemitismus bezichtigt wurden.
Trotzdem wird der Krieg im Nahen Osten wahrscheinlich nicht die Dynamik des "Bruchs" der Passivität der Arbeiterklasse beenden, die wir ausgehend vom "Sommer der Unzufriedenheit" in Großbritannien identifiziert haben, die zwar nicht von einer Reaktion auf den Krieg ausgeht, die in der gegenwärtigen Situation eine Bewusstseinsentwicklung und eine Politisierung der Klasse als Ganzes erfordern würde, was im Moment nicht der Fall ist, sondern eher die Verschärfung der Wirtschaftskrise.
Als Internacionalismo in den 1960er Jahren die Perspektive einer Wiederaufnahme des Klassenkampfes einbrachte, beruhte seine Analyse im Wesentlichen auf zwei Elementen: 1. dem Ende der Periode des "Wohlstands" nach dem Zweiten Weltkrieg und der Perspektive der Krise; 2. dem Vorhandensein einer neuen Generation im Proletariat, die keine Niederlage erlitten hatte. Die Dimension, die die Kämpfe im Mai 68 in Frankreich und im Heißen Herbst 69 in Italien usw. annahmen, war neben den oben genannten Faktoren auch das Ergebnis der mangelnden Vorbereitung der Bourgeoisie.
Die Bedingung, dass das Proletariat nicht besiegt ist, ist in der gegenwärtigen Situation ebenso entscheidend und am wichtigsten. Umgekehrt weist die gegenwärtige Situation des sich verschärfenden Zerfalls und des Strudeleffekts Elemente auf, die ein Hindernis für den Kampf und die Bewusstseinsbildung des Proletariats darstellen; sie beinhaltet aber auch eine qualitative Verschärfung der Wirtschaftskrise, die sich in einer erheblichen Verschlechterung der Lebensbedingungen des Proletariats ausdrückt. Die Entscheidung, in den Kampf zu ziehen, nicht zu resignieren, nicht zu vertrauen und auf "eine neue Entwicklung der Wirtschaft" zu warten, bedeutet eine Reflexion über die globale Situation, ein Misstrauen gegenüber den Erwartungen, die der Kapitalismus bieten kann, eine minimale Bilanz dessen, was uns versprochen wurde und nicht erfüllt wurde. In diesem Sinne impliziert "genug ist genug" eine unterirdische Reifung des Bewusstseins. Dieser Ansatz hat eine internationale Dimension für die Arbeiterklasse als Ganzes. Das Beispiel der Kämpfe in Frankreich und im Vereinigten Königreich und jetzt in den USA ist auch Teil einer Überlegung, durch die sich die ArbeiterInnen in anderen Ländern mit denen identifizieren, die an diesen Kämpfen teilnehmen. Dies ist auch Teil des Beginns einer Reflexion über die Klassenidentität.
Es ist wahr, dass die Frage des Krieges in diesem Prozess indirekt präsent ist. Diese Reifung hat während zwei Jahrzehnten der Verschärfung der imperialistischen Konflikte gleichzeitig mit der Verschärfung der Wirtschaftskrise stattgefunden; außerdem hat der "Bruch" trotz des Ausbruchs des ukrainischen Krieges stattgefunden. In der Tat führt die Entwicklung der Kämpfe notwendigerweise zu den Anfängen einer Reflexion, die die Krise und den Krieg miteinander verbindet, zum Beispiel wenn man sieht, dass die Inflation aufgrund der Rüstungsausgaben steigt und dass uns Opfer abverlangt werden, um die Verteidigungshaushalte zu erhöhen.
5. Die sich verschlechternde Weltlage birgt jedoch Gefahren für die Arbeiterklasse. Wer kann die Folgen eines Krieges zwischen den USA und China vorhersagen, dessen Ausmaß jeden Konflikt seit 1945 in den Schatten stellen könnte? Oder die Auswirkungen anderer Katastrophen, die die Zeit des Zerfalls mit sich bringen wird?
In dieser Periode des Zerfalls haben sich nicht nur die Bedingungen für die Verschärfung der imperialistischen Konflikte geändert, die vom "Kalten Krieg" zwischen zwei imperialistischen Blöcken zum "Jeder für sich" übergegangen sind; sie haben sich auch unter dem Gesichtspunkt der Klassenkonfrontation verändert.
In der Zeit des Kalten Krieges bedeutete der Widerstand des Proletariats – die Tatsache, dass es der Bourgeoisie nicht gelungen war, die Arbeiterklasse zu besiegen –, dass diese das Haupthindernis für den totalen imperialistischen Krieg war. Und die Klassenkonfrontation konnte im Sinne eines "historischen Kurses" analysiert werden, wie es die Italienische Linke im Exil (Bilan) in den 1930er Jahren angesichts des Krieges in Spanien 1936 und des Zweiten Weltkrieges getan hatte: entweder ein Kurs in Richtung Niederlage des Proletariats und Weltkrieg oder ein Kurs in Richtung entschiedener Konfrontationen und revolutionärer Perspektive.
In der gegenwärtigen Periode der chaotischen Verschärfung der imperialistischen Konflikte nach dem Motto "jeder für sich" verhindert die Tatsache, dass das Proletariat nicht besiegt ist, nicht die Ausbreitung kriegerischer Auseinandersetzungen, die zwar im Moment Länder betreffen, in denen das Proletariat schwächer ist, wie Russland/Ukraine oder den Nahen Osten, aber nicht die Möglichkeit ausschließen, dass einige der zentralen Länder sich auf kriegerische Abenteuer einlassen.
Während also in den Jahren 1960-90 die Zeit für das Proletariat günstig war, Lehren aus seinen Misserfolgen und seinem Zögern aufzunehmen und weiterzuentwickeln, um neue Angriffe in seinem Kampf gegen den Kapitalismus vorzubereiten, hat seither, wie wir in den "Thesen zum Zerfall" 1990 schrieben, die Periode des Zerfalls für die Arbeiterklasse in der Tat einen Wettlauf gegen die Zeit geschaffen. Deshalb müssen die revolutionären Organisationen in ihrer Intervention auch auf die Entwicklung des Bewusstseins für diese Tatsache in der Arbeiterklasse hinwirken.
IKS, 2.12.2023
[1] Die Dekadenz des Kapitalismus ist kein homogener und regelmäßiger Prozess: Sie hat vielmehr eine Geschichte mit verschiedenen Phasen. Die Phase des Zerfalls wurde in unseren Thesen zum Thema: Der Zerfall, die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus [9] (Internationale Revue Nr. 13) als «Eintritt des Kapitalismus in eine besondere Phase, in die ultimative Phase seiner Geschichte» identifiziert, «eine Phase, in welcher der Zerfall ein, wenn nicht gar der entscheidende Entwicklungsfaktor der Gesellschaft sein wird» (These 2). Es ist offensichtlich, dass, wenn das Proletariat nicht in der Lage wäre, den Kapitalismus zu stürzen, wir Zeugen einer schrecklichen Agonie würden, die zur Zerstörung der Menschheit führte.
[2] Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Vernichtung der Menschheit auf [160], Internationale Revue (online) 2022
[3] Aktualisierung der Thesen zum Zerfall (2023) [179], Internationale Revue Nr. 59 (2023)
[4] 24. Internationaler Kongress der IKS: Resolution zur internationalen Lage [47], Internationale Revue Nr. 57
[5] Dies entspricht etwa 5000 Soldaten (Los Angeles Times, 8. Oktober 2023)
[6] 10 % der französischen Bevölkerung sind Muslime, d. h. etwa 6 Millionen.
Die Empörung und Besorgnis der Arbeiterklasse angesichts der Ausbreitung immer zerstörerischerer imperialistischer Kriege findet ihren Ausdruck in kleinen Minderheiten, die eine internationalistische Antwort suchen.
Aber was ist Internationalismus? Im Namen des Internationalismus fordern uns die linken Gruppen – hauptsächlich die Trotzkisten – auf, uns für ein Lager unter den imperialistischen Gangstern zu entscheiden. Für sie wäre die Wahl Palästinas im Namen der „nationalen Befreiung der Völker“ die internationalistischste Antwort! Sie verkaufen uns also einen „Internationalismus“, der sein Gegenteil ist, denn Internationalismus bedeutet, gegen alle imperialistischen Lager zu kämpfen, für den internationalen Klassenkampf, für die Perspektive der Weltrevolution, die allein den Krieg beenden kann. Es gibt andere Auffassungen von Internationalismus: Anarchisten neigen dazu, ihn auf eine Ablehnung zu reduzieren: Ablehnung von Armeen, Ablehnung von Militärdienst, Ablehnung von Kriegen im Allgemeinen. Diese Visionen gehen nicht an die Wurzel des Problems, nämlich die Dekadenz des Kapitalismus und seine Dynamik der Zerstörung des Planeten und der gesamten Menschheit. Es ist daher notwendig, zunächst zu klären, was Internationalismus ist, und sich dabei auf die historische Erfahrung des Proletariats zu stützen.
Der Kampf gegen den Krieg kann nicht Menschen guten Willens oder „friedliebenden, klugen“ Politikern überlassen werden... der Kampf gegen den Krieg ist eine Klassenfrage. Nur die Arbeiterklasse trägt die kommunistische Perspektive, die Kraft und die Interessen in sich, die es ihr ermöglichen, dem Krieg ein Ende zu setzen. Deshalb sagen wir in unserem Dritten Internationalen Manifest: „Von allen Klassen der Gesellschaft ist das Proletariat am meisten und am stärksten vom Krieg betroffen. Der ‚moderne‘ Krieg wird von einer gigantischen industriellen Maschinerie geführt, die eine große Intensivierung der Ausbeutung des Proletariats erfordert. Das Proletariat ist eine internationale Klasse, die KEIN VATERLAND hat, aber der Krieg ist die Tötung der Arbeiter für das Vaterland, das sie ausbeutet und unterdrückt. Das Proletariat ist die Klasse des Bewusstseins; der Krieg ist die irrationale Konfrontation, der Verzicht auf jedes bewusste Denken und Nachdenken. Das Proletariat hat ein Interesse daran, die klarste Wahrheit zu suchen; in Kriegen ist das erste Opfer die Wahrheit, gefesselt, geknebelt, erstickt von den Lügen der imperialistischen Propaganda. Das Proletariat ist die Klasse der Einheit über die Schranken von Sprache, Religion, Rasse oder Nationalität hinweg; die tödliche Konfrontation des Krieges erzwingt das Auseinanderreißen, die Spaltung, die Konfrontation zwischen Nationen und Völkern.“
Der Internationalismus ist der konsequenteste Ausdruck des Bewusstseins und des historischen Interesses des Proletariats. Den Grundstein des Internationalismus finden wir in den Grundsätzen des Kommunismus von 1847, wo Friedrich Engels in Punkt XIX fragt: „Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können?“ und seine Antwort ist eindeutig:
„Antwort: Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung so weit gleichgemacht, dass in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d.h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein. Sie wird sich in jedem dieser Länder rascher oder langsamer entwickeln, je nachdem das eine oder das andre Land eine ausgebildetere Industrie, einen größeren Reichtum, eine bedeutendere Masse von Produktivkräften besitzt. Sie wird daher in Deutschland am langsamsten und schwierigsten, in England am raschesten und leichtesten durchzuführen sein. Sie wird auf die übrigen Länder der Welt ebenfalls eine bedeutende Rückwirkung ausüben und ihre bisherige Entwicklungsweise gänzlich verändern und sehr beschleunigen. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben.“ (Marx-Engels Werke, Band 4, Seite 361-380; Dietz Verlag Berlin, 1974). Das Kommunistische Manifest bekräftigt und vertieft diesen Grundsatz und verkündet: „Das Proletariat hat kein Vaterland, Proletarier der Welt vereinigt euch!“
In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bekämpften Marx und Engels den Panslawismus, der sich gegen die internationale Einheit der Arbeiterklasse wandte, und argumentierten, dass die Unterstützung bestimmter nationaler Kriege die Bedingungen für die Weltrevolution beschleunigen könne, aber nicht im Namen eines sogenannten „nationalen Rechts“. Dies war der Fall beim Bürgerkrieg in den USA und dem deutsch-französischen Krieg von 1870. Wie Lenin in seiner Broschüre Sozialismus und Krieg, die er kurz vor der Zimmerwalder Konferenz von 1915 schrieb, sagte: „Der Krieg von 1870 war ein ‚fortschrittlicher Krieg‘ wie die Kriege der französischen Revolution, die zwar zweifellos alle Elemente der Plünderung und Eroberung mit sich brachten, aber die historische Funktion hatten, den Feudalismus und Absolutismus im gesamten alten, noch auf der Leibeigenschaft beruhenden Europa zu zerstören oder zu erschüttern.“1
Die Zweite Internationale sah sich mit einer deutlichen Veränderung der Kriege konfrontiert, die zunehmend einen imperialistischen Charakter annahmen. So nahm sie 1900 auf dem Pariser Kongress den Standpunkt an, dass: „Die sozialistischen Parlamentsabgeordneten aller Länder müssen gegen alle Ausgaben für Militär und Marine und gegen koloniale Expeditionen stimmen.“
Aber die zunehmende Schwere der imperialistischen Spannungen, die den Ausgangspunkt der Dekadenz des Kapitalismus und die Notwendigkeit einer proletarischen Weltrevolution zum Ausdruck brachte, machte es notwendig, den Internationalismus nicht nur zu einer defensiven Position der Ablehnung des Krieges zu machen – eine Position, in der die Mehrheit der Zweiten Internationale zu verharren pflegte – sondern den Kampf gegen den Krieg zum Kampf für die Zerstörung des Kapitalismus zu machen. Deshalb schlugen Lenin, Rosa Luxemburg und Martow auf dem Stuttgarter Kongress (1907) angesichts einer von August Bebel vorgeschlagenen Resolution zum Krieg, die zwar formal korrekt, aber zu zaghaft und begrenzt war, einen Änderungsantrag vor, der schließlich angenommen wurde und in dem sie auf der Notwendigkeit bestanden, „Falls der Krieg dennoch ausbrechen solle, sind sie verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, um die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.“ (Protokoll des Stuttgarter Kongresses, S. 102)
Ebenso prangerte der Außerordentliche Kongress von Basel (1912) einen möglichen europäischen Krieg als „verbrecherisch“ und „reaktionär“ an und erklärte, dass dieser nur „den Sturz des Kapitalismus beschleunigen kann, indem er die proletarische Revolution unweigerlich provoziert“.
Die Mehrheit der Parteien der 2. Internationale hingegen „prangerte den Krieg vor allem wegen seiner Schrecken und Grausamkeiten an, weil das Proletariat das Kanonenfutter für die herrschende Klasse darstelle. Der Antimilitarismus der II. Internationale war rein negativ (...) Insbesondere das Verbot, Kriegskredite abzustimmen, löste nicht das Problem der ‚Verteidigung des Landes‘ gegen den Angriff einer ‚Aggressor-Nation‘. Das ist die Bresche, durch die die Meute der Sozialchauvinisten und Opportunisten schlug“2.
Angesichts der Beschränkungen der Mehrheitsposition in den Parteien der Zweiten Internationale, ihrer Verwirrungen in der nationalen Frage und sogar des Kolonialismus von Hyndman von der Sozialdemokratischen Föderation in Großbritannien, verteidigten nur die Linken der Zweiten Internationale, insbesondere die Bolschewiki und Rosa Luxemburg, den Internationalismus gegen den imperialistischen Krieg und waren für die proletarische Weltrevolution. Sie machten deutlich, dass der Internationalismus die Grenze ist, die die Kommunisten von allen Parteien und Organisationen trennt, die den kapitalistischen Krieg verteidigen.
Die Reaktion auf den Ersten Weltkrieg brachte eine klare Abgrenzung zwischen dem Internationalismus einer kleinen Minderheit in den sozialdemokratischen Parteien und dem Chauvinismus der Mehrheit, der die Zweite Internationale zerstörte. Die Internationalisten schlossen sich zu den Zimmerwalder Konferenzen zusammen, die im September 1915 begannen.
Aber Zimmerwald war nur ein Ausgangspunkt, denn es war auch Ausdruck einer großen Verwirrung. Die Zimmerwalder Bewegung war aus den Parteien der 1914 zusammengebrochenen Zweiten Internationale hervorgegangen und vereinte daher ein völlig heterogenes Spektrum von Kräften, die nur durch eine allgemeine Ablehnung des Krieges geeint waren, denen aber ein echtes internationalistisches Programm fehlte.
Es gab die Befürworter einer unmöglichen Rückkehr zu einem Kapitalismus von vor dem Ersten Weltkrieg, die zum „Frieden“ aufriefen und den Kampf auf das Parlament beschränken wollten, indem sie sich der Stimme enthielten oder sich weigerten, über Kriegskredite abzustimmen (Ledebour von der SPD). Es gab diejenigen, die einfach nur Pazifisten waren; es gab einen schwankenden zentristischen Flügel (Trotzki, Spartakisten) und schließlich die klare und entschlossene Minderheit um Lenin und die Bolschewiki, die Zimmerwalder Linke.
In unserem Artikel in der Internationalen Revue 155 heißt es: „Im Zusammenhang mit der Zimmerwalder Konferenz ist es korrekter zu sagen, dass die Rechte nicht durch die „Sozialchauvinisten“ vertreten war, um den Ausdruck von Lenin zu gebrauchen, sondern durch Kautsky und Konsorten – die später die Rechte in der USPD bildeten –, dass sich die Linke aus den Bolschewiki und das Zentrum aus Trotzki und den Spartakusbund von Rosa Luxemburg zusammensetzte. Der Prozess, der zur Revolution in Russland und Deutschland führte, war ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass ein großer Teil des 'Zentrums' für die Positionen der Bolschewiki gewonnen werden konnte.“3.
Von Anfang an brachten nur die Bolschewiki eine echte und konsequente internationalistische Antwort vor, die drei zentrale Punkte verteidigte:
Sie führten einen hartnäckigen und unerschütterlichen Kampf um diese drei Punkte. Sie waren sich der Verwirrung bewusst, die in der „Zimmerwalder Bewegung“ herrschte, und dass dieses sumpfige Terrain des Eklektizismus, der Koexistenz von „Feuer und Wasser“, zur Entwaffnung des Antikriegskampfes und zur Schwächung der heranreifenden revolutionären Perspektive führte, mit den Arbeitern in Russland an ihrer Spitze.
Es stimmt, dass die Bolschewiki 1915 das durch Kompromisse geprägte Zimmerwalder Manifest unterzeichneten, aber das bedeutete nicht die Akzeptanz dieser Verwirrung, insbesondere des pazifistischen Tons des Manifests, sondern die Erkenntnis, dass es, indem es die Sozialpatrioten vor der gesamten Arbeiterklasse anprangerte, ein erster Schritt zur Annahme einer unnachgiebigen internationalistischen Linie sein konnte, die zu einer neuen Internationale führte. Indem sie ihre Kritik am Zimmerwalder Zentrismus beibehielten, konnten die Bolschewiki den notwendigen Prozess der Abgrenzung fortsetzen. Angesichts der Ergebnisse der Zimmerwalder Konferenz fassten die Bolschewiki die folgenden Beschlüsse:
Heute geben die Internationalistische Kommunistische Tendenz (IKT – Englisch: ICT) und bestimmte parasitäre Gruppen vor, Anhänger von Zimmerwald zu sein. Sie geben Zimmerwald eine Menge „Likes“. Seine Bedeutung wurde jedoch von der ICT und parasitären Elementen, die sich als Internationalisten tarnen, absichtlich verdunkelt oder sogar ins Gegenteil verkehrt. Für die ICT war das Ziel von Zimmerwald angeblich, möglichst viele der Kriegsgegner als praktisches Mittel zur Organisierung der Massen zu gruppieren. „Dies ist nicht der Zeitpunkt, um unter den Kriegsgegnern auf der Grundlage eines revolutionären Programms zu selektieren. In erster Linie sind, wie vor Zimmerwald, alle revolutionären und internationalistischen Energien die Mühe der Umgruppierung wert. Aber darüber hinaus war das Beispiel Frankreichs mit dem Komitee für die Wiederaufnahme der internationalen Beziehungen (Comité pour la Reprise des Relations Internationales–CRRI), das die meisten Aktivitäten anführte und das Herzstück der Arbeiteropposition gegen den Krieg war, bedeutend. In ihm waren von Anfang an revolutionäre Syndikalisten sowie Aktivisten der Sozialistischen Partei, der gescheiterten Sektion der Internationale, zusammengeschlossen. In der Tat war die Daseinsberechtigung des CRRI die Opposition gegen den Krieg und gegen die Heilige Allianz, um verschiedene Gegner zusammenzubringen, die aus dem Syndikalismus, dem Sozialismus und dem Anarchismus kamen.“4 Diese Verzerrung und Missachtung der Tatsachen zielt eindeutig darauf ab, den Opportunismus des Unternehmens No War But the Class War (NWBCW) zu rechtfertigen.5 Im Gegensatz zu den Bolschewiki, die, obwohl sie in einer kleinen Minderheit waren, auf der Ablehnung des Pazifismus, der Ablehnung des Versuchs, die Zweite Internationale wiederzubeleben, und auf dem Kampf für die Weltpartei bestanden. Das Leitmotiv der Bolschewiki war es, eine „Arbeitslinie“ für die Arbeiterklasse in der Epoche der imperialistischen Kriege zu entwickeln, gegen den Morast der zentristischen Verwirrung, auch wenn dies damals eine zahlenmäßige Isolierung bedeutete.
Zimmerwald war keine Ansammlung von „Anti-Kriegs“-Elementen, wie die ICT und die Parasiten behaupten, auch wenn sie anfangs noch als Gruppierung innerhalb der sozialdemokratischen Parteien gedacht war, zu einer Zeit, als diese noch der politische Bezugspunkt des gesamten Proletariats waren. Die von den Bolschewiki eingeschlagene Richtung war der Kampf um die Überwindung dieser Verwirrung und der Weg zur Bildung der Dritten Internationale. Zimmerwald befand sich auf einem Klassenterrain. Dennoch fand ein Prozess der Abgrenzung statt, der die Zentristen in die Konterrevolution und damit zur Unterstützung der eigenen nationalen Bourgeoisie führte, während die unnachgiebige Linke als einzige internationalistische proletarische Strömung übrig blieb.
Der Kampf der Zimmerwalder Linken wurde in der Praxis durch die proletarische Oktoberrevolution von 1917 bestätigt, die die internationalistische Losung „den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg verwandeln“ zur Realität werden ließ. Der sofortige Austritt des neuen Sowjetregimes aus dem imperialistischen Entente-Bündnis mitten im Ersten Weltkrieg und die Veröffentlichung der Geheimverträge darüber, wer im Falle ihres Sieges was gewinnen würde, versetzte die Weltbourgeoisie in Schockstarre, während der revolutionäre Aufschwung der europäischen Arbeiterklasse einen enormen Impuls erhielt, der sich im Beinahe-Erfolg der deutschen Revolution und in der Gründung der Kommunistischen Internationale 1919 widerspiegelte.
Wenn der Weg des Internationalismus im Ersten Weltkrieg über den Kampf der Linken gegen den Opportunismus der Sozialchauvinisten und Zentristen führte, so bestand die Kontinuität dieses Weges in den 20er- und 30er-Jahren im Kampf der Kommunistischen Linken gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationale in den 20er-Jahren und später gegen die der Linken Opposition Trotzkis in den 30er-Jahren. Die Komintern kapitulierte aufgrund der Isolation und der Entartung der Revolution in Russland mehr und mehr vor den Sozialchauvinisten der untergegangenen Sozialdemokratie, was sich in der Politik der Einheitsfront und der Arbeiterregierungen ausdrückte. Die Politik der Dritten Internationale wurde immer mehr zur Ausweitung der Interessen des russischen Staates anstelle der Bedürfnisse der internationalen Revolution, was zu deren Niederlagen in Deutschland, Großbritannien und China beitrug. Eine Politik, die sich in der Annahme der nationalistischen Losung „Sozialismus in einem Land“ durch die Komintern im Jahr 1928 und in der vollständigen Kapitulation des russischen Staates vor dem Treiben des Weltimperialismus mit dem Beitritt Russlands zum Völkerbund im Jahr 1934 verfestigte.
Die Kommunistische Linke war die erste, die sich dieser Tendenz entgegenstellte, insbesondere die Tradition der Italienischen Kommunistischen Linken, die schließlich aus der Kommunistischen Partei Italiens und der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen wurde. Sie bildet eine Fraktion im Exil und später eine internationale Fraktion der Kommunistischen Linken.
Die Niederlage der internationalen revolutionären Welle von 1928 öffnete den Weg zu einem weiteren imperialistischen Weltkrieg, und es war nur die Kommunistische Linke, die dem internationalistischen Kampf des revolutionären Proletariats treu blieb, sowohl im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs als auch während und nach dem Krieg selbst.
Bilan zog in der Schlüsselfrage der Verteidigung der UdSSR eine klare Abgrenzung gegen die Linke Opposition um Trotzki, eine Position, die dazu beitrug, die trotzkistische Strömung in die Unterstützung des imperialistischen Krieges zu ziehen:
„Wir sind der Meinung, dass im Falle eines Krieges das Proletariat aller Länder, einschließlich Russlands, die Pflicht hätte, seine Kräfte zu konzentrieren, um den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Die Teilnahme der UdSSR an einem Räuberkrieg würde ihren wesentlichen Charakter nicht verändern und der proletarische Staat könnte nur unter den Schlägen der sozialen Widersprüche, die eine solche Teilnahme mit sich bringen würde, untergehen. Die Bolschewiki-Leninisten verlassen das Terrain des Marxismus, wenn sie das Proletariat auffordern, seinen Kampf für die Weltrevolution im Austausch für die Verteidigung der UdSSR zu opfern" (Bilan, Nr. 10, August 1934)
Der internationalistische Lackmustest für die revolutionären Gruppen und Fraktionen, die aus der degenerierten Komintern ausgeschlossen worden waren, war jedoch der Krieg in Spanien ab 1936, wo der Konflikt zwischen dem republikanischen und dem faschistischen Flügel der spanischen Bourgeoisie zum Schauplatz einer Stellvertreterschlacht zwischen den konkurrierenden imperialistischen Mächten Großbritannien und Frankreich, Russland, Deutschland und Italien wurde. Doch die Trotzkisten, die vor allem wegen ihrer Versuche, den Internationalismus zu verteidigen, aus den kommunistischen Parteien ausgeschlossen worden waren, verteidigten nun im Namen des Antifaschismus „kritisch“ die republikanische Seite und verrieten damit das Proletariat, das sie dazu ermutigten, sich in dieser imperialistischen Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg, die zwischen verschiedenen Flügeln der Bourgeoisie stattfand, für eine Seite zu entscheiden.
Bilan musste diese Tendenz zur Kapitulation, die die proletarischen Gruppen in den Abgrund riss, bekämpfen. Seine kompromisslose Loyalität zum Internationalismus führte zu einer dramatischen Isolierung: nur kleine Gruppen in Belgien oder Mexiko schlossen sich seinem Kampf an.
Aber auch die Kommunistische Linke selbst war nicht vor den Gefahren des Opportunismus gefeit. Eine Minderheit der Italienischen Fraktion brach mit ihr und ihren internationalistischen Prinzipien und schloss sich dem antifaschistischen Krieg in Spanien an.
Während des Zweiten Weltkriegs geriet die Italienische Fraktion in Verwirrung, und ihr bedeutendster Vertreter, Vercesi, behauptete, das Proletariat sei verschwunden und der politische Kampf für den Internationalismus sei nicht mehr lebensfähig. Nur unter großen Schwierigkeiten–zwischen der Gestapo und dem Widerstand–gelang es einem Teil der Italienischen Fraktion, sich in Südfrankreich neu zu formieren und die internationalistischen Positionen der Kommunistischen Linken zu verkünden, d.h. gegen beide imperialistischen Lager, ob „faschistisch“ oder „antifaschistisch“ in der Ideologie.
Unabhängig davon wurde 1943, nach dem Sturz Mussolinis, in Norditalien der Partito Comunista Internazionalista (PCInt) gegründet, die die internationalistische Politik der Kommunistischen Linken fortsetzte. Indem sie jedoch die Kritik der Italienischen Fraktion im Exil am Opportunismus der Komintern vernachlässigte und das Ziel ignorierte, die Lehren aus einer Periode der Niederlage des Proletariats zu ziehen, einschließlich der internationalistischen Unnachgiebigkeit gegenüber dem Krieg in Spanien, kehrte die PCInt zu der Politik zurück, „zu den Massen zu gehen“, und stellte sich vor, dass sie die Partisanen in Italien, d. h. jene antifaschistischen Kräfte, die im Namen des verbündeten Imperialismus arbeiteten, zu echten Internationalisten machen könnte.6
Während die PCInt die notwendige internationale Fraktionsarbeit gegen diese opportunistische Strömung vorzeitig aufgab, setzte die Kommunistische Linke Frankreichs (Gauche Communiste de France, die Internationalisme herausgab) die Arbeit der Fraktion entschlossen fort und arbeitete die Positionen aus, die Bilan zu entwickeln begonnen hatte. Die GCF prangerte eindeutig den falschen Gegensatz Faschismus gegen Demokratie an, der das Banner der Mobilisierung für die imperialistischen Schlächtereien gewesen war, während sie nach dem Zweiten Weltkrieg und angesichts der neuen imperialistischen Konfiguration (der Kampf zwischen den USA und der UdSSR) das zusätzliche Mittel der Rekrutierung für den Krieg anprangerte: die „nationale Befreiung“ der „unterdrückten Völker“ (Vietnam, Palästina usw.).
Daraus können wir schließen, dass nur die kommunistische Linke dem Proletariat treu geblieben ist, indem sie den Internationalismus gegen die unzähligen militärischen Massaker verteidigt hat, die seit 1914 auf der Welt stattgefunden haben, weshalb wir in unserem Dritten Internationalen Manifest sagen: „In ernsten historischen Situationen wie etwa in weitreichenden Kriegen wie dem in der Ukraine kann das Proletariat erkennen, wer seine Freunde sind und wer seine Feinde. Diese Feinde sind nicht nur die großen Figuren wie Putin, Zelensky oder Biden, sondern auch die Parteien der extremen Rechten, der Rechten, der Linken und der extremen Linken, die mit einer breiten Palette von Argumenten, einschließlich des Pazifismus, den Krieg und die Verteidigung eines imperialistischen Lagers gegen ein anderes unterstützen und rechtfertigen.“
„Die einzige politische Strömung, die die Niederlage dieser revolutionären Welle überlebt und die militante Verteidigung des internationalistischen Prinzips beibehalten hat, ist die Kommunistische Linke. In den dreißiger Jahren bewahrte sie diese grundlegende Linie der Arbeiterklasse während des spanischen Krieges und des chinesisch-japanischen Krieges, während andere politische Strömungen wie die Stalinisten, Trotzkisten oder Anarchisten ihr imperialistisches Lager wählten, das diese Konflikte anzettelte. Die Kommunistische Linke behielt ihren Internationalismus während des Zweiten Weltkriegs bei, während diese anderen Strömungen sich an dem imperialistischen Gemetzel beteiligten, das als Kampf zwischen ‚Faschismus und Antifaschismus‘ und/oder Verteidigung der ‚Sowjetunion‘ verkleidet wurde.“ (Aufruf an die Kommunistische Linke).
Die kritische historische Kontinuität der kommunistischen Positionen, die im letzten Jahrhundert von der Kommunistischen Linken verteidigt und entwickelt wurden, ist die einzige, die in der Lage ist, eine Gesamtheit von Analysen (Wesen des Kapitalismus, Dekadenz, Imperialismus, Kriegswirtschaft, kapitalistischer Zerfall usw.), eine Kontinuität in den Debatten und in der Intervention in der Klasse, eine Kohärenz zu liefern, die die Waffen des Kampfes für die kommunistische Weltrevolution gegen alle Erscheinungsformen der kapitalistischen Barbarei und vor allem des imperialistischen Krieges liefert.
Gegen das schändliche Gemetzel in der Ukraine schlug die IKS eine gemeinsame Erklärung der Kommunistischen Linken vor, die von drei anderen Gruppen unterzeichnet wurde. Angesichts der neuen imperialistischen Barbarei in Gaza haben wir einen Aufruf zu einer gemeinsamen Erklärung gegen alle imperialistischen Mächte, gegen die Aufrufe zur nationalen Verteidigung hinter den Ausbeutern, gegen die heuchlerischen Plädoyers für „Frieden“ und für den proletarischen Klassenkampf, der zur kommunistischen Revolution führt, gemacht.
Alle Kräfte der Bourgeoisie (Parteien, Gewerkschaften, Institutionen wie die Kirchen, die UNO usw.) rufen die Proletarier dazu auf, sich für ein Lager unter den imperialistischen Banditen zu entscheiden, die schrecklichen Opfer zu akzeptieren, die die Kriegsdynamik des Kapitalismus auferlegt, kurz, sich selbst in die Maschinerie des Krieges und der Zerstörung zu begeben, die zur Vernichtung des Planeten und der gesamten Menschheit führt. Nur die Stimme der Kommunistischen Linken erhebt sich deutlich gegen dieses Konzert der Toten.
Die Gemeinsame Erklärung und der Appell der IKS an das sektiererische und opportunistische proletarische politische Milieu von heute steht in der Kontinuität der Haltung der Bolschewiki in Zimmerwald gegenüber den Zentristen. Die Gruppen der Kommunistischen Linken sind heute das einzige Minimum an solidem Klassenterrain für eine internationalistische Perspektive. Dennoch weigerten sich die von der PCInt abstammenden Gruppen der Kommunistischen Linken, die gemeinsamen Vorschläge zu unterzeichnen. Hätten diese Gruppen jedoch die gemeinsamen Erklärungen unterzeichnet, wäre dies ein politisches Signal für die aufstrebenden revolutionären Kräfte gewesen und hätte einen intensiveren Prozess der politischen Abgrenzung einleiten können. Die Gemeinsame Erklärung und der Appell7 sollten ein erster Schritt auf dem Weg zu der notwendigen politischen Abgrenzung sein, die die Bildung der zukünftigen Partei erfordern wird.
Die Bourgeoisie muss die internationalistische Stimme der kommunistischen Linken zum Schweigen bringen. Zu diesem Zweck führt sie einen verdeckten, heimlichen Krieg. In diesem Krieg setzt sie nicht offen die Repressionsorgane des Staates oder die großen Medien ein. Angesichts der geringen Größe, des geringen Einflusses, der Spaltung und der Zersplitterung der Gruppen der kommunistischen Linken bedient sich die Bourgeoisie der Dienste der Parasiten.
Die Parasiten behaupten, internationalistisch zu sein, und lehnen die verschiedenen Seiten mit großspurigen Erklärungen ab, aber alle ihre Bemühungen konzentrieren sich darauf, wirklich internationalistische Gruppen wie die IKS zu verunglimpfen, zu verleumden und zu denunzieren. Wir sprechen von Spitzeln und Gangstern wie der „Internationalen Gruppe der Kommunistischen Linken“ (IGCL), die „internationalistische“ Formulierungen als ihren Persilschein benutzen, um kommunistische Organisationen anzugreifen. Ihre Methoden sind Verleumdung, Denunziation, Provokation, Anschuldigungen des „Stalinismus“ gegen die IKS. Sie verkünden, dass unsere Organisation „außerhalb der kommunistischen Linken“ steht, und um „das Vakuum zu füllen“, schmeicheln sie der ICT schamlos, indem sie ihr den Titel der „Avantgarde der kommunistischen Linken“ anbieten. Es geht also darum, eine Spaltung innerhalb der Kommunistischen Linken herbeizuführen und das Sektierertum und den Opportunismus der ICT schamlos auszunutzen, um sie noch stärker gegen die klarste und konsequenteste Organisation der Kommunistischen Linken, die IKS, aufzubringen.
Die parasitäre Klüngelei, ein chaotisches Durcheinander von Gruppen und Persönlichkeiten, benutzt einen unverdaulichen Aufguss der Positionen der Kommunistischen Linken, um die eigentliche Kommunistische Linke anzugreifen, sie zu verfälschen und zu verunglimpfen. Dieser Angriff kommt in verschiedenen Varianten daher.
Auf der einen Seite gibt es den Blog, der sich zunächst Neuer Kurs (Nuevo Curso) nannte und dann als Comunia getarnt wurde, der versucht, uns hinters Licht zu führen: Er benutzt die verworrenen Positionen eines echten Revolutionärs, Munís8, die auf einen unvollständigen Bruch mit dem Trotzkismus zurückzuführen sind, um uns eine falsche, völlig verfälschte kommunistische Linke zu präsentieren. Dieses von dem Abenteurer Gaizka9 geförderte Unternehmen der Nachahmung wurde eine Zeit lang von der parasitären IGCL vorbehaltlos unterstützt.
Eine weitere Front im Krieg gegen die kommunistische Linke ergibt sich aus der Farce einer in Brüssel abgehaltenen Konferenz, auf der mehrere parasitäre Persönlichkeiten und Gruppierungen eine „Gemeinsamkeit haben, die sie zweifellos lieber geheim halten würden: Es ist die Überzeugung, dass der Marxismus und die Errungenschaften der kommunistischen Linken der letzten hundert Jahre veraltet sind und durch den Rückgriff auf verschiedene anarcho-rätistische, modernistische oder radikal-ökologische Theorien ‚ergänzt‘ oder sogar ‚übertroffen‘ werden müssen. Deshalb bezeichnen sie sich als ‚pro-revolutionär‘ und sehen sich als eine Art ‚befreundete Vereinigung zur Verbreitung der Idee der Revolution‘. Ihre Botschaft lautet, dass die Arbeiterklasse 'neu anfangen' muss und unter dem Lärm der Kriege, den Wellen der Inflation und des Elends, der Orgie der Zerstörung geduldig darauf warten muss, dass diese 'pro-revolutionären' Salonbewohner ihren unglaublichen Verstand einsetzen, um eine Idee zu entwickeln, 'wie man den Kapitalismus bekämpfen kann‘“.10
Der Krieg der Bourgeoisie gegen den Internationalismus findet in der sektiererischen und opportunistischen Position der ICT einen Anknüpfungspunkt.
Die ICT prangern den imperialistischen Krieg an, lehnen alle Seiten in den Konflikten ab und verteidigen die proletarische Revolution als einzigen Ausweg. Aber dieser Internationalismus läuft Gefahr, nur Worte zu bleiben, weil sie sich einerseits weigern, gemeinsam mit den anderen Gruppen der Kommunistischen Linken gegen den Krieg zu kämpfen (indem sie sich zum Beispiel weigern, an der gemeinsamen Erklärung teilzunehmen, die die IKS seit Beginn des Krieges in der Ukraine vorgeschlagen hat, oder indem sie auch den Appell ablehnen, den wir angesichts des Krieges in Gaza gemacht haben). Auf die gleiche Weise, indem sie dem Internationalismus eine Elastizität verleiht, die ihn letztendlich bricht oder verwässert, befürwortet sie Fronten (z.B. die NWBCW), die zu linken Gruppen passen können, die angesichts eines militärischen Konflikts ‚internationalistisch‘ sind, aber chauvinistisch als Reaktion auf einen anderen, oder zu verwirrten Gruppen, die eine falsche Vorstellung von Internationalismus haben.
Diese sektiererische und opportunistische Position ist nicht neu–sie hat eine fast 80-jährige Geschichte, wie wir oben im Zusammenhang mit den Ursprüngen der PCInt gesehen haben. Mit dem historischen Aufschwung des Proletariats seit 1968 zeigen sowohl die bordigistischen Gruppen, die aus der PCInt hervorgegangen sind, als auch der damenistische Zweig, der Vorgänger der heutigen ICT, einerseits das Sektierertum, indem sie jede Erklärung oder gemeinsame Aktion gegen den von der IKS vorgeschlagenen imperialistischen Krieg ablehnen, und andererseits die Zusammenarbeit mit verwirrten Gruppen oder Gruppen, die eindeutig auf dem Terrain der Bourgeoisie stehen.
So hat die ICT mit dem Sektierertum und Opportunismus, die in ihren Genen liegen, alle gemeinsamen Aktionen der Kommunistischen Linken, die von der IKS gegen den imperialistischen Krieg vorgeschlagen wurden, abgelehnt–seit der russischen Invasion in Afghanistan 1979 - bis hin zu den Kriegen in der Ukraine und in Gaza!
Gleichzeitig hat sie „Fronten“ wie „No War But the Class War“ geschaffen mit dem Argument, dass das Feld der Kommunistischen Linken zu eng sei und dass sie die Arbeiterklasse kaum erreiche.
Die angebliche „Enge“ der Kommunistischen Linken veranlasst die ICT dazu, „das Feld des Internationalismus zu erweitern“, indem sie anarchistische, halbtrotzkistische, parasitäre Gruppen aus einem mehr oder weniger links verseuchten Sumpf aufruft, sich der NWBCW anzuschließen. So wird die programmatische Identität, die historische Tradition, der erbitterte Kampf von mehr als einem Jahrhundert, der von der Kommunistischen Linken geführt wurde, durch eine „Erweiterung“ verleugnet, die in Wirklichkeit Verwässerung und Verwirrung bedeutet.
Aber gleichzeitig wird der wirkliche Internationalismus mit Füßen getreten, denn diese „Internationalisten“ sind nicht immer Internationalisten, sie sind Internationalisten gegen einige Kriege, während sie gegen andere schweigen oder sie mehr oder weniger offen unterstützen. Ihre Argumente gegen den Krieg enthalten zahlreiche Illusionen in Pazifismus, Humanismus, Interklassismus. Dies zeigt sich auch in der Haltung der ICT gegenüber der Anarchist Communist Group in Britain (ACG). Sie begrüßt die Haltung dieser Gruppe zum Krieg in der Ukraine, „bedauert“ aber gleichzeitig ihre gegenteilige Position zum Krieg in Gaza.
Die ICT verwischt in ihrem opportunistischen Eifer, all jene zu „vereinen“, die „etwas gegen den Krieg“ sagen, die Abgrenzung, die zwischen der kommunistischen Linken, die tatsächlich gegen den Krieg kämpft, und der ganzen anderen Fauna bestehen muss:
Die ICT will die Verwirrung aufrechterhalten, weil sie argumentiert: „Wir sind nicht der Meinung, dass sich InternationalistInnen gegenseitig angreifen sollten. Wir haben immer die Ansicht vertreten, dass alte Polemiken durch das Auftauchen einer neuen Klassenbewegung gelöst oder irrelevant werden können.“11
Nein! Ein solcher Ansatz steht im krassen Gegensatz zu dem der Bolschewiki in Zimmerwald. Lenin betrachtete dieses Treffen der „Internationalisten im Allgemeinen“ als einen „Sumpf“ und führte einen kompromisslosen Kampf, um die wirklich internationalistische Position von diesem Sumpf der Verwirrung zu trennen, die den konsequenten Kampf gegen den Krieg blockierte.
Lenin und die Bolschewiki zeigten, dass die „Zimmerwalder Mehrheit“ einen „Fassadeninternationalismus“ praktizierte; ihre Opposition gegen den Krieg war mehr leere Pose als wirklicher Kampf. Aus dem gleichen Grund müssen wir vor dem gegenwärtigen Internationalismus der ICT warnen. Zwar hat die ICT den Internationalismus nicht verraten, aber ihr Internationalismus wird immer formeller und abstrakter und tendiert dazu, zu einer leeren Hülle zu werden, mit der die ICT ihre Sabotage des Kampfes für die Partei, ihre Komplizenschaft mit dem Parasitentum, ihre Zusammenarbeit mit den Spitzeln und ihre wachsende Verbundenheit mit der Linken verdeckt.
Como & C. Mir 22-12-23
1 Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass Marx nach der Pariser Kommune und der Kollaboration der französischen und preußischen Bourgeoisie bei ihrer Niederschlagung zu dem Schluss kam, dass dies das Ende der fortschrittlichen nationalen Kriege in den zentralen Ländern des Kapitalismus bedeutete.
2 Bilan, Nr. 21, August 1936
3 Konferenz von Zimmerwald: Die zentristischen Strömungen innerhalb der Organisationen des Proletariats [182], IKSonline,26. Februar, 2016
4 NWBCW and the real international bureau of 1915 [183], Leftcom.org, July 2022. (dieser Text wurde von der deutschen Sektion der IKT, der GIK, nicht übersetzt!)
5 Die ICT und die Initiative NWBTCW: ein opportunistischer Bluff der die Kommunistische Linke schwächt [184], Weltrevolution, Nr. 186
6 The ambiguities of the Internationalist Communist Party over the ‘partisans’ in Italy in 1943 [185], International Review, Nr. 8 (englische Ausgabe), siehe auch auf deutsch: Debatte mit dem IBRP [186], Internationale Revue, Nr. 26
7 Gemeinsame Erklärung von Gruppen der internationalen Kommunistischen Linken zum Krieg in der Ukraine [159], Internationale Revue, Nr. 58 und der Aufruf an die Kommunistische Linke: Schluss mit den Massakern, keine Unterstützung für irgendein imperialistisches Lager! Nein zu pazifistischen Illusionen! Proletarischer Internationalismus! [187], IKSonline, 18. Oktober 2023
8 Nuevo Curso und eine „Kommunistische Linke Spaniens“: Was sind die Ursprünge der Kommunistischen Linken? [30], IKSonline, 14. Dezember 2019
9 Wer ist wer bei „Nuevo Curso“? [188], Internationale Revue, 28. Januar, 2020
10 A"conference of left communism" in Brussels? A decoy for those who want to take part in the revolutionary struggle! [189], ICC online, September 2023
11 Die Aufgaben der RevolutionärInnen angesichts der kapitalistischen Kriegstreiberei [190], leftcom.org, 28. Oktober 2023
Die Kongresse der IKS und die Treffen ihres internationalen Zentralorgans befassen sich in der Regel mit drei Hauptthemen, die die internationale Lage betreffen und die größte Bedeutung für unsere Intervention haben: die wirtschaftlichen Widersprüche des Kapitalismus, die imperialistischen Konflikte und die Entwicklung des Klassenkampfes. Die Untersuchung des politischen Lebens des Klassenfeindes, der Bourgeoisie, darf jedoch niemals vernachlässigt werden, nicht zuletzt, weil sie unser Wissen über die kapitalistische Gesellschaft, die wir bekämpfen, vervollständigt und auch Schlüssel zum Verständnis der drei genannten Hauptthemen liefern kann. In einer völlig reduktionistischen und daher falschen Sichtweise des Marxismus ist der Ausgangspunkt die wirtschaftliche Situation des Kapitalismus, die die imperialistischen Konflikte und das Niveau der Klassengegensätze bestimme. Wir haben oft gezeigt, dass die Realität nicht so einfach ist, insbesondere indem wir Engels' Zitate über den Platz der Wirtschaft im Leben der Gesellschaft aufgreifen.
Diese Notwendigkeit, das politische Leben der Bourgeoisie zu untersuchen, findet sich in vielen Schriften von Marx und Engels. Einer der bekanntesten und bemerkenswertesten Texte zu diesem Thema ist Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In diesem Dokument geht Marx zwar kurz auf die wirtschaftliche Situation in Frankreich und Europa ein, versucht aber, eine Art Rätsel zu lösen: Wie und durch welchen Prozess konnte die Revolution von 1848 zum Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 führen, der einem Abenteurer, Louis-Napoléon, volle Macht verlieh? Damit zeichnet Marx ein anschauliches und tiefgründiges Bild der politischen Funktionsweise der französischen Gesellschaft und der Zukunft. Natürlich wäre es absurd, die Analyse von Marx direkt auf die heutige Zeit zu übertragen. Vor allem die Rolle des Parlaments ist heute nicht mehr mit derjenigen von Mitte des 19. Jahrhunderts vergleichbar. Die von Marx angewandte Methode jedoch, der historische und dialektische Materialismus, ist eine wesentliche Inspirationsquelle bei der Analyse der heutigen Situation.
Die Bedeutung einer systematischen Untersuchung des politischen Lebens der Bourgeoisie für das Verständnis der heutigen Welt wurde von der IKS mehrfach bestätigt, aber es lohnt sich, eine besonders wichtige Episode hervorzuheben: den Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion 1989/90. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 kam für die meisten proletarischen politischen Gruppen und bürgerlichen "Spezialisten", die bis zum Vorabend dieses Datums weit davon entfernt waren, zu glauben, dass die Schwierigkeiten der Länder des Ostblocks zu seinem plötzlichen Zusammenbruch führen würden, sehr überraschend. Die IKS hatte dieses große Ereignis jedoch bereits zwei Monate zuvor, Anfang September 1989, vorausgesehen, als sie die Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern (Internationale Revue Nr. 12)[1] verabschiedete. Dort heißt es klar:
- "... Da der praktisch einzige Faktor des Zusammenhalts des russischen Blocks die Armee ist, trägt in der Tat jede Politik, die diesen Faktor zurückdrängt, die Gefahr des Auseinanderbrechens des Blocks in sich. Schon jetzt bietet uns der Ostblock ein Bild des Zerfalls. (...).
Ein ähnliches Phänomen kann man in den Randrepubliken der UdSSR beobachten. (...) Die nationalistischen Bewegungen, die sich dort, begünstigt durch die Lockerung der zentralen Kontrolle durch die russische Partei, heute entwickeln (...) gehen einher mit einer Dynamik der Loslösung von Rußland. Letztlich werden wir, wenn die Zentralmacht in Moskau nicht reagiert, nicht nur die Explosion des russischen Blocks erleben, sondern auch die Explosion seiner Vormacht. In einer solchen Dynamik würde die russische Bourgeoisie, die heute noch die zweitgrößte Weltmacht stellt, nur noch eine zweitrangige Stellung einnehmen, weitaus schwächer als Deutschland beispielsweise.“ (Punkt 18)
- "Aber unabhängig von der zukünftigen Entwicklung der Lage in den osteuropäischen Ländern bedeuten die gegenwärtigen Ereignisse die historische Krise, den endgültigen Zusammenbruch des Stalinismus, diesem monströsen Symbol der schlimmsten Konterrevolution, die das Proletariat je erlebt hat. Diese Länder sind in einen Zeitraum beispielloser Instabilität, Erschütterungen und des Chaos eingetreten, deren Auswirkungen weit über ihre eigenen Grenzen hinaus wirken. Insbesondere wird der Zusammenbruch des russischen Blocks die Tür zu einer Destabilisierung des Systems der internationalen Beziehungen, der imperialistischen Konstellationen öffnen, wie sie aus dem Zweiten Weltkrieg nach dem Abkommen von Jalta hervorgegangen waren.“ (Punkt 20)
- "Die Ereignisse, die heute die "sozialistischen" Länder erschüttern, die faktische Auflösung des russischen Blocks, das offensichtliche und endgültige Scheitern des Stalinismus auf ökonomischer, politischer und ideologischer Ebene stellen neben dem internationalen Wiederauftauchen des Proletariats Ende der 60er Jahre das bedeutendste historische Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg dar.“ (Punkt 22)
Diese Fähigkeit, die Entwicklung im Ostblock vorauszusehen, war nicht das Ergebnis einer besonderen Begabung für das Lesen von Kristallkugeln, sondern einer regelmäßigen Beobachtung und eingehenden Analyse der Situation[2]. Aus diesem Grund wurde im ersten Teil der Thesen an das erinnert, was wir bereits zu dieser Frage geschrieben hatten, um die Ereignisse von 1989 in den Kontext dessen zu stellen, was wir zuvor erkannt hatten, besonders während der Arbeiterkämpfe in Polen im Jahr 1980. In den Thesen werden insbesondere drei in der Internationalen Revue in 1980-81 veröffentlichte Artikel zitiert:
- Die internationale Dimension der Arbeiterkämpfe in Polen [192], Internationale Revue Nr. 6;
- One Year of Workers’ Struggles in Poland [193] (Ein Jahr der Arbeiterkämpfe in Polen), International Review Nr. 27, englischsprachige Ausgabe[3];
- Eastern Europe: Economic crisis and the bourgeoisie's weapons against the proletariat [194] (Osteuropa: Die Wirtschaftskrise und die Waffen der Bourgeoisie gegen das Proletariat), International Review Nr. 34, englischsprachige Ausgabe).[4]
Es ist hier nicht der Ort, diese Texte zu wiederholen, die auf unserer Website leicht zugänglich sind. Wir möchten nur zwei wichtige Gedanken in Erinnerung rufen, die unter anderem unsere Analyse des Zusammenbruchs des Ostblocks ein Jahrzehnt später dann geleitet haben:
- "Die proletarischen Kämpfe in Polen haben einen lebendigen Widerspruch geschaffen, indem sie die osteuropäische Bourgeoisie in eine Arbeitsteilung zwangen, gegen die sie strukturell resistent ist. Es ist noch zu früh, um vorherzusagen, wie er sich entwickeln wird. Angesichts einer historisch beispiellosen Situation ... besteht die Aufgabe der Revolutionäre darin, die sich entfaltenden Ereignisse mit Besonnenheit anzugehen." (Internationale Revue Nr. 27, englischsprachige Ausgabe)
- "... während der amerikanische Block durchaus in der Lage ist, die 'Demokratisierung' eines faschistischen oder militärischen Regimes zu 'managen', wenn dies nützlich ist (Japan, Deutschland, Italien in der Nachkriegszeit; Portugal, Griechenland, Spanien in den 70er Jahren), kann die UdSSR keine 'Demokratisierung' innerhalb ihres Blocks zulassen. (...) Ein politischer Regimewechsel in einem "Satelliten"-Staat birgt die unmittelbare Gefahr, dass dieses Land Teil des gegnerischen Blocks wird.“ (Internationale Revue Nr. 34, englischsprachige Ausgabe)
Heute hat die Untersuchung des politischen Lebens der Bourgeoisie nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt. Das methodologische Werkzeug, das wir für diese Untersuchung verwenden, ist natürlich unsere Analyse des Zerfalls, insbesondere die Frage des Kontrollverlusts der herrschenden Klasse über ihr politisches Spiel, dessen wichtigster Ausdruck der Aufstieg des Populismus ist. Dieser Bericht wird sich aus zwei Gründen auf die Frage des Populismus konzentrieren:
- Zum einen hat sich dieser Populismus in den letzten Jahren noch verstärkt;
- Zum anderen sind die bisherigen Analysen zu diesem Thema nicht ohne Schwächen, die es zu erkennen und zu beheben gilt.
Erst spät, auf dem 22. Kongress von Révolution Internationale (Sektion der IKS in Frankreich) im Mai 2016, begann die IKS, die Bedeutung der Erscheinung des Populismus auf internationaler Ebene zu analysieren. Auf demselben Kongress hatte die Diskussion über die Resolution zur Lage in Frankreich gezeigt, dass es an Sicherheit und Klarheit in dieser Frage mangelt. Es wurde ein Antrag angenommen, in dem die Notwendigkeit betont wurde, eine Debatte in der gesamten IKS aufzunehmen. Ein Jahr später heißt es in der vom 22. Kongress der IKS verabschiedeten Resolution zum internationalen Klassenkampf (Internationale Revue Nr. 55)[5] über das Phänomen des Populismus: "Der gegenwärtige populistische Aufschwung ist somit von all diesen Faktoren genährt worden – vom Crash von 2008, vom Terrorismus und von der Flüchtlingskrise – und erscheint als ein konzentrierter Ausdruck des Zerfalls des Systems, der Unfähigkeit beider Hauptklassen in der Gesellschaft, der Menschheit eine Perspektive für die Zukunft anzubieten." Diese Aussage enthielt zwar eine stichhaltige Analyse, doch wurde in anderen Punkten der Resolution der Schwerpunkt stärker auf die Fähigkeit des Populismus gelegt, die Arbeiterklasse zu beeinflussen, da dies ein entscheidender Faktor für die Entwicklung des Populismus ist. Außerdem wurde das Phänomen des Populismus nicht wirklich vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten der Bourgeoisie seit dem Eintritt in die Phase des kapitalistischen Zerfalls bewertet.
Diese Unklarheiten spiegeln den Mangel an Homogenität wider, der mit einer Tendenz innerhalb der IKS einherging, den in den Thesen zum Zerfall (Internationale Revue Nr. 13)[6] verteidigten Rahmen zu ignorieren, um das politische Leben der Bourgeoisie in der aktuellen historischen Periode zu verstehen. Dieses Abdriften wurde besonders deutlich im Text Über das Problem des Populismus (Internationale Revue Nr. 54)[7] und auch im Artikel Brexit, Trump, Rückschläge für die Bourgeoisie, die kein gutes Omen für das Proletariat sind[8], der in Weltrevolution Nr. 181 veröffentlicht wurde. Formal stellen diese beiden Texte den Populismus tatsächlich als Ausdruck des "Zerfalls der bürgerlichen Welt" dar: "Als solcher ist er das Produkt der bürgerlichen Welt und ihrer Weltsicht – vor allem aber ihres Zerfalls."[9] Dabei fällt auf, wie sehr die Thesen nicht den Ausgangspunkt der Analyse bilden, sondern nur ein Element der Reflexion unter anderen.[10] In diesen beiden Texten wird nämlich ein anderer Faktor in den Mittelpunkt der Analyse gestellt: "Der Aufstieg des Populismus ist gefährlich für die herrschende Klasse, weil er ihre Fähigkeit beeinträchtigt, ihren Politapparat zu kontrollieren und gleichzeitig die demokratische Mystifikation aufrechtzuerhalten, die einer der Pfeiler ihrer gesellschaftlichen Vorherrschaft ist. Doch er hat dem Proletariat ebenfalls nichts zu bieten. Im Gegenteil, es ist eben jene Schwäche des Proletariats, seine Unfähigkeit, irgendeine alternative Perspektive zum den Kapitalismus bedrohenden Chaos zu bieten, die den Aufstieg des Populismus heute erst ermöglicht hat. Allein das Proletariat kann einen Ausweg aus der Sackgasse anbieten, in der sich die Gesellschaft heute befindet, doch wird es nie dazu im Stande sein, wenn ArbeiterInnen sich von den Sirenenklängen der populistischen Demagogen bezirzen lassen, die eine unmögliche Rückkehr zur Vergangenheit versprechen, die nie so existiert hat."[11]
Der Artikel Über das Problem des Populismus zieht eine Parallele zwischen dem Aufstieg des Populismus und dem Aufstieg des Nazismus in den 1930er Jahren: "wenn das Proletariat unfähig ist, seine eigene revolutionäre Alternative gegen den Kapitalismus vorzubringen, [führt] der Vertrauensverlust in die Fähigkeiten der herrschenden Klasse, „ihren Job zu machen“, möglicherweise zu einer Revolte (…), einem Protest, einer Explosion ganz anderer Art, eine, die nicht bewusst ist, sondern blind, nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit zugewandt ist, die nicht auf Vertrauen, sondern auf Angst basiert, nicht auf Kreativität, sondern auf Zerstörungswut und Hass“. Mit anderen Worten: Der Hauptfaktor für die Entwicklung und den Aufstieg des Populismus in der bürgerlichen Politik sei die politische Niederlage der Arbeiterklasse.[12]
In der Tat sind alle Aspekte, die den populistischen "Katechismus" nähren (Ablehnung von Ausländern, Ablehnung der "Eliten", Verschwörungstheorie, Glaube an den "starken und allmächtigen Mann", Suche nach Sündenböcken, Rückzug in die "heimische" Gemeinschaft ... ), in erster Linie das Produkt des Misstrauens und der ideologischen Fäulnis, die durch die Perspektivlosigkeit der kapitalistischen Gesellschaft vermittelt werden (erläutert in Punkt 8 der Thesen zum Zerfall) und die vor allem die Bourgeoisie betreffen. Aber der Durchbruch und die Entwicklung des Populismus im politischen Leben der Bourgeoisie wurden vor allem durch eine der wichtigsten Erscheinungsformen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft bestimmt: "Unter den Hauptkennzeichen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft muß man die zunehmenden Schwierigkeiten der Bourgeoisie hervorheben, die Entwicklung der Lage auf politischer Ebene zu kontrollieren. An der Wurzel dieses Phänomens liegt natürlich der immer größere Kontrollverlust der herrschenden Klasse über ihren Wirtschaftsapparat, der die Infrastruktur der Gesellschaft bildet.(...) Die mangelnde Perspektive (außer der Flickschusterei, um die Wirtschaft zu stützen), in der sie sich als Klasse mobilisiert, und die Tatsache, daß die Arbeiterklasse noch keine Bedrohung für ihr Überleben darstellt, bewirkt in der herrschenden Klasse und insbesondere in ihrem politischen Apparat eine wachsende Tendenz zur Disziplinlosigkeit und zum Rette-wer-sich-kann" (These 9).
Der Zerfall des politischen Apparats findet also seine Hauptantriebskraft in der ständigen Verschärfung der Wirtschaftskrise und der Unfähigkeit der Bourgeoisie, die Gesellschaft für den Weltkrieg zu mobilisieren. Diese historische Entwicklung hat sich in einer zunehmenden Tendenz zur Disziplinlosigkeit, zur Spaltung, zum "Jeder für sich" und schließlich zur Verschärfung der Kämpfe zwischen den Cliquen innerhalb des politischen Apparats niedergeschlagen. Dieses Ferment hat einen fruchtbaren Boden für die Entstehung von bürgerlichen Fraktionen mit einem zunehmend irrationalen Diskurs geschaffen, die in der Lage sind, auf den widerlichsten Ideen und Gefühlen zu surfen, und deren Anführer sich wie wahre Bandenchefs verhalten, die die politischen Beziehungen mutwillig zerstören, mit dem Ziel, ihre eigenen Interessen um jeden Preis durchzusetzen, zum Nachteil der Interessen des nationalen Kapitals.
So kann die Unfähigkeit des Proletariats, eine andere Perspektive als die des Chaos und der kapitalistischen Barbarei zu eröffnen, zwar Erscheinungen des Zerfalls wie den Populismus verstärken, sie ist aber nicht der aktive Faktor. Im Übrigen haben die letzten zwei Jahre eine solche Analyse auf das Schärfste widerlegt. Einerseits haben wir eine sehr bedeutende Wiederbelebung der Arbeiterkämpfe erlebt, die eine Entwicklung der Reflexion und der Reifung des Bewusstseins beinhaltet. Andererseits hat sich der Aufstieg des Populismus unter dem Eindruck des noch nie dagewesenen Zerfalls voll bestätigt. Letztendlich steht die in Zur Frage des Populismus aufgestellte These in völligem Widerspruch zur Analyse der IKS, die zwei Pole in der gegenwärtigen historischen Situation identifiziert. Mehr noch, sie läuft auch darauf hinaus, die Analyse des historischen Bruchs im Klassenkampf zu leugnen und/oder zu glauben, dass die Entwicklung des Arbeiterkampfes populistische Tendenzen zurückgehen lassen kann. Schließlich führt sie auch dazu, dass wir die Tatsache unterschätzen, dass die Bourgeoisie den Populismus gegen die Arbeiterklasse ausnutzen wird.
b) Die Ausweitung des populistischen Phänomens
Der Sieg des Brexits in Großbritannien im Juni 2016, gefolgt von Trumps Machtübernahme in den Vereinigten Staaten einige Monate später, bedeutete einen spektakulären Durchbruch des Populismus im politischen Leben der Bourgeoisie. Dieser Trend hat sich seither fortgesetzt und den Populismus zu einem entscheidenden und unumkehrbaren Faktor in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft gemacht.
Mehrere europäische Länder werden heute ganz oder teilweise von populistischen Gruppierungen regiert (Niederlande, Slowakei, Ungarn, Italien, Finnland und Österreich), während im übrigen Europa populistische und rechtsextreme Parteien in den Umfragen und bei den Wählerstimmen weiter zulegen, insbesondere in Westeuropa. Einigen Studien zufolge könnten populistische Parteien bei den Europawahlen im Juni 2024 in 9 EU-Ländern an der Spitze stehen. Aber das Phänomen geht eindeutig über Europa hinaus. In Südamerika ist nach Brasilien nun Argentinien mit dem Amtsantritt von Javier Milei an der Reihe. Aber wenn der Populismus ein allgemeines Phänomen ist, ist es für unsere Analyse wichtig, vor allem seinen Durchbruch innerhalb der Kernländer zu würdigen, da eine solche Dynamik nicht nur eine destabilisierende Wirkung auf die Situation in den betroffenen Ländern, sondern auch auf die kapitalistische Gesellschaft insgesamt hat. Gegenwärtig sollten vor allem zwei Länder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen: Frankreich und die Vereinigten Staaten.
In Frankreich hatte das RN (Rassemblement National) bei den Parlamentswahlen im Juni 2022 mit 89 Abgeordneten auf den Bänken der Nationalversammlung ein historisches Ergebnis erzielt. Laut einer "geheimen Umfrage", die von der rechten Partei Les Républicains Ende 2023 in Auftrag gegeben wurde, könnte das RN bei vorgezogenen Neuwahlen nach einer möglichen Auflösung der Nationalversammlung zwischen 240 und 305 Sitze erringen. Auch ein Sieg des RN bei den Präsidentschaftswahlen 2027 ist ein zunehmend glaubwürdiges Szenario. Eine solche Situation würde sicherlich die politische Krise der französischen Bourgeoisie verschärfen. Vor allem aber würde sie angesichts der Nähe des RN zur Putin-Fraktion die Spaltung der Europäischen Union verschärfen und deren Fähigkeit zur Umsetzung ihrer pro-ukrainischen Politik schwächen. Im Gegensatz zur deutschen Bourgeoisie, die im Moment die Mittel gefunden zu haben scheint, um das Risiko einer Machtübernahme durch die AfD (Alternative für Deutschland) einzudämmen (trotz des zunehmenden Einflusses dieser Formation im deutschen politischen Spiel), scheint die französische Bourgeoisie ihren Handlungsspielraum aufgrund der starken Diskreditierung der Macron-Fraktion, die seit sieben Jahren an der Macht ist, aber vor allem aufgrund der Verschärfung der Spaltungen innerhalb des politischen Apparats, zunehmend eingeschränkt zu sehen.[13]
Aber vor allem die mögliche Rückkehr von Trump ins Weiße Haus bei den Präsidentschaftswahlen im November 2024 [dieser Artikel wurde vor den Wahlen in den USA und vor dem Rückzug von Biden geschrieben] würde eine tiefgreifende Zuspitzung der Situation nicht nur in den USA, sondern in der gesamten internationalen Lage bedeuten. Die Verstärkung der Zentrifugalkräfte und die Tendenz zum Verlust der globalen Führungsrolle belasten seit vielen Jahren die Fähigkeit der USA, sich mit der geeignetsten Fraktion zur Verteidigung ihrer Interessen auszustatten, wie es der Fall war, als die Neokonservativen in den frühen 2000er Jahren an die Macht kamen. Die Obama-Ära hat diesen Trend nicht gestoppt, denn Trumps Machtantritt 2017 hat ihn nur noch verschärft. Am Tag nach seiner Niederlage im Januar 2021 sagte Adam Nossiter, der Pariser Büroleiter der New York Times: "In sechs Monaten werden wir nichts mehr von ihm hören, er wird nicht mehr an der Macht sein". In den letzten vier Jahren ist es den „verantwortungsvollsten“ Fraktionen der amerikanischen Bourgeoisie nicht gelungen, Trump aus dem Verkehr zu ziehen. Trotz zahlreicher juristischer Anfechtungen, Verleumdungskampagnen und Versuchen, die ihm am nächsten stehenden Personen zu destabilisieren, ist Trumps Rückkehr ins Weiße Haus bei den Präsidentschaftswahlen im November 2024 ein immer wahrscheinlicheres Szenario. Sein Sieg bei den letzten republikanischen Vorwahlen hat sogar die Stärkung des „Trumpismus“ innerhalb der konservativen Partei zum Nachteil der verantwortungsbewussteren Ränder der Partei gezeigt.
In jedem Fall würde ein Sieg Trumps Schockwellen durch die internationale Lage schicken, insbesondere an der imperialistischen Front. Indem er die weitere Unterstützung für die Ukraine in Frage stellt oder damit droht, den Schutz der NATO-Länder durch die USA von deren Kreditwürdigkeit abhängig zu machen, würde die politische Linie der USA die EU schwächen und das Risiko einer Verschärfung des russisch-ukrainischen Konflikts mit sich bringen. Was den Gaza-Krieg angeht, so scheinen Trumps jüngste "kritische" Äußerungen über Netanjahu die bedingungslose Unterstützung der religiösen Rechten unter den Republikanern für die von der israelischen Regierung verfolgte Politik der verbrannten Erde nicht in Frage zu stellen. Welche Folgen hätte ein Sieg Trumps in dieser Hinsicht?
Ganz allgemein hätte die Rückkehr der populistischen Fahne nach Washington erhebliche Auswirkungen auf die Fähigkeit der Bourgeoisie, mit den Erscheinungsformen des Zerfalls ihres eigenen Systems umzugehen. Trumps Sieg könnte also bedeuten:
- Ein weiterer Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen durch die zweitgrößte CO2-emittierende Macht.
- Eine zunehmend isolationistische und wirtschaftlich aggressive Politik.
- Eine Verschärfung der sozialen Gewalt und die Zersetzung des sozialen Gefüges durch den Kreuzzug gegen "Minderheiten".
- Ein sich verschlimmerndes politisches Chaos, das von Rachegelüsten und dem Wunsch, Rechnungen zu begleichen, sowohl innerhalb der republikanischen Partei als auch allgemein im politischen Apparat genährt wird. Wie Trump letzten Dezember auf Fox News sagte: "Ich werde kein Diktator sein, außer am ersten Tag"!
Wir müssen uns jedoch davor hüten, zu glauben, dass alle Wetten verloren sind. Im Gegenteil, der Ausgang der Präsidentschaftswahlen ist angesichts des Grades der Destabilisierung des politischen Systems der USA und der tiefen und dauerhaften Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die sowohl durch die populistische Rhetorik als auch durch die Anti-Trump-Kampagne der demokratischen Regierung Biden noch verstärkt wird, unvorhersehbarer denn je.
Anders als der Aufstieg des Faschismus in den 1930er Jahren ist der Populismus nicht das Ergebnis eines bewussten Willens der dominierenden Teile der Bourgeoisie. Die „verantwortungsvollsten“ Teile der Bourgeoisie versuchen immer noch, Strategien zu seiner Eindämmung zu entwickeln. Der Bericht über die Auswirkungen des Zerfalls auf das politische Leben der Bourgeoisie für den 23. Kongress der IKS im Jahr 2019 (Internationale Revue Nr. 164, englische Ausgabe) hat diese verschiedenen Strategien analysiert:
- die antipopulistische Politik
- die Adaption populistischer Ideen
- die Bildung von populistischen Regierungen
- die Wiederherstellung der Kluft zwischen links und rechts.
Wie hat sich die Situation in den letzten fünf Jahren entwickelt? Wie es in der Resolution des 25. Kongresses der IKS zur internationalen Lage heißt: "Der Aufstieg des Populismus, der durch die völlige Perspektivlosigkeit des Kapitalismus und die Entwicklung des „Jeder für sich“ auf internationaler Ebene genährt wird, ist wahrscheinlich der deutlichste Ausdruck dieses Kontrollverlusts. Diese Tendenz hat sich trotz der Gegenbewegungen anderer, „verantwortungsvolleren“ Fraktionen der Bourgeoisie fortgesetzt (z.B. die Ablösung von Trump und die rasche Absetzung von Truss in Großbritannien)" (Internationale Revue Nr. 59).[14] Auch wenn die „verantwortungsvolleren“ Fraktionen nicht untätig geblieben sind, haben sich diese verschiedenen Strategien als immer weniger wirksam erwiesen und können keine tragfähige und nachhaltige Antwort darstellen.
Wie bereits erwähnt, hat die Kampagne zur Diskreditierung und Eliminierung von Trump aus dem Rennen um die Präsidentschaft noch keine Früchte getragen. Im Gegenteil, die verschiedenen gegen ihn angestrengten Gerichtsverfahren haben seine Popularität bei einem großen Teil der amerikanischen Wählerschaft erhöht. Gleichzeitig ist die erneute Kandidatur des 81-jährigen Biden, der in der Öffentlichkeit deutliche Anzeichen von Senilität gezeigt hat, eindeutig kein Gewinn für die amerikanische Bourgeoisie. Dies gilt umso mehr, als die wirtschaftlichen Angriffe der Regierung ihre Diskreditierung noch verstärkt haben. Allerdings ist diese Vorauswahl (trotz Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Demokratischen Partei) Ausdruck einer Krise bei der Erneuerung der Parteiführung und vor allem einer tiefen Spaltung innerhalb des politischen Apparats der Partei, die sich auf die Wählerschaft auswirkt. So bedeutet beispielsweise die Unzufriedenheit der arabischen Gemeinschaft mit der Haltung der USA zum Krieg in Gaza, dass eine Niederlage im Swing State Michigan droht. Ebenso könnte der wachsende Einfluss der vom linken Flügel der Partei vertretenen wokistischen und identitätsbasierten Ideologie zu einer Abkehr von einigen Minderheiten und jungen Menschen führen, die sich mehr Sorgen über die Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen machen. Insbesondere scheinen Umfragen zu zeigen, dass sich ein Teil der afroamerikanischen Wählerschaft von Trump verführen lassen könnte.
In Frankreich gelang es der Bourgeoisie zwar erneut, das Rassemblement National (RN) bei den Präsidentschaftswahlen 2022 durch die Wiederwahl von Macron zurückzudrängen, doch blieb dieser Kraftakt nicht ohne Nebenwirkungen. Die mehrfachen Angriffe auf die Arbeiterklasse seit 2017 sowie die mangelnde Erfahrung und der Dilettantismus, die sich regelmäßig zeigen, haben die bereits rollende Diskreditierung der Exekutive nur noch verstärkt. Die reale Gefahr eines großen RN-Sieges bei den Europawahlen zwang Macron zu einem Regierungswechsel, indem er einen jungen und loyalen Premierminister (G. Attal) ernannte, der den Anti-RN-Kreuzzug bis Juni anführen sollte. Diese Regierung hat jedoch mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie die vorherige, obwohl die Rhetorik gegen das RN verschärft wurde und sogar die Mehrheit versucht, rechtsextremes Gedankengut wieder aufzugreifen.
Die größte Schwäche liegt jedoch in der Spaltung und der "Jeder für sich"-Haltung, die das politische Spiel immer mehr dominiert, auch innerhalb der verschiedenen Parteien, vor allem im Lager des Präsidenten. Die relative Mehrheit, die die Regierungspartei bei den Parlamentswahlen erlangt hat, hat die Tendenz zu zentrifugalen Kräften verstärkt. Angesichts der Schwierigkeiten, stabile Bündnisse für wichtige Reformen zu schmieden, ist die Regierung gezwungen, regelmäßig von Artikel 49.3 Gebrauch zu machen, der es ihr erlaubt, auf die Abstimmung der Abgeordneten in der Versammlung zu verzichten Auch die traditionellen Parteien, die bei den Wahlen 2017 von der der Mehrheit der Bourgeoisie weitgehend fallen gelassen wurden, bleiben zersplitterter denn je, wie im Fall der Rechtspartei Les Républicains. Die Nachfolgepartei der gaullistischen Partei, die seit der Gründung der Fünften Republik im Jahr 1958 die meiste Zeit an der Macht war, hat heute nur noch 62 Abgeordnete und setzt sich aus mindestens drei zunehmend zersplitterten Strömungen zusammen.
Diese politische Krise könnte die Fähigkeit der Bourgeoisie, einen glaubwürdigen Kandidaten aufzustellen, der in der Lage ist, Marine Le Pen abzuwehren, deren Chancen auf einen Sieg bei den Wahlen 2027 noch nie so groß waren, ernsthaft beeinträchtigen. In der Zwischenzeit könnte die französische Bourgeoisie mit anderen Hindernissen konfrontiert werden. Was würde passieren, wenn die Macron-Liste bei den Europawahlen eine herbe Niederlage erleiden würde? Auch die Rechte droht jetzt damit, einen Misstrauensantrag einzureichen, wenn die Regierung beschließt, die Steuern zu erhöhen. Die anderen Oppositionsparteien, vor allem das RN, würden sich dem anschließen. Ein solches Ergebnis würde zu vorgezogenen Parlamentswahlen mit einem unvorhersehbaren Szenario führen, abgesehen von der Tatsache, dass es das politische Chaos, in dem sich die französische Bourgeoisie befindet, noch verstärken würde.
In Bezug auf Deutschland kommt der Bericht von 2019 zu dem Schluss: "Die Situation ist komplex und Merkels Verzicht auf den CDU-Vorsitz (und damit auf das Amt der Bundeskanzlerin) läutet eine Phase der Unsicherheit und Instabilität für die dominierende Bourgeoisie in Europa ein." Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine hat die traditionelle politische Linie der herrschenden Klasse in Deutschland besonders betroffen. Intern hat sich die Schwächung der traditionellen Parteien (SPD, CDU) fortgesetzt, was die Bildung von Koalitionen zwischen den drei großen Parteien in einer Zeit, in der die Beziehungen immer konfliktreicher werden, erforderlich macht. Gleichzeitig ist auch Deutschland nicht vom Aufstieg des Populismus und der extremen Rechten ausgenommen. Tatsächlich ist die populistische AfD zur zweitstärksten Partei in Deutschland geworden. Im Gegensatz zum RN in Frankreich, dessen Positionen noch teilweise Anzeichen von Verantwortungsbewusstsein zeigen, stehen die politischen Positionen der AfD (Ablehnung der EU, Fremdenfeindlichkeit, Offenheit gegenüber Russland usw.) derzeit zu sehr im Widerspruch zu den Interessen des nationalen Kapitals, als dass sie sich auf höchster Regierungsebene engagieren könnte. Ihre Haltung gegenüber der Regierungselite und ihre Verurteilung als Totalgegner der Integrität des föderalen Staates werden sie jedoch noch lange Zeit zu einem Sammelbecken für Protestwähler machen.
"Der Brexit ging einher mit der Verwandlung der jahrhundertealten Tory-Partei in ein populistisches Sammelsurium, das erfahrene Politiker an den Rand drängte und Regierungsposten an ehrgeizige, engstirnige Querulanten vergab, die dann die Kompetenz der von ihnen geleiteten Ressorts erschütterten. Die rasche Abfolge der konservativen Premierminister seit 2016 ist ein Beweis für die Unsicherheit an der politischen Spitze."[15] Die 44 Tage des politischen Chaos unter der Regierung von Liz Truss im September/Oktober 2022 waren ein anschauliches Beispiel dafür. Auch wenn diese Wahl eine Abkehr von der populistischen Selbstüberschätzung bedeutet haben mag, so war sie doch vor allem durch die Verteidigung einer radikal ultraliberalen Politik und die Fantasie eines "globalen Britanniens" gekennzeichnet, das in völligem Widerspruch zu den globalen Interessen des britischen Kapitals steht.
Sunaks Machtantritt bedeutete jedoch den Versuch, die demokratische Glaubwürdigkeit der staatlichen und regierungsamtlichen Institutionen zu bewahren: "Seine Regierung änderte trotz des Einflusses des Populismus einige Aspekte des Nordirland-Protokolls, um einige der Widersprüche des Brexit zu umgehen, und trat dem europäischen Projekt Horizon bei, ohne die Flucht der Wirtschaft überwinden zu können. König Charles wurde als Botschafter nach Frankreich und Deutschland entsandt, um die Reste der britischen Würde zu zeigen. Schließlich ist die Entlassung von Suella Braverman und die Ernennung von Lord Cameron zum Außenminister ein weiterer Ausdruck dieses Versuchs, den wachsenden populistischen Virus innerhalb der Partei einzudämmen, aber ihre zukünftige Richtung und Stabilität bleiben zutiefst ungewiss, nicht zuletzt, weil derselbe Virus eine internationale Realität ist, vor allem innerhalb der amerikanischen herrschenden Klasse."
Im "Bericht über die Auswirkungen des Zerfalls auf das Leben der Bourgeoisie" heißt es: "Die dritte vorgesehene Strategie, die Neuformierung der Links-Rechts-Opposition, um dem Populismus den Wind aus den Segeln zu nehmen, scheint von der Bourgeoisie nicht wirklich umgesetzt worden zu sein. Im Gegenteil, die letzten Jahre waren durch einen unumkehrbaren Trend zum Niedergang der sozialistischen Parteien gekennzeichnet." Diese Tendenz hat sich in den letzten Jahren bestätigt. Auch wenn diese Entwicklung in einigen Ländern (insbesondere in Spanien und Großbritannien) aufgehalten wird, führt der unumkehrbare Niedergang der Sozialdemokratie und generell der traditionellen Regierungsparteien sowie die Schwierigkeit in vielen europäischen Ländern, neue linke Formationen (La France Insoumise in Frankreich, Podemos in Spanien, Die Linke in Deutschland) aufzubauen, aufgrund der Kämpfe zwischen den Cliquen, die auch diese Formationen erleben, tendenziell zur Entwicklung von immer fragileren Koalitionen. Dies ist zum Beispiel in Spanien der Fall, wo sich die PSOE auf gegensätzliche Kräfte stützt, um an der Macht zu bleiben. Auf der einen Seite die chauvinistische katalanische Rechte und auf der anderen die linksextreme Partei SUMAR, deren stellvertretende Ministerpräsidentin Yolanda Diaz ist. Diese "Frankenstein"-Regierung spiegelt die Fragilität der PSOE wider, die als einzige Kraft in der Lage ist, separatistische Tendenzen innerhalb des Zentralstaates zu kontrollieren.
Die Machtübernahme populistischer und rechtsextremer Parteien ist ein Szenario, das in den kommenden Jahren zu einem wichtigen Element der politischen Situation der Bourgeoisie werden könnte, ohne jedoch überall die gleichen Folgen hervorzurufen. In den Jahren, in denen Trump, Bolsonaro und Salvini an der Macht sind, hat sich zwar die politische Instabilität verschärft, aber andere Teile des Staatsapparats waren in der Lage, ihre irrationalsten und weit hergeholten Bestrebungen zu kanalisieren oder zu bremsen. Dies war zum Beispiel unter Trump der Fall, als ein Teil der US-Regierung unablässig darum kämpfte, die Unberechenbarkeit der Entscheidungen des Präsidenten zu kontrollieren. Große Teile der Bourgeoisie, insbesondere innerhalb der staatlichen Strukturen, konnten sich der Versuchung einer Annäherung oder gar eines Bündnisses mit Russland widersetzen und so sicherstellen, dass die Option der dominierenden Fraktionen der Bourgeoisie triumphierte. Wie wir im Falle Italiens mit der Regierung Salvini gesehen haben, ist es auch möglich, dass die Populisten zustimmen, ihren "Wein zu verwässern", indem sie bestimmte Maßnahmen aufgeben oder ihre Versprechen, insbesondere im sozialen Bereich, zurückschrauben. Dies hat auch die Entscheidung des PVV-Vorsitzenden Geert Wilder in den Niederlanden gezeigt, auf die Machtübernahme zu verzichten, als es ihm nicht gelang, eine Koalition zu bilden.
Die Möglichkeit, dass populistische Parteien an die Macht kommen, und die Realität eines solchen Ereignisses wie in Italien machen deutlich, dass Populismus und extreme Rechte nicht gleichzusetzen sind. Italien Land wird von einem Bündnis zwischen der traditionellen Rechten (der von Berlusconi gegründeten Forza Italia), Salvinis populistischer Lega und Melonis neofaschistisch inspirierter Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) regiert, deren Symbol nach wie vor die dreifarbige Flamme des früheren, offen an Mussolini ausgerichteten MSI (Movimento Sociale Italiano) ist. Natürlich gibt es große Ähnlichkeiten zwischen der Lega und Melonis Partei, insbesondere die fremdenfeindliche Rhetorik gegen Einwanderer, hauptsächlich Muslime, die sie zu Konkurrenten auf der Wählerbühne macht. Gleichzeitig verrät das Motto der Fratelli d'Italia (FI), "Gott, Vaterland und Familie", die traditionalistische Inspiration dieser Partei, die sie von der Lega unterscheidet. Letztere beruft sich zwar auf traditionelle Werte, ist aber eher antiklerikal und "systemfeindlicher" als die FI.
In Frankreich gibt es diesen Unterschied zwischen der populistischen extremen Rechten, die von Marine Le Pens Rassemblement National vertreten wird, und der traditionellen extremen Rechten, die von der Partei "Reconquête!" repräsentiert wird.[16] Es ist übrigens kein Zufall, dass Éric Zemmour von Reconquête in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen 2022 in den "Nobelvierteln" von Paris den zweiten Platz belegte (hinter Macron, der zum beliebtesten Politiker der Bourgeoisie geworden ist) und dreimal so viele Stimmen wie Marine Le Pen erhielt, während letztere Zemmour in den "volkstümlichen" Ortschaften völlig niedermachte. Und es stimmt, dass Le Pens Reden gegen die Wirtschaftspolitik Macrons, wie die Abschaffung der Vermögenssteuer und die Rentenreform, bei der klassischen Bourgeoisie sehr schlecht ankommen. In der Tat erleben wir – mit unterschiedlichem Erfolg in den verschiedenen Ländern – einen Versuch bestimmter Teile der Bourgeoisie, aus den Ängsten rund um die Themen Einwanderung, Unsicherheit und islamischer Terrorismus, die bisher die Hauptstütze des Populismus waren, Kapital zu schlagen, um einer extremen Rechten neues Leben einzuhauchen, die aus Sicht der herrschenden Klasse "vorzeigbar" ist und ein Programm hat, das mit ihren Interessen besser vereinbar ist. Zemmour hat immer behauptet, dass sein Wirtschaftsprogramm dasselbe sei wie das der klassischen Rechten, die in Frankreich bisher von der Partei "Les Républicains", der Nachfolgerin der gaullistischen Partei, vertreten wurde. Bei den Präsidentschaftswahlen 2022 schlug er ein Bündnis mit dieser Partei vor, mit dem Argument, dass Marine Le Pen die Wahlen niemals allein gewinnen könne. Die Politik von Zemmour ist bisher gescheitert, da das RN in den Umfragen an die Spitze gerückt ist und die Präsidentschaftswahlen 2027 gewinnen könnte, was für die Bourgeoisie ein großes Problem darstellt. Andererseits ist es eine Politik, die in Italien erfolgreich war, da Meloni eine bemerkenswerte Fähigkeit bewiesen hat, eine Politik im Einklang mit den bürgerlichen Interessen zu verfolgen, und weit vor Salvini liegt.
Der Populismus ist keine politische Strömung, die von den weitsichtigsten und „verantwortungsbewusstesten“ Sektoren der Bourgeoisie gefördert wird, und er hat den Interessen dieser Klasse bereits geschadet (insbesondere in Großbritannien), aber zu den Karten, die der herrschenden Klasse zur Verfügung stehen, um zu versuchen, diesen Schaden zu begrenzen, gehört genau diese Betonung einer "traditionellen" extremen Rechten, die mit dem Populismus konkurrieren oder ihn schwächen soll.
Seit Ende der 1980er Jahre sind das Gangstertum und die Kriminalität, die vor allem durch den Drogenhandel angeheizt werden, weltweit explodiert. Dieses Phänomen, auf das bereits in den Thesen zum Zerfall hingewiesen wurde, geht mit einer unglaublichen Korruption im politischen Apparat einher: "Gewalt und die städtische Kriminalität [sind] in vielen Ländern Lateinamerikas und auch in den Vororten einiger europäischer Städte – teilweise im Zusammenhang mit dem Drogenhandel, aber nicht nur dort – explodiert (...). Was diesen Handel und sein enormes Gewicht in der Gesellschaft, auch auf wirtschaftlicher Ebene, betrifft, so kann man sagen, dass es sich um einen ständig wachsenden „Markt“ handelt, da das Unbehagen und die Verzweiflung, die jede Schicht der Bevölkerung trifft, zunehmen. Was die Korruption und all die Machenschaften – in anderen Worten „Wirtschaftskriminalität“ – angeht, so sind in den letzten Jahren viele Fälle aufgedeckt worden (wie die „Panama-Papiere“, die nur eine winzige Spitze des Eisbergs des Gangstertums sind, in dem der Finanzsektor immer mehr Fuß fassen muss)." (Bericht über den Zerfall heute, Mai 2017, International Revue Nr. 56)[17]
Es ist wichtig, die Auswirkungen dieses Phänomens auf das politische Leben der Bourgeoisie zu erkennen. Die immer offensichtlicheren Absprachen zwischen dem Verbrechen und den politischen Fraktionen des Staatsapparats haben die Tendenz, das politische Spiel in einen regelrechten Bandenkrieg zu verwandeln, manchmal vor dem Hintergrund einer Tendenz zum Zusammenbruch der politischen Institutionen. Dies ist sicherlich die akuteste und ungebremste Form der Tendenz, die Spaltung und Zersplitterung des bürgerlichen politischen Apparats zu verstärken. Die politische Situation in Haiti ist sicherlich das karikaturistischste Beispiel. Aber auch viele andere Länder in Mittel- und Südamerika sind seit Jahrzehnten von diesem Phänomen besonders betroffen. So wie der interne Krieg, der Anfang Januar am helllichten Tag zwischen dem ecuadorianischen Staat und kriminellen Banden ausbrach: "Die derzeitige bürgerliche Fraktion, die den Staatsapparat kontrolliert, ist direkt mit der mächtigsten agroindustriellen Import-Export-Gruppe Ecuadors verbunden. Ihr triumphaler Einzug in den Carondelet-Palast begann mit Finanzgesetzen, die dieser Gruppe direkt zugutekamen, mit Zustimmung der PSC und der RC5 (Correistas). Das Ergebnis war ein Land, das in bitterer Armut und endemischer Korruption auf allen Regierungsebenen versinkt und von allen Seiten von den mexikanischen Drogenkartellen (Jalisco Nueva Generación und Sinaloa) durchdrungen ist, die mit peruanischen und kolumbianischen Drogenhändlern zusammenarbeiten. Auch die albanische, chinesische, russische und italienische Mafia sind sehr präsent. Und eine Gesellschaft, die von der nationalen organisierten Kriminalität, den ODGs, überschwemmt wird, die mit den mexikanischen Kartellen oder den vorgenannten Mafias in Verbindung stehen".
Es sei auch darauf hingewiesen, dass die überstürzte Abrechnung zwischen den einzelnen Fraktionen der herrschenden Klasse zu einer Verschärfung der Spannungen zwischen den Nationalstaaten führt. So war beispielsweise die Stürmung der mexikanischen Botschaft in Quito durch die ecuadorianische Polizei am 5. April, um den ehemaligen Vizepräsidenten, der von der Regierung Noboa der Korruption beschuldigt wurde, zu vertreiben, ein wahrer Akt des Vandalismus, der gegen die Regeln des „bürgerlichen Anstands“ verstieß und zur diplomatischen Instabilität in diesem Teil der Welt beitrug.
Auch das politische System in Russland ist in besonderem Maße von der Gangsterisierung der politischen Beziehungen geprägt. Klientelismus, Korruption und Vetternwirtschaft sind die wichtigsten Rädchen im "System Putin". Dies ist ein Faktor, der bei der Analyse der Risiken für die Zukunft der Russischen Föderation berücksichtigt werden muss: "Von Putins politischem Überleben bis hin zum Überleben der Russischen Föderation und deren imperialistischem Status steht nach der Niederlage in der Ukraine viel auf dem Spiel: Wenn Russland in Problemen versinkt, wird es wahrscheinlich zu Abrechnungen und sogar zu blutigen Zusammenstößen zwischen rivalisierenden Fraktionen kommen." (Bericht des 25. Kongresses über die imperialistischen Spannungen, Internationale Revue Nr. 59).[18] Der Aufstand der Wagner-Gruppe im Juni 2023, gefolgt von der Liquidierung ihres Anführers Prigoschin zwei Monate später, und die schweren Repressionen, denen die pro-demokratische Fraktion ausgesetzt war (die Ermordung von Nawalny), haben das Ausmaß der internen Spannungen und die Zerbrechlichkeit Putins und seines inneren Kreises, der nicht zögert, seine Interessen in der Art eines echten Mafiabosses mit allen Mitteln zu verteidigen, voll bestätigt. Die zentrale Rolle, die das Gangstertum im politischen System Russlands spielt, trägt somit aktiv zum Risiko eines Auseinanderbrechens der Russischen Föderation bei. Ebenso hat die bewaffnete Abrechnung innerhalb der ehemaligen sowjetischen Nomenklatura zu der tiefgreifenden Destabilisierung beigetragen, die aus der Implosion des Ostblocks resultierte. Doch nach mehr als drei Jahrzehnten des Zerfalls könnten die Folgen einer solchen Dynamik zu einer weitaus chaotischeren Situation führen. Das Auseinanderbrechen der Föderation in mehrere Mini-Russland und die Verbreitung von Atomwaffen in den Händen unkontrollierbarer Kriegsherren würden einen regelrechten Sturzflug ins Chaos auf internationaler Ebene darstellen.
Doch während diese Erscheinungsformen des ideologischen und politischen Zerfalls der Gesellschaft in den Randzonen des Kapitalismus besonders weit fortgeschritten sind, ist diese Tendenz auch in den zentralen Ländern zunehmend zu beobachten:
- In den Demokratien sind die (mitunter gewaltsamen) Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppierungen zwar nichts Neues und werden im Allgemeinen im Rahmen der Institutionen und der "Achtung der Ordnung" ausgetragen, doch nehmen sie zunehmend besonders chaotische und gewalttätige Formen an: "Der Angriff von Trump-Anhängern auf das Kapitol am 6. Januar hat deutlich gemacht, dass die Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse selbst im mächtigsten Land der Welt immer tiefer werden und in gewaltsame Auseinandersetzungen, ja sogar in Bürgerkriege auszuarten drohen." (Resolution zur internationalen Lage, Internationale Revue Nr. 59)
- Wie die Skandale um die "Panama Papers" und Qatargate (in die Abgeordnete des Europäischen Parlaments, parlamentarische AssistentInnen, NGO-VertreterInnen und GewerkschafterInnen verwickelt waren) gezeigt haben, wird die gesamte Politik bis in die höchsten Regierungsebenen von Korruption und Veruntreuung heimgesucht. Dies dient nur dazu, die verschiedenen politischen Fraktionen weiter zu diskreditieren, insbesondere diejenigen, die sich selbst als die Aufrichtigsten darstellen, und so dem populistischen Anti-Elite-Diskurs "Sie sind alle verkommen" Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Im 19. Jahrhundert wies Marx darauf hin, dass das fortschrittlichste Land seiner Zeit, England, die Richtung vorgibt, in die sich die anderen europäischen Länder entwickeln werden. Heute finden wir in den am wenigsten entwickelten Ländern die bizarrsten Manifestationen des Chaos, das über den Planeten hinwegfegt und zunehmend auch die am weitesten entwickelten Länder betrifft. Die Beobachtung, die Marx zu seiner Zeit machte, war eine Veranschaulichung der Tatsache, dass sich die kapitalistische Produktionsweise noch in ihrer aufsteigenden Phase befand. Die heutige Feststellung, dass das Chaos in der Gesellschaft voranschreitet, ist ein weiterer Beleg für die historische Sackgasse, in der sich der Kapitalismus befindet, für seine Dekadenz und seinen Zerfall.
IKS, Dezember 2023
[1] https://de.internationalism.org/content/871/thesen-zur-oekonomischen-und-politischen-krise-der-udssr-und-den-osteuropaeischen [8]
[2] Den Rahmen dieser Analysen übermittelte der IKS im Wesentlichen der Genosse MC (Marc, Teil 1: Von der Oktoberrevolution 1917 bis zum Zweiten Weltkrieg [69]; Marc, Teil 2: Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart [70], Internationale Revue 65 und 66, englischsprachige Ausgabe). Dies auf der Grundlage von Überlegungen, die bereits in der GCF stattgefunden hatten, aber auch auf der Grundlage von Überlegungen, die der Genosse im Laufe der Ereignisse gemacht hatte.
[4] https://en.internationalism.org/content/2957/eastern-europe-economic-crisis-and-bourgeoisies-weapons-against-proletariat [194]
[5] https://de.internationalism.org/iksonline/kongress-der-iks-resolution-zum-internationalen-klassenkampf [195]
[6] https://de.internationalism.org/content/748/der-zerfall-die-letzte-phase-der-dekadenz-des-kapitalismus [9]
[8] https://de.internationalism.org/rueckschlaege-fuer-die-bourgeoisie-nichts-gutes-fuer-das-proletariat [197]
[9] siehe Fußnote 8
[10] Der Absatz "Populismus und Zerfall" ist erst im letzten Drittel des Beitrags.
[11] Brexit, Trump: Rückschläge für die Bourgeoisie, nichts Gutes für das Proletariat, Weltrevolution Nr. 181, siehe Fußnote 8
[12] Es ist anzumerken, dass diese Analyse auch in anderen von der IKS erstellten und verabschiedeten Dokumenten zum Ausdruck kam. Im "Bericht über die Auswirkungen des Zerfalls auf das politische Leben der Bourgeoisie" (Internationale Revue Nr. 164, englische Ausgabe) heißt es zum Beispiel, dass die entscheidende Ursache für den Populismus "die Unfähigkeit des Proletariats ist, seine eigene Antwort, seine eigene Alternative zur Krise des Kapitalismus zu formulieren", https://en.internationalism.org/content/16711/report-impact-decomposition-political-life-bourgeoisie-23rd-icc-congress [13].
[13] Siehe Kapitel 3 des Berichts. Mittlerweile haben wir einen aktuellen Artikel zum Vormarsch des Populismus veröffentlicht: https://de.internationalism.org/content/3216/populismus-auf-dem-vormarsch-europa-das-rassemblement-national-der-schwelle-zur-macht [198]
[14] https://de.internationalism.org/content/3120/resolution-des-25-internationalen-kongresses-der-iks-zur-internationalen-lage [199]
[15] Resolution zur Lage in Großbritannien, intern veröffentlicht
[16] Paradoxerweise wird diese Partei von Éric Zemmour angeführt, dessen Name auf seine sephardisch-jüdische Herkunft hinweist. Um dieses "Handicap" gegenüber seiner traditionalistischen Klientel zu überwinden, die immer noch Sympathien für Marschall Pétain, den Anführer der Kollaboration mit Nazi-Deutschland, hegt, zögerte Zemmour nicht, zu erklären, dass Pétain jüdisches Leben gerettet habe (was von allen seriösen Historikern bestritten wird).
"Großbritannien wird von einem historischen Streik erschüttert" (Le Parisien, August 2022)
"Rentenreform in Frankreich: historische Mobilisierung" (Midi libre, Januar 2023)
"Historischer Streik im deutschen Verkehrswesen für bessere Löhne" (Euronews, März 2023)
"Kanada: Ein historischer Streik der Beamten für eine Lohnerhöhung" (France 24, April 2023)
"Vereinigte Staaten: historischer Streik in der Automobilbranche" (France Info, September 2023)
"Island: historischer Streik gegen Lohnungleichheit" (Tf1, Oktober 2023)
"In Bangladesch: historischer Streik der Textilarbeiter" (Libération, November 2023)
"In Schweden: historische Streikbewegung über die Berufsgruppen hinweg" (Libération, November 2023)
"Historischer Streik im öffentlichen Dienst in Quebec" (Le Monde, Dezember 2023)
Die Schlagzeilen lassen keinen Zweifel: Seit Juli 2022 tut sich etwas in der Arbeiterklasse. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind auf den Weg des proletarischen Kampfes zurückgekehrt, und zwar auf internationaler Ebene. Und das ist in der Tat ein "historisches" Ereignis. Das IKS bezeichnete dies als einen "Bruch". Wir glauben, dass dies eine vielversprechende neue Dynamik für die Zukunft ist. Warum ist das so?
Im Januar 2022, als die Covid-Krise noch nicht vorbei war, schrieben wir in einem internationalen Flugblatt: „In allen Ländern, in allen Branchen erfährt die Arbeiterklasse eine unerträgliche Verschlechterung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen. Alle Regierungen, ob rechts oder links, traditionell oder populistisch, greifen unerbittlich an. Die Angriffe prasseln unter der Last der sich verschärfenden Weltwirtschaftskrise nieder. Trotz der Angst vor einer überwältigenden Gesundheitskrise beginnt die Arbeiterklasse zu reagieren. In den letzten Monaten haben sich in den USA, im Iran, in Italien, Korea, Spanien und Frankreich Kämpfe entwickelt. Zwar handelt es sich dabei nicht um Massenbewegungen: Die Streiks und Demonstrationen sind noch zu schwach, zu vereinzelt. Dennoch werden sie von der Bourgeoisie wie Milch auf dem Herd überwacht, da sie sich des Ausmaßes der aufkommenden Wut bewusst ist. Wie können wir den Angriffen der Bourgeoisie begegnen? Isoliert und gespalten bleiben, jeder in "seinem" Unternehmen, in "seiner" Branche? Das bedeutet mit Sicherheit, machtlos zu sein! Wie kann man also einen vereinten und massiven Kampf entwickeln?“[1]
Wenn wir uns entschlossen hatten, dieses Flugblatt bereits im ersten Monat des Jahres 2022 zu schreiben und zu verteilen, dann deshalb, weil wir uns des aktuellen Potenzials unserer Klasse bewusst waren. Im Juni, kaum 5 Monate später, brach in Großbritannien der "Summer of Anger" aus, die größte Streikwelle im Land seit 1979 und dem damaligen "Winter of Discontent"[2], einer Bewegung, die eine ganze Reihe "historischer" Kämpfe in der ganzen Welt einleitete. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts breitet sich jene Streikwelle auf Quebec aus.
Um zu verstehen, wie tiefgreifend der Prozess ist und was auf dem Spiel steht, müssen wir einen historischen Ansatz wählen, der es uns ermöglicht hat, diesen "Bruch" bereits im August 2022 zu erkennen.
Im August 1914 kündigte der Kapitalismus seinen Eintritt in die Dekadenz auf die erschütterndste und barbarischste Weise an, die man sich vorstellen kann: Der Erste Weltkrieg brach aus. Vier entsetzliche Jahre lang mussten sich Millionen von Proletariern im Namen des Vaterlandes in den Schützengräben gegenseitig abschlachten, während die Zurückgebliebenen – Männer, Frauen und Kinder – Tag und Nacht schufteten, um "die Kriegsanstrengungen zu unterstützen". Die Kanonen spuckten Kugeln, die Fabriken spuckten Gewehre. Überall verschlingt der Kapitalismus Metall und Leben.
Angesichts dieser unerträglichen Bedingungen erhebt sich die Arbeiterklasse. Verbrüderung an der Front, Streiks im Hintergrund. In Russland kam es zu einer revolutionären Bewegung: dem Oktoberaufstand. Die Machtergreifung des Proletariats war ein Hoffnungsschrei, den die Ausgebeuteten auf der ganzen Welt hörten. Die revolutionäre Welle schwappte nach Deutschland über. Diese Ausbreitung beendete den Krieg. Die Bourgeoisien zogen es aus Angst vor dieser „roten Epidemie“ vor, dem Gemetzel ein Ende zu setzen und sich gegen ihren gemeinsamen Feind zu vereinen: die Arbeiterklasse. Hier hat das Proletariat seine Stärke bewiesen, seine Fähigkeit, sich massenhaft zu organisieren, die Zügel der Gesellschaft in die Hand zu nehmen und der gesamten Menschheit eine andere Perspektive zu bieten als die, die der Kapitalismus verspricht. Auf der einen Seite Ausbeutung und Krieg, auf der anderen internationale Solidarität und Frieden. Auf der einen Seite der Tod, auf der anderen das Leben. Wenn dieser Sieg möglich war, dann deshalb, weil die Klasse und ihre revolutionären Organisationen in jahrzehntelangen politischen Kämpfen seit den ersten Arbeiterstreiks in den 1830er Jahren eine lange Erfahrung gesammelt hatten.
In Deutschland wurden in den Jahren 1919, 1921 und 1923 Aufstandsversuche der Arbeiterklasse blutig niedergeschlagen (von den damals regierenden Sozialdemokraten!). Nach der Niederlage in Deutschland war die revolutionäre Welle gebrochen und das Proletariat fand sich in Russland isoliert. Diese Niederlage war natürlich eine Tragödie, aber vor allem eine unerschöpfliche Quelle von Lehren für die Zukunft (wie man mit einer starken, organisierten Bourgeoisie, ihrer Demokratie, ihrer Linken umgeht; wie man sich in ständigen Vollversammlungen organisiert; welche Rolle die Partei hat und welches Verhältnis sie zur Klasse, zu den Arbeiterversammlungen und Arbeiterräten hat ...).
Da der Kommunismus nur im Weltmaßstab möglich ist, bedeutete die Isolierung der Revolution in Russland zwangsläufig eine Degeneration. So verkommt die Situation "von innen" bis zum Triumph der Konterrevolution. Die Tragödie bestand darin, dass diese Niederlage es auch ermöglichte, die Revolution in betrügerischer Weise mit dem Stalinismus zu identifizieren, der sich fälschlicherweise als Erbe der Revolution darstellte, während er sie in Wirklichkeit ermordete. Nur wenige sehen den Stalinismus als Konterrevolution. Die Anderen verteidigen ihn entweder oder lehnen ihn ab, aber alle verbreiten sie die Lüge einer "Kontinuität" zwischen Marx, Lenin und Stalin und schütten damit die unschätzbaren Lehren der Revolution zu.
Das Proletariat wurde auf internationaler Ebene besiegt. Es war nicht mehr in der Lage, auf die neuen Verheerungen der Wirtschaftskrise zu reagieren: die galoppierende Inflation in Deutschland in den 1920er Jahren, der Zusammenbruch von 1929 in den Vereinigten Staaten, die Massenarbeitslosigkeit überall. Die Bourgeoisie konnte ihre Ungeheuer entfesseln und auf einen neuen Weltkrieg zusteuern. Nazismus, Franquismus, Faschismus, Antifaschismus – auf allen Seiten der Grenzen machten die Regierungen mobil und beschuldigten "den Feind", ein Barbar zu sein. In diesen dunklen Jahrzehnten wurden internationalistische Revolutionäre gejagt, deportiert und ermordet. Die Überlebenden gaben auf, verängstigt oder moralisch am Boden zerstört. Wieder andere, verwirrt und Opfer der Lüge "Stalinismus = Bolschewismus/Kommunismus", verwarfen alle Lehren der revolutionären Welle und einige sogar die Theorie der Arbeiterklasse als revolutionäre Klasse. Es war "Mitternacht im Jahrhundert".[3] Nur einige wenige hielten an ihrem Kurs fest, indem sie ein tiefes Verständnis dessen hatten, was die Arbeiterklasse ist, was ihr Kampf für die Revolution ist, was die Rolle der proletarischen Organisationen ist – sie verkörperten die historische Dimension, die Kontinuität, die Erinnerung und die fortlaufenden theoretischen Bemühungen der revolutionären Klasse. Diese Strömung wird als Kommunistische Linke bezeichnet.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gaben die großen Streiks in Norditalien und in geringerem Maße in Frankreich Anlass zu der Annahme, dass die Arbeiterklasse im Begriff war, zu erwachen. Auch Churchill und Roosevelt glaubten daran. Sie zogen ihre Lehren aus dem Ende des Ersten Weltkriegs und der revolutionären Welle und bombardierten "präventiv" alle Arbeiterviertel des besiegten Deutschlands, um jeglicher Gefahr eines Aufstands vorzubeugen: Dresden, Hamburg, Köln ... – all diese Städte wurden mit Brandbomben in Schutt und Asche gelegt, wobei Hunderttausende ums Leben kamen. Doch in Wirklichkeit war diese Generation viel zu sehr von der Konterrevolution und ihrer ideologischen Zerschlagung seit den 1920er Jahren geprägt. Die Bourgeoisie konnte weiterhin von den Ausgebeuteten verlangen, sich zu opfern, ohne eine Reaktion zu riskieren: Sie musste wiederaufbauen und die Produktionsraten erhöhen. Die sogenannte Kommunistische Partei Frankreichs forderte das Volk dazu auf, "die Ärmel hochzukrempeln".
Vor diesem Hintergrund bricht der größte Streik der Geschichte aus: Der Mai 68 in Frankreich. Fast die gesamte Kommunistische Linke ignorierte die Bedeutung dieses Ereignisses und verstand nicht, dass sich die historische Situation grundlegend verändert hatte. Eine sehr kleine Gruppe der Kommunistischen Linken, die in Venezuela scheinbar an den Rand gedrängt wurde, verfolgte einen völlig anderen Ansatz. Ab 1967 verstand Internacionalismo (die Gruppe, welche eine Zeitung mit diesem Namen veröffentlichte), dass sich die Situation veränderte. Einerseits bemerkten ihre Mitglieder einen leichten Anstieg der Streiks und fanden in der ganzen Welt Menschen, die an einer Diskussion über die Revolution interessiert waren. Hinzu kamen die Reaktionen auf den Krieg in Vietnam, die zwar zu pazifistischen Zwecken verzerrt wurden, aber zeigten, dass die Passivität und Akzeptanz der vorangegangenen Jahrzehnte zu schwinden begann. Andererseits erkannten sie, dass die Wirtschaftskrise mit der Abwertung des Pfunds und dem Wiederauftreten der Massenarbeitslosigkeit ein Comeback erlebte. So sehr, dass sie im Januar 1968 schrieben: "Wir sind keine Propheten, und wir geben nicht vor, zu erraten, wann und wie sich zukünftige Ereignisse entfalten werden. Aber wir sind uns sicher und wissen, dass der Prozess, in dem sich der Kapitalismus derzeit befindet, nicht aufzuhalten ist (...) und dass er direkt in die Krise führt. Und wir sind auch sicher, dass der entgegengesetzte Prozess der Entwicklung der Kampfkraft der Klasse, den wir jetzt im Allgemeinen erleben, die Arbeiterklasse zu einem blutigen und direkten Kampf für die Zerstörung des bürgerlichen Staates führen wird." (Internacionalismo Nr. 8)
Fünf Monate später lieferte der Generalstreik vom Mai 68 in Frankreich eine durchschlagende Bestätigung dieser Einschätzung. Es war eindeutig noch nicht die Zeit für einen "direkten Kampf für die Zerstörung des bürgerlichen Staates", sondern für eine historische Wiederbelebung des Weltproletariats, aufgewühlt durch die ersten Manifestationen der offenen Krise des Kapitalismus nach der tiefgreifendsten Konterrevolution der Geschichte. Diese Vorhersagen waren kein Ausdruck von Hellseherei, sondern einfach das Ergebnis der bemerkenswerten Beherrschung des Marxismus durch Internacionalismo und des Vertrauens, das diese Gruppe selbst in den schlimmsten Momenten der Konterrevolution in die revolutionären Fähigkeiten der Klasse bewahrt hatte. Der Ansatz von Internacionalismo basierte auf vier Elementen, die es ihr ermöglichten, den Mai 68 zu antizipieren und dann, in der Hitze des Gefechts, die historische Zäsur zu verstehen, die dieser Streik mit sich brachte, d.h. das Ende der Konterrevolution und die Rückkehr des proletarischen Kampfes auf die internationale Bühne. Diese vier Elemente waren ein tiefgreifendes Verständnis:
1. der historischen Rolle des Proletariats als revolutionäre Klasse;
2. der Ernsthaftigkeit der Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf die Klasse als Ansporn zum Handeln;
3. der kontinuierlichen Entwicklung des Bewusstseins innerhalb der Klasse, die sich in den Fragen zeigt, die in den Diskussionen von Minderheiten aufgeworfen werden, die revolutionäre Positionen anstreben;
4. der internationalen Dimension dieser allgemeinen Dynamik, der Wirtschaftskrise und des Klassenkampfes.
Auf diesem Hintergrund vertrat Internacionalismo die Position, dass eine neue politische Generation im Entstehen begriffen war, eine Generation, die nicht unter der Konterrevolution gelitten hatte, eine Generation, die mit der Rückkehr der Wirtschaftskrise konfrontiert war und gleichzeitig ihr ganzes Reflexions- und Kampfpotenzial bewahrt hatte, eine Generation, die in der Lage war, die Rückkehr des Proletariats im Kampf in den Vordergrund zu stellen. Und genau das war der Mai 68, der den Weg für eine ganze Reihe von Kämpfen auf internationaler Ebene ebnete. Außerdem änderte sich die gesamte gesellschaftliche Atmosphäre: Nach den Jahren der Niederlage waren die Arbeiterinnen und Arbeiter, insbesondere die Jugend, begierig darauf, zu diskutieren, sich Fragen zu stellen und "die Welt neu zu gestalten". Das Wort Revolution war allgegenwärtig. Texte von Marx, Lenin, Luxemburg und der Kommunistischen Linken kursierten und lösten endlose Debatten aus. Die Arbeiterklasse versucht, sich ihre Vergangenheit und ihre Erfahrungen wieder anzueignen. Diesem Bemühen stand eine ganze Reihe von Strömungen gegenüber – Stalinismus, Maoismus, Trotzkismus, Castroismus, Modernismus usw. –, konzentriert darauf, die Lehren von 1917 zu entstellen. Die große Lüge vom Stalinismus = Kommunismus wurde in all ihren Formen ausgenutzt.
Die erste Welle von Kämpfen war zweifellos die spektakulärste: der Heiße Herbst in Italien 1969, der gewaltige Aufstand in Cordoba in Argentinien im selben Jahr und der große Streik in Polen 1970, große Bewegungen in Spanien und Großbritannien 1972 ... Vor allem in Spanien begannen die Arbeiterinnen und Arbeiter, sich in Massenversammlungen zu organisierten, ein Prozess, der 1976 in Vitoria seinen Höhepunkt erreichte. Die internationale Dimension der Welle fand ihren Widerhall bis nach Israel (1969) und Ägypten (1972) und später in den Aufständen in den Townships Südafrikas, die von Kampfkomitees (den "Civics") angeführt wurden. Während dieser ganzen Zeit arbeitete Internacionalismo daran, revolutionäre Kräfte zusammenzubringen. Eine kleine Gruppe in Toulouse, die eine Zeitung namens Révolution Internationale herausgab, schloss sich diesem Prozess an. Gemeinsam gründeten sie 1975 die Internationale Kommunistische Strömung, die noch heute unsere Organisation ist. Unsere Artikel verkündeten: "Willkommen der Krise", denn, um es mit den Worten von Marx zu sagen, wir dürfen "im Elend nicht nur das Elend sehen, sondern im Gegenteil die revolutionäre, subversive Seite, die die alte Gesellschaft umstürzen wird." (Das Elend der Philosophie, 1847)
Nach einer kurzen Pause Mitte der 1970er Jahre setzte eine zweite Streikwelle ein: Streiks der iranischen Ölarbeiter und der Stahlarbeiter in Frankreich 1978, der "Winter of Discontent" in Großbritannien, Streiks der Hafenarbeiter in Rotterdam (angeführt von einem unabhängigen Streikkomitee) und der Stahlarbeiter in Brasilien 1979 (die ebenfalls die gewerkschaftliche Kontrolle in Frage stellten). Diese Welle von Kämpfen gipfelte 1980 im Massenstreik in Polen, der von einem unabhängigen überbetrieblichen Streikkomitee (dem MKS) angeführt wurde und sicherlich die wichtigste Episode im Klassenkampf seit 1968 war. Die schwere Repression gegen die polnische Arbeiterklasse stoppte diese Welle, aber es dauerte nicht lange, bis eine neue Bewegung einsetzte: die Kämpfe in Belgien 1983 und 1986, der Generalstreik in Dänemark 1985, der Bergarbeiterstreik in England 1984-85, die Kämpfe der Eisenbahner und der Beschäftigten im Gesundheitswesen in Frankreich 1986 und 1988 und die Bewegung der Beschäftigten im Bildungswesen in Italien 1987. Insbesondere die Kämpfe in Frankreich und Italien – wie auch der Massenstreik in Polen – zeigen eine echte Fähigkeit zur Selbstorganisation mit Generalversammlungen und Streikkomitees.
Es ist nicht nur eine Liste von Streiks. Diese Bewegung von Kampfwellen drehte sich nicht im Kreis, sondern machte echte Fortschritte im Klassenbewusstsein. Wie wir im April 1988 in einem Artikel mit dem Titel 20 Jahre nach Mai 1968 schrieben: "Der einfache Vergleich der Kennzeichen der Kämpfe vor 20 Jahren mit denen von heute legt das Ausmaß der Entwicklung offen, das langsam in der Arbeiterklasse stattgefunden hat. Neben der katastrophalen Entwicklung des kapitalistischen Systems hat es ihre eigene Erfahrung ermöglicht, ein viel tiefergreifendes Verständnis der Wirklichkeit ihrer Kämpfe zu entfalten. Dies kam insbesondere zum Ausdruck durch:
- einen Verlust der Illusionen über die politischen Kräfte der Linke des Kapitals und an erster Stelle über die Gewerkschaften, gegenüber denen die Illusionen gewichen sind und ein Misstrauen entstanden ist, das immer mehr durch eine offene Feindschaft innen gegenüber abgelöst wird;
- die immer deutlichere Aufgabe von wirkungslosen Kampfformen, in die die Gewerkschaften die Kampfbereitschaft der Arbeiter so oft haben verstricken wollen, wie z.B. Aktionstage, Demonstrationsspaziergänge, lange und isolierte Streiks ...
Aber die Erfahrung dieser 20 Jahre Kämpfe hat nicht nur ‚negative‘ Lehren (d.h. was man nicht tun soll) für die Arbeiterklasse zutage gebracht. Sie hat auch aufgezeigt, wie man
- die Kämpfe ausdehnen kann (insbesondere Belgien 1986 war sehr aufschlussreich);
- wie man die Kämpfe unter eigener Kontrolle halten kann, indem man Vollversammlungen einberuft und Streikkomitees wählt, die jeweils vor der Vollversammlung verantwortlich und abwählbar sind (insbesondere Frankreich Ende 1986, Italien 1987)."
Es war diese Stärke der Arbeiterklasse, die verhinderte, dass der Kalte Krieg zu einem dritten Weltkrieg wurde. Während die Bourgeoisien zu zwei kampfbereiten Blöcken zusammengeschweißt wurden, war die Arbeiterklasse nicht bereit, ihr Leben millionenfach im Namen des Vaterlandes zu opfern. Dies zeigte sich auch im Vietnamkrieg. Angesichts der Verluste der US-Armee (58.281 Soldaten) schwoll der Protest in den Vereinigten Staaten an und zwang die amerikanische Bourgeoisie 1973 zum Rückzug aus dem Konflikt. Die herrschende Klasse konnte die Ausgebeuteten eines jeden Landes nicht zu einer offenen Konfrontation mobilisieren. Anders als in den 1930er Jahren wurde das Proletariat nicht besiegt.
Bereits in den 1980er Jahren zeigten sich Schwierigkeiten der Arbeiterklasse, ihren Kampf weiterzuentwickeln, ihr revolutionäres Projekt voranzutreiben:
- Der Massenstreik in Polen im Jahr 1980 war außergewöhnlich in Bezug auf sein Ausmaß und die Fähigkeit der Arbeiterklasse, sich im Kampf zu organisieren. Er zeigte aber auch, dass im Osten die Illusionen in die westliche Demokratie sehr groß waren. Schlimmer noch, angesichts der Repression gegen die Streikenden reduzierte sich die Solidarität des Proletariats im Westen auf platonische Erklärungen, unfähig zu erkennen, dass es sich auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in Wirklichkeit um ein und denselben Kampf der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus handelte. Dies war der erste Hinweis auf die Unfähigkeit des Proletariats, seinen Kampf zu politisieren und sein revolutionäres Bewusstsein weiterzuentwickeln.
- 1981 entließ US-Präsident Ronald Reagan 11.000 Fluglotsen mit der Begründung, ihr Streik sei illegal. Diese Fähigkeit der amerikanischen Bourgeoisie, einen Streik mit der Waffe der Repression niederzuschlagen, zeigte, wo das Kräfteverhältnis lag.
- Die Repression in Polen und der Streik in den Vereinigten Staaten wirkten fast zwei Jahre lang wie ein schwerer Schlag für das internationale Proletariat.
- Im Jahr 1984 ging die britische Premierministerin Margaret Thatcher noch viel weiter. Zu dieser Zeit galt die britische Arbeiterklasse als die kämpferischste der Welt und stellte Jahr für Jahr einen Rekord bei der Zahl der Streiktage auf. Die Eiserne Lady provozierte die Bergarbeiter, und Hand in Hand mit den Gewerkschaften isolierte sie sie vom Rest der Klasse. Ein Jahr lang kämpften sie allein, bis sie erschöpft waren (Thatcher und ihre Regierung hatten ihren Coup vorbereitet, indem sie heimlich Kohlevorräte angehäuft hatten). Die Demonstrationen wurden blutig niedergeschlagen (drei Tote, 20.000 Verletzte, 11.300 Festnahmen). Das britische Proletariat brauchte 40 Jahre, um sich von diesem Schlag zu erholen, und es blieb bis zum Sommer 2022 träge und unterwürfig (wir werden später darauf zurückkommen). Diese Niederlage zeigt vor allem, dass es dem Proletariat nicht gelungen ist, die Falle zu verstehen und die gewerkschaftliche Sabotage und Spaltung zu durchbrechen. Die Politisierung der Kämpfe blieb weitgehend unzureichend, was ein zunehmendes Handicap darstellte.
Ein kleiner Satz aus unserem Artikel von 1988, den wir bereits zitiert haben, bringt das entscheidende Problem des Proletariats zu dieser Zeit auf den Punkt: "Man verwendet 1988 vielleicht weniger leicht den Begriff der Revolution als 1968". Damals haben wir selbst die volle Bedeutung dieser Feststellung nicht ausreichend verstanden, wir haben sie nur geahnt. In der Tat konnte die Generation, die ihre Aufgabe mit der Beendigung der Konterrevolution im Mai 1968 erfüllt hatte, nicht auch das revolutionäre Projekt des Proletariats entwickeln.
Diese Perspektivlosigkeit begann sich auf die gesamte Gesellschaft auszuwirken: Nihilismus und Drogensucht breiteten sich überall aus. Es ist kein Zufall, dass zu dieser Zeit zwei kleine Worte aus einem Lied der Punkband The Sex Pistols an die Wände Londons gesprüht wurden: No future.
In diesem Zusammenhang, als sich die Grenzen der 68er-Generation und der Zerfall der Gesellschaft abzuzeichnen begannen, wurde unserer Klasse ein schrecklicher Schlag versetzt: Der Zusammenbruch des stalinistischen Ostblocks 1989-91 löste eine ohrenbetäubende Kampagne über den "Tod des Kommunismus" aus. Die große Lüge "Stalinismus = Kommunismus" wurde wieder einmal voll ausgeschlachtet; alle abscheulichen Verbrechen dieses Regimes, das in Wirklichkeit kapitalistisch war, wurden der Arbeiterklasse und "ihrem" System angelastet. Schlimmer noch, es wurde Tag und Nacht getrompetet: "Dahin führt der Kampf der Arbeiter, in die Barbarei und den Bankrott! Dahin führt der Traum von der Revolution: in einen Albtraum!" Das Ergebnis war schrecklich: Die Arbeiterinnen und Arbeiter schämten sich für ihren Kampf, für ihre Klasse, für ihre Geschichte. Ihrer Perspektive beraubt, verleugnen sie sich selbst und verlieren ihr Klassengedächtnis. Alle Lehren und Errungenschaften der großen sozialen Bewegungen der Vergangenheit wurden vergessen. Diese historische Veränderung der Weltlage stürzte die Menschheit in eine neue Phase des kapitalistischen Niedergangs: die Phase des Zerfalls.
Der Zerfall ist kein flüchtiger, oberflächlicher Moment, sondern eine tiefgreifende Dynamik, die die Gesellschaft beherrscht. Der Zerfall ist die letzte Phase des dekadenten Kapitalismus, eine Phase der Agonie, die mit dem Tod der Menschheit oder der Revolution enden wird. Sie ist die Frucht der Jahre 1970-1980, in denen weder die Bourgeoisie noch das Proletariat in der Lage waren, ihre Perspektive durchzusetzen: Krieg für die einen, Revolution für die anderen. Der Zerfall bringt diese historische Sackgasse zwischen den Klassen zum Ausdruck:
- Die Bourgeoisie hat der Arbeiterklasse keine entscheidende historische Niederlage beigebracht, die es ihr ermöglicht hätte, für einen neuen Weltkrieg zu mobilisieren.
- Die Arbeiterklasse war trotz 20-jähriger Kämpfe, die den Marsch in den Krieg verhinderten und in denen sich das Klassenbewusstsein stark entwickelt hat, nicht in der Lage, eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln und eine eigene politische Alternative zur Krise des Systems zu formulieren.
Infolgedessen hat der dekadente Kapitalismus, der keinen Ausweg mehr hat und immer mehr in der Wirtschaftskrise versinkt, begonnen, an seinen Grundfesten zu verfaulen. Diese Fäulnis wirkt sich auf allen Ebenen der Gesellschaft aus, wobei das Fehlen von Perspektiven und einer Zukunft wie ein regelrechtes Gift wirkt: Zunahme von Individualismus, Irrationalität, Gewalt, Selbstzerstörung usw. Angst und Hass nehmen allmählich überhand. In Südamerika entstanden Drogenkartelle, der Rassismus war allgegenwärtig ... Das Denken wird geprägt von der Unfähigkeit, vorausschauend zu denken, von einer kurzsichtigen und engen Sichtweise; die Politik der Bourgeoisie beschränkte sich immer mehr auf ein Stückwerk. Dieser tägliche Abwasch dringt unweigerlich zu den Proletariern durch, zumal sie nicht mehr an die Zukunft der Revolution glauben, sich ihrer Vergangenheit schämen und sich nicht mehr als Klasse fühlen. Zerstäubt, auf einzelne Bürger reduziert, tragen sie die volle Last der Fäulnis der Gesellschaft. Das größte Problem ist sicherlich die Amnesie über die Errungenschaften und Fortschritte der Jahre 1968-1989.
Die Wirtschaftspolitik der herrschenden Klasse greift bewusst jedes Gefühl der Klassenidentität an, indem sie die alten industriellen Zentren des Widerstands der Arbeiterklasse zerschlägt und viel stärker atomisierte Formen der Arbeit einführt, wie die so genannte "Gig-Economy", in der ArbeiterInnen regelmäßig als "Selbständige" behandelt werden.
Für einen ganzen Teil der jungen Generation der Arbeiterklasse sind die Folgen katastrophal: die Tendenz zur Bildung von Banden in den städtischen Zentren, die sowohl Ausdruck des Mangels an wirtschaftlichen Perspektiven als auch der verzweifelten Suche nach einer alternativen Gemeinschaft sind, was zu mörderischen Spaltungen zwischen Jugendlichen führt, die auf Rivalitäten zwischen verschiedenen Vierteln und unterschiedlichen Bedingungen, auf dem Wettbewerb um die Kontrolle der lokalen Drogenwirtschaft oder auf rassischen oder religiösen Unterschieden basieren.
Während die 68er-Generation diesen Rückschlag erlitt, schien die Generation, die 1990 mit der Lüge vom "Tod des Kommunismus" und der Dynamik des sozialen Zerfalls ins Erwachsenenalter kam, für den Klassenkampf verloren.
1999 trat auf einer WTO-Konferenz (Welthandelsorganisation) in Seattle eine neue politische Bewegung in den Vordergrund: die Antiglobalisierungsbewegung. 40.000 Demonstrierende, die überwiegende Mehrheit von ihnen junge Menschen, erhoben sich gegen die Entwicklung einer kapitalistischen Gesellschaft, die den gesamten Planeten zur Ware macht. Beim G8-Gipfel in Genua im Jahr 2001 waren es 300.000.
Was zeigt die Entstehung dieser Entwicklung? 1990 versprach US-Präsident George Bush-senior eine "neue Weltordnung" des "Friedens und des Wohlstands", doch die Realität des Jahrzehnts danach sah ganz anders aus: der Golfkrieg 1991, der Krieg in Jugoslawien 1993, der Völkermord in Ruanda 1994, die Krise und der Zusammenbruch der "Asiatischen Tiger" 1997 und überall steigende Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzunsicherheit und "Flexibilität". Kurzum, der Kapitalismus versank immer weiter in der Dekadenz. Dies veranlasste die Arbeiterklasse und alle Teile der Gesellschaft unweigerlich dazu, sich Sorgen zu machen, Fragen zu stellen und nachzudenken. Jeder in seiner eigenen Ecke. Die Entstehung der Antiglobalisierungsbewegung war das Ergebnis dieser Dynamik: ein "bürgerlicher" Protest gegen die "Globalisierung", der einen "gerechten" globalen Kapitalismus fordert. Es handelt sich um eine Sehnsucht nach einer anderen Welt, allerdings auf einem nicht von der Arbeiterklasse beherrschten, nicht revolutionären Terrain, sondern auf dem bürgerlichen Terrain des Glaubens an die Demokratie.
In den Jahren 2000-2010 gab es eine Reihe von Kampfversuchen, die alle an dieser entscheidenden Schwäche scheiterten, die mit dem Verlust der Klassenidentität zusammenhing.
Am 15. Februar 2003 fand die größte (bis heute) registrierte Demonstration der Welt statt. 3 Millionen Menschen in Rom, 1 Million in Barcelona, 2 Millionen in London, usw. Ziel war es, gegen den drohenden Krieg im Irak zu protestieren – ein Konflikt, der im März tatsächlich ausbrechen sollte. Unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen, dauerte er 8 Jahre und tötete 1,2 Millionen Menschen. Die Reaktion darauf ist die Abscheu vor dem Krieg, während die aufeinander folgenden Kriege der 1990er Jahre keinen Widerstand hervorgerufen hatten. Vor allem aber handelte es sich um eine Bewegung, die sich auf bürgerliche und pazifistische Werte stützte; es war nicht die Arbeiterklasse, die gegen die kriegerischen Absichten ihrer Staaten kämpfte, sondern eine Masse von Bürgern, die von ihren Regierungen eine Politik des Friedens forderten.
Im Mai-Juni 2003 kam es in Frankreich zu einer Reihe von Demonstrationen gegen eine Reform des Rentensystems. Im staatlichen Bildungswesen wurde gestreikt, und die Gefahr eines "Generalstreiks" war groß. Letztendlich kam es jedoch nicht dazu, und die Lehrerinnen und Lehrer blieben isoliert. Diese sektorale Eingrenzung war natürlich das Ergebnis einer bewussten Spaltungspolitik der Gewerkschaften, aber die Sabotage war erfolgreich, weil sie auf einer großen Schwäche der Klasse beruhte: Die Lehrkräfte sahen sich selbst als getrennt, nicht als Mitglieder der Arbeiterklasse. Der Begriff der Arbeiterklasse selbst war noch in der Schwebe, abgelehnt, überholt und beschämend.
Im Jahr 2006 mobilisierten die Studentinnen und Studenten in Frankreich massenhaft gegen einen prekären Sondervertrag für junge Menschen: den CPE. Die Bewegung zeigte ein Paradoxon: Die Reflexion in der Klasse geht weiter, aber die Klasse weiß nichts davon. Die Studentinnen und Studenten entdeckten eine echte Form des Kampfes für die Arbeiterklasse wieder: die Vollversammlungen. Sie waren offen für Arbeiterinnen und Arbeiter, Arbeitslose und Rentnerinnen und Rentner, und die Interventionen der Älteren fanden Beifall. Der Slogan, der bei den Demonstrationen verwendet wurde, lautete: "Junge Schmalzstullen, alte Croutons, alles derselbe Salat". So entstand die Solidarität der Arbeiterklasse zwischen den Generationen und die Einsicht, dass alle betroffen sind und alle an einem Strang ziehen müssen. Diese Bewegung, die über den gewerkschaftlichen Rahmen hinausging, barg die "Gefahr" (für die Bourgeoisie), Angestellte und Arbeiterinnen und Arbeiter auf einen ähnlich "unkontrollierten" Weg zu bringen. Die Regierung zog ihren Gesetzentwurf zurück. Dieser Sieg bedeutete einen Fortschritt in den Anstrengungen, die die Arbeiterklasse seit Anfang der 2000er Jahre unternommen hat, um aus der Flaute der 1990er Jahre herauszukommen. In der Hitze des Gefechts veröffentlichten und verteilten wir in Frankreich eine Beilage mit der Schlagzeile "Willkommen seien die neuen Generationen der Arbeiterklasse!“ – Und in der Tat zeigte diese Bewegung das Entstehen einer neuen Generation, die weder den Schwung der Kämpfe der 1980er Jahre und manchmal deren Unterdrückung noch direkt die große Lüge "Stalinismus = Kommunismus", "Revolution = Barbarei" erlebt hatte, eine neue Generation, die von der Entwicklung der Krise und der Prekarität betroffen war, eine neue Generation, die bereit war, die auferlegten Opfer abzulehnen und zu kämpfen. Aber auch diese Generation wuchs in den 1990er Jahren auf, und was sie am meisten kennzeichnet, ist die scheinbare Abwesenheit der Arbeiterklasse, das Verschwinden ihres Projekts und ihrer Erfahrung. Diese neue Generation musste sich "neu erfinden" und übernahm daher die Kampfmethoden des Proletariats, aber – und das "aber" ist ein großes "aber" – auf unbewusste Weise, instinktiv, indem sie sich in der Masse der "Bürger" auflöste. Es ist ein bisschen wie in dem Stück von Molière, wo Monsieur Jourdain Prosa macht, ohne es zu wissen. Das erklärt, warum die Bewegung, nachdem sie verschwunden war, keine offensichtlichen Spuren hinterließ: keine Gruppen, keine Zeitungen, keine Bücher ... Die Protagonisten selbst schienen sehr schnell zu vergessen, was sie erlebt hatten.
Die "Bewegung der Plätze" (der so genannte Arabische Frühling, Occupy usw.), die einige Jahre später die Welt erschütterte, sollte eine eklatante Demonstration dieser widersprüchlichen Kräfte, dieser Dynamik und dieser tiefgreifenden und historischen Schwächen sein. Die Kampfbereitschaft entwickelte sich, ebenso wie die Reflexion, jedoch ohne Bezug zur Arbeiterklasse und ihrer Geschichte, ohne ein Gefühl der Zugehörigkeit zum Proletariat, ohne eine Klassenidentität.
Am 15. September 2008 löste der größte Konkurs der Geschichte, der der Investmentbank Lehman Brothers, eine Welle internationaler Panik aus; es war die so genannte Subprime-Krise. Millionen von ArbeiterInnen verloren ihre spärlichen Investitionen und Renten, und Sparmaßnahmen stürzten ganze Bevölkerungen ins Elend. Sofort wurde die Propagandawalze in Gang gesetzt: Nicht das kapitalistische System zeige wieder einmal seine Grenzen, sondern die korrupten und gierigen Banker seien die Ursache allen Übels. Der Beweis dafür sei, dass es einigen Ländern gut gehe, namentlich den BRICS-Staaten, China insbesondere. Die Form, die diese Krise annahm, nämlich eine "Kreditklemme" mit einem massiven Verlust von Ersparnissen für Millionen von Lohnabhängigen, machte es noch schwieriger, auf einer Klassenbasis zu reagieren, da die Auswirkungen eher einzelne Haushalte als eine zusammenhängende Klasse zu betreffen schienen. Genau das ist die Achillesferse des Proletariats seit 1990: zu vergessen, dass es existiert und dass es sogar die wichtigste Kraft in der Gesellschaft ist.
Im Jahr 2010 nutzte die französische Bourgeoisie diesen Kontext großer Verwirrung in der Klasse, um mit ihren Gewerkschaften eine Reihe von vierzehn Aktionstagen zu inszenieren, die mit einem Sieg der Regierung (der Verabschiedung einer weiteren Rentenreform), Erschöpfung und Demoralisierung endeten. Durch die Beschränkung des Kampfes auf Gewerkschaftsmärsche ohne Leben und Diskussion in den Prozessionen gelang es der Bourgeoisie, die große politische Schwäche der ArbeiterInnen auszunutzen, um die wichtigste positive Lehre der Anti-CPE-Bewegung von 2006 noch weiter auszulöschen: Vollversammlungen als Lebensnerv des Kampfes.
Am 17. Dezember 2010 musste ein junger ambulanter Obst- und Gemüsehändler in Tunesien zusehen, wie Polizisten seine spärlichen Waren beschlagnahmten, während sie ihn gleichzeitig verprügelten. In seiner Verzweiflung zündete er sich selbst an. Was folgte, war ein wahrer Schrei der Wut und Empörung, der das ganze Land erschütterte und die Grenzen überschritt. Die entsetzliche Armut und die Unterdrückung im gesamten Maghreb trieben die Menschen zum Aufstand. Die Massen versammelten sich, zuerst auf dem Tahrir-Platz in Ägypten. Die kämpfenden Arbeiterinnen und Arbeiter fanden sich in der Menge verwässert wieder, inmitten all der anderen nicht ausbeutenden Klassen der Gesellschaft. "Mubarak raus", "Gaddafi raus" und so weiter. Die Protagonisten forderten Demokratie und die Aufteilung des Reichtums. Die weit verbreitete Wut führte zu diesen illusorischen, bürgerlichen Slogans.
Im Jahr 2011 ließ sich in Spanien eine ganze Generation prekarisierte Menschen, die gezwungen waren, bei ihren Eltern zu Hause zu bleiben, von dem inspirieren, was heute als "Arabischer Frühling" bekannt ist, und besetzte den Hauptplatz von Madrid. Die Parole lautete: "Vom Tahrir-Platz zur Puerta del Sol". Die Bewegung der "Indignados" war geboren und breitete sich im ganzen Land aus. Obwohl sie wie in Nordafrika alle Gesellschaftsschichten zusammenbrachte, war hier die Arbeiterklasse in der Mehrheit. Die Versammlungen fanden daher in Form von großen Zusammenkünften statt, um zu debattieren und zu organisieren. Als wir teilnahmen, bemerkten wir eine Art internationalistischen Impuls in der Form von zahlreichen Reaktionen auf Solidaritätsbekundungen aus allen Teilen der Welt. Die Losung "Weltrevolution" wurde ernst genommen, man erkannte, dass "das System veraltet ist", und es gab einen starken Wunsch, über die Möglichkeit einer neuen Form der gesellschaftlichen Organisation zu diskutieren.
In den Vereinigten Staaten, Israel und dem Großbritannien nahm diese "Bewegung der Plätze" den Namen "Occupy" an. Die Teilnehmer sprachen von ihrem Leiden unter der Unsicherheit und Flexibilität, die es fast verunmöglichten, echte, feste Kollegen oder auch nur ein soziales Leben zu haben. Diese Destrukturierung und unerbittliche Ausbeutung individualisiert, isoliert und atomisiert. Die Protagonisten von Occupy waren froh, dass sie sich zusammenfinden und eine Gemeinschaft bilden konnten, dass sie sich unterhalten und sogar als Teil eines Kollektivs leben konnten. Hier gibt es also schon eine Art Rückschritt gegenüber den Indignados, denn es geht bei Occupy weniger um den Kampf als um das Zusammensein. Vor allem aber ist Occupy in den Vereinigten Staaten entstanden, dem Land der Arbeiterunterdrückung unter Reagan, dem Land, das den Sieg des Kapitalismus über den "Kommunismus" symbolisierte, dem Land, das die Ersetzung der Arbeiterklasse durch Selbstständige, Freiberufler usw. propagierte. Diese Bewegung war also in hohem Maße durch den Verlust der Klassenidentität, durch die Auslöschung der gesamten gesammelten, aber verdrängten Erfahrung der Arbeiterklasse gekennzeichnet. Occupy konzentrierte sich auf die Theorie der 1 % (der Minderheit, die den Reichtum besitzt, d.h. der Bourgeoisie), um mehr Demokratie und eine bessere Verteilung der Güter zu fordern. Mit anderen Worten: gefährliches Wunschdenken und Illusionen über einen besseren, gerechteren, humaneren Kapitalismus. Außerdem wurde die Hochburg der Bewegung in der Wall Street, bei der New Yorker Börse, eingerichtet (Occupy Wall Street), um zu symbolisieren, dass der Feind die korrupte Finanzwelt sei.
Diese Schwäche zeichnete die Indignados letztlich aber auch aus: Die Tendenz, sich eher als "Bürger" denn als Proletarier zu sehen, machte die gesamte Bewegung anfällig für die demokratische Ideologie, die es schließlich bürgerlichen Parteien wie Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien ermöglichte, sich als die wahren Erben dieser Revolten zu präsentieren. "Democracia Real Ya" (Echte Demokratie jetzt!) wurde zur Parole der Bewegung.
Letztendlich hat das Abflauen dieser "Bewegung der Plätze" den allgemeinen Rückzug des Klassenbewusstseins weiter vertieft. In Ägypten ebneten Illusionen über die Demokratie den Weg für die Wiederherstellung der gleichen Art von autoritärer Regierung, die der ursprüngliche Auslöser für den "Arabischen Frühling" war; in Israel, wo Massendemonstrationen einst den internationalistischen Slogan "Netanjahu, Mubarak, Assad, derselbe Feind" in die Welt setzten, übernimmt nun wieder die brutale militaristische Politik der Netanjahu-Regierung die Macht; in Spanien stecken viele junge Menschen, die an der Bewegung teilgenommen hatten, in der absoluten Sackgasse des katalanischen oder spanischen Nationalismus. In den Vereinigten Staaten schürt die Konzentration auf die „1 %“ die populistische Stimmung gegen "die Eliten", "das Establishment" ...
Der Zeitraum 2003-2011 steht also für eine ganze Reihe von Bemühungen unserer Klasse, gegen die fortschreitende Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen im krisengeschüttelten Kapitalismus anzukämpfen, doch ohne Klassenidentität endete sie (vorübergehend) in einem noch größeren Absturz. Und der sich verschärfende Zerfall in den 2010er Jahren sollte diese Schwierigkeiten noch vergrößern: Entwicklung des Populismus mit all der Irrationalität und dem Hass, den diese bürgerliche politische Strömung in sich birgt, Ausbreitung terroristischer Anschläge auf internationaler Ebene, Machtergreifung ganzer Regionen durch Drogenhändler in Lateinamerika, durch Kriegsherren im Nahen Osten, in Afrika und im Kaukasus, riesige Wellen von Migrierenden, die vor dem Schrecken des Hungers, des Krieges und der Barbarei fliehen, Wüstenbildung im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung. – Das Mittelmeer wird zu einem Wasserfriedhof.
Diese verkommene und tödliche Dynamik führt dazu, dass der Nationalismus verstärkt wird, dass man sich auf den "Schutz" des Staates verlässt, dass man sich von der falschen Systemkritik des Populismus (und für eine Minderheit vom Dschihadismus) beeinflussen lässt, dass man sich der "Identitätspolitik" anschließt ... Das Fehlen einer Klassenidentität wird durch die Tendenz zur Aufsplitterung in rassische, sexuelle und andere Identitäten verschärft, was wiederum Ausgrenzung und Spaltung verstärkt, während nur das für seine eigenen Interessen kämpfende Proletariat wirklich integrativ sein kann.
Kurz gesagt, die kapitalistische Gesellschaft verrottet in ihren Grundfesten.
Aber die derzeitige Situation ist nicht nur eine des Zerfalls. Andere Kräfte sind am Werk: Mit der Dekadenz verschärft sich die Wirtschaftskrise und mit ihr die Notwendigkeit zu kämpfen; der Schrecken des Alltags wirft in den Köpfen der Arbeiterinnen und Arbeiter ständig Fragen auf; die Kämpfe der letzten Jahre haben begonnen, einige Antworten zu geben, und diese Erfahrungen graben ihre Furche, ohne dass wir es bemerken. Um es mit den Worten von Marx zu sagen: "Wir erkennen unseren alten Freund, unseren alten Maulwurf, der so gut weiß, wie man im Untergrund arbeitet, um dann plötzlich aufzutauchen."
Im Jahr 2019 entwickelt sich in Frankreich eine soziale Bewegung gegen eine neue "Rentenreform" (sic!). Mehr noch als der Kampfgeist, der sehr groß ist, fällt uns der Trend zur Solidarität zwischen den Generationen auf, der in den Demonstrationen zum Ausdruck kommt: Viele ArbeiterInnen in den Sechzigern – und damit nicht direkt von der Reform betroffen – streiken und demonstrieren, um sicherzustellen, dass die jüngeren nicht unter diesem Angriff der Regierung leiden. Die Solidarität zwischen den Generationen, die im Jahr 2006 sehr ausgeprägt war, scheint wieder aufzutauchen. Wir haben Leute auf den Demonstrationen gehört, die "Die Arbeiterklasse existiert" skandierten, die "Wir sind hier, wir sind hier für die Ehre der Arbeiterklasse und für eine bessere Welt" sangen und die Idee des "Klassenkampfes" verteidigten. Auch wenn es sich um eine Minderheit handelt, ist die Idee wieder in der Luft, etwas, das seit 30 Jahren nicht mehr passiert ist!
In den Jahren 2020 und 2021, während der Covid-Pandemie und ihren zahlreichen Einschränkungen, stellen wir fest, dass es in den Vereinigten Staaten, im Iran, in Italien, Südkorea, Spanien und Frankreich Streiks gibt, die, auch wenn sie verstreut sind, von der Tiefe des Zorns zeugen, da es besonders schwierig ist, in diesen Zeiten der staatlich geführten Kampagnen im Namen der "Gesundheit für alle" zu kämpfen.
Aus diesem Grund haben wir im Januar 2022, als die Inflation nach fast 30 Jahren wirtschaftlicher Flaute ein Comeback feierte, beschlossen, ein internationales Flugblatt zu verfassen:
"Die Preise steigen, vor allem für die Grundbedürfnisse: Lebensmittel, Energie, Transport ... die konkrete Realität ist, dass immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, sich zu ernähren, eine Wohnung zu finden, sich warm zu halten, zu reisen."
Und in diesem Flugblatt kündigen wir an: "In jedem Land, in jedem Sektor leidet die Arbeiterklasse unter einer unerträglichen Verschlechterung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen (...) Unter der Last der sich verschärfenden Weltwirtschaftskrise regnet es Angriffe. (...) Trotz der Angst vor einer bedrückenden Gesundheitskrise beginnt die Arbeiterklasse zu reagieren (...) Zugegeben, es handelt sich nicht um massive Bewegungen: Streiks und Demonstrationen sind noch zu selten. Aber die Bourgeoisie beobachtet sie mit Argusaugen und ist sich des Ausmaßes der wachsenden Wut bewusst. (...) Wie können wir also einen vereinten und massiven Kampf entwickeln?"
Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine einen Monat später löste Alarm aus; in der Klasse geht die Angst um, dass sich der Konflikt ausweiten und er ausarten würde. Doch gleichzeitig verschärft der Krieg die Inflation erheblich. Großbritannien, das schon unter den katastrophalen Auswirkungen des Brexits leidet, ist am stärksten betroffen.
Angesichts dieser unerträglichen Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen kam es in Großbritannien zu Streiks in einer Vielzahl von Sektoren (Gesundheit, Bildung, Verkehr usw.): Es war das, was die Medien als "Sommer der Wut" bezeichneten, in Anlehnung an den "Winter der Unzufriedenheit" im Jahr 1979, der nach dem Mai 1968 in Frankreich die massivste Bewegung eines Landes bleibt!
Indem sie diese Parallele zwischen diesen beiden großen Bewegungen ziehen, die 43 Jahre auseinander liegen, sagen die Journalisten viel mehr aus, als ihnen bewusst ist. Denn hinter diesem Ausdruck der "Wut" verbirgt sich eine äußerst tiefgreifende Bewegung. Zwei Parolen gehen von Streikposten zu Streikposten weiter: "Genug ist genug" und "Wir sind Arbeiter". Mit anderen Worten: Wenn sich die britischen Arbeiterinnen und Arbeiter gegen die Inflation wehren, dann nicht nur, weil ihre Situation unhaltbar ist. Die Krise ist ein notwendiger Ansporn, aber kein hinreichender. Es liegt auch daran, dass das Bewusstsein in den Köpfen der Arbeiterinnen und Arbeiter gereift ist, dass der Maulwurf, der jahrzehntelang gegraben hat, jetzt ein kleines Stück seines Rüssels herausstreckt. Indem wir die Methode unserer Vorfahren von Internationalismo aufgreifen, die es ihnen ermöglichte, das Kommen des Mai 1968 vorauszusehen und dann seine historische Bedeutung zu verstehen, können wir seit August 2022 in unserem internationalen Flugblatt darauf hinweisen, dass das Erwachen des britischen Proletariats eine globale und historische Bedeutung hat; deshalb schließt unser Flugblatt mit: "Die massiven Streiks in Großbritannien sind ein Aufruf zum Handeln für das Proletariat überall". Die Tatsache, dass das Proletariat, das 1864 in London zusammen mit dem französischen Proletariat die Erste Internationale gründete, das in den Jahren 1970-80 am kämpferischsten war, das 1984-85 eine schwere Niederlage gegen Thatcher erlitt und das seitdem nicht mehr in der Lage war, zu reagieren, jetzt verkündet, dass "genug genug" sei, zeigt, was in den Tiefen unserer Klasse heranreift: Das Proletariat beginnt, seine Klassenidentität wiederzufinden, sich selbstbewusster zu fühlen, sich als soziale und kollektive Kraft zu empfinden.
Zumal diese Streiks zu einer Zeit stattfinden, in der der Krieg in der Ukraine mit all seiner patriotischen Rhetorik wütet. Wie wir in unserem Flugblatt von Ende August 2022 sagten:
"Die Bedeutung dieser Bewegung beschränkt sich nicht nur auf die Tatsache, dass sie eine lange Periode der Passivität beendet. Diese Kämpfe entwickeln sich zu einer Zeit, in der die Welt mit einem imperialistischen Krieg großen Ausmaßes konfrontiert ist, einem Krieg, der vor Ort zwischen Russland und der Ukraine geführt wird, der aber eine globale Reichweite hat, wobei insbesondere die NATO-Mitgliedsländer mobilisiert werden. Eine Mobilisierung in Form von Waffen, aber auch in wirtschaftlicher, diplomatischer und ideologischer Hinsicht. In den westlichen Ländern wird in den Reden der Regierungen zu Opfern aufgerufen, um "Freiheit und Demokratie zu verteidigen". Konkret heißt das, dass das Proletariat in diesen Ländern den Gürtel noch enger schnallen sollen, um "ihre Solidarität mit der Ukraine zu bezeugen", in Wirklichkeit mit der ukrainischen Bourgeoisie und der Bourgeoisie der westlichen Länder (...) Die Regierungen rufen nach "Opfern, um die Inflation zu bekämpfen". Das ist eine finstere Farce, während sie diese durch die Explosion der Kriegsausgaben nur noch verschlimmern. Das ist die Zukunft, die der Kapitalismus und seine konkurrierenden nationalen Bourgeoisien versprechen: mehr Kriege, mehr Ausbeutung, mehr Zerstörung, mehr Elend. Das ist auch das, was die Streiks des Proletariats in Großbritannien im Keim tragen, auch wenn die Arbeiter sich dessen nicht immer voll bewusst sind: die Weigerung, sich immer und immer mehr für die Interessen der herrschenden Klasse zu opfern, die Weigerung, Opfer für die nationale Wirtschaft und für die Kriegsanstrengungen zu bringen, die Weigerung, die Logik dieses Systems zu akzeptieren, das die Menschheit in die Katastrophe und schließlich in ihre Vernichtung treibt."
Während in Großbritannien die Streiks fortgesetzt wurden und immer mehr Sektoren betrafen, fand in Frankreich eine große soziale Bewegung gegen die Rentenreform statt. Auf beiden Seiten des Ärmelkanals sind die gleichen Merkmale zu erkennen. Auch in Frankreich betonen die Demonstrierenden ihre Zugehörigkeit zum Lager der Arbeiterklasse, und die Parole "Genug ist genug" wird in Form von "ça suffit" aufgegriffen. Natürlich brachte das französische Proletariat in diese internationale Dynamik seine Gewohnheit ein, massenhaft auf die Straße zu gehen, was im Gegensatz zu den verstreuten Streikposten stand, die von den Gewerkschaften in Großbritannien auferlegt wurden. Noch bedeutsamer für den Beitrag, den diese Episode des Kampfes zum globalen internationalen Prozess leistete, war die Parole, die überall auf den Kundgebungen zu hören war: "Ihr gebt uns 64, wir geben euch 68" (die Regierung wollte das gesetzliche Renteneintrittsalter auf 64 Jahre heraufsetzen, und die Demonstranten konterten mit ihrem Wunsch, den Mai 68 wieder zu beleben). Abgesehen von dem ausgezeichneten Wortspiel (der Erfindungsreichtum der Arbeiterklasse im Kampf) zeigt dieser sofort populäre Slogan, dass das Proletariat, indem es beginnt, sich als Klasse zu erkennen, indem es beginnt, seine Klassenidentität wiederzuerlangen, auch beginnt, sich zu erinnern, sein schlummerndes Gedächtnis zu reaktivieren. Wir waren im Übrigen überrascht, Hinweise auf die Bewegung von 2006 gegen den CPE zu sehen. Wir haben sofort ein neues Flugblatt herausgegeben und verteilt, in dem wir die Chronologie der Bewegung und ihre Lehren (die Bedeutung offener und souveräner Vollversammlungen, d.h. wirklich von der Versammlung und nicht von den Gewerkschaften organisiert und geleitet) dargelegt haben. Als sie den Titel sahen, kamen die Demonstrierenden zu uns und baten uns um das Papier, und einige bedankten sich, nachdem sie es gelesen hatten, als sie uns auf dem Bürgersteig wiedersahen.
Es ist also nicht nur der Faktor "Bruch mit der Vergangenheit", der die Fähigkeit der gegenwärtigen neuen Generation erklärt, das gesamte Proletariat in den Kampf zu führen. Im Gegenteil, der Gedanke der Kontinuität ist vielleicht sogar noch wichtiger. Deshalb haben wir im Jahr 2020 zu Recht geschrieben: "Die Errungenschaften der Kämpfe zwischen 1968 und 89 sind nicht verloren gegangen, auch wenn sie von vielen ArbeiterInnen (und Revolutionären) vergessen wurden: der Kampf für die Selbstorganisation und die Ausweitung der Kämpfe; die Anfänge eines Verständnisses der arbeiterfeindlichen Rolle der Gewerkschaften und Parteien der kapitalistischen Linken; der Widerstand dagegen, in den Krieg hineingezogen zu werden; das Misstrauen gegenüber dem Wahlzirkus und dem parlamentarischen Geschacher usw. Künftige Kämpfe müssen auf der kritischen Aneignung dieser Errungenschaften beruhen, sie weiterführen und dürfen sie auf keinen Fall verwerfen oder vergessen." (Internationale Revue Nr. 56) Die Erfahrungen, die die vorangegangenen Generationen seit 68 und sogar seit den Anfängen der Arbeiterbewegung gesammelt haben, sind nicht ausgelöscht, sondern in einem schlummernden Gedächtnis begraben; die Rückgewinnung der Klassenidentität bedeutet, dass sie reaktiviert werden kann und dass die Arbeiterklasse sich auf den Weg machen kann, ihre eigene Geschichte zurückzuerobern.
Konkret: Die Generationen, die 68 und die Konfrontation mit den Gewerkschaften in den 70er und 80er Jahren erlebt haben, leben heute noch und können ihre Geschichte erzählen und weitergeben. Auch die "verlorene" Generation der 90er Jahre wird einen Beitrag leisten können. Die jungen Leute der Versammlungen von 2006 und 2011 werden verstehen können, was sie getan haben, was ihre Selbstorganisation bedeutet, und der neuen Generation davon erzählen. Einerseits hat diese neue Generation der 2020er Jahre weder die Niederlagen der 1980er Jahre (unter Thatcher und Reagan) noch die Lüge von 1990 über den Tod des Kommunismus und das Ende des Klassenkampfes, noch die darauf folgenden Jahre der Finsternis erlebt; andererseits ist sie in einer permanenten Wirtschaftskrise und einer Welt im Untergang aufgewachsen, weshalb sie einen unverminderten Kampfgeist in sich trägt. Diese neue Generation kann alle anderen hinter sich herziehen, wobei sie ihnen zuhören und aus ihren Erfahrungen, ihren Siegen und ihren Niederlagen lernen muss. Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft können wieder zueinander finden. Darin liegt das ganze Potenzial der gegenwärtigen und zukünftigen Bewegungen, darin liegt das Konzept des "Bruchs": eine neue Dynamik, die mit der Apathie und der Amnesie bricht, die seit 1990 vorherrschen, eine neue Dynamik, die sich die Geschichte der Arbeiterbewegung auf kritische Weise wieder aneignet, um sie viel weiter zu bringen. Die Streiks, die sich heute entwickeln, sind die Frucht der unterirdischen Reifung der vergangenen Jahrzehnte und können ihrerseits zu einer viel größeren Reifung führen.
Und natürlich haben diejenigen, die diese historische Kontinuität und Erinnerung repräsentieren, die revolutionären Organisationen, eine große Rolle in diesem Prozess zu spielen.
Seit 2020 und der Covid-Pandemie hat sich der Zerfall des Kapitalismus auf der ganzen Welt beschleunigt. Alle Krisen dieses dekadenten Systems – Gesundheits-, Wirtschafts-, Klima-, Sozial- und Kriegskrisen – greifen ineinander und bilden einen verheerenden Strudel.[4] Diese Dynamik droht, die gesamte Menschheit in den Untergang zu reißen.
Die Arbeiterklasse steht daher vor der großen Herausforderung, ihr revolutionäres Projekt zu entwickeln und ihre kommunistische Perspektive in diesem Kontext der allgemeinen Verrottung zu vertreten. Dazu muss sie in der Lage sein, allen zentrifugalen Kräften zu widerstehen, die unaufhörlich Druck auf sie ausüben; sie muss in der Lage sein, der sozialen Zersplitterung zu widerstehen, die den Rassismus, die Konfrontation zwischen rivalisierenden Banden, den Rückzug und die Angst begünstigt; sie muss in der Lage sein, dem Geheul des Nationalismus und des Krieges zu widerstehen (angeblich humanitär, antiterroristisch, "Widerstand" usw. – die Bourgeoisie bezichtigt den Feind immer der Barbarei, um ihre eigene Barbarei zu rechtfertigen). Sich gegen diese Fäulnis zu wehren, die allmählich die ganze Gesellschaft zerfrisst, und ihren Kampf und ihre Perspektiven erfolgreich zu entwickeln, setzt notwendigerweise voraus, dass die gesamte Arbeiterklasse ihren Bewusstseins- und Organisationsgrad anhebt, dass es ihr gelingt, ihre Kämpfe zu politisieren und Räume für Debatten, für die Ausarbeitung und Kontrolle von Streiks durch die Arbeiter selbst zu schaffen.
Was sagen uns also all diese Streiks, die von den Medien als "historisch" bezeichnet werden, über die aktuelle Dynamik und die Fähigkeit unserer Klasse, ihre Anstrengungen fortzusetzen, obwohl sie von einer Welt im Untergang umgeben ist?
Die Solidarität, die in allen Streiks und sozialen Bewegungen seit 2022 zum Ausdruck kommt, zeigt, dass die Arbeiterklasse, wenn sie sich wehrt, nicht nur in der Lage ist, dieser sozialen Fäulnis zu widerstehen, sondern auch die Anfänge eines Gegenmittels, die Verheißung einer anderen möglichen Perspektive initiiert: proletarische Solidarität. Ihr Kampf ist die Antithese zum Krieg Aller gegen Alle, auf den der Zerfall zusteuert.
Auf den Streikpostenketten und auch in den Demonstrationszügen in Frankreich und Island sind die häufigsten Ausdrücke "Wir sitzen alle im selben Boot" und "Wir müssen gemeinsam kämpfen".
Selbst in den Vereinigten Staaten, einem Land, das von Gewalt, Drogen und Rassentrennung geplagt ist, konnte die Arbeiterklasse die Frage der Solidarität der Lohnabhängigen zwischen den Sektoren und zwischen den Generationen aufwerfen. Die Ergebnisse des "historischen" Streiks dieses Sommers, in dessen Mittelpunkt die Beschäftigten der Automobilindustrie standen, zeigen sogar, dass dieser Prozess weiter voranschreitet und sich vertieft:
- "Wir müssen sagen: Genug ist genug! Nicht nur wir, sondern die gesamte Arbeiterklasse dieses Landes muss irgendwann sagen, dass es genug ist (...) Wir haben alle genug: Leiharbeiter haben genug, langjährige Mitarbeiter wie ich haben genug ... denn diese Leiharbeiter sind unsere Kinder, unsere Nachbarn, unsere Freunde" (Littlejohn, Instandhaltungsleiter im Ford-Stanzwerk Buffalo in den USA).
- "All diese Gruppen sind nicht einfach getrennte Bewegungen, sondern ein kollektiver Schlachtruf: Wir sind eine Stadt der Arbeiter - Arbeiter und Angestellte, gewerkschaftlich und nicht-gewerkschaftlich, Einwanderer und Einheimische" (Los Angeles Times).
- "Der Stellantis-Komplex in Toledo, Ohio, war zu Beginn des Streiks von Jubel und Hupen erfüllt" (The Wall Street Journal).
- "Hupen zur Unterstützung der Streikenden vor dem Werk des Automobilherstellers in Wayne, Michigan" (The Guardian).
Diese Solidarität beruht ausdrücklich auf der Idee, dass "wir alle Teil der Arbeiterklasse sind"!
Welch ein Gegensatz zu den versuchten Pogromen gegen Einwanderer in Dublin (Irland) und Romans-sur-Isère (Frankreich). In beiden Fällen gab ein Teil der Bevölkerung nach einer tödlichen Messerstecherei den Einwanderern die Schuld an den Morden und forderte Rache, indem man auf die Straße ging und Menschen lynchte. Es handelt sich dabei nicht um isolierte und unbedeutende Vorfälle, sondern im Gegenteil um eine allgemeine gesellschaftliche Tendenz. Schlägereien zwischen Jugendbanden, Überfälle, Morde, die von unausgeglichenen Individuen begangen werden, und nihilistische Krawalle häufen sich und werden immer weiter zunehmen.
Die Kräfte des Zerfalls werden allmählich die soziale Zersplitterung vorantreiben; die Arbeiterklasse wird sich inmitten eines wachsenden Hasses wiederfinden. Um dieser Fäulnis zu widerstehen, muss sie ihre Bemühungen fortsetzen, ihren Kampf und ihr Bewusstsein zu entwickeln. Der Instinkt für Solidarität wird nicht ausreichen; die Arbeiterklasse wird auch auf die Einheit hinarbeiten müssen, mit anderen Worten, auf die bewusste Kontrolle ihrer Verbindungen und ihrer Organisation im Kampf. Das bedeutet unweigerlich die Konfrontation mit den Gewerkschaften und ihrer permanenten Sabotage der Spaltung. Hier kommen wir also auf die Notwendigkeit zurück, sich die Lehren aus den Kämpfen der 1970er und 1980er Jahre wieder anzueignen.
Dass der Aufschrei "Genug ist genug" den Atlantik überquert hat, zeigt den zutiefst internationalen Charakter unserer Klasse und ihres Kampfes. Die Streiks in den Vereinigten Staaten sind das direkte Ergebnis der Streiks in Großbritannien. Auch hier hatten wir also Recht, als wir im Frühjahr 2023 schrieben: "Da Englisch außerdem die Sprache der Weltkommunikation ist, übersteigt der Einfluss dieser Bewegungen notwendigerweise die möglichen Auswirkungen von Kämpfen in Frankreich oder Deutschland. In diesem Sinne weist das britische Proletariat nicht nur den europäischen Arbeitern und Arbeiterinnen den Weg, die an der Spitze des Aufstiegs des Klassenkampfes stehen müssen, sondern auch dem Weltproletariat, und insbesondere dem amerikanischen Proletariat." (Bericht zum Klassenkampf für den 25. IKS-Kongress, Internationale Revue Nr. 59, 2023).
Während des Streiks der Big Three (Ford, Chrysler, General Motors) in den Vereinigten Staaten begann das Gefühl, eine internationale Klasse zu sein, zu entstehen. Neben diesem ausdrücklichen Bezug auf die Streiks in Großbritannien versuchten die Arbeiterinnen und Arbeiter, den Kampf auf beiden Seiten der amerikanisch-kanadischen Grenze zu vereinen. Die Bourgeoisie irrte sich nicht: Sie erkannte die Gefahr einer solchen Dynamik, und die kanadische Regierung unterzeichnete sofort ein Abkommen mit den Gewerkschaften, um dieses Überbleibsel eines gemeinsamen Kampfes vorzeitig zu beenden und so jede Möglichkeit einer Vereinigung zu verhindern.
Auch während der Bewegung in Frankreich kam es zu internationalen Solidaritätsbekundungen. Wie wir in unserem Flugblatt vom April 2023 schrieben[5]: "Die Proletarier beginnen, sich über die Grenzen hinweg die Hände zu reichen, wie wir beim Streik der Beschäftigten einer belgischen Raffinerie in Solidarität mit den Beschäftigten in Frankreich oder beim Streik des 'Mobilier national' in Frankreich vor dem (verschobenen) Besuch Charles‘ III. in Versailles in Solidarität mit den englischen Arbeiterinnen und Arbeitern, die seit Wochen für Lohnerhöhungen streiken, gesehen haben". Durch diese noch in den Kinderschuhen steckenden Solidaritätsbekundungen begannen die Beschäftigten, sich als eine internationale Klasse zu begreifen: "Wir sitzen alle im selben Boot!"
In der Tat hat die Rückkehr der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse seit dem Sommer 2022 eine internationale Dimension, die vielleicht noch stärker ist als in den 1960er/70er/80er Jahren. Warum ist das so?
- Weil die "Globalisierung", dieses extrem engmaschige globale Wirtschaftsgeflecht, der Wirtschaftskrise eine ebenso unmittelbare globale Dimension verleiht.
- Da es keine Gebiete mehr gibt, die sich der Wirtschaftskrise "widersetzen", sind im Gegensatz zu 2008 nun auch China und Deutschland betroffen (was viel über die Schwere dieser anhaltenden offenen Krise aussagt).
- Weil das Proletariat überall mit denselben sich verschlechternden Lebensbedingungen konfrontiert ist.
- Und nicht zuletzt, weil die Verbindungen zwischen den Proletarisierten in den verschiedenen Ländern viel enger geworden sind (wirtschaftliche Zusammenarbeit über multinationale Unternehmen, intensive internationale Migration, globalisierte Informationen usw.).
In China verlangsamt sich das "Wachstum" weiter und die Arbeitslosigkeit steigt an. Offizielle Zahlen der chinesischen Regierung zeigen, dass ein Viertel der jungen Menschen arbeitslos ist! Als Reaktion darauf entwickeln sich Kämpfe: "Der Auftragsrückgang hat dazu geführt, dass Fabriken, die sehr viele Arbeiter beschäftigen, ihren Standort verlagern und Arbeiter entlassen. Streiks gegen nicht gezahlte Löhne und Demonstrationen gegen Entlassungen ohne Entschädigung haben zugenommen." Solche Streiks in einem Land, in dem die Arbeiterklasse unter dem ideologischen und repressiven Deckmantel eines sog. "Kommunismus" steht, sind besonders bezeichnend für das Ausmaß der sich zusammenbrauenden Wut. Da der wahrscheinliche Zusammenbruch des Immobiliensektors unmittelbar bevorsteht, müssen wir die möglichen Reaktionen der Arbeiterklasse im Auge behalten.
Im übrigen ist in Asien das Proletariat vor allem in Südkorea mit einem großen Generalstreik im Juli 2023 wieder in den Kampf getreten.
Diese zutiefst internationale Dimension des Klassenkampfes, diese beginnende Einsicht, dass alle streikenden Arbeiterinnen und Arbeiter für die gleichen Interessen kämpfen, unabhängig davon, auf welcher Seite der Landesgrenze sie sich befinden, stellt das genaue Gegenteil des inhärent imperialistischen Charakters des Kapitalismus dar. Vor unseren Augen entwickelt sich der Gegensatz zwischen zwei Polen: der eine besteht aus internationaler Solidarität, der andere aus zunehmend barbarischen und mörderischen Kriegen.
Allerdings ist die Arbeiterklasse noch weit davon entfernt, stark, bewusst und organisiert genug zu sein, um sich explizit gegen den Krieg oder auch nur gegen die Auswirkungen der Kriegswirtschaft zu wenden:
- In Westeuropa und Nordamerika scheinen die beiden großen Kriege, die derzeit geführt werden, die Kampffähigkeit der Arbeiterklasse vorerst nicht wesentlich zu beeinträchtigen. Die Streiks in Großbritannien begannen kurz nach Beginn des Krieges in der Ukraine, der Streik in der Automobilindustrie in den Vereinigten Staaten wurde trotz des Ausbruchs des Konflikts in Gaza fortgesetzt, und andere Streiks haben sich seitdem in Kanada, Island und Schweden entwickelt ... Aber es bleibt die Tatsache, dass es den Beschäftigten noch nicht gelungen ist, den Zusammenhang zwischen der Inflation, den Schlägen der Bourgeoisie und dem Krieg in ihren Kampf einzubeziehen – in ihren Slogans und ihren Debatten. Diese Schwierigkeit ist auf das mangelnde Selbstvertrauen der Arbeiterklasse zurückzuführen, auf ihr fehlendes Bewusstsein für die Stärke, die sie als Klasse darstellen. Sich gegen den Krieg und seine Folgen zu stellen, scheint eine viel zu große Herausforderung zu sein, überwältigend, unerreichbar. Das Knüpfen dieser Verbindung hängt von einem höheren Grad an Bewusstsein ab. Das internationale Proletariat hat angesichts des Ersten Weltkriegs drei Jahre gebraucht, um diese Verbindung herzustellen. In der Periode 1968-1989 war das Proletariat nicht in der Lage, die beiden Enden zu verbinden, was einer der Faktoren war, die seine Fähigkeit zur Entwicklung seiner Politisierung behinderten. Nach 30 Jahren des Rückzugs sollten wir also nicht erwarten, dass das Proletariat diesen grundlegenden Schritt sofort vollzieht. Es ist ein zutiefst politischer Schritt, der einen entscheidenden Bruch mit der bürgerlichen Ideologie markiert. Es ist ein Schritt, der die Einsicht voraussetzt, dass der Kapitalismus eine militärische Barbarei ist, dass der permanente Krieg nicht etwas Zufälliges ist, sondern ein Merkmal des dekadenten Kapitalismus.
- In Osteuropa hingegen hat der Krieg eine absolut katastrophale Auswirkung; es gibt keinen Widerstand – nicht einmal pazifistische Demonstrationen – gegen den Krieg. Obwohl der Konflikt bereits 500.000 Menschenleben gefordert hat (250.000 auf jeder Seite) und die jungen Menschen in Russland und der Ukraine vor der Mobilisierung fliehen, um ihre Haut zu retten, gibt es keinen kollektiven Protest. Der einzige Ausweg scheint, dass der Einzelne desertiert und untertaucht. Das Ausbleiben einer Klassenreaktion bestätigt, dass 1989 zwar ein Schlag gegen das gesamte Proletariat auf Weltebene war, die Arbeiterklasse der stalinistischen Länder aber noch härter getroffen wurden. Die extreme Schwäche der osteuropäischen Arbeiterklasse ist nur die Spitze des Eisbergs der Schwäche der Arbeiterklasse in den Ländern der gesamten ehemaligen UdSSR. Die Kriegsgefahr, die über den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens schwebt, ist teilweise durch diese tiefgreifende Schwäche des dort lebenden Proletariats bedingt.
- Was China betrifft, so ist es schwierig, genau zu beurteilen, wo die Arbeiterklasse in diesem Land in Bezug auf den Krieg steht. Wir müssen die Situation und ihre Entwicklung genau beobachten. Das Ausmaß der kommenden Wirtschaftskrise wird einen großen Einfluss auf die Dynamik des Proletariats haben. Abgesehen davon wird der Stalinismus (tot oder lebendig) wie in Osteuropa weiterhin seine Rolle gegen unsere Klasse spielen. Wenn man in der Schule total entstellte und verzerrte Ideen von Karl Marx studieren muss, kann man sich nur vor dem Marxismus ekeln.
In der Tat wird jeder Krieg – der unweigerlich ausbrechen wird – das Weltproletariat vor andere Probleme stellen. Der Krieg in der Ukraine wirft nicht die gleichen Probleme auf wie der Krieg in Gaza, der nicht die gleichen Probleme aufwirft wie der drohende Krieg um Taiwan. Der israelisch-palästinensische Konflikt zum Beispiel schafft auch in anderen und zentralen Ländern eine verkommene Situation des Hasses zwischen der jüdischen und der muslimischen Gemeinschaft, die es der Bourgeoisie ermöglicht, einen riesigen Hype der Spaltung zu erzeugen.
Im Westen wie im Osten, im Norden wie im Süden können wir dennoch erkennen, dass der Prozess der Bewusstseinsentwicklung in der Frage des Krieges im Allgemeinen sehr schwierig sein wird und es keine Garantie dafür gibt, dass es dem Proletariat gelingen wird, ihn durchzusetzen. Wie wir bereits vor 33 Jahren feststellten:
"(…) daß im Gegensatz zur Vergangenheit die Entfaltung einer nächsten revolutionären Welle nicht aus dem Krieg, sondern aus der Verschärfung der Wirtschaftskrise hervorgehen wird (…) die Mobilisierungen der Arbeiterklasse, Ausgangspunkt der großen Klassenkämpfe, werden sich aus der Reaktion auf die ökonomischen Angriffe entwickeln. Ebenso wird auf der Ebene der Bewusstseinsentwicklung die Verschärfung der Krise ein grundlegender Faktor in der Offenlegung der historischen Sackgasse der kapitalistischen Produktionsweise sein. Doch auf eben dieser Ebene der Bewusstseinsentwicklung wird die Frage des Krieges wiederum eine vorrangige Rolle spielen:
- indem die fundamentalen Konsequenzen dieser historischen Sackgasse aufgezeigt werden: die Zerstörung der Menschheit;
- indem der Krieg die einzige objektive Konsequenz aus der Krise, der Dekadenz und dem Zerfall darstellt, den die Arbeiterklasse jetzt schon (im Gegensatz zu den anderen Manifestationen des Zerfalls) eingrenzen kann, weil sie sich in den zentralen Ländern gegenwärtig nicht hinter den nationalistischen Fahnen mobilisieren lässt."
(Orientierungstext Militarismus und Zerfall, Internationale Revue Nr. 13, 1991).
Auch hier zeigt sich, dass die Fähigkeit des Proletariats, seine Kämpfe zu politisieren, der Schlüssel für die Zukunft sein wird.
Die Verschärfung des Zerfalls legt der Arbeiterklasse eine ganze Reihe von Hindernissen auf dem Weg zur Revolution in den Weg. Neben sozialer Zersplitterung, Krieg und Chaos wird auch der Populismus gedeihen.
Javier Milei ist zum Präsidenten Argentiniens gewählt worden. Die 23. Weltmacht sieht sich mit einem Mann an der Spitze ihres Staates konfrontiert, der behauptet, die Erde sei flach! Er hält seine Sitzungen mit einer Kettensäge in der Hand ab. Kurzum, er lässt Trump wie einen Mann der Wissenschaft aussehen. Über die Anekdote hinaus zeigt dies, wie sehr der Zerfall voranschreitet und immer größere Teile der herrschenden Klasse in ihrer Irrationalität und ihrer Fäulnis verschlingt:
- In den Vereinigten Staaten ist Trump der Favorit für die nächsten Präsidentschaftswahlen.
- In Frankreich wird zum ersten Mal die Möglichkeit einer Machtübernahme durch die extreme Rechte glaubhaft, ja sogar sehr wahrscheinlich.
- Italien wird die Regierung von Meloni angeführt.
- In den Niederlanden kam der Sieg von Geert Wilde, einem bekennenden Islamophoben und Euroskeptiker, für alle Experten überraschend.
- Auch in Deutschland ist der Populismus auf dem Vormarsch, angeheizt vor allem durch Hassreden angesichts der massiven Flüchtlingsströme.
Bislang hat all diese Fäulnis die Arbeiterklasse nicht daran gehindert, ihre Kämpfe und ihr Bewusstsein zu entwickeln. Aber wir müssen unseren Geist und unsere Augen weit offenhalten, um die Entwicklungen zu verfolgen und das Gewicht des Populismus auf das rationale Denken zu bewerten, das das Proletariat entwickeln muss, um sein revolutionäres Projekt durchzusetzen.
Dieser entscheidende Schritt in der Politisierung der Kämpfe fehlte in den 1980er Jahren. Heute muss er dem Proletariat unter den viel schwierigeren Bedingungen des Zerfalls gelingen, sonst wird der Kapitalismus die gesamte Menschheit in die Barbarei, das Chaos und letztlich in den Tod reißen.
Der siegreiche Ausgang einer Revolution ist noch möglich. Nicht nur der Zerfall schreitet voran, sondern auch die objektiven Bedingungen für eine Revolution: eine immer verheerendere Weltwirtschaftskrise, die uns zum Kampf drängt; eine immer zahlreichere, konzentriertere und international vernetzte Arbeiterklasse; eine Anhäufung von historischen Erfahrungen der Arbeiterklasse.
Während wir immer tiefer in die Dekadenz abgleiten, wird die Notwendigkeit einer Weltrevolution immer offensichtlicher. Um dies zu erreichen, müssen die gegenwärtigen Anstrengungen unserer Klasse fortgesetzt werden, insbesondere die Wiederaneignung der Lehren aus der Vergangenheit (die Kampfwellen der 1970er und 80er Jahre, die revolutionäre Welle der 1910er und 20er Jahre). Die heutige Generation, die sich erhebt, gehört zu einer ganzen Kette, die uns mit den ersten Kämpfen, den ersten Kämpfen unserer Klasse seit den 1830er Jahren verbindet.
Letztendlich werden wir auch mit der großen Lüge brechen müssen, die seit der Konterrevolution über uns hängt, nämlich dass Stalinismus = Kommunismus sei.
In der Hitze der kommenden Kämpfe, im politischen Kampf gegen die gewerkschaftliche Sabotage, gegen die raffinierten Fallen der großen Demokratien, indem wir es schaffen, in Versammlungen, in Komitees, in Zirkeln zusammenzukommen, um zu debattieren und zu entscheiden, wird unsere Klasse all diese notwendigen Lektionen lernen. Denn, wie Rosa Luxemburg in einem Brief an Mehring schrieb: "Der Sozialismus ist eben nicht ein Brot- und Butterproblem, sondern eine Kulturbewegung, eine große und mächtige Weltanschauung." (Rosa Luxemburg, Brief an Franz Mehring).
Ja, dieser Weg wird schwierig, zerklüftet und unsicher sein, aber es gibt keinen anderen Weg.
Januar 2024, Gracchus
[1] https://de.internationalism.org/content/3033/gegen-die-angriffe-der-bourgeoisie-brauchen-wir-einen-vereinten-und-massiven-kampf [201], IKSonline 06.02.2022
[2] Wie Shakespeare es in Richard III. ausdrückte
[3] Titel eines Buches des Journalisten und Revolutionärs Victor Serge
[4] Siehe: Die Beschleunigung des kapitalistischen Zerfalls wirft offen die Frage der Zerstörung der Menschheit auf [160] (Internationale Revue 2022, online 06.01.2023)
[5] Seit dem „Sommer der Wut“ 2022 haben wir 7 verschiedene Flugblätter geschrieben, von denen allein in Frankreich über 130.000 Exemplare verteilt wurden.
Die Kriege nehmen immer mehr zu und stürzen immer mehr Regionen der Welt in die schrecklichste Barbarei: Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Libanon, Ukraine, Gaza ... Hinter dieser wachsenden Liste von Ländern, die sich im Krieg befinden, stehen Millionen von Menschen, die sterben, hungern oder versuchen zu fliehen. Morgen könnten der Kosovo oder Taiwan an der Reihe sein.
Auch das Gangstertum schlägt zu und wütet. Im Norden Mexikos, in Venezuela und Haiti floriert der Drogen- und Prostitutionshandel, der eine unheilvolle Spur von Massenmord und Vergewaltigung hinterlässt.
Die Armut nimmt überall zu. In nicht irgendeinem Land, sondern in Großbritannien hat ein großer Teil der Bevölkerung keinen Zugang mehr zu zahnärztlicher Versorgung. In der Presse ist ein schrecklicher Ausdruck aufgetaucht, um diese Menschen zu beschreiben, deren Zahl in die Millionen geht: "die Zahnlosen".
Um es auf den Punkt zu bringen: Der Kapitalismus bedroht das Überleben der Menschheit. Wenn es der Arbeiterklasse nicht gelingt, den Kapitalismus zu stürzen, wird dieses dekadente System in Barbarei und Tod versinken. Die einzige Alternative ist die proletarische Weltrevolution. Um dies zu erreichen, muss unsere Klasse ihre Kämpfe, ihre Organisation und ihr Bewusstsein auf internationaler Ebene entwickeln.
Seit dem Sommer 2022, unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise, hat die Arbeiterklasse begonnen zu reagieren. Die Streiks, die im Großbritannien ausgebrochen sind, haben die Rückkehr des Proletariats auf das Terrain des Kampfes eingeläutet. Innerhalb von zwei Jahren fanden in Frankreich, den Vereinigten Staaten, Kanada, Schweden, Deutschland, Island, Bangladesch und weiteren Ländern Streiks statt, die von den Medien als "historisch" bezeichnet wurden. Aber das ist nur der Anfang, der erste Schritt. Die Arbeiterklasse hat noch einen sehr langen Weg zur Revolution vor sich. Es wird im Kampf lernen müssen, sich zu vereinigen und zu organisieren, die Fallen der Bourgeoisie zu erkennen, ihre "falschen Freunde" zu identifizieren: die Gewerkschaften und die Organisationen der Linken des Kapitals, die alles tun werden, um den revolutionären Prozess von "innen" zu sabotieren. Die Bourgeoisie ist eine durchtriebene machiavellistische Klasse; sie ist sogar die intelligenteste herrschende Klasse der Geschichte. Um ihre Privilegien zu bewahren, ist sie zu jedem Verbrechen, zu jeder Manipulation, zu jeder Lüge bereit. Die Arbeiterklasse wird ihren Bewusstseins- und Organisationsgrad erhöhen müssen, um diesem Gegner gewachsen zu sein. Mehr noch, sie wird ihren Bewusstseins- und Organisationsgrad auf das Niveau der neu zu errichtenden Gesellschaft anheben müssen, einer Weltgesellschaft, die mit der Zeit klassen- und grenzenlos sein wird, ohne Ausbeutung und Konkurrenz, ohne Staat. Die proletarische Revolution ist zweifelsohne der größte Schritt, den die Menschheit tun muss.
Die "Emanzipation der Arbeiterklasse [muss] durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden" (Karl Marx, Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation, 1864).
"[…] dass die Arbeiterklasse gegen diese Gesamtgewalt der besitzenden Klassen nur als Klasse handeln kann, indem sie sich selbst als besondere politische Partei konstituiert […], dass diese Konstituierung der Arbeiterklasse als politische Partei unerlässlich ist für den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endziels – Abschaffung der Klassen“ (Beschlüsse der Delegiertenkonferenz der Internationalen Arbeiterassoziation, abgehalten zu London vom 17. bis 23. September 1871).
Seitdem hat sich diese Formulierung durch die historische Erfahrung des Proletariats präzisiert, die gezeigt hat, dass die politische Partei die Form einer Minderheit, der Partei der Vorhut der Klasse, annehmen wird.
Die grundlegende Schwierigkeit der sozialistischen Revolution liegt in dieser komplexen und widersprüchlichen Situation: Einerseits kann die Revolution nur durch die bewusste Aktion der großen Mehrheit der Arbeiterklasse verwirklicht werden; andererseits stößt diese Verwirklichung auf die Bedingungen, die den Lohnabhängigen in der kapitalistischen Gesellschaft auferlegt werden, Bedingungen, die die Verwirklichung der historischen revolutionären Mission der Arbeiter und Arbeiterinnen ständig verhindern und zerstören. Die Kämpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter gegen die Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung können, wenn sie ihrer eigenen inneren Entwicklung überlassen werden, zu Explosionen von Aufständen führen, Reaktionen, die für eine gesellschaftliche Transformation absolut unzureichend sind. Über die Erfahrungen einzelner Kämpfe hinauszugehen, die historischen Erfahrungen des Proletariats zu sammeln, das Bewusstsein für die Ziele der Bewegung zu verteidigen und zu verbreiten, ist in erster Linie die entscheidende politische Aufgabe der revolutionären Partei. Die Partei bezieht ihre theoretische Substanz nicht aus den Zufälligkeiten und dem Partikularismus der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterklasse, sondern aus der Bewegung der historischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Nur das Eingreifen dieses Faktors ermöglicht es der Klasse, von der Revolte zur Revolution überzugehen. Die Partei ist die unverzichtbare Waffe des Proletariats für den Erfolg seiner Revolution.
Im Moment kann es diese Partei nicht geben: Die Arbeiterklasse ist zu weit von einem revolutionären Prozess entfernt, ihr Bewusstsein und ihre Fähigkeit zur Organisation sind zu schwach. Der entschlossenste und klarste Teil des Proletariats, der sich seiner allgemeinen und historischen Ziele bewusst ist, kann sich nur in Form von kleinen revolutionären Organisationen zusammenschließen.
Diese kleinen revolutionären Organisationen haben jedoch eine immense und entscheidende Rolle für die Zukunft zu spielen. Sie müssen sich auf der Grundlage der historischen Interessen des Proletariats organisieren, um der Bewegung eine klare politische Orientierung zu geben und die Entwicklung des Klassenbewusstseins aktiv zu fördern. Sie müssen auch jetzt daran arbeiten, das Fundament der zukünftigen Partei vorzubereiten. Dazu müssen sie den Wahrheitsgehalt ihrer Analysen angesichts der sich wandelnden Ereignisse ständig überprüfen, ihre Positionen diskutieren und weiterentwickeln, wesentliche Lehren aus der Geschichte der Arbeiterbewegung ziehen, gegen das Eindringen der herrschenden Ideologie kämpfen und die Kräfte und Positionen verteidigen, um die herum die künftige Partei aufgebaut werden soll.
Die Geschichte hat gezeigt, wie schwierig es ist, eine Partei aufzubauen, die ihrer Verantwortung gerecht wird, eine Aufgabe, die viele und vielfältige Anstrengungen erfordert. Sie erfordert vor allem eine größtmögliche Klarheit über die programmatischen Fragen und die Prinzipien der organisatorischen Arbeit, eine Klarheit, die sich notwendigerweise auf alle bisherigen Erfahrungen der Arbeiterbewegung und ihrer politischen Organisationen stützt.
In jeder Phase der Geschichte der Arbeiterbewegung hat sich die kommunistische Linke als beste Vertreterin dieser Klarheit hervorgetan und einen entscheidenden Beitrag für die Zukunft des Kampfes geleistet. “Es war die Linke in Gestalt der marxistischen Strömung, die die Kontinuität zwischen der Ersten und Zweiten Internationalen gegen proudhonistische, bakunistische, blanquistische und andere korporatistische Strömungen sicherstellte. Es war ebenfalls die Linke, die, indem sie den Kampf gegen die reformistische Strömung und dann gegen die "Sozialpatrioten" aufnahm, während des Krieges mit der Gründung der Kommunistischen Internationale die Kontinuität zwischen der Zweiten und Dritten Internationale sicherstellte. Und es war wieder die Linke, die "Linkskommunisten", die sich die revolutionären Errungenschaften, welche von der sozialdemokratischen und stalinistischen Konterrevolution mit Füßen getreten worden waren, wieder aneignete und weiterentwickelte.“ (Internationale Revue Nr. 50, 1987, englischsprachige Ausgabe)
Die kommunistische Weltpartei, die an der Spitze der proletarischen Revolution von morgen stehen wird, muss sich auf die Erfahrungen und das Denken all dieser linken Strömungen, auf all diese historischen Wurzeln stützen. Gerade weil die Kommunistische Linke in dieser Tradition verwurzelt ist, weil sie stets bestrebt ist, die wesentlichen Prinzipien dieser Strömungen zu respektieren, war sie angesichts der Nagelprobe des Zweiten Weltkriegs die einzige, die dem Internationalismus treu blieb.
Bereits 1920 entstehen in verschiedenen Ländern (Russland, Deutschland, Italien, Holland, Großbritannien, Belgien usw.) Gruppen der Kommunistischen Linken. Sie erreichten nicht alle das gleiche Maß an Klarheit und Kohärenz, und die meisten von ihnen waren nicht in der Lage, der schrecklichen kapitalistischen Konterrevolution zu widerstehen. Sie verschwanden als Opfer des Zusammenwirkens von stalinistischer und faschistischer Unterdrückung, Demoralisierung und Verwirrung. In den 1930er Jahren überlebten nur die kohärentesten Gruppen, und unter ihnen war die Italienische Kommunistische Linke die klarste und konsequenteste. Die Gruppe Internationalisme (Publikation der Gauche Communiste de France, 1945-52), die aus ihr hervorging, schaffte eine kritische und kohärente Synthese der weit verstreuten Arbeit der verschiedenen Gruppen der Kommunistischen Linken:
- Das Wesen der UdSSR: Es gab nichts Proletarisches oder "Sozialistisches" am russischen Staat, der keine Kontinuität mit der Oktoberrevolution von 1917 zum Ausdruck brachte, sondern im Gegenteil der Vollstrecker der Konterrevolution war. Die UdSSR war genauso kapitalistisch wie die Vereinigten Staaten oder Großbritannien, eine Karikatur (totale Verstaatlichung der Wirtschaft) der weltweiten Tendenz zum Staatskapitalismus.
- Die Dekadenz des Kapitalismus: Das in der UdSSR eingeführte System war keineswegs eine neue Produktionsweise oder eine "fortschrittlichere" Form des Kapitalismus, sondern im Gegenteil Ausdruck der historischen Dekadenz des Kapitalismus, die durch eine infernalische Kette von zwei Weltkriegen gekennzeichnet war, zwischen denen es zur tiefsten wirtschaftlichen Rezession der Geschichte kam, gefolgt von der Rückkehr der Weltwirtschaftskrise Ende der 60er Jahre, die sich seitdem nur noch verschärft hat. Für Internationalisme sind der "liberale" Kapitalismus des Westens und der extreme, staatlich kontrollierte Kapitalismus des Ostens die beiden Facetten desselben dekadenten Systems, das das Proletariat beider Seiten zerstören muss.
- "Demokratie" und "liberaler" Kapitalismus: Internationalisme war sich darüber im Klaren, dass die Alternative nicht zwischen "Demokratie" und Faschismus oder zwischen "Demokratie" und stalinistischem Totalitarismus besteht, sondern zwischen kapitalistischer Barbarei und kommunistischer Weltrevolution, d.h. zwischen dem kapitalistischen Staat, ob totalitär oder "demokratisch", und der weltweiten Macht der Arbeiterräte, die die direkte und kollektive Macht der arbeitenden Massen errichtet. Internationalisme unterstrich die Tatsache, dass der "liberale" Kapitalismus im Westen eine effizientere und subtilere Form des Staatskapitalismus war. Der Großteil der Produktion wurde in die Kriegswirtschaft gelenkt, jedoch mit größerer Flexibilität, indem der "freie" Markt durch alle möglichen Manipulationen (steuerlich, monetär, durch Kredite...) genutzt wurde.
- Die Autonomie des Proletariats, der Kampf für die kommunistische Revolution: Aus all diesen Positionen leitete Internationalisme ab, dass der Kapitalismus keine wirklichen und dauerhaften Verbesserungen der Lebensbedingungen des Proletariats mehr bieten konnte. Die Aufgabe des Proletariats sei es, für die kommunistische Revolution zu kämpfen. Die notwendigen Kämpfe des Widerstands gegen die Ausbeutung konnten nicht mehr im Kontext der Erlangung politischer und wirtschaftlicher Reformen innerhalb des Kapitalismus geführt werden (wie es zur Zeit der Zweiten Internationale der Fall war, als solche Ziele insofern gültig waren, als sie als eine notwendige historische Etappe und nicht als das endgültige Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse verstanden wurden), sondern in der Perspektive einer revolutionären Offensive für die Zerstörung des Kapitalismus in allen Ländern und die Errichtung des Kommunismus im Weltmaßstab. Um seine eigene Perspektive durchsetzen zu können, muss das Proletariat jederzeit seine Klassenautonomie bewahren, ohne die es zum Spielball der verschiedenen konkurrierenden kapitalistischen Banden werden und der grausamsten Ausbeutung und brutalsten Unterdrückung ausgesetzt sein wird. Ebenso wird es durch die gewerkschaftlichen und parlamentarischen Formen, die es an den Kapitalismus ketten, immer wieder auf Ohnmacht, Spaltung und Niederlage reduziert. Das Proletariat muss sich, auch in seinen unmittelbaren Kämpfen, auf dem Terrain des direkten Massenkampfes, seiner Solidarität und Klasseneinheit, der unnachgiebigen Verteidigung seiner Forderungen gegen die Interessen des nationalen Kapitals behaupten.
Diese Positionen der Kommunistischen Linken sind der notwendige Ausgangspunkt für den gesamten kommenden revolutionären Prozess. Als Ausdruck des historischen Kampfes des Proletariats ist ihre Wiederaneignung durch die arbeitenden Massen die unabdingbare Voraussetzung für ihren Kampf um eine revolutionäre Lösung der hoffnungslosen Krise des Weltkapitalismus. Die künftige Weltpartei muss, wenn sie einen wirklichen Beitrag zur kommunistischen Revolution leisten will, ihr Programm und ihre Arbeit auf die Erfahrungen und das Erbe der Kommunistischen Linken stützen.
Wir greifen damit die Worte unserer Vorgänger auf: "Die historische Kontinuität zwischen der alten und der neuen Klassenpartei kann nur durch den Weg der Fraktion erreicht werden, deren historische Funktion darin besteht, eine politische Bestandsaufnahme der Erfahrungen vorzunehmen, durch marxistische Kritik die Fehler und Unzulänglichkeiten des gestrigen Programms zu sichten, aus der Erfahrung die politischen Prinzipien zu extrahieren, die das alte Programm vervollständigen und die Voraussetzung für eine fortschrittliche Position des neuen Programms sind, eine unabdingbare Voraussetzung für die Bildung der neuen Partei. So wie die Fraktion ein Ort der ideologischen Gärung ist, das Laboratorium des revolutionären Programms in der Zeit des Rückzugs, so ist sie auch das Lager, in dem die Kader geschmiedet werden, in dem das menschliche Material geformt wird, die Kämpfer der zukünftigen Partei" (L'Etincelle, Zeitung der GCF, Nr. 10, Januar 1946).
Deshalb hat die IKS als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine zusammen mit Internationalist Voice und dem Istituto Onorato Damen einen gemeinsamen Aufruf an alle Organisationen der Kommunistischen Linken gerichtet. Ausgehend vom Erbe der Zimmerwalder Konferenz wollte die IKS mit diesem Appell nicht nur das internationalistische Banner hochhalten, sondern auch ganz allgemein die historische Linie, die Prinzipien und die Arbeitsweise der Kommunistischen Linken verteidigen. Dieser Appell sollte ein Meilenstein auf dem Weg zur Revolution und zur Partei sein und ist es auch. Ein Meilenstein zur Vorbereitung auf die Zukunft.
Dieser gemeinsame Aufruf wurde vom Rest der Kommunistischen Linken abgelehnt. Die verschiedenen "Internationalen Kommunistischen Parteien" (Programma Comunista, Il Partito Comunista, Le Prolétaire/Il Comunista) haben ihn aus Sektierertum ignoriert. Die zweitwichtigste Organisation der Kommunistischen Linken, die Internationalistische Kommunistische Tendenz ICT, zog das Abenteuer der Komitees "No war but the class war" diesem Aufruf vor, weil es ihrer Meinung nach "notwendig war, über die 'Kommunistische Linke' hinauszuschauen".
Die Weigerung, mit anderen Gruppen der Kommunistischen Linken zusammenzuarbeiten, die die historischen Prinzipien dieser Strömung verteidigen, zugunsten einer Zusammenarbeit mit den Kräften des "Sumpfes" (der verworrenen Zone zwischen proletarischen Positionen und denen der Linken der Bourgeoisie) hat einen Namen: Opportunismus. Diese Politik ist besonders gefährlich, weil sie dazu führt, dass alle organisatorischen Lehren, die die Kommunistische Linke für sich in Anspruch nimmt, zunichte gemacht werden. Sie wendet sich von der Hauptverantwortung ab, die uns zukommt, nämlich den Aufbau einer zukünftigen Partei vorzubereiten, die mit dem Besten aus der Tradition der Arbeiterbewegung und dem Kampf aller ihrer aufeinander folgenden kommunistischen Linken ausgestattet ist.
Diese opportunistische Dynamik der Gruppe Internationalistische Kommunistische Tendenz ICT führt auch dazu, dass sie heute die entscheidenden Lehren aus dem Kampf der marxistischen Strömung innerhalb der Ersten Internationale gegen das tödliche Gift des politischen Parasitismus, das historisch von Bakunin repräsentiert wurde, beiseiteschiebt, um ihre Öffnung für die aktuellen parasitären Gruppen zu rechtfertigen. Schlimmer noch, sie zögert nicht mehr, offen mit einer Organisation zusammenzuarbeiten, die eine systematische Politik der Verräterei betreibt, der, wie sich großartig nennen, Internationalen Gruppe der Kommunistischen Linken (IGCL, ex-FICCI).
Der Opportunismus, der in der Vergangenheit die größte Gefahr für proletarische Organisationen darstellte, ist Ausdruck des Eindringens fremder, bürgerlicher und vor allem kleinbürgerlicher Ideologien. Er zeichnet sich durch die Neigung aus, die allgemeinen und historischen Interessen des Proletariats zugunsten von illusorischen unmittelbaren und punktuellen "Erfolgen" zu opfern. Eine der Triebkräfte des Opportunismus ist die Ungeduld, die die Sicht einer Gesellschaftsschicht zum Ausdruck bringt, die in sich selbst zur Ohnmacht verurteilt ist und im Maßstab der Geschichte keine Zukunft hat. "Der Opportunismus will den gesellschaftlichen Verhältnissen Rechnung tragen, die noch nicht ausgereift sind. Er will den 'sofortigen Erfolg'. Der Opportunismus versteht es nicht, zu warten, und deshalb kommen ihm große Ereignisse immer unerwartet", schrieb Trotzki 1905.
Der Opportunismus ist ein tödliches Gift, das ständig versucht, die Reihen der revolutionären Organisationen zu unterwandern. Um ihm zu widerstehen, müssen wir daher einen ebenso ständigen und entschlossenen Kampf dagegen führen und die Waffe der Theorie ständig schärfen:
- Nach der Pariser Kommune von 1871 erhob sich die revolutionäre Linke gegen die wachsenden Kräfte des Opportunismus, die von Lassalles Strömung verkörpert wurden, indem sie die Organisationsprinzipien der Arbeiterklasse verteidigte, vor allem durch Karl Marx' Kritik des Gothaer Programms und Friedrich Engels Anti-Dühring. Nach dem Erfurter Kongress von 1891 schrieb Engels: "Die Dinge müssen vorangetrieben werden. Wie notwendig dies ist, zeigt heute der Opportunismus, der sich in einem großen Teil der sozialdemokratischen Presse zu verbreiten beginnt. [...] Dieses Vergessen der großen wesentlichen Erwägungen vor den flüchtigen Interessen des Tages, dieser Wettlauf um flüchtige Erfolge und den Kampf, der ringsum geführt wird, ohne Rücksicht auf die späteren Folgen, dieses Aufgeben der Zukunft der Bewegung, die der Gegenwart geopfert wird, all das mag ehrliche Motive haben. Aber es ist und bleibt Opportunismus. Und der 'ehrliche' Opportunismus ist vielleicht der gefährlichste von allen".
- Um 1900 wehrte sich die revolutionäre Linke gegen den Opportunismus, der die Zweite Internationale durch die Strömung Bernsteins oder der Menschewiki weiterhin plagte, mit einem kompromisslosen und tiefgreifenden Kampf, wie er in Rosa Luxemburgs Sozialreform oder Revolution oder in Lenins Was tun? und Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück zum Ausdruck kommt. Während dieses Kampfes schrieb Lenin seinen berühmten Satz "Ohne revolutionäre Theorie kann er auch keine revolutionäre Bewegung geben", der Rest ist weniger bekannt: "Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart." Es war dieser Opportunismus, der den späteren Verrat der sozialdemokratischen Parteien bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs weitgehend erklärte.
- Ab den 1920er Jahren fiel die bolschewistische Partei allmählich dem Opportunismus zum Opfer, den sie anfangs so vehement bekämpft hatte. Die Isolierung der Russischen Revolution und das Erstarken der konterrevolutionären Kräfte im Innern sollten sich vor allem in diesem Opportunismus manifestieren, der sich in der Dritten Internationale ausbreitete. Aber auch dort führte ein revolutionärer linker Flügel den Kampf an. Genau hier hat unsere Strömung, die Kommunistische Linke, ihre Wurzeln. Bordiga war damals der höchste Vertreter dieses Kampfes für proletarische Organisationsprinzipien. So sagte er 1926 vor der Exekutive der Kommunistischen Internationale: "Nein, die Erfahrung zeigt, dass der Opportunismus stets unter dem Schein der Einigkeit in unsere Reihen eindringt. Es liegt in seinem Interesse, eine möglichst große Klasse zu beeinflussen, er macht seine gefährlichen Vorschläge stets hinter dem Schein der Einigkeit."[1]
Indem sich die Internationale Kommunistische Tendenz heute im Opportunismus suhlt, indem sie den aufeinanderfolgenden Kämpfen der revolutionären Linken seit Marx und Engels den Rücken kehrt, steht sie in einer langen Tradition, die immer in die Katastrophe geführt hat. Sie hat diese verhängnisvolle Politik verfolgt, weil sie sich bis heute geweigert hat, ihre ursprünglichen Fehler zu kritisieren, und sich damit selbst dazu verdammt hat, denselben opportunistischen Ansatz immer wieder zu wiederholen, nur schlimmer. Als ihre Vorgängerin, die Internationalistische Kommunistische Partei (IKP), 1943 gegründet wurde, nahm sie unkritisch Mitglieder der Minderheit der italienischen Arbeiterpartei in ihre Reihen auf:
- Mitglieder der Minderheit der Italienischen Fraktion, die an der Seite der Republikaner im Spanischen Krieg 36-38 gekämpft hatten;
- Vercesi und all jene, die während des Zweiten Weltkriegs im Brüsseler Komitee der Antifaschistischen Koalition mitgearbeitet hatten.
Um den Aufbau der zukünftigen Partei vorzubereiten, die eine unverzichtbare Waffe für den Erfolg der Revolution ist, muss der Kampf des linken Flügels gegen den Opportunismus fortgesetzt werden. Dazu dient die Veröffentlichung dieser von uns vorgestellten Artikelserie. Dies ist ein kompromissloser politischer Kampf, der innerhalb des revolutionären Lagers stattfindet. Wir rufen daher alle unsere Leserinnen und Leser auf, sich mit den historischen Wurzeln dieses Kampfes auseinanderzusetzen, sich diese Tradition und die Verteidigung proletarischer Organisationsprinzipien zu eigen zu machen und sich an dieser Vorbereitung auf die Zukunft zu beteiligen. Wir rufen auch die Internationale Kommunistische Tendenz auf, sich diesen von Rosa Luxemburg so gut dargelegten proletarischen Grundsatz zu eigen zu machen: "Der Marxismus ist eine revolutionäre Weltanschauung, die immer nach neuen Entdeckungen streben muss, die die Starrheit einmal gültiger Thesen völlig verachtet und deren lebendige Kraft am besten im intellektuellen Kampf der Selbstkritik und im Durcheinander der Geschichte bewahrt wird" (Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, eine Antikritik, 1915).
Erinnern wir uns daran, wie Lenin 1903 humorvoll auf den lächerlichen verletzten Stolz der zukünftigen Menschewiki hinwies: "Die Mentalität des Zirkelwesens und einer erstaunlichen Unreife in Parteidingen, die außerstande ist, den frischen Wind in aller Öffentlichkeit geführter Diskussionen zu ertragen, offenbarte sich hier anschaulich […] Man stelle sich bloß vor, dass in der deutschen Partei ein solcher Unsinn, ein solches Gezänk möglich wäre wie die Beschwerde über eine ‚falsche Beschuldigung des Opportunismus‘! Proletarische Organisation und Disziplin haben dort längst mit der intelligenzlerischen Waschlappigkeit Schluss gemacht […] Nur das verknöchertste Zirkelwesen mit seiner Logik: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den Schädel ein, konnte wegen einer gegen die Mehrheit der Gruppe ‚Befreiung der Arbeit‘ erhobenen ‚falschen Beschuldigung des Opportunismus‘ zu Hysterie, Gezänk und Parteispaltung führen.“[2]
Internationale Kommunistische Strömung, März 2024
[1] Amadeo Bordiga, Rede vor dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale, 23.02.1926, veröffentlicht unter https://www.sinistra.net/lib/bor/art/borerekkid.html#u2 [202]
[2] Wladimir I. Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, Kapitel Die unschuldigen Opfer der falschen Beschuldigung des Opportunismus, Werke Bd. 7, S. 284/285
„Die Krise, die sich bereits seit Jahrzehnten abzeichnet, wird die schwerste der gesamten Dekadenzperiode werden, und ihre historische Bedeutung wird sogar die erste Krise dieser Epoche, die Krise, die 1929 begann, übertreffen. Nach mehr als 100 Jahren Zuspitzung kapitalistischer Dekadenz, mit einer Wirtschaft, die durch den Militärsektor verwüstet, durch die Auswirkungen der Umweltzerstörung geschwächt, in ihren Reproduktionsmechanismen durch Verschuldung und staatliche Manipulationen tiefgreifend verändert, der Pandemie zum Opfer gefallen ist und zunehmend unter allen anderen Auswirkungen der Zersetzung leidet, ist es eine Illusion zu glauben, dass es unter diesen Bedingungen eine dauerhafte Erholung der Wirtschaft geben wird.“ (Resolution zur internationalen Lage, Internationale Revue Nr. 57, 2021)
Das proletarisch-politische Milieu unterschätzt seinerseits die Tiefe der Krise: Für die verschiedenen IKPs (Internationale Kommunistische Partei), die sich im Wesentlichen auf ihre finanziellen Aspekte konzentriert, scheint die gegenwärtige Krise im Wesentlichen eine Wiederholung der Krise von 1929 zu sein. Was die IKT (Internationale Kommunistische Tendenz) betrifft, so kann sie zwar empirisch bestimmte Phänomene der Verschärfung der Krise erkennen, aber ihr ökonomistischer Ansatz, der sich ausschließlich auf den Rückgang der Profitrate stützt, verschleiert das Ausmaß des Niedergangs des kapitalistischen Systems und die Schwere der Krise. Indem sie die Krise weiterhin als die für die aufsteigende Phase des Kapitalismus typische Abfolge von Zyklen begreift, verkennt sie die Formen, die sie in der Dekadenz annimmt, und letztlich auch ihre Folgen und die sich daraus ergebenden Auswirkungen für das Proletariat. Sie meint vor allem, dass das Kapital "... Kriege als Mittel zur Fortführung des Prozesses der Akkumulation und der Erpressung des Mehrwerts, der die Grundlage seiner Existenz ist, erzeugt".[1]
Unser Bericht stützt seine Einschätzung der gegenwärtigen Schwere der Wirtschaftskrise auf die Errungenschaften des Marxismus und die Elemente seiner Entwicklung seit den späten 1960er Jahren, wie sie in verschiedenen IKS-Publikationen dargestellt sind.
Die Krise, die 1967 ausbrach und bis heute andauert, ist eine Krise der Überproduktion. Ihr Grund ist der Hauptwiderspruch des Kapitalismus von seinen Anfängen an, der zu einem endgültigen Hindernis wurde, als die Produktivkräfte ein bestimmtes Entwicklungsniveau erreichten: Die kapitalistische Produktion schafft nicht automatisch die für ihr Wachstum notwendigen Märkte. Das Kapital produziert mehr Waren, als von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen aufgenommen werden können: ein Teil der Verwertung seiner Profite, der dazu bestimmt ist, die Reproduktion des Kapitals zu erweitern (d. h. weder von der Bourgeoisie noch von der proletarischen Klasse konsumiert wird), muss außerhalb dieser Verhältnisse, auf außerkapitalistischen Märkten, realisiert werden. Historisch gesehen fand der Kapitalismus die für seine Expansion notwendigen zahlungsfähigen Absatzmärkte zunächst unter den Bauern und Handwerkern der kapitalistischen Länder und kompensierte dann seine Unfähigkeit, eigene Absatzmärkte zu schaffen, damit, dass er seinen Markt durch die Schaffung des Weltmarktes auf die ganze Welt ausdehnte.
"Der Kapitalismus entwickelte sich zunächst in einer nichtkapitalistischen Welt, worin er die für seine Entfaltung notwendigen Märkte fand. Nachdem er aber seine Produktionsverhältnisse auf die ganze Erde ausgedehnt und in einem einzigen Weltmarkt vereinigt hatte, erreichte der Kapitalismus Anfang des 20. Jahrhunderts die Schwelle zur Sättigung derselben Märkte, die im 19. Jahrhundert noch seine ungeheure Ausdehnung ermöglicht hatten. Darüber hinaus wurde durch die wachsende Schwierigkeit des Kapitals, Märkte zu finden, wo sein Mehrwert realisiert werden kann, der Druck auf die Profitrate verstärkt und ihr tendenzieller Fall bewirkt. Dieser Druck wird durch den ständigen Anstieg des konstanten, “toten” Kapitals (Produktionsmittel) zu Lasten des variablen, lebendigen Kapitals, die menschliche Arbeitskraft, ausgedrückt. Anfangs nur als Tendenz wirkend, wird der Fall der Profitrate schließlich immer spürbarer und zu einer zusätzlichen Bremse für den Akkumulationsprozess des Kapitals, also für die Funktionsweise des gesamten Systems." (Plattform der IKS[3]). "Damit wird klarer, dass die beiden von Marx aufgespürten Widersprüche sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern zwei Seiten des einen Gesamtprozesses der Wertproduktion sind. Dies macht es letztlich möglich, dass die 'zwei' Krisentheorien zu einer einzigen werden".[4]
Auf einer unmittelbareren Ebene beendete die offene Krise Ende der 1960er Jahre zwei Jahrzehnte der Prosperität, die auf der Wiederaufnahme der Ausbeutung der außerkapitalistischen Märkte (die sich während und zwischen den beiden Weltkriegen verlangsamt hatte) und auf der Modernisierung des Produktionsapparats (fordistische Methoden, Einführung der Informationstechnologie usw.) beruhte. Die Rückkehr der Krise öffnete erneut den Weg zu der historischen Alternative eines Weltkriegs oder einer allgemeinen Klassenkonfrontation, die zu einer proletarischen Revolution führt.
Angesichts des Wiederaufflammens der Krise in den 1970er Jahren hielt die Organisation an drei Kriterien fest, um die Schwere der Krise zu belegen: die Entwicklung des Staatskapitalismus, die zunehmende Sackgasse der Überproduktion und die Vorbereitung des Krieges durch die Entwicklung der Kriegswirtschaft.
2.1. Die Entwicklung des Staatskapitalismus
Als Ausdruck des Widerspruchs zwischen der globalen Vergesellschaftung und der nationalen Basis der gesellschaftlichen Verhältnisse der kapitalistischen Produktion spiegelt die weltweite Tendenz zur Stärkung des kapitalistischen Staates in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens im Grunde die endgültige Untauglichkeit der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse für die von den Produktivkräften erreichte Entwicklung wider. Der Staat ist die einzige Kraft, die in der Lage ist:
- die Widersprüche innerhalb der herrschenden Klasse einzudämmen, um die für die Verteidigung des nationalen Kapitals notwendige Einheit zu erzwingen;
- den Betrug am Wertgesetz auf nationaler Ebene zu organisieren und voll zu entfalten, um seinen Anwendungsbereich zu bestimmen und so den Zerfall der nationalen Wirtschaft angesichts der unüberwindbaren Widersprüche des Kapitalismus zu verlangsamen;
- die Wirtschaft in den Dienst des Krieges zu stellen und das nationale Kapital im Hinblick auf die Vorbereitung des imperialistischen Krieges zu organisieren;
- die Stärkung des inneren Zusammenhalts einer Gesellschaft, die durch den zunehmenden Zerfall ihrer wirtschaftlichen Grundlagen von der Auflösung bedroht ist, durch ihre repressiven Kräfte und eine immer stärkere Bürokratie; die Aufrechterhaltung einer sozialen Struktur, die immer weniger in der Lage ist, die menschlichen Beziehungen automatisch zu regeln (Beziehungen, die immer weniger akzeptiert werden und die vom Standpunkt des Überlebens der Gesellschaft aus gesehen immer absurder werden) durch allgegenwärtige Gewalt.
2.2. Die wachsende Sackgasse der Überproduktion
Im Kapitalismus gibt es keine Lösung für die Überproduktion. Alle Maßnahmen, die zur Abmilderung ihrer Auswirkungen ergriffen werden, sind zum Scheitern verurteilt, und der Kapitalismus ist ständig mit diesem unüberwindbaren Grundwiderspruch konfrontiert. Im Grunde kann dieser Widerspruch nur durch die Abschaffung von Lohnarbeit und Ausbeutung beseitigt werden. Die Bourgeoisie kann allenfalls versuchen, die Gewalt der Krise zu mildern, indem sie sie abbremst.
"Die gegenwärtige Situation zeigt deutlich, was die IKS immer über das Wesen der Krise gesagt hat: dass wir es mit einer allgemeinen Krise der Überproduktion zu tun haben, die in den kapitalistischen Metropolen die Form einer Überproduktion von Waren, Kapital und Arbeitskraft annimmt." [5]
Diese Sackgasse drückt sich in der Entwicklung der Inflation aus, die sich aus der Last der unproduktiven Kosten speist, die durch die Notwendigkeit, ein Minimum an Zusammenhalt in einer zerfallenden Gesellschaft aufrechtzuerhalten (Staatskapitalismus), und durch die Sterilisierung des Kapitals durch die Kriegswirtschaft und die Rüstungsproduktion mobilisiert werden. Die Inflation, die auch durch die Umgehung des Wertgesetzes (Verschuldung, Geldschöpfung usw.) angeheizt wird, ist ein ständiges Merkmal der Dekadenz des Kapitalismus und gewinnt in Kriegszeiten noch mehr an Bedeutung. Eine enorme Masse an Kapital, das nicht mehr gewinnbringend angelegt werden kann, nährt dann die Spekulation.
"Die gesamte Periode der Dekadenz zeigt, dass die Überproduktionskrise eine Verlagerung der Produktion in die Kriegswirtschaft impliziert. Dies als "wirtschaftliche Lösung" zu betrachten, und sei es auch nur eine vorübergehende, wäre ein schwerer Fehler. Die Wurzeln dieses Fehlers liegen in der Unfähigkeit zu verstehen, dass die Überproduktionskrise ein Prozess der Selbstzerstörung ist. Der Militarismus ist der Ausdruck dieses Prozesses der Selbstzerstörung, der das Ergebnis der Revolte des Produktionsprozesses gegen die Produktionsverhältnisse ist." [6]
2.3. Kriegsvorbereitung und Aufbau der Kriegswirtschaft
"In der dekadenten Phase des Imperialismus kann der Kapitalismus die Gegensätze seines Systems nur auf ein Ergebnis ausrichten: Krieg. Die Menschheit kann einer solchen Alternative nur durch eine proletarische Revolution entkommen." [7] In dem Maße, wie sich die Wirtschaftskrise verlängert und vertieft, verschärft sie die inter-imperialistischen Antagonismen. Für das Kapital gibt es nur eine "Lösung" für seine historische Krise: den imperialistischen Krieg. Je schneller sich also die verschiedenen Besänftigungsmaßnahmen als nutzlos erweisen, desto gezielter muss sich jeder imperialistische Block auf eine gewaltsame Neuaufteilung des Weltmarktes vorbereiten.
2.4. Verschärfung der Ausbeutung des Proletariats
Der Aufbau einer Kriegswirtschaft impliziert die Entwicklung einer Produktion (insbesondere der Rüstungsproduktion), die nicht zur Steigerung des Kapitalwerts eingesetzt werden kann, d. h. nicht in die Produktion neuer Waren integriert werden kann. In diesem Sinne impliziert sie eine Sterilisierung des Kapitals, die durch eine Erhöhung des extrahierten Mehrwerts kompensiert werden muss. Diese Kompensation wird im Wesentlichen durch eine Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiterklasse erreicht.
Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre geriet der Kapitalismus in eine Sackgasse: Im Westblock schlug sich die Überproduktion von Gütern im Rückgang der Industrieproduktion nieder, die vor allem in den USA ihren Höhepunkt erreichte, wo Rezessionen die Stahlproduktion auf das Niveau von 1967 zurückwarfen. Im Ostblock herrschte Kapitalmangel, die Industrieproduktion war unterentwickelt und rückständig, und das Kapital war auf dem Weltmarkt überhaupt nicht wettbewerbsfähig.[8] Der Mythos, dass die so genannten "sozialistischen" Länder der allgemeinen Krise des Systems entkommen könnten, brach in den 1980er Jahren endgültig zusammen. Viele der ärmsten Länder der so genannten "Dritten Welt" waren bereits Mitte der 1970er Jahre zusammengebrochen.
Im amerikanischen Block beschleunigte die Wirtschaftskrise den Trend zur Stärkung des Staatskapitalismus. Keynesianische Konjunkturmaßnahmen in der Größenordnung der Krise von 1929 waren nicht nur nicht mehr durchführbar, sondern auch die nachfolgenden Konjunkturmaßnahmen scheiterten. Eine Rezession folgte auf die andere und wurde immer tiefer.
Jeder Block verstärkte seine Vorbereitungen für einen dritten Welt-Holocaust, insbesondere durch eine beträchtliche Erhöhung der Rüstungsausgaben zur Unterstützung des imperialistischen Wettbewerbs. Die Kriegsvorbereitungen wurden auch im Hinblick auf die politische Stärkung der Blöcke im Hinblick auf eine imperialistische Konfrontation (aber auch auf eine Konfrontation mit der Arbeiterklasse) intensiviert.
Aber für das Kapital "haben die Rüstungsaufträge zwar die imperialistische Vorherrschaft der USA gestärkt, aber die amerikanische Industrie nicht gerettet. Ganz im Gegenteil. Zwischen 1980 und 1987 ist der Anteil der drei wichtigsten Industriesektoren – Werkzeugmaschinen, Automobile und Computertechnik – am Weltmarkt von 12,7 auf 9 %, von 11,5 auf 9,4 % bzw. von 31 auf 22 % zurückgegangen. Die Rüstungsproduktion reproduziert weder Arbeitskraft noch neue Maschinen. Sie stellt eine Vernichtung von Kapital und Reichtum dar, eine unproduktive Lücke, die die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft beeinträchtigt. Die beiden nach Jalta entstandenen Blockführer haben erlebt, wie ihre Volkswirtschaften weniger wettbewerbsfähig wurden als die ihrer Verbündeten. Dies ist das Ergebnis der Ausgaben, die sie für die Stärkung ihrer militärischen Macht aufwenden mussten, die die Garantie für ihre Position als imperialistische Führer und in letzter Instanz auch für ihre wirtschaftliche Stärke ist".[9]
Zu Beginn der 1980er Jahre, als sich die beiden grundlegenden und antagonistischen Klassen der Gesellschaft gegenüberstanden, ohne dass es ihnen gelang, ihre eigene entschiedene Antwort durchzusetzen, verschwanden die Widersprüche und Erscheinungsformen des moribunden Kapitalismus nicht mit der Zeit. Vielmehr wurden sie aufrechterhalten, akkumuliert und vertieft und gipfelten in der Phase des allgemeinen Zerfalls des kapitalistischen Systems, die ein Dreivierteljahrhundert der Agonie einer von der Geschichte verdammten Produktionsweise abschließt und krönt.
Der Ausbruch des Zerfalls führte zu einem noch nie dagewesenen Phänomen: dem Zusammenbruch eines ganzen Blocks außerhalb der Bedingungen eines Weltkriegs oder einer proletarischen Revolution.
"Dieser Zusammenbruch ist im Wesentlichen eine der Konsequenzen aus der Weltkrise des Kapitalismus; wir sollten allerdings auch nicht versäumen, in unseren Analysen die Besonderheiten der stalinistischen Regimes zu berücksichtigen, die das Ergebnis der historischen Umstände ihres Entstehens waren (Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern, Internationale Revue, Nr. 12). Jedoch kann man diesen historisch beispiellosen Zustand des Zusammenbruchs eines ganzen imperialistischen Blocks von innen heraus, in Abwesenheit einer Revolution oder eines Weltkrieges, nur verstehen, wenn man dieses andere, noch nicht dagewesene Element in der Analyse berücksichtigt, das der Eintritt der Gesellschaft in eine Zerfallsphase bildet. Die extreme Zentralisierung und vollständige Verstaatlichung der Wirtschaft, die Verschmelzung zwischen wirtschaftlichem und politischem Apparat, die permanenten und großformatigen Tricksereien mit dem Wertgesetz, die Mobilisierung aller ökonomischen Ressourcen für den militärischen Bereich, all diese für die stalinistischen Regime typischen Merkmale waren zwar dem Kontext eines imperialistischen Krieges (dieses Regime ist gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg, als Sieger, hervorgegangen) angepasst, aber sie stießen brutal und radikal auf ihre Grenzen, als die Bourgeoisie jahrelang mit der Zuspitzung der Wirtschaftskrise konfrontiert war, ohne diese wie in der Vergangenheit in eben diesen imperialistischen Krieg enden zu lassen." (Der Zerfall: Die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus[10])
"Nach jahrzehntelanger staatskapitalistischer Politik unter der Peitsche der imperialistischen Blöcke stellt der gegenwärtige Prozess der Auflösung der Bündnisse, die den Planeten bisher aufgeteilt haben, in gewisser Weise einen Sieg des Marktes dar, eine brutale Anpassung der imperialistischen Rivalitäten an die wirtschaftlichen Realitäten. Er symbolisiert die Unfähigkeit der staatskapitalistischen Maßnahmen, die unerbittlichen Gesetze des kapitalistischen Marktes nach außen zu unterbrechen. Dieses Scheitern, das weit über die Grenzen des ehemaligen russischen Blocks hinausgeht, ist Ausdruck der Unfähigkeit der Weltbourgeoisie, mit der chronischen Krise der Überproduktion, mit der katastrophalen Krise des Kapitals fertig zu werden. Sie zeigt die zunehmende Unwirksamkeit der statistischen Maßnahmen, die seit Jahrzehnten immer massiver und im Maßstab der Blöcke eingesetzt werden und die seit den 30er Jahren als Allheilmittel für die unüberwindbaren Widersprüche des Kapitalismus, wie sie in seinem Markt zum Ausdruck kommen, präsentiert wurden." [11]
"Die mangelnde Perspektive (außer der Flickschusterei, um die Wirtschaft zu stützen), in der sie sich als Klasse mobilisiert, und die Tatsache, daß die Arbeiterklasse noch keine Bedrohung für ihr Überleben darstellt, bewirkt in der herrschenden Klasse und insbesondere in ihrem politischen Apparat eine wachsende Tendenz zur Disziplinlosigkeit und zum Rette-wer-sich-kann. Dieses Phänomen erklärt den Zusammenbruch des Stalinismus und des gesamten imperialistischen Ostblocks." (Der Zerfall: Die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus[12]) Die IKS erkannte, dass das westliche Modell des Staatskapitalismus, das das Privatkapital in eine staatliche Struktur einbindet und unter seine Kontrolle stellt, weitaus effizienter, flexibler, geeigneter, mit einem ausgeprägteren Verantwortungsbewusstsein für die Verwaltung der nationalen Wirtschaft ausgestattet, einlullender, weil verhüllter ist und vor allem eine Wirtschaft und einen Markt kontrolliert, die weitaus mächtiger sind als die der osteuropäischen Länder. Wir haben aber auch darauf hingewiesen, dass der Bankrott des Ostblocks, nach dem der "Dritten Welt", den zukünftigen Bankrott des Kapitalismus in seinen am weitesten entwickelten Gebieten ankündigt. "Die allgemeinen Absetzbewegungen innerhalb des Staatsapparats, das Entgleiten der Kontrolle über die eigene politische Strategie wie in der UdSSR und ihren Satelliten heute sind in Wirklichkeit (aufgrund der Besonderheiten der stalinistischen Regimes) nur die Karikatur eines viel allgemeineren Phänomens, das die gesamte Weltbourgeoisie betrifft, ein Phänomen, das typisch für die Zerfallsphase ist." (Der Zerfall: Die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus[13])
In der Zeit danach bestätigte sich auch, dass weite Teile der Welt, wie z. B. Afrika, auf dem Weltmarkt wirtschaftlich marginalisiert waren. Obwohl die Aussicht auf einen dritten Weltkrieg in weite Ferne rückte, ging der Militarismus unvermindert weiter, und die Verwüstungen des Krieges stürzten immer größere Gebiete ins Chaos – auf direkte Veranlassung der Großmächte, allen voran der USA mit ihren katastrophalen Interventionen im Irak (1991 und 2003) und in Afghanistan (2001).
Im chaotischen Kontext dieser neuen historischen Situation des Zerfalls und in einer kapitalistischen Welt, die durch die Auswirkungen ihrer Dekadenz tiefgreifend verändert wurde, bot das Verschwinden der Blöcke jedoch eine Gelegenheit, die insbesondere von den Großmächten unter der Führung der USA (als einzige verbliebene Supermacht in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht) genutzt wurde, um das Überleben des kapitalistischen Systems zu verlängern.
Die durch die Globalisierung unternommenen Versuche, die Auswirkungen des Widerspruchs des Kapitalismus zwischen dem sozialen und globalen Charakter der Produktion und dem privaten Charakter der Aneignung des Mehrwerts durch konkurrierende kapitalistische Nationen zu begrenzen, basierten im Wesentlichen auf den folgenden Faktoren:
- Die bessere Ausbeutung bereits bestehender Märkte durch das Verschwinden ihrer Konkurrenten, die von der Krise, die dem Zusammenbruch der Ostblockländer zugrunde lag, hinweggefegt wurden, auch wenn diese Märkte weit davon entfernt waren, das Eldorado zu sein, als das sie damals von den bürgerlichen Kampagnen dargestellt wurden.
- Die Ausbeutung der verbliebenen außerkapitalistischen Märkte in einer Welt, in der das Verschwinden der Blöcke den Wegfall der wichtigsten Hindernisse zu ihnen bedeutete, solange sie unter der Vormundschaft des Feindes standen. Allerdings sind nicht alle Märkte notwendigerweise zahlungsfähig, d. h. in der Lage, die zum Verkauf stehenden Waren zu bezahlen.
- Staatliches Handeln. Es ist nicht mehr so, dass der Blockführer im Namen der notwendigen Einheit des Blocks die von den einzelnen nationalen Hauptstädten zu ergreifenden Maßnahmen vorschreibt. Aber die wirtschaftliche und politische Macht der USA ermöglicht es ihnen nach wie vor, jeden Staat zu erpressen, damit er die neuen Spielregeln akzeptiert, andernfalls wird ihm der für das Überleben in der kapitalistischen Arena notwendige finanzielle Sauerstoff entzogen. Die Staaten waren die wichtigsten Instrumente zur Organisation der Globalisierung und spielten eine entscheidende Rolle bei der Festlegung von Vorschriften, die eine maximale Rentabilität begünstigen, bei der Festlegung einer attraktiven Steuerpolitik usw.
- Die Ausweitung des Betrugs am Wertgesetz auf die ganze Welt durch die Verallgemeinerung der Maßnahmen und Mechanismen, die unter der Ägide der USA im Rahmen des westlichen Blocks im letzten Jahrzehnt seines Bestehens entwickelt worden waren. Damit sollten – mittels einer künstlich durch Schulden finanzierten Nachfrage – die Folgen der Knappheit an Märkten bekämpft werden, die sich unweigerlich auf die Rentabilität des Kapitals auswirken.
Die neue internationale Organisation von Produktion und Handel, die von der führenden Weltmacht durchgesetzt wurde, nahm im Wesentlichen zwei Formen an: den freien Kapitalverkehr und die freie Verfügbarkeit der Arbeitskraft. Diese beiden Faktoren stehen in engem Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Sinken der Profitrate im Kontext eines Mangels an zahlungsfähigen Märkten.
Es ist dieses Gesetz, das die Erklärung für den Kapitalexport liefert, der als eines der spezifischen Merkmale des dekadenten Kapitalismus erscheint: "Der Kapitalexport, sagt Marx, wird nicht durch die Unmöglichkeit verursacht, es im Inland einzusetzen, sondern durch die Möglichkeit, es im Ausland zu einer höheren Profitrate unterzubringen. Lenin bestätigt diese Idee (in seinem Buch Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus), indem er sagt, dass die Notwendigkeit, Kapital zu exportieren, aus der übermäßigen Reife des Kapitalismus in bestimmten Ländern resultiert, in denen „vorteilhafte“ Investitionen seltener werden." (Bilan[14]) Gleichzeitig hatte dies den Effekt, den industriellen Apparat der zentralen Länder zu zerstören, sobald die Möglichkeit bestand, ihn zu profitableren Bedingungen in andere Teile der Welt zu verlagern.
Auch der Produktivitätswettlauf, der darauf abzielt, den tendenziellen Fall der Profitrate durch die Masse des erzielten Profits zu kompensieren, verschärfte sich.
Die Frage der "Ware Arbeitskraft" (die lebendige Arbeitskraft, aus deren Ausbeutung der Kapitalismus seinen Mehrwert zieht) hat eine zentrale Rolle gespielt. Das Verschwinden der Blöcke ermöglichte die Suche nach verfügbarer Arbeitskraft, die profitabler ausgebeutet werden konnte, und begünstigte auch die Ausdehnung der kapitalistischen Klassenverhältnisse auf Bereiche, die bisher außerhalb des kapitalistischen Produktionsfeldes lagen. Infolge der Proletarisierung riesiger Massen von Kleinproduzenten, die von ihren Produktionsmitteln getrennt wurden, stieg die Zahl der Lohnabhängigen weltweit auf insgesamt 1,9 Milliarden Arbeiter und Angestellte im Jahr 1980 und überstieg im Jahr 1995 3 Milliarden. Die immer drastischere Ausbeutung der Arbeitskraft des Proletariats (durch direkte oder indirekte Senkung der Löhne, Intensivierung der Arbeit oder Verlängerung der Arbeitszeit) in allen Teilen der Welt in Konkurrenz zueinander sowie die Integration neuer Arbeitskräfte in die kapitalistischen gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ermöglichten es den Großmächten, eine Zeit lang eine erweiterte Akkumulation durch Kapitalexport in Zonen der Verlagerung besser zu erreichen. Befreit von dem imperialistischen Korsett, das die Welt in Blöcke teilte, dehnte der Kapitalismus seine Produktionsverhältnisse auf den gesamten Planeten aus, bis hin zu seinen endgültigen Grenzen.
Andererseits haben der Kampf ums Überleben und das ungezügelte Streben nach maximalem Profit auch zu einer noch verheerenderen und zerstörerischen Ausbeutung der anderen Grundlage des kapitalistischen Reichtums geführt: der Natur. Die Ausplünderung und der Raubbau an der Natur, die durch die Notwendigkeit, die Rohstoffpreise zu senken, verursacht wurden, haben ein solches Ausmaß erreicht, dass die "große Beschleunigung" der Umweltzerstörung, die der dekadente Kapitalismus vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg hervorgerufen hat, sich seit dem Eintritt des Kapitalismus in seine letzte Phase des Zerfalls noch mehr verschärft hat.
Die herrschende Klasse hat buchstäblich jedes Mittel zur Profitmaximierung eingesetzt:
1. Die Mechanismen des Finanzkapitals, die eine Schlüsselposition einnehmen, haben die Logik, einen immer größeren Teil des weltweit geschaffenen Reichtums an die herrschende Klasse in den zentralen Ländern abfließen zu lassen.
2. Die Politik der Ausplünderung, insbesondere der anderen produzierenden Klassen (Kleinbürgertum), ein typisches Phänomen der Dekadenz, nimmt eine neue Ausdehnung an und wird allgemeiner: "die Notwendigkeit für das Finanzkapital, einen Extraprofit anzustreben, und zwar nicht durch die Produktion von Mehrwert, sondern durch die Beraubung sowohl der Verbraucher (durch Erhöhung der Warenpreise über ihren Wert) als auch der kleinen Produzenten (durch Aneignung eines Teils ihrer Arbeit). Der Extraprofit stellt somit eine indirekte Steuer dar, die auf die Warenzirkulation erhoben wird. Der Kapitalismus neigt dazu, im absoluten Sinne des Wortes parasitär zu werden" (Bilan[15]).
3. Die von offiziellen Institutionen und Regierungen vorangetriebene Spekulation nimmt einen neuen Umfang und eine neue Bedeutung an: Sie heizt die Verschuldung auf allen Ebenen der Wirtschaft an, indem sie immer üppigere Mengen an fiktivem Kapital in Umlauf bringt (2007 erreichte es das Zehnfache des weltweiten BIP[16]), das in "Blasen" gefangen ist, die "glücklicherweise" die Staatsschulden aus den Büchern verschwinden zu lassen, die Inflation verschleiern und ihre negativen Auswirkungen verwischen.
4. Die Gangsterisierung der Wirtschaft: Betrug, illegaler Handel, Schmuggel, Fälschungen usw. nehmen mit der Korruption von Teilen des Staates oder sogar auf Veranlassung von Staaten (wie Serbien, Nordkorea usw.) ein noch nie dagewesenes Ausmaß an.
Der Aufstieg Chinas wurde durch die beispiellosen Umstände des Verschwindens der imperialistischen Blöcke ermöglicht. "Die Phasen des Aufstiegs Chinas sind untrennbar mit der Geschichte der imperialistischen Blöcke und ihrem Verschwinden 1989 verbunden: Die Position der Kommunistischen Linken über die ‘Unmöglichkeit der Entstehung neuer Industrienationen’ in der Zeit der Dekadenz und die Verurteilung von Staaten, ‘die ihren industriellen Rückstand vor dem Ersten Weltkrieg nicht wettmachen konnten, dazu, ‘in totaler Unterentwicklung zu stagnieren oder in eine chronische Abhängigkeit gegenüber den hochindustrialisierten Ländern zu geraten’, galt im Zeitraum von 1914 bis 1989. Es war die Zwangsjacke der Organisation der Welt in zwei gegnerische imperialistische Blöcke (andauernd zwischen 1945 und 1989) zur Vorbereitung auf den Weltkrieg, die jede größere Umwälzung der Hierarchie zwischen den Mächten verhinderte. Chinas Aufstieg begann mit der amerikanischen Hilfe, die seine imperialistische Annäherung an die Vereinigten Staaten im Jahr 1972 belohnte. Er setzte sich nach dem Verschwinden der Blöcke im Jahr 1989 entschlossen fort. China scheint der Hauptnutznießer der ‘Globalisierung’ zu sein, nachdem es 2001 der WTO beigetreten und zur Werkstatt der Welt geworden war; dorthin wurden immer mehr Produktionsstandorte aus dem Westen verlagert und seitens des Westens immer mehr investiert, so dass es schließlich zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt wurde. Es bedurfte der beispiellosen Umstände der historischen Epoche des Zerfalls, um China den Aufstieg zu ermöglichen; ohne diese Umstände des Zerfalls wäre es nicht dazu gekommen.
Chinas Macht trägt alle Stigmata der Endphase des Kapitalismus: Sie basiert auf der extremen Ausbeutung der proletarischen Arbeitskräfte, auf der ungezügelten Entwicklung der Kriegswirtschaft durch das nationale Programm der ‘militärisch-zivilen Fusion’ und wird von der katastrophalen Zerstörung der Umwelt begleitet, während der ‘nationale Zusammenhalt’ auf der polizeilichen Kontrolle der Massen beruht, die der politischen Bildung der Einheitspartei und in Xinjiang und Tibet brutaler physischer Unterdrückung unterworfen sind. Tatsächlich ist China nur eine riesige Metastase des generalisierten militärischen Krebsgeschwürs des gesamten kapitalistischen Systems: Seine Rüstungsproduktion entwickelt sich in rasendem Tempo, sein Verteidigungshaushalt hat sich in 20 Jahren versechsfacht und liegt seit 2010 an zweiter Stelle der Welt." [17]
Der Zeitraum 1989-2008 war durch eine Reihe von Schwierigkeiten gekennzeichnet, die zeigen, dass die Globalisierung trotz der spektakulären Umwälzungen in der Hierarchie zwischen den Wirtschaftsmächten die Tendenz zur Überproduktion und zur Stagnation des Kapitalismus nicht beseitigt hat, was sich in folgenden Punkten zeigt:
- ein schwächeres Wachstum;
- die Unterbeschäftigung oder die Vernichtung riesiger Mengen an Produktionsgrundlagen;
- die enorme Menge an überschüssigen Arbeitskräften (schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte aller Erwerbstätigen weltweit), die arbeitslos oder unterbeschäftigt sind und die der Kapitalismus nicht in die Produktion integrieren kann und die dazu verdammt sind, im informellen Sektor oder am Rande der kapitalistischen Wirtschaft zu schmachten;
- die große Instabilität und die Unfähigkeit, Krisen abzuwenden: die Krise des europäischen Währungssystems 1993, die mexikanische Krise 1994, die asiatische Krise 1997-98, die Krise in Argentinien 2001, das Platzen der Internetblase 2002 ... – mit dem ständigen und wachsenden Risiko der Implosion des internationalen Finanzsystems (auch wenn es dem Kapitalismus zwei Jahrzehnte lang gelungen ist, Krisen auf bestimmte Teile der Welt zu beschränken, um den Preis exorbitant steigender Kosten und Schäden für das System);
- die Tatsache, dass das Krebsgeschwür des Militarismus nicht verschwunden ist, das weiterhin den Lebenssaft aus der globalen Produktion saugt, wobei die wichtigsten Teile der Welt auf unterschiedliche Weise betroffen sind: Die europäischen Länder konnten ihre Militärausgaben im Vergleich zu 1989 etwa halbieren; China hat sich in diesem Zeitraum nicht an Konflikten beteiligt und seine wirtschaftliche Stärke für seinen Aufstieg zur zweitgrößten Weltmacht aufgespart; aber die langen und kostspieligen Kriege (Irak, Afghanistan usw.), die der US-Imperialismus geführt hat, haben dazu beigetragen, seine Wirtschaft im Vergleich zu seinen Rivalen zu schwächen.
In Wirklichkeit war diese Periode nur ein Zwischenspiel, das es dem kapitalistischen System ermöglichte, seine Wirtschaft einigermaßen vor den Auswirkungen des Zerfalls zu bewahren.
So führten die Verschlechterung des realen Zustands der Wirtschaft und die Rache des Wertgesetzes zur Finanzkrise von 2008, der schwersten Finanzkrise seit der Großen Depression von 1929. Sie begann in den USA, dem Herzstück des globalen Kapitalismus, und breitete sich auf den Rest der Welt aus. Die Schwächung der Globalisierungsdynamik, die Verringerung des Spielraums für eine breit angelegte Akkumulation, die Last der Militärausgaben und der imperialistischen Interventionen sowie die Sackgasse der Überproduktion führen dazu, dass die gigantische Ponzi-Pyramide des internationalen Finanzgerüsts, das auf der unbegrenzten allgemeinen Verschuldung des US-Staates beruht, implodiert und zerbricht, wobei die Spekulation als Ersatz für das globale Wachstum dient, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten.
Die gigantischen, historisch beispiellosen Rettungspläne der Zentralbanken der Großmächte und die Rolle Chinas als treibender Kraft konnten zwar das System stabilisieren und die Liquiditätskrise eindämmen, aber die Wirtschaft nicht wirklich wiederbeleben. Das Jahr 2008 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Versinkens der kapitalistischen Produktionsweise in ihrer historischen Krise.
Diese heftige Explosion der Krise, die mehr als zwei Jahrzehnte der Überausbeutung im Weltmaßstab abschließt und keinen Einflussbereich in der Welt, keinen Markt – auch nicht die außerkapitalistischen Märkte – ausspart, bestätigt, dass das kapitalistische System nun noch stärker in einer Situation gefangen ist, in der die universelle Hegemonie der Klassenverhältnisse eine erweiterte Reproduktion zunehmend erschwert. Nachdem sich der Weltmarkt konstituiert hatte und unter den Mächten aufgeteilt war, bedeutete die bloße Tendenz zu diesem Ziel den Eintritt des Kapitalismus in seine Dekadenzphase, wie Rosa Luxemburg hervorhob:
"So breitet sich der Kapitalismus dank der Wechselwirkung mit nichtkapitalistischen Gesellschaftskreisen und Ländern immer mehr aus, indem er auf ihre Kosten akkumuliert, aber sie zugleich Schritt für Schritt zernagt und verdrängt, um an ihre Stelle selbst zu treten. Je mehr kapitalistische Länder aber an dieser Jagd nach Akkumulationsgebieten teilnehmen und je spärlicher die nichtkapitalistischen Gebiete werden, die der Weltexpansion des Kapitals noch offenstehen, um so erbitterter wird der Konkurrenzkampf des Kapitals um jene Akkumulationsgebiete, umso mehr verwandeln sich seine Streifzüge auf der Weltbühne in eine Kette ökonomischer und politischer Katastrophen: Weltkrisen, Kriege, Revolutionen.
Durch diesen Prozeß bereitet das Kapital aber in zweifacher Weise seinen Untergang vor. Indem es einerseits durch seine Ausdehnung auf Kosten aller nichtkapitalistischen Produktionsformen auf den Moment lossteuert, wo die gesamte Menschheit in der Tat lediglich aus Kapitalisten und Lohnproletariern besteht und wo deshalb eben weitere Ausdehnung, also Akkumulation, unmöglich wird. Zugleich verschärft es, im Maße wie diese Tendenz sich durchsetzt, die Klassengegensätze, die internationale wirtschaftliche und politische Anarchie derart, daß es, lange bevor die letzte Konsequenz der ökonomischen Entwicklung – die absolute, ungeteilte Herrschaft der kapitalistischen Produktion in der Welt – erreicht ist, die Rebellion des internationalen Proletariats gegen das Bestehen der Kapitalsherrschaft herbeiführen muss." (Rosa Luxemburg, Antikritik[18])
Viele der bereits in der Dekadenz vorhandenen Phänomene nehmen in der Periode des Zerfalls eine qualitativ neue Dimension an, insbesondere wegen der Unmöglichkeit des Kapitals, eine Perspektive zu bieten: "Die Bourgeoisie ist völlig unfähig, die verschiedenen Bestandteile der Gesellschaft, auch innerhalb der herrschenden Klasse, für ein anderes gemeinsames Ziel zu mobilisieren als den schrittweisen, aber zum Scheitern verurteilten Widerstand gegen die fortschreitende Krise (…). Deshalb unterscheidet sich die heutige Situation der offenen Krise radikal von ihrer Vorgängerin in den 1930er Jahren." (Der Zerfall: Die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus[19])
Solange jede Nation von der Globalisierung profitieren konnte, ist es dem Kapitalismus im Allgemeinen gelungen, die kapitalistische Wirtschaft vor den Auswirkungen des Zerfalls zu bewahren. Insbesondere wurde das "Jeder für sich" eingedämmt und das Recht des Stärkeren stillschweigend geduldet. Ganz anders war die Situation nach 2008, als sich die "Chancen" der Globalisierung schlossen: Die noch offensichtlichere Unfähigkeit der herrschenden Klasse, die Krise ihrer Produktionsweise zu überwinden, führte zu einer Explosion des "Jeder für sich", sowohl in den Beziehungen zwischen den Nationen (mit der schrittweisen Rückkehr des Protektionismus und der einseitigen Infragestellung durch die beiden Hauptmächte des Multilateralismus und die Institutionen der Globalisierung) als auch innerhalb jeder Nation.
In den 2020er Jahren haben die Auswirkungen des Zerfalls ein neues Ausmaß und eine neue Bedeutung erlangt, die für die kapitalistische Wirtschaft äußerst zerstörerisch sind. Den Anfang machte die globale Pandemie von Covid-19, ein reines Produkt des Zerfalls, das die Weltwirtschaft zum Stillstand brachte und massive staatliche Interventionen und eine steigende Verschuldung erforderte. Auf die Pandemie folgte 2022 die Rückkehr des Krieges nach Europa in der Ukraine, dessen Schockwellen die kapitalistische Welt weiterhin erschüttern. Die durch die Pandemie ausgelöste Entwicklung eines noch nie dagewesenen Alleingangs und die Abkehr von jeglicher Form der Zusammenarbeit zwischen den Nationen untergraben das gesamte kapitalistische System und stehen damit im Widerspruch zu den Lehren, die aus der Krise von 1929 hinsichtlich der Notwendigkeit einer relativen Zusammenarbeit zwischen den großen Nationen gezogen wurden.
Die Auswirkungen des Zerfalls beschleunigen sich nicht nur, sie kehren auch wie ein Bumerang zurück, um sich am stärksten im Herzen des Kapitalismus zu manifestieren, da sich die kombinierten Auswirkungen der Wirtschaftskrise, der ökologischen/klimatischen Krise und des imperialistischen Krieges akkumulieren, interagieren und ihre Auswirkungen vervielfachen, um eine verheerende Spirale mit unabsehbaren Folgen für den Kapitalismus zu erzeugen, die die kapitalistische Wirtschaft und ihre Produktionsinfrastruktur immer stärker trifft und destabilisiert. Während jeder einzelne Faktor, der diesen "Strudel" des Zerfalls antreibt, den Zusammenbruch von Staaten bewirken kann, übersteigt seine kombinierte Wirkung bei weitem die Summe der einzelnen Faktoren.
Die globale Störung des Wasserkreislaufs ist ein typisches Beispiel dafür. Als Folge der globalen Erwärmung, die dem kapitalistischen System zuzuschreiben ist, sind extreme und langanhaltende Dürren die Ursache von Megabränden; sie führen zur Versteppung ganzer Landstriche auf dem Globus, machen sie unbewohnbar und führen häufig zu Kriegen. Sie zwingen die Bevölkerung zur Migration; sie waren eine der Ursachen für den Zusammenbruch der arabischen Staaten im Nahen Osten nach 2010[20]. In den Vereinigten Staaten, China und Europa sind die Produktivität und sogar die Landwirtschaft ins Wanken geraten. Extreme Regenfälle und Überschwemmungen ruinieren ganze Regionen oder sogar Staaten (Pakistan), zerstören lebenswichtige Infrastrukturen und bringen die industrielle Produktion zum Erliegen. Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht 10 % der Weltbevölkerung sowie Ballungsräume und industrielle Infrastrukturen in den Küstenregionen zentraler Länder. Der Zugang zu Wasser wird zu einer entscheidenden strategischen Frage, die zu Spannungen und Konflikten zwischen Staaten um die Kontrolle des Wassers führt.
Wie die Entfesselung des Militarismus in der Ukraine zeigt, ist der Krieg (als bewusste Entscheidung der herrschenden Klasse) der entscheidende Beschleuniger von Chaos und Wirtschaftskrise, der zu den verschiedenen Faktoren des "Strudel-Effekts" gehört: zunehmende Hungersnöte weltweit, Unterbrechung der Versorgungsketten, Engpässe, Zerstörung der ukrainischen Wirtschaft, Umweltzerstörung usw.
Der Zerfall wirkt sich auch auf die Art und Weise und in dem Maß aus, wie die herrschende Klasse versucht, mit der Sackgasse in ihrem System umzugehen.
Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine stellt eine "epochale Veränderung" für den Kapitalismus und die zentralen Länder dar. Der Krieg mit seinem zunehmend irrationalen Charakter, bei dem jede Seite sich selbst ruiniert und schwächt, ist nicht mehr nur eine ferne Aussicht. Er rückt immer näher an die Zentren des Weltkapitalismus heran und betrifft die meisten Großmächte. Er hat weiterhin tiefgreifende negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaftslage und stört alle Beziehungen zwischen den kapitalistischen Nationen.
Während sich das Chaos in seinem Gefolge weiter ausbreitet (mit dem Konflikt zwischen Israel und der Hamas), bereiten sich alle Staaten auf einen Krieg "hoher Intensität" vor: Jedes nationale Kapital reorganisiert seine Volkswirtschaft, um seine Militärindustrie zu stärken und seine strategische Unabhängigkeit zu gewährleisten. Die Militärausgaben steigen überall rasant an und erreichen oder übertreffen sogar den Anteil des nationalen Reichtums, der auf dem Höhepunkt der Blockkonfrontation für die Rüstung aufgewendet wurde.
Die allgemeine Verschärfung der imperialistischen Spannungen, und innerhalb derselben des großen Konfliktes zwischen China und den USA, hat tiefgreifende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Stabilität des kapitalistischen Systems. Infolge des Bestrebens der USA, die industrielle Macht Chinas zu torpedieren (die die Grundlage des Aufstiegs der militärischen Macht Chinas und seines Strebens nach globaler Expansion bildet) und ihre Verbündeten in die Abkopplung der westlichen Volkswirtschaften von China durch die Förderung des "Friend-shoring" einzubeziehen, entwickelt sich eine Tendenz zur Fragmentierung des Weltmarktes. Die wirtschaftlichen Entscheidungen der Großmächte werden zunehmend von strategischen Überlegungen bestimmt, die den imperialistischen Bruchstellen folgen und zu erheblichen Störungen des weltweiten Angebots und der Nachfrage führen.
Die Mechanismen des Staatskapitalismus und seine Effizienz neigen zu Stagnation. Die Schwere der kapitalistischen Sackgasse und die Notwendigkeit, eine Kriegswirtschaft aufzubauen, schüren die Konfrontationen innerhalb jeder nationalen Bourgeoisie, während die Auswirkungen des Zerfalls auf die Bourgeoisie und die Gesellschaft in der Tendenz zum Ausdruck kommen, dass die herrschende Klasse die Kontrolle über ihr politisches Spiel verliert. Die Tendenz zu Instabilität und politischem Chaos innerhalb der herrschenden Klasse, wie sie in der amerikanischen und britischen Bourgeoisie zu beobachten ist, beeinträchtigt die Kohärenz, die langfristige Vision und die Kontinuität der Verteidigung der globalen Interessen des nationalen Kapitals. Die Machtübernahme durch unverantwortliche populistische Gruppierungen (mit für ihr nationales Kapital unrealistischen Programmen) schwächt die Wirtschaft und die Maßnahmen, die der Kapitalismus seit 1945 ergriffen hat, um einen unkontrollierten Ausbruch der Wirtschaftskrise zu verhindern.
Wenn die westliche Form des Staatskapitalismus ihren stalinistischen Rivalen überleben konnte, dann so, wie ein Organismus mit einer stärkeren Konstitution dieselbe Krankheit länger übersteht. Auch wenn sich die Bourgeoisie immer noch auf "verantwortungsbewusstere" Fraktionen mit größerem Staatsverständnis stützen kann, zeigt der Kapitalismus heute ähnliche Tendenzen wie jene, die den Untergang des stalinistischen Staatskapitalismus verursachten. Im Falle des chinesischen Staatskapitalismus, der trotz der Vermischung seiner Wirtschaft mit dem Privatsektor durch stalinistische Rückständigkeit gekennzeichnet und von Spannungen innerhalb der herrschenden Klasse geprägt ist, ist die Versteifung des Staatsapparats ein Zeichen der Schwäche und ein Anzeichen für zukünftige Instabilität.
Die Verschuldung, das wichtigste Mittel zur Linderung der historischen Krise des Kapitalismus, verliert nicht nur an Wirksamkeit, sondern die Last der Verschuldung verurteilt den Kapitalismus zu immer verheerenderen Erschütterungen. Indem sie die Möglichkeit, die Gesetze des Kapitalismus zu überlisten, immer mehr einschränkt, verringert sie den Handlungsspielraum jedes Kapitals zur Unterstützung und Wiederbelebung der nationalen Wirtschaft. Die Rolle des "Zahlers der letzten Instanz", die die Regierungen seit 2008 übernommen haben, schwächt die Währungen, während der Schuldendienst die Investitionsmöglichkeiten der Regierungen stark einschränkt.
Das Bild, das das kapitalistische System zeichnet, bestätigt die Vorhersagen von Rosa Luxemburg. Der Kapitalismus wird keinen rein wirtschaftlichen Zusammenbruch erleben, sondern in Chaos und Konvulsionen versinken:
- Das fast völlige Fehlen außerkapitalistischer Märkte verändert nun die Bedingungen, unter denen die wichtigsten kapitalistischen Staaten eine erweiterte Akkumulation erreichen müssen. Als Bedingung für ihr eigenes Überleben kann dies zunehmend nur auf direktem Wege auf Kosten der gleichrangigen Konkurrenten erreicht werden, indem deren Wirtschaft geschwächt wird. Die Vorhersage des IKS aus den 1970er Jahren, dass die kapitalistische Welt nur überleben kann, wenn sie sich auf eine kleine Anzahl von Mächten reduziert, die noch in der Lage sind, ein Minimum an Akkumulation zu erreichen, wird immer mehr zur Realität.
- Die Sackgasse der Überproduktion in Verbindung mit der der kapitalistischen Produktion innewohnenden Anarchie und der zunehmenden Zerstörung der Ökosysteme führt zu immer mehr Engpässen oder Störungen (Medikamente, Landwirtschaft usw.), weil nicht genug Profit für deren Produktion erwirtschaftet werden kann.
- Ein Ausdruck dieser Sackgasse ist die durch die Wiederkehr des Krieges ausgelöste Inflation, die die Wirtschaft destabilisiert und ihr die nötige langfristige Perspektive raubt.
- Die verzweifelte Suche nach neuen Standorten für die Verlagerung von Kapital (z. B. in Afrika, im Nahen Osten) und die Ausbeutung billigerer Arbeitskräfte stößt auf die höllischen Bedingungen des Chaos und der Unterentwicklung; ein Hindernis für die westlichen Mächte wie für das chinesische Seidenstraßenprojekt, das vor dem Kollaps steht.
- Auch Indien bietet keine tragfähige langfristige Alternative, die eine ähnliche Rolle spielen könnte wie China in den 1990er und 2000er Jahren; die Umstände, die das "Wunder des Aufstiegs Chinas" ermöglichten, sind nicht mehr gegeben, und eine solche Perspektive ist heute verschlossen.
- Die enormen Kosten für die Bewältigung der ökologischen Krise und die Dekarbonisierung der Wirtschaft übersteigen bei weitem die Fähigkeit des Kapitals, die erforderlichen Investitionen zu tätigen. Viele Ökoprojekte werden einfach aufgegeben, weil die Kreditkosten ihre Rentabilität zunichtemachen, sowohl in Europa als auch in den USA.
- Trotz der beträchtlichen Verlangsamung der Entwicklung der Produktivkräfte ist der Kapitalismus immer noch in der Lage, einige Fortschritte zu machen, zum Beispiel in der Medizin, der Biotechnologie, der künstlichen Intelligenz usw. Aber diese Fortschritte, die durch den Gebrauch, den das Kapital von ihnen macht, zutiefst pervertiert sind, wenden sich gegen die Arbeiterklasse und die Menschheit. Abgesehen von der Gefahr, dass Tausende von Arbeitsplätzen vernichtet werden, ohne dass die Arbeitskräfte anderswo Arbeit finden, wird die Künstliche Intelligenz von den Regierungen als Instrument zur Kontrolle der Bevölkerung oder zur Destabilisierung ihrer imperialistischen Konkurrenten und vor allem als Kriegswaffe und Zerstörungswerkzeug betrachtet (Israel beispielsweise, das sich rühmt, den ersten "KI-Krieg" zu führen, sieht in ihr den "Schlüssel zum modernen Überleben"). Einige ihrer Entwickler haben davor gewarnt, dass die KI ein Risiko für die Auslöschung der Menschheit darstellt, das mit anderen Risiken wie Pandemien und Atomkrieg vergleichbar ist.
- Der massive Arbeitskräftemangel in vielen westlichen Ländern ist das Ergebnis der Anarchie des Kapitalismus, die sowohl Überkapazitäten als auch Engpässe hervorruft, aber auch der Tendenz zur demografischen Krise, zum Zusammenbruch der Reproduktion der Bevölkerung, von welcher Krise die westlichen Länder und China betroffen sind. Die Überalterung der Bevölkerung in den am weitesten entwickelten Ländern führt zu einem Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, so dass jedes Land auf Einwanderung angewiesen ist. Der massive Arbeitskräftemangel spiegelt auch die zunehmende Unfähigkeit der Bildungssysteme wider, dem Markt ausreichend ausgebildete Arbeitskräfte für die in der Produktion erforderlichen technischen Fertigkeiten zur Verfügung zu stellen, während viele Sektoren aufgrund der herrschenden Ausbeutungs- und Entlohnungsbedingungen verlassen werden.
Der 25. Kongress der IKS 2023 hat die Folgen dieser historischen Situation für die großen Nationen klar benannt:
"Nicht nur, dass die Fähigkeit der wichtigsten kapitalistischen Mächte zur Zusammenarbeit, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise einzudämmen, mehr oder weniger verschwunden ist, sondern die USA haben angesichts der Verschlechterung ihrer Wirtschaft und der Verschärfung der globalen Krise und um ihre Position als führende Weltmacht zu bewahren, zunehmend bewusst versucht, ihre Konkurrenten zu schwächen. Dies ist ein offener Bruch mit einem großen Teil der Regeln, die sich die Staaten seit der Krise von 1929 gegeben haben. Er öffnet den Weg in eine Ungewissheit, die mehr und mehr von Chaos und unvorhersehbaren Folgen beherrscht wird.
In der Überzeugung, dass die Wahrung ihrer Führungsposition gegenüber dem Aufstieg Chinas in hohem Maße von ihrer Wirtschaftsmacht abhängt, die durch den Krieg politisch und militärisch gestärkt wurde, gehen die USA auch auf wirtschaftlicher Ebene gegen ihre Rivalen in die Offensive. Diese Offensive geht in mehrere Richtungen. Die USA sind der große Gewinner des gegen Russland geführten ‘Gaskriegs’ zum Nachteil der europäischen Staaten, die gezwungen sind, die russischen Gasimporte einzustellen. Nachdem die USA dank der unter Obama eingeleiteten langfristigen Energiepolitik die Selbstversorgung mit Öl und Gas erreicht haben, hat der Krieg die Vormachtstellung der USA im strategischen Bereich der Energie bestätigt. Die USA haben ihre Rivalen auf dieser Ebene in die Defensive gedrängt: Europa musste sich mit seiner Abhängigkeit von amerikanischem Flüssigerdgas abfinden. China, das in hohem Maße von importierten Kohlenwasserstoffen abhängig ist, wurde dadurch geschwächt, dass die USA nun in der Lage sind, Chinas Versorgungswege zu kontrollieren. Die USA verfügen nun über eine noch nie dagewesene Fähigkeit, auf dieser Ebene Druck auf den Rest der Welt auszuüben.
Die verschiedenen geldpolitischen, finanziellen und industriellen Initiativen (von Trumps Konjunkturprogrammen bis hin zu Bidens massiven Subventionen für Produkte ‘Made in the USA’, dem Inflation Reduction Act, usw.) haben die ‘Widerstandsfähigkeit’ der US-Wirtschaft erhöht, was Kapitalinvestitionen und Industrieverlagerungen auf amerikanisches Territorium anlockt. Die USA begrenzen die Auswirkungen der derzeitigen weltweiten Konjunkturabschwächung auf ihre Wirtschaft und schieben die schlimmsten Auswirkungen von Inflation und Rezession auf den Rest der Welt ab.
Um ihren entscheidenden technologischen Vorsprung zu sichern, streben die USA außerdem die Verlagerung strategischer Technologien (Halbleiter) in die USA bzw. die internationale Kontrolle über diese Technologien an, von denen sie China ausschließen wollen, während sie gleichzeitig mit Sanktionen gegen jeden Konkurrenten um ihr Monopol drohen.
Das Bestreben der USA, ihre wirtschaftliche Macht zu erhalten, hat zur Folge, dass das kapitalistische System insgesamt geschwächt wird. Der Ausschluss Russlands vom internationalen Handel, die Offensive gegen China und die Abkopplung der beiden Volkswirtschaften, kurzum der erklärte Wille der USA, die Weltwirtschaftsbeziehungen zu ihren Gunsten umzugestalten, markiert einen Wendepunkt: Die USA erweisen sich als Faktor der Destabilisierung des Weltkapitalismus und der Ausweitung des Chaos auf wirtschaftlicher Ebene.
Europa wurde durch den Krieg, der es seiner wichtigsten Stärke, nämlich seiner Stabilität, beraubt hat, besonders hart getroffen. Das Kapital Europas leidet unter der beispiellosen Destabilisierung seines ‘Wirtschaftsmodells’ und läuft Gefahr, infolge des Drucks des ‘Gaskriegs’ und des amerikanischen Protektionismus in einen Prozess der Deindustrialisierung und der Rückverlagerung von Produktionsstätten in den amerikanischen oder asiatischen Raum zu geraten.
Vor allem in Deutschland konzentrieren sich alle Widersprüche dieser beispiellosen Situation explosionsartig. Das Ende der russischen Gaslieferungen bringt Deutschland in eine Situation wirtschaftlicher und strategischer Fragilität, die seinen Wettbewerbsvorteil und seine gesamte Industrie bedroht. Das Ende des Multilateralismus, von dem das deutsche Kapital mehr als jede andere Nation profitiert hat (und der es auch von der Last der Militärausgaben befreit hat), wirkt sich direkter auf seine vom Export abhängige Wirtschaftskraft aus. Es läuft auch Gefahr, bei der Energieversorgung von den USA abhängig zu werden, während letztere ihre ‘Verbündeten’ dazu drängen, sich dem wirtschaftlichen/strategischen Krieg gegen China anzuschließen und auf ihre chinesischen Märkte zu verzichten. Da China ein so wichtiger Absatzmarkt für das deutsche Kapital ist, stellt dies Deutschland vor ein großes Dilemma, das von anderen europäischen Mächten in einer Zeit geteilt wird, in der die EU selbst von der Tendenz ihrer Mitgliedstaaten bedroht ist, ihre nationalen Interessen über die der Union zu stellen.
China, das vor zwei Jahren noch als der große Gewinner der Covid-Krise dargestellt wurde, ist eine der charakteristischsten Ausprägungen des Strudeleffekts. Das Land, das bereits unter einer wirtschaftlichen Verlangsamung leidet, steht nun vor großen Turbulenzen.
Seit Ende 2019 lähmen die Pandemie, die wiederholten Schließungen und die Flut von Infektionen, die auf die Abkehr von der ‘Null-Covid’-Politik folgten, die chinesische Wirtschaft.
China ist in die globale Krisendynamik verwickelt, sein Finanzsystem ist durch das Platzen der Immobilienblase bedroht. Der Niedergang des russischen Partners und die Unterbrechung der ‘Seidenstraßen’ nach Europa durch bewaffnete Konflikte oder das herrschende Chaos richten erheblichen Schaden an. Der starke Druck der USA verschärft die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes weiter. Und angesichts der wirtschaftlichen, gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Probleme stellt die angeborene Schwäche der stalinistischen Staatsstruktur ein großes Handicap dar. China ist weit davon entfernt, die Rolle einer Lokomotive der Weltwirtschaft spielen zu können, es stellt eine tickende Zeitbombe dar, deren Destabilisierung unvorhersehbare Folgen für den Weltkapitalismus hat."[21]
Russland scheint eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegenüber den Sanktionen zu zeigen, die seine Wirtschaft ausbluten lassen sollen. Paradoxerweise konnte es von der Rückständigkeit seiner Wirtschaft profitieren (die bereits vor 1989 zu beobachten und typisch für die Dekadenz war), die vor allem auf der Gewinnung und dem Export von Rohstoffen, insbesondere von Kohlenwasserstoffen, beruht. Ebenso hat es die Mentalität des "Jeder für sich" in den Beziehungen zwischen den Nationen auszunutzen verstanden, um Rohstoffe an China oder Indien zu verkaufen und so die Auswirkungen der Sanktionen teilweise abzumildern. Dieser zerbrechliche und zeitlich begrenzte "Aktivposten" wird jedoch der schrittweisen Strangulierung seiner industriellen Kapazitäten nicht ewig standhalten können.
Viele Länder stehen am Rande des Bankrotts, können ihre Schulden aufgrund steigender Zinsen nicht mehr bedienen und sind Opfer der Kapitalflucht in die USA. Die Erweiterung der BRICS von 5 auf 11 Mitglieder (darunter Argentinien, Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate) stellt einen Versuch dar, sich von den USA zu emanzipieren und der Strangulierung ihrer Volkswirtschaften zu entkommen. Die Einführung einer gemeinsamen Währung oder die Verwendung der chinesischen Währung als Alternative zum Dollar sind aufgrund der zahlreichen Differenzen zwischen diesen Ländern, insbesondere in Bezug auf ihre Beziehungen zum chinesischen Staat, unwahrscheinlich.
Die drei großen Teile des Kapitalismus versinken in einer Stagflation, ohne Hoffnung auf eine wirkliche Erholung der kapitalistischen Wirtschaft; es besteht die Gefahr eines Abgleitens in eine Rezession, an deren Rand die EU und möglicherweise China bereits stehen, während die USA versuchen, sich auf Kosten ihrer Rivalen zu retten.
"Die kapitalistische Krise berührt die Grundfesten dieser Gesellschaft. Inflation, Prekarität, Arbeitslosigkeit, höllische Arbeitsrhythmen und Arbeitsbedingungen, die die Gesundheit der ArbeiterInnen zerstören, unbezahlbarer Wohnraum zeugen von einer unaufhaltsamen Verschlechterung des Lebens der Arbeiterklasse, und obwohl die Bourgeoisie versucht, alle erdenklichen Spaltungen zu schaffen, indem sie bestimmten Kategorien von ArbeiterInnen "privilegiertere" Bedingungen zugesteht, sehen wir im Ganzen einerseits, was möglicherweise die schwerste Krise in der Geschichte des Kapitalismus sein wird, und andererseits die konkrete Realität der absoluten Verelendung der Arbeiterklasse in den zentralen Ländern, jene Ankündigung, die Marx für die historische Perspektive des Kapitalismus gemacht hat und über die sich die Ökonomen und andere Ideologen der Bourgeoisie so sehr mokiert haben." [22]
Nach jahrzehntelangem Druck auf den Preis der Arbeitskraft ist der Anteil der Arbeit am geschaffenen Reichtum seit Ende der 1970er Jahre weltweit stetig gesunken. Die Reallöhne sind auf das Niveau von vor 1980 zurückgegangen. Ein großer Teil der Arbeiterklasse lebt heute unter der Armutsgrenze oder knapp an der Armutsgrenze.
Die Bourgeoisie rühmt sich, dass es ihr gelungen sei, die Inflation einzudämmen, aber gemessen an der Kaufkraft der Arbeiterklasse muss jede ProletarierIn viel mehr für Treibstoff, Lebensmittel und die Rückzahlung ihrer Kredite bezahlen, während ihr Lohn durch den "Fortschritt" weit unter die Inflationsrate gesenkt wurde, was bedeutet, dass die elementarsten Bedürfnisse nicht befriedigt werden können.
Die Ausbeutung des relativen Mehrwerts geht zunehmend Hand in Hand mit der Ausbeutung des absoluten Mehrwerts, die Intensivierung der Arbeit geht einher mit der Verlängerung des Arbeitstages und der Dauer der Ausbeutungszeit im Leben jeder Arbeiterin und jedes Arbeiters.
Die Ausbeutungsbedingungen tendieren sogar immer mehr dazu, die physiologischen Grenzen des Proletariats zu überschreiten, indem sie die Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Arbeit buchstäblich umbringen.
Einige amerikanische Bundesstaaten haben versucht, die Arbeitenden zu zwingen, während Hitzewellen zu schuften, was zu einem Anstieg der Todesfälle und Unfälle führte. In Korea, wo der Tod am Arbeitsplatz ein weit verbreitetes Phänomen ist (wie im übrigen Südostasien), wurde der Wunsch des Staates, die Wochenarbeitszeit von 52 auf 69 Stunden zu erhöhen, durch die Reaktion der Klasse vereitelt.
Jedes Jahr verursachen Arbeitsunfälle ein Massaker: Offiziell werden weltweit fast zwei Millionen Arbeitskräfte getötet und 270 Millionen verletzt oder verstümmelt.
In vielen Produktionsbereichen erleiden die überlasteten Arbeitskräfte einen derart beschleunigten nervlichen und muskuloskelettalen Verschleiß, dass sie ausgemustert werden und zu den arbeitsunfähigen ProletarierInnen gehören, lange bevor das gesetzliche Rentenalter erreicht ist.
Schließlich sind Situationen, in denen die Arbeitskräfte quasi versklavt werden (insbesondere in den landwirtschaftlichen Sektoren der Industrieländer), Schuldknechtschaft oder Zwangsarbeit (z. B. im industriellen Fischereisektor in China) an der Tagesordnung, vor allem bei Wanderarbeitern.
Da sich die Krise weiter verschärfen wird, werden die wirtschaftlichen Angriffe auf die arbeitenden und arbeitslosen Klassen weitergehen.
Aber genug ist genug! In den letzten zwei Jahren hat die Arbeiterklasse begonnen, sich zu wehren und den Kampf in allen Zentren der Weltwirtschaft aufzunehmen. Diese historische Rückkehr zum Klassenkampf nach mehreren Jahrzehnten proletarischer Passivität bestätigt die Bedeutung der Krise und der Verteidigungskämpfe für die Zukunft des Kampfes der Arbeiterklasse in der marxistischen Theorie: "… die ökonomischen Attacken (Lohnsenkungen, Entlassungen, Verschärfung der Arbeitshetze, etc.) im Gegensatz zu den Auswirkungen des Zerfalls (z. B. die Umweltverschmutzung, die Drogensucht, die Unsicherheit usw.), die relativ unterschiedslos alle Gesellschaftsschichten erfassen und einen günstigen Nährboden für klassenübergreifende Kampagnen und Mystifikationen bilden (wie Ökologie, Anti-AKW-Bewegungen, antirassistische Mobilisierungen usw.), direkt aus der Krise herrühren, die ganz spezifisch das Proletariat (das heißt, die Mehrwert produzierende und auf diesem Terrain das Kapital konfrontierende Klasse) betrifft. Die Wirtschaftskrise ist im Gegensatz zum gesellschaftlichen Zerfall, der hauptsächlich den Überbau betrifft, ein Phänomen, das direkt die Infrastruktur der Gesellschaft selbst ergreift, auf denen dieser Überbau ruht. Daher stellt die Krise die ultimativen Ursachen der gesamten Barbarei bloß, unter der die Gesellschaft leidet, und ermöglicht somit der Arbeiterklasse, sich der Notwendigkeit einer radikalen Umwälzung dieses Systems bewußt zu werden, ohne zu versuchen, einige Teilaspekte zu verbessern.“[23]
IKS, Dezember 2023
[1] https://www.leftcom.org/en/articles/2009-11-24/the-fall-in-the-average-rate-of-profit-the-crisis-and-its-consequences [203] (aufgerufen im September 2024)
[2] Der Kapitalismus kann den Markt, der für den Verkauf seiner Produktion notwendig ist, nicht selber bilden, weshalb er den Überschuss immer an außerkapitalistische Märkte verkaufen musste, entweder innerhalb der von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen beherrschten Länder oder außerhalb.
[3] Im Punkt 3: Die Dekadenz des Kapitalismus
[4] Marxismus und Krisentheorien, International Review Nr. 13, 1978, Englisch
[5] Resolution zur Krise, International Review Nr. 26, 1981, Englisch
[6] Die Bedingungen für die Revolution: Die Überproduktionskrise, der Staatskapitalismus und die Kriegswirtschaft, International Review Nr. 31, 1982, Englisch
[7] Krisen und Zyklen in der Wirtschaft des sterbenden Kapitalismus – Teil 1, Bilan Nr. 10, August-September 1934
[8] Dazu: Die kapitalistische Krise im Ostblock, International Review Nr. 23, 1980, Englisch
[9] Die Krise des Staatskapitalismus: Die Weltwirtschaft versinkt im Chaos, International Review Nr. 61, 1990, Englisch
[10] Internationale Revue Nr. 13, 1991
[11] Die Krise des Staatskapitalismus: Die Weltwirtschaft versinkt im Chaos, International Review Nr. 61, 1990, Englisch
[12] Internationale Revue Nr. 13, 1991
[13] Internationale Revue Nr. 13, 1991
[14] Krisen und Zyklen in der Wirtschaft des sterbenden Kapitalismus – Teil 1, Bilan Nr. 10, August-September 1934
[15] Krisen und Zyklen in der Wirtschaft des sterbenden Kapitalismus – Teil 2, Bilan Nr. 11, Oktober-November 1934, wiederveröffentlicht in International Review Nr. 103, 2000, Englisch
[16] Laurent Carroué, Didier Collet, Claude Ruiz, La Mondialisation, Edition Bréal 2006, S. 107
[17] Resolution zur internationalen Lage (2019): imperialistische Spannungen, Leben der Bourgeoisie, Wirtschaftskrise; in Internationale Revue Nr. 56
[18] Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben, Eine Antikritik, Gesammelte Werke Bd. 5 S. 430
[19] Internationale Revue Nr. 13, 1991
[20] Vgl. dazu: Jean-Michel Valantin, Géopolitique d‘une planète, Seuil, 2017, S. 240-249, die Kapitel: Die „Arabischen Frühlinge“: politische Krise, geophysikalische Krise; Extreme Wetterereignisse und politische Krisen; Klima, Agrarkrise und Bürgerkrieg: der Fall Syrien.
[21] Resolution des 25. Internationalen Kongresses der IKS zur internationalen Lage, Internationale Revue Nr. 59, 2023
[22] Der Kapitalismus führt zur Zerstörung der Menschheit, nur die Weltrevolution des Proletariats kann dem ein Ende setzen [156], Drittes Manifest der IKS (als PDF und online unter: Internationale Revue 2022)
[23] Der Zerfall: Die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus, Internationale Revue Nr. 13, 1991
Seit dem 7. Oktober 2023 ist der Nahe Osten erneut in eine Eskalation barbarischer Gewalt verwickelt, die jegliche Vorstellung übersteigt. Nach dem Überfall von Hunderten von Hamas-Terroristen, die so viele Menschen wie möglich auf israelischem Gebiet massakrierten und entführten, und dem Abschuss von Tausenden von Raketen aus Gaza war die Reaktion der israelischen Armee verheerend: systematische Bombardierung und Zerstörung von Bevölkerungszentren, Tod von Zehntausenden von Menschen, hauptsächlich Frauen und Kindern, und weitere Vertreibung der gesamten Bevölkerung des Gazastreifens, wobei ganze Familien gezwungen sind, auf der Straße zu schlafen. Die palästinensische Bevölkerung wird sowohl von der Hamas als auch von der israelischen Armee als Geisel gehalten, und die umliegenden arabischen Staaten (Ägypten, Jordanien) tun alles, um die vertriebenen Palästinenserinnen und Palästinenser daran zu hindern, in ihre Gebiete zu fliehen. Von der Hisbollah im Norden bis zu den Huthis am Roten Meer bedroht eine schleichende Ausweitung des Krieges die gesamte Region.
Angesichts dieses Gemetzels reichen Empörung und Wut nicht aus. Vor allem müssen wir den historischen Kontext analysieren und verstehen, der zu diesen Massakern geführt hat. Hinter den Behauptungen pro-zionistischer Demokraten über das „heilige Recht der Juden, ihren Staat zu gründen und zu verteidigen“ oder den Parolen der pro-palästinensischen Linken, die ein „freies Palästina vom Fluss bis zum Meer“ befürworten, verbirgt sich eine Mobilisierung der Bevölkerung der Region, insbesondere der Arbeiterklasse, mit dem Ziel, das Blutbad zugunsten abscheulicher imperialistischer Manöver und Konfrontationen zu vervielfachen, die seit mehr als einem Jahrhundert andauern: „Die geopolitische Landschaft des heutigen Nahen Ostens ist ohne Kenntnis der imperialistischen Manöver der letzten hundert Jahre nicht zu verstehen“ (Walter Auerbach, Zionismus und Marxismus, Intransigence Website[1], 2018).
Als der Kapitalismus in seine dekadente Phase überging, die der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verdeutlichte, verlor die Bildung neuer Nationalstaaten jegliche fortschrittliche Funktion und diente nur noch dazu, brutale ethnische Säuberungen, Massenvertreibungen von Bevölkerungsgruppen und systematische Diskriminierung von Minderheiten zu rechtfertigen. Wir müssen uns nur daran erinnern, wie es fast zeitgleich mit der Gründung des zionistischen Staates in den späten 1940er Jahren – und auch als Folge des doppelzüngigen britischen Imperialismus – zu erzwungenen Massenfluchten von Muslimen aus Indien und von Hindus aus Pakistan kam, die durch schreckliche Pogrome auf beiden Seiten ausgelöst wurden. In jüngerer Zeit führte der Zerfall Jugoslawiens zu blutigen Bürgerkriegen und Massakern. Der israelisch-palästinensische Konflikt mit seinen Massakern und Flüchtlingen ist also, obwohl er seine spezifischen Aspekte hat, kein außergewöhnliches Übel, sondern ein klassisches Produkt der Dekadenz des Kapitalismus. In diesem Zusammenhang lehnt eine internationalistische Position, die von der Kommunistischen Linken verteidigt wird, jegliche Unterstützung für einen kapitalistischen Staat oder Protostaat und die großen imperialistischen Kräfte, die sie unterstützen, ab. Heute steht die Aufhebung aller kapitalistischen Staaten auf der Tagesordnung, und zwar durch ein einziges Mittel: die internationale proletarische Revolution. Jedes andere „strategische“ oder „taktische“ Ziel ist eine Unterstützung für die mörderische Logik des imperialistischen Krieges.
Die Geschichte der Konfrontation zwischen der jüdischen und der arabischen herrschenden Klasse in Palästina zeigt, wie die „nationalen“ Bewegungen sowohl der Juden als auch der Araber, die zwar durch die Tortur der Unterdrückung und Verfolgung entstanden sind, untrennbar mit der Konfrontation rivalisierender Imperialismen verbunden sind und wie diese Bewegungen beide dazu benutzt wurden, die gemeinsamen Klasseninteressen der arabischen und jüdischen Proletarierinnen und Proletarier in den Hintergrund zu drängen, was dazu führte, dass sie sich gegenseitig für die Interessen ihrer Ausbeuter abschlachteten.
Seit dem Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert, nachdem der Globus unter den europäischen Großmächten aufgeteilt worden war, nahmen die imperialistischen Konflikte eine qualitativ neue Form an, mit immer offeneren und gewalttätigeren Konfrontationen zwischen Mächten in verschiedenen Teilen der Welt: zwischen Frankreich und Italien in Nordafrika, zwischen Frankreich und Großbritannien in Ägypten und im Sudan, zwischen Großbritannien und Russland in Zentralasien, zwischen Russland und Japan im Fernen Osten, zwischen Japan und Großbritannien in China, zwischen den Vereinigten Staaten und Japan im Pazifik, zwischen Deutschland und Frankreich um Marokko usw. Von diesem Zeitpunkt an hatten verschiedene Mächte, wie Deutschland, Russland und Großbritannien, auch Teile des im Niedergang begriffenen Osmanischen Reiches im Visier.[2]
Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg bot weder auf dem Balkan noch im Nahen Osten die Möglichkeit, eine große Industrienation zu schaffen, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig gewesen wäre. Im Gegenteil, der Druck der Konfrontation zwischen den bedeutenden Imperialismen führte zur Fragmentierung und zur Entstehung von embryonalen Staaten. So wie die Kleinstaaten auf dem Balkan bis heute Gegenstand imperialistischer Machenschaften sind, war und ist der asiatische Teil der Ruinen des Osmanischen Reiches, der Nahe Osten, Schauplatz permanenter imperialistischer Konflikte. Bereits während des Ersten Weltkriegs teilten Frankreich und Großbritannien die Kontrolle über die „verlassenen“ arabischen Gebiete unter sich auf (Sykes-Picot-Abkommen von 1916), wobei sie sich die Niederlage Deutschlands und den Sturz Russlands von der imperialistischen Bühne (angesichts der damaligen revolutionären Bewegung) zunutze machten. Infolgedessen erhielt Großbritannien im April 1920 vom Völkerbund ein „Mandat“ über Palästina, Transjordanien, den Iran und den Irak, während Frankreich eines über Syrien und den Libanon erhielt. Praktisch alle anhaltenden ethnisch-religiösen Konflikte, von denen wir heute in der Region hören – zwischen Juden und Arabern in Israel/Palästina, Sunniten und Schiiten im Jemen und im Irak, Christen und Muslimen im Libanon, Christen, Sunniten und Schiiten in Syrien, den Kurden im türkischen, iranischen, irakischen und syrischen Kurdistan –, lassen sich auf die Art und Weise zurückführen, wie der Nahe Osten um 1920 aufgeteilt wurde. Was Palästina betrifft, so wurde es, solange das Osmanische Reich existierte, immer als Teil Syriens betrachtet. Aber jetzt, mit dem britischen Mandat über Palästina, schufen die großen imperialistischen Mächte eine neue „Entität“, die von Syrien getrennt war. Wie all diese neuen „Entitäten“, die während der Dekadenz des Kapitalismus geschaffen wurden, war es dazu bestimmt, ein permanenter Schauplatz von Konflikten und Intrigen zwischen verschiedenen bedeutenden imperialistischen Mächten zu werden.
In keinem der arabischen Länder oder Protektorate verfügte die lokale Bourgeoisie über die Mittel, um wirtschaftlich und politisch solide Staaten aufzubauen, die frei von der Kontrolle der „Schutzmächte“ gewesen wären, und der Ruf nach „nationaler Befreiung“ war in Wirklichkeit nichts weiter als eine reaktionäre Forderung. Während Marx und Engels im 19. Jahrhundert noch bestimmte nationale Bewegungen unterstützen konnten – unter der einzigen Bedingung, dass die Bildung von Nationalstaaten das Wachstum der Arbeiterklasse beschleunigen und sie stärken könnte, damit sie als Totengräberin des Kapitalismus fungieren könnte –, zeigte die wirtschaftliche und imperialistische Realität im Nahen Osten, dass es keinen Raum mehr für die Bildung einer neuen arabischen oder palästinensischen Nation gab. Wie überall auf der Welt konnte keine nationale Fraktion des Kapitals mehr eine fortschrittliche Rolle spielen, sobald der Kapitalismus in seine Phase des Niedergangs eintrat, was die Analyse bestätigte, die Rosa Luxemburg bereits im Ersten Weltkrieg angestellt hatte: „Der Nationalstaat, nationale Einheit und die Unabhängigkeit, das war das ideologische Schild, unter dem sich die bürgerlichen Großstaaten in Mitteleuropa im vorigen Jahrhundert konstituierten. (...) Bevor der Kapitalismus zur erdumspannenden Weltwirtschaft sich auswachsen konnte, suchte er sich in den nationalen Grenzen eines Staates ein geschlossenes Gebiet zu schaffen. (...) [Die nationale Phrase] fungiert [heute] nur noch als notdürftiger Deckmantel imperialistischer Bestrebungen und als Kampfschrei imperialistischer Rivalitäten, als einziges und letztes ideologisches Mittel, womit die Volksmassen für ihre Rolle des Kanonenfutters in den imperialistischen Kriegen eingefangen werden können.“ (Die Krise der Sozialdemokratie [Junius-Broschüre])
Während des Ersten Weltkriegs hatten die beiden Mandatsmächte den unterjochten Völkern, die damals unter der Knute des Sultans von Istanbul standen, Versprechungen gemacht. Insbesondere Großbritannien hatte bei den Arabern Hoffnungen auf Unabhängigkeit und sogar auf die Bildung einer großen arabischen Nation geweckt (siehe den McMahon-Hussein-Briefwechsel von 1915-1916) und es war Großbritannien gelungen, einen Aufstand arabischer Stämme gegen die Osmanen zu entfachen (unter der gemeinsamen Führung von T. E. Lawrence, „Lawrence von Arabien“). Gleichzeitig stellte Palästina für Großbritannien eine strategische Position zwischen dem Suezkanal und dem zukünftigen britischen Mesopotamien dar, die für die Verteidigung seines Kolonialreichs, das von anderen Mächten begehrt wurde, von entscheidender Bedeutung war. Aus dieser Sicht war der britische Staat nicht abgeneigt, die aus Europa „importierte“ Kolonisierung zu unterstützen, die eine Art Kontrollmacht für die Region darstellte, nach dem Vorbild der Buren in Südafrika oder der Protestanten in Irland. Daher die Balfour-Erklärung von 1917, in der sich die britische Regierung für eine jüdische nationale Heimstätte in Palästina einsetzte („Die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“). Darüber hinaus kämpfte eine jüdische Legion, das Zion Mule Corps, während des Ersten Weltkriegs als Teil der britischen Armee im Nahen Osten. Kurz gesagt, das „perfide Albion“ (als das Britannien seinen Rivalen galt) spielte auf beiden Brettern.
Am Ende des Ersten Weltkrieges war die Situation der herrschenden Klasse Palästinas prekär. Getrennt von ihren historischen Verbindungen zu Syrien war sie noch schwächer als die arabischen Bourgeoisien in anderen Regionen. Da sie aufgrund ihrer wirtschaftlichen Rückständigkeit weder über eine bedeutende industrielle Basis noch über Finanzkapital verfügte, konnte sie sich bei der Verteidigung ihrer Interessen nur auf eine politisch-militärische Mobilisierung verlassen. Bereits 1919, auf dem ersten Palästina-Arabischen Kongress in Jerusalem, forderten palästinensische Nationalisten, Palästina als „integralen Bestandteil ... der unabhängigen arabischen Regierung von Syrien innerhalb einer arabischen Union, frei von jeglichem ausländischen Einfluss oder Schutz“[3], einzubeziehen. Palästina sollte Teil eines unabhängigen syrischen Staates sein, der von Faysal regiert werden sollte, der im März 1920 vom Syrischen Nationalrat zum verfassungsmäßigen König von Syrien-Palästina ernannt wurde: „Wir betrachten Palästina als Teil des arabischen Syrien und es war zu keinem Zeitpunkt davon getrennt. Wir sind durch nationale, religiöse, sprachliche, moralische, wirtschaftliche und geografische Grenzen verbunden.“[4] Ab 1919 wurden in ganz Palästina Demonstrationen organisiert, und im April 1920 forderten Unruhen in Jerusalem etwa zehn Tote und fast 250 Verletzte. Die nationalistische Bewegung wurde jedoch schnell von der britischen Armee in Palästina niedergeschlagen, während französische Truppen im Juli 1920 die Streitkräfte des arabischen Königreichs Syrien zerschlugen und nicht zögerten, ihre Luftwaffe zur Bombardierung der Nationalisten einzusetzen. Bereits im März 1918 wurden in Ägypten Demonstrationen ägyptischer Nationalisten, aber auch von Arbeitern und Bauern, die soziale Reformen forderten, sowohl von der britischen als auch von der ägyptischen Armee niedergeschlagen, wobei mehr als 3.000 Demonstranten getötet wurden. 1920 schlug Großbritannien eine Protestbewegung in Mossul, Irak, blutig nieder.
Zur gleichen Zeit sah sich die herrschende Klasse Palästinas, die von ihren syrischen, ägyptischen und libanesischen Pendants verachtet wurde und ihre Autonomie in einer Welt proklamierte, in der es keinen Platz mehr für einen neuen Nationalstaat gab, mit einem neuen „Rivalen“ von außen konfrontiert. Aufgrund der Unterstützung Englands für die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina stieg die Zahl der jüdischen Einwanderer stark an, und England setzte die jüdischen Nationalisten zunächst sowohl gegen seinen Hauptkonkurrenten Frankreich als auch gegen die arabischen Nationalisten ein. Es ermutigte die Zionisten, im Völkerbund zu argumentieren, dass sie weder französischen Schutz in Palästina (als Teil von „Großsyrien“) noch internationalen Schutz, sondern britischen Schutz wollten. In Palästina selbst ermöglichten die Gelder der europäischen und amerikanischen jüdischen Bourgeoisie eine rasche Ausbreitung der Siedlungen, was zu immer gewalttätigeren Zusammenstößen mit der ursprünglichen palästinensischen Bevölkerung vor Ort führte. Zu Beginn des britischen Mandats über Palästina im Jahr 1922 waren 85.000 der 650.000 Einwohner Palästinas Juden, d. h. 12 % der Bevölkerung, gegenüber 560.000 Muslimen oder Christen. Nach einer massiven Einwanderungswelle, die mit dem zunehmenden Antisemitismus in Mitteleuropa und Russland zusammenhing – eine Folge der Niederlage der revolutionären Welle von 1917-23 in diesen Regionen – hatte sich die jüdische Bevölkerung bis 1931 mehr als verdoppelt (175.000). Zwischen 1931 und 1936 sollte sie um weitere 250.000 anwachsen, sodass sie 1939 30 % der Bevölkerung ausmachte.
Die starke Zunahme der jüdischen Einwanderung nach Palästina und die Vervielfachung der Siedlungen, die arabisches Land aufkauften, sowie die jüdischen Stadtviertel wurden von den beiden Nationalismen ausgenutzt, um die Spannungen zu verschärfen und die Konfrontation zwischen den Gemeinschaften zu fördern. Die palästinensischen BäuerInnen und ArbeiterInnen sowie die jüdischen ArbeiterInnen standen vor der falschen Alternative, sich auf die Seite der einen oder anderen Fraktion der Bourgeoisie (palästinensisch oder jüdisch) zu stellen. Dies wurde bereits 1931 in der Zeitschrift Bilan, dem Organ der Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken, deutlich hervorgehoben: „Die Enteignung der Ländereien zu lächerlichen Preisen hat die arabischen Proletarier in eine rabenschwarze Armut gestürzt und hat sie in die Arme der arabischen Nationalisten, der Grundstückbesitzer und der aufkommenden Bourgeoisie gestoßen. Letztere profitieren offensichtlich davon und um ihre Ausbeutungspläne auszuweiten, richten die Unzufriedenheit der Fellahs und der Proletarier auf die jüdischen Arbeiter in der gleichen Weise, wie die zionistischen Kapitalisten die Unzufriedenheit der jüdischen Arbeiten gegen die Araber richten. Aus diesen Gegensätzen der jüdischen und arabischen Ausgebeuteten, können der britische Imperialismus und die arabische und jüdische herrschende Klasse nur gestärkt hervorgehen.“[5] Tatsächlich bedeutete diese falsche Alternative, dass die Arbeiterklasse ausschließlich im Interesse der Bourgeoisie in bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Gemeinschaften verwickelt wurden. In den 1920er und 1930er Jahren kam es in ganz Palästina zu antijüdischen Ausschreitungen, bei denen viele Menschen getötet und verletzt wurden: 1921 in Jaffa, dann während der „Massaker von 1929“ in Jerusalem, Hebron und Safed, bei denen vereinzelte jüdische Dörfer geplündert und niedergebrannt und oft vollständig zerstört wurden und Vergeltungsangriffe auf arabische Stadtviertel verübt wurden, bei denen 133 Juden und 116 Araber getötet wurden.
Nach diesen Unruhen spielte Großbritannien Anfang der 1930er Jahre die Befriedungskarte gegenüber den Arabern aus, indem sie die jüdischen Selbstverteidigungskräfte einschränkten. Die anhaltenden Spannungen und Provokationen zwischen den Gemeinschaften führten jedoch Ende 1936 zu einem weit verbreiteten Aufstand palästinensischer Nationalisten gegen die britischen Streitkräfte und die jüdischen Gemeinden, der mehr als drei Jahre andauerte (bis zum Ende des Winters 1939). Angesichts dieser Explosion des arabischen Aufstands verhängten die Behörden der jüdischen Gemeinde zunächst eine Politik der Nichtvergeltung und Zurückhaltung gegenüber der Haganah, der jüdischen Selbstverteidigungsmiliz, um einen Ausbruch von Gewalt zu verhindern. Doch innerhalb dieser Selbstverteidigungskräfte wurde der Ruf nach Vergeltung als Reaktion auf die zunehmende Zahl arabischer Angriffe immer lauter. Infolgedessen beschloss die Irgun, eine bewaffnete Organisation, die mit der zionistischen Rechten und der „Revisionistenpartei“ von V. Jabotinsky verbunden war, wahllose Vergeltungsangriffe gegen die Araber zu starten, die sich schließlich zu einer Terrorkampagne entwickelten, bei der Hunderte von Arabern getötet wurden. Der arabische Aufstand veranlasste die Briten auch dazu, die paramilitärischen zionistischen Streitkräfte zu stärken (Aufbau einer jüdischen Polizeitruppe und jüdischer Spezialeinheiten – die „Special Night Squads“ der Haganah und das Fosh-Kommando).
1939 spaltete sich die Irgun in zwei Gruppen, und ihr radikalster Flügel gründete die Lehi (auch bekannt als „Stern-Gruppe“ oder „Stern-Bande“), die eine Welle von Angriffen startete, die sich auch gegen die Briten richtete. Ab den 1930er Jahren tendierten arabische Aufständische dazu, in ländlichen Gebieten Guerilla-Methoden und in städtischen Gebieten terroristische Methoden wie Bombenanschläge und Attentate anzuwenden. Gruppen, oft vom Typ Dschihadisten, zerstörten Telefon- und Telegrafenleitungen und sabotierten dann die Ölpipeline Kirkuk-Haifa, wobei sie Soldaten, Mitglieder der britischen Verwaltung und Juden ermordeten. Die Briten reagierten gewaltsam, insbesondere auf arabische Terrorakte, und ergriffen Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung, wie die Zerstörung arabischer Dörfer und Stadtviertel (wie in Jaffa im August 1936).
Letztendlich scheiterte der arabische Aufstand militärisch und führte zur Auflösung der paramilitärischen arabischen Streitkräfte und zur Verhaftung oder Verbannung ihrer Anführer (darunter der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini). Bei den Kämpfen wurden mehr als 5.000 Araber, 300 Juden und 262 Briten getötet. Der Aufstand führte auch zu internen Auseinandersetzungen zwischen Fraktionen der palästinensischen Bourgeoisie, wobei die Fraktion von Amin al-Husseini die gemäßigteren Elemente angriff – die als „Verräter“ galten, weil sie nicht nationalistisch genug für den Geschmack der Rebellen waren und weil sie Land an Juden verkauften – und die arabischen Polizisten ermordete, die den Briten treu geblieben waren. Diese Aktionen lösten wiederum einen Rachezyklus aus, der zur Bildung von arabischen Dorfmilizen zur Terrorismusbekämpfung und zur Tötung von mindestens tausend Menschen führte. Anfang 1939 herrschte in der arabischen Bevölkerung ein weit verbreitetes Klima des Terrors zwischen den Stämmen, das auch nach dem Ende des Aufstands anhielt.
Obwohl die palästinensischen Araber militärisch besiegt wurden, erhielten sie von den Briten, die befürchteten, dass diese von Deutschland unterstützt werden, große politische Zugeständnisse („Weißbuch“ von 1939). Großbritannien setzte eine Obergrenze für die jüdische Einwanderung und die Übertragung von arabischem Land an Juden fest und versprach die Schaffung eines Einheitsstaates innerhalb von zehn Jahren, in dem Juden und Araber die Regierung gemeinsam führen würden. Dieser Vorschlag wurde von der jüdischen Gemeinschaft und ihren paramilitärischen Kräften abgelehnt, die daraufhin einen allgemeinen Aufstand auslösten, der durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vorübergehend zum Erliegen kam.
Da sie zu schwach waren, um unabhängig zu handeln und einen eigenen Nationalstaat zu gründen, mussten sowohl die jüdisch-zionistische Bourgeoisie als auch die palästinensisch-arabische Bourgeoisie die Unterstützung imperialistischer Sponsoren suchen, deren Einmischung die Flammen der Konfrontation nur weiter anfachte.
Angesichts der Niederschlagung der nationalistischen Bewegung für ein Großsyrien durch Großbritannien (und Frankreich) und des Zustroms jüdischer Siedler aus Europa blieb den herrschenden palästinensischen Fraktionen keine andere Wahl, als sich an andere imperialistische Mächte zu wenden, um Unterstützung gegen ihren zionistischen Rivalen zu erhalten. So suchte der Mufti von Jerusalem zunächst Unterstützung bei Mussolinis Italien, bevor er sich in den 1930er Jahren an Nazideutschland wandte, den großen Rivalen Großbritanniens. Bereits im März 1933 informierten deutsche Beamte in der Türkei die nationalsozialistischen Behörden über die Unterstützung des Muftis für ihre „Judenpolitik“. Nach dem Scheitern des arabischen Aufstands von 1936 bis 1939 und der Spaltung mit den gemäßigteren Fraktionen innerhalb der arabischen Bourgeoisie gingen die radikalsten nationalistischen Führer, darunter der Großmufti von Jerusalem, ins Exil und entschieden sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs für das Lager von Nazi-Deutschland. Nachdem er sich 1941 an dem von Deutschland angezettelten Aufstand im Irak gegen die Briten beteiligt hatte, floh der Mufti schließlich nach Italien und Nazideutschland, in der Hoffnung, von ihnen die Unabhängigkeit der arabischen Staaten zu erlangen.
Die Situation der jüdischen Führungsgruppen war insofern komplexer, als sich politische Differenzen zwischen den linken und den gemäßigten Fraktionen auf der einen Seite und den „revisionistischen“ Rechten auf der anderen Seite abzeichneten. Die von der Linken in Verbindung mit den Zentristen dominierte Zionistische Weltorganisation entschied sich dafür, relativ gute Beziehungen zu den Briten zu unterhalten (zumindest bis 1939) und das Ziel einer „jüdischen nationalen Heimstätte“ offiziell zu unterstützen, ohne sich zur Frage der Unabhängigkeit oder Autonomie unter dem britischen Mandat zu äußern.[6] Die irredentistische Rechte (eine Politik, die darauf abzielt, die Angehörigen einer Ethnie innerhalb der Grenzen eines Staates zusammenzuführen), vertreten durch die Revisionistische Partei und die Irgun, forderte hingegen sofort die Unabhängigkeit und distanzierte sich daher von den Briten.
In diesem Sinne unterhielt der charismatische Anführer der ultranationalistischen Rechten, Vladimir Jabotinsky, in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre freundschaftliche Beziehungen zu diktatorischen und sogar antisemitischen Regimes wie den faschistischen Behörden Polens und Italiens, um Druck auf die Briten auszuüben. 1936 startete die polnische Regierung eine groß angelegte anti-jüdische Kampagne und förderte die Auswanderung von Juden. Als Vladimir Jabotinsky 1938 offiziell erklärte, dass er „eine erhebliche Reduzierung der Zahl der Juden in Polen“[7] wünsche, beschloss er, die revisionistische Partei dazu zu verpflichten, die autoritäre polnische Regierung zu unterstützen, die kein Hehl aus ihrem heftigen Antisemitismus machte. Jabotinskys Ziel war, die Regierung davon zu überzeugen, die aus Polen vertriebenen Juden nach Palästina umzusiedeln. Die Zusammenarbeit der Revisionisten mit Polen hatte auch eine militärische Dimension: Waffen und Geld wurden an die Irgun übergeben und Offiziere der Irgun erhielten in Polen eine militärische Sabotageausbildung. Die revisionistische Fraktion hatte auch einen offen faschistischen Flügel, den zuerst die Birionim-Gruppe (eine zionistische faschistische Gruppe, die 1931 von Radikalen der revisionistischen Partei gegründet worden war) verkörperte, die offen mit Mussolini sympathisierte, und nach dessen Tod im Jahr 1943 durch einige Militante weiter existierte, wie Avraham Stern, einen Irgun-Führer in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre und Gründer von Lehi, der mit den europäischen faschistischen Regimes sympathisierte und Kontakt zu Nazi-Deutschland aufnahm. Für diesen faschistischen Flügel des Revisionismus war Deutschland zweifellos ein „Gegner“, aber der britische Besatzer war der wahre „Feind“, der die Gründung eines jüdischen Staates verhinderte!
Die unerbittliche Logik des Imperialismus im dekadenten Kapitalismus trieb die verschiedenen bürgerlichen Fraktionen in Palästina dazu, die Unterstützung ausländischer Mächte zu suchen, und konnte nur zu einer Vervielfachung imperialistischer Intrigen führen. Die zionistische Bewegung wurde erst zu einem realistischen Projekt, nachdem sie die machiavellistische Unterstützung des britischen Imperialismus erhalten hatte, der sich dadurch eine bessere Kontrolle über die Region erhoffte. Doch während Großbritannien das zionistische Projekt unterstützte, spielte es auch ein doppeltes Spiel: Es musste die sehr große arabisch-muslimische Komponente in seinem Kolonialreich berücksichtigen und hatte daher der arabischen Bevölkerung Palästinas und der übrigen Region alle möglichen Versprechungen gemacht. Die „arabische Befreiungsbewegung“ war zwar gegen die britische Unterstützung des Zionismus, aber keineswegs gegen den Imperialismus an sich, ebenso wenig wie es diejenigen zionistischen Fraktionen waren, die bereit waren, Großbritannien anzugreifen, denn alle suchten sie die Unterstützung dieser oder jener imperialistischen Macht, wie die des triumphierenden amerikanischen Imperialismus, des faschistischen Italiens oder Nazi-Deutschlands.
In einem Kapitalismus, der sich historisch im Niedergang befindet und von der wachsenden Barbarei mörderischer imperialistischer Konfrontationen beherrscht wird, war die einzige Perspektive, die von Revolutionären verteidigt werden konnte, die, die bereits 1930–1931 von Bilan verteidigt worden war: „Für den wirklichen Revolutionär gibt es natürlich keine palästinensische Frage, sondern einzig den Kampf aller Ausgebeuteten, einschließlich Araber und Juden. Dieser Kampf ist Teil des allgemeineren Kampfes aller Ausgebeuteten auf der Welt für die kommunistische Revolution.“[8] Für die arabischen und jüdischen Proletarierinnen und Proletarier Palästinas, die in den Netzen der „Befreiung der Nation“ gefangen waren, waren die 1920er und 1930er Jahre düstere Jahre des Terrors, der Massaker und der ständigen Angst vor Aufständen, Angriffen, Repressalien und Gegenrepressalien durch barbarische Banden und nationalistische Terroristen auf beiden Seiten.
Die zionistischen Organisationen hatten die Richtlinien des neuen britischen Plans („Weißbuch“ von 1939) kategorisch abgelehnt, der eine Begrenzung der jüdischen Einwanderung und die Übertragung von arabischem Land an Juden sowie die Schaffung eines Einheitsstaates innerhalb von zehn Jahren vorsah. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte dieser Widerstand zu einer direkten Konfrontation mit der Mandatsmacht. Die Briten verhängten eine Seeblockade über die palästinensischen Häfen, um zu verhindern, dass neue jüdische Einwanderer in das „Mandatsgebiet“ Palästina gelangten, und hofften, auf diese Weise die palästinensisch-arabische Bourgeoisie zu beschwichtigen. Die Zionisten ihrerseits nutzten die Sympathie und das Mitgefühl der Welt für das Schicksal der Tausenden von Flüchtlingen, die den Konzentrationslagern der Nazis entkommen waren, um Druck auf die Briten auszuüben und die Türen Palästinas für alle Einwanderer zu öffnen.
Bis 1945 hatte sich das Gleichgewicht der großen imperialistischen Mächte jedoch verschoben: Die USA hatten ihre Position auf Kosten Großbritanniens gefestigt, das durch den Krieg ausgeblutet und am Rande des Bankrotts stand und nun zum Schuldner der Amerikaner geworden war. Ab 1942 wandten sich die zionistischen Organisationen daher an die USA, um Unterstützung für ihr Projekt zur Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina zu erhalten. Im November lehnte der Jüdische Notstandrat bei seinem Treffen in New York das britische Weißbuch von 1939 ab und formulierte als Hauptforderung die Umwandlung Palästinas in einen unabhängigen zionistischen Staat, was den britischen Interessen direkt zuwiderlief. Frankreich und Großbritannien, die Hauptnutznießer des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg, sahen sich nun vom amerikanischen und sowjetischen Imperialismus überholt, die beide darauf abzielten, den kolonialen Einfluss der ehemaligen Platzhirsche zu verringern. Die UdSSR bot allen Bewegungen, die die englische Vorherrschaft schwächen wollten, ihre Unterstützung an und lieferte über die Tschechoslowakei Waffen an die zionistischen Guerillas. Die Vereinigten Staaten, der Hauptgewinner des Zweiten Weltkriegs, waren ebenfalls daran interessiert, den Einfluss der „Stellvertreter“-Länder im Nahen Osten zu verringern, und versorgten die Zionisten mit Waffen und Geld, während diese gegen ihren britischen Kriegsverbündeten kämpften.
Als die UNO Ende November 1947 über einen Plan zur Teilung Palästinas abstimmte, kam es zu verstärkten Zusammenstößen zwischen jüdischen zionistischen Organisationen und palästinensischen Arabern, während die Briten, die eigentlich für Sicherheit sorgen sollten, einseitig ihren Rückzug organisierten und nur gelegentlich intervenierten. In allen gemischten Wohngebieten der beiden Gemeinschaften, insbesondere in Jerusalem und Haifa, wurden Angriffe, Vergeltungsmaßnahmen und Gegenmaßnahmen immer gewalttätiger. Aus vereinzelten Schießereien wurden regelrechte Gefechte, aus Angriffen auf den Verkehr wurden Hinterhalte. Es kam zu immer blutigeren Zwischenfällen, die wiederum zu Unruhen, Vergeltungsmaßnahmen und anderen Angriffen führten.
Die jüdischen bewaffneten Organisationen begannen eine neue, intensive und besonders tödliche Bombardierungskampagne gegen die Briten und auch gegen die Araber. Am 12. Dezember 1947 zündete die Irgun eine Autobombe in Jerusalem, die 20 Menschen tötete. Am 4. Januar 1948 sprengte die Lehi einen Lastwagen vor dem Rathaus von Jaffa, in dem sich das Hauptquartier einer arabischen paramilitärischen Miliz befand, in die Luft. Dabei wurden 15 Menschen getötet und 80 verletzt, 20 davon schwer. Am 18. Februar explodierte eine Bombe der Irgun auf dem Markt von Ramallah, wobei 7 Menschen getötet und 45 verletzt wurden. Am 22. Februar organisierten die Männer von Amin al-Husseini in Jerusalem mit Hilfe britischer Deserteure einen dreifachen Autobombenanschlag auf die Büros der Zeitung „The Palestine Post“, den Markt in der Ben-Yehuda-Straße und den Hinterhof der Büros der Jewish Agency, bei dem 22, 53 bzw. 13 Juden getötet und Hunderte verletzt wurden. Das Massaker an Dorfbewohnern in Deir Jassin am 9. April, das von der Irgun und der Lehi begangen wurde, forderte schließlich zwischen 100 und 120 Tote. Die Kampagne gipfelte am 17. September 1948 in Jerusalem, als ein Lehi-Kommando den Grafen Folke Bernadotte, den Vermittler der Vereinten Nationen für Palästina, und den Leiter der UN-Militärbeobachter, den französischen Oberst Sérot, ermordete. In den zwei Monaten Dezember 1947 und Januar 1948 wurden fast tausend Menschen getötet und zweitausend verwundet. Ende März wurde die Zahl in einem Bericht auf über zweitausend Tote und viertausend Verwundete geschätzt.
Ab Januar führte der Bürgerkrieg zwischen den Gemeinschaften unter den gleichgültigen Augen der Briten zu Operationen, die zunehmend militärische Züge annahmen. Bewaffnete arabische Milizen drangen in Palästina ein, um die palästinensischen Milizen zu unterstützen und jüdische Siedlungen und Dörfer anzugreifen. Die Haganah ihrerseits führte immer mehr Offensivoperationen durch, um jüdische Gebiete zu erschließen, indem sie arabische Milizen vertrieb, arabische Dörfer zerstörte, deren Bewohner massakrierte und Hunderttausende in die Flucht schlug (insgesamt flohen in diesem Zeitraum und während des arabisch-israelischen Krieges, der auf die Erklärung der Gründung des Staates Israel folgte, fast 750.000 arabische Palästinenser aus ihren Dörfern). Die arabischen Länder bereiteten sich darauf vor, in Palästina einzumarschieren, um angeblich „ihre palästinensischen Brüder zu verteidigen“.
Am 15. Mai 1948 endete das britische Mandat über Palästina und am selben Tag wurde in Tel Aviv der Staat Israel ausgerufen. Weniger als 24 Stunden später begannen Ägypten, Syrien, Jordanien und der Irak mit einer Invasion. Der Krieg, der bis März 1949 andauerte, kostete mehr als 6.000 jüdischen Soldaten und Zivilisten, 10.000 palästinensisch-arabischen Soldaten und etwa 5.000 Soldaten der verschiedenen arabischen Militärkontingente das Leben.
Wenn die palästinensische Bourgeoisie zum Zeitpunkt des Untergangs des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs nicht in der Lage war, einen eigenen Staat zu gründen, so bedeutete die Ausrufung des Staates Israel durch die Zionisten zwangsläufig, dass dieser neue Staat nur überleben konnte, indem er seine Wirtschaft in eine permanente Kriegsmaschine verwandelte, seine Nachbarn erdrosselte, die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung terrorisierte und vertrieb und vor allem die Unterstützung des Imperialismus suchte. Der neue Staat konnte sich auf die Vereinigten Staaten, die die Gründung des Staates Israel sofort unterstützten, und auf die UdSSR, die hoffte, dass die Gründung eines israelischen Staates den britischen Imperialismus in der Region schwächen würde, verlassen, da er mit der ehemaligen „Schutzmacht“ Großbritannien konfrontiert war, die sich anfangs gegen die Gründung eines israelischen Staates aussprach, um ihre Position gegenüber der arabischen Welt nicht zu gefährden.
Die palästinensischen Nationalisten, die nicht in der Lage waren, sich allein gegen den neu gegründeten Staat Israel zu behaupten, mussten ihrerseits bei den Feinden dieses Staates Unterstützung suchen, wie bei den Bourgeoisien der Nachbarländer Jordanien, Syrien, Ägypten und Irak, die ihre Truppen gegen Israel entsandten. Dieser Krieg, der erste von einem halben Dutzend Kriegen und zahlreichen Militäroperationen gegen seine Nachbarn, an denen Israel seit 1948 beteiligt war, dauerte von Mai 1948 bis März 1949. Aufgrund der schlechten Ausrüstung der arabischen Truppen gelang es den israelischen Streitkräften, die Offensive abzuwehren und die den Zionisten von den Briten vor 1947 zugewiesenen Gebiete nicht nur zu behalten, sondern sogar zu erweitern. Abgesehen von den großen Solidaritätsbekundungen spielten die arabischen Nachbarbourgeoisien vor allem ihre eigenen imperialistischen Karten aus, indem sie „ihren palästinensischen Brüdern zu Hilfe kamen“. Nach dem ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 besetzten Jordanien das Westjordanland und Ägypten den Gazastreifen. In den darauffolgenden Jahren versuchten die arabischen Staaten auch, die verschiedenen Flügel der palästinensischen Nationalisten unter ihren Einfluss zu bringen. Kurz nach seiner Gründung im Jahr 1964 begann Saudi-Arabien, die PLO zu finanzieren; Ägypten versuchte ebenfalls, die Fatah (die politische Bewegung der PLO) zu vereinnahmen; Syrien gründete die As-Saiqa-Gruppe und der Irak unterstützte die ALF (Arabische Befreiungsfront, gegründet 1969). Trotz all der schönen Reden über die „vereinte arabische Nation“ standen und stehen die Bourgeoisien der verschiedenen arabischen Länder in heftiger Konkurrenz zueinander und zögern nicht, die palästinensische Bevölkerung für ihre eigenen schmutzigen Interessen zu benutzen und wenn nötig zu opfern.
Seit seiner Gründung ist der Staat Israel nicht nur in anhaltende bilaterale Konflikte mit palästinensischen Arabern und seinen arabischen Nachbarn verstrickt, sondern diese Auseinandersetzungen waren auch immer Teil der Dynamik der globalen imperialistischen Konfrontation: Israels strategische Lage macht es zum Zentrum regionaler Spannungen im Nahen Osten, aber auch und vor allem zum Mittelpunkt globaler Konfrontationen zwischen den großen imperialistischen Haien. Seit Ende der 1950er Jahre spielte der Staat Israel die Rolle der Avantgarde für den amerikanischen Block in der Region.
Der Beginn des Kalten Krieges zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Block rückte den Nahen Osten in den Mittelpunkt der imperialistischen Rivalitäten. Nach dem Koreakrieg (1950–1953), der ersten großen Konfrontation zwischen den beiden Blöcken, verschärfte sich der Kalte Krieg, und der russische Imperialismus versuchte, seinen Einfluss in den Ländern der „Dritten Welt“ zu vergrößern, was dem Nahen Osten für die Führer der beiden Blöcke zunehmend Gewicht verlieh. Obwohl die Spannungen in der Region es den Vereinigten Staaten anfangs vor allem ermöglichten, ihre europäischen Verbündeten zu „disziplinieren“, indem sie sie daran hinderten, ihre eigenen imperialistischen Interessen zu intensiv zu verfolgen (die französisch-britische Operation in Suez 1956 und der israelisch-ägyptische Krieg), entwickelte sich der Konflikt im Nahen Osten in den folgenden 35 Jahren im Kontext der Ost-West-Konfrontation, wobei Palästina ein zentraler Schauplatz der Konfrontation war.
Der Krieg von 1948 war nur der Beginn eines endlosen Zyklus militärischer Konflikte. Ab den 1950er Jahren begann angesichts der Unfähigkeit der Truppen der Arabischen Liga, ihren viel kleineren, aber besser organisierten und bewaffneten Feind zu besiegen, ein Wettrüsten, bei dem Israel massive Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten erhielt und die arabischen Rivalen sich dem sowjetischen Imperialismus zuwandten, der beharrlich versuchte, in der Region Fuß zu fassen, indem er den arabischen Nationalismus unterstützte: Ägypten, Syrien und den Irak, die sich vorübergehend zur Vereinigten Arabischen Republik zusammenschlossen, wurden eine Zeit lang Verbündete des Ostblocks, der auch die palästinensischen Fedaijin und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) unterstützte. 1968 schlossen sich die verschiedenen palästinensischen Widerstandsbewegungen unter der Ägide von Arafat zusammen. Im Kontext des Kalten Krieges, in dem Israel ein wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten war, musste sich die PLO an die UdSSR und ihre „arabischen Brüder“ wenden. Hinter den großen Reden über die „Einheit des arabischen Volkes“ entsandten die arabischen Staaten jedoch erneut ihre Truppen nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen die palästinensischen Nationalisten, die oft als Störfaktor innerhalb dieser Staaten fungieren. Sie haben nie gezögert, Massaker zu begehen, die denen der israelischen Bourgeoisie gegen palästinensische Flüchtlinge ähneln. Im Jahr 1970, während des „Schwarzen Septembers“, wurden in Jordanien 30.000 Palästinenser von der jordanischen Armee getötet. Im September 1982 drangen libanesische christliche Milizen mit stillschweigender Zustimmung Israels in zwei palästinensische Lager in Sabra und Schatila ein und massakrierten 10.000 Zivilisten.
Diese Versuche des Ostblocks, in der Region Fuß zu fassen, stießen auf starken Widerstand der Vereinigten Staaten und des Westblocks, die den Staat Israel zu einer der Speerspitzen ihrer Politik machten. Die Unterstützung der USA für Israel war bei allen Konflikten in der Region ein ständiger Begleiter, ebenso wie die finanzielle Unterstützung Deutschlands.[9] Diese Unterstützung ist nicht im Wesentlichen auf das beträchtliche Gewicht der jüdischen Wählerschaft in den Vereinigten Staaten oder auf den Einfluss der „zionistischen Lobby“ auf die amerikanischen Politiker zurückzuführen. Obwohl Israel nicht über bedeutende Ölvorkommen oder andere wichtige Rohstoffe verfügt, ist das Land aufgrund seiner geografischen Lage von großer strategischer Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Darüber hinaus ist Israel in seiner Konfrontation mit einer Reihe lokaler imperialistischer Mächte finanziell und militärisch vollständig von den Vereinigten Staaten abhängig, sodass die imperialistischen Interessen Israels das Land dazu zwingen, den Schutz von Uncle Sam zu suchen. Kurz gesagt konnten die Vereinigten Staaten bis 1989 immer auf Israel als ihren bewaffneten Arm zählen. Darüber hinaus war die israelische Armee in einer Reihe von Kriegen mit ihren arabischen Rivalen – von denen die meisten mit russischen Waffen ausgerüstet waren – ein Testfeld für amerikanische Waffen.
Ende der 1970er und in den 1980er Jahren sicherte sich der amerikanische Block allmählich die Kontrolle über den gesamten Nahen Osten und reduzierte den Einfluss des Sowjetblocks, obwohl der Sturz des Schahs und die „Iranische Revolution“ 1979 nicht nur den amerikanischen Block einer wichtigen Bastion beraubten, sondern auch durch die Machtübernahme des rückschrittlichen Mullah-Regimes die Ausbreitung des Zerfalls des Kapitalismus einläuteten. Das Ziel dieser Offensive des amerikanischen Blocks war es, „die UdSSR vollständig zu umzingeln und sie aller Positionen zu berauben, die sie außerhalb ihres direkten Puffers innehatte. Die Priorität dieser Offensive ist die endgültige Vertreibung der UdSSR aus dem Nahen Osten, die Unterwerfung des Iran und die Wiedereingliederung dieses Landes in den amerikanischen Block als wichtiger Teil seines strategischen Systems.“[10] In dieser offensiven Politik des Westblocks spielte Israel eine Schlüsselrolle in den arabisch-israelischen Kriegen von 1967 („Sechs-Tage-Krieg“) und 1973 („Jom-Kippur-Krieg“), der Bombardierung und Zerstörung eines Kernreaktors in Bagdad im Jahr 1981 und der Invasion des Libanon im Jahr 1982. Die Militäraktion Israels führte in Kombination mit dem wirtschaftlichen und militärischen Druck des amerikanischen Blocks zur Niederlage der Verbündeten des Ostblocks in der Region, zur Hinwendung Ägyptens und später des Iraks zum westlichen Block und zu einer drastischen Einschränkung der Kontrolle Syriens über den Libanon.
Gestärkt durch die Entspannung der Beziehungen zu Ägypten bekräftigte die israelische Bourgeoisie jedoch im Juli 1980 die Verlegung ihrer Landeshauptstadt von Tel Aviv nach Jerusalem und die Eingliederung der Altstadt von Jerusalem (ehemals jordanisch) in das israelische Staatsgebiet. Zu dieser Zeit beschloss die israelische Regierung auch, die jüdische Kolonisierung des Westjordanlands zu intensivieren. Dies verschärfte die Spannungen zwischen der israelischen und der palästinensischen Bourgeoisie, und insbesondere ab 1987 eskalierte die Spirale der Gewalt stark. Das Signal wurde durch die erste Intifada (oder „Aufstand“) im Jahr 1987 gegeben. Als Reaktion auf die zunehmende Unterdrückung durch die israelische Armee im Westjordanland und im Gazastreifen führte die Intifada zu einer massiven Kampagne des zivilen Ungehorsams, zu Streiks und Demonstrationen. Von Linken als Modell für revolutionären Kampf gepriesen, war sie immer vollständig in den nationalen und imperialistischen Rahmen des arabisch-israelischen Konflikts eingebettet.
Wenn die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im Nahen Osten zeigte, dass nationale Befreiung unmöglich geworden war und dass sich alle Fraktionen der lokalen Bourgeoisien in den globalen Konflikten, die die großen imperialistischen Haie untereinander führten, dem einen oder anderen Hai unterwarfen, markierte die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 fast vierzig Jahre einer weiteren Periode blutiger Konfrontationen, die in die gnadenlose Konfrontation zwischen dem Ost- und dem Westblock eingeschrieben waren. Mehr als siebzig Jahre Konflikt im Nahen Osten haben unwiderlegbar gezeigt, dass das zerfallende kapitalistische System nichts anderes zu bieten hat als Kriege und Massaker und dass das Proletariat nicht davon profitieren kann, wenn es sich für ein imperialistisches Lager entscheidet.
Nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks Ende 1989 waren die 1990er Jahre von der spektakulären Ausweitung der Erscheinungsformen der Verfaulung des Kapitalismus, seines Zerfalls, geprägt, und in diesem Zusammenhang wurde im „Bericht über imperialistische Spannungen“ des 20. Kongresses der IKS im Jahr 2013 festgestellt: „Der Nahe Osten ist eine schreckliche Bestätigung unserer Analysen über die Sackgasse des Systems und die Flucht in den Egoismus“. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel für die zentralen Merkmale dieser Zeit:
- Die Explosion des imperialistischen „Jeder für sich“ manifestiert sich im uneingeschränkten Ausdruck des hegemonialen Appetits einer Vielzahl von Staaten. Der Iran hat seine imperialistischen Ambitionen zunächst im Irak durch die Unterstützung der schiitischen Milizen, die einen fragmentierten Staatsapparat beherrschen, und dann in Syrien durch die Unterstützung des Regimes von Baschar al-Assad aus der Ferne zum Ausdruck gebracht, als es kurz davor stand, von der Revolte der sunnitischen Mehrheit hinweggefegt zu werden. Durch seine Verbündeten – von der libanesischen Hisbollah bis zu den jemenitischen Huthis – hat sich Teheran als eine mächtige Regionalmacht etabliert. Aber auch die Türkei – mit ihren Interventionen im Irak und in Syrien –, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die im Jemen, in Libyen und Ägypten präsent sind, und sogar Katar, das Basislager von Gruppen, die mit der Muslimbruderschaft in Verbindung stehen, verbergen ihre imperialistischen Ambitionen nicht.
- Die mörderischen Reaktionen der amerikanischen Supermacht, um dem Niedergang ihrer Vorherrschaft entgegenzuwirken, führten zu zwei blutigen Kriegen im Nahen Osten (Operation Wüstensturm von Bush Senior im Jahr 1991 und Operation Iraqi Freedom von Bush Junior im Jahr 2003), die letztendlich nur zu mehr Chaos und Barbarei führten.
- Das schreckliche Chaos, das aus blutigen Bürgerkriegen (Syrien, Jemen, Libyen, Sudan) resultierte, führte zum Zusammenbruch staatlicher Strukturen, zu fragmentierten und gescheiterten Staaten (Irak, Libanon), traumatisierten Bevölkerungen und Millionen von Flüchtlingen.
In dieser Dynamik der zunehmenden Konfrontation im Nahen Osten spielt der Staat Israel eine Schlüsselrolle. Als erster Stellvertreter der Amerikaner in der Region war Tel Aviv durch die Abkommen von Oslo und Jericho-Gaza von 1993, einen der größten Erfolge der amerikanischen Diplomatie in der Region, dazu bestimmt, zum Schlüssel einer befriedeten Region zu werden. Diese Abkommen gewährten den Palästinensern den Beginn der Autonomie und integrierten sie so in die von Uncle Sam konzipierte regionale Ordnung. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, nach dem Scheitern der israelischen Invasion im Südlibanon, kam jedoch die „harte“ israelische Rechte an die Macht (die erste Regierung Netanjahu von 1996 bis 1999), gegen den Willen der amerikanischen Regierung, die Schimon Peres unterstützt hatte. Von da an tat die Rechte alles, um den Friedensprozess mit den Palästinensern zu sabotieren:
- durch die Ausweitung der Siedlungen im Westjordanland und die Unterstützung der Siedler, die immer arroganter und gewalttätiger wurden: Bereits im Februar 1994 ermordete ein jüdischer Terrorist, ein Siedler, der der von Rabbi Meir Kahane gegründeten rassistischen Bewegung angehörte, 29 Muslime in der Höhle der Patriarchen in Hebron; im November 1995 ermordete ein junger religiöser Zionist den Premierminister Yitzhak Rabin;
- durch geheime Unterstützung der Hamas und ihrer Terroranschläge, um die Autorität der PLO zu untergraben und eine Politik des „Teile und herrsche“ zu verfolgen, die eine zunehmende Überwachung der palästinensischen Gebiete rechtfertigt.
Der provokative Besuch des Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Tempelberg im September 2000 führte zu einer zweiten Intifada, in deren Verlauf die Zahl der Selbstmordanschläge gegen Israelis stark zunahm. Ebenso war der einseitige Abbau der Siedlungen im Gazastreifen durch die Regierung Sharon im Jahr 2004 keineswegs eine versöhnliche Geste, wie es die israelische Propaganda darstellte, sondern im Gegenteil das Ergebnis einer zynischen Berechnung, um die Verhandlungen über eine politische Lösung des Konflikts einzufrieren: Der Rückzug aus dem Gazastreifen „bedeutet das Einfrieren des politischen Prozesses. Und wenn man diesen Prozess einfriert, verhindert man die Schaffung eines palästinensischen Staates und jegliche Diskussion über Flüchtlinge, Grenzen und Jerusalem“.[11] Da Islamisten die Existenz eines jüdischen Staates in islamischen Ländern ebenso ablehnen wie messianische Zionisten die Existenz eines palästinensischen Staates im Land Israel, das Gott den Juden gegeben habe, sind diese beiden Fraktionen außerdem objektive Verbündete bei der Sabotage der „Zwei-Staaten-Lösung“. Die rechten Teile der israelischen Bourgeoisie haben auch alles in ihrer Macht Stehende getan, um den Einfluss und die Ressourcen der Hamas zu stärken, da diese Organisation wie sie die Oslo-Abkommen vollständig ablehnte: 2006 untersagten die Premierminister Sharon und Olmert der Palästinensischen Autonomiebehörde, ein zusätzliches Polizeibataillon nach Gaza zu entsenden, um sich der Hamas entgegenzustellen, und ermächtigten die Hamas, bei den Wahlen 2006 Kandidaten aufzustellen. Als die Hamas 2007 in Gaza einen Staatsstreich inszenierte, um „die Palästinensische Autonomiebehörde zu beseitigen“ und ihre absolute Macht zu etablieren, weigerte sich die israelische Regierung, die palästinensische Polizei zu unterstützen. Was die Finanzmittel aus Katar betrifft, die die Hamas benötigte, um regieren zu können, so erlaubte der hebräische Staat, dass sie regelmäßig unter dem Schutz der israelischen Polizei nach Gaza transferiert wurden.
Die Strategie Israels war klar: Gaza an die Hamas übergeben, die Palästinensische Autonomiebehörde schwächen, mit begrenzter Macht im Westjordanland. Netanjahu selbst hat diese Politik offen befürwortet: „Jeder, der die Schaffung eines palästinensischen Staates vereiteln will, muss die Stärkung der Hamas unterstützen und Geld an die Hamas überweisen. Das ist Teil unserer Strategie.“[12] Der Staat Israel und die Hamas versinken zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Mitteln in der schlimmsten Art einer völlig irrationalen Politik, die unweigerlich den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt beschleunigt hat, der zu den heutigen grausamen Massakern geführt hat. Tatsächlich ist das derzeitige Blutbad in Gaza die Fortsetzung einer ganzen Reihe von Angriffen und Gegenangriffen, die von der Hamas und der israelischen Armee durchgeführt wurden:
- Juni 2006: Die Hamas nimmt Gilad Shalit, einen Wehrpflichtigen der israelischen Armee, während eines grenzüberschreitenden Überfalls aus Gaza gefangen, was zu israelischen Luftangriffen und Einfällen führt.
- Dezember 2008: Israel startet eine 22-tägige Militäroffensive in Gaza, nachdem Raketen auf die Stadt Sderot im Süden Israels abgefeuert wurden. Rund 1.400 Palästinenser und 13 Israelis werden getötet, bevor ein Waffenstillstand vereinbart wird.
- November 2012: Israel tötet den Stabschef der Hamas, Ahmad Jabari, worauf acht Tage lang israelische Luftangriffe auf Gaza folgen.
- Juli/August 2014: Die Entführung und Ermordung von drei israelischen Jugendlichen durch die Hamas löst einen siebenwöchigen Krieg aus.
Da die palästinensische Bourgeoisie weder über eine traditionelle Staatsstruktur noch über die finanziellen Mittel verfügt, um eine strukturierte Armee aufzubauen, die mit der Tsahal, der israelischen Armee, konkurrieren kann, war sie schon immer auf Terroranschläge angewiesen, wie es die Zionisten vor der Ausrufung des Staates Israel waren. Von Anfang an wandte die PLO terroristische Taktiken an, die zwangsläufig die meisten zivilen Opfer forderten, wie Entführungen, Liquidierungen, Flugzeugentführungen und Angriffe auf Sportmannschaften (Massaker an der israelischen Olympiamannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München). Seitdem haben Selbstmordattentate zugenommen. Sie werden von verzweifelten jungen Palästinensern verübt und zielen nicht auf militärische Ziele ab, sondern sollen einfach nur Terror unter israelischen Zivilisten in Diskotheken, Supermärkten und Bussen verbreiten. Sie sind Ausdruck einer totalen Sackgasse, von Verzweiflung und Hass. Die Massaker vom 7. Oktober 2023 sind eine Fortsetzung dieser Politik, jedoch mit einem noch höheren Maß an Brutalität und Zerstörung.
Die derzeitige erschreckende Entwicklung muss auch als Fortsetzung der unverantwortlichen Politik des Populisten Trump in der Region gesehen werden. Im Einklang mit der Priorität, den Iran einzudämmen, verfolgte Trump eine Strategie der bedingungslosen Unterstützung des israelischen rechten Flügels und sicherte dem hebräischen Staat und seinen jeweiligen Führern unerschütterliche Unterstützung an allen Fronten zu, einschließlich der Lieferung der neuesten militärischen Ausrüstung, der Anerkennung Ost-Jerusalems als Hauptstadt und der israelischen Souveränität über die syrischen Golanhöhen. Diese Ausrichtung unterstützte die Abkehr vom Oslo-Abkommen und von der „Zwei-Staaten-Lösung“ (Israel und Palästina) im „Heiligen Land“.
Die Einstellung der amerikanischen Hilfe für die Palästinenser und die PLO und die Aushandlung der „Abraham-Abkommen“ – ein Vorschlag für einen „großen Deal“, der die Aufgabe jeglichen Anspruchs auf die Schaffung eines palästinensischen Staates und die Annexion großer Teile Palästinas durch Israel im Austausch gegen „riesige“ amerikanische Wirtschaftshilfe beinhaltete – zielten im Wesentlichen darauf ab, die faktische Annäherung zwischen den saudischen und israelischen Handlangern der USA zu erleichtern: „Für die Golfmonarchien ist Israel nicht länger der Feind. Diese große Allianz wurde vor langer Zeit hinter den Kulissen geschmiedet, ist aber noch nicht zum Tragen gekommen. Die einzige Möglichkeit für die Amerikaner, sich in die gewünschte Richtung zu bewegen, besteht darin, grünes Licht von der arabischen Welt zu erhalten, genauer gesagt von ihren neuen Führern, MBZ (Emirate) und MBS (Arabien), die dieselbe strategische Vision für den Golf haben und für die der Iran und der politische Islam die Hauptbedrohungen darstellen. In dieser Vision ist Israel nicht länger ein Feind, sondern ein potenzieller regionaler Partner, mit dem es einfacher sein wird, der iranischen Expansion in der Region entgegenzuwirken. (...) Für Israel, das seit Jahren versucht, seine Beziehungen zu den sunnitischen arabischen Ländern zu normalisieren, ist die Gleichung einfach: Es geht darum, den israelisch-arabischen Frieden zu suchen, ohne unbedingt Frieden mit den Palästinensern zu erreichen. Die Golfstaaten ihrerseits haben ihre Forderungen in der Palästinafrage gesenkt. Dieser „ultimative Plan“ (...) scheint darauf abzuzielen, eine neue Realität im Nahen Osten zu schaffen. Eine Realität, die darauf basiert, dass die Palästinenser ihre Niederlage akzeptieren, im Austausch für ein paar Milliarden Dollar, und in welcher die Israelis und arabische Länder, hauptsächlich aus der Golfregion, endlich ein neues Bündnis bilden könnten, unterstützt von den Vereinigten Staaten, um der Bedrohung durch die Ausbreitung eines modernen persischen Reiches entgegenzuwirken.“[13]
Wie wir jedoch bereits 2019 betont haben, konnten diese Abkommen, die sowohl auf internationaler Ebene (Verzicht auf internationale Abkommen und UN-Resolutionen) als auch auf regionaler Ebene eine reine Provokation darstellten, nur die ungelöste Palästinafrage reaktivieren, eine Situation, die von allen regionalen Imperialisten (natürlich dem Iran, aber auch der Türkei und sogar Ägypten) aufgegriffen und gegen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten eingesetzt wurde. Darüber hinaus haben sie nur den Annexionsappetit Israels selbst beflügelt und die Konfrontationen, beispielsweise mit dem Iran, verschärft: „(...) weder Israel, das der Stärkung der Hisbollah im Libanon und in Syrien feindlich gegenübersteht, noch Saudi-Arabien, das sich gegen den Aufstieg des Irans mit anderen zusammenschließt, können diesen iranischen Fortschritt tolerieren“.[14] Die Abraham-Abkommen haben unwiderruflich den Grundstein für die aktuelle Tragödie in Gaza gelegt.
Der ungestüme Drang der rechten Fraktionen der israelischen Bourgeoisie an der Macht – genauer gesagt der aufeinanderfolgenden Netanjahu-Regierungen von 2009 bis heute –, ihrer eigenen imperialistischen Politik zu folgen, steht immer offener im Widerspruch zu den Interessen der verantwortungsvollsten Fraktionen in Washington und ist eine Karikatur des Zerfalls, der am politischen Apparat der Bourgeoisie nagt. Der Streit zwischen den verschiedenen politischen Fraktionen in Israel über die zu verfolgende Politik – die Auseinandersetzungen zwischen Netanjahu und seinem Verteidigungsminister oder den Chefs der Tsahal, die offene Konfrontation zwischen Netanjahu und der derzeitigen amerikanischen Regierung über die Kriegsführung – führen zu einer erheblichen Unsicherheit und Unvernunft hinsichtlich des Ausgangs der aktuellen Phase des Konflikts, insbesondere da der Schatten einer möglichen Rückkehr Trumps ins Amt des US-Präsidenten über dem Nahen Osten hängt, was der israelischen Kriegspolitik einen Freibrief erteilen und damit jegliche Hoffnung auf eine Form von Stabilität in der Region durch die Vereinigten Staaten zunichte machen würde.
Wieder einmal ist es die Arbeiterklasse, die am meisten unter den Folgen der imperialistischen Politik der herrschenden Klassen leidet. Israelische und palästinensische Arbeiterinnen und Arbeiter sind täglich dem Terror palästinensischer Anschläge und israelischer Militär- und Luftangriffe ausgesetzt. Während der endlose Terror, den ihre herrschenden Klassen entfesseln, bei den meisten Arbeitern und Arbeiterinnen tiefe Verzweiflung ausgelöst hat, vergiftet der Nationalismus ihrer Herrscher auch ihre Stimmung. Die herrschenden Klassen auf beiden Seiten tun alles, um Nationalismus und Hass gegeneinander zu schüren.
In materieller Hinsicht leiden die ArbeiterInnen auf beiden Seiten des imperialistischen Konflikts enorm unter der erdrückenden Last der Militarisierung. Israelische ArbeiterInnen werden für 30 Monate (Männer) und 24 Monate (Frauen) eingezogen. Die Last der israelischen Kriegswirtschaft hat das Elend der israelischen ArbeiterInnen noch verschlimmert. Palästinensische ArbeiterInnen erhalten, wenn sie das Glück haben, eine Arbeit zu finden, sehr niedrige Löhne. Über 80 % der Bevölkerung leben in extremer Armut. Die einzige Perspektive für die meisten ihrer Kinder besteht darin, Opfer israelischer Kugeln und Bulldozer zu werden. Und wenn sie gegen ihr Schicksal protestieren, sind die Palästinensische Autonomiebehörde und die Hamas-Polizei bereit, hart gegen sie durchzugreifen.
Ein Jahrhundert imperialistischer Konflikte um Israel herum hat gezeigt, dass weder israelische noch palästinensische ArbeiterInnen etwas gewinnen können, wenn sie ihre eigene Bourgeoisie unterstützen. Während der israelische Staat nur durch Terror und Zerstörung überlebt hat, würde die Schaffung eines echten palästinensischen Staates nur einen neuen Friedhof für israelische und palästinensische ArbeiterInnen bedeuten. Daher ist dieser Ruf nach einem palästinensischen Staat eine völlig reaktionäre Parole, die KommunistInnen ablehnen müssen.
Für KommunistInnen ist es absolut unerlässlich, sich über die Perspektiven der Arbeiterklasse im Klaren zu sein. Während alle Linken die Intifada von 1987 und die folgenden als soziale Revolten darstellten, die zur Befreiung führen könnten, waren diese Kämpfe in Wirklichkeit nur Ausdruck der Verzweiflung, wobei die Flammen von den Nationalisten entfacht wurden. Bei all diesen Auseinandersetzungen mit dem israelischen Staat kämpfen die palästinensischen ArbeiterInnen nicht für ihre Klasseninteressen, sondern dienen nur als Kanonenfutter für ihre nationalistischen palästinensischen Anführer.
Andererseits kam es gelegentlich zu kämpferischen Reaktionen palästinensischer ArbeiterInnen, die für ihre Klasseninteressen kämpften. 2007 und erneut 2015 streikten Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in Gaza gegen die Hamas-Regierung wegen ausstehender Löhne. Das Gleiche gilt für Israel, wo es in der Vergangenheit Streiks gegen steigende Lebenshaltungskosten gab, wie z. B. 2018 bei den Hafenarbeitern und 2021 bei den Kleinkinderbetreuerinnen. Im Jahr 2011 gab es während der Demonstrationen und Versammlungen gegen die Wohnungskrise in Israel sogar erste Anzeichen dafür, dass israelische und palästinensische ArbeiterInnen zusammenkommen, um ihre gemeinsamen Interessen zu besprechen. Aber immer wieder hat die Rückkehr zu militärischen Konflikten dazu geführt, dass diese elementaren Ausdrucksformen des Klassenkampfes erstickt wurden.
KommunistInnen müssen sich über die Natur und die Auswirkungen des Nationalismus im Klaren sein, der die alltägliche Gewalt anheizt. Darüber hinaus haben wir jedoch gesehen, wie Kampagnen zur Unterstützung der einen oder anderen Seite im jüngsten Konflikt zu echten Spaltungen in der Arbeiterklasse in den Zentren des Kapitalismus geführt haben. Gerade jetzt, wo die Arbeiterklasse nach Jahren der Passivität und Resignation wieder aufsteht, werden die Straßen der Städte in den für das System zentralen Ländern von Demonstrationen für ein freies Palästina oder „gegen Antisemitismus“ eingenommen, die die Arbeiter lautstark dazu aufrufen, ihre Klasseninteressen aufzugeben und in einem imperialistischen Krieg Partei zu ergreifen.
Während die jüdische Bevölkerung Europas eines der Hauptopfer des nationalsozialistischen Völkermordregimes war, zeigt die Politik des israelischen Staates, dass diese barbarischen Verbrechen keine Frage der Rasse oder der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit sind. Keine Fraktion der Bourgeoisie hat ein Monopol auf ethnische Säuberungen, Vertreibungen, Terror und die Vernichtung ganzer ethnischer Gruppen. In Wirklichkeit sind die „Verteidigungsmechanismen“ des israelischen Staates und die palästinensischen Methoden der Kriegsführung ein integraler Bestandteil der blutigen Barbarei, die von allen Regimen im verrottenden Kapitalismus praktiziert wird.
R. Havanais / 15.07.2024
[1] Intransigence war eine Online-Publikation, die von der IKT und einer Reihe anderen Gruppen erstellt wurde, um die Diskussion zu erleichtern. Sie wurde inzwischen geschlossen und kann nicht mehr online abgerufen werden.
[2] Siehe: Anmerkungen zur Geschichte der imperialistischen Konflikte im Nahen Osten [204], Teil 1, Internationale Revue Nr. 34, 2004
[3] Adnan A. Musallam, From Wars to Nakbeh: Developments in Bethlehem, Palestine, 1917-1949, https://web.archive.org/web/20110719154704/http:/admusallam.bethlehem.edu/bethlehem/From_Wars_to_Nakbeh.htm [205] (aufgerufen im September 2024)
[4] Meir Litvak: Palestinian Collective Memory and National Identity, 2009
[5] Der Arabisch-Jüdische Konflikt: Die Positionen der Internationalisten in den 30er Jahren [206]: Bilan Nr. 30 und 31, wieder veröffentlicht in Internationale Revue Nr. 31
[6] Die Unabhängigkeit wurde erst im Mai 1942 auf der Biltmore-Konferenz offiziell gefordert.
[7] Politisches Programm der OZON, der in Polen an der Macht befindlichen Partei, Mai 1938, berichtet in Marius Schatner: Histoire de la droite israélienne, Éditions Complexe, 1991, Seite 140.
[8] Bilan Nr. 31 (Juni-Juli 1936), wieder veröffentlicht in Internationale Revue Nr. 31
[9] Kurz nach der Gründung Israels begann Deutschland, das Land finanziell mit einem jährlichen „Ausgleichsfonds“ von 1 Milliarde DM zu unterstützen.
[10] Resolution zur internationalen Lage, 6. IKS-Kongress, International Review Nr. 44, 1986, Englisch.
[11] Dov Weissglas, enger Berater von Premierminister Sharon, in der Tageszeitung Haaretz, 8. Oktober 2004. Zitiert in Ch. Enderlin, L'erreur stratégique d'Israël, Le Monde diplomatique, Januar 2024.
[12] Netanjahu erklärte dies am 11. März 2019 vor Likud-Abgeordneten, wie die israelische Tageszeitung Haaretz am 9. Oktober berichtete.
[13] Auszug aus der libanesischen Tageszeitung L'Orient-Le Jour vom 18. Juni 2019.
[14] 23. Internationaler Kongress der IKS, Resolution zur internationalen Lage (2019): imperialistische Spannungen, Leben der Bourgeoisie, Wirtschaftskrise [56], Internationale Revue Nr. 56, 2019.
In der dekadenten Phase des Kapitalismus kann die Krönung der weltweiten Überproduktionskrise, wenn es keine proletarische Revolution gibt, nur der imperialistische Weltkrieg sein. Die Erfahrung des Proletariats aus den zwei imperialistischen Weltkriegen hat grundlegende Lehren hervorgebracht, deren Aneignung eine lebenswichtige Aufgabe für die Revolutionäre ist.
Vielleicht ist die grundsätzlichste Lehre, die von Lenin und Zinoview in ihren während des Ersten Weltkriegs geschriebenen Artikeln klar gezogen wurde, die absolute Notwendigkeit, daß das Proletariat und seine revolutionären Minderheiten gegen den imperialistischen Krieg mit dem revolutionären Defätismus antreten, d.h. den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zum Sturz des kapitalistischen Staats umzuwandeln. Die klare Erkenntnis dieser Notwendigkeit ist das Herausragende an dem "Manifest der Kommunistischen Linken", das im Juni 1944 verteilt wurde, d.h. zu dem Zeitpunkt, als der zweite imperialistische Weltkrieg einen Höhepunkt des Abschlachtens erreicht hatte, und dessen Übersetzung wir hier zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichen.
Der I. Weltkrieg wurde nicht so sehr durch eine militärische Niederlage oder die Erschöpfung einer der imperialistischen Mächte (die deutsche Armee war im November 1918 noch intakt und kämpfte noch in Frankreich) zu Ende gebracht; vielmehr geschah dies durch das Gespenst der proletarischen Revolution, das schon den kapitalistischen Staat in Rußland umgestürzt hatte und 1918 eine tödliche Gefahr gegen das Kapital in ganz Mitteleuropa darstellte. Diesem Massenkampf des Proletariats entsprach eine wachsende Fähigkeit der revolutionären Minderheiten sich zu organisieren, die Lehren aus der Barbarei zu ziehen, in welche der imperialistische Krieg die Menschheit stürzte, und eine lebenswichtige und notwendige Rolle bei der Entwicklung des revolutionären Klassenbewußtseins zu spielen. In der Tat war es ein Prozeß, der lange vor dem ersten Erscheinen der proletarischen Kampfbereitschaft eingesetzt und eine internationale Form während der Zimmerwalder und Kienthaler Konferenzen angenommen hatte. Diese wiederum spiegelten nicht allein den proletarischen Kampf, der dem imperialistischen Weltkrieg ein Ende setzte, wider, sondern bedingten ihn auch.
Der II. Weltkrieg nahm jedoch einen unterschiedlichen Verlauf. Die Bourgeoisie hatte ebenfalls aus dem I. Weltkrieg und der proletarischen Revolution, die sie überrascht hatte, wichtige Lehren gezogen. Der II. Weltkrieg wurde nicht entfesselt, bis die Bourgeoisie sowohl die Arbeiterklasse vollständig zerschlagen als auch in den demokratischen imperialistischen Ländern ihre ideologische Mobilisierung hinter dem kapitalistischen Staat vollbracht hatte, was vor allem mit Hilfe der Sozialdemokratie, der Stalinisten und der Gewerkschaften geschah, d.h. des linken Flügels des Staatsapparates. Diese Kontrolle über die Arbeiterklasse durch den kapitalistischen Staat – die 1939 wesentlich stärker als 1914 war – ergab sich ebenso aus dem Wachstum des Staatskapitalismus, der allerdings dieses Mal nicht so sehr während des Krieges, sondern vor allem schon vorher in Gang gesetzt worden war. Schließlich wurde vorsorglich die inter-imperialistische Solidarität gegen das Proletariat eingesetzt; normalerweise greift die Bourgeoisie darauf nur zurück, um einem proletarischen Aufstand wie 1917–18 entgegenzutreten. Während des II. Weltkriegs kam dieses Vorgehen vom Kapital als eine Schlußfolgerung aus seiner Erfahrung aus dem ersten imperialistischen Weltkrieg voll zum Tragen.
Der II. Weltkrieg unterscheidet sich ebenso sehr vom I., wenn wir die Rolle und den Einfluß der Revolutionäre untersuchen. Nachdem die ersten Auswirkungen des Verrats der Sozialdemokratie (die durch die bürgerliche Ideologie seit langem verfault war) an der Arbeiterklasse überwunden waren, organisierten sich die revolutionären Marxisten und wurden zu einem wichtigen Faktor bei der Entwicklung des proletarischen Bewußtseins. Im II. Weltkrieg dagegen waren die revolutionären Organisationen nicht nur wesentlich schwächer als die linken Fraktionen der Sozialdemokratie aus der Vorkriegszeit, sondern auch ihre Zerstreuung und Verwirrung wurden – von einigen Ausnahmen abgesehen – nie überwunden.
Der Trotzkismus vollzog seinen stürmischen Übergang in die Arme der Konterrevolution, als er die Klassengrenzen völlig überschritt. Die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linken war hinsichtlich der Frage der Möglichkeit eines Ausbruchs eines imperialistischen Krieges stark zerstritten und die Mehrheit um Vercesi, welche durch den Ausbruch des Krieges überrascht wurde, erklärte, der Krieg bedeute die "gesellschaftliche Auflösung" des Proletariats und somit die Einstellung der Aktivitäten ihrer revolutionären Minderheiten bis zum eventuellen Ausbruch einer hypothetischen "ökonomischen Krise der Rüstungswirtschaft".
Die Ausnahmen dieses düsteren Panoramas waren der Communistenbond Spartacus in den Niederlanden (der sich aus Elenenten der Vorkriegs-G.I.K. – Gruppe Internationaler Kommunisten – und der Gruppe um Sneevliet zusammensetzte), die Minderheit der Italienischen Fraktion, welche sich in Marseille rekonstituiert hatte (zusammen mit dem Kern einer Französischen Fraktion der Kommunistischen Linken) und den Elementen um Damen in Italien, die 1943 die Internationalistische Kommunistische Partei bildeten (siehe zu all diesen Gruppen unsere Broschüre "La Gauche Italienne"[1] erhältlich bei der Kontaktadresse). Diese Gruppen verteidigten die Positionen des proletarischen Internationalismus und revolutionären Defätismus inmitten der deutschen Besetzung Europas und der Organisierung von Partisanenarmeen für die Mobilisierung des Proletariats für einen imperialistischen Krieg durch den britisch-amerikanischen-russischen Imperialismus. Das nachstehend abgedruckte "Manifest" ist einer der Versuche der Italienischen und Französischen Fraktionen der Kommunistischen Linken, Klassenpositionen inmitten des imperialistischen Holocaustes zu verteidigen. Mit Stolz drucken wir diesen Text hier ab, der aufzeigt, daß selbst in den dunkelsten Stunden des größten Abschlachtens, in das der Kapitalismus die Menschheit gestürzt hatte, die Stimme des revolutionären Proletariats nicht zum Schweigen gebracht wurde.
Die internationalistische Position der Revolutionäre während der beiden Weltkriege hat an ihrer Aktualität nichts eingebüßt. Ob in den zahlreichen lokalen Konflikten von heute (Libanon, Iran-Irak usw.) oder in einem eventuellen dritten Weltkrieg, das Proletariat kann auf den imperialistischen Krieg nur mit seinem eigenen Klassenkrieg antworten. Der proletarische Internationalismus ist dennoch kein abstraktes Prinzip, sondern eine konkrete, praktische Aufgabe.
Deshalb müssen die Revolutionäre, wenn sie dem Geist des hier abgedruckten Manifestes treu bleiben wollen, dafür eintreten, daß die Arbeiter schon jetzt ihre Reihen international schließen, um auf revolutionäre Weise einen dritten Weltkrieg zu verhindern.
Während des I. Weltkriegs stellte R. Luxemburg fest, daß die Menschheit vor der Alternative Sozialismus oder Barbarei steht. Und weil die revolutionäre Welle von 1917–23 scheiterte, haben wir nun seitdem in ununterbrochener Barbarei leben müssen.
Aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Kapitalismus die Grundlage einer qualitativ neuen Stufe dieser Barbarei gelegt, indem er einen Weltkrieg vorbereitet, der die ganze Menschheit auszulöschen droht. Weil die kapitalistische Produktionsweise die Weiterentwicklung der menschlichen Produktivkräfte fesselt, sind die im Kampf ums Überleben verstrickten nationalen Kapitalien und imperialistischen Blöcke gezwungen, einen stets größer werdenden Anteil ihrer Ressourcen der Entwicklung und Anwendung von Zerstörungsmitteln zu widmen.
Während im vorigen Jahrhundert der wirtschaftliche Wettkampf der Motor der Expansion des kapitalistischen Systems war, das Militärische nur einen Zusatz dazu bildete, nimmt in der Niedergangsphase des Kapitalismus, wo es keine echte Expansion des Systems mehr geben kann, die militärische Konkurrenz den ersten Platz ein. Da, wo es nur noch ums Überleben geht, ist wirtschaftliche Stärke nur dann von Nutzen, ·wenn sie in militärische Stärke umgewandelt werden kann.
Während es im 19. Jahrhundert eine echte "industrielle Revolution" gegeben hat, gibt es deshalb in unserem Zeitalter nur noch eine "Revolution der Rüstungsindustrie". In den letzten 40 Jahren entwickelten sich im niedergehenden Kapitalismus die Zerstörungswissenschaften stärker als in der ganzen bisherigen Menschheitsgeschichte zusammen.
Deshalb wäre ein dritter Weltkrieg keine bloße Fortsetzung der beiden bisherigen, sondern eine Bedrohung der Weiterentwicklung der Menschheit, die die materiellen Grundvoraussetzungen einer klassenlosen Gesellschaft, die heute zweifelsfrei vorhanden sind, liquidieren könnte.
Die konventionellen Bomben des II. Weltkriegs, mit bis zu 20 Tonnen Trinitrotoluol gefüllt, konnten einen ganzen Häuserblock mit einem Schlag vernichten. 100.000 solcher Bomben sind zwischen 1939-45 abgeworfen worden, was einer Gesamtsprengkraft von 2 Mio. Tonnen oder 2 Megatonnen Trinitotoluol entspricht. Heute besitzt jede durchschnittliche thermonukleare Bombe eine Sprengladung von 2 Megatonnen, und sie enthält somit die ganze Vernichtungskraft des II. Weltkriegs. Ein erster nuklearer Schlagabtausch in einem dritten Weltkrieg würde bereits eine Zerstörungskraft von schätzungsweise 10.000 Megatonnen entfesseln, d.h. dies entspricht einer Million Bomben mit der Kraft der Bombe von Hiroshima. Eine neulich in London veröffentlichte Studie schätzt, daß in den ersten Stunden eines solchen Atomkrieges mindestens eine Milliarde Menschen sterben würden.
Wir wissen bereits, daß die unmittelbaren Auswirkungen einer solchen Entfesselung der Barbarei des Kapitalismus noch nicht das Schlimmste wären. Ein weltweiter Atomkrieg würde die obere Luftschicht in Stickstoff verwandeln, was möglicherweise zu einer Zerstörung des vegetativen Lebens auf der Erde führen würde.
Und selbstverständlich würde die radioaktive Verseuchung lange anhalten (Strontium z.B. braucht 96 Jahre, Cäsium 100 Jahre, um bis zu 90% zu zerfallen), so daß höchstwahrscheinlich die Überlebenden die Toten beneiden würden.
Wir malen dieses Schreckgespenst nicht auf, um Panik zu schüren, sondern um aufzuzeigen, was im Kampf des Proletariats auf dem Spiel steht. Nicht nur die Zukunft, selbst das Überleben der Menschheit liegt in den Händen des Proletariats. Der Zyklus von Krise – Krieg – Wiederaufbau – Krise usw., wovon der Kapitalismus seit 1914 gelebt hat, neigt seinem Ende entgegen.
Heute setzt die Arbeiterklasse bei ihrem Ringen um ihre Vereinigung im Kampf gegen die Auswirkungen der Krise die Tradition des revolutionären Defätismus fort. Die Arbeiterklasse braucht nicht mehr auf einen neuen Weltkrieg zu warten, um die Barbarei des Systems zu erkennen. Diese Barbarei ist längst zum Alltag geworden. Vielmehr geht es darum, diese Barbarei so rasch wie möglich zu beseitigen, bevor alles zu spät ist.
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Seit fast 5 Jahren wütet der imperialistische Krieg in Europa mit all seinen Charakteristiken der Misere, Massakern und Zerstörung.
An der russischen, französischen und italienischen Front sind zig Millionen Arbeiter und Bauern dabei, sich gegenseitig zugunsten der schmutzigen Interessen eines blutigen Kapitalismus, der nur seinen Gesetzen des Profits und der Akkumulation gehorcht, abzuschlachten.
Während der 5 Kriegsjahre, vor allem während des letzten, dem Jahr der Befreiung, so sagt man, sind viele Lügenprogramme und Illusionen verschwunden, hinter deren Maske sich das widerwärtige Gesicht des internationalen Kapitals versteckte.
In jedem Land hat man Euch für verschiedene Ideologien mobilisiert, die aber alle das gleiche Ziel haben, Euch in ein Blutbad zu stürzen, wo Ihr Euch gegenseitig, Opfer der Krise gegen Opfer der Krise, Arbeiter gegen Arbeiter niedermetzelt.
Faschismus und Nationalsozialismus fordern Lebensraum für ihre ausgebeuteten Massen, dies soll ihre grausame Absicht verdecken, sich gegenseitig in dieser tiefgreifenden Krise, welche ihre gesellschaftliche Basis untergräbt, niederzumachen.
Der britisch-russisch-amerikanische Block wollte Euch angeblich vom Faschismus befreien, um Euch Eure Freiheit und Rechte wiederzugeben. Aber diese Versprechungen waren nur die Köder, um Euch zur Teilnahme am Krieg zu bewegen, um dann den später erfundenen großen imperialistischen Konkurrenten, den Faschismus, auszulöschen, welcher als Produktions und Lebensform des Kapitalismus veraltet ist.
Die Atlantikcharta, der Plan eines neuen Europas waren nur der Schleier, hinter dem sich die wahre Bedeutung des Konfliktes verbarg, nämlich der imperialistische Räuberkrieg mit seinen schauderhaften Zerstörungen und Massakern, unter deren furchtbaren Auswirkungen die Arbeiterklasse leidet.
Man sagte Euch, man möchte Euch glauben machen, daß dieser Krieg nicht wie all die anderen sei. Das ist eine Täuschung. Solange es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt, ist der Kapitalismus Krieg, und der Krieg ist der Kapitalismus.
Die Revolution von 1917 in Rußland war eine proletarische Revolution. Sie war der unwiderlegbare Beweis der politischen Fähigkeit des Proletariats, als herrschende Klasse aufzutreten und sich auf eine Organisation der kommunistischen Gesellschaft hinzuorientieren. Sie war die Reaktion der Arbeitermassen gegen den imperialistischen Krieg von 1914-18.
Aber die Führer des russischen Staats haben seitdem die Prinzipien dieser Revolution aufgegeben, Eure kommunistischen Parteien in nationalistische Parteien umgewandelt, die Komintern aufgelöst, dem internationalen Kapitalismus geholfen, Euch in das imperialistische Massaker zu stürzen.
Falls man in Rußland dem Programm der Revolution und dem Internationalismus treu geblieben wäre, wenn man die proletarischen Massen ständig dazu aufgerufen hätte, die Kämpfe gegen den Kapitalismus zu vereinigen, wenn man nicht diesem Heuchelverein, dem Völkerbund, beigetreten wäre, wäre es dem Imperialismus unmöglich geworden, den Krieg anzufangen.
Durch die gemeinsame Teilnahme am imperialistischen Krieg mit einer Gruppe von kapitalistischen Mächten hat der russische Staat die russischen Arbeiter und das internationale Proletariat verraten.
Eure Bourgeoisie zählte auf Euch, verließ sich auf Eure Ausdauer und auf Eure Produktivkraft, um eine imperialistische Stellung einzunehmen, um so das industrielle und landwirtschaftliche Zentrum Europas zu beherrschen. Nachdem Deutschland in eine Kaserne verwandelt worden war, nachdem Ihr 4 Jahre lang zu einem mörderischen Arbeitstempo gezwungen worden wart, um die Kriegsmaschine in Gang zu setzen, schickte man Euch in alle Länder Europas, um überall wie bei jedem imperialistischen Konflikt Zerstörung und Verwüstung anzurichten.
Der Plan Eures Imperialismus wurde durch die Entwicklungsgesetze des internationalen Kapitalismus vereitelt, der seit 1900 alle Reifungsmöglichkeiten der imperialistischen Herrschaftsform und aller nationalistischer Erscheinungsweisen entfaltet hatte.
Die die Welt und insbesondere Europa erschütternde Krise ist die unüberwindbare Krise, Todeskrise der kapitalistischen Gesellschaft.
Nur das Proletariat kann durch seine kommunistische Revolution die Ursachen des Elends und der Misere der arbeitenden Massen und der Arbeiter aus der Welt schaffen.
Das Schicksal Eurer Bourgeoisie wird nunmehr auf dem Schlachtfeld der imperialistischen Konkurrenz entschieden. Aber der internationale Kapitalismus kann den Krieg nicht zu Ende bringen, denn der Krieg ist seine letzte, einzige Möglichkeit zu überleben.
Eure revolutionären Traditionen sind in den vergangenen Klassenkämpfen tief verwurzelt. 1918 habt Ihr mit Euren proletarischen Führern Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und ungeachtet des schon wachsenden Opportunismus in der Komintern 1923 Euren revolutionären Willen und Eure Macht in die Geschichte eingeschrieben.
Der Nationalsozialismus Hitlers und der Opportunismus der Dritten Internationale haben Euch zum Glauben verleitet, daß Euer Schicksal mit dem Kampf gegen den Versailler Vertrag verbunden sei. Dieser falsche Kampf konnte Euch nur an das Programm Eures Kapitals fesseln, das sich durch ein Vergeltungsstreben und die Vorbereitungen für den gegenwärtigen Krieg ausdrückte.
Eure Interessen als Proletarier sind nur mit den Interessen aller Ausgebeuteten Europas und der ganzen Welt verbunden.
Ihr steht an entscheidender Stelle, um das Ende dieses monströsen Abschlachtens herbeizuführen. Dem Beispiel des Proletariats in Italien folgend, müßt Ihr den Kampf gegen die Kriegsproduktion aufnehmen, müßt Euch weigern, gegen Eure Klassenbrüder zu kämpfen.
Eure Revolte muß ein Ausdruck des Klassenkampfes werden. Sie muß sich in Streiks und einer Agitation der proletarischen Massen widerspiegeln. Wie 1918 hängt das Schicksal der proletarischen Revolution von Eurer Fähigkeit ab, die Ketten, die Euch an die gewaltige Kriegsmaschine des deutschen Imperialismus fesseln, zu zerschmettern.
Man hat Euch verschleppt, um Euch zum Bau von Zerstörungsmitteln zu zwingen. Anstelle eines jeden neu ankommenden Arbeiters kann ein deutscher Arbeiter an die Front geschickt werden. Egal welcher Nationalität Ihr angehört, Ihr seid Ausgebeutete. Euer einziger Feind ist der deutsche und internationale Kapitalismus, Eure Genossen sind die deutschen Arbeiter und die der ganzen Welt.
Ihr tragt in Euch die Traditionen und Erfahrungen der Klassenkämpfe in Euren Ländern und der ganzen Welt. Ihr seid keine "Ausländer".
Eure Forderungen, Eure Interessen sind die gleichen wie die Eurer deutschen Genossen. Durch die Teilnahme am Klassenkampf in den Fabriken, an den Arbeitsstätten tragt Ihr wirkungsvoll dazu bei, den Kurs des imperialistischen Krieges zu zerschlagen.
Während der Streiks von 1936 haben alle Parteien daran mitgewirkt, Euren gerechten und legitimen Klassenforderungen zu einem Ausdruck der Unterstützung für den in der Vorbereitung befindlichen Krieg umzuwandeln. Die "Phase des Wohlstands" und der "vollen Reife", welche die Demagogen der Volksfront Euch versprachen, war in Wirklichkeit nur die tiefgreifende Krise des französischen Kapitalismus.
Eure vorübergehenden Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen waren nicht die Folgen eines wirtschaftlichen Aufschwungs, sondern dies rührte von der Notwendigkeit her, die Kriegsmaschine in Gang zu bringen.
Die Besetzung Frankreichs wurde von allen Verantwortlichen des Konflikts, von links und rechts, dazu ausgeschlachtet, um in Euren Köpfen einen Vergeltungsgeist und den Haß gegen die deutschen und italienischen Proletarier aufrechtzuerhalten, die wie Ihr für den Ausbruch dieses Krieges keine Verantwortung tragen und wie Ihr unter den schrecklichen Folgen eines von allen kapitalistischen Staaten gewollten und vorbereiteten Abschlachtens leiden.
Die Regierung Petain-Laval spricht von Nationaler Revolution, das ist die primitivste Lügengeschichte. Egal welche Form oder welches Aussehen die zukünftige Regierung haben wird, die arbeitenden Massen Frankreichs und der anderen europäischen Länder werden einen hohen Preis für den Krieg an die britisch-russisch-amerikanischen Imperialisten zu zahlen haben, ganz abgesehen von den Ruinen und Zerstörungen, die durch die sich bekämpfenden Armeen verursacht wurden.
Zu viele von Euch sind zum Glauben verleitet worden, sie könnten von den Armeen, sei es der englischen, der amerikanischen oder der russische Wohlstand erwarten. Die Intrigen und Gegensätze, welche schon jetzt in den Reihen dieser Dreierbande hinsichtlich der zukünftigen Aufteilung aufgetreten sind, weisen darauf hin, daß die Bedingungen, unter denen das Proletariat zu leben haben wird, äußerst schwer sein werden, falls Ihr nicht den Weg des Klassenkampfes einschlagt.
Zu viele von Euch werden zu Gehilfen des Kapitalismus, indem sie am Partisanenkrieg, dem Ausdruck des schärfsten Nationalismus, teilnehmen.
Eure Feinde sind weder die deutschen, noch die englischen oder amerikanischen Soldaten, sondern der Kapitalismus, der sie zum Krieg, zum Töten, zum Mord zwingt. Euer Feind ist Euer Kapitalismus, egal ob er durch Laval oder durch De Gaulle vertreten wird. Eure Freiheit hängt weder vom Schicksal noch von den Traditionen Eurer herrschenden Klasse ab, sondern von Eurer Unabhängigkeit als proletarische Klasse.
Ihr seid die Kinder der Pariser Kommune, und nur wenn Ihr Euch durch diese inspirieren läßt und ihre Prinzipien wieder aufgreift, könnt Ihr die Sklavenketten zerschlagen, welche Euch an den veralteten Apparat der kapitalistischen Herrschaft, die Ideen von 1789 und die Gesetze der bürgerlichen Revolution fesseln.
1917 habt Ihr mit Eurer bolschewistischen Partei und Lenin das kapitalistische Regime gestürzt, um die erste Sowjetrepublik zu errichten. Eure gewaltigen Klassenaktionen eröffneten den historischen Zeitraum der entscheidenden Kämpfe zwischen zwei entgegengesetzten Gesellschaften: der alten, bürgerlichen, die unter dem Gewicht ihrer Widersprüche zum Verschwinden verurteilt ist, und der neuen, die mit dem Proletariat als herrschende Klasse entsteht, um sich auf die klassenlose Gesellschaft, den Kommunismus, zuzubewegen.
Damals hatte der imperialistische Krieg seinen Höhepunkt erreicht. Millionen von Arbeitern fielen auf den Schlachtfeldern des Kapitalismus. Eurem entscheidenden Kampf folgend erwuchs in den Arbeitermassen der Wille, diesem unnützen Massaker ein Ende zu setzen. Durch die Zerschlagung des Kurses zum Krieg wurde Eure Revolution zum Programm, zur Fahne des Kampfes der Ausgebeuteten aller Länder. Der Kapitalismus, der von der Wirtschaftskrise – durch den Krieg noch verstärkt – angenagt wurde, erzitterte vor der proletarischen Bewegung, welche durch ganz Europa fegte. Eingekesselt durch die Weißen Armeen und die des internationalen Kapitalismus, welche Euch durch den Hunger bezwingen wollten, habt Ihr es dennoch geschafft, Euch aus dieser konterrevolutionären Umklammerung zu befreien. Dies geschah dank der heldenhaften Unterstützung des europäischen und internationalen Proletariats, das durch den Klassenkampf die vereinigte Bourgeoisie daran hinderte, gegen die proletarische Revolution einzugreifen.
Dies war eine entscheidende Lehre. Von da an sollte, sich der Klassenkampf auf internationaler Ebene entwickeln, das Proletariat würde seine kommunistische Partei und die Internationale auf der Grundlage Eurer kommunistischen Revolution bilden. Die Bourgeoisie würde auf eine Unterdrückung der kommunistischen Bewegung hinarbeiten sowie auf die Korrumpierung Eurer Revolution und Eurer Macht.
In dem gegenwärtigen imperialistischen Krieg steht Ihr nicht auf der Seite des Proletariats, sondern gegen es. Eure Verbündeten sind nicht mehr die Arbeiter, sondern die Bourgeoisie. Ihr verteidigt nicht mehr die Sowjetverfassung von 1917, sondern das 'Sozialistische' Vaterland. Auf Eurer Seite stehen nicht mehr Genossen wie Lenin und seine Gefährten, sondern Generäle, Militaristen wie in allen kapitalistischen Ländern, allesamt Ausdruck eines blutigen Militarismus, der das Proletariat massakriert.
Man sagt Euch, bei Euch gebe es keinen Kapitalismus, aber Eure Ausbeutung gleicht der aller Proletarier, und Eure Arbeitskraft verschwindet in der Kriegsmaschine und in den Kassen des internationalen Kapitalismus. Eure Freiheit besteht darin, Euch töten zu lassen, um dem Imperialismus in seinem Überlebenskampf zu helfen. Eure Klassenpartei ist verschwunden, Eure Arbeiterräte sind ausgelöscht worden, Eure Gewerkschaften sind Kasernen, Eure Verbindungen zum internationalen Proletariat sind zerbrochen.
Bei Euch hat der Kapitalismus wie überall anderswo nur Zerstörungen und Misere gebracht. Die proletarischen Massen Europas warten wie Ihr damals 1917 auf den günstigen Augenblick, um gegen die schrecklichen, durch den Krieg verursachten Lebensbedingungen aufzustehen. Wie Ihr werden sie sich gegen die Verantwortlichen dieses furchtbaren Massakers wenden, egal ob sie faschistisch, demokratisch oder russisch sind. Wie Ihr versuchen sie das blutige Unterdrückungsregime, den Kapitalismus, zu zerschlagen.
Ihre Fahne wird Eure Fahne von 1917 sein.
Ihr Programm wird Euer Programm sein, das Euch von Euren gegenwärtigen Führern entrissen wurde: die kommunistische Revolution.
Euer Staat hat sich mit den Kräften der kapitalistischen Konterrevolution zusammengeschlossen. Seid solidarisch, verbrüdert Euch mit Euren kämpfenden Genossen. Kämpft an der Seite Eurer Brüder, um in Rußland und den anderen Ländern die Bedingungen für den Sieg der kommunistischen Weltrevolution wiederherzustellen.
Euer Imperialismus ist zurzeit dabei, seinen Kolonisations- und Versklavungsplan der Völker durchzusetzen, um zu versuchen, sich aus der tiefen Krise zu retten, welche die gesamte Gesellschaft erfaßt. Schon vor dem Krieg habt Ihr trotz der Kolonialherrschaft und der Bereicherung Eurer Bourgeoisie unter der Arbeitslosigkeit und der Misere gelitten, es gab Millionen von Arbeitslosen.
Um gegen Eure Streiks für legitime Forderungen anzutreten, hat Eure Bourgeoisie nicht gezögert, das barbarischste Repressionsmittel gegen Euch einzusetzen: Gas.
Die Arbeiter Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Spaniens haben mit ihrer Bourgeoisie abzurechnen, da diese genau wie Eure Bourgeoisie für die Massaker verantwortlich ist.
Man möchte Euch zu Gendarmen der anderen Arbeiter machen, Euch gegen die revoltierenden Arbeitermassen einsetzen. Weigert Euch zu schießen, verbrüdert Euch mit den Soldaten und Arbeitern Europas.
Diese Kämpfe sind Eure Klassenkämpfe.
Ihr seid von einer feindlichen Welt umzingelt.
Alle Parteien, alle Programme sind in den Krieg mit eingezogen, alle profitieren von Euren Leiden, alle sind vereint, um die kapitalistische Gesellschaft vor ihrem Zusammenbruch zu retten.
All die Schufte im Dienste der Hochfinanz, von Hitler bis Churchill, von Laval bis Petain, von Stalin bis Roosevelt, von Mussolini bis Bonomi arbeiten mit dem bürgerlichen Staat zusammen, um Euch Ordnung, Arbeit, Disziplin und die Vaterlandsverteidigung zu predigen, welche allemal zur Verewigung Eurer Versklavung führen.
Trotz des Verrats der Führer des russischen Staats werden die Schemata, Thesen und Voraussagen Marxens und Lenins durch den Verrat in der gegenwärtigen Situation vollauf bestätigt.
Nie zuvor war die Spaltung zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern so deutlich und gewaltig.
Nie zuvor war die Notwendigkeit so dringend, diesem blutigen System der Misere ein Ende zu bereiten.
Mit dem Abschlachten an der Front, den Massakern der Luftwaffe, nach 5 Jahren der Entbehrungen tritt die Hungersnot wieder auf. Der Krieg wütet auf dem Kontinent, der Kapitalismus kann und weiß nicht, wie der Krieg beendet werden kann.
Die Kämpfe können nicht verkürzt werden, indem Ihr der einen oder anderen Gruppe der zwei Formen der kapitalistischen Herrschaft helft.
Dieses Mal hat Euch das italienische Proletariat den Weg des Kampfes gezeigt, die Revolte gegen den Krieg.
Wie Lenin es schon 1917 unterstrich, gibt es keine andere Alternative, keinen anderen Weg außer der Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg.[2]
Solange wie das kapitalistische Regime besteht, gibt es für das Proletariat weder Brot, Frieden noch Freiheit.
Es gibt viele, zu viele Parteien. Aber alle, bis hin zu den trotzkistischen Grüppchen sind in der Konterrevolution untergegangen.
Eine einzige Partei fehlt: die politische Partei der proletarischen Klasse.
Nur die Kommunistische Linke ist dem Proletariat, dem Programm des Marxismus, der kommunistischen Revolution treugeblieben. Nur auf der Basis dieses Programms wird es möglich sein, dem Proletariat die Organisation wiederzugeben, seine Waffen wieder zu schmieden, mit denen es in den Kampf, zum Sieg geführt werden kann. Diese Waffen sind die neue Kommunistische Partei, die neue Internationale.
Gegen jeden Opportunismus, gegen jeden Kompromiß auf der Ebene des Klassenkampfes ruft die Fraktion Euch auf, Eure Bemühungen zu vereinigen, um dem Proletariat zu helfen, sich aus den Fesseln des Kapitalismus zu befreien. Gegen die vereinten Kräfte des Kapitalismus muß die unbesiegbare Kraft der Arbeiterklasse antreten.
Nur Ihr könnt das furchtbarste Massaker der Geschichte aufhalten.
Arbeiter: Stoppt in allen Ländern die Produktion, welche zum Abschlachten Eurer Brüder, Frauen und Kinder bestimmt ist.
Soldaten: Stellt das Feuer ein, legt die Waffen nieder! Verbrüdert Euch über alle künstlichen Grenzen des Kapitalismus hinweg.
Verbrüdert Euch auf der internationalen Klassenfront.
ES LEBE DIE VERBRÜDERUNG ALLER AUSGEBEUTETEN! NIEDER MIT DEM IMPERIALISTISCHEN KRIEG!
ES LEBE DIE KOMMUNISTISCHE WELTREVOLUTION!
Juni 1944
[1] Heute auch als Buch auf Deutsch erhältlich: Die Italienische Kommunistische Linke (2007)
[2] Diese Losung von der Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg war die Losung, die von den Revolutionären im Ersten Weltkrieg ausgegeben wurde. Sie beruhte auf der Tatsache, dass das Proletariat zwar von den Parteiführungen der Zweiten Internationale verraten und ideologisch hinters Licht geführt worden war, aber von der Bourgeoisie nicht physisch besiegt wurde und seine gesamten Lebenskräfte noch fast unversehrt behielt. Das war 1939 nicht der Fall und 1944 erst recht nicht. Daher war der Aufruf der damaligen Revolutionäre ein Fehler, denn aus dem Krieg ging ein ausgeblutetes Proletariat hervor, dessen Klassenbewusstsein und -organisationen von Grund auf zerstört worden waren. Diese Fehleinschätzung der Fähigkeiten des damaligen Proletariats ändert jedoch nichts an dem unverbrüchlich proletarischen Charakter des Manifests, das wir hier veröffentlichen.
Am 24. Februar 2022 startete Russland eine "Spezialoperation" gegen die Ukraine, die als Blitzkrieg[1] aus dem Norden und Osten geplant war, mit der Absicht, die Regierung in Kiew auszutauschen und den Donbass, Saporischschja und Cherson zu besetzen. Als Reaktion darauf rief der ukrainische Staat die militärische Mobilisierung der Bevölkerung aus, und bei den westlichen Großmächten wurde eine demokratische Kampagne zur Unterstützung der Verteidigung der Ukraine gestartet. All dies deutete darauf hin, dass es sich nur um eine "begrenzte" Operation handelte, wie bei der Besetzung der Krim im Jahr 2014.
Heute hingegen ähnelt die Situation eher dem, was Rosa Luxemburg in ihrer Junius-Broschüre über den Ersten Weltkrieg beschreibt: "Die Reservistenzüge werden nicht mehr vom lauten Jubel der nachstürzenden Jungfrauen begleitet. (…) Das im August, im September verladene und patriotisch angehauchte Kanonenfutter verwest in Belgien, in den Vogesen, in den Masuren in Totenäckern, auf denen der Profit mächtig in die Halme schießt. (…) Städte werden zu Schutthaufen, Dörfer zu Friedhöfen, Länder zu Wüsteneien, Bevölkerungen zu Bettlerhaufen, Kirchen zu Pferdeställen … Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie."
Der Krieg in der Ukraine weist alle Merkmale eines imperialistischen Krieges in der Dekadenz des Kapitalismus und insbesondere in seiner Zerfallsphase auf.
Seit dem Ersten Weltkrieg (4 Jahre) und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg (5 Jahre) hat der Krieg nicht aufgehört und hat insgesamt weit mehr Tod und Zerstörung verursacht als in den beiden Weltkriegen: Koreakrieg (3 Jahre; obwohl er fälschlicherweise durch einen Waffenstillstand beendet wurde, der eine vorübergehende Aussetzung und keine Beendigung des Krieges bedeutete); Vietnam (20 Jahre); Iran-Irak (8 Jahre); Afghanistan (20 Jahre); Irak-Krieg (8 Jahre); Angola-Krieg (13 Jahre); erster und zweiter Kongokrieg (1 Jahr und 5 Jahre)... Heute wird geschätzt, dass auf der Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 183 bewaffnete Konflikte ausgebrochen sind.
Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon fast zwei Jahre[2] und stagniert nun nach dem Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive, was nur ein Vorspiel für eine weitere Eskalation sein kann. Tatsächlich hat der Krieg in Donezk seit der russischen Besetzung der Krim im Jahr 2014 nicht aufgehört. Aber darüber hinaus legt die Konfrontation durch das Aufeinandertreffen der Ausweitung der NATO auf Moskau und des Widerstands der Russischen Föderation gegen diesen Druck den Grundstein für anhaltende und eskalierende Kämpfe:
"Die Ukraine hat mit Hilfe von Dutzenden von Milliarden Dollar an Hilfsgeldern, umfangreicher Ausbildung und nachrichtendienstlicher Unterstützung aus dem Westen eine beeindruckende Kampfkraft entwickelt. Die ukrainischen Streitkräfte werden in der Lage sein, jedes von Russland besetzte Gebiet in Gefahr zu bringen. Außerdem wird Kiew weiterhin in der Lage sein, Russland selbst anzugreifen, wie es im vergangenen Jahr immer wieder bewiesen hat. Natürlich ist auch die russische Armee in der Lage, die Sicherheit der Ukraine zu bedrohen. Obwohl ihre Streitkräfte erhebliche menschliche und materielle Verluste erlitten haben, von denen sie sich erst in Jahren erholen werden, sind ihre Fähigkeiten nach wie vor beeindruckend. Und wie sie tagtäglich unter Beweis stellen, können sie selbst in ihrem derzeitigen beklagenswerten Zustand immer noch beträchtliche Verluste an Menschenleben und Zerstörung für das ukrainische Militär und die Zivilbevölkerung verursachen".[3]
Der Krieg in der Ukraine bestätigt auch die Tendenz zu einer stärkeren direkten Beteiligung der zentralen Länder des Kapitalismus an der imperialistischen Kriegsführung. In der Tat bedeutet dieser Krieg die erneute Rückkehr des Krieges nach Europa seit 1945, der bereits im Balkankrieg der 1990er Jahre Tatsache war. Er bringt auch die beiden größten Länder Europas gegeneinander auf, darunter die zweitgrößte Atommacht der Welt.
Außerdem sind an diesem Krieg die europäischen Großmächte direkt beteiligt[4] wie auch die USA, die ihn mitfinanzieren und Waffen und militärische Ausbildung schicken.[5] Es ist also nicht verwunderlich, dass dieser Krieg das Gespenst eines Weltkriegs heraufbeschwört:
"Vor der russischen Invasion glaubten viele, dass die Kriege zwischen den Großmächten des 21. Jahrhunderts, wenn sie denn stattfinden sollten, nicht denen der Vergangenheit ähneln würden. Sie würden mit einer neuen Generation fortschrittlicher Technologien, einschließlich autonomer Waffensysteme, geführt werden. Sie würden im Weltraum und im Cyberspace stattfinden; die Anwesenheit von Soldaten an der Front würde wahrscheinlich keine große Rolle spielen. Stattdessen musste der Westen zugeben, dass es sich um einen neuen Krieg zwischen Staaten auf europäischem Boden handelte, der von großen Armeen auf Gebieten von mehreren Quadratkilometern ausgetragen wird. Und dies ist nur eine der vielen Arten, in denen die Invasion in Russland an die beiden Weltkriege erinnert. Wie diese Kriege wurde auch dieser durch Nationalismus und unrealistische Erwartungen, wie leicht der Feind zu überwältigen sei, angeheizt. Die Kämpfe fanden sowohl in zivilen Gebieten als auch an der Front statt, verwüsteten Städte und vertrieben die Menschen aus ihren Häusern. Der Krieg verschlang enorme Ressourcen, und die beteiligten Regierungen waren gezwungen, auf Wehrpflichtige und – im Falle Russlands – auf Söldner zurückzugreifen. Der Konflikt hat zu einer Suche nach neuen und tödlicheren Waffen geführt, mit dem Risiko einer gefährlichen Eskalation. Diese Situation ist auch in vielen anderen Ländern zu spüren".[6]
Ein weiteres Merkmal von Kriegen in der Dekadenz des Kapitalismus (und erst recht in der gegenwärtigen Endphase des Zerfalls) besteht darin, dass sie die Mobilisierung aller Ressourcen der Nation und den Einsatz der gesamten Bevölkerung an der Front oder im Hinterland erfordern. In den Medien wurde behauptet, dass sowohl in Russland als auch in der Ukraine das Leben im Hinterland wie in Moskau oder Kiew weiterging, während der Krieg an der Front tobte. Dies ist nur die halbe Wahrheit. Es stimmt, dass in Russland vor allem Wagner-Söldner und die Kadyrowzy an die Front geschickt wurden[7] und dass bei der Einberufung Orte, an denen das Proletariat konzentriert ist, vorerst sorgfältig vermieden wurden:
"Der Kreml hat in unverhältnismäßiger Weise Soldaten aus den ärmsten Regionen Russlands rekrutiert, die sich aus einer großen Zahl ethnischer Minderheiten zusammensetzen, darunter aus ehemals rebellischen Republiken wie Tschetschenien und Provinzen wie Burjatien und Tuwa. In Tuwa beispielsweise starb einer von 3.300 Erwachsenen bei den Kämpfen in der Ukraine (im Vergleich zu Moskau, wo die Zahl bei 1 von 480.000 Erwachsenen liegt".[8]
Richtig ist auch, dass es notwendig ist, die Produktion so weit wie möglich aufrechtzuerhalten: In der Ukraine beispielsweise haben die Unternehmen das Recht, bis zu 50 % ihrer Führungskräfte und Facharbeiter vor der Einberufung zu "retten" (im Gegenzug erleichtern sie die Rekrutierung der anderen 50 %, indem sie ihnen mit Entlassung drohen), und beide Regierungen haben ein Interesse daran, den Anschein von "Normalität" im Hintergrund aufrechtzuerhalten.
Aber der Krieg ist vor allem ein totaler Krieg, in dem die Barbarei an den Fronten und unter der Zivilbevölkerung wütet. Vom ersten Tag des Krieges an verbot Selenskyj erwachsenen Männern im kampffähigen Alter, das Land zu verlassen, was jedoch nicht verhinderte, dass Hunderttausende von ihnen die 8 Millionen ukrainischen Flüchtlinge ins Ausland begleiteten und Zehntausende heimlich vor der Mobilmachung flohen. Auch in Russland kann die Regierung seit der Teilmobilisierung im September 2022 jeden Bürger im kampffähigen Alter rekrutieren, was sofort zur Flucht von rund 700.000 Männern führte, und bisher sicherlich noch mehr.
An der Front "haben westliche Geheimdienste geschätzt, dass Russland während einiger der schwersten Kämpfe durchschnittlich mehr als 800 Tote und Verletzte pro Tag zu beklagen hatte, und ukrainische Beamte haben Spitzenwerte von 200 bis 500 Opfern pro Tag auf ukrainischer Seite eingeräumt. Russland hat in diesem Krieg bereits mehr Soldaten verloren als in den zehn Jahren der Kämpfe in Afghanistan".[9]
Nach offiziellen amerikanischen Angaben schätzte die New York Times Mitte August 2023 die Zahl der Toten, Verwundeten und Verstümmelten des Krieges auf rund 500.000, darunter 70.000 Tote und 120.000 Schwerverletzte auf ukrainischer Seite,[10] wo zuverlässigere Daten verfügbar sind. Ukrainischen Quellen zufolge werden die russischen Truppen von entlassenen Häftlingen versorgt, die erpresst wurden, in den Krieg zu ziehen. Die Offiziere verachteten sie und schickten sie zum Sterben an die Front, ohne sich um die Verwundeten, geschweige denn um die Toten zu kümmern.
Was die Zivilbevölkerung anbelangt, so wurden seit dem ersten russischen Angriff in den Vororten von Kiew und später in Butscha Massengräber und Folterkeller entdeckt, die von Hunderten von standrechtlichen Erschießungen und Vergewaltigungen von Frauen und Kindern zeugten, die umgehend für die antirussische Kriegspropaganda ausgeschlachtet wurden. Die unaufhörlichen Bombardierungen zerstören die Häuser und die grundlegende Infrastruktur der Menschen und verursachen eine unendliche Zahl von Opfern. Ganze Städte, wie Mariupol, wurden vollständig zerstört. Der Raketenhagel reißt nicht ab, nicht nur an der Ostfront, sondern auch in Kiew. Bahnhöfe (Kramatorsk, April 2022), Cafés und Restaurants, Krankenhäuser, Entbindungsstationen, Kraftwerke und sogar Kernkraftwerke wie Saporischschja sind ernsthaft bedroht.
Jeden Tag werden von beiden Seiten Zehntausende von Granaten abgefeuert.[11] Sie säen Terror und Zerstörung, wenn sie explodieren, aber auch wenn sie nicht explodieren, denn sie bleiben eine Bedrohung, die weiterhin töten und verstümmeln kann. Die in den letzten Monaten von den USA gelieferten Streubomben explodieren, wie ihr Name schon sagt, gleichzeitig mit der Verstreuung des Sprengstoffs über dem gesamten Gebiet. Die Ukraine ist heute eines der Länder mit den meisten Landminen weltweit: Antipersonen- und Panzerabwehrminen, die explodieren, wenn man auf sie tritt, aber auch wenn Autos oder Busse mit fliehenden Zivilisten vorbeifahren. Sich zurückziehende russische Truppen legen überall Minen aus und stellen Fallen, indem sie Sprengstoff auf Leichen in verlassenen Häusern zurücklassen, und die ukrainische Armee vermint die Frontlinie, um die Russen am Vorrücken zu hindern. Überall werden Minen von Raketen oder Drohnen abgeworfen:
"Rund 174.000 Quadratkilometer der Ukraine stehen im Verdacht, durch Minen und nicht explodierte Kampfmittel verseucht zu sein. Das ist eine Fläche von der Größe Floridas oder rund 30 % des ukrainischen Territoriums. Diese Schätzung berücksichtigt sowohl die von Russland seit seiner vollständigen Invasion besetzten Gebiete als auch zurückeroberte Gebiete von der Region Charkow im Osten bis zu den Außenbezirken von Kiew, wie z. B. Butscha. Nach Angaben von Human Rights Watch wurden in 11 der 27 Regionen der Ukraine Minen entdeckt“.[12]
Ganz zu schweigen von den ökologischen Folgen des Krieges, auf die wir bereits hingewiesen haben: "Die Chemiefabriken wurden in einem besonders verwundbaren Land bombardiert. Die Ukraine nimmt 6 % des europäischen Territoriums ein, beherbergt aber 35 % seiner biologischen Vielfalt mit etwa 150 geschützten Arten und zahlreichen Feuchtgebieten".[13]
Folgendes Bild zeichneten kürzlich Journalisten in Kryvyi Rih, einem großen Industriezentrum in der Nähe von Saporischschja, der siebtgrößten Stadt des Landes: "Die Warteschlangen vor den Rekrutierungsbüros sind verschwunden. Heute weiß jeder, wie das tägliche Leben eines Soldaten aussieht. Es ist keine Seltenheit mehr, vom Krieg verstümmelte Soldaten am Rande von Busbahnhöfen in mittelgroßen Städten zu sehen".[14]
Das Hauptopfer des Krieges ist jedoch die Arbeiterklasse. Die Familien der Arbeiter wurden im Hinterland bombardiert, und sie wurden aus den Fabriken rekrutiert, um an die Front zu gehen, wobei sie erpresst wurden, entlassen zu werden, analog zu den russischen Sträflingen (denen umgekehrt die Strafentlassung versprochen wurde). Darüber hinaus verloren sie nach der Mobilisierung ihren Lohn, den sie gegen den mageren Monatslohn von 500 Euro eintauschten, den die Soldaten an der Front erhielten. Darüber hinaus hat der Staat die Versicherung für Verwundete und Verstümmelte aufgegeben. Für diejenigen, die noch in Arbeit sind, hat die Rada (das ukrainische Parlament) im Juli 2022 die Aussetzung der meisten Gesetze zum Arbeitsrecht beschlossen, was den Unternehmen willkürliche Freiheiten bei Lohnverhandlungen und Entlassungen einräumt.
In den imperialistischen Kriegen der Dekadenz (und natürlich auch in der gegenwärtigen Endphase des Zerfalls) steht der Krieg nicht im Dienste der Wirtschaft, anders als in der aufsteigenden Periode der kapitalistischen Expansion im 19. Jahrhundert, als Kolonialkriege die globale Expansion des Kapitalismus ermöglichten oder als nationale Kriege den Rahmen für die kapitalistische Entwicklung schufen. In der gegenwärtigen Periode steht die Wirtschaft im Dienste des Krieges,[15] und dies wird durch den Krieg in der Ukraine, ausgehend von Russland, bestätigt.
In seinem Interview zum Jahresende prahlte Putin mit einem Anstieg der Produktion in Russland um 3,5 %, aber diese Zahl spiegelt größtenteils den Anstieg der Kriegsproduktion wider: "Der Kreml wirft die Möbel aus dem Fenster, indem er seinen Militärhaushalt bis 2024 um 68 % erhöht. Die Rüstungsindustrie bereitet sich darauf vor, die Frontlinie schnell zu beliefern. Eine Untersuchung des ukrainischen Medienunternehmens Skhemy, die sich auf Satellitenbeobachtungen stützt, zeigt den Bau oder die Erweiterung mehrerer wichtiger Fabriken des russischen militärisch-industriellen Systems. Im Luft- und Raumfahrtsektor sind dies das Gorbunow-Werk in Kasan (Produktion von Tu-16-, Tu-22- und TU-160-Bombern), das Werk in Irkutsk (Su-30-Kampfflugzeuge) und das Werk in Jekaterinburg (Motoren und Getriebe für die Militärhubschrauber Mi-24 und Ka-52). Andere, auf Maschinenbau spezialisierte Unternehmen in Doubna (Raketen Kh-22, Kh-55 und Kh-101) und Kronstadt (Militärdrohnen Orion und Helios) sowie Kalaschnikow (Munition für die Marodeure Zala, Lancet und Italmas) haben ebenfalls ihre Industrieanlagen ausgebaut".[16]
Offiziellen Angaben zufolge ist das Einkommen der Bevölkerung in den letzten zehn Jahren um 10 % gesunken, und die wirtschaftliche Situation des Landes erinnert an die der stalinistischen UdSSR zur Zeit des Zusammenbruchs des Ostblocks, für den gerade wirtschaftliche Stagnation und Rückständigkeit eine wesentliche Ursache waren:
"Die Wirtschaft des Landes stagniert und hat außer der Gewinnung und dem Export natürlicher Ressourcen kaum andere Wertschöpfungsquellen. Das gesamte System ist von Korruption durchsetzt und wird von staatlichen oder staatlich kontrollierten Unternehmen beherrscht, die allesamt ineffizient sind, und internationale Sanktionen beschränken den Zugang zu Kapital und Technologie. Russland hat Schwierigkeiten, Talente zu entwickeln, zu halten und anzuziehen; der Staat finanziert die wissenschaftliche Forschung nicht ausreichend, und bürokratische Misswirtschaft behindert die technologische Innovation. Infolgedessen liegt Russland bei den meisten Indikatoren der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung weit hinter den USA und China zurück. Die Militärausgaben haben in den letzten vier Jahren stagniert, und die Bevölkerung wird bis 2050 voraussichtlich um zehn Millionen Menschen schrumpfen."[17]
Der Krieg hatte auch große Auswirkungen auf die Wirtschaft der europäischen Großmächte. Die USA nutzten den Krieg, den sie mit angezettelt hatten, nicht nur, um Russland "auszubluten" und die Bildung eines Bündnisses mit China zu erschweren[18] sondern auch, um den europäischen Mächten ihre Politik der Sanktionen gegen die Russische Föderation und ihre Finanzierung des Krieges in der Ukraine aufzuzwingen.
Wir haben eine Bilanz von fast zwei Jahren dieses Krieges gezogen, müssen aber jetzt zusätzlich zwischen den Merkmalen von Kriegen in der Dekadenz und denjenigen in ihrer letzten Phase des Zerfalls unterscheiden. In dieser Phase des Zerfalls ist ein wichtiger Unterschied hervorzuheben, nämlich die Tendenz zum "Jeder für sich", die Schwierigkeit der USA, ihren Verbündeten Disziplin aufzuerlegen, und gleichzeitig die Unmöglichkeit für letztere, sich von der amerikanischen Vormundschaft zu befreien, und somit die Unmöglichkeit, einen imperialistischen Block zu konsolidieren. Das, was die Medien als "Westen" im Gegensatz zum "Globalen Süden" bezeichnen, ist keine Fortsetzung ähnlich der Konfrontation zwischen dem amerikanischen Block und dem Ostblock während des Kalten Krieges, sondern ein Trugspiel, bei dem jede Seite ihre Interessen gegen die andere verteidigt; es ist nichts anderes als das, was in Wirklichkeit auch im "Globalen Süden" geschieht.
Zu Beginn des Krieges versuchten insbesondere Frankreich und Deutschland, den Dialog mit Putin aufrechtzuerhalten und sich der US-Politik zu entziehen, die darauf abzielte, den Kreml in einen Zermürbungskrieg hineinzuziehen, mussten sich aber letztlich den Sanktionen und der Finanzierung des Krieges beugen. Insgesamt wird der Betrag, den die EU allein für die Militärhilfe an die Ukraine ausgegeben hat, auf 5 Milliarden Euro geschätzt. Macron musste von der Behauptung, die NATO sei "hirntot", dazu übergehen, rund 3 Milliarden Euro zur Finanzierung des Krieges und zur Lieferung von Waffen an die Ukraine beizutragen, und das nicht ohne Widerstand, denn die Militärhilfe Frankreichs rangiert an fünfter Stelle, noch hinter Finnland oder der Slowakei.
Doch für Deutschland haben die Sanktionen und der Krieg zweifellos die größten Auswirkungen: "Vor dem Einmarsch in die Ukraine importierte Europa 45 % seines Gases aus Russland, wobei insbesondere Deutschland jahrzehntelang den amerikanischen Warnungen widerstanden hatte, dass eine solche Abhängigkeit von einer einzigen ideologisch feindlichen Macht Wahnsinn sei. Als der Krieg begann, setzte Putin die Gaslieferungen als Kriegswaffe ein. Ab Juni 2022 wurden die Gaslieferungen über Nord Stream 1, die 1.200 km lange Pipeline, die die russische Küste bei St. Petersburg mit Nordostdeutschland verbindet, auf 40 % der normalen Menge reduziert. Im Juli waren die Lieferungen sogar noch weiter auf 20 % zurückgegangen. Gazprom machte dafür ‚routinemäßige Wartungsarbeiten und defekte Ausrüstung‘ verantwortlich. Ende August, als die Gaspreise in die Höhe schossen, transportierte Nord Stream 1 überhaupt kein Gas mehr."[19]
Dann gab es die Sabotage von Nord Stream 2, zunächst politisch durch die EU, dann durch die Sprengung der Leitung.[20] Deutschland musste seine Energiequellen neu ordnen und drohte mit Rationierung. Im Gegenzug verkündete Scholz eine sicherheitspolitische Zeitenwende, d.h. eine Politik der intensiven Aufrüstung. Diese Politik wird von allen EU-Ländern verfolgt, mit einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben um 30 % ab Februar 2022.
Die USA haben ihrerseits weltweit rund 250 Milliarden Dollar für die Rüstung und die Finanzierung des Krieges ausgegeben, und die Regierung Biden versucht derzeit, um jeden Preis weitere 60 Milliarden Dollar einzusparen. Dennoch hat die US-Regierung wirtschaftlich von den Sanktionen und den Energiekürzungen profitiert, die es ihr ermöglicht haben, ihre eigenen Ressourcen zu exportieren.
Auf internationaler Ebene haben die Blockade der Getreideexporte aus der Ukraine (einem der vier wichtigsten Getreideproduzenten der Welt) und die Blockade des Seeverkehrs im Schwarzen Meer zu Hungersnöten in Afrika geführt und zusammen mit den Rüstungsausgaben und anderen unproduktiven Ausgaben zum Anstieg der Inflation, insbesondere der Lebensmittelpreise, beigetragen. All dies wird neben dem Anstieg der Energiepreise und der beträchtlichen Aufstockung der Militärbudgets in Form von Opfern und einer deutlichen Verschlechterung der Lebensbedingungen an die Arbeitnehmer weitergegeben.
Gruppen des Proletarischen Politischen Milieus in der "bordigistischen" (die verschiedenen Internationalen Kommunistischen Parteien PCIs) und "damenistischen" (die Internationalistische Kommunistische Tendenz ICT) Tradition vertreten die Ansicht, dass der imperialistische Krieg den Beginn eines neuen Akkumulationszyklus ermöglicht. Am Ende des Zweiten Weltkriegs zog die Gauche Communiste de France (GCF), von der wir abstammen, jedoch die Schlussfolgerung, dass der Krieg in der Dekadenz des Kapitalismus nur zur Zerstörung der Produktivkräfte führt:
"Der Krieg war für den Kapitalismus das unentbehrliche Mittel, um die Möglichkeiten der Weiterentwicklung zu erschließen, und zwar zu einer Zeit, in der diese Möglichkeiten existierten und nur mit Hilfe von Gewalt erschlossen werden konnten. In gleicher Weise findet der Zusammenbruch der kapitalistischen Welt, die historisch alle Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft hat, im modernen Krieg, dem imperialistischen Krieg, den Ausdruck dieses Zusammenbruchs, der, ohne der Produktion irgendwelche Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen, die Produktivkräfte nur in den Abgrund stürzt und Ruin auf Ruin in immer schnellerem Tempo anhäuft."[21]
Und dieser Krieg ist die volle Bestätigung dafür:
"Heute kann der Krieg in der Ukraine keine direkt wirtschaftlichen Ziele haben. Weder für Russland, das die Kampfhandlungen am 24. Februar 2022 begann, noch für die USA, die seit mehr als zwei Jahrzehnten die Schwächung Russlands nach dem Zusammenbruch seines Reiches 1989 ausgenutzt haben, um die Ausdehnung der NATO bis an die Grenzen des Landes voranzutreiben. Wenn es Russland gelingt, seine Kontrolle über weitere Teile der Ukraine zu etablieren, wird es mit horrenden Ausgaben für den Wiederaufbau von Gebieten konfrontiert werden, die es gerade verwüstet. Darüber hinaus werden die Wirtschaftssanktionen, die seitens der westlichen Länder eingeführt werden, die ohnehin schon schwache Wirtschaft der Ukraine langfristig weiter schwächen. Auf westlicher Seite werden diese Sanktionen ebenfalls erhebliche Kosten verursachen, ganz zu schweigen von der Militärhilfe für die Ukraine, die sich bereits auf zig Milliarden Dollar beläuft. Tatsächlich ist der aktuelle Krieg eine weitere Illustration der Analysen der IKS zur Frage des Krieges in der Periode des kapitalistischen Niedergangs und insbesondere in der Zerfallsphase, die den Höhepunkt dieses Niedergangs darstellt."[22]
Wie Putin selbst soeben erklärt hat, "ist die Ukraine nicht in der Lage, irgendetwas zu produzieren". In der Tat war die ukrainische Wirtschaft schon vor dem Krieg sehr schwach. Nach der Unabhängigkeit von der UdSSR im Jahr 1991 gingen die Produktion um 60 % und das Pro-Kopf-BSP um 42 % zurück; mit Ausnahme gerade des Ostens – der jetzt der Hauptkriegsschauplatz ist –, Kiews und der nördlichen Oblaste ist die Hauptproduktion landwirtschaftlich. Heute sind Infrastrukturen wie die Krim-Brücke zerstört, ganze Städte liegen in Trümmern, und in einigen Orten, in denen sich viele Arbeiter angesiedelt hatten, produzieren die Fabriken nur noch mit 25 % ihrer Kapazität.
Die Situation im Bereich der Energieerzeugung und -versorgung ist bezeichnend für den Zustand des Landes. Vier Kernkraftwerke wurden abgeschaltet, und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) schätzt die Kosten der Zerstörung allein in diesem Sektor auf 10 Milliarden Euro, was 12 Millionen Menschen in die Energiearmut gestürzt hat: "Im letzten Winter gab es in der Ukraine landesweit Strom- und Heizungsausfälle. Krankenhäuser waren ohne Strom oder mussten auf ihre eigenen Generatoren zurückgreifen. Im April war die Stromerzeugungskapazität der Ukraine nach Angaben des UNDP um 51 % geringer als kurz vor der russischen Invasion."[23]
Es mangelt an grundlegenden Arbeitskräften, vor allem in den Bereichen Technik und Forschung, deren Personal zumeist aus dem Land geflohen oder an die Front eingezogen worden sind: "Viele männliche Professoren und Studenten sind zur Armee gegangen. Etwa 2.000 Professoren und Forscher konnten ihre Arbeit nicht fortsetzen. In einigen Universitäten sind 30 % der Professoren ins Ausland oder auf die andere Seite des Landes gegangen. Dreiundsechzig Einrichtungen melden einen Mangel an Lehrpersonal."[24]
Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, sich einen Wiederaufbau vorzustellen, der einen neuen Zyklus der Akkumulation einleiten würde, und noch weniger in der Perspektive einer dauerhaften Einrichtung des Krieges in der Ukraine. Der imperialistische Krieg in der Dekadenz des Kapitalismus weist an sich schon diesen Aspekt der permanenten Zerstörung als Lebensweise des Kapitalismus auf; aber in seiner Zerfallsphase und insbesondere in den letzten Jahren nimmt diese Irrationalität einen höheren, verbrannten Charakter seitens der verschiedenen imperialistischen Parteien an.
In diesem Krieg zerstört Russland die Infrastruktur und die Produktion und ist dabei, die Bevölkerung des von ihm beanspruchten Gebiets (Donbass) auszurotten. Während eines seiner Hauptziele darin bestand, die Präsenz der NATO an seinen Grenzen zu verhindern, hat es einerseits Schweden und Finnland dazu gedrängt, den Beitritt zu beantragen, und sieht sich andererseits anstelle der "Neutralität" der Ukraine mit einem bis an die Zähne bewaffneten, militarisierten Land konfrontiert, das mit der modernsten von allen NATO-Ländern gelieferten Technologie ausgestattet ist.
Die USA, die Putin dazu gedrängt haben, den Krieg zu beginnen, um Russland "auszubluten" und ihr mögliches Bündnis mit China zu schwächen, sehen sich mit der Aussicht konfrontiert, eine mögliche Niederlage der Ukraine (die von der NATO und vor allem von den USA selbst unterstützt wird) hinzunehmen. Dies würde bedeuten, dass ihr Image als führende Weltmacht in den Augen ihrer Verbündeten geschwächt würde, oder es würde zu einer Eskalation des Krieges mit unvorhersehbaren Folgen im Falle einer direkten Beteiligung der NATO an dem Konflikt oder des Einsatzes von Atomwaffen führen. Anstatt dass der Krieg eine Machtdemonstration wäre, die all ihren Rivalen und zweit- und drittrangigen Mächten Disziplin auferlegt hätte, sehen sich die USA mit einem Krieg im Nahen Osten, der eigenmächtigen Haltung Israels und der Möglichkeit konfrontiert, dass andere regionale Mächte wie der Iran in den Konflikt verwickelt werden. Und während sie bisher ihre Interessen in Europa durchsetzen konnten, haben die verschiedenen EU-Mächte ein Wettrüsten begonnen, das sie eines Tages in die Lage versetzen könnte, diesem Druck zu widerstehen. Diese Situation ist auch den amerikanischen Analysten nicht entgangen:
"Ein länger andauernder Konflikt würde das Risiko einer Eskalation – entweder der Einsatz von Atomwaffen durch Russland oder ein Krieg zwischen der NATO und Russland – auf einer hohen Alarmstufe halten. Die Ukraine würde militärisch und wirtschaftlich vollständig von westlicher Unterstützung abhängig werden, was letztlich zu Haushaltsproblemen für die westlichen Länder und Bereitschaftsproblemen für ihre Armeen führen würde. Die weltwirtschaftlichen Folgen würden anhalten, und die USA wären nicht in der Lage, ihre Ressourcen anderen Prioritäten zu widmen, während die Abhängigkeit Russlands von China zunehmen würde. Ein langer Krieg würde auch Russland schwächen, aber die Vorteile überwiegen nicht die Kosten."[25]
Auf dem Schlachtfeld selbst drückt sich diese Tendenz zur Irrationalität in der Tendenz aus, Belagerungen wie Stalingrad im Zweiten Weltkrieg oder Verdun im Ersten Weltkrieg in kleinerem Maßstab zu reproduzieren[26] wie in Bachmut oder Mariupol, wo unter dem Vorwand des mehr oder weniger strategischen Wertes des Ortes systematische Zerstörungen mit vielen Toten und Verletzten durchgeführt wurden (in Bachmut wurden schätzungsweise Hunderttausende schwer verletzt und über 50.000 getötet).
Die ukrainische Arbeiterklasse wurde durch die Deindustrialisierung, die auf den Zerfall der UdSSR folgte, und durch das Gewicht der ideologischen Kampagnen, die versuchten, sie in die Kämpfe zwischen den Fraktionen der Bourgeoisie während der "Orangenen Revolution" (2004) zu ziehen,[27] des Euromaidan-Protestes (Ende 2013) und des Krimkriegs (2014) sehr geschwächt. Die Kriegserklärung vom Februar wurde nicht durch Arbeitermobilisierungen beantwortet, sondern durch die Massenflucht von Flüchtlingen. Obwohl es kürzlich in Kiew Frauendemonstrationen gab, die die Rückkehr von Soldaten von der Front forderten, und die Regierung Selenskyj ernsthafte Schwierigkeiten hat, Soldaten zu rekrutieren, sollten wir keine Reaktion der Arbeiter auf den Krieg erwarten.
Was Russland betrifft, so scheint es, dass das Proletariat in den wichtigsten Industriezentren trotz der Informationsblockade weniger direkt unter der Einberufung und den Bombardierungen leidet, sondern mehr und mehr unter der Verschärfung der Ausbeutung und der Repression am Arbeitsplatz sowie unter dem Verlust der Kaufkraft. Die Reaktion des Proletariats auf diese Situation bleibt vorerst eine Unbekannte, aber die bisherigen Anzeichen deuten darauf hin, dass sie einige Zeit brauchen wird, um zu reifen.
Es ist daher falsch zu erwarten, dass das Proletariat eines der beiden betroffenen Länder so reagieren wird, dass der Krieg deshalb zu einem Ende kommt.
Andererseits sind die aktuellen Kämpfe des Weltproletariats in den wichtigsten Ländern auch nicht das Ergebnis eines Protests gegen den Krieg. Das Weltproletariat konnte zwar den Ersten Weltkrieg beenden, aber sein revolutionärer Kampf in Russland und Deutschland war nicht direkt das Ergebnis einer Antwort auf den Krieg, sondern der Entwicklung seiner Forderungskämpfe und seines Bewusstseins angesichts des Zusammenbruchs des Kapitalismus. Sobald es der deutschen Bourgeoisie gelang, den Kampf gegen den Krieg vom revolutionären Kampf im Hintergrund zu trennen, wurde der "Frieden" gegen die Revolution eingesetzt.
Heute, seit dem Sommer des Zorns in Großbritannien[28] haben die Arbeitnehmer in den wichtigsten Ländern eine Dynamik von Kämpfen zur Verteidigung ihrer Lebensbedingungen begonnen, die insbesondere durch die Kämpfe gegen die Rentenreform in Frankreich und die Kämpfe in den USA (im Automobil-, Gesundheits- und Bildungssektor usw.) bestätigt werden. Die Kämpfe haben sich trotz des Krieges in der Ukraine entwickelt, und die Verwicklung verschiedener Länder in die Finanzierung und Lieferung von Waffen in den Krieg beginnt, das Proletariat zum Nachdenken über das Verhältnis zwischen Opfer und Krieg aufzurütteln.
Hic Rhodes, 29.12.2023
[1] Blitzkrieg; deutscher Begriff für einen schnellen, energischen militärischen Feldzug, der auf einen klaren Sieg abzielt und die Möglichkeit eines totalen Krieges vermeidet (Wikipedia).
[2] Laut einer Studie der Universität Uppsala (Schweden), die sich auf Konflikte zwischen 1946 und 2021 stützt, enden 26 % der Kriege zwischen Staaten in weniger als einem Monat und 25 % in einem Jahr; sie zeigt aber auch, dass sich ein Konflikt, der länger als ein Jahr dauert, in der Regel mindestens ein Jahrzehnt hinzieht.
[3] "An Unwinnable War", Artikel von Samuel Charap (RAND Corporation), veröffentlicht in Foreign Affairs, Juli/August 2023. Der Autor war Mitglied des politischen Planungsteams des US-Außenministeriums während der Obama-Regierung.
[4] "Der Block hat der Ukraine Militärhilfe geleistet - das erste Mal, dass die europäischen Institutionen einem Staat direkt militärische Hilfe (und zwar sogar tödliche) geleistet haben, womit die Zurückhaltung, sich militärisch zur Unterstützung eines dritten Staates im Krieg zu engagieren, beendet wurde" ("How the Ukraine war made the EU rethink everything", Artikel veröffentlicht in The Guardian Weekly, 6. Oktober 2023.
[5] 18 EU-Mitgliedstaaten bilden ukrainische Soldaten aus (laut The Guardian Weekly, idem).
[6] "How Wars Don't End", Artikel von Margaret MacMillan, emeritierte Professorin für internationale Geschichte in Oxford, veröffentlicht in Foreign Affairs, Juli/August 2023
[7] Die Soldaten des tschetschenischen Führers Kadyrow
[8] "The Treacherous Path to a Better Russia", Artikel von Andrea Kendall-Taylor und Erica Frantz, veröffentlicht in Foreign Affairs Juli/August 2023. Andrea Kendall ist Senior Fellow und Direktorin des Transatlantic Security Program am Center for a New American Security. Von 2015 bis 2018 war sie stellvertretende nationale Geheimdienstbeauftragte für Russland und Eurasien beim National Intelligence Council, einem Teil des US Federal Intelligence Directorate. Erica Frantz ist außerordentliche Professorin für Politikwissenschaft an der Michigan State University.
[9] Vgl. Anmerkung 3
[10] "Loin du front, la société ukrainienne coupée en deux", Artikel in Le Monde Diplomatique, November 2023
[11] Einer der Journalisten, der die Belagerung von Mariupol bis zum Ende miterlebt hat, berichtet, dass "die Leute irgendwann nicht mehr wussten, wem sie die Schuld an der Bombardierung geben sollten, den Russen oder den Ukrainern" ("A harrowing film exposes the brutality of Russia's war in Ukraine", Vox-Voxmedia, über einen Dokumentarfilm über die Einnahme von Mariupol).
[12] "In der Ukraine gibt es jetzt mehr Landminen als fast überall sonst auf der Welt", Vox (Voxmedia)
[13] Iryna Stavchuk, ukrainische Ministerin für Umwelt und natürliche Ressourcen, veröffentlicht in "Les guerres contre nature", Le Monde vom 11. Juni 2022
[14] “Growing doubt in Ukraine”, Le Monde Diplomatique, englischsprachige Ausgabe, November 2023
[15] Siehe den Bericht über die internationale Lage an die Konferenz der Gauche Communiste de France, Juli 1945, Auszüge veröffentlicht in "50 years ago: the real causes of the Second World War [208]", International Review 59 (engl./frz./span. Ausgabe)
[16] " L'industrie d'armement russe monte en puissance", Le Monde, 4. November 2023.
[17] "The myth of Russian decline", von Michael Kofman und Andrea Kendall-Taylor (Center for a New American Security), Foreign Affairs, November/Dezember 2021
[18] Vgl. unseren Artikel Bedeutung und Auswirkungen des Krieges in der Ukraine [121] in Internationale Revue 58, 2022.
[19] In Anmerkung 3 genannte Quelle
[20] Inzwischen wurde festgestellt, dass dieser Sabotageakt ukrainischen Ursprungs war, obwohl nicht klar ist, ob er mit Zustimmung der Regierung durchgeführt wurde (siehe Le Figaro international [209]).
[21] Bericht über die internationale Lage an die Konferenz der Gauche Communiste de France, Juli 1945, Auszüge veröffentlicht in "50 years ago: the real causes of the Second World War [208]", International Review 59, ibid.
[22] Militarismus und Zerfall (Mai 2022) [116] in Internationale Revue 58, 2022
[23] "Die Ukraine fürchtet einen weiteren Sturz in Kälte und Dunkelheit", titelt die Washington Post am Mittwoch, 11. Oktober 2023.
[24] "Ukraine, das Bildungssystem nimmt Stellung", Artikel von Qubit, einer ungarischen wissenschaftlichen Zeitschrift, veröffentlicht in Courrier International 1275, 23.-29. November 2023
[25] Vgl. die in Anmerkung 2 zitierte Studie.
[26] Der Ausdruck "ausbluten", mit dem Hillary Clinton das Ziel der USA gegenüber Russland in diesem Krieg beschreibt, wurde von Erich von Falkenhayn, dem deutschen Generalstabschef, während der Belagerung der Festung Verdun im Ersten Weltkrieg gegen Frankreich verwendet, das er zur Erschöpfung seiner Kräfte zwingen wollte. Das Scheitern der deutschen Offensive führte zu einem Blutbad mit 750.000 Toten, Verwundeten und Vermissten, darunter 143.000 Deutsche und 163.000 Franzosen.
[27] Editorial: Elections in the USA and the Ukraine [210], International Review 120 (engl./frz./span. Ausgabe), 1. Quartal 2005
[28] Die Kämpfe des Sommers 2022 in Großbritannien, die unter dem Motto "Genug ist genug" einen Bruch mit 40 Jahren Passivität nach der Niederlage der Bergarbeiterstreiks von 1983 markierten, wurden als "Sommer der Wut" bezeichnet; dieser Begriff bezieht sich auf die Kämpfe von 1978-1979, die als "Winter der Unzufriedenheit" bezeichnet wurden.
Eine erste Bilanz unserer Appelle an die Kommunistische Linke, eine gemeinsame Erklärung zu den aktuellen imperialistischen Konflikten abzugeben.
Ende Februar 2022 schlug die IKS den anderen Gruppen der Kommunistischen Linken eine gemeinsame internationalistische Erklärung gegen den imperialistischen Krieg in der Ukraine vor. Diese Gruppen sind die politischen Nachfahren der einzigen proletarischen politischen Strömung, die im 2. Weltkrieg sowohl gegen das faschistische als auch gegen das demokratische imperialistische Lager gekämpft hat und somit die Einzige, die heute noch eine Kontinuität in Wort und Tat mit dem proletarischen Internationalismus für sich beanspruchen kann.
In den zwei Jahren nach dieser Erklärung schlug die IKS denselben Gruppen einen ähnlichen „Appell“ zum Krieg in Gaza vor, der Ende 2023 ausbrach. (Der Kürze halber werden wir beide als gemeinsame Erklärungen bezeichnen). In diesem Fall war die einzige Gruppe, die sich unserem Appell anschloss, Internationalist Voice.
Welche Lehren können wir aus dieser Initiative ziehen, die uns in einer Zeit orientieren können, in der das imperialistische Gemetzel unweigerlich zunehmen und sich ausbreiten wird?
Von den sechs angesprochenen Gruppen stimmten zwei der vorgeschlagenen gemeinsamen Erklärung zu, wobei eine Gruppe, Internationalist Communist Perspective (Korea), deren Ursprünge nicht in der kommunistischen Linken liegen, sie unterstützte.
Auf den ersten Blick scheinen diese internationalistischen Initiativen der IKS kein Erfolg gewesen zu sein, da sie nicht zu einer einheitlichen Antwort der gesamten oder sogar der Mehrheit der Strömungen der Kommunistischen Linken geführt haben, einer Antwort, die all jenen Arbeitern, die nach einer Klassenalternative zum imperialistischen Gemetzel suchen, ein Leuchtfeuer eines wirklich kommunistischen Internationalismus geboten hätte.
Der fehlende kurzfristige Erfolg der IKS-Initiativen wird zweifellos die Illusionen derjenigen bestätigen, die die Initiative als „Ansprache an die Bekehrten“ verspotteten. Sie glaubten, dass es heute möglich sei, eine breitere „Antikriegsbewegung“ zu schaffen, die dem Imperialismus ein Ende setzen könnte, indem sie „jetzt etwas tut“ und so viele Menschen wie möglich zusammenbringt, unabhängig von ihrer politischen Überzeugung oder Redlichkeit in einer Zeit der Orientierungslosigkeit der Arbeiterklasse in der Kriegsfrage.
Das Scheitern solcher aktivistischer Illusionen und Projekte hat entweder zu Passivität, Verwirrung und „Ausbrennen“ geführt oder wird unweigerlich dazu führen, dass man sich am Ende für das eine oder andere imperialistische Lager entscheidet – kritisch natürlich.
In Wirklichkeit enthält die Erfahrung der IKS-Initiativen wichtige längerfristige Lehren für das Vorantreiben einer politischen Vorgehensweise, die zur zukünftigen Partei der Arbeiterklasse und zum Sturz des Weltkapitalismus führen muss, was der einzige Weg ist, den imperialistischen Krieg zu beenden. Mit anderen Worten: Erfolg oder Misserfolg wird letztlich mit einem historischen Maßstab gemessen, nicht mit einem kurzfristigen Eindruck.
Vergleichen wir diese beiden IKS-Initiativen der letzten zwei Jahre mit ähnlichen internationalistischen Aufrufen an die kommunistische Linke zur gemeinsamen Arbeit, die bis ins Jahr 1979 zurückreichen, zur Zeit der russischen Invasion in Afghanistan. Bei allen früheren Gelegenheiten zwischen damals und heute waren die Vorschläge der IKS für eine gemeinsame internationalistische Erklärung nie über das Konzeptstadium hinausgekommen, weil das eigentliche Prinzip einer solchen öffentlichen Einheitserklärung von den anderen Gruppen summarisch abgelehnt oder ignoriert wurde.
Der Vorschlag für eine gemeinsame Erklärung zur Ukraine stieß erstmals auf positive Resonanz bei zwei anderen Gruppen. Nachdem eine dieser Gruppen, das Istituto Onorato Damen, der IKS vorgeschlagen hatte, eine solche gemeinsame Erklärung zu verfassen, stimmte letztere zu, und der Text wurde von der Presse der drei Gruppen als Flugblatt oder Artikel gedruckt und verteilt und diente als Grundlage für gemeinsame öffentliche Treffen und andere Interventionen.1
Dieser Fortschritt, so klein er auch erscheinen mag, führte zu einigen anderen Fortschritten, die nicht unbemerkt bleiben sollten:
Einer der Verweigerer der gemeinsamen Arbeit – die Internationalistische Kommunistische Tendenz – führte zum ersten Mal einen langen Briefwechsel mit der IKS über die Stichhaltigkeit ihrer Ablehnungsgründe, der sich zu einer Art Polemik entwickelte, die es wert war, veröffentlicht zu werden, um einer breiteren Leserschaft die Verantwortung der Kommunistischen Linken als Ganzes angesichts der Zunahme des imperialistischen Krieges zu verdeutlichen.
Die Mitunterzeichner der Gemeinsamen Erklärungen kamen überein, ein Diskussionsbulletin herauszugeben, in dem die Unterschiede in der Analyse zwischen den beteiligten Gruppen herausgearbeitet und konfrontiert werden können. Bislang sind zwei Ausgaben dieser Bulletins erschienen, die auch Beiträge einer relativ neuen Gruppe der Kommunistischen Linken – Internationalist Voice – enthalten.
Die Bedeutung von Zimmerwald und der Zimmerwalder Linken im Ersten Weltkrieg und ihr Zusammenhang mit dem heutigen Internationalismus wurden genauer untersucht.
Die Gemeinsamen Erklärungen verdeutlichten den Charakter einer prinzipiellen internationalistischen Intervention gegenüber Einzelpersonen und Gruppen, die nicht der Kommunistischen Linken angehören, aber dennoch nach einer klaren politischen Orientierung suchen und sich von Linksradikalismus und politischer Verwirrung lösen wollen.
Die Atmosphäre der Solidarität, die durch den Beitritt zur Initiative geschaffen wurde, ermöglichte auch die Organisation von zwei öffentlichen Online-Diskussionstreffen, eine auf Italienisch und eine auf Englisch, um die Notwendigkeit der Gemeinsamen Erklärung und die Aufgaben der Revolutionäre angesichts des imperialistischen Krieges und der neuen Weltbedingungen zu diskutieren und zu klären. Aus diesen Treffen ging auch ein Artikel hervor, in dem eine Bilanz der Diskussionen gezogen wurde.2
Dieser kann auf unserer Website nachgelesen werden.3 Es ist daher nur notwendig, die wichtigsten Argumente zusammenzufassen. Erstens bestand die IKT darauf, dass die Unterschiede in der Analyse des imperialistischen Krieges (d. h. in der marxistischen Erklärung für den imperialistischen Krieg und seine heutigen Aussichten) zwischen den Gruppen zu groß seien, als dass sie die Gemeinsame Erklärung, der sie ansonsten zustimmten, unterzeichnen könnten. Zweitens stellten sie die Einladung der bordigistischen Gruppen, die unter dem Namen der Internationalen Kommunistischen Partei auftreten und am besten an den Namen ihrer wichtigsten Publikationen (Programma Comunista, Il Comunista/Le Proletaire und Il Partito Comunista) zu erkennen sind, zur Gemeinsamen Erklärung in Frage und bedauerten andererseits das Fehlen einiger Gruppen auf der Liste der Eingeladenen. Drittens wünschten sie eine breitere Bewegung gegen den Krieg als die Gemeinsame Erklärung, die auf die kommunistische Linke beschränkt war.
Die IKS antwortete, dass die Unterschiede in der Analyse, die sicherlich von Bedeutung sind, gegenüber der grundsätzlichen Einigung auf ein gemeinsames internationalistisches Aktionsprogramm zwischen den Gruppen der Kommunistischen Linken zweitrangig sind. Sekundäre Unterschiede zu einem Hindernis für eine solche gemeinsame Arbeit zu machen, bedeutet daher, die Interessen der eigenen Gruppe zum Nachteil der Bedürfnisse der Bewegung als Ganzes zu erhöhen – und ist daher klassisch sektiererisch. Die endgültige Fassung der Gemeinsamen Erklärung konnte in der Tat einen Unterschied in der Analyse des Imperialismus zwischen dem IOD und der IKS berücksichtigen, um die wesentliche Klassenposition zu unterstreichen. Eine Differenz, die derjenigen sehr ähnlich ist, die für die IKT ein Hauptgrund für die Nichtunterzeichnung der Erklärung war.
Was den zweiten Punkt betrifft, so war es ironisch, dass die sektiererische IKT sich darüber beschwerte, dass jede der eingeladenen bordigistischen Gruppen sich als die einzige internationalistische kommunistische Partei der Welt betrachtete. Dies war ein Fall, in dem der Eine den Anderen schalt. In der Tat ist die IKT, obwohl sie sich selbst als „Tendenz“ bezeichnet, der Ansicht, dass ihre Hauptkomponente, Battaglia Comunista, auch die Internationalistische Kommunistische Partei ist und daher allen anderen Anwärtern auf diesen Thron feindlich gegenübersteht.
Was die parasitären Gruppierungen betrifft, die behaupten, der Kommunistischen Linken anzugehören, und die nicht zur Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung eingeladen wurden, so war es nur logisch, sie auszuschließen, da diese verschiedenen Gruppierungen in der Praxis alles tun, um die Kommunistische Linke zu verleumden. Aber die IKT, die sie einladen wollte, war daher opportunistisch offen, sich mit parasitären Verleumdern und sogar Spitzeln zusammenzutun, die mit dem Internationalismus in der Tat nichts zu tun haben. Das Sektierertum der IKT gegenüber dem Rest der kommunistischen Linken – ihren bordigistischen Geschwistern4 und der IKS – fand daher seine natürliche Ergänzung in einem Opportunismus gegenüber denjenigen, die außerhalb der kommunistischen Linken stehen und diesen sogar feindlich gesinnt sind.
Der Wunsch der IKT nach einer „breiteren Bewegung jenseits der kommunistischen Linken“ beschränkte sich somit unmittelbar auf den Ausschluss der Mehrheit des heute existierenden, wirklich internationalistischen Milieus. In der Folge wurde ihre Kampagne „No War But the Class War“ mit dehnbareren Teilnahmekriterien als die Gemeinsame Erklärung ins Leben gerufen und machte sich so einem heterogenen Milieu aus verschiedenen Anarchisten, Parasiten und sogar Linksradikalen zugänglicher. Ihre öffentlichen Versammlungen reichten nicht über die Grenzen dieses Milieus hinaus. Bei einer Gelegenheit war die Größe der Delegationen der IKS, die bei diesen öffentlichen Versammlungen intervenierten, sogar ihr größter Bestandteil. Die NWBCW hat sich als opportunistischer Bluff erwiesen, dessen eigentlicher Zweck es war, als Weg zur Aufnahme in die IKT zu fungieren, anstatt ein breiteres Publikum für authentischen Internationalismus zu schaffen.5
Die Gemeinsame Erklärung bot einen prinzipiellen Rahmen für internationalistische Einheit in der Aktion, marxistische Parameter für die Diskussion und Klärung theoretischer und analytischer Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Bulletins sind also kein Sammelsurium beliebiger Positionen und Ideen, sondern im Wesentlichen ein Forum für die Auseinandersetzung der Argumente innerhalb der Kommunistischen Linken, also eine proletarische Polemik.
Die beiden Bulletins haben bisher Folgendes enthalten: eine einschlägige Korrespondenz zwischen ihnen über die Gemeinsame Erklärung; Erklärungen zur Analyse der aktuellen Situation der imperialistischen Kriege in der Ukraine und im Gaza-Streifen nach Ansicht der jeweiligen Organisationen; und vor allem eine fortlaufende Polemik darüber, wie sich die Widersprüche des Kapitalismus in imperialistischen Konflikten niederschlagen, sei es, dass letztere direkt das Ergebnis wirtschaftlicher Ambitionen sind – wie die Aufrechterhaltung der Hegemonie des Dollars oder die Kontrolle der Ölproduktion und -verteilung – oder durch eine selbstzerstörerische Dynamik gebrochen werden, die durch die Sackgasse des Kapitalismus in seiner historischen Epoche der Dekadenz hervorgerufen wird. Diese Polemik ist für das Verständnis der Perspektiven und Bedingungen des heutigen Militarismus von großem Interesse und Bedeutung. Sie sollte fortgesetzt werden.
Die Kommunistische Linke, die sich von der Geschichte der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse inspirieren lässt, fragt sich natürlich nach dem Wesen und der Bedeutung der Zimmerwald-Bewegung im Ersten Weltkrieg.
Wollte Zimmerwald eine möglichst breite Antikriegsbewegung schaffen, wie es die IKT vorgibt, eine Art Vorwegnahme der NWBCW-Initiative? Zimmerwald war in der Tat der erste Hinweis darauf, dass die Arbeiterklasse ihre Illusionen in den imperialistischen Krieg verlor und ihre Hoffnung auf einen alternativen Ausweg bestätigte. Doch die eigentliche und lang anhaltende Bedeutung von Zimmerwald lag in der Entwicklung einer unnachgiebigen internationalistischen Linie innerhalb einer kleinen Minderheit, der so genannten Zimmerwalder Linken. Diese erkannte, dass der Erste Weltkrieg nur der Beginn einer ganzen historischen Periode war, die vom imperialistischen Krieg beherrscht werden würde und ein Maximalprogramm für die Arbeiterklasse erforderte: Bürgerkrieg, Sturz der bürgerlichen Regime, proletarische Diktatur mit einer neuen Kommunistischen Internationale, die die bankrotte, chauvinistische Zweite Internationale ersetzen sollte.
Die Mehrheit der Zimmerwalder stand diesem Programm ambivalent oder ablehnend gegenüber. Stattdessen betrachteten sie den Ersten Weltkrieg als eine vorübergehende Verirrung und hofften auf eine Versöhnung oder Wiederherstellung der 1914 zusammengebrochenen Zweiten Internationale und wollten die „Unruhestifter“ und „Spalter“ der Linken ausschließen oder neutralisieren. Schließlich wurden die Klassenlinien, die diese Differenzen implizierten, 1917 durch die Oktoberrevolution gezogen.
Nur die Bourgeoisien und die Nationalstaaten, die ihre Privilegien schützen, sind dem durch die kapitalistische Entwicklung unvermeidlich gewordenen Drang zum imperialistischen Krieg uneingeschränkt verpflichtet. Gesamtgesellschaftlich gesehen hat der imperialistische Krieg jedoch eine erschütternde Wirkung auf andere Klassen. Das größte Opfer des Imperialismus ist die Arbeiterklasse, da der militärische Moloch sie zu spalten und in ein brudermörderisches Gemetzel zu ziehen droht und ihre Armut in Elend verwandelt. Gleichzeitig sieht eine Zwischenschicht – das Kleinbürgertum, das zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat angesiedelt ist – durch den imperialistischen Strudel den Verlust ihrer relativ sicheren Stellung voraus. Als Reaktion darauf hofft diese Schicht auf eine Rückkehr zur Normalität und zum Frieden, sieht aber im Kampf der Arbeiterklasse eine weitere Bedrohung für ihren schwindenden Status, eine weitere Quelle für Störungen und Konflikte.
In dieser Situation nimmt die Antikriegsstimmung sowohl im Proletariat als auch in dieser Zwischenschicht zu, doch in dieser scheinbar gemeinsamen Reaktion auf den Imperialismus verbergen sich unterschiedliche, antagonistische Klasseninteressen. Um ihre Interessen zu verteidigen, muss die Arbeiterklasse dafür kämpfen, sich von allen pazifistischen Lösungen (wie radikal sie auch erscheinen mögen, wie z.B. Antimilitarismus), die in den Zwischenschichten verbreitet sind, zu lösen und stattdessen auf dem Terrain ihres eigenen Klassenkampfes zu stehen, der die Arbeiter zum Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie und den Kapitalismus als Ganzes führt. Das Kleinbürgertum hingegen, das im Grunde keine historische Zukunft hat, kann auf den imperialistischen Krieg bestenfalls ohnmächtig und auf verschiedene Weise reagieren und bleibt in der Unklarheit gefangen. Diese Mischung aus einer Klasse, die um das Bewusstsein ihrer internationalistischen Interessen ringt, und einer Mittelschicht, die mit Entsetzen auf die imperialistische Barbarei reagiert, ist die soziale Grundlage für das Entstehen eines politischen Sumpfes zwischen der kommunistischen Linken und dem linken Flügel des Kapitals heute, der weder das eine noch das andere zu sein scheint und von ständigen Widersprüchen und Unruhen geprägt ist.
Die Intervention der internationalistischen Kommunisten gegenüber diesem Milieu ist daher von entscheidender Bedeutung für die Beschleunigung der Entwicklung des Bewusstseins der Arbeiterklasse. Die internationalistischen Organisationen entstehen per definitionem nicht spontan aus diesem Sumpf, der in seiner Gesamtheit im Wesentlichen eine politische Verwirrung darstellt, ein Hindernis für die Entwicklung des Klassenbewusstseins. Echte internationalistische Organisationen sind das Produkt einer historischen Erfahrung der revolutionären Bewegung, die bis zum Ersten Weltkrieg und davor zurückreicht. Die Existenz und das Eingreifen der Kommunistischen Linken, ihre politische Präsenz, ist daher von entscheidender Bedeutung, nicht nur um den Einfluss der Bourgeoisie im politischen Sumpf zu bekämpfen, sondern auch um den Unterschied zwischen den Klasseninteressen des Proletariats und denen der Mittelschichten aufzudecken, die trotz ihrer radikalen Opposition zur Großbourgeoisie im Wesentlichen rückwärtsgewandt sind.
Darin liegt die allgemeine Bedeutung der Gemeinsamen Erklärung, die mit der Festlegung der gemeinsamen Position der Kommunistischen Linken begonnen hat, inmitten eines Milieus politischer Verwirrung einen internationalistischen Bezugspunkt abzustecken.
Die letzten zwei Jahre und die Reaktion auf die Gemeinsamen Erklärungen haben gezeigt, dass die historische Kommunistische Linke immer noch zersplittert ist und viele ihrer Gruppen bisher nicht in der Lage waren, einheitliche internationalistische Aktionen gegen die Ausweitung des imperialistischen Krieges durchzuführen. Allerdings wurden kleine Schritte in diese Richtung unternommen, wie wir oben skizziert haben. Und nur die Vereinigung der kommunistischen Avantgarde, nicht durch Kompromisse oder amorphe Fronten, sondern durch die wirkliche Klärung der Differenzen, kann das Proletariat in seinem Kampf gegen den Kapitalismus und den imperialistischen Krieg wappnen.
1 Gemeinsame Erklärung von Gruppen der internationalen kommunistischen Linken zum Krieg in der Ukraine [159], Internationale Revue Nr. 58
2 Korrespondenz zur Gemeinsamen Erklärung von Gruppen der Kommunistischen Linken zum Krieg in der Ukraine [211], ICConline, August 2022
3 Eine Bilanz der öffentlichen Versammlungen über die Gemeinsame Erklärung der Gruppen der Kommunistischen Linken zum Krieg in der Ukraine [212] (Ibid).
4 Sowohl die bordigistischen Parteien als auch die damenistische IKT haben gemeinsame Ursprünge in der Gründung des Partito Comunista Internazionalista im Jahr 1943
5 Die IKT und die Initiative No War But the Class War: ein opportunistischer Bluff, der die kommunistische Linke schwächt [184], Weltrevolution Nr. 186
Links
[1] https://de.internationalism.org/files/de/rint56_web.pdf
[2] https://de.internationalism.org/content/1075/bericht-zur-struktur-und-funktionsweise-der-organisation-der-revolutionaere
[3] https://de.internationalism.org/content/861/das-verhaeltnis-fraktion-partei-der-marxistischen-tradition-von-marx-bis-lenin-1848-1917
[4] https://en.internationalism.org/content/3152/6th-congress-icc-what-stake
[5] https://en.internationalism.org/ir/050_decadence_part03.htm
[6] https://www.leftcom.org/en/articles/2018-12-22/the-fraction-party-question-in-the-italian-left
[7] https://de.internationalism.org/content/2667/bericht-ueber-die-rolle-der-iks-als-fraktion
[8] https://de.internationalism.org/content/871/thesen-zur-oekonomischen-und-politischen-krise-der-udssr-und-den-osteuropaeischen
[9] https://de.internationalism.org/content/748/der-zerfall-die-letzte-phase-der-dekadenz-des-kapitalismus
[10] https://de.internationalism.org/content/1374/kollaps-des-stalinismus-die-arbeiterklasse-vor-einer-schwierigeren-lage
[11] https://de.internationalism.org/content/2862/resolution-ueber-das-kraefteverhaeltnis-zwischen-den-klassen-2019
[12] https://en.internationalism.org/international-review/201111/4593/indignados-spain-greece-and-israel
[13] https://en.internationalism.org/content/16711/report-impact-decomposition-political-life-bourgeoisie-23rd-icc-congress
[14] https://de.internationalism.org/content/2929/einfuehrung-zum-bericht-ueber-den-historischen-kurs-2019
[15] https://de.internationalism.org/content/2930/bericht-ueber-den-historischen-kurs
[16] https://de.internationalism.org/content/2455/ausserordentliche-internationale-konferenz-der-iks-die-nachrichten-ueber-unser-ableben
[17] https://de.internationalism.org/content/1078/der-haager-kongress-von-1872-der-kampf-gegen-den-politischen-parasitismus
[18] https://de.internationalism.org/content/2834/die-bewegung-der-gelbwesten-ein-volksaufstand-ohne-perspektive
[19] http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_019.htm
[20] https://en.internationalism.org/wr/304/chartism-1848
[21] https://de.internationalism.org/content/615/orientierungstext-das-vertrauen-und-die-solidaritaet-im-kampf-des-proletariats-1-teil
[22] https://en.internationalism.org/content/14136/deliveroo-ubereats-struggles-precarious-and-immigrant-workers
[23] https://www.bbc.com/news/business-45734662
[24] https://en.internationalism.org/forum/15171/class-struggle-jordans-war-economy
[25] https://en.internationalism.org/icconline/201808/16494/iraq-marching-against-war-machine
[26] https://en.internationalism.org/content/16599/internationalist-voice-and-protests-middle-east
[27] https://en.internationalism.org/content/16684/response-internationalist-voice-strikes-iran
[28] https://de.internationalism.org/content/2772/bericht-ueber-die-imperialistischen-spannungen
[29] http://www.sebalorenzo.com.ar
[30] https://de.internationalism.org/content/2897/nuevo-curso-und-eine-kommunistische-linke-spaniens-was-sind-die-urspruenge-der
[31] mailto:[email protected]
[32] mailto:[email protected]
[33] https://es.internationalism.org/revista-internacional/200608/1028/en-memoria-de-munis-militante-de-la-clase-obrera
[34] https://es.internationalism.org/content/4393/polemica-adonde-va-el
[35] https://es.internationalism.org/revista-internacional/201804/4300/el-comunismo-esta-al-orden-del-dia-en-la-historia-castoriadis-muni
[36] https://es.internationalism.org/node/4363
[37] https://es.internationalism.org/cci/200602/753/1critica-del-libro-jalones-de-derrota-promesas-de-victoria
[38] https://es.internationalism.org/content/4388/las-confusiones-del-sobre-octubre-1917-y-espana-1936
[39] https://es.internationalism.org/content/4460/nuevo-curso-y-una-izquierda-comunista-espanola-de-donde-viene-la-izquierda-comunista
[40] https://es.wikipedia.org/wiki/Transici%C3%B3n_espa%C3%B1ola
[41] https://www.ultimahora.es/noticias/sociedad/1999/03/01/972195/espanol-preside-nuevo-consejo-europeo-accion-humanitaria-cooperacion.html
[42] https://en.internationalism.org/content/4007/editorial-peace-kosovo-moment-imperialist-war
[43] https://de.internationalism.org/content/1077/die-i-internationale-und-der-kampf-gegen-das-sektierertum
[44] https://de.internationalism.org/content/1080/der-kampf-des-marxismus-gegen-das-politische-abenteurertum
[45] https://de.internationalism.org/content/2898/lassalle-und-schweitzer-der-kampf-gegen-politische-abenteurer-der-arbeiterbewegung
[46] https://de.internationalism.org/files/de/rint57_web_0.pdf
[47] https://de.internationalism.org/content/3005/24-internationaler-kongress-der-iks-resolution-zur-internationalen-lage
[48] https://www.amnesty.org/es/latest/news/2021/03/covid19-health-worker-death-toll-rises-to-at-least-17000-as-organizations-call-for-rapid-vaccine-rollout/
[49] https://de.internationalism.org/content/2999/24-internationaler-kongress-der-iks-bericht-ueber-die-pandemie-und-die-entwicklung-des
[50] https://de.internationalism.org/content/2974/interne-debatte-der-iks-ueber-die-internationale-lage
[51] https://de.internationalism.org/content/1074/aufbau-der-revolutionaeren-organisation-thesen-ueber-den-parasitismus
[52] https://de.internationalism.org/content/1247/marc-von-der-oktoberrevolution-1917-bis-zum-2-weltkrieg
[53] https://fr.internationalism.org/rinte66/marc.htm
[54] https://en.internationalism.org/content/4004/13th-congress-icc-resolution-international-situation
[55] https://de.internationalism.org/content/758/orientierungstext-militarismus-und-zerfall
[56] https://de.internationalism.org/content/2861/resolution-zur-internationalen-lage-2019-imperialistische-spannungen-leben-der
[57] https://de.internationalism.org/content/2926/bericht-ueber-den-zerfall-heute-mai-2017
[58] https://de.internationalism.org/content/2957/bericht-ueber-die-covid-pandemie-und-die-periode-des-kapitalistischen-zerfalls
[59] https://de.internationalism.org/int_resolution_40
[60] https://fr.internationalism.org/rinte110/extreme.htm
[61] https://www.lemonde.fr/planete/article/2021/05/14/origines-du-covid-19-la-divulgation-de-travaux-inedits-menes-depuis-2014-a-l-institut-de-virologie-de-wuhan-alimente-le-trouble_6080154_3244.html
[62] https://en.internationalism.org/forum/16901/internal-debate-icc-international-situation
[63] https://en.internationalism.org/content/16735/debate-balance-class-forces
[64] https://de.internationalism.org/content/2115/editorial-soziale-revolten-im-maghreb-und-im-nahen-osten-nukleare-katastrophe-japan
[65] https://de.internationalism.org/content/2096/was-ist-los-nordafrika-im-nahen-mittleren-osten
[66] https://de.internationalism.org/content/2205/internationaler-klassenkampf-die-bewegung-der-empoerten-spanien-griechenland-und-israel
[67] https://de.internationalism.org/content/2940/trotz-aller-hindernisse-schmiedet-der-klassenkampf-seine-zukunft
[68] https://en.internationalism.org/content/16907/protests-health-sector-putting-national-unity-question
[69] https://en.internationalism.org/ir/065/marc-01
[70] https://en.internationalism.org/ir/066/marc-02
[71] https://de.internationalism.org/content/1372/polemik-mit-der-cwo-unterirdische-reifung-des-bewusstseins
[72] https://de.internationalism.org/content/1654/die-debattenkultur-eine-waffe-des-klassenkampfes
[73] https://markhayes9.wixsite.com/website/post/notes-on-the-bourgeois-counter-offensive-in-the-1980s
[74] https://de.internationalism.org/content/2970/die-auswirkungen-des-zerfalls-auf-die-wirtschaft-bericht-ueber-die-wirtschaftskrise-24
[75] https://www.banquemondiale.org/fr/news/press-release/2020/06/08/covid-19-to-plunge-global-economy-into-worst-recession-since-world-war-ii
[76] https://www.ace-cargadores.com/2020/03/02/el-80-de-las-multinacionales-tiene-planes-para-repatriar-su-produccion/
[77] https://www.britannica.com/science/pollution-environment
[78] https://copenhagenconsensus.com/sites/default/files/air_pollution.pdf
[79] https://www.greeneconomycoalition.org/news-and-resources/the-economics-of-mass-extinction
[80] https://www.lavanguardia.com/natural/20200908/483359329249/degradacion-ambiental-catapulta-pandemias.html
[81] https://www.banquemondiale.org/fr/topic/poverty/overview
[82] https://www.bloomberg.com/graphics/2020-global-economic-and-climate-change-forecast-2050/
[83] https://www.infodefensa.com/texto-diario/mostrar/3123473/alemania-incrementa-1300-millones-presupuesto-defensa
[84] https://aviacionline.com/2020/12/japon-aprueba-presupuesto-militar-record-para-el-2021/
[85] https://www.cnbc.com/2019/11/20/us-spent-6point4-trillion-on-middle-east-wars-since-2001-study.html
[86] https://www.elcomercio.com/actualidad/china-gasto-militar-economia-pandemia.html
[87] https://www.abc.es/internacional/abci-china-y-rusia-doblan-gasto-militar-decada-201711121042_noticia.html
[88] https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---dgreports/---dcomm/documents/briefingnote/wcms_767223.pdf
[89] https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---dgreports/---dcomm/---publ/documents/publication/wcms_757159.pdf
[90] https://es.internationalism.org/cci-online/200706/1935/cuales-son-las-diferencias-entre-la-izquierda-comunista-y-la-iv-internacional
[91] https://en.internationalism.org/the-communist-left
[92] https://de.internationalism.org/content/2952/das-verborgene-erbe-der-linken-des-kapitals-teil-1-eine-falsche-auffassung-von-der
[93] https://de.internationalism.org/content/2981/das-verborgene-erbe-der-linken-des-kapitals-teil-2-eine-methode-und-eine-denkweise-den
[94] https://de.internationalism.org/content/2982/das-verborgene-erbe-der-linken-des-kapitals-teil-3-eine-funktionsweise-im-widerspruch
[95] https://es.internationalism.org/content/4205/la-importancia-del-debate-moral-y-organizativo
[96] http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/marx_manifestws_1848?p=16
[97] https://de.internationalism.org/content/685/dokumente-aus-dem-organisationsleben-die-frage-der-funktionsweise-der-iks
[98] https://de.internationalism.org/content/584/orientierungstext-das-vertrauen-und-die-solidaritaet-im-kampf-des-proletariats-2-teil
[99] https://www.kommunismus.narod.ru/knigi/pdf/Ante_Ciliga_-_Im_Land_der_verwirrenden_Luege.pdf
[100] https://de.internationalism.org/content/3023/das-verborgene-erbe-der-linken-des-kapitals-teil-4-ihre-moral-und-unsere
[101] https://de.internationalism.org/content/876/thesen-ueber-die-studentenbewegung-frankreich-im-fruehling-2006
[102] https://de.internationalism.org/Weltrevolution_welt171bilanz2011
[103] http://www.derfunke.at/html/pdf/geschichte/klassiker/Reed-10_Tage.pdf
[104] https://es.internationalism.org/cci-online/200802/2185/debates-electorales-lo-contrario-de-un-verdadero-debate
[105] https://en.internationalism.org/specialtexts/IR003_kron.htm
[106] https://de.internationalism.org/Umwelt_13
[107] https://de.internationalism.org/en/tag/1/157/artikelfolgen
[108] https://de.internationalism.org/files/de/internationale_revue_58.pdf
[109] https://world.internationalism.org
[110] https://www.istitutoonoratodamen.it/
[111] https://en.internationalistvoice.org/
[112] http://communistleft.jinbo.net/xe/
[113] https://de.internationalism.org/content/2853/vor-fuenfzig-jahren-mai-68-die-fortschritte-und-rueckzuege-im-klassenkampf-seit-1968
[114] https://de.internationalism.org/content/1373/nach-dem-zusammenbruch-des-ostblocks-destabilisierung-und-chaos
[115] https://de.internationalism.org/files/de/gegen_die_angriffe_der_bourgeoisie_brauchen_wir_einen_vereinten_und_massiven_kampfneu.pdf
[116] https://de.internationalism.org/content/3064/aktualisierung-des-orientierungstextes-von-1990-militarismus-und-zerfall-mai-2022
[117] https://de.internationalism.org/files/de/2022_flugblatt_ukraine.pdf
[118] https://de.internationalism.org/content/731/internationale-revue-13
[119] http://www.mlwerke.de/me/me13/me13_007.htm
[120] https://de.internationalism.org/ir/5/1980_kurs
[121] https://de.internationalism.org/content/3059/bericht-ueber-die-imperialistischen-spannungen-mai-2022-bedeutung-und-auswirkungen-des
[122] https://fr.internationalism.org/nation_classe.htm#_ftnref2
[123] https://fr.internationalism.org/rinte37/debat.htm
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[127] https://en.internationalism.org/content/1588/period-transition-preface
[128] https://en.internationalism.org/icconline/2006/groupe-communiste-internationaliste
[129] https://www.leftcom.org/en/articles/2014-10-07/the-period-of-transition-and-its-dissenters
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[131] https://en.internationalism.org/internationalreview/201303/6505/communism-not-nice-idea-vol-3-part-10-bilan-dutch-left-and-transitio
[132] https://en.internationalism.org/internationalreview/200001/9646/1921-proletariat-and-transitional-state
[133] https://en.internationalism.org/content/4092/state-and-dictatorship-proletariat
[134] https://en.internationalism.org/content/2648/state-period-transition
[135] https://de.internationalism.org/content/2881/bericht-des-23-internationalen-kongresses-der-iks-ueber-den-klassenkampf-bildung
[136] https://de.internationalism.org/content/2888/angesichts-der-globalen-wirtschaftskrise-und-der-armut-volksrevolten-sind-eine
[137] mailto:[email protected]
[138] https://en.internationalism.org/internationalreview/200401/317/1903-4-birth-bolshevism
[139] https://de.internationalism.org/content/1460/deutsche-revolution-vi
[140] https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band34.pdf
[141] http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_150.htm
[142] https://library.fes.de/fulltext/bibliothek/chronik/band1/e235e623.html
[143] https://en.internationalism.org/content/3146/discussion-opportunism-and-centrism-working-class-and-its-organizations
[144] https://de.internationalism.org/content/58/vor-100-jahren-die-revolution-von-1905-russland-teil-i
[145] https://de.internationalism.org/content/2473/1914-wie-der-deutsche-sozialismus-dazu-kam-die-arbeiterinnen-zu-verraten
[146] https://en.internationalism.org/ir/97_kapd.htm
[147] https://en.internationalism.org/internationalreview/200407/304/1903-1904-birth-bolshevism-lenin-and-luxemburg
[148] https://www.marxists.org/archive/pannekoe/1907/social-democrat.htm
[149] https://en.internationalism.org/icconline/201206/4977/notes-toward-history-art-ascendant-and-decadent-capitalism
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[152] https://de.internationalism.org/iksonline/den-mai-verstehen-nachdruck-aus-revolution-internationale-nr-2-1969
[153] https://en.internationalism.org/go_deeper
[154] https://de.internationalism.org/content/3017/bericht-zur-wirtschaftskrise-fuer-den-24-internationalen-kongress-der-iks
[155] https://de.internationalism.org/content/3070/sommer-des-zorns-grossbritannien-die-bourgeoisie-erzwingt-neue-opfer-die-arbeiterklasse
[156] https://de.internationalism.org/files/de/beilage-manifest-digital_0.pdf
[157] https://de.internationalism.org/files/de/internationale_revue_59.pdf
[158] https://de.internationalism.org/content/3105/no-war-class-war-ein-komitee-das-seine-teilnehmer-eine-sackgasse-fuehrt
[159] https://de.internationalism.org/content/3043/gemeinsame-erklaerung-von-gruppen-der-internationalen-kommunistischen-linken-zum-krieg
[160] https://de.internationalism.org/content/3091/die-beschleunigung-des-kapitalistischen-zerfalls-wirft-offen-die-frage-der-vernichtung
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[162] https://de.internationalism.org/content/2359/14-kongress-der-iks-bericht-ueber-den-klassenkampf-die-revolutionaere-bewegung-und-das
[163] https://de.internationalism.org/content/878/die-bewegung-gegen-den-cpe-eine-reiche-erfahrung-fuer-zukuenftige-kaempfe
[164] https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1906/mapage/kap4.htm
[165] https://de.internationalism.org/content/1929/die-80er-jahre-jahre-der-wahrheit
[166] https://de.wikipedia.org/wiki/Eurasien
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[168] https://en.internationalism.org/content/3130/resolution-international-situation-1983
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[170] https://en.internationalism.org/content/2962/debate-critique-theory-weakest-link
[171] https://en.internationalism.org/ir/037_index.html
[172] https://en.internationalism.org/content/3149/reply-cwo-subterranean-maturation-consciousness
[173] https://en.internationalism.org/content/17339/critique-so-called-communisers
[174] https://en.internationalism.org/content/17223/history-no-war-class-war-groups
[175] https://en.internationalism.org/content/17297/committee-leads-its-participants-dead-end
[176] https://www.defenseone.com
[177] https://www.areion24.news/2022/09/11/chine-2022-lannee-de-tous-les-perils/
[178] https://de.internationalism.org/content/3093/der-kapitalismus-fuehrt-zur-zerstoerung-der-menschheit-nur-die-weltrevolution-des
[179] https://de.internationalism.org/content/3129/aktualisierung-der-thesen-zum-zerfall-2023
[180] https://de.internationalism.org/files/de/internationales_flugblatt_-_streiks_maerz_2023xa3_1.pdf
[181] https://de.internationalism.org/files/de/internationale_revue_60-web.pdf
[182] https://de.internationalism.org/content/2665/konferenz-von-zimmerwald-die-zentristischen-stroemungen-innerhalb-der-organisationen
[183] https://www.leftcom.org/en/articles/2022-07-22/nwbcw-and-the-real-international-bureau-of-1915
[184] https://de.internationalism.org/content/3150/die-ict-und-die-initiative-nwbtcw-ein-opportunistischer-bluff-der-die-kommunistische
[185] https://en.internationalism.org/internationalreview/197701/9333/ambiguities-internationalist-communist-party-over-partisans-italy-19
[186] https://de.internationalism.org/content/864/debatte-mit-dem-ibrp
[187] https://de.internationalism.org/content/3144/schluss-mit-den-massakern-keine-unterstuetzung-fuer-irgendein-imperialistisches-lager
[188] https://de.internationalism.org/content/2917/wer-ist-wer-bei-nuevo-curso
[189] https://en.internationalism.org/content/17400/conference-left-communism-brussels-decoy-those-who-want-take-part-revolutionary
[190] https://www.leftcom.org/de/articles/2023-10-28/die-aufgaben-der-revolution%C3%A4rinnen-angesichts-der-kapitalistischen
[191] https://de.internationalism.org/en/tag/politische-stromungen-und-verweise/kommunistische-linke
[192] https://de.internationalism.org/content/2008/die-internationale-dimension-der-kaempfe-polen
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[194] https://en.internationalism.org/content/2957/eastern-europe-economic-crisis-and-bourgeoisies-weapons-against-proletariat
[195] https://de.internationalism.org/iksonline/kongress-der-iks-resolution-zum-internationalen-klassenkampf
[196] https://de.internationalism.org/content/2715/ueber-das-problem-des-populismus
[197] https://de.internationalism.org/rueckschlaege-fuer-die-bourgeoisie-nichts-gutes-fuer-das-proletariat
[198] https://de.internationalism.org/content/3216/populismus-auf-dem-vormarsch-europa-das-rassemblement-national-der-schwelle-zur-macht
[199] https://de.internationalism.org/content/3120/resolution-des-25-internationalen-kongresses-der-iks-zur-internationalen-lage
[200] https://de.internationalism.org/content/3123/bericht-des-25-kongresses-ueber-die-imperialistischen-spannungen
[201] https://de.internationalism.org/content/3033/gegen-die-angriffe-der-bourgeoisie-brauchen-wir-einen-vereinten-und-massiven-kampf
[202] https://www.sinistra.net/lib/bor/art/borerekkid.html#u2
[203] https://www.leftcom.org/en/articles/2009-11-24/the-fall-in-the-average-rate-of-profit-the-crisis-and-its-consequences
[204] https://de.internationalism.org/internationalerevue/200508/65/anmerkungen-zur-geschichte-der-imperialistischen-konflikte
[205] https://web.archive.org/web/20110719154704/http:/admusallam.bethlehem.edu/bethlehem/From_Wars_to_Nakbeh.htm
[206] https://de.internationalism.org/content/632/der-arabischjuedische-konflikt-die-positionen-der-internationalisten-den-30er-jahren
[207] https://de.internationalism.org/en/tag/3/44/internationalismus
[208] https://en.internationalism.org/content/3171/50-years-ago-real-causes-second-world-war
[209] https://www.lefigaro.fr/international
[210] https://en.internationalism.org/ir/120_elections.html
[211] https://de.internationalism.org/content/3068/korrespondenz-ueber-die-gemeinsame-erklaerung-der-gruppen-der-kommunistischen-linken
[212] https://de.internationalism.org/content/3056/bilanz-der-oeffentlichen-veranstaltungen-zur-gemeinsamen-erklaerung-von-gruppen-der