Am 14. Dezember 2009 verließen Tausende von Beschäftigten der Tekel [1] Betriebe aus Dutzenden türkischen Städten ihre Wohnungen und Familien, um nach Ankara zu fahren. Die Beschäftigten von Tekel wollten mit dieser Reise gegen die schrecklichen Arbeitsbedingungen, die ihnen vom Kapital aufgezwungen werden, kämpfen. Dieser ehrenhafte Kampf der Tekel-Beschäftigten, der nunmehr schon mehr als einen Monat andauert, wird mit der Idee geführt, dass sich am Streik alle Beschäftigten beteiligen sollten. Damit stellten sich die Tekel-Beschäftigten an die Spitze des Kampfes der Arbeiterklasse in der Türkei. Wir werden hier über den Ablauf des Kampfes der Tekel-Beschäftigten berichten. Dieser Kampf betrifft nicht nur den Kampf der Beschäftigten bei Tekel, sondern er betrifft die Arbeiter aller Länder. Wir schulden den Tekel-Beschäftigten Dank, weil wir so über deren Erfahrung berichten und den Kampf der Klasse vorantreiben können, indem wir uns an ihrer Entschlossenheit orientieren und ihre Erfahrung und Gedanken nachvollziehen.
Wir veröffentlichen nachfolgend den Bericht über den Streik der Tekel-Tabak-Industriebeschäftigten, der von der Sektion der IKS in der Türkei verfasst wurde.
Am 14. Dezember 2009 verließen Tausende von Beschäftigten der Tekel [1] Betriebe aus Dutzenden türkischen Städten ihre Wohnungen und Familien, um nach Ankara zu fahren. Die Beschäftigten von Tekel wollten mit dieser Reise gegen die schrecklichen Arbeitsbedingungen, die ihnen vom Kapital aufgezwungen werden, kämpfen. Dieser ehrenhafte Kampf der Tekel-Beschäftigten, der nunmehr schon mehr als einen Monat andauert, wird mit der Idee geführt, dass sich am Streik alle Beschäftigten beteiligen sollten. Damit stellten sich die Tekel-Beschäftigten an die Spitze des Kampfes der Arbeiterklasse in der Türkei. Wir werden hier über den Ablauf des Kampfes der Tekel-Beschäftigten berichten. Dieser Kampf betrifft nicht nur den Kampf der Beschäftigten bei Tekel, sondern er betrifft die Arbeiter aller Länder. Wir schulden den Tekel-Beschäftigten Dank, weil wir so über deren Erfahrung berichten und den Kampf der Klasse vorantreiben können, indem wir uns an ihrer Entschlossenheit orientieren und ihre Erfahrung und Gedanken nachvollziehen.
Zunächst wollen wir erklären, was die Tekel-Beschäftigten in den Kampf getrieben hat. Die Tekel-Beschäftigten wehren sich gegen die 4-C Politik des türkischen Staats. Der türkische Staat hat unzählige Beschäftigte unter 4-C-Bedingungen eingestellt. Bald werden noch viel mehr Beschäftigte unter diesen Bedingungen arbeiten müssen; die Beschäftigten der Zuckerindustrie gehören zu den ersten Opfern. Davon abgesehen stehen viele Teile der Arbeiterklasse vor den gleichen Angriffen mit ähnlichem Namen; andere Beschäftigte, die bislang noch nicht damit konfrontiert wurden, werden sie auch noch kennenlernen. Was sind diese 4-C Bedingungen? Diese Praxis der Jobkürzungen infolge der zunehmenden Privatisierungen wurde von dem türkischen Staat als ein 'Segen' bezeichnet. Abgesehen von einer beträchtlichen Lohnkürzung bedeutet dies für viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, dass sie vom Staat in verschiedenen Beschäftigungsbereichen unter schrecklichen Bedingungen eingesetzt werden. Am schlimmsten ist, dass die 4-C Politik es den staatlichen Arbeitgebern ermöglicht, eine absolute Macht über die Beschäftigten zu erlangen. So sind die Löhne, die vom Staat festgelegt werden und schon mächtig gekürzt wurden, lediglich ein gezahlter Höchstpreis für die Arbeit. Die staatlichen Manager können die Löhne willkürlich kürzen.
Arbeitszeitregelungen für die 4-C-Beschäftigten wurden abgeschafft. Den staatlichen Managern ist es gestattet, die Arbeiter willkürlich zu zwingen, so lange wie von ihnen gewünscht schuften zu lassen, bis die "Arbeiter die von ihnen zu erfüllende Aufgabe erledigt haben". Die Arbeiter der Stammbelegschaften erhalten überhaupt keinen Zuschlag für diese 'Überstunden' nach beendeter Arbeit oder während der Ferien. Diese Politik gestattet es den Bossen, die Beschäftigten willkürlich ohne irgendwelche Ausgleichszahlungen zu entlassen. Die geleistete Arbeitszeit kann zwischen drei und zehn Monaten im Jahr variieren; wenn sie nicht arbeiten, erhalten sie keinen Lohn; die Arbeitszeit kann auch hier willkürlich von den Bossen festgelegt werden. Trotzdem ist ihnen nicht gestattet, eine zweite Beschäftigung zu finden, auch wenn sie keine Arbeit haben. Gemäß der 4-C Regelung erhalten die Beschäftigten keine Sozialleistungen, sämtliche medizinische Versorgungsleistungen sind gestrichen. Die Privatisierungen haben genau wie die 4-C Maßnahmen schon vor einiger Zeit angefangen. In dem Tekel-Unternehmen wurden die Bereiche Zigaretten und Alkohol privatisiert; danach wurden die Tabakblätterwerke geschlossen. Natürlich sind nicht nur die Privatisierungen das Problem. Es ist offensichtlich, dass das Privatkapital, das den Arbeitern ihre Arbeitsplätze wegnimmt, und der Staat, d..h. das Staatskapital, die Arbeiter unter den schrecklichsten Bedingungen ausbeuten wollen; sie gehen gemeinsam gegen die Beschäftigten vor. Deshalb entspricht der Kampf der Tekel-Beschäftigten dem Klasseninteresse aller Arbeiter, er stellt einen Kampf gegen die kapitalistische Ordnung insgesamt dar.
Der Blick auf den Streik der Tekel-Beschäftigten hilft den Klassenkampf in der Türkei insgesamt zu verstehen. Am 25. November 2009 wurde von KESK, DISK und Kamu-Sen [2]ein eintägiger Streik organisiert. Wie erwähnt zogen die Tekel-Beschäftigten am 14. Dezember nach Ankara, gleichzeitig fanden zwei weitere Arbeitskämpfe statt. Der erste waren die Demonstrationen von Feuerwehrleuten, von denen einige Anfang 2010 ihren Job verlieren sollten; der zweite war der eintägige Streik der Eisenbahner aus Protest gegen die Entlassung einiger ihrer Kollegen wegen der Beteiligung am Streik des 25. November. Die Bürgerkriegspolizei, welche erkannte, dass der Klassenkampf sich weiter zuspitzte, griff die Feuerwehrleute und die Eisenbahner brutal an. Die Tekel-Beschäftigten wurden nicht anders behandelt. Nahezu 50 Eisenbahner sollten wegen der Beteiligung an dem Streik entlassen werden. Viele Arbeiter wurden verhaftet. Und die Feuerwehrleute brauchten Zeit, um sich von den Angriffen zu erholen. Unglücklicherweise ist es den Eisenbahnern nicht gelungen, wieder auf die Bühne des Kampfes zurückzukehren. Die Tekel-Beschäftigten traten deshalb an die Spitze der Kämpfe am 14. Dezember, weil sie sich gegen die Unterdrückungsmaßnahmen des Staates wehrten und es ihnen gelang, ihren Kampf fortzuführen.
Wie begann der Kampf bei Tekel? Eine kleine kämpfende Minderheit wollte schon in den Kampf treten, aber der eigentliche Auslöser kam am 5. Dezember zum Tragen, als eine Eröffnungszeremonie stattfand, an der sich der Premier Minister Tayyip Erdoğan[3] beteiligte. Die Tekel-Beschäftigten richteten sich bei dieser Zeremonie mit ihren Familien unerwartet gegen Erdoğan, um ihn zur Rede zu stellen. Sie unterbrachen seine Rede und riefen ihm zu: "Die Beschäftigten von Tekel warten auf gute Nachricht von Ihnen". Erdoğan entgegnete "Leider gibt es jetzt in der Türkei Leute wie diese, sie wollen Geld machen ohne für zu arbeiten. Die Zeit ist vorbei, als man Geld im Liegen machen konnte (…) Sie meinten, Staatseigentum seit wie ein Meer, wer sich nicht bedient, ist ein Schwein. Solche Auffassungen hatten sie. Wir sehen das anders. Hier ist eure Altersabfindung. Wenn ihr wollt, können wir euch unter 4-C Bedingungen einsetzen, wenn nicht, geht hin und öffnet euer eigenes Geschäft. Wir hatten auch ein Abkommen mit ihren Gewerkschaften. Ich sprach mit ihnen. Ich sagte ihnen: "Soviel Zeit habt ihr. Unternehmt alles Notwendige". Obgleich wir ein Abkommen hatten, brach etwas zusammen, ein bis zwei Jahre vergingen. Die Leute sind aber immer noch da und fordern den Schutz ihrer Arbeitsplätze; sie wollen so weiter machen wie zuvor. Wir haben ihnen erklärt. Zehntausend Tekel-Beschäftigte kosten uns vier Milliarden im Monat. [4] Erdoğan konnte sich nicht vorstellen, in welchen Schlamassel er da hineingeraten war. Die Beschäftigten, die zuvor die Regierung unterstützt hätten, wurden sehr verärgert. Die Arbeiter fingen an darüber zu diskutieren, wie man sich am Arbeitsplatz wehren kann. Ein Arbeiter aus Adıyaman[5] erklärte diesen Prozess folgendermaßen in einem Artikel, den er in einer linken Tageszeitung schrieb: "Dieser Prozess regte die Kollegen an, die sich bis dato noch nicht am Kampf beteiligt hatten, auch wenn er noch so klein war. Sie fingen an, das wahre Gesicht der Justiz und der Entwicklungspartei zu durchschauen, nachdem der Premierminister geredet hatte. Zunächst traten sie aus der Partei aus. In den nun einsetzenden Diskussionen am Arbeitsplatz erklärten wir, dass wir alle gemeinsam unseren Arbeitsplatz verteidigen sollen". [6]. Die Gewerkschaften [7], von denen Erdoğan behauptete, sie stimmten mit ihm überein, und die bislang keine ernsthaften Aktionen unternommen hatten, beschlossen, eine Versammlung in Ankara abzuhalten. Infolgedessen begaben sich die Arbeiter auf den Weg und reisten in die Hauptstadt.
Die staatlichen Kräfte gingen von Anfang an raffiniert gegen die Arbeiter vor. Die Bürgerkriegspolizei hielt die Busse mit Arbeitern fest und erklärte, man werde die Arbeiter aus den kurdischen Städten, wo es viele Tekel-Werke gibt, nicht durchlassen, und dass die Beschäftigten aus den Gebieten des Westens, des Mittelmeers, Zentralanatolien und des Schwarzen Meeres der Türkei durchgelassen würden. Damit wollte man die kurdischen und die anderen Arbeiter gegeneinander hetzen, die Bewegung der Klasse mittels ethnischer Unterschiede spalten. Dieser raffinierte Angriff brachte in Wirklichkeit zwei Bilder der Maske des Staates zum Vorschein: das der Einheit und Harmonie und der kurdischen Reform. Aber die Tekel-Beschäftigten sind nicht in diese Polizeifalle gelaufen. .Mit den Arbeitern aus Tokat an der Spitze, protestierten die Arbeiter aus den nicht-kurdischen Städten gegen dieses Vorgehen der Polizei und bestanden entschlossen darauf, dass alle Beschäftigten zusammen nach Ankara einzogen und dass niemand ausgeschlossen werden dürfe. Die Bürgerkriegspolizei, die unfähig war die zu erwartende Haltung der Regierung zu berechnen, musste schließlich zulassen, dass die Beschäftigten zusammen nach Ankara einmarschierten. Dieser Vorfall führte zur Bildung von tiefen Beziehungen zwischen den Beschäftigen aus verschiedenen Städten, Regionen und ethnischen Hintergründen auf einer Klassengrundlage. Nach diesem Vorfall brachten die Beschäftigen aus dem Westen, Zentralanatolien, dem Mittelmeergebiet und dem Schwarzen Meer zum Ausdruck, dass die Stärke und die Anregung, die sie durch den Widerstand, die Entschlossenheit und das Bewusstsein der kurdischen Arbeiter erfuhren, ihnen die Beteiligung am Kampf erleichterte und sie viel von diesen Arbeitern lernten. Die Beschäftigten von Tekel hatten einen ersten Sieg errungen, als sie in die Stadt zogen.
Am 15. Dezember begannen die Tekel-Beschäftigten ihre Protestdemonstrationen vor der Landeszentrale der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei in Ankara. Ein Tekel-Beschäftigter, der an diesem Tag nach Ankara kam, erklärte die Ereignisse folgendermaßen: "Wir zogen vor die Landeszentrale der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei. Nachts zündeten wir ein Feuer war und warteten vor dem Gebäude bis 22.00 h. Als es zu kalt wurde, suchten wir in dem Atatürk Gym Schutz vor Kälte. Wir waren insgesamt 5.000. Wir nahmen unsere Teppiche, Kartons und verbrachten dort die Nacht. Morgens drängte uns die Polizei in den Abdi İpekçi Park und kreiste uns ein. Einige unserer Kolleg/Innen zogen erneut vor das Gebäude der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei. Als wir im Park warteten, wollten wir uns mit den anderen zusammenschließen, und diejenigen, die vor dem Gebäude ausharrten, wollten zu uns rüberkommen. Die Polizei griff uns mit Tränengas an. Um sieben Uhr gelang es uns, uns mit den anderen im Park zusammenschließen. Wir waren schon vier Stunden zu Fuß marschiert. Wir verbrachten die Nacht im Regen im Park." [8] Auf der anderen Seite fand der brutalste Angriff der Polizei am 17. Dezember statt. Die Bürgerkriegspolizei, die offensichtlich auf Befehl handelte und sich vielleicht dafür rächen wollte, dass sie die kurdischen Arbeiter nicht daran hindern konnte, in die Stadt zu kommen, griff die Arbeiter im Park mit brutaler Gewalt und hasserfüllt an. Sie zielte darauf ab, die Arbeiter auseinanderzutreiben. Aber dieses Mal trat wieder etwas ein, mit dem die staatlichen Kräfte nicht gerechnet hatten: die Fähigkeit der Arbeiter zur Selbstorganisierung. Die von der Polizei auseinandergetriebenen Arbeiter schafften es, sich selbst zu organisieren, ohne die Hilfe von irgendwelchen Bürokraten und kamen nachmittags vor der Türk-İş[9] Zentrale in einer Großkundgebung zusammen. Da die Arbeiter keine Bleibe hatten, besetzten die Arbeiter am gleichen Tag zwei Stockwerke der Türk-İş Anlage. An den Tagen nach dem 17. Dezember fanden die Demonstrationen der Tekel-Beschäftigten in den kleinen Straßen vor der Türk-İş Anlage, im Zentrum von Ankara statt.
Der Kampf zwischen den Tekel-Beschäftigten und der Verwaltung des türkischen Gewerkschaftsdachverbandes wurde zwischen dem 17. Dezember und Neujahr fortgesetzt. Dabei trauten die Arbeiter schon bei Beginn des Kampfes den Gewerkschaftsbürokraten nicht. Sie entsandten zwei Arbeiter aus allen Städten mit den Gewerkschaftern zu allen Verhandlungen. Dadurch sollten alle Arbeiter über alles informiert werden. Sowohl Tek Gıda-İş und Türk-İş und die Regierung erwarteten, dass die Tekel-Beschäftigten ihren Kampf in Anbetracht des bitterkalten Winters in Ankara, der Polizeirepression und materieller Schwierigkeiten nach ein paar Tagen aufgeben würden. Es war keine Überraschung, dass die Türen der Gewerkschaftszentrale nach einer sehr kurzen Zeit versperrt wurden, um die Arbeiter vom Betreten des Gebäudes abzuhalten. Daraufhin wehrten sich die Arbeiter, weil sie die Toiletten des Gebäudes benutzen, die Frauen sich im Gebäude ausruhen wollten; diese Auseinandersetzung endete mit einem Sieg der Arbeiter. Die Arbeiter wollten sich nun nicht mehr zurückziehen. Die Tekel-Beschäftigten erhielten ernsthafte Unterstützung von Arbeitern aus Ankara und vor allem auch von Studenten mit proletarischem Hintergrund, um Unterkunft in Ankara zu finden. Ein kleiner aber immerhin wichtiger Teil der Arbeiterklasse Ankaras bot den Tekel-Beschäftigten Übernachtung bei ihnen zu Hause an. Anstatt aufzugeben und zurückzukehren, versammelten sich die Tekel-Beschäftigten jeden Tag auf der kleinen Straße vor dem Türk-İş-Gebäude, dort entbrannten auch Diskussionen, wie man den Kampf voranbringen könnte. Es dauerte nicht lange, bis die Arbeiter zu der Einsicht kamen, dass die einzige Lösung für die Überwindung ihrer Isolation in der Ausdehnung des Kampfes lag.
Militante Arbeiter aus allen Städten, die erkannten, dass Tek Gıda-İş und Türk-İş für sie nichts unternehmen würden, versuchten ein Streikkomitee zu gründen, mit dem Ziel, ihre Forderungen gegenüber den Gewerkschaften zu erheben. Zu diesen Forderungen gehörte die Aufstellung eines Streikzelts und dass die Neujahrsparty von den Arbeitern gemeinsam gefeiert werden könne, begleitet von einer Demonstration vor dem Gebäude von Türk-İş. Die Gewerkschaftschefs stellten sich gegen diese Initiative der Arbeiter. Wozu sollten die Gewerkschaften auch nützlich sein, wenn die Arbeiter dabei waren, die Kontrolle über die Kämpfe in die eigene Hand zu nehmen. Diese Haltung beinhaltete eine verschleierte Drohung: die schon isolierten Arbeiter fürchteten die Möglichkeit, total isoliert da zu stehen, falls die Gewerkschaften die Unterstützung total ablehnten. So wurde ein Streikkomitee fallen gelassen. Aber der Wille der Arbeiter bestand darin, die Kontrolle über die Kämpfe in die eigenen Hände zu nehmen und das Streikkomitee aufrechtzuerhalten. Schnell versuchten die Beschäftigten Verbindungen herzustellen mit den Beschäftigten der Zuckerindustrie, die vor der Einführung der gleichen 4-C Maßnahmen stehen. Sie zogen in die Arbeiterviertel und Universitäten; sie wurden jeweils aufgefordert, ihren Kampf zu erklären. Unterdessen setzten die Beschäftigten ihren Kampf mit der Türk-İş Verwaltung fort, welche die Arbeiter in keinster Weise unterstützten. Als der Verwaltungsrat des Gewerkschaftsverbands Türk-İş zusammenkam, drangen die Arbeiter in das Gewerkschaftsgebäude ein. Die Bürgerkriegspolizei eilte sofort Mustafa Kumla, dem Vorsitzenden von Türk-İş, zu Hilfe, um ihn vor den Arbeitern zu schützen. Arbeiter fingen an Slogans zu rufen wie: "Wir werden die ausverkaufen, die uns ausverkaufen", Türk-İş soll seine Pflicht erfüllen, Generalstreik". "Kumlu, tritt zurück". Kumlu wagte es nicht, vor die Arbeiter zu treten, bevor er nicht eine Reihe von Aktionen angekündigt hatte, Streiks eingeschlossen, die jede Woche stattfinden sollten, angefangen von einem einstündigen Streik, dessen Länge jede Woche verdoppelt werden sollte, und jede Woche eine Kundgebung vor dem Türk-İş-Gebäude. Selbst nach der Ankündigung Kumlus von einer Reihe von Aktionen trauten die Arbeiter Türk-İş nicht. Als ein Tekel Beschäftigter aus Diyarbakır[10] in einem Interview erklärte: "Wir werden uns keiner Entscheidung der Gewerkschaftsführung beugen, den Kampf zu beenden und die Arbeit wieder aufzunehmen. Und falls eine Entscheidung zur Beendigung des Kampfes ohne irgendetwas gewonnen zu haben – wie letztes Mal, verkündet wird, denken wir darüber nach, das Türk-İş Gebäude zu räumen und es anschließend in Brand zu setzen"[11], brachte er das Gefühl vieler anderer Tekel-Beschäftigter zum Ausdruck.
Türk-İş ließen seinen Aktionsplan fallen, als sich am ersten einstündigen Streik 30% aller Gewerkschaften beteiligten. Die Türk-İş Führer hatten genauso viel Angst vor einer Generalisierung des Kampfes der Tekel-Beschäftigten wie die Regierung. Nach der fröhlichen Neujahrsdemonstration vor der Türk-İş Zentrale wurde über die Fortsetzung des Streiks abgestimmt. 99% der Beschäftigten stimmten für die Fortsetzung des Kampfes. In der Zwischenzeit wurde ein neuer gewerkschaftlicher Aktionsplan diskutiert. Nach dem 15. Januar sollte es ein dreitägiges Sit-in geben, dann einen dreitägigen Hungerstreik und dann ein dreitägiges Todesfasten. Eine Großdemonstration wurde ebenfalls von der Türk-İş-Verwaltung versprochen. Anfangs dachten die Arbeiter, ein Hungerstreik sei eine gute Idee. Schon isoliert wollten sie noch nicht weiter vergessen und ignoriert werden, und sie dachten, ein Hungerstreik könnte dies vermeiden. Das Gefühl kam auf, dass sie von Türk-İş in die Enge getrieben wurden und selbst handeln sollten. Ein Hungerstreik hätte auch als Einschüchterung der Gewerkschaften gesehen werden können.
Eine der bedeutsamsten Texte, der von den Tekel-Beschäftigten verfasst wurde, wurde damals veröffentlicht: ein Brief eines Tekel-Beschäftigten an die Beschäftigten der Zuckerindustrie. Der Tekel-Beschäftigte aus Batman[12] schrieb: "An unsere hart arbeitenden und ehrenwerten Brüder und Schwestern der Zuckerfabriken! Heute bietet der Kampf der Tekel-Beschäftigten eine historische Chance für diejenigen, deren Rechte unterdrückt werden. Damit wir diese Chance nicht verpassen, würde eure Beteiligung an unserem Kampf uns glücklicher und stärker machen. Meine Freunde, ich möchte darauf hinweisen, dass im Augenblick Gewerkschafter die Hoffnung äußerten, "sie werden sich mit dieser Sache befassen". Da wir die gleiche Erfahrung gemacht haben, wissen wir, dass sie einigermaßen gut abgesichert sind und sich keine Sorgen um ihre Zukunft machen müssen. Im Gegenteil, eure Rechte würde man einschränken. Wenn ihr euch nicht an unserem Kampf beteiligt, wäre es morgen zu spät für euch. Insgesamt wird dieser Kampf nur erfolgreich sein, wenn ihr euch beteiligt, wir haben keine Zweifel, dass wir uns ins Zeug legen. Weil wir uns sicher sind, wenn die Arbeiter sich zusammenschließen und wie ein einheitlicher Körper handeln, können sie jedes Hindernis überwinden. Mit diesem Gefühl grüße ich euch innigst und mit Respekt im Namen der Beschäftigten von Tekel." [13]. Dieser Brief rief nicht nur die Beschäftigten der Zuckerindustrie dazu auf, selbst in den Kampf zu treten, sondern er brachte auch deutlich zum Vorschein, was bei Tekel passiert war. Gleichzeitig zeigte er das Bewusstsein, das sich bei vielen Tekel-Beschäftigten entwickelt hatte, dass sie nicht nur für sich kämpften, sondern für die gesamte Arbeiterklassse.
Am 15. Januar kamen die Tekel-Beschäftigten nach Ankara, um sich am früher erwähnten Sit-in zu beteiligen. Die Zahl der Teilnehmer am Sakarya Platz belief sich auf ca. 10.000. Einige Familienangehörige waren mitgekommen. Die Arbeiter hatten sich teilweise krank gemeldet oder Urlaub genommen, um nach Ankara zu kommen; viele mussten mehrfach ihren Urlaubsantrag stellen, um frei zu kriegen. Jetzt waren fast alle Tekel-Beschäftigten zusammen gekommen. Eine Demonstration mit einer noch größeren Beteiligung war für Samstag, den 16. Januar vorgesehen. Die Ordnungskräfte fürchteten diese Demonstration, da sie den Boden für die Generalisierung und massive Ausdehnung des Kampfes hätte liefern können. Die Möglichkeit, dass Arbeiter, die am Samstag zur Demo kamen, die Nacht und den Sonntag mit den Beschäftigten verbringen würden, hätte zum Aufbau von starken und engen Verbindungen zwischen den ankommenden Arbeitern und den Tekel-Beschäftigten führen können. Die Ordnungskräfte bestanden darauf, die Demonstration erst am Sonntag abzuhalten, und Türk-İş manövrierte erneut und schwächte die Demonstration, indem sie die Arbeiter aus kurdischen Städten an der Beteiligung behindern wollten. Man rechnete auch damit, wenn die Arbeiter zwei Nächte in dem eiskalten Ankara verbringen und ein sit-in den Straßen abhalten würden, dass dadurch der Widerstandswille und die Kraft der Tekel-Beschäftigten gebrochen würde. Dieses Kalkül seitens der Türk-İş erwies sich jedoch am 17. Januar als falsch.
Die Demonstration am 17. Januar begann ruhig. Die Arbeiter und mehrere politische Gruppen sammelten sich am Ankaraer Bahnhof und zogen um 10.00 zum Sıhhiye Platz. Auf der Kundgebung, an der sich Zehntausende Arbeiter beschäftigten, sprachen zunächst ein Arbeiter der Tekel-Betriebe, dann ein Feuerwehrmann und ein Arbeiter der Zuckerfabrik. Die Explosion erfolgte später. Nach den Arbeitern sprach Mustafa Kumlu, der Vorsitzende des Gewerkschaftsverbandes Türk-İş. Kumlu, der sich weder um den Kampf noch um die Lebensbedingungen der Tekel-Beschäftigten kümmerte, hielt eine sehr gemäßigte, versöhnliche und inhaltslose Rede. Türk-İş hatte versucht die Arbeiter von der Rednertribüne entfernt zu halten. Sie hatten Metallarbeiter vor ihnen postiert, die nicht im Bilde waren über das, was sich vor ihnen abspielte. Aber den Tekel-Beschäftigten, die die Metallarbeiter baten sie vorbeizulassen, gelang es bis zur Rednertribüne vorzudringen. Während Kumlus Rede gaben die Tekel-Beschäftigen ihr Bestes, um diesen mit ihren Zwischenrufen zu unterbrechen. Die letzte Beleidigung, welche eine Reaktion der Arbeiter auslöste, war die Ankündigung nach Kumlus Rede, dass Alişan, ein Popsänger, der überhaupt keinen Bezug zur Arbeiterklasse hat, ein Konzert am Ort der Kundgebung abhalten würde.
Die Arbeiter besetzten die Rednertribüne, riefen ihre eigenen Slogans, und obwohl die Gewerkschaftsführer den Ton abstellten, stimmten die anderen Arbeiter, die auch zur Kundgebung gekommen waren, in diese Slogans ein. Eine Zeitlang verloren die Gewerkschaften total die Kontrolle, sie lag in den Händen der Arbeiter. Andere Gewerkschaftsführer, die auf die Bühne eilten, fingen an auf der einen Seite radikale Reden zu schwingen und andererseits die Arbeiter aufzufordern, die Bühne zu verlassen. Als die Arbeiter ihnen nicht folgten, versuchten sie die Arbeiter zu provozieren und sie gegeneinander zu hetzen, sowie gegen die Studenten und die anderen Arbeiter, die zu ihrer Unterstützung erschienen waren. Die Gewerkschafter versuchen die Arbeiter, die seit Beginn des Kampfes in Ankara ausgeharrt hatten, gegen die zu hetzen, die erst kürzlich angekommen waren. Am Ende schafften es die Gewerkschafter die Arbeiter, welche die Bühne besetzt hielten, von dieser zu drängen und sie dazu zu bewegen, schnell wieder vor das Gewerkschaftsgebäude zu gehen. Die Tatsache, dass Reden mit der Aufforderung zum Hungerstreik und Todesfasten vorgetragen wurden, um die Aufrufe zu einem Generalstreik herunterzuspielen, ist aus unserer Sicht interessant. Es reichte aber nicht, die Wut der Arbeiter zu besänftigen, indem sie einfach vor das Gewerkschaftsgebäude zurückkehrten. Slogans wie „Generalstreik, allgemeiner Widerstand“, „Türk-İş, unsere Geduld hat Grenzen”, “Wir werden die ausverkaufen, die uns ausverkaufen“, wurden da vor dem Gewerkschaftsgebäude gerufen. Einige Stunden später durchbrach eine Gruppe von 150 Arbeitern die gewerkschaftliche Barrikade vor dem Türk-İş Gebäude, drangen in das Gebäude ein und besetzten es. Tekel-Beschäftigte, die im Gebäude auf der Suche nach Mustafa Kumlu waren, fingen an vor der Tür von Kumlus Büro zu rufen „Feind der Arbeiter, Diener der AKP“.
Nach den Demonstrationen am 17. Januar wurden von den Arbeitern Anstrengungen unternommen, ein anderes Streikkomitee zu gründen. Diesem Komitee gehörten Arbeiter an, die nicht meinten, dass ein Hungerstreik ein gangbarer Weg vorwärts sei, und die stattdessen hervorhoben, dass man nur vorwärtsgehen könne, indem man den Kampf ausdehnte. Die Bemühungen zur Bildung des Komitees wurden allen Arbeitern bekannt gemacht; die Mehrheit der Arbeiter unterstützte dies. Und diejenigen, die nicht für diese Idee waren, sprachen sich auch nicht dagegen aus. Zu den Aufgaben des Komitees gehörten neben dem Vortragen von Forderungen gegenüber den Gewerkschaften das Ermöglichen einer Verbindung unter den Arbeitern und deren Selbstorganisierung. Wie beim vorherigen Streikkomitee gehörten diesem auch ausschließlich Arbeiter an und es war völlig unabhängig von den Gewerkschaften. Die gleiche Entschlossenheit zur Selbstorganisierung machte es Hunderten von Tekel-Beschäftigten möglich, sich der Demonstration der Beschäftigten des Gesundheitswesens anzuschließen, die am 19. Januar in einen eintägigen Streik traten. Am gleichen Tag, als sich nur ca. 100 Arbeiter am dreitägigen Hungerstreik beteiligen sollten, schlossen sich diesem 3.000 an, obwohl das Gefühl weit verbreitet ist, dass dies kein adäquates Mittel ist, um den Kampf weiterzubringen. Der Grund ist, dass man die Hungerstreikenden nicht alleine lassen wollte, ihnen seine Solidarität bekunden wollte.
Obgleich die Tekel-Beschäftigten regelmäßig Versammlungen unter sich in den Städten abhalten, wo sie wohnen, ist es bislang noch zu keiner Vollversammlung mit Beteiligung aller Arbeiter gekommen. Und dennoch trug seit dem 17. Dezember die Straße vor der Türk-İş-Zentrale immer mehr die Merkmale einer informellen aber regelmäßigen Massenversammlung. Auf dem Sakarya-Platz versammeln sich in diesen Tagen Hunderte Arbeiter aus verschiedenen Städten und diskutieren, wie sie den Kampf vorwärtsbringen, ihn ausdehnen, und was sie sonst noch tun können. Ein anderes wichtiges Merkmal dieser Kämpfe war, wie die Arbeiter verschiedenen ethnischen Ursprungs es schafften, sich gegen die kapitalistische Ordnung zu vereinigen, trotz all der Provokationen und Spaltungsversuche des Regimes. Der Slogan „Kurdische und türkische Arbeiter – ein Kampf“, der seit den ersten Tagen gerufen wurde, verdeutlicht dies klar. Im Kampf um Tekel tanzten viele Arbeiter aus der Gegend des Schwarzen Meers Şemame und viele kurdische Arbeiter tanzten zum ersten Mal den Horon-Tanz [14]. Ein anderes herausragendes Merkmal ist die Wichtigkeit der Ausdehnung des Kampfes und der Arbeitersolidarität. Dies stützt sich nicht auf eine enge nationale Perspektive, sondern umfasst die gegenseitige Unterstützung und Solidarität der Arbeiter der ganzen Welt.
Den Tekel-Beschäftigten gelang es auch zu verhindern, dass die oppositionellen Parteien den Kampf für ihre eigenen Zwecke instrumentalisierten. Sie wussten, wie heftig die Republikanische Volkspartei [15] die Arbeiter angriff, die von Kent AŞ[16] entlassen wurden, wie die Nationalistische Bewegungspartei [17] sich an der Gestaltung der Staatspolitik beteiligte und gegen die Arbeiterklasse vorging. Ein Arbeiter brachte dieses Bewusstsein deutlich in einem Interview zum Vorschein: „Wir verstehen, wer all diese Leute sind. Leute, die zuvor für die Privatisierungen stimmten, wollen uns jetzt vorgaukeln, dass sie Verständnis für unsere Lage hätten. Bislang habe ich immer für die Nationalistische Bewegungspartei gestimmt. Ich bin zum ersten Mal auf Revolutionäre in diesem Kampf gestoßen. Ich beteilige mich an diesem Kampf, weil ich ein Arbeiter bin. Revolutionäre stehen an unserer Seite. Die Nationalistische Bewegungspartei und die Republikanische Volkspartei halten Fünf-Minuten–Reden und verschwinden dann wieder. Einige von uns klatschten ihnen am Anfang Beifall, als sie ankamen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet.“ [18] Das deutlichste Beispiel dieses Bewusstseins konnte man erkennen, als die Tekel-Leute die Redner der faschistischen Alperen Organisation [19], vorstellten, d.h. die gleiche Organisation, die die Kent AŞ-Beschäftigten angriff, als diese im Abdi İpekçi Park demonstrierten, weil sie Kurden sind. Der Tekel-Kampf leistete auch einen großen Beitrag zum Kampf der Feuerwehrleute, die brutal nach ihrer ersten Demonstration angegriffen wurden. Sie stärkten deren Moral, was sie ermutigte, ihren Kampf weiter zu führen. Allgemein haben die Tekel-Leute nicht nur den Feuerwehrleuten Mut gemacht, sondern allen Bereichen der Klasse in der Türkei, die in den Kampf treten wollen.
Die Tekel-Beschäftigten haben es geschafft, in den Streik zu treten, der für alle Arbeiter zu einem Bezugspunkt geworden ist. Deshalb stehen heute die Tekel-Beschäftigten stolz an der Spitze der Arbeiterklasse in der Türkei, und führen unsere bislang jahrelang schlummernde Klasse in den Kampf der Arbeiter weltweit. Ihr Kampf beinhaltet den Keim des Massenstreiks, der von Ägypten bis Griechenland, von Bangladesch bis Spanien, von England bis China die Welt in den letzten Jahren erschüttert hat. Dieser Kampf geht im Augenblick noch weiter; der Moment, die Lehren daraus zu ziehen ist noch nicht gekommen. Nachdem auf der einen Seite die Idee eines Hungerstreiks und eines Todesstreiks vorgeschlagen wird, andererseits ein aus den betroffenen Arbeitern zusammengesetztes Streikkomitee der Meinung ist, dass die Idee eines Hungerstreiks nicht die beste Waffe im Kampf ist und sie stattdessen den Kampf ausdehnen wollen, und Türk-İş Gewerkschaftsbürokraten, die als Handlanger des Staates agieren und Arbeiter, die auf einen Generalstreik hinarbeiten wollen, zusammenprallen, ist es schwer vorherzusagen, wie und wohin sich der Kampf entwickeln und was aus ihm werden wird. Aber egal, was aus diesem Kampf werden wird, die sehr ehrenhafte Haltung der Tekel-Beschäftigten wird wichtige Früchte und sehr kostbare Lehren für die gesamte Arbeiterklasse hinterlassen. Gerdûn, 20.01.10
[1] Tekel verfügte früher über ein staatliches Monopol im Tabak- und Alkohol-produzierenden Gewerbe.
[2] eine linksextreme Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes. Revolutionäre Arbeitergewerkschaftsverband und die Hauptgewerkschaft des Öffentlichen Dienstes, die für ihre faschistischen Sympathien bekannt ist.
[3] ebenso der Führer der herrschenden Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei AKP
[4] https://www.cnnturk.com/2009/turkiye/12/05/erdogana.tekel.iscilerinden.p... [2]
[5] eine Stadt im türkischen Kurdistan.
[6] https://www.evrensel.net/haber.php?haber_id=63999 [3]
[7] Tek Gıda-İş, Nahrungsmittel, Alkohol, Tabakarbeiter Gewerkschaft, Mitglied der ürk-İş
[8] https://www.evrensel.net/haber.php?haber_id=63999 [3]
[9] Konföderation der Türkischen Gewerkschaften, der ältesten und größten Gewerkschaft in der Türkei, die eine infame Geschichte hinter sich hat, nachdem sie unter dem Einfluss der USA in den 1950er Jahren gegründet wurde, sich auf das Modell der AFL-CIO stützte und über viel Erfahrung bei der Sabotage der Arbeiterkämpfe verfügt
[10] Bekannt als die inoffizielle Hauptstadt Kurdistans, ist Diyarbakır eine Metropole in Türkischen Kurdistan
[11] https://www.kizilbayrak.net/sinif-hareketi/haber/arsiv/2009/12/30/select... [4]
[12] eine Stadt in Türkisch Kurdistan.
[13] https://tr.internationalism.org/ekaonline-2000s/ekaonline-2009/tekel-isc... [5]
[14] Şemamme ist ein sehr berühmter kuridscher Tanz, und Horon ist ein sehr berühmter Tanz aus der Schwarzmeer-Region der Türkei.
[15] Die Kemalisten, eine säkuläre, linksnationalistische Partei, Mitglieder der Sozialistischen Internationale, extrem chauvinistisch.
[16] Kommunalbeschäftigte aus İzmir, eine Metropole an der Küste der Ägäis. Diese Arbeiter wurden von der Republikanischen Volkspartei gefeuert, die die Kontrolle über die Gemeinde ausübten, und die dann brutal von der Partei angegriffen wurden, als sie gegen die Parteiführer protestierten.
[17] die größte faschistische Partei.
[18] https://www.kizilbayrak.net/sinif-hareketi/haber/arsiv/2009/12/30/select... [4]
[19] eine Mörderbande, die mit der Großen Einheitspartei verbunden ist, eine radikalfaschistische Abspaltung von der Nationalistischen Bewegungspartei.
Der Nachruf der Gruppe GPR anlässlich des tragischen Todes des Genossen Robert hat einige unserer Lesen dazu bewogen, ihre Meinung und ihre Gefühle darüber kund zu tun. Dabei sind auch Spekulationen über die Motive von Roberts Freitod geäußert worden. So wurde angedeutet, dass eine politische Verzweiflung aufgrund des geringen Erfolgs der revolutionären, insbesondere der linkskommunistischen Kräfte eine Rolle gespielt haben könnte. Auch eine unterstellte Unfähigkeit der politischen Umgebung von Robert, Emotionen auszudrücken und Menschlichkeit zu zeigen, wurde angeführt.
Der Nachruf der Gruppe GPR anlässlich des tragischen Todes des Genossen Robert hat einige unserer Lesen dazu bewogen, ihre Meinung und ihre Gefühle darüber kund zu tun. Dabei sind auch Spekulationen über die Motive von Roberts Freitod geäußert worden. So wurde angedeutet, dass eine politische Verzweiflung aufgrund des geringen Erfolgs der revolutionären, insbesondere der linkskommunistischen Kräfte eine Rolle gespielt haben könnte. Auch eine unterstellte Unfähigkeit der politischen Umgebung von Robert, Emotionen auszudrücken und Menschlichkeit zu zeigen, wurde angeführt.
Es ist in der Tat nicht immer leicht, der Verzweiflung nicht nachzugeben, wenn man sieht, in welche Hölle der Kapitalismus die Welt verwandelt, und wie sattelfest das System trotzdem noch sitzt. Was aber den Freitod von Robert betrifft, so wollen wir auf eine Tatsache hinweisen, welche unserer Meinung nach zu wenig beachtet wird: Der Genosse litt unter einer schweren Depression. Anstatt sich in Spekulationen über Roberts Motive zu verlieren, scheint es uns viel wichtiger, einer Tatsache ins Auge zu sehen, welche in politisierten Kreisen immer noch verdrängt wird, nämlich dass auch eine revolutionäre Perspektive und Engagement niemanden vor der Heimsuchung durch eine solche Krankheit immun machen. Auch durch „Erfolg“ - und sei es politischer Erfolg in der Entwicklung eines „linkskommunistischen“ Programms und einer entsprechenden Organisationsstruktur – ist man nicht davor gefeit.
Wir sagen Krankheit. Denn es wird oft verkannt, dass eine Depression nicht dasselbe ist wie ein auch noch so arges Gefühl, deprimiert zu sein. Da hilft keine gut gemeinte Aufmunterung und erst recht keine Aufforderung, sich zusammen zu nehmen. Die Depression zeichnet sich auch weniger durch Trauer aus, sondern unter anderem durch die große Schwierigkeit, ja oft das Unvermögen, Trauer zu empfinden. Was man empfindet ist v.a. Eine innere Leere, eine radikale Erschöpfung und ein Verlust an Selbstvertrauen, welche so weit gehen können, dass selbst die einfachsten Aufgaben des täglichen Lebens wie das Einkaufen oder das Zähne putzen kaum zu bewältigen sind.
In einem Kommentar vom 14.01.2010 („Lieber kein Nachruf als solch einer“) betont Ananda völlig zu recht die Bedeutung von Emotionen und von Menschlichkeit. Dieser Kommentar fordert zu recht dazu auf, menschliche Trauer zum Ausdruck zu bringen. Allein: In der Praxis ist das nicht immer so leicht umzusetzen. Da wir Menschen gesellschaftliche Wesen sind, kann der gesunde Gefühlsausdruck nur dort gelingen, wo eine Atmosphäre der gegenseitigen Empathie herrscht, sprich die Fähigkeit aller Beteiligten, sich in die Lage der jeweils anderen hinein zu versetzen. Dass diese Empathie schwer ist, dass sie erlernt werden muss, dass dies nicht immer auf Anhieb gelingt, davon zeugt nicht zuletzt Ananda`s eigener Kommentar. Jedenfalls ist uns nicht ersichtlich, dass man an die Gefühle der GenossInnen der GPR gedacht hat, als man die Behauptung aufgestellt hat, dass bei Roberts Freitod-Entscheidung ein zu wenig an Menschlichkeit seiner politischen und emotionalen Umgebung „sicherlich“ eine Rolle spielte.
Auch wird den GenossInnen der GPR die Unfähigkeit zu einer persönlichen Geste und zur menschlichen Trauer zur Last gelegt. Wir haben mit Roberts politischen WeggenossInnen gesprochen und wissen daher, dass sie eine Trauer und einen Schmerz empfinden, welche sich mit Worten gar nicht ausdrücken lassen. Ihr Nachruf, die Würdigung der politischen Leistungen von Robert, die Erinnerung an ihren gemeinsamen Kampf, das war nicht nur die Bringschuld der GPR gegenüber den politisierten Teilen der Arbeiterklasse. Es war sicherlich auch ihre Art, mit dem ersten Schock, mit dem so schmerzlichen persönlichen Verlust umzugehen. Im übrigen ist es eine alte Tradition in der Arbeiterbewegung, im Nachruf für den Verstorbenen GenossInnen in erster Linie (keineswegs ausschließlich) an ihren politischen Beitrag zu erinnern. Nicht aber aus einem Mangel an Menschlichkeit. Denn der Nachruf ist ja nur ein kleiner Teil der Würdigung des Verstorbenen. Als die Arbeiterbewegung noch eine Massenveranstaltung war, fand ein bedeutender Teil dieser Trauerarbeit im breiten gesellschaftlichen Rahmen statt. Die MitkämpferInnen, die Familienmitglieder, die Nachbarn und ArbeiterkollegInnen, die sich im übrigen einander zumeist kannten, kamen zusammen, um das Andenken der dahin Geschiedenen hochzuhalten, und um ihr Leid mit einander zu teilen.
Heute ist das alles viel schwieriger und sozusagen unsichtbarer geworden. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Revolutionäre heutzutage noch immer eine winzig kleine Minderheit darstellen, welche gegen den Strom dieser Gesellschaft schwimmen muss. Es hat mit dem Zustand der Gesellschaft insgesamt zu tun. Es ist der Kapitalismus, welcher den Tod und die menschlichen Emotionen zu einem Skandal gemacht haben. B.
Vor einem Jahr kam es drei Wochen lang in den Straßen Griechenlands zu massiven Kämpfen gegen die Ermordung des griechischen jungen Anarchisten Alexandros Grigoropoulos durch die Polizei. Aber die Proteste auf der Straße, in den Schulen und Universitäten hatten große Schwierigkeiten, eine Verbindung zu den Kämpfen der Beschäftigten herzustellen. Es gab lediglich einen Streik, den der Grundschullehrer an einem Morgen, zur Unterstützung der Bewegung, obgleich damals die Unzufriedenheit unter den Beschäftigten sehr groß war und es einen Generalstreik gab – nichtsdestotrotz, es gelang nicht, die Verbindung zwischen den Beschäftigten und der Bewegung herzustellen.
Aber in Griechenland sind die Proteste der Beschäftigten nicht abgeklungen, nachdem die Protestbewegung versickerte. Der Arbeitsminister Andreas Lomberdos hat davor gewarnt, dass die für die Überwindung der Verschuldungskrise erforderlichen Maßnahmen, welche Griechenland aus dem Kreis der Eurozone herausdrängen könnte, zu einem Blutvergießen führen könnte. Die neue sozialistische Regierung redet von dem Zusammenschluss aller bürgerlichen Parteien und dem Aufbau einer nationalen Einheitsregierung, die einzelne Artikel der Verfassung wie das Recht auf öffentliche Versammlungen, Demonstrationen und Streiks außer Kraft setzen könnte.
Selbst bevor die Regierung ihre „Reformen“ ankündigte (d.h. Angriffe gegen die Arbeiterklasse), um das Haushaltsdefizit von 12,7% auf 2,8% im Jahre 2012 zu drücken, gab es schon eine große Welle von Arbeiterkämpfen. Hafenarbeiter, Telecom-Beschäftigte, Erzieher und Grundschullehrer, Taxifahrer, Stahlarbeiter und Kommunalbeschäftigte kämpften alle für auf den ersten Blick unterschiedliche Forderungen, aber ihr eigentlicher gemeinsamer Nenner war die Reaktion gegen die Angriffe des Staats und des Kapitals, welche die Kosten der Krise auf die Arbeiterklasse abwälzen wollen.
Bevor das Sparpaket von Premierminister Papandreou vorgestellt (und von der EU unterstützt) wurde, warnte dieser schon, dass es „schmerzhaft“ sein werde. Und am 29. Januar, bevor Details bekannt wurden, fand schon eine Demonstration von wütenden Feuerwehrleuten und anderen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Athen gegen das bestehende „Stabilitätsprogramm“ statt. Der Dreijahresplan der Regierung umfasst u.a. einen dreijährigen Lohnstopp für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und eine zehnprozentige Kürzung von anderen Leistungen. In der Summe entspricht dies ca. 5-15% Lohnkürzungen. In Pension gehende Beschäftigte werden nicht ersetzt, es ist die Rede von der Erhöhung des Renteneintrittalters, um die Rentenkasse zu sanieren.
Wenn der Staat nun noch heftigere Angriffe gegen eine ohnehin schon kämpferische Arbeiterklasse einleiten muss, zeigt dies das Ausmaß der Krise in Griechenland. Minister Lomberdos brachte es deutlich zum Ausdruck, als er sagte, dass diese Maßnahmen „nur gewaltsam umgesetzt werden können“. Aber diese Angriffe gegen alle Teile der Arbeiterklasse bieten auch die Möglichkeit, dass sich Arbeiter zu einem gemeinsamen Kampf zusammenschließen und gemeinsame Forderungen erheben.
Wenn man genauer hinsieht und untersucht, was die Gewerkschaften unternommen haben, kann man sehen, dass sie alles zur Spaltung der Arbeiter eingesetzt haben. Am 4./5. Februar gab es einen 48stündigen offiziellen Streik von Zoll- und Finanzbeamten, bei dem Häfen und Grenzübergänge dicht gemacht wurden, während gleichzeitig einige Bauern ihre Blockaden aufrechterhielten. „The Independent“ (2.5.10) titelte: „Streiks zwingen Griechenland n die Knie“ und beschrieben die Aktionen „als die ersten einer erwarteten Flut von ruppigen Streiks.“
Diese ‚erwartete Streikflut‘ beinhaltet Pläne von Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, zum Parlamentsgebäude zu ziehen und gegen die Rentenkürzungen zu protestieren; am 11. Februar ist ein Streik seitens der stalinistischen Gewerkschaft PAME vorgesehen, die mit zwei Millionen Mitgliedern größte Gewerkschaft GSEE hat Streiks für den 24. Februar angekündigt.
Aber wenn sie so gespalten bleibt, wird die Arbeiterklasse in Griechenland den Staat nicht in die Knie zwingen. Die „Financial Times“ (5.2.10) meinte, dass „bislang die Gewerkschaften noch milde gegenüber den Sparplänen der Regierung reagiert haben, und damit eine gewisse Bereitschaft zum Ausdruck bringen, Opfer zur Überwindung der Wirtschaftskrise zu bringen,“ aber sie bemerkte auch einen „wachsenden Druck seitens der Gewerkschaften gegen die Sparprogramme der Regierung“. In Wirklichkeit haben die Gewerkschaften ihre Unterstützung für die sozialistische Regierung nicht abgeschwächt, aber in Anbetracht der wachsenden Wut in der Arbeiterklasse wissen sie, wenn sie nicht irgendwelche Aktionen durchführen, werden Arbeiter anfangen, ihre Maskeraden zu durchblicken. Gegenwärtig haben die Gewerkschaften ihre „radikale“ Maske aufgelegt; sie haben den Dialog über zukünftige Rentenpläne abgebrochen und mehrere ein- oder zweitägige Streiks angekündigt. Die Gewerkschaften zeigten in der Tat eine Bereitschaft, die Arbeiter zu Opfern zu drängen, aber nun müssen sie mit mehr Druck seitens der Arbeiterklasse rechnen.
Die Arbeiter müssen sich nicht nur vor den Gewerkschaften, sondern auch vor anderen „falschen Freunden“ in Acht nehmen. Die KKE (Griechische Kommunistische Partei) z.B. , die noch immer über einen gewissen Einfluss in der Arbeiterklasse verfügt, bezeichnete vor einem Jahr die Protestierenden als „Spitzel“ der „dunklen ausländischen Kräfte“ und „Provokateure“. Jetzt behauptet sie, dass „Arbeiter und Bauern das Recht haben, zu jedwedem Mittel des Kampfes zu greifen, um ihre Rechte zu verteidigen“. Wenn sie wieder in den alten Ton verfallen, sind andere linke Kräfte zur Stelle wie die Trotzkisten, um Arbeiter dazu aufzurufen, sich gegen Faschisten oder andere Rechtsradikale zu sammeln oder gegen den Einfluss des US-Imperialismus zu kämpfen; sie wollen somit die Arbeiter davon abhalten, dass diese den Kampf in ihre eigenen Hände nehmen. Während es in der Türkei gleichzeitig zu Streiks kam wie in Griechenland, werden die Gewerkschaften und ihre Verbündeten besonders bestrebt sein, all Probleme, vor denen die Arbeiter stehen, als Griechenland-spezifisch darzustellen, die für die Arbeiter international nicht von Belang seien.
Ein besonderes Merkmal der Lage in Griechenland ist, dass mehrere bewaffnete Gruppen in Erscheinung getreten sind, die gegen öffentliche Gebäude Bomben geworfen haben, die aber allemal nur eine kleine Alternative zum gewöhnlichen Medienspektakel liefern, während sie gleichzeitig die staatliche Repression herausfordern. Diese Gruppen mit so exotischen Namen wie „Verschwörung der Feuerzellen“, Guerilla-Gruppen von Terroristen oder die Nihilistische Fraktion haben der Arbeiterklasse nichts zu bieten. Die Arbeiter müssen für Klassensolidarität, Bewusstseinsentwicklung und Selbstvertrauen eintreten, indem sie sich an den Kämpfen selbst beteiligen und ihre eigenen Kampfformen entwickeln, nicht in dem sie zu Hause bleiben und im Fernsehen zuschauen, wie linke Gruppen Bomben werfen. Die Stimme einer Massenvollversammlung der Arbeiter, die ihren eigenen Kampf organisieren, jagt der herrschenden Klasse viel mehr Angst ein als Tausend Bomben. (DD, aktualisiert von World Revolution am 5.2.10).
Von unserer Sektion DD in der Türkei
Nach Irak, Afghanistan und Pakistan wenden die Großmächte den beiden Seiten des Golfs von Aden, Jemen und Somalia, und dem Iran zu.
Barack Obamas Krieg gegen den Todesfeind Amerikas, Al Kaida, nimmt immer größere Ausmaße an. Afghanistan, Pakistan und Irak sind schon in diesen Kampf zur „Verteidigung der Zivilisation“ gezogen worden. Jetzt kommt noch der Jemen, Somalia und zu einem geringeren Maße die Subsahara Afrikas hin, die auch schon alle Zielscheibe von ‚gezielten Angriffen‘ und Überfällen waren. Und in der Zwischenzeit weicht die Politik der „ausgestreckten Hand“ gegenüber dem Iran, die zu Beginn der Präsidentschaft Obamas verkündet wurde und auf eine diplomatische Vorgehensweise gegenüber den nuklearen Ambitionen des Irans abzielte, nun der zusammengeballten Faust. „Die US verlagern Patriot Abwehrraketen in vier Länder – Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrein und Kuwait – und sie haben weiterhin zwei Schiffe im Golf stationiert, die zu jeder Zeit iranische Raketen abschießen können. Washington hilft ebenfalls Saudi Arabien, eine militärische Schlagkraft zu entwickeln, um seine Ölförderanlagen schützen zu können. US-Offizielle sagen, der Schritt diene der Abschreckung eines iranischen Angriffs und dem Schutz der Golf-Staaten, die befürchten, Teheran könnte Vergeltung gegen Sanktionen suchen, indem man US-Verbündete in der Region angreift. Washington versucht auch Israel davon abzuhalten, einen Militärschlag gegen den Iran durchzuführen, indem es vorführt, dass die USA bereit seien, jeder Bedrohung entgegenzutreten“ (Guardian, 1.2.2010). Die USA, die ohnehin schon vollkommen im Irak und Afghanistan feststecken, versinken somit weiter im Krieg, indem sie ihre militärische Präsenz in der Region weiter ausdehnen.
Von welchem Interesse sind diese beiden Länder für den US-Imperialismus? Jemen, mit seinen mageren Öleinkünften, ist durch den jahrelangen Krieg verwüstet worden. 1990 schlossen sich die Arabische Republik Nordjemen und die Volksdemokratische Republik des Südens zusammen, um die Republik Jemen zu bilden. Seitdem wird das Land ständig vom Krieg heimgesucht. Die Bevölkerung des Jemens von 21 Millionen Menschen gehört zu den ärmsten auf der Welt. Das Land steht kurz vor dem Auseinanderbrechen.
Und in Somalia ist die Lage noch schlimmer. Dieses Land von 9 Millionen Einwohnern ist ein gewaltiges „killing-field“. Auch hier wütet der Krieg seit mehr als 20 Jahren. Die Bevölkerung befindet sich ständig auf der Flucht vor allen möglichen bewaffneten Banden; sie sucht verzweifelt nach Unterkunft und Essen. Die letzte Regierung kontrolliert nicht mal die ganze Hauptstadt Mogadishu. Die sogenannte Übergangsregierung ist in eine Zwickmühle mit den islamistischen Gruppen geraten: der islamischen Hisbollah, die von Scheich Aweys angeführt wird, einem früheren Mentor des gegenwärtigen Präsidenten; und der Al-Shabab Gruppe, die mit Al Kaida verbunden ist. In den Gebieten Somaliland und Puntland ist die Suche auch nach nur einem Schein von Ordnung und Stabilität völlig aufgegeben worden. Die Fischer der Küstengebiete sind, um zu überleben, zu Piraten geworden. Dort ist das Meerwasser durch Nuklearabfälle verseucht worden, die durch verschiedene europäische Schiffe dort verkappt wurden. Seit dem Zusammenbruch der Regierung in den 1990er Jahren haben die USA einen Teil des Landes militärisch besetzt. 1992 wurde dies in der „Operation Hoffnung“ angezettelt. Damals flog auch Bernard Kouchner aus Frankreich mit Reissäcken beladen nach Somalia, in seinem Schlepptau folgten ihm diskret französische Truppen!
Aber woran sind die USA und andere imperialistische Hai so stark interessiert? Ein Blick auf die Karte hilft weiter. Zwischen Somalia und dem Jemen liegt der Golf von Aden, die Schifffahrtsroute zwischen dem Roten Meer und den Ölfeldern des Persischen Golfs. Die Straße von Ormus gilt als eines der am meist bewachten und ‚beschützten‘ Gebiete der Welt. Mehr als 20% der Ölvorkommen der Welt und mehr als die Hälfte der Öltanker der Welt befahren diese Passage. Dort verkehren auch Schiffe aus China, das immer aggressiver auftritt und Richtung Mosambik, Kenia, Tansania und Sambia vorzudringen versucht. In diesen Zeiten tiefgreifender Wirtschaftskrise und sich verschärfender imperialistischer Spannungen ist die Kontrolle des Nachschubs des schwarzen Goldes und der Hauptschifffahrtsrouten unabdingbar für jede imperialistische Macht, die eine führende Rolle auf der Welt spielen will. Sie sind eine lebenswichtige Waffe im Krieg.
Deshalb war der gescheiterte Versuch, ein US-Passagierflugzeug auf dem Flug von Amsterdam nach Detroit in die Luft zu jagen, wie es Weihnachten der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab im Auftrag von Al Kaida anstrebte, ein Mittel, um die Pandora-Büchse des Kampfes gegen den Terrorismus erneut zu öffnen. Die Tatsache, dass dieser junge Nigerianer eine Zeit im Jemen verbracht hatte und dort von Al Kaida ausgebildet worden war, ist ein perfekter Vorwand. Die Reaktion erfolgte schnell. „Washington und London brachten ihren Willen zum Ausdruck, beim Kampf gegen den Terror im Jemen und Somalia gemeinsam vorzugehen. London und Washington planen die Finanzierung einer Spezialeinheit der Antiterrorpolizei im Jemen und wollen die jemenitische Küstenwache verstärkt stützen, sagte Downing Street“ (Jeune Afrique, 26.1.10). Der französische Imperialismus wollte nicht beiseite gedrängt werden und erklärte Gleiches. Der Präsident Jemens, Ali Abdullah, ist seit 30 Jahren an der Macht; er ist mit den USA verbündet. Die US-Armee hat ihm schon Raketen und Spezialeinheiten geschickt. Nachdem die Huti-Guerillas im Norden durch den Iran unterstützt werden, sind die Kämpfe bis nach Sadah vorgedrungen. In einem solch instabilen Land kann nur eine direkte militärische Präsenz den Interessen einer Großmachte dienen. Die USA haben dort schon im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus einen neuen Stützpunkt errichtet, und die Ankunft weiterer US-Truppen, die die Rebellen sowohl im Norden als auch im Süden bekämpfen werden, ist ein weiterer Schritt des US-Imperialismus in ein Fass ohne Boden, aus dem sie nicht entkommen können – wie zuvor schon im Irak, Afghanistan und Pakistan.
Der jüngste Aufmarsch von Zehntausenden zusätzlicher US-Truppen in Afghanistan belegt eindeutig, dass die USA diesen Krieg nicht gewinnen können. Die Tatsache, dass Pakistan ein Hauptpreis in diesem Konflikt geworden ist, hat zu einer Destabilisierung des pakistanischen Regimes, seiner Armee und seiner nationalen Einheit in einer Region geführt, in der auch der indische und chinesische Imperialismus sehr aktiv sind. Aber auch wenn die USA sehr stark von China herausgefordert werden, sind die USA dennoch dazu gezwungen worden, China und Russland zu bitten, den wachsenden Ambitionen des Irans entgegenzutreten, das durch die Vernichtung des Saddam Regimes im Irak gestärkt worden ist und jetzt versucht, seinen Einfluss im Libanon, südlichen Irak, Jemen und anderswo auszudehnen und auch über Atomwaffen verfügen möchte. „Zwei hohe US-Offizielle sind vor der Präsidentenreise nach China gefahren und haben die Chinesen davor gewarnt, falls sie Washington nicht bei der Iran-Frage unterstützen würden, würde Israel zu einem Angriff ausholen, damit Chaos bei den Öllieferungen auslösen, die für China so wichtig sind. Der Iran ist der zweitgrößte Öllieferant Chinas und chinesische Firmen haben ganz massiv im Iran investiert. Um diese Zwänge zu lockern, haben die USA ebenfalls vorgeschlagen, dass die Chinesen ihre Abhängigkeit von iranischen Öllieferungen abbauen. Man scheint den US-Vorschlägen Gehör geschenkt zu haben. Zum ersten Mal seit Jahren hat China für die Verurteilung des Irans durch die Internationale Atombehörde gestimmt“ (J Pomfret und J Warrick, Washington Post, Counter Info 27.1.). Russland wird ebenso von den USA umworben, das auf dessen Hilfe angewiesen ist. Deshalb hat Washington seine Pläne zur Errichtung eines Raketenabwehrschildes in Polen und der Tschechischen Republik auf Eis gelegt. Aber sowohl Russland als auch China haben gute Gründe, Teheran weiter zu ermuntern, eine destabilisierende Rolle im Mittleren Osten zu spielen.
Diese Aufrufe zur Hilfe sind echte Eingeständnisse einer Schwäche. Nach dem Angriff auf die Twin-Towers im Jahre 2001 trieb George W. Bush die USA in einen Krieg, nahezu in einem Alleingang, um die absolute militärische Überlegenheit der USA als die führende Supermacht der Welt zu veranschaulichen. Diese Kriege sind alle gescheitert. Aber die ‚neue‘ Obama-Politik, die eine andere Sprache benutzt, ist nicht weniger kriegstreibend, und wird nichts Besseres hervorbringen, weder für den US-Imperialismus noch für die Menschheit.
Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran und jetzt Somalia und Jemen; der im Namen des Kampfes gegen den radikalen Islamismus geführte Krieg dehnt sich immer weiter aus. Jeder bluttriefende Schritt der USA offenbart in Wirklichkeit immer mehr ihre wachsende Hilflosigkeit. In Afghanistan ist die Unfähigkeit der USA die Taliban zu besiegen, immer deutlicher geworden. Immer lauter werden die Rufe nach einer Verhandlungslösung mit den „gemäßigteren Kräften‘. Im Irak reißt die Bombenserie nicht ab. Für die USA wird der Jemen nur ein neuer Irak oder ein neues Afghanistan. Und für die Bevölkerung in diesen Ländern wird es noch viel schlimmer werden. Der niedergehende Imperialismus sät immer mehr Gewalt und hinterlässt immer mehr Tote. Diese Wirklichkeit tritt auch der Arbeiterklasse, ob sie durch den Krieg direkt betroffen ist oder nicht, immer mehr vor Augen. A/Rossi, 27.1.10
Unsere Sektion in Frankreich erhielt eine Erklärung von der anarcho-syndikalistischen CNT-AIT in Toulouse. Wir stimmen völlig mit den Genossen darin überein, dass dies ein Versuch des Staates ist, Militante und im Allgemeinen die Arbeiterklasse einzuschüchtern. Der Kontrast zwischen der Forderung nach strenger Bestrafung und dem gleichzeitigen komplizenhaften Stillschweigen über Kriegsverbrecher wie Karadžićc und Mladic seit dem Krieg in Ex-Jugoslawien und die Anklagen des Staates auf Terrorismus sind völlig heuchlerisch. Wir wollen unsere volle Solidarität an die inhaftierten und deren Familien überbringen, und wir ermutigen unsere Leser die CNT-AIT Erklärung möglichst zu verbreiten.
Unsere Sektion in Frankreich erhielt eine Erklärung von der anarcho-syndikalistischen CNT-AIT in Toulouse. Wir stimmen völlig mit den Genossen darin überein, dass dies ein Versuch des Staates ist, Militante und im Allgemeinen die Arbeiterklasse einzuschüchtern. Der Kontrast zwischen der Forderung nach strenger Bestrafung und dem gleichzeitigen komplizenhaften Stillschweigen über Kriegsverbrecher wie Karadžićc und Mladic seit dem Krieg in Ex-Jugoslawien und die Anklagen des Staates auf Terrorismus sind völlig heuchlerisch. Wir wollen unsere volle Solidarität an die inhaftierten und deren Familien überbringen, und wir ermutigen unsere Leser die CNT-AIT Erklärung möglichst zu verbreiten.
Ihr werdet sicherlich schon wissen, dass serbische Anarcho-Syndikalisten, einschließlich dem jetzigen Sekretär der International Workers Association (AIT) in Belgrad eingesperrt worden sind. Die Anklage lautet auf Terrorismus. Bis jetzt wissen wir nicht, wie sie diese Anklage aufrecht erhalten. Die Anklage basiert darauf, dass angeblich von einer anarchistischen Gruppe an der griechischen Botschaft ein geringer materieller Schaden angerichtet worden ist aus Solidarität mit einem griechischen Genossen, der noch im Gefängnis ist. Die Angeklagten bestreiten diese Fakten, aber sie haben trotzdem mit 3 bis 15 Jahren Gefängnis zu rechnen. Das Missverhältnis zwischen den angeblichen Fakten und der zu erwartenden Strafe bringt uns zu folgender Einschätzung: Die serbischen Machthaber wollen unseren Genossen, deren politische Aktivität sie offensichtlich in Verlegenheit bringt, einen Maulkorb anlegen. Wir fordern euch auf, das Kommuniqué der ASI möglichst zu verbreiten.
Am 4. Sept. hat das Bezirksgericht in Belgrad entschieden, dass die inhaftierten Mitglieder der ASI für 30 Tage eingesperrt bleiben sollen. Unsere Genossen werden angeklagt, eine Tat des internationalen Terrorismus begangen zu haben.
Das Gewerkschaft Bündnis ASI hat sich gebildet anlässlich eines Angriffs auf die griechische Botschaft. Die ASI hat in den Medien die Verantwortung übernommen für diesen Angriff.
Wir nehmen die Gelegenheit wahr, um wieder einmal öffentlich daran zu erinnern, dass diese Methoden des individuellen politischen Kampfes keine Methoden des Anarcho-Syndikalismus sind, ganz im Gegenteil – wir vertreten unsere politischen Ansichten öffentlich und durch unsere Arbeit versuchen wir die Massen an die anarcho-syndikalistische Bewegung und an alle freiheitlichen und fortschrittlichen Organisationen heranzuführen.
Der Staat will seine scharfen Kritiker brutal unterdrücken mittels der Repression. Dabei handelt er nach der banalen Logik, diejenigen als Verdächtige hinzustellen, die ihre freiheitliche Auffassung ganz explizit kundtun. Mit der Inhaftierung soll der Fall erledigt sein und es soll in der Öffentlichkeit das falsche Bild vermittelt werden, wie effektiv und mächtig der Staat ist.
Skrupellose Aktionen von Institutionen des Regimes sind seit dem ersten Tag der Inhaftierung zu beobachten, ungesetzliche Durchsuchungen ihrer Wohnungen, Einschüchterung ihrer Wohnungen bis hin zur Anklage, Teil des internationalen Terrorismus zu sein.
Wir unterstützen nicht die Aktionen der jetzt so berühmten anarchistischen Gruppe Black Iliya. Wir wissen nicht, was da internationaler Terrorismus sein soll, weil Terrorismus per definitionem das Leben von Zivilisten bedroht, wohingegen in diesem Fall niemand verletzt wurde und nur ein symbolischer Schaden verursacht wurde.
Es ist klar, dass diese vom Staat fabrizierte Farce nur eine Art und Weise ist, jeden einzuschüchtern, der die Ungerechtigkeit und Ausweglosigkeit der heutigen Gesellschaft aufzeigt.
In Zeiten der allgemeinen gesellschaftlichen Erstarrung werden Individuen zu schier unglaublichen, manchmal selbstzerstörerischen Aktionen getrieben, um die Medienblockade zu durchbrechen und auf ihre Sache aufmerksam zu machen. Lasst uns an die Arbeiter erinnern, die ihre Finger abschnitten und sie aufaßen, oder ein anderes Beispiel der unglückliche, in elenden Verhältnissen lebende Mann, der eine Handgranate vor dem Präsidentenpalast zündete, um zu versuchen für ein breiteres Publikum etwas Licht auf seine Probleme fallen zu lassen.
Wir lassen uns nicht davon überzeugen, dass ein symbolischer Akt der Solidarität, auch wenn an ihm etwas Schlechtes haftete, und andere Aktionen der Rebellion derjenigen, die ohne Rechte gelassen wurden, behandelt werden als antisoziale Aktionen und als terroristische Handlungen.
Wir drücken unsere Solidarität mit den inhaftierten Genossen und deren Familien aus und fordern die volle Aufklärung dieses Falls!
Freiheit für die Anarcho-Syndikalisten!
Als am 15. Februar in Belgien zwei Nahverkehrszüge frontal zusammenstießen, dabei 19 Menschen getötet (darunter ein Lokführer) und mehr als 170 Reisende verletzt wurden, traten auf einen Schlag erneut die katastrophalen Sicherheitslücken bei den Eisenbahnen ans Licht.
Als am 15. Februar in Belgien zwei Nahverkehrszüge frontal zusammenstießen, dabei 19 Menschen getötet (darunter ein Lokführer) und mehr als 170 Reisende verletzt wurden, traten auf einen Schlag erneut die katastrophalen Sicherheitslücken bei den Eisenbahnen ans Licht. Obwohl es in der Vergangenheit schon mehrere tödliche Unfälle mit ähnlichem Hintergrund gab, die Belgischen Eisenbahnen unter dem Druck der EU seit dem Jahre 2005 zur Einführung modernerer Sicherheitsstandards gezwungen wurden, wurde durch den Unfall bekannt, dass lediglich ein Drittel der belgischen Nahverkehrszüge über entsprechende Sicherheitseinrichtungen verfügt. Während die Eisenbahnen in Belgien zu den ältesten auf dem europäischen Kontinent gehören, seitdem 1835 die erste Eisenbahnlinie eröffnet wurde, und es immer noch das dichteste Eisenbahnnetz der Welt in diesem alten Industrieland gibt, sind nun, 175 Jahre später, immer noch nicht alle Züge mit den modernsten Sicherheitseinrichtungen ausgestattet, die z.B. ein Triebfahrzeug nach Überfahren eines Halt zeigenden Signals zum Halten bringen. Die schreiende Lücke zwischen dem, was heute technisch möglich ist, und der Wirklichkeit im Alltag, trat nicht etwa in einem Dritte-Welt-Land auf, sondern in einem der ältesten Industrieländer, dem Sitz der EU-Bürokratie usw. Auch in der führenden Industrienation Europas, Deutschland, lange Zeit Exportweltmeister dank seiner Hightech Produkte, führt der Druck der Krise und die grenzenlose Jagd nach Profiten immer mehr zu Gefährdungen der Sicherheit. Nach dem Achsbruch bei einem ICE-3 im Sommer 2008 muss die Deutsche Bahn AG bei einem Großteil der vorhandenen 250 ICE-3-Züge die Radsatzwellen tauschen – erwarteter Mehraufwand mehrere Hundert Mio. Euro. Unterdessen leben die Bewohner der Hauptstadt Berlin nunmehr seit Monaten mit den Gefahren und Folgen der Sparpolitik und Profitjagd bei der Deutsche Bahn AG. Der Bruch einer Radscheibe, der im Mai 2009 zur Entgleisung eines S-Bahn-Zuges führte, zwang zur Überprüfung sämtlicher S-Bahn-Parks in Berlin. Erste Prüfungen ergeben: "So habe das Unternehmen noch im Januar 2007, vor Ablauf der Verjährungsfrist, auf Nachbesserungen gegen über dem Hersteller verzichtet. Wartungsarbeiten an sicherheitsrelevanten Teilen wie Rädern und Bremssystemen seien unzureichend dokumentiert. Zentrale Unterlagen fehlten; offen sei, ob diese vernichtet wurden. Die Prüfer fanden zudem Hinweise auf Manipulationen bei Testfahrten oder deren Messergebnissen, die im Jahr 2005 die langfristige Haltbarkeit der Radscheiben nachweisen sollten. Diese Haltbarkeit habe aber womöglich nie bestanden, so die Meinung der Prüfer." (Berliner Zeitung, 19.2.10). Auch hier entstehen erwartete Mehraufwendungen von mindestens 350 Mio. Euro. Dass in den letzten Wochen schwere Güterzugentgleisungen stattfanden, zeigt nur, wie groß das Gefahrenpotenzial für weitere Unfälle ist. Wenn die Deutsche Bahn als „global player“ ihre Gelder in den Ankauf und Beteiligungen bei Eisenbahnen und anderen Logistikunternehmen weltweit anlegt, um Geld zu scheffeln, gleichzeitig ein marodes Schienennetz entsteht und störungsanfällige und/oder unzureichend gewartete Fahrzeuge im Umlauf sind, und der Konzern wegen seiner Profitjagd auf der einen Seite überall die Sparschrauben anzieht, auf der anderen Seite aber nicht zuletzt wegen Unfällen immer wieder kostspielige Nachrüstungen oder Reparaturen vornehmen muss, belegt dies nur, wie wahnsinnig kurzfristig und borniert das Kapital vorgeht. Die einzig richtige Reaktion zeigten die Eisenbahner in Belgien, die einen Tag nach dem Unfall in großen Teilen des Landes aus Protest gegen die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen die Arbeit niederlegten.
Nachdem im März 2009 beim Kölner U-Bahn-Bau das historische Stadtarchiv und benachbarte Wohnhäuser einstürzten und dabei zwei Bewohner in den Tod gerissen wurden, haben erste Ermittlungen Zustände offengelegt, die bislang hauptsächlich in Ländern der Drittel-Welt gängige Praxis waren. Jetzt schon ist deutlich geworden, dass beim U-Bahn-Bau nur 17% der erforderlichen Stahlbügel angebracht wurden, d.h. 83% wurden nicht eingebaut. Ein Teil davon wurde an einer geplanten Haltestelle der U-Bahn von Arbeitern an einen Schrotthändler verkauft. Gewiss sind die Löhne niedrig und die Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen miserabel. Wenn es sich als wahr herausstellen sollte, dass sicherheitsrelevante Teile massenhaft von einigen Arbeitern nicht eingebaut und stattdessen verhökert wurden, sind dies Verhaltensweisen, welche die ethischen Maßstäbe der Arbeiterklasse verletzen. Sie stehen im Gegensatz zu dem Verhalten der Arbeiter in Belgien.
Bislang galt in den hochindustrialisierten Ländern die Einhaltung von gewissen Sicherheitsstandards als allgemein akzeptiert, weil für ein einigermaßen "reibungsloses" Funktionieren der Produktionsabläufe unverzichtbar. Wenn nun, wie aus den jüngsten Untersuchungsergebnissen beim Kölner U-Bahn-Bau ersichtlich, aufgeflogen ist, dass "massenweise falsche Protokolle, gestohlene und nicht eingebaute Sicherheitsbügel, illegale Brunnen, zu viel abgepumptes Brunnenwasser, immer wieder neue Risse in der Schlitzwand, vor allem aber auch fehlende Kontrollen", also "geschlampt, unterschlagen, vertuscht und systematisch gefälscht wurde" (Kölner Stadtanzeiger, 19.02.10), ist eine neue Stufe überschritten. Denn, selbst der Kölner Stadtanzeiger muss einräumen, dass solche Praktiken bislang hauptsächlich in Bananenrepubliken oder in Mafia-Kontrollierten Ländern gang und gäbe waren. Nunmehr droht Gefahr, dass solche Gebärden auch in den hochentwickelten Industriestaaten, die bislang nicht so von einer alle Strukturen durchdringenden Korruption geplagt waren, Einzug halten. Der Verdacht wurde erhoben, dass bei diversen Eisenbahnneubaustrecken ähnliche Methoden der Manipulation von Messprotokollen usw. praktiziert wurden (z.B. auf der Neubaustrecke München-Nürnberg). Dass dabei früher oder später Menschenleben drauf gehen werden, ist nur eine Frage der Zeit. Wer aber die Zeche dafür zu blechen hat, ist schon klar. Wenn solche Projekte nicht einfach zu einer Bauruine werden, müssen ungeheuer kostspielige Nacharbeiten erfolgen oder absurd teure Maßnahmen ergriffen werden, wie die Flutung der im Bau befindlichen Kölner U-Bahnstation Heumarkt, um ein Eindringen von Rheinwasser zu verhindern…
"Der Absturz eines Air-France-Airbus im Juni 2009 [mit 228 Menschen an Bord] offenbart nach SPIEGEL-Informationen eine gefährliche Sicherheitslücke, die alle derzeit zugelassenen Jets betrifft: Die Geschwindigkeitssensoren basieren auf Spezifizierungen von 1947 - noch vor Beginn des Düsenflugzeug-Zeitalters. Die fraglichen Sensoren, deren Vereisung sehr wahrscheinlich zum Absturz des A330 geführt hat, müssen nur bis minus 40 Grad Celsius funktionieren. Doch heutige Passagiermaschinen fliegen fast immer in Höhen, in denen deutlich niedrigere Temperaturen herrschen. (…) Vom Ausfall der Geschwindigkeitssensoren sind auch Boeing-Flugzeuge betroffen. Auf SPIEGEL-Anfrage bestätigte die für Boeing zuständige US-Zulassungsbehörde FAA acht solcher Zwischenfälle bei der 777, drei bei der 767 und jeweils einen bei der 757 und dem Jumbojet 747 (…) Während Airbus die Bedeutung der fehlerhaften Tempoanzeige beim Absturz der Air-France-Maschine offiziell herunterspielt, entwickelt der Konzern längst Techniken, die den Ausfall der Temposensoren erkennen und beherrschen helfen sollen. Am 3. Dezember 2009 meldete Airbus in den USA ein entsprechendes Patent an mit der Begründung, Fehler in der Geschwindigkeitsmessung könnten "katastrophale Folgen haben". Eine andere Technik kann bereits seit einigen Jahren als Sonderausstattung für Airbus-Maschinen bestellt werden. Nach SPIEGEL-Informationen lehnt es Air France bislang ab, das 300.000 Euro teure System namens "Buss" nachzurüsten. (www.spiegel.de/wissenschaft/technik/gefaehrdete-duesenflugzeuge-aufklaerung-von-air-france-absturz-offenbart-gefaehrliche-sicherheitsluecke-a-679180.html [17]). Während für den von Airbus konzipierten Militärtransporter A400 M ganz neue Systeme mit Milliardenaufwand entwickelt wurden, um für kriegerische Operationen besser gerüstet zu sein, steht der Schutz von Menschenleben in der zivilen Luftfahrt offensichtlich nicht auf der Prioritätenliste…
In der Autoindustrie rief der Gigant Toyota mehr als 8.5 Millionen Fahrzeuge erst in die Werkstätten zurück, nachdem allein in den USA mehr als 30 Menschen durch das technische Versagen zu Tode kamen, dessen Ursachen dem Hersteller bekannt waren, der aber zu spät einschritt.
Weil im Kapitalismus Profit an oberster Stelle steht, werden noch unzählige Opfer zu beklagen sein...
EB 26.2.10
Mit grösstem Schmerz müssen wir unseren Lesern mitteilen, dass unser Genosse Jerry Grevin (der unter den Initialen JG Artikel schrieb) in den USA verstorben ist. Aufgrund eines akuten Herzinfarktes verstarb er am Nachmittag des 11. Februar. Für alle Genossen ist dies ein grosser Schock, besonders aber für die Genossen der amerikanischen Sektion welche mit ihm tagtäglich zusammenarbeiteten.
Viele Genossen kannten Jerry mit seiner tiefen Überzeugung und seinem Engagement für die Sache des Kommunismus seit mehr als 30 Jahren. Er begann in seiner Jugend mit der aktiven Beteiligung in der Anti-Vietnam Bewegung, bevor er in den 1970er Jahren in die IKS eintrat. In der IKS stand er immer mitten im Leben der amerikanischen Sektion, dies auch während der schwierigen Zeit welche die IKS in den 1990er Jahren durchlebte. Er spielte eine wichtige und ermunternde Rolle, für die Leute, die mit der IKS in den USA in Kontakt traten. Alle Genossen die Jerry kannten, erinnern sich an seine Freude am Leben und an seinen Humor auch angesichts all der Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt. Der Verlust des Genossen Jerry ist nicht nur ein Verlust für die amerikanische Sektion, es ist ein grosser Verlust für die gesamte IKS und die Arbeiterklasse.
Wir werden in unserer Presse nächstens einen längeren Nachruf auf den Genossen veröffentlichen. Wir bekunden aber jetzt schon unsere innige Solidarität an alle Genossen von Jerry, seine Familie und Freunde. Wir werden die revolutionäre Arbeit, von der er so begeistert und überzeugt war, mit Entschlossenheit weiterführen.
Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, Frankreich, Deutschland, England… überall schlägt die Krise zu, überall stehen die Arbeiter vor den gleichen Angriffen. Die Botschaft der Herrschenden lautet: „Wenn ihr das Schlimmste verhindern wollt, die wirtschaftliche Katastrophe und den Bankrott, müsst ihr euch den Gürtel so eng schnallen wie noch nie zuvor.“ Sicher haben nicht alle Staaten gleichzeitig dieselbe Stufe erreicht und es sind nicht alle gleichzeitig zahlungsunfähig geworden, aber alle wissen, dass der Zug in diese Richtung fährt. Sie sind alle auf der Suche nach Möglichkeiten der Reduzierung der Defizite. Während die Herrschenden in einigen Staaten schon zum Angriff geblasen haben, bereiten sie in allen Ländern den Boden ideologisch vor.
Das griechische Sparpaket zur Senkung der öffentlichen Verschuldung ist sehr brutal und ungeheuer zynisch. Der griechische Finanzminister verlangte: „Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes müssen ihren Patriotismus beweisen und ein Beispiel setzen…“ Ohne Widerstand und Gegenwort sollten sie Gehaltssenkungen und Zulagenstreichungen, Stellenstreichungen, die Nicht-Ersetzung von in Rente gehenden Kolleg/Innen, die Erhöhung des Rentenalters auf 65 hinnehmen. All dies im Interesse der Verteidigung der nationalen Wirtschaft, ihres Ausbeuterstaates, ihrer Unternehmer und anderer Blutsauger der Arbeiterklasse. Alle Teile der herrschenden Klasse in Europa greifen den Herrschenden in Griechenland bei der Umsetzung des Sparprogramms unter die Arme. Der Arbeiterklasse soll international eingetrichtert werden: „Schaut euch Griechenland an, die Leute sind gezwungen, Opfer im Interesse des Landes zu bringen. Auch ihr müsst das Gleiche tun.“
Nach den US-Privathaushalten, nach den Banken, nach den Firmen ist jetzt die Phase angebrochen, wo die Staaten selbst von der Wucht der Wirtschaftskrise erfasst werden und viele von ihnen vor der Zahlungsunfähigkeit stehen. Das wiederum zwingt sie zu noch schärferen Angriffen. Drastische Einkommenseinbußen für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, Senkung der Kosten des „Faktors Arbeit“, unseres Lebensstandards im Allgemeinen, stehen überall auf dem Programm. Die gleichen Maßnahmenkataloge werden in Portugal, Griechenland, Spanien eingefädelt, und es ist ein offenes Geheimnis, dass nach den Wahlen in Großbritannien eine Welle von Sparbeschlüssen erwartet wird, idem in Deutschland nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen. Natürlich ist diese Entwicklung nicht auf die Euro-Zone beschränkt. In den USA ist die Arbeitslosenrate nach zwei Jahren Krisenbeschleunigung auf 17% hochgeschnellt, 20 Millionen zusätzliche Arbeitslose suchen Arbeit; 35 Millionen Menschen überleben nur dank Lebensmittelzuweisungen. Und jeden Tag wird die Lage schlimmer.
Wie konnte es dazu kommen? Aus der Sicht der Herrschenden, insbesondere aus der Sicht des linken Flügels der Herrschenden ist die Antwort einfach und klar. Die Banken, die Geldhaie wie Goldman Sachs, J.P. Morgan usw. seien schuldig. Es stimmt, dass das Finanzsystem verrückt geworden ist. Es geht nur noch um unmittelbare Interessen, um die schnellstmögliche Realisierung von Profit, nach dem Motto – nach uns die Sintflut. Es ist mittlerweile bekannt geworden, dass Spekulationshaie und Banken die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands mit beschleunigt haben, indem sie auf dessen Bankrott gesetzt haben. Sie werden sicher die gleichen Tricks gegenüber Portugal und Spanien anwenden. Die großen Weltbanken und die Finanzinstitutionen sind wirkliche Geier. Aber dieses Finanzgebaren, das letztendlich selbstmörderisch wirkt, ist keineswegs die Ursache der Krise, sondern nur eine Folge davon (auch wenn dieses auf einer gewissen Stufe zu einem beschleunigenden Faktor wird).
Wie üblich tischen uns die Herrschenden Lügen auf; sie versuchen uns zu verwirren. Sie wollen unbedingt verhindern, dass die Verbindung zwischen der wachsenden Zahlungsunfähigkeit der Staaten und dem Bankrott des gesamten kapitalistischen Systems erkannt wird. Denn es lässt sich immer weniger leugnen: der Kapitalismus ist todgeweiht – und der Wahnsinn der Entwicklungen im Finanzbereich sind ein Ausdruck davon.
Als die Krise Mitte 2007 mit voller Wucht ausbrach und vor allem in den USA der Bankrott des Bankensystems offenbar wurde, geschah all dies als eine Folge von jahrzehntelanger Verschuldungspolitik, die von den Staaten selbst mit angefacht worden war, um künstliche Märkte für all die produzierten Waren zu schaffen. Aber als ab einer gewissen Stufe schlussendlich die Privathaushalte und die Firmen unter dem Druck der Schuldenlast nicht mehr in der Lage waren, ihre Schulden zurückzuzahlen, standen die Banken am Rande des Bankrotts – und mit ihr die gesamte kapitalistische Wirtschaft. Damals mussten die Staaten eingreifen und eine Reihe von Schulden der Privathaushalte und Banken übernehmen – auf Kosten von gigantischen, sündhaft teuren Rettungsmaßnahmen, um somit den weiteren Absturz in die Rezession zu verhindern.
Jetzt ist die Phase eingetreten, wo die Staaten selbst bis über die Ohren verschuldet sind und ihre eigenen Schulden nicht mehr bezahlen können (ohne dass dabei gleichzeitig die Privathaushalte gerettet worden wären) und selbst vor dem Bankrott stehen. Sicher ist der Staat kein privates Unternehmen, das pleite gehen kann und bei Zahlungsunfähigkeit einfach den Betrieb einstellt. Der Staat kann immer noch versuchen, sich noch mehr zu verschulden, noch mehr Geld drucken usw. Aber irgendwann kommt immer der Zeitpunkt, wo die Schulden – auch die eines Staates - beglichen werden müssen (oder zumindest die Zinsen bezahlt werden müssen). Diese Entwicklung wird in Griechenland, Portugal und Spanien deutlich. In Griechenland hat der Staat versucht, neue Kredite auf den internationalen Märkten aufzunehmen. Er erhält nur kurzfristige Kredite und die nur zu hohen Zinsen (mehr als 8%). Solch eine Zwangslage ist untragbar. Welche Lösung steht den Herrschenden offen? Überbrückungskredite von anderen Staaten? Vielleicht leihen andere Staaten Griechenland Geld, aber sie werden nicht dazu in der Lage sein, den jeweils folgenden Ländern wie Portugal, Spanien, England usw. ähnliche „Rettungspakete“ anzubieten. Ihnen wird einfach das Geld dazu ausgehen… Zudem wird diese ganze Politik der Rettungsmaßnahmen nur zu ihrer eigenen finanziellen Schwächung führen. Auch in den USA, die noch am meisten mit dem Dollar „spielen“ können, steigen die Staatsschulden unaufhörlich an. Die Hälfte der US-Bundesstaaten sind zahlungsunfähig. In Kalifornien bezahlt der Staat seine Bediensteten nicht mehr mit US-Dollars, sondern mit einer Art „lokaler Währung“, Gutscheine, die nur auf kalifornischem Territorium Geld wert sind.
Kurzum, egal welche Wirtschaftspolitik eingeschlagen wird, den Staaten gelingt es keineswegs, die Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden. Um Zeit zu gewinnen, haben sie keine andere Wahl als drastische Ausgabenkürzungen. Dies ist der Kern der Maßnahmen, die jetzt in Griechenland, Spanien, Portugal und morgen anderswo getroffen werden. Dies sind aber keine üblichen Sparpakete, wie schon mehrfach in der Vergangenheit verabschiedet wurden. Es geht jetzt mehr und mehr darum, den Preis für das Überleben des Kapitalismus der Arbeiterklasse aufzuhalsen. Bald werden wir wieder die langen Schlangen vor den Armenessen sehen, die in den 1930er Jahren so sehr das Leben prägten. Verarmung der arbeitenden Bevölkerung – das ist der einzige Weg, der für den Kapitalismus gangbar ist. Aber die Arbeiterklasse ist nicht bereit, diesen Weg ohne Widerstand zu beschreiten. (siehe dazu andere Artikel in dieser Zeitung). Tino, 26.2.2010
Im Januar und Februar hat die IKS in Frankreich und in Deutschland Diskussionsveranstaltungen zum Thema "Selbstmord am Arbeitsplatz- eine einzige Antwort – Solidarität der Arbeiterklasse " organisiert. In unserem Einladungsaufruf schrieben wir:
"In den letzten Monaten wurde unter der Rubrik "Verschiedenes" ein Ereignis von den Medien groß herausgehoben: die Welle von Selbstmorden am Arbeitsplatz, insbesondere bei France Télécom. Der Arbeitsstress nimmt für viele Beschäftigte dermaßen zu, dass sie als Einzelne verzweifelt reagieren. Dies ist kein neues Phänomen, es trat Ende de 1980er Jahre in Erscheinung, als die Herrschenden ihre Kampagne zum "Tod des Kommunismus" und dem "Ende des Klassenkampfes" anleierten.
Welche Erklärung für diesen neuen Ausdruck des Zerfalls des Kapitalismus?
Wie gegenüber der Verschärfung der Ausbeutungsbedingungen und der gefährlichen Tendenz des "jeder für sich" reagieren?
Kommt und beteiligt euch an unserer Diskussionsveranstaltung zu diesem Thema!!"
Nachfolgend fassen wir kurz die Diskussionen, die hierzu in Lyon, Marseille und Grenoble stattfanden, zusammen. In diesen Diskussionen haben viele Teilnehmer über ihre Arbeitsbedingungen und den wachsenden Arbeitsstress berichtet, unter dem sie selbst und ihre Freunde und Angehörigen leiden.
Auf diesen Treffen wurde der „Arbeitsstress“ nicht nur als ein theoretisch zu vertiefendes Thema aufgegriffen, sondern auch und vor allem als eine echte, leidvolle Erfahrung.
Zwei Fragen standen im Vordergrund der Diskussionen.
· Wird die Zuspitzung der Wirtschaftskrise der Tendenz des “jeder für sich” weiter Auftrieb verschaffen oder im Gegenteil eine größere Einheit und eine aufkeimende Solidarität entfalten? Eine junge Studentin meinte: „Wovor ich Angst habe, ist dass sich jeder in Anbetracht der Zuspitzung der Wirtschaftskrise in seine eigene Ecke zurückzieht. Die Konkurrenz spitzt sich auch weiter zu. Aber trotzdem bin ich nicht pessimistisch, denn ich meine, man müsste die Gesellschaft umwälzen, wir stehen irgendwie am Rande eines Abgrunds“.
· Was tun, wie dem wachsenden Druck widerstehen, die einige zu den schrecklichsten Reaktionen führt wie zum Selbstmord am Arbeitsplatz?
Viele Beispiele von Mobbing am Arbeitsplatz wurden, oft mit ergreifenden Gefühlen, geschildert. „In unserer Firma haben wir schon mehrere Umstrukturierungen durchgemacht. Tagtäglich werden wir gemobbt, viele von uns sind deprimiert, im Augenblick verspürt man keine Solidarität unter Kollegen. Gegenwärtig hat man das Gefühl die Leute sind wie gelähmt, aber ich glaube, die Verschärfung der Wirtschaftskrise wird die Leute dazu zwingen zu reagieren.“ So die Schilderung einer jungen Frau, die seit mehreren Jahren in einer ‚high-tech‘ Branche arbeitet, deren Beschäftigte oft als die privilegierte Elite der Ingenieure angesehen werden. In Wirklichkeit sind deren Beschäftigte genauso von der Krise betroffen. Sie stehen unter einem enormen Leistungsdruck und es wird von ihnen ein riesiges Arbeitspensum erwartet. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass ein junger Gymnasiast, zukünftiger Lohnempfänger, die gleiche Idee des zunehmenden Einflusses der Wirtschaftskrise aufgriff. „Ich diskutieren mit meinen Kumpels auf dem Gymnasium, im Augenblick merken sie die Krise noch nicht so sehr. Ihnen geht es noch einigermaßen gut, aber wenn die Verarmung zunehmen wird, werden auch sie gezwungen zu reagieren.“
Auch das Beispiel von Abteilungsleitern wurde gegeben, die unter einem starken Druck stehen und diesen in “ihre” Abteilungen weitergeben müssen. „In den Betrieben des öffentlichen Dienstes, in denen es zwar auch Unterschiede zwischen den Angestellten und den Führungskräften gibt, entstehen manchmal Diskussionen; denn es ist so offensichtlich, dass auch sie einem gewaltigen Druck ausgesetzt sind, was bei ihnen oft Depressionen auslöst. Ein Beispiel dafür sind die Selbstmorde bei France Télécom, die dies an den Tag gebracht haben.“ Dies schilderte ein Beschäftigter, der aufzeigte, wie sich Ansätze von Solidarität in seiner Abteilung zeigten. Ein Teilnehmer, der auch Freunde hat, die bei France Télécom arbeiten, veranschaulichte die "neue Managementmethode „Time to move“, die dazu führt, dass jeder nach drei Jahren die Stelle wechseln muss. Die Chefs erhalten jedes Mal eine Prämie von 3000 Euro, wenn jemand versetzt wird".
Ist es möglich, zu ‘menschlicheren Managementmethoden’ zurückzukehren? Hier die Reaktion einer Studentin einer Handelsschule: „In unserer Schule spricht man davon, dass das Management dazu angeleitet werden soll, eine größere ‚emotionale Intelligenz‘ zu zeigen. Dadurch könne man sich besser auf die Menschen konzentrieren, besser auf die Fähigkeiten eines jeden eingehen.“ Die Antwort der meisten Teilnehmer war eindeutig. Die Entwicklung der Wirtschaftskrise wird immer brutalere Methoden hervorbringen, und wir wissen alle, dass die "psychologischen Stützpunkte", die von den Arbeitgebern eingerichtet werden, wie ein Pflaster auf einer Prothese funktionieren. Diese Studentin wollte, sobald sie ins Berufsleben eintritt, dem Alltagstrott des „Aufstehen, zur Arbeit fahren, arbeiten, erschöpft nach Hause usw.“ entkommen. Aber man kann nicht wirklich davor flüchten. Eine andere Teilnehmerin entgegnete ihr: „Natürlich möchten wir alle irgendwie gerne auf dem Lande leben und dort Viehzucht betreiben und den ganzen Tag vielleicht nur Marx lesen, aber es gibt keinen individuellen Ausweg aus dem kapitalistischen System. Die ganze Bevölkerung leidet unter dem System.“
In den Treffen waren Teilnehmer mit einem hohen Bildungsabschluss (Ingenieure, Mediziner), deren Erfahrung sich nicht unterschied von der Erfahrung von Beschäftigten, die in Fabriken oder bestimmten Verwaltungen arbeiten. Denn durch die Absenkung ihres Lebensstandards und aufgrund der Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen kommt es zu einer beschleunigten Proletarisierung derjenigen, die vor einigen Jahren noch meinten, sie gehörten einer „Elite“ und keineswegs der „Arbeiterklasse“ an.
Die Anwesenden unterstrichen deutlich, dass nur Solidarität im Kampf hilft, die unerträgliche Isolierung eines jeden Beschäftigten zu überwinden. Einige konkrete Vorschläge des gemeinsamen Widerstands gegenüber Mobbing und dem Druck des Kapitals wurden aufgegriffen: man darf nicht zögern, öffentlich gegenüber unhaltbaren Zuständen zu reagieren, wenn diese sich gegen einen einzelnen Beschäftigten oder eine Gruppe richten. Man muss mit seinen Kolleg/Innen über die Zustände reden, man darf nicht isoliert in seiner Ecke hocken bleiben und weitere Angriffe abwarten…
Die kapitalistische Gesellschaft ist dazu gezwungen, die Konkurrenz und das jeder für sich zu verschärfen; dem müssen wir mit unserer Solidarität entgegentreten, das Vertrauen untereinander aufbauen und somit all die falschen Spaltungen überwinden und all den Verschlechterungen entgegentreten, denen wir alle ausgesetzt sind.
In den Diskussionen hat die IKS auf die Beispiele von Arbeiterkämpfen verwiesen, die im 19. Jahrhundert spontan ausbrachen, um sich gegen den Druck, der auf einzelne Kollegen ausgeübt wurde oder Demütigungen zu wehren. Seit einigen Jahren hat es auch Solidaritätsbekundungen in bestimmten Kämpfen gegeben, so zum Beispiel während der Bewegung gegen den CPE in Frankreich 2006, in Vigo (Spanien) 2006 und in Ägypten, in England und anderswo. Diesen Weg müssen wir beschreiten. Ein Teilnehmer schilderte, wie er von den Vollversammlungen beeindruckt war, die bei Caterpillar stattfanden, an denen sich alle Beschäftigten beteiligten.
Auf den Redebeitrag eines Gewerkschaftsaktivisten, der behauptete, "die Gewerkschaften müssen gegenüber der mangelnden Solidarität eine große Rolle spielen. Sie müssen in den Betrieben aktiv werden, um gesellschaftliche Beziehungen aufzubauen, nur so lässt sich was durchsetzen", antworteten die anderen Teilnehmer, dass die Beschäftigten Selbstvertrauen gewinnen müssen und spontan mit anderen Beschäftigten reagieren sollten, z.B. in ihrer Abteilung, im Büro, in der Schule, im Krankenhaus usw., und dass man keineswegs die sogenannten Spezialisten des Kampfes brauche. Eine andere junge Frau betonte: "Selbst wenn das "Recht auf Arbeit" nach dem 2. Weltkrieg eingeführt wurde, um die Arbeiter besser zu kontrollieren, müsste man dennoch diese Gesetzgebung nicht verteidigen?" Die anderen Teilnehmer entgegneten wiederum, es sei eine Illusion dies zu glauben, da die herrschende Klasse und ihre Regierungen seit langem die Rechte der Beschäftigten untergraben. Arbeits- oder Schiedsgerichte, deren Macht immer mehr beschnitten wird, sind kein Austragungsort für die Verteidigung der Arbeiterklasse, die sich für ihren Kampf zusammenschließen muss (auch wenn in Einzelfällen ein Beschäftigter an ein Arbeitsgericht appellieren kann). Ein anderer junger Beschäftigter warf die Frage auf: "Ich mag meine Arbeit, aber ich habe die Nase voll davon, immer unter Druck gesetzt zu werden. Im Gegensatz zu dem, was meine Großmutter mir sagte, die von einer früher existierenden gewissen Menschlichkeit unter den Beschäftigten sprach, erwartet man heute von den Beschäftigten so zu denken wie die Unternehmen."
In der Diskussion wurde ebenfalls hervorgehoben, wenn sich jemand auf der Arbeit umbringt, hat dies eine besondere Bedeutung. Diese hebt sich davon ab, wenn sich jemand z.B. zu Hause das Leben nimmt. Ein Selbstmord auf der Arbeit spiegelt die radikalste Form der Ablehnung der aufgezwungenen Arbeitsbedingungen wider. Wenn sich immer mehr Leute am Arbeitsplatz umbringen, steht dies im Zusammenhang mit der Verschlechterung der Bedingungen in der gesamten Gesellschaft. Aus der Sicht eines Teilnehmers: "Auch wenn man keine besondere Lehre aus den Selbstmorden am Arbeitsplatz ziehen kann, bringt dies die allgemeine Desorientierung der Gesellschaft zum Ausdruck."
Am Ende der Diskussion haben wir wie üblich die Teilnehmer in einer Schlussrunde um eine Einschätzung der Diskussion gebeten. Die Gelassenheit und manchmal auch die Emotionalität in der Diskussion wurden von den Teilnehmern begrüßt. Vor allem die Notwendigkeit einer einheitlichen und solidarischen Handlungsweise wurde von allem betont. Die Stärke der Arbeiterklasse liegt in ihrer Fähigkeit, sich in ihren Kämpfen immer massiver einzubringen, ihr Bewusstsein zu entwickeln, dass sie gemeinsam stark und in der Lage ist, eine Welt ohne Ausbeutung, ohne Konkurrenz, ohne Mobbing aufzubauen – den Kommunismus! IKS, 12.2.2010
1 [27] Wir haben unsere Analyse dieses ‘Gesellschaftsphänomens’, wie die Journalisten es bezeichnen, in einem langen Artikel in unserer Presse dargestellt. Siehe unsere Webseite.
Die FVDG entwickelt sich hin zum revolutionären Syndikalismus
Im vorhergehenden Artikel haben wir die Auseinandersetzungen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland und in der SPD beschrieben, welche zur Entstehung der Freien Vereinigung Deutscher Gewerkschaften FVDG, der Vorläuferorganisation des deutschen Syndikalismus führten. Dieser Überblick umfasste die 1870er Jahre bis ins Jahr 1903. Die 1897 gegründete FVDG verstand sich noch bis ins Jahr 1903 explizit als ein kämpferischer Teil der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung und hatte kaum Verbindungen zum Syndikalismus, der in anderen Ländern wie Frankreich und Spanien stark präsent war. Die FVDG hatte auf der theoretischen Ebene konsequent den Anspruch der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter verteidigt, sich nebst ökonomischen auch um politische Fragen zu kümmern.
Bedingt durch ihre Entstehungsgeschichte der Zerstreuung unter dem Sozialistengesetz und der Auseinandersetzungen mit dem großen gewerkschaftlichen Zentralverband, hatte es die FVDG aber nicht geschafft in ihren eigenen Reihen eine ausreichende Koordination für den gemeinsamen Kampf zu entwickeln. Die bereits bestehende, schon klar syndikalistische Organisation der IWW in den USA war der FVDG in der Frage der Zentralisierung ihrer Aktivitäten meilenweit voraus. Der alltägliche Hang zu föderalistischer Zerstreutheit, auch wenn dies in der FVDG noch nicht theoretisiert wurde, sollte immer eine Schwäche der FVDG bleiben. Angesichts der aufkommenden Massenstreiks sollte die Abneigung gegen die Zentralisierung des Kampfes der Arbeiterklasse immer deutlicher ein Hindernis für die FVDG werden.
Die Debatte um die neuen Kampfformen im Massenstreik der Arbeiterklasse im anbrechenden 20. Jahrhundert wurde für die FVDG eine große Herausforderung und führte zu einem deutlichen Schritt in Richtung Syndikalismus. Eine Entwicklung die sich bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges verstärken sollte und die wir in diesem Artikel beleuchten.
Auf internationaler Ebene tauchen um die Wende ins 20. Jahrhundert immer mehr Vorboten des Massenstreiks als neue Kampfform der Arbeiterklasse auf. Der Massenstreik unterschied sich in seiner spontan ausbreitenden Dynamik, dem Branchen übergreifenden Charakter und vor allem der Aufnahme von politischen Forderungen vom althergebrachten Schema des wohl organisierten, beruflich beschränkten und lediglich auf ökonomische Forderungen begrenzten gewerkschaftlichen Klassenkampf des 19. Jahrhunderts. In den international aufkeimenden Massenstreiks manifestierte sich nun eine Lebendigkeit der Arbeiterklasse, welche die planmäßig vorbereitet und fest am jeweiligen Stand der gewerkschaftlichen Streikkassen klebenden Streiks weit in den Schatten stellte.
Schon 1891 war ein Streik von 125`000 und 1893 von 250`000 Arbeitern in Belgien ausgebrochen, 1896 und 1897 entfaltete sich ein Streik der Textilarbeiter von St. Petersburg, 1900 unter den Bergarbeitern im US-Staat Pennsylvania, 1902 und 1903 im Bergbau in Österreich und Frankreich, 1902 erneut ein Massenstreik in Belgien um das allgemeinen Wahlrecht, 1903 unter den Eisenbahnern in Holland und im September 1904 eine landesweite Streikbewegung in Italien.
Deutschland mit seinen mächtigen und traditionsreichen Gewerkschaften und seiner dicht organisierten Arbeiterklasse war zu der Zeit nicht das Epizentrum dieses neuen Phänomens von gewaltigen, sich ausdehnenden Flutwellen des Klassenkampfes mit politischen Anliegen. Um so heftiger aber wurde die Frage des Massenstreiks in den Reihen der Arbeiterklasse in Deutschland diskutiert. Das Unbehagen gegenüber dem alten gewerkschaftlichen Schema des kontrollierten Klassenkampfs, der die heilige „Ruhe der Nation" nicht erschüttern sollte beschrieb Arnold Roller, ein Mitbegründer der FVDG, treffend am Beispiel des Bergarbeiterstreiks von 1905 im Ruhrgebiet, an dem sich 200`000 Arbeiter beteiligten: „Man (die Gewerkschaft) beschränkte sich darauf, dem Streik den Charakter einer Art friedlichen, abwartenden Demonstration zu verleihen, um vielleicht auf diese Weise, durch Anerkennung des „Wohlverhaltens" Konzessionen bewilligt zu bekommen. Die im ähnlichen Geist organisierten Bergarbeiter anderer Gebiete, wie Sachsen, Bayern, usw. bezeugten ihre Solidarität einerseits durch Streikunterstützungen, andererseits aber auch gleichzeitig in der sonderbaren Weise, dass sie während des Streiks in Überstunden viele tausend Waggons mehr Kohle förderten - die fortgeschickt wurden, um sie während des Streiks in der Industrie, also im Dienst des Kapitals zu verwenden. (...) Während die Arbeiter im Ruhrgebiet hungerten, verhandelten deren Vertreter im Parlament und erhielten auch einige Versprechungen gesetzlicher Verbesserungen - aber nach Wiederaufnahme der Arbeit. Selbstverständlich blieb den deutschen Gewerkschaftsführern der Gedanke fern, durch Ausdehnung des Streiks auf die gesamte Kohlenindustrie einen wirklich starken Druck auf das Unternehmertum auszuüben.[1]
Wichtigster Auslöser der berühmten „Massenstreikdebatte" von 1905/06 in der SPD und in den deutschen Gewerkschaften war aber zweifellos der gewaltige Massenstreik von 1905 in Russland, der in seiner Dimension und politischen Dynamik alles vorher Gesehene überstieg.[2]
Für die Gewerkschaften bedeuteten die Massenstreiks eine direkte Infragestellung ihrer Existenz und ihrer historischen Rolle. War ihre Rolle als geduldige ökonomische Verteidigungsorganisationen der Arbeiterklasse nun überholt? Der Massenstreik von 1905 in Russland, eine direkte Reaktion auf die durch den Russisch-Japanischen Krieg enorm verschärften Leiden der Arbeiterklasse und Bauernschaft, hatte deutlich gezeigt, dass nun politische Fragen wie Krieg und Revolution ins Zentrum der Arbeiterkämpfe rückten. Fragen welche die Kragenweite des traditionellen gewerkschaftlichen Denkens bei weitem überstiegen. „Das Gewerkschaftswesen ist eine Aktion der Arbeiter, die nicht über die Schranken des Kapitalismus hinausgeht. Seine Absicht ist nicht, den Kapitalismus durch eine andere Produktionsform zu ersetzen, sondern gute Lebensbedingungen innerhalb des Kapitalismus zu sichern. Sein Charakter ist nicht revolutionär, sondern konservativ.", wie es Anton Pannekoek präzise ausdrückte.[3]
Den Führern der in Deutschland zu mächtigen Organen angewachsenen Gewerkschaften also den Vorwurf fehlender Flexibilität zu machen, weil sie sich nicht mit der Kampfform des politischen Massenstreiks anfreunden konnten, trifft nicht des Pudels Kern. Ihre abwehrende Haltung gegen die Massenstreiks resultierte schlicht aus dem Wesen und Denken ihrer gewerkschaftlichen Organisationen selbst, die sie repräsentierten und die für die neuen Erfordernisse des Klassenkampfes von nun an nicht mehr genügten.
Dass die politischen Organisationen und Parteien der Arbeiterklasse nun das Wesen der Massenstreiks zu verstehen hatten lag auf der Hand. Jedoch „für die überwiegende Mehrheit der sozialdemokratischen Führer galt als Axiom: Generalstreik ist Generalunsinn!".[4] Ohne die Realität wahrhaben zu wollen, glaubten sie in den Massenstreiks lediglich und sehr schematisch den vom Anarchisten und ehemaligen Mitgründer der holländischen Sozialdemokratie Domela Nieuwenhuis propagierten „Generalstreik" zu erkennen. Jahrzehnte zuvor hatte Engels 1873 berechtigterweise in seiner Schrift Die Bakunisten an der Arbeit die eigenartige Vision eines Generalstreiks als ein hinter den Kulissen wohl vorbereitetes Aufstandsszenario als Generalunsinn kritisiert. Diese alte Vision eines „Generalstreiks" zeichnete sich durch eine überall und gleichzeitig erfolgenden Arbeitsniederlegung der Arbeiterklasse aus, generalstabsmässig geleitet von den Gewerkschaften. Damit sollte die Macht der herrschenden Klasse ausgehungert und innert Stunden aus den Angeln gehoben werden. Das spontane Element des Klassenkampfes wurden dabei komplett unterschätzt. Die Führung der SPD und der Gewerkschaften fühlten sich berechtigt, Engels Ausspruch zum geflügelten Wort zu machen, um damit jeglichen Ansatz zur Debatte über die handfesten Massenstreiks die vor allem von der Parteilinken in der SPD um Rosa Luxemburg gefordert wurde ignorant zu unterdrücken.
Tief im Kern standen sich das alte anarchistische Muster vom grandios geplanten ökonomischen Generalstreik und die Auffassung der grossen Gewerkschaftszentralen aber sehr nahe. Was für sie zählte war lediglich die Quantität der Kämpfe. Doch das Potenzial der Arbeiterkämpfe politische Fragen in die Hand zu nehmen, also ihre Qualität, wiesen sie beide glattweg von sich. War die FVDG, die bisher zumindest theoretisch immer die politische Aktivität der Arbeiter verteidigt hatte, fähig darauf eine Antwort zu geben?
Innerhalb der FVDG entbrannte die Debatte um den Massenstreik im Jahre 1904. Dies im Hinblick auf den kommenden Internationalen Sozialistenkongress in Amsterdam, an dem diese Frage auf der Tagesordnung stand. In den Reihen der FVDG ging es nun darum, das Phänomen des Massenstreiks erst einmal zu verstehen, zumal auch ihre eigene ruhige Welt der geordneten Gewerkschaftsarbeit der kleinen Schritte von den Massenstreiks richtiggehend überrumpelt worden war. In ihrer allgemeinen Auffassung einer wohl geregelten Gewerkschaftsarbeit unterschied sich die kleine FVDG nicht wesentlich vom grossen sozialdemokratischen Gewerkschaftsverband. Da die FVDG durch ihren schwachen Einfluss aber keinerlei Möglichkeiten hatte die Klassenkämpfe zu kontrollieren, standen sie der Frage des Massenstreiks weit offener gegenüber als die grossen gewerkschaftlichen Zentralverbände. Irritiert stellte sich die FVDG nun die Frage ob die ausgebrochenen Massenstreiks die historische Bestätigung der alten, fast theatralisch anmutenden Generalstreiksvisionen sei.
Gustav Kessler, Mitgründer der „Lokalisten" und politische Autorität innerhalb der FVDG starb im Juni 1904. Kessler hatte innerhalb der Führung der FVDG am stärksten den Weg der Orientierung an der Sozialdemokratie verkörpert. Der sehr heterogene Charakter der FVDG als lose Vereinigung von Berufsverbänden hatte immer auch minoritären anarchistischen Tendenzen wie derjenigen um Andreas Kleinlein Platz gelassen. Kesslers Tod und die Wahl Fritz Katers zum Vorsitzenden der Geschäftskommission der FVDG im Sommer 1904 eröffnete nun deutlich eine Periode zunehmender Offenheit gegenüber syndikalistischen Ideen.
Es war aber vor allem der französische Syndikalismus der GCT, welcher einem Teil der FVDG mit dem Konzept des „Generalstreiks" eine Antwort anzubieten schien, ohne sich jedoch offiziell darauf zu beziehen. Unter Kesslers Einfluss hatte die FVDG bis zu Beginn des Jahres 1904 offiziell die Propaganda für die Generalstreiksidee noch abgelehnt.
Die FVDG nahm zur Frage des Massenstreiks am umfassendsten in Form der von Raphael Friedeberg 1904 verfassten Schrift Parlamentarismus und Generalstreik und einer im August des selben Jahres verabschiedeten Resolution der FVDG Stellung. Friedebergs Standpunkt (er blieb bis 1907 noch Mitglied der SPD) war in den Jahren von 1904-07 sehr prägend für die FVDG und verdient daher näherer Betrachtung.[5]
Friedebergs Broschüre widmet sich größtenteils mit einer berechtigten und feinfühlig formulierten Kritik dem zerstörerischen und einschläfernden Einfluss des Parlamentarismus, wie er damals von der sozialdemokratischen Führung als das Non plus Ultra des Klassenkampfes verstanden wurde: „Die parlamentarische Taktik, die Überschätzung des Parlamentarismus, ist schon zu sehr eingewurzelt in den Massen des deutschen Proletariates. Sie ist ja auch gar zu bequem; alles soll die Gesetzgebung, alles die Änderung der Verhältnisse bringen, die eigenen Persönlichkeit braucht nichts anderes herzugeben als alle paar Jahre in diesen oder jenen Stimmkasten einen sozialistischen Zettel zu stecken. (...) Es ist ein schlechtes Erziehungsmittel des Proletariats. (...) Ich will zugeben dass der Parlamentarismus eine historische Aufgabe in der Entwicklungsgeschichte des Proletariats gehabt hat, wohl auch noch haben wird." Wie wir sehen trägt dieser Anti-Parlamentarismus nicht den Charakter einer prinzipiellen Ablehnung, sondern geht von einem nun historisch erreichten Zeitpunkt aus, an dem sich dieses Propagandamittel für das Proletariat lediglich zu seinen Ungunsten entwickelt hatte.
In ähnlicher Weise wie Rosa Luxemburg unterstrich er dagegen den emanzipatorischen Charakter der großen Massenstreikbewegungen der vorangegangenen Jahre für das Proletariat: „Durch die Streiks schulen sich die Arbeiter, sie geben ihnen sittliche Kraft, sie bringen ihnen Solidaritätsgefühl, proletarisches Denken und Empfinden bei. Die Generalstreiksidee gibt den Gewerkschaften einen weiten Horizont wie ihn bisher der Gedanke der politischen Macht der Bewegung gegeben hat.". Die „politische Macht" war für Friedeberg Synonym für den Parlamentarismus. Dabei beschreibt er auch den ethischen Aspekt des Kampfes der Arbeiterklasse: „Wenn die Arbeiter aber den Klassenstaat stürzen wollen, wenn sie eine neue Weltordnung errichten wollen, dann müssen sie auch besser werden als die Schichten die sie bekämpfen, die sie beseitigen wollen. Deshalb müssen sie lernen, alles von sich zu stoßen was niedrig und gemein an ihnen ist, alles was unethisch ist. Das ist das Hauptkennzeichen der Generalsstreiksidee, dass sie ein ethisches Kampfmittel ist."
Bezeichnend für die Texte von Friedeberg ist die stetige Verwendung des Begriffs „Generalstreik", auch wenn von den konkreten politischen Massenstreiks der vergangenen Jahre die Rede ist und diese Anlass zu seinen Schriften waren.
Obwohl die Triebfeder von Friedebergs Broschüre eine ehrliche Empörung gegenüber dem konservativen Geist in den gewerkschaftlichen Zentralverbänden war, die er mit Luxemburg teilte, kam er zu ganz anderen Schlussfolgerungen:
- Er verwarf klar den bisher in der FVDG existierenden Drang sich auch um politische Fragen zu kümmern: „Wir führen keinen politischen Kampf und brauchen deshalb auch keine politischen Kampfformen. Unser Kampf ist ein ökonomischer und ein psychologischer." Dies war ein deutlicher Bruch mit der bisherigen Haltung der FVDG. In oberflächlicher Gleichsetzung von „Politik gleich Parlamentarismus" verwarf er die politische Dynamik welche ja gerade die Massenstreiks ausgezeichnet hatten.
- Zudem zeichnete Friedeberg eine (auch innerhalb der FVDG sehr minderheitliche) unmaterialistische Auffassung des Klassenkampfes, basierend auf psychologischen Überlegungen und der Strategie der „Verweigerung der Persönlichkeit" - er nannte es „historischer Psychismus". Hier zeigte sich deutlich seine Anlehnung an gewisse anarchistisch-kleinbürgerliche Auffassungen, nach denen ein individueller Rebellengeist und nicht die kollektive Bewusstseinsentwicklung in der Arbeiterklasse das tragende Element des Klassenkampfes sei.
- Obwohl Friedeberg richtig die reformistische sozialdemokratische Idee der schrittweisen Übernahme der Staatsmacht anprangerte, verfiel er in eine gradualistische Auffassung desselben Zuschnittes, aber mit gewerkschaftlicher Prägung: „In den letzten Jahren allein sind die Gewerkschaften um 21 Prozent gewachsen, sie sind auf über eine Million Mitglieder gekommen, sodass wir mit Sicherheit, da für solche Dinge gewissermaßen gesetzmäßige Faktoren gelten, rechnen können, das in ca. 3-4 Jahren wir 2 Millionen Gewerkschaftsmitglieder haben werden, in 10 Jahren 3-4 Millionen. Und wenn die Generalstreiksidee immer weiter in das Proletariat eindringt (...) mehr als 4-5 Millionen Menschen zur Niederlegung der Arbeit zu bringen und dadurch den Klassenstaat zu beseitigen". In Wirklichkeit bedeutete die immer stärkere Einbindung der Arbeiterklasse in die Gewerkschaften schon zur damaligen Zeit nicht bessere Bedingungen für die proletarische Revolution, sondern eine Fessel für die Arbeiterklasse.
- Unter dem Drang ein „ethisches Kampfmittels ohne rohe Gewalt" zu propagieren erkennt man bei Friedeberg aber auch eine große Unterschätzung der herrschenden Klasse und ihrer brutalen Repression in einer revolutionären Situation: „Das ist das Hauptzeichen der Generalstreiksidee, dass sie ein ethisches Kampfmittel ist. (...) Was nachher kommt, wenn unsere Gegner uns zwingen wollen, wenn wir in Notwehr sind - das werden wir heute nicht bestimmen.".
Doch im Wesentlichen sah Friedeberg in den aufkommenden Massenstreiks die Bestätigung der alten anarchistischen Generalstreiksidee. Seine grösste Schwäche bestand wohl darin, nicht erkannt zu haben, dass sich die Massenstreiks hin zu einem politischen Akt der Arbeiterklasse entwickelten. Stattdessen beschränkte er die Perspektive der Massenstreiks auf eine rein ökonomische Ebene. Diese Auffassung brach deutlich mit der Tradition der FVDG, welche bis anhin immer vor einem rein ökonomischen Kampf gewarnt hatte.
Die Basis der FVDG stand nicht geschlossen hinter den Auffassungen von Friedeberg, der Repräsentant eines minoritären sich zum Anarchismus hin bewegenden Flügels war. Dennoch waren Friedebergs Positionen für eine kurze Epoche bekanntes Aushängeschild der FVDG. Friedeberg selbst zog sich 1907 aus der FVDG in eine anarchistische Kolonie in Ascona zurück.
Ein Verständnis der Massenstreiks konnte die FVDG mit den Theorien Friedebergs nicht anbieten. Anstelle der Erkenntnis, dass die historisch anwachsende revolutionäre Stimmung diese neue Form von Arbeiterkämpfen hervorbrachte, welche eine Verschmelzung von ökonomischen und politischen Fragen darstellten, war die Generalstreiksidee mit der die FVDG nun auf die Bühne trat ein Schritt zurück - eine Flucht vor politischen Fragen.
Was war nun die Bedeutung und Rolle der FVDG bezüglich des Massenstreiks? Trotz all der Konfusionen, welche in den Schriften Friedebergs zu Tage traten, hatte die Debatte in der FVDG und ihre Schriften eine aufwühlende Funktion innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung. Es steht ihr das Verdienst zu, schon vor der Niederschrift der bekannten und viel klareren Broschüren von Luxemburg und Trotzki über den Massenstreik von 1905, auch innerhalb der SPD diese gewichtigen Fragen aufgeworfen zu haben.
Dass die FVDG zu diesem Zeitpunkt in ihrer Vorstellung der Revolution noch strikte von Gewerkschaften als Organe der Revolution ausging soll uns nicht erstaunen. Einerseits war sie ja selbst eine Vereinigung von Gewerkschaften - ein Schritt darüber hinaus zu gehen hätte ihre eigene Organisationsform direkt in Frage gestellt. Andererseits baute auch Rosa Luxemburg noch stark auf die Gewerkschaften, welche sie in mehreren Ländern als das direkte und vorwärts weisende Produkt des Massenstreiks (z.B. in Russland) beschrieb. Es dauerte noch fast 5 Jahre bis zur Veröffentlichung von Trotzkis Buch 1905, welches die Arbeiterräte als neue Organe der Revolution anstelle der Gewerkschaften beschrieb[6]. Was der FVDG und ihren Nachfolgeorganisationen immer blieb, war ihre Blindheit gegenüber den Arbeiterräten und ihr Festklammern an den Gewerkschaften als angebliche Organe der Revolution. Eine Schwäche die sich in den revolutionären Erhebungen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg fatal auswirken sollte.
Innerhalb der SPD entbrannte ab 1905 nun ein regelrechter Kampf ob die Frage des Massenstreiks auf dem kommenden Parteitag von 1906 diskutiert werden durfte. Krampfhaft versuchte der Parteivorstand die damals wohl gewichtigste Erscheinung im Klassenkampf als nicht diskussionswürdig abzustempeln. Der Parteitag der SPD von 1905 in Jena hatte sich nur pro forma in einer Resolution für den Massenstreik als eine „eventuell zu propagierende Maßnahme" ausgesprochen. Der Massenstreik wurde darin lediglich zu einem letzten Verteidigungsmittel gegen einen allfälligen Entzug des allgemeinen Wahlrechts degradiert. Die von Rosa Luxemburg eingebrachten Lehren aus dem Massenstreik in Russland wurden vom überwiegenden Teil der Führung der SPD als „Revolutionsromantik" und auf die deutschen Verhältnisse keinesfalls übertragbar bezeichnet.
Es erstaunt daher nicht, dass sich nach dem Kongress in Jena 1905 der Parteivorstand im Februar 1906 in Geheimverhandlungen mit der Generalkommission der Zentralgewerkschaften auf eine gemeinsame Verhinderung von Massenstreiks einigte. Diese Abmachung kam aber ans Tageslicht. Die FVDG veröffentlichte in ihrem Organ Einigkeit Teile des Protokolls dieses geheimen Treffens, welches ihnen in die Hände gekommen war. Darin stand unter anderem: „Der Parteivorstand hat nicht die Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird, soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen". Diese Veröffentlichung löste in der SPD-Führung eine große „Empörung der Ertappten" aus und zwang sie die Debatte um den Massenstreik auf dem Mannheimer Parteitag vom 22.-23. September 1906 erneut auf die Tagesordnung zu setzen.
Auch wenn es keine Zusammenarbeit zwischen der FVDG und der Parteilinken gab (im Gegenteil kritisierte Karl Liebknecht die Schwächen der FVDG - die er wie Luxemburg als „Anarchosozialisten" bezeichnete - in übertrieben harter Manier), arbeitete die Veröffentlichung der Geheimprotokolle durch die Einigkeit Letzteren in die Hand. Als eine Strömung welche auf proletarischem Boden stand, war ihre Stossrichtung im Kampf gegen den Reformismus nicht grundsätzlich verschieden zu derjenigen der Revolutionäre.
Bebels erste Worte in seinem Einleitungsreferat auf dem Mannheimer Parteitag widerspiegelten den ignoranten Unmut der Parteileitung, die sich bemüht sah sich wieder mit einer Frage auseinandersetzen zu müssen, welche sie ad acta zu legen gehofft hatte: "Als wir im vorigen Jahre in Jena auseinander gingen, hat wohl niemand geahnt, dass wir in diesem Jahre schon wieder über den Massenstreik sprechen müssen. (...) Durch die Indiskretion der so genannten „Einigkeit" in Berlin ist es dann zu großen Debatten gekommen. (...) "[7]
Um sich aus der Peinlichkeit der durch die Einigkeit ans Licht geratenen Geheimabmachungen zu winden machte sich Bebel lustig über die FVDG und Friedebergs Beitrag: „Wie man angesichts einer solchen Entwicklung und der Macht der Unternehmerklasse gegenüber der Arbeiterklasse durch lokalorganisierte Gewerkschaften etwas ausrichten zu können glaubt, das verstehe wer mag. Jedenfalls ist der Parteivorstand und die Partei in ihrer grossen Mehrheit der Meinung, dass diese lokalistischen Gewerkschaften vollständig ohnmächtig sind, die Aufgaben der Arbeiterklasse zu erfüllen."[8] Wer sollte nur 8 Jahre später (1914) angesichts des Krieges mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten „vollständig ohnmächtig (sein) die Aufgaben der Arbeiterklasse zu erfüllen"? Exakt der Parteivorstand der SPD, der lauthals den Kriegskrediten zustimmte! Die FVDG hingegen sollte trotz all ihrer Schwächen 1914 angesichts der Kriegsfrage noch fähig sein eine proletarische internationalistische Position gegen den Krieg einzunehmen.
In der darauf folgenden dürftigen Parteitagsdebatte um den Massenstreik standen anstelle von politischen Argumenten bürokratische Streitereien und Rechtfertigungen darüber, ob sich Parteimitglieder nun an den Parteibeschluss von Jena 1905 zum Massenstreik halten sollten, oder an denjenigen des Gewerkschaftskongresses vom Mai 1906, welcher den Massenstreik klar verworfen hatte. Die Debatte drehte sich im Wesentlichen um den Antrag Bebels und Legiens, Parteimitgliedern die in der FVDG organisiert waren ein Ultimatum zum Übertritt in die Zentralgewerkschaften zu stellen. Bei Nichtübertritt sollten sie sofort aus der Partei ausgeschlossen werden.
Anstelle über die politischen Lehren aus den erfolgten Massenstreiks zu sprechen oder gar auf die Ausführungen in der eine Woche vorher erschienen Broschüre Massenstreik, Partei und Gewerkschaften von Luxemburg einzugehen, wurde die Debatte auf einen kläglichen partei-juristischen Zank reduziert!
Nachdem Puttlitz, der eingeladene Vertreter der FVDG und Redakteur der Einigkeit aus Berlin, ausgelacht worden war, wandte sich Rosa Luxemburg vehement gegen den Versuch der Unterdrückung der politisch zentralen Massenstreik-Debatte mit rein formellen disziplinarischen Mitteln: „Ferner finde ich es unverantwortlich, wenn hier die Partei gewissermaßen als Zuchtrute gegen eine bestimmte Gruppe von Gewerkschaftlern gebraucht werden soll; daß wir uns damit innerhalb der Parteireihen Zank und Zwist auf den Hals laden sollen. Es ist doch kein Zweifel, daß unter den Lokalorganisierten sehr viele brave Genossen vorhanden sind, und es wäre unverantwortlich, wenn wir, um den Gewerkschaften in dieser Frage direkt zu dienen, den Zwist in unsere Reihen hineintrügen. Wir respektieren die Ansicht, daß die Lokalisten nicht den Zwist in den gewerkschaftlichen Organisationen soweit treiben sollen, daß sie die gewerkschaftliche Organisation dadurch unterbinden; aber im Namen der soviel gepriesenen Gleichberechtigung muß man doch mindestens dasselbe für die Partei anerkennen. Wenn wir die Anarchosozialisten, wie der Parteivorstand vorschlägt, aus der Partei direkt ausschließen, so geben wir damit ein trauriges Beispiel dafür, daß wir nur Energie und Entschlossenheit finden, um unsere Partei nach links abzugrenzen, daß wir nach rechts aber die Tore nach wie vor sehr weit offen lassen.
Von Elm hat hier angeführt als ein Beispiel des anarchistischen Unsinns, daß in der „Einigkeit" oder in einer Konferenz der Lokalorganisierten ausgesprochen sei: „Der Generalstreik wäre als das einzige Mittel des wirklichen revolutionären Klassenkampfes zu betrachten." Nun ist das selbstverständlich ein Unsinn und nichts anderes. Aber, werte Anwesende, es steht genausoweit entfernt von der sozialdemokratischen Taktik und von unseren Prinzipien, wenn David erklärt, die gesetzlichen, parlamentarischen Mittel sind die einzigen Mittel der Sozialdemokratie. Man sagt uns, die Lokalisten, die Anarchosozialisten untergraben auf Schritt und Tritt durch ihre Agitation die sozialdemokratischen Grundsätze. Aber es ist genau ebenfalls eine Untergrabung sozialdemokratischer Grundsätze, wenn einer von den Zentralverbänden, wie Bringmann auf Eurer Konferenz im Februar sich gegen das Prinzip des Klassenkampfes erklärte."[9]
Wie schon auf dem Parteitag im Jahre 1900 bei der Debatte um den Hamburger Gewerkschaftsstreit, widersetzte sich Luxemburg dem Versuch, die Schwäche der FVDG als Vorwand zu gebrauchen um die Diskussion zentraler Fragen zu umgehen. Sie erkannte, dass die grosse Gefahr nicht von einer gewerkschaftlichen Minderheit wie der FVDG kam, deren Mitglieder in der SPD oft auf der Seite des linken Flügels standen, sondern vom Zentrum und der Parteirechten.
Auch wenn die FVDG für die reformistische Führung SPD und den zentralen Gewerkschaftsverband keineswegs dieselbe Gefahr darstellte wie der revolutionäre Flügel der Sozialdemokratie um Liebknecht und Luxemburg konnten sie die FVDG nicht ignorieren, nur weil sie eine kleine Minderheit darstellte und die Lehren aus den Massenstreiks nicht wirklich erkannte. Das internationale Auftauchen von mächtigen revolutionär-syndikalistischen Bewegungen wie ab 1905 in den USA mit der IWW machte syndikalistische Tendenzen für den Reformismus zu einer potentiellen Gefahr.
Die auf dem Parteitag 1906 in Mannheim eröffnete Strategie, Druck auf die Mitglieder der FVDG zum Übertritt in die zentralen Gewerkschaften auszuüben wurde über Monate fortgesetzt. Einerseits wurde bekannten und kämpferischen Mitgliedern der lokalen Gewerkschaften lohnenswerte Posten in den sozialdemokratischen Gewerkschaftsbürokratien angeboten. Andererseits für den Parteitag der SPD in Nürnberg, der 1908 stattfinden sollte, erneut ein Antrag über die Unvereinbarkeit einer Doppelmitgliedschaft in SPD und FVDG angekündigt.
Doch die FVDG zerbrach vor allem an ihren eigenen Unklarheiten und den unterschiedlichen Ausrichtungen ihrer Berufsverbände. In einer Zeit in der es den politischen Massenstreik und das Auftauchen der Arbeiterräte zu verstehen galt, zerrieb sie sich in einer internen Auseinandersetzung um die Frage: Anschluss an die zentralen Gewerkschaftsverbände oder, hin zu einem syndikalistischen Weg der die politischen Fragen den ökonomischen unterordnete - eine Gegenüberstellung die gar nicht mehr auf der Höhe der Zeit war. Auf ihrem außerordentlichen Kongress im Januar 1908 entschied die FVDG über einen Antrag der Maurer-Gewerkschaften die FVDG zugunsten eines Übertritts in die Zentralgewerkschaften aufzulösen. Obwohl dieser Antrag abgelehnt wurde bedeute er die Spaltung der FVDG und damit das Ende der langjährigen Geschichte einer unübersehbaren gewerkschaftlichen Opposition welche sich noch an die alte proletarische Tradition der Sozialdemokratie angelehnt hatte. Mehr als ein Drittel der FVDG trat sofort in die großen sozialdemokratischen Zentralgewerkschaften über. Die Mitgliederzahl sank bis 1910 von ehemals 20`000 auf knapp 7000.
Der Führung der Sozialdemokratie fiel es danach nicht mehr schwer, den Bruch mit den Überresten der FVDG auf dem Parteitag im September 1908 mit einem endgültigen Verbot der Doppelmitgliedschaft FVDG-SPD zu besiegeln. Die Überreste der FVDG stellten für Legien und Konsorten nun keine ernstzunehmende Gefahr an der Basis mehr dar.
Wenn wir nach einem Überblick über die Entstehungsgeschichte des Syndikalismus in Deutschland suchen, so markiert das Jahr 1908 den Beginn einer neuen Etappe, die der erklärten Hinwendung von nur etwas weniger als der Hälfte der Mitglieder der FVDG zum revolutionären Syndikalismus.
Da die FVDG als eine gewerkschaftliche Oppositionsbewegung entstanden war, die in ihren Anfangsjahren noch fest mit der Sozialdemokratie, also einer politischen Organisation der Arbeiterbewegung, verbunden war, hatte sie sich bis ins Jahr 1908 nie als syndikalistisch bezeichnet. Denn Syndikalismus bedeutet nicht lediglich Feuer und Flamme für gewerkschaftliche Aktivitäten zu sein, sondern eine Schritt weiter zu gehen und in den Gewerkschaften die einzige und alleinige Organisationsform zur Überwindung des Kapitalismus zu sehen - eine Rolle die diese von ihrem nach Reformen ringenden Wesen her gar nie spielen konnten und können.
Das wegweisende neue Programm der FVDG des Jahres 1911 „Was wollen die Lokalisten? Programm, Ziele und Wege der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften" drückte diesen Standpunkt nun folgendermaßen aus: „Der Befreiungskampf der Arbeiter ist in erster Linie ein wirtschaftlicher Kampf, den ganz naturgemäß die Gewerkschaft, als die Organisation der Produzenten, auf allen Gebieten zu führen hat. (...) Die Gewerkschaft (und nicht die politische Partei) ist allein in der Lage, die wirtschaftliche Macht der Arbeiter gehörig zur Entfaltung zu bringen..."
Und während doch gerade die grossen Massenstreiks und der vergangenen Jahre die spontane Dynamik des Klassenkampfes bewiesen hatten, und parallel dazu der Bruch der Bolschewiki mit dem alten Konzept der „Massenpartei" 1903 die Notwendigkeit von Organisationen revolutionärer politischer Minderheiten klarmachte, focht das neue Programm der FVDG zwar mit gutem Willen gegen einen alten „Dualismus", aber.. mit komplett falschen Schlussfolgerungen: „Daher verwerfen wir den schädlichen Dualismus (Zweiteilung), wie ihn Sozialdemokratie und die ihr zugehörigen Zentralgewerkschaften praktizieren. Wir meinen die widersinnige Teilung der Arbeiterorganisationen in einen politischen und einen gewerkschaftlichen Flügel." (...) Da wir den parlamentarischen Kampf ablehnen und an seine Stelle den direkten politischen Kampf mit gewerkschaftlichen Mitteln und nicht um die politische Macht, sondern um die soziale Befreiung setzten, so verliert eine politische Arbeiterpartei wie die Sozialdemokratie ohnehin jede Existenzberechtigung."
Dieses neue Programm drückte eine absolute Blindheit gegenüber dem historischen Auftauchen und revolutionären Charakter von Arbeiterräten aus und flüchtete in die erwartungsvolle Theoretisierung eines neuen Gewerkschaftstypus als Allerweltsmittel:
- als Antwort auf die (tatsächlich) überlebte Massenpartei,
- als Ersatz für die verbürokratisierten grossen Gewerkschaften,
- als Organ der Revolution,
- und schlussendlich als Architekt der neuen Gesellschaft.
Welch allumfassende Aufgabe!
Doch vertrat die FVDG, wie es bezeichnend war für den revolutionären Syndikalismus zur damaligen Zeit, eine klare Verwerfung des bürgerlichen Staates und es Parlamentarismus. Sie verteidigte den Kampf der Arbeiterklasse gegen Krieg und Militarismus.
Das Verhältnis der FVDG gegenüber dem Anarchismus blieb in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ablehnen. Lediglich die Tatsache dass Friedebergs Theorien (auf seinem Weg vom Sozialdemokraten zum Anarchisten) in den Jahren 1904-07 Aushängeschild für die FVDG gewesen waren bedeute keinesfalls eine Hinwendung der gesamten Organisation zum Anarchismus. Im Gegenteil befürchteten die stark zum Syndikalismus tendierenden Kräfte um Fritz Kater, dass gerade auch von den Anarchisten ein „Bevormundung" drohe, so wie sie von der SPD immer gegenüber den Gewerkschaften ausgeübt worden sei. Kater bezeichnete noch in der Einigkeit vom August 1912 den Anarchismus als „ebenso überflüssig wie jede andere politische Partei"[10]. Es ist falsch zu meinen, dass es die Präsenz offizieller Anarchisten gewesen wäre, welche die FVDG in den Syndikalismus führte. Die Parteifeindlichkeit, welche in der harten Auseinandersetzung mit der SPD entstanden war, wandte sich in den Jahren vor dem Krieg auch gegen die anarchistischen Organisationen. Es war auch keinesfalls der Einfluss des charismatischen Anarchisten Rudolf Rocker ab 1919, welcher die Parteifeindlichkeit in die Nachfolgeorganisation der FVDG, die FAUD hinein trug. Diese Entwicklung hatte deutlich vorher stattgefunden. Rocker theoretisierte sie in den 20er Jahren für den deutschen Syndikalismus nur viel deutlicher als dies vor dem Krieg geschah.
Die weiteren Jahre bis hin zum Kriegsausbruch 1914 waren bei der FVDG gekennzeichnet von einem Rückzug auf sich selbst. Die grosse Auseinandersetzungen mit den Mutterorganisationen waren ausgefochten. Die Trennung vom gewerkschaftlichen Zentralverband hatte 1897 stattgefunden. Der Bruch mit der SPD gute 10 Jahre später, 1908.
Es entstand eine kuriose Situation, welche ein immer wieder auftauchendes Dilemma des Syndikalismus aufzeigt: Sich als Gewerkschaft deklarierend, welche bei möglichst vielen Arbeitern verankert sein wollte, war die FVDG aber auf ein Minimum von Mitgliedern zusammengeschrumpft. Von den ca. 7000 Eingeschriebenen war nur ein geringer Teil auch wirklich aktiv. Eine Gewerkschaft war sie nicht mehr! Vielmehr waren die Überreste der FVDG nun auf Propagandavereine für syndikalistische Ideen zusammengeschrumpft, hatten also vielmehr den Charakter von politischen Gruppen. Doch politische Organisationen wollten sie partout nicht sein!
Die Überreste der FVDG blieben - und das ist für die Arbeiterklasse eine absolut zentrale Frage - auf internationalistischem Boden und wandten sich trotz all ihrer Schwächen gegen die Bestrebungen der Bourgeoisie hin zu Militarismus und Krieg. Die FVDG und ihre Presse wurde sofort bei Kriegsausbruch im August 1914 verboten und viele ihrer noch aktiven Mitglieder in Schutzhaft genommen.
In einem folgenden Artikel werden wir die Rolle der Syndikalisten in Deutschland während des Ersten Weltkrieges und den Jahren der Deutschen Revolution 1918/19 und der weltrevolutionären Welle bis 1923 betrachten.
Mario 6.11.2009
[1] Arnold Roller (Siegfried Nacht): „Die direkte Aktion" 1912. Roller verkörperte innerhalb der FVDG den bis dahin sehr minoritären anarchistischen Flügel.
[2] Siehe im Besonderen dazu auch: Internationale Revue Nr. 90, 122, 123, 125 (engl., franz., span.)
[3] Anton Pannekoek, „Das Gewerkschaftswesen", 1936
[4] Paul Frölich, „Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", Kapitel: „Der politische Massenstreik"
[5] Friedeberg selber kam nicht etwa aus dem Anarchismus in die FVDG, sondern war SPD Stadtverordneter und Mitglied der sozialdemokratischen Berliner Parteileitung.
[6] Trotzki schrieb 1907 zuerst das Buch Unsere Revolution. Einige Kapitel daraus dienten als Grundlage für das Buch 1905, welches 1908/09 geschrieben wurde.
[7] Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Mannheim 1906, S 227.
[8] Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Mannheim 1906, Seite 295.
[9] ebenda, Seite 315 (oder in R. Luxemburg, Ges. Werke. Bd. 2, Seite 174)
[10] siehe auch: Dirk H. Müller, Gewerkschaftliche Versammlungsdemokratie und Arbeiterdelegierte vor 1918, S. 191-198
Internationalisme,Nr. 25, August 1947.
Dieser Text von „Internationalisme“ ist ein Auszug aus einer Reihe von Artikeln, die im Jahre 1947 unter dem Titel „Gegenwärtige Probleme der Arbeiterbewegung“ veröffentlicht wurden.
In diesen Artikeln meint Internationalisme mit „Arbeiterbewegung“ oder „revolutionäre Bewegung“ die politischen Gruppen und Organisationen. Es polemisiert gegen den vorherrschenden Aktivismus dieser Gruppen, die davon ausgingen, dass mit dem Ende des 2. Weltkrieges die Möglichkeit der Wiederholung eines revolutionären Prozesses gegeben sei, so wie er nach dem Ende des 1. Weltkriegs von 1917-23 stattgefunden hatte.
Internationalisme dagegen schätzte das Ende des 2. Weltkrieges als eine tiefgreifende Niederlage für die internationale Arbeiterklasse ein. Die Bedingungen nach dem Ende des 2. Weltkriegs waren nicht die gleichen wie am Ende des 1. Weltkrieges. Die Arbeiterklasse war physisch und ideologisch geschlagen. Das Überleben des Kapitalismus verstärkte die Tendenz zum Staatskapitalismus, wodurch wiederum die Rahmenbedingungen für den Klassenkampf verändert wurden. Die Bedingungen für ein allgemeines Erstarken des revolutionären Klassenkampfes waren nicht vorhanden.
Internationalisme kämpfte gegen den Voluntarismus der Gruppen, die für die unmittelbare Bildung der Partei eintraten, ohne die neuen Faktoren dieser Periode zu berücksichtigen. Denn sie gingen davon aus, der einzige politische Rahmen sei der einer Wiederholung auf einer anderen, kleineren Ebene der Positionen und Orientierungen der Bolschewistischen Partei während der revolutionären Periode, ohne jedoch eine Bilanz der Niederlagen und der Fehler dieser Partei zu erstellen. Es handelt sich bei diesen Gruppen um Abspaltungen des Trotzkismus, aber vor allem ging es um die Fraktionen der Gauche Communiste Internationale (Internationale Kommunistische Linke), welche die Gründung einer Parti Communiste Internationaliste (Internalistischen Kommunistischen Partei) in Italien 1943 unterstützten.
Die Kritik fortsetzend, die Internationalisme schon bei der Gründung der IKP gemacht hatte (1), erinnerte Internationalisme an die Bedingungen der Bildung der Partei. Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt, dass das Entstehen und die Entwicklung, das Ende, der Niedergang oder der Verrat der politischen Organisationen des Proletariats (Bund der Kommunisten, I. und II. Internationale, die Kommunistische Internationale, die Bolschewistische Partei) eng mit den Aktivitäten der Arbeiterklasse selbst verbunden sind. Innerhalb der Arbeiterklasse kann eine Partei, d.h. eine Organisation, die dazu in der Lage ist, den Lauf des Klassenkampfes auf entscheidende Weise zu beeinflussen, nur entstehen, wenn in der Klasse selbst eine Tendenz zur Organisierung und Vereinigung gegen den Kapitalismus besteht. Und dies geschieht nur in einer Phase des aufsteigenden Klassenkampfes.
Diese Tendenz war am Ende des 2. Weltkrieges nicht vorhanden. Die Streikbewegungen in Italien 1943, die Demonstrationen gegen den Hunger in Deutschland 1945, wo manchmal sogar die Polizei gegen die Machthaber protestierte, waren beschränkt und blieben isoliert. Während sie ein Ausdruck der Kampfbereitschaft der Klasse waren, die von allen politischen Gruppen anerkannt wurde, blieb diese jedoch begrenzt und ein Gefangener der Ideologie der Kontrollkräfte der Bourgeoisie, der linken Parteien und der Gewerkschaften.
Aus der Sicht von Internationalisme war die Aufgabe der Stunde sicherlich nicht die Bildung der Partei. Gegenüber denjenigen, die diese Position als ‚defätistisch‘ einschätzen, eine Verwerfung der revolutionären Aktivität, behauptet Internationalisme, dass die Debatte nicht ‘Bildung der Partei‘ oder ‚gar nichts' lautete, sondern 'welche Aufgaben müssen die revolutionären Gruppen erfüllen und auf welches Programm müssen sie sich stützen'? Was als Theorie dargestellt wird, ist jedoch für viele in Wirklichkeit nur ein inkohärentes Gerede und Wiederholungen der Positionen der Komintern, so als ob nichts seit der revolutionären Welle passiert wäre, und sie verschweigen all die Debatten, die vor dem Krieg stattgefunden haben.
Bei der Gründung der IKP wirkten Leute mit wie Vercesi, der während des Krieges jede Möglichkeit revolutionärer Aktivitäten verwarf und sich weigerte, gegen den Krieg Position zu beziehen, wobei er gleichzeitig die Theorie entwickelte, ‘das Proletariat sei verschwunden’, bevor er sich letztendlich an ‘antifaschistischen Komitees’ (2) beteiligte. Ebenfalls wirkten Leute mit, die sich an der politischen und theoretischen Arbeit der Kommunistischen Linken zwischen den beiden Kriegen weder beteiligt noch diese Arbeit verfolgt hatten, und die dem Aufruf der alten Mitglieder der 20er Jahre folgten, welche dieser Arbeit ferngeblieben waren wie Damen und Bordiga, jetzt aber wieder in die IKP eintraten, ohne jemals jedoch die politischen Positionen der Kommunistischen Linken diskutiert zu haben.
Für Internationalisme, das die Kontinuität dieser Arbeit [der Kommunistischen Linken] darstellte, ging es jedoch nie darum, die Notwendigkeit revolutionärer Aktivitäten zu verwerfen. Während Internationalisme meinte: ‘Der Kurs des Klassenkampfes kann nicht durch den Willen der Militanten allein verändert werden, genauso wenig wie er unabhängig von ihrem Willen verändert wird’.
Welche Aktivität mit welchen Methoden? - das war die Frage, welche Internationalisme den revolutionären Organisationen stellte.
Der „Aufbau der Partei“ der IKP bedeutete in Wirklichkeit, sich in einen prinzipienlosen Aktivismus zu stürzen, und die Partei besteht sich aus einem Haufen bunt zusammengewürfelter Tendenzen, wobei Gruppen mitmachen, die sich an der Seite der Bourgeoisie an der ‚antifaschistischen Résistance‘ beteiligt haben. Für Internationalisme jedoch ging es darum, die Arbeit der Kommunistischen Fraktion fortzusetzen, weiterhin die Bilanz der revolutionären Welle zu ziehen, indem die Lehren aus der Niederlage und vor allem aus der Kriegszeit gezogen werden mussten, gemäß den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten eine ständige Propaganda gegen den Strom zu betreiben, die Auseinandersetzung und Diskussion im revolutionären Milieu fortzusetzen, wobei das revolutionäre Milieu unter den damaligen Bedingungen notwendigerweise zahlenmäßig reduziert war.
1947 konnte Internationalisme schon das Scheitern der verschiedenen Gruppen feststellen, die ihre eigene Agitation als die Aktivität der Klasse während der letzten Jahre auffassten. Das führte dazu, dass eine Demoralisierung und Zerstreuung der unreifen und überstürzt zusammengefassten militanten Kräfte eintrat, denen ohne irgendeine Diskussion Perspektiven vorgeschlagen wurden, die überhaupt nicht der Wirklichkeit entsprachen. Gruppen, die mit dem Trotzkismus gebrochen hatten, gaben den Marxismus auf und lösten sich auf. Von den 3.000 Mitgliedern, über die die IKP anfangs verfügte, traten eine Vielzahl aus und zerstreute sich. Die Führer dieser Partei und auch Anhänger der belgischen und französischen Fraktion, welche sie unterstützten, gingen nicht auf die wirklichen Ursachen dieses Phänomens ein, sondern erklärten mit philosophischen ‘Eiertänzen’. Sie sprachen von der Umwandlung der Quantität in Qualität. Gegenüber dieser Verirrung erklärte Internationalisme das, was geschehen war, einerseits durch die Unfähigkeit die Periode zu begreifen, aber andererseits auch durch die Methoden, welche die IKP selbst anwandte und verteidigte: die Verwerfung der politischen und theoretischen Vertiefung durch all ihre Mitglieder. Diese Methoden stützen sich auf das Wiederaufgreifen einer falschen Auffassung vom Klassenkampf und der Bewusstwerdung, demzufolge das Bewusstsein der Klasse nur ‚von Außen‘ in sie hineingetragen werden kann. Diese Auffassung, auf die sich Lenin in ‘Was tun?’ auf Kautsky gestützt hatte, begriff nicht, dass die Bewusstwerdung ein Prozess der gesamten Arbeiterklasse ist, wobei die Partei innerhalb der Arbeiterklasse der klarste und entschlossenste Ausdruck der Mittel und der allgemeinen Ziele der Bewegung ist. Diese Auffassung sah die Bewusstwerdung als das Werk einer aufgeklärten Minderheit, die über theoretische Erkenntnisse verfügte, die sie in die Klasse hineintragen müsse. Auf der Ebene der Partei führte diese Auffassung dazu, dass man zu theoretisieren anfing, nur besondere Individuen besäßen die Fähigkeit, die revolutionäre Theorie zu vertiefen, sie zu verbreiten und so entsprechend aufbereitet, den Mitgliedern der Organisation zu vermitteln.
Diese Auffassung von einem genialen Chef, der als einziger dazu in der Lage ist, die theoretische Arbeit der Organisation zu leisten, wird in dem Auszug des Artikels von ‘Gegenwärtigen Problemen der Arbeiterbewegung’ kritisiert, den wir nachfolgend veröffentlichen. Die Haltung der IKP gegenüber Bordiga, und die sie immer noch hinsichtlich der theoretischen Fragen der Arbeiterbewegung verteidigt, stützt sich auf diese Auffassung. Sie ist die Grundlage für die Verwerfung der offenen Diskussion all der Fragen und Orientierungen der Organisation. Sie bedeutet für die Militanten, dass ein unterwürfiger Gehorsam und ein blindes Vertrauen in die politischen Orientierungen vorhanden sein muss, die von dem Zentrum der Organisation alleine ausgearbeitet werden, was dazu führt, dass es keine wirkliche politische Bildung gibt.
Der Artikel wird in der nächsten Ausgabe der „Internationalen Revue“ unter dem Titel „Disziplin, die Hauptstärke....,“ fortgesetzt. der sich gegen die militärische Auffassung der militanten Arbeit in einer revolutionären Organisation richtet.
Im Gegensatz zu dieser Auffassung kann die Partei ihre revolutionäre Funktion nur erfüllen, wenn die Partei ein Ort der kollektiven, ständigen theoretischen Ausarbeitung der politischen Orientierung durch alle ihre Mitglieder ist. Dies beinhaltet notwendigerweise die offenste und breiteste Diskussion, wie das in der Klasse insgesamt geschieht, deren Bedingung ihrer Befreiung das bewusste, kollektive Handeln ist, an dem sich alle Teile und Mitglieder der Klasse beteiligen müssen.
Das Leben der Klasse und der Partei hat nichts zu tun mit dem, was die Ikonen des "Leninismus" (die auch wenig mit Lenin selbst zu tun haben) hinsichtlich der Entwicklung der Theorie und der politischen Positionen meinen.
Die sklerotische Auffassung der IKP von der Methode einer revolutionären Organisation, gegen die Internationalisme 1947 mit großer Leidenschaft antrat, zeigt heute noch Wirkung, insbesondere bei Gruppen, die sich auf den Leninismus berufen. Die Schwierigkeiten, die durch die Beschleunigung der gegenwärtigen Geschichte hervorgerufen werden, werden durch den Opportunismus und das Sektierertum im revolutionären Milieu, das in Schwierigkeiten steckt, nur noch zunehmen. IKS 1983
1) Siehe die Kritik in Artikeln wie "Die Aufgabe der Stunde: Bildung der Partei oder Bildung von Kadern" – in International Review; Nr. 32 (engl. Ausgabe) wieder veröffentlicht.
2) Hinsichtlich der Geschichte der IKP (Programma Communista) siehe das Buch "Die Italienische Linke".
3) Siehe die Analyse hierzu in International Review (engl. Ausgabe) Nr. 32.
Internationalisme,Nr. 25, August 1947.
In der Politik ist es nichts Neues, wenn eine Gruppe ihre Auffassungen und ihr Handeln grundsätzlich ändert, sobald sie eine große Organisation, eine Massenpartei wird. Man kann viele Beispiele solcher Verwandlungen anführen. Man könnte dies ebenfalls berechtigterweise auf die bolschewistische Partei nach der Revolution beziehen. Aber was bei der Internationalistischen Kommunistischen Partei Italiens auffällt, ist die überraschende Schnelligkeit und der Geist, mit dem ihre Hauptführer diesen Wandel vollzogen haben, und dies ist umso überraschender deshalb, weil die Italienische Partei insgesamt sowohl zahlenmäßig als auch von der Funktion her bestenfalls einen erweiterten Teil darstellt. Wie also diesen Wandel erklären?
Z.B. In der Komintern war die Italienische Kommunistische Partei zum Zeitpunkt ihrer Gründung, als sie unter der Führung der Linken und Bordiga stand, immer das enfant terrible. Sie wandte sich gegen eine Unterwerfung unter die absolute Autorität der Führer, selbst unter die Autorität der Führer, für die sie die größte Hochachtung zeigte. Die KP Italiens wollte immer frei diskutieren und wenn nötig jede politische Position bekämpfen, mit der sie nicht übereinstimmte. Seit der Gründung der Komintern stand die Fraktion um Bordiga bei vielen Punkten in Opposition und brachte offen zum Ausdruck, wann sie nicht mit Lenin und anderen Führern der bolschewistischen Partei, der russischen Revolution und der Komintern überstimmte. Die Debatten zwischen Bordiga und dem Rest der Komintern auf dem 2. Kongress der Komintern sind bekannt. Niemand dachte damals daran, dieses Recht auf freie Diskussion infragezustellen und niemand hätte diese Diskussion als eine Untergrabung der Autorität der Führer aufgefasst. Vielleicht waren so feige und unterwürfige Leute wie Cachin (1) in ihrem innersten zutiefst skandalisiert über diese Vorgehensweise, aber sie wagten dies nicht einmal zu zeigen. Mehr noch: die Diskussion wurde nicht einmal als ein Recht, sondern als eine Pflicht aufgefasst, als das einzige Mittel, das durch die Auseinandersetzung mit den Ideen und Analysen, die Ausarbeitung der programmatischen und aktuell politisch notwendigen Positionen ermöglichte, die für das revolutionäre Handeln notwendig sind.
Lenin schrieb: "Es ist die Aufgabe der Mitglieder der Partei, selbst die Resolutionen der höheren Instanzen der Partei zu überprüfen. Wer aufs Wort glaubt, ist ein hoffnungsloser Idiot…." Und wir wissen, welche große Verachtung Lenin für diese unglaublichen Idioten zeigte. Lenin bestand unaufhörlich auf der politischen Notwendigkeit der politischen Erziehung der Mitglieder der Partei. Lernen, begreifen - all das kann nur durch die freie Diskussion, durch die allgemeine Auseinandersetzung mit den Ideen durch alle Mitglieder der Organisation ohne irgendeine Ausnahme geschehen. Dies ist nicht mal eine einfache Frage der Pädagogik, sondern eine Ausgangsbedingung für die politische Weiterentwicklung und Ausarbeitung, für die Festlegung des Weges und der Richtung der Befreiung der Arbeiterklasse.
Nach dem Sieg des Stalinismus und dem Ausschluss der Linken aus der Komintern hat die italienische Fraktion den Mythos des unfehlbaren Führers immer bekämpft und gegenüber Trotzki darauf bestanden, dass die in der Opposition befindlichen Gruppen die größten Anstrengungen unternehmen müssten, um eine kritische Überprüfung der Positionen der Vergangenheit durchzuführen und die theoretische Untersuchung durch möglichst möglich breiteste Diskussion der neuen Probleme vorangetrieben werden sollte. Die Italienische Fraktion hat vor dem Krieg in diesem Sinne gewirkt. Sie gab jedoch niemals vor, alle Probleme gelöst zu haben, und wie wir wissen, war sie selbst bei grundlegenden Fragen sehr gespalten.
Man muss aber feststellen, dass all diese guten Haltungen und Traditionen mit der Gründung der Partei verschwunden sind. Die IKP ist gegenwärtig die Gruppierung, in der es am wenigsten theoretische und politische Diskussionen gibt. Der Krieg und die Nachkriegszeit haben eine große Anzahl von neuen Problemen aufgeworfen. Aber keines dieser Probleme wurde oder wird bislang durch die Italienische Partei behandelt. Es reicht, wenn man die Schriften und Zeitungen der Partei liest, um sich der großen theoretischen und politischen Armut der Partei bewusst zu werden. Wenn man das Protokoll der Gründungskonferenz der Partei liest, fragt man sich, ob diese Konferenz 1946 oder 1926 stattgefunden hat. Und einer der Führer der Partei, wenn wir uns nicht irren, war es der Genosse Damen, hatte recht zu unterstreichen, dass die Partei die Positionen von 1925 wieder aufgriff und bei ihnen ansetzte. Aber was aus ihrer Sicht eine Stärke darstellt, (die Position von 1925) bringt in Wirklichkeit die schreckliche theoretische und politische Verspätung der Partei zum Ausdruck und verdeutlicht gerade die große Schwäche der Partei.
Kein Zeitraum hat in der Geschichte der Arbeiterbewegung so viele neue Tatsachen aufgeworfen und so viele neue Probleme gestellt wie dieser relativ kurze Zeitraum von 1927-47. Selbst der so bewegte Zeitraum von 1905-25 tat das nicht. Der größte Teil der Grundsätze der Komintern ist überholt und veraltet. Die Position hinsichtlich der nationalen und kolonialen Frage, hinsichtlich der Forderung nach Demokratie, des Parlamentarismus, zu den Gewerkschaften, zur Partei und ihrer Beziehung zur Klasse müssen radikal überprüft werden. Andererseits müssen Antworten geliefert werden auf die Frage des Staates nach der Revolution, der Diktatur des Proletariats, der Merkmale des dekadenten Kapitalismus, des Faschismus, des Staatskapitalismus, des ständigen imperialistischen Krieg, der neueren Formen des Kampfes und der Einheitsorgane der Arbeiterklasse. Dies war eine Reihe von Problemen, die die Komintern kaum angepackt hatte, und die nach dem Niedergang und der Entartung der Komintern aufgetreten sind.
Wenn man in Anbetracht des Ausmaßes dieser Probleme in den Beiträgen auf der Konferenz von Turin nachliest, wo man wie in Litaneien die alten Positionen von Lenin zur Kinderkrankheit des Kommunismus wiederholt hat, die schon zum Zeitpunkt überholt waren, als er diese Thesen verfasste; wenn man sieht, wie die Partei die alten Positionen von 1924 hinsichtlich der Beteiligung an den bürgerlichen Wahlen und dem Kampf innerhalb der Gewerkschaften wieder aufgreift, so als ob nichts auf der Welt passiert wäre, wird man sich der politischen Verspätung dieser Partei bewusst und all dessen, was sie aufzuholen hat. Und trotzdem stellt sich diese Partei, die - wiederholen wir es - am meisten Verspätung hat gegenüber den Arbeiten der Fraktion vor der Zeit vor dem Krieg, am stärksten jeder internen und öffentlichen politischen Diskussion entgegen. In dieser Partei ist das ideologische Leben am blassesten. Wie kann man das erklären? Die Erklärung wurde uns von einem der Führer der Partei in einem Gespräch mit uns gegeben. Er sagte uns: "Zum großen Teil besteht die Italienische Partei aus neuen Mitgliedern ohne theoretische Bildung, und diese Mitglieder sind politisch noch jung, unerfahren. Die alten Mitglieder selbst sind 20 Jahre lang isoliert geblieben, abgeschnitten von jedem Prozess des Nachdenkens. Nach dem jetzigen Stand der Dinge sind die Mitglieder nicht in der Lage, die Probleme der Theorie und der Ideologie anzupacken. Diese Diskussion würde ihre Auffassungen nur durcheinanderbringen und mehr Unheil als Gutes anrichten. Zum jetzigen Zeitpunkt müssen sie festen Boden unter den Füßen haben, selbst wenn sie die alten, obgleich überholten Positionen vertreten, die aber schon vor langem formuliert wurden und für sie verständlich sind. Jetzt reicht es, den gemeinsamen Willen zur Handlung zusammenzuschweißen. Die Lösung der großen Probleme, welche durch die Erfahrung der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen aufgeworfen wurde, erfordert Ruhe beim Nachdenken. Nur ‘ein großes Gehirn’ kann sie nutzbringend anpacken und die erforderlichen Antworten darauf liefern. Die allgemeine Diskussion würde nur Verwirrung stiften. Die ideologische Arbeit ist nicht das Werk der Masse der Mitglieder sondern der Individuen. Solange diese genialen Individuen nicht aufgetaucht sind, kann man nicht hoffen, theoretisch voranzukommen. Marx und Lenin waren solche Individuen. Diese Genies lebten aber in der Vergangenheit. Wir müssen das Erscheinen eines neuen Marx abwarten. Wir in Italien sind davon überzeugt, dass Bordiga dieses Genie sein wird. Bordiga befasst sich gegenwärtig mit einem Gesamtwerk, das die Antworten liefern wird auf die Probleme, mit denen sich die Militanten der Arbeiterklasse herumschlagen. Wenn dieses Werk erscheinen wird, müssen die Mitglieder es nur assimilieren, es sich aneignen, und die Partei muss diese Politik übernehmen und ihre Aktionen nach diesen neuen Tatsachen ausrichten’.
Diese hier fast Wort für Wort wiedergegebene Aussage beinhaltet drei Elemente.
1. eine Tatsachenfeststellung: das niedrige ideologische Niveau der Mitglieder der Partei.
2. die Gefahr, breite Diskussionen innerhalb der Partei zu eröffnen, weil diese nur die Mitglieder verwirren könnten und somit ihren Zusammenhalt aufbrechen würden.
3. dass die Lösung der neuen politischen Probleme nur das Werk eines genialen Gehirns sein könne.
Was den ersten Punkt angeht, hat der führende Genosse vollkommen recht. Das ist eine unbestreitbare Tatsache. Aber diese Feststellung sollte unserer Ansicht nach dazu führen, dass die Frage nach dem Wert dieser Partei aufgeworfen wird. Was stellt eine solche Partei für die Klasse dar? Was kann sie der Klasse bieten?
Wir haben die Definition in Erinnerung gerufen, die Marx hinsichtlich des Unterschiedes zwischen den Kommunisten und dem gesamten Proletariat hervorhob: ihr Bewusstsein über das allgemeine Ziel der Bewegung und den Weg zur Erreichung dieses Ziels. Wenn die Mitglieder der Italienischen Partei diesen Unterschied nicht verkörpern, wenn ihr ideologisches Niveau nicht über das der gesamten Klasse hinausgeht, kann man dann noch von einer kommunistischen Partei sprechen?
Bordiga fasste gerade das Wesen der Partei dadurch zusammen, indem er von einem "Körper von Doktrin und einem Willen zur Handlung“ sprach. Wenn es an diesem "Körper von Doktrin" fehlt, dann stellen auch Tausend Umgruppierungen noch immer keine Partei dar. Um wirklich zu einer Partei zu werden, hat die IKP als allererste Aufgabe die ideologische Bildung der Kader, d.h. die ideologische Vorarbeit, um zu einer wirklichen Partei zu werden. Aber so denkt nicht unser Führer der IKP, der im Gegenteil nämlich davon ausgeht, dass eine solche Arbeit nur zu einer Verwirrung des Handlungswillens ihrer Mitglieder führen würde. Aber was soll man von solchen Gedanken halten? Sie erscheinen uns abscheulich. Müssen wir an die bemerkenswerten Sätze in ‘Was tun?’ von Lenin erinnern, wo er an Engels Aussage zur Notwendigkeit des Kampfes an drei Fronten erinnert, den ökonomischen, politischen und ideologischen Kampf?
Es gab immer Sozialisten, die sich vor der Diskussion fürchteten und Angst hatten vor dem Auftauchen von Divergenzen, weil diese den Handlungswillen der Mitglieder schädigen könnten. Dieser Sozialismus muss als blinder Sozialismus angesehen werden oder als der Sozialismus der Unwissenheit. Der junge Marx wetterte gegen den anerkannten Führer Weitling: das Proletariat braucht keine Unwissenheit. Wenn der Kampf der Ideen die Handlungen der Militanten durcheinanderbringt, wie viel mehr trifft das dann auch zu für die gesamte Arbeiterklasse? Aber dann ist es vorbei mit dem Sozialismus, es sei denn man meint, der Sozialismus bedeute Unwissenheit. Dies ist eine für die Kirche typische Auffassung, die auch davor Angst hat, die Gedanken der Gläubigen durcheinanderzubringen, indem man zu viele Fragen der Doktrin aufwirft.
Im Gegensatz zu der Behauptung, dass die Militanten nur handeln können auf der Grundlage einer Sicherheit, ‘selbst wenn diese sich auf falsche Positionen stützt’, behaupten wir, dass es keine Sicherheit gibt, sondern nur ein ständiges Überwinden und Weiterentwickeln von Wahrheit. Nur das Handeln, das sich auf die jüngsten Tatsachen stützt und ständig bereichert wird, ist revolutionär. Eine Handlung, die sich stützt auf eine Wahrheit von gestern, die aber heute schon überholt ist, ist steril, schädlich und reaktionär. Man möchte den Mitgliedern sichere und absolute Wahrheiten anbieten, während nur die relativen Wahrheiten, die die Antithese des Zweifels beinhalten, eine revolutionäre Synthese bieten.
Wenn der Zweifel und die logische Auseinandersetzung die Handlungen der Militanten durcheinanderbringen, kann man nicht verstehen, warum dieses Phänomen dann nur heute gültig wäre. In jeder Phase des Kampfes ist es notwendig, die früheren Positionen zu überwinden. In jedem Moment ist die Überprüfung der vorherigen Errungenschaften und der vorher eingenommenen Positionen erforderlich. Wir würden also in einem Teufelskreislauf landen: entweder überlegen, argumentieren und folglich nicht handeln können, oder handeln ohne zu wissen, ob unsere Handlungen sich auf eine durchdachte Argumentation stützen.
Dies ist eine schöne Schlussfolgerung. Welch eine Schlussfolgerung zieht der Führer der IKP, wenn er die logischen Konsequenzen daraus ziehen würde! Dies ist auf jeden Fall die Idealisierung des Charakterzuges, gegen den Lenin mit soviel Sarkasmus zu Felde zog, und den er als den hoffnungslosen Idioten darstellte. Das ist der perfekte Dummkopf, der als das ideale Mitglied der IKP-Italiens präsentiert wird. Jede Argumentation unseres Führers hinsichtlich der ‘gegenwärtigen’ Unmöglichkeit der Untersuchung und der theoretisch-politischen Kontroverse innerhalb der IKP, all das ist völlig unhaltbar. Die durch solche Kontroversen hervorgerufene Aufregung ist aber geradezu die Bedingung für die politische Bildung des Militanten; dafür, dass sein Handeln auf einer Überzeugung fußen kann, die ständig überprüft, verstanden und bereichert wird. Es ist die grundlegende Bedingung des revolutionären Handelns, außerhalb derer es nur Gehorsam, Kretinismus und Knechtschaft geben kann.
Aber der Kern des Denkens unseres Führers wird durch den dritten Punkt zum Ausdruck gebracht. Hier spiegelt sich das Innere seines Denkens wider. Die theoretischen Probleme des revolutionären Handelns werden nicht durch Kontroversen und Diskussionen gelöst, sondern durch das geniale Gehirn eines Individuums - des Führers. Die Lösung ist kein kollektives Werk, sondern das individuelle Werk des isolierten Denkers, der zurückgezogen in seinem Arbeitszimmer darüber brütet und anhand seiner Genialität die grundlegenden Elemente für die Lösung findet. Sobald diese Arbeit vollbracht, die Lösung erstellt ist, braucht die große Masse der Militanten und die gesamte Partei diese Lösung nur zu assimilieren und das politische Handeln auf diese Lösung auszurichten. Dadurch würden die Diskussionen wenn nicht schädlich, so doch zumindest zu einem überflüssigen Luxus, zu einem sinnlosen Zeitverlust. Und um diese These zu untermauern, wird unter anderem das Beispiel des Werkes von Marx zitiert.
Aber unser Führer hat eine sehr seltsame Auffassung von Karl Marx. Gerade Marx war alles andere als der Mensch des Studierzimmers. Weniger als noch bei jemand anders kann man bei Marx den Mensch des Handelns, den Kämpfer der Bewegung und den Denker voneinander trennen. Das Denken von Marx reifte in direkter Verbindung nicht durch das Handeln anderer, sondern durch sein Handeln zusammen mit den anderen in der allgemeinen Bewegung. Es gibt keine Idee in Marxens Werk, bei der dieser sich bei seinen Tätigkeiten nicht schon in Debatten oder Kontroversen mit den Ideen anderer auseinandergesetzt hätte. Deshalb beinhaltet sein Werk diese große Frische in der Ausdrucksweise und diese Vitalität. Sein ganzes Werk und selbst „Das Kapital“ ist nichts anderes als eine fortwährende Kontroverse, wo die schwersten und abstraktesten theoretischen Untersuchungen eng mit der Diskussion und direkten Polemik zusammenhängen und mit ihr verbunden sind. Das ist eine sehr seltsame Art, das Werk Marxens als das Ergebnis der wundersamen biologischen Eigenschaften des Gehirns von Marx aufzufassen!
Im Allgemeinen ist die Zeit der Genies in der Menschengeschichte vorbei. Was stellte das Genie in der Vergangenheit dar? Nichts anderes als der sehr niedrige Wissensstand des Durchschnitts der Menschen gegenüber dem der Wissensstand einiger Mitglieder der Elite einen ungeheuren Kontrast darstellte. Auf einer unteren Stufe der Entwicklung menschlicher Erkenntnis konnte das relative Wissen eine individuelle Aneignung darstellen genauso wie das Produktionsmittel ein individuelles Merkmal tragen konnte. Was das Werkzeug von der Maschine unterscheidet, ist sein gewandelter Charakter, das von einem rudimentären Ergebnis einer privaten Arbeit zu einem komplizierten Ergebnis einer gemeinsamen gesellschaftlichen Arbeit wird. Das gleiche trifft für die Erkenntnis im Allgemeinen zu. Solange diese sehr elementar blieb, konnte ein isoliertes Individuum diese Erkenntnis in ihrer Gesamtheit aufnehmen. Aber mit der Entwicklung der Gesellschaft und Wissenschaft kann das Wissen nicht mehr von einem Individuum erfasst werden, sondern nur von der gesamten Menschheit. Der Abstand zwischen dem Genie und dem Durchschnitt der Menschen nimmt in dem Maße ab, wie der Umfang des menschlichen Wissens ansteigt. Die Wissenschaft neigt genauso wie die Produktion in der Wirtschaft dazu, gesellschaftlich zu werden. Von dem Genie ist die Menschheit übergegangen zum isolierten Wissenschaftler, und vom isolierten zum Team von Wissenschaftlern. Die Arbeitsteilung wird immer größer. Um heute etwas herzustellen, ist die Zusammenarbeit von großen Arbeitermassen erforderlich. Diese gleiche Tendenz zur Arbeitsteilung besteht ebenfalls auf der geistigen Ebene und stellt somit gerade ihre Entfaltung sicher. Das Arbeitszimmer des Wissenschaftlers wird ersetzt durch das Forschungslabor, wo Forscherteams ihre Arbeit verrichten, genauso wie die Werkstatt des Handwerkers durch die Produktionsstätten in den großen Fabriken ersetzt wird.
Die Rolle des Individuums neigt dazu, in der menschlichen Gesellschaft zurückzugehen, nicht aber als Mensch, sondern als ein Individuum, das aus der verwirrten Masse hervorgeht und sich von dem menschlichen Chaos absetzt. An die Stelle des Menschen Individuum tritt der gesellschaftliche Mensch. Der Gegensatz zwischen der individuellen Einheit und der Gesellschaft wird durch die Synthese einer Gesellschaft ersetzt, in der alle Individuen ihre wirkliche Persönlichkeit finden. Der Mythos vom Genie gehört nicht zur Zukunft der Menschheit. Im Gegenteil, wir müssen ihn dem Mythos vom Helden und der Halbgötter in den Museen der Vorgeschichte zuordnen.
Man kann von der geschrumpften Rolle des Individuums in der menschlichen Geschichte halten was man will. Man kann es begrüßen oder bedauern. Aber diesen Prozess kann man nicht infragestellen. Um die technisch hochentwickelte Produktion fortzusetzen, war der Kapitalismus dazu gezwungen, allgemeine Schulbildung einzuführen. So war die Bourgeoisie dazu gezwungen, immer mehr Schulen zu eröffnen, da dies in einem gewissen Maße mit ihren Interessen übereinstimmte. Sie war dazu gezwungen zuzulassen, dass Arbeiterkinder zu einer höheren Schulbildung Zugang fanden.
In dem gleichen Maße ist das allgemeine Bildungsniveau des Durchschnitts der Gesellschaft angestiegen. Aber eine gewisse Stufe kann nicht überschritten werden, ohne dass ihre Herrschaft angetastet wird. Somit wird sie zu einer Fessel für die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft. Dies ist einer der Ausdrücke des historischen Widerspruchs der bürgerlichen Gesellschaft, den nur der Sozialismus überwinden kann. Die Entwicklung der Kultur und des sich immer weiter entwickelnden Bewusstsein ist das Ergebnis aber auch die Bedingung des Sozialismus; und nun taucht jemand auf, der von sich behauptet, Marxist zu sein und beansprucht ein Führer einer Kommunistischen Partei zu sein und davon spricht und von uns erwartet, dass wir auf das rettende Genie warten.
Um uns zu überzeugen, hat er uns folgende Anekdote erzählt: Nach dem Krieg hat er Bordiga getroffen, den er 20 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte; er hat seine theoretischen und politischen Schriften kritisieren wollen. Nachdem Bordiga diese Kritik gelesen hatte und sie als falsch betrachtete, hat er ihn gefragt, was er damit machen wolle. Unser Führer antwortete, dass er sie in den Zeitschriften der Partei veröffentlichen wollte. Daraufhin habe Bordiga geantwortet, da er aus Zeitmangel nicht auf sie eingehen könne, weil ihm für die notwendigen theoretischen Untersuchungen zur Widerlegung des Inhaltes dieser Artikel die Zeit fehle, würde er gegen deren Veröffentlichung eintreten. Und wenn dies der Partei nicht passe, würde er seine literarische Mitarbeit einstellen. Die Drohung Bordigas reichte aus, unseren Führer dazu zu bewegen, auf die Veröffentlichung dieser Artikel zu verzichten.
Diese uns als Beispiel vorgetragene Anekdote sollte Aufschluss geben über die Größe des Meisters und das Augenmaß des Schülers. Aber wir empfinden die ganze Angelegenheit als sehr peinlich. Wenn diese Anekdote wirklich stimmt, erhält man eine Vorstellung davon, welcher Geist innerhalb der IKP-Italiens herrscht, ein absolut jämmerlicher Zustand.
Das heißt, dass nicht die Partei, nicht die Masse der Militanten, nicht die Arbeiterklasse insgesamt dazu aufgerufen ist, diese oder jene politische Position zu beurteilen, ob sie richtig oder falsch ist. Die Masse der Arbeiter braucht nicht einmal informiert zu werden. Der ‘Meister’ selber entscheidet alleine, was die Masse der Arbeiter verstehen kann und worüber sie informiert werden muss. Welche spitzfindige Sorge, die Ruhe der Masse zu stören. Und wenn der Meister sich täuscht, wenn er falsch liegt? Das kann aber nicht der Fall sein, denn wenn der Meister sich täuscht, wie kann man sich dann vorstellen, dass ein einfach Sterblicher die Möglichkeit hat, die Lage zu beurteilen? Und trotzdem, andere große ‘Meister’ der Vergangenheit haben sich getäuscht, von Marx bis Lenin. Aber das wird nicht der Fall sein bei ‘unserem Meister’. Und wenn das der Fall wäre, dann kann nur ein zukünftiger ‘Meister’ ihn berichtigen. Dies ist eine typisch aristokratische Auffassung vom Denken.
Wir wollen nicht den großen Wert des Denkens des Spezialisten, des Wissenschaftlers, des Denkers leugnen, aber wir verwerfen die wirklich monarchistische Auffassung des Denkens, des heiligen Rechtes über das Denken. Was den ‘Meister’ selbst angeht, hört dieser auf, ein menschliches Wesen zu sein, dessen Gedanken sich in Auseinandersetzung mit anderen Menschen entwickeln, um gewissermaßen zu einem Phönix, einem sich bewegenden Phänomen zu werden, zu einer reinen Idee, die sich sucht, gegenüber sich selbst Widersprüche erhebt und sie dann wie bei Hegel wieder überwindet.
Ein Genie zu erwarten, ist die Erklärung seiner eigenen Unfähigkeit, wie die Masse, die am Fuße des Berges Sinai die Ankunft irgendeines Moses erwartet und irgendeine Bibel mit göttlicher Inspiration anbietet. Dies ist die alte und ewige Erwartung des jüdischen Messias, der sein Volk befreien soll. Der alte revolutionäre Schlachtruf des Proletariats besagt: „Es gibt keinen übergeordneten Retter, es gibt keinen Gott, es gibt keinen Cäsar, es gibt keinen Tribun“.
Man müsste in der Zukunft hinzufügen, es gibt kein Genie, um den besonderen Beitrag der Mitglieder der IKP Italiens zu würdigen.
Es gibt viele moderne Versionen dieser messianischen Auffassungen. Der stalinistische Kult des ‘unfehlbaren Führers’, das Führerprinzip der Nazis, das Ideal der Schwarzhemden des Duces. Sie sind der Ausdruck der Angst der dekadenten Bourgeoisie, die ganz vage ihr kommendes Ende spürt und versucht ihr Leben zu retten, indem sie sich zu Füßen des erst dahergelaufenen Abenteurers wirft. Das Konzept des Genies ist ein Teil der gleichen Familie von Gottheiten.
Das Proletariat hat mit all dem nichts zu tun und braucht keine Angst davor zu haben, wenn es der Wirklichkeit in die Augen schaut, dadurch erschüttert zu werden, denn die Zukunft der Welt gehört dem Proletariat.
(Fortsetzung folgt).
1) Ein früherer sozialistischer Abgeordneter, der Hauptprivatsekretär des sozialistischen Ministers Sembat während des 1. Weltkriegs. Als überzeugter Nationalchauvinist übernahm er die Aufgabe, Mussolini im Namen der französischen Regierung dazu zu gewinnen, damit Italien an der Seite der Entente in den Krieg eintrat. 1920 wurde er ein Anhänger der Kommunistischen Internationale, in deren Reihen er seine parlamentarische Karriere fortsetzte, und zum schwabbeligsten Anhänger Stalins bis zu seinem Tod wurde.
2) Gespräch mit Vercesi
Internationale Revue Nr. 34, (engl. Ausgabe)
Wiederveröffentlichung aus Internationalisme, 1947:
Während der Parlamentswahlen in Italien Ende 1946 erschien ein Leitartikel im Zentralorgan der IKP Italiens, der als solcher schon ein Programm darstellte.
Sein Titel lautete: "Unsere Stärke", sein Verfasser war der Generalsekretär der Partei. Worum ging es in dem Artikel? Um die Unruhen in der IKP, die durch die Wahlpolitik der Partei hervorgerufen worden waren. Ein Teil der Genossen, der scheinbar eher aus Erinnerung an eine abstentionistische Tradition der Fraktion um Bordiga als aus Sorge um eine klare Position insgesamt, erhob sich gegen die Politik der Wahlbeteiligung. Diese Genossen reagieren eher aufgrund einer schlechten Laune, wegen mangelnden Enthusiasmus, wegen praktischer ‘Vernachlässigungen’ in der Wahlkampagne als durch einen offenen politischen und ideologischen Kampf innerhalb der Partei. Andererseits trieb eine gewisse Zahl von Genossen ihren Enthusiasmus für die Wahlen soweit, dass sie sich am Referendum ‘für die Monarchie oder die Republik’ beteiligten, wobei sie natürlich für die Republik stimmten, ungeachtet der abstentionistischen Position hinsichtlich des Referendums, die in dieser Frage vom Zentralkomitee eingenommen worden war. Indem man den ‘Ärger’ in der Partei durch eine Generaldiskussion über den Parlamentarismus vermeiden will, indem man die Politik der Vergangenheit, die als ‘revolutionärer Parlamentarismus’ dargestellt wurde, wieder aufgreift, wird in der Tat das Bewusstsein ihrer Mitglieder erschüttert, denn sie wissen nicht mehr, welchem ‘Genie’ sie sich zuwenden sollen. Die einen beteiligen sich zu intensiv, die anderen zu wenig engagiert; die Partei hat jetzt sozusagen ‘Hitze und Kältewallungen’ und sie ist ganz ramponiert aus diesem Wahlabenteuer hervorgegangen. (1)
Der Generalsekretär wendet sich in seinem Editorial ganz vehement gegen diesen Zustand. Sich auf die Disziplin berufend, verurteilt er die vor Ort vorhandenen politischen Improvisationen rechter und linker Art. Worauf es ankommt, ist nicht, ob eine Position richtig oder falsch ist, sondern es geht darum, die allgemeine politische Linie zu übernehmen, nämlich die des Zentralkomitees, dem man gehorchen muss. Das ist die Disziplin. Disziplin ist die Hauptstärke der Partei ... und der Armee, möchte der erste Offizier direkt hinzufügen. Es stimmt, dass der Sekretär die Disziplin, der man freiwillig zustimmt, definieren muss. Gott sei gelobt. Mit diesem Zusatz sind wir dann unbesorgt...
Entsprechende Reaktionen folgten dann diesem Aufruf zur Disziplin. Vom Norden bis zum Süden, von links bis nach rechts, hat eine immer größere Anzahl von Militanten auf ihre Art und Weise auf die ‘freiwillig übernommene Disziplin’ durch den freiwillig vollzogenen Austritt reagiert. Die Führer der IKP mögen wohl behaupten, dass es sich hier um die ‘Umwandlung der Quantität in Qualität’ handelt, und dass mit der Quantität, die aus der Partei ausgetreten ist, auch eine falsche Auffassung kommunistischer Disziplin verschwunden sei. Demgegenüber meinen wir, dass diejenigen, die geblieben sind und das Zentralkomitee an erster Stelle nicht eine falsche Auffassung der kommunistischen Disziplin vertreten haben, sondern eine falsche Auffassung vom Kommunismus überhaupt.
Die qualitative Zusatzbezeichnung ‘freiwillig unterworfen’ ist nur eine Beschönigung, um das Ganze attraktiver aussehen zu lassen. Wenn sie jedoch von denen vollzogen wurde, die unter der Disziplin leiden, oder die ihr zugestimmt haben, braucht man das nicht mehr in Erinnerung zu rufen, und vor allem muss man sie nicht mehr endlos daran erinnern, dass sie ‘freiwillig ausgeübt’ wird.
Die Bourgeoisie hat immer behauptet, dass ihre Gesetze, ihre Ordnung, ihre Demokratie der Ausdruck des ‘freien Willens’ des Volkes’ sind. Im Namen des freien Willens des Volkes wurden Gefängnisse gebaut, an deren Eingangstor mit Blut getränkte Worte geschrieben wurden: ‘Liberté, Egalité, Fraternité’ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Im Namen dieser ‘Werte’ mobilisiert sie das Volk immer für die Armee, so dass sie in den Massakern ihren ‘freien Willen’ hervorheben kann, der sich ‘Disziplin’ nennt.
Heirat ist ein freier Ehevertrag, so scheint es, so dass Trennung und Scheidung zu einem unhaltbaren Spott werden.
„Unterwerfe dich deinem Willen“ war der Gipfel der Kunst der jesuitischen Klassenausbeutung. In Seidenpapier schön eingepackt, verkauften sie so ihre Unterdrückung den Unterdrückten. Jeder weiß es, dass die christliche Inquisition wegen ihrer Liebe, wegen ihres Respekts für die göttliche Seele, und um diese zu retten, die Ketzer verbrannte, die sie aufrichtig bedauerte. Die göttliche Seele der Inquisition ist heute auch zur „freien Zustimmung“ geworden.
‘Eins zwei, eins zwei, links rechts, vorwärts’ übt eure Disziplin mit „freier Zustimmung“ aus und seid glücklich! Was ist also die Grundlage der kommunistischen Auffassung, und wir wiederholen nicht der Disziplin, sondern der Organisation und des Handelns? Ausgangspunkt ist, dass die Menschen frei handeln im vollen Bewusstsein ihrer Interessen. Die geschichtliche, ökonomische und ideologische Entwicklung bedingt diese Bewusstwerdung. Die ‘Freiheit’ existiert nur dann, wenn dieses Bewusstsein einmal errungen ist. Wenn es kein Bewusstsein gibt, ist Freiheit ein inhaltsleeres Wort, eine Lüge. Sie stellt dann nur Unterdrückung und Unterwerfung dar, selbst wenn man sich ihr freiwillig unterworfen hat. Die Kommunisten haben nicht zur Aufgabe, der Arbeiterklasse irgendwelche Freiheit zu bringen. Sie haben keine Geschenke anzubieten. Sie helfen nur der Arbeiterklasse, sich über die allgemeinen und Endziele der Bewegung bewusst zu werden, wie es das Kommunistische Manifest bemerkenswert klar ausdrückt.
Der Sozialismus, meinen wir, ist möglich als ein bewusstes Handeln der Arbeiterklasse. Alles, was diese Bewusstwerdung der Arbeiterklasse begünstigt, ist sozialistisch, aber nur das, was es begünstigt. Der Sozialismus lässt sich nicht durch irgendwelche Knüppel einführen, nicht weil Knüppel ein unmoralisches Mittel wären, wie Koestler das behaupten würde, sondern weil Knüppel nichts mit dem Bewusstsein zu tun haben.
Der Knüppel ist durchaus moralisch vertretbar, wenn man das Ziel der Unterdrückung und Klassenherrschaft verfolgt, denn mit dem Knüppel wird dann konkret dieses Ziel umgesetzt. Zudem gibt es und kann es dann kein anderes Mittel geben. Wenn man auf den Knüppel zurückgreift, und die Disziplin ist ein moralischer Knüppel, um das mangelnde Bewusstsein zu ersetzen, verwirft man den Sozialismus; man setzt eher die Bedingungen für das Gegenteil des Sozialismus um. Deswegen treten wir entschlossen gegen die Gewalt gegen die Arbeiterklasse nach dem Sieg der proletarischen Revolution an. Und wir sind entschlossene Gegner des Einsatzes von Disziplin innerhalb der Partei.
Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: wir verwerfen nicht die Notwendigkeit der Organisation. Wir verwerfen nicht die Notwendigkeit gemeinsamen Vorgehens. Im Gegenteil. Aber wir wehren uns dagegen, dass die Disziplin jemals als Grundlage für das Handeln gesehen wird, das diesem seinem Wesen nach fremd gegenübersteht. Die Organisation und das gemeinsame kommunistische Handeln haben einzig und allein als Ausgangspunkt das Bewusstsein der Militanten. Je größer und je klarer dieses Bewusstsein ist, desto stärker ist die Organisation. Desto besser abgestimmt und wirksamer kann sie handeln.
Lenin hat mehrfach ‘freiwillig’ auferlegte Disziplin als einen Knüppel der Bürokratie bezeichnet. Wenn er den Begriff der Disziplin benutzt, und er hat das mehrfach erläutert, meinte er das im Sinne von organisiertem Handlungswillen, der sich auf das Bewusstsein und die revolutionäre Überzeugung eines jeden Mitglieds stützt. Man darf nicht von den Militanten erwarten, wie es das Zentralkomitee der IKP tut, eine Handlung auszuführen, die sich nicht verstehen, oder die gegen ihre Überzeugung gerichtet ist. Das hieße zu glauben, dass man einen revolutionären Weg verfolgen kann mit einer Masse von Deppen oder Sklaven. Auf diesem Hintergrund kann man verstehen, dass man von der Notwendigkeit der Disziplin spricht, die als eine revolutionäre göttliche Natur dargestellt wird.
In Wirklichkeit können revolutionäre Handlungen sich nur stützen auf bewusste und überzeugte Mitglieder. Und damit zerbrechen diese Handlungen alle Ketten, und somit auch jene, die durch die heilige Disziplin auferlegt werden. Die alten Militanten erinnern sich daran, mit welcher Arglist diese Disziplin in den Händen der Bürokraten und der Führung der Komintern gegen die Revolutionäre eingesetzt wurde. Hitlers Truppen mit ihrer heiligen Feme, Sinowjews Leute an der Spitze der Komintern, sie kannten alle ihre heilige Disziplin. Tatsächlich handelte es sich um eine Inquisition mit ihren Kontrollkommissionen, die die Seele eines jeden Militanten marterten und durchleuchteten. Man hatte die Partei in eine Zwangsjacke gesteckt; jeder Schritt, jeder Versuch, der in Richtung revolutionäre Bewusstwerdung lief, sollte so erstickt werden. Wie durchtrieben das Ganze war, konnte man daran sehen, dass man die Mitglieder zwang, etwas in der Öffentlichkeit zu verteidigen, was sie innerhalb der Organisation verurteilten. Das war der Beweis des perfekten Bolschewiki. Die Moskauer Prozesse unterschieden sich in ihrem Wesen nicht von der Auffassung der freiwilligen Disziplin.
Wenn die Geschichte der Unterdrückung der Klassen diesen Begriff der Disziplin nicht hinterlassen hätte, hätte ihn die stalinistische Konterrevolution neu erfunden.
Wir kennen Mitglieder, insbesondere sehr bekannte Mitglieder Italiens, die, um aus diesem Dilemma, sich an der Wahlkampagne gegen ihre Überzeugung zu beteiligen, zu entweichen, oder um sich der Disziplin zu hinterziehen, nichts anderes zu tun wussten, als vorzugeben, dass sie verreisen müssten. So eine Täuschung des Bewusstseins, so eine Täuschung der Partei, nicht einverstanden zu sein, zu schweigen und alles zuzulassen, das sind die deutlichsten Ergebnisse dieser Methode. Welche Erniedrigung der Partei! Welche Entwürdigung der Mitglieder!
Die Disziplin der IKP beschränkt sich nicht nur auf die Mitglieder der Partei Italiens, sie wird ebenfalls von den belgischen und französischen Fraktionen eingefordert.
Der Abstentionismus war in der GCI (1) selbstverständlich. So schrieb eine Genossin der Französischen Fraktion in der Zeitung einen Artikel mit dem Versuch, den Abstentionismus mit der Wahlbeteiligung der IKP Italiens in Einklang zu bringen. Ihr zufolge handelt es sich nicht um eine Prinzipienfrage. Somit sei die Wahlbeteiligung der IKP sehr wohl zulässig. Jedoch meinte sie, dass es „besser“ gewesen wäre, sich zu enthalten. Wie man sehen kann, ist das eine nicht sehr „beißende“ Kritik, die vor allem bestimmt wird durch die Notwendigkeit, die Kritik der Fraktion in Frankreich gegen die Wahlbeteiligung der Trotzkisten in Frankreich zu rechtfertigen. Aber wir wissen nicht, was mit der Genossin geschehen ist. Es hat jedenfalls gereicht, um vom dem Sekretär der Partei in Italien zur Ordnung ermahnt zu werden.
Mit großem Paukenschlag erklärte der Sekretär, dass die Kritik im Ausland an der Politik des Zentralkomitees in Italien nicht zulässig sei. Es fehlt nicht viel und die Beschuldigung lautet dann: Dolchstoß. Dieses Mal kommt die Beschuldigung dann seitens Italiens gegen Frankreich. Marx und Lenin unterstrichen: Lehren, erklären, überzeugen. „Disziplin, Disziplin“ lautet das Echo aus dem Zentralkomitee.
Es gibt keine wichtigere Aufgabe als die Bildung von bewussten Militanten durch eine ausdauernde Erziehung, Erklärung und politische Diskussion. Diese Aufgabe ist gleichzeitig das einzige Mittel, welches das revolutionäre Handeln garantieren und verstärken kann. Die IKP Italiens hat ein wirksameres Mittel entdeckt: die Disziplin. All das überrascht uns nicht. Wenn man sich zum Konzept des Genies bekennt, der mit sich selbst Überlegungen anstellt, wo das Licht herkommt, wird das Zentralkomitee zum Generalstab, das dieses Licht in Befehle und Anweisungen umsetzt. Die Militanten werden zu Leutnants, Unteroffizieren und Gefreiten, und die Arbeiterklasse zu einer Masse von Soldaten, der beigebracht werden soll, dass „Disziplin unsere Hauptstärke“ ist. Diese Auffassung von der Arbeiterklasse und dem Kampf der Partei entspricht den Auffassungen eines Berufssoldaten der französischen Armee. Sie ist verwurzelt in einer uralten Unterdrückung und einer Herrschaft des Menschen über den Menschen. Es ist die Aufgabe der Arbeiterklasse, diese ein für allemal zu überwinden.
Nach so vielen Jahren gewaltiger Kämpfe innerhalb der Komintern um das Fraktionsrecht mag es als bestürzend erscheinen, heute auf diese Frage wieder zurückkommen zu müssen. Sie schien für jeden Revolutionär aufgrund der Erfahrung gelöst zu sein. Und trotzdem müssen wir dieses Fraktionsrecht heute gegen die Führer der IKP Italiens verteidigen.
Kein Revolutionär spricht von der Freiheit oder der Demokratie im Allgemeinen, denn kein Revolutionär lässt sich durch die allgemeinen Aussagen irreführen, weil er immer versuchen wird, ihren wirklichen gesellschaftlichen Inhalt, ihren Klasseninhalt aufzuzeigen. Mehr als irgendjemand anderem kommt Lenin das Verdienst zu, den Schleier hinsichtlich der Floskeln „um die Freiheit und Demokratie“ im Allgemeinen entlüftet und dies als Lügen aufgedeckt zu haben.
Was auf eine Klassengesellschaft zutrifft, trifft auch auf die politischen Gruppierungen zu, die innerhalb der Klassengesellschaft handeln. Die 2. Internationale war sehr demokratisch, aber ihre Demokratie lief darauf hinaus, den revolutionären Geist in einem Meer von ideologischem Einfluss der Bourgeoisie verschwinden zu lassen. Die Kommunisten lehnen solch eine Demokratie ab, wo die revolutionäre Flamme auf diese Art erlöscht wird. Der Bruch mit diesen Parteien der Bourgeoisie, die von sich behaupten sozialistisch und demokratisch zu sein, war notwendig und gerechtfertigt. Die Gründung der 3. Internationale auf der Grundlage des Ausschlusses dieser sogenannten Sozialdemokratie war eine historische Reaktion. Diese Reaktion ist eine endgültige Errungenschaft für die Arbeiterbewegung.
Wenn wir von Arbeiterdemokratie sprechen, von der Demokratie innerhalb der Organisation, verstehen wir darunter etwas ganz Anderes als die Auffassung der sozialistischen Linken, der Trotzkisten und anderer Demagogen. Aus ihrer Sicht bedeutet Demokratie, dass die Organisation Minister für die Verwaltung des bürgerlichen Staates stellt, dass sie sich „frei“ am imperialistischen Krieg beteiligen kann.
Diese Organisationen der Demokratie unterscheiden sich nicht groß von den ‚undemokratischen‘ Organisationen Hitlers, Mussolinis und Stalins, die genau die gleiche Arbeit verrichten. Nichts ist verwerflicher als die Beanspruchung (die sozialistischen Parteien waren Experten in der imperialistischen Beanspruchung auf etwas) auf Rosa Luxemburg, wenn die Vertreter der sozialistischen Linken mit Taschenspielertricks versuchen, ihren „Demokratismus“ der „bolschewistischen Intoleranz“ gegenüberzustellen. Rosa Luxemburg und Lenin haben das Problem der Arbeiterdemokratie nicht gelöst, aber beide hatten eine richtige Position zur sozialdemokratischen Demokratie und entblößten ihren wirklichen Inhalt.
Wenn wir von inneren Strukturen sprechen, meinen wir eine Organisation, die gestützt ist auf Klassenkriterien und ein revolutionäres Programm, die nicht offen ist gegenüber jedem Neuankömmling aus den Reihen der Bourgeoisie. Unsere Freiheit ist keine abstrakte, sondern hauptsächlich konkret. Denn es handelt sich um die Freiheit der zusammengeschlossenen Revolutionäre, die gemeinsam versuchen, Mittel zum Handeln für die gesellschaftliche Befreiung zu finden. Auf dieser gemeinsamen Grundlage und bei dem Versuch, auf das gemeinsame Ziel hinzuarbeiten, tauchen unvermeidlich Divergenzen auf. Diese Divergenzen zeigen immer, dass noch nicht alle Elemente für eine Antwort gefunden wurden, oder wirkliche Schwierigkeiten des Kampfes oder auch eine Unreife der Gedanken. Sie können weder verschwiegen noch verboten werden, sondern müssen im Gegenteil durch die Erfahrung des Kampfes selbst und durch die freie Auseinandersetzung der Ideen überwunden werden. Die Funktionsweise der Organisation besteht also darin, nicht diese Divergenzen zu ersticken, sondern die Bedingungen für deren Überwindung zu schaffen. D.h. hinsichtlich der Organisation müssen die Bedingungen geschaffen werden, dass diese Divergenzen zum Ausdruck kommen können, anstatt sie nur geheim zirkulieren zu lassen. Nichts vergiftet mehr die Atmosphäre in der Organisation als Divergenzen, die nicht ans Tageslicht gebracht wurden. Nicht nur verzichtet die Organisation damit auf jede Möglichkeit sie zu überwinden, sondern sie untergräbt langsam ihre eigenen Grundlagen. Bei der ersten Hürde kommt das Gebilde, das vorher so solide wie ein Fels schien, ins wanken, bricht zusammen und hinterlässt dann nur eine Ruine. Was anfänglich nur ein Sturm war, wird zu einer verheerenden Katastrophe.
Die Genossen der IKP sagen uns, wir brauchen eine Partei, eine vereinte Partei, aber die Existenz von Fraktionskämpfen spaltet und schwächt sie. Zur Unterstützung dieser These berufen sich die Genossen immer auf die Resolution, die Lenin auf dem 10. Kongress der Kommunistischen Partei Russlands eingebracht hat und dort verabschiedet wurde, welche das Fraktionsrecht in der Partei verbietet. Die Berufung auf die berühmte Resolution Lenins und die Verabschiedung dieser Resolution heute verdeutlicht am klarsten die ganze Entwicklung der Italienischen Fraktion, die sich zur Partei erklärt hat. Das, gegen das die Italienische Linke und die ganze Linke der Komintern sich mehr als 20 Jahre aufgelehnt und bekämpft haben, wird heute zu einem Glaubensbekenntnis des „perfekten“ Mitglieds der IKP. Erinnern wir uns auch daran, dass die angesprochene Resolution von einer Partei drei Jahre nach der Revolution verabschiedet wurde (vorher hätte sie nie ins Auge gefasst werden können), die vor einer endlosen Zahl von Problemen stand: Blockade von Außen, Bürgerkrieg, Hungersnot und wirtschaftlicher Ruin im Innern. Die russische Revolution steckte in einer ungeheuren Sackgasse. Entweder würde die Weltrevolution sie retten oder sie würde unter dem gebündelten Druck von Außen und der inneren Schwierigkeiten zusammenbrechen. Die sich an der Macht befindenden Bolschewiki waren ebenfalls diesem Druck ausgesetzt und wichen auf ökonomischer Ebene zurück, und, was Tausend mal schlimmer ist, vor allem auf politischer Ebene. Die Resolution zum Verbot der Fraktionen, die Lenin einbrachte, war übrigens nur als vorübergehend gedacht, weil man die schreckliche Lage, in der die Partei steckte, als vorübergehend betrachtete. Auch war sie ein Teil einer Reihe von Maßnahmen, die die Revolution alles andere als verstärkten und stattdessen den Niedergang der Revolution beschleunigten.
Auf dem 10. Kongress wurde diese Resolution angenommen. Gleichzeitig kam es damals mit Hilfe von staatlicher Gewalt zur Niederschlagung der Arbeiterrevolten in Kronstadt, und man fing mit der massiven Verschleppung der Gegner der Partei nach Sibirien an. Die ideologische Erstickung innerhalb der Partei ging einher mit der Anwendung der Gewalt innerhalb der Klasse. Der Staat, der das Organ des Zwangs und der Gewalt ist, tritt anstelle der ideologischen, wirtschaftlichen und Einheitsorganisationen der Klasse, der Partei, der Gewerkschaften und der Sowjets. Die GPU tritt anstelle der Diskussionen. Die Konterrevolution verdrängt die Revolution unter der Fahne des Sozialismus, und das furchtbarste staatskapitalistische Regime fing an die Macht zu übernehmen. Marx sagte in Louis Bonaparte, dass die großen Ereignisse der Geschichte, sich sozusagen zweimal ereignen, „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“ [Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 1162, (vgl. MEW Bd. 8, S. 115)]
Die IKP Italiens führte uns eine wahre Farce dessen vor, was die Größe und die Tradition der Russischen Bolschewistischen Partei war. Das Antifaschistische Koalitionskomitee von Brüssel muss man an der Stelle des Petrograder Sowjets sehen, Vercesi an der Stelle von Lenin, das arme Zentralkomitee von Mailand an der Stelle der Komintern Moskaus, wo die die Revolutionäre aller Länder zusammengekommen waren, die Tragödie eines Kampfes von Dutzenden von Millionen von Menschen an der Stelle einer Reihe von Intrigen einiger Chefs. Der Ausgang der Revolution in Russland und der Weltrevolution wird anhand der Frage des Fraktionsrechts 1920 deutlich. „Keine Fraktion“ in Italien 1947 war der Schrei der Hilflosen, die nicht dazu gezwungen werden wollten, kritisch zu denken und in ihrer Ruhe nicht gestört werden wollten. „Keine Fraktion“, führte 1920 zur Auslöschung der Revolution. „Keine Fraktion“ ist 1947 nichts als eine Fehlgeburt einer nicht überlebensfähigen Partei.
Aber sogar noch als Farce wird das Fraktionsverbot zu einem ernsthaften Handicap beim Wiederaufbau der revolutionären Organisation. Der Wiederaufbau des internationalen Büros der GCI verdeutlicht, um welche Methode es sich handelt. Wir wissen, dass das Internationale Büro bei Ausbruch des Krieges auseinanderfiel. Während des Krieges sind politische Divergenzen in und zwischen den Gruppen, die sich auf die GCI berufen, aufgetaucht. Welche Methode des Aufbaus der organisatorischen und politischen Einheit der GCI hätte man verfolgen sollen? Unsere Gruppe trat für die Einberufung einer internationalen Konferenz aller Gruppen, die sich auf die GCI berufen, ein und verfolgte das Ziel, dass die breitest mögliche Diskussion aller entstandenen Divergenzen stattfindet. Uns wurde die andere Methode entgegengesetzt, die darin besteht, die Divergenzen so weit wie möglich zu verschweigen und die Gründung der Partei in Italien zu begrüßen und dafür einzutreten, dass die neue Umgruppierung um ihre Reihen stattfinden sollte. Weder eine internationale Diskussion noch eine internationale Kritik wurden akzeptiert. Und Ende 1946 gab es dann das Trugbild einer Konferenz. Unser kritischer Geist und unsere offenen Diskussionen wurden als nicht hinnehmbar angesehen und als Antwort auf unsere Dokumente – die einzigen, die als Diskussionsbeiträge zur Konferenz vorgelegt wurden – zog man es vor, nicht nur diese nicht zu diskutieren, sondern wir wurden ganz einfach von der Konferenz ausgeschlossen.
Wir haben in Internationalisme Nr. 16 im Dezember 1946 unser Dokument zur Konferenz veröffentlicht, das an alle Gruppen gerichtet war, die sich auf die GCI berufen. In diesem Dokument haben wir, der alten Tradition folgend, alle bestehenden politischen Divergenzen in der GCI aufgegriffen und unseren Standpunkt dazu offen vertreten. In der gleichen Ausgabe von Internationalisme wurde auch die ‚Antwort‘ dieses eigenartigen Internationalen Büros veröffentlicht. In der Antwort steht: „Da euer Brief wiederum die ständige Verzerrung der Tatsachen und der politischen Positionen zum Vorschein bringt, die von der IKP Italiens oder von der französischen und belgischen Fraktion vertreten wurde“, und weiter „da eure Aktivität sich darauf beschränkt, Verwirrung zu stiften und unsere Genossen zu beschimpfen, haben wir einstimmig , eure Bitte um Beteiligung an der Internationalen Konferenz der Organisationen der GCI abgelehnt.“
Man mag halten was man will von dem Geist, mit dem diese Antwort verfasst wurde. Aber man muss feststellen, dass es dieser Antwort bei fehlenden politischen Argumenten nicht an bürokratischer Energie und Entscheidung mangelt. Was die Antwort nämlich verschweigt, und das ist sehr charakteristisch für die Auffassung von der allgemeinen Disziplin, die von dieser Organisation vertreten und praktiziert wird, ist die geheim getroffene Entscheidung. Dazu schrieb uns ein Genosse der IKP Italiens unmittelbar nach der Konferenz: „Am Sonntag, den 8. Dezember, fand das Treffen der Delegierten des Politischen Büros der IKP statt. Bezüglich eures Briefs, der an die Genossen der Fraktion der GCI und der IKP Italiens gerichtet wurde, werdet ihr bald eine offizielle Antwort erhalten. Hinsichtlich eurer Bitte um gemeinsame Treffen für spätere Diskussionen wurde euer Vorschlag abgelehnt. Darüber hinaus wurde jedem Mitglied die Anweisung erteilt, jede Verbindung mit den als Dissidenten zu betrachtenden Fraktionen abzubrechen. Ich bedauere deshalb euch mitteilen zu müssen, dass ich meine Verbindungen mit eurer Gruppe nicht aufrechterhalten kann.“(gezeichnet Jober, 9.12.1946)
Bedarf diese intern und geheim getroffene Entscheidung noch eines Kommentars? Nein! Wir möchten nur hinzufügen, dass in Moskau Stalin natürlich noch über mehr Mittel verfügt, die Revolutionäre zu isolieren. Die Gefängniszellen der Lubjanka (das Gefängnis der GPU), die Isolationshaft in Verkni Uralsk, und wenn nötig, ein Nackenschuss. Bislang hat die GCI noch nicht diese Macht, und wir werden alles unternehmen, damit sie diese nicht bekommt. Aber das ist nicht ihre Schuld. Es geht hier um das Ziel und die Methode, die darin besteht, die Gegner, die nicht so denken wie ihr, zu isolieren und sie zum Schweigen zu bringen. Dies beinhaltet eine fatale Logik, und je nach dem Platz, den man einnimmt und die Macht, über die man verfügt, werden immer gewalttätigere Mittel ergriffen werden. Der Unterschied zum Stalinismus ist keine Frage des Wesens, sondern nur des Grades.
Das einzige, was die IKP bedauern muss, ist dazu gezwungen zu sein, auf jämmerliche Mittel zurückgreifen zu müssen, um „den Mitgliedern jeglichen Kontakt mit den Abweichlern zu verbieten.“
Diese ganze Auffassung hinsichtlich der Funktionsweise der Organisation und ihr Verhältnis zur Klasse werden durch diese Entscheidung verdeutlicht und konkretisiert. Sie ist unserer Ansicht nach furchtbar und abschreckend. Ausschluss, Verleumdung, ein aufgezwungenes Schweigen, das sind die Methoden, die anstelle der Erklärung, der Diskussion und der politischen Auseinandersetzung treten. Dies ist ein typisches Beispiel der neuen Auffassung der Organisation.
Ein Genosse der GCI hat uns einen langen Brief geschrieben, um, wie er schrieb, all das loszuwerden, was ihm seit der Antifaschistischen Koalition bis zur neuen Auffassung der Partei auf dem Magen lag. Er schreibt: „Die Partei ist nicht das Ziel der Arbeiterbewegung, sie ist nur ein Mittel. Aber das Ziel rechtfertigt nicht alle Mittel. Die Mittel müssen von dem Ziel mitbestimmt werden, das erreicht werden soll. Das Ziel muss bei jedem der eingesetzten Mittel zu erkennen sein. Deshalb kann die Partei nicht mit leninistischen Auffassungen aufgebaut werden, denn das würde einmal mehr bedeuten Mangel an Demokratie, militärische Disziplin, Verbot der freien Meinungsäußerung, Strafen bei abweichender Meinung, Mystifizierung der Partei. Während die Demokratie der größte Schwindel aller Zeiten ist, darf uns das nicht daran hindern, für die proletarische Demokratie in der Partei, in der Arbeiterbewegung und der Arbeiterklasse einzutreten. Oder sonst soll man uns einen anderen Begriff vorschlagen. Das wichtige ist, dass nichts an der Sache geändert wird. Proletarische Demokratie bedeutet, Meinungsfreiheit, Gedankenfreiheit, die Möglichkeit nicht einverstanden zu sein, Verwerfung der Gewalt und des Terrors in jeder Form in der Partei und natürlich in der Klasse“. Wir verstehen und teilen vollständig die Entrüstung dieses Genossen, wenn er gegen das Gebilde der Partei als Kaserne und die Diktatur über die Arbeiterklasse antritt. Diese gesunde und revolutionäre Auffassung der revolutionären Organisation und ihrer Funktionsweise unterscheidet sich völlig von dem, was neulich ein Führer der IKP zum Besten gegeben hat. Er sagte wortwörtlich: „Unsere Auffassung der Partei ist die einer monolithischen, homogenen und monopolitischen Partei.“ Solch eine Auffassung von der militärischen Disziplin, verbunden mit Konzept des genialen Führers, hat überhaupt nichts mit dem revolutionären Werk der Arbeiterklasse zu tun, wo alles durch die Hebung des Bewusstseins, die ideologische Reifung der Arbeiterklasse bestimmt wird. Monolithismus, Homogenität und Monopolismus sind die göttliche Dreifaltigkeit des Faschismus und des Stalinismus.
Die Tatsache, dass ein Mensch oder eine Partei sich als revolutionär bezeichnen und sich auf diesen Begriff berufen, zeigt tragischerweise den ganzen Niedergang der Arbeiterbewegung auf. Die Partei der Revolution wird nicht auf diese Art aufgebaut werden, sondern daraus entsteht nur eine neue Kaserne für die Arbeiter. Damit trägt man in Wirklichkeit nur dazu bei, dass die Arbeiter in einem Zustand der Beherrschung und Unterwerfung gehalten werden. Es handelt sich um eine konterrevolutionäre Auffassung.
Was uns an der Möglichkeit der Wiederaufrichtung der IKP Italiens zweifeln lässt, sind, mehr noch als die eigentlichen politischen Fehler, die Organisationsauffassungen und ihr Verhältnis zur gesamten Klasse. Die Ideen, die das Ende des revolutionären Lebens der Bolschewistischen Partei zum Ausdruck brachten und die den Beginn des Abstiegs verdeutlichten – Fraktionsverbot, Abschaffung der Meinungsfreiheit in der Partei und in der Klasse, der Kult der Disziplin, Lobpreisung des unfehlbaren Chefs –,dienen heute als Grundlage der GCI und der IKP Italiens. Wenn die IKP diesen Weg fortsetzt, wird sie niemals der Sache des Sozialismus dienen können. Im vollen Bewusstsein und die ganze Tragweite dieser Entwicklung einschätzend, fordern wir sie dazu auf: "Halt, bleibt stehen! Ihr müsst umkehren, denn ihr lauft auf einen Abgrund zu.“ Marc
1) Jüngsten Nachrichten zufolge wird sich die IKP nicht an den Wahlen beteiligen. Das hat der Generalsekretär entschieden. Ist dies das Ergebnis einer erneuten Überprüfung der Position und von Diskussionen in der Partei? Man darf sich nicht täuschen. Es ist immer zu früh, eine Diskussion anzufachen, die die Genossen "stören" könnte, wie der wohlbekannte Führer uns sagte. Aber was denn? Die Partei hat nämlich viele Mitglieder verloren und ihre Kasse ist leer. Wegen mangelnder Munition hat das Zentralkomitee beschlossen, den Krieg einzustellen und sich nicht an den bevorstehenden Wahlen zu beteiligen. Dies ist eine bequeme Position, die allen passt und zudem niemanden stört. Ist das, was unser Führer "die umgekehrte Verwandlung der Quantität in Qualität nennt"?
(2) Der Genosse Jober stand in Diskussionen mit uns im Auftrag der Föderation von Turin der IKP, deren Repräsentant er war. Seitdem ist die Föderation von Turin, die gegen die Methoden des Zentralkomitees protestiert hat, selbständig geworden und hat in dieser Eigenschaft an der internationalen Kontaktkonferenz teilgenommen – siehe Internationalisme Nr. 24).
Noch nie war der Bankrott des kapitalistischen Systems so offensichtlich. Noch nie wurden so viele massive Angriffe gegen die Arbeiterklasse geplant. Welche Entwicklung des Klassenkampfs ist in dieser Situation zu erwarten?
Noch nie war der Bankrott des kapitalistischen Systems so offensichtlich. Noch nie wurden so viele massive Angriffe gegen die Arbeiterklasse geplant. Welche Entwicklung des Klassenkampfs ist in dieser Situation zu erwarten?
Die Subprime-Krise von 2008 ist in eine offene Krise im Weltmaßstab übergegangen, die einen seit 1929 nicht mehr erlebten Rückgang der wirtschaftlichen Aktivitäten zur Folge gehabt hat:
- innert weniger Monate sind zahlreiche Finanzinstitute wie Dominosteine umgefallen;
- Fabriken wurden reihenweise geschlossen und Hunderttausende von Arbeitern weltweit auf die Straße geworfen.
Die Maßnahmen, die die Bourgeoisie ergriffen hat, um einen noch brutaleren Absturz zu verhindern, unterscheiden sich nicht von denjenigen, die sie sukzessive seit Beginn der 1970er Jahre mit dem Rückgriff auf den Kredit angewandt hat. So ist in der weltweiten Verschuldung eine neue Stufe erklommen worden, begleitet von einer noch nie erreichten Vergrößerung der Weltverschuldung. Doch heute ist der Umfang der weltweiten Schuld so gewaltig, dass man allgemein von einer „Schuldenkrise“ zu sprechen begonnen hat, um die gegenwärtige Phase der Wirtschaftskrise zu charakterisieren.
Die Bourgeoisie hat das Schlimmste verhindern können, für den Moment. Doch hat es nicht nur keinen neuen Aufschwung gegeben, sondern verschiedene Länder stellen heute mit Verschuldungsquoten von mehr als 100% des BIP ein ernsthaftes Insolvenzrisiko dar. Darunter befinden sich nicht nur Griechenland, sondern auch Portugal, Spanien (die fünftgrößte Volkswirtschaft der EU), Irland und Italien. Großbritannien hat zwar noch nicht dieselben Sphären der Verschuldung erreicht, weist aber Kennzahlen auf, welche die Spezialisten als sehr besorgniserregend bezeichnen.
Angesichts dieser Ernsthaftigkeit der Überproduktionskrise hat die Bourgeoisie nur ein Mittel: den Staat. Doch dieser enthüllt seinerseits, wie wenig er letztlich ausrichten kann. Die Bourgeoisie erstreckt einzig die Fristen, während alle wirtschaftlichen Akteure keinen anderen Ausweg haben als die Flucht nach vorn, die aber je länger je schwieriger und riskanter wird: sich immer noch mehr zu verschulden. Die geschichtlichen Grundlagen der Krise werden auf diese Weise besser sichtbar. Im Gegensatz zu früher kann die Bourgeoisie die Tatsache der Krise nicht mehr verheimlichen und sie offenbart, dass es in ihrem System keine Lösung gibt.
In einem solchen Zusammenhang kann die Insolvenz eines Landes[1], das künftig nicht mehr die Schuldnerverpflichtungen erfüllen kann, eine Kettenreaktion auslösen, bei der zahlreiche wirtschaftliche Subjekte (Banken, Unternehmen, andere Länder) zahlungsunfähig werden. Natürlich versucht die Bourgeoisie noch, die Tatsachen zu vernebeln, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Spekulation und die Spekulanten lenkt. Das Phänomen der Spekulation entspricht zwar einer Realität, die aber das ganze System prägt, und nicht bloß einige „Profiteure“ oder „Wirtschaftskriminelle“. Der Finanz-Wahnsinn, d.h. die grenzenlose Verschuldung und die Spekulation auf Teufel komm raus, ist durch den Kapitalismus als Ganzes begünstigt worden, als ein Mittel zum Zweck, den Eintritt der Rezession hinauszuschieben. Dies ist die eigentliche Lebensweise des Kapitalismus heute. Und so befindet sich denn auch der Kern des Problems im Kapitalismus selber, der unfähig ist, ohne Einspritzung neuer, immer größerer Kredite zu überleben.
Welche Medizin verordnet die Bourgeoisie gegenwärtig angesichts der Schuldenkrise? Die Bourgeoisie versucht, ein schreckliches Sparprogramm in Griechenland durchzusetzen. Ein weiterer Plan ist für Spanien in Vorbereitung. In Frankreich sind neue Angriffe auf die Altersrenten geplant.
Sind die Sparprogramme ein Mittel, um den neuen Aufschwung vorzubereiten? Werden sie es erlauben, wenigstens teilweise den Lebensstandard der Proletarier, der in den letzten zwei Krisenjahren so hart angegriffen worden ist, wieder zu erhöhen?
Bestimmt nicht! Die Weltbourgeoisie kann es sich nicht leisten, ein Land wie Griechenland einfach „absaufen“ zu lassen (trotz aller lauten und demagogischen Erklärungen Angela Merkels), ohne die Gefahr in Kauf zu nehmen, dass einigen Gläubigern Griechenlands dasselbe widerfährt, doch besteht die einzig mögliche Hilfe darin, ihm neue Kredite zu einem „annehmbaren“ Zinssatz zu gewähren (obwohl die Darlehen zu 6%, die die EU Griechenland kürzlich aufgezwungen hat, schon außerordentlich teuer sind). Dafür werden Garantien einer Budgetdisziplin verlangt. Der Unterstützte muss beweisen, dass er kein Fass ohne Boden ist und die „internationale Hilfe“ nicht verschwendet. Von Griechenland wird also verlangt, dass es „seinen Schlendrian aufgibt“, damit das Wachstum seiner Defizite und seiner Verschuldung gebremst werde. Unter der Voraussetzung, dass die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse hart angegriffen werden, werde der Weltkapitalmarkt wieder Vertrauen in Griechenland gewinnen, das dann Darlehen und Auslandinvestitionen anziehen werde.
Einigermaßen paradox mutet an, dass das Vertrauen in Griechenland von dessen Fähigkeit abhängig gemacht wird, die Geschwindigkeit der Vergrößerung seiner Schulden zu bremsen, und nicht davon, die weitere Verschuldung zu stoppen, was gar nicht möglich wäre. Das heißt, dass die Zahlungsfähigkeit dieses Landes gegenüber dem Weltkapitalmarkt von der „nicht allzu starken“ Vergrößerung seiner Schulden abhängt. Mit anderen Worten: Ein wegen seiner Schulden für zahlungsunfähig erklärtes Land kann solvent werden, auch wenn seine Verschuldung weiter wächst. Abgesehen davon hat Griechenland selber ein Interesse daran, mit seiner „Insolvenz“ zu drohen und damit zu versuchen, auf die Zinssätze der Gläubiger zu drücken, die bei einem Zahlungsstopp zum Verlust ihrer ganzen Forderung kämen und sich dann schnell selber im „roten Bereich“ befänden. In der gegenwärtigen überverschuldeten Welt beruht die Zahlungsfähigkeit im Wesentlichen nicht mehr auf einer objektiven Realität, sondern auf einem Vertrauen - das nicht wirklich begründet ist.
Die Kapitalisten können nicht anders, als diesem Glauben nachzuhängen, sonst müssten sie aufhören, an die Ewigkeit ihres Ausbeutungssystems zu glauben. Doch während die Kapitalisten nicht anders können, als daran zu glauben, sieht dies für die Arbeiter etwas anders aus! Die Sparprogramme erlauben es der Bourgeoisie im Großen und Ganzen, sich etwas Mut zuzusprechen, doch lösen sie damit keineswegs die Widersprüche des Kapitalismus und können nicht einmal die Zunahme der Verschuldung eindämmen.
Die Sparprogramme erfordern eine drastische Verringerung der Kosten der Arbeitskraft, welche Politik in allen Ländern angewendet wird, denn alle stehen - in größerem oder geringerem Umfang - vor den Problemen einer enormen Verschuldung und von Defiziten. Eine solche Politik, die im kapitalistischen Rahmen keine wirkliche Alternative hat, kann zwar einen Sturm der Panik verhindern, kann vielleicht sogar einen Mini-Aufschwung bewirken, aber bestimmt nicht das Finanzsystem ins Lot bringen. Und noch weniger kann sie die Widersprüche des Kapitalismus lösen, die ihn zu immer neuer Verschuldung drängen bei Strafe der Erschütterung durch immer brutalere Rezessionen. Aber es gilt auch, diese Sparmaßnahmen der Arbeiterklasse zu verkaufen. Das ist für die Bourgeoisie keine einfache Aufgabe, und sie starrt auf die Antworten der Proletarier auf diese Angriffe.
Schon seit Beginn der 2000er Jahre verfängt die Rede der Bourgeoisie, wonach wir den Gürtel enger zu schnallen hätten, „damit es uns morgen besser gehe“, im Allgemeinen in der Arbeiterklasse nicht mehr, auch wenn es da Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gibt. Die letzte Verschärfung der Krise hat bis jetzt, in den letzten zwei bis drei Jahren, nicht zu einer Ausbreitung der Mobilisierungen der Arbeiterklasse geführt. Die Tendenz ist für das Jahr 2009 sogar eher die umgekehrte. Die Merkmale von gewissen Angriffen, vor allem der massenhaften Entlassungen, haben in der Tat die Antwort der Arbeiterklasse erschwert, da:
- die Unternehmer und die Regierungen sich hinter einem Totschläger-Argument verstecken: „Wir können nichts dafür, wenn die Arbeitslosigkeit steigt und ihr entlassen werdet: Die Krise ist schuld.“
- bei Unternehmenskonkursen und Betriebsschließungen die Streikwaffe stumpf wird, was das Gefühl der Ohnmacht und der Verzweiflung bei den Arbeitern verstärkt.
Doch auch wenn diese Schwierigkeiten noch schwer auf der Arbeiterklasse lasten, ist die Situation nicht blockiert. Dies zeigt sich an einer Haltungsänderung in der ausgebeuteten Klasse und drückt sich aus in einem Erzittern des Klassenkampfes.
Die Erbitterung und die Wut der Arbeiterinnen und Arbeiter werden genährt durch eine tiefe Empörung angesichts einer himmelschreienden und nicht mehr zu erduldenden Situation: Die weitere Fortdauer des Kapitalismus hat unter anderem zur Folge, dass brutaler als je zuvor zwei „verschiedene Welten“ in ein und derselben Gesellschaft erscheinen. In der ersten lebt die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, die alles Unrecht und das ganze Elend erleidet und für die zweite bezahlen muss, für die Welt der herrschenden Klasse, die ihre Macht und ihren Reichtum schamlos und arrogant zur Schau stellt.
In unmittelbarerem Zusammenhang mit der jetzigen Krise verliert die verbreitete Idee, wonach „es die Banken sind, die uns in den Kakao gefahren haben, aus dem wir nicht mehr rauskommen“ (während man sieht, dass die Staaten selber sich der Zahlungsunfähigkeit nähern), an Überzeugungskraft, was wiederum zu einem Katalysator für die Wut gegen das System wird. Man sieht hier die Grenzen der Geschwätzes der Bourgeoisie, welche die Banken als die Verantwortlichen für die gegenwärtige Krise hinstellte mit dem Zweck, ihr System als Ganzes aus der Schusslinie zu ziehen. Der „Bankenskandal“ kompromittiert den Kapitalismus als solchen.
Auch wenn die Arbeiterklasse in weltweitem Maßstab noch angeschlagen und benommen dasteht vor der Lawine von Angriffen, die alle Regierungen, ob links oder rechts, auf sie niedergehen lassen, so ist sie doch nicht resigniert; sie hat in den letzten Monaten nicht einfach untätig zugeschaut. Vielmehr tauchen fundamentale Merkmale des Klassenkampfes, die bestimmte Arbeitermobilisierungen seit 2003 gekennzeichnet haben, in einer expliziteren Weise wieder auf. Dies betrifft insbesondere die Arbeitersolidarität, die sich tendenziell als Grundbedürfnis des Kampfes wieder aufdrängt, nachdem sie in den 1990er Jahren so entstellt und abgewertet worden war. Heute zeigt sie sich in der Form von einzelnen Initiativen, die zwar noch sehr auf Minderheiten beschränkt, aber für die Zukunft wegweisend sind.
Im letzten Winter war in der Türkei der Kampf der Arbeiter und Arbeiterinnen von Tekel das leuchtende Beispiel für den Klassenkampf. Er vereinte türkische und kurdische Arbeiter und Arbeiterinnen (während ein nationalistischer Konflikt seit Jahren diese beiden Bevölkerungsteile spaltet), bewies einen entschlossenen Willen, den Kampf auf andere Sektoren auszuweiten, und leistete Widerstand gegen die Sabotage der Gewerkschaften.
Auch im Herzen des Kapitalismus, wo die gewerkschaftliche Kontrolle diskreter auftritt und noch stärker ist als in den peripheren Ländern und es schafft, so große Ausbrüche von Kämpfen zu verhindern, gewinnt die Arbeiterklasse ihre Kampfbereitschaft zurück. Anfang Februar zeigten sich in Vigo/Spanien dieselben Merkmale. Da suchten die Arbeitslosen die aktiven Arbeiter der Schiffswerften auf, und gemeinsam demonstrierten sie, wobei weitere Arbeiter und Arbeiterinnen in den Kampf einbezogen wurden, bis die Arbeit im ganzen Schiffsbausektor stillstand. Was bei dieser Aktion am meisten heraus stach, war die Tatsache, dass die Initiative von entlassenen Arbeitern der Schiffswerften ergriffen wurde, die durch eingewanderte Arbeiter ersetzt worden waren, „die in Parkgaragen schlafen und von einem Sandwich am Tag leben“. Die einheimischen Arbeiter verfielen keineswegs auf fremdenfeindliche Reaktionen gegen die Arbeiter, mit denen sie die Bourgeoisie in Konkurrenz gestellt hatte, sondern solidarisierten sich mit ihnen im Kampf gegen die unmenschlichen Ausbeutungsbedingungen, die den eingewanderten Arbeitern vorbehalten sind. Solche Kundgebungen der Arbeitersolidarität sahen wir schon zuvor im Januar und Juni 2009 in Großbritannien bei den Bauarbeitern der Lindsey-Raffinerie sowie im April 2009 in Spanien auf den Schiffswerften von Sestao.[2]
In diesen Kämpfen zeigte die Arbeiterklasse - wenn auch begrenzt und erst in embryonaler Form - nicht nur ihre Kampfbereitschaft, sondern ihre Fähigkeit, den ideologischen Kampagnen der herrschenden Klasse, die auf eine Spaltung abzielen, etwas entgegenzusetzen, indem sie ihre proletarische Solidarität zum Ausdruck brachte und in ein und demselben Kampf verschiedene Berufssparten, Branchen, Ethnien oder Nationalitäten vereinte. In ähnlicher Weise ließ schon im Dezember 2008 die Revolte der jungen Proletarier in Griechenland, die sich in Vollversammlungen organisierten und die Unterstützung der Bevölkerung erhielten, die herrschenden Klasse fürchten, das Beispiel könne andere europäische Länder „anstecken“, insbesondere die junge Generation an den Schulen. Heute sind die Augen der Bourgeoisie nicht zufälligerweise wieder auf die Reaktionen der Arbeiter und Arbeiterinnen in Griechenland gegenüber den Sparprogrammen der Regierung und der anderen Staaten der Europäischen Union gerichtet. Diese Reaktionen sind ein Testfall für die anderen Staaten, die vor dem Bankrott ihrer nationalen Wirtschaft stehen. So hat den auch die fast gleichzeitige Ankündigung von ähnlichen Sparprogrammen Zehntausende von Proletariern in Spanien und Portugal zu Demonstrationen bewegt. Trotz der Schwierigkeiten, vor denen der Klassenkampf steht, findet eine Änderung in der Geisteshaltung der Arbeiterklasse statt. Überall auf der Welt vertiefen und verallgemeinern sich die Verzweiflung und die Wut in den Reihen der Arbeiter und Arbeiterinnen.
Die Regierung hat am 3. März einen neuen Sparkurs angekündigt, den dritten in drei Monaten, mit einem Anstieg der Konsumsteuern, einer Reduzierung des 13. Monatslohns um 30% und einer solchen von 60% des 14. Monatslohns, welches Lohnbestandteile der Beamten sind (d.h. ein Rückgang von 12 bis 30% ihrer Löhne im Durchschnitt), und einer Einfrierung der Renten von Beamten und Beschäftigten aus der Privatwirtschaft. Doch der Plan wird in der Bevölkerung schlecht aufgenommen, insbesondere bei den Arbeitern und Rentnern.
Im November/Dezember 2008 wurde das Land während mehr als einem Monat von einer sozialen Explosion erschüttert, die vor allem von der proletarischen Jugend angeführt wurde und die Reaktion auf die Ermordung eines Jugendlichen durch die Polizei war. Die für das laufende Jahr angekündigten Maßnahmen der sozialistischen Regierung drohten eine soziale Explosion nicht nur bei den Studenten und Arbeitslosen auszulösen, sondern auch bei den führenden Bataillonen der Arbeiterklasse.
Ein Generalstreik am 24. Februar 2010 gegen die Sparpolitik wurde weithin befolgt, und die Mobilisierung von Regierungsbeamten brachte rund 40’000 Demonstranten zusammen. Eine große Anzahl von Pensionierten und Beamten demonstrierten auch am 3. März im Zentrum von Athen.
Die Ereignisse, die folgten, zeigten noch deutlicher, dass das Proletariat mobilisiert wurde: „Nur wenige Stunden nach der Ankündigung der neuen Maßnahmen griffen die entlassenen Arbeiter der Olympic Airways die Sondereinheiten der Polizei an; die Arbeiter besetzten den Hauptsitz des Unternehmens, wobei sie erklärten, dass die Besetzung für eine unbestimmte Zeit sei. Die Haupteinkaufsstraße von Athen war für einige Stunden blockiert." (Blog auf libcom.org)
In den Tagen vor dem Generalstreik am 11. März gab es eine Reihe von Streiks und Besetzungen: Entlassene Arbeiter von Olympic Airways besetzten während 8 Tagen die Buchhaltungsbüros, während die Mitarbeiter der Elektrizitätswerke die Arbeitsämter im Namen der „zukünftigen Arbeitslosen, die wir sind“ besetzten. Die Arbeiter der staatlichen Druckerei besetzten ihren Arbeitsplatz und weigerten sich, die gesetzlichen Maßnahmen zur Kosteneinsparung zu drucken, wobei sie sich gleichzeitig darauf beriefen, dass das Gesetz, solange es nicht gedruckt ist, keine Gültigkeit habe. Die Angestellten des Steueramtes legten ihre Arbeit für 48 Stunden nieder, die Arbeiter der Fahrschulen im Norden streikten drei Tage, und selbst Richter und andere Justizbeamte machten jeden Tag während vier Stunden Pause. Während einigen Tagen funktionierte in Athen, Patras und Thessaloniki die Müllabfuhr nicht. In der Stadt Komitini kämpften die Arbeiter der Textilfirma ENKLO mit Protesten und Streiks: Zwei Banken wurden von den Arbeitern besetzt.
Doch auch wenn die Arbeiterklasse in Griechenland heute breiter mobilisiert ist als während der Kämpfe im November/Dezember 2008, ist die Bourgeoisie jetzt besser vorbereitet, um mit ihren Gewerkschaften die Antworten der Arbeiterklasse zu sabotieren.
Tatsächlich konnte sich die Bourgeoisie wappnen und die Wut und Kampfbereitschaft der Arbeiter in politische und ideologische Sackgassen lenken. Dank dieser Sackgassen verpuffte das ganze Potenzial der Selbstorganisierung der Kämpfe und der proletarischen Solidarität, das im Kampf der jüngeren Generation Ende 2008 begonnen hatte, folgenlos.
Die patriotische und nationalistische Propaganda wird in breitem Stil eingesetzt, um die Arbeiter voneinander zu trennen und sie von ihren Klassenbrüdern und -schwestern in den anderen Ländern zu isolieren: In Griechenland wird vor allem betont, dass die deutsche Bourgeoisie sich weigere, der griechischen Wirtschaft unter die Arme zu greifen, und die PASOK-Regierung greift hemmungslos auf die alten anti-deutschen Gefühle aus der Zeit der Nazi-Besatzung zurück.
Die Kontrolle durch die Parteien und Gewerkschaften schaffte es, die Arbeiter voneinander zu isolieren. So verwehrten die Angestellten von Olympic Airways jedem Betriebsfremden den Zugang zum von ihnen besetzten Gebäude. Die Gewerkschaftsführer ließen das Gebäude ohne jeden Beschluss einer Vollversammlung räumen. Als andere Angestellte in die Räumlichkeiten des Finanzministeriums gehen wollten, die von den Arbeitern der staatlichen Druckerei besetzt waren, wurden sie unter dem Vorwand weggeschickt, sie seien „nicht Angehörige des Ministeriums“!
Die große Wut der Arbeiter in Griechenland richtete sich gegen die PASOK und Gewerkschaftsführer in ihrem Dienst. Am 5. März wurde der Führer der Gewerkschaft GSEE, der Gewerkschaftszentrale für den privaten Sektor, misshandelt und geschlagen, als er versuchte, zur Menge zu sprechen; er musste von der Polizei beschützt werden. Er flüchtete in das Parlamentsgebäude unter dem Spott der Menge, die ihm zurief, er solle dorthin gehen, wo er hingehöre, nämlich in das Nest der Diebe, Mörder und Lügner.
Aber die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) und deren gewerkschaftlicher Apparat, der PAME, präsentieren sich als „radikale“ Alternative zur PASOK. Sie führen eine Kampagne, um die Verantwortung der Krise auf die Banker und das „Übel des Liberalismus“ abzuschieben.
Im November/Dezember 2008 war die Bewegung weitgehend spontan und hielt Vollversammlungen in besetzten Schulen und Universitäten ab. Die Hauptsitze selbst der Kommunistischen Partei (KKE) und der Gewerkschaftszentrale PAME wurden besetzt, was ein deutliches Zeichen des Misstrauens gegenüber den Gewerkschaften und den Stalinisten war, welche die jungen Demonstranten einerseits als Lumpenproletarier, andererseits als verwöhnte Kinder der Bourgeoisie verhöhnten.
Aber dieses Mal hat sich die Kommunistische Partei Griechenlands offen an die Spitze der radikalsten Streiks, Demonstrationen und Besetzungen gestellt. „Am Morgen des 5. März haben in der Gewerkschaft PAME organisierte Arbeiter, die mit der Kommunistischen Partei verbunden ist, das Finanzministerium besetzt (...) sowie die Stadtverwaltung des Bezirks Trikala. Später hat die PAME auch vier TV-Sender in der Stadt Patras und den staatlichen Fernsehsender in Thessaloniki besetzen lassen, wobei die Nachrichtensprecher gezwungen worden sind, eine Erklärung gegen die staatlichen Maßnahmen zu verlesen“[3]. Viele Streiks wurden auch auf Initiative der KP ausgelöst, die vom 3. März an zu einem „Generalstreik“ und für den 5. zur Demonstration aufrief, vom 4. an in verschiedenen Städten. Die PAME verstärkte die spektakulären Aktionen z.B. mit der Besetzung des Finanzministeriums und der lokalen Börsen.
Am 11. März wurde ganz Griechenland während 24 Stunden zu 90% gelähmt durch die Bewegung der Bevölkerung und deren Zorn, die dem zweiten Aufruf in weniger als einem Monat der beiden größten Gewerkschaften zum Generalstreik folgte. Insgesamt nahmen mehr als 3 Millionen Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 11 Millionen) teil. Die Demonstration am 11. März war in Athen die größte seit 15 Jahren und zeigte die Entschlossenheit der Arbeiterklasse, der kapitalistischen Offensive etwas entgegenzustellen.
In allen Regionen der Welt, in Algerien, Russland, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo die eingewanderten Arbeiter maßlos und ohne jeglichen sozialen Schutz ausgebeutet werden, beim englischen Proletariat und bei den Studenten im ehemals reichsten Bundesstaat der USA, in Kalifornien, deren Bedingungen auf ein prekäres Niveau hinuntergedrückt wird, spiegelt die derzeitige Lage einen Trend in Richtung der Wiederaufnahme des Klassenkampfes auf internationaler Ebene wieder.
Die Bourgeoisie ist mit einer Situation konfrontiert, in der es nicht nur zusätzliche Entlassungen in bedrohten Unternehmen gibt, sondern die Staaten die Arbeiterklasse frontal angreifen müssen, um die Kosten der Schulden irgendwie abzuwälzen. In diesem Fall ist der direkt Verantwortliche für die Angriffe – der Staat – wesentlich einfacher auszumachen als im Falle der Entlassungen, wo der Staat sich mitunter sogar als „Beschützers“ der Arbeiter ausgeben kann, wenn auch nur als schwacher. Die Tatsache, dass der Staat nun als das auftritt, was er ist, nämlich als Intereressenvertreter der ganzen kapitalistischen Klasse gegen die gesamte Arbeiterklasse, ist ein Faktor, der die Entwicklung des Klassenkampfes, seine Politisierung und Einheit begünstigt.
Alle Elemente, die sich in der aktuellen Situation entwickeln, sind die Zutaten für eine Explosion massiver Kämpfe. Aber der Zünder dafür wird sicherlich die Anhäufung von Verzweiflung und Empörung sein. Die Umsetzung der verschiedenen geplanten Sparmaßnahmen durch die Bourgeoisie in verschiedenen Ländern wird Gelegenheit für ebenso viele Kampfexperimente und Lehren für die Arbeiterklasse bieten.
Der Zusammenbruch des Stalinismus, und vor allem ihre ideologische Ausbeutung durch die Bourgeoisie mit der größten Lüge des Jahrhunderts, mit der die stalinistischen Regime mit dem Sozialismus gleichgesetzt wurden, hinterlassen ihre Spuren bis heute in der Arbeiterklasse.
Angesichts der schlagenden „Beweise“ der Bourgeoisie – „der Kommunismus funktioniert nicht; der Beweis dafür ist, dass ihn die davon betroffenen Menschen zugunsten des Kapitalismus aufgegeben haben“ – konnten sich die Arbeiter vom Projekt einer alternativen Gesellschaft zum Kapitalismus nur abwenden.
Die Situation ist in dieser Hinsicht im Vergleich zu 1968 sehr verschieden. Damals zeigte der massive Charakter der Arbeiterkämpfe, vor allem mit dem Streik im Mai 1968 in Frankreich und dem "heißen Herbst" 1969 in Italien, dass die Arbeiterklasse eine führende Kraft im Leben der Gesellschaft sein kann. Die Idee, sie könnte eines Tages den Kapitalismus stürzen, stammte nicht aus dem Reich der Träume, sie schien ganz anders als heute realisierbar.
Die Schwierigkeiten des Proletariats, massenhaft in den Kampf zu treten, die sich seit den 1990er Jahren zeigen, sind die Folge eines Mangels an Selbstvertrauen, das selbst durch das Auftreten großer Kämpfe seit 2003 noch nicht wiederhergestellt ist.
Nur durch die Entwicklung der Massenkämpfe wird das Proletariat wieder Vertrauen in die eigenen Kräfte gewinnen und seine eigene Perspektive in den Vordergrund zu stellen. Wir befinden uns daher in einer grundlegenden Phase, in der die Revolutionäre auf die Fähigkeit der Arbeiterklasse bauen sollten, die historische Dimension ihrer Kämpfe zu verstehen, ihre Feinde zu erkennen und die Kämpfe in die eigenen Hände zu nehmen.
So wichtig diese nächste Stufe des Klassenkampfes ist, bedeutet sie noch nicht zwangsläufig das Ende des Zögerns des Proletariats, sich entschlossen für die Fahrt zur Revolution einzuschiffen.
Bereits im Jahr 1852 betonte Marx den schwierigen und gewundenen Verlauf der proletarischen Revolution im Unterschied zu dem der bürgerlichen Revolutionen, die „wie die des achtzehnten Jahrhunderts, (…) rascher von Erfolg zu Erfolg“ stürmen[4].
Dieser Unterschied zwischen Proletariat und Bourgeoisie in Zeiten der Revolution ist eine Folge der unterschiedlichen Bedingungen der bürgerlichen beziehungsweise proletarischen Revolution.
Die Ergreifung der politischen Macht durch die kapitalistische Klasse war der Endpunkt eines ganzen Prozesses der wirtschaftlichen Transformation in der feudalen Gesellschaft. In ihm wurden die alten feudalen Verhältnisse der Produktion nach und nach durch die kapitalistische Produktion verdrängt. Auf der Grundlage dieser neuen wirtschaftlichen Verhältnisse konnte die Bourgeoisie die politische Macht erobern.
Ganz anders ist der Prozess der proletarischen Revolution. Die kommunistischen Produktionsverhältnisse, die nicht Warenbeziehungen sind, können sich nicht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entwickeln. Weil die Arbeiterklasse die ausgebeutete Klasse im Kapitalismus ist, die per Definition kein Privateigentum an Produktionsmitteln hat, kann sie nicht über wirtschaftliche Stützpunkte für die Eroberung der politischen Macht verfügen. Ihre Stärken sind ihr Bewusstsein und ihre Organisation im Kampf. Im Gegensatz zur revolutionären Bourgeoisie muss der erste Akt der kommunistischen Umgestaltung der sozialen Beziehungen aus einem bewussten und vorsätzlichen Akt bestehen: der Eroberung der politischen Macht weltweit durch das gesamte in Arbeiterräten organisierte Proletariat.
Die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe kann das Proletariat natürlich zögern, an seiner eigenen Stärke zweifeln lassen. Aber es ist der einzige Weg für das Überleben der Menschheit: die Abschaffung des Kapitalismus und der Ausbeutung, und die Schaffung einer neuen Gesellschaft.
FW (31. März)
[1] Selbstverständlich hat der Bankrott eines Staates nicht die gleichen Merkmale wie derjenige eines Unternehmens: Wenn er unfähig würde, seine Schulden zurück zu bezahlen, so kann er nicht einfach den „Schlüssel abgeben“, alle Staatsangestellten entlassen und seine eigenen Strukturen auflösen (Polizei, Armee, Lehrerschaft, Verwaltung …), auch wenn in gewissen Ländern (namentlich in Russland und einigen afrikanischen Ländern) die Staatsangestellten aufgrund der Krise tatsächlich während Monaten nicht bezahlt wurden …
[2] Vgl. die folgenden Artikel auf unserer Webseite de.internationalism.org: Zu Großbritannien: „Streiks in den Erdölraffinerien und Kraftwerken: Arbeiter fangen an, den Nationalismus infrage zu stellen“; zur Türkei: „Solidarität mit dem Widerstand der Tekel-Beschäftigten gegen die Regierung und die Gewerkschaften!“; zu Vigo/Spanien: „Gemeinsame Vollversammlungen und Demonstrationen von Arbeitslosen und Beschäftigten“
[3] Nach libcom.org: http:/libcom.org/news/mass-strikes-greece-response-new-measures-04032010
[4] Aus Der achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte
Im Allgemeinen verbindet man den „Heißen Herbst in Italien“ , [1] der vor 40 Jahren stattfand, mit einer Reihe von Kämpfen, die Italien von Piemont bis Sizilien erschütterten und die für immer die sozialen und politischen Rahmenbedingungen des Landes umwälzten. Aber es handelte sich nicht um ein spezifisch italienisches Phänomen. Insbesondere in Europa, aber keineswegs nur da entfaltete sich Ende der 1960er Jahre eine Reihe von Kämpfen. Auch das Bewusstsein in der Arbeiterklasse wandelte sich. Beide zusammen ließen deutlich werden, dass sich etwas verändert hatte: die Arbeiterklasse war wieder gesellschaftlich in Erscheinung getreten. Nach den langen Jahren der Konterrevolution, welcher die Arbeiterklasse durch die Niederlage der 1920er Jahre, den Zweiten Weltkrieg und die konterrevolutionären Aktivitäten des Stalinismus unterworfen worden war, nahm sie ihren historischen Kampf gegen die Kapitalistenklasse wieder auf. Der „Französische Mai“ 1968 ”[2], die Streiks in Polen 1970 [3], die Kämpfe in Argentinien von 1969 -1973 [4] bilden zusammen mit dem Heißen Herbst in Italien die wichtigsten Momente dieser neuen Dynamik, die jedes Land erreichte, weil dadurch ein neuer Zeitraum sozialer Konfrontationen eröffnet wurde, welcher ungeachtet seiner Höhen und Tiefen bis heute anhält.
Im Allgemeinen verbindet man den „Heißen Herbst in Italien“ , [1] der vor 40 Jahren stattfand, mit einer Reihe von Kämpfen, die Italien von Piemont bis Sizilien erschütterten und die für immer die sozialen und politischen Rahmenbedingungen des Landes umwälzten. Aber es handelte sich nicht um ein spezifisch italienisches Phänomen. Insbesondere in Europa, aber keineswegs nur da entfaltete sich Ende der 1960er Jahre eine Reihe von Kämpfen. Auch das Bewusstsein in der Arbeiterklasse wandelte sich. Beide zusammen ließen deutlich werden, dass sich etwas verändert hatte: die Arbeiterklasse war wieder gesellschaftlich in Erscheinung getreten. Nach den langen Jahren der Konterrevolution, welcher die Arbeiterklasse durch die Niederlage der 1920er Jahre, den Zweiten Weltkrieg und die konterrevolutionären Aktivitäten des Stalinismus unterworfen worden war, nahm sie ihren historischen Kampf gegen die Kapitalistenklasse wieder auf. Der „Französische Mai“ 1968 ”[2], die Streiks in Polen 1970 [3], die Kämpfe in Argentinien von 1969 -1973 [4] bilden zusammen mit dem Heißen Herbst in Italien die wichtigsten Momente dieser neuen Dynamik, die jedes Land erreichte, weil dadurch ein neuer Zeitraum sozialer Konfrontationen eröffnet wurde, welcher ungeachtet seiner Höhen und Tiefen bis heute anhält.
Durch die Erfahrung des Mai 68 in Frankreich „wach gerüttelt“, wurde die italienische Bourgeoisie im Gegensatz zur französischen nicht überrascht, als die Kämpfe 1969 ausbrachen, obgleich dies nicht bedeutete, dass die herrschende Klasse manchmal nicht von den Ereignissen überrollt wurde. Diese Kämpfe brachen nicht aus wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Tatsächlich gab es auf internationaler wie auf nationaler Ebene eine Reihe von Faktoren, welche durch ihr Zusammenwirken eine neue Atmosphäre in der Arbeiterklasse in Italien hervorriefen, insbesondere unter der jungen Generation.
International wurde eine bedeutende Zahl von jungen Leuten durch eine Reihe von Faktoren sensibilisiert. Dazu gehörten insbesondere:
- Der Vietnamkrieg [5], der als ein Kampf zwischen David – Vietnam – und Goliath – den USA erschien. Empört über die furchtbaren Massaker mit Napalm-Einsatz und die Gewalt, die von der amerikanischen Armee gegen die einheimische Bevölkerung angewandt wurde, gingen viele so weit, sich mit dem Widerstand der Vietcong zu identifizieren und das „arme, kleine Vietnam“ gegen den mächtigen US-„Imperialismus“ zu unterstützen[6];
- Der epische Che Guevara [7], der als für die Befreiung der Menschheit kämpfende Held auftritt und nach seiner Ermordung durch die bolivianische Armee und Spezialtrupps der CIA im Oktober 1967, noch mehr verehrt wurde.
- Die Fallen der palästinensischen Guerilla [8], insbesondere George Habaschs FPLP, die auf dem Hintergrund der feindseligen Reaktionen gegenüber dem Sechstagekrieg aufblühten, der 1967 von Israel gegen Ägypten, Syrien und Jordanien geführt und gewonnen wurde.
- Ein internationales Echo des „chinesischen Kommunismus“, der als der Vertreter des wirklichen Kommunismus im Gegensatz zum bürokratisierten „Sowjetkommunismus“ dargestellt wurde. Insbesondere die „Kulturrevolution“ [9], die von Mao Tse-tung zwischen 1966-69 durchgeführt wurde, wurde als ein Kampf um die Rückkehr zum orthodoxen „marxistisch-leninistischen Denken“ präsentiert.
- Einige dieser Aspekte stehen nicht einmal in entferntester Beziehung zum Kampf der Arbeiterklasse mit dem Ziel der Überwindung des Kapitalismus. Der Horror und das Leiden, das die vietnamesische Bevölkerung während des Krieges erleiden musste, waren eine Folge der imperialistischen Interessensgegensätze zwischen den beiden rivalisierenden Blöcken, die damals die Welt unter sich aufgeteilt hatten. Der Widerstand seitens Guerillabewegungen, z.B. der palästinensischen oder Guevara-Bewegungen, waren lediglich ein Moment des Todeskampfes zwischen diesen beiden Blöcken um die Vorherrschaft über andere Gebiete der Erde. Und was den „Kommunismus“ in China betrifft, war dieser ebenso kapitalistisch wie der in der damals bestehenden UdSSR, und die sogenannte „Kulturrevolution“ war nichts anderes als ein Machtkampf zwischen Maos Fraktion und der Deng Tsiaopings und Lia Shaoshis.
- Aber all diese Ereignisse spiegeln das schreckliche Leiden der Menschheit wider, welches unter vielen Leuten eine abgrundtiefe Abscheu der kriegerischen Gewalt und ein Gefühl der Solidarität mit den Opfern dieser Gewalt hervorriefen.
Und der Maoismus, der keinesfalls eine Lösung für die Übel des Kapitalismus brachte und eher eine Falle für den Befreiungskampf der Arbeiterklasse war, verstärkte seinerseits die internationale Herausforderung des "Realsozialismus" in Russland.
- Auf diesem Hintergrund hatte der explosive Ausbruch der Arbeiter- und Studentenkämpfe des „französischen Mai“ solch ein großes internationales Echo, dass diese zu einem Bezugspunkt und einer Ermunterung für die Jugend und die Arbeiter auf der ganzen Welt wurden. Der Mai 68 sollte bald verdeutlichen, dass man nicht nur kämpfen, sondern auch gewinnen kann. Aber der Mai 68, zumindest hinsichtlich der Studentenkämpfe, wurde von anderen Bewegungen vorbereitet, wie die der „Kritischen Universität“ [10] in Deutschland und der Bildung des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), oder in Holland mit den Provos, oder wiederum in den USA mit der Gründung der Black Panther Party. Es handelte sich um eine Zeit, als nahezu alles, was irgendwo auf der Welt passierte, ein Echo in allen anderen Ländern hatte, weil es überall eine große Aufnahmebereitschaft gab, insbesondere unter der jungen Generation von Arbeitern und Studenten, die zu den Hauptakteuren des „Heißen Herbstes“ werden sollten. Die herrschende Angst und das Nachdenken inspirierten charismatische Persönlichkeiten der Welt des Showbusiness wie Bob Dylan, Joan Baez, Jimmy Hendrix und andere, deren Lieder sowohl die Forderungen der Leute und gesellschaftlich unterdrückter Schichten aufgriffen und unter einer langen historischen Ausbeutung litten (wie die Schwarzen in den USA) wie auch die Schrecken des Krieges anprangerten (wie die des Vietnamkrieges) und somit den Wunsch der Befreiung zum Ausdruck brachten.
Politisierung in Italien
- Wie zuvor in Frankreich ermöglichte auch in Italien die Abschwächung der bleiernen Glocke, als welcher der Stalinismus jahrelang in der Zeit der Konterrevolution gewirkt hatte, eine politische Reifung. Dies stellte den Nährboden für das Auftauchen von verschiedenen Minderheiten dar, die sich auf die Suche nach Klärung begaben. Das Auftauchen einer neuen Generation von Proletariern äußerte sich durch eine größere Kampfbereitschaft, die neue Kampfeigenschaften hervorbrachte und zu Zusammenstößen auf den Straßen führte, die die Arbeiterklasse prägen sollten.
Anfang der 1960er Jahre, noch inmitten der Konterrevolution, versuchten kleine Gruppen von Leuten, die gegenüber dem Stalinismus kritisch eingestellt waren, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mittel wieder „bei Null anzufangen“. Damals verfügte die PCI (Italienische Kommunistische Partei), die genau wie die anderen KPs auf der Welt zur Konterrevolution übergewechselt und stalinistisch geworden war, über eine umfangreiche Basis an Mitgliedern und Sympathisanten, was sie zum Teil dem Glorienschein der alten, 1921 von Bordiga gegründeten revolutionären Partei verdankte. Die ca. zwei Jahrzehnte dauernde Herrschaft des Faschismus in Italien und das Verschwinden der „demokratischen“ Parteien haben der PCI mehr als anderen Parteien dabei geholfen, zu vermeiden, als wahrer Klassenfeind des Proletariats von den großen Arbeitermassen entblößt zu werden. Aber schon in den 1950er Jahren und mehr noch in den 1960er Jahren tauchten innerhalb der PCI Minderheiten auf, die zu den echten Klassenpositionen zurückkehren wollten. Man stieß vor allem wieder auf Marx, während Lenin damals weniger gelesen wurde. Auch Rosa Luxemburg wurde entdeckt.
Damals sollte die Erfahrung der Quaderni Rossi, eine innerhalb der PCI aktive Gruppe, zu einem Bezugspunkt werden. Sie war um Raniero Panzieri entstanden und veröffentlichte in der Zeit ihres Bestehens zwischen 1961-66 nur sechs Ausgaben einer Zeitschrift, die aber bei dem theoretischen Nachdenken der Linken in Italien eine gewaltige Rolle spielen sollte. Die Wurzeln der Strömung des Operaismus, auf den wir später näher eingehen werden, sind in dieser Gruppe zu finden. Die beiden Hauptgruppen des Operaismus in Italien, Potere Operaio und Lotta Continua, stammen aus diesem Umfeld. Bei den Quaderni Rossi wurde „Das Kapital“ von Marx „neu gelesen“; man befasste sich mit den „Grundrissen“ und fing an die neue Zusammensetzung der Arbeiterklasse zu untersuchen. „(…) Quaderni Rossi, die Zeitschrift Raniero Panzieris, Vittorio Foas, Mario Trontis und Alberto Asor Rosas, stand zwischen 1961-66 an der Spitze der politischen Intuition, die sich im Mittelpunkt der politischen Linie Lotta Continuas befand. Die Revolution wird nicht aus den Wahlurnen oder den Parteien hervorgehen (…); es geht um die freie Äußerung der Antagonismen zwischen Arbeitern und Ausbeutung; ein Antagonismus, der nicht durch die Betriebsabkommen und die Reformen kanalisiert werden kann, sondern eher aus den Händen der Gewerkschaftsaktivisten und der Ingenieure gerissen werden und auf die Perspektive der Kontrolle der Produktion und der globalen Umwälzung des Systems ausgerichtet sein muss ”[11].
Panzieri verfolgte das Projekt der Bündelung von verschiedenen, auch voneinander weit entfernten Tendenzen und Standpunkten, obwohl die Bedingungen für solch ein Projekt damals aufgrund der Konterrevolution noch nicht vorhanden waren. So „zog sich Anfang 1962, als gerade die Debatte über die erste Ausgabe der Zeitung begann, die Gruppe der Gewerkschaftsaktivisten zurück. Im Juli 1962 traten auch die ersten „Interventionisten“ (welche später die Zeitung „Gatto Selvaggio – Wildcat, Wilde Katze herausgaben) nach den Ereignissen des Piazza Statuo aus“. [12]
Neben der Erfahrung der Quaderni Rossi ist eine andere, wenn auch weniger wichtige politische Erfahrung in der Region Venedig, Progresso Veneto, erwähnenswert. Eine Persönlichkeit, die später sehr berühmt werden sollte, sollte die Brücke zwischen den beiden bauen – Toni Negri. Er begann seinen politischen Werdegang als Kommunalabgeordneter in Padua. Progresso Veneto, zwischen Dezember 1961 und März 1962 aktiv, war ein Ort, wo der in Venedig geprägte Operaismus entstand mit einer besonderen Verbindung zum Industriegürtel Porto Marghera. Quaderni Rossi und Progresso Veneto arbeiteten eine gewisse Zeit lang symbiotisch zusammen, bis die Gruppe aus Venedig sich im Juni 1963 zwischen Operaisten und Sozialisten, die eher der Partei treu blieben, spaltete.
Aber die wichtigste Spaltung fand 1964 innerhalb von Quaderni Rossi statt. Aus der Ursprungsgruppe traten Mario Troni, Alberto Asor Rosa, Massimo Cacciari, Rita DiLeo und andere aus, um Classe Operaia (Arbeiterklasse) zu gründen. Während Panzieri weiterhin fixiert blieb auf soziologische Untersuchungen, die keinen wirklichen Einfluss auf die Wirklichkeit hatten, zielte Classe Operaia auf eine Präsenz und einen unmittelbaren Einfluss in der Arbeiterklasse, weil man die Zeit dafür reif hielt. „Aus unserer Sicht erschien ihr Wirken als eine intellektuelle Spitzfindigkeit gegenüber dem, was wir als ein dringendes Bedürfnis ansahen, d.h. der Gewerkschaft einzutrichtern, dass diese ihre Rolle erfüllen sollte, und der Partei aufzuzeigen, wie sie die Revolution machen sollte.“ [13]
Ein Teil der Operaisten um Progresso Veneto trat Classe Operaia bei, die nunmehr von Mario Tronti geführt wurden. Zumindest anfangs beteiligten sich Negri, Cacciari und Ferrari Bravo. Aber die neue Zeitschrift stand selbst vor Schwierigkeiten: die Redaktion von Classe Operaia aus Venedig fing langsam an, sich von Rom zu distanzieren. Während die Mitglieder aus Rom sich der Mutterpartei PCI näherten, gründeten die Venezianer Potere Operaio, die anfangs als Beilage zu Classe Operaio als eine Sammlung von Flugblättern erschien. Classe Operaia fing 1965 an zusammenzubrechen; aber die letzte Ausgabe erschien noch im März 1967. Im gleichen Moment wurde Potere Operaio als eine politische Zeitschrift der Arbeiter von Porto Marghera gegründet [14].
Neben Quaderni Rossi und seinen verschiedenen Epigonen bestand in Italien ein dichtes Netz von Initiativen, die Texte verschiedenster Art herausbrachten, manchmal aus spezifisch kulturellen Bereichen wie dem Film oder Literatur, die nach und nach mehr politisches Gewicht und einen militanten Charakter erlangten. Zeitschriften wie Giovane Critica, Quaderni Piacentini, Nuovo Impegno, Quindici, Lavoro Politico sind auch Ausdrücke und Bestandteile dieser Reifung, die zu den Ereignissen der Jahre 1968-69 führten.
Die langjährige politische Arbeit vor dem „Heißen Herbst“ wird also ersichtlich. Zumindest unter einer Minderheit reiften politische Ideen heran und auch – wenn auch noch sehr beschränkt – das Erbe der Klassiker des Marxismus wurde wieder aufgegriffen. Aber man muss unterstreichen, dass die Gruppierungen, die zu den bedeutendsten politischen Strömungen in den 1970er Jahren wurden, noch sehr stark verwurzelt waren in der Politik der alten PCI, und dass sie sich zu einer Zeit vor der großen Explosion der Kämpfe von 1969 und der Studentenkämpfe von 1968 entwickelten. Die stalinistische Partei als Ausgangs- und Referenzpunkt zu nehmen, auch wenn dies negativ in Form einer Kritik an derselben geschah, stellte, wie wir sehen werden, die größte Beschränkung der Erfahrung der operaistischen Gruppen und für die Bewegung der damaligen Zeit dar.
Auf gesellschaftlicher Ebene war wahrscheinlich der entscheidende Faktor der Entwicklung der Lage das starke Wachstum der Arbeiterklasse in den Jahren des Wirtschaftswunders auf Kosten vor allem der Landbevölkerung und der peripheren Gebiete des Südens. „Zusammengefasst gesagt, stehen wir vor einer Elite von hoch qualifizierten Arbeitern, die von einer großen Mehrzahl von unqualifizierten Arbeitern umgeben sind, die mit einer hohen Arbeitsgeschwindigkeit arbeiten. Manche Arbeitsschritte dauern nur wenige Sekunden, jeweils unter einer strengen Zeitkontrolle, alles im Akkord und ohne eine Perspektive beruflichen Aufstiegs.“ [15]. Diese neue Generation Arbeiter aus dem Süden war noch nicht mit Fabrikarbeit vertraut und somit nicht ihren Zwängen unterworfen. Viele Beschäftigte waren noch sehr jung und arbeiteten zum ersten Mal. Gewerkschaften kannten sie nicht; vor allem aber hatten sie nicht unter den Niederlagen der vorausgehenden Jahrzehnte, dem Krieg, dem Faschismus, der Repression gelitten, sondern brachten nur Fragen derjenigen auf, die eine neue Welt entdeckten und sie nach ihren Vorstellungen umwandeln wollten. Diese „neue“, junge, unpolitisierte und nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiterklasse, die unbelastet war vom Ballast der Geschichte, sollte die Geschichte des Heißen Herbstes mit prägen.
Die Arbeiterkämpfe des Heißen Herbst zeichneten sich durch bedeutsame Vorstufen in Form von wichtigen Kämpfen Anfang der 1960er Jahre aus: die Straßenproteste im Juli 1960 und die Zusammenstöße auf dem Piazza Statuto im Juli 1962 in Turin.
Auch wenn diese beiden Episoden zeitlich weit vor 1968-69 liegen, waren sie wichtige Vorbedingungen der späteren Bewegung. Damals machte die Arbeiterklasse zum ersten Mal Erfahrung mit dem Staat.
Die Bewegungen des Juli 1960 fingen mit dem Protest gegen die Abhaltung des Kongresses der Neofaschistischen Partei in Genua an, als sich eine Reihe von Protesten in ganz Italien ausbreitete, die gewalttätig niedergeschlagen wurden. „In San Ferdinando di Puglia waren die Arbeiter zur Durchsetzung ihrer betrieblichen Forderungen in den Streik getreten, wie es auch später in ganz Italien geschah. Die Polizei griff sie gewalttätig und bewaffnet an: drei Arbeiter wurden schwer verletzt. In Licata, in der Gegend um Agrigento, kam es zu einem Generalstreik gegen die Arbeitsbedingungen. Am 5. Juli schossen Polizei und Carabinieri auf den vom Christdemokratischen Bürgermeister Castelli angeführten Protestzug. Der 25jährige Händler Vicenzo Napoli, wurde durch einen Gewehrschuss getötet. (…) Am nächsten Tag bewegte sich ein Protestmarsch auf den örtlichen Heiligenschrein von Porta San Paolo zu, der letzten Bastion der Verteidigung Roms gegen die Nazis; die Teilnehmer wurden heftig verprügelt. (…) Ein neuer Generalstreik brach aus. Darauf hin reagierte die Regierung ganz wütend und ordnete den Schusswaffengebrauch an : in Reggio Emiliale wurden am 7. Juli fünf Menschen erschossen und 22 verletzt. (…) Als erstes starb der 22jährige Lauto Ferioli. Neben ihm stark kurz danach Mario Serri, 40 Jahre, früher Partisan. Sie wurden von zwei Polizisten erschossen, die sich in Bäumen versteckt hatten. (…) Durch Maschinenpistolen starb kurz danach der 30 Jahre alte Emilio Reverber. Während die wütende Stimme eines Kommissars aufgezeichnet wurde, der lauthals schrie „schießt auf die Menge“, wurde Afro Tondelli, 35 Jahre, erschossen. Wie Photos belegen, wurde er kaltblütig durch einen Polizisten erschossen, der sich, um genauer treffen zu können, auf den Boden gekniet hatte.“ 16 [45].
Die Ordnungskräfte gingen wie wir sehen können, rücksichtslos gegen die Armen und Proletarier vor, die ihre Forderungen vortrugen. Zwei Jahre später schlug die Polizei erneut bei den Zusammenstößen auf dem Piazza Statuto in Turin blutig zu, nachdem diese Bewegung durch eine Reihe von rein ökonomischen Forderungen ausgelöst worden war. Die UIL und SIDA, die schon damals deutlich gezeigt hatten, auf wessen Seite sie standen, unterzeichneten in aller Eile mit der Geschäftsleitung von Fiat Verträge, die große Benachteiligungen der Beschäftigten mit sich brachten. „6000-7000 empörte Beschäftigte, versammelten sich, nachdem sie vom Abkommen erfahren hatten, nachmittags auf dem Piazza Statuto gegenüber dem Sitz der UIL. Zwei Tage lang kam es auf dem Platz zu heftigen Zusammenstößen zwischen den Protestierenden und der Polizei. Die Ersten schlugen Schaufenster mit Stöcken und Ketten ein, errichteten primitive Barrikaden und griffen immer wieder die Polizeikräfte an. Diese schlug wiederum gewalttätig zurück; der Platz wurde mit Tränengas ‚überflutet‘, mit Gewehrkolben prügelte man auf die Demonstranten ein. Die Zusammenstöße zogen sich bis spät abends hin, sowohl am Samstag, den 7. Juli wie auch am Montag, den 9. Juli 1962. Die Führer der PCI und der CDIL, darunter Pajetta und Garavini, versuchten vergeblich die Demonstranten dazu zu bewegen, sich zu zerstreuen. Tausend Demonstranten wurden verhaftet und mehrere von ihnen verurteilt. Der größte Teil von ihnen waren junge Arbeiter, die meisten stammten aus dem Süden.“ 17 [45].
Dario Lanzardo (18 [45]) hat einen klaren Bericht dieser Tage erstellt, dabei offizielle Zeugenaussagen zu den sinnlosen Gewalttätigkeiten der Polizei und der Carabinieri gesammelt, die sich nicht nur gegen die Demonstranten richteten, sondern auch gegen Personen, die sich zufälligerweise in der Nähe des Piazza Statuto befanden. Wenn man all die Massaker durch die Ordnungskräfte seit dem Ende des Krieges bis zum Heißen Herbst gegen die Proteste der kämpfenden Arbeiter berücksichtigt, kann man deutlich den Unterschied erkennen zwischen der finsteren Zeit der Konterrevolution – während der die Bourgeoisie vollkommen freie Hand hatte, um gegen die Arbeiterklasse vorzugehen, wie sie wollte – und der Phase des Wiedererstarkens der Kämpfe, während der es für die Herrschenden ratsamer war, zunächst die Waffe der ideologischen Verschleierung und die Sabotage durch die Gewerkschaften einzusetzen. Mit dem Heißen Herbst, der als ein Ausdruck des national und international wiedererstarkenden Klassenkampfes angesehen werden kann, änderte sich das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen sowohl im Lande als auch international. Dies und nicht irgendwie eine angebliche Demokratisierung der Institutionen ist der Schlüssel zum Begreifen der neuen historischen Phase, die Anfang der 1960er Jahre einsetzte. Aus dieser Sicht verdeutlicht die Position der PCI zu den Zusammenstößen haargenau die bürgerliche politische Position dieser Partei, die sie seit mindestens vier Jahrzehnten vertrat: „…L’Unità vom 9. Juli bezeichnete die Revolte als „Versuche der Provokation durch Hooligans“ und die Demonstranten als „unkontrollierte und verzweifelte Leute“, als „kleine Gruppe von Unverantwortlichen“, „junge Gangster“ und „Anarchisten, Internationalisten“ 19 [45].
Vom Heißen Herbst zu sprechen ist eher zu eng betrachtet, wenn man eine historische Episode betrachtet, deren Wurzeln wie eben gesehen lokal und international schon seit Jahren gewachsen waren. Die Bewegung hat ja auch nicht nur eine Jahreszeit gedauert, wie z.B. im französischen Mai 1968, sondern sie dauerte auf hohem Niveau von 1968-1969 mindestens zwei Jahre, mit Ausläufern, die bis Ende 1973 zu spüren waren.
Während dieser beiden Jahre und selbst danach war die proletarische Bewegung zutiefst geprägt von der Explosion der Studentenproteste 1968 in Italien. Deshalb müssen wir auf jede Episode zurückkommen, um deren schrittweise und beeindruckende Entwicklung zu verfolgen, die Reifung des Klassenkampfes, der damals in Italien wieder auf die Bühne der Geschichte trat.
In den Schulen und vor allem den Universitäten waren die Zeichen der sich ändernden historischen Phase auffällig. Der Wirtschaftsboom, der sich in Italien wie auch in anderen Ländern der Welt nach dem 2. Weltkrieg entwickelt hatte, hatte den Lebensstandard der Arbeiterfamilien verbessert und die Beschäftigtenzahl stark ansteigen lassen. Jugendliche aus den weniger begünstigten Sozialschichten erhielten nun Zugang zu den Universitäten, um sich beruflich und kulturell besser zu bilden, was ihnen einen gesellschaftlichen Aufstieg im Vergleich zu ihren Eltern erlaubte. Aber dieser Zustrom von benachteiligten sozialen Schichten in die Universität bewirkte nicht nur eine Umwälzung der sozialen Zusammensetzung der Studentenschaft, sondern sie führte auch zu einer gewissen Abwertung der Universitätsabschlüsse. Denn nunmehr wurden sie nicht mehr ausgebildet, um wie früher eine Führungsrolle zu übernehmen, sondern um sich in den Produktionsprozess – auf industrieller und kommerzieller Ebene – einzugliedern, wo der Spielraum für die Initiative des Einzelnen immer eingeschränkter wurde.
Dieser sozialkulturelle Rahmen liefert zumindest zum Teil eine Erklärung für die Jugendbewegung zu jener Zeit: eine Infragestellung der Dogmenlehren, die von einer Kaste von Universitätsmandarinen mit mittelalterlichen Methoden beherrscht wurde, der Meritokratie, der gesellschaftlichen Zersplitterung, und eine Kritik der als vergreisend angesehenen und auf sich selbst zurückgezogenen Gesellschaft.
Die Studentenproteste fingen schon im Februar 1967 mit der Besetzung des Campana-Palastes in Turin an, wo sich die Bewegung schrittweise auf andere Universitäten ausgedehnt hatte, z.B. die Uni Pisa, die Soziologische Fakultät Trient, die katholische Fakultät Mailand, um schließlich den Süden zu erfassen. Die Bewegung dauerte monatelang fort, bis sie schließlich 1968 explodierte. Damals gab es noch nicht die Gruppen, die später in den 1970er Jahren viel Gehör fanden. Jedoch entstanden damals die verschiedenen Strömungen unterschiedlicher politischer Couleur, die die Grundlage für die Entstehung dieser Gruppen lieferten. Zu den prägendsten gehörte damals die Erfahrung in Pisa, wo eine größere Gruppe von Leuten aktiv war, die eine Zeitung "Il Potere Operaio" veröffentlichte (genannt Pisa, um sie nicht mit der anderen zu verwechseln, die aus Classe Operaia hervorgegangen war). Il Potere Operaia war in Wirklichkeit eine Arbeiterzeitung, da sie als eine Fabrikzeitung bei Olivetti Ivrea veröffentlicht wurde. Die Gruppe aus Pisa, zu denen die später berühmtesten Führer der damaligen Zeit gehörten, hob sich durch ihren Bezug auf die Arbeiterklasse und die Intervention in ihren Reihen hervor. Im Allgemeinen gab es in der ganzen damaligen Studentenbewegung die Tendenz, sich der Arbeiterklasse zuzuwenden und sie zu ihrem Hauptbezugspunkt und zum idealen Partner zu machen, auch wenn dies mit unterschiedlicher Betonung in der Studentenbewegung der damalaigen Zeit geschah. Die Studentenproteste dehnten sich auf die meisten Städte aus. Oft zogen Delegationen von Studenten regelmäßig vor die Fabriken, um dort Flugblätter zu verteilen, und um allgemein ein Bündnis mit der Welt der Arbeit herzustellen, die mehr und mehr als die Welt anerkannt wurde, der man zugehörte. Diese Identifizierung der Studenten als ein Teil der Arbeiterklasse wurde damals gar von einigen Leuten der stärker operaistischen Bewegung theoretisiert.
Wie gesagt war 1968 auch ein Auftakt für wichtige Arbeiterkämpfe in Italien: "Im Frühjahr 1968 flammte in ganz Italien eine Reihe von Kämpfen in den Betrieben auf, die sich alle um Lohnforderungen für alle Beschäftigten drehten, welche die "mageren" Abschlüsse des Jahres 1966 ausgleichen sollten. Zu den ersten Betrieben, die in Bewegung gerieten, gehörten Fiat, wo die Arbeiter in den wichtigsten Kampf seit 14 Jahren eintraten, und Mailand, wo bei Borletti, Ercole Marelli, Magneti Marelli, Philips, Sit SIEMENS, Innocenti, Autelco, Triplex, Brollo, Raimondi, Mezzera, Rhodex, Siae Microelettronica, Seci, Ferrotubli, Elettrocondutture, Autobianchi, AMF, Fachini, Tagliaferri, Termokimik, Minerva, Amsco und zwanzig anderen kleinen Betrieben Kämpfe ausbrachen. (…) Anfangs wurde der Kampf von den alten Aktivisten und den von Außen kommenden Gewerkschaftern geführt, somit eher ziemlich autoritär geleitet, aber nach einem Monat hatten sich junge Arbeiter durchgesetzt, die "die Gewerkschafter und die Mitglieder der CI .[20] hinsichtlich der Art und Weise, wie sie den Kampf führten und hinsichtlich der verschiedenen Schritte heftig kritisierten". Dadurch ändert sich die Form der Mobilisierung qualitativ. Sehr entschlossene Streikposten wurden gebildet, Umzüge innerhalb der Werke abgehalten, um die anderen Beschäftigten zum Streik aufzufordern. Einmal haben diese Arbeiter spontan einen Streik um mehrere Stunden verlängert; dadurch wurden die Gewerkschaften gezwungen, ihn zu unterstützen. Dieser frische Wind, der von der Jugend ausging, ermöglichte eine massive Beteiligung am Kampf. Die Zahl der Streikstunden stieg immer mehr. In ganz Sesto San Giovanni kam es zu immer mehr Demonstrationen. Dabei wurde die Eingangstür des Hauptsitzes der Firma aufgestoßen. Die Streiks gingen weiter, obwohl die Assolombarda als Vorbedingung für den Beginn von Verhandlungen das Ende der Streiks forderte: Alle Arbeiter beteiligten sich am Streik, wogegen kaum ein Angestellter teilnahm." 21 [45]
Von da an zog die Bewegung weiter an: "Die Bilanz von 1969 bei Fiat gleicht einer Kriegsberichterstattung: 20 Millionen Streikstunden, der Verlust von 227.000 nichtproduzierten PKW, ein Verkaufsanstieg von 37% an ausländischen PKW." 22 [45]
Mit den Kämpfen des Heißen Herbstes ändert sich das Kräfteverhältnis in den Betrieben grundlegend. Die ausgebeuteten und durch die Arbeitsrhythmen, Kontrollen, ständigen Sanktionen gedemütigten Arbeiter gerieten in einen alltäglichen Konflikt mit den Arbeitgebern. Schnell kommt es zu einer Verweigerung der Arbeit, was darauf hinausläuft, sich der Strategie der Betriebe zu unterwerfen, und die eigenen Interessen als Lohnabhängige entschlossen zu verteidigen. Daraus entstand eine neue Streiktaktik, die darauf hinausläuft, durch eine möglichst geringe Zahl von Streikenden einen größtmöglichen Schaden für die Arbeitgeber hervorzurufen. Es kam zu wilden Streiks, an denen sich nur wenige Arbeiter beteiligten, von denen aber der komplette Produktionskreislauf abhing. Indem die Streikenden sich gegenseitig abwechselten, gelang es, Betriebe mit möglichsten geringen Kosten für die Arbeiter zu blockieren.
Ein anderer Ausdruck des geänderten Kräfteverhältnisses zwischen der Arbeiterklasse und den Arbeitgebern war die Erfahrung der Umzüge innerhalb der Betriebe. Anfangs fanden diese Kundgebungen innerhalb der Gänge und der Wege auf dem Fiat-Werksgelände und in anderen Großbetrieben statt, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Später wurden sie zu Mitteln, um die zögernden Beschäftigten, insbesondere die Angestellten, davon zu überzeugen, sich dem Streik anzuschließen. "Die Umzüge innerhalb der Werke zogen immer zu den Karosserieabteilungen, oft zu den Lackierabteilungen. Sobald man hörte, dass irgendeine Abteilung die Arbeit aufgenommen habe, oder dass man nicht-Streikende im Büro 16, dem Frauenbüro, zusammengezogen habe, haben wir uns alle gesammelt und sind dorthin gezogen. Wir haben alle Leute mitgeschleppt. Bei Mirafiori gibt es ganz viele Gänge auf dem Gelände, und an den engen Stellen konnte niemand durch. Bald war dies nicht mehr nötig: sobald man uns sah, verlangsamten die Leute die Bandgeschwindigkeit und schlossen sich uns an." (23 [45])
Was die Vertretung der Arbeiter anging, so war für diesen Zeitraum der Slogan kennzeichnend: "Wir sind alle Delegierte", was darauf hinauslief, jegliche Vermittlung durch Gewerkschaften zu verwerfen und den Arbeitgebern direkt durch den Kampf gegenüberzutreten. Es ist wichtig, zu sehen, wie sich dieser Slogan in allen Kämpfen verbreitete und damals jahrelang den Klassenkampf prägte. Diese Erfahrung war sehr kostbar, insbesondere gegenüber den Zweifeln, die manchmal proletarische Minderheiten äußerten, die einen Kampf außerhalb der Gewerkschaften anfangen wollten, aber nicht wussten, was sie tun sollten, da sie nicht durch den Staat anerkannt wurden.
Das war nicht das Problem der Arbeiter damals im Heißen Herbst: wenn nötig kämpften und streikten sie außerhalb der Gewerkschaften und gegen deren Anweisungen. Aber sie verfolgten nicht immer ein unmittelbares Ziel. In dieser Phase war der Kampf der Arbeiter ein Ausdruck der enormen Kampfbereitschaft, eines lange unterdrückten Willens, den Einschüchterungen der Arbeitgeber entgegenzutreten. Unmittelbare Ziele waren nicht dringend erforderlich, damit dieser Wille sich äußerte; sondern der Wille selbst suchte seinen Ausdruck, schuf ein Kräfteverhältnis und änderte langsam die Geisteshaltung in der Arbeiterklasse. Die Gewerkschaften waren bei all dem nur vorübergehend präsent. In Wirklichkeit waren die Gewerkschaften wie die Herrschenden in diesen Jahren aufgrund des Drucks der Arbeiterkämpfe beiseite gedrängt worden. Sie machten das einzige, was sie machen konnten: Versuchen, an der Spitze der Bewegung zu bleiben, den Kopf über Wasser zu halten, der Bewegung hinterherzulaufen und von ihr nicht zu sehr überrollt zu werden. Übrigens war die heftige Reaktion der Arbeiterklasse auch ein Ausdruck einer mangelnden Verwurzelung der Gewerkschaften in der Arbeiterklasse und damit ihrer Fähigkeit, die Kampfbereitschaft der Arbeiter zu vereiteln oder zu blockieren, während ihnen das heute gelingt. Das hieß aber nicht, dass es damals ein tiefgreifendes Bewusstsein über die arbeiterfeindliche Rolle der Gewerkschaften gab. Die Arbeiter reagierten trotz der Haltung der Gewerkschaften nicht gegen sie, sondern weil es wichtige Schritte vorwärts bei der Bewusstseinsentwicklung gab, wie das Vereinigte Basiskomitee (CUB) aus Mailand zeigte: "Die Gewerkschaften sind "professionelle Verhandler", die mit den sogenannten Arbeiterparteien den Weg der Reformen eingeschlagen haben, d.h. den Weg der globalen und endgültigen Übereinstimmung mit den Arbeitgebern." 24 [45]
In den Jahren 1968-69 gab es eine Reihe von Arbeiterkämpfen und Protesten, mit Augenblicken großer Spannung wie in den Kämpfen in Syracusa, die zu den Zusammenstößen von Avola 25 [45], führten oder denen in Battipaglia, die sehr gewalttätige Zusammenstöße auslösten.26 [45]. Aber die Zusammenstöße des Corso Traiano in Turin im Juli 1969 stellten sicherlich eine historische Stufe in dieser Dynamik dar. Damals wurde eine wichtige Etappe durchschritten: das Zusammenströmen von Arbeiterbewegung und der Avantgarde der Studenten. Den Studenten, die über mehr Zeit verfügten und mobiler waren, gelang es, einen wichtigen Beitrag beim Kampf der Arbeiterklasse zu leisten, die vor allem mit der jungen Generation an ihrer Spitze sich mehr der Entfremdung bewusst wurde, und den Willen zeigte, die Lohnsklaverei in der Fabrik zu überwinden. Die Verbindung zwischen diesen beiden Welten brachte einen großen Auftrieb für die 1969 stattfindenden Kämpfe, insbesondere für die des Corso Traiano. Wir zitieren ausführlich aus einem Flugblatt einer Arbeiterversammlung in Turin, das am 5. Juli verfasst wurde, weil es nicht nur einen ausgezeichneten Eindruck von dem vermittelt, was damals stattfand, sondern auch von großer politischer Qualität ist. "Der 3. Juli war kein isolierter Augenblick oder eine unkontrollierte Explosion der Revolte. Der Tag war ein Gipfel nach 50 Tagen Kämpfen, wo viele Arbeiter zusammenkamen, den Produktionszyklus vollständig blockierten, und wo nun der höchste Punkt politischer und organisatorischer Autonomie erreicht wurde, womit die Fähigkeit der Gewerkschaften, die Kämpfe zu kontrollieren, zerstört wurde.
Nachdem sie ganz von den Kämpfen beiseite gedrängt worden waren, versuchten die Gewerkschaften den Kampf außerhalb der Fabriken umzulenken, um ihn somit wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie zu einem 24-stündigen Generalstreik mit Mietboykott aufriefen. Aber erneut konnten die Arbeiter die Initiative behalten. Symbolische Streiks, die zu einem Urlaubstag werden, und sich auf einige Umzüge hier und dazu beschränken, dienen nur den Bürokraten. Der Generalstreik wird dann zu einem Werkzeug der Arbeiter, wenn sie sich vereinigen, um die in den Fabriken geführten Kämpfe auszudehnen. Die Medien weigerten sich über die Ereignisse bei Fiat zu berichten oder verbreiteten darüber Lügen. Der Augenblick war gekommen, dieses Schweigen zu brechen, aus der Isolierung herauszutreten, allen die Erfahrung der Arbeiter der Mirafiori mitzuteilen. Hunderte Arbeiter und Studenten beschlossen in einer Versammlung einen großen Umzug am Tag des Streiks zu organisieren, der von Mirafiori aus starten würde und sich dann in die Wohnviertel der Arbeiter begeben sollte, um zu einem Zusammenschluss der Arbeiter aller Betriebe zu führen. (…) Aber das war den Bossen zu viel. Noch bevor der Umzug sich aufstellte, stürzte sich eine Reihe von Schlägern und Polizisten ohne irgendeine Warnung auf die Menge, schlug auf sie ein, verhaftete Teilnehmer, schoss mit Tränengas (...) Innerhalb kürzester Zeit wehrten sich dagegen nicht nur die Avantgarde der Studenten und Arbeiter, sondern die ganze Arbeiterbevölkerung des Stadtviertels. Barrikaden wurden errichtet, den Angriffen durch die Polizei wurde mit Angriffen gegen die Polizei geantwortet. Stundenlang dauerte die Schlacht, die Polizei war schließlich zum Rückzug gezwungen. (…)
Bei diesem Prozess wurden die Kontrolle und die Vermittlung durch die Gewerkschaften über Bord geworfen. Neben den gesteckten Teilzielen bedeutete der Kampf:
- die Verwerfung der kapitalistischen Arbeitsorganisation,
- die Verwerfung der Verknüpfung der Löhne mit den Produktionserfordernissen der Unternehmer
- die Verwerfung der Ausbeutung in und außerhalb der Betriebe.
Die Streiks, Umzüge und Betriebsversammlungen haben die Spaltungen unter den Arbeitern überwunden und die selbständige Klassenorganisierung vorangetrieben, die sich dabei die Ziele setzte:
- Immer die Initiative in den Betrieben gegenüber den Gewerkschaften zu behalten,
- Erhöhung des Grundlohns für alle um 100 Lira,
- Höhereinstufungen für alle,
- Arbeitszeitverkürzungen.
(…) Der Kampf der Beschäftigten von Fiat hat damit die Ziele der vorangegangenen Jahre noch massiver verdeutlicht, indem die Kämpfe sich auf die großen Arbeiterkonzentrationen in Italien, von Milano bis Porto Marghera, Ivrea bis Valdagno ausdehnten. Diese Ziele waren :
- eine starke Steigerung des Grundlohns für alle,
- Abschaffung der Eingruppierungen,
- Unmittelbare und drastische Kürzung der Arbeitszeit ohne Lohnverlust,
- Unmittelbare und vollständige Gleichstellung zwischen Arbeitern und Angestellten. » 27 [45]
Wie schon erwähnt wies dieses Flugblatt eine Reihe von Stärken des Heißen Herbst auf. Zunächst die Idee der Gleichheit, d.h. die Lohnerhöhungen sollten alle erhalten, unabhängig von der Lohngruppe, und keine Verknüpfung mit der Produktivität. Schließlich Verkürzung der Arbeitszeit, mehr Freizeit für die Beschäftigten, um ein wirkliches Leben nach der Arbeit zu haben, um Politik machen zu können usw. Deshalb die Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit und die Verwerfung der Akkordarbeit. Im gleichen Flugblatt wird berichtet, dass die Turiner Arbeiter in einer Vollversammlung nach den Zusammenstößen vom 3. Juli allen Arbeitern in Italien vorgeschlagen haben, eine neue Phase radikalerer Kämpfe einzuleiten, die den Zusammenschluss der Arbeiter anhand der von den Arbeitern selbst formulierten Forderungen vorantreibt und die ganze politische Erfahrung aus den bisherigen Kämpfen zusammenträgt.
Zu diesem Zweck wurde zu einer nationalen Versammlung der Komitees und Arbeiteravantgarden in Turin aufgerufen:
1. Um die verschiedenen Kampferfahrungen anhand der Bedeutung des Kampfes bei Fiat auszuwerten und zusammenzutragen.
2. Die Ziele der neuen Phase von Klassenauseinandersetzungen festzulegen, die ausgehend von den materiellen Bedingungen der Arbeiter, die ganze kapitalistische Gesellschaft erschüttern sollten.
Am 26./27. Juli fand im Palasport Turin eine « nationale Versammlung der Arbeiteravantgarden » statt. Arbeiter aus ganz Italien berichteten über Streiks und Demonstrationen, sprachen über und trugen Forderungen vor wie die Abschaffung der verschiedenen Lohngruppen, die Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, (absolute und keine relativen) Lohnerhöhungen für alle und Anerkennung der Gleichstellung mit den Angestellten. « Die ganze Industrie Italiens war anwesend : in der Reihenfolge der Wortmeldungen : Mirafiori, die Petrochemie aus Marghera, Dalmine und Nuovo Pignone de Massa, Solvay aus Rossignano, Muggiano aus La Spezzia, Piaggio aus Pontedera, l’Italsider aus Piombino, Saint Gobain aus Pisa, Fatme, Autovox, Sacet und Voxon aus Rom, SNAM, Farmitalia, Sit Siemens, Alfa Romeo und Ercole Marelli aus Mailand, Ducati und Weber aus Bologna, Fiat aus Marina di Pisa, Montedison aus Ferrara, Ignis aus Varese, Necchi aus Pavia, Sir aus Porto Torres, Techniker des italienischen Fernsehens RAI aus Mailand, Galileo Oti aus Florenz, die Einheitsbasiskomitees Pirelli, das Arsenal aus La Spezzia. 28 [45].
Was man nie zuvor gesehen hatte, eine nationale Zusammenkunft der Arbeiteravantgarden aus ganz Italien. Es war ein Moment, wo sich die Arbeiterklasse behaupten konnte, der nur in einer Phase stark ansteigender Kampfbereitschaft wie im Heißen Herbst zustande kommen konnte. Die nachfolgenden Monate, die später als « Heißer Herbst » in die Geschichte eingegangen sind, verliefen nach dem gleichen Schema. Zahlreichen Kampfepisoden, von der es eine sehr interessante Photosammlung auf der Webseite von La Repubblica 29 [45] gibt, folgten einer nach der anderen. Hier ein nicht vollständiger Ausschnitt :
2/09 : Streik der Arbeiter und Angestellten von Pirelli für Produktionsprämien und das Recht auf Gewerkschaftseintritt. Bei Fiat traten die Arbeiter der Abteilung 32 und 33 in Mirafiori entgegen den gewerkschaftlichen Anweisungen in den Kampf.
4/09 : Agnelli, der Fiat-Boss setzte 30.000 Beschäftigte auf die Straße;
5/09 : der Versuch der Gewerkschaftsführung, die kämpferischsten Fiat-Beschäftigten zu isolieren, scheitert. Agnelli wurde dazu gezwungen, die Arbeiter wieder einzustellen.
6/09 : mehr als zwei Millionen Metaller, Bauarbeiter und Beschäftigte der chemischen Industrie traten für neue Tarife in den Kampf.
11/09 : nach dem Abbruch der Metalltarifverhandlungen am 8. September traten eine Million Metaller in ganz Italien in den Streik. In Turin blockierten 100.000 Arbeiter die Produktion bei Fiat.
12/09 : landesweiter Streik der Bauarbeiter, alle Baustellen im Land wurden dichtgemacht. Demo der Metaller in Turin, Mailand, Tarento.
16-17/9 : landesweiter 48-stündiger Streik der Chemiearbeiter, landesweiter Streik in der Zementindustrie und erneuter Streik der Bauarbeiter
22/9 : Demonstration von 6.000 Beschäftigten von Alfa Romeo in Mailand. Metallarbeiterstreik in Turin, Venedig, Modena und Cagliari.
23-24/9 : neuer landesweiter 48-stündiger Streik der Beschäftigten der Zementindustrie
25/9 : Lock-out bei Pirelli, unbegrenzte Aussperrung von 12.000 Arbeitern. Die unmittelbare Reaktion der Beschäftigten war die Blockierung alle Betriebe der Firma.
26/9 : Metaller-Demo in Turin, wo ein Protestzug von 50.000 Arbeitern von Fiat ausgeht. Generalstreik in Mailand und Demonstration Hunderttausender Arbeiter, die Pirelli zur Beendigung der Aussperrung zwingen. Zehntausende Arbeiter protestieren in Florenz und Bari.
29/9 : Demo der Beschäftigten der Metall,- chemischen und Bauindustrie in Porto Marghera, Brescia und Genua ;
30/9 : Bauarbeiterstreik in Roma, Demo von 15.000 Metallern in Livorno,
7/10 : Metallerstreik in der Provinz Mailand, 100.000 Arbeiter strömen in 9 Zügen auf dem Domplatz zusammen ;
8/10 : Landesweiter Generalstreik der Beschäftigten der chemischen Industrie. Streik in der Region Terni. Metallerdemo in Rom, Sestri, Piombino, Marina Pisa und Aquila ;
9/10 : 60.000 Metaller streiken in Genua, Generalstreik in Friol und im Raum Venedig.
10/10 : zum ersten Mal findet eine Vollversammlung in den Betriebshallen der Fiat-Mirafiori-Werke statt. Auch in anderen Betrieben kommt es zu Vollversammlungen und Umzügen. Die Polizei beschießt die Arbeiter von außerhalb der Werkzäune. Streik bei Italsider Bagnoli gegen die Suspendierung von fünf Arbeitern;
16/10 : Beschäftigte der Krankenhäuser, Eisenbahnen, Post, Kommunalverwaltungen und Tagelöhner treten in Tarifstreiks ein. Generalstreiks in Palermo und Matera.
22/10 : in 40 Fabriken in Mailand wird den Arbeitern das Recht auf Abhaltung von Vollversammlungen zugestanden.
8/11 : Tarifabschluss in der Bauindustrie. 13% Lohnerhöhungen für die unteren Lohngruppen, schrittweise Reduzierung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, das Recht auf Abhaltung von Versammlungen auf den Baustellen werden zugestanden;
13/11 : sehr heftige Zusammenstöße zwischen Arbeitern und der Polizei in Turin ;
25/11 : Generalstreik in der chemischen Industrie
28/11 : Hunderttausende Metaller kommen in Rom zu einer sehr kämpferischen und einer der größten Demos in Italien zusammen ;
3/12 : Totalstreik der Karrosserie-Arbeiter bei Fiat, Demos der Kommunalbeschäftigten ;
7/12 : Tarifabschluss in der chemischen Industrie: Lohnerhöhungen von 19.000 Lira pro Monat sind vorgesehen, die 40-Stunden und 5-Tage-Woche, drei Wochen bezahlter Urlaub ;
8/12 : Tarifabschluss in den Betrieben der Metallindustrie, in denen der Staat Miteigentümer ist. Lohnerhöhungen von 65 Lira pro Stunde für alle wurden vereinbart, Gleichstellung von Angestellten und Arbeitern, das Recht auf das Abhalten von Betriebsversammlungen mit einer Gesamtdauer von 10 Stunden pro Jahr während der Arbeitszeit, 40 Stunden Wochenarbeitszeit;
10/12 : Generalstreik der Beschäftigten der Landwirtschaft für einen landesweiten Abschluss ; Hunderttausende demonstrieren in ganz Italien. Beginn eines viertägigen Streiks der Beschäftigten der Ölgesellschaften für einen neuen Tarifabschluss ;
19/12 : landesweiter Streik in der Industrie zur Unterstützung der Metaller. Neuer landesweiter Streik der Landarbeiter ;
23/12 : Tarifabschluss in der Metallindustrie : Lohnerhöhungen von 65 Lira pro Stunde für die Arbeiter, 13.500 Lira pro Monat für die Angestellten, 13. Monatsgehalt, das Recht auf Betriebsversammlungen auf Werksgelände, Anerkennung von Gewerkschaftsvertretern und Kürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden pro Woche ;
24/12 : nach vier Monaten Kampf wird ein landesweit gültiger Abschluss für die Landarbeiter unterzeichnet; die schrittweise Reduzierung der Arbeitszeit auf 42 Stunden und 20 Tage Urlaub werden vereinbart 30 [45] .
Diese beeindruckende Reihe von Kämpfen ist nicht nur das Ergebnis eines starken Drucks der Arbeiter, sondern auch des Spielraumes, über den die Gewerkschaften noch verfügen, mittels dessen sie die Kämpfe zerstreuen, die um die Erneuerung der Tarifverträge in verschiedenen Branchen entstanden waren. Den Herrschenden gelang es damals, die an das Tageslicht drängende tiefgreifende Unzufriedenheit einzudämmen.
Diese gewaltige Entwicklung der Kampfbereitschaft, die begleitet war von bedeutsamen Klärungen innerhalb der Arbeiterklasse, stieß später ebenso auf wichtige Hindernisse. Die Herrschenden in Italien wie auch in den anderen Ländern, die sich der erwachenden Klasse entgegenstellten, blieb aber nicht passiv, denn neben dem gewaltsamen Eingreifen der Polizei versuchten sie schrittweise andere Mittel in der Auseinandersetzung mit der Arbeiterklasse einzusetzen. Darauf werden wir im zweiten Teil des Artikels eingehen. Wir werden aufzeigen, dass die Fähigkeit der Herrschenden, die Lage wieder in Griff zu kriegen, sich hauptsächlich auf die Schwächen einer Bewegung der Arbeiter stützte, der es trotz ihrer gewaltigen Kampfbereitschaft noch an Bewusstsein mangelte. Auch ihren revolutionären Minderheiten fehlte es noch an Reife und Klarheit, um ihre Rolle zu erfüllen.
1/11/09 Ezechiele.
[1] Von Juli 1969 an mehrere Monate.
[2] Siehe Internationale Revue Nr. 133 [46] et 134 [47], (engl./franz.Ausgabe) Mai 68 und die revolutionäre Perspektive (I und II), 2008, deutsche Ausgabe siehe deutsche Webseite
[3] Siehe Der Klassenkampf in Osteuropa (1970-1980) [48] International Review Nr.100.
[4] 1969-1973 war das Codoboza, der Streik von Mendoza, und Kampfwelle, die damals das Land erschütterte, der Höhepunkt der sozialen Entwicklung. Ohne ein Aufstandsniveau zu erreichen, bedeutete dieser Kampf das Wiedererwachen des Proletariats in Südamerika. Siehe: Révoltes populaires en Argentine: seule l’affirmation du prolétariat sur son terrain peut faire reculer la bourgeoisie [49], Revue internationale n°109, 2002, siehe auch die deutsche Webseite dazu.
[5] Siehe Notes sur l'histoire de la politique impérialiste des Etats-Unis depuis la seconde guerre mondiale, 2e partie [50] Revue Internationale n° 114.
[6] «So entstand der Slogan: “Die Universität ist unser Vietnam”; “Die vietnamesische Guerrilla kämpft gegen den amerikanischen Imperialismus, die Studenten machen ihre Revolution gegen die Macht und die akademischen Autoritäten”. Alessandro Silj, Malpaese, Criminalità, corruzione e politica nell’Italia della prima Repubblica 1943-1994, Donzelli editore, Roma 1994, p. 92.
[7] Siehe Che Guevara : mythe et réalité (à propos de courriers d'un lecteur) [51] in Révolution Internationale n° 384 ; Quelques commentaires sur une apologie d'Ernesto "Che" Guevara (à propos d'un livre de Besancenot) [52] in Révolution Internationale n° 388, siehe auch deutsche Webseite hierzu
[8] Siehe Le conflit Juifs / Arabes : La position des internationalistes dans les années trente: Bilan n° 30 et 31 [53] in Revue Internationale n° 110; Notes sur l'histoire des conflits impérialistes au Moyen-Orient, I, II e III parte in Revue Internationale n° 115 [54], 117 [55] e 118 [56]; Affrontements Hamas/Fatah : la bourgeoisie palestinienne est aussi sanguinaire que les autres [57] in Révolution Internationale n° 381- siehe auch die deutsche Webseite hierzu
[9] Siehe Le maoïsme, un pur produit de la contre-révolution [58] in Révolution Internationale n° 371 ; Chine 1928-1949: maillon de la guerre impérialiste, I e II parte, in Revue Internationale n°81 [59] e 84 [60]; Cina: il capitalismo di stato, dalle origini alla Rivoluzione Culturale (I e II parte) in Rivoluzione Internazionale n°5 e 6.
[10] Siehe Silvia Casillo, Controcultura e politica nel Sessantotto italiano
[11] Aldo Cazzullo, I ragazzi che volevano fare la rivoluzione. 1968-1978 Storia critica di Lotta continua, p. 13. Sperling e Kupfer Editori.
[12] Luca Barbieri, Il Caso 7 Aprile, cap. III, www.indicius.it [61]
[13] Interview mit Rita Di Leo in L’operaismo degli anni Sessanta. Dai “Quaderni rossi” a “classe operaia” di Giuseppe Trotta e Fabio Milana, edizione DeriveApprodi, www.deriveapprodi.com [62].
[14] Vedi: Luca Barbieri, Il Caso 7 Aprile, cap. III, www.indicius.it [61]
[15] Emilio Mentasti, La guardia rossa racconta. Storia del Comitato operaio della Magneti Marelli, p.25. Edizioni Colibrì.
[16] Giorgio Frasca Polara, Tambroni e il luglio “caldo” del ‘60, www.libertaegiustizia.it/primopiano/pp_leggi_articolo.php?id=2803&id_tit... [63]
[17] La rivolta operaia di piazza Statuto del 1962 lotteoperaie.splinder.com/post/5219182/La+rivolta+operaia+di+piazza+S.
[18] Dario Lanzardo, La rivolta di piazza Statuto, Torino, luglio 1962, Feltrinelli.
[19] La rivolta operaia di piazza Statuto del 1962 lotteoperaie.splinder.com/post/5219182/La+rivolta+operaia+di+piazza+S.
[20] C.I., die Abkürzung “Interne Kommission”, eine offizielle Stuktur der Arbeitervertreter in den Konflikten in den Betrieben, die in Wirklichkeit ein Ausdruck der Kontrolle der Gewerkschaften über die Arbeiter waren. Sie bestanden bis zum Heißen Herbst, bevor sie dann ersetzt wurden durch die Fabrikräte (CdF).
[21] Emilio Mentasti, La guardia rossa racconta. Storia del Comitato operaio della Magneti Marelli, p.37. Edizioni Colibrì.
[22] Aldo Cazzullo, I ragazzi che volevano fare la rivoluzione. 1968-1978 Storia critica di Lotta continua, p. 75‑76. Sperling e Kupfer Editori.
[23] Aldo Cazzullo, I ragazzi che volevano fare la rivoluzione. 1968-1978 Storia critica di Lotta continua, p. 60. Sperling e Kupfer Editori.
[24] Dokumente der Basiskomitees bei Pirelli (Bicocca), IBM und Sit-Siemens, beschrieben in Alessandro Silj, Mai più senza fucile, Vallecchi, Firenze 1977, pp. 82-84
[25] “Im Kampf der Agrararbeiter der Provinz Siracusa am 24. 11.1968, an dem sich auch die Arbeiter Avolas beteiligten, wurden folgende Forderungen erhoben: Lohnerhöhungen, die Abschaffung der Lohnunterschiede, die Einführung eines Gesetzes zur Respektierung der Verträge, die Einrichtung paritätischer Kontrollkommissionen, die 1966 im Kampf errungen, aber nie umgesetzt worden waren. Die Arbeitskräfte blockierten Straßen, bevor sie dann von der Polizei angegriffen wurden. Am 2. Dezember beteiligten sich die Beschäftigten aus Avola an einem Generalstreik. Die Arbeiter fingen nachts mit der Straßenblockade auf der Straße nach Noto an, andere Arbeiter schlossen sich ihnen an. Morgens trafen Mütter mit Kindern ein. Gegen 14.00 h befahl der stellvertretende Polizeichef aus Siracusa, Samperisi, der Abteilung aus Celere und Catania anzugreifen. (…) An jenem Tag feuerten die Celere-Brigaden dreimal; sie feuerten auf die Menge, die meinte, es handele sich um einen Begrüßungsschuss. Die Arbeiter suchten Deckung; einige warfen Steine. Diese Kriegsszene dauerte fast eine halbe Stunde. Am Ende hatte der kommunistische Abgeordnete Piscitello mehr als zwei Kilo Patronenhülsen zusammengetragen. Die Bilanz: zwei getötete Arbeiter, Angelo Sigona und Giuseppe Scibilia, und 48 Verletzte, darunter 5 Schwerverletztei”. (www.attac-italia.org [64]).
[26] “Wir zogen auf die Straße mit der üblichen Großzügigkeit der Jugendlichen neben den Arbeiter- und Arbeiterinnen, die gegen die Schließung der Tabak- und Zuckwerke streikten. Die Schließung dieser Betriebe und ihrer Zulieferindustrie bedeutete eine Krise für die ganze Stadt, da ca. die Hälfte der Bevölkerung durch Arbeit in diesen Betrieben die einzige Erwerbsmöglichkeit besaß. Der Generalstreik war die einzig mögliche Konsequenz. Dies fühlte die ganze Stadt, die sich daran beteiligte, darin eingeschlossen auch Studenten. Und obwohl auch viele unter uns nicht aus Battipaglia waren, spürten wir die Wichtigkeit dieser beiden Industriezweige für die Wirtschaft der Stadt. Es gab aber auch einen anderen Grund für den Generalstreik: Er bot die Möglichkeit der Solidarisierung mit den Beschäftigten der Tabakindustrie, die seit 10 Tagen den Betrieb S. Lucia besetzt hielten. Über der Stadt schwebte das Gespenst der Krise. Dies war schon zu spüren gewesen bei der Schließung von Zuckerfabriken, und erschien als eine echte Bedrohung für Tausende Arbeiter, die ihre Arbeit verlieren würden. (…) Schnell entstanden Momente der Spannung, und wie das oft geschieht, wurden sie in wirkliche Bewegung umgewandelt. Battigalia wurde zum Schauplatz gewalttätiger Zusammenstöße. Barrikaden wurden errichtet, alle Ausgangsstraßen blockiert und der Bahnhof besetzt. Die Polizei schoss erneut, und was zu einem großen Solidaritätstag mit denen werden sollte, die um ihren Arbeitsplatz kämpften, wurde zu einem Tag des Volksaufstand. Die Bilanz: zwei Tote, Hunderte Verletzte, Dutzende Autos angezündet (dazu gehörten Polizeifahrzeuge und private PKWs) und nicht zu ermittelnde Schäden. (…) Um die Kontrolle über eine wütende und verletzte Stadt wieder herzustellen, benötigten die Polizeikräfte ungefähr 20 Stunden." (Augenzeugenbericht in dem blog massimo.delmese.net/2189/9-aprile-1969-9-aprile-2009-a-40-anni-dai-moti-di-battipaglia/ [65]).
[27] www.nelvento.net/archivio/68/operai/traiano02.htm [66]
[28] Aldo Cazzullo, I ragazzi che volevano fare la rivoluzione. 1968-1978 Storia critica di Lotta continua, p. 67. Sperling e Kupfer Editori.
[29] https://static.repubblica.it/milano/autunnocaldo/ [67]
[30] von der Webseite www.pmli.it/storiaautunnocaldo.htm [68].
Die Rede, die wir nachfolgend wiedergeben, wurde vor ca. 200.000 Teilnehmern von den Arbeitern gehalten, die die Rednertribüne während der 1. Mai Kundgebungen auf dem Taksim Platz besetzt hatten. In Istanbul waren zuvor Kundgebungen in der Nähe des Platzes verboten worden. Die Vorsitzende der türkischen Gewerkschaft Turk-Is Mustafa Kumlu und andere Gewerkschaftsbürokraten wurden in die Flucht geschlagen. Die Tatsache, dass die Arbeiter, die die Tribüne besetzten, diejenigen sind, welche die Türkei seit den letzten Monaten erschüttert haben, und diesen Schritt ganz eigenständig und geschlossen vollzogen haben, sowie die Botschaft ihrer Rede ist aus unserer Sicht von großer Bedeutung für die Arbeiterbewegung und zeigt den Weg zum Sieg für die ganze Arbeiterklasse. IKS
Wir sind kämpfende Arbeiter der Tekel-Werke, der Istanbuler Wasser und Kläranlagen, Samatya, der Feuerwehr, der Gemeinde Esenyurt, Müllerwerker und des ATV-Fernsehsender.
Wir alle kämpfen gegen Arbeits- und Lebensbedingungen, die uns zu einem Sklavenleben zwingen, gegen Leiharbeit, den 4-C und unsichere Arbeitsbedingungen. Wir stehen zusammen, um das Feuer weiter zu tragen, das von den Tekel-Beschäftigten entfacht wurde, indem wir Verbindungen für einen gemeinsamen Kampf herstellen. Wir haben die „Plattform der kämpfenden Arbeiter“ gegründet, um ein Beispiel für alle Klassenbrüder- und Schwestern zu setzen, indem wir die wesentliche Rolle der Klassensolidarität hervorheben, und indem wir uns darum bemühen, dass der Slogan "wir werden gewinnen, indem wir uns zusammenschließen", nicht nur ein Slogan ist, sondern dies auch konkret in die Tat umgesetzt wird.
Das Kapital bringt Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Zukunftsangst und Elend für die Arbeiterklasse hervor. Das Kapital lebt von Lohnarbeit. Wir wissen, während wir gegen den 4-C kämpfen, gegen die Unsicherheit, gegen Leiharbeit, gegen Arbeitslosigkeit, müssen wir auch gegen den Kapitalismus kämpfen, der nichts anderes als ein System der Lohnsklaverei ist. Die wahre Befreiung der Arbeiterklasse besteht nicht nur darin, Teilforderungen gegen Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend zu erheben, sondern in der Ausdehnung der vereinten Klassenaktionen gegen das Kapital, das Arbeitslosigkeit, Misere, Unsicherheit, Hunger und Krankheiten produziert.
Dieser 1. Mai wird geprägt sein durch Forderungen der Klasse. Eine Stimme wird die der kämpfenden Arbeiter sein, die sich an alle Klassenbrüder und –schwestern wenden. Wir werden den 1. Mai gewinnen, genau wie wir den Taksim-Platz erobern konnten.
Der Taksim-Platz war nicht dank einer Erlaubnis der Herrschenden und deren Staat geöffnet worden, sondern durch den gebündelten Kampf der Arbeiterklasse, die unbedingt auf dem Taksim-Platz anwesend sein wollte, trotz all der Unterdrückungsmaßnahmen und anderen Angriffe. Er wurde geöffnet dank des Tekel-Kampfes, durch eine Reihe von Arbeiterkämpfen, durch die Hungernden, die gegen die sklavenähnlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen kämpfen, die eine Dynamik entfaltet haben, so dass dem Kapital der Schlaf geraubt wird. Wir haben den Taksim-Platz befreit; jetzt ist der Taksim-Platz zweifelsohne ein Gebiet des 1. Mai. Jetzt muss die Rednertribüne von denjenigen erobert werden, denen sie wirklich zusteht. Der 1.Mai und die Rednertribüne des 1. Mai gehören der Arbeiterklasse, den militanten, kämpfenden Arbeitern. Die Tribüne gehört nicht dnr Verrätern der Gewerkschaftsbürokratie, welche der Klasse in den Rücken fallen, wenn immer diese sich zur Wehr setzt. Sie sollte den Tekel-Arbeitern übergeben werden, die dem Arbeiterkampf einen neuen Atem einhauchten, sie gehört den Feuerwehrleuten, die die Forderung nach sicherer Arbeit erhoben und verlangten, wie Menschen arbeiten zu dürfen und nicht ständig durch Zeitarbeit und Arbeitsplatzverlust bedroht zu werden, sie sollte den ISKi Arbeitern und den Samatya Bauarbeitern übergeben werden, denen keine Löhne gezahlt wurden und die wie Sklaven arbeiten müssen. Sie müsste den Marmaray Arbeitern, den Esenyurt Gemeindebeschäftigten, überlassen werden, die ihren Job verloren, weil sie einer Gewerkschaft beitraten. Und sie sollte den ATV-Sabah-Fernsehsender-Beschäftigten überlassen werden wie der Plattform der kämpfenden Arbeiter. Die Tribüne des 1. Mai sollte nicht von denen benutzt werden, die jeweils den kapitalistischen Staat um Erlaubnis fragen, und die als ein Bollwerk nicht gegen das Kapital handeln, sondern gegen die Arbeiterklasse. Sie sollte den Arbeitern übergeben werden, die auf dem Platz zusammengekommen sind, um ihre Klassenforderungen zu erheben.
Tausende sind hungrig, Tausende sind arbeitslos. Dies ist die Schuld des kapitalistischen Systems!
Nieder mit dem System der Lohnsklaverei!
Arbeiter auf die Bühne, nicht Gewerkschaftsbosse!
Eine vereinte Arbeiterklasse kann das Kapital besiegen!
Lang lebe die Klassensolidarität!“
In diesen Tagen reisen Tekel-Beschäftigte, die sich am jüngsten Abwehrkampf der Tekel-Beschäftigten gegen ihre Entlassungen beteiligt haben, durch die Bundesrepublik, um über ihren Kampf zu berichten und zu diskutieren. Diese Veranstaltungen werden von der FAU organisiert und von der IKS unterstützt. Nachfolgend findet ihr den Kalender der Veranstaltungen. Auf der FAU-Webseite [78] könnt ihr weitere Details - sobald sie feststehen - erfahren.Weiter unten veröffentlichen wir eine Reihe von Artikeln zum Kampf der Tekel-Beschäftigten.
So. 20.06.2010 Hannover
Ort: jz Korn, UJZ Kornstrasse 28-30, Hannover
Beginn: 15.00 Uhr
organisiert von der Freien ArbeiterInnen Union (FAU) - Hannover und der Bibliothek der Freundschaft unterstützt durch die Antifaschistische Aktion Hannover [AAH]
Mo. 21.06.2010 Berlin
Galerie Kraftwerk, Rungestr. 20, 10179 Berlin - Mitte
(S-Bahnhof Jannowitzbrücke oder U-Bahn Heinrich-Heine- Straße)
Beginn: 19.30 Uhr
VeranstalterIn: IKS
Di. 22.06.2010 Braunschweig
Ort: Nexus, Frankfurter Str. 253, Braunschweig
Beginn: 20:00 Uhr
VeranstalterIn: FAU-Braunschweig
Mi. 23.06.2010 Hamburg
Ort: Schwarze Katze, Fettstr.23, Hamburg
Beginn: 20:00 Uhr
VeranstalterIn: FAU-Hamburg
Do. 24.6 20:00 Duisburg
VeranstalterIn: FAU-Duisburg
Ort: Internationales Zentrum, Am Flachsmarkt 1, Innenhafen, 47051 Duisburg
Beginn: 19.00 Uhr
So. 27.06.2010 Köln
VeranstalterIn: FAU-Köln
Ort: SSK, Liebigstr. 25,
Beginn: 17.00 Uhr
Di. 29.06 2010 Dortmund
Ort: Taranata Babu, Humboldtstraße 44, 44137 Dortmund
Beginn: 19.oo Uhr
VeranstalterIn: FAU-Dortmund
Mi. 30.06.2010 Frankfurt am Main
Ort: Halkevi - Türkisches Volkshaus, Werrastraße 29, Frankfurt/M - Bockenheim
Beginn: ab 19.30 Uhr
VeranstalterIn: FAU-Frankfurt a.M.
Do. 01.07.2010 Nürnberg
Ort: "Armer Teufel", Bauerngasse 14, Nürnberg
Beginn: 19.30 Uhr
VeranstalterIn: FAU-NürnbergVernstalterIn: FAU-Nürnberg
Fr.:02.07.2010 Zürich ,
Veranstalter: Karakök Autonome türkei/schweiz
Freitag, 2. Juli 2010 - 19 Uhr
Autonome Schule Zürich, Hohlstr. 170
(gleich bei Haltestelle „Güterbahnhof“, Tram 8 oder Bus 31)
Einladungstext und weitere Details können abgerufen werden unter:
https://karakok.wordpress.com/ [79] -
Wir veröffentlichen nachfolgend den Bericht über den Streik der Tekel-Tabak-Industriebeschäftigten, der von der Sektion der IKS in der Türkei verfasst wurde.
Am 14. Dezember 2009 verließen Tausende von Beschäftigten der Tekel [1] Betriebe aus Dutzenden türkischen Städten ihre Wohnungen und Familien, um nach Ankara zu fahren. Die Beschäftigten von Tekel wollten mit dieser Reise gegen die schrecklichen Arbeitsbedingungen, die ihnen vom Kapital aufgezwungen werden, kämpfen. Dieser ehrenhafte Kampf der Tekel-Beschäftigten, der nunmehr schon mehr als einen Monat andauert, wird mit der Idee geführt, dass sich am Streik alle Beschäftigten beteiligen sollten. Damit stellten sich die Tekel-Beschäftigten an die Spitze des Kampfes der Arbeiterklasse in der Türkei. Wir werden hier über den Ablauf des Kampfes der Tekel-Beschäftigten berichten. Dieser Kampf betrifft nicht nur den Kampf der Beschäftigten bei Tekel, sondern er betrifft die Arbeiter aller Länder. Wir schulden den Tekel-Beschäftigten Dank, weil wir so über deren Erfahrung berichten und den Kampf der Klasse vorantreiben können, indem wir uns an ihrer Entschlossenheit orientieren und ihre Erfahrung und Gedanken nachvollziehen.
Zunächst wollen wir erklären, was die Tekel-Beschäftigten in den Kampf getrieben hat. Die Tekel-Beschäftigten wehren sich gegen die 4-C Politik des türkischen Staats. Der türkische Staat hat unzählige Beschäftigte unter 4-C-Bedingungen eingestellt. Bald werden noch viel mehr Beschäftigte unter diesen Bedingungen arbeiten müssen; die Beschäftigten der Zuckerindustrie gehören zu den ersten Opfern. Davon abgesehen stehen viele Teile der Arbeiterklasse vor den gleichen Angriffen mit ähnlichem Namen; andere Beschäftigte, die bislang noch nicht damit konfrontiert wurden, werden sie auch noch kennenlernen. Was sind diese 4-C Bedingungen? Diese Praxis der Jobkürzungen infolge der zunehmenden Privatisierungen wurde von dem türkischen Staat als ein 'Segen' bezeichnet. Abgesehen von einer beträchtlichen Lohnkürzung bedeutet dies für viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, dass sie vom Staat in verschiedenen Beschäftigungsbereichen unter schrecklichen Bedingungen eingesetzt werden. Am schlimmsten ist, dass die 4-C Politik es den staatlichen Arbeitgebern ermöglicht, eine absolute Macht über die Beschäftigten zu erlangen. So sind die Löhne, die vom Staat festgelegt werden und schon mächtig gekürzt wurden, lediglich ein gezahlter Höchstpreis für die Arbeit. Die staatlichen Manager können die Löhne willkürlich kürzen.
Arbeitszeitregelungen für die 4-C-Beschäftigten wurden abgeschafft. Den staatlichen Managern ist es gestattet, die Arbeiter willkürlich zu zwingen, so lange wie von ihnen gewünscht schuften zu lassen, bis die "Arbeiter die von ihnen zu erfüllende Aufgabe erledigt haben". Die Arbeiter der Stammbelegschaften erhalten überhaupt keinen Zuschlag für diese 'Überstunden' nach beendeter Arbeit oder während der Ferien. Diese Politik gestattet es den Bossen, die Beschäftigten willkürlich ohne irgendwelche Ausgleichszahlungen zu entlassen. Die geleistete Arbeitszeit kann zwischen drei und zehn Monaten im Jahr variieren; wenn sie nicht arbeiten, erhalten sie keinen Lohn; die Arbeitszeit kann auch hier willkürlich von den Bossen festgelegt werden. Trotzdem ist ihnen nicht gestattet, eine zweite Beschäftigung zu finden, auch wenn sie keine Arbeit haben. Gemäß der 4-C Regelung erhalten die Beschäftigten keine Sozialleistungen, sämtliche medizinische Versorgungsleistungen sind gestrichen. Die Privatisierungen haben genau wie die 4-C Maßnahmen schon vor einiger Zeit angefangen. In dem Tekel-Unternehmen wurden die Bereiche Zigaretten und Alkohol privatisiert; danach wurden die Tabakblätterwerke geschlossen. Natürlich sind nicht nur die Privatisierungen das Problem. Es ist offensichtlich, dass das Privatkapital, das den Arbeitern ihre Arbeitsplätze wegnimmt, und der Staat, d..h. das Staatskapital, die Arbeiter unter den schrecklichsten Bedingungen ausbeuten wollen; sie gehen gemeinsam gegen die Beschäftigten vor. Deshalb entspricht der Kampf der Tekel-Beschäftigten dem Klasseninteresse aller Arbeiter, er stellt einen Kampf gegen die kapitalistische Ordnung insgesamt dar.
Der Blick auf den Streik der Tekel-Beschäftigten hilft den Klassenkampf in der Türkei insgesamt zu verstehen. Am 25. November 2009 wurde von KESK, DISK und Kamu-Sen [2]ein eintägiger Streik organisiert. Wie erwähnt zogen die Tekel-Beschäftigten am 14. Dezember nach Ankara, gleichzeitig fanden zwei weitere Arbeitskämpfe statt. Der erste waren die Demonstrationen von Feuerwehrleuten, von denen einige Anfang 2010 ihren Job verlieren sollten; der zweite war der eintägige Streik der Eisenbahner aus Protest gegen die Entlassung einiger ihrer Kollegen wegen der Beteiligung am Streik des 25. November. Die Bürgerkriegspolizei, welche erkannte, dass der Klassenkampf sich weiter zuspitzte, griff die Feuerwehrleute und die Eisenbahner brutal an. Die Tekel-Beschäftigten wurden nicht anders behandelt. Nahezu 50 Eisenbahner sollten wegen der Beteiligung an dem Streik entlassen werden. Viele Arbeiter wurden verhaftet. Und die Feuerwehrleute brauchten Zeit, um sich von den Angriffen zu erholen. Unglücklicherweise ist es den Eisenbahnern nicht gelungen, wieder auf die Bühne des Kampfes zurückzukehren. Die Tekel-Beschäftigten traten deshalb an die Spitze der Kämpfe am 14. Dezember, weil sie sich gegen die Unterdrückungsmaßnahmen des Staates wehrten und es ihnen gelang, ihren Kampf fortzuführen.
Wie begann der Kampf bei Tekel? Eine kleine kämpfende Minderheit wollte schon in den Kampf treten, aber der eigentliche Auslöser kam am 5. Dezember zum Tragen, als eine Eröffnungszeremonie stattfand, an der sich der Premier Minister Tayyip Erdoğan[3] beteiligte. Die Tekel-Beschäftigten richteten sich bei dieser Zeremonie mit ihren Familien unerwartet gegen Erdoğan, um ihn zur Rede zu stellen. Sie unterbrachen seine Rede und riefen ihm zu: "Die Beschäftigten von Tekel warten auf gute Nachricht von Ihnen". Erdoğan entgegnete "Leider gibt es jetzt in der Türkei Leute wie diese, sie wollen Geld machen ohne für zu arbeiten. Die Zeit ist vorbei, als man Geld im Liegen machen konnte (…) Sie meinten, Staatseigentum seit wie ein Meer, wer sich nicht bedient, ist ein Schwein. Solche Auffassungen hatten sie. Wir sehen das anders. Hier ist eure Altersabfindung. Wenn ihr wollt, können wir euch unter 4-C Bedingungen einsetzen, wenn nicht, geht hin und öffnet euer eigenes Geschäft. Wir hatten auch ein Abkommen mit ihren Gewerkschaften. Ich sprach mit ihnen. Ich sagte ihnen: "Soviel Zeit habt ihr. Unternehmt alles Notwendige". Obgleich wir ein Abkommen hatten, brach etwas zusammen, ein bis zwei Jahre vergingen. Die Leute sind aber immer noch da und fordern den Schutz ihrer Arbeitsplätze; sie wollen so weiter machen wie zuvor. Wir haben ihnen erklärt. Zehntausend Tekel-Beschäftigte kosten uns vier Milliarden im Monat. [4] Erdoğan konnte sich nicht vorstellen, in welchen Schlamassel er da hineingeraten war. Die Beschäftigten, die zuvor die Regierung unterstützt hätten, wurden sehr verärgert. Die Arbeiter fingen an darüber zu diskutieren, wie man sich am Arbeitsplatz wehren kann. Ein Arbeiter aus Adıyaman[5] erklärte diesen Prozess folgendermaßen in einem Artikel, den er in einer linken Tageszeitung schrieb: "Dieser Prozess regte die Kollegen an, die sich bis dato noch nicht am Kampf beteiligt hatten, auch wenn er noch so klein war. Sie fingen an, das wahre Gesicht der Justiz und der Entwicklungspartei zu durchschauen, nachdem der Premierminister geredet hatte. Zunächst traten sie aus der Partei aus. In den nun einsetzenden Diskussionen am Arbeitsplatz erklärten wir, dass wir alle gemeinsam unseren Arbeitsplatz verteidigen sollen". [6]. Die Gewerkschaften [7], von denen Erdoğan behauptete, sie stimmten mit ihm überein, und die bislang keine ernsthaften Aktionen unternommen hatten, beschlossen, eine Versammlung in Ankara abzuhalten. Infolgedessen begaben sich die Arbeiter auf den Weg und reisten in die Hauptstadt.
Die staatlichen Kräfte gingen von Anfang an raffiniert gegen die Arbeiter vor. Die Bürgerkriegspolizei hielt die Busse mit Arbeitern fest und erklärte, man werde die Arbeiter aus den kurdischen Städten, wo es viele Tekel-Werke gibt, nicht durchlassen, und dass die Beschäftigten aus den Gebieten des Westens, des Mittelmeers, Zentralanatolien und des Schwarzen Meeres der Türkei durchgelassen würden. Damit wollte man die kurdischen und die anderen Arbeiter gegeneinander hetzen, die Bewegung der Klasse mittels ethnischer Unterschiede spalten. Dieser raffinierte Angriff brachte in Wirklichkeit zwei Bilder der Maske des Staates zum Vorschein: das der Einheit und Harmonie und der kurdischen Reform. Aber die Tekel-Beschäftigten sind nicht in diese Polizeifalle gelaufen. .Mit den Arbeitern aus Tokat an der Spitze, protestierten die Arbeiter aus den nicht-kurdischen Städten gegen dieses Vorgehen der Polizei und bestanden entschlossen darauf, dass alle Beschäftigten zusammen nach Ankara einzogen und dass niemand ausgeschlossen werden dürfe. Die Bürgerkriegspolizei, die unfähig war die zu erwartende Haltung der Regierung zu berechnen, musste schließlich zulassen, dass die Beschäftigten zusammen nach Ankara einmarschierten. Dieser Vorfall führte zur Bildung von tiefen Beziehungen zwischen den Beschäftigen aus verschiedenen Städten, Regionen und ethnischen Hintergründen auf einer Klassengrundlage. Nach diesem Vorfall brachten die Beschäftigen aus dem Westen, Zentralanatolien, dem Mittelmeergebiet und dem Schwarzen Meer zum Ausdruck, dass die Stärke und die Anregung, die sie durch den Widerstand, die Entschlossenheit und das Bewusstsein der kurdischen Arbeiter erfuhren, ihnen die Beteiligung am Kampf erleichterte und sie viel von diesen Arbeitern lernten. Die Beschäftigten von Tekel hatten einen ersten Sieg errungen, als sie in die Stadt zogen.
Am 15. Dezember begannen die Tekel-Beschäftigten ihre Protestdemonstrationen vor der Landeszentrale der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei in Ankara. Ein Tekel-Beschäftigter, der an diesem Tag nach Ankara kam, erklärte die Ereignisse folgendermaßen: "Wir zogen vor die Landeszentrale der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei. Nachts zündeten wir ein Feuer war und warteten vor dem Gebäude bis 22.00 h. Als es zu kalt wurde, suchten wir in dem Atatürk Gym Schutz vor Kälte. Wir waren insgesamt 5.000. Wir nahmen unsere Teppiche, Kartons und verbrachten dort die Nacht. Morgens drängte uns die Polizei in den Abdi İpekçi Park und kreiste uns ein. Einige unserer Kolleg/Innen zogen erneut vor das Gebäude der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei. Als wir im Park warteten, wollten wir uns mit den anderen zusammenschließen, und diejenigen, die vor dem Gebäude ausharrten, wollten zu uns rüberkommen. Die Polizei griff uns mit Tränengas an. Um sieben Uhr gelang es uns, uns mit den anderen im Park zusammenschließen. Wir waren schon vier Stunden zu Fuß marschiert. Wir verbrachten die Nacht im Regen im Park." [8] Auf der anderen Seite fand der brutalste Angriff der Polizei am 17. Dezember statt. Die Bürgerkriegspolizei, die offensichtlich auf Befehl handelte und sich vielleicht dafür rächen wollte, dass sie die kurdischen Arbeiter nicht daran hindern konnte, in die Stadt zu kommen, griff die Arbeiter im Park mit brutaler Gewalt und hasserfüllt an. Sie zielte darauf ab, die Arbeiter auseinanderzutreiben. Aber dieses Mal trat wieder etwas ein, mit dem die staatlichen Kräfte nicht gerechnet hatten: die Fähigkeit der Arbeiter zur Selbstorganisierung. Die von der Polizei auseinandergetriebenen Arbeiter schafften es, sich selbst zu organisieren, ohne die Hilfe von irgendwelchen Bürokraten und kamen nachmittags vor der Türk-İş[9] Zentrale in einer Großkundgebung zusammen. Da die Arbeiter keine Bleibe hatten, besetzten die Arbeiter am gleichen Tag zwei Stockwerke der Türk-İş Anlage. An den Tagen nach dem 17. Dezember fanden die Demonstrationen der Tekel-Beschäftigten in den kleinen Straßen vor der Türk-İş Anlage, im Zentrum von Ankara statt.
Der Kampf zwischen den Tekel-Beschäftigten und der Verwaltung des türkischen Gewerkschaftsdachverbandes wurde zwischen dem 17. Dezember und Neujahr fortgesetzt. Dabei trauten die Arbeiter schon bei Beginn des Kampfes den Gewerkschaftsbürokraten nicht. Sie entsandten zwei Arbeiter aus allen Städten mit den Gewerkschaftern zu allen Verhandlungen. Dadurch sollten alle Arbeiter über alles informiert werden. Sowohl Tek Gıda-İş und Türk-İş und die Regierung erwarteten, dass die Tekel-Beschäftigten ihren Kampf in Anbetracht des bitterkalten Winters in Ankara, der Polizeirepression und materieller Schwierigkeiten nach ein paar Tagen aufgeben würden. Es war keine Überraschung, dass die Türen der Gewerkschaftszentrale nach einer sehr kurzen Zeit versperrt wurden, um die Arbeiter vom Betreten des Gebäudes abzuhalten. Daraufhin wehrten sich die Arbeiter, weil sie die Toiletten des Gebäudes benutzen, die Frauen sich im Gebäude ausruhen wollten; diese Auseinandersetzung endete mit einem Sieg der Arbeiter. Die Arbeiter wollten sich nun nicht mehr zurückziehen. Die Tekel-Beschäftigten erhielten ernsthafte Unterstützung von Arbeitern aus Ankara und vor allem auch von Studenten mit proletarischem Hintergrund, um Unterkunft in Ankara zu finden. Ein kleiner aber immerhin wichtiger Teil der Arbeiterklasse Ankaras bot den Tekel-Beschäftigten Übernachtung bei ihnen zu Hause an. Anstatt aufzugeben und zurückzukehren, versammelten sich die Tekel-Beschäftigten jeden Tag auf der kleinen Straße vor dem Türk-İş-Gebäude, dort entbrannten auch Diskussionen, wie man den Kampf voranbringen könnte. Es dauerte nicht lange, bis die Arbeiter zu der Einsicht kamen, dass die einzige Lösung für die Überwindung ihrer Isolation in der Ausdehnung des Kampfes lag.
Militante Arbeiter aus allen Städten, die erkannten, dass Tek Gıda-İş und Türk-İş für sie nichts unternehmen würden, versuchten ein Streikkomitee zu gründen, mit dem Ziel, ihre Forderungen gegenüber den Gewerkschaften zu erheben. Zu diesen Forderungen gehörte die Aufstellung eines Streikzelts und dass die Neujahrsparty von den Arbeitern gemeinsam gefeiert werden könne, begleitet von einer Demonstration vor dem Gebäude von Türk-İş. Die Gewerkschaftschefs stellten sich gegen diese Initiative der Arbeiter. Wozu sollten die Gewerkschaften auch nützlich sein, wenn die Arbeiter dabei waren, die Kontrolle über die Kämpfe in die eigene Hand zu nehmen. Diese Haltung beinhaltete eine verschleierte Drohung: die schon isolierten Arbeiter fürchteten die Möglichkeit, total isoliert da zu stehen, falls die Gewerkschaften die Unterstützung total ablehnten. So wurde ein Streikkomitee fallen gelassen. Aber der Wille der Arbeiter bestand darin, die Kontrolle über die Kämpfe in die eigenen Hände zu nehmen und das Streikkomitee aufrechtzuerhalten. Schnell versuchten die Beschäftigten Verbindungen herzustellen mit den Beschäftigten der Zuckerindustrie, die vor der Einführung der gleichen 4-C Maßnahmen stehen. Sie zogen in die Arbeiterviertel und Universitäten; sie wurden jeweils aufgefordert, ihren Kampf zu erklären. Unterdessen setzten die Beschäftigten ihren Kampf mit der Türk-İş Verwaltung fort, welche die Arbeiter in keinster Weise unterstützten. Als der Verwaltungsrat des Gewerkschaftsverbands Türk-İş zusammenkam, drangen die Arbeiter in das Gewerkschaftsgebäude ein. Die Bürgerkriegspolizei eilte sofort Mustafa Kumla, dem Vorsitzenden von Türk-İş, zu Hilfe, um ihn vor den Arbeitern zu schützen. Arbeiter fingen an Slogans zu rufen wie: "Wir werden die ausverkaufen, die uns ausverkaufen", Türk-İş soll seine Pflicht erfüllen, Generalstreik". "Kumlu, tritt zurück". Kumlu wagte es nicht, vor die Arbeiter zu treten, bevor er nicht eine Reihe von Aktionen angekündigt hatte, Streiks eingeschlossen, die jede Woche stattfinden sollten, angefangen von einem einstündigen Streik, dessen Länge jede Woche verdoppelt werden sollte, und jede Woche eine Kundgebung vor dem Türk-İş-Gebäude. Selbst nach der Ankündigung Kumlus von einer Reihe von Aktionen trauten die Arbeiter Türk-İş nicht. Als ein Tekel Beschäftigter aus Diyarbakır[10] in einem Interview erklärte: "Wir werden uns keiner Entscheidung der Gewerkschaftsführung beugen, den Kampf zu beenden und die Arbeit wieder aufzunehmen. Und falls eine Entscheidung zur Beendigung des Kampfes ohne irgendetwas gewonnen zu haben – wie letztes Mal, verkündet wird, denken wir darüber nach, das Türk-İş Gebäude zu räumen und es anschließend in Brand zu setzen"[11], brachte er das Gefühl vieler anderer Tekel-Beschäftigter zum Ausdruck.
Türk-İş ließen seinen Aktionsplan fallen, als sich am ersten einstündigen Streik 30% aller Gewerkschaften beteiligten. Die Türk-İş Führer hatten genauso viel Angst vor einer Generalisierung des Kampfes der Tekel-Beschäftigten wie die Regierung. Nach der fröhlichen Neujahrsdemonstration vor der Türk-İş Zentrale wurde über die Fortsetzung des Streiks abgestimmt. 99% der Beschäftigten stimmten für die Fortsetzung des Kampfes. In der Zwischenzeit wurde ein neuer gewerkschaftlicher Aktionsplan diskutiert. Nach dem 15. Januar sollte es ein dreitägiges Sit-in geben, dann einen dreitägigen Hungerstreik und dann ein dreitägiges Todesfasten. Eine Großdemonstration wurde ebenfalls von der Türk-İş-Verwaltung versprochen. Anfangs dachten die Arbeiter, ein Hungerstreik sei eine gute Idee. Schon isoliert wollten sie noch nicht weiter vergessen und ignoriert werden, und sie dachten, ein Hungerstreik könnte dies vermeiden. Das Gefühl kam auf, dass sie von Türk-İş in die Enge getrieben wurden und selbst handeln sollten. Ein Hungerstreik hätte auch als Einschüchterung der Gewerkschaften gesehen werden können.
Eine der bedeutsamsten Texte, der von den Tekel-Beschäftigten verfasst wurde, wurde damals veröffentlicht: ein Brief eines Tekel-Beschäftigten an die Beschäftigten der Zuckerindustrie. Der Tekel-Beschäftigte aus Batman[12] schrieb: "An unsere hart arbeitenden und ehrenwerten Brüder und Schwestern der Zuckerfabriken! Heute bietet der Kampf der Tekel-Beschäftigten eine historische Chance für diejenigen, deren Rechte unterdrückt werden. Damit wir diese Chance nicht verpassen, würde eure Beteiligung an unserem Kampf uns glücklicher und stärker machen. Meine Freunde, ich möchte darauf hinweisen, dass im Augenblick Gewerkschafter die Hoffnung äußerten, "sie werden sich mit dieser Sache befassen". Da wir die gleiche Erfahrung gemacht haben, wissen wir, dass sie einigermaßen gut abgesichert sind und sich keine Sorgen um ihre Zukunft machen müssen. Im Gegenteil, eure Rechte würde man einschränken. Wenn ihr euch nicht an unserem Kampf beteiligt, wäre es morgen zu spät für euch. Insgesamt wird dieser Kampf nur erfolgreich sein, wenn ihr euch beteiligt, wir haben keine Zweifel, dass wir uns ins Zeug legen. Weil wir uns sicher sind, wenn die Arbeiter sich zusammenschließen und wie ein einheitlicher Körper handeln, können sie jedes Hindernis überwinden. Mit diesem Gefühl grüße ich euch innigst und mit Respekt im Namen der Beschäftigten von Tekel." [13]. Dieser Brief rief nicht nur die Beschäftigten der Zuckerindustrie dazu auf, selbst in den Kampf zu treten, sondern er brachte auch deutlich zum Vorschein, was bei Tekel passiert war. Gleichzeitig zeigte er das Bewusstsein, das sich bei vielen Tekel-Beschäftigten entwickelt hatte, dass sie nicht nur für sich kämpften, sondern für die gesamte Arbeiterklassse.
Am 15. Januar kamen die Tekel-Beschäftigten nach Ankara, um sich am früher erwähnten Sit-in zu beteiligen. Die Zahl der Teilnehmer am Sakarya Platz belief sich auf ca. 10.000. Einige Familienangehörige waren mitgekommen. Die Arbeiter hatten sich teilweise krank gemeldet oder Urlaub genommen, um nach Ankara zu kommen; viele mussten mehrfach ihren Urlaubsantrag stellen, um frei zu kriegen. Jetzt waren fast alle Tekel-Beschäftigten zusammen gekommen. Eine Demonstration mit einer noch größeren Beteiligung war für Samstag, den 16. Januar vorgesehen. Die Ordnungskräfte fürchteten diese Demonstration, da sie den Boden für die Generalisierung und massive Ausdehnung des Kampfes hätte liefern können. Die Möglichkeit, dass Arbeiter, die am Samstag zur Demo kamen, die Nacht und den Sonntag mit den Beschäftigten verbringen würden, hätte zum Aufbau von starken und engen Verbindungen zwischen den ankommenden Arbeitern und den Tekel-Beschäftigten führen können. Die Ordnungskräfte bestanden darauf, die Demonstration erst am Sonntag abzuhalten, und Türk-İş manövrierte erneut und schwächte die Demonstration, indem sie die Arbeiter aus kurdischen Städten an der Beteiligung behindern wollten. Man rechnete auch damit, wenn die Arbeiter zwei Nächte in dem eiskalten Ankara verbringen und ein sit-in den Straßen abhalten würden, dass dadurch der Widerstandswille und die Kraft der Tekel-Beschäftigten gebrochen würde. Dieses Kalkül seitens der Türk-İş erwies sich jedoch am 17. Januar als falsch.
Die Demonstration am 17. Januar begann ruhig. Die Arbeiter und mehrere politische Gruppen sammelten sich am Ankaraer Bahnhof und zogen um 10.00 zum Sıhhiye Platz. Auf der Kundgebung, an der sich Zehntausende Arbeiter beschäftigten, sprachen zunächst ein Arbeiter der Tekel-Betriebe, dann ein Feuerwehrmann und ein Arbeiter der Zuckerfabrik. Die Explosion erfolgte später. Nach den Arbeitern sprach Mustafa Kumlu, der Vorsitzende des Gewerkschaftsverbandes Türk-İş. Kumlu, der sich weder um den Kampf noch um die Lebensbedingungen der Tekel-Beschäftigten kümmerte, hielt eine sehr gemäßigte, versöhnliche und inhaltslose Rede. Türk-İş hatte versucht die Arbeiter von der Rednertribüne entfernt zu halten. Sie hatten Metallarbeiter vor ihnen postiert, die nicht im Bilde waren über das, was sich vor ihnen abspielte. Aber den Tekel-Beschäftigten, die die Metallarbeiter baten sie vorbeizulassen, gelang es bis zur Rednertribüne vorzudringen. Während Kumlus Rede gaben die Tekel-Beschäftigen ihr Bestes, um diesen mit ihren Zwischenrufen zu unterbrechen. Die letzte Beleidigung, welche eine Reaktion der Arbeiter auslöste, war die Ankündigung nach Kumlus Rede, dass Alişan, ein Popsänger, der überhaupt keinen Bezug zur Arbeiterklasse hat, ein Konzert am Ort der Kundgebung abhalten würde.
Die Arbeiter besetzten die Rednertribüne, riefen ihre eigenen Slogans, und obwohl die Gewerkschaftsführer den Ton abstellten, stimmten die anderen Arbeiter, die auch zur Kundgebung gekommen waren, in diese Slogans ein. Eine Zeitlang verloren die Gewerkschaften total die Kontrolle, sie lag in den Händen der Arbeiter. Andere Gewerkschaftsführer, die auf die Bühne eilten, fingen an auf der einen Seite radikale Reden zu schwingen und andererseits die Arbeiter aufzufordern, die Bühne zu verlassen. Als die Arbeiter ihnen nicht folgten, versuchten sie die Arbeiter zu provozieren und sie gegeneinander zu hetzen, sowie gegen die Studenten und die anderen Arbeiter, die zu ihrer Unterstützung erschienen waren. Die Gewerkschafter versuchen die Arbeiter, die seit Beginn des Kampfes in Ankara ausgeharrt hatten, gegen die zu hetzen, die erst kürzlich angekommen waren. Am Ende schafften es die Gewerkschafter die Arbeiter, welche die Bühne besetzt hielten, von dieser zu drängen und sie dazu zu bewegen, schnell wieder vor das Gewerkschaftsgebäude zu gehen. Die Tatsache, dass Reden mit der Aufforderung zum Hungerstreik und Todesfasten vorgetragen wurden, um die Aufrufe zu einem Generalstreik herunterzuspielen, ist aus unserer Sicht interessant. Es reichte aber nicht, die Wut der Arbeiter zu besänftigen, indem sie einfach vor das Gewerkschaftsgebäude zurückkehrten. Slogans wie „Generalstreik, allgemeiner Widerstand“, „Türk-İş, unsere Geduld hat Grenzen”, “Wir werden die ausverkaufen, die uns ausverkaufen“, wurden da vor dem Gewerkschaftsgebäude gerufen. Einige Stunden später durchbrach eine Gruppe von 150 Arbeitern die gewerkschaftliche Barrikade vor dem Türk-İş Gebäude, drangen in das Gebäude ein und besetzten es. Tekel-Beschäftigte, die im Gebäude auf der Suche nach Mustafa Kumlu waren, fingen an vor der Tür von Kumlus Büro zu rufen „Feind der Arbeiter, Diener der AKP“.
Nach den Demonstrationen am 17. Januar wurden von den Arbeitern Anstrengungen unternommen, ein anderes Streikkomitee zu gründen. Diesem Komitee gehörten Arbeiter an, die nicht meinten, dass ein Hungerstreik ein gangbarer Weg vorwärts sei, und die stattdessen hervorhoben, dass man nur vorwärtsgehen könne, indem man den Kampf ausdehnte. Die Bemühungen zur Bildung des Komitees wurden allen Arbeitern bekannt gemacht; die Mehrheit der Arbeiter unterstützte dies. Und diejenigen, die nicht für diese Idee waren, sprachen sich auch nicht dagegen aus. Zu den Aufgaben des Komitees gehörten neben dem Vortragen von Forderungen gegenüber den Gewerkschaften das Ermöglichen einer Verbindung unter den Arbeitern und deren Selbstorganisierung. Wie beim vorherigen Streikkomitee gehörten diesem auch ausschließlich Arbeiter an und es war völlig unabhängig von den Gewerkschaften. Die gleiche Entschlossenheit zur Selbstorganisierung machte es Hunderten von Tekel-Beschäftigten möglich, sich der Demonstration der Beschäftigten des Gesundheitswesens anzuschließen, die am 19. Januar in einen eintägigen Streik traten. Am gleichen Tag, als sich nur ca. 100 Arbeiter am dreitägigen Hungerstreik beteiligen sollten, schlossen sich diesem 3.000 an, obwohl das Gefühl weit verbreitet ist, dass dies kein adäquates Mittel ist, um den Kampf weiterzubringen. Der Grund ist, dass man die Hungerstreikenden nicht alleine lassen wollte, ihnen seine Solidarität bekunden wollte.
Obgleich die Tekel-Beschäftigten regelmäßig Versammlungen unter sich in den Städten abhalten, wo sie wohnen, ist es bislang noch zu keiner Vollversammlung mit Beteiligung aller Arbeiter gekommen. Und dennoch trug seit dem 17. Dezember die Straße vor der Türk-İş-Zentrale immer mehr die Merkmale einer informellen aber regelmäßigen Massenversammlung. Auf dem Sakarya-Platz versammeln sich in diesen Tagen Hunderte Arbeiter aus verschiedenen Städten und diskutieren, wie sie den Kampf vorwärtsbringen, ihn ausdehnen, und was sie sonst noch tun können. Ein anderes wichtiges Merkmal dieser Kämpfe war, wie die Arbeiter verschiedenen ethnischen Ursprungs es schafften, sich gegen die kapitalistische Ordnung zu vereinigen, trotz all der Provokationen und Spaltungsversuche des Regimes. Der Slogan „Kurdische und türkische Arbeiter – ein Kampf“, der seit den ersten Tagen gerufen wurde, verdeutlicht dies klar. Im Kampf um Tekel tanzten viele Arbeiter aus der Gegend des Schwarzen Meers Şemame und viele kurdische Arbeiter tanzten zum ersten Mal den Horon-Tanz [14]. Ein anderes herausragendes Merkmal ist die Wichtigkeit der Ausdehnung des Kampfes und der Arbeitersolidarität. Dies stützt sich nicht auf eine enge nationale Perspektive, sondern umfasst die gegenseitige Unterstützung und Solidarität der Arbeiter der ganzen Welt.
Den Tekel-Beschäftigten gelang es auch zu verhindern, dass die oppositionellen Parteien den Kampf für ihre eigenen Zwecke instrumentalisierten. Sie wussten, wie heftig die Republikanische Volkspartei [15] die Arbeiter angriff, die von Kent AŞ[16] entlassen wurden, wie die Nationalistische Bewegungspartei [17] sich an der Gestaltung der Staatspolitik beteiligte und gegen die Arbeiterklasse vorging. Ein Arbeiter brachte dieses Bewusstsein deutlich in einem Interview zum Vorschein: „Wir verstehen, wer all diese Leute sind. Leute, die zuvor für die Privatisierungen stimmten, wollen uns jetzt vorgaukeln, dass sie Verständnis für unsere Lage hätten. Bislang habe ich immer für die Nationalistische Bewegungspartei gestimmt. Ich bin zum ersten Mal auf Revolutionäre in diesem Kampf gestoßen. Ich beteilige mich an diesem Kampf, weil ich ein Arbeiter bin. Revolutionäre stehen an unserer Seite. Die Nationalistische Bewegungspartei und die Republikanische Volkspartei halten Fünf-Minuten–Reden und verschwinden dann wieder. Einige von uns klatschten ihnen am Anfang Beifall, als sie ankamen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet.“ [18] Das deutlichste Beispiel dieses Bewusstseins konnte man erkennen, als die Tekel-Leute die Redner der faschistischen Alperen Organisation [19], vorstellten, d.h. die gleiche Organisation, die die Kent AŞ-Beschäftigten angriff, als diese im Abdi İpekçi Park demonstrierten, weil sie Kurden sind. Der Tekel-Kampf leistete auch einen großen Beitrag zum Kampf der Feuerwehrleute, die brutal nach ihrer ersten Demonstration angegriffen wurden. Sie stärkten deren Moral, was sie ermutigte, ihren Kampf weiter zu führen. Allgemein haben die Tekel-Leute nicht nur den Feuerwehrleuten Mut gemacht, sondern allen Bereichen der Klasse in der Türkei, die in den Kampf treten wollen.
Die Tekel-Beschäftigten haben es geschafft, in den Streik zu treten, der für alle Arbeiter zu einem Bezugspunkt geworden ist. Deshalb stehen heute die Tekel-Beschäftigten stolz an der Spitze der Arbeiterklasse in der Türkei, und führen unsere bislang jahrelang schlummernde Klasse in den Kampf der Arbeiter weltweit. Ihr Kampf beinhaltet den Keim des Massenstreiks, der von Ägypten bis Griechenland, von Bangladesch bis Spanien, von England bis China die Welt in den letzten Jahren erschüttert hat. Dieser Kampf geht im Augenblick noch weiter; der Moment, die Lehren daraus zu ziehen ist noch nicht gekommen. Nachdem auf der einen Seite die Idee eines Hungerstreiks und eines Todesstreiks vorgeschlagen wird, andererseits ein aus den betroffenen Arbeitern zusammengesetztes Streikkomitee der Meinung ist, dass die Idee eines Hungerstreiks nicht die beste Waffe im Kampf ist und sie stattdessen den Kampf ausdehnen wollen, und Türk-İş Gewerkschaftsbürokraten, die als Handlanger des Staates agieren und Arbeiter, die auf einen Generalstreik hinarbeiten wollen, zusammenprallen, ist es schwer vorherzusagen, wie und wohin sich der Kampf entwickeln und was aus ihm werden wird. Aber egal, was aus diesem Kampf werden wird, die sehr ehrenhafte Haltung der Tekel-Beschäftigten wird wichtige Früchte und sehr kostbare Lehren für die gesamte Arbeiterklasse hinterlassen. Gerdûn, 20.01.10
[1] Tekel verfügte früher über ein staatliches Monopol im Tabak- und Alkohol-produzierenden Gewerbe.
[2] eine linksextreme Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes. Revolutionäre Arbeitergewerkschaftsverband und die Hauptgewerkschaft des Öffentlichen Dienstes, die für ihre faschistischen Sympathien bekannt ist.
[3] ebenso der Führer der herrschenden Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei AKP
[4] https://www.cnnturk.com/2009/turkiye/12/05/erdogana.tekel.iscilerinden.p... [2]
[5] eine Stadt im türkischen Kurdistan.
[6] https://www.evrensel.net/haber.php?haber_id=63999 [3]
[7] Tek Gıda-İş, Nahrungsmittel, Alkohol, Tabakarbeiter Gewerkschaft, Mitglied der ürk-İş
[8] https://www.evrensel.net/haber.php?haber_id=63999 [3]
[9] Konföderation der Türkischen Gewerkschaften, der ältesten und größten Gewerkschaft in der Türkei, die eine infame Geschichte hinter sich hat, nachdem sie unter dem Einfluss der USA in den 1950er Jahren gegründet wurde, sich auf das Modell der AFL-CIO stützte und über viel Erfahrung bei der Sabotage der Arbeiterkämpfe verfügt
[10] Bekannt als die inoffizielle Hauptstadt Kurdistans, ist Diyarbakır eine Metropole in Türkischen Kurdistan
[11] https://www.kizilbayrak.net/sinif-hareketi/haber/arsiv/2009/12/30/select... [4]
[12] eine Stadt in Türkisch Kurdistan.
[13] https://tr.internationalism.org/ekaonline-2000s/ekaonline-2009/tekel-isc... [5]
[14] Şemamme ist ein sehr berühmter kuridscher Tanz, und Horon ist ein sehr berühmter Tanz aus der Schwarzmeer-Region der Türkei.
[15] Die Kemalisten, eine säkuläre, linksnationalistische Partei, Mitglieder der Sozialistischen Internationale, extrem chauvinistisch.
[16] Kommunalbeschäftigte aus İzmir, eine Metropole an der Küste der Ägäis. Diese Arbeiter wurden von der Republikanischen Volkspartei gefeuert, die die Kontrolle über die Gemeinde ausübten, und die dann brutal von der Partei angegriffen wurden, als sie gegen die Parteiführer protestierten.
[17] die größte faschistische Partei.
[18] https://www.kizilbayrak.net/sinif-hareketi/haber/arsiv/2009/12/30/select... [4]
[19] eine Mörderbande, die mit der Großen Einheitspartei verbunden ist, eine radikalfaschistische Abspaltung von der Nationalistischen Bewegungspartei.
In unserem ersten Artikel über den Streik der Tekel-Beschäftigten schilderten wir die Ereignisse bis zum 20. Januar. Mit diesem Artikel setzen wir die Schilderung des Kampfes fort und berichten über die Zeit von der Aufstellung der Zelte im Zentrum von Ankara bis zum 2. März, als die ArbeiterInnen Ankara wieder verließen.
An dieser Stelle möchten wir uns zunächst ganz herzlich bei den Tekel-Beschäftigten bedanken, die uns durch ihre Auskünfte über die Ereignisse, ihre Erfahrungen und ihre Gedanken wertvolle Fingerzeige bezüglich der weiteren Entwicklung des Tekel-Kampfes wie auch der zukünftigen Kämpfe unserer Klasse insgesamt liefern.
Wir beendeten den ersten Artikel mit dem Hinweis auf die Bemühungen der ArbeiterInnen um die Bildung eines Komitees. Von Beginn des Jahres bis zum 20. Januar gab es vier bis fünf Anläufe zur Bildung eines Komitees, und auch danach gab es weitere Versuche.
Ein Hauptproblem war die mangelnde Verständigung unter den ArbeiterInnen. Zwar verbrachten die Streikenden die meiste Zeit zusammen und diskutierten ständig miteinander. Jedoch waren sie nicht in der Lage, ein Organ - wie eine Massenversammlung beispielsweise - auf die Beine zu stellen, das einen Rahmen für ein Zusammenkommen und organisiertes Vorgehen geboten hätte. Wie wir weiter unten im Artikel erklären werden, wurde die Lage dadurch erschwert, dass die ArbeiterInnen aus den verschiedenen Städten ihre Zelte jeweils separat voneinander aufstellten und die meiste Zeit getrennt voneinander verbrachten. Diese Separierung blockierte die Verständigung.
Doch ein noch größeres Problem war, dass die meisten Arbeiter keine Alternative zu den Gewerkschaften suchten oder zumindest dabei zögerten. Viele Gewerkschafter wurden aus dem einfachen Grund geachtet, weil sie Gewerkschafter sind. Man glaubte ihnen mehr als den entschlossenen, militanten Arbeitern, die die Bewegung faktisch anführten. Dadurch entstand das Problem, dass die ArbeiterInnen nicht wirklich hinter ihren eigenen Entscheidungen standen. Die psychologische Abhängigkeit der Streikenden von den Gewerkschaftsoffiziellen verhinderte die Gründung von Arbeiterkomitees außerhalb der Gewerkschaften.
Ein Kollege aus Adıyaman bestätigte diese Beobachtung: „Wenn die Sachen in den Zelten diskutiert worden wären und wenn jedes Zelt einige Leute geschickt hätte, wäre das Komitee quasi von selbst gegründet worden. Unter diesen Umständen hätte sich dem niemand widersetzt, es wäre unmöglich gewesen. Wir versuchten diese Frage aufzuwerfen (…) Die mangelnde Kommunikation war ein Problem, wir hätten zum Beispiel ein Kommunikationszelt errichten sollen, als die Zelte aufgebaut wurden. Wenn wir das getan hätten, dann wäre wohl ein Komitee rund um das Zelt gebildet worden.“
Die ArbeiterInnen erklärten offen ihr mangelndes Vertrauen in die Gewerkschaften, aber ihr Zaudern verhinderte die Suche nach einer Alternative. In dieser widersprüchlichen Haltung kommt der Einfluss zum Ausdruck, den die Gewerkschaften noch immer auf die Beschäftigten haben. Obgleich Letztere den Gewerkschaften nicht trauen, klammern sie sich an sie und halten unbeirrt an dem Glauben fest, dass sie ihre Stimme mit Hilfe der Gewerkschaften zum Ausdruck bringen könnten.
Doch die Gewerkschaftsvertreter sind durchaus besorgt, wenn sie das Wort „Komitee“ hören. Sie sind sich sehr wohl bewusst, dass, wenn ein Komitee gegründet werden würde, sie ihre Kontrolle verlören; die Masse der ArbeiterInnen wäre nicht mehr von ihnen zu steuern. Für die ArbeiterInnen hingegen ist dies nicht klar. Dennoch: ungeachtet der Probleme, auf die die ArbeiterInnen bislang gestoßen sind, und ungeachtet der Reaktionen der Gewerkschaftsoffiziellen gab und gibt es weitere Versuche, ein Komitee zu gründen.
Kommen wir zu den Ereignissen zurück: Am 14. Januar versammelten sich nahezu alle Tekel-Beschäftigten aus fast allen Städten, wo es Tekel-Werke gibt, mit ihren Familien zu einem dreitägigen ununterbrochenen Sit-in in Ankara. Um sich vor der Kälte zu schützen, machten die Arbeiter nachts Feuer. Am dritten Tag regnete es heftig. Es wurden Plastikplanen über die Straßen gespannt, unter denen die Streikenden schliefen. So entstand mitten in Ankara eine Zeltstadt. Der Aufbau von Zelten entsprang, wie auch andere Aspekte des Kampfes, einer sehr spontanen Entwicklung. Ursprünglich hatten die Arbeiter die Aufstellung eines Kampfzeltes vor dem Gewerkschaftsgebäude gefordert.
Diese Forderung stand im Zusammenhang mit den Bestrebungen, ein Komitee zu errichten, aber die Gewerkschaften stellten sich dagegen. Wenn die Zelte schießlich doch errichtet wurden, dann geschah dies aus rein pragmatischen Gründen: Die Wetterbedingungen machten solch einen Schritt erforderlich. Die Plastikplanen, welche die Straßen überspannten, nahmen schnell die Form von Zelten an, und bald fingen Arbeiter aus den verschiedenen Städten an, ihre eigenen Zelte aufzubauen. Erst nachdem die Zelte aufgestellt waren, gaben die Gewerkschaften ihre Zustimmung dazu.
Der Grund für die räumliche Abtrennung der Zelte gemäß den verschiedenen Standorten: die Arbeiter wollten so das Eindringen von Spitzeln und Provokateuren in die Zelte unterbinden, aber auch eine mögliche Zerstreuung verhindern, indem jeder die anderen im Blick hatte. Aufgrund der Kälte wurden noch mehr Plastikplanen herbeigeschafft. Weil die Feuer viel Ruß und Rauch verursachten, schafften die Arbeiter Öfen herbei. So wuchs schließlich mitten in Ankara eine lebendige, atmende Zeltstadt heran.
Am 17. Januar fand im Anschluss an das Sit-in eine Massendemonstrationen zur Unterstützung der Tekel-Beschäftigten statt, an der die Tekel-Leute und ihre Unterstützer aus anderen Städten teilnahmen. Im Bewusstsein, dass sie den Kampf nur durch seine Ausdehnung gewinnen können, drängten Tekel-Beschäftigte den Gewerkschaftsdachverband Turk-Is zur Ausrufung eines Generalstreiks. Nachdem die Arbeiter die Rede des Turk-Is-Vorsitzenden Mustafa Kumlu gehört hatten, der den Generalstreik nicht einmal erwähnte, besetzten sie zunächst die Rednertribüne, von der die Gewerkschaftsführer zu den über 100.000 Demonstranten sprachen, und schließlich das Gewerkschaftsgebäude. Dies veranlasste Mustafa Türkel, Vorsitzender der Tek-Gida Is (die Gewerkschaft, der die Tekel-Beschäftigten angehören), dazu, sich von Kumlu zu distanzieren und darüber zu klagen, wie isoliert er in Turk-Is sei und dass die anderen Gewerkschaften inner- wie außerhalb des Dachverbandes ihre Unterstützung verweigerten.
Für und Wider des Hungerstreiks
Dieser Demonstration folgte ein vorerst auf drei Tage befristeter Hungerstreik. Nach dem dritten Tag sollte der befristete Hungerstreik in einen unbefristeten übergehen. Die Streikenden erblickten im Hungerstreik allen Ernstes den letzten Ausweg. Sie meinten, dass sie tot mehr wert seien als lebendig, da die Renten für ihre Familien im Falle ihres Todes höher wären als ihre jetzigen Löhne. Dies konnte die Zweifel an der Richtigkeit des Hungerstreiks zwar nicht ausräumen, dennoch begannen am 19. Januar 140 Arbeiter mit dem Hungerstreik.
In den folgenden Tagen kündigten die Gewerkschaften KESK und DISK einen gemeinsamen Aktionsplan an. Es wurde beschlossen, am 22. Januar die Arbeit einen Tag später zu beginnen, und die Absicht angekündigt, tägliche Unterstützungsbesuche und Proteste zu veranstalten. Am 21. Januar trafen sich Turk-Is, KESK, DISK und die eher rechte Kamu-Sen, Memur-Sen und Hak-Is und verkündeten anschließend, wenn die Regierung das Problem bis zum 26. Januar nicht löse, würden sie die „aus der Produktion kommende Macht“ mobilisieren. Sie vergaßen auch nicht, das Datum des geplanten Solidaritätsstreiks zu nennen. Noch am gleichen Tag lud Premierminister Erdogan den Turk-Is-Vorsitzenden Kumlu zu Gesprächen ein. Nach dem Treffen beauftragte die Regierung Mehmet Simsek, den Finanzminister, mit der Erstellung eines neuen Lösungsvorschlags. Ausgerechnet Simsek, der zuvor geäußert hatte: „Wenn unsere Regierung einen Fehler gemacht hat, dann den, dass wir zu nachsichtig und mitfühlend mit unseren Arbeitern waren, die ihre Stelle aufgrund der Privatisierung verlieren“.
Nun wollte er mit einem neuen Lösungsvorschlag erneut eine Turk-Is-Delegation treffen. Darüber sollten fünf Tage vergehen. In Anbetracht dieser unsicheren Lage und unter Berücksichtigung ärztlichen Rates beendeten die Arbeiter den Hungerstreik nach dem dritten Tag. Am 26. Januar verkündete die Regierung ihre abschlägige Antwort. Dennoch wurden die Verhandlungen noch bis zum 1. Februar fortgesetzt. Es war offensichtlich, dass sich die Politik im Zeitschinden übte. Letztendlich ließ die Regierung das Sparpaket 4-C nicht fallen, sondern nahm nur gewisse Modifikationen vor. Die Ausdehnung der maximalen Arbeitszeit auf elf Monate wurde nun besser entlohnt, Zuschläge für ältere Beschäftigte wurden ebenso wie die Gewährung von 22 Urlaubstagen zugesagt. Die Arbeiter antworteten: „Wir wollen keine kosmetischen Verbesserungen am 4-C“.
Da die Verhandlungen zu keinem Erfolg führten, wurde der Hungerstreik am 2. Februar wieder aufgenommen. Die Gewerkschaftsverbände Türk-Is, Hak-Is, DISK, Memur-Sen, Kamu-Sen und KESK kündigten nach einem Treffen erneut „Aktionen (an), die die Kraft aus der Produktion einsetzen“ würden. Natürlich entsprang diese Entscheidung nicht der Eigeninitiative der Gewerkschaften, sondern kam nur aufgrund des Drucks der ArbeiterInnen zu Stande. Diese hatten auf der Demonstration am 17. Januar ihre Entschlossenheit zur Durchführung eines Generalstreiks gezeigt, als sie sowohl die Rednertribüne als auch das Gewerkschaftsgebäude der Turk-Is besetzten. Die Arbeiter forderten Kumlus Rücktritt; Mustafa Türkel sah sich gezwungen, eine kritische Rede über den Gewerkschaftsverband zu halten und die anderen Gewerkschaften dazu aufzurufen, sich für einen Generalstreik zu einzusetzen. Die Entscheidung der Gewerkschaften kam also eindeutig unter dem Druck der Arbeiter zustande. Gleichzeitig hatten die Gewerkschaften alles unternommen, um Zeit zu schinden, um letztlich dann doch einen Generalstreik auszurufen.
Nach dieser Ankündigung erklärte Erdogan, dass die Arbeiterdemonstrationen weit übers Ziel hinausgeschossen seien. „Bitte schön, wir haben unser Bestmögliches getan. Doch statt lediglich mehr Rechte einzufordern, hat man nun eine Kampagne gegen die Regierung begonnen.“
Nachdem die Arbeiterdemonstrationen vor dem Gewerkschaftsgebäude als illegale Besetzung erklärt wurden, äußerte Erdogan: „Wir werden bis zum Ende des Monats geduldig sein. Danach werden wir alle erforderlichen juristischen Schritte einleiten (…) weil die Ereignisse jetzt durch ideologische Gruppen und Extremisten ausgeschlachtet werden. Sie benutzen einen unverschämten Ton und zielen auf mich und meine Partei ab. Die Arbeiter werden ausgenutzt.“ Der Gouverneur von Ankara, Kemal Onal, schlug in die gleiche Kerbe. Kurz vor den Solidaritätsaktionen zugunsten der Tekel-Beschäftigten erklärte er diese für ungesetzlich und untersagte den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes die Teilnahme an solchen Protesten. Er drohte all jenen mit Repressalien, die sich an solchen Protesten beteiligten.
Auch wenn die Gewerkschaften einen Generalstreik angekündigt hatten, hieß das noch lange nicht, dass sie diesen auch wirklich mittragen und nicht blockieren wollten. Viele regierungsfreundliche Gewerkschaften innerhalb des Dachverbandes Turk-Is stellten sich gegen den Generalstreik-Beschluss. Regierungsnahe Verbände wie Memur-Sen und Hak-Is sagten in letzter Minute ihre Beteiligung ab. Die Turk-Is als Ganzes beschloss lediglich ihre Teilnahme an den Demonstrationen in Ankara – und das nur in Form eines Auftritts von Gewerkschaftsführern. So wurde der Wille der Basis untergraben; die ArbeiterInnen aus den verschiedenen Städten und Branchen konnten nicht zusammenkommen. An besagtem Tag beteiligten sich vielleicht 30.000-40.000 ArbeiterInnen an den Demonstrationen, obwohl eigentlich mehr als 100.000 erwartet wurden. Die Gewerkschaften versuchten eine größere Zahl Teilnehmer zu verhindern. Ihre Mobilisierung für den Streik blieb weithin unter dem versprochenen Niveau. Dagegen beteiligten sich ca. 90 Prozent, d.h. ca. 9000 Beschäftigte der insgesamt 10.857 Tekel-Beschäftigten. In anderen Städten kam es gleichzeitig zu Solidaritätsdemos für die Tekel-Leute.
So kam kein richtiger Generalstreik zustande. Er war zu begrenzt, zu schwach. Die Stärke eines Generalstreiks ergibt sich aus der Drohung, den gesamten Produktionsprozess lahmzulegen. Doch am 4. Februar bemerkte man, wenn man über die Ausrufung des Streiks durch die Gewerkschaften nicht im Bilde war, nicht wirklich, dass ein Streik stattfand. Selbst einige Gewerkschaftsführer mussten dies eingestehen. Sami Evren, der Vorsitzende der KESK, sagte: „Die von den Tekel-Beschäftigten ausgelöste Bewegung hat eine große Solidarisierung in der ganzen Türkei hervorgerufen. Dies ist ein Erfolg der Bewegung, aber es gab Erfolge und Misserfolge bei der Einsetzung der Kräfte, die man auf der Ebene der Produktion entwickeln kann. Da wurde nicht genügend Druck gemacht, das müssen wir eingestehen.“ Der Vorsitzende der DISK, Suleyman Celebi, meinte: „In 81 Städten kam es zu ‚Wir gehen nicht zur Arbeit‘-Aktionen. Es stimmt, dass die Aktionen in Istanbul und Ankara weit unter dem erwarteten Niveau blieben, aber man kann nicht behaupten, dass dies den allgemeinen Erfolg der Solidarisierung geschmälert hätte.“
Am gleichen Tag, den 4. Februar, ergriff die Regierung einige Gegenmaßnahmen. Das neue Gesetz zur Beschäftigung von Zeitarbeitern, „4-C“, wurde im Gesetzesblatt veröffentlicht. Die Zahl der im Rahmen von 4-C Beschäftigten wurde für das Jahr 2010 auf 36.215 festgelegt; die Tekel-Beschäftigten eingerechnet. Dieses Gesetz bedeutete nicht nur die Abschaffung des Rechtes der ArbeiterInnen, acht Monate lang Arbeitslosengeld zu beziehen, sondern zwang die Beschäftigten mittels der Erpressung der Arbeitslosigkeit zur Annahme von sehr niedrigen Löhnen.
Bis zum 4. Februar hatten die ArbeiterInnen sich darauf konzentriert, die Gewerkschaftsverbände dazu zu bewegen, einen Generalstreik auszurufen und damit die Ausdehnung der Bewegung zu bewirken. Weil diese Erwartungen nicht erfüllt wurden und es zu keinem wirklichen Generalstreik kam, wurde der Schwerpunkt des Kampfes auf juristische Auseinandersetzungen verlagert. Wenn juristische Auseinandersetzungen in den Vordergrund treten, ist dies im Allgemeinen ein Ausdruck der Schwächung des Kampfes. Das Beispiel Tekel ist hier keine Ausnahme. Die Rolle der Gewerkschaften bei der Schwächung des Kampfes und bei der Ausrichtung auf die juristischen Auseinandersetzungen kann nicht unterschätzt werden.
Am 2. Februar begannen die Arbeiter einen dreitägigen Hungerstreik, welcher dann am 5. Februar beendet wurde. Doch kaum war dieser zu Ende, fingen weitere 100 Beschäftigte einen unbegrenzten Hungerstreik an. Der Vorsitzende von Tek Gida-IS, Mustafa Türkel, verkündete das Ende dieses Hungerstreiks am 11. Februar. Dann rief er 16 Arbeiter, die trotzdem weiter machen wollten, zur Aufgabe auf. Aber diese wollten nicht aufgeben.
Am 16. Februar verkündeten Turk-Is, Kamu-Sen, KESK und DISK ihren gemeinsamen Aktionsplan für den 18. Februar. Spruchbänder mit der Aufschrift: „Der Kampf der Tekel-Beschäftigten ist unser Kampf“ sollten vor allen Gewerkschaftsgebäuden der vier Verbände angebracht werden. Am 19. Februar sollten Sit-ins und Pressekonferenzen in allen Städten abgehalten werden, und für den 20. Februar war eine Solidaritätsdemo in Ankara vorgesehen. Die angereisten Demonstranten sollten sich auf dem Kolej-Platz sammeln, zum Sakarya-Platz marschieren und dort mit den Tekel-Beschäftigten die Nacht verbringen.
Tekel-Beschäftigte aus Adana riefen zur Demonstration am 20. Februar auf und betonten die Notwendigkeit der Ausdehnung des Kampfes: „Wir wollen, dass alle, die sich gegen die schlechten Verhältnisse in der Türkei auflehnen wollen, unsere Bewegung unterstützen. Es geht nicht mehr nur um uns. Die Mehrheit ist betroffen, die Unterdrückten. Hoffentlich werden wir gewinnen. Wir haben ein Feuer entfacht, und die Öffentlichkeit muss jetzt hier weitermachen. Es geht um unsere Zukunft, die Zukunft unserer Kinder, die Zukunft der Arbeiterklasse in der Türkei. Wir haben etwas angestoßen, die anderen müssen jetzt die Bewegung weiterführen. Wir werden uns hier nicht zurückziehen, bevor wir bekommen haben, was uns zusteht, aber die Öffentlichkeit muss aufwachen und uns mit ihren Familien, Kindern usw. unterstützen..“
Am 20. Februar fanden die Solidaritätskundgebungen unter Beteiligung der Gewerkschaften, politischen Parteien und Massenorganisationen statt. ArbeiterInnen der Balnaks Logistik-Firma, die ihre Arbeit just zu dem Zeitpunkt verloren hatten, als die Tekel-Belegeschaft ihren Kampf begann, waren ebenso gekommen. Die Demonstration verlieh dem Kampf der Tekel-Beschäftigten moralischen Auftrieb.
Am 23. Februar trafen sich die vier Gewerkschaftsorganisationen erneut. Sie beschlossen die Durchführung einer großen Aktion für den 26. Mai., falls die Regierung nicht nachgab. Aber eine größere Mobilmachung erst drei Monate später zu planen hieß, die ArbeiterInnen für dumm zu verkaufen. Die Entscheidung wurde im Internet verbreitet, ehe sie offiziell verkündet wurde. Niemand wollte dies glauben. Die untere Funktionärsebene war über die Entscheidung nicht informiert worden und behauptete, es handle sich um eine Falschmeldung. Nach der Ankündigung kamen ArbeiterInnen zusammen und riefen Parolen gegen Turk-Is und Kumlu. In diesem kritischen Moment zeigte Türkel sein wahres Wesen ziemlich offen: „Wenn ihr weiter den Rücktritt von Kumlu verlangt, werde ich zurücktreten.“ sagte er den Protestierenden. Den Arbeitern war dies schnuppe.
Am 23. Februar kamen 13 Bergarbeiter in Balıkesir nach einer durch Grubengas verursachten Explosion ums Leben. Seit 2006 war dies der dritte große Unfall mit tödlichen Folgen für die Arbeiter aufgrund der Arbeitsbedingungen. 17 Arbeiter waren beim vorletzten Unfall ums Leben gekommen und drei bei einer früheren Explosion. Die Tekel-Beschäftigten waren bestürzt, als sie davon erfuhren. Die Bergarbeiter hatten ihr Leben wegen der unsicheren Arbeitsbedingungen verloren. Jetzt sollten die Tekel-Leute ähnlich unsicheren Bedingungen unterworfen werden. Die Wut der Klasse und ihr Schmerz mussten sich äußern. Ein Arbeiter aus Adıjaman erklärte: „Die Verstorbenen gehörten zu uns, wir mussten ihnen unsere Solidarität zeigen. Es gab eine hundertprozentige Beteiligung. Jeder spürte den Schmerz. Wir bereiteten Spruchbänder, schwarze Trauerbänder vor und verfassten eine Presseerklärung. Das war für unsere Klassensolidarität sehr wichtig.“ Man gedachte der Bergleute während der nunmehr regelmäßigen abendlichen Fackelzüge und hielt eine Schweigeminute zu Ehren der getöteten Bergleute ab. Der Slogan „Lang lebe die Klassensolidarität“ wurde zum Motto des Tages.
Am nächsten Morgen, dem 25. Februar, ereilte die Arbeiter eine neue Hiobsbotschaft. Ein Tekel-Kollege, Hamdullah Uysal, war bei einem Verkehrsunfall in Ankara ums Leben gekommen.
Der in Ankara geborene Hamdullah Uysal hatte bei Tekel in Samsun gearbeitet. Er war 39 Jahre alt und hatte zwei Kinder, eins davon behindert. Er hatte sich an den Hungerstreiks beteiligt. Die Tekel-Beschäftigen hatten noch weitere Verluste während des Kampfes hinnehmen müssen. Einigen war der Vater oder die Mutter gestorben oder gar Kinder, aber nun war es das erste Mal, dass einer von ihnen, ein Kollege, während des Kampfes gestorben war. Hamdullah Uysal war ein kämpferischer Arbeiter, der sich von Anfang an am Kampf beteiligt hatte. Seit dem Beginn der Bewegung war er in Ankara mit dabei, nur zweimal war er in seine Heimatstadt zurückkehrt. Die Arbeiter betrachteten ihn als einen Märtyrer des Klassenkampfes. Zudem riefen die Umstände seines Todes unter den Beschäftigten Wut und Empörung hervor. Uysal war morgens um 5:30 Uhr von einem Jeep angefahren worden, der von einem betrunkenen Fahrer auf dem Weg zum Morgengebet gesteuert wurde. Man war auf den Fahrer und die Klasse, die er verkörperte, wütend. Die Arbeiter sprachen von dem Unfallfahrer als den „reichen Typen mit dem Jeep“.
Da die Arbeiter Uysal als einen Märtyrer ihres Kampfes betrachteten und da die Zeltstadt vor dem Turk-Is-Gebäude wie ein Zuhause für sie geworden war, wollten sie eine Trauerfeier in der Zeltstadt abhalten und anschließend Uysal in seiner Heimat bestatten. Sie sprachen mit der Frau von Uysal, die meinte: „Die Straße vor dem Turk-Is Gebäude ist wie ein Zuhause für ihn geworden, das Zelt vor dem Turk-Is-Gebäude ist sein Zuhause. Er hätte sich das sicherlich gewünscht. Ihr könnt die Feier vor dem Turk-Is-Gebäude abhalten und ihn dann in die Heimat überführen.“
So begaben sich 400 bis 500 Tekel-Beschäftigte zur Gerichtsmedizin in Kecioren, wohin Uysals Leichnam überführt worden war. Eigentlich wollten fast alle ArbeiterInnen mitkommen, aber man beschloss, die Zahl zu begrenzen, um einige Arbeiter zum Schutz der Zelte abzustellen, da die Regierung weiterhin drohte, die Zelte abzureißen. Die ArbeiterInnen befürchteten, die Regierung könnte zum Angriff blasen und die Zelte abreißen, sobald Erstere den Sakarya-Platz verlassen hatten. So blieben einige zurück und harrten vor dem Turk-Is-Gebäude aus.
Die Tekel-Beschäftigten, die zur Gerichtsmedizin gingen, wollten den Leichnam mitnehmen. Sie mussten Stunden lang ausharren. Man sagte ihnen, dass Uysals Bruder und Onkel kämen, um den Leichnam in Empfang zu nehmen. Schließlich kam ein Verwandter von Uysal, der auch bei Tekel beschäftigt war, aber man verweigerte auch ihm die Aushändigung des Leichnams. Dann tauchte ein „Onkel“ auf, der der Ehemann einer Tante von Uysal zu sein behauptete. Die Gerichtsmediziner sagten, man werde ihm den Körper übergeben. Arbeiter, die wussten, dass man den Leichnam nur einem Verwandten ersten Grades übergibt, schenkten dieser Finte vom „Onkel“ keinen Glauben. Sie vermuteten hinter dem „Onkel“ einen Spitzel und stellten ihn zur Rede. Ihr Verdacht wurde bestätigt, dieser „Onkel“ gestand, ein Spitzel zu sein. Die Arbeiter pochten deshalb erneut auf Herausgabe des Leichnams an sie, doch die Polizei drängte sie zurück. Sie warteten stundenlang und versuchten vergeblich die Familie Uysal zu erreichen. Schließlich traf selbige persönlich ein. Aber die Ankaraer Polizei und die Leute des Gouverneurs setzten sie sofort unter Druck.
Schon auf dem Weg zur Gerichtsmedizin wurde sie von der Ankaraer Polizei gestoppt, die sie dazu zwingen wollte, ihre Unterschrift unter ein Schreiben zu setzen, das ihnen vorschreiben wollte, den Leichnam ohne eine Trauerfeier in Ankara direkt in Uysals Heimat zu überführen. Auch in der Gerichtsmedizin übte man Druck auf sie aus. Schließlich gab die Familie nach und willigte ein, dass der Leichnam ohne eine Trauerfeier in Ankara abtransportiert wurde.
In der Zwischenzeit sagte man den vor der Gerichtsmedizin wartenden ArbeiterInnen zu, dass man ihnen den Leichnam übergeben werde. Arbeiter stiegen auch in den Krankenwagen ein, mit dem sein Leichnam transportiert wurde. Doch eine Gruppe von Arbeitern erkannte, dass der Krankenwagen zu einem anderen Ziel fuhr als ursprünglich vereinbart. Sie stiegen aus und blockierten den Verkehr. Andere Arbeiter schlossen sich ihnen an. Die Polizei tauchte auf und stellte sich zwischen die Arbeiter, die das Auto blockierten, und denjenigen, die noch im Krankenwagen saßen. Die Arbeiter wollten sich gegenseitig unterstützen, aber die Polizei ging gegen sie mit Tränengas vor, trieb sie auseinander, woraufhin die Erstere eine zweite Barrikade errichteten. Dann griff die Polizei die kleinere Gruppe von Arbeitern an, die die Weiterfahrt des Krankenwagens blockierten, zerrte sie aus dem Wagen und wollte sie festnehmen. Jedoch konnte sich die größere Arbeitergruppe erneut sammeln und versuchte sich mit den anderen Arbeitern zusammenzuschließen. Dies gelang ihnen jedoch nicht mehr; die Polizei brachte den Krankenwagen unter ihre Kontrolle, indem sie die Arbeiter brutal verprügelte.
In der Zwischenzeit versuchten die Arbeiter, die vor dem Turk-Is ausgeharrt hatten, zur Mithat Pasha-Straße zu gelangen und am Unfallort Blumen zu hinterlegen. Die Polizei hinderte sie daran. Sie jagte die ArbeiterInnen, die auf dem Sakarya-Platz zusammengekommen waren, um ihren Kollegen vor der Gerichtsmedizin zu helfen, auseinander. Vor den Polizeiabsperrungen in der Mithat Pasha-Straße riefen die Arbeiter: „Ihr habt Angst vor unseren Toten“. Auch wurden Slogans wie „Tayyip, der Mörder“, und „Die mörderische AKP gegen die Arbeiter“ (AKP - Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, deren Vorsitzender Tayyip Erdogan ist) skandiert. Trotz all der Bemühungen der Polizei gelang es einer Gruppe von Arbeitern, Blumen am Unfallort Hamdullah Uysals zu hinterlegen.
Die Arbeiter, die von der Gerichtsmedizin zurückkehrten, zogen direkt zur Mithat Pasha-Straße. Dort errichtete die Polizei erneut Absperrungen, um die Arbeiter am Weiterkommen zu hindern. Den Arbeitern gelang es aber, die Absperrungen zu durchbrechen. Belagerer des Turk-Is-Gebäudes schlossen sich ebenso an. Insgesamt hielten sie ein 20 bis 25-minütiges Sit-in ab und riefen Slogans zur Erinnerung an Hamdullah Uysal. Die Polizei umzingelte die Arbeiter während dieser Kundgebung. Schließlich beendeten die Arbeiter das Sit-in und begaben sich zurück zur Zeltstadt.
Während all dieser Vorfälle bezogen die Gewerkschaften nie Stellung zugunsten der ArbeiterInnen. Als die Polizei die Arbeiter vor der Gerichtsmedizin angriff, war von den Gewerkschaften nichts zu sehen. Und als die Arbeiter, die vor dem Turk-Is-Gebäude verweilten, ihren Kollegen zu Hilfe eilen wollten, versuchten die Gewerkschaften, diese nur zu besänftigen und zur Rückkehr zu den Zelten zu bewegen.
Hamdullah Uysals Tod bewies erneut, wie viel Angst die Ordnungskräfte vor den ArbeiterInnen hatten. Die Polizei und der Gouverneur unternahmen alles, um die Arbeiter daran zu hindern, ihrem verstorbenen Kollegen das letzte Geleit zu geben, doch vergeblich. Vielleicht waren die Reaktionen der Arbeiter, die die Polizeiabsperrungen durchbrachen, ein Sit-in an der Unfallstelle veranstalteten und dabei kurzfristig den Verkehr blockierten, der angemessenste Abschied vom verstorbenen Kollegen.
Der Tod von Uysal hatte die Tekel-Beschäftigten ziemlich erschüttert, aber die Vorfälle halfen auch den ArbeiterInnen, die zu Hause geblieben waren, zu erkennen, wie ernst die Lage geworden war. Eines der Vermächtnisses Hamdullah Uysals war sein Aufruf zur Ausdehnung des Kampfes an die anderen ArbeiterInnen: „Alles, was die Arbeiterklasse gewonnen haben mag, wird zu einem Kompass für die Arbeiterbewegung in der Zukunft werden. Schließt euch unserem Kampf an, rettet unsere Zukunft.“
Am darauffolgenden Tag zogen 25 Arbeiter vor die AKP-Zentrale in Ankara. Die Tekel-Beschäftigten, die in das Gebäude gehen wollten, beabsichtigten ein Spruchband mit einem Bild Hamdullah Uysals aufzuhängen. Daraufhin griffen private Sicherheitskräfte und Polizei die Arbeiter im Gebäude an. Doch dies spornte die vor dem Gebäude wartenden Arbeiter an, auch ins Gebäude vorzudringen. Sie wurden ebenfalls angegriffen, viele von ihnen wurden dabei verletzt. 19 Arbeiter wurden in Untersuchungshaft genommen. Es wurden Slogans wie „Mörder der AKP, Tayyip der Mörder“ gerufen, und die Arbeiter erläuterten, weshalb die Regierung für den Tod von Hamdullah Uysal verantwortlich war. Die verbliebenen Arbeiter blockierten die Mannschaftswagen der Polizei, welche die Arbeiter in U-Haft bringen sollten. Sie riefen: „Tekel ist überall, kämpft überall.“ „Repression kann uns nicht abschrecken“. Leider gelang es ihnen nicht, die festgenommenen Arbeiter aus den Händen der Polizei zu befreien.
Als eine Gruppe von ArbeiterInnen aus dem Izmirer Zelt von der Nachricht erfuhr, dass einige Arbeiter in U-Haft saßen, zogen sie zur Polizeiwache. Die festgehaltenen Arbeiter wurden nicht registriert, mit der Schutzbehauptung, wegen laufender Bauarbeiten sei das nicht möglich gewesen. Eine Gruppe von Arbeitern vor dem Gebäude der Turk-Is übte Druck auf die Gewerkschaften aus, ihre Rechtsanwälte zu den Inhaftierten zu schicken. All das hatte sich außerhalb der Kontrolle der Gewerkschaften zugetragen; unter dem Druck der Arbeiter erschienen die Gewerkschaftsfunktionäre mit ihren Rechtsanwälten in der Polizeiwache. Am nächsten Tag warteten die Arbeiter von zehn Uhr vormittags bis um neun Uhr abends vor dem Gerichtsgebäude, bis ihre Kollegen freigelassen wurden. Letztere hatten ca. 40 Stunden in U-Haft gesessen. 15 Arbeiter wurden nachmittags entlassen. Gegen vier wurden Ermittlungen wegen „Beschädigung öffentlichen Eigentums und Ungehorsam gegenüber einem Polizeioffizier“ eingeleitet. Aber auch sie wurden in der gleichen Nacht wieder freigelassen. Mit den vor dem Gerichtsgebäude ausharrenden Kolleg/Innen fuhren sie zurück zur Zeltstadt.
Am 1. März urteilte die Justiz zugunsten der Klage gegen die Anwendung der Einmonatsfrist für das 4-C für die Beschäftigten. Die Arbeiter feierten dies als einen Erfolg. Obwohl die militanten Arbeiter ihre Kollegen vor dieser Einschätzung warnten, wollten die anderen dies nicht zur Kenntnis nehmen. Dieses falsche Siegesgefühl untergrub die gemeinsame Haltung der ArbeiterInnen am nächsten Tag.
Am 2. März kündigte Musta Türkel an, dass die Demonstrationen der Tekel-Beschäftigten in Ankara beendet sei und die Zeltstadt abgebaut werde. Die Arbeiter würden am 1. April nach Hause zurückkehren. Dies führte zu einer Spaltung der Arbeiter in diejenigen, die sich der Entscheidung der Gewerkschaft zur Beendigung des Kampfes unterwarfen, und denjenigen, die den Kampf weiterführen wollten. Die Gegner riefen Slogans wie: „Die Zelte sind unsere Ehre. Wir lassen es nicht zu, dass ihr unsere Ehre verletzt.“ Andere Arbeiter riefen: „Türkel (der Gewerkschaftsführer) ist unsere Ehre“. Die Verfechter der Gewerkschaftsentscheidung und die Gegner wurden nun gegeneinander ausgespielt. Einige Zelte wurden bereits abgebaut, noch bevor Türkels Rede beendet war. Den Arbeitern wurde keine Zeit gelassen, eine allgemeine Diskussion zu führen. Die Arbeiter, welche sich der Entscheidung der Gewerkschaft widersetzten, diskutierten untereinander und wollten eine Strategie festlegen. Die Gewerkschaften wollten die beiden Gruppen gegeneinander hetzen und die Gegner der Gewerkschaftsentscheidung isolieren und abdrängen. Die Gewerkschaften wollten die „Unruhestifter“ bis zum 1. April vertreiben und sie vom Rest der Klasse isolieren, um so die anderen Arbeiter wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.
Doch die militanten Arbeiter liefen nicht in die gewerkschaftliche Falle. Um zu vermeiden, dass sie gegeneinander ausgespielt wurden, widersetzten sie sich nicht länger der Gewerkschaftsentscheidung. Die Gegner des Zeltabbaus waren in den Zelten aus Adiyaman, Izmir, Istanbul und Diyarbakir in der Mehrheit. Nach Absprache in ihren Reihen beugten sie sich der Entscheidung.
Tatsächlich hatten die Gewerkschaften schon lange zuvor angefangen, auf den Abbau der Zelte hin zu arbeiten. Schon in den drei Wochen zuvor hatten sie sich in diesem Sinne ausgesprochen. Ihre Vertreter hatten in den Zelten für deren Abbau plädiert. An dem Tag, als die Arbeiter vor dem Gerichtsgebäude auf die Freilassung ihrer in U-Haft befindlichen Kollegen warteten, hatten die Gewerkschaften Bezirksversammlungen abgehalten, die sich ebenfalls für den Abbau der Zelte aussprachen. Diese Wühlarbeit zahlte sich für die Gewerkschaften aus, denn die Entscheidung fiel zugunsten des Plädoyers der Gewerkschaften aus. Die Gewerkschaften und die Regierung arbeiteten Hand in Hand. Leider meinten aber viele Arbeiter, die Gewerkschaften stünden auf ihrer Seite. Neben den Arbeitern, die glücklich oder traurig waren über den Abbau der Zelte, waren auch einige sehr wütend. Ein Arbeiter, mit dem wir sprachen, meinte, alles fing damit an, dass die Gewerkschaften Mist bauten und jetzt ende auch alles damit, dass die Gewerkschaften alles vermurksten.
Der Kampf der Tekel-Beschäftigten wirkte wie ein Fanal, das die Ruhe an der Klassenfront in der Türkei, die seit den frühen 1990er Jahren herrschte, beendete. Der Kampf hatte auch ganz neue Methoden hervorgebracht. Die Errichtung einer Zeltstadt, in der die Arbeiter die ganze Zeit verbrachten, war etwas ganz Neues. Wie wir eingangs sagten, brachte dies positive Aspekte mit sich. Dadurch konnten die Arbeiter die Bewegung selbst kontrollieren. Gleichzeitig zeitigte dies auch negative Folgen. Nach einer gewissen Zeitlang trugen die Bedingungen der Zeltstadt zur Ermattung und zum Rückzug der meisten Arbeiter in die Zelte bei. Das Problem mangelnder Kommunikation wog schwer. Doch ungeachtet ihrer positiven und negativen Aspekte war die Zeltstadt ein Ausdruck, ein Ort und Symbol des Kampfes.
Das Ende der Zeltstadt hieß aber nicht, dass eine Pause im Kampf der militanten Arbeiter eingetreten wäre. Eine Gruppe von Arbeitern, die aus verschiedenen Städten kamen, beschloss in Kontakt zu bleiben und die Koordinierung ihres Kampfes in den Städten während des folgenden Monats in die Hand zu nehmen. Nach dem Abbau der Zelte richtete sich nun die Strategie der militanten Arbeiter darauf, ihre KollegInnen zu einer Rückkehr nach Ankara am 1. April zu bewegen und Kontakt mit Beschäftigten aus anderen Betrieben aufzunehmen. Obgleich der Abbau der Zelte wie eine Niederlage erschien, kann die Tatsache, dass die militanten Tekel-Beschäftigten nun auf den Zusammenschluss bestehender Kämpfe und deren Ausdehnung auf den Rest der Klasse hinarbeiten, zu einer wichtigen politischen Entwicklung nicht nur für die Tekel-Beschäftigen führen, sondern für den Klassenkampf in der Türkei insgesamt.
Sude, Anfang Mai 2010
(leicht gekürzte Fassung der türkisch-englischen Ausgabe). Die ungekürzte Fassung steht auf unseren Webseiten zur Verfügung.
Wir bedanken uns sehr bei dem Tekel-Beschäftigten, der diesen Artikel verfasst hat, und sich mit der Zeit zwischen dem 2. März und dem 2. April befasst, und Lehren aus der allgemeinen Entwicklung zieht. IKS
(Die IKS erstellt gegenwärtig auf Deutsch eine Textsammlung mit Dokumenten zum Tekel-Streik. Der hier veröffentlichte 3. Teil baut auf den 1. Teil (welcher schon auf unserer Webseite veröffentlicht wurde) und den 2. (in Übersetzung befindlichen) Teil.
Am 2. März wurden, obwohl wir das ablehnten, die Zelte von den Gewerkschaftsbossen abgerissen, die Straße vor dem Turk-Is-Gebäude geräumt, und wir wurden aufgefordert, wieder nach Hause zurückzukehren. 70-80 verblieben in Ankara, um zu beraten, was wir in den nächsten drei Tagen tun könnten. Nach diesen drei Tagen kehrten 60 von uns nach Hause zurück, und 20 von uns, ich gehörte dazu, blieben noch weitere zwei Tage. Obwohl der Kampf in Ankara 78 Tage dauerte, blieben wir 83 Tage. Wir stimmten darin überein, dass wir uns sehr anstrengen mussten, den Kampf weiterzubringen, und ich kehrte schließlich auch nach Adiyaman zurück. Sobald ich aus Ankara zurückkehrte, fuhren 40 von uns zu unseren Brüdern und Schwestern, die in Gaziantep in der Textilindustrie im Streik stehen. Der Tekel-Kampf war ein Beispiel für unsere Klasse. Als ein Tekel-Beschäftigter war ich sowohl stolz als auch bewusst, dass ich mehr für unsere Klasse tun könnte und selbst dazu beitragen müsste. Obgleich meine wirtschaftliche Lage dies nicht zuließ und trotz der Erschöpfung nach 83 Tagen Kampf und anderen Problemen wollte ich mich noch mehr anstrengen, um den Prozess weiter zu treiben. Wir wollten ein formales Komitee gründen und den Prozess in unsere eigenen Hände nehmen. Auch wenn wir dies noch nicht formalisieren können, mussten wir es zumindest gründen, indem wir in Kontakt mit Beschäftigten aus anderen Städten blieben, da wir am 1. April nach Ankara zurückkehren wollten.
Wir müssen überall hingehen wo wir können und den Leuten über den Tekel-Kampf bis ins letzte Detail berichten. Dazu müssen wir ein Komitee bilden und innerhalb der Klasse zusammenschließen. Unsere Aufgabe ist schwerer als sie erscheint. Wir müssen uns auf der einen Seite mit dem Kapital auseinandersetzen, der Regierung und den Gewerkschaftsführern auf der anderen Seite. Auch wenn unsere wirtschaftliche Lage nicht gut ist, auch wenn wir körperlich müde sind, wenn wir den Sieg wollen, müssen wir kämpfen, kämpfen und nochmals kämpfen!
Obgleich ich von meiner Familie 83 Tage getrennt war, bin ich anschließend nur eine Woche zu Hause geblieben. Ich bin nach Istanbul gefahren, um die Leute über den Widerstand der Tekel-Beschäftigten zu berichten, ohne die Gelegenheit zu haben, mit meiner Frau und meinen Kinder die Zeit nachzuholen. Wir hatten viele Treffen unter den Beschäftigten des Tekel-Komitees, insbesondere in Diyarbakir, Izmir, Hatay, und ich habe mich an vielen Treffen mit Kollegen aus dem informellen Komitee in Istanbul getroffen. Wir hatten ebenso viele Treffen in der Mimar Sinan Universität, eines in dem Lehrerwohnhein Sirinevler, eins in dem Gebäude der Ingenieursgewerkschaft, wir diskutierten mit Piloten und anderen Beschäftigten der Luftfahrtindustrie aus der dissidenten Regenbogenbewegung in Hava-Is, und mit Beschäftigten der Justiz. Wir trafen ebenso den Istanbuler Vorsitzenden der Friedens- und Demokratiepartei und baten darum, dass Tekel-Beschäftigte die Gelegenheit erhalten, am Newroz Feiertag zu reden.
In den Treffen wurden wir alle sehr warmherzig empfangen. Die Bitte der PDP wurde akzeptiert, ich wurde gebeten, auf den Newroz Demonstrationen als Redner aufzutreten. Weil ich nach Adiyaman zurückkehren musste, schlug ich einen Kollegen aus Istanbul als Redner vor. Als ich in Istanbul war, besuchte ich die kämpfenden Feuerwehrleute, die Sinter Metaller, die Esenyurt Kommunalbeschäftigten, den Sabah Verlag, und streikende ATV Fernsehbeschäftigte und am letzten Tag die Beschäftigten der Istanbuler Wasser- und Kanalisationsbetriebe (ISKI). Einen halben Tag lang diskutierten wir mit den Arbeitern, um zu sehen, wie wir den Kampf stärken können; dabei unterrichteten wir sie über den Kampf der Tekel-Beschäftigten. Die ISKI-Beschäftigten berichteten mir, dass sie ihren Kampf begannen, weil sie sich ermutigt fühlten durch den Kampf der Tekel-Beschäftigten. Egal welche Arbeiter ich besuchte, egal bei welcher Demonstration ich mich beteiligte, überall hörte ich „der Kampf der Tekel-Beschäftigten hat uns Mut gegeben“. Während der Woche meines Aufenthaltes in Istanbul machte mich dies sehr glücklich. Mein ganzer Aufenthalt in Istanbul war für mich sehr erfüllend. Natürlich gab es auch Negativerlebnisse. Leider verstarb einer meiner Angehörigen, aber ich blieb dennoch eine ganze Woche wie geplant in Istanbul.
Zu den schlechten Nachrichten gehörte, dass in dieser Zeit 24 Studenten von ihrer Schule verwiesen wurden (Mehmetcik Gymnasium), weil sie den Tekel-Kampf unterstützt haben. Und in Ankara wurde auch eine Klassenschwester von uns aus dem Wissenschafts- und Technologieforschungsrat der Türkei (TUBITAK), Aynur Camalan, entlassen. Wenn das Kapital Arbeiter wie wir so brutal angreift, müssen wir uns dagegen zusammenschließen. So verfassten wir zwei Stellungnahmen für die Presse in Adiyaman und zeigten, dass unsere Freunde nicht alleine dastanden. Wir bereiteten uns auch für Demonstration des 1. April vor. Die Gewerkschaftsführer wollten, dass lediglich 50 Beschäftigte aus jeder Stadt nach Ankara kommen sollten, so dass insgesamt nicht mehr als 1000 Arbeiter zusammenkommen sollten. Als ein informelles Komitee erhöhten wir diese Zahl von 50 auf 180 in Adiyaman allein, und ich kam am 31. März schon mit 10 Kollegen nach Ankara.
Trotz all der Ankündigungen der Gewerkschaften, die Zahl auf 50 pro Stadt zu beschränken, gelang es uns, 180 Arbeiter zu mobilisieren (wobei wir die Kosten übernahmen, nicht die Gewerkschaften), weil wir uns dessen bewusst waren, dass die Gewerkschaften wie früher wieder zu manipulieren versuchen wollten. Wir hatten viele Treffen mit Massenorganisationen, Vereinigungen und Gewerkschaften. Wir besuchten Aynur Camalan, die Klassenschwester von TUBITAK, die ihren Job verloren hatte.
Am 1. April versammelten wir uns in Kizilay, aber wir mussten uns sehr bemühen, vor das Turk- Is zu gelangen, weil 15.000 Polizisten das Gebäude bewachten. Was taten all diese Polizisten vor uns und dem Gewerkschaftsgebäude? Jetzt müssen wir diejenigen fragen, die sich gegen uns richten. (…) Wenn ein Bollwerk von 15.000 Polizisten zwischen uns und den Gewerkschaften aufgebaut wird, warum bestehen dann überhaupt Gewerkschaften? Wenn ihr mich fragt, ist es ganz natürlich, dass die Polizei die Gewerkschaften und die Gewerkschaftsführer schützt, denn stellen sich die Gewerkschaften und deren Führer nicht vor die Regierung und das Kapital? Bestehen die Gewerkschaften nicht nur, um die Arbeiter im Interesse des Kapitals unter Kontrolle zu behalten?
Am 1. April gelang es ca. 35-40 von uns trotz alledem die Barrikaden einzeln zu durchbrechen und vor das Gebäude der Gewerkschaft Turk-Is zu gelangen. Es ging uns darum, eine gewisse Mehrheit zu erreichen, und dass auch andere dort hin gelangen könnten; aber das gelang uns nicht, unglücklicherweise gelang es unserer Mehrheit nicht, mit 15.000 Polizisten fertig zu werden. Die Gewerkschaften hatten verkündet, dass nur 1000 von uns nach Ankara kommen würden. Als informellem Komitee gelang es uns, diese Zahl auf 2300 zu erhöhen. 15.000 Polizisten blockierten den 2300 den Weg. Wir versammelten uns auf der Sakarya-Straße. Dort sollten wir mindestens die Nacht verbringen, mit all denjenigen, die gekommen waren um uns zu unterstützen. Tagesüber waren wir zweimal von der Polizei angegriffen worden, die dabei Pfefferspray und Polizeiknüppel einsetzte. Wir wollten natürlich die Nacht vor dem Hauptquartier der Gewerkschaft Turk-Is verbringen, aber als wir auf die Polizei stießen, verharrten wir in der Sakarya-Straße. Im Laufe der Nacht riefen jedoch die Gewerkschaftsleute die uns unterstützenden Arbeiter leise und gerissen dazu auf, das Gebiet zu räumen. So blieben wir nur als eine Minderheit vor. Die Gewerkschafter forderten mich auch mehrmals auf, den Rückzug anzutreten, aber wir beugten uns ihnen nicht und blieben vor Ort. Aber als unsere Unterstützer gegen 23.00h abzogen, mussten wir auch gehen.
Für den 2. April wurde eine Presseankündigung erwartet. Als wir gegen 9.00 h in der Sakarya-Straße eintrafen, wurden wir von der Polizei angegriffen, die erneut Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzte. Eine Stunde später oder so gelang ca. 100 von uns, die Polizeiabsperrungen zu durchbrechen und ein Sit-in zu beginnen. Die Polizei bedrohte uns. Wir widersetzten uns. Die Polizei musste die Absperrung öffnen, und uns gelang es mit der anderen Gruppe, die draußen geblieben war, zusammenzuschließen. Wir begannen, in Richtung des Gebäudes der Turk-Is zu marschieren, aber die Gewerkschaftsbosse taten erneut das, was sie tun mussten, und machten ihre Stellungnahme gegenüber der Presse ca. 100 m von der Gewerkschaftszentrale entfernt. Egal wie stark wir dies forderten, die Gewerkschaftsführer weigerten sich, vor das Gewerkschaftsgebäude auf die Straße zu kommen. Die Gewerkschaften und die Polizei handelten Hand in Hand; und da einige von uns abrückten, gelang es uns nicht dorthin zu gehen, wohin wir wollten. Es gab einen interessanten Punkt, den die Gewerkschafter verkündet hatten. Sie sagten, sie würden am 3. Juni zurückkommen und dort drei Nächte verbringen. Es ist schon merkwürdig, wie wir dort drei Nächte verbringen sollen, da es uns nicht mal gelang, eine einzige Nacht dort auszuhalten. Danach musste die Polizei zunächst die Gewerkschafter vor uns schützen und ihnen den Fluchtweg freihalten; dann standen wir der Polizei allein gegenüber. Ungeachtet der Drohungen und dem Druck der Polizei, zerstreuten wir uns nicht; darauf folgte ein Angriff mit Pfefferspray und Schlagstöcken, worauf wir uns am Nachmittag zerstreuten. Wir ließen einen schwarzen Trauerkranz von einigen Floristen binden, um das Verhalten der Turk-Is und der Regierung zu verurteilen, den wir vor der Gewerkschaftszentrale niederlegten.
Meine lieben Klassenbrüder und –schwestern: Was wir uns fragen müssen, wenn 15.000 Polizisten vor dem Gewerkschaftsgebäude und den Arbeitern zusammengezogen sind und Absperrungen errichtet haben, wozu bestehen eigentlich Gewerkschaften? Ich rufe alle meine Klassenbrüder- und schwestern auf, wenn wir den Sieg erringen sollen, müssen wir gemeinsam kämpfen.
Wir als Tekel-Beschäftigte haben einen Funken gezündet; alle zusammen werden wir diesen zu einem gewaltigen Feuerball machen. Deshalb möchte ich meinen Respekt für euch alle zum Ausdruck bringen, indem ich meinen Text mit einem Gedicht ende:
The steam of the tea flies away while our lives are still fresh
Cloths get as long as roads, and only sorrow returns
A bown of rice, they say our food has landed on our homes
Yearnings become roads, roads, where does labour go
Hunger is for us, cold is for us, poverty is for us
They have called in fate, living with it is for us
Us who feed, us who hunger, us who are naked again
We have not written this fate, it is us who will break it yet again
Wir als Tekel-Beschäftigte sagen, auch wenn wir eine Niederlage einstecken sollten, werden wir unseren Kindern eine ehrbare Zukunft hinterlassen.
Ein Tekel-Beschäftigter aus Adiyaman
Die Rede, die wir nachfolgend wiedergeben, wurde vor ca. 200.000 Teilnehmern von den Arbeitern gehalten, die die Rednertribüne während der 1. Mai Kundgebungen auf dem Taksim Platz besetzt hatten. In Istanbul waren zuvor Kundgebungen in der Nähe des Platzes verboten worden. Die Vorsitzende der türkischen Gewerkschaft Turk-Is Mustafa Kumlu und andere Gewerkschaftsbürokraten wurden in die Flucht geschlagen. Die Tatsache, dass die Arbeiter, die die Tribüne besetzten, diejenigen sind, welche die Türkei seit den letzten Monaten erschüttert haben, und diesen Schritt ganz eigenständig und geschlossen vollzogen haben, sowie die Botschaft ihrer Rede ist aus unserer Sicht von großer Bedeutung für die Arbeiterbewegung und zeigt den Weg zum Sieg für die ganze Arbeiterklasse. IKS
Wir sind kämpfende Arbeiter der Tekel-Werke, der Istanbuler Wasser und Kläranlagen, Samatya, der Feuerwehr, der Gemeinde Esenyurt, Müllerwerker und des ATV-Fernsehsender.
Wir alle kämpfen gegen Arbeits- und Lebensbedingungen, die uns zu einem Sklavenleben zwingen, gegen Leiharbeit, den 4-C und unsichere Arbeitsbedingungen. Wir stehen zusammen, um das Feuer weiter zu tragen, das von den Tekel-Beschäftigten entfacht wurde, indem wir Verbindungen für einen gemeinsamen Kampf herstellen. Wir haben die „Plattform der kämpfenden Arbeiter“ gegründet, um ein Beispiel für alle Klassenbrüder- und Schwestern zu setzen, indem wir die wesentliche Rolle der Klassensolidarität hervorheben, und indem wir uns darum bemühen, dass der Slogan "wir werden gewinnen, indem wir uns zusammenschließen", nicht nur ein Slogan ist, sondern dies auch konkret in die Tat umgesetzt wird.
Das Kapital bringt Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Zukunftsangst und Elend für die Arbeiterklasse hervor. Das Kapital lebt von Lohnarbeit. Wir wissen, während wir gegen den 4-C kämpfen, gegen die Unsicherheit, gegen Leiharbeit, gegen Arbeitslosigkeit, müssen wir auch gegen den Kapitalismus kämpfen, der nichts anderes als ein System der Lohnsklaverei ist. Die wahre Befreiung der Arbeiterklasse besteht nicht nur darin, Teilforderungen gegen Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend zu erheben, sondern in der Ausdehnung der vereinten Klassenaktionen gegen das Kapital, das Arbeitslosigkeit, Misere, Unsicherheit, Hunger und Krankheiten produziert.
Dieser 1. Mai wird geprägt sein durch Forderungen der Klasse. Eine Stimme wird die der kämpfenden Arbeiter sein, die sich an alle Klassenbrüder und –schwestern wenden. Wir werden den 1. Mai gewinnen, genau wie wir den Taksim-Platz erobern konnten.
Der Taksim-Platz war nicht dank einer Erlaubnis der Herrschenden und deren Staat geöffnet worden, sondern durch den gebündelten Kampf der Arbeiterklasse, die unbedingt auf dem Taksim-Platz anwesend sein wollte, trotz all der Unterdrückungsmaßnahmen und anderen Angriffe. Er wurde geöffnet dank des Tekel-Kampfes, durch eine Reihe von Arbeiterkämpfen, durch die Hungernden, die gegen die sklavenähnlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen kämpfen, die eine Dynamik entfaltet haben, so dass dem Kapital der Schlaf geraubt wird. Wir haben den Taksim-Platz befreit; jetzt ist der Taksim-Platz zweifelsohne ein Gebiet des 1. Mai. Jetzt muss die Rednertribüne von denjenigen erobert werden, denen sie wirklich zusteht. Der 1.Mai und die Rednertribüne des 1. Mai gehören der Arbeiterklasse, den militanten, kämpfenden Arbeitern. Die Tribüne gehört nicht dnr Verrätern der Gewerkschaftsbürokratie, welche der Klasse in den Rücken fallen, wenn immer diese sich zur Wehr setzt. Sie sollte den Tekel-Arbeitern übergeben werden, die dem Arbeiterkampf einen neuen Atem einhauchten, sie gehört den Feuerwehrleuten, die die Forderung nach sicherer Arbeit erhoben und verlangten, wie Menschen arbeiten zu dürfen und nicht ständig durch Zeitarbeit und Arbeitsplatzverlust bedroht zu werden, sie sollte den ISKi Arbeitern und den Samatya Bauarbeitern übergeben werden, denen keine Löhne gezahlt wurden und die wie Sklaven arbeiten müssen. Sie müsste den Marmaray Arbeitern, den Esenyurt Gemeindebeschäftigten, überlassen werden, die ihren Job verloren, weil sie einer Gewerkschaft beitraten. Und sie sollte den ATV-Sabah-Fernsehsender-Beschäftigten überlassen werden wie der Plattform der kämpfenden Arbeiter. Die Tribüne des 1. Mai sollte nicht von denen benutzt werden, die jeweils den kapitalistischen Staat um Erlaubnis fragen, und die als ein Bollwerk nicht gegen das Kapital handeln, sondern gegen die Arbeiterklasse. Sie sollte den Arbeitern übergeben werden, die auf dem Platz zusammengekommen sind, um ihre Klassenforderungen zu erheben.
Tausende sind hungrig, Tausende sind arbeitslos. Dies ist die Schuld des kapitalistischen Systems!
Nieder mit dem System der Lohnsklaverei!
Arbeiter auf die Bühne, nicht Gewerkschaftsbosse!
Eine vereinte Arbeiterklasse kann das Kapital besiegen!
Lang lebe die Klassensolidarität!“
Aus den jüngsten Arbeiterkämpfen in der Türkei sind militante Arbeiter, darunter Beschäftigte aus TEKEL (Nationale Tabak und Alkohol Monopol), Beschäftigte der Istanbuler Wasserwerke und Kläranlagen (ISKI), Feuerwehrleute, Sinter Metaller, Kommunalbeschäftigte aus Esenyurt , Bauarbeiter aus Marmaray, Beschäftigte der Müllabfuhr, Beschäftigte des Wissenschaftlichen und technologischen Forschungsrates der Türkei (TUBITAK) und Beschäftigte der ATV-Sabah News Corporation sind eine Reihe von militanten Beschäftigten zusammengekommen und haben eine Arbeitergruppe mit dem Namen „Plattform der kämpfenden Arbeiter“ gegründet. Eine Gruppe von TEKEL-Beschäftigten hatte auf die Gründung eines Komitees hingearbeitet, um zu versuchen die Lehren aus dem Kampf zu ziehen, den sie geführt hatten. Die Plattform der kämpfenden Arbeiter ist ein wichtiger Schritt bei ihren Bemühungen, Verbindungen mit anderen Arbeitern aufzubauen, insbesondere mit denjenigen, die gegen die jüngst eingeführten 4-C-Maßnahmen kämpfen, die im Wesentlichen ein Generalangriff gegen alle Beschäftigte des öffentlichen Dienstes darstellen. Die Löhne sollen gekürzt, Arbeiter versetzt, unbezahlte Überstunden erzwungen, das Management dazu ermächtigt werden, vorübergehend Beschäftigte zu entlassen und willkürlich Entlassungen vorzunehmen.
Sie rufen zu Geldspenden als Unterstützung in diesem Kampf auf. Wir möchten betonen, dass sie keine Geldspenden wollen, um sich während des Streiks zu ernähren. Obwohl diese Art Solidarität wichtig sein kann, erreichen diese Gelder oft nie die eigentlichen Streikenden, und selbst wenn das geschieht, kann man damit wenig ausrichten, um die Leiden von Zehntausenden Familienmitgliedern zu lindern, die oft von einem großen Streik betroffen sind. Sie fordern dagegen zu Geldspenden auf, um Mittel zu haben, damit sie für den Kampf notwendige Aktivitäten finanzieren können. Die Türkei ist ein sehr großes Land (die Entfernung sind oft sehr groß, von einem Landesende zum anderen ist so weit wie von London nach Warschau), und TEKEL ist zum Beispiel eine Firma mit Beschäftigten im ganzen Land. Zu Versammlungen und Kundgebungen zu reisen, kostet Geld, genau so wie das Organisieren des Verteilens von Flugblättern, Plakate kleben, öffentliche Kundgebungen. Und meist fehlt es den Arbeiter nach einem langen Streik in einem der ärmsten Länder Europas an Geld.
Zögert nicht, auch wenn ihr nicht viel zahlen könnt. Erinnert euch daran, dass die Türkei eines der ärmsten Länder Europas ist, und dass gar geringe Geldbeträge viel erreichen können. Zum Beispiel mit dem Geld für eine Zigarettenpackung und ein Bier in Europa kann man manchmal schon Arbeiter zu einem Treffen in eine andere Stadt schicken.
Ihr könnt den Paypal button auf unserer Webseite für Geldüberweisungen direkt an die “Plattform der kämpfenden Arbeiter“ benutzen.
Wir veröffentlichen nachfolgend die Kurzfassung eines Artikels der Genoss/Innen der IKS aus der Türkei Enternasyonalist Komünist Sol),
Die Genossen erinnern an einige Fußballergnisse der letzten Jahrzehnte, die aufzeigen, in welchem Maße der Sport immer wieder benutzt wird, um den Nationalismus anzufachen.
Im Juni wird die Fußbalweltmeisterschaft in Südafrika stattfinden. Der Fußball dient der herrschenden Klasse oft dazu, nationalistische Regungen zu stärken und die Arbeiterklasse zu spalten.
Im Jahr 2000 gab es in der Türkei beim Sieg Galatasary (Istanbuler Fußballclub) zwei Tote im Halbfinale und drei im Finale des UEFA-Cups.
· In den Qualifikationsspielen zur diesjährigen WM kam es ebenso 2009 zu einer Explosion nationalistischen Hasses beim Zusammentreffen der Mannschaften aus Ägypten und Algerien. In Kairo wurden sechs algerische Fans getötet, 21 verletzt. In Karthum, Sudan, wurden 23 Ägypter verletzt, 14 Algerier getötet. Man zählte sogar Hunderte Verletzte während der Siegesfeiern in Algerien nach der Qualifikation. Eine Reihe der 15.000 in Algerien lebender ägyptischer Arbeiter wurde angegriffen und zur Ausreise gezwungen. Tausende ägyptische Fußballfans lieferten sich richtige Schlachten mit der Polizei im Zentrum Kairos, wobei wiederum 11 Fußball und 24 Polizisten verletzt wurden. Einige Fans, die sich nicht mit den algerischen Fans prügeln konnten, griffen die indische Botschaft in der Nähe an.
· Im Mai 1990 spielte das Spiel Dynamo Zagreb/Red Star Belgrad eine Hauptrolle im heraufziehenden Krieg im ehemaligen Jugoslawien.
· Natürlich werden Kriege nicht durch Fußballspiele hervorgerufen. Aber solche öffentliche Aufführungen des nationalistischen Hasses dienen der Mobilisierung der Arbeiter für den Krieg. Das eben erwähnte Fußballspiel endete in einer Schlacht zwischen kroatischen und serbischen nationalistischen Banden (die Serben wurden dabei übrigens von Arkan angeführt, der später von der UNO wegen Verbrechen gegen die Menschheit angeklagt und gesucht wurde). Die Polizei wurde schnell zahlenmäßig überfordert, holte aber kurz darauf Verstärkung in Form von gepanzerten Fahrzeugen und Wasserwerfern, die dann die Gewaltspirale weiter antrieben. Eine Stunde später, selbst nachdem Hunderte verletzt, mehrere Menschen erschossen oder durch Tränengas verletzt worden waren, gingen die Zusammenstöße noch weiter. Der Jugoslawienkrieg, bei dem zwischen 1990-2001 mehr als 60.000 Menschen getötet wurden, wurde kurz darauf ausgelöst. Die Tiger Arkans, eine Miliz, die sich aus Fans von Red Star Belgrad rekrutieren, spielte eine Rolle bei einigen der schlimmsten ethnischen Säuberungsaktionen. Zvonimir Boban, der später bei AC Mailand berühmt wurde, brüstete sich, einen Polizisten während der Zusammenstöße verprügelt zu haben. Er behauptet immer noch, dass er sein Land Kroatien über alles liebe und bereit wäre für es zu sterben. Aber er hat nicht wirklich sein Leben auf dem Altar des Nationalismus geopfert, Zehntausende Arbeiter haben dies jedoch getan.
· 1969 war das Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft von 1970 zwischen El Salvador und Honduras der Funken für die kriegerischen Spannungen zwischen den beiden Ländern. Nach dem Rückspiel übertrieben die Medien beider Länder maßlos und stachelten die Arbeiter der beiden Länder gegeneinander auf. Der danach ausgelöse Krieg hinterließ später 4000 Tote innerhalb von vier Tagen !
· Natürlich meinen wir nicht, dass man sich Fußballspiele nicht anschauen und Fußball nicht schätzen dürfe. Wir meinen nur, es handelt sich um ein Spiel – und die Arbeiter müssen sich vor der Falle des Nationalismus, in welche die Herrschenden sie gerne locken wollen, hüten. Sabri, 28. Mai 2010.
Na und ? Warum sollte man sich freuen ? Es reicht Nicolas Sarkozy zu hören um zu verstehen. Kurz bevor die UEFA die Wahl des Austragsungslandes offiziell bekannt gab, plädierte der französische Präsident für sein Land. « Wir meinen in Frankreich, dass der Sport eine Antwort auf die Krise sein kann. Gerade weil es eine Krise gibt, stehen wir vor Problemen, die die Mobilisierung des ganzes Landes für solche Großereignisse erfordern. (…) Für uns ist das eine strategische Entscheidung, die das ganze Land gegenüber der Krise in die Pflicht nimmt. (…) Es handelt sich um die Verpflichtung eines ganzen Volkes. (…) Es gibt dann keine Rechten und keine Linken, keinen Süden und keinen Norden, keinen Osten und keinen Westen, es gibt dann nur die Mobilisierung eines Landes für die Austragung der Spiele ! (…) Wenn wir die Euro 2016 austragen dürfen, machen Sie uns eine große Freude. »
Mit anderen Worten : die Krise schlägt sehr hart zu und die Herrschenden in Frankreich zählen auf den Fußball, um die Arbeiter abzulenken. Deshalb haben sich Sarkozy und Konsorten über die Entscheidung für Frankreich als Austragungsort gefreut.
Zur Zeit der alten Roms beruhigte Cäsar das Volk, indem er ihm « Brot und Spiele » anbot. Jetzt bleibt den modernen Cäsars nur noch das Spiel.
Ende Mai führte Südkorea Flottenmanöver im großen Maßstab entlang der nordkoreanischen Grenze durch. Als Reaktion darauf antwortete die nordkoreanische Regierung, dass es sich seitens Seoul um „eine absichtliche Provokation handele, die einen weiteren militärischen Konflikt im Gelben Meer und somit eine neue Kriegsphase herbeiführen solle.“ Nordkorea drohte damit, „militärische Maßnahmen zu ergreifen, um unsere Hoheitsgewässer zu verteidigen, Südkorea muss für die Konsequenzen die Verantwortung übernehmen.“
Die militärischen Spannungen zwischen den beiden Erzfeinden auf der koreanischen Halbinsel sind nicht jüngeren Datums. Am Ende des 2. Weltkriegs und im Kontext des Jalta-Abkommens, bei der die UdSSR und die USA jeweils ihre Einflussgebiete absteckten, hatten die beiden 1948 beschlossen, Korea entlang dem 38. Breitengrad zu spalten. Aber unter dem Vorwand der „Befreiung“ Koreas vom japanischen Joch warfen sich die beiden russischen und amerikanischen Blockführer auf das kleine Land, um dort ihre imperialistischen Interessen auszufechten, denn die Kontrolle Koreas ist mitentscheidend für die Kontrolle in dieser Region der Welt (der Ferne Osten und Südostasien). Dies brachte sehr schnell einen direkten und mörderischen Konflikt hervor, und fachte die Spannungen zwischen dem pro-russischen Nordkorea und dem pro-amerikanischen Süden weiter an.
Der Koreakrieg, der ein finsteres Vorspiel zum Vietnamkrieg darstellte, lieferte eine blutige und klare Verdeutlichung dessen, was die beiden Blockführer unter der „Befreiung“ Koreas verstanden, denn diese meinten, sie könnten über Leben und Tod der ‚schutzbedürftigen‘ Bevölkerung entscheiden. Zwischen 1950-53 warfen die USA jeden Monat fast 13.000 Tonnen Bomben auf den Norden (1 [84]), viermal mehr als seinerzeit auf Japan. Auf der anderen Seite unterstützten die russische und chinesische Armee den Norden. Das einzige Ergebnis des Krieges, bei dem die Grenzen zwischen dem Norden und dem Süden um keinen Zentimeter verschoben wurde, war die Bekräftigung der militärischen US-Vorherrschaft und dessen erklärter Willen, Japan fest im Griff zu halten.
All das zum Preis von zwei Millionen Toten, davon ¾ in Nordkorea. Diese Phase der Zeit nach dem 2. Weltkrieg wirft ein Licht auf die strategische Rolle Koreas auf dem imperialistischen Schachbrett, die seit 50 Jahren weiterhin anhält. Schon vor dem Zusammenbruch der UdSSR hat China, das zuvor ein Spielzeug Russlands gewesen und mittlerweile zur aufsteigenden Macht in den endlosen und sadistischen internationalen Konflikten zwischen den Supermächten geworden war, die unvermeidbare Nachfolgerolle Moskaus übernommen. Peking war mit dem Ende des Vietnamkriegs an die Seite des amerikanischen Blocks getreten. Aber dies geschah nicht zum Vorteil der USA, weil China sich jederzeit das Recht vorbehielt, Nordkorea als seinen Hinterhof anzusehen und als Druckmittel gegen seinen neuen Mentor im Weißen Haus einzusetzen.
In den1990er Jahren erklärte deshalb auch Washington, um einen gewissen indirekten Druck auf China auszuüben, Nordkorea zu einem der Schurkenstaaten, welche die „Demokratie“ im Auge behalten müsse. Seit 2001 wurde Nordkorea dann als Terroristenstaat eingestuft.
Und die letzten Ereignisse vom Frühjahr in dem zweigeteilten Land sind nur eine weitere Episode bei den verdeckten Zusammenstößen zwischen den USA und China, von dem man weiß, dass es das Regime in Pjöngjang kontrolliert. Nachdem Nordkorea drohte, Atomwaffen gegen den Süden einzusetzen, wurde von den USA „diplomatischer“ Druck auf Nordkorea aufgebaut, um die Lage zu beruhigen. Dies geschah als Reaktion auf den Untergang der südkoreanischen Korvette (Cheonun), bei dem am 26. März 46 Matrosen durch ein Torpedo ums Leben kamen, welches sicherlich von einem nordkoreanischen U-Boot abgefeuert wurde.
Diese Episode (wie Hillary Clinton sie bezeichnete), ist nur eine weitere in der Reihe von Zusammenstößen zwischen den beiden koreanischen Staaten; sie offenbart eine Zuspitzung der militärischen und imperialistischen Spannungen zwischen den beiden Staaten – und damit auch zwischen den sie unterstützenden Staaten. Aber weder China noch die USA haben ein Interesse daran, dass sich die Lage über eine gewisse Stufe zuspitzt. China verfügt nicht über die Mittel einer militärischen Offensive gegenüber einem Feind, welcher nur die USA sein kann. Und trotz der wiederholten Drohungen gegen Südkorea haben auch die USA kein Interesse an einer Provozierung eines mit China verbündeten Landes, was zu einer unwiderruflichen und klaren Destabilisierung dieser Region führen würde.
Aber während die großen “Patenstaaten” die Lage im Griff zu halten versuchen, birgt der wachsende Druck, den sie auf die Regierungen vor Ort ausüben, die Gefahr in sich, dass diese in eine völlig irratonale Spirale des „jeder für sich“ und in eine kriegerische Flucht nach vorne gedrängt werden. Insbesondere eine weitere Isolierung Nordkoreas würde dazu führen, wie die Drohung des Atomwaffeneinsatzes zeigt. Die gegenwärtige Lage verstärkt und verdeutlicht das Klima des Terrors, das wie ein Damoklesschwert über der Bevölkerung vor Ort und über der ganzen Menschheit hängt.
So bleibt das strategische Gleichgewicht auf der Halbinsel aufgrund des permanenten Drucks der jeweils als Hintermänner agierenden Mächte sehr zerbrechlich. Das bedeutet, dass das starke Gewicht der Armee und die quasi Militarisierung der Gesellschaft seit mehr als 60 Jahren in Nord- und Südkorea einen ständigen und unerträglichen Druck auf die Arbeiterklasse in den beiden Landesteilen ausübt. Auf diesem Hintergrund sind die Kämpfe der Arbeiterklasse in dieser Region umso mehr Zeichen des Mutes. Mulan 7.6.10
1 [85]) Während des Vietnamkrieges wurden noch mal dreimal so viele Bomben jeden Monat abgeworfen.
Die chinesische Wirtschaft sei angeblich die Ausnahme von der globalen Krise des Kapitalismus. Was mögen wohl die Tausenden Arbeiter in China davon halten, die in den letzten Wochen an einer Streikwelle in vielen Landesteilen beteiligt waren?
Zu den am meisten bekannt gewordenen Kämpfen gehören die in den Honda-Werken, die bislang von drei Streikwellen betroffen waren, selbst nachdem in den ersten Streiks eine 24%ige Lohnerhöhung gewährt wurde. Bei Foxconn, dem Hersteller von IPods, wo es in der jüngsten Zeit eine Reihe von Selbstmorden gab, haben Streiks 70%ige Lohnerhöhungen durchgesetzt. Bei KOK Maschinenbau kam es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Arbeitern, als die Arbeiter daran gehindert werden sollten, den Streik auf die Straße zu tragen.
Diese Streiks wurden von den chinesischen Medien nicht totgeschwiegen, weil diese Firmen alle in ausländischem Besitz sind und die Auseinandersetzungen zu Propagandazwecken gegen Chinas regionale Konkurrenten aus Japan und Südkorea verwendet wurden. In Wirklichkeit aber haben sich auch Arbeiter aus vielen chinesischen Firmen in einer Reihe von Städten daran beteiligt. Auch wurden Polizei und andere Sicherheitskräfte an vielen Orten gegen die Arbeiter eingesetzt.
Die Medien außerhalb Chinas haben schnell bemerkt, dass etwas Bedeutsames passierte. Mit Schlagzeilen wie „Der Aufstieg einer chinesischen Arbeiterbewegung“ (businessweek.com), „Neue Generation erschüttert Chinas Arbeitskräftemarkt“ (Reuters) und „Streiks und Arbeiterunruhen bringen China in die Klemme“ (Associated Press), erkennen die Herrschenden in ihrer eigenen groben Art, dass nach der nicht mehr zu leugnenden wachsenden Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse in China die gegenwärtige Bewegung etwas Bedeutsameres ist.
Der Associated Press Artikel (11.6.10) schreibt: „Die Behörden haben lange begrenzte, lokale Proteste von Arbeitern, die wegen ihrer Löhne oder anderer Fragen unzufrieden waren, toleriert; vielleicht haben sie damit die Notwendigkeit eines Ventils für solchen Frust erkannt“, aber die Financial Times (11.6.10) fügt hinzu, dass „es Hinweise gibt, dass die Arbeiterproteste in China viel weiter ausgedehnt und koordinierten sind als zuvor angenommen, und damit die Angst entsteht, dass diese Unruhen sich weiter selbständig ausbreiten und damit die Kosten für die Multis in die Höhe treiben könnten“. Ein im Daily Telegraph (10.6.10) zitierter Ökonom aus Hongkong meinte: „Nur ein kleiner Funke reicht jetzt und dann breitet sich die Kunde über ganz China aus, dann könnte es zu viel mehr Arbeitsniederlegungen in anderen Betrieben kommen.“
Der Grund für die Arbeiterkämpfe und ihrer Tendenz, andere Arbeiter zu ermutigen und sich auszudehnen, wird von den “Experten” vertuscht. „Arbeiter halten sich mit Hilfe von Handys und QQ, ein Sofortnachrichtenwerkzeug, auf dem Laufenden. Sie vergleichen Löhne und Arbeitsbedingungen, oft mit Arbeitern aus ihren Heimatprovinzen und benutzten diesen Vergleich bei den Verhandlungen mit den Arbeitgebern, sagte Joseph Cheng, Professor an der City University Hong Kong. ‚[Arbeiterproteste] haben überall im Pearlflussdelta und im Jangtsedelta seit Anfang des Jahres infolge „Arbeitskräftemangel“ stattgefunden.“ (FT 11.6.10). Ein anderer „Experte“ fasst zusammen: „Ein Streik brach einfach aus, nachdem Arbeiter nach dem Versand von SMS zusammenkamen.“ (Dong Baohua, Rechtsprofessor an der East China University of Politics and Law). “Moderne Technologie lässt Streiks wahrscheinlicher werden” (ebenda).
Es stimmt, dass technologische Erneuerungen von den Arbeitern eingesetzt werden, aber dies liefert keine Erklärung dafür, warum Arbeiter streiken, und warum sie zusammenkommen möchten, um zu kämpfen. Der Grund hierfür liegt in den materiellen Bedingungen, unter denen die Arbeiter leben und arbeiten. Offiziellen Statistiken zufolge betrug der Anteil der Löhne in China am BIP 56% im Jahre 1983, im Jahre 2005 war er auf 36% abgesunken. In den letzten fünf Jahren hat einer von vier Arbeitern keine Lohnerhöhung erhalten. Wer immer von dem chinesischen Wirtschaftswunder profitiert haben mag, auf jeden Fall waren es nicht die Arbeiter. Jüngste Mindestlohnerhöhungen in einigen wichtigen Industriezentren wie Guangdong, Shandong, Ningxia und Hubei wurden als ein Versuch begründet, die Auswirkungen der Inflation auszugleichen, aber selbst in den staatlich kontrollierten Medien gesteht man ein, dass die Verhinderung von sozialen Unruhen ebenso eine Sorge ist.
In der offiziellen People’s Daily Online (9.6.10) titelte man: “Experten sagen mehr Arbeiterunruhen voraus”. Und weiter: „Die wachsenden Arbeiterunruhen, die von Südchina ausgingen, können dazu führen, dass in der nahen Zukunft Lohnerhöhungen zu einem allgemeinen Trend werden“. Man stellt dies als eine „Chance“ dar und vertuscht die Gründe für die Ursachen der Arbeiterunruhen. Aber wie alle Kapitalisten überall auf der Welt können sie rechnen, wie ein Offizieller die Investitionsplanungen der Hong Konger Geschäftswelt kommentierte: „Wenn die Lohnkosten steigen, werden die Profite fallen; dann mag es zu Verlagerungen von Arbeitsplätzen in andere Länder kommen, wo billiger produziert werden kann.“
In China sind seit langem der Frust und die Ungeduld mit den Gewerkschaften angewachsen. Diese offiziellen staatlichen Institutionen halten nicht nur von Streiks ab und verhindern sie. Bei Honda sind sie direkt gewaltsam gegen Arbeiter vorgegangen, die sich wiederum gegen Gewerkschaftsoffizielle wehrten. Kein Wunder, dass Arbeiter nach anderen Organisationsformen suchen. In einem Artikel der New York Times (10.6.10) berichtete man: „zerstreute Streiks werden in immer mehr chinesischen Provinzen gemeldet, die bislang von Arbeiterunruhen verschont geblieben waren.“ Und dann berichtete der gleiche Artikel von den Ereignissen bei Honda. „Die Streikenden haben eine hochentwickelte, demokratische Organisationsform entfaltet, bei der sie Vertrauensleute wählen, die sie bei Verhandlungen mit dem Management vertreten. Sie verlangen auch das Recht auf Gründung einer Gewerkschaft außerhalb der durch die Regierung kontrollierten nationalen Gewerkschaften, die sich seit langem darauf konzentrieren, den Arbeitsfrieden zugunsten der ausländischen Investoren aufrechtzuerhalten.“
Während man hier die Regungen erkennen kann, die im Gange sind, muss man an dieser Stelle an die Erfahrung der Arbeiter in Polen 1980-1981 erinnern. Damals entfaltete sich eine Streikbewegung im ganzen Land, in der Vollversammlungen ihre Streikkomitees und andere Organisationsformen schufen. Die ganze Stärke dieser Bewegung wurde durch den Wunsch geschwächt, eine „freie Gewerkschaft“ zu gründen, die im Gegensatz zu den staatlich kontrollierten Gewerkschaften stehen sollte. Diese Idee nahm materielle Gestalt durch die Gründung von Solidarnosc an; eine Gewerkschaft, die darauf hinwirkte, von der Untergrabung der Bewegung Anfang der 1980er Jahre ein Sparprogramm unter Federführung von Lech Walesa (der 1980 der Vorsitzende von Solidarnosc wurde) als Staatspräsident Anfang der 1990er Jahre durchzuboxen.
Die Versuche von Arbeitern, ihre Kämpfe in die eigenen Hände zu nehmen, können verschiedene Formen annehmen – ob mit Vertrauensleuten, gewählten Streikkomitees, Delegationen zu anderen Betrieben oder Massenversammlungen, in denen Arbeiter selbst Entscheidungen zur Organisierung ihres Kampfes treffen. Es gibt keinen vorgezeichneten Verlauf, auch kann eine Bewegung Fehler machen. Wichtig ist die Dynamik einer Bewegung zu erkennen.
Im ersten Honda-Streik brachte eine Delegation, welche ziemlich deutliche Illusionen über die Möglichkeit von Gewerkschaften hatte, auch gleichzeitig sehr gute Ideen zum Ausdruck. „Wir kämpfen nicht nur für die Rechte von 1800 Arbeitern, sondern für die Rechte der Arbeiter im ganzen Land.“ Diese Arbeiter sprechen vielleicht eher von „Rechten“ als von Befreiung, aber sie zeigen klare Bestrebungen für eine Bewegung über einen einzigen Betrieb hinaus.
Obgleich in einem Absatz eines Dokumentes steht: “Es ist die Pflicht der Gewerkschaften, die Arbeiter und deren gemeinsame Interessen zu verteidigen und in den Arbeiterstreiks die Führung zu übernehmen“, entfalten sich auch andere Ideen. „Alle Kolleg/Innen in Honda Auto Parts Manufacturing Co. Ltd. Sollten sich zusammenschließen und sich nicht durch das Management spalten lassen. Wir sehen natürlich, dass es in unseren Reihen unterschiedliche Auffassungen geben kann. Wir rufen alle Kolleg/Innen auf, ihre Meinung den Arbeitervertretern mitzuteilen. Obgleich diese Vertreter nicht Arbeiter aller Abteilungen vertreten, nehmen sie die Meinung aller Arbeiter in der Firma ernsthaft und gleichberechtigt zur Kenntnis. Fließbandarbeiter, die sich an den Verhandlungen mit dem Management beteiligen möchten, können sich mittels einer Wahl der Delegation anschließen. Ohne die Bestätigung durch die Vollversammlungen werden die Delegierten keinem Vorschlag einseitig zustimmen, der unter den oben genannten Forderungen liegen sollte.“ Dies ist ein Auszug einer Übersetzung aus libcom.org [90]. . Es ist aufschlussreich zu sehen, dass der Hinweis auf Einheit der Arbeiter in businessweek.com übersetzt wird als „Wir rufen alle Arbeiter dazu auf, die größtmögliche Einheit aufrechtzuerhalten und es nicht zulassen, dass die Kapitalisten uns spalten.“
Egal welche Formulierung am treffendsten ist, die Notwendigkeit der Arbeitereinheit gegen das „Management“ oder die „Kapitalisten“ ist für den Kampf der Arbeiterklasse grundlegend. Ob in China oder anderswo auf der Welt, überall stehen die Arbeiter der gleichen materiellen Triebkraft – der Krise – und der gleichen Frage gegenüber , wie wir uns gemeinsam wehren können. Car 11.6.10
In unserem ersten Artikel zum Streik der Tekel-Beschäftigten schilderten wir die Ereignisse bis zum 20. Januar. Mit diesem Artikel setzen wir die Schilderung des Kampfes fort und berichten über die Zeit von der Errichtung der Zelte im Zentrum von Ankara bis zum 2. März, als die Arbeiter Ankara wieder verließen.
An dieser Stelle möchten wir uns zunächst ganz herzlich bei den Tekel-Beschäftigten bedanken, die durch ihre Auskünfte über die Ereignisse, ihre Erfahrung und ihre Gedanken es uns erst ermöglich haben, dass diese Erfahrungen wertvolle Hinweise liefern für die zukünftige Entwicklung des Tekel-Kampfes wie auch für die zukünftigen Kämpfe unserer Klasse insgesamt.
Wir beendeten den ersten Artikel mit dem Hinweis auf die Anstrengungen der Arbeiter zur Bildung eines Komitees. (…) Von Jahresbeginn bis zum 20. Januar gab es 4-5 Anläufe zur Bildung eines Komitees, und danach gab es auch weitere Versuche. (…)
Eines der ersten Probleme ist die mangelnde Verständigung unter den Arbeitern. Die Arbeiter waren meistens zusammen und diskutierten ständig miteinander. Andererseits waren sie nicht dazu in der Lage, ein Organ wie eine Massenversammlung zu errichten, die einen Rahmen für ein Zusammenkommen und organisiertes Vorgehen bieten würde.
Wie wir weiter unten im Artikel erklären werden, wurde die Lage dadurch erschwert, dass Arbeiter aus den verschiedenen Städten jeweils ihre Zelte getrennt voneinander errichteten und die meiste Zeit "getrennt" von einander verbrachten. Diese Trennung von einander blockierte die Verständigung. Aber ein größeres allgemeines Problem war, dass die meisten Arbeiter keine Alternative für die Gewerkschaften suchen wollten oder zumindest dabei zögerten. Viele Gewerkschafter wurden aus dem einfachen Grund geachtet, weil sie Gewerkschafter sind. Man glaubte ihnen mehr als den entschlossenen, militanten, die Bewegung führenden Arbeitern. Dadurch entstand das Problem, dass die Arbeiter ihre eigenen Entscheidungen nicht wirklich unterstützten. Die psychologische Abhängigkeit der Arbeiter von den Gewerkschaftsoffiziellen verhinderte die Gründung von Arbeiterkomitees außerhalb der Gewerkschaften.
Ein Kollege aus Adıyaman bestätigte diese Beobachtung: "Wenn die Sachen in den Zelten diskutiert worden wären, und wenn jedes Zelt einige Leute geschickt hätte, wäre das Komitee quasi von selbst gegründet worden. Unter diesen Umständen hätte sich dem niemand widersetzt, es wäre unmöglich gewesen. Wir versuchten diese Frage aufzuwerfen (…) Die mangelnde Kommunikation war ein Problem, wir hätten zum Beispiel ein Kommunikationszelt errichten sollen, als die Zelte aufgebaut wurden. Wenn wir das getan hätten, dann wäre wohl ein Komitee um das Zelt gebildet worden."
Die Arbeiter erklärten offen ihr mangelndes Vertrauen in die Gewerkschaften, aber ihre Zögerungen verhinderten die Suche nach einer Alternative. Während dies eine widersprüchliche Lage zum Ausdruck bringt, verdeutlicht es gleichzeitig, dass die Gewerkschaften noch einen ziemlichen Einfluss auf die Arbeiter haben. Obgleich die Arbeiter den Gewerkschaften nicht trauen, klammern sie sich noch an sie und glauben weiterhin, dass sie ihre Stimme mit Hilfe der Gewerkschaften zum Ausdruck bringen könnten.
Und die Gewerkschaftsvertreter sind schon sehr besorgt, wenn sie das Wort Komitee hören. Sie sind sich sehr wohl dessen bewusst, wenn ein Komitee gegründet wird, würden sie ihre Kontrolle verlieren und die Masse der Arbeiter würden nicht mehr von ihnen gesteuert werden können. Aber in den Augen der Arbeiter ist dies nicht klar. Versuche, ein Komitee zu gründen, finden weiterhin statt, ungeachtet der Probleme, auf die die Arbeiter bislang gestoßen sind und ungeachtet der Reaktionen der Gewerkschaftsoffiziellen.
Kommen wir wieder zum Gang der Ereignisse zurück: Am 14. Januar versammelten sich nahezu alle Tekel-Beschäftigten mit ihren Familien aus fast allen Städten, wo es Standorte von Tekel-Werken gibt, in Ankara zu einem dreitägigen, ununterbrochenen sit-in. Um sich vor der Kälte zu schützen, machten die Arbeiter nachts Feuer. Am dritten Tag regnete es heftig. Plastikplanen mussten über die Straßen gespannt werden, auf denen sie schliefen. So entstand die Zeltstadt mitten in Ankara. Der Aufbau von Zelten war eine sehr spontane Entwicklung, wie auch andere Aspekte des Kampfes. Eigentlich hatten die Arbeiter die Errichtung eines Kampfzeltes vor dem Gewerkschaftsgebäude gefordert.
Diese Forderung stand im Zusammenhang mit den Bestrebungen, ein Komitee zu errichten, aber die Gewerkschaften hatten sich dagegen gestellt. Schließlich wurden die Zelte doch errichtet, aber eher weil die Wetterbedingungen solch einen Schritt erforderlich machten. Die Plastikplanen, welche die Straßen überspannten, sahen schnell wie Zelte aus, und bald fingen Arbeiter aus den verschiedenen Städten an, ihre Zelte aufzubauen. Erst nachdem die Zelte aufgespannt waren, gaben die Gewerkschaften ihre Zustimmung dazu. Der Grund für die räumliche Abtrennung der Zelte nach den verschiedenen Standorten bestand darin, dass die Arbeiter das Eindringen von Spitzeln und Provokateuren in die Zelte unterbinden wollten, aber auch um eine mögliche gewisse Zerstreuung zu verhindern, so dass jeder die anderen im Blick hatte. Aufgrund der Kälte wurden noch mehr Plastikplanen herbeigeschafft. Weil die Feuer viel Ruß und Rauch verursachten, mussten die Arbeiter Öfen herbeischaffen. Schließlich wuchs eine lebendige, atmende Zeltstadt mitten in Ankara.
Am 17. Januar hatte eine Massendemonstrationen zur Unterstützung der Tekel-Beschäftigten durch die Tekel-Leute und anderer Unterstützer aus anderen Städten im Anschluss an das sit-in stattgefunden. Tekel-Beschäftigte, die wussten, dass sie nur durch Ausdehnung des Kampfes diesen gewinnen konnten, drängten den Gewerkschaftsdachverband Turk-Is zur Ausrufung eines Generalstreiks. Nachdem die Arbeiter die Rede des Turk-Is Vorsitzenden Mustafa Kumlu gehört hatten, der einen Generalstreik nicht mal erwähnte, besetzten sie zunächst die Rednertribüne, von der die Gewerkschaftsführer zu den über 100.000 Demonstranten sprachen und schließlich das Gewerkschaftsgebäude. Das brachte Mustafa Türkel, den Vorsitzenden der Tek-Gida Is, die Gewerkschaft, der die Tekel-Beschäftigten angehören, dazu sich von Kumlu zu distanzieren und darüber zu klagen, wie isoliert er in Turk-Is sei, und wie die anderen Gewerkschaften in dem Dachverband und andere Gewerkschaften ihre Unterstützung versagten.
Ein geplanter dreitägiger Hungerstreik folgte dieser Demonstrationen. Nach Abschluss dieses dreitägigen Hungerstreiks sollte ein unbegrenzter Hungerstreik beginnen. Obgleich die Beschäftigten dachten, ein Hungerstreik sei der letzte Ausweg, meinten sie, in dieser Situation wären ihre Leichen mehr wert als ihr Leben; dass die Renten für ihre Familien im Falle ihres Todes höher wären als ihre jetzigen Löhne. (…) Aber das konnte die Zweifel an der Richtigkeit eines Hungerstreiks nicht aus dem Weg räumen. Am 19. Januar begann der Hungerstreik mit einer begrenzten Zahl von 140 Teilnehmern.
In den darauf folgenden Tagen kündigten die Gewerkschaften KESK und DISK ihren gemeinsamen Aktionsplan an. Die Entscheidung wurde getroffen, am 22. Januar die Arbeit einen Tag später zu beginnen, und ein Plan wurde vorgestellt, tägliche Unterstützungsbesuche und Proteste zu veranstalten. Am 21. Januar trafen sich Turk-Is, KESK, DISK und die eher rechte Kamu-Sen, Memur-Sen und Hak-Is und verkündeten anschließend, wenn die Regierung das Problem bis zum 26. Januar nicht löse, würden sie die „aus der Produktion kommende Macht“ einsetzen, und verkündeten das Datum des geplanten Solidaritätsstreiks. Premierminister Erdogan lud den Turk-Is Vorsitzenden Kumlu zu Gesprächen am gleichen Tag ein. Nach dem Treffen beauftragte die Regierung Mehmet Simsek, den Finanzminister, mit der Erstellung eines neuen Lösungsvorschlags. Simsek war niemand anders als der Mann, der gesagt hatte: „Wenn unsere Regierung einen Fehler gemacht hat, dann weil wir zu nachsichtig und mitfühlend mit unseren Arbeitern waren, die ihre Stelle aufgrund der Privatisierung verlieren“.
Nun wollte er nach Erstellung seines neuen Lösungsvorschlages erneut eine Turk-Is Delegation treffen. Darüber sollten fünf Tage vergehen. In Anbetracht dieser unsicheren Lage und unter Berücksichtigung der Ratschläge der Ärzte, beendeten die Arbeiter den Hungerstreik nach dem dritten Tag. Am 26. Januar verkündete die Regierung ihre negative Antwort. Die Reihe von Verhandlungen setze sich noch bis zum 1. Februar fort. In vieler Hinsicht war dies eine Politik des Zeitschindens. Schlussendlich hat die Regierung das Sparpaket 4-C nicht fallengelassen, sondern nur gewisse Änderungen vorgenommen. Die maximale Arbeitszeit, die zuvor auf 11 Monate erhöht worden war, wurde nun besser entlohnt, Zuschläge für ältere Beschäftigte wurden zugesagt wie auch 22 Urlaubstage. Die Arbeiter antworteten: „Wir wollen keine kosmetischen Verbesserungen am 4-C“.
Da die Verhandlungen zu keinem Erfolg führten, wurde der Hungerstreik am 2. Februar wieder aufgenommen. Die sechs Gewerkschaftsverbände Türk-Is, Hak-Is, DISK, Memur-Sen, Kamu-Sen und KESK verkündeten erneut nach einem Treffen „Aktionen, die die Kraft aus der Produktion einsetzen“ würde. Natürlich wurde diese Entscheidung nicht aufgrund der Eigeninitiative der Gewerkschaften getroffen, sondern nur aufgrund des Drucks der Arbeiter. Die Arbeiter hatten ihre Entschlossenheit zur Durchführung eines Generalstreiks auf der Demonstration am 17. Januar gezeigt, als sie sowohl die Rednertribüne als auch das Gewerkschaftsgebäude Turk-Is besetzten. Sie hatten auch versucht, die Eingangstür des Gebäudes einzudrücken. Die Arbeiter hatten Kumlus Rücktritt gefordert, und Mustafa Türkel war gezwungen worden, eine Rede mit Kritik an dem Gewerkschaftsverband zu halten und die anderen Gewerkschaften dazu aufzurufen, sich für einen Generalstreik zu entscheiden. Die Entscheidung der Gewerkschaften kam also eindeutig unter dem Druck der Arbeiter zustande. Gleichzeitig hatten die Gewerkschaften alles unternommen, um Zeit herauszuschinden. Schlussendlich mussten die Gewerkschaften einen Generalstreik ausrufen.
Nach dieser Ankündigung erklärte Erdogan, dass die Arbeiterdemonstrationen weit über ihr Ziel hinausgeschossen waren. „Bitte schön, wir haben unser Bestmögliches getan. Jetzt hat aber eine Kampagne gegen die Regierung eingesetzt, anstatt nur mehr Rechte einzufordern.“
Nachdem die Arbeiterdemonstrationen vor dem Gewerkschaftsgebäude als illegal und als eine Besetzung erklärt wurden, sagte er: „Wir werden bis zum Ende des Monats geduldig sein. Danach werden wir alle erforderlichen juristischen Schritte unternehmen (…) Weil die Ereignisse jetzt durch ideologische Gruppen und Extremisten ausgeschlachtet werden. Sie benutzen einen unverschämten Ton und zielen auf mich und meine Partei ab. Die Arbeiter werden ausgenutzt.“ Der Gouverneur von Ankara, Kemal Onal, schlug in die gleiche Kerbe und drohte: kurz vor den Solidaritätsaktionen zugunsten der Tekel-Beschäftigten erklärte er diese für ungesetzlich und verbot den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes die Teilnahme an solchen Protesten. Er drohte all jenen mit Repressalien, die sich an solchen Protesten beteiligten.
Aber selbst nachdem die Gewerkschaften einen Generalstreik angekündigt hatten, hieß das nicht, dass sie diesen auch wirklich mittragen und nicht blockieren wollten. Viele regierungsfreundliche Gewerkschaften innerhalb des Turk-Is Dachverbandes stellten sich gegen den Beschluss eines Generalstreiks. Verbände auf Seiten der Regierung wie Memur-Sen und Hak-Is sagten in letzter Minute ihre Beteiligung ab. Und Turk-Is im Allgemeinen beschlossen ihre Teilnahme nur bei den Demonstrationen in Ankara –und das nur in Form des Auftretens der Gewerkschaftsführer. So wurde der Wille der Basis untergraben, und die Arbeiter aus verschiedenen Städten und Branchen konnten nicht zusammenkommen. An dem Tag beteiligten sich vielleicht 30.000-40.000 Arbeiter an den Demonstrationen, wobei eigentlich mehr als 100.000 hätten zusammenkommen können. Die Gewerkschaften versuchen eine größere Zahl Teilnehmer zu verhindern. Und die Mobilisierung für den Streik durch andere Gewerkschaften blieb weiter unter dem versprochenen Niveau. Dagegen beteiligten sich ca. 90% , d.h. ca. 9000 Beschäftigte von den 10.857 Tekel-Beschäftigten. In anderen Städten kam es gleichzeitig zu Unterstützungsdemonstrationen für die Tekel-Leute.
Es kam kein richtiger Generalstreik zustande. Er war zu begrenzt, zu schwach. Die Stärke eines Generalstreiks ergibt sich aus der Drohung, den Produktionsprozess durch die Beschäftigten lahmzulegen. Aber am 4. Februar bemerkte man nicht wirklich, wenn man nicht im Bilde war über die Ausrufung des Streiks durch die Gewerkschaften, dass ein Streik stattfand. Selbst einige Gewerkschaftsführer mussten dies eingestehen. Sami Evren, der Vorsitzende der KESK, sagte: “Die von den Tekel-Beschäftigten ausgelöste Bewegung hat eine große Solidarisierung in der ganzen Türkei hervorgerufen. Dies ist ein Erfolg der Bewegung, aber es gab Erfolge und Misserfolge bei der Einsetzung der Kraft, die man auf der Ebene der Produktion entwickeln kann. Da wurde nicht genügend Druck gemacht, das müssen wir eingestehen.“ Der Vorsitzende der DISK, Suleyman Celebi meinte: „In 81 Städten kam es zu „wir gehen nicht zur Arbeit“-Aktionen. Es stimmt, dass die Aktionen in Istanbul und Ankara weit unter dem erwarteten Niveau blieben, aber man kann nicht behaupten, dass dies den allgemeinen Erfolg der Solidarisierung geschmälert hat.“
Am gleichen Tag, den 4. Februar, ergriff die Regierung einige Gegenmaßnahmen. Das neue Gesetz zur Beschäftigung von Zeitarbeitern „4-C“ wurde im Gesetzesblatt veröffentlicht. Die Zahl der durch 4-C Beschäftigten wurde für das Jahr 2010 auf 36.215 festgelegt; die Tekel-Beschäftigten eingerechnet. Dieses Gesetz bedeutete nicht nur die Abschaffung des Rechtes der Arbeiter, acht Monate lang Arbeitslosengeld zu beziehen, sondern zwang die Beschäftigten mittels der Erpressung der Arbeitslosigkeit zur Annahme von sehr niedrigen Löhnen. (…)
Bis zum 4. Februar hatten die Arbeiter sich darauf konzentriert, die Gewerkschaftsverbände dazu zu bewegen, einen Generalstreik und damit die Ausdehnung der Bewegung auszurufen. Weil diese Erwartungen nicht erfüllt wurden und es zu keinem wirklichen Generalstreik kam, wurde dadurch der Schwerpunkt des Kampfes auf juristische Auseinandersetzungen verlagert. (…) Wenn juristische Auseinandersetzungen in den Vordergrund treten ist dies im Allgemeinen ein Ausdruck der Schwächung des Kampfes. Das Beispiel Tekel ist hier keine Ausnahme. Die Rolle der Gewerkschaften bei der Schwächung des Kampfes und der Ausrichtung auf die juristischen Auseinandersetzungen kann nicht unterschätzt werden. (…)
Am 2. Februar begannen die Arbeiter einen dreitägigen Hungerstreik, welcher dann am 5. Februar beendet wurde. Aber sobald dieser zu Ende ging, fingen weitere 100 Beschäftigte einen unbegrenzten Hungerstreik an. Der Vorsitzende von Tek Gida-IS, Mustafa Türkel, verkündete das Ende dieses Hungerstreiks am 11. Februar. Dann rief er 16 Arbeiter, die trotzdem weiter Hungerstreiken wollten, zum Aufgeben auf. Aber diese wollten nicht aufgeben.
(…) am 16. Februar verkündeten Turk-Is, Kamu-Sen, KESK und DISK ihren gemeinsamen Aktionsplan für den 18. Februar. Spruchbänder mit der Aufschrift: „Der Kampf der Tekel-Beschäftigten ist unser Kampf“ sollten vor allen Gewerkschaftsgebäuden der vier Verbände angebracht werden. Am 19. Februar sollten sit-ins, Pressekonferenzen in allen Städten abgehalten werden, und für den 20. Februar war eine Solidaritätsdemo in Ankara vorgesehen. Die angereisten Demonstranten sollten sich auf dem Kolej-Platz sammeln, zum Sakarya-Platz marschieren und dort mit den Tekel-Beschäftigten die Nacht verbringen.
Tekel-Beschäftigte aus Adana riefen zur Demonstration am 20. Februar auf und betonten die Notwendigkeit der Ausdehnung des Kampfes: „Wir wollen, dass alle, die sich gegen die schlechten Verhältnisse in der Türkei auflehnen wollen, unsere Bewegung unterstützen. Es geht nicht mehr nur um uns. Die Mehrheit ist betroffen, die Unterdrückten. Hoffentlich werden wir gewinnen. Wir haben ein Feuer entfacht, und die Öffentlichkeit muss jetzt hier weitermachen. Es geht um unsere Zukunft, die Zukunft unserer Kinder, die Zukunft der Arbeiterklasse in der Türkei. Wir haben etwas angestoßen, die anderen müssen jetzt die Bewegung weiterführen. Wir werden uns hier nicht zurückziehen bevor wir bekommen haben, was uns zusteht, aber die Öffentlichkeit muss wach werden und uns mit ihren Familien, Kindern usw. unterstützen..“ (…)
Am 20.Februar fanden die Solidaritätskundgebungen unter Beteiligung der Gewerkschaften, politischen Parteien und Massenorganisationen statt. Arbeiter der Balnaks Logistik-Firma, die auch ihre Arbeit zur gleichen Zeit verloren hatten als die Tekel-Belegeschaft ihren Kampf begann, waren ebenso gekommen. (…) Die Demonstration gab den Tekel-Beschäftigten einen moralischen Auftrieb. (…)
Am 23. Februar trafen sich die vier Gewerkschaftsorganisationen erneut. Sie beschlossen die Durchführung einer großen Aktion für den 26. Mai., falls die Regierung nicht nachgeben würde. Aber eine größere Mobilmachung erst drei Monate später zu planen, hieß die Arbeiter zu verarschen. Die Entscheidung wurde im Internet verbreitet bevor sie offiziell verkündet wurde. Niemand wollte dies glauben. Der untere Funktionärskörper war über die Entscheidung nicht informiert worden und behauptete es handelte sich um eine Falschmeldung. Nach der Ankündigung kamen Arbeiter zusammen und riefen Parolen gegen Turk-Is und Kumlu. In diesem kritischen Moment zeigte Türkel sein wahres Wesen ziemlich offen: „Wenn ihr weiter den Rücktritt von Kumlu verlangt, werde ich zurücktreten.“ sagte er den Protestierenden. Den Arbeitern war dies schnuppe.
Am 23. Februar kamen 13 Bergarbeiter in Balikesir nach einer durch Grubengas verursachten Explosion ums Leben. Seit 2006 war dies der dritte große Unfall mit Todesfolgen für die Arbeiter aufgrund der Arbeitsbedingungen. 17 Arbeiter waren beim vorherigen Unfall ums Leben gekommen und drei bei einer früheren Explosion. Die Tekel-Beschäftigten waren bestürzt, als sie davon erfuhren. Die Bergarbeiter hatten ihr Leben wegen der unsicheren Arbeitsbedingungen verloren. Jetzt sollten die Tekel-Leute ähnlich unsicheren Bedingungen unterworfen werden. Die Wut der Klasse und ihr Schmerz mussten sich äußern. Ein Arbeiter aus Adiyaman erklärte: „Die Verstorbenen gehörten zu uns, wir müssen ihnen unsere Solidarität zeigen. Es gab eine hundertprozentige Beteiligung. Jeder spürte den Schmerz. Wir bereiteten Spruchbänder, schwarze Trauerbänder vor und verfassten eine Presseerklärung. Das war für unsere Klassensolidarität sehr wichtig.“ Man gedachte immer der Bergleute während der nunmehr regelmäßigen Abenddemonstrationen mit Fackeln, und hielt eine Schweigeminute zu Ehren der verstorbenen Bergleute ab. Der Slogan „Lang lebe die Klassensolidarität“ wurde zum Ruf des Tages.
Am nächsten Morgen, dem 25. Februar, ereilte die Arbeiter eine neue schlechte Nachricht. Ein Tekel-Kollege, Hamdullah Uysal, war bei einem Verkehrsunfall in Ankara ums Leben gekommen.
Der in Ankara geborene Hamdullah Uysal hatte in Samsun bei Tekel gearbeitet. Er war 39 Jahre alt und hatte zwei Kinder, eins davon behindert. Er hatte sich an den Hungerstreiks beteiligt. Die Tekel-Beschäftigen hatten andere Verluste während des Kampfes hinnehmen müssen. Einigen war der Vater oder die Mutter gestorben oder gar Kinder, aber nun war es das erste Mal, dass einer von ihnen, ein Kollege während des Kampfes gestorben war. Hamdullah Uysal war ein militanter Arbeiter, die sich von Anfang an am Kampf beteiligt hatte. Seit dem Beginn der Bewegung war er in Ankara mit dabei, nur zweimal war er in seine Heimatstadt zurückkehrt. Die Arbeiter betrachteten ihn als einen Märtyrer des Klassenkampfes. Zudem riefen die Umstände seines Todes unter den Beschäftigten Wut und Empörung hervor. Uysal war von einem Jeep angefahren worden, der morgens um 5.30 h von einem betrunkenen Fahrer auf dem Weg zum Morgengebet gesteuert wurde. Man war auf den Fahrer und die Klasse, die er verkörperte, würgend. Die Arbeiter sprachen von dem Unfallfahrer als "einem reichen Typen mit dem Jeep".
Da die Arbeiter Uysal als einen Märtyrer ihres Kampfes betrachteten, und da sie fühlten, dass die Zeltstadt vor dem Turk-Is Gebäude wie ein Zuhause für sie geworden war, wollten sie eine Trauerfeier in der Zeltstadt abhalten und anschließend Uysal in seiner Heimat bestatten. Sie sprachen mit der Frau von Uysal, die meinte: "Die Straße vor dem Turk-Is Gebäude ist wie ein Zuhause für ihn geworden, das Zelt vor dem Turk-Is Gebäude ist sein Zuhause. Er hätte sich das sicherlich gewünscht. Ihr könnt die Feier vor dem Turk-Is-Gebäude abhalten und ihn dann in die Heimat überführen."
So begaben sich 400-500 Tekel-Beschäftigte zur Gerichtsmedizin in Kecioren, wohin Uysals Leichnam überführt worden war. Eigentlich wollten fast alle Arbeiter mitkommen, aber die Arbeiter beschlossen, ihre Zahl zu begrenzen, um einige Arbeiter zum Schutz der Zelte abzustellen, da die Regierung weiter drohte, die Zelte abzureißen. Die Arbeiter befürchteten, die Regierung könnte zum Angriff blasen und die Zelte abreißen, sobald sie den Sakarya Platz verließen. So blieben einige zurück und harrten vor dem Turk-Is Gebäude aus, bis der Leichnam dorthin gebracht würde.
Die Tekel-Beschäftigten, die zur Gerichtsmedizin gingen, wollten den Leichnam mitnehmen. Sie mussten Stunden lang ausharren. Man sagte ihnen, dass Uysals Bruder und Onkel kämen, um den Leichnam in Empfang zu nehmen. Schließlich kam ein Verwandter von Uysal, der auch bei Tekel beschäftigt war, aber man verweigerte auch ihm die Aushändigung des Leichnams. Dann tauchte ein "Onkel" auf, der behauptete der Ehemann einer Tante von Uysal zu sein. Die Gerichtsmediziner sagten, man werde ihm den Körper übergeben. Arbeiter, die wussten, dass man den Leichnam nur einem Verwandten ersten Grades übergibt, wollten diese Finte vom "Onkel" nicht glauben. Sie vermuteten, dass der "Onkel" ein Spitzel sein könnte und stellten ihn zur Rede. Ihr Verdacht wurde bestätigt, nachdem dieser "Onkel" eingestand ein Spitzel zu sein. Die Arbeiter pochten deshalb erneut auf Herausgabe des Leichnams an sie, aber die Polizei drängte sie zurück. Die Arbeiter warteten stundenlang und versuchten vergeblich die Familie Uysal zu erreichen. Schließlich traf die Familie Hamdullah Uysals ein. Aber die Ankaraer Polizei und die Leute des Gouverneurs setzten sie sofort unter Druck.
Die Ankaraer Polizei, die sie schon auf dem Weg zur Gerichtsmedizin anhielten, wollten sie zwingen, ihre Unterschrift unter ein Schreiben zu setzen, wonach der Leichnam in Uysals Heimat ohne eine Trauerfeier in Ankara überführt werden sollte. Man übte weiter in der Gerichtsmedizin Druck auf sie aus. Schließlich gab die Familie nach und willigte ein, dass der Leichnam ohne eine Trauerfeier in Ankara abtransportiert würde.
In der Zwischenzeit, während die Arbeiter vor der Gerichtsmedizin warteten, sagte man ihnen zu, dass man ihnen den Leichnam übergeben werde. Arbeiter stiegen auch in den Krankenwagen ein, mit dem sein Leichnam befördert wurde. Aber eine Gruppe von Arbeitern erkannte, dass der Krankenwagen zu einem anderen Ziel fuhr als ursprünglich vereinbart. Sie stiegen aus und blockierten den Verkehr. Andere Arbeiter schlossen sich ihnen an. Die Polizei tauchte auf und stellte sich zwischen die Arbeiter, die das Auto blockierten, und denjenigen, die noch im Krankenwagen saßen. Die Arbeiter wollten sich gegenseitig unterstützen, aber die Polizei ging gegen sie mit Tränengas vor, trieb sie auseinander, woraufhin die Arbeiter eine zweite Barrikade errichteten. Dann griff die Polizei die kleinere Gruppe von Arbeitern an, die die Weiterfahrt des Krankenwagens blockierten, zerrte sie aus dem Wagen und wollte sie festnehmen. Aber die größere Gruppe von Arbeitern konnte sich erneut sammeln und versuchte sich mit den anderen Arbeitern zusammenzuschließen. Dies gelang ihnen jedoch nicht mehr; der Polizei dagegen gelang es, den Krankenwagen unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie die Arbeiter brutal verprügelte.
In der Zwischenzeit versuchten die Arbeiter, die vor dem Turk-Is ausgeharrt hatten, zur Mithat Pasha Straße zu gelangen und am Unfallort Blumen zu hinterlegen. Aber die Polizei hinderte sie daran. Sie jagten die Arbeiter auf dem Sakarya Platz auseinander, die dort zugekommen waren, um ihren Kollegen vor der Gerichtsmedizin zu helfen. Vor den Polizeiabsperrungen in der Mithat Pasha Straße riefen die Arbeiter: „Ihr habt Angst vor unseren Toten“. Slogan wie „Tayyip der Mörder“, und „Die mörderische AKP gegen die Arbeiter“ (AKP=Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, deren Vorsitzender Tayyip Erdogan ist) wurden ebenso gerufen. Trotz all der Anstrengungen der Polizei gelang es einer Gruppe von Arbeitern, Blumen am Unfallort Hamdullah Uysals zu hinterlegen.
Die Arbeiter, die von der Gerichtsmedizin zurückkehrten, zogen direkt zur Mithat Pasha Straße. Dort errichtete die Polizei erneut Absperrungen, um die Arbeiter am Weiterkommen zu hindern. Den Arbeitern gelang es aber, die Absperrungen zu durchbrechen. Belagerer des Turk-Is Gebäudes schlossen sich ebenso an. Insgesamt hielten sie ein 20-25 minütiges sit-in ab und riefen Slogans zur Erinnerung an Hamdullah Uysal. Die Polizei umzingelte die Arbeiter während dieser Kundgebung. Schließlich beendeten die Arbeiter das sit-in und begaben sich zurück zur Zeltstadt.
Während all dieser Vorfälle bezogen die Gewerkschaften nie Stellung zugunsten der Arbeiter. Als die Polizei die Arbeiter vor der Gerichtsmedizin angriff, war von den Gewerkschaften nichts zu sehen. Und als die Arbeiter, die vor dem Turk-Is Gebäude verweilten, ihren Kollegen zu Hilfe eilen wollten, versuchten die Gewerkschaften diese nur zu besänftigen und zur Rückkehr zum Zelt zu bewegen.
Hamdullah Uysals Tod bewies erneut wie viel Angst die Ordnungskräfte vor den Arbeitern hatten. Die Polizei und der Gouverneur hatte alles unternommen, um die Arbeiter daran zu hindern, ihrem verstorbenen Kollegen ein letztes Geleit zu geben, aber vergeblich. Vielleicht waren die Schritte der Arbeiter, die Polizeiabsperrungen zu durchbrechen und ein sit-in an der Unfallstelle abzuhalten, die kurzfristige Blockade des Straßenverkehrs, der beste Abschied für den verstorbenen Kollegen.
Der Tod von Uysal hatte die Tekel-Beschäftigten ziemlich erschüttert, aber die Vorfälle halfen auch den Arbeitern, die zu Hause geblieben waren, aufzuzeigen, wie ernst die Lage geworden war. Eines der Vermächtnisses Hamdullah Uysals war sein Aufruf zur Ausdehnung des Kampfes an die anderen Arbeiter: „Alles, was die Arbeiterklasse gewonnen haben mag, wird zu einem Kompass für die Arbeiterbewegung in der Zukunft werden. Schließt euch unserem Kampf an, rettet unsere Zukunft.“
Am darauf folgenden Tag zogen 25 Arbeiter vor die AKP-Zentrale in Ankara. Die Tekel-Beschäftigten, die in das Gebäude gehen wollten, beabsichtigten ein Spruchband mit einem Bild Hamdullah Uysals aufzuhängen. Daraufhin griffen private Sicherheitskräfte und Polizei die Arbeiter im Gebäude an. Aber dies spornte die vor dem Gebäude wartenden Arbeiter an, ebenso ins Gebäude vorzudringen. Diese wurden auch angegriffen, viele von ihnen wurden dabei verletzt. 19 Arbeiter wurden in Untersuchungshaft genommen. Slogans wie „Mörder der AKP, Tayyip der Mörder“ wurden gerufen, und die Arbeiter erläuterten, weshalb die Regierung für den Tod von Hamdullah Uysal verantwortlich war. Die übrig gebliebenen Arbeiter blockierten die Mannschaftswagen der Polizei, welche die Arbeiter in U-Haft bringen sollten. Sie riefen: „Tekel ist überall, kämpft überall.“ „Repression kann uns nicht abschrecken“. Leider gelang es ihnen nicht, die von der Polizei abtransportierten Arbeiter aus deren Händen zu entreißen.
Von der Nachricht, dass einige Arbeiter in U-Haft gelandet waren, erfuhr eine Gruppe von Arbeiterinnen aus dem Izmirer Zelt; sie zogen daraufhin vor die Polizeiwache. Die in U-Haft festgehaltenen Arbeiter wurden nicht registriert, mit der Schutzbehauptung, wegen laufender Bauarbeiten sei das nicht möglich gewesen. Eine Gruppe von Arbeitern vor dem Turk-Is Gebäude übte Druck auf die Gewerkschaften aus, dessen Rechtsanwälte zu schicken. All das hatte sich außerhalb der Kontrolle der Gewerkschaften zugetragen; unter dem Druck der Arbeiter mussten die Gewerkschaften zur Polizeiwache mit ihren Rechtsanwälten gehen. Am nächsten Tag warteten die Arbeiter vor dem Gerichtsgebäude von 10.00-21.00 h, bis ihre Kollegen freigelassen wurden. Die Arbeiter waren ca. 40 Stunden in U-Haft festgehalten worden. 15 Arbeiter wurden nachmittags entlassen. Gegen vier wurden Ermittlungen wegen „Beschädigung öffentlichen Eigentums und Ungehorsam gegenüber einem Polizeioffizier“ eingeleitet. Aber sie wurden in der gleichen Nacht wieder freigelassen. Mit den vor dem Gerichtsgebäude ausharrenden Kolleg/Innen fuhren sie zurück zur Zeltstadt.
Am 1. März beschloss die Justiz zugunsten der Klage gegen die Anwendung der Einmonatsfrist für das 4-C für die Beschäftigten. Die Arbeiter feierten dies. Während die militanten Arbeiter ihre Kollegen vor dieser Einschätzung gewarnt hatten, wollten die anderen dies nicht zur Kenntnis nehmen. Dieses falsche Siegesgefühl untergrub die gemeinsame Haltung der Arbeiter am nächsten Tag.
Am 2. März kündigte Musta Türkel an, dass die Demonstrationen der Tekel-Beschäftigten in Ankara beendet und die Zeltstadt abgebaut würde, die Arbeiter würden am 1. April nach Hause zurückkehren. Dies führte zu einer Spaltung der Arbeiter in diejenigen, die sich der Entscheidung der Gewerkschaft zur Beendigung des Kampfes widersetzten und denjenigen, die den Kampf weiterführen wollten. Die Gegner riefen Slogans wie: „Die Zelte sind unsere Ehre. Wir lassen es nicht zu, dass ihr unsere Ehre verletzt.“ Andere Arbeiter riefen: „Türkel (der Gewerkschaftsführer) ist unsere Ehre“. Die Verfechter der Gewerkschaftsentscheidung und die Gegner wurden nun gegeneinander ausgespielt. Einige Zelte wurden abgebaut bevor Türkels Rede beendet war. Den Arbeitern wurde keine Zeit gelassen, eine allgemeine Diskussion zu führen. Die Arbeiter, welche sich der Entscheidung der Gewerkschaft widersetzten, diskutierten untereinander und wollten eine Strategie festlegen. Die Gewerkschaften wollten die beiden Gruppen gegeneinander hetzen und die Gegner der Gewerkschaftsentscheidung isolieren und abdrängen. Die Gewerkschaften wollten die „Unruhestifter“ bis zum 1. April vertreiben und sie vom Rest der Klasse isolieren, um so wieder die anderen Arbeiter unter ihre Kontrolle zu bringen.
Aber die militanten Arbeiter liefen nicht in die gewerkschaftliche Falle, denn um zu vermeiden, dass sie gegeneinander ausgespielt wurden, widersetzten sie sich nicht länger der Gewerkschaftsentscheidung. Die Gegner des Abbaus der Zelte waren bei den Zelten aus Adiyaman, Izmir, Istanbul und Diyarbakir in der Mehrheit. Nach Absprache in ihren Reihen beugten sie sich der Entscheidung.
Tatsächlich hatten die Gewerkschaften schon längst vorher angefangen, auf den Abbau der Zelte hin zu arbeiten. Schon in den davor liegenden 3 Wochen hatten sie sich in diesem Sinne ausgesprochen. Die Gewerkschaftsvertreter hatten in den Zelten für deren Abbau plädiert. An dem Tag, als die Arbeiter vor dem Gerichtsgebäude auf die Freilassung ihrer in U-Haft befindlichen Kollegen warteten, hatten die Gewerkschaften Bezirksversammlungen abgehalten und sich auch für den Abbau der Zelte ausgesprochen. Diese Wühlarbeit zahlte sich für die Gewerkschaften aus, denn die Entscheidung fiel zugunsten des Plädoyers der Gewerkschaften aus. (…) Die Gewerkschaften und die Regierung arbeiteten Hand in Hand. Leider meinten aber viele Arbeiter, die Gewerkschaften stünden auf ihrer Seite. Neben den Arbeitern, die glücklich oder traurig waren über den Abbau der Zelte, waren auch einige sehr wütend. Ein Arbeiter, mit dem wir sprachen, meinte, alles fing damit an, dass die Gewerkschaften Mist bauten und jetzt ende auch alles damit, dass die Gewerkschaften alles vermurksten.
Der Kampf der Tekel-Beschäftigten wirkte wie ein Schrei, der die Ruhe an der Klassenfront in der Türkei seit den frühen 1990er Jahren beendete. Der Kampf hatte auch ganz neue Methoden hervorgebracht. Die Errichtung einer Zeltstadt, wo die Arbeiter die ganze Zeit verbrachten, war etwas ganz Neues. Wie wir eingangs sagten, brachte dies positive Aspekte mit sich. Dadurch konnten die Arbeiter die Bewegung selbst kontrollieren. Gleichzeitig entstanden damit negative Folgen. Nach einer Zeit trugen die Bedingungen der Zeltstadt zur Ermattung bei, wodurch sich die meisten Arbeiter in die Zelte zurückzogen. Das Problem mangelnder Kommunikation war schwerwiegend. Aber ungeachtet ihrer positiven und negativen Aspekte waren die Zelte ein Ausdruck, ein Ort und Symbol des Kampfes.
Das Ende der Zeltstadt hieß aber nicht, dass eine Pause im Kampf der militanten Arbeiter eingetreten wäre. Eine Gruppe von Arbeitern, mit jeweils Leuten aus verschiedenen Städten, beschloss in Kontakt zu bleiben und die Koordinierung ihres Kampfes in den Städten während des darauf folgenden Monats vorzunehmen. Nach dem Abbau der Zelte richtete sich die Strategie der militanten Arbeiter auf die Rückkehr der Arbeiter nach Ankara am 1. April, auf die Kontaktaufnahme mit Beschäftigten aus anderen Betrieben. Während der Abbau der Zelte als eine Niederlage des Kampfes erschien, kann jetzt die Tatsache, dass die militanten Tekel-Beschäftigten auf den Zusammenschluss bestehender Kämpfe und deren Ausdehnung auf den Rest der Klasse hinarbeiten, zu einer wichtigen politischen Entwicklung nicht nur für die Tekel-Beschäftigen führen, sondern für den Klassenkampf in der Türkei insgesamt.
Sude, Anfang Mai 2010
(leicht gekürzte Fassung der türkisch-englischen Ausgabe). Die ungekürzte Fassung steht auf unseren Webseiten zur Verfügung.
„Was im Golf von Mexiko zurzeit passiert, ist(…) für die Bevölkerung im Nigerdelta seit 50 Jahren Alltag. Über 2000 Öllecks sind sichtbar, jeden Tag kommt eine neue Leckage hinzu. Der jüngste größere Unfall stammt vom 1. Mai: Eine Pipeline des Erdölkonzerns Exxon Mobile barst, 4 Mio. Liter Öl verschmutzten das Delta“(The Guardian, Mai 2010).
Während die Ölpest im Golf von Mexiko die bislang größte Umweltverseuchung in der Geschichte eines der höchst entwickelten Länder, den USA, darstellt, und mit dieser Ölpest gewissermaßen schlagartig die Folgen einer langjährigen Vergewaltigung der Schutzbedürfnisse der Natur zum Ausdruck kommen, gehört die Umweltzerstörung in einem ähnlich gigantischen Ausmaß in Nigeria quasi seit Jahren zum Alltag.
Im Feuchtgebiet des Niger-Deltas, mit 20.000 Quadratkilometer das Größte seiner Art in Afrika, fördern die Ölmultis täglich rund zwei Millionen Barrel Erdöl. Nigeria ist damit siebtgrößter Ölexporteur der Welt und einer der Hauptlieferanten der USA. Wegen seines niedrigen Schwefelgehalts ist das Öl des größten afrikanischen Produzenten zudem besonders gefragt. Rund 95 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes stammen aus der Ölproduktion des Südens. Die 7000 Kilometer Pipelines, welche die rund 1000 Pumpstationen in den 300 Onshore-Öl-Sites im Nigerdelta verbinden, stammen meistens aus den 50er und 60er Jahren. Zwischen 1976 und 2001 seien 6800 Erdölseen entstanden. Allein im Jahre 2009 gab es mehr als 2.000 Lecks bei Bohrungen und vor allem bei Pipelines; pro Jahr sollen ca.300 Öllecks in irgendeiner Form auftreten. Ca. 50% der Ölaustritte erfolgen aufgrund verrosteter Pipelines und Tanks, ca. 30% aufgrund von „Sabotage“, und 20% beim "Regelbetrieb". Das Ausmaß der Verschmutzung ist irrsinnig. Die nationale Behörde(Nosdra), die für die Aufdeckung und Beseitigung von Ölverschmutzungen zuständig ist, gibt an, dass allein zwischen 1976 und 1997 über 2,4 Millionen Barrel Öl die Umwelt verschmutzten. Unabhängige Öl-Experten und Umweltorganisationen gehen davon aus, dass in den letzten 50 Jahren zwischen 9 und 13 Mio. Barrel Rohöl in die Natur gelangten, d.h. direkt in den Mangrovenwäldern und Sümpfen des dicht besiedelten Nigerdeltas landeten statt in Pipelines und auf Tankern. Das ergibt pro Jahr eine größere Menge, als beim Tankerunglück «Exxon Valdez» 1989 vor Alaska einmalig ins Meer floss. Felder und Flussläufe sind heute chronisch verseucht. Es gibt Gegenden, in denen das Grundwasser schwarz ist, und andere, wo aufgrund des Abfackelns des bei der Ölförderung austretenden Erdgases seit Jahrzehnten kein Sternenhimmel mehr zu sehen ist. Auch sind Atemwegserkrankungen, Hautausschläge und Augenprobleme verbreitet. Sie werden auf Dioxine und andere Karzinogene zurückgeführt, die bei den Bränden in Bodennähe freigesetzt werden. (TAZ, 10.06.2010; www.afrika.info [95]). Der Blutzoll ist hoch im Delta. Unzählige Flussläufe, Mangrovenwälder, fruchtbares Ackerland und die einst fischreichen Gewässer sind schwer geschädigt oder zerstört. Überirdisch verlegte Ölpipelines durchqueren Dörfer und verlaufen oftmals direkt vor den Hauseingängen, so dass die Bewohner über die veralteten Hochdruckleitungen steigen müssen. Das Öl sickert teilweise ins Grundwasser oder bildet Seen, so groß wie Fußballfelder. In vielen Fällen ist das Trinkwasser vergiftet und die Vegetation zerstört. Die Lebenserwartung ist auf 45 Jahre für Männer, 46 Jahre für Frauen abgesunken.
Nigeria ist mit Erdgasreserven von etwa 6,5 Billionen Kubikmetern der siebtgrößte Erdgasproduzent der Erde. Dem staatlichen Erdölkonzern NNPC zufolge werden im Jahr 23 Milliarden Kubikmeter oder 40 Prozent des in Nigeria produzierten Gases abgefackelt, oft wird fast das gesamte Gas, das bei der Ölförderung anfällt, abgefackelt. Dabei entsteht auch eine Menge Methangas, das der Hauptverursacher des Treibhauseffekts und vierundsechzigmal gefährlicher für die globale Erwärmung ist als CO.
Wie kann es dazu kommen, dass ein Land, das so reich an Rohstoffen ist, das am schlimmsten verseuchte Ökosystem der Erde hervorbringt? Warum führt das Vorhandensein von solch reichhaltigen Rohstoffvorkommen nicht zu einem Leben in Wohlstand, sondern stattdessen zur Erstickung der Natur und zu einem Höllenleben für die Menschen?
„1958 wurde in Nigeria vor allem im Nigerdelta in der Nähe von Port Harcourt Öl entdeckt. Besonders fündig geworden ist man im Lande der Ogoni, im nordöstlichen Niger-Delta. Seither macht es 90 Prozent der Exporteinnahmen des Landes aus. Oft wird gesagt, dass in diesem Landstrich während der drei Dekaden der Bohrungen geschätzte 900 Millionen Barrels gefördert wurden. Man schätzt, dass seit 1960 für ca. 600 Milliarden Dollar Öl verkauft wurde, und trotzdem leben 70 Prozent der Nigerianer von weniger als 1 Dollar am Tag. (...)
35% leben in extremer Armut.
Die Lebenserwartung auf dem Land, wo mindestens die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu Trinkwasser hat, ist seit zwei Generationen auf knapp über 40 Jahre abgefallen. Die örtliche Bevölkerung im Nigerdelta oder in der Nähe der Pipelines und Förderanlagen ist ruiniert. Die Menschen haben nichts vom Ölreichtum. Im Gegenteil, in die Armut getrieben, durch schreckliche Erkrankungen infolge der Umweltverschmutzung gemartert, werden die Menschen dazu gezwungen, nahezu täglich Ölpipelines anzuzapfen und sich dabei in Lebensgefahr begeben. Gleichzeitig werden mit der sich zuspitzenden Armut immer mehr Menschen in die Arme von bewaffneten Banden getrieben, die z.B. Beschäftigte der Ölgesellschaften kidnappen und damit Lösegeld erpressen und im Alltag Angst und Terror säen.
Trotz riesiger Öleinnahmen - mehr als 300 Milliarden Dollar an Öleinnahmen fielen dem Staat Nigeria bisher in den Schoß – ist es nirgendwo zu einer Schaffung von Industriegebieten oder zum Ausbau einer Infrastruktur gekommen. Sicher, nachdem die Öleinnahmen anfangs im Verhältnis 50/50 zwischen den ausländischen Ölfördergesellschaften (Shell, das anfangs ein Monopol innehatte, bis später Gulf, Mobil und Texaco dazu stießen) und der einheimischen herrschenden Klasse aufgeteilt wurde, fiel vermutlich mindestens die Hälfte der Einnahmen in die Hände ausländischen Kapitals. Und die Herrschenden Nigerias, vor allem die Militärs, haben sich einen Großteil einkassiert, ohne das Geld in den Aufbau von einheimischen Produktionsanlagen zu stecken. Von nennenswerten industriellen Produktionsstätten kann keine Rede sein. Nigeria blieb der Aufstieg zu einer konkurrenzfähigen Industriemacht verwehrt. Die Lage ist insofern mit vielen anderen Erdölfördernden Ländern vergleichbar, deren Ölressourcen jahrzehntelang geplündert wurden (z.B. Venezuela, Iran), und wo vor Ort keine moderne, konkurrenzfähige Industrie aufgebaut wurde. Die Bevölkerung hat nie vom Ölreichtum profitiert, stattdessen wurden noch mehr Menschen zum Überleben in die Migration gezwungen. Nach dem Zusammenbruch der Ölpreise Anfang der 1980er Jahre fielen die nigerianischen Öleinnahmen von 26 Milliarden Dollar im Jahre 1980 auf 5 Milliarden Dollar 1986. Die Reaktion der nigerianischen Regierung: Migranten aus den Nachbarstaaten wurden rausgeschmissen. Ca. 700.000 Ghanaer wurden ausgewiesen. 1985 wurden nochmal eine Viertelmillion ausgewiesen.
Innerhalb des Landes trieben mehrere Faktoren die Menschen in die Flucht. Verwüstung, Umweltverschmutzungen, Verarmung – haben auf der einen Seite die Landflucht, aber auch die Flucht aus dem Land angeheizt. Aus Nigeria kommt ein bedeutender Teil der afrikanischen Flüchtlinge, die nach Europa oder in die USA gelangen.
So ist das Land trotz sprießenden Öls keine Industriemacht sondern zum Friedhof der Natur und zur Hölle für die meisten Menschen geworden. Wie kann man diesen Gegensatz zwischen Reichtum und Armut, zwischen Potenzial und Wirklichkeit erklären?
Nun behaupten einige, die ganze Kalamität sei im Wesentlichen auf die Korruption und die Unfähigkeit des Militärs zurückzuführen. Wäre das Militär nicht so bestechlich und so „egoistisch“, könnte das Land viel besser dastehen. Tatsächlich haben der Einfluss und das Gewicht der Armee seit der Entdeckung des Öls gewaltig zugenommen. Aber die Entwicklung in Nigeria bringt eine viel schwerere Last für die Gesellschaft zum Ausdruck als nur das parasitäre Leben von Militärs.
Keine zehn Jahre nach Beginn der Ölförderungen 1958 wurde das Land am 6. Juli 1967 von einem verheerenden Krieg verwüstet, der bis zum 15. Januar 1970 fortdauerte.
Wie viele andere afrikanische Staaten ist Nigeria ein von Großbritannien künstlich geschaffener Staat. Nigeria, das im Oktober 1960 von Großbritannien unabhängig wurde, zählte damals 60 Millionen Einwohner mit ca. 300 verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppen. Wie in vielen anderen Teilen ihres ehemaligen Kolonialreiches hatte die Kolonialmacht durch “Divide and rule” (z.B. auf dem indischen Subkontinent durch die Teilung zwischen Indien und Pakistan/Bangladesh, die kurze später zum Krieg führte geherrscht. Auch in Nigeria hatte die Kolonialmacht auf der einen Seite ein relatives, aber immer sehr zerbrechliches „Gleichgewicht“ zwischen den wichtigsten Gruppen angestrebt; auf der anderen Seite nutzte die Kolonialmacht diese Spaltungen aus, indem sie die verschiedenen Gruppierungen gegeneinander ausspielte. Dieses Erbe und diese Praktiken übernahmen die neuen afrikanischen Machthaber nach der Unabhängigkeit im Oktober 1960. Seitdem prägen das Ringen um die Macht und ein Ausbalancieren der Pfründe und Positionen der jeweiligen Gruppen den Alltag in dem Vielvölkerstaat. Es herrscht ein Neben- und Gegeneinander einer Vielzahl ethnischer Gruppen, das noch ergänzt wird durch religiöse Gräben hauptsächlich zwischen Christen (die meist im Süden leben) und Moslimen (von denen die meisten im Norden leben). Nach dem Ende der Kolonialherrschaft existierte keine „vereinigte“ nationale herrschende Klasse, die geschlossen für das Interesse einer „geeinten“ Nation hätte eintreten können, sondern das Land war zersplittert in Regionen, wo die lokalen Machthaber meist von einer spezifischen Einkommensquelle (z.B. einem Agrarprodukt) abhingen, und die Interessen der regionalen Gruppierungen (die oft einer bestimmten ethnischen und/oder religiösen Gruppe angehören) kollidierten. Kurzum, ein Land, das auf einem brüchigen Gebäude einer Vielzahl ethnischer, religiöser, regionaler Provinzfürsten aufgebaut war, und wo es nur eine Frage der Zeit war, bis dieses Gebilde erschüttert und zerrissen würde.
Mitte der 1960er Jahre hatten ethnische Spannungen derart zugenommen, dass 1966 regelrechte Pogrome an den christlichen Ibo, die im muslimisch dominierten Norden lebten, begannen. Ca. 30.000 der 13 Millionen Ibo/Igbo verloren ihr Leben, was zu einer Flüchtlingswelle von ca. 1.8 Millionen Menschen aus dem Norden Richtung Süd-Osten führte. Teile der Armee erklärten am 30. Mai 1967 mit Unterstützung von zivilen politischen Kräften des Süd-Ostens die südöstliche Region Nigerias als eigenständigen Staat Biafra. Die nigerianische Regierung, die Unterstützung von Großbritannien, den USA, der Sowjetunion erhielt, widersetzte sich mit allen Kräften der Abspaltung. Mehr als zwei Millionen Menschen verloren ihr Leben im Kampf oder durch Verhungern.
Aber das Krebsgeschwür des Militarismus ging weit über die Auseinandersetzung um Biafra hinaus, denn seitdem haben sich Gewalt und marodierende Banden zu einem Alltagsphänomen entwickelt, das nicht auf Nigeria beschränkt blieb, sondern auch in den Nachbarstaaten Elfenbeinküste, Sierra Leone, Republik Kongo usw. ständig wütet.
Anstatt die örtliche Bevölkerung mit Energie und Kapital für Investitionen in Infrastruktur und Produktionsanlagen auszurüsten, hat die Ölförderung nicht nur zu einem Desaster an der Natur und zu einer Armutsspirale für die meisten Menschen in der Region geführt, sondern der räuberische Appetit von einigen Geiern wurde angeregt, die wiederum die Bevölkerung für ihre eigenen Zwecke einsetzen. Mittlerweile sind in den letzten Jahren „Rebellenbewegungen“ entstanden. „Die größte Rebellenbewegung Mend (Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas) rief nach den ersten Militärschlägen den "totalen Krieg" aus und die "Generalmobilmachung aller Männer in kampffähigem Alter". Dies macht es dem Militär leicht, die gesamte Zivilbevölkerung als Feind zu behandeln. Und Mend hat (…) angekündigt, alle Wasserwege zu blockieren, um Nigerias Ölexporte abzuschnüren. Die Ölförderung des Landes liegt inzwischen [2009] bei 1,2 Millionen Barrel am Tag, gegenüber 2,17 Millionen im Jahr 2007.“ (www.counterpunch.org/watts08122009.html [96]). Nigeria kann 2,6 Millionen Barrel pro Tag produzieren. Tatsächlich sind es aber nur knapp über 2 Millionen. Mindestens 600.000 Barrel kommen einfach nicht auf den Markt wegen politischen Unruhen und anderer Probleme. Das ‚UN-Büro gegen Drogen und Verbrechen‘ schätzt, dass ca. 55 Millionen Barrel Öl jedes Jahr im Niger-Delta gestohlen werden und eine Schattenwirtschaft ernähren, von der viele hochrangige Militärs und Politiker leben. Jetzt führen bewaffnete Banden Krieg gegen die Öl-Multis – und gegen die eigene Regierung. Die Rebellen zerstören Ölanlagen, überfallen Konzernzentralen, stören das Geschäft mit den Petrodollars. 10.000 hochradikalisierte Kämpfer sind es neuesten Schätzungen zufolge. Überfälle, Geiselnahmen und Sabotageakte haben seit 2007 weite Teile der Ölgebiete unzugänglich gemacht und all das hat Nigerias Ölförderung zeitweise hinter die Angolas zurückfallen lassen. In dieser Region treiben Piraten ihr Unwesen, so wie in der Gegend in und vor Somalia. „Amerika versucht, das Öl zu schützen. Entlang der nigerianischen Grenze bilden US-Soldaten afrikanische Spezialtruppen im Nahkampf aus. Die Truppen sollen ein Ausweiten der Rebellenangriffe verhindern. Der „Kampf gegen den Terror“ ist auch im Ölland Nigeria angekommen.“ (https://www.3sat.de/page/?source=/boerse/magazin/94491/index.html [97])
So sieht der Alltag in dem siebtgrößten Erdölproduzierenden Land aus: Die Bevölkerung leidet nicht nur unter den Auswirkungen der Umweltverschmutzung, sie wird immer wieder zur Beute des marodierendes Militär und der Polizei, die regelmäßig Gelder erpressen, und in einem zerfallenden Staat agieren, der immer mehr Menschen in die Flucht treibt. Militarismus und Krieg werden wie die Pest im Mittelalter zu einer immer größeren Plage. Seit 1988 hätten die Staaten der Organisation Erdölexportierender Staaten (OPEC) im Schnitt 18 Prozent ihrer Staatsausgaben oder rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das Militär ausgegeben. Laut SIPRI hat Nigeria in den letzten Jahren seine Rüstungsausgaben verdoppelt.
Auch wenn die Situation sich noch nicht so zugespitzt hat wie in Somalia, sind alle Bestandteile vorhanden, dass auch Nigeria zu einem failed-state wird. Der vor mehr als einem halben Jahrhundert unabhängig gewordene Staat, der im Innern immer wieder von Pogromen zwischen verschiedenen Gruppen zernagt wird, birgt das Potenzial einer "Libanisierung"/ „Balkanisierung“ (d.h. ein Auseinanderfallen in miteinander verfeindete, sich gegenseitig endlos lange bekämpfende Teile eines Landes) in sich. Er scheint sich damit der Kette auseinanderfallender Staaten wie Sierra Leone, Republik Kongo, Somalia anzuschließen…
Wenn wir all diese Elemente zusammenführen:
- die unglaubliche ökologische Zerstörung,
- das Ersticken unter dem Ballast des Militarismus,
- ein ständiges Leben auf einem Pulverfass ethnisch-religiöser Pogrome,
- eine größtenteils verarmte Bevölkerung mit extrem geringer Lebenserwartung,
- ein unter den Klauen des Militarismus agierender und durch die auseinanderstrebenden partikularen Interessen strangulierter Nationalstaat,
müssen wir eine tiefergehende Erklärung für diese Fesselung der Gesellschaft durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse und die mit ihr verbundenen Tatbestände liefern. Während die bürgerlichen Medien zwar immer wieder, meist unverblümt über die teilweise apokalyptischen Zustände berichten, stellen sie nie einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen, miteinander verbundenen Elementen her. Dieser Aufgabe müssen sich die Revolutionäre stellen.
Dv. 21.6.10
Nachfolgend stellen wir das Manifest des 2. Treffens von Esparevol (Revolutionärer Ort für Treffen und Debatten) vor, ein Forum, das vor mehr als einem Jahr entstand [1] .
Esparevol ist Teil der Anstrengungen der Bewusstwerdung kleiner Minderheiten auf der ganzen Welt. Esparevol geht an seine Aktivitäten aus einem internationalistischen Blickwinkel heran und steht gegenüber diesen Minderheiten offen. „Wir wollen all die Initiativen ermutigen und uns an ihnen beteiligen, die über die Grenzen hinausgehen, den Kampf und die Solidarität all der Arbeiter unterstützen, die sich auf die Suche nach Selbständigkeit begeben haben und all das verwerfen, was sie unterdrückt und ausbeutet, sei es auf allgemeiner oder alltäglicher Ebene, wie den kleinen aber unabdingbaren Kämpfen ums Überleben. Wir wollen uns an all dem beteiligen, was sich in diese Richtung aus einer internationalistischen und proletarischen Perspektive bewegt, oder anders gesagt, die Perspektive, wenn jemand unseresgleichen (mit den gleichen Bedürfnissen, Interessen und Sehnsüchten) zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte oder heute an irgendeinem Ort der Erde kämpft, führen wir auch den gleichen Kampf.“
Nachfolgend stellen wir das Manifest des 2. Treffens von Esparevol (Revolutionärer Ort für Treffen und Debatten) vor, ein Forum, das vor mehr als einem Jahr entstand [1] .
Esparevol ist Teil der Anstrengungen der Bewusstwerdung kleiner Minderheiten auf der ganzen Welt. Esparevol geht an seine Aktivitäten aus einem internationalistischen Blickwinkel heran und steht gegenüber diesen Minderheiten offen. „Wir wollen all die Initiativen ermutigen und uns an ihnen beteiligen, die über die Grenzen hinausgehen, den Kampf und die Solidarität all der Arbeiter unterstützen, die sich auf die Suche nach Selbständigkeit begeben haben und all das verwerfen, was sie unterdrückt und ausbeutet, sei es auf allgemeiner oder alltäglicher Ebene, wie den kleinen aber unabdingbaren Kämpfen ums Überleben. Wir wollen uns an all dem beteiligen, was sich in diese Richtung aus einer internationalistischen und proletarischen Perspektive bewegt, oder anders gesagt, die Perspektive, wenn jemand unseresgleichen (mit den gleichen Bedürfnissen, Interessen und Sehnsüchten) zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte oder heute an irgendeinem Ort der Erde kämpft, führen wir auch den gleichen Kampf.“
Esparevol nimmt eine militante und verantwortungsvolle, engagierte Haltung ein, indem es seine Aktivitäten darauf ausrichtet: “Dies geschieht nicht mit dem Anliegen, irgendwelche sozialen Phänomene zu untersuchen, sondern aufgrund der unaufschiebbaren Notwendigkeit, gegenüber der Realität einzugreifen, um einen kleinen Beitrag (von Tausenden anderen) zur Geschichte zu leisten.“
Heute besteht der Kriegsschrei der “Kommunikationsmedien”, der Regierenden, Gewerkschafter, Parteien, welche in allen möglichen Gewändern für die Verteidigung des Systems eintreten, darin zu behaupten, dass „sie gerne die Dinge verbessern möchten, wenn sie könnten“, aber sie stießen immer wieder auf das große Hindernis der „Passivität“, der „Verbürgerlichung“, „derAblehnung jeglichen Kampfes der Arbeiter“. Diese Botschaft soll bei uns ein schlechtes Gewissen hervorrufen, uns demoralisieren, uns lächerlich machen, uns eintrichtern, dass wir „Versager“ seien.
Dem gegenüber verfällt das Dokument nicht ins wirkungslose Lamentieren „die Arbeiterklasse kämpft nicht“, „die Arbeiter schlucken alles“. Das Dokument erkennt das Auseinanderklaffen zwischen der Tragweite der Krise und dem noch schwachen Niveau des Arbeiterkampfes, aber es begreift, dass: „Aber nicht alles beschränkt sich auf das Offensichtliche; ein Baum ist nicht nur Baumrinde. Immer mehr Leute sind sich darüber im Klaren, dass dieser Zustand unhaltbar ist, dass es keine Zukunftsgarantien gibt, dass die angeblichen Organisationen des Arbeiterkampfes (Gewerkschaften, Parteien und Ähnliches) in Wirklichkeit Organisationen gegen den Kampf sind. Ein elementares Bewusstsein wird sich langsam durchsetzen, obwohl seine massive Umsetzung noch nicht greifbar ist. Diese Desillusionierung kann fruchtbar werden, wenn sie den Weg des wirklichen Kampfes einschlägt (selbstorganisiert, solidarisch, bewusst), wenn sie sich mit der Geschichte des Kampfes unserer Klasse vertraut macht und den gegenwärtig kleinen, schwachen und zerstreuten Kämpfen, die kaum wahrgenommen werden können. Man muss näher auf Griechenland schauen (trotz all seiner Grenzen) und auf die verschwiegenen Kämpfe in Rumänien, Algerien, der Türkei. Wir bekräftigen, dass die Arbeiterklasse (auch wenn sie hinterhinkt) in Bewegung geraten ist, und dass es notwendig ist, dies all ihren Feinden bekannt zu machen, welche dies zu verheimlichen und zu bremsen versuchen.“
Es geht von einer realistischen und nüchternen Analyse der Lage der Arbeiterklasse aus, auf deren Grundlage sie zum Voranschreiten und zur Überwindung der Schwierigkeiten beitragen wollen. Gegenüber „Streiks“ wie dem am 8. Juni (von den Gewerkschaften ausgerufener ‚Generalstreik‘), der von Anfang darauf ausgelegt war, die Arbeiter zu demobilisieren und zu demoralisieren, wirft er die Frage auf: „Gegen die von ihnen angekündigten „wirklichen Mobilisierungen“ müssen wir uns empört auflehnen; wir müssen an diesen teilnehmen, um aufzuzeigen, wie machtlos diese bleiben. Demgegenüber müssen wir die wirklichen Instrumente des Nachdenkens und des Klassenkampfes hervorheben: allen Arbeitern offen stehende Vollversammlungen, und zur Bildung von Kampfkomitees ermuntern, die Keime zukünftiger offener Versammlungen sein werden, welche Teil des noch seltenen aber sicheren selbständigen Handelns der Arbeiter sein werden, und die falschen Kritiker und deren (De)Mobilisierungen anprangern.“
In Anbetracht der Verschleierungsversuche und der Irreführung seitens der herrschenden Klasse gegenüber den auftauchenden Arbeiterkämpfen wollen die Genoss/Innen diese bekannt machen und ergreifen Mittel, damit es auf ihrem blog aktualisierte Informationen über jüngste Kämpfe gibt[2].
Aber die Genoss/Innen bemühen sich ebenso um Klärung und Debatte, damit Esparevol “ein Ort des Zusammenkommens, offen für die Debatte und ehrliches Handeln zwischen Menschen und Gruppen, die beanspruchen, die Welt und das Leben umwälzen zu wollen,“ wird. Und „deshalb werden wir weiter nach Mitteln der Debatte im Internet suchen (unseren eigenen bescheidenen blog) und durch direkte Anwesenheit vor Ort: offene Debatten in verschiedenen Städten, wie wir sie schon abgehalten haben, wo wir die Klärung vorantreiben und die Theorie entwickeln können, welche wir benötigen, um die „Welt“ zu begreifen und umzuwälzen.“
Wir unterstützen die Aktivitäten von Esparevol und rufen dazu auf, diese mit zu tragen. Gegenüber einer Lage, in der die Armut, Krise, Barbarei immer greifbarer werden, gibt es nur einen Ausweg, den massiven und bewussten Kampf aller Arbeiter. IKS
Ende Mai haben sich im Obst- und Gemüseanbaugebiet Valencia Genoss/Innen aus verschiedenen Teilen des Landes zum zweiten Treffen versammelt, die über Esparevol (Espacio Revolucionario de Encuentro y Debate) miteinander verbunden sind. Das erste Treffen von Esparevol fand im Januar 2009 statt, auf dem wir die Grundlagen legten für die Errichtung eines „Raums“, in dem die Bedürfnisse nach einem Dialog und einem Treffen bewusster Arbeiter und revolutionärer Minderheiten und all derjenigen erfüllt werden können, die einen Ausweg aus dem gesellschaftlichen Schlamassel finden wollen, in dem diese steckt [3].
Auf diesem ersten Treffen haben wir einige einfache Mittel ergriffen, um die Debatte aufrechzuterhalten und voranzutreiben. Deshalb verabschiedeten wir ein erstes (und bislang einziges) Manifest, in dem die Fragen und Sorgen behandelt wurden, mit denen wir uns befassten.
Dieses zweite Manifest trägt diese ersten Schritte weiter und versucht die Themen des 2. Treffens von Esparevol weiter voranzutreiben. Dies geschieht nicht mit dem Anliegen, irgendwelche sozialen Phänomene zu untersuchen, sondern aufgrund der unaufschiebbaren Notwendigkeit, gegenüber der Realität einzugreifen, um einen kleinen Beitrag (von Tausenden anderen) zur Geschichte zu leisten.
Es ist unmöglich voranzukommen, ohne uns auf den Alltag, die Entwicklung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise und des kapitalistischen Systems zu beziehen. Wir müssen die historische Krise des Kapitalismus, seine langsame und brutale Erschöpfung begreifen, und dass er der Menschheit eine unglaubliche Barbarei aufzwingt. Die direkten Angriffe gegen die Überlebensbedingungen der Arbeiter auf der ganzen Welt zeigen, dass das Kapital nur akkumulieren kann, indem unsere Lebensbedingungen bis aufs Äußerste verschlechtert werden, dass all dies aber auch nur ein „Schmerzmittel“ sein kann, weil es die wirklichen Widersprüche dieses Systems nicht lösen kann, welches seine Wachstumsmöglichkeiten erschöpft hat. Wir glauben nicht, dass es eine Lösung für die Krise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise gibt (auch die bürgerlichen Ökonomen glauben dies nicht); nur durch die Überwindung dieser Produkionsweise, durch ihre Zerstörung kann die Menschheit wieder ein wirkliches Leben führen.
Und wenn wir einen Blick auf die Lage der Arbeiter werfen, ihren Bewusstseinsstand, ihre Kämpfe, ihre Schwierigkeiten und Möglichkeiten, stoßen wir auf eine offensichtliche Apathie, auf die Bewegungslosigkeit der ‘Massen’ und allgemeine Mutlosigkeit. Selbst die aufgeklärtesten Minderheiten scheinen keine Antworten und noch wenig Kräfte zu haben, um der Lage Herr zu werden. Aber nicht alles beschränkt sich auf das Offensichtliche; ein Baum ist nicht nur Baumrinde. Immer mehr Leute sind sich darüber im Klaren, dass dieser Zustand unhaltbar ist, dass es keine Zukunftsgarantien gibt, dass die angeblichen Organisationen des Arbeiterkampfes (Gewerkschaften, Parteien und Ähnliches) in Wirklichkeit Organisationen gegen den Kampf sind. Ein elementares Bewusstsein wird sich langsam durchsetzen, obwohl seine massive Umsetzung noch nicht greifbar ist. Diese Desillusionierung kann fruchtbar werden, wenn sie den Weg des wirklichen Kampfes einschlägt (selbstorganisiert, solidarisch, bewusst), wenn sie sich mit der Geschichte des Kampfes unserer Klasse vertraut macht und den gegenwärtig kleinen, schwachen und zerstreuten Kämpfen, die kaum wahrgenommen werden können. Man muss näher auf Griechenland schauen (trotz all seiner Grenzen) und auf die verschwiegenen Kämpfe in Rumänien, Algerien, der Türkei. Wir bekräftigen, dass die Arbeiterklasse (auch wenn sie hinterhinkt) in Bewegung geraten ist, und dass es notwendig ist, dies all ihren Feinden bekannt zu machen, welche dies zu verheimlichen und zu bremsen versuchen.
Die Angriffe der Zapatero-Regierung, die ein griechisches Ausmaß angenommen haben und von der gesamten herrschenden Klasse orchestriert werden, finden auf zwei Ebenen statt. Die erste ist eine Zangenbewegung gegen unsere Lebensbedingungen, eine ziemlich offensichtliche und brutale Vorgehensweise. Aber die zweite Zangenbewegung sind die „Demobilisierungen“, welche von den Gewerkschaften vorbereitet und von den Gruppen der Extremen Linken unterstützt werden. Sie bieten nur die falsche Gegenüberstellung: „Entweder bleibt man zu Hause oder man geht sinnlos auf die Straße“. Deren (De)Mobilisierungen mit Trillerpfeifen versuchen eine wirkliche Debatte unter den Arbeitern zu verhindern, das Zusammenkommen in einer wirklichen Organisation, die eine Vollversammlung der Arbeiter darstellt, zu torpedieren, einen wirklichen vereinten Kampf der Arbeiter zu blockieren. Sie wollen uns glauben machen, dass „diese Streiks (ohne Debatte), diese Demonstrationszüge (die nur Prozessionen sind), diese Vollversammlungen (die das Gegenteil einer echten Vollversammlung sind) die einzig möglichen Schritte seien. Gegen die von ihnen angekündigten „wirklichen Mobilisierungen“ müssen wir uns empört auflehnen; wir müssen an diesen teilnehmen, um aufzuzeigen, wie machtlos diese bleiben. Demgegenüber müssen wir die wirklichen Instrumente des Nachdenkens und des Klassenkampfes hervorheben: allen Arbeitern offen stehende Vollversammlungen.
Wenn wir die wirkliche Lage untersuchen und eine Bilanz des Wirkens von Esparevol, und was wir sein wollen, erstellen, uns dabei als Teil der Klasse auffassen, einer Menschheit, die schon sehr stark leidet, wenig kämpft und stark zwischen Depression und Einschüchterung schwankt, können wir uns selbst erkennen. Wir können feststellen, dass Esparevol nicht das von uns gewünschte Instrument geworden ist; dass all das fehlt, was auch der Klasse insgesamt fehlt, dass wir eine Widerspiegelung dessen sind, was in der ganzen Klasse vor sich geht: Zerstreuung, Zweifel, Unsicherheiten.
Und wenn wir all die gegenwärtigen Schwächen furchtlos betrachten und uns nicht davor fürchten, durch unsere Grenzen zu Boden geworfen zu werden, meinen wir, dass Esparevol trotzdem weiterhin danach streben muss, was es sein sollte: ein Ort des Zusammenkommens, offen für die Debatte und ehrliches Handeln zwischen Menschen und Gruppen, die beanspruchen, die Welt und das Leben umwälzen zu wollen.
Deshalb werden wir weiter nach Mitteln der Debatte im Internet suchen (unseren eigenen bescheidenen blog) und durch direkte Anwesenheit vor Ort: offene Debatten in verschiedenen Städten, wie wir sie schon abgehalten haben, wo wir die Klärung vorantreiben und die Theorie entwickeln können, welche wir benötigen, um die „Welt“ zu begreifen und umzuwälzen.
Aber wir wollen auch versuchen die Gründung von Kampfkomitees zu ermutigen, die Keime der zukünftigen offenen Versammlungen sind, welche an der seltenen aber wirklichen Selbstaktivierung der Arbeiter mitwirken, und die falschen Kritiken und Demobilisierungen verwerfen. Wir meinen, es ist auch wichtig, Informationen über den Kampf der Arbeiter an irgendeinem Ort der Erde zu verbreiten, um Wege aufzuzeigen, um Antworten auf die sich immer mehr aufzwingende Frage „Was tun?“ anzubieten. Wenn wir nicht auf unsere jeweilige Erfahrungen eingehen, nicht selbstkritisch überlegen, wo wir und unsere Klassenbrüder und –schwestern stehen, werden wir in Erstarrung enden.
Gemäß dem oben Gesagten wollen wir all die Initiativen ermutigen und uns an ihnen beteiligen, die über die Grenzen hinausgehen, den Kampf und die Solidarität all der Arbeiter unterstützen, die sich auf die Suche nach Selbständigkeit und Verwerfung all dessen begeben haben, was sie unterdrückt und ausbeutet, sei es auf allgemeiner oder alltäglicher Ebene, wie den kleinen aber unabdingbaren Kämpfen ums Überleben. Wir wollen uns an all dem beteiligen, was sich in diese Richtung aus einer internationalistischen und proletarischen Perspektive bewegt, oder anders gesagt, die Perspektive, wenn jemand unseresgleichen (mit den gleichen Bedürfnissen, Interessen und Sehnsüchten) zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte oder heute an irgendeinem Ort der Erde kämpft, führen wir auch den gleichen Kampf.
Revolutionärer Ort für Treffen und Debatten
Wenn ihr Kontakt aufnehmen wollt, schreibt an: [email protected] [103]
Besucht und beteiligt euch an unserem Forum: https://esparevol.forumotion.net [104]
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Griechenland, Türkei, Portugal, Spanien, Italien, England, Irland, Frankreich, Deutschland, Rumänien, USA, Japan, China...
Die Wut ist ungeheuer groß in Griechenland, die soziale Lage explosiv. Der griechische Staat hat eine Reihe äußerst heftiger Angriffe gegen die Arbeiterklasse gerichtet. Alle Generationen, alle Bereiche der Arbeiterklasse sind von diesen Angriffen betroffen. Ob die Beschäftigten der Privatwirtschaft, die Beamten, Arbeitslose, Rentner oder die prekär Beschäftigten - niemand bleibt verschont. Die Arbeiterklasse droht in die Verarmung zu stürzen.
Doch die Arbeiter und Arbeiterinnen sind angesichts dieser Angriffe nicht passiv geblieben. Sie haben auf der Straße protestiert, sie kämpfen und zeigen, dass sie nicht bereit sind, die Angriffe des Kapitals widerstandslos hinzunehmen.
Aber bislang ist es den Arbeitern und Arbeiterinnen nicht gelungen, ihre Kämpfe auszudehnen, ihnen die nötige Massivität zu verleihen. Die Arbeiterklasse Griechenlands steckt in einer schwierigen Lage. Was tun, wenn alle Massenmedien und sämtliche verantwortlichen Politiker behaupten, es gebe keine andere Wahl, als den Gürtel enger zu schnallen, um das Land vor dem Bankrott zu bewahren? Wie kann sich gegen den staatlichen Moloch wehren? Wie soll man kämpfen, um das Kräftemessen mit der herrschenden Klasse zu seinem eigenen Gunsten zu beeinflussen?
Vor all diesen Fragen stehen jedoch nicht allein die Arbeiter und Arbeiterinnen Griechenlands; alle Ausgebeuteten müssen sich weltweit mit diesen Fragen auseinandersetzen. Man darf keine Illusionen hegen. Die „griechische Tragödie" ist nur ein Vorgeschmack dessen, was auf die Arbeiter und Arbeiterinnen auf allen Kontinenten zukommen wird. Schon wurden „Sparpakete auf griechische Art" in Spanien, Portugal, Rumänien und Japan angekündigt. Diese simultanen Angriffe beweisen aufs Neue, dass die Ausgebeuteten, gleich welcher Nationalität, einer einzigen Klasse angehören, dass sie überall die gleichen Interessen haben und dem gleichen Gegner gegenüberstehen. Die Herrschenden haben die Arbeiterklasse an die Lohnarbeit gekettet, doch gleichzeitig schweißen diese Ketten die Arbeiter und Arbeiterinnen aller Länder über alle Grenzen hinweg zusammen.
In Griechenland werden heute unsere Klassenbrüder und -schwestern angegriffen; sie haben begonnen, sich langsam und mühevoll zur Wehr zu setzen. Ihr Kampf ist auch unser Kampf.
Wir müssen all die Spaltungsversuche, die die Herrschenden unternehmen, abwehren. Dem alten Prinzip der Herrschenden: „Teile und herrsche!" müssen wir den Schlachtruf der Ausgebeuteten entgegensetzen: „Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!"
Die verschiedenen nationalen Regimes Europas versuchen uns weiszumachen, dass wir es „den Griechen" zu verdanken hätten, wenn jetzt auch wir den Gürtel enger schnallen sollen. Die Verlogenheit des griechischen Regimes, das mutwillig die Zahlen seiner Etats verfälscht hat, habe uns die Suppe eingebrockt, sei die Hauptursache für die Krise der „internationalen Reputation" des Euro. Die Regierungen nutzen jeden Vorwand, und sei er noch so fadenscheinig, um die Notwendigkeit von Sparmaßnahmen und die Verabschiedung von drakonischen sozialen Einschnitten zu rechtfertigen. In Griechenland selbst fachen alle offiziellen Parteien, mit der Kommunistischen Partei an der Spitze, die nationalistischen Ressentiments an. Sie behaupten, „ausländische Kräfte" seien letztendlich für die Sparbeschlüsse verantwortlich. „Nieder mit dem IWF und der EU!", „Nieder mit Deutschland!" skandieren die linken und linksextremistischen Parteien auf den Kundgebungen und nehmen dabei die Herrschenden in Griechenland bewusst aus.
Wenn in den USA die Aktienkurse in den Keller rauschen, dann geschehe dies wegen der Instabilität der EU. Wenn darüber hinaus Betriebe dichtmachen, dann nur wegen der Euro-Schwäche, die den Dollar und damit die Exporte verteuere... Jedes nationale Regime weist mit dem Finger auf die anderen und greift gegenüber den Ausgebeuteten daheim zu infamer Erpressung: „Akzeptiert die Opfer, andernfalls wird unser Land geschwächt, und die Konkurrenten profitieren davon." Die Herrschenden versuchen allerorten, der Arbeiterklasse den Nationalismus, der Gift für ihre Kämpfe ist, schmackhaft zu machen.
Diese Welt, die in Hunderte von miteinander konkurrierenden Nationen gespalten ist, ist nicht unsere Welt. Die Arbeiter und Arbeiterinnen dürfen sich nicht an das nationale Kapital fesseln lassen. Heute im Namen der „Verteidigung der Volkswirtschaft" Opfer zu akzeptieren heißt, in der Zukunft noch mehr und noch größere Opfer hinzunehmen.
Wenn heute Griechenland am Rande des Abgrundes steht, wenn Spanien, Italien, Irland, Portugal abrutschen, wenn Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die USA in den Sog der Krise geraten, dann liegt der Grund hierfür darin, dass der Kapitalismus als Ganzes ein dahinsiechendes System geworden ist. Kein Land auf der Erde kann diesem Sog widerstehen. Seit 40 Jahren steckt die Weltwirtschaft in der Krise. Eine Rezession folgte der anderen. Nur eine immer verzweifeltere Flucht in die Verschuldung hat es dem Kapitalismus bis dato ermöglicht, Wachstum (wenn auch nur geringes) zu erzielen. Die Folge: heute sind die Privathaushalte, die Unternehmen, die Banken, die Staaten tief verschuldet. Der Bankrott Griechenlands ist nur die Spitze des allgemeinen und historischen Bankrotts dieses Ausbeutungssystems.
Die angekündigten Sparmaßnahmen stellen einen Frontalangriff auf unsere Lebensbedingungen dar. Die einzig mögliche Antwort kann nur der massive Widerstand der Arbeiterklasse sein. Allerdings ist es unmöglich, sich zur Wehr zu setzen, wenn jeder für sich allein, isoliert in seinem Betrieb, seiner Schule usw. handelt. Es ist unbedingt notwendig, dass wir uns gemeinsam und massiv zur Wehr setzen, andernfalls werden wir platt gemacht und in die Verarmung getrieben.
Doch was machen die Gewerkschaften, die sich offiziell als „Kampfexperten" ausgeben? Sie organisieren Streiks in verschiedenen Betrieben... ohne jedoch auch nur ansatzweise zu versuchen, sie zu vereinigen. Sie fördern aktiv das berufsbezogene Denken und spielen vor allem die Angestellten des öffentlichen Dienstes gegen die Beschäftigten in der Privatwirtschaft aus. Sie rufen die Beschäftigten zu einem wirkungslosen Aktionstag nach dem anderen auf. In Wirklichkeit sind sie Experten darin, die Arbeiter und Arbeiterinnen zu spalten! Selbst den Nationalismus versuchen die Gewerkschaften in unseren Reihen zu verbreiten. Ein Beispiel: seit Mitte März lautet der am häufigsten skandierte Slogan auf den Demonstrationen der GSEE (griechischer Gewerkschaftsverband): „Kauft Produkte aus Griechenland!"
Der gewerkschaftlichen Orientierung zu folgen heißt stets, sich spalten zu lassen und die eigene Niederlage zu besiegeln. Daher müssen die Erwerbstätigen ihren Kampf in die eigenen Hände nehmen, indem sie selbst Vollversammlungen abhalten, kollektiv über Forderungen und Slogans zu entscheiden, indem sie jederzeit abwählbare Delegierte ernennen und große Delegationen wählen, die mit Beschäftigten aus nahegelegenen Betrieben, Verwaltungen, Schulen, Krankenhäuser etc. Kontakt aufnehmen und sie dazu ermuntern, sich ihrer Bewegung anzuschließen.
Auf die Gewerkschaften zu verzichten, es zu wagen, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen, die Initiative bei der Kontaktaufnahme zu anderen LohnarbeiterInnen zu ergreifen - all das mag als ziemlich schwierig erscheinen. Dies ist es, was die Entwicklung von Kämpfen zurzeit bremst: Der Arbeiterklasse fehlt es insbesondere an Selbstvertrauen. Sie ist sich noch nicht der ungeheuren Kraft bewusst, die in ihr steckt. Im Augenblick lähmen die brutalen Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die brutalen Angriffe des Kapitals und das mangelnde Selbstvertrauen der Arbeiter und Arbeiterinnen ihren Kampf. Dennoch liegt unsere Zukunft in der Entwicklung des Klassenkampfes. Angesichts der Angriffe besteht die einzige Perspektive in der Entfaltung von immer massiveren Bewegungen.
Manche mögen jetzt fragen: „Warum sollen wir solche Kämpfe führen? Was sollen sie bezwecken, wenn das System pleite ist und daher nichts mehr hergeben kann? Eigentlich gibt es keinen Ausweg." Innerhalb dieses Ausbeutungssystems gibt es in der Tat keinen Ausweg. Doch sich dagegen zu wehren, wie ein Hund behandelt zu werden, und sich gemeinsam zur Wehr zu setzen heißt, unsere Menschenwürde zu verteidigen. Wir müssen uns darüber bewusst werden, dass es auch in dieser Welt der Ausbeutung möglich ist, Solidarität zu entwickeln und diese großartige menschliche Eigenschaft zu spüren und zu leben. Dann wird die Möglichkeit einer anderen Welt greifbar: eine Welt ohne Grenzen und ohne Vaterland, ohne Ausbeutung und Armut, eine für die Menschen und nicht für den Profit gemachte Welt. Die Arbeiterklasse kann und muss ihr Selbstvertrauen wiedererlangen. Nur sie ist in der Lage, diese neue Gesellschaft aufzubauen und die Menschheit mit sich selbst zu versöhnen, indem sie vom „Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit eintritt" (Marx) eintritt.
Der Kapitalismus ist ein bankrottes System. Aber eine andere Welt ist möglich: der Kommunismus!
Internationale Kommunistische Strömung, 22.5.2010
www.internationalism.org [109]
Kontaktadressen:
[email protected] [110]
[email protected] [111]
Mitte Mai verkündete das Verteidigungsministerium eine lange Sparliste.
Könnte man meinen, dass unter dem Druck der Wirtschaftskrise dem Militarismus endlich Grenzen gesetzt, Abrüstung durch Sparmaßnahmen erzwungen werden? Mitnichten!
Im Rahmen der Sparmaßnahmen wurde auch die Verkürzung des Wehrdienstes von 9 auf 6 Monate beschlossen. Auch wenn sich Militärs und Politiker durch den ausschließlichen Einsatz von Berufssoldaten in den immer mörderischer und bestialischer werdenden Kriegsoperationen erhoffen, die Kampfmoral einigermaßen intakt zuhalten, hinterlassen jedoch auch die jüngsten Einsätze von Berufssoldaten tiefe Narben bei denselben. In allen Berufsarmeen nimmt die Zahl der Traumata-Erkrankten zu.
Mitte Mai verkündete das Verteidigungsministerium eine lange Sparliste. "Experten des Verteidigungsministeriums empfehlen laut einem Bericht der Bild-Zeitung, 15 Transall-Transportflugzeuge nicht mehr zu nutzen und die Zahl der neuen A400M zu reduzieren. Auch die Zahl neuer Kampfflugzeuge und Helikopter soll stark reduziert werden. Darunter sind Militärhubschrauber des Typs NH-90 (nur noch 80 statt 122 sollen gekauft werden) und die Tiger-Kampfhubschrauber (nur noch 40 statt 80). Bei den Flugzeugen soll die Tornado-Kampfjetflotte von 185 auf 85 reduziert werden. Auch auf die Lieferung von 37 Flugzeugen des Typs Eurofighter soll die Bundeswehr verzichten. (…) Auch bei der Marine soll es zu Einsparungen kommen. Acht Fregatten, zehn Schnellboote und 21 Sea-King-Hubschrauber sollen nicht mehr genutzt werden. Statt vier sollen nur noch drei Fregatten der Klasse 125 bestellt werden. Das Luftabwehrsystem Meads soll von den Sparplänen hingegen nicht berührt sein. " https://www.welt.de/politik/deutschland/article8347558/Bundeswehr-soll-9... [114]
Könnte man meinen, dass unter dem Druck der Wirtschaftskrise dem Militarismus endlich Grenzen gesetzt, Abrüstung durch Sparmaßnahmen erzwungen werden? Mitnichten!
Im Mai meldete das SIPRI: "Die weltweite Finanzkrise und riesige Staatsschulden haben den Anstieg der Militärausgaben bisher nicht bremsen können. Im letzten Jahr kletterten sie um Jahr 5,9 Prozent auf 1,5 Billionen Dollar (1,2 Billionen Euro), wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI mitteilte. Nach den in Stockholm veröffentlichten Angaben aus dem neuen SIPRI-Jahrbuch sind die Militärausgaben in den letzten zehn Jahren global um 49 Prozent gestiegen. Allein 54 Prozent der zusätzlichen Rüstungsausgaben im letzten Jahr entfielen auf die Vereinigten Staaten. Die USA wendeten 2009 mit 661 Milliarden Dollar mehr als sechsmal so viel Steuergelder für ihr Militär auf wie China mit dem weltweit zweitgrößten Militär-Haushalt (100 Milliarden Dollar). Mit ausschlaggebend für die massiven Ausgabensteigerungen in Washington war die annähernde Verdoppelung der Truppenstärke in Afghanistan.“ „Deutschland nahm im letzten Jahr in der Liste der zehn größten Militärhaushalte mit 37,5 Milliarden Euro (SIPRI-Berechnung) den siebten Platz hinter Japan und vor Saudi-Arabien ein. (Spiegelonline).“ Weltweit nimmt der Militarismus weiter zu.
Während weltweit die Rüstungsausgaben anstiegen, die USA und China dabei mit die größten Steigerungsraten verzeichnen, sind jedoch einige europäische Staaten zu Kürzungen auch im Militärhaushalt gezwungen.
Auch wenn die Bundeswehr nun mit Kürzungen leben muss, geschieht das auf dem Hintergrund einer vor Jahren eingeleiteten Anpassung. „Wie es in einem kürzlich vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt publizierten Überblick über die Entwicklung der bundesdeutschen Militäreinsätze heißt, ist der Umbau der deutschen Marine vom Verteidigungsmittel aus der Zeit der Systemkonfrontation ("Escort Navy") zum in aller Welt einsetzbaren Kriegsinstrument ("Expeditionary Navy") inzwischen recht weit fortgeschritten. Für den Transformationsprozess seien neben Rüstungsprojekten - etwa dem Bau der sogenannten Einsatzgruppenversorger [1] - und strukturellen Veränderungen vor allem die Einsätze der Marine am Horn von Afrika von Bedeutung gewesen. Dies gelte insbesondere für den Marine-Einsatz vor der Küste Ostafrikas im Jahr 1994, mit dem das deutsche UNO-Kontingent aus Somalia evakuiert wurde. Weil bis 1990 Ausrüstung, Führungsverfahren und Aufklärungsmittel der Marine auf einen "zentraleuropäischen Einsatzraum zugeschnitten" gewesen seien, habe beim Einsatz in den heißen äquatorialen Gewässern "vielfach improvisiert werden" müssen, schreibt das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA).[2] (German-Foreign-Policy.com).
Konnte die deutsche Kriegsmarine bei ihren Einsätzen vor dem Horn von Afrika (1994, 2002 bis 2010) und vor dem Libanon (seit 2006) umfangreiche Erfahrungen für Interventionen in südlichen Gewässern sammeln, so testet sie gegenwärtig - wieder vor dem Horn von Afrika - im Rahmen der EU-Piratenbekämpfung neue Operationstechniken aus.“ Erfahrung mit direkten Kampfeinsätzen erfordert neue Ausrüstung. Vor allem bei der Marine sind umfangreiche „Fähigkeitsanpassung" u nötig. „Dabei geht es unter anderem darum, ihre "Flugkörperbewaffnung zur Bekämpfung von Luftzielen" zu regenerieren.[4] Zudem sieht die gültige Konzeption der Bundeswehr vor, dass Marineschiffe gegen Landziele in Stellung gebracht werden können. "Für diese neue Aufgabe", schreibt der zuständige Referatsleiter im Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, "besitzt sie bisher keine geeigneten Flugkörper."[5] In naher Zukunft sollten Marinewaffen bereitgestellt werden, um "den Einsatz von Landstreitkräften zu ermöglichen oder zu unterstützen, indem Ziele am Boden von See aus präzise und auf Abstand bekämpft werden".(ebenda). Die Sparmaßnahmen bei der Bundeswehr ordnen sich somit ein in eine tatsächlich vollzogene Umrüstung.
Im Rahmen der Sparmaßnahmen wurde auch die Verkürzung des Wehrdienstes von 9 auf 6 Monate beschlossen. Auch wenn sich Militärs und Politiker durch den ausschließlichen Einsatz von Berufssoldaten in den immer mörderischer und bestialischer werdenden Kriegsoperationen erhoffen, die Kampfmoral einigermaßen intakt zuhalten, hinterlassen jedoch auch die jüngsten Einsätze von Berufssoldaten tiefe Narben bei denselben. In allen Berufsarmeen nimmt die Zahl der Traumata-Erkrankten zu. „Wir hatten 145 in 2007, in 2008 waren es 245 und 2009 dann 466 Fälle mit posttraumatischen Belastungsstörungen", PTBS“, berichten offizielle Bundeswehrquellen. (angriff-auf-die-seele.de/ptbs/informationen/aktuelles/274-immer-mehr-traumatisierte-bundeswehrsoldaten.html). In Großbritannien schrieb am 26. September 2009 die : [115]“Schockierende Zahlen belegen, dass mehr als 10% der Gefängnisinsassen in England Veteranen sind”. Die „National Association of Probation Officers (Napo) (Bewährungshelfer) berichtete, dass in England und Wales ca. 20.000 ehemalige Soldaten entweder in Haft sind oder unter Bewährung stehen. Die Zahl der straffällig gewordenen ehemaligen Soldaten ist um ein Drittel gestiegen. 12.000 ehemalige Soldaten werden von Bewährungshelfern „betreut“, ca. 8.500 ehemalige Soldaten stecken im Knast. Die Gesamtzahl von 20.000 betroffenen ehemaligen Soldaten liegt doppelt so hoch wie die zur Zeit in Afghanistan eingesetzten Soldaten. Ein Viertel der Veteranen klagen über PTBS, wobei noch viele Soldaten hinzukommen, die sich nicht in Behandlung begeben. „Psychologisch geschädigte ehemalige Soldaten kämpfen oft jahrelang mit verkrüppelnden Symptomen wie Flashbacks (Rückblenden), Alpträumen, Depressionen und Angstanfällen, Gefühlsschwankungen und gestörte Beziehungen zu Familien und Freunden. Dies wird durch die Tatsache unterstrichen, dass mehr im Falklandkonflikt eingesetzte britische Soldaten, die (im April 1982 kämpften argentinische und britische Truppen 74 Tage lang um die Falklandinseln, 255 britische, 649 argentinische Soldaten wurden getötet) seitdem Selbstmord begangen haben als im Krieg selbst getötet wurden – ca. 270 gegenüber 255 im Kampf getöteten Soldaten.“ (https://www.dailymail.co.uk/news/article-1216015/More-British-soldiers-prison-serving-Afghanistan-shock-study-finds.html#ixzz0t4GPn9Fp [116]) 20.07.10
Die Menschenverachtung, für die Duisburg nur stellvertretend steht, ist ein Überlebensprinzip der einzelnen Protagonisten der herrschenden Klasse. Sie zu überwinden erfordert weitaus mehr als die Mobilisierung von Kategorien wie Schuld und Sühne, Rücktritt oder Abwahl. Es erfordert nichts Geringeres, als das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitmenschen vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Dass dies nicht in einer Gesellschaft wie der Kapitalismus zu bewerkstelligen ist, die, wie keine andere Gesellschaft vor ihr, die Ausbeutung und Entfremdung bis zur Perfektion kultiviert hat, ist dabei selbstredend.
Nun sind schon fast drei Wochen vergangen, seitdem am 24. Juli einundzwanzig junge Menschen auf der „Love Parade“ in Duisburg ihr Leben gelassen hatten und 500 weitere verletzt worden waren, und noch immer dreht sich das Karussell der Schuldzuweisungen und Unschuldsbeteuerungen von Politik, Polizei und Betreiber dieser Veranstaltung. Wenn die Angelegenheit nicht so ernst wäre, könnte man meinen, man sei im Kindergarten: ‚Ich bin’s nicht gewesen, der andere war’s.‘ Die Stadt Duisburg versucht sich mit Hilfe eines Gutachtens aus der Verantwortung stehlen und bezichtigt den Betreiber der „Love Parade“ in Duisburg, Auflagen nicht eingehalten zu haben. Dieser weist seinerseits alle Schuld von sich und macht stattdessen die Polizei für die Tragödie verantwortlich. Und die? „Ich werde nicht zulassen, dass die Polizei als Sündenbock für die Fehler und Versäumnisse anderer herhalten muss“, donnert NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zurück. Nicht die Polizei sei Schuld an den Geschehnissen, sondern... die Stadt Duisburg und der Veranstalter. Welch schäbiges Schauspiel die Charaktermasken der herrschenden Klasse hier darbieten!
Dabei war die ganze Mischpoke ausnahmslos und federführend an der Planung und Durchführung dieser „organisierten Katastrophe“ (SPIEGEL-Titel) beteiligt und somit voll und ganz verantwortlich für den grausamen Tod dieser Menschen. Nehmen wir den Veranstalter, Rainer Schaller, ein Empokömmling aus ärmeren Verhältnissen (oftmals die schlimmsten Finger) und Inhaber einer Fitness-Kette: Er witterte ein großes Geschäft, wofür er bedenkenlos die Gesundheit und das Leben von Hunderttausenden von Ravern aufs Spiel setzte. Nehmen wir die Politiker wie den Duisburger Oberbürgermeister Sauerland oder Landespolitiker aller Couleur: Letztere einte die Absicht, die „Love Parade“, die in Bochum 2009 schon einmal abgesagt worden war, dieses Jahr in Duisburg nachzuholen – koste es, was es wolle; und Erstgenannter war ihr willfähriges Instrument, das alle Sicherheitsbedenken subalterner Beamter und sämtliche Vorschriften souverän ignorierte. Oder die Polizei: Sie versteckte sich am Tag der Katastrophe viel zu lange hinter der Verantwortung des Veranstalters und erlaubte sich, als sie schließlich das Kommando übernommen hatte, auch noch eine Reihe verhängnisvoller Pannen.
Sie alle ließen jede Vorsicht fahren und führten 21 junge Menschen sehenden Auges ins Verderben. Der Veranstalter, der insgeheim auf mehr als 500.000 Besucher hoffte, obwohl das Gelände lediglich Platz für maximal 220.000 Menschen bot. Und dessen untaugliches Konzept beispielsweise einen 155 Meter breiten Tunnel als Ein- und Ausgang für eine nach Hunderttausenden zählenden Menschenmenge vorsah – besser kann man in der Tat eine Katastrophe nicht organisieren. Die Behörden, die sich zum Büttel von Privatinteressen machten und dieses „Konzept“, das gegen alle erdenklichen Vorschriften der Bauordnung verstieß, durchwinkten. Die Politik, die aus Sorge, dass bei einer nochmaligen Absage „die Love Parade endgültig gestorben gewesen (wäre) für das Ruhrgebiet“, wie der schon erwähnte Sauerland unkte, alle Sicherheitsbedenken in den Wind schrieb und 21 Menschen sterben ließ. Der Polizeiapparat, der seine Beamten nicht nur ohne Entscheidungsbefugnisse, sondern auch ohne Funkgeräte (sic!) in diese Großveranstaltung schickte, während er bei Veranstaltungen der Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur keine Mühen und Kosten scheut und nötigenfalls ganze Regionen hermetisch abriegelt, um die Sicherheit der Hautevolee zu gewährleisten. (1) Nichts wirft ein grelleres Licht auf den Klassencharakter dieses Staates und seiner Behörden!
Und wofür das Ganze? Die Motive des Herrn Schaller liegen auf der Hand: Mehr Aufwand für die Sicherheit hätte Mehrausgaben bedeutet, die der Inhaber einer aufstrebenden Fitness-Kette nicht schultern wollte. Doch was hat die Kommunal- und Landespolitik aus allen Parteien dabei geritten, als sie diesen Hasardeur, entgegen aller Warnungen der Experten, mit einem Persilschein ausstattete? Warum blies selbst die örtliche Presse ins gleiche Horn? Wie ist diese blinde Liebe etablierter Parteipolitiker, die meisten längst in einem „reiferen“ Alter, zur „Love Parade“ zu erklären? Alles Raver, oder was?
Es ist davon auszugehen, dass die Gründe für ihr Tun und Lassen irdischerer Natur sind. Und sie sind denen des privatkapitalistischen Novizen Schaller gar nicht so unähnlich. Geht es dem einen darum, sich auf dem heiß umkämpften Markt der „Körperkultur“ zu etablieren, ist es das Anliegen der bürgerlichen Parteifunktionäre, ihrem Wahlkreis, ihrer Kommune, ihrem Bundesland zwecks Wiederwahl Vorteile auf allen möglichen Gebieten zuzuschanzen. Schon seit Jahrzehnten ist ein sich ständig verschärfender Wettbewerb unter den Kommunen, Städten und Bundesländern zu konstatieren. Anfangs beschränkte sich der Kampf um den besten „Standort“ auf die Praxis, anderen Kommunen oder Bundesländern Großbetriebe und andere Gewerbetreibende durch die Gewährung von besonders „großzügigen“ Zuschüssen und Subventionen abspenstig zu machen. Mittlerweile tobt der Konkurrenzkampf in allen Bereichen der kommunalen und Landespolitik, besonders aber auf dem Gebiet der Bildungs- und Kulturpolitik. Es ist ein Kampf mit harten Bandagen, der gelegentlich zu ernsthaften Verstimmungen unter den Landesregierungen oder Bürgermeistern führt. Ein Kampf, in dem es darum geht, dem Anderen seine Kulturinstitute, Buchverlage, Mode- und Musikmessen abzujagen und um dessen Bildungsressourcen zu buhlen (z.B. durch Abwerbungskampagnen unter den Lehramtsaspiranten anderer Bundesländer). Es ist, ähnlich wie in der Privatwirtschaft, ein Verteilungs- und Verdrängungskampf. Mit jeder Verschärfung der allgemeinen Wirtschaftskrise wird die Standortfrage für Städte, Gemeinden und Länder zu einer immer akuteren Existenzfrage. Nur wer genügend kulturelle Angebote in Aussicht stellt, über hochqualifizierte Manpower verfügt und hochrangige Bildungsstätten bietet, kann bei der Jagd nach finanzkräftigen Investoren und anderen potenten Steuerzahlern noch punkten.
Vor diesem Hintergrund ist die Suche nach den „Schuldigen“ für die Tragödie von Duisburg, wie sie derzeit von der Öffentlichkeit betrieben wird, reine Augenwischerei und verfolgt allein den Zweck, die Empörung in der Bevölkerung auf einzelne Buhmänner und Sündenböcke zu fokussieren. Bei aller Abscheu über das verantwortungslose Treiben dieser Herrschaften sollte aber nicht übersehen werden, dass nicht nur die Schallers, sondern auch die Sauerlands den blinden Gesetzen der kapitalistischen Konkurrenz unterworfen sind. „Friss oder stirb!“ – dieser Imperativ gilt nicht nur fürs Privatkapital, sondern auch für die politische Klasse. In diesem Sinn stellt sich die Schuldfrage anders, als es uns die herrschende Ideologie suggerieren möchte. Sie lautet nicht: Wer hat Schuld? Sondern: Was sind die äußeren Umstände, die solch ein Versagen, die solch einen bodenlosen Leichtsinn im Umgang mit „Schutzbefohlenen“ ernst begünstigen?
So formuliert, wird aus der Schuldfrage schnell eine Systemfrage. Es ist nicht der böse Wille, der das Individuum, gleich ob Krimineller oder Politiker, letztendlich zum Täter macht, sondern die kapitalistisch geprägte Umwelt. Es ist eine Umwelt, in der die Entfremdung des Menschen die Mitmenschen zu Konkurrenten, Kostenfaktoren und Waren stempelt. Eine Umwelt, in der Rücksichtslosigkeit, Skrupellosigkeit und Gier Tugenden und Todesopfer Kollateralschäden beim Streben nach Profit und Renommee sind.
Die Menschenverachtung, für die Duisburg nur stellvertretend steht, ist ein Überlebensprinzip der einzelnen Protagonisten der herrschenden Klasse. Sie zu überwinden erfordert weitaus mehr als die Mobilisierung von Kategorien wie Schuld und Sühne, Rücktritt oder Abwahl. Es erfordert nichts Geringeres, als das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitmenschen vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Dass dies nicht in einer Gesellschaft wie der Kapitalismus zu bewerkstelligen ist, die, wie keine andere Gesellschaft vor ihr, die Ausbeutung und Entfremdung bis zur Perfektion kultiviert hat, ist dabei selbstredend.
16.8.10
(1) Ein Polizeiapparat, der fast jede Demonstration oder Kundgebung mit allem möglichen Bürgerkriegsmaterial zum Zurückdrängen, Einkesseln, Festsetzen, Festnehmen usw. mit oft Tausenden von martialisch sich gebärdenden Polizisten „begleitet“, der Bewegungen von Menschenmassen auf der Straße mit high-tech (Videoaufnahmen usw.) überwacht und ggf. steuert, dieser Polizeiapparat bekundete nach der Katastrophe, man sei für die Sicherheit auf dem Veranstaltungsgelände nicht zuständig gewesen, sondern nur für die Sicherheit auf der Straße. Ein Sicherheitsapparat, der Unheil ahnte, die Menschen aber ins Verderben laufen ließ!
Im ersten Teil dieser neuen Artikelreihe haben wir versucht aufzuzeigen, dass es zwischen internationalistischen Anarchisten und der Kommunistischen Linken grundsätzliche Gemeinsamkeiten gibt. Ohne bestehende wichtige Divergenzen zu leugnen, besteht aus der Sicht der IKS der wesentliche Punkt darin, dass wir alle gemeinsam die Eigenständigkeit der Arbeiter verteidigen und uns weigern, (auf „kritische“ oder „taktische“ Weise) einen Teil der Herrschenden zu unterstützen – weder die „demokratischen“ gegen die „faschistischen“ Machthaber, noch die Linken gegen die Rechten, auch nicht palästinensische gegen israelische Herrscher usw. Eine solche Politik hat zwei konkrete Folgen:
- Jede Unterstützung der Wahlen, einer Zusammenarbeit mit den Parteien, die das kapitalistische System verwalten oder verteidigen (Sozialdemokratie, Stalinismus, „Chavismus“, usw.), muss abgelehnt werden.
- Vor allem in Kriegen muss man einen kompromisslosen Internationalismus aufrechterhalten und sich weigern, die eine oder andere Kriegspartei zu unterstützen.
Alle jene, die theoretisch und praktisch diese wesentlichen Positionen verteidigen, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie dem gleichen Lager angehören : dem der Arbeiterklasse, der Revolution.
Unter den Individuen, den Gruppen und Tendenzen dieses Lagers gibt es notwendigerweise Meinungsunterschiede und unterschiedliche Positionen. Indem auf internationaler Ebene offen, brüderlich und ohne falsche Konzessionen debattiert wird, wird es den Revolutionären gelingen, besser zur allgemeinen Entwicklung des Arbeiterbewusstseins beizutragen. Aber damit dies gelingt, müssen sie die Wurzeln der Schwierigkeiten begreifen, die heute noch die Debatte behindern.
Diese Schwierigkeiten sind das Ergebnis der Geschichte. Die revolutionäre Welle von Kämpfen, die von 1917 an in Russland und 1918 in Deutschland den Weltkrieg zu Ende brachte, wurde von der herrschenden Klasse besiegt. Es folgte eine schreckliche Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse aller Länder, deren furchtbarster Ausdruck der Stalinismus und Nationalsozialismus waren, die nicht zufällig in jenen beiden Ländern entstanden, deren Arbeiterklasse an der Spitze der Revolution gestanden hatte.
Die Anarchisten begriffen die Etablierung jener Furcht einflößenden Polizeidiktatur im Land der Oktoberrevolution von 1917 durch die Partei, die sich auf den „Marxismus“ berief, als eine Bestätigung ihrer Kritik, die sie seit langem an den Auffassungen des Marxismus geübt hatten. Sie warfen ihm sein „autoritäres Wesen“, seinen „Zentralismus“ vor, dass der Marxismus nicht zu einer Abschaffung des Staates sofort nach der Revolution aufruft und dass die marxistischen Auffassungen sich nicht um die Hauptachse, das Prinzip der Freiheit, drehen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Anarchisten den Triumph des Reformismus und des „parlamentarischen Kretinismus“ innerhalb der sozialistischen Parteien als Bestätigung ihrer Ablehnung einer Beteiligung an jeglichen Parlamentswahlen gewürdigt.(1) Nahezu dieselben Schlussfolgerungen wurden aus dem Sieg des Stalinismus gezogen. Aus ihrer Sicht war dieses Regime nur die logische Konsequenz des „angeborenen autoritären Wesens“ des Marxismus. Insbesondere gebe es eine „Kontinuität“ zwischen der Politik Lenins und der Stalins, da die politische Polizei und der Terror schon zu Lebzeiten Lenins, ja kurz nach der Revolution ihren Einstand gefeiert hatten.
Zur Verdeutlichung dieser „Kontinuität“ wird angeführt, dass schon ab dem Frühjahr 1918 einige anarchistische Gruppen in Russland unterdrückt und ihre Presse geknebelt wurden. Doch als das entscheidende Argument gilt die blutige Niederschlagung des Kronstädter Aufstands im März 1921 durch den bolschewistischen Machtapparat, mit Lenin und Trotzki an der Spitze. Die Kronstädter Episode ist fraglos sehr aufschlussreich, denn die Matrosen und Arbeiter dieses Marinestützpunktes hatten im Oktober 1917 an der Spitze des Aufstandes gestanden, in dem die bürgerliche Regierung gestürzt und die Macht auf die Arbeiter- und Soldatenräte übergegangen war. Und genau dieser fortgeschrittenste Teil der Revolution erhob sich 1921 mit der Parole „Die Macht in die Hände der Räte – ohne die Parteien“.
Unter den verschiedenen Tendenzen der Kommunistischen Linken herrscht völlige Übereinstimmung über wichtige Punkte :
- Anerkennung des konterrevolutionären und bürgerlichen Wesens des Stalinismus;
- Ablehnung jeglicher „Verteidigung des Arbeiterbastions“, den die UdSSR angeblich darstellte, und insbesondere Ablehnung jeglicher Beteiligung am 2. Weltkrieg im Namen dieser Verteidigung (oder eines anderen Vorwands);
- Charakterisierung des ökonomischen und sozialen Systems der UdSSR als eine besondere Form des Kapitalismus, eine der extremsten Formen des Staatskapitalismus.
Hinsichtlich dieser drei entscheidenden Punkte herrscht Übereinstimmung zwischen der Kommunistischen Linken und den internationalistischen Anarchisten. Sie stehen dagegen im völligen Gegensatz zu den Trotzkisten, die den stalinistischen Staat als einen „entarteten Arbeiterstaat“, die „kommunistischen“ Parteien als „Arbeiterparteien“ bezeichnen und die sich überwiegend am 2. Weltkrieg beteiligt hatten (insbesondere in den Reihen der Résistance).
Innerhalb der Kommunistischen Linken gibt es wiederum beträchtliche Meinungsunterschiede hinsichtlich der Analyse des Prozesses, der von der Oktoberrevolution 1917 zum Stalinismus führte.
So vertritt die Strömung der Holländischen Linken (die „Rätekommunisten“ oder „Rätisten“) die Meinung, dass die Oktoberrevolution eine bürgerliche Revolution gewesen sei, die das Ziel verfolgt habe, das feudale zaristische System durch einen bürgerlichen Staat zu ersetzen, der der Entwicklung einer modernen kapitalistischen Wirtschaft förderlicher sei. Die bolschewistische Partei, die an der Spitze der Revolution stand, wird als eine bürgerliche Organisation der besonderen Art beurteilt, die zur Aufgabe gehabt habe, den Aufbau des Staatskapitalismus in die Hand zu nehmen, auch wenn ihre Mitglieder und Führer sich dessen nicht wirklich bewusst gewesen seien. Aus rätistischer Sicht gibt es somit eine Kontinuität zwischen Lenin und Stalin. Letzterer sei gewissermaßen der „Testamentsvollstrecker“ des Ersteren gewesen. In dieser Hinsicht gibt es eine gewisse Konvergenz zwischen den Anarchisten und den Rätisten, doch Letztgenannte berufen sich weiterhin auf den Marxismus.
Die andere wichtige Tendenz der Kommunistischen Linken, die mit der Kommunistischen Linken Italiens verbunden ist, geht davon aus, dass die Oktoberrevolution und die bolschewistische Partei proletarischer Natur gewesen seien.(2) Der Rahmen, innerhalb dessen diese Tendenz den Sieg des Stalinismus begreift, ist die Isolierung der Revolution in Russland aufgrund der Niederlage der revolutionären Kämpfe in den anderen Ländern, insbesondere in Deutschland. Vor der Oktoberrevolution meinte die gesamte Arbeiterbewegung - und die Anarchisten stellten in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar -, dass die Revolution, wenn sie sich nicht weltweit ausdehnte, besiegt werden würde. Das tragische Schicksal der Russischen Revolution bestand darin, dass diese Niederlage nicht von „außen“ gekommen war (die von der Weltbourgeoisie unterstützten Weißen Armeen wurden sogar besiegt), sondern von „innen“, durch den Machtverlust der Arbeiterklasse, insbesondere den Verlust jeglicher Kontrolle über den Staat, der nach der Revolution entstand, sowie durch die Degeneration und den Verrat der Partei, welche die Revolution angeführt hatte, aufgrund ihrer Einverleibung in den Staat.
Jedoch vertreten die verschiedenen Gruppen, die sich auf die Italienische Linke berufen, nicht die gleichen Analysen hinsichtlich der Politik der Bolschewiki während der ersten Jahre nach der Revolution. Aus der Sicht der „Bordigisten“ gibt es nichts zu kritisieren an dem Machtmonopol einer politischen Partei, an der Errichtung einer Art Monolithismus in der Partei, am Einsatz von Terror und an der blutigen Niederschlagung des Kronstädter Aufstands. Im Gegenteil: heute noch berufen sie sich uneingeschränkt darauf. Da die Strömung der Italienischen Linken international hauptsächlich unter dem Begriff des „Bordigismus“ bekannt war, hatte diese Strömung und mit ihr die Idee der Kommunistischen Linken insgesamt abschreckend auf die Anarchisten gewirkt.
Doch die Strömung der Italienischen Linken beschränkt sich nicht auf den Bordigismus. So hatte die Linksfraktion der Kommunistischen Partei Italiens (die später zur Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken wurde) in den 1930er Jahren eine umfassende Bilanz der russischen Erfahrung erstellt (so hieß ihre Zeitung auf Französisch Bilan). Zwischen 1945 und 1952 hatte die Kommunistische Linke Frankreichs (Gauche communiste de France, die Internationalisme veröffentlichte) dieses Werk fortgesetzt; diese Strömung trug die Fackel 1964 nach Venezuela und 1968 nach Frankreich zurück, ehe 1975 die IKS gegründet wurde.
Diese Strömung (zum Teil auch jene, welche sich an den Partito comunista internazionalista in Italien anlehnte) hält die Kritik an bestimmten Aspekten der Politik der Bolschewiki nach der Revolution für notwendig. Insbesondere viele Aspekte, die die Anarchisten anprangern - die Machtergreifung durch eine Partei, der Terror, vor allem die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands -, werden von unserer Organisation (nach Bilan und der GCF) als Fehler seitens der Bolschewiki eingeschätzt, die sehr wohl innerhalb des Rahmens der Marxismus kritisiert werden können und selbst mit den Auffassungen Lenins, insbesondere jener, die von ihm in „Staat und Revolution“ (1917) artikuliert wurde, kollidieren. Diese Fehler sind auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, auf die wir hier nicht näher ausführlich eingehen können, die aber ein Teil der allgemeinen Debatte zwischen der Kommunistischen Linken und den internationalistischen Anarchisten sind. Wir wollen hier nur darauf verweisen, dass der Hauptgrund darin besteht, dass die Russische Revolution die erste historische Erfahrung (und bislang die einzige) einer zunächst erfolgreichen proletarischen Revolution war. Es ist die Aufgabe der Revolutionäre, die Lehren aus dieser Erfahrung zu ziehen, wie es von Beginn der 1930er Jahre an Bilan vorgemacht hatte. Für Bilan war die „tiefgreifende Kenntnis der Ursachen dieser Niederlage eine fundamentale Notwendigkeit. Und diese Kenntnis darf nicht vor Verboten zurückschrecken. Die Erfahrung aus den Ereignissen nach dem Krieg zu ziehen heißt die Grundlagen zu legen für den Sieg der Revolution in allen Ländern.“ (Bilan, Nr. 1, November 1933).
Konterrevolutionäre Zeiträume sind kaum günstig für die Zusammenarbeit oder gar Vereinigung revolutionärer Kräfte. Verwirrung und Zerstreuung, die überall in der Arbeiterklasse zu spüren sind, greifen schließlich auch über auf die bewusstesten Kräfte in ihren Reihen über. Genauso schwierig, wie schon in den 1920er und 1930er Jahren die Debatte unter den Gruppen war, die mit dem Stalinismus brachen und sich dabei weiterhin auf die Oktoberrevolution beriefen, erwies sich auch die Debatte zwischen Anarchisten und der Kommunistischen Linken in der ganzen Zeit der Konterrevolution.
Wie oben erwähnt, trug die Tatsache, dass der Ausgang der Russischen Revolution Wasser auf die Mühlen der Kritiker des Marxismus zu leiten schien, zur vorherrschenden Haltung innerhalb der anarchistischen Bewegung bei, jegliche Diskussion mit den „notwendigerweise autoritären“ Marxisten der Kommunistischen Linken abzulehnen. Zumal die anarchistische Bewegung in den 1930er Jahren aufgrund ihrer herausragenden Stellung innerhalb der Arbeiterklasse Spaniens, wo es damals zu entscheidenden historischen Auseinandersetzungen gekommen war, viel bekannter war als die kleinen Gruppen der Kommunistischen Linken.
Umgekehrt hat die Tatsache, dass die anarchistische Bewegung die Ereignisse in Spanien nahezu einhellig als eine Art Bestätigung ihrer Auffassungen betrachtete, während die Kommunistische Linke dagegen in ihnen den Beweis des Scheiterns der Anarchisten sah, lange Zeit eine Hürde für die Zusammenarbeit mit den Anarchisten dargestellt. Es sollte aber betont werden, dass Bilan sich weigerte, alle Anarchisten in dieselbe Schublade zu stecken. Als im Mai 1937 der italienische Anarchist Camillo Berneri von den Stalinisten ermordet wurde, hat Bilan, ungeachtet ihrer kompromisslosen Kritik an der Politik der Führung der spanischen CNT, einen Nachruf veröffentlicht.
Noch wichtiger ist die Tatsache, dass 1947 eine Konferenz stattgefunden hatte, an der sich die Italienische Kommunistische Linke (vertreten von der Gruppe aus Turin), die Kommunistische Linke Frankreichs, die Holländische Linke … und einige internationalistische Anarchisten beteiligten ! Einer von ihnen arbeitete im Präsidium der Konferenz mit.
Dies beweist, dass selbst während der Konterrevolution bestimmte Mitglieder der Kommunistischen Linken und des internationalistischen Anarchismus von einer wirklich offenen Geisteshaltung, einem Willen zur Debatte und einer Fähigkeit geprägt waren, die grundlegenden Kriterien anzuerkennen, die die Revolutionäre über die bestehenden Divergenzen hinweg vereinigten!
Die Haltung dieser Genossen des Jahres 1947 sollte uns eine Lehre sein; sie stellt eine Hoffnung für die Zukunft dar.
Natürlich stellen die vom Stalinismus im Namen des Marxismus und des Kommunismus begangenen Grausamkeiten noch heute eine große Bürde dar. Sie wirken wie eine emotionale Mauer, die immer noch die aufrichtige Debatte und die loyale Zusammenarbeit behindert. „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ [Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 11625).
(vgl. MEW Bd. 8, S. 115)]
Diese uns behindernde Mauer kann nicht von heute auf morgen niedergerissen werden. Aber es sind erste Risse aufgetreten. Wir müssen die Debatte, die sich vor unseren Augen entwickelt, fördern, uns bemühen, in einem brüderlichen Geist zu handeln und immer vor Augen zu haben, dass wir alle aufrichtig darum bestrebt sind, auf den Kommunismus, eine klassenlose Gesellschaft, hinzuarbeiten. IKS, August 2010
1) Für Lenin „In Westeuropa ist der revolutionäre Syndikalismus in vielen Ländern eine direkte und unvermeidbare Folge des Opportunismus, Reformismus und parlamentarischen Kretinismus“ (Lenins Vorwort zu einer Broschüre von Woinow, (Lunacharski) zur Haltung der Partei gegenüber den Gewerkschaften – 1907). Der Anarchismus, der lange vor dem revolutionären Syndikalismus entstanden war, aber diesem nahe stand, profitierte auch von der Entwicklung der sozialistischen Parteien in diese Richtung.
2) Es gab mehrere Gruppen, die aus der Bolschewistischen Partei hervorgingen, und diese gleiche Analyse teilten. Siehe unser Buch „The Russian Communist Left“.
3) Tatsächlichen waren Debatte, Zusammenarbeit und gegenseitiger Respekt zwischen internationalistischen Anarchisten und Kommunisten damals nichts Neues. Als ein Beispiel von vielen mag die Aussage der amerikanischen Anarchistin Emma Goldman dienen, die in ihrer Autobiographie (welche 1931, 10 Jahre nach Kronstadt, veröffentlicht wurde) schrieb: „Der Bolschewismus war eine Gesellschaftsauffassung, welche von den hellsten Geistern aufgegriffen wurde, die von dem Eifer und dem Mut von Märtyrern beseelt waren. (…) Es war sehr dringend, dass die Anarchisten und andere echte Revolutionäre diese diffamierten Leute und ihre Sache entschlossen bei den damaligen Ereignissen in Russland verteidigten.“ (Living my life). Ein anderer berühmter Anarchist, Victor Serge, benutzte 1920 in einem Artikel: „Die Anarchisten und die Erfahrung der russischen Revolution“ einen ähnlichen Ton, und obwohl er sich immer noch als Anarchist betrachtete und bestimmte Aspekte der Politik der Bolschewiki kritisierte, unterstützte er diese Partei. Die Bolschewiki wiederum luden eine Delegation der anarcho-syndikalistischen CNT aus Spanien zum 2. Kongress der Kommunistischen Internationale ein. Es fanden sehr brüderliche Diskussionen statt; die CNT wurde zum Beitritt zur Komintern aufgefordert.
In Italien existiert eine Gruppe, welche von sich nicht nur behauptet, die Avantgarde der Arbeiterklasse, sondern auch ein Teil der Kommunistischen Linken zu sein. Damit meinen sie, mindestens politisch, oder gar organisatorisch, zu dieser politischen Bewegung zu gehören, welche während der 1920er Jahre begonnen hatte sich der Degeneration der Dritten Internationale entgegenzustellen. Wir werden hier aufzeigen, dass dies überhaupt nicht der Realität entspricht und welche Ziele Lotta Comunista tatsächlich verfolgt.
Lotta Comunista ist der Name der Zeitung der sog. Leninistischen Gruppen der Kommunistischen Linken. Doch Lotta Comunista hat nie erklärt, auf was genau an der Kommunistischen Linken sie sich politisch und theoretisch bezieht, auf welche Erfahrungen dieser Minderheiten, welche sich in verschiedenen Ländern wie Italien, Deutschland, Holland, Belgien, Russland, Mexiko und Frankreich gegen die Kräfte der kapitalistischen Repression gestemmt und versucht haben, den roten Faden der marxistischen Kontinuität aufrecht zu erhalten. Wenn Lotta Comunista sorgfältig versucht, jeden klaren Bezug auf die Positionen der Kommunistischen Linken zu umgehen, und sich dabei auf ihrem Namen ausruht, dann nur deshalb, weil die Wurzeln dieser Organisation in einem direkten politischen Gegensatz zur Kommunistischen Linken stehen. Ihre Wurzeln liegen in der Partisanenbewegung gegen die deutsche Besetzung Italiens während des Zweiten Weltkrieges. Einige dieser Partisanen, wie Cervetto, Masini und Parodi schlossen sich danach der anarchistischen Bewegung an und gründeten 1951 die GAAP (Anarchistische Gruppen der Proletarischen Aktion). Der Gründungskongress der GAAP vom 28. Februar 1951 in Genua wird von Lotta Comunista als der Ausganspunkt ihrer Organisation, so wie man sie heute kennt, bezeichnet. Es fand im Februar 1976 in Genua ein Gedenkanlass zum 25-jährigen Bestehen unter dem Motto „Lotta Comunista - 25 Jahre" statt. Dass Lotta Comunista sich zur Kommunistischen Linken zählt, ist schlicht und einfach eine Geschichtsfälschung.
Für Lotta Comunista ist der Marxismus etwas Metaphysisches, geschneidert außerhalb der Gesellschaft und der Klassen, die sich gegenüberstehen. Er ist für sie nicht Ausdruck der realen Bewegung zur Emanzipation der Arbeiterklasse, sondern mehr eine Eingebung, eine Religion - welche als zu erlernende Wissenschaft ausgegeben wird -, losgelöst von der Realität und vom Wesen des Proletariates in seinem widersprüchlichen Verhältnis mit dem Kapital. Der „Marxismus" von Lotta Comunista ist nichts anderes als das Produkt ideologischer Gedanken, die auf philosophischen Spekulationen gründen. Um sich eine Legitimation zu verschaffen, klebt Lotta Comunista das Wort „wissenschaftlich" an all ihre magischen Hirngespinste, laut denen die Partei Geburtsort und Leben der „Wissenschaft der Revolution" ist, mit einem revolutionären „wissenschaftlichen" Programm und einer „revolutionären Wissenschaft". Die Entwicklung der angeblichen marxistischen Wissenschaft spielt sich in den Gehirnen der Denker ab, welche mit der „revolutionären Wissenschaft" bewaffnet sind, und es gibt offenbar keine durch das Proletariat in seinen Kämpfen gegen den Kapitalismus entwickelte Theorie. Heute scheint dieser unveränderbare Schatz der „marxistischen Wissenschaft" bei Lotta Comunista gelagert zu sein, welche sich dessen bedient, ganz unabhängig von allen Schicksalsschlägen der Arbeiterbewegung und vom Auf und Ab des Klassenkampfes.
Für Lotta Comunista existiert die Krise nicht. Diese scheint für sie lediglich eine erfundene Geschichte der Unternehmer zu sein, um die Arbeiter anzugreifen. Lotta Comunista hat dazu eine Broschüre mit dem bemerkenswerten Titel Welche Krise denn? veröffentlicht. Der Kapitalismus scheint danach in einem permanenten Wachstum zu sein, mit fremden Gebieten und Märkten, die der Kapitalismus noch erobern könne. Um dies zu belegen, führt Lotta Comunista die Statistiken der OECD oder der Zeitschriften Fortune und Financial Times an. Ihre eigene Zeitung, die neben einer Studienzeitschrift auch eine Zeitschrift für die Propaganda und den Kampf sein will, entblößt sich schon auf der ersten Seite als philologisch und führt Chroniken der Konzentration von Unternehmen an, ohne irgend eine Sorge für eine revolutionäre Perspektive. Die Rubriken über Klassenkämpfe in aller Welt, genau wie die Schnappschüsse von Streiks, erscheinen ohne jegliche Analyse über das Bewusstsein, die Kampfbereitschaft oder die Selbstorganisierung. All dies ist kein Zufall: Lotta Comunista sieht in der Arbeiterklasse nichts mehr als das variable Kapital, einen Produzenten von Mehrwert, genau so wie das Kapital es tut. Man findet keine Analyse, keine dynamische Vision des Klassenkampfes und seiner Perspektiven, sondern nur eine statische Vision, bei der das Proletariat als eine atomisierte Summe von Individuen verstanden wird, die es dann morgen zur Revolution zu führen gälte - oder was auch immer.
Um die Position von Lotta Comunista über die Arbeiterklasse und den Klassenkampf zu verstehen, muss man drei Grundelemente der Konzeption von Lotta Comunista betrachten: ihre „leninistische" Parteiauffassung, die Rolle der Gewerkschaften und die aktuelle ökonomische Phase, welche einen „geordneten Rückzug" verlange. Lotta Comunista vertritt eine Auffassung des Bewusstseins und der Partei, nach der das Proletariat nicht selber fähig sei, ein kommunistisches Bewusstsein hervorzubringen, und dieses dem Proletariat einzig und allein durch die Partei eingeflößt werden kann. Eine Partei, die von bürgerlichen Intellektuellen, die sich der revolutionären Sache verschrieben haben, gebildet wird. Diese Auffassung wurde von Lenin selber explizit verworfen. Mit dieser Auffassung bezieht sich Lotta Comunista überhaupt nicht auf die wirklichen Kämpfe der Arbeiterklasse, sondern strebt nur eine Vergewerkschaftung der Arbeiterklasse und eine Vergrößerung ihres Einflusses innerhalb der Gewerkschaft ihrer Wahl an, der „roten" CGIL (Confederazione Generale Italiana del Lavoro). Die Parole von Lotta Comunista ist simpel: als revolutionäre Partei muss man die Arbeiterklasse organisieren und dirigieren und, um zu diesem Ziel zu gelangen, mit allen Mitteln die Führung in den Gewerkschaften übernehmen. Die Interventionen von Lotta Comunista gegenüber der Arbeiterklasse haben nie die Absicht das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu heben, sondern zielen darauf ab, gewisse Kaderposten zu erobern, um mehr politisches Gebiet kontrollieren zu können. Da sich der Kapitalismus für Lotta Comunista in einer permanenten ökonomischen Wachstumsperiode befindet und die Aufgabe der Arbeiterklasse vor allem darin besteht, zu warten, bis die Bedingungen reif sind und sich der Kapitalismus auf dem gesamten Planeten mit seinem Luxus ausgebreitet hat, hat diese Gruppe 1980 den Slogan des „geordneten Rückzugs" lanciert: „...wir haben seit langem den mutigen leninistischen Slogan der Gruppierung der bewussten und klaren Kräfte der Arbeiterklasse rund um die Partei aufgenommen, um eine Anstrengung für einen geordneten Rückzug zu machen, ohne Unordnung, Enttäuschungen, Konfusionen, Demagogie".[1] Im Klartext: alles unternehmen, um dem Kampf der Arbeiter die Spitze zu brechen, um damit alles zu verhindern, was nach einem „Weg in die Unordnung" aussieht. Lotta Comunista geht sogar soweit, die alte stalinistische Partei Italiens, die PCI, zu „tadeln", sie sei zu weit gegangen: „Es ist kein Zufall, dass die PCI sich mit den staatsstreichlerischen Kräften in den Gewerkschaften zusammentut, die Unordnung stiften in den Arbeiterkämpfen, nur um ihr eigenes parlamentarisches Gewicht zu verteidigen im exklusiven Interesse der bürgerlichen Fraktionen."[2] Dieselbe Kritik wurde gegenüber der „großen Gewerkschaft" CGIL erhoben, in der Lotta Comunista davon träumt, die Führung zu übernehmen: „Die große Gewerkschaft hat im Gegenteil die Aufgabe zurückgewiesen, die wir ihr zu Beginn der Restrukturierungskrise angeraten haben, einen geordneten Rückzug zu organisieren, um dann wieder fähig zu sein, die Wiederaufnahme an die Hand zu nehmen. Sie brachte die Unternehmer und die Regierung zum weinen, nicht weil sie stark war, sondern weil sie an einer Autoritäts- und Vertrauenskrise litt."[3] Das also raten diese Wichtigtuer den Gewerkschaften - zwar ohne erhört zu werde. Diese hören nicht zu, geraten in eine Krise und bringen - und das ist das Schönste an der Sache - die Patrons und Regierung zum weinen. Weshalb wohl weinen die Patrons und die Regierung über die Krise der Gewerkschaften? Dazu gibt es nur eine Antwort: Weil ihnen so das Instrument fehlt, das aufgrund seiner moralischen Autorität die Arbeiter an das Kapital fesselt. Was wirklich entsteht sind die Basiskomitees[4]. Wenn die Gewerkschaften aber den Ratschlägen von Lotta Comunista gefolgt wären, würde sie dies dennoch nicht davon befreien, sich mit den Basiskomitees auseinanderzusetzen, das heißt, mit der Tendenz der Arbeiter, sich von den gewerkschaftlichen Fesseln zu befreien und sich selber zu organisieren. Die Gewerkschaften müssten sich radikalisieren, um die Arbeiter besser kontrollieren zu können. All das ist eine politische Arbeit, welche nicht das Bewusstsein der Arbeiterklasse fördern, sondern lediglich die Position der « Partei » zu Ungunsten der Arbeiterklasse stärken will. Hier ein Beispiel dieser durch und durch negativen Politik: Als sich 1987 die Beschäftigten der Schulen in Italien in Basiskomitees organisierten, erschien Lotta Comunista in einigen Vollversammlungen, um zu erklären, dass es nun nicht um die Gründung neuer Gewerkschaften gehe, sondern darum, die Geschicke der schon Bestehenden in die Hände zu nehmen. Im Klartext also: nicht die CGIL hinter sich lassen, sondern die Führung der Bewegung Lotta Comunista überlassen, und alles wende sich zum Guten. Aber die Bewegung der Beschäftigten in den Schulen 1987 war eine Bewegung, die sich auf einer Klassenbasis zu organisieren begann, trotz all ihrer Schwächen. Daraufhin bevorzugte es Lotta Comunista die Bewegung öffentlich als eine „süditalienische" Bewegung zu verleumden (weil sie sich vor allem in Süditalien entfaltete, konstruierte Lotta Comunista daraus eine regionalistische Erscheinung), die eine „Brutstätte zukünftiger Führungskräfte parlamentarischer Parteien" sei, und rief zu einem außerordentlichen Kongress der CGIL auf. Also ganz simpel, dass die CGIL aufwachen solle, um die Beschäftigten an den Schulen am kämpfen zu hindern. So also gehen die großen Revolutionäre von Lotta Comunista ans Werk!
Lotta Comunista behauptet, „gegen alle parlamentarischen Parteien" zu sein und auch „gegen den demokratischen Staat", unterzeichnete aber zusammen mit PCI, DC, PR, DP und der PSI (alles Parteien des italienischen Staatsapparates) eine Presseerklärung zur „bestimmten Verurteilung des Terrorismus und all der Kräfte, die ihn unterstützen" mit dem Aufruf, „dass alle Arbeiter, die schweren Angriffe dieser ökonomischen und politischen Kräfte zurückweisen, welche die Demokratie unseres Landes destabilisieren" (von uns unterstrichen). Bezüglich der Wahlen behauptet Lotta Comunista, abstentionistisch zu sein, sich also strikte weder am Parlamentarismus, an Wahlen oder Abstimmungen zu beteiligen. Doch als der Abstentionismus allzu unpopulär wurde wie 1974 beim Referendum über die Abschaffung der ehelichen Trennung, empfahl Lotta Comunista, ein „Nein" in die Urne zu legen, und versuchte seine Position mit Slogans wie „Abstimmen genügt nicht, der Kampf muss weitergehen" schmackhaft zu machen. In Wirklichkeit bezog Lotta Comunista keine andere Position wie all die sog. Außerparlamentarischen Linken der damaligen Zeit und unterstützte eine Fraktion der Bourgeoisie gegen die andere.
Die Frage der Beteiligung am imperialistischen Krieg ist besonders bedeutsam, denn sie unterscheidet das Lager der Arbeiterklasse von dem der Bourgeoisie. Lotta Comunista behauptet zwar, internationalistisch zu sein, ist aber auf diesem Gebiet ganz besonders unklar. In einer Broschüre von 1975 erklärt Lotta Comunista, dass 1943 „sich angesichts der Zerstrittenheit der Bourgeoisie die ersten Arbeiterkerne spontan organisiert haben: vom Streik ist man zum bewaffneten Kampf übergegangen. DAS IST DER BEGINN DER RESISTANCE! Die Arbeiter haben die Berge erobert, sie organisierten sich heimlich in den Städten und den Fabriken. Dem Aufbau einer neuen Gesellschaft stellte sich als größtes Hindernis, als größter Feind, die Präsenz der Faschisten und Nazis in den Weg. Gegen diese Knechte des Kapitals mussten die Arbeiter als erstes den Kampf aufnehmen. Doch die Arbeiter wussten genau, dass dies nicht das Ziel war, sondern lediglich eine notwendige Zwischenstufe, um zum Sozialismus zu gelangen ».[5] Diese Argumentation befindet sich vollkommen auf dem bürgerlichen Terrain. In Tat und Wahrheit waren die Partisanenbanden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Italien klassenübergreifende Formationen im Dienste des „demokratischen" Imperialismus. Und selbst die Organisationen, welche sich in den Städten und Fabriken bildeten, die GAP und die SAP[6] die von Arbeitern gegründet wurden, waren total in den Händen des stalinistischen PCI und anderer bürgerlicher Parteien. Die Revolutionäre sind aber verpflichtet, es bloßzustellen, wenn sich die Arbeiter in einen „Volkskrieg" im Dienste des Imperialismus verwickeln lassen, in welchem sie nicht mehr ihre eigenen Interessen, sondern die der herrschenden Klasse verteidigen. Es ist wahr, dass die Arbeiter 1943 mit Klassenforderungen in den Streik traten, und nicht im Namen des Antifaschismus, doch es ist auch eine Tatsache, dass diese Streiks und die darauf folgenden ihre Natur änderten und auf das Terrain des Antifaschismus abglitten. Die Arbeiter in Uniform der deutschen Armee hatten - sei es aus Klasseninstinkt oder aus den vermittelten Erinnerungen ihrer Eltern an die Klassenkämpfe heraus - einige Male versucht, mit den streikenden Arbeitern Kontakt aufzunehmen und ihnen ihre Sympathie kundgetan, indem sie ihnen Zigaretten schenkten[7]. Doch sie stießen nur auf die stalinistischen Schergen des PCI, die sie niederschossen, um eine Verbrüderung der Arbeiter über Nationalität und Sprache hinweg zu verhindern. Die italienischen Arbeiter und die deutschen Arbeiter in Uniform - wir sprechen hier von der deutschen Armee, die wie alle anderen Armeen zu großen Teilen aus Arbeitern bestand, und nicht von der Gestapo oder der SS - hatten begonnen, spontan einen proletarischen Internationalismus zu entfalten. Lotta Comunista hingegen sieht in diesen Arbeitern - die kurzweg als Nazis dargestellt werden - den Hauptfeind. In derselben Broschüre liest man auch, die Arbeiter seien sich bewusst gewesen, dass man die Macht von der Bourgeoisie übernehmen müsse: „Und dies versuchen wir zu tun dort, wo wir die Macht ergreifen können, auch wenn nur für eine gewisse Zeit: Bildung neuer politischer Strukturen, in denen sich die Macht versammeln kann, um Gesetze zu erlassen und diese durchzusetzen, indem man direkt Gemeindeverwaltungen und Funktionäre ernennt, Fabrikverwaltungen, direkte Ausführungen der juristischen Macht und die Liquidation der Faschisten ».[8] Die Unverschämtheit von Lotta Comunista kennt keine Grenzen. Man will uns glauben machen, dass die Komitees zur Nationalen Befreiung (Comitato di Liberazione Nazionale, CLN), auf die sie sich in diesen Passagen explizit beziehen, proletarische Organe gewesen seien, obwohl die CLN ausschließlich von bürgerlichen Parteien gebildet wurden, welche die Arbeiter in den Dienst des imperialistischen Krieges stellten. Es ist eine Katastrophe, wenn Gruppen wie Lotta Comunista, die sich als Erben der Kommunistischen Linken und Lenins ausgeben, die Partisanenbewegung als eine Beinahe-Revolution darstellen. Die Partisanenbewegung war im Gegenteil der Höhepunkt der Konterrevolution.
Nach all dem kann man sich fragen, woraus denn der Internationalismus einer Gruppe wie Lotta Comunista - die selber aus der Partisanenbewegung kommt - besteht, wenn sie diese Erfahrungen nicht einmal mit einem Minimum an Kritik hinterfragt? Auf nichts anderes fokussiert als auf die Vollendung der bürgerlichen Revolution vor der Arbeit für die proletarische Revolution hat sich Lotta Comunista auf all die nationalen Befreiungskämpfe gegen den sogenannten Imperialismus fixiert. Lotta Comunista hat es nicht geschafft, sich die Lehren von Rosa Luxemburg anzueignen, nach denen in der heutigen Epoche der Dekadenz des Kapitalismus alle Staaten, ob klein oder groß, ob stark oder schwach, gezwungen sind, eine imperialistische Politik zu betreiben. Aus diesem Grunde behauptet Lotta Comunista: «Die aktive Intervention gegen alle Ausdrücke der imperialistischen Hauptmacht im eigenen Lande bedeutet, sich in die erste Reihe des internationale Klassenkampfes zu stellen. Teilnehmen an jedem Kampf, der direkt oder indirekt einen oder alle Sektoren des Imperialismus bekämpft, teilnehmen, indem man sich ideologisch und politisch mit seinen eigenen Thesen, Losungen, Resolutionen abgrenzt und die einheitliche Dialektik des Imperialismus denunziert. » Lotta Comunista sieht als Aufgabe « in den Kolonien und Halbkolonien den Kampf mit allen Mitteln gegen den Imperialismus, der sich auf die Aktionen und Initiativen der nationalen Bourgeoisie stützt, welche sich wirklich und konkret gegen die fremden und die lokalen imperialistischen Kräfte richten.»[9] Lotta Comunista druckte sogar all die Artikel von Cervetto wieder ab, die zugunsten von Korea argumentierten: « ...wir sehen als Aufgabe der arbeitenden Massen den Kampf dafür, dass die amerikanischen und chinesischen Truppen das Land verlassen, damit das koreanische Volk sich seiner eigenen nationalen und sozialen Emanzipation zuwenden kann und damit den einzigen revolutionären Weg einschlägt, ohne sowjetische, chinesische oder von der UNO bestimmte Einmischung. »[10] Desgleichen «für die Unabhängigkeit Afrikas »: « Die antiimperialistische Revolte der afrikanischen Bevölkerung ist kein Vorspiel für die Bildung der sozialistischen Gesellschaft auf diesem Kontinent. Es ist eine notwendige Etappe, um eine Bresche in die imperialistische Dominanz zu schlagen, für die Zersetzung der feudalen Schichten, für die Befreiung der notwendigen ökonomischen Kräfte und Energien zur Bildung eines nationalen Marktes und einer industriellen kapitalistischen Struktur. (...) Aus diesem Grunde unterstützen wir die Unabhängigkeitskämpfe in Afrika ».[11] Dies führte Lotta Comunista zur Beweihräucherung bürgerlicher Persönlichkeiten in ihrem Kampf gegen andere Teile der herrschenden Klasse: « Lumumba[12] ist ein Kämpfer der kolonialen Revolution, auf dessen Grabstätte das Proletariat eines Tages eine rote Blume legen wird. Wir, die auf eine marxistische Art die Konfusionen in seinem Werk kritisiert haben und kritisieren, verteidigen ihn gegen Beschimpfungen. (...) Lumumba ist gestorben für die Unabhängigkeit seines Landes. Wir, die Internationalisten, wir verteidigen seinen Nationalismus gegen diejenigen, die aus ihrem (weißen) Nationalismus eine Berufung gemacht haben."[13] Lotta Comunista findet auch zu schmeichelhaften Parolen gegenüber dem Castrismus, welcher „revolutionär wird, trotz seiner Wurzeln, das heißt, er ist gezwungen, endgültig mit seiner Vergangenheit zu brechen".[14] Und zu guter letzt folgendes zu Vietnam: „Für diejenigen, welche wie wir immer den Kampf für die staatliche Einheit als einen Prozess der demokratischen bürgerlichen Revolution in Vietnam befürwortet haben, ist der politische und militärische Sieg Hanois ein historisches Ereignis.".[15]
Es gäbe noch viele Punkte der Vergangenheit und auch der jetzigen Aktivitäten von Lotta Comunista zu kritisieren. Was konkret hervorsticht ist, dass Lotta Comunista gegenüber dem Klassenkampf und der Frage des Internationalismus nie eine wirklich proletarische Position bezieht. Und deshalb: Trotz all dem guten Willen, den einzelne Genossen von Lotta Comunista als Triebfeder für ihre Arbeit haben mögen, die Aktivitäten von Lotta Comunista gehen in die genau gegenteilige Richtung, als es der Kampf der Arbeiterklasse erfordert.
Ezechiele, 6.4.2010
[1] Lotta Comunista Nr. 123, November 1980
[2] ebenso
[3] Parodi, Critica del sindicato subalterno,, Verlag Lotta Comunista
[4] Parodi, siehe oben
[5] Viva la Resistenza operaia, Broschüre von Lotta Comunista, April 1975, Seite 5
[6] „Gruppen der Patriotischen Aktion" und „Equipen der Patriotischen Aktion"
[7] siehe: Roberto Battaglia, Storia della resistenza italiana, Einaudi
[8] Viva la Resistenza operaia, Broschüre von Lotta Comunista, April 1975, Seite 5
[9] Aus: L'Impulso, 15. Dezember 1954, heute publiziert in: L'imperialismo unitario, Seite 113, Verlag Lotta Comunista (Unterstreichungen durch uns)
[10] Aus: Il Libertario, 13 Dezember 1950, heute publiziert in: L'imperialismo unitario, Seite 258, Verlag Lotta Comunista
[11] Aus: Azione Comunista Nr. 44, 10 April 1959, heute publiziert in: L'imperialismo unitario, Seite 258, Verlag Lotta Comunista
[12] Patrice E. Lumumba, von Juni bis September 1960 erster Ministerpräsident des unabhängigen Kongo
[13] Aus: Azione Comunista Nr. 59, März 1961, heute publiziert in: L'imperialismo unitario, Seite 326, Verlag Lotta Comunista
[14] Aus: Azione Comunista Nr. 54, Oktober 1960, heute publiziert in: L'imperialismo unitario, Seite 329, Verlag Lotta Comunista
[15] Lotta Comunista Nr.57, Mai 1975, heute publiziert in: L'imperialismo unitario, Seite 1175, Verlag Lotta Comunista
Die Arbeiterklasse muss ihr Selbstvertrauen in ihre Fähigkeit zu kämpfen und sich kollektiv als Klasse zu organisieren, entwickeln. Wie? Wie können die Arbeiter ihre Kämpfe in die eigene Hand nehmen? Wir versuchen darauf in den nachfolgenden Artikeln einzugehen, weil diese Frage wesentlich und ausschlaggebend ist für den weiteren Verlauf der Kämpfe.
Wie die Kämpfe in die eigene Hand nehmen?
Die Bewegung gegen die Rentenreform dauert nun schon sieben Monate. Der erste Aktionstag fand am 23. März statt, damals beteiligten sich 800.000 Menschen, die Atmosphäre war eher schlaff und ein wenig hoffnungslos. Aber seitdem hat der Kampf an Stärke gewonnen. Mehr und mehr Beschäftigte, Arbeitslose, Prekäre, ganze Arbeiterfamilien, Gymnasiasten und Studenten haben sich schrittweise der Bewegung angeschlossen. Gegenwärtig kommen regelmäßig mehr als drei Millionen auf der Straße zusammen!
In Wirklichkeit ist diese Reform zum Symbol der allgemeinen und brutalen Verschlechterung unserer Lebensbedingungen geworden. Die Jugendlichen stehen wie vor einer Mauer: im öffentlichen Dienst werden fast keine Leute mehr eingestellt; in der Privatindustrie gibt es kaum Stellen, und wenn dann nur zu sehr prekären, unhaltbaren Bedingungen. Eingefrorene Löhne, Preissteigerungen, insbesondere Mieterhöhungen, drastische Kürzungen bei der Erstattung von medizinischen Leistungen und der Sozialhilfe, Kürzungen bei Beschäftigungsgesellschaften usw… all diese unzähligen Angriffe treiben uns alle langsam aber sicher in die Armut.
In dieser Lage war es lange bei vielen die Vorstellung, nach Jahren Plackerei und Lohnsklaverei bald eine „wohlverdiente Rente“ zu bekommen, die einen hoffen und durchhalten ließ. Es war das Licht am Ende des Tunnels. In den 1950er und 1960er Jahren konnten noch viele Beschäftigte von diesem relativen „Eldorado“ profitieren. Aber seit 20 Jahren sinken die Renten unaufhörlich. Mittlerweile sind sie auf ein miserables Niveau gefallen; viele Rentner sind gezwungen, noch irgendwelche kleine Jobs anzunehmen. Und jeder weiß, dass diese Reform diese dramatische Lage noch weiter zuspitzen wird. Wie viele Demonstranten rufen, ist die einzige Zukunft, die uns das Kapital bieten kann: „Métro, boulot, caveau“ („Zur Arbeit pendeln, schuften, verrecken“).
Die Weltwirtschaftskrise treibt heute die ganze Menschheit in eine Spirale der Verarmung. Die Lage spitzt sich immer weiter zu. Sieben Monate Kämpfe … immer wieder Aktionstage, ganze Wirtschaftsbereiche haben wiederholt gestreikt, ganze Standorte wurden von entschlossenen und kämpferischen Beschäftigten lahmgelegt, die zudem noch mit der staatlichen Repression konfrontiert wurden. „Die Jugend steckt in einer Galeere, die Alten in der Misere“. Kein Zweifel, die Wut ist riesig und in der ganzen Arbeiterklasse zu spüren!
Und dennoch die Regierung zieht ihre Rentenreform nicht zurück. Selbst zu Millionen auf die Straße zu ziehen, reicht nicht. Jeder spürt, dass irgendetwas dieser Bewegung fehlt. Was fehlt ist, dass die Arbeiter die Bewegung in die eigenen Hände nehmen. Wenn wir nur wie Schafe den gewerkschaftlichen Anordnung folgen, werden wir wie 2003 und 2007 eine Niederlage einstecken. Das Misstrauen gegenüber den Gewerkschaften wird unter den Arbeitern immer größer. Aber bislang hat nur eine Minderheit gewagt, diesen Schritt zu vollziehen, hat es gewagt, sich selbst in unabhängigen Vollversammlungen zu organisieren, die nicht von den Gewerkschaften kontrolliert werden. So weit wir wissen, gibt es heute ein gutes Dutzend branchenübergreifende Vollversammlungen dieser Art in Frankreich. Zum Beispiel kommen regelmäßig Eisenbahner, Lehrer, Arbeitslose und prekär Beschäftigte in der Bahnhofshalle des Pariser Ostbahnhofs zusammen. Straßenversammlungen werden regelmäßig in Toulouse vor den Arbeitsbörsen abgehalten und am Ende von Demonstrationen. Aber sie werden bislang nur von Minderheiten getragen.
Die Arbeiterklasse muss ihr Selbstvertrauen in ihre Fähigkeit zu kämpfen und sich kollektiv als Klasse zu organisieren, entwickeln. Wie? Wie können die Arbeiter ihre Kämpfe in die eigene Hand nehmen? Wir versuchen darauf in den nachfolgenden Artikeln einzugehen, weil diese Frage wesentlich und ausschlaggebend ist für den weiteren Verlauf der Kämpfe. IKS 22.10.2010
Raffinerien blockieren – ein zweischneidiges Schwert
20% der Tankstellen ohne Benzin. Endlos lange Schlagen. Überall Schlagzeilen in den Medien wegen der wirtschaftlichen Lähmung des Landes. Kämpferische und entschlossene Arbeiter. Und ein Präsident der Republik, der mit der Faust auf den Tisch schlägt, die „Diebe“ mit den schlimmsten Repressalien bedroht. Diese Szenen sind überall in den Medien zu sehen und werden weltweit verbreitet.
Die Beschäftigten, die vor den Raffinerien ausharren, tun dies im Namen der Arbeitersolidarität. Wenn sie den Mut haben, sich der wütenden Polizeirepression und den Strafen ihrer Arbeitgeber auszusetzen (z.B. Grandpuits, in der Pariser Region, der gedroht hat, den Standort dicht zu machen und alle zu entlassen), tun sie dies, weil sie sich dessen bewusst, sind, dass sie für eine gerechte Sache kämpfen, die weit über ihr sie hinausgeht: Die Rentenreform, die uns alle betrifft, und die miserablen Renten, die sich daraus ergeben. Sie kämpfen für die Interessen der gesamten Klasse.
Die Lähmung des Verkehrs, welche durch die Blockade entstanden ist, offenbart auch, dass die Arbeiterklasse die Kraft ist, von der alle Räder in dieser Welt abhängen. Die Arbeiter produzieren alle Reichtümer. Die Kapitalisten sind letzten Endes nur Parasiten, die auf unsere Kosten leben und sich die Erzeugnisse unserer Arbeit aneignen. Es reicht aus, dass ein strategischer Bereich wie die Raffinerien nicht mehr normal funktioniert, und schon gerät die ganze Wirtschaft aus den Fugen.
Aber diese Waffe ist ein zweischneidiges Schwert.
Die Blockade der Raffinerien verfolgt das erklärte Ziel der Lähmung der Wirtschaft, um Druck auf das Kapital auszuüben. Es stimmt, dass den Kapitalisten nichts wichtiger ist als der Profit. Aber wer wird am meisten durch die Benzinknappheit getroffen? Wer ist wirtschaftlich am härtesten getroffen? Das Kapital oder die Arbeiter? Konkret sind die größten Betriebe des Landes (Carrefour, L’Oréal, BNP Paribas, Société Générale, Danone usw.) nicht in Gefahr. Sie sitzen relativ fest im Sattel und können auf die Unterstützung des Staates bauen (auch auf finanzielle Hilfe). Aber die Arbeiter leiden tag- täglich unter den Schwierigkeiten, Benzin zu tanken und zur Arbeit zu fahren. Sie leiden unter den Strafen der Arbeitgeber oder den Sanktionen durch ihre Vorgesetzten, weil man zu spät zur Arbeit kommt. Und die Beschäftigten, die seit Wochen immer wieder gestreikt haben, müssen sich jetzt den Gürtel enger schnallen wegen der dadurch entstandenen Lohnverluste.
„Die Wirtschaft lahmzulegen, um Druck auf das Kapital auszuüben“, ist übrigens ein Mythos, der aus dem 19. Jahrhundert stammt. Vor mehr als einem Jahrhundert konnten die Beschäftigten ihre Betriebe lahmlegen und somit ihre Arbeitgeber zum Nachgeben zwingen. Einerseits ermöglichten die Solidaritätskassen, den Arbeitern „durchzuhalten“, andererseits musste der bestreikte Unternehmer mit ansehen, wie seine Konkurrenten die Lage auszunutzen und ihm Kunden webschnappten. Es gab ernste Gefahren, bankrott zu gehen, und oft konnten die Arbeiter einen Sieg davontragen. Heute sind die Verhältnisse aber ganz anders. Es mag zwar noch Solidaritätskassen geben; so gibt es welche für die „Blockierer“ der Raffinerien. Aber die Arbeitgeber fallen sich in einem Arbeitskampf nicht mehr gegenseitig in den Rücken; im Gegenteil sie unterstützen sich gegenseitig. Sie verfügen gar über schwarze Kassen, um mit solch einer Lage umzugehen. Somit treten die Beschäftigten der Raffinerien nicht nur „ihrem“ Arbeitgeber gegenüber, sondern dem Kapital insgesamt, und vor allem der geballten Staatsmacht. Das Kräfteverhältnis auf rein ökonomischer Ebene besteht nicht mehr zugunsten der Streikenden. Aber das ist nicht die einzige Falle.
Streiks, über deren jeweilige Fortsetzung immer von neuem entschieden wird, sind heute noch nicht sehr verbreitet. Nur in einigen Bereichen wird zurzeit ununterbrochen gekämpft: im Verkehrswesen (vor allem bei der SNCF), den Häfen und der Müllabfuhr in Marseille und den Raffinerien. Weil sie isoliert sind, laufen diese Beschäftigen Gefahr, sich zu erschöpfen, im Falle einer Niederlage entmutigt und gewaltsam bestraft zu werden. Deshalb sind ja auch so viele Arbeiter zu den blockierten Raffinerien gekommen, um vor Ort ihre Solidarität durch ihre Anwesenheit zu bekunden.
Aber es gibt ein noch größeres Risiko, nämlich dass diese Bewegung „unpopulär“ wird. Im Augenblick unterstützt noch der größte Teil der Arbeiterklasse und der Bevölkerung insgesamt diesen Kampf gegen die Rentenreform. Seit dem ersten Aktionstag am 23. März haben sich immer mehr Lohnabhängige der Bewegung angeschlossen (selbst kleine Händler, Freiberufler, Handwerker und Bauern). Ihre Stärke besteht gerade darin, dass immer mehr Bereiche sich dem Kampf anschließen. Den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes haben sich Schritt für Schritt die der Privatindustrie, ganze Arbeiterfamilien (insbesondere während der Samstagsdemos), prekär Beschäftigte, Arbeitslose, dann Gymnasiasten und Studenten angeschlossen… Der Kampf gegen die Rentenreform ist für alle eine Kampf gegen die Verschlechterung unserer Lebensbedingungen und gegen die Verarmung geworden.
Aber weil die Blockade des Verkehrswesens schlussendlich in erster Linie diejenigen trifft, die sich am Kampf beteiligen, besteht die Gefahr der Spaltung und dass diese Dynamik gebrochen und ein Hindernis wird für die notwendige massive Ausdehnung der Kämpfe. Bislang unterstützen viele Arbeiter diese Blockadeaktionen, aber im Laufe der Zeit kann sich das Blatt wenden.
Übrigens würde die vollständige Lähmung des Transportwesens ein Zusammenkommen bei den Demonstrationen unmöglich machen. Eine große Erleichterung für das Zusammenkommen wäre es vielmehr, wenn man kostenlos mit der Bahn reisen könnte, wäre das keine wirksamere Vorgehensweise zur Stärkung der Bewegung?
Soll das damit heißen, wir würden sagen, Blockaden und Besetzungen wären keine nützlichen Kampfmittel? Natürlich nicht! Es geht nur darum, dass diese Aktionen nicht als vorrangiges Ziel haben können, ökonomisch zu punkten, sondern sie müssen ein politisches Kräfteverhältnis aufzubauen.
Jegliches Handeln sollte bestimmt sein durch das Bemühen, den Kampf auszudehnen. Unsere Stärke ist unsere massive Einheit und unsere Solidarität im Kampf.
Zum Beispiel fingen die Streiks an den Unis während der Bewegung gegen den CPE im Frühjahr 2006 durch Blockaden an. Mit Hilfe der Blockaden gelang es den bewusstesten und kämpferischsten Studenten, eine große Zahl von Kommilitonen/Innen für die Vollversammlungen zu mobilisieren, wo ein beträchtlicher Teil der Studenten, die nicht die Bedeutung der Angriffe der Regierung oder die Notwendigkeit eines Abwehrkampfes dagegen verstanden hatte, von der Debatte und den darin vorgebrachten Argumenten überzeugt wurde.
Die Blockade und die Besetzung eines Industriestandortes, einer schulischen Einrichtung oder einer Verwaltung kann auch dieses massive Zusammenkommen in Vollversammlungen, diese Debatten ermöglichen, wo die am meisten Zögernden überzeugt werden und sich dem Kampf anschließen. Einzig diese Dynamik der Ausdehnung jagt den Herrschenden wirklich Angst ein. Und schlussendlich, welche Rolle auch immer eine Fabrikbesetzung oder eine Blockade zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Streik spielen mag, auf den Straßen können die Beschäftigten, Rentner, Arbeitslosen, Arbeiterfamilien usw. am leichtesten massiv zusammenkommen. IKS, 22.10.2010
Die Gewerkschaftsbündnisse führen uns in die Niederlage
„Wir sind zu Millionen auf die Straße gezogen und haben an den vergangenen Aktionstagen gestreikt. Die Regierung gibt immer noch nicht nach. Nur eine Massenbewegung wird sie dazu zwingen. Diese Idee kommt immer mehr in Diskussionen um einen unbegrenzten, jeweils erneuerbaren Generalstreik und der Blockierung der Wirtschaft auf. (…) Die Gestalt, die diese Bewegung annehmen wird, hängt von uns ab. (…) Wir müssen über die Aktionsformen, Forderungen usw. selbst entscheiden. Niemand anders darf uns dies abnehmen.
Wenn wir die Chérèque (CFDT), Thibault (CGT) & Co. An unserer Stelle entscheiden lassen, stehen nur neue Niederlagen bevor. Chérèque ist für die Regelung, dass 42 Beitragsjahre gezahlt werden müssen [was dem Vorhaben der Regierung entspricht]. Thibault verlangt nicht die Rücknahme des Gesetzentwurfes. Wir haben auch nicht vergessen, dass er 2009 mit Sarkozy Champagner trank, während Tausende von uns entlassen wurden und wir alleine, isoliert voneinander kämpfen mussten. Wir haben auch kein Vertrauen mehr in die angeblich „Radikalen“. Die Radikalität Mailly (FO/Gewerkschaft) besteht darin, der PS-Vorsitzenden Aubry die Hand zu schütteln, während die PS selbst für die 42-Beitragsjahre stimmt. (…)
Wenn sie heute die Idee eines erneuerbaren Streiks propagieren, dann wollen sie vor allem vermeiden, dass sie von der Bewegung überrollt werden. Deren Kontrolle über unsere Kämpfe gilt für sie als Faustpfand, um zum Verhandlungstisch zugelassen zu werden. Warum? In einem Brief von sieben Gewerkschaftsorganisationen der CFTC an Sud-Solidaires, schrieben diese: „Um den Standpunkt der Gewerkschaftsorganisationen bekannt zu machen mit dem Ziel, eine Gesamtheit von gerechten und wirksamen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des bisherigen Rentensystems sicherzustellen“. Soll man wirklich glauben, dass es eine gemeinsame Basis mit den Leuten geben kann, die seit 1993 unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen systematisch untergraben haben?
Die einzige wirkliche Einheit, die diese Regierung und die herrschende Klasse zurückdrängen kann, besteht in dem Zusammenschluss der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und der Privatindustrie, von Beschäftigten und Arbeitslosen, Rentnern und Jugendlichen, legal und illegal Beschäftigten, Gewerkschaftsmitgliedern und Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern, an der Basis in den Betrieben in den gemeinsamen Vollversammlungen und indem wir den Kampf in die eigene Hand nehmen.“
Dies ist ein Auszug aus einem Flugblatt, das bei den Demonstrationen in Paris massenhaft verbreitet und unterzeichnet wurde von „Arbeitern und prekär Beschäftigten der branchenübergreifenden Vollversammlung des Ostbahnhofs“.
Zahlreiche andere Texte mit der gleichen Stoßrichtung und einem ähnlichen Ton sind von anderen branchenübergreifenden Zusammenschlüssen, Kampfkomitees, Diskussionsgruppen oder kleinen politischen Organisationen verfasst worden, die ihr wachsendes Misstrauen gegenüber dem Gewerkschaftsbündnis geäußert haben und dieses beschuldigen, uns absichtlich in die Niederlage zu führen. Alle ermuntern die Arbeiter, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen.
Die Sabotage der Kämpfe durch das Gewerkschaftsbündnis 2003, 2007 und heute 2010 wirft die breitere Frage des wahren Wesens der Gewerkschaften auf. Stehen sie heute immer noch auf Seiten der Arbeiterklasse? Ein kurzer Rückblick auf die letzten Jahrzehnte belegt, dass sie ins Lager der Herrschenden übergewechselt sind.
Seit mehr als 100 Jahren waren die großen Kämpfe jeweils wilde, spontane und massive Streiks. Und all diese Kämpfe stützten sich bei ihrer Organisierung nicht auf die Gewerkschaften sondern auf Vollversammlungen, in denen alle Arbeiter über den Kampf und die Probleme diskutieren, mit gewählten und abwählbaren Komitees, die für die Zentralisierung des Kampfes sorgen. Die großen Streiks im Mai 1968 in Frankreich wurden gegen den Widerstand der Gewerkschaften ausgelöst. Während der Streiks des „Heißen Herbst“ 1969 in Italien verjagten die Arbeiter die Gewerkschaftsvertreter aus den Streikversammlungen. 1973 griffen die streikenden Hafenarbeiter von Antwerpen das Gewerkschaftsbüro an. In den 1970er Jahren setzen die Arbeiter den Gewerkschaften in England hart zu, genau wie in Longwy, Denain, Dünkirchen in Frankreich während der Streiks 1979. Im August 1980 lehnten die Arbeiter in Polen die Gewerkschaften ab (die zum Räderwerk des Staates gehörten); sie organisierten den Massenstreik auf der Grundlage von Vollversammlungen und gewählten und abwählbaren Streikkomitees (MKS). Die Arbeiter konnten sich per Mikrofon in die Verhandlungen einschalten, so dass alle diese verfolgen, das Wort ergreifen und die Delegierten kontrollieren konnten. Man muss sich vor allem daran erinnern, wie dieser Kampf zu Ende ging: Durch die Illusion über die Möglichkeit einer neuen, freien, unabhängigen und kämpferischen Gewerkschaft, der die Arbeiterklasse vertrauen und der man die Leitung der Kämpfe übertragen könnte. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Die neue Gewerkschaft, Solidarnosc, stellte die Mikrofone ab, um geheime Verhandlungen mit dem polnischen Staat zu führen, und um in Abstimmung mit diesem die Zerstreuung und Spaltung der Arbeiter zu organisieren. Es folgte die gewaltsame Niederlage der Arbeiter.
Den Gewerkschaften zu folgen, heißt immer auf eine Niederlage zuzusteuern. Um einen massiven Kampf zu entfalten, der von der Arbeitersolidarität getragen wird, muss man den Kampf in die eigenen Hände nehmen.
»Die Emanzipation der Arbeiter [muss] das Werk der Arbeiterklasse selbst sein«
Wie sich im Kampf organisieren?
Eine Kampfbewegung lebt und entfaltet sich wie ein Mäander. Fliegende Streikposten, Blockaden, Besetzungen, Flugblattverteilungen, spontane Demonstrationen usw. all das sind mögliche Aktionsformen. Und die Arbeiterklasse wird sicherlich noch andere in zukünftigen Kämpfen erfinden.
Aber im Mittelpunkt jeden Kampfes steht notwendigerweise die Vollversammlung. In den Vollversammlungen können wir diskutieren, debattieren, kollektiv entscheiden. Die Vollversammlungen sind DER Ort offener Diskussionen und eventueller gemeinsamer Entscheidungen im Kampf. Deshalb werden sie auch immer zur Zielscheibe aller Sabotageversuche.
Solange nicht gekämpft wird, gibt es meist nur harmlose gewerkschaftlich organisierte Vollversammlungen. In allen Betrieben gibt es gewerkschaftlich organisierte „Aktionen“, bei denen meist Gewerkschaftsfunktionäre unter sich zusammenkommen und die meisten Leute der Basis, Gewerkschaftsmitglieder und solche, die keiner Gewerkschaft angehören, eine reine Beobachterrolle übernehmen, und die man nur von Zeit zu Zeit um ein Votum bittet. Zu allen diesen Treffen erscheinen meist nur wenige Leute. Die meisten Arbeiter wissen, dass sie völlig irrelevant sind.
Aber wenn – wie jetzt - Kämpfe ausbrechen, passen die Gewerkschaften sich an und spielen verschiedene Karten:
- Solange sie können, unternehmen sie alles, damit so wenige Leute wie möglich sich an den Treffen beteiligen. Entweder halten sie gar keine ab, oder nur heimlich, mit möglichst wenig Werbung für sie.
- Manchmal ist die Wut unter den Arbeitern zu groß. Um spontane Diskussionen auf Treffen zu verhindern, die nicht unter ihrer Kontrolle stehen, halten sie dann eine Reihe von Versammlungen ab. Aber diese Versammlungen sind nach Branchen, Standorten, Geschäftsbereichen usw. organisiert. Die Gewerkschaften säen somit die Spaltung, zerstreuen unsere Kräfte nach altbekannter Salamitaktik, anstatt sie zu bündeln und zu vereinigen. Im Augenblick hält man bei den Eisenbahnen der SNCF gewerkschaftliche Versammlungen ab für Lokführer, für Schaffner, Verwaltungsangestellte usw. In einigen Krankenhäusern in der Region Toulouse wird das völlig lächerlich: man hält Versammlungen auf jeder Station ab!
- Um auf jeden Fall die Kontrolle dieser Vollversammlungen zu bewahren, sind die Gewerkschaften zu allen Tricks bereit. Im Pariser Ostbahnhof war für den 14. Oktober eine Vollversammlung am Morgen anberaumt worden. Die Eisenbahner sollten gemeinsam über die Fortführung des Streiks entscheiden. Aber schließlich haben die Gewerkschaftsfunktionäre es vorgezogen, die Fortführung des Streiks selbst am Vorabend, am 13. Oktober, zu entscheiden. Es gab also keinen Grund mehr, auf der Vollversammlung am Donnerstag überhaupt zu erscheinen, weil alles ohnehin schon im Voraus entschieden war. Und in der Tat erschien fast niemand an dem Tag. So wurde das kollektive Leben der kämpfenden Arbeiterkasse abgewürgt. Eine gewerkschaftliche Sabotage wie aus dem Bilderbuch!
In ihrem Artikel „Was ist eine Vollversammlung“ beschreibt die CNT-AIT des Departement Gers sehr genau andere „Bedrohungen“, die über einer Vollversammlung schweben können:
- „Monopolisierung der Debatte. Die Vollversammlung ist nicht demokratisch. Die klassische Rolle ist die des Gewerkschaftsdelegierten, welcher die Rolle des Moderators beansprucht, sich an Debatten beteiligt, dabei aber systematisch seine Meinung aufzwingt (…)
- Undemokratisches Verhalten der Vollversammlung: Abstimmungen werden nicht respektiert. Die Tagesordnungen werden nicht eingehalten; man stellt mehrfach eine schon getroffene Entscheidung zur Abstimmung, bis die Abstimmenden erschöpft sind. Oft werden die Treffen am Ende einer Versammlung manipuliert, um sie schadlos zu machen.
- Neutralisierung einer Vollversammlung. Egal wie fruchtbar eine Vollversammlung war, sie werden nicht fortgesetzt. Oft werden Vollversammlungen für Streikende abgehalten, damit diese Luft ablassen können.“ Aber richtige Vollversammlungen müssen genau das Gegenteil sein. Sie müssen von vornerein alle Branchen- oder Berufsspaltungen überwinden. Sie müssen nicht nur allen Belegschaften offenstehen, egal welcher Branche sie angehören, und vor allem den Beschäftigten anderer Betriebe, den prekär Beschäftigten, den Rentnern, Arbeitslosen, Studenten, Gymnasiasten …., all denjenigen, die sich an der Ausdehnung der Bewegung beteiligen und die Frage klären wollen: „Wie kämpfen“?
- Wie die anarcho-syndikalistische Organisation des Departement Gers schreibt: „Die Vollversammlung ist demokratisch; sie garantiert das Rederecht, mit gleicher Redezeit und keiner Themenzensur. Dieses Rederecht wird durch ein Mandat garantiert, durch den Moderator. (…)
- Die Vollversammlungen treffen Entscheidungen, die Abstimmung finden durch Handheben statt (…)
- Die Vollversammlung ist von unbeschränkter Dauer, es wird ein Bericht erstattet, der von einem dafür eigens bei Beginn der Versammlung Benannten angefertigt wird, der zur Aufgabe hat, die Debatten und Entscheidungen der Vollversammlung zu protokollieren und zu verbreiten. Auf der Vollversammlung wird das Datum und der Ort der nächsten VV geplant.“
- Diese letzten Punkte sind wesentlich. Eine VV ist kein Ort zum einfachen Luftablassen der Wut der Beschäftigten. Sie ist viel mehr als das. Man kann sich hier zu Wort melden; und sie ist oft der einzige Ort, wo die Arbeiter wirklich das Wort ergreifen können. Aber in einer Vollversammlung wird auch die Einheit der Arbeiterklasse geschmiedet.
- Unsere Klasse kann in solchen VV kollektiv Entscheidungen treffen. Deshalb ist es wichtig, dass eine VV durch die Verabschiedung von Texten und gegebenenfalls Aktionen konkretisiert wird.
- Hier kann die Ausdehnung eines Kampfes beschlossen und organisiert werden, indem massive Delegationen zu anderen Arbeitern geschickt werden (Fabriken, Verwaltungen, Krankenhäuser…), die geographisch am nächsten liegen, und wo die Belegschaften am kämpferischsten sind, und sie dazu aufzurufen, sich ihrem Kampf anzuschließen.
- In den VV können sich die Beschäftigten verschiedener Standorte und Branchen absprechen. Die VV müssen untereinander durch Komitees koordiniert werden, die auch aus gewählten Delegierten zusammengesetzt sind, und ständig ihnen gegenüber Rechenschaft ablegen und immer abwählbar sein müssen.
Die gegenwärtige Bewegung gegen die Rentenreform hat das Ausmaß der Wut der Arbeiter deutlich werden lassen, die Macht ihrer Entschlossenheit und ihrer Fähigkeit, sich massiv zu mobilisieren. Aber unserer Klasse ist es bislang noch nicht gelungen, sich gemeinsam im Kampf in souveränen und autonomen Vollversammlungen zu organisieren. Das ist die Hauptschwäche dieses Kampfes. Diese Stufe muss die Arbeiterklasse notwendigerweise hinter sich lassen, wenn sie ihre Kämpfe in die Hand nehmen und geeint und solidarisch dem Kapital entgegentreten will. IKS, 22.10.2010
Staatliche Provokationen, Einschüchterungen und Repression
In Lyon zog am 21. Oktober ein Demonstrationszug zum Bellecour-Platz. Der Zug traf auf einige Dutzend Jugendliche, die mit der Polizei zusammenprallten und alles zerschlugen, was ihnen vor die Füße kam. Sofort verhinderte eine polizeiliche Absperrung sie daran weiterzuziehen und drängte sie aufgrund einer „Anweisung von Oben“ ruppig zurück.
Die Herrschenden wollen vor allem nicht, dass die Demonstranten mit den „Randalierern“ diskutieren und sie davon überzeugen, ihre Wut anders zum Ausdruck zu bringen, indem sie sich nämlich dem Kampf gegen die Rentenreform anschließen. Sie wünschen genau das Gegenteil: dass die Demonstrationen entarten und in einer blinden Gewalt enden.
Um ihr Ziel zu erreichen, haben sie voll zugeschlagen. Die Bullen hatten Order, auf alles zu prügeln, was sich bewegte und weniger als 20 Jahre alt war. Überall in Frankreich wurden die Gymnasiasten provoziert und geschlagen. Das Ziel dieses Vorgehens ist klar: den Jugendlichen, ihren Eltern und der ganzen Arbeiterklasse Angst einjagen und zu versuchen, die Bewegung unpopulär zu machen, indem dieser Kampf fälschlicherweise mit Zerstörung und Gewalt identifiziert wird.
Aus unserer Sicht haben diese Ereignisse erneut den wahren Charakter der Herrschenden und der Arbeiterklasse zutage treten lassen.
Auf der einen Seite eine Klasse, die Hass und Spaltung schürt; mit ihrem gewaltsamen Vorgehen, dem Einsatz von Flash-balls, Schlagstöcken und Tränengas die Jugendlichen terrorisieren und ihnen Angst einjagen will.
Ihr gegenüber steht die Arbeiterklasse, die sich für Solidarität einsetzt. Jugendliche kämpfen dafür, dass ihre Eltern und Großeltern nicht in Armut leben, und die ältere Generation, die sich weigert, die Galeere hinzunehmen, in die die junge Generation gesteckt werden soll.
Nieder mit dem staatlichen Terror, Es lebe der Klassenkampf. IKS 22.10.2010
Wir veröffentlichen nachfolgend eine kurze Chronologie der verschiedenen Ereignisse und Etappen der Bewegung des Kampfes gegen die Rentenreform, die sich seit Monaten in Frankreich entfaltet hat.
Wir werden diese Aufstellung weiter ergänzen, sobald weitere Schritte erfolgen.
Diese Bewegung ist schon reich an Lehren für die Weltarbeiterklasse. Gegenüber der Lügenpropaganda der Staaten, der französischen Medien und der internationalen Presse müssen unbedingt Zeugenaussagen und verschiedene Informationen über den Kampf so breit wie möglich in allen Ländern verbreitet werden. Wir fordern also alle unsere LeserInnen dazu auf, die nachfolgende Chronologie der Ereignisse (die notwendigerweise unvollständig und auf bestimmte Teile beschränkt ist) zu ergänzen. Ihr könnt dazu unser Diskussionsforum benutzen (und wir werden uns bemühen, so weit unsere Kräfte es erlauben, diese Texte in die Hauptsprachen zu übersetzen).
Ein gewerkschaftlicher Zusammenschluss (dem fast alle französischen Gewerkschaften angehören, von den Gewerkschaften, die am offensten mit der Regierung „kollaborieren“, bis zu den „radikalsten“) ruft zu einem ersten Aktionstag auf.
800.000 Demonstranten versammeln sich auf den Straßen. Die Atmosphäre zeigt eher Zurückhaltung, es herrscht Resignation vor. Die Rentenreform war seit mehreren Monaten, ja Jahren von der Regierung vorbereitet worden. Die Politiker, die Medien, die „Experten“ aller Couleur behaupten ununterbrochen, dass diese Reform unabdingbar und unumgänglich sei, ja der Fortbestand der Zahlungsfähigkeit der Rentenkassen und des Staatshaushalts stünde auf dem Spiel. Übrigens forderten die Gewerkschaften nicht „Rücknahme des Angriffs auf die Renten“. Sie riefen dazu auf, für „mehr Verhandlungen zwischen Staaten und Gewerkschaften“ zu kämpfen und für eine „gerechtere, menschlichere“ Reform.
Kurzum, alle – Staat, Arbeitgeber, Gewerkschaften – behaupteten, dieses Opfer sei eine „nützliche Notwendigkeit“. Die Unzufriedenheit über den starken Druck dieser Propaganda war zwar groß, aber die Kampfbereitschaft war noch nicht so angewachsen.
Das gleiche Schauspiel ging wieder los. Der gewerkschaftliche Zusammenschluss ruft zu einem zweiten Aktionstag nach dem gleichen Szenario auf mit den gleichen Forderungen. Die Teilnehmerzahl liegt leicht höher (ca. eine Million Teilnehmer), aber die Stimmung ist immer noch eher durch Hoffnungslosigkeit geprägt.
Die Gewerkschaften hoffen darauf, der Bewegung den Gnadenstoß zu versetzen. Ein dritter Aktionstag ist geplant. In Anbetracht der ziemlich gedrückten Stimmung der ersten beiden Aktionstage sollte dieser Aktionstag vor der Sommerpause eine Art „Begräbnistag“ werden. Die Maschine ist gut geölt: Ein Aktionstag mit gleicher Beteiligung hieße, dass die „Sache abgeschlossen“, über die Bühne gebracht sei. In Anbetracht der zwei bevorstehenden Monate Sommerpause soll jeder Funken Hoffnung auf eine Verstärkung des Kampfes ausgelöscht werden. Die Gewerkschaften hatten sich schon in ihren Reden darauf eingestimmt: „Wir haben alles versucht, aber die Kampfbereitschaft der Beschäftigten war nicht stark genug“. Die Entmutigung war vorhersehbar!
Diese Technik war früher schon mehrfach, oft erfolgreich, ausprobiert worden. Aber der Schuss ging daneben. Am 24. Juni ziehen zwei Millionen Beschäftigte, Arbeitslose und prekär Beschäftigte auf die Straße.
Neben der großen Teilnehmerzahl schlägt auch die Stimmung um: Wut und Empörung nehmen deutlich zu. Seit der Zuspitzung der Wirtschaftskrise 2008 verschärfen sich Verarmung und Ungerechtigkeit. Die Rentenreform wird zum Symbol der brutalen Verschlechterung der Lebensbedingungen.
Der Aktionstag des 24. Juni hat der Moral der Arbeiterklasse wieder Auftrieb verliehen. Die Idee, dass ein druckvoller Kampf möglich ist, gewinnt an Boden. Die Gewerkschaften verspüren natürlich auch, dass der Wind sich dreht. Sie wissen, die Frage „Wie kämpfen“ weicht nicht aus den Köpfen. Sie beschließen, sofort das Terrain zu besetzen und ideologisch vorzurücken. Sie wollen verhindern, dass die Arbeiter selbständig, außerhalb der gewerkschaftlichen Kontrolle denken und handeln. Sie kündigen deshalb sofort am Tag nach dem 24. Juni einen neuen Aktionstag für die Zeit nach der Sommerpause an (7. September).
Um sicherzustellen, dass „das selbständige Denken“ eingedämmt wird, heuern sie gar Flugzeuge an, die mit Spruchbändern mit Aufrufen zu den Kundgebungen am 7. September über die Badestrände fliegen.
Aber ein anderes Ereignis, das unter „Sonstiges“ gehandelt werden könnte, lässt im Sommer die Wut weiter ansteigen – „die Woerth-Affäre“ (es geht um politische Begünstigung unter gegenwärtig an der Macht befindlichen Politikern und eine der reichsten Erbinnen des französischen Kapitals, Frau Bettencourt, Chefin von L’Oréal, mit der Beschuldigung von Steuerhinterziehungen und illegalen Absprachen aller Art). Nun ist Eric Woerth niemand anders als der für die Rentenreform verantwortliche Minister. Die empfundene Ungerechtigkeit ist groß: Die Arbeiterklasse soll den Gürtel enger schnallen, während die Reichen und Mächtigen „ihre Geschäfte untereinander machen“.
Von Anfang an konnte man für diesen Aktionstag eine große Beteiligung erwarten. Dabei wurde ein Aktionstag zum ersten Mal so früh nach dem Ende der Sommerferien angesetzt. Schon vor dem 7. September und in Anbetracht der hochkochenden Wut der Arbeiter verkünden die Gewerkschaften eine neue Demonstration für einen Samstag, damit „jeder teilnehmen“ könne.
Am 7. September strömen 2.7 Millionen Demonstranten zusammen. Die Sommerpause hat nichts bewirkt; es scheint, ein heißer Herbst stehe bevor, der die Dynamik der Entwicklung vor dem Sommer fortsetzen werde. Aufrufe zu weiteren Streiks machen die Runde.
In Anbetracht des Ausmaßes der Wut und der massiven Mobilisierung reagiert der gewerkschaftliche Zusammenschluss sofort. Im Handumdrehen wird die Samstags-Demonstration abgesagt, die Möglichkeit von erneuten Streiks wird verworfen. Ein neuer Aktionstag wird für 15 Tage später (23. September) verkündet. Die Dynamik soll gebrochen, Zeit geschunden werden. Dieses „verantwortungsbewusste Handeln“ des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses wird dann später von den höchsten Instanzen des französischen Staates gelobt werden.
Drei Millionen Demonstranten auf der Straße! Die Bewegung steigt also weiter an. Zum ersten Mal zögern die Demonstrationszüge nach dem Ende der Kundgebungen, sich aufzulösen. Genauer gesagt bleiben in zahlreichen Städten nach den Kundgebungen einige Dutzend Leute hier, einige Hundert Leute da zusammen. Es zirkulieren zum ersten Mal Flugblätter aus branchenübergreifenden Bereichen, die dazu aufrufen, dass die Arbeiter den Kampf in die eigenen Hände nehmen. 2 [140]. In einigen Städten organisiert die CNT-AIT “Volksversammlungen”, damit sich jeder “frei zu Wort” melden kann (die IKS schloss sich später dieser ausgezeichneten Initiative an). Von da an wurden erfolgreich diese Versammlungen auf der Straße abgehalten; es gelang mehreren Dutzenden Leuten, insbesondere in Toulouse, jede Woche zusammenzukommen (3 [141].)
Dieser Wille zur Selbstorganisierung, der hier durch die Minderheiten zum Vorschein kommt, zeugt davon, dass in der ganzen Klasse die Gewerkschaftsstrategie infragegestellt wird, ohne daraus natürlich schon all die Konsequenzen zu ziehen.
Die erste Demonstration, die an einem Samstag stattfand. Die Zahl der Teilnehmer bleibt im Wesentlichen unverändert. Aber zu den drei Millionen Teilnehmern gehören dieses Mal auch neben den üblichen Teilnehmern Familien und Beschäftigte der Privatindustrie, die üblicherweise nicht in den Streik treten können.
Mehrere Versuche, Straßenversammlungen nach Kundgebungsende abzuhalten, scheitern:
- In Paris wird von der branchenübergreifenden Gruppe Turbin (der Name rührt von ihrer E-mail [email protected] [142] her) ein Flugblatt mit dem Aufruf verteilt, an einem Zeitungsstand nach Ende der Kundgebung bei dem Spruchband „Die beste Rente ist der Angriff“, „Nehmen wir unsere Kämpfe in die eigenen Hände“ zusammenzukommen. Ein Beleg, dass dieser Aufruf tatsächlich verbreitet wurde: am vorgeschlagenen Treffpunkt warten Dutzende… Polizisten (mit Kamera!). Weil es keinen geeigneten Ort für eine Versammlung gab, konnte diese nicht abgehalten werden. Der Zug der branchenübergreifenden Gruppe beschließt daraufhin, weiter zu demonstrieren. Ca. 50 Teilnehmer ziehen los, innerhalb einer Stunde versammeln sich ca. 300 Leute.
- In Tours ruft das Komitee „Für die Ausdehnung der Kämpfe“ per Flugblatt dazu auf, „die Straße für uns zu gewinnen“.
- In Lyon sprechen sich einige Dutzend Demonstranten dafür aus, nicht sofort auseinanderzugehen, sondern zusammenzubleiben, um in einer Straßenversammlung zu diskutieren und gemeinsam zu überlegen, wie sie die Bewegung fortsetzen und entfalten können. Die Lautsprecher der CGT (die größte französische Gewerkschaft) ersticken schließlich diese Initiative; deren dröhnender Lärm macht jede wirkliche Debatte unmöglich.
Diese gescheiterten Versuche zeigen einerseits die Anstrengungen unserer Klasse, die Kämpfe in die eigenen Hände zu nehmen, andererseits aber auch die Schwierigkeiten der jetzigen Zeit (insbesondere das mangelnde Selbstvertrauen, das noch eine Fessel für die Ausgebeuteten ist).
In Toulouse dagegen finden die Volksversammlungen weiterhin statt. Die Initiative nimmt immer größere Ausmaße an, da die CNT-AIT und die IKS am Ende der Demonstration ein Spruchband aufstellen, auf dem steht: „Beschäftigte, Arbeitslose, Studenten, Rentner, nehmen wir den Kampf in die eigenen Hände“. Vor Ort wird eine Versammlung auf der Straße abgehalten, mehrere Dutzend Leute beteiligen sich daran.
An diesem neuen Aktionstag kommen ca. 3.5 Millionen Teilnehmer zusammen, ein neuer Rekord!
Wichtiger noch, die Stimmung ist ziemlich aufgewühlt. Es werden immer mehr branchenübergreifende Vollversammlungen abgehalten; es entstanden mehrere Dutzend in ganz Frankreich. Es beteiligen sich jeweils zwischen 100-200 Leuten. Die Politik der zusammengeschlossenen Gewerkschaften wird immer offener kritisiert. In zahlreichen Flugblättern der branchenübergreifenden Zusammenschlüsse wird gar ausdrücklich gesagt, dass diese absichtlich in die Niederlage führen 4 [143]. Als Zeichen dieser Dynamik wird in Toulouse neben den von der CNT-AIT (und in einem geringeren Maße von der IKS) organisierten Volksversammlungen ein Aufruf zur Abhaltung einer Straßenversammlung jeden Tag vor den Gewerkschaftshäusern um 18.00 h verfasst (bis heute, 20. Oktober, trifft man sich weiterhin täglich), und weitere Aufrufe per Flugblatt werden verfasst.
Ein neuer Streik wurde schließlich von den meisten Gewerkschaften beschlossen. Nach diesem ganzen Marathon (die Bewegung hat vor sieben Monaten angefangen!) und zahlreichen Streiktagen, an denen sich die Arbeiter an früheren Aktionstagen wiederholt beteiligten, kommt dieser verlängerbare Streik sehr spät. Die Arbeiter haben schon große Lohnverluste hinnehmen müssen. Darauf setzen jedenfalls die Gewerkschaften. Aber auch an dieser Bewegung beteiligen sich viele.
Bei den Eisenbahnern und den Lehrern der Pariser Region wurden viele Vollversammlungen abgehalten, die von den Gewerkschaften organisiert wurden. Das Ausmaß der Spaltung und Sabotage erscheinen hier schon fast lächerlich. Bei den französischen Eisenbahnen SNCF werden die gewerkschaftlichen Vollversammlungen je nach Beschäftigungsbereich organisiert (Lokführer auf der einen, Schaffner auf der anderen Seite, und das Verwaltungspersonal wiederum für sich in seiner Ecke); in einigen Krankenhäusern organisiert jede Station ihre eigene Vollversammlung. Sie sind absolut nicht souverän. Zum Beispiel am Pariser Ostbahnhof steht die Entscheidung über die Verlängerung des Streiks für Donnerstag, den 14. Oktober morgens an; die Gewerkschaftsfunktionäre stimmen schon am Mittwoch unter sich darüber ab. Diese Strategie zeigt zwei Folgen:
- Die Vollversammlung verliert ihren Zweck; die Beschäftigten gehen nicht mehr hin, da ohnehin schon alles beschlossen ist;
- Sie ermöglichen den Medien, die Abstimmung über die Verlängerung des Streiks als die Angelegenheit einer winzigen Minderheit darzustellen; so möchte man die Bewegung unpopulär machen.
Und hier spielen die Gewerkschaften ihren größten Trumpf aus: Lähmung des öffentlichen Verkehrs (vom 12. Oktober an fallen viele Züge aus, die Blockade der Raffinerien gefährdet die Benzinversorgung), um so Spannungen innerhalb der Arbeiterklasse zu schüren und diejenigen, die arbeiten wollen (und müssen), gegen die Streikenden aufzuwiegeln.
Die zweite Demonstration an einem Samstag. Erneut ziehen ca. drei Millionen Menschen auf die Straße.
Ein neues Element tritt in Erscheinung: die Jugend. Gymnasiasten, die einige Tage zuvor in den Kampf eingetreten sind, nehmen an den Protestzügen teil.
Am darauffolgenden Monat werden ca. 1000 Schulen blockiert und es kommt zu vielen Demonstrationen der Gymnasiasten. Die UNL, die größte Gewerkschaft der Gymnasiasten (nicht der Studenten), die diese Bewegung mit angeleiert hat, gesteht ein, von dem Ausmaß der Bewegung überrollt zu sein.
Der Staat schlachtet das Auftreten einiger weniger jugendlicher Randalierer unter den Gymnasiasten aus, um einige “Blockierer” und junge Demonstranten äußerst gewaltsam zu unterdrücken (ein siebzehnjähriger Jugendlicher verliert infolge eines Flash-Ball-Schusses in Montreuil in einem Pariser Vorort fast ein Auge). Die Ordnungskräfte fachen die Wut weiter an mit ihren polizeilichen Provokationen. Das Ziel ist klar: die Bewegung soll entarten, in blinder Gewalt versinken und in sinnlosen Zusammenstößen mit den Bullen verenden. Damit will der Staat den Kampf unpopulär machen, die Jugendlichen, ihre Eltern und die ganze Arbeiterklasse einschüchtern.
Die Studenten, die im Mittelpunkt der siegreichen Bewegung gegen den CPE 2006 standen, scheinen sich jetzt auch der Bewegung anzuschließen. In einigen Universitäten wird deren Blockade beschlossen (insbesondere in Paris, Toulouse, Rennes), aber bislang beteiligen sich nur ganz wenige Studenten daran.
Die Drohung der Blockade der Raffinerien, die seit dem 12. Oktober in der Luft lag, wird umgesetzt. Ohne irgendeine Entscheidung in Vollversammlungen zu berücksichtigen, folgen die Truppen der CGT den Anweisungen ihrer Gewerkschaft und legen die Raffinerien lahm. Sehr schnell geht vielen Tankstellen (nach Schätzungen zwischen 1000-2000) das Benzin aus.
Die Mobilisierungen nehmen auch bei der SNCF zu; mehr und mehr Züge fallen aus.
Trotz dieser Lähmung des Transportwesens wird die Bewegung nicht unpopulär. Selbst jene Medien, die üblicherweise Passanten auf der Straße interviewen, von denen dann oft viele ihren ganzen Hass äußern, weil in irgendeinem Bahnhof Züge ausfallen, müssen dieses Mal zugeben, dass dieselben „Reisenden“ mit der Bewegung solidarisch sind, dass sie Geduld und Nachsicht zeigen und die Streikenden voll unterstützen, denn „sie kämpfen für unser gemeinsames Interesse“. Einige Gewerkschaftsvollversammlungen und einige branchenübergreifende Gruppierungen beschließen gar die Unterstützung der Blockierer der Raffinerien, vor denen es oft zu sehr brutalen Übergriffen seitens der Polizei bei der „Räumung der Raffinerien“, der „Wiederherstellung der Ordnung“ und dem Vorgehen „gegen Diebe“ kommt (so der Präsident der Republik, Nicolas Sarkozy).
Trotz des Benzinmangels, trotz der ausgefallenen Züge, trotz der Einschüchterungen und der Repression strömen am 19. Oktober dreieinhalb Millionen Menschen auf der Straße zusammen. Dies spiegelt das Ausmaß der Wut der Arbeiter wider!
Gegenüber dem Ausmaß dieser neuen Mobilisierung greift der Staat noch mehr zum Polizeiknüppel und den Flash-Balls. Insbesondere in Lyon wartet ein massives Polizeiaufgebot auf den eintreffenden Demonstrationszug. Die Polizisten schüren bewusst den Hass unter den Jugendlichen. Eine Handvoll von ihnen lässt sich provozieren. Die Repression endet damit in einer Kette von Gewalt; die Bullen schlagen auf alles ein, was sich bewegt: auf Jugendliche, die irgendwie wie Randalierer aussehen (d.h. es reicht eine Kappe zu tragen) oder ganz einfach nur jung aussehen, aber auch auf Ältere. Der Staat hat sicherlich gespürt, dass er dieses Mal zu weiter gegangen ist, denn einige Minister rufen „zu Ruhe und Besonnenheit“ auf (in Wirklichkeit sind diese Aufrufe an ihre eigenen Truppen gerichtet). Die Demonstration in Paris fand anschließend „ohne Zusammenstöße“ statt, wie die Presse unterstrich.
Zusammenfassend gesagt; die Bewegung entfaltet sich nunmehr seit sieben Monaten. Die Wut ist sehr groß. Die Forderungen gegen die Rentenreform neigen dazu, in den Hintergrund zu treten. Die Medien gestehen ein, dass die Bewegung sich „politisiert“ habe. Die ganze Verarmung, die prekären Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung usw. werden offen verworfen. Die Solidarität zwischen den verschiedenen Branchen hat auch zugenommen. Aber bislang ist es der Arbeiterklasse nicht gelungen, ihre Kämpfe wirklich in die eigene Hand zu nehmen. Sie wünscht das immer mehr; einige Minderheiten nehmen hier und da immer mehr Anläufe in diese Richtung. Das Misstrauen gegenüber den zusammengeschlossenen Gewerkschaften wächst; aber noch gelingt es den Arbeitern nicht, sich mittels autonomer und souveräner Vollversammlungen und somit außerhalb der Gewerkschaften zu organisieren. Aber solche Vollversammlungen waren das Herz der Bewegung gegen den CPE 2006; damals hatten diese der Bewegung ihre Stärke verliehen. Der Arbeiterklasse scheint es noch an Selbstvertrauen zu mangeln. Die weitere Entwicklung der Kämpfe wird uns zeigen, ob es ihr gelingen wird, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn es dieses Mal nicht gelingt, dann eben das nächste Mal. Die gegenwärtigen Kämpfe verheißen viel für die zukünftigen Kämpfe!
Fortsetzung folgt… IKS
1 [144] All diese Teilnehmerzahlen sind Angaben des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses. Manchmal weichen die Angaben, welche die Gewerkschaften und die Polizei machen, im Verhältnis 1:10 voneinander ab. Die Medien sprechen schon von einem „Krieg der Zahlen“. Diese Zahlenspiele erwecken den Eindruck, es gebe einen radikalen Gegensatz zwischen den Gewerkschaften und dem Staat (obwohl sie nur ein anderes Instrument im gleichen Orchester und mit der gleichen Partitur spielen); die Wirklichkeit soll vernebelt werden. Niemand kennt die wirkliche Teilnehmerzahl der Demonstrationen. Wir haben immer die Angaben der Gewerkschaften herangezogen, die sicherlich der Wirklichkeit eher nahekommen, denn dadurch kann man Tendenzen erkennen und sehen, ob die Teilnehmerzahl weiter steigt oder rückläufig ist.
2 [145] Beispiele dieser Flugblätter findet ihr auf unserem Forum unter: "Prenons nos luttes en main".
3 [146] Siehe zum Beispiel einen der Aufrufe zu diesen Volksversammlungen: “In diesem Herbst ragen die massiven Demonstrationen heraus, die durch die Rentenreform hervorgerufen werden. Hunderttausende beteiligen sich an diesen von den Gewerkschaften organisierten Kundgebungen. Wie viele kehren frustriert nach Hause zurück? Frühere Erfahrungen haben zu genüge gezeigt, dass diese wiederholten Aktionstage nichts anderes als hilflose Sparziergänge sind. Wenn wir nicht reagieren, wenn wir nicht das Wort ergreifen, um gemeinsam zu entscheiden, wie wir unseren Kampf entfalten können, werden wir besiegt werden, und andere Niederlagen werden folgen. Deshalb fordern wir euch auf zusammenzukommen um zu debattieren, die Atomisierung zu durchbrechen. Was könnte passieren, wenn diejenigen, die ohne Stimme oder isoliert sind, zusammenkommen und ihre Stimme erheben? Muss man immer noch auf den „richtigen Augenblick“ warten oder auf eine Erlaubnis dazu? Wir schlagen vor, kommt am Montag, den 11. Oktober um 13.00 h vor der Arche zusammen, um zu diskutieren, um jetzt gemeinsam vorzugehen, damit wir eine gemeinsame Antwort geben können. Überwinden wir die Zerstreuung. Nutzen wir diesen Moment aus, um einen wirklichen Ort der brüderlichen Debatte, die allen offen steht, zu schaffen.“
4 [147] Lest insbesondere das Flugblatt “Aufruf an alle Beschäftigten”, unterzeichnet mit “Beschäftigte und prekär Beschäftigte der branchenübergreifenden Vollversammlung des Ostbahnhofs”. In diesem Flugblatt wird zum Beispiel betont: „Wenn wir die Chérèque (CFDT), Thibault (CGT) & Co. An unserer Stelle entscheiden lassen, bereiten wir nur neue Niederlagen vor.“ Und „Die Form, die die Bewegung annehmen wird, liegt in unseren Händen. Wir müssen diese selbst schaffen – an unserem Arbeitsplatz, mit Streikkomitees, in unseren Wohnvierteln mittels souveräner Vollversammlungen. Sie müssen die arbeitende Bevölkerung im größtmöglichen Umfang zusammenbringen, die auf nationaler Ebene koordiniert mit gewählten und jederzeit abwählbaren Delegierten vorgeht. Wir selbst müssen Aktionen, Forderungen beschließen. Niemand anders kann das an unserer Stelle machen.“
Trotz dieser offensichtlichen Tatsache gibt es seit langem nur wenige bis gar keine Beziehungen zwischen diesen beiden revolutionären Strömungen. Erst in den letzten Jahren wurde begonnen, miteinander zu debattieren und zusammenzuarbeiten. Dies ist das Ergebnis einer leidvollen Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Haltung der Mehrheit in der bolschewistischen Partei zwischen 1918-1924 (unterschiedsloses Verbot jeglicher anarchistischen Presse, die Zusammenstöße mit der Armee Machnos, die blutige Niederschlagung der Matrosenrevolte in Kronstadt…) hat einen Graben zwischen den revolutionären Marxisten und den Anarchisten entstehen lassen. Aber vor allem der Stalinismus, der Tausende von Anarchisten im Namen des „Kommunismus“ getötet hat(2 [150]), hat ein reales, jahrzehntelang wirkendes Trauma bewirkt (3 [151]).
Noch heute gibt es auf beiden Seiten gewisse Ängste vor der Diskussion und Zusammenarbeit. Um diese Schwierigkeiten zu überwinden, muss man davon überzeugt sein, dass man ungeachtet all der Divergenzen dem gleichen Lager angehört, nämlich dem der Revolution und des Proletariats. Aber das reicht nicht. Wir müssen auch bewusste Anstrengungen unternehmen, um die Qualität unserer Debatten zu verbessern. Vom „Abstrakten zum Konkreten“ zu gelangen ist immer die schwierigste Etappe. Deshalb möchten wir mit diesem Artikel genauer darstellen, in welchem Geist wir dieses mögliche und notwendige Verhältnis zwischen der Kommunistischen Linken und internationalistischem Anarchismus gestalten wollen.
In unserer Presse haben wir mehrfach in verschiedener Form die Aussage gemacht, dass der Anarchismus von Anfang an mit kleinbürgerlichen Merkmalen behaftet sei. Diese in der Tat radikale Kritik wird von den anarchistischen Militanten als inakzeptabel angesehen, selbst von denjenigen, die der Diskussion zumeist offen gegenüberstehen. Und selbst heute noch reicht die Kennzeichnung des „Anarchismus“ als „kleinbürgerlich“ manchem Anarchisten aus, um nichts mehr von uns hören zu wollen. Neulich noch hat jemand, der sich auf den Anarchismus beruft, auf unserem Internet-Forum diese Kritik als eine echte „Beleidigung“ bezeichnet. Wir sind nicht dieser Ansicht.
So tiefgreifend unsere jeweiligen Divergenzen auch sind, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass die Mitglieder der Kommunistischen Linken und des internationalistischen Anarchismus als Revolutionäre miteinander debattieren. Übrigens richten auch die internationalistischen Anarchisten heftige Kritik gegen den Marxismus, angefangen von den angeblichen natürlichen Neigungen zum „Autoritären“ und zum „Reformismus“. Auf der Webseite der CNT-AIT in Frankreich zum Beispiel findet man viele Beispiele dieser Art: „Die Marxisten wurden schrittweise (von 1871 an) zu den Einschläfern der Ausgebeuteten und unterzeichneten die Geburtsurkunde des Arbeiterreformismus“ (4 [152]).
“Der Marxismus ist verantwortlich für die Ausrichtung der Arbeiterklasse auf parlamentarische Aktionen [...]. Erst wenn man dies verstanden hat, kann man sehen, dass der Weg zur sozialen Befreiung uns zur glücklichen Welt des Anarchismus führt, und dabei müssen wir den Marxismus überwinden“ (5 [153]).
Es handelt sich hier nicht um „Beleidigungen“, sondern um radikale Kritiken…, mit denen wir natürlich überhaupt nicht einverstanden sind. In diesem Sinne wollen wir auch unsere Analyse hinsichtlich des Charakters des Anarchismus verstanden wissen. Wir wollen hier diese Kritik kurz in Erinnerung rufen. In dem Kapitel „Das kleinbürgerliche Wesen des Anarchismus“ schrieben wir 1994: „Das Wachstum des Anarchismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Produkt des Widerstandes der kleinbürgerlichen Schichten – Handwerker, Intellektuelle, Ladenbesitzer, Kleinbauern – gegen den Triumphmarsch des Kapitals, ein Widerstand gegen den Prozess der Proletarisierung, der sie ihrer früheren gesellschaftlichen ‚Unabhängigkeit‘ beraubte. Am stärksten in jenen Ländern, wo das Industriekapital spät auf die Bühne trat, in den südlichen Randgebieten Europas, drückte er sowohl die Rebellion dieser Schichten gegen den Kapitalismus als auch ihre Unfähigkeit aus, darüber hinweg auf die kommunistische Zukunft zu blicken; stattdessen verlieh er ihrem Sehnen nach einer semi-mystischen Vergangenheit der freien lokalen Gemeinschaften und der strikt unabhängigen Produzenten Ausdruck, frei von der Unterdrückung durch das Industriekapital und den zentralisierenden bürgerlichen Staat. Der ‚Vater‘ des Anarchismus, Pierre-Joseph Proudhon, war die klassische Verkörperung dieser Haltung, mit seinem erbitterten Hass nicht nur gegen den Staat und den großen Kapitalisten, sondern auch gegen den Kollektivismus aller Schattierungen, einschließlich der Gewerkschaften und ähnlicher Ausdrücke der Kollektivität der Arbeiterklasse. Entgegen all der realen Trends, die sich in der kapitalistischen Gesellschaft entwickelten, war Proudhons Idee eine ‚mutualistische‘ Gesellschaft, die sich auf der individuellen Handwerksproduktion gründet, verbunden mit freiem Austausch und Kredit.“ (6 [154]).
Oder auch in “Anarchismus und Kommunismus” im Jahre 2001: „In der Genese des Anarchismus hat man den Standpunkt des Arbeiters, der gerade proletarisiert wurde und seinen neuen Status mit jeder Faser seines Leibes ablehnt. Nachdem sie gerade aus der Bauernschaft oder dem Handwerkstum herausgetreten sind, oft noch auf dem halben Wege vom Handwerker zum Arbeiter (wie die Uhrmacher aus dem Jura zum Beispiel), drücken diese Arbeiter angesichts ihres Abstiegs unter die Bedingungen der Arbeiterklasse ihre Trauer um den Verlust der Vergangenheit aus. Ihr gesellschaftliches Streben war es, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Im Zentrum dieser Konzeption stand die Nostalgie für das kleine Eigentum. Daher analysieren wir, getreu Marx, den Anarchismus als den Ausdruck des Eindringens der kleinbürgerlichen Ideologie in die Reihen des Proletariats.“ (7 [155]). Anders gesagt, meinen wir, dass der Anarchismus von Anbeginn durch ein tiefes Gefühl für die Revolte gegen die Barbarei der kapitalistischen Ausbeutung geprägt war, dass er aber auch den Einflüssen der „Handwerker, Händler, Kleinbauern“ ausgesetzt ist, die zu seiner Gründung beigetragen haben. Das heißt keineswegs, dass alle anarchistischen Gruppen „kleinbürgerlich“ sind. Es ist offensichtlich, dass die CNT-AIT, die KRAS (8 [156]) und andere Gruppen von einem revolutionären Geist der Arbeiterklasse durchdrungen sind. Im 19. und 20. Jahrhundert haben zahlreiche Arbeiter, die anarchistische Sache vertretend, für die Abschaffung des Kapitalismus sowie für die Herbeiführung des Kommunismus gekämpft, von Louise Michel über Volin und Malatesta bis hin zu Durruti. Während der Welle revolutionärer Kämpfe 1917 hat ein Teil der Anarchisten selbst Arbeiterbataillone aufgestellt, die zu den kämpferischsten gehörten.
Seit jeher gibt es innerhalb der anarchistischen Bewegung einen Kampf gegen die Beeinflussung durch die radikalisierte kleinbürgerliche Ideologie. Dies spiegelt sich auch in den tiefen Divergenzen zwischen individualistischen, genossenschaftlichen, reformistischen, kommunistisch-nationalistischen und kommunistisch-internationalistischen Anarchisten wider, wobei nur die Letztgenannten wirklich dem revolutionären Lager angehören. Doch selbst die internationalistischen Anarchisten werden durch die historischen Wurzeln ihrer Bewegung beeinflusst. Hier liegt z.B. die Ursache für ihre Neigung, den Kampf der Arbeiterklasse durch den „autonomen Volkswiderstand“ zu ersetzen.
Die IKS betrachtet es deshalb als ihre Pflicht, alle Divergenzen ehrlich aufzuzeigen, um so gut wie möglich zur allgemeinen Verstärkung des revolutionären Lagers beizutragen. Genau wie es die Pflicht der internationalistischen Anarchisten ist, weiterhin ihre Kritik am Marxismus zu äußern. Dies darf auf keinen Fall ein Hindernis für die brüderliche Haltung in unseren Debatten oder eine Bremse für eine eventuelle Zusammenarbeit sein, im Gegenteil (9 [157]).
All diese Kritiken an den Anarchisten hat die IKS nicht wie ein Lehrer an seine Schüler gerichtet, der diese korrigiert. Dennoch wurde in einigen Wortmeldungen auf unserem Forum unserer Organisation ein „oberlehrerhafter“ Ton vorgeworfen. Neben der Frage des Geschmacks für diesen oder jenen literarischen Stil verbirgt sich hinter diesen Bemerkungen eine echte theoretische Frage. Erfüllt die IKS gegenüber der CNT-AIT - oder allgemeiner, erfüllt die Kommunistische Linke gegenüber dem internationalistischen Anarchismus eine „Führungsrolle“, kann sie als Vorbild dienen? Halten wir uns für eine aufgeklärte Minderheit, die den anderen DIE Wahrheit, DAS Bewusstsein einflößen muss?
Solch eine Auffassung stünde im völligen Gegensatz zur ganzen Tradition der Kommunistischen Linken. Und diese Tradition verweist noch in einem tieferen Sinn auf die Verbindung zwischen den revolutionären Kommunisten und ihrer Klasse. Marx behauptete in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“: „Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Lass ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft…“ (10 [158]).
Die Revolutionäre, Marxisten oder internationalistische Anarchisten, stehen nicht über der Arbeiterklasse; sie sind ein integraler Bestandteil ihrer Klasse; sie sind mit ihr durch unzählige Verbindungen vernetzt. Ihre Organisation ist der kollektive Ausdruck des Proletariats.
Die IKS hat sich nie als eine Organisation verstanden, die der Arbeiterklasse oder anderen revolutionären Gruppen ihren Standpunkt aufzwingen möchte. Wir stellen uns voll hinter die Aussagen des „Kommunistischen Manifestes“ von 1848: „Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den andern Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.“ [Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 2640 (vgl. MEW Bd. 4, S. 474)]
Das gleiche Prinzip vertrat Bilan, Organ der Italienischen Kommunistischen Linken, auch schon in der Erstausgabe ihrer Zeitschrift im Jahre 1933: „Sicher beruft sich unsere Fraktion auf eine lange politische Vergangenheit, auf eine lange Tradition in der italienischen und internationalen Bewegung, auf eine Gesamtheit politischer Grundsatzpositionen. Aber sie beansprucht keineswegs aufgrund ihrer politischen Vorgeschichte, Zustimmung einzufordern für Lösungen, die sie in der gegenwärtigen Lage für richtig hält. Im Gegenteil, wir fordern die Revolutionäre dazu auf, im Lichte der Ereignisse die Positionen zu überprüfen, die wir gegenwärtig vertreten, wie auch die politischen Positionen, die wir in unseren Grundsatzpositionen dargelegt haben.“
Seit ihrer Gründung hat unsere Organisation versucht, denselben Geist der Offenheit und den Willen zur Diskussion zu entfalten. So schrieben wir schon 1977:
„In unseren Beziehungen zu den (anderen revolutionären Gruppen), die der IKS nahestehen, aber nicht uns angehören, verfolgen wir ein klares Ziel. Wir versuchen eine brüderliche und vertiefte Diskussion über die verschiedenen Fragen zu führen, vor denen die Arbeiterklasse steht“. „Wir können unsere Rolle (…) gegenüber ihnen nur wirklich erfüllen, wenn wir gleichzeitig dazu in der Lage sind:
- uns davor zu hüten, uns als die heute einzige und alleinige bestehende revolutionäre Gruppierung zu betrachten,
- ihnen gegenüber unsere Positionen entschlossen zu vertreten;
- ihnen gegenüber eine für die Diskussion offene Haltung zu bewahren. Die Diskussionen sollen öffentlich und nicht durch den Austausch vertraulicher Korrespondenz stattfinden“ (11 [159]).
Es handelt sich hier um eine Verhaltensmaßregel. Wir sind von der Richtigkeit unserer Positionen überzeugt (wobei wir gleichzeitig einer begründeten Kritik gegenüber offenstehen), aber wir betrachten sie nicht als die „Lösung für alle Probleme auf der Welt“. Wir wollen einen Beitrag zum kollektiven Kampf der Arbeiterklasse leisten. Deshalb legen wir besonderen Wert auf die Debattenkultur. 2007 hat die IKS gar einen ganzen Orientierungstext zu dieser Frage verfasst: „Die Debattenkultur – eine Waffe des Klassenkampfes“. Wir schrieben darin: „ Wenn revolutionäre Organisationen ihre fundamentale Rolle bei der Entwicklung und Ausbreitung von Klassenbewusstsein erfüllen wollen, ist die Kultivierung einer kollektiven, internationalen, solidarischen und öffentlichen Diskussion absolut notwendig“ (12 [160]).
Aber der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass wir neben der Notwendigkeit der Debatte auch betonen, dass die IKS ihre politischen Positionen entschlossen vertreten muss. Dies ist kein Widerspruch. Offen miteinander zu diskutieren heißt nicht, dass alle Ideen gleich und alle Positionen gleichwertig sind. Wie wir in unserem Text aus dem Jahr 1977 schrieben: „Weit davon entfernt, sich gegenseitig auszuschließen, gehören für uns Prinzipienfestigkeit und eine offene Haltung zusammen. Wir haben keine Angst zu diskutieren, weil wir von der Richtigkeit unserer Positionen überzeugt sind.“
In der Vergangenheit wie in der Zukunft brauchte und braucht die Arbeiterbewegung offene, freimütige und brüderliche Debatten unter ihren verschiedenen revolutionären Tendenzen. Diese Vielfalt verschiedener Standpunkte und Herangehensweisen stellt einen Reichtum und einen unabdingbaren Beitrag zum Kampf des Proletariats und der Entwicklung seines Bewusstseins dar. Wir möchten hier wiederholen, dass, ausgehend von einer gemeinsamen Grundlage der Revolutionäre, es tiefgreifende Divergenzen geben kann. Diese müssen unbedingt zum Ausdruck kommen und debattiert werden. Wir verlangen von den internationalistischen Anarchisten nicht, dass sie auf ihre Kriterien verzichten oder ihr theoretisches Erbe über Bord werfen. Im Gegenteil, wir wünschen sehr, dass sie diese in größtmöglicher Klarheit vortragen, als eine Antwort auf die Fragen, vor denen wir alle stehen; dass sie Kritik und Polemik genauso akzeptieren wie wir und dass sie ebenso wie wir die eigenen Positionen nicht als „das letzte Wort“ auffassen, sondern diese als einen offenen Beitrag in einer von Widersprüchen gekennzeichneten Debatte verstehen. Wir sagen diesen Genossen nicht: „Streckt die Waffen vor der Überlegenheit des Marxismus!“.
Wir respektieren zutiefst den revolutionären Charakter des internationalistischen Anarchismus; wir wissen, dass wir Seite an Seite kämpfen werden, wenn massive Kämpfe ausbrechen. Aber wir werden ebenso entschlossen und voller Überzeugung (und wir hoffen: überzeugend) unsere Positionen zur russischen Revolution und bolschewistischen Partei, zur Zentralisierung, zur Übergangsperiode, zur Dekadenz des Kapitalismus, zur arbeiterfeindlichen Rolle des Syndikalismus vertreten… Damit wollen wir nicht – wie bereits gesagt - die Rolle eines Lehrers übernehmen und haben es auch nicht darauf abgesehen, einige Anarchisten für unsere Organisation zu gewinnen; wir wollen damit schlicht und einfach zur notwendigen Debatte unter den Revolutionären beitragen.
Wie ihr seht, Genoss/Innen, kann diese Debatte sehr lebhaft und leidenschaftlich werden!
Wir möchten diese dreiteilige Artikelserie zur “Kommunistischen Linken und den internationalistischen Anarchismus” mit einem Zitat Malatestas schließen:
“Wenn wir Anarchisten die Revolution alleine machen könnten oder wenn die Sozialisten (13) sie alleine machen könnten, könnten wir uns den Luxus leisten, dass jeder in seiner Ecke handelt und womöglich handgreiflich wird. Aber die Revolution muss von der Arbeiterklasse insgesamt gemacht werden, vom ganzen Volk, in dem die Sozialisten und Anarchisten zahlenmäßig nur eine Minderheit darstellen, auch wenn das Volk für uns viel Sympathie zu haben scheint. Uns zu spalten, selbst da, wo wir geeint sein könnten, hieße das Proletariat zu spalten, oder genauer gesagt seine Sympathien abkühlen zu lassen und es weniger geneigt zu machen, diese gemeinsame edle sozialistische Orientierung zu verfolgen, die den Sozialisten und Anarchisten gemeinsam im Schoße der Revolution den Triumph ermöglichen könnten. Die Revolutionäre, insbesondere die Sozialisten und Anarchisten, müssen darauf achten, die Gründe ihrer Divergenzen nicht aufzubauschen und sich insbesondere mit den Tatsachen und Zielen zu befassen, die sie zusammenführen und in die Lage versetzen könnten, das größtmögliche revolutionäre Ziel zu erreichen.“ (Volontà, 1. Mai 1920).
IKS, September 2010
1 [161]) Siehe den ersten Teil dieser Serie: “Was die Kommunistische Linke und die internationalistischen Anarchisten gemeinsam haben”.
2 [162]) Wie übrigens Tausende Marxisten und Millionen Arbeiter im Allgemeinen.
3 [163]) Siehe den zweiten Teil dieser Serie „Zu unseren Schwierigkeiten in der Debatte und wie man diese überwinden kann“
4 [164]) cnt-ait.info/article.php3 ?id_article=472&var_recherche=r%E9formisme+marxisme
5 [165]) Es handelt sich hier genau gesagt um ein Zitat Rudolf Rockers, auf das die CNT-AIT sich beruft.
6 [166]) Der Kommunismus ist kein schönes Ideal, sondern eine materielle Notwendigkeit” (10. Kapitel).
7 [167]) https://fr.internationalism.org/rinte102/anar.htm [168]
8 [169]) Es handelt sich um die Sektion der AIT in Russland, mit der wir sehr gute brüderliche Beziehungen haben und von der wir schon mehrfach Stellungnahmen in unserer Presse veröffentlicht haben.
9 [170]) Während der letzten Monate haben anarchistische Genoss/Innen und ihre Sympathisanten zu Recht gegen übertriebene Formulierungen protestiert, die eine endgültige Einschätzung des Anarchismus darstellen. Nachdem wir einige unserer früher veröffentlichen Artikel nachgelesen haben, haben wir in der Tat einige Aussagen gefunden, die wir heute nicht mehr verwenden würden. Zum Beispiel: „Arbeiter mögen denken, sie unterstützen die Revolution mittels des Anarchismus, aber um ein revolutionäres Programm zu unterstützen, muss man mit dem Anarchismus brechen“ ((https://fr.internationalism.org/rinte102/anar.htm [168]).
– “Deshalb muss sich die Arbeiterklasse entschlossen von diesen anarchistischen Illusionshändlern abwenden.“ (https://fr.internationalism.org/ri321/anarchisme.htm [171]).
– Unser Artikel “Anarchismus und Kommunismus”, der sehr sorgfältig den Kampf der “Freunde Durrutis” in der spanischen CNT in den 1930er Jahren behandelt, karikiert mittels eines Satzes die Auffassung der IKS vom Anarchismus durch die Behauptung, dass die „revolutionäre Flamme“ 1936 in der CNT erloschen sei. Unsere jüngste Artikelserie zum Anarcho-Syndikalismus, in der wir erneut die Integration der Führung der CNT in das Räderwerk des Staates anprangern sowie deren Beitrag zur politischen Entwaffnung der anarchistischen Arbeiter (was später die Arbeit der stalinistischen Henker erleichtert hat), zeigte die sehr komplexe Lage auf. International gab es innerhalb der CNT richtige Kämpfe zur Verteidigung echter proletarischer Positionen und gegen den Verrat, den die Eingliederung dieser Organisationen in den spanischen Staat darstellte. (Siehe unsere Artikelserie zum revolutionären Syndikalismus).
10 [172]) Karl Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, MEW Bd. 1, S. 344
11 [173]) In “Les groupes politiques prolétariens”, Revue internationale no 11, 4e trimestre 1977. In „Proletarische politische Gruppen“, Revue internationale Nr. 11, 4. Quartal 1977
12 [174]) Dieser Artikel steht auf unserer Webseite zur Verfügung.
13 [175]) Zum Zeitpunkt, als Malatesta diesen Artikel schrieb, befanden sich in der sozialistischen Partei Italiens noch neben den Reformisten revolutionäre Elemente, die im Januar 1921 auf dem Kongress von Livorno die KPI gründeten.
Seit der Krise des Finanzsystems 2008 scheint nichts mehr das Ausmaß der historischen Krise des Kapitalismus übertünchen zu können. Während immer mehr Angriffe auf die Arbeiterklasse niederprasseln, die Armut sich ausbreitet, spitzen sich die imperialistischen Spannungen zu, leiden Hunderte Millionen Menschen Hunger und Naturkatastrophen hinterlassen immer mehr Tote. Die Herrschenden selbst können das Ausmaß der Schwierigkeiten nicht mehr leugnen, ja sie können immer weniger eine bessere Zukunft unter ihrer Herrschaft vorgaukeln. Selbst ihre Propagandaorgane müssen eingestehen, dass die gegenwärtige Krise die schlimmste seit den 1930er Jahren ist, und dass die Ausdehnung der Armut ein Übel ist, mit dem man „lernen müsse zu leben“. Aber die herrschende Klasse verfügt auch über viele Anpassungsfähigkeiten. Während sie aufgrund der unleugbaren Tatsachen aber auch aufgrund eines politischen Kalküls eingestehen muss, dass sich die Lage verschlechtert und keine Besserung zu erwarten ist, schafft sie es immer noch, die Probleme ziemlich irreführend darzustellen, um das kapitalistische System insgesamt in Schutz zu nehmen.
Seit der Krise des Finanzsystems 2008 scheint nichts mehr das Ausmaß der historischen Krise des Kapitalismus übertünchen zu können. Während immer mehr Angriffe auf die Arbeiterklasse niederprasseln, die Armut sich ausbreitet, spitzen sich die imperialistischen Spannungen zu, leiden Hunderte Millionen Menschen Hunger und Naturkatastrophen hinterlassen immer mehr Tote. Die Herrschenden selbst können das Ausmaß der Schwierigkeiten nicht mehr leugnen, ja sie können immer weniger eine bessere Zukunft unter ihrer Herrschaft vorgaukeln. Selbst ihre Propagandaorgane müssen eingestehen, dass die gegenwärtige Krise die schlimmste seit den 1930er Jahren ist, und dass die Ausdehnung der Armut ein Übel ist, mit dem man „lernen müsse zu leben“. Aber die herrschende Klasse verfügt auch über viele Anpassungsfähigkeiten. Während sie aufgrund der unleugbaren Tatsachen aber auch aufgrund eines politischen Kalküls eingestehen muss, dass sich die Lage verschlechtert und keine Besserung zu erwarten ist, schafft sie es immer noch, die Probleme ziemlich irreführend darzustellen, um das kapitalistische System insgesamt in Schutz zu nehmen. Banken gehen pleite und reißen somit die Weltwirtschaft in den Abgrund? Die Schuld liegt bei den Händlern! Die Staatsverschuldung hat solche Ausmaße erreicht, dass sie zahlungsunfähig geworden sind? Schuld daran sind korrupte Regierungen! Kriege wüten in einigen Teilen der Erde? Schuld daran ist der mangelnde politische Wille! Umweltkatastrophen nehmen immer mehr zu und hinterlassen immer mehr Opfer? Die Natur ist schuld! Wenn die verschiedenen Analysen, die die Herrschenden uns anbieten, Unterschiede aufweisen, stimmen sie dennoch alle darin überein, die eine oder andere Regierungsform zu verurteilen, dagegen wird der Kapitalismus als Produktionsform nie an den Pranger gestellt. In Wirklichkeit sind all die Kalamitäten, vor denen die Arbeiterklasse steht, das Ergebnis der Widersprüche, die sich jeden Tag zuspitzen, die Gesellschaft erwürgen, egal welche Regierungsform, ob „liberal“ oder „staatlich“, „demokratisch“ oder „diktatorisch“ man vorfindet. Um besser den Bankrott ihres Systems zu verbergen, behauptet die herrschende Klasse ebenso, dass die Wirtschaftskrise, welche sich 2008 beschleunigt hat, langsam wieder abflaut. Aber die Wirtschaftskrise ist überhaupt noch nicht ausgestanden, sondern sie bringt immer deutlicher die Zuspitzung der historischen Krise des Kapitalismus zum Ausdruck.
Manchmal preist die herrschende Klasse anhand der jüngsten Wirtschaftsdaten die positiven Perspektiven; insbesondere lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die Wachstumszahlen, die langsam wieder anziehen. Aber hinter diesen „guten Nachrichten“ verbirgt sich eine ganz andere Wirklichkeit. Seit 2008 hat die herrschende Klasse zur Vermeidung des Katastrophenszenarios der Krise der 1930er Jahre Milliarden verpulvert, um strauchelnde Banken zu unterstützen, dazu wurde eine Reihe von keynesschen Maßnahmen ergriffen. Diese Maßnahmen bestehen vor allem darin, die Leitzinsen der Zentralbanken, welche für die Aufnahme eines Kredits entscheidend sind, zu senken, und hohe Staatsausgaben zur Ankurbelung der Konjunktur zu beschließen, die oft durch Schulden finanziert werden. Von dieser Politik wird behauptet, sie ermögliche einen starken Wachstumsschub. Aber heute fällt als allererstes auf, dass das Wirtschaftswachstum im Vergleich zu den astronomischen Ankurbelungsausgaben und der Aggressivität der inflationistischen Politik ziemlich schwach ausfällt. So stecken die USA in einer Lage, welche die bürgerlichen Ökonomen in Ermangelung einer marxistischen Analyse nicht begreifen können: Der US-Staat hat sich um mehrere Hundert Milliarden Dollar verschuldet, und die Leitzinsen der FED sind nahe Null. Für 2010 erwartet man ein Wachstum von lediglich 1.6%, im Vergleich zu den erhofften 3.7%. Das Beispiel der USA verdeutlicht: Man hat seit 2008 das Schlimmste durch eine massive Verschuldung verhindert, aber der Aufschwung kommt trotzdem nicht. Unfähig zu begreifen, dass die kapitalistische Produktionsweise ein vorübergehendes System ist, und Gefangener von sklerosierten Schemen, erkennen die bürgerlichen Ökonomen nicht, was so augenscheinlich ist: Der Keynesianismus ist historisch seit den 1970er Jahren gescheitert, weil die Widersprüche des Kapitalismus nunmehr unüberwindbar geworden sind. Selbst Verschuldungstricks können nicht mehr die grundlegenden Gesetze des Kapitalismus aushebeln.
Die kapitalistische Wirtschaft hält sich seit Jahrzehnten unter großen Schwierigkeiten durch eine Schuldenblase in allen Ländern aufrecht, um künstlich einen Markt zu schaffen, der einen Teil der chronischen Überproduktion aufsaugen soll.
Aber das Verhältnis des Kapitalismus zur Verschuldung ähnelt dem Verhalten des Drogensüchtigen: Je mehr Drogen er einnimmt, desto weniger wirksam wird die Dosis. Mit anderen Worten: die Herrschenden haben sich lange Zeit über Wasser gehalten, indem sie sich an einem verfaulten Ast festhielten, der 2008 brach. So kommt zur offensichtlichen Unwirksamkeit der Staatsverschuldung das Risiko der Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Länder hinzu, insbesondere Griechenland, Italien, Irland oder Spanien. In dieser Situation sind die Regierungen aller Länder dazu gezwungen, auf Sicht zu steuern, sich von Tag zu Tag durchzuschlagen und ihre Wirtschaftspolitik jeweils anzupassen, von Ankurbelungsmaßnahmen bis hin zur Sparpolitik je nach dem Gang der Dinge, ohne dass irgendeine Maßnahme eine dauerhafte Verbesserung mit sich bringen würde. Der Staat, Rettungsanker in der historischen Krise des Kapitalismus, ist nun nicht mehr dazu in der Lage, seine Unfähigkeit zu verbergen.
Überall auf der Welt wird ein Angriff nach dem anderen gegen die Arbeiterklasse so schnell beschlossen wie die Arbeitslosenzahlen steigen. Ob Rechts oder Links, alle Regierungen zwingen den Arbeitern „Reformpakete“ und Haushaltskürzungen auf, die eine bislang nicht gekannte Brutalität erreichen. In Spanien zum Beispiel mussten die Beamten u.a. Gehaltseinbußen von 5% im Jahre 2010 hinnehmen, und die sozialistische Zapatero-Regierung hat schon Einfrierungen der Bezüge für 2011 angekündigt. In Griechenland ist das Durchschnittsalter der Pensionierung um 14 Jahre erhöht worden, während gleichzeitig die Renten bis 2012 eingefroren wurden. In Irland, das bis vor kurzem noch wegen seines wirtschaftlichen Dynamismus gepriesen wurde, beträgt die offizielle Arbeitslosigkeit 14%, während die Beamtenbezüge gleichzeitig um 5-15% gekürzt wurden, wie auch die Leistungen für Arbeitslosen oder Familien. Der Weltarbeitsorganisation (ILO) ist die Zahl der Arbeitslosen auf der Welt um 30 Millionen seit 2007 auf 210 Millionen im Jahre 2010 gestiegen. 1 [176]. Man könnte eine Reihe von weiteren Beispielen auf allen Kontinenten nennen, egal wo, die Herrschenden bitten die Arbeiter am stärksten zur Kasse. Aber hinter den Sparbeschlüssen, die heuchlerisch Reformen genannt werden, hinter den Entlassungen und Werkschließungen verbergen sich schreckliche Schicksale von ganzen Familien, die in die Armut getrieben werden. In den USA leben einem Bericht des Census Bureau zufolge nahezu 44 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze, d.h. eine Steigerung um 6.3 Millionen Arme seit zwei Jahren, und das zusätzlich zu den in den letzten drei Jahren neu hinzugekommenen Armen. Während des ganzen letzten Jahrzehnts sind die Einkommen der ärmsten Haushalte in den USA nochmals stark gesunken.
Nicht nur in den „reichen Ländern“ führt die Krise zur Armut. Vor kurzem verkündete die Welternährungsorganisation (FAO) stolz, 2010 sei es zu einem Rückgang der Unterernährung gekommen, die noch besonders häufig in Asien (578 Millionen Menschen) und Afrika (239 Mio. Menschen) auftritt, bei einer Gesamtzahl von 925 Millionen Betroffener auf der ganzen Welt. Aber die Statistiken lassen nicht sofort deutlich werden, dass diese Zahl noch weit über der von 2008 liegt, bevor die Auswirkungen der spekulativen Inflation der Nahrungsmittelpreise zu spüren waren, welche viele Hungersrevolten in zahlreichen Ländern hervorgerufen hat.
Der signifikante Rückgang der Agrarpreise hat sicherlich zu einem bescheidenen “Rückgang des Hungers” auf der Welt geführt, aber die langfristige Tendenz, über mehrere Jahre hinweg betrachtet, d.h. unabhängig von der unmittelbaren Wirtschaftslage, verläuft in die andere Richtung. Des Weiteren haben die Dürreperioden in Russland, Osteuropa und jüngst in Lateinamerika deutliche Ernteeinbußen weltweit hervorgerufen, was auf dem Hintergrund steigender Preise das Problem der Unterernährung nächstes Jahr noch verschärfen wird. So tritt der Bankrott des Kapitalismus nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene zum Vorschein. Die Klimaveränderungen und der Umgang der Herrschenden mit den Umweltkatastrophen haben immer mehr Tote und bittere Armut hinterlassen.
Diesen Sommer haben zerstörerische Katastrophen überall auf der Welt die Menschen heimgesucht: Flammeninferno in Russland, Portugal und zahlreichen anderen Ländern; verheerende Monsunregen mit Überschwemmungen und Schlammlawinen in Pakistan, Indien, Nepal und China.
Im Frühjahr verursachte die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon die schlimmste Umweltverschmutzung der Geschichte im Golf von Mexiko. Die Liste der Katastrophen des Jahres 2010 ist lang. Die Zunahme dieser Phänomene und die immer verheerenderen Auswirkungen sind keine Zufallserscheinung, denn bei den Ursachen dieser Katastrophen und dem Umgang mit ihnen trägt der Kapitalismus eine große Verantwortung. Vor kurzem hat der Dammbruch eines Auffangbeckens einer Aluminiumfabrik eine industrielle und ökologische Katastrophe in Ungarn verursacht: Mehr als eine Million Kubikmeter giftiger, “roter Schlamm” hat sich ausgebreitet. Mehrere Menschen starben, zahlreiche wurden verletzt. Die Umwelt- und Gesundheitsschäden sind enorm. Aber um die „Auswirkungen dieser Abfälle zu begrenzen“ entsorgt die Industrie den roten Schlamm auf folgende Art: Entweder wird er tonnenweise ins Meer oder in riesige Becken, ähnlich wie das, dessen Mauern brachen, geschüttet. Dabei existiert seit langem die Technologie, um solche Abfälle zu recyceln, insbesondere für die Bauwirtschaft oder den Gartenbau.
Die Zerstörung des Planeten durch die herrschende Klasse beschränkt sich aber nicht auf die unzähligen industriellen Katastrophen, die jedes Jahr zahlreiche Regionen heimsuchen. Der Meinung zahlreicher Wissenschaftler zufolge spielt die Erderwärmung eine Hauptrolle bei der Häufung der extremen Wetterschwankungen: „Diese Phänomene werden sich aufgrund des durch die Treibhausgase gestörten Klimas noch häufen und an Intensität zunehmen“, so der Vizepräsident der Expertengruppe IPCC ( Intergovernmental Panel on Climate Change). Während die Erderwärmung von 1997-2006 anstieg, hat die Zahl der Katastrophen, die immer zerstörerischer werden, um 60% im Vergleich zum letzten Jahrzehnt zugenommen. Dabei waren immer mehr Opfer zu melden. Bis 2015 wird eine Zunahme der Opfer infolge der Klimakatastrophe um 50% erwartet.
Die Wissenschaftler im Solde der Ölgesellschaften mögen sich erregen und erklären, dass die Erderwärmung nicht auf die zunehmende Verschmutzung der Atmosphäre zurückzuführen sei. In Wirklichkeit zeigen alle ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen einen unleugbaren Zusammenhang zwischen dem Treibhauseffekt, der Klimaerwärmung und der Zunahme der Naturkatastrophen. Jedoch täuschen sich die Wissenschaftler, wenn sie behaupten, mit ein wenig politischem Willen der Regierungen könnte man die Dinge ändern. Der Kapitalismus ist unfähig, die Treibhausgasverschmutzungen einzudämmen, denn dann müsste er gegen seine eigenen Gesetze vorgehen, die Profitproduktion und die Produktion mit den geringsten Kosten sowie gegen das Konkurrenzprinzip. Die notwendige Unterwerfung unter diese Gesetze bewirkt, dass die Herrschenden unter anderem mit ihrer Schwerindustrie die Umwelt verschmutzen oder dass sie Erzeugnisse Hunderte von Kilometern nutzlos transportieren.
Die Verantwortung des Kapitalismus für das Ausmaß der Katastrophen beschränkt sich nicht auf die Luftverschmutzung und den Klimawandel. Die unablässige Zerstörung der Ökosysteme zum Beispiel durch die massive Abholzung der Wälder, die Lagerung von Müll in natürlichen Abflussgebieten, oder die anarchische Urbanisierung, die sich manchmal auf Gebiete trockengelegter Flüsse oder Gebiete mit besonders großer Brandgefahr erstreckt, haben all diese Katastrophen noch verstärkt.
Die Reihe von Bränden in Russland im Sommer, insbesondere in einem großen Gebiet um Moskau, zeigt die Fahrlässigkeit der Herrschenden und ihre Unfähigkeit, diese Dinge in den Griff zu kriegen. Den Flammen sind Hunderttausende Hektar Wald zum Opfer gefallen, eine unbekannte Anzahl von Menschen ist dabei gestorben oder verletzt worden. Mehrere Tage lang lag eine dicke Rauchwolke über der Hauptstadt, mit schlimmen Gesundheitsfolgen, z.B. verdoppelte sich die Sterblichkeitsrate in jenen Tagen. Hinzu kommen noch die großen atomaren und chemischen Gefahren, welche die Bevölkerung weit über die Landesgrenzen Russlands hinaus bedrohen, insbesondere nachdem der Boden in Brand geraten ist, der durch die Explosion des Kernkraftwerks in Tschernobyl oder durch die Waffenarsenale und Müllberge an chemischen Stoffen, die irgendwo in der Natur „entsorgt“ worden, verseucht wurde.
Ein wesentlicher Punkt für das Begreifen der Rolle der Herrschenden beim Ausmaß der Brände ist die unglaubliche Vernachlässigung der Wälder. Russland verfügt über große und dichte Waldbestände, die besondere Maßnahmen und Sorgfalt erfordern, um schnell ausbrechende Feuer einzudämmen und so zu verhindern, dass sie unkontrollierbar werden. Dabei sind aber in vielen Waldgebieten in Russland nicht mal Zugangsstraßen vorhanden, so dass Feuerwehrlöschfahrzeuge bei den meisten Bränden gar nicht zum Brandherd vordringen können. In Russland gibt es gerade mal 22.000 Feuerwehrleute zur Brandbekämpfung, d.h. weniger als in einem kleineren Land wie Frankreich. Und die oft besonders korrupten Gouverneure der Regionen geben lieber die knappen Mittel, über die sie für die Waldwirtschaft verfügen, für den Kauf von Luxusautos aus, wie mehrere Skandale ans Tageslicht gebracht haben.
Der gleiche Zynismus trifft auf die berühmten Torffeuer zu, wo der Boden aus besonders leicht entzündlichen Stoffen besteht. Nicht nur hat man die Torfgebiete quasi aufgegeben; sondern man hat diese Gebiete für den Bau von Wohnungen freigegeben, obwohl es schon 1972 zu großen Bränden in diesen Gebieten gekommen war. Die Rechnung war ganz einfach: in diesen risikoreichen Gebieten konnten Immobilienmakler Bauland zu Spottpreisen kaufen.
So verwandelt der Kapitalismus Naturphänomene, die von den Menschen eigentlich im Griff gehalten werden könnten, zu wahren Katastrophen. Aber für die Herrschenden gibt es keine Grenzen bei all diesen Schrecken. Denn die zerstörerischen Überschwemmungen Pakistans haben die schändlichen imperialistischen Machtkämpfe ausgelöst. Wochenlange sintflutartige Regenfälle in Pakistan haben dort zu gewaltigen Überschwemmungen und Erdrutschen geführt, die mehr als 20 Millionen Menschen obdachlos machten und großen materiellen Schaden angerichtet haben. Hunger und die Ausbreitung von Seuchen, insbesondere Cholera, haben die ohnehin schon verzweifelte Lage noch schlimmer werden lassen. Mehr als einen Monat lang haben die Herrschenden in Pakistan und ihre Armee eine unglaubliche Inkompetenz und einen wahnsinnigen Zynismus an den Tag gelegt, indem sie die Natur für schuldig erklärten, obwohl genau wie in Russland in Anbetracht einer anarchischen Urbanisierung und unfähigen Rettungsdiensten die Gesetze des Kapitalismus als das wesentliche Element für das Begreifen des Ausmaßes der Katastrophe erscheinen.
Aber ein besonders ekelerregender Aspekt dieser Tragödie ist die Art und Weise, wie die imperialistischen Mächte dabei noch versuchen, diese Lage der Opfer zu ihren Gunsten auszuschlachten, indem sie „humanitäre Hilfsmaßnahmen“ als ein Alibi einsetzen. So unterstützen die USA im Rahmen des Krieges im benachbarten Afghanistan die sehr umstrittene Regierung Yusuf Raza Gilani. Sie haben schnell die Ereignisse ausgenutzt, um mit ihren „humanitären Einsatztruppen“ aufzumarschieren; sie haben dabei Hubschrauberträger, amphibische Landungsfahrzeuge usw. eingesetzt. Unter dem Vorwand, eine Erhebung des terroristischen AlQuaida zu verhindern, deren Einfluss durch die Überschwemmungen gestärkt werde, bremsten und behinderten die USA so stark wie möglich das Eintreffen der „internationalen Hilfe“ anderer Länder, die ebenfalls hauptsächlich aus Militärs, Diplomaten und skrupellosen Investoren besteht. Wie bei jeder größeren Katastrophe wurden alle Mittel von den Staaten eingesetzt, um ihre imperialistischen Interessen zu verfechten. Zu diesen Mitteln gehört mittlerweile die systematische Zusage von Hilfeleistungen: alle Regierungen kündigen offiziell substanzielle Finanzhilfen an, die aber jeweils an die Erfüllung von Bedingungen und Wünschen der Geberländer geknüpft sind. So wurde zum Beispiel bis heute nur 10% der im Januar 2010 nach dem Erdbeben in Haiti versprochenen internationalen Hilfe den Herrschenden in Haiti ausgezahlt. Und Pakistan wird natürlich keine Ausnahme sein. Die versprochenen Millionen werden nur überwiesen werden, sobald entsprechende Gegenleistungen vorliegen.
Die Grundlagen des Kapitalismus, die Profitjagd, Konkurrenz usw., stehen auf jeder Ebene im Mittelpunkt der Umweltzerstörung. Aber die Kämpfe um Pakistan haben ebenso die wachsenden imperialistischen Spannungen in vielen Teilen der Erde deutlich werden lassen.
Die Wahl Barack Obamas an die Spitze der ersten Weltmacht hat eine Menge Illusionen über die Möglichkeit der Befriedung der internationalen Beziehungen hervorgerufen. In Wirklichkeit hat die neue US-Administration die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks entstandene imperialistische Dynamik nur weiter mit angetrieben. All unsere Analysen, wonach die „rigide imperialistische Blockdisziplin“ nach dem Zusammenbruch des Ostblocks durch eine Abwesenheit von Disziplin, ein grenzenloses Chaos, einen Kampf des jeder gegen jeden und die unkontrollierbare Zunahme lokaler militärischer Konflikte ersetzt werden würde, ist vollauf bestätigt worden. Die Zuspitzung der Krise hat die imperialistischen Spannungen unter den Nationen noch weiter angefacht. Dem Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut zufolge sind 2009 nicht weniger als 1.531 Milliarden Dollar in Rüstungsausgaben gesteckt worden; d.h. eine Steigerung von 5.9% gegenüber 2008 und 49% gegenüber 2000. Dabei berücksichtigen diese Zahlen nicht mal die illegalen Waffenlieferungen. Selbst wenn die Herrschenden bestimmter Staaten aufgrund des Drucks der Krise gezwungen sind, Rüstungsausgaben zu kürzen, spiegelt die wachsende Militarisierung der Erde die einzige Zukunft wider, die das System für die Menschheit bereithält: die Zunahme der imperialistischen Konflikte. Die USA mit ihren 661 Milliarden Rüstungsausgaben 2009 verfügen über eine absolute militärische Überlegenheit. Jedoch ist das Land seit dem Zusammenbruch des Ostblocks immer weniger dazu in der Lage, andere Länder hinter sich zu mobilisieren, wie der Irak-Krieg Anfang 2003 bewies, als die US-Truppenzahl damals erst mehrere Zehntausend Soldaten betrug. Nicht nur ist es den USA nicht gelungen, andere Mächte um sich zu scharen, insbesondere Russland, Frankreich, Deutschland und China, sondern andere Mächte haben sich schrittweise aus dem Konflikt zurückgezogen, insbesondere Großbritannien und Spanien. Vor allem scheint die amerikanische Bourgeoisie immer weniger dazu in der Lage, die Stabilität eines eroberten Landes (die Schlamassel in Afghanistan und dem Irak zeigen dies symptomatisch) oder einer Region sicherzustellen. Das wird ersichtlich anhand der Art und Weise, wie der Iran die USA ohne Angst vor Repressalien herausfordert. Der US-Imperialismus befindet sich voll im Abstieg. Er versucht, seine seit Jahren verloren gegangene Führung mittels Kriege wiederherzustellen, welche aber wiederum zu seiner weiteren Schwächung beitragen.
Gegenüber den USA versucht China seine imperialistischen Ambitionen durch seine Rüstungsanstrengungen (100 Milliarden Dollar Militärausgaben 2009, seit den1990er Jahren sind diese zweistellig pro Jahr gestiegen) und Anstrengungen vor Ort durchzusetzen. Zum Beispiel hat China im Sudan wie auch in anderen Ländern wirtschaftlich und militärisch Fuß fassen können. Das sudanesische Regime mit seinen Milizen, die von China bewaffnet werden, massakriert weiter die Bevölkerung, der vorgeworfen wird, die Darfur-Rebellen zu unterstützen, die wiederum von Frankreich mit Hilfe des Tschads ausgerüstet werden, wie auch durch den alten Gegner Frankreichs in der Region, den USA. All diese schmutzigen Manöver haben Hunderttausenden Menschen den Tod gebracht oder zu Vertreibungen von Millionen von Menschen geführt.
Die USA und China sind natürlich nicht allein für das kriegerische Chaos auf der Erde verantwortlich. In Afrika zum Beispiel versucht Frankreich direkt oder mit Hilfe von Milizen zu retten, was zu retten ist insbesondere im Tschad, der Elfenbeinküste, im Kongo und anderswo. Die Cliquen in Israel und Palästina, die jeweils von ihren Paten geschützt werden, setzen einen endlosen Krieg fort. Die israelische Entscheidung, den Siedlungsstopp in den besetzten Gebieten nicht fortzusetzen, während von den USA organisierte „Friedensverhandlungen“ stattfinden, belegen die Sackgasse der Politik Obamas, der sich von seinem Vorgänger Bush durch mehr Diplomatie abgrenzen wollte. Russland wiederum versucht mittels des Georgienkrieges und der Besetzung Tschetscheniens, wieder eine Einflusszone um sich herum aufzubauen.
Die Reihe imperialistischer Konflikte ist zu lang, um sie hier weiter ausführlich zu behandeln. Aber die Zunahme dieser Konflikte beweist, dass alle nationalen Fraktionen der herrschenden Klasse, egal wie stark oder schwach sie sind, keine andere Alternative haben als ihre imperialistischen Interessen blutig durchzusetzen.
Im Vergleich zur Tragweite der Krise des Kapitalismus ist die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse sicherlich nicht ausreichend entwickelt; die Last der Niederlagen der Arbeiter trübt noch stark das Bewusstsein unserer Klasse. Aber die Waffen der Revolution werden in den Kämpfen geschmiedet, welche die Krise jetzt immer mehr antreibt. Seit mehreren Jahren haben immer mehr offene Kämpfe stattgefunden, manchmal gar international gleichzeitig. Die Kampfbereitschaft kommt auch gleichzeitig in mehreren „reichen“ Ländern zum Vorschein – in Deutschland, Spanien, USA, Griechenland, Irland, Frankreich, Japan usw. – aber auch in „armen“ Ländern. Wenn die Herrschenden der reichen Länder die irreführende Idee und Lüge verbreiten, dass die Arbeiter der armen Länder den Arbeitern der reichen Länder die Jobs wegnehmen, verhängen sie oft ein quasi Black-out über die Kämpfe dieser Arbeiter, denn dadurch würde offensichtlich, dass diese auch Opfer der gleichen Angriffe sind, die der Kapitalismus in allen Ländern der Welt aufzwingt.
In China, wo der Anteil der Löhne am BIP von 56% 1983 auf 36% 2005 gefallen ist, haben die Arbeiter mehrerer Werke versucht, sich von den Gewerkschaften zu lösen, auch wenn sie noch viele Illusionen über die Möglichkeit einer freien Gewerkschaft haben. Vor allem haben es die chinesischen Arbeiter geschafft, ihre Kämpfe selbständig zu organisieren und den Kampf über die Fabriktore hinaus auszudehnen.
In Panama ist am 1. Juli ein Streik der Bananenplantagenarbeiter in der Provinz Bocas de Toro ausgebrochen, wobei die Beschäftigten die Zahlung ausstehender Löhne und eine Abschaffung streikfeindlicher Gesetze forderten. Trotz einer heftigen polizeilichen Repression und vieler gewerkschaftlicher Sabotageversuche haben die Arbeiter sofort erfolgreich versucht, ihre Bewegung auszudehnen. Die gleiche Solidarität und der gleiche Willen, kollektiv zu kämpfen, waren das Motiv wilder Streiks in Bangladesch, die ebenso gewaltsam von den Ordnungskräften niedergeschlagen wurden.
In den zentralen Ländern werden wieder zahlreiche Kämpfe in Griechenland und insbesondere in Spanien gemeldet, wo es immer wieder Streiks gegen die drakonischen Sparmaßnahmen gibt. Die von den Beschäftigten der Madrider Metro organisierten Streiks spiegeln den Willen der Beschäftigten wider, ihren Kampf auszudehnen und sich gemeinsam mit Hilfe von Vollversammlungen zu organisieren. Deshalb wurden sie zur Zielscheibe einer Verleumdungskampagne, die von der sozialistischen Regierung unter Zapatero und den Medien gesteuert wurde. Auch wenn in Frankreich die Gewerkschaften die Streiks und Demonstrationen weiterhin kontrollieren, die sich gegen die Verschiebung des Rentenalters richten, sind große Teile der Arbeiterklasse in Bewegung geraten. Auch wenn dies bislang noch auf Minderheiten beschränkt ist, sieht man deutliche Anzeichen eines Willens, sich außerhalb der Gewerkschaften mittels souveräner Vollversammlungen zu organisieren und den Kampf auszudehnen.
Natürlich ist das Bewusstsein der Weltarbeiterklasse noch unzureichend entwickelt. Und diese zwar gleichzeitig stattfindenden Kämpfe sind nicht unmittelbar in der Lage, die Bedingungen für einen gemeinsamen Kampf auf internationaler Ebene zu schaffen. Aber die Krise, in welche der Kapitalismus immer mehr versinkt, die Sparprogramme und die wachsende Armut werden unausweichlich immer mehr massive Kämpfe auslösen, in denen die Arbeiter dann Stück für Stück ihre Klassenidentität, ihre Einheit, ihre Solidarität, ihren Willen, sich gemeinsam zur Wehr zu setzen, entfalten werden. Dies liefert den Nährboden für eine wachsende Politisierung, die unerlässlich ist für die Befreiung der Arbeiterklasse. Der Weg hin zur Revolution ist noch lang, aber wie Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ schrieben: „Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier.“ [Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 2628, (vgl. MEW Bd. 4, S. 468)]
V. (08/10/10)
1 [177]. Diese Statistiken zeigen eine allgemeine offizielle Zunahme der Arbeitslosigkeit, welche die Tricks der Herrschenden nicht mehr übertünchen können. Aber diese Zahlen spiegeln nicht das wahre Ausmaß des Phänomens wider, denn in allen Ländern, auch dort, wo das ausgefeilteste System sozialer „Abfederung“ eingeführt wurde, bedeutet Arbeitslosigkeit letztendlich nach einer gewissen Zeit, dass man nicht mehr als Arbeitsloser registriert wird.
(aus International Review, Nr. 143, 4. Quartal 2010).
Ausgehend von einer Einschätzung der italienischen Gruppe Lotta Comunista durch die IKS hat Genosse Riga sich dazu kritisch bzw. ablehnend geäußert. Nachfolgend unsere Antwort auf seine Reaktion.
Welche internationalistische Haltung gegenüber der deutschen Wehrmacht?
Weshalb empört sich der Genosse so über unseren Artikel? Scheinbar nicht über unsere Sichtweise der Partisanenbewegungen gegen Hitlerdeutschland im Weltkrieg als bürgerlich. Denn er räumt ein, dass die Partisanen „historisch gesehen“ dies auch waren. Dies, schreibt er, sehr zu recht, ist eine „schwierig zu vermittelnde, aber notwendige Einsicht“. Sondern er empört sich über unsere Darstellung der deutschen Wehrmacht als eine teilweise aus „Proletariern in Uniform“ bestehende imperialistische Armee, wie die anderen Armeen auch, so dass die Haltung der Marxisten darin bestehen müsste, diese Proletarier dazu zu gewinnen, sich gegen ihre Befehlshaber zu empören, anstatt sie abzuknallen, wie die Partisanen es taten. Es hat den Anschein, als ob für den Genossen Riga die internationalistische Pflicht im Weltkrieg, die Soldaten auf allen Seiten aufzufordern, sich zu verbrüdern, in diesem Krieg nicht mehr galt, zumindest der deutschen Armee gegenüber. Und warum? Weil die Wehrmacht eine „der Kapitalherrschaft direkt unterworfene Armee bestialischer Killer“ war.
Genosse Riga kommentiert einen Artikel auf unserer Webseite, in welchem wir die Behauptung einer Gruppe aus Italien, Lotta Comunista, zu widerlegen bestrebt waren, dass diese zum Lager der Kommunistischen Linken gehöre. Der Genosse zeigt sich wenig überzeugt von der Notwendigkeit einer solchen Klarstellung, zumal die Gruppe im deutschsprachigen Milieu nicht sehr bekannt ist. Dass diese Gruppe der IKS „eben missfällt“, so der Genosse, „unterstreicht nicht gerade die Bedeutung des Artikels“.
Aus unserer Sicht ist es selbstverständlich, dass man eine solche Behauptung von Seiten einer Gruppe wie Lotta Comunista widerlegen muss. Aber dass dies für unsere Leserinnen und Leser alles anders als selbstverständlich erscheinen muss, sehen wir natürlich gerne ein. So gesehen, hätte unser Artikel sich wahrscheinlich zuallererst damit befassen müssen, warum die zu behandelnde Gruppe überhaupt von Relevanz ist. Wir sind also für den Hinweis des Genossen in dieser Sache dankbar.
An dieser Stelle aber nur so viel dazu: Aus der Sicht des Alltagsbewusstseins ist Christ, wer sich auf Christus einschwört, Moslem, wer nach dem Koran lebt, und Marxist, wer sich auf Marx bezieht. Aus dieser Sicht ist es selbstredend, dass die „Kommunistischen Parteien“ der 1930er und 1940er Jahre und ebenso die Trotzkisten Marxisten waren. Daraus folgert man, dass die marxistische Haltung im 2. Weltkrieg ohne jeden Zweifel darin bestand, erstens die Sowjetunion zu unterstützen und zweitens auf der Seite der Kriegsgegner von Hitlerdeutschland zu stehen (eine andere, daraus sich ergebende, durchaus spannende Frage, was dann die „selbstverständliche“ marxistische Haltung während des Hitler-Stalin-Paktes wäre, wird dann meistens doch nicht gestellt).
Gerade weil die meisten Menschen auch heute noch von den oben beschriebenen Annahmen ausgehen, ist es uns um so wichtiger darauf hinzuweisen, dass es während des Zweiten Weltkrieges Marxisten gab, welche die Unterstützung aller Kriegsparteien ablehnten und den proletarischen Internationalismus von Lenin und Karl Liebknecht hochhielten. Nicht nur, dass es in erster Linie die Kommunistische Linke war, welche diese Haltung einnahm (auch einige Abspaltungen vom Trotzkismus taten dies): diese Einstellung ist das eigentliche politische Markenzeichen der Kommunistischen Linken (dass es außerdem auch andere, nicht marxistische Internationalisten gab, wollen wir an dieser Stelle nicht verschweigen).
Nun, mit welchen Schwächen unser Artikel zu Lotta Comunista auch immer behaftet sein mag, wir denken, dass er zu Genüge bewiesen hat, dass besagte Gruppe nicht proletarisch-internationalistisch ist!
Jetzt gibt der Genosse Riga einen wichtigen Hinweis, indem er schreibt, dass „das Kapitel Faschismus-Antifaschismus längst nicht so abgeschlossen (ist) innerhalb der Kommunistischen Linken, wie diese manchmal den Anschein erwecken will“. Wir nehmen an, dass der Genosse hier auf die Tatsache anspielt, dass die IKS der Internationalistischen Kommunistischen Partei in Italien (aus der sowohl die verschiedenen „bordigistischen“ Gruppen wie auch Battaglia Comunista hervorgegangen sind) vorwirft, hier und da auf unzulässige Weise während des Zweiten Weltkriegs sich auf Gruppen der Partisanen eingelassen zu haben. Das ändert aber nichts daran, dass die Gruppe Lotta Comunista, welche sich politisch auf die Partisanen (wie auch auf den Stalinismus) beruft, mit dem Erbe der Kommunistischen Linken nichts zu tun hat. Unsere Kritik an anderen Strömungen der Kommunistischen Linken in dieser Frage ist etwas ganz was anderes. Diese Strömungen kritisieren wir lediglich dafür, den proletarischen Internationalismus nicht immer konsequent genug vertreten zu haben. Wir kämen im Traum nicht auf die Idee, die proletarisch-internationalistische Gesinnung der PC Int in Italien während des Weltkrieges in Frage zu stellen. Es handelt sich aus unserer Sicht hier um Schwankungen innerhalb des Lager des Proletariats (die traditionelle Bezeichnung hierfür ist Opportunismus), während Lotta Comunista aus unserer Sicht eine bürgerliche, nationalistische Strömung darstellt (was keineswegs ausschließt, dass GenossInnen aus einer solchen Gruppe zum wirklichen proletarischen Internationalismus stoßen können).
Jetzt erst kommt der Genosse Riga zu seiner Hauptkritik an unserem Artikel, und dies bezieht sich nicht auf Lotta Comunista, sondern auf die Darstellung der Frage des proletarischen Internationalismus im Zweiten Weltkrieg selbst. Hier wird er heftig, er wirft uns vor, Behauptungen aufzustellen, welche „nicht mal am Stammtisch unter euch“ unhinterfragt bleiben dürfen.
Folgen wir nun der Argumentation des Genossen. Zunächst räumt er ein, dass der Faschismus wie der Antifaschismus beide bürgerlich, beide „antiproletarische“ Ideologien sind. So weit so gut. Dann schreibt er, dass der Faschismus, besonders in seiner deutschen Form, nicht bloß Ideologie geblieben ist, sondern einen historisch einmaligen Zivilisationsbruch darstellt, „der weit über die konterrevolutionären Strömungen dieser Zeit, auch den Stalinismus hinausreicht“. Und er schließt daraus: „wer diese Differenz nicht (an)erkennt, der kann nicht wirklich an einer Aufarbeitung der Geschichte interessiert sein, sondern nur an Ideologiebildung.“
Anders als der Genosse selbst anzunehmen scheint, können wir uns seinen Ausführungen hierzu ganz und gar anschließen. Denn das, was er hier schreibt, gehört zum Kern der Analyse der Weltlage, welche die sog. Italienische Fraktion der Kommunistischen Linken in den 1930er Jahren entwickelte. Die beiden Hauptsätze dieser Analyse lauteten: 1. Durch die Niederlage des Proletariats in Deutschland war es die Bourgeoisie gelungen, in diesem zentralen Land des europäischen Kapitalismus ein Regime von unerhörter Brutalität zu etablieren. 2. Dieser Sieg der deutschen Bourgeoisie bedeutete die Niederlage nicht nur der Arbeiterklasse in Deutschland, sondern die des gesamten Weltproletariats. Denn gerade die beispiellose Barbarei des Naziregimes ermöglichte es der Bourgeoisie der anderen Länder, auch ohne physische Niederschlagung die eigenen Arbeiter gegen den Faschismus und somit für den imperialistischen Krieg zu mobilisieren.
So weit so gut. An dieser Stelle dennoch zwei Klarstellungen. Erstens: Das Stalinregime war eines der mörderischsten Regime der Weltgeschichte, und trotzdem nicht so mörderisch wie der Nazismus. Aber in anderer, und zwar in politischer Hinsicht, war es in einem gewissen Sinne schlimmer. Denn der Hitlerismus war die offene Konterrevolution gegen den Marxismus, während der Stalinismus die versteckte, heimtückische Konterrevolution im Namen des Marxismus, im Namen der Revolution selbst war. Sicherlich hat der Stalinismus mehr als jede andere politische Strömung es zustande gebracht, den Namen des Kommunismus auf Jahrzehnte hinaus zu diskreditieren. Zweitens: die Westmächte gingen weniger brutal vor als die Nazis im Weltkrieg; gewiss, und dennoch stellten auch Hiroshima und Nagasaki einen Zivilisationsbruch dar, und zwar einen, welcher die atomare Vernichtung der gesamten Menschheit ankündigte, falls es nicht gelingt, noch rechtzeitig den Kapitalismus abzuschaffen. Das hat übrigens nichts zu tun mit einem Abwiegen dieses Verbrechens mit dem des Holocausts: Solch ein Abwiegen wäre selbst barbarisch.
Weshalb empört sich der Genosse so über unseren Artikel? Scheinbar nicht über unsere Sichtweise der Partisanenbewegungen gegen Hitlerdeutschland im Weltkrieg als bürgerlich. Denn er räumt ein, dass die Partisanen „historisch gesehen“ dies auch waren. Dies, schreibt er, sehr zu recht, ist eine „schwierig zu vermittelnde, aber notwendige Einsicht“. Sondern er empört sich über unsere Darstellung der deutschen Wehrmacht als eine teilweise aus „Proletariern in Uniform“ bestehende imperialistische Armee, wie die anderen Armeen auch, so dass die Haltung der Marxisten darin bestehen müsste, diese Proletarier dazu zu gewinnen, sich gegen ihre Befehlshaber zu empören, anstatt sie abzuknallen, wie die Partisanen es taten. Es hat den Anschein, als ob für den Genossen Riga die internationalistische Pflicht im Weltkrieg, die Soldaten auf allen Seiten aufzufordern, sich zu verbrüdern, in diesem Krieg nicht mehr galt, zumindest der deutschen Armee gegenüber. Und warum? Weil die Wehrmacht eine „der Kapitalherrschaft direkt unterworfene Armee bestialischer Killer“ war.
Nun, dass die Wehrmacht einer der Kapitalherrschaft direkt unterworfene Armee bestialischer Killer war, steht außer Frage. Längst ist die Mär wiederlegt worden, derzufolge die Massenerschießungen und Vernichtungsfeldzüge allein von der SS, der Sonderpolizei und anderen gesonderten Staffeln ausgeführt wurden! Aber bedeutet dies, dass es in einer solchen Lage nicht mehr die Aufgabe der Marxisten wäre, auch gegenüber einer solchen Armee sich an das Klassenbewusstsein der Proletarier in Uniform zu richten? Etwa weil die Soldaten dieser Armee irreversibel in der „Volksgemeinschaft“ der Nazis integriert waren, und zwar so, dass man die Proletarier innerhalb dieser Armee faktisch als Vertreter der Bourgeoisie zu bekämpfen hätte? Wohlgemerkt: Es geht hier um das Prinzip, und nicht um das Wie, denn dass die Internationalisten von damals (von denen übrigens einige auch Juden waren) sich nicht direkt und offen an die deutschen Soldaten richten konnten, versteht sich von selbst.
Was die Geschichte angeht, ist man hinterher immer viel klüger. In Nazideutschland blieb der von den Internationalisten erhoffte proletarische Aufstand gegen den Krieg aus. Aber gab es für die Bolschewisten und Spartakisten 1914-15 eine Garantie, dass die von ihnen angestrebte Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg auch gelingen würde?
Nicht nur die Revolutionäre, auch die Herrschenden gingen davon aus, dass auch der Zweite Weltkrieg – der Niederlage des Weltproletariats in den 1930er Jahren zum Trotz – die Möglichkeit der Revolution in sich bergen könnte. Das galt übrigens auch für die Nazis. Für sie war die Novemberrevolution von 1918, welche die Beendigung des Ersten Weltkrieges erzwang, die größte Schmach in der deutschen Geschichte. Um diese Schmach zu „tilgen“, veranstalteten sie sowohl den sog. Hitlerputsch von 1923, wie auch die sog. Reichskristallnacht von 1938 am 9. November. Und auch während des Zweiten Weltkrieges taten sie alles, um dieser Gefahr vorzubeugen.
Wie gingen sie dabei vor? Anders als beispielsweise die Westalliierten, anders auch als der deutsche Imperialismus im Ersten Weltkrieg. Denn diese konnten auf die „freien Gewerkschaften“ und die „Arbeiterparteien“ zurückgreifen, sowie auf die Ideologien der Humanität oder der Demokratie, um die Arbeiter bei der Stange zu halten. Hitlerdeutschland konnte darauf verzichten, weil das deutsche Proletariat zunächst niedergeschlagen war. Und Hitlerdeutschland glaubte, darauf verzichten zu müssen, weil die einzige Chance, den kommenden Waffengang erfolgreich gestehen zu können, darin zu bestehen schien, rücksichtslos einen klaren rüstungsmäßigen Vorsprung zu erzielen. Da der totalitäre Staatskapitalismus damals noch nicht so weit entwickelt war wie heute, ging das am besten mittels einer offenen und brutalen Diktatur.
Aber die Notwendigkeit, eine eventuelle Revolte gegen den Krieg zu bekämpfen, blieb dennoch bestehen. Hierzu entwickelte der Nazismus eine Strategie, welche zwei Hauptpfeiler besaß. Der erste bestand darin, möglichst bis zum letzten Kriegstag eine ausreichende materielle Versorgung der Soldaten und der „Heimatfront“ zu sichern. So ist beispielsweise bekannt, dass eines der Motive, schon im Spätsommer 1941 in die Sowjetunion einzumarschieren (obwohl die Militärstrategen dringend davon abrieten und auf die Gefahren eines Winterfeldzugs hinwiesen) darin bestand, angesichts drohender Versorgungsengpässe in Deutschland die Ernte in der Ukraine abzuholen. Das Ganze lief auf das perfide Vorgehen hinaus, durch die Erschießung von großen Teilen der Bevölkerung der okkupierten Gebiete bzw. ihre Versklavung die Versorgung der Wehrmacht und in Deutschland selbst zu gewährleisten. Aber bereits die Ausplünderung der Juden in Deutschland diente u.a. diesem Ziel (wohlgemerkt: dieses Vorgehen gegenüber der Arbeiterklasse ist nur ein Aspekt der Politik der Nazis, erklärt weder den Antisemitismus der Nazis noch den Holocaust!). Der zweite bestand aber darin, gerade durch die Brutalität des Vorgehens in den besetzten Ländern und v.a. durch die Beteiligung der einfachen Soldaten an den Verbrechen der Wehrmacht bewusst die Arbeiter an ihre Ausbeuter zu binden und ein Verbrüderung mit dem „Feind“ von vorn herein zu verunmöglichen.
Mit anderen Worten: Darauf zu verzichten, in der Wehrmacht die Proletarier in Uniform zu sehen, auch als Opfer des Kapitals, würde auch bedeuten, der Strategie der Nazis auf den Leim zu gehen – nicht nur damals, sondern heute noch.
Und dennoch kam es gerade in der Wehrmacht beispielsweise zu Desertationen. In der amerikanischen Armee „musste“ im gesamten Weltkrieg ein einziger Soldat, so viel wir wissen, wegen Desertation hingerichtet werden. In der Wehrmacht waren es wohl zehntausende. Und wir als Nachwelt wissen von Fällen, wo solche Soldaten aufgrund der Unterstützung der Bevölkerung überlebten – Beweise dafür, dass es selbst in dieser „Mitternacht des Jahrhunderts“ Momente der Menschlichkeit und des Internationalismus gab. KS
Im November 1910 verstarb L. Tolstoi. Wir veröffentlichen nachfolgend einen Artikel von Rosa Luxemburg zur Würdigung seines Werkes.
In dem genialsten Romanschriftsteller der Gegenwart lebte von Anfang an neben dem rastlosen Künstler ein rastloser sozialer Denker. Die Grundfragen des menschlichen Lebens, der Beziehungen der Menschen zueinander, der gesellschaftlichen Verhältnisse beschäftigten seit jeher tief das innerste Wesen Tolstois, und sein ganzes langes Leben und Schaffen war zugleich ein unermüdliches Grübeln über „die Wahrheit" im Menschenleben. Dasselbe rastlose Suchen nach Wahrheit wird gewöhnlich auch einem anderen berühmten Zeitgenossen Tolstois, Ibsen, nachgesagt Während aber in den Ibsenschen Dramen der große Ideenkampf der Gegenwart in dem großspurigen, meistens kaum verständlichen Puppenspiel zwerghafter Gestalten grotesken Ausdruck findet, wobei der Künstler Ibsen unter den unzureichenden Anstrengungen des Denkers Ibsen kläglich erliegt, vermag die Denkarbeit Tolstois seinem künstlerischen Genie nichts anzuhaben
In dem genialsten Romanschriftsteller der Gegenwart lebte von Anfang an neben dem rastlosen Künstler ein rastloser sozialer Denker. Die Grundfragen des menschlichen Lebens, der Beziehungen der Menschen zueinander, der gesellschaftlichen Verhältnisse beschäftigten seit jeher tief das innerste Wesen Tolstois, und sein ganzes langes Leben und Schaffen war zugleich ein unermüdliches Grübeln über „die Wahrheit" im Menschenleben. Dasselbe rastlose Suchen nach Wahrheit wird gewöhnlich auch einem anderen berühmten Zeitgenossen Tolstois, Ibsen, nachgesagt Während aber in den Ibsenschen Dramen der große Ideenkampf der Gegenwart in dem großspurigen, meistens kaum verständlichen Puppenspiel zwerghafter Gestalten grotesken Ausdruck findet, wobei der Künstler Ibsen unter den unzureichenden Anstrengungen des Denkers Ibsen kläglich erliegt, vermag die Denkarbeit Tolstois seinem künstlerischen Genie nichts anzuhaben. In jedem seiner Romane fällt diese Arbeit irgendeiner Person zu, die mitten in dem Getümmel lebenstrotzender Gestalten die etwas linkische, ein wenig lächerliche Rolle eines verträumten Räsoneurs und Wahrheitsuchers spielt, wie Pierre Besuchow in „Krieg und Frieden", wie Lewin in „Anna Karenina", wie Fürst Nechljudow in der „Auferstehung". Diese Personen, die immer die eigenen Gedanken, Zweifel und Probleme Tolstois in Worte kleiden, sind in der Regel künstlerisch am schwächsten, schemenhaftesten gezeichnet, sie sind mehr Beobachter des Lebens als Mitwirkende Teilnehmer. Allein die Gestaltungskraft Tolstois ist so gewaltig, dass er selbst nicht imstande ist, die eigenen Werke zu verpfuschen, wie sehr er sie in der Sorglosigkeit eines gottbegnadeten Schöpfers misshandeln mag. Und als der Denker Tolstoi mit der Zeit über den Künstler den Sieg davongetragen hatte, so geschah es nicht, weil das künstlerische Genie Tolstois versiegte, sondern weil ihm der tiefe Ernst des Denkers Schweigen gebot. Wenn Tolstoi in dem letzten Jahrzehnt statt herrlicher Romane nunmehr künstlerisch oft trostlose Traktate und Traktätchen über Religion, Kunst, Moral, Ehe, Erziehung, Arbeiterfrage schrieb, so war es, weil er mit seinem Grübeln und Denken zu Ergebnissen gelangt ist, die ihm sein eigenes künstlerisches Schaffen als eine frivole Spielerei erscheinen ließen.
Welches sind nun diese Ergebnisse, welche Ideen verfocht und verficht jetzt noch bis zum letzten Atemzuge der greise Dichter? Kurz gefasst, ist die Ideenrichtung Tolstois bekannt als, eine Abkehr von den bestehenden Verhältnissen mitsamt dem sozialen Kampf in jeglicher Gestalt zu einem „wahren Christentum". Schon auf den ersten Blick mutet diese geistige Richtung reaktionär an. Gegen den Verdacht freilich, als hätte das von ihm gepredigte Christentum irgend etwas mit dem bestehenden offiziellen Kirchenglauben zu tun, ist Tolstoi schon durch den öffentlichen Bannstrahl geschützt, mit dem ihn die russische orthodoxe Staatskirche getroffen hat Allein auch eine Opposition gegen das Bestehende schillert in reaktionären Farben, wenn sie sich in mystische Formen kleidet. Doppelt verdächtig erscheint aber ein christlicher Mystizismus, der jeden Kampf und jede Form der Gewaltanwendung verabscheut und die Lehre von der „Nichtvergeltung" predigt, in einem sozialen und politischen Milieu wie dem des absolutistischen Russland. Tatsächlich äußerte sich der Einfluss der Tolstoischen Lehren auf die junge russische Intelligenz – ein Einfluss, der übrigens nie weittragend war und sich nur auf kleine Zirkel erstreckte – Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre, d. h. in der Periode des Stillstands des revolutionären Kampfes, in der Verbreitung einer indolenten ethisch-individualistischen Strömung, die eine direkte Gefahr für die revolutionäre Bewegung hätte werden können, wäre sie nicht räumlich wie zeitlich bloß eine Episode geblieben. Und endlich unmittelbar vor das geschichtliche Schauspiel der russischen Revolution gestellt, wendet sich Tolstoi offen gegen die Revolution, wie er bereits in seinen Schriften schroff und ausdrücklich gegen den Sozialismus Stellung genommen, speziell die Marxsche Lehre als eine ungeheure Verblendung und Verirrung bekämpft hat.
Gewiß, Tolstoi war und ist kein Sozialdemokrat, und für die Sozialdemokratie, für die moderne Arbeiterbewegung hat er nicht das geringste Verständnis. Allein, es ist ein hoffnungsloses Verfahren, an eine geistige Erscheinung von der Größe und von der Eigenart Tolstois mit dem armseligen steifen Schulmaß herantreten und ihn danach beurteilen zu wollen. Die ablehnende Haltung zum Sozialismus als einer Bewegung und einem Lehrsystem kann unter Umständen nicht von der Schwäche, sondern von der Stärke eines Intellekts herrühren, und dies ist gerade bei Tolstoi der Fall.
Einerseits herangewachsen noch in dem alten leibeigenen Russland Nikolaus' L, in einer Zeit, wo es im Zarenreich weder eine moderne Arbeiterbewegung noch auch die nötige wirtschaftliche und soziale Vorbedingung dazu, eine kräftige kapitalistische Entwicklung, gab, war er in seinem kräftigsten Mannesalter Zeuge des Versagens zuerst der schwächlichen Anläufe einer liberalen Bewegung, dann auch der revolutionären Bewegung in der Form der terroristischen „Narodnaja Wolja", um erst im Alter fast eines Siebzigjährigen die ersten kräftigen Schritte des industriellen Proletariats und schließlich als hochbetagter Greis die Revolution zu erleben. So ist es kein Wunder, dass für Tolstoi das moderne russische Proletariat mit seinem geistigen Leben und Streben nicht existiert, da ihm der Bauer, und zwar der ehemalige tiefgläubige und passiv duldende russische Bauer, der nur eine Sehnsucht kennt – mehr Land zu besitzen, ein für allemal das Volk schlechthin bedeutet.
Anderseits aber gehört Tolstoi, der alle kritischen Phasen und den ganzen qualvollen Werdegang des russischen öffentlichen Gedankens miterlebt hat, zu jenen selbständigen, genialen Geistern, die sich sehr viel schwerer in fremde Denkformen, in fertige Lehrsysteme fügen als Durchschnittsintelligenzen. Sozusagen geborener Autodidakt – nicht in bezug auf die formale Bildung und das Wissen, sondern in bezug auf das Denken –, muss er zu jedem Gedanken auf einem eigenen Wege gelangen. Und sind die Wege für andere meist unbegreiflich und die Resultate bizarr, so erreicht der kühne Einzelgänger dabei doch Ausblicke von überwältigender Weite.
Wie bei allen Geistern dieser Art, liegt die Stärke Tolstois und das Schwergewicht seiner Gedankenarbeit nicht in der positiven Propaganda, sondern in der Kritik des Bestehenden. Und hier erreicht er eine Vielseitigkeit, Gründlichkeit und Kühnheit, die an die alten Utopistenklassiker des Sozialismus, an Saint-Simon, Fourier und Owen, erinnern. Es gibt nicht eine von den hergebrachten geheiligten Institutionen der bestehenden Gesellschaftsordnung, die er nicht unbarmherzig zerpflückt, ihre Verlogenheit, Verkehrtheit und Verderblichkeit aufgezeigt hätte. Kirche und Staat, Krieg und Militarismus, Ehe und Erziehung, Reichtum und Müßiggang, physische und geistige Degradation der Arbeitenden, Ausbeutung und Unterdrückung der Volksmassen, das Verhältnis der Geschlechter, Kunst und Wissenschaft in ihrer heutigen Gestalt – alles unterzieht er einer schonungslosen, vernichtenden Kritik, und zwar stets vom Standpunkt der Gesamtinteressen und des Kulturfortschritts der großen Masse. Liest man z. B. die Anfangssätze seiner „Arbeiterfrage", so meint man, eine populäre sozialistische Agitationsschrift in der Hand zu haben:
„In der ganzen Welt gibt es mehr als eine Milliarde, Tausende Millionen Arbeiter. Das ganze Getreide, sämtliche Waren der ganzen Welt, alles, wovon die Menschen leben und was ihren Reichtum ausmacht, ist das Produkt des arbeitenden Volkes. Allein nicht das arbeitende Volk, sondern die Regierung und die Reichen genießen alles, was es erzeugt. Das werktätige Volk aber lebt in ewiger Not, Unwissenheit, Sklaverei und Verachtung bei allen denjenigen, die es kleidet, nährt, für die es baut und denen es dient. Das Land ist ihm weggenommen worden, und es ist das Eigentum derer, die nicht arbeiten, so dass der Arbeiter alles das machen muss, was die Grundbesitzer von ihm verlangen, um vom Grund und Boden leben zu können. Verlässt aber der Arbeiter das Land und geht in die Werkstatt, so gerät er in die Sklaverei bei den Reichen, bei welchen er das ganze Leben 10, 12, 14 und noch mehr Stunden am Tag eine fremde, eintönige und oft für das Leben schädliche Arbeit ausführen muss. Kann er sich aber auf dem Lande oder bei der fremden Arbeit so einrichten, um nur in Not leben zu können, so lässt man ihn nicht in Ruhe, sondern verlangt von ihm Steuern, zieht ihn selbst für drei, für fünf Jahre zum Soldatendienst heran und zwingt ihn, für das Kriegswerk besondere Steuern zu zahlen. Will er aber den Boden benutzen, ohne Rente zu zahlen, einen Streit anfangen oder die Arbeitswilligen verhindern, seine Stelle einzunehmen, oder die Steuern verweigern, so schickt man gegen ihn das Militär, das ihn verwundet, tötet und mit Gewalt zwingt, nach wie vor zu arbeiten und zu zahlen ... Und so leben die meisten Menschen in der ganzen Welt, nicht bloß in Russland, sondern auch in Frankreich, Deutschland, England, China, Indien, Afrika, überall."'
Seine Kritik des Militarismus, des Patriotismus, der Ehe wird an Schärfe von der sozialistischen Kritik kaum übertroffen und bewegt sich in derselben Richtlinie wie diese. Wie originell und tief die soziale Analyse Tolstois ist, zeigt z. B. der Vergleich seiner Ansicht über die Bedeutung und den sittlichen Wert der Arbeit mit der Ansicht Zolas. Während dieser die Arbeit als solche in echt kleinbürgerlichem Geiste auf das Piedestal erhebt, wofür er bei manchen hervorragenden französischen und anderen Sozialdemokraten in den Geruch eines Sozialisten von reinstem Wasser gekommen ist, bemerkt Tolstoi ruhig, indem er mit wenigen Worten den Nagel auf den Kopf trifft: „Herr Zola sagt, dass die Arbeit den Menschen gut mache; ich habe immer das Gegenteil bemerkt: Die Arbeit als solche, der Stolz der Ameise auf ihre Arbeit, macht nicht nur die Ameise, sondern auch die Menschen grausam ... Aber wenn sogar die Arbeitsamkeit kein erklärtes Laster ist, so kann sie in keinem Falle eine Tugend sein. Die Arbeit kann ebenso wenig eine Tugend sein wie das Sichernähren. Die Arbeit ist ein Bedürfnis, das, wenn es nicht befriedigt wird, ein Leiden und nicht eine Tugend ausmacht Die Erhebung der Arbeit zu einer Tugend ist ebenso verkehrt wie die Erhebung des Sichernährens des Menschen zu einer Würde und Tugend. Die Arbeit konnte die Bedeutung, die man ihr in unsrer Gesellschaft zuschreibt, nur als eine Reaktion gegen den Müßiggang gewinnen, den man zum Merkmal des Adels erhoben hat und den man noch als Merkmal der Würde in reichen und wenig gebildeten Klassen hält ... Die Arbeit ist nicht bloß keine Tugend, sondern sie ist in unsrer falsch geordneten Gesellschaft zum größten Teil ein das sittliche Empfindungsvermögen ertötendes Mittel."
Wozu zwei Worte aus dem „Kapital" das knappe Gegenstück bilden: „Das Leben des Proletariats beginnt, wo seine Arbeit aufhört." Bei der obigen Zusammenstellung der beiden Urteile über die Arbeit zeigt sich übrigens genau das Verhältnis Zolas zu Tolstoi im Denken wie im künstlerischen Schaffen: das eines biederen und talentvollen Handwerkers zum schöpferischen Genie.
Tolstoi kritisiert alles Bestehende, erklärt, dass alles wert sei, zugrunde zu gehen, und er predigt: Abschaffung der Ausbeutung, allgemeine Arbeitspflicht, ökonomische Gleichheit, Abschaffung des Zwanges in der Staatsorganisation wie im Verhältnis der Geschlechter, völlige Gleichheit der Menschen, der Geschlechter, der Nationen und die Völkerverbrüderung. Welcher Weg soll uns aber zu dieser radikalen Umwälzung der sozialen Organisation führen? Die Rückkehr der Menschen zu dem einzigen und einfachen Grundsatze des Christentums: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Man sieht, Tolstoi ist hier reiner Idealist. Durch sittliche Wiedergeburt der Menschen will er sie zur Umkrempelung ihrer sozialen Verhältnisse bringen, und die Wiedergeburt will er durch laute Predigt und durch Beispiel erreichen. Und er wird nicht müde, die Notwendigkeit und Nützlichkeit dieser sittlichen „Auferstehung" zu wiederholen mit einer Zähigkeit, einer gewissen Dürftigkeit der Mittel und einer naiv-schlauen Überredungskunst, die lebhaft an die ewigen Wendungen Fouriers von dem Eigennutz der Menschen erinnern, den er in verschiedensten Formen für seine sozialen Pläne zu interessieren suchte.
Das soziale Ideal Tolstois ist also nichts anderes als Sozialismus. Will man aber den sozialen Kern und die Tiefe seiner Ideen in schlagendster Weise erkennen, so muss man sich nicht sowohl an seine Traktate über ökonomische und politische Fragen, sondern an seine Schriften über die Kunst wenden, die übrigens auch in Russland zu den am wenigsten bekannten gehören. Der Gedankengang, den Tolstoi hier in glänzender Form entwickelt, ist folgender: Die Kunst ist - entgegen allen ästhetischen und philosophischen Schulmeinungen - nicht ein Luxusmittel, in schönen Seelen die Gefühle der Schönheit, der Freude oder dergleichen auszulösen, sondern eine wichtige geschichtliche Form des gesellschaftlichen Verkehrs der Menschen untereinander wie die Sprache. Nachdem er durch eine köstliche Abschlachtung aller Kunstdefinitionen von Winckelman und Kant bis Taine diesen echt materialistisch-historischen Maßstab gewonnen hat, tritt Tolstoi mit demselben in der Hand an die gegenwärtige Kunst heran und findet, da der Maßstab in keinem Gebiet und in keinem Stück auf die Wirklichkeit passt; die gesamte bestehende Kunst ist – mit einigen ganz geringen Ausnahmen – der großen Masse der Gesellschaft, nämlich dem arbeitenden Volke, unverständlich. Statt daraus mit der landläufigen Meinung auf die geistige Rohheit der großen Masse und die Notwendigkeit ihrer „Hebung" zum Verständnis der heutigen Kunst zu schließen, zieht Tolstoi den umgekehrten Schluss: Er erklärt die gesamte bestehende Kunst für „falsche Kunst": Und die Frage, wie ist es denn gekommen, dass wir seit Jahrhunderten eine „falsche" statt einer „wahren", d. h. volkstümlichen Kunst haben, führt ihn zu einem weiteren kühnen Ausblick: eine wahre Kunst hätte es in den uralten Zeiten gegeben, wo das gesamte Volk eine gemeinsame Weltanschauung – Tolstoi nennt sie „Religion" – hatte; aus dieser seien solche Werke wie Homers Epos oder die Evangelien entstanden. Seit jedoch die Gesellschaft in eine ausgebeutete große Masse und eine kleine herrschende Minderheit zerklüftet sei, diene die Kunst nur dazu, die Gefühle der reichen und müßigen Minderheit auszudrücken, da dieser aber heute jede Weltanschauung überhaupt abhanden gekommen sei, so hätten wir den Verfall und die Ausartung, die die moderne Kunst charakterisieren. Zu einer „wahren Kunst" kann es nach Tolstoi nur dann kommen, wenn sie aus einem Ausdrucksmittel der herrschenden Klassen wieder zur Volkskunst, d. h. zum Ausdruck einer gemeinsamen Weltanschauung der arbeitenden Gesellschaft, wird. Und mit starker Faust schleudert er in das Verdammnis der „schlechten, falschen Kunst" die größten und kleinen Werke der berühmtesten Sterne der Musik, der Malerei, der Dichtkunst hinab und zum Schluss – seine sämtlichen eigenen herrlichen Werke. „Sie stürzt, sie zerfällt, die schöne Welt, ein Halbgott hat sie zerschlagen." Nur noch einen letzten Roman – „Auferstehung" – schrieb er seitdem, sonst hielt er es nur für wert, einfache, kurze Volksmärchen und Traktätchen zu schreiben, „die jedermann verständlich sind".
Der schwache Punkt Tolstois: die Auffassung der ganzen Klassengesellschaft als einer „Verirrung" statt einer historischen Notwendigkeit, die die beiden Endpunkte seiner geschichtlichen Perspektive, den Urkommunismus und die sozialistische Zukunft, verbindet, liegt auf der Hand. Wie alle Idealisten, glaubt er ja auch an die Allmacht der Gewalt und erklärt die ganze Klassenorganisation der Gesellschaft als das bloße Produkt einer langen Kette nackter Gewaltakte. Aber eine wahrhaft klassische Größe liegt in dem Gedanken über die Zukunft der Kunst, die Tolstoi zugleich in der Vereinigung der Kunst als Ausdrucksmittel mit dem sozialen Empfinden der arbeitenden Menschheit und der Ausübung der Kunst, d. h. der Künstlerlaufbahn, mit dem normalen Leben eines arbeitenden Gesellschaftsgliedes erblickt. Die Sätze, in denen Tolstoi das Abnorme in der Lebensweise des heutigen Künstlers geißelt, der nichts anderes tat als „seiner Kunst leben", sind von lapidarer Wucht, und es liegt ein echt revolutionärer Radikalismus darin, wenn er die Hoffnungen zerschlägt, eine Verkürzung der Arbeitszeit und Hebung der Bildung in den Massen werde ihnen das Verständnis für die Kunst, wie sie heute gestaltet ist, verschaffen :
„Das alles sagen die Verteidiger der heutigen Kunst mit Vorliebe, doch bin ich überzeugt, dass sie selbst nicht glauben, was sie sagen. Sie wissen wohl, dass die Kunst, wie sie sie auffassen, die Unterdrückung der Massen zur notwendigen Bedingung hat und sich auch durch die Aufrechterhaltung dieser Unterdrückung selbst aufrechterhalten kann. Es ist unerlässlich, dass sich Massen von Arbeitern in der Arbeit erschöpfen, damit unsre Künstler, Schriftsteller, Musiker, Sänger und Maler auf den Grund der Vollkommenheit gelangen, der ihnen gestattet, uns Vergnügen zu bereiten ... Doch selbst angenommen, dass diese Unmöglichkeit möglich ist und dass man ein Mittel fände, die Kunst, wie man sie auffasst, dem Volke zugänglich zu machen, so drängt sich eine Betrachtung auf, die beweist, dass diese Kunst nicht eine universelle sein könnte: nämlich der Umstand, dass sie für das Volk völlig unverständlich ist. Früher schrieben die Dichter lateinisch, doch jetzt sind die künstlerischen Erzeugnisse unsrer Dichter ebenso unverständlich für den gemeinen Menschen als wären sie in Sanskrit geschrieben.
Man wird nun antworten, die Schuld liege an dem Mangel von Kultur und Entwicklung des gemeinen Menschen, und unsre Kunst werde von allen dann verstanden werden, wenn sie eine genügende Erziehung genossen haben. Das ist wieder eine unsinnige Antwort, denn wir sehen, dass die Kunst der höheren Klassen zu jeder Zeit nur ein einfacher Zeitvertreib für diese Klassen selbst gewesen ist, ohne dass die übrige Menschheit etwas davon begriffen hat. Die unteren Klassen mögen sich noch so sehr zivilisieren, die Kunst, die von Anfang an nicht für sie geschaffen war, wird ihnen stets unzugänglich bleiben ... Für den denkenden und aufrichtigen Menschen ist es eine unbestreitbare Tatsache, dass die Kunst der höheren Klassen nie die Kunst der ganzen Nation werden kann."
Der das schrieb, ist in jedem Zoll mehr Sozialist und auch historischer Materialist als jene Parteigenossen, die, in der neuerdings aufgekommenen Kunstfexerei machend, mit gedankenloser Geschäftigkeit die sozialdemokratische Arbeiterschaft zum Verständnis für die dekadente Kleckserei eines Slevogt oder eines Hodler „erziehen" wollen.
So muss Tolstoi in seiner Stärke wie in seinen Schwächen, im tiefen und scharfen Blick seiner Kritik, im kühnen Radikalismus seiner Perspektiven wie im idealistischen Glauben an die Macht des subjektiven Bewusstseins in die Reihe der großen Utopisten des Sozialismus gestellt werden. Es ist nicht seine Schuld, sondern sein historisches Pech, dass er mit seinem langen Leben von der Schwelle des 19. Jahrhunderts, an der die Saint-Simon, Fourier und Owen als Vorläufer des modernen Proletariats standen, bis an die Schwelle des 20. reicht, wo er als Einzelgänger dem jungen Riesen verständnislos gegenüber-
steht. Aber die reife revolutionäre Arbeiterklasse kann ihrerseits dem großen Künstler und dem kühnen Revolutionär und Sozialisten trotz seiner selbst mit verständnisinnigem Lächeln heute die ehrliche Hand drücken, die die guten Worte geschrieben hat:
„Jeder kommt auf seinem Wege zur Wahrheit, eins aber muss ich sagen: Das, was ich schreibe, sind nicht nur Worte, sondern ich lebe danach, darin ist mein Glück, und damit werde ich sterben."
Leipziger Volkszeitung, Nr. 209 vom 9. September 1908.
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verfasst von Teilnehmern der branchenübergreifenden Vollversammlung des Pariser Ostbahnhofs und Ile de France.
Wir sind eine Gruppe Beschäftigter verschiedener Wirtschaftszweige (Eisenbahnen, Bildungswesen, Informatik usw.), Arbeitsloser und prekär Beschäftigter. Während der jüngsten Streiks in Frankreich haben wir uns als branchenübergreifende Vollversammlung zunächst auf einem Bahnsteig des Pariser Ostbahnhofs, dann in einem Saal in der Arbeitsbörse versammelt. Wir wollten soviel Beschäftige wie möglich aus anderen Städten der Pariser Region zusammenbringen. Weil wir die Schnauze voll hatten von der Klassenzusammenarbeit der Gewerkschaften, die uns erneut in die Niederlage führten, wollten wir uns selbst organisieren, um zu versuchen, die verschiedenen streikenden Branchen zu vereinigen, den Streik auszudehnen und dass die Streikenden selbst den Kampf kontrollieren.
In Großbritannien, Irland, Portugal, Spanien, Frankreich… - in allen Ländern werden wir mit harten Angriffen konfrontiert. Unsere Lebensbedingungen verschlechtern sich zusehends. In Großbritannien hat die Regierung Cameron angekündigt, 500.000 Stellen im öffentlichen Dienst zu streichen. Milliarden sollen im Sozialhaushalt gestrichen werden, die Uni-Einschreibungsgebühr wurde verdreifacht. In Irland hat Premierminister Cowen den Mindeststundenlohn um mehr als einen Euro sowie die Renten um neun Prozent gesenkt. In Portugal ist die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau angestiegen. In Spanien kürzt der sehr sozialistische Premierminister Zapatero rücksichtslos Arbeitslosenzahlungen, Sozialhilfe und im Gesundheitsbereich. In Frankreich untergräbt die Regierung weiterhin unsere Lebensbedingungen. Nach den Renten ist jetzt der Gesundheitsbereich an der Reihe. Für die Beschäftigten wird es immer schwieriger, medizinische Leistungen zu erhalten; mehr und mehr Medikamente müssen aus eigener Tasche bezahlt werden, private Zusatzversicherungen werden immer teurer, in den öffentlichen Krankenhäusern werden Stellen gestrichen. Im gesamten öffentlichen Dienst (Post, EDG-GDF, Telekom) werden Betriebe geschlossen oder privatisiert. Die Folge: für Millionen ArbeiterInnenfamilien werden medizinische Leistungen zu teuer, sie können sie sich nicht mehr leisten.
Diese Politik ist für die Kapitalisten lebenswichtig. In Anbetracht der Zuspitzung der Krise und des Zusammenbruchs ganzer Bereiche der kapitalistischen Wirtschaft finden sie immer weniger Märkte, auf denen sie Profite für ihr Kapital erwirtschaften können. Und sie sind umso mehr bestrebt, die öffentlichen Dienste zu privatisieren. Aber diese neuen Märkte sind als produktive Absatzmärkte für die großen Stützpfeiler der Weltwirtschaft wie die Bauindustrie, die Automobilindustrie, Ölindustrie zu limitiert. Sie stellen auf keinen Fall einen neuen Rettungsanker für die Weltwirtschaft dar. So wird angesichts von Zusammenbrüchen ganzer Wirtschaftsbereiche der Kampf um die Märkte für die Multis umso heftiger. Mit anderen Worten – für die Kapitalinvestoren geht es um Leben und Tod. In diesem Kampf wird sich jeder Kapitalist hinter seinem Staat verschanzen, um sich zu verteidigen. Im Namen der Verteidigung der Volkswirtschaft werden die Kapitalisten versuchen, uns für ihren Wirtschaftskrieg einzuspannen. In diesem Krieg sind die ArbeiterInnen die Hauptopfer. Denn im Namen der „Verteidigung der nationalen Wirtschaft“ versucht jede nationale Bourgeoisie, jeder Nationalstaat, jeder Arbeitgeber die Kosten zu senken, um seine Wettbewerbsfähigkeit aufrecht zu halten. Konkret verschärfen sie unaufhörlich die Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Wenn wir sie walten lassen, wenn wir bereit sind, den Gürtel noch enger zu schnallen , so werden diese Opfer grenzenlos sein. Und schließlich werden sie unsere Existenzbedingungen infrage stellen!
Arbeiter und Arbeiterinnen! Wir dürfen uns nicht durch Branchen, Berufe oder Nationalitäten spalten lassen. Wir dürfen uns nicht für den Wirtschaftskrieg einspannen lassen. Wir müssen gemeinsam kämpfen und uns im Kampf zusammenschließen. Der alte Schlachtruf von Karl Marx ist heute mehr denn je gültig: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Wir müssen unsere Kämpfe selbst in die Hand nehmen. Heute kämpfen die ArbeiterInnen in Griechenland, Spanien, die Studenten in England. Sie sind den Angriffen ihrer Regierungen ausgesetzt, die im Dienst der herrschenden Klasse stehen, ob sie nun rechts oder links sind. Und wie wir in Frankreich, steht auch ihr Regierungen gegenüber, die gewaltsam gegen die ArbeiterInnen, die Arbeitslosen, die Studenten, und Gymnasiasten vorgehen. In Frankreich haben wir uns im vergangenen Herbst verteidigen wollen. Unsere Aktionen: zu Millionen auf die Straße gehen, um diesen neuen Angriff abzuwehren. Wir haben gegen dieses neue Gesetz gekämpft und gegen all die anderen Sparmaßnahmen, die uns sehr weh tun. Wir haben „nein“ gesagt zur Verschärfung der prekären Bedingungen und der Verarmung. Aber der Zusammenschluss der Gewerkschaften (Intersyndicale) hat uns absichtlich eine Niederlage beigefügt, indem er sich gegen die Ausdehnung der Streikbewegung gestellt hat:
1) Anstatt die Berufsschranken und die Branchenhürden zu überwinden, um die größtmögliche Zahl von ArbeiterInnen zusammenzuschließen, wurde die Beteiligung der anderen Beschäftigten an den Vollversammlungen verhindert.
2) Es wurden spektakuläre Aktionen zur Blockierung der Wirtschaft durchgeführt, aber nichts unternommen, um Streikposten vor Ort oder fliegende Streikposten zu organisieren, die andere ArbeiterInnen zur Beteiligung am Kampf ermuntert hätten. Erst die ArbeiterInnen und prekär Beschäftigte haben diesen Schritt vollzogen.
3) Sie haben hinter unserem Rücken, hinter den verschlossenen Türen der Ministerien unsere Niederlage ausgehandelt. Der gewerkschaftliche Zusammenschluss hat nie das Gesetz zur Rentenreform abgelehnt; im Gegenteil, er hat immer wieder wiederholt, dass diese Reform notwendig und unvermeidbar sei. Ihm zufolge hätten wir uns damit zufrieden geben müssen, mehr „Verhandlungen zwischen Regierung-Arbeitgebern-Gewerkschaften“ zu fordern, „mehr Änderungen des Gesetzes, um eine gerechtere Reform zu erreichen“. Um uns gegen all diese Angriffe zur Wehr zu setzen, können wir nur auf unsere eigenen Kräfte bauen. Wir haben in dieser Bewegung die Notwendigkeit vertreten, dass die ArbeiterInnen sich betrieblich in unabhängigen Vollversammlungen selbst organisieren, ihre Aktionen landesweit abstimmen, um die Streikbewegung zu kontrollieren; dazu sollen jederzeit abwählbare Delegierte gewählt werden. Nur ein Kampf, der von allen ArbeiterInnen getragen, organisiert und kontrolliert wird und dessen Mittel und Ziele von ihnen selbst bestimmt wird, kann die erforderlichen Bedingungen für einen Sieg schaffen.
Wir wissen, dass der Kampf nicht vorüber ist. Die Angriffe werden an Schärfe zunehmen; unsere Lebensbedingungen werden sich noch weiter verschlechtern, die Folgen der Wirtschaftskrise werden noch stärker spürbar. Überall auf der Welt müssen wir uns zur Wehr setzen. Dazu müssen wir wieder Vertrauen in unsere eigene Kraft entwickeln.
Wir sind in der Lage, die Kämpfe selbst in die Hand zu nehmen und uns gemeinsam zu organisieren.
Wir sind in der Lage, offen und brüderlich miteinander zu diskutieren, indem wir selbst das Wort ergreifen.
Wir sind in der Lage, den Verlauf unserer Debatten und unsere Entscheidungen selbst zu kontrollieren.
Die Durchführung von Vollversammlungen darf nicht bei den Gewerkschaften liegen, sondern muss von den ArbeiterInnen selbst organisiert werden.
Wir werden darum kämpfen müssen, unser Leben und die Zukunft unserer Kinder zu schützen.
Die Ausgebeuteten dieser Erde sind unsere Klassenbrüder und –schwestern, die ein- und derselben Klasse angehören.
Nur unser Zusammenschluss über alle Grenzen hinweg wird dieses Ausbeutungssystem überwinden können.
Teilnehmer und Teilnehmerinnen der branchenübergreifenden Vollversammlung
des Pariser Ostbahnhofs und Ile de France.
Nehmt mit uns Kontakt auf:
[email protected] [187]
Auf der Webseite des Daily Mail erschien am 22.11.10 folgender Titel:
„Studentische Militante beziehen Streikposten vor Schulen im Streit um Schulgebühren“
„Studentische Militante haben sich mit französischen Kommunisten zusammengeschlossen, um vor den Secondary Schools Streikposten zu beziehen und schon die 15 Jährigen zu einem walkout wegen des Streits um die Uni-Gebühren zu bewegen. Den Anhängern des Gebrauchs von „legitimer Gewalt“, die versuchen die Anhebung der Uni-Gebühren zu verhindern, haben sich Mitglieder der Internationalen Kommunistischen Strömung (IKS) angeschlossen, um die Schüler/Innen zu mobilisieren.
Aktivisten wollen vor den Schulen des ganzen Landes an dem Aktionstag diesen Mittwoch Flugblätter verteilen. Mehr als 20.000 junge Leute wollen sich am Mittwoch an einem „landesweiten walkout“ beteiligen. Die Mehrheit sind Schüler/Innen und Student/Innen weiterführender Schulen/Universitäten.
Die Kampagnegruppe Education Activist Network hielt eine Protestversammlung am Samstag im Birkbeck College, London, ab. Daran nahm mindestens ein Mitglied der IKS teil. Die IKS hat eine lange Tradition direkter Aktion, die aus den Studentenprotesten von 1968 stammt, welche seinerzeit Frankreich lahmlegten. Der Rädelsführer des EAN ist Mark Bergfeld, 23, der sich für die Verwendung „legitimer Gewalt“ zum Sturz der Regierung einsetzt und zur Errichtung von „verbarrikadierten Schulen“ aufruft.
Herr Bergfeld, der an der Essex Universität studiert, meinte auf dem Treffen am Samstag: „Ihr könnt bis zum 24. November vor den Schulen Flugblätter verteilen, damit sie erfahren, was wir machen. Dann können sie sich euch am Aktionstag anschließen.“ Ebenso anwesend waren Beschäftigte der Stadtverwaltung und des Gesundheitswesens, Lehrer/Innen und Uni-Dozenten.“
Als erste Reaktion auf diesen Artikel in der Daily Mail haben wir uns über diesen lustig gemacht. Dann dachten wir, „keine Werbung ist schlechte Werbung“. Aber schließlich fragten wir uns, was wohl dahinter steckt.
Die Verschwörungstheorien des bürgerlichen Journalismus, der sich nie eine reine Bewegung der Revolte von Unten vorstellen kann, sondern diese jeweils auf einen teuflischen und trickreichen Moriaty (fiktive Romanfigur) zurückführt, der seine Fäden im Dunkeln zieht, diese Verschwörungstheorien haben eine lange Geschichte. Sie reicht bis weit in die Tage von Marx und die Erste Internationale zurück. Die kapitalistische Presse beschuldigte normalerweise die Arbeiterinternationale (I. Internationale Arbeiterassoziation), jeglichen Widerstand gegen die bürgerliche Ordnung hoch zu puschen, vom kleinsten lokalen Streik bis zur mächtigen Pariser Kommune 1871. Damals verfügte die Internationale natürlich über einen gewissen Einfluss, aber dieser stand in keinem Verhältnis zu dem von den Dienern der herrschenden Klasse heraufbeschworenen.
Wir sind eine winzige Gruppe. Wir beteiligen uns am Klassenkampf so gut wie unsere Kräfte es erlauben. Auch mischen wir an einer Reihe von Diskussionen, Treffen und Demonstrationen mit, die Teil der gegenwärtigen Bewegung der Studenten gegen die Uni-Gebühren und die Abschaffung der EMA-Zahlungen sind. Wir waren in der Tat auf dem erwähnten ENA-Treffen anwesend. Wir sind stolz, eine internationale Organisation zu sein (das ist natürlich etwas Anderes als eine rein französische Organisation zu sein), und wir führen unseren Ursprung auf die gewaltige Streikwelle zurück, die im Mai 1968 Frankreich erschütterte.
Aber wir behaupten nicht, die Organisatoren der gegenwärtigen Bewegung zu sein, wir betrachten dies nicht mal als unsere Rolle. Es macht keinen Sinn, dies gegenüber der Daily Mail zu argumentieren, da es unerheblich ist, ob deren Schreiberlinge glauben, die geheime Macht hinter der gegenwärtigen Rebellion der Jugend der Arbeiterklasse in Großbritannien entdeckt zu haben.
Das wirkliche Ziel dieser und anderer Artikel liegt woanders. In der jüngsten Zeit wurden auch ähnliche Artikel dieser Art von anderen Zeitungen veröffentlicht: Anarchistische Gruppen wie Solidarity Federation und die Anarchistische Föderation wurden als die Organisatoren der Besetzungen und der Stürmung der Tory-Parteizentrale am 10. November ausgemacht. Nach diesen Vorfällen wurde ein besonders bösartiger Artikel im Daily Telegraph veröffentlicht. Darin wurde ein regelmäßiger Teilnehmer am Libcom Internet-Forum verpfiffen; sein Name und der seines Vaters wurden genannt; ihnen wurde – ohne irgendwelche Beweise vorzulegen – vorgeworfen, für den Schaden an der Tory Parteizentrale in Milbank verantwortlich zu sein.
Bloßstellungen dieser Art dienen dazu, Revolutionäre und revolutionäre Organisationen an den Pranger zu stellen, sie so abschreckend und unattraktiv wie möglich erscheinen zu lassen, um so letztendlich eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie direkt von den Polizeikräften angegriffen werden können. Schließlich befürworten wir die Anwendung von „legitimer Gewalt“ und – hört, hört – wir sind auch bereit, unschuldige Schüler/Innen mit unseren Ideen zu vergiften. Und natürlich sind wir Ausländer, warum dürfen wir eigentlich im Lande sein?
Die Einkesselung der Londoner Studentendemonstration vom 24. November war eine eklatante Zurschaustellung der Macht, die eine Bewegung einschüchtern sollte, von der die Herrschenden noch nicht sicher sein können, sie in den Griff zu kriegen, zudem diese Bewegung sich den üblichen Regeln des Vorgehens, wie sie von den Gewerkschaften und den linken Parteien durchgesetzt werden, nicht unterwerfen. Indem Anarchisten und Kommunisten Sachen untergeschoben werden, geht die herrschende Klasse auf die gleiche Weise vor. Sie wollen den in Gang gekommenen Prozess der Politisierung der jungen Leute blockieren, eine Politisierung, die weit über die falsche Polarisierung hinausgeht, welche die kapitalistische Linke aufzuzwingen versucht.
Und dahinter braucht man keine Verschwörung zu vermuten: Diese Art Reaktionen sind ungefähr so „spontan“ aus der Sicht der herrschenden Klasse wie eine Demonstration, die auf Facebook organisiert wird. Aber hier spielt auch das Bewusstsein eine Rolle: Unsere Herrscher lernen aus früheren Ereignissen und aus der Erfahrung in anderen Ländern. Ihnen schweben z.B. die Bilder aus Griechenland und Frankreich vor Augen, wo innerhalb der jüngsten Widerstandsbewegungen gegen die Sparpolitik kleine, aber erkennbare Minderheiten einige sehr politische Fragen aufwarfen: die Selbstorganisierung und die Ausdehnung der Kämpfe, und die Zukunft, die die kapitalistische Gesellschaft für uns bereithält. Die Studenten in Großbritannien stellen sich auch die Frage, wie es um ihre Zukunft bestellt ist, und der herrschenden Klasse wäre es lieber, dass diese nicht ermutigt würden zu erkennen, dass sie Teil einer Bewegung sind, die in Richtung Revolution getrieben wird. World Revolution 27.11.10
Siehe dazu: https://www.dailymail.co.uk/news/article-1331892/Tuition-fee-militants-picket-school-gates.html#ixzz16OoPiMUH [190]
Wir veröffentlichen nachfolgend das Einleitungsreferat zu unseren Diskussionsveranstaltungen in Frankreich im September dieses Jahres
In der gegenwärtigen Situation fällt auf, dass es einen gewaltigen Graben gibt zwischen der Wut, den eine Flut von Angriffen ausgelöst hat, und dem zahlenmäßig noch sehr geringen Interesse gegenüber Fragen der Revolution. Die Ausgebeuteten erkennen immer klarer, dass der Kapitalismus ein sterbendes System ist, welches die ganze Menschheit ins Verderben führt, aber sie glauben nicht an die Revolution. 1968 schien die Revolution möglich, aber nicht als notwendig; heute ist genau das Gegenteil der Fall.
Welche “andere Welt” ist möglich?
Es wird eine ausbeutungsfreie Zeit sein, in der es keine Armut, keine Grenzen, keine Kriege geben wird, und die menschlichen Bedürfnisse befriedigt sein werden. Es handelt sich um die freie Vereinigung der Produzenten, d.h. derjenigen, die die Reichtümer durch ihre assoziierte Arbeit herstellen. Dies ist der Kommunismus, in dem sich die Menschen frei entfalten können. Die Arbeit wird nicht mehr Leiden verursachen und eine grenzenlose Langeweile auslösen, stattdessen wird sie zu einem Faktor der Entfaltung der Menschen werden.
Wir veröffentlichen nachfolgend das Einleitungsreferat zu unseren Diskussionsveranstaltungen in Frankreich im September dieses Jahres
In der gegenwärtigen Situation fällt auf, dass es einen gewaltigen Graben gibt zwischen der Wut, den eine Flut von Angriffen ausgelöst hat, und dem zahlenmäßig noch sehr geringen Interesse gegenüber Fragen der Revolution. Die Ausgebeuteten erkennen immer klarer, dass der Kapitalismus ein sterbendes System ist, welches die ganze Menschheit ins Verderben führt, aber sie glauben nicht an die Revolution. 1968 schien die Revolution möglich, aber nicht als notwendig; heute ist genau das Gegenteil der Fall.
Es wird eine ausbeutungsfreie Zeit sein, in der es keine Armut, keine Grenzen, keine Kriege geben wird, und die menschlichen Bedürfnisse befriedigt sein werden. Es handelt sich um die freie Vereinigung der Produzenten, d.h. derjenigen, die die Reichtümer durch ihre assoziierte Arbeit herstellen. Dies ist der Kommunismus, in dem sich die Menschen frei entfalten können. Die Arbeit wird nicht mehr Leiden verursachen und eine grenzenlose Langeweile auslösen, stattdessen wird sie zu einem Faktor der Entfaltung der Menschen werden. Dann wird auch das Gefangenendasein aufgrund der extremen Spezialisierung auf eine gleiche Aktivität zu Ende kommen, denn wie Marx sagte: „
„ Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ [Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 1298
(vgl. MEW Bd. 3, S. 33)]
Natürlich geht es hier um die grundsätzliche Idee dieses Zitats, und nicht um die Idee, dass man im Kommunismus auf der Stufe des Jägerdaseins leben werde. Es wird natürlich Jäger geben, aber diese wird man im Museum sehen.
Der Überfluss, während bislang der Mangel das Merkmal der Klassen- und Ausbeutungsgesellschaften gewesen ist.
Seitdem der Mensch nicht mehr mit Methoden der primitiven kommunistischen Gemeinschaft produziert, ist die Arbeitsproduktivität mit den Klassengesellschaften beträchtlich gestiegen, insbesondere unter dem Kapitalismus. Dieser hat mehr als alle anderen früheren Klassengesellschaften alles vorangetrieben, was der Produktion von Produktions- und Kommunikationsmitteln dient: Maschinen, Technologie, Wissenschaften usw. Das gegenwärtige Niveau der Arbeitsproduktivität kann durch die Tatsache bemessen werden, dass die Arbeit eines prozentual sehr kleinen Teils der Weltbevölkerung zur Ernährung der Weltbevölkerung reicht.
Es liegt auf der Hand, wenn die Produktionskapazitäten anders ausgerichtet wären, könnte der Hunger auf der Welt ausgelöscht werden; man bräuchte viel weniger für unsere Bedürfnisbefriedigung arbeiten usw.. Zur Verdeutlichung: 2008 starben bei einer Bevölkerung von sechs Milliarden Menschen jeden Tag 100.000 Menschen durch Hungertod; 2008 hätte die Landwirtschaft weltweit 12 Milliarden ernähren können (gemäß einem Bericht der UNO, vorgelegt von Jean Ziegler, Sonderberichterstatter). Aber dies unter dem Kapitalismus zu verwirklichen, ist eine Utopie.
Sicher nicht die Herrschenden. Es kann keinen harmonischen Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus geben. Die herrschende Klasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die ihren ganzen Reichtum aus der Ausbeutung der Arbeiterklasse zieht, wird sich nie dazu entschließen, das Ausbeutungssystem fallenzulassen, da es dieser schließlich ihre privilegierte Stellung in der Gesellschaft verschafft. Einzelne Angehörige der herrschenden Klasse können den Kampf für eine andere Gesellschaft unterstützen oder sich ihm anschließen. Aber die herrschende Klasse als Ganzes kann das nie machen.
Der Motor der gesellschaftlichen Umwälzung ist die Arbeiterklasse: Sie ist die Klasse der Gesellschaft, die mit kapitalistischen Produktionsmethoden ausgebeutet wird:
- Die Arbeiterklasse hat keine eigene Interessen in diesem System zu verteidigen;
- Sie ist Trägerin eines Gesellschaftsprojektes, das der freien Vereinigung der Produzenten, welches ermöglicht, die Widersprüche des gegenwärtigen Systems zu überwinden.
- Um den Kapitalismus zu überwinden und ihr Projekt der revolutionären Klasse zu verwirklichen, verfügt sie über die notwendige Kraft, die sie durch ihre Zahl, ihre Bündelung und die Tatsache erreicht, dass sie den Hauptteil der Reichtümer dieser Gesellschaft produziert.
So hat der Kapitalismus nicht nur die Produktivkräfte entwickelt, die Überfluss ermöglichen, sondern er hat die revolutionäre Klasse geschaffen, die sein Totengräber sein wird – die Arbeiterklasse.
Solch eine Umwandlung wird nicht das Werk der ganzen Menschheit sein, auch wenn sie Leidtragender des gegenwärtigen Systems ist und sie sehr an ihrer Umwälzung interessiert ist. Die revolutionäre Klasse ist der Motor der Revolution.
Die Notwendigkeit stellt die Grundlage für die revolutionäre Umwälzung dar. Wie alle früheren Ausbeutungsgesellschaften wird der Kapitalismus an seinen unüberwindbaren Widersprüchen zugrunde gehen, wenn er nicht durch ein anderes System ersetzt wird, welches diese Widersprüche aus der Welt schafft. Kurz gesagt produziert dieses System nicht für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern für Profit. So liefern all die materiellen Reichtümer, die es produziert, die Grundlagen für den Überfluss für alle. Das Problem ist, dass gleichzeitig diese Entwicklung einhergeht mit einer wachsenden Verarmung, die einem immer größeren Teil der Bevölkerung aufgezwungen wird. Die Arbeiterklasse wird somit gezwungen, gegen die Verhältnisse zu rebellieren, und deshalb die Perspektive der Umwälzung dieser Gesellschaft zu suchen. So ist die proletarische Revolution nicht das Ergebnis eines moralischen Imperativs, sondern der Notwendigkeit, auch wenn es viele moralische und menschliche Gründe gibt, dieses System zu überwinden. Die gegenwärtige Stufe der Krise (die in Wirklichkeit schon seit dem Ende der 1960er Jahre andauert) ist eine schreiende Verdeutlichung der Tatsache, dass die Widersprüche des Kapitalismus unlösbar sind.
Im Gegensatz zum Kapitalismus kann der Sozialismus sich nicht schrittweise von einem Land zum anderen entwickeln. Er kann nur weltweit existieren und all die Produktivkräfte sowie das Vertriebsnetz in Bewegung setzen, die der Kapitalismus entwickelt hat. Die proletarische Revolution muss sich also auf dieser Ebene entfalten, um die sozialistische Umwälzung zu ermöglichen. Die Macht der Arbeiterklasse, isoliert in einem Land, oder gar in einer Reihe von Ländern, wird weiterhin von den Gesetzen des Kapitalismus bestimmt, unabhängig davon welche Maßnahmen diese ergreift.
Die anderen früheren revolutionären Klassen sind nicht zu ausbeutenden Klassen geworden, nachdem sie die Macht ergriffen hatten. Sie waren dies schon vorher gewesen. Die revolutionäre Klasse muss die alte Gesellschaft überwinden; sie muss ebenso die revolutionäre Umwälzung leiten, um eine neue Gesellschaft aufzubauen. Diese revolutionäre Klasse ist ebenso im Unterschied zu allen anderen revolutionären Klassen der Vergangenheit zum ersten Mal in der Geschichte die ausgebeutete Klasse. Durch die Abschaffung ihrer Ausbeutung schafft sie jegliche Ausbeutung ab. So hat sie nicht nur zur Aufgabe, sich selbst zu befreien, sondern sie muss die ganze Menschheit befreien.
Niemand kann mit Bestimmtheit und Sicherheit sagen, dass die Revolution stattfinden und siegen wird, und dass die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse zum Kommunismus erfolgreich durchgeführt werden wird.
Als die Revolution in Russland entartete, geschah dies nicht so sehr wegen ihrer Fehler, sondern wegen der internationalen Isolierung, in welche sie mit dem Zurückweichen und dem Scheitern der revolutionären Welle 1917-23 geriet, aus der sie hervorgegangen war. Der Aufbau des Sozialismus in einem Land ist unmöglich; auch kann sich die Macht der Arbeiter nicht lange isoliert in einem Land halten. Unter diesen Bedingungen kann sie nur zur Entartung neigen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Revolution weltweit auszudehnen und die Umwälzung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse durchzuführen. Wenn diese Ziele aufgrund eines international ungünstigen Kräfteverhältnisses nicht umgesetzt werden können, gerät diese Macht zunehmend unter den Druck des Weltkapitalismus: militärische und diplomatische Offensiven mit dem Versuch seiner Erstickung, weltweite ökonomische Konkurrenz usw. Dieses Schicksal erlitt Sowjetrussland.
Die politische Macht des Proletariats auf Weltebene wird durch ihre weltweit bestehende Organisierung in Arbeiterräten ausgeübt. Diese Organisationsform, die zum ersten Mal spontan in Russland 1905 entstanden ist, ist die einzige Organisationsform, die es der Arbeiterklasse ermöglicht, als ein Ganzes zu denken und zu handeln; und dies trotz der sehr großen Heterogenität, die in ihren Reihen existieren kann. Ihre Stärke stützt sich auf zwei wesentliche Eigenschaften:
- die Vollversammlungen an der Basis sind ein Ort, wo ständig Diskussionen geführt werden können, an denen sich die gesamte Arbeiterklasse beteiligt.
- Sie wählen abwählbare Delegierte, die wiederum in Delegiertenversammlungen zusammenkommen, welche mit den gleichen Prinzipien funktionieren wie die Versammlungen an der Basis, und die wiederum Delegierte wählen. So kann die Bewegung zentralisiert und Entscheidungen getroffen werden, die auf den verschiedenen Ebenen der Zentralisierung gefasst werden; somit können diese wirklich ein Ausdruck der Arbeiterklasse sein, die in Bewegung geraten ist.
Es handelt sich um die einzige Organisationsform, die dazu in der Lage ist, der schnellen Entwicklung des Bewusstseins in ihren Reihen Rechnung zu tragen, die so prägend ist für revolutionäre oder vorrevolutionäre Phasen.
Dies ist die Organisationsform der Diktatur des Proletariats nach der Machtübernahme.
Das Ziel der Macht der Arbeiter besteht darin, die revolutionäre Umwälzung im Hinblick auf eine neue klassenlose Gesellschaft, ohne Staat, ohne politische Macht in der Gesellschaft, zu leiten; dadurch schafft sie die Grundlagen für ihr eigenes politisches Verschwinden. Sie ist übrigens die einzige politische Macht, die jemals in der Geschichte existiert hat, welche nicht auf ihre Aufrechterhaltung abzielt.
Aber nichts von dem oben Gesagten stellt eine Garantie gegen die Entartung dar. Diese kann als Folge eines dauerhaften Rückflusses der Revolution auf Weltebene eintreten.
Wenn die Revolution nicht zustande kommt oder nicht siegt, wird nicht nur ein einfaches Blutbad stattfinden, sondern unzählig viele. Das Unvermögen der Arbeiterklasse, das System zu überwinden, bedeutet, dass die gegenwärtige Lage der historischen Krise des Kapitalismus sich in immer mörderischeren Kriegen, einer noch größeren Umweltzerstörung, und einer Explosion und noch größeren Ausbreitung der Armut in all ihren Formen äußern wird. Dadurch würde das Leben auf der Erde zu einer wahren Hölle; ja es wird unmöglich werden.
Da die Revolution darauf hinarbeitet, die Klassendiktatur der Bourgeoisie zu brechen, wird sie notwendigerweise auf Gewalt nicht verzichten können, aber es wird sich um eine befreiende Gewalt handeln, die eine Welt ermöglichen soll, in der es keine Barbarei mehr geben wird. In der Russischen Revolution war die Zahl der Todesopfer während des Aufstands im Oktober 1917 nahezu lächerlich im Vergleich zu den unzähligen Toten, die jeden Tag im Weltkrieg zu beklagen waren, und während der Reaktion der Weißen Armeen, die der Weltkapitalismus gegen die Russische Revolution mobilisiert hatte oder auch während der stalinistischen Konterrevolution und der mit ihr verbundenen Repression. Die erste revolutionäre Welle von weltweiten Kämpfen, insbesondere die Revolution in Deutschland zwang die herrschende Klasse den Ersten Weltkrieg zu beenden, da dessen Fortsetzung ein gefährlicher Nährboden für die Radikalisierung der Massen und damit der Revolution dargestellt hätte.
Um die Revolution als Schreckgespenst an die Wand zu malen, benutzt die herrschende Klasse zur Abschreckung oft Ereignisse, die nichts mit dieser zu tun haben, sondern im Gegenteil ein Ausdruck des Treibens verschiedener Fraktionen der Herrschenden sind: die stalinistische Konterrevolution, die angebliche maoistische Revolution, die Aktivitäten Pol Pots aus Kambodscha usw.
Ja. Auch wenn der erste weltweite revolutionäre Anlauf nach dem Ersten Weltkrieg gescheitert ist, beweist dies nicht das Gegenteil.
Die russische Arbeiterbastion war der am meisten fortgeschrittene Ausdruck einer weltrevolutionären Welle. An dieser weltrevolutionären Welle hatte sich ebenfalls das deutsche Proletariat beteiligt, das damals am weitesten entwickelt war, und das damals drei Jahre lang heldenhaft gegen die herrschende Klasse gekämpft hat. Leider wurde es besiegt. Seine Niederlage bedeutete die Niederlage der weltweiten revolutionären Welle und den Niedergang der Russischen Revolution. Umgekehrt hätte ein Sieg der Revolution in Deutschland die Möglichkeit geboten, die Revolution auf Mitteleuropa und später auf Westeuropa und den Rest der Welt auszudehnen.
Um mit der aufgeworfenen Frage abzuschließen, es geht nicht darum zu wissen, ob die Revolution möglich ist, sondern sich dessen bewusst zu werden, dass es unmöglich ist, ohne eine Revolution weiter zu leben. Die einzige Alternative ist Sozialismus oder Barbarei. IKS , September 2010
(der erste Teil wurde auf unserer Webseite veröffentlicht)
Im ersten Teil [193] dieser Chronologie haben wir die Ereignisse vom 23. März bis zum 19. Oktober detailliert aufgegriffen. Im provisorischen Schlussteil schrieben wir:
„Zusammenfassend gesagt; die Bewegung entfaltet sich nunmehr seit sieben Monaten. Die Wut ist sehr groß. Die Forderungen gegen die Rentenreform neigen dazu, in den Hintergrund zu treten. Die Medien gestehen ein, dass die Bewegung sich „politisiert“ habe. Die ganze Verarmung, die prekären Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung usw. werden offen verworfen. Die Solidarität zwischen den verschiedenen Branchen hat auch zugenommen. Aber bislang ist es der Arbeiterklasse nicht gelungen, ihre Kämpfe wirklich in die eigene Hand zu nehmen. Sie wünscht das immer mehr; einige Minderheiten nehmen hier und da immer mehr Anläufe in diese Richtung. Das Misstrauen gegenüber den zusammengeschlossenen Gewerkschaften wächst; aber noch gelingt es den Arbeitern nicht, sich mittels autonomer und souveräner Vollversammlungen und somit außerhalb der Gewerkschaften zu organisieren. Aber solche Vollversammlungen waren das Herz der Bewegung gegen den CPE 2006; damals hatten diese der Bewegung ihre Stärke verliehen. Der Arbeiterklasse scheint es noch an Selbstvertrauen zu mangeln. Die weitere Entwicklung der Kämpfe wird uns zeigen, ob es ihr gelingen wird, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn es dieses Mal nicht gelingt, dann eben das nächste Mal. Die gegenwärtigen Kämpfe verheißen viel für die zukünftigen Kämpfe!“
Wie hat sich die Bewegung schließlich entwickelt?
Die Frage der Blockierung der Raffinerien stand von Mitte Oktober an im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen.
Die Medien und die Politiker lenken die ganze Aufmerksamkeit auf den Treibstoffmangel, auf die „Zwangslage der Autofahrer“ und das Kräftemessen zwischen den Blockierern und den Ordnungskräften. In allen Vollversammlungen (ob von den Gewerkschaften organisiert oder nicht) drehen sich die Debatten fast ausschließlich um die Frage „wie kann man den Beschäftigten der Raffinerien helfen?“, „wie können wir unsere Solidarität zum Ausdruck bringen?“, „was können wir lahmlegen?“ Tatsächlich begaben sich einige Dutzend Beschäftigte aus allen Bereichen, Arbeitslose, prekär Beschäftigte, Rentner jeden Tag vor die Werkstore der 12 blockierten Raffinerien, um gegenüber den CRS ihr „Gewicht in die Waagschale“ zu werfen, ihnen Essenskörbe, ein wenig Geld und vor allem moralische Unterstützung zu bringen.
Dieser Elan an Solidarität ist ein wichtiges Element, er zeigt erneut das wirkliche Wesen der Arbeiterklasse.
Aber trotz der Entschlossenheit und der guten Absichten der Streikenden und ihrer Unterstützung tragen diese Blockaden im Allgemeinen nicht zur Verstärkung des Kampfes sondern zu deren Schwächung bei. Warum?
Diese Blockaden wurden vom Anfang bis zum Ende von der CGT (der größten französischen Gewerkschaft) initiiert und vollständig kontrolliert. Es gab praktisch keine einzige Vollversammlung, in der die Beschäftigten der Raffinerien gemeinsam hätten diskutieren und entscheiden können. Und als eine Vollversammlung einberufen wurde, wurden andere Beschäftigte nicht hineingelassen. Diese „Fremden“, die sich an den Streikposten beteiligten, wurden nicht dazu aufgefordert mitzudiskutieren und noch weniger sich an den Entscheidungen zu beteiligen. Ihnen wurde sogar der Zutritt verboten. Die CGT spricht wohl von Solidarität… aber nur platonisch, nicht aufrichtig gemeint. Unter dem Deckmantel einer „starken und radikalen“ Aktion organisiert die CGT die Isolierung der sehr kämpferischen Arbeiter dieses Teils der Raffinerien.
Am Vorabend der Herbstferien rufen die größten Gewerkschaften der Gymnasiasten und Studenten (UNL, Fidl, Unef) zu Demonstrationen auf. Es stimmt, dass die Wut der Jugend immer mehr zunimmt. Und an jenem Tag zogen in der Tat mehrere Zehntausend auf die Straße.
Der Gesetzesvorschlag zur Rentenform überwindet alle Hürden der “Demokratie”, vom Senat bis zur Nationalversammlung.
Neuer Aktionstag, zu dem der gewerkschaftliche Zusammenschluss (Intersyndicale) aufruft. 1.2 Millionen Teilnehmer, d.h. nur ein Drittel soviel Teilnehmer wie beim vorherigen Mal, am 19. Oktober. Die Zahlen sind stark rückläufig, Resignation breitet sich immer mehr aus.
Auch findet dieser Aktionstag mitten in den Herbstferien statt. Die Schüler, die sich der Bewegung mittlerweile angeschlossen hatten (überall ging die Polizei sehr gewalttätig gegen sie vor[1]), fehlten gänzlich.
Bis dahin hatten die Gewerkschaften alles unternommen, um entweder die Zahl der Vollversammlungen zu senken oder sie für Beschäftigte anderer Bereiche nicht zugänglich zu machen. Aber nachdem die Bewegung nun nachließ, versuchten sie „nationale Treffen“ verschiedener branchenübergreifender Zusammenschlüsse zusammenzubringen. In dem Aufruf der „vereinigten Gewerkschaften“ wagt man gar zu behaupten. „Der Kampf gegen die Rentenreform tritt in eine entscheidende Phase. Während die Regierung und die Medien das Ende der Mobilisierung ankündigen, finden landesweit Blockade- und Solidaritätsaktionen in einem branchenübergreifenden Rahmen, oft von branchenübergreifenden Vollversammlungen organisiert, statt. Aber abgesehen von dieser Strukturierung auf lokaler Ebene gibt es sehr wenig oder keine Beziehungen unter den verschiedenen branchenübergreifenden Vollversammlungen, so dass sie sich auf einer höheren Stufe miteinander absprechen könnten. Aber wenn wir die Regierungspolitik aufhalten wollen, müssten wir uns mehr strukturieren und unsere Aktionen besser koordinieren. Die Arbeiter, Arbeitslosen, Jugendlichen und Rentner, die sich der Bewegung angeschlossen haben, müssen ein Instrument entwickeln, um ihren Kampf über die örtlichen Grenzen hinweg zu vereinigen. Deshalb schlägt die Vollversammlung in Tours, die sich am 28. Oktober 2010 getroffen hat, vor, ein branchenübergreifendes Treffen zu organisieren, an dem sich Delegierte beteiligen, die von den landesweit abzuhaltenden Vollversammlungen ein Mandat erhalten.“ [2]
Dies ist ein Maskenspiel. All diese Leute, die uns unaufhörlich spalten, rufen jetzt, nach dem Kampf, dazu auf, “unsere Aktionen mehr abzustimmen“. Diejenigen, die uns absichtlich die Zügel aus den Händen gerissen haben, rufen jetzt die Beschäftigten nach dem Kampf dazu auf, „ihren Kampf selbst zu organisieren“. Mitglieder der nicht-gewerkschaftlichen berufsübergreifenden Versammlung (wie die vom Pariser Ostbahnhof) und Mitglieder der IKS sind zu diesem „nationalen Treffen“ hingefahren. Alle hoben die gewerkschaftliche Manipulation hervor, und dass die Debatten abgewürgt wurden und es unmöglich war, die Bilanz des gewerkschaftlichen Vorgehens infrage zustellen. Die NPA und die Libertäre Alternative (zwei linksextreme Gruppen, die eine ‚trotzkistisch’, die andere ‚anarchistisch’) scheinen in dieser nationalen Koordination federführend zu sein.
Neuer Aktionstag: 1.2 Millionen Teilnehmer kommen erneut auf der Straße zusammen. Seit nunmehr acht Monaten folgt eine Demonstration dieser Art der anderen. Aber niemand glaubt mehr an die Möglichkeit irgendeines Rückzugs der Regierung, auch nicht an eine teilweise Rücknahme des Angriffs. Dies belegt die weitreichende Wut. Die Beschäftigten kämpften nicht mehr allein gegen diesen Angriff, sondern um ihre allgemeine Wut über die Verarmung zum Ausdruck zu bringen.
Das Gesetz wurde verabschiedet und trat in Kraft. Der gewerkschaftliche Zusammenschluss rief sofort zu einem neuen Aktionstag am 23. November auf. Und um sicherzustellen, dass die Bewegung endgültig zu Grabe getragen wird, schlug der gewerkschaftliche Zusammenschluss einen Tag „vielschichtiger Aktionen“ vor. Konkret wurden aber von den Gewerkschaften keine landesweiten Anweisungen erteilt. Jede Region, jede gewerkschaftliche Sektion, jede Branche kann das veranstalten, was ihr gefällt.
Nur wenige Tausend demonstrieren. In Paris orchestrieren die Gewerkschaften eine “symbolische Aktion” – man zieht mehrmals um den Palais Brongniard, Sitz der Börse, und ruft den Slogan „Umzingeln wir das Kapital“. Das Ziel ist erreicht: ein entmutigendes Fiasko. Dieser Tag wird gar umgetauft: „Demo für nix“. Die Teilnahme von 10.000 Leuten an der Demo in Toulouse lässt deutlich werden, dass die Wut weiter anschwillt. Dies ist verheißungsvoll für die Zukunft und zukünftige Kämpfe. Die Arbeiterklasse ist in diesen langen Auseinandersetzungen nicht geschlagen und auch nicht erschöpft worden. Im Gegenteil: die vorherrschende Stimmung scheint zu sein „wir werden sehen, was das nächste Mal auf uns zukommt“.
Diese Bewegung gegen die Rentenreform mit ihren zahlreichen Demonstrationen ist nun zu Ende gegangen. Aber der Prozess des Nachdenkens hat erst angefangen.
Dieser Kampf ist dem Schein nach eine Niederlage, die Regierung hat nicht nachgegeben. Aber für unsere Klasse stellt sie einen Schritt nach vorne dar. Die Minderheiten, die aus dieser Bewegung hervorgegangen sind und versucht haben sich zusammenzuschließen, in den branchenübergreifenden Vollversammlungen oder in den auf der Straße abgehaltenen Versammlungen zu diskutieren, diese Minderheiten, die versucht haben, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen und sich dabei wie die Pest vor den Gewerkschaften gehütet haben, bringen die Fragestellungen in der Klasse zum Vorschein, mit denen sich immer mehr Arbeiter vertieft auseinandersetzen.
Dieses Nachdenken wir weiterhin seinen Weg suchen und es wird langfristig auch seine Früchte tragen.
Dies ist kein Aufruf zum Abwarten, zur Passivität. Auch heißt das nicht, dass die reife Frucht einfach vom Baum fallen wird. Alle diejenigen, die sich bewusst sind, dass es in der Zukunft noch mehr Angriffe hageln wird, und eine wachsende Verarmung auf uns zukommt, gegen die wir uns zur Wehr setzen müssen, sollten jetzt die zukünftigen Kämpfe vorbereiten. Wir müssen weiterhin debattieren, diskutieren, die Lehren aus dieser Bewegung ziehen und sie so breit wie möglich streuen. Diejenigen, die ein Vertrauensverhältnis und brüderliche Beziehungen untereinander in dieser Bewegung bei den Demonstrationen und Vollversdammlungen aufgebaut haben, sollten sich weiterhin treffen (als Diskussionszirkel, Kampfkomitee, Volksversammlungen oder als „Treffpunkt zum Reden“….), denn alle Fragen stehen weiterhin zur Klärung im Raum:
- Welche Rolle spielen „wirtschaftliche Blockaden“ im Klassenkampf?
- Was ist der Unterschied zwischen staatlicher Gewalt und der Gewalt der Beschäftigten?
- Wie kann man der Repression entgegentreten?
- Wie können wir unsere Kämpfe in die eigene Hand nehmen? Wie können wir uns organisieren?
- Was ist eine gewerkschaftliche Vollversammlung und was ist eine souveräne Vollversammlung?
- usw. usw.
IKS, 6.12.2010
Ein Teil der Leute, die sich im Rahmen der Vollversammlung „Pariser Ostbahnhof – Ile de France“, [3] trafen, trifft sich weiterhin und versucht eine allgemeine Bilanz der Bewegung zu ziehen. Sie haben zum Beispiel das nachfolgende Flugblatt verfasst und verteilt:
Seit Anfang September sind wir zu Millionen auf die Straße gezogen, Tausende von uns haben in bestimmten Branchen immer wieder gestreikt (Raffinerien, Transportwesen, Erziehung, Gymnasien, Unis usw.) oder uns an Blockaden beteiligt.
Wir hätten den „Kampf um die öffentliche Meinung“ gewonnen
Die Regierung hat den Kampf um die Reformen gewonnen
Heute wird verkündet, der Kampf sei vorüber. Wir hätten den „Kampf um die öffentliche Meinung“ gewonnen. Alles sei gelaufen, und wir könnten nun resigniert das Jahr 2012 abwarten. Als ob es nun einzig um die Wahlen ginge. Wir dürfen keinesfalls bis 2012 auf einen „Wechsel“ warten. Heute stellen sich in Griechenland und Spanien die Linksparteien an die Spitze der Angriffe gegen die Beschäftigten. Von diesen Parteien gibt es bei den nächsten Wahlen nichts Besseres zu erwarten.
Die Krise des Kapitalismus ist nicht überwunden.
Es hagelt weiter Angriffe, die immer heftiger werden.
Wir müssen uns heute schon darauf vorbereiten, den nächsten Angriffen und den zu erwartenden Stellenstreichungen und Entlassungen entgegenzutreten. Der Angriff gegen die Renten ist der Baum, der den Wald verdeckt. Die Rücknahme dieser Maßnahmen zu verlangen, ist das Mindeste, was man tun muss. Aber das hätte nicht gereicht. Seit dem Beginn der Krise greift die im Dienst des Kapitals stehende Regierung unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen an, während gleichzeitig den Banken und Privatleuten Milliarden zugeschustert werden.
Hunderttausende ältere Arbeiter/Innen überleben mit weniger als 700 Euro pro Monat, und Hunderttausende Jugendliche darben unter dem RSA (Hartz-IV ähnliche Unterstützung für Jugendliche), wenn sie überhaupt Anspruch darauf haben. Millionen von uns stehen jetzt schon vor der Frage, wie ausreichend essen, wie die Mieten und Gesundheitskosten bezahlen? Mit der Zuspitzung der Krise werden die meisten von uns mit der Verarmung konfrontiert.
Unter diesen Umständen von „der nachhaltigen Sicherung der Renten“ zu reden, wie es der gewerkschaftsübergreifende Zusammenschluss tut, während der krisengeschüttelte Kapitalismus all unsere Lebensbedingungen untergräbt, heißt uns eigentlich gegenüber der herrschenden Klasse zu entwaffnen.
Die Kapitalistenklasse führt einen gesellschaftlichen Krieg gegen die Beschäftigten aller Länder.
Überall auf der Welt richten die Kapitalisten Angriffe gegen die Arbeiterklasse. Die Finanz- und Industrietrusts (BNP, AXA, Renault…) plündern uns und wollen uns niederstrecken. In Griechenland ist die Erstattung im Gesundheitswesen fast vollständig gestrichen worden. In England sollen mehr als 500.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes auf die Straße fliegen. In Spanien werden die Arbeitsverträge aufgekündigt.
Wie wir sind die Beschäftigten in Griechenland, Spanien, England, Portugal den gleichen Angriffen ausgesetzt; sie müssen sich ebenso wehren – auch wenn es uns noch nicht gelungen ist, unsere jeweiligen Regierungen und Arbeitgeber zum Nachgeben zu zwingen.
Aber jetzt sind immer noch Hunderttausende nicht bereit, diese Angriffe hinzunehmen; die Wut sitzt noch immer sehr tief; der Wille, sich dagegen zu wehren, ist weiterhin ungebrochen. Warum stehen wir jetzt da? Warum haben unsere Kampfbereitschaft und unsere Mobilisierung nicht ausgereicht, um die Arbeitgeber und den Staat zum Nachgeben zu zwingen.
Nur ein Massenstreik, der auf örtlicher Ebene organisiert und auf nationaler Ebene mit Hilfe von Streikkomitees, branchenübergreifenden Vollversammlungen koordiniert werden muss, und der es erforderlich macht, dass wir selbst über unsere Forderungen und Handlungen entscheiden und dabei die Kontrolle über die Bewegung bewahren, hat Aussicht auf Erfolg.
Die Führung des Kampfes in den Händen des branchenübergreifenden Zusammenschlusses der Gewerkschaften belassen…
Zu keinem Zeitpunkt hat der Gewerkschaftszusammenschluss versucht, diese Politik zu betreiben. Im Gegenteil: er hat zu zwei neuen Aktionstagen am 28. Oktober und 6. November aufgerufen, während denen im Streik befindlichen Branchen die Puste ausging. Die Streikbewegung auf einige Branchen und nur die Rentner zu begrenzen, hieß die Streikbewegung zu fesseln. Deshalb ist es uns nicht gelungen, die Regierung zum Nachgeben zu zwingen.
Wir konnten nichts von jemandem wie Chérèque (CFDT) erwarten, der für die 42 Beitragsjahreregelung eintritt. Und der trügerische Radikalismus eines Maillys (Force Ouvrière, FO, eine weitere Gewerkschaft), welcher auf Demonstrationen Aubry die Hand schüttelt, während die PS selbst für die 42-Beitragsjahre stimmt, bietet sicherlich keinen anderen Weg. Und Solidaires/Sud-Rail schlug lediglich vor, der CGT zu folgen. Niemand von ihnen trat für die unabhängige Organisierung der Beschäftigten, für die Verteidigung unserer Interessen und dass wir zur Offensive übergehen müssen.
Sie sind an die Spitze der Kämpfe getreten und haben die Losung der verlängerbaren Streiks übernommen, um zu vermeiden, von der Bewegung überrollt zu werden. Ihnen lag nicht daran, die Regierung zum Nachgeben zu zwingen. Während der Bewegung versuchte der Gewerkschaftszusammenschluss nur als ein verantwortungsbewusster Gesprächspartner gegenüber der Regierung und den Arbeitgebern aufzutreten, um „der Stimme der Gewerkschaftsorganisationen Gehör zu verschaffen, damit eine Reihe von gerechten und wirksamen Maßnahmen ins Auge gefasst werden könne, die die nachhaltige Sicherung des Rentensystems ermöglichen. Deshalb soll eine lange öffentliche Debatte und eine wahre gesellschaftliche Konzertation stattfinden.“
Aber welchen Dialog kann der Gewerkschaftszusammenschluss mit dieser Regierung führen, die Anästhesie-Krankenpfleger oder Gymnasiasten verprügeln lässt, Beschäftigte der Raffinieren mit Waffengewalt verjagt und Roma und andere Illegale abschiebt? Ihnen geht es nur darum, die Sache im Interesse des Kapitals über die Bühne zu bringen, wie 2003, 2207 und 2009. Vor Jahren schon haben sie sich entschieden, mit den Arbeitgebern und dem Staat zusammenzuarbeiten, um die Krise gemeinsam zu managen.
Aber wir dürfen nicht zögern, das industrielle und finanzielle Privateigentum und den Großgrundbesitz infrage zu stellen. Wir dürfen nur auf unsere eigenen Kräfte bauen und sicher nicht auf die Linksparteien (PS, PCF, PG…), die nie das Privateigentum infrage gestellt haben und deren Konsorten gegenwärtig eine Offensive gegen die Beschäftigten in Spanien und Griechenland führen.
In diesem Kampf müssen die Beschäftigten für die Interessen aller Ausgebeuteten eintreten, auch die kleinen Bauern, die Fischer, kleinen Handwerker, die kleinen Händler eingeschlossen, die wegen der Krise des Kapitalismus in ihrer Existenz bedroht werden. Sagen wir es klar und deutlich: ob Arbeitslose, Beschäftigte, Prekär-Beschäftigte, Beschäftigte mit oder ohne Papiere, mit oder ohne Gewerkschaftskarte, egal welcher Nationalität, wir sind alle im gleichen Boot.
1. Siehe zum Beispiel den Bericht [194] eines unserer Leser, der die Prügelei der CRS in Lyon mitbekommen hat.
2. www.syndicalistesunitaires.org/Appel-a-une-rencontre [195]
3. Um mit ihnen Kontakt aufzunehmen, schreibt an: [email protected] [187]
Ganze Serien von Demonstrationen im ganzen Land, Streiks in Universitäten, Weiterbildung, in den gymnasialen Oberstufen und Realschulen, Besetzungen einer langen Reihe von Universitäten, zahllose Versammlungen, um den weiteren Weg zu diskutieren…. die Schüler- und Studentenrevolte gegen die Verteuerung der Studiengebühren und die Streichung der EMA-Zahlungen (EMA – Education Maintainance Allowance; etwa dem hiesigen BaFög vergleichbar) sind noch immer im Gange. Studenten und ihre Unterstützer kommen in Hochstimmung zu den Demonstrationen, fabrizieren ihre eigenen Transparente und Slogans. Einige unter ihnen protestieren zum ersten Mal, viele von ihnen finden neue Wege, die Proteste zu organisieren. Die Streiks, Demonstrationen und Besetzungen sind alles andere als lauwarme Ereignisse, wo sich die Gewerkschaften und die „offizielle“ Linke an die Spitze schwingen. Spontanes Verlassen des Unterrichts bzw. der Vorlesung, die Erstürmung des Hauptquartiers der Torys in Millbank, die Missachtung oder kreative Umgehung von Polizeiketten, das Eindringen in die Rathäuser und andere öffentliche Räume sind nur einige Ausdrücke dieses offen rebellischen Auftretens. Und die Empörung über die Verurteilung der Millbank-Demonstranten durch NUS-Chef Aaron Porter (NUS ist eine Art Dachverband der offiziellen Studentenvertretungen) war so breit, dass er kriecherisch Abbitte leisten musste. Dieser anschwellende, kaum zu kontrollierende Widerstand hat unsere Herrscher beunruhigt. Ein klares Anzeichen hierfür ist das Ausmaß der polizeilichen Repression, die gegen die Demonstrationen eingesetzt wurde. Am 24. November wurden Tausende von Demonstranten wenige Minuten, bevor sie sich vom Trafalgar Square entfernen wollten, von der Polizei eingekesselt; und trotz einiger erfolgreicher Versuche, die Polizeiketten zu durchbrechen, wurden Tausende von ihnen stundenlang in der Kälte festgehalten. An einem Punkt preschte berittene Polizei direkt durch die Menge. In Manchester, im Rathaus von Lewisham, und anderswo spielten sich ähnliche Szenen roher Gewalt ab. Die Zeitungen spielten ihre übliche Rolle, druckten Fotos angeblicher „Plünderer“ nach Millbank, verbreiteten Schauergeschichten über revolutionäre Gruppen, die es mit ihrer üblen Propaganda auf die Jugend der Nation abzielten. All dies zeigt den wahren Charakter der „Demokratie“, in der wir leben. Die Studentenrevolte in Großbritannien ist die beste Antwort auf die fixe Idee, dass die Arbeiterklasse in diesem Land im Begriff ist, die Sturzflut von Angriffen passiv hinzunehmen, die die neue Regierung (in Kontinuität mit der vorherigen Regierung) gegen jeden Aspekt unseres Lebensstandards - Jobs, Löhne, Gesundheit, Arbeitslosengeld, Invalidenrenten, Bildung – richtet. Sie sind eine Warnung an die Herrscher, dass eine ganze Generation der ausgebeuteten Klasse ihre Logik der Opfer und Sparpolitik nicht akzeptiert. In diesem Sinn ist ihr Widerstand ein Echo auf die massiven Kämpfe, die Griechenland, Frankreich und Italien erschüttern und die in Irland, Portugal und in vielen anderen Ländern zu explodieren drohen.
Doch die kapitalistische Klasse ist angesichts der schlimmsten Wirtschaftskrise ihrer Geschichte nicht nur dabei, unsere Forderungen zu entkernen. Nicht die Ideologie, sondern die sehr materielle Logik ihres sterbenden Systems zwingt sie zu diesen Angriffen. Und um sie selbst zu den kurzlebigsten Zugeständnissen zu zwingen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, was sie am meisten fürchten: eine Arbeiterklasse, die organisiert, vereint und sich dessen bewusst ist, wofür sie kämpft. Dies ist keine Utopie. Es nimmt bereits Gestalt vor unseren Augen an. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation zeigt sich in den Initiativen der Demonstranten auf den Straßen und in dem Beharren auf kollektive Entscheidungen in den Besetzungen und Versammlungen, in der Ablehnung der Manipulation durch Möchtegern-Bürokraten, die auch noch behaupten, „links“ zu sein. Die Tendenz zur Vereinigung der Arbeiterklasse wird ersichtlich, wenn Lehrer und Studienräte, Eltern, Rentner, ArbeiterInnen aus anderen Bereichen oder Arbeitslose an den Vollversammlungen in den besetzten Uni-Gebäuden teilnehmen oder sich den Studentendemos anschließen, wenn Studenten zu den Streikposten der streikenden U-Bahn-Beschäftigten gehen. Das Bewusstsein über die Ziele der Bewegung wird sowohl in der Formulierung klarer Forderungen für heute als auch in der wachsenden Erkenntnis deutlich, dass diese Gesellschaft uns keine menschliche Zukunft anbieten kann.
Doch wir müssen auch diskutieren, wie man diese Anstrengungen weiterbringen kann, befinden sie sich doch gerade erst am Anfang. Unserer Ansicht nach – die sich, wie wir meinen, auf der Erfahrung sowohl aus der Vergangenheit als auch aus den gegenwärtigen Kämpfen der Arbeiterklasse stützt – gibt es einige konkrete Schritte, die man jetzt machen könnte, selbst wenn ihre exakte Form von Ort zu Ort variieren kann:
David Cameron will uns weismachen: Wir sitzen alle in einem Boot. Nun, er sitzt sicherlich zusammen mit seiner Klasse und deren Staat und Parteien, die die Labour-Partei genauso wie die Liberaldemokraten und die Tories beinhalten, in diesem Boot. Alle von ihnen sitzen da drin, um das kapitalistische System auf unsere Kosten zu retten. Wir dagegen sitzen mit all jenen in einem Boot, die von diesem System ausgebeutet und unterdrückt werden, in jedem Land auf dieser Welt. Heute wehren wir uns dagegen, noch mehr ausgebeutet zu werden. Morgen werden wir gemeinsam der Ausbeutung selbst ein Ende bereiten.
IKS, 2.12.2010
„Frankreich ist nicht gefährdet“, meint die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. „Frankreich gehört nicht der gleichen Kategorie an wie Irland oder Portugal“, behauptet man im französischen Präsidentenpalast.
Uff, nun können wir endlich aufatmen... Einen Augenblick lang hatten wir den schmerzhaften Eindruck, dass der Kapitalismus völlig in einer schrecklichen weltweiten Wirtschaftskrise versank, dass sich in allen Ländern überall Verelendung ausbreitete wie seinerzeit die Pest, dass niemand von uns ArbeiterInnen verschont bleiben würde…, aber wenn die Autoritäten uns versichern, dass diese Geißel vor unseren Landesgrenzen Halt machen wird, dann können wir beruhigt sein…
Nach Griechenland im Mai war als nächstes Irland dran. Ende November verlor der keltische Tiger seine Krallen, seine Zähne und seinen Schwanz. Krach, Zusammenbruch, Bankrott!
Dabei wurde Irland während der letzten 20 Jahre immer wieder als Musterbeispiel zitiert. Sein Wachstum galt als „atemberaubend“, ähnlich wie das der asiatischen Tiger während der 1980-90er Jahre. Daher sein Name „keltischer Tiger“. Ein wahres kleines Musterbeispiel für alle Regierungen auf der Welt. Aber genauso wie bei all seinen Vettern im Osten war auch das Wachstum des keltischen Tigers durch Verschuldung finanziert.
Und genauso wie bei seinen asiatischen Vettern, die 1997 eine Bauchlandung gemacht haben, hat sich das Wunder als ein Schein erwiesen. Der Staat, die Banken, die Unternehmen, die Haushalte werden alle von einem Schuldenberg erdrückt. Arbeiterhaushalte tragen im Durchschnitt eine Verschuldung von 190%. 2010 waren die irischen Banken insgesamt mit 1342 Milliarden verschuldet (d.h. achtmal mehr als das BIP), 2009 betrug der Schuldenberg noch 164 Milliarden Euro. Aber die Außenstände der Banken haben infolge der Wirtschaftskrise und dem Platzen der Immobilienblase einen Großteil ihres Wertes verloren. Deshalb stehen die irischen Banken heute am Rande des Abgrunds. Eine Vielzahl von Krediten, die sie ausbezahlt haben, werden nicht zurückbezahlt werden. Die größte irische Bank, die Anglo Irish Bank, hat 2009 zum Beispiel 12,9 Milliarden Euro verloren und fast genauso viel allein schon im ersten Halbjahr 2010.
Gegenüber der Gefahr einer Welle von Bankrotten hat der irische Staat schon 46 Milliarden Euro in die Banken gepumpt, aber das hat das Defizit des Staatshaushalts auf 32% des PIB anschwellen lassen (dabei sehen die Maastrichter Kriterien eine Höchstgrenze von 3% vor). Und nun ist der irische Staat selbst ins Wanken geraten.
Diese katastrophale wirtschaftliche Entwicklung hat die EU-Staaten dazu gezwungen, dem Kranken zur Hilfe zu eilen. 85 Milliarden Euro Hilfe wurden locker gemacht. Das heilt sicher nicht, aber es hilft Zeit zu gewinnen, die Agonie zu verlängern.
Bei dieser ganzen Sache können sich die Herrschenden in Irland sicher nur damit trösten, dass sie nicht die einzigen sind, die ins Straucheln geraten sind. Portugal liegt ganz, ganz dicht dahinter. „Portugal müsste der nächste auf der Liste sein. Ich weiß nicht, ob dies vor Weihnachten der Fall sein wird, aber nächstes Jahr wird das unvermeidbar geschehen“, meine Filipe Garcia, portugiesischer Finanzberater im Ministerium Informação de Mercados Financeiros. Auch hier drohen die Schulden die Wirtschaft zu erwürgen. Und die Erklärungen der herrschenden Klasse in Portugal werden daran nichts ändern. Die öffentliche Verschuldung wächst weiter stark an und müsste Ende 2010 ca. 82% des BIP erreichen.
Aber José Socrates, dem portugiesischen Premierminister zufolge, brauchen sich die ArbeiterInnen keine Sorgen zu machen. „Zwischen Portugal und Irland gibt es keinen Vergleich“. Aber wenn jemand Zweifel haben sollte an der Ehrlichkeit der großen Führer unseres Planeten, können wir die Reise in andere krisengeschüttelte Länder fortsetzen.
Wenn der Angstschweiß über die Schläfen der Führer Europas läuft, dann ist das nicht wegen Irland und Portugal, sondern wegen Spanien. „Spanien ist zu groß um zusammenzubrechen, und zu groß um wieder hochgepumpt zu werden“, resümierte der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini, der einer der am höchsten angesehenen Ökonomen geworden ist, nachdem er der erste Ökonom war, der 2007 die anstehende Beschleunigung der Wirtschaftskrise voraussagte.
Dem IWF zufolge “leidet” ein Großteil der spanischen Banken (mehr als 50 Institute) an der Explosion der Immobilienblase. „Ein Zusammenbruch des Bankensystems kann nicht ausgeschlossen werden“. Wenn diese große internationale bürgerliche Institution, zu deren Rolle es gehört, die möglichst optimistischsten Perspektiven aufzuzeigen, anfängt, solche Euphemismen zu verwenden, „man kann nicht ausschließen, dass…“ bedeutet dies, dass das Schlimmste nicht mehr zu vermeiden ist.
Der Haken ist, dass die iberische Halbinsel ca. 10% des europäischen BSP ausmacht. Die Rettung Spaniens im Falle einer Zahlungsunfähigkeit würde ca. 800 Milliarden Euro kosten, d.h. 10 mal mehr als die Griechenlandhilfe. Es liegt auf der Hand, dass solch ein Debakel ein riesiges Beben des Euro verursachen würde.
Aber auch hier sollte man keine Angst haben, denn die Autoritäten behaupten frech, sie hätten alles unter Kontrolle. Zum Beweis, der Chef der sozialistischen Regierung Spaniens José Luis Rodriguez Zapatero hat die Möglichkeit eines finanziellen Rettungsplanes wie in Irland oder Griechenland „völlig“ ausgeschlossen. Ist das überzeugend? Nein, diese Betonung, dass man doch „alles im Griff“ habe, ist ziemlich besorgniserregend.
Und die Liste der strauchelnden Länder ist lang.
Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien, dieser Fünferclub ist keine Überraschung, denn seit zwei Jahren warnen die Ökonomen davor, dass diese Staaten abstürzen können. Die Bezeichnung dieser Staaten PIIGS ist ein Label für „bankrotte Staaten“ geworden. Aber heute sind auch andere Staaten des Euro-Bereichs offen von Zahlungsunfähigkeit bedroht.
Während Zweifel an der Solidität der Niederlande langsam wachsen, rückt Belgien immer mehr ins Visier. Dem britischen The Guardian zufolge ist das Land eines der nächsten Kandidaten für die größten Erschütterungen.
Und wo steht Frankreich, diese “nicht gefährdete” Nation, wirklich? Wie so oft erfolgt der schlimmste Streich oft ungewollt von denjenigen, die alles am heftigsten abstreiten und beruhigen wollen. Der Präsident der Ratingagentur Standard & Poor’s, Deven Sharma, meinte, „Gegenwärtig verdient Frankreich seine Einstufung als AAA“ [1]. Man schaue genau hin: „gegenwärtig“. Und dann kommt der Gnadenstoß: „Andere Länder werden vor Frankreich herabgestuft werden“. Und Nouriel Roubini schrieb: „In gewisser Hinsicht steht Frankreich nicht viel besser da als viele Länder der Peripherie“; [2], solche Aussagen sind nicht weniger deutlich.
Diese tiefgreifenden ökonomischen Schwierigkeiten des französischen Staates werden schon daran ersichtlich, dass er Schwierigkeiten hat, die Gehälter für seine Beamten und unter Zeitvertrag arbeitenden Beschäftigten zu zahlen. Acht Ministerien (darunter das Erziehungsministerium) waren gezwungen, Anleihen aufzunehmen, um die Dezembergehälter auszuzahlen. Und Tausende prekär Beschäftigte (CCD), deren Vertrag ausläuft, haben schon seit dem Frühjahr 2010 noch nicht ihre Sonderleistungen (10% ihres Lohns) erhalten.
Bleibt DER Stützpfeiler der Eurozone, Deutschland. Mit ca. 3% Wachstum und einer relativ begrenzten Staatsverschuldung scheint Deutschland das einzige Land zu sein, das der Krise einigermaßen standhalten kann. Das zumindest behaupten die Experten…. Aber wenn man näher hinschaut, erkennt man, dass die Grundlagen ebenso morsch sind. Nach Irland ist Deutschland das Land, das nach 2008 das meiste Geld in seine in Schwierigkeiten geratene Banken gesteckt hat: 180,94 Milliarden Euro. Die Financial Times schätzte im September, dass nicht das portugiesische oder spanische Bankensystem das am meisten gefährdete ist, sondern das deutsche. „Insgesamt gesehen ist es fast zahlungsunfähig, und die Regierung muss sich entscheiden, mehrere Institute zu opfern, sonst werden die Probleme noch größer werden“, liest man in der berühmten britischen Tagesszeitung. Der Einsturz des irischen Bankengebäudes hat alles nur noch verschlimmert, da deutsche Banken Anleihen im Wert von 205 Milliarden Euro an irische Banken vergeben haben, ein Rekord innerhalb der Euro-Zone. Zudem hängt der Industrieapparat völlig vom Export ab, der aber in Anbetracht der weltwirtschaftlichen Entwicklung in den nächsten Monaten und Jahren schrumpfen wird.
Kurzum, die gesamte Europäische Union steckt in der Klemme. Selbst Bundeskanzlerin Merkel musste eingestehen, dass die Eurozone in einer „sehr gefährlichen Lage steckt“. Zusammen mit Frankreich hat man angefangen, Hilfsmittel anzukündigen, die die offizielle Zahlungsunfähigkeit europäischer Staaten ermöglichen sollen, mit dem Ziel „die Verschuldung umzustrukturieren“. Angel Merkel hat sofort hinzugefügt, „Heute steckt kein Staat in solch einer Lage“. „Heute“ noch nicht, aber was wird morgen sein?
Und außerhalb der Euro-Zone sieht es auch nicht besser aus.
In Großbritannien beträgt die öffentliche Verschuldung ca. 100%, mehr als der Durchschnitt der europäischen Nachbarn. Und die verschiedenen Sparprogramme, die angeblich den Schuldenberg reduzieren sollen, werden daran auch nichts ändern.
Japan steckt seit mehr als einem Jahrzehnt in einer Rezession, die jüngsten Zahlen zeugen von einer Verschlimmerung der Lage. Die öffentliche Verschuldung bewegt sich auf die 200% zu.
Die erste Großmacht, die USA, ist sicherlich am stärksten betroffen. Eine Zahl ist besonders aussagekräftig: die Arbeitslosigkeit beträgt 22% (in den Zeiten der Großen Depression der 1930er Jahre betrug sie ca. 25%). Das bedeutet, dass 33 Millionen US-Bürger heute ohne Arbeit dastehen.
Glücklicherweise haben die Ökonomen dann doch noch einen Hoffnungsschimmer – er heißt China. China, das ist wie das Japan der 1970er, 1980er Jahre, wie die asiatischen Tiger der 1980er, 1990er Jahre, wie Island und Irland der 2000er Jahre – eine unglaubliche Dynamik, ein atemberaubendes Wachstum, ein Paradies für die Golden Boys, ein Eldorado für junge Investoren… mit einem Wort, eine Blase, die genauso platzen wird wie die anderen! Aber der „chinesische Boom“ erscheint dann in einem anderen Licht.
Die ersten Anzeichen dieser unvermeidbaren Entwicklung sind schon erkennbar. Das Reich der Mitte sitzt auf einer gewaltigen Immobilienblase, die sich immer mehr aufgebläht hat. Die Inflation ist dabei, zu einer galoppierenden zu werden; offiziell beträgt sie 4.4%, in wirklich ist sie mindestens doppelt so hoch. Die Spannungen zwischen der chinesischen Währung und dem Dollar werden immer stärker. Das Wachstum hat auch schon nachgelassen.
Die asiatischen Tiger mit China zu vergleichen sei irreführend, antworten die Skeptiker. Das stimmt, der Absturz wird viel folgenreicher sein.
“Von einem Land zum anderen unterscheiden sich die Heilmittel, um nicht zu sagen, sie stehen gar im Gegensatz zueinander, jedoch sie sind alle wirkungslos. Die Regierungen haben alle möglichen Kombinationen versucht – Eingreifen der Zentralbanken und Konjunkturankurbelungsprogramme, drastische Sparmaßnahmen. […] Ein Zeitraum geht seinem Ende entgegen, als es leicht war, Kredite aufzutreiben, sowohl für die Privathaushalte als auch für die Staaten. All das trieb ein Wachstum an, über das man sich keine Gedanken machte, auf welchen Grundlagen es fußte, dermaßen leicht kam dieses Wachstum zustande“ (François Leclerc, französischer Ökonom).
Der Kapitalismus hat auf Pump gelebt. Und dieser Zeitraum geht jetzt seinem Ende entgegen.
Seit den 1960er Jahren hat dieses System in der Tat durch die Vergabe von immer größeren Kreditmengen überlebt. Da die Löhne der ArbeiterInnen nicht ausreichen, um all die produzierten Waren zu kaufen, ist der Weltmarkt übersättigt. Um nicht durch die Überproduktion gelähmt zu werden, um die produzierten Waren abzusetzen, hat der Kapitalismus bei jeder Krise jedesmal größere Kreditmengen in die Wirtschaft pumpen müssen: 1967, 1973, 1986, 1993, 1997, 2001, 2007…
Nach Jahrzehnten der Flucht nach vorne war die Folge unausweichlich: die Haushalte, die Unternehmen, die Banken, die Staaten – sie alle versinken bis zum Hals in den Schulden und drohen daran zu ersticken.
Heute gibt es keine gute Lösung mehr für den Kapitalismus. Die Notenpresse der USA, Japans oder Großbritanniens, die europäischen Sparprogramme, die chinesischen Täuschungsversuche mit ihrer Währung… all diese Staaten schlagen unterschiedliche Wege ein, aber sie alle bewegen sich auf den gleichen Abgrund zu.
Heute sieht man zwei Symbole dieses totalen Mangels an Perspektive für die kapitalistische Wirtschaft: den wachsenden Protektionismus und den Währungskrieg.
Seit dem Crash von 1929 und der Großen Depression der 1930er Jahre hatten alle Staaten eine Hauptlehre gezogen: der Protektionismus ruft ein unbeschreibliches weltweites Chaos hervor. Und seitdem hatte man jahrelang diese Lehre respektiert. Heute prallen alle Großmächte wirtschaftlich aufeinander, und sie sind zu allem bereit. Und trotzdem hat Merkel auf dem jüngsten G20 Gipfel in Seoul von allen eine Verpflichtung gefordert: „Wir müssen alles unternehmen, um den Protektionismus zu vermeiden“. Wenn sie dieses „eherne Gesetz“ in Erinnerung gerufen hat, tat sie dies, weil der internationale Druck zur Begrenzung der deutschen und chinesischen Ausführungen zunimmt, vor allem seitens der USA.
“Exportieren oder sterben” wird erneut zum wirtschaftlichen Schlachtruf aller konkurrierenden nationalen Bourgeoisien.
Seit Monaten steht der Währungskrieg im Mittelpunkt der Medien. Worum geht es? Auf dem Währungsmarkt prallen eigentlich nicht nur die Devisen aufeinander, wie man es uns glauben machen will, sondern die Staaten selbst. Ein Beispiel: Durch die Ankurbelung der Notenpresse und durch das Hineinpumpen von unglaublichen Mengen Dollars in die Wirtschaft, um diese künstlich hochzuhalten, untergraben die USA selbst den Wert ihrer Währung. Auch hilft es ihren Exportanstrengungen. Aber die Länder, die über gewaltige Dollar-Devisenreserven verfügen, wie China, müssen mit ansehen, wie ihre Reserven dahin schmelzen wie Schnee unter der Sonne. Das englische Pfund, der chinesische Yuan, der japanische Yen sowie der Euro – all diese Devisen werden ebenso als Waffen von den Staaten eingesetzt, um die Binnennachfrage anzukurbeln und zu versuchen, die Exporte zu steigern. Aber ein solcher Währungskrieg beinhaltet auch gewaltige Risiken einer unkontrollierbaren internationalen Destabilisierung: massive Abwertungen, galoppierende Inflation, Auseinanderbrechen des Euros…. Bankrotte von Banken, Sparkassen, Multis, ganzer Regionen oder gar Staaten, Platzen der chinesischen Blase, zunehmender Protektionismus, Ende des Euros, massive Abwertung des Dollars oder des britischen Pfunds... niemand weiß, wann und wo sich welcher Riss zuerst auftun wird. Eins aber ist sicher: in der Zukunft werden wir gewaltige ökonomische Beben mit großen Schäden erleben. Der Kapitalismus ist ein todgeweihtes System. Schritt für Schritt treibt er die Menschheit unaufhörlich in den Abgrund der Misere und des Krieges.
Heute wie damals rufen die Regierungen aller Länder, egal in welcher politischen Konstellation sie regieren, ob Rechts oder Links, die ArbeiterInnen dazu auf, „den Gürtel enger zu schnallen“, „Opfer hinzunehmen“ für die „Wiederankurbelung der Wirtschaft und das Wachstum“. Das sind alles Lügen! Die Opfer von heute bereiten nur noch mehr Opfer von morgen vor.
Nur der Klassenkampf kann diese Angriffe verlangsamen. Und nur die internationale proletarische Revolution kann diese Qual überwinden, unter der ein immer größerer Teil der Menschheit durch dieses Ausbeutungssystem leidet. Pawel, 9.12.2010
(Aus Révolution Internationale, Zeitung der Internationalen Kommunistischen Strömung in Frankreich)
1.) Die Einstufung AAA ist die höchst mögliche; sie bedeutet, dass die Agentur davon ausgeht, dass die Volkswirtschaft solide ist.
2.) D.h. die PIIGS.
Am ersten Samstag nach der Ankündigung am 23. Oktober der Überprüfung der Haushaltsausgaben des Staates haben überall in Großbritannien Proteste gegen die Kürzungen stattgefunden, zu denen von den Gewerkschaften aufgerufen wurde. Die Zahl der Teilnehmer reichte von 300 in Cardiff, 15.000 in Belfast bis 25.000 in Edinburgh. Diese Proteste zeigen, dass die Arbeiter in Großbritannien wie in Frankreich sehr wütend sind über diese Maßnahmen.
Aber die gewerkschaftlich organisierten Demonstrationen stellen keinen wirkungsvollen Rahmen für den Abwehrkampf gegen die Kürzungen und Stellenstreichungen dar, im Gegenteil. Deshalb haben wir den Aufruf „an alle Anarchisten und militante Arbeiter, sich uns zur Bildung eines „radikalen Arbeiterblocks“ (1 [204]) bei den Demonstrationen anzuschließen, unterstützt. Dabei geht es nicht darum, die Gewerkschaftsbürokraten zu bitten, Maßnahmen zu ergreifen, sondern aufzuzeigen, dass wir gegen die Kürzungen kämpfen und uns dabei auf die Prinzipien der Solidarität, der direkten Aktion und der Kontrolle unserer eigenen Kämpfe stützen.“ Dies geht aus der Erklärung der SF-IWA2 [205] in Süd-London hervor (siehe dazu die Webseite www.libcom.org [206]).
Das Problem bei der Herangehensweise der Gewerkschaften und ihrer Anhänger besteht darin, dass sie die ganze Frage konzentrieren auf die „Kürzungen durch die Konservativen“, die die Defizite zugunsten der Einkommen der Banker und der Finanzspekulation kürzen wollen, obwohl all dies nur Symptome der Krise des Kapitalismus sind. Die Haushaltskürzungen entsprächen demnach nur einer gewissen politischen Option, die von einer „Regierung der Millionäre“ (Flugblatt der SP) getroffen werde, obwohl die „Regierung die Reichen hätte besteuern sollen“ (Karen Reissman, Gewerkschaftsaktivistin im Gesundheitswesen und Mitglied der SWP 3 [207] in einem Redebeitrag auf den Manchester Protesten). Diese professionellen Lügner wissen nur zu genau, dass in Wirklichkeit bis vor sechs Monaten die von der Labour-Partei geführte Regierung, an der auch Abgeordneten aus den Reihen der Gewerkschaften beteiligt waren, die gleichen Kürzungen und Opfer verlangten. Die auf der Londoner Demonstration verteilten Flugblätter erinnerten sogar daran, aber nur mit dem Ziel, uns für die gleichen alten gewerkschaftlichen Orientierungen oder einen alternativen Wahlblock einzuspannen (z.B. die TUSC4 [208]).
Nach all den radikalen Reden über gemeinsame Aktionen im Gewerkschaftsdachverband TUC5 [209] in diesem Jahr hat sich die Kampagne gegen die Haushaltskürzungen auf eine für Ende März 2011 vorgesehene Demonstration fokussiert. So lautet Botschaft: „Wir müssen den TUC und die Gewerkschaftsführer mit Aufrufen, jetzt zu handeln, bombardieren“ (so die NSSN6 [210]), („Drängen wir die Gewerkschaftsführer dazu, zu lokalen und landesweiten Streiks aufzurufen“ (Socialist Worker 7 [211] online). Wenn wir all diese „Bombardierungen“, diese Forderungen und den Druck auf die Gewerkschaften und die Gewerkschaftsführer ausüben sollen, steht doch die Frage im Raum, warum wir diese Leute eigentlich noch brauchen. Denn schließlich haben sich viele Arbeiter ohne irgendeine Unterstützung durch Gewerkschaften in China und Bangladesch in Bewegung gesetzt. Auch die Beschäftigten von Vestas auf der Isle of Wight haben den Betrieb besetzt, ohne irgendeiner Gewerkschaft anzugehören.
In Wirklichkeit sind die Gewerkschaften nicht nur unnütz für die Organisierung der Kämpfe. Es geht nicht einfach um eine Frage deren „Lethargie“, wie im Flugblatt der SF-IWA aus Süd-London steht. Nein, sie spalten uns absichtlich und bewusst. So haben sie zum Beispiel bei British Airways die Flugbegleiter/Innen und die Beschäftigten der British Airports Authority auseinanderdividiert, obwohl sie zum gleichen Zeitpunkt im Kampf standen. Die Demo in London war ein weiteres Beispiel für das Vorgehen der Gewerkschaften. Nachdem die Gewerkschaften RMT, FBU und UCU nach endlosen Streitereien untereinander dazu aufgerufen hatten, kamen zu der Londoner Demo nur ca. 2000 Teilnehmer, weniger als ein Zehntel der Teilnehmerzahl in Edinburgh. Es liegt auf der Hand, dass die Gewerkschaften ihre Leute nicht mobilisiert haben, aus Angst, dass die Betroffenen auf der Straße zusammenkommen und sich zusammen schließen könnten. Dies steckt hinter dem Aufruf von Bob Crow8 [212] an die Gewerkschaften des TUC, damit diese schnell handeln, um Massenaktionen gegen die Haushaltskürzungen zu organisieren. Damit sollte in Wirklichkeit verhindert werden, dass die Arbeiter ihren Kampf in die eigenen Hände nehmen.
Der Radikale Arbeiterblock hat ungefähr 50-100 Leute angezogen, so die Schätzungen auf der Webseite www.libcom.org [206]. Dies zeigt, dass eine Minderheit der Arbeiterklasse die Gewerkschaften infrage stellt, obwohl die Gewerkschaften noch über einen großen Einfluss verfügen. Die Leute vom Radikalen Arbeiterblock haben sich bemüht, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, indem sie Megaphone, Flugblätter und die Presse einsetzten, auch wenn dies schwierig war, weil es eine Vielzahl von konkurrierenden gewerkschaftlichen, trotzkistischen und „gegen-die-Kürzungen-Gruppen“ gab. Am Ende der Kundgebung hat eines unserer Mitglieder mit jemandem von der Anarchistischen Föderation (AF9 [213]) gesprochen, um in Erfahrung zu bringen, ob die Bereitschaft besteht, dass der Block versuchen sollte, seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Man beschloss, dies das nächste Mal zu versuchen. Das nächste Mal sollten wir uns auch auf das Beispiel aus Frankreich stützen, wo internationalistische Anarchisten und Linkskommunisten gemeinsam zu Versammlungen nach den Demonstrationen aufgerufen haben, wo man nicht passiv den Reden der Gewerkschafter zuhört, sondern wo dann über die Ziele und Methoden des Kampfes diskutiert werden sollte. Wie die SF-IWA schrieb: „Wir können unser Vertrauen nur auf unsere Solidarität und unsere Fähigkeit stützen, uns selbst zu organisieren“. World Revolution, Organ der IKS in Großbritannien, Nr. 339, November 2010.
1 [214] Radical Workers’ Block,
2 [215] Solidarity Federation - International Workers Association (SF-IWA ou SolFed) ist die Sektion der anarcho-syndikalistischen AIT in GB.
3 [216] Socialist Party (SP) und Socialist Workers Party (SWP) sind trotzkistische Organisationen.
4 [217] Die Trade Unionist and Socialist Coalition (TUSC) ist ein Wahlbündnis, in dem sich hauptsächlich trotzkistische Organisationen zusammengeschlossen haben (darunter die SP und die SWP) und Gewerkschafter.
5 [218] Der Trades Union Congress (TUC) ist ein Gewerkschaftsverband, dem die misten britischen Gewerkschaften angehören.
6 [219] National Shop Stewards Network (NSSN) ist ein nationals Netzwerk, dem radikale Delegierte aus verschiedenen Gewerkschaft angehören.
7 [220] Socialist Worker ist die Wochenzeitung der SWP.
8 [221] Bob Crow ist der Generalsekretär der Gewerkschaft RMT und ist Mitglied des Generalrates des TUC
9 [222] Die Anarchist Federation (AF) ist eine anarchistische Organisation in GB, Mitglied der Internationalen Anarchistischen Föderation.
Wir veröffentlichen nachfolgend einen Artikel aus unserer Presse in Frankreich, der einen Tag vor der Flucht des tunesischen Präsidenten verfasst wurde.
Er geht auf die Entwicklung der Auseinandersetzungen seit Mitte Dezember bis Mitte Januar ein. Wir werden in kürze umfassender auf die Ereignisse eingehen.
Seit einigen Wochen findet in Tunesien eine Erhebung gegen die Armut und die Arbeitslosigkeit statt, unter der besonders die Jugend leidet. Im ganzen Land haben spontan Straßendemonstrationen, Versammlungen, Streiks stattgefunden, um gegen das Regime Ben Alis zu protestieren. Die Demonstranten fordern Brot, Arbeit für die Jugendlichen und das Recht in Würde zu leben. Gegenüber dieser Revolte der Ausgebeuteten und der Jugend ohne Zukunft hat die herrschende Klasse mit Repression reagiert. Unsere Klassenbrüder- und schwestern und deren Kinder werden bei diesen Demonstrationen massakriert, ihr Blut fließt heute in Tunesien wie in Algerien !
Die Killer und ihre Befehlsgeber an der Spitze des tunesischen und algerischen Staates zeigen die wahre Fratze unserer Ausbeuter und die Klassenherrschaft des kapitalistischen Systems auf dem ganzen Planeten. Diese Mörder sind nicht damit zufrieden, Dutzende verzweifelte Jugendliche in den Selbstmord zu treiben, nein, sie töten auch, indem sie auf die Demonstranten schießen. Die in Thala, Sidi Bouzid, Tunis und vor allem in Kasserine aufmarschierten Polizeieinheiten haben nicht gezögert, auf die Menge zu schießen und kaltblütig Männer, Frauen, Kinder zu töten. Seit dem Beginn der Zusammenstöße sind Dutzende von Leuten erschossen worden. In Anbetracht dieser Erschießungen hat die herrschende Klasse der « demokratischen Länder », insbesondere des französischen Staats, welcher ein treuer Verbündeter Ben Alid ist, keinen Finger gerührt, um die Barbarei des Regimes zu verurteilen und die Einstellung der Repression zu fordern.
Das überrascht überhaupt nicht. Alle Regierungen, alle Staaten sind Komplizen ! Die ganze Weltbourgeoisie ist eine Klasse von gierigen Mördern !
Alles fing am Freitag, den 17. Dezember im Zentrum des Lande nach der Selbstverbrennung des jungen diplomierten 26jährigen Arbeitlosen, Mohamed Bouazizi an, dem die Polizei in Sidi Bouzig seine einzige Einkommensquelle, seinen Obst- und Gemüseverkaufswagen beschlagnahmte. Sofort hat eine breite Solidarisierungswelle und eine riesige Empörung in der ganzen Region eingesetzt. Vom 19. Dezember an kam es zu völlig friedlichen Demonstrationen gegen die Arbeitslosigkeit, die Armut und die hohen Lebenshaltungskosten (die Demonstranten hielten Baguettes in der Hand). Die Regierung reagierte unmittelbar mit Repression, was wiederum die Wut der Bevölkerung noch mehr anfachte.
Am 22. Dezember traten die Ärzte an den Universitäten zwei Tage lang in Streik, um gegen die unzureichende Ausstattung und die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen zu protestieren. Dieser Streik dehnte sich schnell auf die Universitätskliniken im ganzen Land aus. Ebenfalls am 22. Dezember brachte sich ein anderer Jugendlicher, Houcine Neji, vor den Augen der Menge in Menzel Bouzaiane um, indem er an eine Hochspannungsleitung kletterte und vor seinem Tod verzweifelt schrie : « Ich kann nicht mehr in dieser Armut und Arbeitslosigkeit leben ». Andere Selbstmorde verschärften noch die Empörung und die Wut. Am 24. Dezember erschoss die Polizei einen 18jährigen Jugendlichen Mohamed Ammari. Ein anderer Demonstrant, Chawki Hidri, der schwer verletzt worden war, verstarb am 1. Januar. Heute beträgt die provisorische Bilanz mindestens 65 Tote durch Schussverletzungen !
Als Reaktion auf die Repression dehnte sich die Bewegung schnell auf das ganze Land aus. Diplomierte Arbeitslose demonstrierten am 25. Und 26. Dezember im Zentrum von Tunis. Versammlungen und Solidaritätskundgebungen fanden im ganzen Land statt : Sfax, Kairouan, Thala, Bizerte, Sousse, Meknessi, Regueb, Souk Jedid, Ben Gardane, Medenine, Siliana… Trotz der Repression, trotz der fehlenden Redefreiheit riefen Jugendliche und schrieben sie auf Spruchbänder : « Heute haben wir keine Angst mehr ! »
Am 27. Und 28. Dezember traten Rechtsanwälte der Solidaritätsbewegung der Bevölkerung in Sidi Bouzid bei. Als Reaktion auf die Repression gegen Rechtsanwälte, von denen viele verhaftet und verprügelt wurden, wurde für den 6. Januar ein Generalstreik der Rechtsanwälte ausgerufen. Auch Journalisten traten in Tunis und Lehrer in Bizerte in den Streik. Wie Jeune Afrique am 9. Januar betonte, waren die Protestbewegungen und die Straßenversammlungen völlig spontan ; sie unterlagen keiner Kontrolle der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen ; sie waren von niemandem ferngesteuert : « Es steht fest, dass die Protestbewegung vor allem gesellschaftlich bedingt und spontan ist. Glaubwürdige Quellen haben uns dies versichert ». Keine Partei, keine Organisationen kann von sich behaupten, dass sie die Menge auf die Straße bringt oder diese aufhalten kann, meinte die die Regionalleitung der « Tunesischen Gewerkschaften » (l'Union générale tunisienne du travail (UGTT)).
Eine vollständige Nachrichtensperre wurde verhängt. In der Region Sidi Bouzid wurde in verschiedenen Gemeinden ein Ausgehverbot erlassen, die Armee ging dort in Stellung. In Menzel Bouzaiane konnten die Verletzten nicht befördert werden, die Bevölkerung konnte sich nicht mit Lebensmitteln versorgen, in den Schulen wurden zusätzliche Polizeikräfte untergebracht.
Um eine Beruhigung der Lage zu versuchen, durchbrach Ben Ali sein Schweigen und gab eine öffentliche 13minütige Erklärung ab, in welcher er 300.000 neue Stellen im Jahre 2011-2012 und die Freilassung aller Demonstranten versprach, mit Ausnahme derjenigen, die Vandalismus begangen hatten. Er setzte den Innenminister ab, der als Sicherheitsventil gedient hatte und verurteilte die « politische Instrumentalisierung » der Bewegung und das Verhalten einer « extremistischen » und « terroristischen » Minderheit, die darauf abzielte, den Interessen des Landes zu schaden.
Diese provozierende Rede, die die Bewegung kriminalisieren sollte, fachte die Wut der Bevölkerung noch mehr an, insbesondere die der Jugend. Vom 3. Januar an traten immer mehr Jugendliche auf den Plan ; sie setzten Handys, das Internet, insbesondere Facebook und Twitter ein, um zu einem Generalstreik der Schüler und Schülerinnen aufzurufen. Diese protestierten am 3. Und 4. Januar, ihnen schlossen sich junge arbeitslose Akademiker in Thala an. Die Polizei setzte Schlagstöcke und Tränengas gegen sie ein. Im Verlaufe der Zusammenstöße wurde der Regierungssitz gestürmt und die örtliche Parteizentrale der Regierungspartei in Brand gesetzt. Der Aufruf zum landesweiten Schülerstreik, der im Internet verbreitet wurde, wurde in mehreren Städten befolgt. In Tunis, Sidi Bouzid, Sfax, Bizerte, Grombalia, Jbeniana, Sousse schlossen sich Arbeitslose den Schülern an. Solidaritätsversammlungen fanden ebenfalls in Hammamet und Kasserine statt.
Dienstag, den 4. Januar, zog in Algerien in Koléa, einer Kleinstadt im Westen der algerischen Hauptstadt, eine Menge bestehend aus wütenden Arbeitslosen und Beschäftigten auf die Straße. Am gleichen Tag traten in Alger die Hafenarbeiter in den Streik, um gegen ein Abkommen zwischen dem Hafenbetreiber und den Gewerkschaften zu protestieren, das den Zuschlag für Nachtarbeit abschaffen sollte. Die Streikenden weigerten sich, dem Aufruf seitens der Gewerkschaftsführung zur Einstellung des Streiks, Folge zu leisten. Die Wut war riesig. Die Arbeiter, die ohnehin nur einen miserablen Lohn bekommen, haben große Schwierigkeiten, ihre Familien zu ernähren ; sie haben die gleichen Überlebenssorgen wie die arbeitslosen Jugendlichen von Tunis oder Algier.
Am 5. Januar breitete sich die Revolte in Algerien aus, insbesondere im Küstengebiet und in der Kabylei (Oran, Tipaza, Bejia…) mit den gleichen Forderungen zum Thema chronischer Jugendarbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, was die Jugendlichen dazu zwingt, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben oder in Elendswohnungen zu landen (in den Vororten von Alger findet man immer noch viele Slum-ähnliche Schlafstädte aus den 1950er Jahren, dies zwingt die Jugendlichen dazu, auf Spielplätzen zu übernachten, von denen sie regelmäßig durch den gewaltsamen Einsatz der Polizei vertrieben werden). Die Regierung reagierte sofort. Die Repressionskräfte und die Armee schlugen schnell und sehr hart zu. Allein im Stadtviertel Bab el Oued in Alger wurden Hunderte Menschen verletzt. Aber auch hier goss die blutige Repression des algerischen Staates nur Öl ins Feuer. Innerhalb einiger Tage dehnten sich die Proteste auf 20 Departements (wilayas) aus. Die offizielle Bilanz sprach von drei Toten (in M'Silla, Tipaza und Boumerdès). Die Demonstranten waren erzürnt.
« Wir können nicht mehr, wir wollen nicht mehr », « Wir haben nichts mehr zu verlieren ». Diese Rufe hörte man auf häufigsten auf den Straßen Algiers. Diese Proteste wurden ausgelöst durch neue, brutale Preiserhöhungen der Grundnahrungsmittel, die für den 1. Januar angekündigt worden waren : Der Getreidepreis wurde um 30% angehoben, Öl um 20%, Zucker um 80%. Nach fünf Tagen Repression und Verleumdungen der Bewegung ruderte Bouteflika zurück, um die Spannungen zu senken. Er versprach eine Steuersenkung für die Produkte, deren Preis erst gerade erhöht worden war.
In Tunesien hatte die Wut am 5. Januar auf dem Begräbnis des jungen Gemüseverkäufers, der sich am 17. Dezember verbrannt hatte, einen Höhepunkt erreicht. Eine Menschenmasse von 5000 Menschen bildete den Trauerzug und rief : « Wir weinen heute über deinen Tod, aber wir werden alle diejenigen zum Weinen bringen, die dich getötet haben ». Der Trauerzug schlug um in eine Kundgebung.
Die Menge rief Forderungen gegen die hohen Preise wie « Wer hat Mohamed in den Selbstmord getrieben » « Nieder mit der Regierung ». Am gleichen Abend verhaftete die Polizei Demonstranten in Jbedania und Thala. Jugendliche wurden verhaftet und von der Polizei gejagt. Am 6. Januar wurde der Streik der Rechtsanwälte zu 95% befolgt. Überall entflammten im Zentrum des Landes, im Süden, im Westen Streiks, auf den Straßen wurde demonstriert, es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, die Auseinandersetzungen griffen gar auf den wohlhabenderen Teil des Landes, die Ostküste, über.
Polizeikräfte zogen in allen Gymnasien und Universitäten auf. In Sfax, Jbeniana, Tajerouine, Siliana, Makhter, Tela zerstreute die Polizei die Kundgebungen von Studenten, Gymnasiasten und Einwohnern brutal. In Sousse, wurde die Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät von den Ordnungskräften besetzt, Studenten wurden verhaftet. Die Regierung beschloss, alle Gymnasien und Universitäten zu schließen.
Am 7. Januar wurden bei Zusammenstößen in Regueb und Saida in der Nähe von Sidi Bouzid 6 Menschen verletzt. Demonstranten warfen Gegenstände auf Sicherheitskräfte, die Polizei schoss in die Menge. Drei Jugendliche wurden schwer verletzt. Am 8. Januar brach die offizielle Gewerkschaft UGTT schließlich ihr Schweigen, aber sie verurteilte die Repression nicht. Ihr Generalsekretär Abid Brigui begnügte sich damit, unter dem Druck der Basis zu erklären, dass er « die legitimen Forderungen der Bevölkerung Sidi Bouzids und anderer Landesteile unterstützt ». « Wir dürfen bei dieser Bewegung nicht außerhalb stehen. Wir treten an die Seite der Bedürftigen und der Arbeitslosen ». Gegenüber der Gewalt der Repression erklärte er zögerlich : « Es geht nicht, solch eine Bewegung zu verurteilen. Man darf gegen sie nicht mit Schusswaffen vorgehen. » Aber er rief überhaupt nicht zur allgemeinen Mobilisierung aller Beschäftigen auf, auch nicht zum unmittelbaren Ende der Repression, die am Wochenende des 8./9. Januar immer schärfer wurde.
In Kasserine, Thala und Regueb schlug die Repression gegen die Demonstration in ein Massaker um. Die Polizei schoss kaltblütig auf die Menge, mehr als 25 Tote wurden beklagt. In Kasserine war die Bevölkerung durch das Vorgehen der Polizei terrorisiert worden, nachdem diese sogar auf Trauerzüge gefeuert hatte. Dort weigerte sich die Armee, die durch die Ereignisse gespalten worden war, nicht nur auf die Bevölkerung zu schießen, sondern sie schritt ein und stellte sich schützend vor die Bevölkerung gegen die Bürgerkriegspolizei. Der Chef des Generalstabs des Heeres wurde abgesetzt, nachdem bekannt wurde, dass er den Befehl gegeben hatte, nicht auf die Demonstranten zu schießen. Während die Armee eingesetzt wurde, um die öffentlichen Gebäude zu schützen, wurde sie bei den direkten Schritten des Versuchs der Niederschlagung nicht zur Hilfe geholt. So verzichtete man auf den Einsatz der Armee in der Hauptstadt, wo sie abzog. In Anbetracht des Blutbads traten die Krankenhausbeschäftigten der Region, nachdem sie sich um so viele Notfälle kümmern mussten, aus Protest in den Ausstand.
Seit dem Wochenende des 8./9. Januar griff die Wut auch auf die Hauptstadt über. Am 12. Januar brachen in den Vororten von Tunis Aufstände aus. Bei der Repression kamen 8 Menschen zu Tode, darunter ein Jugendlicher durch einen Kopfschuss. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand. Heute ist die Hauptstadt abgeriegelt durch die Sicherheitskräfte, und die offizielle Gewerkschaft UGIT hat schlussendlich zum zweistündigen Generalstreik für Freitag, den 14. Januar, aufgerufen. Trotz der Ausgangssperre und dem massiven Aufzug von Sicherheitskräften gehen die Auseinandersetzungen in Tunis weiter; überall werden Fotos von Ben Ali verbrannt. Am 13. Januar sprangen die Revolten auf die Seebäder an der Küste über, insbesondere auf das Touristenzentrum Hammamet, wo große Geschäfte geplündert und Bilder von Ben Ali zerrissen wurden, während sich die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei in der Hauptstadt verschärfen. Gegenüber der Gefahr, dass das Land im Chaos versinkt, gegenüber der Gefahr eines Generalstreiks und unter dem Druck der « internationalen Gemeinschaft », insbesondere seitens des französischen Staats, der zum ersten Mal anfing, Ben Ali zu « verurteilen », fing dieser an Zugeständnisse zu machen. Am Abend des 12. Januar verkündete er : « Ich habe sie verstanden », und erklärte, er werde bei den nächsten Wahlen im Jahre 2014 nicht mehr kandidieren ! Er versprach Senkungen des Zucker,-, Milch- und Brotpreises und forderte die Sicherheitskräfte auf, nicht mehr auf die Bevölkerung zu schießen, sonst « gebe es Fehler und sinnlos Tote ».
Gegenüber der wilden Repression haben sich alle « demokratischen » Regierungen wochenlang damit begnügt, ihre « Sorge » zu äußern und zu « Ruhe » und zum « Dialog » aufzurufen. Im Namen des Respekts der Unabhängigkeit Tunesiens und der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes hat keine von ihnen die Massaker durch die Handlanger im Auftrag Ben Alis verurteilt, auch wenn die meisten heuchlerisch bedauern, « dass exzessiv Gewalt eingesetzt wurde ». Nach dem Wochenende des 8./9. Januar hat der französische Staat offen den blutigen Diktator unterstützt. Nach einem heuchlerischen Bedauern des Gewalteinsatzes hat die Außenministerin Michèle Alliot-Marie den Repressionskräften des französischen Staates die Unterstützung durch französische Ordnungskräfte angeboten, als sie am 12. Januar vor der Nationalversammlung sagte : « Wir schlagen vor, dass das know-how unserer Sicherheitskräfte, das weltweit anerkannt ist, der Regierung angeboten wird, damit wir die Sicherheitslage im Land verbessern können ».
Das « know-how » der französischen Sicherheitskräfte ist allseits bekannt – so zum Beispiel, als durch polizeiliche Fehler zwei von Polizisten verfolgte Jugendliche 2005 durch Stromstöße ums Leben kamen, und die später ein Hauptfunken waren bei der Auslösung der Revolten in den Vorstädten. Dieses « know-how » wurde dann erneut unter Beweis gestellt beim Vorgehen gegen die Jugend, als diese gegen den CPE kämpfte, als die Bürgerkriegsbrigaden in besetzte Unis mit Hunden eindrangen, um die streikenden Studenten, die gegen Arbeitslosigkeit und Prekariat protestierten, zu verjagen. Und dieses « Sicherheits »-Know-how unserer verdienten französischen Polizisten kam auch beim Einsatz von Flash Balls zum Vorschein, als bei Protesten gegen das LRU im Jahre 2007 diese Waffe gegen Demonstranten benutzt wurde. Und bei der jüngsten Bewegung gegen die Rentenreform ging die Polizei sehr repressiv in Lyon gegen jugendliche Demonstranten vor. Hunderte Jugendliche sind schon zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden oder stehen kurz davor. Sicher sind die « demokratischen Staaten » zurückhaltender beim Einsatz von Gewalt und schießen heute noch nicht mit richtigen Kugeln auf Demonstranten, aber das geschieht nicht, weil sie « zivilisierter », weniger barbarisch wären oder mehr « Respekt für die Menschenrechte und die Redefreiheit » zeigten, sondern weil die Arbeiterklasse der Industriestaaten mächtiger ist und über eine längere Erfahrung mit diesen Auseinandersetzungen verfügt und solch einen Grad der Repression nicht hinnehmen würde.
Und hinsichtlich der Kriminalisierung von Protestbewegungen, die deren Niederschlagung rechtfertigen, steht die Regierung Ben Ali ihrem französischen Komplizen in nichts nach, die als erste zur Stelle war und 2006 die Studenten an den Pranger stellte sowie 2007 die Beschäftigten der SNCF, RATP (die für ihre Renten-Sonderregelungen kämpften) jeweils als « Terroristen » beschimpfte.
Es ist klar, dass die herrschende aller Länder nur die Sorge hat, den Polizeistaat « wirksam » zu verstärken, um so die kapitalistische Ordnung aufrechtzuerhalten, eine Gesellschaftsordnung, die der jungen Generation keine Zukunft anzubieten hat. Überall auf der Welt ruft nämlich diese Ordnung nur noch mehr Arbeitslosigkeit, Misere und schließlich Repression hervor.
Die offensichtliche Komplizenschaft der herrschenden Klasse weltweit zeigt, dass das kapitalistische System verantwortlich ist für das Blutbad von Tunesien, und nicht nur das korrupte Regime Ben Alis. Der tunesische Staat ist nur eine Karikatur des kapitalistischen Staats.
Obwohl in Tunesien ein totalitäres Regime herrscht, das von Korruption befallen ist, ist die soziale Lage im Land keine Ausnahme. In Tunesien wie überall auf der Welt steht die Jugend vor dem gleichen Problem – Perspektivlosigkeit. Diese « Erhebung des Volkes » ist ein Teil des allgemeinen Kampfes der Arbeiterklasse und ihrer jungen Generationen gegen den Kapitalismus. Sie stellt eine Fortsetzung der Kämpfe dar, die seit 2006 in Frankreich, Griechenland, der Türkei, Italien, Großbritannien usw. Stattgefunden haben, wo alle Generationen sich zusammengefunden haben, um gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen, die Armut, die Jugendarbeitslosigkeit, die Repression anzukämpfen. Die Tatsache, dass die sozialen Proteste von einer breiten Solidaritätsbewegung vom 17. Dezember an unterstützt wurden, zeigt, dass ungeachtet all der Schwierigkeiten des Klassenkampfes in Tunesien oder in Algerien, trotz des Gewichtes der demokratischen Illusionen aufgrund der Unerfahrenheit und des Sicherheitsapparates dieser Regime, die die Isolierung der Arbeiter/Innen und deren blutige Niederschlagung ermöglichen, diese Revolten gegen die Arbeitslosigkeit und die hohen Lebenshaltungskosten ein Teil des weltweiten Arbeiterkampfes sind.
Die Verschwörung des Schweigens, die über diesen Ereignissen lastete, ist übrigens nicht nur auf die Zensur in diesen Ländern zurückzuführen. Das Schweigen wurde durchbrochen durch ein reges Treiben der Jugend, die im Internet, bei Twitter oder Facebook diese Netzwerke als eine Waffe eingesetzt haben, um sich untereinander zu verständigen und auszutauschen, um die Repression anzuprangern. Dadurch standen sie untereinander in Verbindung, und mit ihren Familien oder Freunden im Ausland, insbesondere in Europa. Aber die bürgerlichen Medien haben überall dazu beigetragen, ein black-out zu verhängen, insbesondere gegenüber den Arbeiterkämpfen, die unvermeidlich mit diesen Kämpfen einhergingen, und über die nur sehr bruchstückhaft berichtet wurde. 1 [227].
Diese Medien haben ebenso wie bei jedem anderen Kampf der Arbeiterklasse alles unternommen, um diese Revolte gegen die Armut und den kapitalistischen Terror zu entstellen und zu diskreditieren, indem sie diese wie üblich von Außen als eine Wiederauflage der Revolten aus den französischen Vorstädten dargestellt haben, als das Werk von unverantwortlichen « Schlägern », « Rowdies », « Plünderern » ; all das geschah in Komplizenschaft mit der Regierung Ben Alis, während viele Demonstranten diese Plünderungen als das Werk von Zivilpolizisten betrachten, die eingesetzt werden, um die Bewegung zu diskreditieren. Die Amateuraufnahmen durch Jugendliche haben ebenso Polizisten in Zivil gezeigt, die Schaufenster in Kasserine am 8. Januar zerschlagen haben, um einenVorwand zu suchen für die schreckliche Repression, die anschließend in dieser Stadt ausgeübt wurde.
In Anbetracht der kapitalistischen Barbarei, und um gegen das Schweigen und die Lügen vorzugehen, muss die Arbeiterklasse in allen Ländern ihre Solidarität mit ihren Klassenbrüdern- und Schwestern in Tunesien und Algerien zum Ausdruck bringen. Und diese Solidarität kann nur durch die Entfaltung des Klassenkampfes gegen all die Angriffe des Kapitals in allen Ländern zum Tragen kommen, gegen diese Ausbeuter, gierigen Hälse und Mörder, die ihre Privilegien nur aufrechterhalten können, indem sie die Menschheit in den Abgrund der Misere stürzen. Nur durch die Entfaltung von massiven Kämpfen, die Entfaltung ihrer Solidarität und internationalen Einheit kann die Arbeiterklasse, insbesondere in den «demokratischen» , am meisten industrialisierten Ländern der Gesellschaft eine Zukunft bieten.
Indem wir uns weigern, die Kosten für den Bankrott des Kapitalismus überall auf der Welt zu übernehmen, kann die ausgebeutete Klasse die Misere und den Terror der Ausbeuterklasse überwinden, indem sie den Kapitalismus aus der Welt schafft und eine andere Gesellschaft aufbaut, die die Bedürfnisse der gesamten Menschheit erfüllen kann und nicht auf Profit und Ausbeutung fußt.
Solidarität mit unseren Klassenbrüdern- und Schwestern im Maghreb !
Solidarität mit den jungen Arbeitergenerationen überall auf der Welt, wo diese gegen die Perspektivlosigkeit kämpft !
Um die Arbeitslosigkeit, die Misere und die Repression zu überwinden, müssen wir den Kapitalismus überwinden! W. M. (13.1.2011).
1 [228] Erinnern wir uns daran, dass in Tunesien 2008 die Phosphatbergwerksregion Gafsas das Zentrum einer Auseinandersetzung mit der Macht war ; eine furchtbare Repression wurde ausgeübt. Im Januar 2010 hatten 5000 Streikende der SNVI und anderer Betriebe versucht, trotz des brutalen Eingreifens der Ordnungskräfte zusammenzukommen, um ihren Kampf auszudehnen und ihn in einem Industriegebiet zu vereinigen, wo 50.000 Beschäftigte in der Region Rouiba vor den Toren Algiers beschäftigt sind.
Wir haben soeben die Nachricht erhalten, dass acht Mitstreiter des „Sozialistischen Arbeiterbundes Koreas" (Sanoryun) auf Grundlage des berüchtigten „Nationalen Sicherheitsgesetzes" in Südkorea festgenommen und angeklagt wurden (1). Sie sollen am 27. Januar verurteilt werden.
Es gibt keinen Zweifel daran, dass dies ein politischer Prozess ist und eine Travestie dessen, was die herrschende Klasse gern ihre „Gerechtigkeit" nennt. Drei Tatsachen legen Zeugnis darüber ab:
Diese Militanten werden wegen nichts anderem angeklagt als des imaginären Verbrechens, Sozialisten zu sein. Mit anderen Worten, sie stehen unter der Anklage, ArbeiterInnen dazu gezwungen zu haben, sich selbst, ihre Familien und ihren Lebensstandard zu verteidigen, und den Charakter des Kapitalismus offen beim Namen genannt zu haben. Die von der Staatsanwaltschaft beantragten Urteile sind nur ein weiteres Beispiel für die Repression, die von der herrschenden Klasse Südkoreas gegen jene ausgeübt wird, die es wagen, sich ihr in den Weg zu stellen. Diese brutale Repression hat bereits die jungen Mütter von der „Kinderwagen-Brigade" zum Ziel gehabt, die ihre Kinder zur Kerzenlicht-Demonstration 2008 mitgenommen hatten und die sich später gerichtlicher und polizeilicher Schikane ausgesetzt sahen (4). Sie hatte die Ssangyong-ArbeiterInnen zum Ziel gehabt, die von der Bereitschaftspolizei zusammengeschlagen wurden, die in ihre besetzte Fabrik eingedrungen war. (5)
Trotz der Aussicht auf schwere Gefängnisstrafen haben sich die verhafteten Mitstreiter mit beispielhafter Würde vor dem Gericht verhalten und die Gelegenheit genutzt, mit deutlichen Worten den politischen Charakter dieses Prozesses zu enthüllen. Wir veröffentlichen weiter unten eine Übersetzung der letzten Rede von Oh Se-Cheol vor dem Tribunal.
Die militärischen Spannungen in der Region wachsen als Folge der provokanten Beschießung der Insel Yeonpyeong im November letzten Jahres und der Tötung von Zivilisten durch die Kanonen des nordkoreanischen Regimes, auf die die USA mit der Entsendung eines atomaren Flugzeugträgers in die Region antwortete, um gemeinsame militärische Übungen mit den Streitkräften Südkoreas durchzuführen. In dieser Situation ist die Feststellung, dass die Menschheit sich heute der Wahl zwischen Sozialismus oder Barbarei gegenübersieht, wahrer denn je.
Die Propaganda der USA und ihrer Verbündeten porträtieren Nordkorea gern als einen „Schurkenstaat", dessen herrschende Clique dank der unbarmherzigen Repression gegen ihre hungernde Bevölkerung im Luxus lebt. Dies ist sicherlich richtig. Doch die Repression, die von der südkoreanischen Regierung gegen Mütter, Kinder, kämpfende ArbeiterInnen und nun gegen sozialistische Militante ausgeübt wird, zeigt deutlich genug, dass jede nationale Bourgeoisie letztendlich mit Furcht und roher Gewalt herrscht.
Angesichts dieser Situation erklären wir unsere uneingeschränkte Solidarität mit den Verhafteten, ungeachtet aller politischen Meinungsverschiedenheiten, die wir mit ihnen haben mögen. Wir adressieren unsere innige Sympathie und Solidarität an ihre Familien und Genossen. Wir werden gern jede Botschaft der Unterstützung und Solidarität, die wir international erhalten, an die Genossen weiterleiten.
(übersetzt aus dem Koreanischen)
Etliche Theorien haben versucht, die Krisen zu erklären, die sich in der gesamten Geschichte des Kapitalismus ereignet haben. Eine davon ist die Katastrophentheorie, die der Auffassung ist, dass der Kapitalismus in dem Moment von sich aus kollabieren werde, wenn die kapitalistischen Widersprüche ihren höchsten Punkt erreicht haben und den Weg zu einem neuen Jahrtausend des Paradieses freimachen würden. Diese apokalyptische oder äußerst anarchistische Position hat Verwirrung und Illusionen beim Verständnis des Leids des Proletariats unter der kapitalistischen Unterdrückung und Ausbeutung bewirkt. Viele Menschen sind von solch einer nicht-wissenschaftlichen Sichtweise angesteckt worden.
Eine andere Theorie ist die optimistische, die die Bourgeoisie stets verbreitet. Dieser Theorie zufolge hat der Kapitalismus selbst die Mittel, um seine eigenen Widersprüche zu überwinden, und funktioniert die Wirtschaft gut, wenn die Spekulation beseitigt wird.
Eine raffiniertere Position als die beiden oben erwähnten - eine Position, die sich gegenüber den anderen durchgesetzt hat - behauptet, dass kapitalistische Krisen periodisch auftreten und wir nur ruhig warten müssen, bis der Sturm vorüber ist, um weiter zu segeln.
Eine solche Position taugte für die Szenerie des Kapitalismus im 19. Jahrhundert; für die kapitalistischen Krisen des 20. und 21. Jahrhunderts gilt sie nicht mehr. Die kapitalistischen Krisen des 19. Jahrhunderts waren Krisen in einer Phase der grenzenlosen Expansion des Kapitalismus, die Marx im Kommunistischen Manifest die Epidemie der Überproduktion genannt hatte. Doch die Tendenz zur Überproduktion, die in Hungersnöte, Armut und Arbeitslosigkeit ausartete, geschah nicht aufgrund eines Mangels an Waren, sondern weil es zu viel Waren gab, zu viel Industrie und zu viele Ressourcen. Eine andere Ursache der kapitalistischen Krisen ist die Anarchie des Konkurrenzsystems des Kapitalismus. Im 19. Jahrhundert konnten die kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch die Eroberung neuer Gebiete ausgeweitet und vertieft werden, durch die Erlangung neuer Arbeitskräfte und Absatzmärkte für die Waren, und so wurden die Krisen in dieser Zeit als Pulsschläge eines gesunden Herzschlages verstanden.
Im 20. Jahrhundert erreichte die aufsteigende Phase des Kapitalismus mit dem Wendepunkt des I. Weltkrieges ihr Ende. Von nun an waren die kapitalistischen Verhältnisse der Warenproduktion und der Arbeitskraft auf der ganzen Welt expandiert. 1919 nannte die Internationale den Kapitalismus in jener Zeit die Periode des „Krieges oder der Revolution". Einerseits drängte die kapitalistische Tendenz zur Überproduktion zum imperialistischen Krieg, mit dem Ziel, den Weltmarkt an sich zu reißen und zu kontrollieren. Andererseits machte sie, anders als im 19. Jahrhundert, die Weltwirtschaft abhängig von den halb-permanenten Krisen der Instabilität und Zerstörung.
Dieser Widerspruch mündete in zwei historische Ereignisse, den Ersten Weltkrieg und die weltweite Depression von 1929, auf Kosten von 20 Millionen Toten und einer Arbeitslosenrate von 20-30 Prozent, die ihrerseits den Weg ebneten für die so genannten „sozialistischen Länder" mit dem Staatskapitalismus in Gestalt der Verstaatlichung der Industrie auf der einen Seite und die liberalen Länder mit einer Kombination aus privater Bourgeoisie und Staatsbürokratie auf der anderen Seite.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Weltkapitalismus einschließlich der so genannten „sozialistischen Länder" einen außerordentlichen Wohlstand, der sich in 25 Jahren des Wiederaufbaus und der wachsenden Verschuldung äußerte. Dies verleitete Regierungsbürokraten, Gewerkschaftsführer, Ökonomen und so genannte „Marxisten" dazu, lauthals zu erklären, dass der Kapitalismus seine Wirtschaftskrisen endgültig überwunden habe. Doch die Krise hat sich kontinuierlich verschlimmert, wie folgende Beispiele zeigen: die Entwertung des britischen Pfunds 1967, die Dollarkrise 1971, der Ölschock 1973, die Wirtschaftsrezession 1974-75, die Inflationskrise 1979, die Kreditkrise 1982, die Krise der Wall Street 1987, die Wirtschaftsrezession 1989, die Destabilisierung europäischer Währungen 1992-93, die Krise der „Tiger" und „Drachen" in Asien 1997, die Krise der amerikanischen „new economy" 2001, die Finanzkrise von Lehman Brothers etc. und die Finanzkrise von 2009-10.
Ist solch eine Serie von Krisen „zyklisch", „periodisch"? Überhaupt nicht! Sie ist das Resultat der unheilbaren Krankheit des Kapitalismus, des Mangels an zahlungsfähigen Märkten, der fallenden Profitrate. Zurzeit der großen Weltdepression von 1929 trat der worst case aufgrund der immensen Interventionen der Staaten noch nicht ein. Aber die jüngsten Fälle der Finanz- und Wirtschaftskrise zeigen, dass das kapitalistische System nicht mehr mithilfe solcher Sofortmaßnahmen wie dem Bail-out-Geld vom Staat oder den staatlichen Schulden überleben kann. Der Kapitalismus sieht sich mittlerweile infolge der Unmöglichkeit der Expansion der Produktivkräfte einer ausweglosen Situation gegenüber. Doch der Kapitalismus wird bis zu seinem Tod gegen diese Sackgasse ankämpfen. Das heißt, er hängt unbefristet vom staatlichen Kredit ab und sucht Absatzmärkte für die Überproduktion durch die Schaffung fiktiver Märkte.
40 Jahre lang war der Weltkapitalismus der Katastrophe durch immense Kredite entkommen. Der Kredit für den Kapitalismus ist dasselbe wie Dogen für einen Drogensüchtigen. Letztendlich werden solche Kredite als Bürde zurückkehren, auf Kosten des Blutes und Schweißes von ArbeiterInnen überall auf der Welt. Sie werden zudem in der Armut von ArbeiterInnen überall auf der Welt, in imperialistische Kriege und in Umweltkatastrophen münden.
Befindet sich der Kapitalismus im Niedergang? Ja. Er sieht sich nicht einem plötzlichen Ruin gegenüber, aber einer neuen Stufe im Untergang eines Systems, der letzten Stufe in der Geschichte des seinem Ende zustrebenden Kapitalismus. Wir müssen mit allem Nachdruck den 100 Jahre alten Schlachtruf „Krieg oder Revolution" in Erinnerung rufen und einmal mehr die historische Einsicht in die Alternative „Barbarei oder Sozialismus" und die Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus erarbeiten. Dies bedeutet, dass die Sozialisten zusammenkämpfen und sich vereinen müssen, sie müssen fest auf der Grundlage des revolutionären Marxismus stehen. Unser Ziel ist es, den auf Geld, Ware, Markt, Lohnarbeit und Tauschwert basierenden Kapitalismus zu überwinden und eine Gesellschaft der befreiten Arbeit in einer Gemeinschaft freier Individuen aufzubauen.
Marxistische Analysen haben bestätigt, dass die allgemeine Krise der kapitalistischen Produktionsweise aufgrund der fallenden Profitrate und der Sättigung der Märkte im Prozess der Produktion und Realisierung des Mehrwerts bereits ihren kritischen Punkt erreicht hat. Wir sehen uns nun der Alternative zwischen dem Kapitalismus, der Barbarei bedeutet, und dem Sozialismus, Kommunismus, der Zivilisation bedeutet, gegenüber.
Erstens ist der Kapitalismus zu einem System geworden, das nicht einmal die Sklaven der Lohnarbeit ernähren kann. Täglich verhungern überall auf der Welt Hunderttausend Menschen; alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an Hunger. 842 Millionen Menschen leiden an ständiger Unterernährung, und ein Drittel der sechs Milliarden umfassenden Weltbevölkerung kämpft täglich aufgrund steigender Nahrungsmittelpreise ums Überleben.
Zweitens kann das gegenwärtige kapitalistische System nicht die Illusion des wirtschaftlichen Wohlstandes aufrechterhalten.
Die Wirtschaftswunder von Indien und China haben sich als Illusionen erwiesen. Während der ersten Jahreshälfte von 2008 verloren in China 20 Millionen ArbeiterInnen ihren Job, und 67.000 Unternehmen gingen bankrott.
Drittens steht eine Umweltkatastrophe in Aussicht. In punkto globaler Erwärmung stieg die Durchschnittstemperatur der Erde seit 1896 um 0,6°C. Im 20. Jahrhundert erlebte die nördliche Hemisphäre die gravierendste Erwärmung in den letzten 1000 Jahren. Die vom Eis bedeckten Flächen schrumpften um zehn Prozent seit Ende der 1960er Jahre, und die Eisschichten am Nordpol sind um 40 Prozent zurückgegangen. Der durchschnittliche Meeresspiegel stieg im 20. Jahrhundert um 10-20 Prozent. Die Ausbeutung der Erde während der vergangenen 90 Jahre äußert sich in Form rücksichtsloser Entwaldung, Bodenerosion, Verschmutzung (Luft, Wasser), des Gebrauchs chemischer und radioaktiver Materialien, der Ausrottung von Tieren und Pflanzen, dem explosiven Auftreten von Epidemien. Die Umweltkatastrophe kann in integrierter und globaler Gestalt beobachtet werden. Es ist unmöglich, exakt vorauszusehen, wie ernst dieses Problem in Zukunft sein wird.
Wie hat sich schließlich der Klassenkampf gegen die kapitalistische Unterdrückung und Ausbeutung entwickelt?
Der Klassenkampf hat ständig existiert, aber er war nicht erfolgreich gewesen. Die I. Internationale scheiterte an der Macht des Kapitalismus in seiner aufsteigenden Periode. Die II. Internationale scheiterte am Nationalismus und an der Abkehr von ihrem revolutionären Charakter. Und die III. Internationale scheiterte an der stalinistischen Konterrevolution. Besonders die konterrevolutionären Strömungen täuschten seit den 1930er Jahren die ArbeiterInnen über den Charakter des Staatskapitalismus, der sich „Sozialismus" nannte. Letztendlich spielten sie die Rolle des Unterstützers des kapitalistischen Weltsystems, unterdrückten und beuteten das Weltproletariat aus durch die Verschleierung der Konfrontation zwischen zwei Blöcken.
Ferner war laut bürgerlicher Kampagne der Fall des Ostblocks und des stalinistischen Systems ein „klarer Sieg des liberalistischen Kapitalismus", „das Ende des Klassenkampfes" und gar das Ende der Arbeiterklasse selbst. Diese Kampagne drängte die Arbeiterklasse zu einem gravierenden Rückzug auf der Ebene ihres Bewusstseins und ihrer Militanz.
In den 1990er Jahren gab die Arbeiterklasse zwar nicht völlig auf, doch sie besaß kein Gewicht und keine Fähigkeit, die den Gewerkschaften in der vorherigen Periode angemessen gewesen wären. Die Kämpfe in Frankreich und Österreich gegen die Angriffe auf die Renten jedoch waren ein Wendepunkt für die Arbeiterklasse seit 1989, um ihren Kampf neu zu beginnen. Die Arbeiterkämpfe nahmen am meisten in den zentralen Ländern zu: der Kampf bei Boeing und der U-Bahn-Streik in New York in den USA 2005; die Kämpfe bei Daimler und Opel 2004, der Kampf der Krankenhausärzte im Frühling 2006, der Kampf bei Telekom 2007 in Deutschland; der Kampf auf dem Londoner Flughafen im August 2005 und der Anti-CPE-Kampf in Frankreich 2006. In den peripheren Ländern gab es den Kampf der Bauarbeiter in Dubai im Frühjahr 2006, der TextilarbeiterInnenstreik in Bangladesch im Frühjahr 2006, der TextilarbeiterInnenstreik in Ägypten im Frühjahr 2007.
Zwischen 2006 und 2008 hat sich der Kampf der Weltarbeiterklasse auf die ganze Welt ausgeweitet, auf Ägypten, Dubai, Algerien, Venezuela, Peru, Türkei, Griechenland, Finnland, Bulgarien, Ungarn, Russland, Italien, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, die USA und China. Wie der jüngste Kampf in Frankreich gegen die Rentenreform zeigte, nimmt der Kampf der Arbeiterklasse eine immer größere Offensive vorweg.
Wie oben gezeigt, haben die finale Tendenz der Dekadenz des Weltkapitalismus und die Krise, die die Arbeiterklasse belastet, unweigerlich Kämpfe von ArbeiterInnen überall auf der Welt ausgelöst, Kämpfe, die anders sind als jene, die wir zuvor erlebt hatten.
Wir stehen nun vor der Alternative, in der Barbarei zu leben, nicht als menschliche Wesen, sondern als Tiere, oder glücklich in Freiheit und menschlicher Würde zu leben.
Die Tiefe und Reichweite der Widersprüche des koreanischen Kapitalismus sind ernster als jene der so genannten entwickelten Länder. Das Leid der koreanischen ArbeiterInnen scheint weitaus größer zu sein als jenes der ArbeiterInnen in europäischen Ländern mit ihren Errungenschaften aus früheren Kämpfen der Arbeiterklasse. Es geht hier um ein menschenwürdiges Leben der Klasse, das nicht mit dem leeren Anspruch der koreanischen Regierung, Gastgeber für das G20-Gipfeltreffen zu spielen, oder mit dem Anzeigen von quantitativen ökonomischen Indexes gemessen werden kann.
Das Kapital ist von Natur aus international. Stets haben verschiedene nationale Kapitalien in Konkurrenz zueinander gestanden, doch haben sie auch zusammengearbeitet, um das kapitalistische System aufrechtzuerhalten, seine Krisen zu verbergen und ArbeiterInnen als menschliche Wesen anzugreifen. ArbeiterInnen kämpfen nicht gegen Kapitalisten, sondern gegen das kapitalistische System, das sich nur für die Steigerung seiner Profite und für die schrankenlose Konkurrenz bewegt.
Die Marxisten haben in der Geschichte stets zusammen mit der Arbeiterklasse, dem Meister der Geschichte, gekämpft, indem sie den Charakter der historischen Gesetze der menschlichen Gesellschaft und der Gesetze des Gesellschaftssystems enthüllten, die Ausrichtung auf eine Welt wahrhaft menschliches Leben vorstellten und die Hindernisse des unmenschlichen Systems und seiner Gesetze kritisierten.
Aus diesem Grund bauten sie Organisationen wie die Parteien auf und beteiligten sich an den praktischen Kämpfen. Zumindest seit dem II. Weltkrieg haben solch praktischen Aktivitäten von Marxisten niemals irgendeine juristische Einschränkung erfahren. Stattdessen wurden ihre Gedanken und ihre Praxis hoch geschätzt als Beiträge zum Fortschritt der Menschheit. Meisterstücke von Marx wie das Kapital und das Kommunistische Manifest gehören neben der Bibel zu den meist gelesenen Büchern.
Dieser SWLK-Fall ist ein historischer, der der gesamten Welt den barbarischen Charakter der koreanischen Gesellschaft, mit ihrer Unterdrückung der Gedanken, offenbart, und geht als Makel in die Geschichte der Anti-Sozialisten-Prozesse in der Welt ein. In Zukunft wird es offenere und massenhaftere sozialistische Bewegungen geben, marxistische Bewegungen werden sich breit und mächtig weltweit und in Korea entwickeln. Der Justizapparat kann vielleicht Fälle von organisierter Gewalt bewältigen, aber nicht sozialistische Bewegungen, marxistische Bewegungen unterdrücken. Weil sie solange sein werden, wie die Menschheit und die ArbeiterInnen existieren.
Sozialistische Bewegungen und ihre Praxis dürfen nicht das Objekt juristischer Verfolgungen werden. Vielmehr müssen sie ein Beispiel für Respekt und Vertrauen sein. Hier sind meine Schlussworte:
Wir veröffentlichen nachfolgend einen Artikel, den wir 6 Tage vor dem Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Mubarak verfasst haben. Wir werden in kürze auf die Ereignisse seit dem Rücktritt des Präsidenten und die weitere Entwicklung eingehen. Der Donner in Tunesien und Ägypten hallt in Algerien, Libyen, Marokko, Gaza, Jordanien, Syrien, Irak, Bahrain und Jemen wider. Welche Fahnen die Demonstranten auch tragen mögen, all diese Proteste haben ihre Wurzeln in der weltweiten Wirtschaftskrise des Kapitalismus und ihrer direkten Auswirkungen: Arbeitslosigkeit, steigende Preise, Sparpolitik, Repression und Korruption der Regierungen, die diese brutalen Angriffe gegen die Lebensbedingungen zentralisieren. Kurzum, sie haben die gleichen Wurzeln wie die Revolte der griechischen Jugend gegen die Polizeirepression 2008, der Kampf gegen die „Rentenreform“ in Frankreich, die jüngsten Studentenproteste in Italien und Großbritannien und die Arbeiterstreiks von Bangladesh bis China und von Spanien bis die USA.
Wir veröffentlichen nachfolgend einen Artikel, den wir 6 Tage vor dem Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Mubarak verfasst haben. Wir werden in kürze auf die Ereignisse seit dem Rücktritt des Präsidenten und die weitere Entwicklung eingehen.
Der Donner in Tunesien und Ägypten hallt in Algerien, Libyen, Marokko, Gaza, Jordanien, Syrien, Irak, Bahrain und Jemen wider. Welche Fahnen die Demonstranten auch tragen mögen, all diese Proteste haben ihre Wurzeln in der weltweiten Wirtschaftskrise des Kapitalismus und ihrer direkten Auswirkungen: Arbeitslosigkeit, steigende Preise, Sparpolitik, Repression und Korruption der Regierungen, die diese brutalen Angriffe gegen die Lebensbedingungen zentralisieren. Kurzum, sie haben die gleichen Wurzeln wie die Revolte der griechischen Jugend gegen die Polizeirepression 2008, der Kampf gegen die „Rentenreform“ in Frankreich, die jüngsten Studentenproteste in Italien und Großbritannien und die Arbeiterstreiks von Bangladesh bis China und von Spanien bis die USA.
Die Entschlossenheit, der Mut und das Solidaritätsgefühl, das in den Straßen von Tunesien, Kairo, Alexandria und vielen anderen Städten zutage tritt, sind sehr inspirierend. Die Massen, die den Tahir-Platz in Kairo besetzt halten oder andere öffentliche Plätze haben sich selbst mit Nahrungsmitteln versorgt, die Angriffe von regimetreuen Schlägertrupps und der Polizei abgewehrt, die Soldaten zur Verbrüderung aufgerufen, ihre Verwundeten gepflegt, Spaltungen zwischen Muslimen und Christen, zwischen religiös und weltlich orientierten Gruppen beiseite geschoben. In den Stadtvierteln haben sie Komitees gegründet, um ihre Häuser vor den Plünderern zu schützen, die von der Polizei manipuliert werden. Zehntausende haben tagelang oder gar wochenlang gestreikt, um die Reihen der Demonstranten zu stärken.
In Anbetracht des Gespenstes massiver Revolten und der Angst vor der Ausdehnung der Bewegung in der gesamten ‘arabischen Welt’ und sogar darüber hinaus, hat die herrschende Klasse auf der ganzen Welt mit zwei ihrer verlässlichsten Waffen reagiert: Repression und Mystifikation. In Tunesien wurden Dutzende auf den Straßen erschossen, aber jetzt verkündet die herrschende Klasse den Anfang eines Übergangs zur Demokratie; in Ägypten pendelt das Mubarak-Regime zwischen Verprügeln, Erschießen, Tränengaseinsatz, Verhöhnen und Verbreiten von vagen Versprechungen. Im Gaza-Streifen verhaftet die Hamas Demonstranten, die ihre Solidarität mit den Revolten in Tunesien und Ägypten zeigen, in der Westbank hat die PLO „nicht zugelassene Versammlungen“ zur Unterstützung der Aufstände verboten; im Irak schießt das Regime, das von den US-und britischen „Befreiern“ in den Sattel gehievt wurde, auf Teilnehmer an Protesten gegen Arbeitslosigkeit und Güterknappheit. In Algerien werden Konzessionen nach dem Niederknüppeln der ersten Revolten gemacht, indem schüchterne Protestformen zugelassen werden; in Jordanien hat der König seine Regierung entlassen.
Auf internationaler Ebene hört man von Seiten der herrschenden Klasse zwei Töne: die Rechten und natürlich Israel unterstützen offen das Regime Mubaraks als das einzige Bollwerk gegen eine Übernahme der Macht durch Islamisten. Und ein Grundgedanke wird von Obama verbreitet: nach anfänglichem Zögern lautete seine Botschaft, dass Mubarak gehen müsse und zwar schnell. Der „Übergang zur Demokratie“ wird als der einzige Weg vorwärts für die unterdrückten Massen Nordafrikas und des Mittleren Ostens dargestellt.
Die Massenbewegung mit Schwerpunkt Ägypten steht somit vor zwei Gefahren: eine Gefahr ist, dass der Geist der Revolte im Blut erstickt wird. Es scheint, dass der Anfangsversuch des Mubarak-Regimes, sich mittels eiserner Faust zu retten, fehl geschlagen ist. Zunächst musste die Polizei sich aufgrund der Massendemonstrationen aus den Straßen zurückziehen, und den Prügelknaben des Mubarak-Regimes ist es letzte Woche auch nicht gelungen, den Willen der Demonstranten zu brechen. Bei beiden Konfrontationsrunden stellte sich die Armee als „neutrale Kraft“ dar, sogar als eine Kraft auf Seiten der Mubarak-feindlichen Versammlungen, welche sie vor den Angriffen der Verteidiger des Regimes schützte. Ohne Zweifel sympathisieren viele Soldaten mit den Protesten und wären nicht bereit, auf die Menge in der Straße zu schießen. Einige Soldaten sind auch schon desertiert. In den höheren Rängen der Militärhierarchie gibt es sicherlich Kreise, die Mubarak jetzt loswerden wollen. Aber die Armee des kapitalistischen Staates ist keine neutrale Kraft. Ihr „Schutz“ des Tahir-Platzes ist auch eine Art Eindämmung, ein großer Kessel, und wenn es hart auf hart kommt, wird die Armee tatsächlich gegen die Ausgebeuteten eingesetzt werden, es sei denn diesen gelingt es, die unteren Ränge der Armee, die Rekruten, für sich zu gewinnen und die Armee als ein organisierter Teil der Staatsmacht zum Zerbröseln zu bringen.
Aber damit sind wir bei der zweiten großen Gefahr angelangt, vor der die Bewegung steht – die Gefahr der weitverbreiteten Illusionen in die Demokratie. Der Glaube, dass der Staat vielleicht nach einigen Reformen dazu bewegt werden kann, dem Volk zu dienen, der Glaube, dass „alle Ägypter“, vielleicht mit Ausnahme einiger weniger korrupter Individuen, grundsätzlich die gleichen Interessen hätten, der Glaube an die Neutralität der Armee, der Glaube, dass die furchtbare Armut, unter der die Mehrheit der Bevölkerung leidet, überwunden werden kann, wenn es ein funktionierendes Parlament und ein Ende der Willkürherrschaft eines Ben Ali oder Mubarak gibt…
Diese Illusionen der Demonstranten, die jeden Tag durch deren Reden und deren Spruchbänder sichtbar werden, entwaffnen die wirkliche Bewegung der Befreiung, welche eigentlich nur vorankommen kann als seine Bewegung der Arbeiterklasse, die für ihre eigenen Interessen kämpft, die sich von denen der anderen Gesellschaftsschichten unterscheiden, und die vor allem den Interessen der Herrschenden und all ihrer Parteien und Fraktionen entgegengesetzt sind. Die unzähligen Ausdrücke der Solidarität und Selbstorganisation, die man bislang beobachten konnte, spiegeln das typisch proletarische Wesen der gegenwärtigen Erhebungen wider, und wie viele der Protestierenden meinten, sie kündigen eine neue und humanere Gesellschaft an. Aber diese neue und bessere Gesellschaft kann nicht durch Parlamentswahlen eingeführt werden, indem El Barbadei oder die Moslimbruderschaften oder irgendeine andere bürgerliche Fraktion an die Spitze des Staates gestellt werden. Diese Fraktionen, die durch die Illusionen der Massen an die Macht gespült werden können, werden nicht davor zurückschrecken, später Repression gegen dieselben Massen einzusetzen.
In den mainstream Medien und in den Gruppierungen der Extremen Linken redet man viel von einer “Revolution” in Tunesien und Ägypten. Aber die einzige Revolution, die heute Sinn macht, ist die proletarische Revolution, weil wir in einer Ära leben, in welcher der Kapitalismus, demokratisch oder diktatorisch, der Menschheit ganz einfach nichts mehr anbieten kann. Solch eine Revolution kann nur international erfolgreich sein, indem sie alle nationalen Grenzen und Nationalstaaten überwindet. Die heutigen Klassenkämpfe und Massenrevolten sind sicherlich eine Stufe auf dem Weg zu solch einer Revolution, aber sie stoßen auf alle möglichen Hürden. Um das Ziel der Revolution zu verwirklichen, müssen tiefgreifende Umwälzungen der politischen Organisation und des Bewusstseins von Millionen von Menschen stattfinden.
In gewisser Hinsicht verkörpert die Lage in Ägypten sehr gut die historische Lage, vor der die Menschheit insgesamt steht. Der Kapitalismus befindet sich in seinem endgültigen Niedergang. Die herrschende Klasse kann für die Zukunft des Planeten keine Perspektiven anbieten, aber die ausgebeutete Klasse ist sich ihrer eigenen Macht, ihrer eigenen Perspektiven und ihres eigenen Programms der Überwindung dieser Gesellschaft noch nicht bewusst. Letztendlich besteht die Gefahr, dass diese vorübergehende Pattsituation in der gegenseitigen Zerstörung der beteiligten Klassen endet, wie das Kommunistische Manifest schrieb, in einem Versinken in Chaos und Zerstörung. Aber die Arbeiterklasse wird ihre eigene Macht nur dadurch entdecken, indem sie wirkliche Kämpfe führt; deshalb sind die Auseinandersetzungen in Nordafrika und im Mittleren Osten trotz all ihrer Illusionen und Schwächen ein wahres Leuchtfeuer für die anderen ArbeiterInnen auf der Welt.
Vor allem stellen sie einen Aufruf an die ArbeiterInnen der höher entwickelten Länder dar, die ebenso angefangen haben, wieder zurück zum Kampf zu finden, den nächsten Schritt zu vollziehen, ihre praktische Solidarität mit den Massen der “Dritten Welt” zum Ausdruck zu bringen, indem sie ihren eigenen Kampf gegen die Sparpolitik und die Verarmung intensivieren. Dadurch legen sie all die Lügen von der kapitalistischen Freiheit und Demokratie bloß, mit der sie eine lange und bittere Erfahrung gemacht haben.
World Revolution, 5.2.2011
Nichts deutet daraufhin, dass die Flut der Rebellion in Nordafrika und im Nahen Osten abebbt. Die jüngsten Entwicklungen: Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei in der libyschen Stadt Bengasi nach der Verhaftung eines Anwalts, der an einer Kampagne beteiligt war, die eine Untersuchung des brutalen Massakers an Hunderten von Gefängnisinsassen nach Protesten im Jahr 1996 forderte. Gaddafis Regime geht erneut mit unbarmherziger Brutalität vor – es gibt Berichte über Heckenschützen und Helikopter, die in die Mengen feuern und viele dabei töten; in Bahrain besetzten Tausende von Demonstranten die Pearl-Kreuzung in Manama, in der Hoffnung, so an die Besetzung des Tahir-Platzes anzuknüpfen. Sie riefen Slogans gegen sektiererische Spaltungen („Keine Schiiten, keine Sunniten – wir sind alle Bahrainis!“) und gegen selbsternannte Führer („Wir haben keine Führer“). Als diese Zeilen verfasst wurden, hatte die Bereitschaftspolizei den Platz gerade unter erheblicher Gewaltanwendung geräumt – etliche Demonstranten wurden verletzt worden, einige getötet. Im Irak hat es neue Demonstrationen gegen die Lebensmittelpreise und den Strommangel gegeben.
Doch die vielleicht wichtigste Entwicklung in der letzten Woche war die eindeutige Bewegung von Massenkämpfen der ArbeiterInnen in Ägypten gewesen. Um dies zu verdeutlichen, stützen wir uns auf Artikelauszüge von Journalisten oder Akademikern, die auf die Existenz von Arbeiterkämpfen in Ägypten hingewiesen haben, welche viel weiter entwickelt sind als es anhand der Informationen, die der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, erkennbar wird. Dies trifft insbesondere auf die Selbstorganisierung der Arbeiter zu. Von dem verständlichen Enthusiasmus seines Autors mitgerissen, neigt der nachfolgende Auszug zu einer gewissen Übertreibung, wenn er vom „revolutionären Kampf an den Arbeitsplätzen“ spricht. Aus unserer Sicht hat die Lage nicht solch einen Reifegrad erreicht, wie die gegenwärtigen Grenzen der Bewegung, auf die wir am Ende des Artikels eingehen, selbst zeigen.
Wie Hossam el-Hamalawy (1) in einem Artikel, der vomGuardian am14. Februar veröffentlicht worden war, schrieb, war die starke Zunahme von Arbeiterkämpfen zugunsten eigener Forderungen ein mächtiger Faktor bei der Entscheidung der Armee, Mubarak in die Wüste zu schicken:
„Alle Klassen in Ägypten nahmen am Aufstand teil. Mubarak war es gelungen, sich von allen sozialen Klassen der Gesellschaft zu entfremden. Auf dem Tahir-Platz traf man auf Söhne und Töchter der ägyptischen Eliten, zusammen mit ArbeiterInnen, Mittelständlern und den Armen der Stadt. Doch es sei daran erinnert, dass erst als die Massenstreiks am Mittwoch begonnen hatten (1), das Regime zu bröckeln begann und die Armee Mubarak dazu zwingen musste, zurückzutreten, da das System dabei war zu kollabieren… Vom ersten Tag, dem 25. Januar, an hatte die Arbeiterklassean den Protesten teilgenommen. Doch die ArbeiterInnen nahmen zunächst als‚Demonstranten‘ und nicht unbedingt als ‚ArbeiterInnen‘ teil – was bedeutete, dass sie nicht unabhängig agierten. Die Regierung, nicht die Protestierenden, hat die Wirtschaft zum Halten gebracht, mit ihrer Ausgangssperre und indem sie Banken und Geschäfte schloss. Es war ein kapitalistischer Streik, der darauf abzielte, das ägyptische Volk zu terrorisieren. Erst als die Regierung versuchte, das Land am 8. Februar wieder in den ‚Normalzustand‘ zu versetzen, kehrten die ArbeiterInnen in ihre Fabriken zurück, diskutierten die aktuelle Lage und begannen, sich in Massen zu organisieren und als unabhängiger Block zu handeln.“
Ein Artikel von David McNally (2) aufwww.pmpress.org [241] gibt eine Vorstellung davon, wie weit verbreitet diese Bewegung gewesen war:
„Im Verlaufe weniger Tage in der ersten Februarwoche stürzten sich Zehntausende von ihnen in die Schlacht. Tausende von Eisenbahnarbeitern traten in den Streik und blockierten im Betrieb befindliche Eisenbahnlinien. Sechstausend Arbeiter der Suezkanal-Behörden verließen ihren Arbeitsplatz und veranstalteten Sitzstreiks in Suez und zwei weiteren Städten. In Mahalla blockierten 1.500 ArbeiterInnen der Abul Sebae Textiles die Schnellstraße. Im Kafr al-Zayyat- Krankenhaus veranstalteten Hunderte von Krankenschwestern einen Sitzstreik, dem sich Hunderte anderer Krankenhausbeschäftigte anschlossen.
In ganz Ägypten schlossen sich Tausende anderer Beschäftigter – Busfahrer in Kairo, Angestellte der Telecom Ägypten, Journalisten einer Reihe von Zeitungen, ArbeiterInnen pharmazeutischer Fabriken und von Stahlwerken – der Streikwelle an. Sie forderten bessere Löhne, die Entlassung rücksichtsloser Manager, die Nachzahlung ausstehender Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und unabhängige Gewerkschaften. In vielen Fällen riefen sie auch zum Rücktritt von Präsident Mubarak auf. Und in einigen Fällen, wie im Fall der 2.000 ArbeiterInnen der Helwan Seidenfabrik, forderten sie die Entfernung ihres kompletten Aufsichtsrates. Dann gab es da die Tausenden von Fakultätsmitgliedern der Kairoer Universität, die sich den Protesten anschlossen, den Sicherheitskräften entgegentraten und den Premierminister Ahmed Shariq daran hinderten, zu seinem Regierungsbüro zu gelangen.“
Wir könnten noch zahllose andere Beispiele hinzufügen: über die 20.000 ArbeiterInnen in Al-Mahalla Al-Kobra, 100 Kilometer nördlich von Kairo entfernt, die nach einer dreitägigen Unterbrechung, den Streik in der größten Spinnerei und Weberei in Ägypten wieder aufnahmen. ArbeiterInnen in der Tourismusindustrie, wie die 150, die im Schatten der Pyramiden eine öffentlichkeitswirksame Demo gegen ihre miserablen Löhne veranstalteten; Bankangestellte, die die Entlassung ihrer korrupten Bosse forderten; Ambulanzfahrer, die ihre Vehikel zur Blockierung von Straßen einsetzten, um für bessere Arbeitslöhne zu protestieren; ArbeiterInnen,die vor dem Sitz der ägyptischen Gewerkschaftsbundes demonstrierten und Letzteren als ein „Haufen Diebe“ und als eine „Verbrecherbande“ anprangerten sowie seine Auflösung forderten - ihre Worte bewahrheiteten sich umgehend, als Schlägertypen der ETUF mit Prügel und Kugeln antworteten. Auch die Polizei hatte in aller Öffentlichkeit gegen die Weise protestiert, wie sie gegen die Demonstranten eingesetzt wurde, ein klares Anzeichen für die stark rückläufige Moral in den niederen Rängen der Staatsmacht. Wir könnten noch weitaus mehr solche Beispiele aufzählen.
Wie McNally bemerkt, zeigt diese Bewegung viele Charakteristiken des Massenstreiks, wie sie von Rosa Luxemburg analysiert worden waren:
„Was wir hier sehen, ist mit anderen Worten der Aufstieg der ägyptischen Arbeiterklasse. Nachdem sie bereits im Zentrum des Volksaufstandes auf den Straßen gestanden hatten, tragen nun Zehntausende von ArbeiterInnen den revolutionären Kampf zurück zu ihren Arbeitsplätzen, erweitern und vertiefen die laufende Bewegung. Indem sie so verfahren, beweisen sie die aktuelle Relevanz der Analyse, die von der großen polnisch-deutschen Sozialistin Rosa Luxemburg entwickelt worden war. In ihrem Buch Der Massenstreik, das sich auf die Erfahrungen aus den Massenstreiks von 1905 gegen die zaristische Diktatur in Russland stützt, argumentiert Luxemburg, dass wirklich revolutionäre Bewegungen sich durch interagierende Wellen des politischen und ökonomischen Kampfes, die sich gegenseitig hochschaukeln, entwickeln. An einer Stelle, die von der Erhebung in Ägypten hätte inspiriert sein können, erklärt sie:
‚Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf (…) Nach jeder schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem Kapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach…‘.“
Wie sowohl McNally als auch Hossam el-Hamalawy hervorheben, kam die Macht dieser Bewegung nicht über Nacht. In den vergangenen sieben Jahren standen die ArbeiterInnen an der vordersten Front des Widerstandes gegen Armut und Repression, die der gesamten Bevölkerung aufgezwungen wurden. Es gab eine Reihe von Streikbewegungen in den Jahren 2004, 2006-07 und 2007-08, wobei die TextilarbeiterInnen von Mahalla eine besonders bedeutsame Rolle spielten, ohne zu vergessen, dass sich auch viele andere Sektoren anschlossen. 2007 veröffentlichten wir einen Artikel (2),der in diesen Kämpfen wegen ihres hohen Selbstorganisationsgrad und ihrer Solidarität bereits die „Keime des Massenstreiks“ wahrnahm. Wie Rosa Luxemburg unterstrich, ist der Massenstreik etwas, das über einen längeren Zeitraumheranreift – die Kämpfe von 1905, über die sie schrieb, waren in den aufeinanderfolgenden Kämpfen der letzten beiden Jahrzehnte vorbereitet worden –und 1905 war auch eine Brücke zur Revolution von 1917.
Doch trotz allen Raunens über die Revolution in diesen Ländern – manchmal ehrlich gemeint, wenngleich irrig, manchmal Bestandteil des mystifizierenden Diskurses des Linksextremismus, der stets danach strebt, allein schon das Konzept der Revolution zu banalisieren – sieht sich diese Bewegung zu zukünftigen Massenstreiks vielen Gefahren ausgesetzt:
- der Gefahr der Repression. Jetzt, wo die massenhaften Proteste sich aufgelöst haben, richtet die Armee, die die Macht „übernommen“ hat (faktisch stand sie immer im Mittelpunkt derselben), dringende Aufrufe an die Ägypter, zur Arbeit zurückzukehren. Schließlich habe die Revolution ja triumphiert! Es gab versteckte Andeutungen, dass Arbeiterversammlungen verboten werden sollen. Wir haben bereits erlebt, dass, während die Armee behauptet hatte, das Volk zu schützen, Hunderte von Aktivisten von just dieser „populären“ Institution festgenommen und gefoltert wurden und dass es keinen Grund gibt, davon auszugehen, dass diese Art von „leiser“ Repression nicht fortgesetzt wird, während Frontalzusammenstöße vermieden werden.
- der Illusionen der Kombattanten selbst. Illusionen wie jene, dass die Armee dem Volk gehört, sind gefährlich, weil sie die Unterdrückten daran hindern, zu erkennen, wo ihr Feind steht und von wo der nächste Schlag kommen wird. Doch die Illusionen in die Armee sind Teil einer allgemeineren Illusion, der Illusion in die „Demokratie“, die Vorstellung, dass eine andere Form des kapitalistischen Staates seine Funktion verändern und ihn dazu bringen könne, den Bedürfnissen der Mehrheit zu dienen. Der Ruf nach unabhängigen Gewerkschaften, die in vielen der heutigen Streiks(3) erhoben werden, sind im Grunde eine Variante dieses demokratischen Mythos: Sie gründen sich insbesondere auf die Idee, dass der kapitalistische Staat, dessen Rolle es ist, ein System zu schützen, das den ArbeiterInnen bzw. der Menschheit insgesamt nichts anzubieten hat, der ausgebeuteten Klasse wenigstens erlauben werde, ihre eigenen unabhängigen Organisationen permanent aufrechtzuerhalten.
Wir sind noch weit weg von einer Revolution in dem einzigen Sinn, den sie heute haben kann – der internationalen proletarischen Revolution. Das authentische revolutionäre Bewusstsein, das erforderlich ist, um solch eine Revolution zum Sieg zu führen, kann sich nur auf globaler Ebene entwickeln, und es kann nicht ohne den Beitrag der ArbeiterInnen in den am höchsten entwickelten Ländern Realität werden. Doch die Proletarier (und die anderen unterdrückten Schichten) des Nahen Ostens und Nordafrikas lernen hier und heute grundlegende Lehren aus ihren eigenen Erfahrungen: Lehren darüber, wie man die Leitung des eigenen Kampfes übernimmt, wie in den Streiks, die sich von unten ausbreiteten, in den nachbarlichen Schutzkomitees, die wie Pilze aus dem Boden schossen, nachdem Mubarak seine Polizei und den Bodensatz der Gesellschaft dazu ermuntert hatte, ihre Häuser zu plündern; Lehren der täglichen „direkten Demokratie“ auf dem Tahir-Platz. Noch einmal McNally:
„Sich zusammen mit diesen Formen der Selbstorganisation des Volkes entwickelnd, gibt es neue Praktiken der Radikaldemokratie. Auf dem Tahir-Platz beteiligte sich das Nervenzentrum der Revolution, die manchmal in die Hunderttausende gehende Menge, direkt am Entscheidungsprozess. Organisiert in kleineren Gruppen, diskutierten und debattierten die Leute und sandten schließlich Delegierte zu Beratungen über die Forderungen der Bewegung. Wie ein Journalist (4) erklärt, „kommen schließlich Delegierte aus diesen Mini-Versammlungen zusammen, um die vorherrschende Stimmung auszuloten, ehe potenzielle Forderungen über das notdürftige Lautsprechersystem des Platzes vorgelesen werden. Die Annahme eines jeden Antrags stützt sich auf die Proportionen der Buhrufe und des Beifalls der Menge insgesamt.“
Auch Lehren darüber, wie man sich kollektiv gegen die Angriffe der Polizei und der Kriminellen zur Wehr setzt; wie man sich mit den Soldaten verbrüdert, wie man sektiererische Spaltungen zwischen Sunniten und Schiiten, Muslimen und Christen, Religiösen und Säkularen überwindet. Lehren in Internationalismus, breitete sich die Revolte doch von Land zu Land aus, dabei ihre Forderungen und Methoden mitnehmend, da die Proletarier allerorten erkennen, dass sie es mit dem gleichen sinkenden Lebensstandard, mit dem gleichen repressiven „Regime“, mit demselben Ausbeutungssystem zu tun haben.
Was vielleicht am bedeutendsten ist: die bloße Tatsache, dass die Arbeiterklasse sich selbst genau in dem Moment des „demokratischen Triumphes“ so nachdrücklich in Erinnerung zurückgerufen hat, nach dem Abgang Mubaraks, das angeblich das wahre Ziel der Revolte gewesen ist, enthüllt ihre Fähigkeit, sich den Rufen nach Opfern und Selbstverleugnung zugunsten der „Nation“ und des „Volkes“, die stets im Mittelpunkt der patriotischen und demokratischen Kampagnen der Bourgeoisie stehen, zu widersetzen. In Interviews mit der Presse in den vergangenen Tagen haben ArbeiterInnen häufig auf die einfache Wahrheit hinter ihren Motiven für die Streiks und Proteste hingewiesen: Sie können ihre Familien nicht ernähren, weil ihre Löhne zu niedrig und die Preise zu hoch sind oder weil sie überhaupt keine Aussicht auf einen Job haben. Dies sind in wachsendem Maße die Bedingungen, denen sich die Arbeiterklasse in allen Ländern gegenübersieht, und keine „demokratische Reform“ wird auch nur einen Deut daran ändern. Die Arbeiterklasse hat nur ihren Kampf zu ihrer Verteidigung und die Perspektive einer neuen Gesellschaft als ihre Lösung.
Amos,16.2.2011
Fußnoten:
(1) Hossam el-Hamalawy ist ein ägyptischer Journalist, der einen Blog bei arabawy.org [242] betreibt und ausgiebig über Arbeiterkämpfe in Ägypten in den letzten Jahren berichtet hat.
(2) David McNally ist Professor für politischeWissenschaften an der York University in Toronto. Die Titel seiner Bücher geben eine Ahnung von seinem allgemeinen politischen Standpunkt: Another World is possible: Globalization and Anti-Capitalism (Winnipeg 2005) und Against the Market:Political Economy, Market Socialism and the Marxist Critique (London 1999).
(3) Siehe zum Beispiel dieses Dokument beihttps://www.europe-solidaire.org/spip.php?article20203 [243]. Dies sieht nach ernsthaften Bemühungen der Arbeiterbewegung in Ägypten aus, ihre Selbstorganisation durch Massenversammlungen und gewählten Komitees zu entfalten, während gleichzeitig eine Affinität zu demokratischen und gewerkschaftlichen Vorstellungen zum Ausdruck kommt.
„Forderungen der Eisen- und Stahlarbeiter“
1. Sofortiger Rücktritt des Präsidenten und aller Menschen und Symbole des Regimes.
2. Konfiszierung aller Gelder und allen Eigentums von allen Symbolen des früheren Regimes und von jedermann, der sich als korrupt erwiesen hat.
3. Eisen- und Stahlarbeiter, die die Märtyrer und Kämpfer gestellt haben, rufen alle Arbeiter Ägyptens dazu auf, gegen die Arbeiterföderation des Regimes und der herrschenden Partei zu revoltieren, sie zu demontieren und jetzt ihre eigene unabhängige Gewerkschaft zu verkünden sowie ihre allgemeine Versammlung zu planen, um frei ihre eigene unabhängige Gewerkschaft zu etablieren, ohne vorherige Erlaubnis durch das Regime, das gefallen ist und all seine Legitimität verloren hat.
4. Die Konfiszierung der öffentlichen Unternehmen, die verkauft, geschlossen oder privatisiert worden waren, so wie des öffentlichen Sektors, der dem Volk gehört, und seine Nationalisierung im Namen des Volkes, sowie die Bildung eines neuen Managements durch Arbeiter und Techniker.
5. Bildung von Arbeiterüberwachungskomitees an allen Arbeitsplätzen, die Überwachung der Produktion, der Preise, des Vertriebs und der Löhne.
6. Aufruf zu einer allgemeinen Versammlung aller Bereiche und politischen Strömungen des Volkes, um eine neue Verfassung zu entwickeln und wirkliche Volkskomitees zu wählen, ohne auf die Einwilligung oder auf Verhandlungen mit dem Regime zu warten.
Am Freitag, den 11. Februar wird eine riesige Arbeiterdemonstration zumTahir-Platz strömen, um sich der Revolution anzuschließen und die Forderungen der Arbeiter von Ägypten zu verkünden.
Lang lebe die Revolution!
Lang leben die ägyptischen Arbeiter!
Lang lebe die Intifada der ägyptischen Jugend – Volksrevolution für das Volk!“
(4) Jack Shenker, „Cairo’s biggest protest yet demands Mubarak’s immediate departure“, Guardian, 5. Februar 2011.
Als diese Zeilen geschrieben wurden, war die soziale Lage in Ägypten noch immer explosiv. Millionen von Menschen waren auf den Straßen, trotzten der Ausgangssperre, dem staatlichen Regime und seiner blutigen Repression. Gleichzeitig ist auch die soziale Bewegung in Tunesien nicht von der Tagesordnung: Trotz der Flucht Ben Alis, der Regierungsumbildung und des Versprechens von Wahlen ist es nicht gelungen, den großen Zorn der Bevölkerung zu dämpfen. In Jordanien drückten Tausende von Demonstranten ihren Unmut über die wachsende Armut aus. In Algerien scheinen die Proteste erstickt worden zu sein, doch kann dieser Eindruck auch dem internationalen Black-out geschuldet sein, und es scheint, als werden die Kämpfe in Kabylia fortgesetzt.
Medien und Politiker aller Art sprechen unaufhörlich über die „Revolten in der arabischen Welt“ und richten die Aufmerksamkeit auf regionale Besonderheiten, auf den Mangel an Demokratie, auf die Verbitterung der Bevölkerungen darüber, dass sie 30 Jahre lang immer die gleichen Gesichter an der Macht gesehen haben.
All dies ist richtig. Ben Ali, Mubarak, Rifai, Bouteflika & Co. sind wahre Gangster, Karikaturen der Diktatur der Bourgeoisie. Doch vor allem gehört diese soziale Bewegung den Ausgebeuteten aller Länder. Diese Explosionen des Zorns wurzeln in der Beschleunigung der Weltwirtschaftskrise, die immer mehr Teile der Menschheit in fürchterliche Armut stürzt.
Nach Tunesien nun Ägypten! Der Bazillus der Revolte in den arabischen Ländern, besonders in Nordafrika, den die herrschende Klasse seit langem befürchtet hat, ist mit einem Schlag ausgebrochen. Die Bevölkerungen waren nicht nur mit den durch die Weltwirtschaftskrise verursachten wirtschaftlichen Nöten konfrontiert, sondern hatten es darüber hinaus auch noch mit skrupellosen, repressiven Regimes zu tun. Und im Angesicht dieser Explosion des Zorns haben die Regierungen und Herrscher ihr wahres Gesicht gezeigt, haben sich als eine Klasse geouted, die durch Hunger und Mord herrscht. Die einzige Antwort, mit der sie aufwartet, sind Tränengas und Kugeln. Und wir sprechen hier nicht nur über „Diktatoren“, die unter Zugzwang stehen. Unsere eigenen „demokratischen“ Herrscher, rechte wie linke, waren lange Zeit Freunde und Verbündete dieser Diktatoren bei der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung gewesen. Die höchst gepriesene Stabilität dieser Regimes gegen die Gefahr des radikalen Islamismus hatte sich jahrzehntelang auf Polizeiterror gestützt, und unsere feinen Demokraten stellten sich gerne taub gegenüber ihrer Folterpraxis, ihrer Korruption, gegenüber dem Klima der Angst, in welchem diese Regimes sich zu Gebietern über die Bevölkerung machten. Im Namen der Stabilität, der Nicht-Einmischung in innere Angelegenheiten, des Friedens und der Völkerfreundschaft haben sie diese Regimes aus ihren eigenen erbärmlichen Gründen unterstützt.
In Ägypten gab es Dutzende, vielleicht Hunderte von Toten, Tausende, Zehntausende von Verletzten und Festgenommenen. Der Sturz Ben Alis war der Zündfunken. Er löste eine riesige Welle der Hoffnung in den Völkern der arabischen Länder aus. Wir erlebten aber auch viele Ausbrüche der Verzweiflung, eine Serie von Selbstmorden in Algerien, Marokko, Mauretanien, der westlichen Sahara, in Saudi-Arabien und Sudan, besonders unter den jungen arbeitslosen Menschen. In Ägypten hörten wir dieselben Schlachtrufe wie in Tunesien: „Brot, Freiheit, Würde!“ Dies war eine deutliche Antwort auf die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise: Arbeitslosigkeit (in Ägypten betrifft sie 20 Prozent der Bevölkerung); materielle Unsicherheit (in Ägypten leben vier von zehn Menschen unterhalb der Armutsgrenze, und es sind etliche internationale Dokumentationen über jene Menschen gemacht worden, die davon leben, den Müll auf den Kairoer Müllhalden zu sortieren); die steigenden Preise für Grundnahrungsmittel. Der Schlachtruf: „Mubarak, dégagé!“ wurde direkt von den Tunesiern übernommen, die damit den Rücktritt von Ben Ali forderten. Demonstranten in Kairo verkündeten: „Es ist nicht unsere Regierung, sie sind unsere Feinde!“ Ein ägyptischer Journalist sagte zu einem Korrespondenten des Figaro: „Keine politische Bewegung kann für sich beanspruchen, diese Demonstrationen begonnen zu haben. Es ist die Straße, die sich hier selbst zum Ausdruck bringt. Die Menschen haben nichts zu verlieren. Es kann einfach nicht so weiter gehen.“ Ein Satz lag auf jedermanns Lippen: „Wir haben keine Angst mehr“.
Im April 2008 traten die Arbeiter und Arbeiterinnen einer Textilfabrik in Mahalla im Norden Kairos in einen Streik um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. Um die ArbeiterInnen zu unterstützen und zu einem Generalstreik am 6. April aufzurufen, hatte sich eine Gruppe junger Leute auf Facebook und Twitter organisiert. Diesmal blockierte die ägyptische Regierung – im Gegensatz zur tunesischen – schon im Voraus jeglichen Internetzugang.
Am Dienstag, den 25. Januar, am so genannten „Nationalen Polizeitag“, strömten Zehntausende von Protestierenden auf die Straßen Kairos, Alexandrias, Tantas und Suez‘ und stießen mit den Ordnungskräften zusammen. Es folgten vier Tage der Zusammenstöße; die staatliche Gewalt steigerte den Zorn nur. In diesen Tagen und Nächten setzte die Bereitschaftspolizei Tränengas, Gummigeschosse und echte Munition ein. Ihr zur Seite stand eine Armee von 500.00 sehr gut ausgerüsteter und ausgebildeter Soldaten, ein zentraler Pfeiler des Regimes, anders als in Tunesien. Das Regime machte auch extensiven Gebrauch von „Baltageyas“ - Schläger, die direkt vom Staat kontrolliert werden und darauf spezialisiert sind, Demonstrationen aufzulösen – wie auch von zahllosen Agenten der Staatssicherheit, die Zivilsachen trugen und sich unter die Demonstranten mischten.
Am Freitag, den 28. Januar, ein arbeitsfreier Tag, strömten gegen Mittag trotz des Verbots öffentlicher Versammlungen Demonstranten aus den Moscheen und gingen in großer Zahl auf die Straßen, überall die Polizei konfrontierend. Dieser Tag wurde der „Tag des Zorns“ genannt. Die Regierung hatte bereits das Internet und die Mobilfunknetze, ja sogar die Festnetzanschlüsse gesperrt. Dennoch schwoll die Bewegung an: Am Abend missachteten die Demonstrationen die Ausgangssperre in Kairo, Alexandria, Suez… Polizeifahrzeuge setzten Wasserkanonen gegen die Mengen ein, die sich größtenteils aus jungen Leuten zusammensetzten. In Kairo wurden Armeepanzer zunächst als Helden der Befreiung willkommen geheißen, und es gab eine Anzahl von Versuchen, sich mit der Armee zu fraternisieren. Dieser Tatsache wurde eine Menge Publizität geschenkt, zumal in zumindest einem Fall ein Konvoi bewaffneter Fahrzeuge so daran gehindert wurde, die Ordnungskräfte zu unterstützen. Einige Polizisten schmissen ihre Armbänder weg und schlossen sich den Demonstranten an. Doch sehr schnell eröffneten in anderen Gegenden Bewaffnete das Feuer auf die Demonstranten, die ihnen entgegenkamen, um sie zu begrüßen, und mähten sie nieder. Der Armeechef, Sami Anan, der eine Militärdelegation für die Gespräche mit den USA im Pentagon anführte, kehrte am Freitag umgehend nach Ägypten zurück. Polizeiautos und Reviere wie auch das Hauptquartier der Regierungspartei wurden in Brand gesetzt, das Informationsministerium wurde geplündert. Die vielen Verletzten stauten sich in überlasteten Krankenhäusern. Auch in Alexandria wurde das Regierungsgebäude niedergebrannt. In Mansura im Nildelta gab es gewaltsame Zusammenstöße, denen etliche Menschen zum Opfer fielen. Eine Menge versuchte, den staatlichen Fernsehsender zu übernehmen, wurde aber von der Armee zurückgewiesen.
Gegen 23:30 Uhr erschien Mubarak im Fernsehe, kündigte die Entlassung seiner Regierung an, versprach politische Reformen und Schritte in Richtung Demokratie, bestand aber weiterhin beharrlich auf die Notwendigkeit, dass die „Sicherheit und Stabilität Ägyptens gegen Versuche der Destabilisierung“ gewährleistet werden müsse.
Doch obwohl Tunesien für die Demonstranten ein Modell war, geht es bezüglich der Lage in Ägypten um mehr für die Bourgeoisie. Tunesien ist ein verhältnismäßig kleines Land, und es besitzt imperialistische Relevanz allenfalls für eine zweitrangige Macht wie Frankreich.(1) Ganz anders Ägypten, das das bei weitem am dichtesten bevölkerte Land in der Region (über 80 Millionen Einwohner) ist und das vor allem eine Schlüsselposition im Nahen Osten besonders für die amerikanische Bourgeoisie besetzt. Der Fall des Mubarak-Regimes könnte in ein regionales Chaos münden, was schwere Konsequenzen zur Folge haben könnte. Mubarak ist nach Israel der Hauptverbündete der USA in der Region und spielt eine vorherrschende Rolle in den israelisch-palästinensischen Beziehungen wie auch in den Beziehungen zwischen Al Fatah und Hamas. Dieser Staat ist bis jetzt als ein Stabilitätsfaktor im Nahen Osten betrachtet worden. Gleichzeitig macht die politische Entwicklung im Sudan, der kurz davor ist, in zwei Teile zu zerbrechen, ein starkes Ägypten umso notwendiger. Es ist daher ein eminent wichtiger Faktor in der US-Strategie gegenüber dem israelisch-arabischen Konflikt, und seine Destabilisierung kann möglicherweise in eine Reihe von benachbarten Ländern überschwappen, besonders in Jordanien, Libyen, Jemen und Syrien. Dies erklärt die Besorgnisse der USA, deren enge Beziehungen zum Mubarak-Regime sie in eine sehr unbequeme Lage versetzten. Obama und die US-Diplomatie versuchten, Druck auf Mubarak auszuüben, während sie gleichzeitig die Essentials des Regimes bewahrten. Daher machte Obama publik, dass er eine halbe Stunde auf Mubarak eingeredet und ihn gedrängt habe, mehr Ballast wegzuwerfen. Zuvor hatte Hillary Clinton erklärt, dass die Ordnungskräfte sich mehr zurückhalten und die Regierung sehr schnell die Kommunikationsmittel wiederherstellen sollten. Am nächsten Tag wurde, offensichtlich auf Druck der Amerikaner, General Omar Suleiman, Chef der mächtigen militärischen Sicherheitskräfte, verantwortlich für die Verhandlungen mit Israel, als Vizepräsident präsentiert. Die Armee hat sich dadurch beliebt gemacht, dass sie sich während der Demonstrationen im Hintergrund hielt und bei zahllosen Gelegenheiten eine freundliche Haltung gegenüber den Mengen einnahm. Dies ermöglichte ihr, in einer Reihe von Fällen die Menschen dazu zu veranlassen, nach Hause zu gehen, um ihr Heim gegen Plünderer zu schützen.
Weitere Äußerungen der Revolte gab es in Algerien, Jemen und Jordanien. Im letztgenannten Land versammelten sich 4.000 Menschen in Amman zum dritten Mal innerhalb von drei Wochen, um gegen die Verteuerung der Lebensmittel zu protestieren und wirtschaftliche sowie politische Reformen zu fordern, insbesondere den Rücktritt des Premierministers. Die Behörden machten ein paar Gesten, es wurden einige kleine wirtschaftliche Maßnahmen ergriffen sowie einige politische Beratungen abgehalten. Doch die Demonstrationen breiteten sich auf die Städte Irbid und Kerak aus. Am 22. Januar wurde im Zentrum Algiers (Algerien) eine Demonstration brutal unterdrückt; es blieben fünf Tote und über 800 Verletzte auf der Strecke. In Tunesien hat der Zorn weder durch den Sturz Ben Alis noch durch die Repression ein Ende genommen. In den Gefängnissen gab es eine Häufung von standrechtlichen Hinrichtungen – mit mehr Toten als draußen bei den Zusammenstößen mit der Polizei. Eine „Karawane der Befreiung“ vom westlichen Teil des Landes, wo die Bewegung einst ihren Ausgang genommen hatte, ignorierte das Ausgangsverbot und schlug ihr Lager vor dem Amt des Ministerpräsidenten auf, wo sie den Rücktritt einer Regierung forderte, die sich aus den Kumpanen und Anführern des Ben Ali-Regimes zusammensetzte. Der Zorn war auch deshalb nicht gewichen, weil immer noch dieselben alten Leute das Zepter in der Hand hielten. Schließlich fand am 27. Januar eine Regierungsumbildung statt, bei der die kompromitiertesten Minister geschasst wurden, aber am alten Ministerpräsidenten festgehalten wurde. Dies beruhigte die Lage keineswegs. Die hemmungslose Polizeirepression geht weiter, und die Lage bleibt chaotisch.
Diese Ausbrüche massiver, spontaner Revolten offenbaren, dass die Bevölkerung genug hat und nicht länger bereit ist, die Armut und Repression auf sich nehmen, die von diesen Regimes verantwortet werden. Doch sie zeigen auch das Gewicht demokratischer und nationalistischer Illusionen: In zahllosen Demonstrationen wurden Nationalfahnen geschwenkt. In Ägypten wie in Tunesien wurde der Zorn der Ausgebeuteten rasch in Richtung eines Kampfes für mehr Demokratie gedrängt. Der Hass der Bevölkerung gegen das Regime und die Konzentration auf Mubarak (wie auf Ben Ali in Tunesien) bedeuteten in der Konsequenz, dass die ökonomischen Forderungen gegen die Armut und Arbeitslosigkeit von sämtlichen bürgerlichen Medien in den Hintergrund verbannt wurden. Dies macht es der herrschenden Klasse in den demokratischen Ländern ganz offensichtlich möglich, der Arbeiterklasse besonders in den zentralen Ländern die Idee zu verkaufen, dass diese „Volkserhebungen“ nicht dieselbe fundamentale Ursache haben wie die Arbeiterkämpfe, die hier ablaufen: den Bankrott des Weltkapitalismus.
Diese Eruption des sozialen Zorns, die durch die Verschärfung der Krise des Weltkapitalismus in den Länder der Peripherie des Systems ausgelöst wurde, die bis jetzt fast ausschließlich von Krieg und imperialistischen Spannungen beherrscht waren, ist ein ganz wichtiger neuer politischer Faktor, mit dem die Weltbourgeoisie immer häufiger rechnen muss. Der Aufstieg dieser Revolten gegen die Korruption von Führern, die sich die Tasche vollscheffeln, während die große Mehrheit der Bevölkerung darbt, kann nicht zu einer eigenen Lösung in diesen Ländern führen. Doch sie sind Anzeichen für ein Heranreifen sozialer Konflikte, die auch bald in den höchst entwickelten Ländern als Reaktion auf die gleichen Übel - fallender Lebensstandard, wachsende Armut, massive Jugendarbeitslosigkeit - ins Kraut schießen werden.
Wir sehen bereits jetzt, mit den Studentenkämpfen in Frankreich, Großbritannien und Italien, den Beginn der Rebellion der jungen Menschen in Europa gegen das Scheitern des Weltkapitalismus. Das jüngste Beispiel ist Holland: Am 22. Januar versammelten sich in Den Haag 20.000 StudentInnen und LehrerInnen vor dem Parlamentsgebäude und dem Bildungsministerium. Sie protestierten gegen den steilen Anstieg der Studiengebühren, die in erster Linie jene treffen werden, die ihr zweites Jahr wiederholen, was oft bei StudentInnen der Fall ist, die arbeiten müssen, um ihr Studium zu finanzieren. Sie werden 300 Euro pro Jahr extra zahlen müssen, während der letzte Etat die Streichung von 7.000 Jobs in diesem Bereich vorsieht. Diese Demonstration war eine der wichtigsten Studentendemos in diesem Land in den letzten 20 Jahren. Auch sie wurde von der Polizei angegriffen.
Diese sozialen Bewegungen sind das Symptom für die internationale Entwicklung des Klassenkampfes, auch wenn in den arabischen Ländern die Arbeiterklasse noch nicht deutlich als autonome Kraft aufgetreten ist und stattdessen in einer Bewegung des Volksprotestes aufgeht.
Überall auf der Welt verbreitert sich die Kluft zwischen einer herrschenden Klasse, der Bourgeoisie, die mit schamloser Arroganz ihren Reichtum zur Schau stellt, und der Masse der Ausgebeuteten, die immer tiefer in die Verarmung stürzt. Diese Kluft neigt dazu, die Proletarier aller Länder zu vereinen, sie zu einer gemeinsamen Front zusammenzuschweißen, während die Bourgeoisie auf die Empörung jener, die sie ausbeutet, nur mit weiteren Sparmaßnahmen, mit dem Schlagstock und mit Kugeln antwortet.
Die Revolten und sozialen Kämpfe der kommenden Jahre werden in den verschiedenen Regionen unvermeidlich verschiedene Formen annehmen. Die Stärken und Schwächen dieser sozialen Bewegungen werden nicht überall dieselben sein. In einigen Fällen werden ihr Zorn, ihre Militanz und ihr Mut beispielhaft sein. In anderen Fällen werden die Methoden und der Massencharakter des Kampfes es ermöglichen, neue Perspektiven zu eröffnen und ein Kräfteverhältnis zugunsten der Arbeiterklasse zu etablieren, der einzigen gesellschaftlichen Kraft, die der Menschheit eine Zukunft bietet. Insbesondere die Konzentration und Erfahrung des Proletariats in den Ländern im Zentrum des Weltkapitalismus werden entscheidend sein. Ohne die massive Mobilisierung der ArbeiterInnen in den zentralen Ländern werden die sozialen Revolten in den Peripherien des Kapitalismus zur Ohnmacht verurteilt sein und unter die Vorherrschaft dieser oder jener Fraktion der herrschenden Klasse geraten. Allein der internationale Kampf der Arbeiterklasse, ihre Solidarität, ihre Organisation und ihr Bewusstsein darüber, was in ihrem Kampf auf dem Spiel steht, wird in der Lage sein, alle unterdrückten Schichten in den Kampf zu ziehen, um dem sterbenden Kapitalismus den Garaus zu machen und eine neue Welt an seiner Statt zu errichten.
Révolution Internationale 30. Januar 2011
Zehntausende Beschäftigte des öffentlichen Dienstes protestieren auf der Straße und besetzen das State Capitol in Wisconsin aus Protest gegen vorgeschlagene Änderungen der Tarifverhandlungen zwischen dem Staat als Arbeitgeber und den Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes. Der junge republikanische Gouverneur Scott Walker, der von der Tea Partyunterstützt wird, hat ein Gesetz vorgeschlagen, welches den meisten der ca. 175.000 Beschäftigten des öffentlichen Dienstes Tarifvereinbarungen unmöglich macht, weil sie so keine Verhandlungen mehr führen könnten über Renten- und Krankenkassenbeiträge und stattdessen nur noch über Löhne verhandeln könnten. Zudem müssten, dem Gesetzesvorschlag zufolge, die Gewerkschaften eine Art jährliche Zulassung von ihren Mitgliedern für die eingeschränkten Kompetenzen bei zukünftigen Tarifverhandlungen erhalten. Feuerwehrleute, die von den vorgeschlagenen Änderungen nicht betroffen sein würden (weil ihre Gewerkschaft Walker bei den Novemberwahlen unterstützte), haben ihre Solidarität mit den anderen Beschäftigten bekundet und sich den Protesten angeschlossen, von denen viele meinen, sie seien durch die Welle von Unruhen in Ägypten und anderen Staaten im arabischen Raum inspiriert worden. Viele Protestierende in Wisconsin hielten stolz Plakate hoch, auf denen der ominöse Spitzname Scott „Mubarak“ Walker geschrieben stand, und andere sangen: „Wenn Ägypten Demokratie haben kann, warum nicht Wisconsin?“. Protestierende in Ägypten haben sogar ihre Solidarität mit den Beschäftigten in Wisconsin zum Ausdruck gebracht!
Während das US-Außenministerium in den letzten Wochen mehrfach die arabischen Führer zur Zurückhaltung gegenüber den Demonstranten aufgefordert hat, hat Gouverneur Walker damit gedroht, die Nationalgarde einzusetzen, um falls notwendig Repression auszuüben. Einige Armeeveteranenverbände haben darauf geantwortet,dass die Aufgabe der Nationalgarde darin besteht, bei Katastrophen einzuschreiten, aber nicht als persönliche Schlägerbanden im Dienste des Gouverneurs zu handeln. Die politische Lage in Wisconsin gilt als zerbrechlich,da eine Verfassungskrise droht. Alle 14 demokratischen Senatoren sind aus dem Bundesstaat ‚geflüchtet’, weil sie sich weigern, dem durch die Republikaner beherrschten Organ der gesetzgebenden Gewalt die für Abstimmungen notwendige Zahl anwesender Stimmberechtigter zustellen, um das vom Gouverneur vorgeschlagene Gesetz zu verabschieden. Man behauptet, wenn sie auf dem Gebiet des Bundesstaates gefunden würden, würde die Polizei sie verhaften und zum State Capitol zurückbringen. Auf der anderen Seite reden Gewerkschaftsführer und Vertreter der Demokratischen Partei offen davon, den Gouverneur und all die Senatoren, die dessen Projekt unterstützen, abzuwählen.Mit jeder Krise ähnelt die Politik in den USA immer mehr einem Comic.
Die Krise in Wisconsin wurde von den Medien im Landeals der erste große wirkliche Schlag seitens der republikanisch beherrschten Exekutive,die von der Tea Party unterstützt wird, dargestellt, um das politische Ziel der Zerschlagung der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes durchzusetzen, welcheviele Anhänger der Tea Party und derRepublikaner für den quasi Bankrott vieler US-Bundesstaaten verantwortlich gemacht. Diese Republikaner behaupten, die Durchsetzung von Sparmaßnahmen sei notwendig, um einen Staatshaushalt zu verabschieden, der von einem gewaltigen Haushaltsdefizit von 3,7 Milliarden Dollar geplagt wird. Auf der anderen Seite veranstalten die Demokraten und ihre Freunde in den Gewerkschaften ein lautes Geschrei um den republikanischen Gouverneur und seine nationalen Tea Party-Verbündeten; sie schlachten das Haushaltsdilemma aus, um das Ansehen der Gewerkschaften aufzupeppeln. Wer hat Recht?
Es stimmt, dass US-Bundesstaaten genau wie europäische Staaten tatsächlich vor einem Bankrott stehen. Während auf Bundesebene die Bundesregierung immer noch Maßnahmen des‚ quantitative easing’ (d.h. noch mehr Dollars drucken) ergreifen kann, verfügen die Bundessstaaten nicht über solche Privilegien; sie müssen deshalb Dringlichkeitsmaßnahmen ergreifen und drastische Sparprogramme verabschieden, um ihre Haushalte auszugleichen und aufdem Bondmarkt weiter Gelder erhalten zu können. Auf dieser Ebene scheint der Gesetzesentwurf von Gouverneur Walker einem lebensnotwendigen Bedürfnis der Herrschenden nach Senkung der Lohnkosten Rechnung zu tragen und einen dauerhaften Vorteil bei zukünftigen Lohnverhandlungen sicherzustellen. Sein Entwurf würde anderen Staaten bei dem Versuch der Eindämmung der untragbaren Haushaltsdefizite als Vorbild dienen.
Aber auf einer globaleren Ebene sind sich die Herrschenden auch der politischen und sozialen Risiken bewusst, schmerzhafte Angriffe gegen die Arbeiter zurichten, die schon unter hoher Arbeitslosigkeit, eingefrorenen Löhnen, Kurzarbeit und den Folgen des Zusammenbruchs des Wohnungsmarktes stöhnen. Deshalb die bewährte Strategie des schrittweisen Vorgehens auf Bundes- und örtlicher Ebene, und die Vermeidung direkter und frontaler Angriffe gegen Leistungen für Beschäftigte. Dennoch besteht das Risiko, dass der Gesetzentwurf Gouverneur Walkers zu weit geht beider Destabilisierung der Gewerkschaften, da diese als Polizei in den Betrieben tätig sind, um die Wut der Arbeiter aufzufangen; auch könnten dadurch zu große Nachteile für die Demokratische Partei entstehen, die sich auf die Gewerkschaften stützen muss, um Gelder für die Parteikasse aufzutreiben. Die Politik Gouverneur Walkers würde nicht nur die Gefahr beinhalten, die Gewerkschaften dann zu schwächen, wenn die Herrschenden diese am meisten brauchen; die Gefahr besteht auch, dass das Zweiparteiensystem in einem lebenswichtigen swing state (ein bei den Wahlen entscheidenderStaat, den Obama 2008 für sich erobern konnte) durcheinander gewirbelt wird.
Letztes Jahr wurde in Kalifornien gegen Kürzungen imBildungswesen protestiert, und Anfang dieser Woche haben ArbeiterInnen in Ohio gegen ein Gesetz protestiert, das ebenso Befugnisse bei Tarifverhandlungen einschränkt; auch in Indianapolis protestierten Lehrer. Wenn weitere Angriffe erforderlich sein werden, müssen die Herrschenden auf die Gewerkschaften zurückgreifen, um die kämpferischsten Arbeiter im Griff zu halten und sicherzustellen, dass der Kampf sich im Rahmen der Tarifverhandlungen um Löhne und andere Leistungen bewegt, anstatt den Staat zu konfrontieren.
Die Gefahren für die Finanzen Wisconsins sind nicht auf diesen Staat beschränkt. Der Bundesstaat steht dieses Jahr vor einem Haushaltsdefizit von 137 Millionen Dollar, in den nächsten beiden Jahre würde dieses auf 3.6 Milliarden $ anwachsen. Der drastischste Teil der Kürzungen, die Gouverneur Walker fordert, sieht vor, dass die meisten Staatsangestellten die Hälfte ihrer Pensions- und Gesundheitsversicherungsbeiträge selbst bezahlen. Aber diese Schritte ermöglichen dem Staat bis Juni 2011 nur Einsparungen von 30 Millionen $; während der nächsten beiden Jahre sollen 300 Millionen $ gespart werden – dies wären nur 10% des Defizits. Der Rest des Haushaltsentwurfs sieht vor, dass dieses Jahr 165 Millionen $ durch eine Umfinanzierung eingespart werden sollen. Damit hätten die größten Einsparungen nichts zu tun mit den Staatsangestellten. Dies mag für die Beschäftigen als ein Trost erscheinen, nachdem sie gewaltige Steigerungen ihrer Rentenbeiträge und Krankenkassenbeiträge hinnehmen sollen. Schätzungen zufolge entspräche dies Gehaltskürzungen im Durchschnitt von 10% für einen Lehrer in Madison (Hauptstadt des Bundesstaates Wisconsin).
Da die durchschnittliche Verhandlungsdauer bei Tarifrunden 15 Monate beträgt, hat sich der Gouverneur geweigert die Gewerkschaften zu treffen, stattdessen hat er drastische Maßnahmen gefordert,so die Entlassung von 1500 Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, falls sein Plan nicht durchgesetzt wird. Er scheint seinem Ruf, als Hardliner auftreten zu wollen, treu zu bleiben. Aber handelt es sich nur um einen Fall eines Republikaners, der versucht, den rechten Flügen seiner Partei durch noch härtere ‚rechte“ Maßnahmen wie die Zerschlagung der Gewerkschaften zu überholen? Walker selbst spricht einedeutliche Sprache. „Für uns ist das eindeutig. Wir sind pleite. Es geht nicht um die Gewerkschaften. Es geht um den Ausgleich des Staatshaushaltes”. (NY Times [252]). Die Gewerkschaftsen wiederum bestreiten die dringlich notwendigen Maßnahmen, denn wie David Ahrens vom UW-Madisons Carbone Cancer Center meinte: “Er wäre eher glaubwürdig, wenn er sich jemals bemüht hätte, mit den Gewerkschaften ins Gespräch zu kommen.“Wisconsin State Journal) .” (Wisconsin State Journal [253])
Präsident Obama äußerte sich auch zugunsten der Gewerkschaften als ‘Belohnung’ für die 200 Millionen Dollar Zuwendungen für seine Wahlkampagne; er nannte die Vorschläge Walkers „einen Angriff gegen die Gewerkschaften“. Aber der Sprecher des Parlamentes von Ohio, der Republikaner John Boehner, lobte Mr. Walkers Pläne,weil „er Probleme anpackt, die jahrelang vernachlässigt wurden auf Kosten von Arbeitsplätzen und wirtschaftlichem Wachstum“. Wie erwartet verteidigt die Linke die Gewerkschaften als den besten Schutz der ArbeiterInnen in harten Zeiten, während die Rechten diese als historische Anachronismen bezeichnen, die wirtschaftliches Wachstum behindern und als Jobkiller wirkten. Was sollen die ArbeiterInnen all davon halten?
Es ist wichtig, die Schlüsselrolle zu begreifen, welche die Gewerkschaften als ein Teil des Staatsapparates spielen. Sie fungieren als gewerkschaftliche Feuerwehr, als ein Sicherheitsventil auf ökonomischer und politischer Ebene. Die Art Tarifvertragsregelungen, die heute untergraben werden, wurden von Leuten wie Präsident Kennedy eingeführt, der deren Nutzen als ein Mittel der Sozialkontrolle verstanden hatte, insbesondere als die Gewerkschaften „Siege“ errangen, in denen das Verbot von Streiks vertraglich festgelegt wurde. Ende der 1960er und 1970er Jahre waren diese „Konzessionen“ auf ökonomischer Ebene eher tragbar als heute. Vierzig Jahre Wirtschaftskrise haben zu großen Erosionen der Löhne geführt, die die Nachkriegsbabyboomgeneration erhalten hatte. Aber während die Gewerkschaften aus ökonomischer Sicht gewisse Kosten verursachen, sind sie dennoch ein wirksames Instrument zurDurchsetzung von Sparmaßnahmen gegenüber der Arbeiterklasse. Zum Beispiel haben in Wisconsin die Gewerkschaften „schon einen Vertrag mit der früheren Regierungausgehandelt, um 100 Millionen $ Kürzungen vorzunehmen, all dies verbunden mit einer dreiprozentigen Lohnkürzung.“ Man bekommt das Gefühl, dass die Wut der Gewerkschaften über die Pläne des Gouverneurs nicht so sehr gegen die Leistungskürzungen für die Arbeiter gerichtet sind, die sie vertreten sollen, sondern gegen die Aussicht, dass sie nicht mehr als Partner für den Staat bei der Verwaltung der Wirtschaft angesehen werden. Marty Beil, der Führer der WSEU/AFSCME – die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes in Wisconsin, verkündete, die Gewerkschaft sei vollkommen mit einigen Kürzungen einverstanden, aber sie sei gegen die schamlosen Machtspielchen des Gouverneurs. „Wir sind bereit, die finanziellen Kürzungen mit umzusetzen, die vorgesehen sind, um unser Haushaltsdefizit in den Griff zukriegen, aber wir werden nicht auf unser gottgegebenes Recht verzichten, einer Gewerkschaft beizutreten. Ich wiederhole, wir werden nicht auf unser Recht verzichten, Tarifverhandlungen durchzuführen.“ In einer Pressekonferenz mit den Medien meinte er weiter: „Es geht hier nicht um Geld (…) Wir begreifen, dass wir Opfer bringen müssen.“ (MilwaukeeJournal Sentinel [254])
All das Gerede von der Zerschlagung der Gewerkschaften ist im Grunde ein Versuch, die Unzufriedenheit seitens der ArbeiterInnen mit den Angriffen auf ihre Lebensbedingungen zu kanalisieren und diese in die Sackgasse der Verteidigung der Gewerkschaften und der Demokratie zu lenken,welche sie angeblich verkörpern. Damit soll von effektiven Streikaktionen zur Verteidigung der Lebens- und Arbeitsbedingungen abgelenkt werden. Schon bei der Bewegung in Wisconsin verpackten die Gewerkschaften diese erfolgreich als „Verteidigung der Demokratie“ (daher die Verbindung zu Ägypten), und obwohl die demokratischen Senatoren im Augenblick das Funktionieren desbürgerlich-demokratischen Apparates behindern, indem sie „untergetaucht“ sind und sich aus dem Gebiet des BundesstaatesWisconsin entfernt haben. Aktivisten derTea Party haben schon Gegendemonstranten herangekarrt, um dem„demokratisch-gewählten“ Gouverneur unter die Arme zu greifen und die „Mehrheit der Wisconsinites“, die für das harte Vorgehen gegen die Gewerkschaften gestimmt hatten, zu schützen. Wenn es darum geht, die „Demokratie“ zu verteidigen, ist nicht klar, für welche Seite man Partei ergreifen muss!
In einer gewissen Weise ist die Suche der Polizeikräfte nach den verschwundenen Senatoren symbolisch für die umfassendere Suche seitens der Herrschenden nach einer Lösung für ihre Wirtschaftskrise. Da diese Lösung immer schwerer fassbar wird, müssen die Herrschenden auf allen Ebenen – Bundesstaat und örtlich – auf immer schärfere Angriffe gegen die Arbeiterklasse zurückgreifen. Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Beamte, Feuerwehrleute, Autobahnmeistereien, und vor allem Lehrer –werden vor allem zur Zielscheibe werden. Es ist kein Zufall und auch keine ideologische Vorliebe seitens des rechten Flügels, dass die Tea Party-Leute und die Republikaner die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes ins Fadenkreuz genommen haben. Deren Löhne und Renten „belasten“ am schwersten den Staatshaushalt.
Aber die Angriffe gegen die staatlich Beschäftigten sind nicht auf die Bundesstaaten beschränkt geblieben, die vonden Republikanern regiert werden. In New York hat der Demokratische Gouverneur Cuomo gedroht, annährend 10.000 Leute zu entlassen, falls die Verhandlungen mit den Gewerkschaften zum Stillstand kommen, und der Demokrat Jerry Brown in Kalifornien sprach von der Notwendigkeit schmerzhafter Einschnitte im Staatshaushalt. Auf Bundesebene hat Präsident Obama selbst die Gehälter der Bundesbeschäftigten eingefroren, und seine Haushaltskommission hat gedroht, 10%der Beschäftigten auf Bundesebene zu entlassen. Aber der Eifer, mit dem die TeaParty Republikaner wie Walker ihren Kreuzzug gegen die Grundlagen der Gewerkschaften führen, beinhaltet die Gefahr, dass dieser als Bumerang zurückschlägt und – falls bis zum Ende durchgeführt – sich gegen diese wenden wird. Die Herrschenden sind unvermeidlich auf die Gewerkschaften angewiesen,wenn der Klassenkampf weiter an Schärfe gewinnen wird. Der Versuch seiten seines jungen Republikanischen Gouverneurs, die Gewerkschaften in seinem Bundesstaat auszuschalten, ist ein weiteres Beispiel der Schwierigkeiten der herrschenden Klasse in den USA, das politische Spiel infolge des gesellschaftlichen Zerfalls im Griff zu behalten, das dieses System immer mehr annagt.
Colin, 20.02.2011
Nichts deutet daraufhin, dass die Flut der Rebellion in Nordafrika und im Nahen Osten abebbt. Diejüngsten Entwicklungen: Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei inder libyschen Stadt Bengasi nach der Verhaftung eines Anwalts, der an einerKampagne beteiligt war, die eine Untersuchung des brutalen Massakers anHunderten von Gefängnisinsassen nach Protesten im Jahr 1996 forderte. GaddafisRegime geht erneut mit unbarmherziger Brutalität vor – es gibt Berichte überHeckenschützen und Helikopter, die in die Mengen feuern und viele dabei töten;in Bahrain besetzten Tausende von Demonstranten die Pearl-Kreuzung in Manama,in der Hoffnung, so an die Besetzung des Tahir-Platzes anzuknüpfen. Sie riefenSlogans gegen sektiererische Spaltungen („Keine Schiiten, keine Sunniten – wirsind alle Bahrainis!“) und gegen selbsternannte Führer („Wir haben keineFührer“). Als diese Zeilen verfasst wurden, hatte die Bereitschaftspolizei denPlatz gerade unter erheblicher Gewaltanwendung geräumt – etliche Demonstrantenwurden verletzt worden, einige getötet. Im Irak hat es neue Demonstrationengegen die Lebensmittelpreise und den Strommangel gegeben.
Doch die vielleichtwichtigste Entwicklung in der letzten Woche war die eindeutige Bewegung vonMassenkämpfen der ArbeiterInnen in Ägypten gewesen. Wie Hossam el-Hamalawy (1)in einem Artikel, der vom Guardian am14. Februar veröffentlicht worden war, schrieb, war die starke Zunahme vonArbeiterkämpfen zugunsten eigener Forderungen ein mächtiger Faktor bei derEntscheidung der Armee, Mubarak in die Wüste zu schicken:
„AlleKlassen in Ägypten nahmen am Aufstand teil. Mubarak war es gelungen, sich vonallen sozialen Klassen der Gesellschaft zu entfremden. Auf dem Tahir-Platz trafman auf Söhne und Töchter der ägyptischen Eliten, zusammen mit ArbeiterInnen,Mittelständlern und den Armen der Stadt. Doch es sei daran erinnert, dass erstals die Massenstreiks am Mittwoch begonnen hatten (1), das Regime zu bröckelnbegann und die Armee Mubarak dazu zwingen musste, zurückzutreten, da das Systemdabei war zu kollabieren… Vom ersten Tag, dem 25. Januar, an hatte die Arbeiterklassean den Protesten teilgenommen. Doch die ArbeiterInnen nahmen zunächst als‚Demonstranten‘ und nicht unbedingt als ‚ArbeiterInnen‘ teil – was bedeutete,dass sie nicht unabhängig agierten. Die Regierung, nicht die Protestierenden, hatdie Wirtschaft zum Halten gebracht, mitihrer Ausgangssperre und indem sie Banken und Geschäfte schloss. Es war einkapitalistischer Streik, der darauf abzielte, das ägyptische Volk zuterrorisieren. Erst als die Regierung versuchte, das Land am 8. Februar wiederin den ‚Normalzustand‘ zu versetzen, kehrten die ArbeiterInnen in ihre Fabrikenzurück, diskutierten die aktuelle Lage und begannen, sich in Massen zuorganisieren und als unabhängiger Block zu handeln.“
Ein Artikel von DavidMcNally (2) auf www.pmpress.org [241]gibt eine Vorstellung davon, wie weit verbreitet diese Bewegung gewesen war:
„ImVerlaufe weniger Tage in der ersten Februarwoche stürzten sich Zehntausende vonihnen in die Schlacht. Tausende von Eisenbahnarbeitern traten in den Streik undblockierten im Betrieb befindliche Eisenbahnlinien. Sechstausend Arbeiter derSuezkanal-Behörden verließen ihren Arbeitsplatz und veranstalteten Sitzstreiksin Suez und zwei weiteren Städten. In Mahalla blockierten 1.500 ArbeiterInnen derAbul Sebae Textiles die Schnellstraße. Im Kafr al-Zayyat- Krankenhausveranstalteten Hunderte von Krankenschwestern einen Sitzstreik, dem sichHunderte anderer Krankenhausbeschäftigte anschlossen.
Inganz Ägypten schlossen sich Tausende anderer Beschäftigter – Busfahrer inKairo, Angestellte der Telecom Ägypten, Journalisten einer Reihe von Zeitungen,ArbeiterInnen pharmazeutischer Fabriken und von Stahlwerken – der Streikwellean. Sie forderten bessere Löhne, die Entlassung rücksichtsloser Manager, die Nachzahlungausstehender Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und unabhängige Gewerkschaften.In vielen Fällen riefen sie auch zum Rücktritt von Präsident Mubarak auf. Undin einigen Fällen, wie im Fall der 2.000 ArbeiterInnen der Helwan Seidenfabrik,forderten sie die Entfernung ihres kompletten Aufsichtsrates. Dann gab es dadie Tausenden von Fakultätsmitgliedern der Kairoer Universität, die sich denProtesten anschlossen, den Sicherheitskräften entgegentraten und den PremierministerAhmed Shariq daran hinderten, zu seinem Regierungsbüro zu gelangen.“
Wir könnten nochzahllose andere Beispiele hinzufügen: über die 20.000 ArbeiterInnen inAl-Mahalla Al-Kobra, 100 Kilometer nördlich von Kairo entfernt, die nach einerdreitägigen Unterbrechung, den Streik in der größten Spinnerei und Weberei inÄgypten wieder aufnahmen. ArbeiterInnen in der Tourismusindustrie, wie die 150,die im Schatten der Pyramiden eine öffentlichkeitswirksame Demo gegen ihremiserablen Löhne veranstalteten; Bankangestellte, die die Entlassung ihrerkorrupten Bosse forderten; Ambulanzfahrer, die ihre Vehikel zur Blockierung vonStraßen einsetzten, um für bessere Arbeitslöhne zu protestieren; ArbeiterInnen,die vor dem Sitz der ägyptischen Gewerkschaftsbundes demonstrierten undLetzteren als ein „Haufen Diebe"und als eine „Verbrecherbande“ anprangerten sowie seine Auflösung forderten –ihre Worte bewahrheiteten sich umgehend, als Schlägertypen der ETUF mit Prügelund Kugeln antworteten. Auch die Polizei hatte in aller Öffentlichkeit gegendie Weise protestiert, wie sie gegen die Demonstranten eingesetzt wurde, einklares Anzeichen für die stark rückläufige Moral in den niederen Rängen derStaatsmacht. Wir könnten noch weitaus mehr solche Beispiele aufzählen.
Wie McNally bemerkt,zeigt diese Bewegung viele Charakteristiken des Massenstreiks, wie sie von RosaLuxemburg analysiert worden waren:
„Waswir hier sehen, ist mit anderen Worten der Aufstieg der ägyptischenArbeiterklasse. Nachdem sie bereits im Zentrum des Volksaufstandes auf denStraßen gestanden hatten, tragen nun Zehntausende von ArbeiterInnen denrevolutionären Kampf zurück zu ihren Arbeitsplätzen, erweitern und vertiefendie laufende Bewegung. Indem sie so verfahren, beweisen sie die aktuelleRelevanz der Analyse, die von der großen polnisch-deutschen Sozialistin Rosa Luxemburg entwickelt wordenwar. In ihrem Buch Der Massenstreik, dassich auf die Erfahrungen aus den Massenstreiks von 1905 gegen die zaristischeDiktatur in Russland stützt, argumentiert Luxemburg, dass wirklichrevolutionäre Bewegungen sich durch interagierende Wellen des politischen undökonomischen Kampfes, die sich gegenseitig hochschaukeln, entwickeln. An einerStelle, die von der Erhebung in Ägypten hätte inspiriert sein können, erklärtsie:
‚Jederneue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich in einenmächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf (…) Nach jeder schäumendenWelle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender Niederschlag zurück, ausdem sofort tausendfältige Halme des ökonomischen Kampfes emporschießen. Undumgekehrt. Der unaufhörliche ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit demKapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach…‘.“
Wie sowohl McNally alsauch Hossam el-Hamalawy hervorheben, kam die Macht dieser Bewegung nicht überNacht. In den vergangenen sieben Jahren standen die ArbeiterInnen an dervordersten Front des Widerstandes gegen Armut und Repression, die der gesamtenBevölkerung aufgezwungen wurden. Es gab eine Reihe von Streikbewegungen in denJahren 2004, 2006-07 und 2007-08, wobei die TextilarbeiterInnen von Mahallaeine besonders bedeutsame Rolle spielten, ohne zu vergessen, dass sich auchviele andere Sektoren anschlossen. 2007 veröffentlichten wir einen Artikel (2),der in diesen Kämpfen wegen ihres hohen Selbstorganisationsgrad und ihrerSolidarität bereits die „Keime des Massenstreiks“ wahrnahm. Wie Rosa Luxemburgunterstrich, ist der Massenstreik etwas, das über einen längeren Zeitraumheranreift – die Kämpfe von 1905, über die sie schrieb, waren in denaufeinanderfolgenden Kämpfen der letzten beiden Jahrzehnte vorbereitet worden –und 1905 war auch eine Brücke zur Revolution von 1917.
Doch trotz allenRaunens über die Revolution in diesen Ländern – manchmal ehrlich gemeint,wenngleich irrig, manchmal Bestandteil des mystifizierenden Diskurses desLinksextremismus, der stets danach strebt, allein schon das Konzept derRevolution zu banalisieren – sieht sich diese Bewegung zu zukünftigenMassenstreiks vielen Gefahren ausgesetzt:
- der Gefahr derRepression. Jetzt, wo die massenhaften Proteste sich aufgelöst haben, richtetdie Armee, die die Macht „übernommen“ hat (faktisch stand sie immer imMittelpunkt derselben), dringende Aufrufe an die Ägypter, zur Arbeit zurückzukehren.Schließlich habe die Revolution ja triumphiert! Es gab versteckte Andeutungen,dass Arbeiterversammlungen verboten werden sollen. Wir haben bereits erlebt,dass, während die Armee behauptet hatte, das Volk zu schützen, Hunderte von Aktivistenvon just dieser „populären“ Institution festgenommen und gefoltert wurden unddass es keinen Grund gibt, davon auszugehen, dass diese Art von „leiser“Repression nicht fortgesetzt wird, während Frontalzusammenstöße vermiedenwerden.
- der Illusionen der Kombattantenselbst. Illusionen wie jene, dass die Armee dem Volk gehört, sind gefährlich,weil sie die Unterdrückten daran hindern, zu erkennen, wo ihr Feind steht undvon wo der nächste Schlag kommen wird. Doch die Illusionen in die Armee sindTeil einer allgemeineren Illusion, der Illusion in die „Demokratie“, dieVorstellung, dass eine andere Form des kapitalistischen Staates seine Funktionverändern und ihn dazu bringen könne, den Bedürfnissen der Mehrheit zu dienen.Der Ruf nach unabhängigen Gewerkschaften, die in vielen der heutigen Streiks(3) erhoben werden, sind im Grunde eine Variante dieses demokratischen Mythos:Sie gründen sich insbesondere auf die Idee, dass der kapitalistische Staat,dessen Rolle es ist, ein System zu schützen, das den ArbeiterInnen bzw. derMenschheit insgesamt nichts anzubieten hat, der ausgebeuteten Klasse wenigstenserlauben werde, ihre eigenen unabhängigen Organisationen permanentaufrechtzuerhalten.
Wir sind noch weit wegvon einer Revolution in dem einzigen Sinn, den sie heute haben kann – derinternationalen proletarischen Revolution. Das authentische revolutionäreBewusstsein, das erforderlich ist, um solch eine Revolution zum Sieg zu führen,kann sich nur auf globaler Ebene entwickeln, und es kann nicht ohne den Beitragder ArbeiterInnen in den am höchsten entwickelten Ländern Realität werden. Dochdie Proletarier (und die anderen unterdrückten Schichten) des Nahen Ostens undNordafrikas lernen hier und heute grundlegende Lehren aus ihren eigenenErfahrungen: Lehren darüber, wie man die Leitung des eigenen Kampfes übernimmt,wie in den Streiks, die sich von unten ausbreiteten, in den nachbarlichenSchutzkomitees, die wie Pilze aus dem Boden schossen, nachdem Mubarak seinePolizei und den Bodensatz der Gesellschaft dazu ermuntert hatte, ihre Häuser zuplündern; Lehren der täglichen „direkten Demokratie“ auf dem Tahir-Platz. Nocheinmal McNally:
„Sichzusammen mit diesen Formen der Selbstorganisation des Volkes entwickelnd, gibtes neue Praktiken der Radikaldemokratie. Auf dem Tahir-Platz beteiligte sichdas Nervenzentrum der Revolution, die manchmal in die Hunderttausende gehende Menge,direkt am Entscheidungsprozess. Organisiert in kleineren Gruppen, diskutiertenund debattierten die Leute und sandten schließlich Delegierte zu Beratungenüber die Forderungen der Bewegung. Wie ein Journalist (4) erklärt, „kommenschließlich Delegierte aus diesen Mini-Versammlungen zusammen, um dievorherrschende Stimmung auszuloten, ehe potenzielle Forderungen über dasnotdürftige Lautsprechersystem des Platzes vorgelesen werden. Die Annahme einesjeden Antrags stützt sich auf die Proportionen der Buhrufe und des Beifalls derMenge insgesamt.“
Auch Lehren darüber,wie man sich kollektiv gegen die Angriffe der Polizei und der Kriminellen zur Wehrsetzt; wie man sich mit den Soldaten verbrüdert, wie man sektiererischeSpaltungen zwischen Sunniten und Schiiten, Muslimen und Christen, Religiösenund Säkularen überwindet. Lehren in Internationalismus, breitete sich dieRevolte doch von Land zu Land aus, dabei ihre Forderungen und Methodenmitnehmend, da die Proletarier allerorten erkennen, dass sie es mit demgleichen sinkenden Lebensstandard, mit dem gleichen repressiven „Regime“, mitdemselben Ausbeutungssystem zu tun haben.
Was vielleicht am bedeutendstenist: die bloße Tatsache, dass die Arbeiterklasse sich selbst genau in demMoment des „demokratischen Triumphes“ so nachdrücklich in Erinnerungzurückgerufen hat, nach dem Abgang Mubaraks, das angeblich das wahre Ziel derRevolte gewesen ist, enthüllt ihre Fähigkeit, sich den Rufen nach Opfern undSelbstverleugnung zugunsten der „Nation“ und des „Volkes“, die stets imMittelpunkt der patriotischen und demokratischen Kampagnen der Bourgeoisiestehen, zu widersetzen. In Interviews mit der Presse in den vergangenen Tagenhaben ArbeiterInnen häufig auf die einfache Wahrheit hinter ihren Motiven fürdie Streiks und Proteste hingewiesen: Sie können ihre Familien nicht ernähren,weil ihre Löhne zu niedrig und die Preise zu hoch sind oder weil sie überhauptkeine Aussicht auf einen Job haben. Dies sind in wachsendem Maße dieBedingungen, denen sich die Arbeiterklasse in allen Ländern gegenübersieht, undkeine „demokratische Reform“ wird auch nur einen Deut daran ändern. DieArbeiterklasse hat nur ihren Kampf zu ihrer Verteidigung und die Perspektiveeiner neuen Gesellschaft als ihre Lösung.
Amos,16.2.2011
Fußnoten:
(2) David McNally ist Professor für politischeWissenschaften an der York University in Toronto. Die Titel seiner Bücher gebeneine Ahnung von seinem allgemeinen politischen Standpunkt: Another World is possible: Globalization and Anti-Capitalism(Winnipeg 2005) und Against the Market: PoliticalEconomy, Market Socialism and the Marxist Critique (London 1999).
(3) Siehe zum Beispiel dieses Dokument bei https://www.europe-solidaire.org/spip.php?article20203 [243].Dies sieht nach ernsthaften Bemühungen der Arbeiterbewegung in Ägypten aus, ihreSelbstorganisation durch Massenversammlungen und gewählten Komitees zuentfalten, während gleichzeitig eine Affinität zu demokratischen undgewerkschaftlichen Vorstellungen zum Ausdruck kommt.
„Forderungen der Eisen- und Stahlarbeiter“
1.Sofortiger Rücktritt des Präsidenten und aller Menschen und Symbole desRegimes.
2.Konfiszierung aller Gelder und allen Eigentums von allen Symbolen des früherenRegimes und von jedermann, der sich als korrupt erwiesen hat.
3.Eisen- und Stahlarbeiter, die die Märtyrer und Kämpfer gestellt haben, rufenalle Arbeiter Ägyptens dazu auf, gegen die Arbeiterföderation des Regimes undder herrschenden Partei zu revoltieren, sie zu demontieren und jetzt ihreeigene unabhängige Gewerkschaft zu verkünden sowie ihre allgemeine Versammlungzu planen, um frei ihre eigene unabhängige Gewerkschaft zu etablieren, ohnevorherige Erlaubnis durch das Regime, das gefallen ist und all seineLegitimität verloren hat.
4.Die Konfiszierung der öffentlichen Unternehmen, die verkauft, geschlossen oderprivatisiert worden waren, so wie des öffentlichen Sektors, der dem Volkgehört, und seine Nationalisierung im Namen des Volkes, sowie die Bildung einesneuen Managements durch Arbeiter und Techniker.
5.Bildung von Arbeiterüberwachungskomitees an allen Arbeitsplätzen, dieÜberwachung der Produktion, der Preise, des Vertriebs und der Löhne.
6.Aufruf zu einer allgemeinen Versammlung aller Bereiche und politischenStrömungen des Volkes, um eine neue Verfassung zu entwickeln und wirklicheVolkskomitees zu wählen, ohne auf die Einwilligung oder auf Verhandlungen mitdem Regime zu warten.
AmFreitag, den 11. Februar wird eine riesige Arbeiterdemonstration zumTahir-Platz strömen, um sich der Revolution anzuschließen und die Forderungender Arbeiter von Ägypten zu verkünden.
Langlebe die Revolution!
Langleben die ägyptischen Arbeiter!
Langlebe die Intifada der ägyptischen Jugend – Volksrevolution für das Volk!“
(4) JackShenker, „Cairo’s biggest protest yet demands Mubarak’s immediate departure“, Guardian, 5. Februar 2011.
Revolten sind ansteckend, vor allem wenn ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung aufgrund der Zuspitzung der kapitalistischen Wirtschaftskrise vor einer ständig wachsenden Armut steht. Die herrschende Klasse hat die Krise überhaupt nicht im Griff und wird zunehmend besorgter wegen des wachsenden Widerstands gegen ihre Sparpolitik. Diese Sorge äußert sich auf zweierlei Art: in dem Versuch, Konzessionen zu machen und ihre Herrschaft zu „demokratisieren“, und gleichzeitig im Ausbau ihres gesamten Repressionsapparates.
Das Zentrum der Epidemie befindet sich offensichtlich in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten. Mubarak ist bislang der wichtigste Skalp, den die Bewegung, die sich im Nahen und Mittleren Osten entfaltet hat, erobert hat. Ägypten ist eine wichtige Regionalmacht, hier gibt es auch eine stärker entwickelte Arbeiterklasse, die auf eine Geschichte von Kämpfen zurückblicken kann. Der Rücktritt von Mubarak hat aber nicht zur Auflösung der Bewegung geführt. Am 25. Februar fanden erneut Massenproteste auf dem Tahir-Platz in Kairo statt, es wurde gefordert, dass der Rest der Mubarak-Regierung (der noch immer im Amt ist) zurücktritt. Als mehrere Hundert der entschlossensten Demonstranten Anstalten machten, auf dem Tahir-Platz zu übernachten, stießen sie auf die geballte Kraft der „demokratischen“ Armee. Die Website „Occupied London“ (die direkte Kontakte zur Bewegung in Ägypten zu haben scheint) zog daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen: „Die traurigen Ereignisse von heute Abend werden hoffentlich die ziemlich irreführende Auffassung, der zufolge ‚das Volk und die Armee vereint‘ seien, begraben und aufzeigen, dass das wahre Bild der Lage in Ägypten besser zusammengefasst wird durch den Spruch, dass ‚Armee und Polizei vereint vorgehen‘. Eine Gruppe von mehreren Hundert friedlichen Protestierenden, die versuchten, die Nacht auf dem Tahir-Platz und vor dem Parlamentsgebäude zu verbringen, um gegen die ungebrochene Militärherrschaft und die fortdauernde illegitime Beteiligung des alten Regimes an der Regierung zu protestieren, wurde gewaltsam angegriffen und von der Militärpolizei und von Armeeoffizieren vertrieben und verprügelt. Dabei hörten sie Flüche wie: ‚Ihr könnt nicht mit der Armee herumspringen, die Armee ist kein Freund des Volkes‘. Diese Institution ist genauso ein Teil des Regimes wie alle anderen Vertreter des Systems. Sie stellt nicht nur die gleichen verkrusteten politisch-militärischen Eliten dar, die Ägypten 60 Jahre lang regiert haben, sondern verkörpert auch gewaltige Geschäftsinteressen, die sich auf Günstlingswirtschaft und systematische Korruption stützen. Es gibt keine Zweifel daran, dass die Armee, wenn es nach ihr ginge, den Großteil der bisherigen (politischen und polizeilichen) Infrastruktur des Landes beibehalten möchte, während man gleichzeitig einzubläuen versucht, die Armee sei Verbündeter und Beschützer des Volkes“. (https://www.occupiedlondon.org/cairo/?p=355 [262])
Konnten die kapitalistischen Medien die Rebellion in Nordafrika noch als einen “Kampf für die Demokratie” darstellen, so bringt sie die Lage im Irak in einige Erklärungsnöte. Nach einem brutalen Krieg mit anschließender Besetzung, bei der Tausende von Menschen starben, gibt es im Irak nun mittlerweile eine Demokratie, aber in jüngster Zeit gibt es auch im Irak Massenproteste. Zunächst stand die unglaublich schlechte Sicherheitslage (das Leben ist aufgrund all der Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen und den Sicherheitskräften des Staates ständig in Gefahr) neben der Frage der staatlichen Korruption im Vordergrund der Demonstrationen. Aber viele der Demonstranten haben auch Forderungen nach einer besseren Versorgung mit Wasser, Strom usw. gestellt. Die Regierung ist schon zur Subventionierung der Strompreise gezwungen gewesen, um die Wut dämpfen, aber das hat die Proteste bislang nicht wirklich abgewürgt. Bei den jüngsten Protesten am 4. März versammelten sich Tausende im Zentrum Bagdads, um gegen Korruption und Arbeitslosigkeit zu protestieren.
Während die Herrschenden gern Bilder von der brutalen Repression in Ägypten und insbesondere Libyen zeigen, zeigen sie kein Interesse, die blutige Bilanz nach dem gewaltsamen Polizeieinsatz am „Tag des Zorns“, dem 25. Februar, im Irak (29 Tote) zu thematisieren. Auch schweigen sich die Medien über den Versuch aus, die Proteste vom 4. März niederzuknüppeln und mit Wasserwerfern auseinanderzutreiben. Zum Zeitpunkt, als dieser Artikel verfasst wurde, hatten wir wenig Kenntnisse über etwaige Versuche der Arbeiterklasse im Irak, ihren eigenen, autonomen Kampf aufzunehmen, obgleich Ölarbeiter aus Kirkuk Mitte Februar mit Streiks gedroht hatten, so wie seinerzeit in Ägypten. Aber es ist sicher, dass die Reaktion auf die Opposition gegen die irakische „Demokratie“ ziemlich genauso geartet ist wie die gegen die ägyptische „Diktatur“.
Auch der Iran, der vermutlich die bedeutendste Macht in der Region ist, ist von der Protestwelle erfasst worden. Seit 2009 stand die sogenannte „Grüne Bewegung“ an der Spitze der Proteste gegen die Ahmadinejad-Regierung; sie scheint zu versuchen, bei den Protesten ihre eigenen Ziele einzubringen. Auf die Proteste selbst reagierte das Regime mit der üblichen Brutalität und mit Massenverhaftungen. Doch die Arbeiterklasse im Iran hat auch ihre eigene Stimme erhoben. Time schrieb am 22. Februar 2011: „Im letzten Jahr gab es Streiks und Proteste in der Automobilindustrie, in der Reifen-, Zucker-, Textil- und Metallindustrie und im Transportwesen. Viele dieser Proteste drehten sich um ‚Brot-und-Butter-Fragen‘: unbezahlte Löhne, unerwartete Entlassungen, wachsende Arbeitslosigkeit und Kürzungen.“ Vor kurzem fanden in Abadan Streiks in den Ölraffinerien, wo die Arbeiter seit einem halben Jahr mehr keinen Lohn bekommen haben, und Straßenproteste statt. Das iranische Regime ist sehr nervös wegen der Entwicklung in Abadan, wo es eine der weltgrößten Raffinerien gibt, die schon 1979 ein Epizentrum der Revolte gegen den Schah gewesen war.
Nach den Demonstrationen in Algerien im Januar und Februar hat das Regime die Aussetzung der seit 1972 geltenden „Notstandsgesetze“ verkündet. Diese Gesetze wurden unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Terrorismus erlassen, um jegliche öffentliche Versammlung oder Demonstration zu verbieten. Die Regierung hat auch Schritte zur Bekämpfung der Arbeits- und Obdachlosigkeit angekündigt, zwei Themen, die von den Demonstranten bei den jüngsten Protesten in den Vordergrund gestellt wurden. Natürlich wird diesen Ankündigungen nichts Substanzielles folgen. Mitte Februar wurde eine Demonstration von 2-3.000 Mensch von 30-40.000 Polizisten umzingelt; einer für den 26. Februar geplanten Demonstration ging eine Reihe von Verhaftungen voraus. Trotz der fortdauernden Atmosphäre staatlicher Repression gab es eine entschlossene Demonstration von Studenten in Tizi Ouzu. Auch unter den ArbeiterInnen gibt es Anzeichen wachsender Kampfbereitschaft: 300 Beschäftigte eines Phosphat produzierenden Unternehmens in Annaba demonstrierten vor dem Firmensitz und forderten höhere Löhne und Sozialleistungen. Im Gesundheitswesen fand Anfang Februar ein Streik statt, auch im Erziehungswesen von Bejaïa wurde zwei Tage gestreikt.
In Tunesien gehen die Proteste trotz des Rücktritts von Ben Ali weiter. Am 25. Februar demonstrierten 100.000 Menschen gegen die „Übergangsregierung“, die von vielen als eine Neuauflage des alten Regimes betrachtet wird. Weitere Proteste haben in Marokko, Jordanien, Jemen und Bahrain stattgefunden, wo die Lage weiterhin angespannt bleibt. Erneut hat die herrschende Klasse auf ihre Art reagiert. Die Polizei tötete sieben Demonstranten in Marokko. In Bahrain ging die herrschende Klasse anfangs äußerst gewaltsam gegen die Demonstranten auf dem Perlenplatz vor, aber dem Rat der US-Regierung folgend, gab sie schließlich nach. In Syrien, wo überall Geheimpolizei präsent ist, sind die Demonstrationen bislang noch sehr klein geblieben; die Antwort war jedes Mal nackte Repression. 200 Leute, die ihre Solidarität mit den Protesten in Libyen zum Ausdruck bringen wollten, wurden gewaltsam auseinandergejagt.
In Saudi-Arabien versuchte der König wiederum, die Unzufriedenheit durch die Ankündigung von Lohnerhöhungen und die Auszahlung von Sozialleistungen aufzufangen. Und in Erwartung künftiger Proteste wurden alle Demonstrationen verboten. In einer offiziellen Ankündigung heißt es: „Die Gesetzgebung im Königreich verbietet kategorisch jegliche Art von Demonstrationen, Märschen und Sit-ins, da sie im Widerspruch zur islamischen Scharia und den Werten und Traditionen der saudischen Gesellschaft stehen.“ Hinzugefügt wurde, dass die Polizei per Gesetz die Erlaubnis habe, „alle notwendigen Maßnahmen gegenüber Gesetzesbrechern zu ergreifen“.
Trotz der Pseudo-Erklärungen der Presse ist die rebellische Stimmung kein „arabisches“ Phänomen. 100.000 Menschen protestierten am 23. Februar in Neu Delhi, um ihre wachsende Unzufriedenheit mit der Arbeitslosigkeit und den steigenden Preisen zum Ausdruck zu bringen. Ein Demonstrant sagte einem Reporter: „Ich verdiene 100-125 Rupien am Tag (2-3 Dollar). Wie kann man damit überleben, wenn die Preise ständig steigen?“ Im Dezember betrug die Inflation 18 Prozent. Auf einem Spruchband stand geschrieben: „Die Preissteigerungen werden noch dazu führen, dass die Leute auf der Straße getötet werden.“
In China fand letztes Jahr eine große Streikwelle statt, und die Regierung ist extrem nervös wegen weiteren Äußerungen von Unzufriedenheit. Sie reagierte auf Aufrufe im Internet zu einer Jasmin-Revolution mit weiteren Zugangsbeschränkungen zum Internet und mit einer massiven Polizeipräsenz auf den Straßen. Es wurden Straßensperren errichtet, um die Bewegungsfreiheit am geplanten Protesttag einzuschränken.
Auch in Südosteuropa haben sich die Lebensbedingungen rapide verschlechtert, und auch hier gibt es einen Nährboden für eine wachsende Unzufriedenheit. In Albanien wurden am 25. Februar bei einem Protest vor Regierungsgebäuden mindestens drei Menschen erschossen. In Kroatien fand eine Reihe von Demonstrationen gegen die Regierung und gegen steigende Lebenshaltungskosten statt. Anfangs hatten zumindest einige der Demonstrationen einen stark nationalistischen Beigeschmack, aber in der jüngsten Zeit ist der Anteil der ArbeiterInnen und StudentInnen gestiegen; man sieht mehr Spruchbänder und Forderungen gegen den Kapitalismus. In Griechenland gab es neben den Jugendrevolten Ende 2008 eine Reihe von Generalstreiks gegen die Regierung und deren sattsam bekanntes Sparprogramm. Zunächst drohten diese eintägigen Streiks unter der strikten Gewerkschaftskontrolle zu Rituale zu verkümmern, doch der letzte, der am 23. Februar stattfand, scheint lebendiger gewesen zu sein. Es gab eine massivere Beteiligung der Beschäftigten der Privatindustrie und des öffentlichen Dienstes, die Banken, Schulen, Krankenhäuser, das Transportwesen und andere Bereiche umfasste. Dabei kam es auch zu Streiks außerhalb der offiziellen Aktionstage.
Zu den bedeutendsten Kämpfen der letzten Zeit zählt die Mobilisierung der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Wisconsin, USA, die die wachsende Unzufriedenheit der amerikanischen Arbeiterklasse kristallisierte. „Zehntausende Beschäftigte des öffentlichen Dienstes protestieren auf der Straße und besetzen das State Capitol in Wisconsin aus Protest gegen vorgeschlagene Änderungen der Tarifverhandlungen zwischen dem Staat als Arbeitgeber und den Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes. Der junge republikanische Gouverneur Scott Walker, der von der Tea Party unterstützt wird, hat ein Gesetz vorgeschlagen, welches den meisten der ca. 175.000 Beschäftigten des öffentlichen Dienstes Tarifvereinbarungen unmöglich macht, weil sie so keine Verhandlungen über Renten- und Krankenkassenbeiträge mehr führen könnten und stattdessen nur noch über Löhne verhandeln könnten. Zudem müssten, dem Gesetzesvorschlag zufolge, die Gewerkschaften eine Art jährliche Zulassung von ihren Mitgliedern für die eingeschränkten Kompetenzen bei zukünftigen Tarifverhandlungen erhalten. Feuerwehrleute, die von den vorgeschlagenen Änderungen nicht betroffen sind (weil ihre Gewerkschaft Walker bei den Novemberwahlen unterstützte), haben ihre Solidarität mit den anderen Beschäftigten bekundet und sich den Protesten angeschlossen, von denen viele meinen, sie seien durch die Welle von Unruhen in Ägypten und anderen Staaten im arabischen Raum inspiriert worden. Viele Protestierende in Wisconsin hielten demonstrativ Plakate hoch, auf denen der ominöse Spitzname Scott ‚Mubarak‘ Walker geschrieben stand, und andere skandierten: ‚Wenn Ägypten Demokratie haben kann, warum nicht Wisconsin? ‘. Protestierende in Ägypten haben sogar ihre Solidarität mit den Beschäftigten in Wisconsin zum Ausdruck gebracht!“ (aus einem Artikel der IKS-Sektion in den USA zu „Wisconsin – Die Verteidigung der Gewerkschaften führt in die Niederlage“)
Der Konflikt in Wisconsin wird als ein Kampf zur Verteidigung der Gewerkschaften dargestellt, und die meisten Arbeiter fassen diesen auch so auf, so wie Hunderttausende im Mittleren Osten ihren Kampf als einen Kampf für die Demokratie betrachten. Die herrschende Klasse schlachtet diese ideologische Schwäche aus, aber die tieferliegenden Gründe all der gegenwärtigen Revolten sind in Wirklichkeit andere. Die Revolten sind eine notwendige Reaktion gegenüber der wirtschaftlichen Verschlechterung und politischen Repression, die die weltweite Krise des Systems erzwingt. Die Keime einer internationalen Bewegung gegen das Systems sind unübersehbar angesichts der schnellen Ausbreitung der Revolten über Landesgrenzen hinweg und des Aufkommens gemeinsamer Schlachtrufe, die eine echte internationale Klassensolidarität zum Ausdruck bringen. Wenn sich ArbeiterInnen in Ägypten und Amerika bewusst gegenseitig in ihren Kämpfe unterstützen, wird der Weg zur Revolution ein wenig breiter und die herrschende Klasse hat allen Grund zur Besorgnis. Amos, 5.3.11
«Man muss das Schlimmste befürchten». Dies ist der Tenor aller Schlagzeilen der Medien, aber auch der meisten führenden Politikern der Welt. Doch das Schlimmste ist schon eingetreten! Zunächst das Erdbeben, dann der Tsunami und schließlich der Nuklearunfall - die japanische Bevölkerung steckt in einer schrecklichen Lage. Heute schon leben Millionen Menschen unter dem Damoklesschwert der nuklearen Verseuchung, die aus den Reaktoren Fukushimas entweicht. Diesmal hat es kein armes Land ins Mark getroffen wie Haiti oder Indonesien, sondern ein Land, das bekannt ist für seine Spitzentechnologie. Ein Land, das als erstes mit der Nuklearenergie experimentiert hat und das in Anbetracht der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945 besonders mit deren Gefahren vertraut ist.
Erneut sind der Wahnsinn des Kapitalismus und das unverantwortliche Verhalten der herrschenden Klassen deutlich geworden. Erst jetzt nimmt die Welt davon Kenntnis, dass 127 Millionen Menschen auf einem schmalen Küstenstreifen wohnen, oft in Holzhäusern, auf Landstrichen, die ständig den Gefahren von Erdbeben und alles verschlingenden Monsterwellen ausgesetzt sind. Dabei treibt die Bevölkerungsdichte im Katastrophenfall selbstredend die Zahl der Opfer noch weiter in die Höhe.
Als ob dies nicht reichen würde, wurden Atomkraftwerke, die überall veritable Zeitbomben bilden, auch an Orten gebaut, die Erdbeben- und Tsunami-gefährdet sind. Die meisten AKWs in Japan sind vor ca. 40 Jahren gebaut worden, und dies nicht nur in sehr dicht bewohnten Gebieten, sondern darüber hinaus in Küstennähe, d.h. sie sind besonders durch Tsunamis gefährdet. So sind denn auch von 55 Reaktoren in 17 AKWs elf durch das Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen worden. Aber nicht nur AKWs waren betroffen, sondern auch petrochemische Anlagen, die am Meer errichtet worden waren und die zum Teil in Brand gerieten, was das menschliche Desaster und die Umweltkatastrophe noch verschlimmerte.
Die Herrschenden versuchen uns glauben zu machen, die Natur sei schuld; man könne Stärke und Zeitpunkt von Erdbeben sowie das Ausmaß von Tsunamis nicht vorhersehen. Richtig. Aber es fällt auf, dass der Kapitalismus, der Wissenschaft und Technologie, die eigentlich eingesetzt werden könnten, um solchen Katastrophen vorzubeugen, in den letzten zwei Jahrhunderten phänomenal vorangetrieben hat, die Menschheit noch immer diesen schrecklichen Gefahren aussetzt. Die gegenwärtige kapitalistische Welt verfügt über gewaltige technologische Mittel, aber sie ist unfähig, Letztere zum Nutzen der Menschheit einzusetzen, denn aus ihrer Sicht zählt nur der Profit für das Kapital … auf Kosten von Menschenleben.
Seit der Katastrophe von Kobe 1995 hat der japanische Staat beispielsweise den Bau von erdbebensicheren Gebäuden vorangetrieben – Gebäude, die auch dem jüngsten Beben standgehalten haben, die aber den Vermögenden vorbehalten blieben bzw. als Bürogebäude in den Großstädten genutzt werden.
Die Bevölkerung ist nun schon bis ins 250 km von Fukushima entfernte Tokio hinein einer Strahlendosis ausgesetzt, die offiziellen Angaben zufolge 40 Mal höher ist [1] als der Durchschnittswert, was die japanische Regierung jedoch nicht daran hindert, diesen Strahlenwert als „gefahrlos“ einzustufen.
Heute werden Vergleiche mit früheren GAU’s in Atomkraftwerken angestellt, insbesondere mit der Kernschmelze im Reaktor von Three Mile Island in den USA 1979. Offiziell hatte diese keinen einzigen Toten hinterlassen. Alle politisch Verantwortlichen erklären, „bislang“ handelte es sich bei Fukushima um keinen so ernsthaften Störfall wie die Explosion in Tschernobyl 1986. Soll man sich durch solche außerordentlich optimistischen Äußerungen beruhigen lassen? Wie ist die wirkliche Gefährdung der Bevölkerung in Japan, Asien, Russland, in den USA, auf der ganzen Welt einzuschätzen? Die Antwort ist ganz einfach: äußerst dramatisch. Schon jetzt sind große Gebiete Japans radioaktiv verseucht; die japanische Betreibergesellschaft Tepco reagiert auf die Ereignisse, indem sie sich von Tag zu Tag trickst. Das Leben Hunderter Beschäftigter und Feuerwehrleute wird skrupellos aufs Spiel gesetzt, indem sie einer hohen Strahlendosis ausgesetzt werden. Es ist widerlich, wenn die japanische Regierung von den kamikaze-artigen „Helden“ spricht, ist sie doch der Hauptverantwortliche für dieses Gemetzel. Die Hilflosigkeit der Verantwortlichen ist derart groß, dass sie nach einer Woche verzweifelter Versuche, die beschädigten Reaktoren zu kühlen (wobei sie sogar den irren Vorschlag ins Auge gefasst hatten, Kabel anzuschließen, um einen der fusionierenden Reaktoren zur Stromgewinnung zu benutzen, was die die Explosionsgefahr erhöht hätte), als einzig verbleibende Lösung ins Auge gefasst haben, das Atomkraftwerk in Fukushima – wie in Tschernobyl – mit Sand und Beton abzudecken [2]. Angesichts der aktuellen wie auch der kommenden Entsetzlichkeiten enthält der Diskurs unserer Ausbeuter wie immer nichts anderes als Lügen!
1979 log Washington über die radioaktiven Folgen der Kernschmelze im Zentrum der Zentrale, obwohl 140.000 Menschen evakuiert wurden. Auch wenn niemand direkt zu Tode gekommen ist, sind die Krebserkrankungen in den darauffolgenden Jahren um das Hundertfache gestiegen, was die US-Regierung nie zugeben wollte.
Im Falle Tschernobyls, wo gravierende strukturelle und Instandhaltungsschwächen festgestellt wurden, hat die russische Regierung wochenlang den Ernst der Lage verheimlicht. Erst nach der Explosion des Reaktors und dem Austritt einer gewaltigen radioaktiven Wolke, die kilometerhoch in die Höhe stieg und sich über Tausende Kilometer ausdehnte, hat die Welt das Ausmaß der Katastrophe erfasst. Die Verantwortlichen im Westen haben genau das Gleiche gemacht. Damals hat sich der französische Staat besonders hervorgehoben, als er die Riesenlüge verbreitete, die Wolke sei vor den Grenzen Frankreichs stehengeblieben! Eine andere aufschlussreiche Tatsache: heute noch zieht die WHO (Weltgesundheitsorganisation), die mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) verbunden ist, eine lächerliche Bilanz der Explosion in Tschernobyl : 50 Todesopfer, neun (!) an Krebs verstorbene Kinder und 4000 potenziell tödliche Krebserkrankungen. In Wirklichkeit sind einer Studie der New Yorker Akademie der Wissenschaften zufolge 985.000 Menschen infolge der Explosion in Tschernobyl gestorben [3]. Und heute sind es die gleichen Institutionen, die eine Bilanz Fukushimas erstellen und uns über die Risiken informieren sollen. Fragt sich nur, welche Glaubwürdigkeit diese Institutionen besitzen. Was wird aus den „Liquidatoren“ in Fukushima geschehen, wenn man weiß, dass in Tschernobyl „von den 830.000 Liquidatoren, die auf dem Gelände gewirkt haben, ca. 112.000-125.000 gestorben sind“? [4] Heute noch versuchen die Herrschenden zu vertuschen, dass der Kern des AKW in Tschernobyl immer noch äußerst gefährlich ist, dass es heute noch notwendig ist, den Kern des Reaktors mit einer x-ten Betonschicht abzudecken. Genauso war verheimlicht worden, dass es in Fukushima mehr als 200 Störfälle in den letzten 10 Jahren gegeben hat.
Alle Staaten leugnen die Wirklichkeit der atomaren Gefahren! Der französische Staat erklärt unaufhörlich und dreist, dass die 58 Atomkraftwerke in Frankreich völlig sicher seien, obwohl die meisten von ihnen in erdbebengefährdeten Gebieten oder in Überschwemmungsgebieten bzw. an der Küste liegen. Während des Sturms von 1999, als eine Sturmfront große Schäden in Europa angerichtet und 88 Tote hinterlassen hatte, kam es infolge der Überschwemmung des AKW in Blayais, in der Nähe von Bordeaux, fast zu einer Kernschmelze. Nur wenige wussten davon. In Fessenheim steht ein AKW, das so alt ist, dass es vor Jahren hätte außer Betrieb gesetzt werden sollen. Aber dank der Verwendung von Ersatzteilen, von denen viele nicht zueinander passen, ist es noch immer in Betrieb, wahrscheinlich mit hohen, verheerenden Strahlenbelastungen für das Wartungspersonal. Doch unverdrossen behauptet man, „alles im Griff“ zu haben und „transparent“ zu handeln.
Unmittelbar nach dem Beben in Japan am 11. März haben die Medien dreist behauptet, die japanischen AKWs gehören zu den „sichersten“ der Welt. Zwei Tage später äußerte man das Gegenteil und erinnerte daran, dass die Betreibergesellschaft Tepco bereits in der Vergangenheit Störfälle vertuscht habe. Doch sind die AKWs in Frankreich, wo “sich innerhalb von 10 Jahren die Zahl der kleineren Störfälle und Unregelmäßigkeiten verdoppelt hat“ [5], und anderswo auf der Welt sicherer? Keinesfalls! „Ungefähr 20% der 440 in Betrieb befindlichen zivilen Kernkraftwerke stehen in Gebieten mit ‚wichtigen seismischen Bewegungen‘, so die WNA (World Nuclear Association), ein Industrieverband. Einige der 62 im Bau befindlichen AKWs stehen in erdbebengefährdeten Gebieten, ebenso eine Reihe der 500 anderen Bauprojekte in den Schwellenländern. Viele AKWs – auch die vier durch den Tsunami in Fukushima beschädigten Reaktoren – stehen auf oder in der Nähe des ‚Feuerkreises’, einem 40.000 km langen Ring tektonischer Gräben, die im Pazifik gemessen wurden.“ [6]
So geben ernsthafte Quellen zu bedenken, dass „immer mehr radioaktive Elemente im Umlauf sind. Zum Beispiel gab es vor 1945 kein Plutonium in der Natur, mittlerweile findet man es gar in den Milchzähnen britischer Kinder“ [7], obgleich Großbritannien sein ziviles Atomprogramm eingestellt hat.
In Japan kämpfen die Menschen nicht nur mit der nuklearen Katastrophe, sondern auch mit einer anderen Katastrophe. Die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist innerhalb weniger Stunden in eine seit dem 2. Weltkrieg nie da gewesene Krise gestürzt - massive Zerstörungen, Zehntausende Tote und zusätzlich atomare Verstrahlung wie nach den Atombombenabwürfen auf Nagasaki und Hiroshima.
Millionen Menschen im Nordosten Japans überleben ohne Elektrizität, ohne Trinkwasser, mit immer weniger Lebensmitteln, wenn diese nicht gar radioaktiv verseucht sind. 600.000 Menschen mussten vor dem Tsunami flüchten, der ganze Städte an der Pazifikküste weggespült hat, und leben nun, der Gefahr radioaktiver Verstrahlung ausgesetzt, mittellos in Kälte und Schnee. Im Gegensatz zu den Ankündigungen der japanischen Regierung, die die Gefahren weiterhin verharmlost, die Opferzahlen heruntergespielt und lediglich tröpfchenweise preisgibt, muss man jetzt schon von Zehntausenden Toten im ganzen Land ausgehen. Das Meer spült ständig Leichen an Land. Das Ausmaß der zerstörten Wohnungen, Gebäude, Krankenhäusern, Schulen usw. wird immer größer.
Ganze Dörfer, Gebäude, Züge, ja Städte im Nordosten des Landes sind vom Tsunami mitgerissen worden. In einigen Städten, die in engen Tälern liegen, wie Minamisanriku, ist mehr als die Hälfte der 17.000 Einwohner ums Leben gekommen oder gilt als verschwunden. Nachdem die Behörden 30 Minuten vor Eintreffen der Welle die Bevölkerung gewarnt hatte, waren die Straßen schnell verstopft; diejenigen, die zu spät geflüchtet waren, wurden Opfer der Wellen.
Die Bevölkerung ist von all den westlichen Medien für ihren „beispielhaften Mut“ und ihre „Disziplin“ gelobt worden ; jetzt ruft der Premierminister sie auf, „wieder bei null mit dem Wiederaufbau anzufangen“. Mit anderen, deutlicheren Worten gesagt: die japanische Arbeiterklasse muss sich auf neue Entbehrungen, auf mehr Ausbeutung und auf noch mehr Elend einstellen. Die Bilder, die seit Jahrzehnten verbreitet werden, sind bekannt: zum Beispiel jenes Bild des japanischen Arbeiters, der mit seinem Arbeitergeber unterwürfig Morgengymnastik treibt, stillhält und sich stumm ausbeuten lässt, sich stoisch verhält und nur auf Befehle wartet, während das Dach über seinem Kopf zusammenstürzt. Tatsächlich ist die japanische Bevölkerung außerordentlich mutig, aber der in den Medien porträtierte „Stoizismus“ sieht ganz anders aus. Unter den Hunderttausenden Menschen, die in Notunterkünften Zuflucht gefunden haben, wächst berechtigterweise die Wut; weitere Hunderttausend haben ebenfalls die Flucht angetreten, darunter ein wachsender Teil der 38 Millionen Einwohner des Großraums Tokio. Und diejenigen, die ausharren, tun dies nicht, um der Gefahr und ihrem Schicksal zu trotzen, sondern weil sie keine andere Wahl haben. Es fehlt ihnen an finanziellen Mitteln, und wo sollten sie auch hin? Wer wird sie aufnehmen? Umweltflüchtling zu sein stellt in den Augen der Herrschenden etwas Unanständiges dar. Jedes Jahr müssen ungefähr 50 Millionen Menschen vor Umweltgefahren flüchten, aber es gibt keine UN-Konvention für sie, selbst wenn sie Opfer einer Katastrophe wie die eines atomaren Unfalls sind. Es ist klar, dass den armen und mittellosen Japanern, die vor der Nuklearkatastrophe zu flüchten versuchen oder einfach woanders hinziehen, nirgendwo ein „Asylrecht“ zugestanden wird.
Dieses irrsinnige Ausbeutungssystem ist todgeweiht und wird jeden Tag noch unmenschlicher. Obwohl die Menschheit ein umfangreiches Wissen und gigantische technologische Mittel angesammelt hat, sind die Herrschenden unfähig, alle Mittel zu mobilisieren, die die Menschheit vor derartigen Naturkatastrophen schützen. Im Gegenteil, sie wirken furchtbar zerstörend, überall auf der Welt. Wie ein Teilnehmer an unserem französischsprachigen Forum meinte: „Wir haben keine andere Wahl gegenüber dieser kapitalistischen Hölle: Sozialismus oder Barbarei. Gegen das System kämpfen oder krepieren“.
Mulan, 19.3.2011
1. Die Erfahrung zeigt, welche Glaubwürdigkeit diese offiziellen Zahlen im Allgemeinen und insbesondere die des Nuklearbereichs haben – die goldene Regel lautet – die Herrschenden lügen, manipulieren und unterschätzen die Gefahren!
2. As Le Canard Enchaîné reported on March 16th 2011, the current disaster was even predicted: “the eight German engineers from Areva who worked on site at the Fukushima nuclear power station 1, weren't mad (…) surprised by the earthquake 'when the number 4 reactor block was fully operational' on Friday evening (March 11th), they were sent awa to safety 40 miles from the nuclear power station” and then “taken to Frankfurt on Sunday March 13th”.
3. Quelle : « Troublante discrétion de l’Organisation mondiale de la santé », Le Monde du 19 mars.
4. https://www.monde-diplomatique.fr/2010/12/KATZ/19944 [265]
5. www.europe1.fr/societe/En-France-les-incidents-nucleaires-en-hausse-497336 [266]
6. www.lemonde.fr [267]
7. blog.mondediplo.net/2011-03-12-Au-Japon-le-seisme-declenche-l-alerte-nucleaire [268]
Als vor mehr als einem Jahr in der Armenhochburg Haiti das schwerste Erdbeben in der Geschichte Nord- und Südamerikas zuschlug, wurden auf einen Schlag knapp über 300.000 Menschen in den Tod gerissen, weitere 310.000 verletzt, 1.85 Millionen Menschen obdachlos gemacht. Das heißt, ein Drittel der Bevölkerung Haitis fiel dem Beben zum Opfer. Damals sagte man, ein Erdbeben in solch einem rückständigen, unterentwickelten Land, dessen Bauten und Hilfsdienste in keinster Weise auf die Folgen eines schweren Bebens vorbereitet sind, konnte nur eine horrende Todesbilanz hinterlassen.
Als am 11. März das stärkste Erdbeben der jüngsten Zeit vor der Ostküste Japans einen gewaltigen Tsunami auslöste und eine Todeszone entlang der Küste hinter sich ließ, in der auf mehreren Hundert Kilometern unzählige Häuser dem Erdboden gleichgemacht, mehrere AKWs beschädigt wurden und schon kurze Zeit später eine nukleare Katastrophe in Fukushima gemeldet wurde, da fragten sich viele, wie es möglich ist, dass sich in dem Hightechland Japan, einer der führenden Industriemächte, solch eine Katastrophe ereignen konnte.
Mittlerweile ist bekannt geworden:
- Nicht nur das Atomkraftwerk in Fukushima wurde unweit der Küste, also in einem Gebiet errichtet, das als höchst erdbebengefährdet gilt, sondern auch eine Reihe weiterer AKWs. Die Planer behaupten, man hätte die Stärke der Erdbeben der letzten 100 Jahre studiert und dabei allenfalls mit Erdbeben der Stärke 8.2 auf der Richterskala gerechnet. Was aber sind 100 Jahre in der Erdgeschichte? Wie kann es überhaupt sein, dass AKW in solchen Gefahrenzonen errichtet wurden und werden?„‘Die Möglichkeit eines Tsunamis wurde bei der Planung nie in Betracht gezogen‘, sagte der frühere Toshiba-Ingenieur Shiro Oguro, der nach eigener Aussage 35 Jahre mit Planung, Bau und Wartung der Reaktoren betraut war. Man habe nicht berücksichtigt, dass die Welle eines Tsunamis nicht nur die reguläre Stromversorgung, sondern auch die unterhalb des Reaktors, praktisch direkt am Meer gelegenen, Notstromaggregate beschädigen und außer Betrieb setzen könnte.“ (WELTONLINE, 14.3.2011). „Die vorgesehenen Sicherheitssysteme seien nicht für ein Tsunami-gefährdetes Kraftwerk konzipiert gewesen. Andere Sicherheitssysteme seien nur ungenügend für den Notfall geplant gewesen. So sei das Containment, die Stahlschutzhülle, in der sich der eigentliche Reaktordruckbehälter befindet, nur für die Hälfte des Drucks ausgelegt, der nach dem Unfall tatsächlich auftrat. Sicherheitssysteme, die eigentlich redundant, also getrennt voneinander mehrfach vorhanden sein müssen, seien nicht ausreichend gewesen.“ (ebenda).
- Die Betreiberfirma Tepco hat in den letzten Jahren Dutzende von Störfällen vertuscht, bei der Wartung geschlampt, immer wieder gefälschte Reaktordaten veröffentlicht. „17 Reaktoren, darunter auch der jetzige Unglücksmeiler, mussten für Inspektionen vorübergehend vom Netz genommen werden“ (Spiegel, 12.März 2011). Wie kann man solche Schlampereien, Vertuschungen, Unachtsamkeiten erklären? Durch einen besondere Hang japanischer Techniker zur Sorglosigkeit oder gar durch die blinde Technikgläubigkeit der Japaner? Wie ist es möglich, dass in einem Land, das in vielen anderen Bereichen für seine hochentwickelte Technologie bekannt ist, die Sicherheitsstandards beim Betrieb von AKW so herabgedrückt wurden, der Staat so oberflächlich kontrollierte?
Wir können im Rahmen dieses Artikels nicht näher auf die Gründe für den Bau von AKWs und für die Benutzung der Atomenergie eingehen. Es stellt sich aber die Frage, welche Sicherheitsphilosophie der Tatsache zugrunde liegt, dass weltweit mehr als 50 Atomkraftwerken in den aktivsten Erdbebenregionen des Planeten errichtet wurden? In Kalifornien in den USA stehen zwei AKW, Diabolo Canyon und San Onofre, in unmittelbarer Nähe zum Andreasgraben. In der Türkei wurde der Reaktor Akkuyu Bay unweit der Ecemis-Bruchlinie errichtet. In China, das ebenfalls häufig von Erdbeben erschüttert wird, stehen schon 27 AKWs, Dutzende weitere sind geplant. Bei Lahore, Pakistan, soll ein Reaktor ans Netz gehen, der in einem Gebiet mit mäßigem bis hohem Erdbebenrisiko steht. Taiwan verfügt über sechs Reaktoren – obwohl das Land in einem der am meisten von Erdbeben gefährdeten Regionen liegt. Anstatt die Gefahren der Natur zu berücksichtigen, hat der Kapitalismus überall tickende Zeitbomben geschaffen! Während die Katastrophe von Tschernobyl die ganze Unfähigkeit und Sorglosigkeit des stalinistischen Herrscherregimes zu Tage brachte, werfen die Ereignisse von Fukushima ein grelles Licht auf die Unfähigkeit und die Fahrlässigkeit der kapitalistischen Hochtechnologieländer.
Sicher, der Einsatz von angeblich billigem Atomstrom spielt eine nicht unwesentliche Rolle im internationalen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf. Hinzu kommt das Bestreben, von Öllieferungen weniger abhängig zu werden, wie Obama jüngst in seiner Rechtfertigung für den Bau von Dutzenden neuen AKWs in den USA unterstrich.
In der Tat ist der globale Konkurrenzdruck mit verantwortlich dafür, dass beim Betrieb von Energie erzeugenden Anlagen – wie beim Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft insgesamt – immer wieder Sicherheitsstandards untergraben werden. Dies trifft natürlich nicht nur auf AKWs zu. So explodierte vor knapp einem Jahr vor der Küste der führenden Industriemacht, den USA, die Ölplattform Deepwater Horizon. Im Untersuchungsbericht über die Ursachen der Explosion der Ölplattform mussten eklatante Mängel bei der Einhaltung von Sicherheitsvorschriften eingeräumt werden. Der Konkurrenzdruck zwingt gerade die großen Konzerne, die einen gewaltigen Investitionsbedarf für den Bau und die Wartung ihrer Anlagen und Betriebe haben, dazu, überall zu sparen und dabei tendenziell die Sicherheit zu untergraben. Diese Fahrlässigkeit ist kein auf die rückständigen Länder begrenztes Phänomen, sondern nimmt gerade in den höchst entwickelten Staaten die unglaublichsten Dimensionen an. Dazu gehört beispielsweise, dass man die Laufzeiten von Kraftwerken verlängert, obgleich deren Verschleiß offensichtlich ist. So sollte nach rund 40 Betriebsjahren der Reaktor 1 des Meilers Fukushima-Daiichi eigentlich im März 2011 den Betrieb einstellen. In Deutschland hatte die Bundesregierung gerade die Laufzeiten von mehreren Meilern um mehrere Jahre verlängert, damit die Energieriesen sich die Taschen noch praller füllen können.
Dass die kapitalistische Produktionsweise keine Rücksicht auf die Natur nimmt, wird auch angesichts des Höhenflugs des Biosprits deutlich. Während auf der einen Seite Menschen hungern, wird andererseits immer mehr Weizen, Mais, Raps usw. für die Herstellung von Biosprit angepflanzt, mit der Konsequenz, dass die Nahrungsmittelpreise auch dadurch mit in die Höhe geschraubt werden. So wird nicht nur der Raubbau an den Ressourcen der Natur forciert, es werden auch immer mehr Menschen in den Hunger getrieben.
Dass Panscherei und der systematische Einsatz von nicht zulässigen, gefährlichen Stoffen bei der Lebensmittelherstellung keine Besonderheit von unterentwickelten oder von Gangsterbanden dominierten Ländern sind, sondern gerade in den hochentwickelten Industriestaaten immer wieder praktiziert werden, zeigte Anfang des Jahres der jüngste Dioxinskandal in Deutschland, als aufflog, dass ein Futtermittelhersteller bis zu 77-mal mehr Dioxin dem Futterfett beigemischt hatte als erlaubt. Die Kontrollmethoden des Staates waren lächerlich lasch. Skrupellosigkeit ohne Ende bei den Futtermittelherstellern, ein Gewähren lassen durch die staatlichen Behörden, die sich in anderen Fragen als argwöhnische Überwacher aufspielen.
Zurzeit kann niemand sagen, ob man die Reaktoren in Fukushima wieder in den Griff kriegen wird. Das ganze Ausmaß der ökologischen und ökonomischen Auswirkungen lässt sich heute noch nicht erkennen. Mittlerweile ist bekannt, dass die Kosten für Aufräumarbeiten in Three Mile Island über eine Milliarde betrugen, die Folgekosten von Tschernobyl (z.B. für den Sakrophag) liegen wesentlich höher. Die Folgekosten des atomaren Desasters von Fukushima werden alles Bisherige übertreffen. Bislang scheint die Metropole Tokio mit ihren 35 Millionen Einwohnern noch vom Schlimmsten verschont geblieben zu sein; nicht auszumalen, welche Konsequenzen sich für diese Stadt ergeben könnten. Jedenfalls erscheint das Verhältnis zwischen den Profiten, die die energieerzeugenden Firmen einfahren, und den Kosten, die für die Gesellschaft anfallen, als völlig irrational.
Klar ist, die direkte und indirekte Bedrohung für die Natur und die Menschen nimmt immer größere, bedrohliche Ausmaße an. Je länger das System wütet, desto mehr sind die Grundlagen für das Überleben der Menschheit gefährdet. 23.03.2011
Die Ereignisse in Libyen sind extrem schwierig zuverfolgen. Eine Sache ist jedoch klar: Die Bevölkerung leidet unter Repression,Angst und Unsicherheit. Vielleicht sind Tausende aufgrund der Reaktionen desRepressionsapparates des Regimes gestorben; aber nun sind die Menschen immermehr im Kreuzfeuer gefangen, da die Regierung und die Opposition um die Machtim Land kämpfen. Wofür sterben sie? Auf der einen Seite, um Gaddafis Kontrolleüber den Staat aufrechtzuerhalten, auf der anderen um den Libyschen Nationalrat– die selbsternannte „Stimme der Revolution“ - bei dessen Kampf um die Macht zuunterstützen. Die Arbeiterklasse in Libyen und in den anderen Ländern wird dazuaufgefordert, zwischen zwei Arten von Gangstern zu wählen. In Libyen wird dazuaufgerufen, dass die Arbeiter sich aktiv an diesem Bürgerkrieg zwischenrivalisierenden Teilen der herrschenden Klasse Libyens bei deren Kampf um dieKontrolle des Staates und der Wirtschaft beteiligen sollen. In den anderenLändern werden die Arbeiter ebenso ermuntert, den tapferen Kampf der jeweiligenOpposition zu unterstützen. Aber die Arbeiter haben kein Interesse daran, irgendeinenFlügel der herrschenden Klasse zu unterstützen.
Die Ereignisse in Libyen begannen als ein Massenprotestgegen Gaddafi; sie wurden inspiriert durch die Bewegungen in Ägypten undTunesien. Der Auslöser für die Explosionen der Wut in vielen Städten schien diebrutale Niederschlagung der ersten Demonstrationen gewesen zu sein. DemEconomist vom 26.2.11 zufolge kam die Initialzündung durch eine Demonstrationin Bengasi am 15. Februar durch ca. 60 Jugendliche. Ähnliche Demonstrationenfanden in anderen Städten statt – das Regime reagierte mit Kugeln! InAnbetracht der Ermordung von vielen jungen Leuten zogen Tausende von Menschenauf die Straße und kämpften verzweifelt gegen die Repressionskräfte desStaates. In diesen Kämpfen sah man sehr mutige Aktionen. Als die Bevölkerungvon Bengasi erfuhr, dass Söldner über den Flughafen eingeflogen wurden,stürmten die Menschen zum Flughafen und kämpften gegen dessen Verteidiger;ihnen gelang es den Flughafen zum Preis von großen Verlusten zu übernehmen.
In einer anderen Aktion benutzten Zivilisten Bulldozerund andere schwere Fahrzeuge, um Kasernen zu erobern. Die Bevölkerung inanderen Städten vertrieb die Repressionskräfte des Staates. Die einzigeReaktion des Regimes war verstärkte Repression, aber dies bewirkte das Auseinanderbrechenund die Auflösung ganzer Teile der Armee, sobald Soldaten und Offiziere sichweigerten, Befehle zum Töten von Protestierenden auszuführen. Eine Einzelpersonerschoss einen befehlshabenden Offizier, nachdem er den Befehl für Todesschüsseerteilt hatte. Anfangs scheint es sich um eine echte Explosion des Ärgers imVolke gehandelt zu haben, das sich gegen die brutale Repression und wachsendewirtschaftliche Misere, insbesondere unter der städtischen Jugend auflehnte.
Die sich zuspitzende Wirtschaftskrise und die wachsendeWeigerung, sich der Repression zu beugen, waren der größere Hintergrund derBewegungen in Tunesien, Ägypten und anderswo in Nordafrika und im MittlerenOsten. Die Arbeiterklasse und die Bevölkerung im Allgemeinen hat jahrelangschlimmste Armut und Ausbeutung erlitten, während sich die herrschende Klassedie Taschen vollstopfte.
Aber warum unterscheidet sich die Lage in Libyen sosehr von der in Tunesien und Ägypten? In diesen Ländern gab es zwar auchRepression, aber das Hauptmittel, um die soziale Unzufriedenheit unterKontrolle zu bringen, war das Mittel der Demokratie.
In Tunesien wurden die wachsenden Demonstrationen derArbeiter und der Bevölkerung insgesamt gegen Arbeitslosigkeit fast von heute aufmorgen abgelenkt in eine Auseinandersetzung um die Frage, wer Ben Ali ablösenwürde. Unter der Führung des US-Militärs drängte das tunesische Militär denPräsidenten Ben Ali dazu, eine Fliege zu machen. In Ägypten dauerte es etwas länger, Mubarak zumAbdanken zu bewegen, aber auch sein Widerstand trug dazu bei, dass dieUnzufriedenheit sich auf die Frage seines Rücktritts konzentrierte. Wichtigwar, dass einer der Faktoren, der schließlich zu seinem Rücktritt wesentlichbeitrug, der Ausbruch von Streiks mit der Forderung nach besserenLebensbedingungen und höheren Löhnen war. Das zeigte, während sich Arbeiter anden massiven Demos gegen die Regierung beteiligt hatten, hatten sie ihreeigenen Klasseninteressen nicht vergessen. Sie waren nicht bereit, diese imNamen der Forderung, „der Demokratie eine Chance zu geben“, fallen zu lassen.
Sowohl in Ägypten als auch in Tunesien ist das Militärdas Rückgrat des Staates; es war dazu in der Lage die Interessen des nationalenKapitals über die Interessen bestimmter Cliquen zu stellen. In Libyen hat dasMilitär nicht die gleiche Rolle. Während der letzten Jahrzehnte hat dasGaddafi-Regime absichtlich das Militär relativ schwach gehalten, genau wie andereTeile des Staates, die eine Machtbasis als ein Rivale für die Gaddafi-Cliquehätten aufbauen können, schwach gehalten wurden. „Gaddafi versuchte das Militärschwach zu halten, damit das Militär ihn nicht so stürzen konnte, wie erseinerzeit König Idris abgesetzt hatte“, meinte Paul Sullivan, ein Nordafrika-Expertean der Washingtoner National Defense University. Die Folge ist ein „schlechtausgebildetes Militär, das von schlecht ausgebildeten Offizieren geführt wird, die am Ende ihrer Kräfte sind, nicht geradepersönlich stabil und mit einer ungeheuren Menge an Waffen, die leichtzugänglich sind.“ (Bloomberg, 2.3.11) Das bedeutete, dass die einzige Antwortdes Regimes gegenüber aufkeimender Unzufriedenheit nackte Repression seinkonnte.
Die große Brutalität seitens des Staates trieb dieArbeiterklasse zu einem Ausbruch ihrer Wut, als sie sah, wie ihre Kinder undandere Angehörigen abgeschlachtet wurden. Aber die Arbeiter, die sich an denDemonstrationen beteiligten, taten dies eher als Einzelpersonen. Trotz des großen Mutes, der erforderlich war,um sich gegen die Gewehr Gaddafis zu richten, waren die Arbeiter nicht dazu inder Lage, ihre eigenen Klasseninteressen einzubringen.
In Tunesien begann die Bewegung innerhalb derArbeiterklasse und der Armen mit deren Protesten gegen Arbeitslosigkeit undRepression. Das Proletariat in Ägypten geriet in Bewegung, nachdem es währendder letzten Jahre mehrfach gekämpft hatte; und diese Erfahrung hat ihm dasSelbstvertrauen gegeben, seine Klasseninteressen zu verteidigen. DessenBedeutung wurde am Ende der Demonstrationen deutlich, als eine Streikwelleausbrach– siehe dazu den Artikel auf unserer Webseite.
Das libysche Proletariat beteiligte sich an diesemKonflikt von einer Schwächeposition aus. Es gab Berichte von einem Streik ineiner Ölförderanlage. Aber es ist unmöglich zu sagen, ob es andere Ausdrückevon Aktivitäten der Arbeiterklasse gegeben hat. Es mag solche gegeben haben,aber man muss trotzdem sehen, dass die Arbeiterklasse als eine Klasse alssolches abwesend ist.
Das heißt, dass die Arbeiterklasse von Anfang anempfänglich war für all das ideologische Gift, das durch dieses Chaos und dievöllig verwirrte Lage verstärkt wird. Das Wiederauftauchen der altenmonarchistischen Fahne und deren Übernahme als das Symbol der Revolte innerhalbweniger Tage zeigt, wie groß diese Schwäche ist. Diese Fahne und die nationalistische Forderung nach einem „freienLibyen“ werden immer zusammen in denVordergrund gestellt.
Stammeskonflikte sind auch zum Vorschein gekommen, indenen das Gaddafi Regime unterstützt oder abgelehnt wird, dabei spielen ineinigen Fällen regionale oder Stammesinteressen eine Rolle, und Stammesführernutzen ihre Autorität aus, um an die Spitze der Rebellion zu treten. AuchIslamisten, die mit den Rufen „Allahu Akbar“ aufgetreten sind, konnten beivielen Demonstrationen vernommen werden.
Dieser Sumpf an Ideologien hat eine Lage begünstigt, wounzählige ausländische Arbeitskräfte sich zur Flucht aus dem Land gezwungensahen. Warum sollten sich ausländische Arbeiter um eine Nationalfahne sammeln? Einewirklich proletarische Bewegung hätte die ausländischen Arbeiter von Anfang anin ihrer Bewegung aufgenommen, denn man hätte gemeinsame Forderungen aufstellenkönnen: höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und das Ende der Repressionfür alle Arbeiter. Sie hätten sich vereinigen können, denn ihre Stärke war ihreEinheit, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer Nation, Stamm oderReligion.
Gaddafi hat all diese Gifteausgenutzt, um die Arbeiter und die Bevölkerung dazu zu bewegen, ihn gegen die angebliche Gefahr zu verteidigen, die für seine “Revolution” ausgeht:Ausländer, Stammeskonflikte, Islamismus, der Westen.
Die Mehrheit der Arbeiterklasse hasst das Regime. Aberdie wirkliche und größte Gefahr für die Arbeiterklasse besteht darin, derOpposition auf den Leim zu gehen. Diese Opposition, mit dem neuen Nationalratan der Spitze, ist eine Zusammenwürfelung von verschiedenen Fraktionen derherrschenden Klasse, früheren Mitgliedern des Regimes, Monarchisten usw., nebenStammes- und religiösen Führern. All diese Leute haben die Tatsache ausgenutzt, dass diese Bewegung keine eigenständigeproletarische Führung hat, um ihre Forderungen nach der Ersetzung Gaddafisdurch andere Kräfte durchzusetzen.
Der Nationalrat ist sich über seine Rolle im Klaren. „DasHauptziel des Nationalrates besteht darin, ein politisches Gesicht für dieRevolution zu haben.“ „Wir werden helfen, andere libysche Städte mit Hilfe unsererNationalarmee zu befreien, insbesondere Tripolis, von der ein Teil seineUnterstützung für den Kampf des Volkes erklärt hat.“ (Reuters Africa, 27.2.11). „Es gibtkein gespaltenes Libyen“ (Reuters, 27.2.11). Mit anderen Worten, ihr Ziel besteht in der Aufrechterhaltung derkapitalistischen Diktatur mit einem anderen Gesicht.
Die Opposition ist nicht ausreichend vereint. Gaddafisfrüherer Justizminister Mustafa Mohamed Abud Ajleil kündigte die Bildung einerprovisorischen Regierung Ende Februar an, er erhielt dabei Unterstützung voneinigen früheren Diplomaten. Sie hatte ihren Sitz in Al-Baida.. Dieser Schrittwurde vom Nationalrat, der seinen Sitz in Berghazi hat, verworfen.
Dies zeigt die tiefen Spaltungen innerhalb der Opposition,die irgendwann explodieren werden, falls man Gaddafi loswerden wird, oder wenndiese „Führer“ sich drängeln, um ihreHaut zu retten, falls es Gaddafi gelingt, an der Macht zu bleiben.
Die Medien haben ein großes Aufheben gemacht von denKomitees, die in den Städten und Regionen entstanden sind, wo Gaddafi dieKontrolle verloren hat. Viele dieser Komitees scheinen selbsternannt zu sein,oder von lokalen Würdenträgern ernannt worden zu sein, aber auch wenn einigevon ihnen direkt Ausdrücke des Volksaufstands waren, sieht alles danach aus,als ob sie durch den normalen bürgerlichen Rahmen des Nationalrates aufgesaugtworden sind. Die Bemühungen dieses Nationalrates, eine nationale Armee auf dieBeine zu stellen, bringen nur Tod und Zerstörung für die Arbeiterklasse und dieBevölkerung insgesamt, wenn diese Armee ihre Kämpfe mit den Truppen Gaddafisausträgt. Die gesellschaftliche Verbrüderung, die anfänglich dazu beitrug, diedurch das Regime ausgeübte Repression zu untergraben, weicht heftigen Kämpfenauf rein militärischer Ebene, während die Bevölkerung dazu aufgerufen wird,Opfer zu bringen, damit die Nationalarmee kämpfen kann.
Die Verwandlung der bürgerlichen Opposition in einneues Regime wird durch die zunehmend offene Unterstützung durch die Großmächte– USA, GB, Frankreich, Italien usw. beschleunigt. Die imperialistischen Gangster distanzierensich jetzt von ihrem früheren Kumpel Gaddafi, um sicher zu stellen, falls einneues Team an die Macht kommt, sie die gleichen Möglichkeiten haben sichdurchzusetzen. Sie werden diejenigen unterstützen, die mit denimperialistischen Interessen dieser Großmächte übereinstimmen.
Was als eine verzweifelte Reaktion von Teilen derBevölkerung gegen die Repression zu begonnen haben scheint, ist von derherrschenden Klasse in Libyen und international schnell zu ihren eigenenZwecken ausgenutzt worden. Eine Bewegung, die als eine wütende Reaktion gegen die Massaker an jungen Leutenanfing, schlug um in ein weiteres Massaker an Jugendlichen, aber dieses Mal imNamen eines „Freien Libyen“.
Die Arbeiterklasse in Libyen und anderswo kann auf dieLage nur reagieren, indem sie ihre Entschlossenheit verstärkt, nicht in den blutigenKampf zwischen verschiedenen Flügeln der herrschenden Klasse im Namen derDemokratie oder der freien Nation hineingezogen zu werden. In den kommenden Tagenund Wochen wird - solange Gaddafi an seiner Macht kleben bleibt - derinternationale Chor zur Unterstützungder Opposition im Bürgerkrieg noch lauter werden. Und falls Gaddafi verschwindet,wird es eine ebenso betäubende Kampagne zum Triumph der Demokratie, der Machtdes Volkes und Freiheit geben. Wer sichauch immer durchsetzen wird, die Arbeiter werden dazu aufgefordert werden, sichmit dem demokratischen Antlitz der kapitalistischen Herrschaft zu identifizieren.Phil5/3/11
Die gegenwärtigen Ereignisse im Mittleren Osten und Nordafrika sind von historischer Bedeutung, deren Folgen bis jetzt noch nicht klar abzusehen sind. Aber es ist wichtig, eine Diskussion darüber anzustoßen, die es den Revolutionären ermöglichen wird, einen kohärenten Rahmen der Analyse zu entfalten. Die folgenden Punkte stellen keineswegs diesen Rahmen dar, noch liefern sie eine detailierte Beschreibung der Ereignisse, sondern lediglich einige grundsätzliche Eckpunkte als Beitrag zur Debatte. Die gegenwärtigen Ereignisse im Mittleren Osten und Nordafrika sind von historischer Bedeutung, deren Folgen bis jetzt noch nicht klar abzusehen sind. Aber es ist wichtig, eine Diskussion darüber anzustoßen, die es den Revolutionären ermöglichen wird, einen kohärenten Rahmen für ihre Analyse zu entwickeln. Die folgenden Punkte stellen keineswegs diesen Rahmen dar, noch liefern sie eine detaillierte Beschreibung der Ereignisse. Sie tragen lediglich einige grundsätzliche Eckpunkte zur Debatte bei.
1. Seit 1848 und 1917-1919 haben wir solch eine breitgefächerte, simultane Welle von Revolten nicht mehr gesehen. Das Epizentrum der Bewegung lag in Nordafrika (Tunesien, Ägypten und Libyen, aber auch Algerien und Marokko), Proteste gegen die bestehenden Regime sind im Gaza-Streifen, Jordanien, Irak, Iran, Jemen, Bahrain und Saudi-Arabien ausgebrochen, während in einer Reihe anderer repressiver arabischer Staaten, insbesondere Syrien, eine erhöhte Alarmbereitschaft herrscht. Und das Echo dieser Proteste ist auch in anderen Teilen Afrikas zu vernehmen: Sudan, Tansania, Simbabwe, Swaziland… Den Widerhall dieser Revolten spürt man auch bei den Demonstrationen gegen korrupte Regierungen und gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Kroatien, angesichts der Spruchbänder und Slogans der Studentendemos in Großbritannien sowie des Arbeiterkampfes in Wisconsin und sicher auch in vielen anderen Ländern. Das heißt nicht, dass all diese Bewegungen in der arabischen Welt identisch wären; sie sind es weder auf der Ebene ihres Inhaltes, ihrer Forderungen, noch hinsichtlich der Reaktion der herrschenden Klasse, aber es gibt sicher eine Reihe von Gemeinsamkeiten, weshalb man von dem Phänomen insgesamt sprechen kann.
2. Der historische Rahmen, in dem sich diese Ereignisse abspielen, ist folgender:
3. Der Klassencharakter dieser Bewegungen ist nicht einheitlich und unterscheidet sich von Land zu Land und je nach Phase. Insgesamt jedoch kann man sie als Bewegungen der nichtausbeutenden Klassen, als Sozialrevolten gegen den Staat bezeichnen. Im Allgemeinen steht die Arbeiterklasse nicht an der Spitze dieser Rebellion, aber sie spielt sicherlich eine wesentliche Rolle und übt Einfluss aus, was sich an den Organisationsmethoden der Bewegung und in einigen Fällen an der spezifischen Entwicklung der Arbeiterkämpfe ablesen lässt, wie die Streiks in Algerien und vor allem die große Streikwelle in Ägypten, die ein Schlüsselfaktor bei der Entscheidung war, Mubarak fallen zu lassen (siehe dazu andere Artikel in unserer Presse). In den meisten dieser Länder ist die Arbeiterklasse nicht die einzige unterdrückte Klasse. Die Bauernschaft und andere Schichten, die aus noch älteren Produktionsweisen stammen, haben noch ein großes Gewicht auf dem Lande, auch wenn sie sehr zersplittert und durch Jahrzehnte kapitalistischen Niedergangs ruiniert sind. Dagegen lebt die Arbeiterklasse in den Städten, in denen das Zentrum der Revolten lag, Seite an Seite mit einer zahlenmäßig starken Mittelschicht, die zwar proletarisiert wird, dabei jedoch immer noch ihre Besonderheiten aufrechthält, und einer Masse von Slumbewohnern, die teilweise aus Arbeitern, teilweise aus kleinen Händlern und einem Heer von „Deklassierten“ bestehen. Selbst in Ägypten, wo es die am stärksten gebündelte und erfahrenste Arbeiterklasse im arabischen Raum gibt, haben, so hoben Augenzeugen hervor, die Proteste am Tahrir-Platz „sämtliche Klassen” mobilisiert, mit Ausnahme der höheren Chargen des herrschenden Regimes. In anderen arabischen Ländern war das Gewicht der nicht-proletarischen Schichten weitaus größer, als dies in den Kämpfen in den meisten zentralen Ländern der Fall ist.
4. Bei dem Versuch, den Klassencharakter dieser Rebellionen zu begreifen, muss man deshalb zwei sich ergänzende Fehler vermeiden: auf der einen Seite die Vermengung all dieser Massen mit dem Proletariat (eine Position, die am deutlichsten von der Groupe Communiste Internationaliste - GCI verkörpert wird) und auf der anderen Seite die Ablehnung alles Positiven in den Revolten, da sie nicht explizite Arbeiterrevolten sind. Ein Blick zurück auf die Ereignisse im Iran Ende der 1970er Jahre: auch damals gab es eine Volkserhebung, in der die Arbeiterklasse eine Zeitlang eine führende Rolle spielte, was jedoch am Ende nicht verhinderte, dass die Bewegung von den Islamisten einverleibt wurde. Auf einer größeren, historischen Ebene stellt sich das Problem der Beziehung zwischen der Arbeiterklasse und allgemeinen gesellschaftlichen Revolten auch dem Staat in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus – einem Staat, der aus der Bewegung aller nicht-ausbeutenden Klassen hervorgeht, gegenüber dem die Arbeiterklasse aber ihre Selbständigkeit bewahren muss.
5. In der Russischen Revolution 1917 wurden die Sowjets durch die Arbeiter ins Leben gerufen, aber sie stellten auch für die anderen unterdrückten Schichten ein Modell für ihre Organisierung dar. Ohne das richtige Augenmaß zu verlieren – es ist noch ein weiter Weg bis zum Anbruch einer revolutionären Situation, in der die Arbeiterklasse eine klare politische Führung gegenüber den anderen Schichten übernehmen kann -, ist es offensichtlich, dass die Methoden des Arbeiterkampfes die sozialen Revolten in der arabischen Welt beeinflusst haben, was deutlich wird:
Es ist kein Zufall, dass diese Tendenzen sich am stärksten in Ägypten entwickelten, wo die Arbeiterklasse auf eine lange Tradition von Kämpfen schauen kann und in einer entscheidenden Phase der Bewegung als eine eigenständige Kraft in Erscheinung trat, indem sie eine Reihe von Kämpfen begann, die - wie jene von 2006-07 - als „Keime“ des zukünftigen Massenstreiks angesehen werden können. Diese Kämpfe enthielten viele der wichtigsten Merkmale des Massenstreiks: die spontane Ausdehnung von Streiks und Forderungen von einem Bereich auf den anderen, die kompromisslose Ablehnung der staatlichen Gewerkschaften, gewisse Tendenzen zur Selbstorganisierung, das Formulieren von politischen und ökonomischen Forderungen. Hier erkennt man in Ansätzen die Fähigkeit der Arbeiterklasse, als Tribüne, als Dreh- und Angelpunkt für alle Unterdrückten und Ausgebeuteten aufzutreten und die Perspektive einer neuen Gesellschaft anzubieten.
6. All diese Erfahrungen sind wichtige Schritte bei der Entwicklung eines echten revolutionären Bewusstseins. Aber der Weg in dieser Richtung ist noch sehr lang, es stehen noch viele Hindernisse im Weg, Illusionen und ideologische Schwächen.
7. Die gegenwärtige Lage in Nordafrika und im Nahen & Mittleren Osten ist noch im Fluss. Als diese Zeilen geschrieben wurden, erwartete man Proteste in Riad, auch wenn das saudische Regime bereits dekretiert hatte, dass alle Demonstrationen den Gesetzen der Scharia widersprechen. In Ägypten und Tunesien, wo die „Revolution“ angeblich schon triumphiert hat, kommt es ständig zu Zusammenstößen zwischen Protestierenden und dem nun „demokratischen“ Staat, der mehr oder weniger von den gleichen Kräften verwaltet wird, die den Laden vor dem Abgang der „Diktatoren“ führten. Die Streikwelle in Ägypten, die viele ihrer Forderungen schnell durchsetzen konnte, scheint jetzt abgeebbt zu sein. Doch weder die Arbeiterkämpfe noch die breitere soziale Bewegung haben in jenen Ländern einen größeren Rückschlag erlitten. Es gibt Hinweise darauf, dass weiterhin breit gefächerte Diskussionen und Reflexionen zumindest in Ägypten stattfinden. Doch in Libyen haben die Dinge einen ganz anderen Verlauf genommen. Was anfangs als echte gesellschaftliche Revolte von unten begann, mit unbewaffneten Zivilisten, die mutig Kasernen stürmten und den Sitz der so genannten „Volkskomitees“ in Brand setzten, insbesondere im Osten des Landes, ist schnell zu einem sehr blutigen und totalen „Bürgerkrieg“ zwischen bürgerlichen Fraktionen ausgeartet, wobei die imperialistischen Mächte wie Geier über dem Gemetzel kreisen. Aus marxistischer Sicht ist dies ein Beispiel für die Umwandlung eines beginnenden Bürgerkrieges – im Sinne einer direkten und gewaltsamen Konfrontation zwischen den Klassen - in einen imperialistischen Krieg. Das historische Beispiel Spaniens – sehen wir einmal ab von den beträchtlichen Unterschieden im globalen Kräfteverhältnis zwischen den Klassen und von der Tatsache, dass die anfänglichen Erhebungen gegen Francos Staatsstreich unverkennbar proletarischen Charakters waren - belegt, dass die nationale und internationale Bourgeoisie in solchen Situationen sowohl mit ihren fraktionellen, nationalen und imperialistischen Rivalitäten fortfahren, als auch alle Ansätze einer sozialen Revolution ausmerzen kann.
8. Der Hintergrund für diese Wende der Ereignisse in Libyen ist die extreme Rückständigkeit des libyschen Kapitalismus, der mehr als 40 Jahre lang vorwiegend von einem Terrorapparat unter der direkten Führung Gaddafis beherrscht wurde. Diese Struktur hinderte die Armee daran, als eine Kraft zu wirken, die das nationale Interesse über das Partikularinteresse bestimmter Führer oder Fraktionen stellt, wie wir in Tunesien oder Ägypten gesehen haben. Gleichzeitig wird das Land von regionalen und Stammesspaltungen zerrissen; diese haben eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung für oder der Gegnerschaft zu Gaddafi gespielt. Ebenfalls scheint eine „nationale“ Spielart des Islamismus seit Beginn der Revolte eine Rolle gespielt zu haben, obgleich die Rebellion anfangs allgemeiner und sozialer ausgerichtet und nicht von tribalistischen oder islamistischen Motiven geleitet war. Die wichtigste Industrie in Libyen ist die Ölindustrie, und die Unruhen im Land haben den Ölpreis stark beeinflusst. Doch ein Großteil der in der Ölindustrie beschäftigten Arbeiter sind Migranten aus Europa, den anderen Ländern des Mittleren Ostens, aus Asien und Afrika. Und obgleich es anfangs Berichte über Streiks in diesem Wirtschaftsbereich gab, ist die Massenflucht der ausländischen Arbeiter ein deutliches Anzeichen dafür, dass sie sich kaum mit einer „Revolution“ identifizieren konnten, in der die Nationalfahne hochgehalten wird. In der Tat gab es Berichte über Verfolgungen und Übergriffen gegen schwarze Arbeitskräfte durch die „Rebellen“, da Gerüchte verbreitet wurden, dass einige der angeheuerten Söldner aus schwarzafrikanischen Staaten stammen sollten, was zu einem allgemeinen Misstrauen gegenüber allen schwarzafrikanischen Migranten führte. Die Schwäche der Arbeiterklasse in Libyen ist somit ein entscheidendes Element in der negativen Entwicklung der Lage dort.
9. Ein klarer Beleg, dass die „Rebellion“ zu einem Krieg zwischen bürgerlichen Lagern ausgeartet ist, ist die überstürzte Abwendung hochrangiger Offizieller von Gaddafi (dazu gehören Botschafter im Ausland, Armee- und Polizeioffiziere sowie Beamte). Besonders die militärischen Befehlshaber sind bei der „Regularisierung“ der bewaffneten Gaddafi-Gegner immer mehr in den Vordergrund gerückt. Doch das vielleicht deutlichste Zeichen ist die Entscheidung der „internationalen Gemeinschaft“, sich auf die Seite der „Rebellen“ zu stellen. Frankreich hat bereits den provisorischen Nationalrat in Bengasi als die Stimme des neuen Libyen anerkannt und den Gaddafi-Gegnern militärische Berater zu Seite gestellt. Nachdem man schon diplomatisch eingegriffen hatte, um den Rücktritt von Ben Ali und Mubarak zu beschleunigen, fühlten sich die USA und Großbritannien durch das Taumeln des Gaddafi-Regimes zu Beginn der Protestbewegung zu weiteren Taten ermuntert. So kündigte zum Beispiel William Hague übereilig an, dass sich Gaddafi bereits auf der Flucht nach Venezuela befände. Nachdem Gaddafis Kräfte im Begriff waren, die Oberhand zu gewinnen, wurde das Gerede über die Einrichtung einer Flugverbotszone oder anderer Formen militärischen Eingreifens immer lauter. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels scheint es jedoch tiefgreifende Divergenzen innerhalb der EU und der NATO zu geben, wobei Großbritannien und Frankreich am stärksten für ein militärisches Eingreifen plädieren und die USA und Deutschland am stärksten zögern. Die Obama-Administration ist natürlich nicht aus Prinzip gegen militärische Interventionen, aber sie möchte sich nicht der Gefahr aussetzen, ein weiteres militärisches Fiasko in der arabischen Welt zu erleben. Es kann auch sein, dass einige Teile der herrschenden Klasse auf der Welt meinen, dass Gaddafis „Vorgehensweise“ der Terrorisierung der Massen eine Methode sein kann, eine abschreckende Wirkung gegen weitere mögliche Unruhen in der Region auszuüben. Eins ist jedoch sicher: Die Ereignisse in Libyen wie auch die ganze Entwicklung in der Region haben die groteske Heuchelei der Herrschenden dieser Welt an den Tag gelegt. Nachdem man jahrelang Gaddafis Libyen als eine Brutstätte des internationalen Terrorismus beschimpft hatte (was es natürlich auch war), zeigten sich die Führer von Ländern wie die USA oder Großbritannien erfreut, als Gaddafi im Jahr 2006 einen scheinbaren Sinneswandel vollzog und seine Massenvernichtungswaffen aufgab, weil die Regierungen dieser Länder nach Rechtfertigungen suchten, ihre Haltung gegenüber den angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins zu begründen. Insbesondere Tony Blair hatte große Eile, den früheren “verrückten Terroristenführer” zu umgarnen. Heute, nur wenige Jahre später, wird Gaddafi wieder ein verrückter Terroristenführer genannt, und diejenigen, die ihn vorher unterstützt haben, müssen jetzt strampeln, um sich von ihm zu distanzieren. Und dies ist nur eine Episode in einer unendlichen Geschichte: All die neulich verjagten oder noch immer an der Macht befindlichen arabischen Diktatoren sind von den USA und anderen Mächten loyal unterstützt worden, und diese haben bislang wenig Interesse an den „demokratischen“ Bestrebungen der Menschen in Tunesien, Ägypten, Bahrain oder Saudi-Arabien gezeigt. Die durch die Preissteigerungen und den Gütermangel verursachten Straßenproteste gegen die irakische Regierung, welche von den USA in den Sattel gehievt wurde, wie auch gegen die gegenwärtigen Herrscher im kurdischen Irak, auf die die Regierung mit Repression antwortete, zeigen auch, wie verlogen die Versprechen des „demokratischen Westens“ sind.
10. Einige internationalistische Anarchisten in Kroatien äußerten auf www.libcom.org [206], dass die Ereignisse in den arabischen Staaten aus ihrer Sicht wie eine Neuauflage der Ereignisse in Osteuropa 1989 erscheinen, wo das Streben nach Wandel durch den Begriff der „Demokratie” sterilisiert wurde und eine Verbesserung in der Lage der Arbeiterklasse keineswegs eingetreten war. Hier handelt es sich um eine sehr legitime Sorge, wenn man das große Gewicht der demokratischen Verschleierungen innerhalb dieser neuen Bewegung betrachtet. Doch verliert man damit nicht einen wesentlichen Unterschied auf der Ebene der Klassenkonfiguration weltweit aus den Augen? Als der Ostblock 1989 zusammenbrach, hatte die Arbeiterklasse den Höhepunkt in ihren Kämpfen – Kämpfe, die sich seinerzeit politisch nicht weiterentwickelt hatten - bereits überschritten. Der Zusammenbruch des Ostblocks und die daraufhin entfesselten Kampagnen über den angeblichen Tod des Kommunismus und das Ende des Klassenkampfes sowie das Unvermögen der ArbeiterInnen Osteuropas, auf dem eigenen Klassenterrain zu reagieren, bewirkten einen längeren Rückschlag für die internationale Arbeiterklasse. Während die stalinistischen Regimes in Wirklichkeit unter den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise litten, gab es für die Länder im Westen noch immer einen gewissen wirtschaftlichen Spielraum, um den Eindruck zu erwecken, dass der globale Kapitalismus vor einer neuen Blüte stand. Heute stehen wir vor einer anderen Lage. Das globale Ausmaß der kapitalistischen Krise ist nie so offensichtlich gewesen; die ArbeiterInnen müssen heute überall auf der Welt erkennen, dass sie vor den gleichen Problemen stehen: Arbeitslosigkeit, steigende Preise, mangelnde Perspektiven innerhalb dieses Systems. Und während der letzten sieben, acht Jahre ist es zu einem langsamen, aber reellen Wiedererstarken der Arbeiterkämpfe auf der ganzen Welt gekommen. An der Spitze dieser Kämpfe stand zumeist eine neue Generation von ArbeiterInnen, die nicht so stark durch die Rückschläge der 1980er und 1990er Jahre geprägt war und aus der weltweit politisierte Minderheiten hervorgegangen sind. In Anbetracht dieser tiefgreifenden Unterschiede besteht die Aussicht, dass die Ereignisse in der arabischen Welt keine negative Auswirkungen auf den Klassenkampf in den zentralen Ländern haben, sondern zur allgemeinen Verstärkung des Klassenkampfes beitragen werden:
- durch die Bekräftigung der Macht der massiven und illegalen Straßenaktionen; deren Fähigkeit, dafür zu sorgen, dass die Herrschenden der Welt ihre Selbstbeherrschung verlieren;
- indem die bürgerliche Propaganda, die die „Araber“ als eine gleichförmige Masse von gehirnlosen Fanatikern darstellt, durchkreuzt wird und die Fähigkeit der Massen dieser Regionen zum Diskutieren, Nachdenken und zur Selbstorganisierung deutlich geworden ist.
- indem auch die Glaubwürdigkeit der Führer der zentralen Länder untergraben wird, deren Bestechlichkeit und Skrupellosigkeit durch deren Wendungen gegenüber der arabischen Welt entblößt wurde.
Politisierten Minderheiten werden diese sowie andere Punkte eher ins Auge fallen als der Mehrheit der Arbeiter in den Industriestaaten, aber langfristig werden sie zur wirklichen Vereinigung des Klassenkampfes über alle nationalen und kontinentalen Grenzen hinweg beitragen. Dies schmälert keinesfalls die Verantwortung und die Last der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen Ländern, die jahrelange Erfahrung mit den Freuden der „Demokratie“ und der „unabhängigen“ Gewerkschaften haben und deren historische und politische Traditionen tief verwurzelt und im Herzen des weltimperialistischen Systems gebündelt sind. Die Fähigkeit der Arbeiterklasse in Nordafrika und im Nahen & Mittleren Osten, mit den demokratischen Illusionen zu brechen und den verarmten Massen der Bevölkerung einen anderen Weg aufzuzeigen, hängt vom Vermögen der Arbeiter in den zentralen Ländern ab, ihnen ein Beispiel eines selbstorganisierten und politisierten Arbeiterkampfes zu geben. IKS, 11. 3.2011
Interview mit einem Genossen der IKS, der aktiv bei den Demonstrationen und Versammlungen in Frankreich beteiligt war
Kannst du in einigen Worten zusammen fassen, was in den letzten Monaten angesichts der anstehenden Rentenreform in Frankreich passiert ist?
Also, ganz kurz zusammengefasst: Seit März 2010 gab es Demonstration gegen die geplante Rentenreform der Regierung in Frankreich. Anfangs war die Atmosphäre auf den Demos eher resignativ, würde ich sagen. Im Sommer hieß es dann von Seiten der Gewerkschaften, dass die Arbeiter nicht genügend gegen die Rentenreform kämpfen, und man sie deshalb eh nicht verhindern könne. Rückblickend kann man sagen, dass das Spannende war, dass im Spätsommer die Stimmung plötzlich umschlug. Zum einen wurden im Sommer Skandale um eben jenen Minister bekannt, der die arbeitende Bevölkerung dazu aufrief, den Gürtel wieder mal enger zu schnallen. Zum anderen war die Empörung über die oft brutale Ausweisung der Romas groß. Tja, und im September war dann plötzlich eine ganz andere Stimmung da. Jeweils bis zu 3 Millionen Menschen gingen bei den großen Demos am 7. Und 23. September auf die Straße, um ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen. In einigen Städten bildeten sich daraufhin Straßen- und branchenübergreifende Versammlungen, z.B. in Paris, Toulouse und anderswo.
Du bist aus Toulouse in Südfrankreich. Wie hast du persönlich die Kämpfe gegen die Rentenreform erlebt?
In Toulouse gingen einige Initiativen zur Bildung von Versammlungen von der CNT-AIT aus. Ihr Hauptanliegen war, dass die Leute die Möglichkeit haben sollten, das Wort zu ergreifen. Auch um sich vorbereiten zu können, auf den Demos zu sprechen. Dazu mussten viele auch erst mal Selbstbewusstsein schöpfen. Dies war einfacher, wenn man dies auf den Versammlungen bereits diskutiert hatte. Dies fand ich und fanden wir als IKS richtig und haben uns auch aktiv in die Demos und Versammlungen eingebracht.
Was war das Hauptanliegen dieser Versammlungen?
Nun ja, das Anliegen war vor allen Dingen, dass sich diese Versammlungen überall verbreiten. Es gab in Toulouse verschiedene solche Versammlungen, die alle als Straßenversammlungen begonnen haben. Ich kann ein Beispiel einer Versammlung nennen, an der ich selbst aktiv beteiligt gewesen bin (und noch weiter aktiv bin). Diese Versammlung ist unmittelbar aus einer Demonstration entstanden Anfang Oktober. Der Auslöser war, dass am Ende der Demonstration plötzlich einige Leute riefen, dass man nach der Demo noch auf der Straße bleiben solle, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Ich würde sagen, es war mehr eine Art Straßentreffen als eine richtige Versammlung. Jemand schnappte sich ein Megafon und rief die Demonstrierenden dazu auf, nach der Demo NICHT zu gehen. Die Gewerkschaften hatten bei den Demos nämlich so laute Anlagen, dass man gar nicht mit einander sprechen konnte. Da es weiterhin zu laut war, schlug jemand vor, dass wir uns abends noch einmal dort treffen sollten, um zu diskutieren.
Und das hat so spontan funktioniert?
Ja, das war der Beginn von täglichen Treffen in Saint Sernin, einem Viertel in Toulouse – zunächst auf der Straße. So trafen wir uns Montags bis Freitags, jeden Tag, zwei Monate lang.
Wer war denn an solch einem Treffen beteiligt und worüber wurde gesprochen?
Es waren die unterschiedlichsten Leute daran beteiligt: prekär Beschäftigte, Arbeitslose, Studenten, Schüler und allerlei Beschäftigte. Je nach Tag trafen sich etwa 10 bis 50 Leute. Ein wichtiges Thema, das immer wieder besprochen wurde, war wie man den streikenden Arbeitern unsere Solidarität bekunden könne; außerdem auch, wie man sich bei den nächsten Demos besonders stark beteiligen könnte.
Wie sah diese Vorbereitung denn konkret aus?
Also, wir haben gewisse Slogans vorbereitet, die von den Streikenden auf den Demos gerufen werden sollten. Außerdem wurden Flugblätter gemeinsam besprochen und geschrieben. Die wurden dann für jede neue Demo wieder aktualisiert. Insgesamt gab es in der ganzen Zeit 10 große Demos.
Was war das Hauptanliegen dieser Versammlung in Saint Sernin?
Wie schon angedeutet war das Hauptanliegen Solidarität und die Teilnahme an spektakulären Aktionen, wie z.B. Blockaden organisieren. Einerseits, um die streikenden Arbeiter aktiv zu unterstützen, so wie die Teilnahme am Streik bei der Müllabfuhr. Die Streikenden haben uns akzeptiert und die Streikposten wurden zahlenmäßig verstärkt. Allerdings haben sich die Gewerkschaften sehr stark dagegen gewandt.
Waren Gewerkschaftler auch bei dieser Versammlung oder anderen Versammlungen beteiligt?
Bei der Versammlung in Saint Sernin kamen ab und zu einzelne Gewerkschaftler. Allerdings waren die ziemlich enttäuscht, weil die Arbeiter sauer auf die Gewerkschaften waren und deutlich sagten, dass sie die Schnauze voll haben von den Gewerkschaften. Besonders, weil sie bei den Demos gesehen haben, dass die Aktionen der Gewerkschaften nichts gebracht haben. Zudem wollten die Gewerkschaften die Rentenreform ja auch nicht verhindern, sondern lediglich einzelne Bestandteile verändern.
Wie hast du dich während einer solchen Vollversammlung gefühlt, und wie war die Stimmung bei den Vollversammlungen insgesamt?
Es gab viele Jugendliche. Dies hat für großen Enthusiasmus gesorgt. Was allen gemein war, war die große Empörung über die Regierung, z.T. auch über die Gewerkschaften, aber die Sorge über unsere Zukunft war ständig zu spüren. Es war sehr anregend, denn es gab den wirklichen Willen etwas gemeinsam zu tun. Und es gab viele Diskussionen, die sich immer wieder um die Frage drehten, wie können wir kämpfen? Wie können wir solidarisch mit anderen Streikenden sein?
In Deutschland schaut die arbeitende Bevölkerung regelmäßig bewundernd und anerkennend gen Westen und sagt, die französischen Arbeiter und Studenten machen es richtig; die wehren sich. Wie kommt es, dass den Studenten, Schülern, Rentnern, Arbeitslosen und Arbeitern in Frankreich so viel schneller der Kragen platzt und sie sich wehren?
Es gibt eine lange Tradition von Streiks in Frankreich einschließlich einschlägigen Erfahrungen mit den Gewerkschaften. Dies kann ein Grund sein. Wenn es aber darum geht, warum diese Streiks und Versammlungen eine gewisse Stärke entwickeln konnten, so würde ich drei Gründe nennen:
1. die Energie und der Enthusiasmus besonders der jungen SchülerInnen und StudentInnen
2. den Beitrag von politisch bereits Aktiven sowie natürlich…
3. das spontane Bedürfnis vor Ort zusammen zu kommen
Welche Rolle spielte in dieser Bewegung die Selbstorganisation?
Prinzipiell ist es enorm wichtig, dass die Streikenden, Schüler, Rentner, prekär Beschäftigten und Arbeiter ihre Kämpfe selbst organisieren. Nur so können sie zusammen kommen und ihre Forderungen in gemeinsamen Diskussionen herausfinden. Gerade für die Letztgenannten ist diese Einsicht wichtig, da die Gewerkschaften sich ja stets als Vertreter der Beschäftigten für die jeweiligen Branchen ausgeben. Doch gerade auf die Gewerkschaftspolitik ist man so sauer gewesen. Wenn man sich die Streiks und Demos der vergangenen Monate in Frankreich anschaut, würde ich sagen, dass wir erst am Anfang von selbst organisierten Kämpfen stehen. Es gab Ansätze von Eigeninitiativen, oft auch angeregt von politisch organisierten Leuten. Aber dies sind auf jeden Fall erste wichtige Erfahrungen von Selbstorganisierung.
Inzwischen hat es in Ägypten auch eine massive soziale und politische Bewegung vieler jungen Leute und der arbeitenden Bevölkerung gegeben. Dort hat man ja auch über Straßenversammlungen, z.B. auf dem Tahrirplatz, gehört. Siehst du da Ähnlichkeiten zu deinen Erfahrungen in Frankreich bezogen auf die Selbstorganisierung?
Eine interessante Frage. Eine Frage, die ich mir so noch nicht gestellt habe. Ich denke, Ägypten ist ein wunderbares Beispiel, wie man kämpfen kann. Für die Zukunft sollten wir so viel wie möglich von den dort gemachten Erfahrungen lernen, indem wir genauer hinschauen, wie gekämpft wurde.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Red de Encuentro y Solidaridad (Netz Zusammenkommen und Solidarität) und Ateneo Libertario L'Escletxa (Libertäre Athenäum L’Escletxa), beide in Alicante ansässig. Wir bedanken uns für die sehr solidarische Aufnahme und die ausgezeichnete Unterkunft, in der wir uns sehr wohlgefühlt haben, sowie für die ständige Aufmerksamkeit der GenossInnen. All das drückt die proletarische Haltung der Gastfreundschaft und Kameradschaft aus.
Abgesehen von den organisierenden Kollektiven waren Delegierte anwesend aus der Asamblea de Barcelona(Versammlung aus Barcelona), Círculo Obrero de Debate de Barcelona (Proletarischer Diskussionszirkel aus Barcelona), Colectivo de Trabajadores de Valencia(Arbeiterkollektiv aus Valencia), Asamblea de Trabajadores y Trabajadoras por la huelga general(ArbeiterInnerversammlung für den Generalstreik) aus Alicante und Asamblea Interprofesional de Toulouse(Berufsübergreifende Versammlung Toulouse,Frankreich). Die GenossInnen von Ruptura y Asambleade Trabajadores del Sur de Madrid (Bruch und Arbeiterversammlung aus dem Süden Madrids) sowieAsamblea Autónoma (Autonome Versammlung aus Granada) konnten nicht teilnehmen, aber sie haben ihr Interesse bekundet, in Kontakt zu bleiben. Im eigenen Namen haben auch GenossInnen aus Burgos, Murcia und Alicante teilgenommen.
Am Freitag wurde die Erfahrung der Asamblea Barcelona vorgestellt und debattiert. Samstagmorgen wurden die Kämpfe in Frankreich im letzten November sowie die Erfahrung der Versammlung von Toulouse behandelt und debattiert. Samstagnachmittag fand eine Generaldebatte statt, die wir hierzusammenfassen.
Am Samstagabend gab es einen geselligen Abend mit einem Essen in einem Restaurant. Samstagmittag stand Paella auf dem Menü in einem Restaurant, das durch die Immobilienspekulation heruntergewirtschaftet war und in einen Garten umgewandelt wurde, wo wir uns dank der GenossInnen von Ateneo Libertario L’Escletxa versammeln konnten. Eine ältere Nachbarin, die Unterstützung und menschliche Beistand durch diese GenossInnen erhält, nahm am Essen teil.
Das Treffen zeichnete sich durch eine rege Beteiligung in einer Atmosphäre des gegenseitigen Zuhörens und Respekts aus. Zu keinem Zeitpunkt boten die unterschiedlichen Meinungen Anlass zu Spannungen. Stattdessen wurde mit den Differenzen im Verlauf der Debatte verantwortlich umgegangen, da Letztere von dem Anliegen geprägt war, das uns Einende über das Trennende zu stellen. Wir wollen auf die aufgeworfenen Fragen in chronologischer Reihenfolge eingehen.
Ein Genosse meinte, die Gewerkschaften verteidigen die ArbeiterInnen nicht, sie seien sogar gegen diese. Es wurde nachgefragt, ob dies auf alle Gewerkschaften zuträfe oder nur auf die CCOO-UGT. Obgleich auch Zweifel geäußert wurden, war die Mehrheit der Auffassung, dass dies auf alle Gewerkschaften zuträfe und der Grund hierfür in dem eigentlichen Wesen der Gewerkschaften liege. Aber es ist wichtig hervorzuheben, dass man nicht gegen die einfachen Gewerkschaftsmitglieder war, mit denen man im Gegenteil zusammenarbeiten möchte.
Gegenüber den Gewerkschaften stellen die Versammlungen eine Alternative dar. Sie sind vor einem Jahrhundert aufgetaucht. Gegenüber einer Idee, der zufolge „vor uns die Wüste bestand, jetzt aber die Oase anfängt“, meinten andere GenossInnen, dass es eine Kontinuität in den Kämpfen und im Bewusstsein der verschiedenen Arbeitergenerationen gibt. Wir fangen nicht bei null an, wir setzen die Erfahrung der Versammlungen und Kämpfe, die in den letzten 100 Jahren in Spanien wie anderswo auf der Welt ausgetragen wurden, fort und eignen uns diese an. Doch die Versammlungen sind kein unfehlbares Rezept, sondern eine lebendige Erfahrung. Die ArbeiterInnen können sich irren, Fehler machen, betrogen werden, aber sie können ebenso lernen, korrigieren, einen anderen Kurs einschlagen.
Die Versammlungen erfüllen verschiedene Funktionen: Sie sind Entscheidungszentrum, Ort der Debatte, Treffpunkt und Weg zur Vereinigung, Mittel der Geselligkeit und zur Überwindung des Individualismus und der Atomisierung, Zentrum der Selbsterziehung, ein Mittel, mit dem jeder seine Verantwortung für gemeinsame Anliegen übernehmen und den Zusammenhang zwischen den individuellen und kollektiven Interessen als Klasse erkennen kann.
Die Versammlungen entstehen nicht durch den Beschluss einer Minderheit, sondern sie werden durch ArbeiterInnen kollektiv geschaffen, die den Kampf vorbereiten und ihn weitertragen. Dies bedeutet nicht, dass Kollektive wie wir keine besondere Rolle zu übernehmen hätten, ihre Aufgabe besteht jedoch nicht darin, anstelle der Mehrheit zu handeln, sondern Propaganda zu betreiben, Erfahrungen bekannt zu machen und auszutauschen, Orientierungen vorzuschlagen, sich am Kampf zu beteiligen, indem man alle Möglichkeiten unterstützt und die Bedingungen für die Entwicklung des Bewusstseins, für die Solidarität, die durch die Kämpfe und die Versammlungen hervorgebracht werden, vorbereitet.
Ein Genosse meinte, dass die Versammlungen aus einem Bruch mit der Normalität hervorgehen. Die Alltagsnormalität bedeutet, dass wir uns als passive, abwartende, von den Unternehmern, Gewerkschaften oder Politikern abhängige Menschen verhalten, in Konkurrenzzueinander stehen, den anderen nicht trauen, und stattdessen auf uns selbst bezogen leben, den Blick ausschließlich auf die „eigenen Angelegenheiten“ gerichtet. Der Bruch mit der Normalität ermuntert uns, aktiver, offener für Debatten und gemeinsames Handeln zu werden, die Suche nach der Einheit voranzutreiben, Kameradschaft, das gemeinsame Nachdenken, die Übernahme von Verantwortung. Die Versammlungen sind mit dem Kampf, seiner Vorbereitung und Entfaltung verbunden.
Die Versammlung von Alicante (AFEMA) verstand sich als eine offene Versammlung, die die Solidarität mit anderen Beschäftigten und die Ausdehnung des Kampfes anstrebt. In Frankreich verstehen sich die Versammlungen als ein branchenübergreifender Zusammenschluss, d.h. als eine Zusammenfassung von Beschäftigten aus verschiedenen Branchen, Arbeitslosen, RentnerInnen, StudentenInnen usw., deren Ziel die Schaffung einer gemeinsamen Grundlage ist, damit der Kampf gegen die gewerkschaftliche Sabotage wirkungsvoll geführt werden kann.
In Spanien entstehen gegenwärtig Initiativen, die auf die Überwindung der Passivität und der von den Gewerkschaften organisierten demobilisierenden Demonstrationen und Kundgebungen hinarbeiten. Denn bei Letzteren sollen wir nur ein kleines Häuflein Teilnehmer sein, die lediglich vorgegebene Parolen rufen, Pfeifkonzerte veranstalten und wegen der lauten Musik ansonsten schweigen. So kommt kein Bruch mit der kapitalistischen Normalität zustande, im Gegenteil, diese wird dadurch nur aufrechterhalten. Es kommt zu keiner Debatte, zu keiner Initiative der Teilnehmer und zu keiner Kontaktaufnahme untereinander.
Wenn wir zusammenkommen und protestieren, dann müssen wir uns dafür einsetzen, dass diese Gelegenheiten genutzt werden, um wirkliche Versammlungen abzuhalten, auf denen Maßnahmen und Initiativen zum Kampf beschlossen, Kontakte hergestellt, über Kriterien diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht werden. Wie die GenossInnen erklärten, organisierten sich in Frankreich Demonstranten, um am Ende jeder Demonstration Versammlungen auf der Straße abzuhalten, Versammlungen, an denen sich bis zu 400 Personen beteiligten.
Halten wir uns die Erfahrung Ägyptens vor Augen. Auf dem Tahir-Platz versammelten sich die Leute täglich, um sich Gehör zu verschaffen, verschiedene Forderungen vorzutragen, gemeinsam vorzugehen, alle Fragen gemeinsam zu diskutieren, Konzerte zu feiern und zu singen… Man muss sich dafür einsetzen, dass die öffentlichen Plätze in den Stadtvierteln zu einem Ort des Treffens, des Austausches und des Zusammenschlusses umgewandelt werden, wo Beschäftigte, Arbeitslose, StudentenInnen, Nachbarn, RentnerInnen ihre Forderungen vortragen und diese mit anderen Forderungen zu einem Ganzen bündeln. Wenn die Kraft dazu vorhanden ist, sollten diese Versammlungen zu ständigen Versammlungen werden, die sich nicht auflösen, bevor die Forderungen durchgesetzt sind.
Ein Genosse warf das folgende Problem auf: Es ist sehr gut, wenn man Forderungen aufstellt, es ist sehr gut, wenn man für unmittelbare Ziele kämpft. Aber wie steht es um das Endziel? Welche gesellschaftlichen Wünsche haben wir? Welche gesellschaftliche Alternative bieten wir? Besteht nicht die Gefahr der Ermüdung, Erschöpfung und Demobilisierung, wenn man den Blick und die Aktivitäten auf den rein lokalen und unmittelbaren Rahmen beschränkt?
Dies stieß eine große Diskussion an. In den Wortmeldungen herrschte Übereinstimmung darüber, dass der Genosse den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Gleichzeitig wurde deutlich, dass man auf späteren Treffen über das Thema diskutieren muss: Welche Gesellschaft wünschen wir, wie können wir diese aufbauen?
Einige Ideen wurden angesprochen: Gibt es eine Alternative zum Kapitalismus? Die Gesellschaften, die sich „kommunistisch“ nannten, wie Russland, China, Kuba, haben nichts mit Kommunismus zu tun, sondern waren rein staatskapitalistische Gebilde. Ein anderer Redebeitrag warf die Frage auf: Warum ist die russische Revolution von 1917 gescheitert und warum ist daraufhin der bürokratische Kapitalismus entstanden? Ein weiterer Redebeitrag stellte die Frage: Beweist Russland die Unmöglichkeit des Kommunismus? Welche Lehren muss man aus dieser Erfahrung ziehen, um nicht die gleichen Fehler zu begehen?
All diese Fragen konnten nicht beantwortet werden, da dies über die Ziele des Treffens hinausging. Daneben gab es einen zweiten Fragenkomplex: Gibt es eine Einheit zwischen den gegenwärtigen, unmittelbaren Kämpfen und dem Endkampf sowie der Gesellschaft, auf die wir hinarbeiten wollen? Die Frage weitergeführt: Entwickeln wir, wenn wir in den gegenwärtigen Kämpfen Kreativität und Initiative erleben, damit nicht sozusagen embryonenhaft die Grundlage für eine zukünftige Gesellschaft, deren Stützpfeiler die aktive und massive Beteiligung der Mehrheit sein wird? Errichten wir, wenn die Solidarität in den gegenwärtigen Kämpfen siegt und sich ausdehnt, damit auch den anderen Stützpfeiler der zukünftigen Gesellschaft, die sich auf die Gemeinschaft aller stützen wird?
Es wurde darauf hingewiesen, dass sich in der gegenwärtigen Gesellschaft eine große Empörung und tiefgreifende Wut aufstauen. Es wurde gesagt, dass Tunesien und Ägypten eine Explosion der Empörung und gesellschaftlichen Wut über die enorme Armut und vor allem über die Ausweglosigkeit des Kapitalismus sowie die fehlende Zukunft darstellen.
Eine Genossin meinte, die Reichen werden immer reicher, die Politiker und Banker immer arroganter bei der Zurschaustellung ihres Reichtums, während gleichzeitig Verzweiflung, Arbeitslosigkeit, Marginalisierung um sich greifen… Aber warum reagieren die Leute nicht? Warum kommt es hier zu keiner Explosion der Empörung?
Ein Genosse antwortete: In der sich demokratisch gebärenden Gesellschaft gibt es eine Art unsichtbarer gesellschaftlicher Vertrag, demzufolge diejenigen, die unten stehen, jene tolerieren, die sich ständig bereichern und oben stehen, solange sie ein Minimum zum Überleben und Konsumieren haben und ihnen eine gewisse Zukunft geboten wird. Doch wenn all dies immer mehr bedroht wird, wenn nur noch die Aussicht auf Arbeitslosigkeit, Armut und Prekarisierung besteht, dann wird dieser „gesellschaftliche Vertrag“ gebrochen. Dann fangen die da unten an zu begreifen, dass ihre Armut die Folge des Reichtums der Minderheit ist und diese auf Kosten des Leids der Mehrheit lebt. Dem fügte ein anderer Genosse hinzu: Der „Wohlfahrtstaat“ ist längst begraben und durch einen „Armutsstaat“ ersetzt worden.
Aber die Genossin bohrte weiter und fragte: Warum passiert in Spanien nicht das Gleiche wie in Frankreich oder in Ägypten?
In Frankreich waren die Kampfbereitschaft und der Frust über die Lage sehr groß. Die Gewerkschaften versuchten diese mittels Versammlungen mit massiver Beteiligung zu kanalisieren und kontrollieren, aber sie taten dies nicht aus freien Stücken, sondern aufgrund des Drucks in der Klasse. In dieser Dynamik entstanden und entfalteten sich branchenübergreifende Vollversammlungen.
In Spanien hat die CCOO-UGT pantomimische „Streiks“ organisiert, jetzt wurde auch ein Sozialpakt aufgezwungen. Sie wollen jede Möglichkeit verhindern, dass es zu Initiativen der ArbeiterInnen kommt. Diese können sich nämlich nur aufgrund der Mobilisierung von unten entfalten, durch den Beitrag von kollektiven Anstrengungen wie unseren Versammlungen, durch den Ausbruch von spontanen Kämpfen. Der Weg ist sehr schwierig und lang.
Es fehlt im Augenblick noch etwas, das ein Genosse folgendermaßen umschrieb: Die Leute haben heute kein Vertrauen mehr in Politiker, aber sie haben noch weniger Vertrauen in sich selbst.
Die Entwicklung des Vertrauens ist ungeheuer wichtig. Dies ist die tiefergehende Bedeutung unseres Treffens: zur Entwicklung des Selbstvertrauens der ArbeiterInnen beitragen. Es ist sehr einfach, alles Vorgegebene zu schlucken; das ist ja das, was die Gewerkschaft betreiben: eine von ihnen für uns vorbereitete Mobilisierung, von ihnen für uns vorbereitete Proteste usw. Doch all das untergräbt faktisch nur das Selbstvertrauen der ArbeiterInnen, lässt sie noch passiver werden und auf ihre eigene Verantwortung verzichten.
Zum Schluss kamen wir auf ein Thema zu sprechen, das zwar nicht weiter ausführlich behandelt werden konnte, aber wieder aufgegriffen werden soll. Ein Genosse meinte, die Blockade von Raffinerien, Flughäfen, Transportmitteln usw. hätten eine Schlüsselrolle in den Kämpfen in Frankreich gespielt. Sie lähmten den Kapitalismus, weil sie die Mobilität einschränkten, den Warenverkehr lahm legten usw. Auf diese Weise würde das Herz des Systems – die Reproduktion – getroffen.
Ein anderer Genosse stimmte damit nicht überein. Er meinte, die Regierung verfüge über ausreichend Treibstoffreserven. Stattdessen hätten die Regierung und die Gewerkschaften für eine Art Hysterie gesorgt, mit dem Ziel, die Bewegung in ein schlechtes Licht zu rücken, damit sie als gegen die Mehrheit der Bevölkerung und auch gegen viele Beschäftigte gerichtet erscheint.
Er hob hervor, was dem Kapital und dem Staat wirklich zusetzt, sei die massive Ausdehnung und Vereinigung der Bewegung. Dies würde zu ihrer politischen und gesellschaftlichen Isolierung beitragen. Sicherlich habe es aber auch Fälle gegeben, in denen die Blockade einer Fabrik oder einer Universität ein Mittel gewesen sei, die Kämpfenden zusammenzuschweißen. In solchen Fällen seien Blockaden eine wirksame Waffe.
[1] [280] Dies stützt sich auf die Notizen, die von den Teilnehmern des “Colectivo de Trabajadores“ aus Valencia gemacht wurden. Es mag Fehler geben, deshalb bitten wir die anderen TeilnehmerInnen, auf Ungenauigkeiten usw., sofern vorhanden, hinzuweisen.
Ich habe mir über die Diskussion des Ausstiegs aus der Atomenergie meine
Gedanken gemacht und finde, dass der Ausstieg beschränkt auf die
Atomenergie, bei weiten nicht ausreichend ist.
Die Mengen des giftigen Plutoniums vermehren sich im gleichen Verhältnis,
wie sich das Kapital der Privateigentümer vermehrt. Obwohl das Plutonium
159400 Jahre braucht, um 99 Prozent seiner ursprünglichen Strahlung
abzubauen, kommen jährlich tausende Tonnen neu hinzu. Wer bei dieser
gewaltigen Zeitspanne von 159 Tausend Jahre an die Zukunft seiner Erben
denkt, der würde sich die Frage stellen: „Wie können die künftigen
Generationen in einem so unüberschaubaren Zeitraum, vor der
Radioaktivität des Atommüll sicher sein?“ Die Strahlenprobleme von
Japan machen es wieder sichtbar, wie schutzlos die Menschen vor den
sogenannten Sachzwängen sind.
Wir haben vor kurzem eine Zuschrift von einem Leser erhalten, der sich mit der Frage des Ausstiegs aus der Atomernergie befasst. Wir teilen voll und ganz die Grundideen dieser Zuschrift, auch wenn man über die eine oder andere Formulierung diskutieren könnte. Wir bedanken uns für die Zuschrift und möchten alle anderen Leser/Leserinnen zu solchen Initiativen ermuntern. - Weltrevolution -
"Ich habe mir über die Diskussion des Ausstiegs aus der Atomenergie meine
Gedanken gemacht und finde, dass der Ausstieg beschränkt auf die
Atomenergie, bei weiten nicht ausreichend ist.
Die Mengen des giftigen Plutoniums vermehren sich im gleichen Verhältnis,
wie sich das Kapital der Privateigentümer vermehrt. Obwohl das Plutonium
159400 Jahre braucht, um 99 Prozent seiner ursprünglichen Strahlung
abzubauen, kommen jährlich tausende Tonnen neu hinzu. Wer bei dieser
gewaltigen Zeitspanne von 159 Tausend Jahre an die Zukunft seiner Erben
denkt, der würde sich die Frage stellen: „Wie können die künftigen
Generationen in einem so unüberschaubaren Zeitraum, vor der
Radioaktivität des Atommüll sicher sein?“ Die Strahlenprobleme von
Japan machen es wieder sichtbar, wie schutzlos die Menschen vor den
sogenannten Sachzwängen sind.
Es beginnt schon damit, dass in der praktischen Anwendung des
bürgerlichen Rechts, die Kapitalgesellschaften von den Kosten, die sie
verursachen, befreit werden. In der Tat müssen wir zusehen, wie der
Allgemeinheit die Lasten zugeschoben werden, wie z.B. die Kosten, die durch
die Atomkraftwerke an Natur und Mensch verbrochen wurden, oder wie z.B. die
Kosten des neu eingerichteten „Euro Schutzschirms“ mit 700 Milliarden
Euro, wobei dieser „Schutzschirm“ in Wirklichkeit als Geldreserve dem
Casinokapitalismus dient.
Aber nur der Ausstieg aus der Atomenergie ist viel zu wenig, weil sich
dadurch nichts an der Anarchie des Kapitals, an seinen zerstörerischen
Kräften ändert. Dagegen wäre der Ausstieg aus dem Lohnsystem schon
längst überfällig. Was kann es im Kapitalismus schon für eine Zukunft
geben, in der die Menschheit der Hierarchie der Teilung der Arbeit
unterworfen ist, die den Menschen zu einem Handelsobjekt verwandelt, ihn zu
einer käuflichen Ware entwertet und ihn noch dazu geistig verkrüppelt.
Dazu ist zu bemerken, dass das Eine ohne das Andere, das Kapital ohne die
Teilung der Arbeit und umgekehrt, die Teilung der Arbeit ohne Kapital nicht
existieren kann. Das heißt solange die Teilung der Arbeit die Macht über
die Menschheit hat, solange muss das Privateigentum existieren. Das
Privateigentum ist auf die Gemeinschaft bezogen asozial, weil es die
Gesellschaft in private, gegeneinander konkurrierenden Zellen zerpflückt, die
von der Allgemeinheit losgelöst, gegen die Gesellschaft und gegeneinander
existieren.
Wie wir wissen, ist die Beziehung zwischen Privateigentum und Wachstum,
bzw. zwischen Lohnarbeit und Kapital, ein in sich geschlossener Kreislauf;
ein schon seit Ewigkeit bestehender Kreislauf, der durch die heutige
Technologie und die ungeheuren Produktivkräfte nicht nur unnötig ist,
sondern sich je nach der Art des Wachstums gegen die Existenz der
Menschen richtet. Der wirtschaftliche Mechanismus des Privateigentums
unterliegt dem Zwang des Wachstums. Denn fehlt das Geld, dann fehlt auch
die Grundlage für die Existenz der privaten Zellen. Der triviale Kreislauf
des Wachstums: Ohne Wachstum gibt es keine Profite und ohne Profite gibt es
keine Investitionen und ohne Investitionen gibt es keine Aufträge. Der
Handel bricht ein und somit verschwinden auch die Arbeitsplätze. Ohne
Wachstum kann das Kapital nicht zirkulieren, damit ist das Privateigentum
gefährdet, aber vor allem ist die Gesellschaft betroffen, denn sie
verfällt in eine Krise bis hin in die Barbarei.
Eine Gesellschaft, der ihre gesellschaftlichen Produktionsmittel durch
Privatbesitz entzogen sind, ist nicht nur entmündigt, sondern sie ist auch
aller ihrer demokratischen Möglichkeiten beraubt. Z.B. kann die
Gesellschaft nicht die gesellschaftlichen Produktionsmittel nach ihren
Bedürfnissen einsetzen und auch nicht die Interessen ihrer nachkommenden
Generationen schützen. Auf der anderen Seite das Dilemma des
Privateigentums: Die Privateigentümer können nicht auf die Menschen oder
auf die Existenzbedürfnisse künftiger Generationen Rücksicht nehmen,
falls sie nicht den Stillstand des Wachstums und somit ihr Privateigentum
riskieren wollen.
Das Wachstum ist eine zwingende Voraussetzung für die Existenz der
privaten Zellen, bzw. für den Erhalt ihres Privateigentums. Ohne Aufhebung
der Teilung der Arbeit, lässt sich auf Dauer das Problem des
Privateigentums nicht lösen und die Menschen können erst recht nicht auf
das Wachstum regulierend zugreifen. Aber ohne Regulierung bleibt der
Kreislauf zwischen Privateigentum und Wachstum bestehen und es bleibt, was
es immer war: Ein Wettlauf zwischen Wachstum und Umweltzerstörung, ein
Sachzwang, der nicht nur über die Menschheit herrscht, sondern überhaupt
ihren Fortbestand bedroht.
Der Umstand, dass die nachkommenden Generationen schon die Lasten der
heutigen Generation tragen müssen, macht zum Teil das heutige Wachstum
aus. Der heutige hohe Standard der Privatzellen lässt sich einmal nur auf
Kosten der nachfolgenden Generationen beibehalten. Daher ist der Ausstieg
aus der verknöcherten Teilung der Arbeit keine ideologische, sondern eine
existenzielle Frage für die Menschheit. Denn „wir erhalten aus diesem
ganzen Dreck nur das eine Resultat, dass diese drei Momente, die
Produktionskraft, der gesellschaftliche Zustand und das Bewusstsein, in
Widerspruch untereinander geraten können und müssen, weil mit der Teilung
der Arbeit die Möglichkeit, ja die Wirklichkeit gegeben ist, dass die
geistige und materielle Tätigkeit - dass der Genuss und die Arbeit,
Produktion und Konsumtion, verschiedenen Individuen zufallen, und die
Möglichkeit, dass sie nicht in Widerspruch geraten, nur darin liegt, dass
die Teilung der Arbeit wieder aufgehoben wird.“ [MEW Band 3, Deutsche
Ideologie I. Feuerbach. Seite 32]
Wenn wir den Fortbestand der Menschheit sichern wollen, dann ist eine
Revolution erforderlich, die von der Anarchie zu einer von allen
kontrollierten Wirtschaft führt; die die Menschheit von der repressiv
organisierten Teilung der Arbeit befreit, damit die freie und allseitige
Entwicklung eines jeden Menschen zur Wirklichkeit wird. Was die Qualität
der Revolution betrifft, so unterscheidet sie sich von den herkömmlichen
Revolutionen insofern, „dass in allen bisherigen Revolutionen die Art der
Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andre
Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der [alten
Arbeitshierarchien] an andre Personen handelte, während kommunistische
Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, indem sie
die Teilung der Arbeit beseitigt“. [MEW Band 3, Deutsche Ideologie I.
Feuerbach. Seite 69] Gruß, Karasek.
In dem vorherigen Artikel haben wir die großen Kämpfe der Arbeiterklasse in Italien Ende der 1960er Jahre geschildert, die in die Geschichte als der „Heiße Herbst“ eingegangen sind. Wie wir in dem vorherigen Artikel dargestellt haben, ist dies eigentlich eine zu eingeschränkte Bezeichnung zur Charakterisierung einer Phase des Kampfes, an der sich in Italien in den Jahren 1968-69 zahlreiche Arbeiter beteiligten und die in den darauffolgenden Jahren tiefe Spuren hinterlassen hat. Wir haben ebenso aufgezeigt, dass dieser Kampf in Italien nur einer der zahlreichen Momente im Prozess des Wiedererstarkens des internationalen Klassenkampfes nach einer langen Zeit der Konterrevolution war, die sich nach der Niederlage der revolutionären Welle von Kämpfen in den 1920er Jahren weltweit ausgebreitet hatte. In dem Schlussteil des ersten Artikels haben wir daran erinnert, dass diese gewaltige Entwicklung der Kampfbereitschaft, die mit wichtigen Augenblicken der Klärung in der Arbeiterklasse verbunden war, nachfolgend auf große Hürden stieß.
Die italienische Bourgeoisie, wie auch die anderer Länder, die sich mit einer wiedererwachten Arbeiterklasse auseinandersetzen mussten, verhielt sich nicht passiv, sondern versuchte, die Arbeiterklasse neben dem direkten Eingreifen durch die Polizei gleichzeitig mit verschiedenen anderen Mitteln in Schach zu halten. Wie wir im zweiten Teil dieses Artikels sehen werden, stützte sich die Fähigkeit der herrschenden Klasse, die Bewegung für sich zu vereinnahmen, auf die Schwächen eben dieser Bewegung der Arbeiter, der es trotz einer gewaltigen Kampfbereitschaft noch an einem klaren Klassenbewusstsein mangelte und die noch nicht die notwendige Reife und Klarheit erreicht hatte, um ihre Rolle zu erfüllen.
Die Schwächen der Arbeiterklasse im „Heißen Herbst” sind hauptsächlich auf den tiefgreifenden organischen Bruch, der in der Arbeiterbewegung nach der Niederlage der revolutionären Welle in den 1920er Jahren stattgefunden hatte, sowie auf das erdrückende Gewicht des Stalinismus zurückzuführen. Auf das Klassenbewusstsein der Arbeiter wirkte sich dies doppelt negativ aus.
Auf der einen Seite war das gesamte politische Erbe der Arbeiterklasse ausgelöscht worden; die Perspektive des Kommunismus wurde mit den interklassistischen (klassenübergreifenden) Programmen der Verstaatlichungen verwechselt und der Klassenkampf selbst zunehmend als ein Kampf für die „Verteidigung des Vaterlandes“ dargestellt.[1] Andererseits hat die scheinbare Kontinuität zwischen der revolutionären Welle der 1920er Jahre und den schlimmsten Auswüchsen der Konterrevolution - mit den stalinistischen Säuberungen und den Massenmord an Millionen von Arbeitern im Namen des „Kommunismus“ - auch aufgrund der perversen Propaganda der Herrschenden, wonach die Kommunisten jederzeit bereit seien, Menschen zu unterdrücken und Gewalt gegen sie auszuüben, in den Köpfen der Menschen natürlich die Auffassung verbreitet, Marxismus und Leninismus seien verwerflich oder müssten zumindest tiefgreifend revidiert werden.
Als die Arbeiterklasse in Italien und international wieder erwachte, stand ihr keine revolutionäre Organisation zur Seite, die sich auf ausreichende theoretische Fundamente stützen konnte.
Fast alle neuen Gruppen, die im Zuge des wiederauflebenden Klassenkampfes Ende der 1960er Jahre entstanden waren, bezogen sich zwar auf die Klassiker, aber sie taten dies nur unter Vorbehalte, was ihnen nicht helfen sollte, das zu finden, was sie suchten. Selbst die politischen Gruppierungen der Kommunistischen Linken, die die langen Jahre der Konterrevolution überlebt hatten, waren politisch nicht unbeschädigt geblieben. Die Rätekommunisten, Zeugnisse der beispielhaften Erfahrungen der Deutsch-Holländischen Linken in den 1920er Jahren, die fast ausgelöscht wurden und denen der Schrecken der verheerenden Rolle einer degenerierten Partei, die auch in Zukunft – wie die stalinistische KP – Staat und Klasse beherrschen würde, noch in den Gliedern saß, beschränkten sich zunehmend darauf, sich „an den Kämpfen zu beteiligen“, ohne eine Avantgarderolle anzustreben. Sie wollten das ganze Erbe, all die Lehren der Vergangenheit für sich behalten.
Das Gleiche traf in gewisser Weise auf die Bordigisten und die Italienische Linke nach 1943 (Programme Communiste und Battaglia Comunista) zu, die nachdrücklich eine zentrale Rolle für die Partei einforderten. Unfähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen, und vernarrt in die Partei, wobei sie in gewisser Weise jene Arbeiterkämpfe unterschätzten, die ohne Zutun einer revolutionären Organisation stattfanden, haben sie sich geweigert, im Heißen Herbst und den Kämpfen Ende der 1960er Jahre das historische Wiedererwachen der Arbeiterklasse auf internationaler Ebene anzuerkennen. Deshalb traten sie damals fast gar nicht in Erscheinung.[2]
So sahen sicFh, sei es aufgrund des Misstrauens infolge der Auseinandersetzung mit den früheren politischen Erfahrungen, sei es weil die politischen Bezugspunkte fehlten, die neuen politischen Gruppen, die in den 1960er Jahren gebildet wurden, dazu veranlasst, Positionen und ein Aktionsprogramme neu zu erfinden. Das Problem war, dass ihr Ausgangspunkt ihre Erfahrung mit der alten stalinistischen Partei war. Daher häuften sich in dieser Generation so viele Militante, die sich gegen diese Parteien und die Gewerkschaften richteten, die die Verbindung zu den alten linken Parteien kappten, aber auch teilweise mit der marxistischen Tradition brachen und sich auf die Suche nach einem „neuen“ revolutionären Weg begaben, den sie „auf der Straße“ zu finden hofften. Daher blühten Spontaneismus und Voluntarismus stark auf, denn alles, was noch den „offiziellen Marxismus“ für sich beanspruchte, eigentlich nur der alte Stalinismus (à la UdSSR und italienische KP) oder der neue „chinesische Kommunismus“ war.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich der Operaismus zur vorherrschenden politischen Strömung im Heißen Herbst.
Die gerechtfertigte Reaktion der Arbeiter, die den Kampf gegen den Widerstand der bürokratisierten und erstickenden Strukturen der italienischen KP[3] und der Gewerkschaften aufnahmen, führte zu einem Vertrauensverlust in diese Strukturen. Stattdessen war es nun die Arbeiterklasse, in die das ganze Vertrauen gesetzt wurde.
Dieses Gefühl kam in der Wortmeldung eines Arbeiters der Mailänder Firma OM auf einer Versammlung der neu gegründeten Lotta Continua im Sportpalast Turins im Januar 1970 deutlich zum Ausdruck: „Im Unterschied zur Kommunistischen Partei werden wir nicht von einer Handvoll Bürgerlicher geführt. (…) Wir werden nicht in die Fußstapfen des PCI treten, weil die Arbeiter selbst die Führung dieser Organisation übernehmen werden.“[4]
Das Urteil über die Gewerkschaften fällt besonders heftig aus: “Wir meinen nicht, dass man die Gewerkschaften von Innen her ändern kann; auch kann man keine neuen Gewerkschaften aufbauen, die ‚röter‘, ‚revolutionärer‘ und mehr ‚Arbeitervertreter‘, keine Bürokraten wären. Wir meinen, dass die Gewerkschaften ein Räderwerk des Systems der Arbeitgeber sind (…) Und dass sie deshalb wie die Arbeitgeber bekämpft werden müssen.“[5]
Wir werden in diesem Artikel versuchen, die Hauptaspekte des Operaismus darzustellen, insbesondere die Version Toni Negris, der bis heute einer der bekanntesten Vertreter dieser politischen Strömung ist, um dessen Stärken herauszuarbeiten, aber auch die Ursachen seines späteren Scheiterns aufzeigen. Dabei beziehen wir uns auf das Werk Toni Negris Vom Massenarbeiter zum gesellschaftlichen Arbeiter. Interview zum Operaismus.[6]
"Der sogenannte Operaismus entsteht und nimmt Form an als Versuch einer politischen Antwort auf die Krise der Arbeiterbewegung in den 50er Jahren, die grundlegend verursacht wurde durch das historische Geschehen der Arbeiterbewegung rund um den 20. Parteitag."[7]
Aus diesem Abschnitt wird bereits ersichtlich, dass trotz des tiefen Bruchs mit den offiziellen Kräften der Linken die Definition derselben – insbesondere des PC Italiens – völlig unzureichend und theoretisch nicht tiefer verwurzelt ist. Der Ausgangspunkt ist die angebliche „Krise der Arbeiterbewegung der 1950er Jahre“. Jedoch war das, was als damalige Arbeiterbewegung dargestellt wird, faktisch nur die Internationale der stalinistischen Konterrevolution, nachdem die revolutionäre Welle schon in den 1920er Jahren niedergeschlagen und der Großteil der politischen Kader unter den Arbeitern ausgelöscht worden war, sei es durch ihre Zersplitterung oder durch ihre Ermordung. Diese Unklarheiten gegenüber dem PC Italiens schlugen sich in einer Art „Hassliebe“ gegenüber der Partei nieder, aus der man hervorgegangen war. Dies erklärt, warum im Laufe der Zeit so viele Leute nichts Besseres zu tun wussten, als wieder in den Schoß zurückzukehren, den sie einst verlassen hatten.[8]
Ursprünglich stützte sich der Operaismus auf den so genannten Massenarbeiter, d.h. auf die neue Generation von Arbeitern, die, zumeist aus dem Süden kommend, in der Expansions- und Modernisierungsphase der Industrie von der zweiten Hälfte der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre das alte Arbeiterbild des Facharbeiters verdrängen sollte. Diese neue Generation musste in der Regel unqualifizierte und ständig sich wiederholende Arbeit verrichten. Die Tatsache, dass dieser junge und unerfahrene Teil des Proletariats den Lockrufen des Stalinismus und der Gewerkschaften viel weniger Gehör schenkte und kampflustiger war, verleitete die damaligen Operaisten dazu, mit einer soziologischen Analyse zu liebäugeln, der zufolge die KP Italiens die Facharbeiter, die Arbeiteraristokratie verkörpert habe.[9] Wir werden später sehen, wohin diese Art soziale „Reinigung“ auf der Ebene der politischen Entscheidungen führt.
Der historische Kontext der 1960er Jahre: die enorme Stärke und die Dauer der damaligen Klassenbewegung in Italien, aber auch der Mangel an Erfahrung, da keine proletarische Organisation da war, die diese hätte übermittelt können, ließen damals die Generation junger Militanten glauben, dass eine revolutionäre Situation angebrochen sei[10] und dass man eine Art Gegenmacht gegen die herrschende Klasse aufzubauen habe. Deshalb sei es Aufgabe der Gruppen, die diese Auffassung vertraten (hauptsächlich Potere Operaio), eine Führungsrolle in den Debatten der Bewegung zu übernehmen („wie eine Partei handeln“) und gemeinsam und systematisch gegen den Staat vorzugehen. Toni Negri schrieb dazu folgendes:
„Die politischen Aktivitäten [von Potere Operaio] werden also darauf ausgerichtet sein, systematisch die Klassenbewegung, die verschiedenen Situationen, die verschiedenen Sektoren der Arbeiterklasse und des Proletariats neuzusammenzusetzen und sie zu Momenten der Massenkonfrontation zu führen, die diese Realität des Staates, so wie sie erscheint, [einkerben] zu können. Die Ausübung einer Gegenmacht, einer Gegenmacht, die mit spezifischen Erfahrungen verknüpft ist, mit dem Ziel sich zunehmend selbst gegen die Staatsmacht zu schützen und diese anzugreifen, ist sowohl als Subjekt der Analyse als auch als Funktion der Organisation fundamental“[11]
Leider hat die mangelnde Kritik an der stalinistischen Praxis sowohl die operaistischen als auch die nicht-operaistischen Gruppen dazu veranlasst, selbst stalinistische Traditionen zu pflegen. Dazu gehört die Idee des „exemplarischen Handelns“, das die Massen dazu bewegen soll, eine bestimmte Haltung einzunehmen. Diese Idee hat sich als besonders nachteilig erwiesen. „Ich hatte keine pazifistischen Positionen“, sagt Negarville, einer der Leiter des Ordnungsdienstes, der die Konfrontation mit der Polizei auf dem Corso Traiano suchte und fand (am 3. Juli 1969 wurden 70 Polizisten verletzt, 160 Demonstranten verhaftet). „Die Idee des exemplarischen Handelns, die zum Eingreifen der Polizei führt, war von Anfang an Teil der Theorie und Praxis von Lotta Continua. Die Zusammenstöße auf der Straße dienen genauso wie die Kämpfe der Arbeiter um Lohnerhöhungen als Anstoß für die Auslösung einer Bewegung“, sagt Negarville. Es gebe nichts Schlimmeres als eine friedliche Demonstration oder ein guter Vertrag. Was zähle, sei nicht die Erlangung eines Zieles, sondern der Kampf; und der Kampf gehe weiter [la lotta continua].[12]
Diese Logik ist die gleiche wie jene, die später verschiedene terroristische Gruppen dazu verleiten sollte, den Staat herauszufordern. Dies geschah auf Kosten der Arbeiterklasse, denn man rechnete damit, dass mit der Zunahme der Angriffe gegen den Staat auch der Mut der Arbeiter wachsen werde. Die Erfahrung bewies schließlich das Gegenteil. Jedesmal, wenn terroristische Banden der Arbeiterklasse die Initiative entrissen und diese objektiv mit einer Erpressung konfrontierten, wurde die Arbeiterklasse in der Folge systematisch gelähmt.[13]
Diese ständige Suche nach Konfrontationen führte aber langfristig zu einer Erschöpfung der Kräfte und erschwerte es den operaistischen Gruppen, Gelegenheiten zu ernsthaften politischen Reflexionen zu finden.
„Tatsächlich wurde das Organisationsleben von Potere Operaio fortwährend durch das Bedürfnis unterbrochen, sich mit entscheidenden Augenblicken zu befassen, die immer öfter die Fähigkeiten überstiegen, massiv zu reagieren. Hinzu kommt, dass es häufig nur eine geringe Verankerung innerhalb der Massen gab, was es unmöglich machte, sich diesen Gelegenheiten zu stellen.“[14]
Darüber hinaus begannen die Kämpfe, die sich Anfang der 1970er Jahre noch durch einen großen Elan auszeichneten, ihre Dynamik zu verlieren. Daher löste sich 1973 die Gruppe Potere Operaio auf:
„.. sobald wir verstanden hatten, dass das Problem, das wir uns stellten, in der aktuellen Situation und bei dem gegebenen Kräfteverhältnis nicht lösbar war, haben wir uns aufgelöst. Wenn wir mit unseren Kräften dieses Problem nicht lösten konnten, dann musste die Stärke der Massenbewegung es auf die eine oder andere Weise lösen und wenigstens das Problem auf neue Weise stellen.“[15]
Die dahinter stehende These, der zufolge es der Widerstand der Arbeiter gegen das Kapital gewesen sei, der permanent und zunehmend Druck ausgeübt und so neue materielle Bedingungen für den Aufbau einer „neuen revolutionären Partei“ geschaffen habe, erwies sich schnell als unbegründet. Diese These stand im Gegensatz zu den negativen Auswirkungen des im Rückzug befindlichen Klassenkampfes.
Doch statt dies anzuerkennen, wurden die Operaisten Opfer eines wachsenden Subjektivismus und gingen davon aus, dass der Kampf der Arbeiterklasse das Wirtschaftssystem in die Krise gestürzt habe. So gaben sie Schritt für Schritt jegliche materialistische Herangehensweise in ihrer Analyse auf und übernahmen gelegentlich eindeutig Klassen übergreifende Sichtweisen.
Die für den Operaismus charakteristischen politischen Themen waren nicht immer die gleichen; auch wurden sie nicht immer mit dem gleichen Nachdruck vermittelt. Aber alle Positionen von Potere Operaio (als auch des Operaismus im allgemeinen) zeichneten sich durch die Forderung nach permanenter frontaler Opposition gegen den Staat aus; eine prahlerische Opposition, die sich als politisches Handlungssignal und Ausdruck seiner Lebendigkeit verstand. Doch langsam änderte sich der Bezug zur Arbeiterklasse bzw. das Bild des Arbeiters, auf das man sich bezog. Anfangs war der Massenarbeiter der Referenzpunkt. Als die Kämpfe immer mehr abflauten, sprach man zunehmend vom „gesellschaftlichen Arbeiter“. Dieser sich wandelnde Referenzpunkt erklärt gewissermaßen die ganze Entwicklung oder - genauer gesagt - die politische Rückentwicklung des Operaismus.
Um diese Entwicklung der Positionen des Operaismus zu erklären, ist es nötig sein Bild vom Kapital anzudeuten: das Kapital versuche, die Kampfbereitschaft der Arbeiter, die bisher in den Großbetrieben gebündelt war, durch geografische Zerstreuung aufzulösen.
“... die kapitalistische Restrukturierung identifizierte sich zunehmend als eine kolossale Operation der Auflösung der Form, in der die Arbeiterklasse sich in den 70er Jahren konstituiert hat, bestimmt hat. In den 70er Jahren hatte es einen Vorrang des Massenarbeiters gegeben, insofern er Scharnierfigur der kapitalistischen Produktion und der in der Fabrik konzentrierten gesellschaftlichen Wertproduktion war. Die kapitalistische Restrukturierung wurde von dieser inneren politischen Rigidität zwischen Produktion und Reproduktion gezwungen, die Isolierung des Massenarbeiters in der Fabrik gegenüber dem Prozess der Vergesellschaftung der Produktion und der Arbeiterfigur, die sich gesellschaftlich ausbreitete, nach und nach auszuspielen. Andererseits begann in dem Maß, in dem sich der Produktionsprozess auf die Gesellschaft ausdehnte, das Wertgesetz nur noch formal zu funktionieren, das heißt, es funktionierte nicht bezogen auf das direkte Verhältnis zwischen individueller, bestimmter Arbeit und abgepresstem Mehrwert, sondern auf die gesellschaftliche Arbeit in ihrer Gesamtheit.“[16]
Zum “typischen” Arbeiter wurde somit das Phantom des “gesellschaftlichen Arbeiters”, ungeachtet der Präzisierungen durch Negri, blieb dies eine sehr verschwommene Gestalt, in der die Bewegung zu dieser Zeit alles mögliche hineininterpretieren konnte.[17]
Mit dem Übergang vom Massenarbeiter zum gesellschaftlichen Arbeiter löste sich der Operaismus schließlich auf (Potere Operaio) oder degenerierte in Richtung Parlamentarismus (siehe die Wahlbeteiligung Lotta Continuas). Dazu trat ein neues gesellschaftliches Phänomen in Erscheinung: die Arbeiterautonomie,[18] die beanspruchte, als Bewegung in Kontinuität mit der operaistischen Erfahrung zu stehen.
Die Arbeiterautonomie wurde auf dem Kongress von Bologna 1973 gegründet, d.h. zu einer Zeit, als viele Jugendliche sich in der Gestalt des von Toni Negri erfundenen gesellschaftlichen Arbeiters wiedererkannten. Aus Sicht dieses „jungen Proletariats“ erfolgte die Befreiung nicht mehr durch die Eroberung der Macht, sondern durch die Entwicklung eines "sozialen Raums, der in der Lage ist, die Utopie einer Gemeinschaft, die sich außerhalb des ökonomischen Modells der Arbeit und des Lohns entwickelt und organisiert, [schon jetzt] zu verkörpern"[19] und die Erschaffung des Kommunismus „jetzt und sofort“. Politik wurde zum "Luxus", diktiert und abhängig von Begehren und Bedürfnissen. Die Politik wurde als „luxuriös“ betrachtet, sie „diktiere“ und unterwerfe die Bedürfnisse und Wünsche ihren Interessen. Dieser „unmittelbare Kommunismus“, der sich in den Sozialen Zentren (centri sociale) ausdrückte, in denen sich die Jugendlichen der Arbeiterviertel trafen, trat in der Praxis durch eine Vielzahl von direkten Aktionen in Erscheinung; dazu gehörten hauptsächlich die „proletarischen Enteignungen“, die als „sozialer Lohn“ betrachtet und bezeichnet wurden, oder die Besetzungen von öffentlichem wie privatem Wohnraum und konfuse Erfahrungen mit Selbstverwaltung und alternativen Lebensformen. Diese voluntaristische Haltung, die die Wünsche für die Wirklichkeit hielt, griff immer weiter um sich, bis man davon ausging, dass die gesellschaftlichen Arbeiter zum Angriff auf die Herrschenden übergehen könnten:
"... die Situation in Italien ist nun von einer unbeugsamen, radikalen Gegenmacht beherrscht, die einfach nichts mehr zu tun hat mit der Arbeiterexistenz in den Fabriken, mit der vom 'Arbeiterstatut' oder von bestimmten institutionellen nach '68 entstandenen Gliederungen erfassten Situation. Wir befinden uns hingegen in einer Situation, in der im Innern des gesamten Reproduktionsprozesses – und das muss betont werden – die Arbeiterselbstorganisation nunmehr definitiv gegeben ist."[20]
Diese Analyse galt nicht nur für Italien, sondern wurde auf die ganze Welt ausgedehnt, vor allem auf die Länder mit der am höchsten entwickelten Wirtschaft, wie die USA und Großbritannien. Die Überzeugung, dass die Arbeiterbewegung von einer Position der Stärke aus agieren konnte, ließ Toni Negri (und andere Autonome der damaligen Zeit) glauben, dass die Staaten nun finanzielle Konzessionen machen müssen, d.h. einen größeren Anteil des Kuchens an die Arbeiter verteilen müssen, um so zu versuchen, die proletarische Offensive einzudämmen:
"... Phänomene, die wir perfekt kennen in Ökonomien, die reifer sind als unsere; Phänomene, die die ganzen 70er Jahre hindurch sowohl in den USA wie in Großbritannien vollständig in Kraft waren. Wo nach einer Möglichkeit gesucht wurde, die Bewegung zu blockieren, einerseits über die Zerstörung der subjektiven Avantgarden der Bewegung, andererseits jedoch und in bedeutender Weise, über die Fähigkeit zur Kontrolle, die sich auf die enorme Verfügbarkeit von Geld stützte, über eine enorme Auffächerung (articolazione) der Einkommensverteilung."[21]
In dieser Lage, in der “der ganze Prozess der Verwertung nicht mehr besteht”, seien die Bosse sogar bereit gewesen, auf den eigenen Profit zu verzichten, nur um “die Regeln der Akkumulation wiederherzustellen” und “die Instrumente der Kontrolle und des Kommandos vollständig zu sozialisieren”.[22]
Mit anderen Worten: man meinte den Staat durch die Kämpfe destabilisiert und in eine Krise gestürzt zu haben, ohne dass man sich bewusst war, dass auf den Straßen hauptsächlich nur noch Jugendliche zusammenkamen, die zunehmend mit der Gesellschaft und der Arbeitswelt brachen und daher immer weniger imstande waren, auf die herrschende Klasse Druck auszuüben.
Typisch für diese Zeit war das Konzept der “Arbeiterselbstverwirklichung”, das sich, abgesehen von Aspekten materieller Errungenschaften, auf „Momente der Gegenmacht, wie politische Momente der Selbstbestimmung, der Trennung der eigenen Klassenrealität von dem, was insgesamt die Realität der kapitalistischen Produktion ist.“[23] In diesem Kontext hätte die „proletarische Eroberung des Einkommens“ dazu in der Lage sein müssen, „gelegentlich die Gleichung des Wertgesetzes zu zerstören.“[24] Hier verwechselt er die Fähigkeit der Klasse, Lohnerhöhungen durchzusetzen und somit den Teil des Mehrwertes zu reduzieren, der von den Kapitalisten herausgepresst wird, mit einer angeblichen „Zerstörung“ des Wertgesetzes. Doch die Geschichte des Kapitalismus hat bewiesen, dass das Wertgesetz überlebt hat und weiterhin besteht. Dies galt auch für die Länder des sogenannten „Realsozialismus“ (die Ostblockstaaten, die seinerzeit irreführenderweise kommunistisch genannt wurden).
Dies verdeutlicht die große Illusion des Milieus der Arbeiterautonomie, der zufolge die Arbeiterklasse innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft eine relativ „stabile“ Position der Gegenmacht errichten kann. Doch das Phänomen einer Doppelherrschaft kennzeichnet eine besonders zerbrechliche Phase - eine typisch revolutionäre Phase. Diese setzt entweder durch eine siegreiche Offensive die Macht der Arbeiterklasse durch und überwindet die bürgerliche Macht oder sie führt zu einer Niederlage der Klasse.
Erst diese Abnabelung von der materiellen Wirklichkeit, den ökonomischen Grundlagen des Kampfes, führte zu der wunderlichen und typisch studentischen Entwicklung der politischen Positionen der Autonomia.
Besonders angesagt unter den Mitstreitern der Arbeiterautonomie war die Position der Arbeitsverweigerung, die eng mit der Theorie der Bedürfnisse verknüpft war. Gegenüber der richtigen Aussage, dass der Arbeiter sich nicht durch die Logik der Unternehmerinteressen benebeln lassen und stattdessen für die Befriedigung seiner grundlegenden Bedürfnisse eintreten soll, warteten die Theoretiker der Autonomie mit einer Theorie auf, die darüber hinaus gehen wollte. Sie stellten die Selbst-Aufwertung (self-valorisation) der Arbeiter mit der Sabotage des Betriebsablaufs gleich und behaupteten gar, es sei ein Vergnügen, Sabotageakte auszuüben. Dies geht zumindest aus Toni Negris genüsslicher Schilderung der Freiheit hervor, die sich die Beschäftigten von Alfa Romeo genommen haben, als diese anfingen, an den Montagebändern zu rauchen, ohne sich um mögliche Schäden für die Produktion zu kümmern. Kein Zweifel – manchmal empfindet man eine große Genugtuung, sinnlose Verbote oder Verbote, die aus der Arroganz der Macht geboren wurden, zu brechen. Dies kann psychologisch und gar physisch befriedigend sein. Aber was hat das mit den Schlussfolgerungen von Toni Negri zu tun, aus dessen Sicht das Rauchen am Fließband „eine ganz wichtige Sache ist; aus theoretischer Sicht fast genauso wichtig wie die Entdeckung, dass die Arbeiterklasse die Entwicklung des Kapitals bestimmt“? Negri zufolge war die „Sphäre der Bedürfnisse“ nicht mehr die der materiellen, objektiven, natürlichen Bedürfnisse, sondern etwas, das sich allmählich bildet, „das alle Möglichkeiten, die die Gegenkultur bot, prägte und bald beherrschte.“
In gewisser Weise wird die berechtigte Verweigerung nicht nur der materiellen, sondern auch der geistigen Entfremdung am Arbeitsplatz, die sich im Ungehorsam gegenüber der Fabrikdisziplin äußert, dargestellt als „eine qualitativ bemerkenswerte Tatsache, etwas, das in direktem Einklang mit dem Ausmaß der wachsenden Bedürfnisse steht. Die Arbeitsverweigerung zu genießen, was kann es anderes bedeuten, als die völlige Alternative zum Rhythmus Arbeit-Familie-Kneipe durch die Erschaffung von Freude spendenden Kapazitäten? Diese sind nützlich, um mit dieser stagnierenden Welt zu brechen. Durch die Erfahrung der Revolte können alternative, radikale Möglichkeiten und Kräfte entdeckt werden“.[25]
… und funktional sind für das Zerbrechen dieser geschlossenen Welt.
Indem sie sich der Jagd nach leeren Illusionen hingab, degenerierte die Arbeitertümelei in Gestalt ihres gesellschaftlichen Arbeiters tatsächlich völlig. Sie wurde versprengt in einer Reihe voneinander getrennter Initiativen, die jeweils darauf abzielten, die Befriedigung der Bedürfnisse dieser oder jener Berufskategorien durchzusetzen, was meilenweit entfernt ist von der Klassensolidarität, die sich während des Heißen Herbstes geäußert hatte und die wiederkehrte, als die Arbeiterklasse auf die Bühne zurückkehrte.
Wie eingangs dieses Artikels erwähnt, war die Fähigkeit der Herrschenden, die Lage zu beruhigen, größtenteils den beschriebenen Schwächen der proletarischen Bewegung geschuldet. Hinzugefügt werden muss jedoch, dass die herrschende Klasse, nachdem sie anfangs völlig überrascht wurde, später in der Lage war, bis dahin nie gekannte Angriffe gegen die Arbeiterklasse zu richten, sowohl direkt in Form von Repression als auch durch Manöver aller Art.
Obgleich sie nicht die entscheidende Waffe ist, mit welcher sie eine Position der Stärke gegenüber der Arbeiterklasse aufbauen kann, ist dies die klassische Waffe der Herrschenden gegen ihrem Klassenfeind. So wurden zwischen Oktober 1969 und Januar 1970 mehr als 3000 Arbeiter und Studenten gerichtlich verfolgt.
"Die Studenten und Arbeiter, zwischen Oktober '69 und Januar '70 bereits mehr als drei Tausend, wurden weiter verfolgt. Die faschistischen Gesetze, welche 'subversive Propaganda' und 'Anstiftung zum Klassenhass' bestraften, wurden wieder ausgegraben. Polizei und Carabinieri beschlagnahmten die Werke von Marx, Lenin und Che Guevara."[26]
Auf der Ebene des Zusammenspiels von Faschismus – Antifaschismus
Seltener in Konflikten mit der Arbeiterklasse eingesetzt, ist dies die klassische Waffe gegen die Studentenbewegung. Die Bewegung soll in sinnlose Straßenkämpfe zwischen rivalisierenden Banden gestürzt werden, wobei immer wieder an die “demokratischen und antifaschistischen” Kräfte der Herrschenden appelliert wird. Kurzum, es handelt sich um ein Mittel, die Schafe wieder in die Koppel zu treiben.
Hier ging die italienische Bourgeoisie während dieser Jahre wirklich meisterhaft vor. So gelang es ihr, das politische Klima tiefgreifend zu ändern. Das Massaker in der Banca dell’Agricoltura (Bank der Landwirtschaft) am Piazza Fontana in Mailand am 12. Dezember 1969, bei dem 16 Menschen getötet und 88 verletzt wurden, ist unauslöschlich in Erinnerung geblieben. Aber nicht jeder weiß oder erinnert sich noch daran, dass ab dem 25. April 1969 eine endlose Reihe von Attentaten in Italien verübt wurde: „Am 25. April explodierten zwei Bomben in Mailand, eine am Hauptbahnhof und die andere auf dem Messestand von Fiat, durch die ca. 20 Menschen verletzt wurden. Am 12. Mai blieb die Explosion von drei Sprengkörpern, zwei in Rom und einer in Turin, durch glückliche Umstände aus. Im Juli verbreitet die Wochenzeitschrift „Panorama“ das Gerücht über einen bevorstehenden Staatsstreich von Rechts. Neofaschistische Gruppen rufen zu einer Mobilisierung auf, die PCI wiederum setzt ihre Sektionen in Alarmbereitschaft. Am 24.Juli wurde ein nicht explodierter Sprengkörper - baugleich mit denen in Rom und Turin entdeckten - im Justizpalast von Mailand aufgefunden. Am 4. Oktober zündete ein Sprengkörper in Triest wegen eines technischen Defektes nicht, der in einer Grundschule versteckt worden war und dann explodieren sollte, als die Kinder aus der Schule kamen. Ein Mitglied der Avanguardia Nazionale (eine rechtsradikale Gruppe – die Übersetzer) wurde der Tat beschuldigt. In Pisa betrug die Bilanz der Zusammenstöße zwischen Polizei und Protestierenden gegen eine Demonstration von italienischen und griechischen Faschisten an einem Tag ein Toter und 125 Verletzte (…). Am 12. Dezember zündeten vier Sprengkörper in Rom und Mailand. Die drei in Rom verletzten niemanden, aber die in Mailand, der auf dem Piazza Fontana gegenüber der Banca dell’Agricoltura gezündet wurde, hinterließ 16 Tote und 88 Verletzte. Ein fünfter, intakter, Sprengkörper wurde später noch in Mailand gefunden. So begann in Italien das, was später die lange Nacht der Republik genannt wurde.“[27]
In der darauf folgenden Phase nahm die Dynamik ein wenig ab, auch wenn sie nie wirklich aufhörte. Von 1969-1980 wurden 12690 Attentate und andere Gewalttätigkeiten mit politischen Motiven verübt, bei denen 362 Menschen starben und 4490 verletzt wurden. Allein bei elf Attentaten starben 150 Menschen, 551 wurden verletzt. Das erste erfolgte im Dezember 1969 auf dem Piazza Fontana in Mailand, das verheerendste (85 Tote, 200 Verletzte) auf dem Bahnhof von Bologna im August 1980.[28]
"… Der gewalttätige Staat entblößte sich über alle Erwartungen hinaus: er zettelte Attentate an, vereitelte Untersuchungen, verhaftete Unschuldige und tötete einen, Pinelli, - alles abgesegnet durch einige Zeitungen und das Fernsehen. Am 12. Dezember trat eine unvorhergesehene Dimension des politischen Kampfes und des Ausmaßes der Front, gegen die wir zu kämpfen hatten, in Erscheinung (…). Durch die Ereignisse an der Piazza Fontana entdeckte man also einen neuen Feind: den Staat. Zuvor waren die Gegner noch die Lehrer, die Abteilungsleiter, die Arbeitgeber gewesen. Die Referenzpunkte sprangen über die nationale Grenzen: Vietnam, der französische Mai, die Black Panther, China. Die Entblößung des terroristischen Staates öffnete den Kämpfen einen neuen Horizont: den der Komplotte, die Instrumentalisierung der Neofaschisten.“[29]
Das offensichtliche Ziel dieser Strategie war größtmögliche Einschüchterung und Desorientierung der Arbeiterklasse, Angst vor Bombenterror und Unsicherheit zu verbreiten - und dies ist der herrschenden Klasse auch teilweise gelungen. Eine andere Wirkung war sicherlich viel verheerender. Da zumindest mit dem Attentat auf der Piazza Fontana in Mailand einige Minderheiten die Schlussfolgerung zogen, dass der Staat der eigentliche Feind war, mit dem man abrechnen musste, rutschte ein Teil der Arbeiter und Studenten in terroristische Aktivitäten ab.
Die Praxis des Terrorismus hat somit vielen mutigen, aber dem Abenteuertum zum Opfer gefallenen GenossenInnen ihr Leben und ihr politisches Engagement zerstört. Sie entwickelten eine Praxis, die schließlich nichts mehr mit dem Klassenkampf zu tun hatte. Dies hatte weiterhin zur Folge, dass die gesamte Arbeiterklasse gegenüber der doppelten Bedrohung von staatlicher Repression und der Erpressung durch das Milieu der “Brigaden” und Terroristen zurückwich.
Selbst wenn dies nicht im Vordergrund stand, stützte sich die herrschende Klasse schließlich auch auf die Gewerkschaften. Da man sich nicht nur auf die Repression verlassen konnte, um die Arbeiterklasse im Zaum zu halten, bauten die Arbeitgeber, welche in den Jahren nach dem Krieg bis zum Heißen Herbst 1969 den Gewerkschaften ziemlich feindlich gegenüberstanden, harmonische und demokratische Beziehungen in den Betrieben auf.
Was man nicht durch schlechte Beziehungen erreichen konnte, sollte nun durch gute Beziehungen gewonnen werden – das war der Trick. Man suchte den Dialog mit den Gewerkschaften, die als alleinige Gesprächspartner angesehen wurden, welche die Arbeiterkämpfe kontrollieren und die Forderung der Arbeiter eindämmen konnten. Dieses größere demokratische Betätigungsfeld, das den Gewerkschaften angeboten wurde, und zur Errichtung und der Ausdehnung der Fabrikräte führte - eine Art Basisgewerkschaft, bei der man kein Gewerkschaftsmitglied sein muss, um sich daran zu beteiligen - hat unter den Arbeitern die Illusion aufkommen lassen, dass sie dies errungen hätten, und dass sie in diese neuen Strukturen Vertrauen haben könnten, um ihre Kämpfe fortzusetzen. In Wirklichkeit war es den Arbeiterkämpfen, in denen oft sehr kritische Töne gegenüber den Gewerkschaften zu hören waren, nicht gelungen, eine radikale Kritik derselben zu entwickeln, man beschränkte sich darauf, deren inkonsequentes Verhalten anzuprangern.
In diesen beiden Artikeln haben wir versucht auf der einen Seite auf die Kraft und das Potenzial der Arbeiterklasse und auf der anderen Seite auf die Bedeutung hinzuweisen, dass ihr Handeln durch ein klares Bewusstsein über den zurückzulegenden Weg getragen werden muss. Die Arbeiter, welche Ende der 1960er Jahre in Italien und woanders auf der Welt den Klassenkampf wieder aufnahmen, konnten nicht an die früheren Kampferfahrungen anknüpfen, so waren sie angewiesen auf die Erfahrungen, die sie Schritt für Schritt erworben hatten. Dies stellte die Hauptschwäche der Bewegung dar.
Bei den Reaktionen auf die verschiedenen Veröffentlichungen zu 1968 in Frankreich und zum Heißen Herbst 1969 in Italien hört oder liest man oft Leute, die nahezu nostalgisch seufzend an die damalige Zeit denken und meinen, solche oder ähnliche Kämpfe könnten heute nicht mehr auftauchen. Wir meinen, das Gegenteil ist der Fall. In Wirklichkeit waren der „Heiße Herbst“, der „französische Mai“ '68 und all die anderen Kämpfe, die die Gesellschaft Ende der 1960er Jahre erschüttert haben, nur der Beginn des wiedererstarkenden Klassenkampfes; im weiteren Verlauf ist die Situation weiter gereift und hat sich entwickelt.
Heute gibt es weltweit eine viel größere politische internationalistische Avantgarde (auch wenn sie zahlenmäßig immer noch sehr klein ist), welche im Gegensatz zu den sklerosierten [verkümmerten] Gruppen der Vergangenheit in der Lage ist - vereint im Ziel den Klassenkampf zu stärken - untereinander zu diskutieren, zusammen zu arbeiten und zu intervenieren.[30] Zudem gibt es heute in der Arbeiterklasse nicht nur eine grundsätzliche Kampfbereitschaft, die zur Auslösung von Kämpfen an vielen Orten auf der Welt führt.[31] Es verbreitet sich auch immer mehr das diffuse Gefühl, dass diese Gesellschaft der Menschheit auf wirtschaftlicher Ebene nichts mehr zu bieten hat und auch gegenüber den ökologischen Katastrophen und Kriegen keine Sicherheit mehr bieten kann.
Dieses Gefühl dehnt sich immer mehr aus, so dass man manchmal Leute von der Notwendigkeit der Revolution reden hört, die überhaupt keine politische Erfahrung haben. Gleichzeitig meinen die meisten dieser Leute, dass die Revolution nicht möglich sei, und die Ausgebeuteten nicht die Kraft hätten, das kapitalistische System zu überwinden.
Diese Situation könnten wir wie folgt zusammenfassen: Ende der 60er war die Vorstellung, dass die Revolution möglich sei, relativ weit verbreitet, doch gleichzeitig war die Vorstellung, dass sie unverzichtbar sei, weitaus schwerer zu verstehen. Heute ist es umgekehrt, die Vorstellung, dass die Revolution notwendig sei, findet ein nicht zu vernachlässigendes Echo, jedoch ist die Vorstellung, dass die Revolution möglich sei, kaum verbreitet.
"Damit das Bewusstsein über die Möglichkeit der kommunistischen Revolution in der Arbeiterklasse wirklich Wurzeln schlagen kann, muss Letztere Vertrauen in ihre eigenen Kräfte gewinnen, und dies geschieht in massenhaften Kämpfen. Der gewaltige Angriff, der schon jetzt auf Weltebene gegen sie geführt wird, bildet eine objektive Grundlage für solche Kämpfe. Doch die wichtigste Form, in der diese Angriffe stattfinden - Massenentlassungen, läuft der Entwicklung solcher Kämpfe zunächst zuwider. Im Allgemeinen - und dies hat sich in den letzten vierzig Jahren immer wieder gezeigt - finden die wichtigsten Kämpfe nicht in Zeiten eines starken Anstiegs der Arbeitslosigkeit statt. Die Massenentlassungen und die Arbeitslosigkeit haben die Tendenz, momentan eine gewisse Lähmung der Klasse hervorzurufen. Diese sieht sich durch die Unternehmer erpresst: „Wenn ihr nicht zufrieden seid - es stehen viele andere Arbeiter bereit, um euch zu ersetzen." Die Bourgeoisie kann diese Lage ausnutzen, um eine Spaltung der Arbeiterklasse zu bewirken, d.h. eine Gegenüberstellung zwischen denen, die ihre Arbeit verlieren, und denen, die das „Privileg" haben, sie zu behalten. Zudem verstecken sich die Unternehmen und die Regierungen hinter einem „entscheidenden" Argument: „Wir können nichts dafür, wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt und ihr entlassen werdet: Die Krise ist schuld." Schliesslich wird die Waffe des Streiks angesichts von Fabrikschliessungen stumpf, was das Gefühl der Ohnmacht der Arbeiter verstärkt. Zwar können angesichts einer historischen Situation, in der das Proletariat keine entscheidende Niederlage eingesteckt hat - im Gegensatz zur Lage in den 1930er Jahren -, Massenentlassungen, die bereits begonnen haben, durchaus sehr harte Kämpfe, wenn nicht gar Gewaltausbrüche hervorrufen. Doch zunächst werden es aller Voraussicht nach verzweifelte und vergleichsweise isolierte Kämpfe sein, auch wenn ihnen andere Teile der Arbeiterklasse ehrliche Sympathie entgegenbringen. Selbst wenn es also in der nächsten Zeit keine bedeutende Antwort der Arbeiterklasse auf die Angriffe gibt, dürfen wir nicht denken, dass sie aufgehört habe, für die Verteidigung ihrer Interessen zu kämpfen. Erst in einer zweiten Phase, wenn sie in der Lage sein wird, den Erpressungen der Bourgeoisie zu widerstehen, wenn sich die Einsicht durchgesetzt hat, dass nur der vereinte und solidarische Kampf die brutalen Angriffe der herrschenden Klasse bremsen kann - namentlich wenn diese versuchen wird, die gewaltigen Budgetdefizite, die gegenwärtig durch die Rettungspläne zugunsten der Banken und durch die „Konjunkturprogramme" angehäuft werden, von allen ArbeiterInnen bezahlen zulassen -, erst dann werden sich Arbeiterkämpfe in grösserem Ausmass entwickeln können.“ (IKS, Resolution zur internationalen Situation 2009).[32]
Dieses Gefühl der Machtlosigkeit lastete und lastet immer noch auf der gegenwärtigen Generation von Arbeitern und liefert ansatzweise eine Erklärung für das Zögern, die Verspätung und die mangelnden Reaktionen gegenüber den Angriffen der Herrschenden. Aber wir müssen unserer Klasse ein Vertrauen entgegenbringen, das sich auf die Kenntnis ihrer Geschichte und ihrer vergangenen Kämpfe stützt. Wir müssen darauf hinarbeiten, die vergangenen Kämpfe mit den heutigen zu verknüpfen. Wir müssen uns an den Kämpfen beteiligen, den Mut und das Vertrauen in die Zukunft stärken. Dabei müssen wir den Prozess der Bewusstwerdung des Proletariats vorantreiben. Das Bewusstsein, dass die Zukunft der Menschheit in seinen Händen liegt, und dass das Proletariat allein die Fähigkeit besitzt, diese gewaltige Aufgabe zu lösen.
Ezechiele (23/08/10)
[1] Siehe insbesondere die schädliche Rolle des „Widerstands gegen den Faschismus“, der im Namen eines angeblichen „Kampfes für die Freiheit“ die Arbeiter in ein Massaker trieb, bei dem sie sich im Interesse einer Fraktion der Herrschenden gegen eine andere umbrachten; zunächst im Spanienkrieg (1936-39), dann im 2. Weltkrieg.
[2] „Die Tatsache, dass sie 1945, als sich die Klasse noch fest im Griff der Konterrevolution befunden hatte, eine Partei gegründet und sich seither einer Kritik an dieser voreiligen Gründung versagt hatten, beweist, dass diese Gruppen (die sich auch weiterhin „Partei“ nannten) außerstande waren, zwischen der Konterrevolution und dem Ende der Konterrevolution zu unterscheiden. Sie sahen im Frankreich des Mai 1968 oder im heißen Herbst in Italien 1969 nur Belangloses für die Arbeiterklasse und spielten diese Ereignisse als bloße Studentenagitation herunter. Dagegen begriffen unsere Genossen von Internacionalismo (insbesondere MC, ein alter Militanter der Fraktion und der GCF) im Bewusstsein der Veränderung des Kräfteverhältnisses die Notwendigkeit, einen Prozess der Diskussion und der Umgruppierung mit jenen Gruppen in Gang zu setzen, die in Folge des historischen Kurswechsels entstanden waren. Diese Genossen baten die PCInt wiederholt, die Diskussion zu eröffnen und zu einer internationalen Konferenz aufzurufen, war doch der Einfluss der PCInt viel größer als der unseres kleinen Kerns in Venezuela. Jedesmal lehnte die PCInt unseren Vorschlag mit der Begründung ab, es habe sich nichts Neues getan. Schließlich begann 1973 doch eine erste Runde von Konferenzen als Folge eines Appells, der von Internationalism formuliert worden war, einer Gruppe in den Vereinigten Staaten, die den Positionen von Internacionalismo und Révolution Internationale, die sich 1968 in Frankreich gebildet hatte, nahe stand. Es war größtenteils diesen Konferenzen zu verdanken, dass neben einer nachhaltigen Heranreifung einer ganzen Reihe von Gruppen und Elementen, die nach dem Mai 1968 zur Politik gelangten, im Januar 1975 die IKS gegründet wurde“; aus: „30 Jahre IKS: Von der Vergangenheit lernen, um die Zukunft zu bauen“ https://de.internationalism.org/30Jhr/37 [287]
[3] Zur PCI siehe die beiden Artikel: “Kurze Geschichte der PCI für die Proletarier, die an nichts mehr blind glauben wollen“. I (1921-1936) und II (1936-1947) (Rivoluzione Internazionale Nr. 63 und 64). Der Roman Ermanno Rea, Mistero napoletano (Napolitanisches Rätsel) (Ed. Einaudi) ist besonders interessant, um das Gewicht der Beziehungen innerhalb der PCI während jener Jahre zu verstehen.
[4] Aldo Cazzulo, "I ragazzi che volevano fare la rivoluzione. 1968-1978. Storia critica di Lotta Continua" Sperling und Kupfer, Eds, p. 8.
[5] "Tra servi e padroni", in Lotta Continua vom 6 décembre 1969, ebenso zitiert in Aldo Cazzullo, op.cit.p. 89.
[6] Antonio Negri, "De l'ouvrier-masse à l'ouvrier social. Entretien sur l'opéraïsme". Auf italienisch bei Ombre Corte. Antonio Negri: "Dall' operaio massa all' operaio sociale", Multipla edizione, Mailand 1979, Teile daraus in deutscher Übersetzung "Vom Massenarbeiter zum gesellschaftlichen Arbeiter", in: Lesebuch zur Nichtarbeit, Karlruhe 1981
[7] Antonio Negri, op.cit, p. 36-37 (Seite 31)
[8] Es ist sehr erstaunlich, wie viele heute berühmte Leute, die in der Öffentlichkeit als Politiker, Journalisten, Schriftsteller usw. bekannt sind, und politische Positionen unterschiedlicher Couleur vertreten – von Mitte Links oder gar Rechts, zuvor in außerparlamentarischen, insbesondere in operaistischen Gruppen mitgewirkt haben. Wir zitieren nur einige: Massimo Cacciari, Abgeordneter PD (zuvor bei Margherita) zweimaliger Bürgermeister von Venedig; Alberto Asor Rosa, Schriftsteller und Literaturkritiker; Adriano Sofri, gemäßigter Journalist bei La Repubblica und Il Foglio; Mario Tronti, der wieder zur PCI zurückgekehrt und Mitglied des Zentralkomitees und in den Senat gewählt geworden ist; Paolo Liguori, Journalist – in führender Stellung bei verschiedenen Fernsehprogrammen und anderen Verlagshäusern Berlusconis... Und die Liste könnte noch um Dutzende weitere Namen verlängert werden.
[9] Wir teilen nicht Lenins Analyse hinsichtlich der Existenz einer Arbeiteraristokratie in der Arbeiterklasse. Siehe unseren Artikel: “Die Arbeiteraristokratie – eine soziologische Theorie zur Spaltung der Arbeiterklasse, Internationale Revue Nr. 6.
[10] Eine international weit verbreitete Idee.
[11] Antonio Negri, op. cit., p. 105 (Seite 112)
[12] Aldo Cazzullo, op. cit., p. XII
[13] Lest beispielsweise: "Terror, Terrorismus und Klassengewalt" Internationale Revue Nr. 6 https://de.internationalism.org/ir3/1979_terrorismus [288] und auf französisch:"Sabotage des lignes SNCF: des actes stériles instrumentalisés par la bourgeoisie contre la classe ouvrière" (ICC on line, 2008); "Débat sur la violence (II): il est nécessaire de dépasser le faux dilemme: pacifisme social-démocrate ou violence minoritaire". (ICC online, 2009)
[14] Antonio Negri, op. cit., p. 105
[15] Antonio Negri, op. cit. p. 108
[16] Antonio Negri, op. cit., p. 113 (Seite 121)
[17] "Wenn wir vom gesellschaftlichen Arbeiter sprechen, meinen wir tatsächlich und sehr deutlich, dass der Mehrwert aus seinem Subjekt gezogen wird. Wenn wir vom gesellschaftlichen Arbeiter reden, reden wir von einem produktiven Subjekt und wenn wir sagen 'produktiv', dann meinen wir: Produzent des Mehrwerts, im Begriff bzw. unmittelbar. Antonio Negri, op. cit. p.18 (nach der französischen Ausgabe)
[18] Zu dieser Frage siehe unsere Artikel in der italienischen Presse: “L’Area della Autonomia: la confusione contro la classe operaia (1)" (Rivoluzione Internazionale Nr. 8) et (2) (Rivoluzione Internazionale Nr. 10)
[19] N. Balestrini, P. Moroni, "L’orda d’oro", Milano, SugarCo Edizioni, 1988, p. 334
[20] Antonio Negri, op.cit.,p. 138 (Seite 150)
[21] Antonio Negri, op.cit.,p. 116-117
[22] Antonio Negri, op.cit.,p. 118 - "Amüsant war dann die Tatsache, dass jedes Mal, wenn wir sagten: 'der ganze Verwertungsprozess ist in die Luft geflogen', hier die einzige grundlegende Sache das Kommando ist, die Bosse sind sehr wohl bereit, einen Moment nichts mehr zu verdienen, um die Regeln der Akkumulation wiederherzustellen..." (Seite 126)
[23] Antonio Negri, op.cit.,p. 142 (Seite 155)
[24] Antonio Negri, op.cit.,p. 142
[25] Antonio Negri, op.cit.,p. 130-132
[26] Alessandro Silj, "Malpaese, Criminalità, corruzione et politica nell’Italia della prima Repubblica 1943-1994", Donzelle Editeur, p. 100-101
[27] Alessandro Silj, op. cit., p. 95-96
[28] Alessandro Silj, op. cit., p. 113
[29] Zeugenaussage von Marco Revelli, damals Mitglied bei Lotta Continua. In: Aldo Cazzullo, op. cit., p. 91
[30] Wir können hier nicht all die Artikel zur neuen Generation von Internationalisten zitieren, wir bitten die Leser/Innen auf unserer Webseite zu schauen, wo es viele Informationen und Texte dazu gibt.
[31] Zur gegenwärtigen Entwicklung des Klassenkampfes verweisen wir insbesondere auf die Artikel zur Lage in Vigo (Spanien), Griechenland und Tekel (Türkei).
[32] Der 18. Internationale Kongress der IKS: Resolution zur internationalen Lage, International Review Nr. 44. /content/1880/resolution-zur-internationalen-situation [289]
Die Streiks, Kämpfe und Demos in Nordafrika gehen weiter ! Die Aufstände der unterdrückten Bevölkerung, der Studenten und Arbeiterstreiks haben sich auf viele andere Länder des afrikanischen Kontinentes und in den Nahen und Mittleren Osten ausgedehnt. Gleichzeitig stellen die Kriege zwischen bürgerlichen nationalistischen Fraktionen und die imperialistische Politik der in dieser Region miteinander rivalisierenden und beteiligten Länder eine große Bürde dar. Eine tödliche Gefahr lauert für die unterdrückten Massen und die Arbeiterklasse in all diesen Ländern. Neben der demokratischen und nationalistischen Falle stehen sie vor einer immer brutaler und breiter werdenden Repression; Maschinengewehre gegen die einen, Raketen und Bomben gegen die anderen. Aber die Betroffenen können nicht darauf verzichten, sich zu ernähren, in Würde zu leben, oder auf eine bessere Zukunft zu hoffen. All das treibt unsere Klassenbrüder- und Schwestern dazu, weiter zu kämpfen. Was kann und muss die Arbeiterklasse in den großen Industriezentren in Anbetracht dieser Lage machen? Der Kampf der Unterdrückten und der ArbeiterInnen in diesen Ländern ist auch unser Kampf. Die Armeen und die bürgerlichen Cliquen, die sie massakrieren, sind unsere gemeinsamen Feinde.
Ägypten, Algerien, Tunesien usw. : wenn die sozialen und Arbeiterkämpfe fortdauern
In Ägypten waren die Straße, die Entschlossenheit, der Wille der Arbeiterklasse stärker als die Regierung Mubaraks. Die Herrschenden glaubten, dass sie das Spiel gewonnen hätten: Der Tahrir-Platz, Zentrum des Kampfes, könne wieder für den Straßenverkehr freigegeben werden. Die Bevölkerung könne wieder in die Slums der ägyptischen Städte zurückkehren und weiter darben. Die provisorische Regierung nahm die Staatsgeschäfte unter Führung des Militärs in die Hand mit dem Versprechen späterer freier und demokratischer Wahlen. Aber am 23. März unterzeichnete der Premierminister Essam Sharaf mit Unterstützung der Armee ein Gesetz, das Streiks und Demonstrationen kriminalisierte. Hohe Geld- und Haftstrafen – das ist die Antwort der Herrschenden in Ägypten auf die Reihe von Forderungen, die weiter erhoben werden. Selbst das Eingreifen der Polizei und der Armee sowohl gegen die Streikenden als auch auf dem Gelände der Universität von Kairo konnte die Unzufriedenheit nicht eindämmen. Im Gegenteil: dieses Gesetz löste eine Welle von Protesten und Streiks aus. Am 12. April unterstrich die Tageszeitung Al-Masry Al-Youm, dass es „ständig Protestbewegungen in zahlreichen Gegenden Ägyptens gibt. Sie drehen sich um Lohnfragen, Arbeitsbedingungen, Arbeitsverträge usw. Diese Bewegungen haben verschiedene Branchen erfasst.“ In Alexandrien zum Beispiel fordern Lehrkräfte Festanstellungen. In Kairo haben Finanzbeamte Lohnerhöhungen gefordert. Sicher gibt es im Augenblick in Ägypten keine Massendemonstrationen mehr, aber die Wut der ArbeiterInnen und deren Kampfbereitschaft sind nicht verschwunden. Die von den Beschäftigten in den letzten Monaten erhobenen Forderungen bringen eindeutig deren Klasseninteressen als ArbeiterInnen zum Ausdruck, sie spiegeln aber auch die Illusionen in die Demokratie wider, die sich als eine große Fesseln erweisen. Sie wurden überall deutlich und in mehr als 500 Forderungsplattformen zum Ausdruck gebracht. Sie wurden in sechs Punkten zusammengefasst, die wir hier resümieren können:
1) Umwandlung der Zeitverträge in Festanstellungen für die Beschäftigten, die länger als drei Jahre einen Job ausüben.
2) Absetzung der Mitglieder des Verwaltungsrates der Institutionen und Banken, die sich an der Korruption beteiligten, bei der öffentliche Gelder veruntreut wurden.
3) Aufhebung der willkürlichen Sanktionen seitens der Manager gegen Führungskräfte und ArbeiterInnen, welche die Haltung dieser Manager angeprangert haben; diese Sanktionen können von der Versetzung in eine andere Filiale bis hin zu Strafen wie Entlassungen reichen.
4) Festlegung eines Mindestlohns und Reduzierung der Einkommensunterschiede; Garantie eines anständigen Lebensniveaus für die Beschäftigten, Koppelung der Löhne an die Preisentwicklung, auch an den Durchschnittsbeitrag für Versicherungen;
5) Recht auf gewerkschaftliche, vom Staat unabhängige Organisierung,
6) Änderung der Arbeitsgesetzgebung, stabile Arbeitsbeziehungen, sichere Beschäftigungsverhältnisse, Begrenzung der Möglichkeiten willkürlicher Entlassungen durch die Arbeitgeber.
Das trifft ebenso auf Algerien zu. Seit einigen Monaten gibt es ständig Proteste. Am 3. April schrieb die Zeitung Al Watan: „Die Wut der Studenten nimmt nicht ab. Die Ärzte erheben Forderungen an Ould Abbès. Die Gemeindebeschäftigten drohen, den Präsidentenpalast zu umzingeln. Beschäftigte des Gesundheitswesens treten wieder in Streik“. Im Erziehungswesen war ein dreitägiger landesweiter Streik vom 25. April an zur Rentenfrage angekündigt; nachdem man zwei Tage zuvor gegen die Beschäftigten des Erziehungswesen mit Repressionen vorgegangen war, als sie gegen ihre Arbeitsbedingungen protestierten. In Tunesien sind die Beschäftigten der Öl-Produzierenden Firma SNDP in den Streik getreten. Diese Bewegung hat sich auf viele Beschäftigte von Subunternehmen im ganzen Land ausgedehnt, in denen Hungerlöhne gezahlt werden. Sie schließen sich somit den Beschäftigten des Erziehungswesens an, die seit einigen Wochen im Kampf stehen. In anderen Ländern wie Swasiland, Gabun, Kamerun, Dschibuti, Burkina Faso wurden Studenten- und Arbeiterproteste, die von den Bewegungen in Ägypten und Tunesien inspiriert worden waren, in den meisten Fällen unterdrückt. In diesen Ländern ist die Arbeiterklasse zahlenmäßig sehr schwach, obwohl die verarmte Bevölkerung sehr entschlossen ist; aber die massive Repression gehört dort überall zur Tagesordnung.
Syrien, Jemen, Bahrain, Libyen : Die Entfesselung des imperialistischen Krieges an den Fetzen der sozialen Revolten
Während der jemenitische Oppositionssprecher am Montag, den 25. April, angekündigt hatte, dem Plan zur Überwindung der Krise, der durch den Golf-Kooperationsrat entworfen worden war, zuzustimmen, demzufolge der seit 32 Jahren im Amt befindliche Präsident Saleh innerhalb weniger Wochen zurücktreten würde, reagierten die Menschen auf der Straße klar und ohne Umschweife: „Wir verwerfen kategorisch jede Initiative, in der nicht der Rücktritt des Präsidenten und die Abreise seiner Familie vorgesehen sind“. Dies erklärte die Koordination der Jugendbewegung, welche die Sit-ins auf dem Universitätsplatz in Sanaa koordiniert, in einem Kommuniqué. In dem Kommuniqué wird die Entschlossenheit der Protestierenden deutlich; „Die Opposition vertritt nur sich selbst“. Das Kommuniqué ruft dazu auf, „keinen Dialog mit dem Regime aufzunehmen, den unmittelbaren Rücktritt Salehs und dessen Verurteilung zu fordern.“ Das spricht Bände. Die Reaktion darauf war die gleiche. Montag schoss die Armee auf die Demonstranten während der Protestkundgebung in Taêz, in Ibb und Al-Baîdah. Die Familie Assad in Syrien verhält sich wie ein Bluthund. Seit dem 12. März kommt es immer wieder zu Erhebungen in vielen Teilen Syriens. Die Gründe sind die gleichen. Zunehmende Verarmung, alltägliche Repression – dagegen kämpft die unterdrückte Bevölkerung. Repression, Verschleppungen, Ermordungen – so lautet die Reaktion des finsteren Baschar al Assad. Man spricht von mehr als 600 Toten, seit der angeblichen Aufhebung des Kriegsrechts am 21. April sind viele Menschen erschossen worden. Letzten Montag wurden mindestens 21 Menschen während des Trommelfeuers auf Daraa getötet, mehr als 3000 Soldaten belagern und terrorisieren mit Unterstützung von Panzern die Bevölkerung in der kleinen Stadt.
Während das Assad-Regime weiterhin ungehindert die Proteste niederschlagen lässt, kritisieren westliche Regierungen zwar scharf dieses Vorgehen. Aber man lässt das Regime letzten Endes ungestraft gegen die Protestierenden vorgehen. Ein militärisches Eingreifen kommt nicht in Frage. Die syrische Armee ist stärker gerüstet als die Libyens oder des Iraks vor einigen Jahren; Syrien nimmt gar eine wichtige Position auf dem imperialistischen Schachbrett ein. Bei seiner anti-amerikanischen Politik kann es auf Verbündete wie den Iran zählen – auch auf diplomatische Unterstützung Russlands und Chinas. Ein militärisches Eingreifen in Syrien würde die ganze arabisch-muslimische Welt destabilisieren; niemand könnte die Konsequenzen vorhersagen. Die imperialistischen Rivalen werden anders vorgehen müssen als in Libyen. Aber den Aufständischen in Syrien droht eine andere Gefahr. Die Assad-Regierung stützt sich auf religiöse Minderheiten wie die Alewiten, obwohl die Bevölkerung zu 70% aus Sunniten besteht. Weil es keine stärkere und bewusste Arbeiterklasse gibt, kann es leicht passieren, dass die unterdrückte und hungernde Bevölkerung in bürgerliche oder andere Flügelkämpfe hineingezogen wird. Dies könnte in einem wahren Bürgerkrieg ausarten, so wie in Bahrain. In diesem Emirat fordert die Bevölkerung seit Wochen den Rücktritt des Premierministers Khalifa ben Salman Al-Khalifa, der Onkel des Königs Hamad ben Issa Al-Khalifa. Die sunnitische Dynastie regiert seit ca. 200 Jahren das Königreich, dessen Bevölkerung mehrheitlich schiitisch ist. Wenn die Bevölkerung etwas zu Essen oder Redefreiheit fordert, kann dass schnell in eine allgemeine offene Protestbewegung gegen die regierende korrupte sunnitische Dynastie umschlagen. Der Repression vor Ort schlossen sich saudi-arabische Truppen an, die in das kleine Königreich einmarschierten, um das sunnitische Regime zu stützen. Die imperialistischen Spannungen zwischen dem Iran und seinen Nachbarn im Kooperationsrat (Saudi-Arabien, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Katar und Oman) haben zugenommen. Der Iran kritisiert seit Mitte März die Niederschlagung einer von Schiiten angeführten Bewegung, die dort die Bevölkerungsmehrheit stellt. Die totale Heuchelei der kriegführenden Mächte wie Frankreich, Großbritannien und USA, die gegenwärtig in Libyen ihre Bomben im Namen einer humanitären Intervention abwerfen, fällt sofort ins Auge. Kein Wort des Protestes seitens dieser imperialistischen Gangster. Die Massaker in Bahrain sind ihnen kein Dorn im Auge. Denn die Regierungen Saudi-Arabiens und Bahrains sind enge Verbündete. Der gemeinsame Feind heißt Iran. Die Bevölkerung, die mit Mut und Entschlossenheit gegen die Verhältnisse rebelliert, kann in diesem nationalistischen und imperialistischen Haifischbecken nichts gewinnen. Die Herrschenden in Ländern wie Ägypten, Tunesien oder Algerien haben größere Schwierigkeiten, dort repressiv vorzugehen; und die verschiedenen imperialistischen Rivalen stoßen ebenso auf größere Schwierigkeiten, dort ihre eigenen schmutzigen Interessen mit Waffengewalt zu verteidigen. Der Unterschied ist darauf zu zurückzuführen, dass es in diesen Ländern eine Arbeiterklasse gibt, die zwar nicht die Führung der Revolten übernommen hat, deren Gewicht aber zu spüren ist. Aber unabhängig davon, welchen Preis die Unterdrückten im Augenblick für ihre Kämpfe zu zahlen haben, die Revolten und Arbeiterkämpfe sind nicht dabei abzuebben.
Von einer Barbarei zur nächsten
Jetzt stehen die großen Verteidiger der Menschenrechte, die Führer der Demokratie vor einem neuen humanitären Problem. Die Zunahme der Misere, die massive gewalttätige Repression in Nordafrika und im Mittleren Osten haben die Flüchtlingsströme anschwellen lassen. Viele wollen nach Europa flüchten. Man rechnet in der nächsten Zeit mit Hunderttausenden neuen Flüchtlingen. In den letzten Wochen sind schon 20.000 aus Tunesien in Italien angelandet, viele von ihnen mit dem Ziel Frankreich. Über 8000 strandeten in Lampedusa. Keine europäische Regierung will sie aufnehmen. Dabei sind viele von ihnen schon vorher im Meer ertrunken, an Hunger oder Kälte gestorben, bevor sie von einem Schiff der Küstenwacht oder einem Kriegsschiff aufgegriffen werden, die die Festung Europa schützen. Mittlerweile soll das Schengenabkommen teilweise außer Kraft gesetzt werden. Alle Länder Europas wollen sich – militärische Mittel eingeschlossen – den Massenansturm aus Nordafrika abwehren. Italien soll zunächst mal alleine mit ihnen zurechtkommen und sie ausweisen. Auf der einen Seite rechtfertigt man die Bombardierungen Libyens im Namen des humanitären Eingreifens, auf der anderen Seite verjagt und hetzt man die Flüchtlinge aus diesen Gebieten. Welch eine Bande von Heuchlern regiert uns!
Der internationale Klassenkampf ist das einzige Mittel gegen das nationalistische und demokratische Gift
Heute schlägt die Krise nicht nur in Nordafrika zu. In Asien, Amerika, Europa, überall kann man deren Auswirkungen spüren. In vielen Ländern nehmen die Proteste zu, wobei sich immer mehr Jugendliche beteiligen. Die Arbeiterklasse wehrt sich immer stärker gegen die Sparpolitik, welche die herrschende Klasse verordnet. Bei diesen Protesten merkte man eine wachsende Sympathie für die Revolten und Kämpfe, die sich in Ägypten, Tunesien und anderswo entfaltet haben. In den Zentren des Kapitalismus fängt die Arbeiterklasse langsam an zu spüren, dass die Revolten in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten die gleichen Ursachen haben, die die Arbeiter in China, den USA und Europa auf die Straße treiben. Aber das reicht nicht. Um sich zu verteidigen, die Angriffe der Kapitalisten abzuwehren, sind viel massivere Kämpfe nötig, die zusammenfließen müssen, als wir bislang gesehen haben. Nur wenn sich die Arbeiterklasse der entwickelteren Länder in Bewegung setzt, kann der mörderische Arm der Repression in Nordafrika und anderswo aufgehalten werden. Mehr als je zuvor benötigen die Unterdrückten und die ArbeiterInnen dieser Länder die aktive Unterstützung der Arbeiterklasse des Zentrums des Kapitalismus. Die Arbeiterklasse in Europa hat Erfahrung mit der bürgerlichen Demokratie. Jetzt bombardieren die Kräfte der internationalen Koalition wieder in Libyen, gleichzeitig werden Flüchtlinge abgeschoben. Sie sollen in ihren « Heimatländern » krepieren. Gleichzeitig sollen wir ihnen glauben, sie verfolgten nur humanitäre Ziele…
Ein viel massiverer Widerstand in den historischen Zentren des Kapitalismus, in Europa, und die Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Demokratie ist unerlässlich. Tino, 28.4.11
(leicht gekürzter Artikel aus unserer Zeitung Révolution Internationale in Frankreich).
Die Bewegung des 15. Mai, die von Democracia Real Ya (DRY) geschaffen und – wie sich mittlerweile herausgestellt hat – von der Antiglobalisierungsbewegung ATTAC gesteuert wird, hat in Frankreich, insbesondere in Paris nun auch ihre Ableger gefunden, die sich zum Ziel gesetzt haben, den « Place de la Bastille » in Paris zu besetzen. Auf den Versammlungen in Paris haben Mitglieder der IKS das Wort ergriffen, um eine Klassenposition zu verteidigen, anstatt als « Bürger », aufzutreten, die « eine echte Demokratie jetzt » im Rahmen der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems fordern. Unsere GenossInnen hatten ebenso einen Pressetisch mitgebracht, um unsere Publikationen auf einem öffentlichen Platz anzubieten, auf dem die Versammlungen stattfanden.
Die Bewegung des 15. Mai, die von Democracia Real Ya (DRY) geschaffen und – wie sich mittlerweile herausgestellt hat – von der Antiglobalisierungsbewegung ATTAC gesteuert wird, hat in Frankreich, insbesondere in Paris nun auch ihre Ableger gefunden, die sich zum Ziel gesetzt haben, den « Place de la Bastille » in Paris zu besetzen. Auf den Versammlungen in Paris haben Mitglieder der IKS das Wort ergriffen, um eine Klassenposition zu verteidigen, anstatt als « Bürger », aufzutreten, die « eine echte Demokratie jetzt » im Rahmen der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems fordern. Unsere GenossInnen hatten ebenso einen Pressetisch mitgebracht, um unsere Publikationen auf einem öffentlichen Platz anzubieten, auf dem die Versammlungen stattfanden.
Am 29. Mai sind die Organisatoren von DRY zu uns gekommen, um gegen die Aufstellung des Tisches zu protestieren. Sie argumentierten folgendermaßen:
- Diese Bewegung sei « unpolitisch », sie akzeptiere keine Partei, keine politischen Gruppen und keine Gewerkschaft
- Die Verbreitung unserer Presse könne die Bewegung nur « spalten ».
Am 29. Mai kam es deshalb zu einer kleinen Auseinandersetzung auf dem Place de la Bastille zwischen Mitgliedern der IKS und einigen Mitgliedern von DRY, die sehr heftig verlangten, dass wir unsere Sachen packen sollten. Wir haben darauf folgendermaßen geantwortet:
- Keine gesellschaftliche Protestbewegung ist « unpolitisch ». Das angeblich « Unpolitische » von DRY sei reine Heuchelei. Wir wissen sehr wohl, dass hinter DRY ATTAC steckt, welches sich aber mit seiner globalisierungsfeindlichen Kritik verbirgt.
- Die IKS ist keine politische Partei und erst recht kein Wahlverein.
- DRY geht genauso vor wie die Stalinisten, die uns immer von den öffentlichen Plätzen « vertreiben » wollten, die sie als ihre Jagdgründe, ihr Territorium betrachtet haben.
- Im Unterschied zu DRY und anderen Gruppen, Gewerkschaften und bürgerlichen politischen Parteien, die sich an dieser Bewegung beteiligen, spielt die IKS mit offenen Karten (auch wenn wir bei unseren Wortmeldung in den Versammlungen nicht im Namen unserer Organisation reden und uns an die Regel halten) ;
- Die Polizisten, die hinter ihren Schutzschilden die Szene beobachtet haben, schienen « demokratischer » gesinnt als DRY, da sie nicht von uns verlangten, dass wir unsere Sachen packen und abziehen.
Wir haben uns also geweigert, uns den von DRY auferlegten Gesetzen zu unterwerfen, stattdessen sind wir auf dem Place de la Bastille verblieben, sind allerdings ein wenig zur Seite gerückt, um die Versammlung mit unserem Tisch nicht zu behindern.
Am Sonntag, den 12. Juni, fand eine von DRY organisierte Versammlung auf dem Boulevard Richard-Lenoir in Paris statt. GenossInnen von uns waren ebenso anwesend; wir hatten erneut unseren Pressetisch mitgebracht. Gleiches Szenario: Mitglieder von DRY wollten einen Szene machen, um uns mit den gleichen Argumenten zu verdrängen. Wir haben ihnen geantwortet, dass Genossinnen von uns aus Barcelona zurückgekehrt waren, und dass auf dem Plaza de Catalunya die « Empörten » hoch erfreut waren, als wir dort unsere Presse ausgelegt hatten. Die « Logistikkommission » hatte uns zwei Gestelle und eine Platte zur Verfügung gestellt, um unsere Presse auszubreiten. Ein « Empörter » der « Kunstkommission » half uns sogar mit einem Megaphon aus, damit wir eine Debatte um unseren Pressestand abhalten konnten.
Ein völlig aufgepeitschtes Mitglied von DRY wollte uns nicht glauben und verlangte von uns « Beweise ». Wir haben daraufhin unsere Videokamera herausgeholt, um zu zeigen, dass wir nicht blufften. Wir hatten Filmaufnahmen vom Plaza de Catalunya in Barcelona gemacht (auf dem man sehr deutlich den Pressestand der IKS erkennen konnte). Aber dieses Mitglied von DRY wollte der Wahrheit nicht in die Augen sehen und weigerte sich, das Video anzuschauen. Sie fragte uns dann, ob die « Empörten » von Barcelona uns ein « Papier » ausgestellt hätten, d.h. einen Erlaubnisschein für die Aufstellung des Pressestandes. Vielleicht wollte DRY eine Genehmigung zur Verbreitung unserer Presse seitens der Präfektur sehen?
Was die Mitglieder von DRY in Wirklichkeit nicht anerkennen wollten, war die Empörung der « Empörten » von Barcelona über die Manöver von DRY, die unter dem Deckmantel des « Unpolitischen » oder « der Ablehnung der Parteien » die Debatte sabotieren, indem all jenen Stimmen ein Maulkorb angelegt werden soll, die nicht ihre Glaubensbekenntnisse und ihr Lob der bürgerlichen Demokratie nachplappern. Das ist das wahre Gesicht der « echten Demokratie » von DRY!
In Wirklichkeit ist die « internationale Ausdehnung » der Bewegung 15M eine Maskerade, für welche DRY die Ausgebeuteten und die junge Arbeitergeneration einzuspannen versucht, um so eine « Einheitsfront » mit den « Bürgern » zu errichten, die den linken und rechten Parteien des Kapitals angehören (sogar der Extremen Rechten, wie uns übrigens dieses sehr staatsbürgerliches Mitglied von DRY sagte).
Die Ausgebeuteten müssen gegen diese Diktatur von DRY, gegen deren reaktionäre « Volksfront » ihre Klassenfront errichten! IKS, 14.6.2011
Die massiven Straßenproteste in Israel scheinen im Augenblick jedenfalls nachgelassen zu haben; die soziale Frage, die diese Proteste so lautstark in den Vordergrund gedrängt hatte um Fragen wie hohe Mieten, Inflation und Arbeitslosigkeit, wird durch die nationale Frage wieder einmal beiseite geschoben.
In der besetzten Westbank gab es Zusammenstöße zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern, die für die Unterstützung der Palästinensischen Autonomiebehörden und deren Antrag auf Anerkennung als eigenständigen Staat durch die UNO demonstrierten.
In Qalandiya, einem wichtigen israelischen Checkpoint zwischen der Westbank und Jerusalem haben israelische Soldaten mit Tränengas geschossen, um Steine werfende Palästinenser auseinander zu treiben. Die Zusammenstöße zogen sich über mehrere Stunden hin und ca. 70 Palästinenser wurden durch gummiüberzogene Stahlgeschosse oder durch Tränengas verletzt. Dieses Szenario wiederholte sich an mehreren Orten, manchmal war es verbunden mit verschärften Spannungen zwischen palästinensischen Dörfern und jüdischen Siedlern. Zeugenaussagen und einem Armeebericht zufolge erschossen israelische Soldaten in der Nähe des Dorfes Qusra auf der Westbank einen Palästinenser in einem Zwischenfall zwischen Dorfbewohnern und israelischen Siedlern. Zuvor war es zur Erstürmung der israelischen Botschaft in Kairo nach israelischen Luftangriffen gegen den Gaza-Streifen gekommen, bei dem mehrere ägyptische Grenzposten zu Tode kamen.
Auf dem Höhepunkt der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz waren die Versuche der Regierung, die Aufmerksamkeit von den ökonomischen und politischen Forderungen der Protestierenden abzulenken und sie auf die ‘Palästinenserfrage‘ und Israel-feindliche Stimmung zu richten, wenig erfolgreich gewesen. Einem Artikel von Nadim Shehadi in der New York Times (25.9.2011) zufolge wurde „auch der jüngste Angriff auf die israelische Botschaft in Kairo von vielen als eine Ablenkung von den fortdauernden Protesten auf dem Tahrir-Platz gesehen“. Es gab Hinweise auf eine Zusammenarbeit zwischen Polizei und Regierung bei diesem Angriff, der gleichzeitig stattfand mit dem Besuch des türkischen Premierministers Erdogan in Kairo, der eine neue anti-israelische Machtachse im Mittleren Osten zwischen der Türkei und Ägypten aufbauen will. Der Sturm auf die Botschaft hat jedenfalls die Aufmerksamkeit von einer neuen Welle von Sozialprotesten gegen das Regime abgelenkt, bei der wiederum eine Zunahme von Arbeiterstreiks eine Rolle spielte.
Ein oder zwei Staaten?
Viele von denjenigen, die von sich behaupten gegen das bestehende kapitalistische System zu sein, meinen, bis zur Lösung der nationalen Frage zwischen Israel/Palästina werde es nie einen „normalen“ Klassenkampf in der Region geben, bei dem ArbeiterInnen und Unterdrückte Seite an Seite gegen die Kapitalisten aller Länder, unabhängig von ihrer Nationalität und Religion, kämpfen.
Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen eines Lösungsversuchs der Israel-Palästina-Frage: Teile der Linken sind mehr als gewillt, militärische Aktionen gegen Israel (durch nationalistische, säkulare oder islamische Palästinensergruppen und logischerweise durch Staaten, die diesen Waffen und andere Mittel zur Verfügung gestellt haben wie Iran, Syrien, Gaddafis Libyen oder Saddams Irak) zu unterstützen. Die Tatsache, dass solche Schritte mit der Rhetorik der „arabischen Revolution“ und einem zukünftigen „Sozialistischen Staatenbund im Mittleren Osten“ verbunden werden, ändert nichts an ihrem grundlegend militaristischen Charakter. Solche Auffassungen wurden von der Socialist Workers Party in GB, George Galloway, und anderen vertreten. Diese sind oft mit der Idee einer „Ein-Staaten-Lösung“ verbunden, d.h. einem säkularen demokratischen Palästinenserstaat mit gleichen Rechten für alle. Wie solch ein idyllisches Regime inmitten eines imperialistischen Haifischbeckens nach vielen Blutbädern entstehen könnte, ist eine Frage, die nur von Leuten beantwortet werden kann, die sich in trotzkistischen Sophismen verstehen.
Andere linke Stimmen, mit einer Reihe von Liberalen an ihrer Seite, favorisieren die “Zwei-Staaten-Lösung”, mit israelischer und palästinensischer Selbstbestimmung und mit dem jeweiligen Respekt der nationalen Rechte. Unter ihnen gibt es viele Nuancen: offiziell sind die USA für eine „Zwei-Staaten-Lösung“, die aus Verhandlungen hervorgehen sollte, bei denen die USA als Teil des Nah-Ost-Quartetts mit der UNO, der EU und Russland die Zügel in der Hand halten. Aber gegenwärtig stimmt Washington gegen den Antrag der Palästinenser auf einen eigenständigen Staat, weil dieser Antrag sich nicht auf ein Übereinkommen stütze. Die Tatsache, dass die USA zunehmend unfähig sind, die unnachgiebige rechte israelische Regierung für ihre Vorschläge zu gewinnen, insbesondere für einen Stopp neuer Siedlungsprojekte in den besetzten Gebieten, muss bei der US-Haltung berücksichtigt werden.
In der Zwischenzeit hat der Palästinenserpräsident Mohamed Abbas hervorgehoben, dass die Verhandlungen nicht vorangekommen sind und man deshalb die Bildung eines eigenständigen Palästinenserstaates verlangt, weil dies angeblich viele taktische Vorteile bieten würde, so unter anderem die Möglichkeit, Israel vor dem Internationalen Gerichtshof anzuklagen. Aber dieser Plan stößt auf starken Widerstand bei vielen Anhängern des palästinensischen Nationalismus, sowohl unter den säkularen als islamistischen Flügeln, die richtigerweise meinen, dass ein Staat, der sich nur auf ein paar Streifen Land stützen kann, der zudem noch vom israelischen Militär und dem „Anti-Terror-Grenzzaun“ in Schach gehalten wird, nichts anderes als ein symbolischer Staat sein kann. Die Islamisten, von denen die meisten nicht mal die Existenz Israels anerkennen, wollen den bewaffneten Kampf für einen islamischen Staat in ganz Palästina (in seinem historischen Begriff) fortsetzen (obwohl sie sich praktisch auf verschiedene Zwischenstufen einlassen wollen). Auf dieser Ebene propagieren militaristische Islamisten und militaristische Trotzkisten die gleichen Methoden zur Erreichung ihrer jeweiligen „Ein-Staat-Vorstellungen“ [1] [300].
Kommunisten gegen den Nationalstaat
Aus unserer Sicht sind dies alles falsche Lösungsansätze. Der jüdisch-palästinensische Konflikt, der sich nun schon mehr als 80 Jahre hinzieht, ist ein konkretes Beispiel dafür, dass der Kapitalismus die verschiedenen „nationalen Fragen“ nicht lösen kann, die er teilweise aus früheren Sozialsystemen geerbt, aber auch zum großen Teil selbst geschaffen hat.
Rosa Luxemburg stellte sich im Ersten Weltkrieg gegen die Forderung nach dem „Recht auf nationale Selbstbestimmung“ ; sie argumentierte, dass es in einer mittlerweile von den imperialistischen Ländern aufgeteilten Welt keiner Nation möglich wäre, ihre Interessen zu verteidigen ohne sich mit größeren imperialistischen Staaten zu verbünden, und dass diese dabei gleichzeitig versuchen würde, ihre eigenen imperialistischen Appetite zu befrieden. Der Nationalismus sei nicht, wie Lenin und andere meinten, eine potenzielle Kraft zur Schwächung des Imperialismus, sondern ein integraler Bestandteil desselben. Diese Einschätzung ist sicherlich durch die Geschichte der Konflikte im Mittleren Osten bestätigt worden. Es ist wohl bekannt, dass der Zionismus seit seiner Entstehung keine Vorteile für sich erzielen konnte ohne die Unterstützung des britischen Imperialismus. Später hat er sich selbst gegen Großbritannien gewandt, um in die Dienste der noch stärkeren USA zu treten. Aber die palästinensische Nationalbewegung ist nicht weniger dazu gezwungen gewesen, die Unterstützung imperialistischer Mächte zu suchen: dem faschistischen Deutschland und Italien vor und während des 2. Weltkriegs, dem stalinistischen Russland und dessen arabischen Subalternen während des Kalten Krieges, Syrien, Irak, Iran und anderen Staaten seit dem Zusammenbruch des alten Blocksystems. Bündnisse haben sich im Laufe der Zeit verlagert, aber eine Konstante war seit jeher, dass der jüdische und arabische Nationalismus als örtliche Agenten größerer regionaler und globaler imperialistischer Rivalitäten handelten. Diejenigen, die die militärische Niederlage Israels oder eine ‚friedlichere Lösung‘ unter Schirmherrschaft der UNO propagieren, hängen noch tief fest in dieser Logik.
Gleichzeitig richtet sich die Unterstützung nationaler Lösungen in einer geschichtlichen Phase, in der die Arbeiterklasse und ihre Ausbeuter keine gemeinsamen Interessen haben, und in der noch nicht einmal das Bedürfnis eines Bündnisses gegen frühere reaktionäre Klassen besteht, gegen den Kampf der Ausgebeuteten. In Israel prallen die Arbeiterkämpfe zur Verteidigung des Lebensstandards immer auf Ablehnung mit der Begründung, das Land befindet sich doch im Krieg, wir müssen Opfer hinnehmen, Streiks können nur unsere Landesverteidigung untergraben. In Ägypten und anderen arabischen Ländern hält man den ArbeiternInnen immer wieder entgegen, die sich gegen ihre Ausbeutung wehren, dass der wahre Feind der Zionismus und der US-Imperialismus seien. Ein deutliches Beispiel dafür konnte man während der massiven Arbeiterkämpfe 1972 sehen. Nach der Unterdrückung der Streiks in Halwan durch die Sadat-Regierung, „gelang es den Linken (Maoisten, Palästinensischen Aktivisten usw.), den Kampf auf nationalistische Bahnen zu lenken. So wurden Forderungen nach der Freilassung inhaftierter ArbeiterInnen verbunden mit Erklärungen zur Unterstützung der palästinensischen Guerillabewegung, mit der Forderung nach der Errichtung einer Kriegswirtschaft (einem Lohnstopp eingeschlossen) und der Bildung einer „Volksmiliz“ zur Verteidigung der „Heimat“ gegen die zionistische Aggression. So lautete die Hauptkritik, dass die Regierung nicht entschlossen genug handele bei den Kriegsvorbereitungen; und die Arbeiter wurden aufgefordert, den Kampf gegen ihre Ausbeuter nicht fortzusetzen, sondern die Basis für eine „Volksbewegung“ des ägyptischen Imperialismus gegen seinen israelischen Rivalen zu bilden“ (‚Klassenkampf im Mittleren Osten‘, World Revolution, Nr. 3, April 1975).
Andererseits zeigen die jüngsten Protestbewegungen, wenn die soziale Frage in einem Kampf offen aufkommt, können die Argumente der Nationalisten infrage gestellt werden. Die Weigerung der Demonstranten vom Tahrir-Platz, ihren Kampf gegen das Mubarak-Regime dem Kampf gegen den Zionismus unterzuordnen; die vorhersehenden Warnungen durch israelische Demonstranten, dass die Netanjahu-Regierung militärische Konflikte einsetzen würde, um ihre Bewegung abzulenken, und vor allem ihre Entschlossenheit, ihre Proteste fortzusetzen, selbst wenn militärische Zusammenstöße an der Grenze stattfinden, beweisen, dass der Klassenkampf nicht solange verschoben werden kann, bis irgendeine ideale Lösung für die nationale Frage gefunden worden ist. Im Gegenteil, im Verlaufe des Kampfes selbst können nationale Spaltungen aufgegriffen und entblößt werden. In Israel ist die Anregung, die man aus den Bewegungen in der arabischen Welt erhalten hatte, in Slogans wie „Mubarak, Assad, Netanjahu“ laut und deutlich anerkannt worden. Die Rufe nach einer Einheit zwischen arabisch-jüdisch Protestierenden im Kampf waren konkrete und positive Beispiele dieser Möglichkeit, auch wenn die Bewegung noch sehr zögerlich blieb gegenüber der Frage der besetzten Gebiete.
Es wäre naiv zu erwarten, dass die jüngsten Bewegungen ganz ungefärbt von nationalistischen Ideen entstanden wären. Aus der Sicht der meisten Beteiligten bedeutet Internationalismus eine Art Waffenstillstand oder ein Art feierliche Eintracht unter Nationen. Sie verstehen nicht, was wirklich hinter Internationalismus steckt: Klassenkampf über alle nationalen Spaltungen hinweg, ein Kampf für eine Welt ohne Nationalstaaten. Gar nicht zu erwähnen die schreckliche Spirale von Rache, Misstrauen und Hass, welche der arabisch-israelische Konflikt hervorgerufen hat und jeden Tag verschärft. Aber gleichzeitig liefert der Kapitalismus jeden Tag Beweise nicht nur seines ökonomischen Bankrotts, sondern auch seiner Unfähigkeit, entgegengesetzte nationale Interessen zu versöhnen. Innerhalb des Gefängnisses des Nationalstaates, unabhängig davon ob man ein „Ein-Staat“ oder „Zwei-Staaten“-Ideal vorzieht, gibt es einfach keine Möglichkeit, Millionen von Palästinenser aus dem Elend der Flüchtlingslager zu befreien oder die Israelis von der ständigen Angst vor Kriegen und Terrorangriffen zu erlösen. Die Vorstellung einer menschlichen Gemeinschaft ohne Grenzen – und nur diese kann eine Lösung für die globale Krise des Kapitalismus anbieten – wird auch als die einzige realistische Lösung für den arabisch-israelischen Konflikt erkennbar werden. Aber diese Lösung wird nur durch massive soziale Bewegungen greifbar werden, die sich auf eine echte Revolution der Ausgebeuteten und Unterdrückten hin bewegt. Alle bürgerlichen Staaten, ob schon bestehende oder geforderte, werden die Feinde solch einer Revolution sein: Sie sind die erste Mauer, die auf dem Weg zur Freiheit niedergerissen werden muss.
Amos, 26.9.2011
[1] [301]. Es ist erwähnenswert, dass einige rechte Zionisten ebenso geschlussfolgert haben, ein einziger Staat sei die beste Lösung, aber das müsste natürlich ein jüdischer Staat sein, in welchem die arabische Minderheit entweder vertrieben oder sie für immer als untergeordnete Bürger leben müssten.
Vor dem neuen Regionalparlament in Valencia war eine friedliche Kundgebung einberufen worden. Ihre Forderungen lauteten: „Ende der Korruption, die Politiker sollen auf die Bürger hören“, d.h. diese Forderungen gossen Wasser auf die Mühlen der Illusion, dass der Staat „ein Ausdruck des Volkswillen“ sei.
Der Staat reagierte sehr pädagogisch: mehrere Demonstranten wurden niedergeknüppelt, über den Boden geschleppt, von der Polizei brutal und arrogant behandelt. 18 Demonstranten wurden verletzt, 5 verhaftet. Sie wurden nicht wie „Bürger“ sondern wie Kriminelle behandelt. Diese Nachricht löste eine sehr starke Empörung aus.
Als Reaktion darauf wurde für 20.15 h vor der U-Bahn-Station Colon zu einer Kundgebung vor einem Regierungsgebäude aufgerufen. Langsam strömten die Demonstranten zusammen. Ein Demonstrationszug, der von dem Jungfrauenplatz losgezogen war, auf dem eine Versammlung zur valencianischen Sprache stattfand, schloss sich der Demonstration an, was mit großem Applaus bedacht wurde. Spontan entschied man, zur Polizeiwache Zapadores zu ziehen, wo man die Verhafteten vermutete. Von Minute zu Minute schwoll die Teilnehmerzahl weiter an. Die Bewohner des Stadtviertels Ruzafa schlossen sich dem Zug an oder klatschten von ihren Balkonen Beifall. Den Polizisten wurde zugerufen: “Lasst die Verhafteten frei. Hört auf uns zu beobachten. Ihr werdet auch bestohlen“.
Sobald die Demonstranten vor der Polizeiwache Zapadores eingetroffen waren, ließ man sich zu einem sit-in nieder. Es wurde gerufen: „Ohne die Verhafteten ziehen wir nicht ab. Wenn sie nicht rauskommen, kommen wir rein!“ Unterdessen traf die Nachricht von der Solidarisierung der Versammlung Barcelonas ein 1 [306] oder der Entscheidung des Madrider Zeltlagers, die Verhafteten durch eine neue Kundgebung vor dem spanischen Parlament Cortes zu unterstützen. Zur gleichen Zeit wurde in Barcelona gerufen: „Nein zur Gewalt in Santiago de Compostela und in Valencia“ (in Santiago de Compostela war die Polizei auch gewaltsam gegen Protestierende vorgegangen).
Eine Stunde später, nachdem man erfahren hatte, dass die Verhafteten – welche in den Justizpalast gebracht worden waren – freigelassen werden würden, löste die Kundgebung sich auf, aber einige Hundert Demonstranten zogen vor den Justizpalast und warteten auf deren Freilassung (nach Mitternacht wurden sie tatsächlich freigelassen).
Aus dieser kurzen Schilderung der Ereignisse können wir einige Schlussfolgerungen ziehen.
Die erste Schlussfolgerung ist, dass unsere Stärke in der Solidarität, dem Zusammenschluss liegt, die Verhafteten nicht alleine zu lassen, dem „Urteilsvermögen der Justiz“ nicht zu vertrauen, sich hinter die Verhafteten zu stellen, sie als unsere Leute anzusehen, deren Leben als unser eigenes Leben zu betrachten.
In der Geschichte hat sich die Solidarität immer als die Hauptkraft der ausgebeuteten Klassen herausgestellt, und mit dem historischen Kampf des Proletariats ist diese in den Mittelpunkt ihres Kampfes gerückt und zu einem Stützpfeiler einer zukünftigen Gesellschaft geworden, der weltweiten menschlichen Gemeinschaft, dem Kommunismus. Die Solidarität ist durch die kapitalistische Gesellschaft zerstört worden, welche sich auf ihr Gegenteil stützt: die Konkurrenz, die Politik des jeder gegen jeden, jeder für sich.
Aber während eine Solidarisierung zustande kam, hat auch die Empörung über den “demokratischen” Staat zugenommen. Die Polizeiüberfälle auf die Demonstranten in Madrid und Granada sowie die unmenschliche Behandlung der Verhafteten von Madrid haben die Bewegung des 15-M (15. Mai) angespornt. Der brutale und zynische Polizeiangriff auf die Demonstranten in Barcelona hat das wahre Gesicht des demokratischen Staates hervortreten lassen, das jeden Tag durch „freie Wahlen“ und die „Bürgerbeteiligung“ vertuscht wird. Die Repression in Valencia und in Santiago de Compostela am Freitag und die in Salamanca am heutigen Samstag zeigen das erneut.
Es ist notwendig mehr nachzudenken und zu diskutieren, ob die Ereignisse von Madrid, Granada, Barcelona, Valenica, Salamanca und Santiago de Compostela als “Ausnahmen” angesehen werden können, die auf “Exzesse” oder Fehler zurückzuführen sind?
Könnten die Reform des Wahlgesetzes, die ILP (Initiative Volksabstimmung) und andere Vorschläge des „demokratischen Konsensus“ diese Übergriffe vereiteln oder gar den Staat in den Dienst des Volkes stellen?
Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir begreifen, wer der Staat ist und wem er dient.
In allen Ländern ist der Staat das Organ der privilegierten und ausbeutenden Minderheit, das Organ des Kapitals. Diese allgemeine Regel trifft auch auf die Staaten zu, welche sich auf die desodorierenden Ausdünstungen der Demokratie stützen wie auch jene, die den übel riechenden Geruch der Diktatur von sich geben.
Die Grundlage für den Zusammenhalt des Staates ist nicht die „Bürgerbeteiligung“ sondern die Armee, Polizei, Gerichte, Gefängnisse, Kirche, Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände usw., d.h. ein gewaltiges bürokratisches Spinnennetz im Dienste des Kapitals, das die Unterdrückung ausübt und vom Blut und Schweiß der Mehrheit der Bevölkerung lebt und sich turnusmäßig durch die Fassade der Wahlen, Volksabstimmungen, Referenden usw. legitimieren lässt.
Diese dunkle Seite des Staates, die von dem bunten Gesicht der Demokratie im Alltag verwischt wird, wird anhand von Gesetzen deutlich wie dem Gesetz zur Rentenreform, der Reform des Arbeitsrechts, den jüngst von der Regierung verabschiedeten Maßnahmen, die den Unternehmern die Entlassung von Arbeitskräften erleichtern oder auch anhand der Einschnitte bei Ausgleichszahlungen für Beschäftigte, die nunmehr auf 20 Tage pro Beitragsjahr reduziert werden (vormals erhielt man 45 Tage pro Beitragsjahr). Oder wenn die Polizei mit Schlagstöcken vorgeht, um „Probleme zu vermeiden“, wie Rubalcaba es formulierte. Die Repression ist kein Merkmal einer bestimmten Partei oder Ideologie, sie ist die notwendige und bewusste Antwort des Staates immer dann, wenn die Interessen der Kapitalistenklasse bedroht werden.
Die Suche nach unmittelbaren Erfolgen oder das Bestreben, unbedingt “konkrete Forderungen” zu erheben, hat dazu geführt, dass ein Großteil der Teilnehmer an den Versammlungen – die von Gruppen wie “Democracia Real Ya!” beeinflusst worden sind -, der Illusion einer „Reform der Demokratie“ anheimgefallen sind: Änderung der Wahlgesetze, offene Listen, Initiative Volksabstimmung… Während diese Vorschläge als ein einfach nachzuvollziehender, konkreter Schritt erscheinen, führt dies in Wirklichkeit nur dazu, die Illusion zu verstärken, der Staat könne „reformiert“, in „den Dienst aller Menschen gestellt“ werden. Dadurch läuft man letzten Endes nur hilflos gegen den kapitalistischen Staat an und macht es diesem leichter, seine Arbeit zu verrichten.
In den Versammlungen war oft die Rede davon, “diese Gesellschaft zu ändern”, dieses ungerechte Gesellschafts- und Wirtschaftssystem zu überwinden. Deutlich wurde das Bestreben nach einer Welt ohne Ausbeutung, in der „wir keine Waren“ sind, in der für die Bedürfnisse des Lebens und nicht die Bedürfnisse der Produktion produziert würde, in der es eine menschliche Gemeinschaft ohne Staaten und Grenzen geben würde.
Wie aber kann man solch ein Ziel erreichen? Stimmt das Motto der Jesuiten, demzufolge „das Ziel die Mittel rechtfertigt“? Kann man dieses System ändern, indem man auf Mittel wie Bürgerbeteiligung usw. zurückgreift, die dieses System uns anbietet?
Die einzusetzenden Mittel müssen mit dem verfolgten Ziel übereinstimmen. Nicht alle Mittel sind gültig. Die Atomisierung und die Isolierung durch die Wahlkabinen, die Delegierung der Macht in die Hände der Politiker, die üblichen Schiebereien und Machtmanöver der Politiker, d.h. all diese üblichen Mittel des Spiels der Demokratie verfolgen nicht unser Ziel, sondern dienen der Befestigung dieses Systems.
Diese “Mittel” führen uns völlig von unserem Ziel weg. Die Mittel, die uns zu unserem Ziel führen – auch wenn dieses noch weit entfernt ist - sind die Versammlungen, das direkte, kollektive Handeln auf der Straße, die Solidarität, der international Kampf der Arbeiterklasse. IKS, 11.6.2011
1 [307] In Barcelona haben mehrere Hundert Demonstranten die „Diagonale“ (eine die ganze Stadt kreuzende Magistrale) besetzt; die PKW-Fahrer unterstützten sie mit Hupkonzerten.
Am Freitag, den 27. Mai, zwischen 6 und 7 h morgens, räumten 300 Polizeikräfte den Plaza Catalunya in Barcelona, der von 3000 „Empörten“ besetzt war. Diese zelteten dort seit dem 16. Mai Tag und Nacht, um – wie in Madrid und ungefähr 70 anderen spanischen Städten - gegen die Arbeitslosigkeit, die Armut, prekäre Lebensbedingungen und die mangelnde Zukunft zu protestieren. Dieses gewaltsame Vorgehen wurde – so der Sprecher der katalanischen Generalitat (die katalanische Provinzregierung) – durch die Notwendigkeit bestimmt, auf dem Platz Raum zu schaffen für den Aufbau einer Riesenleinwand zur Übertragung des Champions League Endspiels Barcelona- Manchester-United. Die Protestkundgebungen der „Empörten“ gegen die wachsende Verarmung sollten also etwas, für die Menschheit viel Wichtigerem weichen – der für den Fall des Sieges vorgesehenen Feier des FC Barcelona! Dieser natürlich vorgetäuschte Grund lieferte eine Rechtfertigung für die gewaltsame Räumung einer der wichtigsten Plätze des Protestes gegen die kapitalistische Ausbeutung, wo eine der größten Radikalisierungen stattgefunden hatte. Am Freitag, den 27. Mai, zwischen 6 und 7 h morgens, räumten 300 Polizeikräfte den Plaza Catalunya in Barcelona, der von 3000 „Empörten“ besetzt war. Diese zelteten dort seit dem 16. Mai Tag und Nacht, um – wie in Madrid und ungefähr 70 anderen spanischen Städten - gegen die Arbeitslosigkeit, die Armut, prekäre Lebensbedingungen und die mangelnde Zukunft zu protestieren.
Dieses gewaltsame Vorgehen wurde – so der Sprecher der katalanischen Generalitat (die katalanische Provinzregierung) – durch die Notwendigkeit bestimmt, auf dem Platz Raum zu schaffen für den Aufbau einer Riesenleinwand zur Übertragung des Champions League Endspiels Barcelona- Manchester-United. Die Protestkundgebungen der „Empörten“ gegen die wachsende Verarmung sollten also etwas, für die Menschheit viel Wichtigerem weichen – der für den Fall des Sieges vorgesehenen Feier des FC Barcelona! Dieser natürlich vorgetäuschte Grund lieferte eine Rechtfertigung für die gewaltsame Räumung einer der wichtigsten Plätze des Protestes gegen die kapitalistische Ausbeutung, wo eine der größten Radikalisierungen stattgefunden hatte.
Die Platzbesetzer haben entschlossen aber vollkommen gewaltlos versucht, sich gegen diese schändliche Räumung zu wehren. Eine zahlenmäßig große Gruppe von Jugendlichen wollte den Zugang zum Platz blockieren, während andere den Polizisten Blumen verteilten. Ungefähr 200 „Empörte“ blieben in der Mitte des Platzes sitzen. Die Polizeikräfte sind mehrfach gegen diese gewaltsam mit Schlagstöcken vorgegangen. Einige der Demonstranten hielten Spruchbänder hoch „Resistencia pacifica“ („friedlicher Widerstand“).
Ein zur Einschüchterung und zur Beobachtung eingesetzter Hubschrauber kreiste über dem Platz, während mit ca. 20 Polizeifahrzeugen die Zelte der Besetzer niedergerissen wurden. Einige mit Wasser gefüllte Plastikflaschen wurden auf die Polizisten geworfen, aber die Mehrzahl der Protestierenden verhielt sich ruhig und rief: „Me da verguenza“ „(Das Verhalten der Polizei ist beschämend“ oder „Donde esta la placa“ (wo sind die polizeilichen Erkennungsmarken?). Ein Demonstrant auf der Mitte des Platzes hielt ein Spruchband, das sich an die Leute am Platzrand richtete: „Assemblea dice policia fuera, nosotras limpiamos la plaça“ (Die Versammlung hat gesagt, Polizisten raus, wir säubern den Platz selbst). Ein Demonstrant hielt ein Spruchband „Sie können unsere Träume nicht wegräumen“.
121 Personen wurden bei dem Räumungsversuch verletzt; darunter mussten ein Dutzend in Krankenhäusern behandelt werden. Ein Jugendlicher wurde an der Lunge schwer verletzt.
Ein anderes Zeltlager in Lérida wurde am Freitagmorgen von der Polizei ebenso geräumt. Nach dem Rückzug der Polizeikräfte am Ende des Vormittags sind die immer zahlreicher gewordenen Demonstranten wieder auf den Platz gestürmt. Innerhalb eines Nachmittags wurde eine Feldküche mit kostenlosen Mahlzeiten, die Erste-Hilfe-Station, die Bibliothek, die Versorgung mit Gemüse – all das, was am Morgen niedergerissen worden war – wiederherstellt.
Die Informationskommission beantwortete die an sie gerichteten Fragen, während per Twitter eine Reihe von empörten Kommentaren zum Eingreifen der Polizei verbreitet wurde. In einem Flugblatt wurde die Räumungsaktion geschildert. Für 17.00 h wurde zu einer Kundgebung von der Statue des Christopher Kolumbus zum Plaza de Catalunya aufgerufen. Dort kamen einige Tausend Demonstranten zusammen, die gegen die Einschnitte im Gesundheits- und Bildungswesen protestierten. Um 19.00 h war der Platz erneut mit Menschen überfüllt (ca. 4.000-5.000 Leute), die zum Kochtopfdeckelschlagen zusammenkamen (cassolada). Um 21.00 h wurde in einer Petition der Rücktritt des regionalen Innenministers verlangt. Die Kommissionen (Aktionen, Ausdehnung und Verbreiterung der Bewegung, Theater usw.) trafen sich erneut, während auf der Madrider Puerta del Sol die Demonstranten mit Blumen in den Händen riefen „Barcelona steht nicht alleine da“. Man verfasste Aufrufe zur Unterstützung der „Empörten“ von Barcelona und verbreitete sie auf Twitter; am Freitagabend sollten die Leute in allen Städten Spaniens zusammenkommen.
Samstagabend strömten dann Tausende Demonstranten zusammen, um weiterhin ihre Empörung und Ablehnung der Polizeigewalt zum Ausdruck zu bringen.
Ja, unsere ganze Solidarität mit den Verprügelten von Barcelona und ein Hoch auf ihren Mut! Nein, die Genoss/Innen in Barcelona stehen nicht alleine da. Hier geht keine „spanische Revolution“ vor sich: in Griechenland, Portugal, Tunesien, Ägypten, Marokko – überall auf der Welt findet der gleiche Kampf statt. Diese Erfahrung mit der Repression muss dazu beitragen, einige der Illusionen in die Demokratie, die unter den „Empörten“ noch weit verbreitet sind und auf welche sich die herrschende Klasse stützt, zu überwinden. Sie muss ebenso zur Bewusstwerdung beitragen, dass die von der Polizei ausgeübt Gewalt nur der bewaffnete Arm des kapitalistischen Staates ist und dieser nur so reagieren kann. Dieser Staat hält jeden Tag gewaltsam die Ausbeutung aufrecht. Wir haben keine andere Wahl als uns weltweit zusammenzuschließen, um dieses System mit seinem Staat zu überwinden. IKS 4.6.11
Zu einem Zeitpunkt, als in vielen Ländern die Scheinwerfer auf den Skandal um Dominique Strauss-Kahn, den wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe verhafteten IWF-Chefs, gerichtet waren, erschütterte etwas viel Wichtigeres Europa: die gewaltige soziale Protestbewegung in Spanien, die sich seit dem 15. Mai nach der Tag und Nacht andauernden Besetzung der Puerta Del Sol in Madrid gebildet hat. Die Bewegung wird von einer riesigen Masse von Menschen, hauptsächlich Jugendlichen, getragen, die empört sind über die Arbeitslosigkeit, die Sparmaßnahmen der Zapatero-Regierung, die Bestechlichkeit der Politiker usw. Diese Sozialbewegung griff dank der sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter…) schnell wie ein Flächenbrand über auf die großen Städte des Landes: Barcelona, Valencia, Granada, Sevilla, Málaga, Leon… Aber die Informationen haben nicht wirklich die Pyrenäen Richtung Frankreich übersprungen. Denn in Frankreich haben nur die sozialen Netzwerke und einige alternative Medien die Bilder und Videos über die Ereignisse seit Mitte Mai übermittelt. Wenn die bürgerlichen Medien solch ein black-out über die Ereignisse verhängen und uns – insbesondere in Frankreich – mit dem Krimi um die Angelegenheit Dominique Strauss-Kahn benebelt haben, geschieht dies mit der Absicht, diese wichtige Etappe der Entwicklung der sozialen Kämpfe und des Kampfes der Weltarbeiterklasse gegen die Sackgasse, in welcher der Kapitalismus steckt, herunterzuspielen.
Zu einem Zeitpunkt, als in vielen Ländern die Scheinwerfer auf den Skandal um Dominique Strauss-Kahn, den wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe verhafteten IWF-Chefs, gerichtet waren, erschütterte etwas viel Wichtigeres Europa: die gewaltige soziale Protestbewegung in Spanien, die sich seit dem 15. Mai nach der Tag und Nacht andauernden Besetzung der Puerta Del Sol in Madrid gebildet hat. Die Bewegung wird von einer riesigen Masse von Menschen, hauptsächlich Jugendlichen, getragen, die empört sind über die Arbeitslosigkeit, die Sparmaßnahmen der Zapatero-Regierung, die Bestechlichkeit der Politiker usw. Diese Sozialbewegung griff dank der sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter…) schnell wie ein Flächenbrand über auf die großen Städte des Landes: Barcelona, Valencia, Granada, Sevilla, Málaga, Leon… Aber die Informationen haben nicht wirklich die Pyrenäen Richtung Frankreich übersprungen. Denn in Frankreich haben nur die sozialen Netzwerke und einige alternative Medien die Bilder und Videos über die Ereignisse seit Mitte Mai übermittelt. Wenn die bürgerlichen Medien solch ein black-out über die Ereignisse verhängen und uns – insbesondere in Frankreich – mit dem Krimi um die Angelegenheit Dominique Strauss-Kahn benebelt haben, geschieht dies mit der Absicht, diese wichtige Etappe der Entwicklung der sozialen Kämpfe und des Kampfes der Weltarbeiterklasse gegen die Sackgasse, in welcher der Kapitalismus steckt, herunterzuspielen.
Die Bewegung der „Empörten“ in Spanien ist seit dem Generalstreik vom 29. September 2010 gegen das Projekt der Rentenreform herangereift. Dieser Generalstreik endete in einer Niederlage, weil die Gewerkschaften mit der Regierung einen Deal ausgehandelt und das Reformprojekt angenommen haben (die aktiv Beschäftigten zwischen 40-50 Jahren werden bei ihrem Renteneintritt eine um 20% niedrigere Renten beziehen als die gegenwärtigen Rentner). Diese Niederlage hat ein tiefgreifendes Gefühl der Verbitterung innerhalb der Arbeiterklasse hervorgerufen. Und unter den Jugendlichen hat sich eine große Wut angestaut, nachdem die Jugendlichen diesen Kampf gegen die Rentenreform aktiv unterstützt hatten, insbesondere indem sich viele an den Streikposten beteiligten.
Anfang 2011 kochte die Wut in den Universitäten hoch. Im März wurde im Nachbarland Portugal ein Aufruf einer Gruppe „Junge Prekäre“ zu einer Demonstration im Internet veröffentlicht. Daraufhin beteiligten sich ca. 250.000 Menschen an der Demo in Lissabon. Dieses Beispiel hatte sofort eine große Ausstrahlung auf die spanischen Universitäten, insbesondere in Madrid. Die große Mehrzahl der Studenten und jungen Leute unter 30 überlebt mit 600 Euros im Monat dank kleiner Jobs. Auf diesem Hintergrund hat eine Gruppe von ca. 100 Studenten eine Gruppe gebildet „Jugendliche ohne Zukunft“ („Jovenes sin futuro“). Diese mittellosen, aus der Arbeiterklasse stammenden Studenten haben sich um den Slogan „Obdachlos, arbeitslos, furchtlos“ zusammengeschlossen. Sie riefen für den 7. April zu einer Demo auf. Der Erfolg dieser Demo, an der sich etwa 5000 Menschen beteiligten, ermunterte die Gruppe „Jugendliche ohne Zukunft“, eine neue Demo für den 15. Mai zu planen. In der Zwischenzeit war in Madrid das Kollektiv „Echte Demokratie jetzt“ (Democracia Real Ya) gegründet worden, in deren Plattform man sich auch gegen die Arbeitslosigkeit und die „Diktatur der Märkte“ wandte, die aber von sich beanspruchte, „apolitisch“ zu sein, weder dem rechten noch linken Lager anzugehören. Democracia Real Ya rief ebenso zu Kundgebungen am 15. Mai in anderen Städten auf. Aber in Madrid kamen die meisten Leute zusammen – nämlich ca. 25.000. Dieser ziemlich zahme Protestzug sollte auf der Puerta del Sol enden.
Die Kundgebungen vom 15. Mai, zu denen „Echte Demokratie jetzt“ aufgerufen hatten, verliefen sehr erfolgreich. Sie spiegelten die allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung, insbesondere der Jugendlichen mit der Frage der Arbeitslosigkeit am Ende ihrer Ausbildung, wider. Die ganze Sache hätte eigentlich dort abgeschlossen werden sollen, aber am Ende der Kundgebungen in Madrid und in Granada kam es zu Zusammenstößen, die von einer kleinen Gruppe „Schwarzer Block“ ausgelöst wurden. Die Polizei ging gewaltsam gegen diese vor und verhaftete 20 Leute. Die Verhafteten, die in den Polizeiwachen misshandelt wurden, schlossen sich in einem Kollektiv zusammen und verfassten ein Kommuniqué, in dem die Gewalt der Polizei angeprangert wurde. Die Verbreitung dieses Kommuniqués hat sofort eine riesige Empörung und ein Gefühl allgemeiner Solidarität gegenüber der Brutalität der Ordnungskräfte ausgelöst. Ca. 30 Menschen, die in der Öffentlichkeit nicht bekannt und auch unorganisiert waren, beschloss die Besetzung des Puerta del Sol in Madrid und dort ein Zeltlager zu errichten. Diese Initiative breitete sich sofort wie ein Flächenbrand aus und stieß auf große Sympathie in der Bevölkerung. Am gleichen Tag wurde das Beispiel Madrids in Barcelona, Granada und Valencia nachgeahmt. Eine neue Welle Polizeigewalt goss erneut Öl aufs Feuer; seitdem kommen in mehr als 70 Städten die Protestierenden scharenweise zusammen, Tendenz steigend.
Am Nachmittag des 17. Mai hatten die Organisatoren der Bewegung des 15. Mai schweigende Aktionen der Protestierenden oder schauspielerische Aufführungen vorgesehen, aber die auf den öffentlichen Plätzen Zusammengekommenen verlangten lauthals die Abhaltung von Vollversammlungen. Um 20.00 h fingen die Vollversammlungen in Madrid, Barcelona, Valencia und anderen Städten an. Von Mittwoch, dem 18. Mai an, nahmen diese Versammlungen eine andere Gestalt an, sie verwandelten sich in offene allgemeine Versammlungen auf öffentlichen Plätzen.
Gegenüber der Repression und im Hinblick auf die Gemeinderats- und Regionalwahlen versuchte das Kollektiv “Echte Demokratie jetzt” die Debatte auf das Ziel der „demokratischen Erneuerung“ des spanischen Staats auszurichten. Eine Reform der Wahlgesetze wurde gefordert, um das Zweiparteiensystem PSOE/Partido Popular zu überwinden und stattdessen nach 34 Jahren „imperfekter Demokratie“ nach Franco eine „wahre Demokratie“ zu fordern.
Aber die Bewegung der „Empörten“ ging weit über diese Forderungen nach mehr Demokratie und Reformen durch das Kollektiv „Echte Demokratie jetzt“ hinaus. Die Bewegung beschränkte sich nicht auf die Revolte der jungen „mit 600 Euro verlorenen Generation“. Bei den Demonstrationen und auf den besetzten Plätzen in Madrid, Barcelona, Valencia, Málaga, Sevilla usw. konnte man auf Spruchbändern und Plakaten lesen „Demokratie ohne Kapital“, „PSOE und PP – gleiche Scheiße“, „Wir wollen eine Zukunft ohne Kapitalismus“, „Wenn ihr uns nicht träumen lasst, werden wir euch nicht schlafen lassen“, „Alle Macht den Versammlungen“, „Das Problem ist nicht die Demokratie, das Problem ist der Kapitalismus“, „Arbeitslos, obdachlos, furchtlos – Arbeiter wacht auf“!, „600 Euros pro Monat, das ist ein Gewaltverhältnis“, „Wenn wählen gefährlich wäre, wäre es längst verboten“. In Valencia riefen Frauen: „Unsere Großeltern wurden getäuscht, unsere Kinder wurden in die Irre geführt, unsere Enkel dürfen sich nicht verarschen lassen“
Gegenüber der bürgerlichen Demokratie, die die “Beteiligung” darauf beschränkt, alle vier Jahre den Politiker zu “wählen”, der nie seine Wahlversprechen einhält und all die Sparmaßnahmen umsetzt, welche die unaufhaltsame Zuspitzung der Wirtschaftskrise erfordert, hat sich die Bewegung der “Empörten“ in Spanien spontan wieder eine Waffe des Kampfes der Arbeiterklasse angeeignet: die allgemeinen, offenen Versammlungen. Überall sind Leute massenhaft in den Städten zusammengekommen; mehrere Zehntausende Teilnehmer aller Generationen und aus allen nicht-ausbeutenden Schichten der Gesellschaft versammelten sich. In diesen Versammlungen kann jeder das Wort ergreifen, seine Wut zum Ausdruck bringen, Debatten zu verschiedenen Fragen anstoßen, Vorschläge machen. In dieser Atmosphäre allgemeiner Wallung wird man ermutigt zu reden; alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens (politische, kulturelle, ökonomische…) werden zur Sprache gebracht. Auf den Plätzen strömt eine gewaltige kollektive Flut von Ideen zusammen, die in einem solidarischen Klima diskutiert werden, wo man jeweils Respekt für den anderen zeigt. In einigen Städten werden „Ideenkästen“ errichtet; eine Art Urne, wo jeder seine schriftlich verfassten Ideen reinwerfen kann. Die Bewegung organisiert sich auf eine sehr intelligente Weise. Kommissionen werden eingerichtet, insbesondere um sinnlose Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften zu vermeiden. Gewalt unter den Teilnehmern ist verboten. Es herrscht Alkoholverbot mit der Begründung, „Die Revolution ist keine Sauferei“. Jeden Tag werden Reinigungsmannschaften organisiert. In öffentlichen ‚Kantinen‘ werden Essen serviert, Freiwillige organisieren Kinderbetreuung. Bibliotheken werden aufgebaut, sowie „Ideenbänke“ (wo man sowohl wissenschaftliche Themen wie auch kulturelle, politische, ökonomische und Fragen der Kunst behandelt). „Tage des Nachdenkens“ werden geplant. Jeder bringt sein Wissen und seine Fähigkeiten ein.
Auf den ersten Blick scheint dieser Strom an Gedanken zu nichts Konkretem zu führen. Es werden keine konkreten Vorschläge gemacht, keine realistischen oder unmittelbar umsetzbaren Forderungen erhoben. Aber vor allem wird eine gewaltige Unzufriedenheit mit der Armut, den Sparplänen, der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung und ein gemeinsamer Wille zum Ausdruck gebracht, die gesellschaftliche Atomisierung zu durchbrechen, zusammenzukommen, um zu diskutieren, gemeinsam nachzudenken. Trotz vieler Konfusionen und Illusionen taucht erneut das Wort „Revolution“ in den Reden der Leute und auf den Spruchbändern und Plakaten auf; das Wort ruft keine Angst mehr hervor.
In den Versammlungen haben die Debatten grundlegende Fragen aufgeworfen:
- sollen wir uns auf die “demokratische Erneuerung” beschränken? Liegen die Wurzeln nicht im Kapitalismus selbst, ein System, das nicht reformiert werden kann und vollständig überwunden werden muss?
- Soll die Bewegung am 22. Mai, d.h. nach den Wahlen, beendet werden oder soll sie man fortsetzen mittels eines massiven Kampfes gegen die Angriffe auf unsere Lebensbedingungen, die Arbeitslosigkeit, prekäre Lebensbedingungen, Wohnungsräumungen usw.?
- Sollten die Versammlungen nicht auf die Betriebe, die Stadtviertel, die Arbeitsagenturen, die Gymnasien, die Schulen, die Universitäten ausgedehnt werden? Sollte man die Bewegung nicht in der Arbeiterklasse verwurzeln, die als einzige dazu in der Lage ist, einen breit gefächerten generalisierten Kampf zu führen?
In diesen Debatten in den Versammlungen haben sich zwei Tendenzen herausgeschält:
- Die eine, konservativ, und von den nicht-proletarischen Schichten getragen, verbreitet die Illusion, man könne das kapitalistische System durch eine „demokratische Revolution der Bürger“ reformieren;
- Die andere, proletarisch, hebt die Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus hervor.
Die Versammlungen, die am 22. Mai, dem Wahlsonntag, stattgefunden haben, beschlossen die Fortsetzung der Bewegung. Zahlreiche Wortmeldungen betonten: „Wir sind nicht hier wegen der Wahlen, auch wenn diese ein auslösendes Moment waren“. Die proletarische Tendenz ist deutlicher durch den Vorschlag hervorgetreten „sich in Richtung Arbeiterklasse zu bewegen“, indem man Forderungen gegen Arbeitslosigkeit, prekäre Verhältnisse, die Sozialkürzungen erhebt. Auf der Puerta del Sol wurde die Entscheidung getroffen, „Volksversammlungen“ in den Stadtvierteln zu organisieren. Vorschläge der Ausdehnung auf die Betriebe, die Universitäten, die Arbeitsagenturen werden gemacht. In Málaga, Barcelona und Valencia kam in Versammlungen die Frage auf, eine Demonstration gegen die Kürzungen des Soziallohnes zu organisieren; dazu wurde ein neuer Generalstreik vorgeschlagen, dieses Mal ein „richtiger“, wie einer der Redner meinte.
Vor allem in Barcelona, der industriellen Hauptstadt Spaniens, erscheint die zentrale Versammlung des Plaza Cataluña als die radikalste, am stärksten von der proletarischen Tendenz geprägten Versammlung, die sich am deutlichsten ablehnend gegenüber der Illusion der “demokratischen Erneuerung” äußert. So sind Beschäftigte der Telefónica, des Gesundheitsweisens, Feuerwehrleute, Studenten gegen die Sozialkürzungen zu den Versammlungen in Barcelona dazu gestoßen und haben eine andere Tonlage angestimmt. Am 25. Mai beschloss die Versammlung des Plaza de Cataluña die aktive Unterstützung des Streiks der Beschäftigten des Gesundheitswesens, während die Versammlung auf der Puerta del Sol in Madrid entschied, die Bewegung zu dezentralisieren und „Volksversammlungen“ in den Stadtvierteln einzuberufen, um eine „horizontale, partizipative Demokratie“ zu ermöglichen. In Valencia haben sich Busfahrer den Demonstrationen in Stadtvierteln gegen die Kürzungen im Bildungswesen angeschlossen. In Saragossa haben sich die Busfahrer ebenso mit Enthusiasmus an den Versammlungen beteiligt.
In Barcelona haben die „Empörten“ beschlossen, ihr Zeltlager aufrechtzuerhalten und weiterhin den Plaza de Cataluña bis zum 15. Juni besetzt zu halten.
Wie immer die Ereignisse in Spanien sich letzten Endes entwickeln werden, es ist klar, dass die von den Jugendlichen (die mit der Arbeitslosigkeit konfrontierten werden, welche in Spanien besonders hoch ist, da ca. 45% der Jugendlichen zwischen 20-25 Jahren arbeitslos sind) angezettelte Revolte ein Teil des Kampfes der Arbeiterklasse ist. Ihr Beitrag zum internationalen Kampf der Arbeiterklasse ist unleugbar. Diese breit ausgedehnte Bewegung hat alle nicht-ausbeutenden gesellschaftlichen Schichten in ihren Bann gezogen, insbesondere haben sich alle Generationen der Arbeiterklasse beteiligt. Auch wenn vieles in einer Welle des „Zorns des Volkes“ aufgelöst wurde und die ArbeiterInnen nicht eigenständig durch Streiks und andere massive Kundgebungen in Erscheinung getreten sind und keine eigenen unmittelbaren ökonomischen Forderungen erhoben haben, spiegelt diese Bewegung in Wirklichkeit eine in die Tiefe gehende Reifung des Bewusstseins in den Reihen der einzigen Klasse wider, welche die Welt durch die Überwindung des Kapitalismus verändern kann: die Arbeiterklasse.
Diese Bewegung bringt offen an den Tag, dass in Anbetracht des immer offensichtlicher werdenden Bankrotts des Kapitalismus immer größere Massen anfangen, sich in den „demokratischen“ Staaten Westeuropas zu erheben; sie bieten damit die Möglichkeit der Politisierung der Kämpfe des Proletariats.
Die Bewegung hat schon verdeutlicht, dass die Jugendlichen, von denen die meisten prekär Beschäftigte und Arbeitslose sind, dazu in der Lage waren, zur Waffe des Kampfes der Arbeiterklasse zu greifen: die massiven und allen zugänglichen Versammlungen, mit Hilfe derer sie Solidarität entfalten und die Bewegung in die eigenen Hände nehmen konnten, außerhalb der Kontrolle der politischen Parteien und der Gewerkschaften.
Der Schlachtruf „Alle Macht den Versammlungen“, der in dieser Bewegung aufgetaucht ist, welcher zwar jetzt noch von einer Minderheit getragen wird, ist nur eine Wiederauflage des alten Schlachtrufs der russischen Revolution „Alle Macht den Arbeiterräten“ (Sowjets).
Auch wenn heute noch der Begriff „Kommunismus“ Angst einjagt (infolge des Gewichtes der von den Herrschenden entfesselten Kampagne nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der stalinistischen Regime), hat dagegen das Wort „Revolution“ niemandem Angst eingejagt, im Gegenteil!
Diese Bewegung ist keinesfalls eine „Spanische Revolution“, wie das Kollektiv „Echte Demokratie jetzt“ behauptet. Die Arbeitslosigkeit, die Prekarisierung, hohe Preise und die ständige Verschlechterung der Lebensbedingungen der ausgebeuteten Massen sind keine spanische Besonderheit! Die finstere Fratze der Arbeitslosigkeit, insbesondere der Jugendarbeitslosigkeit, ist sowohl in Madrid als in Kairo, als auch in London und Paris zu sehen, genauso wie in Athen und Buenos Aires. Wir sind alle betroffen vom Versinken der zerfallenden kapitalistischen Gesellschaft in einem Abgrund. Dieser Abgrund besteht nicht nur aus der Verarmung und der Arbeitslosigkeit, sondern auch in der Zunahme der nuklearen Katastrophen, der Kriege und der Auflösung der gesellschaftlichen Beziehungen – verbunden mit einer moralischen Barbarei (wie man unter anderem anhand der zunehmenden sexuellen Übergriffe und der Gewalt gegen die Frauen in den „zivilisierten“ Ländern sehen kann).
Die Bewegung der “Empörten” ist keine “Revolution”. Sie stellt nur eine neue Etappe der Entfaltung von sozialen Kämpfen und den Kämpfen der Arbeiterklasse auf Weltebene dar, denn nur diese können für diese „zukunftslose“ Jugend und für die gesamte Menschheit eine Perspektive eröffnen.
Die Bewegung verdeutlicht, dass trotz all ihrer Verwirrungen und Illusionen über die „unabhängige Republik des Puerta del Sol“ im Innern der bürgerlichen Gesellschaft die Perspektive einer anderen Gesellschaft heranreift. Das „spanische Beben“ zeigt ebenso auf, dass die neuen Generationen der Arbeiterklasse, die nichts zu verlieren haben, jetzt schon zu Handelnden in der Geschichte geworden sind. Sie schaffen die Grundlagen für weitere gesellschaftliche Beben, die schlussendlich den Weg bereiten werden für die Befreiung der Menschheit. Dank der Verwendung von sozialen Netzwerken, von Mobiltelefonen und anderen modernen Kommunikationsmitteln hat diese junge Generationen ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, dass sie den von den Herrschenden und ihren Medien aufgezwungenen black-out durchbrechen und Solidarität über die Landesgrenzen hinaus aufbauen kann.
Diese neue Generation der Arbeiterklasse ist von 2003 an auf die internationale gesellschaftliche Bühne getreten, zunächst gegenüber der militärischen Intervention im Irak durch die Bush-Administration (in vielen Ländern protestierten Jugendliche gegen die Politik Bushs), dann mit den ersten Demonstrationen in Frankreich gegen die Rentenreform 2003. Im Jahre 2006 wurde diese Bewegung ebenso in Frankreich bestätigt, als die Studenten und Gymnasiasten massiv gegen den CPE auf die Straße gingen. In Griechenland, Italien, Portugal, Großbritannien hat die in Ausbildung befindliche Jugend ebenso ihre Stimme erhoben gegen die einzige Perspektive, welcher der Kapitalismus ihr bieten kann: absolute Verarmung und Arbeitslosigkeit. Diese Welle der Empörung seitens der „neuen, zukunftslosen Generation“ hat vor kurzem dann Tunesien und Ägypten erfasst und eine gewaltige soziale Revolte ausgelöst, die zum Sturz von Ben Ali und Mubarak geführt hat. Aber man darf nicht vergessen, dass das entscheidende Moment, welches die Herrschenden der größten „demokratischen“ Länder (insbesondere Barack Obama) dazu gezwungen hat, Ben Ali und Mubarak fallen zu lassen, die Arbeiterstreiks sowie die Drohung eines Generalstreiks gegen die blutige Niederschlagung der Demonstranten war. Seitdem ist der Tahrirplatz zu einem Sinnbild, einer Ermutigung zum Kampf seitens der jungen Generation der Arbeiterklasse in zahlreichen Ländern geworden. Diesem Beispiel folgend haben die „Empörten“ in Spanien ihr Zeltlager auf der Puerta del Sol aufgeschlagen, haben öffentliche Plätze in mehr als 70 Städten besetzt und all diesen Versammlungen alle Generationen und alle nicht-ausbeutenden Schichten zusammengeführt (in Barcelona haben die „Empörten“ gar den Plaza Cataluña in Tahrir-Platz umbenannt).
Die Bewegung der “Empörten” geht in Wirklichkeit viel tiefer als die spektakuläre Revolte, die sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo gebildet hatte. Diese Bewegung ist in dem größten Land auf der iberischen Halbinsel ausgebrochen, welches eine Brücke zwischen zwei Kontinenten bildet. Die Tatsache, dass sie in einem „demokratischen“ Staat Westeuropas stattfindet (wo zudem noch eine „sozialistische“ Regierung an der Macht ist), wird langfristig dazu beitragen, die demokratischen Verschleierungen beiseite zu fegen, die von den Medien seit der „Jasminrevolution“ in Tunesien verbreitet wurden. Obwohl „Echte Demokratie jetzt“ die Bewegung als „Spanische Revolution“ bezeichnet, wurde nirgendwo die spanische Fahne gehisst, während auf dem Tahrir-Platz zahlreiche ägyptische Fahnen zu sehen waren[1].
Trotz der Illusionen und Konfusionen, die bei solchen, von den „empörten“ Jugendlichen initiierten Bewegungen unvermeidbar sind, stellt diese Bewegung ein sehr wichtiges Bindeglied in der Kette sozialer Kämpfe dar, die heute explodieren. Mit der Zuspitzung der Wirtschaftskrise werden diese sozialen Kämpfe mit dem Klassenkampf der Arbeiterklasse zusammengeführt werden und diesen dabei wiederum stärken.
Der Mut, die Entschlossenheit und das tiefgreifende Solidaritätsgefühl der jungen „zukunftslosen“ Generation zeigt auf, dass eine andere Welt möglich ist: der Kommunismus, d.h. die Vereinigung der menschlichen Weltgemeinschaft. Aber damit dieser „alte Traum“ der Menschheit Wirklichkeit werden kann, muss zunächst die Arbeiterklasse, die den Hauptreichtum dieser Gesellschaft produziert, ihre Klassenidentität wiederfinden, indem sie massiv ihre Kämpfe in allen Ländern gegen die Ausbeutung und gegen alle Angriffe des Kapitalismus entfaltet.
Die Bewegung der “Empörten” hat angefangen, erneut die Frage der “Revolution” aufzuwerfen. Es ist die Aufgabe der Weltarbeiterklasse diese Frage zu lösen und in den zukünftigen Kämpfen für die Überwindung des Kapitalismus eine Klassenausrichtung zu geben. Nur auf den Trümmern dieses Ausbeutungssystems, das auf der Produktion von Waren und Profit fußt, können die neuen Generationen eine andere Gesellschaft errichten, der Menschengattung ihre Würde zurückzugeben und eine echte universelle „Demokratie“ errichten. Sofiane 27.5.2011.
1. Man vernahm sogar Slogans, die zu einer “globalen Revolution” und zur “Ausdehnung” der Bewegung über die Landegrenzen hinaus ausrufen. In allen Versammlungen wurde eine „internationale Kommissionen“ errichtet. Die Bewegung der „Empörten“ ist ausgeschwärmt in alle großen Städte Europas und des amerikanischen Kontinentes (sogar in Tokio, Pnom-Penh, Hanoi haben junge Spanier, die im Ausland leben, die Fahne der „Echte Demokratie jetzt“ ausgerollt).
Vor kaum einer Woche noch kamen auf den Plätzen der größeren Städte in Spanien Tausende von Menschen in Versammlungen zusammen, wo jeder und jede das Wort ergriff, der oder die das wollte, und mit vollem Vertrauen von der fehlenden Zukunftsperspektive sprach und darüber, wie wir uns dem entgegenstellen können. Und man hörte ihr oder ihm mit Respekt zu. In allen Orten wurde diskutiert, in Gruppen, in den Bars, in den Zeltlagern …, verschiedene Generationen (Junge und RentnerInnen), und es wuchs ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Einheit, der schöpferischen Tätigkeit, des Nachdenkens und der Debatte, in einem Bestreben, gemeinsam die gewaltige Aufgabe anzupacken, eine Perspektive vorzuschlagen angesichts des „No future“, das uns der Kapitalismus anbietet.
Heute gehen immer weniger Leute an die Treffen, die man schon nicht mehr Versammlungen nennen kann, wo die Diskussion nicht mehr erlaubt wird. Verschiedene Kommissionen „filtern“ die Interventionen, und praktisch wird es einem verwehrt, von einer Perspektive des gesellschaftlichen Kampfes zu sprechen. Die Kommissionen dienen dazu, abzustimmen oder demokratische Parolen „abzusegnen“, als ob diese ein Ausdruck der Bewegung wären, während die Mehrheit sie weder kennt noch diskutiert hat und viele Leute offen dagegen sind. Unter dem Vorwand des „Apolitizismus“ (der „apolitischen“ Haltung der Bewegung) kehrt die gleiche Politik zurück, die man mit der Parole „PSOE und PP - gleiche Scheiße“ bekämpft hat.
Was ist geschehen? Haben diejenigen recht, die sagen, dass es von Anfang an eine Bürgerbewegung der demokratischen Reform gewesen sei, eine Inszenierung? Oder gibt es einen Angriff auf die Versammlungen, eine Sabotage, um das massenhafte Zusammenkommen, die Diskussion und das Nachdenken zu beenden, weil der Staat sich davor fürchtet und dadurch in Frage gestellt fühlt?
Massenhafte Versammlungen nicht für die Demokratie, sondern trotz der Demokratie
Als zwei Tage nach der brutalen Repression der Demonstrationen vom 15. Mai auf der Puerta del Sol in Madrid Zelte aufgestellt wurden, die anderen Städten als Vorbild dienten, und immer mehr Leute auf den Plätzen zusammen kamen, die Diskussionen und Versammlungen organisierten, war die Mobilisierung völlig spontan. Diejenigen lügen unverschämt, die wie Echte Demokratie jetzt! sich das Verdienst der Initiierung der Bewegung zusprechen wollen. Diese gleichen „Herren Bürger“ hatten damals vor allem die Sorge zu unterstreichen, dass die Zeltlager nichts mit ihnen zu tun haben. Oder wie es ein Text, der von Einigen Anarchisten aus Madrid unterschrieben ist, sagt: „sie beeilten sich, es auf möglichst widerliche Art auszudrücken: indem sie sich von den Vorfällen nach der Demo distanzierten und mit dem Finger auf die angeblich Fehlbaren zeigten“.
Die Verschlimmerung der Angriffe auf unsere Lebensbedingungen, die Arbeitslosigkeit, die Wohnungsräumungen, die Kürzungen der Sozialleistungen, das Beispiel vom Tahrir-Platz und von Nordafrika, der Kämpfe gegen die Rentenreform in Frankreich, der StudentInnen in Großbritannien, in Griechenland, die Diskussionen am Arbeitsplatz oder unter Minderheiten, die Kommentare auf Facebook oder Twitter, und natürlich der Überdruss angesichts der parlamentarischen Komödie und der Korruption … All dies und weiteres mehr führten dazu, dass die Unzufriedenheit, die Empörung - ohne dass der Moment hätte vorausgesagt werden können - ausbrachen und einen Sturzbach der Lebhaftigkeit, der Kampfbereitschaft auslösten, wobei mit der demokratischen Norm der Passivität und der Stimmabgabe gebrochen wurde.
Tausende, ja manchmal Zehntausende von Leuten versammelten sich auf den zentralen Plätzen der wichtigsten Städte in Spanien und verwandelten sie in Agoras. Die Leute stießen nach der Arbeit dazu, blieben in den Zeltstätten, gingen mit der Familie hin, suchten … und redeten und redeten. Das Wort „befreite“ sich[1] in den Versammlungen. Sogar diejenigen, die am vehementesten gegen den Staat eingestellt sind, merkten, dass es sich nicht um eine Bewegung in demokratischen, staatlichen Bahnen handelte, wie dies im soeben zitierten anarchistischen Text zum Ausdruck kommt: „Es ist, als ob plötzlich die Passivität und das „JedeR-für-sich“ beim Kilometer Null[2] durchbrochen worden wären … Wenn du in den ersten Tagen in einer Gruppe zusammen standest, um über etwas zu reden, rückten andere Leute näher und spitzten die Ohren, um selber zu intervenieren, zuzuhören. Es war normal, völlig unterschiedlich gekleidete Menschen in kleinen Grüppchen diskutieren zu sehen. Die Arbeitsgruppen und die Vollversammlungen sind massenhafte Zusammenkünfte von zwischen 500, 600 und 2’000 Personen (sitzend, stehend, zusammenrückend, damit man sich versteht), etc. Und abgesehen davon das dauernde Gefühl einer guten Stimmung, von „das ist was Besonderes“. All das erreichte den Siedepunkt in der Nacht vom Freitag auf den Samstag, als der Tag des Nachdenkens begann. Zu hören, wie mehr als 20’000 Menschen rufen: „Wir sind illegal“ und sich wie Kinder darüber freuen, das Gesetz zu missachten, die Wahrheit zu hören, macht Eindruck.“
Es stimmt, dass die Bewegung keine offene Konfrontation über Forderungen gegen den demokratischen Staat beabsichtigte. In Tat und Wahrheit wurde jeder Versuch, zu konkreten Forderungen zu gelangen, abgelenkt Richtung „demokratische Reform“, indem die Parolen von Echte Demokratie jetzt! eingeführt wurden. Und das ist auch normal, da das Selbstvertrauen fehlt, das nötig wäre, um sich in den Kampf zu stürzen, und die Klarheit der Perspektive, und vor allem ist die Arbeiterklasse noch nicht so weit, dass sie ihre Klassenidentität als revolutionäres Subjekt zurück gewonnen hätte, um sich an die Spitze eines revolutionären Aufstands zu stellen. Aber die Diskussion, das Nachdenken und der Versuch, den Kampf aufzunehmen - das sind Pflastersteine auf dem Weg zum Selbstvertrauen, zur Klarheit und der Wiedereroberung der proletarischen Klassenidentität, wie es das Beispiel von Barcelona gezeigt hat mit den Versuchen von streikenden Sektoren, sich den Versammlungen anzuschließen, und mit der Einberufung von vereinigten Demonstrationen auf der Grundlage von ArbeiterInnenforderungen in Tarrasa. Die wirkliche Konfrontation mit dem demokratischen Staat fand in den selbstorganisierten und massenhaften Versammlungen statt, die sich im ganzen Land und darüber hinaus ausgebreitet haben.
Und das war genau das, was der Staat nicht dulden konnte.
Die Antwort des Staates: die demokratischen Bahnen wieder finden
Nach einem ersten Versuch, den Lauf der Ereignisse am Wahlwochenende des 22. Mai zu bremsen, indem Kundgebungen gesetzlich verboten wurden, welcher Versuch durch das massenhafte Zusammenkommen auf allen Plätzen zu der Stunde, als das Gesetz am Samstagmorgen, 21. Mai, in Kraft trat, zunichte gemacht wurde, änderte der Staat die Strategie und setzte auf eine Kombination von Abwarten, dass die Bewegung sich wegen der Ermüdung und der Schwierigkeit, eine Kampfperspektive zu entwickeln, von selber schwächt und von Sabotage innerhalb der Bewegung.
Als sich eine Woche nach den Gemeindewahlen die Bewegung abzuschwächen begann, entfesselte der Staat in Madrid und Barcelona eine Strategie, die vor allem über die Medien lief.
In Madrid wurden die Klagen der Lebensmittelhändler und der „Kleinunternehmer“ der Puerta del Sol an die große Glocke gehängt, um den Campierenden die Schuld an der Krise zuzuschieben, die „Einrichtung eines Informationsstandes“ zu unterstützen und die massenhaften Zusammenkünfte aufzulösen.
In Barcelona führte zwar die wohl berechnete Intervention der Mossos d’Escuadra[3] vorübergehend zu einer Erhöhung der Anzahl Leute an den Versammlungen[4], aber diente danach vorzüglich der Umleitung der Diskussionen auf das demokratische Terrain der Forderung nach Absetzung des Innenministers Felip Puig, indem der Diskurs der Opposition gegen die neue Rechtsregierung und der Nationalismus in den Vordergrund geschoben wurden.
Aber all dies hätte nicht der gleichen Erfolg gehabt, wenn nicht gleichzeitig Echte Demokratie jetzt! ihre Sabotagearbeit in der Bewegung selber verrichtet hätte.
Die Sabotage von innen: die Diktatur von Echte Demokratie jetzt!
Wenn Echte Demokratie jetzt! (Democracia Real ya! - DRY) in den ersten Tagen angesichts der Lawine von Versammlungen nichts anderes tun konnte, als von der Bühne zu verschwinden (gut gesagt), bedeutete dies nicht, dass sie auf den Versuch verzichtet hätte, in den wichtigen Kommissionen der Zeltstätten Position zu ergreifen und die Bürgerrechts-Standpunkte der Systemreform zu verbreiten, wie dies mit dem famosen „Dekalog“ oder anderen ähnlichen Versuchen geschehen ist. Dies geschah, ohne offen aufzutreten, in Verteidigung der „apolitischen Haltung“, womit die anderen politischen Ausrichtungen daran gehindert wurden, ihre Positionen zu verbreiten, während DRY sie schamlos (aber ohne Unterschrift) vertrat.
Die anarchistischen GenossInnen von Madrid spürten diese Stimmung schon zu Beginn der Bewegung: „In vielen Kommissionen und Gruppen sieht man allerhand: zufälliger Verlust von Protokollen; Personalisierungen; Leute, welche die Mikrofone nicht loslassen wollen; Delegierte, die Dinge gegenüber der Vollversammlungen verschweigen; Kommissionen, die Beschlüsse nicht einhalten; Grüppchen, die ihren Laden nicht aufgeben wollen usw. Viele dieser Verhaltensweisen sind sicher der mangelnden Erfahrung und dem Ego geschuldet, andere scheinen direkt den alten Handbüchern zur Manipulierung von Versammlungen entnommen.“
Aber es brauchte die ersten Symptome des Rückflusses der Bewegung, bis es zu einer eigentlichen Offensive der „Bürgerbewegung“ mit der DRY an der Spitze gegen die Vollversammlungen kam.
Auf der Puerta del Sol war es die DRY, die meldete, sie hätte die Klagen der Lebensmittelhändler gehört, und auf den Abbruch der Zeltstätte drängte, um einen „Informationsstand“ einzurichten. Die DRY filtert die Interventionen in den Versammlungen, wo nur noch über Vorschläge, die aus den Kommissionen kommen, diskutiert wird - aus den Kommissionen, die die DRY kontrolliert. Die DRY stellt ihre Positionen als diejenigen der Bewegung dar, ohne dass darüber in den Versammlungen diskutiert worden wäre. Sie beruft Koordinationssitzungen der Quartierversammlungen ein, ohne dass diese Versammlungen Delegierte gewählt hätten, die sie vertreten; oder sogar eine nationale Koordinationsversammlung auf den 4. Juni, über die man in den Vollversammlungen kaum etwas gehört hatte … Und die gleiche Dynamik ist in allen großen Städten zu beobachten.
In Barcelona ist die Freiheit, das Wort zu ergreifen, faktisch abgeschafft worden, und die Versammlungen haben sich nur noch zu den Vorschlägen zu äußern, die hinter ihrem Rücken ausgearbeitet worden sind. Die Diskussion wurde ersetzt durch Konferenzen von intellektuellen Professoren. Das herausragende Merkmal des Angriffs auf die Versammlungen ist das Gewicht, das der Nationalismus erhalten hat. In der ersten Woche nach dem 15. Mai strömten Tausende von Menschen auf die Plaza de Cataluña und diskutierten in verschiedenen Sprachen, während gleichzeitig auch die Communiqués, die verabschiedet oder empfangen wurden, in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Keine einzige katalonistische Fahne. Kürzlich aber ist darüber abgestimmt worden, dass man fortan ausschließlich Katalonisch spricht.
In Valencia dasselbe, korrigiert und verbessert. Lassen wir einen Text sprechen mit dem Titel Versammlungskontrolle in Valencia, der anonym herumgereicht wurde: „Seit dem 27. hat sich die inner Dynamik des Zeltlagers und der täglichen Versammlungen radikal verändert … und in den Versammlungen kann man fast nicht mehr über Politik oder soziale Probleme reden … Die Zusammenfassung ist folgende: eine Kommission, die sich „Bürgerbeteiligung“ nennt, und eine andere mit dem Namen „Rechtliche“, insgesamt 15-20 Personen, haben sich die absolute Kontrolle der Moderation der Versammlungen angeeignet, es sind „professionelle Moderatoren“, die sich auch den Gruppen und Kommissionen aufdrängen … Auf dem Platz wurden alle Transparente mit politischem, wirtschaftlichem oder schlicht sozialem Inhalt abgehängt. Es handelt sich jetzt noch um eine Art alternativen Jahrmarkt … Es gibt weder auf dem Platz noch in der Versammlung eine Meinungsäußerungsfreiheit. Sie haben in den Kommissionen, in denen sie konnten, die Diktatur des Systems des „Mindestkonsenses“ errichtet, mit dem man nie zu wirklich inhaltlichen Übereinkünften kommt … Sie legten ein Dokument vor, das man noch am gleichen Tag annehmen sollte und den Titel trägt: „Bürger, beteilige dich“, wo nebst vielen schönen Dingen steht, dass nur die Kommissionen das Recht haben, den Versammlungen Vorschläge zu unterbreiten … In diesem Papier steht, dass die Kommissionen von nun an obligatorisch nach dem Mindestkonsens funktionieren … totale Absicherung der Kontrolle, um zunächst die Bewegung ihres Inhalts zu berauben“. Und als ob dies noch nicht genug wäre, haben sie heute eine Demonstration von RentnerInnen gegen die „jämmerlichen Renten“ in einen Protest gegen den Artikel 87,3 der Verfassung umgewandelt; während die RentnerInnen riefen: „Für eine Mindestrente von 800 €“ und „Für die Pensionierung mit 60 Jahren“, schrie die Bürgerbewegung: „Gefangene seit 78“, um eine repräsentativere Verfassung zu fordern.
In Sevilla hat sich die DRY am offensten gezeigt und von der Versammlung einen eigentlichen Blankoscheck verlangt, um nach eigenem Gutdünken schalten und walten zu können. Sie hat sich sogar getraut, die Versammelten dazu aufzurufen, sich massenhaft unter den Insignien der DRY zu organisieren.
Was auf dem Spiel steht
Es ist mehr als offensichtlich, dass die Strategie der DRY - im Dienste des demokratischen Staats - darin besteht, eine Bürgerbewegung der demokratischen Reform voranzustellen, um zu verhindern versuchen, dass eine gesellschaftliche Bewegung des Kampfes gegen den demokratischen Staat, gegen den Kapitalismus entsteht. Die Tatsachen haben jedoch gezeigt: Wenn das gewaltige angehäufte soziale Unbehagen nur den kleinste Boden findet, auf dem es sich ausdrücken kann, schiebt es mir nichts, dir nichts die Jammerlappen der plusquamperfekten Demokratie beiseite. Weder DRY noch der demokratische Staat können die Entwicklung der sozialen Unrast und der Kampfbereitschaft aufhalten; aber sie können versuchen, dieser Entwicklung alle möglichen Fesseln anzulegen.
Und der Beschuss der Versammlungen ist eines dieser Hindernisse. Für eine „große Minderheit“ (wenn es erlaubt ist, diesen paradoxen Begriff zu gebrauchen) sind diese Versammlungen ein Wegweiser bei der Suche nach Solidarität und Vertrauen, für die Diskussion, für die Aufnahme des Kampfes gegen die schrecklichen Angriffe auf unsere Lebensbedingungen. Mit den Diskussionen, wie sie in den Versammlungen stattfanden, fortzufahren, auch wenn es in kleineren Treffen ist, ist der Weg der Vorbereitung künftiger Kämpfe. Offene Massenversammlung zu organisieren, wenn immer es einen Kampf gibt, ist das Vorbild, dem es nachzuleben gilt. Die Sabotage der DRY und die Vormundschaft der Bürgerbewegung können dazu führen, dass ein Teil dieser „wachsenden Minderheit“ enttäuscht ist und denkt, dass „alles nur ein Traum“ war. Sie kann nicht die Geschichte auslöschen wie der Große Bruder, aber sie kann das Gedächtnis trüben.
Deshalb besteht die Alternative darin, die Versammlungen dort zu verteidigen, wo sie noch lebendig sind; die Sabotagearbeit einer DRY zu bekämpfen und entlarven; und dazu aufzurufen, bei jeder Gelegenheit - bei Zusammenkünften von Minderheiten oder in Versammlungen in einem Kampf - die Debatte und den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen.
Gegen den Kapitalismus zu kämpfen ist möglich! Die Zukunft gehört der Arbeiterklasse!
03.06.2011
Internationale Kommunistische Strömung
[1] „Das Wort befreien“ war eine der Parolen in den vor Kurzem abgehaltenen Versammlungen in Frankreich gegen die Rentenkürzungen.
[2] So wird die Puerta del Sol in Madrid auch genannt.
[3] Katalanischen Polizei
[4] Die Repression war brutal (es gibt immer noch einige, die erheblich verletzt sind), was die Solidarität in verschiedenen Versammlungen weckte.
Warum bereiten sich fast eine Million Arbeiter, Lehrer, öffentliche Angestellte, Angestellte der lokalen Verwaltungen vor, am 30. Juni zu streiken? Es sind die selben Gründe wie am 26. März, als eine halbe Million Arbeiter in den Straßen Londons demonstriert haben. Die gleichen Gründe waren es, als zehntausende von Schülern und Studenten im letzten Herbst zu einer Bewegung geworden sind, indem sie Demonstrationen, Besetzungen und Spaziergänge veranstalteten. Sie ertragen immer weniger die ständigen Angriffe auf ihre Lebensbedingungen, wie sie sich Warum bereiten sich fast eine Million Arbeiter, Lehrer, öffentliche Angestellte, Angestellte der lokalen Verwaltungen vor, am 30. Juni zu streiken? Es sind die selben Gründe wie am 26. März, als eine halbe Million Arbeiter in den Straßen Londons demonstriert haben. Die gleichen Gründe waren es, als Zehntausende von Schülern und Studenten im letzten Herbst zu einer Bewegung geworden sind, indem sie Demonstrationen, Besetzungen und Spaziergänge veranstalteten. Sie ertragen immer weniger die ständigen Angriffe auf ihre Lebensbedingungen, wie sie sich z.B. in Form von Kürzungen im Gesundheitsbereich, sinkenden Löhnen, erhöhten Studiengebühren oder - ein wichtiger Grund für den Streik am 30. Juni - dem Angriff auf die Altersrentenversicherungen ausdrücken. Die Lehrer z.B. werden mehr einbezahlen müssen, später in Pension gehen können, um am Ende doch weniger Rente als zuvor zu erhalten.
Arbeiter und Studenten, Arbeitslose, Pensionierte... sie alle sind immer weniger von den Rechtfertigungen der Angriffe überzeugt, wie sie von der Regierung vertreten werden (und mit wenigen kleinen Unterscheiden wird das Gleiche von der Labour Opposition vorgebracht): „Wir werden diese Kürzungen machen müssen, um die Ökonomie wieder zum Laufen zu bringen, die Kürzungen sind also im Interesse von allen." Die Menschen machen schon seit langer Zeit viele Zugeständnisse, weil sie diesen „Begründungen" noch Glauben schenkten. Aber die Wirtschaft bleibt trotzdem auf Talfahrt und unsere Lebensstandards mit ihr.
Die Idee des gemeinsamen Streiks, um eine Antwort auf die Angriffe zu geben, ist für eine immer größere Anzahl von uns logisch geworden. Wir alle leiden unter den gleichen Angriffen, und viele von unseren vereinzelten und isolierten Kämpfen wurden in Niederlagen geführt.
Doch da ist auch noch eine andere Frage bezüglich dem angehenden „Aktionstag" aufgekommen. Was ist die wirkliche Motivation der offiziellen Gewerkschaftsmaschinerie, die für diesen Streik aufgerufen hat? Wollen diese wirklich eine effektive Antwort auf die Angriffe der Regierung organisieren? Falls dies der Fall wäre, warum verschwendeten sie so viel Energie um Tausende Arbeiter am 26. März auf und ab marschieren zu lassen, heuchlerische Reden wie von Ed Milliband[1] hören zu lassen, um sie danach wieder nach Hause zu schicken? Warum verkaufen uns die Gewerkschaften die Illusion, dass die Probleme der Kürzungen spezifisch mit der jetzigen Regierung zu tun hätten, dass sie uns einredet, dass Labour eine Alternative bereit hätte?
Und warum wird nur ein Teil des öffentlichen Sektors zum Demonstrieren aufgerufen? Was ist mit dem Rest des öffentlichen Sektors und den Arbeitern in den privaten Sektoren? Sind diese nicht von den Angriffen betroffen? Und warum wird die Mobilisierung nur auf diesen Tag beschränkt? Könnte es sein, wie am 26. März, dass die Gewerkschaften uns nur den Anschein einer aufmüpfigen Tätigkeit vermitteln wollen, der den Nebeneffekt hätte, die Spaltungen zu verstärken und unsere Energien zu vergeuden?
Die herrschende Klasse hat gute Gründe zu fürchten, dass ihre Angriffe, eine größere Reaktion hervorruft, als diese leicht zu kontrollieren wäre. Vor sich haben sie nicht nur die Beweise was in England im Herbst passiert ist, und die zahlreichen Menschen, die am 26. März auf der Straße waren, sondern auch der grösser werdende Druck der Revolutionen in Nordafrika und des Nahen Ostens, der nun hinüberschwappt und Europa trifft. Mit massenhaften Bewegungen in Spanien und Griechenland, wo Zehntausende, die meisten von ihnen junge Leute, die in eine unsichere Zukunft blicken, Stadtzentren besetzen und täglich Versammlungen abhalten. Teilnehmer sprechen frei über Ihre Angst, nicht nur über diese oder jene Regierungsmaßnahmen, sondern über das ganze politische und soziale System, das unser Leben diktiert. Diese Bewegung ist noch keine Revolution aber mit Sicherheit entsteht eine Atmosphäre wo die Frage nach Revolution seriöser und breiter diskutiert wird.
Kein Wunder, dass der britische Staat versucht, den Widerstand im sicheren Hafen der offiziellen Proteste versanden zu lassen. Der Gewerkschaftsapparat hat darin eine Schlüsselrolle, sie halten sich strikt an die Regel ihres Regelbuchs, das bestimmt: keine Streiks, die von Massenversammlungen beschlossen wurden; keine Solidaritätsstreiks; wenn nötig, übergehe Streikposten von Arbeitern aus andern Sektoren, sonst könntest du auf illegale „Sekundärtätigkeit" verklagt werden; Streik nur, wenn du ein regelkonformer bezahlendes Gewerkschaftsmitglied bist, usw. usw.
Ist damit gemeint, dass die Mobilisierungen für den 30. Juni eine Zeitverschwendung sind?
Nein, nicht wenn wir die Mobilisierungen dazu nutzen, zusammenzukommen um eine Ausweitung und effizientere Methoden des Widerstands zu beschließen. Es ist keine Zeitverschwendung, wenn wir die Angst überwinden, gegenüber unseren eigenen Kämpfen Verantwortung zu übernehmen.
Wir sollten uns die Beispiele von Tunesien, Ägypten, Spanien und Griechenland vergegenwärtigen: wenn eine große Anzahl Leute zusammenkommen, wenn große Plätze besetzt werden und die Leute anfangen das Recht zu fordern, sich äußern zu dürfen, um kollektive Entscheide zu fällen. So kann auch die Angst vor der polizeilichen Repression oder den Strafen am Arbeitsplatz überwunden werden.
Das sind Beispiele, denen wir folgen können - Kampfbeispiele, die keine neue Erfindung sind, sondern Beispiele, wie sie in allen wichtigen Kämpfen im letzten Jahrhundert entstanden sind: die offenen Vollversammlungen, die die Kontrolle über alle Delegierten und Kommissionen behielten, indem sie durch Handaufheben gewählt wurden und jederzeit wieder abgewählt werden konnten.
Vor dem 30. Juni sollten wir in den Betrieben Vollversammlungen einberufen, die allen ArbeiterInnen offen stehen, unabhängig davon, was für einen Beruf sie ausüben und welcher Gewerkschaft sie angehören, damit man dort Maßnahmen beschließt, wie man die Kämpfe ausweiten soll. An den Schulen und Universitäten gibt es ein echtes Anliegen, wie man die Spaltung zwischen Lehrern und nicht lehrenden Angestellten überwinden kann, Spaltungen zwischen dem Lehrpersonal und den Studenten aufzuheben um auszuarbeiten, wie man alle zum Kämpfen bringt. Das Gleiche sollte auch für die Angestellten in den Gemeinden und Staatsdepartementen gelten: Diskussionsgruppen und allgemeine Versammlungen aller Art können helfen, die Spaltungen zu überwinden, und dafür sorgen, dass viel mehr Leute sich am Kampf beteiligen als die, die „offiziell" in den Streik getreten sind.
Bei diesem Streiktag sollten wir darauf achten, dass die Streikposten nicht nur symbolischen Charakter haben, sondern dazu genutzt werden, die Bewegung zu verbreitern und zu vertiefen: indem man am Arbeitsplatz versucht, jedermann davon zu überzeugen, in den Streik zu treten, Delegierte an andere Arbeitsplätze schicken, um deren Kampf zu stärken. Als Diskussionsplattform zu agieren, wo man diskutieren kann, wie man die zukünftigen Kämpfe vorwärts bringen kann.
Demonstrationen sollten nicht passive Paraden sein, die in einer ritualisierten Kundgebung enden.
Demonstrationen bieten die Möglichkeit Straßenversammlungen abzuhalten, wo es nicht darum gehen soll, die vorbereiteten Reden von Politikern und Gewerkschaften zu hören, sondern man sollte die Möglichkeit nutzen, damit so viele Menschen wie möglich, ihre Erfahrungen austauschen und ihre Sichtweisen ausdrücken können.
Es wird viel darüber geredet, vor allem von den „Linken", dass die Angriffe nicht wirklich notwendig seien und dass diese ideologisch begründet sind. Die Wahrheit ist aber, dass es für den Kapitalismus in der Krise unausweichlich und notwendig ist, unseren Lebensstandard niederzudrücken. Für uns Ausgebeutete ist es nicht notwendig, die Ausbeuter davon zu überzeugen, wie sie ihr System besser organisieren sollen. Die Notwendigkeit für uns besteht darin, uns gegen ihre Angriffe heute und morgen zu wehren, um so mehr Selbstbewusstsein zu erlangen. Es ist notwendig die Selbstorganisierung und die politische Bewusstheit voranzubringen, damit die Frage der Revolution gestellt wird und damit die Notwendigkeit, die gesamte Gesellschaft umzugestalten.
WR 4.6.11
[1] Vorsitzender der Labour Party
Die Bewegung des 15M schwächt sich ab; zum Teil wegen der Ermüdung nach den vielen Tagen der Mobilisierung, aber auch aufgrund der Sabotage von Innen heraus durch DRY[1] und von Außen durch das Eingreifen der Medien und die Intervention von Politikern, der Landesregierung und der Regionalregierungen.
Auf diesem Hintergrund kam es zu den Zusammenstößen von Barcelona, wo eine Minderheit einige Parlamentarier beschimpfte und verhöhnte, wodurch eine immense und fortgesetzte Kampagne “gegen die Gewalt”, zur “Verteidigung der demokratischen Institutionen” usw. angeleiert wurde. Man „unterscheidet“ zwischen einer friedlichen Mehrheit und einer radikalen, systemfeindlichen Minderheit, die die Bewegung schädige; man drängt die „Führer“ dieser Bewegung dazu, die „Gewalttätigen“ zu bekämpfen und sie auszugrenzen[2]. In ihrem Delirium spricht sie von kale borroka (baskische Straßenkämpfe, Molotowcocktails usw.).
Man muss Klartext reden: Was ist Gewalt? Welche Ursachen hat sie? Ist Gewalt gleich Gewalt? Wer hat diese Zusammenstöße von Barcelona ausgelöst? Gegen wen richtet sich die gegenwärtige „gegen die Gewalt“ gerichtete Kampagne? Was sind unsere Perspektiven?
Was ist Gewalt?
Wenn Kranke aufgrund der Kürzungen im Gesundheitswesen sterben. Wenn das Leben der Rentner aufgrund der miserablen Renten unerträglich wird. Wenn Beschäftigte bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen. Wenn jahrelange Arbeit ihre Spur hinterlässt in Form von psychischen oder physischen Erkrankungen. Wenn Millionen wegen der Arbeitslosigkeit verzweifeln. Wenn Migranten in Aufnahmelagern ohne irgendwelche Beschuldigung eingesperrt und festgehalten werden. Wenn dein Leben jeden Tag am Faden der Verlängerung eines miserablen Arbeitsvertrages hängt. Wenn deine Wohnung zwangsgeräumt wird. Wenn man deinen Strom, Gas usw. abstellt – was anderes ist das als Gewalt?
In dieser auf Ausbeutung und gnadenloser Konkurrenz fußenden Gesellschaft herrscht Gewalt, organisierte, institutionalisierte Gewalt, die als „normal“ betrachtet und als das „Leben selbst“ dargestellt wird, legitimiert durch Gesetze und gestützt durch einen Repressionsapparat mit Polizei, Gerichten und Gefängnissen.
Was können wir all demgegenüber ausrichten? Schweigen? All das resigniert hinnehmen? Nein! Wir müssen dem Stern des 15M folgen, und das, was zuvor in Frankreich gegen die Rentenkürzungen, in Ägypten, Griechenland, oder durch die StudentInnen in Großbritannien unternommen wurde, umsetzen. Wir müssen uns zusammenschließen, uns in Vollversammlungen selbst organisieren, Demonstrationen und Kundgebungen abhalten, Streiks durchführen.
Dieses kollektive Vorgehen bedeutet mit dem normalen Alltag dieser Gesellschaft zu brechen, die sich auf einen Überlebenskampf eingestellt hat, bei dem wenige gewinnen und viele verlieren, bei dem der Mitmensch nicht jemand ist, mit dem man zusammenarbeiten kann, sondern der Rivale, der ausgenutzt und skrupellos im „Überlebenskampf“ beiseite gedrängt werden muss. Diese Gewaltverhältnisse zu durchbrechen und ihnen unser kollektives Handeln gegen die Verantwortlichen und Nutznießer dieser Verhältnisse – dem Kapital und dem Staat – entgegenzusetzen, hat einen Namen: Gewalt. Das Wort zu vermeiden und stattdessen von „zivilem Ungehorsam“, „Gewaltlosigkeit“, „Pazifismus“ zu reden oder andere Euphemismen zu verwenden, mit denen DRY versucht, die Fragen zu vertuschen und in die Irre zu führen, ist eine Falle und hat zur Folge, dass wir uns von dem kollektiven Kampf entfernen. Stattdessen werden wir in die Falle „demokratischer Mittel“ gelockt, wie verschiedene Abstimmungsformen, Unterschriftensammlungen, blindes Vertrauen in charismatische Führer, die miteinander ringen, um unsere Stimmen zu ergattern usw. Diese Mittel bewirken, dass wir als atomisierte Individuen gegeneinander antreten, jeder verfolgt dann nur seine eigenen Interessen, verhält sich passiv und als Konkurrent, d.h. dadurch wird die Grundlage unserer gemeinsamen Stärke untergraben: die Solidarität, die Debatte, gemeinsames Handeln.
In der kapitalistischen Gesellschaft trieft die Gewalt aus allen Poren; diese Gesellschaft wird durch Gewalt aufrechterhalten, sie ruft Gewalt zwischen den Klassen und den Individuen hervor. Man kann nicht von Gewalt als solcher sprechen; sondern man muss zwischen verschiedenen Formen von Gewalt unterscheiden. Die Gewalt, die von den Herrschenden angewandt wird, ist nicht die gleiche wie die, die von den Ausgebeuteten, von der Arbeiterklasse. eingesetzt wird. Die Gewalt, die von der Arbeiterklasse ausgeübt wird, hat Besonderheiten, die sie radikal von der alltäglichen Gewalt des kapitalistischen Systems und seinem Staat unterscheidet. Dies ist aus unserer Sicht die zentrale Frage: wir müssen begreifen, worin die Gewalt des Proletariats besteht, welche gewaltsamen Mitteln setzt dieses ein.
Wir können hier nicht im Einzelnen auf diese Frage eingehen[3], aber in knappen Worten zusammengefasst können wir sagen, dass die Gewalt der Arbeiterklasse sich nicht auf die Rebellion gegen die systematische Gewalt der bestehenden Ordnung richtet, sondern sich nach der historischen Perspektive des Aufbaus einer neuen, klassenlosen Gesellschaft richtet, in der es keinen Staat und keine Grenzen geben wird; eine menschliche Weltgemeinschaft, die für die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen handelt und nicht für Profiterzielung. Die gewaltsamen Mittel des Proletariats müssen mit diesem Ziel übereinstimmen, sie dürfen nicht bestimmt werden durch das Prinzip der Jesuiten – „der Zweck heiligt die Mittel“, das Proletariat ist einer Ethik verpflichtet.[4]
Wenn wir das Ziel der Befreiung der Menschheit verfolgen, darf die Gewalt der Arbeiterklasse keine irrationale, sadistische, blinde sein. Wenn wir eine Gesellschaft errichten wollen, in der die Solidarität ein zentrales Existenzprinzip ist, müssen wir Beleidigungen, Verleumdungen, Verunglimpfungen, Gewalt unter ArbeiterInnen, die Suche nach Sündenböcken als Blitzableiter, Rache und Vergeltung verwerfen. Die proletarische Gewalt stellt sich gegen Folter, Erniedrigungen und Sadismus, gegen imperialistischen Krieg und Terrorismus. Stattdessen stützt sie sich auf das direkte Handeln der Massen: Versammlungen, Demonstrationen, Streiks, Zusammenkommen, eine Debattenkultur…
Obgleich die Ereignisse in Barcelona wohl auf das Werk von Polizeiprovokateuren zurückzuführen sind, sind sie mit einer Orientierung verbunden, die in den letzten Wochen von der Bewegung 15M eingeschlagen worden ist, nämlich sich vor den Regionalparlamenten und Rathäusern zu versammeln und dort auf die Politiker zu schimpfen, sie als Gauner und Schurken zu bezeichnen und sie auszupfeifen, und ihre ganze angestaute Wut über sie herauszubrüllen.
Diese Art Vorgehen ist unvereinbar mit der Ethik und den Mitteln der Gewalt des Proletariats, in Wirklichkeit werden dadurch auch nur die demokratischen Mechanismen und die kapitalistische Herrschaft verstärkt.
Die Fokalisierung auf diesen oder jenen korrupten Politiker bedeutet, dass man Ursache und Wirkung verwechselt, die Spannungen auf einen Sündenbock lenkt, die Fragen personalisiert, die Verhältnisse und Mechanismen aufrecht hält, die in dieser Gesellschaft Gewalt hervorbringen. Aber gleichzeitig und im Gegensatz zu den Skandalen, welche die Medien und die Politiker inszeniert haben, richten sich solche Maßnahmen nicht gegen die Demokratie, sondern neigen dazu diese im Gegenteil zu verstärken. Wenn bestimmte Politiker ausgeschimpft werden, läuft man leicht Gefahr zu glauben, dass mit einem anderen, „ehrlicheren“ oder „repräsentativeren“ Politiker die Sache besser laufe. Die Existenz demokratischer Institutionen sei nicht das Problem, sondern die Lösung. Das Problem ließe sich auf die „Korrupten“, die „Schurken“ reduzieren, auf diejenigen, die „nicht aufs Volk hören“, und indem man diese Leute durch ehrliche, repräsentative Politiker ersetzt, ließe sich alles wieder gerade biegen.
Die Vorfälle von Barcelona: mehr als wahrscheinlich eine Polizeiprovokation
Im Internet zirkulieren Texte und Videos, die überzeugend belegen, dass die Vorfälle vor dem Parlament zum Großteil durch Polizeispitzel provoziert wurden[5]. Darüber hinaus waren in dem Gebiet, in dem diese stattfanden, wenig Polizeikräfte aufmarschiert, was einen Streit zwischen dem Präsidenten der Generalitat und dem Staatssekretär des Innenministeriums ausgelöst hat.
Diese Politik, „unpopuläre“ Vorfälle auszulösen, um später die Repression gegen eine gesellschaftliche Klasse, eine Partei oder einen Teil der Bewegung zu rechtfertigen, ist schon sehr alt. Am Ende des 19. Jahrhunderts gründete die spanische Regierung eine Bande, die Attentate verübte, welche als Vorwand für eine schreckliche Repression gegen die Arbeiterbewegung und die Anarchisten dienten. 1978 wurden Gewalttätigkeiten, die von Polizeispitzeln in Barcelona im Theater Escala ausgeübt wurden, von der frisch gegründeten Demokratie ausgenutzt, um umfangreiche Razzien gegen radikale ArbeiterInnen zu rechtfertigen. Unzählige andere Beispiele aus Spanien oder aus anderen Ländern könnten zitiert werden. Wir haben es mit einer herrschenden Klasse zu tun, die Bourgeoisie, welche besonders zynisch und perfide ist. Einer ihrer ersten Ideologen, Macchiavelli, regte viele Aktionen an, wo im Verborgenen brutal und manipulierend vorgegangen wurde (Machiavellismus).
Einstimmig haben die Politiker aller Couleur und die Medien eine hasserfüllte Kampagne gegen die „gewalttätigen Systemgegner“ losgetreten. Die Führer des 15M wurden aufgefordert, aus ihren Reihen diesen „Abschaum“ zu entfernen. Eine schmutzige Verbindung wurde kolportiert, die von einem Kommentator von El Pais, der als „fortschrittlich“ gilt, umschrieben wurde: „Die Bewegung muss ihre demokratische und pazifistische Seele verstärken, sie muss sich von ihrer revolutionären und aggressiven Seele lösen.“ Revolutionär wäre demnach gleichzusetzen mit aggressiv, gewalttätig, wild, während Reformismus Frieden, Harmonie, Respekt bedeuten würde…
Welche Ziele verfolgt diese Kampagne, die wegen der Vorschläge und Drohungen durch die Politiker und Presse überhaupt nicht gewaltfrei ist?
Das erste Ziel besteht darin glauben zu machen, dass die Trennlinie der Bewegung zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit, zwischen „revolutionärem“ Radikalismus und demokratischen Pazifismus wäre. Die wahre Grenze aber verläuft nicht dazwischen, sondern zwischen der „Reformierbarkeit der Demokratie“[6] und dem Klassenkampf gegen die Sozialkürzungen und gegen den Kapitalismus.
Aber es gibt ein zweites, mit dem ersten verbundenes Ziel. In dem Artikel „Vom Tahrir-Platz zur Puerta del Sol“[7] schrieben wir, dass „in den Versammlungen zwei Herzen schlagen: das demokratische Herz, das eine konservative Bremse darstellt, und ein proletarisches Herz, das eine Klassenposition einzunehmen versucht.“ Die Kräfte der Demokratie versuchen mit allen Mitteln, das „proletarische Herz“ zum Schweigen zu bringen, das von einer Minderheit von GenossInnen, Kollektiven usw. verkörpert wird. Sie heben sich dadurch hervor, dass sie für die Verteidigung der Versammlungen eintreten (ein Teil von ihnen vertritt die Forderung „Alle Macht den Versammlungen“), und für einen massiven Kampf der Arbeiterklasse gegen die Sozialeinschnitte und eine internationalistische Orientierung der Überwindung des Kapitalismus. Dieser Teil steht für die Plattform und die Ausrichtung, die die Arbeiterklasse einschlagen muss, um ihr Bewusstsein vorzutreiben, neue Schritte einzuschlagen, durch die die besten Leute der Bewegung des 15M angezogen werden können, und gleichzeitig deren Schwächen und Grenzen überwinden. Diese Leute sollen gebrandmarkt, mit der irrationalen Gewalt assoziiert werden. DRY will sie ausgrenzen, sie benutzen dabei selbst gewaltsame Mittel, um ihre Botschaft des Kampfes für die Demokratie und eine Bürgerbewegung rüberzubringen.
Diese Minderheit – wie die Arbeiterklasse insgesamt – muss begreifen, dass es unmöglich zu erwarten, dass die herrschende Klasse freiwillig auf ihre Privilegien und ihre Macht in der Gesellschaft verzichtet. Die Geschichte lehrt uns, dass die Herrschenden die furchtbarsten Verbrechen begehen, um ihre Macht aufrechtzuerhalten. Vor 140 Jahren tötete eine republikanische Regierung, die von einem Parlament unterstützt wurde, das in freien Wahlen gewählt worden war, innerhalb einer Woche 30.000 ArbeiterInnen, die es gewagt hatten, die herrschende Klasse mit der großartigen Bewegung der Pariser Kommune herauszufordern.[8] Seitdem hat sich an ihrem Verhalten absolut nichts geändert: die Massaker, welche die „demokratischsten“ Regierungen der Welt im Irak und in anderen Ländern orchestriert haben, bleiben nicht nur beschränkt auf die Bevölkerungen der Länder, in denen Krieg geführt wird. Mit der gleichen Grausamkeit und dem gleichen Zynismus massakrieren diese Regierungen ihre Ausgebeuteten, falls sie sich von ihnen bedroht fühlen. Gegen die organisierte und systematische Anwendung der Gewalt durch die Herrschenden muss die Arbeiterklasse sich bewaffnen, um dieses System zu überwinden. Aber wie vorher erwähnt und wie die Erfahrungen der Pariser Kommune 1871, der Russischen Revolution 1917, Deutschland 1918-1919 belegen, die Mittel und die Gewalt, welche die Arbeiterklasse einsetzt, unterscheiden sich völlig von denen der Herrschenden.
Diese Minderheit, die die Seele der Arbeiterklasse zum Ausdruck bringt[9] [325], muss die breitestmögliche Debatte anstoßen, damit Klarheit geschaffen wird über die Frage der Gewalt und andere Fragen, die im Zuge der Bewegung 15M aufgekommen sind (Reform oder Revolution, bürgerliche Demokratie oder Versammlungen, Forderungen nach mehr Demokratie oder gesellschaftliche Forderungen, Bürgerbewegung oder Bewegung der Klasse?). Die Bemühungen um Selbstorganisierung an den Arbeitsplätzen, zwischen Arbeitslosen und prekär Beschäftigten, in den Unis, den Stadtvierteln müssen verstärkt werden mit dem Ziel, dass eine neue Phase der Mobilisierungen zustande kommt, deren Dreh- und Angelpunkt die Arbeiterklasse sein muss.
All das muss mit dem Bewusstsein geschehen, dass wir Teil einer breiten historischen und internationalen Bewegung sind, die sich vor der Falle des Immediatismus, der Versuchung, schnell Erfolge zu erzielen, hüten muss. In diesem Zusammenhang möchten wir diesen Artikel mit einem Zitat enden, den wir aus einem Text eines Genossen aus Madrid entnommen haben, der uns sehr klar erscheint.[10]
« Die Politiker, die Gewerkschaften und Medien üben Druck auf uns, dass wir ohne die Reifung der Bewegung jetzt schon konkret festlegen, was wir wollen. Seit Tagen schon versucht man in den Versammlungen eine Reihe von Forderungen festzulegen (…), man spricht von Wahlreform, von partizipativer Demokratie, der Bildung von Genossenschaften, der Verstaatlichung von Banken (…). Diese Sachen stehen nicht auf der Tagesordnung. Man will, dass wir uns wie Politiker aufführen. Eigentlich will man alles beim alten belassen, lediglich Einzelheiten sollen verändert, der Lauf der Dinge aber unverändert bleiben. Wie können wir uns auf einen gemeinsamen Nenner für unseren Kampf verständigen? Die beste Art, diesen Protesten weiter Stoßkraft zu verleihen, besteht nicht darin das zu konkretisieren was wir wollen, sondern das, was wir nicht wollen (…). Wir wollen keine Ware sein, nicht in einer Welt leben, in der alles zu einer Ware wird, alle menschlichen Beziehungen zu Warenbeziehungen werden. Wir wollen nicht weiter der Tyrannei der Wirtschaft ausgesetzt sein, welche unser Leben und den Planeten zerstört. Wir wollen keine in Klassen gespaltene Gesellschaft, in welcher die große Mehrheit der Bevölkerung wie Sklaven lebt, während einige wenige wie Könige leben. Dies sind Ausrichtungen für unsere Kämpfe und Debatten. So können wir weiter Schritt für Schritt, ohne Überstürzung herausfinden, was wir wollen. IKS 19.6.2011
[1] siehe es.internationalism.org/cci-online/201106/3118/movimiento-ciudadano-democracia-real-ya-dictadura-del-estado-contra-las-asamb [326]
[2] Diese „Führer“ haben verlangt, dass die Demonstranten mit ihren Kameras diejenigen filmen, die gewaltsame Auseinandersetzungen provozieren, um gegen sie vorzugehen.
[3] Wir haben in unserer Internationalen Revue Artikel zu dieser Frage veröffentlicht. es.internationalism.org/revista-internacional/197806/944/terror-terrorismo-y-violencia-de-clase [327] y es.internationalism.org/node/2134 [328]
[4] Siehe unseren Artikel “Orientierungstext zu Marxismus und Ethik [329]”.
[5]siehe https://es.noticias.yahoo.com/blogs/hablemos-de-pol%C3%ADtica/pillados-l... [330] .
Auf Youtube erschien ein Video, das seltsam gekleidete Demonstranten zeigte, sehr schick und elegant angezogen, und sich dann unter die Demonstranten mischten. Wenige Stunden später war der Zugang zum Video gesperrt.
[6] Eine Demokratie, in deren Namen harte repressive Gesetze gerechtfertigt und aufrechterhalten werden, in deren Namen man sich an Kriegen wie in Libyen oder Afghanistan beteiligt oder unzählige Elendsflüchtlinge in Lagern festhält – all das ist Gewaltausübung.
[7] siehe https://es.internationalism.org/node/3106 [331]
[8] Siehe die Stellungnahme der Ersten Internationale zur Pariser Kommune, die von Marx verfasst wurde
[9] In der Artikelsammlung “Debatte über 15M [332]”, haben wir Texte von Gruppen, Kollektiven und einzelnen GenossInnen zusammengetragen, mit denen wir nicht notwendigerweise einverstanden sind, die aber den Reichtum und die politischen Bemühungen dieser proletarischen Minderheit zum Ausdruck bringen.
Die Bourgeoisie verspricht den Atomausstieg
Die politischen Manöver der Bourgeoisie während der letzten Wochen rund um den Atom-Ausstieg sind einigermassen präsent, haben aber die Berichte über die eigentliche Tragödie, die sich auch noch Monate nach der Katastrophe rund um Fukushima abspielt, schon fast verdrängt.
Obwohl nur wenige Staaten, die auch selber Kernkraftwerke betreiben, über den Atom-Ausstieg diskutieren oder diesen beschlossen haben, ist das Thema fest in den Händen der Bourgeoise. Momentan wird in sechs europäischen Ländern über einen Ausstieg diskutiert bzw. wurde er bereits beschlossen (Belgien, Deutschland, Italien, Schweden, Schweiz, Spanien). In Deutschland ist es zwar im Rückblick ein wirkliches Manöver, das die Regierung veranstaltet. Die Vorgängerregierung Schröder hatte (SPD) zeitgleich mit seinem harten Angriff gegen die Sozialwerke (Harz IV) den langfristigen Ausstieg bzw. das Moratorium beschossen. Die Koalitionsregierung unter Führung von Merkel hat das Moratorium dann wieder fallengelassen und eine Laufzeitenverlängerung beschlossen. Der jetzige Atomausstieg bis 2022 wirkt unter diesen Umständen unglaubwürdig. In der Schweiz dasselbe: Die letzte Initiative für eine schrittweise Stilllegung wurde 2003 nach einer massiven Gegenkampagne abgelehnt. Die jetzigen Parolen mit den sehr konkret wirkenden Versprechen, deuten darauf hin, dass man versucht hat, das Heft in die eigenen Hände zu nehmen, wenn auch einige Korrekturen in der politischen Landschaft vorgenommen wurden.
Anders als noch während der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 bleibt der herrschenden Klasse nicht mehr die Möglichkeit, die Schuld auf einen Sündenbock - den damaligen Ostblock als imperialistischen Konkurrenten - abzuschieben. Es ist heute klar, dass die Katastrophe im japanischen Kapitalismus von heute dieselbe Auswirkung hat wie die Katastrophe im Stalinismus von damals. Dass sich die herrschende Klasse unterschiedlich dazu äussert, ist darauf zurückzuführen, dass heute jeder selber für sein eigenes Überleben schauen muss. Die perfide Brutalität macht schlussendlich aber nicht vor den Grenzen halt, und die Bourgeoisie schlachtet heute diesen Umstand aus, indem sie dem imperialistischen Rivalen die Schuld zuschiebt. Mit den Versprechen über einen wirklichen Atom-Ausstieg wird dann zusätzlich die Parole Geld oder Leben verknüpft. Ein Atomausstieg käme teuer zu stehen und müsse auch bezahlt werden. Eine Drohung an die Adresse der Arbeiterklasse: Entweder ihr bezahlt den Ausstieg mit eurem Lebensstandard, oder wir tun was wir wollen und produzieren zu unseren Bedingungen. Und so scheint es heute, dass der Atomausstieg keine wirkliche Alternative ist, weil es nicht um ein wirkliches Interesse an der Menschheit geht, sondern um die strategischen und ökonomischen Interessen eines jeden Staates.
Soziale Proteste und die veränderte Haltung
Diese aber auch andere Fragen beschäftigen die Menschen weltweit. Neben den jüngsten Revolten in Nordafrika gibt es auch seit längerer Zeit Proteste in den westlichen Metropolen im Zusammenhang mit den unmittelbaren Lebensbedingungen - Proteste, die nicht direkt aus Arbeitskämpfen hervorgehen: wenn sich der Weltklimarat in Kopenhagen trifft, ohne zu einer Entscheidung zu gelangen; wenn ganze Quartiere einer neuen Überbauung mit höherer Rendite weichen müssen; wenn ein Bahnhof ein ganzes Stadtgebiet und dessen Wasserversorgung bedroht und sich eine ganze Bevölkerung wehrt; wenn Familien, die ihre Hypothek nicht mehr bezahlen können, vor die Türe gestellt werden. Es sind soziale Kämpfe, die sich zwar meistens auf einem klassenübergreifenden Boden bewegen, aber trotzdem proletarische Interessen betreffen und artikulieren. Die Lebensbedingungen, die täglich und weltweit verschärft werden, einerseits - und die Arbeiterinnen und Arbeiter, die die Folgen am härtesten spüren, andererseits.
Solche Proteste gab es auch nach der Katastrophe von Fukushima in Japan. Unmittelbar im März und in den danach folgenden Wochen gab es in der Schweiz massive Mobilisierungen gegen die Produktion von Atomstrom und für die Forderung nach einem Atom-Ausstieg. Im Mai 2011 gab es die grössten Demonstrationen seit längerer Zeit. Z.B. beim Atomkraftwerk Beznau an der deutsch-schweizerischen Grenze nahmen rund 20'000 Menschen an einer Demonstration teil. Auffallend war: Es waren Teilnehmer über alle Generationen hinweg, mit aussergewöhnlich vielen Frauen und es herrschte eine politisierte Stimmung. Viel Presse und Flugblätter wurden verteilt bzw. verkauft. Man war interessiert an einer politischen Stimme.
Beim Zeitungsverkauf anlässlich dieser letzten grossen Mobilisierungen wie der oben erwähnten in Beznau sind uns verschiedene Flugblätter aufgefallen. Diese stellen nicht nur die Atomenergie, sondern das kapitalistische System als solches in Frage. Es sind Diskussionsbeiträge auf einer - aus unserer Sicht - proletarischen Grundlage, was für den Anlass auf den ersten Blick erstaunt. Denn die Anti-AKW-Bewegung mobilisiert die Leute unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit. Gerade deshalb sind solche Flugblätter, die das System insgesamt in Frage stellen, bemerkenswert. Wir möchten hier auf zwei dieser Flugblätter eingehen. Das eine argumentiert auf einer eher anarchistischen, das andere auf einer eher marxistischen Grundlage - kommen aber unseres Erachtens in den wesentlichen Fragen zu ähnlichen oder den gleichen Schlüssen.
Das erste Flugblatt
Eines der Flugblätter trug den Titel „Atomkraft? Nein danke!“ genügt nicht. Darin steht unter anderem:
„Wenn wir aber entschlossen sind, die mit dem Atom spielenden Zauberlehrlinge aufzuhalten, wenn wir beabsichtigen, dem Heer der Atomverfechter ein Hindernis zu sein, dann müssen wir uns bewusst sein, was das bedeutet: Die Zurückweisung der Industrie- und Warengesellschaft, ihrer Organisation, ihrer Werte und ihrer Lebensweise.“ (nicht unterschriebenes Flugblatt, vgl. https://andiewaisendesexistierenden.noblogs.org/ [335])
Warum müssen wir die ganze gegenwärtige Gesellschaftsordnung zurückweisen, wenn wir gegen Atomstrom sind? - Dieses Flugblatt argumentiert, dass die Verwendung der Atomkraft nicht eine Energiefrage, sondern eine politische Frage sei. Aufgrund des nötigen Expertenwissens, das nur die von der Atomindustrie bezahlten Sachverständigen hätten, seien wir - der Rest der Menschheit - zu Geiseln dieser Industrie geworden, was sich v.a. bei Katastrophen wie denjenigen von Tschernobyl oder Fukushima zeige. Wesentlich ist dabei die Rolle, die die GenossInnen dem Staat zuschreiben: „Die Atomkraft, mit ihren Produktionsstätten und Abfalllagerplätzen einmal aufgezwungen, bleibt der Staat die einzige Instanz, die Fähigkeit und Mittel besitzt, um ihre Risiken und Schäden - wenn nicht zu verhindern - so zumindest zu senken und einzugrenzen. Ihm kommt die Rolle zu, über die Sicherheit dieser Orte zu wachen, ohne dass irgendwer auch nur im Geringsten die getroffenen Entscheidungen in Frage stellen könnte.
So kann der nukleare Staat, nachdem er die Menschheit an den Rand des Abgrunds gedrängt hat, von sich behaupten, der einzige Zufluchtsort zu sein, der einzige, der fähig ist, den Gefahren entgegenzutreten, von denen er selbst die Ursache ist.“
Das Flugblatt geht in einem zweiten Abschnitt aus dem aktuellen Anlass der Katastrophe von Fukushima auf die Entwicklung der japanischen Industrie und insbesondere des städtischen Ballungszentrums von Tokio ein. Es zeigt auf, wie abhängig Japans Industrie und damit das ganze Land von Energie geworden ist. 55 Atomreaktoren stehen in einem der am dichtesten bevölkerten Länder der Welt - und dies ausgerechnet dort, wo drei Kontinentalplatten aufeinanderstossen und zu ständigen Erdbeben und oft zu Tsunamis führen. Bezogen auf Fukushima sagt das Flugblatt: „Dieser Unfall hat nicht nur die mit der Atomkraft verbundenen Risiken ans Licht gebracht, sondern auch das Scheitern eines urbanistischen Entwicklungsmodells, dessen Paradigma Tokio war. Eine zum Scheitern verurteilte Urbanistik, die an ihren Explosionspunkt kam. Eine Lebenshypothese, die sich von den durch die kapitalistische Industrie herbeigeführten, ökologischen Katastrophen befreien will, wird dieses urbanistischen Modelle zurückweisen müssen.“
Und: „Ein System in stetigem Wachstum trifft früher oder später auf eine Grenze, jenseits derer der Kollaps eintritt: das System ist nicht mehr haltbar! (…) Das Entwicklungsmodell, das Japan und den Rest der westlichen Länder reguliert, baut nicht auf den Konzepten von Harmonie und Ausgeglichenheit auf, sondern auf jenen von Disharmonie und Wachstum ohne Grenzen. Am Gipfel dieses Wachstums kann sich nur der Zusammenbruch des Systems ereignen.“
Das Flugblatt endet mit den Parolen:
„Der „arabische Frühling” und die „japanische Dämmerung” bringen für uns nichts anderes als die Möglichkeit und die Notwendigkeit einer alten Sache wieder auf den Tisch: jene der sozialen Revolution.
Wir wollen nicht nur das Ende der Diktaturen - Wir wollen das Ende aller Staaten, denn die Logik von Autorität, sei sie faschistisch, sozialistisch oder demokratisch, hält uns schon seit jeher von der Erfahrung wirklicher Freiheit ab.
Wir wollen nicht nur die Abschaltung der AKWs - Wir wollen die Abschaltung dieses Systems, denn es sind unsere Lebensweisen, unsere Werte, unsere Gewohnheiten und unsere Gleichgültigkeit, die solche Monströsitäten hervorbringen.“
Das zweite Flugblatt
Etwas anders greift ein weiteres Flugblatt die Frage der AKWs auf. Das Flugblatt ist unterschrieben von einer „Antikapitalistischen ökologischen Vernetzung“ (https://switzerland.indymedia.org/de/2011/05/81890.shtml [336]).
Es stellt die Frage, wer eigentlich ein Interesse an der atomaren Energieproduktion habe, und stellt fest, dass beispielsweise das AKW Beznau der Axpo Holding gehört, einem kapitalistischen Unternehmen, das möglichst viel Profit erwirtschaften will. „Der Kapitalismus zwingt Unternehmen und Menschen zur grösstmöglichen Konkurrenz, wer auf Mensch und Umwelt Rücksicht nimmt, ist weniger rentabel und somit nicht konkurrenz- und überlebensfähig.“
Und: „Zudem ist die globale Marktwirtschaft auf stetiges Wirtschaftswachstum angewiesen. Um das kapitalistische System aufrechtzuerhalten, müssen ständig neue Bedürfnisse geschaffen und neue Märkte eröffnet werden. Der Klimawandel, die atomaren Gefahren, die Übernutzung der natürlichen Ressourcen und das Artensterben sind also nicht die Folge der angeblichen zerstörerischen Natur der Menschen, sondern diejenige des Kapitalismus.“
Dieses Flugblatt kommt zum Schluss, dass die ökologischen Probleme der Menschheit nicht im Kapitalismus gelöst werden können. Die grundlegenden Funktionsweisen unserer Gesellschaft müssten geändert werden. Es brauche einen Kampf für eine andere Gesellschaft, „in welcher die Bedürfnisse der Menschen und nicht die Profite im Mittelpunkt stehen. Wir können ein besseres Leben für alle erreichen, wenn wir die kapitalistische Sackgasse verlassen und den Mut haben, eine neue Gesellschaftsform zu schaffen!“
Grundsätzlich sind sich die beiden Flugblätter einig in folgenden Punkten:
- die Menschheit soll auf Atomkraft verzichten;
- die Abschaffung der Atomenergie heisst: das kapitalistische System muss abgeschafft werden;
- der Staat ist Teil dieses Systems, also nicht ein Hilfsmittel im Kampf gegen die Probleme, sondern im Gegenteil selbst wesentlicher Faktor des Problems.
Die Flugblätter sprechen zwar nicht direkt von einer proletarischen Revolution oder von der Arbeiterklasse, die Träger der gesellschaftlichen Umwälzung sei. Aber mit der Bezugnahme auf die Revolten in den arabischen Ländern und auf eine Produktion, die nicht auf den Profit der Besitzenden, sondern auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet ist, sprechen die GenossInnen das gleiche Ziel an, für das wir uns einsetzen: eine klassenlose Gesellschaft ohne Geld und Staat, wo nicht mehr getauscht, sondern gemeinsam produziert und verteilt wird.
Im ersten (eher anarchistischen) Flugblatt ist eine Kritik an der Zivilisation überhaupt herauszulesen. Dabei handelt es sich aber vielleicht nur um unsere Interpretation. Doch nach der Lektüre dieser Flugblätter bleiben letztlich die Fragen offen: Nach welchen Grundsätzen soll eine zukünftige Produktionsweise funktionieren? Zentralisiert oder föderalistisch? Gibt es noch Warentausch? Wie wollen wir wohnen (urbanistisches Modell)? - Dies sind wichtige Fragen, die es verdienen, ebenfalls diskutiert zu werden. Aber wir wollen hier nicht über nicht ausdrücklich geäusserte Auffassungen der AutorInnen spekulieren.
Deshalb möchten wir abschliessend etwas anderes als solche allfälligen Meinungsverschiedenheiten hervorheben, nämlich den Zusammenhang zwischen der „japanischen Dämmerung“ und dem „arabischen Frühling“: Uns scheint bedeutsam, dass an verschiedenen Orten ähnliche Diskussionen geführt werden - auf den Plätzen in Spanien und Griechenland, in Ägypten und an Anti-AKW-Bewegungen in der Schweiz gibt es Minderheiten, welche aufgrund von konkreten Katastrophen und dem übrigen Elend die fehlenden Perspektiven in diesem kapitalistischen System thematisieren und über die Bedingungen einer revolutionären Überwindung dieser Gesellschaftsordnung diskutieren. Dass dies heute gleichzeitig an verschiedenen Orten auf der Welt geschieht, ist kein Zufall. Es weht ein neuer Wind.
20.07.11, B & K
Das technologische Wunder der gentechnisch veränderten Baumwolle in Indien ist ausgeblieben. Im Gegenteil, ein wahres Desaster hat seit mindestens zehn Jahren eingesetzt.
2002 gestatteten die Behörden in Indien das Anpflanzen von gentechnisch verändertem Baumwollsaatgut, um gegen den Baumwollkapselwurm resistent zu sein, welcher als zerstörerischer Parasit Pflanzen angreift, wenn man nicht regelmäßig teure Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzt. Das Wundersaatgut heißt „Bt-Baumwolle“, hergestellt von Monsanto.
Monsanto ist eine US-Firma, spezialisiert auf chemische Produkte, seit einiger Zeit insbesondere auf Biotechnologie, hauptsächlich auf die Produktion von hybridem und gentechnisch verändertem Saatgut, insbesondere um besser Insekten und Parasiten zu widerstehen.
Obwohl das Saatgut der Bt-Baumwolle bis zu zehnmal teurer ist als das klassische Saatgut, erscheint die Bt-Baumwolle sehr verführerisch: Monsanto verspricht nichts weniger als die Verdreifachung der Ernteerträge. Wenn man auf Schädlingsbekämpfungsmittel verzichten könnte, würde der hohe Anfangsaufwand schnell ausgeglichen und gar wettgemacht werden. Deshalb haben sich die indischen Bauern in große Schulden gestürzt. Innerhalb weniger Jahre wuchs Bt-Baumwolle auf 90% der Anbaufläche.
Nur einer hat nicht an das Wunder geglaubt: der Kapselwurm. Denn der hat schnell Resistenzen entwickelt, sogar so schnell, dass man sich fragt, ob er nicht eines Tages durch das von der Pflanze abgegebene Pflanzenschutzmittel befallen wurde. Und schließlich schneidet die Bt-Baumwolle nicht besser ab als andere Baumwollarten. Um gegen sinkende Ernteerträge anzukämpfen, muss man jetzt massiv Pflanzenschutzmittel einsetzen, wodurch die Bauern auf 30% höheren Kosten sitzen bleiben.
Abgesehen davon ist der Preis für das Saatgut unaufhörlich gestiegen; heute ist es hundertmal teurer als das Saatgut für die klassische Baumwolle. Dabei muss noch berücksichtigt werden, dass diese hübsche Pflanze wie jede andere gentechnisch veränderte Pflanze steril ist und man deshalb jedes Jahr neues Saatgut kaufen muss.
Verschweigen darf man auch nicht, dass diese Perle der Natur Wasser und Nährstoffe mehr liebt als normale Baumwolle. Die Böden werden ausgelaugt, veröden; um die Ernteerträge aufrecht zu erhalten, müssen große Menge Kunstdünger und künstliche Bewässerung eingesetzt werden; all das ist sehr kostspielig, es herrscht Wassermangel…
2009 war zum Beispiel eines der trockensten Jahre, der Monsunregen war seit 37 Jahren nicht mehr so schwach. Die Ernteerträge waren wegen Wassermangel stark rückläufig.
Ohne Zweifel war die Bt-Baumwolle für Monsanto ein Verkaufserfolg. Aber technisch handelt es sich um ein völliges Fiasko. Menschlich bedeutet das Produkt ein wahres Drama. Seit 1991 sind ca. 20 Millionen Bauern vom Land in die Stadt gezogen, wo sie in den Slums der Großstädte gelandet sind. Aber diese Zahlen sagen noch nicht viel aus im Vergleich zu der unglaublichen Anzahl von Selbstmorden auf dem Lande in den Baumwollanbaugebieten. Man schätzt, dass ca. 150.000 Bauern ihrem Leben ein Ende gesetzt haben, einige sprechen von mehr als 200.000 seit den letzten 15 Jahren. 2009 brachten sich kollektiv 1500 Bauern um, 1500 Bauern, die keinen Ausweg mehr sahen aus ihrer Misere und keine Kraft mehr besaßen um zu kämpfen – stattdessen beschlossen sie den kollektiven Selbstmord.
Nachdem man eine Zeitlang versucht hatte, den indischen Bauern die Verantwortung in die Schuhe zu schieben, die das Erzeugnis von Monsanto schlecht eingesetzt hätten, hat Monsanto mittlerweile eingestanden, dass das Saatgut ineffizient ist. All das ändert nichts am Schicksal der Toten oder derjenigen, die mittlerweile im Dreck der Slums leben und derjenigen, die noch heute versuchen zu überleben, indem sie sich bis über den Kopf verschulden, um ertragsstärkeres Saatgut zu kaufen.
Diese Geschichte ist ekelerregend; widerwärtig; leider ist sie nur ein Beispiel einer endlosen Reihe anderer Beispiele, die aufzeigen, dass der Kapitalismus sich nicht um Menschenleben kümmert, dass ihm der Schutz und die Entwicklung unserer Ressourcen nichts wert ist.
Die Bt-Baumwolle ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie der Kapitalismus in die Natur eingreift, mit dem Ziel, höhere Profite zu erzielen. Es liegt auf der Hand, dass dieses Saatgut in Umlauf gebracht wurde, ohne auseichende Garantien hinsichtlich der Effizienz der Schädlingsabwehr aller möglichen Parasiten zu haben, die diese Pflanzen befallen können. Es ging Monsanto vor allem darum, sein Produkt zu verkaufen, das Versprechen höherer Ernteerträge war das dazugehörige Lockmittel.
Das menschliche Elend, die Schäden an der Natur untergraben wohl die Zukunft des Produktes; aber was durch seinen Verkauf eingenommen wurde, bleibt in den Kassen. Es handelt sich um die Logik eines Systems, das keine langfristigen Planungen und Aspekte berücksichtigt, stattdessen für immer mehr Zerstörung verantwortlich ist und unser Leben immer mehr bedroht. Nicht nur Monsanto müsste der Prozess gemacht werden, sondern dem ganzen Kapitalismus; er ist der wirklich Schuldige. G. 25.5.2011,
Bei der Bewegung der « Empörten » in Spanien und Frankreich wie auch in anderen Ländern hat das Kollektiv « Democracia Real Ya » (DRY) die berechtigte Abscheu der Jugend gegenüber den bürgerlichen politischen Parteien (und der Korruption der Politiker) ausgeschlachtet, um eine sehr gefährliche und heimtückische Ideologie zu verbreiten: die des „Apolitischen“. So haben überall die Mentoren von DRY versucht, den „Empörten“ einzutrichtern, dass die Protestbewegungen gegen die Auswirkungen des Kapitalismus (insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit) eine „apolitische“ Bewegung sein solle, die außerhalb und gegen alle Parteien, Vereinigungen und Gewerkschaften zu handeln habe. Deshalb sollten alle politisierten Leute der Anweisung folgen: nicht das Wort im Namen der Gruppe zu ergreifen, der sie angehören, sondern nur als einfache „Bürger“ (1 [343]). Alle diejenigen, die sich politisch engagieren, stehen somit unter dem Generalverdacht, die Bewegung spalten oder sie für ihre Zwecke vereinnahmen zu wollen.
In der Bewegung der « Empörten » in Spanien und Frankreich wie auch in anderen Ländern hat das Kollektiv « Democracia Real Ya » (DRY) die berechtigte Abscheu der Jugend gegenüber den bürgerlichen politischen Parteien (und der Korruption der Politiker) ausgeschlachtet, um eine sehr gefährliche und heimtückische Ideologie zu verbreiten: die Ideologie des „Apolitischen“. So haben überall die Mentoren von DRY versucht, den „Empörten“ einzutrichtern, dass die Protestbewegungen gegen die Auswirkungen des Kapitalismus (insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit) eine „apolitische“ Bewegung sein solle, die außerhalb und gegen alle Parteien, Vereinigungen und Gewerkschaften zu handeln habe. Deshalb sollten alle politisierten Leute der Anweisung folgen, das Wort nicht im Namen der Gruppe zu ergreifen, der sie angehören, sondern nur als individuelle „Bürger“ zu sprechen (1 [344]). Alle diejenigen, die sich politisch engagieren, stehen somit unter dem Generalverdacht, die Bewegung spalten oder sie für ihre Zwecke vereinnahmen zu wollen.
Die grenzenlose Heuchelei von DRY gipfelt darin, dass sich hinter diesem angeblich „apolitischen“ Aushängeschild nicht nur eine ganze Palette von linken Parteien des Kapitals verbirgt (PS, PC, NPA, Front de gauche etc.), sondern ebenso rechte und rechtsradikale Parteien (denn deren Mitglieder können in den Versammlungen als „über jedem Verdacht erhabene Bürger“ das Wort ergreifen).
In Wirklichkeit handelt es sich um eine Heilige Allianz all der guten Seelen, die den kapitalistischen „Bürgerstatus“ respektieren, der von der demagogischen und populistischen DRY propagiert wird. In Wirklichkeit zielen die Führer von DRY darauf ab, die jugendlichen ArbeiterInnen an die kapitalistische Ordnung zu fesseln.
Wenn DRY dazu aufruft, man müsse eine Wahlreform in Spanien fordern, wenn DRY uns ermuntert, wählen zu gehen und somit „gute“ Bürger zu bleiben, wenn sie dafür plädiert, gegen die „Diktatur der Banken“ zu protestieren und uns glauben machen will, dass ein „sauberer, ethisch makelloser Kapitalismus“ mit menschlichem Antlitz möglich sei, dann betreibt DRY nichts anderes als … Politik! Und diese reformistische Politik der Verwaltung der Wirtschaftskrise entspricht genau der Politik der Parteien des linken Flügels des Kapitals, mit ihren „sauberen“ oder weniger korrupten Politikern (wie Dominique Strauss-Kahn, Zapatero, Papandreu und Konsorten).
Der Anspruch des „apolitischen“ Verhaltens ist eine reine Verschleierung und eine gefährliche Falle für die Ausgebeuteten. Diese Heuchelei zielt darauf ab, der Jugend ihre Mittel des Kampfes zu entreißen und sie zu einem Kampf für die bürgerliche „Demokratie“ zu bewegen. Denn die Linksparteien und die Gewerkschaften, die uns schon so oft hinters Licht geführt haben, stoßen auf immer mehr Schwierigkeiten, ihr Gift zu verbreiten: die branchenmäßigen Spaltungen, die Sabotage der Kämpfe und der Vollversammlungen und vor allem die reformistischen und parlamentarischen Illusionen. Die Ausgebeuteten werden immer misstrauischer gegenüber den Gewerkschaften und linken Parteien, ja lehnen sie gar immer mehr ab.
Sie haben gelernt, deren übelriechendes Gift zu erkennen. Der Anspruch des „Apolitischen“ der Globalisierungsgegner verfolgt das Ziel, dieses Gift weiterhin zu verbreiten – aber dieses Mal soll es „geruchlos“ sein. Es handelt sich um ein Täuschungsmanöver, das die Betroffenen wieder in die Arme jener Kräfte treiben soll, die sie ablehnen - die Linksparteien und die Gewerkschaften.
Die ausgebeutete Klasse darf nicht vergessen, dass der Faschismus im Namen des „Apolitischen“ in den 1930er Jahren an die Macht gekommen ist. Und unter dem Anspruch des „Apolitischen“ sind soziale Bewegungen immer wieder von den Globalisierungsgegnern im Stile DRY oder ATTAC abgewürgt worden. Dies geschah z.B. Im Frühjahr 2006, als in der Bewegung gegen den CPE in Frankreich viele Jugendliche von der neuen linken Organisation NPA vereinnahmt wurden, die sie dann für die Wahlen 2007 einspannte und für einen Wahlkampf gegen Sarkozy mobilisierte.
Um nicht von den Wölfen im Schafspelz vereinnahmt und geschluckt zu werden, muss die Jugend von heute sich an den Schlachtruf der Studenten vom Mai 1968 erinnern : „Wenn du dich nicht für die Politik interessierst, wird sich die Politik für dich interessieren“.
Ja, man muss sich für „Politik“ interessieren. Sich mit politischen Ideen in den Vollversammlungen auseinanderzusetzen ist der einzige Weg, die falschen Freunde zu entlarven, ihre Fallen zu erkennen und unsere Kämpfe nicht durch die „Polit-Spezialisten“, die auf Verhandlungen, Abmachungen und Manöver spezialisiert sind, abwürgen zu lassen. Durch die offene Auseinandersetzung, die politische Debatte, insbesondere in den souveränen Vollversammlungen können die Ausgebeuteten zwischen den politischen Gruppen unterscheiden, die wirklich ihre Interessen verteidigen und jenen, die die Rolle des Wachhundes für das Kapital spielen.
Der Kampf der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter ist immer ein politischer Kampf. Nur in diesem Kampf können die Ausgebeuteten durch die breitest mögliche Debatte ein Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten aufbauen, um dem schändlichen Treiben des Kapitals und all seiner Politiker entgegenzutreten. In diesem politischen Kampf, auf der Straße und in den Massenversammlungen können sie ihre Klassenidentität wiedererlangen, ihre Solidarität entfalten und Selbstvertrauen aufbauen.
Die ausgebeutete Klasse, ob beschäftigt oder arbeitslos, ist die einzige politische Kraft, die die Welt umwälzen, den Kapitalismus überwinden und eine neue, wirklich menschliche Gesellschaft, ohne Krisen, ohne Kriege, ohne Ausbeutung aufbauen kann.
Sofiane (29.6.2011)
1 [344]) Siehe unseren Artikel « Altercation entre Democracia Real et le CCI: notre indignation face aux méthodes “démocratiques” de DRY [345]”.
Wir veröffentlichen nachfolgend in Ermangelung anderer Quellen einen Artikel aus der bürgerlichen Presse zu den jüngsten Protesten in Israel. Wenn die Welle sozialer Proteste jetzt auf Israel überschwappt, ist dies in der Tat von herausragender Bedeutung- nicht nur weil in einem der höchst militarisierten Länder die soziale Frage sich in den Vordergrund schiebt und damit die gleichen Klasseninteressen zwischen den Ausgebeuteten und Unterdrückten in Israel und Palästina greifbar werden, sondern auch weil diese Kämpfe in einem Land stattfinden, wo im Nachbarland Syrien tagtäglich die grausamste Repression gegen oppositionelle Stimmen ausgeübt wird... Wir sind dankbar für mehr Infos und Einschätzungen - die IKS.
Seit Tagen zelten mehr als hundert Israelis im Herzen von Tel Aviv. Sie wehren
sich gegen die horrenden Mieten in der Küstenstadt. Jetzt weitet sich die
Bewegung aus.
Mit gekreuzten Beinen und durchgestrecktem Rücken sitzt Lior Birger auf der
Matratze vor dem Iglu-Zelt, die Gitarre lehnt neben ihr. Die 26-Jährige
greift nach dem Megafon und ruft: „Die Mieten sind zu hoch! Der freie Markt
ist zu frei! Die Regierung...“ Die Hupe eines vorbeifahrenden Busses
verschluckt den Rest des Satzes. Die anderen Demonstranten klatschen
trotzdem. Passanten drehen sich um und blicken staunend auf die Zelte in der
Stadt.
Hunderte Israelis zelten seit einigen Tagen auf dem Grünstreifen des
Rothschild Boulevards im Zentrum Tel Avivs, aus Protest gegen die hohen
Mieten. Die zweitgrößte Stadt Israels mit knapp 400.000 Einwohnern ist nach
einer Studie der Finanzberatungsfirma Mercer eine der teuersten Städte der
Welt – teurer als beispielsweise Mailand, Paris oder New York City.
Birger ist wütend: „Ich zahle für das Zimmer in meiner Wohngemeinschaft 2400
Schekel Kaltmiete (etwa 500 Euro), und mit meinem Job als Kellnerin verdiene
ich 4000 Schekel (etwa 800 Euro). Als Sozialarbeiterin, was ich eigentlich
studiert habe, könnte ich gar nicht mehr hier leben. Miete und Gehälter
stehen in keinem Verhältnis.“
Das Problem betrifft alle Gesellschaftsschichten: Auch die Ärztin Rotem Ajalu
(29) hat unter den Demonstranten ihr Zelt aufgeschlagen. Sie lebt noch bei
ihren Eltern, weil sie nirgends eine bezahlbare Wohnung gefunden hat. „Wir
wollen doch nur einen Ort haben, den wir Zuhause nennen können“, sagt sie.
„Man sollte endlich aufhören, Land und Immobilien nur an reiche Ausländer zu
verkaufen.“
Ausländische Investitionen spielen aber nach Ansicht des Wohnungsbau-Experten
Chaim Harvey Fialkoff nur im oberen Marktsegment eine Rolle. Der Mitarbeiter
der Hebräischen Universität in Jerusalem sieht andere Ursachen: „In Israel
wächst die Zahl der Haushalte rascher als die Zahl der Wohnungen, außerdem
sind die Kreditzinsen niedrig.“
Zudem gelten Immobilien besonders seit der Finanzkrise als relativ sichere
Geldanlage. Abgesehen davon sei in den attraktivsten Städten das Angebot an
Wohnraum im Vergleich zur Nachfrage immer besonders niedrig. Das treibe die
Preise zusätzlich in die Höhe.
"Die Leute können sich nicht mehr leisten, hier zu leben"
Die Protestbewegung, die in dem sozialen Netzwerk Facebook entstand, hat sich
mittlerweile auch auf andere israelische Städte wie Jerusalem oder Beerscheva
ausgebreitet. Mehrere Parlamentarier kamen, um mit den Demonstranten zu
diskutieren.
Der Mitte-Links-Abgeordnete Nitzan Horowitz war schon zu Beginn der
Demonstrationen vor knapp einer Woche dabei: „Die Leute können sich das nicht
mehr leisten, hier zu leben. Das ist ein Riesen-Problem“, sagt er. Daher
fordert er ein Gesetz, nach dem 30 Prozent aller neuen Wohnungen zu
bezahlbaren Preisen angeboten werden müssen.
Dies ist eine Möglichkeit, um der Krise zu begegnen, sagt der Experte
Fialkoff: „Die Regierung hat schon mehrere Maßnahmen ergriffen, wie zum
Beispiel Spekulationsgeschäfte auf dem Immobilienmarkt stärker zu besteuern.
Aber es braucht Zeit, bis das Wirkung zeigt.“
Allerdings hat die Regierung Berichten verschiedener israelischer Medien
zufolge als Reaktion auf den Protest den Neubau von 7000 erschwinglichen
Wohneinheiten beschlossen. Brisanterweise sind 294 davon in der Siedlung
Beitar Illit im besetzten Westjordanland geplant.
Unter einer silbernen Zeltplane, die sie vor der brütenden Mittagshitze
schützt, sitzt Natalie Dessau am Ende der mittlerweile mehr als einhundert
aufgereihten Zelte auf einer Bank. Über ihrem Kopf baumelt ein Schild mit der
Aufschrift „Hauptquartier“. Für sie ist der Protest auch ein Echo auf den
arabischen Frühling. An die Art und Weise, wie die Regierung das Problem
löst, hat sie keine konkreten Forderungen: „Wir bleiben einfach, bis die
Mieten sinken.“
https://www.welt.de/politik/ausland/article13496687/Israelis-zelten-gegen-horrende-Mieten-in-Tel-Aviv.html# [348]
Als Zuschrift haben wir ein paar aktuelle links zur sozialen bewegung in israel erhalten:
ansonsten empfiehlt es sich die homepage von wac/maan, einer staats-unabhängigen gewerkschaft zu verfolgen.
https://www.wac-maan.org.il/ [349] oder die israelische anarcho-hompage: https://awalls.org/ [350]
https://www.taz.de/Proteste-gegen-hohe-Mieten-in-Israel/!75212/ [351]
https://www.welt.de/politik/ausland/article13508911/Wir-gehen-erst-wenn-... [352]
https://bundes.blog.de/2011/07/26/israel-israelis-protest-for-their-righ... [353]
https://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776796,00.html [354]
https://www.israelheute.com/Nachrichten/tabid/179/nid/23468/Default.aspx [355]
https://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4100935,00.html [356]
Nach den Krawallen, welche diese Woche im ganzen Land ausgebrochen sind, rufen die Sprecher der herrschenden Klasse – Regierung, Politiker, Medien, usw. – dazu auf, dass wir uns an einer Kampagne beteiligen sollen, welche das Ziel hat, ihr „Programm“ für die Zukunft zu unterstützen: verstärkte Sparmaßnahmen und härtere Repression gegen alle, die sich wehren.
Verstärkte Sparmaßnahmen, weil sie selber keine Antwort auf die tödliche ökonomische Krise ihres Systems haben. Sie können nur noch mehr Arbeitsplätze streichen, Löhne, Sozialgelder und Renten kürzen und im Gesundheits- und Schulsektor sparen. All das bedeutet eine zunehmende Verschärfung der sozialen Misere, welche zu diesen Ausschreitungen geführt hat. Diese Misere treibt Teile der jungen Generation ins Gefühl, keine Zukunft zu haben. Jede seriöse Diskussion über die sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe der Ausschreitungen wurde als „Rechtfertigung“ der bei den Ausschreitungen begangenen Handlungen der Jugendlichen denunziert. Sie seien Kriminelle, sagt man uns, und sie würden als Kriminelle drankommen - fertig! Dies scheint logisch, denn der Staat hat nicht die Absicht, Geld in die Stadtzentren zu stecken, wie er es nach den Ausschreitungen in den 1980er Jahren getan hat.
Härtere Repression, weil sie das einzige ist, was uns die Herrschenden anzubieten haben. Sie versuchen, die Zerstörungen während der Krawalle in der Öffentlichkeit maximal auszuschlachten, um mehr Geld in die Polizei zu stecken, um diese mit Gummigeschossen und Wasserwerfern auszurüsten und zusätzlich den Ruf nach einem Einsatz der Armee zu lancieren. Diese Unterdrückungsmittel, zusammen mit der verstärkten Überwachung der sozialen Netzwerke auf dem Internet und der „Justiz“ gegen diejenigen, die nach den Ausschreitungen verhaftet wurden, werden aber nicht lediglich gegen Plünderungen und planlose Verwüstungen eingesetzt werden. Die Herrschenden wissen genau, dass die Krise soziale Revolten und Arbeiterkämpfe hervorbringt, wie sie sich heute über Nordafrika, Spanien, Griechenland, Israel und Chile ausdehnen. Sie wissen haargenau, dass sie in der Zukunft massiven Bewegungen gegenüberstehen werden. Und neben all ihren demokratischen Versprechen sind sie eifrig daran, die Gewalt gegen uns vorzubereiten, so wie sie offen von diktatorischen Regimes wie in Ägypten, Bahrain oder Syrien angewandt wird. All dies wurde schon während der Kämpfe der Studenten in Großbritannien im letzten Jahr deutlich sichtbar.
Die „ehrwürdige Moral“ der herrschenden Klasse
Die Kampagne rund um die Krawalle basiert auf der Behauptung der Herrschenden, dass sie selbst die Verteidiger einer ehrwürdigen sozialen Moral seien. Es lohnt sich darüber etwas nachzudenken.
Die Sprecher des Staates verdammen die Gewalt bei diesen Krawallen. Doch es ist derselbe Staat, welcher auf einer weit höheren Ebene Gewalt gegen die Bevölkerung in Afghanistan und Libyen ausübt. Eine Gewalt, welche täglich als heldenhaft und selbstlos präsentiert wird, während sie tatsächlich den Interessen der herrschenden Klasse dient.
Die Regierung und die Medien verdammen Gesetzlosigkeit und Kriminalität. Doch was das Feuer entfachte, war die Brutalität ihres eigenen Organs von Gesetz und Ordnung, der Polizei - zuerst durch die Erschießung von Mark Guggan und dann durch die arrogante Behandlung seiner Familie und Freunde, die vor der Polizeiwache in Tottenham demonstrierten, um zu erfahren, was genau passiert war. Und dies ist nur die Spitze des Eisberges einer langen Geschichte von Leuten aus Gegenden wie Tottenham, die in Polizeihaft sterben oder der täglichen Schikane auf der Straße ausgesetzt sind.
Die Regierung und die Medien verdammen die Gier und den Egoismus der Plünderer. Doch sie sind selber die Hüter einer Gesellschaft, welche auf organisierter Gier, auf der Anhäufung von Reichtum in den Händen einer kleinen Minderheit basiert. Derweil ist sind wir unaufhörlich aufgefordert, die Güter zu konsumieren, welche ihnen Profite bescheren, und unseren sozialen Wert an den Dingen zu messen, die wir uns leisten. Und da die Ungerechtigkeit nicht nur in diesem System steckt, sondern sich laufend zuspitzt, ist es kein Wunder, wenn jene, die ganz unten sind und die sich die wunderbaren Dinge nicht kaufen können, von denen man sagt, sie bräuchten sie, reagieren, indem sie sich die Sachen klauen, wenn Gelegenheit dazu besteht.
Die Herrschenden verurteilen diese kleinen Plünderungen, während sie selber den ganzen Planeten plündern – die Öl- und Energiekonzerne, welche die Natur verwüsten für Profit, die Spekulanten, die sich mit der Erhöhung der Nahrungsmittelpreise eine goldene Nase verdienen, die Waffenhändler, die von Tod und Zerstörung profitieren, die ehrenwerten Finanzinstitute, die Milliarden an Drogengeldern verwalten. Dieser gigantische Diebstahl drängt einen zunehmenden Teil der ausgebeuteten Klasse in Armut, Hoffnungslosigkeit und Kriminalität. Der Unterschied ist aber der: kleine Gesetzesbrecher werden üblicherweise bestraft, während die großen Haie der Kriminalität ungeschoren davonkommen.
Kurzum: die Moral der herrschenden Klasse, die gibt es gar nicht!
Die zentrale Frage: Wie können wir uns wehren?
Die wichtigste Frage für uns, die große Mehrheit, welche nichts von diesem gigantischen kriminellen Unternehmen namens Kapitalismus hat, ist folgende: Wie können wir uns wirksam zur Wehr setzen, wenn dieses System, das heute in den Schulden versinkt, uns alles wegnehmen will?
Enthalten die Krawalle, die in Großbritannien ausgebrochen sind, eine Methode, wie wir uns wehren, eine Kontrolle über unseren Kampf haben, uns und unsere Kräfte vereinen und uns einen Weg in eine andere Zukunft bahnen können?
Viele Beteiligte an den Krawallen haben offen ihren Unmut gegen die Polizei und die Reichen geäußert, die für sie Hauptverursacher ihrer eigenen Armut sind. Doch die Ausschreitungen brachten schnell auch negative Aspekte zum Vorschein, dunkle Seiten, die durch Jahre der sozialen Desintegration in den ärmsten städtischen Gegenden hervorgerufen werden: Bandenkultur, das Versinken in der herrschenden Philosophie des „Jeder für sich“ oder des „Versuch dich zu bereichern oder stirb dabei“. Ein anfänglicher Protest gegen die Repression der Polizei entgleiste in ein Chaos von offen auch gegen die Mitmenschen und die Arbeiterklasse gerichteten Aktionen: Einschüchterungen und Überfälle auf Individuen, Zerstören von Kleingeschäften in der Nachbarschaft, Attacken auf Beschäftigte der Ambulanz und der Feuerwehr und das wahllose Abbrennen von Häusern, in denen sich noch Bewohner aufhielten.
Solche Aktionen beinhalten keine Perspektive, um uns gegen das räuberische System, in dem wir leben, aufzulehnen. Im Gegenteil werfen sie lediglich Gräben auf zwischen denen, die unter dem System leiden. Gegen die Attacken auf Kleingeschäfte und Wohnhäuser bewaffneten sich Bewohner mit Baseballschlägern und formierten „Schutztruppen“. Andere meldeten sich freiwillig für Putzaktionen, tagsüber nach den Ausschreitungen. Viele einfache Leute beklagten sich über einen Mangel an Polizeipräsenz und verlangten nach strengeren Maßnahmen.
Wer hat am meisten von diesen Gräben und Spaltungen? Die herrschende Klasse und der Staat. Wie wir schon sagten: die Herrschenden versuchen sich nun einen gesellschaftlichen Auftrag zur Aufrüstung der Polizeimaschinerie und zu militärischer Repression zu erhaschen, einen Auftrag dazu, alle Formen des Protests und der politischen Kritik als kriminell hinzustellen. Die Krawalle wurden schon den „Anarchisten“ in die Schuhe geschoben, und vor nur einer oder zwei Wochen machte die Met (Londoner Polizei) den Fauxpas, Empfehlungen zu veröffentlichen, wonach man Leute verpfeifen soll, die für eine staatenlose Gesellschaft seien.
Die Krawalle sind ein Resultat der Sackgasse des kapitalistischen Systems. Sie sind in dieser Form nicht ein Mittel des Kampfes der Arbeiterklasse, sondern vielmehr Ausdruck von Wut und Verzweiflung, in einer Situation, in der die Arbeiterklasse in den Ereignissen als Klasse abwesend ist. Die Plünderungen waren nicht ein Schritt in Richtung einer entwickelteren Form des Kampfes, sondern ein Hindernis auf diesem Weg. Daher die berechtigte Frustration der Frau aus Hackney auf dem Youtube-Video, der von Tausenden gesehen wurde, welche die Plünderungen verurteilte, weil sie verhinderten, dass die Leute zusammenkommen und darüber nachdenken, wohin ihr Kampf gehen soll. „Ihr scheißt mich an…wir sind nicht mal zusammen, um für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Wir räumen den Footlocker[1] [360] aus…“
Zusammenkommen und für eine gemeinsame Sache kämpfen: dies sind die Methoden der Arbeiterklasse; das ist die Moral des proletarischen Klassenkampfes. Doch sie laufen Gefahr, von der Atomisierung und vom Nihilismus aufgesogen zu werden, bis zu einem Punkt, wo ganze Sektoren der Arbeiterklasse vergessen haben, wer sie eigentlich sind.
Doch es gibt eine Alternative. Das Widererstarken der Klassenidentität, das Widerauftauchen des Klassenkampfes kann heute in den massiven Bewegungen in Tunesien, Ägypten, Spanien, Griechenland oder Israel beobachtet werden. Diese Bewegungen, mit all ihren Schwächen, geben uns den Geschmack einer anderen Art zu kämpfen: mit Straßen-Vollversammlungen, in denen jeder das Wort ergreifen kann; mit intensiven politischen Diskussionen, in denen jede Frage diskutiert werden kann; mit organisierter Selbstverteidigung gegen die Angriffe der Polizei und Schlägerbanden; mit Arbeiterdemonstrationen und Streiks; durch das Auftauchen des Gedankens einer Revolution, einer komplett anderen Gesellschaft, die nicht auf dem Gesetz „Jeder frisst jeden“ beruht, sondern auf der Solidarität zwischen den Menschen, nicht auf einer Produktion für den Profit, sondern für unsere wirklichen Bedürfnisse.
Kurzum, aufgrund der durch die Ausschreitungen entstanden Gräben innerhalb der Arbeiterklasse und weil der Staat einen gewissen Erfolg verzeichnet mit seiner Propaganda, dass jeder Kampf gegen das bestehende System in einer mutwilligen Zerstörung ende, ist anzunehmen, dass die Entfaltung einer wirklichen Klassenbewegung in Großbritannien auf größere Probleme stößt als zuvor. Doch weltweit bleibt die Perspektive: zunehmende Krise einer absolut kranken Gesellschaft sowie wachsendes Bewusstsein und organisierter Widerstand der Ausgebeuteten. Die herrschende Klasse in Großbritannien wird vor beidem nicht verschont bleiben.
IKS, 14.8.2011
Wir haben von den FreundInnen der klassenlosen Gesellschaft ein Interview mit einem ägyptischen Genossen mit der Bitte um Weiterverbreitung erhalten.
"Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse ist es kaum noch möglich, mit der Realität Schritt zu halten, geschweige denn sie auf ihre revolutionären Perspektiven abzuklopfen. Wir haben versucht, ein bißchen Klarheit über zwei Brennpunkte zu erhaschen.
Zum einen findet Ihr seit gestern auf unserer Homepage die Transkription eines Interviews, das wir mit einem ägyptischen Genossen im Frühjahr 2011 in Kairo geführt haben. Darin geht es um den Charakter der Revolution, die jüngere Geschichte der Arbeiterkämpfe, die Rolle der Islamisten und der Gewerkschaften, über Geschlechterbeziehungen und die Perspektiven der Kämpfe. Wir fanden das Gespräch ausgesprochen interessant und würden uns freuen, wenn Ihr bei der Verbreitung mithelft.
Hier die deutsche Version:
https://www.klassenlos.tk/data/pdf/aegypten_interview.pdf [362]
https://www.klassenlos.tk [363]
e-mail: [email protected] [364]
Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Beitrag über das Verhältnis zwischen Marxismus und Wissenschaft, der uns von dem Anthropologen Chris Knight zugesandt wurde. Chris war zum 19. Kongress der IKS, der im Mai stattfand, eingeladen, um an der Debatte über dieses Thema teilzunehmen, mit dem sich die Organisation seit einiger Zeit beschäftigt. Diese Debatte spiegelt sich in Artikeln wider, die wir über Freud, Darwin und Chris’ eigene Theorie über die Ursprünge der menschlichen Kultur veröffentlicht haben; gleichzeitig haben wir vor, einige interne Diskussionstexte zu veröffentlichen, die wir geschrieben haben, um die Debatte voran zu bringen. Wir werden auch Näheres über die Debatte auf dem Kongress veröffentlichen.
Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Beitrag über das Verhältnis zwischen Marxismus und Wissenschaft, der uns von dem Anthropologen Chris Knight zugesandt wurde. Chris war zum 19. Kongress der IKS, der im Mai stattfand, eingeladen, um an der Debatte über dieses Thema teilzunehmen, mit dem sich die Organisation seit einiger Zeit beschäftigt. Diese Debatte spiegelt sich in Artikeln wider, die wir über Freud, Darwin und Chris’ eigene Theorie über die Ursprünge der menschlichen Kultur veröffentlicht haben; gleichzeitig haben wir vor, einige interne Diskussionstexte zu veröffentlichen, die wir geschrieben haben, um die Debatte voran zu bringen. Wir werden auch Näheres über die Debatte auf dem Kongress veröffentlichen.
Wir haben auf unserer englischen Webseite den Redebeitrag von Chris Knight als podcast zugänglich gemacht:https://en.internationalism.org/podcast/20110925/chris-knight-origins-of... [367]
Unser Ziel in dieser Debatte, die den früheren Diskussionen über Ethik, die menschliche Natur und den primitiven Kommunismus notwendigerweise folgte, ist nicht, eine einheitliche Auffassung über die Beziehung zwischen Marxismus und Wissenschaft zu erreichen oder uns auf eine bestimmte psychologische oder anthropologische Theorie festzulegen, die einem Punkt in unserer Plattform gleich käme. Auch besteht unser Interesse, wenn wir uns in Diskussionen mit Wissenschaftlern wie Chris Knight oder den Linguisten Jean-Louis Desalles engagieren, der auf unserem vorherigen Kongress gesprochen hatte, nicht darin, eine hochgradige Übereinstimmung mit ihnen in politischen Positionen, die unsere Organisation zu verteidigen da ist, anzustreben. Eher suchen wir eine Tradition der Arbeiterbewegung fortzusetzen, die sich durch ihre Offenheit gegenüber allen realen Entwicklungen der wissenschaftlichen Untersuchung auszeichnete, besonders wenn sie sich mit den Ursprüngen und der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft befasste. Das ist es im Wesentlichen, was Marx‘ und Engels’ Begeisterung für die Theorien von Charles Darwin und L. H. Morgan, Trotzkis Anerkennung der Bedeutung der Freudschen Theorien usw. begründete. Und trotz der Dekadenz des Kapitalismus und der äußerst negativen Auswirkungen, die sie auf die Fortentwicklung und den Nutzen der Wissenschaft gehabt hat, ist das wissenschaftliche Denken im letzten Jahrhundert keineswegs zu einem völligen Stillstand gekommen. Auf dem Kongress selbst wie auch in der allgemeinen Diskussion über Marxismus und Wissenschaft, an der er teilnahm, legte Chris knapp, aber pointiert die anthropologischen Theorien dar, die er in seinem Buch “Blood Relations” (Blutsverwandtschaft) und anderen Werken ausgearbeitet hat. Seine Präsentation auf dem Kongress und die anschließende Diskussion sind ein Beweis, dass fruchtbare wissenschaftliche Untersuchungen und das Nachdenken über die Ursprünge der Menschheit sowie über die Wirklichkeit des „ursprünglichen Kommunismus“ bis heute natürlich nicht aufgehört haben zu existieren.
Der folgende Text befasst sich nicht direkt mit der Anthropologie, sondern mit der allgemeineren Beziehung zwischen dem Marxismus und der Wissenschaft. Er bietet einen Weg an, dem Verhältnis zwischen den beiden näher zu kommen; ein Weg, der grundlegend revolutionär ist und der den essenziellen Internationalismus wahrer Wissenschaft bekräftigt, die dialektische Art und Weise, in der sie sich vorwärts bewegt und ihre notwendige Gegnerschaft zu allen Formen der Ideologie. Wir laden unsere LeserInnen ein, Gebrauch zu machen vom Diskussionsforum auf unserer Webseite, um uns eure Sicht zu Chris Knights Text und zu seinen anthropologischen Theorien zu schicken. Chris hat gesagt, dass er bereit sei, an jeder Diskussion teilzunehmen, die seine Beiträge auf dieser Seite anregen.
IKS, Juni 2011
Chris Knight: Marxismus und Wissenschaft
„Die Wissenschaft“ ist laut Trotzki, „ist die Erkenntnis, die uns mit Macht ausstattet“[1] Die Naturwissenschaften, fuhr Trotzki fort, streben danach, die Gewalt über die Naturkräfte und -prozesse zu gewinnen. Die Astronomie machte die ersten Kalender, Voraussagen über Sonnenfinsternis und die genaue Navigation auf dem Meer möglich. Die Entwicklung der medizinischen Wissenschaft erlaubte eine wachsende Befreiung von Krankheiten und deren Bezwingung. Die Fortschritte in der modernen Physik, Chemie und den anderen Naturwissenschaften haben der Menschheit eine immense Macht gegeben, Naturkräfte aller Art für sich nutzbar zu machen, und sie haben die Welt, in der wir leben, völlig verändert.
Zumindest potenziell gehört die daraus resultierende Macht uns allen - der gesamten menschlichen Spezies. Wissenschaft ist Selbsterkenntnis und Macht der Menschheit in diesem Stadium unserer Entwicklung auf diesem Planeten – und nicht nur die politische Macht einer Gruppe von Menschen über andere. Für Trotzki, wie für Marx vor ihm, ist es der ihr innewohnende Internationalismus – die globale, die ganze Menschheit umfassende Natur der Macht, die sie darstellt -, der die Stärke der Wissenschaft ausmacht und der sie von den rein lokalen, nationalen, territorialen oder auf Gesellschaftsklassen beruhenden (d.h. religiösen, politischen und ähnlichen) Formen des Bewusstseins unterscheidet. Ideologien drücken nur die Macht bestimmter Teile der Gesellschaft aus, die Wissenschaft dagegen gehört der menschlichen Spezies als solcher.
An diesem Maßstab gemessen, sind die Gesellschaftswissenschaften immer ein Paradox gewesen: einerseits vorgeblich wissenschaftlich, andererseits von der Bourgeoisie in der Hoffnung finanziert, so ihre politische und gesellschaftliche Kontrolle zu stärken. Selbst die Entwicklung der Naturwissenschaften – obgleich immanent international und wertvoll für die Menschheit – hat innerhalb eines begrenzten und begrenzenden gesellschaftlichen Kontexts stattgefunden. Sie ist stets zwischen zwei gegensätzlichen Forderungen hin und her gezerrt worden – zwischen den menschlichen Bedürfnissen einerseits und jenen von einzelnen Körperschaften, von Geschäftsinteressen und von herrschenden Eliten andererseits.
Partikularinteressen und die Interessen der Spezies – die Wissenschaft schwankte stets zwischen diesen beiden widersprüchlichen Interessenslagen. Zwischen beiden Extremen haben die mannigfaltigen Wissensformen ein Kontinuum gebildet. An dem einen Ende hat es Wissenschaften gegeben, die wenig mit Gesellschaftsfragen befasst sind – wie Mathematik, Astronomie und Physik zum Beispiel. Am anderen Ende hat es Bereiche wie Geschichte, Politik und die relativ junge Soziologie gegeben – Gebiete, deren gesellschaftliche Auswirkungen unmittelbar und direkt sind. Je direkter die gesellschaftlichen Auswirkungen einer Wissenschaftsdisziplin, desto direkter und unausweichlicher war der politische Druck auf sie gewesen. Und wo immer ein solcher Druck vorherrschte, war das Wissen entstellt und von seinem Kurs abgedrängt worden.
Gesellschaftliche Bedingungen und wissenschaftliche Objektivität
Ist der Marxismus eine Ideologie? Oder ist er eine Wissenschaft? In einem wüsten Angriff – geschrieben auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – prangerte Karl Wittfogel, Autor von „Die orientalische Despotie“, Marx als einen Ideologen an. Er räumte ein, dass Marx eine solche Beschreibung seiner Person entrüstet zurückgewiesen hätte und empört über den Missbrauch seines Werks durch Stalin und seiner Nachfolger gewesen wäre. Die sowjetische Obrigkeit, schrieb Wittfogel 1953, zitierte stets Lenins Konzept der Parteilichkeit (partiinost), um die Wissenschaft „zurechtzubiegen“ – bis hin zur Fälschung von Tatsachen –, so dass sie sich besser für den politischen Gebrauch eignet. Diese Vorstellung von „Nützlichkeit“ oder Manipulation schien laut Wittfogel naturgemäß aus Marxens ursprünglicher Prämisse hervorzugehen, dass alles Wissen gesellschaftlich bedingt sei – produziert von den gesellschaftlichen Klassen, um sie ihren wirtschaftlichen und politischen Bedürfnissen anzupassen. Für die sowjetische Obrigkeit war die wissenschaftliche Wahrheit immer etwas, was es für politische Zwecke zu manipulieren galt.
Wittfogel fährt jedoch fort: „Marx hatte nicht diese Sicht. Er betonte nicht nur, dass ein Mitglied einer bestimmten Klasse für Ideen eintreten könnte, die nachteilig für seine Klasse wären – dies ist von Lenin und seine Nachfolgern bestritten worden –, sondern er forderte auch, dass ein echter Gelehrter sich nach den Interessen der Menschheit in ihrer Gesamtheit richten und die Wahrheit in Übereinstimmung mit den immanenten Erfordernissen der Wissenschaft suchen müsse, gleich wie sich das Schicksal einer besonderen Klasse, auf die Kapitalisten, Grundeigentümer oder Arbeiter auswirkt. Marx rühmte Ricardo dafür, dass er diese Haltung hatte, welche er nicht nur wissenschaftlich für redlich erklärte, sondern auch von der Wissenschaft einfordert. Aus demselben Grund verdammte Marx eine Person als gemein, die die wissenschaftliche Objektivität äußeren Zwecken unterordnete: ‚... ein Mensch, der versucht, die Wissenschaft einem Standpunkt anzupassen, der nicht seinem eigenen Interessen entstammt, wie irrig auch immer, sondern äußeren, fremden und irrelevanten Interessen, nenne ich gemein.’ Marx war völlig konsequent, wenn er die Ablehnung, die Wissenschaft den Interessen einer bestimmten Klasse anzupassen – die Arbeiter eingeschlossen –, ‚stoisch, objektiv und wissenschaftlich‘ nannte. Und er war auch darin konsequent, wenn er ein gegensätzliches Verhalten als eine ‚Sünde wider der Wissenschaft’ brandmarkte.
Das sind starke Worte. Sie zeigen Marx entschlossen, die stolze Tradition aufrechtzuerhalten, die unabhängige Gelehrtheit zu allen Zeiten auszeichnete. Es stimmt, der Autor von ‚Das Kapital‘ hielt sich nicht immer – und besonders in seinen politischen Schriften – an seine eigenen wissenschaftlichen Normen. Seine Haltung bleibt nichtsdestoweniger äußerst bedeutsam. Die Nachfolger des Lagers einer parteilichen Wissenschaft können kaum dafür beschuldigt werden, die Prinzipien der wissenschaftlichen Objektivität zu ignorieren, wozu sie sich nicht bekennen. Aber Marx, der diese Prinzipien ohne Einschränkung akzeptiert, darf legitimerweise kritisiert werden, sie verletzt zu haben.“[2]
Karl Marx, schreibt Wittfogel, spielte zwei miteinander unvereinbare Rollen. Er war ein großer Wissenschaftler, aber er war auch ein politischer Revolutionär. Er engagierte sich – wie jeder Wissenschaftler es tun muss – für „die Interessen der Menschheit in ihrer Gesamtheit“, aber er setzte sich auch für die Interessen der internationalen Arbeiterklasse ein. Die offensichtliche Unvereinbarkeit dieser beiden Aktivitäten (wie Wittfogel es sieht) bedeutete, dass „Marx‘ eigene Theorien (…) in entscheidenden Punkten von dem beeinträchtigt waren, was er selbst ‚irrelevante Interessen‘ nannte“.[3]
Wittfogel wird von dem Gesellschaftsanthropologen Marvin Harris zitiert, dessen Ansichten in dieser Frage ähnlich zu sein scheinen. Harris stellt Marxens „wissenschaftliche“ Seite dessen „dialektischem und revolutionärem“ Aspekt entgegen, mit der Absicht, die wissenschaftliche Seite gebrauchsfähig zu machen, indem er sie von allen Spuren des dialektischen und revolutionären Aspekts dekontaminiert. Laut Harris „gab sich Marx große Mühe, die wissenschaftliche Verantwortlichkeit über die Klasseninteressen zu stellen.“ Aber das sei lediglich in seinem wissenschaftlichen Werk der Fall. Große Teile des Werkes von Marx seien politisch, und hier sei die Wissenschaft politischen Zwecken untergeordnet – und daher missbraucht worden. Wenn die Wissenschaft aus politischen Beweggründen bemüht werde, dann müsse das zum Verrat an der wissenschaftlichen Objektivität und ihrem Zweck führen, sagt Harris: „Wenn es darum geht, die Welt zu verändern, anstatt sie nur zu interpretieren, dann wird der marxistische Soziologe nicht zögern, die Tatsachen zu fälschen, um sie nützlicher zu machen.“[4]
Wittfogels Hinweis, dass Marx versuchte, seine Wissenschaft auf „die Interessen der Menschheit in ihrer Gesamtheit“ zu gründen, ist wichtig. Wir stimmen mit Harris auch darin überein, dass Marx „sich selbst Mühe gab, die wissenschaftliche Verantwortlichkeit über die Klasseninteressen zu stellen“ – wenn mit „Klasseninteressen“ partikularistische Sonderinteressen im Gegensatz zu den universell menschlichen gemeint sind. Aber genau hier liegt das Problem. Wie Einstein und all die großen Wissenschaftler in all den Jahrhunderten glaubte Marx, dass es in der Verantwortung eines Wissenschaftlers liegt, die allgemeinen Interessen der Menschheit über die Sonderinteressen zu stellen. Die Frage, vor die er sich gestellt sah und vor die wir auch heute gestellt sind, lautet: In welcher konkreten Form werden diese allgemeinen Interessen in der heutigen modernen Welt ausgedrückt?
Marx kam auf Grundlage seiner wissenschaftlichen Studien zu dem Schluss, dass die allgemeinen Interessen der Menschheit nicht von den verschiedenen herrschenden Klassen des 19. Jahrhunderts in Europa vertreten wurden. Diese Interessen kamen nicht nur miteinander in Konflikt, sondern auch mit denen der menschlichen Spezies als solcher. Sie konnten daher nicht die gesellschaftliche Grundlage für eine wirklich objektive Gesellschaftswissenschaft bilden.
Die Schwäche sowohl der Position Wittfogels wie der Harris‘ ist, dass sie beide zu dieser Frage nichts zu sagen hatten. Sie waren in der eigentümlichen Lage, einerseits mit Marxens Grundvoraussetzungen übereinzustimmen und sich anderseits dennoch zu weigern, auch nur über die Möglichkeit zu diskutieren, dass die Schlussfolgerungen von Marx korrekt sein könnten. Sie waren völlig einverstanden damit, dass sich die Wissenschaft auf die allgemein menschlichen Interessen gründen muss. Marx zog aufgrund dieses Gedankens den Schluss, a) dass Wissenschaft selbst in dem Maße politisch revolutionär ist, als sie wahrhaft treu zu sich selbst und universell ist; b) dass es diese Art von „Politik“ ist (d.h. die Politik der Wissenschaft selbst), die die moderne revolutionäre Bewegung verlangt; und c) dass die einzig mögliche gesellschaftliche Grundlage für solch eine Wissenschafts-inspirierte Politik jene Klasse in der Gesellschaft ist, die selbst das Produkt der Wissenschaft ist, welche bereits in ihrem Kern eine internationale wie wissenschaftliche Entwicklung darstellt und deren Interessen allen existierenden Separatinteressen entgegengesetzt sind. Doch weder Wittfogel noch Harris äußerten auch nur ein Argument zu alledem. Sie nahmen es einfach als selbstverständlich an, dass die Interessen der Menschheit eine Sache sind und die Interessen der Arbeiterklasse eine andere.
Marx – und jeder Marxist, der es verdient, den Namen zu tragen - wusste, dass es nicht wert ist, sich für eine gesellschaftliche Kraft einzusetzen, es sei denn, sie stellt dank ihrer ureigenen Existenz wirklich die breiten Interessen der Menschheit dar. Und jeder Marxist, der diesen Namen verdient, weiß, dass es nur eine wirkliche Wissenschaft gibt – die realen Entdeckungen der Wissenschaftler, die unabhängig und für die eigenen autonomen Ziele der Wissenschaft arbeiten -, die von der Menschheit als Mittel zur Selbsterkenntnis und Befreiung verwendet werden kann. Von diesem Standpunkt aus wird die Absurdität des Arguments von Harris ersichtlich, dass, wenn es darum geht, die Welt zu verändern, der marxistische Soziologe „nicht zögern würde, die Daten zu verfälschen, um sie nützlicher zu machen“. Wie können gefälschte Daten für die Menschheit von Wert sein? Wie kann dies für jene opportun sein, die daran interessiert sind, die Welt zu verändern?
Harris hat Recht, darauf zu bestehen, dass, wenn ein partikulares politisches Interesse – sei es nun marxistisch oder nicht – die wissenschaftliche Arbeit im Griff hat, die Wissenschaft selbst darunter leiden werde. Eine besondere nationale und deshalb limitierte politische Partei oder eine bestimmte Gruppe, die in einem gegebenen Staat herrscht (wie z.B. die sowjetische Bürokratie und der „kommunistische“ Apparat während des Kalten Krieges) mag wohl das Gefühl haben, besondere Interessen zu besitzen, die sie über die breiteren Interessen heben, welche sie zu vertreten behauptet. In diesem Falle wird die Wissenschaft in dem Maße, wie die Wissenschaftler darin involviert sind, sicherlich entstellt werden. Aber eine Entstellung der Wissenschaft (d.h. ihre teilweise Umformung in Ideologie) kann nur eine Limitierung ihrer langfristigen Anziehungskraft und ihrer Brauchbarkeit für den Menschen beinhalten. Wo immer sich solche Dinge ereignen, schwächt die betroffene Schicht ihre Kraft, die Welt zu verändern, statt sie zu stärken.
Alle Entstellungen, Fälschungen oder Mystifikationen drücken nur die gesellschaftlichen Teilinteressen im Gegensatz zu den Allgemeininteressen aus. Marx befürwortete zu keiner Zeit, sich die Wissenschaft zurechtzuschustern, um sie diesem oder jenem gefühltem Teilinteresse anzupassen – ob Arbeiterklasse oder nicht: “Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.“ (Marx: Die heilige Familie, MEW 2, S. 37)
Für Marx war die Frage, wer das Proletariat war, eine wissenschaftliche Frage, die auch nur wissenschaftlich beantwortet werden konnte, in völliger Unabhängigkeit von jedem unmittelbaren Druck oder Anliegen. Weit davon entfernt, für die Unterordnung der Wissenschaft unter die Politik zu streiten, bestand Marx auf die Unterordnung der Politik unter die Wissenschaft.
Autonomie und Klasseninteresse
Engels schrieb: “[…] je rücksichtsloser und unbefangener die Wissenschaft vorgeht, desto mehr befindet sie sich im Einklang mit den Interessen und Strebungen der Arbeiter.“ (Engels: Feuerbach, MEW 21, S. 307) Wir können sicher sein, dass dies genau die Sichtweise von Marx zum Ausdruck bringt. Die Wissenschaft als einzige universelle, internationale und die Spezies vereinigende Form des Wissens hat Vorrang. Wenn sie in den Interessen der Arbeiterklasse verwurzelt werden musste, dann nur in dem Sinne, dass alle Wissenschaft in den Interessen der menschlichen Spezies insgesamt verwurzelt sein muss, wobei die internationale Arbeiterklasse diese Interessen in der modernen Epoche verkörpert, so wie die Erfordernisse der Produktion in früheren Perioden immer diese Interessen verkörpert haben.
Es ging nicht um die Unterordnung unter Partikularinteressen. Indem die Wissenschaft an die erste Stelle gesetzt wurde, war sie dazu bestimmt, sich über Partikularinteressen hinwegzusetzen und zum Ausdrucksmittel einer neuen Form politischen Bewusstseins zu werden. In diesem Sinne war die Wissenschaft sogar dazu bestimmt, die internationale Arbeiterklasse zu erschaffen. Ohne Wissenschaft gäbe es nur partikulare politische Arbeiterbewegungen; erst durch die wissenschaftliche Analyse können die allgemeinen Interessen der Klasse offengelegt werden.
Zugegeben: die Wissenschaft – selbst ein gesellschaftliches Produkt – kann (nach der Auffassung von Marx) der Arbeiterklasse nichts hinzufügen, was nicht schon in ihr vorhanden ist. Sie kann sich nicht der Arbeiterbewegung aufzwingen, als käme sie von außerhalb.[5] Erst in der und durch die Wissenschaft können sich die Arbeiter ihrer globalen, die Klasse in ihrer Gesamtheit innewohnenden Stärke bewusst werden – einer Stärke, die bereits in ihnen steckt. Und nur durch diese Bewusstwerdung ihrer eigenen Macht kann die internationale Arbeiterklasse politisch existieren.[6] Es stellt sich deshalb gar nicht die Frage, ob die Wissenschaft einer vorher existierenden politischen Kraft untergeordnet ist. Die politische Kraft ist die Wissenschaft selbst und kann ohne die Wissenschaft nicht bestehen. Die früheren vorherrschenden Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik werden umgekehrt.
Für Marx sind die Gesellschaftswissenschaften – einschließlich seiner eigenen – genauso wie alle anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins ein Produkt der Klassenverhältnisse. Seine allgemeine Formulierung ist wohl bekannt: "Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefassten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft.“ (Marx/Engels: Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 46)
Aus diesem Grunde erachtet es Marx als nicht möglich, die herrschenden Ideen der Gesellschaft zu ändern – oder eine allseits anerkannte Gesellschaftswissenschaft zu schaffen –, ohne die materielle Macht jener Kräfte zu brechen, die die Wissenschaft entstellen. Weil Marx die gesellschaftlichen Widersprüche als die Quelle der mythologischen und ideologischen Widersprüchlichkeiten sah, konnte er darauf bestehen, dass nur durch die Beseitigung der gesellschaftlichen Widersprüche selbst ihre Äußerungen in Ideologie und Wissenschaft überwunden werden konnten.
Das ist es, was Marx meinte, wenn er schrieb: "Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus] veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis.“ (Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3; S. 7) Oder nochmals: "[…] man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe fasste.“ (Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungband 1, S. 25)
Deshalb war es vom Standpunkt von Marx und Engels aus in Ordnung, den Interessen der Wissenschaft treu zu bleiben – um ihre inneren theoretischen Widersprüche zu lösen -, so dass sie sich als Wissenschaftler verpflichtet fühlten, a) sich mit einer materiellen gesellschaftlichen Kraft zu identifizieren, die die „irrelevanten Interessen“, welche die Objektivität der Wissenschaft entstellen, beseitigen konnte, und b) die Leitung dieser materiellen Kraft zu übernehmen. Ihre Auffassung war es nicht, dass die Wissenschaft unzulänglich sei und dass die Politik hinzugefügt werden müsse.[7] Ihre Vorstellung war, dass Wissenschaft – wenn sie treu zu sich selbst blieb – immanent revolutionär ist, dass sie nicht ein politisches Projekt ist, sondern sich selbst anerkennen muss.
Marx und Engels glaubten, dass die Wissenschaft diese noch nie dagewesene politische Autonomie aus einem gesellschaftlichen Grund heraus gewinnen könne: Zum ersten Mal – und zwar als direktes Ergebnis der wissenschaftlichen Entwicklung selbst – war eine „Klasse“ in die Gesellschaft getreten, die in Wirklichkeit überhaupt keine Klasse war, die keinen traditionellen Status oder erworbene Interessen mehr zu verteidigen hat, keine Macht, Protektion zu gewähren, keine Macht, den Menschen vom Menschen zu spalten, und deshalb auch keine Macht, die Wissenschaft in irgendeiner Weise zu entstellen. “Und nur bei der Arbeiterklasse besteht der deutsche theoretische Sinn unverkümmert fort. Hier ist er nicht auszurotten; hier finden keine Rücksichten statt auf Karriere, auf Profitmacherei, auf gnädige Protektion von oben; [...]“, schrieb Engels. (Engels: Feuerbach, MEW 21, S. 306)
Erst hier kann die Wissenschaft sich selbst treu sein, denn nur hier existiert eine gesellschaftliche Kraft wahrer universeller Art, die fähig ist, die Spezies Mensch zu einem Ganzen zu vereinigen.
Das ist die Bedingung für eine wahrhaft unabhängige, wahrhaft selbständige und wahrhaft universelle Wissenschaft der Menschheit – die Existenz „einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann.“ (Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 390)
Verifizierung des Marxismus
Einiges aus dem vorhergehenden Argument mag tendenziös erscheinen. Nahezu jeder politische oder gesellschaftliche Philosoph behauptet letztlich, dass seine Theorie allgemein menschliche Interessen ausdrückt und nicht eng begrenzte Sonderinteressen.
Die „Treue zu den Interessen der Menschheit“ als Maß für den wissenschaftlichen Wert eines begrifflichen Systems zu gebrauchen ist daher nicht möglich – es sei denn, es wird ein objektives Testverfahren dafür gefunden. Aber welche Art von Test könnte das sein? Letztendlich besteht der Beweis für den Pudding darin, gegessen zu werden. Was geschieht, wenn wir eine neue Hypothese ausprobieren? Bewährt sie sich? Vermindert sie die geistige Anstrengung bei der Lösung von intellektuellen Problemen? Mit anderen Worten: fügt die Hypothese – sei sie rein intellektuell oder auch praktisch – den Fähigkeiten der Wissenschaftler auf wesentlichen Gebieten neue Erkenntnisse hinzu?
Wenn sie das tut, dann sollte sich jedermann ultimativ dazu durchringen, die Tatsachen anzuerkennen. Angenommen, intellektuelle Effizienz ist unser Kriterium (andernfalls sind wir keine Wissenschaftler), dann wird sich der Zuspruch zu dieser Theorie weiter verbreiten. Ihre innere Kohärenz (die Übereinstimmung zwischen den einzelnen Teilen der Theorie) wird in einer weitverbreiteten gesellschaftlichen Zustimmung Ausdruck finden. Solche Fähigkeit, Zustimmung zu erzeugen, ist der gesellschaftliche Lackmustest der Wissenschaft.[8]
Auf lange Sicht muss der Marxismus und jede Gesellschaftswissenschaft einem derartigen Test unterzogen werden. Wissenschaften unterscheiden sich, angefangen beim bloßen Ad hoc-Wissen über das technische Wissen bis hin zum gesunden Menschenverstand, durch das Mittel ihrer abstrakten, symbolischen, formalen Kennzeichen. Wissenschaft ist ein Symbolsystem. Ähnlich wie bei jedem anderen solchen System hängt ihre Bedeutung von der Übereinkunft ab. Die Ziffer „2“ bedeutet „zwei“, nur weil wir alle sagen, dass dies so ist. Sie könnte auch „neun“ bedeuten. Alle symbolischen Systeme – einschließlich der Mythen und Ideologien – hängen in diesem Sinn von der gesellschaftlichen Übereinkunft ab. Doch im Fall der Mythen und Ideologien reicht der Bereich der Übereinkunft nur bis hierher. Es ist ein Punkt erreicht, an dem Uneinigkeit aufkommt – eine Uneinigkeit, die in den gesellschaftlichen Widersprüchen verwurzelt ist. Und wenn das eintritt, führt die Notwendigkeit, die miteinander unverträglichen Bedeutungen miteinander zu versöhnen, zu Widersprüchen innerer Art – innerhalb des Symbolsystems selbst.
Mythologie und Ideologie sind Ausdrücke der gesellschaftlichen Spaltung. Dies ist das wesentliche Merkmal, das diese Wissensformen von der Wissenschaft unterscheidet. Die Wissenschaft drückt die Macht und die Einheit der menschlichen Art aus – eine Macht, die die Menschen in den Klassengesellschaften in wachsendem Maße gegenüber der Natur in Anspruch nahmen, jedoch nicht gegenüber ihrer eigenen gesellschaftlichen Welt. Eine Wissenschaft der Gesellschaft müsste, um sich selbst als Wissenschaft zu beweisen, zeigen, dass sie ohne innere Widersprüche und in Einklang mit den Naturwissenschaften und der Wissenschaft in ihrer Gesamtheit steht. Langfristig kann sie das nur praktisch beweisen. Sie müsste ihre innere Folgerichtigkeit zeigen, indem sie ihre Verwurzelung in einer gesellschaftlichen Übereinkunft demonstriert, die die menschliche Rasse vereint. Sie müsste mit anderen Worten in der Praxis zeigen, dass sie Teil eines Symbolsystems bildet – einer globalen „Sprache“, entstanden aus den Begriffen der Wissenschaft -, das praktisch fähig wäre, die ganze Erde zu umfassen und sie endlich politisch zu vereinigen.[9]
Doch das ist nicht die einzige Prüfung. Bei jedem wissenschaftlichen Fortschritts ist die Prüfung zuerst eine theoretische. Kopernikus wusste, dass sich die Erde bewegt. Und er wusste das, lange bevor diese Tatsache für andere ausreichend bewiesen und universell anerkannt war. Einstein wusste, dass das Licht den Gesetzen der Schwerkraft unterworfen ist. Und er wusste das, lange bevor es 1919 während einer Sonnenfinsternis von den Sternwarten in Cambridge und Greenwich beobachtet wurde (als gezeigt wurde, dass von einem Stern ausgesandte Lichtstrahlen vom Gravitationsfeld der Sonne abgelenkt werden). Bei wissenschaftlichen Entdeckungen war das immer so. Eine wissenschaftliche Revolution wird auf der Ebene der reinen Theorie bestätigt, lange bevor sie ihre Abschlussprüfung in der Praxis bestanden hat.
Die endgültige Bestätigung des Marxismus als Wissenschaft würde sich in seiner Fähigkeit zeigen, eine weltweite Einigkeit zu herzustellen – in seiner Kraft, die Menschheit zu vereinigen. Aber wenn der Marxismus eine echte Wissenschaft ist, dann sollte es möglich sein, sein Potenzial schon vorher theoretisch zu erweisen. Die Frage tut sich auf: wie? Ich werde dieses Problem im zweiten Teil dieses Artikels untersuchen.
[1] “Der einzelne Wissenschaftler mag sich überhaupt nicht um praktische Anwendung seiner Forschung kümmern. Je weiter sein Blick reicht, je kühner seine Phantasie ist, je freier er in seinen theoretischen Überlegungen von der notwendigen Alltagspraxis ist, desto besser. Aber die Wissenschaft ist keine Funktion individueller Wissenschaftler; sie ist eine Funktion der Gesellschaft. Die gesellschaftliche und geschichtliche Einschätzung der Wissenschaft hängt von ihrer Fähigkeit ab, die Macht des Menschen zu steigern und ihn zu befähigen, Ereignisse vorauszusehen und die Natur zu beherrschen.” L. D. Trotzki, 'Dialektischer Materialismus and Wissenschaft' in I Deutscher (ed) The Age of Permanent Revolution: a Trotsky Anthology, New York 1964, p. 344, auf deutsch in “Leo Trotzki, Denkzettel, S. 398, russischer Originaltitel: „D.I. Mendelev i marksizm, 17.9.1925)
[2] K. Wittvogel, The ruling bureaucracy of oriental despotism: a phenomenon that paralysed Marx. The Review of Politics No. 15, 1953, pp. 355-56. Wittfogel zitiert Marx’s Theorien über Mehrwert (eigene Übersetzung)
[3] Wittfogel, p. 356n (eigene Übersetzung)
[4] M Harris, The Rise of Anthropological Theory London 1969, pp. 4-5; 220-21 (eigene Übersetzung)
[5] Solange die Arbeiterklasse schwach ist, schrieb Marx, wollen die Theoretiker ihr helfen, indem sie “Systeme ausdenken und nach einer regenerierenden Wissenschaft suchen.” Doch wenn die Arbeiterklasse stark ist, haben seine Theoretiker “sich nur Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ desselben zu machen. [...] Von dem Augenblick an wird die Wissenschaft bewusstes Erzeugnis der historischen Bewegung, und sie hat aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolutionär geworden.“ (Marx: Das Elend der Philosophie, MEW 4, S. 143)
[6] Wie Trotzki ausdrückt: “.... das Bewusstsein der Stärke ist die wichtigste Grundlage einer wirklichen Stärke” (L. D. Trotzki Whither France? New York 1968, p116, Übersetzung durch IKS). Marx hatte dieselbe Idee im Kopf, als er schrieb: “[…] man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muss das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.“ (Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 390)
[7] Marx hatte im Allgemeinen keine sehr hohe Meinung über das politische Denken eben wegen seiner unvermeidlich subjektiven Ausrichtung: “Der politische Verstand ist eben politischer Verstand, weil er innerhalb der Schranken der Politik denkt. Je schärfer, je lebendiger, desto unfähiger ist er zur Auffassung sozialer Gebrechen. [...] Das Prinzip der Politik ist der Wille. Je einseitiger, d.h. also, je vollendeter der politische Verstand, um so mehr glaubt er an die Allmacht des Willens, um so blinder ist er gegen die natürlichen und geistigen Schranken des Willens, um so unfähiger ist er also, die Quelle sozialer Gebrechen zu entdecken.“ (Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel „Der König von Preußen und die Sozialreform, MEW 1, S. 402) Wenn Marx an die Notwendigkeit des politischen Kampfes glaubte, dann deshalb, weil er das politische Wesen der Hindernisse für die menschliche Befreiung und für die Autonomie der Wissenschaft erkannte: „Die Revolution überhaupt – der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse – ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg.“ (dito, S. 409)
[8] Siehe T.S. Kuhn, 'The Structure of Scientific Revolutions' International Encyclopaedia of Unified Science Vol 2, No. 2, Chicago 1970, p. viii. Marx hat diese Idee wenigstens wahrscheinlich teilweise von Feuerbach übernommen, obgleich sie auch ein großes Thema in Hegels Schriften ist. Feuerbach schreibt: “Wahr ist, worin der Andere mit mir übereinstimmt – Übereinstimmung das erste Kennzeichen der Wahrheit, aber nur deswegen, weil die Gattung das letzte Maß der Wahrheit ist. Was ich nur denke nach dem Maße meiner Individualität, daran ist der Andere nicht gebunden, das kann anders gedacht werden, das ist eine zufällige, nur subjektive Ansicht. Was ich aber denke im Maße der Gattung, das denke ich, wie es der Mensch überhaupt nur immer denken kann und folglich der Einzelne denken muß, wenn er normal, gesetzmäßig und folglich wahr denken will. Wahr ist, was mit dem Wesen der Gattung übereinstimmt, falsch, was ihr widerspricht. Ein anderes Gesetz der Wahrheit gibt es nicht.“ (Das Wesen des Christentums, Siebzehntes Kapitel: Der Unterschied des Christentums vom Heidentum, S. 252)
[9] Zu dieser Idee, wie sie während der Russischen Revolution ausgedrückt wurde, siehe Ch. Knight Past, future and the problem of communication in the work of V V Khlebnikov (unpublished M Phil thesis, University of Sussex, 1976).
Die Bewegung der Empörten in Spanien ist reich an Lehren. Sie bringt die zunehmende Kampfbereitschaft der Ausgebeuteten gegenüber der unaufhörlichen Verschlechterung der Lebensbedingungen und das Voranschreiten des Nachdenkens über « wie kann man kämpfen, wie kann man sich gemeinsam gegen die Wirtschaftskrise und die Angriffe des Kapitals wehren ? » zum Vorschein. Diese Bewegung hat auch in anderen Ländern Europas Wurzeln geschlagen, insbesondere in Griechenland, aber auch in anderen Teilen der Welt, bis hin nach Israel und Chile.
Und die letzten Ereignisse Ende Juli haben die Tiefe dieser gesellschaftlichen Unzufriedenheit und die Reifung des Arbeiterbewusstseins bestätigt. Während die internationalen Medien die Demonstrationen in Madrid vom Sommer dieses Jahres weitgehend ausgeblendet und stattdessen immer wieder berichtet haben, dass die Zeltlager abgebrochen werden und die Bewegung jetzt absterbe, haben die Mitglieder der IKS vor Ort dagegen feststellen können, dass Zehntausende Empörte, die sich auf den Straßen sammelten, von dem Willen beseelt waren, den Kampf fortzusetzen, weil sie wissen, dass die Krise noch viel härter zuschlagen und der Kampf notwendigerweise wieder aufflammen wird. Aber vor allem die Qualität der Diskussion über das wahre Wesen der bürgerlichen Demokratie, die Falle des Reformismus, die Sabotage der Bewegung durch Democracia Real Ya » (DRY), die Wichtigkeit der Debatte in den Versammlungen… haben unsere Mitglieder geradezu enthusiastisch werden lassen. Sie haben einen Bericht über ihre Intervention für die Mitglieder unserer Organisation angefertigt, um darüber zu informieren, was sie gesehen und erlebt hatten. Wir veröffentlichen diesen Bericht im Anschluss nahezu ungekürzt ; dies ist auch der Grund dafür, dass der Stil manchmal ein wenig telegraphisch und notizenartig ist.
Freitag 22. Juli : Die ersten Demonstrationsumzüge kommen aus den Arbeitervierteln der Vororte Madrids im Zentrum an. Zahlreichen Zeugenaussagen zufolge haben diese Umzüge wiederum größere Versammlungen ausgelöst, die Leute waren sehr froh, auf andere zu treffen und sich zusammenzuschließen ; man umarmte sich, sang und diskutierte lebhaft.
Samstag, 23. Juli : Der Platz Puerta del Sol war voll, auch die Nebenstraßen. Vielleicht waren ca. 10.000 Leute zusammengekommen ; viel mehr als die Medien geschätzt hatten, die von Hunderten von Empörten sprachen. Wir waren anwesend und haben die Beilage unserer Presse verteilt (1 [375]). Es gab eine große Aufnahmebereitschaft. Um uns bildeten sich kleine Trauben von Menschen. Es fiel sofort ins Auge, wie groß die Lust ist zu reden, dass die Leute sich spontan äußern wollen, gegen den Kapitalismus Stellung beziehen und für die Versammlungen als dem wichtigsten Werkzeug eintreten. Die Vollversammlung fing nach 22.00 h an, sie befasste sich ausschließlich mit der Berichterstattung über die Märsche. Es gab sehr ergreifende Momente, denn die Leute waren sehr enthusiastisch, fast alle sprachen von Revolution, prangerten das System radikal an (um auf die Wurzeln der Dinge zu sprechen zu kommen, wie ein Redner meinte).
Sonntag, 24. Juli : Morgens fanden im Retiro-Park Themenversammlungen statt : internationale Koordination, nationale Koordination, politische Aktion, Kommunikationsmittel… In der internationalen Koordination waren Leute aus Italien, Griechenland, Tunesien, Frankreich und auch junge spanische Migranten erschienen. Man schlug vor, zu einem europäischen Aktionstag der Empörten aufzurufen, aber es gab auch zwei Wortmeldungen, die gleich von einem „Weltaktionstag“ sprachen, in dem man sich „gegen die Kürzungen der Sozialbudgets weltweit“ richten sollte. Einer von uns hat sich zu Wort gemeldet und den gemeinsamen Nenner all der Probleme, vor denen wir stehen, hervorgehoben. Ein anderer stellte die Initiative vor, die in Valencia als ein „internationalistischer Tag der Debatte über die 15M“ ins Auge gefasst wurde, zu dem Kollektive nicht nur aus Spanien, sondern aus anderen Ländern eingeladen werden sollen. (2 [376]). Diese Initiative wurde explizit von dem Moderator der Versammlung unterstützt.
Jedoch wurde in der darauf folgenden Vollversammlung manipuliert. Sie wurde ausschließlich ausgerichtet auf die Berichte jeder „Themenversammlung“, womit freie Wortmeldungen, die sich nicht auf diese Themen beschränkten, verhindert wurden. Zudem waren die Berichte der Berichterstatter viel zu lang. Der Bericht über das Komitee der internationalen Koordination war an den Schluss gesetzt worden, als schon viele Teilnehmer gegangen waren. Der Berichterstatter, den wir zuvor nie im Komitee gesehen hatten, sagte kein Wort von dem Vorschlag eines internationalen Tages. Es war uns nicht möglich dort das Wort zu ergreifen, um dies zu korrigieren.
Nachmittags fand die Demonstration statt, an der sich ca. 100.000 Personen beteiligten. Die Stimmung war sehr lebhaft; wir haben viele Zeitungen verkaufen können und dabei viel diskutiert. Einmal sperrte die Polizei den Paseo de la Castellana ab. Aber die Demonstranten ließen sich in keine Auseinandersetzung mit dieser locken, sondern umzingelten sie stattdessen, indem sie sich in verschiedene Straßen aufteilten und nachher wieder zusammenkamen. Das Polizeiaufgebot erschien als völlig lächerlich, da es von allen Seiten von Demonstranten umzingelt wurde, ohne die Möglichkeit zu reagieren. (3 [377]).
Abends gab es eine große “Themenversammlung” zum Thema “Staat und Wirtschaft”. Ein Katalane, der die Ideologie von ATTAC im Brustton der Überzeugung verbreitete, fiel durch einen sehr langen Redebeitrag von einer halben Stunde auf, in dem er die Notwendigkeit eines „Systems von Kooperativen“ betonte, dass der Staat unter dem Gewicht der „Märkte verschwinden“ werde und dass dabei auch die Nationen „ausradiert“ würden. Er stellte den Staat und die Nation als die heutigen „revolutionären Alternativen“ gegenüber dem Kapitalismus dar. Revolutionär ist, den Staat und die Nation zu verteidigen. Eine Reihe anderer Wortmeldungen, darunter auch wir, haben diese Auffassung heftig verworfen.
Montag, 25. Juli:
Es fand ein Diskussionsforum über verschiedene Themen statt : Ökologie, Feminismus, Politik, Genossenschaften… Wir hatten geplant, einen Verkaufsstand für unsere Presse mitzubringen und an einem Forum teilzunehmen. Wir haben das Forum mit dem Thema „Für oder gegen eine neue Verfassung“ gewählt.
Eine Frau hat eine lange Einleitung gemacht. Sie sprach von der Entwicklung der „repräsentativen“ Demokratie zu einer „partizipierenden“ Demokratie, in welcher die Vollversammlungen die Speerspitze wären. Überall sollte es Vollversammlungen zu allen möglichen Themen geben: um die Kandidaten der politischen Parteien zu wählen, die Gewerkschaftsführer zu wählen, die Gemeindehaushalte… Ihr zufolge würde dies „eine neue Ordnung, die aus Versammlungen besteht, hervorbringen“. All das wurde als ein neuer Beitrag zur „politischen Wissenschaft“ bezeichnet (sic).
Die Versammlung hat sich durch diese “Entdeckung” nicht beeindrucken lassen. Ein junger Mann sagte freimütig, dass das Problem der Kapitalismus sei und dass es unmöglich wäre diesen zu „reformieren“ oder zu „demokratisieren“. Ein anderer sprach von Revolution und forderte dazu auf, auf die Lehren Lenins hinsichtlich des Aufbaus einer revolutionären Partei zurückzukommen. Dies erzürnte einen Anarchisten, der zwar die Notwendigkeit der Zerstörung des Staates und den Aufbau der Macht der Versammlungen (oder der Räte, wie er meinte) betonte, aber auch meinte, Lenin habe eine Partei ohne Arbeiter, nur mit Intellektuellen bilden wollen. In einer anderen Wortmeldung wurde auch hervorgehoben, dass eine revolutionäre Partei nötig sei, die sich aber nicht am Wahlspektakel beteiligen dürfe, sondern „nur das Gesetz der Versammlungen“ akzeptieren dürfe.
Andere Wortmeldungen verwarfen stark den Vorschlag einer neuen Verfassung. „1978 haben sie uns getäuscht. Warum sollten wir heute den gleichen Fehler begehen?“ Ein Jugendlicher aus Ciudad Real sprach von „Doppelmacht“. Die Macht der Versammlungen und die Macht dessen, „was man Demokratie nennt“. Er fügte hinzu, wir bräuchten eine „Strategie um zum Sieg der ersten beizutragen“. Eine junge Frau meinte: „Man versucht Versammlungen und Verfassung unter einen Hut zu bringen, aber das ist unmöglich. Die Versammlungen haben nichts mit der Verfassung zu tun, sie stehen in totalem Gegensatz zu ihnen.“ Manchmal gab es Redebeiträge zur Verteidigung einer neuen Verfassung, aber ein junger Mann, der anfangs einen langen Text zugunsten eines „Projektes einer neuen Verfassung, das von einer Gruppe aus Granada verfasst worden war“, vorlas, revidierte seinen früheren Standpunkt in einem zweien Redebeitrag und meinte, dass er nur der Sprecher der Gruppe gewesen sei, dass er selbst die „Macht der Versammlungen“ bevorzuge. Den Wortmeldungen zur Unmöglichkeit der Reformierung des Kapitalismus spendete man Beifall; auch als betont wurde, dass man nicht von Demokratie im Allgemeinen sprechen sollte, sondern vom Staat. Einer unserer Genossen hatte sich zu Wort gemeldet und präzisiert, dass der Staat das Organ der herrschenden Klasse ist und dessen Unterdrückungsapparat und Bürokratie darstellt, mit seinen Truppen, der Polizei, den Gerichten und Gefängnissen. All dies werde durch seine demokratische Fassade übertüncht: „Wir, die Ausgebeuteten, wir verfügen nur über das Instrument der Versammlungen, um uns zusammenzuschließen, um kollektiv zu denken und gemeinsam zu entscheiden. Die Macht soll in die Hände der Versammlungen gelegt werden, auch wenn es ein langer Kampf sein wird. Dies ist keine Utopie, wenn man diesen Kampf langfristig sieht.“ Mehrere Personen haben diese Wortmeldung begrüßt.
Als er spürte, dass sich der Wind drehte, hat der Katalane, der am Vorabend noch anders argumentiert hatte, eine Kehrtwendung gemacht. Jetzt sprach er sich für „die Macht in den Händen der Versammlungen“ und für eine „Weltregierung“ aus, und dass „wir in diesem Rahmen über genügend Kraft verfügen würden, um eine neue Verfassung zu verabschieden“ (sic). Dies soll ein „marxistischer Diskurs“ sein? Vielleicht, aber wenn dann der „Tendenz Groucho“ (4)!
Nachmittags sind wir nach Móstoles gefahren, einer industrieller Vorort von Madrid, um zur Koordination der Versammlungen des Südens zu gehen, die zur nationalen Demonstration vom 19. Juni aufgerufen hatte. Sie trafen sich in einem Raum eines sehr kämpferischen Kollektivs, das sich am 15M beteiligt und dabei die Interessen der Arbeiterklasse vertreten hatte. Ein Jugendlicher, der daran aktiv mitgewirkt hatte, äußerte gegenüber uns seine große Freude über die Bewegung des 15M und schilderte uns seine Einschätzung: er verwarf die bürgerliche Demokratie, die Manöver der Bewegung DRY, zu der er einige konkrete Beispiele lieferte, er trat für eine revolutionäre Perspektive ein, das Wiedererstarken des Proletariats, warnte vor der Falle des Immediatismus und betonte die Notwendigkeit einer Bewusstseinsentwicklung… Der Punkt, bei dem er mit uns nicht einverstanden war, betraf die Einschätzung Spaniens 1936, welche er als eine Revolution der Selbstverwaltung sah. Er war sehr froh, uns getroffen zu haben. Wir beschlossen, der Gruppe unsere Presse zu schicken, und er wird dem Kollektiv den Vorschlag zur Beteiligung an dem Treffen im Herbst in Valencia machen.
Diese 3 Tage waren eine sehr intensive Erfahrung, sie haben uns eine sehr tiefgreifende Bewegung vor Augen geführt.
Es scheint weiterhin eine sehr große Unzufriedenheit vorzuherrschen, aber auch andere Aspekte sind sehr wichtig: eine Lust zu diskutieren und Klärung herbeizuführen, ein Drängen, zusammen zu sein, eine ständige Suche nach der Aufnahme von Verbindungen…
Von Anfang an haben DRY und ihre Satelliten alles unternommen, um die Bewegung durch eine Reihe von „konkreten Forderungen“ zu fesseln – der berühmte Katalog demokratischer Forderungen. Dagegen regt sich stummer Widerstand unter einer großen Zahl von Leuten und heftiger Widerstand seitens einer kleinen Minderheit.
Seitdem sind zwei Monate vergangen und die « Zusammenstöße zwischen den Klassen » stehen immer noch nicht auf der Tagesordnung5 [378].. Bedeutet dies eine Schwäche? Stellt dies ein Zeichen der Erschöpfung der Bewegung dar? Wenn wir zurück auf die Gründe der Erschöpfung der Klassenbewegung während der letzten Jahrzehnte blicken, kann man sehen, dass einer der Gründe eine physische Niederlage war. Aber die häufigste Niederlage war die ideologische Niederlage. In eine Sackgasse gelockt, wurde die Klasse in einen Kampf getrieben, der zu ihrer Auflösung führte, was wiederum eine tiefgreifende Demoralisierung bewirkte. Aber das Versiegen der Bewegung im Herbst 2010 in Frankreich war genauer gesehen auf keine dieser beiden Ursachen zurückzuführen. Dies ist hauptsächlich auf die Feststellung zurückzuführen, dass die Regierung trotz der massiven Kämpfe nicht nachgab. Die Arbeiterklasse hatte große Schwierigkeiten auch nur ansatzweise die Vollversammlungen zu errichten, in denen man den Gewerkschaften entgegentreten konnte. In Spanien sieht man wiederum etwas „Neues“, das sicherlich einige politisierte Minderheiten verunsichert, aber auch die Herrschenden verwirrt: die Bewegung ist frontalen Zusammenstößen ausgewichen und ist in ein Nachdenken eingetreten, in dem Verbindungen, eine Solidarität aufgebaut werden… Man könnte meinen, die Bewegung zieht es vor, die unvermeidbaren Klassenzusammenstöße vorzubereiten, indem sie „Kräfte sammelt“.
Einerseits entwickelt sich ein gewisses Bewusstsein für das Ausmaß der Aufgaben und was unmittelbar auf dem Spiel steht. (6 [379]). Aber man ist sich auch in einem gewissen Maße der Schwäche der Arbeiterklasse bewusst hinsichtlich ihres mangelnden Selbstvertrauens, der Notwendigkeit ihre Klassenidentität wiederherzustellen, kurzum, hinsichtlich der mangelnden Reife, um eine Antwort auf die eingeleiteten schwerwiegenden Angriffe und Verschlechterungen unserer Lebensbedingungen zu geben.
In diesem Kontext ist diese « Ansammlung der Kräfte » auch ein Ausdruck einer gewissen Hellsichtigkeit. Es handelt sich sicherlich um eine notwendige und unvermeidbare Phase in einer Situation, in der das Potential für gewaltige Zusammenstöße zwischen den Klassen heranwächst. Die Bewegung des 15M greift und entfaltet eine Reihe von Merkmalen auf, die schon in einem embryonalen Zustand bei der Bewegung gegen den CPE 2006 vorhanden waren: Vollversammlungen, das Erscheinen einer neuen Generation, eine erhöhte Sensibilität gegenüber ethischen und subjektiven Fragen, der Wille, miteinander Verbindung aufzunehmen, einen bewussten Kampf zu führen…
Wenn man mit etwas mehr Abstand auf die Tage in Madrid schaut, fallen einem eine Reihe von Tatsachen ins Auge:
- man spricht ganz natürlich von „Revolution“ , weil das Problem, vor dem man steht, „das System“ ist,
- „alle Macht den Versammlungen“ – bleibt nicht mehr eine Forderung einer kleinen Minderheit, sondern wird immer mehr verbreitet und sie gewinnt an Popularität (7 [380]).
- Der Drang hin zur „internationalen Ausdehnung“ der Versammlungen ist spürbar, wie der immer populärer werdende Vorschlag eines „weltweiten Tages der Versammlungen“ beweist.
Es stimmt, dass all das inmitten einer gewaltigen Verwirrung stattfindet. Alles mögliche Gebräu wird in die Flasche „Revolution“ gesteckt: Selbstverwaltung, Genossenschaften, Verstaatlichung der Banken… Hinsichtlich der Frage der Internationalisierung ist ein Gespräch aufschlussreich, das wir mit einem Jugendlichen in Valencia führten. Er warf uns vor, DRY zu hart kritisiert zu haben. Er hielt uns den Vorschlag von DRY eines „europäischen Aktionstages entgegen, der zu einem weltweiten Aktionstag“ werden könnte. Aber gleichzeitig fügte er hinzu: „Worin ich ein Problem sehe, ist die inhaltliche Ausgestaltung dieser Tages. Wenn das Ziel die Demokratie ist, warum gibt es eigentlich kein Land mit einer wirklichen Demokratie?“
Das Proletariat leidet unter dem Gewicht der herrschenden Ideologie. In den Vollversammlungen sind DRY und andere bürgerliche Kräfte vorhanden (8 [381]), die von den Politikern und Medien Rückendeckung erhalten. In der Arbeiterklasse wiederum regen sich kommunistische Minderheiten, der zahlenmäßiger Umfang und Einfluss immer noch schwach sind. Könnte man unter diesen Bedingungen etwas anderes erwarten als eine Debatte inmitten einer großen Verwirrung, um eine Reihe von unterschiedlichsten Theorien und den unmöglichsten Ideen und Vorschlägen….? Das Bewusstsein muss sich seinen Weg bahnen inmitten dieser sehr chaotischen und schwindelerregenden Situation.
In den Versammlungen sehen wir, dass DRY – der Fangarm des Staates in deren Reihen – auf einen schweigenden, stummen Widerstand und eine immer aktiver werdende Minderheit stößt. (9 [382]). Man muss die beiden unterscheiden : die erste Gruppe, die wahrscheinlich größer ist als man denkt, verhält sich passiv gegenüber den Vorschlägen von DRY, man lässt sie walten, wagt nicht, ihnen die Zügel aus der Hand zu reißen, aber es gibt einen diffusen Widerstand gegen deren Vorschläge.
Dagegen führt eine Minderheit einen Kampf gegen die demokratische, bürgerorientierte und reformistische Politik; sie versucht dieser eine auf die Interessen der Arbeiterklasse sich stützende Politik entgegenzusetzen, um sich auf eine revolutionäre Perspektive des Kampfes gegen den Kapitalismus auszurichten und die Macht der Vollversammlungen.
Dieser Minderheit neigt dazu, sich in „Kollektiven“ zu organisieren, die überall entstehen. Man bemüht sich, mehr nachzudenken, insbesondere – soweit wir wissen – in Valencia, Alicante oder Madrid, auch wenn diese „Kollektive“ im Augenblick noch sehr zerstreut und ohne größeren Kontakt untereinander arbeiten und es ihnen noch nicht gelungen ist, den lokalen Rahmen zu sprengen.
IKS, 1. August 2011
1 [383]) Die Beilage stützt sich auf den Artikel in Weltrevolution Nr. 167 – auf unserer Webseite steht er ungekürzt zur Verfügung.
2 [384]) In Valencia gibt es eine « Versammlung der Gleichen », in der 5 Kollektive mit einer deutlichen anarchistischen Zusammensetzung zusammenwirken. Ein Kollektiv von Jugendlichen hat einen Debattentag zum15M für den Herbst vorgeschlagen. Wir haben diesen Vorschlag unterstützt und die Möglichkeit erwogen, dabei auch Leute aus anderen Ländern einzuladen, dies traf auf Zustimmung. Es handelt sich aus unserer Sicht um eine wichtige Initiative.
3 [385]) Die Sensibilität gegenüber der Repression und dem Willen, sich dieser entgegenzusetzen, ist weiterhin stark in der Bewegung vorhanden. Am 27. Juli, als vor dem Parlament demonstriert wurde, hat die Polizei hart zugeschlagen und die Demonstranten gewaltsam angegegriffen. Nachmittags gab es eine Spontandemonstration mit mehr als 2000 Teilnehmern im Stadtzentrum. Der Slogan dieser Demo lautete : « Wenn ihr jemanden von uns angreift, greift ihr uns alle an ! »
4 [386]) Groucho Marx von den Marx Brothers sagte : « Dies sind meine Prinzipien, wenn sie euch nicht gefallen, habe ich noch andere in meiner Tasche »
5 [387]) Wie wir in dem Artikel zur Bewegung in Spanien aus Weltrevolution Nr. 167 erklärten, standen die Zusammenstöße zwischen den Klassen von Anfang an auf der Tagesordnung, jedoch nicht sehr explizit oder direkt auf politischer oder ökonomischer Ebene, sondern eher « subjektiv » : Entwicklung des Bewusstseins, der Solidarität, Aufbau eines kollektiven Gewebes der Aktionen.
6 [388]) Gewaltige Angriffe stehen für diesen Herbst an : insbesondere im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich – mit vielen Entlassungen.
7 [389]) In der Alcalá-Straße, ganz in der Nähe des Cortes (des Parlementes) forderte eine Graffiti : “Die ganze Macht den Versammlungen ». Der Versuch, diese Botschaft zu verbreiten, hat die « Respektkommission » - eine Art innere Polizei der DRY – auf den Plan gerufen, sie ist dagegen eingeschritten, weil sie solch eine Forderung zu « gewalttätig » fand. Die drei Jugendlichen, die diese Graffiti anbringen wollten, wurden von ihnen umzingelt, aber eine Gruppe von Demonstranten hat wiederum die Kommission umzingelt und sie aufgefordert, die Jugendlichen ihre Meinung äußern zu lassen.
8 [390]) Neben DRY gibt es IU (Vereinigte Linke- ein von den Stalinisten gebildetes Bündnis) UPYD (eine liberale Zentrumspartei), MPPC (eine republikanische Bewegung) sowie mehrere Gruppen der Extremen Linken, darunter Trotzkisten.
9 [391]) In Valencia sind Graffitis aufgetaucht, « DRY sind nicht unsere Repräsentanten », was eine Verwerfung des sehr weit verbreiteten Spruches gegen die Politiker ist « Sie repräsentieren uns nicht »
Nach mehr als 6 Monaten Kämpfen feiern die libyschen Rebellen ihren Sieg über den einst mächtigen Gaddafi, der 42 Jahre lang die westlichen Demokratien missachtete und mit deren Führern Katz und Maus spielte. Er war auch ein Mitglied der Sozialistischen Internationale. Die Demokratien hatten in fetten und mageren Jahren versucht, sich beim Führer Libyens einzuschmeicheln, aber von dem Zeitpunkt an, als die Volkserhebung sich gegen die Jamahiriya des libyschen Diktators begann und in einen grausamen Machtkampf zwischen verschiedenen Flügeln der Herrschenden umschlug, haben sie den Nationalen Übergangsrat aktiv unterstützt. Nach mehr als 6 Monaten Kämpfen feiern die libyschen Rebellen ihren Sieg über den einst mächtigen Gaddafi, der 42 Jahre lang die westlichen Demokratien missachtete und mit deren Führern Katz und Maus spielte. Er war auch ein Mitglied der Sozialistischen Internationale. Die Demokratien hatten in fetten und mageren Jahren versucht, sich beim Führer Libyens einzuschmeicheln, aber von dem Zeitpunkt an, als die Volkserhebung sich gegen die Jamahiriya des libyschen Diktators begann und in einen grausamen Machtkampf zwischen verschiedenen Flügeln der Herrschenden umschlug, haben sie den Nationalen Übergangsrat aktiv unterstützt.
Die von Frankreich und Großbritannien angeführten westlichen Mächte haben all die Maßnahmen der “Rebellen” orchestriert. Wie viele Tote, Verwundete, für immer Verstümmelte in diesem kapitalistischen Krieg wurden von den unterwürfigen Medien als die Fortsetzung des „arabischen Frühlings“ dargestellt. Monatelang gab es keine eindeutigen Angaben über die Opferzahlen; aber um die NATO-Intervention zu rechtfertigen, haben die Medien uns zahlreiche Details über die Massaker vermittelt, die von den Gaddafi-treuen Kräften verübt wurden. Seit dem Ersten Golfkrieg hat man versucht, die scheußliche Lüge zu verbreiten, man habe „zielgenaue Angriffe“ geflogen, die nur Bösewichte und keine Zivilisten treffen würden, obgleich es Tausende von Gegenbeispielen gibt.
Ihren eigenen Schätzungen zufolge hat die NATO seit dem 31. März 20.000 Luftangriffe und 8000 “humanitäre” Schläge durchgeführt. Und obgleich die NATO Städte bombardierte, um „den Weg für die Rebellen zu ebnen“, wurden offiziell nur neun Tote registriert. Aber ungeachtet dieses Black-outs wurden ganze Dörfer und Stadtviertel in den verschiedenen Kämpfen beschossen. Dies geschah in Tripolis und anderen „befreiten“ Städten, die verantwortlich dafür gehalten wurden, dass sich Gaddafi-treue Truppen oder dieser selbst in diesen aufgehalten habe. Dies ähnelt stark dem Vorgehen der Truppen Assads, die die syrische Bevölkerung nicht weniger brutal angreifen und ein Massaker nach dem anderen verüben. Hinzu kommt, dass in Tripolis ein humanitäres Desaster stattfindet: dort gibt es kein Wasser, keinen Strom, keine Lebensmittel, während gleichzeitig Leichen auf den Straßen verwesen. Das ist das Bild des „befreiten“ Libyens.
Die NATO Kräfte haben sich nicht auf Bombardierungen beschränkt, die den Rebellen “den Rücken freihalten” sollten. Sie haben auch Bodentruppen entsandt: 500 britische und Hunderte französische Spezialkräfte. Und die gegen Gaddafi gerichteten Streitkräfte wurden ebenso ausgerüstet. Frankreich hat zugegeben, „Selbstverteidigungswaffen“ wie Raketenwerfer, Sturmgewehre, Maschinengewehre, Antipanzergeschosse geliefert zu haben. Dabei sind nicht einmal die Leute der CIA mit eingerechnet, obwohl die USA sich angeblich aus der direkten militärischen Intervention zurückgezogen haben.
In diesem Krieg, wo Lügen, allgemeine Irreführung, menschenverachtendes Verhalten und Verachtung gegenüber der Zivilbevölkerung allgegenwärtig waren, werden die mörderische Heuchelei der Stammesführer in Libyen und der Groß- und Mittelmächte ein Merkmal der Ordnung nach Gaddafis Ablösung sein. Natürlich werden wenige den Sturz dieses verhassten und blutigen Diktators bedauern, der monatelang die Bevölkerung dazu aufrief, ihr Leben zu opfern, während er sie gleichzeitig als Schutzschild benutzte. Aber trotz des Diskurses der Opposition und deren internationalen Unterstützern gab es heftige Zusammenstöße unter diesen; diese werden nun immer deutlicher an den Tag treten. Nach dem Irak, dem ehemaligen Jugoslawien, Afghanistan, Elfenbeinküste usw. wird die „internationale Hilfe für die Unterdrückten“ nunmehr als der „Ausweg“ aus dem grenzenlosen Chaos dargestellt. Niemals zuvor in der Geschichte sind so viele Länder und Regionen zur ständigen Beute in Kriegen, Terrorangriffen und menschlicher und materieller Zerstörung geworden. Libyen hat sich gerade in diese Reihe von Ländern eingereiht.
Jetzt wird uns erzählt, dass die „Freiheitskämpfer“ des Nationalen Übergangsrates auf ein „stabiles, demokratisches und die Menschenrechte respektierendes“ Regime hinarbeiten werden. Dabei würden sie unterstützt von der „internationalen Gemeinschaft“, die bereit ist, libysche Vermögen freizugeben, um das neue Regime finanziell zu unterstützen. Die Koalitionsregierung (die Wahlen in 20 Monaten ins Auge fasst) ist ein Mischmasch aus Stammesführern, militanten Islamisten, und früheren berühmten Mitgliedern des Gaddafi Regimes. Der Führer des Militärrates des Übergangsrates ist selbst ein früherer Jihadist, der Al-Qaida nahesteht und eine undurchsichtige Vergangenheit in Afghanistan hat. Der Präsident des Übergangsrates war bis vor kurzem der Justizminister unter dem verhassten Gaddafi-Regime, der gleiche Mann, der die bulgarischen Krankenschwestern zu Tode verurteilte. Der Premierminister war in seiner Kindheit schon ein Freund des gestürzten Diktators…
Dieser kurze Blick auf den Nationalen Übergangsrat wirft schon ein entsprechendes Licht auf die Vergangenheit seiner Mitglieder. Younes, ein Militärchef und Führer eines mächtigen Stammes, wurde Ende Juli unter sehr mysteriösen Umständen getötet. Diese Bestandteile, zu denen seit langem bestehende Stammesfehden hinzukommen, welche zur Zeit Gaddafis von diesem in Schach gehalten wurden, werden dafür sorgen, dass es zu einem jeder gegen jeden kommen wird. Und nicht zu vergessen, das Drängen der europäischen, amerikanischen und arabischen Beutejäger (wie Qatar, Jordanien, Algerien usw.), um ihren Anteil am ölproduzierenden Land zu erhaschen, wird die Instabilität noch erhöhen.
Frankreich, dessen Staatschef überall herumstolziert, nimmt die Pose eines „Retters des libyschen Volkes“ ein. Zusammen mit Großbritannien hat Frankreich am 1. September in Paris eine “internationale Unterstützerkonferenz des neuen Libyens“ organisiert. Ein hübsches, aber enttäuschendes Spektakel: hinter der Fassade der Einheit unter den 60 Delegationen, die sich als die „Freunde Libyens“ darstellten, schimmert eine unsichere, stürmische Zukunft durch. Es geht vor allem um das libysche Öl. Paris und London, die sich auf ihre aktive Unterstützung der Rebellion berufen, verlangen Vorzugsbedingungen von der neuen Regierung. Die USA pochen auf ähnliche Vergünstigungen, zudem sind schon zwei US-Ölfirmen vor Ort aktiv. Sarkozy scheint für den französischen Staat einen Anteil von 35% am libyschen Öl ausgehandelt zu haben, als Belohnung für seine guten und loyalen Dienste gegenüber dem Übergangsrat.
Aber Länder wie Italien, Deutschland und Russland stehen ebenso Schlange. Ob vor oder während des Konfliktes diese Länder haben eine mehr oder weniger offene Opposition gegenüber der militärischen Intervention betrieben. Italien, das bisher einen 21%igen Anteil an Exporten nach Libyen hielt (Frankreich im Vergleich dazu nur 4%), und das besorgt ist über eine Verschlechterung der Öllieferbedingungen, versuchte ständig die militärische Intervention (‚aus humanitären Gründen‘) vor und nach der UN-Resolution 1973 vom 31. März zu blockieren, obgleich es schlussendlich zur Beteiligung gezwungen wurde, anstatt zu riskieren, alles zu verlieren. Wie der Sprecher des Übergangsrates auf der Konferenz meinte: “Die libysche Bevölkerung weiß, wer ihren Freiheitskampf unterstützt hat und wer nicht”. Die Botschaft an Russland und China ist klar, aber das Spiel ist noch nicht vorbei.
Libyen ist nicht nur wichtig wegen seines Öls sondern auch wegen der strategischen Kontrolle der Region. Die NATO-Mission soll Ende September auslaufen, und es ist klar, dass die Ablösung Gaddafis beschleunigt werden muss (oder seine Gefangennahme, ob tot oder lebendig – es gibt schon ein hohes Kopfgeld auf ihn), so dass die militärischen Kräfte der Länder, die sich an der Operation beteiligten, einen Vorwand haben, um im Land zu bleiben – dann wird man wieder hören, es „geht um die Stabilisierung“ des Landes. Ein UN-Dokument fasst dann auch die Entsendung von militärischen und Polizeikräften „zur Entwaffnung der Bevölkerung“ und „zum Aufbau eines Klimas des Vertrauens“ ins Auge. Es ist klar, dass die UN-Mitgliedsländer diesen Bissen nicht loslassen werden: „Das Mandat des Schutzes von Zivilisten, das der Sicherheitsrat erteilt hat und von den NATO-Kräften umgesetzt wird, wird mit dem Sturz der Gaddafi-Regierung nicht beendet sein“. Während der Kampf jeder gegen jeden zwischen den Banditen des Übergangsrates ziemlich sicher ist, wird dies auch die Entwicklung unter den Großmächten sein, die weiter eingreifen und die Spannungen noch mehr schüren werden.
Während der letzten 40 Jahre, insbesondere während der letzten 10 Jahre, wurde klar, was dies bedeutet: Greift nach dem, was ihr ergreifen könnt, treibt die Divergenzen unter den verschiedenen Flügeln auf die Spitze, von denen es in einem Land mit vielen Stämmen ganz viele gibt. Aber die alten imperialistischen Mächte wie Frankreich und Großbritannien und die USA haben eine lange Erfahrung beim Säen von Zwiespalt und der Strategie des teile und herrsche. Nur hier wird man nicht mehr regieren können, sondern es wird ein explosives Gemisch des jeder gegen jeden geben.
Die permanente Instabilität, die in Libyen erkennbar wird, ist das jüngste Beispiel des Wahnsinns des kapitalistischen Systems… Wilma, 3.9.2011 „Mehrere Millionen Ausländer aus Afrika, den Philippinen, Asien und Europa haben bis zum Ausbruch des Kriegs in Libyen gearbeitet. Als Hausangestellte, Müllarbeiter, Krankenschwestern, Ärzte, Techniker und Ingenieure bildeten sie das Rückgrat der libyschen Wirtschaft. Viele sind vor den NATO Luftangriffen und den Kämpfen zwischen dem Regime und den Rebellen geflohen. Anderen halten sich versteckt. Ressentiments gegen die ausländischen Migranten sind groß und Rassismus ist weit verbreitet. Fast jeder Libyer, mit dem man spricht, ist der Meinung, die Ausländer nähmen ihnen die Jobs weg. Schwarze werden in aller Öffentlichkeit als Affen beschimpft.“ (TAZ-Korrespondentin in Libyen, TAZ 9.11.2011)
Dass die Geheimdienste mehrerer Länder – allen voran die CIA und der britische MI5 - ihre Zusammenarbeit so weit trieben, „zu befragende Personen“ nach Libyen zum Foltern zu verschleppen, überrascht nicht – siehe dazu unsere Webseite auf englisch.
Der nachfolgende Artikel wurde wenige Wochen nach den Anschlägen von New York im September 2001 verfasst. Wir veröffentlichen ihn hier erneut als einen historischen Beitrag und Ersteinschätzung der Ereignisse damals.
Vom ersten Augenblick an hat die Propaganda der amerikanischen Bourgeoisie den schrecklichen terroristischen Angriff gegen das World Trade Center in New York am 11.September mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor am 7.Dezember 1941 verglichen. Dieser Vergleich hat ein beträchtliches psychologisches, historisches und politisches Gewicht, denn Pearl Harbor markierte den direkten Eintritt des amerikanischen Imperialismus in den Zweiten Weltkrieg. Geht es nach der gegenwärtigen ideologischen Kampagne, die von der amerikanischen Bourgeoisie, insbesondere von ihren Massenmedien, präsentiert wird, sind die Parallelen einfach, offen und selbstverständlich.
1) In beiden Fällen seien die überrumpelten USA Opfer eines hinterhältigen Überraschungsangriffs gewesen. Im ersten Fall täuschte der japanische Imperialismus heimtückischerweise Verhandlungen mit Washington zur Vermeidung eines Krieges vor, um ohne jegliche Vorwarnung einen Angriff auszuhecken und zu verüben. Im aktuellen Fall seien die USA das Opfer fanatischer, islamistischer Fundamentalisten, die von der Offenheit und Freiheit der amerikanischen Gesellschaft profitierten, um eine Gräueltat von bisher nie gekannten Ausmaßes zu begehen, und deren Schlechtigkeit sie außerhalb der Grenzen einer zivilisierten Gesellschaft stelle.
2) In beiden Fällen waren die von dem Überraschungsangriff verursachten Verluste groß und provozierten Ausschreitungen in der Bevölkerung. Pearl Harbor erforderte 2.043 Todesopfer, zumeist amerikanisches Militärpersonal. In den Twin Towers war der Blutzoll noch höher: nahezu 3.000 unschuldige Zivilisten verloren ihr Leben.
3) In beiden Fällen schlugen die Angriffe auf ihre Täter zurück. Weit entfernt davon, die amerikanische Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen oder sie in den Defätismus und die passive Unterwerfung zu treiben, versetzten Pearl Harbor und die Twin Towers die Bevölkerung, einschließlich des Proletariats, in den größten nationalen Taumel und erlaubten somit die Mobilisierung der Bevölkerung hinter dem Staat und für einen sich lang hinziehenden imperialistischen Krieg.
4) Letztendlich behalte das Gute des demokratischen, amerikanischen Way of Life und seine Militärmacht die Oberhand über das Böse.
Wie alle ideologischen Mythen der Bourgeoisie ist dieses Märchen der beiden, 60 Jahre auseinander liegenden Tragödien, welche Teilwahrheiten auch immer ihm oberflächliche Glaubwürdigkeit verleihen, mit Halbwahrheiten, Lügen und zweckdienlichen Verzerrungen gespickt. Aber dies ist keine Überraschung. Die Politik der bürgerlichen Klasse fußt auf Lügen, Täuschung, Manipulationen und Manövern. Dies trifft besonders zu, wenn es um die schwierige Aufgabe geht, die Gesellschaft für den totalen Krieg moderner Zeiten zu mobilisieren. Die wesentlichen Elemente der ideologischen Kampagne der Bourgeoisie stehen in völligem Gegensatz sowohl zur historischen als auch zur aktuellen Wirklichkeit. Es gibt offenkundige Anzeichen dafür, dass die Bourgeoisie in keinen der beiden Fälle überrascht worden war, dass sie die massiven Todesraten in beiden Fällen für den Zweck politischer Ziele, für die Verwirklichung ihrer imperialistischen Kriegsziele und anderer weitreichender politischer Ziele, willkommen geheißen hat.
Die verschiedenen Merkmale des Krieges in der Aufstiegs- und Dekadenzperiode Da sowohl Pearl Harbor als auch das World Trade Center von der Bourgeoisie dazu benutzt wurden, die US-Bevölkerung auf den Krieg einzustimmen, ist es notwendig, kurz die politischen Aufgaben zu untersuchen, die sich der Bourgeoisie bei der Vorbereitung eines imperialistischen Krieges im Zeitalter der kapitalistischen Dekadenz stellten. In der Dekadenz hat der Krieg im Vergleich zum Krieg in jener Periode, als der Kapitalismus noch ein aufstrebendes, historisch fortschrittliches System gewesen war, unterschiedliche Merkmale angenommen. In der Aufstiegsperiode konnte der Krieg eine fortschrittliche Rolle annehmen in dem Sinne, dass er die Weiterentwicklung der Produktivkräfte ermöglicht hatte. In diesem Sinne können der amerikanische Bürgerkrieg, der der Zerstörung des anachronistischen Sklavensystems in den Südstaaten gedient und die Industrialisierung der USA in vollem Umfang ausgelöst hatte, und die verschiedenen nationalen Kriege in Europa, die in der Schaffung moderner, vereinigter Nationalstaaten in jedem Land mündeten, die ihrerseits den optimalen Rahmen für die Entfaltung des nationalen Kapitals schufen, als historisch fortschrittlich betrachtet werden. Im Allgemeinen beschränkten sich diese Kriege größtenteils auf das im Konflikt verwickelte Militärpersonal und hatten keine massenhafte Zerstörung der Produktionsmittel, der Infrastrukturen, der Bevölkerungen der einzelnen Krieg führenden Mächte zur Folge.
Der imperialistische Krieg in der kapitalistischen Dekadenz zeichnet sich durch völlig andere Züge aus. Während Nationalkriege in der Aufstiegsperiode die Basis für ein qualitatives Voranschreiten bei der Entwicklung der Produktivkräfte schufen, hat in der Dekadenz das kapitalistische System den Zenit seiner historischen Entwicklung längst überschritten, womit dieser fortschrittliche Gesichtspunkt verschwunden ist. Der Kapitalismus hat die Ausweitung des Weltmarkts beendet, d.h. sämtliche außerkapitalistischen Märkte, die die Ausdehnung des globalen Kapitalismus gefördert hatten, sind in das kapitalistische System integriert worden. Für die vielen nationalen Kapitalien gibt es nur eine Möglichkeit der weiteren Ausdehnung, und die geht auf Kosten ihrer Rivalen – indem sie von Territorien oder Märkten Besitz ergreifen, die von ihren Gegnern kontrolliert werden. Die Verstärkung der imperialistischen Rivalitäten führt zur Entwicklung von imperialistischen Bündnissen, die die Bühne des allgemeinen imperialistischen Krieges bereiten. Weit entfernt davon, sich auf eine Auseinandersetzung zwischen Berufsarmeen zu beschränken, erfordert der Krieg in der Dekadenz die totale Mobilisierung der Gesellschaft, was umgekehrt eine neue Form des Staates zum Aufstieg verhilft, den Staatskapitalismus. Dessen Funktion ist es, die totale Kontrolle über die Gesellschaft bis in ihren letzten Winkel auszuüben, um die Klassenkonfrontationen zu zügeln, die die Gesellschaft zum Zerbersten zu bringen drohen, und um gleichzeitig die Mobilisierung der Gesellschaft für einen modernen, totalen Krieg zu koordinieren.
Gleichgültig, wie erfolgreich sie dabei war, die Bevölkerung ideologisch auf den Krieg vorzubereiten – die Bourgeoisie der Dekadenz bemäntelt ihre imperialistischen Kriege stets mit dem Mythos des Opferseins und der Selbstverteidigung gegen Aggression und Tyrannei. Die Realität der modernen Kriegführung, mit ihrer massiven Zerstörung und ihren enormen Opferzahlen, mit all den Facetten der Barbarei, die auf die Menschheit losgelassen wird – all dies ist so entsetzlich, so grauenhaft, dass selbst ein ideologisch geschlagenes Proletariat nicht leichtherzig in das Gemetzel zieht. Die Bourgeoisie ist daher wesentlich auf die Manipulation der Realität angewiesen, um die Illusion zu erzeugen, dass sie Opfer einer Aggression sei, das keine andere Wahl habe, als zu seiner Selbstverteidigung zurückzuschlagen. So wird zur Rechtfertigung des Konflikts die Notwendigkeit, das Vater- oder Mutterland gegen etwaige Aggressoren oder ausländische Tyrannen zu verteidigen, herangezogen, und nicht etwa die wahren imperialistischen Motive, die den Kapitalismus zum Krieg bringen. Denn der Versuch, die Bevölkerung hinter der Parole „Auf zur Unterdrückung der Welt unter unserer Fuchtel und unter allen Umständen“ zu mobilisieren, ist zum Scheitern verurteilt. Die staatliche Kontrolle über die Massenmedien erleichtert mit all ihren Abarten der Propaganda und Lügen die Gehirnwäsche der Bevölkerung.
Die amerikanische Bourgeoisie ist in ihrer ganzen Geschichte, auch vor dem Beginn der kapitalistischen Dekadenz im frühen 20.Jahrhundert, stets ein Experte im Opfersein gewesen. So lautete zum Beispiel im Krieg gegen Mexiko 1845-48 die Parole „Erinnert euch an Alamo“. Dieser Schlachtruf verewigte das ‚Massaker‘ an 136 amerikanischen Rebellen 1836 in San Antonio, Texas, damals Teil Mexikos, durch die von General Santa Ana geführten Streitkräfte. Natürlich hinderte die Tatsache, dass die „blutrünstigen“ Mexikaner wiederholt ihr Entgegenkommen bei der Aufgabe anboten und Frauen und Kindern vor der letzten Schlacht die Evakuierung aus Fort Alamo gestatteten, die herrschende Klasse der USA nicht daran, die Verteidiger Alamos in den Heiligenschein des Märtyrertums zu rücken. Denn der Zwischenfall war gut geeignet, Unterstützung für einen Krieg zu mobilisieren, der in der US-amerikanischen Annexion eines Teils dessen, was heute den Südwesten der USA bildet, seinen Höhepunkt fand.
Ähnlich diente auch die mysteriöse Explosion an Bord des US-Schlachtschiffes Maine 1898 in Havanna als Voraussetzung für den spanisch-amerikanischen Krieg 1989 und rief die Parole „Erinnert euch an Maine“ ins Leben. In jüngerer Zeit (1964) wurde der angebliche Angriff auf zwei US-Kanonenboote außerhalb vietnamesischer Küstengewässer als Grundlage für die Golf von Tonking-Resolution benutzt, die vom amerikanischen Kongress im Sommer 1964 verabschiedet wurde und die, wenngleich sie keine formelle Kriegserklärung war, den legalen Rahmen für die amerikanische Intervention in Vietnam schuf. Ungeachtet der Tatsache, dass die Johnson-Administration binnen Stunden erfuhr, dass die berichteten „Angriffe“ auf die Maddox und die Turner Joy sich nie ereignet hatten, sondern die Folge eines Irrtums nervöser junger Radaroffiziere gewesen waren, wurde das Kriegsermächtigungsverfahren durch den Kongress gepeitscht, um einen legalen Anlass für einen Krieg zu schaffen, der sich bis zum Fall Saigons 1975 an die stalinistischen Streitkräfte hinziehen sollte.
Es ist offensichtlich, dass die Bourgeoisie den Angriff auf Pearl Harbor benutzte, um eine widerstrebende Bevölkerung hinter die Kriegsbemühungen zu sammeln, genauso wie die Bourgeoisie heute die Gräueltat des 11.Septembers dazu benutzt, Unterstützung für ein neues kriegerisches Unternehmen zu mobilisieren. Doch die Frage bleibt, ob die USA in jeder Beziehung „überrascht“ worden ist und inwieweit der Machiavellismus der US-Bourgeoisie, ob durch Provozierung oder durch ihre eigene Erlaubnis, in diese Angriffe verwickelt war, um einen politischen Nutzen aus dem daraus folgenden öffentlichen Zorn zu ziehen.
Der Machiavellismus der Bourgeoisie Allzu oft, wenn die IKS den Machiavellismus der Bourgeoisie enthüllt, beschuldigen unsere Kritiker uns, in eine verschwörerische Sichtweise der Geschichte abzugleiten. Jedoch ist ihr Unverständnis in diesem Zusammenhang nicht einfach ein Missverständnis unserer Analyse, sondern schlimmer noch: Sie fallen dem ideologischen Gewäsch der bürgerlichen Apologeten in den Medien und Akademien zum Opfer, deren Job es ist, diejenigen, die versuchen, die Strickmuster und Prozesse innerhalb des politischen, ökonomischen und sozialen Lebens der Bourgeoisie zu ermitteln, als irrationale Verschwörungstheoretiker zu verunglimpfen. Doch ist es nicht einmal kontrovers zu behaupten, dass „Lügen, Terror, Zwang, Doppelspiel, Korruption, Komplotte und politische Attentate“ zum Rüstzeug der ausbeuterischen, herrschenden Klassen in der gesamten Geschichte gehören, ob im Altertum, im Feudalismus oder im modernen Kapitalismus. „Der Unterschied liegt darin, dass Patrizier und Aristokraten ‚Machiavellismus praktizierten, ohne es zu wissen‘, während die Bourgeoisie machiavellistisch ist und es auch weiß. Sie verwandelt den Machiavellismus in eine ‚ewige Wahrheit‘, weil dies ihre Art zu leben ist: Sie hält die Ausbeutung für immerwährend.“ („Warum die Bourgeoisie machiavellistisch ist“, International Review, Nr.31, S.10, 1982) In diesem Sinne ist das Lügen und die Manipulation - ein Mechanismus, der von allen vorhergehenden ausbeutenden Klassen bedient worden war - zum zentralen Merkmal der politischen Funktionsweise der Bourgeoisie geworden, die, indem sie unter den Bedingungen des Staatskapitalismus die gewaltigsten, ihr zur Verfügung stehenden Werkzeuge zur gesellschaftlichen Kontrolle verwenden kann, den Machiavellismus auf eine qualitativ höhere Stufe hebt.
Das Auftreten des Staatskapitalismus in der Epoche der kapitalistischen Dekadenz - einer Staatsform, die die Macht in den Händen der Exekutive, besonders in jenen der permanenten Bürokratie, konzentriert und die dem Staat eine wachsende totalitäre Kontrolle aller Aspekte des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens ermöglicht - hat der Bourgeoisie noch wirkungsvollere Mechanismen zur Durchführung ihrer machiavellistischen Schemata verschafft. „Bei der Organisierung ihres eigenen Überlebens, ihrer Selbstverteidigung hat die Bourgeoisie eine immense Fähigkeit an den Tag gelegt, Techniken zur ökonomischen und sozialen Kontrolle zu entwickeln, die weit außerhalb der Vorstellungskraft der Herrscher im 19.Jahrhundert lag. In diesem Sinne ist die Bourgeoisie im Umgang mit der historischen Krise ihres sozio-ökonomischen Systems ‚intelligent‘ geworden.“ („Bemerkungen über das Bewusstsein der dekadenten Bourgeoisie“, International Review, Nr.31, S.14, IV.Quartal 1982) Die Entwicklung der Massenmedien, die vollständig der staatlichen Kontrolle unterworfen sind, ob in Form formaler, juristischer Mittel oder etwas flexiblerer, informeller Methoden, ist ein zentrales Element im machiavellistischen Ränkeschmieden der Bourgeoisie. „Die Propaganda – also die Lüge – ist eine wichtige Waffe der Bourgeoisie. Und die Bourgeoisie ist sehr gewitzt dabei, Ereignisse zu provozieren, die diese Propaganda füttern, wenn es notwendig sein sollte.“ („Warum die Bourgeoisie machiavellistisch ist“, S.11) Die amerikanische Geschichte ist vollgestopft mit einer Unzahl von Beispielen, die von verhältnismäßig prosaischen, alltäglichen Benebelungen bis hin zu historisch bedeutsamerer Manipulationen reichen. Als ein Beispiel für erstgenannten Typus mag ein Vorfall aus dem Jahre 1955 gelten, als der Pressesprecher des Präsidenten, James Haggerty, ein Scheintreffen inszenierte, um die Arbeitsunfähigkeit von Präsident Eisenhower zu verbergen, der nach einer Herzattacke in einem Krankenhaus in Denver, Colorado, lag. Haggerty traf Vorkehrungen für eine 2000 Meilen lange Reise des gesamten Kabinetts von Washington nach Denver, um die Illusion zu nähren, dass es dem Präsidenten gut genug ginge, um eine Kabinettssitzung zu leiten, obwohl solch ein Treffen nie stattfand. Ein Beispiel für letztgenannten Typus ist die Manipulierung Saddam Husseins im Jahre 1990, als die amerikanische Botschafterin im Irak Saddam mitteilte, dass die USA nicht in den Grenzstreitigkeiten zwischen dem Irak und Kuwait eingreifen würden, und sie ihm weismachte, dass er vom US-Imperialismus grünes Licht für eine Invasion Kuwaits erhalten habe. Stattdessen wurde die Invasion von den USA als Vorwand für den Krieg von 1991 am Persischen Golf benutzt, als ein Mittel, um ihren Status als einzig verbliebene Supermacht nach dem stalinistischen Zusammenbruch und der darauffolgenden Auflösung des westlichen Blocks geltend zu machen.
Dies soll nicht heißen, dass alle Ereignisse in der heutigen Gesellschaft notwendigerweise von den geheimen Entscheidungen eines kleinen Kreises kapitalistischer Führer im Voraus bestimmt werden. Natürlich sind die auftretenden fraktionellen Streitigkeiten innerhalb der führenden Kreise der kapitalistischen Staaten und die Folgen solcher Streitigkeiten keine a priori gefassten Schlussfolgerungen. Genauso wenig sind die Folgen der Konfrontationen mit dem Proletariat in der Hitze des Klassenkampfes stets unter der Kontrolle der Bourgeoisie. Und trotz all der Pläne und Manipulationen können sich auch historische Unfälle ereignen. Doch es geht darum zu begreifen, dass, selbst wenn die Bourgeoisie als ausbeutende Klasse unfähig ist zu einem kompletten, kohärenten Bewusstsein und zu einem akkuraten Verständnis der Funktionsweise ihres Systems und der historischen Sackgasse, die sie der Menschheit anbietet, sie sich dennoch über die sich vertiefende gesellschaftliche und ökonomische Krise im Klaren ist. „Für die Spitzen der Staatsmaschinerie, die das Zepter in der Hand halten, ist es durchaus möglich, zu einer Art Gesamtbild der Lage und der Optionen zu gelangen, die ihnen realistischerweise offenstehen, um ihr zu begegnen.“ („Bemerkungen über das Bewusstsein...“, S.14) Selbst mit einem lückenhaften Bewusstsein ist die Bourgeoisie mehr als fähig, Strategien und Taktiken zu entwickeln sowie die totalitären Mechanismen des Staatskapitalismus zu nutzen, um Erstere einzusetzen. Es liegt in der Verantwortung revolutionärer Marxisten, das machiavellistische Manövrieren und Lügen zu entlarven. Die Augen vor diesem Aspekt der Offensive der herrschenden Klasse bei der Kontrolle der Gesellschaft zu verschließen ist unverantwortlich und spielt in die Hände unserer Klassenfeinde.
Der Machiavellismus der herrschenden Klasse Amerikas in Pearl Harbor Pearl Harbor stellt ein exzellentes Beispiel für das Treiben des bürgerlichen Machiavellismus dar. Wir nutznießen dabei von mehr als einem halben Jahrhundert historischer Untersuchungen und einer Reihe von Nachforschungen durch das Militär und oppositionelle Parteien. Gemäß der offiziellen Version der Realität war der 7.Dezember 1941 „ein Tag der Niedertracht“, wie Präsident Roosevelt ihn bezeichnete. Er wurde als Mittel zur Mobilisierung der öffentlichen Meinung für den Krieg benutzt. Und er wird immer noch auf diese Weise von den kapitalistischen Medien, den Schulbüchern und in der Popkultur dargestellt, trotz beträchtlicher historischer Beweise dafür, dass der japanische Angriff bewusst von der amerikanischen Politik provoziert worden war. Der Angriff kam nicht aus heiterem Himmel über die amerikanische Regierung, ja, es war eine bewusste politische Entscheidung auf höchster Ebene, das Zustandekommen dieses Angriffs zu erlauben und den massiven Verlust an Menschenleben und Marineinventar hinzunehmen, um einen Vorwand zu haben, Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg sicherzustellen. Eine Anzahl von Büchern und enormes Material im Internet ist über diese Geschichte veröffentlicht worden (1). Wir wollen hier einen Überblick über einige Highlights geben, um die operativen Aspekte des Machiavellismus zu veranschaulichen.
Die Ereignisse von Pearl Harbor fanden statt, als die USA immer mehr auf eine Intervention in den II.Weltkrieg auf Seiten der Alliierten zustrebten. Die Roosevelt-Administration war ganz erpicht darauf, in den Krieg gegen Deutschland zu treten, doch trotz der Tatsache, dass die amerikanische Arbeiterklasse fest im Griff des Gewerkschaftsapparates (in dem die stalinistische Partei eine wichtige Rolle spielte) war, der unter Staatsautorität gestellt wurde, um in allen Schlüsselindustrien den Klassenkampf in Schranken zu halten, und dass sie von der Ideologie des Antifaschismus durchdrungen war, sah sich die amerikanische Bourgeoisie immer noch einer starken Anti-Kriegs-Opposition innerhalb der Bevölkerung gegenüber, einschließlich nicht nur der Arbeiterklasse, sondern auch großer Teile der Bourgeoisie selbst. Meinungsumfragen ermittelten, dass 60 Prozent der Befragten vor Pearl Harbor gegen den Kriegseintritt waren. Und die „America First“-Kampagne sowie andere isolationistische Gruppen erhielten beträchtliche Unterstützung innerhalb der Bourgeoisie. Entgegen ihrer demagogischen demokratischen Gelöbnisse, Amerika aus dem Krieg in Europa rauszuhalten, suchte die Roosevelt-Administration heimlich nach einem Vorwand, um in den Kampf zu treten. Die USA verletzten in steigendem Maße ihre eigene, selbsterklärte Neutralität, indem sie den Alliierten Hilfe anboten und riesige Mengen Rüstungsmaterial im Rahmen des Leih-und-Pacht-Programms verschifften. Die Administration hoffte so, die Deutschen dazu zu provozieren, einen Angriff gegen die amerikanischen Streitkräfte im Nordatlantik zu führen, was als Vorwand für Amerikas Kriegseintritt hätte dienen können. Als der deutsche Imperialismus nicht auf den Köder hineinfiel, rückte Japan in den Mittelpunkt des Interesses. Die Entscheidung, ein Ölembargo gegen Japan zu verhängen, und die Verlegung der Pazifikflotte von der Westküste der USA an einer etwas vorgeschobeneren Position in Hawaii diente dazu, Japan ein Motiv und eine Gelegenheit zu verschaffen, den ersten Schuss gegen die USA abzufeuern und so den Vorwand für eine direkte Intervention in den imperialistischen Krieg zu schaffen. Im März 1941 sagte ein Geheimbericht des Marineministeriums voraus, dass, falls Japan sich dazu entschließe, die USA anzugreifen, es zu einem frühmogendlichen Überfall durch Kampfflugzeuge gegen Pearl Harbor kommen werde. Im Juni 1941 skizzierte der Präsidentenberater Harold Ickes dem Präsidenten in einem Memorandum, dass, wenn Deutschland zunächst Russland angreift, „sich aus dem Ölembargo gegen Japan eine Lage entwickeln könnte, die es nicht nur möglich, sondern auch leichter macht, wirksam in diesen Krieg zu gelangen.“ Im Oktober schrieb Ickes: „Seit langem war ich davon überzeugt, dass unser bester Eintritt in den Krieg die Japan-Schiene ist.“ Kriegssekretär Stimson notierte über den Diskussionsstand mit dem Präsidenten in seinem Tagebuch Folgendes: „Die Frage war, wie wir sie in eine Position manövrieren können, wo sie ohne größere Gefahr für uns den ersten Schuss abgeben. Trotz der Risiken, die zweifellos vorhanden sind, wenn wir die Japaner den ersten Schuss abgeben lassen, machten wir uns klar, dass, um die volle Unterstützung des amerikanischen Volkes zu haben, es wünschenswert war, sicher zu stellen, dass die Japaner dies auch tun, so dass kein Zweifel darüber aufkommt, wer der Aggressor war.“
Der Bericht des Pearl Harbor-Ausschusses der Armee (20.Oktober 1944) behandelte ausführlich diese bewusste, machiavellistische Entscheidung, Menschenleben und Ausrüstung in Pearl Harbor zu opfern, und schlussfolgerte, dass während „der verhängnisvollen Zeitspanne zwischen dem 27.November und dem 6.Dezember 1941... zahlreiche Informationen in die Hände der Spitzen des Staates, der Kriegs- und Marineressorts gelangten, die präzise die Absichten der Japaner anzeigten, einschließlich des exakten Zeitpunkts und Datums des Angriffs.“ (Armeeausschussbericht, Pearl Harbor, Teil 39, 221-230 pp.)
- US-Geheimdienstquellen erfuhren am 24.November, dass „offensive Militäroperationen der Japaner“ in Gang gesetzt worden waren.
- Am 26.November erhielten die US-Geheimdienste „definitiven Beweis für die japanischen Absichten, einen offensiven Krieg gegen Großbritannien und die Vereinigten Staaten zu führen.“
- Auch wurde am 26.November von „einer Konzentration von Einheiten der japanischen Flotte in einem unbekannten Hafen, bereit für offensive Aktionen,“ berichtet.
- Am 1.Dezember kamen „von drei unabhängigen Quellen (...) definitive Informationen, dass Japan dabei ist, Großbritannien und die Vereinigten Staaten anzugreifen, und dafür mit Russland Frieden halte“.
- Am 3.Dezember wurde „mit der Nachricht, dass die Japaner ihre Codes löschten und die Kodiermaschinen zerstörten, endgültig Aufschluss über die kriegerischen Angriffsabsichten Japans gegeben. Dies wurde gedeutet... als Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Krieg.“
Diese Geheimdienstinformationen wurden an hochrangige Beamte im Kriegsressort und State Department weitergegeben und dem Weißen Haus mitgeteilt, wo Roosevelt persönlich zweimal täglich Briefings über abgefangene japanische Funksprüche erhielt. Trotz des verzweifelten Drängens von Geheimdienstbeamten, eine „Kriegswarnung“ an die militärischen Befehlshaber auf Hawaii zu schicken, um sich auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff vorzubereiten, entschieden sich die zivilen und militärischen Spitzen gegen ein solches Vorgehen und schickten ihnen stattdessen das zu, was die Behörden eine „harmlose“ Nachricht nannten. Diese Beweise für das Vorab-Wissen vom japanischen Angriff ist von zahlreichen Quellen bestätigt worden, einschließlich journalistischer Berichte und den Memoiren von Beteiligten. Zum Beispiel beinhaltete ein Bericht der United Press, der am 8.Dezember in der New York Times veröffentlicht wurde, folgenden Untertitel: „Angriff wurde erwartet: Es ist jetzt möglich zu enthüllen, dass die Streitkräfte der Vereinigten Staaten eine Woche zuvor erfahren hatten, dass ein Angriff bevorstand, und dass sie nicht unvorbereitet überrascht wurden“ (New York Times, 8.Dezember 1941, S.13). In einem Interview offenbarte die First Lady, Eleanor Roosevelt, 1941, dass „der 7.Dezember (...) überhaupt nicht der Schock war, als der er sich für das Land im Allgemeinen erwies. Wir hatten etwas in dieser Art schon seit langem erwartet“ (New York Times Magazine, 8.Oktober 1944, S.41). Am 20.Juni 1944 teilte der britische Kabinettsminister Sir Oliver Lyttelton der amerikanischen Handelskammer mit, „Japan wurde zum Angriff gegen die Amerikaner auf Pearl Harbor provoziert. Es spricht der Geschichte Hohn, wenn man sagt, dass die Amerikaner in den Krieg gezwungen wurden. Jeder weiß, wem die amerikanischen Sympathien galten. Es ist unrichtig zu sagen, dass Amerika jemals richtig neutral gewesen war, selbst bevor Amerika mit Kampfmitteln in den Krieg trat“ (Prang, „Pearl Harbor: Verdict of History“, S.39-40). Winston Churchill bestätigte das Doppelspiel der amerikanischen Regierenden beim Angriff gegen Pearl Harbor in folgender Passage seines Buches The Grand Alliance: „1946 veröffentlichte eine erstaunliche Kongressuntersuchung ihre Funde, in denen jedes Detail jener Ereignisse enthüllt wurde, die den Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Japan und auf das Nichterfolgen einer Alarmierung der Flotte und Garnisonen in exponierten Lagen durch das Militärressort einleiteten. In 40 Bänden wurde jedes Detail, einschließlich der Entschlüsselung geheimer japanischer Depeschen und ihrer aktuellen Nachrichten, der Welt enthüllt. Die Stärke der Vereinigten Staaten reichte aus, um im Geiste der amerikanischen Verfassung diese harte Feuerprobe zu bestehen. Ich habe auf diesen Seiten nicht die Absicht, ein Urteil über diese schreckliche Episode in der amerikanischen Geschichte zu fällen. Wir wissen, dass all die großen Amerikaner um den Präsidenten, die sein Vertrauen genossen, genauso scharfsinnig wie ich die furchtbare Gefahr fühlten, dass Japan britische oder holländische Besitzungen im Fernen Osten attackiert und die Vereinigten Staaten wohlweislich unbehelligt lässt und dass infolgedessen der Kongress eine amerikanische Kriegserklärung nicht sanktioniert (...) Der Präsident und seine vertrauten Freunde waren sich schon seit langem über die schwerwiegenden Risiken der Neutralität der Vereinigten Staaten im Krieg gegen Hitler und wofür er stand im Klaren und haben unter den Einschränkungen eines Kongresses gelitten, dessen Repräsentantenhaus einige Monate zuvor mit nur einer Stimme Mehrheit der Notwendigkeit einer Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht zugestimmt hatte, ohne die die Armee sich inmitten weltweiter Erschütterungen nahezu aufgelöst hätte. Roosevelt, Hull, Stimson, Knox, General Marshall, Admiral Stark und, als Verbindungsmann zwischen ihnen, Harry Hopkins waren einer Meinung... Ein japanischer Angriff gegen die Vereinigten Staaten bedeutete eine große Erleichterung ihrer Probleme und ihrer Pflicht. Wie können wir uns darüber wundern, dass sie die tatsächliche Form des Angriffs, ja, sogar sein Ausmaß, als unvergleichlich weniger wichtig betrachteten als die Tatsache, dass die ganze amerikanische Nation wie ein Mann und wie nie zuvor für ihre eigene Sicherheit eintreten würde?“ (Winston Churchill, „The Grand Allianz“, S.603)
Roosevelt mag das Ausmaß und die Verluste, die die Japaner auf Pearl Harbor verursacht hatten, nicht geahnt haben, aber er war offenkundig bereit, Schiffe und Menschenleben zu opfern, um die Bevölkerung zu Wut und Krieg aufzustacheln.
Das Attentat gegen die Twin Towers und der Machiavellismus der Bourgeoisie
Gewiss ist es viel schwieriger, das Ausmass des Machiavellismus der amerikanischen Bourgeoisie im Fall des Attentats gegen das World Trade Center abzuschätzen, das im Augenblick der Abfassung dieses Artikels erst gerade ein wenig mehr als drei Monate zurückliegt. Wir profitieren von keinerlei Ergebnissen von seither geführten Untersuchungen, die allenfalls geheime Beweise enthüllen könnten, dass Elemente der herrschenden Klasse auf welche Art auch immer ihre Finger bei diesem Attentat im Spiel oder zumindest davon Kenntnis oder es sogar provoziert hatten. Wie jedoch die Geschichte der herrschenden Klasse, insbesondere die Ereignisse von Pearl Harbor, aufzeigen, ist eine solche Möglichkeit durchaus vorhanden. Wenn wir die jetzigen Ereignisse einzig auf der Grundlage von Medienberichten überprüfen - die wie zufällig allesamt in der gegenwärtigen politischen und imperialistischen Offensive der Regierung eingespannt sind, und der sie auch ihre volle Unterstützung entbieten - können wir eine solche Vermutung gewiss unterstützen.
Stellen wir uns zuerst einmal die Frage, wer denn auf politischer Ebene von diesem Verbrechen profitiert: Das ist zweifellos die amerikanische Bourgeoisie: Diese Feststellung allein genügt, um einigen Argwohn bezüglich des Attentats auf das World Trade Center zu entwickeln. Die amerikanische Bourgeoisie hat denn auch prompt und ohne das geringste Zögern die Ereignisse vom 11. September zu ihrem eigenen Nutzen verwendet, um ihre Projekte sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene voranzutreiben: Mobilisierung der Bevölkerung hinter dem kriegführenden Staat, Verstärkung des staatlichen Repressionsapparates, Behauptung der amerikanischen Supermacht gegenüber der allgemeinen Tendenz aller gegen alle in der internationalen Arena.
Unmittelbar nach dem Attentat haben der politische Apparat Amerikas und die Medien die Mobilisierung der amerikanischen Bevölkerung für den Krieg begonnen. In einer konzertierten Aktion zielten sie darauf ab, das sog. Vietnam-Syndrom, das seit dreissig Jahren die Kriegführung des amerikanischen Imperialismus beeinträchtigt hatte, zu überwinden. Diese "massenpsychologische Fehlfunktion" beinhaltete in allererster Linie eine Abwehr insbesondere der Arbeiterklasse gegenüber der Mobilisierung hinter dem Staat für einen länger andauernden imperialistischen Krieg und war für ein Grossteil dafür verantwortlich, dass die USA den Konflikt mit dem russischen Imperialismus in den 70er und 80er Jahren mittels zwischengeschalteter Länder in lokalen Kriegen austrugen oder aber eher kurzfristige und begrenzte Interventionen mit Luftschlägen und Raketen bevorzugten als Bodenangriffe. Wir haben diese Methode im Golfkrieg oder im Kosovo mitverfolgen können. Diese Widerspenstigkeit ist sicher keine psychologische Fehlfunktion, sondern widerspiegelt eher die Unfähigkeit der herrschenden Klasse, dem Proletariat eine ideologische und politische Niederlage beizufügen, die gegenwärtige Arbeitergeneration hinter dem Staat für den imperialistischen Krieg zu mobilisieren, wie dies bei der Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs der Fall gewesen war. Das Editorial einer Spezialausgabe des Magazins Time, unmittelbar nach dem Attentat herausgegeben, zeigt sehr gut auf, wie die gegenwärtige Kampagne einer Kriegspsychose orchestriert worden ist. Der Titel dieser Nummer lautete: "Tag der Gemeinheit" und verleitete von Beginn weg zum Vergleich mit Pearl Harbor. Ein Artikel von Lance Morrow mit dem Titel "Zorn und Züchtigung" unterstrich die Einzelheiten der folgenden ideologischen Kampagne. Obwohl dieser Artikel in einer Publikation erschien, die an den Propagandaanstrengungen teilnahm, illustriert Morrow, wie die Propagandisten der herrschenden Klasse alle Vorteile begriffen hatten, die sie aus dem Attentat auf das World Trade Center ziehen konnten. Um die Bevölkerung hinsichtlich des Krieges mit der hohen Anzahl von Opfern und den dramatischen Bildern zu manipulieren: "Wir können keinen weiteren Tag der Gemeinheit mehr leben, ohne dass in uns ein Gefühl des Zorns entsteht. Befreien wir unseren Zorn!
Wir benötigen ein Gefühl der Wut, das derjenigen gleicht, die auf Pearl Harbor folgte! Eine Entrüstung ohne Mitleid, die sich nicht nach ein oder zwei Wochen in Luft auflöst...
Es handelte sich um Terrorismus nahe der dramatischen Perfektion. Niemals wird das Schauspiel des Bösen eine Produktion von einem solchen Wert produziert haben. Normalerweise sieht das Publikum nur die rauchenden Ergebnisse: Die von einer Explosion zerstörte Botschaft, Kasernen in Ruinen, das schwarz klaffende Loch im Bug eines Schiffes. Diesmal hat aber bereits das erste in den einen Turm einschlagende Flugzeug die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es hat die Medien in Alarm versetzt, hat die Kameras in Bereitschaft gebracht, um die zweite Explosion des Surrealismus festzuhalten...
Gleichzeitig hat der politische Apparat der Bourgeoisie seinen Plan zur Verstärkung des staatlichen Repressionsapparats entrollt. Eine neue "Sicherheitsgesetzgebung" stellte die gesetzgeberische Praxis wieder her, die in der Folge des Vietnam-Kriegs und des Watergate-Skandals diskreditiert worden war. Ebenso wurde eine ganze Reihe von repressiven Massnahmen vorbereitet, debattiert, angenommen und vom Präsidenten in Rekordzeit unterschrieben. Wir haben guten Grund anzunehmen, dass diese Gesetzgebung bereits langfristig vorbereitet worden war, um zum gegebenen Zeitpunkt nur noch in Kraft gesetzt zu werden. Mehr als 1000 Verdächtige, die lediglich arabische Namen oder Kleider trugen, wurden ohne genaue Anklage für unbestimmte Zeit verhaftet. Die Guthaben von der Sympathie mit Bin Laden verdächtigten Organisationen wurden ohne gerichtliches Prozedere eingefroren. Die Einwanderung wurde insbesondere aus den islamischen Ländern eingeschränkt. Dies geschah mehr als eine Antwort auf die ständige Sorge der Bourgeoisie über den ununterbrochenen Strom von Immigranten, die den schrecklichen Bedingungen des Zerfalls und der Barbarei in ihren unterentwickelten Nationen entfliehen.
Unvermittelt ist der Terrorismus die Entschuldigung für die Verschärfung der Wirtschaftskrise und eine Rechtfertigung für die Einschnitte in den Budgets der Sozialprogramme geworden. Die verfügbaren Guthaben wurden jetzt in den Krieg und in die nationale Sicherheit umgeleitet. Die Geschwindigkeit, mit der all diese Massnahmen präsentiert wurden, zeigt sehr gut, dass sie nicht auf die Schnelle erstellt worden sind, sondern dass sie vorbereitet, diskutiert und geplant worden sind, um für alle Fälle gerüstet zu sein.
Auf internationaler Ebene ist das Ziel des Kriegs gegen den Terrorismus nicht so sehr dessen Zerstörung, sondern die gewaltsame Unterstreichung der imperialistischen Vorherrschaft durch die USA, die die einzige Supermacht in einer internationalen Arena bleiben, die von einer zunehmenden Herausforderung für die US-Hegemonie geprägt ist. Der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 führte zu einer schnellen Auflösung des Westblocks, weil das Kohäsionsmittel für dessen Zusammenhalt durch den Zusammenbruch des imperialistischen Blocks der UdSSR verschwunden war. Der amerikanische Imperialismus sah sich trotz des offensichtlichen Sieges im Kalten Krieg nun plötzlich einer neuen globalen Situation gegenüber: Die Grossmächte, die ihre ehemaligen Alliierten waren, und auch eine Anzahl von Ländern geringerer Bedeutung begannen nun, die Vorherrschaft der USA herauszufordern und die eigenen imperialistischen Ambitionen zu verfolgen. Die USA haben im vergangenen Jahrzehnt drei grossangelegte Militäraktionen unternommen, um ihre ehemaligen Verbündeten wieder auf ihre Ränge zu verweisen und ihre Vorherrschaft anzuerkennen: gegen den Irak, gegen Serbien und jetzt gegen Afghanistan und das Al-Kaida-Netz. In jedem dieser drei Fälle zwang die Entfaltung des US-Militärapparates die "Verbündeten", also Frankreich, Grossbritannien und Deutschland, sich in die Allianzen einzureihen, die die USA lenkten, oder aber vollständig das Gesicht zu verlieren und aus dem globalen imperialistischen Spiel rauszukippen.
Zweitens ist es bereits jetzt, da die offiziell autorisierte Version der Realität behauptet, dass die USA auf keinen Fall auf diese Attentate gefasst waren, möglich, einzig auf die bürgerlichen Medien bezugnehmend Beweiselemente für den Machiavellismus der amerikanischen Bourgeoisie zu sammeln:
- Die Kräfte, die anscheinend das Attentat gegen das World Trade Center verübten, standen vielleicht nicht unter der Kontrolle des amerikanischen Imperialismus, jedoch waren sie den amerikanischen Geheimdiensten gewiss bekannt. Tatsächlich rekrutierte die CIA schon zu Beginn des Konflikts zwischen afghanischen Klicken und dem russischen Imperialismus 1979 Tausende von islamischen Fundamentalisten, bildete sie aus, bewaffnete sie und gebrauchte sie, um einen heiligen Krieg - den Dschihad - gegen die Russen zu führen. Das Konzept des Dschihad ruhte in der islamischen Theologie, bis es der amerikanische Imperialismus vor zwanzig Jahren erweckte, um es seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Militante Islamisten wurden quer durch die ganze islamische Welt rekrutiert, in Pakistan ebenso wie in Saudi-Arabien. Dort hat man erstmals von Bin Ladin als einem Agenten des amerikanischen Imperialismus gehört. Nach dem Rückzug des russischen Imperialismus aus Afghanistan 1989 und dem Zusammenbruch der Regierung in Kabul 1992 hat sich auch der amerikanische Imperialismus zurück gezogen und sich auf den Nahen Osten und den Balkan konzentriert. Als die islamischen Fundamentalisten gegen die Russen kämpften, bezeichnete sie Ronald Reagan als Freiheitskämpfer. Wenn sie heute mit derselben Brutalität gegen den amerikanischen Imperialismus vorgehen, sind sie für den Präsidenten Bush fanatische Barbaren, die ausgelöscht werden müssen. Ganz wie Timothy Mac Veigh, dem fanatischen rechtsextremen, für das Bombenattentat von Oklahoma City 1995 verantwortlichen Amerikaner, der mit der Ideologie des Kalten Kriegs und im Hass gegen die Russen aufgewachsen und von der amerikanischen Armee rekrutiert worden war, genau so haben die von der CIA für den Dschihad angeworbenen jungen Leute niemals in ihrem Leben etwas anderes gekannt als Hass und Krieg. Beide fühlten sich vom amerikanischen Imperialismus nach dem Ende des Kalten Kriegs verraten und richteten ihre Gewalt fortan gegen ihre ehemaligen Lehrmeister.
- - Seit 1996 verfolgte das FBI die Spur einer möglichen Benutzung von amerikanischen Pilotenschulen durch Terroristen, um Jumbo Jets fliegen zu lernen. Die Vorgehensweise der Terroristen war also von Behörden vorweggenommen worden (The Guardian, "FBI failed fo find suspects named before hijackings", 25.9.2001)
- Die deutsche Polizei überwachte das Appartement in Deutschland, in dem das Attentat geplant und koordiniert worden war, während dreier Jahre.
- Das FBI und andere amerikanische Spionageabwehr-Agenturen hatten Warnungen erhalten und Nachrichten abgefangen, gemäss denen am Jahrestag der Zeremonie im Weissen Haus zwischen Clinton, Rabin und Arafat ein Terrorattentat vorgesehen war. Die israelischen und französischen Geheimdienste hatten die Amerikaner gewarnt. Die Amerikaner hatten also gewiss eine Vorstellung über das Bevorstehende. Vielleicht wusste man nicht, dass das World Trade Center das Ziel sein würde, jedoch war es ja bereits 1993 von islamistischen Terroristen als Symbol des amerikanischen Kapitalismus ins Visier genommen worden.
- Das FBI hat im August Zacarias Moussaoui verhaftet, der Verdacht erweckt hatte, weil er in einer Pilotenschule in Minnesota eine Ausbildung beginnen wollte und erklärt hatte, dass er weder am Starten noch am Landen interessiert sei. Anfangs September hatten die französischen Behörden gewarnt, dass Verbindungen zwischen Moussaoui und den Terroristen bestünden. Im November änderte das FBI plötzlich seine Meinung und dementierte eine Verstrickung Moussaouis im Attentat. Auf jeden Fall hat die Tatsache, dass sich die Piloten weder für den Start noch für die Landung interessiert hatten, die Verdachtsmomente erneuert.
- Mohammed Atta, der vermutete Organisator vom 11. September und vermutliche Pilot des ersten in die Zwillingstürme donnernden Flugzeugs, war bei den Behörden wohl bekannt. Er schien aber ein ruhiges Leben geführt zu haben und durfte sich auch frei in den USA bewegen. Obwohl er seit Jahren auf der Liste der durch den Staat zu überwachenden Terroristen figurierte, da der Verstrickung in ein Bombenattentat gegen einen Bus in Israel im Jahr 1986 verdächtigt, war ihm in den letzten zwei Jahren mehrmals die Erlaubnis zur Ein- und Ausreise aus bzw. in Amerika erteilt worden. Von Januar bis Mai 2001 ist er von den Einwanderungsbehörden auf dem internationalen Flughafen in Miami während 57 Minuten festgehalten worden, weil sein Visum abgelaufen und für eine Einreise in die USA nicht mehr gültig gewesen war. Und obwohl er auf der Überwachungsliste der Behörden stand und trotz des Verdachts des FBI, dass Terroristen in den USA Flugschulen besuchen könnten, war es für ihn möglich, in die USA einzureisen und sich in einer Flugschule einzuschreiben. Im April 2001 wurde Atta wegen Fahrens ohne Führerschein angehalten. Da er im Mai nicht vor dem Gericht erschien, ist ein Haftbefehl ausgestellt worden, aber er ist nie ausgeführt worden. Er ist zweimal wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand angehalten worden. Atta ist während seines Aufenthalts in den USA niemals unter einem Pseudonym aufgetreten, er reiste, lebte und studierte das Pilotieren unter seinem wirklichen Namen. War das FBI wirklich so inkompetent oder fehlten ihm das nötige Personal oder die Arabischübersetzer, wie es behauptete, oder gibt es eine mehr machiavellistische Erklärung für dieses Verhalten in die Richtung einer konstanten und ständigen Bewahrung seiner Freiheit? Wurde er "Beschützt" oder diente er als Sündenbock ("Terroristen unter uns", Atlanta Journal Constitution, 16.9.2001; The Guardian, 25.9.2001)
- Am 23. August 2001 liess die CIA eine Liste mit 100 vermutlichen Mitgliedern des Neztes um Bin Ladin auftauchen, unter ihnen auch Khalid Al Midhar und Nawaq Alhamzi, die sich an Bord desjenigen Flugzeuges befanden, das auf das Pentagon stürzte.
Bereits drei Jahre vor den angeblich unerwarteten Attentaten vom 11. September haben die Vereinigten Staaten im Geheimen begonnen, den Boden für einen Krieg in Afghanistan zu ebnen. In der Folge der Attentate auf die amerikanischen Botschaften in Dar-es-Salaam in Tansania und in Nairobi in Kenia 1998 hatte Präsident Clinton die CIA beauftragt, mögliche Aktionen gegen Bin Ladin, der jeglicher Kontrolle entglitten war, vorzubereiten. Deswegen waren auch geheime Verhandlungen mit den ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan und Tadschikistan aufgegleist worden, um dort Militärbasen zu errichten, logistischen Nachschub zu liefern und Informationen zu sammeln. All das hat nicht nur eine militärische Intervention in Afghanistan vorbereitet, sondern erlaubte auch ein beträchtliches Eindringen der USA in die russische Einflusszone in Zentralasien. Deshalb kann man auch sagen, dass die Vereinigten Staaten trotz aller Gegenbeteuerungen nach der durch das Attentat gegen die Twin Towers sich bietende Gelegenheit für eine unverzügliche Intervention bereit waren, eine gewisse Anzahl von strategischen und taktischen Massnahmen umzusetzen, die bereits von langer Hand vorbereitet worden waren.
Es ist durch aus plausibel, dass die USA Bin Ladin quasi dazu gedrängt haben, eine Attacke gegen sie zu lancieren. The Guardian vom 22. September verleitet uns zu dieser Annahme: "Eine Untersuchung unserer Zeitung hat festgestellt, dass Bin Ladin und die Taliban zwei Monate vor den Terrorattentaten gegen New York und Washington Drohungen über eine mögliche militärische Attacke der USA erhalten hatten. Pakistan warnte das Regime in Afghanistan vor dieser Kriegsgefahr, falls sie Bin Ladin nicht ausliefern würden (...) Die Taliban verweigerten eine Unterwerfung, jedoch besteht auf Grund des Ausmasses der Warnungen die Möglichkeit, dass die Attentate Bin Ladins gegen das World Trade Center in New York und gegen das Pentagon in Washington tatsächlich eine präventive Attacke als Antwort auf die angeblichen Drohungen der USA gedacht waren und keinesfalls aus dem Nichts heraus stattfanden. Die Warnungen an die Taliban stammten von einer viertägigen Versammlung von Amerikanern, Russen, Iranern und Pakistani in einem Hotel in Berlin Mitte Juli. Diese Konferenz war die dritte in einer Serie unter dem Titel 'Brainstorming über Afghanistan' und gehört zu einer klassischen diplomatischen Methode unter dem Namen 'Schiene Nr. 2'." Mit anderen Worten ist es durchaus möglich, dass die USA die durch Bin Ladin begangenen Attentate nicht wirklich zu verhindern suchten, sondern sie über diesen halboffiziellen 'diplomatischen Kanal' sogar zu provozieren versuchte, um somit eine Legitimation für die militärische Antwort in die Hände zu bekommen.
- Die gewaltigen Zerstörungen und die Anzahl der Opfer bildeten den Dreh- und Angelpunkt der unmittelbar auf das Desaster folgenden ideologischen Kampagne. Während Wochen haben uns die amerikanische Regierung und die Medien immer wieder eingehämmert, dass die 6000 im World Trade Center umgekommenen Menschen doppelt so viele waren wie in Pearl Harbor. Der Chef des Generalstabs hat diese Zahlen anfangs November in einem Interview mit einer nationalen Fernsehkette wiederholt (NBC am 4.11.2001). Jedoch bestehen berechtigte Zweifel, dass diese wegen ihres emotionalen Gewichts die Propaganda unterstützenden Zahlen masslos übertrieben sind. Zählungen von unabhängigen Presseagenturen haben die Zahl von weniger als 3000 Toten ergeben, was auch den Opfern von Pearl Harbor entspricht. Die New York Times fixiert die Opferzahl bei 2943, die Agentur Associated Press bei 2626 und USA Today bei 2680. Das amerikanische Rote Kreuz, das den Opferfamilien Finanzhilfen entrichtet, hat 2563 Anfragen erhalten. Die Regierung hat dem Roten Kreuz die Herausgabe einer Kopie der offiziellen Opferliste verweigert. Indessen nutzen die Politiker und die Medien aus propagandistischen Zwecken noch immer die Zahl von 5000 bis 6000 Toten oder Vermissten. Diese Zahl ist jetzt auch im öffentlichen Bewusstsein verankert.
- Die amerikanische Regierung hat bis anhin niemals öffentlich die Beweise für die Schuld Bin Ladins an den Attentaten enthüllt. Kürzlich, als die militärischen Operationen noch voll im Gang waren, hat Bush angekündigt, dass Bin Ladin im Falle einer Verhaftung vor ein Militärgericht hinter geschlossenen Türen gestellt würde. So müssen die Ursprünge der Beweise gegen ihn auch nicht veröffentlicht werden. Der Verteidigungsminister Rumsfeld hat klar gesagt, dass er einem toten Bin Ladin den Vorzug vor seiner Verhaftung gebe. So soll ein Prozess verhindert werden. Man muss sich also die Frage stellen, weshalb die USA so sehr darauf bestehen, dass diese sog. offensichtlichen Beweise geheim gehalten werden.
All diese Argumente sind kein Beweis dafür, dass die amerikanische Regierung oder vielleicht die CIA im Voraus über die Attentate auf die Twin Towers auf dem Laufenden waren oder sie gar provoziert haben, jedoch muss man kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um einen solchen Verdacht zu schöpfen. Wir überlassen die Sorge einer vertieften Erforschung den Historikern, jedoch werden wir weder überrascht noch schockiert sein, wenn wir erfahren, dass die amerikanische Bourgeoisie die Opfer des Attentats auf das World Trade Center in Kauf genommen hat, um ihren politischen Interessen gerecht zu werden.
Auf historischer Ebene kann entgegen den Behauptungen der Medien bei der aktuellen Situation kein Vergleich zu Pearl Harbor gezogen werden. Pearl Harbor fand nach zwanzig Jahren politischer Niederlagen des Proletariats statt, die es politisch, ideologisch und selbst physisch besiegt hatten. Somit wurde der historische Kurs in Richtung Krieg eröffnet. Diese Niederlagen drückten mit einem kapitalen historischen Gewicht auf das Proletariat: Die Niederlage der russischen Revolution und der revolutionären Welle; die Degeneration des revolutionären Regimes in Russland und der Triumph des Staatskapitalismus unter Stalin; die Degeneration der Kommunistischen Internationale, die eine Waffe des russischen Staates in der Aussenpolitik wurde, was auch einen beträchtlichen Rückfluss der revolutionären Positionen seit dem Gipfel der revolutionären Welle beinhaltete; die Integration der kommunistischen Parteien in ihren jeweiligen Staatsapparaten; die politische und physische Niederlage der Arbeiterklasse durch den Faschismus in Italien, in Deutschland und in Spanien; der Triumph der antifaschistischen Ideologie in den sog. demokratischen Ländern.
Die Auswirkungen dieser Niederlagen haben die historischen Möglichkeiten der Arbeiterbewegung tiefgreifend beeinträchtigt. Die Revolution, die seit den Jahren nach 1917 auf der Tagesordnung, ist niedergeschlagen worden. Das Kräfteverhältnis hatte sich definitiv zu Gunsten der Bourgeoisie verschoben, die nun ihre "Lösung" für die historische Krise des globalen Kapitalismus - den Weltkrieg - durchsetzen konnten. Indessen bedeutete die Tatsache, dass sich das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten verschoben hatte, nicht notwendigerweise, dass die Bourgeoisie nun freie Hand hatte, um ihren politischen Willen durchzusetzen. Selbst wenn der historische Kurs in Richtung Krieg ging, hiess dies nicht, dass die amerikanische Bourgeoisie zu irgendeinem beliebigen Zeitpunkt hätte den Krieg auslösen können. Die Bourgeoisie musste erst noch den Widerstand gegen den Krieg von Seiten des amerikanischen Proletariats in den Jahren 1939-1941 brechen. Dieser Widerstand reflektierte teilweise die zögerliche Haltung der stalinistischen Partei, die insbesondere in den CIO-Gewerkschaften einen beträchtlichen Einfluss ausübte. Diese Haltung war auf die unentschiedene Haltung Moskaus in der Zeit des Nichtangriffspakts mit dem nationalsozialistischen Deutschland zurückzuführen. Die herrschende Fraktion der amerikanischen Bourgeoisie sollte auch auf die aufsässigen Elemente ihrer eigenen Klasse zählen können. Einige hegten Sympathien für die Achsenmächte, andere setzten sich für eine isolationistische Politik ein. Wir haben gesehen, dass der "überraschende" Angriff Japans den Vorwand bot, um die zögernden Elemente hinter dem Staat und den Kriegsanstrengungen zu sammeln. In diesem Sinne kann man sagen, dass Pearl Harbor den letzten Nagel in den politischen und ideologischen Sarg trieb.
Heute ist die Situation ganz anders. Es ist wahr, dass das Desaster mit den Twin Towers nach mehr als einem Jahrzehnt politischer Orientierungslosigkeit und Verwirrung geschehen ist, die sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und den ideologischen Kampagnen der Bourgeoisie über den Tod des Kommunismus breit gemacht haben. Diese Verwirrungen bergen jedoch nicht dasselbe politische Gewicht in sich, wie die Niederlagen der 20er und 30er Jahre, und beeinträchtigen also auch das politische Bewusstsein des Proletariats auf historischer Ebene nicht dermassen. Auch haben sie den historischen Kurs in Richtung zunehmender Klassenkonfrontationen nicht geändert. Die Arbeiterklasse hat trotz dieser Desorientierung für die Rückeroberung ihres Terrrains gekämpft. Auch fehlen nicht Zeichen einer unterirdischen Reifung des Bewusstseins. Desweiteren tauchen Elemente auf der Suche nach politischer Klärung auf, die das proletarische Milieu um die bestehenden revolutionären Gruppen anwachsen lassen. Wir wollen hier keineswegs die seit 1989 in der Arbeiterklasse herrschende politische Orientierungslosigkeit verharmlosen, die durch den Zerfall, der für das vollständige Abgleiten in die Barbarei nicht mehr notwendigerweise einen neuen Weltkrieg benötigt, zusätzlich verschärft wird. Auch wenn die amerikanische Bourgeoisie mit ihrer ideologischen Offensive einen beträchtlichen Erfolg einheimst, auch wenn die Arbeiter in einer kriegerischen Psychose von alarmierendem Ausmass gefangen sind, so wird das globale Kräfteverhältnis nicht von der Situation in einem Land bestimmt, selbst wenn es von der Bedeutung der USA ist. Auf internationaler Ebene ist das Proletariat noch nicht besiegt worden und die Perspektive in Richtung Klassenkonfrontation ist offen. Selbst der zweiwöchige Streik von 23`000 Arbeitern des öffentlichen Sektors in Minnesota in den USA vom Oktober ist Ausdruck der Fähigkeit der Arbeiterklasse, ihren Kampf fortzuführen. Obwohl diese Arbeiter als Vaterlandsverräter hingestellt worden waren, weil sie diesen Streik in einer nationalen Krisensituation begonnen hatten, haben diese Arbeiter ihr Terrain nicht verlassen und haben für Verbesserungen bei den Löhnen und Gratifikationen gekämpft. Während also Pearl Harbor den Abschluss eines Prozesses hin zum imperialistischen Krieg bedeutete, stellt das Attentat auf das World Trade Center für die insbesondere amerikanische Arbeiterklasse lediglich einen Schritt zurück dar. Dieser Rückschritt steht aber im Kontext einer historischen Situation, die nach wie vor günstig für die Klasse ist.
JG
Erstveröffentlichung in Internationale Revue Nr.
Die Zuspitzung der Wirtschaftskrise seit diesem Sommer 2011 lässt den Bankrott des Kapitalismus immer deutlicher erkennen. Das Kapital kann seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, denn die endlose Verschuldung der letzten Jahrzehnte ist an ihre Grenzen gestoßen. Die ständige Neuaufnahme von Schulden hatte zum Ziel, eine Produktion abzusetzen, die immer mehr die Nachfrage überstieg. Da diese Überproduktion immer geringere Profitraten nach sich zog, haben die Kapitalisten unaufhörlich versucht, die Produktionskosten zu senken, d.h. die Lohnkosten zu kürzen – dies schloss sowohl die noch Beschäftigten als auch die Arbeitslosen und Rentner mit ein. Seit Ende der 1990er Jahre sind die Reallöhne der ArbeiterInnen und aller anderen Schichten mit niedrigen Einkommen in vielen entwickelten Ländern stagniert oder gesunken. Darüber hinaus konnten die Unternehmer jahrelang die Löhne durch die Verlagerung von Produktionsstandorten in « Schwellenländer » oder andere Niedriglohnländer senken (Dazu gehört, dass oft nur weniger Jahre später Werke wieder geschlossen werden - wie jetzt im Falle Nokia. 2004 war das Bochumer Nokia Werk nach Rumänien verlagert worden, bevor es 2011 wieder geschlossen wurde). Dies ermöglichte vorübergehend eine Erhöhung der Profite, denn die Löhne waren in diesen Ländern so niedrig, dass viele Beschäftigte nur in den Armenvierteln überleben konnten oder wie in China, in Mingong (Wohnkasernen auf Werksgelände) schlafen mussten.
Die Zuspitzung der Armut
Seit 2007 haben sich die Lebensbedingungen der entwickelten Länder in einem viel stärkeren Maß verschlechtert als früher. Überall steigt die Arbeitslosigkeit an, in einigen Ländern explodiert sie gar. In Griechenland ist die Arbeitslosigkeit nach dem ersten Sparprogramm vom April 2010 von 12% auf 16,5% der aktiven Bevölkerung gestiegen[1]. In Spanien, wo die Immobilienblase besonders heftig geplatzt ist, ist die Arbeitslosigkeit seit 2008 von 9% auf 21% angewachsen, damit sind mehr als 4.2 Mio. Menschen arbeitslos. Unter den Jugendlichen grassiert eine noch höhere Arbeitslosigkeit: 42% in Spanien, 33% in Griechenland; 25% durchschnittlich in den anderen Ländern, Schweden eingeschlossen, das uns heute als ein erfolgreiches Modell der Überwindung der Krise präsentiert wird.[2]
Meist haben die Jugendlichen keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil sie noch nie in Lohnarbeit standen. Deshalb hat sich in den letzten Jahren ein Phänomen entwickelt, wo die Jugendlichen sich keine eigene Wohnung mehr leisten können und bei ihren Eltern wohnen bleiben müssen.
Aber selbst wenn die Eltern noch eine Arbeit haben, kommen sie meistens kaum noch über die Runden. Oft können sie sich und ihre Kinder kaum ernähren. In Spanien kann man mit dem Mindestlohn von 748 Euro[3]nicht mal die Miete einer Einzimmerwohnung in einer Großstadt bezahlen, denn diese liegt im Durchschnitt bei ca. 600 Euro.
Wenn man arbeitslos ist, kann man die üblichen Mieten nicht mehr bezahlen, da z.B. in Spanien die Arbeitslosenzahlungen zwischen 492 und 1384 Euros variieren und insgesamt nur 24 Monate lang gezahlt werden. Deshalb ist man zum Zusammenwohnen gezwungen, aber selbst dann muss man in den großen Städten mindestens 250 Euro monatlich für Miete hinlegen. In Portugal wurde im Rahmen der letzten Sparmaßnahmen der 13. und 14. Monatslohn bei den Staatsangestellten abgeschafft, damit sinkt ihre Kaufkraft um 20%, während 20% der Bevölkerung ohnehin schon mit weniger als 450 Euro im Monat auskommen müssen.
In Griechenland über die Runden zu kommen, ist noch schwieriger. Während der Mindestlohn in etwa dem Spaniens entspricht, sind seit einem Jahr die Löhne um ca. 10% gesunken. Infolge des letzten Sparprogramms wurden ca. 300.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in technische Arbeitslosigkeit geschickt, zudem wurden die Einkommen der Staatsangestellten im Durchschnitt um 25% gesenkt (einige von ihnen mussten Kürzungen von bis zu 50% hinnehmen). Einkommen, die über 5000 Euro liegen, müssen jetzt versteuert werden[4]. Mit welchen Schwierigkeiten des Überlebens die Menschen in Griechenland zu kämpfen haben, wird anhand einer Zahl deutlich: Seit Anfang 2010 ist der Privatkonsum ca. 20% durchschnittlich zurückgegangen.[5]
Aber nicht nur auf dem alten Kontinent wird es immer schwerer über die Runden zu kommen. In den USA wurde im August 2011 berichtet, dass 45.7 Millionen von 311 Millionen Einwohnern zum Überleben dazu gezwungen sind, von staatlichen Institutionen[6]Lebensmittelgutscheine im Wert von 30 Dollar wöchentlich zu erbetteln. Der Umfang der Massenentlassungen nimmt zu. So hat zum Beispiel die Bank of America 30.000, Cisco 6500 Stellenstreichungen angekündigt. Und die Liste der Firmen, die Stellenabbau angekündigt haben, wird sowohl in den USA als auch in Europa immer länger.
Die Zusammenstöße während des letzten Sommers zwischen den Republikanern und Demokraten hinsichtlich der Anhebung der Schuldengrenzen in den USA sind bekannt. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Parteien gewaltige Ausgabenkürzungen befürworten, wobei Zehntausende Stellen gestrichen werden sollen. Darüber hinaus sind in vielen Bundesstaaten die Kommunen so stark verschuldet, dass viele von ihnen zahlungsunfähig geworden sind und ihr Personal auf die Straße setzen müssen. So wurden in Minnesota 22.000 Beschäftige aufgefordert, zu Hause zu bleiben; seit dem 4. Juli wurde ihnen kein Lohn mehr bezahlt.[7] Die gleiche Geschichte passiert in Harrisburg, Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania, und auch in Central Falls, in der Nähe von Boston.
Vor solchen Verhältnissen stehen immer mehr Menschen in den entwickelten Ländern. In Großbritannien sind aufgrund der Sparprogramme die Einkommen schon um 3% gefallen. In allen europäischen Staaten (mit Ausnahme von Deutschland im Augenblick) stehen gewaltige Einschnitte an. Aber je mehr solche Programme umgesetzt werden und je mehr die Kaufkraft sinkt und je mehr infolgedessen die Überproduktion steigt und die Profite fallen, desto dringender werden neue Sparprogramme. Der Teufelskreis bewirkt, dass immer größere Teile der Bevölkerung in immer größere Armut abrutschen.
Die Auflösung des gesellschaftlichen Lebens
Die Zahlungsunfähigkeit der Kommunen in den USA hat dazu geführt, dass eine Reihe von Dienstleistungen, vor allem viele im Gesundheitswesen eingestellt wurden. Das Geld fehlt, um die Verträge von vielen Krankenpflegern und Ärzten zu verlängern. Das bedeutet, dass der Bankrott des Kapitalismus neben dadurch ausgelösten Zunahme der Verarmung, dabei ist, die ‚normale Funktionsweise# der Gesellschaft zu blockieren. Ebenso wie in den USA haben die Krankenhäuser in Spanien in Barcelona wegen der Kürzungen im Gesundheitswesen beschlossen, die Einrichtungen der Notaufnahme und der Operationssäle stundenweise während der Woche zu schließen. Mit anderen Worten – wenn die Menschen der Stadt plötzlich erkranken oder ernsthaft verletzt werden, müssen sie wohl die Uhrzeit auswählen, wenn sie zur Notaufnahme gebracht werden!
Die Gesellschaft ist mittlerweile in Griechenland am meisten blockiert. Es wird berichtet, dass nunmehr viele Firmen geschlossen haben, weil sie ihren Beschäftigten keine Löhne mehr auszahlen können; Staatsangestellten oder Beschäftigte aus Betrieben im Umkreis des Staates erhalten seit Monaten nicht mehr ihre Löhne, in Schulen werden keine Schulbücher mehr ausgeliefert,[8] usw.
In dem Maße wie sich die Armut ausdehnt, spitzt sich ebenso die Desorganisierung der Institutionen und Betriebe, die für das normale Funktionieren der Gesellschaft notwendig sind, zu. Der Kapitalismus erweist sich jeden Tag als unfähiger, das Überleben der Menschheit sicherzustellen. Vitaz, 26.10.2011
[1] http ://lexpansion.lexpress.fr/economie/le-taux-de-chomage-officiel-atteint-16-5-engrece_266257.html
[5] http ://cib.natixis.com/flushdoc.aspx ?id=60259
[6] Le Monde 7-8 août 2011. Rund 20,5 Millionen Menschen liegen mit ihrem Einkommen 50 Prozent unter der offiziellen Armutsgrenze. Sie leben von weniger als 5.570 Dollar im Jahr, beziehungsweise als vierköpfige Familie von weniger als 11.157 Dollar. 6,7 Prozent ist der höchste Wert, den die Zensusbehörde seit Beginn der Erhebungen vor 35 Jahren ermittelt hat.
[8] http ://www.info-grece.com/agora.php [403] ?read,28,40283
Vorbemerkung: Der Artikel wurde geschrieben bevor die OccupyWallstreet-Bewegung in den USA anfing. Deshalb konnten wir deren Einschätzung in diesem Artikel nicht mit berücksichtigen. In der Zwischenzeit haben wir einen separaten Artikel dazu veröffentlicht,https://de.internationalism.org/node/2181 [406])
Im letzten Editorial unserer Internationalen Revue Nr. 146 (englische, französische, spanische Ausgabe) haben wir über die Kämpfe in Spanien berichtet[1]. Seitdem hat sich das Beispiel dieser Kämpfe weiter auf Griechenland und Israel ausgedehnt[2]. In diesem Artikel wollen wir die Lehren dieser Bewegung ziehen und die Perspektiven untersuchen, die sich aus dem Bankrott des Kapitalismus und der brutalen Angriffe gegen die Arbeiterklasse und die große Mehrzahl der Weltbevölkerung ergeben.
Um diese zu begreifen muss man kategorisch die immediatistische und empiristische Methode, die in der gegenwärtigen Gesellschaft vorherrscht, verwerfen. Diese untersucht nämlich jedes einzelne Ereignis isoliert, außerhalb des historischen Kontextes und durch eine Begrenzung auf das Land, in dem diese stattfinden. Diese photographische Herangehensweise ist eine Widerspiegelung des ideologischen Niedergangs der Kapitalistenklasse, denn „Das einzige, was diese Klasse der Gesellschaft insgesamt anbieten kann, besteht darin, von einem Tag zum nächsten, ohne Hoffnung auf Erfolg, dem unaufhaltsamen Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise zu widerstehen.“(Manifest der IKS, 1989)[3].
Eine Photographie kann uns eine glückliche, lächelnde Person zeigen, aber solch ein Photo kann auch einen anderen Eindruck verbergen, wenn dieselbe Person nur wenige Sekunden zuvor ein ängstliches, besorgtes Gesicht macht. Wir brauchen eine Methode zur Einschätzung einer sozialen Bewegung. Man kann sie nur verstehen, indem man sie geschichtlich einordnet und untersucht, auf welchem Hintergrund sie entstanden ist und auf welche zukünftige Entwicklung sie hinweist. Man muss solche Bewegungen in einem weltweiten Kontext einordnen und sie nicht in dem national begrenzten Rahmen sehen, in dem sie entstehen. Und vor allem, sie müssen in ihrer Dynamik begriffen werden, nicht als das, was sie zu einem gegebenen Zeitpunkt sind, sondern was sie aufgrund der Tendenzen, Kräfte und Perspektiven werden können, die sie beinhalten und die früher oder später an die Oberfläche dringen werden.
Ist die Arbeiterklasse dazu in der Lage, auf die Krise des Kapitalismus zu reagieren?
Wir haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen zweiteiligen Artikel « Warum hat die Arbeiterklasse den Kapitalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch nicht überwunden? » veröffentlicht[4]. Wir haben in diesem Artikel daran erinnert, dass die kommunistische Revolution nicht automatisch eintreten wird und dass ihr Zustandekommen von dem Zusammenwirken zweier Faktoren abhängt, den objektiven und subjektiven. Der objektive Faktor ist durch die Dekadenz des Kapitalismus gegeben[5] und durch die Entwicklung einer offenen Krise der bürgerlichen Gesellschaft, wodurch offensichtlich wird, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch andere Produktionsverhältnisse ersetzt werden müssen[6]. Der subjektive Faktor hängt mit dem kollektiven und bewussten Handeln des Proletariats zusammen.
Der Artikel zeigt auf, dass die Arbeiterklasse die Herausforderungen der Geschichte hat vorübergehen lassen. Bei der ersten Herausforderung, im 1. Weltkrieg, scheiterte der Versuch einer Reaktion durch eine Welle revolutionärer Kämpfe zwischen 1917-23. Bei der zweiten Herausforderung – der großen Depression von 1929 – trat die Arbeiterklasse als autonome Klasse nicht in Erscheinung. Und bei der dritten – dem 2. Weltkrieg – war die Arbeiterklasse nicht nur abwesend, sondern sie glaubte gar, dass die Demokratie und der Wohlfahrtstaat, diese beiden von den Siegermächten verbreiteten Mythen, einen Sieg für sie bedeuteten. Als die Krise Ende der 1960er Jahre wieder aufbrach, „hatte das Proletariat sich der Herausforderung zwar gestellt, (…), aber gleichzeitig konnte man die Vielzahl von Hindernissen sehen, vor denen es steht und die bislang seinen Weg zur proletarischen Revolution behindert haben“[7]. Diese Bremsen wirkten erneut während eines neuen Ereignisses welthistorischer Bedeutung: dem Zusammenbruch der sogenannten ‘kommunistischen’ Regime 1989, bei denen sie nicht nur keine aktive Rolle spielte, sondern bei denen sie zur Zielscheibe einer gewaltigen antikommunistischen Kampagne wurde, welche einen Rückgang ihres Bewusstseins und ihrer Kampfbereitschaft auslöste.
Was wir als „die fünfte Herausforderung“ der Geschichte bezeichnen können, begann 2007. Die immer offener werdende Krise offenbart das praktisch endgültige Scheitern der Politik des Kapitalismus, seine unüberwindbare Wirtschaftskrise in den Griff zu kriegen. Im Sommer 2011 wurde offensichtlich, dass die gewaltigen Geldspritzen, die in die Wirtschaft gepumpt wurden, den Aderlass nicht aufhalten können und der Kapitalismus in eine große Depression hineinrutscht, deren Ausmaß viel schlimmer sein wird als die von 1929[8].
Aber in einer ersten Phase und trotz der Schläge, die das Proletariat einstecken musste, scheint das Proletariat erneut abwesend zu sein. Wir hatten solch eine Möglichkeit auf unserem 18. Internationalen Kongress (2009) ins Auge gefasst: „Doch zunächst werden es aller Voraussicht nach verzweifelte und vergleichsweise isolierte Kämpfe sein, auch wenn ihnen andere Teile der Arbeiterklasse ehrliche Sympathie entgegenbringen. Selbst wenn es also in der nächsten Zeit keine bedeutende Antwort der Arbeiterklasse auf die Angriffe gibt, dürfen wir nicht denken, dass sie aufgehört habe, für die Verteidigung ihrer Interessen zu kämpfen. Erst in einer zweiten Phase, wenn sie in der Lage sein wird, den Erpressungen der Bourgeoisie zu widerstehen, wenn sich die Einsicht durchgesetzt hat, dass nur der vereinte und solidarische Kampf die brutalen Angriffe der herrschenden Klasse bremsen kann - namentlich wenn diese versuchen wird, die gewaltigen Budgetdefizite, die gegenwärtig durch die Rettungspläne zugunsten der Banken und durch die„Konjunkturprogramme" angehäuft werden, von allen ArbeiterInnen bezahlen zulassen -, erst dann werden sich Arbeiterkämpfe in größerem Ausmaß entwickeln können.“[9]
Die gegenwärtigen Bewegungen in Spanien, Israel und Griechenland deuten darauf hin, dass die Arbeiterklasse anfängt, sich dieser « fünften Herausforderung der Geschichte zu stellen ». Sie fängt damit an, sich darauf vorzubereiten, die Mittel zu entwickeln, um einen Sieg zu erlangen.[10]
In dem oben erwähnten Artikel haben wir hervorgehoben, dass die beiden Stützpfeiler, auf denen der Kapitalismus, zumindest in den zentralen Ländern, ruhte, um die Arbeiterklasse im Griff zu halten, die Demokratie und der sogenannte Wohlfahrtstaat waren. Die drei gegenwärtigen Bewegungen haben deutlich werden lassen, dass diese Stützpfeiler langsam infrage gestellt werden ; obwohl all dies noch sehr konfus geschieht, wird diese Infragestellung durch die katastrophale Entwicklung der Krise beschleunigt.
Die Infragestellung der Demokratie
Die Wut auf die Politiker im Allgemeinen und auf die Demokratie ist in den drei Bewegungen zum Vorschein getreten, wie auch die Empörung über die Tatsache, dass die Reichen und ihre politischen Anhängsel sich immer mehr bereichern und immer mehr bestechlich werden, während der Großteil der Bevölkerung wie eine Ware im Dienst der skandalösen Profite der ausbeutenden Minderheit gesehen wird ; eine Ware, die in den Mülleimer geworfen wird, sobald die « Geschäfte nicht gut laufen ». Auch die drastischen Sparprogramme wurden an den Pranger gestellt. Von diesen Programmen spricht niemand während der Wahlkämpfe, die aber zur Hauptbeschäftigung der Gewählten werden.
Es liegt auf der Hand, dass diese Gefühle und Haltungen nicht neu sind: Man hat zum Beispiel während der letzten 30 Jahre immer über die Politiker geschimpft. Und solche Gefühle können auch in Sackgassen gelenkt werden, wie es die Kräfte der herrschenden Klasse gegenüber diesen drei Bewegungen immer wieder versuchen, indem sie Werbung machen für „eine partizipierende Demokratie“, eine „Erneuerung der Demokratie“ usw.
Aber neu und besonders wichtig ist, dass diese Themen, welche, ob man es will oder nicht, die bürgerliche Demokratie, den bürgerlichen Staat und deren Herrschaftsapparat infrage stellen, zum Diskussionspunkt in den zahlreichenden Vollversammlungen werden. Man kann nicht Individuen vergleichen, die ihre Abscheu alleine, atomisiert, passiv und resigniert zum Ausdruck bringen, mit denen, die so etwas gemeinsam in den Versammlungen äußern. Ungeachtet aller Fehler, Verwirrungen, Sackgassen, die dort unvermeidlich zum Ausdruck kommen und mit der größten Ausdauer und Nachdruck bekämpft werden müssen, liegt der Kern der Sache eigentlich in der Tatsache, dass die Sachen offen zur Sprache gebracht werden. Dies stellt eine wichtige Politisierung der großen Massen dar, und auch das Prinzip einer Infragestellung dieser Demokratie, die dem Kapitalismus während des letzten Jahrhunderts so wertvolle Dienste geleistet hat.
Das Ende des sogenannten „Wohlfahrtstaats“
Nach dem 2. Weltkrieg baute der Kapitalismus das auf, was als „Wohlfahrtstaat“ bekannt wurde [11]. Dieser stellte eine der Hauptstützen der kapitalistischen Herrschaft während der letzten 70 Jahre dar. Er hat die Illusion geschaffen, der Kapitalismus habe die brutalsten Aspekte seiner Wirklichkeit überwunden: der Wohlfahrtstaat garantiere eine Sicherheit gegenüber der Arbeitslosigkeit, den Renten, der kostenlosen Gesundheitsversorgung und Bildung, Sozialwohnungen usw.
Dieser „Sozialstaat“, der die politische Demokratie ergänzt, ist in den letzten 25 Jahren schon stark zurückgebaut worden, um bald völlig zu verschwinden. In Griechenland, Spanien oder Israel (wo vor allem die Wohnungsnot die Leute zu Protesten angetrieben hat) stand die Angst vor der Abschaffung der sozialen Mindeststandards im Mittelpunkt der Mobilisierungen. Es liegt auf der Hand, dass die Herrschenden versucht haben, diese Proteste in „Reformen“ der Verfassung, der Verabschiedung von Gesetzen, die diese Leistungen „garantieren“ usw. umzuwandeln. Aber die Welle wachsender Unzufriedenheit wird dazu beitragen, all diese Schutzwälle, die die Arbeiterklasse zurückhalten sollen, zu untergraben.
Die Bewegung der Empörten – ein Höhepunkt von acht Jahren Kämpfen
Der Krebs des Pessimismus beherrscht die gegenwärtige Ideologie und dringt ebenfalls in die Arbeiterklasse und ihre revolutionären Minderheiten ein. Wie oben erwähnt hat die Arbeiterklasse alle ihre Herausforderungen, vor welche sie die Geschichte während eines Jahrhunderts kapitalistischen Niedergangs gestellt hat, nicht angenommen. Deshalb haben sich in ihren Reihen beängstigende Zweifel an ihrer eigenen Klassenidentität und ihrer Fähigkeiten breit gemacht, die so weit gehen, dass sogar bei Ausdrücken von Kampfbereitschaft einige den Begriff „Arbeiterklasse“ verwerfen[12]. Diese Skepsis ist umso stärker, da sie durch den Zerfall des Kapitalismus noch vergrößert wird[13]: Hoffnungslosigkeit, fehlende konkrete Projekte hinsichtlich der Zukunft begünstigen Zögern und Misstrauen gegenüber jeder Perspektive kollektiven Handelns.
Die Bewegungen in Spanien, Israel und Griechenland stellen ungeachtet all ihrer Schwächen einen Anfang wirksamer Mittel gegen das Krebsgeschwür breit gestreuter Skepsis dar. Allein das Auftreten von Kämpfen und die Kontinuität, die diese darstellen, sowie die darin zum Vorschein kommende Bewusstseinsentwicklung seit 2003 bewirkt dies[14].
Sie sind keine Bewegung, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel erscheint, sondern eine langsame Kondensierung während der letzten acht Jahre von kleinen Wolken und Sprühregen, die jetzt eine neue Qualität erreicht haben.
Die Arbeiterklasse erholt sich seit 2003 von dem langen Zeitraum des Rückflusses ihres Bewusstseins und ihrer Kampfbereitschaft, die sie nach den Ereignissen von 1989 hatte einstecken müssen. Dieser Prozess entwickelt sich aber nur langsam, mit Widersprüchen und gewunden. Dies sieht man anhand:
- einer Reihe von ziemlich isolierten Kämpfen in verschiedenen Ländern sowohl im Zentrum als auch in der Peripherie, die von Beispielen geprägt sind, welche einen „Wegweiser für die Zukunft“ darstellen: die Suche nach Solidarität, Versuche der Selbstorganisierung, das Auftauchen von neuen Generationen, Nachdenken über die Zukunft;
- eine Entwicklung von internationalistischen Minderheiten, die eine revolutionäre Kohärenz suchen, sich viele Fragen stellen und Kontakt untereinander suchen, debattieren, Perspektiven aufzeigen…
2006 brachen zwei Bewegungen aus – der Kampf gegen den CPE in Frankreich[15] und der massive Streik der Beschäftigten in Vigo, Spanien, welche trotz der räumlichen Trennung voneinander, der unterschiedlichen Bedingungen oder der Altersunterschiede der Beteiligten ähnliche Züge aufwiesen : Vollversammlungen, Ausdehnung auf andere Bereiche, Massendemonstrationen… Es war wie ein erster Warnschuss, der aber folgenlos blieb [16].
Ein Jahr später gab es in Ägypten Keime eines Massenstreiks, der von einer großen Textilfabrik ausging. Anfang 2008 kam es in einer Reihe von Ländern, sowohl in der Peripherie als auch im Zentrum des Kapitalismus zu gleichzeitigen, aber voneinander isolierten Kämpfen. Schließlich traten andere Bewegungen hinzu, wie die sich in 33 Ländern entwickelnden Hungerrevolten im ersten Quartal 2008. In Ägypten wurden diese unterstützt und teilweise von der Arbeiterklasse getragen. Ende 2008 revoltierte die Arbeiterjugend in Griechenland, die von einem Teil der Arbeiterklasse Rückendeckung erhielt. Auch gab es Keime internationalistischer Reaktionen 2009 in Lindsey (Großbritannien) und eine explosive Streikwelle im Süden Chinas (im Juni).
Nach dem anfänglichen Zurückweichen des Proletariats gegenüber den ersten Auswirkungen der Krise fing das Proletariat wie erwähnt an, entschlossener zu kämpfen und 2010 wurde erneut Frankreich von einer massiven Protestbewegung gegen die Rentenreform erschüttert. In dieser Bewegung kam es zu ersten Versuchen der Bildung von branchenübergreifenden Vollversammlungen. Im Dezember protestierten die Jugendlichen in Großbritannien gegen die brutale Erhöhung der Studiengebühren. 2011 schließlich brachen in Ägypten und Tunesien die großen Sozialrevolten aus. Die Kämpfe der Arbeiterklasse schienen wieder an Fahrt zu gewinnen, um einen neuen Sprung nach vorne zu machen: die Bewegung der Empörten in Spanien, dann Griechenland und Israel.
Handelt es sich um eine Bewegung der Arbeiterklasse?
Diese drei Bewegungen können nur in dem eben erwähnten Zusammenhang begriffen werden. Sie sind wie ein erstes Teil in einem Puzzle, das all die Teile der letzten acht Jahre zusammenfasst. Aber die Skepsis bleibt weiterhin sehr stark und viele fragen sich: Kann man von einer Klassenbewegung der Arbeiterklasse sprechen, da diese nicht als solche auftritt und auch keine Streiks oder Versammlungen am Arbeitsplatz gemeldet wurden?
Die Bewegung nennt sich „die Empörten“, eine sehr treffende Bezeichnung aus der Sicht der Arbeiterklasse[17], aber dieser Begriff lässt nicht sofort deutlich werden, welche Kraft sie in sich birgt, da sie sich nicht direkt mit der Arbeiterklasse identifiziert. Zwei Faktoren lassen sie im Wesentlichen als eine Sozialrevolte erscheinen:
Der Verlust der Klassenidentität
Die Arbeiterklasse hat einen herben Rückschlag erlitten hinsichtlich ihres eigenen Identitätsgefühls : „Die ohrenbetäubende Kampagne der Bourgeoisie über das „Ende des Kommunismus", den „endgültigen Sieg des liberalen und demokratischen Kapitalismus" und das „Ende des Klassenkampfes", ja der Arbeiterklasse selbst haben dem Proletariat auf der Ebene des Bewusstseins und der Kampfbereitschaft einen herben Rückschlag versetzt. Dieser Rückschlag war nachhaltig und dauerte über zehn Jahre. Er hat eine ganze Generation von Arbeitern geprägt und Ratlosigkeit, ja selbst Demoralisierung ausgelöst. Im Gegenteil hatten diese Ereignisse ein tiefes Gefühl der Machtlosigkeit in der Arbeiterklasse hinterlassen, was das Selbstvertrauen und die Kampfbereitschaft weiter sinken ließ“ (17.Kongress der IKS, 2007, Resolution zur internationalen Situation).[18]
Dies erklärt zum Teil, weshalb die Teilnahme der Arbeiterklasse an diesen Bewegungen nicht im Vordergrund stand, sondern dass sich eher Arbeiter als Individuen beteiligten (Beschäftigte, Arbeitslose, Studenten, Rentner…), die nach einer Klärung suchen, sich gefühlsmäßig beteiligen, die aber nicht über die Kraft, den Zusammenhalt und die Klarheit verfügen, die man erlangt, wenn man kollektiv als Klasse handelt.
Aus diesem Identitätsverlust geht hervor, dass das Programm, die Theorie, die Traditionen, die Methoden des Proletariats von der großen Mehrheit der Arbeiter nicht als zu ihrer Klasse gehörig betrachtet werden. Sprache, Handlungsformen, Symbole – all das scheint bei der Bewegung der Empörten auf andere Quellen zurückzuführen zu sein. Dies ist eine gefährliche Schwäche, die geduldig bekämpft werden muss, damit es zu einer kritischen Wiederaneignung des theoretischen Erbes, der Erfahrung, der Traditionen der Arbeiterbewegung kommt, die diese während der letzten zwei Jahrhunderte erworben hat.
Die Anwesenheit von nicht-proletarischen Schichten
Unter den Empörten gibt es viele Mitglieder nicht-proletarischer Schichten, insbesondere eine immer stärker lohnabhängig werdende Mittelschicht. Wie wir in unserem Artikel zu Israel schrieben:
„Eine andere Methode besteht darin, sie als eine Bewegung des „Mittelstandes“ zu etikettieren. Es trifft zu, dass es sich, wie bei den anderen Bewegungen, hier um einen breiten sozialen Aufstand handelt, der die Unzufriedenheit vieler verschiedener Gesellschaftsschichten ausdrückt, vom kleinen Geschäftsmann bis zum Produktionsarbeiter, alle von ihnen von der Weltwirtschaftskrise, von der wachsenden Kluft zwischen Reich und Arm und von der Verschärfung der Lebensbedingungen durch den unersättlichen Hunger der Kriegswirtschaft in einem Land wie Israel in Mitleidenschaft gezogen. Doch der „Mittelstand“ ist ein vager, alles und nichts sagender Begriff, der sich auf jedermann mit einer Ausbildung oder einem Job und – in Israel wie in Nordafrika, Spanien oder Griechenland – auf die wachsende Zahl von ausgebildeten jungen Menschen bezieht, die in die Reihen des Proletariats gedrängt werden und in schlecht bezahlten und unqualifizierten Jobs arbeiten, wenn sie denn welche finden.“ (Proteste in Israel: „Mubarak, Assad, Netanjahu“, IKSonline 2011)[19].
Obgleich die Bewegung als sehr vage und ungenau definiert erscheint, stellt dies ihren Klassencharakter nicht infrage, vor allem wenn wir die Entwicklung in ihrer Dynamik betrachten, d.h. im Hinblick auf die Zukunft, wie es die GenossInnen der TPTG gegenüber der Bewegung in Griechenland tun. „Was die Politiker aller Couleur bei dieser Bewegung der Versammlungen besorgt, sind die wachsende Wut und die Empörung der ArbeiterInnen (und der kleinbürgerlichen Schichten), und dass diese nicht mehr mittels der politischen Parteien und Gewerkschaften zum Ausdruck kommen. Sie sind also nicht mehr so kontrollierbar und es ist besonders gefährlich für das repräsentative System der politischen Parteienlandschaft und der Gewerkschaften im Allgemeinen[20].“
Die Arbeiterklasse ist in dieser Bewegung nicht als führende Kraft zu erkennen, auch gibt es keine spürbare Mobilisierung von den Arbeitsplätzen ausgehend. Man spürt vielmehr die Präsenz der Arbeiterklasse anhand der Dynamik des Suchens, der Klärung, der Vorbereitung des gesellschaftlichen Nährbodens, der Erkenntnis, dass wichtige Kämpfe auf uns zukommen. Darin steckt seine Bedeutung, auch wenn dies nur ein sehr kleiner, sehr unsicherer Schritt ist. Hinsichtlich Griechenlands meinen die GenossInnen von TPTG, dass die Bewegung „ein Ausdruck der Krise der Beziehungen zwischen den Klassen und der Politik im Allgemeinen darstellt. Kein anderer Kampf hat sich während der letzten Jahrzehnte so zweideutig und explosiv entwickelt“[21], und gegenüber Israel äußerte sich ein Journalist folgendermaßen : „Anders als in Syrien oder Libyen, wo Diktatoren ihre eigenen Bürger zu Hunderten abschlachten, war es in Israel nie die Unterdrückung, die die Gesellschaftsordnung zusammenhielt, soweit es die jüdische Gesellschaft betraf. Es war die Indoktrination – eine vorherrschende Ideologie, um einen Begriff zu verwenden, der von kritischen Theoretikern bevorzugt wird. Und es war diese kulturelle Ordnung, die in dieser Protestwelle Dellen abbekam. Erstmals erkannte der Kern des israelischen Mittelstandes – es ist zu früh, um einzuschätzen, wie groß diese Gruppe ist -, dass er kein Problem mit anderen Israelis oder mit den Arabern oder mit bestimmten Politikern hat, sondern mit der gesamten Gesellschaftsordnung, mit dem gesamten System. In diesem Sinn ist es ein einmaliges Ereignis in der Geschichte Israels.“ [22]
Die Merkmale zukünftiger Kämpfe
Aus dieser Sicht können wir die Merkmale dieser Kämpfe als mögliche Charakteristiken zukünftiger Kämpfe betrachten, welche diese jeweils kritisch aufgreifen und auf eine höhere Stufe stellen müssen:
- neue Generationen der Arbeiterklasse treten in den Kampf ein. Dabei gibt es aber im Vergleich zu der 1968er Bewegung einen wichtigen Unterschied: Während damals die Jugend meinte, man müsse wieder bei Null anfangen und die „Alten“ seien „besiegt und verbürgerlicht“, gibt es heute Ansätze für einen vereinten Kampf verschiedener Generationen der Arbeiterklasse.
- direkte Aktionen der Massen. Die Kämpfe haben sich auf die Straße ausgedehnt, Plätze sind besetzt worden. Die Ausgebeuteten sind dort direkt zusammengekommen, man konnte zusammenleben, diskutieren und handeln.
- Der Beginn einer Politisierung: ungeachtet der falschen Antworten, die heute und später gegeben werden, ist es wichtig, dass die großen Massen anfangen, sich direkt und aktiv mit den großen Fragen der Gesellschaft zu befassen. Das ist der Anfang ihrer Politisierung als Klasse.
- Die Versammlungen: Sie sind mit der proletarischen Tradition der Arbeiterräte von 1905 und 1917 in Russland verbunden, die sich während der Welle revolutionärer Kämpfe zwischen 1927-23 auf Deutschland und andere Länder ausdehnte. Sie sind eine Waffe für die Bildung der Einheit, der Entwicklung der Solidarität, der Fähigkeit zur Bewusstseinsentwicklung und der Entscheidungen der Arbeitermassen. Der in Spanien sehr populäre Slogan „Alle Macht den Versammlungen“ spiegelt die aufkeimende zentrale Reflektion über Fragen wie den Staat, Doppelmacht usw. wider.
- Die Debattenkultur: Die Klarheit, welche die Entschlossenheit und das Heldentum der proletarischen Massen inspiriert, kann nicht dekretiert werden. Genauso wenig ist sie das Ergebnis einer Indoktrinierung durch eine kleine Minderheit, die die Wahrheit „gepachtet“ hätte. Sie entsteht durch das Zusammenfließen von Erfahrung, dem Kampf und insbesondere der Debatten. Die Debattenkultur war bei diesen drei Bewegungen deutlich spürbar: alles wurde zur Diskussion gestellt. Alles was politisch, sozial, ökonomisch, menschlich ist, wurde durch diese gewaltigen improvisierten Agoras kritisch überprüft. Wie wir in der Einleitung zum Artikel der GenossInnen der TPTG aus Griechenland schrieben, ist dies von besonderer Bedeutung: „Die entschlossenen Bemühungen, um zur Entstehung dessen beizutragen, was die GenossInnen der TPTG „öffentlichen proletarischen Raum“ bezeichnen, welche es einer ständig wachsenden Zahl von Mitgliedern unserer Klasse ermöglichen wird, nicht nur den kapitalistischen Angriffen gegen unsere Lebensbedingungen entgegenzutreten, sondern auch die Theorien und Aktionen zu entfalten, die uns allen einen neue Art des Lebens ermöglichen“[23];
- die Herangehensweise an die Frage der Gewalt. „Seit jeher war das Proletariat der extremen Gewalt von Seiten der Bourgeoisie ausgesetzt, und im Falle einer versuchten Interessensverteidigung auch der Repression, sowohl im imperialistischen Krieg als auch durch die alltägliche Gewalt der Ausbeutung. Im Gegensatz zu den ausbeutenden Klassen ist das Proletariat keine gewalttätige Klasse von sich aus. Wenn auch das Proletariat Gewalt anwenden muss, und unter Umständen sehr entschlossen, so wird es ich nicht mit ihr identifizieren. Die notwendige Gewalt zum Umsturz des Kapitalismus muss in den Händen des Proletariats eine bewusste und organisierte Gewalt sein. Ihr muss ein Prozess des Bewusstseins und der Organisation anhand verschiedener Kämpfe gegen die Ausbeutung vorangehen.“ [24] Wie während der Bewegung der Studenten 2006 waren die Herrschenden mehrere Male geneigt gewesen, die Bewegung der Empörten (insbesondere in Spanien) in die Falle gewalttätiger Zusammenstöße mit der Polizei zu locken, als die Bewegung zerstreut und schwach war, um diese somit zu diskreditieren und deren Isolierung zu erleichtern. Diese Fallen konnten vermieden werden und ein aktives Nachdenken über die Frage der Gewalt hat eingesetzt.[25]
Schwächen und Verwirrungen, die bekämpft werden müssen
Wir wollen diese Bewegungen überhaupt nicht glorifizieren. Nichts ist der marxistischen Methode fremder als einen entschlossenen Kampf, so wichtig und reichhaltig er auch sein mag, als ein endgültiges, abgeschlossenes und monolithisches Modell darzustellen, das man wortwörtlich nachahmen könnte. Wir sind uns dessen Schwächen und Schwierigkeiten bewusst und sehen diese klar vor uns.
Die Anwesenheit eines „demokratischen Flügels“
Diese drängt auf die Verwirklichung einer « echten Demokratie ». Dieses Projekt wird von mehreren Richtungen vertreten, sogar von der Rechten in Griechenland. Es liegt auf der Hand, dass die Medien und Politiker sich auf diesen Flügel stützen, um die gesamte Bewegung dazu zu drängen, sich damit zu identifizieren.
Die Revolutionäre müssen energisch all die Verschleierungen, irreführenden Maßnahmen, die Scheinargumente dieser Tendenz bekämpfen. Warum gibt es aber noch eine starke Neigung, sich nach all den Jahren von Täuschungen, Irreführungen und Lügen von den Verlockungen der Demokratie verführen zu lassen? Man kann drei Gründe anführen. Der erste liegt in dem Gewicht der nicht-proletarischen Schichten, die sehr anfällig sind für die demokratischen und interklassischen Verschleierungen. Der zweite Grund liegt in der Macht der in der Arbeiterklasse noch sehr verbreiteten demokratischen Verwirrungen und Illusionen, die besonders unter den Jugendlichen noch stark sind, weil sie noch nicht über viel politische Erfahrung verfügen. Der dritte Grund liegt in dem Druck, den der gesellschaftliche und ideologische Zerfall des Kapitalismus ausübt, welche die Tendenz begünstigt, sich in ein Gebilde « über den Klassen und den Konflikten » zu flüchten, d.h. den Staat, der angeblich eine gewisse Ordnung, Gerechtigkeit und Vermittlung anbieten könne.
Aber es gibt noch einen tieferliegenden Grund, auf den wir hinweisen müssen. Im „18. Brumaire Louis Bonapartes“ stellte Marx fest: „Proletarische Revolutionen dagegen, (…) kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen...“ (MEW 8, S. 118).[26] Heute deckt die ganze Entwicklung den Bankrott des Kapitalismus auf, die Notwendigkeit ihn zu überwinden und eine neue Gesellschaft zu errichten. Aber in einer Arbeiterklasse, die an ihren eigenen Fähigkeiten zweifelt und ihre Klassenidentität noch nicht wieder hergestellt hat, bringt dies jetzt und noch eine Zeitlang die Tendenz hervor, sich an morsche Äste zu klammern, an falsche « Reformen » und Hoffnung zu setzen auf eine „Demokratisierung“, selbst wenn man daran Zweifel hegt. All dies bietet der herrschenden Klasse noch einen Spielraum, bei dem sie Spaltung und Demoralisierung vorantreiben möchte, und es somit der Arbeiterklasse noch schwerer macht, dieses Selbstvertrauen in die eigenen Kräfte und ihre Klassenidentität zu entwickeln.
Das Gift des Apolitischen
Es handelt sich um eine alte Schwäche, unter der das Proletariat seit 1968 leidet und die ihren Ursprung in der gewaltigen Enttäuschung und der tiefen Skepsis hat, welche die stalinistische und sozialdemokratische Konterrevolution hervorgerufen hatten, wodurch das Gefühl entsteht, dass jede politische Option, auch diejenige, welche sich auf die Arbeiterklasse beruft, in ihrem Kern schon den Keim des Verrats und der Unterdrückung enthalte. Daraus schlagen die Kräfte der herrschenden Klasse Profit, welche durch die Vertuschung ihrer eigenen Identität und durch das Aufzwingen der Fiktion einer Intervention als « freie Bürger » in der Bewegung aktiv sind und dort die Kontrolle über die Versammlungen an sich reißen und die Bewegung von Innen her sabotieren wollen. Die GenossInnen der TPTG zeigen dies sehr klar auf: „Am Anfang herrschte ein Gemeinsinn bei den Anstrengungen der Selbstorganisierung der Besetzung des Platzes und offiziell wurden die politischen Parteien nicht geduldet. Aber die linken Gruppen und insbesondere diejenigen, die aus SYRIZA stammen (eine Koalition der radikalen Linken), beteiligten sich schnell an den Versammlungen des Syntagma und besetzten wichtige Stellungen in der Gruppe, die gebildet worden war, um die Besetzung des Syntagma-Platzes zu betreiben, insbesondere im „Unterstützungssekretariat“ und in der „Kommunikationsgruppe“. Diese beiden Gruppen sind am wichtigsten, weil sie die Tagesordnungen der Versammlungen festlegen wie auch die Durchführung der Diskussionen leiten. Man konnte beobachten, dass diese Leute ihre politisch Zugehörigkeit nicht an den Tag legten und dass sie als Einzelpersonen auftraten“. [27]
Die Gefahr des Nationalismus
Diese Gefahr ist in Griechenland und Israel größer. Wie die GenossInnen der TPTG bemerken, „herrscht der Nationalismus (insbesondere in seiner populistischen Form) vor; er wird gleichzeitig von den verschiedenen Cliquen der Extremen Rechten und den linken und linksextremen Parteien begünstigt. Selbst für viele Arbeiter und Kleinbürger, die von der Krise betroffen sind, aber keiner politischen Partei angehören, erscheint die nationale Identität als eine letzte imaginäre Zufluchtsstätte, während alles andere dabei ist zusammenzubrechen. Hinter den Slogans « gegen die Regierung, die sich ans Ausland verkauft hat“ oder „für das Wohl des Landes“, „die nationale Souveränität“, erscheint die Forderung einer „neuen Verfassung als magische und vereinigende Lösung“. [28]
Dieser Hinweis der GenossInnen ist sehr richtig und tiefsinnig. Der Identitätsverlust und das Vertrauen in die Arbeiterklasse in ihre eigenen Kräfte, der langsame Prozess des Kampfes der Arbeiter auf der ganzen Welt begünstigt die Tendenz, sich „an etwas Nationalem“ festzuklammern. Dies ist aber nur eine utopische Flucht vor einer feindseligen Welt, die voll von Unsicherheiten ist.
Die Folgen der Kürzungen im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich, das wahre Problem, das durch die Schwächung dieser Dienstleistungsbereiche entstanden ist, werden benutzt, um die Kämpfe um die nationalistischen Schranken der Forderung einer „guten Erziehung“ (denn sie würde uns auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger machen) und eines « Gesundheitswesens im Dienste aller Bürger » zu propagieren.
Die Angst und die Schwierigkeit, sich den Klassenkonfrontationen zu stellen
Deshalb wird die massive Mobilisierung der Arbeitslosen, der Prekären, der Arbeitslosenzentren usw. erschwert, was wiederum ein Zögern, Zweifel und eine Tendenz begünstigt, sich an « Versammlungen » festzuklammern, deren Teilnehmerzahl jeden Tag sinkt und deren « Einheit » in Wirklichkeit nur die in ihren Reihen aktiven bürgerlichen Kräfte begünstigt. Dadurch entsteht für die Herrschenden ein Spielraum, die damit alle möglichen Tricks zur Sabotage der Vollversammlungen von Innen heraus einsetzen können. Gerade dies prangern die GenossInnen der TPTG an : „Die Manipulation der großen Versammlung auf dem Syntagma-Platz (es gibt weitere in anderen Stadtvierteln Athens und anderen Städten) durch Mitglieder von Parteien oder von linken Organisationen, die aber nicht als solche auftreten, liegt auf der Hand und dies ist ein echtes Hindernis für die Ausrichtung der Kämpfe auf einer Klassenebene. Aber aufgrund der tiefgreifenden Legitimitätskrise des politischen Repräsentationssystems im Allgemeinen müssen diese auch ihre eigene politische Identität verbergen und ein – nicht immer erfolgreich gelungenes - Gleichgewicht behalten zwischen allgemeinen und abstrakten Reden über die ‘Selbstbestimmung’, die ‘direkte Demokratie’, ‘kollektives Handeln’, ‘Antirassismus’ und ‘sozialen Wandel’ usw. und andererseits den extremen Nationalismus und das räuberische Verhalten einiger einzelner Mitglieder der extremen Rechten bändigen, die sich an den Versammlungen auf dem Platz beteiligten“.[29]
Der Zukunft mit klarem Kopf entgegensehen
Während es auf der Hand liegt, dass „der Kapitalismus überwunden werden muss, wenn die Menschheit überleben will“,[30] ist die Arbeiterklasse noch lange nicht dazu in der Lage, dieses Urteil zu vollstrecken. Die Bewegung der Empörten stellt einen kleinen Schritt in dieser Richtung dar.
In dem oben erwähnten zweiteiligen Artikel erwähnten wir, dass „einer der Gründe, weshalb die Vorhersagen der Revolutionäre in der Vergangenheit hinsichtlich des Ausgangs der Revolution nicht verwirklicht wurden, darin liegt, dass sie die Stärke der herrschenden Klasse unterschätzt haben, insbesondere deren politische Schlauheit.[31] Und diese Fähigkeit der Herrschenden, ihre politische Gerissenheit gegen die Kämpfe einzusetzen, ist heute spürbarer als je zuvor. So wurden zum Beispiel die Bewegungen der Empörten dieser drei Länder woanders sehr stark ausgeblendet; und wenn sie erwähnt wurden, dann nur mit der Version, dass sie eine „demokratische Erneuerung“ anstreben. Ein anderes Beispiel : die britische Bourgeoisie konnten die Unzufriedenheit ausschlachten, um die vorhandene Wut in einer nihilistischen Revolte enden zu lassen, die dann wiederum als Vorwand eingesetzt wurde, um die Repression zu verstärken und einschüchternd gegenüber jeder Reaktion der Klasse aufzutreten. [32]
Die Bewegungen der Empörten stellten eine erste Stufe dar in dem Sinne, da sie Schritte unternahmen, damit die Arbeiterklasse ihr Selbstvertrauen entwickelt und ihre eigene Klassenidentität aufbaut, aber dieses Ziel ist bei weitem noch nicht erreicht worden, denn dazu ist die Entwicklung von massiven Kämpfen auf einem direkt proletarischen Boden erforderlich, bei dem deutlich wird, dass die Arbeiterklasse in der Lage ist, gegenüber der Sackgasse des Kapitalismus den nicht-ausbeutenden Schichten eine revolutionäre Alternative anzubieten.
Wir wissen nicht, wie diese Perspektive umgesetzt werden kann, und wir bleiben wachsam gegenüber den Fähigkeiten und Initiativen der Massen, wie die vom 15. Mai in Spanien. Wir sind uns sicher, dass die internationale Ausdehnung der Kämpfe eine entscheidende Rolle dabei spielen wird.
Die drei Bewegungen haben den Keim eines internationalistischen Bewusstseins gepflanzt : während der Bewegung der Empörten in Spanien sagte man, dass die Bewegung inspiriert wurde durch den Tahrir-Platz in Ägypten[33]; sie strebte eine internationale Ausdehnung der Kämpfe an, auch wenn dies in der größten Konfusion geschah. Die Bewegungen in Israel und Griechenland erklärten ausdrücklich, dass sie dem Beispiel der Bewegung der Empörten in Spanien folgten. Die Demonstranten in Israel trugen Spruchbänder wie „Mubarak, Assad, Netanjahu, alle gleich“, was nicht nur eine beginnende Bewusstwerdung über den Feind aufzeigt, sondern auch ein embryonales Bewusstsein darüber, dass ihr Kampf mit dem der Ausgebeuteten der anderen Länder geführt werden muss und nicht gegen sie, wie es der Rahmen der nationalen Verteidigung verlangt.[34] „In Jaffna trugen Dutzende von arabischen und jüdischen Protestlern Schilder, auf denen auf Hebräisch und Arabisch zu lesen war: „Araber und Juden wollen erschwingliche Wohnungen“ und „Jaffna will nicht Angebote nur für die Reichen“. (…) In der City von Akku wie auch in Ostjerusalem, wo es anhaltende Proteste sowohl von Juden als auch von Arabern gegen Wohnungsräumungen Letzterer im nahegelegenen Sheikh Jarrah gibt, wurden gemeinsame jüdische und arabische Zeltlager errichtet. In Tel Aviv wurden Kontakte zu den Bewohnern der Flüchtlingslager in den besetzten Gebieten geknüpft, die die Zeltstädte besuchten und sich an den Diskussionen mit den Protestierenden beteiligten“.[35] Die Bewegungen in Ägypten und Tunesien wie in Israel haben eine neue Lage entstehen lassen. Dies geschah in einem Teil der Welt, der wahrscheinlich Hauptschauplatz der weltweiten imperialistischen Zusammenstöße ist. Wie wir in unserem Artikel schrieben: „Die jüngste internationale Welle von Revolten gegen die kapitalistische Sparpolitik öffnet die Tür zu einer anderen Lösung: die Solidarität aller Ausgebeuteten über religiöse oder nationale Spaltungen hinweg; Klassenkampf in allen Ländern mit dem ultimativen Ziel einer weltweiten Revolution, die die Negation der nationalen Grenzen und Staaten sein wird. Ein oder zwei Jahre zuvor wäre eine solche Perspektive für die meisten völlig utopisch gewesen. Heute betrachtet eine wachsende Zahl von Menschen die globale Revolution als eine realistische Perspektive gegenüber der kollabierenden Ordnung des globalen Kapitals.“[36]
Die drei Bewegungen haben zur Herausbildung eines proletarischen Flügels beigetragen. Sowohl in Griechenland als in Spanien aber auch in Israel[37]entstehen „proletarische Flügel“ auf der Suche nach Selbstorganisierung, nach einem unnachgiebigen Kampf auf der Grundlage von Klassenpositionen und dem Kampf für die Überwindung des Kapitalismus. Die Probleme wie auch das Potenzial und die Perspektiven dieser großen Minderheit können im Rahmen dieses Artikels nicht aufgegriffen werden. Sicher ist, dass dies eine entscheidende Waffe für die Arbeiterklasse ist, mit der sie ihre zukünftigen Kämpfe vorbereiten wird. C.Mir., 23.9.2011
[1] Cf. https://fr.internationalism.org/node/4752 [407]. Da der Artikel diese Erfahrung im Einzelnen aufgriff, werden wir hier seinen Inhalt nicht wiederholen.
[2] Siehe die Artikel über diese Bewegungenhttps://fr.internationalism.org/node/4776 [408].
[3] „Kommunistische Revolution oder Zerstörung der Menschheit“, Manifest des 9. Internationalen Kongresses der IKS, 1991
[4] Cf. Revue internationale nos 103 [409] et 104 [409]. Internationale Revue Nr. 103, 104, , engl., franz., span. Ausgabe,
[5] Zur Debatte um dieses wesentliche Konzept der Dekadenz des Kapitalismus siehe u.a. Revue internationale no 146, "Pour les révolutionnaires, la Grande Dépression confirme l'obsolescence du capitalisme [410]".
[6] Revue internationale no 103, "A [409] l'aube [409] du [409] xxi [409]e [409] siècle, [409]pourquoi [409] le [409] prolétariat [409] n'a [409] pas [409] encore [409] renversé [409] le [409]capitalisme ? [409]" : „Die zweite Bedingung der proletarischen Revolution besteht in der Entfaltung einer offenen Krise der bürgerlichen Gesellschaft, womit offenbart wird, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch neue Produktionsverhältnisse ersetzt werden müssen.“
[7] Revue internationale no 104, "A [411] l'aube [411] du [411] xxi [411]e [411] siècle, [411]pourquoi [411] le [411] prolétariat [411] n'a [411] pas [411] encore [411] renversé [411] le [411]capitalisme ? II [411]".
[8] Weltrevolution Nr. 168: "Die Weltwirtschaftskrise: Ein mörderischer Sommer [412]"
[9] Cf. Revue internationale no 138, "Résolution [413] sur [413] la [413]situation [413] internationale [413]".
[10] "Da die Arbeiterklasse innerhalb des Kapitalismus über keine ökonomische Basis verfügt, besteht ihre eigentliche Stärke abgesehen von ihrer Zahl und ihrer Organisation in der Fähigkeit, sich über das Wesen, die Ziele und die Mittel ihres Kampfes bewusst zu werden“. Revue internationale no 103, ebenda,
[11] „Die Verstaatlichungen und eine Reihe von gesellschaftlichen Maßnahmen (wie eine größere Kontrolle des Staates im Gesundheitswesen) sind vollkommen kapitalistische Maßnahmen (...). Die Kapitalisten haben ein ureigenes Interesse daran, dass die Arbeiter in gutem gesundheitlichem Zustand sind. (...) Aber diese kapitalistischen Maßnahmen werden als ‘Errungenschaften der Arbeiter’ dargestellt.“ Revue internationale no 104, ebenda.
[12] Wir können hier nicht näher darauf eingehen, warum die Arbeiterklasse die revolutionäre Klasse der Gesellschaft ist und warum ihr Kampf die Zukunft für alle nicht-ausbeutenden Schichten darstellt, eine brennende Frage, wie wir später bei der Bewegung der Empörten sehen werden. Siehe dazu unsere Artikel in Internationale Revue Nr. 14 & 15 „Wer kann die Welt verändern“.
[13] Internationale Revue Nr. 13, "DER ZERFALL: LETZTE PHASE DER DEKADENZ DES KAPITALISMUS [414]"
[14] Siehe dazu die Artikel zur Analyse des Klassenkampfes in Internationale Revue.
[15] IKS Online 2006, "Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich im Frühling 2006" [415]
[16] Die herrschende Klasse versucht diese Ereignisse zu verheimlichen. Die nihilistischen Revolten in den Vorstädten im November 2005 in Frankreich sind viel bekannter, selbst im politisierten Milieu, als die bewusste Bewegung der Studenten fünf Monate später.
[17] Empörung bedeutet weder Resignation noch Hass. Gegen die unerträgliche Entwicklung des Kapitalismus spiegelt Resignation eine Passivität wider, eine Tendenz alles zu verwerfen, ohne zu wissen, wie man sich wehrt. Hass im Gegenzug bringt ein aktives Gefühl zum Ausdruck, denn die Ablehnung kann in Kampf umschlagen, aber es handelt sich um einen blinden Kampf, ohne Perspektiven und Reflektion, um eine Alterntive zu entwickeln, Hass ist rein zerstörerisch. Es fließen eine Reihe von individuellen Reaktionen zusammenfließen, abere nichts Kollektives kommt zustande. Die Empörung bringt die aktive Umwandung der Ablehnung zum Ausdruck, wobei man versucht bewusst zu kämpfen, eine Alternative zu entwickeln; sie ist also kollektiv und konstruktiv. „Die Empörung macht eine moralische Erneuerung nötig, einen kulturellen Wandel. Auch wenn manche Vorschläge ein wenig blauäugig oder seltsam erscheinen, sie spiegeln eine Begierde wider, die noch schüchtern und konfus zum Ausdruck kommt, „anders leben zu wollen". „Vom Tahrir-Platz zur Puerta del Sol“
[18] Cf. Revue internationale no 130, "Résolution [416] sur [416] la [416]situation [416] internationale [416]".
[19]Weltrevolution Nr. 168, "Proteste in Israel: „Mubarak, Assad, Netanjahu“ alle gleich [417]"
[20] ICC online, "Une [408] contribution [408] du [408] TPTG [408] sur [408] le [408]mouvement [408] des [408] 'Indignés' [408] en [408] Grèce [408]".
[21] Idem.
[22] "Révoltes sociales en Israël…", op.cit.
[23] "Une contribution du TPTG", op. cit.
[24] IKS Online 2006, "Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich im Frühling 2006" [415]
[25] Cf CCI-on line, “Qu [418]’ [418]y [418] a-t-il [418] derrière [418] la [418] campagne [418]contre [418] les [418] "violents" [418] autour [418] des [418] incidents [418] de [418] Barcelone ? [418]".
[27] "Une contribution du TPTG…", op. cit. Cf. aussi ICC on-line, "'L'apolitisme' [420] est [420] une [420] mystification [420] dangereuse [420]pour [420] la [420] classe [420] ouvrière [420]".
[28] Idem.
[29] Idem.
[30] Mot d’ordre de la Troisième Internationale.
[31] Revue internationale no 104, op. cit.
[32] IKS Online, 2011 "Die Krawalle in Großbritannien und die Sackgasse des Kapitalismus [421]"
[33] Die „Plaza de Cataluña“ wurde in „Plaza Tahrir“ umgetauft, was nicht nur einen internationalistischen Willen zum Ausdruck bringt, sondern auch ein Hohn für den katalonischen Nationalismus, der meint, der Platz sei sein größtes Prunkstück.
[34] Ein Demonstrant wurde in einem Interview mit dem Nachrichtensender RT gefragt, ob die Proteste von den Ereignissen in den arabischen Ländern inspiriert worden seien. Er antwortete: „Das, was auf dem Tahrir-Platz passierte, hat einen großen Einfluss. Das heißt, wenn Menschen begreifen, dass sie die Macht haben, dass sie sich selbst organisieren können, brauchen sie keine Regierung mehr, die ihnen erzählt, was sie tun sollen. Sie können nun ihrerseits der Regierung klar machen, was sie wollen.
[35] Idem.
[36] Idem.
[37] In dieser Bewegung „haben einige offen vor der Gefahr gewarnt, dass die Regierung militärische Zusammenstöße oder gar einen neuen Krieg auslösen könnte, um eine „nationale Einheit“ herzustellen oder die Bewegung zu spalten“ (ebenda). Dies stellt eine gewisse Distanzierung gegenüber dem israelischen Staat und seiner nationalen Einheit im Dienste der Kriegswirtschaft und des Krieges dar.
Leser und Leserinnen haben gewiss die Ereignisse rund um die Occupy-Wall-Street-Bewegung verfolgt. Seit Mitte September halten Tausende von Leuten den Zuccotti Park in Manhattan besetzt, der nur einige Häuserblocks von der Wall Street entfernt liegt. Der Protest hat sich nun auf Hunderte von Städten in Nordamerika ausgedehnt. Zehntausende haben an Besetzungen, Demonstrationen und Vollversammlungen teilgenommen, welche einen Grad der Selbstorganisierung und direkten Beteiligung an politischen Aktivitäten enthalten, wie man sie in den USA jahrzehntelang nicht mehr erlebt hat. Ausgebeutete und erzürnte Menschen haben ihre Stimme erhoben und ihre Empörung gegen die Krankheiten des Kapitalismus zum Ausdruck gebracht. Auch der internationale Einfluss der Occupy-Wall-Street-Bewegung ist groß: In den meisten großen Zentren des Kapitalismus haben Proteste stattgefunden, deren Aufrufe und deren geäußerte Frustration ein Echo auf diejenigen in Europa und Nordafrika gewesen sind.
Die Perspektive für diese Bewegung ist ungewiss. Während viele Protestierende die Besetzungen zäh aufrecht erhalten, zeichnet sich aber klar ab, dass die anfängliche spontane Energie im Rückfluss ist und Vollversammlungen mehr und mehr ein passives Gefäß für die „Arbeitsgruppen“ und „Komitees“ werden, von denen viele offensichtlich von professionellen Aktivisten und Linken dominiert werden. Die Situation bleibt offen, doch wir denken, dass sie einen Punkt erreicht hat, an dem wir einige Einschätzungen über deren Gehalt machen können, sowie auch einige Stärken und Schwächen beschreiben können.
Die IKS konnte an diesen Ereignissen in New York teilnehmen, wo unsere Genossen und Sympathisanten oft in Zuccotti Park anwesend waren, mit Besetzern sprechen konnten und auch an Vollversammlungen teilnahmen. Sympathisanten der IKS aus anderen Orten haben uns ihre Erfahrungen aus den Städten, in denen sie leben, zukommen lassen. Eine angeregte Diskussion hat sich auf dem Forum unserer englischsprachigen Website entfaltet. Dieser Artikel soll ein Beitrag zu dieser Debatte sein, und wir laden alle Leser und Leserinnen dazu ein, daran teilzunehmen.
Wie reagieren gegenüber den Angriffen des Kapitalismus? Die Suche nach dem Klassenterrain
Es ist wichtig zu sehen, dass die gegenwärtige Occupy-Bewegung aufgrund derselben Probleme entstand wie die andern massiven sozialen Revolten, die sich im Verlaufe des Jahres 2011 abspielten. Bei den Bewegungen in Tunesien und Ägypten, beim Auftauchen der Bewegung der Empörten in Spanien, den Besetzungen in Israel und den Mobilisierungen gegen die Sparprogramme und die Gewerkschaftsmanöver in Wisconsin und anderen US-Staaten, zeigt sich die Frustration und die Verzweiflung der Arbeiterklasse, vor allem der jungen Generation, die hart von der Arbeitslosigkeit betroffen ist.[1]
Es gibt eine direkte Kontinuität zwischen der Occupy-Wall-Street-Bewegung und der wachsenden Bereitschaft der Arbeiterklasse, sich auf internationaler Ebene gegen die Angriffe des Kapitalismus zu wehren. Occupy Wall Street ist keinesfalls eine bürgerliche Kampagne, um vom Klassenkampf abzulenken oder ihn auf falsche Wege zu bringen. Ganz im Gegenteil ist sie die jüngste einer Serie von Bewegungen (oft durch den Gebrauch des Internets und anderer sozialer Medien außerhalb der Gewerkschaften und offiziellen Parteien organisiert), mit denen die Arbeiterklasse versucht, auf die massiven Angriffe zu antworten, unter denen sie in der heutigen historischen Krise des Kapitalismus leidet. Diese Bewegung ist als Zeichen dafür zu begrüßen, dass die Arbeiterklasse in Nordamerika nicht geschlagen ist und nicht mehr bereit ist, die ganze Last der Krise auf ihren Schultern zu tragen. Wir müssen uns aber der verschiedenen Tendenzen in dieser Bewegung bewusst sein und der Tatsache, dass es Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Teilen gibt. Die vorherrschende Tendenz vertritt stark reformistische Ansichten, die proletarischeren Teile haben es schwer, die Frage des Klassenkampfes innerhalb der Bewegung einzubringen.
Die Verteidigung der Souveränität der Vollversammlungen
Der vermutlich positivste Aspekt der Occupy-Wall-Street-Bewegung ist das Auftauchen von Vollversammlungen als souveränem Organ der Bewegung. Gegenüber den Mobilisierungen in Wisconsin stellt dies einen Schritt nach vorne dar. Trotz der anfänglichen Spontaneität war der Protest in Wisconsin schnell vom Gewerkschaftsapparat und der Linken innerhalb der Demokratischen Partei übernommen worden[2]. Das Auftauchen von Vollversammlungen in der Bewegung ist eine Kontinuität zu den Bewegungen in Spanien, Frankreich und anderswo und steht als Symbol der Fähigkeit der Arbeiterklasse, ihre Kämpfe selber in die Hand zu nehmen und von anderen Erfahrungen auf der Welt zu lernen. Die internationale Ausbreitung von Vollversammlungen als Kampfform sticht als eindrücklichstes Zeichen der gegenwärtigen Phase des Klassenkampfes hervor. Die Vollversammlungen sind zuallererst ein Versuch der Arbeiterklasse, ihre Autonomie zu verteidigen, indem sie die ganze Bewegung in den Prozess des Fällens von Entscheidungen einbezieht und dabei die breitestmögliche Diskussion innerhalb der Klasse sucht.
Doch trotz der Bedeutung dieser Bewegung bleibt klar, dass die Vollversammlungen der Occupy Wall Street nicht von großen Störungen und Manipulationen professioneller Aktivisten und Linker verschont blieben, welche im Wesentlichen die verschiedenen Arbeitsgruppen und Komitees beherrschten, die an sich gegenüber der Vollversammlung Rechenschaft ablegen müssten. Diese Situation hat für die Bewegung zur Schwierigkeit geführt, eine offene Diskussion zu führen und verhinderte eine echte Öffnung der Diskussion über die Besetzungen hinaus, hinein in die gesamte Arbeiterklasse. Die Bewegung 15M in Spanien war auch mit diesen Problemen konfrontiert.[3]
Zu Beginn der Besetzungen wurde als Antwort auf den Versuch der Medien, die Ziele und Forderungen der Bewegung zu orten, ein Pressekomitee gegründet, mit dem Ziel eine OCCUPY WALL STREET-Zeitung zu veröffentlichen. Wir waren in der Vollversammlung anwesend, als die erste Ausgabe dieser Zeitung – welche aber vom Pressekomitee schon gedruckt und den Medien zugestellt worden war – zur Diskussion kam. Die überwiegende Stimmung in der Vollversammlung war eine Empörung darüber, dass eine Zeitung gedruckt und verteilt worden war, deren Inhalt nicht den gemeinsamen Standpunkt der Bewegung ausdrückte, sondern vielmehr eine bestimmte Meinung repräsentierte. Es wurde der Entscheid gefällt, die Person welche für diesen Druck und die Verteilung verantwortlich war, aus dem Pressekomitee auszuschließen. Dieser Schritt stellte die Souveränität der Vollversammlung über die Komitees und Arbeitsgruppen wieder her. Im Sinne einer embryonalen Form des „Rechts auf sofortige Abwahl“ wurde der verantwortlichen Person sofort dieses Mandat entzogen.
An einer Vollversammlung einige Wochen später - am Vorabend der vom Bürgermeister Bloomberg angedrohten Zwangsräumung an die Besetzer des Zuccotti-Parks – fanden wir eine ganz andere Atmosphäre vor. Unter der drohenden Räumung fand die Vollversammlung kaum mehr zu einer gehaltvollen Diskussion. Die Vollversammlung übernahm ohne Diskussion die Vorschläge der Arbeitsgruppen und Komitees. Die einzige in der Vollversammlung erlaubte Diskussion drehte sich um den Vorschlag des Bürgermeisters von Manhattan, die Aufführungen der Trommler auf zwei Stunden pro Tag zu limitieren. Diese Vollversammlung stellte sich nicht mehr die Frage nach der Perspektive der Bewegung. Sie stellte sich auch nicht die Frage, wie man eine Strategie und Taktiken zur Ausdehnung der Bewegung formulieren könnte, um deren Begrenztheit oder gar deren isolierten Untergang im Zuccotti Park zu verhindern.
In dieser Vollversammlung machte einer unserer Genossen den Vorschlag, dass die Besetzer nach vorne blicken sollten, sich aus dem Park hinaus begeben und die Verbindung mit den Werktätigen in der Stadt suchen sollten - wo sie mit Bestimmtheit auf große Sympathien stoßen würden. Dem Genossen wurde entgegengehalten, sein Beitrag sei nicht im Rahmen der Diskussion über die Limitierung des Trommelns und die Zeitbeschränkung für Redebeiträge (von den Moderatoren willkürlich auf eine Minute gesetzt) sei überschritten. Eine andere Teilnehmerin machte den Vorschlag, Delegationen zu bilden, die in verschiedenen Hochschulen und an Universitäten vor Studenten sprechen sollten. Ihr Vorschlag wurde mit Zwischenrufen von Leuten verworfen, die kein Bedürfnis an der Ausdehnung der Bewegung zeigten und meinten, wenn die Studenten die Bewegung unterstützen wollten, dann sollten sie in den Zuccotti Park kommen.
Wie können wir uns diese Entwicklung erklären, dass Arbeitsgruppen, Komitees und Moderatoren schrittweise die Kontrolle über die Bewegung erlangen konnten?
Die Gefahr der „Abneigung gegen die Politik“
Die Occupy-Wall-Street-Bewegung zeichnete sich von Beginn an durch einen gewissen „anti-politischen“ Geist aus, der Diskussionen dämpfte und die Polarisierung unterschiedlicher Ideen und die Entwicklung von Klassenforderungen behinderte. Dies machte es für Linke, politische Größen und Politiker aller Couleur möglich, im Namen der Bewegung zu sprechen, und es erlaubte den Medien, die Bewegung als so etwas wie eine „linke Tea Party“ darzustellen.[4]
Die fast militante Zurückweisung der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die Frage von Zielen und Forderungen aufzunehmen, was unserer Meinung nach eine generelle Zurückhaltung gegenüber der Fragestellung der Macht ausdrückt, ist für uns Revolutionäre etwas Schleierhaftes. Wie können wir dieses Phänomen verstehen, das auch in anderen Bewegungen präsent war? Was die Occupy-Wall-Street-Bewegung angeht, hat es in unseren Augen viel mit folgenden Faktoren zu tun.
Das noch existierende Gewicht der permanenten Kampagne der herrschenden Klasse über den „Tod des Kommunismus”
Auch wenn es stimmt, dass die Hauptkraft in dieser Bewegung die junge Generation von Lohnabhängigen darstellt und viele von ihnen nach dem Zusammenbruch des Stalinismus 1989 geboren wurden, existiert innerhalb der Arbeiterklasse weiterhin eine Angst, die Frage des Kommunismus aufzunehmen. Während Marx langsam als Kritiker des Kapitalismus rehabilitiert wird, gibt es weiterhin eine große Angst, mit einem System in Verbindung gebracht zu werden, von dem viele glauben, dass es „schon ausprobiert wurde und scheiterte“ und einer „wirklichen Demokratie“ komplett entgegengesetzt sei. Auch wenn an den Besetzungen viele Zitate von Marx über den unmenschlichen Kapitalismus zu sehen sind, so bleibt eine Konfusion darüber, womit der Kapitalismus ersetzt werden kann. Es ist sicher eine langfristige Perspektive die „Traumata der Vergangenheit“ zu überwinden, um damit Barrieren abzubrechen für die Suche nach dem wirklichen Inhalt des Kommunismus und eine Reflexion über eine zukünftige Gesellschaft zu führen.
Die Dominanz der jungen Generation
Diese Bewegung ist zu einem gewichtigen Teil von der jungen Generation Lohnabhängiger inspiriert. Aber auch ältere Lohnabhängige, die getroffen wurden von den massiven Entlassungen seit 2008 in den USA, sind in dieser Bewegung präsent. Soziologisch gesehen sind die treibenden Kräfte aber sicher Leute in Alter zwischen 20-30 Jahren. Meist sind sie gut ausgebildet, haben aber bisher in ihrem Leben nie einen sicheren Job gehabt. Sie sind meist voll konfrontiert mit der großen Langzeitarbeitslosigkeit, die in den USA heute herrscht. Nur wenige haben richtig lange Erfahrungen an Arbeitsplätzen gemacht, und daher ist ihre Identität nicht durch den Arbeitsplatz oder den Beruf geprägt. Während diese soziologischen Aspekte sie sehr offen macht für eine abstrakte Form der Solidarität, verfügen sie aber über wenig Erfahrung in Kämpfen zur Verteidigung der Arbeits- und Lebensbedingungen mittels spezifischer Forderungen und Ziele. Meist aus dem Produktionsprozess ausgeschlossen, bleibt ihnen vor allem ihre Würde als Menschen zu verteidigen. Die Notwendigkeit, spezifische Forderungen und Ziele aufzustellen, findet dabei nicht eine erste Priorität. In einer Welt, in der man keine wirkliche Zukunft sieht, ist es nicht erstaunlich, wenn die junge Generation Schwierigkeiten hat, wie sie den Kampf für eine andere Zukunft konkret gestalten soll. Dabei besteht aber die Gefahr, dass die Bewegung in die Falle des Zelebrierens der eigenen Besetzung laufen kann, wo die Besetzung an sich zu einer Gemeinschaft und oft einem Zuhause wird[5]. Ein anderer Aspekt der nicht ignoriert werden darf, ist das Gewicht des postmodernen politischen Diskurses, im besonderen bei denjenigen, die eine Universität absolviert haben, der ein großes Misstrauen oder gar eine Zurückweisung gegenüber der „traditionellen“ Klassenpolitik aufweist.
Wir sollten aber nicht allzu hohe Messlatten setzen. Nur schon die Existenz von Vollversammlungen ist ein großer Schritt nach vorne. Sie sind wunderbare Schulen, in denen die junge Generation ihre Erfahrungen sammeln kann und lernt, wie sie auch den linken Kräften des Kapitals entgegentreten muss. All das ist unabdingbar für zukünftige Kämpfe.
Die Eigenheiten der Situation in den USA
Die Occupy-Wall-Street-Bewegung blieb bisher hartnäckig im Rahmen der amerikanischen Politik und Geschichte gefangen. Es gibt leider nur sehr wenig Bezüge zur den internationalen Wurzeln der Krise oder zu anderen Bewegungen in anderen Ländern. Es gibt eine vorherrschende Auffassung innerhalb der Bewegung, dass die immensen Probleme, vor der die Welt heute steht, alle in der einen oder anderen Form mit dem unethischen Verhalten der Banker an der Wall Street erklärt werden können, welches von den politischen Parteien in den USA unterstützt und begünstigt wird. Die Deregulierung des Verhältnisses zwischen den Sparkassen und den Investmentbanken, die skrupellosen Leute welche eine Immobilienblase platzen lassen, der wachsende Einfluss der reichen Unternehmen auf den amerikanischen Staat, die immense Kluft zwischen dem reichsten Prozent der Bevölkerung und dem Rest, die Tatsache, dass die Wall Street auf Milliarden von Dollars an überschüssiger Liquidität sitzt, die sie nicht in die amerikanische Wirtschaft investieren will - all das bleiben die Hauptbeschwerden der Bewegung. Die Identifizierung des Hauptproblems im „unregulierten Finanzkapital“ hat Illusionen in einen „selbstlosen Charakter“ des US-Staates genährt.
Die anti-politische Ethik der Occupy-Wall-Street-Bewegung hat sie daran gehindert, einen Schritt weiter zu gehen und deshalb droht der Bewegung die Gefahr, in der Reproduzierung der Art der politischen Herrschaft zu münden, welche sie eigentlich zu Recht ablehnt. Dies sollte eine wichtige Lehre für zukünftige Bewegungen sein. Währen die Bewegung berechtigterweise all denen gegenüber skeptisch ist, die in ihrem Namen sprechen wollen, darf sich die Arbeiterklasse nicht vor offenen Diskussionen und der Konfrontation verschiedener Standpunkte scheuen. Der Prozess der Polarisierung, der Erarbeitung von konkreten Forderungen und Zielen – so schwer das manchmal auch ist – kann nicht umgangen werden, wenn die Bewegung vorwärtskommen will. Schlussendlich ist eine Bewegung, die dominiert wird von einem extremen Eklektizismus von Ideen wie: „alle Forderungen sind gleich wichtig“, dazu verurteil, dass nur die Forderungen vorangestellt werden, welche für die herrschende Klasse annehmbar sind. Das Ziel einer Regulierung des Kapitalismus, die Besteuerung der Reichen und die Befreiung des Wahlzirkus aus dem Würgegriff des Geldes, all das sind Ziele, die auch von vielen Teilen der herrschenden Klasse in den USA geteilt werden! Es ist kein Zufall wenn Obama sein Programm für neue Jobs mit Extrasteuern für Millionäre bezahlen will. Es besteht ein großes Risiko, dass die mächtigsten Fraktionen der herrschenden Klasse in den USA diese Bewegung für ihre internen Kämpfe missbrauchen, gerade um die rechtsstehenden Teile der herrschenden Klasse zu bekämpfen. Doch schlussendlich führt die totale Unfähigkeit der herrschenden Klasse, die tödliche Krise ihres Systems zu lösen, zum Ende all der Illusionen in den „American Dream“ und zu einem Albtraum des Daseins im Kapitalismus.
Die Arbeiterklasse kann der Menschheit eine Perspektive aufzeigen
Aufgrund all dieser Probleme und Schwächen müssen wir die wichtigsten Lehren erkennen, welche die Occupy-Wall-Street-Bewegung für die weitere Entwicklung des Klassenkampfes ergeben hat. Das Auftauchen von Vollversammlungen – vermutlich das erste Mal in den USA seit Jahrzehnten – ist ein großer Schritt vorwärts für die Arbeiterklasse, um ihren Kampf außerhalb der Fesseln der Gewerkschaften und der bürgerlichen Linken aufzunehmen. Doch wir müssen auch sehen, dass eine Bewegung, die auf sich zurückfällt, anstatt sich auf den Rest der Arbeiterklasse auszudehnen, dazu verdammt ist zu scheitern, und dass das Scheitern entweder aufgrund der Repression, der Demoralisierung oder allenfalls einer Einbindung in die Kampagnen der bürgerlichen Linken erfolgt. Heute sind wir an einem Punkt des Klassenkampfes, an dem die am wenigsten mit kollektiver Arbeit erfahrenen Teile der Klasse die kämpferischsten sind. Auf der anderen Seite sind die mit der größten Erfahrung in konkreten Verteidigungskämpfen ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen sehr desorientiert und wissen nicht, wie sie sich wehren sollen gegen die Angriffe des Kapitalismus. Viele sind einfach froh, einen Job zu haben und beugen sich dem Druck auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen.
In den USA hat die permanente Kampagne der Rechten gegen die Gewerkschaften den Effekt einer gewissen Aufwertung des Images der Gewerkschaften in den Augen der Arbeiter, und das hat die Arbeiterklasse verwirrt[6]. Auch wenn Teile der Arbeiterklasse unter dem Banner der Gewerkschaften an der Occupy-Wall-Street-Bewegung teilgenommen haben, so haben in der Realität die Gewerkschaften immer versucht, ihre Mitglieder von den Besetzern zu trennen. Es war klar, dass unter dem Banner der Gewerkschaften ihre Mitglieder nur kamen, um die Besetzer zu unterstützen, doch ja nicht, um daran teilzunehmen! Es ist ein Merkmal des Kampfes der Arbeiterklasse, die Lebens- und Arbeitsbedingungen dort zu verteidigen, wo die Gesellschaft sich reproduziert, und dass dort auch die Organe entstehen, welche die Gesellschaft in eine Gesellschaft der freien Produzenten verwandeln können – die Arbeiterräte. Die Arbeiterklasse kann in ihrem Kampf für die Verteidigung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen, die durch die Krise permanent verschlechtert werden, erkennen, dass der Kapitalismus keinerlei Perspektive anzubieten hat. Nur wenn die Menschheit zu einer Einheit findet, kann sie sich weiterentwickeln.
Wenn wir das sagen, spielen wir nicht die großen Schwierigkeiten herunter, welche die Arbeiterklasse hat, um das Klassenterrain zu finden und den Willen zu entwickeln, sich gegen die Angriffe zur Wehr zu setzten. Fürs Erste, so denken wir, bleibt die Occupy-Wall-Street-Bewegung auf dem rhetorischen Terrain der herrschenden Klasse haften - doch für die Zukunft zeigt sie einen Weg auf, wie die Arbeiterklasse ihre Kämpfe selber in die Hand nehmen kann.
19. Oktober 2011
Internationalism, Zeitung der Internationalen Kommunistischen Strömung IKS in den USA
[1] Siehe dazu die verschiedenen Artikel auf unserer Website zur Bewegung der „Empörten“.
[2] Im Gegensatz zu Wisconsin, wo für einen Moment die Perspektive eines Generalstreiks im Bundesstaat auftauchte, ist die Occupy-Wall-Street-Bewegung weniger eine „Massenmobilisierung“, sondern zeichnet sich eher durch einen harten Kern von Besetzern und solchen Leuten aus, die unregelmäßig daran teilnehmen.
[3] Siehe dazu unseren Artikel "Spanien: Bürgerbewegung Echte Demokratie jetzt! - staatliche Diktatur gegen Massenversammlungen [424]".
[4] Siehe Peter Beinhart, “Occupy Protests’ Seismic Effects [425]” als Beispiel dafür, wie sich bürgerliche Linke ausmalen, die Occupy-Wall-Street-Bewegung als Basisbewegung für die Präsidentschaft Obamas auszunutzen.
[5] Während der letzten Wochen haben die Medien über verschieden Fälle von jungen Leuten berichtet, die schlecht bezahlte Jobs gekündigt haben oder die Schule verließen, um an den Besetzungen teilzunehmen.
[6] Siehe dazu unseren Artikel über den Verizon-Streik
Wir haben folgende Information zur Repression in Kasachstan zugeschickt bekommen, die wir hiermit weiterverbreiten wollen.
Ob in China, wo der Staat seine Truppen gegen Protestierende schickt, ob in Syrien, wo das herrschende Regime tagtäglich massakriert, ob in den USA, wo die Regierung die Polizei gegen die "Occupyers" einsetzt, oder jetzt in Kasachstan - die Herrschaft des Kapitals kann immer mehr nur durch Repression und demokratische Fangarme aufrechterhalten werden.
Am Freitag schoss in der westkasachischen Stadt Zhanaozen die Polizei mit
scharfer Munition in eine friedliche Kundgebung von 3000 Ölarbeitern und
ihren UnterstützerInnen. Die Ölarbeiter streiken seit Mai für höhere
Löhne und bessere und sichere Arbeitsbedingungen, sie waren von Anfang an
mit heftiger Repression konfrontiert. So kam es zu Morden an Aktivisten und
an der Tochter eines Streikführers.
Bisher wurden mindestens 70 Menschen von der Polizei ermordet und mehrere
Hundert verletzt. Die Regierung hat Militärtruppen und
Sondereinsatzkräfte in die Region geschickt, und dafür extra
Spezialeinheiten aus Weißrussland angefordert. Die sozialen Netzwerke,
Teile des Handynetzes und youtube wurden abgeschaltet. Es wurde eine
weitgehende Informationsblockade verhängt, JournalistInnen werden nicht in
die Stadt gelassen. Gestern wurde der Ausnahmezustand mit Ausgangssperre
bis 5. Januar für die Stadt verhängt.
In Solidarität mit den angegriffenen Ölarbeitern haben Arbeiter der
anderen Ölkonzerne in der Region die Arbeit niedergelegt, so dass die
gesamte Ölproduktion der Region Mangistau derzeit stillsteht. Polizei,
Militär und Regierung setzten größtmögliche Repression ein,
mittlerweile auch im Regionalzentrum Aktau und der Ortschaft Shetpe, wo
ArbeiterInnen zur Verteidigung einen Zug angehalten und die Schienen
auseinandergenommen haben.
Internationale Solidarität ist dringend erforderlich! Beteiligt euch
an der Aktion am Dienstag in Berlin!
Stoppt das Morden in Kasachstan - Für einen sofortigen Abzug aller
Truppen aus Aktau und Zhanaozen!
Für eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse unter
demokratischer Kontrolle der ArbeiterInnen und ihrer Angehörigen!
Keinerlei weitere Repression gegen Streiks in Kasachstan und überall
Erfüllt die Forderungen der streikenden Ölarbeiter nach
vernünftiger Bezahlung und sicheren Arbeitsbedingungen!
(quelle: https://www.sozialismus.info/?sid=4586 [426] )
Es war klar, dass die Weltwirtschaft auf diese Schuldenmauer zurasen würde. Warum haben alle Regierungen auf der Welt, sowohl linke als rechte, extremlinke als extremrechte, „liberale“ als „staatsinterventionistisch orientierte“ die Kreditbedingungen immer mehr erleichtert, die Defizite immer mehr anwachsen lassen, alles unternommen, um den Schuldenberg der Staaten, der Firmen und Privathaushalte während der letzten 50 Jahre noch mehr ansteigen zu lassen? Die Antwort ist einfach: man hatte keine andere Wahl.
Die Weltwirtschaft scheint am Abgrund zu stehen. Die Gefahr einer großen Depression, die viel verheerender sein wird als die von 1929, rückt immer näher. Banken, Firmen, Kommunen, Regionen, gar Staaten werden heute in den Bankrott getrieben. Die Medien reden fast nur von der „Schuldenkrise“.
Die nachfolgende Grafik veranschaulicht die Entwicklung der weltweiten Verschuldung 1 seit 1960 bis heute. Diese Schulden werden in Prozent des globalen BIP ausgedrückt.
Aus dieser Grafik geht hervor, dass die Schuldenquote 1960 100% des BIP betrug. 2008 war diese um das zweieinhalbfache gestiegen (auf 250%). Mit anderen Worten die vollständige Rückzahlung der seit 1960 weltweit aufgehäuften Schulden entspräche der Gesamtheit aller Produkte, die innerhalb von eineinhalb Jahren auf der ganzen Welt produziert werden.
Dieser spektakuläre Trend der sogenannten „entwickelten“ Länder kann auch anhand der folgenden Grafik der öffentlichen Verschuldung der USA verdeutlicht werden.
In den letzten Jahren ist solch ein gewaltiger Schuldenberg öffentlicher Schulden entstanden, dass der Anstieg nahezu vertikal verlief. Die Ökonomen nennen dies die „Schuldenmauer“. Und der Kapitalismus ist jetzt mit voller Wucht auf diese Schuldenmauer geprallt.
Es war klar, dass die Weltwirtschaft auf diese Schuldenmauer zurasen würde. Warum haben alle Regierungen auf der Welt, sowohl linke als rechte, extremlinke als extremrechte, „liberale“ als „staatsinterventionistisch orientierte“ die Kreditbedingungen immer mehr erleichtert, die Defizite immer mehr anwachsen lassen, alles unternommen, um den Schuldenberg der Staaten, der Firmen und Privathaushalte während der letzten 50 Jahre noch mehr ansteigen zu lassen? Die Antwort ist einfach: man hatte keine andere Wahl. Wenn sie nicht so gehandelt hätten, hätte die schreckliche Rezession, in die wir reinrutschen, schon in den 1960er Jahren angefangen. In Wirklichkeit lebt, ja überlebt der Kapitalismus seit Jahrzehnten mit Hilfe von Krediten. Um die Wurzel dieses Phänomens zu begreifen, muss man auf das zurückkommen, was Marx als das große Geheimnis der modernen Gesellschaft bezeichnete, die Erstellung von Mehrwert. Wir müssen an dieser Stelle einige kurze theoretische Ausführungen machen.
Der Kapitalismus leidet von Anfang an an dieser angeborenen Krankheit. Er produziert ständig große Mengen eines Giftes, den sein Körper nicht eliminieren kann – Überproduktion. Er stellt mehr Waren her als sein Markt aufnehmen kann. Warum? Nehmen wir ein rein didaktisches Beispiel – ein Fließbandarbeiter oder ein Beschäftigter, der am PC arbeitet, verdient monatlich 800 Euro. Tatsächlich stellt er nicht Waren im Wert von 800 Euro her - die Summe des Lohns, den er erhält-, sondern er stellt Waren im Wert von 1600 Euro her. Er hat unbezahlte Arbeit (Mehrarbeit) geleistet, d.h. er hat einen Mehrwert geschaffen. Was fängt der Kapitalist mit den 800 Euro an, die er dem Beschäftigten gestohlen hat (vorausgesetzt es gelingt ihm, die hergestellten Waren zu verkaufen)? Einen Teil des Geldes verwendet er für seinen privaten Verbrauch, sagen wir 150 Euro. Die verbleibenden 650 Euro legt er als Kapital in seinen Betrieb an, meist in Form des Kaufs von neuen, moderneren Maschinen usw. Aber warum geht der Kapitalist so vor? Weil er wirtschaftlich dazu gezwungen ist. Der Kapitalismus ist ein auf Konkurrenz basierendes System. Jeder Kapitalist muss seine Waren billiger verkaufen als sein Konkurrent, der die gleichen Waren anbietet. Deshalb muss der Unternehmer nicht nur die Herstellungskosten senken, d.h. die Löhne, sondern auch einen wachsenden Teil der unbezahlten Arbeit dazu verwenden, um prioritär in noch leistungsfähigere Maschinen zu investieren, um seine Produktivität zu erhöhen. Wenn er dies unterlässt, kann er nicht modernisieren, und sein wachsamer, aktiver Konkurrent, der dies tut, kann dann schließlich billiger produzieren und den Markt für sich erobern.
Das kapitalistische System wird somit durch einen Widerspruch geprägt: indem die Arbeiter nicht die Gegenleistung für das erhalten, was sie tatsächlich hergestellt haben, entsteht im Kapitalismus mehr Wert als das, was der Kapitalist ‘verteilen’ kann. Niemals können die Kapitalisten und die Arbeiter zusammengenommen all die erzeugten Waren verbrauchen. Deshalb muss der Kapitalismus diesen Warenüberschuss außerhalb seiner Produktionssphäre auf Märkten, die noch nicht durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse erobert worden sind, absetzen. Diese werden außerkapitalistische Märkte genannt. Wenn dies nicht gelingt, kommt es zur Überproduktionskrise. Dies ist im Kern ein Teil der Schlussfolgerungen, zu denen Karl Marx in ‚Das Kapital‘ und Rosa Luxemburg in „Die Akkumulation des Kapitals“ gekommen waren. Um es noch prägnanter zu sagen, wollen wir die Theorie der Überproduktion in wenigen Punkten zusammenfassen.
· Das Kapital beutet seine Arbeiter aus (mit anderen Worten, ihre Löhne sind geringer als die wirklichen Warenwerte, welche sie hergestellt haben).
· So kann das Kapital seine Waren mit Profit zu einem Preis verkaufen, welcher sowohl die Löhne, den Mehrwert und die Kosten für die Produktionsmittel berücksichtigt. Aber die Frage lautet: an wen verkaufen die Kapitalisten die Waren?
· Natürlich kaufen die Arbeiter diese Waren… im Umfang der ihnen gezahlten Löhne. Somit bleibt also ein Teil übrig, der noch verkauft werden muss und der dem Teil entspricht, der den Arbeitern nicht gezahlt wurde. Denn nur dieser Teil – der Mehrwert – hat die magische Macht für das Kapital Profit zu erwirtschaften.
· Die Kapitalisten konsumieren natürlich ebenfalls… und sie leben meistens ganz üppig. Aber sie alleine können nicht all die Waren kaufen, die durch die Mehrarbeit erzeugt worden sind. Das Kapital kann keinen Profit erzielen, indem es die Waren sich selbst verkauft. Das hieße, man würde nur Geld aus der linken Tasche nehmen, um es dann in die rechte Tasche zu stecken. Dadurch könnte sich niemand bereichern, die Armen wissen das…
· Um zu akkumulieren, sich zu entfalten, muss das Kapital also andere Abnehmer finden als die Arbeiter und Kapitalisten. Mit anderen Worten, es muss unbedingt Abnehmer außerhalb seines Systems finden, sonst bleibt es auf einem unverkäuflichen Warenberg sitzen, der den Markt überschwemmt. Dann kommt es zur „Überproduktionskrise“.
Dieser „interne Widerspruch“ (die natürliche Tendenz zur Überproduktion und der Zwang, immerfort äußere Märkte zu finden) ist bis heute eine der Wurzeln der unglaublichen Dynamik dieses Systems seit seiner Entstehung. Seit dem Aufkommen des Kapitalismus im 16. Jahrhundert musste der Kapitalismus mit all den umliegenden Wirtschaftsbereichen Handel treiben: mit den alten herrschenden Klassen, den Bauern und den Handwerkern der ganzen Welt. Im 18. Und 19. Jahrhundert traten die größten kapitalistischen Mächte in einen Wettlauf zur Eroberung der Welt ein; sie teilten Schritt für Schritt den Planeten in Kolonien auf, welche sie sich unter den Nagel rissen und errichteten dabei wahre Reiche. Von Zeit zu Zeit beanspruchten zwei Mächte dasselbe Territorium. Der Schwächere musste nachgeben und sich nach einem anderen Flecken auf der Erde umsehen, wo er die Einheimischen dazu zwingen konnte, seine Waren zu kaufen. So wurden die Naturalwirtschaften umgewälzt und Schritt für Schritt in den Kapitalismus hineingepresst. Nicht nur gelang es den Kolonien immer weniger, all die in Europa und den USA hergestellten Waren aufzunehmen, sondern auch dort entstand eine Überproduktion.
Diese Dynamik des Kapitals im 18. Und 19. Jahrhundert, der Wechsel zwischen Überproduktionskrise und langen Phasen des Wohlstands und der Ausdehnung, sowie der unaufhaltsame Abstieg des Kapitalismus wurden von Marx und Engels sehr einleuchtend beschrieben:
· „In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zu viel Zivilisation, zu viel Lebensmittel, zu viel Industrie, zu viel Handel besitzt.“ (Manifest der Kommunistischen Partei, Bourgeois und Proletarier, 1848, MEW, 4, S. 468).
· Weil der Kapitalismus noch in seiner Ausdehnungsphase begriffen war und damals noch neue Märkte erobern konnte, folgte jeder Krise eine neue Phase des Aufschwungs. “Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen (…) Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde“ (Manifest, ebenda, S. 465)
· Aber damals schon erkannten Marx und Engels hinter den zyklischen Krisen etwas, das mehr war als nur ein ewiger Zyklus, welcher immer mehr Wohlstand erzeugen würde. Sie sahen darin vielmehr den Ausdruck der tiefgreifenden Widersprüche, welche den Kapitalismus untergraben. Durch die Eroberung neuer Märkte, bereitete die Bourgeoisie „allseitigere und gewaltigere Krisen [vor] und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, verminderte [sie]“ (Manifest, ebenda, S. 468). Oder: Die Krisen „werden häufiger und heftiger schon deswegen, weil in demselben Maß, worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausdehnten Märkten wächst, der Weltmarkt sich immer mehr zusammenzieht, immer weniger Märkte zur Exploitation übrigbleiben…“(Lohnarbeit und Kapital, 1849, MEW 6, S. 423).
Dabei ist unser Planet nur eine kleine runde Kugel
Anfang des 20. Jahrhunderts waren alle Gebiete erobert, die großen historischen Nationen des Kapitalismus hatten sich den Erdball aufgeteilt. Seitdem können sie keine neuen Gebiete mehr erobern, sondern diese den Konkurrenten nur gewaltsam entreißen. Jetzt steht nicht mehr der Wettlauf nach Kolonien in Afrika, Asien oder Südamerika auf dem Programm, sondern ein unerbittlicher Krieg zur Verteidigung ihres jeweiligen Macht- und Einflussbereiches. So muss man versuchen, den imperialistischen Konkurrenten gewaltsam Gebiete zu entreißen. Für die kapitalistischen Nationen geht es um eine echte Überlebensfrage. Deshalb war es kein Zufall, dass Deutschland, welches im Besitz von sehr wenigen Kolonien und abhängig vom guten Willen des Britischen Empires war (eine für die deutsche Bourgeoisie unhaltbare Lage), um Handel treiben zu können, 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste. Deutschland sollte aufgrund seiner Zwangslage die aggressivste Rolle spielen, welche Hitler später bei der Vorbereitung des 2. Weltkriegs folgendermaßen zusammenfasste: „Exportieren oder sterben“. Nach vier Jahrhunderten seiner Ausdehnung wurde der Kapitalismus zu einem dekadenten System. Der Schrecken der beiden Weltkriege und die Große Depression der 1930er Jahre stellten den unwiderlegbaren dramatischen Beweis dafür dar. Und dennoch: auch nachdem in den 1950er Jahren die bis dahin noch vorhandenen außerkapitalistischen Märkte ausgeschöpft wurden, ist der Kapitalismus noch nicht in eine tödliche Überproduktionskrise hineingerutscht.
Nach mehr als hundert Jahren langsamer Agonie lebt dieses System immer noch; es taumelt, befindet sich in einem miserablen Zustand, aber es besteht immer noch. Wie hat das System überlebt? Warum ist sein Körper noch nicht vollständig durch das Gift der Überproduktion gelähmt? Die Antwort: man griff auf das Mittel der Verschuldung zurück. Die Weltwirtschaft konnte einen spektakulären Krach vermeiden, indem sie immer massiver auf Verschuldung setzte. So konnte letztendlich ein künstlicher Markt geschaffen werden. Die letzten 40 Jahre lassen sich als eine Abfolge von Rezessionen und Wiederankurbelungen mit Hilfe von Kreditspritzen bezeichnen. Damit hat man nicht nur den Konsum der Privathaushalte mit staatlicher Hilfe anzukurbeln versucht… Nein, die Staaten selbst haben sich verschuldet, um die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gegenüber den rivalisierenden Nationen künstlich aufrechtzuerhalten (indem in Infrastrukturprojekte investiert wurde, den Banken zu Niedrigstzinsen Geld zur Verfügung gestellt wurde, welches diese wiederum Unternehmen und Haushalten verliehen…). Die Kredithähne wurden überall weit geöffnet; das Geld floss und Schritt für Schritt waren alle Bereiche der Wirtschaft überschuldet. Jeden Tag mussten neue Schulden aufgenommen werden, um die Zinsen für die alten Schulden zu zahlen. Dieser Mechanismus führte zwangsweise in eine Sackgasse. Der Kapitalismus steckt heute weltweit am tiefsten Punkt dieser Sackgasse; ja er steht mit der Nase vor der Schuldenwand.
Um bei einem Bild zu bleiben, die Verschuldung stellt für den Kapitalismus das dar, was Morphin für den Todgeweihten ist. Durch den Einsatz von Morphin lindert der Kranke vorübergehend seine Krisen, er beruhigt sich und kann besänftigt werden. Aber jeden Tag nimmt die Abhängigkeit zu, immer höhere Dosen werden eingesetzt. Das Mittel, das anfangs eine lindernde Wirkung erzielte, wird selbst schädlich – um schlussendlich als Überdosis zu wirken.
Der weltweite Schuldenberg ist ein Symptom des historischen Niedergangs des Kapitalismus. Die Weltwirtschaft hängt seit den 1960er Jahren am Topf der Kredite, aber die Schulden stecken überall im Körper; sie dringen in jedes Körperteil vor und ergreifen Besitz von ihm. Mehr und mehr Banken, Firmen, Kommunen, Staaten sind und werden zahlungsunfähig und können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen und keine Zinszahlungen mehr leisten.
Im Sommer 2007 wurde ein neues Kapitel in der Geschichte des Niedergangs des Kapitalismus eröffnet, der 1914 mit dem Ersten Weltkrieg anfing. Die Fähigkeit der Herrschenden, den Krisenrhythmus durch den immer massiver werdenden Einsatz der Kredite zu bremsen, ist immer mehr dahingeschwunden und versagt nunmehr. Jetzt wird es immer mehr Erschütterungen geben, ohne ‚Verschnaufpause’ zwischendurch und ohne Ankurbelungsphasen der Wirtschaft. Die Herrschenden werden unfähig sein, eine wirkliche und dauerhafte Lösung der Krise zu finden, nicht weil sie plötzlich unfähig geworden wären, sondern ganz einfach weil sich das Problem nicht lösen lässt. Die Krise des Kapitalismus kann durch den Kapitalismus nicht gelöst werden. Denn wie wir versucht haben aufzuzeigen, das Problem besteht im Kapitalismus selbst, in dem System als ganzem. Das ganze System ist bankrott. Pawel, 26.11.2011
1 Es handelt sich um die weltweite Gesamtverschuldung, d.h. die Schulden der Haushalte, Firmen
und Staaten aller Länder.
„Die Schicht der Zivilisation ist dünn wie eine Haut.“ (Sigmund Freud)
Es beginnt mit einer gewöhnlichen Szene – kommentarlos betrachtet der Zuschauer Jugendliche in einem Park. Die Szene endet, als ein Jugendlicher einen anderen mit einem Stock schlägt und verletzt. Von nun an spielt der Film „Der Gott des Gemetzels“ (2011) von Roman Polanski gemäß des klassischen griechischen Theaters an einem Ort, in einer Zeit und dreht sich umeine Handlung. Dies verstärkt den Eindruck, dass der Zuschauer einen typischen, alltäglichen Ausschnitt aus dem „echten“ Leben präsentiert bekommt. Nancy und Alan Cowan (Kate Winslet und Christoph Waltz), die Eltern des „Täters“, sind zu Gast bei Penelope und Michael Longstreet (Jodie Foster, John C. Reilly), den Eltern des „Opfers“.
Man hat sich versammelt, um – wie Penelope es mehrmals betont – gewaltlos, zivilisiert und vernünftig wie Erwachsene den Vorfall zu klären. Der Umgang miteinander ist zwar höflich, es werden mehrmals die entsprechenden Entschuldigungen und Äußerungen des Bedauerns ausgetauscht, aber die Atmosphäre ist verkrampft und angespannt. Klar ist: diese Paare sind nicht auf einer Wellenlänge, würden freiwillig nie etwas miteinander zu tun haben. Man ist sich fremd. Die Cowans wollen so rasch wie möglich aufbrechen, aber erste aufbrechende Spannungen führen sie wieder zurück in die Wohnung der Longstreets. Letztere sehen sich als die typischen Gutmenschen. Sie glauben daran, dass der moderne Mensch der höchste Ausdruck der Zivilisation sei. Sie selbst an der Spitze. Man ist ein bisschen öko, ist besorgt um die Verletzung der Menschenrechte und die Gewalt auf der Welt, die man „daheim“ in der „zivilisierten 1.Welt“ bereits hinter sich gelassen habe. Auch die Cowans sind anfangs darum bemüht, Anstand, Verständnis und Bedauern zu zeigen, schließlich ist dieser gewalttätige Ausrutscher ihrem Sohn passiert. Außerdem wollen sie dieser unangenehmen Lage so rasch wie möglich entkommen.
Die mit Mühe und Not gespielte Vernunft und Einsicht der Ehepaare kippt nur allzu schnell. Auf herrliche und komische Weise geraten die Ehepaare aneinander. Ehe man sich versieht, geht man sich verbal an die Gurgel und lebt mit Freude seine Aggressionen nicht nur gegen das andere Ehepaar, sondern vor allem gegenüber dem eigenen Ehepartner aus. Schon bald kreisen die Dialoge nicht mehr um die Söhne und die Gewalttat. Die vier Erwachsenen halten sich gegenseitig schonungslos den Spiegel vor, reißen mit Lust die mühsam aufgebaute Fassade der Anderen ein. In diesem verbalen Gefecht werden mehrmals die Seiten gewechselt, Zweckbündnisse eingegangen, aber stets mit einem einzigen Ziel: die Zerstörung des Selbstbildes des Anderen. Die unterdrückte Unzufriedenheit mit sich, seinem Leben und dem Angekettet-Sein an seinem Ehepartner bricht heraus. Dieser Wandel wird von den Schauspielern vorzüglich dargestellt. Aus den gepflegten, gestylten und strengen Gesichtern werden verzerrte Monster: hysterisches Lachen, hervortretende Adern und rot angelaufene, vor Wut schäumende Gesichter. Alan bringt es auf dem Höhepunkt des Konflikts auf den Punkt: „Ich glaube an den Gott des Gemetzels“. Jetzt, wo dies offen ausgesprochen ist, werden auch die letzten Hemmnisse fallengelassen: Offen verabschiedet man sich von jeglicher Moral und Ethik. Jeder kann und soll nur sich vertrauen. So unvermittelt der Zuschauer in diese Situation hineingestoßen wurde, so unvermittelt wird der Zuschauer wieder ausgeschlossen. Am Ende sitzen die vier ach so zivilisierten Erwachsenen um den Wohnzimmertisch, stumm und erschöpft vor den Trümmern ihres Lebens. Die Katharsis (Reinigung/Klärung) des klassischen Theaters bleibt uns verwehrt. Ohne weitere Erläuterung sieht man im Epilog erneut den Park mit den Jugendlichen. Man sieht die beiden Söhne, wie sie miteinander sprechen und sich wieder gut verstehen.
Der Film ist großes Kino, genauer gesagt großes Theater, da der Film auf Yasmina Rizas erfolgreichem Theaterstück „Le dieu du carnage“ basiert. DER TAGESSPIEGEL sieht neben dem Film „Der Gott des Gemetzels“ eine allgemeinere Tendenz zu solchen Themen: „2011 ist das Jahr, in dem die Kunst und das Kino, die Literatur und das Theater die Räume eng machten. Eine Saison voller Kammerspiele und Nabelschauen. Die Welt steckt derart in der Krise, dass einem bang werden kann. Da bleibt man zu Hause, kapselt sich ab, duckt sich weg.“ (Tagesspiegel, 1.1.2012)
„Der Gott des Gemetzels“ liefert uns mittels Introspektion in der Tat einen Mikrokosmos unserer heutigen kapitalistischen Welt und offenbart uns so einige fundamentale Widersprüche dieses Systems. So urteilt der TAGESSPIEGEL: „Es ist was faul im Staate, und die schönen Künste gehen zurück zu den Wurzeln, leisten weniger politisch-strukturelle als psychologische Ursachenforschung.“ (ebd.) Denn wer ist der Gott des Gemetzels, dem anfangs nur Alan, schließlich aber alle im Film folgen? Der Gott ist das Geld, der Profit, dem im Kapitalismus alles andere untergeordnet wird. Menschlichkeit und Gerechtigkeit wird nur da gewährt, wo man es sich leisten kann. Sie sind aber nicht fundamentale Prinzipien des Kapitalismus, sondern nur schmückendes (und ersetzbares) ideologisches Beiwerk. Die heutige Produktionsweise ist nicht den menschlichen Bedürfnissen, sondern allein dem Profit untergeordnet. Dies wird exemplarisch an Alan deutlich. Er führt bei den Longstreets alle fünf Minuten Telefonate mit seinem Büro. Er ist Anwalt für eine Arzneifirma. Es sind Gerüchte im Umlauf, dass ein Medikament gesundheitsgefährdend ist. Er erfährt indessen, dass der Firma die erheblichen Nebenwirkungen des Medikaments seit zwei Jahren bekannt waren, es aber weiter verkauft hat. Dann ist seine Strategie für die Firma klar und er schreit ins Handy: Leugnen, leugnen. Das Überleben des Produktes muss in jedem Fall gewährleistet werden. Daran hängt das Überleben der Firma und letztlich auch sein Arbeitsplatz; auch wenn die Gesundheit unzähliger Menschen wissentlich zerstört wird. So herrscht das Tote über das Lebendige. Pikant wird die Situation, als sich herausstellt, dass die Mutter von Michael eben dieses Medikament einnimmt. Nun bekommen die abstrakt wahrgenommenen und dem Profit geopferten Menschen ein konkretes Antlitz. Alan sieht sich gezwungen, Michaels Mutter zu empfehlen zumindest vorübergehend das „völlig unbedenkliche“ Medikament abzusetzen. Welch eine Doppelmoral! Einerseits predigen uns die Herrschenden, wir lebten in einer Gesellschaft der Gerechtigkeit, Freiheit und Brüderlichkeit, geleitet vom obersten Prinzip – dem Gott der Vernunft. Tatsächlich aber ist der Kapitalismus ein unmenschliches und brutales, weil unpersönliches Ausbeutungsverhältnis. Der Profit geht über alles. Ist die Gesellschaft therapierbar bzw. revolutionierbar? In dem Mikrokosmos, den Polanski uns vorführt, bleibt die Frage offen. Auf der Ebene der gesamten Gesellschaft, sprich: des Makrokosmos‘, sagen die Marxisten: Das Potenzial ist da.
Einst äußerte Karl Marx die These, dass die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert haben; es komme aber drauf an, sie zu verändern. Der Marxismus ist eine wissenschaftliche Methode, mittels derer man die Welt besser verstehen kann. In der Wissenschaft sucht man nach allgemeinen Tendenzen und Prinzipien, nach einer abstrakten Einheit der Welt. Mit der Kunst ist es nun gerade andersherum. Sie betrachtet das Spezielle, ist subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit, und doch ist die Kunst ein zentraler Bestandteil des menschlichen Seins, denn, wie Rosa Luxemburg es beschrieb, ist neben der Sprache die Kunst ein Eckpfeiler menschlicher Existenz, ist „…nichts anderes als Verkehrsmittel, Verständigungsmittel zwischen den Mitgliedern derselben menschlichen Gesellschaft.” (Rosa Luxemburg: Die Menge tut es). Auch Engels erkannte die Bedeutung der Kunst, als er 1888 an Harkness schrieb, dass er durch die Romane Balzacs das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft weitaus besser verstanden habe als durch die anerkannten Historiker oder Ökonomen seiner Zeit. Somit ergänzt die Kunst die Wissenschaft im menschlichen Anliegen des Begreifens.
In diesem Sinne ist der Film „Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski gleich mehrfach sehr sehenswert: Der Film ist sehr unterhaltsam, weil wir uns in ihm wiederfinden, denn wir begreifen, dass wir alle unvollkommen sind, sowohl fähig zur Liebe als auch zur Aggression. Der Film ist komisch, denn wir lachen nicht nur über die Longstreets und Cowans, sondern auch über uns selbst. Zudem ist der Film lehrreich, denn er hält uns den Spiegel vor und zeigt uns, wie dünn einerseits die Schicht unserer Zivilisation ist, andererseits aber auch, wie notwendig echte Menschlichkeit und Solidarität sind, wenn wir nicht dem Gott des Gemetzels, sprich: dem Kapitalismus zum Opfer fallen möchten.
Lee 1.1.2012
* vernünftiger und friedlicher Mensch
Die extreme Zuspitzung der Weltwirtschaftskrise, die besondere Zerbrechlichkeit Italiens und der Druck der internationalen Bourgeoisie haben über den Widerstand Berlusconis gesiegt: Er und seine Regierung wurden abgesetzt.
Dieser Übergang, der anfänglich in gewissen sozialen Schichten große Euphorie auslöste (z.B. die Feiern vor dem Parlament am Tage der Absetzung), hat aber jetzt schon gezeigt, dass jenseits des Komödianten Berlusconi, den niemand vermissen wird, alles beim Alten bleibt. Vom Gesichtspunkt der Lebensbedingungen bleibt nicht nur alles kalter Kaffee, vielmehr ist die Regierung Montis imstande, darüber hinaus zu gehen und die Renten, diese jahrelang erfolgreich verteidigte Sphäre, anzugreifen. Gerade weil Monti kein Vertreter irgendeiner Partei ist und weil er nicht vom "Volk" gewählt und dazu berufen wurde "Italien zu retten", kann er es sich leisten, diese sehr unpopulären Maßnahmen zu ergreifen, welche in Italien seit Wochen von statten gehen1 und (fast) keiner erhebt die Stimme.2 Man hat immer mehr den Eindruck, dass das alles nichts hilft. In den letzten Jahrzehnten, und ganz besonders in den letzten Jahren, zeigt sich, dass das kapitalistische System nicht mehr in der Lage ist, den jungen Generationen irgendeine Zukunft zu bieten. Deshalb ist es klar, dass es nicht mehr um eine einzelne Lohnerhöhung, einen Jahresvertrag, eine Arbeitslosenentschädigung geht, sondern dass man sich den Blickwinkel einer neuen Gesellschaft aneignen muss und dies nur auf globaler und vereinter Grundlage zu erreichen ist.
Aber es ist schwierig, dieses Bewusstsein zu entwickeln. Es ist klar: das Proletariat muss noch sein Selbstbewusstsein wiederfinden, sich wieder als Klasse erkennen; es muss die eigene Geschichte an die Geschichte der vorangegangenen Generationen knüpfen.
Ein wichtiges Element, das als Bremse agiert, sind die Gewerkschaften und ihr Denken. Was bedeutet eigentlich "gewerkschaftlicher Kampf"? Es bedeutet vor allem, den eigenen Kampf an ein Team von Experten zu delegieren, welche sich der Aufgabe übernehmen, die Verhandlungen weiter zu führen. Wenn eine gewerkschaftliche Delegation mit den Arbeitgebern verhandelt, bleibt den Beschäftigten nicht anderes als das Verhandlungsergebnis abzuwarten und zu hoffen, dass das Bestmöglichen herauskommt. Wenn die Gewerkschaft (gehen wir mal davon aus) eine gute Arbeit macht, entreißt sie der Klasse die Initiative, das Potential ihrer Kämpfe voranzutreiben. Aber was bedeutet heute "kämpfen"? Ist es möglich, etwas zu erreichen, wenn man zu 100, 500 oder gar 10.000 eingeschlossen in der Fabrik verharrt? Oder wäre es nicht viel effektiver, die Kämpfe auszuweiten und die Fabrik als Stützpunkt zu benützen für die Suche nach KampfgenossInnen in anderen Fabriken, Branchen oder gar bei den Arbeitslosen, die die Notwendigkeit der Solidarisierung mit den Kämpfen sehen und sich in ihren Zielen erkennen. Das Ausmaß der allgemeinen und massiven Angriffe erlaubt es uns nicht mehr, in einzelnen Kämpfen verzettelt Widerstand zu leisten, indem man isoliert voneinander in den einzelnen Fabriken, Städten, Ländern kämpft. Deshalb treibt uns die gewerkschaftliche Logik in die Niederlage, weil sie nur die lokale, branchenbezogene Karte spielen kann. Sie geht nicht von einer Einheit der Arbeiter aus, die nicht die Summe der einzelnen Kämpfe ist, sondern das Subjekt an und für sich, das für eine andere Zukunft kämpft.
Wenn wir einen Blick auf die Karte der Kämpfe in Italien werfen, ist es verblüffend zu sehen, wieviele Kämpfe gleichzeitig stattfinden. Andererseits kann man leicht erkennen, welcher Funken alles explodieren ließe. Das Problem ist, welche Art von Kämpfen müssen sich entwickeln? Irgendwie herrscht noch Zögern vor; dies bringt die Klasse dazu, die eigene Initiative aus den Händen zu geben und die eigene Sache in die Hände der gewerkschaftlichen Vertreter zu legen. Nicht nur in die Hände der großen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL, welche seit Jahren eine Politik des „verantwortlichen Handelns“ betrieben haben, wodurch die Manöver gegen die Arbeiter unterstützt werden. Ihre Beliebtheit hat stark abgenommen.3 Aber es gibt auch diejenigen, die sich die Hände nicht schmutzig gemacht haben, indem sie die verschiedenen Abkommen mit den verschiedenen Regierungen unterschrieben hätten, die sogenannten Basisgewerkschaften, die sagen, dass sie für eine wirkliche Verteidigung der Arbeiterinteressen kämpfen. Es gibt aber auch die FIOM, welche eine größere Kampfbereitschaft innerhalb der CGIL gezeigt hat. Man sieht, dass dann, wenn der Kampf sich zuspitzt, nur die FIOM anwesend ist. Auch wenn es eine Gewerkschaft einer bestimmten Branche ist, namentlich der Metallarbeiter, spielt sie die Rolle des Jokers auch in anderen Branchen, wie bei den Arbeitslosen, den StudentInnen, den COBAS4, CUB5 und anderen.
Wir möchten genauer erklären, was wir meinen, wenn wir von der Logik der Gewerkschaften reden. In der heutigen historischen Phase sind die Gewerkschaften nicht in der Lage, den Bedürfnissen der ProletarierInnen gerecht zu werden. Sehen wir einmal genauer hin, was in den Fabriken und an den anderen Arbeitsplätzen passiert. In den letzten Monaten hat sich der Kampf bei Esselunga in Pioltello als symbolträchtiger Ort gezeigt.
Seit Monaten sind in Pioltello/Mailand bei der Genossenschaft SAFRA, einer Tochtergesellschaft der Esselunga, die 300 Beschäftigten in Aufruhr. Seit Anfang Oktober 20116 haben sich die Streiks verschärft. Die Arbeiter, die von den COBAS unterstützt werden, haben eine ständige Streikführung am Eingang des Geländes eingerichtet. Einerseits um einen Treffpunkt für die ArbeiterInnen wie auch für die Externen zu bilden. Aber andererseits auch, um die Ein- und Ausfahrt der Lastwagen zu blockieren. In diesem Fall ist die Maßnahme der Blockade ein sehr wichtiges Mittel für den Streik. Denn es bedeutet, die Einnahmequelle des Unternehmens zu treffen. Die Antwort der Arbeitgeber war außerordentlich hart.7
Die Polizei war dauernd vor dem Gelände und intervenierte wiederholt. Es wurden auch 15 Kündigungen gegen die kämpferischsten ArbeiterInnen ausgesprochen. Und über einen Zeitraum von drei Jahren wurden die ArbeiterInnen von COOP, die bei den COBAS eingeschrieben waren, mit einer Reihe von Anklagen konfrontiert; diese gehen von „Widerstand“ bis „Körperverletzung“ wegen der Mobilisierung der ArbeiterInnen in Origgio, welche den Anfang der Kämpfe bei COOP gebildet hatte.8
Das Szenario ist in Hunderten von Betrieben dasselbe, es ändern sich nur die Firma und der Ort. Wir wollen hier nur einige der wichtigsten und aktuellsten Kämpfe in Erinnerung rufen:
- Bei der Keramikfabrik „Ricchetti di Mordano/Bologna“, da stehen 62 Arbeitsplätze auf der Kippe.9
- Bei dem Transportunternehmen „CEVA di Cortemaggiore/Piacenza“, in welchem die Beschäftigten sich über außerordentlich krasse Vertragsverletzungen beklagen. „Der 13. und 14. Monatslohn wird auf dem Lohnzettel als bezahlt ausgewiesen. In Wirklichkeit wurden uns diese Löhne nicht ausbezahlt.“ „Wir verlangen nur, dass die Verträge eingehalten werden, welche mit unserer Gewerkschaft ausgehandelt wurden.“
- Bei den Transportkooperativen von Bergamo, wo 150 ArbeiterInnen streiken, die meisten von ihnen sind Immigranten.
- Bei der „Elnagh di Trivolzio, Pavia“, ein Betrieb der Wohnwagen produziert. Dort wird mit der Schließung gedroht, was die Entlassung von 130 ArbeiterInnen bedeuten würde.
- Bei der „ex-ILA di Porto Vesme, Carbonia Iglesias“ wurden am 31. Dezember die abfedernden Sozialleistungen eingestellt.
- Bei den „Italienischen Staatsbahn (FS)“ sind insgesamt 800 ArbeiterInnen, die als Techniker, Zugbegleiter oder Reinigungspersonal beschäftigt waren, Anfang Dezember 2011 entlassen worden. Das hat zur Besetzung eines der Bahnhofsteile des Mailänder Hauptbahnhofs geführt.
- Bei der „Iribus di Valle Ufita, Avellino“ wird die Busproduktion eingestellt; 600 ArbeiterInnen sollen entlassen werden.
Man könnte die Liste noch auf einige Fiat-Werke, die Jabil, die ex-Siemens Nokia Werke, Spitäler sowie Schiffswerften ausweiten und über Fabrikbesetzungen von Arbeiterinnen (Tacconi) in Latina berichten.
Wichtig ist festzustellen, was für ein unglaubliches Potential es gibt und dass sehr viele Kämpfe stattfinden, die immer mit sehr rührendem Engagement und Hingabe geführt werden. Es gibt einige Zehntausend ArbeiterInnen, deren Kämpfe an Intensität und Schärfe stark zugenommen haben. Leider drücken sie bisher ihren Kampfgeist nur im Rahmen ihres eigenen Arbeitsplatzes aus. Bei all den erwähnten Kämpfen ragen einige Merkmale heraus:
- Es gibt Streikposten, welche die Aktivitäten der Fabriken blockieren und auch verhindern, dass Streikbrecher eingesetzt werden;
- Fabriken werden bewacht, so dass es im Falle einer Schließung zu einer Besetzung kommt, damit die Maschinen nicht hinausgeschafft werden (wie im Falle der „Elnagh di Trivolzio“);
- Solidarität seitens von anderen Beschäftigten und anderen Menschen , die Geld, Nahrungsmittel und ihre persönliche Unterstützung anbieten;
- Solidaritätskassen, um die Beschäftigten zu unterstützen, welche von Entlassungen oder Kürzungen betroffen sind, die sie aufgrund der zahlreichen Streiktage zu erleiden haben.
Auch wenn all dies ein großes Kampfpotential ausdrückt, so wird die Tatsache, dass diese Kämpfe nicht über die Dimension der eigenen Fabrik hinausgehen – eine Tatsache, die vor allem durch die gewerkschaftliche Logik begünstigt wird –, langfristig zu einer Falle. Es ist kein Zufall, dass in vielen Fällen die Arbeiter, die wochen- und monatelange kämpfen und vor den Toren ihrer eigenen Fabriken oder auf den Dächern aushalten, sich darüber beklagen, dass sie von anderen ArbeiterInnen kaum wahrgenommen werden. Um dies zu ändern, muss man die Kampflogik umkehren. Hinaus aus der eigenen Fabrik, indem man Delegationen zu anderen Betrieben schickt. Die Solidarität ist eine wichtige Waffe des Klassenkampfs, sie funktioniert aber nicht nur in einer Richtung. Die Solidarität bedeutet eine gegenseitige Unterstützung der verschiedenen Branchen und unter den Beschäftigen selbst. Wieso sollte ein Sieg durch Kämpfe in 100 verschiedenen Betrieben errungen werden können, wenn jeder Betrieb auf sich alleine angewiesen ist statt dass 100 Betriebe zusammen kämpfen, mit den Beschäftigten all dieser Betriebe, unabhängig vom jeweiligen Ausgangspunkt dieser Bewegungen?
Unsere Zukunft hängt stark von dieser Alternative ab. Wenn die FabrikarbeiterInnen in ihren Fabriken verharren, während dessen junge Arbeitslose und andere Perspektivlose gegen die falsche Zielscheibe, die Polizei, kämpfen, werden wir kaum vorankommen. Wenn wir dagegen zusammen einen gemeinsamen Weg finden, und zu einem Zusammenschluss und einer Ausdehnung kommen mittels Vollversammlungen, Demonstrationen, massiven Delegationen zu anderen Betrieben usw., dann wird sich eine ganz andere Perspektive eröffnen.
Ezechiele, 18. Dezember 2011 (aus unserer Presse in Italien).
Die Besetzer-Bewegung, welche die Unzufriedenheit der Leute bündelte, die über ihre Lebensbedingungen unter dem zerfallenden Kapitalismus empört sind, ist nun an einem Scheideweg angelangt.
Die Zeltlager in Parks und anderen „öffentlichen Plätzen“ in dutzenden Städten in Nordamerika sind von den bürgerlichen Repressionskräften angegriffen worden. Städtische Polizeikräfte haben unter dem Vorwand, die Zeltstädte seien zu einer Gefahr für die öffentliche Gesundheit und die Hygiene geworden, die Lager in Atlanta, Baltimore, Los Angeles, Toronto, Vancouver, Philadelphia und vielen anderen Städten geräumt. Selbst in Städten, die von angeblich der Bewegung freundlich gesonnenen Bürgermeistern regiert werden, wurden die Plätze geräumt, aus Sorge, so gaben sie an, um die Sicherheit der Protestierenden selbst, da die Lager zu einem Zentrum von Straftaten geworden seien.
- Wir veröffentlichen hier eine Einschätzung zur Occupy-Bewegung in den USA, die von unseren Genoss/Innen in den USA verfasst wurde. In anderen Artikeln auf unserer Webseite/Presse befassen wir uns mit der Entwicklung in anderen Ländern. Siehe dazu die Artikel in unserer Presse.
Die Besetzer-Bewegung, welche die Unzufriedenheit der Leute bündelte, die über ihre Lebensbedingungen unter dem zerfallenden Kapitalismus empört sind, ist nun an einem Scheideweg angelangt.
Die Zeltlager in Parks und anderen „öffentlichen Plätzen“ in dutzenden Städten in Nordamerika sind von den bürgerlichen Repressionskräften angegriffen worden. Städtische Polizeikräfte haben unter dem Vorwand, die Zeltstädte seien zu einer Gefahr für die öffentliche Gesundheit und die Hygiene geworden, die Lager in Atlanta, Baltimore, Los Angeles, Toronto, Vancouver, Philadelphia und vielen anderen Städten geräumt. Selbst in Städten, die von angeblich der Bewegung freundlich gesonnenen Bürgermeistern regiert werden, wurden die Plätze geräumt, aus Sorge, so gaben sie an, um die Sicherheit der Protestierenden selbst, da die Lager zu einem Zentrum von Straftaten geworden seien.
Ohne Zweifel fand die wichtigste Räumung in New York, im Zuccotti Park statt, auf dem Platz, auf dem die Bewegung ihren Anfang nahm. Bürgermeister Bloombergs Polizei verjagte die Protestierenden von „Occupy Wall Street” (OWS) am frühen Morgen des 15. Novembers. Dies löste einen Rechtsstreit vor den bürgerlichen Gerichten aus. Dabei argumentierten die Anwälte der Besetzer, dass die Zwangsräumung gegen das erste Verfassungsrecht zur freien Meinungsäußerung verstoße. Die Entscheidung des bürgerlichen Richters – den Park wieder als Ort von legalen Protesten zu benutzen – war ein Pyrrhussieg der Protestierenden. Gleichzeitig war ihnen untersagt worden, den Entscheid der Stadt zu unterlaufen, welches den Aufbau von Zelten und das Mitbringen von Campingausrüstung verbietet. So kann die OWS jetzt nicht mehr auf ihre früheren Mittel zurückgreifen. Da der bürgerliche Staat nicht mehr bereit ist, „umgänglich“ aufzutreten, kann die Besetzerbewegung jetzt nicht mehr etwas besetzen, das irgendwie ins Gewicht fallen würde.
Könnte dies dazu dienen, die Bewegung voranzubringen, sie gar auszudehnen? Der Möglichkeit beraubt, in den Parks legal Zelte zu errichten, könnte die Bewegung möglicherweise dazu übergehen, eine andere Kampfform zu entwickeln – bei der man weniger auf die Besetzung eines besonderen geographischen Ortes fixiert ist und mehr auf die Entwicklung von Organen der Klärung und theoretischen Vertiefung wie Diskussionsgruppen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist dies nicht vorherzusehen, aber es liegt oft im Wesen von sozialen Bewegungen, dass das Eingreifen des Staates unbeabsichtigte Folgen zeigt.
Obgleich viele in der Occupy-Bewegung entschlossen sind, ihren Kampf gegen die Geldgier der Firmen, ungleiche Einkommen, und die mutmaßliche Korruption des demokratischen Entscheidungsprozesses in den USA fortzusetzen, ist es klar geworden, dass die anfängliche Phase der Besetzerbewegung sich jetzt dem Ende zuneigt.
Während der ersten Wochen der Besetzungen konnten sich die Protestierenden im Allgemeinen auf die Unterstützung der öffentlichen Meinung berufen, wodurch die Behörden gezwungen waren, sich einigermaßen zurückhaltend zu verhalten. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Während Umfragen weiterhin hohe Sympathiewerte für die Ziele und Beschwerden der Protestierenden aufzeigen, ist die Unterstützung für die Protestierenden selbst rückläufig. Das Gefühl, dass die Besetzer den Bogen überspannt haben, nimmt zu. Jetzt stehen die Besetzer unter Druck, nach Wegen zu suchen, um ihre Forderungen innerhalb des Systems vorzutragen.
Während man an dieser Stelle nicht voraussagen kann, in welche Richtung sich die Bewegung entwickeln wird, oder ob sie gar als eine unabhängige Sozialbewegung außerhalb der Institutionen der bürgerlichen Politik überleben kann, ist es jetzt an der Zeit, dass Revolutionäre versuchen, die Lehren für die zukünftigen Kämpfe zu ziehen. Was war positiv an dieser Bewegung? Wo ist etwas falsch gelaufen? Auf was muss man sich jetzt einstellen?
Trotz dieser unbeantworteten Fragen und der allgemeinen Unklarheit, die diese Bewegung zum Ausdruck brachte, meinen wir, dass es sich neben anderen sozialen Bewegungen um einen Ausdruck des Wunsches eines Teiles der Arbeiterklasse handelte, gegen die massiven Angriffe des kapitalistischen Systems auf unsere Lebensbedingungen zur Wehr zu setzen. Auch wenn diese Bewegung von vielen aktivistischen Zügen geprägt war, die man seit dem Ende der 1990er Jahre in der Antiglobalisierungsbewegung beobachten konnte, scheint sie nichtsdestotrotz von einer grundsätzlich anderen Dynamik getragen worden zu sein als die ihr vorausgegangenen Bewegungen. Sie mag den Keim für eine zukünftige Radikalisierung enthalten, auch wenn diese sich erst in der Zukunft entfalten kann.
Während wir also keine endgültige Aussage zum Klassenwesen dieser Bewegung zum jetzigen Zeitpunkt machen können, können wir dennoch versuchen, diese innerhalb des Rahmens einer Klassenperspektive zu begreifen und einige Hauptlehren für die Zukunft zu ziehen.
Die Besetzer-Bewegung in Nordamerika wurde zu einem wichtigen Glied in der Kette von Protesten und Sozialbewegungen, die sich im Jahre 2011 auf allen Kontinenten entfalteten. Diese Bewegungen haben meist gegen die Auswirkungen der kapitalistischen Krise auf die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und die Gesellschaft im Allgemeinen reagiert. Von den Revolten in der arabischen Welt im Frühjahr bis zum Ausbruch massiver Kämpfe in China, Bangladesh, Frankreich, Spanien und Israel, war die Occupy-Bewegung eindeutig inspiriert gewesen durch die Ereignisse, die fernab von den Küsten Amerikas stattfanden. Seit den 1960er/1970er Jahren hatte es solch eine massive Welle von Bewegungen auf der ganzen Welt nicht mehr gegeben, die alle auf die gleiche grundlegende Stachel reagierten, den Angriff auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen infolge der globalen Rezession und die massiven Sparprogramme gegen den Soziallohn infolge der Schuldenkrise und der finanziellen Kernschmelze 2008.
All diese Bewegungen wurden von dem Wunsch einer ständig wachsenden Zahl von Leuten geprägt, sich irgendwie gegen die wachsenden Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu wehren, auch wenn wenig Klarheit darüber herrschte, welche Schritte eigentlich unternommen werden müssten. Die Besetzer-Bewegung ist ein wichtiger Ausdruck dieses internationalen Trends in der „Höhle des Löwen“ selbst. Wie die massive Bewegung in Wisconsin Anfang des Jahres, hat die Occupy-Bewegung die sich beharrlich haltende Idee über Bord geworfen, dass die nordamerikanische Arbeiterklasse eine völlig in den Kapitalismus integrierte Klasse sei, oder unfähig und unwillig, sich den Angriffen zu widersetzen. Aber während die Ereignisse in Wisconsin innerhalb eines Bundesstaates stattfanden, hat die Occupy-Bewegung auf Hunderte Städte im ganzen Land übergriffen und sogar ein weltweites Echo gehabt. Da die Wisconsin-Proteste sehr schnell wieder von den Gewerkschaften und der Demokratischen Partei vereinnahmt werden konnten, hat die Occupy-Bewegung sich eifrig bemüht, ihre Selbständigkeit zu verteidigen, weil sie meinte, dass ein sinnvoller Austausch nur von einer „neuen Art“ Bewegung ausgehen könne. Sie hat ein sehr gesundes Misstrauen gegenüber den offiziellen Parteien und Programmen gezeigt, und damit ein wachsendes Gespür zum Ausdruck gebracht, dass die offiziellen Parteien nur dazu dienen, ihren Kampf abzuwürgen und zu vereinnahmen.
Wie die Bewegung in anderen Teilen der Welt waren die Besetzerproteste dadurch geprägt, dass bei ihnen eine neue Generation von Arbeitern mitwirkte, von denen viele wenig Erfahrung mit Politik hatten und sich keine großen Gedanken gemacht hatten, wie man einen Kampf organisieren müsste. Das einigende Band der TeilnehmerInnen war eine fast vorausschauende Ahnung und der Wunsch, mit anderen zusammen zu kommen und das Gefühl aktiver Solidarität und Gemeinschaft zu erfahren. Es geht ihnen darum, eine Alternative gegenüber der bestehenden Gesellschaft anhand der lebendigen Erfahrung ihres Kampfes anzubieten. Zweifelsohne werden diese Wünsche gestärkt durch das wachsende Gefühl einer gesellschaftlichen Entfremdung gegenüber einer verfaulenden kapitalistischen Gesellschaft. Gleichzeitig haben immer mehr Jugendliche Schwierigkeiten Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden; dies fördert deren Reaktionsbereitschaft.
Die mangelnde Erfahrung mit gesellschaftlicher Arbeit und dem daraus entstehenden Gefühl der Isolierung, Atomisierung und Verzweiflung treibt mehr und mehr ArbeiterInnen dazu – insbesondere die jüngere Generation und diejenigen, die aus dem Produktionsprozess herausgeworfen wurden – Solidarität durch den Kampf zu suchen. An den Kämpfen beteiligen sich ebenso Leute aus anderen gesellschaftlichen Schichten. Immer mehr Leute sind zutiefst frustriert und besorgt über die Richtung, in welche sich diese Gesellschaft entwickelt. Aber in Nordamerika werden diese Proteste von der jüngeren ArbeiterInnengeneration und den von der Langzeitarbeitslosigkeit am stärksten Betroffenen am meisten geprägt.
Natürlich bedeutet dies nicht, dass die Occupy-Bewegung selbst – insbesondere die Taktik der Besetzung bestimmter geographischer Orte (Plätze, Parks usw.) – die Form des Kampfes darstellt, welche der Klassenkampf in der Zukunft annehmen wird. Im Gegenteil, diese Bewegung wie all die anderen, mit ihr verbundenen Bewegungen auf der Welt leiden an einer grundsätzlichen Schwäche, welche die Arbeiterklasse überwinden muss, wenn sie ihren Kampf vorwärtstreiben will. Man kann zusammenfassend sagen, dass die Occupy-Bewegung ein bedeutender Versuch von Teilen des Proletariats war, auf die aggressiven Angriffe des Kapitalismus gegen die Lebensbedingungen zu reagieren, auch wenn sie kein direktes Modell für die zukünftigen Kämpfe sein kann.
Die Bedeutung von Vollversammlungen
Eines der wichtigsten Merkmale der Occupy-Bewegung waren die Vollversammlungen als die souveränen Organe des Kampfes. Die Wiederentdeckung der Vollversammlungen als die beste Kampfform zur größtmöglichen Beteiligung und dem breitesten Austausch von Ideen stellte einen gewaltigen Fortschritt für den Klassenkampf in der jetzigen Zeit dar. In der Occuyp-Bewegung scheinen die Vollversammlungen aus früheren Kämpfen übernommen worden zu sein, insbesondere von der Bewegung der „Empörten“ in Spanien. Damit wird die Tendenz sichtbar, dass man in der jetzigen Phase von Kämpfen aus anderen Teilen der Welt schnell lernt und die effektivsten Taktiken und Kampfformen übernimmt. Es war in der Tat sehr beeindruckend zu sehen, wie schnell sich die Vollversammlungen dieses Jahr auf der ganzen Welt ausgedehnt haben.
Wie bei den Vollversammlungen in anderen Ländern standen die Vollversammlungen in der Occupy-Bewegung jedermann offen. Alle wurden ermuntert, sich an der Festlegung der Ausrichtung der Bewegung und deren Zielen zu beteiligen. Die Vollversammlungen stützen sich auf das Prinzip der Offenheit. Die Protokolle wurden zur Verfügung gestellt. Der Wunsch wurde lautstark geäußert, dass die Vollversammlungen nicht von irgendeiner Partei, Gruppe oder Organisation, die diese vereinnahmen wollen könnten, übernommen werden. Die Vollversammlungen spiegelten somit eine sich entfaltende Erkenntnis wider, dass man sich auf die bestehenden Parteien und Institutionen für die Organisierung des Kampfes nicht verlassen könne - auch nicht auf die Parteien der Linken und die Gewerkschaften. Im Gegenteil, die Protestierenden selbst wollten sich ihre Souveränität nicht rauben lassen; sie alleine wollten bestimmen, welche Schritte zu ergreifen seien.
Nichtsdestoweniger waren die Vollversammlungen trotz dieser sehr positiven Schritte von einer großen Schwäche geprägt, die in dem Ausmaß in den Bewegungen der anderen Länder nicht aufgetreten ist. Von Anfang an sah sich die Occupy-Bewegung als eine Besetzung eines Teils eines geographischen Raums. Während OWS anfangs geplant haben mag, das Banken- und Finanzviertel New Yorks zu besetzen oder einen symbolischen Ort des Protestes an der Wall Street zu errichten, sobald es klar wurde, dass der Staat dies nicht tolerieren würde, besetzten die Protestierenden in Ermangelung einer anderen Alternative den nahegelegenen Zuccotti Park.[1] Am „Fuße des Berges“, aber nicht auf dem „Berg“ selbst wurde auch für die Bewegungen in anderen Städten ein Modell errichtet, das in den meisten Fällen die Form von Zeltstädten in einem städtischen Park annahm. In der Geschichte der USA gibt es dafür einige frühere Beispiele (z.B. die Besetzung von brachliegendem Land in Washington D.C. durch die Bonus Army (die den Bonus-Marsch veranstalteten), um gegen die Lebensbedingungen der Veteranen des Ersten Weltkriegs während der Großen Depression 1932 zu protestieren). Die Entscheidung, sich als eine Bewegung zu bezeichnen, die einen besonderen geographischen Ort besetzt hielt, stellte eine große Schwäche dar, die zur Isolierung der Occupy-Bewegung beitrug.
Ziemlich schnell, insbesondere in New York, wurde die Occupy-Bewegung von dem Gefühl beherrscht, dass man den Park verteidigen müsse, der zu einer Art Heimat für die Bewegung und zu einer Art “Gemeinschaft” für viele Protestierende geworden war. Ohne Zweifel trug das positive Solidaritätsgefühl, das viele Protestierende als Teilnehmer an einer Bewegung zur gesellschaftlichen Umwälzung spürten, zu einer Tendenz bei, welche die Grenzen der Bewegung als die Grenzen des Parks ansahen und den Park gegen die Angriffe des Staates oder eine ‚Ablenkung von der Politik’ verteidigen wollten.
Dies trug jedoch zum Aufkommen von Spannungen in der Occupy-Bewegung bei, wobei die einen für eine breite gesellschaftliche Umwälzung eintraten, die anderen das Ganze eher als ein Experiment gemeinschaftlichen Lebens ansahen. Von der anfänglich aus taktischen Gründen als vorübergehend angelegt gedachten Zeltstadt wurde der Zuccotti Park mehr und mehr von den Besetzern als eine neue Art „Heimat“ oder „Refugium“ innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft angesehen. Gerüchte über eine bevorstehende polizeiliche Repression verstärkten nur noch den Wunsch nach der „Verteidigung des Parks“. Während die BesetzerInnen sich gelegentlich außerhalb des Parks begaben, um gegen Banken oder in bürgerlichen Stadtvierteln zu protestieren, konnte man erkennen, dass je länger die Bewegung fortdauerte, desto mehr die Tendenz überwog zu versuchen, den Grundstein einer alternativen Lebensform im Park zu errichten. Kein wirklich ernsthafter Versuch wurde unternommen, um den Kampf über die Grenzen des Parks hinaus in größere Kreise der Arbeiterklasse zu tragen.
Dagegen gab es solch einen Fetisch der Besetzung eines bestimmten geographischen Raumes bei den Bewegungen in Spanien, Israel und den arabischen Ländern nicht. Im Gegenteil, die öffentlichen Plätze wurden eher als ein Treffpunkt gesehen, auf dem die Protestierenden zu bestimmten Zwecken zusammenkommen, um zu diskutieren, Versammlungen abzuhalten und taktische Entscheidungen zu treffen. Der Wunsch, öffentlichen Raum mit einem ständigen Zeltlager zu verteidigen, war ein besonderes Merkmal der Bewegung in Nordamerika, das weiter untersucht werden muss.
Aber vielleicht noch schädlicher als der Fetisch für Besetzungen war die Unfähigkeit der Vollversammlungen, ihre Rolle der Zusammenführung, der Vereinigung der Protestierenden zu erfüllen, da sie im Laufe des Kampfes von einem Organ, das Entscheidungen traf, mehr und mehr in ein passives Organ verwandelt wurden, das immer mehr von Aktivisten und professionellen Linken beherrscht wurde, bei dem die Arbeitsgruppen und Komitees immer mehr die Zügel in der Hand hielten. Anstatt das Forum für breitestmögliche Debatten zu sein, führte die ständig spürbare Angst vor konkreten Forderungen – weil diese als spaltend und polarisierend anstatt vereinigend angesehen wurden – dazu, dass die Vollversammlungen letztendlich hilflos erschienen gegenüber der Notwendigkeit, konkrete Entscheidungen zu einem gegebenen Zeitpunkt zu treffen.
Ein Merkmal der Occupy-Bewegung, das bei den meisten Protestbewegungen der letzten Zeit herausragte, war die Neigung zu großen Illusionen in die „Demokratie“ als eine Alternative gegenüber dem gegenwärtigen System. Das Gefühl, dass irgendeine wahre Demokratie als ein wirksames Korrektiv oder gar als Gegenpol gegen die schlimmsten Unterdrückungsformen und das Leiden der Bevölkerung handeln könne, ist in Ländern des arabischen Raums, in Israel, Spanien und anderswo immer wieder geäußert worden.
In der Occupy-Bewegung traten diese Auffassungen mit einem typisch amerikanischen Flair in Erscheinung. Meistens äußerste sich dies in der Annahme, dass alle Probleme der Welt auf die Beherrschung des politischen und ökonomischen Lebens durch eine parasitäre Clique von Finanzmagnaten, Bankern und Multis zurückzuführen seien, die ihre eigenen unmittelbaren finanziellen Interessen über die der Gesellschaft insgesamt stellten. In den USA heißt es, dass dieses Phänomen den ganzen demokratischen Prozess in den USA durchdrungen habe, so dass die großen Firmen letztendlich dazu in der Lage seien, ihre Politik dem Kongress und dem Präsidenten aufzuzwingen, indem sie die Mittel zur Finanzierung von Kampagnen kontrollierten.
Die Occupy-Bewegung neigt dazu, die Lösung für die Überwindung der Unterdrückung und des Leidens in der Wiederbelebung der Demokratie gegen Raffgier der Firmen und der Finanzspekulation zu sehen. Während die genaue Definition der „Demokratie“ von einem Protestierenden zum anderen wechseln kann, mögen sich die einen damit zufrieden geben, eine Änderung der Verfassung zu verlangen, (z.B. Verbot der Finanzierung von Kampagnen) während andere radikalere Vorschläge des Regierens machen. Aber der gemeinsame Nenner ist, dass „Demokratie“ sich gegen wirtschaftliche Unterdrückung und Ausbeutung richten würde.
Während viele Protestierende mittlerweile bereit sind anzuerkennen, dass der “Kapitalismus” entweder ein Teil oder die Wurzel der Probleme der Weltwirtschaft ist, gibt es keine Übereinstimmung darüber, was der „Kapitalismus“ eigentlich bedeutet. Aus der Sicht vieler bedeutet Kapitalismus lediglich Banken und Big Business. Die marxistische Auffassung, dass Kapitalismus eine Produktionsform ist, die mit einer ganzen Epoche der Menschheitsgeschichte verbunden ist, welche durch die Ausbeutung von Lohnarbeit geprägt wird, wird nur von einigen Minderheiten dieser Bewegung angesprochen. Während viele Protestierende anerkennen, dass Marx Wichtiges über die Probleme des Kapitalismus zu sagen hatte, herrscht wenig Klarheit über die Bedeutung des Marxismus und der Arbeiterbewegung hinsichtlich des Projektes des Aufbaus einer neuen Gesellschaft. Diese Zögerungen sind auch in anderen Bewegungen auf der Welt in Erscheinung getreten; sie sind eine Hürde, die die zukünftigen Bewegungen überwinden müssen.
Wenn diese Illusionen in die Demokratie nur auf der ideologischen Ebene blieben, so könnten wir sie ohne weiteres auf das Konto der Unreife der Bewegung buchen, als ein Ausdruck der Anfangsphase im Klassenkampf, welche die Arbeiterklasse im Lichte der Erfahrungen überwinden würde. Dies mag sich letztlich auch wirklich durchsetzen, aber gegenwärtig hat sich die Sicht der Occupy-Bewegung über das Wesen der Demokratie in einen Fetisch verwandelt, der sich als grundlegendes Hindernis auf dem weiteren Weg erweisen wird. Darüber hinaus stellt er die Grundlage genau dessen dar, was die Bewegung zu Beginn zu verhindern wusste: die Einbindung in die pro-demokratische, reformistische Ideologie im Rahmen der anstehenden Kampagne um die Präsidentschaftswahlen 2012.
Seit Beginn haben die VVs versucht, auf der Grundlage eines „Konsens“-Modells zu funktionieren, und haben dabei den Auftrag ernst genommen, im Verlauf des Kampfes eine neue Form der Demokratie zu schaffen. Das war in vielerlei Hinsicht eine gesunde Antwort in der Absicht, die breitest mögliche Teilnahme zu garantieren und zu gewährleisten, dass sich niemand von den Beschlüssen der VVs ausgeschlossen fühlt. Dieses Modell wurde natürlich angewandt als Antwort auf die schlechten Erfahrungen in vergangenen Bewegungen, die von professionellen Aktivisten und politischen Organisationen beherrscht wurden und in denen sich der durchschnittliche Teilnehmer nicht viel besser als ein Infanterist in einer Bewegung vorkam, die von Profis geleitet wurde.
In diesem Sinn ist der Wunsch, dass sich jeder und jede integriert fühlen, absolut verständlich. Doch in Tat und Wahrheit hinderte das Beharren auf der Funktionsweise des Konsenses die Bewegung daran, über ihre Grenzen hinauszugehen, indem die notwendige Konfrontation von Ideen und Perspektiven blockiert wurde, die es eigentlich der Bewegung erlaubt hätten, ihre Isolation im Park zu durchbrechen. Weil man sich so der Möglichkeit beraubte, wirklich Entscheide zu treffen, mit denen man auf die unmittelbaren Bedürfnisses der Bewegung reagiert hätte – indem man sich nicht die Mühe nahm, ein ausführendes Organ zu schaffen –, gerieten die VVs sehr schnell unter den Einfluss der verschiedenen Arbeitsgruppen und Komitees, von denen viele wiederum unter der Fuchtel genau derjenigen professionellen Aktivisten standen, vor denen man sich ursprünglich hüten wollte. Eigentlich führte das Beharren darauf, dass jeder Entscheid auf einem Konsens beruhte, dazu, dass keine wirklichen Beschlüsse gefällt werden konnten und die verschiedenen „Teile“ (Arbeitsgruppen, Komitees, etc.) damit begannen, sich selbst für das „Ganze“ (die VV) auszugeben und es zu substituieren. So ließ die Angst vor dem Ausschluss den Substitutionismus durch die Hintertür wieder hereinschleichen - was letztlich zu einer starken Aufweichung der Souveränität der VVs führte.
Das Apriori des Konsensmodells hatte auch Auswirkungen auf die sehr schwierige Frage des Aufstellens von konkreten Forderungen. Von Anfang an schien die Occupy-Bewegung stolz darauf zu sein, dass sie sich weigerte, präzise Forderungen oder ein Programm zu formulieren. Dies ist eine verständliche Sorge derjenigen, die verhindern wollen, einmal mehr in die alten reformistischen Aktivitäten hineingezogen zu werden, die der Staat bereit hält; doch das Schicksal der Occupy-Bewegung zeigt, dass der Reformismus nicht deshalb Halt macht, weil man sich weigert, Forderungen aufzustellen. Die Bewegung war gekennzeichnet durch eine extreme Heterogenität von Forderungen. Die radikalsten Sichtweisen über einen vollständigen Neuaufbau der Gesellschaft auf egalitärer Grundlage standen neben absolut reformistischen Forderungen im Rahmen des bürgerlichen Rechtsstaats wie z.B. der Vorschlag, die Verfassung mit der Einfügung des Konzepts einer „kollektiven Persönlichkeit“ zu ergänzen. Im Namen des Grundsatzes, niemanden auszuschließen, war die Occupy-Bewegung außerstande, voranzukommen und ihr letztes Ziel der gesellschaftlichen Umgestaltung anzupacken.
Mit der ganzen Überfülle an oft widersprüchlichen Forderungen, die im Umlauf waren, und mit der bewussten Weigerung, mit spezifischen Forderungen den eigenen Charakter zu bestimmen, erlaubte es die Bewegung, dass andere auftraten und für sie sprachen. Es überrascht nicht, dass die Occupy-Bewegung schnell viele Adoptiveltern hatte in der Gestalt von bourgeoisen Berühmtheiten, linken Politikern und Gewerkschaftsführern, die keine Gelegenheit versäumten, aufzutreten und sich als die Stimme der Bewegung auszugeben. Durch die Weigerung, spezifische Forderungen aufzustellen, stellte die Bewegung sicher, dass sie in den Medien – und somit gegenüber dem Rest der Arbeiterklasse – nur mit denjenigen Forderungen dargestellt wurde, die zur unmittelbaren Tagesordnung dieser oder jener Fraktion des politischen Apparats der herrschenden Klasse passte.
Die Ablehnung, die Frage der Forderungen zu behandeln, die Vermeidung des Traumas des „Ausschlusses“ dienten dazu, zu verhindern, dass sich die Bewegung überlegte, wie man weiter kommen könnte. Unfähig, einen wirklichen Klärungsprozess zu führen, konnte die Occupy-Bewegung nicht bestimmen, welcher gesellschaftlichen Kraft sie sich zuwenden sollte. Sie war deshalb dazu verdammt, sich dem eigenen Bauchnabel zuzuwenden im letztlich fruchtlosen Versuch, die „Konsens-Communities“ zu verteidigen, die sie in den Pärken aufgebaut zu haben glaubte.
Es ist klar, dass die Hauptsorge der Occupy-Bewegung um die Konsens-Funktionsweise eine Antwort auf das von früheren Bewegungen erlittene Trauma war und in gewisser Hinsicht einem gesunden Instinkt entsprach, die linksextremen, bürgerlichen Methoden zu überwinden. Doch abgesehen davon bedeutete das Beharren auf dem Konsens das tiefliegende Eindringen der demokratischen Ideologie in die Funktionsweise der VVs selber. So ist die Occupy-Bewegung – ja sind in der Tat die meisten der sozialen Bewegungen der letzten Zeit – gekennzeichnet durch mehr als bloß ideologische Illusionen in den bürgerlichen demokratischen Staat; vielmehr hat das Beharren auf der demokratischen Funktionsweise die Einheitsformen des Kampfes, die als Antwort auf die Angriffe des Kapitalismus entstanden sind, völlig entstellt.
Die Traumata der Vergangenheit – von denen der Stalinismus und die linksextreme Ideologie und Praxis die wichtigsten sind – haben zu einem Fetisch geführt beim Versuch, eine neue Art von demokratischer Konsens-Funktionsweise aufzubauen, die Ausschluss, Konfrontationen und verletzte Gefühle verhindern könne. Dies ist zwar zunächst verständlich, doch letztlich wird dieser Fetisch zu einer Barriere auf dem Weg zu einer wirklichen Alternative zum gegenwärtigen System. Schließlich erwies sich das Konsensmodell als völlig illusorisch im Zusammenhang mit der Unfähigkeit der VVs, den hegemonialen Ansprüchen der Komitees und Arbeitsgruppen etwas entgegen zu stellen und damit der Aufgabe der Stunde gerecht zu werden.
Eine der wichtigsten Lehren aus der Occupy-Bewegung ist deshalb, dass zukünftige Bewegungen die Frage beantworten müssen, wie man ein zuständiges Exekutivorgan aufbauen kann, das gegenüber der VV verantwortlich bleibt: ein wirkliches beschließendes Organ, das in unmittelbar widerrufbarem Auftrag der VVs arbeitet. Ein solches Organ ist nötig, wenn die Bewegung in der Hitze des Kampfes Entscheide fällen und die Solidarität, Vertrauen und Einheit von allen Teilnehmenden verstärken soll. Wie diese Bewegung zeigt, kann der Aufbau eines wirklichen Exekutivorgans nicht umgangen werden, wenn die Bewegung über einen sehr embryonalen Zustand hinaus vorankommen will. Wie können taktische Entscheide in der Hitze des Kampfes gefällt werden? Wie kann die VV ihre Souveränität gegenüber irgendwelchen Komitees und Organen aufrecht erhalten? Dies sind die zentralen Fragen, die behandelt werden müssen.
Es trifft natürlich zu, dass ein solches ausführendes Organ nicht einfach aus dem Nichts proklamiert werden kann. Ein Exekutivorgan, das auf der Grundlage der weitesten Diskussion und dem breitesten Austausch an Ideen unter allen TeilnehmerInnen bleibt, wäre im besten Fall eine totale Farce, im schlimmsten ein weiteres Einfallstor für den Substitutionismus. Ein ausführendes Organ kann nur funktionieren als Konkretisierung der Lebendigkeit der VVs – es kann und darf nicht diese ersetzen. So mag zwar das Scheitern angesichts der Frage einer ausführenden Funktion ein entscheidender Faktor beim schließlichen Niedergang der Occupy-Bewegung gespielt haben, was aber nicht heißt, das die voluntaristische Ausrufung eines Exekutivorgans durch die aktivsten Leute im Kampf sie gerettet hätte.
Insbesondere fehlte aber dieser Bewegung der wirkliche Drang, über die eigentlichen Wurzeln der Krise zu diskutieren. Statt zu versuchen, sich der unvermeidbaren Diskussion über das Wesen der gesellschaftlichen Probleme zu widmen, konzentrierte sich die Occupy-Bewegung auf den Fetisch der Entscheidfindungsmethode. Sie blieb auf halbem Weg stecken und schnitt nie die grundlegenden substantiellen Fragen an: Sind die Banken schuld an der gesellschaftlichen Sackgasse, oder sind deren Schwindler ein bloßes Symptom für das Scheitern des wirtschaftlichen Systems selbst? Können wir eine sinnvolle Veränderung herbeiführen, indem wir den Staat dazu auffordern, im Interesse der Gesellschaft zu handeln, oder müssen wir über die Wege nachdenken, den Staat zu überwinden? Man fand zwar Anhänger für die eine und die andere Antwort auf diese Fragen (und noch auf einige mehr!), aber die Bewegung nahm sich nie die Mühe darüber zu entscheiden, welche Position die „richtige“ ist. Unter dem Deckmantel, dass „hier alle Positionen willkommen“ seien, ging die Occupy-Bewegung nie über den naiven Glauben in die eigene Fähigkeit hinaus, den Weg durch das Beispiel einer neuen Konsens-Lebensweise aufzuzeigen.
Ein Aspekt der Occupy-Bewegung, der bei ihrem schließlichen Scheitern eine wichtige Rolle spielte, war ihre Unfähigkeit, den Kampf tatsächlich über die verschiedenen Zeltstätten hinaus auszuweiten. Viele Faktoren trugen zur zunehmenden Isolierung der Bewegung bei: die Tendenz der BesetzerInnen, ihre Camps als eine Community zu betrachten; die Tendenz bei den verschiedenen Parks, als Hochburgen eines befreiten Raumes, den es zu verteidigen gälte, angesehen zu werden; etc. Doch der wichtigste Faktor war die Unfähigkeit der Bewegung, sich wirklich mit dem breiteren Kampf der Arbeiterklasse zu verbinden, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verteidigen angesichts der hemmungslosen Angriffe des Kapitals.
Abgesehen vom kontrovers diskutierten Generalstreik in Oakland, der die Aktivitäten des städtischen Hafens für einen Tag stilllegte, war die Occupy-Bewegung nicht in der Lage, eine breitere Antwort der Arbeiterklasse gegen die kapitalistischen Angriffe hervorzurufen.[2]
Im Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels ist die Arbeiterklasse zum überwiegenden Teil orientierungslos angesichts der massiven Schlacht, die der Kapitalismus gegen ihre Lebensbedingungen führt, und ist bis jetzt unfähig gewesen, einen massenhaften Kampf zu ihrer Verteidigung aufzunehmen. Abgesehen von ein paar verstreuten, gewerkschaftlich kontrollierten Streiks steht der Großteil der Arbeiterklasse gegenwärtig abseits des Kampfes.
Auf der einen Seite darf uns dies nicht überraschen. Die aktuelle Krise und die gleichzeitige Steigerung der Angriffe gegen die Arbeiterklasse finden statt nach über 30 Jahren mit offenen Angriffen auf die Arbeitsbedingungen und auf die eigentliche Grundlage der Klassensolidarität selbst. Darüber hinaus sind die gegenwärtigen Angriffe von besonders brutaler Gewalt sowohl am Arbeitsplatz als auch beim sozialen Einkommen. Weiter ist auch die anhaltende politische Krise der US-Bourgeoisie in eine Analyse der scheinbaren Passivität der Arbeiterklasse einzubeziehen. Die aggressiven Attacken des rebellischen rechten Flügels auf den Gewerkschaftsapparat wie auch die zunehmend bizarre Rhetorik der Tea Party haben bestimmt eine verwirrende Wirkung auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse gehabt. Unter diesen Bedingungen verharren viele Arbeiter auf der Ebene des Versuchs, das zu schützen, was sie immer noch durch die bestehenden Institutionen der Gewerkschaften und der Demokratischen Partei haben. Andere sind so orientierungslos geworden, dass sie jeweils mit dem sympathisieren, der gerade am wütendsten tönt - selbst wenn er/sie zur Tea Party gehören sollte.
Doch trotz der Schwierigkeiten und Schranken, auf welche die Arbeiterklasse bei der Rückeroberung ihrer Klassenidentität und des proletarischen Kampfterrains stößt, war sie im Allgemeinen nicht völlig ruhig. Die Beispiele der Mobilisierungen in Wisconsin in der ersten Hälfte des Jahres sind Beleg dafür, dass wir in eine neue Phase eingetreten sind – beginnend mit dem Streik im New Yorker Nahverkehr 2005/2006 –, in der die Tendenz zu einer Zunahme der Klassenkämpfe besteht – hin zu einer Wiederentdeckung von Solidarität und einem Willen, der Lähmung angesichts der kapitalistischen Angriffe zu widerstehen. So lasten zwar das Trauma der Eskalation der Angriffe nach dem Schock der so genannten Finanzkrise von 2008 und das gegenwärtige politische Chaos der herrschenden Klassen in den USA schwer auf der Arbeiterklasse und dämpfen ihre Kampfbereitschaft, aber eine Erinnerung an jene Kämpfe ist unterirdisch immer noch am brodeln.
Auch wenn öffentliche Meinungsumfragen überzeugend auf eine große Sympathie der breiten Bevölkerung für die Occupy-Bewegung hinwiesen, drückte sich dies nicht in einer wirklichen Massenaktion aus. Natürlich gab es Momente, in denen sich diese Perspektive eröffnete. Dies war insbesondere um das Thema der Polizeirepression der Fall. In New York, Oakland und anderswo zwang eine massenhafte Empörung in der öffentlichen Meinung den Staat jedes Mal, wenn er mit der Repression gegen die Protestierenden zu weit zu gehen schien, zum Rückzug. Aber während in New York die Gewerkschaften zwar mehrmals gezwungen waren, die Arbeiter dazu aufzurufen, Sympathie mit den Protestierenden angesichts der bevorstehenden Repression zu bekunden, rief die polizeiliche Unterdrückung nur in Oakland eine breitere Antwort der Arbeiterklasse hervor.
Es kann deshalb nicht erstaunen, dass der Occupy-Protest wenig gegen die Angriffe auf die Arbeiterklasse ausrichten konnte, die andauern und noch vor uns stehen. Die Konkursanmeldung von American Airlines, die anhaltenden Aussperrungen bei American Crystal Sugar und Cooper Tire und die massiven Sparpläne bei U.S. Post Office sind nur einige Beispiele, die zeigen, dass die Bourgeoisie durch die Occupy-Bewegung nicht dahingehend eingeschüchtert worden wäre, dass sie die Angriffe auf die Arbeiterklasse vermindern würde. Die Taktik, Parks am Rand von Finanzbezirken zu besetzen, hat sich klar als ungeeignet erwiesen, die kapitalistischen Angriffe zurück zu schlagen. Wäre es nicht wirksamer gewesen, statt in der Nähe von Wall Street, Bay Street und anderen Finanzzentren zu zelten, sich den Arbeiterbezirken zuzuwenden und den Arbeitern – die immer noch zu orientierungslos zum Kämpfen sind – zu zeigen, dass sie nicht allein sind?
Wir können es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber eine ernsthafte Diskussion über die einzuschlagende Taktik ist nötig geworden für all diejenigen, die gegen die laufende Verschlechterung der menschlichen Lebensbedingungen unter kapitalistischer Herrschaft zu kämpfen versuchen. Leider haben der Konsens-Fetisch der Occupy-Bewegung, ihre schon fast kategorische Weigerung, taktische Fragen zu diskutieren, ihre Bevorzugung von Pluralismus gegenüber konkreter Aktion sie bis jetzt daran gehindert, diese Fragen wirklich anzupacken. Vor allem hat sie es gegenüber der staatlichen Repression nicht geschafft, über die Fragen nachzudenken: „An wen wenden wir uns für Unterstützung?“ und „Wohin gehen wir, wenn wir nicht mehr länger im Park leben können?“ Außerstande, diese Fragen vertieft anzugehen, befasst sich die Occupy-Bewegung jetzt mit sich selbst und blickt einer ungewissen Zukunft entgegen.
Auch wenn die Occupy-Bewegung einen wichtigen ersten Schritt eines Teils der Arbeiterklasse, der stark von der kapitalistischen Krise betroffen ist, darstellt, so ist aus unserer Sicht klar, dass man nur weiter kommt, wenn man die Ziele des Kampfs und die Methode, sie zu erreichen, grundlegend diskutiert. Vor allem ist es notwendig, die Bindung an die Konsens-Funktionsweise neu zu prüfen, die unseres Erachtens aus den traumatischen Wunden, die von früheren Bewegungen zurück geblieben sind, herrührt. Wie kann eine soziale Bewegung so voran kommen, dass sie den Fallen der Vergangenheit ausweicht, aber auch so, dass sie in einem wirklichen und wirksamen Sinn in der Hitze des Gefechts funktioniert? Wie kann eine soziale Bewegung, die sich der Idee verschreibt, dass eine andere Welt möglich ist, ihrem Ziel treu bleiben und gleichzeitig die nötige taktische Stärke haben, dem bürgerlichen Staat entgegenzutreten? Dies sind wichtige Fragen, welche die Revolutionäre und all die, die sich für eine andere Welt engagieren, in der kommenden Zeit anpacken müssen.
Internationalism
05.12.2011
[1] Ähnlich spielten sich die Ereignisse in Toronto ab, wo die Protestierenden zunächst planten, sich im Herzen der City, im Bay Street District, zu treffen, und dann unverrichteter Dinge in einen kleinen Park am äußeren Rand von Downtown zogen. Das lokale Polizeipräsidium – das immer noch in der Kritik der öffentlichen Meinung nach der brutalen Niederschlagung der Proteste gegen den G20 vom letzten Jahr steht – war noch so gerne bereit, den BesetzerInnen die Übernahme des Parks zu bewilligen.
[2] Vgl. unseren Artikel: Oakland: Occupy Movement Seeks Links With the Working Class, https://en.internationalism.org/icconline/201111/4578/oakland-occupy-movement-seeks-links-working-class [440]
Am 11. März überflutete ein gewaltiger Tsunami die japanische Ostküste. Haushohe Wellen richteten ungeheure Verwüstungen an. Mehr als 20.000 Menschen wurden sofort in den Tod gerissen, Tausende gelten heute noch als vermisst, Unzählige verloren ihr Heim. Nun verhält es sich aber so, dass sich weltweit ein Großteil der Menschen an Küsten bzw. in Küstennähe angesiedelt hat; meist leben die Menschen dicht gedrängt in diesen Regionen und sind in wachsendem Maß vom unaufhaltsamen Anstieg des Meeresspiegels bedroht. Die Flutwellen des Tsunami legten all die Gefahren, die aus solch einer dichten Besiedlung entlang der Küsten entstehen, bloß.
Entgegen allen Erwartungen der japanischen Regierung kam es im Kernkraftwerk Fukushima zum Super-Gau. So trat durch das Erdbeben und den Tsunami auf einen Schlag das Gefahrenpotenzial der Küstenbesiedlung in Zeiten steigender Meeresspiegel und angesichts des Umgangs der Herrschenden mit der Kernkraft an den Tag. In diesem Artikel wollen wir uns aus Platzgründen auf die Auswirkungen der Kernschmelze von Fukushima konzentrieren, nicht weil man die anderen zerstörerischen Folgen des Tsunamis vernachlässigen könnte.
Nach dem Super-Gau in dem Kernkraftwerk begann die Evakuierung der Bevölkerung viel zu spät und in einem nicht ausreichenden Umfang. Auch wenn man einwenden mag, die Rettungsmaßnahmen und die Evakuierung seien durch die Folgen des Tsunamis verzögert und erschwert worden, so lässt sich nicht leugnen, dass die Regierung eine großräumige Evakuierung vermeiden wollte, weil man sich des ganzen Ausmaßes der entstandenen Gefahren nicht bewusst werden und sie herunterspielen wollte. Schlagartig stellte sich heraus, dass die Verantwortlichen in Japan (die Betreibergesellschaft Tepco und der Staat) mit solch einem Szenario nicht gerechnet hatten und die Sicherheitsvorkehrungen gegen Erdbeben und Tsunamis solchen Ausmaßes völlig unzureichend gewesen waren. Die geplanten Rettungsmaßnahmen und die zur Verfügung gestellten Rettungsmittel ließen das High-Tech-Land Japan als erbärmlich ausgerüsteten, hilflosen Riesen erscheinen.
Wenige Tage nach der Katastrophe, als die Frage einer eventuell nötigen Evakuierung des Großraums Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern aufkam, wurde diese Überlegung von der Regierung sofort fallengelassen, weil man schlicht die Mittel dazu nicht besaß und dies auch die Gefahr eines Kollapses des Staates heraufbeschworen hätte.
In und um das Kraftwerk herum erreichten die Strahlenmessungen tödlich hohe Werte. Kurz nach Beginn der Katastrophe forderte Premierminister Kan auf, „ein ‚Selbstmordkommando‘ von Arbeitern zu bilden, die die manuelle Druckentlastung vornehmen sollten.“ (Wikipedia) Man ließ die vor Ort tätigen Arbeiter völlig unzureichend ausgerüstet die Katastrophe bekämpfen. „Es mangelte zeitweise an Dosimetern HYPERLINK "file:///F:\lavorareriflettere\Nuklearkatastrophe%20von%20Fukushima%20%20Wikipedia.htm" \l "cite_note-nhk-31-31-381#cite_note-nhk-31-31-381"und an geeigneten und zugelassenen Sicherheitsstiefeln. Ein Mitarbeiter berichtete, dass sich die Arbeiter stattdessen Plastiktüten mit Klebeband um die Schuhe binden.“(Wikipedia). Ein Großteil der Arbeiter musste vor Ort schlafen und konnte sich dabei nur mit Bleidecken zudecken. Der Grenzwert für männliche Kraftwerksarbeiter in Notfallsituationen wurde am 15. März von 100 auf 250 mSv pro Jahr heraufgesetzt. Teilweise wurden Arbeiter erst Wochen und Monate später gesundheitlich überprüft.
25 Jahre zuvor, als das Kernkraftwerk Tschernobyl in die Luft flog, hatte das im Niedergang begriffene Sowjetregime in Ermangelung technischer Mittel nichts Anderes zu tun gewusst, als ein gewaltiges Heer von meist Zwangsrekrutierten zur Bekämpfung der Schäden ins Inferno zu schicken. Nach Angaben der WHO wurden 600.000 bis 800.000 Liquidatoren entsandt, von denen in der Zwischenzeit Hunderttausende an den Folgen der Verstrahlung verstorben oder an Krebs erkrankt sind. Zahlen wurden von Regierungsseite bislang nie dazu veröffentlicht.
Jetzt, 25 Jahre später, versuchte das High-Tech-Land Japan hilflos unter Anderem mit Feuerwehrschläuchen und Hubschraubern den Brand zu löschen und die Anlage zu kühlen. Entgegen aller bisherigen Planungsspiele war man gezwungen, gewaltige Mengen Meerwasser zur Kühlung einzusetzen und diese radioaktiv verseuchten Wassermassen ins Meer zurückzuleiten. Während das Sowjetregime vor 25 Jahren Hunderttausende Liquidatoren zwangsrekrutierte, zwang das wirtschaftliche Elend in Japan unzählige Arbeiter dazu, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Tepco rekrutierte unter Obdachlosen und Arbeitslosen, wie zum Beispiel in Kamagasaki, einem Armenviertel in Osaka, Arbeitskräfte, denen man oft den Einsatzort und die Risiken nicht mitteilte. Aber nicht nur das Leben der Liquidatoren setzte man aufs Spiel, sondern auch das der Zivilbevölkerung; insbesondere die Kinder in der Region wurden tatenlos hohen Strahlendosen ausgesetzt. Weil die Emissionen alles Bisherige übertrafen, beschloss die Regierung, die Grenzwerte für Schulkinder in der Region Fukushima auf bis zu 20 Millisievert pro Jahr heraufzusetzen. Nicht nur die Machthaber in der stalinistischen Sowjetunion hatten die Explosion in Tschernobyl in den ersten Tagen gänzlich verschwiegen, auch die demokratische Regierung Japans hat im Falle Fukushimas die Wahrheit verschweigen und das Ausmaß der Katastrophe verharmlosen wollen. An Zynismus und Lebensverachtung stehen die Verantwortlichen in Japan den Machthabern in der stalinistischen Sowjetunion in Nichts nach.
Die langfristigen Folgen heute realistisch einzuschätzen ist völlig unmöglich. Die eingetretene Kernschmelze bedeutet, dass die geschmolzenen Brennelemente sich zu einem ungeheuer radioaktiven Klumpen gebildet haben, der sich durch den Druckbehälter gefressen hat. Das eingesetzte Kühlwasser selbst ist extrem verseucht, man muss immer wieder kühlen und es entstehen jeweils erneut gewaltige, verseuchte Wassermassen. Nicht nur das Wasser, sondern auch die “ungeschützten” Reaktoren emittieren Cäsium, Strontium, und Plutonium Isotope. Diese werden als „hot particles“ (heiße Partikel) bezeichnet, sie wurden später überall in Japan vorgefunden, so auch in Tokio. Bislang verfügt man über keine technischen Mittel, den in Fukushima entstandenen Atommüll zu entsorgen. Allein das Abkühlen wird Jahre in Anspruch nehmen. In Tschernobyl musste ein Sarkophag errichtet werden, der aber nach ca. 100 Jahren wieder abgerissen werden muss, um dann dem nächsten Platz zu machen. Für Fukushima ist noch keine Lösung in Sicht. In der Zwischenzeit sammelt sich immer mehr verstrahltes Wasser an, und man weiß nicht wohin damit. „Ein Großteil der Radioaktivität entweicht in Fukushima über das Kühlwasser direkt ins Meer, verteilt sich dort über die Meeresströmungen, mit unvorhersehbaren Folgen für den Pazifik, die Nahrungsketten und damit auch für den Menschen. Äußerst fischreiche Bestände vor der Nordostküste Japans sind betroffen, eine Ausbreitung auf z.B. Seelachs in der Beringsee liegt im Bereich des Möglichen. (1)
„Eine so große Freisetzung von Radioaktivität ins Meer hat es (…) bisher noch nicht gegeben.“ https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Zu_den_Auswirkungen_de... [445]
Weil die Bevölkerungsdichte in dieser Region Japans etwa 15mal höher als in der Ukraine ist, lassen sich die Folgen für die Bevölkerung jetzt noch nicht genauer abschätzen.
Die Kernschmelze offenbart somit, dass die Folgen solch eines nuklearen Desasters völlig unbeherrschbar sind. Denn die Verantwortlichen hatten nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: entweder der Kernschmelze untätig zuzuschauen oder mit Meerwasser Kühlversuche vornehmen, was jedoch damit für eine weitere Ausbreitung der Radioaktivität durch die Löschmittel zu sorgt. Die hilflose Regierung entschied sich für die zweite Alternative, d.h. für die Kontaminierung des Meerwassers durch hochradioaktives Löschwasser.
Dekontaminierung: Statt der Lösung des Problems eine Verschlimmerung des Unheils
Die Versuche, die kontaminierte Erde der Umgebung zu entsorgen, legen eine nicht weniger große Ratlosigkeit und Skrupellosigkeit an den Tag. In der 300.000-Einwohner-Stadt Fukushima wurden bis Anfang August bereits 334 Schulhöfe und Kindergärten saniert, indem die oberen, kontaminierten Schichten ihrer Böden abgetragen wurden. Weil man in der Stadt Koriyama in der Präfektur Fukushima nicht wusste, wohin mit der verstrahlten Erde, wurde sie zum Entsetzen vieler Eltern auf dem Gelände der Schulen… vergraben. 17 der 48 Präfekturen Japans, darunter auch Tokio, melden außerdem, sie blieben auf radioaktiv verseuchtem Klärschlamm sitzen. Sogar bis in 20 Kilometer Entfernung von Tokio sind verstrahlte Böden gefunden worden. Dabei müssen noch Tausende Gebäude von radioaktiven Partikeln gesäubert werden. Selbst bewaldete Berge werden wahrscheinlich dekontaminiert werden müssen; dies erfordert wahrscheinlich das Abholzen vieler Bäume.
Japanische Medien berichten, dass die Regierung ein Zwischenlager für viele Millionen Tonnen verstrahlten Materials sucht. Weil es keine Lösung gibt, hat man stellenweise radioaktiv verseuchten Müll verbrannt. Durch die dadurch entstehenden Abgase wird die Radioaktivität noch weiter verbreitet. Diese Ratlosigkeit gegenüber dem entstandenen Atommüll wirft ein Licht auf die grundsätzliche Unlösbarkeit der Entsorgung des radioaktiven Mülls. (2)
Das Besondere bei der Erzeugung von Atomenergie ist, dass die Strahlung keineswegs ein Ende findet, wenn die Kernkraftwerke nach dem Ende ihrer Betriebszeit abgeschaltet werden, denn mit dem Abschalten ist der Prozess der Kernspaltung nicht abgeschlossen. Was tun mit dem im AKW entstandenen Abfall? Alles, was mit radioaktivem Material in Berührung kommt, wird kontaminiert.
Nach Angaben der World Nuclear Association entstehen Jahr für Jahr 12.000 Tonnen hochradioaktiver Abfälle. Insgesamt sind bis Ende 2010 weltweit bereits etwa 300.000 Tonnen hochradioaktiven Abfalls angefallen. Die in einigen Ländern praktizierte oder geplante geologische Lagerung z.B. in alten Bergwerken ist nichts als eine vorübergehende Notlösung, deren Gefahren man geflissentlich ausblendet. So lagern in Asse, Deutschland, 125.000 Fässer mit Atommüll, die durch die Einwirkung des benachbarten Salzes auf kurz oder lang erodieren werden, wobei schon jetzt immer wieder radioaktiv verseuchte Lauge austritt. Im deutschen Zwischenlager Gorleben haben Experten die Gefahr von Erdstürzen ermittelt. Ähnliche Risiken bestehen bei den meisten „Deponien“ weltweit. Mit anderen Worten: ist schon der Betrieb von AKW mit großen Gefahren verbunden ist, so ist die Entsorgung von Atommüll eine völlig ungelöste Frage. Die jetzigen Verantwortlichen schieben diesen ganzen Müll in Deponien oder Zwischenlager, mit denen unzählige zukünftige Generationen noch zu kämpfen haben werden.
Und der ganz „normale“ Betrieb eines AKW ist keineswegs so „sauber“, wie von den Verteidigern der Nuklearindustrie behauptet. Tatsächlich sind bei der Stromerzeugung zur Kühlung der Brennstäbe gewaltige Mengen an Wasser erforderlich. Deshalb werden Kernkraftwerke gern am Meer oder an Flüssen errichtet. Alle vierzehn Monate wird ein Viertel der Brennstäbe eines jeden Reaktors erneuert; da sie aber weiter hohe Temperaturen aufweisen, müssen die Brennstäbe nach dem Austausch weiter in so genannten Abklingbecken gelagert werden, wo sie zwei bis drei Jahre lang gekühlt werden müssen. Das in den Fluss geleitete Kühlwasser führt zu thermischer Verschmutzung, Algen bilden sich, Fische verenden. Daneben werden chemische Stoffe aus den Kernkraftwerken in die Flüsse eingeleitet (u.a. Natrium, Borsäure, Ammoniak usw.). Zudem wird auch das Wasser radioaktiv verstrahlt, wenn auch nur geringfügig.
Fast ein Jahr nach der Katastrophe: Welche Konsequenzen haben die Machthaber gezogen?
Sind die Machthaber, die Verantwortlichen an einer Ursachenklärung interessiert? Offensichtlich nicht! Tatsache ist, dass die ganze Konzeption des AKW in Fukushima nicht für die Bedingungen eines Erdbebens ausgelegt war. Mittlerweile ist bekannt, dass die Betreiberfirma Tepco zuvor viele Störfälle vertuscht und beanstandete Sicherheitsmängel nicht behoben hat, u.a. weil das Werk nach 40 Jahren Laufzeit sowieso außer Betrieb genommen werden sollte. Ausgerechnet der japanische Staat, der durch Institutionen wie das MITI massiv in die Wirtschaft eingreift, um die Konkurrenzfähigkeit des japanischen Kapitals zu stärken, hatte der Atomindustrie geradezu einen Blankoscheck ausgestellt. Selbst als die Fälschung von Untersuchungsberichten oder die Verharmlosung von Störfällen ans Tageslicht kam, zog er keine Konsequenzen. Im Übrigen ist die Neigung, unter dem Wettbewerbsdruck und dem Gewicht der Krise immer weniger in Wartung und Unterhaltung zu investieren, immer weniger qualifizierte Kräfte einzusetzen, weltweit verbreitet. Die kapitalistische Krise macht die Atommeiler noch unsicherer, da die Sicherheitsstandards durch unzureichend ausgebildetes Personal gesenkt werden.
Vor allem aber ist deutlich geworden, dass von den weltweit in Betrieb befindlichen 442 AKW viele in erdbebengefährdeten Gebieten liegen. Allein in Japan wurden mehr als 50 AKW in erdbebengefährdeten Gebieten errichtet. In den USA findet man mehr als ein Dutzend AKW mit ähnlichem Katastrophenpotenzial. In Russland laufen viele AKW ohne automatische Abschaltungsmechanismen im Erdbebenfall. In der Türkei wurde der Reaktor Akkuyu Bay nahe der aktiven Ecemis-Bruchlinie gebaut. Indien und China planen zurzeit die meisten Neubauten. Dabei ist China mit seinen in Bau befindlichen 27 neuen AKW eines der seismologisch aktivsten Länder. Man könnte diese Liste noch weiter fortsetzen. Anstatt die Gefahren der Natur zu berücksichtigen, hat der Kapitalismus überall tickende Zeitbomben geschaffen! Haben sich die Sicherheitsstandards in den höchst entwickelten Staaten schon als unzureichend herausgestellt, so spotten in jenen Ländern, die erst jetzt in den Betrieb von Atomkraftwerken einsteigen, die Sicherheitsstandards und ihre Erfahrung im Umgang mit Störfällen jeder Beschreibung. Kaum auszumalen, was bei einem Unfall in diesen Breitengraden passieren mag…
Zudem werden die Laufzeiten alter Kernkraftwerke verlängert. In den USA hat man die Laufzeiten auf 60 Jahre verlängert, in Russland auf 45 Jahre. Auf internationaler Ebene gibt es erhebliche Widerstände gegen zu restriktive Sicherheitsstandards und gegen Eingriffe durch internationale Überwachungsbehörden, die über die lückenhaften nationalen Kontrollen der Staaten über die Atomindustrie hinausgehen. Nationale Eigenständigkeit geht vor Sicherheit (3).
Fazit: Trotz Fukushima bleibt die Menschheit weiter auf diesen tickenden atomaren Zeitbomben sitzen, die vielerorts und jederzeit durch Erdbeben, menschliches Versagen, Terrorismus u.a. eine neue Katastrophe bewirken können.
Atomstrom – billig, sauber, alternativlos? Profit auf Kosten der Gesellschaft
Immer wieder wird von den Anhängern der Atomindustrie das Argument gebracht, Atomstrom sei billiger, sauberer und ohne Alternative. Tatsache ist: der Bau eines AKW verschlingt gigantische Summen, die von den Stromerzeugern aufgebracht werden müssen, wobei diese aber von staatlichen Subventionen, d.h. Steuergeldern, bezuschusst werden. Auch der Löwenanteil an den Kosten für die Entsorgung des Atommülls wird von den Betreiberfirmen auf die Gesellschaft abgewälzt. Abgesehen davon, dass man bislang überhaupt kein Konzept für die Entsorgung des Atommülls hat, werden bei der ganzen Kalkulation seitens der Atomlobby diese Entsorgungskosten nicht mit berücksichtigt. Auch wenn Kernkraftwerke nach ca. 50 Jahren Laufzeit außer Betrieb genommen werden müssen, entstehen bislang nicht berücksichtigte gigantische Kosten.
Dasselbe bei einem Störfall oder GAU: Auch hier werden die Kosten auf die Gesellschaft abgewälzt. In Fukushima werden die Folgekosten, deren Ausmaß heute noch gar nicht realistisch kalkuliert werden können, bislang auf 200-300 Milliarden Euro hochgerechnet. Dieser Betrag kann von Tepco nicht gestemmt werden. Der japanische Staat hat schon „Hilfe“ zugesagt, unter der Voraussetzung, dass die Tepco-Beschäftigten Opfer bringen. So sollen die Renten gekürzt, die Löhne gesenkt, Tausende Jobs gestrichen werden. Auch sind Sonderabführungen im japanischen Haushalt vorgesehen.
Aus ökonomischer und ökologischer Sicht sind die tatsächlich Kosten des Betriebs und die ungelöste Frage der Entsorgung ein einziges Fass ohne Boden. Die Atomkraft ist ein in jeder Hinsicht irrationales Projekt. Die Atomfirmen streichen riesige Summen für die Energieerzeugung ein, wälzen aber die „Folgekosten“ auf die Gesellschaft ab. Die Atomkraftwerke verkörpern somit den unüberwindbaren Gegensatz zwischen dem Profitstreben und dem langfristigem Schutz von Mensch und Natur.
Die Atomkraft ist nicht die einzige Gefahr für die Umwelt. Der Kapitalismus betreibt einen ständigen Raubbau an der Natur. Er plündert ohne jegliche Sorge um Nachhaltigkeit alle Ressourcen und behandelt die Umwelt wie eine Deponie. Mittlerweile werden zunehmend ganze Landstriche unbewohnbar, die Meere zugemüllt. Mithilfe einer immer ausgefeilteren Technologie werden Ressourcen ausgeplündert, die vor kurzem noch unerreichbar waren. Dabei wird nicht nur der Einsatz an Mitteln immer gewaltiger und kostspieliger, auch die Risiken und das Zerstörungspotenzial vervielfachen sich. Nachdem im April 2010 im Golf von Mexiko die Ölplattform Deepwater Horizon explodiert war, stieß die Untersuchungskommission auf eklatante Mängel hinsichtlich der Einhaltung von Sicherheitsvorschriften. Der gewaltige Konkurrenzdruck zwingt auch und gerade die großen Konzerne, die gewaltige Investitionen in den Bau und die Wartung ihrer Anlagen und Betriebe vornehmen müssen, in letzter Konsequenz zu einem strikten Sparkurs, was stets auch auf Kosten der Sicherheit geht. Jüngstes Beispiel ist die Ölverschmutzung vor der Küste Brasiliens. All diese Fahrlässigkeiten sind kein auf technologisch rückständige Länder begrenztes Phänomen, sondern nehmen gerade in den höchst entwickelten Staaten die unglaublichsten Dimensionen an.
Anders als im Fall von Three Mile Island oder Tschernobyl wurde mit der Katastrophe von Fukushima ein dicht besiedelter Großraum, nämlich Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern, direkt bedroht.
Die Atomenergie wurde im 2. Weltkrieg als ein Instrument der Kriegsführung entwickelt. Der Abwurf der Atombomben auf zwei japanische Städte leitete eine neue Stufe der Zerstörung im niedergehenden kapitalistischen System ein. Der Rüstungswettlauf des Kalten Krieges nach dem 2. Weltkrieg mit seiner systematischen atomaren Hochrüstung hat dieses militärische Vernichtungsarsenal so stark potenziert, dass heute im Falle eines atomaren Schlagabtausches die Menschheit auf einen Schlag ausgelöscht werden könnte. Denn auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges gibt es noch ca. 20.000 Atomsprengköpfe, die die Menschheit zigfach vernichten können.
Mit den Atomunfällen in Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima ist deutlich geworden, dass die Menschheit nicht nur durch den militärischen Einsatz der Atomkraft bedroht ist, sondern auch von der „zivilen“ Nutzung der Kernenergie. Die japanische Regierung schätzt, dass in Folge der Havarie im Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi eine 168-mal höhere Menge des radioaktiven Isotops Cäsium-137 in der Atmosphäre freigesetzt worden ist als durch die Atombombe in Hiroshima im Jahre 1945. (Shimbun, 25. August 2011).
Die ganze Entwicklung seit dem Beginn der Katastrophe zeigt, dass die Verantwortlichen nichts im Griff hatten, das Ausmaß der Katastrophe verharmlosten und jegliche Kontrolle über die Kosten verloren haben, ohne dass die Verantwortlichen die Konsequenzen gezogen haben. Im Gegenteil. Nicht nur in der Frage der Atomkraft, sondern auch beim Schutz der Umwelt insgesamt zeigen sich die Herrschenden immer rücksichtsloser. (siehe Durban…) Die Umweltzerstörung nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an, die Herrschenden dagegen erweisen sich als immer unfähiger, das Steuer herumzureißen und verantwortungsvolle Maßnahmen zum Schutz der Umwelt zu ergreifen. Der Planet, die Menschheit wird auf dem Altar des Profits geopfert.
Überdies schränkt die Weltwirtschaftskrise, die sich im vergangenen Jahr noch einmal zugespitzt hat, den Spielraum der Herrschenden noch zusätzlich ein, um Schutzmaßnahmen zur Erhaltung der Natur einzuleiten. Der Kapitalismus stürzt die Menschheit nicht nur durch die Krise - mit all ihren katastrophalen Folgen wie Hunger, Verarmung, Kriegen usw. - ins Verderben, er setzt mit seinem Zerstörungspotenzial darüber hinaus die Existenz der gesamten Biosphäre aufs Spiel. Die Atomkraftwerke sind nur die Spitze des Eisbergs.
Ein Wettlauf gegen die Zeit hat eingesetzt. Entweder vernichtet der Kapitalismus den ganzen Planeten, oder den Ausgebeuteten und Unterdrückten, mit der Arbeiterklasse an ihrer Spitze, gelingt es, das System zu überwinden. Da der Kapitalismus die Menschheit auf verschiedenen Ebenen bedroht (Krise, Krieg, Umwelt), macht es wenig Sinn, sich ausschließlich gegen einen Aspekt der kapitalistischen Wirklichkeit zu richten, z.B. gegen die Atomkraft. Es ist wichtig, die Zusammenhänge zwischen all diesen Schreckensszenarien und ihre Verwurzelung im kapitalistischen System zu erkennen. Es wäre fatal, den Kampf den sog. „Ein-Punkt-Bewegungen“ zu überlassen, die besonders in den 1980er und 1990er Jahren ihr Unwesen trieben (Anti-Atomkraft-Bewegung, Hausbesetzer, Kampf gegen die NATO-Nachrüstung) Kampf. Heute geht es mehr denn je darum, den globalen Bankrott, die Sackgasse des Systems weltweit aufzuzeigen. Wenn man diesen Zusammenhang zwischen Krise, Krieg und Umweltzerstörung außer Acht lässt, landet man unweigerlich auf dem dünnen Eis des Reformismus, und läuft Gefahr, von diesem System absorbiert zu werden. D., Jan.2012
1) Nordöstlich von Fukushima kommen die beiden Meeresströmungen des warmen Kuroshio und des kalten Oyashio – eines der fischreichsten Gebiete der Welt - zusammen. Die dort aktive japanische Fischerei stellt die Hälfte der in Japan konsumierten Fischprodukte; damit kann die Fischversorgung gefährdet werden.
(2) https://news.ippnw.de/index.php?id=72 [446] , Nach Angaben japanischer Umweltorganisationen plant die Regierung, den kontaminierten Schutt aus der Region um Fukushima über das ganze Land zu verteilen und zu verbrennen. Das japanische Umweltministerium schätzt die Menge an Bauschutt aus der Katastrophe im März in den Küstengebieten von Iwate, Miyagi und Fukushima auf etwa 23,8 Millionen Tonnen. Ein erster Transport von etwa 1000 t Schutt nach Tokio aus Iwate hat Anfang November bereits stattgefunden, wie die Mainichi Daily News berichtete. Die Regierung Iwates schätzt, dass diese Trümmer 133 bq/kg radioaktives Material enthalten. Vor März wäre dies illegal gewesen, aber die japanische Regierung änderte im Juli das Sicherheitsniveau für Bauschutt von 100 bq/kg auf 8000 bq/kg und im Oktober auf 10.000 bq/kg. Tokio hat angekündigt insgesamt 500.000 t Schutt zu übernehmen.
3. Zur Haltung des deutschen Kapitals, das nach Fukushima den Ausstieg bis 2022 beschloss, siehe unsere Artikel in Weltrevolution Nr. 168;169.
Mittlerweile sind mehr als zwei Monate seit der Selbsttötung der beiden Neonazis Böhnhardt und Mundlos vergangen, doch die Schockwellen, die durch das Land rasten, nachdem sich das Ausmaß der Verbrechen des so genannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) angedeutet hatte, sind noch längst nicht verebbt. Im Gegenteil. Keine Woche ist seither vergangen, ohne dass neue Untaten dieser Bande ans Tageslicht gekommen sind: Kaum hatte sich herausgestellt, dass die beiden (im Verein mit ihrer Komplizin Zschäpe) nicht nur für zahlreiche Bankraube in der Region verantwortlich waren, sondern auch im April 2007 den rätselhaften Mordanschlag auf eine Polizistin und ihren Kollegen in Heilbronn begangen hatten, wurde aus den Trümmern des von Zschäpe kurz nach der Selbsttötung ihrer beiden Kumpanen in die Luft gesprengten Domizils des Neonazi-Trios jene Waffe geborgen, mit der vom September 2000 bis April 2006 eine ebenso beispiellose wie mysteriöse Mordserie an neun überwiegend türkischstämmigen Kleinhändlern begangen worden war. Schließlich verdichteten sich auch die Beweise für eine Verstrickung dieses Trios in einen Nagelbombenanschlag im Juni 2004 in Köln-Mülheim, einem überwiegend von Immigranten bewohnten Stadtteil, bei dem fast zwei Dutzend Menschen verletzt wurden. Und vieles spricht dafür, dass diese Bande noch für weitere ungelöste Bombenanschläge und Mordfälle in den letzten dreizehn Jahren die Urheberschaft trägt.
Aber es vergeht seitdem auch kaum ein Tag, an dem die Öffentlichkeit nicht von neuen Pannen, Pleiten und Inkompetenzen der so genannten Strafverfolgungsbehörden des deutschen Staates erfährt. Wenn es stimmt, was jetzt offiziell verlautbart wird, dann konnte diese Bande dreizehn Jahre lang ihr Unwesen treiben, ohne dass die Behörden eine Ahnung von ihrer Existenz hatten, dann konnte dieses Trio Menschen ermorden, Banken ausrauben, Anschläge gegen jüdische und muslimische Einrichtungen begehen, ohne dass der hochgerüstete Polizeiapparat auch nur im Ansatz einen Zusammenhang zwischen all diesen Taten herstellen konnte. Demnach tappten Bundes- und Landeskriminalämter sowie die lokale Polizei die ganzen Jahre über völlig im Dunklen und stritten die Existenz eines Rechtsterrorismus noch ab, als er längst unter uns wütete. Und hätten die drei nach ihrem Abgang nicht unübersehbare Spuren hinterlassen – wie die beiden in den Trümmern sichergestellten Waffen, mit denen sie ihre Morde begingen, und eine Selbstbezichtigungs-DVD -, dann wären sie aller Wahrscheinlichkeit als bloße Bankräuber in die Kriminalstatistiken eingegangen, ohne jeglichen Bezug zu ihrer den Behörden wohlbekannten rechtsradikalen Gesinnung.
Wie konnte das geschehen? Wie ist es zu erklären, dass trotz eines hochgerüsteten Überwachungsapparates wie dem Verfassungsschutz oder dem Bundeskriminalamt, trotz der Durchsetzung des rechtsextremen Milieus mit V-Leuten den staatlichen Behörden das Treiben dieses Neonazi-Trios über ein Jahrzehnt lang völlig entgangen ist? Sind Letztgenannte etwa vom Verfassungsschutz gedeckt worden, wie da und dort schon gemunkelt wird? Oder handelt es sich bei dieser Affäre um einen „Unfall“, der aus Sicht der deutschen Bourgeoisie zur Unzeit kommt?
All die Beteuerungen der Repräsentanten unserer grandiosen Demokratie, sie seien nicht blind auf dem rechten Auge, erweisen sich, um es vorweg zu nehmen, als bloße Lippenbekenntnisse, mit denen suggeriert werden soll, dass der bürgerlich-demokratische Staat und seine Organe zum Rechtsextremismus wie zum Linksextremismus die gleiche Distanz wahrt. Dabei ist die Affinität zwischen dem bürgerlich-demokratischen Staat und den faschistischen Strömungen historisch belegt.
Es gibt genügend Beispiele dafür, dass demokratische Regimes keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Rechtsextremismus haben, sofern es die Umstände erfordern. Sicherlich, in Zeiten des sozialen „Friedens“ möchte die demokratisch-parlamentarische Demokratie am liebsten nichts von ihren rechten Schmuddelkindern wissen. Doch wehe, das Gespenst des revolutionären Klassenkampfes taucht auf - spätestens dann lässt die herrschende Klasse ohne Zögern alle demokratischen Grundsätze fahren und bedient sich der faschistischen Schergen. So geschehen in der deutschen Revolution von 1918-23, als es die SPD unter der Führung des selbsternannten Bluthundes Noske war, die die sog. Freikorps zur Niederschlagung der revolutionären Kämpfe des deutschen Proletariats schuf, ein Sammelbecken allerlei sinistrer, entwurzelter Elemente und eine Urzelle des späteren Nationalsozialismus. Ferner ist es ein offenes Geheimnis, dass Teile der angelsächsischen Elite offene oder heimliche Sympathien für Hitler und Konsorten hegten, dass Stalins Außenposten in Deutschland, die KPD der dreißiger Jahre, bisweilen gemeinsame Sache mit den Nazis machte.
Diese unselige Allianz von Teilen des demokratischen, antifaschistischen Staates mit dem Faschismus setzte sich nach dem Untergang des „III. Reichs“ nahtlos fort. Stichpunkt „Rattenlinie“: zahllose Nazigrößen wurden in den Jahren nach Ende des II. Weltkriegs von amerikanischen Geheimdiensten mit Hilfe des Vatikans nach Südamerika geschleust. Schließlich wollte man von ihrem blutigen Handwerk lernen; keinesfalls aber sollte ihr Wissens- und Erfahrungsschatz dem immer stärker auftrumpfenden imperialistischen Kontrahenten UdSSR in die Hände fallen. Stichpunkt „Org“: die „Organisation Gehlen“ (wie ihr vollständiger Name lautete), die Vorläuferorganisation des BND, wurde von der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem Krieg initiiert und schmückte sich vornehmlich mit alten Nazikadern des „III. Reichs“. Stichpunkt „Gladio“: unter diesem italienischen Begriff (deutsch: Schwert) wurde 1990 eine ungeheure Verschwörung von Teilen der westeuropäischen und US-amerikanischen Bourgeoisie gegen die Bevölkerung westeuropäischer Länder bekannt. Anfang der 1950er Jahre in etlichen westeuropäischen Ländern als Geheimarmee mit Hilfe des CIA und diverser westeuropäischer Geheimdienste gebildet, um im Falle eines sowjetischen Einmarsches hinter den Linien zu operieren, rekrutierten sich die nationalen Ableger dieser Geheimorganisation mit Vorliebe aus Rechtsextremisten und legten heimliche Waffendepots an. Als der sog. Eurokommunismus, eine weichgespülte Form des Stalinismus in den 70er und 80er Jahren, sich anschickte, die Regierungsmacht in Italien zu übernehmen, begingen italienische Neofaschisten unter Federführung italienischer und US-amerikanischer Geheimdienste eine Serie äußerst brutaler Morde und Anschläge – der bekannteste war sicherlich der verheerende Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna 1980, der 85 Tote und 200 Verletzte forderte -, die stets den Linksterroristen der Roten Brigaden oder Anarchisten in die Schuhe geschoben wurden. Mit dieser „Strategie der Spannung“ sollte in Italien ein Klima der Verunsicherung geschaffen werden, mit dem insbesondere die Arbeiterklasse von der Wahl der italienischen KP abgehalten werden sollte.
Typisch italienisch? Keineswegs. Auch in der Bundesrepublik gab es seit den 50er Jahren einen Ableger dieses geheimen Netzwerkes – der „Bund Deutscher Jugend – Technische Hilfe“ (BDJ-TH); auch der deutsche Ableger setzte sich aus zwielichtigen Elementen zusammen – zunächst aus Altnazis und ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, später aus Neonazis. Und auch Deutschland hatte sein Bologna. Im September 1980 beging der Rechtsextremist Gundolf Köhler einen Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest, dem dreizehn Menschen (einschließlich des Täters) zum Opfer fielen und bei dem über zweihundert weitere Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Auch dieser Anschlag wurde – wie in Bologna – zunächst den Linksterroristen in die Schuhe geschoben. Und als diese Version nicht mehr aufrechtzuerhalten war, konstruierten Politik und Justiz die These des irren Einzeltäters, obwohl Köhlers Mitgliedschaft in der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ längst aktenkundig war - einer paramilitärischen Nazitruppe, die, von Teilen der herrschenden Klasse (insbesondere der bayrischen Regierungspartei CSU) verharmlost und von der Justiz gedeckt, nicht nur am Wochenende durchs Gelände robbte, sondern auch aller Wahrscheinlichkeit nach für die Morde an dem jüdischen Verleger Lewin und dessen Ehefrau Poeschke verantwortlich war. Es mutet wie ein Witz an, dass jetzt, im Schatten der aktuellen Affäre, das Ermittlungsverfahren in der Causa Münchner Oktoberfest wieder neu aufgerollt werden soll, nachdem bis dato mehrere Versuche einer Wiederaufnahme dieses Verfahrens an der Justiz gescheitert waren und… etliche Beweisstücke aus der Asservatenkammer der Untersuchungsbehörden verschwunden sind.
Nun, mit dem Zusammenbruch des Ostblocks gibt es zwar keine Existenzgrundlage mehr für „Gladio“ und ähnliche Auswürfe des Kalten Kriegs, dafür stellte sich insbesondere Deutschland (als ehemaliger Anrainerstaat zum Ostblock) und der deutschen Bourgeoisie ein neues Problem, das Anfang der 90er Jahre unter dem ebenso hässlichen wie menschenverachtenden Begriff der „Asylantenschwemme“ durch die bürgerlichen Medien geisterte. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West und dem gleichzeitigen Verfall der gesellschaftlichen Strukturen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks drohte neben dem Strom der Verelendeten aus Afrika und Asien nun ein neuer Exodus, diesmal aus Osteuropa, zumal sich durch den Kollaps des Grenzregimes in diesen Ländern neue Einfallstore auch für Asylsuchende aus dem Rest der Welt in die Länder Westeuropas öffneten. Die deutsche Bourgeoisie konnte kein Interesse an der Aufnahme dieser armen Teufel haben, hatte sie doch ohnehin genug zu tun, um die soziale Lage angesichts der Explosion der Massenarbeitslosigkeit insbesondere in Ostdeutschland ruhig zu halten. So kämpfte sie denn auch mit allen Mitteln gegen den Ansturm von Wirtschaftsflüchtlingen an. Mit politischen Mitteln, indem sie durchsetzte, dass Asylsuchende auch in die Länder zurückgeschickt werden konnten, durch die sie nach Deutschland geschleust wurden. Mit juristischen Mitteln, indem die Asylverfahren verkürzt wurden, natürlich zu Ungunsten der Asylsuchenden. Und mit polizeilichen Mitteln wie der Zwangsrückführung von Asylsuchenden in ihre Herkunftsländer, was für etliche dieser Flüchtlinge den sicheren Tod bedeutete.
Doch ihr effektivstes Abschreckungsmittel war der rechtsradikale Mob, der jahrelang nahezu ungestört wüten und Asylheime abfackeln konnte, der auf alles Jagd machte, was nicht in sein dumpfes Menschenbild passte, und etliche Jahrgänge der so genannten Wendegeneration besonders (aber nicht nur) in Ostdeutschland zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verführte. Die Folge: noch heute weisen die neuen Bundesländer den mit Abstand niedrigsten Ausländeranteil auf. Unbehelligt von den Behörden konnten Neonazis bis heute ganze Regionen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und anderswo zu „ausländerfreien Zonen“ erklären und ihr völkisches Gedöns praktizieren. Bei alledem liegt der Schluss nahe, dass den Herrschenden das Treiben der rechtsradikalen Vogelscheuchen in gewissen Grenzen durchaus nicht unliebsam war. Ihr Vorgehen gegenüber den rechtsextremistischen Gewaltorgien erschöpfte sich jedenfalls darin, rechtsextremistisch motivierte Straftaten zu bagatellisieren und zu vertuschen. Bis heute sind in den offiziellen Statistiken der Bundesregierung zwischen 1990 und 2008 nur 46 Tötungsdelikte mit rechtsextremistischem Hintergrund erfasst, wohingegen Nachforschungen zweier bürgerlicher Zeitungen, DIE ZEIT und DER TAGESSPIEGEL, allein auf 137 rechtsextremistisch motivierte Morde an Ausländer, Immigranten, Homosexuelle und Andersdenkende kommen. Auch die Justiz der sonst so „wehrhaften Demokratie“ zeigte sich erstaunlich zahm und ermunterte mit ihren milden Strafen (oftmals erst nach monatelanger Verzögerung) den rechten Mob.
Kein Zweifel, die politische Blindheit der Herrschenden auf dem rechten Auge hat durchaus einen systemischen Charakter. Und das kann auch nicht verwundern. Die Bourgeoisie ist sich sehr wohl bewusst, aus welcher Richtung ihr wirklich Gefahr droht. Sie kommt mit Sicherheit nicht von rechts. Auch die sozialromantische und pseudorevolutionäre Rhetorik, derer sich die Nazis von einst und heute zuweilen bedienen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Faschismus historisch betrachtet stets ein treuer Diener seines nationalen Kapitals war. Sein Bestreben galt nie der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, sondern allenfalls dem Raub fremden Eigentums durch Krieg und Genozid. Auch heute, wo der Rechtsextremismus politisch nur noch eine marginale Rolle spielt, gibt es mit der Frage des Nationalismus immer noch eine erhebliche Schnittmenge zwischen den rechten Schlägern und Kreisen des staatskapitalistischen Regimes, die sich in der klammheimlichen Sympathie und Kumpanei von Teilen des Polizei- und Verfassungsschutzapparates mit dem Chauvinismus der Neonazis manifestiert. In der Tat geht die Gefahr für die Herrschenden stets von links aus. Sie geht von jenen Menschen aus, die das Privateigentum an Produktionsmitteln als asozial empfinden, die die ungleiche Verteilung des Reichtums anprangern, die letztendlich nichts Geringeres anstreben als einen „Systemwechsel“. Sie manifestiert sich in der unausrottbaren Idee vom Kommunismus, von einer Gesellschaft ohne Privateigentum und Klassen.
Es wäre aber voreilig, von der allgemeinen Feststellung einer Komplizenschaft zwischen Demokratie und Rechtsextremismus auf die besonderen Hintergründe des braunen Terror-Trios zu schließen und zu meinen, hinter dem Neonazi-Terror stecke eine Verschwörung der Herrschenden, wie in der o.g. „Gladio“-Affäre. Sicherlich, es ist nicht auszuschließen, dass Teile der Repressionsorgane mehr wissen, als sie zugeben. Mag sein, dass subalterne Beamte des Verfassungsschutzes gemeinsame Sache mit Neonazis machen. Doch stellt man sich die Frage, wem die Affäre nützt, so muss man zum Schluss kommen, dass die herrschende Klasse in Deutschland in ihrer Gesamtheit mit Sicherheit nicht zu den Nutznießern zählt; gar nicht zu reden von der Rechten, die, wie die NPD, mit einem Verbot und damit mit dem Entzug von Staatsknete rechnen muss.
Die deutsche Bourgeoisie gleicht in ihrem Umgang mit dem Rechtsextremismus vielmehr dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Schon Ende der 1990er Jahre hatte sie sich bei ihrem Spiel mit dem Feuer die Finger verbrannt, als sich rechtsextremistische Gewalttäter zunehmend auch an ausländischen Touristen, an britischen und italienischen Arbeiter vergriffen und somit drohten, den internationalen Ruf Deutschlands zu beschädigen. Die politische Klasse sah sich veranlasst, ein Stopp-Zeichen zu setzen; der damalige Bundeskanzler Schröder rief zum „Aufstand der Anständigen“ auf. Lichterketten wurden gebildet, Rockkonzerte gegen Rechts veranstaltet. Es wurde eine spezielle Task Force von der Polizei zusammengestellt, die an den Brennpunkten des rechten Milieus Präsenz zeigen und Gewalttätigkeiten schon im Ansatz ersticken sollte. Alles im Griff, sollte uns suggeriert werden. Und wirklich: die Berichte über rechte Übergriffe in den Massenmedien nahmen allmählich ab, der Rechtsextremismus verschwand aus dem Blickfeld des öffentlichen Interesses.
Doch in Wahrheit zeigte sich, dass die staatlichen Repressionskräfte gar nichts im Griff hatten, dass sie die Kontrolle über weite Teile der radikalisierten Rechten (wie z.B. die „Nationalen Autonomen“) verloren haben. Trotz der „Kooperation“ mit mehr als 130 V-Leuten in der NPD, trotz der Tatsache, dass allein sieben V-Leute im direkten Umfeld der Zwickauer Terrorbande platziert waren, sahen sich die Behörden außerstande, die verhängnisvolle Entwicklung zum Rechtsterrorismus beizeiten zu erkennen und einzudämmen, die im Schatten des „Aufstandes der Anständigen“ begonnen hatte. Alle Versuche der Verfassungsschutzbehörden, die drei untergetauchten Neonazis ausfindig zu machen, liefen ins Leere: So versuchte man beispielsweise vergeblich, dem Trio über V-Leute ein Handy zukommen zu lassen, mit dessen Hilfe man sich eine Ortung der drei erhoffte. Es flossen Geldsummen, um den dreien die Finanzierung falscher Papiere zu ermöglichen, auch hier vor dem Hintergrund, sie so besser lokalisieren zu können, auch dies vergeblich. Zu allem Überfluss wurden diese eher verzweifelt anmutenden Fahndungsversuche Mitte des vergangenen Jahrzehnts wegen Verjährung der bis dato bekannten Straftaten der drei auch noch gänzlich eingestellt. So konnten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe jahrelang völlig ungestört ihr blutiges Handwerk verrichten, zumal sie es in ihrer Feigheit peinlichst vermieden hatten, zu ihren Lebzeiten ein Bekenntnis zu ihren Untaten abzulegen.
Man kann getrost davon ausgehen, dass das Ausmaß der Verbrechen des braunen Terrornestes, deren Beweise in den Trümmern des ausgebrannten Wohnmobils und des in die Luft gejagten Hauses, das die drei bewohnt hatten, nach und nach geborgen wurden, die politische Klasse hierzulande in gewisser Weise in einen Schockzustand versetzt hat, von dem sie sich bis heute noch nicht ganz erholt hat. Ihr Entsetzen scheint nicht gespielt zu sein. Konsterniert muss sie feststellen, dass sie sich jahrelang in der falschen Gewissheit gewiegt hat, die Rechtsextremisten seien zum Terrorismus nicht fähig. Nicht nur, dass sich hinter dem Neonazi-Trio ein ganzes Netzwerk von Unterstützern verbarg, von dessen Existenz die staatlichen Behörden ebenso wenig Kenntnis hatten wie von dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ selbst. Den Behörden schwant noch Schlimmeres: mehr als 140 polizeilich registrierte Rechtsextremisten sind derzeit schlicht von der Bildfläche verschwunden. Erst jetzt beginnen Verfassungsschutz und Polizei zu überprüfen, ob sie einfach nur vor drohenden Unterhaltszahlungen abgetaucht sind, Urlaub im Ausland machen oder – wie Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe – in den Untergrund gegangen sind.
Nun, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist das Geschrei unter den Herrschenden groß. Bundeskanzlerin spricht von einer „Schande für Deutschland“, die Bundesjustizministerin kündigt Entschädigungszahlungen für die Angehörigen der Opfer an, und Bundespräsident Wulff macht den Kampf gegen den Rechtsextremismus zum Bestandteil seiner Weihnachtsansprache. Bundesinnenminister Friedrich richtet sogleich ein „Abwehrzentrum“ gegen den Rechtsterrorismus ein, und alle im Bundestag vertretenen Parteien sind sich darin einig, ein Verbot der NPD zu prüfen. Die Entrüstung der politischen Klasse über das Nazi-Trio ist die Entrüstung von Ertappten, die ihre rechtsradikalen Schergen viel zu lange an der langen Leine gehalten hatten und nun bestürzt feststellen, dass die ganze Sache außer Kontrolle geraten ist, dass die Neonazis mit ihren mörderischen Taten weit über das Ziel, die Abschreckung von Asylsuchenden, hinausgeschossen sind. Was wir jetzt erleben, ist das Bemühen des deutschen Staates, seine entlaufenen Bluthunde wieder einzufangen und an die Kette zu legen.
Zeitpunkt und Umstände der Entlarvung des Terror-Trios konnten aus der Sicht der deutschen Bourgeoisie nicht ungünstiger sein. Denn heute steht für sie weitaus mehr auf dem Spiel als der Ruf ihres Wirtschaftsstandortes. Damals, in den 90er Jahren, galt Deutschland als der „kranke Mann Europas“; es war sein schlechter wirtschaftlicher Zustand, der damals die besorgten Blicke des Auslandes auf sich zog. Die Übergriffe der Rechten gegen Arbeiter aus Großbritannien und Italien waren – neben den aus Sicht ausländischer Unternehmen zu hohen Sozialstandards und der „Unbeweglichkeit“ des deutschen Arbeitsmarkts – nur ein weiterer Faktor, der ausländische Investoren abschreckte. Heute dagegen ist der deutsche Imperialismus obenauf und seine Kontrahenten auf dem absteigenden Ast. Die sog. Euro-Krise scheint möglich zu machen, was der deutsche Imperialismus im 20. Jahrhundert mit militärischen Mitteln stets angestrebt, aber nie erreicht hatte – die Bildung eines Europas nach deutschem Abbild, nach deutschen Regeln und Standards, ein „deutsches“ Europa. Je erfolgreicher sich Merkel aber auf den nahezu wöchentlichen Krisensitzungen der Euro-Zone durchsetzt, desto aggressiver werden die Reaktionen der europäischen Widersacher Deutschlands. Schon heute gehören Analogien zum Hitlerfaschismus (das „IV. Reich“, Merkel mit Hitler-Bärtchen)) zum täglichen Sprachgebrauch ausländischer europäischer Medien. Mit Argusaugen achten sie auf jede Regung der hiesigen politischen Klasse, suchen nach Hinweisen auf eine Wiederbelebung des alten deutschen Revanchismus. So ließ beispielsweise die Äußerung des CDU-Generalsekretärs Kauder: „Jetzt wird deutsch gesprochen in Europa“ die Wellen im europäischen Ausland hoch schlagen.
Vor diesem Hintergrund ist die Neonazi-Affäre natürlich ein gefundenes Fressen für die Rivalen des deutschen Imperialismus, lässt sich doch damit vorzüglich der alte Popanz aus der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands zu neuem Leben erwecken. In der ausländischen Presse ist das Terror-Trio der Aufhänger: In spanischen Zeitungen wird die Frage gestellt, wie eine solche Bande dreizehn Jahre lang unentdeckt von den Behörden bleiben konnte. In der türkischen Presse vergleicht man diese Affäre mit der „Ergenekon“-Verschwörung in der Türkei und unterstellt damit Teilen des deutschen Staates, das Terror-Trio gedeckt zu haben. Für die deutsche Bourgeoisie bedeutet diese Affäre, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam, einen politischen Flurschaden von erheblichem Ausmaß. Sie, die sich anschickt, Europas Politik zu diktieren, weiß, dass nichts schädlicher ist für ihre Ambitionen als eine braun befleckte Reputation. Und genau darum geht es. Wie sagte Außenminister Westerwelle kürzlich? "Das ist nicht nur furchtbar für die Opfer, das ist nicht nur schlimm für unser Land, es ist vor allen Dingen auch sehr, sehr schlimm für das Ansehen unseres Landes in der Welt." (Hervorhebung von der Red.) Immerhin nannte er die Opfer noch an erster Stelle, wenngleich er ihre Angehörigen zu erwähnen vergaß, die seit der Ermordung ihrer Väter, Brüder, Cousins mit dem von der Polizei und der Presse lancierten Verdacht leben mussten, ihre Angehörigen seien wahrscheinlich im Drogenhandel oder anderen kriminellen Geschäften verwickelt gewesen und von der „türkischen Mafia“ erschossen worden. Doch „vor allen Dingen“ geht es den Herrschenden hierzulande darum, Schaden von ihrem Staat abzuwenden. All ihre Goodwill-Aktionen wie die Auszahlung von Entschädigungsgeldern an die Angehörigen der Opfer, die Einladung der Angehörigen durch den Bundespräsidenten und die öffentlich zur Schau gestellte Zerknirschung der politischen Klasse dienen nur diesem einen Zweck.
Einer der vielen Antagonismen, die den Kapitalismus prägen, ist der Widerspruch zwischen der Nation und den Weltmarkt. Beide Phänomene gehören zum Kapitalismus wie die weltliche und geistliche Macht zum Feudalismus; sie sind erst mit dem Kapitalismus buchstäblich zu einem Begriff geworden. Von Anbeginn seiner Existenz strebte der Kapitalismus ökonomisch zum internationalen Warenhandel, zum Weltmarkt eben, aber politisch organisierte er sich von Anfang an in einem strikt nationalen Rahmen. Dieser unlösbare Widerspruch – einerseits das Bedürfnis der Nation nach Abgrenzung und Unterscheidung, andererseits die Forderung des Weltmarktes nach Durchlässigkeit und Aufhebung der Grenzen – zieht sich wie ein Riss quer durch die gesamte Bourgeoisie. Da haben wir auf der einen Seite zum Beispiel die Spitzenmanager von Großkonzernen, die sich vom Scheitel bis zur Sohle polyglott geben, die, allein schon um auf dem Weltmarkt zu überleben, grenzüberschreitend bei der Auswahl der Produktionsstandorte, der Arbeitskräfte sind und die in globalen, nicht nationalen Kategorien denken. Auf der anderen Seite haben wir neben anderen die Verfassungsschützer, deren größte Sorge die Erhaltung des Status quo, der Schutz ihres Brötchengebers, des Nationalstaates, ist, deren Interessen nicht vornehmlich dem freien und grenzenlosen Austausch von Gütern (einschließlich der Arbeitskräfte), dem internationalen Warenhandel gelten, sondern der nationalen Sicherheit. Für sie ist die Nation nicht Mittel zum Zweck, sondern der Zweck, der alle Mittel heiligt.
Die Bourgeoisie kann diesen Widerspruch zwischen der Nation und dem Weltmarkt nicht auflösen; stattdessen laviert sie zwischen beiden Polen hin und her. Die Folgen dieses Widerspruchs für die Politik der Herrschenden werden exemplarisch am Fall Deutschland deutlich. So verdankte der Nationalsozialismus seinen Aufstieg in den 30er Jahren nicht nur dem desolaten Zustand einer geschlagenen, verratenen und enthaupteten Arbeiterklasse, sondern auch dem nicht minder desolaten Zustand der deutschen Wirtschaft im Besonderen und der Weltwirtschaft im Allgemeinen. Es war unter anderem der damals allseits praktizierte Protektionismus – als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise -, die Abschottung der nationalen Volkswirtschaften, die die deutsche Bourgeoisie dazu veranlasste, die Karte des Nationalsozialismus zu ziehen, dessen politisches Programm im Kern in der Überhöhung der deutschen Nation und in der Ersetzung des Welthandels durch schlichten Raub mit militärischen Mitteln bestand.
Zurzeit befindet sich die kapitalistische Gesellschaft in einer Krise, die noch schlimmer ist als die Weltwirtschaftskrise, die 1929 die Welt heimsuchte. Dennoch fristet der rechte Flügel der deutschen Bourgeoisie ein marginales Dasein. Deutschland ist so gut wie das einzige Land in Europa ohne eine nennenswerte rechtspopulistische oder rechtsextreme Massenbewegung. Und dies nicht ohne Grund. Anders als in den 30er Jahren, als besonders der deutsche Kapitalismus unter den vorherrschenden protektionistischen Tendenzen in der Weltwirtschaft litt, profitiert heute keine andere Volkswirtschaft von der Öffnung aller Grenzen für den Warenhandel so stark wie die deutsche. Als eine der führenden Exportnationen der Welt hat das deutsche Kapital nicht das geringste Interesse am „nationalen Programm“ einer NPD. Europa-feindliche Tendenzen können vielleicht die auf das Niveau einer Splitterpartei abgesunkene FDP erschüttern, für die herrschenden Kreise hierzulande sind sie irrelevant. Unfähig, die Gesellschaft mit politischen Mitteln zu erobern, ohne jegliche Perspektive einer Massenbewegung nach dem Vorbild des Nationalsozialismus ist es nur folgerichtig, dass einige Desperados aus dem rechtsextremen Milieu in den nackten Terror flüchten und völlig irrationale Taten begehen, Taten, die weder für die NPD als einzig verbliebene politische Organisation am rechten Saum der Gesellschaft noch für irgendeine Fraktion innerhalb der deutschen Bourgeoisie von Nutzen sind. Im Gegenteil.
Heute hat vielmehr die Stunde der Demokraten, der Antifaschisten und besonders der bürgerlichen Linken geschlagen, ist die Demokratie längst zur adäquatesten Herrschaftsform des Kapitalismus in den westlichen Industrieländern, auch in Deutschland geworden. Nur sie und ihre Protagonisten sind in der Lage, den Gegensatz zwischen den nationalen Interessen und den Anforderungen eines entfesselten Weltmarktes zu übertünchen. Dies lässt sich am besten an der Ausländerpolitik illustrieren: Während die Rechte des Kapitals mit ihrer Losung „Deutschland dem deutschen Volk!“ nicht nur völlig an der Realität einer Arbeiterklasse in Deutschland vorbeigeht, die schon längst international geworden ist, sondern auch den demographischen Wandel ignoriert, der die deutsche Bourgeoisie zum „brain drain“ (d.h. zur Rekrutierung von ausgebildeten Arbeitskräften in der 3. Welt) geradezu zwingt, weiß die Linke des Kapitals sehr wohl zu unterscheiden zwischen „nützlichen Ausländern“ – beispielsweise IT-Spezialisten aus Indien –, die sie willkommen heißt, und den unerwünschten Elendsflüchtlingen aus Afrika. Während die rechten Glatzen mit roher Gewalt und zur Empörung der Mehrheit der Bevölkerung Fremde mit südländischem Aussehen terrorisieren, lassen die Technokraten des demokratischen Regimes die Wirtschaftsflüchtlinge diskret und unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf hoher See verrecken und schieben jene, denen die Flucht ins „Gelobte Land“ gelungen ist, geräuschlos ab, wobei sie bewusst den Tod vieler dieser Flüchtlinge in Kauf nehmen. Während die Rechten die EU uneingeschränkt ablehnen und den Austritt Deutschlands fordern, was auf eine katastrophale Isolierung des deutschen Kapitals auf dem Weltmarkt hinauslaufen würde, halten die etablierten Parteien trotz aller Krisen unbeirrt an dem Projekt eines gemeinsamen europäischen Raumes fest, weil sie wissen, dass es den nationalen Interessen Deutschlands am besten gerecht wird. Und während die Neonazis mit ihrer irren Version einer „Volksgemeinschaft“ allenfalls bei einigen Dörflern in Brandenburg oder Mecklenburg auf Gegenliebe stoßen, erweist sich das Modell einer „pluralistischen Demokratie“ heute als das effektivste Mittel der Bourgeoisie, um der aufkeimenden sozialen Unruhe Herr zu werden.
So mag der Rechtsextremismus in seiner gewalttätigsten Form, wie er sich in Gestalt stiernackiger Glatzen, aber auch des Terror-Trios äußert, eine Gefahr für Leib und Leben einzelner Angehöriger der Arbeiterklasse sein, doch auf politischer Ebene droht die wirkliche Gefahr für die Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit von der anderen Seite, vom linken Arm des bürgerlichen Herrschaftsapparates. Nicht nur, dass er in seiner gewerkschaftlichen Ausprägung einen enormen Erfahrungsschatz hat, um Arbeiterkämpfe zu sabotieren; darüber hinaus sorgt er mit seiner Verteidigung der bürgerlichen Demokratie und somit der kapitalistischen Produktionsverhältnisse dafür, dass der Schoß, aus dem der Faschismus einst kroch, fruchtbar bleibt. 2.1.2012
Die Losung „Den Kapitalismus demokratisieren“, die bei der Besetzung von St. Paul auf dem Gelände der Universität von Tent City aufkam, löste scharfe Debatten aus, die letztendlich dazu führten, dass das Banner mit dieser Losung entfernt wurde.
Dieser Ausgang zeigt, dass die Besetzungen von St. Paul, UBS und anderswo den Boden für sehr fruchtbare Diskussionen unter all jenen geschaffen haben, die mit dem gegenwärtigen gesellschaftlichen System unzufrieden sind und nach einer Alternative Ausschau halten. „Den Kapitalismus demokratisieren“ ist keine wirkliche Option, spiegelt aber die Auffassung vieler Menschen wider, die sich an den Besetzungen und Treffen beteiligten, die sie generiert haben. Immer wieder wird der Gedanke verbreitet, dass der Kapitalismus menschlicher gestaltet werden könnte, wenn die Reichen mehr Steuern zahlen, wenn die Banker ihre Boni verlieren, wenn die Finanzmärkte besser kontrolliert werden oder wenn der Staat die Wirtschaft mehr in die eigenen Hände nehmen würde.
Selbst Spitzenpolitiker springen auf diesen Zug auf. Cameron will den Kapitalismus moralischer machen, Clegg möchte, dass die ArbeiterInnen sich mehr Aktien aneignen können, Miliband ist gegen den „Raubtierkapitalismus“ und will mehr staatliche Regulierung.
Doch all das, was da von den Politikern des Kapitals kommt, ist nur leeres Geschwätz, eine Nebelkerze, die uns daran hindern soll zu sehen, was Kapitalismus ist und was nicht.
Der Kapitalismus ist ein ganz eigenes Stadium in der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Er ist die letzte in einer Reihe von Gesellschaften, die auf der Ausbeutung der Mehrheit durch eine Minderheit fußen. Er ist die erste menschliche Gesellschaft, in der die gesamte Produktion von dem Bedürfnis angetrieben wird, einen Profit auf dem Markt zu erzielen. Er ist daher die erste Klassengesellschaft, in der all die Ausgebeuteten ihre Fähigkeit zu arbeiten, ihre „Arbeitskraft“, an die Ausbeuter verkaufen müssen. Während also im Feudalismus die Leibeigenen mit Gewalt dazu gezwungen wurden, ihre Arbeit bzw. ihre Produkte direkt an den Fronherrn abzuliefern, wird uns im Kapitalismus die Arbeitszeit auf subtilere Weise, durch das Lohnsystem, genommen.
Es macht daher keinen Unterschied, ob die Ausbeuter in Gestalt privater Bosse oder als Funktionäre der „Kommunistischen Partei“ wie in China oder Nordkorea organisiert sind. Solange Lohnarbeit existiert, herrscht der Kapitalismus. Wie Marx es formuliert hatte: „Das Kapital setzt also die Lohnarbeit, die Lohnarbeit setzt das Kapital voraus“ (Lohnarbeit und Kapital).
Der Kapitalismus ist in seinem Innersten das gesellschaftliche Verhältnis zwischen der Klasse der LohnarbeiterInnen (die die Arbeitslosen miteinschließt, da die Arbeitslosigkeit Teil der Bedingungen jener Klasse ist) und der ausbeutenden Klasse. Der Kapitalismus ist der entfremdete Reichtum, der von den ArbeiterInnen produziert wird – einer Kraft, die von ihm selbst geschaffen wurde, die ihm aber als unerbittlicher Feind gegenübersteht.
Doch auch wenn die Kapitalisten von diesem Arrangement profitieren, können sie es nicht wirklich kontrollieren. Das Kapital ist eine unpersönliche Kraft, die sich letztendlich ihrem Zugriff entzieht und sie gar beherrscht. Daher ist die Geschichte des Kapitalismus eine Geschichte der wirtschaftlichen Krisen. Und seitdem der Kapitalismus zu einem globalen System geworden ist, rund um den Beginn des 20. Jahrhunderts, ist die Krise mehr oder weniger permanent geworden, ob sie nun die Form eines Weltkriegs oder einer weltweiten Depressionen annimmt.
Und gleich welche Wirtschaftspolitik, die die herrschende Klasse und ihre Staaten ausprobieren, ob Keynesianismus, Stalinismus oder staatlich gestützter „Neoliberalismus“, die Krise wurde nur tiefer und unlösbarer. Verzweifelt ob der ökonomischen Sackgasse, verfangen sich die verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse und die mannigfaltigen Nationalstaaten, in denen sie organisiert ist, in einer Spirale der gnadenlosen Konkurrenz, militärischen Konflikten und ökologischen Verwüstungen, die sie zwingen, immer „unmoralischer“ und „räuberischer“ auf ihrer Jagd nach Profiten und strategischen Vorteilen zu werden.
Die kapitalistische Klasse ist der Kapitän eines sinkenden Schiffs. Niemals war die Notwendigkeit, sie ihres Kommandos über den Planeten zu entheben, drängender wie heute.
Doch dieses System, der extremste Ausdruck der Entfremdung des Menschen, hat auch die Möglichkeit einer neuen und wahrhaft menschlichen Gesellschaft geschaffen. Es hat Wissenschaften und Technologien in Bewegung gesetzt, die zum Nutzen aller umgewandelt und verwendet werden könnten. Es hat daher die Möglichkeit eröffnet, dass die Produktion direkt auf den Konsum ausgerichtet werden kann, ohne die Vermittlung durch das Geld oder den Markt. Es hat den Globus vereint oder zumindest die Voraussetzungen für seine wahre Vereinigung geschaffen. Es hat es somit plausibel gemacht, das gesamte System der Nationalstaaten mit ihren pausenlosen Kriegen abzuschaffen. Zusammengefasst hat es den alten Traum einer menschlichen Weltgemeinschaft sowohl notwendig als auch möglich gemacht. Wir nennen diese Gesellschaft Kommunismus.
Für die ausgebeutete Klasse, die Klasse der Lohnarbeit, gibt es kein Interesse daran, Illusionen über das System zu hegen, mit dem sie konfrontiert ist. Sie ist der potenzielle Totengräber dieser Gesellschaft und der Erbauer einer neuen. Doch um dieses Potenzial zu realisieren, muss sie sich vollkommen im Klaren darüber sein, für und gegen was sie kämpft. Die Ideen über die Reformierung oder „Demokratisierung“ des Kapitals sind so viele Hindernisse auf dem Weg zu dieser Klarheit.
Als könne man den Kapitalismus menschlicher gestalten, behauptet heutzutage jedermann für die Demokratie zu sein, möchte jedermann eine demokratischere Gesellschaft. Und deshalb können wir die Idee der Demokratie nicht für bare Münze nehmen, wie irgendeine abstrakte Idee, dem wir alle zustimmen können. Wie der Kapitalismus hat die Demokratie eine Geschichte. Als ein politisches System konnte die Demokratie im antiken Athen mit der Sklaverei und unter Ausschluss der Frauen koexistieren. Unter dem Kapitalismus kann die parlamentarische Demokratie mit dem Machtmonopol einer kleinen Minderheit koexistieren, die sich nicht nur den wirtschaftlichen Reichtum, sondern auch die ideologischen Mittel angeeignet hat, um das Denken (und das Abstimmungsverhalten) der Menschen zu beeinflussen.
Die kapitalistische Demokratie hält der kapitalistischen Gesellschaft den Spiegel vor, die uns alle in isolierte wirtschaftliche Einheiten umwandelt, die gegeneinander auf dem Markt konkurrieren. Theoretisch konkurrieren wir unter gleichen Bedingungen, doch die Realität ist, dass der Reichtum sich in immer weniger Händen konzentriert. Wir sind gleichfalls isoliert, wenn wir als individuelle Bürger die Wahlkabine betreten, und genauso fern von der Ausübung jeglicher realen Macht.
In den Diskussionen, die die vielen Besetzungen und Bewegungen der öffentlichen Versammlungen von Tunesien und Ägypten bis Spanien, Griechenland und den USA angeregt haben, hat es eine mehr oder weniger kontinuierliche Konfrontation zwischen zwei Flügeln gegeben: auf der einen Seite gab es jene, die nicht weitergehen wollen, als das herrschende Regime demokratischer zu machen, die dabei stehenbleiben, Tyrannen wie Mubarak loszuwerden und ein parlamentarisches System einzuführen oder Druck auf die etablierten politischen Parteien auszuüben, so dass diese den Forderungen der Straße mehr Gehör zu schenken. Und auf der anderen Seite haben wir jene, die, auch wenn sie noch eine kleine Minderheit sind, zu sagen beginnen: Wozu brauchen wir ein Parlament, wenn wir uns selbst in Versammlungen organisieren können? Können parlamentarische Wahlen etwas ändern? Können wir Formen wie die Versammlungen benutzen, um die Kontrolle über unser eigenes Leben zu übernehmen – nicht nur auf den öffentlichen Plätzen, sondern auch auf den Baustellen, in den Fabriken und Werkstätten?
Diese Diskussionen sind nicht neu. Sie sind ein Nachhall jener Debatten, die in der Zeit der Russischen und Deutschen Revolution am Ende des I. Weltkrieges stattgefunden haben. Millionen waren gegen ein kapitalistisches System in Bewegung geraten, das durch das Abschlachten von Millionen an den Kriegsfronten bereits gezeigt hat, dass es aufgehört hat, eine nützliche Rolle für das menschliche Geschlecht zu spielen. Doch während manche sagten, dass die Revolutionen nicht über die Installierung eines „bürgerlich-demokratischen“ Regimes hinausgehen dürfen, gab es andererseits auch jene – damals recht beträchtlich an Anzahl -, die sagten: Das Parlament gehört der herrschenden Klasse. Wir haben unsere eigenen Versammlungen gebildet, Fabrikkomitees, Sowjets (Organisationen, die auf allgemeinen Versammlungen mit gewählten und jederzeit abwählbaren Delegierten basierten). Diese Organisationen sollten die Macht übernehmen, die dann in unseren Händen bleibt – der erste Schritt zu einer Umorganisierung der Gesellschaft von unten nach oben. Und für einen kurzen Augenblick, ehe ihre Revolution durch Isolation, Bürgerkrieg und innere Degeneration zerstört wurde, übernahmen die Sowjets, die Organe der Arbeiterklasse, die Macht in Russland.
Es war ein Moment einer unerhörten Hoffnung für die Menschheit. Die Tatsache, dass sie sich zerschlagen hatte, sollte uns nicht davon abhalten: Wir müssen aus unseren Niederlagen und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Wir können den Kapitalismus nicht demokratisieren, weil er mehr denn je eine monströse und zerstörerische Kraft ist, die die Welt in den Ruin stürzen wird, es sei denn, wir zerstören ihn. Und wir werden dieses Monster nicht los, indem wir die Institutionen des Kapitalismus nutzen. Wir benötigen Organisationen, die wir kontrollieren und mit denen wir den revolutionären Wandel einleiten können, der unsere einzige Hoffnung verbleibt.
Amos, 25.1.2012
Oberflächlich betrachtet, ist - falls es überhaupt möglich ist, die gegenwärtigen Kriege gegeneinander abzuwägen - der aktuelle Konflikt zwischen der Hamas und Israel um den Gazastreifen nicht einmal das schlimmste Gemetzel, das derzeit stattfindet. Ruandische „Rebellen“, die von Großbritannien gestützt werden, töteten und vergewaltigten sich ihren Weg tief in das Kernland der so genannten Demokratischen Republik Kongo, die selbst ein breites Betätigungsfeld für Massaker, Kinder-Soldaten, Vergewaltigungen und Terror darstellt. All dies wird, wenngleich nicht direkt inszeniert, so doch geduldet von den Großmächten, während die Vereinten Nationen zuschauen. Auch weiter nördlich, in der Sahel-Zone, Massentötungen von Zivilisten, Vergewaltigungen, Kinder-Soldaten, Großmachtmanöver und –rivalitäten neben der elenden Barbarei des religiösen Fundamentalismus. Im Schatten der jüngsten israelischen Operation „Säule der Verteidigung“ ging unterdessen das Gemetzel in Syrien weiter. Doch der Konflikt zwischen Israel und Palästina löst ein besonderes Echo unter den Revolutionären aus, weil in ihm die permanente Militarisierung zum Ausdruck kommt, die das Kennzeichen eines zerfallenden Systems ist. Was immer seine Besonderheiten, Strategien und „Begründungen“ sind - der israelisch-palästinensische Konflikt ist vor allen Dingen der Ausdruck eines zerfallenden Kapitalismus, der eine enorme Bedrohung für die Arbeiterklasse und für die gesamte Menschheit darstellt. Seine Absurdität und Irrationalität fasst perfekt die Zukunft zusammen, die dieses krisengeschüttelte System für uns und den kommenden Generationen in petto hält. Es kann hier keinen Frieden geben, keine substanziellen Verhandlungen, und jegliche mögliche israelisch-palästinensische „Zwei-Staaten-Lösung“, wenn sie denn jemals das Tageslicht erblickt, würde nur ein weiterer Faktor zu noch größerer Instabilität und zu noch mehr Kriegen sein. Der Nahe Osten zeigt heute, wie die Nationen und Cliquen unvermeidlich auf wachsende Spannungen, Rivalitäten und militärische Konkurrenz zusteuern. Jede größere Nation ist zu einem militärischen Monster geworden, und sämtliche nationalstaatliche Kreationen sind nach ihrem eigenen Bilde geschaffen worden, wobei jede aufstrebende Clique bzw. „nationale Befreiungskraft“ ebenfalls monströser Ausdruck des universellen Zerfalls ist. Israel und die „palästinensische Frage“ zeigen dies in höchstem Maße.
2009 ist Professor Havard Hegre vom Fachbereich für Politwissenschaften an der Osloer Universität zusammen mit dem Friedensforschungsinstitut zu dem Schluss gekommen, dass „die Anzahl bewaffneter Konflikte zurückgeht“ und „der Rückgang anhalten wird“. (1) Es ist die imperialistische Version der Leugnung der Wirtschaftskrise und der Vorstellung eines immerwährenden mehr oder weniger friedlichen Kapitalismus. Es ist pure Fiktion! Wir haben oben bereits die Kriege in Afrika und Nahost erwähnt, Kriege, die alle Anzeichen der Ausbreitung und Verschärfung in sich tragen. Wir können ferner den Krieg in Libyen hinzufügen, den der gute Mann zusammen mit dem Krieg in Syrien als „Demokratisierungsprozess“ etikettiert, als ob dies irgendeine Art von Entschuldigung ist; aus seinem Blickwinkel und nach Auffassung vieler bürgerlicher Akademiker kann der Kapitalismus ein Gleichgewicht aufrechterhalten, wird er immer humaner, ja schreitet zum ewigen Leben fort. Zu den Kriegen oben können wir den anhaltenden Krieg im Irak hinzufügen, der mehr und mehr droht, sich mit einem Krieg in Syrien zu verbinden, oder die „kurdische Frage“, die ein Krieg für sich und ein potenzieller Krieg über etliche Ländergrenzen hinweg ist, auch hier mit der Gefahr, sich mit dem syrischen Krieg zu verbinden. Dann gibt es den Krieg in Afghanistan und Pakistan und die De-facto-Kriegserklärung der westlichen Mächte gegen ein von Russland und China gestütztes Iran (in einer Konstellation ähnlich der Syriens); nicht zu vergessen die unzähligen Spannungen und Rivalitäten, die von einem aggressiven und heißhungrigen chinesischen Imperialismus ausgehen. Und wir müssen die fragilen und militarisierten Verwerfungslinien auf dem Balkan, dem Kaukasus und in den ehemaligen Sowjetrepubliken, in Afrika (Somalia, die Sahel-Zone, der Kongo) hinzufügen. Wo wir auch hinschauen, erblicken wir immer mächtigere Tendenzen nicht in Richtung Frieden, Vernunft und Kohärenz, sondern in Richtung Zusammenhanglosigkeit, Fragmentierung, sehen wir zentrifugale, separatistische Tendenzen, die in den ökonomisch verhältnismäßig schwächeren Gebieten der Welt einen Rutsch in die permanente Militarisierung und den Krieg anzeigen. Dies ist eine direkte Konsequenz aus einem Wirtschaftssystem, das nach all seinem früheren Ruhmes nun auf dem letzten Loch pfeift.
Der Nahe Osten setzt sich aus ökonomisch zusammenhangslosen Territorien zusammen, wo ethnische und religiöse Spaltungen von allen wichtigen imperialistischen Mächten zum Gegenstand ihrer Manipulationen und Manöver gemacht werden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als das kapitalistische System sich über den Globus ausgebreitet hatte, gab es keinen Platz mehr für irgendwelche neu expandierenden, realen Nationen. Länder wie der Irak, der Jemen, Jordanien, Syrien, der Libanon, Israel und die palästinensischen „Territorien“ waren durchweg Kreationen, oder besser: Missgeburten, des Imperialismus im Allgemeinen und des britischen und französischen Imperialismus (2) im Besonderen, der die willkürlich erzwungenen Grenzen dieser neu geschaffenen Länder benutzte, um „zu spalten und zu herrschen“ und so seine eigenen imperialistischen Interessen durchzusetzen. Später nutzten die USA die terroristischen Fraktionen des Zionismus, um die Briten zu verdrängen, und noch später, während des Kalten Krieges, nutzte Russland die gesamte Region als einen seiner Tummelplätze, um den USA die Stirn zu bieten. Wie all die oben erwähnten arabischen Staaten, die übrigens mehr Palästinenser auf dem Gewissen haben als die Israelis, ist der israelische Staat ein Ausdruck des Militarismus und Krieges, der mit der Vertiefung der Wirtschaftskrise immer instabiler werden wird.
Als der Kapitalismus noch ein pulsierendes, fortschrittliches und expandierendes System gewesen war, waren Krieg und Spaltungen zwar ebenfalls Bestandteil von ihm, doch im Allgemeinen tendierte das System zu einer gewissen Kohärenz hinsichtlich des Aufbaus und der Vereinheitlichung des Nationalstaates. Auch religiöse, ethnische und andere Faktoren neigten dazu, sich für das übergeordnete Wohl einer effektiveren kapitalistischen Akkumulation in einer Nation zu verschmelzen. Dies geschah nicht aufgrund der „moralischen Überlegenheit“ des Kapitalismus, sondern entsprang seinem fundamentalen Bedürfnis nach erfolgreicher Ausbeutung und Expansion. In der Dekadenz sehen wir jedoch, dass die Bildung neuer Staaten nicht zur Integration unterschiedlicher Gruppierungen der Gesellschaft in eine höhere kapitalistische Einheit führt, sondern oft in ethnischen „Säuberungen“, in der Stärkung rassischer, religiöser und ethnischer Spaltungen, in der Vertreibung oder Ghettoisierung verschiedener Gruppen mündet. Wir haben oben bereits den Balkan, den Kaukasus, die ehemaligen Sowjetrepubliken erwähnt, und wir können den indischen Subkontinent hinzufügen – Regionen, in denen viele dieser „Nationen“ aus imperialistischem Kalkül geschaffen wurden und deren eigentliche Existenz sich auf ethnischen und religiösen Spannungen, auf Zentrifugalkräften und dem Jeder-für- sich gründet. Genau dasselbe trifft auf die „Nationen“ des Nahen Ostens zu: Jordanien, Syrien, etc. und besonders Israel, dessen Besonderheit und Existenz als Bollwerk exakt den allgemeinen Niedergang des Kapitalismus widerspiegelt. Viele dieser Nationen sind keine lebensfähigen Wirtschaftseinheiten; sie hängen zumeist von einem größeren imperialistischen Hai (oder von mehreren Haien) ab und geraten in den Fokus größerer Spannungen. Sie drücken nicht ein positives Vorwärtsstreben aus, sondern sind vielmehr eine Fessel für die Produktivkräfte.
Doch bedeutet dies, dass es in Nahost keine „Begründungen“ in dieser Gleichung gibt, dass keine strategischen und wirtschaftlichen Motive am Werk sind (Ölförderung und –verkauf zum Beispiel, wahltaktische Motive, andere taktische Erwägungen usw.)? Nein, es gibt ganze Knäuel von ihnen. Im Nahen Osten kommen sie dick und verworren daher, doch der Punkt ist, dass sie alle zusammen gegenüber der überwältigenden Tendenz zum Zusammenbruch zweitrangig sind. In der Absurdität der Verteidigung von Grenzen, der willkürlichen Spaltungen und im Rahmen einer unüberwindbaren Ausweglosigkeit, die von einer sich vertiefenden Krise noch verschlimmert wird, können sie faktisch nur zu eben jenem Zusammenbruch beitragen. Diese teuflische Spirale der Zerstörung wird nicht stoppen und kann nicht abgeschwächt oder wegverhandelt werden. Was immer die Bourgeoisie anzustellen versucht, um die Lage zu „regeln“, es macht die Lage nur noch zerbrechlicher, und dies wird in Nahost veranschaulicht. Hier konnte man zuerst die klarsten Anzeichen einer Schwächung des Weltgendarmen, den USA, sehen, deren Einflussbereich überspannt und beeinträchtigt wird, was wiederum noch zentrifugaleren Tendenzen Tür und Tor öffnet. Dieses Phänomen einer Gesellschaft, die zerrissen wird in einer Reihe von Kriegen mit unterschiedlichen ethnischen, religiösen und rassischen Gruppen, von denen eine jede für verborgene imperialistische Interessen steht, ist ein typischer Ausdruck der dekadenten Gesellschaft – eine Wiederauflage dessen, was das römische Imperium und das feudale Europa in der Epoche ihres Niedergangs erlebt hatten.
Wenn es denn je Präsident Netanjahus Absicht war, seine politische Stellung zu stärken, indem er Mitte November, nach den US-Wahlen und noch vor den israelischen Wahlen im kommenden Januar, die Operation „Säule der Verteidigung“ in Gang setzte, so hat er sich gründlich verrechnet. Hamas, die in den letzten Jahren erheblich an Glaubwürdigkeit im Gaza-Streifen eingebüßt hatte, ist enorm gestärkt aus dem Acht-Tage-Krieg hervorgegangen. Die Brutalität der israelischen Antwort, die Geschützfeuer durch Panzer und Marine, Attacken von Hubschraubern und Kampfjets gegen den schmalen, dicht besiedelten Gaza-Streifen umfasste, hat sich als eine politische Fehlzündung erwiesen. Hamas, die zusammen mit ihren noch fundamentalistischeren „Verbündeten“ von eben jenen dicht besiedelten Gebieten aus monatelang Raketen auf Israel abgefeuert hatte, ist durch die Unterzeichnung einer Waffenruhe mit Israel und durch weitere Gespräche über „Erleichterungen“ im Transport von Menschen und Waren in den und aus dem Gaza-Streifen aufgewertet worden. Umgekehrt hat Hamas zugesagt, dass es die Raketenangriffe gegen Israel stoppen wird, und sich zu diesem Zweck auch gegenüber den militanteren Gruppen wie den Islamischen Dschihad gewappnet. Hamas ging auch gegenüber den palästinensischen Autonomiebehörden des Mahmoud Abbas in der Westbank gestärkt hervor, wo die Aktien von Hamas zum Nachteil Ersterer stiegen. Dies ist der Grund für die Warnung, die Abbas in dieser Woche an Europa und die USA richtete (The Guardian, 28.11.12), dass die palästinensische Autonomiebehörde ein paar Krümel von „Eigenstaatlichkeit“ (die den Palästinensern eine Art von Vatikan-Status in der UN verleihen soll) erhalten müsse, oder Hamas werde weiter gestärkt. Zur Enttäuschung der USA und des Restes des Nahost-Quartetts (der Sondergesandte Tony Blair) ist Hamas mehr in den ganzen Prozess eingebunden worden; ihre Isolation ist mit Unterstützung nicht nur des Iran, sondern auch Katars, Tunesiens, Ägyptens (Offizielle aus allen drei genannten Ländern haben kürzlich Gaza besucht) und anderer durchbrochen worden. Der britische Außenminister Hague hat die von Ägypten vermittelte Waffenruhe als „einen wichtigen Schritt zu einem dauerhaften Frieden“ begrüßt. Natürlich ist nichts dergleichen wahr, aber es zeigt, wie Hamas und die kleineren Gruppierungen nun von all jenen mit berücksichtigt werden müssen, die sie einst zu isolieren versuchten. Die US-Administration wusste, dass eine israelische Invasion in Gaza angesichts der geopolitischen Aspekte eine Katastrophe wäre und gab dem Abkommen von Ägypten und Hamas bezüglich eines Waffenstillstandes zähneknirschend ihren Segen.
Ein anderer Gewinner in dem heiklen Prozess ist der Führer der Muslimbruderschaft und ägyptische Präsident, Mohammed Mursi, der sich zusammen mit seinem Spionagechef Mohammed Shehata mit dem Hamas-Führer Khaled Mashaal und dem Führer des Islamischen Dschihad, Ramadam Shalah, getroffen hat (Christian Science Monitor, 22. November), um den Deal auszuhandeln, den Hillary Clinton höchstpersönlich im Namen der US-Administration begrüßen musste. Nur ein paar Monate zuvor hatten die USA noch versucht, Mursis wachsenden Einfluss zu untergraben, und im Moment prangern die USA, wie um die Unbeständigkeit und Zerbrechlichkeit der gesamten Region zu unterstreichen, Mursi und seine Muslimbruderschaft an, nur wenige Tage nach dem Waffenstillstands-„Triumph“ diktatorisch und im Stile Mubaraks die ganze Macht zu ergreifen. (3)
Ein weiterer Faktor in dieser imperialistischen Jauchegrube ist, dass, ginge es nach Israel, Ägypten mehr Verantwortung für die Hamas übernimmt; entsprechend dieser Sichtweise könnten die Westbank und Gaza – an beiden Enden Israels – weiter voneinander isoliert werden, wenn Ägyptens „Kontrolle“ über den Gazastreifen verstärkt werden könnte. Mursi hat solch ein Ansinnen von sich gewiesen und möchte nicht, dass Israel das Gaza-Problem auf Ägypten abwälzt. Zwar hat es Spannungen und eine gewisse Distanzierung zwischen der Hamas und ihrem früheren Sponsor, den Iran, in der Frage des Krieges in Syrien gegeben (ein Vakuum, das sogleich Katar füllte), doch hat es angesichts der vermeintlichen Rolle, dass die iranische Waffen (insbesondere panzerbrechende Waffen) die Hamas in die Lage versetzten, die Israelis von einer Bodenoffensive gegen den Gaza-Streifen abzubringen, den Anschein einer Wiederaufwärmung dieser Beziehungen. Es ist keine Überraschung, dass es Risse in der Hamas bezüglich ihrer Beziehungen zum Iran gibt, was ein weiterer komplizierender Faktor ist. Es gibt Misstrauen zumindest seitens Saudi-Arabiens wie auch der Vereinten Arabischen Emirate, einem Hauptinvestor in Ägypten, gegenüber der Muslimbruderschaft in Ägypten. Dann gibt es das zweideutige Verhalten der Bruderschaft gegenüber dem Iran, typisch für die seit jeher verwickelten Beziehungen in Nahost. Der Aufstieg der Muslimbruderschaft ist ein weiterer unkalkulierbarer Faktor; ihre wachsenden Aktivitäten in Jordanien tragen dazu bei, dass auch dieses Land immer instabiler wird. All dies schafft neben den Hauptbrennpunkten Syrien und Iran weitere Probleme für den US-Imperialismus und seine Strategie des „Light Footprint“ (etwa: Leichter Fußabdruck) für den Nahen Osten (da er seine Hauptprioritäten für den pazifischen Raum und angesichts der wachsenden Bedrohung seiner Vorherrschaft in dieser Region, die von China ausgeht „neu gewichtet“ und „austariert“).
Hingegen herrschte 2008/09, zurzeit des letzten Einfalls Israels in den Gaza-Streifen, eine verhältnismäßige „Ruhe“ an den Grenzen zu Syrien und dem Libanon, während die Türkei noch freundschaftliche Beziehungen zu Israel unterhielt, auf Mubarak in Ägypten Verlass war und die Spannungen zwischen den USA und dem Iran noch nicht so ausgeprägt waren. Nun ist die Situation weitaus unkalkulierbarer, weil etliche dieser Nationen ihr eigenes Spiel spielen und so die Tendenzen zu einem Jeder-Für-sich-selbst vertiefen.
Die „Führer“ der staatenlosen palästinensischen Bourgeoisie, Fatah, Islamischer Dschihad und Hamas, haben ihrer Bevölkerung nichts anzubieten außer wachsendes Elend und „Märtyrertum“. Sie sind nichts anderes als ein Ausdruck der Verzweiflung und des Hasses; ihr Ziel ist es, so viele israelische Zivilisten wie möglich zu töten. Sie können keine konstruktive Alternative anbieten, sondern – ähnlich den Warlords in Afrika, deren Kinderarmeen, ein weiteres Phänomen des zerfallenden Kapitalismus, töten, vergewaltigen und plündern – stiften lediglich verzweifelte junge Palästinenser im Namen ihrer leeren nationalistischen Projekte zur Rache und zu rasender Zerstörungswut an. Und der israelische Staat treibt mit täglichen Demütigungen, „Kollektivbestrafungen“, Landnahmen, ungezielten Schießereien und Raketenangriffen, bei denen Zivilisten, die sich zufällig in der Nähe von palästinensischen Gangstern befinden, in die Luft gejagt werden, die Spirale von Terror und Gewalt weiter an.
Trotz aller Repression und permanenter Kriegsatmosphäre gibt es im Nahen Osten viele Anzeichen des sozialen Protestes gegen die Krise des Kapitalismus und die Führer aller Seiten: In den letzten paar Jahren erlebten wir sozialen Proteste in Israel, im Gaza-Streifen, in der Westbank und erst kürzlich in Jordanien; und diese Bewegungen richteten sich hauptsächlich gegen grundlegende Dinge wie Preiserhöhungen bei den Nahrungsmitteln, der Stromversorgung, etc. wie auch gegen alle Regimes, die zu solchen Maßnahmen greifen. Solche Bewegungen müssen, auch wenn sie nicht revolutionär an sich sind, von der Arbeiterklasse begrüßt werden, da sie zeigen, dass selbst unter diesen militarisierten und brutalen Regimes und trotz des Hasses und der Feindseligkeiten, die von den herrschenden Cliquen erzeugt werden, es immer noch den Willen und die Bereitschaft gibt, zurückzuschlagen. Wenn viele ArbeiterInnen in diesen Regionen an den Protesten teilgenommen hatten, so taten sie dies größtenteils als Individuen und nicht als eine eigene, unabhängige Kraft. Der nächste Ausdruck hierfür ist Ägypten, wo die organisierte Arbeiterklasse als realer Faktor im Klassenkampf auftrat und auftritt. Doch die Realität der Arbeiterklasse in diesen Gebieten rund um Israel ist, dass sie zu schwach ist und ohne ihre Brüder und Schwestern in den zentraleren kapitalistischen Nationen nur schwerlich einen Ausweg aus der Barbarei ihrer Umgebung finden wird.
Die sozialen Bewegungen in der Region um Israel, in denen sich die Arbeiterklasse engagiert, sind wichtig, aber sie sind, auch wenn sie die Bourgeoisie destabilisieren oder ihr Probleme bereiten können, nicht stark genug, um die herrschende Klasse auf Dauer zurückzudrängen – sie können es wegen ihrer eigenen Begrenztheit schlicht und einfach nicht. Als Aufschrei der Unterdrückten und Unterdrückten waren die sozialen Bewegungen in Nahost Teil einer internationalen Welle von Protesten, die immer noch nachhallen. Doch der Widerspruch hier ist, dass die Schwäche dieser positiven Bewegung so etwas wie ein Vakuum zurückgelassen hat, in das der Imperialismus eindrang, was zum Teil in den Kriegen in Libyen und Syrien mündete. Es hat ebenfalls zur weitergehenden Destabilisierung der Regimes beigetragen, was umgekehrt dazu tendierte, die Kontrolle der USA über die Region zu schwächen und zentrifugalere, „unabhängige“ Tendenzen in den Bourgeoisien vor Ort zu fördern. Selbst im Falle einer stärkeren Entwicklung des Klassenkampfes erwarten wir keine linear aufwärtsstrebende Bewegung der Kräfte gegen den Kapitalismus. Die Region des Nahen Ostens wird für die dort lebenden Ausgebeuteten und Unterdrückten besonders schwer sein, und dem Klassenkampf stehen angesichts eines ständig existenten, bedrohlichen Imperialismus harte Zeiten bevor. Allein signifikante Bewegungen des Klassenkampfes in den kapitalistischen Zentren können den Imperialismus zurückdrängen und die von ihm aufgezwungenen Fragmentierungen und Kriege in Frage stellen.
Baboon, 29.11.2012
(1) https://www-independent.co.uk/news/world/politics/the-future-of-war-is-l... [460].
(2) Siehe die drei Teile von „Bemerkungen über die Geschichte des Konfliktes im Nahen Osten“ in: Internationale Revue, Nr. 115, 117 und 118 (engl., franz. und span. Ausgabe).
(3) Die britische Bourgeoisie und Geheimdienste waren der Muslimbruderschaft wohlgesonnener gewesen. Sie haben sie in den 1940er und 1950er Jahren unterstützt, und es hat Berichte über ihre Unterstützung der Muslimbruderschaft in ihrer Funktion als Streitkräfte in Syrien im vergangenen Jahr gegeben. Wie im Falle Mubaraks und seines Spionagechefs Suleiman, die von den Briten voll und ganz gestützt wurden, liegt eine ähnliche Unterstützung für Mursi und seine üble Crew im Bereich des Vorstellbaren. Eine vom März 2012 datierte Pressemitteilung für die aktualisierte Version des Buchs von Mark Curtis, Secret Affairs: Britain’s Collusion with Radical Islam („Geheimsache: Großbritanniens Absprachen mit dem radikalen Islam“) stellt fest: „Offizielle des Außenministeriums hielten kürzlich etliche Treffen mit der Muslimbruderschaft ab, die in den britischen Medien unerwähnt blieben. Die Politik besteht darin, Großbritannien im Fall, dass die Bruderschaft eine Schlüsselrolle bei Ägyptens Übergang spielt, ‚abzusichern‘ und eine elf Milliarden Pfund teure Investition von BP zu schützen. Anfragen des Autors im Rahmen des Freedom of Information Act, um mehr Details zu diesen Treffen zu erhalten, wurden vom Außenministerium aus Gründen des ‚öffentlichen Interesses‘ nicht beantwortet.“
In den letzten Wochen haben einige abscheuliche Gewaltakte die ganze Welt aufgeschreckt. Anfang März lief der US Sergeant Robert Bales in Afghanistan in der Provinz Kandahar Amok. Er zog von Haus zu Haus und erschoss methodisch afghanische Zivilisten. Insgesamt hat er 16 Personen umgebracht, meist Frauen und Kinder (1). Mitte März hat in Toulouse und Montauban der junge algerisch stämmige Mohamed Merah zunächst 3 französische Soldaten kaltblütig erschossen, um dann in einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Erwachsenen zu ermorden.
Was haben der Amoklauf des in Afghanistan stationierten US-Soldaten und die Serienmorde des jungen Mohamed Merah miteinander zu tun?
Mohamed Merah behauptete, er habe mit den Morden gegen das Burkaverbot in Frankreich, den Einsatz der französischen Armee in Afghanistan und die Situation in Palästina protestieren wollen. Bevor er nach einer Belagerung durch die Polizei von dieser erschossen wurde, bedauerte er, dass er nicht noch mehr Menschen erschossen habe. Das Motiv von Robert Bales ist bislang noch unbekannt. Offensichtlich ist, dass Merah durch eine möglichst große Zahl von Morden eine möglichst große Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Rache und Vergeltung an den Militäraktionen und der Unterdrückung der Palästinenser trieben ihn. Bales dagegen rastete aus und wollte in seiner blinden Zerstörungswut möglichst viele Menschenleben auslöschen.
„I am going to help my country”
Wie kommt es, dass der Soldat Robert Bales, selbst Vater von 2 Kindern, Amok läuft?
Die New York Times berichtete am 17. März, dass Bales kurze Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sich um die Aufnahme in die Armee bewarb. „I am going to help my country”, begründete er seinen Schritt. Vor Ort musste er bald die Erfahrung machen, dass das Leben der US-Soldaten (und all der anderen ISAF-Truppen) 24 h in Gefahr war. Tag für Tag mussten sie jeden Moment mit einem Angriff rechnen, meist mit heimtückischen und hinterlistigen Überraschungseffekten. In vier Einsätzen innerhalb von 10 Jahren im Irak und Afghanistan zog er sich eine Kopf- und eine Fußverletzung zu; am Tag vor seinem Amoklauf wurde er noch Zeuge einer Horrorszene, als ein ihn begleitender Soldat durch eine Bodenmine ein Bein verlor. Der Amoklauf Bales war keine Ausnahme.
Tatsache ist, die Kriegserfahrung ruft enorme psychische Schäden hervor. „Mehr als 200.000 Menschen (d.h. ein Fünftel aller Irak- und Afghanistan-Veteranen) haben sich seit Beginn der Kriege im Irak und in Afghanistan in Veteranen-Krankenhäusern behandeln lassen - alle wegen PTBS (posttraumatisches Belastungssyndroms -PTSD). Diese Zahl veröffentlichte die Tageszeitung "USA Today" im November
2011 unter Berufung auf eine Studie von Veteranen-Vereinigungen. Die Dunkelziffer der Erkrankungen dürfte aber deutlich höher liegen. (…) Das Militär spricht dagegen offiziell von "nur" rund 50.000 PTBS-Fällen.“ (https://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822232,00.html [465]). Rund ein Drittel der Veteranen des Vietnam-Kriegs war schon mit massiven psychischen Problemen aus Vietnam zurückgekommen. Obwohl nur ein Prozent der US-Bevölkerung im Militär gedient hat, machen Kriegsveteranen rund 20 Prozent aller Suizide aus. Fast Tausend Veteranen versuchen sich jeden Monat das Leben zu nehmen. Wie Veteranen berichten: „Es ist grauenhaft. Krieg verändert dein Gehirn. Zwischen dem Krieg und dem Leben zuhause liegen himmelweite Unterschiede. Du veränderst dich, ob du willst oder nicht. Du kannst zuhause nicht mehr Fuß fassen.“ (www.tagesschau.de/thema/usa [466])
Der Fall Bales verdeutlicht: wenn man dem Patriotismus und Nationalismus den Finger reicht, wird man hineingezogen in eine Vernichtungsmaschinerie, in der man nicht nur das Leben des Feindes und dessen Zivilbevölkerung vernichtet bzw. schädigt, sondern die Soldaten selbst werden verstümmelt, seelisch und geistig angeschlagen, zutiefst verwundet. Während die herrschende Klasse mit ihren Ideologen Kriege beschönigen, indem sie von „humanitären Einsätzen“, Stabilisierungsmissionen“ usw. reden, all das zum „Schutz des Vaterlandes“, sieht die Wirklichkeit an den Kriegsschauplätzen ganz anders aus. Die Soldaten vor Ort geraten in einen Sog, wo ihr unvermeidbares Misstrauen in Hass oder in Paranoia umschlägt. Wenn sie nicht schon vor ihren Einsätzen zu Gewalttaten neigten oder psychisch angeschlagen waren, kehren viele spätestens nach ihren Einsätzen als zutiefst geschädigte Menschen zurück. Die angeblich „humanitären“ Einsätze entpuppen sich als Terrorherrschaft, mit Demütigung und Folter der Bevölkerung. Man entwickelt Genugtuung darin, Symbole, die von den Einheimischen hochgeschätzt werden, zu beschädigen oder zu vernichten, oder Menschen direkt und offen zu erniedrigen. Die in der Sackgasse steckende lokale Bevölkerung empfindet im Gegenzug nichts anderes als immer mehr Verachtung für die 'Befreier', und nicht wenige lassen sich dann mobilisieren für Selbstmordattentate. Die Tötungsmaschinerie ist voll in Gang gekommen.
Nach so vielen traumatischen Erlebnissen konnte der Amokläufer Bales nicht mehr sagen, „I want to help my country“, denn er war besonders wütend, dass ihm nach dem vierten Einsatz ein erneuter Einsatz in Afghanistan aufgebrummt worden war. Seiner Frau zufolge wären sie viel lieber im „ruhigen“ Deutschland, Italien oder Hawai stationiert worden. Stattdessen musste er wieder ins Inferno nach Afghanistan. Körper und Seele der meisten Soldaten werden verstümmelt, angeschlagen, verwundet! Verrohung und Brutalisierung nhmen ihren Lauf.. Und nach ihrer Rückkehr „in das verteidigte Vaterland“ wartet auf viele dann Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Das Beispiel der Stadt Los Angeles spricht Bände. „In Los Angeles leben unendlich viele obdachlose Veteranen. Sie haben alles verloren. Ihre Arbeit, ihre Partnerschaft, ihr Zuhause. Alles wegen ihrer psychischen Erkrankungen und weil ihnen niemand geholfen hat. Etwa ein Drittel der 200.000 Obdachlosen in L.A. sind Veteranen.“ (www.tagesschau.de/thema/usa [466]) Die National Association of Probation Officers (Napo,Gewerkschaft der Bewährungshelfer) „schätzt, dass ca. 12.000 Kriegsveteranen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden, ca. 8.500 sitzen hinter Gitter“. Diese Zahl von 20.000 Kriegsveteranen im Konflikt mit der Justiz ist doppelt so hoch wie die Zahl der in Afghanistan aktiven Soldaten.“
Read more: https://www.dailymail.co.uk/news/article-1216015/More-British-soldiers-prison-serving-Afghanistan-shock-study-finds.html#ixzz1qEGoRWsa [467]
In den USA droht dem Amokläufer Bales nun die Todesstrafe. Anstatt aufzuklären oder zu erklären, warum Patriotismus und Nationalismus notwendigerweise in Gewaltorgien und der Zerstörung der Opfer und Täter enden müssen, baut sich die US-Justiz jetzt als Ankläger und „Richter“ auf. Sie will sich die Hände reinwaschen, nachdem der Krieg und das Militär seine Soldaten so zugerichtet hat, dass sie ausrasten müssen. Die „Fürsorge“ der Armee-Psychologen hat vor allem ein Ziel: Die Kämpfer möglichst schnell wieder gefechtsbereit machen. Die Psychologin und Filmemacherin Jan Haaken hat in ihrem Dokumentarfilm "Mind Zone" aufzeigen können, worin die Rolle der „Seelsorger“ besteht: „Man sei nicht im Einsatz, um die Stärke der Truppe zu verringern. Im Zweifelsfall würden Soldaten für tauglich erklärt, solange sie "den Job erledigen können". https://www.democracynow.org/2012/3/16/mind_zone_new_film_tracks_therapists [468]
Welche verheerenden Wirkung die Kriege vor Ort auf die einheimische Bevölkerung haben, wird ohnehin meist verschwiegen.
Während sowohl die meisten Soldaten, (die sich anfänglich in der „Befreierrolle“ sehen) wie auch die Einheimischen große Schäden (physische und psychische) davontragen, erstickt das System selbst an den ökonomischen Kosten dieser Kriegsgeschwüre. Die USA, die mittlerweile in Afghanistan den längsten Krieg ihrer Geschichte führen, haben sich gigantische, sie erdrückende Kriegskosten aufgehalst . „Am Ende wird die Rechnung mindestens 3.7 Billionen $ betragen, ja sie könnte gar 4.4 Billionen $ erreichen, so das Forschungsprojekt „Cost of War“ an der Brown University Watson Institute for International Studies“ - (watson.brown.edu/costsofwar [469]) https://www.reuters.com/article/2011/06/29/us-usa-war-idUSTRE75S25320110629 [470]
Der Krieg als Überlebensmechanismus verlangt einen immer höheren Tribut. Das Überleben dieser Produktionsform wird zu einer immer irrationalen Angelegenheit.
Mohamed Merah, der sieben Menschen in den Tod riss, weil er Vergeltung üben wollte für all die Gewalttaten, die diese Gesellschaft an den Menschen ausübt, reproduziert nur die gleichen Tötungsmechanismen (z.B.„shoot-to-kill“) des Unterdrückungssystems. Seine Mittel sind Teil eines ausweglosen, zerstörerischen, und selbstzerstörerischen Teufelskreis. Dass er von der Armee und der Fremdenlegion, bei denen er anheuern wollte, abgelehnt wurde, mag ein Licht auf seine Bereitschaft werfen, seine Tötungsbereitschaft in den Dienst des französischen Staates zu stellen.
Die Gewaltspirale, die Zerstörungsmaschinerie, die alles Menschliche niederwalzt, kann aber nicht mit den Methoden des kapitalistischen Systems durchbrochen werden. Um die Unmenschlichkeit zu überwinden, müssen Ziel und Weg im Einklang stehen.
„Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie hasst und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionenmassen des Volkes, die berufen ist, die geschichtliche Mission zu erfüllen und die geschichtliche Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen.“ (Was will der Spartakusbund?, Bd. 4, S. 445, 14. Dez. 1918). D. 26.03.2012
(1) Mittlerweile gibt es zwar Beschuldigungen seitens afghanischer Behörden, dass nicht Bales alleine das Massaker verübt habe, sondern auch andere US-Soldaten daran beteiligt waren. Selbst wenn Bales nicht der alleinige Täter war und tatsächlich mehrere Personen beteiligt waren, unterstreicht dies nur das Ausmaß der psychischen Störungen der Soldaten.
Der von den Gewerkschaften, die mehr als 100 Millionen Mitglieder haben, organisierte Streik erfasste am 28. Februar 2012 ganz Indien. Alle Gewerkschaften, auch solche, die den politischen Parteien nahestehen, die Hindu-fundamentalistische BJP eingeschlossen, haben den Streik unterstützt. Beschäftigte der Banken, Post, des Transportwesens, LehrerInnen, Docker und viele andere Bereiche beteiligten sich am Streik. Die Tatsache, dass alle Gewerkschaften den Streikaufruf unterzeichneten, weist auf den Druck der ArbeiterInnen hin.
Die Gewerkschaften erhoben verschiedene Forderungen: Verteidigung des öffentlichen Dienstes, Preiskontrollen, die Pflicht zur Anerkennung von Gewerkschaften innerhalb von 45 Tagen, Durchsetzung von Arbeitsschutzgesetzen, Erhöhung des Mindestlohns auf 10.000 Rupees pro Monat und Erhöhung der Sozialleistungen usw. Sie unternahmen keine Anstrengungen aufzuzeigen, dass die herrschende Klasse heute die ArbeiterInnen umso gnadenloser angreift, je mehr das System in der Krise versinkt und in der Sackgasse steckt. Stattdessen versuchten die Gewerkschaften, das Vertrauen in das System wiederherzustellen.
Die Herangehensweise der Gewerkschaften an diesen Streik legte deren wahren Absichten bloß. Zum einen unterließen sie es, Millionen ihrer Mitglieder zur Beteiligung am Streik aufzufordern. Mehr als 1.5 Millionen Eisenbahner, eine ebenso große Anzahl, wenn nicht sogar mehr Beschäftigte der staatlichen Energieunternehmen sowie viele andere Beschäftigte wurden nicht einmal zur Beteiligung am Streik aufgerufen. Während sie den “Generalstreik” ausriefen, sorgten sie dafür, dass Millionen ihrer Mitglieder wie jeden Tag zur Arbeit gingen und die kapitalistische Maschinerie nicht störten.
Selbst in Bereichen der Wirtschaft, in denen die Gewerkschaften zum Streik aufriefen, war ihre Haltung eher, zu einem rituellen Streik aufzurufen. Die meisten Streikenden blieben einfach zu Hause. Die Gewerkschaften unternahmen kaum etwas, die Leute auf der Straße zusammenzubringen und in Demonstrationen usw. zusammenzukommen. Man unterließ es geflissentlich, die Beschäftigten der Privatindustrie für den Streik zu mobilisieren, obwohl deren Mitglieder der gleichen Gewerkschaft angehören, die zum Streik aufgerufen hatte. Man sieht die Tragweite dieser Ausgrenzung, wenn man sich vor Augen führt, dass die Beschäftigten der Privatindustrie in der letzten Zeit viel militanter waren und in Konflikt gerieten mit den bürgerlichen Gesetzen. Selbst Industriegebiete wie Gurgaon und Zentren der Autoindustrie in Chennai und Fabriken wie Maruti und Gurgaon und Hyundai in der Nähe von Chennai, in denen in der jüngsten Zeit größere Streiks stattfanden, schlossen sich dem Streik nicht an. In den meisten Industriegebieten, in Hunderten von kleineren und größeren Städten in ganz Indien gingen die Beschäftigten der Privatindustrie zur Arbeit, während die des öffentlichen Dienstes streikten. Eine schöne Spaltung!
Es liegt auf der Hand, dass die Gewerkschaften den Streik nicht dazu benutzen wollten, um die ArbeiterInnen zu mobilisieren, sie auf der Straße zusammenzubringen. Sie benutzten den Streik als ein Ritual, ein Ventil, um Dampf abzulassen, die ArbeiterInnen zu spalten, sie zur Passivität zu verleiten. Wenn streikende Arbeiter einfach zu Hause bleiben und vor der Glotze sitzen, stärkt das nicht die Einheit der ArbeiterInnen und deren Bewusstsein. Wenn man diese Haltung sieht, warum haben die Gewerkschaften denn eigentlich zu diesem Streik aufgerufen? Warum schlossen sich all die Gewerkschaften, auch BMS und INTUC dem Streik an? Dazu müssen wir die wirtschaftliche und soziale Lage und die Entwicklung innerhalb der Arbeiterklasse in Indien insgesamt berücksichtigen.
Trotz all des großen Geredes seitens der indischen Bourgeoisie über den wirtschaftlichen Boom hat sich die wirtschaftliche Lage während der letzten Jahre in Wirklichkeit verschlechtert. Wie der Kapitalismus weltweit ist die Wirtschaft in Indien ebenfalls in die Krise gerutscht. Den Statistiken der Regierung zufolge ist das Wachstum ins Stocken geraten und von 9% auf 6% gesunken. Viele Bereiche der Wirtschaft sind von der Krise schwer getroffen. Das trifft sowohl auf den IT-Bereich als auch auf die Textil- und Produktionsgüterindustrie, die Diamantenverarbeitung, die privaten Energieerzeuger, die Airlines und die anderen Bereiche des Transportwesens zu. Überall wurden die Angriffe gegen die ArbeiterInnen verschärft. Die Inflation ist in den letzten beiden Jahren auf über 10% geklettert. Aber die Preissteigerungen der Lebensmittel und anderer Alltagsgegenstände waren viel höher, zum Teil bis zu 16%. Dadurch ist das Leben der Arbeiterklasse noch unerträglicher geworden.
Aufgestachelt durch diese Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen hat die Arbeiterklasse auch wieder zum Klassenkampf zurückgefunden. Seit 2005 hat sich der Klassenkampf in ganz Indien langsam wieder zugespitzt. Natürlich beschränkt sich diese Entwicklung nicht nur auf Indien, sondern ist Teil einer weltweiten Aufwärmung des Klassenkampfes. 2010 und 2011 fanden eine Reihe von Streiks in mehreren Wirtschaftsbereichen statt; vor allem in Gurgaon und Chennai. In einigen dieser Streiks spürte man z.B. bei Honda Motor Cycles 2010 und bei Maruti-Suzuki 2011 eine zunehmende Militanz und Entschlossenheit, sich dem Sicherheitsapparat der Bosse entgegenzustellen. Auch bei Hyundai Motors in Chennai war diese Tendenz zu vernehmen, dort legten die ArbeiterInnen mehrfach die Arbeit nieder, um gegen die zunehmende Leiharbeit und andere Angriffe zu protestieren. In diesen Bewegungen waren deutlich Ansätze zu einer Solidarisierung und Ausdehnung über die Fabrikgrenzen hinweg zu erkennen. Ebenso gab es Ansätze von Selbstorganisierung und dem Abhalten von Vollversammlungen, wie bei Maruti, als ArbeiterInnen das Werk gegen den Willen „ihrer“ Gewerkschaft besetzten.
Neben diesem langsamen Erstarken des Klassenkampfes in Indien haben die Kämpfe im arabischen Raum, in Griechenland, Spanien usw. sowie die Occupy-Bewegung auch ihren Widerhall in Indien gefunden.
In Anbetracht dieser Lage ist die herrschende Klasse wirklich besorgt über die Gefahr der Ausdehnung der Kämpfe. Diese Angst der Herrschenden konnte man bei den jüngsten Streiks beobachten, so bei dem Streik bei Honda Motor Cycles und bei Maturi-Suzuki. Jedesmal befürchteten die Medien die Gefahr der Ausdehnung, und dass andere Autohersteller in Gurgaon ebenso mit hineingezogen und die Produktion lahmgelegt werden könnte. Diese Angst war nicht grundlos. Während die Hauptstreiks in den neuen Betrieben stattfanden, zogen andere ArbeiterInnen vor die Tore der bestreikten Betriebe. Es gab gemeinsame Demos, gar einmal eine breite, ausgedehnte Solidarisierung im Industriegürtel von Gurgaon. Die Provinzregierung bekam Angst. Der Ministerpräsident und der Arbeitsminister von Haryana brachten auf Veranlassung des Premierministers und des nationalen Arbeitsministers das Management und die Gewerkschaftsbosse an den Verhandlungstisch, um den Streik abzuwürgen.
Wie bei den anderen Teilen der herrschenden Klasse sind die Gewerkschaften sehr besorgt über den möglichen Kontrollverlust in den Streiks, falls die Arbeitermilitanz zunimmt. Denn bei den Kämpfen in Maruti 2011 handelten die ArbeiterInnen deutlicher als je zuvor gegen den Willen und die Anweisungen der Gewerkschaften.
Das veranlasste die Gewerkschaften dazu den Eindruck zu erwecken, man unternehme etwas. Eine Reihe von rituellen Streiks wurde im November 2011 abgehalten, so auch im Bankensektor. Während der Februarstreik 2012 ein Ausdruck dieser wachsenden Militanz und der zunehmenden Wut der Arbeiterklasse ist, spiegelt er auch den Versuch der Gewerkschaften wider, die Unzufriedenheit einzudämmen und zu kanalisieren.
Die ArbeiterInnen müssen begreifen, wenn man einen Streik wie ein Ritual durchführt und dabei auch noch zu Hause bleibt, bringt das uns überhaupt nicht weiter. Ebenso wenig hilft es uns in einem Park zu versammeln, um bloß den Reden der Gewerkschaftsbosse und Abgeordneten zuzuhören. Die Bosse und deren Regierung greifen uns an, weil der Kapitalismus in einer Krise steckt und sie keinen Ausweg finden. Wir müssen sehen, dass alle ArbeiterInnen angegriffen werden, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Wenn man sich passiv verhält und isoliert voneinander bleibt, hält das nicht die Bosse davon ab, ihre Angriffe gegen die Arbeiter zu verschärfen. Die ArbeiterInnen müssen diese Gelegenheit beim Schopf fassen, um auf den Straßen zusammenzukommen, sich selbst zu mobilisieren, ihre Kräfte zu bündeln und mit anderen ArbeiterInnen zu diskutieren. Sie müssen dazu die Kämpfe in die eigene Hand nehmen. Das wird nicht automatisch die Probleme der ArbeiterInnen lösen, aber dadurch werden wir in der Lage sein, einen wirklichen Abwehrkampf zu entfalten und die Bosse und den Staat zurückzudrängen. Dies wird uns helfen, den Kampf gegen das ganze System auszubreiten und auf dessen Überwindung hinzuarbeiten. Wie die Besetzer der Athener Jura-Fakultät im Februar 2012 sagten, „Um uns aus dem Klammergriff der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus zu befreien, müssen wir die kapitalistische Wirtschaft überwinden“. Communist Internationalist, Sektion der IKS in Indien, 9.3.2012 www.internationalism.org [476]
Der Aufschwung nach dem 2. Weltkrieg veranlasste viele zur Schlussfolgerung, der Kapitalismus habe das Geheimnis seiner ewigen Jugend gefunden 1 [481], und nunmehr sei nicht mehr die Arbeiterklasse das Instrument revolutionärer Umwälzung. Eine kleine Minderheit von Revolutionären, die sehr oft in nahezu vollständiger Isolierung wirkten, blieb jedoch den Grundsätzen des Marxismus treu. Einer der herausragendsten unter ihnen war Paul Mattick in den USA. Mattick antwortete auf Marcuse, der ein neues revolutionäres Subjekt suchte, mit seiner Schrift „Die Grenzen der Integration: Der eindimensionale Menschen in der Klassengesellschaft“ (1972) (2), in welcher er das revolutionäre Potential der Arbeiterklasse zur Überwindung des Kapitalismus bekräftigte. Aber sein dauerhaftester Beitrag war wahrscheinlich sein Buch „Marx und Keynes – die Grenzen des ‚Gemischten Wirtschaftssystems‘“, die 1969 veröffentlicht wurde, mit Untersuchungen und Essays, die schon in den 1950er Jahren verfasst wurden.
Obwohl am Ende der 1960er Jahre die ersten Zeichen einer neuen Phase der Wirtschaftskrise auftauchten (so zum Beispiel, als das britische Pfund Sterling 1967 abgewertet werden musste), schwammen diejenigen, welche die Auffassung vertraten, der Kapitalismus werde immer noch von einer tiefen strukturellen Krise erschüttert, mehr oder weniger gegen den Strom. Aber Mattick war noch immer aktiv; mehr als 30 Jahre, nachdem er die Zusammenbruchstheorie Henryk Grossmanns zusammengefasst und ausgebaut hatte „Die permanente Krise“ (1934) (3), und er vertrat weiterhin die Ansicht, dass der Kapitalismus immer noch ein Gesellschaftssystem war, das sich rückwärts entwickelte. Auch seien die den Akkumulationsprozess erschütternden Widersprüche nicht überwunden und stattdessen würden diese wieder stärker ausbrechen. Er wies darauf hin, dass die Art und Weise, wie die Herrschenden den Staat einsetzten, um den Akkumulationsprozess in Gestalt des keynesschen „gemischten Wirtschaftssystems“ im Westen oder in Gestalt des Stalinismus im Osten zu steuern, ein Beleg für eine Zwangslage der Herrschenden war. Denn diese waren gezwungen zu versuchen, das Wertgesetz zu umgehen; dieses Vorgehen war aber kein Beleg für die Überwindung der Widersprüche des Systems (wie Paul Cardan, Cornelius Castoriadis z.B. insbesondere in „Die revolutionäre Bewegung im modernen Kapitalismus“ dies vertraten – 1979). Im Gegenteil – dies war eher ein Zeichen des Niedergangs des Systems.
„Ungeachtet der langen Dauer einer „Wohlstandstandsphase“ der industriell fortgeschrittenen Länder gibt es keinen Grund für die Annahme, dass die Produktion von Kapital dank staatlicher Intervention in der Wirtschaft die inneren Widersprüche überwunden hat. Das Eingreifen des Staates selbst belegt die fortdauernde Krise der Kapitalproduktion, und die Zunahme der von der Regierung abhängigen Produktion ist ein unleugbares Zeichen des fortgesetzten Niedergangs der privatwirtschaftlich beherrschten Industrie (…) Die Keynessche Lösung wird sich als eine Scheinlösung erweisen, die den widersprüchlichen Verlauf der Kapitalakkumulation, wie er von Marx vorausgesagt wurde, nur verschieben aber nicht verhindern kann.“ (S. 152, englische Ausgabe) (4).
So meinte Mattick, dass “der Kapitalismus aufgehört hat ein gesellschaftlich fortschrittliches Produktionssystem zu sein und – trotz aller oberflächlicher Erscheinungen des Gegenteils – ein rückwärtsgerichtetes und zerstörerisches System geworden ist“ (S. 261-262, englische Ausgabe). Zu Beginn des 19. Kapitels „Der imperialistische Imperiativ“ bekräftigt Mattick, dass die Kriegstendenzen durch das Kapital nicht aus der Welt geschafft werden können, weil sie ein logisches Ergebnis der Blockade des Produktionsprozesses sind. Aber während „die Abfallproduktion durch Kriege strukturelle Änderungen der Weltwirtschaft und Verschiebungen der politischen Macht mit sich bringen kann, die auch einer neuen Periode kapitalistischer Expansion der Siegerländer förderlich sein mögen,“ (S.274) fügt er sofort hinzu, dass die Herrschenden sich dadurch nicht zu sicher fühlen sollten.
„Diese Art Optimismus ist haltlos in Anbetracht der Zerstörungskraft moderner Kriege, in der auch Atomwaffen zum Einsatz kommen können“. (S. 274) Aber für den Kapitalismus bedeutet die „Anerkenntnis, dass der Krieg Selbstzerstörung heißen könnte - was nicht auf einhellige Zustimmung stößt - , keineswegs, dass damit die Tendenz zu einem neuen Weltkrieg eingedämmt“ wäre (S.274). Die von ihm aufgezeigte Perspektive im letzten Satz seines Buches ist die gleiche, die die Revolutionäre zur Zeit des Ersten Weltkriegs angekündigt hatten: “Sozialismus oder Barbarei.”
Aber es gibt einige Schwächen in der Analyse Matticks der Dekadenz des Kapitalismus in seinem Buch “Marx und Keynes”. Einerseits erkennt er die Tendenz zur Aushebelung des Wertgesetzes als einen Ausdruck des Niedergangs; andererseits meint er, die vollkommen vom Staat beherrschten Länder des damals bestehenden Ostblocks seien nicht dem Wertgesetz unterworfen und stünden somit auch nicht vor der Gefahr, von Krisen erfasst zu werden. Er äußerte die Ansicht, dass aus der Sicht des Privatkapitals diese Regime gar als „staatssozialistisch bezeichnet werden können, einfach weil sie das Kapital in den Händen des Staates zentralisieren“ (S.321). Dennoch müssen sie vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus als staatskapitalistisch bezeichnet werden. Jedenfalls „wird das staatskapitalistische System nicht von diesem Widerspruch zwischen profitabler und nicht profitabler Produktion geprägt, unter welchem das privatwirtschaftliche System leidet (…) Das staatskapitalistische System mag profitabel oder nichtprofitabel produzieren ohne von Stagnation bedroht zu sein“ (S. 291). Er vertrat die Auffassung, dass die stalinistischen Staaten in diesem Sinne ein andersartiges System darstellten, welches in einem tiefgreifenden Gegensatz zu den westlichen Formen des Kapitalismus stünde – darin schien er wohl die Wurzel und Triebkraft für den Kalten Krieg gesehen zu haben, denn anlässlich des damaligen Imperialismus meinte er, dass dieser sich vom „Imperialismus und Kolonialismus des laisser-faire Kapitalismus unterscheidet, da das Kapital um mehr als nur Rohstoffe, privilegierte Märkte und Kapitalexporte konkurriert. Es kämpft nämlich auch um sein eigenes Leben als ein auf Privatbesitz sich stützendes System gegen neue Formen der Kapitalproduktion, die nicht mehr wirtschaftlichen Wertgesetzen und den Wettbewerbsmechanismen des Marktes unterworfen sind.“ (S. 264). Diese Interpretation ist stimmig mit seiner Auffassung, dass die Ostblockstaaten eigentlich keine eigene imperialistische Dynmik hätten.
Die Gruppe “Internationalism” in den USA, die später eine Sektion der IKS wurde, deckte diese Schwäche in einem Artikel ihrer Zeitschrift Anfang der 1970er Jahre auf: “Staatskapitalismus und das Wertgesetz; eine Antwort auf ‘Marx und Keynes’”, Internationalism, Nr. 2). Der Artikel zeigt auf, dass Matticks Analyse der stalinistischen Regime das Konzept der Dekadenz untergräbt, welches in anderen Bereichen unterstützt wird. Denn wenn der Staatskapitalismus nicht krisenanfällig ist, wenn er – wie Mattick meint – die Kybernetik und die Entwicklung der Produktivkräfte fördert, wenn das stalinistische System nicht dazu gezwungen ist, seinen imperialistischen Tendenzen nachzugeben, dann werden die materiellen Grundlagen der kommunistischen Revolution dazu neigen zu verschwinden, und die durch die Epoche des Niedergangs aufgeworfene historische Alternative wird somit unbegreiflich. “Wenn Mattick den Begriff Staatskapitalismus verwendet, ist dies eigentlich irreführend. Der Staatskapitalismus oder „Staatssozialismus“, den Mattick als eine ausbeutende, aber nicht kapitalistische Produktionsform beschreibt, ähnelt sehr stark der Beschreibung Bruno Rizzis und Max Shachtmans des „bürokratischen Kollektivismus“, eine vor dem 2. Weltkrieg entwickelte Auffassung. Der wirtschaftliche Zusammenbruch des Kapitalismus, der auf dem Wertgesetz fußenden Produktionsweise, die Mattick als unvermeidbar einschätzt, wirft nicht die historische Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ auf, sondern die Alternative „Sozialismus oder Barbarei oder „Staatsssozialismus“.
Die Wirklichkeit sollte dem Artikel von “Internationalism” Recht geben. Im Allgemeinen stimmt es, dass die Krise im Osten nicht die gleiche Form annahm wie im Westen. Sie trat eher in Gestalt einer Unterproduktion, eines Mangels auf als in Form von Überproduktion; zumindestens im Bereich der Konsumgüter. Aber die Inflation, die jahrzehntelang in diesen Ländern wütete und die oft der Zündstoff für die Explosion vieler großer Kämpfe war, deckte bloß auf, dass die Bürokratie keineswegs die Auswirkungen des Wertgesetzes aus der Welt schaffen konnte. Vor allem hat mit dem Zusammenbruch des Ostblocks – welcher ebenso dessen militärische und gesellschaftliche Sackgasse zum Ausdruck brachte – das Wertgesetz sozusagen ‚Rache‘ geübt an den stalinstischen Regimen, die versucht hatten, es außer Kraft zu setzen. So hat sich der Stalinismus genauso wie der Keynesianismus als eine Scheinlösung erwiesen. „die zwar die widersprüchlichen Auswirkungen der Akkumulation des Kapitals, wie Marx sie vorhergesehen hatte, verzögern aber nicht aus der Welt schaffen kann.“ (S.264) (5)
Der Mut Matticks wurde durch die direkte Erfahrung der Revolution in Deutschland und die Verteidigung der Klassenpositionen gegen die siegreiche Konterrevolution der 1930er und 1940er Jahre getragen. Ein anderer ‚Überlebender‘ der Kommunistischen Linken, Marc Chirik, hat ebenso weiterhin während des Zeitraums der Konterrevolution und des 2. Weltkriegs militante Arbeit betrieben. Er war ein herausragendes Mitglied der Gauche Communiste de France (GCF), dessen Beitrag wir in dem vorhergehenden Artikel gewürdigt haben. Während der 1950er Jahre lebte er in Venezuela; eine Zeitlang konnte er überhaupt keiner organisierten Aktivität nachgehen. Aber Anfang der 1960er Jahre begann er, einen Kreis von jungen GenossInnen zusammenzubringen, die später die Gruppe Internacionalismo gründete, die sich auf die gleichen Prinzipien wie die GCF stützte. Natürlich übernahm sie auch das Konzept der Dekadenz.
Aber während die GCF darum kämpfte, in einer finsteren Zeit der Arbeiterbewegung zu widerstehen, brachte die venezuelanische Gruppe etwas zum Ausdruck, das im Bewusstsein der Weltarbeiterklasse gärte. Sie erkannte mit beeindruckender Klarheit, dass die finanziellen Schwierigkeiten, die dem scheinbar gesunden Organismus des Kapitalismus immer mehr zu schaffen machten, in Wirklichkeit einen neuen Absturz in die Krise bedeuteten und dass das System auf eine unbesiegte Generation der Arbeiterklasse stoßen werde. Wie die Gruppe im Januar 1968 schrieb: „Wir sind keine Propheten und können auch nicht vorhersagen, wann und wie sich die Dinge in der Zukunft entwickeln werden. Aber eins ist sicher und steht fest: Der Prozess, in dem der Kapitalismus heute steckt, kann nicht aufgehalten werden und führt direkt in die Krise. Und wir sind auch sicher, dass der umgekehrte Prozess der Entwicklung der Kampfbereitschaft das Proletariat in einen blutigen und direkten Kampf um die Zerstörung des bürgerlichen Staates treiben wird.“ Diese Gruppe hatte eine der hellsichtigsten und klarsten Einschätzungen der massiven sozialen Bewegungen in Frankreich im Mai 1968, 1969 in Italien und anderswo, die sie als das Ende der Konterrevolution bewertete.
Aus der Sicht Internacionalismos stellten diese Bewegungen der Klasse eine Antwort der Arbeiterklasse auf die ersten Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise dar, die schon zu steigender Arbeitslosigkeit und zu Versuchen, die Lohnerhöhungen einzudämmen, geführt hatte. Aus der Sicht anderer war dies nur eine mechanische Anwendung eines überholten Marxismus. Mai 1968 spiegelte vor allem die direkte Revolte der Arbeiterklasse gegen die Entfremdung einer voll funktionierenden kapitalistischen Gesellschaft. Dies war die Auffassung der Situationisten, die jeden Versuch ablehnten, die Krise und den Klassenkampf miteinander in Verbindung zu bringen und dies als einen Ausdruck von Sekten aus der Zeit der Dinosaurier bezeichneten. „Was die Überbleibsel des alten nicht-trotzkistischen Ultra-Gauchismus betrifft, so brauchten sie mindestens eine sehr wichtige Wirtschaftskrise. Sie machten jedes revolutionäre Moment von ihrer Rückkehr abhängig und sie sahen nichts kommen. Jetzt, wo sie im Mai eine revolutionäre Krise erkannt haben, müssen sie beweisen, dass es also diese unsichtbare Wirtschaftskrise im Frühling 1968 gab. Darum bemühen sie sich ohne Angst vor der Lächerlichkeit, indem sie Tabellen über die wachsenden Preise und Arbeitslosigkeit vorweisen. So ist für sie die Wirtschaftskrise nicht mehr diese furchtbar auffallende objektive Wirklichkeit, die bis 1929 so stark erlebt und beschrieben wurde, sondern eine Art eucharistische Anwesenheit, auf die sich ihre Religion stützt. „(https://www.si-revue.de/der-beginn-einer-epoche [482])
In Wirklichkeit ist – wie wir gesehen haben – der Standpunkt Internacionalismos hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Krise und Klassenkampf später nicht geändert worden. Im Gegenteil, die Treue der Gruppe gegenüber der marxistischen Methode ermöglichte ihr, anhand einiger unspektakulärer Vorboten den Ausbruch von Bewegungen wie Mai 1968 vorherzusehen. Die deutlichere Zuspitzung der Krise von 1973 an machte schnell klar, dass die Situationistische Internationale – die mehr oder weniger die Theorie Cardans von einem Kapitalismus übernommen hatte, der seine wirtschaftlichen Widersprüche überwunden hätte, - einer Phase des Kapitalismus angehört hatte, die endgültig der Vergangenheit angehörte.
Die Hypothese, derzufolge Mai 1968 ein bedeutendes Wiederauftauchen der Arbeiterklasse bedeutete, wurde dadurch bestätigt, dass in vielen Ländern Gruppen und Zirkel entstanden, die eine wirklich revolutionäre Kritik des Kapitalismus zu entwickeln versuchten. Natürlich war diese neue proletarische politische Bewegung nach solch einem langen Zeitraum des Rückflusses sehr heterogen und unerfahren. Als Reaktion auf die Schrecken des Stalinismus blieb diese Bewegung sehr oft schon misstrauisch gegenüber dem Begriff politische Organisation überhaupt. Man reagierte extrem ablehnend gegenüber allem, was nach „Leninismus“ roch und gegenüber dem, was als die Rigidität des Marxismus angeprangert wurde. Einige dieser Gruppen verloren sich in einem frenetischen Aktivismus, und weil ihnen eine langfristige Analyse fehlte, überlebten sie nicht lange das Ende der ersten internationalen Welle von Kämpfen, die 1968 ausgebrochen waren. Andere verwarfen nicht die Verbindung zwischen Arbeiterkämpfen und der Krise, stattdessen gingen sie an diese Frage mit einem ganz anderen Blickwinkel heran: Hauptsächlich habe die Kampfbereitschaft der Arbeiter die Krise ausgelöst, indem die Arbeiterklasse ‚grenzenlose’ Lohnforderungen erhoben habe und sich weigerte, die kapitalistischen Umstrukturierungen hinzunehmen. Dieser Standpunkt wurde in Frankreich von der Groupe de Liaison pour l’Action des Travailleurs (einer der zahlreichen Nachfolger von Socialisme ou Barbarie) und in Italien von der Strömung Arbeiterautonomie vertreten, die den „traditionellen“ Marxismus als hoffnungslos „objektivistisch“ einschätzte (wir werden in einem anderen Artikel darauf zurückkommen) hinsichtlich des Begreifens der Beziehungen zwischen Krise und Klassenkampf.
Diese neue Generation entdeckte jedoch ebenfalls die Arbeiten der Kommunistischen Linken. Sie erkannte ebenfalls, dass die Auseinandersetzung und Verteidigung der Dekadenztheorie ein Teil dieses Prozesses war. Marc Chirik und einige andere junge GenossInnen der Gruppe Internacionalismo waren nach Frankreich gekommen, und in der Hitze der Ereignisse von 1968 beteiligten sie sich an der Bildung eines ersten Kerns der Gruppe „Révolution Internationale“. Von Anfang an rückte „Révolution Internationale“ das Konzept der Dekadenz in den Mittelpunkt seiner politischen Vorgehensweise. Der Gruppe gelang es, eine Reihe von Gruppen und rätekommunistisch orientierte Einzelpersonen oder Libertäre zu überzeugen, dass ihre Gegnerschaft zu den Gewerkschaften, der nationalen Befreiungsbewegung und der kapitalistischen Demokratie nicht wirklich verstanden und richtig verteidigt werden konnte ohne einen historisch kohärenten Rahmen.
In den ersten Ausgaben von „Révolution Internationale“ wurde eine Artikelserie mit dem Titel „Die Dekadenz des Kapitalismus“ veröffentlicht, die später als Broschüre der Internationalen Kommunistischen Strömung erschien. Dieser Text ist auf unserer Webseite verfügbar und enthält immer noch die wesentlichen Grundlagen der politischen Methode der IKS, insbesondere hinsichtlich des breiten historischen Überblicks, der vom primitiven Kommunismus über die verschiedenen, dem Kapitalismus vorausgehenden Gesellschaften bis zur Untersuchung des Aufstiegs und des Niedergangs des Kapitalismus selbst reicht. Wie die gegenwärtigen Artikel dieser Serie stützt die Broschüre sich auf das Konzept Marxens des „Zeitraums der gesellschaftlichen Revolutionen“. Er beleuchtet die Schlüsselelemente und gemeinsamen Merkmale aller Klassengesellschaften in der Zeit, als sie zu Fesseln der Entwicklung der Produktivkräfte geworden sind: Die Internsivierung der Kämpfe zwischen Flügeln der herrschenden Klasse, die wachsende Rolle des Staates, der Zerfall der ideologischen Rechtfertigungen, die wachsenden Kämpfe der unterdrückten und ausbeutenden Klassen. Mit der Anwendung dieser allgemeinen Herangehensweise auf die Besonderheiten der kapitalistischen Gesellschaft versuchte man aufzuzeigen, wie der Kapitalismus seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts von einer „Entwicklungsform“ zu einer „Fessel“ für die Produktivkräfte wurde. Die Weltkriege und zahlreichen anderen imperialistischen Konflikte, die revolutionären Kämpfe, die 1917 ausbrachen, die gewaltige Zuspitzung der Rolle des Staates und die unglaubliche Verschwendung menschlicher Arbeit durch die Entwicklung der Kriegswirtschaft und anderer unproduktiver Ausgaben wurde dabei hervorgehoben.
Diese allgemeine Sicht, welche zu einer Zeit verbreitet wurde, als die ersten Zeichen einer neuen Wiirtschaftskrise immer sichtbarer wurden, überzeugte einige Gruppen in anderen Ländern, dass die Dekadenztheorie ein grundlegend wichtiger Ausgangspunkt für die linkskommunistischen Positionen war. Sie war nicht nur Dreh- und Angelpunkt der Plattform der IKS, sondern wurde ebenso von anderen Tedenzen wie Revolutionary Perspektives und später von der Communist Workers Organisation in Großbritannien aufgegriffen. Hinsichtlich der Ursachen der Dekadenz bestehen große Divergenzen. Die Broschüre der IKS übernahm im Großen und Ganzen die Analyse Rosa Luxemburgs, obwohl die Einschätzung des „Wirtschaftswunders“ nach dem 2. Weltkrieg (wobei der wirtschaftliche Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Länder als eine Art neuer Markt angesehen wurde) später zu einem Diskussionsthema in der IKS wurde. Es gab ohnehin immer schon in der IKS unterschiedliche Auffassungen zu dieser Frage. Insbesondere gibt es GenossInnen, die der Theorie Grosssmann-Matticks anhängen, die auch von der CWO und anderen vertreten wird. Aber in dieser Zeit des Wiederauftauchens der revolutionären Bewegung schien die „Theorie der Dekadenz“ allgemein mehr Anhänger zu finden.
Bei unserem Überblick über die jeweiligen Anstrengungen der Revolutionäre, den Zeitraum des Niedergangs des Kapitalismus zu begreifen, kommen wir jetzt zur Phase der 1970er und 1980er Jahre. Aber bevor wir die Entwicklung näher betrachten – und die zahlreichen Rückschritte auf theoretischer Ebene seit jener Zeit bis heute -, erscheint es uns nützlich die Bilanz in Erinnerung zu rufen, die wir in dem ersten Artikel dieser Serie gezogen hatten (1) und diese zu aktualisieren, da die spektakulären Ereignisse insbesondere auf ökonomischer Ebene, die seit Anfang 2008 – als wir diesen ersten Teil schrieben - stattgefunden haben, dies erforderlich machen.
In den 1970er und 1980er Jahren hat die internationale Welle von Kämpfen eine Reihe von Fortschritten und Rückschritten gemacht; dagegen hat sich die Wirtschaftskrise unaufhörlich zugespitzt. Dadurch wurde die These der Autonomen widerlegt, welche meinten, die Arbeiterkämpfe seien die Ursache der Wirtschaftskrise. Die Depression der 1930er Jahre, die zeitgleich stattfand mit der größten historischen Niederlage der Arbeiterklasse, hatte diese Auffassung schon weitestgehend widerlegt. Auch die unleugbare Verschärfung des wirtschaftlichen Debakels, so wie dieses seit Mitte der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre ersichtlich geworden ist, hat - selbst als die Arbeiterklasse sich auf dem Rückzug befand, vor allem in den 1990er Jahren -, klar vor Augen geführt, dass ein „objektiver“ Prozess der Krisenverschärfung eingesetzt hatte und dass dieser im Wesentlichen nicht durch die Widerstandskraft der Arbeiterklasse bestimmt war. Ebenso wenig kann man behaupten, dass die herrschende Klasse diesen Prozess wirksam steuern konnte. Nachdem man die Keynessche Politik fallen ließ, welche die Jahre des Nachkriegsbooms geprägt hatte, die aber nun zu einer der treibenden Kräfte für die galoppierende Inflation wurde, versuchte die herrschende Klasse in den 1980er Jahren nunmehr eine Politik der Anpassung zu vollziehen, wodurch die Massenarbeitslosigkeit sprunghaft anstieg und in den meisten Schlüsselländern des Kapitalismus eine Deindustrialisierung einsetzte. In den darauffolgenden Jahren versuchte man erneut, das Wachstum durch eine massive Verschuldung anzukurbeln, wodurch es zu kurzen Phasen des Aufschwungs kam, die aber gleichzeitig tiefgreifende Spannungen unter der Oberfläche aufbauten, welche mit dem Crash von 2007/2008 in Erscheinung traten. Ein allgemeiner Überblick über die kapitalistische Weltwirtschaft seit 1914 bietet also kein Szenario einer aufsteigenden Produktionsweise, sondern eines Systems, das unfähig ist, aus seiner Sackgasse herauszukommen, trotz aller Mittel, die bislang eingesetzt wurden.
- 1914-1923: Erster Weltkrieg und die erste internationale Welle von proletarischen Revolutionen; die Kommunistische Internationale kündigte den Anbruch einer “Epoche von Kriegen und Revolutionen” an;
- 1924-1929: ein kurzer Aufschwung, welcher aber die Spätfolgen der Nachkriegsstagnation der „alten“ Länder und der „alten“ Reiche nicht überwand; der „Boom“ blieb auf die USA beschränkt;
- 1929: Die gewaltige Ausdehnung des US-Kapitals mündete in einem spektakulären Krach; dieser stürzte die Weltwirtschaft in die tiefeste und breiteste bislang dagewesene Depression. Die Produktion kam nicht wieder „von selbst“ in Fahrt, wie das während der zyklischen Krisen im 19. Jahrhundert noch der Fall gewesen war. Stattdessen wurden staatskapitalistische Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft eingesetzt, aber diese waren Teil einer Entwicklung hin zum Zweiten Weltkrieg;
- 1945-1967: eine gewaltige Erhöhung der Staatsausgaben (Keynesianismus) - im Wesentlichen finanziert durch eine Politik der Verschuldung und gefördert durch bislang nie dagewesene Produktivitätserhöhungen - schuf die Bedingungen für eine bis dato unerreichte Wachstums- und Wohlstandsperiode, von der allerdings ein großer Teil der „Dritten Welt“ ausgeschlossen blieb;
- 1967-2008: 40 Jahre offene Krise, verdeutlicht vor allem durch die galoppierende Inflation der 1970er Jahre und die Massenarbeitslosigkeit in den 1980er Jahren. Aber Anfang der 1990er Jahre und zu Beginn des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend trat die Krise „offener“ und deutlicher in einigen Teilen der Welt auf als in anderen. Die Abschaffung gewisser Beschränkungen der Kapitalströme und der Finanzspekulationen, eine Reihe von Standortverlagerungen in Gebiete mit niedrigeren Löhnen, die Entwicklung neuer Technologien und vor allem der unbegrenzte Rückgriff auf die Verschuldung durch den Staat, die Unternehmen und die Haushalte: All dies schuf eine „Wachstumsblase“, bei der einige kleine Eliten große Profite einstreichen und Länder wie China ein frenetisches Wachstum hinlegen konnten. Auch stiegen die Konsumentenkredite in den Industriezentren stark an. Aber Alarmsignale konnten die ganze Zeit vernommen werden: Rezessionen, die den Aufschwüngen folgten (zum Beispiel die von 1974-75, 1980-82, 1990-93, 2001-2002, der Börsenkrach 1987, usw.), und bei jeder Rezession verfügte das Kapital über weniger Eingriffsmöglichkeiten, im Gegensatz zu den „Zusammenbrüchen“ der Aufstiegsphase, als es immer noch möglich war, die Ausdehnung nach Außen in geographische und ökonomische Räume fortzusetzen, die bis dahin noch außerhalb des kapitalistischen Kreislaufs standen.
Da man praktisch über keine Absatzmärkte mehr verfügte, war die Kapitalistenklasse gezwungen, das Wertgesetz zu umgehen, welches das System in den Zusammenbruch treibt. Dies traf sowohl für die offen staatskapitalistische Keynesianische Politik zu wie auch für den Stalinismus, der kein Geheimnis daraus machte, die Auswirkungen der Marktwirtschaft durch die Finanzierung von Defiziten zu bremsen und indem man die unrentablen Wirtschaftsbereiche am Leben hielt, um so die Produktion aufrechtzuhalten. Selbst die „Neoliberalen“, an deren Spitze Thatcher und Reagan standen, betrieben die gleiche Politik, auch wenn sie das Gegenteil von sich behaupteten. In Wirklichkeit war diese Politik eine Ausgeburt des kapitalistischen Staates; und weil diese ständig auf unbegrenzte Kredite und die Spekulation zurückgriff, respektierte sie in keinster Weise die klassischen Gesetze der kapitalistischen Wertschöpfung. In dieser Hinsicht war der dem gegenwärtigen Debakel vorausgehende Zusammenbruch der „Tiger“ und „Drachen“ in Ostasien im Jahre 1997 eines der wichtigsten Ereignisse, denn damals ging eine frenetische Wachstumsphase, die mit faulen Krediten finanziert worden war, abrupt zu Ende, nachdem die Rückzahlung dieser Schulden anstand. Dies war ein Vorbote der darauf folgenden Erschütterungen, auch wenn danach China und Indien die Rolle der Lokomotive spielen wollten, die zuvor von anderen Ländern Ostasiens gespielt worden war. Die „technologische Revolution“, insbesondere im Bereich Informatik, um die in den 1990er Jahren und zu Beginn des Jahrtausends viel Aufheben gemacht wurde (Internet-Economy), hat den Kapitalismus auch nicht vor seinen inneren Widersprüchen retten können. Die organische Zusammensetzung des Kapitals stieg an, damit sank die Profitrate und dies konnte nicht ausgeglichen werden durch eine echte Ausdehnung des Weltmarktes. In Wirklichkeit wurde dadurch die Überproduktion noch verschärft und immer mehr Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz.
2008 erreichte die Krise des Weltkapitalismus eine qualitativ neue Stufe, denn all die ‚Lösungen‘, welche der kapitalistische Staat während der vorausgegangenen vier Jahrzehnte angewandt hatte, insbesondere die Zuhilfenahme von Krediten, erwiesen sich als hilflos. Obwohl Politiker, Finanzjongleure und Bürokraten mit so großem Vertrauen in diese Mittel sie so hartnäckig eingesetzt hatten, scheiterten sie alle kläglich. Jetzt griff die Krise auf die Zentren des Weltkapitalismus, die USA und die Euro-Zone, über und all die eingesetzten Mittel zur Aufrechterhaltung des Vertrauens in die Möglichkeiten einer ständigen wirtschaftlichen Expansion erwiesen sich als wirkungslos. Die Schaffung eines künstlichen Marktes mit Hilfe von Krediten war auf ihre historischen Grenzen gestoßen, sie droht nunmehr den Wert des Geldes zu zerstören und eine galoppierende Inflation auszulösen. Gleichzeitig bewirken die Schritte zur Kreditkontrolle und die Versuche der Staaten, ihre Ausgaben zu kürzen, eine weitere Schrumpfung der Märkte. Im Endergebnis tritt der Kapitalismus jetzt in eine Depression ein, die viel tiefgreifender und noch weniger überwindbar ist als die der 1930er Jahre. Und während die Depression sich auf die westlichen Industriestaaten ausdehnt, erweist sich die große Hoffnung, dass ein Land wie China die Weltwirtschaft aus dem Schlamassel reißen könnte, als eine hirnrissige Illusion. Das industrielle Wachstum Chinas stützt sich auf seine Fähigkeit, seine Waren billig im Westen zu verkaufen, und falls diese Märkte schrumpfen, steht China ebenso vor einem wirtschaftlichen Crash.
Die Schlussfolgerung daraus lautet: Während der Kapitalismus in seiner Aufstiegsphase einen Krisenzyklus durchlief, welcher sowohl dessen innere Widersprüche widerspiegelte als auch ein unabdingbares Element seiner globalen Expansion darstellte, ist die Krise des Kapitalismus im 20. und 21. Jahrhundert, wie Paul Mattick es schon in den 1930er Jahren vertreten hatte, zu einer permanenten Krise geworden. Der Kapitalismus hat mittlerweile eine Stufe erreicht, wo die Hilfsmittel, mit denen er sich am Leben hielt, zu einem die Krankheit verstärkenden Faktor geworden sind.
Das Abdriften in den imperialistischen Krieg spiegelt ebenso die historische Sackgasse der kapitalistischen Weltwirtschaft wider:
„Je mehr der Markt schrumpft, desto heftiger wird der Kampf um den Besitz von Rohstoffen und die Kontrolle des Weltmarktes. Der wirtschaftliche Kampf zwischen verschiedenen kapitalistischen Gruppen spitzt sich immer mehr zu; dabei wird auch die höchste Stufe des Kampfes zwischen Staaten erreicht. Der verzweifelte Wirtschaftskrieg kann letzten Endes nur in militärische Gewalt münden. Der Krieg wird zum einzigen Mittel nicht der Lösung der internationalen Krise, sondern des Versuchs eines jeden nationalen Kapitals, die Schwierigkeiten auf Kosten der imperialistischen Rivalen zu einzudämmen.
Die vorübergehenden Lösungen der isolierten Imperialismen mittels militärischer und ökonomischer Siege führen nicht nur zur Zuspitzung der Lage der imperialistischen Gegner, sondern auch zu einer Zuspitzung der Weltkrise und der Zerstörung der kumulierten Werte von Jahren und Jahrhunderten gesellschaftlicher Arbeit. Die kapitalistische Gesellschaft in der Zeit des Imperialismus ähnelt mehr einem Gebäude, dessen Baumaterial für den Bau der oberen Stockwerke aus dem Baumaterial der unteren Stockwerke und dem Fundament entnommen wird. Je frenetischer der Bau in die Höhe getrieben wird, desto zerbrechlicher wird das ganze Fundament, das das Gebäude stützt. Je imposanter das Gebäude nach Außen erscheint, desto brüchiger und schwankender wird das Gebäude in Wirklichkeit. Der Kapitalismus ist zwangsweise dazu gezwungen, seine eigenen Grundlagen zu untergraben; er muss unaufhörlich den Zusammenbruch der Weltwirtschaft herbeiführen und somit die Menschheit in die Katastrophe und an den Abgrund treiben.“ („Bericht zur Weltlage“, Juli 1945, GCF, 7 [483])
Die imperialistischen Kriege, gleichgültig ob lokal oder Weltkriege, sind der klarste Ausdruck der Tendenz des Kapitalismus zur Selbstvernichtung. Das trifft sowohl für die Tendenz der physischen Zerstörung des Kapitals zu als auch für die Vernichtung von ganzen Bevölkerungsgruppen, sowie auch für die gewaltige Vernichtung von Werten, die die Rüstungsproduktion mit sich bringt, die nunmehr nicht mehr beschränkt ist auf die Phase offener Kriege. Das Verständnis der GCF des zutiefst irrationalen Wesens des Krieges im Zeitalter der Dekadenz wurde gewissermaßen getrübt durch die Umorganisierung und den globalen Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg. Aber die Blütephase nach dem 2. Weltkrieg stellte eine Ausnahmephase dar, die sich nicht wiederholen wird. Und wie immer sich das Kapital in dieser Phase auch international organisierte, der Krieg war damals auch von ständiger Dauer. Nach 1945, als die Welt in zwei rivalisierende imperialistische Blöcke aufgeteilt wurde, nahmen die militärischen Konflikte allgemein die Form endlos langer „nationaler Befreiungskämpfe“ an, bei denen die beiden Großmächte um die strategische Vorherrschaft stritten. Nach 1989 hat der Zusammenbruch des schwächeren russischen Blocks keineswegs die Tendenz zum Krieg abgeschwächt, sondern die einzig verbliebene Supermacht, die USA, ist militärisch noch häufiger interveniert, wie der erste Golfkrieg 1991, die Balkankriege in den 1990er Jahren und Afghanistan und der Irak nach 2001 beweisen. Diese Interventionen der USA verfolgten größtenteils – vergeblich - das Ziel, die zentrifugalen Tendenzen einzudämmen, welche durch das Auseinanderbrechen des ehemaligen Sowjetblocks ausgelöst worden waren. Dadurch spitzten sich die örtlichen und globalen Rivalitäten noch mehr zu und breiteten sich noch weiter aus. Die Konflikte in Afrika, Ruanda, Kongo, Äthiopien, Somalia sprechen Bände. Die Spannungen um die israelisch-palästinensische Frage dauern an, und selbst die Gefahr eines Atomkrieges zwischen Indien und Pakistan ist nicht gebannt.
Der Erste und Zweite Weltkrieg haben tiefgreifende Umwälzungen der Kräfteverhältnisse zwischen den größten kapitalistischen Mächten bewirkt, bei denen hauptsächlich die USA der große Nutznießer waren. Die überwältigende Vorherrschaft der USA nach 1945 war ein Schlüsselfaktor in der Boomphase nach dem Krieg. Aber im Gegensatz zu einem der Slogans der 1960er Jahre war der Krieg kein Beleg für die „Gesundheit und Stärke des Staates“. Genauso wie der extrem aufgeblähte Rüstungssektor zum Zusammenbruch des Ostblocks geführt hat, ist das Bestreben der USA, ihre Stellung als Weltpolizist zu verteidigen, zu einem Faktor geworden, der den Niedergang der USA als Weltmacht beschleunigt. Die Unsummen von Geld, die die Kriege im Irak und Afghanistan bislang gekostet haben, sind nicht durch die schnellen Profite von Halliburton oder anderen kapitalistischen Geiern ausgeglichen worden; im Gegenteil sie haben mit dazu beigetragen, dass die USA von einem Gläubiger der Welt zu einem ihrer Hauptschuldnerländer geworden sind.
Einige revolutionäre Organisationen wie die “Internationale Kommunistische Tendenz” (IKT, vormals IBRP) vertreten die Auffassung, dass der Krieg, vor allem der Handelskrieg, aus kapitalistischer Sicht ausgesprochen rational sei. Sie meinen, dass durch die Zerstörung von überflüssigem konstantem Kapital, das für gesunkene Profitraten verantwortlich ist, der Krieg in der Niedergangsphase des Kapitalismus die Erhöhung der Profitraten und auch den Anstoß eines neuen Akkumulationszyklus ermöglicht. Wir können hier nicht näher auf diese Diskussion eingehen, aber selbst wenn diese Analyse richtig wäre, könnte dies keine Lösung für das Kapital sein. Zunächst, weil man überhaupt nicht sagen kann, dass die Bedingungen für einen dritten Weltkrieg – zu denen unter anderem die Bildung von stabilen imperialistischen Blöcken gehört – in einer Welt gegeben sind, in der immer mehr das Prinzip des „Jeder für sich“ vorherrscht. Und selbst wenn ein dritter Weltkrieg auf der Tagesordnung stünde, würde dieser sicherlich keinen neuen Akkumulationszyklus auslösen, sondern ziemlich sicher zur Auslöschung des Kapitalismus und wahrscheinlich der ganzen Menschheit führen. 8 [484] Dies wäre der endgültige Beweis der Irrationalität des Kapitalismus, aber es gäbe niemanden mehr, der sagen könnte: „Ich habe es ja gewusst!“
Seit den 1970er Jahren waren die Revolutionäre gezwungen, eine neue Dimension der Diagnose zu berücksichtigen, derzufolge der Kapitalismus der Menschheit nichts Positives mehr zu bieten hat und er zu einem zerstörerischen System geworden ist: die wachsende Umweltzerstörung, die nunmehr weltweit zu einer Gefahr geworden ist. Die Verschmutzung und Zerstörung der Natur wohnen der kapitalistischen Produktion von Anfang an inne, aber im 20. Jahrhundert und insbesondere seit dem 2. Weltkrieg haben sie sich ausgedehnt und weiter zugespitzt, weil der Kapitalismus bis in die letzten Winkel der Erde vorgedrungen ist. Gleichzeitig sind als Folge der historischen Sackgasse des Kapitalismus der Klimawandel, die Plünderung und Verschmutzung der Böden, der Meere, der Flüsse und Wälder noch einmal verschärft worden durch die brutale Zuspitzung des nationalen Wettkampfes um den Zugang zu den Rohstoffen, der Ausbeutung von Arbeitskräften und der Öffnung neuer Märkte. Die Umweltkatastrophe, insbesondere in der Form der Klimaerwärmung ist zu einem neuen zentralen Thema der kapitalistischen Apokalypse geworden. All die internationalen Umweltgipfel, die in den letzten Jahren stattfanden, haben die Unfähigkeit der Herrschenden vor Augen geführt, auch nur die elementarsten Maßnahmen zur Vermeidung des Desasters zu ergreifen.
Dies belegt folgende Tatsache deutlich: Der jüngste Bericht der Internationalen Energieagentur (International Energy Agency), eine Institution, die bislang nie durch besonders laute Warnungen aufgefallen war, erklärte, dass die Regierungen der Welt noch fünf Jahre Zeit haben, um den Klimawechsel zu vermeiden bevor es zu spät ist. Der IEA und einer Reihe von wissenschaftlichen Instituten zufolge muss unbedingt sichergestellt sein, dass der Temperaturanstieg nicht 2°C übersteigt. „Um die Emissionen unter diesem Ziel zu halten, kann die Menschheit nicht mehr so weiter machen wie bisher. Es verbleiben lediglich fünf Jahre, bevor die zulässigen Emissionen „erreicht“ sind. Wenn man die gesetzten Ziele der Begrenzung des Temperaturanstiegs erreichen will, müssen alle von 2017 an gebauten Infrastrukturen emissionsfrei sein.“ 9 [485].
Ein Monat nach der Veröffentlichung dieses Berichtes im November 2011 wurde der Durban-Gipfel als ein Schritt nach vorne gelobt, denn zum ersten Mal hätten nach all diesen internationalen Treffen die Staaten eine Überkunft getroffen, die Kohlendioxidemissionen zu begrenzen. Aber diese Grenzen sollen erst 2015 festgelegt und lediglich ab 2020 müssten sie eingehalten werden – viel zu spät, wenn man der Warnung der IEA und vieler anderer internationalen Umweltschutzorganisationen Glauben schenkt. Keith Allio, zuständig für „Klimawandel“ beim World Wide Fund for nature“ in Großbritannien, meinte denn auch: „Die Regierungen haben einen Weg offengehalten für Verhandlungen, aber wir dürfen keine Illusionen haben – mit dem Abschluss von Durban stehen wir vor der Aussicht, dass wir uns auf die legale, vereinbarte Grenze von 4°C Erwärmung zubewegen. Das wäre eine Katastrophe für die Menschen und die Natur. Die Regierungen haben tagelang über ein paar Wörter des Vertragstextes gestritten, aber sie haben die Warnungen der Wissenschaftler außer Acht gelassen, dass viel energischere Maßnahmen erforderlich sind, um die Emissionen zu reduzieren.“ 10 https://www.wwf.org.uk/what_we_do/press_centre/?unewsid=5529 [486]
Das Problem mit den reformistischen Auffassungen der Umweltschützer ist: Sie sehen nicht, dass der Kapitalismus von seinen eigenen Widersprüchen und seinem immer verzweifelteren und zerstörerischeren Überlebenskampf erdrückt wird. Da der Kapitalismus in der Krise steckt, kann das System nicht weniger Konkurrenz und mehr Zusammenarbeit, also eine vernünftigere Produktionsweise einführen. Auf allen Ebenen bringt das System stattdessen einen immer heftigeren Konkurrenzkampf hervor, vor allem zwischen Nationalstaaten, die irgendwie Gladiatoren ähneln, welche sich in einer Arena bekämpfen, in der Hoffnung auf unmittelbares Überleben. Immer mehr müssen kurzfristige Profite erzielt, alles dem Idol des „Wirtschaftswachstums“ unterworfen werden, d.h. der Kapitalakkumulation, auch wenn es sich nur um fiktives Wachstum handelt, das wie in den letzten Jahrzehnten auf „faulen“ Schulden fußt. Kein Land kann sich auch nur im Geringsten irgendeinen Sentimentalismus leisten, weil jedes Land seine nationalen „Schätze der Natur“ aufs äußerste ausbeuten mss. In der kapitalistischen Weltwirtschaft kann es auch keine legalen Strukturen und keine internationalen Regierungsformen geben, welche dazu in der Lage wären, die engstirnigen nationalen Interessen den globalen Interessen des Planeten
Wie groß auch immer die wirkliche Herausforderung durch die Klimaerwärmung sein wird, die ökologische Frage insgesamt beweist erneut, dass die Fortsetzung der Herrschaft der Kapitalistenklasse, der kapitalistischen Produktionsweise zu einer Gefahr für das Überleben der Menschheit geworden ist.
All dies wird sehr anschaulich verdeutlicht durch ein Beispiel, das auch zeigt, dass die Gefahr der Umweltzerstörung genauso wie die Wirtschaftskrise von den Gefahren durch militärische Bedrohungen nicht getrennt werden kann.
“In den letzten Monaten haben Ölgesellschaften Schlange gestanden, um die Explorationsrechte in der Baffin Bucht zu erwerben, einer Kohlenwasserstoff-reichen Region an der Westküste Grönlands, die bis vor kurzem mit einem dicken Eispanzer bedeckt war, der Bohrungen unmöglich machte.
US-amerikanische und kanadische Diplomaten haben erneut angefangen über Navigationsrechte in einer Seeroute durch die kanadische Arktis zu streiten, welche die Seeverbindung verkürzen und Kosten für Tanker mit langen Transportrouten senken könnte.
Jeder Besitzanspruch auf den Nordpol war immer ein Zankapfel, da Russland und Dänemark jeweils Ansprüche erhoben haben auf das darunterliegende Seegebiet, in der Hoffnung sich einen Zugang zu erwerben zu allen Naturreichtümern vom Fischbestand bis zu den Naturgasvorkommen.
Die heftigen Auseinandersetzungen um die Ansprüche auf die Arktis wurden durch diplomatische Notenwechsel ersichtlich, welche letzte Woche von Wikileaks veröffentlicht wurden. Botschaften zwischen US-Diplomaten deckten auf, wie nördliche Nationen, darunter Russland und die USA, manövriert haben, um sicherzustellen, dass sie Zugang erhalten zu Schifffahrtsrouten wie auch Öl- und Gasquellen unter dem Meer, von denen man schätzt, dass sie bis zu 25% der unerschlossenen Energiereserven der Welt enthalten.
In den diplomatischen Mitteilungen zeigten sich US-Offizielle besorgt, dass Streitigkeiten wegen der Ressourcen sogar zu einer Aufrüstung in der Arktis führen könnten. Während in der Arktis Frieden und Stabilität herrschen, kann man jedoch in der Zukunft nicht ausschließen, dass es zu einer Umverteilung der Macht kommt, bis hin zu einer bewaffneten Intervention, wird aus einem Memorandum von 2009 des US-Außenministeriums ein russischer Botschafter zitiert.“ (11)
Eines der schlimmsten Kennzeichen der Klimaerwärmung ist das Schmelzen der Polkappen, die katastrophale Überschwemmungen und einen Teufelskreis der weiteren Erwärmung nach dem Abschmelzen der Polkappen auslösen könnte, weil dadurch nicht mehr das Sonnenlicht zurückgespiegelt werden kann. Aber bei solch einem Szenario wittern die Kapitalisten sofort fette Beute. Deshalb kommt es jetzt schon zu Rangeleien unter den Nationalstaaten, die alle Ansprüche auf die Nutzung der Gebiete erheben, mit der Folge, dass der fossile Energiekonsum noch mehr ansteigt und der Treibhauseffekt noch verstärkt wird. Und gleichzeitg führen die Auseinandersetzungen um diese Ressourcen – hier Öl und Gas, anderswo Wasser oder fruchtbarer Boden – zu imperialistischen Konflikten zwischen vier und fünf Staaten (Großbritannien mischt auch noch bei diesem Konflikt mit). Dies ist der wahnsinnige Teufelskreis des Kapitalismus.
Der gleiche Artikel (der Washington Post) spricht dann von einer “guten Nachricht“ eines ‚bescheidenen’ Vertrages zwischen den beteiligten Staaten auf dem Arktisgipfel von Nuuk in Grönland. Wir wissen, wieviel diplomatische Abkommen wert sind, um die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zu imperialistischen Konflikten zu vereiteln.
Das globale Desaster, in welches der Kapitalismus die Menschheit treibt, kann nur durch eine globale Revolution vermieden werden.
Welche Bilanz des Kapitalismus auf gesellschaftlicher Ebene, insbesondere hinsichtlich der Hauptklasse, die die Reichtümer für den Kapitalismus herstellt, kann man ziehen? Als die Kommunistische Internationale feststellte, dass der Kapitalismus in den Zeitraum seiner inneren Zersetzung eingetreten war, zog sie ebenfalls einen Schlussstrich unter den Zeitraum der Sozialdemokratie, als diese einen Kampf für dauerhafte Reformen führen konnte und musste. Die Revolution war nunmehr notwendig geworden, weil der Kapitalismus seine Angriffe gegen die Lebensbedingungen der Arbeiter nur noch intensivieren konnte. Wie wir in früheren Artikeln dieser Serie gezeigt haben, wurde diese Analyse mehrfach während der beiden darauf folgenden Jahrzehnte bestätigt, als es zur größten Depression in der Geschichte des Kapitalismus und zum 2. Weltkrieg kam. Aber während des Nachkriegsbooms in den 1950er und 1960er Jahren wurde diese Einschätzung sogar unter den Revolutionären infragegestellt, als die Arbeiterklasse in den Industriezentren von großen Lohnerhöhungen profitierte, die Arbeitslosigkeit stark abnahm und eine Reihe von staatlich finanzierten Sozialleistungen erhielt: Krankengeld, bezahlter Urlaub, Zugang zu Bildungseinrichtungen, Gesundheitsversorgung usw.
Aber bedeuteten diese Entwicklungen, dass man die von den Revolutionären vertretene Auffassung, der Kapitalismus sei global in seinen Niedergang eingetreten und dauerhafte Reformen seien nicht mehr möglich, verwerfen muss?
Wir wollen an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, ob diese Verbesserungen ‘wirkliche’ oder ‘bedeutsame’ waren. Sie waren es tatsächlich und dies muss man erklären. Aus diesem Grunde hat die IKS z.B. eine Debatte in ihren Reihen über die Ursachen des ‚Wirtschaftswunders’ nach dem 2. Weltkrieg eröffnet, die wir auch veröffentlicht haben. Es geht vor allem darum den historischen Rahmen zu begreifen, in dem diese Verbesserungen stattfanden, denn dann wird man sehen, dass diese nicht vergleichbar sind mit den regelmäßigen Verbesserungen der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert, die damals zum größten Teil dank des Spielraums des Kapitalismus möglich gewesen waren, aber auch aufgrund der Organisierung und des Kampfes der Arbeiterbewegung ermöglicht wurden.
- Während viele “Nachkriegsreformen” zugestanden wurden um sicherzustellen, dass der Krieg keine Welle von revolutionären Kämpfen ähnlich wie 1917-19 auslöst, wurde die Initiative zur Einführung von Maßnahmen wie Krankenversichrung oder Vollbeschäftigung direkt vom kapitalistischen Staatsapparat ergriffen, insbesondere durch seinen linken Flügel. Dadurch wurde das Vertrauen der Arbeiterklasse in den Staat gestärkt und ihr Selbstvertrauen in ihre eigenen Kräfte und eigenen Kämpfe geschwächt.
- selbst in den Jahren des ‚Wirtschaftswunders‘ war der wirtschaftliche Wohlstand stark begrenzt. Große Teile der Arbeiterklasse, vor allem in der Dritten Welt, aber auch viele Teile in den Industriezentren (z.B. die schwarzen und armen weißen Arbeiter in den USA) blieben von den Vorteilen ausgeschlossen. In der ganzen „Dritten Welt“ hat die Unfähigkeit des Kapitals, Millionen Bauern und vearmte oder ruinierte Menschen aus anderen Schichten in die Produktion zu integrieren, die Grundlagen für die gigantischen Slumviertel und die Unterernährung und weltweite Armut geschaffen. Und diese Massen waren auch das erste Opfer der Rivalitäten zwischen den imperialistsichen Blöcken, die zu blutigen Auseinandersetzungen mit Stellvertreterkriegen in einer Reihe von unterentwickelten Ländern von Korea, Vietnam, dem Mittleren Osten bis Süd- und Westafrika führten.
- ein weiterer Beweis der Unfähigkeit des Kapitalismus, die Lebensqualität der Arbeiterklasse grundlegend zu verbessern, ist die Frage der Arbeitszeit. Die fortdauernde Verkürzung des Arbeitstags war seinerzeit ein Zeichen des ‚Fortschritts‘. Er sank von mehr als 18 Stunden zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf 8 Stunden. Der 8-Stunden-Tag wurde zu einer der Hauptforderungen der Arbeiterbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts; während der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts wurde der 8-Stunden-Tag offiziell zugestanden. Seitdem – und das betrifft auch die Zeit des Nachkriegswunders – ist die Arbeitszeit mehr oder weniger auf dem gleichen Niveau stehengeblieben, während der technische Fortschritt keineswegs die Lohnabhängigen von der Plackerei befreit hat. Stattdessen werden viele Beschäftigte unterfordert, die Arbeitslosigkeit hat zugenommen und die Ausbeutung wurde verschärft. Zudem werden die Wege zur Arbeit immer länger und zeitaufwendiger, die Arbeitszeiten werden sogar noch außerhalb des Arbeitsplatzes ausgedehnt, weil man per Handy, tragbaren Computer und Internet jederzeit und überall erreichbar ist.
- welche Verbesserungen es auch immer nach dem 2. Weltkrieg gegeben hat, diese wurden mehr oder weniger während der letzten 40 Jahre angeknabbert und untergraben, und in Anbetracht der immer näher rückenden Depression sind diese nun zur Zielscheibe immer heftigerer Angriffe geworden. Während der letzten vier Jahrzehnte ging der Kapitalismus relativ behutsam vor bei der Art und Weise, wie die Löhne gesenkt, die Massenarbeitslosigkeit durchgedrückt und Sozialleistungen abgebaut oder abgeschafft wurden. Die in einem Land wie Griechenland mit äußerster Gewalt durchgesetzten Sparbeschlüsse sind ein Vorgschmack von dem, was die Arbeiter überall erwartet.
In einem breiteren gesellschaftlichen Maßstab bedeutet die Tatsache, dass der Kapitalismus schon so lange in seinem Niedergang begriffen ist, eine gewaltige Bedrohung für die Fähigkeit der Arbeiterklasse, zu einer “Klasse für sich” zu werden. Als die Arbeiterklasse Ende der 1960er Jahre ihren Kampf wieder aufnahm, war ihre Fähigkeit, ein revolutionäres Bewusstsein zu entfalten, stark durch die Traumata der von ihr durchlebten Konterrevolution behindert. Diese Konterrevolution war in einem „proletarischen“ Gewand, dem Stalinismus, aufgetreten und hatte unter Generationen von Arbeitern ein sehr großes Misstrauen gegenüber ihren eigenen Traditionen und Organisationen hervorgerufen. Die irreführende Gleichsetzung zwischen Stalinismus und Kommunismus war gar bis in ihr Extrem gesteigert worden, als Ende der 1980er Jahre die stalinistischen Regime zusammenbrachen, wodurch das Selbstvertrauen der Arbeiterklasse und das Vertrauen in ihre Fähigkeit, eine politische Alternative gegenüber dem Kapitalismus anzubieten, noch mehr angeschlagen wurde. So wurde eine Ausgeburt des kapitalistischen Niedergangs – der stalinistische Staatskapitalismus – von allen Fraktionen der Herrschenden ausgenutzt, um das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu untergraben und zu entstellen.
Während der 1980 und 1990er Jahre hat die Entwicklung der Wirtschaftskrise dazu geführt, dass die großen Industriezentren und Arbeiterviertel in den Industriestaaten des Westens schrumpften, ein bedeutender Teil der Industrie wurde in Gebiete der Welt verlagert, in denen es keine großen politischen Traditionen der Arbeiterklasse gibt. Die Errichtung von vielen Stadtvierteln in vielen entwickelten Ländern, die als „no man's land“ gelten, führte zu einer Abschwächung der Klassenidentität und allgemein dem Zerbröseln sozialer Verbindungen, die im Gegenzug eine Suche nach falschen Gemeinschaften auslöste, welche nicht neutral sind, sondern verheerende Wirkungen zeigen. Zum Beispiel werden Teile der aus der Gesellschaft ausgeschlossenen weißen Jugend von Banden der Extrem Rechten angezogen wie durch die English Defence League in Großbritannien; andere Teile aus der muslimischen Jugend, die in der gleichen materiellen Lage stecken, geraten in den Sog von islamistischen und jihadistischen Kräften. Im Allgemeinen kann man die zerstörerischen Auswirkungen der Bandenkultur in fast allen städtischen Ballungsgebieten der Industriestaaten feststellen, auch wenn die spektakulärsten Folgen in den Ländern der Peripherie wie Mexiko am eklatantesten sind, wie man anhand des permanenten Krieges zwischen Drogenbanden erkennen kann, von denen einige direkt mit nicht weniger korrupten Teilen des Staates verbunden sind.
Diese Erscheinungen – der angsteinjagende Verlust jeglicher Zukunftsperspektiven, die Ausbreitung einer nihilistischen Gewalt – sind ein ideologisches Gift, welches langsam in die Adern der Ausgebeuteten der ganzen Welt eindringt und deren Fähigkeit untergräbt, sich als eine einzige Klasse aufzufassen, deren Wesenskern in der internationalen Solidarität besteht.
Ende der 1980er Jahre gab es in der IKS Tendenzen, die Welle von Kämpfen der 1970er und 1980er Jahre als mehr oder linear fortschreitend hin zu einem revolutionären Bewusstsein einzuschätzen. Diese Tendez wurde heftig von Marc Chirik kritisiert, der anhand einer Analyse der terroristischen Attentate in Frankreich und dem plötzlichen Zusammenbruch des Ostblocks als erster die Idee formulierte, dass wir in eine neue Phase des kapitalistischen Niedergangs eingetreten waren, welche wir als seine Zerfallsphase bezeichnen. Diese neue Phase wurde im Wesentlichen bestimmt durch eine Art gesellschaftliche Sackgasse; eine Lage, in der weder die herrschende noch die ausgebeutete Klasse in der Lage waren, ihre Alternativen für die Zukunft der Gesellschaft durchzusetzen – d.h. für die Kapitalistenklasse den Weltkrieg, für die Arbeiterklasse die Weltrevolution. Aber da der Kapitalismus nie auf der Stelle treten kann und die sich verschärfende Wirtschaftskrise neue Stufen erreichen musste, war die Gesellschaft in Ermangelung einer Perspektive zur Fäulinis verurteilt, wodurch wiederum zusätzliche Hindernisse für die Entwicklung des Klassenbewusstseins entstanden.
Ungeachtet dessen, ob man mit den Parametern des Konzeptes des Zerfalls, wie er von der IKS gesehen wird, einverstanden ist oder nicht, das Wesentliche an dieser Analyse ist, dass wir in die Endphase des Niedergangs dieser Gesellschaft eingetreten sind. Es gibt immer mehr Beweise, dass wir in einer Endstufe des Niedergangs des Systems stecken und dass das System sich in einem Todeskampf befindet, welcher sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter zugespitzt hat, so dass eine allgemeine Weltuntergangsstimmung entstanden ist - eine Anerkenntnis, dass wir am Rande des Abgrunds stehen. Diese Untergangsstimmung breitet sich immer weiter aus. 12 [487] Und dennoch, innerhalb der proletarischen politischen Bewegung stößt die Dekadenztheorie keineswegs auf einhellige Zustimmung. Wir werden auf einige der Argumente gegen diese Theorie im nächsten Artikel eingehen.
Gerrard
1 [488] Siehe den vorhergehenden Artikel in der International Review Nr. 147 (engl. Ausgabe) „Dekadenz des Kapitalismus: Das Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg hat den Niedergang des Kapitalismus nicht aufhalten können“ https://fr.internationalism.org/rint147/decadence_du_capitalisme_le_boom_d_apres_guerre_n_a_pas_renverse_le_cours_du_declin_du_capitalisme.html [489]
2 [490] Als Antwort auf die Schrift von Marcuse “Der eindimensionale Mensch – Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft” 1964 .
3 [491] Siehe in “Internationale Revue” (engl. Ausgabe Nr. 146) „Dekadenz des Kapitalismus – aus der Sicht der Revolutionäre bestätigt die Große Depression, dass der Kapitalismus obsolet geworden ist“ https://fr.internationalism.org/rint146/pour_les_revolutionnaires_la_grande_depression_confirme_l_obsolescence_du_capitalisme.html [410]
4 [492] “Marx und Keynes, Die Grenzen des “Gemischten Wirtschaftssytems”, 14. Kapitel, "Die gemischte Wirtschaft“.
5) Eine andere Schwäche des Buches “Marx und Keynes” ist die verächtliche Haltung Matticks gegenüber Rosa Luxemburg und dem Problem, das sie hinsichtlich der Verwirklichung des Mehrwerts aufgeworfen hatte. Er geht nur einmal direkt auf Luxemburg in seinem Buch ein: "Um die Jahrhundertwende sah die Marxistin Rosa Luxemburg in den Schwierigkeiten der Merhwertrealisierung die objektiven Gründe für die Krisen und Kriege und den endgültigen Niedergang des Kapitalismus. All das hat nicht viel mit Marx zu tun, der erkannte, dass die Welt des Kapitalismus sicherlich gleichzeitig ein Produktions- und Zirkulationsprozess war, der aber hervorhob, dass nichts zirkuliert bevor es nicht zunächst produziert wird, und aus diesem Grund sah er die Priorität im Produktionsprozess. Wenn die Produktion von Mehrwert ausreicht, um eine beschleunigte Kapitalexpansion zu ermöglchen, gibt es wenig Grund zur Annahme, dass der Kapitalismus im Bereich der Zirkulation zusammenbrechen wird“ (S. 91, englische Ausgabe).
Von der Tautologie ausgehend, dass „nichts zirkuliert bevor es nicht zunächst produziert wird“, folgert Mattick unzulässigerweise, dass der entsprechende Mehrwert notwendigerweise auf dem Markt realisiert werden kann. Die gleiche Argumentationskette taucht in dem folgenden Abschnitt auch wieder auf.
„Warenproduktion schafft ihren eigenen Markt solange sie dazu in der Lage ist, Mehrwert in neues Kapital zu verwandeln. Die Marktnachfrage ist eine Nachfrage nach Konsumgütern und Produktionsmitteln. Akkumulation kann nur die Akkumulation von Produktionsmitteln sein, denn was konsumiert wird, wird nicht akkumuliert sondern verschwindet einfach. Das Wachsen des Kapitals in seiner physischen Form ermöglicht die Verwirklichung des Mehrwerts außerhalb der Kapital-Arbeit Tauschbeziehungen. Solange es eine ausreichende und fortgesetzte Nachfrage nach Produktionsmitteln gibt, gibt es keinen Grund, weshalb Waren, die auf den Markt gelangen, nicht verkauft werden könnten“ (S. 76, englische Ausgabe). Dies steht im Widerspruch zu Marxens Auffassung, derzufolge “die Produktion von konstantem Kapital nie seiner selbst willen stattfindet, sondern nur, weil mehr davon gebraucht wird in den Produktionssphären, deren Produkte in die individuelle Konsumtion eingehn“ (Marx, Kapital, Bd. 3, MEW 25, IV. Abschnitt, das kaufmännische Kapital, 18. Kapitel, Der Umschlag des Kaufmannskapitals, Die Preise, S. 317).
Mit anderen Worten: die Nachfrage nach Konsumgütern löst die Nachfrage nach Produktionsmitteln aus, und nicht umgekehrt. Mattick selbst erkennt diesen Widerspruch (in Krisen und Krisentheorien) zwischen seiner Auffassung und einigen Aussagen Marxens an. Aber wie gesagt, wir wollen hier nicht in diese Debatte einsteigen. Das Hauptproblem ist, obwohl Mattick Rosa Luxemburg natürlich als eine Marxistin und echte Revolutionärin ansah, hat er sich denjenigen angeschlossen, die das Problem, welches sie hinsichtlich der Frage des Akkumulationsprozesses aufgeworfen hatte, verwerfen und als außerhalb des Rahmens des Marxismus stehenden Unsinn ansehen. Wie wir in früheren Artikeln aufgezeigt haben, trifft diese Haltung nicht auf alle Kritiker Rosa Luxemburgs zu. Z.B. bezog Roman Rosdolsky eine andere Haltung. (siehe unseren Artikel in der International Review Nr. 142 (engl. Ausgabe) „Rosa Luxemburg und die Grenzen der Ausdehnung des Kapitalismus“. https://fr.internationalism.org/rint142/rosa_luxemburg_et_les_limites_de_l_expansion_du_capitalisme.html [493].)
Diese zum Großteil sektiererische Herangehensweise hat seitdem immer die Debatte unter den Marxisten enorm erschwert.
1 Siehe dazu: “International Review Nr. 132, (engl. Ausgabe): „Dekadenz des Kapitalismus: die Revolution ist notwendig und möglich“ (2008https://fr.internationalism.org/rint132/decadence_du_capitalisme_la_revolution_est_necessaire_et_possible_depuis_un_siecle.html [494].
Um mehr Details und Statistiken hinsichtlich der globalen Entwicklung der historischen Krise und ihren Auswirkungen auf die Produktion und das Leben der Arbeiter zu erfahren, siehe andere Artikel in unserer International Review – u.a. Nr. „Ist der Kapitalismus eine dekadente Produktionsform und warum?“
7) Wiederveröffentlicht zum Teil in International Review Nr. 59 (1989)
https://fr.internationalism.org/rinte59/guerre.htm [495]
8) Das heißt natürlich nicht, dass die Menschheit in einem imperialistischen System in größerer Sicherheit lebt, das immer chaotischer wird. Im Gegenteil, ohne die vom alten Blocksystem erzwungene Disziplin sind noch stärker zerstörerische lokale oder regionale Kriege viel wahrscheinlicher geworden. Deren Zerstörungspotenzial hat auch mit der Weiterverbreitung von Atomwaffen noch zugenommen. Gleichzeitig könnten diese auch in weit von den Zentren des Kapitalismus entfernten Gebieten ausgelöst werden. Sie sind weniger abhängig von einem anderem Faktor, welcher seit Ende der 1960er Jahre gewissermaßen als Bremse für die Tendenz zum Weltkrieg gewirkt hat: Die Schwierigkeit, die Arbeiterklasse der zentralen Länder für eine imperialistische Konfrontation zu mobilisieren.
9 [496] www.nationalgeographic.com/science/article/111109-world-energy-outlook-2011 [497]
10 [498] www.theguardian.com/environment/2011/dec/11/global-climate-change-treaty-durban [499]
11 [500] https://www.washingtonpost.com/national/environment/warming-arctic-opens-way-to-competition-for-resources/2011/05/15/AF2W2Q4G_story.html [501]
12 [502] Siehe zum Beispiel The Guardian, "The news is terrible. Is the world really doomed? [503]", A. Beckett, 18/12/2011.
Die Auszüge aus dem Buch von Agis Stinas – einem revolutionären Kommunisten aus Griechenland -, die wir hier veröffentlichen, sind ein Angriff auf den antifaschistischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs. Darüber hinaus enthalten sie eine schonungslose Abrechnung mit drei heillos miteinander verschmolzenen Mystifikationen, die jede für sich für das Proletariat tödlich ist: die Verteidigung der Sowjetunion, der Nationalismus und der demokratische Antifaschismus.
Die Explosion des Nationalismus in der ehemaligen Sowjetunion und ihrem Reich in Ost-Europa wie auch die Entwicklung von gewaltigen antifaschistischen ideologischen Kampagnen in den Ländern Westeuropas geben diesen - Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts - geschriebenen Auszügen einen ungeahnte Aktualität.
Es wird heute zunehmend schwieriger für die herrschende Ordnung, ihre Herrschaft zu rechtfertigen. Die Katastrophe, zu der ihre Gesetze geführt haben, verhindert dies. Konfrontiert mit dem Proletariat, der einzigen Kraft, die in der Lage ist, diese Ordnung zu stürzen und eine andere Gesellschaft aufzubauen, setzt die herrschende Klasse auf die ideologischen Waffen, die ihr zur Verfügung stehen: die Spaltung in und Unterwerfung durch die verschiedenen nationalen Fraktionen des Kapitals. Heute stehen Nationalismus und Antifaschismus an der Spitze des konterrevolutionären Arsenals der Bourgeoisie.
Agis Stinas nimmt die marxistische Analyse zur nationalen Frage von Rosa Luxemburg auf und erinnert daran, dass der Kapitalismus in seine imperialistische Phase eingetreten ist: „… die Nation hat ihre historische Mission erfüllt. Nationale Befreiungskriege und bürgerlich-demokratische Revolutionen sind von nun an nicht mehr möglich.“ Auf dieser Grundlage greift er die Argumente jener an, die während des Zweiten Weltkriegs zur Beteiligung am antifaschistischen Widerstand aufriefen. Damit zerstört er die Beweisführung, dass die Volksfront und die antifaschistische Dynamik zur Revolution führen.
Stinas und die UCI (Union Communiste Internationaliste) waren Teil einer Handvoll Revolutionärer, denen es gelang, im Zweiten Weltkrieg gegen den Trend zum Nationalismus anzukämpfen, welche die „Demokratie“ gegen den „Faschismus“ verteidigten, um den Internationalismus im Namen der „Verteidigung der Sowjetunion“ abzuwerfen.
Da diese Revolutionäre – selbst im revolutionären Milieu - fast alle unbekannt sind (ihre Texte existieren nur in griechischer Sprache), lohnt es sich, einige Details aus ihrer Geschichte vorwegzuschicken.
Stinas gehörte zu jener Generation von Kommunisten, die von der großen internationalen revolutionären Welle erfasst wurde, welche den Ersten Weltkrieg beendet hatte. Sein gesamtes Leben hindurch hielt er an den großen Hoffnungen fest, die durch den Roten Oktober 1917 und durch die Deutsche Revolution von 1919 aufgekommen waren. Er war bis zu seinem Ausschluss 1931 Mitglied der griechischen Kommunistischen Partei (zu einer Zeit, als sie noch nicht ins bürgerliche Lager gewechselt war). Anschließend wurde er Bestandteil der leninistischen Opposition, die die Wochenzeitung „Fahne des Kommunismus“ veröffentlichte und sich auf Trotzki, dem internationalen Symbol für den Widerstand gegen den Stalinismus, bezog.
1933 übergab Hindenburg in Deutschland die Macht an Hitler. Damit war das offizielle Regime in Deutschland faschistisch (bzw. nationalsozialistisch) geworden. Stinas führt aus, dass der Sieg des Faschismus den Tod der Kommunistischen Internationale signalisierte - ähnlich dem 4. August 1914, als die II. Internationale und ihre Sektionen definitiv und unwiederbringlich für die Arbeiterklasse verloren gingen. Entstanden als Organe des proletarischen Kampfes, waren sie nun zu Werkzeugen des Klassenfeinds geworden. Die Pflicht der Revolutionäre auf der ganzen Welt war es nun, neue revolutionäre Parteien – außerhalb und gegen die Internationale - zu gründen.
Die heftige Debatte provozierte eine Krise der trotzkistischen Organisation; Stinas Position geriet in die Minderheit, woraufhin er die Organisation verließ. 1935 trat er der Organisation „Der Bolschewik“ bei, die sich vom Archeomarxismus getrennt hatte und nun als Union Communiste Internationaliste (UCI) auftrat. Zu dieser Zeit war die UCI die einzig anerkannte Sektion von Trotzkis Internationalist Communist Leage (ICL) – die IV. Internationale wurde erst 1938 gegründet.
Seit 1937 lehnte die UCI eine zentrale Parole der IV. Internationale: die „Verteidigung der UdSSR“. Stinas und seine Genossen erreichten diese Position nicht durch eine Debatte über den gesellschaftlichen Charakter der UdSSR, sondern durch eine kritische Aufarbeitung der Politik und Parolen, die im Angesicht des drohenden Weltkriegs angenommen wurden. Die UCI bemühte sich darum, alle Anzeichen aus ihrem Programm zu verbannen, die in irgendeiner Weise die Infiltration von Sozialpatriotismus unter dem Deckmantel der Verteidigung der UdSSR erlaubt hätten.
Während des Zweiten Weltkriegs blieb Stinas als kompromissloser Internationalist loyal gegenüber den Prinzipien des revolutionären Marxismus, wie Lenin und Rosa Luxemburg ihn während des ersten Weltkriegs formuliert und praktisch angewendet hatten.
Die UCI war seit 1934 die einzige Sektion der trotzkistischen Strömung in Griechenland. Isoliert von anderen Ländern, war diese Gruppe durch all die Jahre des Kriegs und der Besetzung davon überzeugt, dass die Trotzkisten an der gleichen Front, für die gleichen Ideale und gegen den Strom kämpften.
Die ersten Nachrichten, die sie über die tatsächlichen Positionen der trotzkistischen Internationale bekamen, ließen Stinas und seine Genossen aufschrecken. Die Lektüre des französischen Pamphlets „Die Trotzkisten im Kampf gegen die Nazis“ erbrachte den Nachweis, dass die Trotzkisten, wie alle anderen guten Patrioten, den Kampf gegen die Nazis aufgenommen hatten. Sie erfuhren von der schändlichen Haltung Cannons und der SWP (Socialist Workers Party) in den USA.
Der Krieg war für die Organisationen der Arbeiterklasse ein harter Test; die IV. Internationale scheiterte und zerfiel zu Staub. Ihre Sektionen stellten sich in den Dienst ihrer jeweiligen Bourgeoisien; einige offen, indem sie zur „Verteidigung des Vaterlandes“ aufriefen, andere unter dem Deckmantel der „Verteidigung der UdSSR“. So trugen sie alle auf ihre eigene Weise zum Kriegsgemetzel bei.
Im Herbst 1947 brach die UCI alle politischen und organisatorischen Verbindungen zur IV. Internationale ab. In den folgenden Jahren, der – politisch - schlimmsten Periode der Konterrevolution, als revolutionäre Gruppen zu kleinen Minderheiten dahin schmolzen und die meisten derjenigen, die den Grundprinzipien des proletarischen Internationalismus und der Oktoberrevolution treu geblieben waren, komplett isoliert wurden, wurde Stinas der Hauptvertreter der „Sozialismus oder Barbarei“-Strömung in Griechenland. Diese Strömung, der es niemals gelang, den durch und durch kapitalistischen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse in der UdSSR zu erkennen, entwickelte die Theorie einer Art dritten Ausbeutungssystems, das auf der Trennung zwischen „Befehlsgebern“ und „Befehlsempfängern“ basiert. Diese Strömung entfernte sich immer weiter vom Marxismus und zerfiel letztendlich in den 60ern. Gegen Ende seines Lebens übte Stinas keine wirklich organisierte politische Aktivität mehr aus. Er näherte sich stark dem Anarchismus an und starb 1987.
Die Nation ist - wie der Stamm, die Familie, die Stadt - ein Produkt der Geschichte. Sie erfüllt eine historische Notwendigkeit und muss verschwinden, sobald diese erfüllt ist.
Die Klasse, die diese soziale Organisation der Nation hervorbringt, ist die Bourgeoisie. Der Nationalstaat deckt sich mit dem Staat der Bourgeoisie; historisch gesehen, vereinigt sich die fortschrittliche Aufgabe der Nation mit der des Kapitalismus, um durch die Entwicklung der Produktivkräfte, die materiellen Konditionen für den Sozialismus zu erschaffen.
Dieses historisch progressive Werk des Kapitalismus kommt mit der Epoche des Imperialismus, der großen imperialistischen Mächte, mit ihren Antagonismen und Kriegen, an sein Ende. Die Nation hat ihre historische Mission erfüllt. Von nun an machen nationale Befreiungskriege und bürgerlich-demokratische Revolutionen keinen Sinn mehr.
Die proletarische Revolution steht auf der Tagesordnung. Diese erschafft oder bewahrt keine Nationen und Grenzen, sondern zerstört sie und vereinigt alle Menschen der Welt in einer weltweiten Gemeinschaft.
Die Verteidigung der Nation und des Vaterlandes bedeuten in unserer Epoche nichts anderes als die Verteidigung des Imperialismus, dem Gesellschaftssystem, das Kriege provoziert, das nicht ohne Kriege leben kann und das die Menschheit in das Chaos und die Barbarei führt. Dies gilt sowohl für die großen imperialistischen Mächte als auch für die kleinen Nationen, deren herrschende Klassen als Komplizen und Verbündete der Großmächte auftreten können.
“Sozialismus ist in dieser Stunde der einzige Rettungsanker der Menschheit. Über den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lodern wie ein feuriges Menetekel die Worte des Kommunistischen Manifests: Sozialismus oder Untergang in der Barbarei!” (Rosa Luxemburg, “Was will der Spartakusbund?” 1918)
Sozialismus ist eine Angelegenheit der Arbeiter der gesamten Welt. Der Kampf für die Abschaffung des Kapitalismus und für den Aufbau des Sozialismus ist der gemeinsame Kampf der Arbeiter dieser Welt. In diesem gemeinsamen Kampf gibt es eine geographisch bestimmte Teilung. Der Kampf findet in jedem einzelnen Land gegen die eigene herrschende Klasse statt. Dies ist der Bereich der internationalen Kampffront der Arbeiter, um den Kapitalismus zu überwinden. Wenn die arbeitenden Massen jedes einzelnen Landes sich nicht bewusst sind, dass sie Teil der Sektion der globalen Klasse sind, werden sie nie fähig sein, den Weg der sozialen Emanzipation zu betreten.
Es ist keine Sentimentalität, der den Kampf für den Sozialismus in einem bestimmten Land zu einem integralen Bestandteil des Kampfes für eine weltweite sozialistische Gesellschaft macht, sondern die Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Land. Der einzige „Sozialismus“ mit nationalen Farben und nationaler Ideologie, den uns die Geschichte gab, ist der von Hitler, der einzige nationale „Kommunismus“ ist der von Stalin.
Der Kampf gegen die herrschende Klasse innerhalb eines Landes und die Solidarität mit den arbeitenden Massen der gesamten Welt sind die beiden fundamentalen Prinzipien der Volksmassen für ihre ökonomische, politische und soziale Befreiung unserer Zeit. Dies gilt für den „Frieden“ wie für den Krieg.
Krieg zwischen Völkern ist Geschwistermord. Der einzige gerechte Krieg ist der, in dem die Völker sich über Nationen und Grenzen hinweg gegen ihre Ausbeuter verbrüdern.
Die Aufgabe der Revolutionäre – sowohl in „Friedens-“ wie auch in Kriegszeiten – ist es, den Massen dabei zu helfen, sich über die Ziele und die Mittel ihrer Bewegung bewusst zu werden, sich von der Beherrschung durch die politische und gewerkschaftliche Bürokratie zu befreien, ihre Sache in die eigenen Hände zu nehmen, kein Vertrauen in irgendeine „Führung“ zu haben, außer den ausführenden Organen, die sie selbst gewählt haben und die jederzeit absetzbar sind, um Bewusstsein über ihre eigene politische Verantwortung zu erlangen und zuallererst, um sich von der nationalen und patriotischen Mythologie intellektuell zu befreien.
Dies sind die Prinzipien des revolutionären Marxismus, wie Rosa Luxemburg sie formuliert und praktisch angewendet hat und die ihre Politik und Taten während des Ersten Weltkriegs geleitet haben. Diese Prinzipien leiten [heute] unsere Politik und Taten im Zweiten Weltkrieg. Mit Hilfe der oben geschriebenen Prinzipien und Positionen werden wir die Politik und die Aktion der EAM abschätzen und bewerten.
Die „Résistance-Bewegung“ – d.h. der Kampf gegen die Deutschen in all seinen Formen: von der Sabotage bis zum Partisanenkrieg in den besetzten Gebieten - kann nicht außerhalb des Kontextes des imperialistischen Krieges, von dem er ein integraler Teil ist, betrachtet werden. Sein progressiver oder reaktionärer Charakter kann nicht durch die Beteiligung der Massen, seine anti-faschistischen Begründung, seine Unterdrückung durch den deutschen Imperialismus beurteilt werden, sondern allein über seine Funktion im progressiven oder reaktionären Charakter des Krieges.
Die ELAS, wie auch die EDES [4], sind Armeen, die den Krieg innerhalb des Landes gegen die Deutschen und Italiener fortsetzen. Dies allein führt uns zu unserer Position ihnen gegenüber. Die Teilnahme an der Résistance-Bewegung, unter welchen Parolen und Rechtfertigungen auch immer, bedeutet Beteiligung am Krieg.
Unabhängig von den Gefühlen der Massen und den Intentionen ihrer Führer ist diese Bewegung aufgrund der Bedingungen des zweiten imperialistischen Massakers ein Organ und Anhängsel des vereinigten Imperialismus (…)
Der Patriotismus der Massen und ihre Einstellung zum Krieg sind, obwohl vollkommen gegen ihr historisches Interesse, ein wohl bekanntes Phänomen seit dem vorherigen Krieg. Trotzki hat die Revolutionäre in mehreren Artikeln unermüdlich vor der Gefahr gewarnt, überrascht oder vom Strom mitgerissen zu werden. Es ist die Pflicht der internationalistischen Revolutionäre, sich gegen den Strom zu stemmen und das historische Interesse des Proletariats gegen den Strom zu verteidigen.
Dieses Phänomen kann man nicht allein mit der technischen Art und Weise - Propaganda, Radio, Presse, Umzüge/Prozessionen und die Begeisterung, die zu Beginn des Krieges geschaffen wurde - erklären. Ebenso berücksichtig werden muss die vorherige politische Entwicklung: die Niederlagen der Arbeiterklasse, die Entmutigungen, die Zerstörung des Vertrauens in die eigene Stärke und die Kampfformen des Klassenkampfs als auch die Zerstreuung der internationalen Arbeiterbewegung und die opportunistische Politik, die die eigenen Energien geschwächt hatte.
Es gibt kein historischen Gesetz, das den Punkt angeben kann, an dem die Massen, die vorher vom Krieg gefangen waren, plötzlich ihre eigenen Ziele wiederentdecken. Es sind konkrete politische Bedingungen, die das Klassenbewusstsein erwecken. Die katastrophalen Folgen, die der Krieg für die Massen hat, unterhöhlen den patriotischen Enthusiasmus. Mit der wachsenden Unzufriedenheit wird ihr Widerstand gegen die Imperialisten wie auch gegen ihre eigenen Führer, den Agenten des Imperialismus, und ihr Klassenbewusstsein erwachen. Die Schwierigkeiten der herrschenden Klasse nehmen zu.
Es droht ein Bruch der inneren Einheit, die innere Front zerfällt und der Kurs zur Revolution eröffnet sich. Internationalistische Revolutionäre bemühen sich darum, diesen objektiv stattfindenden Prozess durch ihren kompromisslosen Kampf gegen die patriotischen und sozial-patriotischen Organisationen zu beschleunigen. Dieser Kampf erfolgt – offen oder versteckt – durch die konsequente Anwendung der Politik des revolutionären Defätismus.
Die Bedingungen des Krieges und der Besetzung hatten [bisher] einen völlig anderen Einfluss auf die Psychologie der Massen und ihre Beziehungen zur Bourgeoisie. Ihr Klassenbewusstsein ist in nationalistischem Hass zerfallen, ständig durch das barbarische Verhalten der Deutschen verstärkt. Verwirrung ist weit verbreitet, die Idee der Nation und ihres Schicksals haben sich vor die sozialen Unterschiede geschoben. Die Idee der nationalen Einheit bekam weiteren Zulauf; die Massen haben sich der Bourgeoisie, repräsentiert durch die Organisationen des nationalen Widerstands, unterworfen. Die vorausgegangenen Niederlagen haben das industrielle Proletariat gebrochen. Sein besonderes [politisches und empirisches] Gewicht hat stark abgenommen, und es fand sich für die Dauer des Krieges in dieser erschreckenden Situation gefangen.
Die Wut und Empörung der Massen gegen den deutschen Imperialismus in den besetzten Ländern ist gleich dem der deutschen Massen gegen den alliierten Imperialismus (gegen das barbarische Bombardement von Arbeiterbezirken). Doch diese berechtigte Wut, die mit allen Mitteln durch die Parteien der Bourgeoisie aller Schattierungen verstärkt wird, wird von den Imperialisten für ihre eigenen Interessen benutzt. Die Aufgabe der Revolutionäre ist es weiterhin, gegen den Strom zu schwimmen und die Wut gegen ihre eigene Bourgeoisie zu lenken. Nur die Unzufriedenheit gegen unsere eigene Bourgeoisie kann zu einer historischen Kraft werden, die uns für immer von Kriege und Zerstörung befreit. In dem Moment, in dem ein Revolutionär im Krieg allein die Unterdrückung durch den feindlichen Imperialismus im eigenen Land wahrnimmt, wird er zum Opfer der nationalistischen Mentalität und der sozial-patriotischen Logik. Er zerschlägt die Verbindungen, die allein die revolutionären Arbeiter, die in den verschiedenen Ländern ihrer Fahne treu bleiben, einigen können. (…)
Der Kampf gegen die Nazis in den von den Deutschen besetzten Ländern ist ein Trick, eines dieser Mittel des alliierten Imperialismus, die die Massen an ihren Kriegskurs fesselt. Der Kampf gegen die Nazis ist Sache des deutschen Proletariats. Er ist nur möglich, wenn alle Arbeiter in ihren Ländern gegen ihre eigene Bourgeoisie kämpfen. Die Arbeiter der besetzten Länder, die gegen die Nazis kämpfen, kämpfen nicht für ihre eigenen Interessen, sondern für die ihrer Ausbeuter, und die, die die Arbeiter in den Krieg treiben, sind, was immer ihre Intentionen und Rechtfertigungen sein mögen, imperialistische Agenten. Der Aufruf an die deutschen Soldaten, sich mit den Arbeitern der besetzten Länder in einem gemeinsamen Kampf gegen die Nazis zu verbrüdern, war ein künstlicher Taschenspielertrick der alliierten Imperialisten. Der proletarische Kampf in Griechenland gegen die eigene Bourgeoisie schließt den Kampf gegen die nationalen Organisationen mit ein; nur das Vorbild eines solchen Kampfes kann das Klassenbewusstsein der rekrutierten deutschen Arbeiter wecken, Verbrüderung möglich machen und damit den Kampf des deutschen Proletariats gegen Hitler beleben.
Heuchelei und Betrug sind nicht weniger unentbehrlich für die Ausübung des Krieges wie Panzer, Flugzeuge und Artillerie. Ohne die Bezwingung der Massen ist der Krieg nicht möglich. Doch um sie zu bezwingen, müssen sie davon überzeugt sein, für ihre eigenen Interessen zu kämpfen. All die Parolen von Freiheit, Wohlstand, Zerschlagung des Faschismus, sozialistische Reformen, Volksrepublik, Verteidigung der UdSSR haben dieses Ziel. Dies ist hauptsächlich die Aufgabe der „Arbeiter“-Parteien, die ihre Autorität, ihren Einfluss, ihre Verbindungen mit den arbeitenden Massen, den besonderen Traditionen der Arbeiterbewegung geltend machen, um die Arbeiter hinters Licht zu führen und ihnen die Kehle durchzuschneiden.
Die Illusionen der Massen im Krieg, ohne die diese Kriegspolitik unmöglich wäre, sind nicht mehr fortschrittlich; nur die heuchlerischsten Sozialpatrioten benutzen sie, um sich zu rechtfertigen. All die Versprechungen, die Erklärungen und Parolen der sozialistischen und kommunistischen Partei in diesem Krieg sind Betrug (…)
Die Umwandlung einer Bewegung in einen politischen Kampf gegen das kapitalistische Regime ist nicht von uns und von der überzeugenden Kraft unserer Ideen abhängig, sondern von der Natur dieser Bewegung selbst.
„Die Beschleunigung und Förderung der Umwandlung der Résistance-Bewegung in eine Bewegung des Kampfs gegen den Kapitalismus“ wäre möglich, wenn diese Bewegung in der Lage ist, sowohl in den Klassenbeziehungen als auch im Bewusstsein und in der Psychologie der Massen die günstigsten Bedingungen für eine Umwandlung in einen allgemeinen politischen Kampf gegen die Bourgeoisie und damit für die proletarische Revolution zu schaffen.
Der Kampf der Arbeiterklasse für ihre unmittelbaren ökonomischen und politischen Bedürfnisse kann sich im Lauf ihrer Entwicklung selbst in einen generellen politischen Kampf zum Sturz der Bourgeoisie umwandeln. Doch wird dies durch die Form des Kampfes selbst möglich: durch ihre Opposition gegen die Bourgeoisie und ihren Staat - und durch die Natur ihrer Klassenbedürfnisse werden die Massen sich selbst von nationalistischen, reformistischen und demokratischen Illusionen und den Einfluss der feindlichen Klasse befreien. So entwickeln sie ihr Vertrauen, ihre Initiative, ihren kritischen Geist, ihr Selbstbewusstsein. Durch die Ausweitung des Kampfgebietes wächst die Beteiligung der Massen, und je tiefer der soziale Boden gepflügt wird, desto deutlicher treten sich die Klassen gegenüber und desto größeres Gewicht bekommt das revolutionäre Proletariat im Kampf der Massen. Die Bedeutung der revolutionären Partei ist enorm. Sie besteht darin, den Prozess zur Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen, den Arbeitern zu helfen, sich ihre Erfahrungen anzueignen, die Notwendigkeit zu unterstützen, die Macht in die Hand der Massen zu nehmen und den Aufstand zu organisieren, um den Sieg zu sichern.
Doch es ist die Bewegung selbst – ihre Natur und ihre innere Logik -, die der Partei Stärke verleiht. Dies ist ein objektiver Prozess, in dem die Politik der revolutionären Bewegung ihr bewusster Ausdruck ist. Das Wachstum der Résistance-Bewegung hat, entsprechend ihrer eigenen Natur, genau das gegenteilige Ergebnis: Es zerstört Klassenbewusstsein, es verstärkt die Illusionen und den nationalistischen Hass, es zerstreut und atomisiert das Proletariat in der anonymen Masse der Nation, es unterwirft das Proletariat der nationalen Bourgeoisie und bringt die widerlichsten nationalistischen Elemente an die Oberfläche.
Was bleibt für heute? Hass und nationalistische Vorurteile, Erinnerungen und Traditionen einer Bewegung, die von den Stalinisten und Sozialisten leicht ausgenutzt werden konnten. Das Erbe der Résistance-Bewegung ist das schwerwiegendste Hindernis für die Klassenorientierung der Massen.
Hätte es eine objektive Möglichkeit der Résistance-Bewegung gegeben, sich selbst in einen politischen Kampf gegen den Kapitalismus umzuwandeln, hätte sich dies ohne unsere Beteiligung ausgedrückt. Doch wir haben nirgendwo in den Reihen der Résistance, auch nicht in einer konfusen Form, eine proletarische Tendenz entdeckt.
Die Verschiebungen der militärischen Front und der Besatzungsgebiete durch die Armeen der Achsenmächte in diesem Land, ähnlich wie im gesamten Europa, verändern weder den Charakter des Krieges noch werfen sie eine authentische nationale Frage auf. Dies verändert weder unsere strategische Ausrichtung noch unsere grundsätzlichen Aufgaben. Die Aufgabe der revolutionären Partei unter diesen Bedingungen ist es, den Kampf gegen die nationalistischen Organisationen zu entwickeln und die Arbeiterklasse vor anti-deutschem Hass und nationalistischem Gift zu schützen.
Internationalistische Revolutionäre nehmen an den Kämpfen der Massen für ihre unmittelbaren ökonomischen und politischen Bedürfnisse teil, um zu versuchen, ihnen eine klare Klassenorientierung zu geben und mit aller Deutlichkeit die nationalistische Ausnutzung dieser Kämpfe zu bekämpfen. Statt den Deutschen und Italienern Vorwürfe zu machen, erklären sie, warum der Krieg ausgebrochen ist – ein Krieg, dessen Barbarei eine unausweichliche Konsequenz seiner Natur ist. Sie denunzieren mutig die Verbrechen des eigenen imperialistischen Lagers und ihrer Bourgeoisie, repräsentiert durch die verschiedenen nationalistischen Organisationen. Sie rufen die Massen dazu auf, sich mit den italienischen und deutschen Soldaten im gemeinsamen Kampf für den Sozialismus zu verbrüdern. Die proletarische Partei lehnt alle patriotischen Kämpfe ab, egal wie massenhaft ihre Beteiligung ist und in welcher Form sie stattfinden. Sie ruft die Massen offen dazu auf, sich von diesen fern zu halten.
Revolutionärer Defätismus wird unter den Bedingungen der Besetzung auf schreckliche und beispiellose Hindernisse stoßen. Doch die Schwierigkeiten können nicht unsere Aufgaben ändern. Im Gegenteil, je heftiger der Rückfluss, desto kompromissloser muss die revolutionäre Bewegung ihren Prinzipien folgen, desto kompromissloser muss sie gegen diesen Rückfluss anschwimmen. Allein diese Politik macht es möglich, die Empfindungen der revolutionären Massen in der Zukunft auszudrücken und sich an die Spitze ihrer Kämpfe zu stellen. Die Politik der Unterwerfung gegenüber dem Rückfluss, ist eine Politik zur Stärkung der Résistance-Bewegung. Diese wird nur ein weiteres Hindernis für das Bedürfnis der Arbeiter sein, ihre Klassenorientierung zu finden. Diese Politik kann die Partei nur zerstören. Im revolutionären Defätismus, in der wahrhaft internationalistischen Politik gegen den Krieg und gegen die Résistance liegen heute und in den kommenden revolutionären Ereignissen all ihre Stärke und Wert.
aus der International Review Nr. 72 (englische Ausgabe)
Anmerkung:
Der militärische antifaschistische Widerstand (Résistance) wurde von der stalinistischen ELAS und der EDES geführt:
ELAS ist die Kurzbezeichnung der Griechischen Volksbefreiungsarmee (Ellinikós / Ethnikós Laikós Apelevtherotikós Stratós), des militärischen Arms der „Nationalen Befreiungsfront“ EAM.
EDES ist die Nationale Republikanische Griechische Liga (Ethnikos Dimokratikos Ellinikos Syndesmos)
Siehe dazu auch:
https://stinas.blogsport.de/2010/04/17/das-massaker-an-den-international... [509]
Quelle:
https://en.internationalism.org/specialtexts/IR072_stinas.htm [510]
Wir veröffentlichen hier eine Stellungnahme von Sympathisant_innen der IKS, die sich auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR befinden. Sie betrifft die Demonstrationen gegen den Wahlbetrug, die Zehntausende von Menschen in Moskau und St. Petersburg mobilisiert haben. Es ist außerordentlich bedeutend, dass sich diese Proteste in einem der Epizentren der Konterrevolution abspielen, in welchem über Jahrzehnte (seit Mitte der 20er Jahre) die physische und ideologische Unterdrückung durch den Stalinismus im Namen des Kommunismus absolut war. Der Zusammenbruch der UdSSR in den 90er Jahren, eines der wichtigen Kennzeichen dafür, dass der niedergehende Kapitalismus in die letzte Phase des Zerfalls eingetreten war, hat das Proletariat in diesem Teil der Erde in eine enorme Demoralisierung und Orientierungslosigkeit geführt. Die aktuellen Bewegungen sind von dieser Vergangenheit geprägt und sind ein guter Nährboden für demokratische Illusionen. Sie sind aber vor allem auch Ausdruck einer internationalen Dynamik, die in den arabischen Ländern ihren deutlichsten Ausdruck fand und sich auch in anderen Ländern wie z.B. in Rumänien zeigt - eine Erhebung der verschiedenen Schichten und Klassen, die vor einer katastrophalen Perspektive des untergehenden Systems stehen. Es ist nicht nur die Wahlfälschung, welche die breite Masse der Ausgebeuteten auf die Straße treibt, sondern es sind auch ihre Lebensbedingungen, die die Leute dazu treibt, die Unzufriedenheit zu zeigen und aus der Passivität auszubrechen, die Putin und seine Gefolgschaft als Zustimmung für sein ausbeuterisches Terrorregime darstellen. Vor diesem Hintergrund finden in Russland große Ereignisse statt.
Am 4. Dezember 2011 fanden in Russland die Parlamentswahlen statt. Der Wahlbetrug war so zynisch, dass sich Hunderttausende von Bürgern empörten. Zehntausende von Menschen nahmen an den Demonstrationen „für ehrliche Wahlen“ teil. In verschiedenen Städten des Landes gab es solche Demonstrationen. Man muss aber anmerken, dass die Mehrheit der Empörten sich mit demokratischen Illusionen für die Verbesserung des kapitalistischen Systems einsetzt, statt sich diesem mit den Mitteln des Klassenkampfes zu widersetzen.
Reiche und Arme zusammen auf der Straße
Die größten Demonstrationen fanden in Moskau statt, am 10. Dezember auf dem Balotnaia-Platz und am 24. Dezember in der Sacharov-Allee, wo die Anzahl der Teilnehmer_innen auf einige Zehntausend geschätzt wurde. An den Protesten nahmen verschiedene politische Kräfte teil. Man sah die Banner der Liberalen neben den roten Flaggen, die Nationalisten neben den rotschwarzen Fahnen der Anarchisten. Aber die Mehrheit der Teilnehmer_innen war keiner Organisation oder Tendenz zugehörig.
Die wichtigste Forderung der Demonstration war die nach „ehrliche Wahlen“. Viele Leute, die nicht politisch engagiert sind, wollten nichts anderes, als dass sich die Behörden den Gesetzen unterwerfen und friedliche, demokratische Veränderungen stattfinden. Im Allgemeinen hatte die große Masse kein offenes Ohr für revolutionäre Aufrufe oder radikale Aktionen.
Man muss auch sagen, dass die Zusammensetzung der Teilnehmenden buntscheckig war. Man fand Geschäftsleute, alte Mitglieder der Regierung (den ehemaligen Premierminister Mikhail Kassianov), Stars aus dem Showbusiness, bekannte Journalisten und sogar eine Vertreterin der High Society wie Xenia Sabchak, deren Vater Anatoli Sabchak als graue Eminenz von Putins Politik bezeichnet wird. Andererseits gab es viele gewöhnliche Leute: Büroangestellte, Student_innen, Arbeiter_innen, Rentner_innen, Arbeitslose ... Einigen Beobachtern zufolge war die Anzahl von Proletarier_innen in anderen Städten, abgesehen von Moskau und St. Petersburg, größer als in diesen.
Die Gründe der Proteste und die Reaktion des Kremls
Es steht außer Zweifel, dass die weltweite ökonomische Krise auch in Russland die Rolle des Katalysators in den Protesten gespielt hat. Trotz des von offizieller Seite propagierten Optimismus spüren die gewöhnlichen Leute je länger je mehr die Krise. Der Wahlbetrug der Parlamentswahlen von 2011 diente einzig als Vorwand für die Massenproteste. Die Forderung nach „ehrlichen Wahlen“ war das Leitmotiv fast aller Proteste, vom Fernen Osten bis zu den Zentren Russlands.
Das Internet ist die wichtigste Waffe der Opponenten Putins geworden. Im Internet kann man Hunderte, wenn nicht Tausende von Videos anschauen, auf denen laut ihren Herstellern der Wahlbetrug festgehalten ist. Im Übrigen hat aber niemand die Glaubwürdigkeit dieser Videos überprüft. Die Empörung hat im Wahlbetrug einen formellen Aufhänger gefunden. Wie wir oben schon gesagt haben, ist aber ihr wichtigster Grund die Unzufriedenheit von Millionen von Menschen über ihre Lebensverhältnisse.
Auf der anderen Seite wird von offizieller Seite behauptet, dass die Anschuldigungen des Wahlbetrugs haltlos seien. Der Kreml lancierte eine mediale Kampagne, in der behauptet wurde, die Proteste ständen unter dem Einfluss westlicher Agenten, die in Uncle Sam‘s Dienste arbeiteten.
Durch diese generelle Unzufriedenheit war Putin trotz allem gezwungen, gewisse Konzessionen zu machen. Zum Beispiel machte Medwedew gewisse demokratische Versprechen, namentlich dass die Gouverneure der Republiken wieder von den Bürger_innen gewählt werden sollen, welches Recht Putin unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung abgeschafft hatte.
Die demokratischen Illusionen
Es steht außer Zweifel, dass die Unzufriedenheit soziale Gründe hat. Russland geht wie andere Teile der Weltwirtschaft durch eine Krise. Die Arbeiter_innen Russlands und der anderen Länder beginnen zu verstehen, dass der Kapitalismus ihnen keine strahlende Zukunft zu bieten hat. Aber dieses Gefühl hat sich noch nicht in Klassenbewusstsein verwandelt. Die demokratischen Illusionen, die von der bürgerlichen Propaganda verbreitet werden, behindern die Bewusstseinsbildung. Leider verstehen viele nicht, dass Wahlen, wie Marx richtig bemerkte, nur das Recht der Unterdrückten sind, alle paar Jahre die Vertreter der herrschenden Klasse zu wählen. Dabei verändert sich aber das Gesicht der Macht nicht. Es bleibt kapitalistisch und ausbeuterisch. Was macht es für einen Unterschied, ob man diesen oder jenen Präsidenten hat, diesen oder jenen Vertreter? Die Proletarier_innen, die Lohnabhängigen, die Hand- und Kopfarbeiter_innen, die von den Produktionsmitteln und der politischen Macht getrennt sind, bleiben ausgebeutet. Die Arbeiter_innen werden nicht die soziale Emanzipation erlangen, außer sie stürzen das System, wie z.B. in der Pariser Kommune oder in den Arbeiterräten von 1905 und 1917. Nur mit einem Wechsel des Systems ist es möglich, die Ausbeutung abzuschaffen.
Die Anführer der Opposition gegen Putin
Die Liberalen, die Linke (vor allem Stalinisten), Nationalisten, haben sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt. Zusammen haben sie das Koordinationszentrum „ Für ehrliche Wahlen“ gebildet.
Unter den „Anführern“ gibt es Figuren wie Boris Nemtsov, Vize-Premier unter Jelzin, der nicht wenig zur Verschlechterung der Lage der Arbeiter beigetragen hat.
Alles in allem erhalten die Opponenten Putins keinen großen Zuspruch von Seiten der Arbeiter_innen. Die Leute erinnern sich nur zu gut an die Armut, an die zurückgehaltenen Löhne und Renten, an die Zeit, in der die heutige Opposition an der Macht war. Die Führer der Opposition versuchen bloß, die aktuelle Unzufriedenheit für ihre Wahlziele auszunutzen. Es geht ihnen um die zukünftige Präsidentschaft. In den Protestdemonstrationen werden die Wähler_innen dazu aufgerufen, so abzustimmen, „wie es sich gehört“. Aber es ist klar, dass, selbst wenn die jetzige Opposition Putin ablösen sollte, dies keine Verbesserungen für die Arbeiter_innen bedeuten würde.
Die Aufgaben der Revolutionäre
Man weiß nur zu gut, dass die Forderung nach „ehrlichen“ Wahlen nichts mit dem Klassenkampf zu tun hat. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass unter den vielen Tausenden, die an diesen Demonstrationen teilgenommen haben, viele unserer Klassengenoss_innen sind. In einer solchen Situation müssen wir offen die demokratischen Illusionen kritisieren. Auch wenn es nicht dazu führt, dass wir uns bei den „Anhängern“ von „ehrlichen Wahlen“ beliebt machen. Ohne das Verständnis dafür, dass die eigentliche Grundlage dieser Probleme das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise ist, wird es keine Entwicklung eines revolutionären Bewusstseins geben. Trotz der medialen Kampagnen um diese Wahlen müssen Revolutionäre die falschen Illusionen der bürgerlichen „Freiheiten“ entlarven. Auch wenn wir die Fehler der Teilnehmer_innen an den Demos für „ehrliche Wahlen“ kritisieren, sollte man aber nicht vergessen, dass es einen Unterschied zwischen der bürgerlichen „Opposition“ gibt, die diese Proteste für sich nutzen und sich bequeme Posten in den Organen der Macht ergattern will, und den gewöhnlichen Leuten, die ehrlich ihren Unmut über die Unverschämtheit und Dreistigkeit der Autoritäten im Kreml zum Ausdruck bringen.
Aber die Erfahrung zeigt, dass in so sterilen und unbedeutenden Protesten, wie sie die Demonstrationen von Moskau für die Machthaber waren, sehr schnell ein radikaler Geist erwachen kann. Vor Monaten noch konnte sich niemand vorstellen, dass Zehntausende auf die Straße gehen würden, um gegen das Regime Putins zu protestieren.
Es ist unsere revolutionäre Aufgabe, den wirklichen Charakter der Opposition als auch Putins zu entlarven. Wir müssen den Arbeiter_innen erklären, dass nur der autonome Klassenkampf für den Umsturz des Kapitalismus und den Aufbau einer Gesellschaft ohne Ausbeutung ihre Probleme und die der ganzen Menschheit lösen können.
Sympathisant_innen der IKS in der ex-UdSSR (Januar 2012)
Der Text ist ein Auszug aus der Broschüre „Faschismus und Demokratie – zwei Erscheinungsweisen der Diktatur des Kapitals“
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die meisten Kampfinstrumente, die die Arbeiterklasse in den Jahrzehnten zuvor entwickelt hatte, nutzlos geworden. Schlimmer noch, sie werden gegen die Arbeiterklasse eingesetzt und werden zu Waffen des Kapitals. Das ist zum Beispiel bei den Gewerkschaften, den großen Massenparteien, der Beteiligung an den Parlamentswahlen und der Verwendung des bürgerlichen Parlaments der Fall. Der Hintergrund ist, dass der Kapitalismus in eine völlig neue Entwicklungsstufe eingetreten ist: die seines Niedergangs. Der Erste Weltkrieg läutete diesen Bruch zwischen den beiden Phasen des Kapitalismus ein: “Die neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung. Die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats“ (Richtlinien der Kommunistischen Internationale, 1. Kongress der Komintern, 6. März 1919) proklamierte die Kommunistische Internationale 1919.
„Dieser Lebensabschnitt des Kapitalismus zeichnet sich durch die Absorbierung der Gesellschaft durch den Staat aus. So hat die Legislative, die ursprünglich die gesellschaftlichen Interessen vertreten hatte, jegliches Gewicht zu Gunsten der Exekutive verloren, die nunmehr die Spitze der staatlichen Hierarchie verkörpert. In dieser Periode verschmilzt die Politik mit der Ökonomie zu einem Ganzen, da der Staat die Hauptrolle in der nationalen Wirtschaft und ihre tatsächliche Führung übernommen hat. Ob dies durch die schrittweise Integration wie in der Marktwirtschaft westlicher Ausrichtung, oder durch eine plötzliche Umwälzung wie in der verstaatlichten Wirtschaft geschieht, der Staat ist in keinem Fall mehr das bloße ausführende Organ der Privatkapitalisten und Interessengruppen, sondern der kollektive Kapitalist, dem sich alle besonderen Interessen zu beugen haben. In seiner Eigenschaft als reelle Einheit des nationalen Kapitals verteidigt der Staat dessen Interessen sowohl nach innen als auch nach außen. Ebenso übernimmt er die Aufgabe,, die Ausbeutung und Unterwerfung der Arbeiterklasse sicherzustellen.“ (Internationale Revue, „Der Kampf des Proletariats in der dekadenten Phase des Kapitalismus“, in Gewerkschaftsbroschüre der IKS).
Der demokratische, stalinistische oder faschistische kapitalistische Staat konkretisiert in verschiedenen Formen, die auf die unterschiedlichen Verhältnisse zurückzuführen sind, diese Entwicklung des Staats im Zeitalter der Dekadenz. Wenn diese demokratischen Institutionen aufrechterhalten werden, haben sie in Wirklichkeit ihre vorherige Funktion verloren und bestehen nur noch mit der Funktion, die Arbeiterklasse zu verschleiern.
Die Gründung der Kommunistischen Internationale brachte diese Fähigkeit des Proletariats, sich gegen die kapitalistische Barbarei in den wichtigsten Ländern der Welt zu erheben und die politischen Notwendigkeiten der Revolution zu erfüllen, zum Ausdruck. Sie spiegelte den Fortschritt der revolutionären Bewegung hinsichtlich des Begreifens der Bedingungen der neuen Epoche wider, wie die Dokumente des 1. und 2. Weltkongresses aufzeigen. Der erste Kongress insbesondere war ein Kongress des Bruches mit der Sozialdemokratie, deren Verrat für die Mobilisierung des Proletariats für den imperialistischen Krieg verantwortlich war. Diese war die Speerspitze der bürgerlichen Offensive gegen die Revolution in Russland und Deutschland gewesen. Aber insgesamt blieb die Mehrheit der Revolutionäre weiterhin von dem Gewicht der Vergangenheit geprägt. Die Komintern stellte fest, dass die parlamentarischen Reformen jegliche praktische Bedeutung für die arbeitenden Klassen verloren haben.
Aber die Komintern war weiterhin für die Beteiligung an den Parlamentswahlen. Schlimmer noch, der Rückfluss der internationalen revolutionären Welle ging einher mit der opportunistischen Entartung der Komintern und der ihr angehörigen Parteien, nachdem diese Parteien einige Jahre zuvor an der Spitze der Arbeiterklasse gestanden hatten. Schon auf dem 3. und 4. Weltkongress kam es zu Rückschritten hinsichtlich einiger Fragen. Opportunistische Positionen wurden bezogen, die direkt zu einer Schwächung des Bewusstseins der internationalen Arbeiterklasse führten. Im Widerspruch zum 1. Weltkongress schlug der 3. Kongress mittels der Einheitsfrontpolitik Bündnisse mit der Sozialdemokratie vor, wodurch diese Organisation in den Augen der Arbeiterklasse rehabilitiert wurde, obwohl sie damals schon zum Räderwerk des bürgerlichen Staates gehörte. Die Folge dieser Entwicklung des Niedergangs war der Tod der Internationale für die Arbeiterklasse. 1927 wurde dann die These verabschiedet, in welcher die Möglichkeit des Sozialismus in einem Land verteidigt wurde. In den 1930er Jahren wechselten die KPs in das Lager der Konterrevolution. Diese wurden nun wiederum zu Speerspitzen der herrschenden Klasse bei der Mobilisierung des Proletariats für den 2. Weltkrieg.
Es war also kein Zufall, dass die Mehrheit der Komintern in den 1920er Jahren eine fehlerhafte Analyse des Faschismus erstellte, als erste Anzeichen seines Aufstiegs in Italien beobachtet wurden. Solche Fehler sind zurückzuführen auf ein unzureichendes Begreifen der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem Niedergang. Darüber hinaus wurden sie begünstigt durch die opportunistische Entwicklung der Komintern, die auf den allgemeinen Rückfluss der revolutionären Welle zurückzuführen ist. Das äußerte sich insbesondere durch eine mangelnde Klarheit und Festigkeit bei der marxistischen Methode der Einschätzung der Realität. Dadurch konnten demokratische Illusionen aufblühen.
Als Reaktion auf die Entartung der Komintern und im Kampf dagegen entstand Anfang der 1920er Jahre eine neue Linke, die auch aus den Aktivitäten der marxistischen Strömungen hervorging, welche in Italien, Deutschland und den Niederlanden in Erscheinung getreten war. Diese Fraktionen, welche in den 1920er Jahren aus den Kommunistischen Parteien ausgeschlossen wurden, setzten den politischen Kampf fort, um die Kontinuität zwischen der Komintern und der "Partei von morgen" sicherzustellen, indem sie eine Bilanz der revolutionären Welle und ihrer Niederlage zogen. BILAN lautete der Name der Revue der Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken in den 1930er Jahren. Die Fraktion hatte sich Klärung zur Aufgabe gestellt; dies schloss natürlich auch die Analyse des Faschismus und des Antifaschismus ein, gegen die sie sich radikal stellte. Damit stand sie nicht nur im Gegensatz zu den degenerierenden stalinistischen Parteien, sondern auch im Gegensatz zum Trotzki der 1930er Jahre.
Aus unserer Sicht hat die Italienische Kommunistische Linke den wichtigsten Beitrag zu diesen Fragen geleistet, und deshalb geben wir absichtlich zahlreiche historische Dokumente als Beleg für ihre Analyse wider, die sie in ihrer Zeitschrift BILAN veröffentlichte. Wir beziehen uns auch auf Beiträge oder Analysen anderer Bestandteile der Arbeiterbewegung, Strömungen oder Leute, die der deutschen oder holländischen Linken angehörten.
Vertiefungen der Analyse des Faschismus folgten auch noch danach durch die Organisationen oder Strömungen, die diesen Fraktionen politisch oder organisatorisch nahe standen oder ihr angehörten. Wir erwähnen insbesondere Internationalisme (Zeitschrift der Kommunistischen Linken Frankreichs – GCF -, die in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre und Anfang der 1950er Jahre veröffentlicht wurde), die die Vorfahren der IKS waren. Internationalisme, das sich im Wesentlichen auf die Errungenschaften von BILAN bezog, verstand es jedoch, einige Beiträge der Deutsch-Holländischen Linken hinsichtlich der Frage des Staatskapitalismus zu verwerten. Wir werden ebenso auf die IKP – Kommunistisches Programm – eingehen, eine der beiden Organisationen, die 1953 aus einer Spaltung der 1947 gegründeten IKP entstanden (die andere Organisation war die PCInt – Partito Comunista Internazionalista Battaglia Comunista), insbesondere werden wir auf den wichtigen Artikel "Auschwitz oder das große Alibi" eingehen.
So grundlegend die Beiträge der Linken Fraktionen auch waren (ohne diese würden die IKS und die anderen revolutionären Gruppen heute nicht bestehen), diese fanden auf verschiedenen Ebenen statt und waren von unterschiedlichem Wert. Unabhängig von den Stärken und Schwächen der Beiträge der Linken, ist es wichtig, sie alle als Bemühungen des Proletariats zu begreifen, das Bewusstsein über die Bedingungen des revolutionären Kampfes zur Überwindung des Kapitalismus zu entwickeln. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie ein Teil einer unnachgiebigen Verteidigung des Klassenterrains des Proletariats waren. Es war ihr Verdienst, in den 1930er und 1940er Jahren unter sehr schwierigen Bedingungen die Fahne des proletarischen Internationalismus gegen die chauvinistische Hysterie der ehemaligen Arbeiterparteien sowohl auf theoretischer, praktischer und auf militante Weise hochzuhalten.
Dies steht im Gegensatz zu dem "Beitrag" der trotzkistischen Bewegung. In den 1930er Jahren und bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs gehörte dieser dem proletarischen Lager an, das er bis zum damaligen Zeitpunkt noch nicht verraten hatte. Aber sobald der Krieg ausbrach und sobald er den proletarischen Internationalismus aufgab, schlug der Trotzkismus den gleichen Weg ein, den zuvor die Sozialdemokratie und der Stalinismus gegangen waren, welcher in das Lager der Bourgeoisie führte, indem die Arbeiter zur Unterstützung eines imperialistischen Lagers aufgerufen wurden - den der Verteidigung des russischen Staates. Bis zu diesem tragischen Zeitpunkt war sein Beitrag zum Begreifen des Faschismus und des Antifaschismus direkt verbunden mit seinem opportunistischen Werdegang: Er trug zur Desorientierung der Arbeiterklasse bei, indem diese dazu getrieben wurde, die antifaschistischen Losungen der stalinistischen und demokratischen Parteien zu unterstützen.
Sobald die revolutionäre Welle Anfang der 1920er Jahre stagnierte und in einen Rückfluss eintrat, beobachtete man den Aufstieg faschistischer Bewegungen insbesondere in Italien. Dieser Teil des linken Flügels der Internationale, der zum damaligen Zeitpunkt die Mehrheit in der Italienischen Partei stellte und von Bordiga angeführt wurde, leistete einen grundlegenden Beitrag zur Analyse dieses neuen Phänomens und der Auswirkungen für die Arbeiterklasse und hinsichtlich der politischen Orientierungen der revolutionären Avantgarde.
Die Analyse Bordigas entspricht der allgemeinen Charakterisierung des Zeitraums, welcher durch den Ersten Weltkrieg eröffnet wurde, die Dekadenz des Kapitalismus, und der Einschätzung der ersten revolutionären Welle durch die Kommunistische Internationale. Von diesem Rahmen ausgehend prangerte er die "neuen" Ideologien wie den Faschismus an, welche die Gesellschaft hervorbrachten.
„Zum Zeitpunkt ihres Niedergangs ist die herrschende Klasse unfähig geworden, einen Ausweg zu finden (d.h. nicht nur ein Schema der Geschichte, sondern auch eine Reihe von Handlungslinien). Um zu verhindern, dass andere Klassen ihre revolutionäre Aggressivität durchsetzen, findet sie nichts Besseres als der allgemeinen Skepsis zu verfallen, dieser charakteristischen Philosophie des Zeitraums des Niedergangs“ ( Bericht A. Bordigas über den Faschismus auf dem 4. Kongress der Kommunistischen Internationale, 16. November 1922, 2. Sitzung, Übersetzung IKS).
Bordiga zeigte darin auf, dass der Faschismus die notwendige Form der Beherrschung der Gesellschaft ist, welche die Bourgeoisie entwickelt, um den Tendenzen des Auseinanderbrechens der Gesellschaft entgegenzutreten. „Der Faschismus, der es nicht verstehen wird, die ökonomische Anarchie des kapitalistischen Systems zu überwinden, hat eine andere historische Aufgabe, die wir als den Kampf gegen die politische Anarchie, gegen die Anarchie der Organisation der bürgerlichen Klasse als politischer Partei bezeichnen können. Die Schichten der herrschenden Klasse Italiens haben traditionelle politische und parlamentarische Gruppierungen gebildet, die sich nicht auf fest organisierte Parteien stützen und die gegeneinander kämpfen und in ihren besonderen und lokalen Interessen einen Konkurrenzkampf führen, der unter den professionellen Politikern in den Couloirs des Parlaments zu allerlei Manövern führt. Die konterrevolutionäre Offensive der Bourgeoisie machte es notwendig, im sozialen Kampf und in der Regierungspolitik die Kräfte der herrschenden Klasse zu vereinen. Der Faschismus ist die Verwirklichung dieser Notwendigkeit. Indem er sich über alle traditionellen bürgerlichen Parteien stellt, beraubt er sie allmählich ihres Inhalts; er ersetzt sie in ihrer Tätigkeit und dank den Missgriffen der Proletarierbewegung gelingt es ihm, die politische Macht und das Menschenmaterial der Mittelklassen für seinen Plan zu verwerten.“ (ebenda).
Daran wird deutlich, dass sich Bordiga klar von den Einschätzungen absetzte, welche in der Komintern die Überhand gewinnen sollten, der zufolge der Faschismus eine Reaktion der feudalen Schichten wäre. Er wandte sich sogar sehr stark dagegen. „Die Gründung des Faschismus kann unserer Ansicht nach drei Hauptfaktoren zugeschrieben werden:
Dem Staat, der Großbourgeoisie und den Mittelklassen.
Der erste dieser Faktoren ist der Staat. Der Staatsapparat hat in Italien bei der Gründung des Faschismus eine wichtige Rolle gespielt.
Die Nachrichten über die aufeinanderfolgenden Krisen der bürgerlichen Regierung Italiens ließen den Glauben aufkommen, dass die italienische Bourgeoisie einen derart unbeständigen Staatsapparat habe, dass zu dessen Sturz ein einziger Handstreich genügen würde. Das stimmt keinesfalls. Die Bourgeoisie konnte die Faschistenorganisation gerade in dem Maße aufbauen, wie sich ihr Staatsapparat befestigte.“ Er fuhr fort: „Der erste Faktor ist also der Staat.
Der zweite Faktor des Faschismus ist, wie ich bereits gesagt habe, die Großbourgeoisie. Die Großkapitalisten der Industrie, des Bankwesens, des Handels, sowie die Großgrundbesitzer haben ein natürliches Interesse daran, dass eine Kampforganisation gegründet werde, die ihre Offensive gegen die Werktätigen unterstützt.
Aber der dritte Faktor spielt in der Bildung der Faschistenmacht gleichfalls eine sehr wichtige Rolle. Um neben dem Staat eine illegale reaktionäre Organisation zu schaffen, musste man andere Elemente anwerben, als jene, die die hohe herrschende Klasse unter ihren sozialen Elementen aufweisen konnte.“ (ebenda)
Solch eine Analyse, die die historische Rolle des Faschismus sehr hellsichtig erfasst, ist nicht zu trennen von der Einschätzung der Rolle der linken Parteien einerseits, welche endgültig in den Dienst der Bourgeoisie getreten waren und deren Vorgehen gegen die Entwicklung des Klassenkampfes gerichtet ist, und andererseits der Einrichtung der Demokratie im Dienste der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung. Hinsichtlich dieser beiden Fragen vertrat Bordiga ebenso eine andere Auffassung als die in der Komintern vorherrschende. Aus seiner Sicht wurden die linken Parteien, welche die Arbeiterklasse verraten hatten, und nicht der Faschismus als Speerspitze bei der Offensive gegen die Arbeiterklasse eingesetzt. Bordiga zeigte anhand zweier Beispiele klar auf, wie die Bourgeoisie sich jeweils hauptsächlich auf die linken Parteien stützte und nicht so sehr auf die Faschisten. „Während der unmittelbar auf den Krieg folgenden Periode macht der Staatsapparat eine Krise durch. Die offenkundige Ursache dieser Krise ist die Demobilisierung; sämtliche Elemente, die bis dahin am Krieg beteiligt waren, werden jetzt auf einmal auf den Arbeitsmarkt geworfen, und in diesem kritischen Augenblick soll sich die Staatsmaschine, die bis dahin mit der Herbeischaffung aller Hilfsmittel gegen den äußeren Feind beschäftigt war, in einen Apparat der Verteidigung der Macht gegen die innere Revolution verwandeln. Es war dies für die Bourgeoisie ein ungeheures Problem. Sie konnte dieses Problem weder von technischen, noch vom militärischen Standpunkte aus durch einen offenen Kampf gegen das Proletariat lösen: sie musste es vom politischen Standpunkt aus tun.
In dieser Periode entstehen die ersten linken Regierungen nach dem Krieg; in dieser Periode kommt die politische Richtung Nitis und Giolittis zur Herrschaft. (…)
Nitti war es, der die »Guardia Regia«, d. h. »die Königliche Garde« schuf, eine Organisation, die nicht gerade polizeilicher Natur war, sondern einen ganz neuen militärischen Charakter trug.“ (ebenda).
Während der Bewegung der Fabrikbesetzungen 1921 „begriff der Staat, dass ein Frontalangriff seinerseits ziemlich unangebracht gewesen wäre, dass stattdessen ein reformistisches Manöver ein guter Schachzug war, und dass man wieder Scheinzugeständnisse machen konnte. Mit dem Gesetzesvorschlag zur Arbeiterkontrolle gelang es Giolitti, die Arbeiterführer dazu zu bewegen, die Betriebe zu räumen.“ Bordiga erläuterte dann, warum der Faschismus nicht frontal gegen die Arbeiter eingesetzt werden konnte, um diese zu schlagen. „In den Großstädten kann der Kampf gegen die Arbeiterklasse nicht mit der sofortigen Anwendung der Gewalt einsetzen. Die städtischen Arbeiterbilden im allgemeinen große Gruppen; sie können sich mit einer gewissen Leichtigkeit in großen Massen versammeln und einen ernsten Widerstand leisten. Vor allem zwang man daher dem Proletariat gewerkschaftliche Kämpfe auf, die zu ungünstigen Ergebnissen führten, weil die wirtschaftliche Krise sich im akutesten Zustande befand. Die Arbeitslosigkeit nahm ununterbrochen zu.“
Nachdem die Bewegung der Fabrikbesetzungen 1921 besiegt worden war, wurde die Arbeiterklasse in Italien immer mehr verwirrt; dadurch wurde es für den italienischen Staat leichter, die Arbeiter zu unterdrücken. Erst ab dieser Phase traten die faschistischen Banden, welche vom Staat dirigiert wurden, auf den Plan und beteiligten sich aktiv und massiv an der Repression.
Im Gegensatz zu einer Sichtweise, die von der Linken des Kapitals in den 1930er Jahren und auch heute noch verbreitet wird, demzufolge der Faschismus die besondere Aufgabe habe, die Arbeiterbewegung zu schwächen und sie im Zaum zu halten, indem er die angeblichen demokratischen Grundrechte in der Gesellschaft angreife, war die Position Bordigas sehr klar. Er meinte, dass der Faschismus für die Bourgeoisie eine zwingende Notwendigkeit gegenüber der gesamten Gesellschaft war.
„Die Regierungsmaßnahmen des Faschismus zeigten, dass diese im Dienst des linken Flügels der Bourgeoisie, des Industrie- Finanz- und Handelskapitals standen, und dass ihre Macht gegen die Interessen der anderen Klassen gerichtet ist“ (ebenda).
Als er 1922 in Italien die Macht übernahm, musste der Faschismus nicht nur all den zentrifugalen Kräften innerhalb der Gesellschaft gegenübertreten, sondern auch der Arbeiterklasse, welche zum damaligen Zeitpunkt schon geschwächt, aber noch nicht vollständig niedergeschlagen war. Dies erfolgte erst später in den 1930er Jahren. Deshalb musste er die demokratischen Verschleierungen aufrechterhalten. „Der Faschismus ist nicht eine Tendenz der bürgerlichen Rechten, die sich auf die Aristokratie, die Geistlichkeit, die hohen Zivil- und Militärbeamten stützt und die Demokratie der bürgerlichen Regierung und
der konstitutionellen Monarchie durch die despotische Monarchie ersetzen will. Der Faschismus verkörpert den gegenrevolutionären Kampf aller verbündeten bürgerlichen Elemente, und darum ist es für ihn keineswegs unbedingt notwendig, die demokratischen Institutionen zu zerstören. Von unserem marxistischen Gesichtspunkte aus braucht dieser Umstand
keineswegs als paradox angesehen zu werden, denn wir wissen, dass das demokratische System nur eine Zusammenfassung lügnerischer Garantien darstellt, hinter denen sich der Kampf der herrschenden Klasse gegen das Proletariat verbirgt.“ Nichts wies damals darauf hin, dass der Faschismus später dazu übergehen würde, die Demokratie über Bord zu werfen.
„Die ersten Maßnahmen der neuen Regierung beweisen, dass diese nicht beabsichtigt, die Grundlagen der traditionellen Institutionen in Italien zu ändern.
Ich behaupte selbstverständlich nicht, dass die Lage für die proletarische und sozialistische Bewegung günstig sei, wenn ich auch voraussage, dass der Faschismus liberal und demokratisch sein wird.“
Tatsächlich war der Faschismus Anfang der 1920er Jahre nur der Keim einer Tendenz, die in ihrer diktatorischen Form erst in den 1930er Jahren in Deutschland und Italien ihren Höhepunkt erreichen konnte, nachdem die Arbeiterklasse geschlagen war.
Dank ihrer Unnachgiebigkeit gegenüber all den Fraktionen der Bourgeoisie wurden Bordiga und der linke Flügel nicht in den Strudel des Opportunismus hineingerissen, in den die Dritte Internationale aufgrund ihrer Taktik der Einheitsfront geraten war, welche sich für die Arbeiterbewegung als sehr katastrophal auswirken sollte. Diese Festigkeit der Prinzipien und die klare Analyse ermöglichten ihnen, eine sehr hellsichtige Warnung auszusprechen, die sich rückblickend als sehr richtig erwies. Sie warnten vor der opportunistischen Versuchung der antifaschistischen Front. “Wir wissen, dass das internationale Kapital sich nur freuen kann über die Taten des Faschismus in Italien, über den Terror, den er dort gegen Arbeiter und Bauernschaft ausübt. Für den Kampf gegen den Faschismus können wir einzig und allein auf die revolutionäre proletarische Internationale zählen. Es handelt sich um eine Frage des Klassenkampfes. Wir wenden uns nicht an die demokratischen Parteien der anderen Länder, an die Vereinigungen von Dummköpfen und Heuchlern, wie die “Liga für die Menschenrechte”; denn wir wollen nicht die Illusion erwecken, dass es sich bei ihnen um etwas vom Faschismus wesentlich Verschiedenes handelt, oder dass die Bourgeoisie der anderen Länder nicht imstande wäre, ihrer Arbeiterschaft dieselben Verfolgungen zu bereiten und dieselben Gräueltaten zu vollbringen wie der Faschismus in Italien.” Protokoll des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, S. 751, 23. Sitzung, Der Faschismus, 2.07.1924, Bericht Bordigas zum Faschismus auf dem 5. Kongress der Kommunistischen Internationale)
Dieser Strömung gelang es, eine große theoretische Klarheit hinsichtlich der Fragen des Eintritts des Kapitalismus in seine Niedergangsphase zu erreichen, die manchmal noch größer war als die der Italienischen Linken. Dies trifft insbesondere hinsichtlich der Rolle des Parlamentarismus und der Wahlen zu, welche die Arbeiterklasse nicht mehr zu ihren Gunsten benutzen kann, weil sie zu Waffen der Bourgeoisie geworden sind. Im Gegensatz zur Italienischen Linken waren sie dazu in der Lage, die Gewerkschaften als in den bürgerlichen Staat integrierte Organe zu erkennen, die zur Aufgabe haben, die Arbeiterklasse zu kontrollieren. Zu all diesen Fragen erhoben sie offen ihre Stimme gegen die Fehler der Komintern und Lenins. Aber Ende der 1920er bzw. in den 1930er Jahren vertraten sie eine zutiefst irrige Auffassung hinsichtlich des Scheiterns der Russischen Revolution. Diese wurde von einigen Teilen der Rätekommunisten gar als eine bürgerliche Revolution eingeschätzt. Diese gingen davon aus, dass das Scheitern der Revolution nicht auf das Abflauen der weltweiten revolutionären Welle zurückzuführen war, sondern auf "bürgerliche" Auffassungen, die von der bolschewistischen Partei und Lenin vertreten wurden, die zum Beispiel für die Notwendigkeit der revolutionären Partei eintraten.
Ein Beitrag von A. Lehmann, Mitglied der deutschen KAZ (Kommunistische Arbeiter-Zeitung), die aus der KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschland) hervorgegangen war, zeigt den Grad theoretischer Klarheit, den die Deutsche Linke seinerzeit gegenüber der Frage des Faschismus erreicht hatte. Dieser hatte aus seiner Sicht seine Wurzeln im niedergehenden Kapitalismus und der zugespitzten Wirtschaftskrise: „Die Möglichkeit einer ständig wachsenden Akkumulation des Kapitals, die sich in der Anfangsphase geboten hatte, fand ein Ende, als die Konkurrenz zwischen den nationalen Kapitalien sich immer mehr verschärfte - aufgrund des Mangels an neuen Märkten, die für die kapitalistische Expansion hätten erobert werden müssen. Diese durch die Einschränkung der Absatzmärkte hervorgerufenen Rivalitäten führten zum Ersten Weltkrieg (...) Die verschiedenen Schichten des Kapitalismus verloren ihren besonderen Charakter (finanziellen, industriellen usw.) und wurden in einem wachsenden, gleichartigen Interessenblock aufgesogen.(…) In solch einer Struktur bestand die Notwendigkeit eines Parlaments für den Kapitalismus nicht mehr, welches zunächst noch als eine Fassade für die Diktatur des Monopolkapitals überleben konnte.“ (aus einem Artikel, veröffentlicht in Nr. 11 „Die Massen“, November 1933), eine Monatszeitung links von der französischen Sozialdemokratie, wiederveröffentlicht von der IKS in Internationale Revue Nr.2)
Aber diese Analyse hatte trotzdem einige Schwächen, denn sie zogen die Schlussfolgerungen, dass der Faschismus sich schnell ausdehnen würde. „Aber die Verschärfung der Weltkrise, die Unmöglichkeit, neue Märkte zu eröffnen, ließen jegliches Interesse der Bourgeoisie, die Fassade des Parlamentarismus aufrechtzuerhalten, verblassen. Die direkte und offene Diktatur des Monopolkapitals wurde zu einer Notwendigkeit für die Bourgeoisie selber. Das faschistische System entpuppte sich als die best angepasste Regierungsform für die Bedürfnisse des Monopolkapitals. Seine Wirtschaftsorganisation ist am besten in der Lage, eine Lösung für die internen Widersprüche innerhalb der Bourgeoisie anzubieten, während ihr politischer Inhalt es der Bourgeoisie ermöglicht, sich auf eine neue Basis zu stützen, die somit den Reformismus ersetzt, der mehr und mehr unfähig geworden ist, die Illusionen in den Massen aufrechtzuerhalten.“(ebenda).
So erkannten sie nicht die besonderen Bedingungen, die zum Aufstieg des Faschismus in Italien und Deutschland beigetragen haben, die aber in anderen Industriestaaten nicht vorhanden waren. Einerseits handelte es sich um die besonders brutale Niederlage, welche die Arbeiterklasse in Italien und Deutschland nach einem großen Arbeiterkampf hatte hinnehmen müssen, und andererseits die Notwendigkeit, dass die herrschende Klasse dieser Länder, die im Ersten Weltkrieg besiegt worden war, neue Initiativen ergreifen musste, um eine bewaffnete Neuaufteilung des imperialistischen Kuchens vorzubereiten.
Schließlich stellten sie auch den Unterschied zwischen den Strömungen der Kommunistischen Linken und dem Trotzkismus oder den linken Strömungen der Bourgeoisie heraus. Sie zeigten auf, dass der Klassengegensatz innerhalb der Gesellschaft nicht zwischen Faschismus und Demokratie verläuft, sondern zwischen Proletariat und Kapitalismus. „Aber obgleich die Arbeiterklasse sich nicht stark durch die faschistische Demagogie verseuchen ließ, war sie dennoch unfähig, die Entwicklung der Nationalsozialistischen Partei zu verhindern. Es gelang ihr nicht, die Bildung eines Blocks der reaktionären Klassen aufzulösen. Die großen Arbeiterparteien versuchten ohne Erfolg, diese oder jene offene Divergenz zwischen dem Monopolkapital und dem Nationalsozialismus auszunützen. Vor allem verstand die Arbeiterklasse nicht, dass der wirkliche Widerspruch nicht zwischen Demokratie und Faschismus lag, sondern zwischen Faschismus und proletarischer Revolution. Deshalb war es der Mangel an revolutionärer Fähigkeit seitens des Proletariats, der somit die politische Entwicklung und den Aufstieg Hitlers erlaubte.“ (ebenda).
Aber eine große Schwäche dieses Beitrags war, dass er die Gefahr des Antifaschismus nicht klar erkannte. Insbesondere hinsichtlich dieses letzten Aspektes war die Italienische Linke sehr viel klarer und konsequenter. Sie zeigte den Graben zwischen dem proletarischen Lager und allen Fraktionen der Bourgeoisie auf.
Anton Pannekoek, eine große Persönlichkeit der Arbeiterbewegung und einer der Führer des linken Flügels der Sozialdemokratie, beteiligte sich an allen Kämpfen gegen die Ausdrücke des Opportunismus in der 2. Internationale. Während des 1. Weltkriegs gehörte er neben Lenin und Rosa Luxemburg zu den Internationalisten der ersten Stunde, insbesondere als die sozialdemokratischen Parteien das Proletariat verraten und zum Burgfrieden mit den Ausbeutern aufgerufen hatten. Obgleich er während des 2. Weltkriegs noch Internationalist geblieben war, gelang es ihm nicht den gleichen Beitrag zu leisten wie zur Zeit des 1. Weltkriegs.
Noch bevor der Krieg zu Ende ging, entwickelte er eine bemerkenswerte Klarheit über die Mittel, welche die herrschende Klasse einsetzte, um die Wiederholung einer zweiten revolutionären Erhebung zu verhindern (auch wenn seine Formulierungen eine große Überschätzung der Leichtigkeit zum Ausdruck bringen, mit der die proletarische Erhebung in Deutschland 1918 erfolgte): “Das Ziel der nationalsozialistischen Diktatur, die Eroberung der Weltmacht, macht es allerdings wahrscheinlich, dass sie in dem Krieg, den sie entfesselt hat, zerstört wird. Dann wird sie Europa ruiniert und verheert, in Chaos versunken und verarmt zurücklassen; den an die Herstellung von Kriegsgerät angepassten Produktionsapparat völlig abgenutzt, Boden und Arbeitskraft ausgelaugt, Rohstoffe erschöpft, Städte und Fabriken in Trümmern liegend, die Wirtschaftsquellen des Kontinents verschwendet und vernichtet. Dann wird, anders als 1918, die politische Macht nicht automatisch der Arbeiterklasse in die Hand fallen; die Siegermächte werden es nicht zulassen, ihre ganze Macht wird dazu herhalten, sie unten zu halten” (A. Pannekoek, Arbeiterräte, S. 183, 2008)
Genau wie Bordiga vor ihm meinte Pannekoek, dass der Faschismus nicht ein Ergebnis des Aufstiegs reaktionärer Klassen der Gesellschaften, sondern der Bedürfnisse des Kapitals war. "Als Produkt eines hochentwickelten Kapitalismus verfügt der neue Despotismus über alle Kraftquellen der modernen Bourgeoisie, über alle verfeinerten Methoden moderner Technik und Organisation. Er ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt; kein Rückfall in alte rohe Barbarei, sondern Fortschritt zu einer höheren, raffinierteren Barbarei.” (ebenda, S.163).
Im Gegensatz zu Lehmann beging Pannekoek nicht den Fehler zu denken, dass der Faschismus die universelle Herrschaftsform des Kapitalismus sei. „Während in einigen Ländern faschistische Diktaturen entstehen können, sind die Bedingungen für das Aufkommen derselben in anderen Ländern nicht vorhanden“. Er erkannte, dass besondere Bedingungen seinen Aufstieg ermöglicht hatten: “Oft wird gesagt, der Faschismus sei die eigentliche politische Lehre des Großkapitals. Das ist jedoch nicht wahr: Amerika zeigt, dass sich seine ungestörte Macht besser mit einer politischen Demokratie sichern lässt. Wo aber das Großkapital in seinem Kampf um den Aufstieg zur Weltmacht gegen einen stärken Feind nicht aufkommen kann, oder wo es sich im Inneren von einer rebellischen Arbeiterklasse bedroht fühlt, muss zu kräftigeren und gewalttätigeren Herrschaftsformen übergegangen werden. Der Faschismus ist die Politik des Großkapitals in Bedrängnis.” (S. 162)
Er verdeutlichte die Tendenz zum Staatskapitalismus, der als Garant des ökonomischen und sozialen Zusammenhaltes gegenüber den Widersprüchen der Gesellschaft auftrat, welche diese erschüttern. Aus seiner Sicht waren alle Regime, ob faschistisch oder demokratisch, von solchen Merkmalen geprägt. „Die Regierungen, selbst die demokratisch maskierten, werden immer mehr dazu gezwungen sein, in die Produktion einzugreifen. Solange das Kapital Macht hat und Angst, werden despotisch geführte Regierungen als gefährliche Gegner der Arbeiterklasse aufkommen.“ (ebenda, S. 182).
Pannekoek verstand auch das Ausmaß des Staatskapitalismus, zu dem auch der stalinistische Staat gehörte, welcher aus der Konterrevolution in Russland entstanden war.
„Bei näherer Betrachtung der inneren Zusammenhänge können wir sehen, dass nicht nur der Kommunismus durch sein Vorbild einer Staatsdiktatur, sondern auch die Sozialdemokratie dem Nationalsozialismus den Weg bereitet haben. (…) Als erstes die Idee des Staatssozialismus, der bewussten geplanten Organisation der gesamten Produktion durch die staatliche Zentralgewalt. Natürlich hatte man dabei an den demokratischen Staat als dem Organ der Arbeiter gedacht. Doch vor der Kraft der Wirklichkeit zählen keine Absichten. Ein Organ, das über die Produktion das Sagen hat, hat das Sagen über die Gesellschaft, über die Produzenten, trotz aller Bestimmungen, die versuchen, es zu einem untergeordneten Organ zumachen, und daraus entwickeln sich dann zwangsläufig eine herrschende Klasse oder Gruppe“ (ebenda, S. 180).
Bei dieser Charakterisierung bezog sich Pannekoek richtigerweise auf die Analyse, der zufolge Russland damals überhaupt nichts mit Kommunismus zu tun hatte. Genauso wenig war der russische Staat proletarisch; stattdessen entsprach dieser einer besonderen Form, welche der Staatskapitalismus in diesem Land angenommen hatte (3). Dieser Abschnitt und die anderen Arbeiten Pannekoeks zeigen, dass er ein wirkliches Problem intuitiv richtig spürte. BILAN, das dieses Problem viel tiefergreifend behandelte, meinte dazu, dass der Staat, welcher nach der Übernahme der Macht durch die Arbeiterklasse entstand, nicht proletarisch war, sondern die Klassenantagonismen verkörperte, die noch innerhalb der Gesellschaft fortbestanden, solange die kapitalistischen Verhältnisse auf der Welt noch vorherrschten. Zur Zeit der weltweiten Welle von revolutionären Kämpfen verteidigte die gesamte Arbeiterbewegung, die noch unter dem Einfluss alter sozialdemokratischer Auffassungen hinsichtlich der Frage der Übernahme der Macht stand, die falsche Analyse, der zufolge die Diktatur des Proletariats mit dem Staat der Übergangsperiode gleichgestellt wurde(4). Aber im Gegensatz zur Meinung Pannekoeks ist dieser Fehler der Arbeiterbewegung – welcher korrigiert worden wäre, wenn sich die Revolution international ausgedehnt hätte- nicht die tiefer greifende Ursache für das Scheitern der revolutionären Welle. Diese Frage konnte damals in der Hitze des Feuers nicht geklärt werden, weil das internationale Kräfteverhältnis zwischen den Klassen sich für das Proletariat sehr ungünstig entwickelt hatte, und die russische Bastion damit zu ihrem Niedergang und zur Isolierung verurteilt war.
Pannekoek verwarf somit diese Methode der Analyse; stattdessen suchte er einen Ursprung der Tendenz zum Staatskapitalismus und damit des Faschismus in den 'Mängeln 'der Arbeiterbewegung selbst. „Die von der Sozialdemokratie für die Arbeiter ausgegebenen Schlagworte, Ziele und Methoden wurden vom Nationalsozialismus übernommen und im Sinne des Kapitals angewandt. (….) Das „Führerprinzip“ wurde nicht vom Nationalsozialismus erfunden; unter dem demokratischen äußeren Schein verborgen, bildete es sich in der Sozialdemokratie aus. Der Nationalsozialismus erklärte es offen zur neuen Grundlage der gesellschaftlichen Beziehungen und zog alle Konsequenzen daraus“ (ebenda S. 180).
Hier kann man den Rückschritt des großen Revolutionärs ermessen, dem es gegenüber dem Faschismus nicht gelang, die Methode der konsequenten Revolutionäre – und damit seiner früheren eigenen Methode – anzuwenden, um das Phänomen des Verrats der Sozialdemokratie und die Niederlage der russischen Revolution zu erklären. Genau wie es heute in großem Maße die bürgerliche Propaganda betreibt, schmiss Pannekoek den Kommunismus mit dem Stalinismus in einen Topf. Er identifizierte die Partei der proletarischen Revolution, die Bolschewistische Partei Lenins mit Stalin und der Konterrevolution. Er ging sogar so weit, zwischen der Partei Marx' und Engels und der Noskes und Scheidemanns eine ähnliche Übereinstimmung zu sehen. Im Gegensatz zu der Methode, welche die Abgrenzung zwischen bürgerlichen und proletarischen Lager hinsichtlich wesentlicher Fragen wie dem Internationalismus und der Verteidigung der Revolution gegenüber allen Fraktionen der Bourgeoisie in den Mittelpunkt stellte, konzentrierte sich Pannekoek auf wesentliche aber zweitrangige Schwächen wie zum Beispiel den Führerkult in der Sozialdemokratie unter dem Einfluss der herrschenden Ideologie. Ihm zufolge bestand das Problem nicht mehr in einer notwendigen Abgrenzung zwischen Organisationen des Proletariats, die ins Lager des Klassenfeindes übergewechselt waren, und den neuen, aufzubauenden, sondern in der Verwerfung jeglicher politischen Partei, die ihrem Wesen nach notwendigerweise bürgerlich sei. Dies ist einer der Gründe, weshalb er wie Lehmann nicht dazu in der Lage war, klar die Umrisse des gesamten Klassengegners aufzuzeigen, egal wie er sich gebärdet, ob stalinistisch, demokratisch oder faschistisch. Seine viel schwächere Anprangerung der Demokratie hinderte ihn auch daran, auf die Wichtigkeit der Verschleierungskraft des Antifaschismus in der Arbeiterklasse hinzuweisen.
Es hat sich herausgestellt, dass die stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien seit ihrem Wechsel auf die Seite der Konterrevolution die inbrünstigsten Verteidiger staatskapitalistischer Maßnahmen waren. Aber das Verhältnis, das Pannekoek zwischen Faschismus und Sozialdemokratie darstellt, ist falsch. Zunächst ist der Faschismus nicht das Ergebnis des Stalinismus oder des demokratischen Staatskapitalismus, sondern alle drei sind Ausdrücke der Tendenz zum Staatskapitalismus. Zudem besteht das Hauptproblem in dem schwerwiegenden Fehler einer Analyse, die den Kern des wirklichen Verhältnisses zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Faschismus und den ehemaligen Parteien der Arbeiterklasse, welche die Seite gewechselt haben, ausblendet: die Niederschlagung der Arbeiterklasse durch den linken Flügel des Kapitals, welche den Weg zum Faschismus bereitet.
Deshalb trägt leider Pannekoek nicht zur Stärkung des Proletariats bei, auch wenn er sagt, dass die Sozialdemokratie dem Faschismus den Weg bereitet habe: „Wie konnte es geschehen, dass eine Arbeiterklasse wie die deutsche, die zur Blütezeit der Sozialdemokratie anscheinend so mächtig war und beinahe kurz davor zu stehen schien, die Welt zu erobern, so vollends hilflos wurde? Selbst für diejenigen, die den Niedergang und inneren Verfall des Sozialismus erkannt hatten, kam seine leichtfertige und kampflose Aufgabe und die völlige Vernichtung seiner imposanten Struktur überraschend. In gewisser Hinsicht kann allerdings behauptet werden, dass der Nationalsozialismus der reguläre Nachfahre der Sozialdemokratie ist“ (ebenda, S. 180).
In dieser Schrift unterlässt Pannekoek nicht nur die wesentliche Entblößung der Rolle der Linken des Kapitals und ordnet indirekt der Revolution in Russland eine den Faschismus fördernde Rolle zu. Aufgrund seiner irrigen Analysen hat er direkt zur Verbreitung von Konfusionen in der Arbeiterklasse beigetragen, die damals durch solche Konfusionen noch mehr geschwächt wurde.
BILAN setzte direkt die zuvor von der Italienischen Linken in den 1920er Jahren geleistete Arbeit fort. Daraus sind die meisten ihrer Mitglieder hervorgegangen. Die GCI konnte sich auf einen soliden programmatischen Rahmen für ihre Analysen und politischen Orientierungen stützen. Je mehr sich die Lage entwickelte und aufgrund ihrer Anstrengungen zur politischen Vertiefung konnte sie diesen Rahmen auch erweitern (5). Dadurch konnte sie "Kurs halten" zu einer Zeit, als die revolutionären Minderheiten immer mehr gegen den Strom schwammen und die entscheidenden Bataillone des Proletariats nach der Niederlage der revolutionären Welle für die Verteidigung des nationalen Kapitals eingespannt wurden.
Anfang der 1930er Jahre wurde sich BILAN des geänderten Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen bewusst. Es verstand die neuen kurz- und mittelfristigen Perspektiven, die nicht mehr auf eine Machtergreifung durch die Arbeiterklasse hinausliefen, sondern im imperialistischen Krieg bestanden. Diese Vorgehensweise erlaubte ihr zu verhindern, dass die opportunistischen Fehler der Kommunistischen Internationale wiederholt wurden, welche insbesondere eine Politik der Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Parteien befürwortete, um einen Einfluss auf die Massen zu bewirken, die sich immer mehr von der Revolution abwandten. So setzte BILAN den Kampf Bordigas gegen diese katastrophale Politik fort, welche der Trotzkismus und seine Anhänger betrieben. Aus trotzkistischer Sicht bestanden in den 1930er Jahren noch viele revolutionäre Möglichkeiten, die eine fähige revolutionäre Führung erfolgreich umsetzen könnte. Damals war BILAN die einzige Gruppe, die den Kampf gegen solch eine Orientierung systematisch und militant fortsetzte:
"Nach den ersten Niederlagen änderten sich nur die unmittelbaren Ziele dieses Kampfes: 1917-20 ging es um Forderungen des unmittelbaren Kampfes um die Macht. 1921 konkretisierten sich diese Forderungen um die unmittelbaren Forderungen. Dabei wurde aufgezeigt, es sei unvermeidbar, dass sie sich in Richtung Machtergreifung entwickelten.
Wir wissen, dass die Komintern 1921-22 dieses zentrale Problem ganz anders stellte. Sie setzte sich zum Ziel, um jeden Preis die Massen an die kommunistischen Parteien zu binden. Da ihr dies nicht mit den gleichen politischen Positionen und Methoden wie in der Zeit von 1918-1920 gelingen konnte, weil sich die Lage geändert hatte, sah sie sich gezwungen, ihre Positionen und Methoden ganz wesentlich zu ändern und somit neue Niederlagen herbeizuführen. Das Problem der Einheitsfront, welches seinerzeit in unterschiedlicher Gestalt auftauchte und auch das Problem der Machtübernahme anders stellte (Thüringen, Sachsen), war eine Folge der geschichtlich zutiefst ungünstigen Umstände. Diese schlecht gelöste Frage untergrub zutiefst die Grundlage der revolutionären Politik, auf welcher die Komintern gegründet worden war.
Im Allgemeinen wird das Problem der Einheitsfront folgendermaßen gestellt: in einem ungünstigen Zeitraum erhält das Programm, das von den Sozialisten propagiert wird, eine revolutionäre Tragweite. Der Sozialist verkündet das Programm nur mit dem Ziel, die Massen zu täuschen und mit der Absicht, niemals Bewegungen um sein Programm zu verwirklichen. Die Aufgabe der Kommunisten besteht darin, die Sozialdemokraten in einen Hinterhalt zu locken, d.h. ein Abkommen auf der Grundlage von Forderungen zu schließen, die von den Reformisten gestellt werden, denn aufgrund deren Entblößung kann nur die Bewegung der Massen in Richtung Kommunismus folgen“ (Bilan, Nr. 6, April 1934, Die Probleme der Einheitsfront).
Auch wenn die ungünstigen Umstände vorübergehend den Kampf um die Macht unmöglich machen, ist dies kein Grund zur Verwerfung der Prinzipien und des Zusammengehens mit dem Feind. "Man muss zunächst hervorheben, die ungünstigen Bedingungen bedeuten, dass die Frage der Macht nicht als ein realistisches Ziel des Arbeiterkampfes angesehen werden kann. Aber diese Umstände bedeuten keine Ablehnung der zuvor von der kommunistischen Partei vertretenen Position, dass die Machtfrage nur durch den Aufstand gelöst werden kann, und dass die einzig richtige Position des Proletariats gegenüber dem Staat die seiner Zerstörung sein kann. Zur Verwirklichung seiner Aufgaben kann die Arbeiterklasse sich nur auf die kommunistische Partei stützen. Gegen diese und die Massen an ihrer Seite werden sich die Kräfte des Kapitalismus zusammenschmieden, von der extremen Rechten bis hin zur extremen Linken (Austromarxisten)." (Bilan, Nr. 6, Die Probleme der Einheitsfront)
Obwohl der Kampf für die Revolution kurz- und mittelfristig nicht mehr auf der Tagesordnung steht, bedeutet dies nicht, dass die Arbeiterklasse nicht mehr kämpfen müsste. Aber das Ausmaß ihrer Kämpfe beschränkt sich notwendigerweise auf die Verteidigung gegen die ökonomischen Angriffe des Kapitals. Jede künstliche Abkürzung zum revolutionären Kampf (z.B. das trotzkistische Minimalprogramm) führt notwendigerweise zum Opportunismus und spielt dem Feind in die Hände. Die Trotzkisten haben diesen Weg mit ihrer Politik des "Entrismus" in die Sozialdemokratie und ihrer Politik während des Spanienkriegs der "kritischen" Unterstützung der POUM eingeschlagen, welche sich an der bürgerlichen Regierung der Generalitat Kataloniens beteiligte.
Wie die stalinistischen Parteien kaschiert der Trotzkismus gegenüber der Arbeiterklasse das arbeiterfeindliche Wesen der sozialistischen Parteien, aber vor allem die besondere Rolle, welche sie im Dienste des kapitalistischen Staates gegen die Arbeiterklasse spielen. Indem Bilan systematisch all die Lehren aus den Ereignissen seit dem 1. Weltkrieg zog, zeigte die Gruppe auf eine systematische und vertiefte Weise den Verrat dieser Parteien und deren Eingliederung in den kapitalistischen Staat auf. Besonders hob sie hervor:
-Sie spielten eine entscheidende Rolle bei der Niederlage der Arbeiterklasse und dienten dem Faschismus als Steigbügelhalter. Auch wenn sie später von dem Faschismus verfolgt wurden, wäscht sie das nicht von ihren Schandtaten rein, die sie gegen die Arbeiterklasse begangen haben; und vor allem ändert das nichts an ihrem Klassenwesen, das gegen die Arbeiterklasse gerichtet ist. "Greift der Faschismus auf eine faschistische Organisationsform der Gesellschaft zurück; hält der Faschismus Einzug? Dies bedeutet aber nicht, dass das demokratische Programm der Sozialisten, welches sich schon als eine mächtige Waffe der Konterrevolution herausgestellt hat, sich ändert: Die Ereignisse in Italien, Deutschland, Österreich bewiesen dies nachdrücklich. Und dieses gleiche Programm, welches den Kapitalismus in den früheren revolutionären Erhebungen des Proletariats gerettet hat, wird weiterhin seine reaktionäre Funktion in der neuen, jetzt beginnenden Phase des Kapitalismus behalten. Wenn die Herrschenden sich auf die Faschisten stützen, werden sie die Hilfe der sozialistischen Parteien benötigen, um die Regierungen Hitlers, Mussolinis und Dollfuss an die Macht zu bringen, damit diese ihre Angriffe gegen das Proletariat durchsetzen. Und die italienischen, deutschen und österreichischen Sozialisten werden erneut zur Stelle sein, um eine für die Herrschenden unersetzliche Funktion zu erfüllen. Ob sie später verboten oder verfolgt werden, ändert überhaupt nichts an ihrer Rolle. Seit jeher haben die Marxisten verstanden, dass die kapitalistische Gesellschaft von Widersprüchen geprägt ist, und dass diese auf Profit gestützte Gesellschaft nur zu einem Todeskampf zwischen den einzelnen Kapitalisten, den Konzernen, den Staaten führen kann; und dass die politische Organisation des Kapitalismus einen Kampf zwischen den verschiedenen Parteien beinhaltet. Aber den Marxisten ist nie in den Sinn gekommen zu meinen, dass die durch ihren Gegner niedergeworfenen Kapitalisten, die von den neuen Herren geschlagenen oder niedergemetzelten Parteien einen Ausgangspunkt für den revolutionären Kampf des Proletariats darstellen." (Bilan, Nr. 6, Die Probleme der Einheitsfront)
Sie passten sich den Bedingungen an, indem sie die Illusion verbreiteten, die Sache des Proletariats zu vertreten, um es besser zu täuschen. "Ebenso wenig wie die Klassen sind die Parteien ein Ausdruck des Programms, welches sie verkünden, in Wirklichkeit sie sind ein Ausdruck der Stellung, die sie innerhalb der Gesellschaft innehaben. Die sozialistische Partei ist ein integraler Bestandteil des kapitalistischen Regimes und sie erfüllt ihre Rolle, auch wenn sie ihr Programm ändert. Die Änderungen des Programms ändern keineswegs ihre Funktion, sondern im Gegenteil sie stellen eine notwendige Änderung dar, um ihre Rolle weiterhin ausüben zu können. Wenn sie zu einer Anhängern der Sowjets wird, wie 1920, dann weil sie sich dessen bewusst war, dass sie nur so die Verteidigung des bürgerlichen Regimes übernehmen konnte. Als sie in die Sowjetregierung Ungarns eintrat, tat sie dies, weil sie sich so gewissermaßen verschanzen konnte, um ihrer historischen Aufgabe nachzugehen. Unter ungünstigen oder gar sehr ungünstigen und faschistischen Bedingungen stellte das Programm der sozialistischen Partei, das keinesfalls den Interessen der Revolution diente, nur eine zusätzliche Unterstützung des Kapitalismus, des Sieges des Faschismus und dessen Machterhaltung dar. Die Sozialisten behaupten, diese oder jene Errungenschaft der Arbeiter schützen zu wollen; wir sind aber davon überzeugt, dass sie dies gar nicht wollen, sondern dass sie dies nur proklamieren, um die Arbeiter zu täuschen." (BILAN, Nr. 6, Die Probleme der Volksfront)
Die geschichtlichen Bedingungen waren damals sehr komplex. Mehrere Faktoren spielten eine Rolle: der Beginn des Niedergangs des Kapitalismus, die weltweite Welle von revolutionären Kämpfen und ihr Scheitern sowie der Beginn des Kurses hin zum Krieg. Im Hinblick auf den Krieg entfaltete die herrschende Klasse eine politische Offensive gegen das Proletariat, welche vom Staat in die Hand genommen wurde. Der demokratische Staat agierte einmal mit Verschleierungen, dann mit Repression, während der faschistische und der stalinistische Staat hauptsächlich mit Terror regierten. Alle Anstrengungen müssen unternommen werden, um die neuen Bedingungen zu begreifen, denn davon hängt es ab, ob unsere Interventionen in der Klasse und die Lehren, die wir den zukünftigen Generationen von Revolutionären übermitteln, richtig sind. Aus Ablehnung des Immediatismus und des vorherrschenden unpolitischen Verhaltens, die jegliches politisches Nachdenken verhindern und den Boden bereiten für politische Theorien und Orientierungen, welche den Klasseninteressen des Proletariats entgegengestellt sind, begriff die Italienische Linke, dass es notwendig war, eine theoretische Analyse der damaligen historischen Bedingungen zu erstellen: "(…) Es ist wesentlich – oder zumindest war dies vorher so -, dass man, bevor man einen Kampf der Klasse aufnimmt, die Ziele, für die man kämpft, klären muss, sowie die Mittel und die Kräfte der Klasse, auf die man sich bei diesem Kampf stützen kann. Dies sind keine "theoretischen" Überlegungen; damit meinen wir, dass sie nicht all der überstürzten Kritik der blasierten Leute ausgesetzt sein soll, deren Praxis in der Regel darin besteht, ohne jede theoretische Klarheit in den Bewegungen herum zu fuschen, und somit mit allen möglichen Leuten ohne irgendwelches Programm zusammenzuarbeiten, solange es irgendeine "Aktion" gibt. Wir meinen natürlich, dass solche Aktionen nicht einfach auf ein launisches Verhalten oder auf den jeweiligen guten Willen Einzelner zurückzuführen sind, sondern ein Ergebnis der Lage selbst sind. Darüber hinaus ist die theoretische Arbeit für die Aktion wichtig, damit die Arbeiterklasse von neuen Niederlagen verschont bleibt. Man muss sehen, wie viel Verachtung dadurch gegenüber der theoretischen Arbeit gezeigt wird, denn in Wirklichkeit geht es immer darum, klamm heimlich proletarische Positionen durch Auffassungen des Klassenfeindes zu ersetzen. Die der Sozialdemokratie sollen ins revolutionäre Milieu vordringen, wobei man gleichzeitig unbedingt auf Aktionen abzielt, die aufzeigen sollen, dass man in einem Wettlauf mit dem Faschismus steht." (BILAN; Nr.7, Der Antifaschismus- eine irreführende Ausrichtung") Diese von BILAN propagierte Vorgehensweise steht im Gegensatz zu der des Antifaschismus, "der keine politischen Kriterien mit berücksichtigt. Denn dieser setzt sich zum Ziel, all diejenigen zusammenzubringen, die von dem Angriff der Faschisten bedroht sind, indem ein "Verband der Bedrohten" gebildet wird" (BILAN; Nr. 7, Der Antifaschismus eine irreführende Ausrichtung).
Aus der Sicht BILANs wie für die KP Italiens vor der Verdrängung Bordigas aus der Parteiführung war der Faschismus nichts anderes als Kapitalismus, welcher sich an die ökonomischen und politischen Notwendigkeiten angepasst hatte, die ein energisches Eingreifen des Staates erforderlich machten, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. "Die Erfahrung zeigt, dass die Wandlung des Kapitalismus zum Faschismus nicht vom Willen einiger Gruppen der bürgerlichen Klasse abhängt, sondern von Notwendigkeiten, die auf eine ganze historische Periode zurückzuführen sind und die besonderen Eigenarten der Lage bestimmter Staaten, die gegenüber der Krise und dem Todeskampf des bürgerlichen Regimes weniger widerstandsfähig sind. Die Sozialdemokratie, die die gleiche Richtung eingeschlagen hat wie die liberalen und demokratischen Kräfte, ruft ebenso die Arbeiter dazu auf, sich hauptsächlich an den Staat zu wenden, damit dieser die faschistischen Gruppierungen zwingt, die Legalität zu respektieren, mit dem Ziel sie zu bewaffnen oder sie gar aufzulösen. Diese drei politischen Strömungen ziehen am gleichen Strang. Die Wurzel liegt darin, dass der Kapitalismus dem Faschismus zum Triumph verhelfen muss, dort wo der kapitalistische Staat das Ziel verfolgt, den Faschismus zu fördern, um ihn zu der neuen Organisationsform der kapitalistischen Gesellschaft zu machen" (BILAN; Der Antifaschismus, eine irreführende Ausrichtung).
Das Beispiel Deutschlands beweist es klar. Durch den Versailler Vertrag reingelegt und in Ermangelung kolonialer Märkte, wurde Deutschland dazu gezwungen, erneut in einen imperialistischen Kampf um die Aufteilung der Welt einzutreten. Die tiefgreifende physische Niederlage des Proletariats in Deutschland ließ die Aufrechterhaltung der demokratischen Maske überflüssig werden und ermöglichte die Errichtung totalitärer Herrschaftsformen.
Die Fortentwicklung der Lage im Vergleich zu den Verhältnissen zur Zeit Bordigas Anfang der 1920er Jahre, als Mussolini die Macht übernahm, ermöglichte es BILAN die Bedingungen für den Aufstieg des Faschismus zur Macht genauer zu präzisieren. "Dieser ist auf einer doppelten Grundlage entstanden: aufgrund der Niederlage der Arbeiterklasse und der Erfordernisse einer durch die Wirtschaftskrise völlig zerrütteten Wirtschaft“ (Bilan, Nr. 16, März 1935, „Die Niederwerfung der Arbeiterklasse in Deutschland und der Aufstieg des Faschismus“).
Als Speerspitze der Verteidigung des Kapitalismus hat die Sozialdemokratie, indem sie der Arbeiterklasse eine Reihe von Niederlagen beifügte, solch eine Herrschaftsform möglich gemacht, die den Bedürfnissen des nationalen Kapitals voll entsprach. "Was vor allem die Herrschaft des Faschismus herbeiführte, war die Bedrohung, die in der Zeit nach dem Krieg das Proletariat darstellte. Gegen diese Gefahr konnte sich der Kapitalismus dank der Sozialdemokratie wehren, aber dies erforderte eine politische Struktur, die der notwendigen disziplinierenden Konzentration auf wirtschaftlicher Ebene entsprach (…) Der deutsche Kapitalismus, der jämmerlich zusammenbrach, konnte nach 1919 nicht auf den Faschismus zurückgreifen, zudem das Proletariat noch eine bedrohliche Gefahr darstellte. Deshalb kämpften die Fraktionen des Kapitalismus gegen den Kapp-Putsch wie übrigens auch die Alliierten, die den Wert der unschätzbaren Hilfe der Sozialverräter erkannt hatten“ (BILAN Nr. 10, August 1934, "Die Ereignisse des 30. Juni in Deutschland").
Der gleichen Logik folgend unterstrich BILAN die Ergänzung und den Unterschied zwischen den beiden Herrschaftsformen des Kapitals – Demokratie und Faschismus – hinsichtlich der Art der Kontrolle über die Arbeiterklasse, wodurch die völlige Unterwerfung unter die Interessen des nationalen Kapitals ermöglicht wurde: "Zwischen Demokratie, dem größten Prunkstück, Weimar, und dem Faschismus, trat kein echter Gegensatz zutage: die eine ermöglichte die Niederschlagung der revolutionären Gefahr; sie zerstreute und schwächte das Proletariat, trübte sein Bewusstsein; der andere, wurde am Ende dieser Entwicklung die eiserne kapitalistische Ferse, der sein ganzes Wirken sowie die rigide hergestellte Einheit der kapitalistischen Gesellschaft auf der Grundlage der Erstickung jeder proletarischen Bedrohung stützte." (BILAN; Nr. 10, August 1934; "Die Ereignisse des 30. Juni 1934 in Deutschland"). "…die demokratische Herrschaft ist in vieler Hinsicht diejenige, die sich am meisten an die Bedürfnisse der Aufrechterhaltung ihrer Privilegien (d.h. des Bürgertums) anpasst, denn sie dringt viel geschickter als der Faschismus in die Köpfe der Arbeiter ein. Sie greift diese von Innen an, während der Faschismus eine Reifung innerhalb der Klasse gewalttätig niederschlägt, weil es dem Kapitalismus nicht gelingt, diese aufzulösen" (BILAN, Nr. 22, August 1935, "Die Probleme der Lage in Frankreich").
"Unter dem Zeichen der Volksfront ist die "Demokratie" zum gleichen Ergebnis gekommen wie der "Faschismus": Die Niederschlagung des französischen Proletariats und ihr Verschwinden von der Bühne der Weltgeschichte. Infolge einer tiefgreifenden, weltweiten Niederlage besteht das Proletariat vorübergehend nicht mehr als Klasse" (BILAN; Nr. 29, März-April 1936; "Die Niederschlagung des französischen Proletariats und die daraus hervorgehenden internationalen Lehren").
Wie Bordiga deutlich gezeigt hatte, übernimmt der Faschismus eine Rolle gegenüber der gesamten Gesellschaft, indem er eine entsprechende Organisationsform zur beschleunigten Vorbereitung des Krieges schafft. Gegenüber der Arbeiterklasse drückt sich dies aus durch "das Bedürfnis eines Herrschaftsapparates aus, welcher nicht nur die Widerstandsbewegungen oder die Revolten der Unterdrückten niederschlägt, sondern auch einen Apparat schafft, dem es gelingt, die Arbeiter für den Krieg zu mobilisieren" (BILAN, Nr. 10, August 1934, "Die Ereignisse des 30. Juni in Deutschland"). Gegenüber einer Arbeiterklasse, die ihre Fähigkeit zu revolutionären Kämpfen unter Beweis gestellt hatte, musste die herrschende Klasse in der Tat möglichst viele Mittel einsetzen, um dessen Bewusstwerdung und mögliche Erhebung während des imperialistischen Krieges zu verhindern, trotz der physischen und ideologischen Niederlage, die sie schon erlitten hatte. "Die Gewalt hatte nur nach der Machtübernahme der Faschisten einen Sinn - dies geschah nicht als eine Reaktion auf einen proletarischen Angriff, sondern nur um ihn vorzubeugen.“ (Bilan Nr.16, 1935 „Die Niederschlagung der Arbeiterklasse in Deutschland und der Aufstieg des Faschismus“) Der Faschismus musste diese Aufgabe übernehmen, die Niederlage des Proletariats zu vollenden, da er die Staatsführung übernommen hatte.
Alle Verfechter des Antifaschismus und der "demokratischen Freiheiten" berufen sich auf das angeblich unterschiedliche Wesen des Kapitalismus – je nachdem ob dieser faschistisch, totalitär oder demokratisch sei. Dagegen wandte sich BILAN:
„Wenn wir andererseits wiederum untersuchen, woher die Idee des Antifaschismus stammt – zumindest in ihren programmatischen Aussagen –, kann man sehen, dass sie auf eine Trennung zwischen Faschismus und Kapitalismus zurückgeht. Es stimmt, wenn man zu dieser Frage einen Sozialisten, einen Zentristen oder einen leninistischen Bolschewik befragt, werden sie alle behaupten, dass der Faschismus eigentlich Kapitalismus ist. Aber der Sozialist wird meinen: „Es ist unser Interesse, die Verfassung und die Republik zu verteidigen, um den Sozialismus vorzubereiten.“ Der Zentrist wird aussagen, dass man den Zusammenschluss der kämpfenden Klasse leichter um den Antifaschismus herstellen kann als um den Kampf gegen den Kapitalismus. Der leninistische Bolschewik wiederum wird behaupten, es gebe keine bessere Grundlage für den Zusammenschluss und den Kampf als die Verteidigung der demokratischen Institutionen, welche der Kapitalismus nicht mehr der Arbeiterklasse sicherstellen kann. Somit kann die allgemeine Behauptung, „Der Faschismus bedeutet Kapitalismus“ zu politischen Schlussfolgerungen führen, die darauf zurückzuführen sind, dass Faschismus und Kapitalismus losgelöst voneinander gesehen werden“ (Bilan, Nr.7,,Antifaschismus – eine irreführende Ausrichtung“).
Alle Teile der Herrschenden arbeiten auf die Verstärkung des Staatskapitalismus hin, egal welche Form diese Verstärkung annimmt – ob die stalinistische, faschistische oder demokratische. Die Umsetzung dieser Tendenz hängt nicht vom Willen bestimmter Teile der Herrschenden zu einem gegeben Zeitpunkt ab, sondern von historischen Bedingungen. Keiner der Ausdrücke des Staatskapitalismus stellt ein "geringeres Übel" für die Arbeiterklasse dar, denn die Arbeiterklasse verfügt über keine Macht in der Gesellschaft (im Zeitraum des Niedergangs des Proletariats), um den historischen Kurs hin zu der einen oder anderen Form zu beeinflussen. BILAN hinterfragt diejenigen, die die entgegengesetzte These vertreten: Wenn die Arbeiterklasse über solch eine politische Macht innerhalb der Gesellschaft verfügte, warum sollte sie diese dann nicht einsetzen zugunsten einer eigenen politischen Macht? Wenn man die falsche Wahl zwischen verschiedenen bürgerlichen Fraktionen verwirft, heißt das überhaupt nicht indifferent gegenüber den Klasseninteressen der Arbeiterklasse zu sein. Und wenn die herrschende Klasse sich entschließt, auf die Sozialdemokratie an der Regierung zurückzugreifen, setzt sie eine Trumpfkarte gegen die Arbeiterklasse ein.
"Man wirft uns vor, dass es uns gleichgültig sei, ob es eine rechte, linke oder faschistische Regierung gebe. Aber gegenüber dieser Frage wollen wir ein für allemal das folgende Problem aufwerfen: In Anbetracht der Änderungen der Lage nach dem Weltkrieg, stellt da nicht die Position, welche unsere Kritiker vom Proletariat verlangen, nämlich zwischen den am wenigsten schlechten Organisationsformen des kapitalistischen Staates zu wählen, die gleiche Position dar, welche von Bernstein vertreten wurde, welcher das Proletariat dazu aufrief, die beste Form des kapitalistischen Staates umzusetzen? Vielleicht antwortet man, es werde vom Proletariat nicht verlangt, die Sache der Regierung zu unterstützen, welche aus proletarischer Sicht als die beste Herrschaftsform angesehen werden könnte, sondern man wolle einfach die Positionen des Proletariats dadurch stärken, indem man dem Kapitalismus eine demokratische Herrschaftsform aufzwinge. In diesem Fall würde man nur die Sprache ändern, der Inhalt bliebe gleich. Wenn das Proletariat tatsächlich in der Lage wäre, der Bourgeoisie eine Regierungsform aufzuzwingen, warum sollte es sich dann auf ein solches Ziel beschränken, anstatt die zentralen Forderungen für die Zerstörung des kapitalistischen Staates vorzubringen. Andererseits wenn seine Kraft noch nicht für die Auslösung eines Aufstandes ausreicht, bedeutet die Orientierung des Proletariats hin zu einer demokratischen Regierung nicht, es anzuspornen zu einem Sieg über den Feind?
Das Problem besteht aber bestimmt nicht darin, wie es die Anhänger der "besten Wahl" sehen: das Proletariat hat seine Lösung des Problems des Staates. Und es hat keine Macht, keine Initiative hinsichtlich der Lösungen, die der Kapitalismus für das Problem seiner Macht bietet. Es liegt auf der Hand, dass man logischerweise mehr sehr schwache bürgerliche Regierungen finden kann, welche die Entwicklung des revolutionären Kampfes des Proletariats erleichtern werden. Aber es liegt vor allem auf der Hand, dass der Kapitalismus nur dann linke oder linksradikale Regierungen bilden wird, wenn diese unter den gegebenen Bedingungen der besten Form seiner Verteidigung entsprechen. 1971-21 kam die Sozialdemokratie an die Regierung, welche die bürgerlichen Interessen verteidigte und sie war die einzige Formation, welche eine Niederschlagung des Proletariats ermöglichte. Wenn man davon ausgeht, dass eine rechte Regierung direkt die Massen hin zum Aufstand orientiert hätte, hätten die Marxisten die Machtübernahme solch einer reaktionären Regierung befürworten sollen? Wir stellen diese Hypothese auf, um zu beweisen, dass es keine Formel einer "besseren oder schlechteren Regierung", die für das Proletariat allgemeingültig wäre, geben kann. Diese Begriffe dienen nur dem Kapitalismus in bestimmten Lagen. Die Arbeiterklasse hat dagegen zur Aufgabe, sich auf der Grundlage von Klassenpositionen zusammenzuschließen, um den Kapitalismus in all seinen Formen zu bekämpfen, sei es in seiner faschistischen, demokratischen oder sozialdemokratischen Gestalt" (BILAN, Nr. 7, "BILAN; Antifaschismus Nr. 7, Eine irreführende Ausrichtung" ).
Der Faschismus ist nicht der einzige Ausdruck der Tendenz zum Staatskapitalismus. Angetrieben durch die Notwendigkeit der Kriegsvorbereitungen, beeinflusste dieser alle Staaten, aber diese Tendenz kam je nach den Umständen in unterschiedlichen Formen zum Ausdruck. “Wir können heute zum Beispiel feststellen, dass sich nach 14 Jahren Faschismus in Italien nach der Zuspitzung der inter-imperialistischen Spannungen, die faschistische Bewegung kaum weiter ausbreitet, und dass sich dagegen der Gang der Ereignisse, welche zum Krieg führten, unter dem Schild des Antifaschismus in Frankreich abspielt oder der Abwesenheit eines jeglichen Nährbodens für den Faschismus und den Antifaschismus in England, eines der wohlhabendsten Kolonialreiche. Die Erfahrung zeigt jeden Tag, dass die unterschiedlichen diktatorischen oder faschistischen und liberalen oder demokratischen Regime an der Front der zwischenstaatlichen Kämpfe das Dilemma "Diktatur-Demokratie" entstehen lassen. Dies wurde schließlich zur Fahne, unter der später die Arbeitermassen für das weltweite Abschlachten mobilisiert wurden" (Bilan, Nr. 22, August-September 1935, Bericht zur Lage in Italien).
Die Mobilisierung der Arbeiterklasse für die antifaschistischen Fronten bedeutete natürlich ihre Mobilisierung für den imperialistischen Krieg. Diese Perspektive bahnte sich während der 1930er Jahre durch eine Reihe von Verzichten des Proletariats auf seine Klassenforderungen im ökonomischen Kampf unter dem Einfluss der verschiedenen antifaschistischen und demokratischen Komponenten der Bourgeoisie an: "In den letzten Monaten sind eine Reihe von Programmen und Plänen entwickelt und antifaschistische Organisationen in die Welt gesetzt worden, aber das hat keinesfalls Doumergue daran gehindert, die Renten massiv zu kürzen und somit ein Signal zu setzen für Lohnkürzungen, die der französische Kapitalismus überall durchdrücken will. Wenn auch nur ein Hundertstel der Aktivitäten, die um die Frage des Antifaschismus entfaltet wurden, auf die Bildung einer festen Front der Arbeiterklasse für die Auslösung eines Generalstreiks zur Verteidigung unmittelbarer Forderungen verwandt worden wären, ist es ganz klar, dass die Repressionsdrohungen nicht hätten umgesetzt werden können und die Arbeiter, sobald sie sich auf der Grundlage ihrer Klasseninteressen zusammengefunden hätten, wieder Selbstvertrauen gefasst hätten. Damit hätte eine Wende herbeigeführt werden können, in der wieder die Machtfrage hätte gestellt werden können, und zwar in der einzigen Form, in der sie für die Arbeiterklasse gestellt werden kann: Diktatur des Proletariats (…) Eine konkrete Position des Problems zeigt, dass die Formel des Antifaschismus nur Verwirrung stiftet und die sichere Niederlage der Arbeiterklasse vorbereitet" (BILAN, Nr. 7, Der Antifaschismus – Eine irreführende Ausrichtung" ).
Gegenüber der vorherrschenden Verwirrung stand BILAN vor der Aufgabe der Wiederherstellung des Marxismus, um so einen Kampf gegen die demokratischen Illusionen zu führen.
„Aber hier handelt es sich um den Bereich marxistischer Kritik, der die Unterdrückung der Klasse hinter der demokratischen und liberalen Fassade aufdeckt, und der gerade Marx zu der Schlussfolgerung führte, dass das Synonym von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" tatsächlich "Infanterie, Kavallerie und Artillerie" lautet“ (Bilan, Nr. 13, Faschismus, Demokratie, Kommunismus). Im gleichen Artikel erinnert Bilan an die Grundlagen des Marxismus hinsichtlich der Demokratie. „Am Ende des Weges des Klassenkampfes steht nicht das System der reinen Demokratie, denn das Grundlagenprinzip der kommunistischen Gesellschaft ist die Abwesenheit einer staatlichen, die Gesellschaft führenden Macht, während die Demokratie sich gerade darauf stützt. In ihrer liberalsten Erscheinung versucht sie immer die Ausgebeuteten zu verleumden, sie anzugreifen, die es wagen, ihre Interessen mit Hilfe ihrer Organisation zu vertreten, anstatt weiterhin den demokratischen Institutionen unterworfen zu bleiben, die nur dazu geschaffen wurden, um die Klassenausbeutung aufrechtzuhalten.“ Bilan erklärte „warum die Verteidigung der Demokratie in Italien - wie auch in Deutschland - letztendlich nur eine notwendige Bedingung für den Sieg des Faschismus war. Denn was unrichtigerweise "faschistischer Staatsstreich" genannt wird, ist schließlich ein mehr oder weniger friedlicher Machtwechsel zwischen einer demokratischen und einer neuen faschistischen Regierung.“ Es zieht daraus die Schlussfolgerung: „Das zu lösende Problem ist nicht die Zuordnung für das Proletariat von x-möglichen politischen Positionen für jeden möglichen Gegensatz in den verschiedenen Situationen, indem man es an dieses oder jenes Monopol oder den Staat bindet, die sich jeweils gegenüberstehen. Nein, das Proletariat muss seine organische Unabhängigkeit gegenüber jedem politischen und ökonomischen Ausdruck der Welt des Klassenfeindes bewahren“ (ebenda).
Daraus folgte klar, dass die Alternative Faschismus / Antifaschismus für das Proletariat eine falsche Alternative ist, die dazu dient, es von seinem Klassenterrain abzubringen. „Das Dilemma Faschismus-Antifaschismus wirkt ausschließlich zugunsten der Interessen des Feindes, und der Antifaschismus, die Demokratie betäuben die Arbeiter. (…) Diese Waffe des Antifaschismus lässt die Arbeiter blind werden, damit sie nicht mehr ihr eigenes Feld und den Weg ihrer Klasse sehen“. (ebenda)
In diesem Teil beschränken wir uns auf die Organisationen, die ihren Ursprung in der Italienischen Linken haben, und wir lassen dabei absichtlich die rätekommunistischen Strömungen außer Acht, da ihre militanten Aktivitäten und ihre Veröffentlichungen zum hier behandelten Thema trotz allem relativ zweitrangig waren. Diese Organisationen gehören zwei Flügeln der Kommunistischen Linken Italiens an: dem Flügel, der aus der in Italien 1943 entstandenen PCI hervorgegangen ist, und dem Flügel, der aus der Kommunistischen Linken Frankreichs hervorging, welcher die opportunistischen Grundlagen bei der Bildung der PCI nicht akzeptierte. Der erste Flügel, der sich nicht direkt auf BILAN beruft und einige der Beiträge von BILAN verwirft, brachte nach einer Spaltung 1952 verschiedene bordigistische Organisationen hervor, und andererseits die PCInt Battaglia Comunista. Der zweite Flügel, die Kommunistische Linke Frankreichs, die mehr unter dem Namen ihrer Zeitschrift Internationalisme bekannt ist, und die in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre bis Anfang der 1950er Jahre aktiv war, war der Vorfahre der IKS.
Diese beiden Komponenten berufen sich auf das Erbe Bordigas und BILANs hinsichtlich der Analyse des Faschismus und der falschen Alternative Faschismus/Antifaschismus. Aber sie zeigten nicht die gleiche Unnachgiebigkeit gegenüber Gruppen oder Leuten, die sich während des 2. Weltkriegs am “antifaschistischen Kampf” in unterschiedlichem Maße beteiligt hatten, und sich am Ende des Krieges weiter auf die Kommunistische Linke beriefen und von denen sich einige (Vercesi) gar an der Gründung der IKP-Italiens beteiligten. Darüber hinaus gelang es diesen beiden Komponenten nicht, ihren Analyserahmen an die Lage, die durch 1968 angebrochen war, auf die gleiche Weise anzupassen. Seitdem besteht die Perspektive in der Entwicklung des Klassenkampfes; die Übernahme der Macht durch den Faschismus steht nicht mehr auf der Tagesordnung, solange der Kurs hin zu verstärkten Klassenzusammenstößen andauert. Die Entblößung der faschistischen Gefahr, wie sie heute von den Bürgerlichen an die Wand gemalt wird, muss mit dieser Perspektive vor Augen erfolgen und nicht der der Wiederholung der 30er Jahre. Aber während es im Gegensatz zu den 30er Jahren der herrschenden Klasse heute nicht möglich ist, das Proletariat für einen imperialistischen Krieg zu mobilisieren, erfüllen die gegenwärtigen Kampagnen gegen die “faschistische Gefahr” eine arbeiterfeindliche Rolle, denn sie sollen die demokratische Verschleierung verstärken.
Die Wachsamkeit Internationalismes bei der Verteidigung des politischen Erbes, das von Bilan überliefert wurde, wird anhand des ‚Falls Vercesi‘ deutlich. Trotz seiner fehlerhaften Theoretisierungen hinsichtlich des Wesens des imperialistischen Krieges (6) hatte dieser Militant zuvor entschlossen den Antifaschismus als ein Instrument der Mobilisierung des Faschismus für den imperialistischen Krieg angeprangert. Aber während des 2. Weltkrieges beteiligte er sich am Antifaschistischen Komitee Brüssels, ohne davon die Italienische Fraktion, der er weiter angehörte, zu unterrichten. Nachdem diese davon erfahren hatte, schloss sie diesen am 20. Januar 1945 aus ihren Reihen aus. Man könnte dabei stehen bleiben, die ganze Angelegenheit des Verrats Vercesis zu bedauern, wenn dieser sich nicht nach dem Krieg an der Gründung der IKP beteiligt und sein gleichzeitiges Engagement auf Seiten der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie zu begründen versucht hätte. Diese Rechtfertigung stellt aber eine Infragestellung der Grundlagen der internationalistischen Position Bilans dar. Im Juni 1945 stellte sich Internationalisme entschlossen gegen solch eine Begründung: “Der Trotzkismus berief sich später auf die Dritte Internationale, um dann der sozialistischen Partei und den Parteien der Zweiten Internationale beizutreten. Die stalinistischen Parteien beriefen sich auf Lenins frühere Position gegen den Krieg, nur um den Krieg heute zu unterstützen. Die Anarchisten beriefen sich auf Bakunin bei ihrer Verwerfung der staatlichen Repression, wobei sie gleichzeitig ihre Unterstützung des kapitalistischen spanischen Staates und dessen Repression gegen die Arbeiter 1936 rechtfertigten. Vercesi machte keine Ausnahme; er ‚bestätigte‘ seine frühere Position gegen den Antifaschismus, um den heutigen Antifaschismus zu bekräftigen. Schauen wir, was er schreibt: “Ich bestätige also, dass es richtig war kundzutun, dass die indirekte Taktik, die in der antifaschistischen Formel zum Ausdruck kam, zu einem Prinzipienbruch führte. Der Krieg bewies dies. Heute bestätigt sich dies erneut, wenn wir gegenüber dem kapitalistischen Staat, welcher unfähig ist den Faschismus und die Faschisten zu liquidieren, die gewalttätige Opposition des Proletariats gegen die Faschisten und den Faschismus fordern, und auf den Zusammenprall zwischen dem Proletariat und dem kapitalistischen Staat hinarbeiten. ”Damit die vielen Worte nicht verhindern, dass der Leser den Kern der Debatte aus den Augen verliert, möchten wir hervorheben, dass es nicht darum geht, ob man den gewalttätigen Widerstand des Proletariats gegen den Faschismus fordert. Damals wie heute forderten und fordern wir weiter den Widerstand des Proletariats gegen den Faschismus. Die Frage ist, wie, mit welcher Methode, auf welcher Grundlage muss dieser Aufruf erfolgen? Soll dieser Widerstand auf der Grundlage des Klassenkampfes, mit einer Klassenperspektive, auf unabhängigem Klassenboden, unabhängig von allen politischen und organisatorischen Gebilden des Kapitalismus geleistet werden, oder soll dies durch Zusammenarbeit mit den Gruppen geschehen, die mit dem Faschismus aufgrund ihres Klassencharakters verbunden sind? D.h. durch antifaschistische Komitees, in dem diejenigen zusammengeschlossen werden, die dem Faschismus den Weg bereitet haben? Nur darum dreht sich die Debatte, und das ganze Geschwafel um die Aufforderung des Kampfes gegen den Faschismus vernebelt nur die ganze Frage” (Internationalisme, Nr. 4, Der Neo-Antifaschismus, Juni 1945).
Während Internationalisme nichts Spezifisches zur Bereicherung der Analyse Bilans zur Frage des Faschismus und Antifaschismus beitrug, leistete es jedoch einen wesentlichen Beitrag zur Verstärkung der theoretischen Grundlagen dieser Analyse und seiner Beziehung zum Staatskapitalismus. Internationalisme, das die Grundlagen der Analyse des kapitalistischen Wesens Russlands vertiefte, unterstrich insbesondere: “Man kann die Tendenz nicht leugnen, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln immer mehr beschränkt wird; dies ist in immer mehr Ländern zu beobachten. Diese Tendenz konkretisiert sich in der Bildung eines Staatskapitalismus, welcher die Hauptbranchen der Produktion und des Wirtschaftslebens insgesamt verwaltet. Der Staatskapitalismus ist kein Anhängsel einer Fraktion der Bourgeoisie oder einer besonderen Schule. Er hat sich sowohl im demokratischen Amerika wie in Hitler-Deutschland und im von der Labour-Partei regierten England wie im ‚sowjetischen‘ Russland niedergelassen” (Internationalisme, Nr. 10. Die russische Erfahrung).
Dank des programmatischen Rahmens, der von der Italienischen Linken geerbt wurde, veröffentlichte die IKP 1960 in ihrer Zeitschrift Programme Communiste Nr. 11 den wichtigen Artikel "Auschwitz oder das große Alibi", der seitdem als Broschüre veröffentlicht wurde.
Dieser Artikel wendet ausgezeichnet den Marxismus auf die Analyse des Holocausts während des 2. Weltkriegs an und entlarvt die ideologische Ausbeutung der Todeslager durch die Demokratie und die Siegermächte des 2. Weltkriegs. Es ist kein Zufall, dass dieser Artikel auf dem Höhepunkt der jüngsten antifaschistischen Kampagnen der Demokratien (7) die Angriffe der Herrschenden auf sich gezogen hat. Die demokratischen und linksextremen Fraktionen haben die Aufgabe übernommen, diesen Text mittels Verleumdungen und Lügen zu zerreißen. Denn der Text prangert die "Heuchelei der Bourgeoisie an, die uns glauben machen wollen, dass Rassismus und Antisemitismus für die Leiden und die Massaker verantwortlich seien, die insbesondere den Tod von sechs Millionen Jugend im 2. Weltkrieg verursacht haben. Der Text legt die wirklichen Wurzeln für die Auslöschung der Juden bloß. Diese Wurzeln können nicht im Bereich der ‚Ideen‘ gefunden werden, sondern in der Funktionsweise der kapitalistischen Wirtschaft selbst und der gesellschaftlichen Widersprüche, die dieser hervorbringt. Er verdeutlicht ebenso, „während der deutsche Staat der Henker der Juden war, in Wirklichkeit alle bürgerlichen Staaten mitverantwortlich sind für deren Tod, über den sie jetzt Krokodilstränen vergießen.“ (siehe unseren Artikel „Antinegationistische Kampagnen – ein Angriff gegen die Kommunistische Linke“).
So aufschlussreich dieser Artikel auch ist und obwohl im Allgemeinen die Analysen der IKP zur Frage des Faschismus und des Antifaschismus richtig sind, sind diese dennoch von einigen Schwächen geprägt, die wir erwähnen wollen. Der folgende Auszug aus einem Flugblatt der IKP („Auschwitz oder das große Alibi: was wir leugnen und was wir bekräftigen"), das zur Verteidigung ihrer Broschüre gegen die Angriffe der Bourgeoisie verfasst wurde, belegt dies: "8) Wir leugnen, dass man gegen den Faschismus kämpfen kann, indem man die Aufrechterhaltung einer idealisierten Demokratie fordert. Wir verneinen auch, dass man gegen die Monopole kämpfen könne, indem man für die freie Konkurrenz plädiert. Wir bekräftigen, dass ein 'wirklicher Kampf' gegen den Faschismus verlangt, dass man einen wirklichen Kampf gegen den Kapitalismus führt. Wir behaupten sogar, dass die antifaschistische Propaganda nur auf der Grundlage einer ernsthaften antikapitalistischen Propaganda betrieben werden kann.
9) Wir leugnen, dass wichtige Fraktionen der Bourgeoisie wirksam gegen den Faschismus kämpfen können. Wir bekräftigen, wenn die Lage es erforderlich macht, schließen sich die ausschlaggebenden Zentren des Großkapitals dem Faschismus an. Sie ziehen dabei eine große Mehrheit Bürgerlicher und Kleinbürger auf ihre Seite.
10) Wir verneinen, dass große antifaschistische Fronten sich ernsthaft dem Aufstieg des Faschismus entgegenstellen. Wir sagen, dass diese in Wirklichkeit einen wirksamen antifaschistischen Kampf verhindern: Die Geschichte und Theorie – wie die gegenwärtige Polemik es belegt – unter dem Vorwand, dass man die Einheit aufrechterhalte und die "Front" nicht aufbrechen wolle, untersagt den radikalsten Leuten noch nicht mal auf Propagandaebene einen konsequenten anti-kapitalistischen Kampf zu führen."
Ungeachtet all der Einschränkungen, die im Kampf gegen den Faschismus entstehen, lassen diese Zeilen, aus einer Perspektive der Arbeiterklasse gesehen, den Weg offen für die Möglichkeit und Notwendigkeit eines solchen Kampfes. Auch ist damit die Idee verbunden, dass der Faschismus heute für die Arbeiterklasse eine Gefahr bedeutet. So verstärkt die IKP, ohne sich dessen bewusst zu sein, die Glaubwürdigkeit der Kampagnen der Herrschenden, welche vor der faschistischen Gefahr warnen. Aber wie wir aufgezeigt haben, stehen wir heute nicht vor der Gefahr des Faschismus, sondern die Hauptgefahr für die Arbeiterklasse besteht darin, dass sie sich für die Verteidigung der Demokratie einspannen lässt. Wenn in den Kampagnen zur Verteidigung der Demokratie, die vor allem von den linken und extrem-linken Parteien des Kapitals getragen werden, vor der extremen Rechten als einer tödlichen Gefahr für die Arbeiterklasse gewarnt wird, soll damit das wahre Gesicht der Demokratie vertuscht werden. Die rechten und extrem-rechten Parteien sind natürlich offen gegen die Arbeiterklasse eingestellt. Aber die Linken und Extrem-Linken Gruppen handeln viel verdeckter und eigentlich wirksamer gegen die Arbeiterklasse, dadurch werden sie für die Arbeiterklasse viel gefährlicher. Die KPs und SPs sind schon als Henker der Arbeiterklasse aufgetreten. Sie werden dies erneut tun, genau so wie die extreme Linke, wenn die Bedingungen dafür vorhanden sind.
Diese Schwächen der Intervention der IKP sind nicht auf eine unvollkommene theoretische Analyse zurückzuführen, sondern auf eine Tendenz, die von der Linken in Italien verwendeten Parolen schematisch zu übertragen, als diese zu Beginn der 1920er Jahre mit dem Faschismus an der Macht konfrontiert war. Auf dem damaligen Hintergrund, der sich von der heutigen Lage stark unterscheidet, hatten diese Parolen gegen den Faschismus eine andere Bedeutung, da sie der Mobilisierung gegen eine an der Macht befindliche Partei dienten, welche die Staatsgeschäfte führte. Damit waren diese gegen die Macht und die kapitalistische Gesellschaft insgesamt gerichtet.
(Fußnoten)
1) Man muss feststellen, dass dieser Absatz im Gegensatz zu den späteren Theoretisierungen und der programmatischen Positionen der bordigistischen Anhänger Bordiga zur Zeit der revolutionären Welle die Idee nicht verwarf, dass der Kapitalismus in seine Niedergangsphase eingetreten war.
2) Zu denjenigen, die die Analyse vertraten, dass der Faschismus ein Ausdruck einer reaktionären Bewegung war, gehörte auch Gramsci, aus dessen Sicht der Faschismus ein Ausdruck der rückständigen Bauernschichten Süditaliens war. Die Wirklichkeit bestätigte die Analyse Bordigas insbesondere hinsichtlich der Tatsache, dass der Faschismus wie auch die Demokratie dazu in der Lage seien, die Produktivkräfte zu entwickeln.
(3) Die totalitäre und karikaturale Form, welche der Staatskapitalismus in der UdSSR annahm, ist durch die besonderen historischen Bedingungen zu erklären, unter denen er entstanden ist. Die Bourgeoisie in Russland, welche sich im Rahmen der inneren Entartung der Revolution bildete, ging nicht aus der alten zaristischen Bourgeoisie hervor, die durch das Proletariat 1917 abgeschafft worden war, sondern aus der parasitären Bürokratie des Staatsapparates, mit der sich die Bolschewistische Partei unter der Führung Stalins immer mehr vermischte. Es war die Bürokratie des Partei-Staates, welche die Kontrolle dieser Wirtschaft durch die Eliminierung Ende der 1920er Jahre aller Teile, die eine Privatbourgeoisie hätten bilden können, und mit der sie sich verbündet hatte, übernahm, um die Verwaltung der Volkswirtschaft sicherzustellen (Landbesitzer und Spekulanten des NEP).
(4) Die Position der IKS ist, dass die Arbeiterklasse ihre Unabhängigkeit als Klasse gegenüber diesem Halbstaat bewahren muss, der mit der Entfaltung der Weltrevolution absterben muss, und der wie jeder Staat von seinem Wesen her konservativ ist. In ihren Räten organisiert, muss die Arbeiterklasse auch die Aufgabe der Umwandlung der Gesellschaft anpacken, mittels der Diktatur über die ganze Gesellschaft und den Staat selbst.
(5) Wie wir in der Einleitung zu dieser Broschüre gesagt haben, stellte sich Bilan die Aufgabe, die Lehren aus der ersten Welle revolutionärer Kämpfe und ihrem Scheitern als Vorbedingung für den Sieg einer zukünftigen proletarischen Erhebung zu ziehen. Aber die Klarheit hinsichtlich der wesentlichen Frage des Zeitraums entstand nicht spontan und unmittelbar, sondern dank eines kollektiven Nachdenkens und der Gegenüberstellung dieser Analyse mit der Wirklichkeit. So benutzte Bilan damals noch Formulierungen wie die UdSSR als "Arbeiterstaat" und von den kommunistischen Parteien als "zentristischen" Parteien. Erst im 2. Weltkrieg entwickelte die Italienische Linke eine umfassendere Analyse des kapitalistischen Wesens der UdSSR und der stalinistischen Parteien. Aber das hinderte die Revolutionäre schon in den 1930er Jahren nicht daran, die Stalinisten rücksichtslos und energisch als die Kräfte zu entblößen, "die für die Konsolidierung der kapitalistischen Welt insgesamt wirken", und somit "ein Element beim Sieg der Faschisten" sind. Dieses Hinterherhinken Bilans gegenüber der Lage kann durch die Tatsache erklärt werden, dass die Gruppe noch geprägt war von den Verwirrungen, die mit der großen Verbundenheit der Revolutionäre mit dieser einzigartigen Erfahrung zusammenhing.
Aber aus der Sicht Bilans hat Russland mehr als das Wirken des Kapitals in den anderen Teilen der Welt die entscheidende Rolle bei dem Sieg der Konterrevolution gespielt: "Die Rolle Russlands hat mehr dazu beigetragen, die Idee der proletarischen Revolution und des proletarischen Staates zu Grabe zu tragen als die furchtbare Repression durch den Kapitalismus" (Bilan, Nr. 17, April 1935, Von der Pariser Kommune zur russischen Kommune.)
(6) Am Vorabend des Krieges beteiligte er sich 1937 an der politischen Entwaffnung der Fraktion durch seine Theorie, der zufolge der Weltkrieg nicht mehr auf der Tagesordnung der Geschichte stünde, die lokalen Kriege hätten zur Folge, dass der Ausbruch des Weltkrieges hinausgeschoben würde. Dieser gleichen Theorie zufolge besteht die Funktion des Krieges nicht mehr in der Neuaufteilung des Weltmarktes, sondern in der Massakrierung der Arbeiterklasse.
(7) Auszug aus der Einleitung zur Wiederveröffentlichung des Artikels in Form einer Broschüre als Beilage zur Zeitung „Le Prolétaire“ der Internationalen Kommunistischen Partei (Programme communiste).
(8) siehe unseren Artikel: "Antinegationistische Kampagnen: ein Angriff gegen die Kommunistische Linke"…
Die Morde vom 11., 15. und 19. März in Toulouse und Montauban und deren Folgen sind ein schlagender Beweis der Barbarei, in welche die gegenwärtige Gesellschaft versinkt.
Den Aussagen von Präsident Sarkozy zufolge war Mohamed Merah, der junge Mann aus Toulouse, welcher diese Verbrechen beging und schließlich von der RAID erschossen wurde, ein „Monster“. Diese Aussage wirft zumindest zwei Fragen auf:
Was ist ein „Monster“?
Wie konnte die Gesellschaft solch ein „Monster“ hervorbringen?
Wenn jemand, der kaltblütig unschuldige Menschen ermordet - in diesem Fall handelte es sich gar um Unbekannte - , zu einem „Monster“ wird, dann müsste die ganze Welt von „Monstern“ regiert werden, da ein Großteil der Staatschefs der Welt solche Verbrechen begangen hat. Das trifft nicht nur auf ein paar „blutigen Diktatoren“ zu wie damals Stalin oder Hitler oder Gaddafi oder Assad in der jüngsten Zeit. Was soll man von Winston Churchill, dem „großen Führer“ im 2. Weltkrieg halten, der die Bombardierungen der deutschen Städte wie Hamburg im Sommer 1943 und Dresden vom 13-15. Februar 1945 befahl, bei denen Zehntausende, ja Hunderttausende zivile Opfer zu beklagen waren, darunter 50% Frauen und 12% Kinder? Wie steht es um Harry Truman, Präsident der “großen US-Demokratie”, der den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 befahl, bei denen mehrere Hunderttausend Zivilisten als Opfer zu beklagen waren, auch wiederum in der Hauptzahl Frauen und Kinder? Diese Getöteten waren keine „Kollateralschäden“ von Kriegshandlungen, die gegen militärische Ziele gerichtet waren. Diese Bombardierungen zielten ausdrücklich auf Zivilisten, insbesondere im Falle Deutschlands auf diejenigen, die in den Wohnvierteln lebten. Heute rechtfertigen die Staatschefs ständig die Bombardierungen der Zivilbevölkerung im Irak, Afghanistan, Gaza und vielen anderen Gebieten.
Um die politischen und militärischen Führer „freizusprechen“, hört man immer wieder, dass all diese Verbrechen der unvermeidliche Preis seien, den man zahlen müsse, um den Krieg gegen die „Kräfte des Bösen“ zu gewinnen. Selbst Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung werden so gerechtfertigt: Diese Vergeltungsmaßnahmen sollen den Feind „demoralisieren“ und „abschrecken“. Genau das hat auch Mohamed Merah behauptet, wenn man den Aussagen der Polizisten folgt, die mit diesem vor dessen Erschießung gesprochen haben: Indem er die Soldaten angriff, wollte er seine „Brüder in Afghanistan“ rächen; durch den Angriff auf die Kinder einer jüdischen Schule wollte er die „Kinder des Gaza-Streifens“ rächen, die Zielscheibe der israelischen Bombardierungen geworden waren.
Aber was Mohamed Merah vielleicht zu einem “Monster” werden ließ, ist dass er selbst den Abzug der Waffe bedient hat, die ihn niederstreckte? Meistens stehen die Führer, die Massaker befehlen, nicht im direkten Kontakt mit ihren Opfern: Churchill hat nicht selbst die Bomben auf die deutschen Städte abgeworfen, und er hatte keine Gelegenheit gehabt, die Frauen und Kinder sterben zu sehen, die von den Bombenteppichen getroffen wurden. Aber trifft das nicht auch auf Hitler und Stalin zu, die zurecht als gemeine Verbrecher angesehen wurden? Die Soldaten, die vor Ort unbewaffnete Zivilisten töten, entweder auf Befehl oder aus eigenem Hass, werden selten als „Monster“ angesehen. Ziemlich oft erhalten diese gar Auszeichnungen und werden häufig als „Helden“ geehrt.
Ob Staatsführer oder einfache Staatsbürger, die für den Krieg rekrutiert wurden, die “Monster” sind in dieser Gesellschaft im Überfluss vorhanden. Sie sind vor allem das Ergebnis einer Gesellschaft, deren Wesen monströs ist. Der tragische Lebensweg Mohamed Merahs führt dies deutlich vor Augen.
Mohamed Merah stammte aus dem maghrebinischen Arbeitermilieu. Seine Mutter hatte ihn als alleinstehende Frau erziehen müssen. In der Schule war er gescheitert; mit dem Gesetz war er mehrfach in Konflikt geraten. Als Minderjähriger hatte er sich mehrere kleinere Vorstrafen wegen Gewalttaten eingehandelt, für die er mit Gefängnis bestraft wurde. Mehrfach war er arbeitslos. Seine Versuche, in die Armee aufgenommen zu werden, schlugen aufgrund seines Vorstrafenregisters fehl. In der gleichen Zeit näherte er sich dem radikalen Islamismus; dabei wurde er scheinbar durch seinen älteren Bruder beeinflusst.
Dies ist ein klassischer Werdegang vieler Jugendlicher heute. Es stimmt zwar, dass nicht all diese Jugendlichen zu Mördern werden. Mohamed Merah war besonders zerbrechlich, wie sein Selbstmordversuch während seines Gefängnisaufenthaltes bezeugt sowie seine Zeit in psychiatrischer Behandlung. Aber es ist aufschlussreich – wie die Versuche im Internet bezeugen, ihm nachträglich Ruhm zu verleihen – dass Mohamed Merah jetzt schon als „Held“ von vielen Jugendlichen aus den Vorstädten betrachtet wird, genau wie die Terroristen, die sich mit Bomben am ihrem Körper in Israel, im Irak oder in London auf öffentlichen Plätzen in die Luft sprengen lassen. Das Abgleiten in den extremistischen und gewalttätigen Islam betrifft vor allem Länder mit großer muslimischer Bevölkerung, wo dies gar massenhafte Ausmaße annehmen kann wie zum Beispiel der Erfolg der Hamas im Gaza-Streifen belegt. Wenn es um Jugendliche geht, die in Frankreich geboren wurden (oder in anderen Ländern Europas), ist dies meistens auf die gleiche Ursache zurückzuführen: Die Revolte gegen die Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit und das Gefühl ausgegrenzt zu werden. Die „Terroristen“ des Gaza-Streifens werden unter Jugendlichen rekrutiert, die seit Jahrzehnten in der Misere und Arbeitslosigkeit leben, und die die Kolonisierung durch den Staat Israel erlebt haben und weiterhin regelmäßig Bombenangriffe durch den israelischen Staat erleiden, ohne Hoffnung auf „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes“. (Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, 1844, MEW, Bd. 1, S. 378-379. )irgendeine Verbesserung ihrer Lage.
In Anbetracht einer unhaltbaren Lage heute und der Perspektivlosigkeit der Zukunft sehen die Menschen keinen anderen Trost und Hoffnung als die Flucht in die Religion, welche ihnen das Paradies nach dem Tod verspricht. Indem sie Irrationales anbieten (da sie sich auf den Glauben und nicht auf ein rationelles Denken stützen), sind die Religionen ein fruchtbarer Nährboden für den Fanatismus, d.h. die radikale Verwerfung der Vernunft. Wenn dann noch die Komponente des „heiligen Krieges“ gegen die „Ungläubigen“ hinzukommt als ein Mittel, den Zugang zum Paradies zu erhalten, (wie im Falle des Islams und des Christentums) und zudem noch Elend und Hoffnungslosigkeit und Erniedrigung zum Alltag gehören, sind sie zu einer ‚himmlischen‘ Rechtfertigung der Gewalt, des Terrorismus und der Massaker bereit.
Im Herbst 2005 hat die Welle von gewaltsamen Ausschreitungen in den französischen Vororten diese Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit der Jugendlichen zum Ausdruck gebracht, die immer mehr in der Massenarbeitslosigkeit hängenbleiben, insbesondere sind davon die Jugendlichen aus dem Maghreb und der Subsahara getroffen. Sie sind doppelt „bestraft“: neben der Ausgrenzung durch die Arbeitslosigkeit und der Ausgrenzung aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Namens. Bei gleichem Bildungsstand oder Ausbildungsstand werden Josef oder Marie mehr Chancen haben, eine Arbeit zu finden als Jussuf oder Mariam, vor allem falls Letztere noch ein Kopftuch trägt, wie es seine Familie verlangt.
Auf diesem Hintergrund kann der Rückzug in “Gemeinschaften”, von denen die Soziologen sprechen, die Lage nur noch verschlimmern; wobei durch die Religion nur noch alles zementiert wird. Die internationale Lage spitzt das Ganze noch einmal zu, da Fremdenhass und Rassenhass noch zunehmen, wenn zum Beispiel der Staat Israel (damit die Juden) als „Feindbild“ schlechthin angesehen wird.
Den Informationen der Polizei zufolge hat sich Mohamed Merah am 19. März in eine jüdische Schule „zurückgezogen“, weil er keinen Soldaten gefunden hatte, den er abknallen konnte. In der jüdischen Schule tötete er schließlich drei Kinder und einen Lehrer. Dieses barbarische Verbrechen ist nur der Höhepunkt einer sehr judenfeindlichen Entwicklung unter vielen Muslimen. Aber die Judenfeindlichkeit ist eigentlich keine historische Besonderheit des Islams, im Gegenteil. Im Mittelalter war die Lage der Juden in den vom Islam dominierten Ländern besser als in den vom Christentum beherrschten Ländern. Im christlichen Westen wurden die Juden (denen man vorwarf, „Mörder“ Jesus zu sein) als die Sündenböcke für die Hungersnöte, die Epidemien oder die politischen Schwierigkeiten angesehen, während die Beziehungen und die Zusammenarbeit zwischen den Juden und den Muslimen sich gleichzeitig in den arabisch-muslimischen Ländern verbesserten. In Cordoba, der Hauptstadt (des muslimischen) Andalusiens übten die Juden wichtige Posten im Bereich der Diplomatie oder im Bildungswesen als Universitätsgelehrte aus. In Spanien waren die ersten massiven Judenverfolgungen das Werk der „katholischen Könige“, die die Jagd auf die Juden und die Muslime im Jahr der Eroberung Amerikas 1492 anzettelten. Später lebten die Juden im süd-östlichen Mittelmeerraum viel besser als in den christlichen Ländern (ob unter den Katholiken oder den Orthodoxen). Das Wort „Getto“ ist italienischen Ursprungs (15. Jahrhundert), das Wort „Pogrom“ ist russischen Ursprungs (19. Jahrhundert). Der Zionismus nahm in Europa in Anbetracht der Pogrome im Osten und der antisemitischen Welle der Dreyfuß-Affäre in Frankreich seinen Auftrieb - und nicht aufgrund der Entwicklung im Maghreb oder im Mittleren Osten. Diese nationalistische Ideologie, die am Ende des 19. Jahrhunderts aufblühte, trat für die Rückkehr der Juden und die Schaffung eines religiösen Staates auf dem Gebiet Palästinas ein, auf dem nunmehr hauptsächlich Muslime lebten. Die Schaffung einer „jüdischen Heimstätte“ in Palästina nach dem 1. Weltkrieg unter britischem Mandat, wo in den 1930er Jahren viele Opfer der Naziverfolgungen Zuflucht suchen, leitete den Beginn des ständigen Interessenkonfliktes zwischen Juden und Muslimen ein. Aber vor allem die Schaffung 1948 des Staates Israel, das Hunderttausende Überlebende der Shoah aufnehmen sollte, die alles verloren hatten, sollte die Feindseligkeit zwischen Muslimen und Juden ständig anfachen, insbesondere nachdem mehr als 750.000 Araber vertrieben wurden.
Die verschiedenen Kriege zwischen Israel und den arabischen Staaten, die Errichtung von Kolonien in den besetzten Gebieten durch Israel erschweren nur die Lösung und sind Wasser auf die Propagandamühlen der Regierungen der Region, die in der israelischen Siedlungspolitik einen willkommenen Vorwand finden, um die Wut der Bevölkerung über ihre Armut und Unterdrückung abzulenken. Das Gleiche trifft auf die rhetorischen oder bewaffneten Kreuzzüge der USA und ihrer westlichen Verbündeten und Israel gegen muslimische Länder (Irak, Iran, Afghanistan) im Namen des Kampfes gegen den „islamischen Terrorismus“ zu. Aus der barbarischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hervorgegangen, mitten im Zentrum einer strategisch und wirtschaftlich Schlüsselregion entstanden, sind der israelische Staat und seine Politik dazu gezwungen, die Spannungen im Nahen und Mittleren Osten und der Hass der Juden unter den Muslimen weiter anzufachen.
Mohamed Merah ist tot; sein Körper wurde von Schüssen durchsiebt, aber die Ursachen für seinen tragischen Werdegang sind damit nicht verschwunden. Mit der Zuspitzung der Wirtschaftskrise eines dahinsiechenden kapitalistischen Systems, mit dem unaufhaltsamen Ansteigen der Arbeitslosigkeit, der Prekarisierung und der Ausgrenzung, insbesondere unter den Jugendlichen, werden die Hoffnungslosigkeit, der Hass und der religiöse Fanatismus noch weiter zunehmen. Die kleinen Gangster der Drogenbanden oder des „Jihad“ werden damit über noch mehr Kanonenfutter verfügen. Das einzige Gegengewicht gegen dieses Versinken in der Barbarei liegt in der massiven und bewussten Entfaltung der Arbeiterkämpfe, die den Jugendlichen eine wirkliches Identitätsgefühl vermitteln können – eine Klassenidentität, eine wahre Gemeinschaft der Ausgebeuteten und nicht der „Gläubigen“. Diese wahre Solidarität kann sich im Kampf gegen die Ausbeutung unter den Beschäftigten und Arbeitslosen aller Rassen, Nationalitäten und Religionen entwickeln. Dann wird man erkennen, dass nicht die Juden aus der Welt geschafft werden müssen, sondern der Kapitalismus. Nur diese Arbeiterkämpfe werden den Nahen und Mittleren Osten aus dem ständigen Krieg herausführen können, wenn die jüdischen und muslimischen ArbeiterInnen, wenn die ArbeiterInnen auf jeder Seite der „Mauer der Schande“ verstehen, dass sie solidarisch vorgehen müssen gegen ihre Ausbeutung. Die Arbeiterkämpfe müssen dann immer deutlicher werden lassen, dass die einzige Perspektive, die die Menschheit aus der Barbarei führen kann, die Überwindung des Kapitalismus und die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft ist. Fabienne, 29. 3. 2012
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Eine der Vorstellungen, die kürzlich bei einem Treffen der Occupy-Bewegung in London geäußert wurde, ist, dass die herrschende Klasse die gegenwärtige ökonomische Krise bewusst herbeigeführt habe, um ihre eigene Macht zu bewahren. Solche Vorstellungen sind nichts Neues; Verschwörungstheorien gibt es, seit es Regierungen und Klassengesellschaften gibt, auch wenn sie sich in Umfang und Plausibilität erheblich unterscheiden. Selbst in der Antike gab es sie, etwa wenn zeitgenössische Historiker Nero beschuldigten, den Brand von Rom selber verursacht zu haben.
In der Neuzeit, mit dem Aufstieg der Rothschild-Dynastie im internationalen Bankwesen und der Rolle, die sie bei der Finanzierung der Engländer in den Napoleonischen Kriegen spielte, hat die Idee, dass die Bankeliten ökonomische Krisen und Kriege zu ihren eigenen Zwecken herbeiführen, immer wieder Gehör gefunden.
Heutzutage, in einer Zeit, in der die Massen versuchen, die ökonomischen Katastrophe zu verstehen, die die Gesellschaft bis in ihre Grundfesten erschüttert, wenden sich viele Verschwörungstheorien zu, wenn sie die Ursachen der gegenwärtigen Situation zu verstehen versuchen.
Solche Vorstellungen sind nicht mehr die Domäne von “verrückten” Extremisten. So haben etwa Befragungen gezeigt, dass Verschwörungstheorien über den 11. September in der US-amerikanischen Bevölkerung weit verbreitet sind. Eine Studie von 2004 belegt, dass 49% der Bewohner New Yorks glaubten, dass Teile der US-Regierung im Voraus über die drohenden Angriffen informiert waren und sie geschehen ließen.
Wir von der IKS wurden auch beschuldigt, Verschwörungstheoretiker zu sein, weil wir die These des “Machiavellismus” der herrschenden Klasse vertreten. Wir sind jedoch überzeugt, dass es einen grundlegenden Unterschied gibt zwischen einer marxistischen Analyse der politischen Verhältnisse und den ideologischen Versatzstücken, auf denen zahlreiche Verschwörungstheorien beruhen. Das versuchen wir, in diesem Artikel darzulegen.
Eine weitere historisch frühe Verschwörungstheorie hat den sogenannten Gunpowder Plot von 1605 zum Gegenstand. Damals versuchten britische Katholiken, während der Parlamentseröffnung am 5. November den protestantischen König von England, Jakob I., seine Familie, die Regierung und alle Parlamentarier zu töten. Es wird angenommen, dass Lord Salisbury an dieser Verschwörung entweder federführend beteiligt gewesen war oder aber, nachdem er davon Kenntnis erhielt, die Verschwörer gewähren ließ, um um ein hartes Vorgehen gegen Katholiken in England zu rechtfertigen. Ein solches Vorgehen unter „falscher Flagge“ - verdeckte Operationen, die bewusst so aussehen, als seien sie von einer feindlichen Gruppe oder Macht geplant, und deshalb als Legitimation für ein Vorgehen gegen sie herhalten können - ist ein Leitmotiv in zahlreichen Verschwörungstheorien.
Die meisten “Falsche Flagge”-Theorien fallen in den Bereich der Verschwörungstheorien, den man noch am ehesten als plausibel bezeichnen könnte. Ihre Plausibilität erhalten sie dadurch, dass es in der Tat zahlreiche historisch belegte Operationen unter falscher Flagge gab. So etwa:
- der angebliche Überfall auf den Sender Gleiwitz: 1939 rechtfertigte Deutschland den Einmarsch in Polen durch den Angriff einer Gruppe polnischer Soldaten auf eine deutsche Radiostation. Tatsächlich wurde diese Aktion von SS-Kommandos in polnischer Uniform ausgeführt;
- die Operation Susannah: sie war ein Versuch der israelischen Sicherheitskräfte, Bomben in verschiedenen Hotels in Ägypten zu platzieren, für die dann islamische Extremisten oder Kommunisten verantwortlich gemacht werden würden. Die Operation Susannah ist auch als Lavon-Affäre bekannt, da der israelische Verteidigungsmister Pinhas Lavon nach Bekanntwerden des Plans zurücktreten musste;
- die so genannte Operation Northwoods: diese Operation wurde vom Stabschef der Kennedy-Administration vorgeschlagen. Im Rahmen dieser Operation sollten terroristische Anschläge in den USA verübt werden, um ein militärisches Vorgehen gegen Kuba zu rechtfertigen. Auch wenn Northwoods nie in die Tat umgesetzt wurde, zeigt es jedoch deutlich, dass diese Art von Operationen ernsthaft in den obersten Rängen des Staates diskutiert wurde.
Weitere Beispiele für historisch belegte Verschwörungen:
- Der Ebert Gröner Pakt war eine geheimes Abkommen zwischen Friedrich Ebert, dem Vorsitzenden der SPD, und Wilhelm Gröner, dem Oberbefehlshaber der Reichswehr, im Jahr 1918 während der Deutschen Novemberrevolution. Dabei sorgte die regierende SPD für die Legitimation, indem sie behauptete, im Namen der Arbeiter zu handeln, während die Rechte in Gestalt der brutalen Freikorps, aus denen später die SA und SS hervorgingen, für militärische Schlagkraft sorgte.
- Die Propaganda Due (P2) Loge war ein Staat im Staate, die Unterstützer in der gesamten italienischen herrschenden Klasse hatte. Es wird vermutet, dass sie sowohl Verbindungen zur Mafia als auch zum Vatikan hatte und italienische Politiker, Geschäftsleute und Funktionäre des Staates ebenso wie Vertreter der Polizei und der Sicherheitsapparate ihr angehörten. P2 wurde 1981 im Rahmen der Untersuchungen des Zusammenbruchs der Banko Ambrosiano aufgedeckt. Ihr werden enge Kontakte zur dubiosen Operation Gladio nachgesagt.
- Die Operation Gladio selber wurde ursprünglich von der NATO als militärische Widerstandsorganisation ins Leben gerufen für den Fall, dass die Sowjetunion in Europa einmarschierte oder eine kommunistische Regierung in einem europäischen Staat an die Macht käme. Eng verbunden mit dem rechten Flügel der Bourgeoisie und dem organisierten Verbrechen, sollten diese Strukturen versuchen, das politische und gesellschaftliche Leben unter einem neuen Regime durch Subversion und Terror zu erschüttern. Außerdem wurde Gladio und P2 vielfach eine Beteiligung an terroristischen Anschlägen im Italien der Nachkriegszeit nachgesagt. Obwohl sich Gladio in erster Linie auf Italien konzentrierte, existierten ähnliche Netzwerke überall in Europa, die auch unter dem Sammelbegriff Gladio gefasst werden.
Man kann also festhalten, dass einige Verschwörungen eine historisch gesicherte Tatsache sind. Allerdings bedeutet das natürlich nicht, dass jedes bedeutende Ereignis durch eine Verschwörung zustande kam; es bedeutet jedoch auch nicht, dass wir naiv jede Vorstellung von bürgerlichen Intrigen als bloße Verschwörungstheorie wegwischen können.
Es versteht sich von selbst, dass, auch wenn es nachgewiesenermaßen Verschwörungen gab und andere zumindest Plausibilität besitzen, zahlreiche Verschwörungstheorien existieren, die über keinerlei empirische Grundlage verfügen. Diese zeichnen sich in der Regel durch einige wiederkehrende Eigenschaften aus.
- Die Welt wird beherrscht von einer geheimen Gruppe von Juden, Freimaurern oder Bankern (die üblicherweise Juden sind) oder sogar Außerirdischen.
- Alle Ereignisse von weltweiter Bedeutung sind das Ergebnis der Machenschaften dieser Clique.
- Ironischerweise haben solche Verschwörungstheorien oft Ihren Ursprung in staatlichen Organen oder werden zumindest von diesen weiter verbreitet. Die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ etwa, angeblich das Protokoll eines Treffens der jüdischen Führer der Welt, die beabsichtigten, die Weltherrschaft an sich zu reißen, sind eigentlich eine Fälschung, die von der zaristischen Geheimpolizei, der Okhrana verfasst wurde. Schon seit langem sind Juden immer wieder der Verschwörung beschuldigt worden. Selbst das Wort „Kabale“, ein altertümlicher Begriff für “Intrige”, ist hervorgegangen aus „Kabbala“, also einer Form des jüdischen Mystizismus. Viele moderne Verschwörungstheorien sind die ideologischen Nachfolger desselben Vorurteils, das in den „Protokollen“ zum Ausdruck kommt - auch solche, bei denen es sich nicht um die offen antisemitischen Hirngespinste der extremen Rechten handelt. Moderne Verschwörungstheoretiker werden eher über “internationale Banker” und eine “globale Elite” reden als über das “internationale Judentum”, aber die grundlegenden ideologischen Strukturen dieser Auffassung sind dieselben. Schließlich speist sich der überwiegende Teil des Ressentiments gegen Juden aus ihrer angeblichen Herrschaft über das Bankensystem sowie aus der Tatsache, dass sie eine sichtbare Minderheit sind, die angeblich andere Loyalitäten hat als die zur Krone oder zur Nation. Diese Art von Verschwörungstheorien hängen daher auch eng mit nationalistischen Einstellungen zusammen. Am Rande sei deshalb bemerkt, dass linke Weltanschauungen, die eigentlich Nationalismus und Rassismus ablehnen, vor solchen Einflüssen nicht gefeit sind – die Ideologie der Globalisierungsgegner etwa beruht auf der Vorstellung, der Nationalstaat werde durch globale Kapitalisten unterhöhlt und ausgebeutet. Die grundlegende Übereinstimmung dieser Argumentation linker Globalisierungskritiker mit der paranoiden Ideologie des Nationalsozialismus ist offenkundig.
Auch Kommunisten waren schon immer beliebte Zielscheibe für Verschwörungstheorien. In den USA wurden die Protokolle der Weisen von Zion im Jahre 1919 durch den “Public Ledger” in Philadelphia wiederveröffentlicht. In dieser “rote Bibel” genannten Ausgabe wurden der Einfachheit halber alle Hinweise auf Juden mit “Bolschewisten” ersetzt. Mit Verweise auf Karl Marx‘ jüdische Herkunft haben Antisemiten schon immer Kommunisten mit Juden gleichgesetzt und daher war es nur natürlich, dass die Russische Revolution als das Machwerk der jüdischen Weltverschwörung wahrgenommen wurde. Die große Menge an Literatur, die zu diesem Thema geschrieben wurde, ist an sich schon eine eigene wissenschaftliche Abhandlung wert, jedoch kann man auch so mit Sicherheit sagen, dass die wohlbekannte totale Identifikation von “Juden” mit “Bolschewisten” durch den Nationalsozialismus nur die logische Konsequenz dieser verschwörungstheoretischen Gedankenwelt ist.
Während die meisten die paranoiden Fantasien der Rechten als das erkennen können, was sie sind, ist es jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass der Mainstream bürgerlicher Geschichtsschreibung beispielsweise die Russische Revolution auf verschwörungstheoretische Weise analysiert: So wird die bewusste Tat der Massen in der Revolution durch diese Geschichtsschreibung auf einen Staatsstreich der Bolschewisten reduziert. Wieder sehen wir, dass Verschwörungstheorien und der Mainstream bürgerlichen Denkens trotz ihrer behaupteten Differenz einander ähnlicher sind, als ihre Vertreter es sich eingestehen würden - auch wenn der Verschwörungstheoretiker bestimmte Aspekte bürgerlichen Denkens bis zur Absurdität verzerrt.
Offiziell will die Bourgeoise nichts mit Verschwörungstheorien zu tun haben. Schon der Begriff als solcher ist abwertend gemeint und impliziert, dass keine ernstzunehmende Person glauben könne, in demokratischen Staaten gebe es Verschwörungen. Dass das jedoch nicht den Tatsachen entspricht, haben wir oben in aller Kürze dargestellt. Mehr noch, die eigene Sicht der Bourgeoisie auf die Geschichte - eine Chronik konstanter Rivalität zwischen Banden, die die Kontrolle über den Staat an sich reißen wollen, Manipulation der Massen etc. - ist verschwörungstheoretisch.
Verschwörungstheorien, die bestimmte gesellschaftliche Gruppen zum Sündenbock machen, sind Ausdruck des dem Kapitalismus innewohnenden Rassismus, insofern haben sie häufig eher einen spontanen, unsystematischen Charakter. Aber sie werden auch absichtsvoll vom Staat eingesetzt, um dessen Vorgehen gegen bestimmte Gruppen zu rechtfertigen. So wurden zum Beispiel die gehässigen Lügen, die über Juden in Umlauf gebracht wurden, immer wieder als Rechtfertigung für Pogrome benutzt.
In ähnlicher Weise wurden Verschwörungstheorien über Kommunisten benutzt, um nach der Russischen Revolution die Gegenrevolution in Russland und im Ausland zu mobilisieren. Die „Rote Angst“ („Red Scares“) etwa wurde in den USA bewusst angefacht, um für die politischen Ziele des amerikanischen Staates Unterstützung zu gewinnen. Damit wurde zunächst das Ziel verfolgt, die politischen Organe der Arbeiterklasse aus dem Weg zu räumen. Diese ideologische Offensive war nicht auf Kommunisten, Anarchisten, und Gewerkschafter (besonders die IWW) begrenzt, vielmehr wurden Streikende aller Arten regelmäßig als eine Gefahr für die Gesellschaft gebrandmarkt. Damit war die „Rote Angst“ Teil der Gegenrevolution, mit der man die revolutionäre Welle zu brechen suchte.
In der zweiten Phase der “Roten Angst”, während des berüchtigten “McCarthyismus”, richteten sich die politischen Zielsetzungen vor allem auf die imperialistische Rivalität zwischen den USA und ihrem russischen Gegner, während die soziale Dimension von vergleichsweise geringerer Bedeutung war. Nachdem mehrere russische Spionageringe aufgedeckt worden waren, war die herrschende Klasse in den USA besorgt über die Anziehungskraft, die die stalinistische Ideologie auf die Arbeiterklasse ausübte.
Wenn der Staat also Verschwörungstheorien aktiv verbreitet, was ist dann von Verschwörungstheorien zu halten, die sich, wie etwa die 9/11 Truth-Bewegung, gegen staatliches Handeln richten? In gewisser Weise spiegeln diese Bewegungen das extreme Misstrauen wider, dass das Kleinbürgertum gegen den Staat und das Großkapital hegt. Es ist kein Zufall, dass der Ausgangspunkt zahlreicher moderner Verschwörungstheorien bei den rechten Libertären in den Vereinigten Staaten zu finden ist. Auf den ersten Blick scheinen diese Verschwörungstheorien den Mythos des demokratischen Staates sogar in Frage zu stellen. Tatsächlich aber tragen sie dazu bei, diesen Mythos am Leben zu erhalten, weil sie - und gerade darin sind sie Ausdruck der historischen Machtlosigkeit des Kleinbürgertums – keine wirkliche Alternative zur bürgerlichen Demokratie benennen können. Stattdessen bleibt ihnen die traurige Rolle, vom Staat zu fordern, er müsse seinem Ideal entsprechen und „demokratischer Ausdruck des Volkes“ sein. Der Präsidentschaftskandidat John Buchanan etwa trat 2004 mit einem Truther Programm an, während sich die radikaleren Vertreter dieser Strömung der Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens bewusst sind und sich mit Waffenlagern in die Berge zurückziehen, um dort auf die Apokalypse zu warten.
Diese paranoideren Varianten verschwörungstheoretischen Denkens erfüllen jedoch noch eine weitere Funktion: Sie verhindern jede ernsthafte Diskussion über die Funktionsweise der bürgerlichen Klasse, weil jeder Versuch in diese Richtung unweigerlich dafür sorgt, dass man den UFO-Spinnern mit ihren unappetitlichen Verbindungen zu Rechtsextremen und religiösen Fundamentalisten zugerechnet wird.
Auch wenn, wie wir gesehen haben, die grundlegenden Themen von Verschwörungstheorien an sich nichts Neues sind, zeigt sich an ihren modernen Erscheinungsformen doch ein typisches Kennzeichen des sich zersetzenden Kapitalismus, nämlich die Tendenz der bürgerlichen Ideologie, mehr und mehr irrationale Züge anzunehmen. Teilweise lässt sich diese Ausbreitung von Paranoia auch als Reaktion auf das augenscheinlich immer größere Chaos des Kapitalismus verstehen; insofern ist es kein Zufall, dass es enge Verbindungen zum Aufkommen von New Age und religiösen Fundamentalismus gibt. David Icke zum Beispiel, ein klassischer Repräsentant des New Age, redet von außerirdischen Eidechsen, die heimlich die Welt beherrschen, während chiliastische Christen glauben, sie lebten in einer durch die Offenbarung des Johannes vorherbestimmten Ära, in der die Ankunft des Antichristen mit einer totalitären „Neuen Weltordnung“ einhergeht. Fast 20% der US-amerikanischen Christen (etwa 16% der US-Bevölkerung) glauben, dass Jesus in ihrer Lebenszeit zurückkehren wird (3). Hal Lindseys Alter Planet Erde - Wohin?, eines der frühesten populären Bücher über die „Endzeit“, wurde bis 1990 trotz seiner offenkundig falschen Vorhersagen mehr als 28 Millionen Mal verkauft. Ein fiktionaler Bericht über die Apokalypse, die Left Behind-Serie wurde millionenfach verkauft, 1998 belegten die ersten vier Bände die vier Spitzenplätze der New York Times Bestseller-Liste.
Dergleichen legt nahe, dass solche Theorien einen wachsenden Einfluss auf Kultur und Politik des Mainstreams besitzen. Ohne Zweifel hat die „Endzeit“-Ideologie einen Einfluss der auf den rechten Flügel der herrschenden Klasse in den USA; auch der Erfolg der Fernsehserie „Akte X“ zeigt, wie weit verbreitet und populär mittlerweile UFO-Verschwörungstheorien sind.
Aber sind Marxisten (oder wenigstens die IKS) nicht auch Verschwörungstheoretiker? Wie oben erwähnt, vertreten wir die These, dass die herrschende Klasse durchaus fähig ist, komplexe Verschwörungen zu organisieren, um ihre politischen Zwecke durchzusetzen. Einige historische Beispiele haben wir am Anfang des Artikels aufgeführt. Wir können auch eine „Elite“ benennen (die Klasse der Kapitalisten nämlich), die alle politische und ökonomische Macht in ihren Händen hat. Oberflächlich betrachtet sieht es also so aus, als ob wir den Mustern der Verschwörungstheorie folgen würden.
Weil wir Marxisten sind, kann man von uns erwarten, dass wir uns einer materialistischen Theorie verpflichtet fühlen und Vorstellungen ablehnen, die darauf gegründet sind, dass wir alle am Rande des Armageddon lebten oder außerirdische Eidechsen heimlich den Planeten kontrollieren. Aber warum zum Beispiel kritisieren wir dann die Idee, dass eine geheime globale Elite (die doch schließlich aus Kapitalisten besteht) die gesamte Welt kontrolliert, Kriege und Krisen herbeiführt, um ihre Zwecke durchzusetzen?
Der Grund hierfür liegt in unserer Einsicht, wie der Kapitalismus funktioniert. Während Verschwörungstheoretiker über Eidechsen, Banker, die Bilderberg-Gruppe, etc. schimpfen mögen, kleben sie doch an einer der wirkungsmächtigsten Illusionen, die die Bourgeoise zu bieten hat: die Idee, dass irgendwer irgendwo die Kontrolle hat. Es scheint einfacher, eine große Verschwörung für den Horror des niedergehenden und zerfallenden Kapitalismus verantwortlich zu machen, als verstehen zu wollen, was für eine Tragödie er in Wahrheit ist: eine Gesellschaft, in der der Menschheit, sogar der herrschenden Klasse ihr eigenes ökonomisches und gesellschaftliches Handeln als etwas Fremdes jenseits ihrer Kontrolle gegenüber steht.
Die Gesetze des Kapitalismus funktionieren unabhängig vom Willen des Kapitalisten, egal wie verzweifelt sie (für gewöhnlich vermittelt durch den Staat) versuchen, sie zu kontrollieren. Die gegenwärtige Krise beispielsweise ist nicht das Resultat der Machenschaften irgendeiner globalen Elite – im Gegenteil, die Tendenz zur Krise entzieht sich trotz all ihrer Machenschaften mehr und mehr ihrer Kontrolle. Während es mit Sicherheit richtig ist, dass diese oder jene Fraktion der Bourgeoise versuchen wird, eine Krise oder einen Krieg vom Zaun zu brechen, um ihre Zwecke zu verfolgen(4), ist es wichtig, daran zu erinnern, dass sich diese Zwecke für gewöhnlich gegen eine der anderen Fraktionen der Bourgeoise richten.
Die Klasse der Kapitalisten basiert auf dem Prinzip der Konkurrenz, einem Mechanismus, dem der Kapitalismus als Ganzes nicht entkommen kann. Die Konkurrenz ist tief in den ökonomischen Prozessen des Kapitalismus verankert und kann nicht durch einen Willkürakt aufgehoben werden. Dieses Moment drückt sich im gesellschaftlichen und politischen Leben der herrschenden Klasse in der Bildung von Cliquen aus, in der Konkurrenz zwischen Individuen, Unternehmen, Nationalstaaten wie auch als Allianz zwischen Nationalstaaten. Zwar gibt es Tendenzen, die der Konkurrenz entgegenwirken, etwa Verstaatlichung oder Monopolbildung etc. Diese verschärfen sich in der Epoche der Dekadenz, aber diese können niemals den Mechanismus der Konkurrenz völlig aufheben, sondern verschieben ihn lediglich auf eine höhere Ebene. Konkurrenz zwischen Firmen entwickelt sich zur Konkurrenz zwischen Staaten, freier Handel wird dem Merkantilismus geopfert, Kriege um Märkte und natürliche Ressourcen werden geführt und tendieren mehr und mehr zu globalen Flächenbränden, also Weltkriegen. Dieser Machiavellismus der Bourgeoise ist daher ein Produkt des entfremdeten Bewusstseins der herrschenden Klasse selber, die Konkurrenz aller gegen alle bietet der Bourgeoisie keinen anderen Ausweg aus den grundlegenden Widersprüchen in ihren ökonomischen, ideologischen, oder politischen Leben.
Trotz aller Konkurrenz findet sich die Bourgeoise jedoch während revolutionären Perioden zur Einheit zusammen, wenn die herrschende Klasse gezwungen ist, sich mit der Gefahr einer bewussten, organisierten Arbeiterklasse auseinanderzusetzen. Der oben erwähnte Ebert-Gröner Pakt ist ein Beispiel für die Intrigen, derer die Bourgeoisie in einer solchen Situation fähig ist. Gleichzeitig zeigt sich jedoch am fehlgeschlagenen Kapp-Putsch, wie schwierig es für die herrschende Klasse ist, diese Einheit in solch einer kritischen Situation dauerhaft aufrechtzuerhalten.
Für Marxisten folgt daraus, dass die Bourgeoise niemals eine dauerhafte Einheit erreichen kann, die es ihr ermöglichen würde, völlige Kontrolle über die Entwicklung der Gesellschaft auszuüben. Verschwörungstheorien der Art, wie sie hier diskutiert wurden, eröffnen deshalb auch weder eine Einsicht in die gegenwärtige historische Krise der kapitalistischen Gesellschaft, noch beinhalten sie irgendein Programm, um diese zu überwinden. Nichtsdestoweniger können wir heutzutage damit rechnen, dass mit der Ausweitung der systemischen Krise bei gleichzeitig nur schwach ausgebildetem Klassenbewusstsein auch das verschwörungstheoretische Denken an Zulauf gewinnen wird. Daher dürfen Kommunisten die Anhänger solcher Auffassungen nicht als Irre abtun, sondern müssen ihnen entschieden entgegentreten und den reaktionären Gehalt dieser Ideologien bloßstellen, ohne dabei den genuin machiavellistischen Charakter der herrschenden Klasse zu leugnen.
Indem der der Klassenkampf an Dynamik gewinnt und sich das Proletariat einmal mehr seiner eigenen Macht bewusst wird, wird es solch Verschwörungstheorien zugunsten seiner eigenen historischen Methode aufgeben: Marxismus.
Ishamael 8/1/12
[2] [525] Mit Kommunismus war in diesem Kontext offenkundig der Stalinismus des Ostblocks gemeint, auch wenn es auf jede linke Partei zutreffen konnte, die sich dem US-Imperialismus widersetzte. Natürlich war keine dieser Bewegungen eine wirklich kommunistische oder im Interesse der Arbeiterklasse, aber ähnliche Methoden würden ohne Frage gegen jede wahre Bewegung der Arbeiterklasse eingesetzt werden.
[3] [526] pewforum.org/uploadedfiles/Topics/Beliefs_and_Practices/religion-politics-06.pdf.
[4] [527] Die Asienkrise in den späten 90ern etwa wurde drastisch verschärft durch die US-Bourgeoise, die ihre Dominanz in der Region auszubauen versuchte. Aber die Situation geriet außer Kontrolle und bedrohte die gesamte Weltwirtschaft mit ernsthaften Konsequenzen für die US-Wirtschaft.
Wir haben von V. Riga nachfolgenden Beitrag erhalten, den wir hier gerne veröffentlichen. Wir bedanken uns für diesen Beitrag und würden uns freuen über Reaktionen der Leser/Innen. (die IKS).
„Die Hemmung, die das Denken, die Vitalität, das Leben auf der Stufe der sinnlichen Gewissheit erfährt, äußert sich in Krankheitssymptomen.“
(Sozialistisches Patienten Kollektiv)[1]
„Denken heißt ins Labyrinth eintreten, einen Irrgarten erstehen lassen. Denken heißt sich in den Gängen verlieren, die es nur deshalb gibt, weil wir sie unablässig graben.“
(C. Castoriadis)[2]
„Denken ist etwas, was auf Schwierigkeiten folgt und dem Handeln voraus geht“
(B. Brecht)[3]
Ein tragisches Ereignis brachte vergangenes Jahr exemplarisch das Verhältnis der deutschen Gesellschaft gegenüber ihrer psychischen Verelendung erneut auf den Punkt:
Am 24. August 2011 wurde die 53 jährige, 1.60 m kleine und ca. 40 kg. leichte Andrea H. in ihrem Zimmer, im 8. Stock eines Hochhauses im Berliner „Märkischen-Viertel“, in einer von einem sozialen Dienst betreuten Wohngemeinschaft, von einem Polizisten erschossen. Andrea wehrte sich mit verzweifeltem Körpereinsatz gegen die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Einrichtung. Andrea war einer Aufforderung zu einer Amtsanhörung bzgl. Ihrer behördlich angeordneten Einweisung nicht nachgekommen. Vermutlich ahnte sie deshalb schon, was ihr eigentlich bevorstehen sollte, als der Sozialpsychiatrische-Dienst (SpD), nebst Amtshilfe in Form einer Streifenwagenbesatzung, vor ihrer Tür stand. Dass sie schließlich über den Haufen geschossen werden würde, damit hat Andrea jedoch mit Sicherheit nicht gerechnet. Dies ist indes kein Einzelfall!
Andrea schloss sich zunächst in ihr Zimmer ein und redete mit den Polizisten durch die geschlossene Tür. Plötzlich öffnete sie diese unvermittelt und fuchtelte in panischer Angst mit einem Messer herum. Dabei wurde ein Beamter am Unterarm verletzt. Die Polizisten versprühten eine Ladung Pfefferspray gegen Andrea, woraufhin sie zurück in ihr Zimmer flüchtete und die Tür wieder verschloss. Die Beamten forderten derweil Verstärkung an und bekamen diese bald darauf von der 23. Einsatzhundertschaft der Berliner Bereitschaftspolizei. Etwa 20 Beamte in vollem Wichs standen schließlich in und vor Andreas Wohnung, um die Tür zu ihrem Zimmer mit einer Ramme aufzubrechen. Die Agenten des SpD waren offenbar bereits kaltgestellt worden. Jedenfalls dachte niemand zu diesem Zeitpunkt noch an deeskalierende Maßnahmen. Stattdessen wurde das ganze Spektakel zu einem Exempel des staatlichen Gewaltmonopols. Andrea wusste sich in dieser Situation anscheinend nicht mehr anders zu helfen, als erneut mit dem Messer in der Hand aus ihrem Zimmer auszubrechen. Der Einsatzleiter, der sich, wie seine Kollegen, hinter einem mit Sicherheit stichfesten Schutzschild verborgen hielt, zog seine Pistole und streckte Andrea mit einem Schuss in die Leber nieder. Sie verblutete, noch bevor der Rettungsdienst zu ihr durchdringen konnte.
Fasst man div. Zeitungsberichte dieser Tage zusammen, dann muss sich die Tragödie so oder sehr ähnlich abgespielt haben.[4] Bodo Pfalzgraf, Berliner Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft kommentiert: „Wer mit einem Messer Polizisten angreift, muss damit rechnen, erschossen zu werden. Allein die Tatsache, dass es eine geistig verwirrte Person war, rechtfertigt nicht, dass sich der Polizist hätte erstechen lassen müssen.“ Ein obligatorisches Ermittlungsverfahren gegen den Todesschützen wurde zwar eingeleitet. Doch schon nach zwei Tagen, am 26. 8., stellte sich der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, den Fragen der Presse mit folgenden Worten: „Nach dem Stand der Ermittlungen kann man vorsichtig sagen, dass der Schuss aus einer Nothilfesituation heraus abgegeben wurde.“ Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland (Die Grünen) meldet daraufhin „Aufklärungsbedarf“ an: „Die eingesetzten Beamten hätten gewusst, dass die Frau ein Messer hatte. Somit seien sie nicht unvorbereitet gewesen. Geklärt werde müsse auch, warum der Schütze nicht auf die Arme oder Beine gezielt habe, um die Frau kampfunfähig zu machen.“ Aber Herr Wieland: Hinter einem Schild verschanzt, sind derart gezielte Schüsse nun mal nicht möglich! Wieland bilanziert schließlich lakonisch: „Man muss sagen, der Einsatz ist gründlich danebengegangen“ – wovon aus Sicht der Polizei allerdings kaum die Rede sein kann. Weitere Reaktionen der politischen Kaste sind mir nicht bekannt. Knapp zwei Wochen nach dem Todesschuss vermeldet der Berliner „Tagesspiegel“ dann auch erwartungsgemäß, dass die Ermittlungen gegen den Todesschützen eingestellt wurden.
Die naheliegende Auffassung, dass Andrea H. sich ihrerseits in einer Notwehrsituation befunden haben könnte, wurde in keiner Zeitung zur Debatte gestellt. Die eigentlich eher geringe empathische Anstrengung, die dafür hätte aufgebracht werden müssen, ist von den Schreibern der bürgerlichen Presse offenbar genauso wenig zu erwarten, wie von einem Abgeordneten der Grünen. Noch viel weniger zu erwarten ist die rhetorische Frage: ob die Polizei sich z. B. im Falle einer Vorführung zwecks Zwangseinweisung ebenso verhalten hätte, wenn es sich um eine ähnlich von Panik erfasste Person in den eigenen vier Wänden einer Villa in Frohnau gehandelt hätte? Wohl kaum. Und wenn doch, dann wäre das Echo der Politik und der Justiz vermutlich anders ausgefallen und die Gewerkschaft der Polizei hätte sich schweigepflichtbewusst zurückgehalten. Wahn kommt auch in den besten Familien vor, aber Angehörige solcher Familien werden meistens auch bestens versorgt. Von daher ist es eigentlich auszuschließen, dass ein unangemeldeter SpD plus Polizei weiter als bis zur Gartenpforte kommen würde. Das sei den Betroffenen aus solchen Gesellschaftsschichten von Herzen gegönnt! Leiden diese doch wie alle anderen Betroffenen letztlich auch unter der gleichen Symptomatik der Entfremdung, welche der Verwirrung und dem Wahn von jeher stets Vorschub leistet.
Begreift man Verwirrung und Wahn als etwas (auch im anthropologischen Sinne) durch und durch Menschliches, und daran besteht für mich kein Zweifel, dann ist anzunehmen, dass (auch) der Todesschütze sich in einer akuten emotionalen Notsituation empfunden haben muss. In dem Moment nämlich, als er sich selbst - in Andrea spiegelnd - gewahr wurde. In dem also die Macht ihrer Wut aus Angst sich unmittelbar und unausweichlich mit seinen eigenen Ängsten kreuzte. Was in ihm scheinbar eine heftige Phobie auslöste. Andrea hat ihn schlicht verwirrt und Angst eingejagt. Angst vor dem Wahn. Wahnsinnige Angst. Dieser Angst begegnete er wehrhaft. Anders hat er es nicht gelernt. Die Wendung seiner eigenen Not in Notwehr gegen Andreas Angst musste, weil diese nicht begriffen werden konnte und nicht begriffen werden soll, im Nachhinein als professionelles Handeln rationalisiert und legitimiert werden. Wir sehen hier auf beiden Seiten das Zusammenspiel aus real begründeter und irrationaler (phobischer) Angst, die in der unmittelbaren Begegnung der beiden Protagonisten zwischen ihnen scheinbar eine paranoide Situation erzeugte, welche schnell einer Eigendynamik folgte. Die durch die abstrakten gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse hervorgebrachten destruktiven Elemente, die dieser Dynamik voraus- und mit ihr einhergehen, trennen die gemeinsam produzierte Angst, die doch nur aus der konkreten Begegnung zwischen Andrea und ihrem Todesschützen zu verstehen wäre, von deren konkreten Verhältnis zueinander künstlich ab. Das Symptom – Paranoia – kann so dem Kontext entrissen und Andrea einseitig zugeschrieben werden. Damit wird zugleich dem Todesschützen zugestanden, sich dieses Symptoms einseitig entledigen zu dürfen. Das wird jedoch nicht restlos funktionieren. Es wird hier etwas zur Vordertür hinaus befördert, was mit Sicherheit durch die Hintertür zurück kommen wird. Der Todesschütze bleibt (nachhaltig) traumatisiert. Es ist davon auszugehen, dass seine Phobie gegen Verwirrung und Wahn sich vorerst weiter manifestieren wird. Die Legitimation seiner Handlung von Staatswegen kann seine Verwirrung evtl. aufheben. Nicht aber seine Phobie!
Um das Herrschaftsverhältnis, welches sich in dieser Tragödie mit aller Macht gezeigt hat, auf den Begriff bringen zu können, ist ein gewisses Maß an Empathie gegenüber dem Todesschützen unabdingbar – Sympathie jedoch nicht. Das meint: Empörung gegen die Schergen des Staates ist nachvollziehbar und berechtigt. Es wird jedoch Andrea und allen anderen Opfern staatlicher Willkür kaum gerecht, bei der Empörung stehen zu bleiben. Polizeischergen bei jedem solcher Anlässe bloß als „Schweine“ zu betiteln, sie derart zu entmenschlichen und ihnen damit zugleich ihre Verantwortung als handelnde Subjekte zu nehmen, dabei letztlich unsere eigene Verantwortung, nämlich den Dingen auf den Grund zu gehen, gleich mit zu entsorgen, kann nicht unsere Sache sein.
Dem tödlichen Spektakel ging vermutlich eine psychiatrische Diagnose voraus. Folgt man der Etymologie, dann leiten sich die Begriffe Diagnose / Diagnostik von griech. dia-gnosis = unterscheidende Erkenntnis ab. Dem wiederum liegt dia-gi-gnoskein = durch und durch erkennen (=durchschauen) zugrunde.[5] Mit peinlicher Unterscheidung hat eine psychiatrische Diagnose oft tun, mit Erkenntnis seltener. Von einem „durch und durch erkennen“ der diagnostizierten Person kann schon gleich gar nicht die Rede sein. Im Falle des SpD schon deshalb nicht, da bereits das Anbahnen einer Beziehung zu der Person, die erkannt werden soll, was die Voraussetzung dafür wäre, überhaupt erst mal einen Erkenntnisprozess auf den Weg zu bringen, im Arbeitsauftrag solch einer Behörde nicht vorgesehen ist.[6] Deshalb bliebe der SpD in seiner Bürokratie selbst dann noch befangen, wenn die gegenwärtig offiziellen Diagnosekriterien der Psychiatrie (ICD-10, DSM)[7] tatsächlich zu mehr zu gebrauchen wären als dafür, die bürokratischen Erfordernisse des „Gesundheitssystems“ zu bedienen. Eben deshalb, weil die dort beschäftigten Psychiater und Psychologen wie eine Art „Taskforce“ operieren und ihr Klientel nur selten, manchmal gar nicht zu Gesicht bekommen, bevor sie solch einen vorgezogenen Vollzugsbefehl für einen Polizeieinsatz unterschreiben. Das alles kann die Zunft jedoch kaum davon abhalten, ihre Urteile über Menschen zu fällen, die sie kaum oder gar nicht kennt. Und die, wie wir gesehen haben, im schlimmsten Fall, wenn auch ungewollt so doch keinesfalls unvermeidlich, zu Todesurteilen werden können. Insofern besteht die tatsächliche Bedeutung der Diagnose darin, „dass sie, sozial gesehen, der Dolch ist, der ins Herz der Gnosis getrieben wird. Die Diagnose ist der Mord an der Möglichkeit, den anderen Menschen kennenzulernen, ein Mord, verwirklicht durch die Verdrängung der Realität dieses Menschen in die Vorhölle einer sozialen Pseudo-Objektivität.“[8]
Das Lieblingsblatt der Deutschen mit humanistischer Bildung im gymnasialen Oberstufenbereich, „Die Zeit“, spricht von ca. 200.000 Zwangseinweisungen jährlich. „Eine mittlere Kleinstadt landet so nahezu unbemerkt in den geschlossenen Abteilungen der Psychiatrien.“[9] Etwa die Hälfte dieser Zwangseinweisungen wird nach dem Betreuungsgesetz (PsychKG) durchgeführt.[10] Das heißt konkret, das Betreuer, meist Sozialarbeiter oder Ehrenamtliche, die noch nicht einmal dazu befugt wären, eine Diagnose zu stellen, nach eigenem Gutdünken eine Zwangseinweisung beim örtlichen Amtsgericht bewirken können. Die Gerichte stimmen, laut einer NRW-Statistik, in rund 99 Prozent der Fälle umstandslos zu.[11] Als Grundlage für die Entscheidungen der Richter dienen dann meist ältere, teilweise Jahre zurückliegende Diagnosen. Diese Verfahrensweise ist folglich pure Willkür. Ein paar Zeilen weiter offenbart uns die „Zeit“ dann noch den Klassencharakter dieser Gerichtsbarkeit. „Es gibt aufgrund der Zahlen aus dem NRW-Gesundheitsministerium ein Ranking für betroffene Menschen: Männliche Großstädter, alte und behinderte Menschen und Personen aus niedrigen sozialen Schichten werden häufiger eingewiesen als etwa Vermögende. Auch eine Studie der Universität Siegen aus dem Jahr 2006 weist auf subjektiv motivierte Einweisungen hin: So würden manisch-depressive Chefs eher als cholerisch eingestuft, wohingegen arme Menschen mit denselben Symptomen schneller als psychisch krank eingeschätzt würden.“[12] Auch der Bundesverband der Berufsbetreuer (BdB) steht Zwangseinweisungen gelegentlich kritisch gegenüber. Klaus Förter-Vondey, Vorsitzender des BdB: „…besser geschulte Betreuer würden dramatisch weniger Zwangseinweisungen veranlassen… Anfänger würden häufig aus Angst zu schnell einliefern lassen, viele ehrenamtliche Betreuer hätten keinen blassen Schimmer, mit welchen Erkrankungen sie es zu tun hätten."[13] Das „Deutsche Ärzteblatt“ berichtet im Dezember 2011 von einer drastischen Zunahme der Zwangseinweisungen und erklärt diese mit einer weitreichenden Lockerung der Vorschriften im PsychKG. Demnach dürften bei „Eilbedürftigkeit“ seither die Betreuer sofort einweisen lassen und müssen sich die richterliche Genehmigung erst hinterher besorgen. Die Bedeutungslosigkeit bzw. die auf den bloßen Zweck der Kassenabrechnung reduzierte Bedeutung einer Diagnose wird so mit aller Deutlichkeit bestätigt. Zugleich wird deutlich, wie wirkmächtig einmal ausgeschriebene Diagnosen sein können. Selbst dann, wenn deren Erstellung lange zurückliegt und für keinen amtlichen „Experten“ mehr nachvollziehbar ist, wie es konkret um den Diagnostizierten bestellt ist. Immerhin kommt es nicht selten vor, dass Verantwortliche in den psychiatrischen Anstalten viele Zwangseingewiesene nach relativ kurzer Zeit wieder nach Hause schicken, wenn zu offensichtlich ist, dass die Betreuer hier mehr ihren eigenen Ängsten folgten anstatt denen der Betroffenen.
Vergegenwärtigt man sich die Geschichte der Psychiatrie, wie sie z. B. von Dörner[14] oder Foucault[15] beschrieben wurde, stellt sich heraus, dass Zugang und Haltung der Gesellschaft gegenüber ihrem psychischen Elend im Allgemeinen und den davon betroffenen Individuen im Besonderen einem stetigen Wandlungsprozess unterliegen, welcher durch die Geschichte der politischen Ökonomie und deren jeweiligem Zeitgeist weitgehend determiniert ist.[16] Erscheinungsformen, sprich: Symptome der Verwirrung, des Wahns oder extremer Gefühlszustände, werden nach den jeweiligen Erfordernissen der gesellschaftlichen Verhältnisse (Produktionsprozess, politischer und ideologischer Überbau) beschrieben, gedeutet und, wenn nötig, wieder umgedeutet. Dementsprechend kann man in beinahe jeder neuen Auflage der offiziellen Diagnosemanuale jeweils Neues entdecken. Was sie trotz der politischen Brisanz, die sich dahinter verbirgt, jedoch nicht spannender macht.
Die politische Brisanz solcher Manuale lässt sich u. a. daran ablesen, dass z. B. Homosexualität als Erscheinungsbild einer „psychischen Störung“ aus den psychiatrischen Manualen herausgenommen werden musste (DSM,1973), nachdem die Emanzipationsbewegungen sowie mutige Aufstände von Menschen mit homosexuellen Neigungen in den Industriemetropolen der 1960er und 1970er Jahre dafür Sorge trugen, dass sich in einem darauf folgenden, breiten gesellschaftliche Diskurs das Konstrukt von der Homosexualität nachhaltig veränderte. Eine kritisch-wissenschaftliche Einschätzung, dass es sich bei der Homosexualität nicht um eine „psychische Störung“ sondern vielmehr um eine „physisch-emotionale Neigung“ handelt, war zu diesem Zeitpunkt längst erbracht. Bereits Freud vertrat vorsichtig die Ansicht, dass eine dem menschlichem Wesen immanente Bi-Sexualität bestehe, die sich „naturwüchsig“ in die eine oder andere Richtung entwickeln kann. Die umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten von Magnus Hischfeld und anderen renommierten Psychologen und Medizinern diesbezüglich waren dem Forschungsbetrieb, auch in Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkrieges, seit Jahrzehnten wieder zugänglich. Es war nicht eine „neue wissenschaftliche Erkenntnis“ bzw. die Zurkenntnisnahme wissenschaftlicher Untersuchungen, welche die Zuschreibungen in den Diagnosemanualen gegen Homosexuelle zu Fall brachte, sondern ein politischer Kampf! Der „Christopher-Street-Day“ ist, so betrachtet, auch als ein Etappensieg gegen die Gewalt der Psychiatrie zu feiern.
Die Diagnose eines Psychiaters oder Psychologen beschreibt Symptome und fasst Symptome zusammen. Bei „ausreichender Symptomverdichtung“ (vereinfachtes Beispiel: 5 von 10 der beobachteten Symptome stimmen mit den vorgegebenen Beschreibungen des jeweiligen Manuals überein) hat der Diagnostiker das Recht, seiner Diagnose einen Namen und seinen Diagnostizierten eine Zuschreibung zu verpassen. Derart simpel entsteht die Konstruktion einer Psychose und eines Psychotikers. Oder einer Depression und einer Depressiven… ohne dass heute irgendein „Experte“ wirklich weiß, was eine Psychose, Depression usw. für das betroffene Individuum bedeutet, wie sie sich entwickelt hat und wie sie erlebt und empfunden wird. Ob sie sich einmalig, vorübergehend oder latent entwickelt und wovon dieser Entwicklungsprozess jeweils individuell abhängig ist. Diagnosen beschreiben alles Mögliche - aber sie erklären nichts!
Durch den Abgleich eigener, mehr oder weniger oberflächlicher Beobachtungen mit den Vorgaben aus medizinischen Manualen stellte der SpD in Berlin, gemäß seiner Gewohnheiten, vermutlich auch bei Andrea so eine Symptomverdichtung fest. Was im gegebenen Kontext dazu führen musste, dass Andrea als Gefahr für sich selbst und ihre Umwelt (zu der selbstredend auch diese Diagnostiker gehören) wahrgenommen, eingeschätzt und festgeschrieben wurde. Die panischen, möglicherweise paranoiden Reaktionen von Andrea im Angesicht einer für sie bedrohlichen Ansammlung martialisch gekleideter, bewaffneter Männer gaben dann nur noch eine weitere Rechtfertigung für die vorangegangene Diagnose ab. Wie immer die Diagnose auch im Einzelnen gelautet haben mag: die reale Bedrohung für Andrea wurde darin jedenfalls vorsorglich ausgeklammert.
Eine Diagnostizierung des Todesschützen wurde hingegen von niemand verlangt. Genauso wenig wie eine selbstkritische Reflexion in den Reihen des SpD. Warum auch? Eine tröstende Supervision wird das angeknackste Selbst, den der Tod von Andrea möglicherweise bei den einen oder anderen Berufsbetreuer und der Kollegen des SpD hinterlassen hat, schon irgendwie richten. Wären Letztere allerdings im Nachherein von ihrer diagnostischen Zuschreibung auch nur minimal abgewichen, hätte ihnen das mit Sicherheit mächtigen Ärger eingebracht. Da der akademisch ausgebildete Helfer als solcher selbstverständlich bzw. seinem Selbstverständnis nach nicht als Bauernopfer vorgeführt werden will, wird er tunlichst seine Zuschreibungen rechtfertigen. Insgeheim erahnt der unglückliche Helfer natürlich die Funktion seiner Diagnosen als alltägliches Produkt des Verblendungszusammenhanges zur Aufrechterhaltung eines vom realen Wahn des Sachzwangs dirigierten Gesellschaftsystems.[17]
Die Manuale für Diagnosekriterien liefern die Orientierungslinie für das eigentlich absurde Unterfangen, Subjekte zu objektivieren. Sie werden quasi jährlich erneuert. Das heißt, dass der jeweilige Inhalt dieser Manuale dem jeweiligen Zeitgeist, der herrschenden Meinung ausgesetzt ist. Was hier ohne Umschweife als Meinung über die Beherrschten zum Ausdruck kommt. Die Beschreibungen der jeweiligen Symptome werden von Auflage zu Auflage ständig erweitert, modifiziert, umgeschrieben, neu geordnet. Den ganzen Aufriss nennt man dann wissenschaftlichen Fortschritt.
Das letzte Jahrzehnt bescherte uns u. a. eine geradezu inflationär angewandte Zuschreibung für aufmüpfige Kinder in Form eines diagnostizierten „Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Hyperaktivität“ (ADS/H). Mit verheerenden Auswirkungen für die betroffenen Kinder, von denen es in psychiatrischen Einrichtungen mittlerweile, im wahrsten Sinne des Wortes, nur so wimmelt. Wobei die Bezeichnung „Aufmerksamkeitsdefizit“ an sich schon verräterisch ist. Oder denken wir an das im Volksmund sog. Burn-Out-Syndrom für ausgelaugte, erschöpfte Lohnabhängige. Oder das seit einigen Jahren stark in Mode gekommene, mittlerweile allgegenwärtige „Borderline-Syndrom“ als Beschreibung für alle möglichen Menschen, die der geneigte Sozialarbeiter oder Psychologe nicht mehr oder noch nicht als „Schizophrene“ oder „Manisch-Depressive“ einordnen kann. Über die er aber dennoch glaubt zu wissen, dass diese sog. „Schwarz-Weiß-Denker“ in ihrer Persönlichkeit irgendwie gespalten sind. Und zwar offenbar ganz im Gegensatz zur Mehrheit der Gesellschaft (?). Derart wird das eigene dualistische und mechanische Denkschema, welches man bei professionellen Helfern nicht gerade selten antrifft, als Empfindung und Gedanke des Betroffenen uminterpretiert. Solche Vorgänge bezeichnete Freud einst als Projektionen. Also als Abwehrmechanismus – in diesem Falle des neurotischen Helfers gegenüber dem Objekt seiner Profession.
Dieser Psychomainstream hängt, neben der üblichen Erklärungsnot der Psychiatrie gegenüber jedem (epidemisch) auftretenden, unerwünschten Verhaltensmuster in der Gesellschaft, nachweislich auch mit dem Warenangebot der Pharmaindustrie zusammen. (Siehe weiter unten). Die permanente Ausdifferenzierung von Diagnosekriterien entspricht der und bedingt die Angebotsdiversifikation auf dem Pharmamarkt und umgekehrt. Derart dem Marktgeschehen unterworfen und dem warenförmigen Charakter menschlicher Beziehungen im Kapitalismus angeglichen, sagen die Diagnosekriterien weder etwas über die gesellschaftliche Dimension psychischer Verelendung, noch über die Einzigartigkeit der von diesem Elend konkret betroffenen Individuen etwas aus. Sie sind zur bloßen Berechnungsgrundlage für das „Gesundheitssystem“ und zum Designkriterium für die Pharmaindustrie heruntergekommen. Nicht mehr und nicht weniger.
Durch denkfaule und zugleich pflichtbewusste professionelle Helfer bekommt die Diagnostik schließlich den ihr zustehenden Fetischcharakter eingeräumt. Die Funktion eines Fetischs besteht darin, hier waren sich Freud und Marx mit Hegel einig, sich weitgehend unbemerkt zwischen wirkliche, lebendige menschlichen Beziehungen zu stellen. Mit dem alleinigen Zweck ein Abhängigkeits- bzw. Herrschaftsverhältnis in den Beziehungen zu verleugnen und/oder zu verdrängen. In diesem Fall konkret das Beziehungsverhältnis zwischen professionellen Helfern und ihrer Klientel. Das erkannte in den 1970er Jahren, nach langjähriger eigener Praxis, schließlich auch der Psychiater D. Cooper: „Die von der Psychiatrie verübte Gewalt lässt sich nur aufgrund ihres fundamentalen Dogmas verstehen: wenn du nicht verstehst, was ein anderer tut, dann diagnostiziere ihn!“[18]
Das Bundesministerium für Gesundheit vermeldete im ersten Halbjahr 2009, nach Ausrufung der Finanzkrise, euphorisch einen historischen Rekordtiefstand der offiziellen Krankenstand-Statistik seit ihrer Einführung im Jahr 1970.[19]
Besagte Statistik wurde eingeführt in einer Zeit, in der die Arbeitsmoral in den Industriegesellschaften einen bemerkenswerten Zerfallsprozess durchleben musste. Rebellische (in erster Linie) jugendliche Proletarisierte denunzierten seinerzeit den kapitalistischen Arbeitsalltag in ihren Debatten und Aktionen offen als Zumutung. Als vergeblichen Kraftaufwand, verschwendete und enteignete Lebenszeit. „Wer will noch arbeiten?“ So oder ähnlich titelten Newsweek, Times, Spiegel, Zeit und diverse andere Meinungsmacher in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dieser weltweite politische Aufbruch, der vor keinem Thema Halt zu machen schien und nicht zuletzt auch die psychische Verelendung im Kapitalismus thematisierte, lässt sich kaum erschließen, wenn die dem zugrundeliegende Dynamik aus massenhaft wahrgenommener Entfremdung im Arbeitsalltag nicht zur Kenntnis genommen wird. Ein Text wie „Das Recht auf Faulheit“ (Paul Lafarge) wurde in dieser Zeit, beinahe Hundert Jahre nach seiner Ersterscheinung, einer der weitverbreitesten innerhalb der rebellischen Jugend Europas. „Ne travaillez jamais“ (arbeitet nie) wurde zu einer der zentralen Losungen im Kampf gegen die „kapitalistische Zwangsarbeit“ während des Pariser Mai `68. „Die Kämpfe in ihren unterschiedlichen Formen liefen in einem einzigen Punkt zusammen, und dieser Punkt war die Wiederaneignung der Zeit.“[20] Eine dieser vielen Widerstandsformen, die den Zweck der unmittelbaren „Wiederaneignung der Zeit“ dienten, kam zweifellos darin zum Ausdruck, dass das „Blaumachen“ unter den jungen Rebellen umso mehr um sich griff, je mehr das als Schuldgefühl verinnerlichte Pflichtbewusstsein gegenüber den Käufern ihrer Arbeitskraft vor ihrem neuen Selbstbewusstsein zurückwich. Das „Blaumachen“ war und ist nichts anderes als die (individuelle) Weigerung, sich durch entfremdete Arbeit (psychisch) krank machen zu lassen. Und die „Blaumacher“ wussten das seinerzeit!
Dieses den Sachzwängen des Kapitals zweifellos entgegenlaufende Verhalten musste vom Staat erfasst werden, um dem Spuk angemessen begegnen zu können. In der bürgerlichen Sozialwissenschaft erschöpft sich das Erfassen eines gesellschaftlichen Phänomens oftmals im Erstellen einer Statistik. Hier meldet sich die Krämerlogik, die vor allem eines, nämlich eine Berechnungsgrundlage braucht. Vor diesem Hintergrund wurde schließlich 1970 das Erstellen einer jährlichen Krankenstand-Statistik in Auftrag gegeben.
Dies und die darauf folgenden moralischen Kampagnen der bürgerlichen Medien gegen den Verfall der Arbeitsmoral insbesondere der Jugend brachten indes kaum den erhofften Erfolg. Der Krankenstand, also der Arbeitsausfall durch Krankmeldungen, stieg zum Leidwesen der Herrschenden vorerst noch ständig weiter an. Nicht die Klagen der bürgerlichen Medien gegen die schwindende Arbeitsmoral, sondern die steigende Arbeitslosigkeit wirkte sich schließlich zugunsten wieder sinkender Arbeitsausfälle auf Grund von Krankheit (bzw. Krankheitsvorbeugung) aus. Während sich die Zahl der Erwerbslosen zwischen 1975 und 1995 in etwa verzehnfachte, sank die Zahl der krankheitsbedingten Arbeitsausfälle in den Betrieben in diesem Zeitraum kontinuierlich, um sich während der 80er Jahre – beinahe analog zu den Arbeitslosenstatistiken - allmählich auf einen Durchschnittswert einzupendeln. Die Bourgeoisie glaubte, dank ihrer Techniken zur Abwälzung der Krise auf die Lohnabhängigen endlich wieder eine einigermaßen verlässliche Berechnungsgrundlage für ihr “Humankapital“ in der Hand zu haben. Die Angst der Lohnabhängigen vor dem Erwerbsverlust sowie ihre zunehmende Vereinzelung nach dem allgemeinen Rückfluss der Klassenkämpfe und Jugendrevolten führten die Klasse auch zurück in die Vernachlässigung ihrer vitalen Interessen. Wozu zweifellos auch der Erhalt der Gesundheit gehört.
Ab 2005, etwa zeitgleich mit der Einführung der Hartz-Gesetze und der ersten Phase des Umbaus im Gesundheitssystem zum Nachteil der abhängig Beschäftigten unter Rot-Grün, sanken die krankheitsbedingten Arbeitsausfälle nochmals erheblich, um dann im ersten Quartal 2009, kurz nach der öffentliche Bekanntgabe der Finanzkrise, auf den vom Statistischen-Bundesamt so betitelten „historischen Tiefstand“ zu fallen. Die Bourgeoisie ließ es sich nicht nehmen, diese für sie so erfreuliche Nachricht durch ihre Medien lauthals hinausposaunen zu lassen.
Die Krankenkassen hielten jedoch schon bald besorgt dagegen. So wussten die Betriebskrankenkassen (BKK) ab Mitte Dezember 2009 zu berichten, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten „trotz Wirtschaftskrise“ (sic!) wieder kontinuierlich ansteigen würden. Von Januar bis Oktober 2009 habe der Krankenstand bei 4,0 Prozent gelegen - im Vorjahreszeitraum seien es 3,8 Prozent gewesen. Ebenso die AOK: Die bei den Ortskrankenkassen versicherten Arbeitnehmer waren im zweiten Quartal 2009 im Durchschnitt an 17 Kalendertagen krankgeschrieben. Im Jahr zuvor waren es noch 16,3 Tage gewesen. Demnach stieg die Zahl der krankheitsbedingten Ausfalltage um 3,2 Prozent und ist seither weiter steigend. Das hatte u.a. zur Folge, dass der Druck des Kapitals auf die politische Kaste weiter anstieg, so dass diese bis auf weiteres aufgefordert bleibt, das „Gesundheitssystem“ an die aktuellen Bedürfnisse des Kapitals anzupassen.
Verantwortlich für den steigenden Krankenstand seien laut AOK, bei der immerhin 9,7 Millionen Arbeitnehmer versichert sind, vor allem die „Zunahme psychischer Erkrankungen“. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen seien in den letzten 15 Jahren um stattliche 80% angestiegen. Im Vergleich zu anderen Erkrankungen sind psychische Erkrankungen zudem in der Regel mit langen Arbeitsausfällen verbunden. Letzteres bestätigen alle Krankenkassen. Ein Bericht der „International Labour Organisation“ (ILO), einer Organisation, die sich mit Arbeitsbedingungen weltweit auseinandersetzt und den Vereinten Nationen unterstellt ist, fasst verschiedene Untersuchungen zum Zustand der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz zusammen, die in Deutschland, Finnland, Großbritannien, Polen und den USA durchgeführt wurden. In diesen Ländern habe demnach die Belastung durch Stress sowie das Auftreten von Depressionen deutlich zugenommen. Jeder zehnte Arbeitnehmer sei bereits davon betroffen. Nach dem Herzinfarkt, so die ILO, ist Depression mittlerweile zur weltweit zweithäufigsten Krankheit unter denen geworden, die zur vollständigen Arbeitsunfähigkeit führen können. In Deutschland gehen die zuvor an erster Stelle rangierenden arbeitsbedingten Erkrankungen durch Unfälle oder Umweltbelastungen (Lärm, extreme Temperaturen usw.) in erheblichem Maße zurück,[21] während Arbeitsausfälle in Folge von Überbelastung, Zeitdruck, Stress aufgrund allgemeiner Personalpolitik fast ebenso zunehmen. Vor allem die zunehmend geforderte Flexibilität führe, laut einer Studie von Betriebsärzten, wegen der „Ergebnisorientierung“, also der Orientierung auf kurzfristige Profitmaximierung, des „Verschwimmens der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben“, der allgemeinen „Überbelastung durch Mehrarbeit“ sowie der „Unvorhersehbarkeit“ der Arbeitsanforderungen zu psychischen Belastungen. Deutsche Betriebsärzte warnen daher ebenfalls vor einer weiter ansteigenden Zahl psychischer Erkrankungen im Arbeitsalltag: „Der Strukturwandel in der Arbeitswelt hat dazu geführt, dass heute in vielen Betrieben Zeitdruck, Zwang zu schnellen Entscheidungen und zwischenmenschliche Probleme wesentliche Belastungsschwerpunkte darstellen." So der Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs -und Werksärzte, Wolfgang Panter, auf einer Tagung in Lübeck. Dies führe zunehmend zu arbeitsbedingten psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Darunter fallen neben den offensichtlichen Symptomen psychischer Belastung auch diverse Hautkrankheiten sowie diverse Erkrankungen innerer Organe, die in besonderem Maße als stressanfällig gelten (Magen, Nieren, Herz etc.). Die Betriebsärztevereinigung sieht aufgrund ihrer Recherchen „besonderen Handlungsbedarf in der Zeitarbeitsbranche“, so der Arbeitsmediziner, denn dort sei die Gefährdung durch psychische Belastungen besonders hoch. Zugleich umfasst die Zeitarbeitsbranche immer mehr Berufe und dehnt sich dank der Hartz-Gesetze unaufhörlich weiter aus. Wie kürzlich der Öffentlichkeit bekannt wurde, sind bereits mehr als 8 Millionen Lohnabhängige in Deutschland in Zeitarbeitsfirmen oder in anderen prekären Arbeitsverhältnissen eingebunden.
„Stress, mangelnde Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte, wenig Anerkennung und Wertschätzung, hohe Leistungsbereitschaft, Verantwortungsübernahme und starke Identifizierung mit dem Betrieb“, so die o.g. ILO-Studie aus dem Jahre 2010 weiter, führe „zum wachsenden Problem des Burnouts“, der mittlerweile in allen Berufen auftrete. Als Folge des Burnouts kommt es vielfach zu Depressionen, unter der laut ILO mindestens 6% aller deutschen Arbeitnehmer leiden - also zwischen zwei und drei Millionen. Die ILO weiter: „Depressionen treten heute in Deutschland zehnmal häufiger auf als noch vor 40 Jahren“ (…also während der Zeit der Revolten!). Zudem sind die davon Betroffenen immer jünger! Eine Firma, die mehr als 1000 Angestellte hat, könne laut ILO davon ausgehen, dass 200 bis 300 von ihnen jährlich Depressionen, Angstkrankheiten oder andere psychisch bedingte Krankheiten erleiden. Der ILO-Bericht geht weiter davon aus, dass derzeit 20% aller arbeitenden Menschen weltweit psychisch erkrankt sind und dass in Bälde über 300 Millionen Menschen an Depressionen leiden werden. Jetzt schon würden aufgrund von Depressionen jährlich weltweit ca. 800.000 Menschen Suizid begehen. Depressionen und Angststörungen sind zusammengenommen, nach Angaben des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen, mittlerweile die vierthäufigste Krankheit am Arbeitsplatz und zugleich der Hauptgrund für vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf geworden. Auch seitens der Rentenversicherungsträger wird darauf verwiesen, dass bereits ein Drittel aller Rentenanträge, die vor Eintritt in das reguläre Rentenalter gestellt werden, wegen Berufsunfähigkeit aufgrund von psychischen Erkrankungen genehmigt werden müssen. Damit werden die Studien der Krankenkassen und der ILO nochmals unterstrichen.
Die BKK beklagt des Weiteren eine besondere Gefährdung spezieller Personengruppen: „Arbeitslose weisen die steilsten Steigerungsraten bei psychischen Krankheiten auf: Sie haben im Vergleich zu den Beschäftigten fast viermal so lange Krankheitszeiten durch seelische Leiden; allein in den letzten drei Jahren verdoppelten sich ihre psychisch verursachten Krankheitstage. Bei beschäftigten Frauen sind Telefonistinnen, Krankenpflegerinnen und Sozialarbeiterinnen, bei den Männern Schienenfahrzeugführer und Fahrbetriebsregler wie auch Krankenpfleger besonders betroffen.“ In einigen Branchen sind psychisch bedingte Krankheiten dramatisch im Vormarsch. So vor allem in sog. helfenden und pflegenden Berufen (Pflegepersonal, Sozialarbeit usw.). Das macht deutlich, wie nahe diese Kollegen und Kolleginnen dem Schicksal ihrer Klienten sind. Es führt jedoch nur selten dazu, dass die künstliche Trennung zwischen ihnen - professionelle Distanz“ genannt -[22] überwunden werden kann. Der Anteil der betroffenen Frauen in diesen Berufsgruppen liegt übrigens bei deutlich mehr als 60%.
Durchschnittlich fallen die Kolleginnen aus helfenden und pflegenden Berufen mittlerweile mehr als dreimal so oft aus dem Arbeitsprozess aus als aufgrund anderer Krankheiten. Innerhalb dieser Berufsgruppen rangieren die Arbeitsausfälle wegen psychischer Belastungen deshalb unbestritten auf Platz 1 der Krankenstand-Statistik. Als Gründe werden von den Betroffenen selbst meistens ein vergiftetes Betriebsklima, erhöhter Leistungsdruck, die Vermischung von Privat- und Berufsleben mit ständiger Erreichbarkeit (durch die neuen Medien) und Rufbereitschaft angegeben. Hinzu kommt eine krisenbedingte zunehmende Angst um den Arbeitsplatz. Alle Studien gehen deshalb auch von einer mehr oder minder hohen Dunkelziffer an psychischen Erkrankungen aus.
Demnach wäre der statistisch wahrscheinlichste Fall einer psychischen Erkrankung derzeit: die depressive, erwerbstätige, alleinstehende Frau (Mutter), die über eine Zeitarbeitsfirma in der Pflegebranche beschäftig ist.
Der Sprecher des psychologischen Dienstes der DAK, Frank Meiners, redet ebenfalls deutlich von „Job-Angst, Arbeitsverdichtung und wachsenden Konkurrenzdruck“, worauf die Versicherten offenbar immer mehr mit psychischen Erkrankungen reagieren. Psychische Krankheiten sind laut DAK besonders in den Metropolen auf dem Vormarsch. Dabei seien in den vergangenen Jahren Berlin und Hamburg Spitzenreiter gewesen. Der DAK-Gesundheitsreport ergab zudem, dass auch ihre Versicherte aus dem Bereich Gesundheitswesen aufgrund psychischer Krankheiten mit 210 Fehltagen pro 100 Versicherte vorne liegen. „Als Folge der Krise sei eine weitere Zunahme der psychischen Erkrankungen zu erwarten“, so auch Matt Muijen vom Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zahlreiche Studien belegen laut Muijen, dass ein Zusammenhang zwischen „ökonomischer Krise und einer epidemischen Verbreitung“ psychischer Erkrankungen statistisch nachweisbar sei. Und nach einer Studie des „Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit/Indigo“ können zwei Drittel der psychisch Erkrankten langfristig nicht mehr am Arbeitsmarkt Fuß fassen. Von den Menschen mit schweren Depressionen sei nur noch jeder Zehnte im ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. Noch dramatischer wird allgemein der soziale Abstieg für Menschen mit psychotischen Episoden eingeschätzt.
Die begründete, existenzielle Angst vor einem krisenbedingten Verlust des Arbeitsplatzes, die in allen o. g. Studien als häufige Bedingung für eine psychische Erkrankung dargestellt wird, führt durch das Ausleben dieser Angst (Symptombildung) bei manchem schließlich zum tatsächlichen Verlust des Arbeitsplatzes. Dieser Vorgang wird von einigen Psychologen dann als Prozess einer „self-fulfilling prophecy” mystifiziert – sprich: Einkommensverlust aufgrund von negativen Gedanken. Ein blanker Zynismus, der die Ursachen von psychischen Leiden bloß im „Innenleben“ der betroffenen Individuen selbst vermuten kann und will und sie deshalb pseudowissenschaftlich verklären muss.
Mit der Zunahme an psychischen Erkrankungen geht, wie kaum anders zu erwarten, zugleich ein weltweiter Aufschwung in der Pharmaindustrie einher. Laut der internationalen Markforschungsorganisation „IMS-Health“ „…ist der Umsatz der Arzneimittel gegen psychische Krankheiten und Beschwerden weiterhin steigend. Antipsychotika (Neuroleptika) und Antidepressiva kommen zusammen bereits auf einen Weltmarktanteil von über 6%.“ Das bedeutet derzeit immerhin einen durchschnittlichen Jahresumsatz von ca. 40 Milliarden €. Bereits im 4. Quartal des Krisenjahres 2008 berichtet die BKK dementsprechend: „Allein in den letzten drei Jahren (ab 2005 – Einführung der Hartz-Gesetze) haben sich die Verordnungen von Psychopharmaka für Beschäftigte wie Arbeitslose etwa verdoppelt.“
Mit dem Milliardengewinn der Pharmaindustrie geht eine weitere Milliardenverschuldung des staatlichen „Gesundheitssystems“ einher. So gesehen, bezahlen die noch „gesunden“ Arbeitnehmer für den Profit der Pharmaindustrie, um sich dann im eigenen Krankheitsfall mit immer miserabler organisierter Versorgung abfinden zu müssen. Laut Berechnungen des Statistischen Bundesamts liegen die „Krankheitskosten durch psychische Störungen“ bei mittlerweile mehr als 30 Milliarden € jährlich. Eine Kostensteigerung von mehr als 30% (seit Hartz). Hieran ist auch abzulesen, warum der Umbau des Gesundheitssystems, wie kaum ein anderes Projekt der politischen Kaste, begleitet ist von Widersprüchen, Parteirivalitäten, Verzögerungstaktiken und Skandalen. Hier wird die Rivalität zwischen unterschiedlichen Kapitalfraktionen offen ausgetragen, und es wird allzu deutlich, welche der parlamentarischen Parteien jeweils welche Kapitalfraktion vertritt bzw. sich von deren Lobby schmieren lässt.[23]
Das Dilemma mit der Krankheit besteht für die Herrschenden vor allem in der Tatsache, dass sie die an ihren Arbeits- und Lebensbedingungen Erkrankten alimentieren lassen müssen, anstatt sich durch die Verfügungsgewalt über deren Arbeitskraft und Lebenzzeit alimentieren zu lassen. Wie kaum anders zu erwarten, wird deshalb jeder in dieser Beziehung zustande kommende „Kompromiss“ beim Umbau des Gesundheitssystems nie etwas anderes sein können als eine weitere Abwälzungstechnik der anfallenden Kosten auf die Erkrankten sowie auf die noch „gesunden“ Lohnabhängigen. Derart gibt die Krise des „Gesundheitssystems“ ein gutes Bild ab von der allgemeinen ökonomischen und politischen Krise des Kapitals. Die Herrschenden einigen sich darauf, die Krise abzuwälzen, was letztlich immer nur ein Aufschub und keine Überwindung der Krise sein kann. Dieser Aufschub produziert folglich zugleich die nächste, gewaltigere Krise. Gesellschaftlich und also auch bei den Individuen.
Die von Psychiatern gerne als „vulnerabel“ bezeichneten, psychisch erkrankten Menschen, diejenigen also, die diesen Abwälzungsprozess (unbewusst, weil vereinzelt) wahrnehmen, bevor die breite Masse der Betroffenen das kann, werden unter diesen Bedingungen zu Symptomträgern eines kranken Systems. Die objektive Krise des ökonomischen Systems drückt sich bei den Individuen als psychische Krise vereinzelter Subjekte aus. Diese verweigern sich durch Erkrankung den Anforderungen an das „Humankapital“ – und damit leider auch an sich selbst. Sie wirken eben dadurch als Subjekt, in dem sie versuchen, sich dem Zugriff durch das Kapital zu entziehen. Wenngleich oftmals unbewusst und daher mit der falschen Begründung versehen, so doch meistens aus dem richtigen Grund. In ihrer Vereinzelung leider vergeblich und meistens mit verheerenden Folgen für sich selbst. Auch dafür steht der tragische Tod von Andrea H.
Zweck der Erstellung von Statistiken ist es, Vergleiche zu ziehen. Im Falle von Krankenstandstatistiken u. a. auch den Vergleich zwischen pflichtversicherten und privatversicherten Patienten. Also zwischen eher wohlhabenden Erkrankten und solchen die nur über ein geringes Einkommen verfügen. Es würde nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn das Ergebnis eines solchen Vergleichs nicht darin bestünde, dass im Durchschnitt Erstere seltener erkranken und schneller genesen als Letztere. Die Aussagen der diversen o. g. Statistiken lassen daran auch keinen Zweifel aufkommen. Krankheit, insbesondere psychische Krankheit, ist mithin im Kapitalismus in mehrfacher Hinsicht mit einem Klassencharakter belegt. Ebenso deren Behandlung und somit auch die Genesungsaussichten der Betroffenen. Das liegt nicht bloß an dem, was augenscheinlich ist, nämlich die Möglichkeit einer besseren Versorgung und die allgemein günstigeren Lebensumstände, welche wohlhabende Patienten den Armen in der Gesellschaft voraushaben, sondern auch an dem weniger sichtbaren subjektiven Zugang vieler armer Patienten zur „ihrer“ Krankheit.
Lohnabhängige bekommen Krankheit vom Arzt bescheinigt als (diagnostisch belegte) Arbeitsunfähigkeit. Indes ist hinreichend bekannt, dass Ärzte sich immer schwerer damit tun, den Pflichtversicherten ihre Arbeitsunfähigkeit zu bestätigen. Auch über diese Tatsache gibt die offizielle Krankenstand-Statistik Auskunft. Das hängt u. a. damit zusammen, dass die den Kassen verpflichteten Ärzte von seiten ihrer Brötchengeber in den letzten Jahren immer mehr Druck und finanzielle Einschränkungen ihrer Behandlungsmöglichkeiten erfahren mussten. Die Abwälzungstechnik der Bourgeoisie besteht hier, wie auch sonst oft üblich, zunächst im Druck auf das Kleinbürgertum (die in diesem Fall als niedergelassene Ärzte und Apotheker in Erscheinung treten), die diesen Druck dann wiederum an die Betroffenen aus den sog. unteren gesellschaftlichen Schichten weiterleiten. In Bezug auf psychische Krankheiten kommt hinzu, dass Ärzte daran ohnehin nicht gerade viel verdienen können. Sie können z.B. bei offensichtlich psychisch bedingten Erkrankungen keinen Einsatz von aufwendigen technischen Apparaten abrechnen, haben selten Laboruntersuchungen zu leisten und das Verordnen von Medikamenten für Menschen mit geringem Einkommen ist nach den neuen Bestimmungen auch nicht mehr besonders erschwinglich für die Ärzte. Wohl aber weiterhin für die Pharmaindustrie! Die ambulante Behandlung psychisch Kranker ist zudem fast vollständig in die Hände von im Vergleich mit den Medizinern geringer besoldeten Psychologen übergegangen, die den niedergelassenen Ärzten (hier Psychiatern und Neurologen) deshalb als Konkurrenten gegenüberstehen und die ihrerseits wieder von den Kassen angehalten werden, ein bestimmtes Stundenkontingent für die Behandlung nicht zu überschreiten. Auf bedürftige Lohnabhängige in den Metropolen kommt zudem mittlerweile eine durchschnittliche Wartezeit von 6 Monaten und mehr für eine ambulante psychotherapeutische Behandlung zu.
Zu diesen allgemeinen Erschwernissen, die in der Struktur des „Gesundheitssystems“ ihre unmittelbare Ursache haben, kommt hinzu, dass die große Mehrheit der lohnabhängigen Patienten die ideologischen Botschaften dieses Systems weitestgehend verinnerlicht und in allgemeine Verhaltensrituale umgesetzt hat: Sie gehen in der Regel eben nicht dann zum Arzt, wenn sie sich als krank empfinden, sich nicht wohl fühlen, sondern erst dann, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, arbeiten zu gehen! Dieses Verhaltensmuster setzt sich in der Regel selbst dann noch fort, wenn die Betroffenen überhaupt keinen Arbeitsplatz mehr haben. Krankheiten werden in den Schichten mit niedrigen Einkommen daher meist viel zu spät erkannt und behandelt. Was die Genesung zusätzlich erschwert. Als Erklärung für die Ärzteschaft dient dann die als selbstverständlich vorausgesetzte „Bildungsferne“ der unteren Gesellschaftschichten, um diese dann mit oberflächlichen Aufklärungsbroschüren, vulgärer Psychomagazine und sinnentleerter Lebensberatungsliteratur zu überschwemmen.
Im Falle einer psychischen Erkrankung, die ohnehin meist sehr spät als solche von den Betroffenen wahrgenommen wird und zudem nach wie vor äußerst schambesetzt ist, nimmt die Wechselwirkung zwischen zunehmendem Mangel an Versorgungsangeboten und dem an seine Funktion für das Kapital gebundenen Empfinden und Bewusstsein der betroffenen Lohnabhängigen mittlerweile die verheerenden Ausmaße an, die in der Krankenstand-Statistik zunehmend als negative Bilanz auftauchen.
Nach der Psychologisierung des Alltags, vermittelt und potenziert durch Werbung und Ratgeber-Literatur, welche die Psychologie in den letzten Jahrzehnten umfangreich und nachhaltig vulgarisiert haben und diese mittlerweile als eine Art „Volksreligion“ präsentieren, folgt nun die zunehmende Psychiatrisierung ihrer Konsumenten. Die als Fluchtversuch aus der eigenen Entfremdung angelegte psychische Krise wird in dem Moment, wenn die persönliche mit einer gesellschaftlichen Krise zusammenfällt, zur Falle, in der die Individuen in zunehmende soziale Isolation geraten. Der ökonomische und soziale Abstieg wird unter dieser Voraussetzung für die meisten Betroffenen unausweichlich.
Jeder Wahn ist ansteckend bzw. sozial übertragbar. Über die Übertragungswege weiß die psychologische und psychiatrische Zunft allerdings nicht sehr viel zu sagen. Jedenfalls nicht genug, um verständlich zu machen, warum der Wahn hier ausbricht und dort nicht. Oder besser, warum er hier auf unerwünschte und dort auf angepasste Art ausbricht. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sich hinter jedem Wahn, jeder Verwirrung und jedweden psychischem Elend jeweils zwischenmenschliche Ereignisse verbergen. Frei nach Marx wäre der Wahn, als grundsätzliche Möglichkeit menschlicher Tätigkeit verstanden, nicht ein dem einzelnen Individuum innerwohnendes Abstraktum, sondern in seiner Wirklichkeit nur als ein verinnerlichtes Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse zu begreifen.[24] Im gegenwärtigen kulturellen und politischen Umgang mit dem Wahn und allem, was sonst als „psychische Störung“ wahrgenommen wird, zeigt sich das Elend menschlicher Beziehungen und Verhältnisse im Kapitalismus und der verzweifelte Versuch von Individuen, diesem Elend von Episode zu Episode auszuweichen. Und es gibt jede Menge gute Gründe und jede Menge Möglichkeiten für das Individuum, sich der Weltfremdheit hinzugeben.
Als Erscheinung/Symptom unbefriedigender, dem menschlichem Begehren entgegenwirkender Beziehungen und Verhältnisse müsste jeder Ausdruck psychischem Elends aus all den genannten Gründen zum Untersuchungsgegenstand einer die Psychologie ergänzenden, kritischen Anthropologie, einer Kulturkritik und, last but not least, einer Kritik der politischen Ökonomie werden, um einem Verständnis vom Leid der Betroffenen sowie der zunehmenden Ausdehnung des psychischen Elends wenigstens ansatzweise näher kommen zu können.
Bei allen Erscheinungsformen, ob als Depression, Manie, Paranoia, Autismus… handelt es sich lediglich um den krisenhaft auf die Spitze getriebenen Widerspruch zwischen Empfindungen und Gedanken, der seinem (anthropologischem) Möglichkeiten nach allen Menschen gemein ist und aus den Antagonismen des ihren Beziehungen zueinander determinierenden, krisenhaften Gesellschaftssystems entspringt. Krisen, die die Gemüter zum Äußersten treiben, markieren die Geschichte der Menschheit ebenso wie die Geschichten der einzelnen Individuen. Aber „die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen… Die in der menschlichen Geschichte – dem Entstehungsakt der menschlichen Gesellschaft – werdende Natur ist die wirkliche Natur des Menschen, darum die Natur, wie sie durch die Industrie, wenn auch in entfremdeter Gestalt wird, die wahre anthropologische Natur ist.“[25]
Das psychische Elend, was demnach weniger ein Elend der Psyche, des psychischen Apparates, wie Freud sich ausdrückt, ist, als vielmehr das Elend einer durch und durch warenförmigen Gesellschaft, wird von uns allen geteilt. Wir verstehen es jedoch, ganz diesem Verhältnis entsprechend, alle Anteile des Gemeinwesens unterschiedlich und in Konkurrenz zueinander zu verteilen, bis schließlich dieses ebenso verteilte psychische Elend uns selbst voneinander trennt. Je mehr die Beschleunigung der Produktivität die Teilung der Arbeit (= die Proletarisierung der Welt) vorantreibt, desto mehr entfremdet sich der Mensch als bloße Abteilung von dieser Welt und damit von sich selbst. So ist die Entfremdung uns zur Natur geworden. Und genau das sehen wir im Spiegel in der Hand des Narren: Das eigene Fremde. Die Weltfremdheit des Narren ist aber zugleich auch seine eigene Selbstfremdheit. Der Narr wirkt deshalb paradox, weil die Wirklichkeit paradox ist. Der Narr verhält sich in Bezug zu den kulturellen Normen absurd, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse, die diese Normen hervorbringen, absurd sind. Darum wurden und werden Narren interniert!
Dass Symptome, die jeweils unter „psychische Erkrankung“ zusammengefasst werden, zeitweise epidemischen Charakter annehmen, ist ein Phänomen, welches die Klassengesellschaften immer begleitet hat und stets in Situationen gesellschaftlicher Umbrüche verstärkt zum Vorschein kommt. Das ist hinreichend historisch belegt.[26] Psychische Krankheiten treten jedoch stets episodisch in Erscheinung, auch dann wenn sie als chronisch wahrgenommen und diagnostiziert werden. Kein Mensch ist somit durchgehend psychisch krank - oder alle sind es! So wie beim einzelnen, individuellen verhält es sich auch beim epidemischen, also massenhaften Auftreten von gleichen Symptomen. Es handelt sich immer um Episoden in Folge von persönlichen Krisen, welche dann, in Zeiten gesellschaftlicher Krisen, auffällig mehr Menschen treffen. Was wir heute als psychische Verelendung wahrnehmen und deuten, steht mithin im Zusammenhang mit der allgemeinen Verfassung der bürgerlichen Gesellschaft. Z. B. als das Ergebnis ihres Zerfalls. Oder auch bloß als Ergebnis der Ohnmacht, welche die Individuen täglich produzieren, indem sie die Macht des Kapitals produzieren. Die Geschichte der psychischen Verelendung ist mithin die Geschichte von Symptom tragenden Subjekten in einer von ihnen selbst mit gestalteten, krankmachenden sozialer Umgebung.
Zu guter Letzt: Ein gesellschaftskritisches Milieu ohne einen kritischen Begriff von der Psychologie und ohne eine realistische Einschätzung der psychischen Möglichkeiten und Grenzen ihre Subjekte bleibt zum Selbstverschleiß verurteilt. Das beweist die alltägliche Praxis im Ringen um Emanzipation, in der oftmals ausgerechnet die Genussfähigkeit durch falsche Moral und unheilvolle Strukturen vieler dieser Milieus gefesselt bleibt. „So versinkt die Welt des Genusses in den Niederungen des Unbewussten. Später werden die Psychoanalytiker, die Entdecker absichtlich versunkener Kontinente, Strandräuber spielen; sie werden die Objekte der Begierde und des Abscheus an die Oberfläche bringen und sie ihren Eigentümern wiederverkaufen, die häufig nichts mehr damit anzufangen wissen...“[27] Es ist an der Zeit, dass wir uns dem psychischen Elend in der Gesellschaft, welches nicht zuletzt auch unser eigenes ist, wieder praktisch und theoretisch nähern. Dabei wird es nicht darauf ankommen, sich die Errungenschaften der „Anti-Psychiatrie-Bewegung“ der 1970er Jahre bloß wiederanzueignen und deren Praxis zu reproduzieren. Vielmehr sollten diese Errungenschaften in einem neuen (Selbst-)Verständnis aufgehoben werden. Es kann dabei nicht, wie in der Vergangenheit oft falsch verstanden, um die Psychologisierung der Politik gehen,[28] sondern nur um die Politisierung der Psychologie!
März 2012
[1] SPK: „Aus der Krankheit eine Waffe machen“, München 1972, S. 51
[2] Cornelius Castoriadis, „Durchs Labyrinth – Seele, Vernunft, Gesellschaft“, Frankfurt a. M., 1981 (Paris 1978), S. 7
[3] Me-Ti, Buch der Wendungen
[4] Siehe: „Tagesspiegel“, „taz“, „Berliner Morgenpost“, „Berliner Zeitung“, Berliner Kurier“ … u.a.m.
[5] Siehe „DUDEN 7 - Herkunftswörterbuch“.
[6] Wer den Sozialpsychiatrischen Dienst in Metropolen kennt, also auch dessen strukturelle Einschränkung als Behörde zur Kenntnis nimmt, der weiß, dass die Ärzte und Psychologen dieser Dienststellen nur oberflächlich Denken und Handeln können und sollen, da mittels dieser Behördenstruktur jede echte (therapeutische) Beziehung zum Klienten ungewollt und ausgeschlossen ist.
[7] ICD: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. DSM: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders
[8] David Cooper, „Der Tod der Familie“, Reinbeck bei Hamburg, 1972, S. 46
[9] „Zeit-Online“ August 2011
[10] Nach Paragraf 1906 im Bundesgesetzbuch kann ein betreuter Mensch zwangseingewiesen werden, wenn die Gefahr besteht, dass er sich selbst tötet oder erheblichen Schaden zufügt. Oder aber weil eine medizinische Untersuchung notwendig ist, deren Notwendigkeit er aufgrund seiner psychischen Erkrankung nicht erkennen kann. Welche Untersuchungen dies umfasst, führt das Gesetz nicht aus.
[11] „Zeit-Online“ August 2011
[12] ebenda
[13] ebenda
[14] Siehe: Klaus Dörner, „Bürger und Irre“, Frankfurt a. M., 1969
[15] Siehe: Michel Foucault, „Wahnsinn und Gesellschaft“, Frankfurt a. M., 1969 (Paris 1961)
[16] Laut Dörner, Foucault u. a. Psychiatriehistorikern geht die eigentliche Geschichte der Psychiatrie, also der massenhaften Internierung von „Verwirrten und Wahnsinnigen“, einher mit der „Aufklärung“, also mit der Hervorhebung der „Vernunft“ als Leitfaden für den bürgerlichen Lebenswandel. Für alles, was der bürgerlichen Gesellschaft fortan als irrational erschien, wurde „Behandlungsbedarf“ angemeldet.
[17] Es kann voraus gesetzt werden, dass wenigstens die populären Schriften von Fromm, Dörner, Schmidtbauer u. a. diesen professionellen Helfern aus unbeschwerten Tagen ihres „nonkonformistischen“ Studentenlebens noch hinlänglich bekannt sind.
[18] David Cooper, „Die Sprache der Verrücktheit“, Berlin 1978, S. 89
[19] Alle folgenden Zahlen stammen aus den Krankenstandstatistiken der jeweils angegebenen Jahre.
[20] „We must try“ Interview mit Antoni Negri, in der “taz” vom 9/10 Mai 2009, Seite 23
[21] U.a. ein Ergebnis der zunehmenden Aufhebung, bzw. Verlagerung der industriellen Produktion aus Deutschland seit Mitte der 70er Jahre.
[22] Von einer „professionellen Nähe“, welche eine therapeutische Beziehung bzw. eine pflegerische oder soziale Arbeit ja keineswegs in Frage stellt, wird in der beruflichen Praxis und während des Studiums nicht gesprochen. Die Terminologie der Branche ist stets auf Distanz und Trennung fokussiert. Das hat auch damit zu tun, dass die eigene Nähe zum Symptom erahnt wird. Die Sachzwänge des „Gesundheitssystems“ zwingen den KollegInnen allerdings diesen (selbst)verleugnenden Selbstschutz auf, um ihre Arbeitskraft im Sinne des Systems optimal nutzbar machen zu können. Mit zweifelhaftem Erfolg, wie man sieht.
[23] Röslers Vorschläge zur Gesundheitsreform mussten immer wieder scheitern. Seine Partei, die FDP, deren Klientel eher beim Kleinbürgertum, also bei den niedergelassenen Ärzten und Apothekern zu finden ist, geriet in Widerspruch zum Koalitionspartner CDU, bei dem offensichtlich eine starke Lobby der Pharmaindustrie am Wirken ist. Beide zusammen stießen zudem auf den Widerstand der Opposition, vor allem der SPD, die sich traditionell dem Staatshaushalt und der „Volkswirtschaft“, also dem Gesamtkapital, verpflichtet fühlt. Ein ähnliches Dilemma spielt sich derzeit in den USA ab, wo sich die krisengeschüttelte Privatwirtschaft ein Gefecht nach dem nächsten liefert gegen den „ideellen Gesamtkapitalismus“, vertreten durch Obama. Der Kampf um die „Gesundheitsreform“ ist in den meisten Industrienationen mittlerweile zum Symbol der Rivalitäten der verschiedenen Kapitalfraktionen geworden, die jeweils darum bemüht sind, ihr Konzept zur Krisenbewältigung gegenüber dem Rivalen durchzusetzen.
[24] „…das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum, in seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Karl Marx: Thesen über Feuerbach
[25] Ebenda
[26] Vergl. : Michel Focault „Wahnsinn und Gesellschaft“, Klaus Dörner „Bürger und Irre“ u.a.m.
[27] Raoul Vaneigem in: „An die Lebenden – Eine Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie.
[28] …Das erledigt schon täglich die Entpolitisierungsmaschine der bürgerlichen Psychotechniker, zu denen mittlerweile nicht nur die schlechtesten Aussteiger aus den sozialen Bewegungen der 60er, 70er und 80er Jahre gehören.
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In den letzten zehn Jahren war das Proletariat in China und im Rest Ostasiens – Burma, Kambodscha, die Philippinen, Indonesien, Thailand und Vietnam – in einer Welle von Streiks und Protesten gegen die kapitalistische Ausbeutung verwickelt. Wir wollen uns hier auf China konzentrieren und dabei größtenteils die Informationen des China Labour Bulletin (CLB) nutzen, der Publikation einer Nicht-Regierungsorganisation mit Sitz in Hongkong und Verbindungen zu Menschenrechtsorganisationen und Radio Asia. Das Bulletin unterstützt die Idee eines „faireren“ chinesischen Staates, was die Befürwortung der Zulassung von „freien Gewerkschaften“ miteinschließt.
Anschließend werden wir auf noch aktuellere Ereignisse rund um die „Volksrepublik“ schauen, einschließlich der Entwicklung der imperialistischen Spannungen, des Zerfalls und der Intrigen rund um das allmächtige Politbüro.
Das letzte Jahrzehnt hindurch war die Arbeiterklasse in China in einer Welle von Streiks und Protesten beteiligt, die nach Tausenden von Arbeitern zählten, nachdem die Wut und die Kampfbereitschaft unter dem Gewicht der kapitalistischen Ausbeutung immer weiter gewachsen waren. Die von den ArbeiterInnen selbst inszenierten spontanen Streiks entzündeten sich durchweg an denselben Fragen: Überstundenbezahlung, Kompensationen für Umsiedlungen, Korruption der Behördenvertreter, Lohnsteigerungen, Lohn- und Rentenkürzungen, Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Reduzierung der Arbeitszeit, Bildungs- und Gesundheitsbeihilfen. Insgesamt drückte sich die ganze Skala der Bedingungen einer verschärften Ausbeutung durch den chinesischen Staat aus. Obwohl größtenteils voneinander getrennt, haben diese Streiks eine ausgeprägte Dynamik und eine wachsende Stärke an den Tag gelegt, was so weit ging, dass das China Briefing am 29.11.2011 Investoren darauf hinwies, sich auf Arbeiterunruhen einzustellen.
Nur einige Tage zuvor gab es in Chongqing, dem früheren Machtbereich des in Ungnade gefallenen Parteichefs Bo Xilai, unabhängig von den Politbüro-Manövern Streiks gegen Lohn- und Rentenkürzungen. Diese 30-Millionen-Stadt in Südchina taumelt wie viele andere Städte am Rande des Bankrotts, was wachsende Besorgnis auslöst (lokale Bankrotte sind ein großes Problem für den Kapitalismus, wie einige Bundesstaaten in den USA, Regionalregierungen in Spanien und so weiter bezeugen). Bei ihrem Vorgehen gegen den Streik in Chongqing blockierten die Behörden wie anderswo auch das Microblogging, das die Arbeiter benutzt hatten, um effektiv miteinander zu kommunizieren und Nachrichten angesichts des staatlichen Blackouts auszutauschen
Das China Labour Bulletin vom 5. März 2012 berichtet, dass sich im Februar 2012 die Streiks und Proteste im gesamten Land fortsetzten, wobei die große Mehrheit in den Industrie- und Transportbereichen stattfanden und hauptsächlich Forderungen nach höheren Löhnen und gegen die Reduzierung von Zuschlägen aufstellten. Fünftausend Arbeiter der Hanzhong Steel Co. in Shaanxi in Nordchina streikten gegen die niedrige Bezahlung und zu viele Arbeitsstunden. Etliche tausend Arbeiter verließen die Fabrik und strebten auf die Straßen der City, um zu demonstrieren. Der Bericht wies darauf hin, dass die Arbeiter ihre eigenen Repräsentanten wählten. Die Märzausgabe des Bulletins verzeichnete auch die höchste monatliche Streikbeteiligung, seitdem es vor fünfzehn Monaten mit seinen Aufzeichnungen begonnen hatte, und wies auf die die Eskalation von Streiks wegen zu niedriger Bezahlung und Verlagerungen hin. In vielen Fällen waren Sondereinsatzkräfte und Milizen aktiv vor Ort, und viele militante Arbeiter wurden nicht nur entlassen, sondern auch „festgesetzt“ – ohne dass die Menschenrechtsindustrie im Westen einen Mucks von sich gab. Die Repression und Überwachung in China ist natürlich eine Spezialität des stalinistischen Staates. Wie die arabischen Regimes benutzt auch dieser Staat Banden und bewaffnete Schläger, die er bezahlt und durchs ganze Land karrt, um sie gegen die Arbeiter einzusetzen. Die innenpolitischen Ausgaben in China im Jahr 2010 und die geplanten Ausgaben für 2011 übersteigen die Ausgaben fürs Äußere, d.h. für den Verteidigungsetat – der nicht unerheblich ist.(1)
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fluteten auf der Suche nach Arbeit Millionen armer, junger LandarbeiterInnen in die Fabrikstädte Südchinas. Diese jungen Männer und Frauen arbeiteten für wenig Geld unter oftmals gefährlichen und ungesunden Verhältnissen. Sie waren größtenteils wehrloses Schlachtvieh. Es war diese Basis, auf der sich das „chinesische Wirtschaftswunder“ gründete. Doch die erzwungene Hinnahme dieser Bedingungen hielt nicht lange vor. Gestählt in der Hitze des Klassenkampfes, war am Ende des Jahrzehnts die Ära der billigen und folgsamen Arbeit vorüber. Eine bedeutende Anzahl von ArbeiterInnen, noch jung, aber erfahren, besser ausgebildet, selbstbewusster und kämpferisch, organisierte sich und unternahm Streiks und Proteste. Im Sommer 2010 kam es mit einer Streikwelle im verarbeitenden Sektor zum Höhepunkt.(2)
Mitte des vergangenen Jahrzehnts schätzte das chinesische Ministerium für menschliche Ressourcen und soziale Sicherheit die Zahl der Wanderarbeiter auf 240 Millionen, einschließlich der 150 Millionen SaisonarbeiterInnen, von denen 70 Prozent in der verarbeitenden Industrie arbeitet. Trotz dieser Zahlen machte es der Arbeitskräftemangel möglich, dass die ArbeiterInnen 2005 einen weiteren Schritt zu offensiven Kämpfen und Forderungen machten; Ausbrüche, die eine handfeste Ermutigung für andere waren, ihre eigenen Proteste zu artikulieren. Der chinesische Staat registrierte 80.000 Massenzwischenfälle im Jahr 2007 – das war das letzte Mal, dass der chinesische Staat offizielle Zahlen verlautbarte.(3) Das CLB schätzt , dass diese Zahlen seitdem Jahr für Jahr hochgegangen sind und die Streiks eine andere Intensität angenommen haben. Zum Beispiel schlossen sich im August 2011 Tausende von entlassenen Arbeitern, Opfer der Restrukturierungsmaßnahmen in Chinas nationaler Ölgesellschaft, einer Demonstration von beschäftigten Ölarbeitern an, die sich im Streik für ihre eigenen Forderungen befanden. Dies unterstreicht die größere Rolle, die der Griff nach der Straße, die Straßenblockaden, Demonstrationen und Sit-ins auf öffentlichen Plätzen spielten. Ein weiterer Aspekt des oben erwähnten Microblogging war sein Einsatz beim Honda-Streik in Nanhai 2010, wo Kommunikationsnetze etabliert wurden und eine kleine Gruppe von ArbeiterInnen aufrief: „Einheit ist Sieg“. Die chinesischen Behörden versuchten diese Art von Kommunikation unter dem Vorwand zu stoppen, „unbegründete Gerüchte“ zu verhindern.(4) Einer der Honda-Streikführer äußerte gegenüber der New York Times, dass eine Minderheit von ArbeiterInnen, insgesamt an die 40, miteinander kommuniziert und sich im Vorfeld des Streiks getroffen habe, um über Aktionen und Forderungen zu entscheiden. In einem Streik bei Pepsi-Cola im November 2011 wählten die ArbeiterInnen auf einer Generalversammlung ihre eigenen Delegierten. Trotz angebotener Lohnerhöhungen seitens des Managements weiteten sie ihre Aktionen aus.(5)
Manche Streiks enden mit Lohnsteigerungen und der Erfüllung einiger Forderungen, viele jedoch nicht; ArbeiterInnen wurden gefeuert und inhaftiert. Und wo Lohnerhöhungen gewährt wurden, wurden diese häufig durch die Inflation aufgefressen, die zum größten Fluch für die chinesische Ökonomie geworden ist. Nicht nur in den Küstenregionen nahmen die Forderungen nach Lohnerhöhungen zu, sondern seit 2010 auch im Hinterland, wo die sich in Aktion befindlichen ArbeiterInnen Familien, Freunde, etc. haben und so die Möglichkeit von Streikaktionen in Verein mit gesellschaftlichen Protesten eröffnen, was so die Schlachtfront ausweiten kann. Andererseits wird Wanderarbeitern und ihren Kindern, die sich in den Städten niederlassen, oft der Zugang zur Bildung und zu medizinischen Beihilfen verweigert – die ihre Arbeitgeber ihnen gewähren müssen, aber nicht tun. Dies hat eine weitere Kampfarena eröffnet. All dies ein fernes Echo aus dem vorherigen Jahrzehnt, als diese jungen, ländlichen Menschen gebraucht und nach Belieben vom chinesischen Staat aussortiert wurden. Auch die Arbeitslosigkeit ist von großer Bedeutung, zumal wenn der Verband der Hongkonger Industrie sagt, dass „ein Drittel der in Hongkong ansässigen Industrien seine Kapazitäten herunterfahren oder schließen wird“, was mindestens zehntausende von ArbeiterInnen betreffen würde.
Das China Labour Bulletin stellt fest, dass die Beschäftigten „kein Vertrauen im gesamtchinesischen Gewerkschaftsbund“ und in seine „Fähigkeiten (haben), angemessene Lohnsteigerungen auszuhandeln“. Sie nahmen folglich „die Dinge in die eigenen Hände und organisierten eine breite Palette von immer wirksameren kollektiven Aktionen…“ Die ACFTU ist unübersehbar mit der Partei verbunden und aus ihren Mitgliedern und Kadern zusammengesetzt, und das CLB lenkt die Aufmerksamkeit auf ein großes Problem, dem sich die herrschende Klasse Chinas gegenübersieht: das Fehlen von effektiven Gewerkschaften, um die ArbeiterInnen zu kontrollieren und zu disziplinieren. Repression allein reicht nicht aus und kann Öl ins Feuer gießen. Wie der CLB-Bericht zum oben erwähnten Honda-Streik anmerkte: „Jede Arbeiterorganisation, die sich während eines Protestes entwickelt, wird üblicherweise aufgelöst, sobald die Forderungen, die zu ihr führten, überreicht worden sind“. Das pro-staatliche CLB möchte gerne diese Arbeiterorganisation zu einer permanenten Organisation machen und in eine Struktur von freien Gewerkschaften mit friedlichen Beziehungen zum Staat einbinden. Die Branchengewerkschaften des ACFTU, soweit sie existieren, setzen sich gelegentlich ausschließlich aus Managern zusammen, wie in der Fabrik von Ohms Electronics in Shenzhen, wo die zwölf Manager allesamt Gewerkschaftsfunktionäre sind! Und in einer ebenso pathetischen wie verzweifelten Anstrengung, die auch auf die Grenzen des stalinistischen Staates hinweisen, hat der Gewerkschaftsbund von Shanxi ihre 100.000 Gewerkschaftsfunktionäre in der Provinz angewiesen, ihre Telefonnummern zu veröffentlichen, damit ArbeiterInnen in Kontakt zu ihnen treten können!! Im gesamten Land haben die Teilgewerkschaften des ACFTU ArbeiterInnen gefeuert, Streikbrecher angeheuert und die Polizei und Milizen gegen ArbeiterInnen gerufen. Der ACFTU ist voll und ganz Bestandteil des diskreditierten Parteiapparates. Die Bourgeoisie nicht nur in China, sondern international benötigt erneuerte, elastische und glaubwürdige Gewerkschaftsstrukturen, und hier kommt das China Labour Bulletin und sein Drängen nach Freien Gewerkschaften ins Spiel. Ersichtlich wird dies aus seinem Ruf nach „größerer Beteiligung (von ArbeiterInnen) an den Komitees und anderen Gewerkschaftsstrukturen“ und danach, dass „neue Beschäftigte Informationen über die Gewerkschaftsaktivitäten erhalten“, wie nach den jüngsten Kämpfen bei Foxcomm geschehen.
Anders als ihre ausgebufften Brüder im Westen sehen die Gewerkschaften in China die Streiks noch nicht einmal, wenn sie losgehen, ganz zu schweigen von ihrer Unfähigkeit, sie zu entschärfen und zu spalten. Dies war der Fall in der Honda-Fabrik in Foshan im Südwesten Chinas im vergangenen Sommer. Es brauchte zwei Wochen und eine große Lohnerhöhung, um die ArbeiterInnen zurück zur Arbeit zu bewegen. Kong Xianghong, ein ehemaliger Arbeiter und altes KP-Mitglied und mittlerweile Mitglied des ACFTU, äußerte nach dem Streik (und einem weiteren Ausbruch von Streiks, die durch ihn provoziert wurden): „Wir vergegenwärtigten uns die Gefahr für unsere Gewerkschaft, von den Massen getrennt zu werden“. Kong fügte hinzu, dass China es nötig habe „die Lehren aus den Aufständen der arabischen Nationen aufzunehmen“.(7)
Für die Arbeiterklasse in China werden sich die Kämpfe intensivieren, und für die Bourgeoisie werden die Probleme zunehmen. Letzteren würden die Freien Gewerkschaften, wenn sie überhaupt eine Möglichkeit sind, und das bleibt zweifelhaft, ein größeres Element der Kontrolle verleihen. Für die ArbeiterInnen lautet die Lehre aus der Freien Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, dass diese Institutionen heimtückischer und zerstörerischer sein können als die Strukturen der Partei und der staatlichen Gewerkschaften – die zumindest die Gewerkschaften als die Anti-ArbeiterInnen-Formationen zeigen, die sie sind.
Baboon, 15.4.2012
(1) Bloomberg News, 6.3.11.
(2) Es gab schätzungsweise 180.000 „Zwischenfälle“ im Jahr 2010, Financial Times, 2.3.11.
(3) CASS, Social Trends Analysis and Projection Topic Group, 2008-2009.
(4) BBC News, 16.3.12.
(5) World Socialist Web: „Signs of a new strike in China“.
(6) „A Decade of Change: The Workers‘ Movement in China 2000-2010“.
(7) Washington Post, 29.4.11.
Wir sind sehr erfreut über die Gründung zwei neuer Sektionen der IKS – in Peru und Ecuador – berichten zu können.
Die Bildung einer neuen Sektion unserer Organisation ist immer ein wichtiges Ereignis für uns. Erstens, weil solch ein Schritt die Fähigkeit des Weltproletariats belegt, trotz seiner Schwierigkeiten revolutionäre Minderheiten auf der ganzen Welt hervorzubringen, und zweitens weil es bedeutet, dass unsere Organisation ihre globale Präsenz ausbauen kann.
Wir sind sehr erfreut über die Gründung zwei neuer Sektionen der IKS – in Peru und Ecuador – berichten zu können.
Die Bildung einer neuen Sektion unserer Organisation ist immer ein wichtiges Ereignis für uns. Erstens, weil solch ein Schritt die Fähigkeit des Weltproletariats belegt, trotz seiner Schwierigkeiten revolutionäre Minderheiten auf der ganzen Welt hervorzubringen, und zweitens weil es bedeutet, dass unsere Organisation ihre globale Präsenz ausbauen kann.
Die Bildung zwei neuer Sektionen der IKS findet zu einem Zeitpunkt statt, wo die Arbeiterklasse seit 2003 angefangen hat, sich von der langen Rückflussphase ihres Bewusstseins und ihrer Kampfbereitschaft nach 1989 zu erholen1 [532]. Dieses Wiedererstarken wird anhand einer Reihe von Kämpfen deutlich, die ein wachsendes Bewusstsein über die Sackgasse zum Ausdruck bringen, in welcher der Kapitalismus auf der ganzen Welt steckt, und durch das weltweite Auftauchen von internationalistischen Minderheiten, die Kontakte untereinander knüpfen wollen, sich viele Fragen stellen und nach einer revolutionären Kohärenz streben und die Perspektiven der Entwicklung des Klassenkampfes diskutieren. Ein Teil dieses Milieus hat sich den Positionen der Kommunistischen Linken zugewandt, und ein Teil dieses Milieus hat sich unserer Organisation angeschlossen. So wurde 2007 ein Kern der IKS in Brasilien gegründet, 2009 konnten wir die Schaffung zwei neuer Sektionen der IKS in den Philippinen und der Türkei verkünden.
Die beiden neuen Sektionen sind ebenso ein Ergebnis länger dauernder Anstrengungen unserer Organisation und unserer Mitglieder, sich an politischen Diskussionen und Klärungsprozessen zu beteiligen, wo immer das möglich ist, Verbindungen zu Gruppen oder Einzelpersonen zu knüpfen, die nach kommunistischen Ideen suchen, unabhängig davon, ob sie sich unserer Organisation anschließen wollen oder nicht.
Unsere neuen Sektionen waren vor ihrem Beitritt zur IKS Gruppen dieser Art, die – wie im Falle Ecuadors – sich direkt mit dem Ziel der politischen Klärung anhand der Positionen der IKS an uns wandten, oder – wie im Falle Perus – aus verschiedenen Ecken stammen. In beiden Fällen entfalteten sich Diskussionen mit anderen politischen Kräften als auch systematische Diskussionen mit der IKS über unsere Plattform. Sie fühlten sich alle verpflichtet, gegenüber den Ereignissen auf internationaler und nationaler Ebene Stellung zu beziehen. 2 [533]. Heute noch sind sie in einem Umfeld aktiv, in dem sie viele Kontakte pflegen.
In Südamerika „beheimatet“ werden diese beiden neuen Sektionen der IKS die Intervention der IKS im spanisch-sprachigen Raum sowie die Präsenz der IKS in Lateinamerika verstärken, wo wir schon Sektionen in Venezuela, Mexiko und Brasilien haben.
Die ganze IKS heißt die beiden neuen Sektionen und ihre Mitglieder herzlich willkommen. IKS April 2012
1 [534] Der Zusammenbruch des Stalinismus, der zum Anlass genommen wurde, um eine gewaltige bürgerliche Kampagne anzuleiern, in der der Kommunismus und der Staatskapitalismus, wie er sich nach dem Niedergang der russischen Revolution entwickelte, fälschlicherweise in einen Topf geschmissen wurden.
2 [535] Einige dieser Stellungnahmen wurden in Accion Proletaria, der Zeitung der IKS in Spanien, und von IKSonline auf unserer spanischen Webseite veröffentlicht.
„Mutato nomine de te fabula narratur“ (lat.: „Unter geänderten Namen wird die Geschichte über dich erzählt“)
Ein Solidaritätsaufruf aus Griechenland: Offener Brief an unsere deutschen Kolleginnen und Kollegen
„Mutato nomine de te fabula narratur“ (lat.: „Unter geänderten Namen wird die Geschichte über dich erzählt“)< 1
Das mag etwas seltsam klingen, aber vielleicht versteht Ihr es. Falls nicht, denkt einfach mal darüber nach. Was hier in Griechenland geschieht, geht auch Euch etwas an. Was uns hier widerfährt, wird auch Euch passieren. Wir sind alle arbeitende Frauen und Männer. Wir schuften hart zu flexiblen Arbeitszeiten und wir werden schlecht bezahlt. (Wenn wir überhaupt noch Arbeit haben). Sie drohen uns mit Lohnkürzungen und Entlassungen. Jeden Tag wird Euch erzählt, dass wir für die Wirtschaftskrise verantwortlich seien. Und jeden Tag wird uns erzählt, dass die zunehmende Verschlechterung unserer Lebensbedingungen Eure Schuld sei. Aber die Fakten zeigen ein anderes Bild.
Hier in Griechenland:
• Sinken die Löhne
• Liegt die Kaufkraft weit unter der Inflation.
• Steigt die Arbeitslosigkeit
• Wächst die Armut und über eine Million Menschen sind arbeitslos.
• Es werden immer mehr und gegenwärtig ergeben sich viele ihrem Schicksal.
• Sind bereits in 10% der Familienhaushalte beide Elternteile arbeitslos.
• Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 45%.
• Gleichzeitig wird der Steuersatz auf Kapital und höheren Einkommen reduziert.
• Und in Deutschland:
• Die andere Seite des deutschen “Wirtschaftswunders” des letzten Jahrzehnts sind die Lohnverluste der
abhängig Beschäftigten. Sie zahlten und zahlen noch immer für die “gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit”
der deutschen Wirtschaft.
• Die Reallöhne der deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter sinken Jahr für Jahr und werden immer
niedriger, während die Gewinne der Unternehmen stetig ansteigen.
• Die Kaufkraft liegt nun deutlich unter der Inflation. 7 Millionen (ca. 20% der Beschäftigten) arbeiten mit
Zeitverträgen in befristeten Beschäftigungsverhältnissen und Minijobs. Sie verdienen weniger als 400
Euro und sind nicht versichert.
• Während die Reallöhne in den letzten Jahren gesunken sind, haben die Banken ihre Gewinne um 39% gesteigert.
Der Hauptgrund für die Auslandsschulden ist eher ein Handels- als ein Haushaltsdefizit. Dies treibt Länder in die Finanzspekulation.Und noch ein letzte Sache: Die Darlehen für Griechenland kommen nicht aus dem deutschen Staatshaushalt, sondern aus der Finanzbranche, die durch diese Kredite ihre Gewinne vervielfacht. Die öffentlichen Haushalte (der sog. „Steuerzahler“) sollen allerdings für die Risiken dieser Finanzgeschäfte bürgen. Es liegt auf der Hand: Die herrschenden Klassen unserer beiden Länder versuchen uns zu spalten. Sie versuchen uns gegeneinander auszuspielen. Wenn wir uns gegenseitig in den Haaren liegen, können wir uns nicht gegen ihre Unterdrückung wehren. Die Idee der „Nation“ ist dabei ihre wichtigste Waffe. Sie verschleiert den Klassencharakter des kapitalistischen Systems und vermittelt die Vorstellung, dass die bestehenden Zustände Ausdruck des gemeinsamen Interesse des „Volkes“ seien.
Wir dürfen uns nicht spalten lassen!
Wir sind Brüder und Schwestern einer Klasse!
Wir werden für die von ihnen verursachte Krise nicht bezahlen!
Wir leisten so gut wir können Widerstand, aber wir brauchen Eure Solidarität!
Lasst uns gemeinsam als Klasse für unsere Befreiung kämpfen, und Unterdrückung und Diskriminierung für immer überwinden!
Proletarische InternationalistInnen aus Griechenland
www.leftcom.org [538]
1. Das Zitat ist der Einleitung des ersten Bandes des Kapitals entlehnt. Karl Marx schrieb hier:“Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions-und Verkehrsverhältnisse. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Dies der Grund warum es zur Hauptillustration meiner theoretischen Entwicklung dient. Sollte jedoch der deutsche Leser pharisäisch die Achseln zucken über die Zustände der englischen Industrie-und Ackerbauarbeiter oder sich optimistisch dabei beruhigen, dass in Deutschland die Sachen noch lange nicht so schlimm stehen, so muss ich ihm zurufen: De te fabula narratur!“ (MEW 23, Seite 12) [zurück]
Während die Regierungen aller Länder immer brutalere Sparmaßnahmen durchboxen wollen, haben die Mobilisierungen von 2011 – die Bewegung der Empörten in Spanien, Griechenland, die Occupy-Bewegung in den USA und anderen Ländern – im ersten Quartal 2012 nicht nachgelassen. Aber die Kämpfe stoßen auf eine mächtige Barriere – die Störmanöver der Gewerkschaften, mit deren Hilfe sie den Prozess der Selbstorganisierung und der Vereinigung, der 2011 angestoßen wurde, wirkungsvoll behindern.
Wie sich aus dem gewerkschaftlichen Würgegriff lösen? Wie die 2011 zum Vorschein gekommene Tendenz wieder aufgreifen und sie neu beleben? Vor welchen Perspektiven stehen wir? Auf diese Fragen werden wir versuchen, einige Elemente für eine Antwort zu liefern.
Wir möchten zunächst kurz einige Kämpfe in Erinnerungen rufen (wir sind in anderen Artikeln näher auf diese Kämpfe eingegangen).
In Spanien haben die Kürzungen (im Erziehungs-, Gesundheitswesen und in der Grundversorgung) und die Verabschiedung einer “Arbeitsreform”, welche Entlassungen vereinfacht und den Betrieben unmittelbar Lohnsenkungen ermöglicht, zu großen Demonstrationen geführt, insbesondere in Valencia, aber auch in Madrid, Barcelona und Bilbao.
Im Februar kam es als Reaktion auf den Versuch, ein Klima des Polizeiterrors auf den Straßen zu schaffen, nachdem man die Schüler/Innen der Sekundarstufen in Valencia zu Sündenböcken machen wollte, zu einer Reihe von Massenkundgebungen, wo SchülerInnen und Beschäftige aller Generationen auf den Straßen zusammenkamen, um Schulter an Schulter mit den Gymnasiasten zu protestieren. Die Protestwelle hat sich im ganzen Land ausgedehnt, mit Kundgebungen in Madrid, Barcelona, Saragossa, Sevilla; die meisten von ihnen wurden spontan abgehalten oder nach einer Entscheidung in improvisierten Versammlungen ([1]).
In Griechenland hat ein neuer Generalstreik im Februar die Massenkundgebungen im ganzen Land begünstigt. Daran beteiligten sich Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und der Privatindustrie, Junge und Alte, Arbeitslose, sogar Polizisten schlossen sich ihnen an. Die Beschäftigten des Kilki-Krankenhauses haben das Gebäude besetzt und zur Solidarität und zur Beteiligung der gesamten Bevölkerung an den Vollversammlungen aufgerufen sowie einen Aufruf zur internationalen Solidarität verfasst. [2]
In Mexiko hat die Regierung den Großteil der Angriffe auf die Beschäftigten des Bildungswesens gerichtet, um sie dann auf die anderen Beschäftigten auszuweiten. Die Lebensbedingungen haben sich allgemein verschlechtert, obwohl man behauptet, das Land sei gut gegen die Krise gerüstet. Trotz der sehr starken gewerkschaftlichen Fesseln haben die LehrerInnen massenhaft im Zentrum Mexico-Citys protestiert. [3]
In Italien haben im Januar mehrere Kämpfe gegen Sparbeschlüsse der neuen Regierung stattgefunden – z.B. bei den Eisenbahnen, Jabil (früher Nokia), Esselunga di Pioltello in Mailand, Fiat in Termini Imerese, Cerámica Ricchetti in Mordado/Bologna; in den Raffinerien von Trapani; bei den prekär beschäftigten Forschern der Gasliani-Klinik in Genua, und auch in anderen Bereichen, die der Arbeiterklasse nahestehen, wie bei den LKW-Fahrern, Taxifahrern, Fischern, Bauern. Die Bewegung war äußerst zersplittert. Ein Versuch der Koordinierung in der Mailänder Region scheiterte, sie war Gefangene der gewerkschaftlichen Herangehensweise geblieben [4].
In Indien, das mittlerweile gemeinsam mit China als “die Zukunft des Kapitalismus” gepriesen wird, fand am 28. Februar ein Generalstreik statt, der von mehr als 100 Gewerkschaften ausgerufen wurde, die mehr als 100 Millionen Beschäftigte im ganzen Land repräsentieren (die aber nicht alle den Streik unterstützt haben, im Gegenteil). Dieser Generalstreik wurde als einer der zahlenmäßig größten Streiks auf der Welt eingestuft.
Aber dieser Tag war vor allem ein Tag der Demobilisierung, ein Mittel, um Druck abzulassen als Reaktion auf die wachsende Welle von Kämpfen seit 2010, an deren Spitze die Beschäftigten der Automobilindustrie stehen (Honda, Maruti-Suzuki, Hyundai-Motors). So hatten zwischen Juni und Oktober 2011 in den Autowerken die Beschäftigten selbständig gehandelt und nicht auf die Aufrufe der Gewerkschaften zu Aktionen gewartet. Deutliche Tendenzen zur Solidarität und zu einem Willen der Ausdehnung der Kämpfe auf andere Betriebe waren erkennbar. Ebenso waren Ansätze zur Selbstorganisierung und der Einberufung von Vollversammlungen ersichtlich, wie z.B. in Maruti-Suzuki in Manesar, einer neu errichteten Stadt infolge des Industriebooms in der Delhi-Region. Während dieses Kampfes haben die Beschäftigten entgegen den Anweisungen der Gewerkschaft den Betrieb besetzt. Die Wut steigt weiter an. Deshalb haben die Gewerkschaften beschlossen, einen gemeinsamen Aufruf zum Streik zu verfassen, um gemeinsam der Arbeiterklasse entgegenzutreten[5].
Die Jugendlichen, Arbeitslosen und prekär Beschäftigten waren die treibende Kraft unter den “Empörten” und der Occupy-Bewegung 2011 gewesen, auch wenn sich daran Beschäftigte aller Altersgruppen beteiligt haben. Es gab eine Tendenz, dass die Vollversammlungen zum Dreh- und Angelpunkt der Organisierung der Kämpfe wurden. Gleichzeitig wurde eine Kritik an den Gewerkschaften laut. Konkrete Forderungen wurden meist nicht erhoben, sondern man beschränkte sich auf die Empörung und die Suche nach einer Erklärung der Lage.
2012 nahmen die ersten Kämpfe als Reaktion auf die Angriffe der Regierungen eine etwas andere Gestalt an: an deren Spitze standen bislang die Beschäftigten der Altersgruppe der 40-50 Jährigen des öffentlichen Dienstes, die Unterstützung erhalten von den anderen „Verbrauchern“ (Familienvätern, Eltern von Kranken, usw.), denen sich die Arbeitslosen und Jugendlichen anschlossen. Die Kämpfe drehen sich meist um konkrete Forderungen und die gewerkschaftlichen Fesseln sind deutlich zu spüren.
Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, die Kämpfe “unterscheiden” sich, ja stünden im “Gegensatz” zu den früheren Kämpfen, das wollen uns jedenfalls die Medien eintrichtern. Die vorherigen Kämpfe seien „radikal“ und „politisch“ gewesen, getragen von „Idealisten, die nichts zu verlieren haben“; die jetzigen Kämpfe dagegen seien von Familienvätern getragen, die gewerkschaftlich ausgerichtet seien und ihre „erworbenen Privilegien“ nicht verlieren möchten.
Solche Unterscheidungen zwischen den “beiden Arten von Kämpfen”, die ihre tiefgreifenden gemeinsamen gesellschaftlichen Wurzeln vertuschen sollen, dienen dem politischen Ziel der Spaltung und der Gegenüberstellung von zwei Reaktionsformen der Arbeiterklasse, die das Ergebnis der Reifung ihres Bewusstseins sind und den Beginn einer Reaktion auf die Krise zum Ausdruck bringen, und die mit der Perspektive von gemeinsamen, massiven Kämpfen zusammengeführt werden müssen. Es handelt sich in Wirklichkeit um zwei Stücke des gleichen Puzzles, die zusammengefügt werden müssen.
Dies wird nicht einfach sein. Der Kampf mit einer aktiveren und bewussteren Rolle der Beschäftigten, insbesondere in den Bereichen, wo die Arbeiterklasse am stärksten entwickelt ist, ist immer dringender geboten. Ein nüchterner, klarer Blick auf all die Schwächen, von denen gegenwärtig die Arbeiterklasse geprägt wird, ist nötig.
Eine Mystifikation, die besonders in Griechenland zu spüren ist, ist der Nationalismus. Dort wird die Wut über die unerträgliche Sparpolitik „gegen das deutsche Volk“ kanalisiert, dessen angeblich „üppiges“ Leben [6] für die schlimme Lage des „griechischen Volkes“ verantwortlich sei. Diese Form des Nationalismus zielt darauf ab, „Lösungen“ für die Krise vorzuschlagen, die sich auf die „Wiederherstellung der nationalen ökonomischen Souveränität“ stützen, eine ziemlich autarke Sichtweise, die von den Stalinisten und Neofaschisten verbreitet wird. [7]
Die scheinbare Rivalität zwischen Rechts und Links ist eine andere Mystifikation, mit der der Staat die Arbeiterklasse zu schwächen versucht. Insbesondere in Italien und in Spanien ist dies ersichtlich. In Italien hat der Rücktritt Berlusconis, eine besonders widerwärtige Gestalt, es der Linken ermöglicht, eine „künstliche Euphorie“ zu schaffen: „Wir sind endlich befreit“. Dies hat zur Zerstreuung der Arbeiterkämpfe beigetragen, die zu Beginn der Sparmaßnahmen der „technischen“ Regierung um Monti ausbrachen. [8] In Spanien hat das autoritäre und brutale, repressive Vorgehen, mit der sich gewöhnlich die Rechte hervortut, den Gewerkschaften und den linken Parteien ermöglicht, die Verantwortung der Angriffe auf die „Bosheit“ und die „Bestechlichkeit“ der Rechten zurückzuführen und die Unzufriedenheit auf die „Verteidigung des demokratischen Sozialstaats“ abzulenken. Insofern wirken die Verschleierungen der traditionellen Kontrollkräfte der Arbeiterklasse – die Gewerkschaften und die Linksparteien – und die jüngst von den Herrschenden eingesetzten Mittel, um der Bewegung der Empörten entgegenzutreten, insbesondere DRY (Democracia Real Ya) zusammen gegen die Arbeiterklasse. Wie wir früher schon schrieben: „Die Strategie DRYs, im Dienste des demokratischen Staats der Bourgeoisie, besteht darin, für eine Bürgerbewegung der demokratischen Reformen einzutreten, um zu verhindern, dass eine gesellschaftliche Bewegung der Kämpfe gegen den demokratischen, kapitalistischen Staat entsteht“[9].
2011 war die herrschende Klasse in Spanien durch die Bewegung der Empörten überrascht worden, welcher es paradoxerweise gelang, ziemlich frei die klassischen Methoden des Arbeiterkampfes zu entfalten: Massenversammlungen, nicht-kontrollierte Versammlungen, Debatten mit großer Beteiligung usw. ([10]). Eine Bedingung für deren Zustandekommen war, dass man nicht auf der Grundlage von Betrieben, sondern auf den Straßen und Plätzen zusammenkam, und dass die Jugend und die prekär Beschäftigten, die deren treibende Kraft waren, zutiefst misstrauisch gegenüber den „anerkannten“ Institutionen wie den Gewerkschaften waren.
Heute stehen überall Sparprogramme auf der Tagesordnung, insbesondere in Europa, welche alle die Unzufriedenheit und eine wachsende Kampfbereitschaft auslösen. Die herrschende Klasse will nicht wieder überrascht werden, deshalb „begleitet“ sie die Angriffe mit einer Reihe von politischen Maßnahmen, die das Aufkommen eines selbst-organisierten, vereinigten und massiven Kampfes der Beschäftigten erschweren. Die Herrschenden wollen verhindern, dass die 2011 aufgetauchten Tendenzen weiter Auftrieb erhalten, und dass man über die bisherige Stufe hinausgeht.
Die Gewerkschaften sind die Speerspitze dieser Sabotagetaktik. Ihre Rolle besteht darin, das Terrain zu besetzen und Mobilisierungen vorzuschlagen, die in Wirklichkeit ein Labyrinth darstellen, wo sich alle Initiativen, die Bemühungen der Selbstorganisierung, die wachsende Kampfbereitschaft usw. verlaufen und die Bewegung gespaltet wird.
Dies wird sehr deutlich bei einer der bevorzugten Waffen der Gewerkschaften: dem Generalstreik. Wenn dieser von Gewerkschaften organisiert wird, sind das nur Ein-Tag-Aktionen, ohne Fortsetzung, bei denen oft viele Arbeiter zusammenkommen, es den Arbeitern aber unmöglich gemacht wird, ihren Kampf selbst in die Hand zu nehmen, um den Streik zu einem wirksamen Instrument gegen die Angriffe der Bourgeoisie zu machen. In den letzten drei Jahren wurden in Griechenland allein 16 Generalstreiks ausgerufen. In Portugal drei, ein neuer steht in Italien an, ein auf das Erziehungswesen begrenzter Generalstreik wurde für Großbritannien angekündigt. Wir haben den Streik in Indien im Februar schon erwähnt, in Spanien wurde ein weiterer für den 29. März angesetzt, nachdem der letzte im September 2010 stattfand.
Die Vielzahl von gewerkschaftlich ausgerufenen Generalstreiks ist sicherlich ein Hinweis auf den von den Beschäftigten ausgehenden Druck, deren Wut und zunehmende Kampfbereitschaft. Dennoch ist der Generalstreik kein Schritt vorwärts, sondern nur ein Mittel, um Druck abzulassen gegenüber der wachsenden Unzufriedenheit [11].
Im Kommunistischen Manifest wird hervorgehoben, dass “Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter.“[Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 2633,(vgl. MEW Bd. 4, S. 471)] Die Haupterrungenschaft eines Streiks liegt in der Einheit, dem Bewusstsein, der Fähigkeit zur Initiative und Selbstorganisierung, der Solidarität, den Verbindungen, die in einem Kampf hergestellt werden können.
Gerade diese Errungenschaften werden durch die Aufrufe zum Generalstreik und den anderen Methoden des gewerkschaftlichen Kampfes geschwächt und deformiert. Die Gewerkschaftsführer kündigen den Generalstreik an und mit großem Media-Hype werden lauthals Erklärungen verlesen, in denen viel von „Einheit“ die Rede ist, aber vor Ort, an den Arbeitsplätzen, in den Betrieben wird die „Vorbereitung“ des Generalstreiks zu einem gewaltigen Ablenkungs- und Spaltungsmanöver, bei dem die Betroffenen aneinandergeraten und geschwächt werden.
Die Beteiligung am Generalstreik wird als eine “persönliche Entscheidung” eines jeden Beschäftigten dargestellt. In vielen Betrieben befragen viele Manager die Beschäftigten, ob sie sich beteiligen werden. Dadurch können sie erpresst und eingeschüchtert werden. Das ist die Wirklichkeit hinter dem Streikrecht und den „Rechten der Bürger“.
Dieses Manöver bringt genau die lügnerische, herrschende Ideologie zum Ausdruck, der zufolge jedes Individuums selbständig und unabhängig und “nur seinem Gewissen verpflichtet” ist. Die Frage der Beteiligung am Streik wäre eines der vielen Dilemmas im Leben, gegenüber dem wir nur einzeln, jeder für sich reagieren können: Darf ich diese Arbeit annehmen? Darf ich solch eine Gelegenheit ausnutzen? Darf ich solch ein Produkt kaufen? Wen wähle ich? Soll ich mich am Streik beteiligen? In Anbetracht all dieser Dilemmas wird das Gefühl der Vereinzelung, Atomisierung, Entfremdung nur noch größer. Dahinter steckt die Welt der Konkurrenz, der Ausrichtung des jeder gegen jeden, jeder für sich, d.h. das ureigene Wesen dieser Gesellschaft.
An den Tagen vor dem Generalstreik nehmen die Auseinandersetzungen und Spannungen unter den Beschäftigten immer mehr zu. Jeder steht vor der Angst einjagenden Frage: Werde ich mich am Streik beteiligen, obwohl ich weiß, dass er nichts bringen wird? Werde ich meine streikenden KollegInnen im Stich lassen? Kann ich mir den Luxus leisten, einen Tag Lohn wegen der Streikbeteiligung zu verlieren? Kann ich es riskieren, meinen Job zu verlieren? Jeder fühlt sich aufgerieben zwischen diesen beiden Fronten: auf der einen Seite die Gewerkschafter, die bei denen, die sich nicht beteiligen, Schuldgefühle auslösen wollen, und auf der anderen Seite die Chefs, die alle möglichen Drohungen vom Stapel lassen. Es ist ein wahrer Alptraum an Zusammenstößen, Spaltungen und Spannungen unter den Beschäftigten, der zudem noch verschärft wird durch die Frage der Aufrechterhaltung eines „Notdienstes“ bzw. [12]).
Die kapitalistische Gesellschaft funktioniert nach dem Prinzip der Anhäufung von unendlich vielen „freien, individuellen Entscheidungen“. In Wirklichkeit ist keine dieser Entscheidungen „frei“, sondern man ist abhängig, gefangen in einem komplexen Netz entfremdender Beziehungen: der Infrastruktur der Produktionsverhältnisse, den Warenbeziehungen, der Lohnarbeit, und einem juristischen, militärischen, ideologischen, religiösen, politischen, polizeilichen Fangnetz.
Marx meinte, "daß der wirkliche geistige Reichtum des Individuums ganz von dem Reichtum seiner wirklichen Beziehungen abhängt, ist nach dem Obigen klar.“ [Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 1306, (vgl. MEW Bd. 3, S. 37)] [13],
Wobei letztere der Stützpfeiler des Arbeiterkampfes und der gesellschaftlichen Kraft sind, die einzig in der Lage ist, den Kapitalismus zu überwinden, während die Aufrufe der Gewerkschaften die sozialen Bindungen untergraben und die Beschäftigten einsperren hinter die Mauern der Betriebe, der Branchen, sie isolieren, und damit die Bedingungen für kollektive, bewusste Entscheidungen vereiteln.
Die Fähigkeit der Beschäftigten, gemeinsam über die Vor- und Nachteile einer Aktion zu diskutieren, gibt ihnen Stärke und Kraft, denn wenn sie über solche Fragen diskutieren und entscheiden, können sie auf die Argumente, Initiativen, Klärungen eingehen, Zweifel, konträre Meinungen, Vorbehalte usw. berücksichtigen. Und nur so können sie gemeinsam Entscheidungen treffen. Nur so können sie einen Kampf führen, in den die größtmögliche Zahl Beteiligter sich mit einbringt, Verantwortung übernimmt, Überzeugungen zum Ausdruck kommen können.
All das wird von den Gewerkschaften durch deren Praxis vereitelt, die darauf drängen, all die “Vorbehalte”, die “Zurückhaltung” und „Zweifel“ usw. fallenzulassen im Namen einer „notwendigen Kraft zur Blockierung der Produktion oder der Dienstleistungen“, der sich alle beugen und anschließen müssten. Die Kraft der Arbeiterklasse stützt sich auf die zentrale Rolle, die sie in der Produktion ausübt, da sie fast die gesamten Reichtümer der Gesellschaft produziert, die aber von den Kapitalisten angeeignet werden. Deshalb können die Beschäftigten zwar potenziell die ganze Produktion blockieren und die Wirtschaft lahmlegen. Aber in Wirklichkeit wird diese Waffe der „sofortigen Blockierung“ oft von den Gewerkschaften als ein Mittel eingesetzt, um die Beschäftigten von der vordringlichsten Notwendigkeit abzulenken, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen und ihn auszudehnen [14]. Im Zeitraum der Dekadenz des Kapitalismus, und mehr noch in den Zeiträumen der Krise wie heute, kommt es in der kapitalistischen Produktionsform aufgrund des chaotischen und widersprüchlichen Funktionierens dieser Gesellschaft immer wieder zu Stockungen der Produktion und der sozialen Dienstleistungen. Eine Blockade der Produktion – dazu noch beschränkt auf 24 Stunden – wird von den Kapitalisten sogar eher dazu ausgenutzt, um Lagervorräte abzubauen. Und was den Bereich der Dienstleistungen angeht, wie zum Beispiel Bildung, Gesundheitswesen oder das Transportwesen schlachtet der Staat solche „Blockaden“ dazu aus, die „Verbraucher“ und die Streikenden gegeneinander auszuspielen.
Der Kampf für einen gemeinsamen und massiven Kampf
Während der Bewegungen 2011 konnten die Ausgebeuteten ihre eigenen Initiativen entfalten und ihre tiefgreifenden Wünsche zum Ausdruck bringen, sich durch die klassischen Methoden des Arbeiterkampfes äußern, die schon in der russischen Revolution 1905 und 1917 sowie 1968 usw. zum Einsatz gekommen waren. Wenn nunmehr die Gewerkschaften versuchen, ihre Methoden durchzuboxen, sollen diese Regungen erstickt werden. Aber diese versuchen weiterhin, sich Bahn zu brechen. Gegen den Widerstand der Gewerkschaften sind Arbeiterinitiativen entstanden. Zum Beispiel in Spanien. Bei den Kundgebungen am 29. März in Barcelona, Castellón, Alicante, Valencia, Madrid trugen Streikende ihre eigenen Spruchbänder; sie bildeten ihre eigenen Streikposten, um den Sinn ihrer Mobilisierungen zu erklären. Sie forderten das Rederecht auf den gewerkschaftlich organisierten Kundgebungen, sogar alternative Versammlungen wurden abgehalten… Es ist sehr aufschlussreich, dass diese Initiativen die gleiche Stoßrichtung haben wie diejenigen, die 2010 beim Kampf gegen die „Rentenreform“ in Frankreich zutage traten. [15]
Um den wirklichen Arbeiterkampf voranzubringen, müssen wir uns diesem schwierigen Kampf stellen. Obwohl man den Eindruck haben kann, man könne dem Würgegriff der Gewerkschaften nicht entkommen, reifen die Bedingungen heran, dass dieser Würgegriff immer schwächer wird; die Fähigkeit der Arbeiterklasse sich selbst zu organisieren, wächst.
Die Krise, die vor fünf Jahren in eine neue Stufe eingetreten ist, und jetzt neue Erschütterungen verursacht, zerstreut langsam die Illusionen über ein mögliches „Ende des Tunnels“. Im Gegenteil – die Sorgen und Angst vor der Zukunft werden immer größer. Der wachsende Bankrott dieser Gesellschaft mit all seinen Folgen für die menschlichen Beziehungen, für unsere Kultur, unser Denken usw. wird immer deutlicher. Während in der Zeit, als die Krise noch nicht diese Schärfe angenommen hatte, viele Beschäftigten meinten, trotz des oft großen Leidens, das durch die Ausbeutung verursacht wird, vieles werde so weitergehen wie bisher, erscheint dies heute immer mehr als eine Illusion. Heute ist diese Dynamik auf der ganzen Welt ersichtlich.
Die schon 2011 mit der Bewegung der Empörten und Occuyper [16]) deutlich gewordene Tendenz, massiv in den Straßen und auf den Plätzen zusammenzukommen, ist ein anderer wichtiger Hebel der Bewegung. Im Alltagsleben des Kapitalismus ist die Straße ein Ort der Entfremdung: Staus, atomisierte Menschenmassen, die als Käufer, Verkäufer, Fußgänger usw. auftreten. Wenn die Massen die Straße erobern, um sie zu einem anderen Zweck einzusetzen – als Ort der Versammlung, Diskussionen mit Massenbeteiligung, Kundgebungen usw. - können diese zu einem Raum der Befreiung werden. Dadurch wird es der Arbeiterklasse möglich zu erkennen, welche gesellschaftliche Kraft sie darstellt, wenn sie lernt, gemeinsam und eigenständig zu handeln. Dies sind wichtige Keime für die Zukunft, in der eine „direktes Regieren durch die Massen“ möglich sein wird, bei dem diese sie selbst erziehen und von all den Fesseln befreien, welche die kapitalistische Gesellschaft ihnen angelegt hat. Nur so können sie die Stärke entwickeln, um die kapitalistische Herrschaft zu brechen und eine andere Gesellschaft zu errichten.
Eine andere, zukunftsweisende Kraft besteht in dem Zusammenkommen verschiedener Generationen von ArbeiterInnen im Kampf. Dieses Phänomen konnte man schon in den Kämpfen gegen den CPE in Frankreich im Jahre 2006 feststellen [17] oder bei den Revolten der Jugend in Griechenland 2008[18]). Die Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln aller Arbeitergenerationen ist eine unabdingbare Vorbedingung für den erfolgreichen Ausgang eines revolutionären Kampfes. In der Russischen Revolution 1917 bündelten in der Bewegung die Proletarier aller Altersgruppen, Kinder, auf den Schultern ihrer Brüder oder Väter, bis hin zu den Alten, ihre Kräfte zusammen.
Es geht hier um die Reifung einer Reihe von Faktoren, die ihre Kraft nicht sofort und leicht entfalten werden. Harte Kämpfe stehen uns bevor, in denen die revolutionären Organisationen mit Ausdauer und Beharrungsvermögen intervenieren müssen. Dabei wird es zu Niederlagen kommen, die oft bitter sein werden; schwierige Phasen werden auftreten, in denen Verwirrung und vorübergehende Lähmung vorherrschenden. Aber all dies wird erforderlich sein, damit diese Macht voll zum Tragen kommen wird. Die Waffe der Kritik, die die Fehler und Unzulänglichkeiten ohne Scheu kritisiert, wird unerlässlich sein, um voranzukommen.
„Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eignen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze! [Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 11632,(vgl. MEW Bd. 8, S. 118)]
C.Mir (27-3-12)
[1] Cf. siehe auf spanisch: Por un movimiento unitario contra recortes y reforma laboral (voir https://es.internationalism.org/node/3323 [540]); Ante la escalada represiva en Valencia (voir https://es.internationalism.org/node/3324 [541]).
[2] Cf. “L’hôpital de Kilkis en Grèce sous le contrôle des travailleurs”, https://fr.internationalism.org/icconline/2012/grece_l_hopital_de_kilkis... [542]
[3] Cf. Auf spanisch Nuestra intervención en las movilizaciones del magisterio en México https://es.internationalism.org/ccionlinemarzo2012panfleto [543]
[4] Cf. Auf italienisch https://it.internationalism.org/node/1147 [544]
[5] Cf. Generalstreik in Indien siehe unsere Webseite auf deutsch,
[6] Absichtlich werden die sieben Millionen „Minijobs“ (400-Euro-Jobs) in Deutschland nicht erwähnt.
[7] Eine Minderheit von Beschäftigten in Griechenland wird sich dieser Gefahr bewusst. So haben die Beschäftigen des Krankenhauses von Kilikis einen Aufruf zur internationalen Solidarität verfasst, ebenso die Studenten und Lehrenden des besetzten Jura-Fachbereiches der Uni Athen.
[8] Der nicht einmal auf das Wahlspektakel zurückgreifen musste.
[9] Siehe unseren Artikel "Le mouvement citoyen "Democracia Real Ya!": une dictature sur les assemblées massives"; https://fr.internationalism.org/icconline/2011/dossier_special_indignes/... [545].
[10] Die Herrschenden hatten der Bewegung aber nicht wirklich freie Hand gelassen, denn sie hatten selbst „neue“, aber unerfahrene Kräfte wie DRY gegen sie eingesetzt. cf. "Le mouvement citoyen "Democracia Real Ya!": une dictature sur les assemblées massives".
[11] Wenn man der “Sorge” oder der “Wut” der großen Firmenchefs oder der Politiker Glauben schenken würde, dann würde der Generalstreik ihnen wirklich Sorgen bereiten und gar die Angst vor einer “Revolution” schüren. Aber die Geschichte hat zu Genüge bewiesen, dass all dies nur eine Komödie ist, was auch immer dieser oder jener Redner aus den Reihen der Herrschenden wirklich glaubt.
[12] In unserem „Bericht zum Klassenkampf” (Die Entwicklung des Klassenkampfes im Kontext der allgemeinen Angriffe und des fortgeschrittenen Zerfalls des Kapitalismus“ (Internationale Revue Nr. 33, 2004) schrieben wir: „Während der Märzaktion 1921 in Deutschland waren die tragischen Szenen, die sich vor den Fabriken abspielten, als die Arbeitslosen versuchten, die Arbeiter davon abzuhalten, die Arbeit wieder aufzunehmen, ein Ausdruck der Verzweiflung angesichts des Abebbens der revolutionären Welle. Die Aufrufe der Linksextremen im letzten Frühjahr, die Schüler von den Abschlussprüfungen abzuhalten, das Theater der westdeutschen Gewerkschafter, die die ostdeutschen Metaller – die keine langen Streiks für die 35-Stunden-Woche machen wollten – an der Wiederaufnahme der Arbeit hindern wollten, sind gefährliche Angriffe gegen den eigentlichen Begriff der Arbeiterklasse und der Solidarität. Sie sind umso gefährlicher, als sie die Ungeduld, den Unmittelbarkeitswahn und den sinnlosen Aktivismus fördern, welche Erscheinungen ohnehin charakteristisch für den Zerfall sind. Wir sind vorgewarnt: Obwohl die kommenden Kämpfe zwar ein Ort der Bewusstseinsentwicklung sind, unternimmt die Bourgeoisie alles, um sie in einen Friedhof des proletarischen Nachdenkens zu verwandeln.“
[13] „Die deutsche Ideologie“, Kapitel zu Feuerbach,
[14] Siehe dazu unseren zweiteiligen Artikel. „Bilan du blocage des raffineries", anlässlich der Blockade der Raffinerien während des Kampfes gegen die Rentenreform in Frankreich 2010: https://fr.internationalism.org/ri418/bilan_du_blocage_des_raffineries_1... [546] et https://fr.internationalism.org/ri420/bilan_du_blocage_des_raffineries.html [547].
[15] Cf. Revue internationale o 144, “Mobilisation sur les retraites en France, riposte étudiante en Grande-Bretagne, révolte ouvrière en Tunisie”, https://fr.internationalism.org/node/4524 [548]. Die Kämpfe 2010 haben politisch und praktisch den Boden für die Entwicklung des Klassenbewusstseins 2011 vorbereitet.
[16] Für eine Bilanz dieser Bewegung siehe “Von der Empörung zur Hoffnung” https://fr.internationalism.org/icconlinz/2012/2011_de_l_indignation_a_l... [549]
[17] Cf. “Thesen zur Bewegung der Studenten” Revue internationale no 125, https://fr.internationalism.org/rint125/france-etudiants [550]
[18] Cf. “Die Revolten der Jugend in Griechenland bestätigt die Entwicklung des Klassenkampfes” Revue internationale no 136, https://fr.internationalism.org/rint136/les_revoltes_de_la_jeunesse_en_g... [551]
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Die dramatische Situation, mit der die Menschheit konfrontiert ist, wird immer offensichtlicher. Nachdem die kapitalistische Weltwirtschaft vier Jahrzehnte versuchte an der offenen ökonomischen Krise herumzudoktern, bricht sie vor unseren Augen zusammen. Die Folgen der Umweltzerstörung, wie alle neuen wissenschaftlichen Untersuchungen untermauern, erscheinen immer düsterer. Krieg, Hunger, Unterdrückung und Korruption sind das alltägliche Los für Millionen.
Gleichzeitig beginnen die Arbeiterklasse und andere unterdrückte Schichten der Gesellschaft sich gegen die kapitalistischen Forderungen nach weiteren Opfern und Kürzungen zu wehren. Soziale Revolten, Besetzungen, Demonstrationen und Streikbewegungen sind in einer ganzen Reihe von Ländern von Nord-Afrika bis Europa, von Nord- bis Süd-Amerika ausgebrochen.
Die Entwicklung all dieser Widersprüche und Konflikte macht es für eine Organisation der Revolutionäre notwendiger denn je, aktive Präsenz zeigen zu können. Das bedeutet: die sich immer schneller entwickelnde Situation zu analysieren, mit vereinter Stimme über Grenzen und Kontinente hinweg klar zu reden, direkt an den Bewegungen der Unterdrückten teilzunehmen und diese darin zu unterstützen ihre Methoden und Ziele mit größter Klarheit zu bestimmen.
Wir können nicht verschweigen, dass die Kräfte der IKS im Vergleich zu der enormen Verantwortung, die diese Situation erfordert, sehr beschränkt sind. Wir erleben weltweit das Auftauchen einer neuen Generation, welche angesichts der Krise des Systems nach revolutionären Antworten sucht. Deshalb ist es notwendig, dass all die, die mit den allgemeinen Zielen unserer Organisation sympathisieren, Verbindung mit der IKS aufnehmen und unsere Fähigkeit zu handeln und zu wachsen mit ihrem eigenen Beitrag unterstützen.
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Es ist ebenso wichtig, unsere organisatorischen Statuten zu diskutieren und mit ihren Grundprinzipien und Regeln, welches das Funktionieren unserer Organisationen leiten, übereinzustimmen: wie wir uns kollektiv vor Ort, auf nationaler und internationaler Ebene kollektiv organisieren, die Rolle der Kongresse und der Zentralorgane, wie laufen unsere internen Debatten ab, was erwarten wir von unseren Mitglieder an Teilnahme am Leben der Organisation usw. Die grundsätzlichen Aussagen, welche unsere Statuten enthalten, finden sich in dem Text: „Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre“ [7]
In diesem Sinne sind wir Teil der Tradition der bolschewistischen Partei, für die ein Mitglied nicht nur jemand war, der mit dem Programm übereinstimmte, sondern dieses auch aktiv durch seine Teilnahme an den Aktivitäten der Organisation verteidigte und daher auch mit ihrer Funktionsweise, wie sie in den Statuten ausgedrückt ist, übereinstimmt.
Dies ist keine ad hoc Entscheidung, dieser Prozess benötigt Zeit und Geduld. Im Gegensatz zu den linken Gruppen, Trotzkisten und anderen, welche sich fälschlicherweise auf den Bolschewismus beziehen, streben wir keine Rekrutierung an. Deren Mitglieder sind nichts als Schachfiguren bei den Auseinandersetzungen einer bürokratischen Führung. Eine wirklich kommunistische Organisation kann nur gedeihen, wenn ihre Mitglieder ein tiefes Verständnis ihrer Positionen und Analysen errungen haben und in der Lage sind, diese durch die kollektive Anstrengung aufzunehmen und weiter zu entwickeln.
Revolutionäre Politik ist kein Hobby: sie beinhaltet sowohl intellektuelle als auch emotionale Hingabe, um sich den Erfordernissen des Klassenkampfs zu stellen. Doch ist sie keine Aktivität von Mönchen, die abgeschieden, getrennt vom Leben und den Belangen des Rests der Arbeiterklasse leben. Wir sind keine Sekte, welche jeden Teil des Lebens unserer Mitglieder regeln will, um diese zu Fanatikern zu erziehen, unfähig zu kritischen Gedanken. Noch erwarten wir von unseren Mitgliedern, „Experten“ in allen Aspekten der marxistischen Theorie zu sein. Wir nehmen auch nicht nur Leute mit hochentwickeltem Talent zum Schreiben oder öffentlichen Reden auf.
Wir sind uns bewusst, dass die einzelnen GenossInnen unterschiedliche Fähigkeiten in unterschiedlichen Gebieten haben. Wir arbeiten nach dem kommunistischen Prinzip: jede/r nach ihren/seinen Fähigkeiten – es ist die Aufgabe des Kollektivs, all die individuellen Energien auf möglichst effektive Weise nutzbar zu machen.
Einer revolutionären Organisation beizutreten, ist keine Entscheidung, die leicht genommen werden darf. Der IKS beizutreten, bedeutet Teil einer weltweiten Gemeinschaft zu werden, die für ein gemeinsames Ziel kämpft – das einzige Ziel, welches wirklich eine Zukunft für die Menschheit bieten kann.
IKS, April 2012
[1] de.internationalism.org/user/register
[2] libcom.org
[3] www.revleft.space [560]
[4] www.revleft.space/vb/group.php?groupid=9 [561]
[5] www.red-marx.com [559]
[6] de.internationalism.org/plattform/
[7] de.internationalism.org/ir/22_funktionderorganisation
Nach den Juni-Wahlen in Griechenland begrüßte US-Präsident Obama das Ergebnis als eine Chance für die neue Regierung, „den Weg der Reform weiter zu beschreiten und dies auf eine Weise zu tun, die dem griechischen Volk Aussichten auf Erfolg und Wohlstand eröffnet.“
Diese Worte wirkten heuchlerisch, unterscheidet sich doch die neue Koalition politisch nur geringfügig von der Koalition, die vom vergangenen November bis zu den Wahlen im Mai regiert hatte. Es war diese Koalition, die Georges Papandreou abgelöst hatte, die die Bedingungen für die 130 Milliarden-Rettungsaktion akzeptiert hatte. Es war diese Koalition, die die ohnehin brutalen Sparmaßnahmen noch verschärft hatte. In den letzten Wahlen schürten Neo Dimokratia und PASOK, jene Parteien, die seit 1974 Griechenland ununterbrochen regiert hatten, Ängste, dass die Geldanlagen trocken gelegt werden sollen und dass sich die Wirtschaft, die sich nach fünf Jahren der ununterbrochenen Rezession bereits in einer tiefen Krise befindet (mit einer Bevölkerung, die bereits schlimmste Ausplünderungen über sich ergehen lassen musste), einer noch schlimmeren Katastrophe gegenübersieht. Und sie befinden sich noch immer an der Macht, und zwar mit dem Beistand einer kleinen linken, nicht rechten Partei.
Doch nachdem Ministerpräsident Samaras der Regierung endlich alle Zahlen genannt hatte, änderte sich Melodie etwas. Die Koalitionsparteien kamen darin überein, dass sie einige Aspekte des Vertrages mit ihren internationalen Gläubigern neu verhandeln wollen. Sie wollen „zwei weitere Jahre, bis 1916, um das öffentliche Defizit auf unter drei Prozent des Bruttosozialprodukts zu drücken. Dies werde der Regierung ermöglichen, ihre fiskalischen Ziele zu erreichen, ohne weitere Einschnitte bei den Löhnen, Renten und bei den öffentlichen Investitionsprogrammen vorzunehmen. Stattdessen sollen Einsparungen vorgenommen werden, indem die Korruption, die Verschwendung öffentlicher Ausgaben, die Steuerhinterziehung und die Schattenökonomie angegangen werden“ (Kathimerini, 24. Mai 2012).
Es wird interessant sein zu sehen, auf wie viel internationale Sympathie dieses Vorgehen stößt. Schmerzen und noch mehr Schmerzen sind die von den Führern der Euro-Zone vorgeschriebene Arznei. In Anbetracht der Tatsache, dass die Hauptbeteiligten in der griechischen Regierung für die Durchsetzung aller bisherigen Einschnitte verantwortlich gewesen waren, fragen sich andere europäische Bourgeoisien wahrscheinlich, warum sie es nicht genauso tun. Sind sie sich doch bewusst, dass Unzufriedenheit zur militanten Aktion führen kann.
Bei den Juni-Wahlen betrug die Wahlbeteiligung gerademal 62.5 Prozent. Diese lag noch unter der vom Mai, die mit 65 Prozent schon die historisch niedrigste war. Obwohl in Griechenland ein Zwang zur Wahlbeteiligung besteht, wird die Nichtbeteiligung an Wahlen nicht geahndet. Es wird immer deutlicher: Immer weniger Leute glauben daran, dass Wahlen noch zu irgendeiner Verbesserung ihres Lebens führen.
Unter jenen, die sich an der Wahl beteiligten, stimmten die über 55-Jährigen eher für Neo Dimokratia, weil diese die Illusion der Stabilität und finanziellen Sicherheit bot. Die Altersgruppe der zwischen 18 und 24-Jährigen war eher von Syriza angezogen, das eine Art „Alternative“ anzubieten schien.
Viele trotzkistische Gruppen zeigen sich enthusiastisch über die Wahlerfolge Syrizas. Obwohl sie eingestehen, dass es sich eher um eine Reformpartei als um eine revolutionäre Partei handelt, erwarten sie, dass Syriza, eine wichtige Rolle bei der Zentralisierung des Widerstands gegen die Sparpolitik spielt. Doch wenn man die Stellungnahmen Syrizas und die Äußerungen seines Führers, Alexis Tsipras, vernimmt, erkennt man unschwer darin ein Modell der „verantwortungsvollen Opposition“, als welche Tsipras diese selbst bezeichnet hatte (Reuters, 19.6.2012).
Ein Kommentator von Al-Jazeera stellte die Frage, ob Syriza “insgeheim eigentlich dankbar dafür ist, zum jetzigen Zeitpunkt der Verzweiflung von der Regierungsverantwortung verschont zu bleiben.“ (18.6.2012)
Zweifellos wird Syriza gegenüber der neuen Regierung die zentrale Rolle der Opposition spielen. Dadurch wird die Illusion verstärkt werden, dass die Sparpolitik abgeschwächt werden kann. Aber „Tsipras hat schon wissen lassen, dass Syriza seine Anhänger nicht auf der Straße mobilisieren werde, um gegen die Sparmaßnahmen zu protestieren“ (Reuters, 19.6.2012). Er meint, dass Widerstand gegenwärtig nicht die Priorität sei. „Unsere Rolle besteht darin, innerhalb und außerhalb des Parlaments zu wirken, alles Positive zu begrüßen und alles Negative zu verurteilen und Alternativen vorzuschlagen.“ (ebenda).
Tsipras, der eine faire Besteuerung, ein Schuldenmoratorium und gewisse “Strukturreformen” verlangt, siedelt Syriza somit im bürgerlichen Mainstream an. In einem Interview mit Time Magazine (31.5.2012) meinte er, die Politik des amerikanischen New Deals in den 1930er Jahren sei beispielhaft gewesen. „Wir werden erkennen, dass Roosevelt Recht hatte und wir werden seinen Weg einschlagen.“ Doch es bleibt nicht nur bei der Nostalgie für eine ferne Vergangenheit; er bewundert auch die gegenwärtigen staatskapitalistischen Institutionen in den USA. Hinsichtlich der Analyse der Probleme in der Europäischen Währungsunion meint er, dies sei zum Teil auf das Fehlen einer Zentralbank zurückzuführen, die – wie die Fed in den USA - als eine wirkliche Zentralbank auftreten kann und als letzter Strohhalm auch einem Land Geld leihen könne, das auf den Märkten Probleme habe.
In einem Artikel für die Financial Times (12.6.2012) schrieb Tsipras, „Syriza ist heute die einzige politische Bewegung in Griechenland, die unserem Land ökonomische, soziale und politische Stabilität bieten kann (...) Nur Syriza kann die Stabilität in Griechenland garantieren, weil wir nicht durch die politische Erblast der etablierten politischen Parteien belastet sind, welche Griechenland an den Rand des Abgrunds gebracht haben.“
Dies verdeutlicht die Sorge Syrizas um kapitalistische Stabilität und auch die Ursache für seine Anziehungskraft, die darin besteht, nicht den Ruf von PASOK oder Neo Dimokratia zu haben. Syriza reagiert auf die Wut in der Bevölkerung, aber mit einem besonderen Ziel: „Griechenland braucht mutige und entschlossene Führer, die die Wut der Leute zu einer Waffe schmieden können, um in Verhandlungen zugunsten unseres Landes einzutreten“ (Reuters, 19.6.2012). Das Dutzend linker Gruppen, die in Syriza zusammengeschlossen sind, will die Wut der Leute ausschlachten, um über eine Waffe für die Verhandlungen zugunsten des griechischen Kapitalismus zu verfügen. Der Hauptunterschied zwischen Syriza und der Samaras-Regierung besteht also darin, dass die Regierung sich auf die Angst der Bevölkerung stützt und Syriza auf ihre Wut. Car 25.6.2012
Die weltweit bekannteste Kunstschule, das deutsche Bauhaus (1919 – 1933), wurde als Modell für sozialistisches Design und Produktion geplant.
„Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.“ (Bauhaus-Manifest, April 1919)[1]
Der Architekt Walter Gropius, vormals Vorsitzender des Arbeitsrats für Kunst, schrieb als Gründer dieser neuen Schule dieses ziemlich romantische Manifest. Ein paar Jahre später fasste er ihre Ziele nüchterner und knapper zusammen: „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ (Leitsatz des Bauhauses 1923-25).[2]
Erklärtes Ziel war die Aufhebung der Trennung von:
- hoher und niedriger Kunst (das Bauhaus vereinigte die ehemalige Großherzogliche Kunsthochschule und die Großherzoglich Sächsische Kunstgewerbeschule),
- luxuriöser Kunst für die Privilegierten und einfach produzierter Massenware für den Rest,
- industrieller und handwerklicher Produktion.
- Künstlerisches Schaffen sollte zu einem integralen Bestandteil des Gesellschaftslebens werden und keine privilegierte Nische darin. Der kreative Prozess, bisher von einem mysteriösen Nebel umgeben, sollte deutlich und bewusst hervortreten. Drucke, Tonwaren, Gewebe, Metallarbeiten, Möbel, Theater wurden alle in eine neue moderne Architektur von Licht und Raum integriert. Festivals, Theater, Partys wurden gefördert, damit die künstlerische Gemeinschaft zusammenkommt und Studenten und Lehrer dabei geholfen wird, sich auf Augenhöhe zu begegnen – dies vermittelt der Titel der Ausstellung im Barbican „Kunst als Leben“. Ähnlich der Titel, den Lyonel Feininger seinem Holzschnitt gab, der das erste Bauhaus-Manifest illustrierte: „Die Kathedrale des Sozialismus“.
Trotz seines kurzen Lebens hatte das Bauhaus einen enormen Einfluss, der noch bis in die heutigen Tage zu spüren ist:
Moderne Architekten des internationalen Stils, deren Vorläufer Bauhaus war, haben einen nachhaltigen Eindruck auf das bauliche Design hinterlassen. Selbst Architekturströmungen, die sich dagegengestemmt haben, wie der Post-Modernismus, zeigen bereits in ihrem Namen, dass der internationale Stil ein Referenzpunkt geblieben ist.[3]
Das heutige Grafik-Design wäre ohne die Bauhaus-Pioniere unmöglich (Werbung, Zeitschriften, Zeitungen und Webdesign).
Künstlerische Ausbildung bezieht sich immer noch auf die Innovationen des Bauhaus-Curriculums: Einem Basiskurs der grundlegenden Prinzipien und Untersuchungsmethoden folgen mehrere Jahre der Spezialisierung in bestimmten Gebieten.
Warum war das Bauhaus so einflussreich?
Die Oktoberrevolution 1917 in Russland und die revolutionäre Welle inspirierten das Bauhaus – besonders in Deutschland - in den folgenden Jahren und es schien - nach den massenhaften Vernichtungen des Ersten Weltkriegs - eine neue Lebensart anzubieten. In der Kunstwelt veranschaulichte das Bauhaus den Geist der Moderne, der selbst heute noch den Ausstellungsbesucher packt. In einer Gesellschaft, die sich anscheinend gegen den Menschen verschworen hat, hält das Bauhaus die Hoffnung aufrecht, dass die moderne Industrie für das menschliche Wohl tätig werden wird.
Das Bauhaus war Teil einer breiteren internationalen Bewegung, die den Würgegriff des Spießbürgertums gegenüber der Kunst zu zerschlagen versuchte. Strömungen wie Dada und der Expressionismus in Deutschland, De Stijl in Holland, Le Corbusiers „Neuer Geist“ („L’Esprit Nouveau“) in Frankreich teilten alle das gleiche Ziel. Am Bauhaus arbeiteten einige der bekanntesten internationalen Talente der Zeit, wie Walter Gropius selbst, später der Architekt Mies Van der Rohe, Maler wie Paul Klee und Wassily Kandinsky (um nur die hervorragendsten Persönlichkeiten zu erwähnen).
Zur selben Zeit wurde in Russland - mit gleichen Grundsätzen, aber weitaus geringeren Ressourcen – die konstruktivistische Kunstschule Wchutemas (Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten) gegründet. Diese war von dem Glauben beseelt, dass auf den Trümmern des bürgerlichen Regimes eine neue proletarische Kunstkultur erschaffen werden könne. Kandinsky, der das Curriculum der Wchutemas mit abfasste, wechselte 1921 zum Bauhaus.
Architektur und Design wurden durch die industrielle Massenproduktion in Harmonie gebracht. Beide Disziplinen hinkten bisher der technologischen Entwicklung hinterher und versuchten nach wie vor, altmodische Formen der vorindustriellen Produktionsmethoden nachzuahmen, eine Haltung die stark vom Konservatismus der Bourgeoisie beeinflusst war. Laut Bauhaus mussten neue Formen entwickelt werden, die die Möglichkeiten der neuen Technologie im Dienste der Massen ausdrückten.
Das Bauhaus erschuf ein neues ästhetisches Empfinden und entwickelte geeignete Fertigkeiten, diese zu befriedigen: die radikale Vermählung von modernen Materialien und Techniken (z. B. Gebäude aus Glas und Stahl, Möbel aus Metallröhren); ihr Prinzip von „weniger ist mehr“, „die Wahrheit des Materials“ (Verzicht auf dekorative Nachbildung und Verzierungen); und „die Form folgt der Funktion“ (als kleines Beispiel: die Schachfiguren eines Ausstellungsstückes waren im Gegensatz zu den traditionelle Formen nach den Zügen – den möglichen Bewegungsformen der Figuren – komponiert worden).
Ironischer weise waren die neuen Materialien (aufgrund der desaströsen ökonomischen Lage in Folge des Ersten Weltkriegs und des anschließenden Bürgerkriegs) in Russland so rar, dass die konstruktivistischen Architekten häufig Holz benutzen mussten, um den Baustoff Stahl zu imitieren.
Konnte das Bauhaus die Transformation der künstlerischen Produktion in eine sozialistische Richtung unterstützen?
Der Kapitalismus hat gezeigt, dass er in bestimmten Perioden in der Lage ist, erzieherische Experimente wie das Bauhaus zu tolerieren. In den frühen Zwanzigern - inmitten der Revolte der Arbeiterklasse und der Gefahr der Revolution – hatte die SPD, die Hauptstütze der Weimarer Republik, ein starkes Interesse daran, diese als sozialistische Alternative gegenüber den Gefahren des deutschen Oktobers aufzubauen. Mit dem Abflauen der proletarischen Bewegung fiel es dem Bauhaus immer schwieriger, die finanzielle Grundlage zu erhalten, und war 1926 gezwungen, von Weimar nach Dessau zu wechseln. Von Dessau wiederum zog es 1932 in einem letzten verzweifelten Versuch nach Berlin, wo es von der neu gewählten nationalsozialistischen Regierung 1933 endgültig geschlossen wurde. Für die Nazis war jegliche moderne Kunst an sich schon „Kulturbolschewismus“. Die Nationalsozialisten hatten kein Interesse daran, „deutsche Steuergelder“ für ein Institut der Avantgarde auszugeben, das Ausländer und Juden beherbergte.
In Russland gründeten die Bolschewiki 1920 durch das Narkompros (Volkskommissariat für Bildungswesen) die Wchutemas. Ihr Kommissar, Anatoli Lunatscharski, unterstützte die künstlerische Avantgarde. Der ehemalige Bolschewiki, Alexander Bogdanow, vertrat die Auffassung, dass es möglich sei, innerhalb der isolierten sowjetischen Festung eine neue proletarische Kultur (Proletkult) von Grund auf neu zu erschaffen. Dies lehnten Lenin und Trotzki jedoch ab. Die politische Macht und die Produktionsbeziehungen der Bourgeoisie müssten erst auf weltweiter Ebene zerschlagen werden, ehe ein umfassender Prozess in Richtung einer neuen klassenlose Kultur frühestens eingeleitet werden könnte. Aus dieser Perspektive müsse die Arbeiterklasse sich erst einmal die Errungenschaften der vorherigen Kulturen aneignen, statt einfach neue zu schaffen[4]. Die Wchutemas wurden 1930 geschlossen. Die stalinistische Konterrevolution umklammerte das kulturelle Leben und stellte es unter die Doktrin des sozialistischen Realismus. Welch Versuche und Fortschritte auch immer im erzieherischen Bereich im Rahmen des Kapitalismus gemacht wurden und werden, die herrschende Klasse ist verpflichtet (und dazu in der Lage), diese ihren imperialistischen, politischen und ökonomischen Zielen zu unterwerfen.
Die Ethik des Bauhauses setzte ein System der gesellschaftlichen Beziehungen voraus, das an dem Konsum und der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse orientiert ist. Der Kapitalismus muss zwar menschlichen Bedarf befriedigen, um Waren verkaufen zu können. Dieses Ziel ist jedoch einem viel mächtigerem Ziel unterworfen: Profit zu erzielen. Und wenn aufgrund des Mangels an zahlungskräftigen Käufern dieses Ziel nicht erreicht werden kann, interessieren die menschlichen Bedürfnisse niemanden mehr.
In ihrem Streben nach Profit versucht die kapitalistische Produktion, die Konsumption der Massen durch möglichst niedrige Löhne und möglichst günstige Produktion von Verbrauchsgütern niederzudrücken.
Deshalb ist es - neben der großen Ausnahme des Bauhaus-Stils – unmöglich, die Lücke zwischen Qualitätsproduktion für einen kleinen luxuriösen Markt und die billigen (und schlechten) Ersatzprodukte für den Massenmarkt zu schließen.
Außerdem verlangt das Streben nach Profit im kapitalistischen Produktionsprozess (selbst in den so genannten „kreativen Industrien“) nach einer strengen hierarchischen Trennung der Arbeit und dem bedingungslosen Gehorsam der Arbeiter. Statt, wie das Bauhaus anstrebte, den Handwerker mit dem Künstler gleich zu stellen, tendiert der Kapitalismus dazu, ihn weiter auf das Niveau eines Maschinenbedieners zu erniedrigen – wenn es ihn nicht gleich arbeitslos macht.
Nach Informationen der UN waren 2005 über 100 Millionen Menschen weltweit wohnungslos, eine Milliarde Menschen lebten in Slums. Ohne Zweifel haben diese Zahlen seither zugenommen. Der wunderschöne Traum des Bauhauses scheint vollkommen geplatzt zu sein.
Jedoch werden die Produktivkräfte der Gesellschaft, die die künstlerische Kultur einschließen, weiterhin gegen den Klammergriff der kapitalistischen Produktionsbeziehungen rebellieren. Sie werden weiterhin auf eine neue Gesellschaft verweisen und uns inspirieren. In diesem Sinne ist nicht das Bauhaus, sondern der Kapitalismus selbst gescheitert. Das Bauhaus wird weiterhin ein historischer Meilenstein des kulturellen Fortschritts bleiben.
Como 24/7/12
[2] siehe hierzu: https://www.educat.hu-berlin.de/schulen/sartre/material/schularb/bauhaus... [566].
[4] siehe hierzu den Artikel: „Der Kommunismus ist nicht nur eine schöne Idee, sondern eine Notwendigkeit“https://de.internationalism.org/kultur [568]
Dieses Jahr finden zum dritten Mal die Olympischen Spiele in London statt. Und jedes Mal spiegelt dieses Ereignis eine Etappe in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft wider.
Olympiade 1908: Die Dominanz einer Weltmacht
Die Olympischen Spiele von 1908 waren ursprünglich in Rom geplant, doch der Ausbruch des Vesuv im April 1906 erforderte alle Ressourcen Italiens für den Wiederaufbau von Neapel. Als Weltmacht, die fast ein Viertel der Erdoberfläche und ein Fünftel der Weltbevölkerung beherrschte, verfügte Grossbritannien damals über die Kapazität, die Olympischen Spiele in letzter Minute unter ihre Fittiche zu nehmen.
In nur zehn Monaten war es möglich, die Finanzen bereitzustellen, einen Ort auszuwählen und ein kunstvolles Stadion zu bauen. Die Ausgaben betrugen ungefähr15.000 Pfund und die Einnahmen 21.377 Pfund. Die ersten Olympischen Spiele in London warfen also Profit ab und waren ein finanzieller Erfolg. The Times schrieb am 27. Juli 1908 dazu: “Die perfekte Harmonie, die sich alle wünschten, wurde überschattet von gewissen bedauerlichen Konflikten, Protesten und Anwürfen gegen Entscheidungen der Schiedsrichter. Weltweit dominierte in vielen Zeitungen ein Gefühl des Nationalismus und es zirkulierten gegenseitige öffentliche Anschuldigungen.“ Wenn man die Art der Konflikte betrachtet, die sich damals zwischen den verschiedenen Nationen entzündet hatten, ist das nicht verwunderlich. Seit dem spanisch-amerikanischen Krieg 1898, dem russisch-japanischen Krieg 1905 und allen anderen Spannungen, die schlussendlich in den Ersten Weltkrieg mündeten, war der Imperialismus zur dominanten Funktionsweise des Kapitalismus geworden.
1908 waren alle Schiedsrichter Briten; vor allem von Seiten der amerikanischen Olympia-Delegation gab es erhebliche Widerstände dagegen. Es begann mit der Weigerung, die US-amerikanische Fahne während der Eröffnungszeremonie vor dem englischen König zu senken, und hielt während der gesamten Spiele an. Beim Tauziehwettkampf beschwerten sich die Amerikaner über die zu schweren Stiefel der gegnerischen Mannschaft, die aus Liverpooler Polizisten bestand. Als ihre Beschwerde zurückgewiesen wurde, verließen die US-Sportler den Wettkampf. Dasselbe beim 400 Meter-Lauf, als die englischen Schiedsrichter die Wiederholung des Finales beschlossen, weil ein amerikanischer Läufer einen britischen Konkurrenten gestoßen habe. Die Amerikaner boykottierten daraufhin den Wettkampf. England gewann schlussendlich mehr Gold-, Silber- und Bronzemedaillen als alle anderen Länder. Gegen die Teams von 22 Ländern, die insgesamt 2000 Teilnehmer stellten, gewann Grossbritannien 145 Medaillen - fast die Hälfte! Ein bisher ungeschlagener Rekord in den modernen Olympischen Spielen. Wie es The Times vom 13. Juli 1908 vorhergesehen hatte:“Dieses Jahr kann man hoffen, dass wir den ausländischen Konkurrenten zeigen, dass wir nichts von unserer List verloren haben.“
Olympiade 1948: Die Spiele der Sparpolitik
In den 40 Jahren, die bis zu den Olympischen Spielen von 1948 in London vergingen, erlebte der britische Imperialismus empfindliche Veränderungen. Die mit Grossbritannien verbündeten imperialistischen Mächte, Russland und die USA, waren die großen Sieger des Zweiten Weltkriegs. Die USA waren ab diesem Zeitpunkt die klar dominierende Macht im Westen, erst weit dahinter folgte Grossbritannien.
Grossbritannien zögerte zunächst bei dem Gedanken, die Olympischen Spiele von 1948 abzuhalten. Angesichts einer ausgelaugten Wirtschaft, von Rationalisierungen (Lebensmittel, Treibstoff und Kleider), die noch härter waren als während des Krieges, einer hohen Arbeitslosenrate, vieler Obdachlose und Streiks der Arbeiter hoffte Großbritannien verzweifelt auf die amerikanischen Gelder, die es im Rahmen des Marshall-Plans erhalten sollte. Es herrschte Verunsicherung über allfällige soziale Auswirkungen der Olympischen Spiele.
Ein Monat vor Beginn der Spiele brach ein „unbewilligter“ Streik der Hafenarbeiter in London aus, der dazu führte, dass Truppen in den Hafen geschickt wurden. Zum ersten Mal griff die Regierung auf die Mittel des „Notstandsrechts“ von 1920 zurück, um einen Streik zu unterdrücken. Es sah nicht danach aus, als würden sich die Arbeiter nur einmal gegen das Regime der Sparmaßnahmen der Nachkriegszeit wehren.
Zur Vorbereitung der Spiele blieben lediglich zwei Jahre Zeit. Es wurde nichts wirklich Neues dafür gebaut, und für Projekte wie den Bau der Straße zum Wembley-Stadion wurde vor allem die Arbeitskraft deutscher und anderer Kriegsgefangener eingesetzt. Nicht zufällig gingen die Olympischen Spiele von 1948 als die Spiele der Sparmaßnahmen in die Geschichte ein. Teilnehmer aus anderen Ländern wurden aufgefordert, ihre Verpflegung selbst mitzubringen; man erlaubte eine Erhöhung der Nahrungsmittelrationen der Athleten auf das Niveau von Minenarbeitern. Die männlichen Sportler wurden in den Kasernen der Royal Air Force untergebracht, die Frauen in den Universitäten Londons. Die britischen Sportler mussten ihr Equipment selbst kaufen oder sogar herstellen.
Mit 4000 Teilnehmern aus 59 Ländern kosteten die Spiele von 1948 732.268 Pfund, die Einnahmen beliefen sich auf 761.688 Pfund. Somit wurde ein geringer Profit erwirtschaftet, doch das britische Königreich errang nur zwölf Medaillen und die ganze Welt ahnte schon vor den Spielen, dass die USA allen anderen überlegen sein würden.
Olympiade 2012: Schulden und Repression
Auch wenn einige Länder behaupten, eine ausgeglichene Bilanz oder gar einen Überschuss erzielt zu haben (siehe die zweifelhaften Erklärungen von Peking 2008), waren in der letzten Zeit die Olympischen Spiele für die durchführenden Länder ein finanzielles Desaster. Die Schulden der Spiele von Montreal waren dermaßen groß, dass sie noch nach 30 Jahren nicht getilgt sind. Das Budget für die Spiele in Athen 2004 betrug 1,6 Milliarden Dollar; die öffentlichen Ausgaben wurden schlussendlich auf ungefähr 16 Milliarden Dollar geschätzt. Die meisten Austragungsplätze wurden danach wieder geschlossen oder werden kaum genutzt, und allein der Aufwand für die Ordnungs- und Sicherheitsmaßnahmen ging in die Millionen. Klar ist, die Olympischen Spiele beschleunigten die Krise der griechischen Wirtschaft.
Für die Spiele 2012 in London wurde erst ein Budget von ca. 2,37 Milliarden Pfund aufgestellt, doch in den sieben Jahren seit der Entscheidung über den Standort haben sich die Kosten erst um das Vierfache, dann um das Zehnfache gesteigert. Es handelt sich hier nicht einfach um den Fehler der Organisatoren, nicht alles zur Beschränkung der Kosten getan zu haben! Die Preise für Eintritt, Verpflegung, Getränke und alles, was an den Spielen konsumiert wird, sind meist skandalös hoch, selbst in einer Metropole wie London, die für ihre hohen Preise bekannt ist. Die Beiträge der offiziellen Sponsoren sind stark zurückgegangen. Es gibt strikte Regeln bezüglich der „Hintergrundwerbung", das heißt, für die gesamte Ausstattung (inklusive der Marken der privaten Kleider) oder Firmenlogos, die nicht zu den offiziellen Sponsoren der Spiele gehören.
Vor allem aber brilliert London 2012 als Champion der Repression. Auf dem Höhepunkt der Spiele befinden sich 12.000 Polizisten im Einsatz. Es stehen 13.500 Soldaten zur Verfügung, mehr als in Afghanistan, wo 9.500 britische Soldaten stationiert sind. Es werden 13.300 private Sicherheitsleute aufgeboten, die gemeinsame Übungen mit dem Militär durchführten. Ein Sprecher der Sicherheitsfirma sagte: „Teil der Ausbildung war der 'Austausch' zwischen den beiden Gruppen, damit die Besucher von privaten und militärischen Ordnungskräften gleich behandelt werden.“ (Financial Times 24. Mai).
Als würde dies nicht genügen, wurde eine breite öffentliche Kampagne über die Installation eines schlagkräftigen Arsenals von Boden-Luft-Raketen in der Nähe des Olympischen Dorfs lanciert. Offenbar ist es dazu bestimmt, Flugzeuge über ein dichtbesiedeltes Gebiet abzuschießen.
In Zusammenarbeit mit dem britischen Staat scheinen die Organisatoren der Spiele an alles zu denken. Als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun, hat der Innenminister angeordnet, alle 380.000 Sportler, Funktionäre und Medienleute, die irgendwie mit den Spielen in Berührung kommen, einem Sicherheitscheck zu unterziehen. Es gibt auf den Straßen „Sonderspuren für die Spiele“ die für die offiziellen Fahrzeuge reserviert sind. Wenn man irrtümlich auf eine dieser Fahrbahnen gerät und erwischt wird, kostet das 135 Pfund Buße (170 Euros). Beim Betreten des Geländes wird man untersucht; nicht einmal Trinkwasser darf man bei sich haben. Es ist illegal, auf Twitter oder Facebook Bilder von den Spielen zu veröffentlichen.
Mehr als 200 Nationen nehmen an diesen Spielen teil, und die Organisatoren tun alles, um das nötige Material für die bekannte nationalistische Orgie bereitzustellen. Es bieten sich auch wunderbare Werbegelegenheiten für Coca Cola, McDonalds, Panasonic, Samsung, Visa, General Electric, Procter & Gamble, BMW, EDF, UPS und den Rest der ganzen Bande.
So sieht also das neue Gesicht der modernen Olympischen Spiele aus: Nationalismus und Werbung. Während der Vorbereitungszeit für London 2012 hat der Stadtrat von Newham, dem Quartier, in dem das Olympiastadion steht, versucht, 500 Familien ins 150 Meilen entfernte Stoke-on-Trent „umzusiedeln“. Mieter wurden herausgeschmissen, um die Wohnungen zu massiv überhöhten Preise zu verkaufen. Die Olympischen Spiele sollen angeblich ein Fest für die Jugend sein. Newham hat im Schnitt die jüngste Bevölkerung von Großbritannien und Wales, mit dem größten Anteil von Kindern unter einem Jahr. Es hat aber auch die größte durchschnittliche Haushaltsgröße, die höchste Rate an Sozialhilfeempfängern in London sowie hohe Raten an Krankheiten und vorzeitigem Tod. Für die Kinder, die im Schatten dieses olympischen Jahres leben, ist klar: Ihre Zukunft wird nicht besser durch das Spektakel des Krieges um Medaillen.
Car 5. Juni 2012
Aus Worldrevolution, Zeitung der IKS in Grossbritannien
aus International Review 25 (englische, spanische und französische Ausgabe)
Als die GCF (Gauche Communiste de France) sich entschied, Anton Pannekoeks “Lenin als Philosoph” zu übersetzen und zu veröffentlichen, war nicht nur sein Pseudonym, sondern auch Pannekoek selbst in Frankreich nahezu unbekannt. Doch dies war keinesfalls ein rein französisches Phänomen. Zwar war Frankreich noch nie durch seinen Eifer aufgefallen, Texte der marxistischen Arbeiterbewegung zu veröffentlichen, doch galt dies zu jener Zeit für jedes Land auch und diese „Vergesslichkeit“ ist nicht allein auf Pannekoek beschränkt. Angefangen mit Rosa Luxemburg, war die gesamte kommunistische Linke, ihr gesamtes theoretisches und politisches Wirken, all die leidenschaftlichen Kämpfe einer Strömung, die mitten in den revolutionären Kämpfen in Folge des ersten Weltkriegs geboren wurde, „vergessen“ worden. Es ist kaum zu glauben, dass nur zehn Jahre der stalinistischen Konterrevolution ausreichten, um diese so reichen und fruchtbaren Lehren der revolutionären Bewegung aus den Erinnerungen einer ganzen Generation, die diese durchlebt haben, zu löschen. Als ob eine Amnesie-Epidemie plötzlich über Millionen von Arbeitern, die aktiv an den Ereignissen teilgenommen haben, hereingebrochen wäre und diese vollkommen uninteressiert an allem, was mit revolutionärem Denken zu tun haben könnte, zurückgelassen hätte. Nur wenige Zeugnisse einer revolutionären Welle, die die Welt durchschüttelt hatten, waren in Form sehr kleiner, über die Welt verstreuter und voneinander isolierter Gruppen übrig geblieben. Letztere waren kaum in der Lage, den theoretischen Denkprozess fortzusetzen; eine Ausnahme bildeten kleine Ausgaben mit geringfügiger Verbreitung, die oftmals noch nicht einmal gedruckt werden konnten.
Es ist kein Wunder, dass Pannekoeks Buch „Lenin als Philosoph“, das 1938 am Vorabend des Krieges auf Deutsch erschien, kein Echo hervorrief und auch im stark eingeschränkten revolutionären Milieu auf keinerlei Resonanz stieß. Es war das unbestrittene Verdienst von Internationalisme (der Publikation der GCF), die, nachdem sich die Stürme des Zweiten Weltkrieges gelegt hatten, als erste den Text übersetzten und in den Ausgaben Nr. 18 – 29 (Februar – Dezember 1947) in Folge veröffentlichten. Internationalisme begrüßte Harpers Buch als „einen erstklassigen Beitrag zur revolutionären Bewegung und zur Emanzipation des Proletariats“. Weiterhin schrieb Internationalisme in ihrer Einleitung (Nr. 18, Februar 1947): „In einem einfachen, klaren Stil geschrieben, ist es eines der besten theoretischen Schriften der vergangenen Jahrzehnte. Ohne jede einzelne Schlussfolgerung zu teilen, kann niemand den enormen Wert dieser Arbeit leugnen“.
In derselben Einleitung drückte Internationalisme ihr Hauptanliegen aus:
„Die Degeneration der kommunistischen Internationale verursachte im revolutionären Milieu einen beunruhigenden Einbruch im Interesse an theoretischer und wissenschaftlicher Untersuchungsarbeit. Jenseits von Bilan, dem Magazin der Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken und den Schriften der Rätekommunisten, einschließlich Harpers Buchs unternahm die europäische Arbeiterbewegung quasi keine theoretischen Anstrengungen. Für uns ist nichts schädlicher für die proletarische Bewegung als die theoretische Trägheit ihrer Militanten.“
Welch hohe Aufmerksamkeit sie Pannekoeks Buch zollte, beweist ihre vollständige Veröffentlichung. Doch darüber hinaus beteiligte sich Internationalisme mit einer Folge von Diskussionen und Kritiken (Nr. 30 – 33, Januar – April 1948) an der theoretischen Vertiefung. Internationalisme teilte vollständig Pannekoeks These, dass Lenin in seiner Polemik gegen die idealistischen Tendenzen des Neo-Machismus (Bogdanow usw.) auf Argumente des bürgerlichen Materialismus (ein mechanistischer und positivistischer Standpunkt) zurückfiel. Doch gleichzeitig wies Internationalisme die politischen Schlussfolgerungen Pannekoeks, die bolschewistische Partei sei eine nicht-proletarische Partei, eine Partei der Intelligentsia und die Oktoberrevolution eine bürgerliche Revolution gewesen, entschieden zurück.
Dieses Argument ist die Grundlage für die rätistische Analyse der bolschewistischen Partei und der Oktoberrevolution. Es unterscheidet die rätistische Strömung von der Italienischen Linken wie auch von der frühen KAPD. Der Rätismus ist das Ergebnis des Rückfalls hinter der (reiferen) Deutschen Linken, deren Erbe er beanspruchte. Ähnliche Analysen mit geringen Variationen finden sich bei Socialisme ou Barbarie oder Socialisme du Conseils, bei Chaulieu (Castoriadis), Mattick, Rubel und Korsch. Allen ist gemeinsam, dass sie die Oktoberrevolution auf ein strikt russisches Phänomen reduzieren und ihre internationale und historische Bedeutung vollkommen außer Acht lassen.
Ist dieser Punkt einmal erreicht, bleibt diesen Elementen nur noch übrig, das zurückgebliebene Niveau der industriellen Entwicklung festzustellen und daraus zu folgern, dass die objektiven Bedingungen für eine proletarische Revolution fehlten. Der Verlust des globalen Blicks auf die kapitalistische Entwicklung führt den Rätismus – über einige Umwege - zu den Positionen der Menschewiki: die Unreife der objektiven Bedingungen in Russland und dem daraus folgenden bürgerlichen Charakter der Revolution.
Dies alles deutet daraufhin, dass Pannekoeks Arbeit nicht von dem Bedürfnis getragen war, Lenins philosophischen Fehler zu beheben, sondern vom tiefen politischen Willen, die bolschewistische Partei zu bekämpfen, die er a priori – quasi von Natur aus – als eine Partei betrachtet, die von einem „halb bürgerlich-halb proletarischen Charakter des Bolschewismus und der russischen Revolution an sich“ (Einleitung von Paul Mattick zur franz. Ausgabe bei edition Spartacus, 1978) gekennzeichnet worden sei. „Um zu zeigen, was der Leninsche ‚Marxismus‘ wirklich bedeutete, unternahm Pannekoek eine kritische Prüfung seiner philosophischen Grundlagen, die unter dem Titel ‚Lenin als Philosoph‘ 1938 veröffentlicht wurde.“ (ebenda, S. 54, in: „Marxistischer Antileninismus“)
Der Wert solcher Unternehmungen muss hinterfragt werden und hier sind Pannekoeks Beweise kaum überzeugend. Der Charakter eines historischen Ereignisses von solcher Bedeutung wie die Oktoberrevolution oder die Rolle der bolschewistischen Partei aus einer philosophischen Polemik – wie wichtig auch immer – herzuleiten ist weit hergeholt. Weder die philosophischen Fehler Lenins 1908 noch der endgültige Triumph der stalinistischen Konterrevolution stellen einen Beweis dafür dar, dass die Oktoberrevolution nicht durch das Proletariat, sondern von einer dritten Klasse (der Intelligentsia) gemacht wurde. Dadurch, dass willkürlich falsche politische Schlüsse auf theoretisch richtige Annahmen gepfropft werden, dass ein kruder Zusammenhang zwischen Ursachen und Wirkungen hergestellt wird, gerät Pannekoek selbst in den Sog einer un-marxistischen Methode, die er völlig zu Recht an Lenin kritisiert.
Mit dem wiederauflebenden Klassenkampf nach 1968 nimmt das Proletariat den Faden wieder auf, der von der seit nahezu einem halben Jahrhundert triumphierenden Konterrevolution zerrissen worden war, und eignet sich die Arbeit der Linken wieder an, die den Schiffbruch der Kommunistischen Internationalen überlebt hatten. Heute tauchen die lang ignorierten Schriften und Debatten der Linken wieder auf und finden immer mehr Leser. Wie viele andere Schriften wurde auch Pannekoeks „Lenin als Philosoph“ wieder aufgelegt und kann von Tausenden von proletarischen Militanten gelesen werden. Doch wenn diese theoretisch-politischen Werke uns bei der Entwicklung der revolutionären Gedanken und Aktivitäten wirklich unterstützen sollen, dann müssen sie kritisch studiert werden. Dieser kritische Geist unterscheidet uns deutlich von der akademischen Mentalität, die, nachdem sie den einen oder anderen Autoren für sich entdeckt hat, diesen sofort zum neuen Idol macht und alles in Schutz nimmt, was dieser je geschrieben hat.
Gegen den Neo-Anti-Bolschewismus, der heute unter einigen Gruppen und in einigen Publikationen – wie PIC (Pour une Intervention Communiste) und Spartacus (mittlerweile aufgelöst) in Mode ist und meist damit endet, die gesamte sozialistische und kommunistische Bewegung, einschließlich der Oktoberrevolution, aus der Geschichte des Proletariats zu tilgen, können wir nur wiederholen, was Internationalisme in der Einleitung zu Pannekoeks Buch schrieb:
“Diese Entstellung des Marxismus verdanken wir den so eifrig wie ignorant auftretenden ‚Marxisten‘. Diese haben ihre Entsprechung in den kaum weniger ignorant auftretenden Anti-Marxisten. Der Anti-Marxismus ist zum Kennzeichen von deklassierten, entwurzelten, verbitterten, kleinbürgerlichen Halbintellektuellen geworden. Gleichermaßen abgestoßen vom monströsen russischen System, das aus der Oktoberrevolution hervorgekommen ist, wie auch von der harten und undankbaren wissenschaftlichen Untersuchungsarbeit, laufen diese Leute heute in Sack und Asche durch die Welt, in einem ‚Kreuzzug‘ auf der Suche nach neuen Ideen, doch nicht um sie zu verstehen, sondern um sie anzubeten.“
Was gestern richtig für den Marxismus war, ist heute richtig für den Bolschewismus und die Oktoberrevolution.
MC 1981
Seit April zieht ein Sturm über Japan, vergleichbar mit dem « Arabischen Frühling » der die Mobilisierungen der „Empörten“ in der ganzen Welt auslöste (Spanien, Griechenland, USA, Kanada). Und wie bei vielen dieser Mobilisierungen sehen wir auch in Japan wieder eine Politik des black-outs, des Verschweigens, durch die herrschende Klasse und ihre mächtigen Medien. Selbst in Japan existiert ausserhalb der Orte an denen sich die Unzufriedenheit direkt ausdrückt ein Vertuschen wie in den westlichen demokratischen Medien. Ein Beispiel: Eine Demonstration von mehr als 60`000 Leuten in Tokyo wurde gegenüber der Öffentlichkeit komplett unter dem Deckel des Schweigens gehalten. Nach den Worten des japanischen sog. „unabhängigen“ Journalisten M. Uesugi «ist in Japan die Kontrolle der Medien stärker als in China oder Ägypten»[1]
Die Demonstrationen an denen im April 2012 nur einige hundert Leute teilgenommen hatten wuchsen schnell auf tausende von Menschen an und wurden zu einer intensiven Welle der Empörung. Anfang Juli entstanden die Proteste in verschiedenen Landesteilen (Region Tohoku im Nordosten, Kyushu-Insel im Süden, Shikoku im Südosten, Hokkaido im Norden, Honshu im westlichen Zentrum Japans) und die Protestierenden begannen in der Nähe des Yoyogi-Parks in Tokio die Strassen zu besetzen. Eine riesige Demonstration mit 170`000 Leuten fand statt. Seit den 1970er Jahren gab es in Japan nie mehr eine solch grosse Demonstration gegen die Verschlechterung der Lebensbedingungen. Die letzte, aber viel kleinere Demonstration, richtete sich 2003 gegen den Krieg im Irak.
Die Gründe dieser Unzufriedenheit sind mit dem Trauma von Fukushima verbunden, mit der Empörung über die Lügen der japanischen herrschenden Klasse und deren Fortführung der nuklearen Kamikaze-Politik. Der aktuellste nationale Plan sieht den Bau von 14 neuen Atomreaktoren bis 2030 vor! Nach der Katastrophe von Fukushima ist der Regierung nichts Besseres zur „Besänftigung“ und zur Vorbereitung ihres Nuklearplans in den Sinn gekommen, als der Bevölkerung zu sagen: „Ihr werdet nicht unmittelbar betroffen sein. (…) Es ist nicht so schlimm, es ist wie in ein Flugzeug zu steigen oder der Sonnenstrahlung ausgesetzt zu sein“. Was für ein Zynismus ! Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die Bevölkerung aufgebracht das „Abschalten der Atomkraftwerke“ fordert, allen voran den Reaktor von Hamaoka der 120 Kilometer von Nagoya entfernt in einer höchst erdbebengefährdeten Zone liegt.
Das Ausmass der Proteste hat selbst die Initiatoren überrascht. Die Aufrufe verbreiteten sich dynamisch schnell via Internet und es gibt wie in anderen Ländern zuvor die treibende Kraft von Seiten der jungen Menschen, vor allem Studenten und Schüler. Für viele von ihnen sind dies die ersten Demonstrationen in ihrem Leben. Einige der fast wöchentlich stattfindenden Proteste wurden von den Mittelschülern in Nagoya über soziale Netzwerke und anscheinend von Anti-Atom Gruppen organisiert[2]. Es erscheinen immer mehr kritische Stimmen auf dem Internet, Videos werden veröffentlicht und neue Standorte welche die Empörung ausdrücken tauchen auf. Durch Beiträge wie auf einem Blog eines pensionierten Arbeiters aus dem Reaktor von Hamaoka der die angebliche „Sicherheit“ der Atomkraftwerke denunziert befruchtet sich das Nachdenken. Ein Student aus Sendai im Nordosten Japans, Mayumi Ishida, wünscht sich „eine soziale Bewegung mit Streiks“[3]. Diese Bewegung drückt die angestaute tiefe Frustration über die sozialen Verhältnisse aufgrund der Krise und der brutalen Sparpolitik aus. Die Proteste in Japan reihen sich ein in die anderen internationalen Ausdrücke der Bewegung der „Empörten“.
Obwohl wir nicht über genauere Informationen verfügen ist eines klar: Leute legen ihr Zögern ab und melden sich politisch zu Wort.
Doch wie auch anderswo hat diese Bewegung ihre grossen Schwächen, so vor allem Illusionen in die bürgerliche Demokratie und nationalistisch gefärbte Vorurteile. Die Empörung bleibt Grossteils in den Schranken der Kontrolle der Gewerkschaften und offiziellen Anti-Atom Organisationen gefangen. Lokale bürgerliche Politiker treten grossmäulig mit Demagogie und Lügen auf und versuchen die Unzufriedenheit zu ihren eigenen Gunsten zu verwerten. Sie reissen sterile Aktionen an die sich nur auf ganz bestimmte Nuklearprojekte begrenzen oder sich isoliert gegen die Person des „Kernschmelzers“ Premierminister Naoto Kan einschiessen.
Doch trotz all dieser Schwächen ist die Bewegung in Japan ein wichtiges Symbol. Sie zeigt nicht nur, dass ihre noch vorhandene Isolierung von anderen Teilen der Lohnabhängigen Menschen auf der Welt (bedingt durch geografische, historische und kulturelle Faktoren) sich aufzuheben beginnt[4], sondern auch, dass sich die ganze widerliche Propaganda der bürgerlichen Medien über die angebliche „Hörigkeit“ der Arbeiter und Arbeiterinnen in Japan nur auf Vorurteile abstützt die dazu da sind die internationale Solidarität der Lohnabhängen zu verhindern.
Langsam aber sicher beginnen die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre soziale Kraft zu entdecken die sie potentiell für die Zukunft haben. Sie entdecken immer mehr, dass die Strasse ein politischer Ort ist an dem wir einen solidarischen Kampf führen müssen. So ist es in Japan und weltweit möglich wieder die revolutionäre internationale Kraft zu finden um den Kapitalismus zu überwinden und eine Gesellschaft aufzubauen die nicht auf Ausbeutung und Barbarei basiert. Zweifellos ein noch langer, ein sehr langer Weg, doch wohl der einzige der in die Freiheit führt.
W.H. 21. Juli 2012
Laut Olivier Blanchard, dem Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds, befindet sich die Eurozone –und damit die Weltwirtschaft – an einem sehr gefährlichen Punkt. Im April warnte Blanchard, dass, wenn Griechenland aus dem Euro tritt, „es möglich ist, dass andere Volkswirtschaften aus der Euro-Zone unter schwerem Druck geraten, einschließlich einer ausgewachsenen Panik auf den Finanzmärkten. Unter diesen Laut Olivier Blanchard, dem Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds, befindet sich die Eurozone –und damit die Weltwirtschaft – an einem sehr gefährlichen Punkt. Im April warnte Blanchard, dass, wenn Griechenland aus dem Euro tritt, „es möglich ist, dass andere Volkswirtschaften aus der Euro-Zone unter schwerem Druck geraten, einschließlich einer ausgewachsenen Panik auf den Finanzmärkten. Unter diesen Umständen kann ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone nicht mehr ausgeschlossen werden. Dies könnte einen schweren politischen Schock verursachen, der den ökonomischen Stress in einem Umfang verschlimmern könnte, der weit über den Lehmann-Kollaps hinausreicht.“ Solch ein Schock könnte in der Tat „eine schwere Rezession auslösen, die Anklänge an die 1930er Jahre enthält.“[1]
Daher war die EU, wie von einer Reihe von Expertenkreisen vorhergesagt, gezwungen gewesen, ein neues Rettungspaket zu schnüren und Schritte in Richtung einer größeren Zentralisierung der Union zu unternehmen. „EU-Führer stimmen darin überein, den geplanten Rettungsfonds der Euro-Zone zur direkten Unterstützung von ums Überleben kämpfender Banken einzusetzen, ohne die Staatsschulden zu erhöhen. Nach 13-stündigen Gesprächen kamen sie auch darin überein, eine gemeinsame Bankenaufsichtsbehörde aufzustellen. Spanien und Italien übten Druck auf Deutschland aus, um dem Rettungsfonds zu gestatten, Staatsschulden auf den Märkten aufzukaufen – eine Maßnahme, um die Zinslasten einzudämmen.“[2]
Obwohl Deutschland kämpfenden Ländern wie Italien und Spanien politische Konzessionen zugestehen musste, steht es an vorderster Front bei den Schritten hin zu einer größeren Zentralisierung der EU. So teilte Merkel dem deutschen Parlament mit, dass, wenn Länder die Garantierung ihrer Schulden durch die zentrale Vergabe von Eurobonds anstreben, dies mit einer größeren zentralen Kontrolle einhergehen müsse. „Eine gemeinsame Haftung kann nur geschehen, wenn ausreichende Kontrollen in Kraft sind.“Dieser Schritt in Richtung einer Zentralisierung war bereits mit dem Beschluss, eine gemeinsame Bankenaufsicht zu installieren, Bestandteil des neuen Abkommens, doch stehen weit ambitioniertere Pläne auf dem Prüfstand:
„Europäische Behörden haben auch Vorschläge wie die Schaffung eines europäischen Schatzamtes dargelegt, das Macht über die nationalen Haushalte ausüben würde. Der 10-Jahres-Plan (2) soll die Euro-Zone stärken und künftig Krisen verhindern, doch Kritiker sagen, dass er den aktuellen Schuldenproblemen nicht gerecht wird.“ Merkel hat ebenfalls vorgeschlagen, dass in Zukunft der Präsident des Europäischen Rates zentral gewählt werden sollte. Zusammengefasst, wenn Deutschland in letzter Instanz als Kreditgeber der gesamten Euro-Zone agieren soll, müssten die Länder der Euro-Zone eine größere Rolle des deutschen Imperialismus akzeptieren.
Kein Ausweg für die EU oder das Kapital
Hier wird die ganze Zerbrechlichkeit des Euro und des EU-Projektes deutlich. Angesichts der Wirtschaftskrise gibt es wachsende Tendenzen unter den Staaten, verstärkt auf ihre eigenen Interessen zu schauen, was eine Auflösung der Union beschleunigt. Deutschland versucht, die unmittelbaren Folgen der Krise unter Kontrolle zu halten, doch seine Forderungen nach einer größeren Vormachtstellung verschärfen die nationalen Rivalitäten, was seinerseits die Stabilität der Union beeinträchtigt. Vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte der letzten hundert Jahre sind die anderen europäischen Hauptmächte, insbesondere Frankreich und Großbritannien, nicht bereit, ein von Deutschland dominiertes Europa zu akzeptieren.
Doch auch auf der ökonomischen Ebene bewirken die von der Bourgeoisie beschlossenen Maßnahmen nicht mehr, als den Rutsch in die Katastrophe zu verlangsamen. Wie wir in diesem Artikel bereits argumentiert hatten[3], hat die globale Überproduktionskrise die herrschende Klasse in ein unlösbares Dilemma gestürzt: Den Weg des Wachstums zu beschreiten bedeutet die Anhäufung weiterer Schulden, und dies erhöht den Druck durch Inflation und Bankrott. Eine rigide Sparpolitik (und/oder Protektionismus) dagegen verschärft die Krise, indem sie die Kaufkraft einschränkt und so die Märkte noch weiter schrumpfen lässt.
Der Bourgeoisie dämmert allmählich die Brisanz der Situation. Sie macht sich keine Sorgen mehr über eine „doppelte Rezession“ (double-dip recession), sondern spricht immer offener über eine Depression vom Typ der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre. Nun liest man, wie „Italiens oder Spaniens Pleite Europa in eine beispiellose Wirtschaftskatastrophe stürzen könnte“; es wird befürchtet, dass eine Intervention zu spät erfolgt, weil „die politischen Führer erst eine Minute vor Mitternacht, wenn Europa in einen entsetzlichen ökonomischen Abgrund starrt, sich gezwungen sehen zu handeln.“ (4)
Tatsächlich ist die Depression bereits da, und die Lage ist schlimmer, als sie es in den 1930er Jahren war. In den 30ern gab es einen Ausweg aus der Krise: der Einsatz staatskapitalistischer Maßnahmen – ob im Gewand des Faschismus, des Stalinismus oder des New Deal -, die eine gewisse Kontrolle über die Wirtschaft erbrachten. Heute ist die Krise gerade eine Krise des Staatskapitalismus: Alle Versuche seitens der herrschenden Klasse, das System durch den Staat (insbesondere die staatliche Politik des Schuldenmachens) zu manipulieren, sind vor ihren Augen zerborsten.
Vor allem aber war in den 30er Jahren der Weg zum Weltkrieg offen, weil die Arbeiterklasse sich nach dem Scheitern der revolutionären Anläufe nach 1917 in einer Position der Niederlage befand. Der Drang zum Krieg ermöglichte eine Absorbierung der Arbeitslosigkeit durch die Schaffung einer Kriegswirtschaft; und der Krieg selbst machte eine Reorganisierung der Weltwirtschaft und den Start des Booms möglich, der bis zu den 1970er Jahren anhielt.
Diese Option steht heute nicht mehr zu Verfügung; nach dem Kollaps des alten Blocksystems ist die imperialistische Weltordnung zunehmend multipolar geworden. Die amerikanische Herrschaft ist immer schwächer geworden. Die Opposition gegen die deutsche Kontrolle über Europa macht deutlich, dass Europa niemals in der Lage sein wird, sich selbst zu einem militärischen Block zu vereinen. Auch den anderen aufsteigenden oder wiedergenesenden Mächten wie China und Russland mangelt es an der Fähigkeit, eine stabile internationale Allianz um sich herum aufzubauen. Kurz, die Bündnisse, die notwendig sind, um einen Weltkrieg auszutragen, gibt es nicht. Und wenn es sie gäbe, so würde die Zerstörung, die ein dritter Weltkrieg anrichten würde, einen weiteren „Nachkriegsboom“ unmöglich machen.
Vor allem aber befindet sich die Arbeiterklasse in den wichtigsten kapitalistischen Ländern nicht in derselben Lage der Niederlage wie in den 1930er Jahren. Denn trotz all ihrer Schwächen und Zaudereien zeigt sie einen wachsenden Unwillen gegenüber den Argumenten der Reichen und Mächtigen, die uns erzählen, dass wir unseren Lebensstandard „zum Wohle Aller“ opfern. In den letzten paar Jahren haben wir Massenstreiks in Bangladesch und Ägypten gesehen, soziale Revolten im gesamten Nahen Osten, in Europa und in den USA, Proteste gegen angestrebte Rentenkürzungen in Frankreich und im Vereinten Königreich, Studentenrebellionen gegen wachsende Bildungskosten in Großbritannien, Italien, Kanada…
Doch diese Kämpfe stehen noch weit unter dem, was die objektive Situation mit den Angriffen gegen die ausgebeutete Klasse erfordert. In Griechenland sehen wir, wie der Lebensstandard der ArbeiterInnen auf die brutalste Weise gesenkt wird: massive Reduzierung von Arbeitsplätzen, Löhnen, Renten und anderen Leistungen, die drastisch gekürzt wurden, mit der Folge, dass zahllose Familien, die einst einen bescheidenen Lebensstandard erwarten konnten, nun von Lebensmittelspenden abhängig sind, wenn sie nicht schon auf den Straßen hausieren. In Griechenland sind die Brot- und Arbeitslosenschlangen, die für die 1930er Jahre sinnbildlich waren, erneut brutale Realität geworden und werfen ihren Schatten auf Spanien, Portugal und all die anderen Länder, die als erste vom Zusammenbruch des Kartenhauses des Kapitalismus getroffen sind.
Angesichts derartiger Angriffe verhalten sich die eingeschüchterten ArbeiterInnen oftmals zögerlich. Sie haben es auch mit einem ideologischen Trommelfeuer zu tun, das auf sie einwirkt – von der einen Seite heißt es, wählt links und verstaatlicht die Banken, von der anderen, wählt recht und schiebt alle Schuld in die Schuhe der Immigranten. Es gibt Gewerkschaften, die ihre eigenen Waffen stumpf machen, wie die Abfolge von eintägigen Generalstreiks in Griechenland, Spanien und Portugal sowie die endlosen „Aktionstage“ im öffentlichen Dienst in Großbritannien gezeigt hat.
All diese Ideologien versuchen die Hoffnung am Leben zu halten, dass auch nur irgendetwas innerhalb des gegenwärtigen Systems geschützt werden kann. Die Krise des Systems, die nun sämtliche Strukturen durchschüttelt, die geschaffen wurden, um eben die Krise zu managen, macht auf überzeugende Weise klar, dass das System es eben nicht kann. 30.6.2012
Die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz geht zum Krieg, zu immer größeren kriegerischen Auseinandersetzungen. Die jetzige Lage in Syrien macht deutlich: Ein Massaker folgt dem anderen, mit bislang mehr als 20.000 Toten, ganze Wohnviertel sind zerstört, Millionen Menschen auf der Flucht; viele leben in überfüllten, unsauberen Flüchtlingslagern in der Türkei oder in Zelten in der jordanischen Wüste, wo sie häufig Standstürmen ausgesetzt sind. Anstatt sich über alle Lager und Spaltungen hinweg zusammenzuschließen, ziehen sich die ausgebeuteten und unterdrückten Massen nun auf dieselben zurück. Die Spaltungen zwischen Alawiten, Christen, Drusen, Kurden, Sunniten verschärfen sich noch; jeder fürchtet Opfer des nächsten Massakers durch welche Seite auch immer zu werden. Einige unterstützen die “Freie syrische Armee” (FSA), andere stellen sich auf die Seite der Regierung und fürchten sich vor den Konsequenzen. Der kapitalistische Terror herrscht überall und kann an jedem Ort im Land und gar über die Landesgrenzen hinweg zuschlagen. Was vor 17 Monaten als eine reale Volkserhebung anfing, in der sich alle religiösen Gruppen geschlechts- und altersübergreifend zusammenfanden, um gegen Arbeitslosigkeit und Repression zu protestieren, ist mittlerweile eingeebnet, auf absehbare Zeit erwürgt worden durch den imperialistischen Krieg, der sich mittlerweile auf die ganze Region auszudehnen droht. Bei dieser Entwicklung von einer „Revolution“ zu sprechen, wie es einige Vertreter der extremen Linken tun, ist geradezu obszön. In Wirklichkeit prallen alle beteiligten Kräfte auf imperialistischer Ebene aufeinander. Auf der einen Seite steht der einstige Verbündete des Westens – das brutale Killerregime des Bashir al-Assad -, das Unterstützung von Russland, China und dem Iran erhält, auf der anderen Seite stehen Staaten aus der Region wie die Türkei, Qatar, Saudi-Arabien – mit den USA, Frankreich und Großbritannien an ihrer Seite. Auch wenn dieses imperialistische Gemetzel in den Augen Mancher wie ein Stellvertreterkrieg aus der Zeit des Kalten Kriegs anmuten mag, bei dem die USA beispielsweise die Türkei als ihren Handlanger benutzen, ist dieser Konflikt in Wirklichkeit viel unberechenbarer und gefährlicher. Steht doch in der Region viel mehr auf dem Spiel in Anbetracht des militärischen Aufmarsches gegen den Iran, der gegenwärtig von den westlichen Mächten an die Wand gedrängt wird, und des unberechenbaren Verhaltens Israels.
Öl spielt eine wichtige Rolle in diesem Konflikt, und dennoch ist dieser Aspekt zweitrangig. Den USA und Großbritannien geht es vor allem um den strategischen Wert Syriens aufgrund seiner geographischen und politischen Nähe zum eigentlichen Ziel dieses Krieges: dem Iran. In der Tat wurden die Grundlagen für die Implantierung amerikanischer und britischer Interessen in diesem Zusammenhang, d.h. die Basis des gegenwärtigen Krieges, 2005 in Washington unter der Bush-Administration zusammen mit der britischen Regierung gelegt (siehe dazu weiter unten). Dass die eigentliche Zielscheibe in diesem Krieg der Iran ist, wird zunehmend von einer Reihe internationaler Korrespondenten anerkannt. Robert Fisk äußerte dies im britischen Independent vom 29. Juli 2012 deutlicher als alle anderen. Mit Ironie betrachtet er die Position der herrschenden Klasse Großbritanniens: “... meistens vergessen wir die 'große' Wahrheit. Es handelt sich um einen Versuch, die syrische Diktatur zu zerschlagen, nicht weil wir die Syrier lieben oder unseren früheren Freund Bashir al-Assad hassen, oder weil wir über Russland empört sind, dessen Platz im Pantheon der Heucheleien ziemlich eindeutig ist, wenn man all seine Reaktionen auf die vielen kleinen Stalingrads in ganz Syrien berücksichtigt. Nein, es geht in Wirklichkeit um den Iran und unseren Wunsch, die Islamische Republik und deren teuflischen Nuklearpläne zu zerschlagen – wenn es sie gibt. Der Krieg hat nichts zu tun mit Menschenrechten oder dem Recht oder dem Leben syrischer Babys. Welch ein Horror!” Und Jonathan Steele schrieb am 5. August im Guardian: “Was als friedlicher Aufstand begann und in eine Selbstverteidigung vor Ort überging, ist unter qatarischer, saudischer und US-amerikanischer Führung und mit britischer, französischer und israelischer Zustimmung längst vereinnahmt und zu einem Stellvertreterkrieg gegen den Iran geworden.”
Während das Regime für die meisten Morde in Syrien verantwortlich ist, liegt die Hauptverantwortung für die Ausbreitung des Krieges bei den USA, Großbritannien und dem französischen Hahn, dem „Sozialisten“ Hollande, der genauso daherstolziert kommt wie sein Vorgänger Sarkozy. Frankreich überbietet nun seine „Verbündeten“ und ruft die bunt zusammengewürfelte und untereinander zerstrittene syrische Opposition dazu auf, eine Exilregierung zu bilden, die es dann anerkennen würde. Und was die vom Westen unterstützte “Freie Syrische Armee” (FSA) angeht, berichtete schon am 17. November 2011 BBC in seinen Abendnachrichten über Gräueltaten, die von dieser begangen wurden. Am 18. Januar 2012 meldete der Guardian in einem Artikel über den ehemaligen CIA-Offizier Philip Giraldi, dass “das Nato-Mitglied Türkei zu Washingtons Handlanger geworden ist und dass unbekannte Nato-Flugzeuge in Iskenderum nahe der syrischen Grenze gelandet waren, um dort libysche Freiwillige und Waffen abzusetzen, die man Gadaffis Arsenal entnommen hatte. Ausbilder der französischen und britischen Spezialstreitkräfte sind vor Ort bereits im Einsatz und unterstützen syrische Rebellen, während die CIA und US-Spezialkräfte Kommunikationsausrüstung und Informationen zur Verfügung stellen.” (Auch wurde berichtet, dass britische und französische Spezialkräfte an der libanesisch-syrischen Grenze im Einsatz seien.) Die Libyen-Connection wurde in einem Bericht von RTE News am 14. August bestätigt, auch dass Führungsmitglieder der von westlichen Ländern ausgebildeten libyschen Rebelleneinheiten, die Gaddafis Anwesen stürmten, ebenso in Syrien aktiv sind. Sie führten syrische Truppen an, insbesondere Spezialisten der Kommunikation, Logistik und für schwere Waffen. [1] Am 26. Juli berichtete Newsnight, dass das türkische Militärs der FSA nachts LKW-Ladungen voll Waffen und Munition liefern und dabei von der CIA begleitet werden, um sicherzustellen, dass die Waffen „nicht in die falschen Hände geraten”. Der Daily Mirror meldete am 18. August, dass diese Waffen auch Boden-Luftraketen vom Typ Stinger umfassten. Dies klingt ziemlich glaubwürdig, da bereits eine Mig-23 über der Stadt Mohassen im Osten des Landes beim Angriff auf Rebellenpositionen abgeschossen wurde. Ebenso wurde ein Kampfhubschrauber abgeschossen, in Idlib wurde ebenfalls ein Kampfflugzeug getroffen. [2] Das Gerede von William Hague, dem britischen Außenminister, und der USA über den „friedlichen Beistand“ der FSA ist Unsinn angesichts ihrer Waffenlieferungen und den Waffenlieferungen ihrer saudischen und qatarischen Verbündeten.
Der diplomatische Krieg wütet auch unter der Räuberbande der UN. Der Annan-„Friedensplan”, der hauptsächlich von Russland und China unterstützt wurde, wurde von den USA, Großbritannien und Frankreich sabotiert, die Sand ins Getriebe streuten, indem sie eine „alternative“ Resolution vorschlugen, die Annan wiederum als ein Versuch der “gegenseitigen Beschuldigungen und Bezichtigungen” ablehnte. Der Westen war nicht wirklich an irgendeinem Plan interessiert, der mit Gespräche aufwartet, während das Regime - von dem sie seit mehr als einem Jahr behaupten, es stehe am Rande des Zusammenbruchs – an der Macht bleibt. Sie waren lediglich daran interessiert, den Krieg fortzusetzen. Der Iran wiederum war in der Woche ab dem 27. August Gastgeber einer „blockfreien“ Konferenz in Teheran. Mehr als hundert Länder sandten Delegierte, auf deren Unterstützung der Iran setzte. Bemerkenswerterweise wartete auch der neue ägyptische Präsidenten, Mursi, mit einem Besuch auf, was neben seinen freundlichen Worten gegenüber dem Iran dem Westen Sorgen bereitet.[3]
Saheed Jalili, der Sicherheitschef des Irans, hatte zuvor im syrischen Fernsehen gesagt: „Iran wird nicht zulassen, dass die Achse des Widerstands, in der Syrien ein zentraler Bestandteil ist, zerbrochen wird.” (BBC, 7. August 2012). Doch die Beziehungen zwischen Teheran und der Hamas im Gaza-Streifen haben sich wegen der Entwicklung in Syrien bereits verschlechtert; auch haben die Kämpfe die syrisch-libanesische Grenze überschritten und die Hisbollah in Mitleidenschaft gezogen. Die „Achse des Widerstands“ ist in dieser Hinsicht etwas geschwächt worden, doch wird dies keineswegs den imperialistischen Drang des Iran abschwächen, dessen Truppen schon jetzt an der Seite der syrischen Armee kämpfen. Syrien ist in der Tat der Hauptverbündete Irans in der Region und zögert trotz der Ausdehnung des Krieges und der Instabilität nicht, seinen Verbündeten, die Demokratische Einheitspartei (PYD) zu benutzen, die umgekehrt die illegale kurdische Arbeiterpartei (PKK) unterstützt, welche wiederum die Kontrolle über etliche Städte in Nordsyrien an der Grenze zur Türkei ausübt (AFP, 2. 8.2012). Zurzeit verstärkt das türkische Militär massiv seine Truppen in diesem Gebiet, womit ein zusätzlicher, unberechenbarer Faktor zu diesem Chaos hinzukommt.
Was steckt hinter dieser syrischen Opposition, die im westlichen Fernsehen auftritt und nach „Taten“ schreit? Wer sind diese „demokratischen“ Sprecher im Exil, die auf ein militärisches Eingreifen dringen und Gespräche mit dem Assad-Regime verweigern? Charlie Skelton lüftete am 12. Juli 2012 im Guardian den Vorhang über dieser Schlangengrube, die auf höchster Ebene mit dem US-amerikanischen und britischen Staat verbandelt ist und seit den letzten sechs, sieben Jahren von diesen finanziert wird. [4] Der syrische Nationalrat (SNR) wird sowohl von den USA als auch von Großbritannien als „Hauptkoalition der Opposition“ (BBC) und als ein „rechtmäßiger Repräsentant des syrischen Volkes“ (William Hague, britischer Außenminister) anerkannt. Der ranghöchste Sprecher des Nationalrats ist Bassma Kodmani, die im Jahre 2005 von der Ford-Foundation – nach dem Zusammenbruch der US-syrischen Beziehungen – für ihre Arbeit gefördert wurde, um Geschäftsführerin der Arabischen Reforminitiative (ARI) zu werden. Diese ist mit der mächtigen US-amerikanischen Lobby-Gruppe, dem Rat für auswärtige Beziehungen (CFI) verbunden, das dem „US-Middle East Project“ zuarbeitet, welchem hochrangige Diplomaten, Nachrichtenoffiziere und Geschäftsleute angehören. Dieses wiederum ist verbunden mit dem British Centre for European Reform (CER), an dessen Spitze Lord Kerr steht, der frühere Chef der britischen Diplomatie. Wie Skelton schreibt, handelt es sich nicht um eine naive Aktivistin, die für die Demokratie eintritt, sondern um jemanden, der mit den höchsten Führungsspitzen der beiden Staaten sowie mit dem französischen Geheimdienst DGSE verbunden ist. Das gleiche trifft für ihre Kollegen im SNR zu. 2005, als die US-Außenpolitik sich gegen Syrien wandte, trafen sich Oppositionsführer in einem Washingtoner Regierungsgebäude. Auf dem Treffen, das vom Democracy Council der USA und der British Movement for Justice and Development gesponsert wurde, übernahm Joshua Mavchik, Autor des Leitartikels „Bombardiert Iran“ (2006), den Vorsitz. Skelton deckte die Verbindungen und Finanzquellen auf. [5]
Die Muslimbruderschaft, für die sich Großbritannien interessiert, hat sich mittlerweile von der FSA getrennt und beabsichtigt ihre eigenen bewaffneten Kräfte aufzustellen, die „Bewaffneten Truppen der Muslimbruderschaft“, von der ihre Führer behaupten, sie solle „das Bewusstsein für den Islam und den Dschihad verstärken“ (Daily Telegraph, 3.8.2012). Darüber hinaus gibt es auch Fundamentalisten, die von Saudi-Arabien und Qatar unterstützt werden, sowie ausländische Dschihadisten, die aus dem Irak zurückgekehrt sind und von denen einige unter dem losen Verbund der al-Qaida wirken, und libysche Söldner. Tolle Aussichten für die syrische Bevölkerung.
In einem Wort: düster. Sie sind schon düster für die Massen in Syrien. Und während der Vorstoß des Westens gegen den Iran ein offenes Geheimnis ist, ist der weitere Verlauf der Ereignisse nicht vorhersehbar. Auf jeden Fall kommen viele Gefahren auf die Region und darüber hinaus zu. Walid Dschumblat, der Führer der libanesischen Drusensekte, ein gewitzter politischer Veteran in der Region, sagte am 16.8.2012 dem Guardian: „Das ist die Enträtselung des Sykos-Picot-Abkommens.“ Er bezog sich auf das geheime englisch-französische Abkommen von 1919 zur Aufteilung der Einflussbereiche in der Levante nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Dieses Abkommen verschärfte die Instabilität und fachte die Konflikte an, die den Nahen Osten seit nahezu einem Jahrhundert verwüsten. Dschumblat meinte weiterhin: „Jetzt sehen wir das Ende dessen, was vor 90 Jahren geschaffen wurde. Die Folgen werden sehr, sehr schwerwiegend sein, wenn man nicht sorgfältig damit umgeht.“ Mit Verweis auf die britisch-französische Ausrichtung der Grenzen im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg und der Taktik des „Teile und herrsche“ sprach ein westlicher Diplomat von „nicht abgeschlossenen Fragen auf verschiedenen Ebenen“. Vor dem Hintergrund der globalen Schwächung der USA als Weltgendarm, der Tendenz Israels, auf eigene Faust zu handeln, und den zentrifugalen Tendenzen, die zu einem Auseinanderbrechen Syriens führen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass damit korrekt umgegangen wird. Das „Management“ der Großmächte bestand bislang eher darin, diesen Krieg und die Gefahr größerer Kriege weiter anzufachen.
Baboon, 30.8.2012
1. Gerade ein Jahr nach dem Ende des Krieges in Libyen, an dem sich der Westen beteiligte, steckt Libyen in einem völligen Chaos mit der höchsten je registrierten Arbeitslosigkeit und bewaffneten Banden, die die zunehmend verarmte Bevölkerung terrorisieren. Der gesamte nordafrikanische Raum steht vor weiteren Kriegsgefahren und Terroranschlägen infolge der Entwicklung in Libyen.
2. Am 2. August berichtete der Daily Telegraph, dass die Taliban ein Büro im ostiranischen Zahedan eröffnet haben und iranische Truppen nach abgehörten Gesprächen aus dieser Gegend planen, Boden-Luft-Raketen an die Taliban in Afghanistan zu liefern. Der Iran hat die Taliban bereits mit recht einfachen Waffen versorgt, die diese gegen die USA in Afghanistan einsetzen, dies aber wäre – wenn es stimmt – eine richtige Eskalation.
3. Dies ist ein Teil des inter-imperialistischen Spiels. Ägypten hat erst kürzlich Avancen gegenüber China gemacht. Vor dem Libyenkrieg löste die Zustimmung Ägyptens für die Durchfahrt iranischer Kriegsschiffe durch den Suez-Kanal bei den USA und Großbritannien Alarm aus. Auf dem Treffen der „blockfreien Staaten“ jedoch hat der ägyptische Präsident Mursi die syrische Delegation in Rage versetzt und die Iraner verärgert, als er die „syrischen Rebellen“ mit den Palästinensern verglich.
4. www.theguardian.com/commentisfree/2012/jul/12/syrian-opposition-doing-the-talking [598]
5. Siehe dazu „Syria, Imperialism and the Left, parts (1), (2) (3) auf libcom, geschrieben von rooieravotr. libcom.org/blog/syria-imperialism-left-1-08082012 [599]
Der Film Die Unschuld der Muslime, der am 11. September auf YouTube erschien, ist nach allem, was man hört, ein besonders dürftiges und äußerst dummes Machwerk, das Produkt eines armseligen kalifornischen Betrügers, der ein koptischer Christ zu sein vorgibt. Dennoch stand dieses Machwerk zwei Wochen lang im weltweiten Fokus. Diese Anprangerung des Propheten Mohammed und seiner Anhänger, die unter anderem als unmoralische, brutale Kinderschänder dargestellt werden, hat in der gesamten muslimischen Welt Reaktionen hervorgerufen. Die wütenden Demonstrationen endeten in Ausschreitungen und Gewalttaten, die sich hauptsächlich gegen die USA richteten und u.a. zur Ermordung des US-Botschafters in Libyen führten.
Diesen Ausschreitungen, die zumeist von salafistischen Radikalen angeführt wurden, wurde eine Menge Platz in den westlichen Medien eingeräumt. Dabei geht es hier höchstens um ein paar Zehntausend Demonstranten, die sich über eine Reihe von Ländern verteilten, von Tunesien über den Jemen bis Pakistan. Dies ist nicht wirklich viel, wenn man bedenkt, dass es Hunderte von Millionen von Muslimen allein in den arabischen Ländern gibt, ganz zu schweigen von den Millionen Muslimen, die in Europa oder Nordamerika leben.
Es geht hier nicht darum, die Gewalt herunterzuspielen, die zweifellos stattfand, doch sind diese Ereignisse bewusst aufgebauscht worden, um die Angst vor der „islamischen Gefahr“ zu schüren. In Deutschland drückte Angela Merkel ihre „große Beunruhigung“ aus, während in Frankreich der Sozialist Manuel Valls über die „Bedrohung der Republik“ erschüttert war, die in der winzigen Demonstration steckte, welche „ohne offizielle Erlaubnis“ vor dem Elysée-Palast stattfand. Aus den USA hören wir, wie Hilary Clinton erklärte, dass „die arabischen Länder nicht die Tyrannei eines Diktators gegen die Tyrannei der Massen eintauschen sollten“, wobei sie sich auf die „arabische Revolution“ im Frühjahr 2011 bezog. Und schließlich hörten wir den Papst die Ausmerzung des Fundamentalismus (natürlich des islamischen) fordern!
In diesem Stimmengewirr besorgter Politiker wiesen nur eine Handvoll Kommentatoren auf die augenscheinliche ideologische Manipulation hin, die auf beiden Seiten vor sich ging:
· Einerseits weist die Tatsache, dass solch ein Filmchen (1) ausgerechnet im Angesicht wachsender Spannungen und Kriegsgefahren im Zusammenhang mit Syrien und dem Iran, aber auch mit den Radikalislamisten in Mali und in der Sahel-Zone herauskam, mehr noch: dass er am 11. September erschien, dem Jahrestag des Angriffs auf die Zwillingstürme 2001, der mit dem Tod von 4.000 Zivilisten und schließlich der US-amerikanischen Invasion in Afghanistan endete, darauf hin, dass auf den „islamischen Extremismus“ in der ganzen Welt an den Pranger gestellt werden soll.
· Andererseits tappten die islamistischen Extremisten geradewegs in die Falle hinein und enthüllten damit einmal mehr ihr zerstörerisches Potenzial und ihre Entschlossenheit, Amerika und den westlichen Mächten Paroli zu bieten, um sich selbst gegen rivalisierende bürgerliche Cliquen zu behaupten.
Es ist offensichtlich, dass dies eine Eskalation durch beide Seiten zu einem Zeitpunkt war, als sich neue militärische Interventionen und Massaker am Horizont andeuteten. Diese Art von Kampagnen dient dazu, den Boden dafür auf ideologischer Ebene vorzubereiten.
Die herrschende Klasse und all ihre Fraktionen, welcher Religion auch immer angehörig, werden Ereignisse wie dieses benutzen, um die Ausgebeuteten zu spalten und einzuschüchtern. Doch vor allem ist es - trotz all ihrer heuchlerischen Appelle, Ruhe und Vernunft zu bewahren - ihr Ziel, die nächsten Schritte in die Barbarei des Krieges zu rechtfertigen.
Mulan, 28.9.2012
(1) Uns sollte die Tatsache zu denken geben, dass dieses Video zwei Tage lang bei YouTube zu sehen war, einem Ableger von Google, dessen Charta besagt, dass „wir keine Auffassungen autorisieren werden, die zum Hass aufstacheln oder die andere Gruppen auf der Grundlage der Rasse, der ethischen Herkunft, der Religion, einer Behinderung, des Geschlechts, des Alters, des Veteranenstatus‘ oder der sexuellen Orientierung angreifen oder verleumden“.
Zusammenfassender Auszug aus einem Interview mit Chris Knight (Professor für Anthropologie an der University of East London) auf ReadySteadyBook (2006)
(…) Tatsache ist schlicht und einfach, dass Gene komplexe Moleküle sind, die die Körper, die sie bewohnen, dazu benutzen, um sich zu vervielfältigen. Ein Gen, das die Konkurrenz auf eigene Kosten repliziert, wäre kein Gen. Selbst wenn diese Anomalie aus unerfindlichen Gründen in einer Generation existierte, wäre es schon in der nächsten
Diese Theorie erklärt unter vielen anderen auch Konflikte: Konflikte zwischen den Geschlechtern, zwischen den Eltern und ihrem Nachwuchs und so weiter. Sie zeigt auf, wie Konflikte entstehen und wie widerstreitende Interessen den evolutionären Wandel antreiben. Für Marxisten sollten dies bekannte Themen sein. Der größte Teil der kleinbürgerlichen „Linken“ weigert sich, mehr als den Titel von Dawkins‘ Buch zur Kenntnis zu nehmen. Unfähig zu verstehen, worum es dem Autor ging, dichten sie ihm an, Kapitalismus, Rassismus und Ähnliches zu rechtfertigen. Nichts könnte abwegiger sein. Es war ebendiese Theorie des egoistischen Gens, die die frühere Vorstellung platzen ließ, dass die natürliche Auswahl „Rassen“ gegenüberstellt. Die Antwort der Linken auf diese wissenschaftliche Revolution war in peinlicher Weise ignorant und selbstzerstörerisch. Genau genommen, war sie eine Schande. Man stelle sich vor, was Marx und Engels davon gehalten hätten….
1844, im Anschluss an einer vierjährigen Reise rund um die Welt, teilte Charles Darwin einem engen Freund mit, dass er zu einer gefährlichen Schlussfolgerung gelangt sei. Sieben Jahre lang, schrieb er, habe er sich „mit einer sehr vermessenen Arbeit beschäftigt“, vielleicht „eine sehr törichte“. Er hatte bemerkt, dass auf jeder der Galapagos-Inseln die Finken leicht unterschiedliches Futter fraßen und unterschiedliche Schnäbel hatten. In Südamerika hatte er viele außergewöhnliche Fossilien ausgestorbener Tiere untersucht. Über die Bedeutung all dessen sinnierend, sah er sich veranlasst, seine Meinung über den Ursprung der Arten zu ändern. Darwin schrieb an seinem Freund: „Ich bin entgegen meiner ursprünglichen Auffassung nun beinahe überzeugt, dass die Arten (es ist wie einen Mord zu gestehen) nicht unveränderlich sind.“
In jenen Zeiten war der Glaube an Transmutation – die Idee, dass Arten sich zu anderen Arten entwickeln können – politisch gefährlich. Während Darwin noch an seinen Freund schrieb, ließen Atheisten und Revolutionäre Pfennig-Magazine in Londons Straßen zirkulieren, in denen revolutionäres Gedankengut vertreten wurde, das im Gegensatz zu den etablierten Doktrin von Kirche und Staat stand. Damals war der bekannteste Evolutionstheoretiker Jean-Baptiste Lamarck, der für die Ausstellung von Insekten und Würmern im Naturgeschichtlichen Museum in Paris verantwortlich war. In enger Anlehnung an den Atheismus, den Chartismus und anderen Formen der Subversion, die vom revolutionären Frankreich ausgingen, wurde der Evolutionismus in Großbritannien „Lamarckismus“ genannt. Jeglicher „Lamarckist“ – mit anderen Worten: jeder Wissenschaftler, der die gottgegebene Unveränderlichkeit der Arten in Frage stellte – riskierte, mit Kommunisten, Aufrührern und Aufständischen in einen Topf geschmissen zu werden. Gefangen zwischen seiner vorsichtigen liberalen Politik und seiner Wissenschaft, war Darwin so besorgt, dass er krank darüber wurde und seine Erkenntnisse verheimlichte und unterdrückte, als habe er einen Meuchelmord begangen.
Die Periode der revolutionären Erhebungen fand ihren Höhepunkt in den Ereignissen von 1848, als ArbeiterInnen Aufstände planten und die Straßen von London und in ganz Europa eroberten. Nach der Niederlage dieser Aufstände setzte die Konterrevolution ein. Während des folgenden Jahrzehnts schwand die Bedrohung durch die Linken. Um 1858 kam ein anderer Wissenschaftler, Alfred Wallace, unabhängig von Darwin, von sich aus auf das Evolutionsprinzip der natürlichen Auswahl; wenn Darwin nicht veröffentlicht hätte, hätte Wallace all den wissenschaftlichen Ruhm erlangt. Da die Revolution keine unmittelbare Gefahr mehr war, wurde Darwin mutiger, und 1859 veröffentlichte er endlich Über den Ursprung der Arten.
In seinem großen Werk skizzierte Darwin ein Evolutionskonzept, das sich von jenem Lamarcks deutlich unterschied. Lamarck hatte die Evolution als die Folge des ständigen Strebens der Tiere nach Selbstverbesserung in ihrer Lebensspanne erklärt. Darwins grimmigere, grausamere Idee war dem Pastor Thomas Malthus entliehen, einem Ökonomen, der bei der Ostindischen Gesellschaft beschäftigt war. Malthus hatte kein Interesse an dem Ursprung der Arten; seine Agenda war politisch. Menschliche Populationen, argumentierte er, werden ständig schneller als die Nahrungsmittelversorgung wachsen. Kampf und Hunger seien das unvermeidliche Resultat. Öffentliche Wohlfahrt, so Malthus, könne das Problem nur verschärfen: Almosen würden die Armen bequem machen, sie ermutigen, sich zu vermehren. Mehr Mäuler zu ernähren müsse zu noch mehr Armut und so zu noch mehr – unstillbaren – Forderungen nach Wohlfahrt führen. Die beste Politik sei es, die Armen sterben zu lassen.
Darwins Genie war es, Botanik und Geologie mit dieser politisch motivierten Befürwortung des freien Wettbewerbs und des „Überlebenskampfes“ zu verknüpfen. Darwin sah in der ganzen Natur eine Moralität des Laissez-faire am Werk. Das Wachstum von Populationen in der Tierwelt würde stets die lokale Nahrungsmittelversorgung übersteigen; daher die Unvermeidlichkeit des Wettbewerbs, der im Hungertod des Schwächsten ende. Während Moralisten und Gemütsmenschen stets danach getrachtet haben, das Bild einer grausamen und herzlosen Natur abzumildern, folgte Darwin Malthus darin, diese zu zelebrieren. So wie der Kapitalismus die Armen und Bedürftigen brutal bestraft, so merzt die „natürliche Auswahl“ jene Kreaturen aus, die weniger imstande sind, für sich selbst zu sorgen. Da die wenigen Lebensuntüchtigen in jeder Generation aussterben, sei der Nachwuchs der Überlebenden unverhältnismäßig zahlreich, werden doch ihre vorteilhaften ererbten Anlagen an die künftigen Generationen übertragen. Der Hungertod sei also ein positiver Faktor innerhalb einer evolutionären Dynamik, die Versagen unerbittlich bestraft und Erfolg belohnt.
Auf diese Weise gelang es Darwin, die politischen Implikationen der Evolutionstheorie umzuwandeln. Weit davon entfernt, der Rechtfertigung jeglichen Widerstandes gegen die kapitalistische Ausbeutung oder die gesellschaftliche Ungleichheit zu dienen, war diese Malthusianische Version des Evolutionismus dazu bestimmt, einer entgegengesetzten politischen Funktion zu dienen. Darwin schilderte die Natur als eine Welt ohne Moral. Folglich verlieh dies einem Wirtschaftssystem die Existenzberechtigung, das auf hemmungsloser Konkurrenz basierte, frei von jeglicher fehlgeleiteter „moralischer“ Einmischung durch Religion oder Staat. In Darwins Lebenszeit verlief die wichtigste öffentliche Kontroverse über seine Theorie zwischen den Evolutionisten und jenen Philosophen, Klerikern und anderen, die befürchteten, dass solch eine Vision zum Zusammenbruch aller Moral in der Gesellschaft führen könnte.
Nach Darwins Tod 1881 versuchten etliche einflussreiche Denker, Darwins scheinbar harsche, amoralische Argumentation zu entkräften, indem sie nach Wegen suchten, die Evolutionstheorie mit religiösen oder humanistischen Werten zu versöhnen. In Russland schrieb der Anarchist Peter Kropotkin den Text Gegenseitige Hilfe, in dem er argumentierte, dass Kooperation, nicht die Konkurrenz, das fundamentale Naturgesetz sei. Eine sehr populäre Methode, eine „moralische“ Dimension aus Darwins Argumentation zu bergen, bestand in dem Gedanken, dass der kompetitive Antrieb des evolutionären Wandels Gruppen, aber nicht Individuen gegenüberstelle. Die Phrase „Überleben des Stärkeren“ (survival of the fittest) bedeutete demnach das Überleben der stärksten Gesamtgruppe oder Art, was eine enge Kooperation innerhalb jeder Spezies bedingte. Gemäß dieser Argumentationslinie waren Individuen dazu erschaffen, den Interessen der Art dienlich zu sein. Mitglieder jeglicher Art mussten mit anderen kooperieren, ihr individuelles Überleben hing vom Schicksal des größeren Ganzen ab.
Diese Idee war sehr populär um die Jahrhundertwende; sie stieß auf Widerhall in Strömungen der moralischen Philosophie einschließlich des kleinbürgerlichen Sozialismus und des Nationalismus. Nationen wurden mit „Rassen“ assoziiert und mit Tierarten verglichen. Jede Art, Rasse oder Nation sei angeblich in einem Kampf um Leben oder Tod gegen ihre Rivalen verstrickt. Jene, deren Mitglieder unter kollektiven Auflagen miteinander kooperieren, würden überleben; jene, deren Mitglieder „egoistisch“ handelten, würden ausgelöscht werden. Wenn Tiere oder Menschen ein kooperatives Verhalten an den Tag legten, so wurde dies mit „moralischen“ Begriffen unter Bezugnahme auf die Erfordernisse der Gruppe erklärt.
In Großbritannien argumentierte Churchill, dass es dem ärmsten Bereich der Gesellschaft nicht gestattet werden sollte, sich zu vermehren, denn wenn diese Menschen starben, würde dies nur den „nationalen Bestand“ (national stock) schwächen. Eugenetik kam groß in Mode, auch unter vielen Linken; in Deutschland spielte sie eine Schlüsselrolle bei der Formierung der Nazi-Ideologie. In den 1940er Jahren erfreute sich der wegweisende Ethologe Konrad Lorenz großer Beliebtheit unter den Nazipropagandisten, da er argumentierte, dass die Kriegsführung natürlich und von Wert sei. Er verglich den Krieg mit dem weit verbreiteten Verhaltensmuster, das männliche und weibliche Säugetiere während der Paarungszeit an den Tag legen, wenn Erstere sich auf grausame Weise gegenseitig bekämpfen und Letztere sich nur mit den Siegern paaren. Dies, so Lorenz, sei ein gesunder Mechanismus, um Schwache zu eliminieren und damit die Reinheit und Vitalität der Rasse zu bewahren und zu verbessern.
Die Theorie der „Gruppenselektion“ – wie sie nun genannt wird – fand ihren ausgefeiltesten und explizitesten Ausdruck 1962, als der schottische Naturalist V.C. Wynne-Edwards ein Buch veröffentlichte, das den Titel Animal dispersion in relation to social behavior trägt. Für Wynne-Edwards bestand das fundamentale Problem, mit dem sich jede Gruppe oder Art konfrontiert sah, nach Malthus in der schrankenlosen Vermehrung. Die Überbevölkerung würde letztlich zu Nahrungsmittelkürzungen führen, die den Hungertod in einem Maße mit sich bringen würden, das die gesamte lokale Bevölkerung bedrohen könnte. Wo lag die Lösung? Laut Wynne-Edwards lag es an der Spezies in ihrer Gesamtheit, etwas zu unternehmen. Sie müsste besondere Mechanismen entwickeln, um eine Reproduktion über die tragfähigen Kapazitäten ihrer Umwelt hinaus zu vermeiden. Von den Individuen würde erwartet werden, dass sie ihre Fruchtbarkeit im Interesse der Gruppe zügeln.
Auf der Grundlage dieser Theorie trachtete Wynne-Edwards danach, die zahllosen verwirrenden Merkmale des tierischen und menschlichen sozialen Verhaltens zu erklären. Insbesondere behauptete er, scheinbar abscheuliche Verhaltensweisen wie Kannibalismus, Kindsmord oder (Banden)-Krieg erklären zu können. Auf den ersten Blick negativ, bilden solche Praktiken, näher betrachtet, eine Bandbreite von nützlichen Anpassungen, durch die jede Art danach strebt, ihre Population zu begrenzen. Viele Naturalisten waren verblüfft darüber, als sie beobachteten, wie Vögel in großen Kolonien den Nachwuchs anderer zerstörten oder wie Löwen gerade geborene Jungen tot bissen. All dies, sagt Wynne-Edwards, könne nun verstanden werden. Solche Verhaltensweisen seien nicht egoistisch oder anti-sozial; sie nutzten der Art, indem sie die Population im Zaum hielten. Im Falle der Menschen dienten gewaltsame Handlungen wie die Kriegsführung einer ähnlichen Funktion. Irgendwie musste die menschliche Population niedergehalten werden; der Krieg half zusammen mit anderen Gewaltformen, dies zu erreichen.
„Gruppenselektionistische“ Denkweisen dieser Art blieben bis in die 1960er Jahre hinein einflussreich innerhalb des Darwinismus. Doch genau weil er sie mit solch strittigen, zugespitzten Begriffen formulierte, gab Wynne-Edwards seine Überlegungen zu den Artvorteilen ungewollt einer klar akzentuierten Attacke preis, die das gesamte Denkgebäude dieser Theorie untergrub. Sobald Wissenschaftler über die angeblich „die Populationen reduzierenden Mechanismen“ nachzudenken begannen, wurde aus rein theoretischen Gründen ersichtlich, warum diese nicht funktionieren. Wie konnte eine ganze Spezies ihre Mitglieder für eine kollektive Handlung mobilisieren, so als ob sie mit Voraussicht auf künftige Nahrungsmittelkürzungen antwortet? Angenommen, dass es – um des Arguments willen – ein Gen gibt, das ein Verhalten auslöst oder erleichtert, das folgende zwei Merkmale hat: (a) es dient der Spezies in künftiger Zeit, während es (b) den Reproduktionserfolg seiner Träger von heute vermindert. Wie kann solch ein Gen jemals in die Zukunft übermittelt werden, wo sein angeblicher Nutzen verwirklicht werden würde? Ein Gen für eine verringerte Reproduktionsrate ist schlicht und einfach ein Widerspruch in sich. Es würde nicht weitergereicht werden. Sein angeblicher künftiger Nutzen könnte niemals realisiert werden. Die ganze Theorie der „Gruppenselektion“ war einfach unlogisch.
Diese Einsicht führte zu einer wissenschaftlichen Revolution – einer der folgenschwersten Umbrüche in der jüngsten Wissenschaftsgeschichte, mit vielen Implikationen für die Human- und Gesellschaftswissenschaften. Wenn Marx und Engels heute lebten, würden sie sich selbst an die Spitze dieser Entwicklungen stellen. Im Grunde stimmen alle Evolutionswissenschaftler heute darin überein, dass Wynne-Edwards‘ Theorie der „Gruppenselektion“ falsch war. Der Gedanke, dass Sex, Gewalt oder andere Formen tierischen Verhaltens sich „zum Nutzen der Spezies“ entfalten, ist mittlerweile völlig diskreditiert. Tiere praktizieren keinen Sex, um „die Art fortbestehen zu lassen“; sie tun es aus viel profaneren Gründen – um ihre eigenen spezifischen Gene fortbestehen zu lassen. Kein Gen kann dazu bestimmt werden, seine eigene Replikation zu minimieren – in einer Welt der Konkurrenz würde es rasch eliminiert und ersetzt werden. Angenommen, ein Löwe tötet seine eigenen Jungen, um zu helfen, das Bevölkerungsniveau zu reduzieren. Im Verhältnis zu anderen Löwen würde dieses besondere Exemplar einen geringen Reproduktionserfolg erzielen. Ungeachtet dessen, was der gesamten Gruppe zustößt, würden alle Exemplare in einer künftigen Population ausschließlich von den „egoistischeren“ Vervielfältigern abstammen – jenen Löwen, die darauf programmiert bleiben, die Übermittlung ihrer Gene (auf Kosten von rivalisierenden Genen) an künftige Generationen zu maximieren.
Sobald dies einmal vergegenwärtigt war, waren Wissenschaftler in der Lage aufzuzeigen, dass Löwen, die Jungen töten, in Wahrheit nicht ihren eigenen Nachwuchs töten, sondern den Nachwuchs, der von rivalisierenden Männchen gezeugt wurde. Dasselbe traf auch auf andere Beispiele der so genannten „Bevölkerungsregulierung“ zu. In jedem Fall konnte gezeigt werden, dass die verantwortlichen Tiere von einem genetischen Standpunkt aus „egoistisch“ handelten, dass ihre Gene so viel eigene Kopien wie möglich auf die künftigen Generationen übertragen, ganz ungeachtet der langfristigen Konsequenzen für die Populationsdichte. Lebenstüchtigkeit bedeutet, den eigenen Genen eine erfolgreiche Zukunft zu gewährleisten; sie kann nicht anders definiert werden. Eine Konsequenz daraus war, dass eugenetische Ideen wie jene von Winston Churchill keinen darwinistischen Sinn mehr machten. Churchill meinte, dass die Armen sich zu schnell vermehren; da sie „weniger lebenstüchtig“ seien, sollte ihre Fruchtbarkeit gedrosselt werden. Um bei dem Argument zu bleiben – ausgehend davon, dass die Armen zu Churchills Zeiten die Reichen faktisch in ihrer Anzahl übertrumpften, hieße dies gemäß der modernen Darwinschen Standards, dass die Armen „lebenstüchtiger“ waren, und nicht umgekehrt. Dasselbe würde zutreffen, sollten ethnische Minderheiten eine höhere Reproduktionsrate haben als alle anderen um sie herum. „Lebenstüchtigkeit“, wie dieser Begriff von den modernen Darwinisten verstanden wird, kann nur in Bezug auf die Gene gemessen werden – nicht in Bezug auf Rassen oder Arten. In Zukunft werden daher rassistische oder andere reaktionäre Politiker ohne Beistand durch den Darwinismus mit ihren Theorien hausieren gehen.
Der neue Darwinismus machte es von nun an unmöglich, das individuelle Eigeninteresse gegenüber dem Interesse der Art insgesamt zu überhöhen. Gruppenselektionistische Denker verbrämen Kindsmord, Gewalt oder Aggression mit Blick auf die höheren Interessen der „Nation“ oder der „Gruppe“ hartnäckig als „Moral“. Militaristen und rassistische Mörder wurden als Wächter höherer Interessen konzeptualisiert, da sie überschüssige Bevölkerungen „keulen“ oder Schwache für das übergeordnete Wohl eliminieren. Der Darwinismus des „egoistischen Gens“ setzte all dem ein abruptes Ende. Tiergruppen oder Arten konnten von nun an nicht mehr mit Nationalstaaten verglichen oder als kohärentes, moralisch reguliertes Ganzes dargestellt werden. Stattdessen ging man bei Tieren davon aus, dass sie ihre eigenen Interessen verfolgten und dabei bewusst oder unbewusst ihre Gene aussähen. Entsprechend wurde von den sozialen Einheiten erwartet, dass sie nicht nur Kooperation praktizieren, sondern auch Konflikte austragen, in denen periodisch Mann gegen Frau, Jung gegen Alt, selbst der Nachwuchs gegen seine eigenen Eltern ausgespielt werden. Diese Betonung des Kampfes und Konflikts brachte den Darwinismus auf eine Linie mit dem Marxismus, der nicht von Harmonie und Brüderlichkeit ausgeht, sondern von einer durch Klassen, Geschlechter und andere Konfliktarten zerrissenen menschlichen Gesellschaft. Wo die Harmonie herrscht oder sich erfolgreich etabliert, muss dies erklärt werden und kann keineswegs vorausgesetzt werden.
In dem Moment, als der „Gruppenselektionismus“ gestürzt war, waren die Wissenschaftler gezwungen, das Leben neu zu betrachten, indem sie eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Puzzles angingen, klärten und oftmals lösten. Wie begann das Leben auf der Erde? Wann und warum entwickelte sich der Sex? Wie werden die sozialen Insekten so kooperativ? Warum werden wir – wie alle lebenden Organismen – krank und sterben letztendlich? Von jetzt an musste jede Theorie ihre Stimmigkeit mit dem unnachgiebigen, kompromisslosen „Egoismus“ der Gene demonstrieren. Das Resultat war eine spektakuläre Serie von intellektuellen Durchbrüchen, die auf eine wahrhaftige Revolution in den Biowissenschaften hinauslief, welche noch immer im Gange ist. Richard Dawkins‘ Buch Das egoistische Gen fasste viele der neuen Entdeckungen zusammen, als es 1976 zur großen Freude – und zur gleichermaßen lautstarken Anklage der kleinbürgerlichen „Linken“ – veröffentlicht wurde.
Ungefähr so wie sich Karl Marx und Friedrich Engels gegen die utopischen Sozialismus-Theorien wandten, so entschieden sind die modernen Darwinisten in ihrer Ablehnung aller nebulösen, unrealistischen Evolutionstheorien. Der „utopische“ Sozialismus scheiterte, weil er den Kapitalismus nie zu Leibe rückte. Er erklärte nie, wie man von „A“ nach „B“ kommt – von der Konkurrenzlogik des Kapitalismus zu seiner sozialistischen oder kommunistischen Antithese. Stattdessen stellten die „utopischen“ Träumer ihre idealistischen Visionen einfach den grausamen Realitäten des zeitgenössischen Lebens entgegen und plagten sich niemals damit ab zu ergründen, wie der Kapitalismus funktioniert. Ähnlich hatten sich Biologen vor der Revolution des „egoistischen Gens“ in den Biowissenschaften auf die „Kooperation“ in der Tierwelt als ein erläuterndes Prinzip berufen, ohne jemals erklärt zu haben, woher das Prinzip selbst kam. Der große Wert des neuen Darwinismus bestand darin, dass er nicht „utopisch“ war. Wenn Tiere, wie sich herausstellte, sich gegenseitig beistehen oder gar ihr Leben für andere aufs Spiel setzen – wie es häufig geschah -, dann musste solch ein Altruismus erklärt werden und konnte nicht einfach vorausgesetzt werden. Vor allem musste jeglicher Altruismus auf der Ebene des sozialen Verhaltens mit dem replikatorischen „Egoismus“ dieser tierischen Gene in Einklang gebracht werden.
Von diesem Standpunkt aus könnte der neue Darwinismus fast schon als „Wissenschaft der Solidarität“ bezeichnet werden. Egoismus ist leicht zu erklären. Die wahre Herausforderung besteht darin zu erklären, warum Tiere so oft nicht egoistisch sind. Dies ist eine besondere Herausforderung im Falle der Menschen, die sich – vielleicht mehr als jedes andere Tier – in todesmutigen und aufopferungsvollen Handlungen engagieren. Es gibt seriöse Berichte über Soldaten im Ersten Weltkrieg, die sich auf explodierende Handgranaten warfen, um das Leben ihrer Kameraden zu retten. Muss solch ein Mut den Menschen mühsam beigebracht, eingepaukt werden oder speist er sich aus mächtigen Instinkten? Wenn man, wie die meisten Darwinisten, davon ausgeht, dass es in den Menschen steckt, von Natur aus kooperativ und gar heroisch zu sein, dann tut sich hier ein intellektuelles Paradoxon auf. Warum werden die Gene, die Heroismus zulassen oder ermöglichen – jene mutigen Instinkte, die in Krisenzeiten unsere feigeren, egoistischeren Triebe außer Kraft setzen -, nicht allmählich eliminiert? Der Mann, der in der Schlacht stirbt, wird keinen Nachwuchs mehr haben. Im Gegenteil, es wird der Feige sein, der viele Nachfolger hinterlässt. Könnten wir vor diesem Hintergrund nicht erwarten, dass jede Generation weniger heroisch – also: egoistischer – ist als die vorherige? Die utopische Theorie der „Gruppenselektion“ hat dieses Problem verschleiert, indem sie allzu leichte Antworten vorschlägt. Der Heroismus fungiere für das Allgemeinwohl der Gruppe. Das Problem war, dass sie nicht erklären konnte, wie solch ein Mut Bestandteil der menschlichen Natur sein kann, der von Generation zu Generation weitergereicht wird. Es war exakt diese Schwierigkeit, die die neuen Darwinisten dazu ermunterte, mit einer besseren Antwort aufzuwarten. Als die Lösung gefunden wurde, wurde sie zum Eckpfeiler der evolutionistischen Wissenschaft.
Die Lösung für das Puzzle war die Idee der inklusiven Lebenstüchtigkeit (inclusive fitness). Heldenmut in der Schlacht stützt sich auf Instinkte, die sich nicht radikal von jenen unterscheiden, die eine Mutter dazu veranlasst, ihr Leben für den Schutz ihrer Kinder einzusetzen. Eben weil ihre Gene „egoistisch“ sind – nicht trotz dieses „Egoismus“ -, kann der Mut einer Mutter aus tiefen instinktiven Quellen gespeist werden. Tatsächlich schließt eine Mutter, die instinktiv ihr Leben für ihre Kinder riskiert, ihre Kinder als Teil ihres potenziell unsterblichen „Selbst“ ein. In genetischer HinsichtinsichtH ist dies realistisch, da ihre Kinder ihre Gene teilen. Wir können hier unschwer erkennen, warum die „egoistischen“ Gene einer Mutter sie dazu veranlassen können, selbstlos zu handeln – es ist eindeutig im Interesse der Gene selbst. Eine vergleichbare Logik mag Schwester und Bruder dazu veranlassen, selbstlos gegenüber dem anderen zu handeln.
In einem sehr frühen Entwicklungsstadium entfalteten sich die Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen, die auf Blutsverwandtschaft beruhten. Die statistische Chance, dass die Menschen, mit denen man zusammenarbeitete oder eng verbunden war, dieselben Gene teilten, war groß. Die Gene hätten sozusagen gefordert: „Vervielfältige mich, indem du dein Leben aufs Spiel setzt, um deine Schwestern und Brüder zu retten!“ Wir Menschen sind dazu bestimmt, dem anderen zu helfen – selbst zu sterben für den anderen -, vorausgesetzt, wir haben eine Chance, eine Blutsbande zu knüpfen. Selbst heute, unter Bedingungen, wo wir weitaus weniger verwandtschaftsbezogen sind, stehen wir nach wie vor unter dem mächtigen Einfluss dieser Instinkte. Der Begriff der „brüderlichen Solidarität“ hängt nicht vollkommen von äußeren, sozialen Faktoren wie Bildung oder Propaganda ab. Die Solidarität muss den Menschen nicht gegen ihre innere Natur eingeflößt werden. Sie ist fester Bestandteil einer uralten Tradition, eine evolutionäre Strategie, die vor langer Zeit wesentlich für die menschliche Natur geworden ist. Sie ist ein unschätzbarer Ausdruck der „Selbstsucht“ unserer Gene.
Damals schrieben die Zeitungen, dass „sie im Triumph kamen“; Cameron und Sarkozy kamen vor rund einem Jahr nach Tripolis und Bengasi, um den Jubel einer kriegsmüden Bevölkerung entgegenzunehmen und „den neuen Aufbruch Libyens zu grüßen“. Dies nachdem sie sowohl die Anti- als auch die Pro-Gaddafi-Fraktionen im libyschen Staat unterstützt hatten und kurz nach der Tötung einer unbekannten Zahl von Libyern, als diese durch Bombardierungen aus der Luft und Spezialkräfte vom Boden aus von Gaddafis Griff „befreit“ wurden. Der Krieg wurde, entgegen früherer Berichte, von Anfang an vollständig vom US-amerikanischen Imperialismus gebilligt, der – „aus dem Hintergrund agierend“ – die Briten und Franzosen dazu drängte, diese eminent wichtige Erdölregion im eigenen Interesse zu sichern, und gleichzeitig ein weiteres Gerangel unter den anderen imperialistischen Mitspielern eröffnete, die um einen möglichst großen Einfluss buhlten. Deutschland, das während des Krieges eine unbedeutende Rolle spielte, scheint kraft seiner wirtschaftlichen Schlagkraft und Kontakte besonders stark von Wirtschaftsabkommen mit Libyen zu profitieren; seine wirtschaftliche Stärke ist ein wachsender Faktor auf dem imperialistischen Schachbrett. Die lokale Ausbreitung der imperialistischen Barbarei geht weit über mögliche wirtschaftliche Vorteile aus dem libyschen Krieg hinaus. Ein weiterer kriegstreibender Faktor, der vom US-Standpunkt aus auf das imperialistische Gleichgewicht lastete, war die wachsende Instabilität in der Levante angesichts eines Post-Mubarak-Regimes in Ägypten, das sich plötzlich zweideutig gegenüber Israel verhält und iranischen Kriegsschiffen gestattet, den Suez-Kanal zu passieren.
Nicht dass die Feierlichkeiten anlässlich des ersten Jahrestags eines solch wichtigen Ereignisses verhalten gewesen waren; die Jahresfeiern des „Triumphes der Befreiung“ von Cameron und anderen waren schlicht nicht existent. Was nicht wirklich überraschend ist. Dies war angeblich der Krieg, in dem sie endlich die Lektionen aus dem Irak gelernt haben wollen, wie man Nationen nach dem Fall ihrer Tyrannen beschützt und wiederaufbaut. Doch der – größeren – Bevölkerung Libyens brachte die „Befreiung“ und ihre Nachwehen nichts anderes als Elend, Terror, Einschüchterung, Kürzungen, Inflation und eine Arbeitslosigkeit – einer der Auslöser für den ursprünglichen Aufstand -, die höher denn je ist. Das Land selbst ist zerrissen in diverse, sich bekriegende Fraktionen, einschließlich wiedererwachter dschihadistischer Kräfte, die mit al Qaida verknüpft sind. Am 27. August gab das US-State Department eine Warnung an US-Bürger vor unnötigen Reisen in Libyen heraus und fügte hinzu: „Die politische Gewalt, einschließlich Autobomben in Tripolis und Anschläge gegen militärisches Personal und angebliche Ex-Staatsfunktionäre in Bengasi, hat zugenommen. Konflikte zwischen den Milizen können jederzeit und überall im Lande ausbrechen.“ Simon Tisdall, der dies in The Guardian am 13. September zitierte, sagt ferner, dass die Rebellenarmee in Misrata über 30.000 Kleinwaffen unter ihrer Kontrolle hat, des Weiteren „revolutionäre Brigaden“, die über „mehr als 820 Panzer, Dutzende von schweren Artilleriegeschützen und mehr als 2.300 mit Maschinengewehren und Flugabwehrwaffen ausgerüstete Fahrzeuge verfügen“. Schaut man sich weiter in der Region um, so zeigt sich, dass der Krieg in Libyen noch mehr kriegerische und blutige Instabilität in Mali und in der gesamten Sahel-Zone verbreitet und den islamistischen Fundamentalisten im Maghreb, wenn man so will, zu einem neuen „Aufbruch“ verholfen hat. Bereits im Juni wurde das britische Konsulat in Bengasi angegriffen, wobei der Botschafter mit dem Leben davonkam. Diese Art von Ereignissen könnte gut Vorbote eines Zusammenbruchs à la Irak kombiniert mit einem endlosen Krieg wie in Afghanistan sein. Es geht nicht darum, ob die Amerikaner, Briten, etc. „ihre Lektionen gelernt haben“ aus ihren katastrophalen Kriegen der jüngsten Zeit, können doch der Imperialismus im Allgemeinen und diese Imperialismen im Besonderen, was immer ihre Bestrebungen sind, nur mehr Chaos, Instabilität und Krieg verbreiten.
Die Ermordung des US-Botschafters Stevens und dreier weiterer Botschaftsmitarbeiter in Bengasi am 11. September wird von der US-Administration als Reaktion auf den mittlerweile berüchtigten Film, der den muslimischen Glauben beleidigt, hingestellt. Doch der Zeitpunkt ist ein Indiz, und die Tatsache, dass der angeblich sichere US-Unterschlupf in Bengasi ebenfalls als Ziel auserkoren wurde, wie auch die zuvor nicht veröffentlichten Warnungen aus dem US-Bureau for Diplomatic Security deuten auf ein viel größeres und weitaus besorgniserregenderes Komplott gegen die Amerikaner und ihre Alliierte hin. Der Angriff war als Präventivschlag gegen eine CIA-Operation gedacht, der es daraufhin erforderlich machte, dass eine große Anzahl von US-Personal unverrichteter Dinge das Land verließ – laut offiziellen Angaben aus Washington.
Es gilt mehr oder weniger als sicher, dass die mit al Qaida verknüpfte islamistische Brigade Ansar al-Sharia für die Morde an die US-Bürger verantwortlich ist. Der amtierende Präsident des libyschen Parlaments, Mohammed al Magriaf, äußerte, dass er Aktionen gegen die Militanten in Betracht zöge, und fuhr fort, dass dieser Angriff, der fünfte in Bengasi seit April, „Teil einer breiter angelegten Kampagne (sei), um Libyen zu destabilisieren“ (THE GUARDIAN, 17. September). Magriaf war seit 1981 der Führer der Nationalen Front zur Befreiung (Rettung) Libyens. Er hat historische Verbindungen zum US-amerikanischen und britischen Establishment, und seine Gruppierung wurde Berichten zufolge vom CIA und von Saudi-Arabien finanziert. Sie hatte kaum Unterstützung in Libyen, und ausgerechnet dieser Profiteur der Befreiung und Freund der westlichen Koalition ist gegenwärtiger Präsident des Nationalen Übergangsrates – ein klares Anzeichen für das Ausmaß westlicher Einflüsterungen in diesem so genannten befreiten Land. Doch während Magriaf Maßnahmen gegen die Islamisten „in Betracht zog“, nahm die Bevölkerung am 22. September mit einem ganz außergewöhnlichen Aufstand die Dinge selbst in die Hand. Nach einer Demonstration von über 30.000 Menschen gegen die Milizen am Nachmittag gingen Hunderte von jungen, zumeist unbewaffneten Männern gegen die Miliz auf ihrem Gelände vor. Zwar ließen 20 von ihnen ihr Leben, doch wurden die verhassten Milizen vertrieben. Dabei wurde nicht nur die anti-amerikanische Ansar al-Sharia attackiert, sondern auch die regierungsfreundlichen, pro-amerikanischen islamistischen Milizionäre von Rafallah al-Sahiti, die eine Lizenz von der Regierung erhalten hatten und dem libyschen Verteidigungsministerium gegenüber verantwortlich sind. Seit dem Ende des Krieges gab es eine Reihe kleinerer Streiks und Demonstrationen im Land gegen die empörenden Zustände; besonders groß ist der Ärger über die islamistischen und anderen Milizen mit ihren Check-Points, Durchsuchungen, Entführungen, mit ihren prahlerischen Drohgebärden. Doch auch wenn es sicherlich einen Kern sozialer Unzufriedenheit gab, der dieser Massenbewegung zugrundelag, so ist sie bereits als „Unterstützung für die Armee und die Regierung“ vereinnahmt und im Westen als „pro-demokratische Bewegung“ (Channel 4-Nachrichten, 23.9.12) dargestellt worden. Auch im Osten Libyens, in Derna, sind dschihadistische Milizen von der lokalen Bevölkerung angegriffen und vertrieben worden. Derna war lange Zeit eine Brutstätte des islamischen Fundamentalismus gewesen, der vom Gaddafi-Regime toleriert, möglicherweise sogar ermutigt wurde, mit dem Hintergedanken, ein Problem zu kreieren, das man dann selbst „erledigt“, um sich bei den Amerikanern und Briten anzubiedern.
Die jüngste Geschichte des britischen Imperialismus und seiner Manöver in Libyen zeichnet sich durch seine besondere Durchtriebenheit und Rücksichtslosigkeit in seinem Umgang mit der arabischen Welt aus. Großbritannien hieß in den 1990er Jahren Anti-Gaddafi-Terroristen willkommen, gewährte ihnen Unterschlupf und zahlte große Geldsummen für eine Anti-Gaddafi-Zelle in Libyen 1996. Dann, nach der Umarmung Gaddafis durch Tony Blair 2004, wurden die ehemaligen terroristischen Helfershelfer Großbritanniens ausgeliefert und faktisch den Folterknechten des libyschen Regimes übergeben. Doch der imperialistische Kreisel eiert weiter herum; nun unterstützten die westlichen Mächte erneut die Fundamentalisten in dem Krieg gegen Gaddafi, d.h. sie säten den Wind, um nun den Sturm zu ernten. Das ist nichts Neues, nur dass es immer schlimmer und gefährlicher wird. Es waren der CIA und der MI6, die die Fundamentalisten und Taliban für den Krieg an der afghanisch-pakistanischen Grenze aufgerüstet hatten. Die Amerikaner und Briten arbeiteten zusammen mit Kräften des islamischen Fundamentalismus, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen und ihre eigenen Unterstützer zu beschützen. Besonders in Basra nutzten die Briten die schiitischen Fundamentalisten sowohl zum Selbstschutz als auch zur Kontrolle der örtlichen Bevölkerung. Die Amerikaner finanzierten, trainierten und bewaffneten die tschetschenischen Dschihadisten für den Krieg in Bosnien in den 90er Jahren. Und heute benutzen die Amerikaner und Briten in Syrien erneut die Kräfte des islamischen Fundamentalismus für ihre eigenen Ziele. Es hat bereits Verbindungen zwischen dem Außenministerium und Muslimbruderschaft gegeben, und die USA haben libysche Elemente, einige davon religiös, durch die Türkei nach Syrien geschleust. Es ist nicht so, dass sie weiterhin dieselben Fehler begehen oder dass sie nicht aus ihren Fehlern lernen wollen – der Imperialismus kann nicht anders, als die Kräfte der Reaktion, des Todes und der Zerstörung wachzurufen und auszubeuten. Der Imperialismus selbst heißt, zur Sackgasse des dekadenten Kapitalismus verdammt zu werden. Und die Kräfte des islamischen Fundamentalismus sind besonders nützlich für die großen imperialistischen Staaten. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte: Während Moslems hauptsächlich friedlich gegen den erbärmlichen Anti-Islam-Film protestierten, waren die Regierungen Großbritanniens und der USA aktiv dabei, die schlimmste Art islamistischer Fanatiker in den sensibelsten Regionen der Welt finanziell, militärisch und politisch zu unterstützen. Hier zeigt sich das ganze Orwellsche Ausmaß: eine Bourgeoisie, die ebenjene Kräfte der Zerstörung aktiv fördert, mit denen wir uns angeblich im Krieg befinden.
Dieser berüchtigte Film oder besser dieser Ausschnitt aus ihm, in dem der Prophet Mohammed herabgewürdigt wird, ist von allen möglichen Seiten benutzt worden. Er ist von den örtlichen religiösen und politischen Führern benutzt worden, um ihre Unterstützung zu verstärken, die auf der Mobilisierung von Demonstrationen basiert, und in einem Fall von einem pakistanischen Minister, der ein Kopfgeld auf den Kopf des Filmemachers auslobte. Mehr als zwanzig Menschen wurden auf Demonstrationen gegen den Film und die vermeintliche Beleidigung in Pakistan getötet. Es ist nicht sehr schwer, angesichts der Tracht Prügel, die das Land durch das US-Militär erhält (1), eine Anti-US-Demonstration in Pakistan aufzuziehen. Andererseits hat sich die ganze Auseinandersetzung rund um den Film (bzw. seinen Trailer) zu einer Verteidigung „unserer Lebensweise“, der „Freiheit“ und der „Meinungsfreiheit“ mit Salman Rushdie und vielen anderen Künstlerpersönlichkeiten, zu einem Demokratiebekenntnis ausgewachsen.
Es gibt hier einen weiteren, wachsenden Faktor des Zerfalls des Kapitalismus, den die IKS ausführlich analysiert hat: die historische Schwächung des US-Imperialismus nach dem Zusammenbruch seines russischen Feindes und dem Auftauchen einer „Neuen Weltordnung“ 1990. Die zentrifugalen Tendenzen eines imperialistischen Jeder-für-sich-selbst stellen die US-Vorherrschaft vor wachsenden Herausforderungen. Die Beziehungen zwischen den USA und Israel kühlen sich immer weiter ab, und wer braucht schon Feinde, wenn er, wie die USA, Verbündete wie Pakistan hat? Trotz der scheinbaren Wiederannäherung gibt es Spannungen zwischen den USA und der Türkei und ihrer Rolle in der Region. Auch die Regierungen des Irak und Afghanistans neigen dazu, ihren eigenen Weg zu gehen; trotz 1,2 Milliarden Dollar teuren „Zuwendungen“ pro Jahr weigerte sich Obama vor einer Woche, Ägypten als einen „Verbündeten“ zu bezeichnen. Und trotz enormer, nicht nachlassender, hochrangiger diplomatischer Bemühungen wird die „Asien/Pazifik-Vision“ der USA bereits ernsthaft von den Aktionen des chinesischen Imperialismus untergraben. Der „Triumph der Befreiung Libyens“, dessen Geruch immer ranziger wird, ist ein weiteres Beispiel für die – einstweilige - Schwächung des US-Imperialismus und seiner französischen und britischen Alliierten und eine weitere Drehung an der Spirale des imperialistischen Chaos, der Instabilität und des Krieges.
Baboon, 25.09.2012 (Übersetzung aus dem Englischen)
(1) Gestern gab es einen Bericht von Stanford und den New Yorker Universitäten, demzufolge US-Drohnenangriffe in den pakistanischen Stammesgebieten eine „Todesrate“ von gerade einmal zwei Prozent unter den Gotteskriegern erzielen, und der letzte Trick besteht nun darin, einige Zeit nach dem ersten Angriff eine weitere Hellfire-Rakete hinterherzuschicken. Dies war ursprünglich eine terroristische Taktik, um Rettungskräfte, Angehörige und besorgte Passanten zu treffen. Sie sind eine wahre Terrorwaffe, in ihrem Ausmaß schlimmer als die V 1-Raketen der Nazis. Sie sind alltäglich in der Luft sichtbar und jede Nacht zu hören. Jede Versammlung, Hochzeit, Feier, was auch immer, ist ein potenzielles Ziel. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Obama-Administration selbst die kühnsten Träume der Neokonservativen übertrifft. Derzeit läuft im britischen Fernsehen ein Werbespot der Luftwaffe, in dem die Lüge aufgetischt wird, dass es keine zivilen Opfer gebe. Andererseits sind das britische Militär und die Medien hinsichtlich der steigenden Zahl von Opfern britischer Drohnenangriffe kurz angebunden.
Wir veröffentlichen hier einen Artikel, den ein Sympathisant unserer Organisation geschrieben hat und der von der kürzlich stattgefundenen Mobilisierung der Arbeiter_innen und unterdrückten Massen in Palästina berichtet und daraus Lehren zieht. Wir begrüßen die Initiative des Genossen. Palästina ist eine Region mit brutalen imperialistischen Zusammenstößen mit enormem Leiden für die Bevölkerung; Worte wie Klasse, Proletariat, gesellschaftlicher Kampf, Autonomie der Arbeiterklasse usw. werden begraben unter dem, was die Barbarei des kapitalistischen Systems hervorbringt: Krieg, Nationalismus, ethnische Konflikte, religiöse Kämpfe etc. Umso wichtiger sind deshalb jene Proteste, wie der Genosse zu Recht unterstreicht, und die Nachrichten darüber sollten zu den Proletarier_innen der ganzen Welt gelangen und von ihnen in ihrer Bedeutung erkannt werden. Man ruft uns auf zu Solidarität mit Nationen, Völkern, Regierungen, „Befreiungsorganisationen" - diese Solidarität müssen wir ablehnen! Unsere Solidarität gilt nur Arbeiter_innen und Unterdrückten - in Palästina, Israel, Ägypten, Tunesien und der ganzen Welt. KLASSENSOLIDARITÄT GEGEN NATIONALE SOLIDARITÄT.
Aus einer Gegend der Welt, dem Nahen Osten, aus der normalerweise Nachrichten über militärische Massaker und Barbarei verbreitet werden; über Rivalitäten zwischen verschiedenen imperialistischen Gangstern, welche die Zivilbevölkerung als Geisel nehmen; über alle möglichen Hassgefühle und nationalistischen, ethnischen und religiösen Bewegungen (welche die „demokratischen" Mächte des Westens je nach Interessenlage kreieren, aufbauen und propagandistisch unterstützen, wie in Libyen und Syrien), ist, während die Schlagzeilen in der bürgerlichen Presse in den letzten Tagen von den Unruhen in den muslimischen Ländern nach den Mohammed-Karikaturen besetzt waren, wenig oder nichts berichtet worden[1] über die bedeutenden Proteste und Streiks, die im September gegen die Auswirkungen der weltweiten kapitalistischen Krise auf die Lebensbedingungen des Proletariats und die unterdrückten Schichten in den palästinensischen Gebieten in der Westbank stattfanden und als die größten Proteste seit Jahren beschrieben worden sind.
Auf dem Hintergrund einer oft verzweifelten Situation, in der das Proletariat und die Bevölkerung in den palästinensischen Gebieten der militärischen Besetzung, der Blockade und der absoluten Geringschätzung ihres Lebens und Leidens durch den israelischen Staat ausgesetzt sind, wird es ihnen besonders schwierig gemacht, sich den nationalistischen und islamistischen Einflüssen und der Tendenz zu entziehen, sich hinter verschiedenen Organisationen in den "militärischen Widerstand" gegen Israel einzureihen (ein wahrer Weg des Martyriums für Tausende von Palästinenser_innen angesichts der Überlegenheit des monströsen israelischen Militärapparates). Genau der Kampf gegen die Auswirkungen der tiefen Wirtschaftskrise des Kapitalismus weltweit eröffnet die Perspektive des Wiedererstarkens massenhafter proletarischer Kämpfe auf Weltebene und die Aufhebung der sektoriellen, nationalen, ethnischen oder anderer Spaltungen in der Arbeiterklasse sowie auf die Überwindung aller möglichen Illusionen und Mystifikationen ("demokratische" Illusionen im kapitalistischen Rahmen; über die "nationale Befreiung"; usw.).
Der Auslöser der Welle von Protesten und Streiks war die Ankündigung der Regierung von Ministerpräsident Fayyad[2], die Preise von elementaren Konsumgütern (einschließlich Nahrungsmittel und Benzin) zu erhöhen. Dieser Umstand war der Tropfen, der das Fass der ständig wachsenden Enttäuschungen der Bevölkerung durch die Palästinensische Autonomiebehörde zum Überlaufen brachte. Diese Behörde hat sich je länger je mehr als Hort von Karrieristen und Korrupten entpuppt, unter deren Schutz eine Kaste von palästinensischen und ausländischen Kapitalisten ihre Geschäfte machten und die genau in Fayyad personifiziert sind[3]; sie hat ihre Legitimität verloren durch die lange Zeit seit den letzten Wahlen 2006 und durch den Konflikt mit der Hamas; sie ist unfähig, die Probleme der äußerst verletzlichen und von ausländischen Spenden abhängigen palästinensischen Wirtschaft[4] zu lösen, die nicht nur von der militärischen Besetzung, sondern auch von der ebenfalls durch Israel ausgeübten peinlichen Kontrolle der Importe und Exporte, der Preise, der Steuereinnahmen, der Naturschätze (Pariser Abkommen, dem wirtschaftlichen Pendant zu den Osloer Abkommen) erdrosselt wird.
Schon im Laufe des Sommers wurden das Unbehagen und die verschiedenen Proteste offensichtlich. Zum Beispiel artete Ende Juni eine Demonstration in Ramallah nach der Ankündigung eines Treffens zwischen dem Präsidenten Abbas und dem israelischen Vizeministerpräsidenten Shauz Mofaz in eine brutale Repression von Seiten der palästinensischen Polizei aus[5].
Bei einer Massenarbeitslosigkeit (57% gemäß UNO, besonders unerträglich bei den Jungen) und Lebenshaltungskosten, die der Mehrheit kaum das Überleben erlauben, und angesichts weiterer großer Teile unzufriedener Menschen (zum Beispiel sind die Lohnzahlungen an die 150'000 Angestellten der Palästinensischen Autonomiebehörde[6] ausstehend), brachte die Ankündigung der Preiserhöhung am 1. September die Lunte zum Brennen.
Seit dem 4. September gibt es täglich neue Massendemonstrationen für Verbesserungen der Lebensbedingungen auf der ganzen Westbank (Hebron, Bethlehem, Ramallah, Jenin, usw.). Die Proteste richten sich auch gegen die israelische Kontrolle der Wirtschaft in der Zone (Pariser Abkommen), aber es ist offensichtlich, dass der Unmut beträchtlich über ein gegen Israel gerichtetes oder nationalistisches Gefühl hinausgeht, denn die zentrale Stoßrichtung der Proteste sind die Arbeits- und Lebensbedingungen. In Ramallah skandierten einige Jugendliche: "Früher kämpften wir für Palästina, jetzt kämpfen wir für einen Sack Mehl"[7].
Zu Beginn der Proteste zeigte Abbas auf dem Hintergrund eines Machtkampfes mit seinem Rivalen Fayyad Sympathien für den "palästinensischen Frühling". Doch die Entwicklung des Protests, in dem sich der Unmut nicht nur gegen die Regierung Fayyad oder gegen die Pariser Abkommen richtete, sondern ausweitete auf die Palästinensische Behörde selber, brachte die Fatah, die anfänglich vielleicht eine Möglichkeit zur Kanalisierung der Demonstrationen geboten hätte, dazu, zu versuchen, diese abzubrechen, da sie sich verschärften und ausweiteten[8].
Etwas Ähnliches lässt sich über die Hamas sagen, die höchstwahrscheinlich die Mobilisierungen ausnützen wollte, um zu versuchen, die gegenwärtige Regierung der Autonomiebehörde zu schwächen, aber dann doch davor zurückschreckte angesichts des Ausmaßes der Proteste und der Gefahr einer Ansteckung des Gazastreifens.
In Nablus erklärte ein Demonstrant: "Wir sind hier, um der Regierung zu sagen, dass es reicht ... Wir wollen eine Regierung, die so lebt, wie das Volk lebt, und das isst, was das Volk isst"[9].
"Wir sind es überdrüssig, von Reformen zu hören ... eine Regierung nach der anderen ... ein Minister nach dem anderen ... und die Korruption verschwindet nicht", steht auf einem Plakat in der Ortschaft Beit Jala[10].
In Jenin verlangten die Demonstrierenden die Festsetzung eines Mindestlohnes, die Schaffung von Arbeitsplätzen für die Arbeitslosen und die Reduktion der Studiengebühren[11].
Ministerpräsident Fayyad erklärte, er sei "bereit, zurück zu treten".
Die Massenproteste gingen weiter mit Straßenblockaden und Zusammenstößen mit der Polizei der Palästinensischen Autonomiebehörde. Am 10. September begann ein Generalstreik im Transportwesen, der von den Gewerkschaften ausgerufen worden war. Daran beteiligten sich massenhaft Taxifahrer, Lastwagenfahrer und Buschauffeure, die empfindlich von den Preiserhöhungen beim Benzin betroffen waren. Zahlreiche andere Sektoren wie das Personal der Kindertagesstätten nahmen ebenfalls am Streik teil.
Die Bewegung stieg an. Am 11. September traten die Student_innen der Universität und des Gymnasiums in einen 24-stündigen Solidaritätsstreik mit dem Generalstreik[12].
Arbeiter_innen von allen palästinensischen Universitäten riefen zusammen mit den Uni-Student_innen zu einem 24-stündigen Streik am 13. September auf[13].
Angesichts dieser Lage und nach einem Treffen mit den Gewerkschaften, kündigte die Regierung Fayyad an, nachzugeben mit dem Verzicht auf die vorgesehene Preiserhöhung, mit der Auszahlung der Hälfte der ausstehenden Löhne des Monats August an die Angestellten und mit Kürzungen der Gehälter und Privilegien der Politiker und hohen Beamten der Autonomiebehörde.
Am 14. September sagte die Transportgewerkschaft den Streik wieder ab, weil es "konstruktive Gespräche" mit der Autonomiebehörde gebe.
Die Massenproteste schienen zumindest zeitweilig abzuflauen, aber der soziale Unmut hat sich nicht gelegt. Die Gewerkschaften der Staatsangestellten und der Lehrer kündigten weitere Mobilisierungen mit begrenzten Streiks ab dem 17. September an[14]. Die Gewerkschaften im Gesundheitswesen kündigten am 18. September an, dass sie mit Protesten beginnen würden, wenn die Regierung auf ihre Forderungen wie die nach Erhöhung der Belegschaften oder Verbesserung der Freizügigkeit und der Aufstiegsmöglichkeiten nicht eingehe[15].
Die Proteste sind offenbar auf die durch die Palästinensische Behörde kontrollierte Zone der Westbank beschränkt geblieben.
Über die konkreten Einzelheiten dieser Bewegungen hinaus beruht ihre Bedeutung auf der Besonderheit der Zone, die ständig von blutigen imperialistischen Konflikten heimgesucht wird (sei es direkt zwischen Staaten, sei es zwischen Stellvertretern[16]), bei denen immer die Zivilbevölkerungen am meisten unter den Folgen leidet[17], nebst den reaktionären Bewegungen nationalistischer oder religiöser Art. Es ist aber insbesondere wichtig zu unterstreichen, dass die Proteste klar im Zusammenhang mit ähnlichen Kämpfen sowohl in der Region als auch weltweit entstanden. Wir dürfen die großen Mobilisierungen in den letzten Monaten in Israel gegen die Verteuerung der Lebenshaltungskosten nicht vergessen, die trotz ihren Schwächen und "demokratischen" Illusionen einen ersten wichtigen Schritt zum Bruch mit der "nationalen Einheit" im Militärstaat Israel darstellen; wir dürfen nicht vergessen, dass die großen Arbeiterstreiks in Ägypten den entscheidenden Anstoß zum Sturz des Schützlings der USA, Mubarak, bildeten[18].
Das Proletariat und die unterdrückten Schichten Palästinas - und in der ganzen Welt - müssen wissen, dass ihre einzige Hoffnung darauf, würdige Lebens- und Arbeitsbedingungen und eine friedliche Existenz (die sich die große Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung wirklich wünscht) zu haben, nur über die Entfaltung der massenhaften Kämpfe zusammen mit den Ausgebeuteten der Region zu erfüllen ist, über alle nationalen und religiösen Grenzen hinweg. Mit der palästinensischen "nationalen Einheit" zu brechen und die Kämpfe zu vereinen, insbesondere mit dem Kampf der Ausgebeuteten und Unterdrückten in Israel und mit denjenigen der ganzen Region, das ist die mächtigste Waffe des Proletariats zur Schwächung und Lähmung der mörderischen Hand des israelischen Staates und der weiteren imperialistischen Gangster. Der "bewaffnete Widerstand", das heißt die Unterwerfung unter die Interessen der verschiedenen nationalistischen und religiösen Gruppen, führt es nur ins Massaker und ins endlose Leiden und stärkt die palästinensischen Ausbeuter und Räuber.
Daran ist für die palästinensischen Ausgebeuteten und diejenigen der ganzen Welt nicht zu zweifeln: Wenn sie nicht für ihre eigenen Klasseninteressen gegen den Kapitalismus kämpfen, wenn sie sich in die "Kämpfe der nationalen Befreiung" hineinziehen lassen, in "Rassenkämpfe" alle Art; wenn sie sich den "allgemeinen Interessen des Landes" unterwerfen (d.h. unter die allgemeinen Interessen der Bourgeoisie und ihres Staates), so werden die Gegenwart und die Zukunft, die sie unter kapitalistischem Regime erwarten, die gleichen sein, die der ANC von Mandela seinen "Brüdern" und "Genossen" Minenarbeitern offeriert: Elend, Ausbeutung und Tod[19].
Draba 23.09.12
[1] Ganz wenig dazu ist in der westlichen bürgerlichen Presse veröffentlicht worden, ganz im Gegensatz zu den Schlagzeilen über die muslimischen Proteste oder die Artikel über die „Freiheitskämpfer" gegen Assad in Syrien. Auch wenig ist in den „antiimperialistischen" (gegen die USA und ihre Verbündeten gerichteten) Medien von Kuba oder Iran berichtet worden. Auch die linken und linksextremen Foren (in Spanien lahaine.org oder kaosenlared.net oder rebelion.org) zeigten kein großes Interesse an den Ereignissen. Die „Solidarität mit dem palästinensischen Volk" beschränkt sich auf Nachrichten, die den verschiedenen Interessen auf dem imperialistischen Schachbrett dienen. Wenn das Volk gegen „seine" eigene Regierung kämpft und mit der „nationalen Einheit" bricht, um seine Lebensbedingungen zu verteidigen, verdient es keine Nachricht mehr.
[2] Ein Mann des Internationen Währungsfonds, 2007 ernannt durch Abbas auf Druck der USA im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Hamas.
[3] www.aljazeera.com/opinions/2012/9/13/economic-exploitation-of-palestinians-flourishes-under-occupation [622]. Für diejenigen, welche nicht Englisch lesen, sind online-Uebersetzer - wie z.B. Google Translator -, wenn auch bei weitem nicht perfekt, so doch ganz hilfreich.
[4] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=521815 [623]
[5] https://altahrir.wordpress.com/2012/07/01/ramallah-protesters-attacked-by-palestinian-authority-police/ [624]
[6] Die Regierung der Autonomiegebiete.
[7] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=517262 [625]
[8] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=517618 [626]
[9] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=517618 [626]
[10] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=518944 [627]
[11] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=517945 [628]
[12] https://www.latimes.com/archives/blogs/world-now/story/2012-09-10/palestinians-protest-in-west-bank-cities-over-economy [629]
[13] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=519320 [630]
[14] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=520696 [631]
[15] www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=521159 [632]
[16] Es ist kein Geheimnis, dass sowohl Iran als auch Syrien Beziehungen zur Hamas gehabt haben und immer noch haben. Ebenso wenig ist es ein Geheimnis, dass Assads Syrien Russland als Hauptverbündeten unter allen großen imperialistischen Mächten hat und Iran als wichtigsten Verbündeten in der Region. Ebenso ist es eine Tatsache, dass sowohl Russland als auch Iran und China enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zu lateinamerikanischen Staaten wie Brasilien, Venezuela oder Kuba pflegen.
[17] Vergessen wir nicht - ohne das Thema zu vertiefen -, dass der Krieg zwischen Hamas und Fatah um die Kontrolle über den Gazastreifen 2007 zahlreiche Opfer gefordert und viel Leiden über die Zivilbevölkerung gebracht hat - Kollateralschäden der „nationalen Befreiung" ... www.haaretz.com/1.4942705 [633]; https://libcom.org/article/palestinian-union-hit-all-sides [634]
[18] Vgl. dazu "Die Bewegung der Empörten in Spanien, Griechenland und Israel : von der Empörung zur Vorbereitung der Klassenkämpfe [635]" auf unserer Webseite ; und zur gegenwärtigen Phase: "eine Klassenanalyse über die Ereignisse im arabischen Raum [636]".
[19] Vgl. Massaker in Südafrika: Die Herrschenden hetzen ihre Bluthunde auf die Arbeiter, https://de.internationalism.org/Welt174_Suedafrika [637]
Wir veröffentlichen unten die Übersetzung eines Artikels von Internacionalismo, unserer Sektion in Venezuela. Er wurde noch vor der Verkündung des Wahlergebnisses verfasst.
Die Präsidentschaftswahlen am 7. Oktober in Venezuela stellen einen Moment erhöhter Spannungen zwischen den bürgerlichen Fraktionen, den „Chavisten“ und den Oppositionsparteien, dar. Letztere fanden sich in der Plattform der Demokratischen Einheit zusammen und haben Henrique Capriles zu ihrem Kandidaten gekürt, während die offizielle Macht auf ihren ewigen Kandidaten, Hugo Chavez, setzt, der über seinen Parteiapparat und Hunderte von Millionen Bolivars (1) verfügt, um Stimmen zu kaufen, hauptsächlich unter den Arbeitermassen, die seit dem Machtantritt des Chavez-Regimes und davor in den 30 Jahren der politischen Konfrontationen verschlissen worden waren.
Der Aufstieg von Chavez war das Produkt aus dem Zerfall der venezolanischen Bourgeoisie, insbesondere der politischen Kräfte, die das Land vor seinem Machtantritt 1999 regiert hatten. Aufgrund seiner großen Popularität unterstützten ihn diverse Teile des Kapitals mit dem Ziel, gegen die ausufernde Korruption und für die Wiedererlangung der Glaubwürdigkeit offizieller Institutionen, vor allem aber der Regierung zu kämpfen. Mit anderen Worten, mit dem Ziel, das System der Unterdrückung und Ausbeutung im Interesse der Nation und damit der Bourgeoisie zu verbessern. Die oppositionellen Kräfte legten es trotz ihrer Schwächung schnell auf eine Kraftprobe mit dem Regime an, am spektakulärsten zurzeit des Staatsstreiches 2002 (2) und der Blockade der Ölförderung Ende desselben Jahres. Am Ende erwies sich all dies als fruchtlos und führte lediglich zu einer Stärkung der Macht von Chavez, der 2006 wiedergewählt wurde.
Nach einem Jahrzehnt des Chavismus hat die Krise verschiedene Fraktionen der Bourgeoisie in einen Gegensatz zur Macht des Zentralstaates geraten lassen. Die oppositionellen Kräfte profitieren vom Verlust der Glaubwürdigkeit des Regimes, der auf zwei Hauptursachen zurückgeführt werden kann:
· auf den wachsenden Zerfall des Chavez-Regimes, den wir in einem früheren Artikel in Internacionalismo so charakterisierten: „Es haben sich neue zivile und militärische Eliten gebildet und die Spitzenposten der Staatsbürokratie unter sich aufgeteilt. Sie sind in ihrem Bestreben gescheitert, die Probleme zu überwinden, die von den vorherigen Regierungen angehäuft worden waren, da sie weitaus mehr um ihre persönlichen Interessen und die Aufteilung der Ausbeute aus der Ölindustrie besorgt waren, was in eine exponentielle Steigerung der Korruption und in der wachsenden Preisgabe eines ernsthaften Staatsmanagements mündete. Diese Situation, die vom Größenwahn des Chavez-Regime verschärft wurde, das das ehrgeizige Ziel verfolgte, die ‚bolivarische Revolution‘ auf ganz Lateinamerika auszudehnen, führte dazu, dass die Staatskassen immer mehr geschröpft wurden. Es hat auch zur Verschärfung der politischen und gesellschaftlichen Antagonismen geführt, die die Regierungsunfähigkeit, welche bereits in den 90er Jahren ausgeprägt war, noch gesteigert hat“;
· auf die Intensivierung der Krise des Kapitalismus im Jahr 2007, die dem Vorhaben des Chavez-Regimes, sein Projekt des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ voranzutreiben, ein Strich durch die Rechnung machte. Obgleich Chavez wie andere Regierende erklärte, dass die venezolanische Wirtschaft gewappnet sei, hat in Wirklichkeit die Weltkrise des Kapitalismus die historische Zerbrechlichkeit der nationalen Wirtschaft aufgezeigt: Sie ist total vom Erdölpreis abhängig. Dem kann die Tatsache hinzugefügt werden, dass die populistischen Schemata erst durch die Angriffe auf die Löhne und die Reduzierung oder Unterdrückung von „Errungenschaften“ wie die Tarifvereinbarungen ermöglicht wurden, die der Chavismus als „Trinkgeld“ abtat und abschaffte.
Die Strategie des Oppositionskandidaten Henrique Capriles, der auf tägliche „Klinkenputzer“-Touren durch Städte und Dörfer setzt, ist es, das Versagen des Chavismus und die weitverbreiteten Gefühle des gesellschaftlichen Niedergangs auszuschlachten. Laut Meinungsumfragen hat seine Beliebtheit stark zugenommen. Seine Taktik besteht darin, ähnlich wie der Chavismus populistische Sozialprogramme vorzuschlagen und gleichzeitig die direkte Konfrontation zu vermeiden, und sie hat Früchte getragen. Hugo Chavez hat seinerseits die (Schein-)Erfolge seiner Armutsprojekte und seine Qualitäten als „Wächter“ bzw. „Ordnungsfaktor“ gegen die Anarchie, die das venezolanische Kapital in seiner Gesamtheit bedrohe, in die Waagschale geworfen.
Trotz all seiner Schwächen (Verlust der Kontrolle über die Provinzregierungen, Interessenskonflikte in den eigenen Reihen, die Erkrankung von Chavez, etc.) beabsichtigt der Chavismus nicht, von der Macht zu lassen, und hat in den letzten Monaten insbesondere dort nichts unversucht gelassen, wo die Opposition möglichweise Vorteile erzielen könnte: Er ordnete die obligatorische Mitgliedschaft der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (die chavistische Partei) an, erschwerte die Stimmenabgabe aus dem Ausland, besonders aus Miami und Spanien, neutralisierte die Parteien, die die Opposition unterstützen (PODEMOS, PPT, COPEI), durch Urteile des Obersten Gerichtshofes, etc. Dazu zählt auch die Kontrolle, die über die Medien und die Kommunikationsmittel ausgeübt wird und Chavez einen entscheidenden Vorteil auf der Ebene der Wahlpropaganda verschafft.
Chavez hat auch andere Strategien ausgeklügelt, die ihm helfen sollen, die Wahlen zu gewinnen. Er hat bereits angedeutet, dass die Opposition einen Plan zur Anprangerung eines Wahlbetrugs in der Schublade habe. Bei dieser Strategie verlässt er sich stets auf die Staatsmacht und besonders auf die Armee, die längst ihren Status als „professionelle, keine Entscheidung treffende und unpolitische Kraft zu Diensten der Nation“ zugunsten des Daseins als „eine patriotische, antikapitalistische, anti-imperialistische und chavistische Kraft“ aufgegeben hat. Hieraus wird klar, was hinter den häufigen Drohungen von Chavez und seiner Entourage gegen Opponenten steckt.
Auch die an der Macht befindliche Partei beschuldigt die Opposition, sich zu weigern, die Wahlergebnisse, deren Verkündung dem Nationalen Wahlgremium (NEC) zustehen, anzuerkennen. Daher schlägt die Regierung Alarm, um ihre Opponenten daran zu hindern, die Bevölkerung aufzuwiegeln, wenn das NEC den Triumph von Chavez verkündet. Die Opposition hat ihrerseits erklärt, dass sie dem NEC keinen Freibrief ausstellen könne, da es sowohl Richter als auch Beteiligter ist und Sanktionen gegen die Opposition verhängt habe, ohne hingegen die Gesetzesmanipulationen der Regierung zu kritisieren. Kurzum: dies ist schlicht und einfach eine Auseinandersetzung zwischen bürgerlichen Parteien, in der jeder Clan Tricks benutzt, die typisch für eine Klasse sind, die ihren Griff nach der Macht verstärkt.
Das venezolanische Proletariat muss wachsam bleiben und darf nicht zum Opfer dieser „letzten Schlacht“ zwischen den Kräften des nationalen Kapitals werden, die es für ihre Machtkämpfe zu mobilisieren versuchen.
Der Chavismus hat einige sehr mächtige ideologische Waffen zur Mobilisierung der „Armen“ und der „Ausgeschlossenen“, die noch immer hoffen, dass Chavez zu seinen Versprechen steht, insbesondere zu jenen über die „Missionen“, die in der Theorie sich „gegen die räuberische Bourgeoisie (richten), die zurück in die Vergangenheit gehen wollen“. Doch Chavez bereitet sich auch auf eine bewaffnete Konfrontation vor, wenn es sich als notwendig erweisen sollte. Er weiß, er kann dabei auf die bolivarischen Milizen und auf die Stoßtruppen zählen, die sich in etlichen „Kollektiven“ sowohl in Caracas als auch im Landesinnern gebildet haben und vom Staat bewaffnet werden.
Die oppositionellen Kräfte ihrerseits werden, auch wenn sie keine öffentliche Strategie für den Fall einer Machtdemonstration haben, nicht verschränkten Armen zuschauen. Zu ihnen zählen traditionelle Parteien wie die sozialdemokratische Demokratische Aktion, die eine jahrzehntealte Erfahrung in der Organisierung bewaffneter „Kollektive“ besitzt. In den Reihen der Opposition gibt es auch Organisationen auf der Linken, die anfangs den Chavismus unterstützt hatten und sich gut mit seinen Konfrontationsmethoden auskennen.
Die ArbeiterInnen müssen sich darüber bewusst sein, dass es unmöglich ist, gegen prekäre Arbeit und Ausbeutung zu kämpfen, indem sie die Regierung auswechseln. Die Krise des Kapitalismus wird bleiben und sich vertiefen, wer von beiden – Chavez oder Capriles - auch immer gewinnt. Beide werden Austeritätsprogramme einführen.
Wir dürfen nicht in die ideologische Falle tappen, die von jenen ausgehoben wurde, die behaupten, dass es in dieser Wahl um „Kommunismus vs. Demokratie“ oder um „das Volk gegen die Bourgeoisie“ gehe. Beide, Chavez und Capriles, vertreten staatskapitalistische Programme, deren Grundlage allein die Ausbeutung des venezolanischen Proletariats ist.
Die Wahlauseinandersetzungen sind nur ein Moment in der Konfrontation zwischen den verschiedenen Fraktionen des nationalen Kapitals. Das Proletariat darf sich nicht in die Konflikte zwischen bürgerlichen Banden hineinziehen lassen. Es muss mit der demokratischen Ideologie brechen, die Lehren aus seinen eigenen Kämpfen ziehen, seine Bemühungen fortsetzen, um seine Klassenidentität, seine Einheit und Solidarität wiederzuentdecken.
Revolucion Mundial, Oktober 2012
(1) Die lokale Währung.
(2) Mit dem Staatsstreich zwischen dem 11. und dem 13. April 2002, der angeführt wurde von Pedro Carmona, wurde vergeblich versucht, Chavez von der Macht zu entfernen.
Am Montag, den 10. September 2012, streikten die LehrerInnen in Chicago zum ersten Mal seit 25 Jahren und nach Jahren des Angriffs auf ihre Vergünstigungen, des Lohnstopps und der noch haarsträubenderen und entwürdigenden Arbeitsbedingungen.
Dieser Streik knüpft nahtlos an jene Streiks an, die im Sommer wie Pilze aus dem Boden schossen, Streiks der New Yorker Beschäftigten von Con-Edison (einem US-Energieversorger), der Schulwarte in Houston, der ArbeiterInnen der Palermo Pizza-Fabrik in Milwaukee, Wisconsin – um nur einige der bekannteren Streiks zu erwähnen – und mehr als ein Jahr zurückreichend der Streik der Beschäftigten des IT-Unternehmens Verizon in New York City sowie die öffentlichen Kundgebungen der öffentlichen Angestellten in Madison, Wisconsin. Nun haben die LehrerInnen endlich gleichgezogen! Als Teil der Arbeiterklasse sind die LehrerInnen nicht ausgespart geblieben von der Wirtschaftskrise und den schonungslosen Attacken unserer Machthaber gegen ihren Lebensstandard und ihre Arbeitsbedingungen. Bisher waren die LehrerInnen wegen ihrer Stellung als Teil des öffentlichen Sektors, der damit beauftragt ist, die künftige Arbeitergeneration auszubilden, damit sie die Bedürfnisse eines nach Profit und Konkurrenz strebenden Kapitalismus befriedigen, durch eine brutale Medienkampagne verunglimpft und dämonisiert worden, die zwei wesentliche Zwecke verfolgt:
1. die Arbeiterklasse zu spalten, einen Bereich gegen den anderen auszuspielen;
2. die drakonischen Maßnahmen gegen Jobsicherheit, Vergünstigungen und Arbeitsbedingungen mit dem Hinweis auf die so dringend benötigte „Bildungsreform“ zu rechtfertigen.
Diese Attacken und Kampagnen sind ein internationales Phänomen, das auch in Frankreich, Griechenland, Spanien, Portugal, Holland, Italien, Großbritannien, Deutschland, Österreich und im Rest der Welt stattfand und stattfindet. Die Reaktionen waren häufig massiv gewesen, nicht nur in den europäischen Ländern, sondern auch in Indien, in Afrika (Swasiland) und Lateinamerika. Die Mobilisierung der Chicagoer LehrerInnen reiht sich ein in den erwachenden internationalen Klassenkampf gegen die Angriffe der Bosse.
Es gibt viele Gründe für die Unzufriedenheit der LehrerInnen. Ungeachtet der Behauptung des Chicagoer Bürgermeisters Rahm Emanuel, dass der Streik keinen ökonomischen Grund habe, und seines lächerlichen Ersuchens einer gerichtlichen Unterlassungsklage gegen die „illegal“ streikende Gewerkschaft gibt es jede Menge wirtschaftlicher Belange, die die LehrerInnen in den Streik getrieben haben: das Einfrieren der Beitragsraten der Krankenkassen, die Einführung einer neuen Lehrerevaluierung auf der Basis von Prüfungsleistungen der Studenten, d.h. ein Angriff auf die Jobsicherheit besonders im Zusammenhang mit der drohenden Schließung von mindestens 100 Schulen und und und. Die „Gehaltserhöhung“, die dieser Kontrakt feilgebot, würde nicht einmal ausreichen, um die erweiterten Schultage und –jahre zu bezahlen, und dies nennen sie eine Erhöhung! Sind diese keine ökonomischen Themen?? Nur unsere Bosse und Machthaber, die keine wirtschaftlichen Sorgen haben, die sie nicht schlafen lassen, empfinden diese Attacken nicht als ökonomisch! Aber natürlich liegen die LehrerInnen völlig richtig, wenn sie über die rein ökonomischen Fragen hinausgehen. Sie verlangen den Respekt all ihrer Klassenbrüder und -schwestern für ihren Kampf um ihre Würde als menschliche Wesen, für ihre Weigerung, ihre Leidenschaft fürs Lehren zu einem Gegenstand zu machen, der sich durch standardisierte Tests messen ließe, und für ihre Weigerung, ihre SchülerInnen der Mentalität und Praxis unserer Bosse auszusetzen, die menschliche Wesen als Objekte betrachten, welche sich entsprechend des Gesetzes der kapitalistischen Profitabilität und Konkurrenz quantifizieren lassen, die die Menschen auf bloße Waren reduzieren, welche verkauft oder verschleudert werden. Dies ist im Kern die Bedeutung ihrer vielgepriesenen Bildungs-„Reform“! Sie läuft auf eine versicherungstechnische Kalkulation hinaus: Wie viel sind die Bosse angesichts der durch die unaufhaltsame Krise ihnen aufgezwungenen Umstrukturierung der Arbeitskraft bereit für die öffentliche Bildung zu „verschwenden“? Wir können unseren KollegInnen Lehrer nur sagen: Wir bewundern und unterstützen eure Courage! Ihr seid eine Inspiration für alle von uns, die unter denselben Bedingungen leiden!
In den Medien drücken die herrschende Klasse und die Bosse ihre Sorge darüber aus, was dieser Streik für die Perspektive der Wiederwahl eines demokratischen Präsidenten bedeuten wird. Machen sie sich Sorgen darüber, dass die Arbeiterklasse immer mehr in der Lage sein wird, ihre Vernebelungsaktionen und Mystifikationen zu durchschauen und sich zu vergegenwärtigen, dass – ob nun blau (republikanisch) oder rot (demokratisch) lackiert – der Umfang, die Ziele und der Inhalt der Attacken im Grunde dieselben sind? Wenn sie sich Sorgen machen, dass die Arbeiterklasse sich irgendwann sagt, dass der wahre Kampf auf den Straßen ausgetragen werden muss, zusammen mit andern ArbeiterInnen, und nicht an der Wahlurne, dann täte die Arbeiterklasse auch gut daran, über die Rolle nachzudenken, die beide Parteien bei der Implementierung der Attacken spielen, und sodann die Frage stellen: Wer ist unserer wahrer Freund? Wem sollten wir uns zuwenden, um Hilfe zu bekommen? Ist das offizielle „Gewerkschaftswesen“ die Antwort auf diese Frage? Wie kann die Antwort „ja“ lauten, wenn die Gewerkschaftsführer hinter geschlossenen Türen mit den Bossen verhandeln? Wie kann es möglich sein, dass sie unsere Freunde sind, wenn Vertrag für Vertrag unsere Arbeits- und Lebensbedingungen immer mehr ausgehöhlt werden? Wie können wir ihnen glauben, wenn sie etwas, was für jedem Arbeiter eine Niederlage ist, als einen „Sieg“ preisen, da es ja noch viel „schlechter“ hätte kommen können? Ist es nicht genau dies, was uns Karen Lewis (Führerin der Chicagoer Lehrergewerkschaft) frecherweise sagen wollte, als sie damit hausieren ging, dass Rahm Emanuel sein Vorhaben, die LehrerInnen auf der Grundlage von Prüfungsleistungen der Studenten zu bewerten, immerhin von 40 auf 25 Prozent herabgesetzt habe? Doch wenn wir der offiziellen Gewerkschaft nicht trauen können, wem dann?
Die effektivste Art, einen Kampf zu führen, ist die Etablierung offener Generalversammlungen, wie die ArbeiterInnen es in der Geschichte bereits getan hatten und es nun wieder von neuem lernen. Wir haben erste Versuche, die Bestimmung des Kampfes in unsere eigenen Hände zu nehmen, in Spanien während der Indignado-Bewegung und hier in den Staaten in der Occupy-Bewegung gesehen. Was diese Bewegungen anzeigen, ist das Bedürfnis, einen Raum für offene Diskussionen zu schaffen, in dem wir frei und schöpferisch reale Lösungen für unsere Probleme in Betracht ziehen können. Wir sind die einzigen „Experten“, und die Verantwortlichkeit für unsere Entscheidungen sollte allein den Arbeitergeneralversammlungen überlassen werden, die von den ArbeiterInnen selbst kontrolliert werden. Wenn wir in der Lage sind, den Kampf in unsere Hände zu nehmen, ist es möglich, ihn auf andere Sektoren und ArbeiterInnen, auf Eltern und Studenten auszuweiten und auf diese Weise zu einer wirklichen Stärke, Einheit und Solidarität zu gelangen sowie aus der Isolation auszubrechen, in die uns unsere Gewerkschaften sperren! Die Sympathie, die euer Streik unter vielen anderen ArbeiterInnen, selbst unter Eltern, die eine Menge Schwierigkeiten haben, jemand zu finden, der sich um ihre Kinder kümmert, geweckt hat, sagt genug über die Notwendigkeit aus, den Kampf auszuweiten, wirkliche Solidarität auszudrücken, dem Rest der Arbeiterklasse Vertrauen zu schenken. Dieser Streik ist einstweilen in der Isolation ertränkt worden, und die LehrerInnen sind an die Arbeit zurückgekehrt, ohne in Bezug auf den Vertrag auch nur irgendetwas erreicht zu haben. Doch wenn die LehrerInnen imstande sind, etwas in Bezug auf die Lehren, wie man effektiver kämpfen kann und wer unsere wirklichen Freunde und Feinde sind, erlangen, dann werden sie nicht verloren haben.
In den zwei Wochen vor der endgültigen Unterzeichnung des Kontrakts sollten die LehrerInnen zusammenkommen, um zu diskutieren und die Lehren aus diesem Kampf zu ziehen, und sich darauf vorbereiten, aus der Isolation, die von der Gewerkschaft durchgesetzt wurde, auszubrechen, indem sie zu anderen ArbeiterInnen gehen und offene Diskussionsforen abhalten, wo die Entscheidungen kollektiv getroffen werden und in den Händen der ArbeiterInnen selbst verbleiben.
Internationalism 10.9.2012
Am 15. September gingen über 700.000 Menschen auf die Straßen Lissabons und anderer portugiesischer Städte, um gegen die Sparpolitik der neuen Regierung von Pedro Coelho zu demonstrieren. Ein siebenprozentiger Anstieg der TSU – eine einheitliche Sozialversicherungssteuer – für ArbeiterInnen zusammen mit einer 5,75%-igen Kürzung der Beiträge der Bosse stand hinter diesem spontanen Zornesausbruch, der die offiziellen Gewerkschaften außen vor ließ. Die Demonstrationen waren vorwiegend durch soziale Netzwerke organisiert worden. Angesichts des massiven Ausmaßes der Demonstrationen schien die Regierung zeitweilig den Rückzug anzutreten. Jedoch sollte man sich keine Illusionen machen: Dies macht sie nur, um morgen noch effektiver mit denselben Maßnahmen aufzuwarten, dies zudem mit dem Beistand von Gewerkschaften wie die CGTP (Allgemeine Konföderation der portugiesischen Arbeiter), die nächstes Mal besser positioniert sein werden, um das Terrain zu besetzen, wie sie dies mehr als ein Jahr lang getan haben, und die ihren eigenen Beitrag leisten, um die Sparmaßnahmen durchzupauken. Die CGTP reagierte schnell, um die Kontrolle über die Bewegung zu erlangen. Sie rief sofort zu einer neuen Demonstration für den 29. September auf, die diesmal von ihren eigenen Vertrauensleuten beaufsichtigt werden und unter ihren eigenen Schlachtrufen stehen sollte – eine Demonstration, die allerdings weitaus weniger Zulauf hatte.
In Griechenland gab es am 26. September im Anschluss an den dritten Generalstreik, zu dem die Gewerkschaften, insbesondere die PAME, aufgerufen hatten, neue Demonstrationen in Saloniki und Athen mit mehr als 30.000 ArbeiterInnen. Die Wut war so groß, dass es erneut zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei kam, einschließlich Auseinandersetzungen zwischen streikenden Polizeibeamten und den Ordnungskräften!
In Spanien demonstrierten Zehntausende am 25. September vor dem Parlament, das von 2.000 Polizeikräften beschützt wurde, um ihrem Zorn Ausdruck zu verleihen. Es gab Ausbrüche unkontrollierter Polizeigewalt „wie zu Zeiten Francos“, wie Augenzeugen berichten. Fünf Tage später, am 29. September, wurde das Parlament erneut umzingelt.
In Italien waren 30.000 Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst auf den Straßen Roms unterwegs, um gegen eine neue Serie von Sparmaßnahmen (Rentenkürzungen und „Abstufungen“) zu protestieren.
Kurzum, die letzte Septemberwoche hatte eine steigende Wut in einer ganzen Reihe von europäischen Ländern als Reaktion auf die brutalen Angriffe und die endlose Abfolge von Sparplänen erlebt.
Die Regierungen wie auch die Oppositionsparteien und Gewerkschaften schieben sich gegenseitig die Verantwortung für diese Maßnahmen der aus der EU, der Europäischen Zentralbank und dem IWF zusammengesetzten „Troika“ zu. All diese Leute wollen uns glauben machen, dass das Problem der Krise von Land zu Land gelöst werden könne, und versuchen, unsere Köpfe mit der Illusion zu benebeln, dass die Welt nicht im gleichen Boot sitzt, dass manche Länder das Schlimmste vermeiden können, ihre Wirtschaft wieder zum Laufen bringen können, wenn sie die notwendigen Anstrengungen unternähmen. Die Berichterstattung über die wirtschaftliche Lage der PIGS (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien) verfolgt den Zweck, die Illusion zu verstärken, dass die Dinge in Großbritannien oder Frankreich gar nicht so schlimm sind, obwohl auch dort Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen stattfinden. Und dies ist das Los der Arbeiterklasse überall auf der Welt: wachsende Ausbeutung, eine immer schlimmere Schlacht ums Überleben und die Geißel der Repression, falls wir aufbegehren.
Die Bourgeoisie tut alles, um zu verhindern, dass wir uns darüber bewusst werden, dass überall ArbeiterInnen angegriffen werden, um den Lernprozess zu blockieren, dass wir einer internationalen Klasse angehören. Daher berichten die Medien sehr wenig über Widerstandsbewegungen gegen die Austerität, es sei denn, diese sind zu groß, um verborgen zu bleiben. Und wenn, dann lenken sie unsere Aufmerksamkeit auf angsteinflößende Bilder der Gewalt oder auf diese oder jene Schwäche der Bewegung. Daher ist es für uns, die Ausgebeuteten, umso wichtiger, über die Grenzen zu schauen, die Erfahrungen aus den gegenwärtigen und vergangenen Kämpfen zu diskutieren und die Lehren für die vor uns liegenden Kämpfe zu ziehen.
Es gibt keinen Ausweg aus dieser Krise. Dies muss unmissverständlich klar sein. Auch wenn sich jeder insgeheim eine schönere wirtschaftliche Zukunft wünscht – dieses kapitalistische System kann uns lediglich Armut und Elend anbieten. 30 Jahre lang haben sie uns weismachen wollen, dass morgen alles besser werden wird, wenn wir nur den Opfern von heute zustimmen. Aber dann öffnete jedes Opfer die Tür zu weiteren Opfern, die gar noch schlimmer waren! Es handelt sich hier aber nicht einfach um böswillige Absicht der Bosse oder des Staates. Es ist der unaufhaltsame Sturz in den Bankrott, der dem gesamten System diese unerbittliche Logik aufzwingt. (1)
Trotz des wachsenden Zorns, der sich in immer häufigeren Auseinandersetzungen mit der Polizei ausdrückte, haben sich die offiziellen „Aktionstage“ als nutzlos erwiesen. Jahrzehntelang haben wir erlebt, dass diese Art von „Aktionen“ als ein Mittel zur Sterilisierung und Eindämmung des Klassenkampfes dienten, die uns hinter den Gewerkschaftsflaggen aufreihen, uns in verschiedene Sektoren spalten und uns einzwängen zwischen den Polizeireihen und den Gewerkschaftslautsprechern, die jegliche wirkliche Diskussion verhindern.
Die Arbeiterklasse weiß dies mehr oder weniger, doch hat sie noch nicht klar und bewusst begriffen, dass sie ihre Kämpfe in eigene Regie nehmen muss, dass sie ihre eigenen Forderungen aufstellen muss, andernfalls die Bewegung verpuffen wird.
Hier ist das Beispiel Spaniens sehr aufschlussreich. Im vergangenen Jahr war die Bewegung der Indignados eine reale und mächtige Demonstration des Willens der Bevölkerung und der Arbeiterklasse, auf kollektive Weise, außerhalb der Gewerkschaften, zusammenzukommen, um gemeinsam darüber zu diskutieren, wie man sich gegen die Angriffe zur Wehr setzen und seiner Empörung über die elenden Bedingungen Ausdruck verleihen kann, die vom spanischen Staat durchgesetzt worden wurden. Der bedeutendste Aspekt war die Schaffung eines Raumes für Diskussionen auf der Straße durch eine ganze Reihe von Generalversammlungen, die jedermann und allen Kämpfen, die im Rest der Welt ausgefochten wurden, offen standen. In Spanien war, wenn ein(e) Arbeiter(in) aus dem „Ausland“ das Mikrophon ergriff, um seine/ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen und manchmal zu schildern, was im eigenen Land vor sich ging, die Sympathie unvermittelt und greifbar, der Empfang warm und enthusiastisch. An diesem Punkt waren die wenigen nationalen oder regionalen Fahnen und jene, die den Kampf auf die Forderung nach regionaler Unabhängigkeit reduzieren wollten, nicht besonders willkommen; jedenfalls wurden ihre Reden nicht großartig beklatscht. Und die Indignados-Bewegung ließ sich nicht innerhalb der spanischen Grenzen einsperren. Sie hatte in vielen Ländern, von Israel bis hin zu den USA und Großbritannien mit der Occupy-Bewegung, Ableger.
Die Bourgeoisie ist sich der potenziellen Gefahr wohl bewusst, die in der Reifung solch absonderlicher Ideen in den Köpfen der Ausgebeuteten steckt: Von ihrem Standpunkt aus ist es eine ungute Sache, wenn Gefühle der Solidarität im Verlaufe von Arbeiterkämpfen entstehen, vor allem wenn dies auf internationaler Ebene geschieht. Nun erleben wir eine Gegenoffensive durch die Bourgeoisie, die darauf abzielt, der Arbeiterklasse das Gift des Nationalismus und Regionalismus einzuflößen. So wurde während des Aktionstages am 15. September unter dem Slogan „Wir dürfen uns nicht das Land von ihnen stehlen lassen“ zum „Sozialgipfel“ (CO, UGT [2] und 200 weitere Plattformen) in Madrid aufgerufen. Am 25. September organisierte eine Dachorganisation, die sich aus einer ganzen Reihe von Gruppen zusammensetzte, von der klassischen Linken des Kapitals wie die KP bis hin zu den zerfallenden Überresten der 15M-Bewegung, eine Protestaktion vor dem Abgeordnetenhaus „gegen die Beschlagnahme der nationalen Souveränität durch die Märkte“. All dies endete in Konfrontationen mit den Bullen (wobei Provokationen durch zwielichtige Elemente unübersehbar waren). Einen Tag später riefen die radikalsten Gewerkschaften (mit anderen Worten: die CGT und die CNT [3]) zusammen mit nationalistischen Gewerkschaften wie die ELA, LAB (4), etc. zu einem weiteren Generalstreik in ausgesuchten Teilen des Staates und zum Tag des Kampfes in anderen Teilen auf. Mit anderen Worten: sie riefen die ArbeiterInnen auf, für nationale Interessen zu kämpfen, die nicht die ihren sind. Die reale und ernste Gefahr dieser Art von Vereinnahmung wurde von der Tatsache unterstrichen, dass am 15. September eine Million Menschen an einer nationalistischen katalanischen Demonstration teilnahmen.
Am vielversprechendsten an der Indignados-Bewegung und den Diskussionen, die in ihr stattgefunden hatten, war die Hoffnung auf eine andere Welt. Diese Hoffnung, dieses Selbstvertrauen, das die Arbeiterklasse entwickeln muss, ist ein mächtiger Hebel, um aus den Fallen auszubrechen, die von einer verzweifelten Bourgeoisie gestellt werden. Dies wird es ermöglichen, über Methoden hinauszugehen, die nur in der Demoralisierung enden.
Dies wird jedoch nicht durch Zauberhand zustande kommen, sondern durch die tiefe Überzeugung, dass die einzige Perspektive für die Menschheit von einer Arbeiterklasse offeriert wird, die international vereint ist und sich auf den Sturz dieser verwesenden Gesellschaftsordnung zubewegt. Der Ernst der Krise bringt eine Menge Wut mit sich, hat aber auch einen Furcht einflößenden Aspekt: Er macht klar, dass es nicht darum geht, diesen oder jenen Boss zu verprügeln, diesen oder jenen Minister hinauszuwerfen, sondern um einen radikalen Wechsel des Systems, um ein Ringen für die Befreiung der gesamten Menschheit von den Ketten der Ausbeutung.
Sind wir dazu in der Lage? Können wir, die Arbeiterklasse, solch eine Aufgabe durchführen? Wie kann dies bewerkstelligt werden? Angesichts der Tatsache, dass der Kapitalismus nichts anderes anbieten kann als wachsende Barbarei, stellen wir uns, ob bewusst oder nicht, diese Fragen. Das Proletariat hat die Fähigkeit, sich zu vereinen, Solidarität zu etwas Handfesten zu machen, doch der Weg dahin ist niemals ein glatter, wie Karl Marx in den frühen Jahren der Arbeiterbewegung bemerkt hatte:
„Proletarische Revolutionen (…) kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen:
Hic Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze!“
Wilma 28. September 2010
(1) So müssen wir das letzte Editorial der „revolutionären“ Zeitung Lutte Ouvrière unter die Überschrift „Kann es noch eine größere Lüge geben?“ setzen, erklärt es doch, dass es keine Krise gebe, dass alles an den Bossen liege, die sich ihre Taschen vollstopfen…
(2) Die CO (Arbeiterkommissionen) und die UGT (Allgemeine Arbeitergewerkschaft) sind die Mehrheitsgewerkschaften in Spanien. Erstere ist mit der Kommunistischen Partei verknüpft, Letztere mit den Sozialisten.
(3) Die CGT in Spanien ist eine anarchistische Gewerkschaft, eine Abspaltung von der historischen anarchistischen Gewerkschaft, der CNT.
(4) ELA und LAB sind zwei nationalistische baskische Gewerkschaften: Die erste ist „moderat“ (ursprünglich gegründet, um den „marxistischen“ und anarchistischen Gewerkschaften zu begegnen); die zweite ist Teil der abertzale, der (patriotischen) Linken.
In den vergangenen drei Monaten waren 80.000 Bergarbeiter in Südafrika in einer Welle von wilden Streiks in den Gold-, Platinum- und Kohlebergwerken beteiligt gewesen. Wir haben in der Weltrevolution Nr. 175 bereits über das Massaker an 34 Bergarbeitern in Marikana berichtet („Massaker in Südafrika: Die Herrschenden hetzen ihre Bluthunde auf die Arbeiter“). Wir wiesen darauf hin, wie Gewerkschaften und Regierung zusammen gegen die Arbeiterklasse agierten. Damals war noch nicht klar, in welche Richtung sich die Ereignisse entwickeln würden. Seither haben wir die größte Streikwelle seit der Machtergreifung durch den ANC 1994 erlebt.
Südafrika wird gerne als das „wirtschaftliche Kraftzentrum“ Afrikas dargestellt, das den Kontinent bei der Industrieproduktion und der Produktion von Mineralien anführt. Und dennoch, wenn man die Bedingungen betrachtet, unter denen die Mehrheit der Menschen lebt, mit einer – offiziell – 25%igen Arbeitslosigkeit und einer Kinderarmutsquote von über 50 Prozent, und dies in einer Gesellschaft, die allgemein als eine der ungleichsten in der Welt geschildert wird, so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die ArbeiterInnen sich zur Wehr setzen. Hinter allen „Wirtschaftswundern“ stecken wachsende Verarmung und widerstreitende Klasseninteressen. Die Kämpfe in Südafrika zeigen, dass dieses Land keine Ausnahme darstellt.
Die Bergarbeiter von Marikana setzten ihren Streik noch weitere sechs Wochen fort, bis ein Vertrag unterschrieben wurde. Dabei wurde ein Schlaglicht auf die Bedingungen der ArbeiterInnen in Südafrika geworfen, auf die Armut und Entbehrungen in den Townships, auf das Elend in den Bergarbeiterlagern und vor allem auf die Lüge, dass die ANC-Regierung etwas anderes repräsentiert als eine kapitalistische Regierung; so wie das frühere Apartheid-Regime ist sie jederzeit bereit, streikende Bergarbeiter niederzuschießen.
Der Tarifabschluss der Bergarbeiter beinhaltete 11-22%ige Lohnerhöhungen und einen einmaligen Zuschlag in Höhe von 2.000 Rand (rund 180 Euro). Mineure (die meist gefährdeten Maschinisten im Bergbau) erhielten den größten Lohnzuwachs.
Ein Streik bei der Anglo American Platinum (Amplats), dem größten Platin-Produzenten der Welt, der nun schon sieben Wochen andauert, führte bereits zur Schließung von fünf Minen bei Rustenburg. Einmal feuerte die Firma 12.500 Arbeiter auf einen Schlag – 40 Prozent ihrer Arbeitskräfte. Bei Unruhen sind neun Menschen umgekommen. Es gab eine Reihe von Zusammenstößen zwischen Arbeitern und der Polizei – bei mindestens einer Gelegenheit setzte die Polizei Tränengas, Blendgranaten, Gummigeschosse und scharfe Waffen ein. Wie die südafrikanische Mail and Guardian am 2. November meldete: „Der Streik hat bisher mehr als drei Dutzend Verhaftungen und nicht mehr als ein einmaliges Angebot von 2.000 Rand wie auch Darlehen in Höhe von 2.500 Rand erbracht, die im Januar zurückerstattet werden müssen.“
Neben den Aktivitäten der verschiedenen Gewerkschaften wurden Streik- und Schachtkomitees gebildet. Letztere trafen zusammen, „um Möglichkeiten zu diskutieren, dem Streik mehr Nachdruck zu verleihen“. Es hat sich eine Menge Unmut über die Gewerkschaften zusammengebraut, insbesondere als eine geheime Abmachung, die Letztere mit dem Konzern getroffen hatten, bekannt wurde. Das Hauptstreikkomitee lehnte die Abmachung ab. Auch im o.g. Artikel wird der Zorn über die Gewerkschaften ersichtlich; so berichtet er, dass „ein NUM-Büro am Khuseleka-Schacht in Brand gesetzt wurde, möglicherweise als Ausdruck des Zorns über die Antwort des Managements und das Beharren der NUM, dass sie die Wiedereinstellung der Amplats-Streikenden gesichert habe“.
Als der Führer der südafrikanischen Kommunistischen Partei zusammen mit Führern der Bergarbeitergewerkschaft (NUM) und der COSATU-Föderation versuchte, ein Massentreffen im Rustenburger Olympiastadion abzuhalten, musste er feststellen, dass „über 1.000 streikende Amplats-Kumpels frühzeitig erschienen waren und den Veranstaltungsort übernommen hatten“ (Daily Maverick, 27. Oktober). „Sie marschierten ins Stadion (…) Nachdem sie Hüte, Schale und andere Devotionalien des ANC und der COSATU geschändet hatten, zogen sie sich wieder zurück.“ Die protestierenden Streikenden trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Erinnert euch an die Getöteten von Marikana“ und „Vorwärts zu einer menschenwürdigen Entlohnung: 12.500 Rand!“ und Plakate, auf denen zu lesen war: „Wir sind hier, um die NUM zu beerdigen“ und „Ruhe in Frieden, NUM“. Die Polizei, die unvermindert die Streikenden attackierte und die Gewerkschaftsbonzen schützte, demonstrierte deutlich, dass Arbeiter und Gewerkschaften sich auf unterschiedlichen Seiten befinden.
In der Zwischenzeit kämpft Amplats darum, 30.000 Arbeiter zurück zur Arbeit zu bewegen, nachdem Einschüchterung und etliche Vergleiche andere Streiks beendet hatten. Sie hatten jenen, die sich am Streik beteiligt hatten, „Härtezulagen“ angeboten und „Treuezulagen“ jenen, die sich nicht am Streik beteiligt hatten.
Bei AngloGold Ashanti (der drittgrößte Goldbarren-Produzent der Welt) legten Ende September 35.000 Arbeiter das Werkzeug nieder und begannen einen illegalen Streik, der fast einen Monat lang andauerte. Und nach dem Vergleich gab es weitere Sitzstreiks für die frühe Auszahlung eines Zuschlags, an denen Hunderte von Arbeiter beteiligt waren.
In der Gold One’s Aurora Goldmine in Modder East nahe Johannesburg schossen Sicherheitsleute auf 200 Bergarbeiter und töteten dabei vier Streikposten. Diese Mine soll sich im Besitz des Neffen von Jacob Zuma und des Enkels von Nelson Mandela befinden.
Die Gold Fields‘-Mine blieb nach einem Streik geschlossen, da das Unternehmen gegen die Berufung von 8.500 Arbeitern prozessierte, die wegen eines illegalen Streiks gefeuert worden waren. Insgesamt wurden zwölftausend Bergarbeiter von der Gold Fields‘ KDC East entlassen, weil sie sich geweigert hatten, die Arbeit wieder aufzunehmen.
Unter den mehr als fünfzig Getöteten waren zwei Personen von den Sicherheitsleuten der Forbes Coal erschossen worden. Streikende Bergarbeiter wurden in ein Township in der Provinz KwaZulu-Natal hineingejagt, wo die Wachleute auf die Arbeiter feuerten. Dies zeigt die ganz normale repressive Seite der Bourgeoisie.
Indes stimmte Coal of Africa nach den höheren Abschlüssen in Marikana einer 26%igen Lohnerhöhung (einschließlich Zuschüsse) für die Arbeiter ihrer Mooiplaats-Zeche zu. Gleichzeitig wurde bei jeder Gelegenheit damit gedroht, dass hohe Lohnsteigerungen zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit führen könnten.
Die herrschende Klasse Südafrikas blufft nicht. Sie ist von der echten Sorge über die Auswirkungen der Streikwelle getrieben. Die Bergbauindustrie erlebte infolge der Weltrezession bereits den Absturz ihrer Aktienkurse, die seither noch tiefer fielen. Die südafrikanische Wirtschaft ist gegenüber der gegenwärtigen Rezession nicht immun. Die weltweite Rezession führte bereits zu drastischen Kürzungen in der Förderung von Platin und Palladium, kostbaren Metallen, die in der Autoindustrie benötigt werden. Selbst im noch nicht lange zurückliegenden Mineralienboom ist die Produktion dieser Metalle jährlich um ein Prozent gekürzt worden. Der Ausstoß ist mittlerweile auf den niedrigsten Stand seit 50 Jahren gefallen.
Angesichts der Krise sind der ANC und die NUM ein dreiseitiges Bündnis mit den Minenbesitzern eingegangen. Es geht nicht nur darum, dass die Führer des ANC und der NUM beträchtliche Investitionen in den Bergbaugesellschaften getätigt haben und diese nun schützen wollen. Es ist ein integraler Bestandteil ihrer gesellschaftlichen Rolle, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Interessen ihrer bürgerlichen Partner zu schützen, sich der Ausbreitung der Aktionen der Streikenden entgegenzustellen und alles zu tun, um zu vermeiden, dass der Funke überspringt.
Vom Beginn der Streikwelle an haben die involvierten Gewerkschaften danach getrachtet, die Arbeiter in ihrem Kampf für menschenwürdige Löhne zu spalten. Nach dem Marikana-Massaker wurde ein Treffen organisiert. Am 28. August berichteten die SABC News: „Einer der fünf Delegierten, die von den Lonmin-Kumpels auserwählt worden waren, Zolisa Bodlani, sagte, die Arbeiter seien skeptisch hinsichtlich des morgigen Treffens zwischen der Arbeitsministerin Mildred Oliphant, den Gewerkschaften, dem Management und Arbeitervertretern. Die Arbeiter glauben, die Gewerkschaften hätten sie im Stich gelassen und nicht ihre Interessen vertreten, genauso wenig wie das Management, das von Bodlani des Unwillens bezichtigt wurde, sich vor der fatalen Tragödie letzte Woche, die zum Tod von 44 Menschen führte, mit den Arbeitern zu treffen. Bodlani äußerte dies in einem Interview auf SAfm’s AM Live heute Morgen.
‚Wir sind nicht sicher, ob wir das morgige Treffen aufsuchen. Sie versprachen uns heute, dass wir die Arbeitsministerin treffen werden – wir haben Fragen an sie – wir möchten wissen, warum sie beschlossen haben, uns zusammen mit den Gewerkschaften zusammenzurufen. Wir sind nicht gewillt, mit den Gewerkschaften zussammenzuarbeiten. Wir haben unsere Gründe, aber wir wollen sie jetzt nicht preisgeben. Wir glauben ebenfalls, dass unsere Gewerkschaften uns seit langem im Stich gelassen haben. Wir werden keinen Gebrauch von ihnen machen. Wir möchten keiner der Gewerkschaften beitreten‘, sagt Bodlani.“
Neben den Gewerkschaften gibt es noch weitere falsche Freunde, derer sich die Arbeiter bewusst sein müssen, beispielsweise Ex-ANC-Führer wie Julius Malema, der behauptet, eine Alternative anbieten zu können. Er missbrauchte den Streik für seine eigenen Zwecke. Einerseits wirbt er für einen landesweiten Bergarbeiterstreik und sagt, dass ein „Kampf um Leben und Tod“ notwendig sei; andererseits drängt er auf Verstaatlichungen. Er erklärte: „Sie haben euch das Gold gestohlen. Nun seid ihr an der Reihe.“ Doch Verstaatlichungen bedeuten nicht eine Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen der Kumpel. Sie bedeuten lediglich staatliche Kontrolle – Kontrolle durch den kapitalistischen Staat.
Nicht die Tatsache, dass er in seinem Mercedes-Benz-SUV aufkreuzt, um sich an die Bergarbeiter zu wenden, macht Malema zum Sprecher der Bourgeoisie; es ist die Ideologie, die er verbreitet. Man kann dies daran ablesen, wie er „den Lonmin-Boss und das ANC-Schwergewicht Cyril Ramaphosa – ein führender Gewerkschafter während der Herrschaft der weißen Minderheit – als Marionette der Weißen und Fremden porträtiert hat“ (BBC News, 12. September). In dieser Sichtweise sind die „Weißen und Ausländer“ die Feinde. In Wahrheit steht Ramaphosas Weckruf gegen die Lonmin-Arbeiter auf einer Linie mit seinen Aktivitäten im ANC und in den Gewerkschaften – die Verteidigung der nationalen Interessen gegen die Interessen der Arbeiterklasse.
Die gegenwärtige Streikwelle in Südafrika scheint sich dem Ende zuzuneigen. Für künftige Streiks wird es ganz wesentlich sein, dass sich die ArbeiterInnen über die Notwendigkeit im Klaren sind, dass sie sich auf ihre eigenen Bemühungen verlassen müssen.
M/C/EIG 3.11.2012
Erst kürzlich wurde die türkische Tagesordnung um die Möglichkeit eines Krieges mit Syrien erweitert; eine Situation, die mehr oder weniger weiter vorherrscht. Nach dem Tod von fünf Zivilisten in der Stadt Akçakale nahe Urfa hat die Regierung im Handstreich Syrien in das neue Gesetzesvorhaben mit einbezogen, das sie vorbereitet, um sich das Recht einzuräumen, militärisch in den Irak zu intervenieren. Dieses Vorhaben wurde dahingehend modifiziert, dass es der Regierung nun ermöglicht, ganz allgemein im Ausland militärisch einzugreifen. Es wurde ebenfalls erklärt, dass die Türkei begonnen habe, syrisches Territorium unter Beschuss zu nehmen. Als der türkische Ministerpräsident Erdoĝan und Mitglieder seiner Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) sich anschickten, offen die Möglichkeit der Kriegsoption anzusprechen, traten die Todesengel unter der bürgerlichen türkischen Presse schnell auf den Plan, um jeden, der sich dem Krieg widersetzte, der Feigheit zu bezichtigen.
Trotz alledem bleibt unklar, was wirklich geschehen war. Es hat sich herausgestellt, dass das türkische Grenzgebiet bereits vor dem Angriff gegen Akçakale das Ziel von Bombenangriffen gewesen war, wobei diese keine Opfer gefordert hatten. Darüber hinaus ist es nicht wirklich sicher, wer für diese Bomben oder für die Bombardierung Akçakales verantwortlich ist. Die Reaktion der syrischen Regierung war: abstreiten, erklären, dass sie eine Untersuchung einleiten werde, bekunden, wie sehr sie den Tod der Opfer bedaure, und Beileidsbekundungen gegenüber den Angehörigen der Verstorbenen, also die Leugnung jeglicher Verantwortung für die Bombardierung. Der Teil Syriens, der nun von der Türkei bombardiert wird, ist andererseits ein Gebiet, in dem die Kampfhandlungen zwischen der Freien Syrischen Armee (FSA) und dem Assad-Regime ziemlich intensiv sind und das sich größtenteils unter der Kontrolle der FSA befindet. Es hat den Anschein, dass die Türkei unter dem Deckmantel der Vergeltung auf ähnliche Art auch auf die früheren Bombardierungen geantwortet hatte. Schnell folgten Behauptungen, wonach die Granaten von dem von der FSA kontrollierten Gebiet aus abgefeuert wurden, dass die Granaten von der NATO produziert worden waren und nicht von den Streitkräften des Assad-Regimes benutzt werden und dass in Wirklichkeit die FSA die Granaten abgefeuert habe.
Es ist offensichtlich, dass diese Behauptungen Sinn machen. Es wäre für das syrische Regime nicht sehr plausibel, das türkische Grenzgebiet zu bombardieren, eine Handlung, die natürlich die Feindschaft der Türkei gegen das Assad-Regime vergrößern würde, das gleichzeitig einen ausgewachsenen Bürgerkrieg gegen die FSA ausfechten muss und sunnitische Dissidenten auf extrem brutale Weise unterdrückt. Abgesehen davon, hat Syrien nichts aus solchen Bombardierungen und der Tötung einer Handvoll Zivilisten in Akçakale zu gewinnen. Andererseits lässt sich unschwer erkennen, dass diese Bombardierungen sich durchaus zum Vorteil der Erdoĝan -Regierung und der FSA entwickeln, indem sie der Türkei die legale Basis verleihen, der FSA die so dringend benötigte strategische Luftunterstützung gegen Assad zu geben, und indem sie Erdoĝan in die Lage versetzten, das Kriegsermächtigungsgesetz durchs Parlament zu bringen und die bellizistischen Nationalisten zu stärken. Es spricht viel dafür, dass die FSA diesen Angriff in Abstimmung mit und unter der Regie der Türkei unternahm.
Dennoch bleibt trotz der Stimmungsmache der Regierung für den Krieg eine türkische Invasion in Syrien eher unwahrscheinlich. Der erste Grund hierfür ist, dass der türkische Staat bereits in einem Krieg im türkischen Kurdistan verwickelt ist und, weit davon entfernt, ihn zu gewinnen, nur schlecht vorankommt. Zurzeit gibt es Territorien innerhalb der Grenzen des türkischen Staates, die von der nationalistischen kurdischen PKK (Kurdische Arbeiterpartei) kontrolliert werden, die die türkische Armee über den Landweg nicht betreten kann und die sich, wenn auch langsam, vergrößern. Es wäre für einen Staat, der solch einen Krieg innerhalb seiner eigenen Grenzen führt, nicht sehr plausibel zu versuchen, in ein anderes Land einzudringen.
Der zweite und wichtigere Grund ist, dass die Arbeiterklasse nicht kämpfen will, ja sogar eine gewisse Haltung gegen die Idee eines Krieges zeigt. Wir können etliche Beispiele aus jüngerer Zeit zitieren. Das erste sind die Antikriegsdemonstrationen und Zusammenstöße in der Stadt Hatay (wo sich die Lager für die syrischen Flüchtlinge befinden), an denen sich mehr als 10.000 Menschen beteiligten. Eine ultra-nationalistische Konstruktion namens „Arbeiterpartei“ hatte für den 16. September zu einer Demonstration unter dem Motto: „Syrer und Türken sind Brüder“ aufgerufen. Obwohl der Gouverneur von Hatay die Demonstration offiziell verboten hatte, versammelten sich Tausende von Menschen, die keinerlei Beziehungen zu irgendwelchen politischen Organisationen pflegten, im angemeldeten Demonstrationsareal. Diese Massen stritten mit den Repräsentanten der „Arbeiterpartei“ und drängten sie letztendlich aus der Demonstration, nachdem die angeblich regimekritischen Mitglieder der „Arbeiterpartei“ eine Presseankündigung verbreiteten, in der sie die Massen aufforderten, nach dem Ende der Demonstration auseinanderzugehen. Die Einwohner von Hatay wurden von der Polizei attackiert, nachdem die Mitglieder der „Arbeiterpartei“ die Demonstration verlassen hatten; einige von den Demonstranten wurden in Gewahrsam genommen. Doch die Massen setzten sich gegen die Polizei zur Wehr. Bis in die Nacht hinein dauerten die Zusammenstöße in den Innenstadtbezirken, bis die Polizei letztlich die Festgenommenen wieder frei ließ.
Davon abgesehen, ist noch die Demonstration in Akçakale gleich nach der Bombardierung eine Erwähnung wert, auf der einige Hundert Menschen, darunter Angehörige der Verstorbenen, gegen die Regierung gerichtete Slogans skandierten und zum Rücktritt des Gouverneurs von Akçakale und Urfa aufriefen. Der Bürgermeister von Akçakale, ein Mitglied der herrschenden AKP, der zum Zeitpunkt der aufsehenerregenden Demonstration im Fernsehen zu sehen war, erklärte, dass er nicht verstehe, warum diese Demonstration stattgefunden hat. In der Zwischenzeit griff die Polizei die Demonstranten an. Diese Demonstration führte ebenfalls zu Zusammenstößen mit der Polizei.
Erst kürzlich, am 8. Oktober, als das Kriegsermächtigungsgesetz verabschiedet wurde, gab es Antikriegsdemonstrationen in zahllosen Städten der Türkei. All diese Demonstrationen, die größte in Istanbul, wo sich nach einigen Angaben bis zu hunderttausend Menschen versammelt hatten, wurden von der Polizei gewaltsam attackiert.
Der Krieg zwischen dem türkischen Staat und der PKK, der nun schon seit mehr als dreißig Jahren andauert, hat eine wachsende Feindseligkeit unter einer bedeutenden Anzahl von Menschen in der Westtürkei gegen den Krieg ausgelöst und die Erkenntnis bewirkt, dass jene, die in diesem Krieg sterben, nicht die Kinder der Herrschenden sind, sondern ihre eigenen Kinder. In diesem Sinn kann man durchaus sagen, dass der türkischen Arbeiterklasse allgemein nicht nach Krieg zumute ist. Die Reaktion des Staates manifestiert sich in der Form der Brutalität gegen alle Arten von Antikriegsdemonstrationen, von den winzigsten bis zu den massiveren. Dies bringt die Massen dazu, mehr oder weniger sofort mit den bewaffneten Kräften des Staates zusammenzustoßen, und zeigt den Massen, dass es notwendig ist zu kämpfen, um sich dem Krieg erfolgreich zu widersetzen – die Tatsache, dass die Demonstranten in Hatay und Akçakale, von denen eine überwältigende Mehrheit vor dem Krieg unpolitisch war, sich wirksam gegen die Attacken zur Wehr setzten und spontan mit der Polizei aneinandergerieten, ist ein Beweis für dieses Phänomen. Davon abgesehen, schufen besonders die Organisationen der bürgerlichen Linken mit ihren Pro-Assad-, populistischen oder pazifistischen Slogans sehr große Illusionen und Konfusionen unter den Antikriegs-Massen. Auf diese Weise helfen sie, Gegenreaktionen zum imperialistischen Krieg auf der Grundlage des Klassenkrieges zu verhindern.
Entgegen aller Arten von Pro-Assad-, populistischen und pazifistischen Illusionen muss die Antikriegsbewegung, um erfolgreich zu sein, und die Arbeiterklasse, um zu vermeiden, dass das Leben und Blut ihrer Kinder den Interessen des imperialistischen türkischen Staates geopfert werden, sich den Schlachtruf zu eigen machen, den Lenin 1914 gegen den I. Weltkrieg vorgebracht hatte:
„Revolutionärer Klassenkrieg gegen den imperialistischen Krieg!“
Gerdün
Erneut bombardieren israelische Kampfflugzeuge und Raketen den Gaza-Streifen. 2008 brachte die Operation „Gegossenes Blei“ fast 1500 Tote, die Mehrheit von ihnen Zivilisten, obwohl die israelische Regierung beteuerte, die „chirurgischen Angriffe“ gegen terroristische Ziele verschonten die Zivilbevölkerung. Der Gaza-Streifen ist einer der am dichtesten besiedelten und verarmtesten Teile der Welt. Dort ist es absolut unmöglich, „Einrichtungen der Terroristen“ und Wohnbezirke, die sie umgeben, von einander zu trennen. Mit all den hochentwickelten israelischen Waffensystemen sind die Hauptopfer der jetzigen Angriffe ebenso wieder Frauen, Kinder und Alte.
Die Militaristen an der Spitze des israelischen Staates sorgen sich natürlich nicht um das Schicksal der Menschen. Die Bevölkerung des Gaza-Streifens wird erneut kollektiv bestraft, genau schon wie bei früheren Angriffen und wie bei der jüngsten Blockade, die die Wirtschaft erstickt und Bemühungen des Wiederaufbaus nach den Zerstörungen von 2008 behindert und bewirkt hat, dass die Bevölkerung am Hungertuch nagt.
Im Vergleich zur militärischen Schlagkraft der Israelis erscheinen die militärischen Möglichkeiten von Hamas und der radikaleren Gruppen des islamischen Dschihad als winzig. Aber aufgrund des Chaos in Libyen hat die Hamas Zugriff erhalten auf Raketen mit größerer Reichweite. Nicht nur Ashod im Süden (wo drei Bewohner eines Wohnhauses durch eine vom Gaza-Streifen abgefeuerte Rakete getötet wurden), sondern auch Tel Aviv und Jerusalem selbst sind jetzt in Reichweite gerückt. Die lähmende Angst, mit der die Bewohner des Gaza-Streifens jeden Tag leben, ist jetzt auch in den großen israelischen Städten zu spüren.
Kurzum, die Bevölkerung auf beiden Seiten wird von den sich bekämpfenden Militärs, die in Israel und Palästina herrschen, zur Geiseln genommen. Dabei erhalten sie auch ein wenig Unterstützung von der ägyptischen Armee, welche die Grenze zum Gaza-Streifen kontrolliert, um unerwünschte Kontakte oder Flucht aus dem Gaza-Streifen zu verhindern. Die Bevölkerung auf beiden Seiten ist zur Zielscheibe in einem permanenten Krieg geworden – nicht nur aufgrund der Raketen und Granaten, sondern auch weil die Menschen gezwungen werden, das erdrückende Gewicht einer Kriegswirtschaft zu tragen. Und jetzt zwingt die Weltwirtschaftskrise die herrschende Klasse auf beiden Seiten dazu, weitere Absenkungen des Lebensstandards vorzunehmen und neue Preiserhöhungen von Nahrungsmitteln , Öl, Mieten usw. durchzusetzen.
In Israel haben die explodierenden Mieten und Wohnungspreise wie ein Funke gewirkt, welcher die Protestbewegung auslöste, die zu massenhaften Demonstrationen, zur Besetzung von Straßen und zur Abhaltung von Vollversammlungen führte. Diese Bewegung wurde direkt inspiriert durch die Revolten in der arabischen Welt. Slogans waren zu hören wie „Netanjahu, Assad, Mubarak sind alle gleich“ und „Araber und Juden wollen bezahlbare Mieten“. Eine kurze Zeit lang, die ein sehr erregender Moment war, wurde alles in der israelischen Gesellschaft – auch das „palästinensische Problem“ und die Zukunft der besetzten Gebiete – offen zur Diskussion gestellt. Und eine der Hauptängste der Protestierenden war, dass die Regierung auf diese aufkeimende Herausforderung und Infragestellung der nationalen „Einheit“ durch ein neues militärisches Abenteuer reagieren würde.
Im Sommer 2012 lösten die gestiegenen Öl- und Lebensmittelpreise in den besetzten Gebieten der West Bank eine Reihe von wütenden Protesten, Straßenblockaden und Streiks aus. Beschäftigte des Transport-, Erziehungs- und Gesundheitswesens, Studenten und Schüler sowie Arbeitslose kamen auf der Straße zusammen und standen gemeinsam den Polizeikräften der palästinensischen Behörden gegenüber. Sie forderten einen Mindestlohn, Jobs, niedrigere Preise und ein Ende der Korruption. Und es kam ebenso zu Demonstrationen gegen steigende Lebenshaltungskosten im Königreich Jordanien.
Ungeachtet all der unterschiedlichen Lebensstandards zwischen Israel und der palästinensischen Bevölkerung und der Unterdrückung und Erniedrigung durch die militärische Besatzung, unter der die palästinensische Bevölkerung leidet, sind die Wurzeln dieser beiden Sozialrevolten die gleichen, nämlich dass es zunehmend unmöglich wird, in einem kapitalistischen System zu leben, das in einer tiefen Krise steckt.
Über die Motive der jetzigen Eskalation ist sehr viel spekuliert worden. Versucht Netanjahu den Nationalismus anzustacheln, um seine Aussichten auf Wiederwahl zu verbessern? Hat die Hamas die Raketenangriffe verstärkt, um ihre Kriegstauglichkeit gegenüber Herausforderern der radikaleren islamischen Banden zu bekräftigen? Versucht das israelische Militär Hamas zu verjagen oder wollen sie nur deren militärischen Mittel einschränken? Welche Rolle werden die neuen Regime wie in Ägypten bei diesem Konflikt spielen? Welche Auswirkungen wird es auf den gegenwärtigen Krieg in Syrien geben?
Diese Fragen müssen alle weiter vertieft werden, aber keine von ihnen ändert etwas an der grundsätzlichen Problematik. Die Eskalation des imperialistischen Konfliktes steht in völligem Gegensatz zu den Interessen der breiten Massen in Israel, Palästina und den anderen Gebieten des Nahen und Mittleren Ostens. Während die Sozialrevolten auf beiden Seiten der Front es möglich machen, dass die Massen für ihre wirklichen materiellen Interessen gegen die Kapitalisten und den sie ausbeutenden Staat kämpfen, schafft der imperialistische Krieg eine falsche Einheit zwischen den Ausbeutern und Ausgebeuteten. Wenn israelische Flugzeuge den Gaza-Streifen bombardieren, gewinnen Hamas und die Dschihadisten dadurch nur neue Rekruten, aus deren Sicht alle Israelis, alle Juden Feinde sind. Wenn die Dschihadisten Raketen auf Ashdod oder Tel Aviv abschießen, wenden sich nur mehr Israelis an „ihren“ Staat und suchen bei ihm Schutz und Vergeltung gegen die „Araber“. Die dringenden sozialen Fragen, welche die Triebkräfte hinter den Sozialprotesten sind, werden unter einer Flut von nationalistischem Hass und Hysterie begraben.
Aber während der Krieg Sozialkonflikte verdrängen kann, gilt auch das Gegenteil. In Anbetracht der gegenwärtigen Eskalation rufen ‚verantwortlich handelnde Regierungen‘ wie die USA und Großbritannien zu Zurückhaltung und zu einer Rückkehr zum Friedensprozess auf. Aber dies sind die gleichen Regierungen, die gegenwärtig Krieg in Afghanistan, Pakistan, Irak führen. Die USA sind auch der militärische und finanzielle Hauptverbündete Israels. Wir können uns nicht an diese Staaten wenden, um eine „friedliche“ Lösung herbeizuführen. Und ebenso wenig können wir uns an Staaten wie Iran wenden, die Hamas und Hisbollah offen bewaffnet haben. Wirkliche Aussichten auf eine friedliche Welt kann man nicht bei den Herrschenden finden, sondern nur in dem Widerstand der Ausgebeuteten und Unterdrückten, deren wachsendem Begreifen, dass sie überall auf der Welt die gleichen Interessen haben und den gleichen Kampf führen und sich gegen ein System vereinigen müssen, das ihnen nichts anderes anzubieten hat als Krise, Krieg und Zerstörung. Amos 20.11.12
Oberflächlich betrachtet, ist - falls es überhaupt möglich ist, die gegenwärtigen Kriege gegeneinander abzuwägen - der aktuelle Konflikt zwischen der Hamas und Israel um den Gazastreifen nicht einmal das schlimmste Gemetzel, das derzeit stattfindet. Ruandische „Rebellen“, die von Großbritannien gestützt werden, töteten und vergewaltigten sich ihren Weg tief in das Kernland der so genannten Demokratischen Republik Kongo, die selbst ein breites Betätigungsfeld für Massaker, Kinder-Soldaten, Vergewaltigungen und Terror darstellt. All dies wird, wenngleich nicht direkt inszeniert, so doch geduldet von den Großmächten, während die Vereinten Nationen zuschauen. Auch weiter nördlich, in der Sahel-Zone, Massentötungen von Zivilisten, Vergewaltigungen, Kinder-Soldaten, Großmachtmanöver und –rivalitäten neben der elenden Barbarei des religiösen Fundamentalismus. Im Schatten der jüngsten israelischen Operation „Säule der Verteidigung“ ging unterdessen das Gemetzel in Syrien weiter. Doch der Konflikt zwischen Israel und Palästina löst ein besonderes Echo unter den Revolutionären aus, weil in ihm die permanente Militarisierung zum Ausdruck kommt, die das Kennzeichen eines zerfallenden Systems ist. Was immer seine Besonderheiten, Strategien und „Begründungen“ sind - der israelisch-palästinensische Konflikt ist vor allen Dingen der Ausdruck eines zerfallenden Kapitalismus, der eine enorme Bedrohung für die Arbeiterklasse und für die gesamte Menschheit darstellt. Seine Absurdität und Irrationalität fasst perfekt die Zukunft zusammen, die dieses krisengeschüttelte System für uns und den kommenden Generationen in petto hält. Es kann hier keinen Frieden geben, keine substanziellen Verhandlungen, und jegliche mögliche israelisch-palästinensische „Zwei-Staaten-Lösung“, wenn sie denn jemals das Tageslicht erblickt, würde nur ein weiterer Faktor zu noch größerer Instabilität und zu noch mehr Kriegen sein. Der Nahe Osten zeigt heute, wie die Nationen und Cliquen unvermeidlich auf wachsende Spannungen, Rivalitäten und militärische Konkurrenz zusteuern. Jede größere Nation ist zu einem militärischen Monster geworden, und sämtliche nationalstaatliche Kreationen sind nach ihrem eigenen Bilde geschaffen worden, wobei jede aufstrebende Clique bzw. „nationale Befreiungskraft“ ebenfalls monströser Ausdruck des universellen Zerfalls ist. Israel und die „palästinensische Frage“ zeigen dies in höchstem Maße.
2009 ist Professor Havard Hegre vom Fachbereich für Politwissenschaften an der Osloer Universität zusammen mit dem Friedensforschungsinstitut zu dem Schluss gekommen, dass „die Anzahl bewaffneter Konflikte zurückgeht“ und „der Rückgang anhalten wird“. (1) Es ist die imperialistische Version der Leugnung der Wirtschaftskrise und der Vorstellung eines immerwährenden mehr oder weniger friedlichen Kapitalismus. Es ist pure Fiktion! Wir haben oben bereits die Kriege in Afrika und Nahost erwähnt, Kriege, die alle Anzeichen der Ausbreitung und Verschärfung in sich tragen. Wir können ferner den Krieg in Libyen hinzufügen, den der gute Mann zusammen mit dem Krieg in Syrien als „Demokratisierungsprozess“ etikettiert, als ob dies irgendeine Art von Entschuldigung ist; aus seinem Blickwinkel und nach Auffassung vieler bürgerlicher Akademiker kann der Kapitalismus ein Gleichgewicht aufrechterhalten, wird er immer humaner, ja schreitet zum ewigen Leben fort. Zu den Kriegen oben können wir den anhaltenden Krieg im Irak hinzufügen, der mehr und mehr droht, sich mit einem Krieg in Syrien zu verbinden, oder die „kurdische Frage“, die ein Krieg für sich und ein potenzieller Krieg über etliche Ländergrenzen hinweg ist, auch hier mit der Gefahr, sich mit dem syrischen Krieg zu verbinden. Dann gibt es den Krieg in Afghanistan und Pakistan und die De-facto-Kriegserklärung der westlichen Mächte gegen ein von Russland und China gestütztes Iran (in einer Konstellation ähnlich der Syriens); nicht zu vergessen die unzähligen Spannungen und Rivalitäten, die von einem aggressiven und heißhungrigen chinesischen Imperialismus ausgehen. Und wir müssen die fragilen und militarisierten Verwerfungslinien auf dem Balkan, dem Kaukasus und in den ehemaligen Sowjetrepubliken, in Afrika (Somalia, die Sahel-Zone, der Kongo) hinzufügen. Wo wir auch hinschauen, erblicken wir immer mächtigere Tendenzen nicht in Richtung Frieden, Vernunft und Kohärenz, sondern in Richtung Zusammenhanglosigkeit, Fragmentierung, sehen wir zentrifugale, separatistische Tendenzen, die in den ökonomisch verhältnismäßig schwächeren Gebieten der Welt einen Rutsch in die permanente Militarisierung und den Krieg anzeigen. Dies ist eine direkte Konsequenz aus einem Wirtschaftssystem, das nach all seinem früheren Ruhmes nun auf dem letzten Loch pfeift.
Der Nahe Osten setzt sich aus ökonomisch zusammenhangslosen Territorien zusammen, wo ethnische und religiöse Spaltungen von allen wichtigen imperialistischen Mächten zum Gegenstand ihrer Manipulationen und Manöver gemacht werden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als das kapitalistische System sich über den Globus ausgebreitet hatte, gab es keinen Platz mehr für irgendwelche neu expandierenden, realen Nationen. Länder wie der Irak, der Jemen, Jordanien, Syrien, der Libanon, Israel und die palästinensischen „Territorien“ waren durchweg Kreationen, oder besser: Missgeburten, des Imperialismus im Allgemeinen und des britischen und französischen Imperialismus (2) im Besonderen, der die willkürlich erzwungenen Grenzen dieser neu geschaffenen Länder benutzte, um „zu spalten und zu herrschen“ und so seine eigenen imperialistischen Interessen durchzusetzen. Später nutzten die USA die terroristischen Fraktionen des Zionismus, um die Briten zu verdrängen, und noch später, während des Kalten Krieges, nutzte Russland die gesamte Region als einen seiner Tummelplätze, um den USA die Stirn zu bieten. Wie all die oben erwähnten arabischen Staaten, die übrigens mehr Palästinenser auf dem Gewissen haben als die Israelis, ist der israelische Staat ein Ausdruck des Militarismus und Krieges, der mit der Vertiefung der Wirtschaftskrise immer instabiler werden wird.
Als der Kapitalismus noch ein pulsierendes, fortschrittliches und expandierendes System gewesen war, waren Krieg und Spaltungen zwar ebenfalls Bestandteil von ihm, doch im Allgemeinen tendierte das System zu einer gewissen Kohärenz hinsichtlich des Aufbaus und der Vereinheitlichung des Nationalstaates. Auch religiöse, ethnische und andere Faktoren neigten dazu, sich für das übergeordnete Wohl einer effektiveren kapitalistischen Akkumulation in einer Nation zu verschmelzen. Dies geschah nicht aufgrund der „moralischen Überlegenheit“ des Kapitalismus, sondern entsprang seinem fundamentalen Bedürfnis nach erfolgreicher Ausbeutung und Expansion. In der Dekadenz sehen wir jedoch, dass die Bildung neuer Staaten nicht zur Integration unterschiedlicher Gruppierungen der Gesellschaft in eine höhere kapitalistische Einheit führt, sondern oft in ethnischen „Säuberungen“, in der Stärkung rassischer, religiöser und ethnischer Spaltungen, in der Vertreibung oder Ghettoisierung verschiedener Gruppen mündet. Wir haben oben bereits den Balkan, den Kaukasus, die ehemaligen Sowjetrepubliken erwähnt, und wir können den indischen Subkontinent hinzufügen – Regionen, in denen viele dieser „Nationen“ aus imperialistischem Kalkül geschaffen wurden und deren eigentliche Existenz sich auf ethnischen und religiösen Spannungen, auf Zentrifugalkräften und dem Jeder-für- sich gründet. Genau dasselbe trifft auf die „Nationen“ des Nahen Ostens zu: Jordanien, Syrien, etc. und besonders Israel, dessen Besonderheit und Existenz als Bollwerk exakt den allgemeinen Niedergang des Kapitalismus widerspiegelt. Viele dieser Nationen sind keine lebensfähigen Wirtschaftseinheiten; sie hängen zumeist von einem größeren imperialistischen Hai (oder von mehreren Haien) ab und geraten in den Fokus größerer Spannungen. Sie drücken nicht ein positives Vorwärtsstreben aus, sondern sind vielmehr eine Fessel für die Produktivkräfte.
Doch bedeutet dies, dass es in Nahost keine „Begründungen“ in dieser Gleichung gibt, dass keine strategischen und wirtschaftlichen Motive am Werk sind (Ölförderung und –verkauf zum Beispiel, wahltaktische Motive, andere taktische Erwägungen usw.)? Nein, es gibt ganze Knäuel von ihnen. Im Nahen Osten kommen sie dick und verworren daher, doch der Punkt ist, dass sie alle zusammen gegenüber der überwältigenden Tendenz zum Zusammenbruch zweitrangig sind. In der Absurdität der Verteidigung von Grenzen, der willkürlichen Spaltungen und im Rahmen einer unüberwindbaren Ausweglosigkeit, die von einer sich vertiefenden Krise noch verschlimmert wird, können sie faktisch nur zu eben jenem Zusammenbruch beitragen. Diese teuflische Spirale der Zerstörung wird nicht stoppen und kann nicht abgeschwächt oder wegverhandelt werden. Was immer die Bourgeoisie anzustellen versucht, um die Lage zu „regeln“, es macht die Lage nur noch zerbrechlicher, und dies wird in Nahost veranschaulicht. Hier konnte man zuerst die klarsten Anzeichen einer Schwächung des Weltgendarmen, den USA, sehen, deren Einflussbereich überspannt und beeinträchtigt wird, was wiederum noch zentrifugaleren Tendenzen Tür und Tor öffnet. Dieses Phänomen einer Gesellschaft, die zerrissen wird in einer Reihe von Kriegen mit unterschiedlichen ethnischen, religiösen und rassischen Gruppen, von denen eine jede für verborgene imperialistische Interessen steht, ist ein typischer Ausdruck der dekadenten Gesellschaft – eine Wiederauflage dessen, was das römische Imperium und das feudale Europa in der Epoche ihres Niedergangs erlebt hatten.
Wenn es denn je Präsident Netanjahus Absicht war, seine politische Stellung zu stärken, indem er Mitte November, nach den US-Wahlen und noch vor den israelischen Wahlen im kommenden Januar, die Operation „Säule der Verteidigung“ in Gang setzte, so hat er sich gründlich verrechnet. Hamas, die in den letzten Jahren erheblich an Glaubwürdigkeit im Gaza-Streifen eingebüßt hatte, ist enorm gestärkt aus dem Acht-Tage-Krieg hervorgegangen. Die Brutalität der israelischen Antwort, die Geschützfeuer durch Panzer und Marine, Attacken von Hubschraubern und Kampfjets gegen den schmalen, dicht besiedelten Gaza-Streifen umfasste, hat sich als eine politische Fehlzündung erwiesen. Hamas, die zusammen mit ihren noch fundamentalistischeren „Verbündeten“ von eben jenen dicht besiedelten Gebieten aus monatelang Raketen auf Israel abgefeuert hatte, ist durch die Unterzeichnung einer Waffenruhe mit Israel und durch weitere Gespräche über „Erleichterungen“ im Transport von Menschen und Waren in den und aus dem Gaza-Streifen aufgewertet worden. Umgekehrt hat Hamas zugesagt, dass es die Raketenangriffe gegen Israel stoppen wird, und sich zu diesem Zweck auch gegenüber den militanteren Gruppen wie den Islamischen Dschihad gewappnet. Hamas ging auch gegenüber den palästinensischen Autonomiebehörden des Mahmoud Abbas in der Westbank gestärkt hervor, wo die Aktien von Hamas zum Nachteil Ersterer stiegen. Dies ist der Grund für die Warnung, die Abbas in dieser Woche an Europa und die USA richtete (The Guardian, 28.11.12), dass die palästinensische Autonomiebehörde ein paar Krümel von „Eigenstaatlichkeit“ (die den Palästinensern eine Art von Vatikan-Status in der UN verleihen soll) erhalten müsse, oder Hamas werde weiter gestärkt. Zur Enttäuschung der USA und des Restes des Nahost-Quartetts (der Sondergesandte Tony Blair) ist Hamas mehr in den ganzen Prozess eingebunden worden; ihre Isolation ist mit Unterstützung nicht nur des Iran, sondern auch Katars, Tunesiens, Ägyptens (Offizielle aus allen drei genannten Ländern haben kürzlich Gaza besucht) und anderer durchbrochen worden. Der britische Außenminister Hague hat die von Ägypten vermittelte Waffenruhe als „einen wichtigen Schritt zu einem dauerhaften Frieden“ begrüßt. Natürlich ist nichts dergleichen wahr, aber es zeigt, wie Hamas und die kleineren Gruppierungen nun von all jenen mit berücksichtigt werden müssen, die sie einst zu isolieren versuchten. Die US-Administration wusste, dass eine israelische Invasion in Gaza angesichts der geopolitischen Aspekte eine Katastrophe wäre und gab dem Abkommen von Ägypten und Hamas bezüglich eines Waffenstillstandes zähneknirschend ihren Segen.
Ein anderer Gewinner in dem heiklen Prozess ist der Führer der Muslimbruderschaft und ägyptische Präsident, Mohammed Mursi, der sich zusammen mit seinem Spionagechef Mohammed Shehata mit dem Hamas-Führer Khaled Mashaal und dem Führer des Islamischen Dschihad, Ramadam Shalah, getroffen hat (Christian Science Monitor, 22. November), um den Deal auszuhandeln, den Hillary Clinton höchstpersönlich im Namen der US-Administration begrüßen musste. Nur ein paar Monate zuvor hatten die USA noch versucht, Mursis wachsenden Einfluss zu untergraben, und im Moment prangern die USA, wie um die Unbeständigkeit und Zerbrechlichkeit der gesamten Region zu unterstreichen, Mursi und seine Muslimbruderschaft an, nur wenige Tage nach dem Waffenstillstands-„Triumph“ diktatorisch und im Stile Mubaraks die ganze Macht zu ergreifen. (3)
Ein weiterer Faktor in dieser imperialistischen Jauchegrube ist, dass, ginge es nach Israel, Ägypten mehr Verantwortung für die Hamas übernimmt; entsprechend dieser Sichtweise könnten die Westbank und Gaza – an beiden Enden Israels – weiter voneinander isoliert werden, wenn Ägyptens „Kontrolle“ über den Gazastreifen verstärkt werden könnte. Mursi hat solch ein Ansinnen von sich gewiesen und möchte nicht, dass Israel das Gaza-Problem auf Ägypten abwälzt. Zwar hat es Spannungen und eine gewisse Distanzierung zwischen der Hamas und ihrem früheren Sponsor, den Iran, in der Frage des Krieges in Syrien gegeben (ein Vakuum, das sogleich Katar füllte), doch hat es angesichts der vermeintlichen Rolle, dass die iranische Waffen (insbesondere panzerbrechende Waffen) die Hamas in die Lage versetzten, die Israelis von einer Bodenoffensive gegen den Gaza-Streifen abzubringen, den Anschein einer Wiederaufwärmung dieser Beziehungen. Es ist keine Überraschung, dass es Risse in der Hamas bezüglich ihrer Beziehungen zum Iran gibt, was ein weiterer komplizierender Faktor ist. Es gibt Misstrauen zumindest seitens Saudi-Arabiens wie auch der Vereinten Arabischen Emirate, einem Hauptinvestor in Ägypten, gegenüber der Muslimbruderschaft in Ägypten. Dann gibt es das zweideutige Verhalten der Bruderschaft gegenüber dem Iran, typisch für die seit jeher verwickelten Beziehungen in Nahost. Der Aufstieg der Muslimbruderschaft ist ein weiterer unkalkulierbarer Faktor; ihre wachsenden Aktivitäten in Jordanien tragen dazu bei, dass auch dieses Land immer instabiler wird. All dies schafft neben den Hauptbrennpunkten Syrien und Iran weitere Probleme für den US-Imperialismus und seine Strategie des „Light Footprint“ (etwa: Leichter Fußabdruck) für den Nahen Osten (da er seine Hauptprioritäten für den pazifischen Raum und angesichts der wachsenden Bedrohung seiner Vorherrschaft in dieser Region, die von China ausgeht „neu gewichtet“ und „austariert“).
Hingegen herrschte 2008/09, zurzeit des letzten Einfalls Israels in den Gaza-Streifen, eine verhältnismäßige „Ruhe“ an den Grenzen zu Syrien und dem Libanon, während die Türkei noch freundschaftliche Beziehungen zu Israel unterhielt, auf Mubarak in Ägypten Verlass war und die Spannungen zwischen den USA und dem Iran noch nicht so ausgeprägt waren. Nun ist die Situation weitaus unkalkulierbarer, weil etliche dieser Nationen ihr eigenes Spiel spielen und so die Tendenzen zu einem Jeder-Für-sich-selbst vertiefen.
Die „Führer“ der staatenlosen palästinensischen Bourgeoisie, Fatah, Islamischer Dschihad und Hamas, haben ihrer Bevölkerung nichts anzubieten außer wachsendes Elend und „Märtyrertum“. Sie sind nichts anderes als ein Ausdruck der Verzweiflung und des Hasses; ihr Ziel ist es, so viele israelische Zivilisten wie möglich zu töten. Sie können keine konstruktive Alternative anbieten, sondern – ähnlich den Warlords in Afrika, deren Kinderarmeen, ein weiteres Phänomen des zerfallenden Kapitalismus, töten, vergewaltigen und plündern – stiften lediglich verzweifelte junge Palästinenser im Namen ihrer leeren nationalistischen Projekte zur Rache und zu rasender Zerstörungswut an. Und der israelische Staat treibt mit täglichen Demütigungen, „Kollektivbestrafungen“, Landnahmen, ungezielten Schießereien und Raketenangriffen, bei denen Zivilisten, die sich zufällig in der Nähe von palästinensischen Gangstern befinden, in die Luft gejagt werden, die Spirale von Terror und Gewalt weiter an.
Trotz aller Repression und permanenter Kriegsatmosphäre gibt es im Nahen Osten viele Anzeichen des sozialen Protestes gegen die Krise des Kapitalismus und die Führer aller Seiten: In den letzten paar Jahren erlebten wir sozialen Proteste in Israel, im Gaza-Streifen, in der Westbank und erst kürzlich in Jordanien; und diese Bewegungen richteten sich hauptsächlich gegen grundlegende Dinge wie Preiserhöhungen bei den Nahrungsmitteln, der Stromversorgung, etc. wie auch gegen alle Regimes, die zu solchen Maßnahmen greifen. Solche Bewegungen müssen, auch wenn sie nicht revolutionär an sich sind, von der Arbeiterklasse begrüßt werden, da sie zeigen, dass selbst unter diesen militarisierten und brutalen Regimes und trotz des Hasses und der Feindseligkeiten, die von den herrschenden Cliquen erzeugt werden, es immer noch den Willen und die Bereitschaft gibt, zurückzuschlagen. Wenn viele ArbeiterInnen in diesen Regionen an den Protesten teilgenommen hatten, so taten sie dies größtenteils als Individuen und nicht als eine eigene, unabhängige Kraft. Der nächste Ausdruck hierfür ist Ägypten, wo die organisierte Arbeiterklasse als realer Faktor im Klassenkampf auftrat und auftritt. Doch die Realität der Arbeiterklasse in diesen Gebieten rund um Israel ist, dass sie zu schwach ist und ohne ihre Brüder und Schwestern in den zentraleren kapitalistischen Nationen nur schwerlich einen Ausweg aus der Barbarei ihrer Umgebung finden wird.
Die sozialen Bewegungen in der Region um Israel, in denen sich die Arbeiterklasse engagiert, sind wichtig, aber sie sind, auch wenn sie die Bourgeoisie destabilisieren oder ihr Probleme bereiten können, nicht stark genug, um die herrschende Klasse auf Dauer zurückzudrängen – sie können es wegen ihrer eigenen Begrenztheit schlicht und einfach nicht. Als Aufschrei der Unterdrückten und Unterdrückten waren die sozialen Bewegungen in Nahost Teil einer internationalen Welle von Protesten, die immer noch nachhallen. Doch der Widerspruch hier ist, dass die Schwäche dieser positiven Bewegung so etwas wie ein Vakuum zurückgelassen hat, in das der Imperialismus eindrang, was zum Teil in den Kriegen in Libyen und Syrien mündete. Es hat ebenfalls zur weitergehenden Destabilisierung der Regimes beigetragen, was umgekehrt dazu tendierte, die Kontrolle der USA über die Region zu schwächen und zentrifugalere, „unabhängige“ Tendenzen in den Bourgeoisien vor Ort zu fördern. Selbst im Falle einer stärkeren Entwicklung des Klassenkampfes erwarten wir keine linear aufwärtsstrebende Bewegung der Kräfte gegen den Kapitalismus. Die Region des Nahen Ostens wird für die dort lebenden Ausgebeuteten und Unterdrückten besonders schwer sein, und dem Klassenkampf stehen angesichts eines ständig existenten, bedrohlichen Imperialismus harte Zeiten bevor. Allein signifikante Bewegungen des Klassenkampfes in den kapitalistischen Zentren können den Imperialismus zurückdrängen und die von ihm aufgezwungenen Fragmentierungen und Kriege in Frage stellen.
Baboon, 29.11.2012
(1) https://www-independent.co.uk/news/world/politics/the-future-of-war-is-l... [460].
(2) Siehe die drei Teile von „Bemerkungen über die Geschichte des Konfliktes im Nahen Osten“ in: Internationale Revue, Nr. 115, 117 und 118 (engl., franz. und span. Ausgabe).
(3) Die britische Bourgeoisie und Geheimdienste waren der Muslimbruderschaft wohlgesonnener gewesen. Sie haben sie in den 1940er und 1950er Jahren unterstützt, und es hat Berichte über ihre Unterstützung der Muslimbruderschaft in ihrer Funktion als Streitkräfte in Syrien im vergangenen Jahr gegeben. Wie im Falle Mubaraks und seines Spionagechefs Suleiman, die von den Briten voll und ganz gestützt wurden, liegt eine ähnliche Unterstützung für Mursi und seine üble Crew im Bereich des Vorstellbaren. Eine vom März 2012 datierte Pressemitteilung für die aktualisierte Version des Buchs von Mark Curtis, Secret Affairs: Britain’s Collusion with Radical Islam („Geheimsache: Großbritanniens Absprachen mit dem radikalen Islam“) stellt fest: „Offizielle des Außenministeriums hielten kürzlich etliche Treffen mit der Muslimbruderschaft ab, die in den britischen Medien unerwähnt blieben. Die Politik besteht darin, Großbritannien im Fall, dass die Bruderschaft eine Schlüsselrolle bei Ägyptens Übergang spielt, ‚abzusichern‘ und eine elf Milliarden Pfund teure Investition von BP zu schützen. Anfragen des Autors im Rahmen des Freedom of Information Act, um mehr Details zu diesen Treffen zu erhalten, wurden vom Außenministerium aus Gründen des ‚öffentlichen Interesses‘ nicht beantwortet.“
Es gibt ein Phänomen im Erkenntnisprozess der bürgerlichen Gesellschaft, das Harper nicht behandelt hat: den Einfluss der kapitalistischen Arbeitsteilung erstens auf die Erkenntnisentwicklung der Naturwissenschaften, zweitens auf die Entwicklung des Wissens in der Arbeiterbewegung.
An einer Stelle sagt Harper, dass die Bourgeoisie sowohl in jeder ihrer Revolutionen anders auftreten müsse als in den vorherigen als auch in der Form, die sie in diesem aktuellen Moment angenommen hatte. Sie muss ihre wahren Ziele verheimlichen.
Das ist wahr. Da Harper jedoch versäumt, über den Erkenntnisprozess in der Geschichte zu sprechen und das Problem seines Zustandekommens nicht explizit nennt, endet er dabei, es stillschweigend genauso mechanistisch zu formulieren, wie er es Lenin vorwirft.
Der Prozess, in dem die Erkenntnis geformt wird, ist abhängig von den Bedingungen, die bei der Erzeugung wissenschaftlicher Konzeptionen und Ideen im Allgemeinen vorherrschen. Diese Bedingungen wiederum sind mit den generellen Produktionsbedingungen, d. h. mit der praktischen Anwendung der Ideen verknüpft.
Mit der bürgerlichen Gesellschaft – der Entwicklung ihrer Produktionsbedingungen, ihrer ökonomische Existenzweise – entwickelt sich auch ihre eigene Ideologie: ihre wissenschaftlichen Auffassungen ebenso wie ihre Konzepte von der Welt und über die Welt.
Die Wissenschaft ist ein ganz besonderer Teil bei der Erzeugung von Ideen, die notwendig für das Leben der kapitalistischen Gesellschaft, für die Kontinuität und Evolution ihrer Produktionsweise sind.
Die ökonomische Produktionsweise wendet nicht nur praktisch an, was die Wissenschaft theoretisch ausarbeitet, sie hat ebenfalls großen Einfluss auf die Art und Weise, in der Ideen und Wissenschaften erarbeitet werden. So wie die kapitalistische Arbeitsteilung eine extreme Spezialisierung in allen Bereichen der praktischen Realisierung der Produktion durchsetzt, provoziert sie auch – als weitere Arbeitsteilung – eine extreme Spezialisierung im Bereich der Entstehung und Formulierung von Ideen, insbesondere in der Wissenschaft.
Die Spezialisierung der Wissenschaft und der Wissenschaftler ist Ausdruck der universellen Arbeitsteilung im Kapitalismus. Der Kapitalismus braucht wissenschaftliche Spezialisten genauso wie Generäle, Experten für Militärtechnik, Verwalter und Direktoren.
Die Bourgeoisie ist durchaus in der Lage, Zusammenhänge im Bereich der Wissenschaft herzustellen, solange diese nicht ihre Ausbeutungsweise berühren. Sobald dies aber droht, verzerrt die Bourgeoise unbewusst die Wirklichkeit. Die Bourgeoisie ist zu keiner umfassenden wissenschaftlichen Darstellung in der Lage, weder im Bereich der Geschichte noch in dem der Ökonomie, der Soziologie oder der Philosophie.
Wenn die Bourgeoisie sich auf die praktische Anwendung, die wissenschaftliche Untersuchung konzentriert, ist sie zutiefst materialistisch. Da sie jedoch zu einer völligen Synthese nicht in der Lage ist, da sie unbewusst dazu gezwungen ist, ihre eigene Existenz zu verbergen, und die wissenschaftlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft (von den Sozialisten entdeckt) ablehnt, kann sie mit dieser psychologischen Sperre vor ihrer eigenen gesellschaftlich-historischen Realität nur umgehen, indem sie Zuflucht im philosophischen Idealismus sucht, und dieser Idealismus durchtränkt ihre ganze Ideologie. Diese Entstellung der Realität – ein notwendiger Aspekt der bürgerlichen Gesellschaft – wird sehr effektiv durch die verschiedenen philosophischen Systeme der Bourgeoisie bewerkstelligt. Doch die Bourgeoisie greift auch auf Philosophien und Ideologien früherer Ausbeutungsformen zurück.
Dies macht sie, da diese Ideologien die bürgerliche Existenz nicht beeinträchtigen - im Gegenteil, diese Ideologien können benutzt werden, um sie zu verbergen. Sie tut dies aber auch, weil alle herrschenden Klassen in der Geschichte – als konservative Klassen – die Notwendigkeit deutlich gemacht haben, alte Methoden zu ihrer Konservierung zu verwenden, die dann natürlich für ihre eigenen Bedürfnisse benutzt werden, indem sie so weit entstellt werden, dass sie mit ihren eigenen Konturen reinpassen.
Daher konnten in der Frühphase der Bourgeoisie auch bürgerliche Philosophen bis zu einem gewissen Grad Materialisten sein (insoweit, dass sie die Notwendigkeit der Entwicklung der Naturwissenschaften unterstrichen). Jedoch waren sie vollkommen idealistisch, sobald es darum ging, die Existenz der Bourgeoisie selbst vernünftig zu begründen und zu rechtfertigen. Die, die mehr Gewicht auf den ersten Aspekt des bürgerlichen Denkens legten, konnten materialistischer erscheinen; jene, die mehr damit beschäftigt waren, die Existenz der Bourgeoisie zu rechtfertigen, mussten deutlich idealistischer auftreten.
Nur die wissenschaftlichen Sozialisten, beginnend mit Marx, waren in der Lage, eine Synthese der Wissenschaften in Beziehung zur gesellschaftlichen Entwicklung des Menschen herzustellen. Diese Synthese war im Grunde der notwendige Ausgangspunkt ihrer revolutionären Kritik.
In dem Maße, in dem sie mit neuen wissenschaftlichen Problemen konfrontiert waren, waren die Materialisten in der revolutionären Epoche der Bourgeoisie gezwungen, eine Synthese ihres Wissens und ihrer Vorstellungen über die gesellschaftliche Entwicklung anzustreben. Doch waren sie nie in der Lage, die gesellschaftliche Existenz der Bourgeoisie zu hinterfragen; im Gegenteil, sie mussten diese rechtfertigen. Einzelne – von Descartes bis Hegel – waren um eine Synthese bemüht. Sie waren, geleitet von einem dialektischen Standpunkt mit Blick auf die gesamte Evolution der Welt und der Ideen, so damit beschäftigt, eine umfassende Synthese herzustellen, dass sie es nicht vermeiden konnten, diesen dualistischen und widersprüchlichen Aspekt der bürgerlichen Ideologie am komplexesten auszudrücken. Doch sie waren Ausnahmen.
Was diese Individuen zu ihrer Aktivität trieb, bleibt ungeklärt. Die geschichtlichen, gesellschaftlichen, ökonomischen und psychologischen Erkenntnisse befanden sich noch in ihrer Frühphase. Wir können nur die banale Wirklichkeit wiederholen, dass sie von der Voreingenommenheit der sie umgebenden Gesellschaft bestimmt wurden. Auch wenn sie beabsichtigen, eine neue Gesellschaft aufzubauen, leben und entwickeln sich sowohl das Proletariat wie auch die Sozialisten im Kapitalismus; entsprechend wird das Feld der Erkenntnis von den Gesetzen des Kapitalismus beeinflusst.
Kommunistische Militante sind spezialisiert auf Politik, auch wenn universellere Erkenntnisse und Synthesen hilfreich für sie sind.
So gibt es in der Arbeiterbewegung eine Spaltung zwischen den politischen Strömungen und der Klasse im Allgemeinen. Selbst die politischen Strömungen können in Theoretiker der Geschichte, der Ökonomie und der Philosophie aufgeteilt sein. Der Prozess, an dessen Ende die Theoretiker des Sozialismus standen, ist vergleichbar mit jenem Prozess, der zu den Denkern und Philosophen in der revolutionären Epoche der Bourgeoisie führte.
Der Einfluss der bürgerlichen Erziehung, des bürgerlichen Milieus im Allgemeinen lastete schon immer schwer auf der Entstehung von Ideen in der Arbeiterbewegung. Die Entwicklung sowohl der Gesellschaft als auch der Wissenschaft ist ein maßgeblicher Faktor in der Entwicklung der Arbeiterbewegung. Dies mag wie eine Tautologie klingen, doch es kann nicht oft genug wiederholt werden. Die konstante Parallele zwischen der Gesellschaftsentwicklung und der Entwicklung des Proletariats und der Sozialisten ist eine schwere Last für Letztere.
Die Überbleibsel der Religionen, d. h. aus vorkapitalistischen Epochen, werden allerdings zu einem atavistischen Element der reaktionären Bourgeoisie, besonders in der Bourgeoisie als letzte ausbeutende Klasse in der Geschichte. Doch ist nicht die Religion der gefährlichste Teil der Ideologie dieser ausbeutenden Klasse, sondern die Ideologie insgesamt ist gefährlich. In der bürgerlichen Ideologie steckt neben der Religion, dem Chauvinismus und all dem verbalen Idealismus ein verengter, trockener, statischer Materialismus. Ebenso wie der idealistische Aspekt des bürgerlichen Denkens existiert auch der Materialismus der Naturwissenschaften als integraler Bestandteil ihrer Ideologie. Für die Bourgeoisie, die versucht, die Einheit ihrer Existenz hinter der Pluralität ihrer Mythen zu verstecken, sind diese unterschiedlichen Ideologien nicht Teil eines Ganzen. Sozialisten sollten diese jedoch als Ganzes behandeln.
Auf diese Weise können wir ermessen, wie schwer es für die Arbeiterbewegung war, sich von der bürgerlichen Ideologie als Ganzes - von ihrem unvollständigen Materialismus - loszureißen. Hatte nicht Bergson auf die Bildung einiger Strömungen der Arbeiterbewegung in Frankreich großen Einfluss gehabt? Das wirkliche Problem ist, wie man eine neue Ideologie, eine neue Idee zum Objekt einer kritischen Untersuchung macht, ohne in das Dilemma zu geraten, sie anzunehmen oder abzulehnen. Es geht auch darum, den ganzen wissenschaftlichen Fortschritt nicht als wirklichen Fortschritt zu betrachten, sondern als etwas, das nur potenziell ein Fortschritt bzw. eine Bereicherung der Erkenntnis ist, als etwas, dessen Leistungsfähigkeit von den Schwankungen im Wirtschaftsleben des Kapitalismus abhängt.
Für Sozialisten ist dies die einzige Möglichkeit, eine permanent kritische Haltung zu bewahren, die eine wirkliche Untersuchung der Ideen erlaubt. Im Hinblick auf die Wissenschaften ist es die Aufgabe der Sozialisten, ihre Ergebnisse theoretisch zu assimilieren und gleichzeitig zu begreifen, dass ihre praktische Anwendung im Dienste der menschlichen Bedürfnisse erst in einer Gesellschaft möglich ist, die sich zum Sozialismus entwickelt.
Die Entwicklung des Wissens in der Arbeiterbewegung beinhaltet die theoretische Entwicklung der Wissenschaften als eigenen Beitrag. Jedoch muss diese Entwicklung in einem umfassenderen Verständnis eingebettet werden, das sich um die praktische Durchführung der sozialen Revolution – der Basis jeglichen wirklichen Fortschritts in der Gesellschaft – dreht.
Die Arbeiterbewegung ist also durch ihre eigene revolutionäre gesellschaftliche Existenz spezialisiert, durch die Tatsache, dass sie innerhalb des Kapitalismus, gegen die Bourgeoisie und in der rein politischen Sphäre kämpft, die – bis zum Aufstand – den Schwerpunkt im Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat bildet.
Dies gewährleistet, dass - abhängig von dem Fortschritt, den die wirkliche Befreiung des Proletariats macht - die Entwicklung des Wissens innerhalb der Arbeiterbewegung einen dualistischen Aspekt beinhaltet. Auf der einen Seite ist sie politisch, beeinflusst von unmittelbaren und dringenden Fragen. Auf der anderen Seite ist sie theoretisch und wissenschaftlich, entwickelt sich langsamer und (bis jetzt) meist in den Perioden des Rückflusses der Arbeiterbewegung. Dieser Aspekt behandelt Fragen, die gleichermaßen wichtig wie die politischen Probleme sind und sicherlich in einer Wechselbeziehung zu ihnen stehen, aber weniger direkt und drängend sind.
Auch die unmittelbaren Klassengrenzen entwickeln sich analog zur Entwicklung der Gesellschaft durch den Kampf der Klasse in der politischen Sphäre. Der politische Kampf des Proletariats, die Entstehung der revolutionären Arbeiterbewegung als Opposition zur Bourgeoisie verläuft in Verbindung zur fortwährenden Weiterentwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Die Klassenpolitik des Proletariats ändert sich von Tag zu Tag und in gewissem Maße lokal (später schauen wir uns an, in welchem Maße). In diesen Tageskämpfen, in diesen Divergenzen zwischen politischen Parteien und Gruppen, in den Taktiken über Ort und Zeitpunkt entwickeln sich die Klassengrenzen. Später zeigt sich dies auf einer grundsätzlicheren, weniger unmittelbaren Weise: Die entfernteren Ziele des revolutionären Kampfes des Proletariats werden in den großen Leitprinzipien der politischen Parteien und Gruppen formuliert.
Differenzen in der politischen Arbeit werden somit zuerst im Programm, dann erst in der praktischen Anwendung des tagtäglichen Kampfes thematisiert. Die Entwicklung dieser Differenzen reflektiert die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft, die Entwicklung der Klassen, ihre Methoden im Kampf, ihre Ideologien, Theorien und ihre politische Praxis.
Im Gegensatz dazu entwickelt sich die Synthese der wissenschaftlichen Dialektik in der rein philosophischen Erkenntniswelt nicht auf dem dialektisch unmittelbaren Weg des praktischen, politischen Klassenkampfs. Diese Dialektik ist weit abstrakter, sporadischer, ohne offenkundige Verbindungen zum lokalen oder gesellschaftlichen Umfeld, ein bisschen wie die Entwicklung der angewandten Wissenschaften, der Naturwissenschaften gegen Ende des Feudalismus und zu Beginn des Kapitalismus.
Harper macht diese Unterschiede nicht. Er versäumt es, darauf hinzuweisen, dass die Erkenntnis im menschlichen Denken verschiedene Manifestationen hat, dass sie in Abhängigkeit von der Periode, dem gesellschaftlichen Kontext usw. stark in verschiedene Spezialisierungen aufgeteilt ist.
Um es etwas ungeschliffen und vereinfacht darzustellen, entwickelt sich die menschliche Erkenntnis als Antwort auf die Bedürfnisse, denen sich die unterschiedlichen Gesellschaftsformationen gegenübersehen, und die unterschiedlichen Zweige der Erkenntnis entwickeln sich im Verhältnis zu den vorgesehenen praktischen Anwendungen. Je unmittelbarer die Sphäre der Erkenntnis mit der praktischen Anwendung verbunden ist, desto einfacher ist es, den Fortschritt zu beobachten. Je mehr dagegen die Erkenntnis zur Synthese strebt, desto schwieriger ist es, den Fortschritt festzustellen. Die Synthese beruht auf Gesetzen, die so kompliziert sind und von solch komplexen und unterschiedlichen Faktoren abgeleitet sind, dass es für uns heute praktisch unmöglich ist, in solche Studien einzutauchen.
Darüber hinaus umfasst die Praxis weite Teile der gesellschaftlichen Massen, während die Synthese häufig nur von Einzelnen geleistet wird. Gesellschaftliche Prozesse sind von grundsätzlichen Gesetzen determiniert, die einfacher und direkter zu kontrollieren sind. Das Individuum ist weitaus mehr das Subjekt von Besonderheiten, die für eine Geschichtswissenschaft – welche sich immer noch in einem sehr frühen Stadium befindet – kaum wahrnehmbar sind.
Deshalb denken wir, dass Harper einem schwerwiegenden Irrtum aufgesessen war, als er sich auf eine Untersuchung des Problems der Erkenntnis einließ, die sich darauf beschränkte, den Unterschied zwischen dem bürgerlichen und dem sozialistischen, revolutionären Ansatz herauszuarbeiten, und die sich nicht mit dem historischen Prozess befasste, in dem die Ideen gebildet werden. Dadurch bleibt Harpers Dialektik kraftlos und vulgär. Nach seinem sehr interessanten Essay, in dem er Lenins Angriff auf den Empiriokritizismus richtigerweise kritisiert (d. h. aufzeigt, dass Lenins Text eine vulgäre Polemik in der wissenschaftlichen Sphäre ist, ein wüster Mischmasch von bürgerlichem Materialismus und Marxismus), belässt es Harper in seinen Schlussfolgerungen bei Plattitüden, die eklatanter sind als Lenins Dialektik in Materialismus und Empiriokritizismus.
Das Proletariat löst sich durch einen kontinuierlichen Kampf vom bürgerlichen Gesellschaftsmilieu. Es kann jedoch nicht vollständig eine – im umfassenden Sinne des Wortes – unabhängige Ideologie erlangen, solange es noch nicht den allgemeinen Aufstand durchgeführt und die sozialistische Revolution zu einer lebendigen Realität gestaltet hat. Genau in dem Moment, wenn das Proletariat eine vollständige ideologische und politische Unabhängigkeit erreicht hat, wenn es sich über die einzige Lösung des sozio-ökonomischen Morasts des Kapitalismus – den Aufbau der klassenlosen Gesellschaft – bewusst ist, existiert es bereits nicht mehr als Klasse für den Kapitalismus. Durch die Doppelherrschaft, die es zu seinen Gunsten etabliert, schafft es die gesellschaftlich-historischen Umstände, die das vollständige Verschwinden als Klasse ermöglichen. Die sozialistische Revolution besteht daher aus zwei entscheidenden Momenten: vor und nach dem Aufstand.
Erst wenn das Proletariat ein Umfeld geschaffen hat, das sein Verschwinden begünstigt, d.h. nach dem Aufstand, kann es eine vollständig unabhängige Ideologie entwickeln. Vor dem Aufstand ist das Hauptziel seiner Ideologie die praktische Realisierung des Aufstands. Dies erfordert ein Bewusstsein über die Notwendigkeit des Aufstandes und die Möglichkeiten und Mittel, ihn durchzuführen. Nach dem Aufstand wird die entscheidende praktische Frage auf der einen Seite die Verwaltung der Gesellschaft und auf der anderen Seite die Abschaffung der vom Kapitalismus hinterlassenen Widersprüche sein. Die Hauptsorge wird dann sein: Wie kommen wir zum Kommunismus, wie können die Probleme der „Übergangsperiode“ gelöst werden? Gesellschaftliches Bewusstsein, selbst das des Proletariats, kann solange nicht vollständig von der bürgerlichen Ideologie befreit werden, solange der generalisierte Aufstand nicht begonnen hat. Bis dahin, bis zur Befreiung durch Gewalt werden alle bürgerlichen Ideologien, die gesamte bürgerliche Kultur, ihre Kunst und Wissenschaft Einfluss auf das Denken der Sozialisten ausüben. Eine sozialistische Synthese erwächst nur sehr langsam aus der Entwicklung der Arbeiterbewegung. Häufig werden dabei die reichhaltigsten Beiträge zur Analyse des Klassenkampfs und der Entwicklung des Kapitalismus außerhalb der Bewegung geleistet – mehr von Beobachtern als von Teilnehmern. Im Vergleich zu Lenin ist dies bei Harper der Fall.
Entsprechend kann es eine Kluft zwischen Theorie und Praxis der sozialistischen Bewegung geben. So können theoretische Studien wertvoll bleiben, auch wenn die Menschen, die sie formuliert haben, eine dem Kampf des Proletariats nicht angemessene politische Praxis ausüben. Aber auch das Gegenteil ist möglich.
Die Bewegung, die die russische Gesellschaft innerhalb von zwölf Jahren in drei Revolutionen stürzte, hatte hauptsächlich mit den praktischen Aufgaben des Klassenkampfs zu tun. Die Bedürfnisse, die der Kampf generierte, die Ergreifung und Ausübung der Macht begünstigten eher Politiker des Proletariats wie Lenin und Trotzki – Männer der Tat, der Tribüne, Polemiker – als Philosophen und Ökonomen. Die Philosophen und Ökonomen aus der Zeit der II. und III. Internationale standen häufig außerhalb der praktischen revolutionären Bewegung oder leisteten ihre Hauptarbeit in Zeiten des Rückflusses der revolutionären Flut.
Zwischen 1900 und 1924 wurde Lenin von dem Strom der aufkommenden Revolution angetrieben. All seine Arbeit war verwoben mit diesem Kampf, mit seinen Höhen und Tiefen, mit seiner historischen und vor allem menschlichen Tragödie. Seine Arbeit war hauptsächlich politisch und polemisch, eine kämpferische Arbeit. Sein wesentlicher Beitrag zur Arbeiterbewegung besteht im politischen Teil seiner Arbeit und nicht in seinen philosophischen und ökonomischen Studien, deren Qualität aufgrund der mangelnden analytischen Tiefe, wissenschaftlichen Kenntnisse und Fähigkeit zur theoretischen Synthese zweifelhaft ist. Im Gegensatz zur turbulenten historischen Situation in Russland erlaubte die Ruhe, die in Holland am Rande des Klassenkampfs in Deutschland herrschte, die Zeit des Rückzugs des Klassenkampfes einer Gestalt wie Harper eine ideologische Weiterentwicklung.
Harper greift Lenin massiv an seinem schwächsten Punkt an, wobei er den weitaus wichtigsten und lebendigsten Teil seiner Arbeit ignoriert und so einen großen Fehler begeht, als er versucht, Schlussfolgerungen aus Lenins Gedanken und über die Bedeutung seiner Arbeit abzuleiten. Da Harpers Schlussfolgerungen unvollständig bzw. falsch sind, verkommen sie zu journalistischen Plattitüden, wenn sie sich mit der Russischen Revolution insgesamt beschäftigen. Indem er sich auf Materialismus und Empiriokritizismus beschränkt, zeigt er, dass er nichts von Lenins Hauptwerk verstanden hat. Seine Fehler über die russische Revolution sind weitaus ernster, so dass wir zu ihnen zurückkehren müssen.
Philip
(Fortsetzung folgt)
Das Massaker an den unschuldigen Menschenleben in der Sandy Hook-Grundschule ist eine schreckliche Mahnung, dass die Ausbreitung und Vertiefung des zerfallenden Kapitalismus in Ermangelung einer umfassenden revolutionären Transformation der Gesellschaft ihren Ausdruck allein in noch barbarischeren, sinnloseren und gewaltsameren Taten finden können. Absolut nichts im kapitalistischen System ist imstande, uns eine sinnvolle Begründung dafür zu liefern, wie es zu solch einer Tat kommen konnte, gar nicht zu reden von einem brauchbaren Änderungsvorschlag: nicht in den Medien, nicht unter den Politikern, ob links, rechts oder in der Mitte, und nicht unter den akademischen Sprechblasen im Fernsehen. Es ist unter dem Joch des Kapitalismus unmöglich, sich ernsthaft dem Problem zu widmen oder auch nur zu wissen, was zu tun ist. Nach dem Schulmassaker von Connecticut haben - wie dies stets der Fall gewesen war, wenn es in jüngster Vergangenheit zu solchen Gewaltorgien gekommen war – all die verschiedenen Teile der herrschenden Klasse ihre „Erklärungen“ feilgeboten. Wie kann es sein, dass in Newtown, Connecticut, einst als „sicherste Stadt Amerikas“ tituliert, ein gestörtes Individuum solch einen Horror und Terror auslösen kann? Welche „Erklärungen“ auch immer angeboten werden, ihr vorrangiger Zweck ist es, ein Feigenblatt für die herrschende Klasse zu schaffen und deren mörderische Lebensweise zu vertuschen.
Die Rechte schiebt die Schuld der individuellen Verantwortung in die Schuhe, indem sie erfolgreich suggeriert, dass Adam Lanza sich mit seiner Tat vom „Bösen“ in der „menschlichen Natur“ übermannen ließ. Sie behauptet, dass es keine psychologischen oder verhaltensbezogenen Erklärungen für die Tat des Todesschützen gebe. In den Worten Nancy J. Hermans, außerordentliche Professorin an der Central Michigan University: „Heute hat die Medikalisierung von abweichenden Verhaltensweisen es uns erschwert, den Begriff des ‚Bösen‘ zu akzeptieren. Das Zurückdrängen der religiösen Symbolik der Sünde, der Aufstieg deterministischer Theorien über das menschliche Verhalten und die Doktrin der kulturellen Relativität haben ferner zur Ausgrenzung des ‚Bösen‘ aus unserem Diskurs geführt.“ Dementsprechend liegt die „Lösung“ der Rechten für dieses Problem in der Wiederbelebung des religiösen Glaubens und kollektiven Gebets. So verwirft die Rechte die Fortschritte, die in vielen Jahrzehnten der Erforschung der menschlichen Verhaltensweisen erzielt worden waren und die erst das Fenster zum Verständnis der komplexen Zwischenverbindungen zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft geöffnet hatten, insbesondere durch die evolutionären Untersuchungen der asozialen und anti-sozialen Verhaltensweisen. So rechtfertigt die Rechte auch ihren Vorschlag, all jene schlicht wegzusperren, die durch ein abweichendes Verhalten auffallen, das kriminalisiert werden soll, indem ihm ein amoralischer Charakter attestiert wird.
In etlichen Berichte heißt es, dass der 20-jährige Todesschütze am Asperger Syndrom litt, ein Umstand, der zu sozialer Unbeholfenheit und Isolation führen kann, doch gibt es keinen Automatismus zwischen dieser Störung und der Ausübung von Gewalt. Ferner ist es so, dass lediglich fünf Prozent aller Waffengewalt in Amerika auf irgendwelche psychischen Erkrankungen zurückgeführt wird. Allein diese Tatsache dürfte ausreichen, um den verbreiteten Glauben zu widerlegen, dass Geisteskrankheiten und Gewalt mechanistisch und deterministisch miteinander verknüpft sind. Doch dies bedeutet nicht, dass Lanzas Verhalten von einer rationalen Wahl bestimmt war, oder von der bewussten Entscheidung, „Böses“ zu tun, wie die Rechte behauptet. Auch bedeutet es nicht, dass seine Tat schlicht und einfach als die Tat eines Einzelgängers verstanden werden kann, der aus dem sozialen Kontext gerissen worden sei, in dem er aufgewachsen war. Viel Aufmerksamkeit wird derzeit dem „Profiling“ potenzieller Todesschützen gewidmet, wo es doch vielmehr der Ausarbeitung eines Profils der Gesellschaft bedarf, die Menschen heranzüchtet, die sich zu solch drastischen Maßnahmen getrieben sehen. Welche Studien auch immer verwendet werden, um das Ausmaß oder die Zunahme psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung zu ermessen, die Zahlen sind alle in den letzten Jahren extrem nach oben gegangen. Diese Studien zeigen auch einen generellen Verfall der Anteilnahme in der Gesellschaft. Es ist eine schmerzliche Ironie und ein Beweis für ihre Heuchelei, dass, während die Bourgeoisie über Waffenkontrolle spricht, sie gleichzeitig Raketen in der Türkei stationiert, darüber nachdenkt, wie sie China in Schach halten kann, und weiter fortfährt, den Iran zu umzingeln. Die Natur der Gewalt kann nicht getrennt vom gesellschaftlichen und historischen Kontext begriffen werden, in der sie sich ausdrückt. Geisteskrankheiten haben seit ehedem existiert, doch es scheint, ihre Manifestationen haben in einer Gesellschaft im Belagerungszustand, erzeugt von einer Jeder-für-sich-Mentalität, vom Verlust der gesellschaftlichen Solidarität und Empathie und auch von der Beeinträchtigung des fundamentalsten menschlichen Zusammenwirkens, krampfartige Ausmaße angenommen. Die Menschen fühlen, sie müssen sich selbst „schützen“… aber vor wem? Jeder ist ein potenzieller Feind, und dies ist eine Vorstellung, eine Ansicht, die durch den Nationalismus, Militarismus und Imperialismus der Bourgeoisie bekräftigt wurde. Noch posiert die herrschende Klasse als Garant der „Rationalität“ und umgeht vorsichtig die Frage ihrer eigenen Verantwortung für die Verbreitung antisozialer Verhaltensweisen. Dies drückt sich vielleicht am klarsten in Fällen aus, wo die Kriegsgerichte der US-Armee Soldaten anklagen, die an Taten beteiligt waren, welche als „entsetzlich“ betrachtet werden – und die es sicherlich sind -, wie im Falle des Sergeanten Robert Bales, der sich auf einen Amoklauf begab und 16 Zivilisten in Afghanistan tötete, von denen mindestens neun Kinder waren. Gar nicht zu reden über Bales Gebrauch von Alkohol, Steroiden und Schlafmitteln, um seine physischen und emotionalen Schmerzen zu besänftigen, und die Tatsache, dass er zum vierten Mal in einer der am meisten umkämpften Regionen in Afghanistan stationiert wurde.
Auch wenn Medien und Gewaltspiele den Wert des Kämpfens – selbst des Tötens – als eine akzeptable Weise der Konfliktlösung lehren bzw. bekräftigen, sind sie nicht die Quelle antisozialer Verhaltensweisen, wie viele Linke es gerne möchten. Es sind sowohl die Konkurrenz, die der kapitalistischen Funktionsweise eingepflanzt ist, als auch ihre militaristischen Ausdrücke, die den Inhalt der Medien und der Videospiele prägen. Wenn Kinder in einer Kultur aufwachsen, die Kampf und Gewalt als einen respektierten Weg zelebriert, um erfolgreich zu sein, und wenn die Gesellschaft uns lehrt, dass man um jeden Preis gewinnen muss, werden sie sich höchstwahrscheinlich diese „Werte“ aneignen. Diese „Werte“ sind tief verwurzelt im globalen Kapitalismus, und was wir in den Medien und Videospielen erblicken, ist lediglich ihre Widerspiegelung. Gewalt ist kein amerikanisches Vorrecht, selbst wenn das Argument angeführt werden kann, dass die Waffengewalt besonders stark in diesem Land grassiert. Es trifft zu, dass die USA zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen, aber Heimstatt von rund 35 – 50 Prozent der Gewehre in zivilem Besitz sind und damit die globale Geographie der Feuerwaffen und jegliche Vergleiche sprengen. Es ist wahr, dass das Verhältnis von Haushalten mit und ohne Schusswaffen in den USA rund 88 zu 100 beträgt und damit höher ist als in Jemen, das auf den zweiten Platz kommt. Noch halten Länder wie Jamaica und Puerto Rico die Spitzenposition in der Zahl der Morde durch Schusswaffen. 42 Prozent der Morde, die auf unserem Planeten vorfallen, geschehen in einem Teil der Welt, in dem nur acht Prozent der Weltbevölkerung lebt: Lateinamerika. Dies soll nicht die Verbreitung der Gewalt in den Vereinigten Staaten verharmlosen, sondern vielmehr ein Schlaglicht darauf werfen, dass im Kontext der gegenwärtigen Periode die Gesellschaft eine gefährliche „Kultur“ des Misstrauens und der Furcht vor den Mitmenschen sowie eine Neigung zum „Jeder-für-selbst“ entwickelt, in welcher der Mord, nicht die menschliche Solidarität, zur „Lösung“ von Differenzen wird.
Dies ist die Wurzel der Waffenobsession von Adam Lanzas Mutter und ihrer Praxis, ihre beiden Kinder, einschließlich Adam, zum Schießstand mitzunehmen. Nancy Adams war eine Überlebenskünstlerin. Die Ideologie, die den Survivalismus unterfüttert, ist die Ideologie des „Jeder-für-sich“ in einer vor- und postapokalyptischen Welt. Sie predigt Autarkie oder vielmehr das Überleben des Einzelnen und stützt sich auf Waffen als Instrumente für den individuellen Schutz und für die Aneignung von lebenswichtigen und mangelnden Ressourcen. In Vorbereitung auf den Zusammenbruch der US-amerikanischen Wirtschaft, von dem sie überzeugt sind, horten die Survivalisten Waffen, Munition, Nahrungsmittel und bringen sich selbst bei, wie man in der Wildnis überlebt. Dieser Typus von Gesellschaftspsychose mag auch von den jüngsten esoterischen Vorhersagen über das angebliche Ende der Welt am 21. Dezember, mit dem Ende des Maya-Kalenders, dem viele Survivalisten folgten, verstärkt worden sein. Ist es so abwegig, dass sich Adam Lanza von dieser „No future“-Stimmung überwältigt gefühlt hat? Oder dass er Kinder als künftige Konkurrenten um die knappen Ressourcen wahrgenommen hat, die es zu eliminieren galt?
Als diese Zeilen verfasst wurden, war weniger als eine Woche seit dem Newtown-Massaker verstrichen. Das anfängliche Gelöbnis von Präsident Obama („Diesmal müssen den Worten Taten folgen“) und sein Schwur: „In den kommenden Wochen werde ich meine Macht im Amt (...) zu Bemühungen nutzen, die darauf abzielen, weitere Tragödien wie diese zu verhindern“ erweist sich bereits jetzt als das, auf was es in Wahrheit stets hinausläuft: auf ein politisches Armdrücken zwischen zwei Fraktionen der herrschenden Klasse, die sich so ziemlich in jedem gesellschaftlichen Thema in den letzten zehn Jahren an die Gurgel gegangen waren. Die Kluft zwischen ihnen ist so tief, dass nicht einmal ein Massaker dieses Ausmaßes zumindest für ein Minimum an Anstand in ihren Tiraden über Waffenkontrolle und die Pflege von Geisteskranken sorgen kann. Die National Rifle Association ihrerseits drückt einen Anfall von Paranoia und eine totale Irrationalität aus, wenn sie vorschlägt, dass vor jeder Schule in Amerika ein bewaffneter Beamter stehen solle, denn „ein schlechter Mensch kann nur von einem guten Menschen gestoppt werden“. Die Schulen sind ohnehin auf dem besten Weg zu ausgewachsenen Knästen, und dies schon seit Jahren. Dieser Irrsinn zeigt nicht nur den Bankrott der rechten Ideologie, sondern auch ihre Ansteckung durch den Zerfall: In einer Gesellschaft, die keine brauchbaren Antworten und Lösungen für ihre Probleme mehr anbieten kann, besteht für den Einzelnen die einzige Möglichkeit darin, gegen alle anderen zu sein. Führende Republikaner aus dem Repräsentantenhaus, die den Verlust der Unterstützung durch die NRA fürchten, haben bereits ihre harte Opposition gegen neue Beschränkungen beim Kauf von Schusswaffen und Munition formuliert und damit die Bühne bereitet für eine weitere Schlacht in der Legislative und für eine Verschleppungstaktik in den Sitzungen über das Second Amendment. Es ist überdeutlich, dass es der herrschenden Klasse, gleich wie besorgt sie sich gibt, nicht um das Wohlergehen oder die Sicherheit der Bevölkerung geht, sondern vielmehr um ihre eigenen politischen Absichten. Die Linke bietet das Ammenmärchen an, dass, sobald sich die Rechte vernünftig und flexibel zeigt, es möglich sein werde, bedeutende und effektive Gesetze zu verabschieden, die sich den Bedürfnissen der psychisch Kranken besser widmen. Es werde auch möglich sein, das tägliche Blutvergießen, das durch den Gebrauch von Schusswaffen verursacht wird, zu reduzieren, wenn nur die Rechten überzeugt werden könnten. In diesem Märchen ist die Tatenlosigkeit in der Frage der Schusswaffengewalt in Amerika das Ergebnis der abgebrühten Haltung der Rechten. Es ist jedoch eine traurige Tatsache, dass sich bereits so viele Schusswaffen im Privatbesitz von Amerikanern befinden, dass jegliche neue Restriktionen letztendlich nichts ausrichten können, um die Gewalt zu kontrollieren. Dies zeigte sich bereits in den acht Jahren zwischen 1996 und 2004, als nach der Schießerei in der Columbine High School Sturmgewehre verboten waren. Auch wenn die National Rifle Association in jüngster Zeit einigen Einfluss eingebüßt hat und ihre Opposition etwas weniger schwer zu überwinden ist, scharren Republikaner bereits mit den Hufen, um eine lange und heftige Schlacht zu organisieren. Und selbst wenn es weniger Animositäten zwischen beiden Fraktionen der herrschenden Klasse in den USA gab, so sind die von der Administration vorgeschlagenen Änderungen so ausreichend wie ein Teelöffel zur Abschöpfung einer Flut. In ihrem ekelerregenden politischen Eigeninteresse manipuliert die zurzeit an der Macht befindliche Fraktion den Schrecken, den das Gemetzel an der Sandy Hook-Grundschule ohnehin bewirkte, um die gegnerische Fraktion zu schwächen und um als Verteidiger des sozialen Sicherheitsnetzes anerkannt zu werden bzw. als fest entschlossen zu gelten, Vorsorgemaßnahmen jedermann zugänglich zu machen. Die Rechte ihrerseits schlägt vor, den Repressionsapparat zu stärken, so dass jeder, der als potenziell gefährlich gilt, eingesperrt werden kann. In ihrer Vorstellung sind die Schulen Gefängnisse, in denen LehrerInnen als Aufseher und Polizisten an einem öffentlichen Platz fungieren, der verriegelt gehört.
Es ist nur zu natürlich, Horror und Bestürzung angesichts des Angriffs auf unschuldige Kinder zu empfinden. Es ist nur zu verständlich, nach möglichen Erklärungen für etwas, das offenkundig völlig irrational ist, Ausschau zu halten. Dies drückt ein tief empfundenes Bedürfnis aus, uns selbst zu beschwichtigen, dass wir zumindest eine gewisse Kontrolle über unser eigenes Schicksal ausüben, dass die Menschheit aus dieser endlosen und immer extremeren Spirale der Gewalt ausbrechen kann. Doch die herrschende Klasse kann die gegenwärtigen Emotionen in der Bevölkerung durchaus verwerten und die Bedürfnisse nach Vertrauen manipulieren, um sie in dem Mythos zu kanalisieren, demzufolge der Staat willens und fähig sei, die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Revolutionäre müssen dagegen laut und deutlich bekräftigen, dass es vielmehr die fortgesetzte Existenz der Klassengesellschaft und Klassenherrschaft sowie das Hinausschleppen der kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse sind, die allein für die exponentielle Zunahme irrationaler Verhaltensweisen und für die offenkundige Unfähigkeit verantwortlich sind, diesen Trend umzukehren.
Ana, 21. Dezember 2012 (Übersetzung aus dem Amerikanischen)
Es ist immer schwierig und unklug, exakte Vorhersagen über die Entwicklung der internationalen Lage zu machen, insbesondere wenn die imperialistischen Spannungen und Konflikte einen immer irrationaleren und chaotischeren Charakter annehmen. Aber eins kann man mit einiger Sicherheit sagen, unabhängig davon, ob das Regime stürzt oder nicht: Am Ende wird es noch mehr Konflikte, noch mehr Blutvergießen geben. Der Krieg in Syrien wird sich weiter zuspitzen und über die Landesgrenzen ausdehnen. Schon jetzt tragen „ausländische Kräfte" beträchtlich zur Dynamik, zu weiterem Blutvergießen und größerer Instabilität bei. Auf der einen Seite Russland, Iran, China und Hisbollah, die das Assad-Regime unterstützen; auf der anderen Seite ein ganzer Haufen unterschiedlicher Interessen, Rivalitäten und potenzieller Konflikte: die Türkei, die Golfstaaten, Frankreich, Großbritannien, die USA, Deutschland, Jordanien, Ägypten, um nur die Hauptspieler zu nennen, die die verschiedenen „Rebellengruppen" und „Fraktionen" manipulieren. Zudem kommen noch al-Qaida im Irak, die Kurden und die verschiedenen palästinensischen Gruppierungen hinzu. Die Interventionen all dieser großen und kleinen imperialistischen Gangster bringen für die lokale Bevölkerung nur Unheil und für die Region noch mehr Instabilität.
Schon seit Monaten sagen verschiedene „Experten“ den Sturz des Assad-Regimes voraus. Wir sind keine Militärexperten und können uns nicht auf lokale Quellen stützen, aber niemand kann mit Bestimmtheit sagen, dass der Sturz Assads unmittelbar bevorsteht. Am 6. Januar hielt Assad in Damaszener Opernhaus eine Rede, die als „Friedensplan" gepriesen wurde, in Wirklichkeit aber ein Aufruf an sein Militär war, den Krieg noch intensiver zu führen. Assad scheint entschlossen zu sein, um jeden Preis an der Macht festzuhalten, auch wenn er eine Politik der „verbrannten Erde“ praktizieren muss. Zwar gerät er immer mehr unter Druck; doch je wahrscheinlicher sein Sturz erscheint, desto stärker werden jene Kräfte und Gruppen in seine Arme getrieben, die befürchten müssen, dass eine Übernahme der Macht durch die Rebellen, unter denen die sunnitischen Fundamentalisten beträchtlich an Einfluss gewonnen haben, zu Pogromen gegen sie führen wird - die Alawiten, Christen, Drusen, Schiiten.
Was von den Protesten, die vor 18 Monaten ausgebrochen waren, übrig geblieben ist, ist zerschlagen worden. Assads Militär scheint im Allgemeinen die Kontrolle über den dicht-bevölkerten Südwesten, auch über die wichtigste Nord-Süd-Verbindung und die Mittelmeerküste zu haben. Zwar hat die Opposition einige Basen erobert, doch kontrolliert das syrische Militär weiterhin Stützpunkte im ganzen Land, von denen aus es mit seinen Hubschraubern und Kampfflugzeugen die von den Rebellen kontrollierten Gebiete angreifen kann, so dass es kaum zu Geländegewinnen für die Rebellen kommt.
Ein anderer Aspekt der Rede Assads, der sich nicht an seine Truppen wandte, war das Angebot an die syrischen Kurden, ihre Stellung zu stärken, um sich so ihrer Unterstützung gegen seine eigenen Feinde zu sichern. Aber der Hauptunterstützer des Regimes ist und bleibt weiterhin Russland, das trotz einiger diplomatischer Seitenhiebe gegen seinen Schützling (die vom Westen aufgebauscht wurden) auf absehbare Zeit weiterhin voll und ganz hinter dem Regime steht. Genau wie der Iran muss es sich unbedingt an ihm festhalten, und dazu muss es schweres Geschütz aufgefahren. Wie The Guardian am 24.12.12 berichtete, werden die ausgeklügelten Raketenabwehrsysteme, die sich in Syrien befinden, von russischen Militärberatern und Mannschaften bedient, was die Durchführung einer vom Westen aufgezwungenen „Flugverbotszone" und die allgemeine Lage noch komplizierter macht. Diese Abwehrmaßnahmen wurden nach dem israelischen Militärschlag gegen den Atommeiler in Al-Kibar im Jahre 2007 und noch einmal zu Beginn des ursprünglichen Volksaufstandes in Syrien im März 2011 verstärkt: "Die Luftverteidigungsstreitkräfte umfassen zwei Divisionen und ca. 50.000 Soldaten, doppelt so viel wie Gaddafis Truppen, mit Tausenden von Flugabwehrkanonen und mehr als 130 Flugabwehrraketenbatterien". Die Stationierung von russischen S-300 Langstreckenraketen wurde in Betracht gezogen, aber noch nicht bestätigt. Russland unterhält seinen größten elektronischen Horchposten außerhalb des eigenen Territoriums in Latakia und hält einen Marinestützpunkt in Tartus am Mittelmeer. Der russische Imperialismus wird das gegenwärtige syrische Regime und die von ihm gelieferten Anlagen nicht so schnell aufgeben.
Anders als in Libyen war Deutschland schnell zum Eingreifen und zur Stationierung von Patriot-Raketen und Bedienmannschaften an der türkischen Grenze bereit. Ihm folgten die USA, die Niederländer und die Norweger unter dem Schirm der NATO. Die NATO versteckt sich hinter dem Vorwand, sein Mitglied, die Türkei, die selbst immer aggressiver auftritt, zu beschützen. Somit werden amerikanische und europäische Kräfte, mit all den Differenzen unter ihnen selbst, direkt in eine Konfrontation nicht nur mit syrischen Kräften, sondern auch mit iranischen und russischen Interessen verwickelt, deren respekteinflößende Militärkräfte Ersteren Rückendeckung geben. Deutschland verficht zunehmend seine eigenen imperialistischen Ambitionen, auch wenn es damit Russland vor den Kopf stößt. Auch zwischen Großbritannien, Frankreich, die bei der Förderung der Oppositionskräfte an vorderster Front stehen, und den USA, scheint es Rivalitäten zu geben, die in diplomatischen Kreisen ihren Ausdruck finden, wobei die Letztgenannten nun, wo das Problem der „Fiskalklippe“ zeitweise aufgeschoben worden ist und die neuen Chefs des Außenministeriums und der Sicherheitsdienste von der Obama-Clique in ihre Ämter eingeführt worden sind, eine freiere Hand haben. Die Ernennung Chuck Hagels zum Pentagonchef und die Beförderung des „Terrorismus-Beraters" John Brennan an die Spitze der CIA verheißt nicht nur eine Zunahme der geheimen Operationen, verstärkte Einsätze der "Spezialkräfte" und Drohnen gegen „Bodentruppen". Diese Personalien verheißen auch nichts Gutes für Israel. Hagel wurde von den Republikanern beschuldigt, gegenüber dem Iran zu nachgiebig zu sein und Israel nicht entschlossen genug zu verteidigen. Und Israel selbst? Die Destabilisierung Syriens ist das Letzte, was es will. Es plant nunmehr den Ausbau seiner Grenzanlagen auf den Golan-Höhen, um die Dschihadisten fernzuhalten, die in immer größerer Zahl nach Syrien strömen. Auch die jüngste Annäherung zwischen den ägyptischen und iranischen Geheimdiensten erfüllt neben Israel auch die Vereinigten Staaten mit Sorge.
Neben Frankreich spielt Großbritannien eine führende Rolle in der Anti-Assad-Front. Um die diskreditierte Opposition des Syrischen Nationalrates wiederaufzubauen und im unmittelbaren Anschluss an eine Konferenz in Doha, Katar, wurden Ende November in London eine Reihe von Treffen zwischen verschiedenen Regierungsabteilungen mit Beteiligung von Militärs aus Frankreich, Jordanien, Türkei, Katar und den USA abgehalten, um eine allgemeine Strategie auszuarbeiten und den syrischen „Revolutionären" bei ihrer Reorganisierung zu helfen. (1) Offiziellen Angaben zufolge hat allein Großbritannien den Rebellen seit Oktober 2012 Hilfe im Umfang von 57 Millionen Pfund Sterling geliefert. Dies beinhaltet natürlich nicht die gewaltigen Summen, die für Untergrundaktivitäten, Logistik und heimliche Provisionen ausgegeben wurden. Die britische Armee hat unter der Leitung von General David Richards Notfallpläne zur Unterstützung der syrischen Rebellen von der See und aus der Luft erstellt, aber in Anbetracht der o.g. Schwierigkeiten würde dies zu einer beträchtlichen Vergrößerung der Kalamitäten führen. Eines steht allerdings fest: Viele der aus Afghanistan abgezogenen britischen Soldaten werden in der Golf-Region stationiert, um die britischen Stützpunkte und Marinebasen in Bahrain und die Kräfte in Katar und in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu verstärken. Auch mit Jordanien hat Großbritannien „enge taktische Beziehungen gebildet". Und obgleich es amtlicherseits eine Menge Geheimniskrämerei um die Frage gibt, gibt es keinen Zweifel an der wachsenden Unterstützung Großbritanniens für die Muslimbruderschaft, die in der syrischen Opposition und in der ganzen Region (nicht zuletzt in Ägypten) sehr umtriebig ist. Großbritannien hat zusammen mit anderen westlichen Protagonisten das Thema eines möglichen Chemiewaffeneinsatzes durch Syrien in den Medien hochgespielt, um sich ein mögliches Motiv für ein direktes Eingreifen zu verschaffen. Aber selbst wenn es zur Intervention kommt, würde dies zu einem noch blutigeren Fiasko führen.
Die alte syrische Opposition des Syrischen Nationalrates mit ihrem langjährigen Exildasein und ihren Verbindungen zur CIA und zum US-State-Department hatte ihre Glaubwürdigkeit völlig verloren. Die neue Opposition, der „Syrische Nationalrat der oppositionellen und revolutionären Kräfte", wird jetzt als „legitimer Repräsentant des syrischen Volkes" anerkannt. Die im letzten November auf einer Konferenz in Doha gebildete und am 12. Dezember auf einem Treffen in Marokko konsolidierte, neue Gangsterbande, die das Netzwerk der Freien Syrischen Armee ins Abseits drängte und die seitdem von mehr als hundert Ländern anerkannt wurde, spiegelt viele Probleme der gegenwärtigen Lage wider, einschließlich der Fraktionskämpfe zwischen den Großmächten Frankreich, Großbritannien, den USA und Deutschland und der Tatsache, dass Syrien eine begehrte, strategische Region ist. Der umstrittenste Aspekt der neuen Opposition sind ihre fundamentalistischen Anleihen, die wieder mal deutlich machen, dass der Westen mit dem Feuer des „heiligen Krieges" spielt. Die Opposition selbst spiegelt den Charakter ihrer Herren in Saudi-Arabien, Katar und den anderen Golfstaaten wider, wo sunnitische Führer radikale, auf religiösen Auffassungen fußende Ideologien propagieren und schon seit geraumer Zeit Ressentiments gegen den Westen verbreiten. Diese Regimes, die genauso autokratisch und bösartig sind wie Assad, haben keine Zeit für den „Demokratisierungsprozess", den die USA ihnen aufzwingen wollen. Dies stellt eine weitere Spaltung unter den so genannten „Freunden Syriens" dar.
Von überall her strömen Dschihadisten nach Syrien; sie gehören meist verschiedenen, untereinander verfeindeten Fraktionen aus unterschiedlichen Ländern an. Einige sind von den Nachrichtendiensten der USA und Großbritanniens, andere von den Golfstaaten eingeschleust worden, eine Menge handelt auf eigene Faust; sie kommen aus Ländern wie Libyen, Tunesien, dem Balkan, Saudi-Arabien, Ägypten und dem Irak. Die brutalste, bestorganisierte und wirkungsvollste Gruppe ist die Jahbar al-Nusra. Diese Truppe wurde vom US-State-Department am 10. Dezember als „ausländische terroristische Organisation" bezeichnet. Trotz Zusagen gegenüber den USA, mit diesen Leuten zu brechen, „wird die Koordination der Kampfhandlungen vor Ort fortgesetzt. Deshalb stand der stellvertretende Außenminister der USA in Marrakesch isoliert da, als er al-Nusra als eine terroristische Organisation bezeichnete. Die Vertreter Großbritanniens und Frankreichs schwiegen, genauso wie die EU." (The Guardian, 18.12.2012). Wir haben das letzte Zitat wegen der deutlichen Spaltungen erwähnt, die es zwischen diesen Ländern und den USA aufzeigt. Der Führer der neuen syrischen Opposition, Muaz al-Khatib, hat gar die USA über die Verdienste von al-Nusra und die Tugenden des Märtyrertums belehrt. Auch die Muslimbruderschaft hat die US-Entscheidung als „falsch und überstürzt" verurteilt. Al-Nusra, die die Kämpfe in Aleppo und in den Vororten von Damaskus sowie die Erstürmung der Scheich-Suleiman-Basis im Norden an vorderster Front angeführt hatte, gehört zur Phalanx der al-Qaida. Sie hat wahllos alle Nicht-Sunniten, Militärs oder Zivilisten, zu ihrem Ziel auserkoren. In Syrien zeichnet sich ein Abkommen der Sunniten mit ihnen ab, das von der Muslimbruderschaft und den Salafisten bis auf Weiteres mit getragen wird. Die Golfstaaten unterstützen, mit Großbritannien und Frankreich als stillschweigende Partner, alle drei. Man ging seit langem davon aus, dass al-Qaida im Irak, die expandierende sunnitische Terroristenorganisation, sich in Syrien einmischen würde. Und nun hat sie es getan und steht an vorderster Front. Der Führer von al-Nusra, Abu Du'a, ist gleichzeitig der Emir von al-Qaida im Irak.
Wir haben noch nicht die Kurden erwähnt, die ebenfalls eine Hauptrolle auf dem imperialistischen Schachbrett in und um Syrien spielen. Genau wie al-Qaida aus dem Irak nach Syrien gekommen ist, so bilden nun irakische Kurden syrische Kurden für Kampfhandlungen aus. Dies allein eröffnet die Aussicht auf einen breiteren Konflikt mit sektiererischen Streitigkeiten, Pogromen und ethnischen Konflikten unter Menschen, die bislang friedlich nebeneinander gelebt hatten. Die Arbeiterklasse existiert zuhauf in dieser Region, doch sie ist zu schwach und durch diesen Konflikt, der - weit entfernt davon, eine „Revolution“ zu sein - ein blutiger imperialistischer Krieg ist, weiter geschwächt worden. Zehntausende Tote, Hunderttausende Verletzte und Traumatisierte, möglicherweise Millionen Flüchtlinge und unzählige Menschen, die wegen des Hungers und der mangelhaften medizinischen Hilfe sterben. Je mehr unmittelbare Erfolge die „Rebellen" erzielen, desto mehr fallen sie übereinander her: Plünderungen in Aleppo zum Beispiel, Anschläge und gegenseitiges Morden wegen der Beute. Während das Regime seine Form von Tod und Verderben verbreitet, hat sich die Opposition mit ihren eigenen Gräueltaten, Enthauptungen und Massaker schadlos gehalten. Dieses imperialistische Schreckgespenst als „Revolution" zu bezeichnen, wie es die Socialist Workers Party (SWP) getan hat, ist obszön, aber es ist nicht das erste Mal, dass solche Gruppen den islamistischen Fundamentalismus für die eigenen Ziele unterstützt haben – genauso wie die britische Regierung. Baboon, 9.1.2013
Wie kann man solch ein Paradox erklären? Die herrschende Klasse bietet als Erklärung an, dieses Phänomen sei auf eine „Erschöpfung der Ressourcen“[2] und auf das „Bevölkerungswachstum“[3] zurückzuführen.
In Wirklichkeit ist der chronische Lebensmittelmangel eine Ausgeburt des kapitalistischen Systems, der Profitgesetze, und eine Absurdität angesichts der Überproduktion von Waren. Letztere hat völlig irrationale und skandalöse Folgen, die die Herrschenden tunlichst verschweigen: die Verschwendung.
Laut Le Monde hat jüngst eine Untersuchung ergeben, dass „30 bis 40% der vier Milliarden Tonnen Lebensmittel, die jedes Jahr auf der Erde produziert werden, nie auf einem Teller landen“[4]. Da diese Untersuchung die tieferliegenden Wurzeln der Verschwendung nicht ansprechen kann, ohne den Kapitalismus infrage zu stellen, und stattdessen hervorhebt, dass die Verbraucher in Europa und den USA selbst das Essen auf den Müll werfen, bleibt sie an der Oberfläche stehen. Sie zieht nämlich die Schlussfolgerung, dass solch ein Verhalten auf die Verpackung der Produkte und deren Marketing zurückzuführen sei (zum Beispiel Sonderangebote wie „Zwei zum Preis für eins“). Die Untersuchung wagt nicht auszusprechen, dass die Verschwendung vor allem durch die Überproduktion und die Suche nach kurzfristigem Profit hervorgerufen wird. Sie bezichtigt die Industrie, „unzureichende Infrastruktur und wenig leistungsfähige Lagermöglichkeiten am Ende der Produktionskette“ zu Verfügung zu stellen. Aus denselben Gründen „werden bis zu 30% des angebauten Gemüses in Großbritannien nie geerntet.“ Oft wird die Produktion bewusstvernichtet, damit die Preise der Waren nicht ins Bodenlose fallen. Beispielsweise kippen Produzenten, die ihr Obst oder Gemüse nicht verkaufen können, einfach Benzin darüber, um es zu vernichten, und versuchen auf diese Weise, dem drohenden Preisverfall entgegenzuwirken.
In den so genannten „Entwicklungsländern“ gibt es das gleiche Phänomen in viel größerem Maße und - was noch schwerwiegender ist - schon zu Beginn der Produktionskette, „zwischen dem Feld und dem Markt aufgrund der mangelnden Transportkapazitäten vor Ort“, was zu kolossalen Verlusten führt. Die „Mängel“ sind dergestalt, dass „in Südostasien (…) der Verlust an Reis zwischen 37% und 80% der gesamten Produktion betragen kann, je nach Entwicklungsstadium des Landes; zum Beispiel beträgt er in China 45% und in Vietnam 80%“.
Der Bericht weist auch auf eine weitere düstere Wirklichkeit hin: „Dieser Verlust beschränkt sich nicht auf den Abfall, der durch die nicht-verbrauchten Lebensmittel entsteht. Die Verschwendung ist auf allen Ebenen der Produktionskette erkennbar, bei der Nutzung der Erde, des Wassers, der Energie. Ungefähr 550 Milliarden Kubikmeter Wasser gehen verloren; sie werden zur Bewässerung von Anbauflächen verwendet, deren Ernten nie beim Verbraucher ankommen.“
Den Verfassern dieser Untersuchung zufolge würde eine rationelle Ausnutzung der bestehenden Ressourcen ermöglichen, dass „60 bis 100 Prozent Lebensmittel zusätzlich ohne eine Erhöhung der Produktion angeboten werden könnten, wobei gleichzeitig zusätzliche Böden zur Verfügung stünden und der Energieverbrauch gesenkt werden könnte.“ Wir behaupten hier klipp und klar: Der „gesunde Menschenverstand“ kommt im kapitalistischen System nicht zum Zuge! Das Problem besteht nicht in einem mangelnden Willen oder mangelnden Fähigkeiten. Es besteht vor allem in den Widersprüchen eines Wirtschaftssystems, das nicht produziert, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern für den Markt, um Profite zu erzielen. Das ist die Ursache all dieser verrückten Absurditäten, der Anarchie und des ganzen Wahnsinns.
Nehmen wir unter den vielen Beispielen eines der skandalösesten: Da die Kinder in der Region südlich der Sahara an Hunger leiden (während übrigens in Europa die Einführung von Milchquoten und die Brachlegung von Agrarflächen praktiziert wird), betteln karitative Organisationen und NGOs Gelder in öffentlichkeitswirksamen und Schuldgefühle verursachenden Kampagnen für die Finanzierung von Lagerbeständen von Milchpulver für hungernde Kinder. Die Crux aber ist, dass diese notleidenden Kinder nichts mit dem Milchpulver anfangen können, weil ihnen kein brauchbares Trinkwasser zur Verfügung steht...
Das kapitalistische System ist eine überholte Produktionsform, die mit zerstörerischen Kräften gegen die Zivilisation ausgestattet ist. Es erzeugt all die tödlichen Triebe und aktiviert sie. Seine Widersprüche rufen die größten Tragödien hervor und verschlimmern irrationales und antisoziales Verhalten. Hungersnöte und Verschwendung, Armut und Arbeitslosigkeit, Kriege sind die typischen Erscheinungsformen dieses Systems. Doch in seinem Schoß wächst auch seine Negation, sein eigener Totengräber heran, die Arbeiterklasse, jene der Zukunft zugewandten Ausgebeuteten. Nur sie können diesem verfaulten System ein Ende bereiten. Mehr als je zuvor gilt die Alternative „Sozialismus oder Barbarei“. WH, 1.1.2013,
[2]Jede Lüge stützt sich bis zu einem gewissen Grad auf ein Fünkchen Wahrheit. Es gibt eigentlichen keinen Ressourcenmangel. Aber das kapitalistische System schafft Situationen, die zu einer massiven Zerstörung derselben führen.
[3]2050 werden voraussichtlich ca. neun Milliarden Menschen den Planeten bewohnen.
[4]Global Food Waste (Institute of Mechanical Engineers (IME), Januar 2013.
Während die angeblichen „arabischen Revolutionen“ ihren zweiten Jahrestag feiern, verdeutlichen die Aufstände und Massendemonstrationen der letzten Wochen und Monate in Ägypten und Tunesien, dass die Ablösung der Diktatoren Ben Ali und Mubarak nichts gelöst hat. Im Gegenteil, die wirtschaftliche Lage hat sich weiter verschlechtert, die Arbeitslosigkeit steigt weiter an, die Armut spitzt sich zu und die Angriffe gegen die Arbeiter wurden nochmals verschärft. Autoritäres Vorgehen der Regierungen, Gewalt, Repression stehen heute genauso auf der Tagesordnung wie bei den Vorgängerregimes.
Tunesien, wo der „arabische Frühling“ nach der Selbstverbrennung des jungen Mohamed Buazizi ausgelöst worden war, steckt mitten in einer tiefen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise. Die offizielle Arbeitslosigkeit beträgt 17 Prozent; seit Monaten häufen sich die Streiks in vielen Branchen wieder. Die Wut, die so offensichtlich und massiv in vielen Städten zum Ausdruck gekommen ist, kam nicht aus heiterem Himmel. Bereits im Dezember 2012 waren Jugendliche mit der Polizei in der Stadt Siliana zusammengestoßen, als sie gegen die Sparprogramme des Präsidenten Moncel Marzuki protestierten. Es kam in mehreren großen Städten und in der Hauptstadt zu Solidaritätskundgebungen gegen die Repression, bei denen 300 Menschen durch Schüsse verletzt wurden. Der tunesische Präsident erklärte damals in Anbetracht der wachsenden sozialen Spannungen: „Es gibt nicht nur ein Siliana. Ich befürchte, dass sich solche Ereignisse in anderen Regionen wiederholen werden.“ Und die Ermordung des Oppositionspolitikers Chokri Belaïd hat jüngst erneut die Bevölkerung auf die Straße getrieben. Zu seinem Begräbnis waren mehr als 50.000 Menschen gekommen, die eine „neue Revolution“ und „Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit“, die Hauptforderung von 2011, forderten. In einem Dutzend anderer Städte wurden neben Polizeiwachen und einem Polizeikommissariat in Tunis Büros der regierenden islamistischen Ennahda angegriffen. Die Armee wurde eingesetzt, um gegen die Massen in Sidi Buzid, wo die „Jasminrevolution“ vor zwei Jahren begonnen hatte, vorzugehen.
Um die Lage zu beruhigen und die Bewegung wieder einzudämmen, hat die Gewerkschaft UGTT (Union générale de Tunisie) zu einem Generalstreik aufgerufen, dem ersten seit 35 Jahren, während die Regierung den Anschein einer „Erneuerung“ der Politik erwecken wollte, als sie für den kommenden Juni Neuwahlen ankündigte. Gegenwärtig scheinen die Spannung wieder nachgelassen zu haben, aber es kann keinen Zweifel geben, dass die Wut weiter zunehmen wird, zumal die Zusage eines Kredits durch den IWF neue drastische Sparbeschlüsse nach sich ziehen wird.
In Ägypten ist die Lage nicht besser. Das Land ist zahlungsunfähig. Im vergangenen Oktober hat die Weltbank einen Bericht veröffentlicht, in der sie ihre Sorge über die zahlreichen Streiks äußerte. Allein in den ersten beiden Septemberwochen 2012 gab es 300 Streiks, ein Rekord. Ende des Jahres gab es eine Vielzahl von regierungsfeindlichen Demos, insbesondere gegen das von den Muslimbrüdern organisierte Referendum zur Legitimierung ihrer Macht, und nach dem 25. Januar, dem zweiten Jahrestag des Beginns der „ägyptischen Revolution“ haben die Proteste noch zugenommen. Jeden Tag protestierten Tausende Demonstranten gegen die Verschlechterungen der Lebensbedingungen, die von der neuen Regierung durchgesetzt wurden, und immer wieder wurde der Rücktritt Mursis verlangt.
Die Verkündung des Todesurteils für 21 Fußballfans des Clubs al-Masri aus Port-Saïd am 26. Januar, die am Drama nach dem Ende des Spiels am 1. Februar 2012 beteiligt gewesen sein sollen (damals waren 77 Personen zu Tode gekommen [1]), war der Anlass für eine Welle der Gewalt. Die friedlichen Kundgebungen, zu denen die Nationale Heilsfront, die Hauptoppositionskraft, aufgerufen hatte, arteten in veritable Straßenschlachten aus. Am Abend des 1. Februars lieferten sich Tausende Demonstranten auf dem Tahrirplatz und vor dem Präsidentenpalast eine Schlacht mit den Ordnungskräften. Am 2. Februar warfen Tausende Steine und Molotowcocktails gegen den Präsidentenpalast. Innerhalb einer Woche wurden mehr als 60 Menschen getötet, darunter 40 in Port-Saïd. Ein Video, in dem ein nackter Mann von der Polizei misshandelt wurde, hat die Wut der Demonstranten noch einmal gesteigert. Trotz des zwischenzeitlich vom Regime ausgerufenen Ausnahmezustandes haben in Städten entlang des Suez-Kanals wieder Proteste stattgefunden. Ein Demonstrant schrie: „Wir protestieren jetzt auf der Straße, niemand kann uns das Wort verbieten (…), wir werden vor der Regierung nicht auf die Knie gehen.“ In der Stadt Ismaïlia wurden neben Demonstrationen auch Fußballspiele von den Einwohnern organisiert, um gegen die Ausgangssperre zu protestieren; auch hier wurde das Büro der Muslimbruderschaft in Brand gesteckt.
In Anbetracht des Ausmaßes der Wut, die sich in der Bewegung artikulierte, haben Polizisten, die um ihr eigenes Leben fürchten, am 12. Februar in zehn Provinzen des Landes demonstriert und von der Regierung verlangt, nicht als Repressionsinstrument bei den Tumulten, die das Land erschüttern, eingesetzt zu werden.
Überall auf den Demonstrationen hört man Rufe wie „Ennahda, hau ab!“, „Mursi - Rücktritt!“, wie vor zwei Jahren, als die Menschen skandierten: „Ben Ali, hau ab“, „Mubarak - Rücktritt!“. Aber während Anfang 2011 noch bei vielen Menschen Hoffnung auf eine Änderung, auf die Eröffnung eines Königswegs zu „demokratischen“ Freiheiten aufkeimte, breiten sich heute Desillusionierung und Wut aus. Im Grunde drückt sich immer noch die gleiche demokratische Illusion aus, die tief in den Köpfen verankert ist. Sie wird natürlich durch die gegenwärtige ideologische Propaganda um den religiösen Fanatismus weiter angeheizt, der als Hauptverantwortlicher für die Repression und die Morde angeprangert wird, womit in Wirklichkeit die Kontinuität des Repressionsapparates der Herrschenden verschleiert wird. Dies wurde in Ägypten und Tunesien sehr deutlich, wo die Herrschenden schamlos alle Repressionsmittel aufboten, während sie gegenüber den Arbeiterstreiks vorsichtiger taktieren mussten. Illusionen erfordern immer einen hohen Preis und machen oft Blutbäder erst möglich. Nach dem Abgang der „laizistischen“ Präsidenten sind nun die religiösen Machthaber angetreten, die mit „demokratischen“ Mitteln eine andere Diktatur erzwingen wollen, die Diktatur der Scharia, auf die sich die ganze Aufmerksamkeit richtet. In Wirklichkeit aber handelt es sich um die gleiche alte Diktatur – die der Herrschenden und ihres Staates gegen die Bevölkerung. [2]
Dieselbe Frage stellt sich bezüglich der Möglichkeit der „Veränderung“ durch die Wahl der einen oder anderen Herrscherclique. Denn wie man erst kürzlich sehen konnte, haben solche Illusionen die Repression und die Explosion der staatlichen Gewalt erst ermöglicht. Dies trifft insbesondere auf jene Länder zu, die seit Jahrzehnten von rückwärtsgewandten bürgerlichen Fraktionen gelenkt wurden, unterstützt von den entwickelten Ländern, und wo es unmöglich war, irgendeine glaubwürdige alternative Regierungsmannschaft an die Macht zu bringen, die etwas Anderes als die Massakrierung der Bevölkerung anzubieten hätte. Der Fäulniszustand der Koalitionen in den beiden Ländern stinkt zum Himmel. Sie sind nicht in der Lage, ein halbwegs glaubwürdiges Wirtschaftsprogramm zu formulieren. Die Armut hat sich enorm schnell ausgeweitet und verschärft; die Agrarkrise und damit die Lebensmittelknappheit haben sich in einem bislang nie dagewesenen Maße verschärft. Es geht nicht darum, dass die Führer des Landes dümmer sind als anderswo; ihr Dilemma spiegelt die hoffnungslose Sackgasse wider, in der die herrschende Klasse dieser Länder steckt, eine Klasse, die über keinen wirklichen Handlungsspielraum mehr verfügt. Es spiegelt auch die Lage der gesamten Weltbourgeoisie und des kapitalistischen Systems als Ganzes wider, die der Menschheit nichts mehr anzubieten haben.
„Das Volk will eine andere Revolution“, riefen die jungen Arbeitslosen von Siliana.
Doch wenn „Revolution“ Regierungswechsel oder Regimewechsel heißt, um von neuen Kaziken der Macht verschlungen zu werden, oder Straßenkämpfe und Zusammenstöße mit dieser oder jener Fraktion der Herrschenden, mangelhaft organisiert gegenüber den von den Großmächten bewaffneten Scharfschützen des Militärs, dann bedeutet dies nichts anderes als Selbstmord.
Wenn die Bevölkerung in Ägypten und Tunesien erneut protestiert, geschieht dies auch, weil der Druck der Arbeiterklasse noch ziemlich stark ist, wie eine Reihe von Streiks 2011 deutlich machte. Die Arbeiterklasse darf sich durch all diese Illusionen, die besonders stark von den islamfeindlichen und/oder den pro- oder anti-liberalen Kräften unterschiedlichster Couleur verbreitet werden, nicht in die Irre führen lassen. Wenn die ArbeiterInnen ihre Streiks fortsetzen, ist dies ein Zeichen der potenziellen Kraft der Arbeiterklasse, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verteidigen, und man muss ihren großen Mut schätzen.
Doch solange diese Kämpfe isoliert bleiben, können sie keine wirkliche Perspektive bieten. Auch im Iran gab es vor rund 25 Jahren eine Reihe von Arbeiterrevolten und –streiks; auch sie stellten eine proletarische Machtdemonstration dar. Doch aufgrund ihrer nationalen Beschränktheit und in Ermangelung einer internationalen Perspektive aufgrund der Unreife der Arbeiterkämpfe weltweit blieben sie perspektivlos und wurden von den demokratischen Illusionen erstickt. Letztendlich wurde die iranische Arbeiterklasse in den Zusammenstößen zwischen den verschiedenen Flügeln der Herrschenden aufgerieben. Damals wie heute lastet auf den Schultern des westlichen Proletariats wegen seiner Erfahrung und seiner Zusammenballung die Verantwortung, eine wahre revolutionäre Perspektive zu bieten. Die Bewegung der „Indignados“ in Spanien sowie die Occupy-Bewegung in den USA und Großbritannien haben sich explizit als Fortsetzung der Bewegungen in Tunesien und Ägypten betrachtet, deren Mut und Entschlossenheit sie begrüßt hatten. Der Schlachtruf des „arabischen Frühlings“ („Wir haben keine Angst mehr“) sollte in der Tat der ganzen Weltarbeiterklasse als Ermutigung dienen. Aber nur wenn es zu Arbeiterversammlungen in den Zentren des Kapitalismus kommt, die sich gegen die Angriffe des Kapitals richten, kann eine Alternative entstehen, die wirklich die Überwindung der Ausbeutung in greifbare Nähe rücken lässt, welche uns in eine immer größere Armut und Barbarei treibt.
Die Arbeiterklasse muss ihr gesellschaftliches Gewicht in die Waagschale werfen, über das sie aufgrund ihrer Stellung in der Produktion verfügt, und vor allem wegen der Perspektive, die sie der ganzen Gesellschaft als Zukunft anbieten kann. Wenn die ArbeiterInnen in Ägypten und Tunesien sich durch die Schimären der bürgerlichen demokratischen Illusion nicht irreführen lassen wollen, dann müssen die ArbeiterInnen der zentralen Länder ihnen den Weg zeigen. Insbesondere in Europa haben die ArbeiterInnen die größte Erfahrung, was die Konfrontation mit den Kräften der bürgerlichen Demokratie und deren heimtückischen Fallen anbetrifft. Sie müssen auf diese historische Erfahrung zurückgreifen und ihr Bewusstsein vorantreiben. Indem sie ihre eigenen Kämpfe als revolutionäre Klasse entwickeln, kann es ihnen gelingen, die gegenwärtige Isolierung der verzweifelten Kämpfe, die in zahlreichen Regionen der Welt stattfinden, zu durchbrechen. Erst dann können wir die Möglichkeit einer neuen Welt für die ganze Menschheit ins Auge fassen.
1. Siehe unseren Artikel auf unserer Webseite
fr.internationalism.org/./drame_a_port_said_en_egypte_une_provocation_ policiere_pour_baillonner_la_revolte_populaire.html
2. Siehe den Artikel auf unserer Webseite
fr.internationalism.org/./egypte_un_changement_de_regime_n_est_pas_une _revolution.html
Wir veröffentlichen auf unserer Website einen Artikel, den wir im Jahr 1978 in der Internationalen Revue Nr. 2 - also 25 Jahre nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juli 1953 in der damaligen DDR – geschrieben und abgedruckt haben. Die stalinistischen Regime des Ostblocks, zu denen die DDR gehörte und mit denen die Arbeiterklasse in den massiven Kämpfen in Berlin und Ostdeutschland damals direkt konfrontiert waren, sind 1989 zusammengebrochen. Die kapitalistische Unterdrückung hat in diesen Ländern nach 1989 eine Wir veröffentlichen auf unserer Website einen Artikel, den wir im Jahr 1978 in der Internationalen Revue Nr. 2 - also 25 Jahre nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juli 1953 in der damaligen DDR – geschrieben und abgedruckt haben. Die stalinistischen Regime des Ostblocks, zu denen die DDR gehörte und mit denen die Arbeiterklasse in den massiven Kämpfen in Berlin und Ostdeutschland damals direkt konfrontiert waren, sind 1989 zusammengebrochen. Die kapitalistische Unterdrückung hat in diesen Ländern nach 1989 eine „demokratischere“ Form angenommen – die Lage der Arbeiterklasse ist die der Ausbeutung geblieben! Nur schon deshalb bleiben die fast vergessenen Kämpfe von damals auch heute, nach 60 Jahren, aktuell. Eine zentrale Frage blieb bei der Bilanz des Arbeiteraufstandes von 1953 das Problem großer Illusionen innerhalb der Arbeiterklasse selbst. Es manifestierte sich 1953 in der DDR vor allem in der Hoffnung, den Fall der verhassten Regierungsclique um Walter Ulbricht erwirken und sich so ein besseres Leben und mehr Demokratie schaffen zu können. Auch 27 Jahre später, während der Massenstreiks 1980 in Polen, stellte das Gewicht demokratischer Illusionen in den Reihen der Arbeiterklasse eine der größten Schwierigkeiten dar. Heute steht die Arbeiterklasse immer noch vor der Gefahr ähnlicher Illusionen: Dies haben wir unter anderem in Tunesien und Ägypten 2011 während des Falls der Regime von Ben Ali und Mubarak gesehen. Illusionen in die bürgerliche Demokratie zu überwinden, wird für die Arbeiterklasse weltweit eine der zähesten und permanenten Hürden im Klassenkampf sein. Nebst der Entdeckung eines weitgehend unbekannten oder von der Geschichtsschreibung oft komplett verzerrten Kapitels unserer Geschichte hoffen wir mit der Lektüre dieses Artikels auch einen Beitrag zum selbstkritischen Nachdenken über unsere eigenen Schwächen und Illusionen leisten zu können.
IKS, Frühling 2013
Einleitung von 1978
Der Text, den wir über den 17. Juni 1953 veröffentlichen, soll keine Gedächtnisfeier sein. Seit langem versucht die Bourgeoisie, die Gespenster zu beschwören, die sie während ihres Niedergangs quälen. Diese Gespenster sind die der proletarischen Revolution, der revolutionären Bewegungen, die sie niedergeschlagen hat, und deren schicksalhafte Rückkehr (wenn nicht in der unmittelbaren Gegenwart, doch zumindest in den „friedlichen“ Gedanken der herrschenden Klasse) sie befürchtet. Sie versucht dann ihre abergläubische Furcht vor den „Schicksalsdaten“ zu überwinden, indem sie das Ereignis auf ihre Art feiert und es ein zweites Mal begräbt. Das erste Mal setzt sie all ihre militärischen und ideologischen Kräfte gegen die Arbeiterklasse ein, die die Grundlage ihrer Klassenherrschaft bedroht; das zweite Mal verfälscht sie den Klasseninhalt des Kampfes und macht aus ihm einen gewöhnlichen Kampf für das „Vaterland“, die „Demokratie“, die „Freiheit“.
Das hat die Bourgeoisie im Osten wie im Westen noch einmal praktiziert; die einen machten aus dem Kampf der ostdeutschen Arbeiter einen Kampf gegen die „stalinistischen Exzesse“, die anderen einen Kampf für die „parlamentarische und pluralistische Demokratie“. Jede Fraktion der Weltbourgeoisie versucht noch einmal, das Proletariat von Ost-Berlin und Sachsen zu ermorden mit der Verfälschung, der Beschimpfung, der Transformation seines Kampfes mit dessen Verleugnung.
Die Revolutionäre machen aus dem Kampf des Proletariats kein Studien- oder Kultobjekt. Für sie ist dieser Kampf der Vergangenheit immer noch aktuell. Deshalb ist es keine Gedenkfeier ihrerseits, sondern einen Waffe für den zukünftigen Kampf, eine Anregung zur revolutionären Aktion. Die Ereignisse von 1953 sind unsere, weil sie ein Moment des historischen Kampfes des Proletariats für seine Emanzipation sind. Sie sind ein sicherer Beweis der kapitalistischen Natur der Ostländer, die die Trotzkisten als „sozialistisch“ bezeichnen. Sie sind der Beweis, dass die unerbittlichste Diktatur des Kapitals durch seinen totalitären Staat dem Klassenkampf kein Ende bereitet. Dieser wird bestehen, solange es eine Teilung der Gesellschaft in Klassen gibt und also die Ausbeutung. Das Proletariat hat gegen die Intensivierungsmaßnahmen der Ausbeutung reagiert und der stalinistischen und trotzkistischen Lüge des „Sozialistischen und Arbeiterstaates“ eine scharfe Antwort gegeben. Die Arbeiter in Ostdeutschland haben vor den Arbeitern in Ungarn 1956 und in Polen 1970 festgestellt, dass die Kugeln der Polizei und der Armee gleicher Natur waren wie die der Jahre 1918-20 von Berlin bis Budapest. Mit dem Aufstand der ostdeutschen Arbeiter hat der Mythos der „sozialistischen Staaten“ im Bewusstsein des Weltproletariats begonnen zusammenzubrechen.
Aber vor allem haben die ostdeutschen Arbeiter – trotz ihrer Niederlage – gezeigt, dass sie die einzige Kraft sind, die zur Zerstörung der kapitalistischen Ausbeutung fähig sind. Trotz ihrer Illusionen in den „demokratischen“ Westen – Gegenstück zur Mystifikation der eisernen Diktatur des kapitalistischen Staates im Osten – haben sie die Möglichkeit einer zukünftigen proletarischen Revolution im russischen Block bewiesen: durch die Entstehung von Streik- und Fabrikkomitees über das ganze Land innerhalb einiger Tage. Nur das Gewicht der siegreichen Konterrevolution konnte die Intervention der russischen Armee und die Isolierung des ostdeutschen Proletariats vom Westteil Deutschlands und der anderen europäischen Länder ermöglichen.
Heute ist die Periode der Konterrevolution, die den proletarischen Kampf isoliert, geschwächt und gedreht hat, zu Ende. Mai 68 hat gezeigt, dass das Proletariat in Europa nicht „integriert“ ist; die Arbeiterrevolten in Polen im Dezember 1970 und Januar 1971 haben gezeigt, dass der Klassenkampf weiterging und dass die Ereignisse von 1953 nicht zufällig oder das Produkt der „Stalinisierung“ dieser Länder waren. Die allgemeine Krise des Kapitalismus gibt den Arbeitern aller Länder im Westen wie im Osten einen Anstoß in ihrem Widerstand gegen die Ausbeutung.
Trotz aller Stimmen, die in Polen (KOR, Verteidigungskomitee der gefangenen Arbeiter), in der CSSR (Charta 77) den Arbeitern weis machen wollen, dass sie für die „freie Nation“ kämpfen sollten oder sich im „Volk“ verschmelzen, können sich die Arbeiter im Ostblock nur in den internationalen Kampf des Proletariats integrieren. Gestern isoliert, werden die Arbeiter aller Länder im revolutionären Kampf vereinigt und trotz aller „eisernen Vorhänge“ morgen zum Angriff übergehen.
Der Arbeiteraufstand von 1953
Am Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Regierungen aller Länder den Arbeitern Frieden und dauerhaftes Gedeihen verspochen. Heute, dreißig Jahre danach, befinden wir uns schon wieder inmitten einer internationalen Wirtschaftskrise, welche im Osten wie im Westen den Lebensstandard der Arbeiter massiv angreift. Angesichts eines wachsenden Mangels an Märkten, einer schwebenden Inflation, Massenarbeitslosigkeit und eines drohenden Bankrotts des Systems, ist der Kapitalismus gezwungen, sich auf einen weiteren Weltkrieg – das dritte globale Massaker gegenüber dem Proletariat in diesem Jahrhundert – vorzubereiten.
In der BRD schlägt die Bourgeoisie, vor allem aber ihre extremen Fraktionen (wie etwa die Maoisten, Trotzkisten und die Neo-Faschisten) ein vereinigtes, unabhängiges, demokratisches und sogar „sozialistisches“ Deutschland als Lösung für den „deutschen“ Teil der Weltkrise vor. Wir können die Bedeutung dieser „nationalen Unabhängigkeit“ und Einheit verstehen, wenn wir uns daran erinnern, dass die Bonner Regierung den 17. Juni und die Niederlage der ostdeutschen Arbeiter immer noch zum Feiertag der deutschen Einheit macht. Hier sehen wir wieder, dass die Einheit des Bürgertums auf den Knochen der Arbeiterklasse errichtet ist. In Wirklichkeit gibt es keine kapitalistische Lösung der Krise im dekadenten Kapitalismus, welcher in einen Teufelskreis der Krise – Krieg – Wiederaufbau – neue Krise usw. marschiert und damit fortsetzen muss, bis er die Menschheit endlich zerstört hat. Gerade weil der einzige Ausweg aus dieser Barbarei die proletarische Weltrevolution ist, ist es eine lebenswichtige Aufgabe der Revolutionäre, die vergangenen Erfahrungen und Kämpfe unserer Klasse zu untersuchen, so dass aus den Niederlagen von gestern und heute der Sieg von morgen wird.
Die sogenannt „sozialistischen Länder“ Osteuropas waren als Ergebnis der imperialistischen Aufteilung der Erdkugel durch den Zweiten Weltkrieg entstanden. Die Parole des heiligen Kreuzzuges gegen den Faschismus war nichts als eine Lüge, die von der westlichen und russischen Bourgeoisie benutzt wurde, um ihre Arbeiter für den Kampf um mehr Profite, Märkte und Rohstoffquellen zu mobilisieren. Die Demokratieliebe der Alliierten hatte z.B. Stalin nicht daran gehindert, ein Geschäft mit Hitler Anfangs des Krieges zu machen, wodurch Russland große Gebiete in Osteuropa erobern konnte.[1]
Als es immer klarer wurde, dass die Alliierten den Krieg gewinnen, wuchs der Interessenskonflikt offenbar innerhalb des „demokratischen Lagers“ selbst, vor allem zwischen Russland auf der einen und den USA auf der anderen Seite. Die Russen hatten nur ein Minimum an Versorgungsgütern vom Westen erhalten, und Großbritannien wollte sogar die „zweite Front“ gegen Deutschland nicht in Frankreich sondern auf dem Balkan eröffnen, um die Besetzung Osteuropas durch die Russen zu verhindern.
Was dieses Bündnis von Gangstern zusammenhielt, war die Angst, dass der Krieg, wie der Erste Weltkrieg, besonders in den niedergeschlagenen Ländern durch den Ausbruch von Klassenkämpfen frühzeitig beendet werden könnte. Die brutale Bombardierung der Alliierten gegen deutsche Städte war auf das Zermalmen der Widerstandsfähigkeit der Arbeiterklasse gerichtet. In den meisten Städten waren die Arbeiterbezirke ausgelöscht, während aber nur 10% der industriellen Anlagen zerstört wurden[2]. Der wachsende Widerstand der Arbeiter, der bis zu Aufstandsaktionen in Konzentrationslagern und in Betrieben führte, und die Unzufriedenheit der Soldaten (wie etwa die Desertionen an der Ostfront, denen mit Massenhinrichtungen begegnet wurde) wurde eiligst von den Besatzungsmächten gebrochen. Diesem Muster wurde überall gefolgt. Im Osten hat die russische Armee beiseite gestanden, während die Deutschen den 63 Tage dauernden Warschauer Aufstand niederschlugen (240`000 Tote). Und es war die russische Armee, die für die Wiederherstellung von Ordnung und sozialen Frieden in Bulgarien und anderswo auf dem Balkan sorgte. Im Westen waren die KPs in die Nachkriegsregierungen von Frankreich und Italien eingetreten, um dort aufflammende Streikbewegungen und Unruhe zu bekämpfen. An der Macht unterstützte die italienische KP die gleichen demokratischen Alliierten, die die italienischen Arbeiter, die kurz vor Kriegsende Fabriken besetzt hatten, unbarmherzig bombardierten.
Die „Sowjets“ fingen dann an, eine organisierte Ausplünderung der besetzten Gebiete Osteuropas auszuüben. In der „Sowjetischen Besatzungszone“ (SBZ) Ostdeutschlands betrug die Demontage von industriellen Anlagen, die in die Sowjetunion transportiert wurden, 40% der industriellen Leistungsfähigkeit der SBZ. Die „Sowjetischen Aktiengesellschaften“ (SAG) wurden 1946 gegründet. Zweihundert Betriebe in den Schlüsselindustrien, einschließlich beispielsweise die Leuna-Werke, wurden von den Russen übernommen. Nach Kriegsende hatten die Arbeiter in manchen Gebieten selbst Betriebe wieder repariert und in Gang gesetzt – solche Betriebe wurden besonders gern übernommen. 1950 hatten die SAGs folgendes Gewicht in der ostdeutschen Wirtschaft: „…knapp 23% der Chemie, ein Drittel der metallurgischen Erzeugnisse und rund ein Viertel der Produkte des Maschinenbaus“ (Staritz, Sozialismus in einem halben Land, S. 103). Die Profite wurden zu gutem Teil auf Reparationskonten der Russen überwiesen. Die DDR war bis 1953-54 zu Reparationszahlungen an Russland verpflichtet, bis zu dem Zeitpunkt als es klar wurde, dass die Reparationen der russischen Wirtschaft selber schadeten[3]. Und so war das ostdeutsche Proletariat gezwungen, für den Wieder- und Weiteraufbau der sowjetischen Kriegswirtschaft mit zu zahlen. Stalin hatte aber nie erklärt, warum das „sozialistische Mutterland“ die Arbeiterklasse und den „Arbeiterstaat“ in Deutschland für die Verbrechen ihrer Ausbeuter zahlen ließ.
Die Konsolidierung der Wirtschaftsmacht des russischen Imperialismus in Ostdeutschland und Osteuropa wurde von der Machteroberung pro-russischer Fraktionen in diesen Ländern begleitet. In der SBZ kamen die Stalinisten der KPD mit den sozialdemokratischen Mördern der Deutschen Revolution zusammen, um die Sozialistische Einheitspartei (SED) zu bilden. Ihre unmittelbaren Nachkriegsziele waren schon kurz vor dem Krieg von der KPD deutlich zum Ausdruck gebracht worden: „Die neue demokratische Republik wird (…) (dem) Faschismus seine materielle Basis durch die Enteignung des faschistischen Trustkapitals entziehen und sich (…) in der Armee, der Polizei und im Beamtenapparat zuverlässige Verteidiger der demokratischen Freiheiten und der demokratischen Volksrechte schaffen.“ (Staritz, S. 49)
Verstärkung und „Demokratisierung“ der Armee, der Polizei, des Beamtenapparates… solche Lehren hatten diese gutbürgerlichen „Marxisten“ von Marx, von Lenin und aus der Pariser Kommune gezogen!
Und dann, drei Jahre nach Kriegsende, wurde angekündigt, dass nun der Aufbau des Sozialismus begonnen habe. Ein wundervoller Sozialismus, der auf den Leichen eines vollständig niedergeschlagenen Proletariats aufgebaut wurde. Es ist interessant zu notieren, dass zwischen 1945-48 nicht einmal die SED heuchelte, dass die staatskapitalistischen Maßnahmen, die durchgesetzt wurden, irgendetwas mit Sozialismus zu tun hätten. Und heute wollen Linkstümler aller Arten, die die Lüge Verstaatlichung = Sozialismus verkaufen, gern den hohen Grad der Verstaatlichung in den osteuropäischen Ländern schon vor dem Krieg und vor allem unter den „reaktionärsten“ Regierungen wie in Polen und Jugoslawien „übersehen“[4]. Diese Zentralisierung der Wirtschaft unter der Leitung des Staates wurde während der deutschen Besetzung fortgesetzt. In der Tat – die berühmte Deklarierung „Der Aufbau des Sozialismus“ und die nach 1948 erfolgte ökonomische, politische und militärische Umorganisierung in Osteuropa waren das direkte Resultat einer Festigung des globalen Konflikts zwischen dem amerikanischen und dem russischen Block.
„Der Zweijahresplan sah (gemessen an 1947) bis 1950 die Erhöhung der Produktion um 35% vor, rechnete mit einer Steigerung der Arbeitsproduktivität um 30%, einem Anwachsen der Gesamtlohnsumme um 15% und einer Senkung der Selbstkosten der Volkseigenen Betriebe um sieben Prozent. Die SED zielte mithin darauf, die Arbeitsproduktivität doppelt so rasch zu erhöhen wie die Löhne. Mittel zu diesem Zweck sahen die Planer vor allem in der Verbesserung der Arbeits-Organisation, dem Übergang zu Leistungslöhnen, der Einführung einer „richtigen Normung“ und im Kampf gegen die Arbeitsbummelei“[5].
Kurzfristige Lohnerhöhungen nach 1948 waren, sofern sie stattfanden, durch Akkordleistungen und „Produktivitätserrungenschaften“ – also durch eine Steigerung der Ausbeutungsrate – erreicht worden. Diese Periode war von der Hennecke-Bewegung (das DDR-Gegenstück zum russischen Stachanowismus) und von einer eisernen, von der Gewerkschaft auferlegten Parteidisziplin charakterisiert. Aber trotzdem waren diese Lohnerhöhungen immer unerträglicher für die Wirtschaft und mussten daher gestoppt werden. Der wirtschaftlich schwächere Ostblock sah sich ständig weniger in der Lage, mit den von den Amerikanern geleiteten Konkurrenten Schritt zu halten. Um überhaupt zu überleben, war es notwendig, Superprofite aus den Proletariern zu pressen und diesen Mehrwert in die Schwerindustrie (also in die zur Kriegsführung notwendigen Industrien) zu investieren, zum Nachteil der Entwicklung der Infrastruktur, der Konsumgüterindustrie und verschiedener anderer. Diese Lage, die die unmittelbare und zentralisierte Kontrolle der Wirtschaft durch den Staat forderte, hatte die Bourgeoisie dazu gezwungen, einen frontalen Angriff auf die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu unternehmen.
Die Antwort des Proletariats darauf war eine Welle von Klassenkämpfen, welche zwischen 1953-56 Osteuropa erschütterten. Die Bewegung fing im frühen Juni 1953 mit den Arbeiterdemonstrationen in Pilsen (CSSR) an, denen unmittelbar danach der Aufstand in der DDR und die Revolte in den riesigen Vorkuta-Zwangsarbeitslagern in der UdSSR folgten. Und sie erreichte 1956 mit den Ereignissen in Polen und dann in Ungarn, wo Arbeiterräte gebildet wurden, ihren Höhepunkt.
Es wurde geschätzt, dass in Osteuropa der reale Lohn 1950 etwa die Hälfte des Standards von 1936 betrug. Im Juli 1952 kündigte die SED die Eröffnung einer neuen Periode des „beschleunigten Aufbaus des Sozialismus“ an, womit gemeint war: eine weitere Erhöhung der Investitionen in der Schwerindustrie, weitere Produktivitätssteigerungen, eine weitere Erhöhung der Produktionsnormen. Der Nachkriegswiederaufbau sollte beschleunigt werden. Im Frühling 1953, in einer Zeit als die Gewerkschaften in Westberlin Probleme hatten, die Kampfbereitschaft der Bauarbeiter zu kontrollieren, eröffnete die Ostberliner Regierung eine Kampagne, um die Produktionsnormen, unter anderem der Bauarbeiter, zu erhöhen. Am 28. Mai hatten 60% der Arbeiterschaft auf den riesigen Baustellen der Stalinallee ihre Normen „freiwillig erhöht“ (dies ist die Sprache des realen Sozialismus). Die Auswirkungen der über das Land verbreiteten Produktionskampagne auf die Arbeiterklasse waren bereits zu erkennen. Im Mai wurde in Magdeburg und in Karl-Marx-Stadt gestreikt. Als Antwort darauf hatte die Regierung eine allgemeine Normerhöhung um 10% für den 5. Juni angekündigt.
Eine durch die Stimmung unter den Arbeitern verunsicherte Anti-Ulbricht-Gruppierung innerhalb der SED-Führung setzte nun vermutlich mit Unterstützung des Kremls ein Reformpaket durch, das offenbar dem Zweck dienen sollte, die Unterstützung der Mittelschichten für die Regierung zu gewinnen. Zunächst wollte diese Gruppierung die Sache mit den Normen langsamer angehen[6].
Aber jetzt war es sowieso zu spät, den proletarischen Ausbruch mit irgendwelchen Manövern zu verhindern. Am 16. Juni waren die Bauarbeiter auf die Straße gegangen und bildeten einen militanten Zug, um die anderen Arbeiter mitzuziehen. Die Demonstration führte zuletzt zu den Regierungsgebäuden. Der für den folgenden Tag ausgerufene Generalstreik legte Ostberlin lahm und wurde in allen wichtigen Städten befolgt. Der Kampf war durch von Regierung und Gewerkschaft unabhängige Streikkomitees organisiert, welche von den Arbeitern in offenen Versammlungen gewählt wurden und unter ihrer Kontrolle blieben. Die Auflösung der Parteizelle im Betrieb war oftmals die erste Forderung der Arbeiter. In Halle, Merseburg und Bitterfeld, dem industriellen Herz Ostdeutschlands, wurden Streikkomitees für die gesamte Stadt gebildet, und die Streikkomitees dieser drei Städte versuchten ihren Kampf gemeinsam zu koordinieren und zu führen. Diese Komitees übernahmen die Aufgabe, den Kampf zu zentralisieren und die Versorgung der Städte vorübergehend zu verwalten. „In Bitterfeld forderte das zentrale Streikkomitee die Feuerwehr auf, die Mauern von offiziellen Parolen zu säubern. Die Polizei nimmt weiterhin Verhaftungen vor; das Komitee bildet Kampfabteilungen und lässt systematisch die Stadtviertel besetzten. Aus dem Bitterfelder Gefängnis werden die politischen Häftlinge im Namen des Streikkomitees entlassen. Dagegen wird im Namen derselben Autorität der frühere Bürgermeister festgenommen.“ (Benno Sarel, Arbeiter gegen den Kommunismus, S. 146).
Über das ganze Land hinweg waren die Parteizentralen besetzt oder niedergebrannt. Die Gefängnisse wurden geöffnet und die Gefangenen auf freien Fuß gesetzt. Der repressive Apparat des Staates war paralysiert. Nur die russischen Panzer konnten der Regierung helfen. In Ostberlin wurde der Widerstand des mit Flaschen und Stangen ausgerüsteten Proletariats durch 25.000 Mann russische Truppen und 300 Panzer niedergeschlagen. In Leipzig, Magdeburg und Dresden wurde die Ordnung innerhalb einiger Stunden wiederhergestellt. In anderen Gebieten dauerte es länger. In Ostberlin fanden drei Wochen später immer noch Streiks statt.
Wegen der Geschwindigkeit, mit der die Arbeiter auf die Straße gegangen waren, den Kampf verbreitet und sich direkt politisiert hatten, vor allem aber weil die Notwendigkeit, den Staat offen zu konfrontieren verstanden wurde, war es dem Proletariat gelungen, die repressiven Einrichtungen der ostdeutschen Bourgeoise zu paralysieren. Jedoch ebenso wie die rasche Verbreitung des Streiks über das ganze Land die effektive Benutzung der Polizei gegen die Arbeiter verhindert hatte, hätte es eine internationale Ausdehnung des Kampfes gebraucht, um der Gefahr der „Roten Armee“ zu begegnen. In diesem Sinn können wir sagen, dass in der Tiefe einer weltweiten Konterrevolution infolge der Niederlage der revolutionären Welle 1917-23 der Aufstand der ostdeutschen Arbeiter wegen ihrer Isolation gegenüber ihren Klassenbrüdern im Ausland, im Osten wie im Westen, niedergeschlagen wurde. Tatsächlich hat das Gewicht einer langen Konterrevolution eine politische Schranke vor die Erweiterung des Kampfes errichtet – gegen die Möglichkeit, die Bewegung von einer Revolte in eine Revolution zu wenden – die furchtbarer war als die Bajonette des russischen Imperialismus. Der Faden, der die Klasse mit ihrer eigenen Vergangenheit, mit ihren bisherigen Erfahrungen und Kämpfen verbindet, war längst durch Noske, Hitler, Stalin, den blutigen Helden der Konterrevolution, durch Konzentrationslager und Flächenbombardierung, durch Demoralisierung und Zerstörung ihrer politischen Fraktionen (z.B. der Mord an Liebknecht und Luxemburg, der Sieg der Konterrevolution in Russland, die Zersplitterung der KAPD) zerschnitten worden. Nachdem sie so lange unter dem Faschismus und dem Stalinismus gelitten hatten, stellten sich die Arbeiter vor, dass vielleicht die parlamentarische Demokratie sie vor der schlimmsten Ausbeutung etwas schützen würde. Und so forderten sie „freie Wahlen“. Sie schickten Delegierte nach Westberlin, um die Hilfe und Solidarität des dortigen Staates und der Gewerkschaften zu erbitten: Sie erhielten nichts. Die Westberliner Polizei, französischen und britische Truppen waren entlang der Stadtgrenzen mit Ostberlin aufgestellt, um Solidaritätsbewegungen zwischen den östlichen und westlichen Arbeitern zu verhindern. Die westlichen Gewerkschaften lehnten den Vorschlag, einen Solidaritätsstreik auszulösen, ab und warnten die östlichen Arbeiter vor Illegalität und Abenteuern. Die Arbeiter forderten die russische Armee auf, neutral zu bleiben (sich nicht „in die inneren Angelegenheiten der Deutschen einzumischen“, laut den Streikkomitees vor allem in Bitterfeld). Die Arbeiter wollten Ulbricht und seine Freunde aus der Welt schaffen. Sie sahen nicht, dass ein Ulbricht durch Andere ersetzt werden kann, dass wir nicht diese oder jene Regierung stürzen müssen, sondern das kapitalistische Weltsystem zerstören müssen, das wie ein Stein an unserem Hals hängt. Sie kamen aber nicht so weit, den Kampf durch Arbeiterräte politisch zu zentralisieren, um den bürgerlichen Staat zu vernichten.
Die DKP und die westdeutschen Maoisten meinten, dass der 17. Juni ein von Bonn und Washington organisierter „faschistischer“ Aufstand gewesen sei. Dadurch beweisen sie wieder einmal ihren anti-proletarischen Charakter. Die Arbeiterklasse wird solche Strömungen (oder andere – wie die des „Genossen“ Bahro, der den östlichen Staatskapitalismus und seinen beliebten „Arbeiterstaat“ so gerne demokratisieren möchte, um soziale Ruhe und Ordnung zu sichern) auf die Müllkippe der Geschichte werfen. Die Logik solcher Strömungen zeigt z.B. ein Flugblatt, das der KBW zum 25. Jahrestag der DDR-Ereignisse herausbrachte. Diese selbsternannten Wachhunde der stalinistischen Reinheit argumentieren: Die „Tatsache“, dass die westdeutsche Regierung den Aufstand „unterstützt“ habe, beweise, dass es sich damals um nichts anderes gehandelt habe als um einen faschistischen Putschversuch. Tatsächlich unterstützte die Bourgeoisie im Westen diesen Aufstand auf die gleiche Weise wie die Gewerkschaften Streikbewegungen unterstützen: um sie in die Sackgasse zu führen. „Stimmen tut lediglich, dass die Leute, die dort am 17. Juni ihr Unwesen getrieben haben, in der Tat machtlos waren, gerade weil es keine „mutigen Arbeiter“ waren, sondern Provokateure, Imperialistenknechte ohne Rückendeckung von der Arbeiterklasse, die natürlich wie Hasen anfangen zu laufen, wenn die Rote Armee, damals eine Armee der Arbeiterklasse, gegen diesen konterrevolutionären Putschversuch auftritt.“ (Flugblatt des KBW, 15. Juni 1978)
Ja, so einfach kann das alles erklärt werden. Trotzdem ist es für diese Papageien der Konterrevolution notwendig, über die Fehler Onkel Walters (Ulbricht) und die Konfusionen der Arbeiterklasse etwas zu murmeln. Wie war es denn passiert, dass drei Jahre nach diesem ersten „Faschistenabenteuer“ Massen von ungarischen Arbeitern Stalins Panzer mit Molotov-Cocktails bekämpften? Warum greifen die Arbeiter ihre „eigene“ Armee so oft und so wütend an? Und wieso haben diese „mutigen Arbeiter“ keinen Finger gerührt, um „ihren Staat“ und „ihre Revolution“ vor der in maoistischen Kreisen berühmten blutlosen „Konterrevolution“ durch Chruschtschow zu retten?
Es gehört zu den Bedingungen des Klassenkampfes im dekadenten Kapitalismus, dass die Arbeiter in Ostdeutschland 1953 und in Ungarn 1956 in ihren Zusammenstößen mit dem System unmittelbar mit der Macht und der Feindseligkeit der Weltbourgeoisie konfrontiert wurden. Die betrügerischen, von westlichen Propagandisten gestellten Ziele der Demokratie und der Einheit Deutschlands begleiteten die Aktionen der Roten Armee bei der Niederschlagung des Proletariats. In der Manipulation von Lügen erwies sich die Bourgeoisie der „alten“ Kapitale erneut als wahrer Meister. Ihre Strategie war:
die Arbeiterkämpfe sobald wie möglich zu beenden, und vor allem zu verhindern, dass die Bewegung sich über die Grenzen hinaus nach Westen ausdehnt;
durch die Umleitung der Bewegung auf ein bürgerliches Terrain (ein Kampf für „Demokratie“, „Freiheit“ usw.), hoffte der Westen, seinen politischen Einfluss auf den russischen Block zu vergrößern.
Jedoch war die Ideologie der westlichen Bourgeoisie in erster Linie gegen ihr „eigenes“ Proletariat gerichtet. Die ganzen Reden über den niedrigen Lebensstandard und den Freiheitsmangel „des Volkes“ im Osten werden vor allem jetzt mehr und mehr Teil des Versuches, die Demokratie zu benutzen, um den Widerstand der Arbeiter gegen die Austerität und die totale Kriegswirtschaft zu brechen. Die ideologische Intervention des westlichen Blocks war 1953 besonders wichtig; dadurch dass sie beigetragen hat, die Arbeiter politisch zu entwaffnen, half sie sogar dem Stalinismus, an der Macht zu bleiben.
1956 in Ungarn und Polen war es vor allem der Nationalismus, als wirksamste Waffe, der den Arbeiterwiderstand bremste und auflöste. Nur Monate nach der Niedermetzlung der Arbeiter in Poznan (Posen) war die KP in Polen in der Lage, der Bevölkerung Warschaus Waffen zu geben, um das Vaterland gegen die Russen zu verteidigen. Im Gegensatz dazu fühlte sich die Regierung in Ostberlin durch den deutschen Nationalismus zum Teil sogar bedroht, weil dieser Nationalismus die Gefahr des Westens – die Angst, von Bonn aufgefressen zu werden – verkörperte. Genauso war eine Zusammenschluss aller Klassen, um das nationale Kapital gegen die Russen zu verteidigen, von vorneherein ausgeschlossen. Die Existenz der DDR selbst hängt von der Macht Russlands ab. Unfähig, selbst Mystifikationen zu verbreiten, lässt sich die SED von ausländischen Panzern und Demokratie-Gelaber retten.
Die Arbeiterklasse gibt den Klassenkampf nie auf, sie war nie und konnte niemals eine Klasse-fürs-Kapital sein. Gegenüber den Lügen der Bourgeoisie und ihren linken Fraktionen – welche unaufhörlich der Arbeiterklasse Militarismus, Aristokratismus, Rassismus usw. vorwirft; gegenüber einer Vorstellung, die die Klasse nur unmutig, resigniert und niedergeschlagen sieht, verteidigen die Revolutionäre das Verständnis, dass das Herz der Klassengesellschaft heute der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital ist, welche einander in von den materiellen Bedingungen ihrer Existenz bestimmter Lage in permanenter Feindseligkeit gegenüberstehen. Da das Proletariat keine ökonomische Macht innerhalb dieser Gesellschaft besitzt, kann die Zerstörung des Kapitalismus nur eine politische Handlung sein, eine Übung des revolutionären Bewusstseins und des Willens der Arbeitenden. Es war ein bestimmter Erfahrungs- und Bewusstseinsmangel seitens der Klasse und ihrer revolutionären Minderheiten, an dem die Oktoberrevolution 1917 scheiterte. In der gleichen Weise waren alle Versuche der 1940er und 50er Jahre, dem Kapitalismus zu widerstehen, durch die tiefe Konfusion und Demoralisierung infolge der Niederlage der Oktoberrevolution zum Scheitern verurteilt.
Den Gipfel des Idealismus erreichen die Rätekommunisten, zum Beispiel Daad en Gedachte in Holland, mit ihrer Behauptung, dass die Ereignisse vom Juni 1953 wieder einmal die grenzenlose Macht der Massenspontaneität des Proletariats – welche sie der Notwendigkeit einer Klassenpartei entgegenstellen – bewiesen habe. Aber genauso fremd zum Marxismus ist der typische Begriff der Bordigisten, welche jede Niederlage durch das Fehlen der revolutionären Partei erklären will. Durch seine Natur als eine ausgebeutete und zugleich revolutionäre Klasse, tritt das Proletariat ohne Vorbereitung in den Kampf ein. Aber um sich zu verteidigen und um das Kapital konfrontieren zu können, müssen die Arbeiter ihre Kämpfe im vollen Bewusstsein organisieren und führen. Die Klasse schmiedet ihre Waffen, ihre Organe, in den Flammen des Klassenkampfes selbst. Durch diese Organe stellt sie ihren unmittelbaren Kampf auf den Boden ihrer Klasseninteressen, des Kampfes um den Kommunismus. In revolutionären Konfrontationen organisiert sich die Masse der Arbeiter in Räten, welche die Offensiven und die vorübergehenden Rückzüge veranlassen und koordinieren, und den Tag des Aufstandes vorbereiten. Dadurch überschreitet die Klasse ihre eigene Spontaneität und wird eine einzige untrennbare revolutionäre Kraft.
In der Tat stellen die Rätekommunisten und die Bordigisten die Frage auf die falsche Weise. Es sind nicht die Räte oder die Partei „an sich“, sondern die bewusste Selbstorganisation der Klasse, die für den Sieg der Revolution unerlässlich ist. Die Gründung der Partei und der Räte sind zwei getrennte und grundsätzliche Momente dieses Prozesses der Selbstorganisation der Klasse. Kein einziger Kampf der Arbeiter, noch weniger in der Tiefe einer konterrevolutionären Periode, erreicht den Sieg, nur weil jemand die Weltpartei gründet. Die Weltpartei ist nicht allein eine Sammlung von Prinzipien; noch weniger ist sie der als eine Realität wahrgenommene Traum irgendeiner kranken Sekte. Die Weltpartei von Morgen bedeutet die militante und disziplinierte Selbstorganisation der kämpferischsten und bewusstesten Elemente der Klasse, welche einen dynamischen Beitrag leisten zu den Kämpfen des Proletariats, ihren Bestrebungen, sich zu organisieren, und ihrer Aufgabe, sich als Klasse zu begreifen. Als Produkt des Klassenkampfes bildet sich die Partei nicht spontan durch denselben, sondern wird durch lange Jahre organisierter theoretischer und praktischer Arbeit erreicht. Und wir sind in dieser Arbeit der Vorbereitung jetzt engagiert.
Während das Fehlen von revolutionären Minderheiten in den Kämpfen von 1953-56 ein Symptom der Schwäche der Klasse während dieser Periode war, zeigt uns das Auftauchen und die Konsolidierung solcher Minderheiten seit 1968, dass eine neue revolutionäre Periode eröffnet ist. Die Streiks in Ostberlin und in Karl-Marx-Stadt sowie die Unruhen in Wittenberg und Erfurt, die in der letzten Zeit stattfanden, kündigen an, dass auch die DDR in eine neue Ära von Klassenkämpfen und sozialen Krisen geraten ist. In Osteuropa wurden die ersten mutigen Versuche der Arbeiter, der Krise zu widerstehen (in Polen, Rumänien usw.) niedergeschlagen, ohne dass sie einen hohen Grad an Politisierung erreicht haben. Heute verstärkt sich ideologisch und militärisch eine Weltbourgeoisie, die sich jetzt der Notwendigkeit bewusst wird, ihre internen Konflikte dem allgemeinen Ziel der Niederschlagung des Proletariats zu unterwerfen. Weil es für die Imperialisten notwendig wird, zum Krieg hinzuarbeiten, bereiten sie sich vor allem auf den Bürgerkrieg vor, weil nur geschlagene Arbeiter gute Soldaten sind.
Diese neue Offensive der Bourgeoisie, die uns kaputt hauen und in den Krieg zu schicken versuchen, muss von der Arbeiterklasse in Ost und West beantwortet werden. 25 Jahre nach dem Aufstand der Arbeiter in Ostdeutschland setzen wir der lügnerischen Einheitsrede der Bourgeoisie die Einheit und Solidarität der Arbeiter und Revolutionäre aller Länder entgegen.
Krespel, 1978
[1] Man könnte ein ganzes Buch mit schönen Zitaten von Stalinisten über den Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts 1939 schreiben. Der Funktionär Ulbricht schreibt im Februar 1940: „Wer gegen die Freundschaft zwischen dem deutschen und dem Sowjetvolk intrigiert, ist ein Feind des deutschen Volkes und wird als Helfershelfer des englischen Imperialismus gebrandmarkt.“
Und die Erklärung der KPD vom August 1939: „Das ganze deutsche Volk muss Garant für die Erhaltung des Nichtangriffspakts (…) sein“, der dem deutschen „Volk“ sogar die Gelegenheit gebe, „Hitler zur Aufgabe der imperialistischen Kriegspolitik zu zwingen“.
[2] Die Alliierten wollten die industriellen Anlagen deshalb nicht zerstören, weil sie sie nach dem Krieg mit nach Hause nehmen wollten.
[3] Dadurch, dass Russland die DDR so weitgehend ausgeraubt hatte, musste es auch auf die notwendigen Güter verzichten, die ihnen die Ostdeutschen mit ihrer sehr ausgebildeten Arbeiterklasse sehr gut und billig geliefert hätten. Ein weiterer Grund, die Reparationen zu streichen, war die Gefahr der sozialen Instabilität, die nach 1953 ziemlich deutlich geworden war.
[4] Die Situation der Tschechoslowakei zeigt uns die Wahrheit dieser staatskapitalistischen Entwicklung, die auch ohne Stalinisten und „Arbeiterparteien“ in Gang gesetzt worden war. Laut Benes, dem damaligen konservativen tschechoslowakischen Staatspräsidenten: „Die Deutschen übernahmen einfach die Kontrolle über die hauptsächlichen Industrien und alle Banken. Wenn sie sie nicht direkt nationalisierten, warfen sie sie in die Hände großer deutscher Konzerne… Auf dieser Weise bereiteten sie automatisch die Wirtschaft und das Finanzkapital unseres Landes auf die Nationalisierung vor. Das Eigentum und die Banken in die Hände tschechischer Individuen zurückzugeben oder sie ohne finanzielle Garantien zu konsolidieren, war einfach unmöglich. Der Staat hatte einzugreifen.“ (Bureaucracy and Revolution).
[5] Staritz, S. 107. Der Autor vergisst hier, dass ein Anwachsen der Gesamtlohnsumme um 15% nicht eine Lohnerhöhung um 15% bedeutet, sondern in erster Linie eine Zunahme der Zahl der Beschäftigten.
[6] Es geht um die Gruppe um Franz Dehlem. Bei jeder politischen Krise im Ostblock schieben sich Fraktionen der Bourgeoisie vor, die irgendetwas demokratisieren oder verändern wollen, um eine Konfrontation mit dem Proletariat zu vermeiden. 1956 waren es Gomulka in Polen und Nagy in Ungarn. 1968 war es Dubcek in der CSSR. Heute ist es mit der Opposition in Polen, den Bürgerrechtlern in Russland, der Charta 77 in der CSSR und Bahro, Havemann, Biermann und Freunden in der DDR genauso.
Im ersten Teil dieses Artikels, der auf Deutsch in der Weltrevolution Nr. 176 [674] sowie auf unserer Homepage veröffentlicht wurde, betrachteten wir - auf der Grundlage einer Kritik von Christoph Darmangeats Buch Le communisme primitif n’est plus ce qu’il était - die Rolle der Frau bei der Entstehung der Kultur in unserer Spezies, dem Homo sapiens.[1] In diesem zweiten und letzten Teil wollen wir eines der mutmaßlich fundamentalsten Probleme untersuchen, die sich der primitiven kommunistischen Gesellschaft stellten: Wie produzierte die Evolution der Gattung der Hominini eine Spezies, deren bloßes Überleben auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Solidarität beruht, und wie sah insbesondere die Rolle der Frau in diesem Prozess aus? Dabei gründen wir uns selbst im Wesentlichen auf das Werk des britischen Anthropologen Chris Knight Im ersten Teil dieses Artikels, der auf Deutsch in der Weltrevolution Nr. 176 [674] sowie auf unserer Homepage veröffentlicht wurde, betrachteten wir - auf der Grundlage einer Kritik von Christoph Darmangeats Buch Le communisme primitif n’est plus ce qu’il était - die Rolle der Frau bei der Entstehung der Kultur in unserer Spezies, dem Homo sapiens.[1] In diesem zweiten und letzten Teil wollen wir eines der mutmaßlich fundamentalsten Probleme untersuchen, die sich der primitiven kommunistischen Gesellschaft stellten: Wie produzierte die Evolution der Gattung der Hominini eine Spezies, deren bloßes Überleben auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Solidarität beruht, und wie sah insbesondere die Rolle der Frau in diesem Prozess aus? Dabei gründen wir uns selbst im Wesentlichen auf das Werk des britischen Anthropologen Chris Knight.
Die Rolle der Frauen in der primitiven Gesellschaft
Was ist laut Christophe Darmangeat schließlich die Rolle und die Situation der Frauen in der primitiven Gesellschaft? Wir können hier nicht die gesamte Argumentation wiedergeben, die in seinem Buch enthalten ist und die sich durch solide Kenntnisse der Ethnographie und bemerkenswerte Beispiele auszeichnet. Wir werden uns stattdessen auf eine Zusammenfassung seiner Schlussfolgerungen beschränken.
Eine erste Feststellung, die einleuchtend erscheint, es in der Realität aber nicht ist, lautet, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung eine universelle Konstante in der menschlichen Gesellschaft bis zum Erscheinen des Kapitalismus ist. Der Kapitalismus bleibe eine fundamental patriarchalische Gesellschaft, die auf der Ausbeutung basiert (welche die sexuelle Ausbeutung, die Sexindustrie als eine der profitabelsten Industrie in der neueren Zeit mit beinhaltet). Nichtsdestotrotz habe der Kapitalismus durch die offene Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft und durch die Entwicklung einer Maschinerie (so dass die Körperkraft nicht mehr eine wichtige Rolle im Arbeitsprozess spielt) die Arbeitsteilung zwischen der „maskulinen“ und der „femininen“ Rolle in der gesellschaftlichen Arbeit zerstört. Auf diese Weise habe er das Fundament für eine wirkliche Befreiung der Frauen in der kommunustischen Gesellschaft gelegt.[2]
Die Lage der Frauen unterscheidet sich in den unterschiedlichen primitiven Gesellschaften, die Anthropologen zu untersuchen in der Lage waren, enorm: In einigen Fällen leiden Frauen unter einer Unterdrückung, die mehr als einen flüchtigen Vergleich mit der Klassenunterdrückung standhält, während sie in anderen nicht nur eine gesellschaftliche Wertschätzung genießen, sondern auch ganz real gesellschaftliche Macht ausüben. Wo solche Macht existiert, basiert sie auf den Eigentumsrechten über die Produktion, die durch das religiöse und rituelle Leben der Gesellschaft verstärkt werden: Um nur ein Beispiel zu nennen, berichtet uns Bronislaw Malinowski (in Argonauten des westlichen Pazifik), dass die Frauen der Trobriand-Inseln nicht nur das Monopol auf die Arbeit des Gartenbaus (von größter Bedeutung für die Inselwirtschaft) hatten, sondern auch auf verschiedene Formen der Magie, einschließlich jener, die als die gefährlichsten anerkannt sind)[3].
Während jedoch die geschlechtliche Arbeitsteilung von einem Volk und einer Existenzweise zum/zur nächsten sehr unterschiedliche Situationen umfassen kann, gibt es eine Regel, die fast ohne Ausnahme angewandt wird: Überall sind es die Männer, die das Recht haben, Waffen zu tragen, und die daher ein Monopol auf die Kriegführung haben. Infolgedessen haben sie ein Monopol auf die „äußeren Beziehungen“. Als sich die gesellschaftliche Ungleichheit zu entwickeln begann, zunächst mit der Lagerhaltung von Lebensmitteln, dann, in der Jungsteinzeit, mit der voll entfalteten Landwirtschaft und dem Aufkommen des Privateigentums und der gesellschaftlichen Klassen, erlaubte es ihre spezifische Situation den Männern, Stück für Stück die Totalität des Gesellschaftslebens zu dominieren. In diesem Sinn lag Engels zweifellos richtig, wenn er in Ursprung der Familie… sagte: „Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche“.[4] Dennoch sollte man tunlichst vermeiden, die Dinge schmeatisch zu betrachten, da selbst die ersten Zivilisationen in dieser Hinsicht alles andere als homogen waren. Eine Vergleichsstudie etlicher früher Zivilisationen[5] weist auf ein breites Spektrum hin: Während die Lage der Frauen in mittelamerikanischen und Inkagesellschaften wenig beneidenswert war, besaßen beispielsweise unter den Yoruba in Afrika die Frauen nicht nur Eigentum und übten ein Monopol auf bestimmte Produkte aus, sie betrieben auch einen ausgedehnten Handel auf eigene Rechnung und konnten selbst diplomatische und militärische Expeditionen anführen.
Die Frage der Mythologie
Bisher beschränkten wir uns mit Darmangeat auf den Bereich von Untersuchungen „historisch bekannter“ primitiver Gesellschaften (in dem Sinn, dass sie von den schriftkundigen Gesellschaften, von der antiken Welt bis zur modernen Anthropologie, beschrieben worden waren). Dies kann uns allenfalls etwas über die Lebensumstände seit der Erfindung der Schrift vor ungefähr 6000 Jahren verraten. Doch was können wir über die 200.000 Jahre des anatomisch modernen Menschen sagen, die dem vorausgingen? Wie sollen wir den entscheidenden Augenblick verstehen, als die Natur der Kultur als determinierender Hauptfaktor im menschlichen Verhalten Platz machte, und wie sind genetische und kulturelle Elemente in der menschlichen Gesellschaft miteinander verwoben? Um diese Fragen zu beantworten, ist eine rein empirische Betrachtung bekannter Gesellschaften völlig unzureichend.
Einer der auffälligsten Aspekte in der Untersuchung früher Zivilisationen (s.o.) ist, dass, wie unterschiedlich auch immer das Bild ist, das sie von den Lebensbedingungen der Frauen zeichnen, sie alle Legenden enthalten, die sich auf Frauen als Häuptlinge beziehen, welche gelegentlich mit Göttinnen identifiziert werden. Alle von ihnen haben im Laufe der Zeit einen Niedergang in der Lage der Frauen erlebt. Man ist versucht, ein allgemeines Gesetz hierin zu erblicken: Je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto größer war die gesellschaftliche Autorität, die die Frauen besaßen.
Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn wir noch primitivere Gesellschaft untersuchen. Auf jedem Kontinent finden wir ähnliche oder gar identische Mythen: Einst besaßen die Frauen Macht, doch seither haben die Männer ihnen diese Macht entrissen, und nun sind sie es, die herrschen. Überall wird die Macht der Frauen mit dem mächtigsten Zauber von allen in Verbindung gebracht: dem Zauber, der auf dem Monatszyklus der Frauen und ihrem Menstruationsblut basiert, was bis zu Ritualen reicht, in denen Männer die Menstruation imitieren.[6]
Was können wir aus dieser allgegenwärtigen Realität schließen? Können wir daraus den Schluss ziehen, dass sie eine historische Realität repräsentiert und dass einst eine Gesellschaft existierte, in der Frauen eine führende, wenn nicht gar notwendigerweise eine herrschende Rolle innehielten?
Für Darmangeat ist die Antwort unmissverständlich und negativ: „… der Gedanke, dass Mythen, die von der Vergangenheit berichten, von einer wirklichen Vergangenheit, wenn auch deformiert, erzählen, ist eine äußerst kühne, um nicht zu sagen: haltlose Hypothese“ (S. 167). Mythen „erzählen Geschichten, die nur in Bezug auf die gegenwärtige Realität eine Bedeutung haben und die die Funktion haben, Letztere zu rechtfertigen. Die Vergangenheit, von der sie sprechen, wird allein dafür erfunden, um dieses Ziel zu erfüllen“ (S. 173).
Dieses Argument ist in zweierlei Hinsicht problematisch.
Das erste Problem ist, dass Darmangeat ein Marxist zu sein behauptet, der bei der Aktualisierung seiner Schlussfolgerungen der Methode von Engels treu geblieben sei. Doch auch wenn Engels‘Ursprünge der Familie… sich ausgiebig auf Lewis Morgan stützt, pflichtet er auch dem Werk des Schweizer Juristen Bachofen große Bedeutung bei, der der erste war, der die Mythologie als eine Grundlage zum Verständnis der Geschlechterbeziehungen in der fernen Vergangenheit benutzte. Laut Darmangeat ist Engels „überaus vorsichtig bei seiner Rezeption von Bachofens Matriarchats-Theorie (…) obgleich er sich zurückhält bei der Kritik an der Theorie des Schweizer Juristen, unterstützt er sie nur sehr eingeschränkt. Es gibt nichts Überraschendes hier: In Anbetracht seiner eigenen Analyse der Gründe für die Vorherrschaft des einen Geschlechts über das andere konnte Engels kaum akzeptieren, dass vor der Entwicklung von Privateigentum der Vorherrschaft der Männer über die Frauen die Vorherrschaft der Frauen über die Männer vorausging; er stellte sich die prähistorischen Geschlechterbeziehungen vielmehr als eine bestimmte Form der Gleichheit vor“ (S. 150f.).
Engels mag durchaus vorsichtig gewesen sein, was Bachofens Schlussfolgerungen anbelangte, aber er hatte keine Bedenken, was Bachofens Methode anging, die die mythologische Analyse nutzte, um die historische Wirklichkeit zu enthüllen: In seinem Vorwort zur 4. Ausgabe vonUrsprung der Familie… (mit anderen Worten: nachdem er eine Menge Zeit hatte, sein Werk neu zu strukturieren, einschließlich einiger notwendiger Korrekturen) griff Engels Bachofens Analyse des Orest-Mythos (insbesondere die Version des griechischen Tragikers Aescyklus) auf und schloss mit dem Kommentar: „Diese neue, aber entschieden richtige Deutung der ‚Oresteia‘ ist eine der schönsten und besten Stellen im ganzen Buch (…) er, zuerst, hat die Phrase von einem unbekannten Urzustand mit regellosem Geschlechtsverkehr ersetzt durch den Nachweis, daß die altklassische Literatur uns Spuren in Menge aufzeigt, wonach vor der Einzelehe in der Tat bei Griechen und Asiaten ein Zustand existiert hat, worin nicht nur ein Mann mit mehreren Frauen, sondern eine Frau mit mehreren Männern geschlechtlich verkehrte, ohne gegen die Sitte zu verstoßen (…) Diese Sätze hat Bachofen zwar nicht in dieser Klarheit ausgesprochen – das verhinderte seine mystische Anschauung. Aber er hat sie bewiesen, und das bedeutete 1861 eine vollständige Revolution.“
Dies bringt uns zur zweiten Frage: Wie sollten Mythen erklärt werden? Mythen sind Bestandteil der materiellen Realität wie andere Phänomene auch; sie sind daher von dieser Realität auch bestimmt. Darmangeat schlägt zwei mögliche Determinanten vor: Entweder handelt es sich bei ihnen schlicht und einfach um „Geschichten“, die von Männern erfunden wurden, um ihre Herrschaft über die Frauen zu rechtfertigen, oder sie sind irrational. „In der Vorgeschichte und auch lange Zeit danach waren natürliche oder gesellschaftliche Phänomene universell und unvermeidlich durch ein magisch-religiöses Prisma interpretiert. Dies bedeutet nicht, dass das rationale Denken nicht existierte; es bedeutet, dass es selbst, als es präsent war, in einem bestimmten Umfang stets mit einem irrationalen Diskurs kombiniert war: Die beiden wurden nicht als unterschiedlich, noch weniger als miteinander unvereinbar wahrgenommen“ (S. 319). Was kann dem noch hinzugefügt werden? All diese Mythen, die sich rund um die geheimnisvollen Mächte ranken, welche vom Menstruationsblut und dem Mond übertragen werden, gar nicht zu reden von der ursprünglichen Macht der Frauen, sind bloß „irrational“ und somit außerhalb des Bereichs der wissenschaftlichen Erklärung. Darmangeat ist bestenfalls bereit zu akzeptieren, dass Mythen das Bedürfnis des menschlichen Geistes nach Kohärenz befriedigen müssen[7]; doch wenn dies der Fall ist, dann müssen wir - es sei denn, wir akzeptieren eine rein idealistische Erklärung im ursprünglichen Sinn des Wortes – eine andere Frage beantworten: Woher kommt dieses Bedürfnis? Für Lévi-Strauss konnte die Quelle des bemerkenswerten Gleichklangs der Mythen der primitiven Gesellschaften in beiden Amerikas nur in der angeborenen Struktur des menschlichen Geistes gefunden werden, weswegen seinem Werk und seiner Theorie der Name „Strukturalismus“ angehängt wurde.[8] Darmangeats „Bedürfnis nach Kohärenz“ sieht wie ein schwacher Abglanz des Strukturalismus von Lévi-Strauss aus.
Dies lässt uns in zwei bedeutenden Punkten ohne jegliche Erklärung dastehen: Warum nehmen Mythen die Form an, die sie haben, und wie können wir ihre Universalität erklären?
Wenn sie nichts anderes als „Geschichten“ sind, die erfunden wurden, um die männliche Vorherrschaft zu rechtfertigen, warum sind solch unwahrscheinlichen Geschichten erfunden worden? Wenn wir die Bibel nehmen, so gibt uns das Buch Mose‘ eine vollkommen logische Erklärung für die männliche Vorherrschaft: Gott schuf den Mann zuerst! Logisch, solange wir bereit sind, die unwahrscheinliche Vorstellung, die Jahr für Jahr widerlegt wird, zu akzeptieren, dass die Frau aus dem Leib des Mannes kam. Warum wird dann ein Mythos erfunden, der nicht nur behauptet, dass Frauen einst Macht ausgeübt hatten, sondern auch von der Forderung begleitet wird, dass die Männer mit diesen Riten fortfahren, die mit dieser Macht assoziiert sind, bis zu dem Punkt einer eingebildeten männlichen Menstruation? Diese Praxis, die in Jäger-Sammler-Gesellschaften in der ganzen Welt, wo die männliche Vorherrschaft mächtig ist, bezeugt ist, besteht darin, dass Männer in bestimmten wichtigen Ritualen ihren eigenen Blutfluss erzeugen, indem sie in einer bewussten Imitation der Monatsblutung ihre Mitglieder malträtieren und insbesondere den Penis beschneiden.
Wäre diese Art von Ritual auf ein Volk oder auf eine Gruppe von Völkern beschränkt, könnte man akzeptieren, dass dies nichts als eine zufällige und „irrationale“ Erfindung ist. Doch wenn wir es überall auf der Welt verbreitet finden, auf jedem Kontinent, dann müssen wir, wenn wir dem historischen Materialismus treu bleiben wollen, seine gesellschaftlichen Determinanten suchen.
Auf jeden Fall erscheint es uns vom materialistischen Standpunkt aus notwendig zu sein, die Mythen und Rituale, die die Gesellschaft strukturieren, als Wissensquellen ernstzunehmen, eine Sache, an der Darmangeat scheiterte.
Der Ursprung der Unterdrückung der Frauen
Wir können Darmangeats Ansichten wie folgt zusammenfassen: Im Ursprung der Unterdrückung der Frauen stand die geschlechtliche Arbeitsteilung, die den Männern systematisch die Großwildjagd und den Gebrauch von Waffen überließ. Wie interessant sein Werk auch sein mag, es lässt unserer Ansicht nach zwei Fragen unbeantwortet.
Es scheint eindeutig genug, dass mit der Entstehung der Klassengesellschaft, die notwendig auf Ausbeutung und damit auf Unterdrückung beruhte, das Waffenmonopol nahezu eine selbstgenügsame Erklärung für die männliche Vorherrschaft in ihr ist (zumindest langfristig; der Gesamtprozess ist zweifellos komplexer). Gleichermaßen erscheint es a priori plausibel, davon auszugehen, dass - zeitgleich mit dem Aufkommen der sozialen Ungleichheiten, aber noch vor dem Auftritt der Klassengesellschaft, die den Namen verdient - das Waffenmonopol eine Rolle bei der Herausbildung der männlichen Vorherrschaft spielte.
Im Gegensatz dazu, und dies ist unsere erste Frage, ist Darmangeat weitaus weniger eindeutig bei der Frage, warum die geschlechtliche Arbeitsteilung diese Rolle den Männern überlassen sollte, sagt er doch selbst, dass „physiologische Gründe (…) problematisch sind bei der Erklärung, warum Frauen von der Jagd ausgeschlossen wurden“ (S. 314f.) Auch ist nicht klar, warum die Jagd und die Nahrung als ihr Produkt angesehener sein sollte als das Produkt des Sammelns und des Gartenbaus, besonders wenn Letzterer die Hauptquelle der gesellschaftlichen Ressourcen ist.
Noch grundsätzlicher: woher kam die erste Arbeitsteilung, und warum sollte sie auf dem Geschlecht beruhen? Hier sehen wir, wie Darmangeat sich in seiner eigenen Vorstellungskraft verliert: „Wir können uns vorstellen, dass selbst eine keimhafte Spezialisierung der menschlichen Spezies gestattete, eine größere Effektivität zu erlangen, als wenn ihre Mitglieder weiterhin jede Handlung ohne Unterscheidung ausgeübt hätte (…) Wir können uns ebenfalls vorstellen, dass sich diese Spezialisierung durch die Stärkung der gesellschaftlichen Bande im Allgemeinen und der Bande innerhalb der Familiengruppen im Besonderen in der gleichen Richtung auswirkte.“[9] Gut, natürlich können wir uns viel „vorstellen“, doch ist dies nicht vielmehr das, was eigentlich demonstriert werden sollte?
Was die Frage angeht: „Wie kam die Arbeitsteilung auf der Grundlage der Geschlechter zustande?“, scheint dies für Darmangeat „nicht sehr sehr schwierig zu sein. Es erscheint offensichtlich, dass für die Mitglieder prähistorischer Gesellschaften dieser Unterschied der am unmittelbarsten ersichtliche ist.“[10] Wir können hier einwenden, dass auch wenn geschlechtliche Unterschiede sicherlich „unmittelbar ersichtlich“ für die ersten menschlichen Wesen gewesen waren, dies keine selbstgenügsame Erklärung für die Entstehung einer geschlechtlichen Arbeitsteilung ist. Primitive Gesellschaften sind reich an Einordnungen, besonders jene, die auf Totems beruhen. Warum sollte die Arbeitsteilung nicht auf dem Totemismus basieren? Dies ist offensichtlich ein bloßes Hirngespinst – genauso wie Darmangeats Hypothese. Was noch schwerer wiegt, ist, dass Darmangeat einen anderen äußerst eindeutigen Unterschied nicht erwähnt, einen Unterschied, der überall in archaischen Gesellschaften wichtig ist: den Unterschied im Alter.
Wenn es darum geht, trägt Darmangeats Buch – trotz seines eher prahlerischen Titels – nicht viel Erhellendes bei. Die Unterdrückung der Frauen beruhte auf der geschlechtlichen Arbeitsteilung. So sei es. Doch wenn wir fragen, woher diese Teilung kommt, werden wir abgespeist „mit bloßen Hypothesen, demzufolge wir uns vorstellen können, dass gewisse biologische Einschränkungen, die wahrscheinlich mit der Schwangerschaft und dem Stillen zu tun haben, das physiologische Substrat für die geschlechtliche Arbeitsteilung und den Ausschluss der Frauen von der Jagd bilden“ (S. 322).[11]
Von den Genen zur Kultur
Am Ende seiner Argumentation lässt uns Darmangeat mit der folgenden Schlussfolgerung zurück: Im Ursprung der Frauen-Unterdrückung liegt die geschlechtliche Arbeitsteilung, und trotzdem war diese Teilung ein erheblicher Schritt vorwärts in der Arbeitsproduktivität, selbst wenn ihre Ursprünge in einer weit entfernten und unzugänglichen Vergangenheit versteckt liegen.
Darmangeat bemüht sich hier darum, dem marxistischen „Modell“ treu zu bleiben. Doch was ist, wenn das Problem verkehrt herum gestellt wurde? Wenn wir das Verhalten jener Primaten betrachten, die dem Menschen am nächsten sind, insbesondere die Schimpansen, dann sehen wir, dass nur die männlichen Tiere jagen gehen – die weiblichen sind zu sehr damit beschäftigt, ihre Jungen zu füttern und auf sie aufzupassen (und sie vor den männlichen Artgenossen zu schützen: Wir sollten nicht vergessen, dass männliche Primaten oftmals Kindsmord am Nachwuchs anderer männlicher Artgenossen praktizieren, um sich für ihre eigenen reproduktiven Bedürfnisse Zugang zu den Muttertieren zu verschaffen). „Arbeitsteilung“ zwischen männlichen Tieren, die jagen, und weiblichen Tieren, die es nicht tun, ist also nichts menschlich Spezifisches. Das Problem – das nach einer Erklärung ruft – ist nicht, warum die Jagd dem männlichen Geschlecht des Homo sapiens vorbehalten war, sondern warum es der männlicheHomo sapiens, und nur der männliche, ist, der das Produkt seiner Jagd verteilt. Was bemerkenswert ist, wenn wir den Homo sapiens mit seinen Cousins unter den Primaten vergleicht, ist der Wirkungsbereich der oft sehr strengen Regeln und Tabus, die genauso unter den Aborigines in den glühenden Wüsten Australiens wie unter den Eskimos im arktischen Eis angetroffen werden und die den kollektiven Verzehr der Jagdbeute voraussetzen. Der Jäger hat nicht das Recht, sein eigenes Produkt zu konsumieren; er muss es zurück ins Lager bringen, um es an die anderen zu verteilen. Die Regeln, die die Verteilung regulieren, variieren beträchtlich von einem Volk zum nächsten, aber ihre Existenz ist universell.
Es lohnt sich darauf hinzuweisen, dass die Geschlechtsunterschiede des Homo sapiens ein gutes Stück geringer sind als beim Homo erectus, was in der Tierwelt allgemein ein Indikator für ausgewogenere Verhältnisse zwischen den Geschlechtern ist.
Überall sind das Teilen von Nahrung und das kollektive Einnehmen von Mahlzeiten das Fundament der ersten Gesellschaften. In der Tat hat das gemeinsame Mahl bis heute überlebt: Selbst heute ist es unmöglich, sich irgendeinen großen Moment im Leben (Geburt, Hochzeit oder Begräbnis) ohne das gemeinsame Mahl vorzustellen. Wenn Menschen in schlichter Freundschaft zusammenkommen, findet dies fast immer rund um ein gemeinsames Essen statt, ob am Barbecue in Australien oder um einen Restauranttisch in Frankreich.
Dieses Teilen von Nahrung, das anscheinend aus uralten Zeiten stammt, ist ein Aspekt des menschlichen kollektiven und gesellschaftlichen Lebens, der sich stark von dem unserer weit entfernten Verfahren unterscheidet. Wir werden hier mit dem konfrontiert, was der Darwinologe Patrick Tort als einen „unbezahlbaren Ausdruck des ‚Egoismus‘ unserer Gene“ beschrieben hat: Die Mechanismen, die von Darwin und Mendel beschrieben worden waren und von den modernen Genetikern bestätigt wurden, haben ein soziales Leben generiert, in dem die Solidarität eine zentrale Rolle spielt, wobei dieselben Mechanismen durch den Wettbewerb funktionieren.[12]
Diese Frage des Teilens ist unserer Ansicht nach fundamental, aber nur Teil eines viel weiter gefassten wissenschaftlichen Problems: Wie können wir den Prozess erklären, der eine Spezies, deren Verhaltensänderungen vom langsamen Rhythmus der genetischen Evolution bestimmt wurden, in unsere eigene Spezies umwandelt, deren Verhalten – auch wenn es sich natürlich noch immer auf unserem genetischen Erbe gründet – sich dank einer viel schnelleren Evolution der Kultur verändert? Und wie können wir erklären, dass ein auf Konkurrenz basierender Mechanismus eine Spezies geschaffen hat, die nur durch Solidarität überleben kann: die wechselseitige Solidarität der Frauen bei der Kindsgeburt und -aufzucht, die Solidarität von Männern auf der Jagd, die Solidarität der Jäger gegenüber der Gesellschaft als Ganzes, wenn sie die Jagdbeute beisteuern, die Solidarität der Gesunden mit den Alten oder Verletzten, die nicht mehr in der Lage sind, zu jagen oder ihre eigene Nahrung zu finden, die Solidarität der Alten gegenüber den Jungen, denen sie nicht nur die lebenswichtigen Kenntnisse über die Natur und Welt beibringen, sondern auch die gesellschaftlichen, historischen, rituellen und mystischen Kenntnisse, die das Überleben einer strukturierten Gesellschaft ermöglichen? Dies scheint uns das fundamentale Problem zu sein, dass sich durch die Frage der „menschlichen Natur“ stellt.
Dieser Übergang von einer Welt zu einer anderen fand in einem Zeitraum von mehreren hunderttausend Jahren statt, eine wichtige Periode, die wir in der Tat als eine „revolutionäre“ beschreiben können.[13] Sie ist eng verknüpft mit der Evolution des menschlichen Gehirns, seiner Größe (und mutmaßlich auch seiner Struktur, auch wenn dies natürlich weitaus schwieriger in den archäologischen Funden nachzuweisen ist). Das Wachstum der Hirngröße stellt unsere sich entfaltende Spezies vor einer ganzen Reihe von Problemen, von denen der schiere Energiebedarf des Hirns nicht das geringste ist: ungefähr 20 Prozent der gesamten Energieaufnahme eines Individuums – enorme Proportionen.
Obwohl die Spezies zweifellos vom Prozess der Enzephalisation (der evolutionären Entwicklung der Großhirnrinde) profitiert hat, stellte dies ein ganz reales Problem für die Frau dar. Die Größe des Kopfes bedeutet, dass die Geburt früher eintreten muss, andernfalls passt das Embryo nicht mehr durch das mütterliche Becken. Dies wiederum setzt einen weitaus längeren Zeitraum der Abhängigkeit des Kleinkindes voraus, das, verglichen mit anderen Primaten, „vorzeitig“ zur Welt kommt; das Wachstum des Gehirns erfordert mehr Pflege, sowohl strukturell als auch energetisch (Proteine, Lipide, Kohlehydrate). Wir scheinen es mit einem unlösbaren Rätsel oder vielmehr mit einem Rätsel zu tun zu haben, das die Natur erst nach dem langen Zeitraum löste, in dem Homo erectus lebte und sich über Afrika verbreitete, in dem sich jedoch allem Anschein nach weder im Verhalten noch in der Morphologie viel änderte. Dannn aber folgte eine Periode der rasanten Weiterentwicklung, die ein Wachstum des Gehirnumfangs und das Auftreten all der spezifisch menschlichen Verhaltensformen erlebte: Sprache, symbolische Kultur, Kunst, der intensive Gebrauch von Werkzeugen und deren große Vielfalt, etc.
Es gibt ein weiteres Rätsel. Wir haben die radikalen Änderungen im männlichen Homo sapienszur Kenntnis genommen, doch die physiologischen und Verhaltensänderungen im weiblichenHomo sapiens sind nicht weniger bemerkenswert, besonders vom Standpunkt der Reproduktion.
Es gibt in diesem Zusammenhang einen auffälligen Unterschied zwischen dem weiblichen Homo sapiens und anderen Primaten. Unter Letzteren (und besonders jenen, die uns am nächsten stehen) signalisiert das Weibchen im Allgemeinen den Männchen ihre Eisprungphase (und damit die Phase ihrer größten Fruchtbarkeit) auf die deutlichste Weise: mit unübersehbaren Genitalorganen, einem „geilen“ Verhalten besonders gegenüber dem dominanten Männchen, charakteristischen Ausdünstungen. Unter den Menschen verhält es sich genau umgekehrt: Die Sexualorgane sind verborgen und ändern sich nicht während des Eisprungs, und die weiblichen Menschen sind sich nicht einmal bewusst, wenn sie „brünstig“ sind.
Am anderen Ende des Eizyklus‘ ist der Unterschied zwischen dem Homo sapiens und anderen Primaten gleichermaßen frappierend: ergiebige und sichtbare Monatsblutungen, das Gegenteil zum Schimpansen zum Beispiel. Da Blutverlust Energieverlust bedeutet, müsste die natürliche Selektion eigentlich gegen überflüssigen Blutfluss arbeiten; also kann Letzterer nur mit einem ausgesuchten Vorteil erklärt werden – aber welchem?
Ein weiteres bemerkenswertes Kennzeichen der menschlichen Menstruation ist ihre Periodizität und Sychronität. Viele Untersuchungen haben bereits die Leichtigkeit aufgezeigt, mit der viele Gruppen von Frauen ihre Perioden synchronisieren, und Knight zeigt mit einer Tabelle der Monatszyklen unter Primaten auf, dass die menschliche Frau eine Periode hat, die vollkommen mit dem Mondzyklus übereinstimmt. Warum? Oder ist dies nur Zufall?
Man könnte versucht sein, dies alles einerseits als irrelevant für die Erklärung der Sprache und der menschlichen Besonderheiten im Allgemeinen zu betrachten. Solch eine Reaktion wäre darüber hinaus in völliger Eintracht mit der aktuellen Ideologie, die die Periode der Frauen wenn nicht als Tabu, so doch als etwas Negatives betrachtet: Man denke nur an all die Reklamefeldzüge für „weibliche Hygieneprodukte“, deren Fähigkeiten, die Periode unsichtbar zu machen, angepriesen werden. Die Entdeckung der immensen Bedeutung des Menstruationsblutes und all dessen in der primitiven menschlichen Gesellschaft, was mit ihm assoziiert wird, die sich beim Studium des Buchs von Knight erschließt, ist somit umso erschreckender für uns als Mitglieder der modernen Gesellschaft. Und der Glaube an die enorme Macht – auf Gut und Böse – der Perioden der Frauen ist, so meinen wir, ein universelles Phänomen. Es ist kaum eine Übertreibung zu sagen, dass die Monatsblutungen alles „regulieren“, einschließlich der Harmonie im Universum.[14] Selbst in Völkern, wo es eine starke männliche Vorherrschaft gibt und wo alles getan wird, um Frauen zu entwerten, regen ihre Perioden die Furcht in den Männern an. Menstruationsblut wird als etwas „Giftiges“ betrachtet, eine kaum noch zurechnungsfähige Ansicht, die für sich genommen ein Hinweis auf seine Macht ist. Man ist gar versucht, den Schluss zu ziehen, dass die Gewalt der Männer gegen Frauen in direkter Proportion zur Furcht steht, die die Frauen in Männern auslösen.[15]
Die Universalität dieses Glaubens ist bedeutend und verlangt nach einer Erklärung. Wir können uns drei mögliche Deutungen vorstellen:
· Er könnte das Resultat von Strukturen sein, die im menschlichen Geist angelegt sind, wie Lévi-Strauss‘ Strukturalismus suggeriert. Heute würden wir eher sagen, dass sie im human-genetischen Erbe angelegt sind – doch dies scheint allem zu widersprechen, was über die Genetik bekannt ist.
· Es könnte auf das Prinzip „dieselbe Ursache - dieselben Auswirkungen“ zurückgeführt werden. Gesellschaften, die sich in Hinsicht ihrer Produktionsverhältnisse und ihrer Techniken gleichen, produzieren die gleichen Mythen.
· Die Ähnlichkeit der Mythen könnte schließlich auf einen gemeinsamen historischen Ursprung zurückgeführt werden. Wenn dies der Fall wäre, dann müsste angesichts der Tatsache, dass die verschiedenen Gesellschaften, wo Menstruationsmythen vorkommen, geographisch weit auseinanderliegen, der gemeinsame Ursprung sehr weit zurückliegen.
Knight favorisiert die dritte Erklärung: Er betrachtet in der Tat die universelle Mythologie rund um die Menstruation als etwas sehr Altes, das auf die eigentlichen Ursprünge der Menschheit zurückgeht.
Die Entstehung der Kultur
Wie sind diese verschiedenen Fragen miteinander verknüpft? Wie könnte der Link zwischen der Menstruation der Frauen und der kollektiven Jagd aussehen? Und wie zwischen den beiden und anderen auftretenden Phänomenen wie Sprache, symbolische Kultur, eine Gesellschaft, die auf gemeinsamen Regeln beruht? Diese Fragen scheinen uns fundamental zu sein, weil all diese „Evolutionen“ keine isolierten Phänomene sind, sondern Elemente in einem einzigen Prozess, der vom Homo erectus zu uns führt. Die Hyper-Spezialisierung der modernen Wissenschaften erschwert, was größtenteils auch von den Wissenschaftlern gesehen wird, das Verständnis dieses umfassenden Prozesses, der von einer einzelnen spezialisierten wissenschaftlichen Disziplin nicht erfasst werden kann.
Was wir an Knights Werk am bemerkenswertesten finden, ist eben dieses Bemühen, genetische, archäologische, paläontologische und anthropologische Daten in einer „allumfassenden Theorie“ der menschlichen Evolution zusammenzubringen, analog zu den Anstrengungen der theoretischen Physik, die uns die Super-String- oder die Schleifenquantengravitationstheorie beschert hat.[16]
Versuchen wir also diese Theorie zusammenzufassen, die heute als „Sexstreiktheorie“ bekannt ist. Um es einfach und schematisch zu sagen, stellt Knight die Hypothese auf, dass es zunächst bei den weiblichen Homo, die mit den Schwierigkeiten der Kindsgeburt und der Säuglingspflege konfrontiert waren, zu einer Verhaltensänderung gekommen ist: Die Frauen wandten sich vom dominanten Männchen ab, um in einer Art von gegenseitigem Unterstützungspakt ihre Aufmerksamkeit den zweitrangigen Männchen zu schenken. Die Männchen akzeptierten, die Weibchen zurückzulassen, wenn sie jagen gingen, und ihnen die Jagdbeute zurückzubringen; im Gegenzug erlangten sie Zugang zu den Weibchen und somit eine Chance zur Reproduktion, was ihnen bis dahin vom Alphamännchen verweigert worden war.
Diese Verhaltensänderung bei den Männchen – die anfangs, wir erinnern uns, den Evolutionsgesetzen unterworfen war – ist nur unter bestimmten Bedingungen möglich, insbesondere unter zwei: Einerseits darf es für die Männchen nicht möglich sein, anderswo Zugang zu Weibchen zu finden; andererseits müssen die Männchen darauf vertrauen können, dass sie in ihrer Abwesenheit nicht verdrängt werden. Dies sind also kollektive Verhaltensweisen. Die Weibchen - die die treibende Kraft in diesem evolutionären Prozess sind – müssen gegenüber den Männchen eine kollektive Sexverweigerung aufrechterhalten. Diese kollektive Verweigerung wird den Männchen wie auch anderen Weibchen deutlich durch die Monatsblutung signalisiert, die mit einem „universellen“ und sichtbaren Ereignis synchronisiert ist: dem Mondzyklus und den Gezeiten, die ihn in der semiaquatischen Umgebung des afrikanischen Grabenbruchs, wo die Menschheit zuerst auftauchte, begleiten.
Die Anfänge der Solidarität sind gemacht: zunächst unter den Weibchen, dann auch unter den Männchen. Kollektiv ausgeschlossen vom Zugang zu den Weibchen, können sie eine in wachsendem Maße organisierte kollektive Großwildjagd in die Tat umsetzen, die die Fähigkeit zur Planung und zur Solidarität im Angesicht von Gefahren erfordert.
Gegenseitiges Vertrauen entsteht in der kollektiven Solidarität innerhalb jedes Geschlechts, aber auch zwischen den Geschlechtern: das weibliche Vertrauen in der männlichen Beteiligung an der Kinderaufzucht, das männliche Vertrauen darin, dass ihnen nicht die Chance zur Reproduktion vorenthalten wird.
Dieses theoretische Modell gestattet uns, das Rätsel zu lösen, das Darmangeat unbeantwortet ließ: Warum sind Frauen so strikt von der Jagd ausgeschlossen? Gemäß des Modells Knights kann dieser Ausschluss nur ein absoluter gewesen sein, denn wenn sich einige Weibchen – und insbesondere jene, die noch unbelastet waren von eigenem Nachwuchs – der gemeinsamen Jagd mit den Männchen anschließen konnten, dann hätten Letztere Zugang zu empfängnisbereiten Weibchen gehabt und wären nicht mehr gezwungen gewesen, die Jagdbeute mit aufziehenden Weibchen und ihren Jungen zu teilen. Damit das Modell funktioniert, sind die Weibchen gezwungen, eine totale Solidarität unter ihresgleichen aufrechtzuerhalten. Von diesem Standpunkt aus ist es möglich, das Tabu zu verstehen, das eine absolute Trennung zwischen Frauen und Jagd aufrechterhält und das das Fundament für allen anderen Tabus ist, die sich um die Menstruation und dem Blut der Jagd drehen und die den Frauen verbieten, mit irgendwelchen Schneidewerkzeugen umzugehen. Die Tatsache, dass dieses Tabu, einst eine Quelle der weiblichen Stärke und Solidarität, unter anderen Umständen zu einer Quelle der gesellschaftlichen Schwäche und Unterdrückung werden sollte, mag auf dem ersten Blick paradox erscheinen: In der Realität ist dies nur ein besonders auffälliges Beispiel für eine dialektische Umkehrung, eine weitere Veranschaulichung der tiefen dialektischen Logik allen evolutionären und historischen Wandels.[17]
Die Weibchen, die am erfolgreichsten dieses neue Verhalten unter ihresgleichen und unter den Männchen durchsetzten, hinterließen mehr Nachkommen. Der Prozess der Großhirnbildung konnte fortgesetzt werden. Das Tor zu einer Weiterentwicklung des Menschen war offen.
Gegenseitige Solidarität und gegenseitiges Vertrauen wurden also nicht durch eine Art glückseligen Mystizismus in die Welt gesetzt, sondern im Gegenteil durch die mitleidlosen Gesetze der Evolution.
Dieses gegenseitige Vertrauen ist eine Vorbedingung für die Entstehung einer echten Fähigkeit zur Sprache, die von der gegenseitigen Akzeptanz gemeinsamer Regeln (Regeln, die so elementar sind wie die Idee, dass ein einziges Wort dieselbe Bedeutung für mich wie für dich hat) und von einer Gesellschaft abhängt, die auf Kultur und Gesetz basiert, die nicht mehr dem langsamen Rhythmus der genetischen Evolution unterworfen, sondern in der Lage ist, sich weitaus schneller neuen Umgebungen anzupassen. Eines der ersten Elemente der neuen Kultur ist logischerweise der Transfer all dessen vom genetischen in den kulturellen Bereich (wenn wir es so sagen können), das die Entstehung dieser neuen Gesellschaftsform ermöglicht hat: Die ältesten Mythen und Rituale drehen sich rund um die Menstruation der Frauen (und den Mond, der ihre Sychronität garantiert) und ihre Rolle in der Regulierung nicht nur der gesellschaftlichen, sondern auch der natürlichen Ordnung.
Einige Schwierigkeiten und eine mögliche Fortsetzung
Wie Knight selbst sagt, ist seine Theorie eine Art von „Ursprungsmythos“ und bleibt eine Hypothese. Dies an sich ist selbstverständlich kein Problem; ohne Hypothesen und Spekulationen gäbe es keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Die Religion, nicht die Wissenschaft, versucht bestimmte Wahrheiten zu etablieren.
Was uns angeht, so würden wir gern zwei Einwände gegen das Narrativ erheben, das Knight vorschlägt.
Der erste betrifft die verstrichene Zeit. Als Blood Relations 1991 veröffentlicht wurde, datierten die ersten Anzeichen künstlerischen Ausdrucks und daher der Existenz einer symbolischen Kultur, die in der Lage ist, Mythen und Rituale, die sich im Zentrum seiner Hypothese befinden, zu transportieren, vor nur 60.000 Jahren. Doch die ersten Gebeine moderner Menschen sind etwa 200.000 Jahre alt: Was passierte also in den 140.000 „fehlenden“ Jahren? Und wie könnte der Vorläufer einer völlig ausgebildeten Kultur zum Beispiel unter unseren unmittelbaren Ahnen ausgesehen haben?
Dies stellt nicht so sehr die Theorie an sich in Frage, sondern ist ein Problem, das nach weiterer Untersuchung verlangt. Seit den 1990er Jahren haben Ausgrabungen in Südafrika (Blombos Caves, Klasies River, Kelders) allem Anschein nach den Zeitraum des erstmaligen Gebrauchs von Kunst und abstrakten Symbolismus auf 80.000 oder gar 140.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückversetzt.[18] Was den Homo erectus anbetrifft, scheinen die Überreste, die bei Dmanisis in Georgien Anfang der nuller Jahre entdeckt und auf ein Alter von 1,8 Millionen Jahren datiert wurden, bereits auf einen gewissen Grad an Solidarität hinzuweisen: Ein Individuum lebte etliche Jahre ohne Zähne, was nahelegt, dass andere ihm beim Essen halfen.[19] Gleichzeitig waren ihre Werkzeuge immer noch primitiv, und laut den Experten praktizierten sie noch keine Großwildjagd. Dies alles sollte uns nicht überraschen: Darwin hat seinerzeit bereits festgestellt, dass menschliche Merkmale wie Empathie, die Wertschätzung des Schönen und der Freundschaft bereits im Tierreich existierten, wenn auch auf einem rudimentären Niveau, verglichen mit der Menschheit.
Unser zweiter Einwand ist gewichtiger und betrifft die „Antriebskraft“, die das Wachstum des menschlichen Gehirns vorantrieb. Knight ist mehr darauf bedacht, festzulegen, wie dieses Wachstum ermöglicht wurde, und so steht diese Frage nicht im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit: Laut seinem Interview auf unserem Kongress hat er im Grunde die Theorie der „wachsenden sozialen Komplexität“ sich zu eigen gemacht, eine Theorie, wonach die menschlichen Wesen sich dem Leben in immer größeren Gruppen anpassen mussten (diese Theorie wird von Robert Dunbar verfochten[20] und ist auch von J.-L. Dessalles in seinem BuchWarum wir sprechen aufgegriffen worden, dessen Argumente er auf unserem letzten Kongress vorstellte). Wir können hier nicht in die Details gehen, doch scheint uns diese Theorie nicht ohne Probleme zu sein. Immerhin variiert die Größe der Primatengruppen von einem Dutzend im Falle der Gorillas bis zu etlichen Hundert für die Hamadryas-Paviane: Es wäre daher notwendig, sowohl aufzuzeigen, warum Hominini gesellschaftliche Bedürfnisse entwickelten, die über die der Paviane hinausgingen (dies steht noch aus), als auch zu demonstrieren, dass Hominini in immer größeren Gruppen lebten, bis hin zur „Dunbar-Zahl“ zum Beispiel.[21]
Alles in allem ziehen wir es vor, den Prozess der Großhirnbildung und der Sprachentwicklung mit der wachsenden Bedeutung der „Kultur“ (im breitesten Sinn des Wortes) in der menschlichen Fähigkeit zu verbinden, sich der Umwelt anzupassen. Es gibt häufig die Neigung, sich die Kultur allein in materiellen Begriffen (Steinwerkzeuge, etc.) vorzustellen. Doch wenn wir das Leben von Jäger-Sammler-Völkern in unserer eigenen Epoche untersuchen, sind wir über nichts so beeindruckt wie über ihre profunde Kenntnis ihre natürliche Umgebung: das Verhalten der Tiere, die Merkmale von Pflanzen, etc. Jedes jagende Tier „kennt“ das Verhalten seiner Beutetiere und kann sich dem bis zu einem gewissen Punkt anpassen. Bei menschlichen Wesen ist diese Kenntnis jedoch nicht genetisch, sondern kulturell bedingt und muss von Generation zu Generation übermittelt werden. Während die Nachahmung die Übermittlung eines beschränkten Grades von „Kultur“ erlaubt (Affen, die einen Stock benutzen, um zum Beispiel Termiten zu angeln), liegt es auf der Hand, dass die Übermittlung menschlicher (oder eigentlich proto-menschlicher) Kenntnisse etwas mehr als Nachahmung erfordert.
Man könnte auch behaupten, je mehr die Kultur die Genetik bei der Bestimmung unseres Verhaltens ersetzt, desto wichtiger wird die Übermittlung dessen, was wir die „spirituelle“ Kultur (Mythen, Rituale, die Kenntnis heiliger Plätze, etc.) nennen, bei der Aufrechterhaltung des Gruppenzusammenhalts. Dies wiederum führt uns zur Verknüpfung der Sprachentwicklung mit einem anderen äußeren Merkmal, das in unserer Biologie verankert ist: die „frühe“ Menopause der Frauen, gefolgt von einer langen Periode der Unfruchtbarkeit, was ein weiteres Merkmal ist, das die menschlichen Frauen nicht mit ihren Primaten-Cousinen teilen.[22] Wie konnte eine „frühe“ Menopause von der natürlichen Selektion favorisiert werden, obwohl sie offensichtlich das weibliche Reproduktionspotenzial einschränkt? Die wahrscheinlichste Hypothese ist wohl die, dass Frauen in der Menopause ihren Töchtern besser helfen können, das Überleben ihrer eigenen Enkelkinder und damit ihres eigenen genetischen Erbes sicherzustellen.[23]
Die Probleme, die wir gerade angeschnitten haben, betreffen den Zeitraum, der von Blood Relations abgedeckt wird. Doch es gibt eine weitere Schwierigkeit, die den Zeitraum der bekannten Geschichte angeht. Es ist naheliegend, dass die primitiven Gesellschaften, von denen wir Kenntnis haben (und welche Darmangeat beschreibt), sich stark von den hypothetischen ersten menschlichen Gesellschaften Knights unterscheiden. Um nur das Beispiel von Australien zu nehmen, dessen Aboriginal-Gesellschaft eine der technisch primitivsten ist, die wir kennen: die Hartnäckigkeit von Mythen und rituellen Praktiken, die der Menstruation große Bedeutung zumessen, geht Hand in Hand mit einer völligen Vorherrschaft der Männer über die Frauen. Wenn wir davon ausgehen, dass Knights Hypothese weitgehend korrekt ist – wie können wir dann erklären, was sich zu einer veritablen „männlichen Konterrevolution“ auswuchs? In seinem Kapitel 13 (S. 449) unterbreitet Knight eine Hypothese, um das zu erklären. Er behauptet, dass das Verschwinden der Megafauna – Arten wie der gigantische Wombat – und eine Zeit des trockenen Wetters am Ende des Pleistozän die Jagdmethoden durcheinanderbrachte und dem Überfluss ein Ende bereitete, den er als materielle Vorbedingung für das Überleben des primitiven Kommunismus betrachtete. 1991 schrieb Knight, dass ein archäologischer Beweis seiner Hypothese noch aussteht. Seine eigenen Forschungen beschränken sich auf Australien. Auf jeden Fall hat es für uns den Anschein, dass dieses Problem ein weites Untersuchungsgebiet eröffnet, das es gestatten würde, die wahre Geschichte des längsten Zeitraums in der Existenz der Menschheit ins Auge zu fassen: von unseren Ursprüngen bis zur Erfindung der Landwirtschaft.[24]
Die kommunistische Zukunft
Wie kann das Studium der menschlichen Ursprünge unsere Auffassung über eine künftige kommunistische Gesellschaft verdeutlichen? Darmangeat sagt uns, dass der Kapitalismus die erste menschliche Gesellschaft sei, die es gestatte, sich ein Ende der geschlechtlichen Arbeitsteilung und die Gleichheit der Frauen vorzustellen – eine Gleichheit, die heute in einigen wenigen Ländern Gesetz geworden sei, die aber nirgendwo eine faktische Gleichheit sei: „… auch wenn der Kapitalismus das Los der Frauen an sich weder verbessert noch verschlimmert hat, ist er dennoch das erste System, das es ermöglicht hat, die Frage ihrer Gleichheit mit Männern zu stellen; und obwohl er sich als unfähig erwiesen hat, diese Gleichheit Wirklichkeit werden zu lassen, hat er dennoch die Elemente zusammengeführt, die sie realisieren werden.“[25]
Zwei Kritiken erscheinen uns angebracht zu sein: Die erste ist, dass die immense Bedeutung der Integration der Frauen in die Welt der Lohnarbeit ignoriert wird. Trotz allem hat der Kapitalismus den Arbeiterfrauen zum ersten Mal in der Geschichte der Klassengesellschaften eine ganz reale materielle Unabhängigkeit von den Männer geschenkt und somit die Möglichkeit, auf Augenhöhe mit den Männern am Kampf für die Befreiung des Proletariats und somit der Menschheit in ihrer Gesamtheit teilzunehmen.
Die zweite Kritik betrifft den eigentlichen Gleichheitsbegriff. Dieser Begriff ist mit dem Brandzeichen der bürgerlichen Ideologie versehen, eine Hinterlassenschaft des Kapitalismus, und nicht das Ziel einer kommunistischen Gesellschaft, die im Gegenteil die Unterschiede zwischen den Individuen anerkennt und – um Marx‘ Ausdruck zu benutzen – und auf ihre Fahnen schreibt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“[26] Nun, außerhalb des Gebiets der Science fiction haben Frauen sowohl eine Fähigkeit als auch ein Bedürfnis, die Männer niemals haben werden: zu gebären.[27] Ohne diese Fähigkeit hätte die Menschheit keine Zukunft, doch sie ist auch eine körperliche Funktion und daher ein Bedürfnis für Frauen.[28] Eine kommunistische Gesellschaft muss daher jeder Frau, die es wünscht, die Möglichkeit zu geben, mit Freude zu gebären, im Vertrauen darauf, dass ihr Kind in der menschlichen Gemeinschaft willkommen geheißen wird.
Hier können wir womöglich eine Parallele zu der evolutionistischen Vision ziehen, die Knight unterbreitet. Proto-Frauen stießen den Evolutionsprozess in Richtung Homo sapiens und symbolischer Kultur an, weil sie ihre Kinder nicht mehr allein aufziehen konnten: Sie mussten die Männer dazu bringen, der Kindesaufzucht und der Erziehung der Jungen materielle Unterstützung zukommen zu lassen. Auf diese Weise führten sie das Prinzip der Solidarität unter Frauen, die von ihren Kinder in Anspruch genommen werden, unter Männern, die von der Jagd in Beschlag genommen werden, und zwischen Frauen und Männern, die gemeinsam ihre gesellschaftliche Verantwortung teilen, in die menschliche Gesellschaft ein.
Heute sind wir mit einer Situation konfrontiert, in der der Kapitalismus uns immer mehr auf den Status atomisierter Individuen reduziert, und Kinder aufziehende Frauen leiden am meisten darunter. Nicht nur, dass die „Herrschaft“ der kapitalistischen Gesellschaft die Familie auf ihren kleinsten Ausdruck (Mutter, Vater, Kinder) reduziert, die allgemeine Desintegration des sozialen Lebens bedeutet darüber hinaus, dass immer mehr Frauen sich in der misslichen Lage befinden, ihre sehr jungen Kinder allein aufzuziehen, und die Notwendigkeit, Arbeit zu finden, distanziert sie häufig von ihren eigenen Müttern, Schwestern oder Tanten, die einst das natürliche Unterstützungsnetzwerk für Frauen mit kleinen Kindern waren. Die „Welt der Arbeit“ ist mitleidlos gegenüber Frauen mit Kindern, die gezwungen sind, ihre Säuglinge nach bestenfalls ein paar Monaten abzustillen (abhängig vom verfügbaren Schwangerschaftsurlaub, wenn überhaupt) und sie einem Kindermädchen anzuvertrauen, oder die – wenn sie arbeitslos sind – vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten werden und gezwungen sind, sich mittels äußerst begrenzter Ressourcen um ihre Babys zu kümmern.
In einem gewissen Sinn befinden sich Arbeiterinnen in einer Lage, die vergleichbar ist mit der ihrer fernen Vorfahren – und nur eine Revolution kann ihre Situation verbessern. So wie die „Revolution“ es nach Knights Hypothese Frauen erlaubte, sich mit der sozialen Unterstützung erst durch andere Frauen, dann durch die Männer beim Gebären und bei der Erziehung ihrer Kinder zu umgeben, so muss auch die kommende kommunistische Revolution die Unterstützung die Unterstützung der Frauen bei ihrer Schwangerschaft und die kollektive Erziehung der Kinder in den Mittelpunkt stellen. Nur eine Gesellschaft, die ihren Kindern und ihrer Jugend einen privilegierten Platz einräumt, kann den Anspruch erheben, eine hoffnungsvolle Zukunft anzubieten: Von diesem Standpunkt aus kompromittiert sich der Kapitalismus allein durch die Tatsache, dass ein wachsender Teil seiner Jugend als „überzählig“ betrachtet wird.
Jens
[1]Editions Smolny, Toulouse 2009 und 2012. Wenn nicht anders festgestellt, sind die Zitate und Seitenangaben der ersten Edition entnommen.
[2]Darmangeat stellt einige interessante Ideen über die gewachsene Bedeutung der physischen Kraft bei der Bestimmung der Geschlechterrollen nach der Erfindung der Landwirtschaft vor (das Pflügen zum Beispiel).
[3]Darmangeat besteht zweifellos zu Recht darauf, dass die Beteiligung an gesellschaftlicher Produktion eine notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für die Sicherstellung einer günstigen Umgebung für Frauen ist.
[4]In dem Abschnitt „Die Familie“, MEW, Band 21, S. 68.
[5]Bruce Trigger, Understanding early civilizations.
[6]Knights Buch widmet ein Abschnitt der „männlichen Menstruation“ (S. 428). Ebenfalls verfügbar in PDF on Knight’s website.
[7]„Der menschliche Geist hat seine Erfordernisse, von denen eines die Kohärenz ist“ (S. 319). Wir möchten hier nicht auf die Frage eingehen, woher diese Erfordernisse kommen und warum sie ihre besonderen Formen annehmen – Fragen, die Darmangeat unbeantwortet lässt.
[8]Um eine leidenschaftliche, aber kritische Schilderung des Denkens von Lévi-Strauss zu erhalten, verweisen wir den Leser/die Leserin auf Knights Kapitel „Lévi-Strauss and ‚The Mind‘“.
[9]C. Darmangeat, 2. Ausgabe, S. 214f.
[10]Ebenda.
[11]Merkwürdigerweise hebt Darmangeat selbst nur einige Seiten zuvor hervor, dass in bestimmten nordamerikanischen Indianergesellschaften unter bestimmten Bedingungen „Frauen alles tun konnten; sie meisterten die gesamte Bandbereite weiblicher und männlicher Aktivitäten“ (S. 314).
[12]Siehe den Artikel über Patrick Torts L’Effet Darwin und Chris Knights Artikel über Solidarität und das egoistische Gen.
[13]Vgl. „The great leap forward“ von Anthony Stigliani.
[14]Bemerkenswerterweise ist das Wort für die Periode der Frauen in der deutschen, französischen, spanischen und englischen Sprache „die Regel“.
[15]Dies ist ein Thema, das sich durch das gesamte Buch Darmangeats zieht. Siehe unter anderem das Beispiel der Huli in Neuguinea (S. 222, 2. Ausgabe).
[16]Und besser noch: hat sich dabei verdient gemacht, die Theorie lesbar und zugänglich für den Laien zu machen.
[17]Daher kommen wir, wenn Darmangeat uns erzählen will, dass Knights These „kein Wort über die Gründe verliert, warum Frauen systematisch und vollkommen verboten wurde, zu jagen und Waffen zu bedienen“, nicht umhin, uns zu fragen, ob er das Buch bis zu seinem Schluss gelesen hat.
[18]Siehe die Wikipedia-Artikel über Blombos Cave.
[19]Siehe den Artikel in La Recherche: „Etonnants primitifs de Dmanisi“.
[20]Siehe zum Beispiel Dunbars The Human Story. Robin Dunbar erklärt die Evolution der Sprache mit dem Wachstum menschlicher Gruppen; Sprache erschien als eine weniger aufwändige Form der gegenseitigen Körperpflege, durch die unsere Primaten-Cousins ihre Freundschaften und Bündnisse aufrechterhalten. „Dunbars Zahl“ hat als die größte Zahl enger Beziehungen, die das menschliche Gehirn zu behalten in der Lage ist (ungefähr 150), Eingang in die anthropologische Theorie gefunden; Dunbar meint, dass dies die maximale Größe der ersten menschlichen Gruppen gewesen sei.
[21]Die Hominini (der Zweig des evolutionären Stammbaums, zu dem die modernen Menschen gehören) trennte sich von den Panini (der Zweig, der Schimpansen und Bonobos beherbergt) vor etwa sechs bis neun Millionen Jahren.
[22]Vgl. „Menopause in non-human primates“, US-National Library of Medicine).
[23]Siehe die Zusammenfassung der „Großmutter-Hypothese“.
[24]Einiges ist bereits in dieser Richtung getan worden, in einem Land auf der anderen Seite der Erde, vom Anthropologen Lionel Sims in einem Artikel mit dem Titel „The ‚Solarization‘ of the moon: manipulated knowledge at Stonehenge“, veröffentlicht in Cambridge Archaeological Journal, 16:2.
[25]Darmangeat, ob.zit., S. 426.
[26]Nicht umsonst schrieb Marx in seiner Kritik am Gothaer Programm: „Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem Maßstab bestehn; aber die ungleichen Individuen (und sie wären nicht verschiedene Individuen, wenn sie nicht ungleich wären) sind nur an gleichem Maßstab meßbar, soweit man sie unter einen gleichen Gesichtspunkjt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite faßt, z.B. im gegebnen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet und weiter nichts in ihnen sieht, von allem andern absieht.“
[27]Einer der wenigen originellen Science fiction-Autoren heute, Iain M. Banks, hat eine pan-galaktische Gesellschaft („The Culture“) geschaffen, die praktisch kommunistisch ist, wo Menschen eine solche Kontrolle über ihre hormonellen Funktionen erlangt haben, dass sie fähig sind, beliebig das Geschlecht zu wechseln und somit auch zu gebären.
[28]Was natürlich nicht bedeutet, dass alle Frauen Kinder in die Welt setzen wollen, und noch weniger, dass sie dazu gezwungen werden sollten.
In dem vorherigen Artikel dieser Serie haben wir festgestellt, dass unter den neuen revolutionären Gruppen, die aus dem weltweiten Wiedererstarken des Klassenkampfes Ende der 1960er Jahre hervorgegangen waren, die „Dekadenztheorie”, die trotz des scheinbaren Triumpfes des Kapitalismus in Gestalt des Nachkriegsbooms kompromisslos von einer Minderheit verteidigt worden war, eine Reihe von neuen Anhängern gewann. Sie lieferte nämlich einen kohärenten historischen Rahmen für In dem vorherigen Artikel dieser Serie haben wir festgestellt, dass unter den neuen revolutionären Gruppen, die aus dem weltweiten Wiedererstarken des Klassenkampfes Ende der 1960er Jahre hervorgegangen waren, die „Dekadenztheorie", die trotz des scheinbaren Triumpfes des Kapitalismus in Gestalt des Nachkriegsbooms kompromisslos von einer Minderheit verteidigt worden war, eine Reihe von neuen Anhängern gewann. Sie lieferte nämlich einen kohärenten historischen Rahmen für die revolutionären Positionen, die die neue Generation anfangs mehr oder mehr intuitiv entwickelt hatte: den Widerstand gegen die Gewerkschaften und den Reformismus, die Ablehnung der nationalen Befreiungskämpfe und der Bündnisse mit der Bourgeoisie, die Anerkennung der so genannten „sozialistischen" Staaten als eine Form des Staatskapitalismus und so weiter.
Angesichts dessen, dass die offene Wirtschaftskrise des Kapitalismus Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre erst begonnen hatte und in den letzten vier Jahrzehnten seither immer unübersehbarer geworden ist, dass die Krise unüberwindbar ist, könnte man erwarten, dass eine Mehrheit derjenigen, die sich während dieser Jahrzehnte vom Internationalismus angezogen fühlten, eigentlich ziemlich leicht davon überzeugt worden wäre, dass der Kapitalismus überholt und ein verfallendes Gesellschaftssystem ist. Aber dies ist nicht der Fall. Im Gegenteil, man kann sogar von einer hartnäckigen Ablehnung der Dekadenztheorie sprechen; besonders stark spürbar ist diese Ablehnung unter der neuen Generation von Revolutionären, die im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts auf der Bühne erschien. Gleichzeitig zeigt sich eine Tendenz unter den Vielen, die zuvor von dem Konzept überzeugt waren, es nun in Frage zu stellen oder gar über Bord zu werfen.
Was die Ablehnung der Theorie durch die neueren Generationen von Revolutionären angeht, so sprechen wir hier zu einem großen Teil über internationalistische Elemente, die von verschiedenen Formen des Anarchismus beeinflusst werden. Der Anarchismus hat vor allem während der Nullerjahre einen großen Aufschwung erlebt. Es ist unschwer zu erkennen, warum er solch einen Reiz auf junge Genossen ausübt, die begierig darauf sind, gegen den Kapitalismus zu kämpfen, die aber gegenüber der offiziellen Linken zutiefst misstrauisch sind, von denen ein beträchtlicher Teil den Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus" im Ostblock als ein echtes Debakel erlebt hatte. So wendet sich die neue Generation oft an den Anarchismus als eine Strömung, die die Arbeiterklasse im Gegensatz zur Sozialdemokratie, den Stalinisten oder Trotzkisten, nicht verraten zu haben scheint.
Es bedürfte eines eigenen Artikels, um zu untersuchen, warum es insbesondere in den zentralen kapitalistischen Ländern eine derart große Zahl von jüngeren Menschen zu den verschiedenen Strömungen des Anarchismus hinzieht und nicht zur Kommunistischen Linken, die sicherlich die kohärenteste unter den politischen Strömungen ist, welche den proletarischen Prinzipien nach der schreckliche Reihe von Niederlagen zwischen den 1920er und 1960er Jahren treu geblieben ist. Ein Schlüsselaspekt ist sicherlich die Frage der Organisation der Revolutionäre, die „Parteifrage", die immer ein Zankapfel zwischen den Marxisten und dem revolutionären Flügel des Anarchismus war. Doch unser Hauptaugenmerk gilt der spezifischen Frage der Dekadenz des Kapitalismus. Warum stemmt sich die Mehrheit der Anarchisten, auch jene, die sich aufrichtig gegen jede reformistische Praxis stellen und durchaus die Notwendigkeit einer internationalen Revolution sehen, so vehement gegen diese Idee?
Es stimmt zwar, dass einige der klarsten Elemente in der anarchistischen Strömung sich nicht immer so verhalten haben. In einem früheren Artikel dieser Serie haben wir gesehen, dass anarchistische Genossen wie Maximoff in Anbetracht der Weltwirtschaftskrise und des Kurses zu einem zweiten imperialistischen Weltkrieg keine Probleme damit hatten, dieses Phänomen als einen Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen, die zu einer Fessel für den menschlichen Fortschritt geworden waren, als den Ausdruck einer im Niedergang befindlichen Produktionsweise.
Aber diese Ansichten stellten innerhalb der anarchistischen Bewegung immer eine Minderheit dar. Grundsätzlich kann man sagen, dass viele Anarchisten zwar Marx‘ einzigartigen Beitrag zu unserem Verständnis der politischen Ökonomie anstandslos anerkennen, aber Bauchschmerzen bekommen, wenn es um die historische Methode geht, die die Grundlage der Marxschen Kritik des Kapitals ist. Spätestens seit Bakunin gibt es eine starke Neigung unter Anarchisten, den „historischen Materialismus" (oder - wie einige es zu nennen belieben - die materialistische Annäherung an die Geschichte) als eine Art rigiden Determinismus aufzufassen, der die subjektiven Faktoren der Revolution unterschätzt und entwertet. Besonders Bakunin meinte, dies sei nur ein Vorwand für eine im Wesentlichen reformistische Praxis seitens der „Marx-Partei". Diese vertrat damals die Auffassung, dass die kommunistische Revolution noch nicht unmittelbar auf der Tagesordnung stehe, da der Kapitalismus seinen historischen Nutzen für die Menschheit noch nicht ausgeschöpft habe. Die Arbeiterklasse müsse sich noch auf den Aufbau ihrer Kräfte und ihres Selbstvertrauens innerhalb des Rahmens der bürgerlichen Gesellschaft konzentrieren. Dies war die Grundlage für ihre Befürwortung der Gewerkschaften und für die Bildung von Arbeiterparteien, die sich, neben anderen Aktivitäten, bürgerlichen Wahlen stellten. Aus der Sicht Bakunins war der Kapitalismus immer reif für die Revolution. Und wenn die Marxisten der jetzigen historischen Epoche schlussfolgern, dass die alten Taktiken nicht mehr gültig seien, wird dies von den heutigen Anarchisten oft als eine nachträgliche Rechtfertigung für die Fehler von Marx verspottet, eine Art Vermeidung der unliebsamen Schlussfolgerung, dass die Anarchisten die ganze Zeit über Recht hatten.
Hier haben wir nur die Oberfläche berührt. Wir werden später auf die eher spitzfindigere Version dieses Argumentes zurückkommen, wie sie von der Gruppe Aufheben vertreten wird, deren Artikelserie, in der sie sich kritisch mit dem Begriff der Dekadenz auseinandersetzt, von vielen Leuten aus dem libertären kommunistischen Milieu als Nonplusultra angesehen wird. Aber man muss auch andere Aspekte bei der Ablehnung dessen, was für uns der theoretische Grundpfeiler einer revolutionären Plattform heute ist, durch die heutige Generation berücksichtigen - Aspekte, die weniger der spezifisch anarchistischen Tradition entsprechen.
Wir stehen vor dem folgenden Paradoxon: Während aus unserer Sicht der Kapitalismus immer mehr verfault, so dass man von der Endphase seines Niedergangs sprechen kann, liefert aus der Sicht vieler Anderer die erfolgreiche Verlängerung des Niedergangs des Kapitalismus den Beweis, dass das eigentliche Konzept des Niedergangs widerlegt worden sei. Mit anderen Worten: je mehr sich ein seit langem altersschwacher Kapitalismus seinem katastrophalen Ende nähert, desto mehr meinen einige Revolutionäre, der Kapitalismus sei dazu in der Lage, fast endlos lange am Leben zu bleiben.
Man ist versucht, hier ein wenig Psychologie zu betreiben. Wir haben schon angemerkt, dass die Aussicht auf den eigenen Untergang ein Grund für die bürgerliche Ablehnung nicht nur des Marxismus ist, sondern auch der eigenen Bemühungen um ein wissenschaftliches Verständnis des Wertproblems, sobald klar wurde, dass solch ein Verständnis bedeutete, anzuerkennen, dass der Kapitalismus nur ein vorübergehendes System sein kann, das dazu verurteilt ist, an seinen inneren Widersprüchen zu zerbrechen. Es wäre überraschend, wenn diese Ideologie der Ablehnung nicht auch jene beeinflussen würde, die versuchen, mit der bürgerlichen Weltsicht zu brechen. In der Tat, da die Flucht der Herrschenden vor der Wirklichkeit immer verzweifeltere Züge annimmt, je mehr sie sich ihrem Untergang nähern, kann man davon ausgehen, dass dieser Verteidigungsmechanismus alle gesellschaftlichen Schichten durchdringt, einschließlich die Arbeiterklasse und ihre revolutionären Minderheiten. Was könnte schließlich furchteinflößender und der Reaktion, wegzurennen oder den Kopf in den Sand zu stecken, förderlicher sein als die reelle Möglichkeit, dass ein sterbender Kapitalismus uns alle in seine endgültige Agonie reißt?
Aber das Problem ist viel komplexer. Zum einen hängt es mit der Art und Weise zusammen, in der sich die Krise während der letzten 40 Jahre entwickelt hat und die die Diagnose der wirklichen Tragweite der fatalen Erkrankung des Kapitalismus wesentlich erschwert hat.
Wie wir festgestellt haben, lieferten die ersten Jahrzehnte nach 1914 überzeugende Hinweise darauf, dass sich das System im Niedergang befand. Erst nach dem Nachkriegsboom während der 1950er 1960er Jahre fingen einige Elemente aus der politischen Bewegung des Proletariats an, umfassende politische Zweifel an der Auffassung zu äußern, dass der Kapitalismus in seinen Niedergang eingetreten war. Die Rückkehr der Krise - und des Klassenkampfes - Ende der 1960er Jahre ermöglichten es aber, die zeitliche Beschränkung des Booms zu erkennen und die Grundlagen der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie wieder zu entdecken. Aber auch wenn diese Sicht durch den „permanenten" Charakter der Krise seit dem Ende der 1960er Jahre und vor allem durch die jüngste Explosion all der Widersprüche bestätigt wurde, die sich im Laufe dieser Jahre aufgestaut haben (Schuldenkrise), ist die Dauer der Krise auch Zeugnis für die außerordentliche Anpassungs- und Überlebensfähigkeit des Kapitalismus, selbst wenn das bedeutet hat, die eigenen Gesetze zu missachten und langfristig noch verheerendere Probleme auf sich zu laden.
Gewiss hat die IKS diese Fähigkeit gelegentlich unterschätzt. In einigen unserer Artikel aus den 1980er Jahren zur Krise - in einem Jahrzehnt, als die Massenarbeitslosigkeit wieder zum Alltag geworden war -, hatten wir die Möglichkeit eines „Booms" (oder besser: mehrerer Booms, da es auch eine Reihe von Rezessionen gab) in den 1990er und 2000er Jahren nicht berücksichtigt. Auch hatten wir sicher nicht die rasend schnelle Industrialisierung Chinas während der Nullerjahre für möglich gehalten. Für eine Generation, die unter diesen Bedingungen eines zügellosen, grenzenlosen Konsumrausches in den fortgeschrittenen Ländern, der die Konsumgesellschaft der 1950er und 1960er Jahre als vergleichsweise idyllisch erscheinen lässt, aufgewachsen war, mag die Rede vom Niedergang des Kapitalismus verständlicherweise wie ein alter Hut wirken. Die offizielle Ideologie der 1990er Jahre und auch noch Anfang der Nullerjahre lautete: Der Kapitalismus hat überall triumphiert, Neoliberalismus und Globalisierung ebnen den Weg zu einer neuen und beispiellosen Ära des Wohlstands. In Großbritannien zum Beispiel verkündete das wirtschaftspolitische Sprachrohr der Labour-Regierung, Gordon Brown, in seiner Haushaltsrede im Jahr 2005, dass das Vereinigte Königreich die höchsten langfristigen Wachstumszahlen seit Einführung der Statistik im Jahre 1701 erlebte. Es war also wenig überraschend, dass „radikalere" Versionen dieser Ideen von jenen aufgegriffen wurden, die für eine Revolution stritten. Immerhin stritt selbst die herrschende Klasse weiter darüber, ob man den Zyklus des Auf- und Abschwungs endlich überwunden habe. Diese Problematik hat unter etlichen „Pro-Revolutionären" Anklang gefunden, die Marx über die periodischen Krisen im 19. Jahrhundert zitieren können und erklären, dass es zwar noch zyklische Krisen geben mag, diese jedoch dazu dienen würden, das Totholz der Wirtschaft beiseite zu räumen und einen neuen Wachstumsschub zu ermöglichen.
Dies ist alles durchaus verständlich, aber vielleicht weniger verzeihlich in den Reihen der Kommunistischen Linken, die sich schon einige Kenntnisse über die krankhaften Grundlagen des kapitalistischen Wachstums in der Niedergangsepoche angeeignet hatten. Und trotzdem konnte man seit den 1970er Jahren immer wieder beobachten, dass Linkskommunisten sich von der Dekadenztheorie abwandten, und in der IKS ging dies oft einher mit ziemlich ernsthaften organisatorischen Krisen.
Wir wollen an dieser Stelle nicht näher auf die Ursprünge dieser Krisen eingehen. Eigentlich sind Krisen ein unvermeidbarer Bestandteil im Leben der politischen Organisationen des Proletariats, wie ein Blick auf die Geschichte der bolschewistischen Partei oder der deutschen oder italienischen Linken schnell bestätigen wird. Revolutionäre Organisationen sind ein Teil der Arbeiterklasse. Und die Arbeiterklasse ist ständig dem enormen Druck der herrschenden Ideologie ausgesetzt. Die „Avantgarde" kann diesem Druck nicht entkommen und ist gezwungen, einen ständigen Kampf dagegen zu führen. Organisationskrisen treten im Allgemeinen dann auf, wenn ein Teil oder die Gesamtheit der Organisation einer besonders starken Dosis der herrschenden Ideologie ausgesetzt wird oder vor dieser sogar in die Knie geht. Sehr oft werden diese Erschütterungen durch die Notwendigkeit ausgelöst oder verstärkt, dass man mit neuen Situationen oder größeren Gesellschaftskrisen fertig werden muss.
Die Krisen in der IKS drehten sich nahezu alle um Organisationsfragen und Fragen politischen Verhaltens. Doch es ist ebenfalls bemerkenswert, dass nahezu alle größeren Abspaltungen in unseren Reihen zu einer Infragestellung unserer Auffassung über die historische Epoche geführt haben.
1987 begannen wir mit der Veröffentlichung einer neuen Artikelserie mit dem Titel "Die Dekadenz des Kapitalismus verstehen" (/content/1360/die-dekadenz-des-kapitalismus-verstehen [680]). Sie war die Antwort darauf, dass in oder um die revolutionäre Bewegung herum zunehmend Zweifel am Konzept der Dekadenz aufgekommen waren. Die ersten drei Artikel dieser Serie [2] [681] waren eine Antwort auf die Positionen der Groupe Communiste Internationaliste, die sich nach einer Abspaltung von der IKS Ende der 1970er Jahre gebildet hatte. Zumindest einige der Elemente, die zu den Gründern der GCI gehörten, meinten das Werk der italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken fortzusetzen, indem sie sich dem widersetzten, was sie als die rätekommunistischen Verirrungen der IKS betrachteten. Doch nach einigen weiteren Spaltungen innerhalb der GCI selbst entwickelte sich die Gruppe in Richtung eines „Anarcho-Punk-Bordigismus" (so beschrieben wir dies in der Internationalen Revue): eine seltsame Kombination aus von den Bordigisten entlehnten Auffassungen, wie die „Invarianz" des Marxismus, und einen Rückfall in die voluntaristischen Anschauungen eines Bakunin. Beide diese Elemente verleiteten die GCI dazu, sich vehement gegen die Auffassung zu stellen, dass der Kapitalismus eine aufsteigende und absteigende Phase durchlaufe, vor allem im Artikel „Theorien der Dekadenz oder Dekadenz der Theorie?" (Le Communiste, Nr. 23, 1985).
In diesen Artikeln unserer Internationalen Revue wiesen wir die von der GCI erhobenen Vorwürfe zurück. Wir prangerten das groteske Sektierertum der GCI an, die proletarische Gruppen, die von der Dekadenz des Kapitalismus sprechen, in den gleichen Sack stecken wie die Zeugen Jehovas, die Moon-Sekte und Neonazis. Sie zeigten ihre ganze Ignoranz, als sie behaupteten, dass das Konzept der Dekadenz nach der Niederlage in der revolutionären Welle von 1917-23 entwickelt worden sei, als „bestimmte Früchte des Sieges der Konterrevolution anfingen, eine ‚lange Phase‘ der Stagnation und des ‚Niedergangs‘ zu theoretisieren." Vor allem zeigen die Artikel auf, dass das, was dem „Anti-Dekadentismus" der GCI zugrundeliegt, eine Preisgabe der marxistischen Geschichtsanalyse zugunsten des anarchistischen Idealismus ist.
Was die GCI tatsächlich am Dekadenzkonzept ablehnt, ist die Auffassung, dass der Kapitalismus einst ein aufstrebendes System war, dass er einst in der Lage war, eine fortschrittliche Rolle im Sinne der Menschheit zu spielen; in der Tat lehnt die GCI den Begriff des historischen Fortschritts an sich ab. Aus ihrer Sicht ist dies reine Ideologie, die der Rechtfertigung der „zivilisatorischen Mission" des Kapitalismus diene. "Die Bourgeoisie stellte alle vorherigen Produktionsformen als ‚barbarisch‘ und ‚primitiv‘ dar, die mit der historischen Weiterentwicklung fortschreitend ‚zivilisiert‘ werden. Die kapitalistische Produktionsweise ist selbstverständlich die endgültige und höchste Verkörperung der Zivilisation und des Fortschritts. So entspricht die evolutionäre Auffassung durchaus dem ‚kapitalistischen Gesellschaftswesen‘, und deshalb ist es kein Zufall, dass diese Auffassung auf alle Wissenschaften angewendet wird (d.h. auf alle Teilinterpretationen der Wirtschaft vom bürgerlichen Standpunkt aus): die Naturwissenschaften (Darwin), die Demographie (Malthus), die logische Geschichte, Philosophie (Hegel)..." (ebenda S. 8). https://de.internationalism.org/ir10/1988_poldekadenz [682][3] [683]
Doch nur weil die Bourgeoisie eine gewisse Vorstellung von Fortschritt hat, in der alles in der Herrschaft des Kapitals gipfelt, geht daraus noch lange nicht hervor, dass alle Auffassungen über den Fortschritt falsch sind. Gerade deshalb lehnte Marx die Entdeckungen Darwins nicht ab, sondern sah in ihnen - wenn sie richtig interpretiert wurden, mit einer dialektischen und nicht linearen Sichtweise - ein zusätzliches Argument im Sinne seiner Geschichtsauffassung.
Und auch die marxistische Vorstellung über den historischen Fortschritt bedeutet nicht, dass ihre Anhänger sich mit der herrschenden Klasse verbünden, wie die GCI behauptet: „Die Dekadenzvertreter sind also bis zu einem bestimmten Datum für die Sklavengesellschaft, bis zu einem anderen Datum für den Feudalismus.... bis 1914 für den Kapitalismus. So sind sie wegen ihrer Fortschrittsverehrung auf Schritt und Tritt gegen den Klassenkrieg, den die Ausgebeuteten führen, gegen die kommunistischen Bewegungen, die das Pech hatten, in der ‚falschen‘ Periode ausgebrochen zu sein" (ebenda, S. 19).[4] [684] Die marxistische Bewegung des 19. Jahrhunderts, die allgemein anerkannte, dass der Kapitalismus noch nicht die Bedingungen einer kommunistischen Revolution geschaffen hatte, sah ihre Rolle noch in einer kompromisslosen Vertretung der Klasseninteressen des Proletariats innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, und „rückblickend" erkannte sie die absolut entscheidende Bedeutung der Revolten der Ausgebeuteten in früheren Klassengesellschaften, auch wenn sie wusste, dass diese Revolten nicht in einer kommunistischen Gesellschaft münden konnten.
Der oberflächliche Radikalismus der GCI ist auch oft unter jenen anzutreffen, die offen den Anarchismus befürworten, und hat sie in der Tat gelegentlich mit einer „niveauvolleren" und semi-marxistischen Rechtfertigung für ihr Festhalten an ihren alten Vorurteilen ausgestattet. Zwar erkannten sie einige der theoretischen Beiträge von Marx an (Kritik der politischen Ökonomie, Konzept der Entfremdung usw.), jedoch konnten sie seine politische Praxis schlicht nicht aushalten, die darauf abzielte, Arbeiterparteien aufzubauen, die sich an Parlamentswahlen beteiligten, Gewerkschaften auszubauen und in manchen Fällen gar bürgerliche nationale Bewegungen zu unterstützen. All diese Praktiken (mit der möglichen Ausnahme des Aufbaus von Gewerkschaften) waren damals bürgerlich (oder autoritär) und sind es heute noch.
Aber die bloße Ablehnung eines ganzen Bestandteils der früheren Arbeiterbewegung ist keine Garantie für eine wirklich radikale Position heute. Wie der zweite Artikel dieser Serie schlussfolgerte: „Jedoch wollen wir hier unterstreichen, dass für die Marxisten die Formen des proletarischen Kampfes von den objektiven Bedingungen abhängen, unter denen dieser stattfindet, und daß sie sich nicht auf abstrakte Prinzipien der ewigen Revolte stützen. Nur indem man sich auf die objektive Analyse des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen stützt, das in seiner historischen Dynamik begriffen werden muß, kann man die Richtigkeit einer Strategie, einer Kampfform überprüfen. Außerhalb dieser materiellen Basis bewegt sich jede Stellungnahme zu den Mitteln des proletarischen Kampfes nur auf Treibsand. Man gerät in Verwirrung, sobald die oberflächlichen Formen der ‚ewigen Revolte‘ - die Gewalt, die ‚Anti-Legalität‘ - in Erscheinung treten" (https://de.internationalism.org/ir11/1989_poldekadenz [685]). [5] [686] Als Beweis wird der Flirt der GCI mit dem „Leuchtenden Pfad" in Peru und mit der Gewalt der Dschihadisten im Irak angeführt.
Die in den 1980er Jahren veröffentlichte Serie enthielt auch eine Antwort auf eine andere Gruppe, die 1985 aus einer Abspaltung von der IKS hervorgegangen war: die sog. Externe Fraktion der IKS (EFIKS), die die Zeitschrift "Internationalist Perspectives" herausbrachte. Die EFIKS, die fälschlicherweise behauptete, aus der IKS ausgeschlossen worden zu sein, und einen Großteil ihrer frühen Polemiken darauf verwendete, die Degeneration und den Stalinismus der IKS aufzuzeigen, hatte ihr Dasein mit der erklärten Absicht begonnen, die IKS-Plattform vor der IKS zu beschützen - daher der Name ihrer Gruppe. Doch bald darauf begann sie, den politischen Grundsatzrahmen der IKS immer mehr in Frage zu stellen; im Mittelpunkt stand dabei die Frage der Dekadenz. Der Name "EFIKS" wurde schließlich fallengelassen, und die Gruppe übernahm den Namen ihrer Publikation. Im Gegensatz zur GCI jedoch hat IP niemals behauptet, dass sie die Idee des Aufstiegs und Niedergangs des Kapitalismus ablehnt. Erklärtes Ziel war die Vertiefung und Klärung dieser Konzepte. Dies ist sicherlich ein begrüßenswertes Ansinnen. Aber aus unserer Sicht besteht das Problem darin, dass ihre theoretischen Grundlagen wenig Tiefschürfendes beitragen und hauptsächlich dazu dienen, die grundlegende Analyse zu verwässern.
Einerseits ging IP mehr und mehr dazu über, die Existenz zweier "paralleler" Perioden des Kapitalismus zu entwickeln, die sich auf das stützte, was sie als den Übergang von der formellen Herrschaft zur realen Herrschaft des Kapitals bezeichnete, die gemäß der Auffassung von IP mehr oder weniger den gleichen Zeiträumen entspricht wie der "traditionelle" Eintritt in den Zeitraum der Dekadenz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aus der Sicht von IP stellt die zunehmende globale Durchdringung aller Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens durch das Wertgesetz die wahre Herrschaft des Kapitals dar. Dies liefere den Schlüssel zum Verständnis der Klassengrenzen, die die IKS bislang immer auf den Begriff der Dekadenz gestützt hatte: der Bankrott der Gewerkschaftsarbeit, des Parlamentarismus, der Unterstützung der nationalen Befreiung usw.
Es stimmt sicherlich, dass die faktische Umwandlung des Kapitalismus in eine Weltwirtschaft, seine effektive "Herrschaft" über den Planeten dem Zeitpunkt des Beginns der Dekadenz entspricht und dass, wie IP ebenfalls hervorhebt, in diesem Zeitraum in der Tat im Grunde jede erdenkliche menschliche Aktivität zunehmend vom Wertgesetz durchdrungen wurde. Aber wie wir in unserem Artikel in der Internationalen Revue Nr. 60 (engl., franz., span. Ausgabe)[6] [687] argumentierten, greift die IP-Definition des Übergangs von der formellen zur wahren Dominanz ein Konzept auf, das von Marx erarbeitet wurde, und dehnt es über die spezifische Bedeutung aus, die Marx ihm verliehen hatte. Für Marx wurzelte dieser Übergang im Übergang von der Manufakturperiode - als die Arbeitskraft der Handwerker von einzelnen Kapitalisten zusammengefasst wurde, ohne die alten Produktionsmethoden wirklich zu ändern - zum eigentlichen Fabriksystem, das sich auf die kollektive Arbeit stützt. Im Wesentlichen hatte dieser Wandel aber auch schon zu Marx' Zeiten stattgefunden, auch wenn die Kapitalisten damals nur einen kleinen Teil des Planeten „beherrschten". Die spätere Ausdehnung fußte direkt auf der „realen Herrschaft" des Produktionsprozesses. In unserem Artikel meinten wir, dass die Bordigisten von Communisme ou Civilisation konsequenter seien, wenn sie behaupten, dass der Kommunismus seit 1848 möglich sei, denn aus ihrer Sicht markierte dies den faktischen Übergang zur realen Herrschaft.
Aber es gab noch einen weiteren Haken bei der Infragestellung des Konzeptes der Dekadenz, das IP von der IKS geerbt hatte: der Vorwurf des "Produktivismus". In einer seiner ersten Salven behauptete MacIntosh, dass alle Gruppen der Kommunistischen Linken, von BILAN bis zu den bestehenden Gruppen wie die IKS und das IBRP, unter dieser Krankheit litten: Sie seien „hoffnungslos und untrennbar einem Produktivismus verfallen, der das Trojanische Pferd der Kapitalisten innerhalb des marxistischen Lagers ist. Dieser Produktivismus macht die Entwicklung der Technologie und der Produktivkräfte zum eigentlichen Standard des geschichtlichen und gesellschaftlichen Fortschritts. Innerhalb dieses theoretischen Bereichs muss eine Produktionsweise, solange sie den technologischen Fortschritt sicherstellt, als historisch fortschrittlich eingestuft werden." [7] [688]. Die Broschüre der IKS „Die Dekadenz des Kapitalismus" [8] [689] wurde besonders heftig kritisiert. In dieser Broschüre wiesen wir die Auffassung Trotzkis zurück, die dieser im programmatischen Text „Die Todesagonie des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale" (1938) entwickelt hatte, wonach die Produktivkräfte der Menschheit faktisch zu wachsen aufgehört hätten. In unserer Broschüre bezeichnen wir die Dekadenz als einen Zeitraum, in dem die Produktionsverhältnisse als eine Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte wirken, jedoch nicht als absolute Schranke. Wir stellten dort ein Gedankenexperiment an, um aufzuzeigen, in welchem Maße sich der Kapitalismus entwickelt hätte, wenn er nicht von seinen ihm inhärenten Grenzen zurückgehalten worden wäre.
MacIntosh richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf diesen Abschnitt und konterte mit etlichen Zahlen, die aus seiner Sicht solch furchterregende Wachstumsraten in der Epoche der Dekadenz andeuten, dass der Begriff der Dekadenz als Verlangsamung in der Entwicklung der Produktivkräfte von einer Vorstellung abgelöst werden müsste, derzufolge gerade das Wachstum des Systems zutiefst inhuman ist - wie zum Beispiel die sich verschärfende ökologische Krise beweise.
Artikel anderer IP-Mitglieder schlugen in dieselbe Kerbe, so zum Beispiel "Für ein nicht-produktivistisches Verständnis der Dekadenz" von E.R. in IP 44. [9] [690] Eine ziemlich eindringliche Antwort auf MacIntosh‘ Text war jedoch schon von M. Lazare (im Weiteren: M.L.) in IP 29 verfasst worden [10] [691]. Wenn man von den gelegentlichen Karikaturen der angeblichen IKS-Karikaturen einmal absieht, zeigt dieser Artikel ziemlich gut, wie stark MacIntosh' Kritik am Produktivismus selbst einer produktivistischen Logik unterworfen war. [11] [692] Zunächst stellte M.L. die von Macintosh angeführten Zahlen in Frage, die besagen, dass der Kapitalismus in den 80 Jahren seit 1900 um das 30-fache gewachsen sei. Er hob hervor, dass diese Zahlen viel weniger eindrucksvoll sind, wenn man sie auf das einzelne Jahr hinunterbricht (4,36 Prozent pro Jahr). Aber was noch wichtiger ist: er meinte, dass, quantitativ gesehen, all die eindrucksvollen Wachstumszahlen des Kapitalismus in seiner Niedergangsphase in Anbetracht der gigantischen Verschwendung der Produktivkräfte, wie sie die Bürokratie, die Waffenproduktion, Kriege, Werbung, der Finanzsektor, eine Reihe von nutzlosen „Dienstleistungen" und immer wiederkehrende oder quasi-permanente Wirtschaftskrise beinhalten, tatsächlich viel, viel größer gewesen wären. In diesem Sinn bleibt der Begriff des Kapitals als Fessel, die die Entwicklung der Produktivkräfte zurückhält, aber nicht völlig blockiert, selbst in kapitalistischen Begriffen im Wesentlichen gültig. Wie Marx meinte, ist das Kapital der lebendige Widerspruch, und die „wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst". [12] [693]
Aber M.L. belässt es zu Recht nicht bei diesem Argument. Die Frage der „Qualität" der Entwicklung der Produktivkräfte in der Dekadenz stellt sich sofort, wenn Faktoren wie Verschwendung oder Krieg ins Spiel gebracht werden. Im Gegensatz zu einigen Andeutungen von M.L. war die IKS-Auffassung von der Dekadenz nie rein quantitativ ausgerichtet, sondern hat stets die gesellschaftlichen und menschlichen „Kosten" des verlängerten Überlebens des Systems berücksichtigt. Vor allem schließt unsere Auffassung von der Dekadenz keineswegs den ebenfalls von M.L. geäußerten Gedanken aus, dass man die Frage der Entwicklung der Produktivkräfte viel eingehender beleuchten muss. Die Produktivkräfte sind nicht von Haus aus Kapital, ein Irrglauben, der sowohl von den Primitivisten, die die technologische Entwicklung als solche als die Wurzel allen Übels ansehen, als auch von den Stalinisten gepflegt wird, die den Fortschritt in Richtung Kommunismus an den Tonnen von Zement und Stahl messen, die produziert werden. Im Grunde sind die „Produktivkräfte" der Menschheit ihre schöpferische Kraft, und die Bewegung hin zum Kommunismus kann nur an dem Maß gemessen werden, in dem die schöpferischen Fähigkeiten der Menschheit freigesetzt werden. Die Akkumulation von Kapital - „Produktion um der Produktion willen" - war einst ein Schritt in diese Richtung, doch sobald die Grundlagen für die Schaffung einer kommunistischen Weltgesellschaft gelegt waren, spielte sie keine fortschrittliche Rolle mehr. In diesem Sinn gehörte die italienische Kommunistische Linke, weit entfernt davon, von einer produktivistischen Sichtweise beherrscht zu sein, zu den Ersten, die dies offen kritisierten, da sie Trotzkis Hymnen über die Wunder der sozialistischen Produktion in Stalins UdSSR ablehnten und darauf bestanden, dass die Interessen der Arbeiterklasse (selbst in einem „proletarischen Staat") notwendigerweise in einem unüberbrückbaren Gegensatz zu den Bedürfnissen der Akkumulation stehen (M.L. stellte dies ebenfalls fest, im Gegensatz zu den Beschuldigungen MaIntoshs gegen die linkskommunistische Tradition).
Für Marx und für uns kann die „fortschrittliche Mission" des Kapitals an dem Grad abgelesen werden, in dem es zur Befreiung der schöpferischen Kräfte des Menschen in einer Gesellschaft beiträgt, in der das Maß für den Wohlstand nicht mehr die Arbeitszeit, sondern die Freizeit ist. Der Kapitalismus stellte einen unvermeidbaren Schritt in diese Richtung dar, aber sein Niedergang wird gerade durch die Tatsache deutlich, dass heute dieses Potenzial nur durch die Abschaffung des Wertgesetzes realisiert werden kann.
Es ist äußerst wichtig, dieses Problem in seiner ganzen historischen Dimension zu berücksichtigen, in einer Dimension, die sowohl die Zukunft wie auch die Vergangenheit umfasst. Die Versuche des Kapitals, die Akkumulation in der Zwangsjacke aufrechtzuerhalten, die ihm durch seine globalen Grenzen aufgezwungen wird, schafft eine Situation, in der nicht nur das Potenzial der Menschheit zurückgehalten wird - ihr eigentliches Überleben wird in dem Maße bedroht, wie die kapitalistischen Produktionsverhältnisse immer gewaltsameren Erschütterungen ausgesetzt sind und die Gesellschaft in den Ruin treiben. Darauf deutete Marx schon in den Grundrissen hin, als er von Entwicklung als Niedergang sprach. [13] [694]
Ein aktuelles Beispiel ist China, dessen schwindelerregende Wachstumszahlen so viele ehemals treue Anhänger der Dekadenztheorie betört haben. Hat das chinesische Kapital die Produktivkräfte weiterentwickelt? Hinsichtlich seiner eigenen Interessen ja, aber in welchem globalen und historischen Kontext hat diese Entwicklung stattgefunden? Sicherlich hat die Entfaltung des chinesischen Kapitals das globale industrielle Proletariat zahlenmäßig anschwellen lassen, aber dies geschah nur dank eines umfangreichen Deindustrialisierungsprozesses in den westlichen Industrieländern, was den massiven Verlust von Arbeitsplätzen in vielen Schlüsselbereichen der Arbeiterklasse in den Ursprungsländern des Kapitalismus und auch den Verlust von Kampftraditionen bedeutete. Gleichzeitig sind die ökologischen Kosten des chinesischen „Wirtschaftswunders" gigantisch. Der Bedarf an Rohstoffen für das chinesische Industriewachstum ist mitverantwortlich für die verstärkte Plünderung der globalen Ressourcen; die vermehrte Produktion bringt eine massive Steigerung der Umweltverschmutzung mit sich. Auf wirtschaftlicher Ebene ist China völlig abhängig von den Absatzmärkten für Konsumgüter im Westen. Sowohl hinsichtlich des Binnenmarktes als auch der Exporte sind die längerfristigen Aussichten für die chinesische Wirtschaft keineswegs positiv, genauso wenig wie die Europas und der USA. Der einzige Unterschied besteht darin, dass China von einem höheren Niveau aus beginnt.[14] [695]. Doch seine Vorteile, oder zumindest einige von ihnen, könnten dahinschwinden, wenn es zu einer Reihe von Bankrotten kommt [15] [696]. Früher oder später kann China nur Bestandteil der Rezessionsdynamik der Weltwirtschaft werden.
Am Ende des 19. Jahrhunderts sah Marx Anlass zur Hoffnung, dass eine kapitalistische Entwicklung in Russland nicht unbedingt erforderlich sei, weil er erkannt hatte, dass auf Weltebene die Bedingungen für den Kommunismus schon heranreiften. Um wie viel mehr trifft dies heute zu...
2003-2004 begannen wir eine neue Artikelserie zur Dekadenz - als Antwort auf eine Reihe neuer Angriffe gegen das Konzept, aber insbesondere auch als Reaktion auf besorgniserregende Signale, die darauf hindeuteten, dass das Internationale Büro für die Revolutionäre Partei (nunmehr die Internationale Kommunistische Tendenz), das im Allgemeinen seine politischen Positionen auf das Konzept der Dekadenz gestützt hatte, ebenfalls von dem vorherrschenden „anti-dekadentistischen" Druck beeinflusst wurde.
In einer Erklärung („Kommentare zur jüngsten Krise in der IKS") im Februar 2002, die in Internationalist Communist Review Nr. 21 veröffentlicht wurde, wird das Konzept der Dekadenz kritisiert als "so universell wie verwirrend [...] der Kritik der politischen Ökonomie fremd [...] den Methoden und dem Arsenal der Kritik der politischen Ökonomie unbekannt." Wir wurden auch gefragt: "Welche Rolle spielt das Konzept der Dekadenz in puncto militanter Kritik der politischen Ökonomie, i.e. für eine tiefergehende Analyse der Charakteristiken und Dynamik des Kapitalismus in der heutigen Zeit? Keine. Weil der Begriff selbst niemals in den drei Bänden des Kapitals auftaucht." [16] [697]
Auch in einem auf Italienisch veröffentlichten Beitrag in Prometeo Nr. 8, Serie VI (Dezember 2003) und auf Englisch in Revolutionary Perspectives Nr. 32, 3. Serie, Sommer 2004 [17] [698] („Für eine Definition des Konzeptes der Dekadenz")gab es eine Reihe von besorgniserregenden Aussagen.
Die Theorie der Dekadenz wird offensichtlich so aufgefasst, als führe sie zu einer fatalistischen Vorstellung über den Werdegang des Kapitalismus und die Rolle der Revolutionäre: "Die Unklarheit liegt darin begründet, dass die Dekadenz oder der schrittweise Niedergang der kapitalistischen Produktionsform aus einer Art unvermeidbarem Prozess der Selbstzerstörung entsteht, dessen Ursachen auf den wesentlichen Aspekt seiner eigenen Existenz zurückzuführen sind. [...] das Verschwinden und die Zerstörung der kapitalistischen Wirtschaftsform ist eine historisch bedingte Tatsache, wirtschaftlich unausweichlich und gesellschaftlich vorbestimmt. Abgesehen davon, dass dies eine kindische und idealistische Herangehensweise ist, führt dies zu negativen politischen Auswirkungen und der Hypothese, dass, um den Tod des Kapitalismus zu erleben, es ausreichte, dies sozusagen von der Seitenlinie aus zu beobachten oder dass es allenfalls in Krisensituationen (und nur dann) erforderlich sei, die subjektiven Instrumente des Klassenkampfes als einen letzten Impuls für eine Prozess zu liefern, der ansonsten irreversibel ist."
Die Dekadenz wird allem Anschein nach nicht mehr in der Alternative zwischen Sozialismus und Barbarei münden, da der Kapitalismus sich grenzenlos erneuern kann. „Der widersprüchliche Aspekt der kapitalistischen Produktion, die Krisen, die daraus hervorgehen, die Wiederholung des Akkumulationsprozesses, der vorübergehend unterbrochen ist, aber durch die Zerstörung von überflüssigem Kapital und Produktionsmitteln neue Nahrung erhält, führen nicht automatisch zu seiner Zerstörung. Entweder kommt der subjektive Faktor zum Tragen, der im Klassenkampf seinen materiellen Dreh- und Angelpunkt und in der Krise seine ökonomisch bestimmende Kraft hat, oder das Wirtschaftssystem reproduziert sich selbst, wodurch all seine Widersprüche erneut und auf einer höheren Ebene ausbrechen, ohne dabei aber gleichzeitig die Voraussetzungen für seine eigene Selbstzerstörung zu schaffen."
Wie in der Erklärung von 2002 wurde im neuen Artikel argumentiert, dass das Konzept der Dekadenz keineseriöse Kritik an der politischen Ökonomie sei. Es wäre nur nützlich, wenn man es auf ökonomischer Ebene „beweisen" könne, indem man die Tendenzen bei der Entwicklung der Profitrate untersucht.
"Ebenso wenig ist die evolutionäre Theorie gültig, derzufolge der Kapitalismus historisch durch eine fortschrittliche und eine dekadente Phase gekennzeichnet ist, wenn man keine kohärente wirtschaftliche Erklärung liefern kann (...). Die Untersuchung der Dekadenz differenziert diese Mechanismen, die die Verlangsamung des Verwertungsprozesses des Kapitals steuern, mit all den damit verbundenen Konsequenzen, oder sie bleibt gefangen in einer falschen Perspektive, die vergeblich Prophezeiungen macht. (...) Aber die Auflistung dieser ökonomischen und gesellschaftlichen Phänomene kann, sobald diese identifiziert und beschrieben worden sind, als solche nicht als ein Beleg für die Niedergangsphase des Kapitalismus angesehen werden. Dies sind lediglich Symptome, und der Ausgangspunkt für deren Entstehung liegt in den Gesetzen der Profitkrise."
Die beiden Artikel in unserer Internationalen Revue[18] [699], die als Antwort auf das IBRP geschrieben wurden, zeigten, dass, auch wenn die Internationalistische Kommunistische Partei - Battaglia Comunista, die Sektion der IKT in Italien, von der dieser Beitrag verfasst wurde - den Begriff der Dekadenz schon immer relativ inkonsequent vertreten hatte, dieser Artikel ein wirklicher Rückschritt in Richtung jener „bordigistischen" Auffassung war, die 1952 maßgeblich zum Bruch in der Internationalistischen Kommunistischen Partei beigetragen hatte. Bordiga, dessen Position von Damen heftig bekämpft wurde (wie wir in einem früheren Artikel dieser Reihe sahen [19] [700]), behauptete, die „Theorie der abfallenden Kurve" sei fatalistisch; gleichzeitig leugnete er jegliche objektiven Grenzen für das wirtschaftliche Wachstum. Was das Ansinnen anbelangt, die Dekadenz ökonomisch zu „beweisen", war die Erkenntnis, dass der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 eine qualitativ neue Phase im Leben des Kapitals eröffnet hatte, von Marxisten wie Lenin, Luxemburg und der Kommunistischen Linken vor allem auf der Grundlage der gesellschaftlichen, politischen und militärischen Faktoren bestätigt worden. Wie jeder gute Arzt hatten sie die Krankheit anhand ihrer offensichtlichsten Symptome, insbesondere den Weltkrieg und die Weltrevolution, diagnostiziert. [20] [701]
Wir wissen nicht, wie die Diskussion innerhalb der IKT nach der Veröffentlichung des Artikels von Battaglia verlaufen ist [21] [702]. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass diese beiden hier erwähnten Artikel eine allgemeine Flucht vor der Kohärenz der Italienischen Linken widerspiegeln und ein Ausdruck dieses Trends innerhalb einer der solidesten Gruppen dieser Tradition sind.
Dieser Rückschritt von Elementen in der Kommunistischen Linken hinter die Dekadenztheorie wird von Einigen als eine Befreiung von einem rigiden Dogmatismus und als Öffnung zu einer theoretischen Bereicherung verstanden. Doch während wir die Letzten sind, die die Notwendigkeit leugnen, die ganze Frage des Auf- und Abstiegs des Kapitalismus zu erläutern und zu vertiefen [22] [703], haben wir den Eindruck, dass es sich hier hauptsächlich um einen Rückzug von der Klarheit der marxistischen Tradition und um eine Konzession an das enorme Gewicht der bürgerlichen Ideologie handelt, die sich notwendigerweise auf den Glauben an das ewige, sich selbst verjüngende Wesen dieser Gesellschaftsordnung stützt.
Wie wir eingangs schrieben, ist dieses Problem - die Unfähigkeit, den Kapitalismus als eine vorübergehende Gesellschaftsform zu erkennen, die sich bereits jetzt als obsolet erwiesen hat - besonders deutlich unter der neuen Generation von politisierten Minderheiten verbreitet, die vom Anarchismus stark beeinflusst sind. Aber der Anarchismus hat auf theoretischer Ebene wenig anzubieten, vor allem wenn es um die Kritik der politischen Ökonomie geht; er ist normalerweise gezwungen, sich beim Marxismus zu „bedienen", um den Eindruck einer wirklichen Tiefe zu vermitteln. In einem gewissen Maße war dies die Rolle der Gruppe Aufheben im libertär-kommunistischen Milieu in Großbritannien sowie international gewesen. Ihre einmal im Jahr erscheinende Zeitschrift Aufheben wurde jeweils mit großer Spannung erwartet, weil man sich davon gewichtige Analysen von Fragen der Aktualität erhofft, verfasst vom Standpunkt eines „autonomen Marxismus". Insbesondere die Dekadenzserie [23] [704] war von Vielen als die endgültige Widerlegung dieses Konzeptes des kapitalistischen Niedergangs betrachtet worden, das als ein Erbe des mechanischen Marxismus der Zweiten Internationale, als eine „objektivistische" Sicht der Dynamik des Kapitalismus gesehen wurde, die die subjektive Dimension des Klassenkampfes völlig unterschätze.
„Aus der Sicht der linken Sozialdemokraten ist es wichtig, darauf zu bestehen, dass der Kapitalismus sich im Niedergang befindet - und sich seinem Zusammenbruch nähert. ‚Marxismus' heißt für sie, der Kapitalismus sei bankrott und die revolutionäre Aktion damit notwendig. Sie beteiligen sich zwar an revolutionären Aktionen, aber, wie wir gesehen haben, weil sie ihren Schwerpunkt auf die objektiven Widersprüche des Systems legen, mit der revolutionären subjektiven Aktion als Reaktion darauf, verknüpfen sie dies nicht mit der wirklich notwendigen Vorbedingung für das Ende des Kapitalismus - die konkrete Entwicklung des revolutionären Subjektes. Für die revolutionäreren Mitglieder der Bewegung wie Lenin und Luxemburg schien eine revolutionäre Position eine Position des Glaubens an den Zusammenbruch zu sein, obwohl die Zusammenbruchstheorie faktisch dazu geführt hatte, dass sich zu Beginn der 2. Internationale eine reformistische Position herausgebildet hatte. Der Punkt war, dass die Theorie des kapitalistischen Niedergangs als eine Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus aufgrund seiner eigenen objektiven Widersprüche eine im Wesentlichen kontemplative Haltung gegenüber der Objektivität des Kapitalismus beinhaltete, während die wirklichen Erfordernisse der Revolution im Bruch mit dieser kontemplativen Haltung bestehen." [24] [705]
Aufheben geht davon aus, dass sowohl die Trotzkisten als auch die heutigen Linkskommunisten die Erben dieser (linken) sozialdemokratischen Tradition seien: "Unsere Kritik lautet, dass ihre Theorie die Entwicklung des Kapitalismus schildert; die praktische Folge daraus ist, dass die Trotzkisten hinter allem herlaufen, was sich bewegt, um für den endgültigen Show-down zu rekrutieren, während die Linkskommunisten sich fernhalten und auf eine exemplarische revolutionäre Aktion der Arbeiter warten. Hinter diesem offensichtlichen Gegensatz in der Art und Weise, sich auf den Kampf zu beziehen, steckt eine gemeinsame Auffassung über den Zusammenbruch des Kapitalismus, was bedeutet, dass sie nichts aus der realen Klassenbewegung gelernt haben. Obgleich es eine Neigung gibt, sich zu Aussagen hinreißen zu lassen, dass der Sozialismus unvermeidbar ist, gilt im Allgemeinen für die Anhänger der Dekadenztheorie, dass der Sozialismus nicht unaufhaltsam kommen wird - wir sollten nicht alle einfach abwarten und Tee trinken -, aber der Kapitalismus wird zusammenbrechen. Diese Theorie kann schließlich mit dem leninistischen Konstrukt einer Organisation heute einhergehen, oder - wie bei Mattick - man wartet auf den Moment des Zusammenbruchs, weil es dann möglich sei, eine richtige revolutionäre Organisation zu errichten. Die Theorie des Niedergangs und der Krise wird von der Partei hochgehalten und verstanden, die Arbeiterklasse muss ihrer Fahne hinterherlaufen. Das heißt: ‚Wir begreifen Geschichte, folgt uns!‘ Die Niedergangstheorie passt sehr gut zur leninistischen Theorie vom Bewusstsein, die natürlich viel von Kautsky übernommen hat, der seinen Kommentar zum Erfurter Programm mit der Vorhersage beendete, dass ‚... die Mitglieder der nichtproletarischen Klassen der Sozialdemokratie zuströmen und Hand in Hand mit dem unwiderstehlich vordringenden Proletariat ihrer Fahne folgen zu Sieg und Triumph‘." (https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1892/erfurter/5-klassenk... [706]).
Wie aus der Behauptung, die Dekadenztheorie führe logischerweise zu einer „leninistischen" Theorie des Klassenbewusstseins, ersichtlich wird, ist die allgemeine Auffassung von Aufheben von Socialisme ou Barbarie (deren Aufgabe der marxistischen Krisentheorie in den 1960er Jahren wir in einem früheren Artikel dieser Serie behandelt haben [25] [707]) und insbesondere von den italienischen Autonomen [26] [708]beeinflusst worden. Diese beiden Strömungen teilen die Kritik an der „objektivistischen" Interpretation Marx‘, derzufolge der Schwerpunkt auf der unerbittlichen Ausarbeitung der ökonomischen Gesetze des Kapitals den Einfluss des Klassenkampfes auf die Organisierung der kapitalistischen Gesellschaft minimiert und ein Verständnis der Bedeutung der subjektiven Erfahrung der Arbeiterklasse mit ihrer Ausbeutung unmöglich macht. Gleichzeitig war sich Aufheben dessen bewusst, dass Marx‘ Entfremdungstheorie sich genau auf diese Subjektivität des Proletariats stützt, und sie kritisierte Cardan (den Haupttheoretiker von Socialisme ou Barbarie) für dessen Kritik an Marx, weil er nicht diesen Hauptbestandteil seines Denken berücksichtigt habe. „Socialisme ou Barbarie's grundlegender Widerspruch verkennt die völlige Radikalität der Kritik von Marx an der Entfremdung. Mit anderen Worten, sie stellten als Innovation dar, was in Wirklichkeit eine Verarmung der Marxschen Kritik war." [27] [709]
Die Autonomen gingen über Cardans oberflächliche Sicht, wonach Marx ein "monumentales Werk - Das Kapital - geschrieben hat, in dem der Klassenkampf buchstäblich abwesend ist", noch hinaus. [28] [710] Harry Cleavers 1979 veröffentlichte Buch „Reading Capital Politically", das sich ausdrücklich mit der Tradition des „autonomen Marxismus" identifiziert, zeigt sehr gut auf, dass bei der Vorgehensweise von Marx das Kapital als ein gesellschaftliches Verhältnis definiert wird und als solches notwendigerweise den Widerstand des Proletariats gegen die Ausbeutung umfasst, der umgekehrt die Organisierungsweise des Kapitals modifiziert. Das wurde zum Beispiel am Kampf für die Verkürzung des Arbeitstages und am Übergang zur Extraktion des relativen statt des absoluten Mehrwertes (der sich im 19. Jahrhundert vollzog) sowie an den wachsenden Bedürfnissen des Systems nach staatlicher Planung deutlich, um mit der proletarischen Gefahr (im 20. Jahrhundert) fertig zu werden.
Dies ist eine richtige Korrektur an der mechanistischen "Kautskyschen" Auffassung, die zurzeit der Zweiten Internationale verbreitet war und derzufolge die unerbittlichen Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft mehr oder weniger sicherstellten, dass die Macht wie „eine reife Frucht" in die Hände einer gut organisierten sozialdemokratischen Partei fallen werde. Wie Cleaver ferner hervorhebt, wird diese Herangehensweise, die die subjektive Entwicklung des Klassenbewusstseins tatsächlich unterschätzt, nicht durch eine Art Ultra-Leninismus vermieden, der die Partei als das einzig wahre Element der Subjektivität zwischenschaltet, wie in Trotzkis berühmten Ausspruch, dass die „Krise der Menschheit sich auf die Krise der revolutionären Führung reduzieren lässt." [29] [711] Die Partei ist in der Tat ein subjektiver Faktor, aber ihre Fähigkeit, zu wachsen und die Klassenbewegung zu beeinflussen, hängt von einer viel breiteren Entwicklung des proletarischen Kampfes und Bewusstseins ab.
Es trifft ebenso zu, dass die Bourgeoisie gezwungen ist, mit dem Kampf der Arbeiterklasse bei der Aufrechterhaltung ihrer Klassenschaft zu rechnen - nicht nur auf ökonomischer, sondern auch auf politischer und militärischer Ebene. Und die Analysen der IKS zur Weltlage haben diese Aspekte selbstverständlich berücksichtigt. Einige Beispiele: wenn wir die Wahl zwischen verschiedenen politischen Mannschaften zur Lenkung des „demokratischen" Staates betrachten, gehen wir immer vom Klassenkampf als einem zentralen Element aus. Deshalb sprachen wir während der 1980er Jahre von der Präferenz der Bourgeoisie für eine oppositionelle Rolle der linken Parteien, weil sie so besser mit den Reaktionen der Arbeiter auf die Sparmaßnahmen umgehen konnten. Andererseits hat die die Strategie der Privatisierung nicht nur eine wirtschaftliche Funktion, die von den abstrakten Gesetzen der Wirtschaft diktiert wird (die Anwendung der Marktgesetze auf jeder Stufe des Arbeitsprozesses), sondern auch eine gesellschaftliche Funktion, die dazu dient, die Reaktion der Arbeiter gegen die Angriffe auf ihre Lebensbedingungen zu fragmentieren, da diese Angriffe infolge der Privatisierungen nicht mehr als das Werk eines einzigen Arbeitgebers, des kapitalistischen Staates, gesehen werden. Auf einer eher historischen Ebene haben wir stets den Standpunkt vertreten, dass das Gewicht des Klassenkampfes, ob offen oder potenziell, eine entscheidende Rolle bei der Einschätzung des „historischen Kurses" zum Krieg oder zur Revolution spielt. Wir zitieren diese Beispiele, um zu zeigen, dass es keine logische Verknüpfung zwischen einer Theorie des kapitalistischen Niedergangs und der Leugnung des subjektiven Faktors der Klasse bei der Einschätzung der allgemeinen Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft gibt.
Indes verloren die Autonomen sämtlichst die Orientierung, als sie die Schlussfolgerung zogen, dass die Ende der 1960er ans Tageslicht tretende Wirtschaftskrise ein Ergebnis des Klassenkampfes sei. Auch wenn Arbeiterkämpfe in bestimmten Phasen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Herrschenden vergrößern und deren „Lösungen" blockieren können, wissen wir nur zu gut, dass die Wirtschaftskrise katastrophale Auswirkungen erreichen kann, wenn der Klassenkampf sich auf breiter Front auf dem Rückzug befindet. Die Depression der 1930er Jahre liefert dafür den klarsten Beweis. Die Ansicht, dass Arbeiterkämpfe die Wirtschaftskrise ausgelöst hätten, hatte in den 1970er Jahren einen gewissen Anschein von Plausibilität, als beide Ereignisse zeitgleich auftraten. Doch Aufheben selbst erkennt die Grenzen dieser Argumentation in dem Abschnitt der Artikelserie zur Dekadenz, in dem auf die Autonomen eingegangen wird: „In den 1980er Jahren kam die Klassenkampftheorie von der Krise ein Stück weit vom Pfad ab. Denn während in den 1970er Jahren der Bruch der objektiven kapitalistischen Gesetze ziemlich offensichtlich war, wurde das aufstrebende Subjekt durch den teilweisen Erfolg des Kapitalismus zurückgeworfen. Es hat den Anschein, dass die objektiven Gesetze des Kapitals in den 1980er Jahren unbegrenzten Spielraum erhielten und in unserem Leben gewissermaßen Amok laufen konnten. Eine Theorie, die die Erscheinungsweisen der Krise mit dem konkreten Verhalten der Klasse in Verbindung brachte, konnte sich nur auf wenige offensive Kämpfe stützen, und dennoch wurde die die Krise nicht überwunden. Unter diesen Umständen eignete sich die Theorie immer weniger." [30] [712]
Was bleibt also von der Gleichsetzung zwischen Dekadenztheorie und "Objektivismus"? Wir haben bereits erwähnt, dass Aufheben Cardan richtigerweise dafür kritisierte, dass er die eigentlichen Folgen der Marxschen Theorie der Entfremdung außer Acht lässt. Leider begeht Aufheben den gleichen Fehler, wenn es die Theorie des kapitalistischen Niedergangs mit der „objektivistischen" Theorie des Kapitals verquickt, die dieses als eine durch ein Uhrwerk gesteuerte Maschine mit unmenschlichen Gesetzen darstellt. Doch aus der Sicht des Marxismus schwebt das Kapital nicht gottgleich über der Menschheit; es ist vielmehr wie Gott von den menschlichen Handlungen erzeugt worden. Es ist jedoch eine entfremdete Handlungsweise, was bedeutet, dass sie eine Existenzweise annimmt, die unabhängig von ihren Schöpfern ist - am Ende sowohl von der Bourgeoisie als auch vom Proletariat, da beide von den abstrakten Gesetzen des Marktes in den Abgrund eines ökonomischen und gesellschaftlichen Desasters getrieben werden. Dieser Objektivismus des Kapitals ist genau das, was die proletarische Revolution abzuschaffen anstrebt, nicht indem diese Gesetze menschlicher gestaltet werden, sondern indem sie durch die bewusste Unterordnung der Produktion unter die Bedürfnisse des Menschen ersetzt werden.
In World Revolution, Nr. 168 (Oktober 1993) [31] [713]veröffentlichten wir eine erste Antwort auf den Artikel von Aufheben zur Dekadenz. Das zentrale Argument in diesem Artikel lautet: Indem Aufheben die Dekadenztheorie angreift, lehnt es die ganze Marxsche Vorgehensweise gegenüber der Geschichte ab. Insbesondere mit dem Vorwurf des "Objektivismus" lässt Aufheben den vom Marxismus ermöglichten kritischen Durchbruch, die Ablehnung sowohl des vulgärmaterialistischen Ansatzes als auch der idealistischen Methoden, wie auch den Zwiespalt zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, außer Acht. [32] [714]
Bemerkenswerterweise haben die ursprünglichen Artikel von Aufheben über die Dekadenz die Unzulänglichkeit der Krisenerklärungen der Autonomen erkannt: In einer höchst kritischen Einleitung zu der Reihe, die die Online-Version der Serie auf libcom.org begleitet (33), gesteht Aufheben ein, dass es ihnen nicht gelungen war, gerade dieses Verhältnis zwischen den objektiven und subjektiven Faktoren bei einer Reihe von marxistischen Denkern (einschließlich Rosa Luxemburg, die selbstverständlich den Begriff des kapitalistischen Niedergangs vertrat) zu erkennen, und akzeptierte, dass unsere Kritik an ihnen in diesem wichtigen Punkt ganz richtig war. Diese Selbstkritik ist nicht besonders gut bekannt, während die ursprüngliche Serie weiterhin als endgültiger K.O.-Schlag gegen die Dekadenztheorie herangezogen wird.
Solche selbstkritischen Überprüfungen kann man nur begrüßen, aber aus unserer Sicht sind die Konsequenzen nicht unbedingt überzeugend. Dies wird dadurch offensichtlich, dass die jüngsten Ausgaben von Aufheben gerade jetzt, wo die wirtschaftliche Sackgasse dieses Systems immer deutlicher wird, trotz großer Anstrengungen nur ein sehr enttäuschendes Ergebnis zustande gebracht haben. Aus ihrer Sicht ist die 2007 ausgebrochene "Schuldenkrise" nicht im Geringsten Ausdruck eines tieferliegenden Problems im Akkumulationsprozess, sondern sie ist vor allem auf Fehler im Finanzsektor zurückzuführen. Auch könnte es ziemlich leicht zu einem neuen und ausdehnten „Aufschwung" kommen, wie jener, der angeblich in den 1990er Jahren und Anfang der Nullerjahre stattgefunden hatte. [34] [715] Aus Platzgründen können wir nicht weiter auf diesen Artikel eingehen, aber es scheint, als habe der Anti-Dekadentismus das finale Stadium seines Niedergangs erreicht.
Wir werden diese Polemik hier abschließen, doch die Debatte über dieses Thema wird sicherlich weitergehen. Sie ist umso dringender geworden, da immer mehr Menschen, vor allem aus der jungen Generation, sich bewusst werden, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat und die Krise sich in ihrem Endstadium befindet. Diese Frage wird in den Klassenkämpfen und Sozialrevolten, die überall durch die Krise ausgelöst werden, immer mehr diskutiert werden. Sie ist mehr als je zuvor lebenswichtig, um einen klaren theoretischen Rahmen für das Verständnis der historischen Sackgasse zu entwickeln, in der das kapitalistische System steckt, um zu betonen, dass der Kapitalismus eine außer Kontrolle geratene Produktionsweise ist, die auf immer mehr Zerstörung zutreibt, und um auf die Unmöglichkeit jeglicher reformistischer Lösungen hinzuweisen, die darauf abzielen, das Kapital menschlicher oder demokratischer zu machen.
Kurzum, es geht darum zu verdeutlichen, dass die Alternative Sozialismus oder Barbarei, die von den Revolutionären 1914 laut und deutlich verkündet wurde, heute mehr denn je relevant ist. Solch ein Aufruf ist alles andere als ein Plädoyer für eine passive Hinnahme der gesellschaftlichen Funktionsweise. Im Gegenteil, es ist eine Aufforderung an das Proletariat, zu handeln, das Bewusstsein voranzutreiben und die Tür zu einer kommunistischen Zukunft aufzustoßen, die möglich und notwendig, aber alles andere als garantiert ist.
Gerrard 5/12
[1] [716] https://en.internationalism.org/ir/134/what-method-to-understand-decadence [717]
[2] [718] en.internationalism.org/ir/048_decadence_part01.html [719], en.internationalism.org/ir/049_decadence_part02.html [720], en.internationalism.org/ir/050_decadence_part03.htm [721]
[3] [722] ebenda
[4] [723] ebenda,
[5] [724] https://en.internationalism.org/icconline/2006/groupe-communiste-internationaliste [725]
[6] [726] https://en.internationalism.org/ir/060_decadence_part08.html [727]
[7] [728] Internationalist Perspective n° 28, Herbst 1995
[8] [729] https://en.internationalism.org/pamphlets/decadence [730]
[9] [731] internationalist-perspective.org/IP/ip-archive/ip_44_decadence-2.html.
[10] [732] internationalist-perspective.org/IP/ip-archive/ip_29_decadence.html
[11] [733] MacIntosh war nicht das erste und letzte unserer frühen Mitglieder, die sich derart von den Wachstumsraten des Kapitalismus blenden ließen, dass sie das Konzept der Dekadenz in Frage zu stellen oder abzulehnen begannen. Gegen Ende der 1990er Jahre bildeten im Zuge einer ernsten Krise um die Organisationsfrage eine Reihe von früheren Mitgliedern der IKS den Pariser Diskussionszirkel, unter ihnen RV, der seinerzeit die Broschüre "Die Dekadenz des Kapitalismus" und die Antwort auf die Kritiken der GCI am "Dekadentismus" verfasst hatte. Obgleich die Frage der Dekadenz niemals im Fokus der Debatten über die interne Krise stand, veröffentlichte der Zirkel sehr schnell einen wichtigen Text, der das Konzept der Dekadenz insgesamt verwarf. Dabei verwies er hauptsächlich auf die beträchtliche Entwicklung der Produktivkräfte seit 1914 und vor allem seit 1945. (cercledeparis.free.fr/indexORIGINAL.html [734]).
[12] [735] Band 3, Drittes Buch, Erster Teil, Dritter Abschnitt, Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, 15.Kapitel, Entfaltung der inneren Widersprüche des Gesetzes, II. Konflikt zwischen Ausdehnung der Produktion und Verwertung, S. 261, MEW Bd 25)
[13] [736] Zu diesem letzten Punkt siehe unseren Artikel „Die Untersuchung des Kapitals und die Grundrisse des Kommunismus [737]" aus der Serie "Der Kommunismus ist keine schöne Idee, sondern eine materielle Notwendigkeit".
[14] [738] Der IWF schätzt, dass die "chinesische Wirtschaft einen Rückgang ihres Wachstums um die Hälfte erleben könnte, falls die Krise der Eurozone sich verschlimmern sollte." (Les Echos. www.lesechos.fr/entreprises-secteurs/finance-marches/actu/0201894521951-... [739]).
[15] [740] Um das Wachstum trotz einer Verlangsamung der Weltwirtschaft aufrechtzuerhalten, hat China mehr auf seinen Binnenmarkt gesetzt, indem z.B. die Kommunen massiv Schulden aufnehmen. Aber selbst hier ist kein Wunder möglich. Man kann nicht endlos Schulden anhäufen; das trifft natürlich auch auf die chinesischen Banken zu. "Um eine Reihe von Insolvenzen oder Zahlungsunfähigkeiten zu vermeiden, haben die Banken viele Schulden der Kommunen gestundet bzw. schicken sich an, es zu tun." (Les Echos).
[16] [741] https://www.leftcom.org/en/articles/2002-08-01/comments-on-the-latest-crisis-of-the-icc [742]
[17] [743] https://www.leftcom.org/en/articles/2003-12-01/for-a-definition-of-the-concept-of-decadence [744]
[18] [745] https://en.internationalism.org/ir/119_decadence_ii.html [746] und https://en.internationalism.org/ir/120_decadence_iii.html [747]
[19] [748] https://en.internationalism.org/internationalreview/201111/4596/post-war-boom-did-not-reverse-decline-capitalism [749]
[20] [750] Der Artikel in Internationale Revue, Nr. 120 (engl., franz., span. Ausgabe) deckt auch die heuchlerischen Behauptungen einer Gruppe von Elementen auf, die aus der IKS wegen ihres inakzeptablen Verhaltens ausgeschlossen worden waren: die "Interne Fraktion der IKS", die einen kriecherischen Artikel zu Battaglias Beitrag veröffentlichten. Nachdem sie der IKS vorgeworfen hatte, das Konzept der Dekadenz mittels der Theorie vom Zerfall (die außerhalb des Konzeptes der Dekadenz keinen Sinn macht) aufzugeben, wurde das politische Ziel dieser „Fraktion" - nämlich die IKS anzugreifen, während man gleichzeitig das IBRP umschmeichelt - in diesem Artikel entlarvt.
[21] [751] Dem Vernehmen nach war der Artikel in Prometeo Nr. 8 ein Diskussionspapier und keine Stellungnahme des IBRP oder einer ihrer zugehörigen Gruppen, wodurch der Titel unserer Antwort ("Battaglia Comunista gibt das marxistische Dekadenzkonzept auf") ziemlich ungeeignet war.
[22] [752] Zum Beispiel die Debatte über die ökonomischen Grundlagen des Nachkriegsbooms (siehe https://en.internationalism.org/ir/133/economic_debate_decadence [753] sowie Artikel in nachfolgenden Nummern) und die Erkenntnis, dass die Dekadenz eine Geschichte hat, die zum Konzept des Zerfalls als der Endphase des kapitalistischen Niedergangs führt.
[23] [754] „Dekadenz: Die Theorie des Niedergangs oder Niedergang der Theorie", die im Sommer 1993 begann.
[24] [755] https://libcom.org/library/decadence-aufheben-2 [756].
[25] [757] https://en.internationalism.org/internationalreview/201111/4596/post-war-boom-did-not-reverse-decline-capitalism [749].
[26] [758] "The rise and fall of Autonomia Operaia", IR 16: https://en.internationalism.org/specialtexts/IR016_auto_operaia.htm [759].
[27] [760] https://libcom.org/library/decadence-aufheben-3 [761].
[28] [762] Cardan, "Moderner Kapitalismus und Revolution", aus dem Kapitel "Politische Implikationen aus der ‘klassischen' Theorie".
[29] [763] Der Todeskampf des Kapitalismus. Siehe den Artikel aus dieser Serie in Internationale Revue Nr. 146: „Die Dekadenz des Kapitalismus: Für die Revolutionäre bestätigt die Große Depression die Überalterung des Kapitalismus" (engl., franz., span. Ausgabe) https://en.internationalism.org/ir/146/great-depression [764]).
[30] [765]. https://libcom.org/library/decadence-aufheben-3 [761].
[31] [766]https://en.internationalism.org/wr/168_polemic_with_aufheben [767].
[32] [768] Siehe ebenso den Artikel aus dieser Serie in der Internationalen Revue, Nr. 141 (engl., franz., span. Ausgabe): „Die Theorie des kapitalistischen Niedergangs und der Kampf gegen den Revisionismus", in dem wir die die Auffassung von Aufheben kritisieren, derzufolge die Dekadenztheorie in der II. Internationale begonnen habe (https://en.internationalism.org/ir/141/capitalist-decline-revisionism [769]).
[33] [770]. https://libcom.org/article/aufheben-decadence [771]. In dieser Einleitung schreibt Aufheben, dass in der Anfangsphase der Gruppe die IKS für sie ein wichtiger Bezugspunkt war. Aber sie meinen, dass unsere dogmatische und sektiererische Haltung (zum Beispiel auf einem Treffen in London über die Zukunft der Europäischen Union) sie zu der Schlussfolgerung führte, es sei nicht möglich, mit uns zu diskutieren. Es stimmt, dass die IKS zum Teil eine sektiererische Haltung gegenüber Aufheben vertrat; dies spiegelte sich auch in unserem Artikel aus dem Jahre 1993 wider, zum Beispiel am Ende des Artikels, als wir schrieben, es wäre besser, dass die Gruppe verschwinden würde.
[34] [772] Im Schlussteil des Artikels von 2011 liest man: "Es gibt wenig Anhaltspunkte dafür, dass wir in einen langen Abschwung eingetreten sind oder dass der Kapitalismus jetzt in der Stagnation steckengeblieben ist, wenn man von der Finanzkrise selbst einmal absieht. In der Tat scheinen der schnelle, erneute Anstieg der Profite und das Vertrauen großer Teile der Bourgeoisie in die langfristigen Aussichten einer erneuten Kapitalakkumulation das Gegenteil zu belegen. Aber wenn der globale Kapitalismus noch mitten in einem langen Aufschwung steckt, mit historischen hohen Profitraten, wie kann man dann die unvorhergesehene Finanzkrise von 2007-2008 erklären?"
Wie wir lange Zeit gegen die Orthodoxie der „Stagnation" argumentiert haben, war die „Aufschwung"-Theorie richtig gewesen, da sie begriff, dass die Reorganisation der globalen Kapitalakkumulation, die im vergangenen Jahrzehnt vonstattenging, insbesondere die Integration von China und Asien in die Weltwirtschaft, zur Wiederherstellung der Profitraten und, als eine Konsequenz daraus, zu einem nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung geführt hat. Doch wie wir nun erkennen, besteht das Problem darin, dass die Aufschwungstheorie darin versagt hat, die Bedeutung des Auftauchens des globalen Kredit- und Finanzwesens und die Rolle zu begreifen, die es bei der Bewerkstelligung dieser Reorganisation gespielt hat.
Um die Beschränkungen sowohl der „Stagnations"- als auch der „Aufschwung"-Theorie zu überwinden, war es also notwendig, das Verhältnis zwischen dem Auftauchen und der Entwicklung des Kredit- und Finanzwesens einerseits und der globalen Reorganisation der realen Kapitalakkumulation andererseits zu untersuchen, die in den letzten 30 Jahren stattfand. Auf der Grundlage dieser Untersuchung waren wir in der Lage gewesen, den Schluss zu ziehen, dass die Finanzkrise von 2007-08 weder durch den Unfall einer fehlgeleiteten Politik noch durch eine Krise im Finanzsystem, die nur eine tiefer liegende Krise der Stagnation der Realakkumulation des Kapitals widerspiegelte, verursacht worden war. Stattdessen war die der Finanzkrise zugrundeliegende Ursache ein Überangebot von verleihbarem Geldkapital im globalen Kreditwesen und Finanzsystem, das seit den späten 90er Jahren aufgelaufen war. Dies war wiederum das Resultat der Weiterentwicklungen in der Realakkumulation gewesen - wie der Aufstieg Chinas, das Abheben der „new economy" und die fortgesetzte Liquidierung der „old economy" -, die wesentlich für den lang anhaltenden Aufschwung gewesen war.
"Deshalb könnte man zu der Schlussfolgerung neigen, dass das Wesen und die Bedeutung der Finanzkrise nicht in einem entscheidenden Wendepunkt besteht, der zu einem wirtschaftlichen Abschwung oder dem Ende des Neoliberalismus, wie viele vermutet hatten, führt, sondern eher einen leichten Rückgang bewirkt, der auf eine neue Phase eines langen Aufschwungs hinweist. Die Bedeutung dieser neuen Phase und die Konsequenzen für die Zukunft des globalen Kapitalismus und den Kampf gegen ihn können wir aus Platzgründen nicht weiter aufgreifen." (Aufheben Nr. 19; https://libcom.org/article/return-crisis-part-2-nature-and-significance-crisis [773]).
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Einleitung
Es ist über 90 Jahre her, seit der Revolutionsversuch der Arbeiterklasse in Deutschland mit den Kämpfen von 1918 und 1919 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Nach der Machtergreifung durch die Arbeiterklasse in Russland im Oktober 1917 wechselte der Hauptschauplatz der weltrevolutionären Welle nach Deutschland. Dort wurde der entscheidende Kampf ausgefochten und leider verloren.
Die herrschende Klasse auf der ganzen Welt strebte stets danach, diese Ereignisse historisch in Vergessenheit geraten zu lassen. Das geht soweit, dass sie zwar nicht abstreiten kann, dass diese Kämpfe stattgefunden haben, aber dafür vorgibt, dass sie nur auf „Frieden“ und „Demokratie“ abgezielt hätten – auf die glückseligen Bedingungen, die gegenwärtig im kapitalistischen Deutschland herrschen.
Ziel dieser Broschüre ist es, aufzuzeigen, dass die revolutionäre Bewegung in Deutschland die Bourgeoisie im damals zentralen Land des europäischen Kapitalismus nahe an den Abgrund rückte, nahe an den Verlust ihrer Klassenherrschaft. Trotz der Niederlage der Arbeiterklasse ist die Revolution in Deutschland wie jene in Russland ein Ansporn für uns heute. Sie erinnert uns daran, dass es nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist, den Kapitalismus zu überwinden.
Für die ArbeiterInnenklasse stellt sich heute aktueller denn je die Frage, wie sie ihren Kampf führen soll: In die eigenen Hände nehmen oder allfälligen Stellvertretern wie den Gewerkschaften zu überlassen? Auch wenn die Erfahrung des Revolutionsversuches von 1918-19 in Deutschland mehrere Generationen zurückliegt, so ist sie für uns heute eine wahre Schatzkammer von konkreten Erfahrungen der ArbeiterInnenklasse. Arbeiterräte, wie sie damals als Organe des selbständigen und spontanen Kampfes der Arbeiterklasse entstanden, sind bis heute eine Orientierung für die Frage „wie kämpfen?“ geblieben.
Diese Broschüre teilt sich in fünf Teile auf:
- Teil 1 wird sich der Frage widmen, wie sich das revolutionäre Proletariat angesichts des Ersten Weltkrieges um sein Prinzip des proletarischen Internationalismus scharte.
- Teil 2 wird sich mit den revolutionären Kämpfen von 1918 beschäftigen.
- Teil 3 wird sich dem Drama der Formierung einer revolutionären Führung widmen, konkretisiert am Beispiel des Gründungskongresses der deutschen Kommunistischen Partei Ende 1918.
- Teil 4 wird die Niederlage von 1919 untersuchen.
- Teil 5 wird sich mit der historischen Bedeutung der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts sowie mit der Hinterlassenschaft dieser Revolutionäre für uns heute widmen.
Internationale Kommunistische Strömung IKS Herbst 2012
Wir stellten in unserem Artikel fest, dass der zweite der beiden erwähnten Artikel - „Für eine Definition des Konzeptes der Dekadenz“, der auf Italienisch in Prometeo, Nr. 8, VI. Serie (Dezember 2003) und auf Englisch in Revolutionary Perspectives, Nr. 32, dritte Serie, Sommer 2004, veröffentlicht wurde - eigentlich der Beitrag eines einzelnen Mitglieds gewesen war und nicht notwendigerweise die Ansicht des italienischen Teils des damaligen IBPR noch des IBRP insgesamt ausdrückte. Wir gestanden ferner ein, dass wir uns nicht darüber im Klaren waren, in welchem Maße sich die Diskussion über diese Frage innerhalb der IKT seit der Veröffentlichung des Textes entwickelt hatte.
Soweit wir wissen, hat die IKT nichts aus den internen Debatte zu dieser Frage veröffentlicht, so dass man unser Unwissen darüber nachsehen muss, wie die Debatte ausgegangen war. Doch wie ein Genosse der IKT aus Großbritannien in einem Gespräch mit dem Autor des oben erwähnten Artikels neulich meinte, hätten wir allerdings den IBRP-Artikel „Das Konzept der Dekadenz näher definieren“ berücksichtigen müssen, der im September 2005 erschien und Folgendes in der Einleitung sagte: „Das nachfolgende Dokument ist das Ergebnis einer weitreichenden Debatte unter all den Organisationen, die dem Internationalen Büro angehören. Die gemeinsame Arbeit spiegelt die wachsende Homogenisierung des Büros wider, die eine grundlegende Vorbedingung für uns ist, um das Ziel zu erreichen, das wir uns gesetzt haben, den Wiederaufbau der revolutionären Partei auf internationaler Ebene.“
Kurzum, dies ist eine gemeinsame Stellungnahme des/der IBRP/IKT, die die Überzeugung der Organisation bekräftigt, derzufolge der Kapitalismus ein System im Niedergang ist, das die Menschheit vor die Perspektive Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei stellt. Es gibt viele Elemente im Text, gegen die wir Einwände haben – ein übermäßiges Vertrauen in Lenins spezifisches Konzept des kapitalistischen Niedergangs, einschließlich seiner Auffassung über die Arbeiteraristokratie, und die Fortsetzung einer überflüssigen Polemik gegen ungenannte Elemente, die meinen, der Begriff der kapitalistischen Dekadenz bedeute, die sozialistische Revolution sei unvermeidbar. Wir werden sicherlich auf einige dieser Ideen in einem späteren Beitrag zu sprechen kommen. Aber im Wesentlichen scheint es sich aus unserer Sicht um eine richtige Antwort des IBRP auf einige gewichtige Konfusionen zu handeln, die in der Organisation aufgetaucht waren und sich in dem eingangs erwähnten Artikeln geäußert hatten.
Auch möchten wir auf einen aktuelleren Artikel verweisen, der auf der IKT-Website veröffentlicht wurde und der aus unserer Sicht ebenso viele positive Punkte aufweist: „Kapitalistische Krise, Ursachen und Folgen, eine kurze Übersicht“. Im Gegensatz zum Beitrag von 2003 in Prometeo, der davon ausging, dass der Kapitalismus zu einer ständigen Erneuerung durch Krisen in der Lage sei, bekräftigt der neue Artikel explizit, dass die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ein Zeichen des Endstadiums des kapitalistischen Niedergangs sei. Und indem er mit der Aussage beginnt: „Unter den mannigfaltigen revolutionären Organisationen konzentriert sich die Erklärung der kapitalistischen Krise auf zwei Hauptaspekte: auf den tendenziellen Fall der Profitrate und die Schwierigkeit, ausreichend Märkte für die gewaltigen Produktionskapazitäten zu finden, die der Kapitalismus generiert“, öffnet er auch die Tür zu einer fruchtbareren Diskussion innerhalb des revolutionären Lagers. Obgleich die IKT offensichtlich die erste Position unterstützt, würden wir diesen Absatz so interpretieren, dass die zweite Herangehensweise ein Teil der marxistischen Tradition ist und nicht außerhalb derselben steht.
Wenn wir darauf hinweisen, dass revolutionäre Organisationen durch den Sirenengesang der bürgerlichen Ideologie beeinflusst werden können - in diesem Fall die alte Leier, dass der Kapitalismus noch ein pulsierendes, aufsteigendes System sei –, nehmen wir uns selbst nicht davon aus. Im Gegenteil, die meisten Fälle, die in besagtem Artikel in der Internationalen Revue, 149 (engl., franz., span. Ausgabe) erwähnt werden, haben ihren Ursprung in der IKS selbst. Worauf es ankommt, ist, dass proletarische Organisationen die Fähigkeit haben, gegen solch einen Druck anzukämpfen, indem sie nicht einfach die grundlegenden Errungenschaften der Vergangenheit herunterleiern, sondern indem sie diese fortentwickeln und auf feste theoretische Grundlagen stellen.
Gerrard, Februar 2013Aufruf zur Solidarität mit Gondolkodó Autonóm Antikvárium (Autonomer Buchladen Gondolkodó), Budapest, zur Renovation des Buchladens
Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Aufruf des ungarischen Buchladens Gondolkodó Autonóm Antikvárium. Wir haben diesen Aufruf verbunden mit dem Wunsch erhalten, dass wir den Buchladen unterstützen und das Anliegen weiter verbreiten. Die IKS kennt und schätzt dieses "Antikvárium" seit mehr als 15 Jahren. An dieser Adresse in Budapest liegen unsere Presse sowie
Aufruf zur Solidarität mit Gondolkodó Autonóm Antikvárium (Autonomer Buchladen Gondolkodó), Budapest, zur Renovation des Buchladens
Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Aufruf des ungarischen Buchladens Gondolkodó Autonóm Antikvárium. Wir haben diesen Aufruf verbunden mit dem Wunsch erhalten, dass wir den Buchladen unterstützen und das Anliegen weiter verbreiten. Die IKS kennt und schätzt dieses "Antikvárium" seit mehr als 15 Jahren. An dieser Adresse in Budapest liegen unsere Presse sowie viele andere internationalistische Publikationen in verschiedenen Sprachen auf. Wir haben auch schon an einigen Diskussionstreffen teilgenommen, die in Budapest durch den Buchladen organisiert worden sind.[1] Tatsächlich ist er einer von ganz selten anzutreffenden Buchläden im östlichen Mitteleuropa mit einer proletarischen (und nicht bloss linksbürgerlichen) Ausrichtung, obwohl wir nicht wissen, ob er wirklich "der einzige" ist, „der kontinuierlich während so vielen Jahren funktioniert hat", wie die Genoss_innen in ihrem Aufruf schreiben.
Ein Buchladen kann ein Ort sein, an dem revolutionäre Positionen verbreitet und - noch wichtiger - diskutiert werden mit dem Ziel der politischen Klärung und der Suche nach theoretischer Kohärenz. Die Genossen den Autonomen Buchladens Gondolkodó und die IKS sind sich einig darüber, dass die kapitalistische Produktionsweise und die Nationalstaaten überwunden werden müssen, während wir umgekehrt unterschiedliche Positionen zu anderen Fragen haben, insbesondere über die Rolle der Revolutionäre und die Art, wie man sich als solche organisieren soll. Doch ist dies kein Hindernis für uns, diesen Solidaritätsaufruf zu verbreiten, sondern vielmehr ein Ansporn für die Fortsetzung der Debatte - in Budapest oder anderswo, im Internet oder an persönlichen Treffen.
IKS, 26/07/13
Seit vielen (nunmehr 20) Jahren ist der Buchladen Gondolkodó der einzige funktionierende Infoladen im östlichen Mitteleuropa. Er fungiert gleichermaßen als Treffpunkt, Vertriebstelle für Literatur der Arbeiter_innenbewegung als auch als Archiv für solche Texte. Nun muss er dringend renoviert werden, da die Wände feucht und schimmlig sind, der Putz von der Decke fällt, die Regale wacklig sind, das Abflussrohr verstopft ist, etc. Der Zustand der Bibliothek hat sich zunehmend verschlechtert, und der Vertrieb von Publikationen wird unter diesen Umständen immer schwieriger. Da wir die Kosten einer vollständigen Renovierung nicht alleine tragen können, sind wir dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen, um die dringendsten Arbeiten durchführen zu können. Bitte unterstützt uns bei diesem Vorhaben nach euren Möglichkeiten (wenn ihr 10 Euro schicken könnt, tut dies, wenn ihr mehr Geld habt, auch größere Beträge). Genoss_innen, Aktivist_innen und Unterstützer_innen, bitte verbreitet diesen Solidaritätsaufruf und unterstützt uns.
Wir danken für eure Hilfe im Namen internationalistischer proletarischer Solidarität.
Autonomer Buchladen Gondolkodó
Ungarn, Budapest 1012, Logodi Utca 51
Webseite: gondolkodo.mypressonline.com
E-Mail: [email protected] [778]
https://www.facebook.com/gondolkodo.antikvarium [779]
Geld kann an folgende Bankverbindung geschickt werden
Raiffeisen BANK
Name : Tütö László
Iban : HU 3912 0101 5401 3152 1900 2000 06
Swift code : UBRTHUHB
[1] Vgl. beispielsweise den Artikel über eine öffentliche Diskussionsveranstaltung Ende 2010 in Budapest zum Thema "Wirtschaftliche Weltlage und Perspektiven für den Klassenkampf" auf unserer englischsprachigen Webseite, https://en.internationalism.org/icconline/2010/12/hungary-public-meeting [780] (auch auf der französischsprachigen Webseite zu finden)
Am Montag, den 21. August, hinterließ ein Einsatz von chemischen Waffen in der Nähe von Damaskus Dutzende von Toten. Im Internet, auf den Fernsehbildschirmen und in den Zeitungen sah man entsetzliche Bilder von Kindern, Frauen und Männern im Todeskampf. Die herrschende Klasse bedient sich skrupellos dieser menschlichen Tragödie, um ihre eigenen schmutzigen Interessen zu verteidigen. Das Regime von Assad, einem Schlächter unter Vielen, habe „die rote Linie überschritten“. Du darfst alle möglichen Waffen benutzen, um Menschen abzuschlachten, nur nicht chemische. Sie seien „schmutzige Waffen“, im Gegensatz zu den „sauberen Waffen“ wie die konventionellen Bomben und Granaten und selbst die Atombomben, die die USA 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten. Die Heuchelei der Herrschenden kennt keine Grenzen. Seit dem Ersten Weltkrieg 1914-18, in dem chemische Waffen zum ersten Mal in großem Umfang eingesetzt wurden und Hunderttausende von Toten gefordert hatten, wurden chemischen Waffen immer produziert, „verbessert“ und eingesetzt. Die oberflächlichen Übereinkommen über ihren Nicht-Gebrauch besonders nach den beiden Weltkriegen und in den 1980er Jahren waren nur leere Deklarationen, die nie befolgt wurden. Seither wurden auf vielen Kriegsschauplätzen solche Waffen eingesetzt. Ägypten hatte 1962-67 in Nordjemen hemmungslos Senfgas eingesetzt. Im Irak-Iran-Krieg 1988 wurden Städte wie Halabja mit chemischen Waffen bombardiert, mit über 5000 Toten, alles unter den wohlwollenden Blicken der „internationalen Gemeinschaft“ der USA und Frankreichs und aller Mitglieder der UNO! Doch der Einsatz solcher Waffen beschränkt sich nicht auf die kleinen imperialistischen Länder oder Diktaturen wie die von Assad oder Saddam Hussein, wie es uns die herrschende Klasse weismachen will. Zusammen mit der Napalmbombe gehörte der massivste Einsatz chemischer Waffen zur Strategie der USA im Vietnam-Krieg. Es wurden gewaltige Mengen von mit Dioxin versetzte Pflanzengifte abgeworfen, mit dem Ziel, die Reisfelder und Wälder zu zerstören, um die Bevölkerung auszuhungern. Diese Politik der verbrannten Erde, diese absichtliche buchstäbliche Verwüstung war das Werk des amerikanischen Kapitalismus in Vietnam, der sich nun zusammen mit anderen westlichen Mächten wie Frankreich anschickt, angeblich zum Schutz der Bevölkerung in Syrien zu intervenieren. Seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien sind mehr als 100 000 Menschen umgekommen und mindestens eine Million auf der Flucht in die Nachbarländer. Ungeachtet des Diskurses, der sich aus den bürgerlichen Medien ergießt, muss die Arbeiterklasse verstehen, was die wirklichen Gründe hinter diesem imperialistischen Krieg in Syrien sind.
Syrien steht momentan im Zentrum der sich zuspitzenden imperialistischen Spannungen und Konflikte, die sich von Nordafrika bis Pakistan erstrecken. Wenn nun die syrische Bourgeoisie aufeinander losgeht, in einem Land, das nun in Ruinen liegt, so kann sie sich dabei auf den unersättlichen Appetit einer Reihe imperialistischer Staaten verlassen. In der Region selbst sind der Iran, die libanesische Hisbollah, Saudi-Arabien, Israel und die Türkei mehr oder weniger direkt in diesem blutigen Konflikt involviert. Aber auch die großen imperialistischen Mächte dieser Welt vertreten dort ihre verkommenen Interessen. Russland, China, Frankreich, England und die USA spielen ihren Part bei der Fortsetzung dieses Krieges und seiner Ausweitung auf die ganze Region. Angesichts ihrer wachsenden Unfähigkeit, die Situation in den Griff zu bekommen, säen sie Chaos und Zerstörung, gemäß der alten Strategie der verbrannten Erde („ Wenn ich diese Region schon nicht kontrollieren kann, dann verbrenne ich sie“).
Während der Zeit des Kalten Krieges, der offiziell von 1947 bis zum Fall des Ostblocks 1991 andauerte, standen sich zwei Blöcke gegenüber, der Westen und der Osten mit ihren Anführern USA und Russland. Diese zwei Supermächte dirigierten ihre „Verbündeten“ und „Satelliten“ mit eiserner Hand, zwangen sie angesichts des gegnerischen Monsters dazu, sich einzufügen. Diese „Weltordnung“ basierte auf der Blockdisziplin. Es war eine historische Periode, die voller Gefahren für die Menschheit steckte, denn wenn die Arbeiterklasse nicht fähig gewesen wäre (und sei es nur passiv), Widerstand gegen den ideologischen Marsch in den Krieg zu leisten, wäre ein dritter Großbrand möglich gewesen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gab es keine Blöcke mehr, auch nicht das Risiko eines dritten Weltkrieges. Die Blockdisziplin war zerfallen. Jede Nation kann seither ihre eigene Karte spielen, imperialistische Bündnisse sind immer kurzlebiger und von untergeordneter Bedeutung. Als Folge haben sich die Konflikte vervielfacht, ohne dass auch nur eine Bourgeoisie die Situation kontrollieren kann. Es ist das Chaos und der wachsende Zerfall der Gesellschaft.
So ist die wachsende Schwächung der größten imperialistischen Macht, der USA, ein aktiver Faktor beim Absturz des Mittleren und Nahen Ostens in die Barbarei. Nach den Giftgasangriffen in den Vororten von Damaskus erklärte die britische und französische Bourgeoisie lauthals und die USA etwas zurückhaltender, dass eine solche Tat nicht unbestraft bleiben dürfe. Eine militärische Antwort stand unmittelbar bevor, und sie sollte dem Verbrechen angemessen sein. Doch das Problem ist, dass den USA und einigen westlichen Staaten noch die ernsten Rückschläge in Afghanistan und im Irak in den Knochen stecken, zwei Länder, die sie im kompletten Chaos verließen. Wie sollen sie nun in Syrien intervenieren, ohne in dieselbe Lage zu geraten? Dies mündete in einige bedeutende außenpolitische Differenzen innerhalb der herrschenden Klasse; die jüngste Ablehnung des Aufrufes Camerons zu militärischen Aktionen durch das britische Parlament ist ein anschaulicher Ausdruck dieser Gräben. Obendrein haben es diese Bourgeoisien auch mit dem zu tun, was sie die öffentliche Meinung nennen. Die Bevölkerung des Westens will diese Intervention nicht. Die Mehrheit glaubt nicht mehr den Lügen ihrer eigenen Bourgeoisie. Die Unpopularität dieser vorgeschlagenen Intervention, selbst in Form begrenzter Bombardierungen, stellt die herrschende Klasse im Westen vor einem Problem.
Die britische Bourgeoisie musste sich letztendlich von ihren eigenen kriegerischen Deklarationen distanzieren und den Pfad der militärischen Intervention verlassen. Es ist auch Beweis dafür, dass die herrschende Klasse in den westlichen Ländern nur schlechte Lösungen anzubieten hat: Wenn sie nicht interveniert (wie die Briten gerade beschlossen hatten), ist es ein Zeichen der Schwäche; wenn sie interveniert (wie die USA und Frankreich es immer noch vorhaben), riskiert sie noch mehr Chaos, noch mehr Instabilität und noch mehr unkontrollierbare imperialistische Spannungen.
Die Arbeiterklasse darf gegenüber all dieser Barbarei nicht gleichgültig bleiben. Die Ausgebeuteten sind die Hauptopfer der imperialistischen Cliquen. Ob Schiiten, Sunniten, Säkulare oder Christen – es gibt keinen Unterschied. Die gesunde, menschliche Reaktion ist, sofort etwas zu tun, um diese entsetzlichen Verbrechen zu stoppen. Es ist genau dieses Gefühl, das die großen Demokratien auszunutzen versuchen, um ihre kriegerischen Offensiven im Namen der „Humanität“ zu rechtfertigen. Und jedes Mal verschlimmert sich die Situation. Dies ist schlicht eine Falle.
Der einzige Weg, auf dem wir unsere wirkliche Solidarität gegenüber den Opfern des verfaulenden Kapitalismus ausdrücken können, ist die Überwindung dieses System, das all diese Schrecken verursacht. Eine solche Umwälzung kann nicht über Nacht vonstattengehen. Doch auch wenn dieser Weg lang ist, er ist der einzige, der zu einer Welt führen kann, die ohne Kriege und Nationen ist, ohne Armut und Ausbeutung.
Die Arbeiterklasse hat keine Nationalflagge zu verteidigen. Das Land, in dem sie lebt, ist der Ort, wo sie ausgebeutet wird, und in einigen Teilen der Welt der Ort, wo sie durch die Hand des Imperialismus stirbt. Es ist die Verantwortung der Arbeiterklasse, dem kriegerischen Nationalismus der Bourgeoisie ihren Internationalismus entgegenzustellen. Dies ist keine Unmöglichkeit. Es sei daran erinnert, dass der Erste Weltkrieg nicht durch den guten Willen der Kriegsparteien oder durch die Niederlage Deutschlands beendet worden war. Er wurde beendet durch die proletarische Revolution.
Tino 31. 8. 2013Das Jahr 2011 war geprägt von einer riesigen Welle sozialer Aufstände, die sich von Tunesien und Ägypten auf andere Länder des Nahen und Mittleren Ostens - einschließlich Israel - und auf das europäische Festland, insbesondere Griechenland und Spanien, und die USA mit der Occupy-Bewegung ausdehnte. Diese Bewegungen hatten je ihre besonderen Wesenszüge, je nach lokalen Gegebenheiten, und alle von ihnen litten unter starken Illusionen in die 'Demokratie' als vermeintliche Antwort auf alle sozialen Übel. Aber das Wichtigste an diesen Bewegungen war, was sie am tiefsten ausdrückten, nämlich dass sie die Antwort einer neuen Generation von Proletariern auf die Vertiefung der Krise des kapitalistischen Systems darstellten; und trotz aller Illusionen und Schwierigkeiten im Verständnis ihrer eigenen Herkunft und ihres Wesens gehören sie der Arbeiterbewegung auf ihrem hindernisreichen, mühsamen Weg zu einem klareren Bewusstsein ihrer wirklichen Mittel und Ziele.
Die Aufstände in der Türkei und Brasilien 2013 sind der Beweis dafür, dass die Dynamik, die diese Bewegungen erzeugt hat, sich nicht erschöpft hat. Auch wenn die Medien über die Tatsache rätseln, dass diese Aufstände in Ländern ausgebrochen sind, die in den letzten Jahren ein Wachstum erlebten, so haben sie doch ein Ventil für dieselbe 'Empörung' der Massen gegen die Art und Weise, wie dieses System funktioniert, geöffnet: gegen die wachsende soziale Ungleichheit, die Gier und Korruption der herrschenden Klasse, die Brutalität der staatlichen Repression, den Zusammenbruch der Infrastruktur, Umweltkatastrophen und vor allem die Unfähigkeit des Systems, der jungen Generation eine Zukunft anzubieten.
Von besonderer Bedeutung beim Aufstand in der Türkei ist die Nähe zum mörderischen Krieg in Syrien. Dem Krieg in Syrien gingen auch Massendemonstrationen gegen das Regime vor Ort voraus, aber die Schwäche des Proletariats in diesem Land, die Existenz der tiefen ethnischen und religiösen Spaltungen in der Bevölkerung ermöglichten es dem Regime, mit rücksichtsloser Gewalt zu reagieren. Die Risse innerhalb der Bourgeoisie öffneten sich, und die Massenproteste wurden - wie in Libyen 2011 – in einen Bürgerkrieg hineingezogen, der in der Tat zu einem Stellvertreterkrieg der imperialistischen Mächte wurde. Heute ist Syrien zu einem Schauplatz der Barbarei geworden, zu einem abschreckenden Beispiel dafür, welche 'Alternative' der Kapitalismus für die ganze Menschheit auf Lager hat. Die Türkei, Brasilien und andere soziale Aufstände zeigen umgekehrt einen anderen Weg, einen Weg, in Richtung der Ablehnung des Kapitalismus, in Richtung proletarische Revolution und Aufbau einer neuen Gesellschaft, die auf der Solidarität und den menschlichen Bedürfnissen beruht.
Der nachfolgende Artikel wurde von den Genossen unserer Sektion in der Türkei verfasst, einer jungen Sektion, bezogen sowohl auf die Geschichte der IKS, als auch auf das Alter der Mitglieder dieser Sektion. Einerseits als Revolutionäre, andererseits aber auch als Teil der Generation, die die Aufstände anführte, waren diese Genoss_innen aktiv an der Bewegung auf den Straßen beteiligt, und der vorliegende Artikel stellt einen ersten Bericht vom Ort des Geschehens dar, einen ersten Schritt, die Bedeutung der Bewegung zu analysieren.
IKS
„In Tränen haben wir heute für einen Freund einen Generalstreik gemacht. Wir haben seinen toten, aber lächelnden Körper vom Baum genommen. Wie innig umarmte er den Baum, wie sehr wusste er um seine Aufgabe, neue Zweige spriessen zu lassen.“[2]
Die Bewegung begann mit dem Fällen der Bäume im Gezi-Park in Istanbul und hat inzwischen einen Massencharakter angenommen, der in der Geschichte der Türkei ungesehen ist und noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. Eine Analyse von dieser Bewegung scheint uns von entscheidender Bedeutung für den Klassenkampf. Wir halten es für notwendig, eine Klassenperspektive einzunehmen, um die Bewegung politisch einzuschätzen und zu begreifen. Wenn wir über die bisherigen Ereignisse trotz der Empörung, die wir über den Staatsterror und die Tötung von drei Demonstranten fühlen, eine Bilanz ziehen, können wir es uns nicht leisten, die Umsicht und Klarheit zu verlieren. Wenn wir uns zu fest in der Atmosphäre der Bewegung verfangen und übereilte Schlüsse ziehen, können wir bei den Positionen und der Einschätzung im Klassenkampf ernste Fehler machen. Zudem dient eine klare und objektive Beurteilung der Bewegung vor allem den Interessen der Bewegung selbst.
In diesem Zusammenhang ist nicht zu bestreiten, dass wir, während die Bewegung noch im Gange ist, im Wesentlichen eine vorläufige Bilanz ziehen. Darüber hinaus müssen wir anfügen, dass wir in unseren Kreisen die Diskussion über die Bewegung fortführen.
Die regierende AKP-Partei und ihre Regierung haben versucht, die Demonstrationen vom Taksim-Platz fernzuhalten. Als Vorwand wurden die laufenden städtebaulichen Projekte in diesem Stadtteil genannt. Eine weitere intensiv geführte Diskussion war diejenige um die Zerstörung des Arbeiter-Film-Theaters, welches auch in der Nähe des Taksim-Platzes liegt. Die folgenden Angriffe der Polizei auf die Demonstranten, die den Abriss des Film-Theaters verhindern wollten, verursachte weitere Reaktionen von verschiedenen bekannten kulturellen Berühmtheiten. Der Umbau des Gezi-Parks zu einem Einkaufzentrum, die Rekonstruktion der historischen, vor langer Zeit aber abgerissenen Kasernen und das Fällen der Bäume waren ebenfalls Themen in diesem Prozess des Stadtumbaus und der Aufwertung. Im Rahmen dieser Ereignisse organisierten sich diverse Gruppen. Widerständige Nachbarschaften, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und linke Parteien gründeten die Taksim-Solidaritäts-Plattform mit der Parole: „Taksim gehört uns“. Das Verlangen, aus aktuellem Anlass die traditionelle 1.-Mai-Demonstrationen am Taksim-Platz abzuhalten, brachte weitere Diskussionen rund um den Taksim-Platz mit sich.
In diesem Zusammenhang erklärten die offiziellen Stellen des bürgerlichen Staates, dass der Taksim-Platz nicht geeignet sei für eine 1.-Mai-Demonstration und eine solche nicht zugelassen werde. Die angeführte Begründung war folgende: Die Aushubarbeiten an der Baugrube würden die Sicherheit der teilnehmenden Demonstranten gefährden. Die 1.-Mai-Demonstration am Taksim-Platz wurde schlussendlich durch die Staatsgewalt in Form der Bereitschaftspolizei verhindert! Die Frage des ‚Ortes der Demonstration’, auf welche sich die bürgerliche Linke auf der Suche nach einem Ausweg aus ihrer politischen Sackgasse festsetzte, ist seit 2007 einmal mehr auf der Tagesordnung. Das Beharren auf dem Anliegen, die 1.-Mai-Demonstration auf dem Taksim-Platz abzuhalten, ohne stattdessen einen anderen Ort dafür zu finden, hat einen hoch symbolischen Charakter. Es ist die Erinnerung an die berühmte 1.-Mai-Demonstration, die 1977 an diesem Ort stattfand und wo 34 Menschen niedergeschossen wurden. Zusätzlich haben weitere Aspekte aus der Tagespolitik der AKP Reaktionen provoziert. Es ging um die neuen Bestimmungen über das Abtreibungsrecht und das Verkaufsverbot von Alkohol zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr abends. Genauso zeigen sich die Absicht der aktuellen Regierung und ihre Auffassung von Kultur, Kunst und Geschichte, indem sie auf diesem Gebiet dem gleichen Kurs folgt: Zerstörung der ‚Launigen Statue’ (symbolische Freiheitsstatue als Zeichen für die Türkisch-Armenische Freundschaft), die Öffnung der Hagia Sophia für kommerzielle Anlässe und eine grundsätzliche Politik in diese Richtung, welche die öffentliche Meinungsbildung stark einnimmt. Dies zeigt sich besonders in Istanbul. Die Baupläne als Teil einer groß angelegten städtebaulichen Entwicklungsstrategie, die dazugehörigen Abbrüche von Stadtteilen und die Verkündung, die neue dritte Bosporusbrücke nach dem Sultan Selim zu benennen, verursachte viel Empörung (Sultan Selim war ein Ottomane und bekannt für seine Massaker an den Alewiten).
Dazu kam die sich stark ausbreitende Anti-Kriegs-Stimmung gegen die Syrien-Politik Erdogans und seiner Regierung. Im Speziellen nach den Bombenanschlägen in Reyhanli und der anschließenden fadenscheiningen Schuldzuschiebung der AKP-Regierung an die syrische Regierung. Schlussendlich war es auch die ‚Unverhältnismäßigkeit’, die in der Türkei allgemein Empörung auslöste – die ungebremste Staats- und Polizeigewalt schlug Wellen der Entrüstung. Und es war die Betroffenheit der Jugend der 90er Jahre. Einer Generation, die bis zu den Demonstrationen apolitisch und nicht gewillt war, in irgendwelche Probleme involviert zu werden. Plötzlich begann diese Generation zu spüren, dass sie keine Perspektive als Teil dieser Gesellschaft hat und in der Türkei mitunter am stärksten von den Auswirkungen der internationalen Wirtschaftskrise betroffen ist.
Am 28. Mai begann eine Gruppe von vielleicht 50 Umweltschützer_innen gegen Bagger zu demonstrieren, die beim Gezi-Park auffuhren, um Bäume zu fällen. Die Antwort der Polizei auf die Demonstrierenden war von Anfang Gewalt. Insbesondere nachdem die Polizei am Morgen des 30. Mai die Zelte der Protestierenden niedergebrannt hatte, setzte die Entwicklung einer ernsthaften Reaktion ein. Am 31. Mai nahmen die Demonstrationen, die über die sozialen Medien gegen die Polizeigewalt organisiert worden waren, eine allgemein gegen die Regierung gerichtete Haltung ein, die weit über die Frage der Bäume hinausging. Sie breiteten sich auf praktisch alle größeren Städte des Landes aus, und ständig mehr Massen beteiligten sich an ihnen. In manchen Städten führten die Proteste zu breiten Zusammenstößen mit der Staatsgewalt, so dass die Parole „Überall ist Taksim – Widerstand überall“ erstmals eine wirkliche Bedeutung erhielt. Als Recep Tayyip Erdogan am 1. Juni sagte: „Während die Opposition hunderttausend Leute mobilisieren kann, bringen wir eine Million zusammen“, strömten zwei Millionen Menschen zum Taskim-Platz und drängten die Polizei zurück. Abgesehen vom Staatsterror führten auch die arrogante Haltung von Ministerpräsident Erdogan und die Zensur der bürgerlichen Medien zu einer ernsthaften Empörung der Massen. In den folgenden Tagen fanden in 78 von 81 Provinzen der Türkei Demonstrationen statt, und Solidaritätsdemonstrationen sollten an allen Ecken der Welt organisiert werden. Dazu kam, dass die Bewegung, die in Brasilien gegen die Erhöhung der Preise im öffentlichen Nahverkehr entstand und ebenfalls gegen die dortige Regierung protestierte, sich von den Demonstrant_innen in der Türkei anregen ließ mit der Parole: „Die Liebe ist vorbei, die Türkei ist angekommen“. Die Bewegung in der Türkei sollte nicht auf Plätze und Demonstrationen beschränkt bleiben, mit Demonstrationen von Tausenden und Zehntausenden und mit weiteren Leuten, die sie von zu Hause aus mit Lärm von Pfannen und Deckeln unterstützten. Die Bewegung, die in Istanbul begonnen hatte, war verstand sich auch als Reaktion auf das Massaker nach den Bombenanschlägen in Reyhanli/Antakya. In Izmir fanden die Demonstrationen unter der Vorherrschaft einer nationalistischen Tendenz statt. In Ankara, dem Zentrum von Bürokratie und Verwaltung des bürgerlichen Staats, kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen den unterdrückten Massen und einem intensiven Staatsterror. Der Ausdruck „çapuller“, der von Erdogan benützt wurde, um die Demonstrant_innen zu beschreiben, wurde von diesen selber übernommen. Zweifellos war eine der farbigsten Szenen der Zusammenstöße im Land diejenige, bei der demonstrierende Fußballfans einen Bulldozer kaperten und damit stundenlang die Interventions-Fahrzeuge der Polizei jagten, die zuvor die Massen terrorisiert hatten.
Ein anderer wichtiger Faktor für die Entwicklung der Richtung und der Parolen der Bewegung war die Tatsache, dass die Polizei und der Staatsterror für drei Menschenleben verantwortlich sind. Am 1. Juni schoss die Polizei in Ankara dem Industriearbeiter Ethem Sarisuluk mit scharfer Munition in den Kopf. Ethem starb kurze Zeit später im Spital an den Folgen der Verletzung. Am 3. Juni wurde in der Umgebung des Versammlungsplatzes des 1. Mai in Istanbul ein junger Arbeiter mit dem Namen Mehmet Ayvalıtaş von einem Fahrzeug getötet, das absichtlich in die Demonstrierenden fuhr. Und immer noch in der Nacht vom 3. Juni wurde ein Student, Abdullah Cömert, von der Polizei mit scharfer Munition ermordet. Diese drei Demonstranten, die der Staat massakrierte, wurden von der Bewegung als ganzer als Ihresgleichen betrachtet und als Märtyrer des Kampfes behandelt. Dies bewiesen die Zehntausenden von Demonstrant_innen, die nach der Beerdigung Ethems in Ankara vor dem Haus seiner Mutter riefen: „Mutter, weine nicht, deine Kinder sind hier“. Und sie riefen an Mehmets Trauerumzug in Istanbul: „Der mörderische Staat wird dafür bezahlen“. Und sie legten in Antakya am Ort, wo Abdullah ermordet wurde, Blumen nieder und riefen: „Wir werden nicht vergessen, wir werden niemanden vergessen“. Abgesehen von Ethem, Mehmet und Abdullah, die getötet wurden, verloren über zehn Demonstrant_innen ihre Augen als Folge davon, dass die Polizei mit ihren Pfeffergas-Petarden und Gummigeschoßen auf Gesichtshöhe zielte. Zehntausende von Menschen wurden verletzt, Dutzenden sind immer noch in einem kritischen Zustand. Tausende wurden festgenommen.
Nachdem die Massen am 1. Juni den Taksim-Platz der Polizei wieder weggenommen hatten, stellte sich in der Bewegung die Frage, welchen Kurs sie einschlagen sollte. Die wichtige Frage wurde auch in den sozialen Medien gestellt: „Werden wir nach all diesen Ereignissen morgen einfach wieder zur Arbeit gehen?“ Abgesehen von denen, die diese Frage stellten, sah ein großer Teil der Bewegung die Notwendigkeit einer stärkeren Kraft als die, die sich in den Demonstrationen gegen den Staatsterror ausdrückte, der immer noch in Städten wie Ankara, Izmir, Adana, Mugla, Mersin, Eskisehir, Dersim und in Teilen von Istanbul praktiziert wurde, auch wenn die Polizeipräsenz um den Taksim-Platz abgenommen hatte. Diese beiden Faktoren trafen sich im spontanen Aufruf zum Generalstreik, welcher am 2. Juni auftauchte und sich sehr schnell über die sozialen Medien verbreitete. Als erste reagierten auf diesen Aufruf die Arbeiter_innen der Universitäten von Istanbul und Ankara, die erklärten, dass sie am 3. Juni in den Streik treten würden. In Ankara, wo sich die Auseinandersetzungen mit der Polizei fortsetzten, erklärten Ärzt_innen und Pflegepersonal, dass sie nur noch Notfälle und Demonstrant_innen behandeln würden. Am gleichen Tag fielen die Kurse an der Börse von Istanbul um 10,47%, der größte Kurssturz an der Börse seit zehn Jahren. Die Taksim-Plattform stellte Forderungen auf, diese waren demokratischer Natur, z.B. die Forderung, der Gezi-Park solle als solcher erhalten bleiben oder dass Tränengas und andere Waffen verboten, dass die Verhafteten wieder freigelassen und dass die Hindernisse für die freie Meinungsäußerung aufgehoben werden sollen.
Aufgrund des wachsenden Druckes der Mitglieder verschob die linke Gewerkschaft KESK den auf den 5. Juni geplanten Streik auf den 4. Juni. Am 4. Juni erklärten der DISK, der TMMOB und der TTB, dass auch sie den Streik am 5. Juni unterstützen würden. Der Streik am 5. Juni fand mit einer massiven Teilnahme der Arbeiter_innen des öffentlichen Dienstes statt. Allein in Istanbul versammelten sich 150.000 Arbeiter_innen am Taksim-Platz und 200.000 traten in den Streik. Es wird angenommen, dass landesweit zwischen 400 und 500.000 Arbeiter_innen an den Streiks teilnahmen. Andererseits muss gesagt werden, dass die Streiks unter der Kontrolle der Gewerkschaften stattfanden, welche die Forderungen der Taksim-Plattform verwässerten und mit ihren Forderungen wie „Nein zum Leistungsgesetz“ oder „Das Recht zum Streik trotz Kollektivvertrag“ in den Vordergrund drängten. An diesem Punkt ist es wohl angebracht, die Einzelheiten eines Ereignisses am 5. Juni in Ankara zu schildern, welches den wahren Charakter die KESK zeigt.
Während der Demonstration auf dem Kizilay-Platz traf die KESK mit der Polizei ein Abkommen. Die KESK hatte sich mit der Polizei darauf geeinigt, dass sie bis 6 Uhr früh demonstrieren dürfe. Aber als die KESK bereits am Vorabend um 18.00 Uhr befürchtete, dass die Ereignisse auf Druck der Arbeiter_innen aus dem Ruder laufen könnte, verließ sie die Demonstration, ohne jemanden darüber zu informieren. Das Resultat war ein massiver Polizeieinsatz, nachdem die KESK das Feld geräumt hatte. Die KESK überließ die Demonstranten der Polizeigewalt.
Als die Bewegung ein ernsthaftes Niveau erreichte, reiste Ministerpräsident Erdogan zu einem Besuch nach Nordafrika mit dem Befehl: „Beendet diese Sache, bis ich wieder zurück bin!“ Als Erdogan im Ausland war, sagte der Staatspräsident Abdullah Gül: „Wir haben die Nachricht verstanden.“ Der Vize-Premier Bülent Arinc sagte, dass die Umweltschützer recht haben und war bereit, die Taksim-Plattform zu treffen, um Signale auszusenden, die aus einer anderen Ecke kamen als die arrogante Stellung Erdogans. Gewalttätige Angriffe der Polizei fanden in verschiedenen Städten statt, vor allem in Ankara, als die Solidaritätsplattform des Taskim-Platzes sich mit Arinc traf, und Sirri Süreyya Onder, ein Parlamentarier der BDP und ein „symbolischer“ Vertreter der Bewegung, Gül in der Hauptstadt traf. Ein großer Teil der Bewegung hatte kein Vertrauen in die Exponenten des Treffens, sie bezweifelten die Ehrlichkeit der Teilnehmer, wie Gül oder Arinc, und hatten den Eindruck, dass die Regierung die Taktik „guter Polizist / böser Polizist“ anwendete.
Die Verhandlungen schwächten die Dynamik der Bewegung, und Erdogan setzte seine harten Kommentare aus Nordafrika fort und kritisierte unterschwellig auch den Staatspräsidenten Gül. Nach der Rückkehr von Erdogan in die Türkei wurde die Haltung der Regierung unnachgiebiger. Im Sinne der Kommentare von Erdogan, wonach die AKP „50% der Leute zurück halte“ organisierten seine Unterstützer Demonstrationen, die als spontan erscheinen sollten. Die Tatsache, dass die Demonstrationen mit einer Teilnahme von lediglich ein paar tausend Leuten stattfanden und dazu sehr schlecht organisiert waren, zeigte, dass die andere Hälfte keine Probleme hatte, zu Hause zu bleiben. Bei diesen „Willkommensdemonstrationen“ kündigte Erdogan zwei große Demonstrationen an, am 15. und am 16. Juni, die in Ankara und Istanbul stattfinden sollten. Trotz der großen Ankündigung nahmen in Ankara nur 40.000 Personen teil und in Kazlicesme/Istanbul weniger als 295.000.
An diesem Punkt stellte sich die Frage, ob es einen Bruch in der Regierung gibt. Man kann nicht wirklich von einem Bruch in der AKP reden, weil die AKP eine Koalition von verschiedenen Interessen und Gruppierungen, Sekten und Kulten ist. Aber man kann sagen, dass die Bewegung die Voraussetzungen für einen Bruch innerhalb der AKP begünstigte. Erdogan gab der Polizei wiederholt Befehle, gegen die Bewegung vorzugehen, damit sie selber absterbe, absorbiert werde oder wenigstens davon abgehalten werde, sich zu radikalisieren. Es bestand das Risiko, dass die Olympischen Spiele 2020 nicht Istanbul zugewiesen werden könnten. Die Olympischen Spiele sind eine Priorität der AKP, und sie will nicht zum Spott in aller Welt werden, beispielsweise des syrischen Staates, der vor Reisen in die Türkei wegen der Sicherheitsrisiken abrät. Diese Haltung erscheint als irrational und kann nicht mit Erdogans Charakter allein erklärt werden. Erdogan hat es mit seinem autoritären Verhalten geschafft, die AKP zusammenzuhalten, indem er nicht zurückwich oder höchstens mit aggressivem Gegenangriffen, so dass der Eindruck entstand, er sei unbezwingbar. Wenn er die Worte, die er der Bewegung ins Gesicht geschleudert hatte, zurückgezogen hätte, so hätte er die Aura des Unbezwingbaren verloren. Das würde in der AKP früher oder später zu seiner Absetzung führen. Das ist der Grund, weshalb Erdogan nicht zurückweicht: nicht etwa deshalb, weil er glaubt, die Bewegung, auf die er Druck ausübt, zu besiegen, sondern weil er weiß, dass er selber verlieren wird, wenn er zurückweicht.
Während der Woche vor den Demonstrationen des 16. und 17. Juni erklärte Erdogan, dass er zu einer Delegation der Bewegung sprechen wolle, während er gleichzeitig harsche Mitteilungen machte. Zur gleichen Zeit wurden die Angriffe auf den Taksim-Platz wieder aufgenommen. In Istanbul vor allem, indem man die Samen des Zweifels säte, besonders indem man behauptete, dass es „Provokateure von außerhalb“ der Bewegung gebe. Die ersten, die Erdogan trafen, waren Necati Sasmaz und Hülya Avsar, die nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Sie hatten keine Verbindung zu den Ereignissen und sind für ihre regierungsfreundliche Haltung bekannt. Dies führte zu einer heftigen Reaktion und übte Druck auf Erdogan aus, der sich danach mit Vertretern der Taksim-Solidaritätsplattfrom traf.
Auch wenn es ein hartes Treffen war, arbeiteten die Taksim-Solidaritätsplattform und die Mehrheit ihrer Mitglieder dahingehend, dass die Demonstranten nach Hause zurück kehren sollten. Der Protest im Gezi-Park wurde mit einem einzigen Zelt symbolisch weitergeführt. Dieses Verhalten wurde von den Massen abgelehnt, auch wenn Erdogan am 15. Juni ankündigte, dass die Polizei den Gezi-Park angreifen und räumen werde, wenn die Demonstrant_innen ihn nicht vorher verließen. Erdogan benutzte die eigene Demonstration als Vorwand. In der gleichen Nacht wurde der Park angegriffen und die Polizei übte, diesmal mit Hilfe der Militärpolizei, einen schrecklichen Terror aus.
Ganz besonders in Anbetracht der Perspektive eines Angriffs auf den Gezi-Park wurden Stimmen für einen weiteren Generalstreik laut, als Reaktion sowohl auf die ungenügenden Resultate des Streiks vom 5. Juni als auch gegen die Gewerkschaften. Vermutlich veranlasste dies die KESK zur Planung eines weiteren Generalstreiks für den Fall, dass der Gezi-Park angegriffen würde. Als der Park am 15. Juni geräumt wurde, wuchs die Empörung an und die KESK, DISK, TMMOB, TTB und TDHB kündigten für den 17. Juni eine Arbeitsniederlegung an. Die BDP, welche in der Zwischenzeit in Friedensgespräche mit der AKP-Regierung getreten war und ihr musterhaft diente, indem sie ihre KESK-Mitglieder dazu aufrief, den Streik zu brechen. Die Teilnahme an den Streiks des 17. Juni war wesentlich schwächer, wenn man sie mit den Zahlen des 5. Juni vergleicht. Ein weiteres wichtiges Detail ist wohl, dass auch hier die Polizei die Demonstration erst angriff, als die Gewerkschaftsvertreter die Demonstration verlassen hatten.
Der Protest, an dem Millionen von Leuten im ganzen Land teilnahmen, geht weiter trotz Polizeigewalt und Staatsterror.
Der Klassencharakter der Bewegung
Wenn wir die Taksim-Gezi-Park-Bewegung analysieren, ist zweifellos die erste Frage, die es zu stellen gilt, folgende: Wie kann diese Bewegung definiert werden, und was ist ihr Klassencharakter?
Auf den ersten Blick erscheint sie als eine heterogene gesellschaftliche Bewegung, an der verschiedene Klassen beteiligt sind. In der Bewegung finden sich Leute aus verschiedensten Bevölkerungsschichten, die unzufrieden sind mit der Politik der Regierung: von Kleinbürgern wie Ladenbesitzern bis zu Lumpenproletariern wie Quartierganoven, von Leuten aus nichtausbeutenden Schichten, die selber nicht direkt ausgebeutet werden, wie Künstler und Strassenverkäufer, bis zu Angestellten mit hohen Einkommen. Es gibt auch bürgerliche Elemente unter den Unterstützern der Bewegung wie Cem Boyner, der mit einem Transparent auftrat, auf dem geschrieben stand: „Ich bin kein Rechter und kein Linker, ich bin vom Pöbel“, und Ali Koc, der Besitzer des Divan-Hotels am Taksim-Platz, der den Demonstranten Unterschlupf gewährte. Auch wenn er es später abstritt, hatte er gesagt: „Wenn die Türen des Hotels geschlossen werden, wenn die Polizei ins Hotel kommt und meine Hilfe unterbindet, dann werde ich alle, die hier arbeiten, entlassen.“
Wir können den wirklichen Charakter dieser Bewegung nur verstehen, wenn wir sie im internationalen Kontext sehen. In diesem Lichte betrachtet wird klar, dass die Bewegung in der Türkei nicht nur mit den Aufständen im Nordafrika 2011 – von denen die bedeutendsten (Tunesien, Ägypten und Israel) einen starken Rückhalt in der Arbeiterklasse hatten – in einer direkten Kontinuität stehen, sondern auch mit der Bewegung der Empörten in Spanien und Occupy in den USA, wo nicht nur die Mehrheit der Gesamtbevölkerung Proletarier sind, sondern auch die Mehrheit der Beteiligten an den Bewegungen. Dasselbe beim Aufstand in Brasilien, wo wie in der Türkei die grosse Mehrheit der Beteiligten aus der Arbeiterklasse, vor allem aus den jungen proletarischen Schichten kommen[3]. Frauen nehmen einen zahlenmässig bedeutenden Platz in der Bewegung ein, und dies hat auch eine grosse symbolische Bedeutung. In den Demonstrationen und auch in lokalen Aktionen waren die Frauen an vorderster Stelle. Am zahlreichsten ist die so genannte 90er Generation vertreten. Dieser Generation, welche die Zeit vor der AKP Regierung nicht kannte, wurde immer nachgesagt, sie sei apolitisch. Gerade sie, von denen immer wieder behauptet wurde, sie wollten sich nicht engagieren und sie würden nur auf ihre eigenen Interessen schauen, haben begriffen, dass es für sie alleine keine Perspektive gibt. Sie haben genug davon, dass der Staat ihnen dreinzureden versucht, wer sie zu sein haben und wie sie leben sollen. Student_innen, vor allem von Hochschulen, beteiligten sich massiv an den Demonstrationen. Junge Arbeiter_innen und Arbeitslose stellten auch einen grossen Teil der Bewegung. Auch Arbeiter_innen und Arbeitslose mit guten Ausbildungen beteiligten sich. In Sektoren, in denen vor allem junge Leute in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind, die es unter normalen Umständen schwer haben, sich zu wehren – speziell im Dienstleistungsbereich –, organisierten sich die Angestellten vom Arbeitsplatz aus, aber so, dass die Besonderheit des einzelnen Arbeitsplatzes überwunden wurde, und nahmen zusammen an den Protesten teil. Beispiele sind die Kuriere der Kebab-Läden, Barkeeper, Leute aus Call-Zentren und aus Büros. Andererseits war gerade die Tatsache, dass die Organisierung am Arbeitsplatz die Tendenz der Arbeiter_innen, sich individuell an den Protesten zu beteiligen, nicht überwiegen konnte, eine der ausschlaggebenden Schwächen der Bewegung. Gerade das war aber auch typisch für die Bewegungen in anderen Ländern, wo das Schwergewicht der Revolten sich auf der Strasse befand, was ein praktischer Ausdruck der Notwendigkeit der Überwindung der sozialen Vereinzelung war, welche durch die existierenden Bedingungen der kapitalistischen Produktion und Krise – und vor allem die Arbeitslosigkeit und die prekären Arbeitsbedingungen – verursacht wird. Dieselben Bedingungen, gepaart mit den enormen ideologischen Kampagnen der herrschenden Klasse, machen es der Arbeiterklasse schwer, sich als Klasse zu verstehen, und sie führen zur Sichtweise, dass die Protestierenden eine Masse von individuellen Bürgern und Mitgliedern der Nation sind, und nicht einer Klasse angehören. Dies ist der widersprüchliche Weg zur Formierung des Proletariats als bewusste Klasse, und zweifellos sind diese Bewegungen ein Schritt in diese Richtung.
Einer der Hauptgründe dass sich so viele Arbeiter und Arbeiterinnen, welche mit ihren Lebensbedingungen unzufrieden sind, Proteste von solchem Ausmass organisierten, war die Empörung und das Gefühl von Solidarität gegen die Polizeigewalt und den staatlichen Terror. Es waren aber auch verschiedenste bürgerliche Tendenzen sichtbar aktiv, die versuchten die Bewegung von innen her zu beeinflussen, um alles in die geregelte Bahnen der bestehenden Ordnung zu lenken, eine Radikalisierung zu verhindern und die proletarischen Massen, die gegen den staatlichen Terror auf die Strasse gegangen waren, davon abzuhalten, Klassenforderungen zu entwickeln, die sich um ihre Lebensbedingungen drehen. Man kann nicht von einer Forderung sprechen, hinter der die Bewegung stand, doch was die Bewegung dominierte, waren demokratische Forderungen. „Mehr Demokratie“ zu fordern, auf der Basis der Abneigung gegen die AKP und vor allem Tayyp Erdogan, ist schlussendlich nichts anderes als die Reorganisierung des türkischen Kapitalismus in einem demokratischeren Gewand. Die Auswirkungen der demokratischen Forderungen auf die Bewegung stellten ihre größten ideologischen Schwächen dar. Denn Premierminister Erdogan selbst baute seine ganzen ideologischen Angriffe gegen die Bewegung um die Achse der Demokratie und der Wahlen; die Regierungsgewalt, wenn auch mit einem Haufen Lügen und Manipulationen, wiederholte oft das Argument, dass sogar in Ländern, die als die demokratischsten angesehen werden, die Polizei mit Gewalt gegen illegale Demonstrationen vorgehe – womit sie recht hat. Darüber hinaus band der Versuch, demokratische Rechte zu erringen, die Hände der Massen, wenn sie den Angriffen der Polizei und des Staatsterrors gegenüberstanden, er befriedete den Widerstand.
Wie beschrieben, waren von Beginn weg verschiedenste Tendenzen innerhalb des Gezi-Kampfes aktiv. Es lohnt sich, die Ansichten, den Einfluss und die Wirkung der verschiedenen organsierten Kräfte innerhalb der Bewegung anzuschauen, die sich zum Teil überschneiden. Ebenso wollen wir die Tendenzen innerhalb der unorganisierten Massen betrachten.
Als Erstes gilt es, die demokratische Tendenz anzuschauen, welcher es gelang, die Bewegung vor allem mit ihren Parolen zu dominieren. Diese Tendenz, verkörpert durch die Taksim-Solidaritätsplattform und den BDP-Politiker Sirri Sureyya Onder, vereinigt Gewerkschaftsverbände, Linke, sozialdemokratische und nationalistische politische Parteien, linksradikale Zeitschriften, Nicht-Regierungs-Organisationen, Berufsgewerkschaften, Nachbarschaftsvereine, Umweltschützer und ähnliche Vereine und Organisationen. Momentan findet man innerhalb der Taksim-Solidaritätsplattform neben Organisationen wie der KESK, DISK und der Gewerkschaftlichen Einheitsplattform, Parteien wie die CHP, BDP, die Arbeiterpartei und fast alle linken Parteien und Zeitschriften. Die aktivsten Teile dieser demokratischen Tendenz, welche die Kontrolle über die Taksim-Solidaritätsplattform auszuüben scheint, sind zweifellos linke Gewerkschaftsverbände wie die KESK und DISK. Diese Einheit unter den Spitzen bürgerlicher Parteien und Zusammenschlüsse hat aber bedeutende Risse an ihrer Basis. Die Basis der demokratischen Tendenz besteht nicht aus den Organisationen, die präsent sind, sondern aus dem „Pro-Zivilgesellschafts-“ und „Pro-Passiven-Widerstands-“Milieu und liberalen Teilen der Bewegung. Die Taksim-Solidaritätsplattform, also die demokratische Tendenz, nimmt durch die Tatsache, dass sie von Vertretern aller Art von Vereinigungen und Organisationen gegründet wurde, ihre Stärke nicht aus der direkten organischen Verbindung mit den Demonstrierenden, sondern aus der bürgerlichen Legitimation und ihren mobilisierten Ressourcen. Die demokratische Tendenz hat eine Schwäche, nämlich die, von den Massen getrennt zu sein wegen der fehlenden organischen Verbindung mit den Demonstranten und selbst mit ihrer eigenen Basis, die auf die Strasse geht. Dennoch, die Tatsache, dass es in den Massen eine bedeutende spontane Dynamik gibt, die sich in der Parole „Tayyip Rücktritt!“ ausdrückt, stärkt den Einfluss der demokratischen Tendenz, auch wenn die Taksim-Solidaritätsplattform selber nie eine solche Forderung aufgestellt hat.
Als Zweites wollen wir die nationalistische Tendenz betrachten, die sich vom Ausbruch der Bewegung sehr begeistert gab, deren Erwartungen aber nicht erfüllt wurden und eine zweitrangige Tendenz blieb. Innerhalb dieser Tendenz sollte die CHP von der Arbeiterpartei und TGP getrennt betrachtet werden. Die Bestrebungen der CHP, die Bewegung bei ihren Ausbruch anzuführen, blieben fruchtlos, und später wurde der Aufruf von Kilicdaroglu an die Demonstranten, sich zurückzuziehen, nicht einmal von der Basis der CHP befolgt. Es gab Demonstrant_innen, welche ihren Ärger über CHP-Parlamentarier in Istanbul äußerten. Die radikalen Nationalisten wie die Arbeiterpartei und die TGB, welche die Bewegung in „republikanische“ Demonstrationen umwandeln wollten, waren trotz vereinzeltem lokalem Einfluss nicht wirklich bedeutend. Ein Bemühen der Nationalisten war es, die Polizei von der AKP-Regierung zu trennen mit Parolen wie: „Es gibt auf beiden Seiten Junge im selben Alter“, um so die Polizei mit Sympathie zu beeinflussen. Doch die Brutalität der Polizei hatte dazu geführt, dass bei der großen Mehrheit der Leute solche Slogans kaum Anklang fangen. Die bekannteste Parole der Nationalisten war: „Wir sind die Soldaten von Mustafa Kemal“ und sie versuchten, kemalistische Lieder in die Demonstrationen einzuschmuggeln. Nationalisten, die versuchten, gegen die kurdischen Demonstrant_innen aufzutreten oder diese Haltung in die Demonstrationen zu einfließen zu lassen, wurden von den Massen abgelehnt, vor allem wegen des geringen Einflusses der kemalistischen Ideologie innerhalb der jungen politisierten Generation.
Aber auch die bürgerliche Linke ist eine Tendenz, die es genauer zu betrachten gilt. Die Basis der linken Parteien, die wir auch als die legale bürgerliche Linke bezeichnen können, war im Wesentlichen von den Massen abgekoppelt. Sie liefen der demokratischen Tendenz hinterher. Die BDP, die sich als Unterstützer der demokratischen Tendenz ausgab, versuchte aber auch, die Beteiligung der Kurd_innen in der Bewegung zu verhindern, jedoch ohne bedeutenden Erfolg in den großen Städten. Sie leistete der Regierung, mit der sie in einem Friedensprozess ist, versteckte Unterstützung. Stalinistische und trotzkistische Zeitschriften, also die radikale bürgerliche Linke, waren von den Massen auch weitgehend getrennt. Sie hatten vor allem in den Quartieren Einfluss, wo sie traditionell stark sind. Indem sie der demokratischen Tendenz widersprachen, als diese die Bewegung zerstreuen wollte, unterstützen sie die Bewegung im Allgemeinen. Die Analyse der bürgerlichen Linken beschränkte sich im Wesentlichen auf die Aussage, wie glücklich sie doch über den „Volksaufstand“ seien, und sie versuchten, sich als die Führer der Bewegung darzustellen. Auch der Aufruf zum Generalstreik, eine traditionelle Karte in der Politik der Linken, wurde angesichts der blinden Freude der Linken über die Bewegung selber kaum eingesetzt. Der verbreiteteste Slogan der Linken in den Massen war: „Schulter an Schulter gegen den Faschismus“.
Die einflussreichste Tendenz und bei der Basis mit den meisten Sympathien empfangene war die der Fußballfans. Da die Akteure der Fußball-Ultras nicht getrennt von der demokratischen Tendenz auftraten, war ihr Einfluss auf ihre eigene Basis beschränkt. Fußballfans, die nicht minder eine kollektive Erfahrung wie die Linken haben bezüglich gemeinsamen Handelns, der Beteiligung an Demonstrationen oder Zusammenstößen mit der Polizei, bildeten die einzige mehr oder wenig organisierte Tendenz, die nicht von den Massen abgeschnitten war, und sie handelten inmitten der Masse von Protestierenden. Sie taten sich bei den Zusammenstößen am meisten hervor. Es ist bezeichnend, dass die Fußballfans, die bislang unpolitisch waren, sich stark mit den Protesten verbunden fühlten. Die Türkei ist ein Land, in dem der Slogan „Ich bin kein Linker und kein Rechter, sondern ein Fußballfan“ sehr beliebt ist. Ihre erinnerungswürdige Parole war: „Versprüht es, versprüht es, euer Tränengas! Zieht eure Helme ab, legt eure Schlagstöcke beiseite, lasst uns sehen, wer sich besser schlägt!“
Neben den bereits erwähnten Tendenzen kann man auch von einer proletarischen Tendenz oder von proletarischen Tendenzen innerhalb der Bewegung sprechen. Wir sprechen von einer Tendenz oder von Tendenzen, weil die proletarische Tendenz im Vergleich zu den oben erwähnten Tendenzen unorganisiert und zerstreut war. Die proletarische Tendenz stellte Parolen wie: „Wir sind keine Soldaten von niemandem“ oder: „Wir sind Mustafa Kesers Soldaten“ und: „Wir sind Turgut Uyars Soldaten“ gegen die Parole der nationalistischen Tendenz: „Wir sind Mustafa Kemals Soldaten“. Auch Parolen aus den Tagen der Tekel-Kämpfe wie: „Wir leisten Widerstand mit der Sturheit der Kurden, dem Enthusiasmus der Laz, und der Geduld der Türken“ tauchten wieder auf. Die Bäume im Gezi-Park wurden nach den kurdischen Opfern des Roboski-Massakers und den türkischen und arabischen Opfern des Bombardements von Reyhanli benannt. Viele befürworteten eine Haltung der Konfrontation gegen dem staatlichen Terror, gegenüber der Linie des passiven Widerstandes der demokratischen Tendenz. Gegen die Haltung, mit Sympathie auf die Polizei zuzugehen, gab es Parolen wie: „Polizist, werde ehrlich, geh Brötchen verkaufen“. Es wurde auch die Legitimität der Forderungen der Taksim-Solidaritätsplattform in Frage gestellt. Man versuchte, den Hang zum Vandalismus, der bei den Protestierenden verbreitet war, einzudämmen, dies nicht, indem man sie als Akte von Provokateuren darstellte, wie es die demokratische Tendenz tat, sondern indem man daran erinnerte, dass man die armen Leute nicht ihrer Habe berauben dürfe, und versuchte zu überzeugen. Im Allgemeinen vertrat eine große Mehrheit der Demonstranten die Idee, dass die Bewegung sich selber organisieren müsse. um ihre eigene Zukunft zu bestimmen.
Der Teil der Protestierenden, der die Bewegung mit der Arbeiterklasse zusammenführen wollte, setzte sich aus Leuten zusammen, die sich der Wichtigkeit und Stärke der Arbeiterklasse bewusst waren und die gegen den Nationalismus waren, auch wenn ihnen einen klare politische Vision fehlte. Sie waren es, die die Forderung des Generalstreiks aufstellten. Auch wenn dies ein grundsätzliches Erkennen der Wichtigkeit einer Beteiligung des beschäftigten Teils der Arbeiterklasse darstellte, waren auch demokratische Illusionen vorhanden. Die Erfahrung des 5. Juni sollte zeigen, dass es keine fruchtbare Strategie ist, auf die Gewerkschaften Druck auszuüben, damit sie einen Generalstreik ausrufen. Andererseits war es eine der größten Errungenschaften der Bewegung, dass dieser Teil der Protestierenden Lehren aus ihren Erfahrungen ziehen konnte. In den Aufrufen nach dem 5. Juni war die Position, dass kurze Streiks von einem oder zwei Tagen nicht genügen, oft zu hören und der Ruf nach einem unbefristeten Generalstreik weitete sich aus. Darüber hinaus gab es einen nicht zu vernachlässigenden Teil von Leuten, die sagten, die Gewerkschaften wie die KESK und DISK, die als „radikal“ gelten, seien nicht viel anders als die Regierung. Auch gegen die Verharr-Aktionen, die von den Medien und der demokratischen Tendenz ins Rampenlicht gesetzt wurden, um die Bewegung auf eine individualistische und passive Haltung zu reduzieren, tauchte die Meinung auf, dass solche Aktionen nur dann Kraft hätten, wenn sie auch an den Arbeitsplätzen stattfinden.
Ein Teil des Proletariats, das in einem Lohnarbeitsverhältnis steht, beteiligte sich auch an der Bewegung und bildete den Hauptteil der proletarischen Tendenz innerhalb der Bewegung. Der Streik bei THY in Istanbul versuchte sich mit dem Kampf im Gezi-Park zu vereinigen. Arbeiter aus dem für seine harten Arbeitsbedingungen bekannten Textilbereich demonstrierten in Bagcilar-Günesli in Istanbul mit den Parolen „Grüße von Bagcilar an Gezi!“ und „Samstage sollen Freitage sein!“ und sie versuchten so, ihre Klassenforderungen und ihre Solidarität mit dem Kampf im Gezi-Park auszudrücken. In Alibeyköy/Istanbul gingen Tausende Arbeiter_innen auf die Straße, mit Transparenten, auf denen stand: „Generalstreik, allgemeiner Widerstand“. Die Büroangestellten, die auf den Taksim-Platz zusammenkamen, trugen Transparente mit der Aufschrift: „Nicht an die Arbeit - in den Kampf“. Zusätzlich erzeugte die Bewegung einen Kampfwillen bei Arbeiter_innen, die in den Gewerkschaften sind. Zweifellos, KESK, DISK und die anderen Organisationen, die zum Streik aufriefen, mussten dies nicht wegen der sozialen Medien, sondern wegen des Drucks ihrer eigenen Mitglieder tun. Die Plattform der verschiedenen Bereiche von Türk-Is, die sich aus allen Gewerkschaftssektionen von Türk-Is in Istanbul zusammensetzte, rief Türk-Is und die anderen Gewerkschaften zu einem Generalstreik gegen den staatlichen Terror auf dem Gezi-Park auf. Doch es wäre ein Irrtum zu glauben, dass diese Aufrufe ohne den Druck der massiven Empörung der Arbeiter gegen den Staatsterror zustande gekommen wären.
Trotz alledem ist schwierig zu sagen, die Bewegung habe zu weiten Teilen ihre eigenen Klasseninteressen erkannt oder wäre in Richtung Zusammenschluss mit dem generellen Kampf der Arbeiterklasse gegangen. Die Tatsache, dass die proletarische Tendenz innerhalb der Bewegung sich nicht genügend ausdrücken konnte, war vor allem Ausdruck der Fokussierung auf die Frage der Demokratie als Alternative zur gegenwärtigen Politik des Staates. Sobald diese Haltung die Bewegung dominierte, erlitt die Tendenz der proletarischen Elemente einen Rückschlag, und die Möglichkeiten ihrer Reifung wurden blockiert. Die demokratische Tendenz konnte die Bewegung in ihren demokratischen Rahmen einsperren. Auch wenn übrigens die Mehrheit der Bewegung aus Arbeiter_innen bestand, repräsentierten sie nur einen Teil ihrer Klasse, und nicht ihre Gesamtheit. Was diese Leute auf die Straße trieb, war der staatliche Terror, und derselbe Terror verursacht eine große Betroffenheit bei anderen Teilen der Arbeiterklasse. Andererseits war die Tatsache, dass die Forderungen und Slogans, welche die demokratische Tendenz portierte, die Bewegung bestimmten, und die Tatsache, dass die proletarische Tendenz keine Klassenforderungen entwickeln konnte, welche auf den Widersprüchen an der Arbeit und im Leben basieren, ein Hindernis gegen die Verschmelzung der Bewegung mit den Arbeiter_innenmassen.
Die gemeinsame Schwäche all der Demonstrationen in der Türkei war die Schwierigkeit, Massendiskussionen abzuhalten und auf der Basis solcher Diskussionen eine Selbstorganisierung zu erreichen, welche es erlaubt hätte, eine Kontrolle über die Bewegung zu erreichen. Massendiskussionen, wie wir sie in vergleichbaren Bewegungen in anderen Ländern gesehen haben, gab es in den ersten Tagen der Bewegung nicht. Eine fehlende Erfahrung mit Massendiskussionen, Veranstaltungen, Vollversammlungen und eine Schwäche bezüglich der Debattenkultur in der Türkei waren sicherlich Gründe für diese Schwäche. Auf der anderen Seite erzeugte die Bewegung ein Bedürfnis für Debatten und es tauchten Ansätze dazu auf.
Der erste Ausdruck dieses Drangs nach Diskussionen war die Errichtung einer offenen Diskussionstribüne im Gezi-Park. Diese offene Tribüne im Gezi-Park zog keine große Aufmerksamkeit auf sich und dauerte nicht lange, doch nur schon die Erfahrung mit einer offenen Diskussionstribüne hatte einen gewissen Effekt. Im Streik vom 5. Juli schlugen Universitätsangestellte, die Mitglieder von Egitim-Sen sind (einer Gewerkschaft, die Teil der KESK ist), vor, eine offene Diskussionstribüne zu machen. Die Führung der KESK lehnte diesen Vorschlag nicht nur ab mit dem Gegenvorschlag, eine offene Tribüne im Stil des 1. Mai zu machen, eine linke Gewerkschaftstribüne, wo sowieso niemand den Reden zuhört, sondern sie isolierte ihren Flügel Egitim-Sen Nr. 5, zu welchem die Universitätsangestellten gehören. Die Bemühungen zu dieser offenen Diskussionstribüne scheiterten. Inspiriert durch die offene Diskussionstribüne wurden Tribünen in Gazi, Okmeydanı und Sariyer in der Nähe von Istanbul, in Güvenpark und Keciören in Ankara, Gündogdu und Cigli in Izmir, in Mersin, Antalya, Samsun und Trabzon ins Leben gerufen. Auch wenn auf solchen Diskussionstribünen Teilnehmer ihre Sorgen über 4+4+4, das Minimalsalär und das Gesundheitssystem äußerten und die Bildung einer Widerstandsversammlung vorschlugen, so beschnitt die Bildung dieser Tribünen durch bürgerliche Linke ihre Wirkung deutlich.
Neben den Erfahrungen mit offenen Diskussionstribünen tauchten in den darauffolgenden Tagen Foren auf, die massenhafte Beteiligung fanden. Diese Foren, die mit dem Ziel begannen, die Zukunft der Bewegung zu besprechen, wurden während der ganzen Woche vor dem 15. Juni – dem Angriff der Polizei auf den Gezi-Park – geplant und abgehalten. Der Aufruf zu diesen Foren kam von der Taksim-Solidaritätsplattform, deren Ziel es war, diese Foren zu verwenden, um die Leute zu überzeugen, ihren Widerstand in einem einzigen symbolischen Zelt zusammenzuschließen, was eine andere Art war, die Leute zu überzeugen, ihre Kampf zu beenden. Diese Foren hatten keinen Anspruch auf Entscheidungsmacht, sie hatten mehr den Zweck, für die Taksim-Solidaritätsplattform den Puls der Massenbewegung zu fühlen. Dieses Manöver ermöglichte es, dass sich die Massen auf die praktischen Dinge beschränkten, vor allem auf die Frage, was bei einer polizeilichen Intervention zu tun sei. Es tauchten in den Diskussionen aber dennoch Stimmen auf, die verlangten, dass die Massen die Kontrolle über die Bewegung haben sollen, durch das Abhalten von Vollversammlungen, die die Erfahrungen von Barcelona erwähnten und darauf drängten, die Bewegung auf die proletarischen Wohnquartiere auszuweiten. Entscheidend aber war, dass die Massen durch ihren Willen, die Demonstrationen aufrecht zu erhalten die Taksim-Solidaritätsplattform daran hinderten, die Bewegung auslaufen zu lassen.
Ein landesweiter Blick auf die Bewegung zeigt, dass in Eskisehir die Demonstrierenden die interessanteste Erfahrung machten. In einer Vollversammlung wurden dort Komitees gebildet, welche die Demonstrationen organisieren und koordinieren sollten. Diese Komitees waren: ein Demonstrationskomitee, welches die Routen und Parolen der Demonstrationen bestimmte, ein Universitäts- und Bildungskomitees zur Vorbereitung von Versammlungen, Treffen und Diskussionen, Vorschlags- und Meinungskomitees für Ideen und Vorschläge zum Widerstand, ein Reinigungs- und Umweltkomitee zur Reinigung und Pflege des Platzes, an dem sich die Bewegung in Zelten niederließ, ein Pressekomitee zur Produktion von Videos, Fotos und Berichten, die auch an die Massenmedien weitergegeben wurden, ein Koordinations- und Kommunikationskomitee als Verbindungsglied zwischen den Komitees, ein Sicherheitskomitee zum Schutze des Areals gegen Angriffe von innen und außen, und eine Notfallkomitee aus Medizinstudenten und medizinischen Fachpersonen zur medizinischen Hilfe und Betreuung Verletzter. Bedeutender aber war der Entscheid, eine tägliche Vollversammlung abzuhalten, welche die Aktivitäten dieser Komitees überwachte und diskutierte. Durch diese Erfahrung waren die Massen in Eskisehir fähig, die Bewegung durch Selbstorganisierung in ihren eigenen Händen zu halten. Ähnlich in Antakya, wo die Vollversammlung ihre eigenen Entscheide über die Bewegung des 17. Juni fällte.
Ab dem 17. Juni wurden, inspiriert durch die Foren im Gezi-Park, in verschiedensten Parks in Istanbul Vollversammlungen abgehalten, die sich Foren nannten, nämlich in Beşiktaş, Elmadağ, Harbiye, Nişantaşı, Kadıköy, Cihangir, Ümraniye, Okmeydanı, Göztepe, Rumelihisarüstü, Etiler, Akatlar, Maslak, Bakırköy, Fatih, Bahçelievler, Sarıyer, Yeniköy, Sarıgazi, Ataköy und Alibeyköy. In den folgenden Tagen entstanden verschiedenste Foren in Ankara und anderen Städten. Um die Kontrolle über die Situation nicht zu verlieren, begann die Taksim-Solidaritätsplattform selbst zu Foren aufzurufen. Es ist möglich, dass in der Zukunft solche Foren eine wichtige Rolle spielen werden. Es wurden in den Foren selber auch Vorschläge zur Bildung von Komitees am Arbeitsplatz und in den Quartieren gemacht. Aufrufe dazu, rassistische, sexistische und homophobe Äußerungen zu vermeiden und der Opfer der Massaker von Roboski und Reyhanli sowie der Arbeiter der Wasseraufbereitungsanlage von Mugla, welche Methangasvergiftungen erlitten hatten, zu gedenken, wurden in den Foren oft geäußert.
In vielen Aspekten ist der Widerstand, der im Gezi-Park entstand, sehr verwandt mit der Occupy-Bewegung in den USA, der Bewegung der Empörten in Spanien und den Protesten, die in Ägypten Mubarak und in Tunesien Ben Ali zu Fall gebracht haben, er weist aber auch seine Besonderheiten auf. Wie in all diesen Bewegungen war in der Türkei die proletarische Jugend ausschlaggebend. Ägypten, Tunesien und die Gezi-Park Bewegung haben als Gemeinsamkeit den Willen, eine Regierung zu beseitigen, die als „Diktatur“ angesehen wird. Wie in Ägypten scharten sich Protestierende um Leute, welche muslimische Gebete abhielten, um sich vor Angriffen zu schützen, und gleichzeitig drückten die aktivsten Teilnehmer_innen an der Bewegung in der Türkei – wie in Ägypten – ihre klare Abneigung gegen die Einmischung des Klerus und der Fundamentalisten in ihr tägliches Leben aus. Anders als in Tunesien mit den Massenstreiks tausender Arbeiter_innen und Ägypten mit den Streiks der erfahrenen Arbeiter_innen von Mahalla und anderswo sah man in der Türkei nur wenige Arbeitsniederlegungen. Positiv ist aber, dass anders als in Ägypten, wo die Bewegung, als sie an Stärke verlor, die Armee zur Hilfe rief, in der Türkei eine klare Abneigung gegen diese Schlüsselinstitution des Staates zu spüren war.
Anders als die Bewegung in Tunesien, die lokale Komitees organisierte, und in Spanien und den USA, wo die Massen ihre Verantwortung für die Bewegung durch Diskussionen in Massenversammlungen wahrnahmen, blieb diese Erfahrung in der Türkei nur sehr beschränkt. In Spanien war die Bewegung der Empörten angesichts der Krise des Kapitalismus und der hohen Arbeitslosigkeit fähig, eine entsprechende Orientierung in ihren Diskussionen zu haben. In der Türkei war die Bewegung trotz der schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen sehr stark von praktischen Aspekten der Bewegung beherrscht. Im Vordergrund standen praktische und technische Aspekte der physischen Konfrontation mit der Polizei. Anders als in Spanien, wo die proletarische Tendenz im Kampf gegen die demokratische Tendenz in der Bewegung klare proletarische Klassenforderungen aufstellte, war diese Kraft in der Türkei zu schwach. Vergleichbar mit der Occupy-Bewegung in den USA war, dass eine Besetzung stattfand, in der Türkei weitete sich diese jedoch zahlenmäßig viel stärker aus als in den USA. In der Türkei sowie in den USA gab es einen Teil der Demonstrierenden, der genau verstand, wie wichtig es ist, die arbeitenden Teile des Proletariats in den Kampf mit einzubeziehen. Der Bewegung in den USA gelang es nicht, die Arbeiter_innenklasse in den Kampf mit einzubeziehen, trotz der direkten Aufrufe an die Hafenarbeiter in Oakland – auch über die sozialen Medien –, den Streik über die ganze Westküste auszuweiten. Auch wenn die Bewegung in der Türkei es verpasste, eine ernsthafte Verbindung mit der gesamten Arbeiter_innenklasse aufzunehmen, so führten die Streikaufrufe über die sozialen Medien zu mehr Arbeitsniederlegungen als in den USA.
Trotz all dieser Besonderheiten ist die Bewegung in der Türkei ein Glied in der Kette der internationalen sozialen Bewegungen. Auch wenn dies in den ersten Tagen kaum zum Vorschein kam, so änderte sich diese schnell. Die anderen sozialen Bewegungen schienen zum Zeitpunkt, als sie stattfanden, keine große Anziehungskraft auf die Türkei zu haben, doch sie hinterließen in den Massen deutliche Spuren. Wie die internationale Welle von Kämpfen ist die Bewegung in der Türkei mit der weltweiten Krise des Kapitalismus verknüpft. Einer der Hauptgründe, weshalb sich die AKP-Regierung über 10 Jahre an der Macht behaupten konnte, war ihre Politik der Restrukturierung des türkischen Kapitalismus. Die Reaktionen gegen diesen Druck begannen als Reaktionen gegen die Praktiken der AKP. Eines der deutlichsten Zeichen dafür, dass die Bewegung Teil der internationalen Welle war, ist die Inspiration, die sie auf die Protestierenden in Brasilien ausübte. Die Demonstrant_innen in der Türkei begrüßten die Antwort vom anderen Ende der Welt mit den Slogans „Wir sind zusammen, in Brasilien und in der Türkei“ und „Widerstand in Brasilien!“. Und wenn die Bewegung die Proteste in Brasilien, die auf Klassenforderungen basierten, beeinflusste, so können diese für die Zukunft das Aufkommen von Klassenforderungen in der Türkei fördern.
Die Taksim-Gezi-Park-Bewegung antwortete auf den Staatsterror, die Polizeigewalt und die repressive und unterdrückerische Politik der AKP-Regierung und von Premierminister Erdogan. Massen, die vermutlich noch nie an einer Demonstration teilgenommen hatten oder mit anderen Menschen zusammengegangen waren, die dasselbe Anliegen haben, nahmen in dieser Zeit an einer Bewegung teil, die als unpolitische bezeichnet wurde, doch sie haben sich politisiert. Massen haben eine Erfahrung gemacht, was Solidarität heißt, was es heißt, die Sache, in die eigenen Hände zu nehmen, und debattierten im Gezi-Park und anderen besetzten Parks über das Leben, das sie anstreben. Die Bewegung setzte einen Kontrapunkt durch kostenlose Suppenküchen, Bibliotheken, Behandlung von Verletzten durch Freiwillige aus dem Gesundheitssektor und durch einen Freiraum, wo jeder kommen und gehen konnte. All das waren wichtigste Momente zur Unterstützung der Bewegung nach ihrem Ausbruch. Man machte auch die Erfahrung, wie man sich gegen das Tränengas der Polizei schützt.
Die Leute wurden sich der Kraft einer massiven Bewegung bewusst, die vom Willen, gegen die staatliche Repression zu kämpfen, beflügelt war. Die sozialen Medien konnten wirksam genutzt werden, um Treffen und Demonstrationen zu organisieren. Soziale Beziehungen und Netzwerke wurden genutzt, um Verhaftungen zu verhindern und den Demonstranten Schutz zu gewähren. Als die Straßenbeleuchtungen während den Zusammenstößen vom Staat abgestellt wurden, erleuchteten die Leute ihre Wohnungen, Apotheken gaben gratis Medikamente ab, all das sind wichtige Details der Bewegung. Die junge Generation der Bewegten, die sich den Angriffen der Polizei ausgesetzt sahen, verwendeten als Antwort die Waffe des Humors und der Musik. Dies brachte ihnen breite Sympathie ein. Der Staat bezeichnete sie als „Tagediebe“, und auch Leute, die nicht direkt in der Bewegung beteiligt waren, gaben sich aus Sympathie zur Bewegung diesen Namen selber.
Auch wenn im Vergleich zu anderen Bewegungen bei den Massen nicht die Illusion existierte, dass diese Bewegung eine Revolution sei, so verglichen sie die heißesten Teilnehmenden mit einer revolutionären Situation. Das erste, woran zu erinnern ist, wenn man auf solche Einschätzungen antwortet, ist die Methode der Revolutionäre der Vergangenheit wie Lenins oder der Italienischen Kommunistischen Linken, die davon ausgingen, dass eine revolutionäre Situation nur das Ergebnis einer Reifung der objektiven und subjektiven Bedingungen auf internationaler Ebene ist. Trotz der klar internationalen Dynamik der Revolten von 2011 und 2013, die eine Antwort auf die Vertiefung der Krise des Kapitalismus waren, führten sie nicht zu einer revolutionären Situation. Hier ist die Erinnerung an die Methode Lenins wichtig: „Welches sind allgemein gesprochen, die Merkmale einer revolutionären Situation? Wir gehen sicher nicht fehl, wenn wir folgende drei Hauptmerkmale anführen: 1. Für die herrschenden Klassen ist es unmöglich, ihre Herrschaft unverändert aufrechtzuerhalten; die eine oder andere Krise der ‚oberen Schichten’, eine Krise der Politik der herrschenden Klasse, die einen Riss entstehen lässt, durch den sich die Unzufriedenheit und Empörung der unterdrückten Klassen Bahn bricht. Damit es zur Revolution kommt, genügt es in der Regel nicht, dass die ‚unteren Schichten’ in der alten Weise ‚nicht leben wollen’, es ist noch erforderlich, dass die ‚oberen Schichten’ in der alten Weise ‚nicht leben können’. 2. Die Not und das Elend der unterdrückten Klassen verschärfen sich über das gewöhnliche Maß hinaus. 3. Infolge der erwähnten Ursachen steigert sich erheblich die Aktivität der Massen, die sich in der ‚friedlichen’ Epoche ruhig ausplündern lassen, in stürmischen Zeiten dagegen sowohl durch die ganze Krisensituation als auch durch die ‚oberen Schichten’ selbst zu selbständigem historischem Handeln gedrängt werden.“[4]
Die Bewegungen im Nahen und Mittleren Osten, Spanien, der Türkei, Brasilien und anderswo enthielten keine dieser drei Charakteristiken. Sicher, die Unterdrückten wollen nicht mehr unterdrückt sein, doch die Unterdrücker können ihr Regime in derselben Art weiterführen wie zuvor. Die Armut und das Elend der unterdrückten Klassen überschreiten nicht die gewohnten Zustände. Eine der großen Trumpfkarten der Regierung in der Türkei ist ihre Referenz zur „versprochenen“ Entwicklung der türkischen Wirtschaft in den nächsten Jahren…
Wohl am bedeutendsten aber ist die Tatsache, dass in all diesen Kämpfen die Massen sich nicht von den bürgerlichen Demokraten trennen konnten. In der Sackgasse des Kapitalismus, wenn die soziale Unterdrückung sich zuspitzt, wenn die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter_innenklasse sich verschlechtern, wenn Krieg ein Dauerzustand wird, wenn die Lebensräume der Menschen zerstört werden, dann ist das Problem unausweichlich: Die bürgerliche Demokratie kann nur eine bürgerliche Diktatur sein. Egal ob rechte oder linke Regierungen an der Macht sind, in dieser Zeit, in der es für den Staatskapitalismus immer schwieriger wird, Kapital und ein Stück des Kuchens zu erhalten, werden alle Regierungen eine solche Politik gegen die Massen durchziehen. Demokratie, das ist Pfefferspray, Demokratie ist Polizeikugeln, Demokratie ist Panzerwagen gegen die Demonstrierenden. Demokratie ist bürgerlicher Terror, der die Kinder unserer Klasse ohne mit der Wimper zu zucken massakriert. Die demokratische Tendenz innerhalb der Bewegung und die politische Qualität ihrer Forderungen stimmen überein mit der Demokratie, welche ein Instrument ist, um die Macht der Bourgeoisie zu sichern und die Lüge der Entwicklung zu verbreiten. Hinter dem Slogan „Tayyip Rücktritt“, der an den Demonstrationen gesungen wurde, steht die Illusion, dass nach dem Rücktritt von Erdogan irgendeine bürgerliche Kraft die Dinge viel besser regeln werde als er. Wir wissen, dass dies nicht der Fall ist.
Die demokratische Tendenz innerhalb der Bewegung und auch gewisse bürgerliche Schreiberlinge und Journalisten beschreiben die Bewegung als eine demokratische Reaktion auf all das, was im Land nicht gut läuft. Sie schlagen der Bewegung vor, den parlamentarischen Weg zu wählen. Wenn wir die Taksim-Solidaritätsplattform betrachten, so erinnert sie uns an die Olivenzweig-Koalition, die in Opposition zu Berlusconi an die Macht kam. Einen solchen Weg einzuschlagen, wäre zweifelsohne das tragische Ende der Bewegung und würde heißen, dass sie für die Arbeiter_innenklasse gestorben ist. In der nächsten Zukunft wird das eine viel größere Gefahr darstellen als der Staatsterror.
Doch trotz all der Schwächen und Gefahren, denen diese Bewegung ausgesetzt war, wenn die Massen in der Türkei es nicht geschafft hätten, ein Glied in der Kette der sozialen Revolten zu sein, welche die kapitalistische Welt erschüttern, so wäre das Resultat ein viel größeres Gefühl der Machtlosigkeit. Der Ausbruch einer sozialen Bewegung, wie sie in dieser Größe seit 1908 in der Türkei nie mehr stattfand, ist von historischer Bedeutung.
Die Zukunft der Bewegung hängt davon ab, ob ihr proletarischer Teil, welcher die Mehrheit darstellt, fähig ist, Klassenforderungen aufzustellen, die auf unseren Lebens- und Arbeitsbedingungen basieren und ob er die Bewegung durch Massendiskussionen in die eigenen Hände nehmen kann und sie auf der Grundlage der Arbeitsstätten auf die gesamte Klasse ausbreiten kann, statt zu versuchen, die Gewerkschaften zu einem solchen Weg zu zwingen.
Dünya Devrimi, IKS-Sektion in der Türkei, 21.06.2013
[1]Wird als Schimpfwort verwendet. Regierungsmitglieder, insbesondere Erdogan, gebrauchten diesen Namen für die Protestierenden. Diese sehen ihn als Lob und verwenden ihn für sich selber. Er bedeutet so viel wie Vagabund, Plünderer, Straßenräuber.
[2] Diese Zeilen sind ein Ausschnitt aus einem Gedicht mit dem Titel „Milch“ auf Türkisch. Der Demonstranten Ozan Durmaz schrieb es in Erinnerung an Abdullah Cömert, Ethem Sarısülük und Mehmet Ayvalıtaş. Die komplette Version ist zu lesen auf der folgenden Internetadresse: www.tuhaftemaslar.com/sut [782].
[3] Laut Umfragen waren 58% der Demonstrant_innen im Gezi-Park Arbeiter_innen, 10% Arbeitslose und 24% Student_innen. 92% waren also Arbeiter_innen oder zukünftige Arbeiter_innen.
[4] Lenin, Der Zusammenbruch der Zweiten Internationale, Kapitel 2
Selten hat es in der Geschichte der Bundesrepublik solch einen faden, ereignisarmen, nivellierenden Wahlkampf gegeben wie den jüngsten Bundestagswahlkampf, der mit dem Wahlsonntag am 22. September zu Ende ging. Es war geradezu eklatant, wie unauffällig er vor sich dahin plätscherte, wie wenig er in der Öffentlichkeit vorkam, sieht man einmal von dem zum Medienereignis des Jahres hochgejazzten TV-Duell zwischen der amtierenden Bundeskanzlerin Merkel und ihrem Herausforderer von der SPD, Per Steinbrück, ab. Kein Lagerwahlkampf, keine polarisierenden Themen und Persönlichkeiten, keine fesselnden Kampagnen – nichts. Dieser Wahlkampf war so dröge, dass intellektuelle Vordenker wie Enzensberger, Sloterdijk & Co. sich in ihrem Spott über die Politiker, die die Welt nur „vermessen“, statt zu „deuten“ (Richard David Precht in einem SPIEGEL-Essay), dazu verstiegen, zum Wahlboykott aufzurufen. Was wiederum eine Steilvorlage für Politik und Medien war, die ihrerseits nun, zwei Wochen vor dem Wahltag, das Wählengehen zur ersten Bürgerpflicht, zu einer Art patriotischen Akt erklärten, erklären mussten, drohte doch nach dem historisch langweiligsten Wahlkampf nun auch eine historisch niedrige Wahlbeteiligung.
Diese Langeweile war politisch gewollt. Die Bourgeoisie ist durchaus in der Lage, für den notwendigen Wahlrummel zu sorgen. Ihre Massenmedien und die politische Klasse verstehen es meisterhaft, für künstliche Spannung zu sorgen, viel Rauch um nichts zu erzeugen. Es wäre in diesem Bundestagswahlkampf ein Leichtes für sie gewesen, auch die Intellektuellen von ihren Elfenbeintürmen herunterzuholen. Allein, die Herrschenden wollten es nicht.
Ausgerechnet das Thema, das die öffentliche Meinung am meisten polarisiert hätte, das die Stammtische befeuert und das Stimmvieh mobilisiert hätte, sollte unbedingt aus dem Wahlkampf herausgehalten werden: die Europapolitik und der Euro. Es war frappierend, wie sehr dieses Thema in der Öffentlichkeit totgeschwiegen wurde. Alle im Bundestag vertretenen Parteien, selbst die FDP, aus der in den vergangenen Jahren durchaus auch Euro-kritische Stimmen zu vernehmen waren (dazu später mehr), hielten sich an dieser Omertà - auch die Massenmedien, die euro-kritischen Strömungen keinerlei Plattform boten, wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD), einer erst Anfang dieses Jahres gegründeten Partei, die sich die „Auflösung des Euro-Währungsgebietes“ auf die Fahnen geschrieben hatte.
Es waren vor allem drei Stellschrauben, an denen das Kartell von Politik und Medien drehte, um ein ihm genehmes Wahlergebnis zu erzielen, nämlich – darüber ließ es von Anfang an keinen Zweifel - eine Koalition aus den beiden größten Parteien, die große Koalition. Da war zum einen die Demontage des SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück: Angefangen mit der Medienkampagne rund um die üppigen Honorare, die Steinbrück vor seiner Kandidatur für Vorträge vor Geschäftsleuten kassierte (eine Praxis, die völlig üblich ist in der politischen Klasse), über die massive Kritik an seiner Äußerung, dass das Gehalt eines Bundeskanzlers resp. Bundeskanzlerin, gemessen an den Gehältern von Topmanagern, doch recht bescheiden sei, bis hin zu seiner flapsigen Bemerkung in einem Interview mit Deutschlands mächtigster Zeitung, die BILD, dass er sich keine Flasche Pinot Grigio für schlappe fünf Euro kaufen würde, eine Äußerung, die sogleich lustvoll in der Öffentlichkeit seziert wurde – die Medien ließen nichts unversucht, um Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit zu streuen. Schlimmer noch: es wurde seine Fähigkeit in Frage gestellt, das Amt eines Bundeskanzlers auszuüben. Der Mann, hieß es, sei zu impulsiv und unbeherrscht. Hatte er nicht als Finanzminister der letzten großen Koalition im Steuerstreit mit der Schweiz gedroht, die „Kavallerie“ ins Nachbarland zu schicken? Hatte er nicht erst kürzlich Berlusconi als einen „Narren“ bezeichnet und damit die italienische Politik gegen sich aufgebracht? Nun, die Demontage Steinbrücks war am Ende so erfolgreich, dass sie übers Ziel hinauszuschießen drohte; spätestens seit dem o.g. TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück war ein wachsendes mediales Wohlwollen ihm gegenüber zu konstatieren.
Die zweite Stellschraube, mit der die Herrschenden diese Wahlen manipulierten, ist auf eine Besonderheit des deutschen Wahlrechts zurückzuführen. Der Wähler besitzt zwei Stimmen, die er vergeben kann – die erste für den Direktkandidaten für das Parlament, die zweite für die Partei seiner Wahl. Dieser Umstand ermöglicht es dem Wähler, seine Stimme unterschiedlich zu gewichten, er gestattet es kleineren Koalitionspartnern, ihr begrenztes Wählerreservoir durch eine sog. Zweitstimmenkampagne zu erweitern, und er gibt den Herrschenden ein weiteres Mittel zur subtilen Manipulierung von Wahlen in die Hand. Insbesondere der FDP, den sog. Liberalen, ist es seit ihrem Bestehen im Nachkriegsdeutschland mehr als einmal gelungen, ihren Einfluss über ihren eigentlichen Radius hinaus aufzublähen, indem sie die Wähler/-Innen des größeren Koalitionspartners dazu veranlassen konnte, ihre Zweitstimme der FDP zu schenken. So auch bei den letzten Landtagswahlen in Niedersachsen, als die FDP entgegen aller Unkenrufe nicht nur die Fünfprozenthürde übersprang, sondern ihren Stimmenanteil gar massiv vergrößern konnte. Doch diesmal ging der Schuss nach hinten los: Die Leihstimmen für den kleineren Koalitionspartner kosteten der niedersächsischen CDU ein paar Prozent und der schwarz-gelben Koalition in Hannover die Mehrheit. Dies hatte fatale Folgen für die FDP auf Bundesebene: Als der FDP-Vorsitzende Rösler unter dem Eindruck der Landtagswahlen in Bayern, wo die FDP nicht nur aus der Koalitionsregierung mit der CSU flog, sondern auch aus dem bayrischen Landtag, und im Angesicht der eine Woche später anstehenden Bundestagswahlen verzweifelt um Leihstimmen aus dem konservativen Lager warb, verweigerte ihm Merkel kühl jegliche Hilfe, somit demonstrierend, dass sie auf die FDP verzichten kann, ja ohne selbige für die nächste Legislativperiode plant.
Der dritte Eingriff der herrschenden Klasse in den jüngsten Bundestagswahlkampf betraf die Grünen, die noch Anfang des Jahres davon träumten, neben CDU/CSU und SPD zur dritten „Volks-“Partei aufzusteigen. Nachdem bereits das Wahlprogramm der Grünen, das in seinem Kern Steuererhöhungen für die sog. Besserverdienenden vorsah, ausreichend Angriffsfläche für die politischen Kontrahenten bot und den Abstieg in der Wählergunst in den Meinungsumfragen einleitete, entwickelte sich eine ganz andere Thematik zu einem wahren Sargnagel für die Ambitionen der Grünen – die Verstrickungen der noch jungen grünen Partei in den 1980er Jahren im Sumpf pädophiler Netzwerke. Laut eines Gutachtens, das die Grünen selbst in Auftrag gegeben hatten, bot die junge grüne Partei in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhundert, noch ganz im Bann der sog sexuellen Befreiung gefangen, pädophilen Initiativen das eine oder andere Mal eine Plattform, ja, waren selbst prominente Grüne wie Jürgen Trittin, Umweltminister der rot-grünen Koalition unter Schröder sowie führendes Mitglied des linken Flügels der Grünen, in dieses kleine schmutzige Geheimnis involviert. Selbstredend, dass die politischen Gegner auf der Rechten jede Gelegenheit so kurz vor den Wahlen nutzten, um den Finger in diese Wunde zu halten. Überflüssig auch zu sagen, dass diese Affäre den Abwärtstrend der Grünen beschleunigte und eine rot-grüne Regierungskoalition in immer weitere Ferne rückte, je näher der Wahlabend rückte.
Die Weichen waren also ganz im Sinne der Herrschenden gestellt, als der „Souverän“ zur Wahl schritt. Der befürchtete Wahlboykott machte sich nicht bemerkbar; besser noch: das Wahlergebnis stellte eine Punktlandung dar, das in seltener Eintracht zu den seit einigen Wochen stereotyp verbreiteten Prognosen stand. In der Tat waren die Bundestagswahlen 2013 ein Meisterstück der politischen Strippenzieher der Bourgeoisie. So ist es der politischen Klasse erneut gelungen, den Einzug einer rechtspopulistischen Partei, der AfD, in den Bundestag zu verhindern. Dabei gilt die AfD als die erste ernstzunehmende Partei, die sich rechts von der CDU/CSU etablieren und den Populismus populär machen könnte, da sie mit ihrer Ablehnung des Euro als einzige politische Kraft der Bourgeoisie die immer noch weit verbreitete Sehnsucht in Deutschland nach der alten D-Mark bedient und somit zum Sprachrohr breiter Teile der Bevölkerung in dieser Frage zu werden droht. Doch neben der bereits erwähnten Praxis des Totschweigens durch die Massenmedien war es vor allen Dingen der Vorwurf der Nähe zu rechtsradikalen Strömungen, der der AfD den Weg in den Bundestag – wenn auch knapp – verbaute.
Blieb die eine Zäsur, die Etablierung des Rechtspopulismus im deutschen Bundestag, aus, so bedeutete dafür das Wahldebakel der FDP eine historische Wendemarke im (west)deutschen Nachkriegsparlamentarismus. Nachdem sie zuvor bereits aus zahlreichen Landtagen hinaus gewählt worden war, ist die FDP zum ersten Mal in ihrer Geschichte nun auch im deutschen Bundestag nicht mehr vertreten. Damit kämpft eine Partei ums nackte Überleben, die in ihrer Geschichte mehr als einmal einen großen Spürsinn für die Interessen der deutschen Bourgeoisie bewiesen und somit eine Bedeutung erlangt hatte, die weit über ihre eigentliche Größe hinausging. Es war die FDP, die Anfang der 1950er Jahre den entscheidenden Ausschlag für die Politik der sog. Westbindung, also der Anbindung Westdeutschlands an den westlichen Block, gab, welche der damals amtierende Bundeskanzler Adenauer (CDU) gegen den Neutralitätskurs der SPD unter Kurt Schumacher verfocht. Es war die FDP, die 1969 mit ihrem Eintritt in eine Koalition mit der SPD nicht nur eine gewisse Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft, sondern vor allem die Entspannungspolitik Willy Brandts gegen den erbitterten Widerstand der Konservativen durchzusetzen verhalf. Der Sturz der FDP in die politische Bedeutungslosigkeit – und nichts anderes bedeutet ihr Rausschmiss aus dem Bundestag – ist auch die Quittung dafür, dass sie in jüngster Zeit versucht war, sich aus ihrer Verantwortung für das Gesamtinteresse der deutschen Bourgeoisie zu stehlen. Wie sehr diese Partei aus Sicht des politischen Establishment von allen guten Geistern verlassen ist, manifestiert sich in der Existenz eines starken Euro-feindlichen Flügels in der FDP und vor allem in den ebenso leichtsinnigen wie populistischen Äußerungen der Parteispitze auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise über die Möglichkeit eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone.
Da auch die Grünen nach ihrem Allzeithoch im Frühjahr dieses Jahres, als sie in Meinungsumfragen auf über fünfzehn Prozent kamen, nun auf 8,6 Prozent abstürzten und eine rot-grüne Koalition somit nicht mehr in Frage kommt, deutet vieles darauf hin, dass es nach dem Wunschwahlergebnis der deutschen Bourgeoisie nun auch die erwünschte Regierungskonstellation, eine große Koalition, gibt, zumal eine Koalition aus SPD, Grüne und die Linke, obwohl sie rein rechnerisch möglich ist, aufgrund der Regierungsunfähigkeit Letzterer immer noch als ausgeschlossen gilt. Doch noch ist die Messe nicht gesungen. Es gibt innerhalb der SPD erhebliche Vorbehalte gegen die Rolle als Juniorpartner in einer großen Koalition mit der übermächtigen CDU/CSU, die sich aus der Erfahrung mit der letzten großen Koalition von 2005-09 speisen, als die SPD geschwächt aus ihr hervorging und bei den Bundestagswahlen von 2009 das schlechteste Wahlergebnis seit 1945 einfuhr. Besonders heftig war zunächst der Widerstand gegen eine große Koalition in der SPD Nordrhein-Westfalens, wo man um die Erfolgsaussichten einer Kanzlerkandidatur von Hannelore Kraft, NRW-Ministerpräsidentin und die letzte Hoffnung der SPD, bei den nächsten Bundestagswahlen bangt. Um die sich sträubende Parteibasis dennoch gefügig zu machen, hat sich der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel auf einen riskanten Balanceakt eingelassen: Zunächst sollten die 250 Delegierten des Parteikonvents darüber entscheiden, ob die SPD-Führung in Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU treten darf – was mittlerweile geschehen ist, und zwar im Sinne der Parteispitze -, und schließlich soll eine Mitgliederbefragung über Annahme oder Ablehnung des Koalitionsvertrages beschließen. Es hat hinter vorgehaltener Hand Kritik an diesem Vorgehen gegeben. Gabriel drücke sich vor seiner Verantwortung, hieß es aus Kreisen der potenziellen Koalitionspartner. Die Medien haben sogleich das politische Schicksal Gabriels mit dem Ergebnis dieser Mitgliederbefragung verknüpft. In der Tat treibt Gabriel ein Spiel mit ungewissem Ausgang und eröffnet so die Möglichkeit, dass die von langer Hand vorbereitete und so geschickt eingefädelte große Koalition kurz vor ihrer Verwirklichung an den Stimmen der SPD-Basis scheitert.
Es spricht für die Stärke der deutschen Bourgeoisie, dass sie mit einem eventuellen Scheitern der Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU/CSU durchaus leben kann. Die herrschende Klasse in Deutschland ist sich in den prinzipiellen Fragen weitgehend einig, so dass sie sich in der recht komfortablen Lage befindet, zwischen mehreren Optionen wählen zu können. Sogar Schwarz-Grün, also eine Koalition zwischen den Konservativen und den Grünen, vor einigen Jahren noch undenkbar, liegt heute im Bereich des Möglichen, zumal mit dem Rücktritt des Grünen-Fraktionsvorsitzenden Trittin und der Bundesvorsitzenden Claudia Roth, beide dem linken Flügel angehörend und Gegner eines schwarz-grünen Bündnisses, zwei große Steine aus dem Weg geräumt sind. Dass es dennoch nicht zu Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und den Grünen gekommen ist, dass die Präferenz in der politischen Klasse bei allem Liebäugeln mit einem schwarz-grünen Tandem eindeutig bei Schwarz-Rot liegt, hat zwei Gründe: einen kurzfristigen und einen mittel- bis langfristigen oder – wenn man so will - einen taktischen und einen strategischen Grund.
Kurzfristig verspricht sich das politische Establishment ein höheres Durchsetzungsvermögen der großen Koalition bei den wichtigen innenpolitischen Reformvorhaben (Bildungs-, Föderalismusreform), die in dieser Legislaturperiode auf der Tagesordnung stehen. Da eine Koalition aus CDU/CSU und SPD nicht nur 80 Prozent der Sitze im Bundestag besetzt, sondern auch im Bundesrat, der sog. Länderkammer, die große Mehrheit stellen würde, könnten Gesetzesvorhaben viel leichter und ohne größere Widerstände durch die Legislative gepeitscht werden. So jedenfalls das Kalkül der Hauptstadtpolitiker; ein Kalkül, das sich bei dem einen oder anderen Reformvorhaben allerdings als eine Milchmädchenrechnung herausstellen könnte. Schon die letzte große Koalition, die zwischen 2005 und 2009 amtierte, biss sich mit ihrer sog. Föderalismusreform trotz ähnlich überwältigender Mehrheitsverhältnisse die Zähne am Widerstand der „Länderfürsten“, den Ministerpräsidenten der Landesregierungen, aus.
Noch mehr verspricht sich die deutsche Bourgeoisie indes vom mittel- bis langfristigen Effekt einer großen Koalition. Die SPD soll nicht ins Boot geholt werden, um solch famose Reformen wie den gesetzlichen Mindestlohn, mehr Kita-Plätze und eine „gerechtere Steuerpolitik“ durchzusetzen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die Erfüllung dieser SPD-Forderungen, die von der CDU/CSU-Spitze schon einmal vorab in Aussicht gestellt wurde, soll zum einen der SPD-Basis den Eintritt in die große Koalition schmackhaft machen und zum anderen die SPD für ihre eigentliche Bewährungsprobe in der großen Koalition wappnen: die Euro-Krise. Denn die derzeitige Ruhe in der Euro-Zone ist trügerisch; die Krise in der Euro-Zone ist noch längst nicht ausgestanden. Die deutsche Bourgeoisie weiß sehr genau, dass die nächsten drei, vier Jahre entscheidend für das Überleben der Euro-Zone und vielleicht gar der gesamten Europäischen Union sein werden. Falls – und es spricht viel dafür – der schlimmste Fall eintritt und der eine oder andere südeuropäische Staat insolvent geht, kommen auf den deutschen Staat, der mit Milliardenbürgschaften bei der Stützung der Sorgenkinder in der Euro-Zone engagiert ist, enorme finanzielle Belastungen zu. Und es bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, wer am Ende die Zeche dafür zahlt – die Arbeiterklasse.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum die Herrschenden ein so großes Interesse daran haben, die SPD in die Pflicht zu nehmen. Es ist die immense Erfahrung der „alten Tante“ SPD bei der Vertretung und Verteidigung der Interessen der deutschen Bourgeoisie - eine Erfahrung, die mittlerweile auf exakt 100 Jahre Praxis zurückblicken kann -, die die SPD für die deutsche Bourgeoisie so wertvoll macht. In der jüngeren deutschen Geschichte hat sie zwei Mal bewiesen, wie wichtig sie für den deutschen Kapitalismus ist. Als Deutschland Ende der 1990er Jahre nach einer langen Kette von Versäumnissen seitens der Kohl-Regierung zum „kranken Mann“ Europas zu werden drohte, zeichnete sich die SPD, die nach den Bundestagswahlen von 1998 zusammen mit den Grünen die Regierung bildete, mit der Einführung der „Agenda 2010“, einer Reformierung des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes im Sinne des Kapitals, für den massivsten Angriff auf die Arbeiterklasse in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands verantwortlich, so den Grundstein legend für die bis heute anhaltende Erfolgsgeschichte des deutschen Kapitalismus. Und als 2008 die Lehman-Pleite die Weltwirtschaft in die Krise riss und auch Deutschland in eine tiefe Rezession stieß, sorgte die SPD, die damals mit der Union eine große Koalition bildete, nicht nur dafür, dass die Krise relativ glimpflich für die deutsche Wirtschaft ausging, sondern auch dafür, dass jeglicher Widerstand angesichts der Entlassung von abertausenden Zeitarbeitskräften ausblieb, wobei sie von der tiefen Spaltung der Arbeiterklasse in Deutschland, eine der Folgen der „Agenda 2010“, profitierte.
Alle Zeichen stehen also auf Schwarz-Rot. Wenn die SPD-Basis bei der anstehenden Mitgliederbefragung mitspielt und ihrer Spitze das Placet zur Beteiligung an der großen Koalition gibt, dann werden wir in gewisser Weise eine Umkehrung der Mehrheitsverhältnisse, die durch das Wahlergebnis zum Ausdruck gekommen sind, erleben. Trotz des deutlichen Vorsprungs der Konservativen vor der SPD wird Letztere mindestens auf Augenhöhe mit den Konservativen agieren, wenn nicht sogar der großen Koalition ihren Stempel aufdrücken.
27.10.2013
Im Oktober 2013 trat eine neue „politische Gruppierung“ ins Leben, die sich selbst den pompösen Namen „Internationale Gruppe der Kommunistischen Linken“ (IGKL) gab. Diese neue Gruppe verrät uns nicht viel über ihre Identität: Eigentlich setzt sie sich aus einer Fusion zwischen zwei Elementen der Gruppe „Klasbatalo“ und Elementen der so genannten „Internen Fraktion“ der IKS (IFIKS) zusammen, die 2003 wegen eines Verhaltens, das kommunistischen Militanten unwürdig ist, aus der IKS ausgeschlossen worden waren. Nicht nur, dass sie zu Mitteln wie Raub, Verleumdung und Erpressung griffen – den Rubikon überschritten diese Subjekte mit ihrem vorsätzlichen Verhalten als Spitzel, insbesondere durch die Vorab-Veröffentlichung des Datums der Konferenz unserer Sektion in Mexiko im Internet und durch die aufdringliche Offenlegung der tatsächlichen Initialen eines unserer Genossen, der als der „Führer der IKS“ dargestellt wurde. Wir verweisen unsere LeserInnen, die in Unkenntnis darüber sind, auf die damals in unserer Presse veröffentlichten Artikel.[1]
In einem dieser Artikel, „Die polizei-ähnlichen Methoden der IFIKS“, zeigten wir deutlich auf, dass diese Subjekte ihre guten und loyalen Dienste von sich aus dem bürgerlichen Staat anboten. Sie verbrachten den größten Teil ihrer Zeit damit, eifrig die Website der IKS zu überprüfen, versuchten, sich über alles zu informieren, was in unserer Organisation vor sich geht, verbreiteten die widerlichsten Gerüchte, die sie in der Gosse aufgegabelt hatten (besonders über das Paar Louise und Peter, zwei IKS-Mitglieder, an denen sie sich mehr als zehn Jahre lang zwanghaft abgearbeitet und die sie in höchstem Maße erregt haben!), und labten sich an ihnen. Kurz nach dem Artikel verschärften sie ihre Gangart, als sie ein 114-seitiges Dokument veröffentlichten, zahllose Extrakte aus den Treffen unseres internationalen Zentralorgans reproduzierten, angeblich um die Wahrheit ihrer Beschuldigungen gegen die IKS zu demonstrieren. Was dieses Dokument wirklich demonstriert, ist, dass diese Subjekte geisteskrank sind, dass sie vollkommen von ihrem Hass gegen unsere Organisation geblendet sind und dass sie vorsätzlich Informationen an die Polizei aushändigen, die diese bei ihrer Arbeit nur helfen können.
Kaum war sie geboren, stieß diese neue Missgeburt namens „Internationale Gruppe der Kommunistischen Linken“ ihren ersten Schrei aus, indem sie eine hysterische Propaganda gegen die IKS entfachte, wie wir der Titelseite ihrer Website entnehmen können: „Eine neue (endgültige) interne Krise der IKS!“, die mit einem „Appell an das proletarische Lager und an die Mitglieder der IKS“ einherging.
Einige Tage lang hat diese „internationale Gruppe“, die sich aus vier Individuen zusammensetzt, eine hektische Aktivität entfaltet und Brief um Brief an das gesamte „proletarische Milieu“ wie auch an unsere Mitglieder und einige unserer Sympathisanten (deren Adressen sie ergattert haben) adressiert, um diese vor den Klauen einer so genannten „Fraktion von Liquidatoren“ (einem Clan, der sich aus Louise, Peter und Baruch zusammensetzte) zu retten.
Die Gründungsmitglieder dieser neuen Gruppe, die beiden Spitzel von der Ex-IFIKS, haben nun einen neuen niederträchtigen Schritt unternommen, indem sie eindeutig ihre Polizeimethoden enthüllen, die auf die Zerstörung der IKS abzielt. Die sog. IGKL läutet die Alarmglocken und schreit aus vollem Hals, dass sie im Besitz der internen Bulletins der IKS sei. Indem sie stolz ihre Kriegstrophäe zeigen und solch einen Radau veranstalten, ist die Botschaft, die diese ausgemachten Informanten herüberbringen wollen, klar: Es gibt einen „Maulwurf“ in der IKS, der Hand in Hand mit der Ex-IFIKS zusammenarbeitet! Dies ist eindeutig Polizeiarbeit, die kein anderes Ziel verfolgt, als allgemein Misstrauen, Ärger und böses Blut in unserer Organisation zu säen. Es sind dieselben Methoden, die von der GPU, Stalins politischer Polizei, benutzt wurden, um in den 30er Jahren die trotzkistische Bewegung von innen zu zerstören. Es sind dieselben Methoden, die die Mitglieder der Ex-IFIKS (besonders zwei von ihnen, Juan und Jonas, Gründungsmitglieder der IGKL) bereits benutzt hatten, als sie Sonderfahrten zu etlichen Sektionen der IKS unternahmen, um Geheimtreffen zu organisieren und das Gerücht in den Umlauf zu setzen, dass eine unserer Genossinnen (die „Ehefrau des IKS-Chefs“, wie sie sie nannten) ein „Bulle“ sei. Heute wird mit derselben Prozedur, aber auf noch erbärmlichere Weise versucht, Panik zu verbreiten und die IKS von innen zu zerstören: Unter dem heuchlerischen Vorwand, den Mitgliedern der IKS gegenüber „die Hand auszustrecken“, richten diese professionellen Märchenerzähler in Wirklichkeit folgende Botschaft an alle Mitglieder der IKS: „Es gibt einen (oder mehrere) Verräter unter euch, der uns eure internen Bulletins gibt, aber wir werden euch nicht seinen Namen nennen, weil es an euch liegt, nach ihm zu suchen!“ Das ist der fürchterliche Zweck all der fieberhaften Agitation dieser neuen „internationalen Gruppe“: einmal mehr das Gift des Misstrauens und Argwohns in die IKS einschleppen, um sie von innen zu untergraben. Dies ist ein echtes Werk der Zerstörung, das nicht weniger pervers ist als die Methoden von Stalins politischer Polizei oder der Stasi.
Wie wir einige Male in unserer Presse erinnert haben, macht Victor Serge in seinem wohlbekannten Buch Was jeder Revolutionär über Repression wissen muss – ein Referenzpunkt für die Arbeiterbewegung – deutlich, dass die Verbreitung von Misstrauen und Verleumdung die bevorzugte Waffe des bürgerlichen Staates zur Zerstörung revolutionärer Organisationen ist:
„… Vertrauen in der Partei ist der Zement aller revolutionären Kräfte (…) die Feinde der Aktion, die Feiglinge, die Etablierten, die Opportunisten sind glücklich, wenn sie ihr Arsenal zusammenstellen – in der Gosse! Misstrauen und Verleumdung sind ihre Waffen, um Revolutionäre zu diskreditieren (…) Dieses Übel des Misstrauens und Argwohns unter uns kann nur durch eine große Willensanstrengung verringert und isoliert werden. Es ist eine notwendige Bedingung für jeden wirklichen Kampf gegen die Provokation – und die verleumderische Beschuldigung von Mitgliedern spielt auf der Tastatur der Provokation –, dass niemand leichtfertig beschuldigt werden darf, und es muss ebenfalls unmöglich sein, dass eine Anschuldigung gegen einen Revolutionär, die nicht nachgeprüft worden ist, akzeptiert wird. Jedes Mal wenn der leiseste Verdacht aufkommt, muss ein Gericht von Genossen ernannt werden, das zu der Anschuldigung oder der Verleumdung Stellung bezieht. Einfache Regeln sind mit unnachgiebiger Strenge zu beachten, wenn man die moralische Gesundheit revolutionärer Organisationen beschützen möchte.“ (Übersetzung aus dem Englischen)
Die IKS ist die einzige revolutionäre Organisation, die dieser Tradition der Arbeiterbewegung treu geblieben ist, indem sie das Prinzip des Ehrengerichts anlässlich von Verleumdungen vertritt: Nur Abenteurer, dubiose Elemente und Feiglinge würden sich weigern, die Dinge offen vor einem Ehrengericht vorzutragen.[2]
Victor Serge beharrt auch darauf, dass die Motive, die bestimmte Revolutionäre dazu verleitet, ihre Dienste den Repressionskräften des bürgerlichen Staates anzubieten, sich nicht immer aus materiellem Elend oder Feigheit ableiten lassen:
„… es gibt, was weitaus gefährlicher ist, jene Dilettanten und Abenteurer, die an nichts glauben, dem Ideal gegenüber, dem sie gedient haben, gleichgültig sind, stattdessen von der Idee der Gefahr, der Intrige, Konspiration gefesselt sind, ein kompliziertes Spiel, in dem sie jedermann lächerlich machen. Sie mögen Talent haben, ihre Rolle mag fast nicht wahrnehmbar sein.“ (Übersetzung aus dem Englischen)
Und als Teil dieses Profils von Informanten oder Agents provocateurs stößt man laut Serge auf ehemalige Mitglieder, die „von der Partei verletzt worden sind“. Simpler verletzter Stolz, persönliche Ressentiments (Neid, Frustration, Enttäuschung…) können Militante dazu verleiten, einen unkontrollierbaren Hass gegenüber der Partei (oder gegen bestimmte Mitglieder, die sie als Rivalen betrachten) zu entwickeln und so ihre Dienste dem bürgerlichen Staat anzubieten.
All die eindringlichen „Appelle“ dieser übergeschnappten Agentur des bürgerlichen Staates, die die IGKL ist, sind nichts anderes als Aufrufe zu einem Pogrom gegen bestimmte Genossen (und wir haben bereits in unserer Presse die Drohungen angeprangert, die von einem Mitglied der Ex-IFIKS geäußert wurde, der einem unserer Mitglieder gegenüber sagte: „Ich werde dir die Kehle durchschneiden!“). Es ist kein Zufall, dass dieser neue „Appell“ durch die Spitzel der IFIKS sofort von einem ihrer Freunde und Komplizen weitergetragen wurde, einem gewissen Pierre Hempel, der einen ebenso unverdaulichen wie delirierenden „Blog“ namens „Le Proletariat Universel“ veröffentlicht, auf dem man Zeugs lesen kann wie „Peter und sein Flittchen“. Das in Frage kommende „Flittchen“ soll keine andere sein als unsere Genossin, die seit über zehn Jahren von den Spitzeln und potenziellen Mördern der Ex-IFIKS und ihren Komplizen schikaniert wird. Dies ist eben die „proletarische“ Literatur, die den „Appell“ der „IGKL“ zirkulieren lässt, welcher die Neugier und den Voyeurismus des so genannten „proletarischen“ Milieus reizt. Man bekommt die Freunde, die man verdient.
Aber das ist nicht alles. Wenn man auf die Links hinter der Bemerkung unten[3] anklickt, können sich unsere Leser, die wirklich zum Lager der kommunistischen Linken gehören, ein genaueres Bild über den Stammbaum dieser neuen „Internationalen Gruppe der Kommunistischen Linken“ machen: Sie ist mehrere Jahre lang von einer Tendenz innerhalb eines weiteren Dienstes des bürgerlichen Staates, der NPA (der „Neuen Antikapitalistischen Partei“ von Olivier Besancenot, die zu den Wahlen steht und regelmäßig im Fernsehen erscheint), gesponsert worden. Diese Tendenz in der NPA rührt oft die Werbetrommel für die IGKL, indem sie sie auf die erste Seite ihrer Internetseite stellt! Wenn eine Gruppe der Linksextremisten des Kapitals so sehr die Werbetrommel für die IFIKS und ihrem neuen Mummenschanz IGKL rührt, so ist dies ein Beweis dafür, dass die Bourgeoisie weiß, wer ihre treuen Diener sind: Sie weiß, sie kann auf sie zählen, wenn es darum geht, die IKS zu zerstören. So gesehen, hätten die Spitzel der IGKL jedes Recht, wenn sie eine Auszeichnung vom Staat beanspruchten (natürlich aus den Händen des Innenministers), da sie ihm weitaus hervorragendere Dienste geleistet haben als die meisten von jenen, die sich mit staatlichen Medaillen schmücken.
Die IKS wird so viel Klarheit wie möglich darüber schaffen und ihre Leser über die Fortsetzung dieser Affäre informieren. Es ist gut möglich, dass wir von einem (oder mehreren) dubiosen Subjekt(en) infiltriert worden sind. Es wäre nicht das erste Mal, und wir haben eine lange Erfahrung mit dieser Art von Problemen, die bis zur Chenier-Affäre zurückreicht. Chenier war ein Element, das 1981 aus der IKS ausgeschlossen wurde und einige Monate später eine offizielle Tätigkeit für die Sozialistische Partei, die damals in der Regierung war, ausübte. Wenn dies der Fall sein sollte, dann werden wir natürlich unsere Statuten anwenden, so wie wir es auch in der Vergangenheit getan haben.
Doch können wir nicht eine andere Hypothese ausschließen: dass einer unserer Computer von Polizeidiensten (die unsere Aktivitäten seit über 40 Jahren beobachten) gehackt wurde. Und es ist nicht unmöglich, dass es die Polizei selbst war (indem sie sich selbst als ein „Maulwurf“, als ein anonymes IKS-Mitglied ausgab), die der IFIKS bestimmte interne Bulletins übermittelte, wohl wissend, dass diese Spitzel (und besonders die beiden Gründungsmitglieder der IGKL) sofort einen Vorteil daraus ziehen würden. Dies wäre überhaupt nicht überraschend, da die IFIKS-Cowboys (die stets schneller schießen als ihr eigener Schatten) dasselbe schon einmal, 2004, getan hatten, als sie mit einem „unbekannten“ Subjekt aus einer stalinistischen Agentur in Argentinien flirteten, dem „Bürger B“, der sich selbst hinter einem so genannten „Circulo de Comunistas Internacionalistas“ versteckte. Diesem rein fiktiven „Circulo“ gebührte das große Verdienst, widerliche und schändliche Lügen gegen unsere Organisation zu veröffentlichen, Lügen, die von der IFIKS willfährig weitergetragen wurden. Sobald diese Lügen als solche enthüllt waren, verschwand „Bürger B“ und ließ eine konsternierte und verwirrte IFIKS zurück.
Die IFIKS/IGKL behauptet, dass „das Proletariat mehr denn je ihrer politischen Organisationen bedarf, um es in Richtung proletarischer Revolution zu orientieren. Eine Schwächung der IKS bedeutet eine Schwächung des gesamten proletarischen Lagers. Und eine Schwächung des proletarischen Lagers beinhaltet notwendigerweise eine Schwächung des Proletariats im Klassenkampf“. Dies ist eine widerliche Heuchelei. Die stalinistischen Parteien erklären sich selbst zu Verteidigern der kommunistischen Revolution, wo sie doch in Wahrheit ihr schlimmster Feind sind. Niemand sollte darauf hereinfallen: Was immer das Szenario ist – die Anwesenheit eines „Maulwurfs“ der IFIKS in unseren Reihen oder die Manipulation durch die offiziellen Kräfte des Staates -, der letzte „Coup“ der IFIKS/IGKL zeigt deutlich, dass ihre Berufung keinesfalls darin besteht, die Positionen der kommunistischen Linken zu verteidigen und für die proletarische Revolution zu arbeiten, sondern die Hauptorganisation der kommunistischen Linken von heute zu zerstören. Sie ist eine Polizeiagentur des kapitalistischen Staates, ob sie nun bezahlt wird oder nicht.
Die IKS hat sich stets gegen die Angriffe ihrer Gegner zur Wehr gesetzt, besonders gegen jene, die sie durch Lügen- und Verleumdungskampagnen zu zerstören trachteten. Auch diesmal wird sie so verfahren. Sie wird durch diesen Angriff des Klassenfeindes weder destabilisiert noch eingeschüchtert werden. Alle proletarischen Organisationen der Vergangenheit mussten sich mit Attacken durch den bürgerlichen Staat, die ihre Zerstörung bezweckten, auseinandersetzen. Sie verteidigten sich selbst mit aller Kraft, so dass diese Angriffe, weit davon entfernt, sie zu schwächen, im Gegenteil ihre Einheit und die Solidarität zwischen den Mitgliedern stärkten. So haben auch die IKS und ihre Mitglieder stets auf die Angriffe und das Denunziantentum der IFIKS reagiert. Sobald sie also Kenntnis erhielten über den schändlichen Appell der IGKL, mobilisierten sich sofort sämtliche Sektionen und die Mitglieder der IKS, um mit äußerster Entschlossenheit unsere Organisation und die in diesem „Appell“ ins Visier genommenen Genossen zu verteidigen.
Internationale Kommunistische Strömung, 4.5.2014
[1] „Die Polizei-ähnlichen Methoden der ‚IFIKS‘“, „The ICC doesn’t allow snitches into its public meetings“, „Calomnie e mouchardage, les deux mamelles de la politique de la FICCI envers le CCI‘‘“;
[2] Siehe insbesondere unser Kommuniqué vom 21. Februar 2002: „Revolutionary organziation struggle against provocation and slander“;
Wir sind zutiefst empört über die Provokation gegen die Internationale Kommunistische Strömung. Die "Internationale Gruppe der kommunistischen Linken" (IGKL) fungiert als eine Vereinigung von Informanten und Provokateuren.
Die IGKL hat Informationen aus internen Unterlagen der IKS veröffentlicht. Dies ist nichts anderes als ein Petzen. Denn nach der Veröffentlichung dieser Informationen besteht die Gefahr, dass sie in die Hände von Nachrichtendiensten des bürgerlichen Staates fallen. Die IGKL verbirgt die Information darüber, wie sie zu diesen internen Dokumenten gekommen ist. Es ist eine Provokation im klassischen Stil der bürgerlichen Geheimdienste. Weil die Veröffentlichung von Informationen von geheimen Dokumenten zeigen soll, dass sich innerhalb der Organisation ein Maulwurf befindet, kann dieser Schritt nur ein Versuch sein, den Argwohn und das Misstrauen unter den Militanten zu säen.
Darüber hinaus hat sich diese Gruppe als intelligente Betrügerin erwiesen. Denn statt
einer ehrlichen theoretischen Diskussion, hat sie sich darauf beschränkt, eine_r der Aktivisten der IKS zu beleidigen.
Dies ist ein mieser Trick, der nichts mit dem Versuch zu tun hat, die Wahrheit zu finden und ehrlich mit jedem Problem umzugehen.
Angesichts des oben Gesagten können wir die IGKL trotz des Namens, den sie sich selber gegeben hat, nicht als kommunistische Gruppierung anerkennen.
Sie ist eine Handvoll von selbsternannten Politikern. Darüber hinaus und unabhängig davon, ob es eine direkte Verbindung zwischen dieser Gruppe und den Geheimdiensten gibt, agiert die IGKL als Agent der herrschende Klasse und ihrer Geheimdienste.
Wir freuen uns, dass die IKS auch unter Beschuss von Provokateuren nicht in eine Spionage-Paranoia versunken ist und dass die Militanten nicht das Vertrauen zueinander verloren haben.
Wir sind nicht formell Teil der IKS, aber im politischen Sinne sehen wir uns selbst als Teil von ihr und betrachten einen Angriff auf die IKS als einen Angriff auf uns.
Wir bekunden unsere absolute Solidarität mit der IKS. Wir sind zuversichtlich, dass jede bewusste oder unbewusste Tat von Provokateuren und Agenten der herrschenden Klasse nicht verhindern kann, dass die IKS ihre Pflicht gegenüber dem Proletariat erfüllt.
Eine informelle Gruppe von Anhängern der IKS aus der ehemaligen UdSSR
Laut jüngsten Meinungsumfragen unterstützten 87 Prozent, nach einigen Umfragen sogar 97 Prozent aller Israelis den militärischen Angriff gegen Gaza, als er sich auf seinem Höhepunkt befand. Man veranstaltete Partys auf den Hügeln, von denen man einen guten Blick auf den Gaza-Streifen hatte, trank Bier, während man dem tödlichen Feuerwerk in der Ferne zuschaute. Israelis, die unter dem Eindruck von Raketenangriffen der Hamas interviewt wurden, äußerten, dass die einzige Lösung sei, alle Einwohner des Gaza-Streifens zu töten – Männer, Frauen und Kinder. Die Times of Israel veröffentlichte ein Stück vom jüdischen amerikanischen Blogger Yochanan Gordon, das den Titel trug: „Wenn der Genozid zulässig ist“[1]. Auf den Protestmärschen nach der Ermordung der drei israelischen Jugendlichen auf der Westbank – jenes Ereignis, das den gegenwärtigen Konflikt auslöste – wurde der Schlachtruf „Tod den Arabern“ zum Publikumsrenner.
Aus Gaza wird berichtet, dass die Bevölkerung, die dem gnadenlosen israelischen Bombardement und Artilleriebeschuss ausgesetzt war, jedes Mal jubelte, wenn die Hamas oder der Islamische Dschihad eine neue Salve von Raketen abfeuerte, in der Absicht (wenn auch so gut wie ohne „Erfolg“), so viele Israelis wie möglich zu töten – Männer, Frauen und Kinder. Der Ruf „Tod den Juden“ wurde wieder laut, so wie in den 1930er Jahren, und nicht nur in Gaza und der Westbank, sondern auch auf „pro-palästinensischen“ Demonstrationen in Frankreich und Deutschland, wo Synagogen und jüdische Geschäfte Ziel von Anschlägen wurden. In Großbritannien gab es ebenfalls einen Anstieg in den antisemitischen Zwischenfällen.
Drei Jahre zuvor, im Sommer 2011, lauteten die Schlachtrufe im Gefolge des „Arabischen Frühlings“ und der Revolte der „Indignados“ in Spanien noch ganz anders: „Netanjahu, Assad, Mubarak – derselbe Kampf“. Das war die Parole für zehntausende von Israelis, die gegen die Sparpolitik und Korruption, gegen die chronische Wohnungsnot und andere Formen der sozialen Entbehrungen auf die Straße gingen. Zaghaft, nervös wurden die gemeinsamen Interessen zwischen den verarmten Juden und den verarmten Arabern auf den Treffen, die die nationalen Spaltungen überschritten, und in den Parolen über die Wohnungsfrage angesprochen, die ein Thema für jedermann war, ungeachtet der Nationalität.
Zwar gibt es auch heute Berichte über kleine Versammlungen von Israelis, die skandieren, dass Netanjahu und die Hamas beide unsere Feinde sind, doch sie sind von den rechten Zionisten mit ihrem immer unverhohleneren Rassismus eingekesselt, übertönt und gar körperlich attackiert worden. Es ist die Ironie des Schicksals, dass der zionistische Traum – eine „jüdische Heimat“, die eigentlich die Juden vor Verfolgung und Pogromen schützen sollte – zu ganz eigenen jüdischen Pogromisten geführt hat, die von Banden wie der Betar und die Jewish Defence League verkörpert werden.
2011 äußerten die Sprecher der Protestbewegung die Befürchtung, dass die Regierung einen Anlass finden würde, um einen weiteren Angriff gegen Gaza zu beginnen und so den gesellschaftlichen Protest in die Sackgasse des Nationalismus zu lenken. Der jüngste Flächenbrand, der mörderischer ist als jeder der vorherigen Kriege um Gaza, scheint mit einer Provokation durch die Hamas oder möglicherweise einer separaten dschihadistischen Zelle begonnen worden zu sein – die brutale Entführung und Ermordung von drei israelischen Jugendlichen. Doch mit ihrem spektakulären Truppeneinsatz auf der Suche nach den Jugendlichen und der Inhaftierung von hunderten palästinensischen Verdächtigen zeigte sich die israelische Regierung nur allzu bereit, die Ereignisse zu instrumentalisieren und zu einem Schlag gegen die jüngst gebildete Koalition zwischen Hamas sowie PLO und gleichzeitig gegen jene auszuholen, die hinter der Hamas stecken, insbesondere den Iran, jene schiitische „Islamische Republik“, die neuerdings von den USA als Verbündeter gegen das weitere Vordringen der fundamentalistischen Sunniten-Organisation ISIS im Irak und in Syrien umworben wird. Doch was auch immer die Motive der israelischen Regierung waren, die Hamas-Provokation (die selbstverständlich das ständige Abfeuern von Raketen gegen Israel miteinschloss) „anzunehmen“, die gegenwärtige Aufwallung von Nationalismus und ethnischem Hass in Israel und Palästina ist fraglos ein tödlicher Schlag gegen das in seinen Anfängen liegende Aufblühen des gesellschaftlichen und Klassenbewusstsein, das wir 2011 erlebt hatten.
Eine Kischinjow-Atmosphäre
Es war die mit viel Tam-Tam begangene Hundertjahrfeier des Ersten Weltkrieges, wo wir daran erinnert wurden, was einst die internationalistische Revolutionärin Rosa Luxemburg aus ihrer Gefängniszelle in der Junius-Broschüre (ursprünglicher Titel Die Krise der Sozialdemokratie) über die Atmosphäre der deutschen Gesellschaft beim Kriegsausbruch geschrieben hatte. Luxemburg schildert uns: „Vorbei der patriotische Lärm in den Straßen, die Jagd auf Goldautomobile, die einander jagenden falschen Telegramme, die mit Cholerabazillen vergifteten Brunnen, die auf jeder Eisenbahnbrücke Berlins bombenwerfenden russischen Studenten, die über Nürnberg fliegenden Franzosen, die Straßenexzesse des spionenwitternden Publikums, das wogende Menschengedränge in den Konditoreien, wo ohrenbetäubende Musik und patriotische Gesänge die höchsten Wellen schlugen; ganze Stadtbevölkerungen in Pöbel verwandelt, bereit, zu denunzieren, Frauen zu mißhandeln, Hurra zu schreien und sich selbst durch wilde Gerüchte ins Delirium zu steigern; eine Ritualmordatmosphäre, eine Kischinjow-Luft, in der der Schutzmann an der Straßenecke der einzige Repräsentant der Menschenwürde war.“
Eigentlich wollte sie, als sie diese Worte 1915 schrieb, deutlich machen, dass diese anfängliche nationalistische Euphorie sich angesichts des wachsenden Elends an der Front oder in der Heimat in Luft aufgelöst hatte. Doch es bleibt dabei: Die Mobilisierung der Bevölkerung für den Krieg, die Kultivierung des Rachegeists zerstört das Denken, zerstört die Moral und schafft eine widerliche „Kischinjow-Luft“ – eine Pogromatmosphäre. Luxemburg bezog sich auf das Pogrom 1903 in der Stadt Kischinjow (heute: Chişinău) im zaristischen Russland, als Juden unter dem mittelalterlich anmutenden Vorwand des „Ritualmords“ an einen christlichen Jungen abgeschlachtet wurden.
Wie die Feudalmächte, die gerne anti-jüdische Ausschreitungen anzettelten, um die Aufmerksamkeit von der Unzufriedenheit des einfachen Volkes über ihre Herrscher abzulenken und nicht selten sicherzustellen, dass mit der Vernichtung der Juden auch die großen Schulden „getilgt“ wurden, die Könige und Edelleute in den Händen jüdischer Geldverleiher angehäuft hatten, haben auch die Pogrome des 20. Jahrhunderts diese doppelte Charakteristik einer kalkulierten, zynischen Manipulation vonseiten der herrschenden Klasse und des Wiederaufflammens der irrationalsten und antisozialen Gefühle in der Bevölkerung, ganz besonders unter dem verzweifelten Kleinbürgertum und den zerlumptesten Elementen der Gesellschaft. Für Kishinew und ähnliche Pogrome hatte das zaristische Regime seine Schwarzhundertschaften, Banden von Straßenschlägern, die bereit waren, auf Geheiß ihrer aristokratischen Herren zu handeln. Die Nazi-Behörden, die die Schrecken der „Kristallnacht“ 1938 anzettelten, stellten das Verprügeln von Juden, die Plünderungen und die Morde als ein Ausdruck des „spontanen Volkszorns“ gegen die Juden infolge des Attentats gegen den Nazidiplomaten Ernst vom Rath durch einen polnischen jüdischen Jugendlichen, Herrschel Grynszpan, dar.
Die Mächte der Unterwelt und die Macht des Proletariats
Die imperialistischen Mächte, die heute die Welt beherrschen, fahren damit fort, solcherlei Art von irrationalen Kräften für die Verteidigung ihrer eigenen schmutzigen Interessen von der Kette zu lassen. Bin Laden begann seine politische Karriere als ein Agent des CIA, der gegen die Russen in Afghanistan eingesetzt wurde. Doch die Zerstörung der Zwillingstürme durch Bin Ladens al Qaida ist ein starkes Beispiel dafür, wie diese Kräfte leicht der Kontrolle durch jene entgehen, die sie zu manipulieren versuchen. Und doch hat die fortschreitende Schwächung ihrer Welthegemonie die USA dazu verleitet, denselben Fehler in Syrien zu machen, wo sie, zusammen mit Großbritannien, bereitwillig die radikalen Islamisten zu stützen, die sich dem Assad-Regime widersetzten – bis diese drohten, ein Regime in Syrien und nun im Irak zu installieren, das den US-Interessen noch mehr zuwiderläuft als die Herrschaft Assads. Selbst Israel, mit seinen äußerst erfahrenen Geheimdienstagenturen, beging diesen Fehler, als es anfangs das Wachstum von Hamas im Gaza-Streifen als Gegengewicht zur PLO ermunterte.
Auf der höchsten Stufe seines Niedergangs ist der Kapitalismus immer weniger in der Lage, die Kräfte der Unterwelt, die er heraufbeschworen hatte, zu kontrollieren. Eine deutliche Manifestation dieser Tendenz besteht darin, dass sich der Pogromgeist über den gesamten Planeten verbreitet. In Zentralafrika, in Nigeria und Kenia, werden Nicht-Muslime von islamistischen Fanatikern massakriert, was ihrerseits Massaker von christlichen Banden provoziert. Im Irak, in Afghanistan und Pakistan verüben sunnitische Terroristen Bombenanschläge gegen schiitische Moscheen und Prozessionen, während die ISIS im Irak Christen und Jesiden mit Vertreibung oder Tod bedroht, es sei denn, sie treten ihrem Glauben bei. In Burma wird die muslimische Minderheit regelmäßig von „militanten Buddhisten“ angegriffen. In Griechenland werden Immigranten gewalttätig von faschistischen Gruppen wie die Goldene Morgendämmerung attackiert; in Ungarn eifert die Jobbik-Partei gegen Juden und Roma. Und im „demokratischen“ Westeuropa werden fremdenfeindliche Kampagnen gegen Muslime, illegale Immigranten, Rumänen und andere zur politischen Regel, wie in den jüngsten Wahlen zum Europa-Parlament.
Als Antwort auf das Kischinjow-Pogrom verabschiedete die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei auf ihrem historischen Parteitag von 1903 eine Resolution, die die Arbeiterklasse und die Revolutionäre dazu aufrief, sich der Gefahr der Pogrome mit all ihrer Macht zu widersetzen:
„In Anbetracht der Tatsache, dass Bewegungen wie das zu allzu traurigem Ruhm gelangte Pogrom von Kischinjow, ganz abgesehen von den abscheulichen Gräueltaten, die begangen wurden, der Polizei als ein Mittel dienen, mit dem Letztere danach trachten, das Anwachsen des Klassenbewusstseins im Proletariat zu unterbinden, empfiehlt der Parteitag den Genossen, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um solche Bewegungen zu bekämpfen und dem Proletariat die reaktionären und bürgerlichen Eingebungen der antisemitischen und all der anderen nationalchauvinistischen Aufwiegelungen darzulegen.“ (eigene Übersetzung)
Wie richtig diese Resolution doch lag, als sie das Pogrom als einen direkten Anschlag auf das proletarische Bewusstsein betrachtete! Angesichts von Massenstreiks und dem Erscheinen der ersten Arbeiterräte 1905 entfesselte das zaristische Regime das Odessa-Pogrom direkt gegen die Revolution. Und die Revolution antwortete nicht weniger direkt: Die Sowjets organisierten bewaffnete Milizen, um die jüdischen Mitmenschen gegen die Schwarzhundertschaften zu verteidigen.
Heute ist diese Frage universeller und noch lebenswichtiger. Die Arbeiterklasse erlebt, wie ihr Klassenbewusstsein, ihre Eigenwahrnehmung als Klasse von der verheerenden Gewalt des kapitalistischen Zerfalls ausgelaugt und untergraben wird. Auf sozialer Ebene bedeutet dieser Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft den Kampf eines jeden gegen alle, die Vervielfachung von Bandenrivalitäten, die teuflische Verbreitung von ethnischem, religiösem und Rassenhass. Auf der Ebene der Nationalstaaten bedeutet er die Verbreitung von irrationalen militärischen Konflikten, instabilen Bündnissen, Kriegen, die sowohl der Kontrolle durch die Großmächte entgleiten als auch Letztere noch weiter ins Chaos zu stürzen, das sie selbst geschaffen haben. Und wir sehen in den Kriegen in Israel/Palästina, im Irak, in der Ukraine, wie der Pogromgeist zu einem direkten Anhängsel des Krieges wird und droht, zu seiner ultimativen Offenbarung zu werden: Genozid, die staatlich organisierte Auslöschung ganzer Bevölkerungen.
Dieses düstere Bild einer globalen Gesellschaft in ihrer Agonie kann Gefühle der Qual und der Verzweiflung hervorrufen, besonders da die Hoffnungen, die 2011 aufkeimten, fast vollständig zunichte gemacht worden sind, nicht nur in Israel, sondern im gesamten Nahen Osten, der erlebt hat, wie die Proteste in Libyen und Syrien von mörderischen „Bürgerkriegen“ überschwemmt wurden und wie Ägyptens so genannte „Revolution“ zu einem repressiven Regime nach dem anderen führte. Und dennoch: diese Bewegungen, vor allem jene im „demokratischen“ Spanien, begannen eine Perspektive für die Zukunft zu erschaffen, indem sie das Potenzial der Massen zeigten, wenn sie in Demonstrationen, auf Versammlungen, in tiefgehenden Debatten über die Richtung der kapitalistischen Gesellschaft und die Möglichkeit, sie loszuwerden, zusammenkommen. Sie waren ein Zeichen, dass das Proletariat nicht besiegt ist, dass es nicht völlig überwältigt ist von der fortschreitenden Fäulnis der gesellschaftlichen Ordnung. Sie belebten, wie konfus und zögerlich auch immer, das Spektrum des Klassenkampfes, des internationalen Proletariats, das die Revolutionen von 1905 und 1917-18 machte, welche dem Ersten Weltkrieg mit der Wiedergeburt seiner Streiks und Aufstände ein Ende machten, das mit der Wiedergeburt seiner Kämpfe nach dem Mai 1968 in Frankreich den Weg in den Dritten Weltkrieg blockiert hatte und das begonnen hatte, in den Klassenbewegungen zwischen 2003 und 2013 seine Handschrift zu zeigen. Die ausgebeutete Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft ist, wenn sie einmal die gemeinsamen Interessen realisiert, die sie über nationale, ethnische und religiöse Barrieren hinweg vereinen, die einzige Gesellschaftskraft, die gegen die Rachsucht, gegen die Sündenbocksuche unter den Minderheiten, gegen nationalen Hass und gegen Nationalstaaten und ihre endlosen Kriege steht.
Amos
[1]Nach breiter Kritik wurde er schnell zurückgezogen, doch die Tatsache, dass er überhaupt veröffentlicht werden konnte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Geistesverfassung Israels.
Vor rund 100 Jahren – im August 1914 – brach der Erste Weltkrieg aus. Die offizielle Bilanz dieses planetarischen Gemetzels weist zehn Millionen Tote und acht Millionen Verwundete aus. Als der „Frieden“ unterschrieben wurde, schwor die Bourgeoisie mit der Hand auf dem Herzen, dass dies der „letzte aller Kriege“ gewesen sei. Ganz offensichtlich eine Lüge! Tatsächlich war es der erste blutige Flächenbrand, der den Eintritt in die Dekadenz des Kapitalismus markiert. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts und ebenfalls des jungen 21. Jahrhunderts ist durchsetzt von unaufhörlichen imperialistischen Konfrontationen. Dem Ersten Weltkrieg folgte der Zweite, dem Zweiten der Kalte und dem Kalten Krieg folgten zahlreiche, nicht enden wollende Schauplätze kriegerischer Auseinandersetzungen, welche seit den 1990er Jahren die Welt durchziehen. Auch wenn diese letzte Periode nicht dieselben spektakulären Formen wie die zwischen zwei Blöcken, zwischen zwei Supermächten besitzt, stellt sie eine Bedrohung für das Überleben der Menschheit dar. Ihre Dynamik ist schleichender; sie führt zwar nicht zu einem neuen Weltkrieg, dafür aber zur Verallgemeinerung der Kriege und der Barbarei. Der Krieg in der Ukraine – die Rückkehr des Kriegs in Europa, dem historischen Herz des Kapitalismus – ist ein qualitativer Schritt in diese Richtung.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen 50 Millionen Toten wurde Europa von der brutalen Rivalität zwischen dem östlichen und westlichen Militärblock zerrissen. Während dieser langen und mörderischen Periode des Kalten Krieges fand das Gemetzel in Form von Stellvertreterkriegen zwischen den USA und Russland an den Rändern des Kapitalismus statt. Der blutige Krieg in Vietnam ist ein deutliches Beispiel dafür. Doch sobald die Berliner Mauer gefallen war, begann eine neue Periode der Auseinandersetzungen.
1991 nutzten die USA den Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait aus, um an der Spitze einer mächtigen, aber zögerlichen Koalition einen Krieg zu beginnen. Das Hauptziel war, die Tendenz zur Auflösung ihres alten imperialistischen Blocks durch eine militärische Machtdemonstration aufzuhalten und ihre weltweite Führungsrolle neu zu bekräftigen. Die Idee war, eine „neue Weltordnung“ zu gewährleisten. Auf Kosten eines menschlichen und materiellen Desasters (mehr als 500.000 Tote) und unter Einsatz massiver Flächenbombardements und Aerosolbomben, die die Lungen zerstören, sollte diese so genannte „chirurgische Kriegsführung“ eine neue Ära von Frieden und Wachstum herbeiführen. Doch diese Lüge wurde sehr schnell bloßgelegt. Fast gleichzeitig brach an den Toren Europas, in Ex-Jugoslawien, ein neuer Krieg aus. Ein grauenhafter Konflikt nur wenige Stunden von Paris entfernt, eine Anhäufung von Massakern, wie das von Srebrenica, bei dem französische Blauhelme Komplizen bei der Ermordung von 6 - 8000 Bosnier waren.
Und heute hat erneut der Wundbrand des Militarismus die Tore Europas erreicht. In der Ukraine ist die Bourgeoisie in zwei Lager zerrissen. Bewaffnete Milizen, mehr oder weniger durch Russland kontrolliert, und der ukrainische Staat stehen sich gegenüber– mit der Bevölkerung als Geisel. Dieser Konflikt, der sich auf dem Nationalismus stützt, welcher seit Jahrzehnten gepflegt wird, zieht die Aasgeier an. Wie immer sind die großen Mächte die Hauptakteure: USA, Russland, Frankreich und andere westeuropäische Staaten.
Die dramatische Situation in der Ukraine markiert deutliche eine neue Stufe in der Agonie des Systems. Der Fakt, dass dieser Konflikt durch divergierende Interessen angeheizt wird und so nah an Europa liegt, dem Mittelpunkt der Weltkriege des vorangegangenen Jahrhunderts, zeigt, welches Niveau an Desintegration das System erreicht hat.
Der Fall der Berliner Mauer und die Implosion der UdSSR zerschlug die alte Blockdisziplin und öffnete eine wahre Büchse der Pandora. Nach den kurzen Illusionen, die auf den ersten Golfkrieg folgten, wurden die USA immer häufiger, an immer mehr Schauplätzen und häufig allein auf weiter Flur gezwungen, zu intervenieren: Somalia, Bosnien, Kosovo, Afghanistan und Irak. Diese imperialistische Politik ist Ausdruck einer historischen Sackgasse und sichtbar gescheitert. Jede neue Machtdemonstration dieser absteigenden Supermacht endete in einem um sich greifenden, offenen Kontrollverlust in den Kriegsgebieten, in denen sie intervenierte. Mit einer Supermacht im Niedergang sind wir in das Reich des Chaos, der wachsenden imperialistischen Gelüste, des erbitterten Nationalismus, der ausufernden religiösen und ethnischen Konflikte getreten.
Angeheizt durch diese Gelüste, haben die zentrifugalen Kräfte Konflikte hervorgerufen, die die Wirklichkeit des gesellschaftlichen Verfalls verdeutlichen: der Zerfall von Staaten, der Aufstieg der übelsten Formen von Warlords und Mafia-ähnlichen Abenteurern, die in die verschiedensten Formen von illegalem Handel verstrickt sind. Dieser Prozess hat sich seit Jahrzehnten angebahnt. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erschütterte eine Serie von terroristischen Attacken große europäische Städte wie Paris, London und Madrid. Sie war nicht das Werk von isolierten Gruppen, sondern von voll entwickelten Staaten. Es waren Kriegshandlungen, die die Angriffe vom 11. September 2001 ankündigten.
Die dunkelsten Ausdrücke der Barbarei, bisher noch auf die Ränder des Systems beschränkt, beginnen zu den Zentren zurückzukehren, zu den Gebieten, wo die Präsenz und das zivilisierende Potenzial des Proletariats als einziges Hindernis dem realen Sturz in den Albtraum im Weg steht.
Jeden Tag sterben Flüchtlinge aus den vom Krieg zerrütteten Ländern bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Wie Vieh auf seeuntüchtige Boote verfrachtet, begeben sie sich auf die Flucht vor dem Unsagbaren. Nach Angaben der UN-Flüchtlingsagentur hat die Anzahl der Flüchtlinge und Asylsuchenden erstmals seit dem 2. Weltkrieg wieder die 50 Millionen-Grenze überstiegen. Ende letzten Jahres hatte allein der Krieg in Syrien 2,5 Millionen Flüchtlinge und 6,5 Millionen Vertriebene produziert. Und davon sind alle Kontinente betroffen!
Weit davon entfernt, die grundsätzliche Tendenz des Kapitalismus zu schwächen, hat der Zerfall die imperialistischen Ambitionen gestärkt und seine um sich greifenden irrationalen Aspekte verschärft. Die Fäulnis der Gesellschaft und der daraus resultierende Nihilismus haben die Türen weit für die am wenigsten klarsten Teile der Bourgeoisie aufgestoßen. Die Entstehung islamistischer Gruppen wie Al Kaida, der Islamische Staat und Boko Haram ist das Ergebnis eines interellektuellen und moralischen Verfallsprozesses, einer beispiellosen kulturellen Verödung. Am 29. Juni rief der IS in den von ihm kontrollierten Gebieten die Wiedereinrichtung eines „Kalifats“ aus und proklamierte die direkte Nachfolge Mohammeds. Wie Boko Haram in Nigeria hat auch der IS sich durch Ermordung von Gefangenen und Entführung sowie Versklavung von jungen Frauen "ausgezeichnet".
Diese obskuren Organisationen gehorchen niemandem und lassen sich von einer Kombination mystischen Irrsinns und erbärmlicher Mafia-Interessen leiten. In den Gebieten Syriens und Iraks, die von IS kontrolliert werden, hat ein neuer Nationalstaat keine Überlebenschance. Im Gegenteil, die vorherrschende Tendenz geht in Richtung Desintegration des syrischen, libanesischen und irakischen Staates.
Diese erschreckende Barbarei, die besonders von den Dschihadisten verkörpert wird, dient nun als Vorwand für neue militärische Kreuzzüge und westliche Bombardements. Die großen imperialistischen Mächte versetzt es in die Lage, die Bevölkerung und die Arbeiterklasse zu geringen Unkosten zu terrorisieren, während sie als zivilisierte Friedensstifter posieren. Doch der Islamische Staat wurde anfangs teilweise von den USA und Fraktionen der saudiarabischen Bourgeoisie bewaffnet, ganz zu schweigen von der Komplizenschaft der Türkei und selbst Syriens. Nun ist die islamische Organisation der Kontrolle ihrer Meister entkommen. Sie belagert nun die wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernte, syrische Stadt Kobane, die in einer hauptsächlich von Kurden bewohnten Gegend liegt. Anders als noch im ersten Golfkrieg laufen die großen Mächte und, an ihrer Spitze, die USA ohne eine langfristige politische Vision den Ereignissen hinterher und reagieren nur noch nach unmittelbaren militärischen Notwendigkeiten. Eine heterogene Koalition von 22 Staaten mit deutlich abweichenden und gegenseitigen Interessen hat die Entscheidung getroffen, die vom IS kontrollierten Städte zu bombardieren. Die top gun dieser Koalition, die USA, ist heute nicht imstande, Bodentruppen zu senden und die Türkei, die große Angst vor den kurdischen Kräften um PKK und PYD hat, dazu zu drängen, militärisch zu intervenieren.
All die Gefahrenherde dieser Welt gehen in Flammen auf. Überall geraten die Großmächte blindlings unter Feuer. Die französische Armee sitzt in Mali fest. Die „Friedens“-Verhandlungen zwischen der malischen Regierung und den bewaffneten Gruppen stecken in einer Sackgasse. In der sub-saharischen Region herrscht permanenter Krieg. Im Norden Kameruns und Nigerias, wo Boko Haram sein Jagdgebiet hat, haben sich bewaffnete Konflikte und terroristische Aktionen vervielfacht. Wenn wir die wachsende Macht Chinas in Asien berücksichtigen, müssen wir feststellen, dass dieselben Spannungen, dieselben Mafia-Methoden in der gesamten Welt um sich greifen.
Im 19. Jahrhundert, als der Kapitalismus in voller Blüte stand, besaßen Kriege zur Bildung von Nationalstaaten, Kolonialkriege oder imperialistische Eroberungen noch eine gewisse ökonomische und politische Rationalität. Krieg war ein unverzichtbares Mittel in der Entwicklung des Kapitalismus. Er hatte die Welt zu erobern, seine ökonomisch und militärisch kombinierte Macht ermöglichte es ihm, diese Ergebnisse in „Blut und Schmutz“, wie Marx es formulierte, zu erreichen.
Mit dem ersten Weltkrieg änderte sich dies radikal. Die großen Mächte gingen im Allgemeinen geschwächt aus diesen Jahren des totalen Kriegs heraus. Heute, in der Zerfallsphase des Systems, drückt ein wahrer Totentanz, ein Absturz in den Wahnsinn die Welt und die Menschheit in den völligen Ruin. Selbstzerstörung ist zum Hauptmerkmal der Kriegsgebiete geworden.
Es gibt keine unmittelbare Lösung angesichts dieser infernalischen Dynamik, aber es gibt eine revolutionäre Lösung für die Zukunft. Und dafür müssen wir geduldig arbeiten. Die kapitalistische Gesellschaft ist obsolet, sie ist nicht nur ein Hindernis für die Entwicklung der Zivilisation, sie ist eine Bedrohung für deren Überleben. Vor einem Jahrhundert haben die kommunistische Revolution in Russland und ihr Widerhall in Deutschland, Österreich, Ungarn und anderswo den Ersten Weltkrieg beendet. In der gegenwärtigen historischen Periode ist es immer noch allein der Kampf des Proletariats, der dem verrottenden Weltsystem ein Ende bereiten kann.
Antonin 5.11.14
Ebola ist nicht ein rein medizinisches Problem. In erster Linie ist es ein gesellschaftliches Problem, das Erzeugnis eines Gesellschaftssystems, das zwar zahllose Technologien und wissenschaftliches Know-how besitzt, um das Erleiden von Epidemien für die Menschen weltweit auf ein Minimum zu reduzieren, aber dennoch nicht in der Lage ist, dies umzusetzen.
In ihrer Geschichte war die Menschheit immer wieder mit Naturkatastrophen konfrontiert, die riesige Massen der Weltbevölkerung dahinrafften. Aber die Entwicklung des Wissens versetzte die Menschheit zunehmend in die Lage, Mittel zu finden, um die katastrophalen Auswirkungen und die Zahl der Opfer zu reduzieren.
Die vermutlich erste bekannte massive und globale Pandemie war der so genannte „Schwarze Tod“, die Pest, die in Europa ihren Höhepunkt zwischen 1346 und 1353 erreichte. Es war eine der verheerendsten Epidemien und kostete nach Schätzungen etwa 30 bis 60 Prozent der Bevölkerung Europas das Leben. Durch die Einführung von Quarantänemaßnahmen gelang es der Menschheit schließlich, die Ausbreitung dieser Seuche einzudämmen. 1826 brach in Europa eine Cholera-Epidemie aus, die allein in Großbritannien Zehntausende infizierte. Zunächst ging man davon aus, dass dieser Ausbruch durch den unmittelbaren Kontakt mit Schmutz und Unrat ausgelöst wurde. Dann aber gelang es ein paar wenigen Ärzten, mit recht simplen Untersuchungsmethoden festzustellen, dass die Ausbreitung der Seuche auf die mangelnde Hygiene bei der Wasserversorgung zurückzuführen war. Auf diese Problematik wies auch Friedrich Engels ausdrücklich hin:
„… trotz der Aufregung, in die zur Cholerazeit die Gesundheitspolizei über den Zustand von Klein-Irland geriet, (ist) dennoch alles heute im Jahr der Gnade 1844 fast in demselben Zustande (…) wie 1831. Dr. Kay erzählt, dass nicht nur die Keller, sondern sogar die Erdgeschosse aller Häuser in diesem Bezirk feucht seien; dass früher eine Anzahl Keller mit Erde aufgefüllt worden, allmählich aber wieder ausgeleert und jetzt von Irländern bewohnt würden – dass in einem Keller das Wasser – da der Boden des Kellers tiefer lag als der Fluss – fortwährend aus einem mit Lehm verstopften Versenkloch herausgequollen sei, so dass der Bewohner, ein Handweber, jeden Morgen seinen Keller habe trocken schöpfen und das Wasser auf die Straße gießen müssen!“ („Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, MEW, Bd. 2, S. 292f.)
Auch in Hamburg, eine der damals am schnellsten wachsenden Städte in Deutschland, wütete die Cholera für etwa zehn Wochen. Dies führte zum Stillstand jeglichen Handels und Gewerbes. 8600 Menschen starben.
Im Jahr 1892 hoffte Friedrich Engels, dass die „…wiederholten Heimsuchungen durch Cholera, Typhus, Pocken und andre Epidemien (…) dem britischen Bourgeois die dringende Notwendigkeit eingetrichtert (haben), seine Städte gesund zu machen…“(„Vorwort zu Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, MEW, Bd. 22, S. 319)
Die Wissenschaft hatte endlich bewiesen, dass die Cholera durch verseuchtes Trinkwasser und den direkten Kontakt mit infizierten Menschen übertragen wird.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts erzielte die Medizin wichtige Erkenntnisse und Durchbrüche. Die Entwicklung von Impfungen und, noch wichtiger, die Einführung von Hygienemaßnahmen, gepaart mit einem besseren Verständnis für infektiöse Krankheiten (Epidemiologie), wurden so zu den wichtigsten Waffen im Kampf um für die menschliche Gesundheit. „Demgemäß sind die in diesem Buch beschriebenen schreiendsten Missstände heute beseitigt oder doch weniger auffällig gemacht“ (ebenda).
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich die wissenschaftliche Entwicklung fort, und das mit beträchtlichen Erfolgen. Die Entdeckung von Antibiotika und die Einführung wirksamer Impfungen gegen eine wachsende Zahl von Erkrankungen hatten zur Folge, dass die Sterblichkeitsraten nach dem 2. Weltkrieg bei einer Reihe von Erkrankungen drastisch zurückgingen. Hieraus schlussfolgerte die Bourgeoisie vor etwa 60 Jahren, dass damit der globale Krieg gegen Infektionskrankheiten unaufhaltsam den Siegeszug angetreten habe.
Doch mit der Verschärfung der Gegensätze des kapitalistischen Systems, dem Beginn der Dekadenz des Kapitalismus, der historischen Krise des bürgerlichen Systems waren die Bedingungen reif für zwei Weltkriege und zahlreiche lokale Kriege. Dies sollte dramatische Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben. Insbesondere der Erste Weltkrieg hatte zu einem Ausbruch von neuen Pandemien geführt.
Der Krieg hatte zu einer kompletten Verwüstung großer Regionen Europas geführt, zur Vertreibung von Millionen von Menschen, zur Zerstörung von Produktionsmitteln sowie Wohnsiedlungen, zu massiven Truppentransporten um die ganze Welt… Mit anderen Worten: ein riesiges Chaos und ein enormer Rückschritt in den sanitären und hygienischen Bedingungen.
Ein neuer Stamm von Grippeerregern - wegen der Zensurregeln zu Kriegszeiten Spanische Grippe genannt – wurde im Herbst 1918 in Frankreich höchst infektiös. Es waren wohl chinesische Arbeitskräfte, die von Nordchina nach Frankreich verschifft worden waren, um unter schlimmsten Bedingungen knapp hinter der Kampfzone Arbeiten zu verrichten und kurz vor dem Verhungern standen, die die Soldaten in den Schützengräben ansteckten. Die Grippe verbreitete sich rasch bis in die USA und nach Asien. Schätzungen gehen davon aus, dass diese Grippe weltweit etwa 50 Millionen Menschen dahinraffte und damit eine der tödlichsten Epidemien in der Geschichte war. Die Bourgeoisie leugnete stets den Zusammenhang zwischen den Kriegsbedingungen und der riesigen Anzahl von Grippetoten oder spielte ihn zumindest herunter.
Die Fortschritte in der medizinischen Forschung und in den Gesundheitssystemen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht wurden, waren nie auf alle Länder weltweit ausgedehnt und in die Praxis umgesetzt worden. In den so genannten „Entwicklungsländern“ blieben der großen Mehrheit von Arbeitern und Bauern diese medizinischen Verbesserungen weitgehend vorenthalten. Und dies hat sich bis heute nicht geändert. Die zunehmenden Alarmrufe über hochinfektiöse Seuchen in diesen Regionen der Welt werfen einen Schatten auf die Propaganda über die „rosige Zukunft“ und die „Gesundheit“ des jetzigen Gesellschaftssystems.
Für den Marxismus ist dies nicht weiter überraschend. Diese Seuchen sind Ausdrücke der Tatsache, dass das kapitalistische System aufgrund der herrschenden Pattsituation zwischen den beiden Hauptklassen in der gegenwärtigen Gesellschaft, der Bourgeoisie und dem Proletariat, am lebendigen Leib verrottet. Da das Proletariat zurzeit nicht in der Lage ist, seine Perspektive – die Revolution – zu bekräftigen, verschärfen sich die Widersprüche des Kapitalismus im Zerfall zusehends.
Die Zerfallsphase, die Ende der 1980er Jahre begann, provoziert eine Geisteshaltung des „Jeder für sich selbst“, die im Begriff ist, den sozialen Zusammenhalt aufzulösen, und zu einem moralischen Niedergang führt. Der Zerfall zeichnet sich vor allem durch die Tendenz zu völligem Chaos in allen Ecken und Enden der Welt aus. Der Kapitalismus im Zerfall scheitert nicht nur daran, solchen Seuchen nachhaltig etwas entgegenzusetzen, sondern tendiert sogar dazu, diese noch zu verschärfen oder gar zu initiieren.
Vor dem Hintergrund dieses wachsenden Chaos und der damit einhergehenden Verschlechterung der hygienischen Verhältnisse in großen Teilen der Welt sehen wir uns zu Beginn dieses neuen Jahrtausends damit konfrontiert:
Das Aufkommen neuer Infektionskrankheiten und das Wiederauftreten von alten Krankheiten in verschiedenen Gebieten der Welt, die ausweislich frei von solchen Krankheiten waren, haben eine neue Gesundheitskrise herbeigeführt, die alle bisherigen Errungenschaften zunichte zu machen droht. Krankheiten, die einst – wie die Cholera - geographisch begrenzt waren, schlagen nun in Regionen zu, die als sicher erschienen. Während einige Krankheiten fast vollständig bezwungen sind, schlagen andere, wie die Malaria und die Tuberkulose, die stets zu den größten „natürlichen“ Feinden der Menschheit zählten, mit neuer Heftigkeit zurück und verursachen alljährlich Millionen von Toten.
Es ist ganz klar der Zerfall der Gesellschaft, der dafür verantwortlich ist, dass die Gesundheitsfürsorge aus der Kontrolle gerät. Nehmen wir zum Beispiel SARS, eine der letzten gefährlichen Pandemien vor dem Ausbruch von Ebola. „Es wird angenommen, dass SARS in einem ärmlichen Gebiet in Südostchina von anderen Arten auf den Menschen übergesprungen ist, die mit ihren Tieren unter Bedingungen zusammenleben, die an mittelalterliche Zustände erinnern. Diese (Situation) steht am Anfang vieler der ernstesten Grippeepidemien weltweit. Der ‚Erfolg‘ des Weltmarktes in der Dekadenz liegt nicht in der Verhinderung des Auftretens von Krankheiten, sondern in der Schaffung der Mittel zu ihrer Verbreitung über den Globus.“ („SARS: Symptom einer niedergehenden Gesellschaft“, World Revolution, Mai 2003)
„In Afrika kommt der Abstieg des Kapitalismus in die militaristische Barbarei am deutlichsten zum Ausdruck. Aus den Dauerkonfliktherden, der Fragmentierung von kapitalistischen Staaten, dem Schleifen von Grenzen, der Rolle von Clans und Warlords (…) wird ersichtlich, wie sich die Zersplitterung und das Chaos über einen ganzen Kontinent ausbreiten, was uns eine Ahnung davon verschafft, was der Zerfall des Kapitalismus für die gesamte Menschheit noch in petto hat.“ („Die Ausbreitung von Kriegen – der Kapitalismus in der Sackgasse“, World Revolution, Mai 2013)
In den vergangenen Jahrzehnten sind von den drei Ländern, die am schlimmsten von Ebola getroffen wurden (Liberia, Sierra Leone und Guinea), zwei von Bürgerkriegen und ethischen Massakern verwüstet worden. Zwischen 1989 und 2003 wurde Liberias Infrastruktur in zwei Bürgerkriegen verheert. Sierra Leone wurde von einem elfjährigen Bürgerkrieg heimgesucht. Mehr als 100.000 Menschen verloren ihr Leben, und viele mehr erlitten eine „besondere Strafe“ in Form von Vergewaltigungen.
Darüber hinaus haben Rohstoffprojekte von ausländischen Unternehmen, die schonungslos Erdöl und Gas oder eine der Mineralquellen für die neuen Ökonomien ausbeuten, zu einer massiven Entwaldung und Zerstörung der lokalen Habitate und natürlichen Infrastruktur geführt. Der Zusammenbruch des sozialen Zusammenhalts beeinträchtigte in schlimmer Weise die Lebensgrundlagen der ländlichen Bevölkerung. Indigene Völker wurden gezwungen, ihr Land zu verlassen und in die städtischen Elendsviertel zu ziehen.
Unter den drei Ländern ist Liberia wirtschaftlich eines der unterentwickeltsten und ärmsten Länder in der Welt. Laut dem World Food Program (WFP) leben 1,3 Millionen Menschen in Liberia in extremer Armut. In Sierra Leone leben 70 Prozent der Bevölkerung in äußerster Armut. Die Hälfte der Bevölkerung in den drei Ländern lebt im größten Elend; es mangelt an grundlegendster Hygiene wie den Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Die fortgesetzte Entwaldung hat ebenfalls zu einer radikalen Veränderung der klimatischen Bedingungen in den Ländern West- und Zentralafrikas geführt. Es wird prognostiziert, dass die Niederschlagsextreme zunehmen werden. Plötzliche Wechsel von feuchten zu trockenen Wetterbedingungen begünstigen den Ausbruch von Ebola. Es ist der kombinierte Effekt der Ausbeutung durch ausländische Unternehmen, der radikalen Veränderung in den Wetterbedingungen und der globalen Wirtschaftskrise, der die Bedingungen für die gegenwärtige Gesundheitskatastrophe geschaffen hat.
Der Ausbruch von Ebola im Verlaufe dieses Jahres war nicht der erste. Es gab nahezu jährlich wiederholte Ausbrüche, seitdem Ebola 1976 in Zentralafrika zum ersten Mal entdeckt worden war. Ebola ist zunächst eine ländliche Krankheit, wo die Nahrung, die durch Jagd zusammengetragen wird, die Menschen infizierten Tieren aussetzt und wo der Mangel an sauberem Wasser Infektionen verbreitet. Die isolierten Bedingungen in ländlichen Gebieten begrenzen jedoch die Zahl der Betroffenen und töten nur einige Hundert Menschen.
Dieses Jahr verbreitete sich Ebola zum ersten Mal in den bevölkerungsreichen Gebieten entlang der westafrikanischen Küste. In diesen Gebieten sind nicht nur die sanitären Bedingungen, sondern auch der Zustand der Gesundheitsfürsorge katastrophal und erhöhen die Verwundbarkeit von Stadtgemeinden gegenüber der Epidemie.
Der Virus überforderte komplett die Kapazitäten der örtlichen Gesundheitssysteme. Er war der Fähigkeit, ihn zu kontrollieren, permanent einen Schritt voraus. Nachdem 60 PflegerInnen durch den Ebola-Ausbruch ums Leben gekommen waren, machte sich eine gewisse Panik breit. Joseph Fair: „Es gab eine Menge Fälle, wo Leute das Heil in der Flucht erblickt haben.“ Nachdem die Seuche fast 1.000 Menschen getötet und nahezu 2.000 infiziert hatte, rief am 8. August die Weltgesundheitsorganisation (WHO) angesichts der Ebola-Epidemie den internationalen Gesundheitsnotstand aus.
Das Tempo der Infektionen beschleunigt sich noch immer. Das öffentliche Gesundheitssystem in Monrovia nähert sich dem totalen Kollaps. Alle grundlegenden Leistungen der Gesundheitsfürsorge, einschließlich der Malaria-Tabletten für Kinder und der medizinischen Versorgung für Schwangere, sind eingestellt worden.
Im Stadtteil West Point in Monrovia attackierten lokale Anwohner, aufgebracht durch die Ereignisse und voller Misstrauen gegenüber der Regierung, eine Schule, die die Behörden heimlich in ein Isolationszentrum für Menschen mit Ebola-Symptomen umgewidmet hatten. Die Protestierenden brachen in die Schule ein und entwendeten Bettzeug und andere Versorgungsmittel. Am Samstag, den 18. August, attackierten zornige Anwohner das Pflegepersonal.
Am 19. August wurde eine Quarantäne für West Point angekündigt, in der geschätzte 75.000 Menschen eingeschlossen wurden und die den betroffenen Stadtteil in einen riesigen Friedhof verwandelte. Die Anwohner befanden sich in den Killing Fields der Epidemie. Sie können sterben, doch wenigstens unter sich! Die Quarantäne, die den Tod von Hunderten von Menschen verursachten, die nicht nur an Ebola, sondern auch an Malaria (die Kinder) und am Mangel an Lebensmitteln und sauberem Wasser starben, musste nach zehn Tagen wieder aufgehoben werden. Ohnedies brachen Anwohner in großer Anzahl aus.
Der Ebola-Virus hat all das Potenzial, um zu einer Katastrophe zu werden, und zwar in einem Ausmaß, das seit der Spanischen Grippe 1918-20 vor fast hundert Jahren nie mehr erreicht wurde.
Bis jetzt blieb der Strom an Hilfsgütern aus den reichen Ländern nur sehr dünn. Mitte September waren Zusicherungen oder Spenden zusammengerechnet in Höhe von 326,7 Millionen US-Dollar dokumentiert. Abgesehen von der Mobilisierung einiger Hundert engagierter, freiwilliger Ärzte und Ärztinnen sowie PflegerInnen fanden größtenteils nur geringfügige Lieferungen von Versorgungsgütern, Ausrüstung und Gesundheitspersonal statt. Die dokumentierten Beiträge unterschritten immer noch die 600 Millionen US-Dollar, die für Krankenbetten, Personal und anderem Bedarf benötigt werden, um einen Ausbruch zu bändigen, der sich mit alarmierender Geschwindigkeit ausbreitet.
Die US-Spenden betrugen in den letzten neun Monaten knapp 150 Millionen Dollar. Dies steht in krassem Gegensatz zu den Milliarden, die von den imperialistischen Mächten und ihren Verbündeten unter den Golf-Monarchien für den neuen Krieg in Syrien und im Irak zur Verfügung gestellt werden, gar nicht zu reden von den Hunderten von Milliarden, die für die Kriege in Libyen, im Irak und in Afghanistan verschleudert wurden. Dennoch beschreibt Obama den Ebola-Ausbruch als eine „nationale Sicherheitspriorität“ für die USA, denn er könnte eine Destabilisierung Westafrikas auslösen, was „weitreichende ökonomische, politische und sicherheitspolitische Auswirkungen“ haben könnte. Daher fiel ihm nichts anderes ein als die Entsendung von dreitausend Soldaten.
Berichte von der WHO weisen auf eine exponentielle Zunahme von Krankheitsfällen hin, die sich etwa alle drei Wochen verdoppeln. Das IRC hat im Namen von 34 Nichtregierungsorganisationen davor gewarnt, dass die Welt nur noch vier Wochen Zeit habe, um die Krise aufzuhalten, ehe sie außer Kontrolle gerät (2. Oktober 2014). Gleichzeitig stellt es fest, dass von den 1.500 neuen Medikamenten, die weltweit zwischen 1974 und 2004 zur Verfügung gestellt wurden, nur 10 tropischen Krankheiten gewidmet sind. Hinsichtlich Ebola wurden seit 1976 kaum Forschungen angestellt. So tangieren auch weiterhin tropische Erkrankungen mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt und töten jedes Jahr bis zu 500.00 Menschen.
John Ashton von der Fakultät für Öffentliche Gesundheit in London schildert die aktuelle Situation als „den moralischen Bankrott des Kapitalismus, der in Abwesenheit eines ethischen und sozialen Rahmens handelt“. Der New Yorker stellt rundheraus fest, dass „Krankheiten, die meistens arme Menschen in armen Ländern betreffen, keine Forschungspriorität haben, weil es unwahrscheinlich ist, dass jene Märkte jemals Rendite abwerfen“.
Die aktuelle Ausbreitung von Ebola löst eine riesige Sorge in den zentralen Ländern aus. Wie immer sind die sehr „antirassistischen“ Staaten ganz eifrig dabei, die Angst vor Reisenden aus Afrika zu nutzen, um fremdenfeindliche Ressentiments in der Bevölkerung Europas zu schüren. Die vorherrschenden Fraktionen der herrschenden Klasse ziehen ihren eigenen Nutzen aus der Atmosphäre von Angst und Panik:
Der Ebola-Ausbruch ist das Produkt einer Verschärfung der Widersprüche des Kapitalismus, der ein Jahrhundert lang „nur noch mehr Elend und Zerstörung in all ihren Formen gebracht hat. Angesichts des fortgeschrittenen Zerfalls ihres Systems hat die herrschende Klasse nichts anderes anzubieten als ideologische Lügen und Repression“ („SARS: It is capitalism which is responsible for the epidemic“, World Revolution, Mai 2003)
Zyart, 15.10.14
Cabu, Charb, Tignous, Wolinski – diese Vier unter den Zwanzig, die bei den Anschlägen von Paris am 7. und 9. Januar getötet wurden, waren ein einzigartiges Symbol. Sie waren die eigentlichen Ziele. Und warum? Weil sie für die Intelligenz und gegen die Dummheit standen, für die Vernunft und gegen den Fanatismus, für die Revolte und gegen die Unterwerfung, für den Mut und gegen die Feigheit[1], für die Sympathie und gegen den Hass sowie für jene spezifisch menschliche Qualität, den Humor und das Lachen, gegen den Konformismus und die dumpfe Selbstgerechtigkeit. Wir mögen einige ihrer politischen Positionen, von denen einige völlig bourgeois waren, ablehnen und gegen sie Stellung beziehen.[2] Doch was da getroffen wurde, das war das, was sie ausgezeichnet hatte. Dieser barbarische Amoklauf richtete sich gegen Menschen, die nur Karikaturisten oder Käufer in einem koscheren Supermarkt waren, die erschossen wurden, einfach weil sie Juden waren. Dieser Amoklauf hat nicht nur in Frankreich, sondern überall auf der Welt eine Menge Emotionen freigesetzt, und dies ist völlig verständlich. Die Art und Weise, wie diese Emotionen nun von all den konzessionierten Repräsentanten der bürgerlichen Demokratie verwendet werden, darf uns nicht den Blick darüber verstellen, dass die Empörung, der Zorn und die tiefe Trauer, die Millionen von Männern und Frauen ergriffen hatten und sie dazu brachten, am 7. Januar spontan auf die Straße zu gehen, eine elementare und gesunde Reaktion gegen diesen widerwärtigen Akt der Barbarei war.
Terrorismus ist nichts Neues.[3] Was neu ist, ist die Form, die er angenommen hat und die sich seit Mitte der 80er Jahre entwickelt hat, um seither zu einem beispiellosen globalen Phänomen zu werden. Die Serie von wahllosen Anschlägen, die Paris 1985-86 trafen und die zweifellos nicht von kleinen, isolierten Gruppen ausgeführt worden waren, sondern die Handschrift eines Staates trugen, leiteten eine neue Ära im Gebrauch des Terrorismus ein, der bislang völlig neue Ausmaße annahm und sich für eine wachsende Zahl von Opfern verantwortlich zeichnete.
Terroristische Anschläge durch islamistische Fanatiker sind auch nichts Neues. Die Geschichte des neuen Jahrhunderts hat dies regelmäßig erleben müssen, und dies in einem viel größeren Umfang als die Pariser Anschläge Anfang Januar 2015.
Die Kamikaze-Flieger, die am 11. September 2001 in die Twin Towers in New York stürzten, eröffneten eine neue Ära. Für uns steht fest, dass der US-Geheimdienst dies geschehen ließ und die Anschläge sogar erst ermöglicht hatte, weil sie dem amerikanischen Imperialismus erlaubte, einen Krieg gegen Afghanistan und gegen den Irak zu rechtfertigen und vom Zaun zu brechen, so wie der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941, der von Roosevelt vorausgesehen und gewünscht wurde, als Vorwand für den Eintritt der USA in den II. Weltkrieg gedient hatte.[4] Doch es ist ebenfalls klar, dass jene, die die Kontrolle über die Flugzeuge an sich gerissen hatten, völlig wahnhafte Fanatiker gewesen waren, die dachten, sie könnten Eintritt ins Paradies erlangen, indem sie in großem Stil töten und ihr eigenes Leben opfern.
Weniger als drei Jahre nach New York, am 11. März 2004, war Madrid Tatort eines fürchterlichen Massakers: „Islamistische“ Bomben verursachten 200 Tote und über 1.500 Verletzte im Bahnhof von Atocha; zum Teil waren die Opfer so zerfetzt, dass sie nur durch ihre DNA identifiziert werden konnten. Im folgenden Jahr, am 7. Juli 2005, war es London, das von vier Explosionen, ebenfalls im öffentlichen Nahverkehr, getroffen wurde; 56 Menschen wurden getötet, 700 verletzt. Auch Russland hat in den Nullerjahren etliche islamistische Anschläge erlebt, einschließlich jenes Anschlags am 29. März 2010, bei dem 39 Menschen getötet und 102 verletzt wurden. Und natürlich blieben auch die peripheren Länder nicht ausgespart, besonders der Irak seit der US-Invasion 2003 und Pakistan, wie wir jüngst in Peschawar gesehen haben, wo im vergangenen Dezember 141 Menschen, davon 132 Kinder, in einer Schule getötet wurden.[5]
Dieser Anschlag, bei dem Kinder die ausgemachten Ziele waren, zeigt in all seinem Horror die wachsende Barbarei dieser „Dschihad“-Anhänger. Doch der Anschlag in Paris am 7. Januar drückt, obwohl er weitaus weniger opferreich und schrecklich war als jener in Pakistan, eine neue Dimension dieses Abgleitens in die Barbarei aus.
In früheren Fällen gab es, wie abstoßend die Massaker an Zivilisten, einschließlich Kinder, auch immer waren, so etwas wie eine „Rationalität“: Es sollte Vergeltung geübt oder versucht werden, Druck auf Staaten und deren bewaffnete Kräfte auszuüben. Das Massaker in Madrid 2004 sollte Spanien wegen seiner Einmischung im Irak an der Seite der USA „bestrafen“. Dasselbe trifft auf die Londoner Bombenanschläge 2005 zu. Der Anschlag in Peschawar zielte darauf ab, Druck auf das pakistanische Militär auszuüben, indem seine Kinder abgeschlachtet werden. Doch im Fall der Anschläge in Paris am 7. Januar gab es nicht das geringste „militärische Ziel“, auch kein illusorisches. Die Karikaturisten von Charlie Hebdo und ihre Kollegen wurden ermordet, um „den Propheten zu rächen“, da die Zeitung Karikaturen von Mohammed veröffentlicht hatte. Und dies geschah nicht in einem Land, das vom Krieg verwüstet ist oder von religiösen Dunkelmänner regiert wird, sondern in Frankreich, dem „demokratischen, säkularen und republikanischen“ Frankreich.
Hass und Nihilismus sind stets die treibenden Kräfte in den Aktivitäten von Terroristen, besonders jener, die bewusst ihr Leben opfern, um so viele Menschen wie möglich zu töten. Doch dieser Hass, der Menschen in kalte Killermaschinen verwandelt, ohne Rücksicht auf die Unschuldigen, die sie töten, hat zu seinem Hauptziel eine andere „Killermaschine“ ausgemacht – den Staat. Nichts von alldem am 7. Januar in Paris: Hier konnte der obskure Hass und der fanatische Rachedurst in ihrer reinsten Form betrachtet werden. Ihr Ziel ist der/die Andere, der nicht so denkt wie ich, und besonders jener, der denkt, weil man selbst beschlossen hat, nicht zu denken, das heißt, nicht diese Fähigkeit auszuüben, die dem Menschen so eigen ist.
Aus diesem Grund haben die Morde vom 7. Januar solche Auswirkungen. In gewisser Weise sehen wir uns dem Unfassbaren gegenüber: Wie können Menschen, die in einem „zivilisierten“ Land erzogen wurden, in ein solch barbarisches und absurdes Projekt, das dem der fanatischsten Nazis mit ihrer Bücherverbrennung und der Vernichtung der Juden so ähnlich ist, hineingezogen werden?
Und damit nicht genug. Das Schlimme ist, dass der Gewaltexzess der Kouachi-Brüder, von Amedy Coulibaly und ihrer KomplizInnen nur die Spitze des Eisbergs der gesamten Bewegung ist, die besonders gut in den armen Wohnbezirken gedeiht, eine Bewegung, die sich zeigte, als eine Reihe von jungen Leuten äußerte, dass „Charlie Hebdo es verdient hat, weil es den Propheten beleidigt hatte“, und dass der Mord an Karikaturisten etwas „Normales“ sei.
Dies ist auch eine Manifestation der Barbarei in ihrem fortgeschrittenen Stadium, einer ernsten Störung in unserer „zivilisierten“ Gesellschaft. Dieser Abstieg eines Teils der Jugend, und nicht nur jener, die die Immigration durchgemacht hatten, in Hass und religiösen Obskurantismus – dies ist ein Symptom unter vielen für die Verwesung der kapitalistischen Gesellschaft, aber ein besonders bedeutender Fingerzeig auf das Ausmaß der heutigen Krise.
Heute werden überall auf der Welt (in Europa genauso und besonders in Frankreich) viele junge Leute ohne jegliche Zukunft, die ein chaotisches Alltagsleben führen und von anhaltender Erfolgslosigkeit, von kultureller sowie sozialer Armut erniedrigt werden, leichte Opfer für skrupellose Anwerber (die häufig irgendwelchen Staaten oder politischen Manifestationen wie die ISIS angehören), die diese Außenseiter nach ihrer plötzlichen wie unerwarteten Konvertierung in ihren Netzwerken ertränken und sie in potenzielle Killer oder Kanonenfutter für den „Dschihad“ verwandeln. In Ermangelung einer eigenen Perspektive in der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus, die eine wirtschaftliche, aber auch eine soziale, moralische und kulturelle Krise ist, und im Angesicht einer Gesellschaft, die am lebendigen Leib verrottet und aus jeder Pore Zerstörung absondert, scheint für viele dieser jungen Leute das Leben sinn- und wertlos geworden zu sein. Ihre Verzweiflung nimmt häufig eine religiöse Färbung an, eine Form der blinden und fanatischen Unterwerfung, die, angefeuert von einem selbstmörderischen Nihilismus, zu allen möglichen irrationalen und extremen Verhaltensweisen animiert. Der Horror der kapitalistischen Gesellschaft im Zerfall, der anderswo riesige Mengen an Kindersoldaten schafft (zum Beispiel in Uganda, im Kongo und Tschad besonders seit Beginn der 90er Jahre), bringt nun im Herzen Europas junge Psychopathen, professionelle, kaltblütige Killer hervor, die völlig gefühllos und zum Schlimmsten bereit sind, ohne irgendeine Gegenleistung dafür zu erhalten. Kurz, diese verrottende kapitalistische Gesellschaft kann, wenn sie ihrer eigenen morbiden und barbarischen Dynamik überlassen bleibt, die gesamte Menschheit in ein blutiges Chaos, in einen mörderischen Irrsinn und in den Tod stürzen. Wie am Anwachsen des Terrorismus deutlich wird, produziert diese Gesellschaft immer mehr total verzweifelte Individuen, die derart niedergedrückt worden sind, dass sie zu den schlimmsten Gräueltaten bereit sind. Kurz, sie zieht sich diese Terroristen nach ihrem eigenen Antlitz heran. Wenn solche „Monster“ existieren, dann deshalb, weil die kapitalistische Gesellschaft „monströs“ geworden ist. Und wenn nicht alle jungen Leute von diesem obskuren und nihilistischen Trend, der geradewegs in den „Dschihad“ führt, betroffen sind, so beweist die Tatsache, dass viele von ihnen jene, die diesen Schritt gemacht haben, als „Helden“ betrachten, das wachsende Gewicht der Verzweiflung und der Barbarei, die die Gesellschaft überschwemmen.
Doch die Barbarei der kapitalistischen Welt findet nicht nur in diesen Terrorakten und in der Sympathie, auf die diese in Teilen der Jugend stoßen, ihren Ausdruck. Sie drückt sich ebenfalls in der niederträchtigen Weise aus, in der die Bourgeoisie dieses Drama für sich vereinnahmt.
Zum Zeitpunkt, als dieser Artikel verfasst wurde, ist die kapitalistische Welt, angeführt von den wichtigsten „demokratischen“ Führern, gerade dabei, ihre schäbigsten Winkelzüge durchzuführen. Für Sonntag, den 11. Januar, ist in Paris eine Straßendemonstration anberaumt worden, mit Präsident Hollande und all den politischen Führern, zusammen mit Weltführern wie Angela Merkel, David Cameron, die Regierungschefs aus Spanien, Italien und vielen anderen europäischen Ländern, aber auch mit dem König von Jordanien, Mahmud Abbas, Präsident der palästinensischen Behörden, und Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident Israels.[6]
Während Hunderttausende von Menschen spontan am Abend des 7. Januar auf die Straße gegangen waren, begannen die Politiker, mit François Hollande an der Spitze, und die französischen Medien ihre Kampagne: „Es ist die Pressefreiheit und die Demokratie, die gefährdet sind“, „Wir müssen uns mobilisieren und vereinen, um die Werte unserer Republik zu verteidigen.“ Auf den Versammlungen, die jenen vom 7. Januar folgten, vernahm man zunehmend die französische Nationalhymne, die „Marseillaise“, deren Chor singt: „bewässert unsere Furchen mit dem Blut der Unreinen!“… Die „nationale Einheit“, die „Verteidigung der Demokratie“ – dies sind die Botschaften, die die Bourgeoisie in unsere Köpfe hämmern möchte, das heißt, die Schlachtrufe, die einst rechtfertigen sollten, Millionen von Arbeitern im 20. Jahrhundert in zwei Weltkriege zu zwingen und zu massakrieren. Hollande sprach es in seiner ersten Rede aus: Indem es die Armee nach Afrika, besonders nach Mali, entsendete, hat Frankreich bereits begonnen, den Terrorismus zu bekämpfen (so wie Bush erklärte, dass die US-Militärintervention in den Irak 2003 denselben Zweck hatte). Die imperialistischen Interessen der französischen Bourgeoisie haben natürlich nichts mit diesen Interventionen zu tun!
Arme Cabu, Charb, Tignous und Wolinski! Zuerst wurden sie von fanatischen Islamisten getötet. Und dann wurden sie ein zweites Mal getötet, diesmal von den Repräsentanten und „Fans“ der bürgerlichen „Demokratie“, von all diesen Staats- und Regierungschefs eines zerfallenden Weltsystems, das für die Barbarei verantwortlich ist, die in die menschliche Gesellschaft eindringt: der Kapitalismus. All diese politischen Führer zögern nicht, zu Terror, Anschlägen und Repressalien gegen Zivilisten zu greifen, wenn es darum geht, die Interessen dieses Systems und seiner herrschenden Klasse, die Bourgeoisie, zu verteidigen.
Das Ende der Barbarei, die in den Morden im Januar 2015 in Paris zum Ausdruck kam, wird sicherlich nicht durch die Handlungen jener herbeigeführt werden, die die Hauptanhänger und Gewährsleute des Wirtschaftssystems sind, das diese Barbarei generiert. Es kann nur aus der Überwindung dieses System durch das Weltproletariat und seiner Ersetzung durch eine wahrhaft universelle Gemeinschaft resultieren, die nicht mehr auf Profit, Konkurrenz und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen basiert, sondern auf der Abschaffung dieser Überbleibsel aus der menschlichen Vorgeschichte. Eine Gesellschaft, die „eine Assoziation (ist), worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“[7], die kommunistische Gesellschaft.
Révolution Internationale, 11.1.2015
[1]Jahrelang hatten diese Karikaturisten regelmäßig Morddrohungen erhalten.
[2]Arbeitete der Alt-68er Wolinski nicht für die Zeitung der Kommunistischen Partei, L’Humanité? Schrieb er nicht selbst: „… wir machten Mai 68, weil wir nicht so sein wollten, wie wir heute geworden sind“?
[3]Im neunzehnten Jahrhundert nahmen kleine Minderheiten, die sich im Aufstand gegen den Staat befanden, wie die Volkstümler in Russland und einige Anarchisten in Frankreich oder Spanien, zu terroristischen Handlungen Zuflucht. Diese sterilen gewalttätigen Aktionen wurden von der Bourgeoisie stets gegen die Arbeiterbewegung benutzt, um die Repression zu rechtfertigen und zu legalisieren.
[4]Siehe den Artikel auf unserer Website: „Pearl Harbor 1941, die Twin Towers 2001: Der Machiavellismus der US-Bourgeoisie“; in: /content/719/pearl-harbor-1941-twin-towers-2001 [793].
[5]Nur einige Tage vor den Pariser Anschlägen führte die islamistische Boko Haram in Nigeria die schlimmsten Gräueltäten aus, als sie wahllos 2.000 Bewohner der Stadt Baga hinmetzelten. Dieser Vorfall blieb in den Medien nahezu unerwähnt.
[6]Der Aufruf zur Kundgebung für die „Nationale Einheit“ wurde unisono von den Gewerkschaften und den politischen Parteien (nur der Front National war nicht präsent) verbreitet. Selbst die Sportzeitung L’Équipe rief zur Demonstration auf!
[7]Marx, Das Kommunistische Manifest, 1848.
Am 8. November 2014 wurde in Marseille eine Konferenz über das Thema „Die radikale Linke in den 1920er Jahren, der Internationalismus und die proletarische Autonomie“ abgehalten.
Bevor wir über das Treffen selbst berichten, möchten wir unsere LeserInnen mit einigen Hintergrundinformationen über den Redner auf der Konferenz, Philippe Bourrinet, versorgen, der der Öffentlichkeit als „Autor zahlreicher Artikel und Bücher über die revolutionäre Arbeiterbewegung und Mitglied des Smolny Pressekollektiv“ präsentiert wurde1. Andernfalls wäre es unmöglich, Philippe Bourrinets Präsentation oder die darauffolgende Diskussion zu verstehen.
Man könnte Marx‘ berühmte Polemik gegen Proudhon2 wie folgt paraphrasieren:
„Philippe Bourrinet hat das Pech, auf eigenartige Weise falsch gewürdigt zu werden. Unter jenen, die für die Kommunistische Linke Interesse bekunden oder behaupten, ihr anzugehören, gilt er als seriöser und ehrlicher Historiker. Unter Historikern gilt er als Vertreter der Idee der Kommunistischen Linken und als Kenner ihrer Hauptorganisation, der IKS, da jeder weiß, dass er mehr als fünfzehn Jahre lang Mitglied der IKS gewesen war. Der IKS angehörend und daher einem seriösen und ehrlichen Verständnis der Geschichte zugeneigt (auch wenn wir nicht behaupten, Historiker zu sein), möchten wir gegen diesen doppelten Irrtum Einspruch einlegen.“
Kehren wir – nach unserem Protest gegen die Ignoranz, der Philippe Bourrinet zum Opfer gefallen ist - zu einigen Episoden seiner politischen Karriere zurück, weil dies uns gestatten wird, viele falsche Vorstellungen über ihn, die in diesen Tagen im Umlauf sind, zu widerlegen.
Nach einem kurzen Aufenthalt in den Reihen der trotzkistischen Organisation Lutte Ouvrière Anfang der 1970er Jahre trat Philippe Bourrinet in die Gruppe Révolution Internationale ein, die kurz danach französische Sektion der IKS werden sollte. Da er eine gewandte Feder führte und große Kenntnisse hatte, wurde ihm bald die Verantwortung übertragen, unter dem Pseudonym Chardin Artikel für die Organisation zu verfassen. Er trat auch dem Zentralorgan der IKS kurz nach dessen Einrichtung 1975 bei, wobei einer der Gründe für seine Nominierung seine sprachlichen Fähigkeiten, besonders im Deutschen, waren.
Philippe Bourrinet hatte da seine historischen Untersuchungen bereits begonnen, und es wurde zwischen ihm und der IKS vereinbart, dass er seine Magister-Dissertation einer Studie der Italienischen Kommunistischen Linken widmen sollte, damit jene von unserer Organisation als Broschüre publiziert werden konnte. Er erhielt vollste Unterstützung für diese Arbeit, von der selbstverständlich seine Universitätskarriere profitierte, durch unsere Organisation: nicht nur materielle Unterstützung, sondern auch politische Unterstützung, da unser Genosse Marc Chirik3, der ein Mitstreiter jener Italienischen Linken gewesen war, ihn mit umfangreichen Dokumenten und Informationen aus erster Hand wie auch mit wertvollen Ratschlägen versorgte. Wie geplant, wurde seine Dissertation kurz darauf von unserer Organisation in Buchformat veröffentlicht. Als ein Werk der IKS, das Analysen der IKS vorstellte, blieb es ohne Autorenangabe, wie alle unseren Broschüren.
Nachdem das Buch veröffentlicht worden war, ermutigten wir Philippe Bourrinet dazu, eine ähnliche Studie über die deutsch-holländische Linkskommunisten für seine Doktorarbeit zu erstellen. Die ersten Kapitel wurden in den Ausgaben 45, 50 und 52 der Internationalen Revue der IKS (engl., franz. und span. Ausgabe) veröffentlicht. Auch hier profitierte Philippe Bourrinet von der umfangreichen politischen und materiellen Unterstützung der IKS.4 Er legte seine Arbeit im März 1988 vor, und anschließend begannen wir mit der langen Arbeit am Buch-Layout, um es im November 1990 in den Druck zu geben; Philippe Bourrinet hatte die IKS einige Monate zuvor verlassen. Er gab keine politischen Gründe für seinen Rückzug an und sagte lediglich, dass er nicht mehr Militanter sein wolle.
Zwei Jahre später erhielten wir in unserem Postfach, ohne jeglichen Begleitbrief, eine Kopie zweier erstaunlicher Dokumente [794]. Das erste Dokument, datiert vom 21. August 1992, war der „Beleg für die Einsendung eines Manuskripts von Philippe Bourrinet mit dem Titel Die deutsch-holländische Linke 1907-1950“. Dieser Beleg war ausgestellt worden von der Urheberrechtsabteilung der Société des Gens des Lettres.5 Das zweite Dokument, datiert vom 27. Juli 1992, war noch verwunderlicher. Es war ein maschinengeschriebener Text mit dem Titel „Betreffs der anonymen Veröffentlichungen, die von der Gruppe Internationale Kommunistische Strömung (IKS) in Frankreich und anderswo verbreitet werden“.
In diesem Dokument lesen wir: „Das Buch mit dem Titel DIE HOLLÄNDISCHE LINKE, unterschrieben mit ‚Internationale Kommunistische Strömung‘, gedruckt im November 1990 von ‚Litografia Libero, Napoli‘ und in Frankreich sowie Belgien verbreitet, wurde vollständig von Philippe Bourrinet, Doktor an der Universität von Paris 1 – Sorbonne (22. März 1988) - verfasst“. Dies traf vollständig zu. Doch dann folgte eine Reihe von Anschuldigungen, die die IKS der „Piraterie“ bezichtigten und die wir mit Philippe Bourrinet aufzuklären wünschten. Folglich traf sich eine Delegation der IKS mit ihm in einem Café am Place de Clichy in Paris in der Nähe seiner damaligen Wohnung. Diese Delegation betonte gegenüber Philippe Bourrinet den wahren Sachverhalt, dem er sich nicht zu widersetzen versuchte. Die Delegation fragte ihn, warum er plötzlich so viel Aufhebens darüber macht, dass sein Name nicht auf dem Buch über die Holländische Linke erscheint, hatte er doch nie zuvor diese Forderung gestellt. Er entgegnete, dass es für ihn mit Blick auf anstehende Stellenbewerbungen vorteilhaft sei, wenn er als Autor dieses Buches erscheine und dass er wünsche, dass sein Name auf künftigen Ausgaben steht. Obwohl Philippe Bourrinet in seiner Stellungnahme eine Reihe von empörenden Attacken gegen die IKS geritten hatte, entschlossen wir uns, ihm dies nicht übelzunehmen; wir legten ihm beispielsweise keinen Stein in den Weg, was seine beruflichen Ambitionen anbetraf. Wir beschlossen, auf seine Forderung einzugehen, aber da die französische Ausgabe bereits gedruckt worden war, teilten wir ihm mit, dass es für diese Ausgabe zu spät sei, worauf er dennoch der Verbreitung dieser Ausgabe zustimmte. Wir unsererseits verpflichteten uns, in allen zukünftigen Ausgaben folgende kurze Stellungnahme zu veröffentlichen: „Dieses Buch, das zuerst in Frankreich 1990 erschien, wird unter der Verantwortung der IKS veröffentlicht. Es wurde geschrieben von Philippe Bourrinet im Zusammenhang mit seiner Arbeit für sein Doktorat, aber es wurde vorbereitet und diskutiert von der IKS, als der Autor eines ihrer Mitglieder war. Aus diesem Grund wurde es konzipiert und veröffentlicht als das kollektive Werk der IKS, ohne Autorenangabe und in dessen völligem Einverständnis.
Philippe Bourrinet ist seit April 1990 nicht mehr Mitglied der IKS, und er hat seither Ausgaben seines Buches unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, unter Hinzufügung gewisser ‚Korrekturen‘ in Verbindung mit der weiteren Entwicklung seiner politischen Positionen.
Die IKS ihrerseits beabsichtigt auch weiterhin, dieses Buch zu veröffentlichen. Es sollte klar sein, dass unsere Organisation für keinerlei zusätzliche oder divergierende politische Positionen verantwortlich gemacht werden kann, die Philippe Bourrinet in die Ausgaben eingebaut hat, die unter seiner eigenen Verantwortlichkeit veröffentlicht werden.“6
Philippe Bourrinet akzeptierte diesen Vorschlag.
Für die IKS war damit die Angelegenheit erledigt, und wir schenkten der Karriere von Dr. Bourrinet keine Aufmerksamkeit mehr.7 Unser Desinteresse war umso größer, als seine späteren literarischen Bemühungen von unvergleichlich geringerer Qualität waren als die beiden Bücher über die Italienische und die Deutsch-Holländische Linke. Selbstverständlich haben wir via Internet zur Kenntnis genommen, dass Dr. Bourrinet die beiden Dokumente neu veröffentlicht hat, mit einigen Modifikationen am IKS-Original, die den Text näher an die Positionen des Rätismus rückten. Es stellte sich heraus, dass Dr. Bourrinet im Nachwort zu der neuen Ausgabe der Deutsch-Holländischen Linken schrieb: „Die aktuelle Ausgabe enthält Mängel, die in einer Arbeit, die innerhalb des universitären Rahmens ausgeführt wird, unvermeidbar sind. Es erscheint ebenfalls die Mitgliedschaft des Autors in der oben genannten Gruppe (die IKS) in Form von ideologischen Spuren mit einigem Abstand von einer stringenten marxistischen Analyse der revolutionären Bewegung und Theorie (…) Ich habe soweit wie möglich versucht, die Passagen zu entfernen oder abzuschwächen, die zu viel ‚anti-rätistische‘ Polemik enthielten, die diese Gruppe kennzeichnete, unter deren Einfluss ich mich damals befand.“
Aus dieser Passage entnehmen wir einige Dinge. Erstens, dass Dr. Bourrinet die IKS verlassen musste, um sich endlich „eine stringente marxistische Analyse der revolutionären Bewegung und Theorie“ anzueignen. Er vergisst zu erwähnen, dass es die Gruppe Révolution Internationale gewesen war, die ihm die Basics des Marxismus beibrachte, als er gerade Lutte Ouvrière verlassen hatte, eine Gruppe, die – was immer sie im Gegenteil vorgibt zu sein – weder mit dem Marxismus noch mit der revolutionären Bewegung irgendetwas zu tun hat. Er erkennt auch die im universitären „Marxismus“ sehr beliebte Idee als legitim an, dass man „Marxist“ bleiben kann, auch wenn man jegliche Form von politischer Organisation vermeidet, die für die Verteidigung proletarischer Prinzipien kämpft. Diese Idee kommt der Ablehnung der Notwendigkeit solch einer Organisation durch den degenerierten Rätismus sehr entgegen – was erklärt, warum viele „marxistische Professoren“ solch eine Affinität zum Rätismus haben. Wir könnten auf Dr. Bourrinets Standpunkt mit den Worten des IKS-Mitglieds… Philippe Bourrinet antworten: „Anders als die Otto Rühle-Spielart des ‚Rätismus‘ in den 1920ern oder die holländische Spielart in den 1930ern hat die heutige rätistische Strömung mit den ‚rätekommunistischen‘ Traditionen der Kommunistischen Linken gebrochen. Sie korrespondiert viel mehr mit der Revolte von Fraktionen des Kleinbürgertums oder mit proletarischen Elementen, die gegenüber jeglichen politischen Organisationen misstrauisch sind. Die rätistische Gefahr von Morgen wird nicht mit der Niederlage der Revolution auftauchen, wie dies in den 1920er Jahren in Deutschland der Fall gewesen war, sie wird zu Beginn der revolutionären Welle auftreten und das negative Moment der Bewusstwerdung des Proletariats sein“ (aus dem Protokoll eines Studientages über die Gefahr des Rätismus, der von der IKS-Sektion in Frankreich im April 1985 abgehalten wurde, S. 19).
„Arbeitertümelei koexistiert allzu gut, ja man kann sagen: perfekt mit dem Intellektualismus. In diesem Sinn haben wir eine Art von kleinbürgerlichem Anarchismus gesehen, im Sinne einer Ablehnung jeglicher Autorität oder Organisation, etc., etc.; ähnlich der Vision von arbeitertümelnden Intellektuellen, die bereits Lenin in Was tun? verurteilt hatte.“ (ebenda, S. 32)
Und schließlich erfahren wir, dass das Mitglied Philippe Bourrinet damals diese Fehler begangen hatte, weil er unter fremdem Einfluss stand. Dr. Bourrinet, ausnahmsweise bist Du diesmal viel zu bescheiden!8 Das Mitglied Philippe Bourrinet befand sich nicht „unter dem Einfluss“ der IKS-Positionen, im Gegenteil, er war ihr entschlossener und talentierter Vertreter im Kampf der Organisation gegen die Tendenzen in ihrer Mitte zu rätistischen Positionen. Genau aus diesem Grund vertraute ihm die IKS auch den Artikel an, der öffentlich gegen diese Tendenzen Stellung bezog (siehe Internationale Revue Nr. 9: Die ‚rätistische‘ Gefahr).
Nachdem er die beiden Texte über die Italienische Linke und die Deutsch-Holländische Linke überarbeitet hatte, ließ Dr. Bourrinet neue Ausgaben drucken, die er zum Verkauf ins Internet stellte. Diese Texte hatten einen geringfügig größeren Inhalt und etwas weniger Fehler als jene, die von der IKS veröffentlicht wurden. Unter anderem drückten sie die neue theoretische Linie des guten Doktors aus. Und diese Änderungen hatten ihren Preis: Während die IKS ihr Buch über die Deutsch-Holländische Linke für 12 Euro veräußerte, betrug der Preis des guten Doktors 75 Euro [795]. Ähnlich bei der Italienischen Linken: hier betrug der Preis nicht 8 Euro, sondern 50 Euro [796] (40 Euro für die englische Ausgabe) [797].9 Natürlich, die Ausgabe des guten Doktors hatte einen bunten Einband! In einem berühmten Brief vom 18. März 1872 an den französischen Verleger des Kapital schrieb Marx: „Ich begrüße Ihre Idee, die Übersetzung des ‚Kapitals‘ in periodischen Lieferungen herauszubringen. In dieser Form wird das Werk der Arbeiterklasse leichter zugänglich sein, und diese Erwägung ist für mich wichtiger als alle anderen.“ Es liegt auf der Hand, dass diese Betrachtungsweise für Dr. Bourrinet keine große Relevanz besitzt, dessen Methoden eher jenen der Privatärzte ähneln, deren Honorare zehnmal höher sind als die der Allgemeinärzte, und die den angenehmen Nebeneffekt haben, jeglichen Kontakt zu den verschwitzten Massen vermeiden zu können.
Ist Habsucht die Erklärung für den exorbitanten Preis von Dr. Bourrinets Werken? Gut möglich, war doch der Militante Philippe Bourrinet für seine Knauserigkeit in der IKS bekannt; er wurde deswegen von Marc Chiric, damals der Schatzmeister der IKS-Sektion in Frankreich, auf die Schippe genommen. Abgesehen davon ist es jedoch unwahrscheinlich, dass seine Geldgier, wie obsessiv sie sein mag, den guten Doktor völlig töricht gemacht hat. Selbst ein Idiot kann sehen, dass die Werke des Doktors mutmaßlich keine Käufer finden, selbst wenn die IKS ihren eigenen Verkauf einstellen würde, wie der Doktor nie aufgehört hat zu fordern.10 Es ist wahrscheinlicher, dass die überhöhten Preise des Doktors seiner eigenen überhöhten Wertschätzung für seine Werke und sich selbst entsprechen. Seine literarische Produktion „billig“ zu veräußern (und sie muss in seiner Einschätzung mehr wert sein als das Kapital) hieße, ihren Wert zu vermindern, gemäß der klassischen und verachtenswerten bürgerlichen Logik, die wir bereits in seinem Appell an die „Société des Gens des Lettres“ wahrgenommen haben. Wenn unsere Erklärung falsch ist, muss Dr. Bourrinet nur seine eigene liefern, die wir mit Freude veröffentlichen werden, so wie jegliche Antwort, die er auf diesen Artikel zu geben bemüht ist.
Doch all diese Beispiele von Dr. Bourrinets Kleinkariertheit und Böswilligkeit verblassen bis zur Unkenntlichkeit, verglichen mit den Verleumdungen, die er 1992 über unsere Organisation verbreitet hat. Damals hatten wir nicht öffentlich darauf reagiert; nun beabsichtigen wir es zu tun, weil sie seit März 2012 über das Internet verbreitet werden. Auf der Seite www.left-dis.nl/f [798] gibt es nun den Titel: „Une mise au point publique (Paris, décembre 1991) sur le parasitisme ‚instinctif‘ de la secte ‚CCI‘“ („Öffentliche Stellungnahme [Paris, Dezember 1991] über den ‚instinktiven‘ Parasitismus der ‚IKS‘-Sekte“). Der Text ist mit einer PDF-Datei11 verknüpft, die die oben genannten Dokumente enthält, die die IKS 1992 erhalten hatte und auf die wir nun zurückkommen wollen.
In der „Stellungnahme“ vom 27. Juli 1992 lesen wir:
„Anlässlich der Veröffentlichung der Doktorarbeit des Autors und seiner vorherigen Magister-Dissertation über die Italienische Kommunistische Linke (1926-1945) ohne Zustimmung des Autors und versehen mit willkürlichen Ergänzungen und Kürzungen durch diese Gruppe, die meint, sie besäße das Dokument unter dem Vorwand, dass der unterzeichnende Autor einst Mitglied der IKS war, ist folgende Klarstellung für den Leser notwendig:
Diese Arbeit wurde 1991 von der IKS anonym auf Französisch ohne Zustimmung des Autors und ohne ihn im Voraus darauf hinzuweisen sowie ohne seine Korrekturen veröffentlicht. Der Autor wurde vor vollendete Tatsachen gestellt, ein wahrhaftiger Akt der ‚Piraterie‘.“
(Dann folgt die oben zitierte Passage, der wir entnehmen, dass Philippe Bourrinet Doktor auf der Universität von Paris 1 ist, und ein weiteres Zitat, das die Umstände wiedergibt, unter denen er seine These vorgetragen hat.)
„Dieses Buch ist eine Fortsetzung des Buches über DIE ITALIENISCHE KOMMUNISTISCHE LINKE 1912-1945, eine Magister-Dissertation desselben Autors (Paris 1 – Sorbonne, 1980, betreut von Jacques Droz).
Diese Dissertation wurde 1981 und 1984 anonym – auf Französisch und Italienisch – von der IKS-Gruppe veröffentlicht, mit der stillschweigenden, und nur stillschweigenden, Zustimmung des Autors.“
Beginnen wir mit der „stillschweigenden, und nur stillschweigenden, Zustimmung“, die der Militante Philippe Bourrinet für die Publizierung des Werkes über die Italienische Kommunistische Linke ohne Benennung des Autors gab. Was ist das für eine komplizierte Geschichte, Dr. Bourrinet, Du bemitleidenswerter Heuchler? Hast Du zugestimmt oder hast Du nicht zugestimmt, dass der Text, den Du geschrieben hast, als IKS-Broschüre veröffentlicht werden sollte? Als Du ausführlich mit anderen Militanten der Organisation über das Layout und das Cover dieser Broschüre (wo in der Tat der Name des Autors keine Rolle spielte) diskutiert hast, tatest Du dies „stillschweigend“?
Was das Werk über die Deutsch-Holländische Linke anbelangt, das angeblich ohne Zustimmung des tollen neuen „Doktors“ Bourrinet veröffentlicht wurde, so sind wir überrascht, dass Deine Nase Dir nicht im Weg stand, als Du diese Zeilen geschrieben hast: Sie muss länger gewachsen sein als Pinocchios Nase! Wirklich, Dr. Bourrinet, Du bist ein durchtriebener Lügner, wenn Du vorgibst, „vor vollendete Tatsachen gestellt“ worden zu sein. Und hier ist der Beweis, dass Du ein Lügner bist, ein Artikel, der in der Internationalen Revue Nr. 58, 1989 (engl., franz. und span. Ausgabe) veröffentlicht wurde und den Titel trug: „Beitrag zu einer Geschichte der revolutionären Bewegung: Einführung in die Deutsch-Holländische Linke“, wo wir lesen: „Die Geschichte der Internationalen Kommunistischen Linken seit Beginn des Jahrhunderts, auf die wir uns in unseren Broschüren zu beziehen begonnen haben, ist keine Sache für simple Historiker. Nur von einem militanten Standpunkt, dem Standpunkt jener, die sich dem Befreiungskampf der Arbeiter verpflichten, kann man sich der Geschichte der Arbeiterbewegung annähern. Und für die Arbeiterklasse ist die Geschichte nicht eine Frage des reinen Wissens, sondern wegen der Lehren aus der Vergangenheit, die sie enthält, auch und vor allem eine Waffe in ihren gegenwärtigen und künftigen Kämpfen. Von diesem militanten Standpunkt aus veröffentlichen wir als einen Beitrag zur Geschichte der revolutionären Bewegung eine Broschüre über die deutsch-holländische Kommunistische Linke, die auf Französisch später in diesem Jahr erscheinen wird. Die Einführung in diese Broschüre, unten veröffentlicht, beschäftigt sich mit der Frage, wie man sich der Geschichte dieser Strömung am besten annähert.“
Wer also ist der Schleimscheißer von IKS-Mitglied, der die „Piraterie“ der Thesen des Dr. Bourrinet im Voraus rechtfertigt, der willige Komplize in einem Manöver, das darauf abzielt, den guten Doktor vor „vollendete Tatsachen“ zu stellen? Der Artikel ist unterschrieben mit „Ch“ alias Chardin alias…. Bourrinet.
So haben wir hier den Militanten Philippe Bourrinet (höchstwahrscheinlich „unter fremdem Einfluss“), der öffentlich die Verantwortung für die Veröffentlichung übernimmt, und nun über das schändliche Verbrechen schreibt, das die IKS im Begriff ist, an dem armen Dr. Bourrinet zu begehen. Doch als dieser Artikel geschrieben wurde, hatte er bereits seinen Doktortitel von der Universität von Paris 1 – Sorbonne – erhalten. Mit anderen Worten: einer der Hauptverantwortlichen für die niederträchtigen Handlungen gegen Dr. Bourrinet ist kein anderer als Dr. Bourrinet selbst. Ist Dr. Bourrinet ein Masochist? Auf jeden Fall ist er ein ausgemachter Lügner, daran gibt es nicht den leisesten Zweifel. Ein verachtenswerter Lügner und Verleumder.
Man mag denken, dass Dr. Bourrinet sich nicht tiefer erniedrigen konnte als im März 2012 mit dieser Veröffentlichung seiner 20 Jahre alten Dokumente. Nichts könnte irriger sein. Zur gleichen Zeit erhielten etliche Mitglieder der IKS ein Einschreiben [794], datiert von 23. März 2012, von der Rechtsabteilung der Société des Gens des Lettres. Hier folgen die Hauptpassagen:
„Wir intervenieren im Namen von Herrn Philippe Bourrinet, Mitglied der Société des Gens des Lettres, in der Sache seiner Dissertation und seiner Doktorarbeit (…)
Wir sind sehr überrascht zu entdecken, dass diese beiden Werke das Objekt systematischer Nachahmungen sind und somit sowohl die Eigentumsrechte als auch die moralischen Rechte von Herrn Bourrinet verletzen.
Wir fordern Sie daher auf, sofort die Verwendung dieser Texte einzustellen, sowohl auf den verschiedenen Internet-Seiten, wo sie anzutreffen sind, als auch in Print-Publikationen.
Falls er keine Entschädigung erhält, behält sich der Autor das Recht vor, die ihm geeignet erscheinenden Schritte einzuleiten.“
Mit anderen Worten: Dr. Bourrinet „behält sich das Recht vor“, einen Richter auf bestimmte IKS-Mitglieder zu hetzen, sollte die IKS fortfahren, die Bücher über die Deutsch-Holländische Linke und die Italienische Linke zu verbreiten. Und die Spitze ist, dass einer dieser Militanten, die Ziel dieser Drohbriefe waren, zu jenen gehörte, die Dr. Bourrinet bei seiner Doktorarbeit am meisten unterstützt haben, indem er den Photokopierer auf der Arbeit nutzte (unter dem Risiko, sich ernsthaften Ärger, bis hin zur Kündigung, mit seinem Arbeitgeber einzuhandeln), um Hunderte und Aberhunderte von Seiten (Entwürfe von Philippe Bourrinets Arbeit, so dass sie von anderen Militanten überprüft werden konnten, Publikationssammlungen der Kommunistischen Linken, die ihm ausgeliehen worden waren, Kopien seiner Dissertation und Doktorarbeit für die Universität…) zu kopieren.
Heute besitzt Dr. Bourrinet – mit seiner charakteristischen Feigheit, da er sich hinter der Société des Gens des Lettres versteckt, die er mit seinen Lügen an Bord geholt hat – die groteske Anmaßung, Anspruch auf das Vermächtnis der Kommunistischen Linken und auf Texte der Arbeiterbewegung zu erheben, die niemand gehören außer der Arbeiterklasse und derer die proletarischen Organisationen die politischen und moralischen Bürgen und Treuhänder sind. Dieser Spießbürger denkt, er könne sich wie irgendein gewöhnlicher Kapitalist benehmen, der seine Patente schützt, indem er verbreitet, dass das Produkt der universellen Geschichte der ausgebeuteten Klasse eine Ware sei, die auf das „geistige Eigentum“ seiner eigenen erbärmlichen Persönlichkeit reduziert werden kann. Dies ist ein notbedürftiger Schwindel, ein feindliches Übernahmeangebot, das Hollywood-reif ist. Die Arbeiterklasse bringt keine Militanten als Individuen hervor, sondern revolutionäre Organisationen, die das Produkt von Kämpfen und einer historischen Kontinuität sind. Dies ist bereits in den Statuten der IAA 1864 enthalten: „In seinem Kampf gegen die vereinigte Macht der herrschenden Klassen kann das Proletariat nur dann als Klasse auftreten, wenn es sich selber zu einer politischen Partei konstituiert, die allen früheren, von den besitzenden Klassen gebildeten Parteien gegenübersteht“ (Artikel 7a). Arbeiterorganisationen vertreten Prinzipien, die die Frucht historischer Erfahrungen sind. In diesem Sinn ist die Arbeit ihrer Militanten Teil einer Bewegung, die nicht ihr „persönliches Eigentum“ ist und nicht sein kann. Die Statuten der IKS stellen mit äußerster Klarheit fest, was einst eine moralisch selbstverständliche Tatsache im Proletariat war: „… muss jedes Mitglied, das die IKS verlässt, selbst im Falle einer Spaltung der Organisation, die Gesamtheit des Materials der Organisation zurückgeben (Geld, technisches Material, Publikationslager usw.), die vorher eventuell zu seiner Verfügung gestellt wurden“ (unsere Hervorhebung).
Hier zeigt Dr. Bourrinet also sein wahres Gesicht! Die Beute ergreifen und sich dann an die bürgerliche Justiz wenden, aus persönlicher Rache und um seine verletzte Eitelkeit zu schmeicheln. Diese Missachtung seiner einstigen moralischen Verpflichtung, als er noch Militanter war, ist nicht bloß erbärmlich, sie ist der Arbeiterbewegung völlig fremd. Dieser pedantische, kleinbürgerliche Legalismus ist, angefeuert von persönlicher Rachsucht, etwas Beispielloses in der Kommunistischen Linken, die dieser Hochstapler zu vertreten behauptet. Welche Begriffe kann man benutzen, um über Dr. Bourrinet zu sprechen? Es fallen einem viele ein, so dass wir uns in der Verlegenheit befinden, irgendeinen Begriff zu wählen; also sagen wir einmal, er ist „unglaublich“.
Dies sind nicht alle Heldentaten des unglaublichen Doktors. Nicht nur dass er willens ist, die widerwärtigsten Methoden zu benutzen, um seiner einstigen Organisation, der IKS, zu schaden, er macht sich auch auf, das Andenken an einen Militanten zu attackieren, der eine entscheidende Rolle bei der Formierung der IKS gespielt hatte: Marc Chiric, verstorben im Dezember 1990.
Zu diesem Zweck nutzt er einen biografischen Abriss [799], den er auf seiner Webseite veröffentlichte und der unter anderem Bemerkungen miteinschließt, die er am Ende seiner neuen Version des Buches über die Italienische Linke veröffentlichte.
In dem biografischen Abriss, der am Ende des Buches publiziert wurde, erlaubt er sich eine kleinkarierte Attacke gegen Marc Chiric: „Für Jean Malaquais, einen langjährigen Freund, verkörperte er eine gewisse Art von politischem ‚Propheten‘, der ständig versucht, anderen und sich selbst zu beweisen, dass er ‚niemals einen Fehler begangen‘ hat.“ Wir erkennen hier den Stil des doppelgesichtigen Dr. Bourrinet. Er beginnt mit dem „langjährigen Freund“, um ihm dann umso besser ein negatives Image überzustülpen, ohne zu sagen, dass Malaquais zwar ein großartiger Schreiber und subtiler Polemiker war, der die Positionen der Kommunistischen Linken teilte, aber nicht die Persönlichkeit eines kommunistischen Militanten und auch kein Verständnis dessen hatte, was es bedeutete, einer zu sein. In den Tagen, als Malaquais in Paris lebte und häufig zu unseren öffentlichen Veranstaltungen kam, bat er einmal darum, der IKS beitreten zu dürfen; Marc Chiric hatte einige Schwierigkeiten, die anderen Genossen davon zu überzeugen, dass wir seine Kandidatur angesichts seines oft hochfahrenden Verhaltens sowohl unseren Mitgliedern als auch unseren Aktivitäten gegenüber nicht akzeptieren sollten.
Dr. Bourrinets Charakterisierung von Marc Chiric ist ein kleingeistiger Angriff aus dem Hinterhalt, aber es sollte noch schlimmer kommen. In einem Zusatz wiederholt er die widerlichsten Verleumdungen, die gegen unsere Organisation in Umlauf gebracht wurden, insbesondere durch die Meute von Hooligans und Spitzel, die sich selbst die „Interne Fraktion der IKS“ nennen.
„1991-93, kurz nach seinem Tod, wurde Marc Chirics Gruppe von einem heftigen ‚Erbfolgekrieg‘ zwischen den ‚Führern‘ geschüttelt, die sich selbst an die Spitze der ‚Massen‘ der IKS setzten, wobei es sich in Wahrheit um groteske Konflikte handelte, die eines Irrenhauses würdig sind.“
Dr. Bourrinet reicht sodann das Mikrophon weiter an die „Gegner“ unseres Genossen und unserer Organisation, um eine Wagenladung Mist auf beide zu kippen:
„Für seine politischen Gegner blieb Marc Chiric eine Figur aus der Vergangenheit, die den schlimmsten Aspekten der leninistischen und trotzkistischen Strömung anhing, ein ferngesteuerter Jünger von Albert Treint, der sich zu ‚sinowjewistischen‘ Manövern herabließ und nicht zögerte – während einer anderen Spaltung 1981 -, ‚tschekistische Angriffe‘ gegen ‚Dissidenten‘ durchzuführen, um ‚die Organisation zu verteidigen‘ und ihr ‚Zubehör zu überholen‘.
Eine monolithische Kontrolle über ‚seine‘ Organisation ausübend, half Marc Chiric mit, sie schon in einem frühen Stadium in eine Art paranoider Psychose zu stürzen. Eine triste Realität, die in den Augen vieler Ex-Mitglieder die ‚chirikistische‘ Organisation auseinanderriss, deren sichtbarste Defekte waren: politische Unehrlichkeit, die auf die Ebene eines kategorischen Imperativs gehoben wird, ‚schikanöse Polizeitaktiken‘, eine sorgsam gepflegte Atmosphäre ultra-sektiererischer Paranoia, die bis zum Erbrechen die ‚Komplotttheorie‘ benutzt und zur Lösung politischer Divergenzen die prophylaktische Ausmerzung des ‚Parasitismus feindlicher Organisationen‘ empfiehlt.
Um zu schließen:
eine triumphierende (und gewollte) Rückkehr des ‚unterdrückten‘ Stalinismus in der ‚Praxis‘;
eine oberflächliche Anbindung an die ‚Errungenschaften des Freudianismus‘, wo der ‚Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie’ neben dem ‚ewigen Kampf des Eros und Thanatos‘ und zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘ existiert, die ‚proletarische Moralität‘, deren Treuhänder die IKS und ihre ‚Zentralorgane‘ sind;
eine quasi-religiöse Hingabe zum Darwinismus als eine Methode zur ‚Auswahl‘ der ‚angepasstesten‘ politischen Spezies, unter dem Deckmantel der Entwicklung des ‚sozialen Instinkts‘, dessen ultimative Inkarnation die IKS ist;
unter dem ‚rechtschaffenen‘ Mantel der ‚proletarischen Moralität‘ der Triumph der politischen Amoralität, die ‚ewige Rückkehr‘ von ‚Netschajews Katechismus‘, der alles erlaubt, was den politischen Gegner zerstört.“
Wie jeder sehen kann, zielen die Anschuldigungen, die von Dr. Bourrinet wiederholt werden, nicht nur gegen Marc Chiric und die IKS zu seinen Lebzeiten, sondern auch und größtenteils gegen Letztere nach seinem Tod. Zum Beispiel diskutierte die IKS nie den Darwinismus oder veröffentlichte Artikel über dieses Thema zu Marc Chirics Lebzeiten. Erst seit 2009, Jahre nach seinem Tod, hat sich die IKS mit der Frage in unseren internen Diskussionen beschäftigte und veröffentlichte Artikel zu diesem Thema. In der Tat ist es Dr. Bourrinets Absicht, zwei Fliegen mit einer Klatsche zu schlagen: sowohl Marc Chiric als auch die IKS zu vernichten, deren wichtigstes Gründungsmitglied er gewesen war.
Im Grunde bietet uns dieser Wust von Anschuldigungen eine kondensierte Version der „Bourrinet-Methode“ an. Er beugt sich formal den historiographischen Standards, indem er seinen Abriss mit einem Quellennachweis versieht, wo wir in der Tat die Quellen all dieses Irrsinns finden. Aber der Quellennachweis ist so umfangreich, dass die verleumderischen Veröffentlichungen darin ertränkt werden. Darüber hinaus ist es selbst für „Spezialisten“ derart schwierig, Zugang zu vielen Texten zu finden, auf die Bezug genommen wurde, so dass die meisten LeserInnen schon gar nicht überprüfen können, „wer was sagte“. Und genau darum geht es. Wenn man in einer Biographie über Trotzki eine Passage mit einfließen lässt, was seine politischen Gegner über ihn sagten, und wenn in einer unter vielen Anschuldigungen behauptet wird, dass er „ein Agent Hitlers“ gewesen sei, dann reicht die bloße Tatsache, dass diese Beschuldigungen von Wyschinski kamen, dem Ankläger in den Moskauer Prozessen, aus, um die Anschuldigungen zu diskreditieren. Wir haben nicht die Absicht, den Leser/die Leserin mit einer systematischen Widerlegung all der gegen Marc Chiric und die IKS gerichteten Verleumdungen in den Artikeln zu behelligen, auf die der gute Doktor sich so geflissentlich bezog. Es reicht aus zu sagen, dass die meisten von Ex-Mitgliedern der IKS kamen, die, aus welchen Gründen auch immer, zerfressen sind von einem zähen Hass gegen unsere Organisation. Manche stehen noch immer unter dem Einfluss anarchistischer Ideen, die sie dazu verleiteten, den Slogan „Lenin = Stalin“ zu ihrem eigenen zu machen. Andere meinten, dass die Organisation ihre Arbeit nicht genug würdigte, oder konnten keine Kritik aushalten und fanden, dass ihr verletzter Stolz wichtiger ist als die Verteidigung kommunistischer Positionen. Andere haben sich selbst durch aggressives Verhalten isoliert und waren gleichzeitig bereit, die Polizei zu alarmieren, als die IKS sie besuchte, um sich die unserer Organisation gestohlenen Ausrüstung wieder zu bemächtigen. Andere – oder dieselben – fuhren fort, das dubiose Element Chénier zu verteidigen, der 1981 ausgeschlossen wurde und kurz danach Karriere in der damals an der Macht befindlichen Sozialistischen Partei machte.
Wenn Dr. Bourrinet bestimmte Anschuldigungen wiederholt, deren absurder und gar irrsinniger Charakter für jeden ersichtlich ist, geschieht dies möglicherweise nicht, weil er denkt, dass sie als solche geglaubt werden, sondern weil sie es ermöglichen, die Idee zu verbreiten, dass „es keinen Rauch ohne Feuer gibt“ und dass „hinter den Übertreibungen ein Körnchen Wahrheit steckt“. Wieder die Bourrinet-Methode: wenn man mit genug Dreck um sich wirft, bleibt immer etwas hängen.
Ein letztes Wort dazu. Dr. Bourrinet hat zu vielen Militanten der Kommunistischen Linken biographische Anmerkungen gemacht, doch nur Marc Chiric hatte das „Privileg“ gehabt, dass nicht nur sein militantes Leben, sondern auch die Vorwürfe gegen ihn im Detail dargelegt wurden. All dies, versteht sich, ohne ein Wort oder einen Bezug zu den Texten (Artikeln, Interventionen auf Foren, etc.), die diese Vorwürfe widerlegen, und all dies im Namen einer „seriösen“, „ehrlichen“ historischen Untersuchung!12
Kehren wir zurück zu der Idee, dass Dr. Bourrinet ein „seriöser und ehrlicher Historiker“ ist. Wie Marx einst sagte, müssen wir uns gegen solche Idee „schützen“. In seinem 1989er Artikel für unsere Presse, die die bevorstehende Veröffentlichung des IKS-Buches über die Deutsch-Holländische Linke ankündigte, bezog sich der gute Dr. Bourrinet auf etliche seriöse und ehrliche Historiker der Arbeiterbewegung: Franz Mehring, Leo Trotzki, beide revolutionäre Militante, aber auch Georges Haupt, der „alles andere als revolutionär war“, um Dr. Bourrinets Worte zu benutzen: „In diesem Punkt lohnt es sich, erneut den Historiker Georges Haupt zu zitieren, der 1980 verstarb und für die Seriosität seiner Werke über die II. und III. Internationale bekannt war:
‚Mit Hilfe unerhörter Fälschungen, die die elementarsten historischen Realitäten mit Verachtung strafen, hat der Stalinismus systematisch das Feld der Vergangenheit ausradiert, verstümmelt, umgestaltet, um es mit seinen eigenen Darstellungen, seinen eigenen Mythen, seiner eigenen Selbst-Glorifizierung zu ersetzen…‘.“
Das letzte, was man sagen kann, ist, dass dieselbe Integrität Dr. Bourrinet charakterisiert. Wie wir gesehen haben, zögert er keinen Augenblick, um die kolossalsten Lügen auszusprechen, wenn es ihm gerade passt – d.h. wann immer die historische Realität nicht zu seiner „Selbst-Glorifizierung“ passt. Als er Mitglied der IKS war, war Dr. Bourrinets Beitrag interessant, wichtig und ehrlich. Seither sind seine Studien durchaus ehrlich, wenngleich nicht zwangsläufig interessant oder gar wichtig. Doch was feststeht, ist, dass seine Ehrlichkeit sich verflüchtigt, sobald das Thema seine obsessiven Lieblingshassobjekte betrifft: den Militanten Marc Chiric und die Internationale Kommunistische Strömung. Sicherlich gibt es stalinistische Historiker, die exzellente Untersuchungen über die Pariser Kommune angefertigt haben, doch es wäre des Guten zuviel, von ihnen zu erwarten, dass sie in der Lage sind, Gleiches für die Geschichte der „Kommunistischen“ Parteien zu leisten.
Was die anderen Illusionen über Dr. Bourrinet betrifft – dass er ein „Vertreter der Idee der Kommunistischen Linken und ein Kenner ihrer Hauptorganisation, die IKS“ sei -, auch hier gilt, was wir oben bereits gesagt haben, nämlich dass dies alles andere als wahr ist. Wir haben schon bessere Kenner der IKS erlebt: Entweder er nimmt die irren Anschuldigungen der „politischen Gegner“ der IKS und Marc Chirics für bare Münze; in diesem Fall wären seine „Kenntnisse“ dem Magazin Hello oder Minute13 würdig, oder er tut es nicht, was noch schlimmer wäre. Was die Verteidigung der Ideen der Kommunistischen Linken anbelangt, kann man nichts von jemand erwarten, dessen vorrangige Obsession die Verteidigung… seines geistigen Eigentums ist und der dabei nicht zögert, den bürgerlichen Staat dazu zu holen. Wenn jemand behauptet, bestimmte Ideen zu vertreten, dann ist das Mindeste, was man erwarten kann, dass er nicht in flagrantem Widerspruch zu diesen Ideen steht. Man kann nichts von jemand erwarten, der von Hass zerfressen ist, der soweit geht, das Andenken an Marc Chiric zu beschmutzen, einen der sehr wenigen Militanten der Kommunistischen Linken, der, statt sich krampfhaft an seine anfängliche Positionen zu klammern, fähig war, die wichtigen Erkenntnisse sowohl der italienischen als auch der deutsch-holländischen Linkskommunisten zu integrieren und sie bis zu seinem Tode zu verteidigen.
Für Dr. Bourrinet sind die Ideen der Kommunistischen Linken ein bloßer Warenbestand, die er aus jenen Tagen mitgenommen hat, als er ein Militanter war, und die er so gut wie möglich zugunsten seines Bedürfnisses nach gesellschaftlicher Anerkennung zu vermarkten versucht (da er sie nicht direkt versilbern kann).
Um diese Aussage schwarz auf weiß zu beweisen, lohnt es sich, den biographischen Abriss zu lesen, der Latif Lakhdar (verstorben im Juli 2013) gewidmet wurde und auf der Internet-Seite Controverses veröffentlicht wurde, die sich selbst als ein „Forum für die Internationalistische Kommunistische Linke“ darstellt – ein Abriss, der mit Ph.B. unterzeichnet ist (niemand Geringeres als der gute Doktor in Person)14. In der Einleitung wird Latif Lakhdar dargestellt als „arabischer Intellektueller, Schriftsteller, Philosoph und Rationalist, ein Kämpfer in Algerien, im Nahen Osten und in Frankreich. Bekannt als ‚der arabische Spinoza‘.“ Im Abriss selbst lesen wir: „Ab 2009 nahm er mit dem Philosophen Mohammed Arkoun (1928-2010) am Aladin-Projekt der UNESCO teil, einem ‚intellektuellen und kulturellen Programm‘, das unter der Schirmherrschaft der UNESCO von Jacques Chirac und Simone Weil angestoßen wurde“. Wir lesen auch: „Im Oktober 2004 war er zusammen mit zahllosen liberalen arabischen Schriftstellern Ko-Autor eines Manifestes, das – veröffentlicht im Web (elaph.com [800], middleeasttransparent.com [801] – die UN dazu aufrief, ein internationales Tribunal einzurichten, um über Terroristen und Organisationen oder Institutionen, die zum Terrorismus anstiften, zu richten“. Offen gestanden, haben wir große Schwierigkeiten, zu erkennen, was diese Biographie auf einem „Forum für die Internationalistische Kommunistische Linke“ zu suchen hat und warum jemand, der der Kommunistischen Linken anzugehören behauptet, sie geschrieben hat. Soweit wir ermessen können, war Latif Lakdhar wahrscheinlich ein Mann voller guter Absichten und nicht ohne einen gewissen Mut, bot er doch den Drohungen der islamistischen Fanatiker die Stirn, dessen Aktionen jedoch völlig im Rahmen der bürgerlichen „Demokratie“ und im Sinne einer Verteidigung der Illusionen stattfanden, dank derer die Bourgeoisie ihre Vorherrschaft aufrechthält. Für jeden, der irgendetwas mit der Kommunistischen Linken zu tun hat, käme es überhaupt nicht in den Sinn, die UN (eine „Räuberhöhle“, um Lenins Ausdruck über den Völkerbund zu benutzen) aufzurufen, „ein internationales Tribunal einzurichten, um über Terroristen zu richten“. Sollen wir auf Terroristen reagieren, indem wir fordern, dass der bürgerliche Staat seine Polizei und sein juristisches Arsenal stärkt?15 In der Tat, unter den Leistungen Latif Lakhdars gibt es eine, die Dr. Bourrinet nicht erwähnt hat (hat er sie vergessen oder wollte er sie verschweigen?): einen Offenen Brief, datiert vom 16. November 2008, an den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barrack Obama, in dem er diesem vorschlägt, „die Welt in 100 Tagen zu verändern, indem eine Versöhnung zwischen Juden und Arabern besiegelt wird“.16 In dem Brief lesen wir folgende Passage:
„Diesen Konflikt mit seiner explosiven Mischung aus Religion und Politik zu lösen wäre eine angenehme Überraschung von Ihnen für die Völker der Region und der Welt. Es hätte zweifellos positive psychologische Auswirkungen auf all die anderen Krisen, einschließlich der Weltfinanzkrise.
Wie kann dies erreicht werden? (…) Entsenden Sie eine amerikanische Friedensdelegation, angeführt von Präsident Clinton und dem scheidenden israelischen Präsidenten Ehud Olmert17 und zusammengesetzt aus Prinz Talal Ben-Abdul Al-Aziz, dem symbolischen Repräsentanten der arabischen Friedensinitiative, und Walid Khalid sowie Shibli Talham als Repräsentanten des palästinensischen Volkes.
Und was ist die Lösung?
Zunächst die Umsetzung von Mr. Clintons Parametern, die den Juden gibt, was sie seit der Zerstörung des Tempels 586 v.Chr. vermissen, und den Palästinensern, was sie nie in ihrer Geschichte hatten: einen unabhängigen Staat. Dann die Umsetzung von Ehud Olmerts ‚Ratschlag‘ an seinen Nachfolger, den Palästinensern den Großteil ihrer Forderungen zuzugestehen…“
Und der Brief schließt:
„Präsident Barrack Obama, es heißt, dass Sie wenig Erfahrung haben; indem Sie in den ersten hundert Tagen ihrer Administration einen hundert Jahre alten Konflikt beilegen, der fünf blutige Kriege und zwei Intifadas auslöste, würden Sie der Welt demonstrieren, dass Sie ein kompetenter und verantwortungsvoller Führer sind, und 80 Prozent der Weltbevölkerung, die für Ihren Erfolg beteten und Ihren Sieg so sehr feierten, ein Geschenk machen.“ – Was hat das mit der Kommunistischen Linken zu tun?
Dr. Bourrinets biographischer Abriss von Latif Lakhdar ist auf der Website Controverses unter der Rubrik „Internationalistes“ veröffentlicht. Doch was genau ist ein Internationalist? Jemand, der nicht nur den Chauvinismus und die militärische Barbarei anprangert, sondern auch bis zum Äußersten die einzige Perspektive verteidigt, die ihnen ein Ende bereiten könnte: der Sturz des kapitalistischen Systems durch die proletarische Weltrevolution. Und dies beinhaltet zwangsläufig auch die Anprangerung aller pazifistischer und demokratischer Illusionen sowie aller politischen Kräfte der Bourgeoisie, die sie verbreiten, wie „demokratisch“, „aufgeklärt“ oder gutgläubig sie sein mögen. Wer auch immer dies nicht verstanden hat, steht nicht auf proletarischem Boden, sondern auf dem Boden der Bourgeoisie oder des Kleinbürgertums. Unser toller Doktor (wie auch die gleichermaßen ausgezeichneten Publizisten von Controverses) kennt offensichtlich nicht den Unterschied zwischen einem demokratisch-humanistischen Bourgeois und einem Internationalisten, mit anderen Worten: einem Revolutionär. Und dies, weil Dr. Bourrinets Auffassung nicht die Auffassung der Arbeiterklasse, sondern des Kleinbürgertums ist. Dies wird deutlich genug in unserem Bericht über das Verhalten des Doktors, seitdem er die IKS verlassen hat, doch sein Abriss über Latif Lakhdar bekräftigt es auf eine so auffällige Weise, wie man es sich nur wünschen kann.
Dr. Bourrinets hektische Suche nach offizieller gesellschaftlicher Anerkennung, seine Verwendung bürgerlicher Institutionen und des Staates, um sein „Copyright“ und sein „geistiges Eigentum“ zu verteidigen, sein Kleinkrämergeist, seine Arglist, seine Lügen, seine Feigheit, sein verachtungswürdiges Verhalten seit 1992 und, um alles zu toppen, sein Hass gegen die Organisation und ihre Mitglieder, dank derer er in der Lage gewesen war, seine beiden Bücher zu schreiben – all dies sind tatsächlich nicht bloße Ausdrücke seiner Persönlichkeit. Sie sind auch und vor allem Ausdrücke seiner Zugehörigkeit zu der gesellschaftlichen Kategorie, die all diese moralische Defekte in sich konzentriert: das Kleinbürgertum.
Wie wir jetzt sehen werden, bestätigt die Konferenz, auf der Dr. Bourrinet als Redner figurierte, gänzlich alles, was wir über seine Person gesagt haben.
Dr. Bourrinet begann mit einer langen und einschläfernden Einleitung. Doch die Lethargie, die sich über die Zuhörer (einschließlich der Diskussionsleitung) legte, lag nicht nur an Dr. Bourrinets Charisma einer Auster. Sie war vielmehr das Ergebnis einer Rede ohne Seele oder Kampfgeist, so dass am Ende die Diskussionsleitung den Schluss ziehen konnte, dass „die Vergangenheit Vergangenheit ist“ und dass „sich heute andere Fragen stellen“.
Es folgte natürlich eine ganze Reihe von „neuen“ Fragen aus dem Publikum, wie über „die Lage in den Gefängnissen“ (sehr neu!) und über die „prekäre Arbeit“, etc. Kurz, die einzige Wirkung, die Dr. Bourrinets Diskurs hinterließ, war, dass die Tradition der Kommunistischen Linken als etwas Belangloses für die Gegenwart oder die Zukunft erschien, als etwas aus einer verschwundenen Vergangenheit, die in Büchern steht, welche als Staubfänger auf den Regalen dienen und zur Verfügung von Universitätswissenschaftlern stehen.
Mit anderen Worten, Dr. Bourrinets Präsentation bestätigte, was sein ganzes Verhalten bis dahin bereits enthüllt hatte: dass fortan für unseren guten Doktor die Geschichte der Kommunistischen Linken zu einer bloßen akademischen Disziplin geworden ist und nichts mit den Worten des Militanten Philippe Bourrinet zu tun hat, als dieser unter dem Pseudonym Chardin schrieb, dass sie „wegen der Lehren aus der Vergangenheit, die sie enthält, in erster Linie eine Waffe in den gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfen“ ist (Internationale Revue, Nr. 58, engl./frz./span. Ausgabe, ebenda).
Aber das ist noch nicht alles! Dr. Bourrinet nutzte die ermüdende Wirkung seiner Präsentation aus, um, wie er es gerne tut, einige historische Verfälschungen einfließen zu lassen – in vollkommener Übereinstimmung mit seinem Hang, die Geschichte „neu zu arrangieren“, so wie sie ihm passt.
So schilderte er die unterschiedlichen Strömungen der Kommunistischen Linken (Italiens, Hollands und Deutschlands), als seien sie untereinander völlig isoliert gewesen, als habe es kein Zusammenwirken zwischen ihnen gegeben. Nichts könnte falscher sein! Es trifft zu, dass 1926 die italienische Linke sich einem Vorschlag von Karl Korsch (damals Mitglied einer Gruppe in Deutschland rund um die Zeitschrift Kommunistische Politik) für eine gemeinsame Deklaration aller damaligen linken Strömungen verweigert hatte (vgl. Brief von Bordiga an Korsch am 28. Oktober 1926).18 Doch die linke Fraktion der Italienischen Kommunistischen Partei, die ab 1929 Prometeo und dann ab 1933 Bilan auf Französisch herausgab, verfolgte nicht nur die feste Absicht, ihre Position jenen der anderen linken Strömungen gegenüberzustellen, vor allem Trotzkis Linksopposition und der Deutsch-Holländische Linken, sondern nahm auch etliche Positionen der letztgenannten Strömung an. Zum Beispiel wurde die Analyse der nationalen Befreiungskämpfe, die von Rosa Luxemburg in der deutschen und polnischen Sozialdemokratie ausgearbeitet worden war und daraufhin von der deutschen Linken aufgegriffen wurde, Ende der 1930er Jahre in die Positionen von Bilan integriert.
Noch besser, dieser „Experte“ der Kommunistischen Linken schaffte es sogar, die Existenz der Französischen Kommunistischen Linken (Gauche Communiste de France, GCF) völlig zu ignorieren. So wie zu Stalins Lebzeiten Leute bei jedem Umschreiben der offiziellen Geschichte aus den Fotos verschwanden, so „vergaß“ unser guter Doktor irgendwie alles über diese Gruppe, die Ende des II. Weltkriegs, genauer: 1944, gebildet worden war. Und dies aus gutem Grund: das charakteristische Merkmal der GCF war eben ihre profunde Synthese der Linken verschiedener Länder in Kontinuität mit der Arbeit von Bilan. Indem sie ihre Inspirationen aus den theoretischen Fortschritten von Bilan und noch mehr aus ihren Visionen eines lebendigen, nicht-dogmatischen Marxismus bezogen, der jedem Ausdruck des Proletariats international offen stand, verhinderte die GCF, dass diese kleine Gruppe in Vergessenheit geriet, und machte sie im Gegenteil zu einer Brücke zwischen den besten proletarischen Traditionen der Vergangenheit und der Zukunft des proletarischen Kampfes. Mit anderen Worten, als Dr. Bourrinet die GCF von der Tafel der Geschichte wischte, löschte er in einem gewissen Sinn auch Bilan aus, brach er die historische Kontinuität zwischen revolutionären Gruppen ab und unterbrach die Überlieferung dieser kostbaren Erfahrungen unserer mutigen Vorgänger. In einem Wort, er entwaffnet das Proletariat noch vor dem Klassenfeind.
All dies geschieht völlig bewusst auf Seiten Dr. Bourrinets. Er kennt sehr gut die Existenz der GCF und ihren Platz in der Geschichte. Dies ist nicht das Resultat einer bedauernswerten Vergesslichkeit oder Unwissenheit; es ist ein bewusstes Bemühen darum, eine Wahrheit zu verbergen, die er zu ignorieren vorzieht: dass die GCF einen Beitrag höchster Wichtigkeit zum Gedankengut der Kommunistischen Linken geleistet hat.
Warum? Die Antwort ist einfach. Aus reinem Hass gegen die IKS, der einzigen Organisation, die ausdrücklich zu ihrer Herkunft von der GCF steht, und aus Hass gegen den Mitstreiter, der eine Schlüsselrolle bei der Bildung der IKS spielte und der Hauptdenker hinter der GCF war: Marc Chiric.
Dr. Bourrinets Hass, den wir bereits in seinen zahllosen schriftlichen Machwerken wahrgenommen hatten, trat auf dieser öffentlichen Konferenz für jeden sichtbar zu Tage.
Als die IKS-Delegation versuchte, den guten Doktor wegen seiner Fälschungen und seines „geistigen Eigentums“ zur Rede zu stellen, wurde er völlig hysterisch (wie für jeden ersichtlich): „Ihr seid Terroristen und Sozialschmarotzer“, schrie er, „Ihr habt viele Militante gezwungen, aus der IKS auszutreten, indem Ihr sie abgewürgt habt“ – mit anderen Worten, er wiederholte all die Verleumdungen von „Marc Chirics politischen Gegnern“, über die er im biographischen Abriss auf seiner Webseite so „objektiv“ berichtet hatte.
Bis jetzt hat unser Doktor sein Gift im Schutz offizieller Körperschaften, „frisierter“ biographischer Abrisse und von „Stellungnahmen“ im Internet verbreitet. Diesmal allerdings hatte er es gewagt, dies in aller Öffentlichkeit zu tun, vor den Augen und Ohren von vier Mitgliedern der IKS. Solch eine Verhaltensänderung verlangt nach einer Erklärung.
Wie wir gesehen haben, ist Dr. Bourrinet der Prototyp eines Kleinbürgers: feige, unehrlich und mit wenig Neigung, seine Galle bei Tageslicht zu verspritzen, außer – wenn er spürt, dass in der Gerüchteküche die Schreie des Hasses gegen die IKS anschwellen. Dann wird er trunken vor „Mut“ und ist bereit, seinen Teil zu den widerlichsten Verleumdungen und niveaulosesten Drohungen gegen unsere Organisation beizutragen. Pogromaufrufe sehen immer so aus: Jeder Beteiligte leistet seinen eigenen erbärmlichen Beitrag entsprechend seiner Motive, alle unterschiedlich, aber alle gleichermaßen schäbig und voller Hass. Fast jedes Mal wird diese Art von barbarischer Dynamik durch eine Art Provokateur gestartet – ob ein Professioneller oder Amateur ist unerheblich. Genau dem ist unser unglaublicher Doktor voll auf den Leim gegangen. Nachdem er die Anti-IKS-Prosa der IGKL19, jenes schäbige Pack von polizei-ähnlichen Hinterzimmer-Intriganten mit ihrem Provokateur Juan, gelesen hatte, war der gute Doktor geradezu munter geworden und ist nun bereit, der Aufforderung zur Schurkerei und zum Hass nachzukommen.
Am 28. April 2014 veröffentlichte die IGKL20 einen unbeschreiblich schlechten Artikel im Stil professioneller Provokation. Dieser verleumderische Text hatte den Titel „Eine neue (und endgültige?) Krise der IKS“21 und kündigte mit ironischem Vergnügen das Verschwinden der IKS an… was sich als „stark übertrieben“ herausstellte.22 Doch wie unbegründet auch immer, die schiere Vorstellung, dass die IKS angeschlagen ist, fast auf dem Sterbebett liegt, hat all jene wachgerüttelt, die von der Hoffnung besessen sind, uns tot und begraben zu sehen. Und in dieser „mutigen“ Meute erblicken wir Dr. Bourrinet, heiß und aufgeregt angesichts der Vorstellung, dass er nun mit den Wölfen gegen die IKS heulen kann. Doch selbst die Ermutigung durch den Provokateur der IGKL reichte nicht aus, um ihm einen Stoß zu geben; er benötigte zudem die angenehme Begleitung eines Gefolgsmannes, mit wenig Hirn, aber mit großen Muskeln ausgestattet und vor allem mit der Mentalität eines Strolchs, der zu jeder Schandtat gegen die IKS bereit ist: kein anderer als Pédoncule23, stets bereit, unseren Doktor zu beruhigen und anzutreiben, wenn Letzteren der Mut während der Konferenz verließ. Dieses Individuum hat ein ganz erbauliches und gewalttätiges Register aufzuweisen: körperliche Aggressionen gegen eine unserer Genossinnen, Aggressionen gegen einen anderen Genossen, der mit einem Springmesser bedroht wurde, das dieses Individuum stets bei sich trägt. Dasselbe Individuum drohte, einem weiteren Genossen „die Kehle aufzuschlitzen“.24
Die Verbindung zwischen dem Doktor und dem Hooligan (wie aus einem französischen Film mit Jean-Louis Trintignant und Depardieu in den Hauptrollen) mag paradox erscheinen, aber sollte eigentlich keine Überraschung sein. Das Bündnis zwischen dem intellektuellen Kleinbürgertum und dem Lumpenproletariat ist nicht neu und kommt im Allgemeinen immer dann zustande, wenn sie sich einem gemeinsamen Feind gegenübersehen: dem revolutionären Proletariat. 1871 tat sich die Mehrheit der französischen Schriftsteller (mit den bemerkenswerten Ausnahmen von Arthur Rimbaud, Jules Vallès und Victor Hugo) mit dem Abschaum von Paris zusammen, um den Versaillern zuzujubeln, die die Kommune abschlachteten: die Erstgenannten mit dem Stift, die Zweitgenannten konkreter durch Denunzierung und Mord.25 1919 benutzten die „ehrenwerten“ Führer der deutschen Sozialdemokratie das Lumpenproletariat, das sich in den Freikorps (den Vorgängern der Nazis) versammelt hatte, um Tausende von ArbeiterInnen und gleichzeitig Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die Hauptakteure in der Deutschen Revolution, zu ermorden. Heute tut sich der Kleinbürger Bourrinet, Doktor der Universität Paris 1 – Sorbonne, mit Pédoncule, dem Schlitzer, zusammen – nichts normaler als dies. Beide teilen denselben obsessiven Hass gegen die IKS; beide möchten die IKS, mit anderen Worten, die Hauptorganisation, die die Positionen der Kommunistischen Linken international vertritt, untergehen sehen.
Was uns angeht, beabsichtigen wir die beiden Bücher über die Italienische Linke und die Deutsch-Holländische Linke weiterhin zu verbreiten, ob Dr. Bourrinet dies gefällt oder nicht. Und wir möchten unsere LeserInnen dazu drängen, diese Bücher zu lesen, die von Philippe Bourrinet geschrieben worden waren, als er noch ein Militanter der IKS gewesen war. Sie haben nichts an Wert eingebüßt, seitdem aus dem Kämpfer ein Doktor wurde, der die Sache, der er sich in seiner Jugend verpflichtet hatte, verraten hat. Auch werden wir nicht aufhören, die Niederträchtigkeit des Doktors, seine Lügen, seine Verleumdungen und seine verachtenswerten Bestrebungen zu brandmarken, die darin bestehen, die Einrichtungen des bürgerlichen Staates zu Hilfe zu rufen, um unsere Mitglieder zu bedrohen und seinen Hass auszuleben. Er braucht sich jedoch keine Sorgen zu machen, dass wir ihm ein Kommando schicken werden, um „ihm die Kehle aufzuschlitzen“ – wir überlassen es seinem Bodyguard, Pédoncule, dem Schlitzer, solche Drohungen auszusprechen.
Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist übersät von Mitstreitern, die einst revolutionäre, proletarische Positionen vertraten, nur um später die Seite zu wechseln, vor der bürgerlichen Ideologie zu kapitulieren und sich in den Dienst der herrschenden Klasse zu stellen. Wir alle wissen, was mit Mussolini geschah, der vor dem I. Weltkrieg ein Führer des linken Flügels der italienischen Sozialistischen Partei gewesen war. Plechanow, der den Marxismus in Russland eingeführt hatte und einer der führenden Figuren im Kampf gegen Bernsteins Revisionismus Ende des 19. Jahrhunderts gewesen war, verwandelte sich 1914 in einen eingefleischten Chauvinisten. Kautsky, der „Papst des Marxismus“ in der II. Internationalen und bis 1906 Rosa Luxemburgs Mitstreiter, griff 1914 zur Feder, um de facto dem imperialistischen Krieg einen Dienst zu erweisen, und verurteilte die Revolution in Russland 1917, alldieweil er bis zu seinem Tod 1938 formal seine Verbundenheit mit dem Marxismus bekundete.
Heute bekundet Dr. Bourrinet unbeirrt seine formale Verbundenheit mit der Kommunistischen Linken und ihren Positionen. Doch dies ist ein Schwindel. Die Kommunistische Linke ist nicht einfach eine Sache der politischen Positionen. Sie bedeutet auch Prinzipientreue, keine Kompromisse, den Willen, für die Revolution zu kämpfen, einen enormen Mut – alles Qualitäten, derer es Dr. Bourrinet gänzlich mangelt. Man lese Die Italienische Kommunistische Linke und Die Deutsch-Holländische Linke, und zwar nicht als Dr. Bourrinets „geistiges Eigentum“, sondern im Geiste von Philippe Bourrinet ein Vierteljahrhundert zuvor: „Man kann sich nur von einem militanten Standpunkt aus, vom Standpunkt jener, die sich dem Kampf der Arbeiter für ihre Emanzipation verpflichtet haben, der Geschichte der Arbeiterbewegung annähern.“
Internationale Kommunistische Strömung, 15. Januar 2015
1 Das Smolny-Kollektiv ist ein Verlag, der sich auf die Veröffentlichung von Büchern über die Arbeiterbewegung spezialisiert hat, insbesondere der Kommunistischen Linken. Siehe unseren Artikel auf Französisch "Les éditions participent a la récupération démocratique de Rosa Luxemburg [802].
2 „Herr Proudhon genießt das Unglück, auf eigentümliche Art verkannt zu werden. In Frankreich hat er das Recht, ein schlechter Ökonom zu sein, weil man ihn für einen tüchtigen deutschen Philosophen hält; in Deutschland darf er ein schlechter Philosoph sein, weil er für einen der stärksten französischen Ökonomen gilt. In unserer Doppeleigenschaft als Deutscher und Ökonom sehen wir uns veranlaßt, gegen diesen doppelten Irrtum Protest einzulegen“. (Marx, Vorwort zu Das Elend der Philosophie, 1847, MEW Bd.4, S. 65)
3 Siehe unsere Artikel in Internationale Revue Nr. 65-66 (engl., franz. und span. Ausgabe [803],
4 Diese materielle Unterstützung schloss die Bezahlung vieler Kosten seines Aktenstudiums mit ein, einschließlich der Anschaffung großer Mengen von Mikrofilmen aus dem Amsterdamer Internationalen Institut für Gesellschaftsforschung.
5 Die Société des Gens des Lettres ist ein französischer Organismus, der aus dem frühen 19. Jahrhundert stammt und sich besonders dem juristischen Schutz des Copyrights zugunsten ihrer Autorenmitglieder widmet. Kopien der fraglichen Dokumente sind dem Artikel beigefügt.
6 Dies erschien in der englischen Ausgabe The Dutch and German Communist Left, die 2001 veröffentlicht wurde.
7 Wir werden fortan dem Doktor seinen Titel zugestehen. Dies kann eigentlich nur sein intensives Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung befriedigen.
8 Und, würden wir hinzufügen, ein Heuchler. Doch das ist eher die Regel als die Ausnahme.
9 Die Preisliste findet man bei: left-dis.nl/f/livre.htm [804]. Sollte der Link verschwunden sein – man weiß ja nie! -, so haben wir natürlich einen Bildschirm-Ausdruck aufgehoben, nachdem sie Seite am 15. Januar 2015 erschienen war.
10 Die KS hatte beschlossen, die englischen Ausgaben der deutsch-holländischen und italienischen Linken auf Amazon anzubieten, um ihre Verbreitung zu erhöhen. Im Oktober 2009 erhielten wir einen Brief von Amazon, in dem wir in Kenntnis darüber gesetzt wurden, dass diese Bücher nach dem Erhalt eines Briefes von Dr. Bourrinet zurückgezogen worden seien und dass ihr Verkauf nur mit der Zustimmung des Letztgenannten möglich sei. In einem Brief an Amazon vom 7. Oktober 2009, unterzeichnet mit „Doktor Philippe Bourrinet, Historiker“ steht: „Mein geistiges Eigentum ist von zwei Artikeln auf der Seite von Amazon.co.uk verletzt worden. Es hat mit dem kommerziellen Verkauf zweier Bücher von mir (mein Name wurde getilgt) durch die so genannte ‚Internationale Kommunistische Strömung‘ zu tun, die offensichtlich Akte der geistigen Piraterie begeht (es folgen Details zu den beiden Büchern). Diese beiden Bücher sind (elektronisch und in Papierform) unter meinen eigenen Namen auf meiner eigenen mehrsprachigen Webseite in den Niederlanden veröffentlicht worden (…) Sie sind seit langem (1989) durch das Gesetz über das geistige Eigentum geschützt (…) Ich bin der wahre Eigentümer der beiden erwähnten Bücher und dazu befugt, zusammen mit der SGDL in Paris für die oben geschilderten Rechte zu streiten.“ Die IKS schrieb am 24. Oktober 2009 an Dr. Bourrinet. In unserem Brief sagten wir: „Wir müssen eingestehen, dass wir ziemlich überrascht sind, erstens von der Tatsache, dass Du das Bedürfnis verspürtest, über dieses Thema an Amazon zu schreiben, und zweitens dass Du uns nichts darüber im Vorhinein mitgeteilt hast. Wir hatten den Eindruck, dass die Frage des ‚geistigen Eigentums‘ über die beiden Bücher über die deutsch-holländische Linke und die italienische Linke einvernehmlich zwischen uns auf einem Treffen zu Beginn der 1990er Jahre geklärt worden sei (…) Auf alle Fälle wollen wir nicht, dass dieses Problem des ‚geistigen Eigentums‘ die Verbreitung dieser Geschichte und dieser Idee behindert. Wenn Du willst, sind wir sofort bereit, die gleiche Bemerkung [siehe oben und Fußnote 6] (oder irgendeine Variante, die Dir genehm ist) auf der Amazon-Seite (wir können auch Deinen Namen mitberücksichtigen) und auf Deiner eigenen Internet-Seite zu veröffentlichen.“ Dieser Brief wurde niemals beantwortet. Vielleicht hätten wir dem Doktor eine Autorenvergütung an unseren Verkäufen zahlen sollen. Abgesehen davon, sollten wir betonen, dass die englischen Ausgaben, die von Dr. Bourrinet verbreitet werden, mit den von den Mitgliedern unserer Organisation angefertigten Übersetzungen identisch sind (mit der Ausnahme seiner Veränderungen seit seinem Austritt aus der IKS). Doch dem guten Doktor sei versichert: Wir haben nicht die Absicht, Copyright für unsere Übersetzungen zu beanspruchen.
12 Dieser abscheuliche Angriff gegen das Andenken unseres Genossen Marc Chiric ist nichts anderes als widerlich. Marc Chiric genoss einen großen Respekt unter der breiten Mehrheit der Militanten der alten Kommunistischen Linken, trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten und der Kritik, die er gegen sie gerichtet haben mag. Die Tiefe und die Strenge seines Denkens, seine Hingabe für die revolutionäre Sache, sein starker Charakter und gleichzeitig die Wertschätzung und Zuneigung, die er für jene Militante hatte, denen es gelungen war, der Konterrevolution zu widerstehen, waren Wesenszüge seines politischen Charakters, die allgegenwärtigen Respekt verdienen. Wenn wir den Irrsinn über ihn lesen, der von nichtigen Widerlingen verbreitet wird, deren Stolz einen kleinen Kratzer abbekommen hat oder deren „geistiges Eigentum“ ignoriert wurde, empfinden wir nichts anderes als Ekel. Diese Art von Verleumdungskampagne weist starke Ähnlichkeiten mit der von der stalinistischen Clique gesteuerten Kampagne auf, deren Opfer Trotzki ab Mitte der 1920er Jahre, noch vor seinem Ausschluss aus der bolschewistischen Partei, war; eine Kampagne, die von Bordiga (damals die bekannteste Figur der italienischen Kommunistischen Linken) energisch angeprangert wurde, trotz seiner profunden Meinungsverschiedenheiten mit Trotzki. Die servile Kanaille, die, ob aus Feigheit oder um der Karriere willen, Stalins Spuren hinterherkroch, stand Modell für die Verleumder von Marc Chiric heute.
13 Magazin der französischen Rechtsaußen.
15 Doktor Bourrinet hat keine Probleme damit. Wenig überraschend, da er selbst bereit ist, das bürgerliche Rechtssystem gegen Revolutionäre zu nutzen.
16 Latif Lakhdar schreibt an Präsident Obama.
17 Ehud Olmert, ein enger Verbündeter von Ariel Sharon (verantwortlich für das Massaker von Sabra und Schatila 1982), war israelischer Ministerpräsident von Januar 2006 bis März 2009 und verantwortlich für den israelischen Angriff gegen Libanon im Juli 2006, der mehr als 1200 Zivilisten das Leben kostete. Im September 2009 wurde er wegen „Betrugs“, „Untreue“ und „Erschleichung illegaler Einkünfte“ vor Gericht gestellt und im September 2012 zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.
18 Bordiga an Korsch. [807]
19 Die „Internationale Gruppe der Kommunistischen Linken“ (IGKL) erblickte im Oktober 2013 das Licht der Welt. Sie besteht aus einer Verschmelzung zweier Elemente der Gruppe „Klasbatalo“ in Montreal und Elementen der selbst ernannten „Internen Fraktion“ der IKS, die 2003 als Denunzianten aus der IKS ausgeschlossen worden waren.
20 Siehe unsere Antworten: „Die polizeiähnlichen Methoden der ‚IFIKS‘“, [808] "Kein Zugang für Spitzel zu den öffentlichen Veranstaltungen der IKS [809]" "Calomnie et mouchardage, les deux mamelles de la politique de la FICCI [810]".
21 Siehe unsere Antwort: "Kommuniqué an unsere Leser: Die IKS unter Beschuss durch eine neue Agentur des bürgerlichen Staates [811]" oder "Weltrevolution 179".
22 Wir haben auf diesen ebenso niederträchtigen wie absurden Angriff in unserem Artikel über die Außerordentliche Konferenz beantwortet.
23 Wie Dr. Bourrinet ist auch dieser Pédoncule Mitglied des Smolny-Kollektivs. Er war ebenfalls jahrelang Mitglied dieser Meute von Spitzel und Ganoven, die unter dem Namen IFIKS firmieren.
24 Siehe unseren Artikel in Révolution Internationale Nr. 354: Défense de l'organisation: Des menaces de mort contre des militants de CCI [812]
25 Vgl. Paul Lidsky, Les écrivains contre la Commune, La Découverte Poche, Paris, 2010.
Nach der Berichterstattung in den Medien soll der Wahltriumph der Koalition von Syriza[1] in Griechenland die kapitalistischen Mächte nervös gemacht haben. Diese „Nervosität“ ist zur Schau getragen und passt zu den Manövern im Hinblick auf die Neuverhandlung der griechischen Schulden, Syriza ist Teil dieser Mächte, denn sie teilt mit ihnen die Sorge der Verteidigung der Nation, dies ist die Fahne, hinter der jedes nationale Kapital seine Interessen gegen das Proletariat und gegen seine imperialistischen Rivalen verteidigt.
Tsipras, der Chef von Syriza, fasste anlässlich seines letzten Auftritts vor dem Wahlerfolg sehr gut zusammen, wofür Syriza steht: „Ab Montag ist die nationale Erniedrigung vorbei, keine aus dem Ausland kommenden Anweisungen mehr.“ Dieses Programm steht in unvereinbarem Widerspruch zu demjenigen des Proletariats, dessen Ziel die Herstellung eines weltweiten menschlichen Gemeinwesens und dessen Triebkraft der Internationalismus ist.
Der Sieg Syrizas ist nicht derjenige des „Volkes“, sondern der Bedürfnisse des griechischen Kapitals. Seine Politik wird noch mehr Angriffe auf die gesamte Arbeiterklasse nach sich ziehen.
Die Daten über die griechische Wirtschaft sind erschreckend. Wir nennen hier nur zwei Zahlen: Das nominale Einkommen hat sich in 7 Jahren um 25% verringert, und die Exporte sind heute, trotz der drastischen Lohnkürzungen, 12% niedriger als 2007. Die Sportstadien und anderen Einrichtungen, die im Rahmen einer gigantischen Geldverschleuderung 2004 für die Olympischen Spiele aufgebaut wurden, sind Ruinen, die den Zustand der Wirtschaft versinnbildlichen.
Doch die Krise, unter der Griechenland leidet, ist keine lokale, die durch die schlechte Geschäftsführung der verschiedenen Regierungen hervorgerufen worden wäre, sondern Ausdruck der historischen Sackgasse der kapitalistischen Produktionsweise, die einer seit 1967 andauernden Krise unterworfen ist – seit fast einem halben Jahrhundert! –, einer Krise, in der diejenige der Subprimes von 2007 nur ein weiteres Kettenglied war, mit der darauf folgenden großen Finanzpanik 2008 und der Rezession 2009, die man die „Große Rezession“ nannte.
Die durch die großen kapitalistischen Staaten ergriffenen Maßnahmen konnten die gefährlichsten Auswirkungen dieser Ereignisse eindämmen, aber sie griffen nicht das Grundproblem der allgemeinen Überproduktion auf, in dem der Kapitalismus seit fast einem Jahrhundert feststeckt. Die gefundene „Lösung“ – eine noch stärkere Überdosis an Verschuldung unter der direkten Verantwortung der Staaten – verschlimmert nur die Lage, auch wenn sie für einen Augenblick als Flicken dient.
Eine der Folgen ist: „Es waren jetzt ganze Staaten, die mit einem enormen Gewicht an Schuldenlasten konfrontiert waren, mit „Staatsschulden“, was ihre Interventionsfähigkeit, die eigenen nationalen Ökonomien mit Budgetdefiziten zu beleben, noch mehr schwächte.“[2] Dieser Zustand ist unhaltbar geworden „in denjenigen Ländern der Eurozone, deren Wirtschaft am zerbrechlichsten oder am meisten abhängig von den illusorischen Präventivmaßnahmen war, die zuvor ergriffen worden waren – den PIIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien)“[3].
In Griechenland hat die Staatsverschuldung 180% des BIP erreicht, das Defizit des Staatshaushalts betrug 2013 12,7%, es handelt sich dabei um eine Last, welche die Wirtschaft in einen Teufelskreis stößt: Um wenigstens die Zinsen für die Schulden bezahlen zu können, müssen neue Schulden aufgenommen und im Gegenzug drakonische Sparmaßnahmen ergriffen werden, welche die Wirtschaft noch mehr hinunterziehen, was nach einer neue Dosis Verschuldung ruft mit weiteren Sparmaßnahmen.
Der Teufelskreis, in dem sich die griechische Wirtschaft dreht, zeigt den Teufelskreis auf, in dem der gesamte Weltkapitalismus steckt. „Dies bedeutet aber nicht, dass es zu einer vergleichbaren Situation wie 1929 oder in den 1930er Jahren kommt. Vor 70 Jahren war die Bourgeoisie angesichts des Kollapses ihrer Wirtschaft komplett überrumpelt, und die Politik, in die sich jeder Staat im Alleingang stürzte, führte nur zu einer Verschärfung der Krise. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten 40 Jahre hat gezeigt, dass, auch wenn es unmöglich ist, die Talfahrt in die Krise zu vermeiden, die herrschende Klasse fähig geworden ist, diese Dynamik zu verlangsamen und ein Szenario der allgemeinen Panik wie am „Schwarzen Donnerstag“ des 24. Oktobers 1929 zu verhindern. Es gibt einen weiteren Grund, weshalb wir nicht auf eine Situation wie in den 1930er Jahren zusteuern. Damals ging die Schockwelle von der stärksten Macht der Welt aus, den USA, und breitete sich danach auf die zweitgrößte aus, Deutschland.“ [4]
Im Gegensatz zu damals ist es der Bourgeoisie – durch die systematische Verstärkung des Staatskapitalismus – gelungen, die Weltwirtschaft so zu „organisieren“, dass die Auswirkungen der Krise mit viel größerer Gewalt auf die schwächsten Länder fallen, während sie in den stärkeren Ländern in geringerem Maße spürbar sind. Deutschland und die USA waren 1929 die Epizentren der Krise, wohingegen sie heute am besten wegkommen und ihre Stellung gegenüber den Rivalen haben verbessern können.
Diese Politik erlaubt es dem Kapitalismus als Ganzes dem Versinken in der Krise insofern zu widerstehen, als es ihm gelingt, sich auf die Verteidigung der neuralgischen Zentren zu konzentrieren. Sie ist auch ein Mittel zur Spaltung des Proletariats, denn „dieser wichtige Faktor bei der Entwicklung der Krise unterliegt keinem strikt ökonomischen Determinismus, sondern spielt sich auf der Ebene der sozialen Verhältnisse ab - dem Kräfteverhältnis zwischen den zwei wichtigsten sozialen Klassen der Gesellschaft - zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse.“ [5] Die Wirtschaft ist nicht einfach eine blinde Maschine, die von selbst läuft, die Gesetzmäßigkeiten des Klassenkampfes spielen dabei eine Rolle. Indem es der Bourgeoisie gelingt, die schlimmsten Auswirkungen der Krise auf die schwächsten Länder abzuschieben, verschafft sie sich Mittel zur Spaltung des Proletariats.
Dieses politische Krisenmanagement führt dazu, dass die griechischen Arbeiter_innen die wirtschaftliche Lage nicht so sehr als Ausdruck der Sackgasse wahrnehmen, in welcher der Kapitalismus weltweit steckt, sondern als Folge des „Wohlstandes“ der Klassenbrüder und -schwestern in Deutschland. Umgekehrt erschwert es der scheinbar gute Zustand der deutschen Wirtschaft den Arbeiter_innen in diesem Land, den Ernst der Lage wahrzunehmen, und macht sie empfänglich für die „Erklärungen“, wonach ihre „privilegierten“ Bedingungen durch die „Faulheit und Verantwortungslosigkeit“ der griechischen Klassenbrüder und -schwestern in Frage gestellt würden, und ganz allgemein durch die Migrant_innen, die an die Türen klopfen.
Dieses „politische Krisenmanagement“ begünstigt die Sichtweise bei den Proletarier_innen jedes Landes, die Probleme, die eigentlich weltweit bestehen und nur eine weltweite Lösung finden könnten, als solche „ihres Landes“ zu sehen – mit einer „Lösung im eigenen Land“. In Griechenland hat die Arbeitslosigkeit, die untragbare Rate von 27% erreicht, die Zahl der öffentlichen Angestellten – die normalerweise eine Anstellung fürs Leben hatten – ist von 900‘000 auf 656‘000 verringert worden; ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, etwa 40‘000 Menschen haben die Städte verlassen und sind aufs Land geflohen auf der verzweifelten Suche nach einem Überleben als bäuerliche Selbstversorger. Der Mindestlohn in Griechenland ist in den letzten Jahren um 200 € geschrumpft, die Altersrenten verringern sich jedes Jahr um 5% … Diese Entwicklung, die ein extremer Ausdruck einer Situation ist, die sich in sehr verschiedenem Ausmaß in allen Ländern abspielt, erscheint als ein Phänomen, das auf Griechenland reduziert und durch die rein griechischen Probleme hervorgerufen worden sei. Sie erlaubt es der Bourgeoisie, einen dicken Rauchvorhang aufzuziehen und mit ihm das Verständnis für die allgemeinen Tendenzen, die den Kapitalismus auf der Welt beherrschen, zu vernebeln.
Syriza ist ein Produkt der Entwicklung des politischen Apparats des griechischen Staats und somit von allgemeinen Tendenzen, die sich in den zentralen Ländern des Kapitalismus bemerkbar machen. Wie der Marxismus tausendfach aufgezeigt hat, ist der Staat ein ausschließliches und ausschließendes Organ des Kapitals, auch in seiner demokratischen Form hört er nicht auf, die Diktatur der herrschenden Klasse über die ganze Gesellschaft zu sein, und insbesondere über das Proletariat. In der Niedergangsphase des Kapitalismus wird der Staat totalitär, was sich in einer Tendenz zur Einheitspartei ausdrückt. Doch in den demokratischeren Ländern, die sich mit einem hochentwickelten Wahl- und Abstimmungssystem ausgestattet haben, drückt sich diese Tendenz in dem aus, was man „Zweiparteien-System“ nennt. Zwei Parteien, die eine mehr nach rechts orientiert, die andere mehr nach links, wechseln sich bei der Führung der Regierungsgeschäfte ab. Dieses Schema hat seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa, Nordamerika etc. perfekt funktioniert.
Doch mit der ständigen Zuspitzung der Krise und dem Gewicht des Zerfalls ist es ziemlich abgenutzt worden. Denn einerseits hat das Ansehen der „partnerschaftlich rivalisierenden“ Parteien unter dem Krisenmanagement unweigerlich gelitten, da sie einmal an der Regierung Sparmaßnahmen ergriffen, die ihren früheren Versprechen, die sie als Oppositionspartei gemacht hatten, widersprachen; in der Opposition sagen sie, was sie nie tun, als Regierungspartei tun sie, was sie nie gesagt haben.
Und andererseits führte der Zerfall in den Reihen der beiden „großen Parteien“ zu einer zunehmenden Zersetzung und einer immer offener auftretenden Verantwortungslosigkeit, die ihren spektakulärsten Ausdruck in einer Korruption fand, die alle Rekorde schlägt und bei der jeder neue Fall die früheren übertrifft, was die Geldgier, den Zynismus und die Schamlosigkeit betrifft.
Die beiden traditionellen großen Parteien Griechenlands – die Nea Dimokratia auf der rechten Seite, die Pasok auf der linken – stellen gewissermaßen die Karikatur dieses Systems dar. Dazu gehört – Zeichen der Rückständigkeit des griechischen Kapitals –, dass diese beiden Parteien von Dynastien geführt werden, welche sich an den Spitzen seit 70 Jahren ablösen – die Familie Karamanlis auf der Rechten und der Papandreu-Clan zur Linken. Die Gelder, die von Europa aus nach Griechenland geflossen sind, waren Gegenstand von „transversaler Korruption“: ohne jede Scham haben sich die Politiker beider Parteien die Taschen mit den abgeschöpften Kommissionen gefüllt.
Woher kommt Syriza? Sie ist eine Koalition, die sich 2012 in eine Partei umgewandelt[6] und die ein Sammelbecken für Fraktionen des Stalinismus und der Sozialdemokratie zur Verfügung gestellt hat, welcher Eintopf mit trotzkistischen, maoistischen und grünen Gruppen gewürzt worden ist. Der Gründungskern war das Resultat einer wichtigen Abspaltung von der stalinistischen Partei KKE, die mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1989 die alten Formeln vom „Realsozialismus“ gegen neue in „demokratischem“ Gewand eintauschte, die besser zu den neuen liberalen Kostümen des Staatskapitalismus passten. Genau Tsipras war eine jener Ratten, die Karriere in der entsprechenden Gewerkschaft gemacht hatten und dann das sinkende Schiff des Stalinismus verließen.
So gleicht also Syriza den üblichen Erneuerungsbemühugen im Zweiparteien-System des politischen Schemas - wie ein Ei dem andern. Solche Bemühungen haben wir schon in anderen Ländern gesehen, wie zum Beispiel in Italien, wo das alte Modell, das während 40 Jahren auf der Christdemokratie als faktischer Einheitspartei – mit der Unterstützung der Sozialdemokratie – beruht hatte, durch ein neues ersetzt wurde, das aus einer rechten Partei unter dem viel geschmähten Berlusconi und einem linken Flügel mit einer chaotischen Koalition besteht, deren Gerippe die alte Kommunistische Partei ist, die sich zur „Demokratischen Partei“ erneuert hat. Es ist überaus bezeichnend, dass sich Syriza als Koalitionspartner für die Regierungsbildung die Partei ANEL von der äußeren Rechten ausgesucht hat.
Dieser Partner von Syriza, ANEL, verteidigt gegenüber den Migrant_innen eine ganz ähnliche Politik wie diejenige der schändlichen Goldenen Morgenröte. Diese Politik des Fremdenhasses und der Verfolgung von Migrant_innen, die als Eindringlinge dargestellt werden, die den Griech_innen die Arbeit und die Sozialleistungen stehlen würden, verfolgt zwei Zwecke:
Einerseits soll gegenüber den Arbeiter_innen und anderen Teilen der Bevölkerung mit dieser niederträchtigen Ideologie ein Sündenbock vorgeführt werden – personifiziert in den Schwarzen, den Arabern, den Slawen, allen, die das Pech haben, nicht Hellenen zu sein. Doch andererseits zielt diese politische und wirtschaftliche Rechnung darauf ab, sich die Rolle des Bullen an den Pforten Europas durch die EU möglichst teuer bezahlen zu lassen, eine Rolle, die auch noch andere ähnlich gelegene Länder wie Italien und Spanien zu spielen haben gegenüber den verzweifelten Massen, die vor dem schlimmsten Elend und dem Krieg fliehen. In diesem Game, das die Gangster der EU spielen, weiß die neue griechische Regierung sehr gut, welchen Trumpf sie mit der harten Haltung gegenüber Migranten in der Hand hat.
Die Verteidigung der Nation ist die Wertegemeinschaft aller Parteien des Kapitals, in welcher Farbe sie sich immer zur Schau stellen mögen. Eines der unheimlichsten Argumente auf der Linie der nationalen Verteidigung ist dasjenige, das Syriza mit ANEL und der Goldenen Morgenröte teilt: „Griechenland für die Griechen“, der fanatische Anspruch, sich in einer angeblichen „nationalen Gemeinschaft“ einzuschließen, in der man anständig leben könne. Das ist eine reaktionäre Utopie, aber es ist insbesondere ein frontaler Angriff auf das Bewusstsein und die Solidarität der Arbeiter_innen, deren Macht genau darin besteht, eine Gemeinschaft zu bilden, in der Menschen aller Rassen, Religionen und Nationalitäten sich vermischen und vereinen.
Der Nationalismus und die Verteidigung des Interesses des griechischen Kapitals ist das echte Programm Syrizas. Das gegenüber der Bevölkerung zur Schau getragene Programm der Strukturreform war lediglich Wahlpropaganda, das je länger je wässriger wurde, je näher der Regierungsantritt rückte. Wir stoßen dabei auf die alten und verbrauchten Litaneien der kapitalistischen Linken. Eine verstaatlichte Bank, die Wiedererwägung und eventuelle Rückgängigmachung von gewissen Privatisierungen, ein Plan zur Beschäftigungsgarantie, einige Notmaßnahmen zur Abfederung von Situationen extremer Armut … und nicht viel mehr.
Diese Maßnahmen sind schon tausend Mal angewandt worden im Kapitalismus, und nie haben sie dazu beigetragen, die Lebensbedingungen der Arbeiter_innen zu verbessern. Der Kapitalismus, sogar auf seiner rechten Flanke, „vergesellschaftet die Bank“, wenn sie sich in Gefahr befindet. De Gaulle, Hitler, Franco, und weitere Figuren der extremen Rechten schufen mächtige Staatsbanken. Bush ergriff in der Krise 2007-2008 radikale staatliche Interventionen gegenüber gewissen Banken, was den mittlerweile verstorbenen venezolanischen Präsidenten Chavez im Delirium veranlasste, Bush als Genossen zu bezeichnen und mit Lenin zu vergleichen.
Was das Versprechen eines „Plans der garantierten Anstellung“ betrifft, das an Luft verlor, je mehr sich Syriza der Macht näherte (aus den ursprünglich 300‘000 versprochenen neuen Stellen, sind inzwischen 15‘000 geworden), können wir die Ernsthaftigkeit der neuen Regierung in ihrer Politik gegenüber den Staatsangestellten sehen: Das Programm der Bestandesaufnahme, das die frühere Regierung erstellt und das Lohneinbußen, die Versetzung auf schlechtere Stellen oder sogar in die „Arbeitsreserve“ vorgesehen hat, was nur eine versteckte Form der Kündigung ist, ist nicht etwa außer Kraft gesetzt worden, sondern soll „gewissenhaft umgesetzt“ werden, wie der neue zuständige Minister versichert und dabei zudem angekündigt hat, dass die Löhne im öffentlichen Dienst weiterhin eingefroren bleiben.
Hinsichtlich der Bezahlung der gewaltigen griechischen Schulden betreibt Syriza im Stile eines echten Pokerspielers eine Bluff-Strategie. Mit dem Ziel des Stimmenfangs begann sie mit ultra-radikalen Positionen. Aber schon während der Wahlkampagne dämpfte sie die Parolen langsam ab. Im dem Maße, wie der Wahlsieg wahrscheinlicher wurde, gab es neue Abstriche. Nun, wo die Herren an der Regierung sind, verwässern sie ihren Wein noch mehr, bis er keine Farbe mehr hat. So ging es zuerst um die totale Weigerung, die Schuld zu bezahlen, später sprachen sie von einem Schuldenerlass, noch später von einem teilweisen Erlass, und schließlich schlagen sie einen Umtausch der Schulden in Dauerschuldscheine und andere Instrumente der „Finanzingenieure“ vor, was ziemlich dem Brady-Plan ähnelt, den die US-amerikanische Regierung in den 1980er Jahren gegenüber der argentinischen Schulden umsetzte und der berüchtigt wurde wegen der grausamen Angriffe, die er für das Leben der Arbeiter_innen in diesem Land bedeutete.
Die Schwierigkeiten des Proletariats
Das Proletariat erleidet in der gegenwärtigen Situation einen Verlust an Klassenidentität, an Selbstvertrauen. Zu dieser tiefen Schwäche, die nicht einfach durch die Erfahrung einer neuen Kampfwelle aufgehoben werden könnte, kommt eine Reihe von politischen, ideologischen Angriffen des „Linkspopulismus“ hinzu, die das Werk der „Rechtspopulisten“ vervollständigen. Syriza in Griechenland, Podemos in Spanien, Die Linke in Deutschland, die Linksfront in Frankreich etc. nutzen diese Schwäche unserer Klasse aus und sprechen systematisch vom „Volk“, den „Bürgern“, um schamlos die Nation zu verteidigen als „Gemeinschaft derer, die auf dem gleichen Boden geboren“ worden sind …
Mit dieser Propaganda nutzen sie nicht nur wie Aasgeier die Schwierigkeiten des Proletariats aus, sondern streuen auch noch Salz in seine Wunden, ziehen Schranken hoch, welche die Rückgewinnung der Klassenidentität, des Selbstvertrauens der Arbeiter_innen noch mehr erschweren. Die Aufgabe, die vor uns steht, ist die Entlarvung der Lügen dieser neuen antiproletarischen Apparate, indem wir die wirklichen Positionen unserer Klasse vertiefen.
G, 15.02.15
[1] SYRIZA ist die Abkürzung für „Koalition der Radikalen Linken“ auf Griechisch.
[2] Resolution zur internationalen Lage von unserem 20. internationalen Kongress (2013), Internationale Revue Nr. 51, https://de.internationalism.org/20-Kongress-der-IKS-Resolution-zur-inter... [813]
[3] A.a.O.
[4] A.a.O.
[5] A.a.O.
[6] Syriza in Griechenland oder PODEMOS in Spanien stellen sich als Protagonisten einer „neuen Politik“ dar, die ehrlich, den „Bürgern“ verpflichtet und weit entfernt von den Manövern und Schleichwegen des üblichen Polit-Establishments sein soll. Ein Beweis dafür, dass diese „guten Absichten“ ein Betrug sind, lieferte Syriza, als sie sich 2012 als Partei registrieren ließ, um von der Prämie von 50 zusätzlichen Abgeordneten profitieren zu können, die gemäß griechischem Wahlgesetz derjenigen Partei winkt, welche die Wahlen gewinnt – unter der Voraussetzung allerdings, dass es sich dabei nicht um eine Koalition handelt. Das ist ein schlagender Hinweis auf die moralische Haltung der Herren von Syriza.
Ein Text der ehemaligen Mitglieder der Sektion der IKS in der Türkei mit dem Titel „Unser Austritt aus der Internationalen Kommunistischen Strömung“ ist seit kurzem auf ihrer neuen Website https://palebluejadal.tumblr.com/ [816] veröffentlicht.
Die IKS bedauert, dass diese Genossen verfrüht ausgetreten sind und nicht auf unsere wiederholte Aufforderung ihre Kritiken in geduldiger Weise innerhalb der Organisation darzulegen eingegangen sind, so wie es der geschichtlichen Tradition der Kommunistischen Linken entspricht. Wir bedauern ebenfalls, dass diese Genossen unsere Einladung für den kommenden Internationalen Kongress der IKS – dem höchsten Organ unserer Organisation – abgelehnt haben, um dort den anderen Genossen ihre Kritiken zu präsentieren und zu versuchen sie davon zu überzeugen.
Wir müssen klar aussprechen, dass nebst der fehlenden Verantwortung für die politische Debatte innerhalb der Organisation und einem Austritt ohne genügende vorgängige Klärung, der jetzt veröffentlichte Text eine Menge von Darstellungen enthält, die den Eindrücken der anderen Mitglieder der IKS entgegengesetzt sind.
Die IKS wird in einigen Wochen detailliert auf diesen Text antworten.
Wir rufen die ehemaligen Mitglieder der Sektion in der Türkei erneut zu einer ernsthaften Debatte mit uns auf.
IKS
Am 12. und 19. April kenterten im Mittelmeer zwei überladene Boote mit Flüchtlingen, welche versuchten, ihrer Lebensmisere zu entfliehen, und nahezu 1’200 Menschen ertranken. Solche Tragödien wiederholen sich seit Jahrzehnten: In den 1990er Jahren war die gut bewachte Straße von Gibraltar das Grab für viele Flüchtlinge. Seit dem Jahr 2000 sind 22’000 Menschen beim Versuch, Europa über das Meer zu erreichen, verschollen. Seit dem Drama von Lampedusa im Jahr 2013, wo 500 Menschen umkamen, sind die Zahl der Flüchtlinge und die fatalen Folgen dieses Stroms stetig angeschwollen. Mit 22’000 Überquerungen und 3500 Toten hatte das Jahr 2014 alle Rekorde übertroffen. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres 2015 forderte das Meer bereits das Leben von 1800 Flüchtlingen (alles gemäß offiziellen Zahlen).
In den letzten Jahren konnte man eine Art Industrialisierung des menschlichen Flüchtlingsstroms beobachten. Die Erzählungen der Geflüchteten zeichnen ein Bild von zahlreichen Flüchtlingslagern, von Menschen, die Kriegsgebiete durchqueren müssen, von Misshandlungen, Vergewaltigungen, Sklaverei. Die Brutalität und der Zynismus der Menschenschmuggler scheint keine Grenzen zu haben. Die Flüchtlinge haben keine Wahl, als all dies über sich ergehen zu lassen, um dann in Europa weiter gedemütigt zu werden und als „Bürde“ gestempelt zu sein – so ein verächtlicher Ausdruck des Chefs der Operation Triton, welche angeblich dazu dient, die Flüchtlinge auf hoher See zu „retten“.
Wenn Menschen es auf sich nehmen, durch eine solche Hölle zu gehen, dann nur, weil sie vor noch Schlimmerem flüchten. Die Gründe für die anwachsende Flüchtlingswelle liegen in den unerträglichen Lebensbedingungen in immer mehr Gebieten der Welt. Diese Bedingungen sind nicht neu, doch sie verschlimmern sich stetig. Hunger und Krankheiten und vor allem eine Gesellschaft, die in sich verfault, treibt die Menschen in die Flucht: der zunehmende Zerfall in Afrika und im Nahen Osten mit seinen endlosen Konflikten, die permanente Unsicherheit, die Herrschaft von bewaffneten Banden, Erpressung, Massenarbeitslosigkeit.
Die Großmächte, getrieben von der Logik eines zunehmend irrationalen und mörderischen Kapitalismus, in welchem sie ihre imperialistischen Interessen mit schmutzigsten Methoden verteidigen, tragen eine Hauptverantwortung für die verheerende Situation in vielen Teilen der Erde. Das Chaos in Libyen ist eine Karikatur davon: westliche Bomben haben einen Tyrannen durch ein Regime von gesetzlosen Milizen ersetzt. Dies zeigt genau die Perspektive, die der Kapitalismus der Menschheit zu bieten hat, wenn durch das Auseinanderbrechen des Landes der Boden geschaffen wird für das Wuchern von skrupellosen Menschenschmugglerbanden, welche oft verbündet sind mit imperialistischen Akteuren: mit mafiösen Cliquen, Jihadisten und sogar selbsternannten Regimen, die alle gegeneinander kämpfen.
In der Phase der Dekadenz des Kapitalismus sind die Großmächte Festungen gegen die Migranten geworden
So wie das Überqueren des Mittelmeers ist die Entwurzelung in die Geschichte der Arbeiterklasse geschrieben. Seit Beginn des Kapitalismus wurden Teile der im Mittelalter gewachsenen ländlichen Bevölkerung von ihrem Land getrennt, sie sollten die erste Quelle der menschlichen Arbeitskraft für den Produktionsprozess in den Manufakturen bilden. Sie waren oft Opfer von brutalen Enteignungen, diese Unterklassen des feudalen Systems, zu zahlreich, um vom entstehenden Kapitalismus aufgenommen zu werden, und sie wurden wie Kriminelle behandelt: „Die Gesetzgebung behandelte sie als „freiwillige“ Verbrecher und unterstellte, dass es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr existierenden alten Verhältnissen fortzuarbeiten“ (Marx, Das Kapital, Bd. 1, 24. Kapitel, 3. Abschnitt). Mit der Entwicklung des Kapitalismus erzeugte der wachsende Bedarf an Arbeitskräften zahlreiche Wellen der Migration. Im 19. Jahrhundert, als der Kapitalismus in seiner aufsteigenden Phase war, gingen Millionen von Migranten den Weg in die Ferne, um dort die Fabriken zu füllen. Mit dem historischen Niedergang des Systems, der durch den Ersten Weltkrieg seinen ersten Ausdruck fand, wurde die Verschiebung von Menschen nicht gestoppt, sondern nahm eher noch zu. Imperialistische Kriege, Wirtschaftskrisen, Klimakatastrophen – es gibt zahlreiche Gründe für den Versuch, der Hölle zu entfliehen.
Dabei sind die Migrant_innen in der Gegenwart, wo die permanente Krise des kapitalistischen Systems vorherrscht, ständig mit dem Problem konfrontiert, dass das Kapital nicht mehr so viel zusätzliche Arbeitskraft braucht. Gleichzeitig gibt es eine lange Reihe von Hindernissen, welche die Regierungen aufstellen mit ihren Gesetzen und ihrer Polizei, und diese Hindernisse haben über Jahre nach und nach zugenommen: limitiertes Bleiberecht, Abschiebung, öffentliche und private Belästigungen, Verfolgung durch die Polizei, Luft- und Seepatrouillen an den Grenzen und auch Internierungslager. Diese Hindernisse verfolgen ein klares Ziel: Die Immigrant_innen davon abzuhalten, in die 'meistentwickelten' bzw. 'bessergestellten' Länder zu gelangen. Es gibt dazu auch Vergleiche in der Geschichte: Vor dem Ersten Weltkrieg, als die USA bestrebt waren, ihre Produktivität zu vergrößern, waren sie als Einwanderungsland trotz strengen Einreisekontrollen das Symbol der Verheißung und des Asyls. Heute ist die Grenze zu Mexiko durch einen gigantischen Wall beschützt. Auch das demokratische Europa entkommt dieser gegenwärtigen Dynamik keineswegs. In den 1980er Jahren hatte das für seine Demokratien gerühmte Europa begonnen, eine Kriegsflotte im Mittelmeer aufzubauen. Dabei wurde ohne weiteres mit dem sogenannten "Revolutionsführer" Muammar Gaddafi kollaboriert. Auch seine Verbündeten: "Seine Majestät" der König von Marokko oder der "Präsident auf Lebzeiten", der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika, waren an dieser Kollaboration beteiligt. Diese Zusammenarbeit verfolgte das klare Ziel, die Flüchtlinge in die Wüste zurückzuschicken. Während die europäische Bourgeoisie triumphierend den 'Eisernen Vorhang' niederriss, errichtete sie an verschiedenen Orten neue unbezwingbare Mauern. Auch die Heuchelei rund um den freien Personenverkehr kann in diesem Kontext gesehen werden. Diejenigen, die den Grenzübertritt überleben, werden von Polizeikontrollen und Erniedrigungen empfangen und in abscheuliche Internierungslager gesteckt. Hinter den ab und zu vergossenen Krokodilstränen steckt ein grenzenloser Zynismus – vergleichbar mit dem der Schlepper.
Im Mittelmeer kentern überfüllte Boote, und dabei ertrinken Hunderte Passagiere. Diese Situation dauert schon Jahre – nicht erst seit dem April 2015. Man fragt sich: Warum dieser Medienrummel in diesem Moment?
Es passt zur Logik der 'ideologischen Vergiftung', zu welcher jede Fraktion der Bourgeoisie aufruft. Während die Staaten in wahrhafte Festungen umgebaut werden, wird eine abscheuliche ausländerfeindliche Ideologie verbreitet. Dabei werden die "Ausländer" für die Auswirkungen der Krise verantwortlich gemacht und als kriminelle Banden dargestellt, welche die öffentliche Ordnung untergraben. Die oft sehr hysterisch und populistisch geführten Kampagnen versuchen, das Proletariat zu spalten. Dies mit dem Ziel, dass sich die Arbeiterklasse mit der eigenen Nation und im speziellen mit ihrer herrschenden Klasse identifiziert. Solche Kampagnen bauen auf der entschlossen verteidigten Idee auf, dass die Teilung der Menschheit in Nationen etwas "normales", "natürliches" und "angeborenes" sei. Der heuchlerische Versuch, zwischen „guten“ und „schlechten“ Ausländern zu unterscheiden, ist Teil dieser Logik: Die als „gut“ Beurteilten sind brauchbar für die nationale Ökonomie, die als „schlecht“ Verurteilten haben mit dieser Bürde als Stigmatisierte zu leben.
Man sieht an den Solidaritätsbekundungen von Arbeiter_innen in Italien für die Migrant_innen, welche die Küste von Sizilien erreicht haben, dass ein großer Teil des Proletariats empört ist über das Schicksal, in das die Bourgeoise die Immigrant_innen stößt. Wer aber könnte diese berechtigte Reaktion besser kanalisieren und in Sackgassen lenken als die anerkannten Experten für solche Angelegenheiten: der linke Teil des bürgerlichen Apparats? Diese so genannten "Freunde der Bevölkerung" verhindern die wirkliche Empörung und schieben die Arbeiter_innen in die Krallen des kapitalistischen Staates. Die Nicht-Regierungs-Organisationen, sogenannte NGOs, arbeiten einmal mehr als Zudiener des Imperialismus. Die NGOs haben energisch militärische Antworten gefordert - und dies im Namen der Menschenrechte. Nach den "humanitären Kriegen" in Afrika (Libyen, Mali etc.) haben wir nun die "Grenzkontrollen im Namen der Wohltätigkeit"! Welche abscheuliche Heuchelei. In Frankreich hat die trotzkistische Gruppe 'Lutte Ourvrière' diesen Ansatz in einem Artikel sehr gut zum Ausdruck gebracht: "Das kapitalistische Europa treibt die Immigranten in den Tod"1: „Durch die Reduzierung der Anzahl der Patrouillenboote und der Regelmäßigkeit der Fahrten haben die Regierungen der EU die Entscheidung getroffen, die „Überquerenden“ sich selbst zu überlassen. Das ist die Politik der ‚Unterlassung der Hilfeleistung für Menschen in Gefahr’. Achtzehn Kriegsschiffe und zwei Helikopter wurden zum Schauplatz des Dramas geschickt, zu spät und erst nach dem Ertrinken. All das erhöht die Schmach der selbsternannten Retter.“ Mit anderen Worten, die bourgeoise Partei, die sich selbst marxistisch nennt, ruft nach mehr Kriegsschiffen, um die Immigrant_innen zu „retten“. Dafür instrumentalisiert die Bourgeoisie ihre Hekatombe (Opferstätte), um ihre eigene Vorstellung der Repression gegen die Migrant_innen zu bekräftigen, und sie verschafft sich die Mittel, die für die Einheit Frontex verwendet werden. Diese Truppeneinheit leitet die Koordination des Grenzschutzes der Staaten Europas gegen die Migrant_innen und die Operationen auf dem Territorium: Patrouillen, Razzien im großen Stil, Durchsuchungen, Verhaftungen, Fichierung. Es scheint, dass die Bourgeoisie alles organisiert hat, um den Migrant_innen zu „helfen“. Luftangriffe in Libyen sind dabei auch vorgesehen! Hinter all dem versucht die Bourgeoisie, eine bedrohliche Atmosphäre zu schüren, in der es möglich ist, die polizeiliche Repression gegen die Arbeiterklasse einzusetzen.
Truth Martine, 5.5.15
1 Lutte Ouvrière 2438, Wochenzeitung, 24.4.15, Editorial
„Syrien erlebt täglich neue Massaker. Das Land ist nur eine weitere Bühne des imperialistischen Krieges in Nahost. Nach Palästina, Irak, Afghanistan und Libyen ist nun Syrien an der Reihe. Leider stellt sich in dieser Situation eine sehr beunruhigende Frage: Was wird demnächst geschehen? Der Nahe Osten scheint sich am Rande eines Flächenbrandes zu befinden, dessen Ende kaum absehbar ist. Hinter dem Krieg in Syrien steht der Iran im Fokus der imperialistischen Ängste und des imperialistischen Heißhungers, doch alle großen imperialistischen Banditen sind bereit, ihre Interessen in der Region zu verteidigen. Dies ist eine Weltregion im Kriegszustand – es droht ein Krieg, der irrationale und vernichtende Konsequenzen für das gesamte kapitalistische System haben könnte.“ So begann der Artikel „Die Gefahr einer imperialistischen Katastrophe in Nahost“ in der Internationalen Revue Nr. 149 (engl., franz., span. Ausgabe), der fast auf den Tag genau vor drei Jahren geschrieben worden war. Seither haben sich die Militarisierung und der Zerfall des Nahen Osten noch weiter verschärft, und die Gefahr eines allgemeinen Flächenbrandes ist größer denn je.
Wir befinden es mittlerweile im fünften Jahr eines imperialistischen Krieges in Syrien, in dem die Großmächte Amerikas, Frankreichs, Großbritanniens und Russlands gemeinsam mit Regionalmächten wie den Iran, Saudi-Arabien, Jordanien, Israel, etc. verstrickt sind. Statt dass sich irgendein Ende andeutet, verschärft sich dieser Konflikt. Krieg und Instabilität verbreiten sich immer weiter und tiefer, und ein besonders markanter Ausdruck der kapitalistischen Irrationalität und des Zerfalls, der Islamische Staat und sein Kalifat, wird sogar noch stärker. Gerade einmal ein paar Hundert seiner Kämpfer haben Tausende von irakischen Soldaten und schiitischen Milizen dabei aufgehalten, die irakische Stadt Tikrit – die laut des Pentagons am 14. April noch „umkämpft“ (The Guardian, 15.4.15) war – zurückzuerobern; im irakischen Mossul und im syrischen Rakka wird der IS noch stärker, zudem breitet er sich auf weitere Gebiete aus. Ende März nahmen die dschihadistischen Kräfte von al-Nusra Syriens zweite Provinzhauptstadt, Idlib, ein, nur ein paar Tage nachdem al-Nusra mit der Hilfe israelischen Militärinterventionen, die den Dschihadisten de facto in die Hände spielen, die antike römisch-arabische Kapitale Bosra al-Sham im Daraa-Distrikt eingenommen hatte. In einigen Fällen haben al-Nusra und der IS miteinander kooperiert, doch solche Kooperationen sind angesichts des allgemeinen Misstrauens und des Konfliktes „jeder gegen jeden“ zerbrechlich. Ähnliche Ausdrücke haben sich im riesigen palästinensischen Flüchtlingslager von Jarmuk am Rande Damaskus‘ manifestiert, als al-Nusra den Weg für den Vormarsch des mörderischen IS in diese Enklave ebnete, deren Bewohner bereits das Opfer einer zweijährigen Belagerung und des Hungers waren und die ihrerseits einen Mikrokosmos des allgemeinen Verfalls darstellt. In Jarmuk zeigten sich starke Gegentendenzen zu jeglicher dschihadistischen Kooperation. Diese Allianzen innerhalb der vielen sunnitischen Fraktionen sind selbst sehr anfällig und mit vielen Fraktionen belastet, die ihre eigenen Rivalen oft mehr hassen als die Schiiten. In Jarmuk bricht gerade ein Drei- oder Vierfrontenkrieg aus. Der IS hat sich unter dem militärischen Druck von al-Nusra ein Stück weit zurückgezogen; palästinensische Pro-Assad-Kräfte sind genauso verwickelt wie die gegen die Regierung eingestellte sunnitische Dschihadisten-Gruppe von Aknaf Beit al-Maqdes (der Mudjahedin Shura-Rat in der Umgebung von Jerusalem – auch auf der Sinai-Halbinsel aktiv), die sowohl vom IS als auch von al-Nusra gehasst wird. Die ersten Scharmützel sind bereits ausgebrochen. Die giftige Atmosphäre der kapitalistischen Desintegration durchdringt mit den vielfältigen religiösen Fraktionen und ihren Abspaltungen die Gesellschaft und generiert Hass, Misstrauen und Pogrommentalität.
Der IS hat sich trotz der Intervention des ägyptischen Militärregimes auch in Nordafrika ausgebreitet, in den von den USA, Großbritannien und Frankreich destabilisierten Weiten Libyens und auf dem noch immer instabilen Sinai. All dies bedeutet, dass es infolgedessen weitere mögliche terroristische Anschläge in Europa und darüber hinaus geben wird – eine Frage, zu der wir später zurückkehren werden. Mittlerweile reicht diese Flut des Zerfalls, angefeuert von der Instabilität und den Waffen Libyens, der massiven Arbeitslosigkeit in der gesamten Region und der irrationalen religiösen Ideologie, die inmitten eines allgemeinen Zusammenbruchs der kapitalistischen Gesellschaft um sich greift, bis zu den mit al-Qaida verknüpften Gruppen Ost- und Westafrikas, Boko Haram in Nigeria und al-Shabab in Kenia, die Krieg und Terror sowohl inner- wie außerhalb der Grenzen ihrer Länder verbreiten. Die betroffenen Länder hier sind Somalia, Südsudan (wo chinesische Soldaten anwesend sind), Kamerun – deren von den Israelis ausgebildeten schnellen Interventionskräfte zurückschlagen – und der Tschad, dessen Antiterror-Spezialkräfte mit britischen Ausbildern und französischen Spezialisten zusammenarbeiten. Die Kräfte des französischen Imperialismus sind schon vor und erst recht nach den Pariser Anschlägen verstärkt worden; Anschläge, die von Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) angezettelt wurden.
Jetzt schon bedeutet der Aufstieg des Dschihadismus eine beispiellose Spirale der Gewalt und Zerstörung in Nahost und Afrika. Um zum Beispiel die syrische Grenzstadt Kobane dem IS zu entreißen, wo die Kämpfe bis heute in den Dörfern der Umgebung fortdauern, mussten der Westen und seine kurdischen Kämpfer die Stadt dem Erdboden gleichmachen, und dasselbe scheint auch im irakischen Tikrit zu geschehen: Der verbrannten Erde und dem Terror des IS begegnet der Westen und seine Verbündeten mit… verbrannter Erde und Terror, und dies wird immer mehr zum Leitthema in dieser ganzen Kette von Kriegen. Die Verwüstungen in der Region sind nahezu unermesslich. Während die heuchlerischen Demokraten Großbritanniens, der USA und Frankreichs wie auch die UN-Räuberhöhle die Zerstörung antiken Kulturstätten durch den IS anprangern, sind ihre eigenen Militärjets oder jene ihrer „Verbündeten“ kaum weniger zerstörerisch. All diese Verwüstungen in Nahost und Afrika, der Zusammenbruch oder die Errichtung festungsähnlicher Grenzen, das Elend der gigantischen Zahlen von Flüchtlingen und entwurzelten Familien, die damit einhergehen, sind zu groß, um hier eingehend behandelt zu werden. Doch so grauenvoll sie sind, wir werden auch auf diese Frage in Zukunft zurückkehren müssen. Trotz der Luftschläge gegen ihn ist der IS wegen der Art und Weise seiner Kampfführung eine beeindruckende Kraft und bleibt eine wachsende Bedrohung. Der sachkundige Patrick Cockburn schrieb am 20.2.2015 in The Independent: „Der Islamische Staat ist ganz und gar nicht dabei, etwa aufgrund der wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung innerhalb seiner Grenzen zu implodieren. Seine Feinde mögen seine Ambitionen, ein realer Staat zu sein, verspotten, aber in puncto seiner Fähigkeit, Truppen auszuheben, Steuern einzutreiben und seine brutale Variante des Islam durchzusetzen, ist er stärker als viele seiner Nachbarn in der Region.“
Das Beispiel von Tikrit zeigt, wie schwierig es sein wird, den IS zu vertreiben, ganz zu schweigen davon, ihn zu besiegen. Hier hielten gerade einmal ein paar Hundert Dschihadisten einem koordinierten Angriff irakischer Spezialkräfte und schiitischer Milizen wochenlang stand, und auch wenn Bagdad behauptet, es hätte Tikrit eingenommen (The Guardian, 1.4.15), kontrolliert der IS noch immer Teile der Stadt so wie auch die Provinzen von Anbar und Nineveh. Der Angriff scheint einige Verwicklungen zwischen der irakischen Regierung, den USA und den vom Iran unterstützten schiitischen Milizen verursacht zu haben, mit dem Ergebnis, dass die US-Luftschläge gesteigert und die iranischen Kräfte de facto unterstützt wurden.1 Und genau dieses Verhältnis zwischen Amerika und dem Iran sorgt dafür, dass die amerikanischen Verbündeten, die sich nach dem Zusammenbruch des alten Blocksystems des Kalten Krieges und mit dem Aufkommen der Tendenzen des Jeder-für-sich ohnehin mit den USA zerstritten haben, äußerst konsterniert und alarmiert sind – nicht zuletzt in Israel und Saudi-Arabien.
Es hat faktisch bereits einige Elemente einer Annäherung zwischen den beiden im Krieg gegen den IS sowohl im Irak als auch in Syrien gegeben. Der Aufstieg des IS hat die Kriegsmaschinerie der USA in ein noch größeres Dilemma gestürzt. Würde das Assad-Regime geschlagen werden, wäre für den IS das Tor nach Damaskus offen. Dies wurde erst kürzlich ausdrücklich von CIA-Direktor John Brennan anerkannt, als er sagte, er wolle keinen Zusammenbruch des Assad-Regimes (Middle East Eye, 14.3.15), Worte, die einige Tage später bei US-Außenminister Kerry anlässlich der Atomverhandlungen mit iranischen Offiziellen auf Widerhall stießen. Die Spannungen zwischen den USA und Israel, insbesondere der Netanjahu-Clique, die schon seit geraumer Zeit wegen des immer noch ruinierten Gazastreifens und des zunehmenden Siedlungsbaus schwelen, sind öffentlich übergekocht und haben ähnliche Ausmaße erreicht wie 1992, als Präsident Bush mit Präsident Yitzhak Shamir einen Streit wegen des Siedlungsbaus vom Zaun brach. Doch die gegenwärtige Lage scheint weitaus ernster zu sein, fühlen sich die Israelis doch hintergangen und verletzlich infolge dessen, was einige israelische Politiker „Schwerpunktverlagerung nach Persien“ nannten (nach Obamas so genannter „Schwerpunktverlagerung nach Asien“). Assad oder IS, Israel oder Iran, Pest oder Cholera, dies ist das unlösbare Dilemma, mit dem es die US-Außenpolitik zu tun hat, deren Sackgasse im Grunde die Sackgasse des gesamten globalen Netzwerkes der imperialistischen Bündnisse und Rivalitäten ist.
Wenn die Israelis über eine Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den USA und dem Iran besorgt sind, Beziehungen, die faktisch bereits in den späten 1970er Jahren existierten, als der Schah von Persien der Hilfspolizist der USA und Großbritanniens in der Region war, dann gilt dies auch für die Saudis, deren Besorgnisse ein Hauptantrieb für ihr gegenwärtiges Abenteuer im Jemen sind. Die iranische islamische „Revolution“ 1979, die den Schah absetzte, war mit ihren „Appellen an die Unterdrückten“ - eine Waffe des iranischen Imperialismus, um einen Vorteil gegenüber seinen lokalen Rivalen zu erlangen - eine Bedrohung für Saudi-Arabien. Von da an fiel der Iran aus der Gunst des Westens, und unabhängig davon, aber zur gleichen Zeit förderte das saudische Regime einen kompromisslosen wahhabitischen Islam, um extrem anti-schiitische Ressentiments zu schüren2. Besorgt über eine mögliche iranische Nuklearkapazität, hat das saudische Fürstenhaus seine eigenen nuklearen Ansprüche deutlich gemacht, und es scheint aus Gesprächen, die bereits stattgefunden hatten, hervorzugehen, dass Pakistan bereit wäre, Saudi-Arabien mit Nuklearkapazitäten auszustatten (The Guardian, 11.5.10: „Die pakistanische Bombe und Saudi-Arabien“). Der Nahe Osten plus ein nukleares Wettrüsten! Dies ist jetzt sehr wohl möglich.
Ein anderer Faktor in einer US-iranischen „Achse“ – und wir sind immer noch um einiges davon entfernt, auch wenn es ein Abkommen über Irans Atomprogramm gibt – ist, dass Russland, Irans Hauptverbündeter wie auch Assads Unterstützer, einen ernsten Rückschlag erleiden würde. Es würde weiter aus seiner globalen Präsenz herausgedrängt werden, umzingelt und eingezwängt in seine Kerngebiete, was Europa zu einem noch gefährlicheren Platz machen würde angesichts der steigenden Gefahr durch den russischen Imperialismus, der längerfristig auszubrechen versuchen wird.
Selbst für die Verhältnisse in Nahost, seine Irrationalität, die mutwillige Zerstörung, für die ständigen, sich zuspitzenden imperialistischen Machenschaften und Kriege wird mit dem saudischen Angriff auf den Jemen ein neuer Grad an surrealer Absurdität erreicht: Die Saudis führen eine sunnitisch-islamische Koalition von zehn Nationen in einem Angriff gegen den Jemen an, einschließlich der nicht-arabischen Atommacht Pakistan. Lokale Gangster wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Katar sind beteiligt, aber auch der ägyptische Diktator al-Sisi und die völkermörderische Clique von Sudans al-Bashir. All diese Despoten werden von den USA und Großbritannien gestützt, die der Koalition „logistische und geheimdienstliche“ Unterstützung angeboten haben. Die Stärke dieser Koalition ist unklar, wenn man bedenkt, dass der Oman sich geweigert hat, sich ihnen anzuschließen, Katar schwankt und Pakistan die Koalition schnell wieder verlassen hat.
Die Lage im Jemen ist weitaus komplexer, als auf dem ersten Blick anmutet. Es geht nicht nur darum, dass eine Koalition von Sunniten einen schiitischen Verbündeten des Irans angreift – schwerwiegend genug, aber es reicht noch darüber hinaus. Dieses Land ist angesichts seiner Lage ein weiteres Afghanistan, wie britische, französische und andere imperialistische Mächte zu ihrem Leidwesen in der Vergangenheit erfahren mussten. Jemen ist das ärmste Land in der arabischen Welt. Es gibt geschätzte zehn Millionen Kinder, die sich am Rande einer Unterernährung befinden; die Korruption wuchert wild. Dieses Land, das keine ernsthafte ethnische Zwietracht in seiner Geschichte gekannt hat, wird in den letzten Jahren von Imperialismus und Krieg bis aufs Mark zerfressen; und ein Ende ist nicht in Sicht. Im letzten September nannte US-Präsident Obama den Einsatz von US-Drohnen im Jemen eine „Erfolgsgeschichte“, gar ein „Modell“.3 Der Jemen und sein leidgeprüftes Volk sind im Begriff, eine neue Runde von Spannungen und Zerstörungen zu erleiden, die nach aller Wahrscheinlichkeit lediglich die Stellung von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel und den IS stärken werden. Obwohl diese beiden Gruppierungen anderswo koexistierten oder zusammenarbeiteten, ist dieses Einvernehmen äußerst anfällig; im Jemen gehen sich im Moment die Huthis, die AQAP, der IS und das von den Saudis gestützte Rumpfregime gegenseitig an die Kehle. Das Jeder-für-sich-selbst erreicht hier neue Dimensionen, wenn selbst die dschihadistischen „Terroristen“, gelegentlich von einigen Staaten gestützt, sich gegenseitig bekämpfen – und es gibt (und gab) ähnliche Geschehnisse auch in Syrien.
Die Huthi-Rebellen, die nun so stark im Jemen geworden sind, stammen von der Zaidi-Sekte ab – ein obskurer Zweig des schiitischen Islam aus dem al-Huthi-Clan im Norden des Landes, wo dieses Volk seit Jahrtausenden lebt. Die Sekte wurde Anfang der 1990er Jahre als eine, den Berichten zufolge, friedliche Erweckungsbewegung in die Welt gesetzt, die sich „Gläubige Jugend“ nannte. Wie so viele andere radikalisierte sie sich durch die vom Westen angeführte Invasion des Irak 2003. Die Iraner nannten dies die „Ansarullah“-Revolution und haben ihr sicherlich einigen Beistand geleistet, doch insgesamt gesehen war ihre Hilfe nur von geringem Umfang; die Huthis sind keine simplen Schachfiguren Teherans. Es gibt hier langjährige Verbindungen zwischen den Schiiten und dem Iran sowie zwischen den Saudis und den Sunniten, doch erst kürzlich, mit dem Verrotten der gesellschaftlichen Bande und dem allgemeinen Zusammenbruch durch den kapitalistischen Zerfall, fielen diese Spaltungen und ihre staatlichen Manipulationen zusammen.
Die Huthis haben zuvor die Regierungskräfte des von den USA und Saudi-Arabien gestützten Präsidenten Saleh genauso wie die AQAP bekämpft. 2012 trat Präsident Saleh zurück, und nun unterstützten er, sein Sohn und hunderttausend Soldaten von ihm den Vormarsch der Huthis, ein Vormarsch, der auch durch die Verzweiflung und das Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen erleichtert worden war. Der erst neulich installierte jemenitische Präsident Hadi, der von den Saudis und vom Westen gestützt wurde, floh vor dem Huthi-Vormarsch, der sich in Richtung Aden bewegte, wo einige ihm günstig gestimmte Kräfte geblieben waren. Es wird berichtet, dass er sich in Riad aufhält. Hadis besondere Beziehung zu den Sunniten ist in Saudi-Arabien ungesetzlich, was eine weitere Wendung in dieser Geschichte ist. Botschaften wurden geschlossen, und auch US-Soldaten flohen vor den vorrückenden Huthis, die, wie berichtet wurde, zudem Militärgeräte der USA im Wert von einer halben Milliarde Dollar erbeuteten. Ein weiterer Faktor des Jeder-für-sich-selbst hier ist, dass das Bündnis des Ex-Präsidenten Saleh mit den Huthis bestenfalls wacklig ist; einige seiner Soldaten wurden abtrünnig und liefen zu den Saudis über, um den Luftangriffen auf ihre Quartiere zu entkommen. Dies deutet die Möglichkeit an, dass sich seine Armee gegen die Huthis wendet und zu den Saudis und seinen früheren westlichen Unterstützern überläuft.
Einige Journalisten,4 die über den Nahen Osten schrieben, haben die Komplexität wie auch die Gefahren eines sich entfaltenden Krieges im Jemen bemerkt. Sie nennen es „vielschichtig“, was eine angemessene Beschreibung des Zusammenbruchs ist. Da gibt es die Huthis, die nun aufgerüstet werden, nicht dank der Liebenswürdigkeit der Iraner, sondern jener der USA; die AQAP – deren Filiale hier seit fünfzehn Jahren von tödlicher Effektivität gegen westliche und lokale Ziele war; der IS, der letztes Jahr die Eröffnung seiner jemenitischen Niederlassung verkündete und hinter dem Bombenanschlag am 21. März gegen eine Moschee steckte, der über einhundert schiitische Huthis tötete; das niedergehende Rumpfregime der von den Saudis gestützten sunnitischen Kräfte und eine westliche Seeküste, die teilweise von Piraten und Warlords dominiert wird. Und in dieses Inferno hinein will Saudi-Arabien bombardieren und eine Invasionsstreitmacht entsenden! Saudi-Arabien mobilisiert offensichtlich 150.000 Soldaten und Artillerie, um den Jemen anzugreifen. Die militärischen, ökonomischen und geostrategischen Dimensionen des Konflikts im Jemen, mit dem Roten Meer und dem Suezkanal an dem einen Ende und dem Golf von Aden am anderen, woran sich die jemenitische Meerenge von Bab-el-Mandeb anschließt, sind denselben Journalisten durchaus nicht entgangen; ein weiterer Grund, warum der Jemen solch eine wichtige Bühne für die imperialistischen Spiele ist. Saudische Militärjets haben nun begonnen, den Jemen zu bombardieren, wobei sie unvermeidlich Flüchtlingslager und zivile Bereiche in Mitleidenschaft ziehen. Die Saudis sind auch besorgt wegen ihrer eigenen Bevölkerung und der Stabilität ihres eigenen Landes, da die Krise sich überall verschärft; fast die Hälfte der saudischen Armee setzt sich laut Berichten aus Angehörigen jemenitischer Stämme zusammen.
Die von den Saudis geplante Invasion des Jemen erinnert an ihre Invasion des Bahrain 2011 während des „Arabischen Frühlings“ und unterscheidet sich gleichzeitig von ihr. Die Repression der Proteste durch die von den Saudis gestützte Regierung hatte die Unterstützung des Westens, bis hin zu gepanzerten Fahrzeugen aus Großbritannien. Wie die Israelis werden die Saudis alarmiert sein über die Stärkung des Iran im Irak und die notwendige Kooperation mit den USA. Die Saudis haben ihre jemenitischen Kriegspläne „Operation entscheidender Sturm“ genannt und sich dabei an die „Operation Wüstensturm“ der USA im Irak 1991 angelehnt, die unter anderem das Massaker an irakischen Wehrpflichtige und Zivilisten beim berüchtigten „Truthahnschießen“ (Turkey shoot) auf der Straße nach Basra umfasste. Im Jemen sind nun bereits Zivilisten bombardiert worden, so wie sie schon seit einiger Zeit von der einen oder anderen Fraktion bombardiert worden waren. Der Iran wird nicht glücklich sein über den Zug Saudi-Arabiens und wird sich der von Wikileak ans Tageslicht gebrachten saudischen Bitte an die Amerikaner gewahr sein, „der Schlange den Kopf abzuschneiden“ (Reuters, 29.11.10). Ob es eine amerikanisch-iranische Annäherung gibt oder nicht, die Spannungen und Kriege werden sich in dieser Region verschärfen. Dies ist die Zukunft, die der Kapitalismus dieser Region und letztendlich der gesamten Welt verheißt.
Boxer, 15.4.15
1 Man kann nicht viel von diesem Kram über „Argumente“, etc. glauben, besteht doch ihr Zweck darin, in die Irre zu führen, Maskirowka, d.h. bewusstes Lügen aus strategischen Gründen. Anfang des Jahres gab der Admiral des US-Flugzeugträgers George W. Bush, verantwortlich für die US-Luftschläge gegen den IS im amerikanischen Fernsehsender Channel 4 News zur Überraschung des Interviewers offen zu, seine Aktionen mit dem iranischen Oberkommando zu koordinieren. Es herrsche, sagte er, „ein professionelles Verhältnis“. Später stritt er seinen Kommentar ab.
2 In anderen Artikeln werden wir auf die Bedeutung des religiösen Fundamentalismus und der religiösen Spaltungen im Nahen Osten zurückkommen. Die imperialistischen Mächte in der Region und natürlich die mannigfaltigen sunnitischen und schiitischen bewaffneten Banden haben unübersehbar eine bedeutende Rolle beim Aufheizen der schiitisch-sunnitischen Spaltungen gespielt, die in der Vergangenheit von weitaus geringerem Belang waren. Doch die Verschlimmerung dieser Spaltungen sind ebenfalls „spontane“ Produkte des Zerfalls einer Gesellschaft, in der alle gesellschaftlichen Bande bersten und von der fauligen Atmosphäre des Verfalls und des Pogroms ersetzt werden.
3 Der Sunday Telegraph veröffentlichte kürzlich einen Artikel über einen UN-Report, der aufzeigt, dass 2011 Präsident Saleh, obwohl vom Westen und Saudi-Arabien gestützt, hohe Repräsentanten der AQAP traf und ihnen einen sicheren Rückzugsort im Süden des Lands zusicherte, wo sie vor seinen Truppenbewegungen geschützt waren. Dies ist typisch für die machiavellistischen Verhältnisse des kapitalistischen Zerfalls. Wie seinesgleichen prellten auch Saleh und seine Clique das Land um Milliarden Dollar.
4 Siehe zum Beispiel Nussalbah Younis in The Observer, 29.3.15, und Robert Fisk in The Independent, 28.3.15.
Nach vier Jahren des Krieges in Syrien und rund ein Jahr nach der Errichtung des „Kalifats“ des Islamischen Staates erleben wir eine neue Wendung angesichts einer Türkei, die, voll und ganz von den NATO-Kräften gestützt, in den Krieg tritt, indem sie ihre früheren dschihadistischen Verbündeten entsorgt und das Feuer auf ihre kurdischen „Friedenspartner“ richtet. Bis jetzt war die Türkei gegenüber den dschihadistischen Kräften zumindest äußerst tolerant gewesen; sie gestattete ihnen, ihre Grenzen zu überqueren, um den gemeinsamen Feind, das Assad-Regime in Syrien, zu bekämpfen. Führer des IS sind dabei gesichtet worden, wie sie offen in der Nähe türkischer Städte und Zufluchtsorte herumstolzierten. Seine verletzten Kämpfer haben Krankenhausbehandlung erhalten und sind anschließend zu den Schlachtfeldern zurückgeschickt worden (so wie auch Israel mit al-Nusra verfährt)[1]. Türkische Polizisten, die hochrangige IS-Mitglieder festgenommen hatten, sind selbst ins Gefängnis geworfen worden. Auch gab es schon vor Jahren glaubwürdige Berichte, dass mit der Unterstützung des türkischen Geheimdienstes MIT ganze Flugzeugladungen von Dschihadisten und schweren Waffen aus Libyen, die vom CIA beschafft worden waren, in der Türkei landeten und die Grenze nach Syrien überquerten, um Assads Truppen und seine Hisbollah-Vertreter zu bekämpfen. Auch wenn all dies nur selten an die Öffentlichkeit gelangt, gibt es keinen Zweifel, dass dies beträchtliche Spannungen in der NATO, deren Mitglied die Türkei ist, verursacht und die türkisch-amerikanischen Beziehungen schwer belastet hat, auch wenn US-Geheimdienste in der Unterstützung der Dschihadisten involviert waren. Es stellt sich eine Reihe von Fragen angesichts der neuen Front, die die Türkei aufgemacht hat: warum jetzt diese Wendung durch die Türkei? Was bedeutet dies für den türkisch-kurdischen „Friedensprozess“ und seinen zweijährigen „Waffenstillstand“? Gibt es irgendwelche Elemente unter den Kräften des kurdischen Nationalismus, die die Interessen der Arbeiterklasse in irgendeiner Weise vertreten? Wird diese Wendung zu irgendeiner Art von Halt oder Abbremsung des Abstiegs der ganzen Region in die Instabilität und den Krieg führen?
Die Türkei und die herrschende AKP vertreten ihre eigenen und größeren imperialistischen Interessen
Am 20. Juli tötete ein Selbstmordattentäter in Suruç nahe der türkisch-syrischen Grenze 32 junge Aktivisten und verletzte viele andere, die für oder in Verbindung mit einer linksextremistischen Gruppe, die Föderation der Sozialistischen Jugend, gearbeitet hatten. Der Selbstmordattentäter, ein mit den Dschihadisten sympathisierender Kurde, wurde schnell vom MIT identifiziert, und es ist gut möglich, dass der türkische Geheimdienst selbst in dem Bombenanschlag verwickelt ist. Er hat eine entsprechende Erfolgsbilanz vorzuweisen (Reyhanli, 2013); und auch wenn nicht immer der, der vom Verbrechen profitiert, es auch begeht, so verhält es sich dennoch meistens genau so. Es gibt keinen Zweifel, dass, wer immer dahinter steckt, die herrschende AKP-Clique um Präsident Recep Erdoǧan den Bombenanschlag genutzt hat, um ihre innere Stellung und die Verteidigung der türkischen imperialistischen Interessen, so wie sie sie sieht, zu stärken. Erdoǧans AKP versucht wie jede andere nationalistische Bande, ihre eigenen Interessen innerhalb des Staates zu schützen; doch sie scheint dabei die Unterstützung des türkischen Militärs und der Geheimdienste zu genießen, beide immens wichtig für ihr Verbleiben an der Macht. Offensichtlich ist der IS kein verlässlicher Partner, doch die Gespräche zwischen dem türkischen Staat und der US-Administration über eine ernsthafte Konfrontation des expandierenden IS begannen bald nach den Wahlen in der Türkei im Juni, als die AKP schockiert zusehen musste, wie sie allerorten ihre Mehrheit verlor und die kurdisch-freundliche Demokratische Volkspartei (HDP), die 13 Prozent der Stimmen erhielt, aufkam. Die Anspannungen in Erdoǧans Partei wie auch im türkischen Militär wuchsen, als sie sahen, dass die kurdische Armee der YPG[2] (die „Volksschutz-Einheiten“, der militärische Arm der PYD[3] und der PKK in der byzantinischen Organisation der kurdischen nationalistischen Kräften) als engster Verbündeter der USA bei ihren Angriffen gegen den IS handelt. Es ist wahrscheinlich eine Kombination dieser beiden Elemente, die hausgemachten Wahlprobleme der AKP und der Aufstieg der YPG sowie die Stärkung ihrer Stellungen entlang der türkisch-syrischen Grenze, die die türkischen Gemüter erhitzte und sie zu einem Einvernehmen mit den USA über die Verfügbarkeit der Luftwaffen-Basen, besonders die Luftwaffen-Basis in Incirlik, für US-Jagdbomber und bewaffnete Drohnen drängte, um ihre Bombardierungen gegen den IS in Syrien fortzusetzen.
In den Tagen nach dem Bombenanschlag in Suruç griffen türkische Jagdbomber und Artillerie ein oder zwei IS-Stellungen und Ziele der PKK-Stellungen (PKK: Kurdische Arbeiterpartei) in der Türkei, im Nordirak wie auch YPG-Stellungen an der syrischen Grenze an (BBC World News, 3.8.15). Die Heftigkeit der türkischen Angriffe gegen die Kurden und ihre Unverhältnismäßigkeit im Vergleich mit den Angriffen gegen den IS zeigen die wahren Absichten der AKP. Im Großen und Ganzen gleicht die ganze Situation einem Wespennest und drückt den Verfall der internationalen Beziehungen sowie die Schwäche des US-Imperialismus aus: die Unterstützung des IS-Kalifats durch ein NATO-Mitglied; die Abstempelung einer der engsten Verbündeten der USA im Kampf gegen den IS als kurdische Terroristen; die soundsovielte Übernahme von US-ausgebildeten und ausgerüsteten Kräften durch die immer weiter wachsenden dschihadistischen Kräfte (siehe Fußnote 4); eine Türkei, die dem IS freien Bewegungsspielraum auf beiden Seiten der Grenze mit Syrien gewährt, während sie mit den US-„Beratern“ Anti-IS-Kräfte anderswo im Land ausbildet. Und mittendrin die Divergenzen und Spannungen zwischen den unterschiedlichen (und vielen) kurdischen Fraktionen – u.a. die PKK, die YPG und die nordirakische Regierung von Massoud Barsanis irakischen Kurden. Es liegt eine völlige Absurdität in der ganzen Situation, die das Kennzeichen eines Großteils des Imperialismus von heute ist.
Wie jeder kapitalistischer „Waffenstillstand“ oder „Friedensprozess“ ist der „Friedensprozess“ zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen PKK nur eine Atempause im sich intensivierenden imperialistischen Krieg. Dies wird von der Tatsache bestätigt, dass just nach dem Suruç-Anschlag die türkischen Behörden eine Handvoll von IS-Kämpfern verhaftete und ein paar Luftangriffe gegen IS-Stellungen flog, während ihre Angriffe gegen kurdische Interessen und die allgemeine Repression, die jene beinhalteten, viel umfassender waren. Nur ein paar Tage nach dem Suruç-Angriff praktizierte die türkische Regierung eine Politik der verbrannten Erde gegen Gebiete der PKK in der Südtürkei, indem ihre Militärhubschrauber Ernten, Viehbestände und Gebäude vernichteten, während sie gleichzeitig militärische Kontrollpunkte errichten und jeden Verdächtigen festnehmen ließ (The Times, 5.8.15). Die Kräfte des kurdischen Nationalismus wiederum griffen sofort das türkische Militär an. Dies schloss Sabotageaktionen mit ein, die mindestens einen türkischen Eisenbahnarbeiter in der östlichen Provinz von Kars töteten (AP, 31.7.15). Und wie jede „Widerstandskraft“ sind diese Art von Attacken in Wirklichkeit spalterisch und laden zur allgemeinen Vergeltung gegen die kurdische Bevölkerung ein. Unter dem Deckmantel eines Angriffs gegen den IS verbirgt sich das wahre Ziel der türkischen Behörden: der Angriff gegen kurdische Interessen, die unter anderem, so ihr Kalkül, die Kräfte des türkischen Nationalismus aufbringen und die Chancen einer AKP-Mehrheit im Falle von Neuwahlen erhöhen könnten, was der herrschenden Clique ein offenes Mandat verschaffen könnte. Auf jeden Fall ist das Letzte, was der türkische Staat langfristig will, die Ausrufung eines neuen kurdischen Staates, der sich als ein weiteres ethnisches „Kalifat“ herausstellen könnte; als eine weitere nationalistische Abscheulichkeit, eine weitere kuriose staatliche Struktur als Ausdruck des Zerfalls rund um die Region. Ethnische Clans und religiöse Clans haben sicherlich ihre eigenen Besonderheiten, aber sie sind in vielem dasselbe: kapitalistische Körperschaften, die die Interessen der Arbeiterklasse erdrücken. Und dies trifft über den Nahen Osten hinaus auf die gesamte kapitalistische Welt zu. Man betrachte nur den jüngsten Nationalstaat des Kapitalismus, die Republik Südsudan, die 2011 ihre Unabhängigkeit erlangte. Die lokale Bande, ihre Führung, wurde mit beträchtlicher Unterstützung, Geheimdienstinformationen, militärischem Beistand und finanzieller Förderung der wichtigsten Länder des Westens errichtet und gestützt und ist fast unmittelbar nach der Gründung in einem Wust von Kriegen, vernichtenden Konflikten, Korruption und Banditentum kollabiert.
Es gibt wichtige Implikationen aus diesen jüngsten Ereignissen für die NATO. Die türkische Armee ist mit ihren 700.000 Mann die zweitstärkste Armee in der NATO, und ihre Kehrtwendung gegen den „Terrorismus“, den IS und die PKK ist von den US-dominierten Kräften willkommen geheißen worden, wissen doch Letztere die Unterstützung wertzuschätzen, die die Türkei gewähren kann, nicht nur indem sie ihre Basen zur Verfügung stellt, sondern auch indem sie das vom IS kontrollierte Gebiet zwischen der türkischen Grenze und Aleppo in Syrien[4] befreien wie auch den kurdischen Einfluss entlang der Grenze schwächen kann. Die Türkei handelt hier in einer gewissen Position der Stärke gegenüber den USA, denen die Optionen ausgehen. Auf einem außerordentlichen Treffen am 28. Juli in Brüssel begrüßte die NATO trotz einiger interner Differenzen und Bedenken die Winkelzüge der Türkei mit offenen Armen. Trotz einiger lauwarmer Worte zugunsten der Kurden, Worte, die prompt von Ankara ignoriert wurden, fasste der NATO-Generalsekretär die Meinungen auf dem Treffen der 28 Botschafter zusammen: „Wir alle sind vereint in der Verurteilung des Terrorismus, in Solidarität mit der Türkei.“ (Jens Stoltenberg, Independent, 29.7.15) Die unmittelbare Gegenleistung für die Türkei könnten durchaus mehr Patriot-Raketen, Geheimdienstinformationen und logistische Unterstützung durch die USA sein. Eine weitere Konzession der USA, die denkbar ist, nachdem sie eine geraume Zeit von Letzteren verwehrt worden waren, ein Zugeständnis, das die AKP ankurbeln würde, wäre die Errichtung einer „Sicherheitszone“, einer „Pufferzone“ jenseits der türkisch-syrischen Grenze, die gegenwärtig größtenteils von der YPG kontrolliert wird. Das aktuell zur Debatte stehende Territorium würde das YPG-Territorium in zwei Hälften spalten und vollständig von türkischem Militär besetzt werden. Dies wäre eine „Flugverbotszone“ unter anderem Namen. Es würde eine Invasion Syriens bedeuten und weitere Eskalation des Krieges wie auch ein Sprungbrett für weitere türkische „Aktivitäten“ in Syrien. Von dieser potenziellen Annexion syrischen Territoriums (faktisch existiert ein Land namens „Syrien“ nicht mehr) aus wäre es möglich, weitere Angriffe zu starten, auch wenn dies unmittelbar nicht denkbar scheint.
So wie Arbeiterkooperativen und Selbstverwaltung der Fabriken selbst mit dem besten Willen in der Welt nicht dem Gesetz der kapitalistischen Produktion entgehen können, so wie nationale „Befreiungskämpfe“ in den Rachen des Imperialismus fallen, so kann eine jegliche nationalistische, proto-nationalistische oder ethnische Bewegung nur Funktionen des kapitalistischen Staates übernehmen. Und dies passt sehr gut auf die „libertäre“ Wendung der PKK und ihre Ideen einer Föderalisierung von „Mini-Staaten“, die nicht für irgendeine Kohärenz stehen, sondern im Gegenteil für den globalen kapitalistischen Prozess des Zusammenbruchs und der Zersplitterung. Als solche kann sie nur diametral entgegengesetzt zu jeglichem unabhängigen Ausdruck der Arbeiterklasse stehen.
Auf der Website von libcom fragt auf einem Forum über die Türkei[5] ein Unterstützer der ethnischen Kurden, ein gewisser Kurremkarmerruk, wo es denn eine Forderung oder so etwas gebe, mit der die kurdische Befreiungsbewegung zu einem Staat aufruft. Wir haben uns bereits in einem breiteren Kontext mit der Frage eines neuen Staates befasst, aber Ende der 80er Jahre rückte die PKK von einer „proletarischen Orientierung“ (durch diesen kurdischen Nationalismus, d.h. einer Organisation der stalinistischen Art), von einem Modell des „Nationalstaates mit eigener Regierung“ zu einer Form des „kommunalen Gesellschaftsleben mit der Freiheit der Frauen“. Sehen wir einmal ab von der sexuellen Jagd auf Frauen, die in der PKK grassiert, so wird die neu entdeckte „Befreiung der Frauen“ größtenteils ausgedrückt in ihrer Gleichheit als Kanonenfutter für die kurdischen Verwicklungen im imperialistischen Krieg. Der neue kurdische „Anti-Autoritarismus“ und die „Kommunalisierung, in der das Individuum die Priorität genießt“, innerhalb der Föderation ist nichts anderes als eine andere Form der kapitalistischen Verhältnisse mit einem anarchistischen Touch – völlig vereinbar mit einer ethnischen oder nationalen Befreiungsbewegung.[6] Es gibt hier überhaupt nichts, das die Klassengesellschaft oder den imperialistischen Krieg in Frage stellt; im Gegenteil, beides wird durch das nationalistische Begehren der Kurden nach einem Platz in der „internationalen Gemeinschaft“ gestärkt. Seit dem I. Weltkrieg hat der kurdische Nationalismus und die kurdische Volkszugehörigkeit das kurdische Volk zu Schachfiguren und Kanonenfutter im Großen Spiel der Imperialisten gemacht. Dieser ethnische Rahmen hat mit Sicherheit nichts mit dem Marxismus zu tun und ist auch kein Element der Arbeiterbewegung. Die PKK basiert auf Terror, nicht zuletzt gegen ihre eigene Bevölkerung. Sie basiert auf den ethnischen Ausschluss und hat häufig eine Rolle auf dem imperialistischen Schachbrett gespielt. Wie so viele andere nationale „Befreiungsbewegungen“ war sie sowohl materiell als auch ideologisch durch den Zusammenbruch des Stalinismus Ende der 80er Jahre komplett unterminiert, und nichts davon hat sich geändert, wenn man bedenkt, dass die „sozialistische“ YPG bis vor kurzem der engste Verbündete des US-Imperialismus in der Region war. In der Vergangenheit sind die ethnischen, kurdischen Interessen von Russland, Syrien, dem Iran, Irak, Armenien, Deutschland, Großbritannien und Griechenland ausgenutzt worden. Die PKK hat auch die kapitalistischen Werte der Demokratie und des Pazifismus angenommen und weiterverbreitet. Jegliche nationalistische oder ethnische Bewegung, selbst eine besonders föderalistische, ist im Kern eine etatistische Organisation, die innerhalb des Kapitalismus und seiner imperialistischen Kräfte wirkt. Die Verteidigung der kurdischen Ethnie fußt wie jede andere auf Ausschluss. Was immer die Mystifikationen und die Sprache der Linksextremisten ist, die „gemeinsame Heimat“, eine allumfassende kapitalistische Struktur, bleibt das Ziel der kurdischen Ethnie.
Es hat nun den Anschein, dass Erdoǧans AKP-Clique, mit dem Militär hinter sich, genug vom „friedlichen und demokratischen“ Aufstieg der Kurden innerhalb der „internationalen Gemeinschaft“ (d.h. das imperialistische Schachbrett) hat und beschlossen hat, gegen sie in die Offensive zu gehen und gleichzeitig ihre Partei innerhalb des Staates zu stärken. Und kurdische Kräfte werden dies wiederum als einen Angriff auf ihre so genannten „sozialistischen Prinzipien“ präsentieren und weiterhin an ihrem „Selbstverteidigungskrieg“ teilnehmen, was auf eine weitere Spaltung der Arbeiterklasse hinausläuft.
Für die Arbeiterklasse der Hauptländer sowohl innerhalb als auch außerhalb der Region sind die Generalisierung dieses Krieges und seiner Ausdrücke ein großer Anlass zur Besorgnis, nicht zuletzt wegen der Verwicklung ihrer „eigenen“ Staaten und der Ausbreitung des Militarismus im Allgemeinen. Insgesamt sieht es für die lokale Bevölkerung des Mittleren und Nahen Osten angesichts der Gewissheit von noch mehr Kriegen, Gewalt, Chaos und Instabilität düster aus. Der IS dehnt sein Kalifat aus und ähnliche Kräfte werden sich ihm anschließen, während die Schwäche des US-Imperialismus fortdauert und es der Türkei erlaubt, neue, aggressive Schritte zu unternehmen. Es war in erster Linie eine Schwäche der USA, auf kurdische Kräfte zu setzen, eine Entwicklung, die in einem gewissen Umfang die Krise verschlimmerte. Und unmittelbar können die türkischen Angriffe gegen die Kurden nur den Kampf gegen den IS schwächen. Es gibt noch weitere Gefahren hier. Nach einem Jahr der Bombardierungen bis zum Juli, mit 5.000 Luftschlägen, 17.000 Bomben und mindestens Hunderten von toten Zivilisten, die zu diesem Blutbad hinzukommen, sowie einem IS, der relativ unbeschadet und noch etablierter daraus hervorgegangen ist, hat Obama nun Flächenbombardements für die Bodentruppen in Syrien bewilligt (World Socialist Web, 4.8.15). Das Problem für die Amerikaner besteht darin, dass die Bodentruppen, auf die sie in Syrien setzen können, derzeit nicht präsent sind. Eine weitere Komplikation in diesem Zusammenhang ist, dass das Assad-Regime ein sehr ausgeklügeltes, russisches Flugabwehrsystem besitzt.
In diesem Mix von Irrationalität, ethnischen und religiösen Rivalitäten, die vom Imperialismus angeleitet werden, der Entwicklung des Jeder-für-sich hat die Schwächung des US-Imperialismus mit dazu beigetragen, Letzteren dazu zu zwingen, ein Nuklearabkommen mit dem Iran abzuschließen, das viel weiter reichende Konsequenzen und Folgen haben wird. Dieses Abkommen wird Auswirkungen auf die Türkei, die anderen regionalen Mächte, Russland und weit darüber hinaus haben. Wir werden auf die Elemente des US-iranischen Deals und seine Auswirkungen zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen.
Boxer, 8.8.2015
[1] Im Oktober 2014 sprach der Nahost-Experte Ehud Yarri über Israels Beziehungen zu al-Nusra (www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/tough-dilemma-southern-syria [823]).
[2] Die Wikipedia-Website der YPG malt ein rosiges Bild vom „Sozialismus“ und der Toleranz. Die Flötentöne werden jedoch konterkariert von ihrer ethnischen Kohärenz und der militärischen „Säuberung“ arabischer Gebiete, wie im Fall der Stadt Tal Abyad, wo 50.000 Menschen im Juni dieses Jahres von den vorrückenden YPG-Truppen hinausgezwungen wurden und sich dem Millionenheer von Flüchtlingen, die durch den Krieg heimatlos gemacht worden waren, anschlossen. (https://www.alaraby.co.uk/english/politics/2015/7/2/kurds-lead-campaign-to-displace-arabs-in-tal-abyad [824]). Die YPG ist unübersehbar Teil einer imperialistischen Armee; folglich ist die ethnische Säuberung Teil ihrer Arbeitsplatzbeschreibung.
[3] Wie im Falle des Krieges in der Ukraine offenbaren viele Elemente aus dem Anarchismus, die die YPG und die so genannte „Rojava-Revolution“ unterstützen, ihre Handlangerdienste für den imperialistischen Krieg. Siehe unseren Artikel Der Anarchismus und der imperialistische Krieg: Nationalismus oder Internationalismus? /content/2468/der-anarchismus-und-der-imperialistische-krieg-nationalismus-oder-internationalismus [825]
[4] Die besonders große Hoffnung in „unabhängige“, von den USA ausgebildete Kräfte, die dies unternehmen, hat bereits einen weiteren Rückschlag erlitten: Eine von den USA ausgebildete, in der Türkei stationierte, nicht-dschihadistische Anti-Assad-Truppe von Kämpfern, die Division 30, ist von den al-Nusra-Brigaden entführt worden (Independent, 31.7.15). Kein Zweifel, dass sie dem IS übergeben worden sind, wo sie verhört, gefoltert werden und wo ihr Schicksal besiegelt wird.
Wenige Tatsachen reichen aus, um den Horror der Situation, in der die Migranten stecken, zu zeigen:
Am 27. August wurden in Österreich nahe der ungarischen Grenze 71 Leichen (einschließlich acht Frauen und vier Kinder) im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung entdeckt, eingesperrt in einem Lastwagen, der am Fahrdamm abgestellt worden war.
Einige Tage später wurde die Leiche eines kleinen dreijährigen Jungen, der gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder ertrunken war, an einem Strand bei Bodrum in der Türkei angeschwemmt.
In beiden Fällen handelte es sich um Migranten aus Syrien, die vor dem Alptraum eines vierjährigen Krieges geflohen waren. Dieses Flüchtlingsphänomen hat sich mittlerweile in einem nie gekannten Ausmaß globalisiert, ein Ausmaß, das weit über die Vertreibungen in den schlimmsten Jahren des 20. Jahrhunderts hinausgeht.
Eines fällt in diesem Zusammenhang auf. Die Medien versuchen erst gar nicht, den unerträglichen Horror der Situation zu verbergen. Im Gegenteil, sie widmen dem Thema ihre Schlagzeilen und warten mit immer schockierenderen Bildern auf, wie das mit dem toten Jungen am Strand. Warum?
Tatsächlich beutet die Bourgeoisie sowohl die Barbarei, für die sie selbst verantwortlich ist, als auch die Gefühle der Empörung, die sie verursacht, und die spontanen Ausdrücke der Solidarität zwischen den einheimischen Berufstätigen und den Migranten, die sich in den letzten paar Monaten in etlichen Teilen Europas zu entwickeln begonnen haben, für Propagandazwecke aus. Die Propaganda zielt darauf ab, schon im Ansatz jeglichen möglichen unabhängigen Gedanken abzuwürgen und uns auf heimtückische Weise nationalistische Ideologien einzuflößen. In den Augen der herrschenden Klasse handeln Proletarier in Europa, wenn sie sich selbst überlassen werden, auf merkwürdige und gar unverantwortliche Weise: Sie helfen und unterstützen Migranten. Trotz des permanenten ideologischen Bombardements sehen wir, dass sehr häufig diese Proletarier in direktem Kontakt mit den Flüchtlingen stehen; sie bringen ihnen, was immer sie zum Überleben benötigen – Nahrungsmittel, Getränke, Decken –, und manchmal nehmen sie sie mit nach Hause. Wir haben solche Beispiele der Solidarität auf Lampedusa in Italien, in Calais in Frankreich und in einer Reihe von Städten in Deutschland und Österreich gesehen. Als Züge voller Flüchtlinge, die zuvor vom ungarischen Staat schikaniert worden waren, in den Bahnhöfen eintrafen, wurden die Migranten von Tausenden von Einheimischen, die ihnen Hilfe und materielle Unterstützung anboten, willkommen geheißen. Österreichische Eisenbahnangestellte leisteten Überstunden, um die Flüchtlinge nach Deutschland zu bringen. In Paris demonstrierten Tausende am 5. September, um gegen die Behandlung der Flüchtlinge zu protestieren. Sie skandierten Parolen wie: „Wir sind alle Kinder von Migranten“.
Angesichts solch massiver und internationaler Ausdrücke der Solidarität der Zivilbevölkerung musste die herrschende Klasse, deren Hauptinteresse es bisher gewesen war, die Flüchtlinge einzuschüchtern und sie unter Kontrolle zu halten, reagieren. Fast überall musste die Bourgeoisie ihren Anti-Immigranten-Kurs der letzten Jahre modifizieren und sich der veränderten Lage anpassen. In Deutschland hat die Kehrtwende der Bourgeoisie geholfen, das Image des Landes als eine sehr fortgeschrittene Demokratie zu stärken und die Geister der Vergangenheit in Reaktion auf seine Rivalen auszutreiben, die nie eine Gelegenheit versäumen, um auf Deutschlands dunkle Geschichte hinzuweisen. Auch das Trauma des Zweiten Weltkrieges erklärt die Sensibilität des deutschen Proletariats in der Flüchtlingsfrage. Die deutschen Behörden mussten das Übereinkommen von Dublin suspendieren, das die Abschiebung der Asylsuchenden vorsieht. In den Augen der Migranten aller Welt ist Angela Merkel zur Heldin eines Deutschlands der Offenheit und Menschlichkeit geworden. In Großbritannien musste David Cameron seine kompromisslose Haltung modifizieren, und neben ihn auch die wüstesten rechten Boulevardzeitungen, die bis dahin Migranten als eine bedrohliche und untermenschliche Horde geschildert hatten. Für die Bourgeoisie war es eine Schlüsselfrage, die Tatsache zu verbergen, dass hier zwei völlig antagonistische Logiken am Werk sind: der kapitalistische Ausschluss und das „Jeder-für-sich“ versus die proletarische Solidarität; ein sterbendes System, das in die Barbarei versinkt, versus die Bestätigung einer Klasse, die das künftige Gedeihen der Menschheit in sich trägt. Die Bourgeoisie kommt nicht um die Notwendigkeit herum, auf die realen Gefühle der Empörung und Solidarität zu reagieren, die in den zentralen Ländern aufkeimen.
Die Lage ist nicht völlig neu. 2012 zählte der Hohe Flüchtlingskommissar (UNHCR) bereits 45,2 Millionen „heimatvertriebene“ Menschen (displaced people) und läutete die Alarmglocken angesichts dieses wachsenden humanen Desasters. 2013 flohen 51,2 Millionen vor allen Arten des Schreckens. Somit war die 50 Millionen-Marke zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder überschritten worden. Der UNHCR erklärte dies zum Resultat der „Vervielfachung neuer Krisen“ und des „Fortbestehens alter Krisen, die nie abzuebben scheinen“. Das Jahr 2015 ist dabei, einen neuen Rekord zu erzielen: 60 Millionen Flüchtlinge weltweit, was sich vor allem auf Europa auswirkt. Seit Januar hat sich die Zahl der Asylanträge um 78 Prozent erhöht. In Deutschland hat sich laut Angaben des Innenministers die Zahl der Asylanträge vervierfacht und erreichte die rekordträchtige Zahl von 800.000. Mazedonien erklärte den Notstand und schloss seine Grenzen. Offiziell ertranken in den letzten Monaten mehr als 2.800 dieser Exilanten, Männer, Frauen und Kinder, im Mittelmeer. Auch in Asien tritt das Phänomen massiv auf. Zum Beispiel flüchtet eine wachsende Zahl von Menschen vor Repression und Verfolgung aus Myanmar und sucht verzweifelt Zuflucht in anderen südostasiatischen Ländern. In Lateinamerika haben Kriminalität und Armut ein solches Ausmaß angenommen, dass Hunderttausende von Menschen versuchen, in die USA zu gelangen. Tausende von Migranten reisen illegal auf einem Güterzug mit, der regelmäßig vom Süden in den Norden Mexikos fährt und den Spitznamen „Das Biest“ trägt. Sie laufen nicht nur Gefahr, von den Wagendächern zu stürzen oder in den Tunneln vom Zug gerissen zu werden, sondern riskieren auch, von den Behörden bedroht zu werden; vor allem aber sind sie den Drogenbanden oder anderen Banditen ausgeliefert, die sie nur gegen Lösegeld freilassen, vergewaltigen, die Frauen für die Prostitution kidnappen und sehr oft töten. Und all jene, die das Glück haben, durchzukommen, sehen sich an der gesamten US-Grenze einem Stacheldrahtzaun gegenüber, der von bewaffneten Grenzschützern kontrolliert wird, die nicht zögern, auf sie zu schießen.
In der Tat passen die heuchlerischen und zivilisierten Reden der Demokraten sehr gut zu den widerlichen und ausgesprochen fremdenfeindlichen Tiraden. Erstere lösen Gefühle der Machtlosigkeit aus, Letztere Gefühle der Angst. Beide obstruieren jegliches wirkliche Nachdenken, jegliche wirkliche Entfaltung von Solidarität.
Ganze Regionen des Planeten sind verwüstet und unbewohnbar. Dies ist besonders in den Regionen der Fall, die die Ukraine via Nahost mit Afrika verbinden. In einigen dieser Kriegsgebiete befindet sich die Hälfte der Bevölkerung auf der Flucht und wird in gigantischen Lagern gehalten, den skrupellosesten Menschenhändlern ausgeliefert, die ihr Geschäft auf industrieller Ebene organisieren. Die wirkliche Ursache dieser Hölle ist der Ruin des weltweiten Ausbeutungssystems. Der Umfang des Flüchtlingsphänomens ist ein klarer Ausdruck der Abwärtsspirale des Kapitalismus, die in ihrem Gefolge Pogrome und Gewalt aller Art, wachsende Verelendung aufgrund der Wirtschaftskrise und Umweltkatastrophen mit sich bringt. Natürlich sind Kriege, Krisen und Umweltvergiftung nichts Neues. Alle Kriege haben dazu geführt, dass Menschen flohen, um ihr Leben zu retten. Doch die Intensität dieser Phänomene steigert sich kontinuierlich. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb die Zahl der Flüchtlinge verhältnismäßig limitiert. Der Krieg war dann der Startschuss für massive Vertreibungen, „Bevölkerungsaustausch“, etc. Diese Spirale nahm mit dem Zweiten Weltkrieg eine ganz neue Dimension an, als die Zahl der Flüchtlinge nie gekannte Höhen erreichte. Dann, während des Kalten Krieges, generierten die zahllosen Stellvertreterkriege zwischen Ost und West wie auch die Hungerkatastrophen in Schwarzafrika in den 70er und 80er Jahren eine signifikante Anzahl von Flüchtlingen. Doch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 ist eine wahrhaftige Büchse der Pandora geöffnet worden. Der Antagonismus zwischen den beiden imperialistischen Blöcken erzwang eine gewisse Ordnung und Disziplin: Die meisten Ländern folgten dem Diktat ihres entsprechenden Blockführers, die USA oder die UdSSR. Die Kriege in dieser Zeit waren zwar unmenschlich und mörderisch, aber in einem gewissen Sinn „geordnet“ und „klassisch“. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR hat die wachsende Instabilität eine Vervielfachung lokaler Konflikte, alle Arten wechselnder Bündnisse bewirkt. Konflikte haben sich endlos hingezogen und mündeten in die Auflösung von Staaten und in den Aufstieg von Warlords und Gangstern, in die Aushebelung des gesamten gesellschaftlichen Gefüges.
Obendrein haben die Widersprüche zwischen den imperialistischen Mächten (gekennzeichnet von der Entwicklung des „Jeder-für-sich“, in der jede Nation ihre eigene imperialistische Karte mit immer kurzfristigeren Zielen spielt) Letztere dazu verleitet, immer regelmäßiger, ja nahezu permanent militärische Interventionen zu unternehmen. Jede Großmacht unterstützt, in Verteidigung ihrer imperialistischen Interessen, diese oder jene Mafiaclique, diesen oder jenen Warlord, diese oder jene in wachsendem Maße irrationale Bande von Fanatikern. Was heute in der kapitalistischen Gesellschaft vorherrscht, ist die Auflösung ganzer Regionen, wo die schlimmsten Ausdrücke des gesellschaftlichen Zerfalls betrachtet werden können: ganze Regionen, die von Drogenbanden kontrolliert werden, der Aufstieg des Islamischen Staates mit all seinen Gräueltaten, etc.
Die Staaten, die die Hauptverantwortung für dieses soziale, ökologische und militärische Chaos tragen, sind gleichzeitig regelrechte Festungen geworden. Vor dem Hintergrund von Arbeitslosigkeit und chronischer Krise sind Sicherheitsmaßnahmen drastisch ausgebaut worden. Die Staaten „verschanzen“ sich. Lediglich den qualifiziertesten Migranten ist es gestattet, sich ausbeuten zu lassen, um die Kosten der Arbeitskraft zu senken und Spaltungen innerhalb des Proletariats zu schaffen. Der Mehrheit der Flüchtlinge und Migranten, den „Unerwünschten“, jenen, die ins Elend und in den Hunger geworfen werden, wird zynischerweise auferlegt, da zu bleiben, wo sie sich gerade befinden, und sterben, ohne jemand zu belästigen. Die nördlichen Staaten haben sie buchstäblich in die Ecke gedrängt, wie im Falle Frankreichs mit seinem „Dschungel“ nahe dem Kanaltunnel bei Calais. Gepeinigt von einer Überproduktionskrise, kann der Kapitalismus ihnen keine Perspektive mehr anbieten. Statt geöffnet zu werden, werden die Tore geschlossen: Die Staaten verbarrikadieren ihre Grenzen, setzen Grenzzäune unter Strom, konstruieren immer neue Mauern. Während des Kalten Krieges, der Zeit der Berliner Mauer, gab es um die 15 mauerbewehrte Grenzen. Heute sind derer 60 gebaut oder konstruiert worden. Von der „Apartheid-Mauer“, die von Israel gegen die Palästinenser errichtet wurde, bis zum fast 6500 Kilometer langen Stacheldrahtzaun, der Indien von Bangladesch trennt - überall verfallen Staaten einer regelrechten Sicherheitsparanoia. In Europa ist der Mittelmeer-Raum übersät mit Mauern und Hindernissen. Im vergangenen Juli begann die ungarische Regierung einen vier Meter hohen Zaun aus NATO-Draht zu errichten. Was den Schengenraum in Europa und die Arbeit der Frontex-Agentur (oder Triton, wie sie sich heute nennt) angeht, so ist ihre industriell-militärische Wirksamkeit ganz formidabel: eine ständige Flotte von Überwachungs- und Militärschiffen, die dazu da ist, Flüchtlinge daran zu hindern, das Mittelmeer zu überqueren. Eine ähnliche Militärmaschinerie wurde an der australischen Küste aufgeboten. All diese Hindernisse erhöhen erheblich die Todesrate unter den Flüchtlingen, die gezwungen werden, immer mehr Risiken auf sich zu nehmen, um die Barrieren zu überwinden.
Auf der einen Seite verbarrikadiert sich der bürgerliche Staat. Er befeuert bis zum Geht-nicht-mehr die Untergangswarnungen der fremdenfeindlichen, populistischen Parteien und verschärft den Hass, die Angst sowie die Spaltung. Konfrontiert mit sich verschlechternden Lebensbedingungen, werden die schwächsten Teile des Proletariats voll von dieser nationalistischen Propaganda erfasst. In einer Reihe von Ländern hat es Anti-Migranten-Demos, physische Attacken, Brandanschläge gegen Flüchtlingsheime gegeben. Die Flüchtlinge sind das Ziel von Kampagnen gegen „Ausländer, die unsere Lebensweise bedrohen“. Der Staat legalisiert all dies, indem er Internierungslager (über 400 in Europa) errichtet, wohin er all jene deportiert, derer er habhaft wird, indem er die Grenzen verstärkt überwacht.
Auf der anderen Seite täuscht dieselbe Bourgeoisie in Gestalt von Politikern ihre Empörung vor, die über die „moralische Herausforderung“ sprechen, die von den Flüchtlingen gestellt werde, und die ihnen Alibiunterstützung und –beistand anbieten. Kurz, der kapitalistische Staat, dieser Erzkriminelle, stellt sich als ihr Rettungsanker dar.
Doch solange der Kapitalismus andauert, wird es keine wirkliche Lösung für die Migranten und die Flüchtlinge geben. Wenn wir nicht gegen dieses System kämpfen, wenn wir nicht zu den Wurzeln des Problems vordringen, wird unsere Empörung und Solidarität nicht über das Stadium der elementaren Unterstützung hinausgehen, und die tiefsten und edelsten menschlichen Gefühle werden von der Bourgeoisie vereinnahmt und in groß aufgemachte Wohltätigkeitsakte umgewandelt werden, die benutzt werden, um eine verstecktere Form des Nationalismus zu schüren. Daher müssen wir zu verstehen versuchen, was tatsächlich passiert. Das Proletariat muss seinen eigenen kritischen und revolutionären Standpunkt über diese Fragen entwickeln.
In weiteren Artikeln werden wir auf dieses historische Thema zurückkommen.
WH, 6.9.2015
Am Mittwoch, den 7. Oktober, verstarb unsere Genossin Bernadette nach einer langen und schweren Krankheit: Lungenkrebs. Bernadette wurde am 25. November 1949 im Südwesten Frankreichs geboren. Ihr Vater war ein Facharbeiter in einem Maschinenbaubetrieb, ihre Mutter ging keiner bezahlten Tätigkeit nach, da sie sich um ihre acht Kinder kümmern musste. Mit anderen Worten, es war eine Familie in bescheidenen Verhältnissen, eine – für damalige Zeiten - authentische Arbeiterfamilie. Bernadette kannte also aus eigener Erfahrung die Realität der Lebensbedingungen der ArbeiterInnen seit frühester Kindheit. Ebenfalls seit jungen Jahren war sie von einer glühenden intellektuellen Leidenschaft, von einem Wunsch, die Welt und die Gesellschaft zu verstehen, angetrieben. Sie war von der Literatur angezogen und liebte es ganz allgemein zu lesen. Nach dem gymnasialen Abschluss schrieb sie sich in die Universität von Toulouse ein und erlangte den Magister in Linguistik und Literatur. Anschließend erhielt sie eine Arbeitsstelle als Büroangestellte im Erziehungsministerium.
Noch als Studentin lernte sie Mitte der 70er Jahre zufällig einen Mitstreiter der IKS kennen. Dieser Genosse, der bemerkte, was Bernadette umtrieb, empfahl ihr, das Kommunistische Manifest zu lesen. Für sie war dies eine Art von Offenbarung: Zum ersten Mal fand sie eine klare und kohärente Antwort auf die Fragen, die sie sich gestellt hatte. „Das ist es, genauso ist es“ – so schilderte sie 40 Jahre später ihre Gefühle, als sie diesen Text gelesen hatte. Die Texte der IKS, die sie kennenlernen wollte, hinterließen einen ähnlichen Eindruck auf sie.
Sie entschied sich sehr schnell, dass die IKS – anders als andere Gruppierungen, die sich selbst revolutionär und gar kommunistisch nannten, wie die Maoisten und Trotzkisten, auf die sie ebenfalls stieß – eine wahre Erbin der marxistischen Tradition war, und nachdem sie einmal die Zusage gemacht hatte, in ihren Reihen mitzukämpfen, ist sie nie mehr von ihrer Überzeugung abgewichen, dass die revolutionäre Militanz, sich dem Aufbau der revolutionären Organisation und besonders der IKS zu widmen, ein absolut wichtiger Faktor in der Befreiung der Arbeiterklasse ist. Bernadette war als Mitglied auf unserem zweiten internationalen Kongress zugegen.
Bernadette trug auf vielerlei Art zum Leben der IKS bei. Sie hatte eine scharfsinnige Wahrnehmung hinsichtlich der internationalen Lage, der Manöver der Bourgeoisie und Fortschritte sowie Rückschritte des Klassenkampfes, und ihre Fähigkeit, darüber zu schreiben, ihre meisterhafte Beherrschung der französischen Sprache prädestinierte sie dazu, für die Publikationskommission der französischen Presse zu arbeiten. Es gelang ihr auch, unsere Ideen mit den einfachsten Worten, „auf der Straße“ zu vermitteln, aber auch gegenüber Menschen, die sie unter vielfältigen Umständen traf, wie die Ambulanzfahrer, die sie jede Woche zum Krankenhaus für ihre Chemotherapie brachten und die uns erzählten: „Bernadette war kein leichter Charakter, aber es war außerordentlich interessant, mit ihr zu diskutieren.“ Auf Demonstrationen verblüffte sie GenossInnen, die mit ihr zusammen intervenierten, mit der Anzahl der von ihr verkauften Zeitungen, was darauf zurückzuführen war, dass sie stets die Worte und den Tonfall fand, die notwendig waren, um Demonstranten davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, unsere Presse zu lesen.
Doch ihre größte Stärke war unbestritten ihr Verständnis der Organisationsprinzipien der IKS und insbesondere der Notwendigkeit, unsere Organisation gegen alle Angriffe und Verleumdungen, die gegen sie gerichtet werden, zu verteidigen. Bernadette war stets davon überzeugt, dass die revolutionäre Organisation ein Fremdkörper im Kapitalismus ist. Daher war sie kompromisslos, wenn es darum ging, die Statuten der Organisation und insbesondere die Frage der Sicherheit zu respektieren.
Bernadette war eine der Genossinnen aus der alten Generation, die am offensten gegenüber dem politischen Vermächtnis des Genossen MC, unserer lebenden Verknüpfung mit den kommunistischen Fraktionen der Vergangenheit, waren. Obgleich sie durchaus im Stande war, ihre Fragen und Meinungsverschiedenheiten mit MC zu äußern, hatte sie kein Interesse an die kleinbürgerliche Ideologie, die „alte Generation“ unter Generalverdacht zu stellen, was eine besondere Schwäche der Studentenbewegung war, die Mai `68 entstanden war. Was sie von ihm lernte, war ein Bewusstsein über die zentrale Bedeutung der Organisationsfrage als eine selbständige politische Frage und die Notwendigkeit, an strengen Prinzipien – einer proletarischen Moralität eigentlich – in den Beziehungen festzuhalten, die zwischen den Militanten und der Organisation und unter den Mitgliedern selbst aufgebaut werden mussten.
Bernadette wirkte in etlichen Sektionen der IKS mit: Toulouse, Paris, Marseille, London wie auch in der Schweizer Sektion, mit der sie zeitweilig eng zusammenarbeitete. Doch sie betrachtete sich selbst zuallererst als eine Militante der IKS, und GenossInnen aus der Schweiz und aus London können ihre Fähigkeit bezeugen, die Dinge vom Staub des Lokalismus zu befreien, indem sie das Fenster zur IKS als internationale Organisation öffnete.
Wie alle Menschen und Militanten hatte Bernadette natürlich auch ihre Fehler, die manchen Genossen gegen sie aufgebracht hat, besonders wenn ihr kritisches Urteilsvermögen außer Kontrolle zu geraten schien und wie ein Maschinengewehr, das in alle Richtungen feuert, funktionierte, ein Ausdruck ihres glühenden und leidenschaftlichen Charakters. Doch ihre Fehler waren auch ihre Qualitäten: Ihre Dickköpfigkeit, die eiserne Entschlossenheit, die einen ihrer Ärzte dazu brachte, sie als eine „Naturgewalt“ zu beschreiben, machte sie auch äußerst beharrlich in ihrem Kampf gegen den Krebs, der schließlich ihr Leben einforderte. In den vergangenen zwei Jahren verblüffte Bernadette das medizinische Personal ein ums andere Mal, zum einen weil sie weit länger am Leben blieb, als diese es für möglich gehalten hatten, und zum anderen mit ihrem Bewusstsein, ihrer Fähigkeit zum Nachdenken und ihrem Willen zu verstehen. Sie bekämpfte ihre Krankheit, nicht nur um ihren militanten Kampf fortzusetzen, sondern auch um vom größten Geschenk zu profitieren, das der eigene Sohn ihr gemacht hatte: ihre kleine Enkeltochter. Die Geburt ihrer Enkelin, die Anhänglichkeit Letzterer an ihrer Großmutter und ihre Lebensfreude war eine enorme Hilfe, um Bernadette dabei zu helfen, die Schmerzen ihrer Krankheit zu ertragen.
Bernadette betrachtete ihre Militanz nie als etwas allein „Politisches“ im „allgemeinen“ Verständnis des Begriffs. Stattdessen brachte sie anderen Bereichen ihres Lebens die gleiche Leidenschaft und Hingabe entgegen. Sie nahm den Namen „Flora“ als ihren nom de guerre in der IKS an, weil er ihre Liebe zu Blumen wiedergab und weil sie eine große Bewunderin der Bücher von Flora Tristan war. Sie hatte ein Gespür für die Künste: Sie liebte die Malerei, die Literatur und Poesie. Sie widmete sich genauso gern der Kunst des Kochens, die sie mit anderen GenossInnen der IKS und ihren persönlichen Freunden, die sie stets mit Wärme und Großzügigkeit empfing, zu teilen liebte. Sie hatte ein Auge für die Schönheit, was sich in der Art und Weise, wie sie die Räume, in denen sie lebte, organisierte und ausschmückte, und in den Geschenken widerspiegelte, die sie für ihre Familie, Freunde und GenossInnen auswählte.
Während ihrer Krankheit erhielt sich Bernadette ihre Liebe zum Lesen, und dies verhalf ihr, mit den Schmerzen, die der Krebs auslöste, und mit den ermüdenden Behandlungen, die sie durchlitt, fertigzuwerden. Bis zu ihrem Lebensende fuhr sie fort, die Klassiker der Arbeiterbewegung, Marx und besonders Rosa Luxemburg, zu lesen, und versuchte solange wie möglich, sich die Texte und Beiträge, die die internen Debatten der IKS generierten, anzueignen, indem sie Stellung zu ihnen bezog, wenn es ihr Zustand erlaubte.
Bernadette hatte einen tiefen Sinn für Solidarität. Auch wenn sie noch so sehr unter dem Krebs litt und wusste, dass es keine Heilung gibt, sorgte sie sich weiterhin um die Gesundheit anderer GenossInnen, indem sie ihnen Rat und Tat anbot, sie dazu drängte, sich untersuchen zu lassen und nicht ihre Gesundheit zu vernachlässigen. So war es nur allzu gebührend, dass Genossen aus allen Sektionen der IKS während der gesamten Krankheit ihre Solidarität ausdrückten, ihr schrieben, sie besuchten, ihr alle Unterstützung angedeihen ließen, die sie benötigte, um so heiter wie möglich weiterzuleben.
Bernadette hatte keine Angst vor ihrem eigenen Tod, auch wenn sie das Leben leidenschaftlich liebte. Sie wusste, dass jedes menschliche Wesen ein Glied in der langen Kette der Menschheit ist und dass jene, die bleiben, die Schlacht fortsetzen werden. Sie gab den Ärzten, die sich um sie kümmerten, klare Anweisungen: Sie wollte in physischer, intellektueller und moralischer Würde sterben und verweigerte jegliche schonungslose Therapie, die lediglich darauf abzielte, sie am bloßen Leben zu halten. Sie wollte ihr Leben friedlich beenden, umgeben von GenossInnen im Kampf und von der Liebe ihres Sohnes und ihrer Enkelin. Ihre Wünsche wurden respektiert. Bernadette verließ uns in vollem Bewusstsein. Noch drei Wochen vor ihrem Tod zwang sie sich selbst, die Zeitungen zu lesen und die internationale Situation zu verfolgen. Weil sie in ihren Knochen all die Leiden des Proletariats spürte, sagte sie dem Arzt, der sich am Ende ihres Lebens um sie kümmerte: „Es ist notwendig, meine Schmerzen zu beenden, und es ist notwendig, die Barbarei des Kapitalismus zu beenden.“
Bis zu ihrem Ende demonstrierte Bernadette einen außergewöhnlichen Mut und eine große Klarheit. Sie war wirklich eine Naturgewalt. Und diese Kraft zog sie aus der Tiefe ihrer militanten Überzeugung, ihrer Hingabe für die Sache des Proletariats und ihrer unerschütterlichen Loyalität zur IKS. Die IKS richtet an ihren Sohn und an ihre Enkelin all ihre Sympathien und Solidarität.
IKS, 15.10.2015
Ein bewusster Versuch, so viele Menschen wie möglich zu töten. Ein Gemetzel. Am Freitag, den 13. November, wurden die Straßen von Paris und ihrer Vororte in ein makabres Schauspiel blutiger und barbarischer Akte verwandelt, ausgeübt von einer Handvoll, mit Kalaschnikows und Sprengstoffgürteln bewaffneter Terroristen. Ihre Ziele? All jene, die „prostituiert“ seien von der „westlichen Lebensweise“1, und insbesondere junge Leute2.
Am 11. Januar wollte der IS mit der Hinrichtung der Cartoonisten des Satiremagazins Charlie Hebdo die „Väter“3 einer libertären Strömung töten, die von der sozialen Bewegung des Mai 1968 beeinflusst waren. Diesmal nahm der IS mit den Angriffen gegen Veranstaltungs- und Unterhaltungsorte (das Stade de France in Saint-Denis, die Bistros und Restaurants des 10. und 11. Arrondissements, die Konzerthalle Bataclan4) bewusst junge Leute ins Visier, die das Verbrechen begingen, gern zusammen zu sein, zu diskutieren, etwas zu trinken, zu tanzen und zu singen, mit anderen Worten: die gerne lebten (was die Bourgeoisie, die von der emotionalen Atmosphäre und der Gehirnwäsche der Medien profitierte, mit Patriotismus gleichzusetzen versuchte!). Es ist dieselbe Generation, die davon träumte, die Fackel des Mai ‘68 in der sozialen Bewegung 2006 in Frankreich wieder zu entzünden5, und die im Januar völlig richtig ihre Solidarität mit den ermordeten Künstlern von Charlie Hebdo ausdrückte, indem sie zu Massendemonstrationen auf die Straße ging6.
Diese neuerlichen Verbrechen, kaltblütig geplant und von einer obskuren und morbiden Ideologie motiviert, die dem Nazismus ebenbürtig ist, sind nicht die Frucht einiger weniger „Monster“, die schlicht und einfach ausgemerzt werden müssen7. So stellt die Bourgeoisie die Dinge dar. Es ist ein Argument, das allein dazu dient, den Krieg zu rechtfertigen und noch mehr Hass und Verbrechen auszulösen. An der Wurzel dieser Übel befindet sich das gesamte kapitalistische System, ein System ohne Zukunft, ohne Perspektive, das Stück für Stück zerfällt und die gesamte Menschheit in seinem mörderischen Niedergang mitreißt.
Der IS ist eine besonders enthüllende Manifestation der selbstmörderischen Dynamik des Kapitalismus. Er ist ein reines Produkt der Dekadenz, ein direkter Ausfluss ihrer finalen Zerfallsphase.
Hier wurzeln die Verschärfung und Vervielfachung imperialistischer Konflikte, die sich beschleunigende Auflösung der sozialen Bande in einer Gesellschaft, die keine historische Perspektive besitzt. Keine der beiden fundamental antagonistischen Klassen in der Gesellschaft, Bourgeoisie und Proletariat, hat sich als fähig erwiesen, ihr historisches Projekt, Weltkrieg auf der einen, kommunistische Revolution auf der anderen Seite, durchzusetzen. Seit Mitte der 80er Jahre sieht sich die Gesamtheit der Gesellschaft im Unmittelbaren gefangen, bar jeder Zukunft und Stück für Stück bei lebendigem Leib verrottend8. Der Zusammenbruch der UdSSR 1991, ein Produkt der Dynamik dieser letzten Stufe im Niedergang des Kapitalismus, verschlimmerte all die Widersprüche des Kapitalismus noch. Die Ausdrücke dieser Phase sind vielfältiger Natur: Individualismus und Jeder-für-sich-selbst, Bandenwesen, Rückzug in unterschiedliche Identitäten, Obskurantismus, Nihilismus und vor allem die Verschärfung des Kriegschaos. Bis zu dem Punkt, wo die schwächsten Staaten destabilisiert und an den Rand des Zusammenbruchs gedrängt werden und militärische Konflikte ganze Regionen des Planeten verwüsten. In diesem Prozess tragen die imperialistischen Großmächte eine zentrale Verantwortung, besonders in Afrika und Nahost. Ein Blick auf die Geschichte der Konflikte in diesen Regionen in den letzten Jahrzehnten veranschaulicht diese Realität sehr gut. In dieser Periode erwies es sich für die USA immer schwieriger, sich selbst als Weltsheriff durchzusetzen. Es mag paradox erscheinen, aber die Existenz des russischen Gegners hatte all ihre Widersacher gezwungen, hinter den USA Schutz zu suchen. Die Nationen des westlichen Blocks waren gezwungen gewesen, Uncle Sams Blockdisziplin zu akzeptieren. Sobald die UdSSR untergegangen war, löste sich auch der westliche Block auf; all seine Komponenten begannen, ihre eigenen imperialistischen Karten auszuspielen. Die USA versuchten immer mehr, ihre Führerschaft mit Gewalt durchzusetzen. Dies steckte hinter der riesigen militärischen Machtdemonstration des Golfkriegs von 1990, in dem es der amerikanischen Bourgeoisie gelungen war, all ihre Verbündeten zu zwingen, sich hinter ihnen zu scharen. Doch die Situation für die USA verschlechterte sich zusehends; sie wurden noch mehr isoliert, als es zur Invasion in Afghanistan 2001 und im Irak 2003 kam; die Folge dieser Abenteuer war die völlige Destabilisierung beider Länder. Wir haben diese Dynamik 1990 vorhergesehen:
„Der Krieg im Golf zeigt, dass angesichts der Tendenz zu generalisiertem Chaos, die dem Zerfall eigentümlich ist und die sich seit dem Kollaps des Ostblocks beträchtlich beschleunigt hat, der Kapitalismus keinen anderen Ausweg bei seinem Versuch hat, seine unterschiedlichen Komponenten zusammenzuhalten, als ihnen die eiserne Zwangsjacke der militärischen Macht aufzuzwingen. In diesem Sinn sind die Methoden, die er benutzt, um zu versuchen, den zunehmend blutigen Zustand des Chaos einzudämmen, selbst ein Faktor bei der Zuspitzung der militärischen Barbarei, in der sich der Kapitalismus stürzt.“9
So setzte die amerikanische Intervention im Irak 2003, ganz abgesehen von den 500.000 Toten, die sie verursachte, die sunnitische Regierung von Saddam Hussein10 ab, ohne in der Lage zu sein, sie durch einen stabilen Staat zu ersetzen. Im Gegenteil, der Ausschluss der sunnitischen Fraktion von der Macht und ihre Ersetzung durch eine schiitische hat einen Zustand des permanenten Chaos hinterlassen. Auf der Grundlage dieser Trümmer, dieses Machtvakuums, das das Versagen des irakischen Staates hinterlassen hat, wurde der IS geboren. Seine Existenz reicht zurück bis zum Jahr 2006, als al-Qaida, zusammen mit fünf weiteren dschihadistischen Gruppierungen, eine „Ratsversammlung der Mudschaheddin im Irak“ bildete. Am 13. Oktober 2006 verkündete die Ratsversammlung den „Islamischen Staat des Irak“, der sich selbst als einen echten Staat betrachtete. Viele Ex-Generäle aus Saddams Armee, militärisch kompetent und von einem Rachegeist gegen den Westen erfüllt, schlossen sich den Reihen des künftigen IS an. Die Destabilisierung Syriens verschuf dem Islamischen Staat schließlich die Gelegenheit zur Weiterentwicklung. 2012 begann er sich nach Syrien auszubreiten, und am 9. April 2013 wurde er zum „Islamischen Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS).
Jeder neue imperialistische Konflikt, in dem die Großmächte eine bedeutende Rolle spielen, verschafft dem IS eine weitere Gelegenheit, seinen Einfluss, der auf dem Boden des Hasses und der Rache besonders gut gedeiht, auszudehnen. Etliche dschihadistische Gruppierungen, wie Boko Haram im Nordwesten Nigerias, Ansar Shuras Shabab al-Islam in Libyen, Jund al-Khalifa in Algerien und Anar Dawlat al-Islammiya im Jemen, haben dem Islamischen Staat ihre Loyalität geschworen. Es steht außer Frage, dass der IS vom imperialistischen Krieg genährt wird. Es gibt ein Phänomen, das Mitte der 80er Jahre entstanden und seither beständig gewachsen ist: Unter dem Gewicht sowohl innerer wirtschaftlicher und politischer Widersprüche als auch der Auswirkungen des imperialistischen Krieges neigen die schwächeren Staaten dazu, zusammenzubrechen. In den 90er Jahren nahm dies im Osten, besonders auf dem Balkan, die Form von Abspaltungen neuer Nationen und von blutigen Konflikten an, wie die Explosion von Jugoslawien. Vom Kaukasus (Tschetschenien) bis nach Zentralasien (Afghanistan) oder Afrika (das ehemalige Zaire, das Horn von Afrika, etc.) erlaubte die staatliche Instabilität das Aufkommen paralleler und unkontrollierbarer Proto-Staaten, die von Warlords gelenkt werden. Der IS ist ein weiterer Ausdruck dieses Wundbrandes, allerdings in einem viel größeren geographischen Ausmaß als jemals zuvor.
Doch kehren wir zurück zur Verantwortung der Großmächte, die nicht aufhören, ganze Regionen allein für ihre strategischen und militärischen Interessen zu destabilisieren. Sie sind auch direkt in der Kreation dieser mörderischen, obskuren Cliquen verwickelt und haben versucht, sie zu ihren Instrumenten zu machen. Der Islamische Staat setzt sich aus den „radikalsten“ sunnitischen Fraktionen zusammen; ihr Hauptfeind ist folglich das große Land des schiitischen Islam: der Iran. Daher haben alle Feinde des Iran (Saudi-Arabien, die USA11, Israel, Qatar, Kuwait…) den IS zumindest zeitweise finanziell und gelegentlich militärisch unterstützt. Die Türkei hat den Islamischen Staat auch mit dem Hintergedanken unterstützt, ihn gegen die Kurden einzusetzen. Dieses flüchtige und heterogene Bündnis zeigt, dass religiöse Unterschiede nicht die wirklichen Treibmittel hinter diesem Konflikt sind; es sind in der Tat imperialistische Interessen, nationale kapitalistische Interessen, die vor allem anderen die Spaltungslinien bestimmen und die Wunden der Vergangenheit in den Hass von heute umwandeln.
Nun müssen sie alle in ihrem Eifer umdenken. Saudi-Arabien hat mittlerweile jegliche finanzielle Hilfe für den IS verboten und alle zu Gefängnisstrafen verurteilt, die auch weiterhin als Befürworter des IS agieren; die USA haben offiziell eine gewisse Annäherung an den Iran initiiert, um den IS zu bekämpfen. Warum diese Kehrtwende? Die Antwort sagt einiges aus über die Fäulnis des kapitalistischen Systems. Der religiöse Obskurantismus und vor allem die Zerstörungskraft des IS sind so ausgeufert, dass die Gruppierung völlig außer Kontrolle geraten ist. Solche Staaten, ohne jegliche Zukunft und von der Gesetzgebung der Scharia dominiert, haben schon vorher existiert, zum Beispiel in Zentralafrika, doch haben sie sich bisher stets auf eine bestimmte Region beschränkt. Das Phänomen IS betrifft viel größere Gebiete und vor allem die hochwichtige geostrategische Region des Nahen und Mittleren Ostens12.
Die pausenlosen Wechsel der Bündnisse, diese kurzfristige Sichtweise und zunehmend destruktive Herangehensweise, wie die Existenz der islamischen Proto-Staaten, offenbaren die Sackgasse, die der Kapitalismus erreicht hat, die Abwesenheit jeglicher nachhaltiger Lösung oder Perspektive für die Nationen.
Auch hier versetzt uns der Kompass des Marxismus in die Lage zu verstehen, dass 1990 die gesamte Gesellschaftsordnung diese Sackgasse erreicht hatte.
„In der neuen historischen Epoche, in die wir eingetreten sind und die die Ereignisse am Golf bestätigt haben, erscheint die Welt als eine riesige gesetzesfreie Zone, in der die Tendenz des ‚Jeder-für-sich‘ in Gänze wirkt und wo die Bündnisse zwischen Staaten weit entfernt sind von der Stabilität, die die imperialistischen Blöcke charakterisiert hat, sondern dominiert werden von den unmittelbaren Bedürfnissen des Augenblicks. Eine Welt des blutigen Chaos, wo der amerikanische Polizist versuchen wird, durch einen immer massiveren und brutaleren Gebrauch militärischer Mittel ein Minimum an Ordnung aufrechtzuerhalten.“13
Die letzte Kehrtwende: Frankreich ist durch seine Annäherung an Russland bereit, Bashir el-Assad (offiziell verantwortlich für den Tod von 200.000 Menschen seit dem Beginn des Bürgerkriegs!) gegen den IS zu unterstützen, auch wenn es seit 2011 sein ganzes diplomatisches Gewicht für die „syrische Opposition“ in die Waagschale geworfen hatte. Putin, mit all seinen schamlosen Verbrechen in Tschetschenien und dann in der Ukraine, ist wieder zurück im Geschäft.
Indem sie all diese Kriege ausfechten, indem sie Tod und Verwüstung säen, indem sie mit ihren Bombenangriffen Terror praktizieren und im Namen der „Selbstverteidigung“ Hass provozieren, indem sie dieses oder jenes Killer-Regime unterstützen, indem sie keine andere Lösung als immer mehr Konfrontationen anbieten, und all dies, um ihre schmutzigen imperialistischen Interessen zu verteidigen, tragen die Großmächte die größte Verantwortung für die Verschlimmerung der globalen Barbarei, einschließlich der Barbarei des IS. Dieser so genannte Islamische Staat ist mit seiner Heiligen Dreifaltigkeit von Vergewaltigung, Raub und Repression, die sämtliche Kultur zerstört (derselbe Hass auf die Kultur wie das Nazi-Regime14), die Frauen und Kinder verkauft, manchmal wegen ihren Organen – dieser IS ist mehr als ein besonders eklatanter und „ehrlicher“ Ausdruck der kapitalistischen Barbarei, die zu begehen alle Nationen in der Lage sind. „Geschändet, entehrt, im Blute watend, vor Schmitz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, gelehrt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt – als reißende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit, so zeigt sie sich in der wahren, nackten Gestalt.“15.
Es sind also zuallererst die Großmächte, die ihre eigene Barbarei auf dem Planeten und vor allem in den schwächsten kapitalistischen Nationen ausüben. Und nun entgleitet diese Barbarei ihrer Kontrolle und trifft das Herz des Systems wie ein Bumerang. Dies ist die wahre Bedeutung der Anschläge vom 13. November in Paris. Sie sind nicht nur ein weiterer terroristischer Akt; sie zeigen, dass dies auch ein neuer Schritt bei der Zuspitzung der imperialistischen Spannungen und des Verfalls der kapitalistischen Gesellschaft ist. Angesichts der Tatsache, dass solche Aktionen üblicherweise die Bevölkerungen Afrikas und des Nahen Ostens massakrieren16, ist der Umstand, dass sie nun auch die Herzländer des Kapitalismus treffen, besonders bedeutsam. Zurzeit der Bombenanschläge in Paris 1985 und 1986 schrieben wir:
„Was die gegenwärtige Welle terroristischer Anschläge zeigt, ist, dass dieser Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft solch ein Ausmaß erreicht hat, dass die Großmächte sich immer weniger von seinen barbarischsten Manifestationen abschirmen können, dass sie es immer schwerer haben, diese extremen Formen der Erschütterungen eines sterbenden Systems auf die Dritte Welt einzugrenzen. So wie zu Beginn der Krise, als die kapitalistischen Metropolen in der Lage waren, die katastrophalsten Auswirkungen, die diese Krise bewirkt, vor allem bewaffnete Konflikte, und deren Ursprünge eigentlich im Herzen des Systems liegen, auf die peripheren Länder abzuwälzen. Doch heute trifft die Krise nicht nur mit neuer Kraft die zentralen Länder des Kapitalismus, sie bringt auch einige der Barbareien mit sich, die in der Dritten Welt hervorgerufen wurden.“17
Mit den Attentaten vom 13. November hat sich der Prozess, der Mitte der 80er Jahre und vor allem 2001, mit der Zerstörung der Twin Towers, begonnen hatte, noch einmal ausgeweitet. Doch er hat auch qualitativ eine neue Ebene erreicht, selbst im Vergleich zu den Gewalttaten in Madrid (2004), London (2005) oder Boston (2013). Als diese Zeilen verfasst wurden, betrug die Zahl der Toten 130 und die Zahl der Verletzten 351, 98 von ihnen sehr schwer. Diese entsetzliche Hekatombe ist eine der schlimmsten inmitten Europas seit dem Zweiten Weltkrieg und wäre noch weitaus schlimmer geworden, wenn der Versuch, das Stade de France anzugreifen, nicht fehlgeschlagen wäre18. Doch der wirkliche Unterschied ist nicht allein quantitativer Natur – bei den Bombenanschlägen in Madrid kamen ebenfalls viele Menschen um (200 Tote, 1400 Verletzte). Diesmal aber war es kein kurzer, isolierter Akt: Dem Islamischen Staat gelang es, mehrere Plätze gleichzeitig anzugreifen und die Dauer des Gemetzels auf drei Stunden auszudehnen, und dies mitten in Paris. So erlebten Menschen in Westeuropa einen ganzen Abend lang eine Kriegsatmosphäre, die die Bevölkerung Afghanistans, Syriens, des Iraks, Pakistans, Nigerias täglich durchleben muss (und vor der so viele von ihnen zu fliehen versuchen). Das „minutiös“19 vorbereitete Szenario löste eine wahre Schock- und Panikwelle aus. Die direkte Übertragung der Ereignisse, dieser Bilder eines Straßenkrieges durch all die Fernsehsender der Welt, die Ungewissheit über die Zahl der Opfer, über die Zahl der Angriffe und der beteiligten Terroristen… all dies schuf ein unerträgliches Klima des Terrors. Millionen ohnmächtiger Zuschauer blieben wie angewurzelt vor den Bildschirmen sitzen und waren anschließend nicht in der Lage, Schlaf zu finden in dieser Nacht.
Dem Islamischen Staat war es gelungen, zu beweisen, dass eine große wirtschaftliche und militärische Macht wie Frankreich unfähig ist, solche Aktionen zu verhindern; auch wenn man jeden Anlass hatte, solche Angriffe zu erwarten, konnte das Töten nicht gestoppt werden.
Schlimmer noch, der IS war in der Lage, Männer und Frauen zu benutzen, die in Frankreich und Belgien geboren und imstande waren, die schlimmsten Verbrechen im Namen einer morbiden, widerwärtigen Ideologie zu begehen. Viele von jenen, die die Terroristen aus nächster Nähe erlebt und überlebt haben, drückten ihr Erstaunen über die banale Erscheinung der Killer aus: junge Leute zwischen 20 und 30, angstschlotternd und heftig schwitzend20, die ihre mörderischen Aktionen mit dem Vorwand rechtfertigten, „die von der französischen Armee in Syrien begangenen Verbrechen zu rächen“. Diese monströsen Akte wurden nicht von Monstern ausgeübt, sondern von Menschen, die total zermürbt und indoktriniert worden waren. Die Mehrheit dieser Terroristen wuchs im „zivilisierten“ Europa auf. Viele europäische Dschihadisten in Syrien kommen aus dem Kleinbürgertum, das in Ermangelung jeglicher Perspektive, voller Neid auf das von der Großbourgeoisie errichtete Modell und vor allem mit jeglichem Projekt einer alternativen Gesellschaft fremdelnd, zutiefst vom Nihilismus infiziert ist. Es sind dieselben Schichten, die in den 1930er und 40er Jahren die Stoßtruppen des Nazismus gebildet hatten.
Ein anderer beträchtlicher Teil der IS-Armee kommt aus den armen Vorstädten, Schmuddelkinder mit einer chaotischen Vorgeschichte, gedemütigt von einem System, das ihnen den Eintritt zu den meisten Formen der wirtschaftlichen Aktivität wie auch zu jeglichem gesellschaftlichen und kulturellen Leben verweigert. Auch hier sind der Wunsch nach Rache auf der einen und der Nihilismus auf der anderen Seite wahrscheinlich die Hauptantriebskraft hinter ihrem Trip. Mit ihren feigen, schmählichen und absurden Massakern haben diese Elemente ihrem eigenen Leben endlich einen Sinn gegeben. Dabei kümmerte es sie wenig, ob sie sterben, solange sie die fixe Idee hatten, dass sie in das System zurückkehren, das sie ausgeschlossen hatte. Ein letzter Teil, besonders unter den Kamikaze-Elementen, ist direkt aus dem Milieu der Kleinkriminellen rekrutiert worden. Es sind häufig Leute, die in der Vergangenheit schon mehrfach Raub und Körperverletzung begangen hatten und sich heute mit einer Kalaschnikow in ihren Händen wiederfinden, um nun unter einem pseudo-religiösen Vorwand zu töten.
Mit einem Wort, der Mangel an jeglicher Perspektive für die Gesellschaft und seine Konsequenzen – die gesellschaftliche Fäulnis, Bandenunwesen, die Entwicklung der Moral des Lumpenproletariats – liefern in Europa, im Nahen und Mittleren Osten wie auch im Rest der Welt den Boden für dieses giftige Gebräu. Das Zusammentreffen dieser jungen Leute, die in Europa geboren wurden, mit den obskuren syrischen und irakischen Banden, die die militärischen Kenntnisse besitzen, ist keineswegs ein Zufall.
Fassen wir zusammen: Der Imperialismus und Zerfall sind die Eltern des heutigen Imperialismus. Krieg, Zukunftslosigkeit, Furcht und Hass, moralischer Ruin, Terrorismus und schließlich wieder Krieg – es ist ein endloser Teufelskreis. Der Kapitalismus wird die gesamte Menschheit in den Ruin drängen, wenn er nicht zerstört und durch eine andere Gesellschaftsform ersetzt wird.
Doch wie war die Reaktion all der großen Nationen direkt nach den Angriffen am 13. November? Die Worte des sozialistischen Premierministers von Frankreich, Manuel Valls, verkündet am Tag danach im größten nationalen Fernsehsender, gaben den Ton an: „Es muss der Wille herrschen, den IS auszulöschen“; dies sei ein Krieg, der „Monate und vielleicht Jahre dauern könnte“ und der nach „außergewöhnlichen Maßnahmen“ verlange; Valls fügte hinzu: „Ich werde alles tun, damit die nationale Einheit geschützt wird“, und schloss seine Rede, indem er zu den Waffen rief: „Lasst uns Patrioten sein, um den Terrorismus zu vernichten“. Und alle nationalen Zeitungen stimmten ein in den Chor: „Jetzt ist Krieg!“, „Frankreich angegriffen!“ Diese patriotische Kampagne ist auf internationaler Ebene verstärkt worden, orchestriert rund um Rot, Weiß und Blau sowie die Marseillaise. Überall auf der Welt, auf allen Denkmälern, in allen sozialen Netzwerken, in Sportstadien wurde die französische Fahne abgelichtet; die Worte der Marseillaise wurden in allen englischen Zeitungen veröffentlicht, damit das Publikum des Fußballfreundschaftsspiels England-Frankreich am 18. November im Wembley-Stadion beim Abspielen der französischen Nationalhymne mitsingen konnte. Es gibt natürlich keine echte Solidarität der anderen Großmächten gegenüber Frankreich – alle von ihnen sind in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf ökonomischer und gelegentlich militärischer Art verstrickt. Nein, alle nationalen Bourgeoisien haben die 130 Toten in Paris und die Furcht, die sie bewirkt haben, nur dazu benutzt, die widerliche Idee zu vermitteln, dass die nationale Einheit die höchste und schönstmögliche Einheit sei, die uns erlaube, „zusammen zu leben“ und uns selbst vor der „Außenwelt“ zu schützen. In Wahrheit sind Nationalflaggen stets Kriegsflaggen! Die Nationalfahne ist das Symbol einer Ideologie, die dafür sorgt, dass die unterschiedlichen Klassen einer Nation im Kampf gegen andere Nationen an einem Strang ziehen. Grundsätzlich ist es dieselbe Ideologie wie die des Islamischen Staates. Und in Frankreich heute ist es die an der Macht befindliche Sozialistische Partei, die die Speerspitze in diesem kriegsähnlichen Geist darstellt. Resultat: das militärische Hauptquartier der französischen Armee hat bereits Vergeltungsschläge für die Gewaltakte ausgeführt, indem sie in wenigen Tagen Dutzende von Bomben über Syrien abwarfen und ihren Flugzeugträger Charles de Gaulle entsandten, um die Schlagkraft der französischen Luftwaffe in Syrien zu verdreifachen. Diese Attacken kommen neben den 4.111 Zielen hinzu, die von der russischen Luftwaffe in den vergangenen Wochen bereits getroffen wurden. Zwar berichtet die Presse täglich von den „Kollateral“-Opfern dieser massiven Bombenangriffe21, doch ist es unmöglich, Zugang zu den wirklichen Zahlen zu erhalten. Dies trifft auf jeden Krieg zu, der von den großen demokratischen Nationen, die im Namen des Friedens, der Menschlichkeit und des Schutzes der Menschen intervenieren, geführt wird. Und jedes Mal sind die Bilanzen des menschlichen Blutzolls, die erst Jahre später veröffentlicht werden, erschreckend. Laut eines sehr seriösen Reports (“Body Count: Casualty Figures after 10 Years of the ‚War on Terror‘”22) verursachte der Krieg, der von den USA 2001 nach den Angriffen von 9/11 vom Zaun gebrochen wurden, in den vergangenen zwölf Jahren den Tod von mindestens 1,3 Millionen Menschen in drei Ländern (Irak, Afghanistan und Pakistan), wobei der Report deutlich machte, dass es sich um eine „Minimalschätzung“ handelt, die andere Konflikte (Jemen, Somalia, Libyen, Syrien) unberücksichtigt ließ. Der Irak hat den schlimmsten Preis gezahlt für den Krieg gegen den Terror, mit rund einer Million Toten, im Gegensatz zu den 111.000, die von den US-Medien lanciert wurden, und den 30.000 gemäß Ex-Präsident George W. Bush. Der Bericht spricht von einem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit, nahe am Völkermord“. Dies ist das wahre Antlitz des imperialistischen Krieges. Dies ist die wahre Bedeutung der so genannten „chirurgischen“ Schläge!
Die aktuellen Luftschläge in Syrien mögen den IS beschädigen, was ihn noch verzweifelter und selbstmörderischer machen wird, doch vor allem werden sie Angst und Hass in der ganzen Region säen. Das Phänomen, das den IS zum Aufstieg verhalf, wird am Ende gestärkt. Die „Antwort“ der Großmächte auf den Terrorismus ist Bestandteil der Eskalation der Barbarei, Bestandteil einer Spirale der irrationalen Gewalt.
Die Lehren aus den Nachwirkungen des Angriffs gegen Charlie Hebdo am 7. Januar ziehend, als die Bourgeoisie, überrascht von den spontanen Demonstrationen, gezwungen war, schnell noch auf den Zug zu springen und das Kommando zu übernehmen, verhinderte der französische Staat diesmal denselben spontanen Antrieb zur Solidarität, der möglicherweise ein Nachdenken und Diskutieren befördert und die Möglichkeit birgt, dass die Menschen „die Straße“ als einen Ort der politischen Machtausübung sehen. Im Gegenteil, jedermann wurde gezwungen, zuhause zu bleiben und sich mit „la patrie“ (dem Vaterland) zu identifizieren, die Logik des Krieges zu akzeptieren. Die Idee des Wehrdienstes und einer „Nationalgarde“ tauchte wieder auf. Die Sozialistische Partei in Frankreich hat sich an der Situation schadlos gehalten und die Gelegenheit genutzt, um ihr Arsenal der Überwachung und Repression aufzustocken. Der Ausnahmezustand, der erste seit dem Algerienkrieg 1958 und 1961, wurde vorerst auf drei Monate befristet und auf das gesamte Hauptland sowie auf die Übersee-Departments (Guadeloupe, Martinique, Guyana, La Réunion und Mayotte) ausgedehnt. Dieser Ausnahmezustand basiert auf Sondermaßnahmen, die die „Freiheit“ einschränken. Er „verleiht in den Bereichen, wo er Anwendung findet, den zivilen Behörden außerordentliche polizeiliche Befugnisse“23, wie die Möglichkeit, ohne Haftbefehl Razzien durchzuführen. Es geht darum, die Bevölkerung an die drastische Verstärkung der Repression zu gewöhnen, die die Bourgeoisie, wie sie sehr gut weiß, in Zukunft auch gegen die Arbeiterklasse nutzen wird. Ein ganzer Blumenstrauß an neuen Gesetzen zur Festigung der „nationalen Sicherheit“ steht zur Diskussion, und dieselbe Sicherheitskampagne wird überall auf der Welt geführt.
Der Staat profitiert also vom Terrorismus, indem er sich selbst als Garanten des Friedens, um Krieg zu führen, als Beschützer der Menschenrechte, um die Kontrolle über die Bevölkerung zu stärken, und als Wächter der gesellschaftlichen Einheit präsentiert, um den Hass zu verschärfen. Täglich wird der Hass auf Fremde, auf Muslime, werden all die anderen Spaltungen angefacht, die es der kapitalistischen Ordnung gestattet, über die Ausgebeuteten zu herrschen. Gewalttaten gegen Immigranten vervielfachen sich, wie in Deutschland, wo Flüchtlingslager in Brand gesetzt werden. In Frankreich spielen der Front National und ein Teil der rechten Politiker wie Nadine Morano mit ihren Diskursen auf derselben Klaviatur wie der Islamische Staat: Furcht, Ausschluss, der Hass gegen die Anderen.
In solch einem gesellschaftlichen Kontext erscheinen die wenigen Ausdrücke wirklicher Solidarität als heroisch. Trotz der Risiken und Gefahren kamen sofort Menschen zusammen, um den Verletzten zu helfen. In der Umgebung der Angriffsziele zögerten Anwohner nicht, ihre Türen zu öffnen, um Leuten, die auf den Straßen in Panik geraten waren, Zuflucht zu gewähren. Allerdings wurde fast überall die vorübergehende Tendenz, aus Solidarität und Empörung zusammenzukommen, schnell erstickt. All dies zeigt, dass die Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber dem Mitmenschen, die normalerweise in der kapitalistischen Gesellschaft vorherrscht, überwunden werden kann, wenn es ein bewusstes Anliegen ist, Solidarität auszudrücken, den Menschen zu helfen, die sich realen Gefahren gegenübersehen. Wir haben dies in den letzten Monaten gesehen, als ein bedeutender Teil der Arbeiterklasse die Flüchtlinge willkommen geheißen hat, besonders als die ersten in Deutschland eintrafen. Doch die aktuelle Lage zeigt auch, dass dieser zerbrechliche Impetus angesichts der bösen Schwächen der Arbeiterklasse heute schnell auf das falsche Terrain des Patriotismus und Nationalismus gelenkt werden kann, hinter denen die mörderische und fremdenfeindliche Logik der demokratischsten Staaten steckt. Das Klima der Furcht und des Terrors wird zusammen mit dem Kampagnentrommelfeuer nach den Pariser Anschlägen schwer auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse lasten: Der Ruf nach nationaler Einheit und nach einem Staat als Retter vor diesen Gefahren können den Einfluss tödlicher Illusionen über die Verteidigung der Demokratie und der Stärkung der Sicherheit nur bekräftigen, und zwar auf internationaler Ebene. Und dies wird das Aufkommen einer realen Perspektive noch weiter erschweren, die selbstmörderischen Tendenzen dieses verrottenden Systems noch weiter verstärken.
Eine wirkliche Arbeitersolidarität kann nur auf internationale Weise, außerhalb des Einflusses aller Formen der bürgerlichen Ideologie, und in den Arbeiterkämpfen ausgedrückt werden. Die Generation, die das erste Ziel der Anschläge vom 13. November war, war in der sozialen Bewegung 2006 in der Lage gewesen, eine große Welle der Solidarität in der gesamten Arbeiterklasse zu generieren. Und als junge Leute aus den Vorstädten kamen, um Leute auszurauben, die an den Demonstrationen teilnahmen, weigerte sich diese Generation von Studenten und prekär Beschäftigten, in die Falle der Spaltung zu tappen. Sie sandten Delegationen zu diesen Vorstädten, um zu versuchen, die Leute dort für den allgemeinen Kampf zu gewinnen. Wenn sie so handelten, dann deshalb, weil die soziale Bewegung in der Lage war, sich selbst in allgemeinen Versammlungen zu organisieren, die es erlaubten, gemeinsam nachzudenken, zu diskutieren und zu arbeiten, mit anderen Worten: das Bewusstsein anzuheben. Dies ist der einzige Weg, um angesichts der schlimmsten Auswirkungen des Zerfalls vorwärts zu schreiten: Solidarität im Kampf, offene und freie Debatten, die Entwicklung von Klassenbewusstsein. Letztendlich kann nur diese Logik, die in den Massenkämpfen der Arbeiterklasse enthalten ist, das Aufkommen einer politischen Klassenidentität, die Entwicklung der historischen Perspektive einer neuen Gesellschaft ermöglichen. Dies ist die Perspektive einer Welt ohne Klassen, ohne Kriege und Grenzen, eine menschliche Gemeinschaft, die auf der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse und nicht auf den Bedürfnissen des Profits beruht.
„Der Wahnwitz wird erst aufhören, und der blutige Spuk der Hölle wird verschwinden, wenn die Arbeiter in Deutschland und Frankreich, in England und Russland endlich aus ihrem Rausch erwachen, einander brüderlich die Hand reichen und den bestialischen Chorus der imperialistischen Kriegshetzer wie den heiseren Schrei der kapitalistischen Hyänen durch den alten mächtigen Schlachtruf der Arbeit überdonnern: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“24
IKS, 21.November 2015
1Originalton des IS-Kommuniqués, das die Verantwortung für die Anschläge übernahm.
2Eine große Zahl der Opfer war zwischen 25 und 35 Jahre alt. Siehe zum Beispiel „A Paris, une génération visée“ (Le Monde) oder „La jeunesse qui trinque“ (Libération, 15.11.15).
3 Z.B. Cabu, 76, Wolinski, 80, Bernard, 68.
4Wo „Hunderte von Götzenanbetern sich in einer lasterhaften Prostitutionsparty versammelt hatten“ (IS-Kommuniqué).
5Siehe den Artikel auf unserer Website „Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich im Frühling 2006“, /content/876/thesen-ueber-die-studentenbewegung-frankreich-im-fruehling-2006 [415]
6Hierzu siehe „Les portraits poignants des victimes du 13 novembre“ auf der Website von Libération.
7« Wenn alle Länder zusammen 30.000 Menschen, die Monster sind, nicht austilgen können, dann ist nichts begriffen worden.“ (Laurent Fabius, Außenminister der sozialistischen Regierung in Frankreich (Erklärung im Radiosender France Inter, 20. November)
8„Der Zerfall: die letzte Phase der kapitalistischen Dekadenz“, Internationale Revue, Nr. 13, /content/748/der-zerfall-die-letzte-phase-der-dekadenz-des-kapitalismus [414]
9„Militarismus und Zerfall“, Internationale Revue, Nr. 13, /content/758/orientierungstext-militarismus-und-zerfall [834]
10Es sei auch daran erinnert, dass es dieselben USA waren, die 1979 einen bedeutenden Beitrag dazu geliefert hatten, Saddam, als Verbündeten der USA gegen den Iran, im Irak an die Macht zu bringen.
11„IS hat einen wahrhaftigen ‚Kriegsschatz‘ zu seiner Verfügung (zwei Milliarden Dollar laut der CIA), massive und autonome Einnahmen – es gibt keinen Vergleich mit dem, wozu al-Qaida Zugang hatte. Der IS hat alle Arten der militärischen Ausrüstung, einiges davon sehr rustikal, aber auch einige schwere und hochentwickelte Waffen. Statt mit einer terroristischen Bewegung sind wir mit einer echten Armee konfrontiert, die von professionellen Offizieren angeführt wird. Wer ist der Doktor Frankenstein, der dieses Monster geschaffen hat? Lasst uns ganz deutlich sagen, weil dies Konsequenzen hat: Es sind die USA. Zwar haben auch andere Akteure durch kurzsichtige politische Interessen – einige von ihnen werden von ihren Freunden im Westen geteilt – als Komplizen oder absichtlich, dazu beigetragen, es aufzubauen und zu stärken. Doch die Hauptverantwortung liegt bei den USA.“ (Aus einer Rede von General Vincent Desportes, ein assoziierter Professor der politischen Wissenschaften in Paris, befragt vom französischen Senat zur Operation „Chammal“ im Irak. Verfügbar auf der Website des Senats.
12Das Kalifat, das sie mit Waffengewalt zu erobern vorgeben, umfasst somit: Irak, Syrien, Libanon, Kurdistan, Kasachstan, die Golf-Länder, den Jemen, den Kaukasus, den Maghreb, Anatolien, Ägypten, Äthiopien, Libyen, das ganze Horn von Afrika, Andalusien und Teile Europas. Dieses unrealisierbare Projekt ist völlig selbstmörderisch und nicht weniger verheerend.
13„Militarismus und Zerfall“, a.a.O.
14Ein anderer Punkt, den der IS mit dem Nazi-Regime gemeinsam hat, ist, dass Letzteres dieselbe unrealistische und selbstmörderische Eroberungspolitik hatte. Daher ist der Begriff Islamo-Faschismus in der Tat geeignet, um die Ideologie des IS zu beschreiben.
15Rosa Luxemburg, Die Junius-Broschüre.
16Die Liste der Anschläge in der ganzen Welt seit den einstürzenden Twin Towers im September 2001 ist endlos. Jüngstes Beispiel: der Angriff und die Geiselnahme internationaler Gäste und Einheimischer in einem Hotel nahe des Zentrums von Bamako in Mali durch eine mit al-Qaida verbundene Gruppe eine Woche nach dem Pariser Massaker, die somit 27 weitere Tote der Liste hinzufügte.
17„Terroristische Angriffe in Frankreich: ein Ausdruck der Barbarei und des Zerfalls des kapitalistischen Systems“, Révolution Internationale, Nr. 149, Oktober 1986.
18Das Ausmaß des Gemetzels, das von den Selbstmordattentätern verursacht wird, die regelmäßig Marktplätze im Mittleren Osten heimsuchen, geben uns eine Ahnung von dem fürchterlichen Blutbad, das stattgefunden hätte, wenn es den Terroristen gelungen wäre, in das Stadion zu gelangen.
19Dieser Begriff ist im IS-Kommuniqué benutzt worden.
20Diese Kamikaze-Kommandos werden oftmals auch unter schwere Drogen gesetzt, um ihre Handlungen zu fördern, wie es bei dem jungen Mann der Fall war, der das Massaker im Hotel Sousse in Tunesien im Juni dieses Jahres angerichtet hatte.
21Ein Beispiel unter vielen: „Gestern wurden mindestens 36 Menschen, einschließlich zehn Kindern, getötet und Dutzende verletzt bei den 70 Angriffen, die von den russischen und syrischen Streitkräften gegen etliche Ortschaften in Deir Ezzor ausgeführt wurden“, laut Rami Abdel Rahman, Direktor der syrischen Beobachtergruppe der Menschenrechte (L’Express, 20.11.15).
22Veröffentlicht von folgenden Organisationen: Association Internationale des Médecins pour la Prévention de la Guerre Nucléaire (IPPNW, Friedensnobelpreis 1985), Physiker für die gesellschaftliche Verantwortung und Physiker für das globale Überleben.
23Senat, Étude de legislation comparée, No. 156, Januar 2006, „L’état d’urgence“.
24Junius-Broschüre.
Im Januar 2015 kündigten die Mitglieder der IKS in der Türkei ihren Austritt aus unserer Organisation an. Die Begründung für ihren Abgang wurde einige Monate später unter dem Namen einer neuen Gruppe, die sich „Pale Blue Jadal“ nennt, unter der Überschrift „Über unser Ausscheiden aus der Internationalen Kommunistischen Strömung“ [837] veröffentlicht. Ziel des folgenden Artikels ist es, zu thematisieren, was unserer Ansicht nach die Hauptfragen sind, die sich angesichts des Weggangs dieser Ex-Genossen stellen.
Das Editorial der ersten Ausgabe unserer Internationalen Revue, die in englischer, französischer und spanischer Sprache 1975 veröffentlicht wurde, legt deutlich das Ziel dar, das sich die frischgebackene IKS selbst gesetzt hatte: „In dieser Periode der allgemeinen Krise, die schwanger geht mit Erschütterungen und sozialem Aufruhr, ist es eine der drängendsten und mühseligsten Aufgaben, denen sich die Revolutionäre gegenübersehen, die geringen revolutionären Kräfte zusammenzuschweißen, die gegenwärtig auf der ganzen Welt verstreut sind. Diese Aufgabe kann nur angegangen werden, indem sie geradewegs auf einer internationalen Ebene begonnen wird. Dies ist stets ein zentrales Anliegen unserer Strömung gewesen.“ Für solch eine Organisation ist der Verlust eines Mitstreiters ein Unglück. Eine ganze Sektion zu verlieren ist ein Versagen. Wir sind es daher uns selbst, all jenen, die sich mit der Tradition der Kommunistischen Linken identifizieren, und der Arbeiterklasse im Allgemeinen schuldig, dieses Versagen in einem schonungslosen, kritischen Geist zu untersuchen und unsere Schlüsse unseren LeserInnen darzulegen.
Dies ist umso dringlicher angesichts der Aussagen des von unseren Ex-Genossen aus der Türkei verfassten Textes, die wir von nun an „Pale Blue Jadal“ (PBJ) nennen müssen. Es gibt Punkte in diesem Text, mit denen wir uns einverstanden erklären können, und dennoch ist der Text im Großen und Ganzen ein solches Allerlei von Halbwahrheiten, Entstellungen, Schuldzuweisungen und einer allgemeinen Konfusion, die schon von jenen, die bei den Ereignissen dabei waren, die er zu schildern versucht, kaum zu durchschauen sind und für jeden außerhalb der IKS völlig unverständlich sein müssen. Dies heißt aber natürlich nicht, dass der Text von PBJ nicht gewisse Auswirkungen hat: Den Zaghaften wird er einen weiteren Anlass zu Zweifeln geben, und unsere Gegner (einige von ihnen hegen einen Hass gegen uns, der eher im Bereich des Pathologischen anzusiedeln ist als in der Politik)werden in ihm lesen, was sie schon immer lesen wollten.
Um auf jede Anschuldigung von PBJ zu antworten, müssten wir etwas Ähnliches unternehmen wie Lenins Sezieren des Parteitages der RSDLP von 1903 in Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, jedoch über einen Zeitraum von fast zehn Jahren: Wir müssten detailliert aus einer Menge Konferenz- und Kongressprotokollen zitieren, gar nicht zu reden über die Korrespondenz und Protokolle der Treffen und Konferenzen. Dies würde zu lange dauern, es würde die Geduld unserer LeserInnen überfordern, und darüber hinaus würde es das interne Arbeiten unserer Organisation dem öffentlichen Blick preisgeben, etwas, was kein Revolutionär bei vollem Verstand heute tun würde. Wir werden daher uns selbst darauf beschränken, unseren Standpunkt so klar wie möglich darzustellen und nebenbei einige der schlimmsten Irrtümer und Unterstellungen von PBJ richtigzustellen.
Fangen wir mit dem Punkt an, in dem wir mit PBJ übereinstimmen: dass die Integration der Gruppe EKS als türkische Sektion ein Prozess war, der vom Opportunismus befallen war. Wir wollen hier nicht in die Einzelheiten gehen; es reicht aus zu sagen, dass wir das Tempo der Geschichte beschleunigen wollten, ein klassisches Rezept für den Opportunismus.
„Das Tempo beschleunigen“ natürlich in unserem eigenen kleinen Rahmen; prinzipiell bedeutete es die Entscheidung, die Diskussionen mit der EKS, die unsere Sektion in der Türkei werden sollte, „auf der Schnellspur“ laufen zu lassen. Insbesondere beschlossen wir:
Im Nachhinein war unsere nachlässige Herangehensweise in der Organisationsfrage sowohl unentschuldbar als auch unglaublich. Wer war die EKS schließlich? Wie die PBJ sagt, war sie „lediglich eine Ansammlung politisierter Freundeskreise“ und zudem Zirkel, die im politisierten kleinbürgerlichen Studentenmilieu großgeworden sind. Mit anderen Worten, es war exakt die Art von Zirkel, die Lenin 1903 beschrieben hatte. Angesichts all unserer vergangenen Erfahrungen, ganz zu schweigen von unserem Bewusstsein über unsere eigenen Versäumnisse, die häufig aus den Ursprüngen der IKS in den Studentenbewegungen der 60er und 70er Jahre herrührten – wie konnten wir übersehen, dass eine der größten Fragen, denen wir uns bei der Integration der EKS gegenübersahen, eben die Weitergabe unseres eigenen organisatorischen Experiments ist? Wie konnten wir unsere eigene Kritik an der Zwecklosigkeit hastiger, opportunistischer Integration [838], wie sie in der Vergangenheit von der TCI praktiziert wurde, aus den Augen verlieren? Wie es aussieht, dient unsere Erfahrung mit der Sektion in der Türkei lediglich als weitere Bestätigung – falls sie denn notwendig ist – dafür, dass diese Kritik grundsätzlich richtig ist und genauso auf uns zutrifft wie auch auf Andere.
Der in Kürze erscheinende Artikel über unseren 21. Kongress gibt eine allgemeine Antwort auf diese Fragen: „Der Kongress unterstrich, dass die IKS stets von ihrer ‚Jugendsünde‘ der revolutionären Ungeduld beeinträchtigt war, die uns wiederholt dazu veranlasst hat, den historischen und langfristigen Rahmen aus den Augen zu verlieren, der das Umfeld der Funktion der Organisation ist.“ Solche Versäumnisse sind insoweit schwierig zu überwinden, als sie von Anfang an in der Organisation präsent waren.[1] Konkret machte es uns für die besonders unter einigen jungen Mitgliedern der EKS grassierende Illusion zugänglich, dass unsere Schwierigkeiten, unsere Positionen unter der neu politisierten jüngeren Generation rüberzubringen (besonders im relativ neuen Medium des Internet-Forums), hauptsächlich eine Frage der Darstellung sei[2] und dass wir daher unseren Einfluss vergrößern könnten, wenn wir in unserem Beharren auf Organisationsprinzipien nachgeben (dies meint PBJ mit der „Erkenntnis, dass unsere Traumas Probleme bereiteten“). Infolgedessen verloren wir die historischen, materialistischen Fundamente unserer Organisationspraxis aus den Augen, wie sie von unseren Statuten verkörpert werden, die allein historisch, als politische Prinzipien[3], und als das Ergebnis sowohl der vergangenen Arbeiterbewegung (Internationale und Fraktionen) als auch unserer eigenen Erfahrungen verstanden werden können. Wir behandelten die Statuten als bloße „Verhaltensregeln“; die „Diskussion“ über das Thema wurde an einem Tag durchgepeitscht (im Gegensatz zu der monatelangen Korrespondenz und Diskussion mit der EKS über die Positionen, die in der Plattform zum Ausdruck kommen). Es gab keine Diskussion über die „Kommentare zu den Statuten“ (ein Text, der unsere Statuten in den Kontext der historischen Erfahrung der Arbeiterbewegung und der IKS stellt) und auch keine über die elementaren organisatorischen Texte. Auch beharrten wir nicht darauf, dass diese Texte ins Türkische übersetzt werden.[4]
Für all dies trägt, um es nochmals zu sagen, die IKS – nicht die Mitglieder der EKS – die volle Verantwortung.[5]
Doch das Resultat war, dass die Haltung der türkischen Sektion zu den Statuten nicht dem von militanten Marxisten entsprach, die danach streben, die Prinzipien hinter ihnen zu begreifen und in die Praxis umzusetzen – oder, falls notwendig, dafür einzutreten, dass sie geändert werden, mit all den internationalen Debatten innerhalb der Organisation, die dies beinhalten würde: Es war eher die Haltung von Winkeladvokaten, deren einziges Interesse darin besteht, Wortklauberei zum eigenen Vorteil zu betreiben.[6]
Dies ist letztendlich die Rechtfertigung von PBJ für ihren Austritt: „Wir mussten gehen“. Doch was genau ist damit gemeint? Immerhin wurden die türkischen Mitglieder nicht hinausgeworfen, weder kollektiv noch individuell, noch wurden sie anderweitig sanktioniert. Ihre „Minderheitspositionen“ wurden nicht unterdrückt – im Gegenteil, sie wurden ständig dazu aufgefordert, ihre Positionen in Texten auszudrücken, so dass diese veröffentlicht und der gesamten Organisation zur Kenntnis gebracht werden können.
Wenn wir versuchen, die Hauptpunkte aus dem Text von PBJ zu ziehen, ergibt sich das immer gleiche Bild:
PBJ ist, um es zusammenzufassen, die „kritische Linke“ der IKS, und nicht die Jungen, die sich etwa weigern würden, den „einseitigen Transfer“, die „Diktatur“ der Alten zu akzeptieren, deren „Traumata Probleme bereiteten“.
In der Tat konfrontierte die Sektion nur Monate vor ihrem Austritt die Organisation mit einem hochtrabenden Positionspapier, indem sie erklärte, dass sie „die Linke“ in der Organisation sei. Nehmen wir sie beim Wort und betrachten für einen Moment, was das bedeutet: Was heißt es, „die Linke“ im Kontext der IKS zu sein?
Die IKS behauptet sehr bewusst, dass ihre Ursprünge in der Kommunistischen Linken und noch ausdrücklicher, soweit Organisationsfragen betroffen sind, in der Tradition der italienischen Linkskommunisten liegen. Was bedeutete es, eine „Linksfraktion“ in den Tagen der Italienischen Linken, zurzeit der Degeneration der Kommunistischen Internationalen zu sein? „Die Linksfraktion wird in einer proletarischen Partei gebildet, die unter dem Einfluss des Opportunismus dabei ist zu degenerieren, mit anderen Worten, die von der bürgerlichen Ideologie penetriert ist. Es liegt in der Verantwortung der Minderheit, die das revolutionäre Programm hochhält, einen organisierten Kampf für seinen Erfolg in der Partei zu führen (…) Es ist die Verantwortung der linken Fraktion, den Kampf in der Partei fortzuführen, solange die Hoffnung besteht, sie zur Umkehr zu bewegen: Daher haben Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre die linken Strömungen die Parteien der KI nicht verlassen, sondern wurden häufig mit den Mitteln schmutziger Manöver ausgeschlossen.“[8]
Kurz, die Linke kämpft bis zum Äußersten für ihre Organisation, um:
Schließlich rennt die Linke nicht beim ersten Anzeichen von Meinungsverschiedenheiten und Gegensätzen weg. Sie unternimmt alles Erdenkliche, um in der Organisation zu verbleiben und ihre Ideen zu verteidigen – und wird ausgeschlossen. Sie spielt nicht das Schaf im Wolfsfell, indem sie davonläuft.
Die italienische Linksfraktion wurde in Reaktion auf die Degeneration der Kommunistischen Internationalen, die Integration ihrer konstituierenden Parteien in den politischen Apparat der herrschenden Klasse, gebildet. Wie immer unsere Mängel aussehen mögen, die IKS befindet sich nicht in derselben Lage, und selbst die Mitglieder der türkischen Sektion haben solch eine Behauptung nicht aufgestellt. Es gab also keinen Grund, anzunehmen, dass die vielfältigen Meinungsverschiedenheiten, die durch die oder in der Sektion laut geworden sind, die Bildung einer „Fraktion“ in der IKS rechtfertigen könnten; im Gegenteil, wir konnten hoffen, dass offene Diskussionen in der Sektion es ermöglichen würden, diese Meinungsverschiedenheiten zu klären, was vielleicht zu einer klareren Position für die Organisation in ihrer Gesamtheit führen könnte.
Dennoch bleiben die dem zugrundeliegenden Punkte gültig. Es steht in der Verantwortung jeglicher Minderheiten in einer revolutionären Organisation, ihre Positionen so lange zu verteidigen, wie sie dazu in der Lage sind, bis zum Äußersten zu versuchen, den Rest der Organisation von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Niemand gibt vor, dass dies leicht ist – aber es ist der einzige Weg, eine Organisation aufzubauen.
Warum scheiterten die türkischen Genossen in diesem Zusammenhang so eklatant? Wir können auf zwei Hauptfaktoren verweisen:
Wir möchten diesen Punkt abschließen, indem wir auf die angebliche „Auflösung der türkischen Sektion“ antworten. Es gibt keinen Zweifel, dass auf beiden Seiten in dem Prozess, der zum Weggang der Sektion führte, Fehler begangen wurden; es gibt auch keinen Zweifel daran, dass sich ein gewisses Misstrauen breitgemacht hatte, das wir nicht zerstreuen konnten.[11] Es trifft jedoch nicht zu, wenn suggeriert wird, dass die Sektion aufgelöst wurde. Diese Behauptung stützt sich auf zwei Punkte:
Wir möchten dies klarstellen.
Wie der Text von PBJ besagt, war die Teilnahme ihrer Mitglieder an anderen Sektionstreffen ein Versuch, den Lokalismus aufzubrechen, hinter dem sich die Sektion verschanzt hatte – und den sie nicht leugnen können. Was sie nicht sagen, ist, dass dasselbe Mittel auch auf andere Sektionen im Vorfeld von Kongressen der IKS angewendet wurde. Ziel war es, das lokale Leben der Sektionen für internationale Diskussionen zu öffnen, zu versuchen, frische Luft hineinzulassen und allen GenossInnen zu erlauben, sich über ihre eigenen unmittelbaren Hauptbeschäftigungen hinaus ein Bild vom Leben der Gesamtorganisation zu machen, bevor die Delegationen auf dem Kongress eintrafen. Diese Maßnahme sollte ursprünglich nicht über den Kongress hinaus reichen. Nicht nur das; was die Genossen vom PBJ ihren Lesern nicht mitteilen, ist, dass diese Maßnahme vom Zentralorgan zurückgezogen wurde, nachdem klar geworden war, dass die türkische Sektion dem nicht zustimmte – weil sie es nicht verstanden hatte: Kommunistische Disziplin ist etwas, das man nicht bürokratisch erzwingen kann.
Was die Presse angeht, so stellen unsere Statuten unmissverständlich fest (und dies gilt ebenso in der Türkei): „Die territorialen Publikationen sind von der IKS den territorialen Sektionen und noch spezifischer ihren Zentralorganen anvertraut, die zu diesem Zweck Redaktionskomitees ernennen können. Jedoch sind diese Publikationen der Ausfluss der Gesamtheit der Strömung und nicht einzelner territorialer Sektionen. Daher hat das IB die Verantwortung, die Inhalte dieser Publikationen zu orientieren und zu verfolgen.“ Angesichts dessen, dass das IB in seiner Gesamtheit kein Türkisch spricht und dass die Sektion – was PBJ nur schwerlich abstreiten kann – sich nicht in vollständiger Übereinstimmung mit dem Rest der IKS in einer ganzen Reihe von Punkten befand (einschließlich beispielsweise die Analyse der „sozialen Revolten“ in Spanien, Ägypten, Türkei und Brasilien), war es sicherlich nicht unbegründet vom IB, darum zu bitten, dass Artikel vor ihrer Veröffentlichung vorgelegt werden; auf alle Fälle befand sich das IB völlig im Rahmen seiner statutenmäßigen Rechte, wenn es so verfuhr. Wie sehr sich das IB im Recht befand, können die LeserInnen auf der Grundlage eben jenes Artikel über das Bergwerksunglück in Soma selbst beurteilen, wegen dessen Nicht-Veröffentlichung die PBJ jetzt so viel Aufhebens macht. In diesem Artikel steht zum Beispiel, dass „der Tod der Arbeiter auf Schiffswerften, Baustellen und im Krieg geschieht, weil die Bourgeoisie ihn bewusst anstrebt; das Massaker in Soma, das ein Unfall genannt wurde, ist bewusst durchgeführt worden“, und weiter: „Im Krieg oder am Arbeitsplatz sind die ArbeiterInnen wertvoll, wenn sie für den Kapitalismus sterben.“ Selbst für die größten Vulgärmarxisten (und die Mitglieder der türkischen Sektion behaupteten damals, Marxisten zu sein; sie verwöhnten uns geradezu mit unverdaulichen Lehren über „das Wertgesetz“) ist dies kompletter Unfug: ArbeiterInnen sind für das Kapital wertvoll, wenn sie Mehrwert produzieren, etwas, was sie wohl kaum bewerkstelligen können, wenn sie tot sind.
Weit entfernt davon, die Sektion „aufzulösen“, hatte die Organisation jedes Interesse an ihrer Teilnahme am internationalen Leben der IKS, besonders an deren internationalen Kongressen. Man könnte erwarten, die „Linke“ würde die Gelegenheit beim Schopfe packen und sich auf dem Kongress ausdrücken, dies umso mehr, als unsere Statuten die Über-Repräsentierung von Minderheitspositionen ermöglichen. Nicht so PBJ: nicht nur dass sie überstürzt vor dem Kongress austraten, sie lehnten auch die Einladung unserer Organisation ab, als auswärtige Gruppe aufzutreten und zu sprechen. Sie hatten ja so viel „wichtige Arbeit“ zu tun – wir überlassen es unseren LeserInnen selbst, die Ergebnisse der „wichtigen Arbeit“ von PBJ auf deren eigener Website zu beurteilen. Probieren geht über Studieren.
PBJ macht viel Aufhebens über die so genannten „konservativen Genossen“[12], die „betonten, dass die 68er Generation ihre Erfahrungen einseitig an die Jugend übermitteln muss. Diese Betonung setzte voraus, dass die jungen Genossen bar jeglicher Erfahrung in der Organisationsfrage sind“. Dass „die jungen Genossen bar jeglicher Erfahrung in der Organisationsfrage“ sind, ist nichts anderes als eine Tatsachenfeststellung[13], doch lohnt es sich, diese Frage etwas ausführlicher aufzugreifen als PBJ.
„Jede Generation bildet ein Glied in der Kette der Menschheitsgeschichte. Jede von ihnen wird mit drei fundamentalen Aufgaben konfrontiert: damit, das kollektive Erbe von der vorherigen Generation zu übernehmen; dieses Erbe auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrung zu bereichern und es schließlich weiterzureichen, so dass die nächste Generation mehr erreichen kann, als eigentlich in ihrem Vermögen steht. Diese Aufgaben sind alles andere als leicht und stellen eine besondere Herausforderung dar. Dies trifft auch auf die Arbeiterbewegung zu. Die ältere Generation hat ihre Erfahrungen anzubieten. Doch sie trägt auch an den Wunden und Traumata ihrer Kämpfe, musste lernen, Niederlagen, Enttäuschungen und der Tatsache ins Gesicht zu schauen, dass die Erringung von dauernden Errungenschaften des kollektiven Kampfes oftmals mehr als eine Lebensspanne erfordert. Es benötigt die Energie und den Elan der folgenden Generation, aber auch ihre neuen Fragen und ihre Fähigkeit, die Welt mit anderen Augen zu betrachten.
Doch so sehr sich die Generationen gegenseitig benötigen, ist ihre Fähigkeit, die nötige Einheit zu schmieden, nicht automatisch gegeben. Je mehr sich die Gesellschaft von der Naturalwirtschaft entfernte, je unablässiger und schneller der Kapitalismus die Produktivkräfte und die gesamte Gesellschaft ‚revolutioniert‘, desto mehr unterscheiden sich die Erfahrungen der einen Generation von der nächsten. Der Kapitalismus, das Konkurrenzsystem schlechthin, spielt die Generationen im Kampf einer gegen alle gegenseitig aus.“[14]
Schematisch können wir sagen, dass es drei mögliche Reaktionen auf dieses Bedürfnis nach Erfahrungstransfer gibt, das jeder menschlichen Gesellschaft innewohnt:
Es mangelt nicht an Beispielen solcher kritischer Aneignungen durch eine neue Generation von Militanten in der Arbeiterbewegung. Wir könnten jene von Lenin in Bezug auf Plechanow oder, noch bemerkenswerter, von Rosa Luxemburg bezüglich Kautsky und der SPD im Allgemeinen zitieren, die sie genauso wie die Theorien von Marx in Die Akkumulation des Kapitals sowohl kritisierte als auch weiterentwickelte. Diese Beispiele zeigen uns, dass eine Vorbedingung zur Kritik eben die Aneignung der Ideen ihrer Vorgänger ist, mit anderen Worten, die Fähigkeit, sie zu begreifen – und die Fähigkeit zu begreifen ist abhängig von der Fähigkeit zu lesen (da die halbe Sektion keine andere Sprache als Türkisch las, war dies natürlich faktisch unmöglich). Vorausgesetzt, man hat die Ideen verstanden, kann man sie – besonders im Kontext einer Organisation, in der es das Ziel ist, die anderen GenossInnen zu überzeugen – nur kritisieren, indem man eingehend mit ihnen in Beziehung tritt, was die Mitglieder der türkischen Sektion auf eklatante Weise versäumt hatten. PBJ behauptet, dies sei unwahr.[17] Dennoch haben sie es schwer, auf einen einzigen Text über Organisationsfragen (anders als die „niederträchtige“ Position über den Parasitismus) zu verweisen, der sich mit irgendeinem der Grundsatzdokumente der IKS, ob externe oder interne, beschäftigt. Wenn sich unsere LeserInnen von den weißen Flecken im organisatorischen Verständnis von PBJ überzeugen wollen, können wir sie nur dazu einladen, sich einen Text von Jamal [839] (ein eifriger Mitwirkender im IKS-Forum) zu Gemüte zu ziehen, den PBJ auf ihrer Website ohne ein Wort des kritischen Kommentars veröffentlichte. Es liest sich wie eine Art Manager-Handbuch, das von einer Personalabteilung für ein neues Start-up produziert wurde.
An diesem Punkt wollen wir einen Schritt zurückgehen und zu den Worten zurückkehren, die wir eingangs des Artikels zitiert haben. „Eine der drängendsten und mühseligsten Aufgaben, denen sich Revolutionäre gegenübersehen, (ist) die kümmerlichen revolutionären Kräfte, die auf der ganzen Welt verstreut sind, zusammenzuschweißen.“ Konfrontiert mit den Versäumnissen der IKS (und niemand ist sich dessen bewusster als wir), ist es allzu leicht zu übersehen, wie schwierig, wie ambitiös solch eine Aufgabe ist. Mitstreiter aus allen Herren Ländern, aus äußerst unterschiedlichen Kulturen und Hintergründen in einer einzigen internationalen Organisation zusammenzubringen, die imstande ist, am Denkprozess eines Milliarden-starken Proletariats teilzunehmen und ihn zu stimulieren, Letzteres nicht in einer leblosen Homogenität, sondern in einem Ganzen zu vereinen, in dem die Einheit der Aktion sich auf der Diversität der Debatte innerhalb eines allgemein akzeptierten politischen Rahmens stützt – das ist ein gigantisches Unterfangen. Sicherlich bleiben wir hinter unseren eigenen Ansprüchen zurück – doch wir müssen sie nur aussprechen, um zu sehen, wie sehr sie sich von der Zirkelmentalität unterscheiden, die die EKS dominierte, wie ihre Mitglieder selbst einräumten.
Im Grunde haben die Mitglieder der türkischen Sektion den fundamentalen Unterschied zwischen einem Zirkel und dem Dasein eines Militanten in einer revolutionären Organisation, besonders in einer internationalen, nie begriffen. Dies ist nicht allein ihr Fehler, da wir scheiterten, ihnen unsere Organisationsauffassung zu vermitteln – zum Teil auch, weil wir selbst in gewisser Weise den Blick auf sie verloren hatten.
Wir haben uns bereits intensiv mit der Frage beschäftigt, die Lenin den „Zirkelgeist“ nannte.[18] Nun wollen wir einige der Hauptpunkte in Erinnerung rufen.
Erstens zeichnet sich der Zirkel durch eine auf eine Mischung aus persönlicher Freundschaft und politischer Übereinstimmung basierende Mitgliedschaft aus; infolgedessen verschmelzen persönliche Konflikt und politische Meinungsverschiedenheiten – ein sicheres Rezept für die Personalisierung politischer Argumente. Es ist wenig überraschend, dass das Leben der türkischen Sektion durch eine Reihe von bitteren persönlichen Animositäten gezeichnet war, die zu Spaltungen und Perioden der „Paralyse“ geführt hatten.
Um seinen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten, verschließt sich der Zirkel wie eine Auster vor der Außenwelt. Dies ist umgekehrt ein Rezept für personalisierte Antagonismen zwischen dem Zirkel und dem Rest der Organisation: „Im Namen der ‚Minderheit’ sammeln sich heterogene Elemente in der Partei, die, bewusst oder unbewusst, von dem Wunsch geeint sind, die Verhältnisse eines Zirkels, der Vorläufer der Organisationsform der Partei, aufrechtzuerhalten.“[19] Der Zirkelgeist in der Organisation führt zu einem „Wir und sie“-Verhalten, des Zirkels gegen die „Zentralorgane“; der Zirkel verliert völlig den Blick auf die Organisation als Ganzes und ist geradezu von den „Zentralorganen“ besessen. Ein Beispiel, das wir unter vielen anderen zitieren können, ist der Text eines Mitglieds der Sektion, der den Titel trug: „Gibt es eine Krise in der IKS?“. Die Kritik, die in diesem Text angestimmt wurde, wurde aufgegriffen und von einer anderen Sektion sowohl beantwortet als auch weiterentwickelt; jedoch wurde diese Antwort völlig ignoriert. Allein „die Zentralorgane“ wurden als wert erachtet, beachtet zu werden.
Der Zirkel erhält seinen Zusammenhalt aufrecht, indem er sich en bloc dem Rest der Organisation widersetzt, während er gleichzeitig jede Debatte innerhalb des Zirkels über seine eigenen Divergenzen vermeidet. Dies wurde offensichtlich in der Debatte über Ethik und Moralität innerhalb der IKS: Wo ein Genosse ein kritisches Argument entwickelte, das (vgl. die Bemerkung oben) bis zu einem gewissen Grad direkt von den eigenen Texten der Organisation inspiriert war, stellte ein anderer eine Position vor, die eher zu Hobbes neigt als zu Marx – und doch hörten wir nie ein Wort der Kritik von den türkischen Genossen.[20]
Ein noch eklatanterer Fall für dieses Verschließen gegenüber dem Rest der Organisation war die Debatte über die Ereignisse rund um die Massendemonstrationen für den Gezi-Park in Istanbul. PBJ äußerte: „Es wurde behauptet, dass die Sektion es versäumt hatte, die Organisation über ihre Meinungsverschiedenheiten während des Gezi-Prozesses aufzuklären, und dies, obwohl die Sektion in der Hitze der Ereignisse ein Treffen mit Genossen aus dem Sekretariat gehabt hatte, auf dem sie versucht hatte, ihre Meinungsverschiedenheiten zu erläutern.“ Es ist sicherlich richtig, dass es eine ausführliche Diskussion zwischen Mitgliedern des Internationalen Sekretariats und Mitgliedern der türkischen Sektion über die redaktionellen Veränderungen in ihrem Artikel über die Ereignisse in Gezi gab. Es ist ebenfalls richtig, dass die Mitglieder des IS Schwierigkeiten hatten, aus diesen „Meinungsverschiedenheiten“ schlau zu werden, und dies aus gutem Grund: Auf der Konferenz der Sektion, die kurz darauf abgehalten wurde, gab es mindestens zwei, wenn nicht sogar drei verschiedene Positionen innerhalb der Sektion. Die Mitglieder der Sektion verpflichteten sich selbst, ihre unterschiedlichen Positionen niederzuschreiben, um die Diskussion in die gesamte Organisation zu tragen – unsere LeserInnen werden erstaunt sein, wenn sie hören, dass diese Dokumente bis heute nicht das Tageslicht erblickt haben.
Die Ex-Genosse aus der Türkei schweigen sich auch über eine weitere interne Meinungsverschiedenheit aus, über den „Tonfall“ unseres „Kommunique an unsere Leser: Die IKS unter Beschuss durch eine neue Agentur des bürgerlichen Staates“ [811] aus. So heißt es bei PBJ: „Nichtsdestotrotz versäumten es die Mitglieder unserer Sektion im Zentralorgan der IKS nicht, den äußerst zornigen Tonfall des Kommuniqués zu kritisieren, das als Antwort auf diese Angriffe geschrieben worden war.“ Völlig richtig. Doch der Text vergaß zu erwähnen, dass zwei andere Mitglieder der Sektion das Kommuniqué für vollkommen geeignet hielten und dies auch unmissverständlich auf einem Treffen äußerten, das im Juli 2014 mit Mitgliedern der Sektion aus Frankreich abgehalten wurde.
Wir haben bereits (in Fußnote 6) erwähnt, dass Leo und Devrim darauf bestanden, ihre Forumsdebatten ohne jegliche Einschränkungen fortzusetzen. Dies erinnert erneut an Lenins Worte: „Einige hervorragende Persönlichkeiten der einflußreichsten unter den früheren Zirkeln, die nicht gewöhnt sind an die organisatorischen Selbstbeschränkungen, welche die Parteidisziplin erfordert, neigen gewohnheitsmäßig dazu, die allgemeinen Parteiinteressen und ihre Zirkelinteressen zu vermengen, die zur Zeit des Zirkelwesens tatsächlich häufig zusammenfallen mochten“ die „... entrollen natürlich das Banner des Aufstands gegen die notwendigen organisatorischen Beschränkungen und erheben ihren spontanen Anarchismus zum Kampfprinzip“ das „... als Forderung nach „Duldsamkeit“ usw. bezeichnen.“[21]
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Dies trifft sicherlich auf PBJ zu. Dank der technischen Hexerei des Internet entdeckten wir, dass das Bild, das die Mitglieder von Pale Blue Jadal gewählt haben, um ihre Gruppe darzustellen, geradewegs aus der Welt des sentimentalen Hippietums stammt.[22]
Ihre „politischen Prinzipien“ sind bar jeglichen Bezugs zur Kommunistischen Linken, ja sogar zu jeglichem vergangenen Vermächtnis überhaupt. So erklärt sich PBJ selbst zu einer neuen Gruppe, die allein auf sich selbst ruht, auf Ignoranz und einer Ansammlung von Ressentiments, auf Missmut und persönliche Loyalitäten.[23]
Es gibt auch keine Erwähnung der Dekadenz des Kapitalismus, die für die IKS, die sie gerade verlassen haben, der materialistische Grundstein ihrer politischen Positionen ist. PBJ hat weder Kritik an diesem theoretischen Fundament noch irgendeine Alternative anzubieten. PBJ mag sich dessen unbewusst sein, doch indem diese Gruppe jeglichen Bezug zur Vergangenheit und jegliches Bemühen, ihren politischen Positionen eine materialistische Grundlage zu geben, eingestellt hat, ist diese Gruppe schon dabei, den Prozess der „politischen Diskussion“ zu torpedieren, zu der sie sich angeblich verpflichtet hat.[24] In der Liste der Diskussionsthemen, die im „Fahrplan“ von PBJ vorgeschlagen wurden (und die sie mindestens die nächsten 20 Jahre auf Trab halten werden) fällt die Anwesenheit des Punktes „Die nationale Frage im Mittleren Osten“… und das völlige Fehlen jeglicher Anmerkungen über die konkrete Situation in der Türkei, über das Wiederaufflammen von Erdoǧans Krieg gegen die Kurden, das Wiedererwachen des kurdischen Nationalismus und die syrische Flüchtlingskrise, den Bombenanschlag in Suruç, etc., etc. auf.
Wir haben oben gesagt, dass die Existenz einer internationalen revolutionären Organisation eine Vorbedingung für den erfolgreichen Sturz des Kapitalismus ist. Wenn das Proletariat eines Tages sich als fähig erweisen wird, „den Himmel zu stürmen“ (um Marx‘ Ausdruck zu benutzen), dann wegen seiner ausschlaggebenden Stärke in jenen Ländern mit einer starken Arbeiterklasse und einer gewissen historischen Erfahrung. Die Türkei, das Tor zu Asien, ist eines dieser Länder; eine aufstrebende proletarische Bewegung dort wird zwangsläufig einen politischen Ausdruck produzieren, der allein auf dem Vermächtnis der Kommunistischen Linken ruhen kann. Indem sie diesem Vermächtnis den Rücken zukehren, disqualifizieren sich die Mitglieder von PBJ selbst für die Beteiligung an einem solchen politischen Ausdruck, und dies ist ihre Tragödie.
Schließen wir jedoch mit einer optimistischen Bemerkung. All unsere vergangenen Erfahrungen zeigen, dass PBJ dazu verdammt ist, den Weg früherer Zirkel zu gehen – jene, die sich weigern, aus der Geschichte zu lernen (und man kann nicht aus der Geschichte lernen, wenn man nichts über sie weiß), sind dazu verurteilt, sie zu wiederholen. Doch wir sollten offen bleiben für die Möglichkeit, dass wir womöglich unrecht haben und dass PBJ trotz allen Anscheins noch etwas Lohnenswertes für das Proletariat und die Revolution bewegen kann. Damit dies geschieht, müssen sie den Weg zurück zum revolutionären theoretischen und organisatorischen Vermächtnis der Kommunistischen Linken finden.
IKS, November 2015
[2]Natürlich ist es nicht zu bestreiten, dass wir in diesem Bereich ebenfalls Fehler gemacht haben, größtenteils in Folge unserer eigenen Neigung zum Schematismus.
[3]Deshalb bilden unsere Statuten einen Teil unserer Plattform und sind Bestandteil der Grundlage, auf die Militante in die Organisation integriert werden.
[4]Das Ausbleiben der türkischen Übersetzungen wurde kritisch, als die Sektion (ohne nach der Meinung anderer zu diesem Thema zu fragen) neue Mitglieder integrierte, die nicht in der Lage waren, Englisch zu lesen.
[5]Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass unser Blick auf den organisatorischen Opportunismus der IKS ein ganz anderer ist als der von PBJ. Auch auf das Risiko, die Geduld unserer LeserInnen zu überstrapazieren, möchten wir kurz auf einen der kleinen Mythen von PBJ (um ihren Ausdruck zu benutzen) antworten: dass „das deutlichste Beispiel für den Opportunismus im Integrationsprozess der Sektion die Tatsache ist, dass Genossen, die nicht mit der Plattform und den Statuten übereinstimmten, in der Organisation akzeptiert wurden“. Worauf bezieht sich das? Tatsächlich traten zwei potenzielle Meinungsverschiedenheiten im Verlauf der Diskussion zutage. Die erste war Devrims Nicht-Zustimmung zum statutengemäßen Verbot der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft (interessanterweise erblickt PBJ nichts Unehrenhaftes darin, eine Integration in eine Organisation zu akzeptieren, mit deren Positionen man nicht übereinstimmt…), die zweite bezieht sich auf den Dissens einer Genossin mit dem in den Statuten formulierten Verbot, irgendeiner anderen politischen Organisation anzugehören.
Das Verbot einer gewerkschaftlichen Mitgliedschaft richtet sich gegen jegliches Zugeständnis an den „Entrismus“ (die Idee, dass es möglich sei, Gewerkschaften positiv von innen zu beeinflussen oder gar dass man „wirksamer“ intervenieren könne, wenn man Gewerkschaftsmitglied ist) oder an die „roten Gewerkschaften“ der bordigistischen Variante oder an ihres Cousins, den revolutionären Syndikalismus. Die Statuten gestatten allerdings Ausnahmen im Falle „beruflicher Auflagen“. Diese Ausnahmeregelungen nehmen Rücksicht auf ArbeiterInnen in so genannten „closed-shop“-Betrieben, in denen die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft eine Bedingung für die Beschäftigung ist – eine Situation, die in Großbritannien der 1970er Jahre, aber auch in einigen Industrien in anderen Ländern (die französische Druckindustrie wurde zum Beispiel völlig beherrscht von der CGT) durchaus üblich war. Devrims Einwand bestand darin, dass ArbeiterInnen, auch wenn sie nicht in einem closed-shop-Betrieb beschäftigt sind, möglicherweise gezwungen sind, in die Gewerkschaft einzutreten, um Zugang zu Sozialhilfe, Versicherung oder anderen entscheidenden Beihilfen, wie z.B. eine legale Repräsentanz in Personalstreitigkeiten, zu erlangen; zu keiner Zeit, weder damals noch in der Zwischenzeit, hat (nach unserer Kenntnis) Devrim zugunsten des Entrismus oder des revolutionären Syndikalismus argumentiert, und wir meinten (wie wir ihm erklärten), dass die Fälle, die er zitierte, unter den Bedingungen der Nuller Jahre in die Kategorie „berufliche Auflagen“ fallen,
Im zweiten Fall nahm die fragliche Genossin an einer Frauengruppe teil und war nicht geneigt, dies aufzugeben. Wir fragten, was für eine Art von Gruppe dies sei. Sie erklärte, dass es eine Gruppe von Frauen sei, die sich treffen, um spezifische Frauenprobleme (sowohl sozialer als auch politischer Art) zu besprechen, und es vorzögen, dies ohne die Anwesenheit von Männern zu tun – völlig verständlich unter den Bedingungen eines Landes wie die Türkei. Diese Gruppe hatte – soweit wir verstehen konnten – keine politische Plattform, ja nicht einmal eine politische Agenda als solche; daraus schlossen wir, dass dies keine politische Gruppe, wie sie in den Statuten definiert ist, war, sondern eher eine Diskussionsgruppe und dass wir folglicherweise keinen Grund für einen Einwand erblicken konnten, sondern im Gegenteil es als Teil der Intervention der Organisation betrachteten.
[6]Wir werden uns auf ein Beispiel beschränken. Laut unseren Statuten werden Debatten innerhalb der Organisation erst öffentlich gemacht, wenn sie einen derartigen Reifegrad erreicht haben, dass erstens die gesamte Organisation sich der Debatte und ihrer Implikationen bewusst ist und zweitens es möglich ist, sie mit ausreichender Klarheit zum Ausdruck zu bringen, so dass sie zur Klärung und nicht zur Konfusion beiträgt. Diese Regelungen stehen, daran sei erinnert, in denselben Statuten, die die Mitglieder der EKS unterzeichnet haben. Zwei von ihnen setzten jedoch die Debatte untereinander in etlichen Internetforen, die sie aufzusuchen pflegen, in aller Öffentlichkeit fort, ohne auch nur daran zu denken, dass es notwendig ist, den Rest der Organisation auf dem Laufenden zu halten, sei es über ihre Interventionen, sei es über ihre Meinungsverschiedenheiten. Als sie darauf angesprochen wurden, dass dies sowohl dem Wort als auch dem Geist der Statuten direkt widerspricht, antworteten sie, dass die Statuten vor der Existenz des Internets geschrieben worden seien, so dass sie lediglich auf die gedruckte Presse angewendet werden könnten.
Jetzt kann man dies natürlich sehr gut behaupten, doch was man nicht kann, ist, erst die Statuten einer Organisation wie die IKS zu akzeptieren und dann sie einfach zu ignorieren, wenn sie einem nicht in den Kram passen, sowie zu versuchen, sich zu rechtfertigen, indem man auf dem Unterschied zwischen der gedruckten und der elektronischen Presse herumreitet.
[7]Im Artikel über den Kongress wird über die „intellektuelle Dimension“ der Krise in der IKS und den notwendigen Kampf gegen „Routinismus, Oberflächlichkeit, intellektuelle Nachlässigkeit, Schematismus…“ gesprochen. Aber können die Mitglieder von PBJ ernsthaft behaupten, frei von diesen Defekten zu sein?
[8]Internationale Revue, Nr. 90 (engl., franz., span. Ausgabe, „Die Italienische Fraktion und die französische Linkskommunisten“ [841]. Siehe auch den „Bericht über die Fraktion“, adressiert an den 21. Kongress der IKS.
[9]Internationale Revue, Nr. 41, „Die Debattenkultur: Eine Waffe des Klassenkampfes“ [842].
[10]Zudem ist die IKS die einzige Organisation heute, deren Positionen aus einer Synthese die wichtigsten Fortschritte der unterschiedlichen Strömungen der Kommunistischen Linken bestehen; andere Gruppierungen identifizieren sich selbst entweder mit der deutsch-holländischen oder mit der italienischen Linken.
[11]PBJ erwähnt ein Treffen des Internationalen Büros, auf dem den Delegierten der türkischen Sektion von einer der anderen Sektionen das Recht abgesprochen wurde, diesem Treffen beizuwohnen. Dies war zweifellos ein schlimmer Fehler auf Seiten der Delegation und geradezu ein Indikator für jene Atmosphäre des Misstrauens, die sich innerhalb der Organisation breitgemacht hatte – doch wie PBJ selbst betont, wurde der Gedanke, dass die türkischen GenossInnen nicht zugelassen seien, entschieden vom IB als unseren Statuten und unserer Organisationsauffassung zuwiderlaufend abgelehnt.
[12]PBJ ist sehr besorgt über die „Personalisierung“, die angeblich unser Vorgehen auszeichnet. Doch in ihrem ganzen Text werden Militante als „expansionistisch“ oder „konservativ“ beschrieben, völlig ungeachtet der geäußerten politischen Argumente. Die Genossen von PBJ sollten sich daher um den Pfahl im eigenen Auge kümmern, bevor sie sich über den Splitter im fremden Auge Sorgen machen.
[13]Einige Mitstreiter der türkischen Sektion hatten schon vor ihrem Eintritt in die IKS viele organisatorische Erfahrungen… in linksextremistischen Sekten. Doch welche bewussten Absichten ihre Mitglieder auch gehabt haben mögen, diese Gruppen sind im Kern bürgerlicher Natur und als solche durchtränkt mit bürgerlicher Ideologie: Es ist unsere ständige Erfahrung (bekräftigt durch den Brief von PBJ), dass es für einen Ex-Linksextremisten, der Mitglied in einer kommunistischen Organisation werden will, zunächst heißt, all die Verhaltensweisen und Praktiken zu vergessen, die er sich im Linksextremismus erworben hat. Dies ist weitaus schwieriger, als ohne vorherige organisatorische Erfahrungen auf kommunistische Positionen zu stoßen.
[14]„Die Debattenkultur“, 2007, s.o.
[15]Im Lied „Les Bourgeois“ des belgischen Chansonniers Jacques Brel spotten drei Studenten über den Mief der provinziellen „Bourgeois“… bis sie sich selbst, älter geworden, bei der Polizei über die unerhörte Unverfrorenheit der jungen Studenten beschweren. Brel hätte dies auch für Joschka Fischer, Dany Cohn-Bendit und all die anderen ministerialen Ex-Führer der 68er Studentenbewegung schreiben können.
[16]Science and Marxism [843].
[17]PBJ schreibt: „Die Behauptung, dass ein interner Text, der von einem Mitglied der Sektion über die Frage der Ethik verfasst wurde, die Texte ignoriert habe, die von der Organisation zuvor über dieses Thema geschrieben wurden, ist eine weitere Legende, da der besagte Text tatsächlich als Antwort auf den Orientierungstext der Organisation über diese Frage geschrieben wurde.“ Um darauf zu erwidern, möchten wir aus der Antwort auf den fraglichen Text zitieren, den PBJ offensichtlich nur überflogen hat: „Eine Voraussetzung für die ‚Debattenkultur‘ besteht darin, dass es auch eine Debatte geben muss: Das heißt, dass gegensätzliche Positionen aufeinander antworten müssen. Obgleich L’s Text mit einem kurzen Zitat aus E&M [der Text über Ethik und Marxismus "Interne Debatte der IKS: Marxismus und Ethik" Teil I/a [844], Teil I/b [845] und Teil II [846]] über die Definition der Moralität und Ethik beginnt und uns mitteilt, dass ‚sich aus diesen Definitionen eine Reihe von Konfusionen, Überschätzungen, Rückfälle in den Idealismus, Divergenzen mit der marxistischen Methode und eine Menge Irrtümer ableiten‘, ist dies die einzige Stelle in seinem Text, wo er überhaupt Bezug auf E&M nimmt; ansonsten werden wir im Dunkeln gelassen, worin exakt diese ‚Irrtümer und Konfusionen‘ bestehen und auf welche Weise sie das Resultat der in E&M vorgestellten Ideen sind. Darüber hinaus ist es für uns offensichtlich, dass Teile von L’s Text mit E&M übereinstimmen, wenn sie nicht gar direkt davon inspiriert wurden, und dennoch wurden diese Gemeinsamkeiten niemals deutlich gemacht.“
[18]Besonders in „Die Frage der organisatorischen Funktionsweise in der IKS“ [847], Internationale Revue, Nr. 30.
[19]Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, zitiert im Text über die organisatorische Funktionsweise.
[20]Damit man eine Vorstellung vom Hobbes’schen Geist dieses Textes bekommt, möchten wir diese kurze Passage zitieren: „Das Verhältnis zwischen den Menschen ist ein ungleiches. Diese Ungleichheit stammt vom Gebrauchs- und Tauschwert ab, der von den Menschen produziert wird [anscheinend ist sich der Autor hier im Unklaren, dass es Zehntausende von Jahren gab, in denen der Tauschwert nicht existierte]. Diese reale materielle Basis bestimmt die ganze Zeit und vollständig die menschlichen Beziehungen [der klassische bürgerliche Einwand gegen die Möglichkeit des Kommunismus]. Und diese Ungleichheit erzeugt eine Tendenz zum Herrschen. Diese Tendenz entsteht für die Menschen, um unter den natürlichen Bedingungen zu überleben. Es ist die primitive Neigung, das eigene Überleben zu sichern.“ Der Mensch ist des Menschen Wolf, die menschliche Gesellschaft ist der Krieg des Einen gegen den Anderen, wie bei Hobbes.
[21]Lenin, s.o. (Lenin Werke, Bd 7, S. 461/462)
[22]Interessierte finden das Original hier. Er wird ergänzt von folgendem erbaulichen Text: „Das epische Drama von Leben, Tod, Krieg, Frieden und vom unveräußerlichen Recht zu wählen wird in einem riesigen Panorama geschildert. Flüchtlinge befreien sich aus einer Kriegszone, ein Pionier kommt zu einer Graffiti-Wand, wo die Auswahlmöglichkeiten heraus gemeißelt sind. Wir wollen alle in Frieden leben, aber irgendwie werden viele von Werten angezogen, die so ungleich sind, dass der Krieg die einzige Option für eine rasend gewordene Menschheit zu sein scheint. Die Pioniere und Flüchtlinge werden in eine neue Welt des erwachten Bewusstseins einziehen.“
[23]Es ist beachtenswert, dass ein Genosse in seinem Rücktrittsbrief keinerlei politische Differenzen mit der Organisation zum Ausdruck gebracht hatte.
[24]Unsere LeserInnen können selbst urteilen, wie sehr sich PBJ der Diskussion und Klarheit verpflichtet fühlte, als sie unsere Einladung ausschlugen, den letzten Kongress der IKS zu besuchen, ob in oder außerhalb der Organisation.
Der Artikel, den wir hier veröffentlichen, war ein Beitrag des Genossen MC für die interne Debatte der IKS in den 1980er Jahren, mit dem er die zentristischen Positionen in Richtung Rätismus bekämpfte, die in der IKS auftauchten. MC war das Kürzel für Marc Chirik (1907-1990), ein ehemaliger Mitstreiter der kommunistischen Linken und Hauptbegründer der IKS (siehe dazu Internationale Revue Nr. 65 und 66, engl., franz., span. Ausgabe)
Es mag erstaunen, dass ein Text, der sich auf die Konferenz von Zimmerwald im September 1915 gegen den imperialistischen Krieg bezieht, im Rahmen einer internen Debatte in der IKS über die Frage des Rätismus geschrieben wurde. In Wirklichkeit erweiterte sich, wie man bei der Lektüre erkennen kann, diese Debatte auf generellere Fragen, die sich schon vor hundert Jahren stellten, doch auch heute nichts an Aktualität eingebüßt haben.
Eine Zusammenfassung dieser Debatte über den Zentrismus, der sich in Richtung Rätismus bewegt, hatten wir in den Nummern 40 bis 44 (1985/86, engl., franz., span. Ausgabe) der Internationalen Revue veröffentlicht. Wir empfehlen dem Leser vor allem die Nummer 42, in dem der Artikel „Das zentristische Abgleiten in den Rätismus“ die Ursprünge und Entwicklung dieser Debatte präsentiert. Wir fassen diese Präsentation der Debatte hier kurz zusammen, damit gewisse Aspekte in der Polemik von MC verständlicher werden.
Während des 5. Kongresses der IKS, vor allem aber danach machte sich in der Organisation eine Reihe von Konfusionen in der Analyse der internationalen Situation breit, im Besonderen aber eine Position, die bezüglich der Frage der Entwicklung des Klassenbewusstseins des Proletariats einen rätistischen Standpunkt einnahm. Diese Position wurde vor allem durch die Genossen der Sektion in Spanien vertreten (von MC in diesem Text als AP bezeichnet, nach dem Namen der Publikation dieser Sektion: Accion Proletaria):
„Die Genossen, die sich mit dieser Analyse identifizierten, meinten, sie befänden bezüglich des Kassenbewusstseins in Übereinkunft mit der klassischen Konzeption des Marxismus (und auch der IKS). Insbesondere lehnten sie nie explizit die Notwendigkeit einer revolutionären Organisation für die Entwicklung des Bewusstseins ab. Doch faktisch endeten sie bei einer rätistischen Sichtweise. Dies:
Der einzige entscheidende Unterschied zwischen dieser Sichtweise und dem Rätismus ist, dass Letzterer bis zur letzten Konsequenz geht und ausdrücklich die Notwendigkeit kommunistischer Organisationen verwirft, während unsere Genossen nicht so weit gehen.“
Ein zentraler Punkt war die Ablehnung des Begriffs einer „unterirdischen Reifung des Bewusstseins“, was faktisch bedeutete, die Möglichkeit für revolutionäre Organisationen auszuschließen, das kommunistische Bewusstsein außerhalb offener Kämpfe der Arbeiterklasse weiterzuentwickeln und zu vertiefen.
Sobald der Genosse MC Kenntnis von den Dokumenten bekommen hatte, die eine solche Sichtweise ausdrückten, schrieb er einen Beitrag, um gegen sie anzugehen. Im Januar 1984 nahm die Vollversammlung des Zentralorgans der IKS eine Resolution an, in der Stellung zu den falschen Positionen bezogen wurde, vor allem zu den involvierten rätistischen Konzepten:
„Als diese Resolution angenommen wurde, erkannten die IKS-Genossen, die zuvor die These der ‚Unmöglichkeit einer unterirdischen Reifung‘ mit all ihren rätistischen Konsequenzen entwickelt hatten, ihren Fehler. So sprachen sie sich nachdrücklich für diese Resolution aus, vor allem für den Punkt 7, der die spezielle Funktion hatte, die Analysen, die sie zuvor entwickelt hatten, zurückzuweisen. Doch nun erhoben andere Genossen Einspruch gegen Punkt 7, die ihn entweder in Bausch und Bogen ablehnten oder nur ‚unter Vorbehalt‘ für ihn stimmten, weil sie einige Formulierungen ablehnten. Man konnte in der Organisation das Umsichgreifen einer Vorgehensweise beobachten, die, ohne offen rätistische Ansichten zu unterstützen, als ein Schild oder Schirm für diese Thesen diente, indem sie deren klare Verurteilung durch die Organisation ablehnte und ihre Bedeutung herunterspielte. Angesichts dieses Vorgehens sah sich das Zentralorgan der IKS im März 1984 veranlasst, eine Resolution zu verabschieden, die an die Merkmale:
Und die Resolution kommt zum Schluss, „dass im Moment innerhalb der IKS eine Tendenz zum Zentrismus existiert – das heißt, zu einer Aussöhnung mit dem Rätismus und einem Mangel an Unnachgiebigkeit gegenüber dem Rätismus.“ (Internationale Revue, Nr. 42 [engl., franz., span. Ausgabe], „Zentristisches Abgleiten in den Rätismus“)
Angesichts dieser Analyse zog es eine Anzahl jener, die sich ihrer Stimme enthalten hatten, vor, statt ernsthaft und gründlich die Analysen der Organisation zu berücksichtigen, die wirklichen Fragen zu verschleiern, indem sie ebenso bedenkliche wie spektakuläre Verrenkungen vollzogen und damit eine klassische zentristische Richtung einschlugen. Der Text von McIntosh[1], auf den der Beitrag von MC, den wir hier veröffentlichen, antwortet, ist eine unverhohlene Demonstration dieser Winkelzüge, da er die simple (aber nie öffentlich geäußerte) These vertritt: Es kann keinen Zentrismus gegenüber dem Rätismus in der IKS geben, weil der Zentrismus in der Epoche der kapitalistischen Dekadenz nicht existieren kann.
„Indem er sich in seinem Artikel mit der Frage des Zentrismus nur allgemein und im Rahmen der Geschichte der Arbeiterbewegung auseinandersetzt, ohne sich auch nur einen Moment lang darauf zu beziehen, wie sich die Frage für die IKS stellt, vermeidet er es, den/die LeserIn zu informieren, dass diese Entdeckung der Unmöglichkeit des Zentrismus in der Periode der Dekadenz (deren Entdecker er ist) den GenossInnen gerade recht kam, die sich in der Abstimmung über die Resolution vom Januar 1984 enthalten oder nur unter Vorbehalt zugestimmt hatten. Die These von McIntosh, an die sie sich seit der Formierung einer ‚Tendenz‘ anlehnen, liefert ihnen neue Munition gegen die Analyse der IKS über die zentristischen Abschweifungen zum Rätismus, denen sie zum Opfer gefallen waren – eine Analyse, die sie unermüdlich bekämpften, indem sie vergeblich(nacheinander oder gleichzeitig) versuchten zu beweisen, dass ‚der Zentrismus die Bourgeoisie sei‘, dass es ‚eine zentristische Gefahr in den revolutionären Organisationen gebe, aber nicht in der IKS‘, dass ‚eine zentristische Gefahr für die IKS existiert, aber nicht gegenüber dem Rätismus‘. (Internationale Revue, Nr. 43, engl., franz., span. Ausgabe: „Die Ablehnung des Begriffs des Zentrismus: Eine offene Tür für den Verzicht auf die Klassenpositionen“).
Wie bereits oben erwähnt, weitete sich die Debatte von 1985, auch wenn anfangs die Frage des Rätismus als Strömung und politische Vision im Mittelpunkt stand, auf die allgemeinere Frage des Zentrismus aus, der dafür steht, wie die Organisationen der Arbeiterklasse dem Einfluss der dominierenden Ideologie in der bürgerlichen Gesellschaft ausgesetzt sind. Wie MC im folgenden Artikel zeigt, kann der Zentrismus als solcher nicht verschwinden, solange die Klassengesellschaft existiert.
Der Wert der heutigen Veröffentlichung dieses Diskussionsbeitrags als Artikels liegt vor allem darin, dass er auf der Geschichte des Ersten Weltkrieges (ein Thema, das wir seit 2014 unter verschiedenen Aspekten in der Internationalen Revue behandeln), und vor allem der Rolle der Revolutionäre und der Entwicklung des Bewusstseins innerhalb der Arbeiterklasse sowie ihrer Avantgarde angesichts dieses Ereignisses basiert. Die Konferenz von Zimmerwald, die im September 1915, also vor 100 Jahren abgehalten wurde, ist Teil unserer Geschichte. Doch sie illustriert auch auf eindrückliche Weise die Schwierigkeiten und Zweifel der Teilnehmer, nicht nur mit den Verräterparteien der Zweiten Internationalen zu brechen, sondern auch mit der gesamten versöhnlerischen und pazifistischen Ideologie, die den Krieg zu beenden hoffte, ohne in den revolutionären Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft, die diesen Krieg entfesselt hatte, treten zu müssen. Lenin stellte diese Situation 1917 folgendermaßen dar:
„Die internationale sozialistische Arbeiterbewegung hat in über zwei Kriegsjahren in allen Ländern drei Strömungen hervorgebracht (...) Die drei Strömungen sind folgende:
Im Zusammenhang mit der Zimmerwalder Konferenz ist es korrekter zu sagen, dass die Rechte nicht durch die „Sozialchauvinisten“ vertreten war, um den Ausdruck von Lenin zu gebrauchen, sondern durch Kautsky und Konsorten – die später die Rechte in der USPD[3] bildeten –, dass sich die Linke aus den Bolschewiki und das Zentrum aus Trotzki und den Spartakusbund von Rosa Luxemburg zusammensetzte. Der Prozess, der zur Revolution in Russland und Deutschland führte, war ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass ein großer Teil des „Zentrums“ für die Positionen der Bolschewiki gewonnen werden konnte.
Später wurde der Begriff des Zentrismus nicht mehr von allen politischen Strömungen in gleicher Weise verwendet. Von den Bordigisten beispielsweise wurden Stalin und die Stalinisten der 1930er Jahre stets als „Zentristen“ bezeichnet, die Politik Stalins als das „Zentrum“ zwischen der Linken in der Internationalen (die wir heute als die kommunistische Linke vor allem rund um Bordiga und Pannekoek bezeichnen) und der Rechten Bucharins betrachtet. Bilan verwendete diesen Terminus bis zum Zweiten Weltkrieg. Für die IKS, die sich auf die Methode Lenins beruft, bedeutet der Begriff des Zentrismus das Schwanken zwischen der (revolutionären) Linken und der (opportunistischen, aber noch im Lager der Arbeiterklasse befindlichen) Rechten. Der Stalinismus jedoch mit seinem Programm des „Sozialismus in einem Land“ ist weder zentristisch noch opportunistisch, sondern Bestandteil des feindlichen Lagers – des Kapitalismus. Wie der folgende Artikel unterstreicht, ist der Zentrismus keine politische Strömung, die auf spezifischen Positionen basiert, sondern vielmehr eine permanente Tendenz innerhalb der politischen Organisationen der Arbeiterklasse, die auf der Suche nach dem „goldenen Mittelweg“ zwischen den kompromisslos revolutionären Positionen und jenen Positionen ist, die einen Konsens mit der herrschenden Klasse suchen.
In meinem Artikel „Der Zentrismus und unsere informelle Tendenz“, der in der letzten Ausgabe unseres Internen Internationalen Bulletins erschienen ist, versuchte ich, die Inkonsequenz in den Behauptungen von McIntosh bezüglich der Definition des Zentrismus in der Zweiten Internationalen aufzuzeigen. Folgende Konfusionen von McIntosh konnten wir beobachten:
Wir rufen diese Punkte nicht nur in Erinnerung, um den vorangegangenen Artikel zusammenzufassen; darüber hinaus halten wir viele dieser Punkte für relevant, um die neue Theorie von McIntosh über die angebliche Unmöglichkeit des Zentrismus innerhalb der Arbeiterbewegung während der Periode der Dekadenz des Kapitalismus zu zerlegen…
McIntosh stützt seine Behauptung, es könne keine zentristischen Strömungen in der Dekadenz des Kapitalismus geben, auf die Tatsache, dass durch den Epochenwechsel der Platz, der (in der Periode des aufsteigenden Kapitalismus) noch vom Zentrismus besetzt wurde, nun vom Kapitalismus vereinnahmt wird - vor allem vom Staatskapitalismus. Dies ist nur teilweise der Fall. Es trifft auf gewisse politische Positionen zu, die unter anderem durch den Zentrismus vertreten wurden, aber es trifft nicht hinsichtlich des „Platzes“ zu, der das kommunistische Programm des Proletariats von der bürgerlichen Ideologie trennt. Dieser Platz (der ein Terrain für den Zentrismus bildet) und der durch die Unreife (oder die Reife) des Klassenbewusstseins sowie durch die Kraft bestimmt wird, mit der die bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologie in die Reihen der Arbeiterklasse eindringt, neigt dazu, sich zu verkleinern, aber er verschwindet nicht, solange es soziale Klassen gibt, vor allem solange die Bourgeoisie die herrschende Klasse in der Gesellschaft bleibt. Dies bleibt auch nach einer erfolgreichen Revolution der Fall, denn wenn man vom Proletariat als eine Klasse spricht, so bedeutet dies, dass es auch andere Klassen in der Gesellschaft gibt, die folglich einen Einfluss auf die Arbeiterklasse ausüben und Letztere mit ihrer Ideologie penetrieren. Die ganze marxistische Theorie der Übergangsperiode beruht auf der Tatsache, dass anders als in anderen Revolutionen in der Geschichte die proletarische Revolution die Übergangsperiode nicht beendet, sondern eröffnet. Nur die Anarchisten (und ein Teil der Rätisten) nehmen an, man springe mit der Revolution direkt vom Kapitalismus in den Kommunismus. Für die Marxisten ist die Revolution lediglich die notwendige Vorbedingung, die die Möglichkeit zur Verwirklichung des kommunistischen Programms in einer Gesellschaft ohne Klassen bildet. Dieses kommunistische Programm wird von der als politische Partei organisierte revolutionäre Minderheit gegen die Positionen der anderen politischen Strömungen verteidigt, die sich innerhalb der Klasse befinden und auf ihrem Klassenterrain agieren, und dies vor, während und nach einer erfolgreichen Revolution.
Die Behauptung, dass die gesamte Arbeiterklasse schon ein kommunistisches Bewusstsein hat oder dies mit der Revolution erlangt, läuft darauf hinaus, die Existenz einer politischen Organisation innerhalb der Klasse für überflüssig, wenn nicht gar für schädlich zu halten (es sei denn, es handelt sich um einer Organisation mit rein pädagogischer Funktion, wie im Rätekommunismus von Pannekoek), oder zu dekretieren, dass die Klasse nur eine einzige Partei haben könne (wie es die engstirnigen Bordigisten sehen), während wir neben der Organisation der kommunistischen Partei die unvermeidliche Existenz von konfusen politischen Organisationen anerkennen, die kleinbürgerliche Ideen mit sich tragen und politische Konzessionen gegenüber den der Klasse fremden Ideologien machen.
Dies bedeutet die Anerkennung der Existenz von zentrischen Tendenzen innerhalb der Klasse in allen Perioden. Denn der Zentrismus ist nichts anderes als das Fortbestehen von politischen Strömungen in der Klasse mit konfusen, inkonsequenten und inkohärenten Programmen, die durchtränkt sind mit Positionen, die sich an die kleinbürgerliche Ideologie anlehnen, welche sie weitertragen, der gegenüber sie Zugeständnisse machen und die zwischen dieser Ideologie und dem historischen Bewusstsein der Klasse oszillieren, die sie unermüdlich zu versöhnen versuchen.
Eben weil der Zentrismus nicht als ein „definiertes Programm“ definiert werden kann, können wir seine Hartnäckigkeit begreifen, mit der er sich an jede spezifische Situation anpasst und die Position wechselt, wenn sich das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen verändert.
Es ist Unsinn, vom Zentrismus im Allgemeinen, im Abstrakten, in den Begriffen einer eigenen „sozialen Basis“ oder eines „spezifischen, präzisen Programms“ zu sprechen. Er muss vielmehr in ein Verhältnis zu anderen, stabileren politischen Strömungen gesetzt werden (in der aktuellen Debatte also zum Rätismus). Man kann jedoch von einer Konstante im politischen Verhalten sprechen, die den Zentrismus charakterisiert: hin und her schwanken, es vermeiden, eine klare und konsequente Position zu beziehen (…)
Nehmen wir (…) ein konkretes Beispiel (…) das Aufschluss gibt über zentristisches Verhalten: McIntosh bezieht sich in seinem Text mehrmals auf die Polemik zwischen Kautsky und Rosa Luxemburg im Jahr 1910. Wie begann diese Polemik? Sie begann mit einem Artikel von Rosa Luxemburg gegen die opportunistische Politik und Praxis der SPD-Führung und stellte dieser die revolutionäre Politik des Massenstreiks entgegen. Kautsky, als führender Redaktor der Neuen Zeit (dem theoretischen Organ der SPD), weigerte sich, diesen Artikel zu veröffentlichen, mit dem Argument, dass er die Grundidee des Massenstreiks zwar richtig finde, im Moment sie jedoch für unangebracht halte, da dies zwangsläufig eine Antwort seinerseits und somit eine Diskussion zwischen zwei Mitgliedern der radikal-marxistischen Tendenz zur Folge hätte, was aber angesichts der Rechten in der Partei bedauerlich wäre. Jedoch hatte Luxemburg bereits vor dieser Ablehnung ihren Artikel in der Dortmunder Arbeiterzeitung veröffentlicht, so dass Kautsky zu einer Antwort gezwungen wurde und sich an der Polemik beteiligte, die allen bekannt ist.
Als ich im September 1984 im Internationalen Sekretariat[4] meine Absicht erläuterte, einen Diskussionsbeitrag zu schreiben, in dem ein Licht auf die rätistische Ausrichtung der Artikel von Accion Proletaria (Zeitung der IKS-Sektion in Spanien) geworfen werden sollte, verlangte die Genossin JA[5] eine Erklärung des Inhalts und der Argumente dieses Artikels. Nachdem diese Erklärung gegeben worden war, befand JA diesen Artikel als unangebracht und schlug vor zu warten, bis das Internationale Sekretariat sich geeinigt habe, das heißt, den Text vor der Veröffentlichung so zu „korrigieren“, dass das Sekretariat in seiner Gesamtheit ihm zustimmt. Entgegen einer solchen Art von Korrektur, mit der dem Text die Flügel gestutzt und Verwirrung gestiftet werden sollte, zog ich es vor, ihn in meinem eigenen Namen zu publizieren. Einmal publiziert, befand JA den Text als absolut bedauerlich, da er lediglich Unruhe in der Organisation verbreite. Glücklicherweise war JA nicht die Redakteurin (des Internen Bulletins), wie es Kautsky (für die Neue Zeit) gewesen war, und verfügte nicht über seine Autorität, denn dann hätte der Text nie das Licht der Welt erblickt. In den 75 Jahren, die zwischen beiden Vorkommnissen liegen, hat der Zentrismus trotz des Epochenwechsels (Aufstieg und Dekadenz) zwar sein Gesicht und seine Positionen verändert, aber seinen Geist und seine Vorgehensweise beibehalten: das Vermeiden von aufkommenden Debatten, um die Organisation nicht in „Unruhe“ zu versetzen.
In einem meiner ersten polemischen Artikel gegen jene GenossInnen, die unter Vorbehalt zugestimmt hatten, schrieb ich, dass die Dekadenzperiode das Zeitalter des manifesten Zentrismus par excellence ist. Ein simpler Blick auf die Geschichte der vergangenen 70 Jahre macht sofort deutlich, das sich in keiner anderen Periode der Geschichte der Arbeiterbewegung der Zentrismus mit so viel Kraft und in so vielen Varianten manifestiert und so viele Schäden angerichtet hat wie in der Periode des dekadenten Kapitalismus. Man kann der Definition von Bilan nur zustimmen, dass eine Internationale als solche nicht Verrat begeht, sondern stirbt, verschwindet, zu existieren aufhört und dass es ihre „national“ gewordenen Parteien sind, die eine nach der anderen ins Lager der nationalen Bourgeoisie überlaufen. So begannen sich einen Tag nach dem 4. August 1914, als die sozialistischen Parteien in den kriegführenden Ländern ihren Verrat mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten besiegelten, in jedem Land kleine Minderheiten in ihrem Schatten, eine immer größere Opposition in den sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften gegen den Krieg und die Politik der nationalen Verteidigung zu entwickeln, die treu am Internationalismus festhielten. Dies war in Russland der Fall mit den Internationalistischen Menschewiki von Martow und der Gruppe von Trotzki. Dies war der Fall in Deutschland mit der Herausbildung einer Opposition gegen den Krieg, die aus der SPD ausgeschlossen wurde und die USPD gründete, sowie in Frankreich mit der revolutionär-syndikalistischen Gruppe La Vie Ouvriere von Monatte, Rosmer und Merrheim, in Italien mit der Mehrheit der Sozialistischen Partei, in der Schweiz, usw. All das bildete eine inkonsequente, pazifistisch-zentristische Strömung verschiedenster Couleur, welche sich dem Krieg im Namen des Friedens, aber nicht im Namen des revolutionären Defätismus und der Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg widersetzte. Diese zentristische Strömung organisierte 1915 die sozialistische Konferenz von Zimmerwald gegen den Krieg (auf der die konsequente und kompromisslose revolutionäre Linke eine kleine Minderheit darstellte, die sich auf die russischen Bolschewiki, die holländischen Tribunisten und die Bremer Linke aus Deutschland beschränkte) sowie die Konferenz von Kienthal 1916, die auch noch vom Zentrismus dominiert war (und auf der die Spartakisten um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sich endlich der revolutionären Linken anschlossen). Diese zentristische Strömung warf keineswegs die Frage nach dem sofortigen Bruch mit den sozialistischen Parteien auf, die sozialchauvinistisch bis zum Gehtnichtmehr geworden waren, sondern plädierte für deren Stärkung in einer organisatorischen Einheit[6]. Die Revolution, die im Februar 1917 in Russland begann, fand eine bolschewistische Partei (und Arbeiter- und Soldatenräte, die fast einhellig die Kerenski-Miljukow-Regierung unterstützten) vor, die eine Politik der bedingten Unterstützung der bürgerlichen Kerenski-Regierung betrieb.
Die allgemeine Begeisterung in der Arbeiterklasse der gesamten Welt nach dem Triumph der Oktoberrevolution führte nicht weiter als zur Bildung einer enormen, grundlegend zentristischen Strömung. Die Parteien und Gruppen, die die Kommunistische Internationale bilden und ihr angehören sollten, waren in ihrer großen Mehrheit noch durch den Zentrismus geprägt. Seit 1920 spürte man die ersten Anzeichen der Erschöpfung der ersten revolutionären Welle, die immer schneller abebbte. All das spiegelte sich auf der politischen Ebene in einem zentristischen Abgleiten wider, das sich schon auf dem 2. Kongress der Kommunistischen Internationale durch zweideutige und falsche Positionen zu wichtigen Fragen wie den Syndikalismus, den Parlamentarismus, die nationale Unabhängigkeit und das Selbstbestimmungsrecht ausgedrückt hatte. Von Jahr zu Jahr zeigte sich die Kommunistische Internationale und ihre kommunistischen Parteien immer anfälliger gegenüber zentristischen Positionen und der Degeneration; die kompromisslos revolutionären Tendenzen, die in den kommunistischen Parteien schnell in die Minderheit gerieten, wurden nach und nach aus diesen Parteien ausgeschlossen oder fielen selbst dem zentristischen Geschwür zum Opfer, wie es bei verschiedenen oppositionellen Strömungen, die aus der Kommunistischen Internationalen hervorgingen, und besonders bei der Linksopposition um Trotzki der Fall war, die mit ihrem Engagement im spanischen Bürgerkrieg 1936-38 und im Zweiten Weltkrieg im Namen des Antifaschismus und der Verteidigung des degenerierten Arbeiterstaates Russland schlussendlich die Klassengrenze überschritt. Die winzige Minderheit, die fest auf dem Klassenterrain und auf kommunistischen Positionen verblieb, wie die italienische Kommunistische Linke und die holländische Linke, erlitt ebenfalls den Schock des Rückfalls in die dunkle Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die einen, die Bordigisten, verknöcherten und bildeten sich politisch in erheblichem Maße zurück, die Anderen, wie die Holländische Linke, zerfielen in einen völlig degenerierten Rätismus. Erst Ende der 1960er Jahre tauchten mit der sich ankündigenden offenen Krise und den ersten Anzeichen eines wiederauflebenden Klassenkampfes wieder kleine revolutionäre Gruppen auf, die sich von den enormen Konfusionen von `68 freizumachen versuchten und sich bemühten, wieder an den historischen revolutionär-marxistischen Faden anzuknüpfen.
(…) Man muss mit einer geradezu universellen Blindheit geschlagen sein, um diese Wirklichkeit nicht zu sehen. Es bedarf einer völligen Ignoranz gegenüber der Geschichte der Arbeiterbewegung in den letzten 70 Jahren seit 1914, um, wie McIntosh, kategorisch zu behaupten, dass der Zentrismus nicht existiert und in der Periode der Dekadenz nicht existieren kann. Der hochtrabende Verbalradikalismus, die empörten Finten sind kein Ersatz für seriöse Argumente.
Es ist sicher bequemer, eine Vogel-Strauß-Politik zu betreiben, also die Augen vor der Realität und ihren Gefahren zu verschließen, um sie besser negieren zu können. Es beruhigt und erspart das Nachdenken. Dies ist nicht die Methode von Marx, der sinngemäß sagte, dass die Kommunisten nicht da seien, um die Klasse zu trösten; ihre Funktion sei es vielmehr, alles noch schlimmer zu machen, um das Bewusstsein der Klasse über ihr Elend zu wecken. McIntosh geht den ersten Weg, indem er zu seiner Beruhigung und entgegen aller Tatsachen die Existenz des Zentrismus in der Periode der Dekadenz schlichtweg leugnet. Für uns, die wir Marxisten sein wollen, gibt es nur den anderen Weg: die Augen weit zu öffnen, um die Wirklichkeit zu erkennen, sie zu verstehen und sie in ihrer Bewegung und Komplexität zu begreifen. Es liegt also an uns, die Gründe für die unbestreitbare Tatsache zu erklären zu versuchen, dass gerade die Periode der Dekadenz eine Blütezeit des Zentrismus ist.
(…) Die Periode der Dekadenz ist der Eintritt in eine historische, permanente und objektive Krise des kapitalistischen Systems, das so vor dem historischen Dilemma steht: seine Selbstzerstörung, die die Zerstörung der gesamten Gesellschaft bedeutet, oder die Überwindung dieses Systems, um einer neuen Gesellschaft ohne Klassen, der kommunistischen Gesellschaft, Platz zu schaffen. Die einzige Klasse, die dieses grandiose Projekt zur Rettung der Menschheit verwirklichen kann, ist das Proletariat, dessen Interesse, sich von der Ausbeutung zu befreien, es in einen Kampf auf Messers Schneide gegen dieses kapitalistische System der Lohnsklaverei treibt und das sich zudem nicht emanzipieren kann, ohne die gesamte Menschheit zu emanzipieren.
Im Gegensatz zur:
stimmen wir Marx‘ Standpunkt zu, dass eine Gesellschaft nur dann von der Bildfläche verschwindet, wenn sie alle Möglichkeiten, die sie in sich birgt, ausgeschöpft hat. Wir stimmen mit Rosa Luxemburg darin überein, dass es die Reifung der inneren Widersprüche des Kapitals ist, die seine historische Krise bestimmt, eine objektive Bedingung für die Notwendigkeit der Revolution. Wir stimmen Lenin zu, wenn er sagt, dass es nicht ausreicht, wenn das Proletariat nicht mehr ausgebeutet werden möchte, sondern dass darüber hinaus der Kapitalismus nicht mehr wie zuvor weitermachen kann.
Die Dekadenz führt zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems unter dem Gewicht seiner eigenen inneren Widersprüche. Das Verständnis dieser Theorie ist unabdingbar, um die Bedingungen zu verstehen, unter denen sich die proletarische Revolution abspielt und abspielen wird.
Auf diesen Eintritt in die Dekadenz seines ökonomischen Systems, den die bürgerliche ökonomische Wissenschaft weder vorausgesehen noch verstanden hat, hat der Kapitalismus – ohne diese objektive Entwicklung je meistern zu können – mit einer enormen Konzentration seiner politischen, ökonomischen und militärischen Kräfte reagiert, d.h. mit dem Staatskapitalismus, um gleichzeitig der extremen Zuspitzung der imperialistischen Spannungen und vor allem der Gefahr eines Ausbruchs der proletarischen Revolution die Stirn zu bieten, derer sich die Bourgeoisie mit dem Ausbruch der proletarischen Revolution in Russland 1917 gewahr geworden ist.
Wenn der Eintritt in die Dekadenz die objektive historische Reife für den Untergang des Kapitalismus bedeutet, so verhält es sich mit der Reifung der subjektiven Bedingung dafür (das Bewusstsein im Proletariat) anders. Diese Bedingung ist unverzichtbar, denn wie Marx und Engels schon schrieben: Die Geschichte unternimmt nichts von sich aus, es sind die Menschen (die gesellschaftlichen Klassen), die Geschichte schreiben.
Wir wissen, dass im Gegensatz zu allen vergangenen Revolutionen in der Geschichte, in denen das Bewusstsein der ausführenden Klassen eine zweitrangige Rolle spielte, weil es nur um den Übergang eines Ausbeutungssystems in ein anderes Ausbeutungssystem ging, die sozialistische Revolution, die das Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und der Klassengesellschaften bedeutet, die bewusste Tat der revolutionären Klasse zur Grundlage hat. Und das Proletariat ist nicht nur die einzige Klasse, der von der Geschichte die größten Anforderungen abverlangt werden, die sich bis dahin weder einer Klasse noch der Menschheit an sich gestellt hatten, eine Aufgabe, die alle Aufgaben übertrifft, die sich bisher der Menschheit gestellt haben, der Sprung vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit; darüber hinaus sieht sie sich auch mit den größten Schwierigkeiten konfrontiert. Als letzte ausgebeutete Klasse repräsentiert sie alle ausgebeuteten Klassen der Geschichte gegenüber den ausbeutenden Klassen, die durch den Kapitalismus repräsentiert werden.
Zum ersten Mal in der Geschichte sieht sich eine ausgebeutete Klasse dazu veranlasst, die gesellschaftliche Transformation zu übernehmen, eine Transformation dazu, an deren Gelingen das Schicksal und die Zukunft der gesamten Menschheit hängen. Angesichts dieser Herkulesaufgabe präsentiert sich das Proletariat zunächst in einem Zustand der Schwäche, der typischen Haltung aller ausgebeuteten Klassen, die sich durch das Gewicht der Schwächen all der vergangenen Generationen der ausgebeuteten Klassen, das auf ihr lastet, verschärft hat: ein Mangel an Bewusstsein, an Überzeugung, an Selbstvertrauen, von Angst gepeinigt vor dem, was sie zu denken und zu unternehmen wagen muss, die uralte Haltung der Unterwürfigkeit gegenüber der Macht und der Ideologie der herrschenden Klassen. Deshalb ist im Gegenteil zu den anderen Klassen, die von Erfolg zu Erfolg eilten, der Kampf der Arbeiterklasse durch Erfolge und Niederlagen gekennzeichnet; sie erreicht ihren endgültigen Sieg erst nach einer langen Serie von Niederlagen.
(…) Diese Abfolge von Erfolgen und Niederlagen im Kampf der Arbeiterklasse, von der Marx bereits nach den revolutionären Ereignissen von 1848 gesprochen hatte, kann sich in der Dekadenzperiode nur beschleunigen, allein schon aufgrund der Barbarei dieser Periode, die dem Proletariat die Frage der Revolution viel konkreter, viel praktischer und viel dramatischer stellt, was sich auf der Ebene des Klassenbewusstseins des Proletariats in einer zunehmenden und turbulenten Bewegung wie die Brandung der Wellen eines wogenden Meeres ausdrückt.
Es sind diese Bedingungen (einer Realität von reifen objektiven und unreifen subjektiven Bedingungen), die diesen Wirbel in der Klasse verursachen und eine Vielzahl von verschiedenen und widersprüchlichen politischen Strömungen hervorbringen, mit Übereinstimmungen und Divergenzen, mit Fortschritten und Rückschlägen und vor allem mit den verschiedenen Variationen des Zentrismus.
Der Kampf gegen den Kapitalismus ist gleichzeitig Kampf und politischer Klärungsprozess, ein Mühen der Klasse, sich ein Klassenbewusstsein anzueignen. Dieser Prozess ist umso gewaltsamer und verschlungener, findet er doch unter dem Kugelhagel des Klassenfeindes statt.
Die einzigen Waffen, die die Arbeiterklasse in diesem Kampf bis aufs Messer gegen den Kapitalismus besitzt, und die sie zum Erfolg führen können, sind ihr Bewusstsein und ihre Organisation. Nur in diesem Sinne kann der folgenden Satz von Marx verstanden werden: „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es seinem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.“ (Die heilige Familie, MEW Bd. 2, S. 38)
(…) die Rätisten interpretieren diesen Satz von Marx in dem Sinn, dass jeder Kampf der Arbeiterklasse automatisch Klassenbewusstsein kreieren würde, und leugnen die Notwendigkeit eines unablässigen theoretisch-politischen Kampfes innerhalb der Klasse (die Existenz einer politisch-revolutionären Organisation). Unsere nur unter Vorbehalt zustimmenden Genossen sind in den Debatten auf dem IB-Plenum im Januar 1984 und in der Abstimmung über Punkt 7 der Resolution auf dieselbe Weise ausgerutscht. Indem sie sich heute (um dieses erste Ausrutschen zu verstecken) der abwegigen These von McIntosh über die Unmöglichkeit der Existenz von zentristischen Strömungen innerhalb der Klasse im dekadenten Kapitalismus anschließen, begeben sie sich nur auf dasselbe Glatteis und begnügen sich damit, dieselbe Münze einfach nur umzudrehen.
Wenn man behauptet, es könne in dieser Periode (der Dekadenz des Kapitalismus) weder vor, während und nach der Revolution irgendeine Form des Zentrismus in der Klasse existieren, dann idealisiert man die Klasse als einheitlich bewusste, absolut homogene und völlig kommunistische Einheit (was die Existenz eine kommunistischen Partei überflüssig macht, wie es die konsequenten Rätisten tun), oder man verfügt, dass nur eine einheitliche Partei in der Klasse existieren kann, außerhalb derer jede Strömung per Definition konterrevolutionär und bürgerlich ist, womit man über auf einen seltsamen Umweg bei den schlimmsten Manifestationen des bordigistischen Größenwahns gelandet ist.
Wie wir bereits gesehen haben, präsentiert sich die zentristische Strömung nicht als eine homogene Strömung mit „einem spezifischen, präzisen Programm“. Es ist eine wenig stabile, inkohärente politische Strömung, die durch den Einfluss zerrissen wird, den der Einfluss des kommunistischen Programms einerseits und die kleinbürgerliche Ideologie andererseits auf sie ausüben. Dies ist zwei Wurzeln (gleichzeitig existierend und wachsend) geschuldet, die sie zum Leben verhelfen und nähren:
Diese Wurzeln lassen die zentristischen Strömungen in zwei diametral entgegengesetzte Richtungen wachsen.
Im Allgemeinen ist es das Kräfteverhältnis, das in den verschiedenen Perioden zwischen den Klassen herrscht, Flut und Ebbe des Klassenkampfes, das über Vormarsch oder Rückzug der zentristischen Organisationen bestimmt. (…) McIntosh sieht in seiner angeborenen Kurzsichtigkeit lediglich die zweite Wurzel und ignoriert die erste völlig, so wie er auch die entgegengesetzten Zwänge, die auf den Zentrismus wirken, verkennt. Er kennt den Zentrismus lediglich als „Abstraktion“ und nicht in der Realität seiner Bewegung. Wenn McIntosh den Zentrismus anerkennt, dann nur in dem Moment, wenn dieser sich definitiv in das Lager der Bourgeoisie einreiht, das heißt, wenn der Zentrismus also aufgehört hat, Zentrismus zu sein. Dann aber wird unser Genosse umso erzürnter sein und große Empörung über eben jenen Zentrismus äußern, den er zuvor weder gekannt noch anerkannt hatte.
Es ist ganz im Sinne unserer Minderheit, sich auf den Kadaver eine wilden Bestie zu stürzen, die sie verpasst hat zu bekämpfen, als diese noch am Leben war und die sie heute zu erkennen und zu bekämpfen sich hütet.
Schauen wir uns nun an, wie der Zentrismus von der zweiten Wurzel genährt wird, das heißt, von der Unreife in der Bewusstwerdung von Klassenpositionen. Nehmen wir zum Beispiel die USPD, die neu entdeckte Reizfigur und das schwarze Schaf unserer Minderheit.
Die persische Mythologie besagt, dass der Teufel, seiner Misserfolge im Kampf gegen das Gute müde geworden, eines schönen Tages beschloss, seine Taktik zu ändern und noch besser zu sein als das Gute. Wenn also Gott den Männern Gutes in Form der Liebe und der fleischlichen Begierde gab, dann verstärkte und überhöhte der Teufel dies und brachte die Menschen dazu, sich in Luxus und Vergewaltigung wälzen. Wenn Gott Gutes gab in Form von Wein, dann verstärkte der Teufel die Freuden des Weines in der Form des Alkoholismus. Man kennt das Sprichwort: „Genieße ein Glas Wein, drei Gläser lasse sein!“.
Unsere Minderheit macht heute exakt dasselbe. In ihrer Unfähigkeit, ihr zentristisches Abgleiten Richtung Rätismus zu verteidigen, wechseln sie einfach ihre Taktik. „Ihr sagt Zentrismus, doch der Zentrismus ist die Bourgeoisie! Indem ihr vorgebt, den Zentrismus zu bekämpfen, macht ihr nichts anderes, als ihn zu rehabilitieren, indem ihr ihn in der Klasse verortet und ihm Klassencharakter bescheinigt. Indem ihr ihn innerhalb der Klasse positioniert, macht ihr euch zu seinem Verteidigern und Apologeten.“
Die alte Taktik des Rollenwechsels. Sie ist absolut hilfreich in den Händen des Teufels. Leider ist unsere Minderheit nicht der Teufel, so dass diese raffinierte Taktik in ihren Händen scheitert. Welcher Genosse glaubt schon im Ernst an die Absurdität, dass die Mehrheit des IB-Plenums vom Januar 1984, die die Existenz eines zentristischen Abgleitens in den Rätismus in unseren Reihen erkannt hat und dies seit einem Jahr bekämpft, in Wirklichkeit lediglich Verteidiger und Apologet des Zentrismus Kautskys vor 70 Jahren ist? Selbst unsere Minderheit glaubt dies nicht. Sie versucht lieber, die Debatte über die Gegenwart durch eine Debatte über die Vergangenheit zu verwirren.
Kommen wir zur Geschichte der USPD zurück. Es gilt zunächst an die Entwicklung der Opposition in der Sozialdemokratie gegen den Krieg zu erinnern. Der Burgfriede, besiegelt durch die von der parlamentarischen Fraktion einstimmig (mit Ausnahme von Otto Rühle) angenommenen Kriegskredite in Deutschland, verblüffte viele Mitglieder dieser Partei bis hin zur Schockstarre. Die Linke, welche den Spartakusbund gründete, war zu diesem Zeitpunkt derart reduziert worden, dass die kleine Wohnung Rosa Luxemburgs genug Platz für ihr Treffen nach dem 4. August 1914 bot.
Die Linke war nicht nur reduziert, sondern auch in verschiedene Gruppen gespalten:
Keine dieser Gruppen war homogen, sondern in verschiedene Tendenzen unterteilt, welche sich unaufhörlich überschnitten und kreuzten, sich annäherten und entfernten. Gleichwohl waren die Hauptachsen der Trennungen immer der Rückzug nach rechts und die Weiterentwicklung nach links. All das gibt uns einen Eindruck vom Gären innerhalb der Arbeiterklasse in Deutschland seit Kriegsbeginn (dem kritischen Punkt der Dekadenzperiode) wieder, das sich im Verlauf des Krieges beschleunigte. Es ist unmöglich, im Rahmen dieses Artikels in die Details der Entwicklung der zahlreichen Streiks und Demonstrationen gegen den Krieg in Deutschland zu gehen. Kein anderes kriegführendes Land erlebte eine solche Entwicklung, nicht einmal Russland. Wir begnügen uns damit, einige Referenzpunkte zu geben, unter anderen die politische Rückwirkung dieses Gärungsprozesses auf die am weitesten rechts stehende Fraktion der SPD, die parlamentarische Fraktion.
Am 4. August 1914 stimmten 94 von 95 Delegierten für die Kriegskredite. Nur ein Delegierter stimmte dagegen: Otto Rühle. Karl Liebknecht unterwarf sich der Fraktionsdisziplin und stimmte dafür. Im Dezember 1914 brach Liebknecht anlässlich einer weiteren Abstimmung über die Kriegskredite mit der Fraktionsdisziplin und stimmte dagegen.
Im März 1915 fand erneut eine Abstimmung über das Budget statt, die auch neue Kriegskredite beinhaltete. „In der Budget-Abstimmung stimmten schließlich nur Liebknecht und Rühle dagegen, nachdem sich 30 Abgeordnete, mit Haase und Ledebour an der Spitze (zwei zukünftige Führer der USPD), vorher aus dem Saal entfernt hatten.“ (Ossip Flechtheim: Die Kommunistische Partei Deutschlands in der Weimarer Republik). Am 21. Dezember 1915 erfolgte erneut eine Abstimmung über Kriegskredite in Reichstag. F. Geyer erklärte im Namen von 20 Mitgliedern der SPD: „Wir lehnen die Kredite ab“. „Bei dieser Abstimmung stimmten 20 Abgeordnete gegen die Kredite, etwa 22 weitere verließen den Saal“ (ebenda).
Am 6. Januar 1916 schloss die sozialchauvinistische Mehrheit der Parlamentsfraktion Liebknecht aus, Rühle solidarisierte sich mit ihm und wurde ebenfalls ausgeschlossen. Am 24. März 1916 lehnte Haase im Namen der Minderheit der parlamentarischen Reichstags-Fraktion der SPD das zur Abstimmung stehende Budget ab. Nach der Sitzung veröffentlichte die Minderheit der SPD-Fraktion folgende Erklärung: „Die sozialdemokratische parlamentarische Fraktion hat uns heute mit 58 gegen 33 Stimmen, bei vier Enthaltungen, der aus der Fraktionszugehörigkeit entspringende Rechte beraubt… sind wir genötigt, uns zu einer sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft zusammenzuschließen“.
Unter den Unterzeichnern dieser Erklärung findet man die meisten der zukünftigen USPD-Führer, sogar Eduard Bernstein. Die Spaltung und die daraus resultierende Existenz von zwei Gruppen der SPD im Reichstag, eine sozialchauvinistische und eine gegen den Krieg, repräsentierte mit ihren Spaltungen und den verbissenen Kämpfen in etwa das, was innerhalb der sozialdemokratischen Partei insgesamt wie auch innerhalb der Arbeiterklasse vor sich ging.
Spätestens ab Juni 1915 begann sich ein gemeinsames Vorgehen der gesamten Opposition gegen das Zentralkomitee der Partei abzuzeichnen. Es wurde ein Text in Form eines Flugblatts verbreitet, unterzeichnet von Hunderten von Mitgliedern. Es schloss mit den folgenden Worten: „... wir fordern, dass Fraktion und Parteivorstand endlich den Burgfrieden aufsagen und auf der ganzen Linie den Klassenkampf nach der Grundlinie des Programms und der Parteibeschlüsse, den sozialistischen Kampf für den Frieden eröffnen“ (ob.zit.). Kurz darauf erschien ein Manifest, das von Bernstein, Haase und Kautsky unterzeichnet war und den Titel „Das Gebot der Stunde“ trug, „in dem sie unter Berufung auf die Annexionskundgebungen eine Abkehr von der Politik der Kreditbewilligung forderten“ (ebenda).
In Folge des Ausschlusses von Liebknecht aus der Parlamentsfraktion „billigte (der Zentralvorstand der Groß-Berliner Parteiorganisationen) mit 41 gegen 17 Stimmen die von der Fraktionsminderheit abgegebene Erklärung. Eine von 320 Funktionären besuchte Kreiskonferenz des 6. Berliner Wahlkreises sprach Ledebour ihre Billigung aus“ (ebenda).
Auf der Ebene des Kampfes der Arbeiter sei an folgende Ereignisse erinnert:
Diese Bewegung gegen den Krieg und gegen die sozialchauvinistische Politik, die andauerte, verstärkte sich während des gesamten Krieges und gewann nach und nach die Arbeitermassen. Mittendrin eine kleine Minderheit von Revolutionären (auch sie tastend) und eine große Mehrheit einer zaudernden zentristischen Strömung, die sich zusehends radikalisierte. So erklärten auf der nationalen Konferenz der SPD im September 1916, an der die Zentristen und der Spartakusbund als Minderheit teilnahmen, viele Redner: „Nicht die Einheit der Partei sei das Wichtigste, sondern die Einheit in den Grundsätzen. Die Massen müssten aufgerufen werden zum machtvollen Kampf gegen Imperialismus und Krieg. Der Frieden müsse erkämpft werden unter Anwendung aller Machtmittel des Proletariats.“ (ebenda).
Am 7. Januar 1917 fand eine nationale Konferenz statt, auf der sich alle Oppositionsströmungen gegen den Krieg versammelten. Von 187 Delegierten repräsentierten 35 den Spartakusbund. Eine Konferenz, die einstimmig ein Manifest annahm… verfasst von Kautsky, und eine Resolution aus der Feder von Kurt Eisner. In beiden Texten stand: „Was sie (die Opposition) forderte, war die Bereitschaft zu einem Frieden, in dem es weder Sieger noch Besiegte gibt, zu einem Frieden der Verständigung ohne Vergewaltigung“.
Wie kann man sich erklären, dass der Spartakusbund für eine solche Resolution stimmte, die total opportunistisch und pazifistisch war, jener Spartakusbund also, der durch die Stimme seines Repräsentanten Kurt Meyer „die Frage der Beitragssperre“ stellte?
Für McIntosh in seiner Vereinfachung macht eine solche Frage gar keinen Sinn: Die Mehrheit der SPD war bürgerlich geworden, also ist der Zentrismus auch bürgerlich und der Spartakusbund gleichermaßen.
(…) Hier kann man sich fragen, was die Bolschewiki und die Tribunisten in Holland auf den Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal machten, wo sie, obwohl sie eine eigene Resolution vorschlugen, die die Verwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg forderte, letztendlich doch für das Manifest und die Resolution stimmten, die gleichermaßen für einen Frieden ohne Annexionen und ohne Kriegsschulden war? In der Logik von McIntosh sind die Dinge entweder schwarz oder weiß, und dies in alle Ewigkeit. Er sieht die Bewegung nicht und noch weniger sieht er die Richtung, in die die Bewegung geht. Glücklicherweise ist McIntosh kein Arzt, denn er wäre ein Unglück für jeden Kranken, wäre dieser doch von vornherein zum Sterben verdammt und würde von ihm bereits als Leichnam betrachtet.
Wir müssen hier an die Tatsache erinnern, dass, was schon auf ein Menschenleben nicht zutrifft, auf der Ebene einer historischen Bewegung wie dem Proletariat eine völlige Absurdität darstellt. Hier spielt sich der Übergang vom Leben in den Tod nicht in Sekunden, nicht in Minuten, sondern in Jahren ab. Der Moment, in dem eine Arbeiterpartei die ersten Anzeichen ihres Todes zeigt, und der Moment ihres tatsächlichen Todes sind nicht dasselbe. All das ist für einen radikalen Phrasendrescher vermutlich schwer zu verstehen, aber für Marxisten, die nicht die Gewohnheit haben, wie die Ratten das Boot zu verlassen, sobald es leckt, eine Selbstverständlichkeit. Die Revolutionäre wissen, dass sie für eine Organisation, der die Klasse das Leben geschenkt hat, kämpfen müssen, um sie zu retten, um sie für die Klasse zu behüten, solange in ihr noch ein Hauch von proletarischem Leben existiert. Vor einigen Jahren existierte eine solche Frage für die CWO noch nicht, sie existierte nicht für Guy Sabatier oder andere Phrasendrescher, für die die Kommunistische Internationale oder die Bolschewiki stets die Bourgeoisie waren. Sie existiert auch nicht für McIntosh. Revolutionäre können sich in bestimmten Momenten täuschen, doch ist für sie die hier gestellte Frage von höchster Bedeutung. Und warum? Weil die Revolutionäre keine Sekte von Suchenden sind, sondern ein lebender Teil eines lebenden Körpers, den die Arbeiterbewegung mit all ihren Höhen und Tiefen eben darstellt.
Die sozial-chauvinistische Mehrheit der SPD begriff klarer als McIntosh, welche Gefahr diese Oppositionsströmung gegen den Burgfrieden und gegen den Krieg darstellte, und schritt in großer Eile zu massiven Parteiausschlüssen. In Folge dieser Ausschlüsse erfolgte am 8. April 1917 die Gründung der USPD. Mit großen Vorbehalten und nach vielen Zweifeln schloss sich der Spartakusbund dieser neuen Partei an, stellte aber die Bedingung, dass ihm „völlige Freiheit der Kritik und Handlungsunabhängigkeit“ eingeräumt werde. Liebknecht beschrieb später das Verhältnis zwischen dem Spartakusbund und der USPD folgendermaßen: „Wir schlossen uns der USPD an, um sie vorwärtszutreiben, um sie in Reichweite zu haben und um ihr die besten Elemente zu entreißen“ (eigene Übersetzung). Ob diese Strategie in dem Moment richtig war, ist mehr als zweifelhaft, doch Eines ist klar: Eine solche Frage musste sich für Luxemburg und Liebknecht stellen, weil sie die USPD zu Recht als eine zentristische Bewegung innerhalb der Arbeiterklasse und nicht als eine Partei der Bourgeoisie betrachteten.
Es darf auch nicht vergessen werden, dass von den 38 Delegierten, die in Zimmerwald teilnahmen, die deutsche Delegation unter der Führung von Ledebour aus zehn Mitgliedern bestand, die sich wiederum aus sieben Mitgliedern der zentristischen Opposition, zwei vom Spartakusbund und einem Delegierten von der Bremer Linken zusammensetzten, und dass auf der Konferenz in Kienthal von 43 Teilnehmern sieben aus Deutschland kamen, darunter vier Zentristen, zwei vom Spartakusbund und einen Mitstreiter von der Bremer Linken. Der Spartakusbund behielt innerhalb der USPD seine volle Unabhängigkeit und verhielt sich auf den Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal ähnlich wie die Bolschewiki.
Man kann nicht verstehen, was die zentristische USPD wirklich war, ohne sie in den Kontext der gewaltigen, im Kampf befindlichen Massenbewegung zu stellen. Im April 1917 brach ein Massenstreik aus, der mindestens 300.000 Arbeiter allein Berlin erfasste. Gleichzeitig brach die erste Meuterei von Matrosen aus. Im Januar 1918 gab es anlässlich der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk eine Streikwelle, an der sich ungefähr eine Million Arbeiter beteiligten. Die Organisation des Streiks war in den Händen von Revolutionären Obleuten, die der USPD nahe standen (erstaunlicherweise nahmen auch Ebert und Scheidemann an diesem Streikkomitee teil). Zum Zeitpunkt der Spaltung zählte die SPD ungefähr 248.000, die USPD 100.000 Mitglieder. 1919 zählte die USPD fast eine Million Mitglieder, dies vor allem in den großen Industriezentren. Es ist unmöglich, hier auf alle revolutionären Ereignisse in Deutschland 1918 einzugehen. Erinnern wir uns nur daran, dass am 7. Oktober der Zusammenschluss zwischen dem Spartakusbund und der Bremer Linken beschlossen wurde. Liebknecht, der aus der Haft befreit worden war, trat in die Organisation der Revolutionären Obleute ein, die Vorbereitungen für den Aufstand am 9. November trafen. Doch in der Zwischenzeit, am 30. Oktober, ereignete sich der Aufstand in Kiel. In vielen Belangen erinnert der Beginn der Revolution in Deutschland an die Februarrevolution 1917 in Russland. Vor allen was die Unreife des subjektiven Faktors, die Unreife des Bewusstseins in der Klasse angeht. Ganz wie in Russland schenkten die Rätekongresse ihr Vertrauen jenen „Vertretern“, die die schlimmsten Durchhaltepolitiker im Krieg gewesen waren: Ebert, Scheidemann, Landsberg, zu denen sich drei Mitglieder der USPD gesellten: Haase, Dittmann und Barth. Letztere waren Teil der Rechten innerhalb der Zentristen mit allem, was dazugehört wie Verlogenheit, Feigheit, Zaudern, und dienten Ebert-Scheidemann als „revolutionäre“ Bürgen zwar nur für eine sehr kurze Zeit (vom 20. 12. bis zum 29. 12. 1919), doch lange genug, um ihnen zu gestatten, mit Hilfe der Junker und Freikorps die konterrevolutionären Massaker zu organisieren.
Die halb auf Vertrauen bauende, halb auf Misstrauen sich gründende Politik gegenüber dieser Regierung, die die Führung der USPD praktizierte, erinnert eigenartigerweise an die bedingte Unterstützung der Kerensky-Regierung, die ihr von der Führung der bolschewistischen Partei bis zum Mai 1917, bis zum Triumph der Aprilthesen von Lenin, zuteilwurde. Der große Unterschied jedoch war nicht allein die Entschlossenheit der bolschewistischen Partei unter der Führung von Lenin und Trotzki, sondern auch die Macht und Intelligenz einer erfahrenen Klasse wie der deutschen Bourgeoisie, die fähig war, alle ihre Kräfte gegen das Proletariat zu sammeln, und die extreme Senilität der russischen Bourgeoisie.
Was die USPD betrifft, so teilte sie sich wie jede zentristische Strömung in eine rechte Tendenz, die sich wieder in die alte Partei einzugliedern versuchte, welche ins Lager der Bourgeoisie übergegangen war, und in eine Tendenz auf, die immer stärker ins Lager der Revolution strebte. Man traf die USPD während der blutigen Tage der Konterrevolution in Berlin und im Januar 1919 an der Seite des Spartakusbundes an, so wie man auch in den verschiedenen Konfrontationen in anderen Städten wie z.B. in München auf sie stößt. Die USPD konnte sich, wie jede andere zentristische Strömung, in den entscheidenden Prüfungen der Revolution nicht behaupten. Sie war dazu verdammt zu zerfallen, sie zerfiel.
Ab ihrem 2. Kongress (am 6. März 1919) stritten sich die beiden Richtungen gleich in mehreren Fragen (Gewerkschaften, Parlamentarismus), vor allem aber in der Frage, ob sie sich der Kommunistischen Internationalen anschließen sollen. Die Mehrheit lehnte den Eintritt ab. Die Minderheit wurde jedoch stärker, obwohl es ihr auf der nationalen Konferenz im September noch nicht gelang, die Mehrheit zu erobern. Auf dem Leipziger Kongress am 30. November desselben Jahres setzte sich die Minderheit in der Frage des Aktionsprogramms, das einstimmig angenommen wurde, bezüglich des Prinzips der Rätediktatur durch, und es wurde beschlossen, mit der Kommunistischen Internationalen in Gespräche zu treten. Im Juni 1920 begab sich eine Delegation nach Moskau, um die Verhandlungen darüber einzuleiten und am 2. Kongress der Komintern teilzunehmen.
Das Exekutivkomitee der Komintern hatte dazu einen Text vorbereitet, der ursprünglich 18 Bedingungen enthielt und nun um drei weitere ergänzt wurde. Dies sind die 21 Aufnahmebedingungen der Kommunistischen Internationalen. Nach heftigen internen Diskussionen sprach sich der außerordentliche Parteitag der USPD vom Oktober 1920 mit einer Mehrheit von 237 gegen 156 Stimmen für die Annahme dieser 21 Bedingungen und den Anschluss an die Komintern aus.
McIntosh, und hinter ihm JA, entdeckten im August 1984 die Kritik, die von Anbeginn von der Linken der Komintern daran geübt worden war, dass es zu viele Schlupflöcher für den Eintritt in die Komintern gebe. Doch wie immer ist die sehr späte Entdeckung durch unsere Minderheit nichts anderes als eine Karikatur, die ins Absurde geht. Zweifellos enthielten die 21 Aufnahmebedingungen als solche falsche Positionen, die nicht erst 1984 gesehen wurden, sondern schon damals und die von der Linken kritisiert worden waren. Doch was beweist dies? Dass die Komintern bürgerlich war? Oder nicht vielmehr, dass die Komintern in vielen Fragen von Anfang an von zentristischen Positionen durchdrungen war? Die plötzliche Empörung unserer Minderheit kann ihre Ignoranz gegenüber der Geschichte, die sie heute zu entdecken scheint, und die Absurdität ihrer Schlussfolgerung, dass der Zentrismus in der gegenwärtigen Dekadenzperiode nicht existieren könne, nur schwerlich verbergen.
Also macht sich unsere Minderheit, die Konzessionen an die Rätisten macht, zu Puristen. Offenbar scheut sie nicht, sich durch ihre Forderung nach einer reinen, jungfräulichen Partei lächerlich zu machen, eine Partei, die entweder vom Himmel fällt oder als Gottesgabe voll ausgerüstet auf die Bühne tritt. Auch wenn sie kurzsichtig ist und nicht sehr weit zurückschaut, so sollte sie doch wenigstens die kurze Geschichte der IKS betrachten und begreifen können. Woher kommen denn die Gruppen, die sich schlussendlich in der IKS zusammengefunden haben? Unsere Minderheit sollte im Übrigen damit beginnen, sich selbst und ihren eigenen politischen Werdegang anzuschauen. Woher kommen Revolution Internationale oder World Revolution oder die Sektionen in Belgien, den USA, Spanien, Italien und Schweden? Kommen sie nicht eben genau aus jenem konfusen, Anarchie-haften und oppositionellen Sumpf?
Es wird niemals ein Netz geben, das engmaschig genug wäre, um uns eine Garantie gegen das Eindringen zentristischer Elemente oder ihre Entstehung inmitten der Organisation zu geben. Ohne auf die Geschichte der gesamten Arbeiterbewegung einzugehen, zeigt uns allein die Geschichte der IKS, dass die revolutionäre Bewegung ein unaufhörlicher Klärungsprozess ist. Es reicht aus, einen Blick auf unsere Minderheit zu werfen, um sich der Summe von Konfusionen bewusst zu werden, die sie binnen eines Jahres zu leisten imstande war.
Jetzt hat McIntosh entdeckt, dass die Flut der ersten revolutionären Welle auch die Smerals, die Cachins, die Frossards und die Serratis vor sich her getrieben hat. Hat McIntosh je von Fenster seiner Universität aus erblickt, was eine revolutionäre Flut ist?
Was die KPF angeht, so schreibt McIntosh die Geschichte ebenfalls nach seinem Geschmack um und sagt zum Beispiel, dass die Partei, die der Komintern beitrat, um Cachin-Frossard herum gruppiert war. Weiß er nichts über die Existenz des Komitees der 3. Internationalen rund um Loriot und Souvarine, die in Opposition zum Wiederaufbaukomitee von Faure und Longuet stand? Cachin und Frossard fuhren einen Zickzack-Kurs zwischen diesen beiden Komitees, um sich schlussendlich der Resolution des Komitees für die 3. Internationale zum Eintritt in die Komintern anzuschließen. Auf dem Kongress von Straßburg im Februar 1920 war die Mehrheit immer noch gegen den Eintritt. Auf dem Kongress in Tours im Dezember 1920 erhielt der Antrag für den Eintritt in die Komintern 3208 Mandate, der Antrag von Longuet für den „Eintritt unter Vorbehalten“ 1022 Mandate, und 397 Mandate enthielten sich der Stimme (die Gruppe um Blum-Renaudel).
Waren die Maschen nicht eng genug geknüpft worden? Sicherlich. Doch das hindert uns nicht daran zu verstehen, was eine ansteigende Flut der Revolution ist. Wir diskutieren darüber, ob die bolschewistische Partei, der Spartakusbund und die sozialistischen Parteien, die die Komintern gegründet oder sich ihr angeschlossen hatten, Arbeiterparteien oder bürgerliche Parteien waren. Wir diskutieren nicht über ihre Fehler, sondern über ihren Klassencharakter, und der Wirrwarr von McIntosh ist für uns dabei nicht hilfreich. So wie McIntosh nicht versteht, was eine heranreifende Bewegung ist, die sich von der bürgerlichen Ideologie zu einem Klassenbewusstsein bewegt, so wenig weiß er auch darüber, worin ihr Unterschied zu einer degenerierenden Bewegung besteht, d.h. zu einer Bewegung, die sich von der Klassenposition in Richtung bürgerlicher Ideologie entfernt.
In seiner Vorstellung von einer fixen Welt hat der Begriff der Bewegung keinen Platz. Deshalb versteht er nicht, was es heißt, eine sich annähernde Tendenz durch Kritik zu unterstützen und eine sich entfernende Tendenz kompromisslos zu bekämpfen. Vor allem aber weiß er nicht, wann der Degenerierungsprozess einer proletarischen Partei definitiv abgeschlossen ist. Ohne die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung aufzurollen, wollen wir ihm hier einen Anhaltspunkt geben: Eine Partei ist für die Arbeiterklasse definitiv verloren, wenn aus ihrem Schoß keine lebendige Tendenz, kein lebendiger (proletarischer) Körper mehr hervorgeht. Dies war nach 1921 bei den sozialistischen Parteien der Fall, und es war zu Beginn der 1930er Jahre bei den kommunistischen Parteien der Fall. Dies ist der Grund, warum man bis zu diesem Datum von ihnen in den Begriffen des Zentrismus sprechen konnte.
Und um abzuschließen, sollte daran erinnert werden, dass die neue Theorie von McIntosh, die die Existenz des Zentrismus in der Periode der Dekadenz ignorieren will, stark an jene Menschen erinnert, die, statt eine „peinliche Krankheit“ behandeln zu lassen, diese schlichtweg ignorieren. Man bekämpft den Zentrismus nicht, indem man ihn negiert und ignoriert. Dem Zentrismus kann, wie allen anderen Seuchen, die die Arbeiterklasse heimsuchen können, nicht begegnet werden, indem man ihn versteckt, sondern indem man ihn ins volle Licht rückt, wie Rosa Luxemburg hervorhob. Die neue Theorie von McIntosh stützt sich auf den Aberglauben der Macht der bösen Worte: Je weniger man vom Zentrismus spricht, umso besser offenbar. Für uns gilt das Gegenteil: Man muss den Zentrismus kennen und erkennen können, wissen, in welcher Periode, des Aufstiegs oder des Niedergangs, er sich befindet, und verstehen, in welche Richtung er sich bewegt. Den Zentrismus zu überwinden und zu bekämpfen ist in letzter Instanz eine Frage der Reifung des subjektiven Faktors, der Bewusstwerdung der Klasse.
MC, Dezember 1984
[1]Dieser Text wurde als Diskussionsbeitrag im Internationalen Internen Bulletin der IKS publiziert, wurde aber dann auch in der Internationale Revue Nr. 43 (engl., franz., span.) unter dem Titel „Das Konzept des „Zentrismus: Der Weg zum Verlassen der Klassenpositionen“ als Position der „Tendenz“ die sich im Januar 1985 gebildet hatte abgedruckt. In derselben Nummer gibt es auch eine Antwort auf diesen Text, mit dem Titel: „Die Zurückweisung des Begriffs Zentrismus: eine offene Türe zum Verlassen der Klassenpositionen“.
[2]Lenin: „Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution“, Ges. Werke, Bd. 24, auch zitiert im Artikel: „Die Zurückweisung des Begriffs Zentrismus: eine offene Tür zum Verlassen der Klassenpositionen“, Internationale Revue, Nr. 43)
[3]Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Sie wurde 1917 von der SPD-Minderheit in der SPD, die sich dem Krieg entgegengestellt hatte und 1916 aus der SPD ausgeschlossen worden war.
[4]Das Internationale Sekretariat ist die permanente Kommission des Internationalen Büros, des Zentralorgans der IKS.
[5]JA (Judith Allen) war eine der GenossInnen, die Vorbehalte gegen die Resolution geäußert hatte, die im Januar 1984 vom Zentralorgan der IKS angenommen worden war, und den Begriff des Zentrismus im Zusammenhang mit dem Rätismus ablehnten. Sie rutschten jedoch selbst in rätistische Ansichten ab; die Mehrheit von ihnen verließ die IKS, noch bevor die Debatte beendet war, und gründeten die „Externe Fraktion der IKS“ (EFIKS), die die Zeitschrift Internationalist Perspective publizierte. Anfangs präsentierte sich diese Gruppe als „tatsächlicher Vertreter der IKS-Plattform“, sie gab jedoch Schritt für Schritt den Bezug auf unserer Plattform auf.
[6]Im Originaltext von MC gibt es folgende Anmerkung: „Wir kommen später auf die Analyse der Natur des Zentrismus zurück, der in der Periode zwischen Kriegsende und Gründung der Kommunistischen Internationale existierte.“
Allabendlich versammeln sich Tausende von Menschen insbesondere auf der Place de la République in Paris: Seit dem 31. März ist die Nuit-debout-Bewegung in den Schlagzeilen. Es handelt sich um Zusammenkünfte von Menschen unterschiedlichster Herkunft - SekundarschülerInnen und StudentInnen, ArbeiterInnen und prekär Beschäftigte, alle vom Wunsch beseelt, zusammenzukommen, zu diskutieren, die Reihen zu schließen gegen alle Unbill dieses Systems. Die Ernsthaftigkeit vieler TeilnehmerInnen ist unbestreitbar; sie sind empört über all die Ungerechtigkeit und sehnen sich im Grunde nach einer anderen Welt, einer humaneren Welt, gegründet auf Solidarität. Jedoch findet keine Weiterentwicklung des Kampfes und des Bewusstseins der Nuit- debout-Bewegung statt. Im Gegenteil, diese Bewegung führt ihre Protagonisten in eine Sackgasse und stärkt die konformistischsten Zukunftsperspektiven. Schlimmer noch, Nuit debout ist ein Vehikel der widerlichsten Ideen, wie z.B. die Personalisierung der Übel dieses Systems, indem ein paar Repräsentanten, wie die Banker und Oligarchen, an den Pranger gestellt werden. Auf diese Weise führt Nuit debout nicht nur jene in die Irre, die aus ehrlichen Motiven an ihr teilnehmen, sondern ist auch ein Schlag der Bourgeoisie gegen das Bewusstsein der gesamten Arbeiterklasse.
Das neue Arbeitsgesetz (bekannt als "El Khomri"-Gesetz, nach dem Namen der aktuellen Arbeitsministerin Myriam El Khomri) symbolisiert für sich genommen den bürgerlichen, anti-proletarischen Charakter der Sozialistischen Partei. Diese "Reform" wird den Lebensstandard weiter senken und die Spaltungen unter den Lohnabhängigen vergrößern, indem es sie in Konkurrenz zueinander versetzt. Das ganze Projekt ist ein Versuch, die Idee zu verbreiten, dass man über Arbeitszeiten, Tariflöhne und Entlassungen getrennt verhandeln solle...
Um diesem neue Gesetzes zur allgemeinen Akzeptanz zu verhelfen, haben die Gewerkschaften die übliche Rolle gespielt: Sie schrien Zeter und Mordio, verlangten Änderungen oder gar die Rücknahme einiger Teile des ersten Gesetzentwurfs und täuschten vor, "Druck auszuüben" auf die sozialistische Regierung, indem sie zahllose Aktionstage und Demonstrationen organisierten. Diese Gewerkschaftsumzüge, die aus Leuten bestehen, die die Straßen auf- und ablaufen und von Losungen wie: "Die Arbeiter sind auf der Straße, El Khomri, du bist im Arsch" oder "Streik, Streik, Generalstreik!" traktiert werden, ohne in der Lage zu sein, zu diskutieren und irgendetwas zu erreichen, dienen lediglich dazu, die Menschen zu demoralisieren und Gefühle der Machtlosigkeit zu verbreiten.
In den Jahren 2010 und 2011 gab es in Reaktion auf die Rentenreformen dasselbe: ein gewerkschaftlicher Aktionstag folgte dem anderen, von denen manche etliche Millionen mobilisierten, aber alle letztendlich ermöglichten, dass der Angriff durchging, und, schlimmer noch, eine Art moralische Erschöpfung verursachten, die schwer auf der gesamten Arbeiterklasse lastet. Es gibt jedoch einen beachtlichen Unterschied zu den Bewegungen von 2010 und 2011: Das Phänomen von Nuit debout profitiert von einer medialen und politischen Berichterstattung, die weitaus breiter ist und Nuit debout mit weitaus mehr Sympathie darstellt, als es üblich ist bei einer sozialen Bewegung, die behauptet, den gegenwärtigen Zustand zu bekämpfen.
"Nuit debout - das Lager des Möglichen"[1] oder "Nuit debout: die Wiedererweckung des imaginären Bürgers", wie die Zeitschrift LIBERATION formulierte. Sie schrieb auch: „Es ist von geringer Bedeutung, wie sie sich politisch entwickelt... was zählt, ist, dass wir uns auf den öffentlichen Plätzen und anderswo in Richtung einer würdigeren Tagespolitik vorwärtstasten“[2]. Diese Unterstützung ist auch auf der internationalen Ebene zu beobachten. Zahllose Medien überall auf der Welt haben den Vollversammlungen von Nuit debout ihre Aufmerksamkeit gewidmet, die ihnen zufolge die Politik und die Welt neu erfinden. Einige politische Figuren unter den gemäßigten und den extremen Linken, von denen viele den Versammlungen wohlwollend gegenüberstehen, sind geradezu lyrisch geworden. Jean-Luc Mélenchon, der Mitbegründer der Partei der Linken wie auch der Generalsekretär (neuerdings: "secrétaire national") der Kommunistischen Partei Frankreichs, Pierre Laurent, frohlockten über diese Treffen. Für Julien Bayou (EELF, die französischen Grünen) ist Nuit debout "eine Übung in Radikaldemokratie in Echtzeit". Selbst Nathalie Kosciusko-Morizet, die Vorwahl-Kandidatin der Rechten, sagt, sie habe "interessante" Slogans auf dem Platz vernommen, wie: "Wir sind nicht nur Wähler, sondern auch Bürger". Der Präsident der Republik, François Hollande, gab ebenfalls seinen Segen: "Ich finde es legitim, dass die Jugend über die Welt, wie sie heute ist, mitreden will, auch über die Politik, wie sie heute ist... Ich werde mich nicht darüber beschweren, dass Teile der Jugend die Welt von morgen erfinden möchten". Derselbe Tenor auf internationaler Ebene: für Yanis Varoufakis, dem ehemaligen Finanzminister Griechenlands, sind "diese Bewegungen (...) großartige Lichtblicke inmitten eines dunklen Himmels".
Was bedeuten diese Jubelarien von wichtigen internationalen Medien und Politikern? Die Antwort befindet sich in den beiden Gründungsdokumenten der Bewegung. Das Flugblatt, das von der Convergence des Luttes collectives am 31. März in Paris verteilt wurde und das die erste Versammlung auf der Place de la Rèpublique[3] aus der Taufe gehoben hatte, formuliert es so: "Unsere Regierungen sind der Obsession verfallen, das System bis zum Gehtnichtmehr fortbestehen zu lassen, und zwar um den Preis von 'Reformen', die immer rückschrittlicher und konformer mit der Logik eines Neoliberalismus sind, der seit 30 Jahren am Werk ist: Alle Macht gehört den Aktionären und Bossen, den privilegierten Wenigen, die sich den kollektiven Reichtum aneignen." Das Manifest hat denselben Zungenschlag: "Das Menschliche müsste im Mittelpunkt der Sorgen unserer Führer sein"[4].
Die Orientierung ist klar: Es geht darum, eine Bewegung zu organisieren, die "Druck ausübt" auf die "Führer" und die staatlichen Institutionen, um einen demokratischeren und humaneren Kapitalismus zu fördern. Dies ist die Art von Politik, die das ganze Dasein von Nuit debout kennzeichnet. Es reicht aus, die Aktionen zu betrachten, die aus den Versammlungen und Kommissionen resultieren: "ein Aperitif mit Valls" (einige Hundert Demonstranten wollten am 9. April einen Aperitif mit dem Premier haben); Demonstrationen am Élysée am 14. April im Anschluss an eine Fernsehsendung mit François Hollande; die Besetzung der Bankfiliale von BNP Paribas in Toulouse; Picknick in einem Großmarkt in Grenoble; Störung der regionalen Ratssitzung in Boulogne-Franche-Comté und der Gemeinderäte von Clermont-Ferrand und Poitiers; Errichtung einer ZAD (geschützten Zone) in Montpellier; Besetzung einer MacDonald's-Filiale in Toulouse; tags auf den Schaufenstern von Banken; Abstellen von Müll vor den Türen einiger Pariser Rathäuser, etc.
Die beliebtesten Vorschläge auf der Pariser Generalversammlung sind ebenfalls aufschlussreich hinsichtlich der politischen Orientierung auf einige oberflächliche oder scheinradikale Modifikationen des kapitalistischen Systems: Demonstrationen für eine "ökologische Demokratie", für einen lebenslangen Lohn, einen Minimallohn, für die Kürzung hoher Einkommen, für Vollbeschäftigung, organische Landwirtschaft, bessere Behandlung von Minderheiten, für Demokratie durch Verlosung, mehr Einsatz des Staates für die Bildung, insbesondere in den verarmten Vorstädten, transatlantische Partnerschaft in Handel und Investitionen, etc.
Bezüglich der Gewerkschaften schrieb Marx 1865: "Statt des konservativen Mottos: 'Ein gerechter Tageslohn für ein gerechtes Tageswerk!' sollte sie auf ihren Banner die revolutionäre Losung schreiben: 'Nieder mit dem Lohnsystem!'." (Lohn, Preis und Profit) Genau diese revolutionäre Logik wird von jenen, die die Fäden hinter Nuit debout spinnen, bewusst verneint, um die junge Generation, die Fragen zu dieser Gesellschaft stellt, auf ein vermintes Terrain zu führen: den Reformismus und die Wahlurne.
Die Forderung, die dies am deutlichsten versinnbildlicht, ist zweifellos der Ruf nach einer neuen Verfassung, die eine "soziale Republik" etablieren soll. So ist laut dem Ökonomen Frédéric Lordon, einem der Initiatoren von Nuit debout, "der erste Akt der Wiederaneignung (...) die Neuschreibung der Verfassung... was ist die soziale Republik? Sie nimmt die demokratische Idee, die 1789 gestellt wurde, ernst"[5].
Dies bringt es auf den Punkt: Das zentrale Anliegen all jener, die Nuit debout auf die Beine gestellt haben, ist es, eine "wahre Demokratie" zu errichten, wie sie von der Französischen Revolution 1789 verheißen wurde. Doch was zweieinhalb Jahrhunderte zuvor revolutionär gewesen war, nämlich die Installierung der politischen Macht der Bourgeoisie in Frankreich, die Überwindung des Feudalismus durch die Entwicklung des Kapitalismus, das nation building - all dies ist heute hoffnungslos reaktionär geworden. Dieses Ausbeutungssystem ist dekadent. Es geht nicht darum, es besser zu machen, denn dies ist unmöglich geworden, sondern darum, darüber hinauszugehen, es durch eine internationale proletarische Revolution zu überwinden. Doch hier wird die Illusion verbreitet, dass der Staat ein neutraler Mittler ist, auf den wir Druck ausüben müssen oder den wir gar vor den Aktionären, den korrupten Politikern, den gierigen Bankern, den Oligarchen schützen müssen, wo doch in Wirklichkeit der Staat der höchste Repräsentant der herrschenden Klasse und der schlimmste Feind der Ausgebeuteten ist.
Vor allem dürfen wir nicht die Gefahr unterschätzen, wenn wir uns auf die Banker, Aktionäre, korrupten Politiker einschießen. Diese Methode, diese oder jene Person statt das Ausbeutungssystem als Ganzes zu beschuldigen, hat keine andere Bedeutung als den Schutz der gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus. Sie ersetzt den Klassenkampf, den Kampf gegen den Kapitalismus und für eine andere Welt durch den Hass, der sich gegen Individuen richtet, die lediglich von der Macht entfernt werden müssten, damit angeblich alle Übel der Gesellschaft wie durch Zauberhand verschwänden.[6]
Nuit debout behauptet, die Fackel der Bewegungen von 2006 und 2011 aufgenommen zu haben. Doch in Wahrheit macht sie ein Zerrbild aus ihnen, indem sie völlig deformiert, was die Stärke der Bewegung gegen den CPE und der Indignados war, alle Diskussionen nach der Optik der Bürgerrechte und der republikanischen Werte gestaltet und Denkprozesse auf das Problem einengt, wie man den Kapitalismus menschlicher und demokratischer machen könne.
2006 debattierten die Studenten in Frankreich in wirklich souveränen Vollversammlungen, die zur freien Rede ermutigten. Sie hatten auch das Anliegen, die Bewegung auf die Beschäftigten, auf die Ruheständler[7], auf die Arbeitslosen auszuweiten, in erster Linie indem sie ihnen ihre Vollversammlungen öffneten, indem sie Forderungen aufstellten, die über den einfachen Rahmen der CPE hinausgingen[8], und alle spezifisch studentischen Forderungen beiseite stellten. Fünf Jahre später, 2011, erlebten wir mit den Indignados in Spanien und der Occupy-Bewegung in den USA und Israel Ausdrücke derselben vitalen Notwendigkeit, zusammenzukommen und über die Übel dieses kapitalistischen Systems, das auf Ausbeutung basiert, über Ausgrenzung und anderes Leid zu diskutieren. Diesmal fanden die Versammlungen nicht in Lesesälen und Theatern, sondern auf den Straßen und Plätzen statt.[9]
Auch wenn der Kontext ein anderer ist, haben wir in der Indignados-Bewegung dieselben Drahtzieher erlebt wie in der Nuit-debout-Bewegung. Die "alternativen Drittweltler" von DRY (Wirkliche Demokratie Jetzt) versteckten sich hinter der Maske der "Anti-Politik", um jegliche wirkliche Diskussion zu sabotieren. Sie versuchten damals auch, die Energien zum Nachteil der Debatten in den Vollversammlungen in "Kommissionen" und in der Frage zu kanalisieren, die "richtige Wahl" bei den Urnengängen zu treffen (Podemos war/ist der Höhepunkt dieser Herangehensweise). Doch damals war die soziale Bewegung tiefer. Ihre Teilnehmer besaßen oft die Stärke, den Kampf in ihre eigenen Hände zu nehmen; parallel zur DRY wurden wirkliche Vollversammlungen, angeregt durch ersthafte Debatten und Denkprozesse über die Gesellschaft, abgehalten, wobei dies von den Medien völlig ausgeblendet wurde. Damals schrieben wir:
"Am Sonntag, den 22., Wahltag, proklamierte DRY (statt eines weiteren Versuchs, die Versammlungen zu beenden), dass 'wir unsere Ziele erreicht haben' und dass die Bewegung beendet werden müsse. Die Antwort war eindeutig: 'Wir sind nicht hier, um zu wählen'. Am Montag, den 24., erreichten die Versammlungen sowohl in der Anzahl ihrer TeilnehmerInnen als auch, was den Reichtum ihrer Debatten angeht, ihren Höhepunkt. Interventionen, Losungen, Plakate nahmen stark zu und brachten einen tiefen Denkprozess zum Ausdruck: 'Wo ist die Linke? Sie ist hinter der Rechten', 'Die Umfragen können unsere Träume nicht zurückhalten', '600 Euros im Monat, das ist ziemlich gewalttätig', 'Wenn ihr uns nicht träumen lasst, dann werden wir euch am Schlafen hindern', 'Keine Arbeit, kein Zuhause, keine Angst', 'Sie täuschten unsere Großeltern, sie täuschten unsere Kinder, sie werden nicht unsere Enkel täuschen'. Sie zeigten auch ein Bewusstsein für die Perspektiven: 'Wir sind die Zukunft, der Kapitalismus ist die Vergangenheit', 'Alle Macht den Versammlungen', 'Es gibt keine Evolution ohne Revolution', 'Die Zukunft beginnt jetzt', 'Glaubt ihr immer noch, dass dies eine Utopie ist?' Es war jedoch vor allem die Demonstration in Madrid, die ab dem 19. Juni ein Hauptaugenmerk auf die Perspektiven für die Zukunft legte. Zu dieser Demonstration aufgerufen hatte eine Organisation, die aus der Arbeiterklasse und ihren aktivsten Minderheiten stammte. Der Leitgedanke dieser Zusammenkunft war: 'Demonstration und Einheit gegen Krise und Kapital'. Es wurde erklärt: 'Nein zu Lohnkürzungen und Rentenkürzungen; gegen Arbeitslosigkeit der Arbeiterkampf; Nein zu Preiserhöhungen, Ja zu Lohnerhöhungen, Steuererhöhung für jene, die am meisten verdienen, Schutz unseres öffentlichen Dienstes, Nein zur Privatisierung von Gesundheit und Bildung... Lang lebe die Arbeitereinheit'."[10]
Wir teilen nicht sämtliche, von den Indignados erhobenen Forderungen. Auch unter ihnen waren Schwächen, Illusionen über die bürgerliche Demokratie sehr präsent. Doch die Bewegung wurde von einer proletarischen Dynamik angetrieben und schloss eine tiefreichende Kritik am System, am Staat, an den Wahlen mit ein. Sie begann einen Kampf gegen die Organisationen der Linken und Linksextremen, die alle ihre politischen Kräfte aufwandten, um das Nachdenken einzuschränken und es hinter die Grenzen dessen zu drängen, was für den Kapitalismus noch akzeptabel ist.
Die gegenwärtige Schwäche unserer Klasse hat bedeutet, dass es solcher proletarischer Kritik nicht möglich gewesen ist, sich aus Nuit debout heraus zu entwickeln, und dass der Wunsch, zusammenzukommen und zu diskutieren, keine weiteren Früchte getragen hat. Die Bourgeoisie hat ihre Lehren aus den früheren Bewegungen gezogen; sie hat sich gut vorbereitet und manövriert sehr intelligent, indem sie Nutzen zieht aus der gegenwärtigen Schwäche des Proletariats. Heute sind es Attac, die Neue Antikapitalistische Partei, die Linksfront und all die Experten des Reformismus und der so genannten "Wirklichen Demokratie jetzt" (DRY), die die Kontrolle über Nuit debout ausüben und sich an der Verwirrung des Proletariats, seinem Mangel an Perspektiven, seiner Schwierigkeit, sich selbst als Klasse anzuerkennen, schadlos halten. Diese Gruppen besetzen das soziale Terrain und handeln auf diese Weise am effektivsten für den Kapitalismus.
Über eins müssen wir uns im Klaren sein: Es gab nichts Spontanes an Nuit debout. Sie ist über einen langen Zeitraum von den radikalen Vertretern des Kapitalismus vorbereitet und organisiert worden. Hinter dieser "spontanen" und "apolitischen" Bewegung lauern die Fachleute, die linken und linksextremen Gruppierungen, die die "Anti-Politik" als Mittel zur Kontrolle nutzen. Der Appell vom 31. März hatte bereits diese professionelle Dimension:
"Im Programm: Animationen, Entspannung, Konzerte, Informationsbörse, eine Permanente Bürgerversammlung und alle Arten von Überraschungen." Nuit debout hatte ihren Ursprung in einer öffentlichen Versammlung, die am 23. Februar in der Pariser Bourse de Travail organisiert wurde. Dieses Treffen, auf den Namen "Macht ihnen Angst!" getauft, wurde von den enthusiastischen Reaktionen auf den Film von François Ruffin, "Merci Patron!", angeregt. Es wurde beschlossen, die Place de la République nach dem Ende der Demonstration vom 31. März zu besetzen.
"Es traf sich ein 'Pilot'-Kollektiv von 15 Leuten: Johanna Silva von der Zeitschrift FAKIR, Loïc Canitrot vom Ensemble Jolie Môme, Leila Chaibi vom Kollektiv Schwarzer Dienstag, ein Mitglied vom Verein Les Engraineurs und ein Student von der Sciences Po, der Ökonom Thomas Couttrot und Nicolas Galepides von der Sud-PTT... Der Verein Droit au Logement bot seine rechtliche und praktische Unterstützung an, auch die 'alternativen Drittweltler' von Attac sowie der Gewerkschaftsbund Solidaire traten dem Kollektiv bei. Das anfängliche Kollektiv trat an den Ökonomen Frédéric Lordon mit der Bitte heran, die erste Pariser Nacht am 31. März zu eröffnen. Seine Idee, 'Für die soziale Republik', würde ein Echo in den Werkstätten finden, die gebildet wurden, um eine neue Verfassung in Paris und Lyon zu schreiben..." Diese wenigen Zeilen von Wikipedia (von uns aus dem Französischen übersetzt) zeigen, wieviel die offiziellen politischen Kräfte, Gewerkschaften, linke Vereinigungen, etc. dazu beitrugen, die Nuit-debout-Bewegung aufzubauen und die Regie in ihr zu übernehmen.
Wer ist namentlich François Ruffin? Als Chefredakteur der linken Zeitung FAKIR steht er der Linksfront und der CGT nahe. Sein Ziel ist es, Druck auf den Staat und seine Repräsentanten auszuüben oder, um seine eigenen Worte zu benutzen, "ihnen Angst zu machen". Damit eine Bewegung erfolgreich ist, muss sie sich ihm zufolge vergewissern, dass "die Straßenschlacht und die Ausdrucksform durch die Wahlurne zusammenkommen", wie 1936 oder "gar 1981". Dies ist ein Versuch, uns vergessen zu machen, dass 1936 die Mobilisierung der Arbeiterklasse für den Zweiten Weltkrieg vorbereitete; was 1981 angeht, so versetzte diese so genannte "soziale Bewegung" die Sozialistische Partei in die Lage, an die Macht zu gelangen und eine höchst wirksame, seit Jahrzehnten ungekannte gegen die Arbeiterklasse gerichtete Politik auszuführen! Dies ist die wahre Agenda von Nuit debout: ein Unternehmen, das darauf abzielt, all seine Mitglieder, die in gutem Glauben und voller Hoffnung sind, glauben zu machen, dass die kapitalistische Gesellschaft menschlicher gestaltet werden kann, wenn man den richtigen Parteien, d.h. der Sozialistischen Partei oder den Linksextremen, seine Stimme gibt.[11]
Diese Initiative ist von der Linken in der Sozialistischen Partei und den Linksextremen aus Sicht der Bourgeoisie zu einem höchst willkommenen Zeitpunkt ergriffen worden: in einem Jahr der Präsidentschaftswahlen, als sich die Glaubwürdigkeit der SP im Keller befand. Darum geht es kurz- und mittelfristig: um die Fähigkeit der Bourgeoisie, eine neue Linke zu schaffen, die etwas Glaubwürdigkeit in der Arbeiterklasse besitzt, eine "radikale, alternative, demokratische" Linke. Wir erleben dieselbe Dynamik in einer Reihe von anderen Ländern, mit Podemos in Spanien und Sanders in den USA. Es ist nicht ausgemacht, dass dieser Teil des Manövers, seine parlamentarische Dimension, erfolgreich für die Bourgeoisie ausgehen wird, d.h. dass es zu einer Mobilisierung für die Wahlen führen wird, weil die Arbeiterklasse von allen politischen Parteien zutiefst angewidert ist. Gleichzeitig sind die Versuche von François Ruffin, die Teilnehmer von Nuit debout in die Gewerkschaften[12], insbesondere in die CGT, zu drängen, bis jetzt nicht von Erfolg gekrönt. Andererseits ist die Ideologie, die von dieser Bewegung transportiert wird, die Idee der Bürgerrechte, die dazu dient, die Klassenidentität des Proletariats zu verwässern, und die Tendenz zur Personalisierung statt zur Schlacht gegen das kapitalistische System ein besonders tückisches und wirksames Gift für die Zukunft.
Nuit debout ist, noch mehr als das Produkt eines neuen Manövers der Linken und Linksextremen, das Symbol für die wirklichen Schwierigkeiten der ArbeiterInnen, sich selbst als eine Klasse zu betrachten, als gesellschaftliche Kraft, die in sich die Zukunft der gesamten Menschheit trägt. Und diese Schwierigkeiten sind nicht nur vorübergehend; sie sind Teil eines tiefen historischen Prozesses, der in der Gesellschaft abläuft. Die Saat aus den Bewegungen wie dem Kampf gegen den CPE oder der Indignados, die Ausdruck eines realen Bedürfnisses des Proletariats waren, seinen Kampf weiterzuentwickeln, schlummert heute gewissermaßen im Permafrost. Was die alten Bewegungen angeht, wie jene, die 1871 zur Pariser Kommune und 1917 zur Oktoberrevolution führten, so sind sie vergessen und begraben unter einem Wust von Lügen.
Doch wenn sich die gesellschaftliche Atmosphäre unter den Schlägen der Krise und der unvermeidlichen Zuspitzung der Attacken gegen unsere Lebensbedingungen aufheizt, dann können einige Blumen zu blühen beginnen. Dieses Vertrauen in die Zukunft stützt sich auf das Bewusstsein, dass das Proletariat eine historische Klasse ist, die in sich eine andere Welt trägt, welche frei von Ausbeutungsverhältnissen sowie notwendig und möglich für die Menschheit ist.
Germain, 15.5.16
[6] Dieses Anprangern der Oligarchie ähnelt stark der Fixierung Donald Trumps auf das US-Establishment. Unterschiedlich im Auftreten, basiert beides auf derselben Ideologie, nämlich der der Personalisierung.
[7] Eines der beliebtesten Banner lautete "Vieux croûtons, jeunes lardons, la même salade", was wir etwa mit "Alte Gurken, junges Gemüse - derselbe Salat" übersetzen könnten.
[8] Über den CPE siehe "Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich im Frühling 2006", /content/876/thesen-ueber-die-studentenbewegung-frankreich-im-fruehling-2006 [415].
[10] Aus unserem Artikel "Die Proteste in Spanien - eine Bewegung, die die Zukunft ankündigt", https://en.internationalism.org/ir/146/editorial-protests-in-spain [854].
[11] Um zu verstehen, wie Ruffin und die anderen Urheber von Nuit debout ticken, siehe unseren Artikel auf der französischen Website über den Film "Merci Patron!": https://fr.internationalism.org/revolution-internationale/201605/9374/merci-patron-denaturation-ce-qu-lutte-classe [855]. Siehe auch: www.liberation.fr/france/2016/02/24/qui-est-francois-ruffin-le-realisateur-de-merci-patron_1435301 [856].
[12] "Ich hoffe, dass wir einen sehr großen 1. Mai haben, dass die Demonstration auf der Place de la République endet und dass wir mit den Gewerkschaften, die gegen das Arbeitsgesetz sind, eine Massenkundgebung abhalten."
Eine Szene, die am 24. März von einem Mobiltelefon gefilmt wurde, machte in den sozialen Medien die Runde: Drei Polizisten drücken einen Schuljungen zu Boden; als der Junge aufsteht, schlägt ihm ein Polizist ins Gesicht. Und dies ist nur ein Beispiel unter anderen. Die Polizeirepression war während der Bewegung gegen das El Khomri-Gesetz extrem. Mit der Zustimmung der Regierung, die "sozialistisch" zu sein vorgibt, doch seit einigen Monaten ein Klima der außerordentlichen Sicherheit erzeugt, wurde jede Blockade von Schulen, Universitäten oder Raffinerien zum Schauplatz der Brutalität durch die Ordnungskräfte. Vor allem die junge Generation zahlt den Preis für diese Muskelspiele, Schlägereien und Provokationen. Als ob es notwendig geworden ist, die Kinder von ArbeiterInnen von klein auf mit den Kräften der bürgerlichen Ordnung zu beeindrucken.
Der Staat hat den Boden für die Repression sehr gut vorbereitet. Wie wir in unseren Artikeln über die terroristischen Angriffe in Paris im Januar und November 2015 geschrieben haben, schuf der unerhörte Ausbau des Netzes von Polizeikontrollen und der Ausnahmezustand, der ausgerufen worden war, auf materieller wie auf ideologischer Ebene eine Situation, in der Repression und Polizeiprovokationen leichter ausgeübt werden können, besonders indem das Phänomen der "casseur" (Randalierer) als wichtiges Alibi für Polizeieinsätze ausgenutzt wird.
Der Staat und seine Repressionskräfte sind das Produkt unversöhnlicher Klassengegensätze und das Instrument für die Ausbeutung der Unterdrückten ausschließlich zu Diensten der Bourgeoisie. Wie wird die "Ordnung" aufrechterhalten? "'Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden Interessen, nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der 'Ordnung' halten soll; und diese, aus der Gesellschaft hervorgegangne, aber sich über sie stellende, sich ihr mehr und mehr entfremdende Macht ist der Staat (...) Diese öffentliche Gewalt existiert in jedem Staat; sie besteht nicht bloß aus bewaffneten Menschen, sondern auch aus sachlichen Anhängseln, Gefängnissen und Zwangsanstalten aller Art (...)' Das stehende Heer und die Polizei sind die Hauptwerkzeuge der Gewaltausübung der Staatsmacht..." [1] Die Realität der Polizeigewalt ist also weder neu, noch ein Unfall der Geschichte, noch das Produkt einer nicht perfekten Verwirklichung der Demokratie; sie ist ein klarer Ausdruck des zutiefst unterdrückerischen Charakters des Staates. Die herrschende Klasse ist angesichts eines jeglichen Ausdrucks, der ihre gesellschaftliche Ordnung in Frage stellt, stets außerordentlich brutal gewesen. Die Bourgeoisie hat versucht, jede Herausforderung durch das Proletariat mit Feuer und Schwert zu ersticken. So setzt die Polizei heute auf denselben Bürgersteigen den Schlagstock gegen die Arbeiterjugend ein, auf denen 1871 die Versailler Armeen die Pariser Kommune in ihrem Blut ertränkt hatten.
Von Anbeginn der Arbeiterbewegung wurden die revolutionären Organisationen nicht nur mit der Staatsgewalt konfrontiert, sondern auch mit der Frage der Zufluchtnahme zur Gewalt in den Reihen des Proletariats. Gewalttätige Aktionen sind nie als ein Ausdruck der politischen Stärke der Bewegung betrachtet worden, sondern müssen in einem allgemeineren Kontext gesehen werden. Selbst wenn sie sich gegen die Ordnungskräfte richten, sind sie häufig nicht mehr als individuelle Antworten, die die Gefahr der Unterminierung der Klasseneinheit enthalten. Dies bedeutet nicht, dass die Arbeiterbewegung "pazifistisch" ist. Sie benutzt zwangsläufig eine bestimmte Form der Gewalt: die Gewalt des Klassenkampfes gegen den bürgerlichen Staat. Doch hier handelt es sich um eine unterschiedliche, befreiende Form, die von einem bewussten Schritt begleitet ist, der nichts mit der Gewalt und Brutalität der herrschenden Klassen zu tun hat, deren Macht durch Terror und Repression aufrechterhalten wird. So gestattete die Erfahrung eines Proletariats, das sich Stück für Stück als eine gesondert organisierte und bewusste Klasse konstituiert hatte, ihm, sich allmählich gegen die unvermittelte Versuchung einer blinden Gewalt zur Wehr zu setzen, die eines der Kennzeichen der ersten ArbeiterInnenunruhen gewesen war. So erhoben sich im 18. Jahrhundert nahezu überall in Europa zahllose ArbeiterInnen äußerst gewaltsam gegen die Einführung der Webmaschinen, indem sie sie zerstörten. Diese gewaltsamen Aktionen ausschließlich gegen die Maschinen waren das Produkt eines Mangels an Erfahrung und Organisation in der Kindheit der Arbeiterbewegung. Wie Marx betonte: "Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt." [2]
Andererseits gibt es eine Reihe von politischen Ausdrücken, die im 20. Jahrhundert auftauchten und die der binden Gewalt auf mannigfaltige Weise nachgegeben hatten. Dies war besonders nach 1968 der Fall, zum Beispiel in Italien, angeregt von "operaistischen" Ideologien [3], oder in Deutschland unter den vielen "autonomen" Tendenzen. Diese Strömungen drückten einen Mangel an Reflexion und Orientierung über die Mittel aus, die für eine politische Konfrontation des Kapitalismus nötig sind. In Berlin zum Beispiel sind seit den 1980er Jahren die Konfrontationen zwischen Polizei und allen Arten von "Randalierern" zu einem Ritual geworden, in dem Letztgenannte die Konfrontation mit der Polizei suchen, dabei Geschäfte und Autos zerstören und dies fäschlicherweise mit der "revolutionären" Tat identifizieren.
Heute drücken diese "autonomen" Kräfte, die seitens des Staates immer mehr mit dem "Terrorismus" gleichgesetzt werden, das Unvermögen und den politischen Leeraum aus, der von der großen Schwäche einer Arbeiterklasse hinterlassen wurde, welcher es, auch wenn sie in der Lage gewesen war, aus Jahrzehnten einer traumatischen stalinistischen Konterrevolution hervorzutreten, bis dato nicht gelungen ist, sich selbst als gesellschaftliche Klasse zu erkennen, indem sie sich ihrer authentischen Kampfmittel und somit ihrer kommunistischen Perspektive vergewissert. Desorientiert, ohne jegliches Vertrauen in die eigene Stärke ist es dem Proletariat nicht gelungen, seine eigene Identität und noch weniger seine historische Macht anzuerkennen. So überlässt es das Feld all den unduldsamen, aufgebrachten Jungen, die bar jeder politischen Erfahrung und - momentan - jeder Zukunftsperspektive sind.
Dies erklärt größtenteils die Anziehungskraft, die die Methoden der "Autonomen" und "Randalierer" auf junge Menschen ausüben, oder den Erfolg nebulöser Theorien wie jene, die von einem gewissen "Unsichtbaren Komitee" in der Broschüre "Der kommende Aufstand" [4] artikuliert wird. Hier lesen wir: "Die Offensive, die den Zweck hat, das Territorium von der polizeilichen Besatzung zu befreien, ist bereits im Gang und kann auf die unerschöpflichen Reservoirs der Verbitterung zählen, die diese Kräfte gegen sie selbst vereint hat. Die 'sozialen Bewegungen' sind nach und nach für die Randale gewonnen worden." Diese Art von Diskurs, der von einer erklecklichen Anzahl von Autonomen, die sich unter etlichen Bannern sammeln (Schwarze Blöcke, Verteidiger von "autonomen Zonen", einige Antifaschisten), mehr oder weniger geteilt wird, hat sie immer mehr in den Vordergrund der gesellschaftlichen Bühne gerückt. Seit einigen Jahren drücken immer größere Teile der Jugend, die unter der gesellschaftlichen Gewalt des Kapitalismus, der Prekarität und Arbeitslosigkeit leiden, ihre Wut und Verzweiflung in mitunter gewaltsamen Revolten aus. Ihr Hass auf den ganzen Scheiß verleitet sie auf Demonstrationen schnell dazu, die Ordnungskräfte zu konfrontieren. Einige von den Jungen sind den Einflüssen und Taten der "Randalierer" oder "autonomer" Gruppen ausgesetzt, die sich selbst durch unfruchtbare Aktionen wie das Demolieren von Eigentum, das Zerschlagen von Fensterscheiben, etc. auszeichnen, welche leider eine gewisse Faszination auf die Verzweifelten ausüben.
Es geht nicht darum, eine Parallele zu ziehen zwischen der Staatsgewalt in Gestalt einer erheblich aufrüsteten Polizei, und der Gewalt einiger Demonstranten, die mit ein paar schwachen Wurfgeschossen bewaffnet sind, als sei Erstere die "legitime" Konsequenz aus Letzterem. Die bürgerliche Presse macht genau dies auf schamlose Weise. Doch das Problem dieser fruchtlosen Gewalt, dieser Prügeleien mit der Polizei ist, dass der Staat sie perfekt zu seinem Vorteil nutzen kann. So hat die Regierung all diese "Randalierer" und "Autonomen" mutwillig in eine Falle gelockt, um den Proletariern in ihrer Gesamtheit "die Tatsache zu demonstrieren", dass Gewalt und Revolte zwangsläufig ins Chaos führen. Die Schäden am Necker-Krankenhaus in Paris veranschaulichen dies perfekt. Am 14. Juni griff die Polizei mit ungewöhnlicher Härte eine Demonstration an, die an einem Kinderkrankenhaus vorbeiführte. Gruppen von Randalierern hatten zuvor, wahrscheinlich von Agents provocateurs angestiftet [5] und unter den Augen von etlichen, passiv bleibenden Kompanien der CRS-Bereitschaftspolizei, einige Krankenhausfenster zerschlagen. An diesem Abend hatte die bürgerliche Presse ihren großen Tag; man wurde mit den empörten Erklärungen der Regierung traktiert, die es nicht versäumten, die Gelegenheit zu nutzen, um die "Radikalen" gegen die kranken Kinder auszuspielen. So lenkt die Bourgeoisie die Aufmerksamkeit auf die gewalttätigsten Elemente an den Rändern einer gebeutelten Jugend, dem Opfer der bürgerlichen Ordnung, um die Brutalität der Polizeirepression zu legitimieren. Um den Staat und seine Institutionen nachdrücklich als letztes Bollwerk gegen jene darzustellen, die die "öffentliche Ordnung" und die Demokratie bedrohen, lenken die Medien die Aufmerksamkeit auf die geradezu symbolhafte Zerstörung, die von den "Randalierern" verübt worden sei. Dies hat auch den Effekt, die Demonstranten zu spalten, um Misstrauen innerhalb der Arbeiterklasse zu säen und vor allem um den leisesten Hauch von Solidarität und einer revolutionären Perspektive zu ersticken. Weit entfernt davon, das System zu erschüttern, gestatten diese Phänomene der Bourgeoisie, alle Formen des Kampfes gegen den Staat zu verunglimpfen, vor allem aber die revolutionäre Perspektive wirksamer zu deformieren. Die Gewaltmanifestationen von heute sind sowohl die Widerspiegelung der Schwächen des Klassenkampfes als auch das Produkt des gesellschaftlichen Zerfalls, einer allgemeinen Atmosphäre, die Verhaltensweisen freien Lauf lässt, die typisch sind für Gesellschaftsschichten, die keine Zukunft haben, die unfähig sind, der Barbarei des Kapitalismus eine andere Perspektive entgegenzusetzen, abseits der blinden und nihilistischen Wut. Andere Aktionen von rebellischen Minderheiten (wie die Molotowattacke am 18. Mai gegen zwei Polizeibeamte in ihrem Wagen am Rande einer Versammlung), die offensichtlich Produkte eines Rachegeistes sind, werden ebenfalls bis zum Gehtnichtmehr vom Staat und seiner Presse ausgenutzt, um den "Hass auf die Polizei" anzuprangern.
Die ganze Existenz der Arbeiterbewegung hindurch ist deutlich worden, dass die Entwicklung des Kräfteverhältnisses gegenüber ihrem Klassenfeind einen völlig anderen Verlauf nimmt und unter Verwendung radikal andere Methoden stattfindet. Um einige Beispiele zu nennen: Im Sommer 1980 mobilisierten sich die Arbeiter in Polen angesichts der drohenden Repression in den Städten Gdansk, Gdynia und Sopot massiv über alle Bereiche hinweg, so dass die Regierung einlenken musste. Als der Staat drohte, militärisch zu intervenieren, um sie zu unterdrücken, drohten die ArbeiterInnen von Lublin aus Solidarität mit den Betroffenen umgekehrt damit, die Eisenbahnen lahmzulegen, die die russischen Kasernen in der DDR mit der Sowjetunion verbanden. Der polnische Staat trat letztendlich den Rückzug an. Angesichts der vergangenen Repression 1970 und 1976 gründete sich die Antwort der ArbeiterInnen nicht auf Rache, sondern auf das Gedenken und die Solidarität.[6] In jüngerer Zeit und in einem anderen Kontext übernahm in Frankreich zurzeit der Kämpfe gegen den CPE 2006 die proletarisierte Jugend der Universitäten die Kontrolle über ihre Kämpfe, indem sie sich selbst in Vollversammlungen organisierte, die allen offenstanden, um ihre Bewegung auszuweiten. Die Villepin-Regierung, die eine Ausweitung befürchtete, musste den Rückzug antreten. 2011, zurzeit der Indignados-Bewegung in Spanien, trafen sich die Menschen in Straßenversammlungen, um zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und so einen gemeinsamen Willen zum Kampf zu schmieden. Die spanische Bourgeoisie versuchte, diese Dynamik zu brechen, indem sie Konfrontationen mit der Polizei provozierte und indem sie eine Medienkampagne gegen die "Randalierer" entfachte. Doch die Stärke und das Vertrauen, das sich in offenen Versammlungen artikulierte, erlaubte dem Proletariat, mit Massendemonstrationen zu antworten, besonders in Barcelona, wo Tausende von Menschen in der Lage waren, den Polizeiattacken etliche Male mutig zu trotzen.
So ist es nicht die Gewalt an sich, der Rachedurst, die isolierte und minoritäre Tat, die die Macht einer Bewegung gegen einen kapitalistischen Staat ausmacht, sondern im Gegenteil die Dynamik der bewussten Aktion mit der Perspektive, den Kapitalismus zu stürzen und zu zerstören.
Die Stärke unserer Klasse liegt genau in ihrer Fähigkeit, der Polizeiprovokation massiv und bewusst die Stirn zu bieten.
Der am lebendigen Leib verrottende Kapitalismus generiert eine Tendenz zur Fragmentierung der sozialen Bande und entwertet alle Bemühungen um ein kohärentes Denken, indem er zu "Aktionen um der Aktion willen" und zu simplen Sofortlösungen drängt[7], genährt von einer wachsenden Unzufriedenheit und Verbitterung, einem Rachegeist, der zum Aufkommen winziger Gruppen ermutigt, die das dankbare Opfer der Polizeiprovokationen und der Manipulationen sind. Häufig kommen die gewalttätigsten Elemente aus zerfallenden kleinbürgerlichen Schichten oder aus einer deklassierten Intelligentsia, die sich im Aufruhr gegen die Barbarei des kapitalistischen Systems befindet. Ihre Taten, die sich durch den Individualismus auszeichnen und blind vor Hass und Ungeduld sind, sind Ausdrücke eines unmittelbaren Antriebs und oftmals ohne jegliches reale Ziel. Es sind dieselben nihilistischen Wurzeln, die andere junge Menschen wiederum dazu veranlassen, in den Dschihad zu ziehen.
Die Bourgeoisie nutzt auch die Gewalt und Zerstörung, die viele Demonstrationen begleiten, um die ArbeiterInnen zurück in die Gewerkschaften zu drängen, die trotz des Misstrauens gegen sie als die einzige Kraft erscheinen, die in der Lage ist, den Kampf zu organisieren und anzuführen. Solch eine Situation kann das Bewusstsein nur weiter schwächen, wird den Hauptsaboteuren des Kampfes doch damit ein neues Image verpasst wird.
Eine authentische Arbeiterbewegung hat nichts zu tun mit der falschen Alternative zwischen ihrer Einhegung durch die offiziellen Gewerkschaften und "aufrührerischen" Aktionen, die all jene, die ehrlich kämpfen wollen, namentlich die Jugend in den Demonstrationen, nur in das politische Nichts und in die Repression führen. Im Gegenteil, was den wirklichen Arbeiterkampf auszeichnet, ist die Solidarität, das Trachten nach Einheit im Kampf, der Wille, so massiv wie möglich gegen die kapitalistische Ausbeutung zu kämpfen. Die Essenz dieses Kampfes ist die Vereinigung der Kämpfe, die alle, Arbeitslose, Beschäftigte, Junge, Alte, RentnerInnen, etc. vereinigt. Und wenn die Arbeiterklasse in der Lage ist, sich selbst in solch einem Umfang zu mobilisieren, dann ist sie auch im Stande, alle anderen Schichten dieser Gesellschaft, die Opfer des vom Kapitalismus verursachten Leids sind, hinter sich zu scharen. Nur diese massive Mobilisierung, die tatsächlich von den ArbeiterInnen selbst kontrolliert wird, hat die Kapazität, Staat und Bourgeoisie zurückzudrängen. Daher ist die Arbeiterklasse nicht darum bestrebt, sich den Orden für Gewalttätigkeit ans Revers zu heften, um das Kräftegleichgewicht zuungunsten der herrschenden Klasse zu verschieben, sondern stützt sich zuallererst auf ihre schiere Anzahl und ihre Einheit. Der proletarische Kampf hat nichts mit den von Journalisten gefilmten Scharmützeln zu tun. Weit entfernt von der Instrumentalisierung der Gewalt, wie wir sie heute erleben, beruht die historische und internationale Schlacht der Arbeiterklasse auf der bewussten und massenhaften Aktion. Sie besteht aus einem gewaltigen Vorhaben, dessen kulturelle und moralische Dimension den Keim der Emanzipation der gesamten Menschheit enthält. Als eine ausgebeutete Klasse hat das Proletariat keine Privilegien zu verteidigen und nur seine Ketten zu verlieren. Aus diesem Grunde sagt das Programm des Spartakusbundes, das von Rosa Luxemburg verfasst wurde, in Punkt 3: "Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors , sie hasst und verabscheut Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmitteln nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft".[8] Mit seinem Geist der Assoziation und Solidarität nimmt der Arbeiterkampf die eigentliche menschliche Gemeinschaft der Zukunft vorweg. Seine Organisationsweise entspricht nicht einem Generalstab, der vom Feldherrenhügel die Schlacht leitet, sondern nimmt die Form eines bewussten, kollektiven Widerstandes an, der zahllose kreative Initiativen zur Welt bringt: "Der Massenstreik (...) flutet bald wie eine breite Meereswoge über das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz dünner Ströme; bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie ein frischer Quell, bald versickert er ganz im Boden. Politische und ökonomische Streiks, Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks und Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen und Generalstreiks einzelner Städte, ruhige Lohnkämpfe und Straßenschlachten, Barrikadenkämpfe - alles das läuft durcheinander, nebeneinander, durchkreuzt sich, flutet ineinander über; es ist ein ewig bewegliches, wechselndes Meer von Erscheinungen".[9] Dieses lebendige, befreiende Momentum kommt erst im Massenstreik, schließlich in der Bildung von ArbeiterInnenräten zum Ausdruck, ehe es zum Aufstand und zur weltweiten Machtübernahme durch das Proletariat führt. Im Moment ist diese Perspektive für das Proletariat, das viel zu schwach ist, nicht in Reichweite. Wenngleich nicht geschlagen, so hat es nicht ausreichend Macht, um sich selbst zu behaupten, und muss zunächst sich seiner selbst wieder bewusst werden, sich mit seiner eigenen Erfahrung und Geschichte wieder in Einklang bringen. Die Revolution steht weder unmittelbar vor der Tür, noch ist sie unvermeidlich. Es bleibt immer noch ein langer und schwieriger, mit Fallstricken übersäter Weg zu gehen. Erst muss es zu einer wahrhaftigen und tiefgehenden Umwälzung im Denken kommen, ehe es möglich ist, sich ein Bekenntnis zur revolutionären Perspektive vorzustellen.
EG/WH, 26.6.2016
[1] Lenin, Staat und Revolution, einschließlich des Zitats aus Engels' Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates.
[2] Marx, Das Kapital, Bd. 1, Kap. 13.5 "Kampf zwischen Arbeiter und Maschine".
[3] Der Operaismus ist eine "arbeitertümlerische" Strömung, die 1961 rund um die Zeitschrift Quaderni Rossi entstand, mit Mario Tronti und Toni Negri als wichtigste Theoretiker. 1969 spaltete sich die operaistische Strömung in zwei miteinander rivalisierende Organisationen: Potere Operaio und Lotta Continua. Nach 1972 wurden die Operaisten in die autonome Bewegung verwickelt, die Randale und gewaltsame, so genannte "exemplarische Aktionen" pries.
[4] Von dieser Broschüre wurden in Frankreich mehr als 40.000 Exemplare verkauft.
[5] Zum Beispiel war dies in Spanien der Fall, wo in der Indignado-Bewegung Polizisten von Demonstranten enttarnt wurden. In Frankreich ist die Infiltration von Demonstrationen durch Polizisten der BAC (anti-kriminelle Brigaden), die die Aufgabe haben, die Mengen aufzuwiegeln, allseits bekannt.
[6] Eine der Arbeiterforderungen war die Errichtung eines Denkmals, das ihrer Toten, den Opfern der blutigen Repression der früheren Bewegungen 1970/71 und 1976, gedenken wollte.
[7] Wie die Slogans und Sprechchöre: "Wir hassen die Polizei" oder "All cops are bastards".
[8] Rosa Luxemburg, Was will der Spartakusbund?
[9] Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften
In der Abenddämmerung des antiken Roms war der Wahnsinn der Herrscher eher die Regel denn die Ausnahme. Einige Historiker bezweifeln, dass dies ein Anzeichen für die Hinfälligkeit Roms war. Heute ist ein beängstigender Clown zum König des weltweit mächtigsten Nationalstaates gemacht worden, und dennoch wird dies nicht allgemein als ein Hinweis dafür betrachtet, dass die kapitalistische Zivilisation sich im fortgeschrittenen Stadium ihrer eigenen Dekadenz befindet. Die Woge des Populismus in den Epizentren des Systems, die in schneller Folge erst den Brexit und den Triumph von Donald Trump mit sich gebracht hat, ist ein Ausdruck für die Tatsache, dass die herrschende Klasse ihren Zugriff auf den politische Apparat verliert, der seit vielen Jahrzehnten benutzt worden war, um die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zum Kollaps zurückzuhalten. Wir sind Zeuge einer enormen politischen Krise, die von einem sich beschleunigenden Zerfall der Gesellschaftsordnung, von der völligen Unfähigkeit der herrschenden Klasse hervorgerufen wurde, der Menschheit eine Perspektive für die Zukunft anzubieten. Doch der Populismus ist auch die Frucht des Unvermögens der ausgebeuteten Klasse, des Proletariats, eine revolutionäre Alternative vorzustellen, mit dem Resultat, dass es sich in in der großen Gefahr befindet, in ein Reaktionsmuster gedrängt zu werden, das auf ohnmächtiger Wut, der Suche nach einem Sündenbock unter den Minderheiten und der wahnhaften Sehnsucht nach einer Vergangenheit beruht, die so nie existiert hatte. Die Analyse des Populismus als ein globales Phänomen ist ausführlich in dem Beitrag "Über die Frage des Populismus [857]" entwickelt worden, und wir möchten unseren LeserInnen empfehlen, den allgemeinen Rahmen, den sie anbietet, zusammen mit unserer ersten spezifischeren Antwort auf das Brexit-Resultat und den Aufschwung von Trumps Präsidentschaftskandidatur, "Brexit, Trump: Rückschläge für die herrschende Klasse, nichts Gutes für das Proletariat [858]", zu begutachten. Beide Texte sind online veröffentlicht worden.
Wir haben ebenfalls einen Artikel eines Sympathisanten aus den USA, Henk, in unserer englischsprachigen Presse veröffentlicht, "Trump vs. Clinton: nichts anderes als zwei schlechte Alternativen für die Bourgeoisie und das Proletariat [859]". Dieser Artikel, der im Oktober verfasst worden war, befasste sich mit den geradezu fieberhaften Bemühungen der etwas "verantwortungsvolleren" Fraktionen der US-Bourgeoisie, sowohl Demokraten als auch Republikaner, Trump davon abzuhalten, in das Weiße Haus einzuziehen.[1] Diese Bemühungen schlugen augenscheinlich fehl, und einer der direkteren Faktoren, die dieses Versagen verursachten, war die haarsträubende Intervention des Chefs des FBI, James Comey, just in dem Augenblick, als Clinton in den Wählerumfragen an die Spitze preschte. Das FBI, das eigentliche Herzstück des US-Sicherheitsapparates, schränkte Clintons Chancen ernsthaft ein, indem es verkündete, dass sie möglicherweise in einer Strafsache vernommen werden müsse, nachdem es ihren Gebrauch eines privaten E-Mail-Servers, was gegen grundlegende Regeln der staatlichen Sicherheit verstieß, weiter untersucht hatte. Knapp eine Woche später versuchte Comey zurückzurudern, indem er verkündete, dass es im Grunde nichts Anstößiges in all dem vom FBI untersuchten Material gab. Doch der Schaden war angerichtet, und das FBI hat einen wichtigen Beitrag für Trumps Kampagne geleistet, auf dessen Wahlkampfveranstaltungen pausenlos "Sperrt sie ein!" skandiert wurde. Die Intervention des FBI war so ein weiterer Ausdruck des wachsenden Kontrollverlustes im Herzen des Staatsapparates.
Kommunisten kämpfen nicht für ein geringeres Übel
Der Artikel "Trump vs. Clinton" beginnt mit einer klaren Darlegung der kommunistischen Position zur bürgerlichen Demokratie und zu Wahlen in dieser Geschichtsepoche: dass sie ein gigantischer Schwindel sind und der Arbeiterklasse keine Wahl lassen. Diese fehlende Auswahl war in dieser Wahl vielleicht so ausgeprägt wie nie zuvor, in einem Kampf zwischen dem arroganten Showman Trump, mit seiner unverhohlen rassistischen und frauenfeindlichen Agenda, und Clinton, die die "neoliberale" Herrschaft verkörpert, welche in den letzten drei Jahrzehnten die vorherrschende Form des Staatskapitalismus gewesen ist. Angesichts einer Wahl zwischen zwei Übeln gab ein beträchtlicher Teil des Wahlvolkes, wie immer in US-Wahlen, erst gar nicht seine Stimme ab - eine erste Schätzung gibt die Wahlbeteiligung mit knapp unter 57 Prozent an, niedriger als 2012 [860], und dies trotz allen Drucks, wählen zu gehen. Gleichzeitig entschieden sich viele, kritisch gegenüber beiden Lagern, aber besonders gegenüber Trump, für Hillary als das geringere zweier Übel zu stimmen. Unsererseits wissen wir, dass die Enthaltung bei bürgerlichen Wahlen aus Desillusionierung gegenüber dem, was angeboten wird, nur der Anfang aller Weisheit ist: Es ist wichtig - auch wenn äußerst schwierig, sofern die Arbeiterklasse nicht als Klasse handelt - zu zeigen, dass es einen anderen Weg gibt, die Gesellschaft zu organisieren, die über eine Demontage des kapitalistischen Staates gehen wird. Und in der Zeit nach den Wahlen wird diese Ablehnung der herrschenden politischen und sozialen Ordnung, dieses Beharren auf die Notwendigkeit für die Arbeiterklasse, für ihre eigenen Interessen und gegen das Gefängnis des bürgerlichen Staates zu kämpfen, nicht weniger relevant sein, werden doch viele in den Bann eines simplen Anti-Trumpismus gezogen werden, einer Art von umgearbeiteten Antifaschismus,[2] der sich mit "demokratischeren" Fraktionen der Bourgeoisie verbünden wird - am wahrscheinlichsten mit jenen, die die Sprache der Arbeiterklasse und des Sozialismus sprechen, wie Bernie Sanders während der Vorwahlen der Demokraten.[3]
Trumps soziale Basis
Dies ist nicht der Platz, um im Detail die Motive und soziale Zusammensetzung der Trump-Wähler zu analysieren. Zweifellos spielte die Frauenfeindlichkeit, diese gegen Frauen gerichtete Rhetorik, die in der Trump-Kampagne so zentral war, eine gewichtige Rolle; und sie muss untersucht werden, besonders da sie Teil eines viel globaleren "männlichen Gegenschlags" gegen die gesellschaftlichen und ideologischen Veränderungen im Geschlechterverhältnis in den letzten Jahrzehnten ist. Ebenso hat es in allen zentralen kapitalistischen Ländern einen unheilvollen Anstieg des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit gegeben, die auch in Trumps Kampagne eine Schlüsselrolle spielten. Es gibt in Amerika auch spezifische Elemente des Rassismus, die berücksichtigt werden müssen: kurzfristig die Reaktion auf Obamas Präsidentschaft und auf die amerikanische Version der "Flüchtlingskrise"; langfristig das ganze Erbe der Sklaverei und Ausgrenzung. Schon die ersten Zahlen machen deutlich, dass die lange Geschichte der Rassentrennung in Amerika auch in diesen Wahlen durchscheint: Die Trump-Wähler waren mit großer Mehrheit weiß (obwohl er auch eine recht große Anzahl von "Hispanics" mobilisieren konnte), während rund 88 Prozent der schwarzen Wähler das Clinton-Lager wählten. Wir werden auf diese Fragen in einem späteren Artikel eingehen.
Doch wie wir im Beitrag über den Populismus argumentiert haben, denken wir, dass das vielleicht wichtigste Element im Trump-Triumph die Wut gegen die neoliberalen "Eliten" war, die sich selbst mit der Globalisierung und Finanzialisierung der Wirtschaft identifizieren - mit makro-ökonomischen Prozessen, die eine kleine Minderheit auf Kosten der Mehrheit und vor allem zu Lasten der Arbeiterklasse im alten produzierenden Gewerbe und in der alten Rohstoffindustrie reich gemacht haben. "Globalisierung" bedeutete die umfassende Demontage des produzierenden Gewerbes und seinen Transfer in Länder wie China, wo die Arbeitskraft weitaus billiger ist und die Profite viel höher sind. Sie bedeutete auch die "freie Bewegung der Arbeit", was für den Kapitalismus ein weiteres Mittel ist, um die Arbeitskraft durch Migration von den "armen" in die "reichen" Länder zu verbilligen. Finanzialisierung bedeutete für die Mehrheit die Vorherrschaft des Wirtschaftslebens durch die immer mysteriöseren Marktgesetze. Konkret bedeutete sie den Crash von 2008, der so viele kleine Anleger und aufstrebende Hausbesitzer ruinierte.
Auch hier sind detailliertere statistische Untersuchung erforderlich, aber es hat den Anschein, dass eine Kerngröße der Trump-Kampagne die Unterstützung war, die sie von nicht akademisch gebildeten Weißen und insbesondere von ArbeiterInnen aus dem "Rust Belt" erhalten hat - den heutigen Industriewüsten, deren Bewohner aus Protest gegen die herrschende Ordnung, welche von der so genannten "urbanen liberalen Elite" verkörpert wird, für Trump stimmten. Viele dieser ArbeiterInnen aus diesen Regionen haben bei den letzten Wahlen für Obama gestimmt, und einige unterstützten Bernie Sanders in den Vorwahlen der Demokraten. Ihre Stimme war vor allem eine Stimme dagegen - gegen die wachsende Ungleichheit im Wohlstand, gegen ein System, das sie und ihre Kinder um ihre Zukunft gebracht hat. Doch diese Opposition artikulierte sich bei völliger Abwesenheit einer realen Arbeiterbewegung und war somit Futter für die populistische Weltsicht, in der die Eliten angeklagt werden, das Land an fremde Investoren zu verkaufen, Migranten, Flüchtlingen und ethnischen Minderheiten besondere Privilegien auf Kosten der "eingeborenen" Arbeiterklasse - und Arbeiterinnen zu Lasten der männlichen Arbeiter - zu gewähren. Die rassistischen und frauenfeindlichen Elemente des Trumpismus gehen so Hand in Hand mit den rhetorischen Attacken gegen die "Eliten".
Trump an der Macht: kein ruhiges Fahrwasser
Wir möchten hier nicht darüber spekulieren, wie Trumps Präsidentschaft aussehen wird oder welche Politik er zu implementieren versuchen wird. Was Trump vor allem auszeichnet, ist seine Unberechenbarkeit; es wird also nicht leicht sein, die Konsequenzen seiner Regierungszeit vorauszusehen. Da ist auch die Tatsache, dass das, was in der Wahlkampagne funktionierte - nämlich dass Trump schon vor dem Frühstück ein Dutzend sich einander widersprechender Dinge äußern konnte, ohne dass dies die Unterstützung für seine Wahlkampagne beeinträchtigte -, möglicherweise nicht so gut im Amt funktioniert. So präsentiert sich Trump als archetypischen Selfmade-Unternehmer und spricht davon, den amerikanischen Geschäftsmann von der Bürokratie zu befreien. Doch er spricht auch über ein massives Wiederaufbauprogramm für die Infrastruktur in den Innenstädten, für den Straßenbau, für Schulen und Krankenhäuser, für die Wiederbelebung der fossilen Brennstoffindustrie durch die Abschaffung von Umweltschutzgrenzen, was alles zusammen eine erhebliche staatskapitalistische Intervention in die Wirtschaft beinhaltet. Er hat versprochen, Millionen von illegalen Immigranten auszuweisen, und dennoch hängt ein Großteil der US-Wirtschaft von ihrer billigen Arbeitskraft ab. In der Außenpolitik kombiniert er die Sprache des Isolationismus und des Rückzugs (wie bei seiner Androhung, das US-Engagement in der NATO zurückzufahren) mit der Sprache des Interventionismus, wie bei seinem Wutgeheul, "die Scheiße aus dem IS herauszubomben", und verspricht, den Rüstungsetat zu steigern.
Was sicher scheint, ist, dass Trumps Präsidentschaft von Konflikten sowohl innerhalb der herrschenden Klasse als auch zwischen Staat und Gesellschaft geprägt sein wird. Es trifft zu, dass Trumps Siegesrede ein Vorbild an Versöhnung war - er werde ein "Präsident für alle Amerikaner" sein. Und bevor er Trump im Weißen Haus empfing, äußerte Obama, dass er sicherstellen wolle, dass der Übergang so reibungslos wie möglich vonstatten geht. Darüber hinaus könnte die Tatsache, dass es nun eine große republikanischen Mehrheit im Senat und im Kongress gibt, bedeuten, dass er - sofern das republikanische Establishment seine Antipathie gegen Trump überwindet - mit ihrem Rückhalt durchregieren kann, wobei die demagogischeren Teile auf Eis gelegt werden könnten. Doch die Zeichen für künftige Spannungen und Zusammenstöße sind unschwer zu erkennen. Beispielsweise stehen Teile der militärischen Hierarchie einigen seiner außenpolitischen Optionen sehr feindselig gegenüber, so wenn er weiterhin skeptisch gegenüber der NATO bleibt oder wenn seine Bewunderung Putins als starken Führer zur Untergrabung der US-Versuche führt, dem gefährlichen Wiederaufleben des russischen Imperialismus in Osteuropa und im Mittleren Osten Einhalt zu gebieten. Auch in seiner Innenpolitik könnte sich innerhalb des Sicherheitsapparates, der Bundesbehörden und der großen Geschäftsinteressen Widerstand regen; möglicherweise werden diese es als ihre Aufgabe ansehen, sicherzustellen, dass es Trump nicht ermöglicht wird, Amok zu laufen. Unterdessen wird der politische Niedergang der "Clinton-Dynastie" möglicherweise auch in der Demokratischen Partei neue Gegensätze und vielleicht sogar Spaltungen hervorrufen, mit dem wahrscheinlichen Aufstieg eines linken Flügels unter Leuten wie Bernie Sanders, in der Hoffnung, dass sich die feindselige Stimmung gegen das ökonomische und politische Establishment für sie auszahlen wird.
Auf gesellschaftlichen Ebene werden wir wahrscheinlich, wie man nach dem Brexit in Großbritannien sehen kann, ein furchteinflößendes Aufblühen der Fremdenfeindlichkeit des "Volkes" erleben, sodass offen rassistische Gruppen sich nun ermächtigt sehen, ihre Fantasien von Gewalt und Dominanz zu verwirklichen; gleichzeitig wird die Polizeirepression gegen ethnische Minderheiten wahrscheinlich neue Höhen erklimmen. Und wenn Trump ernsthaft mit seinem Programm der Inhaftierung und Ausweisung der "Illegalen" beginnt, werden all diese Entwicklungen Widerstand auf den Straßen provozieren, in Kontinuität mit einigen Bewegungen, die wir in den vergangenen Jahren nach den Ermordungen von Schwarzen durch die Polizei erlebt haben. In der Tat hat es, kaum war das Wahlergebnis verkündet, eine Reihe sehr wütender Demonstrationen in vielen Städten der USA gegeben, an denen sich im Allgemeinen junge Leute beteiligten, die sich von der Aussicht auf eine Trump-Regierung angewidert fühlen.
Die internationalen Auswirkungen
Auf internationaler Ebene ist Trumps Triumph so etwas wie ein "Brexit plus plus plus", um es in seinen Worten zu sagen. Er hat den rechspopulistischen Parteien in Westeuropa bereits mächtigen Auftrieb gegeben, nicht zuletzt dem Front National in Frankreich, wo die Präsidentschaftswahlen für 2017 angesetzt sind. Es sind Parteien, die aus den multinationalen Handelsorganisationen austreten wollen und den wirtschaftlichen Protektionismus bevorzugen. Angesichts Trumps aggressiven Stellungnahmen gegen die wirtschaftliche Konkurrenz Chinas könnte dies bedeuten, dass wir auf einen Handelskrieg zusteuern, der, wie in den 1930er Jahren, einen bereits blockierten Weltmarkt noch weiter einschnüren könnte. Das neoliberale Modell hatte dem Weltkapitalismus in den beiden vergangenen Jahrzehnten große Dienste erwiesen, doch nun erreicht es seine Grenzen, und vor uns liegt die Gefahr, dass die Tendenz des "Jeder-für-sich-selbst", die wir auf der imperialistischen Ebene schon seit längerem erleben, nun auch auf die ökonomische Sphäre überspringt, wo sie bis jetzt mehr oder weniger in Schach gehalten wurde. Trump hat ebenfalls erklärt, dass die globale Erderwärmung ein Schwindel sei, der von den Chinesen erfunden worden sei, um ihren Exporthunger zu stillen; ferner sagte er, er werde sich aus allen internationalen Vereinbarungen über den Klimawandel zurückziehen. Wir wissen, wie begrenzt ohnehin diese Vereinbarungen sind, doch sie fallenzulassen würde uns voraussichtlich noch tiefer in die ökologische Weltkatastrophe stürzen.
Wir wiederholen: Trump symbolisiert eine Bourgeoisie, die wirklich jegliche Perspektive verloren hat, um die Gesellschaft am Laufen zu halten. Trotz all seiner Selbstgefälligkeit und seines Narzismus ist er selbst nicht verrückt; er verkörpert vielmehr die Verrücktheit eines Systems, dem die Optionen ausgehen, selbst jene des Weltkrieges. Trotz ihrer Dekadenz war die herrschende Klasse über ein Jahrhundert lang in der Lage, ihren eigenen politischen und militärischen Apparat - mit anderen Worten: ihre bewusste Intervention als eine Klasse - zu nutzen, um einen völligen Kontrollverlust, einen letzten Anstoß des dem Kapitalismus innewohnenden Strebens ins Chaos zu verhindern. Wir beginnen allmählich die Grenzen dieser Kontrolle zu erkennen, auch wenn wir nicht die Fähigkeit unseres Feindes unterschätzen dürfen, mit neuen, vorübergehenden Scheinlösungen aufzuwarten. Das Problem für unsere Klasse ist, dass mit Ausnahme einer kleinen Minderheit der offenkundige Bankrott der Bourgeoisie auf allen Ebenen - wirtschaftlich, politisch, moralisch - nicht eine revolutionäre Kritik des Systems generiert hat, sondern eine fehlgeleitete Wut und giftige Spaltungen in unseren Reihen. Dies stellt eine ernste Bedrohung der künftigen Möglichkeit dar, den Kapitalismus durch eine menschliche Geselllschaft zu ersetzen.
Und dennoch besteht einer der Gründe, warum der Weltkrieg heute trotz des Ausmaßes der Krise des Kapitalismus nicht auf der Agenda steht, darin, dass die Arbeiterklasse nicht in einer offenen Schlacht besiegt worden ist und immer noch ungenutzte Kapazitäten für den Widerstand beherbergt, wie wir in den etlichen Massenbewegungen während des vergangenen Jahrzehnts gesehen haben, wie der Kampf der StudentInnen in Frankreich 2006 oder die Revolte der Indignados in Spanien 2011 und die Occupy-Bewegung in den USA im gleichen Jahr. In Amerika können diese Vorboten des Widerstandes in den Protesten gegen die Polizeimorde und in den Demonstrationen nach der Wahl gegen Trump wahrgenommen werden, obgleich diese Bewegungen keinen klaren proletarischen Klassencharakter angenommen haben und verwundbar bleiben gegenüber der Vereinnahmung durch Berufspolitiker der Linken, durch die verschiedenen Variationen der nationalistischen oder demokratischen Ideologie. Damit die Arbeiterklasse sowohl die populistische Gefahr als auch die falschen Alternativen überwindet, die von der Linken des Kapitals verkauft werden, ist etwas viel Tieferes erforderlich, eine Bewegung für die proletarische Unabhängigkeit, die imstande ist, sich selbst als politisch zu begreifen und wieder an die kommunistischen Traditionen unserer Klasse anzuknüpfen. Dies gilt nicht unmittelbar, doch Revolutionäre haben heute die Aufgabe, solch eine Bewegung vorzubereiten, vor allem indem sie für die politische und theoretische Klarheit kämpfen, die den Weg durch den herrschenden Smog der kapitalistischen Ideologie in all ihren Erscheinungen ausleuchtet.
Amos, 13.11.2016
[1] Ein Anzeichen, wie weit verbreitet die republikanische Opposition gegen Trump ist: der frühere Präsident Bush, mitnichten Teil des linken Flügels der Partei, kündigte an, dass er eher einen leeren Stimmzettel abgibt, als für Trump zu stimmen.
[2] Unsere Ablehnung einer Politik der "antifaschistischen" Bündnisse mit einem Sektor der herrschenden Klasse gegen einen anderen ist vor allem ein Vermächtnis der italienischen Kommunistischen Linken, die richtigerweise den Antifaschismus als ein Mittel betrachtete, um die Arbeiterklasse für den Krieg zu mobilisieren. Siehe "Der Antifaschismus – eine Anleitung zur Konfusion [861]", einem Text von Bilan, der in der Internationalen Revue, Nr. 26 veröffentlicht wurde.
[3] Mehr zu Sanders siehe den Artikel "Trump v. Clinton [859]".
Am 4. bis 6. November 2016 hat in Nürnberg eine „Linke Literaturmesse“ stattgefunden. Teile der Gruppe VVN-Bda Nürnberg mit anderen VertreterInnen des Volksfrontantifaschismus haben die Vorstellung des Buches von Soziale Befreiung Der spanische BürgerInnenkrieg verhindert. Vorab hatten wir den Gruppen Soziale Befreiung und Sozialer Widerstand unten stehenden Solidaritätsbrief zu geschickt. Wir sind empört, wie die beiden Gruppierungen Opfer der Stalinisten und deren Unterstützer durch ihre alt bekannten repressiven Methoden wurden. Wir erneuern unsere Solidaritätsbekundung und hoffen, dass weitere Menschen und Gruppierungen, die dem revolutionären Proletariat nahe stehen, ihre Verabscheuung gegenüber solchen Methoden bekunden.
Solidaritätsbrief
An die GenossInnen der Gruppe Soziale Befreiung und der Gruppe Sozialer
Widerstand.
Wie wir erfahren haben, plant Ihr auf der „Linken Literaturmesse“ in Nürnberg im Rahmen einer Veranstaltung am 5.11. 2016 Eure Broschüre zum „Spanischen Bürgerkrieg“ vorzustellen. Wir begrüßen die proletarische, internationalistische Klassenposition der angekündigten Veranstaltung außerordentlich.
Ihr schreibt in Eurer Vorankündigung völlig richtig: “Die antifaschistische Volksfront war ein Klassenfeind des Proletariats…..Sowohl der Franquismus wie die Volksfront waren sozialreaktionäre Fraktionen des Kapitals, zwischen denen das Proletariat blutig aufgerieben wurde.“
Wir begrüßen darüber hinaus die Demaskierung und Verurteilung der sogenannten „antifaschistischen“ Kräfte, die sich nun für ein Verbot Eurer Veranstaltung aussprechen und sich auch heute noch hinter den Massenmord an den Arbeitern während des Spanienkrieges stellen, indem sie die Wahrheit über den spanischen Bürgerkrieg mundtot machen wollen.
Der Prozess der Bewusstwerdung der Klasse muss seine Entsprechung in der kritischen Solidarität und Unterstützung der Revolutionäre finden. In diesem Sinne mit solidarischen Grüßen und den besten Wünschen für eine gute Veranstaltung mit lebendigen, tiefen und vorwärts gerichteten Diskussionen
die IKS im November 2016
Wir veröffentlichen hier eine Kritik des Artikels "Towards a communist electoral strategy" (Auf zu einer kommunistischen Wahlstrategie), der jüngst auf der Website des Communist League of Tampa (Florida, USA) erschien. Wir haben bereits die vorausgegangene Korrespondenz zwischen uns und dem CLT publiziert, in der wir begrüßten, dass der CLT die Notwendigkeit einer kommunistischen Weltpartei anerkennt, in der wir aber auch einige der Hauptunterschiede zwischen unserer Strömung und dem CLT hinsichtlich der Konzeption der "Massenpartei", der Frage, ob die kommunistische Partei die Macht übernimmt oder nicht, und der Relevanz der alten sozialdemokratischen Programme für das kommunistische Projekt heute aufzeigten.[1]
Mit der Veröffentlichung des Artikels "Towards a communist electoral strategy" von Donald Parkinson[2] scheinen sich diese Differenzen noch vertieft zu haben oder zumindest klarer geworden zu sein. Ein vergleichbarer Prozess scheint auch in den Beziehungen zwischen der Gruppe aus Tampa und ihrer Zweigniederlassung in Miami im Gange zu sein, die ihren Namen nun in "Workers Offensive Group" umgeändert und eine Stellungnahme zu ihren Positionen verabschiedet hat, die weitaus mehr in Einklang mit den Positionen der kommunistischen Linken stehen. Gleichzeitig hat die Gruppe aus Miami erklärt, dass sie die Diskussion mit der Gruppe in Tampa aufrechterhalten möchte.[3] Wir unterstützen diese Entscheidung und möchten ebenfalls die Diskussion mit Tampa fortsetzen; daher dieser Beitrag, mit dem wir hoffen, die Gruppe aus Tampa und andere zu einer Antwort zu animieren.
Wir denken, dass diese Debatte über die Wahlen besonders wichtig ist, nicht zuletzt weil im gegenwärtigen politischen Klima in den USA ein gewaltiger Druck auf all jene lastet, die sich selbst zu sehr in Gegnerschaft zum kapitalistischen System sehen, um ihre Prinzipien beiseitezuschieben und ihre Stimme zu benutzen, um Donald Trumps Griff nach der Präsidentschaft zu verhindern. In diesem Artikel wollen wir erklären, warum die Teilnahme an bürgerlichen Wahlen im Allgemeinen nicht mehr den Interessen des Klassenkampfes dient, sondern ihm direkt widerspricht.
Der Text von DP beginnt mit der Behauptung, dass "die Beteiligung an der Wahlpolitik und damit eine Wahlstrategie wichtig ist, wenn Kommunisten sich anschicken, öffentliche Legitimität als eine ernsthafte politische Kraft zu erlangen". Der Text erkennt an, dass Wahlkampfzeiten "ohne Ende widerlich sind, besonders dieses Jahr in den USA mit dem widerwärtigen Trump vs. der neoliberalen Imperialistin Clinton". Doch bezieht er sich auf von Marx und Engels verfasste Passagen, um die Ansicht zu untermauern, dass Kommunisten nichtsdestotrotz ihre eigenen Kandidaten aufstellen sollen, um, wie Marx es in seinen Adresse an den Kommunistischen Bund 1850 formulierte, "ihre Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die Öffentlichkeit zu bringen." DP ist sich durchaus der Existenz von Kommunisten wie Pannekoek und Bordiga bewusst, die unter den neuen, von Krieg und Revolution nach 1914 geschaffenen Bedingungen alle parlamentarischen Aktivitäten ablehnten, doch seine Hauptsorge gilt, die Tatsache zu missbilligen, dass ihre Ansichten einen übermäßigen Einfluss auf die zeitgenössische "Linke" gehabt hätten, der in großem Maße "rein auf der direkten Aktion basierte". Er räumt ein, dass die Anziehungskraft einer solchen Vorgehensweise verständlich sei angesichts dessen, dass "der bürgerliche Staat sich selbst eine Art Leviathan darstellt", doch solle man nicht daraus schließen, dass "alles, was von ihm berührt wird, todgeweiht ist". Der Text skizziert dann die Hauptelemente in der neu belebten kommunistischen Wahlstrategie:
"Jedoch verbergen sich hinter der Frage, ob man den Staat zerschmettern muss oder ob man sich an Wahlen beteiligen soll, zwei unterschiedliche Fragen. Der bürgerliche Staat kann zerschmettert werden, und dennoch können wir uns innerhalb seiner Institutionen beteiligen mit dem Ziel, die Arbeiterklasse zu agitieren und zu trainieren. Wahlkampagnen dienen, selbst wenn sie kein Erfolg haben, dem Zweck, Kommunisten dazu zu veranlassen, sich ausführlich in der Öffentlichkeit zu engagieren und für ihre Positionen zu streiten. Doch was, wenn Kommunisten tatsächlich Wahlen gewinnen? Würden wir nicht nur den bürgerlichen Staat managen?
Die erste Klarstellung, die wir machen wollen, ist, dass wir nicht an die Macht kommen, es sei denn, wir bekämen das Mandat, unser volles Minimalprogramm auszuführen und im Kern den bürgerlichen Staat zu zerschlagen sowie die Diktatur des Proletariats zu erschaffen. Die Partei würde eine Partei in Opposition sein und würde keine Koalitionsregierung mit bürgerlichen Parteien bilden. Im Unterschied zu anderen Organisationen wie Syriza, die handelt, als ob sie nichts bewirken könne, solange sie nicht an der Macht ist, würde eine echte marxistische Partei in der Opposition bleiben und keine Regierung formen, bis die Bedingungen für die Revolution reif sind.
Eine weitere Klarstellung: wir sind nicht dabei, die Exekutivgewalten anzustreben, die wir realistischerweise nicht erlangen können. In dem Ausmaß, in dem Kommunisten verantwortlich für das Managen des Staates sind, werden sie gezwungen sein, Kompromisse mit der bürgerlichen Legalität zu machen. Statt für Ämter wie den Gouverneur oder Präsidenten zu kandidieren, sollten wir Ämter in der Legislative wie im Repräsentantenhaus, aber auch in den bundesstaatlichen Parlamenten und Versammlungen anstreben. In diesen Positionen können wir für oder gegen die Gesetzgebung (oder auch mit Enthaltung) stimmen und unsere Partei als eine 'Tribüne für das Volk' etablieren, die dieses Machtzentrum nutzt, um gegen den bürgerlichen Staat und den Kapitalismus Propaganda zu betreiben. Indem wir gegen reaktionäre Gesetze stimmen, können wir, selbst wenn Demokraten und Republikaner in der Überzahl sind, demonstrieren, dass unsere Partei fest gegen die Interessen des bürgerlichen Staates und des Kapitalismus antritt, und eine Massenlegitimität für radikale Positionen entwickeln."
Was in diesem Absatz sofort ins Auge sticht, ist der Umstand, dass er außerhalb der Geschichte zu existieren scheint. Es fehlt jeglicher Hinweis auf die tiefgehenden Änderungen, die im Leben des Kapitalismus und der Arbeiterklasse seit den Tagen der Zweiten Internationalen stattgefunden haben, als solche Dilemmas, wie Arbeiterrepräsentanten sich selbst in den parlamentarischen Körperschaften verhalten sollten, noch von echter Relevanz waren. DP's Text nimmt uns dagegen mit zu einem Universum, wo es keine Tendenzen in den Massenparteien und Gewerkschaften der Arbeiterklasse gegeben hat, vom kapitalistischen Staat absorbiert zu werden; kein qualitatives Wachstum des totalitären, leviathanischen Staat in Reaktion auf die neue Epoche von Kriegen und Revolutionen; keine traumatischen Jahrzehnte der stalinistischen, faschistischen und demokratischen Konterrevolution, die eine ganze Generation von Revolutionären korrumpierte oder auslöschte und nur einige kleine internationalistische Gruppen übrig ließ, die gegen den Strom ankämpften; keine Neigung in den nach dem Zurückweichen der Konterrevolution aufkommenden Generationen, der Politik und den politischen Organisationen jeglicher Art abgrundtief zu misstrauen. Das Resultat dieses realen historischen Prozesses ist mit Händen zu greifen: Die Kommunisten, die erklärtermaßen immer eine Minderheit in den Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft bleiben mussten, wurden nun zu einer verschwindenden Minderheit, selbst wenn man eine ziemlich weitgefasste Vorstellung davon hat, was eine politische Kraft der Arbeiterklasse heute bildet. In diesem tatsächlichen Universum gibt es keine Partei der Arbeiterklasse, geschweige denn eine Massenpartei.
Der CLT behauptet sicherlich nicht, eine Partei zu sein, und geht auch nicht davon aus, dass sie unmittelbar vor ihrer Gründung steht; auch beabsichtigt er nicht, "demnächst irgendwelche Kandidaten aufzustellen, da wir eine kleine Sekte mit wenig Unterstützung und begrenzten Ressourcen sind". Doch die Abwendung von der Realität, die wir in Bezug auf die Vergangenheit sahen, gilt auch für eine mögliche Wahlstrategie in der Zukunft, weil es keinen wie auch immer gearteten Versuch gibt zu überlegen, welche Veränderungen stattfinden müssten, damit es "kleinen Sekten mit wenig Unterstützung und begrenzten Ressourcen" ermöglicht wird, sich selbst zu einer respekteinflößenden kommunistischen Partei zu mausern, die in der Lage ist, eine respektable Anzahl von Sitzen im Kongress oder ähnlichen Parlamenten zu erringen oder gar möglicherweise "das Mandat zu erhalten, den bürgerlichen Staat zu zerschmettern und die Diktatur des Proletariats zu etablieren".[4] Solch eine Transformation kann nur das Ergebnis eines massiven Aufschwungs im Klassenkampf auf weltweiter Ebene sein, einer Bewegung, die nicht nur einer neuen Generation von Revolutionären Leben einhauchen und eine massive Stärkung der kommunistischen Minderheit bedeuten würde, sondern auch neue Formen der Massenorganisation erzeugen würde, die sich auf die Prinzipien der Vollversammlungen und der Arbeiterräte stützen. Diese Perspektive ist nicht nur von den Sowjets der ersten internationalen revolutionären Welle bestätigt worden, sondern auch in jüngeren Massenbewegungen - zum Beispiel in den Fabrik übergreifenden Streikkomitees, die 1980 in Polen entstanden, in den Vollversammlungen, die der Schwerpunkt der Diskussionen und Entscheidungsfindung im Kampf gegen den CPE in Frankreich 2006 waren, oder in der Indignados-Bewegung in Spanien 2011.
1918, Die deutsche Revolution: Auf dem Plakat steht: "Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten". Aber im Dezember 1918 beging der nationale Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Selbstmord, indem er die Macht dem neuen deutschen Parlament abgab.
Es ist schon bezeichnend, dass der Text überhaupt nichts zur Frage der Räte sagt und sogar mit der Aussicht aufwartet, dass die kommunistische Partei via bürgerlicher Wahlen an die Macht gelangt. Doch was noch bezeichnender ist, ist die Tatsache, dass der Text nicht die Rolle des Parlaments und der Wahlen unter der Voraussetzung untersucht, dass die Arbeiterräte gebildet sind und die Frage der Diktatur des Proletariats direkt gestellt worden ist, wie in Deutschland 1918, wo demokratische Wahlen als Waffe gegen die Räte benutzt wurden, ein Mittel, die Arbeiter_innen zur Idee zu verleiten, dass die parlamentarische Demokratie und die Arbeiterräte irgendwie ko-existieren können (vorausgesetzt, Letztere wären auf den Status eines zahmen gewerkschaftsähnlichen Gremiums gestutzt, das sich auf den einzelnen Arbeitsplatz beschränkt...). Zusammengefasst: Kommunisten werden nur in einem vor-revolutionären Aufschwung in der Lage sein, als eine Partei, als eine Organisation zu handeln, die einen realen Einfluss auf die Entwicklung des Klassenkampfes ausübt, und dann wird es offensichtlicher denn je werden, dass sie ihre Energien auf die Stärkung der Räte oder räte-ähnlichen Organisationen gegen die tödlichen Mystifikationen der bürgerlichen Demokratie richten wird.
Und wir sollten uns im Klaren darüber sein, wie tief diese Mystifikationen in den Köpfen der Arbeiter_innen einschließlich der Revolutionäre eingepflanzt sind. Die Vorstellung, dass der Triumph der Demokratie und des politischen Sieges der Arbeiterklasse auf dasselbe hinauslaufen, ist bereits im Kommunistischen Manifest von 1848 präsent. Die Erfahrungen aus der Kommune verhalfen Marx und Engels zum Verständnis, dass die Arbeiterklasse nicht die existierenden parlamentarischen Gremien benutzen kann, um an die Macht zu gelangen... Und dennoch: wie fragil dieses Verständnis war, zeigte sich, als Marx kurz nach dem Verfassen von "Der Bürgerkrieg in Frankreich", wo er mit großartiger Klarheit die Lehren aus der Kommune gezogen hatte, noch immer in Erwägung zog, dass die Arbeiterklasse in einigen bürgerlich-demokratischen Ländern wie Großbritannien oder Holland "friedlich" an die Macht gelangen könnte, oder als Theoretiker wie Kautsky - zu Zeiten einer Sozialdemokratie, die den Anschein erweckte, dass die Arbeiterklasse Schritt für Schritt ihre Parteien und Gewerkschaften innerhalb des Rahmens der bürgerlichen Gesellschaft aufbauen kann - keinen anderen "Weg zur Macht" sahen als den parlamentarischen.[5] Jene in der marxistischen Bewegung, die begannen, Kautskys Orthodoxie anzufechten, hatten einen harten Kampf auszufechten; sie versuchten, die Folgen der neuen Kampfformen zu erschließen, die aufkamen, als die Aufstiegsepoche des Kapitalismus sich dem Ende entgegenneigte: der Massenstreik in Russland, das Auftreten der Sowjets, die Ausdehnung von wilden Streiks in Westeuropa. Durch die Untersuchung dieser neuen Formen und Methoden des Kampfes waren Pannekoek, Bucharin und schließlich Lenin in der Lage, den sozialdemokratischen Konsens zu durchbrechen und ihr Programm auf die klarsten Einsichten von Marx und Engels zu begründen - auf die Erkenntnis, dass der bürgerliche Staat aufgelöst werden muss, nicht per parlamentarischem Dekret, sondern durch die neuen Organe der politischen Macht des Proletariats, die durch die Revolution geschaffen werden. Diese theoretischen Weiterentwicklungen fanden neben Rosa Luxemburgs Analyse des Massenstreiks statt (oder waren, wie im Falle Pannekoek, von Letzterer stark beeinflusst), die die alte sozialdemokratische (und im weiteren Sinne die anarchosyndikalistische) Praxis in Frage stellte, Schritt für Schritt die Massenorganisationen zu bilden, die schließlich die Leitung der Gesellschaft übernehmen; in der neuen Konzeption von Luxemburg und Pannekoek ist die revolutionäre Massenorganisation der Arbeiterklasse das Produkt der Massenbewegung und kann nicht durch die kommunistische Minderheit in Abwesenheit einer solchen Bewegung erschaffen werden.
DP möchte, dass wir die Idee des "Anti-Elektoralismus als ewiges Prinzip" fallen lassen. Doch keiner der Mitstreiter der sozialdemokratischen und dann kommunistischen Linksfraktionen betrachtete den Anti-Elektoralismus als ewiges Prinzip. Sie waren Marxisten, nicht Anarchisten, und sie erkannten, dass in einer früheren Epoche, in jener Zeit, die den Kommunistischen Bund und die ersten beiden Internationalen miteinschloss, die Strategie, Arbeiterkandidaten in bürgerlichen Wahlen aufzustellen, durchaus einer Art "ewigen Prinzips" für Revolutionäre diente: die Notwendigkeit, die Autonomie der Arbeiterklasse gegenüber allen anderen Klassen zu entwickeln. So befürworteten von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts Marxisten die Beteiligung an bürgerlichen Wahlen und Parlamenten, weil sie erkannten, dass das Parlament immer noch ein Schlachtfeld zwischen Parteien, die einer überholten feudalen Ordnung anhingen, und jenen war, die die Vorwärtsbewegung des Kapitals zum Ausdruck brachten, und somit von den Arbeiterorganisationen kritisch unterstützt werden konnten. In dieser Periode war es angebracht, anzuerkennen, dass solche Bündnisse im Interesse der Arbeiterklasse und sogar ein Momentum in der Weiterentwicklung ihrer politischen Klassenunabhängigkeit sein konnten. Als der Kapitalismus als Faktor des Fortschritts seine Grenzen erreicht hatte, wurde die Unterscheidung zwischen fortschrittlichen und reaktionären bürgerlichen Parteien zunehmend belanglos, so dass die Rolle der Revolutionäre in bürgerlichen Parlamenten sich mehr und mehr darauf fokussierte, gegen all die unterschiedlichen bürgerlichen Fraktionen zu opponieren - mithin darauf, die Rolle der "Tribüne" als einsame Stimme in einer rein bürgerlichen Arena zu spielen. Doch genau in dieser Phase, der Phase der reifen Sozialdemokratie, wurden die führenden Strömungen in vielen Arbeiterparteien in alle möglichen Arten von Kompromissen mit der kapitalistischen Klasse gezogen, sogar bis zu dem Punkt, Regierungsposten anzunehmen.
Für die Linkskommunisten bedeutete die Ankunft einer Periode des offenen, revolutionären Kampfes und des damit einhergehenden Triumphes des Opportunismus in den Parteien der alten Internationalen - ein Prozess, der von ihrer Rolle im Krieg von 1914 und von der folgenden revolutionären Welle abgeschlossen wurde -, dass alle alten Taktiken, selbst der begrenzteste Gebrauch der Wahlen und des Parlaments als eine Tribüne auf den Prüfstand gestellt werden mussten. Pannekoek akzeptierte 1920, als er noch fest von der Notwendigkeit einer kommunistischen Partei überzeugt war, dass die Beteiligung am Parlament und an den Wahlen in der vorherigen Epoche berechtigt war, doch wies er auf ihre schädlichen Auswirkungen unter den neuen Bedingungen hin:
"Anders wird es, wenn der Kampf des Proletariats in ein revolutionäres Stadium tritt. Wir reden hier nicht über die Frage, weshalb der Parlamentarismus als Regierungssystem nicht zur Selbstregierung der Massen taugt und dem Sowjetsystem weichen muss, sondern über die Benutzung des Parlamentarismus als Kampfmittel für das Proletariat. Als solche ist der Parlamentarismus die typische Form des Kampfes mittels Führer, wobei die Massen selbst eine untergeordnete Rolle spielen. Seine Praxis besteht darin, dass Abgeordnete, einzelne Personen, den wesentlichen Kampf führen; es muss dies daher bei den Massen die Illusion wecken, dass andere den Kampf für sie führen können. Früher war es der Glauben, die Führer könnten für die Arbeiter wichtige Reformen im Parlament erzielen; oder gar trat die Illusion auf, die Parlamentarier könnten durch Gesetzbeschlüsse die Umwälzung zum Sozialismus durchführen. Heute, da der Parlamentarismus bescheidener auftritt, hört man das Argument, im Parlament könnten die Abgeordneten Großes für die Propaganda des Kommunismus leisten. Immer fällt dabei das Hauptgewicht auf die Führer, und es ist selbstverständlich dabei, dass Fachleute die Politik bestimmen - sei es auch in der demokratischen Verkleidung der Kongressdiskussionen und Resolutionen —; die Geschichte der Sozialdemokratie ist eine Kette vergeblicher Bemühungen, die Mitglieder selbst ihre Politik bestimmen zu lassen. Wo das Proletariat parlamentarisch kämpft, ist das alles unvermeidlich, solange die Massen noch keine Organe der Selbstaktion geschaffen haben, also, wo die Revolution noch kommen muss. Sobald die Massen selbst auftreten, handeln und dadurch bestimmen können, werden die Nachteile des Parlamentarismus überwiegend.
Das Problem der Taktik ist - wir führten es oben aus — wie in der proletarischen Masse die traditionelle bürgerliche Denkweise auszurotten ist, die ihre Kraft lähmt; alles, was die überlieferte Anschauung neu stärkt, ist von Übel. Der zäheste, festeste Teil dieser Denkweise ist ihre Unselbständigkeit Führern gegenüber, denen sie die Entscheidung allgemeiner Fragen, die Leitung ihrer Klassenangelegenheiten überlässt. Der Parlamentarismus hat die unvermeidliche Tendenz, die eigene, zur Revolution notwendige Aktivität der Massen zu hemmen. Mögen da schöne Reden zur Weckung der revolutionären Tat gehalten werden, so entspringt das revolutionäre Handeln nicht solchen Worten, sondern nur der harten, schweren Notwendigkeit, wenn keine andere Wahl mehr bleibt.
Die Revolution erfordert auch noch etwas mehr als die massale Kampftat, die ein Regierungssystem stürzt und von der wir wissen, dass sie nicht von Führern bestellt, sondern nur aus dem tiefen Drang der Massen emporspringen kann. Die Revolution erfordert, dass die großen Fragen der gesellschaftlichen Rekonstruktion in die Hand genommen, dass schwierige Entscheidungen getroffen werden, dass das ganze Proletariat in schaffende Bewegung gebracht wird - und das ist nur möglich, wenn zuerst die Vorhut, dann eine immer größere Masse sie selbst zur Hand nimmt, sich selbst dafür verantwortlich weiß, sucht, propagiert, ringt, versucht, nachdenkt, wägt, wagt und durchführt. Aber das ist alles schwer und mühsam; solange daher die Arbeiterklasse glaubt, einen leichteren Weg zu sehen, indem andere für sie handeln - von einer hohen Tribüne Agitation führen, Entscheidungen treffen, Signale für die Aktionen geben, Gesetze machen — wird sie zögern und durch die alten Denkgewohnheiten und die alten Schwächen passiv bleiben."[6]
Hier gelangt Pannekoek zur Ursache, warum der Kampf um die Räte den parlamentarischen Aktivitäten in all ihren Formen diametral entgegengesetzt ist. Um eine Revolution zu machen, muss das Proletariat mit alten Gewohnheiten im Denken und Handeln, mit der Entfremdung seiner eigenen Kräfte durch die Wahl von Repräsentanten in bürgerlichen Parlamenten radikal brechen. Für ihn konnte die Taktik des "revolutionären Parlamentarismus", die von den Parteien der Kommunistischen Internationalen verabschiedet wurde (und die der von DP befürworteten Wahlstrategie sehr ähnlich ist), lediglich dazu dienen, die vorherrschenden und lähmenden Illusionen in die bürgerliche Demokratie weiter zu verstärken. Und wir können hinzufügen, dass auch wenn die Statuten der Kommunistischen Parteien eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen gegen Korruption enthielten, diese Regeln die offiziellen Parteien nicht daran hinderten, sich selbst ziemlich schnell in Stimmenjagd-Maschinen zu verwandeln.
Für Pannekoek und andere Linkskommunisten traf dasselbe auch auf die Gewerkschaftsform zu, die zwar ursprünglich als eine Form der Selbstorganisation der Arbeiterklasse entstanden war, aber mittlerweile hoffnungslos im bürgerlichen Staat und seiner Bürokratie verstrickt ist. Die konterrevolutionäre Rolle, die von den alten Parteien und Gewerkschaften im imperialistischen Krieg und in der darauffolgenden proletarischen Revolution gespielt wurde, machte klar, dass die neuen Organisationsformen sich nicht innerhalb der Hülle der alten Gesellschaft entwickeln werden, sondern durch eine Eruption, die diese Hülle in Stücke schlägt. In einem gewissen Sinne war dies eine Rückkehr zu Marx' Beobachtung, dass die Arbeiterklasse eine Klasse der Zivilgesellschaft ist, die gleichzeitig keine Klasse der Zivilgesellschaft ist, eine vogelfreie Klasse, die erklärtermaßen niemals eine "öffentliche Legitimität" in den normalen Aktivitäten der kapitalistischen Gesellschaft erlangen kann. Die Vorstellung, nach öffentlicher Legitimität zu streben, nach "Popularität" und den größten Anteil an Stimmen zu trachten, ist eine grobe Entstellung der Rolle der Kommunisten, deren Aufgabe es stets ist, die zukünftigen Ziele in der Bewegung der Gegenwart zu vertreten, die Wahrheit auszusprechen, so unangenehm sie klingen mag und selbst wenn dies bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen, wie es Revolutionäre vom Schlage eines Lenin oder einer Luxemburg angesichts der Welle der nationalistischen Hysterie getan hatten, die 1914 zeitweilig über die Arbeiterklasse geschwappt war. Bordiga, der in den Debatten in der Dritten Internationalen die Frage des Abstentionismus als eine taktische Frage betrachtete, erläuterte gleichwohl die Gründe, warum die "Wahlmentalität" uns an die bürgerliche Gesellschaft bindet. In Das Demokratische Prinzip[7] zeigt er zum Beispiel, dass das Prinzip der bürgerlichen Demokratie, das Prinzip: "Ein Mann, eine Stimme" im Wirken der Warenbeziehungen verwurzelt ist. Eine Bewegung für den Kommunismus ist erklärtermaßen eine Bewegung, die die Vorstellung des atomisierten Individuums, das seine Rechte in der Wahlkabine ausübt, überwindet, und dies als Teil eines breiteren Kampfes gegen die verdinglichten Gesellschaftsverhältnisse, die uns von der Warenform aufgedrängt werden.
Wir denken, dass die Genossen vom CLT zurück zu diesen theoretischen Beiträgen gehen und sich noch eingehender mit den Gründen befassen sollten, warum diese Genossen alle Formen der Wahlbeteiligung abgelehnt hatten. Es ist wahr, der Text von DP räumt ein, dass - wie die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914 bestätigt hatte - die Gefahr besteht, dass Parteirepräsentanten Interessen entwickeln würden, die unabhängig von der Arbeiterklasse sind. Doch seine Antwort lautet, dass diesem Problem "begegnet werden kann, ohne sich der Wahlaktivitäten zu enthalten. Zum Beispiel kann von Wahlvertretern verlangt werden, einen bestimmten prozentualen Anteil ihrer Diäten der Partei zu spenden, und sie könnten der Abberufung durch eine Volksabstimmung unterworfen werden". Lässt man einmal den spekulativen, ja träumerischen Charakter dieses ganzen Szenarios beiseite, bleibt eine rein formale Antwort, die nicht den Kern der Kritik trifft, die von Pannekoek, Bordiga u.ä. erhoben wurde.
Wie wir bemerkt haben, befindet sich der CLT nicht in der unmittelbaren Gefahr, sich in die Wahlpraxis zu stürzen. Doch sein Widerwille, die realen historischen Bedingungen anzuerkennen, denen sich die kommunistische Minderheit gegenübersieht, scheint ihn einerseits in eine Art von syndikalistischem Aktivismus zu drängen (nachdem sie gesagt haben, dass sie bis jetzt keinen Kandidaten aufstellen wollen, äußern sie nun, dass "unsere Energie im Augenblick in das Unterfangen hineingesteckt wird, uns zu einer effektiveren Organisation zu machen und mitzuhelfen, eine Allgemeine Ortsgruppe des IWW zum Laufen zu bekommen".[8] Gefährlicher sind ihre Zweideutigkeiten über den Charakter der "Linken", die im Anfangsteil des Textes zu sehen sind und die die Türen zu einem Bündnis mit offen linkskapitalistischen Organisationen wie der Red Party zu öffnen scheinen, die wie das amerikanische Äquivalent der Communist Party of Great Britain/Weekly Worker in the UK[9] aussieht, eine Organisation, die ihre historischen Ursprünge als Fraktion innerhalb des Stalinismus nie kritisch hinterfragt hat. Möglicherweise betrachtet der CLT solche Bündnisse als ein Mittel, um aus seiner Lage als eine "kleine Sekte ohne Unterstützung" auszubrechen, doch ist es wahrscheinlicher, dass die Gruppe in einem Meer des Linksextremismus ertrinken wird.
DP's Artikel bedauert, wie wir gesehen haben, die Tatsache, dass "große Sektionen der Linken" den direkten Aktionismus favorisieren und eine machbare Wahlstrategie ausschließen. In Wahrheit werden in Zeiten beträchtlicher Schwierigkeiten für die Arbeiterklasse, wenn Streiks und "die Bewegung auf der Straße" auf dem Rückzug sind, viele erst neuerdings politisierten Elemente für die Unterstützung einer "Linken" im neuen Look von Podemos in Spanien, Syriza in Griechenland, Corbyn in Großbritannien und Sanders in den USA mobilisiert. Diese Strömungen stellen allesamt den offensichtlichen Versuch dar, militante Energie in die Sackgasse von Wahlen und den "langen Marsch durch die Institutionen" zu zerren. Kommunisten können nur gegen die falschen Hoffnungen einstehen, die diese anbieten, indem sie eine klare Kritik der bürgerlichen Demokratie und ihres heimtückischen Einflusses innerhalb der revolutionären Klasse anbieten.
Amos, Oktober 2016
[1] https://en.internationalism.org/icconline/201510/13503/communist-league-tampa-and-question-party [867]; communistleaguetampa.org/2016/01/11/debate-on-the-world-party-a-response-to-the-icc; https://en.internationalism.org/icconline/201604/13893/once-again-party-and-its-relation-class [868]
[2] communistleaguetampa.org/?s=communist+electoral+strategy&submit=Search. Wir denken, dass dies ein signierter Artikel ist und möglicherweise nicht die Ansichten aller Mitglieder von CLT wiedergibt, doch Posts vom CLT-Mitglied Pennoid in einem Thread auf libcom, die voll und ganz der Vorgehensweise des Artikels zustimmen, und die Abwesenheit von Gegenargumenten von CLT-Mitgliedern auf ihrer Website scheinen anzudeuten, dass der Artikel von DP breite Unterstützung innerhalb der Gruppe genießt. Siehe: https://libcom.org/forums/organise/communist-electoral-strategy-22082016 [869]
[3] workersoffensivegroup.wordpress.com/points-of-unity; workersoffensivegroup.wordpress.com/category/official-statements. Über Wahlen sagt die Workers' Offensive Group in ihren Punkten der Übereinstimmung mit der CLT: "Alle Wahlen sind nur zum Schein. Politische Macht ist im Kern eine Frage der Gewalt, nicht der Stimmen. Das Ritual der Massenselbsttäuschung, das ein Teil der Wahlpolitik bildet, fungiert als ein sicheres Ventil, in das der Unmut der ausgebeuteten Klasse gefahrlos umgelenkt werden kann. Die Teilnahme an Wahlen hilft die geistige Vorherrschaft des Kapitalismus über die Arbeiterklasse aufrechtzuerhalten, indem die große Lüge wiederaufgefrischt wird, dass die Arbeiter*innen eine Stimme innerhalb dieses Systems haben. Pathetisch zu Füßen der Ausbeuter zu betteln und einer winzigen Minderheit zu vertrauen, die alle ihre Schlachten kämpfen soll, erzeugt keine Unabhängigkeit und Selbstbehauptung in der Arbeiterklasse, nur Kraftlosigkeit und Unterwerfung."
[4] Der Hauch der Irrealität schwebt auch über die Sichtweise von DP, wie die Massenpartei sich auf dem Feld der direkten Aktion betätigen soll: "Eine Massenpartei wird eine große Anzahl von Arbeiter_innen durch 'außerparlamentarische' Mittel auf sich ziehen müssen, ehe sie eine Chance hat, in einem Wahlkampf zu gewinnen. Der Aufbau von Klassengewerkschaften, Solidaritätsnetzwerken, Beistandsvereinen, Waffenvereinen, Sportmannschsaften, etc. darf nicht zugunsten der Wahlaktion abgelehnt werden." Dies hört sich sehr stark wie Nostalgie nach den guten alten Tagen der Sozialdemokratie an, als die Arbeiterklasse ihre eigenen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Organismen für eine langandauernde Periode pflegen konnte, ohne dass diese in die Hände des bürgerlichen Staates fallen konnten.
[5] Siehe unser Artikel über die parlamentaristischen Irrtümer Engels' und Kautskys: https://en.internationalism.org/internationalreview/199701/1619/revolutionary-perspective-obscured-parliamentary-illusions [870].
[6] Weltrevolution und kommunistische Taktiken, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/pannekoek/1920/xx/weltrevolution.htm [871].
[8] Auch in der Gewerkschaftsfrage nehmen die Punkte der Übereinstimmung, die von der Workers' Offensive Group veröffentlicht wurden, eine klare Position ein: "Arbeiterverbände sind ungeachtet ihrer internen Strukturen keine Arbeitergewerkschaften, sondern Organe des kapitalistischen Staates, die den Widerstand der Arbeiterklasse gegen das ausbeuterische System durch Verhandlungen und die Geltendmachung von Verträgen mit dem Kapital ersticken und in Grenzen halten. In der Hitze des Klassenkampfes müssen die Arbeiter_innen die Gewerkschaften zerstören und ihre eigenen Massen- und Einheitsorganisationen bilden, um ihren Kampf gegen den Kapitalismus zu leiten und durchzuführen."
[9] red-party.com.
Wie ist es möglich, dass sich heute Rassismus, Sexismus und Homophobie derart verbreiten, die Entfesselung der gesellschaftlichen Gewalt erklären, die diese Vorurteile beinhalten, die aus einem längst vergangenen Zeitalter des Aberglaubens zu kommen scheinen?
(Über das Buch von Patrick Tort, "Sexe, Race & Culture")
Die Diskussionen rund um das vorgeschlagene Gesetz für die Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen in Frankreich 2013 haben für viel Aufregung, schwülstige Reden und Dummheiten gesorgt, und dies umso mehr, als "Genderstudien" als Totschlag-Argumente der einen gegen die andere Seite verbreitet wurden. Dann, Themawechsel, nahmen die leidenschaftlichen Kontroversen eine dramatische Wendung, als Tausende von Flüchtlingen, von Elend und Krieg aus ihrer Heimat vertrieben, an die Tür der entwickelten Länder klopften oder als wir das Geräusch von Kalaschnikows vernahmen, die darauf abzielten, junge Leute in Paris wegen ihres Lebensstils oder die Jugend von Orlando wegen ihrer sexuellen Orientierung zu vernichten. Die Linke, die Rechte, die Rechtsextremisten, die Linksextremisten, all die Elemente des politischen Apparats der Bourgeoisie machten sich auf der medialen Theaterbühne gegenseitig zur Schnecke - manche von ihnen verkündeten: "Je suis Charlie", andere: "Je ne suis pas Charlie" - und verdoppelten die Demagogie, um nicht von der Konkurrenz überflügelt zu werden.
Lassen wir einmal das Theater der offiziellen Politik beiseite und kehren zur eigentlichen Frage zurück, die sich angesichts von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie, aller sozialer Verhaltensweisen stellt, die die menschliche Entfremdung enthüllen und bis zum Mord gehen können. Wie kann man solch eine Entfesselung der gesellschaftlichen Gewalt erklären, wie diese Vorurteile begreifen, die aus einem längst vergangenen Zeitalter des Aberglaubens zu kommen scheinen? Wie kann man sich angesichts dieser Art von Problemen vor dem ideologischen Denken schützen, das die bürgerliche Gesellschaft im Übermaß verbreitet, um die Realität zu kaschieren und die Spaltungen zu vertiefen, die ihren historischen Gegner, die Klasse der Proletarier_innen, schwächen?
Selbstverständlich kann man die tieferen Ursachen dieser Phänomene erahnen. In einer Gesellschaft, die in antagonistische Klassen gespalten ist, die auf Ausbeutung des Menschen durch den Menschen basiert, wo die Waren ihre Tyrannei auf allen Ebenen der Existenz, einschließlich der intimsten, durchsetzen, in einer Gesellschaft schließlich, in der ein monströser, kalter Staat dominiert, der jeden Einzelnen überwacht, ist es keine Überraschung, dass die gesellschaftliche Gewalt äußerst hoch ist. In dieser Art von Gesellschaft wird der Andere, das Individuum vor uns auf Anhieb als suspekt wahrgenommen, als eine potenzielle Gefahr, bestenfalls als Konkurrent, schlimmstenfalls als Feind. Er wird aus tausend Gründen stigmatisiert, sei es, dass er nicht dieselbe Hautfarbe hat, das gleiche Geschlecht, dieselbe Kultur, Religion, Nationalität oder dieselbe sexuelle Orientierung. So erzeugen die mannigfachen Facetten der Konkurrenz, die sich auf der Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft gründet, regelmäßig Verarmung, Krieg und Völkermord und auf einer anderen Ebene Stress, Aggression, sexuelle Belästigung und psychisches Leid, die Pogrommentalität, Aberglauben, Nihilismus sowie die Auflösung der elementarsten sozialen Bande.[1]
Doch diese Erklärung bleibt zu allgemein und ist unzureichend; es ist weiterhin notwendig, die Dynamik zu identifizieren, die diese Vorurteile und die von ihr gerechtfertigten Handlungen generiert, sowie ihr Überleben und sowohl ihre unmittelbaren als auch entfernteren Ursachen zu erklären. Dies ist eine höchst wichtige Frage für die Arbeiterklasse. Erstens, weil sie in ihren Kämpfen pausenlos konfrontiert ist mit der Notwendigkeit, zusammenzukommen, für ihre Einheit zu kämpfen. Der Kampf, um Vorurteile, die ihre Kräfte spalten, wie Rassismus, Sexismus oder Chauvinismus zum Beispiel, abzuweisen, ist unerlässlich, und sein Ausgang ist keineswegs so gut wie sicher. Zweitens, weil die revolutionäre Perspektive, die von der Arbeiterklasse transportiert wird, eine Gesellschaft ohne Klassen, ohne Grenzen zum Ziel hat, das heißt die Schaffung der menschlichen Gemeinschaft, die endlich auf einer globalen Ebene vereint ist. Dies bedeutet, dass die proletarische Revolution beabsichtigt, eine ganze Periode der menschlichen Geschichte abzuschließen, von den Horden, Vermischungen und Allianzen in der primitiven Gesellschaft bis zu den Kämpfen des 19. Jahrhunderts für die nationale Einheit, ein Prozess, der auf der Entwicklung der Arbeitsproduktivität basierte und zu den Revolutionen in den Produktionsverhältnissen und zu einer Erweiterung auf gesellschaftlicher Ebene führte.
Auch wenn die Arbeiterklasse als eine historische Klasse, die in sich das kommunistische Projekt trägt, bereits in ihrer Praxis als Repräsentant par excellence des aktiven Prinzips der Solidarität dazu gedrängt wird, diese Spaltungen zu überwinden, bleiben Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit ein reelles Problem, das den subjektiven Faktor der Revolution tangiert. Objektive Bedingungen sind nicht ausreichend, damit die Revolution gelingt. Es ist noch immer notwendig, dass die Klasse subjektiv in der Lage ist, ihre historische Aufgabe bis zum Ende durchzuführen, die Fähigkeit im Laufe ihrer Kämpfe zu erlangen, sich selbst zu vereinen und zu organisieren und ein tiefes intellektuelles und moralisches Verständnis zu entwickeln. Was die kommunistische Minderheit angeht, so muss sie in der Lage sein, klare und überzeugende politische Orientierungen zu geben und eine Weltpartei zu bilden, wenn die Bedingungen des Klassenkampfes es zulassen.
Das kleine Buch von Patrick Tort, "Sexe, Race et Culture", kann uns dabei helfen, diese Fragen besser zu durchdringen, und bildet eine wirkliche Anregung für die bewusstesten Arbeiter_innen. Wir kennen die wissenschaftliche Sorgfalt dieses Autors bereits aus anderen Werken[2], die nicht leicht zu lesen sind, doch denen der Wille, diese Art von Problematiken allgemein zugänglich zu machen, deutlich anzumerken ist. Abgefasst in der Form eines Interviews, setzt sich das Buch aus zwei Teilen zusammen: Der erste bespricht die Frage des Rassismus und bezieht Stellung zur Entscheidung, die von etlichen staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen in Frankreich kürzlich getroffen wurde, nach der auf den Gebrauch des Wortes "Rasse" verzichtet werden soll; der zweite Teil spricht die Frage des Sexismus an und versucht, die Beziehungen zwischen dem Geschlecht und der "Gattung" zu definieren. All diese Fragen finden sich an der Schnittstelle von Biologie und Gesellschaftswissenschaften und können ohne eine Kritik am alten, starren Gegensatz zwischen "Natur" und "Kultur" nicht geklärt werden.
Hier ist der Beitrag von Darwin bedeutsam. Auf seinem eigenen Gebiet, der Wissenschaft des Lebens, stellte Darwin eine ganze Reihe von theoretischen Werkzeugen und eine wissenschaftliche Vorgehensweise vor, die es ermöglichten, eine materialistische Vision vom Übergang der Natur zur Kultur, vom Tierreich zur sozialen Welt des Menschen zu konstruieren. Patrick Tort ist international einer der angesehensten Darwin-Experten und hat nun in den Slatkine (Genf)- und Champion-Editions seine vollständigen Werke auf Französisch veröffentlicht. Die Veröffentlichung eines monumentalen Dictionaire du Darwinisme et de l'évolution, von ihm erstellt, hat uns ein unschätzbares Werkzeug zur Verfügung gestellt. Besonders mit der Idee von der Umkehrwirkung der Evolution hat er einen großen Beitrag geleistet, um Elemente im anthropologischen Werk Darwins verständlich zu machen, die wegen ihres subversiven Inhalts kaschiert wurden.[3] Diese Auseinandersetzung ist auch heute in vollem Gange, stoßen wir doch noch immer auf Widerstände gegen die fundamentalen Fortschritte, die von Darwin erzielt wurden. Da gibt es jene, die die fundamentalen Fragen zu umgehen versuchen und Überraschung heucheln: "Was sieht du bloß in Darwin? Ist dies ein neuer Kult eines mittlerweile modischen Wissenschaftlers?"[4] Und da gibt es jene, die Patrick Tort "die voreiligen Totengräber" nennt und die, vergessend, dass Darwin kein Sozialist war, dass er ein Kind seiner Zeit war und somit einige der damaligen Vorurteile teilte, sorgfältig isolierte Zitate als Trophäen benutzen, die die ganze Logik seines Werkes angeblich disqualifizierten.[5]
Natürlich befinden wir uns nicht zwangsläufig in Übereinstimmung mit all den politischen Positionen, die im Text von Patrick Tort zum Ausdruck kommen. Die Hauptsache ist, dass wir uns auf die Beiträge unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen stützen, um den Vorstellungen mehr Konkretisierung, mehr Klarheit zu verleihen, die der Marxismus zum größten Teil und seit langem in sein theoretisches Vermächtnis integriert hatte. Die großen Qualitäten dieses Autors sind, neben einer streng materialistischen Methode, die Fähigkeit, unterschiedliche Disziplinen zusammenzubringen, seine Kritik an allgemein anerkannten Vorstellungen und am gesunden Menschenverstand, Produkte sowohl des, wie er es nennt, "liberalen Rechts" als auch "der dominanten progressiven Ideologie". Es ist diese kritische Herangehensweise, die ihn in die Lage versetzt, Distanz zur Rumpelkammer der Medien, diesem "großen Beeinflussungsapparat", zu bewahren.
Der fundamentale Beitrag der Anthropologie Darwins besteht in einer kohärenten und materialistischen Beschreibung des Auftauchens der menschlichen Spezies durch den Mechanismus der natürlichen Selektion, die es Individuen mit vorteilhaften Mutationen erlaubt, besser angepasste und zahlreichere Nachkommen hervorzubringen. Der Prozess ist prinzipiell derselbe für alle Arten. Im Existenzkampf werden die am wenigsten Angepassten eliminiert, was, wenn bestimmte Bedingungen zusammenkommen, in der Umwandlung einer Art durch andauernde Selektion von vorteilhaften Mutationen und im Erscheinen neuer Arten gipfelt. Was im Falle höherer Tiere[6] an die Nachkommen weitergegeben wird, sind nicht nur vorteilhafte biologischen Abweichungen, sondern auch soziale Instinkte, Empfindungen wie Mitgefühl und Altruismus, die selbst dazu dienen, die Entwicklungen von rationalen Fähigkeiten und moralischen Gefühlen zu erweitern. Was mit dem Menschen geschieht, ist eben der Umstand, dass die Herausbildung von Mitgefühl und Altruismus auf die Eliminierung der Schwächsten stößt und sich ihr widersetzt. Der Schutz der Schwachen, Beistand für die Ausgestoßenen, Mitgefühl gegenüber dem Fremden, der trotz Unterschieden in der Kultur und im äußeren Erscheinungsbild als gleichartig erscheint, wie auch all die gesellschaftlichen Institutionen, die für die Ermutigung dieser Reaktionen verantwortlich sind - all dies nennt Darwin Zivilisation. Tort ruft kurz den Inhalt in Erinnerung:
"Durch soziale Instinkte (und ihre Konsequenzen für die Entwicklung rationaler und moralischer Kapazitäten) wählt die natürliche Selektion die Zivilisation aus, die sich der natürlichen Selektion entgegenstellt. Dies ist die vereinfachte und geläufige Formulierung dessen, was ich den Umkehreffekt genannt habe" (S. 21). Es ist eine vollkommen materialistische und dialektische Konzeption. Mit dem Erscheinen des Menschen, der mehr und mehr die Umwelt seinen Bedürfnissen anpasst, statt umgekehrt sich selbst seiner Umwelt anzupassen, und so sich selbst vom eliminatorischen Einfluss der Natur befreit, findet eine Umkehrung statt: Zu Beginn des Prozesses herrscht die Eliminierung der Schwächsten vor; dann, durch eine fortschreitende Umkehrung, setzt sich schließlich der Schutz der Schwachen durch, ein bedeutendes Zeichen der Solidarität der Gruppe. Der ursprüngliche Irrtum der Sozio-Biologie bestand darin, die menschliche Gesellschaft als eine Ansammlung von Organismen im Kampf zu betrachten; sie ging also von einer simplen Kontinuität zwischen dem Biologischen (reduziert auf einen hypothetischen Wettbewerb der Gene) und dem Sozialen aus. Dies ist bei Darwin nicht der Fall. Nach ihm gibt es eine Kontinuität, aber es ist eine umgekehrte (reversive) Kontinuität. In der Tat bewirkt die Umkehrung, die wir gerade beschrieben haben, keinen Bruch zwischen dem Biologischen und dem Sozialen, sondern eine neue Synthese. Laut Tort erlaubt uns diese Vorstellung, die theoretische Autonomie der Wissenschaften des Menschen und der Gesellschaft zu begreifen und gleichzeitig die materielle Kontinuität zwischen Natur und Kultur aufrechtzuerhalten. Es ist eine Ablehnung jeglichen Dualismus, jeglichen starren Gegensatzes zwischen dem Inneren und dem Erworbenen, zwischen Natur und Kultur.
Darwins Entdeckungen, denen wir den Umkehreffekt als unverzichtbaren Schlüssel zum Verständnis seines Werkes hinzufügen können, stellten eine wahrhaftige Umwälzung unserer wissenschaftlichen Auffassungen über das Erscheinen der menschlichen Gesellschaft dar. Indem er alte Gewissheiten (den Fixismus) und die scheinbare Stabilität der lebenden Welt in Frage stellte und indem er sich die Perspektive ihres tatsächlichen Stammbaums zu eigen machte, eröffnete Darwin neue Horizonte. Genau dieselbe Art der Umwälzung wurde von Anaximander im antiken Griechenland ausgelöst, als er die vorherrschende Sichtweise in Frage stellte, dass unser Planet zwangsläufig auf irgendetwas ruhen müsse. In Wirklichkeit, so behauptete er, treibe die Erde im Himmel; in diesem Sinne gebe es kein Oben und Unten. Indem er einfach die Sichtweise wechselt, mit der die sinnliche Realität betrachtet wird, öffnete Anaximander die Tür zur Entdeckung der Erde als eine Kugel - wo die Menschen, die auf der anderen Seite der Erde leben, nicht kopfstehen - und zu all den wissenschaftlichen Fortschritten, die sich daraus ergaben.[7]
Die Konsequenzen von Darwins Entdeckungen werden von Patrick Tort in Erinnerung gerufen:
Wir wollen hier nicht in Gänze das berühmte Zitat in Kapitel IV von Die Abstammung des Menschen... wiedergeben, sondern lediglich zwei Sätze, die fundamental sind für das Verständnis der Bedeutung von Darwins Schlussfolgerungen über den Menschen auf der gegenwärtigen Stufe der "Zivilisation": "Wenn er einmal an diesem Punkte angekommen ist, kann ihn nur noch eine künstliche Schranke hindern, seine Sympathien auf die Menschen aller Nationen und aller Rassen auszudehnen. Wenn diese Menschen sich in ihrem Äußeren und ihren Gewohnheiten bedeutend von ihm unterscheiden, so dauert es, wie uns leider die Erfahrung lehrt, lange, bevor er sie als seine Mitmenschen betrachten lernt."
Wenn man die Autobiographie[8] liest, die Darwin allein seinen engsten Freunden vorbehalten hatte, bemerkt man, dass er sich des revolutionären Charakters seiner Entdeckungen völlig bewusst war, besonders der Tatsache, dass er den Glauben an Gott in Frage stellte: Er selbst wurde Atheist. Doch er zeigte sich äußerst besonnen und vermied es im puritanisch-religiösen, viktorianischen England, dass sein Buch auf den Index gesetzt wurde. Man findet in diesen Zeilen dieselbe tiefsinnige und revolutionäre Vision des menschlichen Werdens wieder: Nationale Grenzen sind künstliche Schranken, die die Zivilisation zu durchbrechen und abzuschaffen haben wird. Ohne Kommunist zu sein, ohne ausdrücklich die Zerstörung der Grenzen zu erwägen, schloss Darwin in seiner Hypothese das Verschwinden des nationalen Rahmenwerks mit ein. In diesem Sinne ist die Zivilisation kein (fest stehender) Tatbestand, sie ist eine ständige und schmerzvolle Bewegung ("so dauert es lange, bevor..."), ein kontinuierlicher Bewältigungsprozess, der mit dem Erreichen der Vereinigung der Menschheit über den Menschen hinaus in Richtung eines Mitgefühls mit allen empfindungsfähigen Wesen fortgesetzt werden muss.
Die Perspektiven von Darwin und Marx zusammenführend, ruht, so denken wir, auf den Schultern des Proletariats und seiner wiederhergerichteten Solidarität die schwere Aufgabe, die bürgerliche Zivilisation zu stürzen, um die freie Entfaltung der menschlichen Zivilisation zu ermöglichen.
Eine andere wichtige Konsequenz ist die Weise, in der man die berühmte "menschliche Natur" begreift. Wir kennen den Irrtum der utopischen Sozialisten. Trotz all ihrer Verdienste waren sie aufgrund ihrer Zeit nicht in der Lage, die Voraussetzungen zu definieren, die den Sturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft begünstigen. Es war daher notwendig, eine ganze Gesellschaft zu erfinden, eine ideale Gesellschaft, die sich einer menschlichen Natur als absolutes Kriterium fügte. Somit griffen die utopischen Sozialisten die damals vorherrschende, idealistische Vision auf, die heute noch größtenteils existent ist und derzufolge die menschliche Natur unveränderlich und ewig ist. Das Problem, antwortete Marx, ist, dass die menschliche Natur im Verlaufe der Geschichte ständig verändert wird. In dem Augenblick, in dem der Mensch die äußere Natur verändert, wandelt er auch seine eigene Natur um.
Die Auffassung, die Darwin über die Beziehungen zwischen Natur und Kultur vertrat, gestattet uns, weit über eine einfache, abstrakte Vision einer menschlichen Natur hinauszugehen, die vergänglich und fließend ist. Es existiert eine Kontinuität zwischen dem Biologischen und dem Kulturellen, die die Existenz eines konstanten Kerns in der menschlichen Natur beinhaltet, ein Produkt der Gesamtheit der Evolution. Marx teilte diese Vision. Dies geht vor allem aus dieser Stelle im Kapital hervor, wo er auf den Utilitarismus von Jeremy Bentham antwortet: "Wenn man z.B. wissen will, was ist einem Hunde nützlich?, so muss man die Hundenatur ergründen. Diese Natur selbst ist nicht aus dem 'Nützlichkeitsprinzip' zu konstruieren. Auf den Menschen angewandt, wenn man alle menschliche Tat, Bewegung, Verhältnisse usw. nach dem Nützlichkeitsprinzip beurteilen will, handelt es sich erst um die menschliche Natur im allgemeinen und dann um die in jeder Epoche historisch modifizierte Menschennatur".[9]
Auch wenn die tiefen Wurzeln der Menschennatur erkannt worden sind, bleibt die irrtümliche Interpretation durch die utopischen Sozialisten noch heute vorherrschend. Patrick Tort zeigt ihre Natur klar auf: "Der Irrtum besteht nicht darin, die Existenz einer 'Natur' im menschlichen Wesen zu beteuern, sondern sie sich als ein allmächtiges Vermächtnis vorzustellen, das den Menschen infolge des unantastbaren Gesetzes eines eindeutigen und erduldeten Determinismus beherrscht" (S. 83). Dieser eindeutige und erduldete Determinismus gehört zum mechanischen Materialismus. Wohingegen der moderne Materialismus eine aktive Entschlossenheit hinzufügt, wie Epikur in seiner Theorie der Clinamen (die Unvorhersehbarkeit oder "Abweichungen" von Atomen) gut verstanden hat. In seiner Doktorarbeit "Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie"[10] erkannte Marx den beträchtlichen Beitrag von Epikur, der über den reduktionistischen Atomismus von Lukrez und Demokrit hinausging und die Freiheit in die Materie einführte. Diese Freiheit bedeutete, dass in der Natur nichts als absoluter Determinismus, wie behauptet, vorbestimmt ist und dass es Raum für die Spontaneität von Akteuren gibt. Sie bedeutet, dass bei Organismen, die eine gewisse Autonomie erlangt haben, "ich jederzeit über eine Handlung, eine Gegen-Handlung oder eine Nicht-Handlung entscheiden kann, ohne 'programmiert' sein zu müssen" (S. 83).
Dieser aktive - nicht passive und unterwürfige - Materialismus, der von Patrick Tort vertreten wird, führt zu einer Definition, der in alle Erinnerungen geätzt werden sollte: "... die 'menschliche Natur' ist die unkalkulierbare Summe aller Möglichkeiten der Menschheit. Oder nochmals auf eine bewusst existenzielle Weise: die 'menschliche Natur' ist, was wir selbst in unseren Händen halten" (S. 86).
Wir haben oben gesehen, dass das Fortdauern von Rassismus, Sexismus und Homophobie Produkt einer Gesellschaft ist, die in Klassen gespalten ist. Es ist wichtig, dies vor Augen zu haben, weil es dann möglich ist zu verstehen, warum der Kampf des Proletariats, da es die einzige Klasse ist, die zur Abschaffung von Klassen führt, den Kampf gegen diese unterschiedlichen Phänomene miteinschließt. Wohingegen die Umkehrung nicht zutrifft. Sobald der Anti-Rassismus oder der Feminismus den Anspruch erhebt, einen autonomen Kampf zu führen, werden sie schnell zu einer Waffe gegen die Arbeiterklasse und nehmen einen Platz in der vorherrschenden Ideologie ein. Dasselbe mit dem Pazifismus, der, wenn er nicht ausdrücklich mit dem revolutionären Kampf des Proletariats gegen den Kapitalismus verknüpft ist, in eine gefährliche Mystifikation umgewandelt wird.
Doch es handelt sich um echte Probleme für das Proletariat, und wir müssen, mit Tort, die Analyse verfeinern. Die Fremdenfeindlichkeit ist nicht einfach eine Ablehnung des Anderen wegen der Wahrnehmung von völlig unterschiedlichen Merkmalen. Dieses Element ist offenkundig im Fall von Rassismus, aber es muss und kann viel tiefgehender erklärt werden: "Rassismus ist die Ablehnung dessen, was man entäußert, was man am meisten an sich selbst hasst" (S. 22). Im Grunde ist das, was man im Fremden ablehnt, nicht der Unterschied, sondern das, was man von sich selbst verbannen möchte. "In den extremsten Versionen definiert sich der Rassismus schließlich selbst weniger als eine schlichte 'Ablehnung des Anderen' als die Negation der Gleichartigkeit durch die Fabrizierung des 'Anderen' als widerwärtig und bedrohlich" (S. 23).
Die Person oder Bevölkerung, auf die abgezielt wird, stellt keine unbekannte Gefahr dar; sie wird als Bedrohung betrachtet, weil sie eben Teil unser selbst ist, der Teil, den wir als verachtenswert betrachten. Wie Patrick Tort sagt, lebten deutsche Juden und Christen mehr als sechzehn Jahrhunderte lang zusammen. Es ist der Eine, der am gleichartigsten ist, welcher das Opfer wird, das getötet werden muss. Im Alten Testament ist "das Ritual des 'Sündenbocks' (...) ein Ritual der Sühne, das den schuldigen Teil in einem selbst entäußert und es dem Dämon und dem symbolischen Nichts der Wüste weiht" (S. 28). Wir wissen, dass die bürgerliche Gesellschaft sehr häufig die Bühne von Pogromen oder Völkermorden gewesen ist und dass die dominante Klasse die gesamte Verantwortung für sie trägt. Doch es ist notwendig, unser Verständnis dieser Phänomene zu erweitern und nicht bei ihren spektakulärsten Manifestationen stehenzubleiben. Wir sollten untersuchen, bis zu welchem Punkt die Suche nach einem Sündenbock und die Pogrommentalität, mit der extremen Gewalt, die sie enthält, im Humus der kapitalistischen Gesellschaft verwurzelt sind, wo sie stets die Nahrung findet, die sie benötigt.
Wenn man die o.g. Passage von Die Abstammung des Menschen erneut liest, versteht man besser, was Darwin mit diesen Worten unterstreichen wollte: "... so dauert es lange, bevor er sie als seine Mitmenschen betrachten lernt". Das eigentliche Prinzip der Zivilisation ist der Prozess der Herausbildung von Mitgefühl, das heißt, der Anerkennung der Gleichartigkeit im Anderen. Da diese Zivilisation das Produkt der natürlichen Auswahl ist, ehe sie gestürzt wird, ist der Prozess der Eliminierung der Eliminierung (der Umkehreffekt laut Tort) immer im Gange, und eine rückwärtsgewandte Wendung ist zeitweise stets möglich. Aber aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass wir nicht über eine immer noch primitive "menschliche Natur" sprechen können. "Die von Darwin beeinflusste Anthropologie hat nie aufgehört, einen methaphorischen Gebrauch vom biologischen Konzept zu machen, um das Wiederauftauchen von ererbten Verhaltensweisen innerhalb der Zivilisation zu deuten, die den Menschen in seine tierischen Ursprünge zurückversetzen: Dies ist das Konzept der primitiven Rückkehr, das leider in der französischen Vererbungs-Psychatrie des 19. Jahrhunderts und in der italienischen Kriminalanthropologie, die es anregte, aufgeblasen und besudelt wurde, das aber dennoch von Nutzen ist, um darüber nachzudenken, was bleibt und das Potenzial hat, wiederzuerscheinen, ein dauerhaftes Vermächtnis unserer Vorfahren zu sein" (S. 27).
Das am häufigsten benutzte Argumente, um den Rassismus zu bekämpfen, besteht darin zu erklären, dass das, was als großer Unterschied im äußeren Erscheinungsbild der menschlichen Wesen erscheinen mag, auf genetischer oder molekularer Ebene objektiv vernachlässigbar ist. Wir wissen sehr wenig über die "Rasse", so fährt das Argument fort, weil sie im Grunde für eine Scheinrealität benutzt werde, und was wir über sie wüssten, erscheint ausreichend, um den Schluss zu ziehen, dass sie nicht existent ist. Es ist somit lächerlich, ein Rassist zu sein. Dieses Argument sei unausführbar, sagt Patrick Tort. Wenn morgen wissenschaftliche Untersuchungen dank neuer Entdeckungen bestätigten, dass "Rassen" biologisch existieren, würde dies dann den Rassismus rechtfertigen? Die Schwäche dieses Arguments rührt aus der Tatsache her, dass der Rassismus sich auf Phänotypen[11] biologischer und kultureller Art bezieht und nicht auf Genotypen[12], auf die Gesamtheit der Individuen mit ihren erkennbaren Merkmalen und nicht auf ihre Moleküle. Es ist somit leicht für den auf der Identität basierenden Konservatismus (Alain de Benoist, Zemmour, Le Pen) und für alle Rassisten, an den gesunden Menschenverstand zu appellieren: Die Rassen sind eine Offenkundigkeit, die alle Welt sehen kann; es reicht aus, einen Skandinavier mit einem Inder zu vergleichen.
Gewiss disqualifiziert der nicht-wissenschaftliche Gebrauch, der von dem Wort "Rasse" gemacht wird, völlig seinen Gebrauch und zwingt uns, es zumindest in Anführungszeichen zu setzen. Doch in Wirklichkeit existieren "Rassen" und korrespondieren als solche mit den "Mutationen", die die identifizierbaren Unterteilungen innerhalb einer Spezies unterscheiden. Gewiss ist es eine sehr schwere Vorstellung, abzugrenzen; die Spezies ist nicht homogen und bleibt noch mehr im Fluss als die Vorstellung von Spezien, weil die Lebenden sich unter den Auswirkungen pausenloser Mutationen und der Veränderungen ihres Milieus weiterentwickeln. So sind die Arten nicht dauerhafte Gebilde, sondern Gruppen, die die Klassifizierung unter Kategorien einordnet. Sie existieren dennoch. Darwin wies darauf hin, dass Arten sich in dauernder Umwandlung befinden, dass es aber gleichzeitig möglich ist, zwischen ihnen zu unterscheiden, weil sie einer Stabilisierung - sicherlich einer relativen bzw. zeitweiligen, gemessen an den geologischen Zeiträumen, in denen sie stattfinden - entsprechen, die von der Präsenz anderer Arten, welche sich im Existenzkampf in Konkurrenz zu ihnen befinden, und vom Bedürfnis nach Einordnung erzwungen wird. Es gibt in der Regelmäßigkeit spezifischer Formen eine wirksame Kombination im Verhältnis zu einem entsprechenden Milieu und zu einer ökologischen Nische, die erklärt, warum Individuen derselben Art ähnlich aussehen. "Auch wenn es heißt, dass in der Geschichte der Wissenschaft der Organismen die klassifizierenden Unterteilungen nur einen zeitweiligen und technischen Wert besitzen, gibt es immer noch ein naturalistisches Verständnis, das besagt, dass es eine einzige menschliche Spezies gibt und dass diese Spezies wie schätzungsweise alle biologischen Arten Mutationen in sich einschließt. In der Tradition der Naturkundler ist 'Rasse' ein Synonym für 'Mutation'" (S. 33).
Der Rassismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, und auf dieser Ebene muss auf ihn reagiert werden. Von diesem Standpunkt aus hat die koloniale Vergangenheit weiterhin gefährliche Konsequenzen; das Proletariat muss nachdrücklich "eine Ideologie, die menschliche Merkmale in Anzeichen einer angeborenen und dauerhaften Minderwertigkeit umdeutet, genauso wie eine Bedrohung anderer menschlicher Wesen" (S. 41) bekämpfen.
Dasselbe gilt im Allgemeinen für den Sexismus. Das Geschlecht (sexus) ist eine biologische Realität, doch die "Art" ist tatsächlich eine konstruierte kulturelle Realität und somit ein Werden, eine Möglichkeit, die offen bleibt. Das radikale Verhalten mancher Feminist_innen oder gewisser "Gender-Studien", die das Geschlecht "denaturalisieren" wollen, ist genauso dumm wie jenes, das die Realität sichtbarer interrassischer Unterschiede bestreitet. Der Kampf für die gesellschaftliche Gleichheit von Mann und Frau, die im Kapitalismus nie eintreten wird, der Kampf um Mitgefühl gegenüber dem Anderen, das heisst, für die Anerkennung des Anderen als trotz aller kulturellen Differenzen gleichartiges Wesen - all diese Kämpfe stehen im Zentrum von Darwins Anthropologie. Die proletarische Ethik setzt dieses Vermächtnis fort. Daher ist der Kampf für den Kommunismus nicht das Werk robotisierter und unterschiedsloser Individuen und hat nichts mit einer Negation kultureller Unterschiede zu tun. Er definiert sich selbst als eine Vereinigung in der Diversität, der Inklusion des Anderen in einer Assoziation, die Schaffung einer Gemeinschaft, die des Reichtums aller Kulturen bedarf.[13]
Die Kritik am Dualismus und die Forderung nach einer umgekehrten (reversiven) Kontinuität zwischen Natur und Kultur, zwischen Biologie und Gesellschaft führt uns zu einer exakten Definition der menschlichen Natur und greift den Darwinschen Zivilisationsbegriff als einen noch unvollendeten Prozess auf. Worin bestehen die Konsequenzen für den revolutionären Kampf? Im Kapitalismus ist dieser Kampf vor allen anderen Dingen ein Kampf für die Emanzipation des Proletariats, auch wenn er in sich die Emanzipation der gesamten Menschheit trägt. Das Proletariat muss bereit sein für einen besonders schwierigen Bürgerkrieg angesichts einer Bourgeoisie, die niemals freiwillig ihre Macht hergibt. Jedoch wird das Proletariat diese Entscheidung nicht hauptsächlich mit Waffengewalt erzwingen. Die Essenz seiner Stärke rührt aus seiner Fähigkeit zur Organisation, aus seinem Klassenbewusstsein und seiner natürlichen Neigung, einerseits Einheit anzustreben und andererseits all die nicht-ausbeutenden Schichten hinter sich zu scharen oder zumindest in Zeiten der Unentschiedenheit über den Ausgang des Kampfes zu neutralisieren. Geht dieser Prozess der Vereinigung und Integration automatisch vor sich - nach dem Motto, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und dass die menschliche Natur den evolutionären Vorteil enthält, den ihm die Verallgemeinerung der Empfindung von Mitgefühl verschafft? Selbstverständlich nicht. Doch die Resultate der wissenschaftlichen Annäherung, die im Buch von Patrick Tort dargelegt werden, bestätigen die marxistische Vision von der Bedeutung des subjektiven Faktors für das Proletariat, namentlich des Bewusstseins und, allgemeiner gefasst, der Kultur. Sie bekräftigen die Gültigkeit der Kommunistischen Linken gegen den Fatalismus der degenerierenden Sozialdemokratie, die die opportunistische Position eines allmählichen, automatischen und friedlichen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus vertraten. Sie bestätigen, dass die Zukunft der Menschheit in den Händen des Proletariats liegt.
Avrom Elberg
[1] Über das Wesen der Gewalt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft siehe unseren Artikel: "Terror, Terrorismus und Klassengewalt" in: /content/1366/terror-terrorismus-und-klassengewalt [875].
[2] Tort demonstriert dies durch und durch in den 1000 Seiten von "Qu'est que le materialisme?", Paris, Berlin, 2006. Wir empfehlen dieses Buch von Patrick Tort zur Vertiefung der hier behandelten Fragen.
[3] Wir haben das Werk dieses Autors und die Idee des Umkehreffektes der Evolution im Artikel "Der Darwin-Effekt: eine materialistische Auffassung des Ursprungs der Moral und der Zivilisation [876]" auf unserer Website vorgestellt.
[4] Auf France Culture scheute Jean Gayon, ein auf die Geschichte der Wissenschaften und die Erkenntnistheorie spezialisierter Philosoph, nicht davor zurück, sich in Banalitäten zu flüchten, als er zu Darwin erklärte, dass "er weder Jesus noch Marx ist" (La Marche des Sciences, Rundfunksendung vom 4. Februar 2016, mit dem Titel "Darwin unter Beschuss durch die heutige Realität").
[5] Die Internationale Kommunistische Partei, die LE PROLETAIRE herausgibt, gehört zweifellos zu den "voreiligen Totengräbern". Man kann sich davon überzeugen, wenn man ihre Zeitschrift PROGRAMME COMMUNISTE, Nr. 102, Februar 2014 liest. In einer Polemik, die sich gegen die IKS richtete, unternahm diese Gruppe, geblendet durch die malthusianische Legende über Darwin, einen wahren Parforceritt, bei dem sie nicht nur Darwin mit dem Sozialdarwinismus Spencers, sondern auch in demselben Anfall Darwin mit der Soziobiologie verwechselte.
[6] Mit "höheren Tierarten" in der Naturgeschichte sind die warmblütigen Wirbeltiere gemeint - die Vögel und die Säugetiere.
[7] Siehe unseren Artikel auf der englisch-sprachigen Website der IKS: https://en.internationalism.org/icconline/201203/4739/reading-notes-science-and-marxism [843].
[9] www.mlwerke.de/me/me23/me23_605.htm#Kap_22_5 [878] (Fußnote 63).
[10] www.zeno.org/Philosophie/M/Marx,+Karl/Differenz+der+demokritischen+und+epikureischen+Naturphilosophie [879]
[11] Phänotyp: in der Genetik alle wahrnehmbaren Merkmale eines Individuums.
[12] Genotyp: die Gesamtheit der Gene eines Individuums.
[13] Die proletarische Vision vom Reichtum der Kultur, die als ein positiver Faktor im Kampf um die Einheit im Kampf betrachtet wird - in völligem Gegensatz zum Multikulturalismus und dem bürgerlichen Kommunalismus, die die Ideologie der Identitätspolitik reproduzieren - wird mit zahllosen historischen Beispielen in unserem Artikel "Immigration and the workers' movement" auf unserer Website https://en.internationalism.org/ir/140/immigration [880] entwickelt.
Mit großem Interesse haben wir die Artikel der letzten Ausgabe von Kosmoprolet gelesen (Kosmoprolet Nr. 4, 2015), einer Publikation, die von drei Gruppen des politischen Milieus im deutschsprachigen Raum herausgegeben wird, nämlich Eiszeit, Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft und La Banda Vaga.
Obwohl darin viele wichtige Themen behandelt werden, die eine vertiefte Antwort verdienten, haben wir uns entschieden, dass wir uns in diesem Artikel auf das Thema der Gewalt konzentrieren, das in verschiedenen Beiträgen vorkommt. Wir werden uns insbesondere mit den Texten “Reflexionen über das Surplus-Proletariat: Phänomene, Theorie, Folgen” von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft (FFKG) und “Zwischen Eigentor und Aufstand: Ultras in den gegenwärtigen Revolten” von Ralf Heck (RH) auseinandersetzen, da sie beide die Frage der Gewalt ausdrücklich stellen.
Das Thema der Gewalt nahm in der Arbeiterbewegung immer eine wichtige Stelle ein. Eine Klassengesellschaft ist notwendigerweise gewalttätig. Ausbeutung und Unterdrückung können ohne Gewalt nicht aufrechterhalten werden. „Den Klassenkampf anzuerkennen bedeutet, die Gewalt direkt als eines seiner grundlegenden und ihm innewohnenden Elemente zu akzeptieren. Die Existenz von Klassen heißt, dass die Gesellschaft durch antagonistische Interessen, durch unversöhnliche Konflikte zerrissen ist. Die Klassen gründen sich auf der Basis dieser Antagonismen. Die zwischen den Klassen bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen sind deshalb zwangsläufig Verhältnisse des Widerstands und der Antagonismen, d.h. des Kampfes.“[1] Der Kampf des Proletariats, wie jeder gesellschaftliche Kampf, ist notwendigerweise gewalttätig, aber die Praxis seiner Gewalt ist so verschieden von derjenigen anderer Klassen, wie ihre Ziele es sind.
Welche Art der Gewalt kann den Kapitalismus beenden? Sind alle Formen der Gewalt zulässig auf dem Weg zum kommunistischen Ziel? Welches sind die politischen und moralischen Triebkräfte hinter der revolutionären Gewalt des Proletariats? Dies sind die Fragen, denen wir hier näher rücken möchten.
Schauen wir uns zunächst der Artikel von RH an. Er fasst das Ziel seines Textes wie folgt zusammen:
“Im letzten Zyklus der Kämpfe betrat eine neue Kraft die Bühne: Organisierte Fußballfans haben sich an vielen Unruhen rund um den Globus beteiligt (…) Der folgende Text versucht zu erklären, wie dieser oft im besten Fall als völlig unpolitisch oder kommerzabhängig bewertete Akteur entstehen konnte und wie sein Wirken in den Klassenkämpfen einzuschätzen ist.”[2]
Der Artikel tut dies, indem er kurz die Geschichte des britischen Hooliganism zwischen den 1960er und 1990er Jahren und der italienischen Ultrabewegung in den 1970er und 1980er Jahren erzählt, mit einem anschließenden Blick auf die Auswirkungen der Ultras in Ägypten während des Arabischen Frühlings (2011), in der Türkei während der Gezi-Park-Bewegung (2013) und in der Ukraine während der Euromaidan-Bewegung (2013-2014).
RH beschreibt den Aufstieg der “Hooligan-Kultur” in Großbritannien ab den 1960ern bis in die 1990er Jahre, wie sie immer verbunden war, mit den Gemeinschaften der armen Teile der Arbeiterklasse, wie sie geprägt wurde von der Idee der Armen gegen die Reichen und wie sie stark von der Skinhead-Ideologie beeinflusst wurde. Welche Dynamik beherrschte diese Gruppen? Was hielt sie zusammen? RH zeigt auf, dass die Hooligan-Kultur nichts anderes war und ist als eine Clankultur, garniert mit blinder Gewalt, Rassismus, Nationalismus und Sexismus. So kommt RH zum Schluss: “Das Ende der Hooligan-Kultur sollte nicht betrauert werden. Das Bandenwesen, ihre Gewaltaffinität, Männerbündelei sowie ihr Stammesgehabe standen der Emanzipation schon immer im Weg.” Wir schließen uns dieser Schlussfolgerung an.
Dann diskutiert Heck den Aufstieg der Ultras, einer extremen Fußballfan-Subkultur, die in den 1960er Jahren in Italien entstand. Nach Heck liegen die Hauptunterschiede zwischen den Hooligans und den Ultras einerseits in ihrem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Ursprung, andererseits im geschichtlich-politischen Kontext:
“Erst unter Einbeziehung der historischen Bedingungen und der jeweils besonderen Klassenzusammensetzung lässt sich der Übergang von den Hooligans zur Ultra-Bewegung verstehen. Setzte sich der Übergang von den Hooligans zur Ultra-Bewegung größtenteils aus den eher abgehängten Segmenten der Arbeiterklasse – Hauptschüler, Hilfsarbeiter und manuelle Arbeiter – zusammen, so bestanden die kurze Zeit später in Italien aufkommenden Ultras aus wesentlich vielfältigeren Gruppen von klassischen Arbeitern, Schülern, Studenten und Arbeitslosen, die durch die große Weigerung im damaligen Italien oftmals stark politisiert waren. (…) Genau hier liegt ein, wenn nicht sogar der entscheidende Unterschied – weniger in der durchaus unterschiedlichen Art des Supports und schon gar nicht in der Anwendung von Gewalt, bei der die Ultras ihrem Pendant von der Insel in nichts nachstanden und –stehen.” [3]
Heck beschreibt dann, wie die Ultras – „prekäre Arbeiter, Schüler und unterbeschäftigte Intellektuelle“ – einen großen Teil von Parolen, Liedern, Symbolen der damals in Italien laufenden Arbeiterkämpfe übernahmen und wie viele Ultras der operaistischen Gruppe Lotta Continua nahestanden[4].
Wir haben dann aber große Schwierigkeiten, Hecks Position zu den Ultras zu verstehen. Auf der einen Seite schreibt er:
“Die Wut der Ultras wird sich allerdings nicht in Luft auflösen und ihre zu beobachtende Beteiligung an den gegenwärtigen Unruhen ist vielleicht bereits ein Indiz dafür, dass hinter der meist spielerisch ausgetragenen Rebellion auf den Zuschauerrängen mehr stecken könnte, als es der zelebrierte Gemeinschaftskult testosterongesteuerter Männer im ersten Moment vermuten lässt.”
Aber gleich zu Beginn des Artikels warnt uns der Autor, dass wir die Rolle, die solche Fußball-Gruppierungen in der Bewegung proletarischer Kämpfe spielen können, nicht überschätzen sollten:
“Nichts liegt uns allerdings ferner, als der Ultra-Bewegung eine zentrale Rolle zuzuschreiben – sei es in den derzeitigen oder den kommenden Aufständen. Die Fokussierung auf einen angeblich besonders revolutionären Typus, je nach politischer Couleur Massenarbeiter, Jobber, Frau oder Migrant, war schon immer ebenso fragwürdig wie das Beharren auf einem im Voraus festgelegten Ort für die Revolte. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, in denen Lohnabhängige zusammenkommen, können sich zu Kampfzonen entwickeln, egal ob es sich dabei um Stadtteile, Suppenküchen, Fabriken oder eben Fußballstadien handelt.” [5]
So fragen wir uns, weshalb RH einen so langen Artikel über diese “radikalen” Fußballfans schreibt? Was ist seine Sorge? Es scheint, dass Heck denkt, dass die Ultra-Bewegung in der einen oder anderen Art doch Beiträge zum revolutionären Kampf der Arbeiter_innen leisten kann.
“Entscheidend ist (…) dass Ultras in den letzten Jahren an vielen Unruhen maßgeblich beteiligt waren. Was sie in den 1970er Jahren von politischen Bewegungen übernommen haben – Phantasie, Erfahrungen in der Konfrontation mit den Sicherheitsorganen, autonome Kommunikationsstrukturen, finanzielle und organisatorische Unabhängigkeit – fließt so wieder in Aufstände ein und verlässt den abgesteckten Rahmen der Stadionkurven, wie im Folgenden anhand von Ägypten, der Türkei und der Ukraine gezeigt wird. Namentlich der Fall Ukraine lässt allerdings keinen Raum für Begeisterung. Die gegenwärtigen Unruhen sind ziemlich konfus und am Beispiel der Ukraine zeigt sich, dass sie auch nach rechts kippen können. Ultras treten heute nicht nur bei fortschrittlichen Bewegungen hervor, sondern auch als nationalistische Schlägertrupps.”[6]
Somit wären die “Stärken” der Ultras, die sie der Arbeiterklasse und ihren Kämpfen anzubieten haben – ihre Muskeln und ihre Taktik! Doch, sagt RH uns gleichzeitig, müssten wir aufpassen, denn die Muskeln seien schwierig zu zähmen und können sich leicht gegen die Arbeiter_innen wenden. Was will uns Heck eigentlich sagen? Wir können sagen, dass seine Position im besten Fall zwiespältig ist. Schauen wir die sich aufdrängenden Fragen etwas genauer an.
Die Praxis der Arbeiterklasse ist die Massenaktion – das betrifft auch den Einsatz von Gewalt. Auch wenn die revolutionäre Klassengewalt des Proletariats durch spezielle Organe ausgeübt werden kann, die zum Zwecke der Konfrontation mit der Staatsmacht ausgebildet worden sind – z.B. die Nationalgarde der Pariser Commune 1871, das militärische Revolutionskomitee in der Oktober Revolution 1917 – so sollten diese Organe unter der strengsten und engsten Kontrolle der organisierten Arbeiter_innenmassen stehen. Solche Kampforgane können nur aus der massenhaften Bewegung der Arbeiter_innen entstehen, was verknüpft ist mit der Frage des Bewusstseins in der Klasse: Je tiefer und je breiter die Entwicklung des Klassenbewusstseins, desto klarer und massenhafter die Bewegung. Nur in diesem Fall können diese Organe die Gewalt im Namen der ausgebeuteten Mehrheit der Gesellschaft (der Arbeiter_innen) gegen die ausbeuterische Minderheit der Gesellschaft (die Bourgeoisie) ausüben.[7]
Vom “praktischen” Standpunkt aus könnte es dem Proletariat sinnvoll erscheinen, solche “Schlägerverbände” als trainierte Truppen mit Erfahrung in der Konfrontation mit der Polizei in seine Reihen zu integrieren. Doch dies ist nicht die Art von Spezialisierung und Erfahrung, die das Proletariat braucht. Die proletarische Revolution ist nicht einfach eine militärische Angelegenheit, und ebenso wenig kann Klassengewalt auf Konfrontationen mit der Polizei reduziert werden. “Gewalttätige Aktionen sind nie als ein Ausdruck der politischen Stärke der Bewegung betrachtet worden, sondern müssen in einem allgemeineren Kontext gesehen werden. Selbst wenn sie sich gegen die Ordnungskräfte richten, sind sie häufig nicht mehr als individuelle Antworten, die die Gefahr der Unterminierung der Klasseneinheit enthalten.”[8] Die Gewalt des Proletariats steht in Funktion einer ständig zunehmenden Einheit und Solidarität in der Arbeiterklasse. Die Gewalt des Proletariats ist innig verwoben mit seinem Endziel, d.h. einer klassenlosen Gesellschaft, der Befreiung der großen Mehrheit von den Ketten der Ausbeutung und Unterdrückung, einer neuen Weltordnung, die auf Solidarität gründet.
Betrachten wir uns näher das, was die Ultras politisch kennzeichnet, und stellen wir uns die Frage, inwiefern diese Charakteristika sich mit den Zielen der kommunistischen Revolution vertragen.
RH ist klar der Meinung, dass die gesellschaftlich-wirtschaftliche Herkunft und Zusammensetzung der Hooligans und der Ultras entscheidend sind für die Beantwortung der Frage, ob sie einen proletarischen Charakter haben oder nicht. Wir meinen umgekehrt, dass es zwar stimmt, dass ein Kampf nur dann im Wesen proletarisch sein kann, wenn er von Arbeiter_innen geführt wird, dass aber die Schlussfolgerung falsch ist, dass jeder Kampf, der von Arbeiter_innen geführt wird, schon deshalb notwendig proletarisch wäre. Auch wenn der “soziologische” Hintergrund hilfreich sein kann bei der Bestimmung des Klassencharakters einer Bewegung oder eines anderen sozialen Phänomens, kann das revolutionäre Potential derselben nicht allein aus diesen sozioökonomischen Daten abgeleitet werden. Wichtiger ist, inwieweit dieses soziale Phänomen die Perspektive des Kommunismus beinhaltet, d.h. wie weit es auf einem Klassenterrain agiert und somit wie weit Solidarität, Einheit und Klassenbewusstsein auf dieser Grundlage wachsen können. Beispiel: Ein von A bis Z gewerkschaftlich aufgezogener Streik heute mag zwar in der Klassenzusammensetzung durchaus im Wesentlichen proletarisch sein, politisch ist er aber auf bürgerlichem Terrain.
Selbst wenn sich Ultras an den proletarischen Kämpfen in Italien in den 1960er und 1970er Jahren beteiligten, wie sie auch Teile der Protestbewegungen in Ägypten (2011) und in der Türkei (2013) waren, selbst wenn einige Individuen daraus und einige Splittergruppen aus dem Ultra-Milieu auf das proletarische Terrain gezogen wurden, so geschah dies eher trotz ihrer Mitgliedschaft in Ultragruppen, und nicht ihretwegen. Wir gehen deshalb nicht einig mit RH, wenn er schreibt: “Wie kaum eine andere Kraft verstehen es vor allem die nord-afrikanische Ultras aber, verschiedene Teile des Proletariats in einer eher rebellischen Perspektive zu vereinen.” Wir denken, dass es genau umgekehrt ist. Wenn sich die Ultras punktuell auf das Terrain der Arbeiterklasse zu bewegen konnten, so geschah dies dank des weltweiten Umfelds eines Wiederauflebens der Klassenkämpfe nach 1968 und – in bescheidenerem Grad – zwischen 2003 und 2013. Das proletarische Element der Kampfbewegungen gibt den Massen eine Perspektive, die sie auf ein Klassenterrain zieht und aus der Bewegung eine Bewegung für den Kommunismus macht. Die Perspektive des Kommunismus baut nicht auf “Rebellentum” als solchem, sondern hat wirtschaftliche, politische, theoretische und moralische Quellen.
Auch wenn zu Beginn die Hooligans und die Ultras eine Art Protest gegen die intensive Vermarktung des Fußballs verkörperten, so war es ein Protest ohne jede auch nur einigermaßen klare Klassengrundlage. Deshalb konnten sie auch so leicht manipuliert und von der Bourgeoisie zu ihren Zwecken eingesetzt werden, wie mit den Hooligans und in der Ukraine 2014 geschehen. Mangels einer klaren proletarischen Klassengrundlage können diese “rebellischen” Gefühle sehr leicht manipuliert und in Träger von bürgerlicher oder Lumpen-Ideologie verwandelt werden. RH scheint dies in der folgenden Passage zu erkennen: “Ultra per se ist ein recht fragiles Konstrukt, vollkommen abhängig von der sich verändernden Zusammensetzung der Gruppen wie auch den politischen und sozialen Rahmenbedingungen.”
Es ist nicht einzusehen, weshalb die Ultras als Bewegung dem politischen Schicksal entgehen sollten, das in den totalitären Systemen des dekadenten Kapitalismus jeder solchen gesellschaftlichen Erscheinung droht – die Integration ins bürgerliche Spektakel, die Verwandlung in Werkzeuge der Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse (wie es mit den Gewerkschaften geschehen ist).
Wenden wir uns nun dem Artikel der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft (FFKG) zu. Dieser Artikel behandelt die Frage, wie der Kapitalismus prekäre Arbeitsbedingungen für große Teile der Weltbevölkerung schafft, wie der Kapitalismus mit diesen Teilen der Bevölkerung umgeht und wie dieses so genannte „Surplus-Proletariat“ (die prekär angestellten Arbeiter_innen, die Arbeitslosen) Widerstand leisten und sich auflehnen gegen diese Lebensbedingungen. Die FFKG gehen davon aus, dass die gesellschaftlich-wirtschaftliche Stellung dieser Art von Arbeiter_innen sie zu Formen des Widerstands führt, die sich von den klassischen Formen des Arbeiterkampfs wie Streiks unterscheiden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, was die FFKG für die typischen Formen des Widerstands des “Surplus-Proletariats” halten:
“Jenseits spektakulärer Aufstände führen die von regulärer Arbeit weitgehend Ausgeschlossenen nicht anders als die klassische Arbeiterklasse schnöde Kämpfe um ihre materielle Existenzbedingungen. Dass ihnen das Mittel des Streiks nicht zur Verfügung steht, heißt nicht, dass sie eine ohnmächtige Masse von Verelendeten wären. In den Slums des Südens finden allenthalben Kämpfe statt, etwa gegen Verdrängung oder für Zugang zu Wasser und Strom, und sie werden entgegen dem Klischeebild einer disparat-desparaten Menge teilweise von organisierten Basisbewegungen wie den süd-afrikanischen Abahlali baseMjondolo (“Barackenbewohner”) geführt, die Wahlen boykottieren und stattdessen auf direkte Aktionen setzen. Häufig sind dabei Riots für die tendenziell Überflüssigen, was der Streik für Lohnarbeiter ist. (…) Mit der Herausbildung eines weltweiten Surplus-Proletariats nehmen auch die Riots wieder zu und mit den Unruhen in der französische Banlieue 2005 und in England 2010 haben sie auch das zwischenzeitlich befriedete Europa wieder erreicht.”[9]
Sind Krawalle wie diejenigen in den Vorstädten Frankreichs (2005) oder in England (2011) wegweisend für das Proletariat in seinem Bestreben, der Ausbeutung Widerstand entgegen zu setzen? Oder können sie sogar Waffen der Offensive in der Überwindung des Kapitalismus sein?
Die FFKG stellen folgendes fest:
“Biedere Marxisten, die sie im Chor mit bürgerlichen Kommentatoren als sinnlose Gewaltausbrüche verteufeln, liegen genauso daneben wie vermeintlich Radikale, die sie zum Vorschein der Revolution stilisieren, weil sie angeblich keine partikularen Forderungen mehr beinhalten, sondern schlechterdings alles negieren. Meistens ist das gar nicht der Fall, insofern sich recht präzise Ziele des Aufruhrs ausmachen lassen, sei es das Ende rassistischer Polizeigewalt, seien es Lebensmittelsubventionen; und wäre es der Fall, wäre damit wenig gewonnen, weil sich ein Produktionsverhältnis nicht durch eingedengelte Schaufensterscheiben und brennende Telefonzellen aus der Welt schaffen lässt. Solcher Sachschaden kann nie mehr sein als eine Art Verhandlungsmasse, wenn es um das Ausmaß tolerierbarer Staatsgewalt oder den Brotpreis geht, also um alles Mögliche, aber nicht um die Weltrevolution.”[10]
Zunächst halten wir fest, dass wir mit einigen Sorgen, welche die FFKG zu haben scheinen, übereinstimmen: Man kann nicht Teilnehmer_innen an Hungerrevolten, Opfer rassistischer Gewalt, Kinder in Armut … für ihre Wut und Verzweiflung anklagen oder verurteilen. Man kann sie nicht moralisch dafür verurteilen, dass sie Widerstand gegen das Elend leisten. Ihre Schwierigkeiten sind Teil der Schwierigkeiten der gesamten Arbeiterklasse, die sich gegen ihre Ausbeutung wehren – und eine Alternative zur kapitalistischen Welt vorschlagen muss.[11]
Wir sind auch einverstanden mit den FFKG im Punkt, dass die Krawalle nicht die kapitalistischen Produktionsverhältnisse angreifen, und wir möchten noch mehr Argumente nennen, um dies zu begründen.
Krawalle scheinen in der Tat mit der alltäglichen kapitalistischen Logik von Handel und Ausbeutung zu brechen. Ein Teil der Bevölkerung übertritt dabei das Verbot der Gewalt, welche normalerweise das Monopol des Staates ist. Ob dieser Bruch tief oder nur oberflächlich ist, muss genauer geprüft werden. Wenn das Hauptmotiv hinter den Krawallen eine Art Rache an der Gesellschaft ist, ein Moment der Befriedigung und der Lust, ein „Heimzahlen“ der Ungerechtigkeit und Gewalt, denen die Protagonisten ausgesetzt sind, dann – so denken wir – handelt es sich nicht um einen wirklichen Bruch mit der kapitalistischen Logik. Rache ist eine alte Praxis, die schon in der Bibel aufgegriffen wird („Aug um Aug, Zahn um Zahn“) und Gemeinsamkeiten hat mit dem Äquivalententausch, auf dem auch der Kapitalismus beruht. Sie ist weit entfernt von einer proletarischen Moral.
Ein anderer Aspekt, der oft mit Krawallen verknüpft ist, ist das Plündern (Wirbelsturm Katrina 2005, Hungerkrawalle 2008, Krawalle in England 2011)[12]. Im Falle von Nahrungsmittel-Krawallen ist die Aneignung von Essen das Hauptziel. Wie Robin Hood stehlen die Krawallanten von den Reichen, um den Armen (oft den Krawallanten selber) zu geben. Das Motiv für diese Art von Diebstahl ist das reine Überleben. Es soll aber klar sein, dass damit die Trennung der Produzierenden, der Arbeiterklasse, von den Produktionsmitteln nicht aufgehoben ist.
In den wenigen Fällen, wo die Krawallanten auch Fernseher oder ähnliches stehlen, für den eigenen Gebrauch oder zum Weiterverkauf, ist die Verbindung mit dem bloßen Überleben weniger klar, obwohl sie meistens noch da sein dürfte. Es ist der Bourgeoisie aber in solchen Fällen leichter, die Krawallanten als reine Diebe, unabhängig von den gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, darzustellen und so jede Art von Solidarität im Proletariat zu untergraben.
Außer dem Überleben kann es noch einen weiteren Beweggrund für Plünderung geben: das Gefühl, dass man endlich mal hat, was man vorher nicht haben konnte, oder die Illusion, dass man auch wie die „Reichen“ leben kann. Diese Beweggründe führen aber in eine Sackgasse, weil sie nicht brechen mit der Logik des Kapitalismus. Es könnte sogar der Wunsch dahinter stecken, selbst mal Kapitalist zu werden. Hier ist nur individueller Neid gegenüber den Reichen und keine Empörung. Hier ist kein fruchtbares Terrain für die Entwicklung eines Klassenbewusstseins.
Ist Plündern ein “halbwegs intelligenter Angriff auf die Warenbeziehungen”[13], wie RH es darstellt? Uns ist nicht klar, warum das so wäre. Marx war es überaus wichtig zu beweisen, dass die proletarische Revolution nicht darin besteht, dass die Armen die Reichen bestehlen, sondern in der Expropriation der Expropriateure. Das Proletariat ist die einzige Klasse der Gesellschaft, die das „Prinzip“ des Raubs ablehnt. Damit die Produktionsmittel in die Hände und unter die Kontrolle der assoziierten Produzenten kommt, damit die Produktivkräfte für die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse eingesetzt werden können, reicht es nicht, die Produktionsmittel einfach zu nehmen oder zu „rauben“, wie die Bourgeoisie es gemacht hat (und noch immer macht) in ihrer sogenannten ursprünglichen Akkumulation, oder nur die Fabriken zu besetzen. Die politische Dimension des proletarischen Kampfes wäre damit negiert.[14]
Wie wir zuvor versucht haben aufzuzeigen, waren die Krawalle der letzten Jahre meist verwirrte und unbewusste Formen eines gewalttätigen Widerstands ohne klare Klassengrundlage. Oft zerstörten die Krawallanten Autos und Fensterscheiben im “eigenen” Stadtteil. Das Einwerfen von Scheiben einer Bankfiliale kann gerade knapp als “symbolischer Akt” gegen den Kapitalismus durchgehen, scheint aber im Grund eher durch eine Art Neid auf “die Reichen und Berühmten” angetrieben zu sein.
Es gibt eine andere implizite Idee im obigen Zitat („…weil sie angeblich keine partikularen Forderungen mehr beinhalten, sondern schlechterdings alles negieren. Meistens ist das gar nicht der Fall, insofern sich recht präzise Ziele des Aufruhrs ausmachen lassen…“) - nämlich die Idee, dass Krawalle als Druckmittel dienen können, um konkrete Ziele zu erreichen. An anderer Stelle sagen die FFKG: ”Häufig sind dabei Riots für die tendenziell Überflüssigen, was der Streik für Lohnarbeiter ist.” Diese Position enthält die Idee, dass der Krawall zwar nicht der revolutionäre Hebel ist, aber doch die normale Funktionsweise des Kapitalismus unterbricht und so zur Sabotage des Kapitalismus und zur Druckausübung auf die Bourgeoisie dient. Wir müssen dem widersprechen. Sabotage und Streik sind zwar beide „Druckmittel. Aber der Druck oder die Schadenszufügung der einen gegenüber den anderen sind keine revolutionären oder emanzipatorischen Mittel, sondern kapitalistischer Alltag und Faktoren seiner Reproduktion. Die Staaten sind Meister in der Sabotage im Kampf gegen ihre Konkurrenten, die Unternehmen teilen Tiefschläge links und rechts aus. Die Gewalt des Proletariats bedeutet umgekehrt zwar Kraft, Durchsetzung, Schläge, aber mit radikal verschiedenen Mitteln, nämlich solchen, die in sich die Perspektive der Befreiung der Menschheit tragen: Es ist die Gewalt der Massenhaftigkeit, der Einheit, der Solidarität, der Ausübung der Fähigkeit, zusammen nachzudenken und gemeinsam zu entscheiden, als selbstorganisierte Klasse zu handeln, die mit Kraft und Entschlossenheit ihre Ziele durchzusetzen weiß.“[15] Gewalt ist für das Proletariat mehr als eine taktische Frage. Der Streik ist ein Mittel, um Druck gegenüber den Kapitalisten und dem Staat aufzusetzen, aber noch wichtiger: Es ist das Mittel, um die Solidarität und die Einheit unter den Arbeiter_innen zu stärken.
Wir möchten den wesentlichen Unterschied der proletarischen Druckmittel, die gesellschaftlich einschließend und bewusst sind, anhand des Beispiels der Anti-CPE-Bewegung 2006 aufzeigen, die in Frankreich ein halbes Jahr nach den Krawallen in den französischen Vorstädten ausbrach. 2006 gab es eine aktive und bewusste Suche der Studierenden und Schüler_innen nach Solidarität der Jugendlichen in den Banlieues, die ein paar Monate zuvor noch Autos in Brand gesteckt hatten. Die Anti-CPE-Generation verurteilt die Krawalle nicht, aber anerkannte, dass die Gründe für die Revolte 2005 dieselben waren, die sie zum Widerstand trieben. „Auch hier bezeugten die Studenten aber ihre Reife und Bewusstsein. Vielerorts entschieden sie, Delegationen zu bestimmen, welche in die besonders vernachlässigten Quartiere gehen sollten, um mit den dortigen Jugendlichen über den Kampf der Studenten und Gymnasiasten zu diskutieren, auch im Sinne der verzweifelten, der Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung ausgesetzten Jugendlichen. Ganz anders war das Vorgehen der Gewerkschaften, welche gewaltsame Aktionen provozierten: Ihre Ordnungsdienste haben an der Demonstration vom 28. März die Jugendlichen aus den Banlieues mit Knüppeln den Polizeikräften in die Hände getrieben. Die Mehrheit der Studenten hingegen hat mehr durch Intuition als aufgrund von angeeignetem Wissen eine der wichtigsten Lehren aus der Erfahrung der früheren Arbeiterbewegung praktisch umgesetzt: keine Gewalt innerhalb der Arbeiterklasse. Sofern es nicht um bloße Anhängsel des bürgerlichen Staates geht (wie etwa die Kommandos der Streikbrecher), sind Überzeugungsarbeit und Appell an das Klassenbewusstsein das bedeutsame Aktionsmittel, um auch jene Teile des Proletariats für die Sache der Arbeiterklasse zu gewinnen, die sich leicht in Aktionen verstricken lassen, die unseren Interessen zuwider laufen.”[16]
Bis jetzt haben wir damit argumentiert, dass der historische und internationale Kampf der Arbeiterklasse eine bewusste und massenhafte Tätigkeit sein muss. Wir haben versucht, konkret aufzuzeigen, mit welchen Ideen, die in Kosmoprolet 4 verteidigt werden, wir einverstanden sind, und wo nicht. Diese Aufgabe ist umso schwieriger zu bewerkstelligen, als in beiden Artikeln überaus zweideutige Gedanken zu finden sind, von denen wir schon einige Beispiele gegeben haben.
Sehr problematisch und aus unserer Sicht unvereinbar mit dem kommunistischen Ziel ist die Macho-Kultur, welche die Gewalt verherrlicht und zelebriert und in welcher sich die verschiedenen Autoren von Kosmoprolet zu baden scheinen.
RH schreibt folgendes über die Hooligans:
“Angewidert vom hohlen Glücksversprechen der Hippies wollten sie die vermeintlich echten und verloren geglaubten Ideale einer Working Class verkörpern, die von solidarischem Zusammenhalt geprägt war. Auf diese Weise setzten sie sich gegen ihren drohenden Absturz zur Wehr und bewegten sich in einer Szene, die ihnen Anerkennung jenseits materieller Erfolge bot. Allerdings war dieser Widerstand immer schon rückwärtsgewandt. Er orientierte sich an einer schon fast karikaturartig mystifizierten Arbeiterklasse, die es so nie gegeben hat und deren Ausdrucksformen auch nicht als erstrebenswert gelten können und ihren überholten Idealen: Rückbesinnung auf die Gemeinschaft, lokalistisches Denken mit einem starken Bezug zum eigenen Territorium, das sich wahlweise in Kämpfen Stadtteil gegen Stadtteil, Süden gegen Norden oder England gegen ein anderes Nationalteam ausdrückte, Männlichkeitskult, sinnlose Gewalt und auch Rassismus. Dass für Frauen in dieser Welt lediglich ein untergeordneter Platz vorgesehen war, versteht sich von selbst. Ob sich die Gewalt nun dumpf gegen andere Fans richtete, rassistisch gegen die asiatische Community (“Paki-Bashing”), mit berechtigtem Hass gegen Autoritäten oder in Riots, Plünderungen und der Verteidigung von Streiks zeigte, war schlechterdings unkalkulierbar (…)”[17]
Für uns ist unklar, wie weit sich RH und die anderen von solchem Verhalten distanzieren. Schauen wir uns zum Beispiel das folgende Zitat an:
“Die Wut der Ultras wird sich allerdings nicht in Luft auflösen und ihre zu beobachtende Beteiligung an den gegenwärtigen Unruhen ist vielleicht bereits ein Indiz dafür, dass hinter der meist spielerisch ausgetragenen Rebellion auf den Zuschauerrängen mehr stecken könnte, als es der zelebrierte Gemeinschaftskult testosterongesteuerter Männer im ersten Moment vermuten lässt.”
Was meint RH mit “spielerisch ausgetragener Rebellion”? Er schreibt:
„Neben dem Wettbewerb um die schönsten Banner, den lautstärksten Support sowie die kreativste Ausgestaltung der Kurve gehörten auch gewalttätige Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans dazu. Auch wenn sie sich zu Beginn noch auf wenige Vorkommnisse pro Jahr beschränkten, kündigte sich hier schon die bis zum Fetisch aufgeblasene Praxis an hingebungsvoll Feind- und Freundschaften zu pflegen.”
Wo liegt der qualitative Unterschied zur Macho-Kultur der Hooligans, die Heck selber ablehnt? Uns entgeht da das „Spielerische“.
Noch ein Beispiel, diesmal von den FFKG:
“In der europäischen Sozialgeschichte verschwand mit dem krassen Pauperismus auch der ungezügelte Aufruhr weitgehend aus dem Klassenkampf, um zum riskanten Freizeitspaß für Jugendliche zu werden. Die Herrschenden hatten es nun mit teilweise mächtigen und manchmal lästigen Gewerkschaften zu tun, aber die setzten sich lieber an den Verhandlungstisch, anstatt alles kurz und klein zu hauen.”[18]
Wir gehen hier nicht weiter auf die völlig unklare Position zu den Gewerkschaften und die neblige Formulierung vom “ungezügelte Aufruhr” ein, die nicht weiter erklärt sind. Was meinen die FFKG mit “riskantem Freizeitspaß für Jugendliche”? Auch hier wird die Gewalt als Hobby, als Freizeitspaß umschrieben.
Aber die Artikel von RH und FFKG haben kein Exklusivrecht an der Macho-Sichtweise. Sogar das Editorial von Kosmoprolet 4 ist davon gezeichnet:
„Die Debatten der Linken sind überhaupt etwas weniger weltabgewandt-gespenstisch als vor der Krise. Aber es klemmt weiter vor allem bei dem, was traditionell Praxis heißt. Dass uns die großen Mobilisierungen zu Aktionstagen, auf dass es wenigstens mal wieder scheppere, die riesige Mühe nicht wert zu sein scheinen, haben wir schon öfter bekundet, und die mehr oder weniger linksradikalen Organisationen, die seit einiger Zeit mit Eifer aufgebaut werden, suchen offenbar vor allem in solchen Mobilisierungen ihre Daseinsberechtigung. Darauf herumzuhacken ist aber langweilig und verdeckt oft nur die eigene Ratlosigkeit.“[19]
Wir weisen dieses verantwortungslose Kokettieren („die Mühe nicht wert“, „langweilig“) mit der Gewalt zurück. Die hier beschriebene Gewalt ist verknüpft mit einer schlecht kaschierten Verherrlichung des „Rebellischen“ an sich, mit der Idee, dass Gewaltanwendung an sich etwas Revolutionäres sei.
Wie wir argumentiert haben, sind wir nicht gegen die Anwendung von Gewalt durch das Proletariat. Aber ein schlechter Gebrauch führt sehr schnell zu Rückschlägen bei seiner Einheit und beim Bewusstsein.
Durch den Nebel von virilen Bemerkungen hindurch können wir aber im letzten Zitat einen Sinn für Ehrlichkeit erkennen. Es gibt zu, dass eine gewisse Ratlosigkeit das Milieu um Kosmoprolet quält, was wir als Schwierigkeit interpretieren, in den eigenen Debatten voranzukommen, die gegenwärtige Zeit zu definieren, die eigene Rolle zu verstehen. Wir lesen daraus den Wunsch, weiter zu kommen, und begrüßen diesen.
Die Suche nach der Wahrheit ist ein langer und anstrengender Prozess, aber Revolutionäre haben keine andere Wahl, als die Herausforderung anzunehmen. Der einzige Weg hinaus aus der Ratlosigkeit, der Zweideutigkeit, der unklaren Zone zwischen bürgerlichen und proletarischen Positionen ist die Fortsetzung der möglichst breiten und tiefen Diskussionen. Die IKS ist willens, ihren Beitrag darin zu leisten.
Pan, 29.08.2017
[1] IKS, Terror, Terrorismus und Klassengewalt [875]
[2] Ralf Heck. Zwischen Eigentor und Aufstand: Ultras in den gegenwärtigen Revolten. Kosmoprolet 4, 2015 S. 159.
[3] RH. ibid. S. 160, 171.
[5] RH. ibid. S. 159-160.
[6] RH. ibid. S. 181-182.
[7] “In diesen Sinn müssen wir der Idee eines “Arbeiterterrorismus” entgegen treten, der als Aufgabe von gewissen Abteilungen des Proletariats dargestellt wird, von Spezialisten der bewaffneten Aktion, oder als Wegbereiter der zukünftigen Schlachten, indem dem Rest der Klasse ein Vorbild des gewaltsamen Kampfes geboten werde, oder als ‘Schwächung’ des kapitalistischen Staats durch ‘vorläufige Angriffe’. Das Proletariat kann durchaus gewisse Abteilungen zu dieser oder jener Aktion beauftragen (Streikposten, Patrouillen, usw.), aber dies geschieht unter der Kontrolle der Bewegung als ganzer; im Rahmen dieser Bewegung können entschlossene Aktionen der am weitesten fortgeschrittenen Teile dazu dienen, den Kampf der breiten Massen zu katalysieren, aber dies kann nie über konspirative und individualistische Methoden geschehen, die dem Terrorismus wesentlich sind.” IKS, Resolution zu Terror, Terrorismus und Klassengewalt, veröffentlicht auf Englisch, Französisch und Spanisch (Resolution on terror, terrorism and class violence [890])
[9] Freundinnen und Freunde der Klassenlose Gesellschaft. Reflexionen über das Surplus-Proletariat: Phänomene, Theorie, Folgen. Kosmoprolet 4, 2015. S. 56 – 57.
[10] FFKG. Ibid. S. 57
[11] Vgl. Unseren Artikel auf der englischen Webseite: The UK riots and the class struggle: reflections on the riots of August 2011 part 1 [892]
[12] Siehe unsere Artikel: Hurricane Katrina: a capitalist-made crisis [893], Food crisis, hunger riots: Only the proletarian class can put an end to famine [894], The UK riots and the class struggle: reflections on the riots of August 2011 Teil 1 [892] und Teil 2 [895], Polemic: Revolutionaries and hunger riots [896]
[13] RH. ibid. S. 170.
[14] Siehe unser Artikel über die Besetzungen der Fabriken in Italien 1920: Revolution and counter-revolution in Italy (1919-1922) [897]
[15] IKS. Débat sur la violence (II): il est nécessaire de dépasser le faux dilemme: pacifisme social-démocrate ou violence minoritaire [898].
[17] RH. ibid. S. 165.
[18] FFKG. Ibid. S. 56-57.
[19] Eiszeit, Freundinnen und Freunde der Klassenlose Gesellschaft, La Banda Vaga. Editorial. Kosmoprolet 4, 2015. S. 8.
"Zäsur" war das mit Abstand meist genutzte Wort in den Medien und Stellungnahmen der etablierten Parteien am Tag nach den Wahlen zum Bundestag am 24. September, um die Folgen des Ausgangs dieser Wahlen zu beschreiben. In der Tat stellt das Ergebnis dieser Wahlen einen erheblichen Einschnitt in der Geschichte des Nachkriegsparlamentarismus in Deutschland dar. Zum ersten Mal seit der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 und ihrer "Wiedervereinigung" 1990 ist es mit der "Alternative für Deutschland" (AfD) einer unverhohlen rechtsradikalen Partei gelungen, in den deutschen Bundestag einzuziehen. Dieser Partei, von denen viele Mitglieder nicht davor zurückschrecken, Geschichtsfälschungen und verteidigende Worte für die Machenschaften der Nazis zuerst zu verbreiten und danach wieder zu dementieren, wird auf Anhieb drittstärkste Kraft, mit knapp 13% hinter der CDU/CSU und SPD, die ihrerseits erdrutschartige Verluste hinnehmen mussten.
Nein, dieses Resultat passt der deutschen Bourgeoisie und ihren politischen Stellvertretern überhaupt nicht in den Kram. Abgesehen von der Unvereinbarkeit der "völkischen" Ideologie von wichtigen Teilen der AfD mit dem Prinzip der "offenen Gesellschaft" des exportorientierten deutschen Kapitalismus ist es vor allem der politische Flurschaden, den der Einzug der AfD in den deutschen Bundestag anrichtet und der die herrschende Klasse seither umtreibt. Schon sprechen ausländische Kommentatoren vom "Verlust der politischen Unschuld" Deutschlands. Tatsächlich war und ist die deutsche Bourgeoisie mehr als jede andere Bourgeoisie in den alten Industrieländern darum bemüht, das Phänomen des Rechtspopulismus so klein wie möglich zu halten; schließlich ging von ihrem Boden einst der Holocaust aus. "Nie wieder Faschismus" ist eine der großen Propagandakeulen der deutschen Bourgeoisie seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Tatsache, dass sie sich als einsichtiger und geläuterter Sünder gab, verschaffte ihr mitsamt ihrer Erinnerungskultur, die ihre Verbrechen im "III. Reich" nicht leugnete, internationales Lob und Gewicht. So war es nicht weiter verwunderlich, dass die herrschenden Kreise der deutschen Bourgeoisie, von den Unternehmensverbänden über die Kirchen bis hin zu den Gewerkschaften, und ihre Massenmedien im Vorfeld der Wahlen einhellig Stimmung gegen die AfD und ihre Exponenten machten. Dies ging so weit, dass der Chef des Kanzleramts und enge Vertraute Merkels, Peter Altmaier, gar dazu aufrief, lieber nicht wählen zu gehen, als seine Stimme der AfD zu geben.
Der Erfolg der Rechtspopulisten hat sich schon seit einiger Zeit angekündigt. Nachdem die AfD in den letzten Bundestagswahlen knapp an der Fünfprozenthürde - eine Hürde, die nach den negativen Erfahrungen aus der Weimarer Republik in den westdeutschen Parlamentarismus eingeführt wurde, um den Einzug von Splittergruppen ins deutsche Parlament zu verhindern - gescheitert war und scheinbar unaufhaltsam ihrem frühen Niedergang entgegenstrebte, erlebte sie infolge der massiven Flüchtlingswelle vor zwei Jahren einen zweiten Frühling. Aller öffentlichen Entrüstung über den Nazi-Jargon etlicher ihrer Protagonisten zum Trotz blieben ihre Umfrageergebnisse stabil im zweistelligen Prozentbereich. Die politische Klasse in Deutschland wusste also gut, was da auf sie zukommt, und hatte genügend Zeit, um sich vorzubereiten. Wenn es ihr schon nicht gelang, den Einzug der AfD in den Bundestag zu verhindern, so wollte sie wenigstens alles tun, um ihr Treiben einzudämmen und einzuhegen.
Ein wichtiger Baustein in dieser Strategie ist sicherlich der Rückzug der SPD aus der Großen Koalition. Es gibt einige deutliche Hinweise darauf, dass das Ausmaß dieser historischen Niederlage der deutschen Sozialdemokraten - noch nie in ihrer Geschichte hatte die SPD so wenig Stimmen in einer Bundestagswahl erhalten (20,5 Prozent) - durchaus ins Kalkül breiter Parteikreise passte: der späte Verzicht des damaligen SPD-Vorsitzenden und Wirtschaftsministers Gabriel auf den Parteivorsitz und damit auf die Kanzlerkandidatur zugunsten des damaligen EU-Ratsvorsitzenden Martin Schulz, die viel zu späte Formulierung eines Wahlprogramms, der nur halbherzig geführte Wahlkampf. Geradezu frenetisch war der Beifall der anwesenden SPD-Mitglieder, als Schulz in der Parteizentrale noch am Abend der Wahlniederlage den Gang der SPD in die Opposition ankündigte.
Mit dieser Entscheidung, die auch in der Öffentlichkeit auf breite Zustimmung stieß, soll zweierlei bezweckt werden. Zum einen soll mit dem Gang der SPD in die Opposition schlicht und einfach vermieden werden, dass der AfD als stärkste Oppositionspartei, die sie im Falle einer Fortsetzung der Großen Koalition wäre, das Recht eingeräumt wird, als erste der Oppositionsparteien auf die Regierungserklärungen zu antworten sowie Parlamentsausschüsse einzuberufen. Zum anderen soll, und das ist noch viel wichtiger, rechtzeitig einem freien Fall der SPD in die Marginalität vorgebeugt werden. Immerhin hat Letztere seit dem rotgrünen Wahlsieg von 1998 mehr als die Hälfte der Wählerstimmen eingebüßt; in einigen Regionen Ostdeutschlands ist sie mittlerweile nur noch viertstärkste Partei hinter der CDU, "Linke" und der AfD. Die besonders aggressive Rolle der SPD anfangs des neuen Jahrtausends, mit der Schröder-Regierung und ihrer Agenda 2010, hat bei vielen Wählern aus der Arbeiterklasse zu einer Abkehr von dieser Partei geführt. Auch die nachfolgende große Koalitionsregierung, welche die Angriffe weiterführte, damit Deutschland sich vom „kranken Mann“ Europas in den Nuller-Jahren wieder zur Exportweltmeisternation mauserte, hat die SPD viele Wählerstimmen gekostet, da sie durch diese Angriffe die Armut bei den Arbeiter_innen und Angestellten zu verantworten hat. Ihr Anspruch, wie früher als Oppositionspartei die Interessen der arbeitenden Bevölkerung zu schützen, verlor immer mehr an Glaubwürdigkeit. Die Wahlverluste der SPD bei Arbeiter_innen und Angestellten (was wir als Arbeiterklasse bezeichnen) sind dafür ein vielsagender Indikator.
Das Schicksal der französischen und griechischen Sozialisten vor Augen, die in die politische Versenkung verschwunden sind (in Parteikreisen wird mittlerweile offen über die Gefahr der "Verzwergung" der SPD gesprochen), hat die SPD die Reißleine gezogen, um sich in der Opposition zu "erneuern". Ihre Hauptaufgabe in den nächsten Jahren wird es sein, der AfD als Opposition den Rang abzulaufen, um jenen Teil der Wählerschaft, der die AfD nicht aus Überzeugung, sondern aus Protest gegen die sog. Altparteien gewählt hat, zurückzugewinnen und so die AfD zu stutzen. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht, ob ihr dies gelingt.
Wie der Rückzug der SPD aus der Großen Koalition, so steht auch die Wiedererweckung der FDP, jener Partei, die bis weit in die 1980er Jahre als Korrektiv der großen Parteien SPD und CDU/CSU maßgeblich an der Ausrichtung der deutschen Außenpolitik (Stichworte: Westbindung Westdeutschlands, Entspannungspolitik) beteiligt gewesen war, in einem direkten Zusammenhang mit dem Aufstieg der Populisten. Nachdem die Liberalen in den Wahlen von 2013 zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus den Bundestag gewählt worden waren, schien ihr Schicksal besiegelt. Mit der Erweiterung der deutschen Parteienlandschaft auf zunächst vier (mit dem Einzug der Grünen ins Parlament) und dann, mit der Etablierung der Partei "Die Linke", auf fünf Parteien war die bisherige Existenzgrundlage der FDP als Zünglein an der Waage entfallen.
Doch Totgesagte leben länger: Von den Medien halbwegs geschont, wenn nicht gar gefördert, präsentierte sich die FDP in einem ganz auf ihren Hauptkandidaten, Christian Lindner, zugeschnittenen Wahlkampf - ganz nach dem Vorbild des österreichischen Außerministers Kurz mit seiner "Liste Sebastian Kurz" - als die Partei der Modernisierer (Bildung, Digitalisierung) und wurde mit über zehn Prozent der Stimmen als viertstärkste Partei in den neuen Bundestag gewählt. Was die runderneuerte FDP allerdings so wertvoll macht, sind weniger ihre Wahlversprechen, ihre sog. Trendwenden, als ihre künftige Rolle als Weichensteller für eine Koalitionsregierung jenseits einer großen oder rot-rot-grünen Koalition. Ihr Wiedereinzug ins deutsche Parlament ermöglicht erst den Gang der SPD in die Opposition.
Doch neben diesen Manövern lässt die Bourgeoisie nichts unversucht, um die zentrifugalen Tendenzen innerhalb der AfD selbst zu forcieren, die zweifellos in diesem Sammelsurium von Wertkonservativen, Antisemiten, Rassisten, Putinsympathisanten, Geschichtsrevisionisten, Verschwörungstheoretikern und anderen Spinnern (wie den sog. Reichsbürgern) herrschen. Seit einiger Zeit wurden Gerüchte über eine bevorstehende Abspaltung der eher gemäßigten Elemente vom Rest der AfD gestreut. Und doch war es ein Paukenschlag, als auf der ersten Pressekonferenz der AfD am Tag nach den Wahlen die AfD-Vorsitzende Frauke Petry vor den Kameras der Weltpresse den ebenfalls anwesenden designierten Fraktionsvorsitzenden der AfD ihren Rücktritt aus der AfD-Parlamentsfraktion erklärte; tags darauf erklärte sie zusammen mit ihrem Mann auch ihren Austritt aus der Partei selbst, dem vor einigen Tagen der Austritt eines weiteren Fraktionsmitglieds aus der AfD folgte. Die nächste Zeit wird zeigen, ob diesen Austritten noch weitere folgen.
Es verstößt durchaus nicht gegen das Interesse der deutschen Bourgeoisie, wenn es zur Bildung einer rechtsnationalen Partei käme, die in der Lage wäre, einen Teil derjenigen aufzufangen, die durch Merkels sog. Sozialdemokratisierung der CDU verprellt wurden und werden. Nach Merkels Abkehr von der Wehrpflicht, der Kernkraft und - zuletzt - ihrer faktischen Zustimmung zur "Ehe für alle" (d.h. auch für homosexuelle Paare) hat sich eine Menge Unmut innerhalb des konservativen Milieus angestaut, der sich jederzeit Bahn brechen und noch mehr Elemente zur AfD spülen könnte. Die Bildung einer rechtsnationalen, aber gemäßigten Partei rechts von der CSU, wie sie Petry und ihrem Mann Pretzell vorschwebt, wäre aber vor allem insofern im Sinn der Bourgeoisie, als auf diese Weise der AfD das Wasser abgegraben und die Anwesenheit von Neo-Nazis und Rassisten im deutschen Bundestag möglicherweise auf ein Intermezzo beschränkt werden könnte.
Die Weichen für eine "Jamaika"-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grüne ("Jamaika" deswegen, weil die Farben der beteiligten Parteien den Farben der jamaikanischen Nationalflagge entsprechen) sind also gestellt. Und dennoch: der Teufel steckt bekanntlich im Detail. So steht der FDP eine Zerreißprobe bevor, wenn es in den Koalitionsverhandlungen z.B. um die Frage der Europapolitik geht. Es gibt in dieser Partei, die sich dem "Liberalismus" verschrieben hat, einen starken euro-kritischen Flügel, der keinen Hehl aus seinem Misstrauen gegenüber dem "bürokratischen Monster" in Brüssel macht. Es wird sich zeigen, welchen Einfluss die "Euroskeptiker" auf die Politik der künftigen Regierung gegenüber der EU haben werden; der französische Staatspräsident jedenfalls soll sich angeblich schon vor den Wahlen mit den Worten geäußert haben: "Wenn (Merkel) sich mit den Liberalen verbündet, bin ich tot."[1]
Noch viel stärker steckt allerdings die bayrische Schwesterpartei der CDU, die CSU, in der Zwickmühle. Sie erlitt mit Abstand die schlimmsten Verluste aller drei Regierungsparteien und erzielte mit 38,5 Prozent in Bayern ihr schlechtestes Ergebnis seit ihrer Gründung 1949. Setzt sich dieser Trend in den Wahlen zum bayrischen Landtag im Herbst 2018 fort, ist die CSU ihre absolute Mehrheit in Bayern los, was erst ein Mal vorkam, als die CSU zwischen 2008 - 2013 eine Koalition mit der FDP eingehen musste.
Der Aufstieg der rechtspopulistischen AfD und der drohende Verlust ihres Alleinvertretungsanspruchs in einem der wirtschaftlich stärksten Bundesländer sind in zweierlei Hinsicht fatal für die CSU. Zum einen bedroht eine dauerhafte Einschränkung ihrer absoluten Regierungsgewalt, eine Teilung oder gar Abgabe der Regierungsgewalt in Bayern ihren einmaligen Status als regionale Partei mit überregionalem Einfluss. Einen Status, den sie mit ihrer Hegemonie in Bayern begründet, die beispiellos ist unter den sechzehn Bundesländern. Ihr überproportionaler Einfluss drückt sich auch darin aus, dass sie, abgesehen von den zwanzig Jahren, in denen eine sozialliberale bzw. rotgrüne Koalition die Regierungsgeschäfte führte, in jeder Bundesregierung seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 mindestens einen Minister gestellt hat.
Zum anderen bringt die Etablierung einer rechtspopulistischen Partei im Bundestag ein Anspruch, ja ein Dogma ins Wanken, das zur CSU dazugehört wie die Lederhosen zum Oktoberfest. Es war seit ihrer Gründung erklärte Absicht, keine Partei rechts von ihr zuzulassen, nicht auf Bundesebene und schon gar nicht in Bayern. Doch in jüngster Zeit gelingt der Führung der CSU der Spagat zwischen ihrer Regierungsbeteiligung in Berlin einerseits und ihren Bemühungen andererseits, eine "offene rechte Flanke" zu vermeiden, immer weniger. Dies wird besonders in der Flüchtlingspolitik der Großen Koalition deutlich: Weder ihre Proteste gegen Merkels Politik der offenen Tür im Sommer 2015, noch die Drohung ihres Parteivorsitzenden, gegen Merkels Flüchtlingspolitik vor das höchste Gericht Deutschlands, das Bundesverfassungsgericht, zu ziehen, noch die Forderung nach einer "Obergrenze" bei der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch, religiös oder anderweitig Verfolgten konnten verhindern, dass in Bayerrn mehr Wähler als in jedem anderen westdeutschen Bundesland die AfD wählten.
Kommt es also zur "Jamaika"-Koalition - die Verhandlungen zwischen CDU/CSU, Grüne und FDP beginnen erst Mitte Oktober -, so wird sie möglicherweise instabiler sein, als es je eine Regierung in der Geschichte der Bundesrepublik zuvor war. Darüber hinaus ist die geringe politische Stabilität, die sich die deutsche Bourgeoisie mit der "Jamaika"-Koalition sichert, teuer erkauft; es besteht die Gefahr, dass sich auch in Deutschland der Rechtspopulismus eher länger in den Parlamenten einnistet und die großen "Volksparteien" auf dem absteigenden Ast sind.
Kurz vor den Wahlen in Deutschland ist das Ergebnis einer Studie vom Rheingold-Institut in Köln bekannt geworden, das sich bereits seit Jahren den "deutschen Befindlichkeiten" auf dem Wege der sog. Tiefenanalyse annähert. In einem Interview mit dem SPIEGEL zog der Leiter dieser Studie, Stephan Grünewald, ein Fazit; er äußerte: "Der Bürger ist labil, in ihm brodelt und rumort es (...) Ich habe solches Toben und Wüten, so viel Hass unter den Probanden noch nie erlebt." (Nr. 36, September 2017) Nichts beschreibt treffender den Gemütszustand, in dem sich bedeutende Teile der Bevölkerung, darunter auch der Arbeiterklasse in Deutschland (und anderswo) heute befinden. Diese Wut, diese Raserei, die sich im Internet in Form von Hassmails entlädt, die in einigen Regionen Deutschlands, vor allem Ostdeutschlands, allem Fremden und Andersartigen entgegenschlägt, die sich gegen (zumeist) schwächere Menschengruppen, statt gegen die materiellen, gesellschaftlichen Ursachen ihres eigenen elenden Lebens richtet, ist in ihrem Kern ein Ausfluss der gefühlten Ohnmacht ihrer Protagonisten.
Wenn man eine Momentaufnahme der Situation macht, könnte man meinen, der Arbeiterklasse in den alten Industrieländern und Deutschland sei der Mut und das Selbstvertrauen zu kämpfen abhanden gekommen. Die Streiks im Jahre 2015[2] oder andere Protestaktionen von Beschäftigten in jüngster Zeit änderten an dieser Grundstimmung nichts. Dies hat auch mit dem Umstand zu tun, dass es der Arbeiterklasse weltweit in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen ist, die rein ökonomische Ebene ihrer Kämpfe hinter sich zu lassen und den politischen Kampf für sich wieder zu entdecken. Wir erleben heute die Situation, dass einerseits immer weniger Arbeiter_innen bereit sind, dem Märchen der herrschenden bürgerlichen Ideologie zu folgen, die "Wohlstand für alle", gesellschaftlichen Aufstieg, ein besseres Leben für die künftigen Generationen etc. versprechen, dass aber andererseits auch die proletarische Perspektive - einer kommunistischen Gesellschaft, die von Ausbeutung und materiellen Nöten befreit ist - nahezu keine Beachtung in unserer Klasse findet. Die gegenwärtige Perspektivlosigkeit der Arbeiterklasse ist förmlich greifbar.
Es ist exakt diese historisch einmalige, buchstäblich un-entschiedene Hängepartie zwischen den beiden historischen Klassen, der Bourgeoisie und dem Proletariat, die die kapitalistische Gesellschaft bei lebendigem Leib zerfallen lässt und die den Populismus als die politische Manifestation dieses Zerfalls schlechthin zum Aufstieg verholfen hat. Die Wahlen zum Bundestag haben bewiesen, dass nun auch Deutschland von dieser Wirklichkeit eingeholt worden ist. Und noch etwas ist deutlich geworden: Derzeit wird das Handeln der herrschenden Cliquen nicht vom Gespenst einer proletarischen Revolution bestimmt, sondern vom Spuk der populistischen Reaktion. Konkret: der ostentative Rückzug der SPD aus der Regierung ist eine Antwort auf den Triumph des kleinbürgerlichen Mobs der AfD und nicht auf den Klassenkampf der Arbeiter_innen, der fast momentan zum Erliegen gekommen ist. Der Klassenwiderspruch ist aber in einer bürgerlich dominierten Gesellschaft immer vorhanden, so ist ein Rückzug der SPD auch ein mittel- und langfristiges Mittel, sich auch auf der linken Flanke nicht völlig zu entblößen. Der Klassenkampf ist zwar auf dem Rückzug, aber es ist nicht abgemacht, dass es so bleiben wird.
In Anbetracht der vielen kriegerischen Konflikte, der gigantischen Flüchtlingswelle nach Europa in den letzten beiden Jahren, der Ausbreitung des Terrors in vielen europäischen Staaten, einer nicht überwundenen Finanzkrise usw., kurzum der vielen Angst verbreitenden Faktoren, kann man davon ausgehen, dass die herrschende Klasse in Deutschland weiterhin – trotz alledem – ein relativer „Stabilitätsanker“ in Europa und weltweit bleiben wird.
Weltrevolution, 16. Oktober 2017
[1] Le Monde vom 7. September beruft sich auf einen mysteriösen Besucher des Elysées-Palasts unter der Überschrift „Macrons Albtraum“, dem gegenüber Macron diese Aussage gemacht haben soll.
[2] Vgl. Weltrevolution Nr. 180: 2015 – Streiks in Deutschland: Geschwächte Arbeiterklasse, aber mit bedeutenden Fragen für die Zukunft [902]
Für die "verantwortungsvollsten" Fraktionen der Weltbourgeoisie hat der weltweite Aufschwung des Populismus, nicht zuletzt der Brexit und die unvorhergesehene Herrschaft Trumps in den USA, eine Kaskade von Problemen und Hindernissen geschaffen. In den letzten paar Monaten haben wir einige energische Versuche erlebt, sich der populistischen Welle entgegenzustemmen, am deutlichsten zum Ausdruck gekommen in den französischen Präsidentschaftswahlen im letzten April/Mai, als international gewichtige Leute wie Merkel und Obama plus die französische Sozialistische Partei und Andere dem Pro-EU-Kandidaten Emmanuel Macron, der weithin als die wirksamste Barriere gegen den populistischen, gegen die EU eingestellten Front National betrachtet wurde, uneingeschränkten Rückhalt gewährten. Jedoch sind die grundlegenden gesellschaftlichen Kräfte, die die populistische Welle erzeugen, keineswegs verschwunden; ihre politischen Ausdrücke üben weiterhin einen schwerwiegenden Einfluss auf das politische Leben der Bourgeoisie aus. Das Resultat der allgemeinen Wahlen in Österreich - unmittelbar den spektakulären Erfolgen der rechten AfD in Deutschland folgend - liefert eine weitere Bestätigung dafür, dass der Populismus weitaus mehr ist als eine politische Blase und eine reale Dysfunktion an den Wurzeln der kapitalistischen Gesellschaft artikuliert.
Der Gewinner der jüngsten Nationalratswahlen in Österreich ist zum neuen, jungen Shooting Star in der europäischen Politik ernannt worden: der Christdemokrat Sebastian Kurz. Seine "Liste Kurz - neue ÖVP" errang 31,49 Prozent der Stimmen, gefolgt von der sozialdemokratischen SPÖ mit 26,86 Prozent und den Rechtspopulisten der FPÖ mit 25,97 Prozent. Zum ersten Mal überhaupt gewann ein ÖVP-Führer eine allgemeine Wahl gegen einen amtierenden SPÖ-Kanzler. Es ist auch erst das zweite Mal seit Beginn der Kanzlerschaft des berühmten Bruno Kreisky 1971, dass die ÖVP in einer allgemeinen Wahl mehr Stimmen errang als die SPÖ.
Sebastian Kurz hat vom österreichischen Bundespräsidenten Van der Bellen das Mandat erhalten, eine neue Regierung zu bilden. Wenn er reüssiert, wird er im Alter von 31 Jahren Europas jüngster Regierungschef sein. Kurz wird mit dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron verglichen, nicht nur aufgrund seiner Jugendlichkeit, sondern auch weil er - wie sein französischer Gegenpart - einen erfolgreichen Wahlkampf führte, der sich im Kern rund um seine eigene Person und seines eigenen "Charismas" drehte.
Doch neben diesen Ähnlichkeiten gibt es auch wichtige Unterschiede zwischen diesen beiden Politikern. Während Macron eine Art neue politische Bewegung um sich selbst (République En Marche) schuf, nutzte Kurz die existierenden Strukturen der ÖVP für seinen Wahlkampf. Wie er dies tat, unterscheidet sich deutlich von der Art und Weise, wie Donald Trump in den Vereinigten Staaten die Republikanische Partei für seine eigenen Ziele kaperte. Die einst so stolze ÖVP, eine der beiden Hauptparteien im österreichischen Staat der Nachkriegsepoche, akzeptierte glücklich, auf den Status eines Wahlhelfers ihres Führers degradiert zu werden. Sie tat dies, weil sich Kurz ihr mit Erfolg als ihre einzige Hoffnung verkaufte, nicht nur um mehr Wählerstimmen zu erringen als die Sozialdemokraten, sondern auch um zu vermeiden, dass sie in der Wählergunst von der populistischen FPÖ überholt wird. Mit anderen Worten, was die ÖVP antrieb, war keine politische Strategie im Interesse des bürgerlichen Nationalstaates (die sichtlich eines der Motive Macrons und seiner Anhänger war), sondern die Bewahrung der Sonderinteressen, des Einflusses und der Privilegien der ÖVP.
Das Risiko hat sich gelohnt. Im Sommer provozierte Kurz, der Anführer der ÖVP als Juniorpartner in der sozialdemokratisch geführten Koalition unter dem SPÖ-Kanzler Christian Kern war, aktiv eine Regierungskrise und rief zu Neuwahlen auf. Im Grunde bereitete Kurz diesen Coup bereits seit der "Flüchtlingskrise" im Herbst 2015 Schritt für Schritt vor. Ursprünglich hatte die Kern-Regierung die sogenannte "Willkommenspolitik" der deutschen Bundeskanzlerin Merkel unterstützt. Dies war kein Problem, da die Rolle Österreichs im Wesentlichen darin bestand, die Flüchtlinge auf ihrer Route vom Balkan nach Deutschland durchzuwinken. Plötzlich initiierte Kurz, der offensichtlich ein sehr feines Gespür für Stimmungswechsel in der Wählerschaft hat, eine radikale Umkehr in der Flüchtlingspolitik der österreichischen Regierung: die Schließung der österreichischen Grenze, aktiver Beistand für Ungarn und andere Staaten bei der Versiegelung der Balkan-Route. Kurz profitierte von seiner Rolle als Außenminister, um diese neue Politik zu fördern, die mit seiner Person assoziiert wurde. Die Flüchtlingsfrage war und ist im Kapitalismus mit außenpolitischen Interessen verschränkt. Das Ende der österreichischen Unterstützung für Merkels Flüchtlingspolitik führte ein Element der Konfrontation in den Beziehungen Wiens zu Deutschland und auch zur Türkei ein. Berlin möchte, dass die Türkei und auch die Staaten der nordafrikanischen Küsten eine führende Rolle dabei spielen, Flüchtlinge daran zu hindern, nach Europa zu fliehen. Auf diese Weise hofft man auch Einfluss in diesen Ländern zu erlangen und dem Einfluss von Mächten wie Russland oder China dort entgegenzuwirken. Indem es sich darauf konzentriert, die Balkan-Route zu schließen, ist Österreich, angetrieben von Kurz, noch entschlossener, seine Interessen auf der Balkan-Halbinsel zu verfolgen, die denen der Türkei diametral entgegengesetzt sind. Doch in diesem Punkt könnte das Denken von Kurz etwas kurzsichtig sein. Anders als Ungarn beispielsweise ist Österreich nicht nur ein Nachbar des Balkan, es ist auch ein alpines Land. Mit der Schließung der Balkan-Route landeten die Flüchtlinge aus Nordafrika nun über Italien in Österreich. Indem er das eine Loch stopfte, half Kurz mit, ein neues zu öffnen. Als Antwort darauf kündigte die Regierung in Wien die Mobilisierung der Armee gegen die halbverhungerten und hilflosen Männer, Frauen und Kinder an (es wurde gar vom Einsatz von Panzern gesprochen). Regierungskreise in Rom waren bestürzt über diesen plötzlichen Einsatz des österreichischen Militärs nahe der österreichisch-italienischen Grenze. Doch selbst österreichische Diplomaten begannen ihre Konsternierung über Österreich zum Ausdruck zu bringen, das in Reaktion auf die Flüchtlingsfrage eine Verschlechterung der Beziehungen zu beiden wichtigsten Nachbarn, Deutschland im Norden, Italien im Süden, in Kauf nahm. Dennoch gab es für Kurz kein Innehalten, da es ihm mit seiner Außenpolitik gegen Flüchtlinge gelang, eine Welle des Nationalismus in Teilen der Bevölkerung zu entfachen. Unter den Ingredenzien dieses Nationalismus befanden sich neben der Angst vor den Flüchtlingen und der Islamophobie alte anti-deutsche und anti-italienische Ressentiments, die plötzlich Wiederauferstehung feierten.
Zusätzlich zur Flüchtlingsfrage begann Kurz in wachsendem Maße die Koalitionsregierung selbst in Frage zu stellen, die zu einer Stagnation und Blockade verurteilt war, welche er zum Teil selbst zu verursachen mitgeholfen hatte. Letztendlich waren alle Beteiligten erleichtert, als die Koalition beendet wurde und Neuwahlen ausgerufen wurden. Noch in der Regierung begann Kurz seinen Wahlkampf und entwickelte die Rhetorik eines Oppositionsführers. Er profitierte von seiner Jugend, um sich als Verfechter einer Revolte gegen "das Establishment", dem er selbst angehört, zu präsentieren. Sein Erfolg mit dieser Masche ist umso erstaunlicher, wenn man das Scheitern der benachbarten bayrischen CSU in Deutschland unter Seehofer berücksichtigt, der als Mitglied der Großen Koalition in Berlin versuchte, sich ebenfalls als Oppositionskraft in der Flüchtlingsfrage zu präsentieren. Die CSU verlor mehr Stimmen in den jüngsten Bundestagswahlen als jede andere Partei in der Regierungskoalition. Auf dieser Ebene scheint Kurz noch etwas Anderes mit Macron gemeinsam zu haben: eine hochentwickelte Fähigkeit, politische Macht zu erringen und zu handhaben. Doch während für Macron die Macht nicht ein Selbstzweck ist, sondern Mittel zur Verwirklichung eines politischen Programms für das nationale Kapital, ist es überhaupt noch nicht klar, was Kurz erreichen will. Abgesehen vom vagen Versprechen, Steuern zu senken und Österreich zu einem sicheren und heimeligen Ort zu machen, scheint niemand zu wissen, was er zu beabsichtigen gedenkt. Ob er es selbst weiß?
Neben der "Liste Kurz" ist der Hauptgewinner dieser Wahlen die rechtspopulistische FPÖ. Unter ihrem Führer Christian Strache (ein rhetorisches Talent) erreichte sie fast das Rekordergebnis, das von den "Freiheitlichen" unter dem berüchtigten Jörg Haider vor einem Vierteljahrhundert erzielt worden war. Sie erhielt fast genauso viele Stimmen wie die seit Jahrzehnten führende Partei des österreichischen Staates, die SPÖ. Heute ist die FPÖ eine der erfahrensten, bestorganisierten und etablierten rechtspopulistischen Parteien in Europa. Es gelingt ihr, viele Fehler ähnlicher Parteien in anderen EU-Ländern zu vermeiden. Zum Beispiel kritisierte sie Madame Le Pen und ihren Front National heftig dafür, mit dem Gedanken zu spielen, die Europäische Union oder die Eurozone zu verlassen. Stattdessen ruft die FPÖ Österreich dazu auf, eine führende Rolle dabei zu spielen, die EU "mehr zu einer Union der Vaterländer" und den Euro zu einer eher "nordischen" Währung (die sich Griechenland und möglicherweise anderer südeuropäischer Mitglieder entledigt) zu machen. Sie verurteilte auch den Vorschlag von Geert Wilders in den Niederlanden als lächerlich, den Koran zu verbieten. All dies bedeutet nicht, dass die Positionen und Mitglieder der FPÖ weniger "extremistisch" sind als in den Tagen Jörg Haiders. Doch es sollte daran erinnert werden, dass sich Haider vor seinem Tod in einem Autounfall von der FPÖ abgespalten und seine eigene Partei, die BZÖ (die nicht mehr im Parlament vertreten ist), gegründet hatte. Die FPÖ von heute ist nicht mehr die FPÖ Haiders. Sie ist professioneller, "marktliberaler", und vor allen Dingen ist eine Strömung verschwunden, die unter Haider eine herausragende Rolle gespielt hatte: die "Deutschnationalen". Dies war die Strömung gewesen, die zum Teil aus Nostalgie für das Dritte Reich ihre Symphathie für die Idee einer "Wiedervereinigung" Österreichs mit Deutschland bekundet hatte. Diese Option ist zurzeit ein Non-Thema für die Hauptfraktionen der österreichischen (und auch der deutschen) Bourgeoisie. Im vergangenen Vierteljahrhundert ist es der FPÖ gelungen, sich sowohl der österreichischen als auch der europäischen Bourgeoisie genehmer zu machen. Als Jörg Haiders FPÖ im Jahr 2000 eine Regierung mit der ÖVP bildete, gab es heftige Proteste auf den Straßen Österreichs und Europas, und die Europäische Union erzwang eine Art von diplomatische Halb-Isolation gegen ihr österreichisches Mitglied. Heute könnte die Situation kaum unterschiedlicher sein. Nicht nur die ÖVP, sondern auch die SPÖ hat ihre Bereitschaft signalisiert, mit der FPÖ zu regieren; es sind keinerlei Einwände aus den anderen europäischen Staaten hören, und bis jetzt gibt es auch keine Demonstrationen.
Der gegenwärtige Erfolg der FPÖ ist eine weitere Bekräftigung des Scheiterns der Politik des früheren ÖVP-Kanzlers Schüssel, der die Bildung einer Regierung mit Jörg Haider im Jahr 2000 mit dem Argument gerechtfertigt hatte, dass die Einbeziehung der Populisten in die Macht ihnen ihren Anti-Establishment-Nimbus rauben werde. Jetzt ist die FPÖ nicht nur stärker denn je, sie ist auch imstande geblieben, ihr Image als Protestpartei aufrechtzuerhalten. Sie hat dies zum Teil auf der Länder- und Gemeindeebene und zum Teil, wie die FPÖ selbst sagt, vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban gelernt. Obwohl Orban seit mittlerweile sieben Jahren der Chef der ungarischen Regierung ist, gelingt es ihm zum Teil noch immer, sich als eine Oppositionskraft darzustellen: in Opposition gegen "Brüssel", gegen das "Finanzkapital" oder gegen die "Open Society Foundation" seines Lieblingsfeindes, des US-ungarischen Hedge Fond-Milliardärs George Soros. Im Grunde stützt sich die "Anti-Establishment"-Reputation von Parteien wie der FPÖ auf ihre Bereitschaft, Maßnahmen zu befürworten - und umzusetzen -, die einigen Interessen der "Eliten" und selbst der Wahrung der Interessen des nationalen Kapitals in seiner Gesamtheit widersprechen, die aber in Teilen der Wählerschaft populär sind. Die "Business as usual"-Reaktion der Bourgeoisie in Österreich und im Rest Europas bedeutet nicht, dass man nun denkt, die FPÖ sei zu einem verlässlichen Repräsentanten ihrer Interessen geworden. Sie spiegelt in erster Linie eine gewisse Resignation angesichts des Unvermeidlichen wider. Unfähig, das Problem des "Populismus" zu lösen, der die Frucht der Verrottung ihres eigenen Systems ist, muss die Bourgeoisie das Beste daraus machen und seine negativen Auswirkungen so weit wie möglich begrenzen.
Das gegenwärtige Steckenpferd der FPÖ ist, dass Österreich sich der "Visegrad"-Gruppe anschließen soll, einer informellen Umgruppierung Ungarns, der Tschechischen Republik, Slowakei und Polens, ursprünglich gebildet, um dem Übergewicht der alten westlichen Mitglieder in den Institutionen der Europäischen Union entgegenzuwirken. Zunächst nicht mehr als eine lose Koordinierung, erlangte sie durch die gegenwärtige Flüchtlingskrise und durch den Aufstieg des Populismus in Europa einen neuen Anstoß und eine neue Bedeutung. Ungarn und Polen haben bereits rechts-"populistische" Regierungen. Die ANO von Andrej Babis (bekannt als "der Donald Trump der Tschechischen Republik" - tatsächlich ist er Slowake) hat jüngst die Wahlen in Prag gewonnen. Alle vier Länder verweigern am lautesten die Aufnahme von Flüchtlingen und Muslimen in ihren Ländern. Nach seinem Wahlsieg erklärte Babis, dass er davon ausgeht, dass Österreich und Sebastian Kurz sich der "anti-liberalen Front", wie er sie bezeichnet, innerhalb der EU anschließen. Die "Visegrad-Bewegung", wie sie mittlerweile genannt wird, tendiert dazu, dem Populismus eine zusätzliche Dimension zu verleihen, indem sie eine Politik der "populären Provokation" als Bestandteil der Beziehungen zwischen den Regierungen der Europäischen Union etabliert. Doch die FPÖ hat eine weitere Provokation im Ärmel: Sie möchte die Frage Südtirols "neu stellen", gegenwärtig eine norditalienische Provinz, deren Rückkehr nach Österreich viele in der FPÖ möchten. Abhängig davon, ob die FPÖ in die Regierung tritt oder nicht und wie weit sie in dieser Frage zu gehen beabsichtigt, könnte dies zur ersten Infragestellung von Grenzen zwischen zwei Mitgliedern der Europäischen Union führen (die Regel ist, dass die EU keine Mitgliedschaft von Ländern zulässt, die Grenzen mit EU-Ländern anfechten).
Die Anhänger der politischen Stabilität nicht nur in Österreich selbst hätten es vorgezogen, wenn die vorherige Koalition unter Christian Kern ihre Arbeit hätte fortsetzen können. Die SPÖ und selbst die ÖVP haben noch den Ruf, die zwei verantwortungsvollsten und verlässlichsten Staatsparteien zu sein. Beide zusammen haben eine stabile Mehrheit, um eine neue Koalition zu bilden, diesmal unter der Führung von Sebastian Kurz. Doch genau diese Option erscheint in vielerlei Hinsicht als die problematischste. Weil Kurz einen Wahlkampf gegen die Große Koalition geführt hatte, erscheinen nicht nur die Stimmen der FPÖ, sondern auch die der ÖVP als Stimmen gegen die Große Koalition. Dies zu ignorieren würde bedeuten, die politische Führung des Landes in einen eklatanten Widerspruch zu ihrer demokratischen Ideologie zu setzen. Das Dilemma der österreichischen Bourgeoisie heute besteht darin, dass die machbaren Alternativen zu einer Großen Koalition beide die FPÖ in der Regierung vorsehen.
Einige Wochen vor den österreichischen Wahlen war die deutsche Bourgeoisie bei ihren Bundestagswahlen in der Lage, auf den Aufstieg der rechts-"populistischen" Alternative für Deutschland zu antworten, indem sie eine neue Sechs-Parteien-Konstellation im Parlament schuf. Die Option, die Große Koalition (Christ- und Sozialdemokraten) in Berlin zu beenden, wurde eröffnet, indem die liberale FDP zurück in den Bundestag gebracht wurde. Wenn die Etablierung einer so genannten Jamaika-Koalition zwischen den Christdemokraten, den Liberalen und den Grünen (gegenwärtig in der Verhandlung) gelingt, wird die AfD in Deutschland nicht nur auf Distanz von der Regierungsverantwortung gehalten, sie wird (durch die SPD) auch nicht die größte Oppositionspartei im neuen Bundestag sein. In Österreich wurden keine solchen Vorkehrungen getroffen. Im Gegenteil. Der Wahlkampf dort war von einem brutalen Machtkampf zwischen der SPÖ und der ÖVP dominiert, der so weit ging, dass Kern und Kurz völlig blind gegenüber allem Anderen zu sein schienen. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden nahm solch skandalöse Ausmaße an (eklatante Verleumdungen und Intrigen), dass die FPÖ (normalerweise der Provokateur par excellence) in der Lage war, ruhig an der Seitenlinie zu bleiben und sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Unter diesen Umständen achtete niemand großartig auf die Tatsache, dass die Grünen (die einzige etablierte Partei, die den Slogan "Refugees welcome" aufrechthielt) unter einem monströsen fremdenfeindlichen Wahlkampf aller drei größeren Parteien begraben wurde und sich wegen eines Machtkampfes in ihren Reihen spaltete. Das Resultat war, dass die Grünen nicht mehr im neuen Parlament vertreten sind. Es ist eine Partei, der die österreichische Bourgeoisie seit Jahren als eine zusätzliche Regierungsoption, als eine mögliche Alternative zur FPÖ wohlgesonnen war.
Noch nach dem Ersten Weltkrieg war Wien eines der großen Zentren des kulturellen Lebens und des Wissens in Europa gewesen. Eines der Hauptzentren des intellektuellen Lebens in jenen Jahren dort war der regelmäßige öffentliche Ein-Mann-Dialog der meist gefeierten Figur im Wiener Kulturleben damals gewesen. Diese Person war nicht Sigmund Freud (der Vater der Psychoanalyse) oder Robert Musil (einer der Schöpfer des modernen Romans) oder Arnold Schönberg (der die moderne "klassische" Musik revolutionierte). Es war ein Mann namens Karl Kraus. Kraus war imstande, auf der Grundlage einer Analyse der Veränderungen im lokalen Wiener Slang oder der Art und Weise, wie Schlagzeilen in der Sensationspresse oder Todesanzeigen formuliert wurden, ein Gespür dafür zu zu bekommen, was in der Gesellschaft vor sich geht - und dies nicht nur in Österreich. Er war wie jemand, der einen einzigen Regentropfen betrachtete und in ihm die ganze ihn umgebende Landschaft detailliert widergespiegelt sah. Statt diese Details zu ignorieren oder in ihnen verloren zu gehen, strebte er danach, die allgemeinen Wahrheiten zu entschlüsseln, die in den charakteristischen Besonderheiten enthalten waren. Es ist klar, dass die Analyse der Wahlen in Österreich heute uns ebenfalls zu einem besseren Verständnis der politischen Weltlage insgesamt verhelfen kann. Österreich ist eines der Länder in Europa, wo sich der zeitgenössische Rechtspopulismus am frühesten und am stärksten entwickelt hatte. Heute ist die FPÖ auf Augenhöhe mit den beiden traditionellen, etablierten Parteien in Österreich. Wie die Brexiteers in Großbritannien, die Trumpisten in den Vereinigten Staaten oder die Unabhängigkeitsanhänger in Katalonien sind sie bereit, Dinge zu tun, die die Leute hinter ihnen mobilisieren, selbst wenn diese Dinge gelegentlich den Interessen des Kapitals und selbst ihren eigenen Partikularinteressen widersprechen.
Die vielleicht auffälligste Besonderheit Österreichs, die die Entwicklung des Populismus dort befördert hat und die gleichzeitig eine allgemeine Tendenz im zeitgenössischen Kapitalismus repräsentiert, ist der Niedergang des parteipolitischen Apparates. Die SPÖ und die ÖVP hatten ein solch unumstrittenes Monopol der parteipolitischen Macht über ein dreiviertel Jahrhundert lang gehabt, dass sie sich zumeist um die Wahrung ihrer eigennützigen Interessen kümmerten, statt ihren Job fürs Kapital zu verrichten. Sie sind auch in den Augen eines bedeutenden Teils der Bevölkerung immer unglaubwürdiger geworden. Genau in dieser Frage hat Sebastian Kurz so etwas wie ein eigenes politisches Projekt vorgeschlagen: die "Rationalisierung",die "Größenreduzierung" des Parteiapparates der ÖVP. Wenn er dies ernst meint, wird es zur Folge haben, dass Parteimitglieder ihre Privilegien und gar ihre Jobs verlieren. Dies würde unweigerlich neue Konflikte schaffen, diesmal in der ÖVP selbst. Aufgrund ihrer Unfähigkeit, der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit eine Perspektive vorzustellen, hat die herrschende Klasse enorme Schwierigkeiten bei der Erneuerung ihres parteipolitischen Apparates. Mit den jüngsten Wahlen scheint Österreich tiefer in den Sumpf seiner politischen Krise im Kontext des kapitalistischen Zerfalls zu sinken.
Steinklopfer, 23.10.2017
Vor 72 Jahren, im August 1945, wurden die beiden ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Nach den massiven Zerstörungen, die im Zweiten Weltkrieg bereits mit allen Arten von Waffen, insbesondere Brandbomben, angerichtet worden waren, leitete der Gebrauch von Atombomben eine neue Stufe potenzieller Zerstörungskraft ein, die den ganzen Planeten bedroht.
Am 9. September 2017 zeigten nordkoreanischen Medien anlässlich des Gedenkens an die Etablierung des nordkoreanischen Regimes ein riesiges, staatlicherseits organisiertes Fest mit einem strahlenden Kim Jong-un, der die Wasserstoffbombe als "eine außergewöhnliche Leistung und ein großes Ereignis in der Geschichte unseres Volkes" pries.
Nordkorea hat erfolgreich eine Nuklearexplosion durchgeführt, deren Stärke alle vorherigen Tests weit übertraf. Nordkorea ist damit in den exklusiven Klub der Atommächte der Welt eingetreten. Die Nachrichten über diesen jüngsten Schritt im Abstieg der bürgerlichen Gesellschaft in die Barbarei kamen nicht aus heiterem Himmel. Der makabre Triumph der Massenzerstörungstechnologie seitens des stalinistischen Regimes in Pjöngjang ist der Höhepunkt monatelanger gegenseitiger Drohungen der Vereinigten Staaten von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik Korea. Nordkorea hat bereits 17 Raketentests in diesem Jahr durchgeführt - mehr als alle früheren Tests zusammengenommen. Mit der Drohung, die zu den USA gehörende Pazifikinsel Guam oder Ziele auf dem amerikanischen Festland anzugreifen, hat der Showdown zwischen Nordkorea und den USA eine neue Stufe erreicht. Die USA drohen mit ihrem gesamten Arsenal militärischer, wirtschaftlicher und politischer Waffen: Präsident Trump spricht darüber, Nordkorea mit "Feuer und Zorn" heimzusuchen, falls die USA oder irgendeiner ihrer Verbündeten von diesem Regime angegriffen wird. Das Risiko, dass dabei Atomwaffen eingesetzt werden, erhöht die Einsätze wie nie zuvor und stellt eine direkte Bedrohung für einige der größten Metropolen Asiens - Seoul, Tokio, etc. - dar. Die jüngsten militärischen Schritte der USA und ihrer Verbündeten Korea und Japan (namentlich die Installierung des neuen THAAD-Raketensystems in Südkorea) haben die Konfrontation zwischen den USA und China verschärft und andere Länder in diesen Mahlstrom gezogen.
Jahrzehntelang, während des Kalten Krieges, waren hauptsächlich die Großmächte mit Atomwaffen ausgerüstet. Doch nach 1989 hat eine Reihe von weiteren Ländern Zugang zur Atombombe erlangt oder versucht es, was die Gefahr der gegenseitigen Zerstörung noch unkalkulierbarer macht. Es müssen unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden, um zu verstehen, warum "Underdogs" wie Nordkorea die Fähigkeit entwickelt haben, eine atomare Bedrohung darzustellen. Diese Entwicklungen können nur in einem breiteren historischen und internationalen Kontext verstanden werden.
Infolge der Verheerungen durch den Zweiten Weltkrieg und des Korea-Krieges, der einige Jahre später folgte, mussten sich sowohl der Norden als auch der Süden beim Wiederaufbau auf ihre "Schutzmächte" stützen. Nordkorea wurde von China und Russland abhängig, zwei Länder, die von stalinistischen Regimes beherrscht wurden, die unfähig waren, auf dem Weltmarkt zu bestehen, und den fortgeschritteneren kapitalistischen Ländern hinterherhinkten. Russland war infolge der Niederlage von Nazi-Deutschland Blockführer geworden, doch war es durch den Krieg aufs Schwerste ausgezehrt und musste nun den größeren Teil seiner Ressourcen dem neuen Rüstungswettlauf im Kalten Krieg widmen. Der Gegensatz zwischen den beiden Blöcken lässt sich in der Tatsache zusammenfassen, dass ein erschöpftes Russland Fabriken in Ost- und Mitteleuropa demontieren musste, während die USA große Geldbeträge besonders in den deutschen und koreanischen Wiederaufbau pumpten (Marshallplan).
Der nordkoreanische Wiederaufbau folgte dem stalinistischen Modell. Obwohl er vor 1945 wirtschaftlich entwickelter als der Süden und besser ausgestattet mit Rohstoffen und Energiequellen war, litt der Norden unter einer ähnlichen Rückständigkeit - typisch für Regimes, die im Würgegriff des Militarismus waren und von einer stalinistischen Clique angeführt wurden. So wie die Sowjetunion nicht imstande war, wirtschaftlich konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt zu werden, und stark vom Einsatz (oder seiner Androhung) ihrer militärischen Kapazitäten abhing, so war auch Nordkorea unfähig, auf wirtschaftlicher Ebene Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt zu erlangen. Seine Hauptexporterzeugnisse sind Waffen, einige Rohstoffe und seit jüngerem billige Textilien und Teile seiner Arbeitskräfte, die das nordkoreanische Regime in Gestalt von "Vertragsarbeiter_innen" an Unternehmen anderer Länder verkauft.[1]
Gleichzeitig ist die Abhängigkeit von seinen Verteidigern China und Russland stark gestiegen; 90 Prozent des nordkoreanischen Handels beschränkt sich auf China. Beherrscht von einer Parteidiktatur, die eine straffe Kontrolle über die Armee ausübt und in der jegliche rivalisierende bürgerliche Fraktion eliminiert worden ist, hat das Regime dieselben angeborenen Schwächen wie alle Regimes unter stalinistischer Kontrolle[2], dennoch hat es Jahrzehnte des Mangels, Hungers und der Repression überlebt. Der militärische und politische Apparat war in der Lage gewesen, jegliche Erhebung der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiterklasse, zu verhindern. Im Vergleich zur jahrzehntelangen Herrschaft anderer Dynastien in unterentwickelten Ländern hält Nordkorea den Rekord mit einem Familienclan (Kim Il-sung, Kim Jong-il und Kim-Jong-un), der seine Bevölkerung nun schon seit mehr als sechzig Jahren terrorisiert und sie dazu zwingt, sich seinem groteskesten Personenkult zu beugen.[3]
Angesichts der nationalistischen Ambitionen des Südens und der imperialistischen Interessen der US A und unfähig, auf irgendeine wirtschaftliche Stärke zu bauen, kann das Regime nur mit extremer Repression nach innen und mit militärischer Erpressung nach außen überleben. Und im Zeitalter der Atomwaffen ist die Erpressung furchterregend genug, um seine Feinde abzuschrecken.
Kim Jong-un sieht in der Atombombe seine Lebensversicherung. Wie er selbst öffentlich erklärte, hat er die Lehre daraus gezogen, was in der Ukraine und in Libyen einerseits und in Pakistan andererseits geschah. Nach der Auflösung der UdSSR war der neu gebildete ukrainische Staat - unter massivem Druck nicht nur aus Moskau, sondern auch aus Washington - gezwungen worden, die Atomwaffen auf seinem Territorium an die Russen auszuhändigen. Was Libyen angeht, so willigte es ein, im Austausch für eine Beendigung der internationalen Isolation des Gaddafi-Regimes in Tripolis seine Versuche aufzugeben, eine Atombombe zu erlangen. Ein ähnliches Schicksal ereilte den Irak, wo Saddam Husseins Regime sein Atomprogramm infolge der Drohungen vor allem aus den USA fallenließ.[4] Dagegen gelang es Pakistan, in den Besitz "der Bombe" zu kommen. Was an diesen Beispielen auffällt, ist die Tatsache, wie unterschiedlich Länder behandelt werden, abhängig davon, ob sie eine atomare Kapazität besitzen oder nicht. Bis zum heutigen Tag haben die Vereinigten Staaten Pakistan noch nie militärisch bedroht. Und dies trotz der Tatsache, dass das Regime in Lahore immer noch ein bedeutender Unterstützer der Taliban in Afghanistan ist, Bin Laden Unterschlupf gewährt hat und sich China, dem Hauptrivalen der USA, immer mehr annähert. Im Gegensatz dazu wurden die Ukraine, ihrer Atomwaffen entledigt, von Russland und Libyen von Frankreich und Großbritannien (mit den USA im Hintergrund) militärisch angegriffen. Die Lektion ist klar: In den Augen ihrer Führer ist "die Bombe" vielleicht das wirksamste Mittel für schwächere Mächte, um zu verhindern, dass sie zu sehr herumgeschoben oder gar von den stärkeren gestürzt werden. Diese Politik wird freilich von den Großmächten als inakzeptabel betrachtet, die seit Jahrzehnten über ein atomares Arsenal verfügen und die atomare Bedrohung für ihre eigenen imperialistischen Interessen nutzen. Obwohl der Kalte Krieg vorüber ist, halten alle existierenden Atommächte (USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien) gigantische Arsenale von Atomwaffen - geschätzte 22.000 Atombomben. Und die USA - als die einzige verbliebene Supermacht, auch wenn geschwächt und überall in der Welt herausgefordert - haben es ihrem langjährigen Verbündeten Israel und einem Land wie Indien gestattet, sich selbst mit Atomwaffen auszurüsten, solange sie für die USA von Nutzen sind (im Falle Indiens ist es sein Gegengewicht zu China und Pakistan). So haben die USA selbst zur Weiterverbreitung von Atomwaffen beigetragen. Unter den existierenden Atommächten können bis jetzt nur russische und chinesische Raketen US-Territorium erreichen, iranische Raketen (ob mit Atomsprengköpfen ausgerüstet oder nicht) nicht. Nordkorea wäre der erste "Schurkenstaat", der dazu in der Lage ist. Dies ist unerträglich für die USA.
In Zeiten des Kalten Krieges beschränkte sich die Androhung, Atomwaffen einzusetzen, auf die Großmächte. Seit 1989 bedeutete die Weiterverbreitung von Kernwaffen, dass immer mehr Länder Zugang zu ihnen erlangen bzw. sie schnell herstellen können; und niemand kann die Gefahr ausschließen, dass diese Waffen in die Hände von terroristischen Gruppierungen gelangen können. Die Drohung eines „bipolaren" nuklearen Holocausts hat dem noch schlimmeren Albtraum eines "multi-polaren" Genozids Platz gemacht.
Doch die neue Eskalation kann nicht allein mit den Besonderheiten des nordkoreanischen Regimes und seines Überlebenskampfes erklärt werden. Der Konflikt in Korea selbst verleiht wegen der geostrategischen Lage Koreas und seine Bedeutung für die USA und China ihrer globalen imperialistischen Rivalität eine weitere Qualität.
Korea war immer das Objekt imperialistischer Ambitionen seiner Nachbarn gewesen. In der Sonderausgabe unserer INTERNATIONALEN REVUE (engl., franz., span. Ausgabe) über den Fernen Osten schrieben wir: "Die Gründe liegen auf der Hand: Umgeben von Russland, China und Japan, machte Koreas geographische Lage es zu einem Sprungbrett für eine Expansion von einem Land in das andere. Korea sitzt unentrinnbar gefangen in der Klemme zwischen dem japanischen Inselreich und den beiden kontinentalen Imperien Russland und China. Die Kontrolle über Korea ermöglicht die Kontrolle über drei Meere - das Japanische Meer, das Gelbe Meer und das Ostchinesische Meer. Unter der Kontrolle eines Landes könnte Korea als Messer im Rücken anderer Länder dienen. Seit den 1890er Jahren war Korea das Objekt der imperialistischen Ambitionen der größten Räuber in dieser Region gewesen, die anfangs nur zu dritt waren: Russland, Japan und China - mit der entsprechenden Unterstützung resp. des jeweiligen Widerstandes der europäischen und US-amerikanischen Räuber, die im Hintergrund agierten. Auch wenn besonders der nördliche Teil Koreas einige wichtige Rohstoffe besitzt, ist es vor allem seine strategische Lage, die das Land zu einem unverzichtbaren Eckpfeiler für den Imperialismus in der Region macht."[5]
Besonders seit der Aufteilung des Landes im Korea-Krieg dient Nordkorea als Puffer zwischen China und Südkorea und somit zwischen China und den USA. Wenn das Regime im Norden fällt, wären nicht nur südkoreanische, sondern auch US-Truppen näher denn je an der chinesischen Grenze stationiert - ein Albtraum für China. So ist China dazu verdammt, das Regime in Nordkorea zu unterstützen, um seine eigenen Grenzen vor allem gegen die USA zu schützen. Angesichts der Neigung des nordkoreanischen Regimes, unvorhersehbar und eigenwillig zu handeln, musste China zwar einigen Sanktionen gegen Pjöngjang zustimmen, lehnte aber eine völlige Strangulierung des Regimes ab. Für China ist die aggressive Politik des nordkoreanischen Regimes ein zweischneidiges Schwert: Einerseits provoziert sie eine stärkere, militärische Reaktion der USA, Südkoreas und Japans und schwächt die chinesische Position an der Nordflanke, wobei es jedoch möglicherweise mehr Raum für Manöver an seiner Südflanke (zum Beispiel das Südchinesische Meer) lässt. Aber der Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes würde China gegenüber den USA und seinem Erzfeind Japan weitaus verwundbarer machen. Und die Konsequenzen eines möglichen Kollapses des nordkoreanischen Regimes sowie die Welle von Flüchtlingen, die dann nach China oder über China fliehen, sind äußerst beängstigend für Peking.
Obwohl in ihrer Position bedroht und untergraben, können die USA - paradoxerweise - von den nordkoreanischen Drohungen auch profitieren, weil sie eine willkommene Rechtfertigung für ihre eigene militärische Präsenz oder die ihrer Verbündeten rund um China sind. Wir können davon ausgehen, dass, wenn Nordkorea nicht so provokant agiert hätte, die USA nicht so leicht das THAAD-Waffensystem in Südkorea hätten installieren können. Jede Waffe, die in Südkorea aufgestellt wird, kann leicht gegen China genutzt werden; was sich für Südkorea als "defensive" Waffe darstellt, ist eine "offensive" Waffe gegen China.
Der Konflikt zwischen Nordkorea und Südkorea sowie den USA wird durch die neue Konstellation im Fernen Osten verschlimmert. Fast zeitgleich mit seinem ökonomischen Aufstieg in den 1990er Jahren begann China auch neue imperialistische Ambitionen zu entwickeln. So haben wir die Modernisierung seiner Armee gesehen, die Etablierung der "Perlenschnur"-Marinebasen rund um sein Territorium und in den Gewässern des Indischen Ozeans und Südostasiens - eine Art militärische Besetzung zumindest eines Teils des Südchinesischen Meeres; der Aufbau von Militärbasen in Dschibuti; wachsendes ökonomisches Gewicht in Afrika und Lateinamerika; kombinierte Manöver mit den Russen in der Ostsee, im Mittelmeer und im Fernen Osten, etc. Die USA haben China zur Nummer eins unter den Gefahren erklärt, die in Schach gehalten werden müssen. Daher ist der Prozess der Wiederbewaffnung Japans (möglicherweise sogar die Gestattung von Atomwaffen) wie auch der wachsenden militärischen Anstrengungen in Südkorea Teil einer globalen Strategie sowohl zum Schutz Südkoreas als auch zur Eindämmung Chinas. Natürlich hat dies der US-Rüstungsindustrie einen zusätzlichen Schub gegeben. Zusammen mit Saudi-Arabien ist Südkorea zum wichtigsten Kunden der US-Waffenindustrie geworden. Sein Beitrag zur Finanzierung des enormen Militärapparates der USA heute ist beträchtlich.
Gleichzeitig erschwert Nordkoreas Fähigkeit zu Nuklearschlägen es dem US-Imperialismus, militärisch in dieser Region zurückzuschlagen, und es ist wahrscheinlich, dass dies seine Entschlossenheit stärken wird, in anderen Hotspots gegen China zu antworten.
Jegliche direkte militärische Konfrontation mit Nordkorea würde eine Kette von Verwüstungen auf beiden Seiten auslösen. Die Hälfte der südkoreanischen Bevölkerung lebt im Gebiet von Seoul, und viele der 250.000 US-Amerikaner in Südkorea leben in der Region - leicht erreichbar von nordkoreanischen Raketen. Trumps "Feuer und Zorn"-Drohungen würden zum Tod nicht nur einer sehr hohen Zahl von Koreanern, sondern auch vieler US-Bürger führen. Die Auslöschung des Regimes in Nordkorea kann nur auf Kosten gigantischer Zerstörungen in Südkorea erreicht werden - ganz zu schweigen von der Eskalation, die dies auf globaler imperialistischer Ebene bedeuten würde.
Die herrschende Ansicht in der Mainstream-Presse über diese Entwicklungen ist, dass sie die Folge daraus sind, dass ein Verrückter in Pjöngjang an der Macht sitzt oder dass hier Narzissmus und Irrationalität sowohl von Kim Jong-un als auch von Trump Hand in Hand gehen. Es ist richtig, dass beide viele aufschlussreiche Muster für eine psychoanalytische Untersuchung präsentieren und dass die Art, wie sie sprechen und handeln, der Eskalation einen spektakulären und nahezu hysterischen Tonfall verleihen. Doch wir haben bereits gesehen, dass vom Standpunkt der Verteidigung seines nationalen Kapitals die Atompolitik Kim Jong-uns sehr wohl einen Sinn macht. Die wahre Irrationalität liegt viel tiefer - in der Irrationalität der nationalen Konkurrenz in einer Ära des fortgeschrittenen kapitalistischen Verfalls. Der Rüstungswettlauf im Fernen Osten ist nur ein Ausdruck des sich verbreitenden Krebsgeschwürs des Militarismus, seinerseits das zwangsläufige Produkt eines Gesellschaftssystems, das in einer historischen Sackgasse gefangen ist. Kein Politiker, welches psychologische Profil er auch immer hat, kann der tödlichen Logik dieses Systems entkommen. Der sehr intelligente und wortgewandte Obama versprach, das katastrophale Engagement der Bush-Administration im Nahen Osten herunterzufahren; doch kaum hatte er Truppen aus Afghanistan und dem Irak zurückgezogen, war er gezwungen, die Präsenz der USA im Fernen Osten zu erhöhen. Trump kritisierte seine Vorgänger für ihre Unfähigkeit, Verwicklungen in "ausländische Kriege" zu vermeiden, besonders im Nahen Osten, doch muss er nun die Militärpräsenz der USA fast überall erhöhen, einschließlich des Nahen Ostens. In Wahrheit haben sowohl Obama als auch Trump demonstriert, dass der Einfluss des Militarismus stärker ist als die Deklarationen und Wünsche einzelner Politiker.
Die Geschichte hat gezeigt, dass China einen hohen Preis im Kampf um Korea gezahlt hat. Im Koreakrieg trugen Maos Truppen ihre erste ausländische Invasion aus und erlitten hohe Verluste. Seit dem Zweiten Weltkrieg und erst recht nach dem Koreakrieg waren die USA in der Lage gewesen, die Unterhaltung riesiger Stützpunkte in der Region mit der chinesischen Gefahr zu rechtfertigen. Hinzu kommt Chinas Rivalität mit Japan. In solch einem Kontext, wo es im Moment nicht darum geht, Waffen gegen Südkorea einzusetzen, spielt China die ökonomische Karte. Sein Ziel ist es, Südkorea so weit wie möglich von der chinesischen Wirtschaft abhängig zu machen. Schon heute ist der Hauptexportmarkt Südkoreas China (um die 23 Prozent), nicht mehr die Vereinigten Staaten (rund 12 Prozent). Und Südkorea ist der viertgrößte Exportmarkt für chinesische Produkte. Die Aufstellung des THAAD-Raketenabwehrsystems in Südkorea steht symbolhaft für den herben Rückschlag, den diese Politik erlitten hat. Peking sah sich veranlasst, sofort mit der Androhung wirtschaftlicher Sanktionen gegen Seoul zu reagieren. Die Politik Pekings gegenüber Pjöngjang war es seit einiger Zeit, zu versuchen, es zu überreden, dem Beispiel Chinas oder Vietnams zu folgen: Privatisierung von Staatsunternehmen und die Öffnung für ausländische Investitionen, während die stalinistische Partei an der Macht bleibt. Kim Jong-un hat sich selbst als viel offener gegenüber solcher Idee erwiesen als sein Vater. Zwischen 30 und 50 Prozent der Wirtschaft, heißt es, befinden sich heute in privater Hand, was, wie die Erfahrung aus den osteuropäischen Ländern, aus Russland und China gezeigt hat, bedeutet, hauptsächlich in den Händen von Cliquen, die der Partei angehören oder der Partei und der Armee loyal gegenüber sind. Auch wenn diese Privatisierungen nicht offiziell sind (sie haben keine gesetzliche Grundlage, so dass sie jederzeit widerrufen werden können), scheinen sie einige Wirtschaftszweige effizienter gemacht zu haben. Selbst ein eigenes Fernsprechsystem, mit einer Million Benutzer, ist (mit der Hilfe eines ägyptischen Unternehmens) eingerichtet worden. Doch trotz alledem haben sich die Beziehungen zwischen Peking und Pjöngjang in den letzten Jahren stetig verschlechtert, und der Einfluss, den China auf Letzteres ausübt, schwindet deutlich. Der Hauptkonfliktherd ist das Atomprogramm. Auch wenn er auf die chinesischen Vorschläge für eine wirtschaftliche Weiterentwicklung bis zu einem gewissen Umfang eingeht, hat Kim Jong-un nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine erste Priorität "die Bombe" ist, nicht die Wirtschaft. Für ihn ist die Bombe die Garantie für das Überleben seines Regimes. Sobald dies erreicht ist, sagt er, werden wir uns um die Wirtschaft kümmern. Kims Bombe ist also nicht nur das Symbol für die Grenzen des chinesischen Einflusses, sie zeigt auch, wie sehr militärische Interessen gegenüber den ökonomischen Interessen überwiegen.
Die Tatsache, dass China kein Blockführer ist, der Nordkorea "disziplinieren könnte, ist ein zusätzliches Element in der Tendenz des "Jeder für sich" und macht die Situation noch unkalkulierbarer. Schließlich muss betont werden, dass, während Kim Jong-un und seine Armee mithilfe der Bombe um ihr Überleben spielen und darauf spekulieren, dass die USA einen atomaren Konflikt vermeiden möchten, solch eine Kalkulation die Herrscher des Kapitalismus noch nie dabei gestoppt hat, eine Politik der verbrannten Erde zu betreiben und ihre eigene Auslöschung zu riskieren, um an der Macht zu bleiben oder schlicht aus Rachelust. Zögerte Hitler etwa, Massaker und Exekutionen bis zu seinem letzten Atemzug anzuordnen? Hat Assad nicht die Zerstörung großer Gebiete seines eigenen Landes in Kauf genommen, um die Kontrolle zu behalten?
Wir erleben im Fernen Osten also eine Verschärfung der Spannungen zwischen den Hauptrivalen USA und China, mit Russland und Japan, die sich hinter diesen beiden führenden Mächten zusammenrotten. Doch keine dieser führenden Mächte hat einen militärischen Block hinter sich geschart. Japan und Südkorea unterstützen die USA soweit, wie die USA einen gewissen Grad an Schutz gegen Nordkorea und China anbieten können, doch sie sind keine Lakaien der USA, und sie suchen beständig nach Raum für eigene Manöver. Und Südkorea sowie Japan haben auch wegen einiger Inseln territoriale Konflikte untereinander. Unterdessen haben andere Länder, die in der Vergangenheit die USA unterstützt haben, wie die Philippinen, die beim Kampf gegen Terroristen aller Art in diesem Land auf die militärische Unterstützung der USA gebaut hatten, damit gedroht, im Konflikt im Südchinesischen Meer Partei für China zu ergreifen; und Duterte hat auch über die Möglichkeit getönt, russische und chinesische Waffen statt jene zu kaufen, die die westlichen Länder liefern. Und in Korea selbst können die Amerikaner, auch wenn die USA ein unerlässlicher Bodyguard bleiben, nicht auf die bedingungslose Loyalität der herrschenden Fraktionen Südkoreas zählen, von denen einige das Gefühl haben, dass sie lediglich Figuren auf dem Schachbrett für die USA sind.
Weil sie beide als unverzichtbare Puffer gegen die größeren Rivalen dienen, haben all die imperialistischen Räuber der Region ein Interesse daran, Korea geteilt zu halten. Dasselbe trifft auf das Regime in Pjöngjang zu. Die herrschende Klasse Südkoreas hat jedoch stets von einer Wiedervereinigung geträumt und sie regelmäßig angestrebt. Die so genannte "Sonnenschein"-Politik, die eine wachsende Zusammenarbeit mit Pjöngjang befürwortet, ist ein Versuch, den Weg zu einer langfristigen Vereinbarung mit der Hoffnung auf eine letztendliche Wiedervereinigung zu ebnen.
Dieser Traum in der herrschenden Klasse Südkoreas ist nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 stärker geworden. Dies verlieh den Bestrebungen des Südens einen Schub, die Vereinigung Koreas zurück auf die Tagesordnung der Weltpolitik zu setzen. Dem deutschen Beispiel folgend, begannen südkoreanische Politiker ihre "Sonnenschein"-Politik als eine Art koreanische Version der Ostpolitik des westdeutschen Bundeskanzlers Willy Brandt in den 1970er Jahren zu formulieren. Ihr Ziel war es, eine ökonomische und "humanitäre" Abhängigkeit des Nordens von Südkorea als Mittel zur Vorbereitung der Wiedervereinigung zu schaffen. Sobald die beiden koreanischen Staaten sich gegenseitig diplomatisch anerkannt hatten, wurden sie beide im September 1991 Mitglieder der Vereinten Nationen. Drei Monate später unterzeichneten der Norden und der Süden ein Abkommen über "Wiederversöhnung, Nicht-Aggression, Handel und Zusammenarbeit". Wenngleich noch kein Friedensvertrag, beendete dieses Abkommen offiziell den Kriegszustand zwischen den beiden Koreas. Wie die südkoreanische Regierung damals betonte, wurde der Friedensvertrag, zu dem sie aufgerufen hatte, von der Weigerung der Vereinigten Staaten unterbunden, Nordkorea diplomatisch anzuerkennen. Diese Haltung Washingtons unterminierte die "Sonnenschein"-Politik, so dass der neue Präsident, Kim Young Sam, mit der Unterstützung des US-Präsidenten Bill Clinton zur Politik der aggressiven Eindämmung des Nordens zurückkehrte. Diese Politik des Letztgenannten nahm sich zum Vorbild der so genannten Kennan-Doktrin, die im Verlauf des Kalten Krieges von den USA gegen die UdSSR entwickelt wurde. Sie besteht aus der militärischen Umzingelung und ökonomischen Strangulierung des Feindes, um dessen Regime in die Knie zu zwingen. 1994 zog US-Präsident Clinton als Reaktion auf die nordkoreanischen Fortschritte bei der Entwicklung von Atomwaffen einen Präventivschlag gegen die Atomkraftwerke des Regimes in Betracht: Trotz des Verzichts auf Atomwaffen durch Nordkorea im Genfer Rahmenabkommen im Herbst 1994 verhärteten die USA ihre Haltung gegenüber Nordkorea. Die abermalige Verschärfung des innerkoreanischen Konflikts, die daraus resultierte, trug sicherlich mit zum Ausmaß der Hungersnot bei, die Nordkorea zwischen 1995 und 1998 heimsuchte. Diese Katastrophe wiederum wurde von den "Sonnenschein"-Politikern genutzt, aufs Neue nach der Macht zu greifen.
Der Gründer des Giganten Hyundai Chung Ju Yung hat, so heißt es, die Politik der ökonomischen Strangulierung, die die Seouler Regierung praktizierte, 1998 in Frage gestellt, indem er dem Norden eintausend Kühe spendete. Anfang 2000 traf Kim Dae-jung, der prominenteste Befürworter der "Sonnenschein"-Politik, der auf dieser Grundlage die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, seinen nordkoreanischen Gegenpart Kim Jong Il (dem Vater vom Kim Jong-un). Dabei musste das Sträuben des Nordens, sich an diesem "historischen Gipfel" zu beteiligen, mithilfe einer Zahlung von 186 Millionen Dollar überwunden werden, die vom Hyundai-Konzern gestellt wurde - ein Deal, der mit der Hilfe der Spitze des südkoreanischen Geheimdienstes abgeschlossen wurde. Dem folgte 2004 ein wichtiges wirtschaftliches Projekt: die Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone in Kaesong nach dem chinesischen Modell, wo südkoreanische Unternehmen billige nordkoreanische Arbeitskräfte einstellen und ausbeuten konnten. Für seine "Sonnenschein"-Politik wurde Kim Dae-jung mit dem Friedensnobelpreis belohnt. Aber sie trug ihm und seinem Nachfolger Roh Moo-hyun auch die Opposition ihrer südkoreanischen Rivalen und der Vereinigten Staaten ein.
Nordkorea war über die triumphale Rückkehr der "Sonnenschein"-Politiker im Süden aufgebracht. Um zu begreifen, warum, muss man einen Blick darauf werfen, was in Deutschland geschah. Dort wurde das stalinistisch beherrschte Ostdeutschland 1990 ganz und gar geschluckt. In solch einer Lage würden die nordkoreanischen Stalinisten nicht nur ihre Macht verlieren, wie es in Ostberlin geschah, sondern auch ihr Leben. Die konzilianteren Töne aus dem Süden konnte die Ängste der Stalinisten in Pjöngjang, dass dies der Anfang vom Ende Nordkoreas sein könnte, nicht zerstreuen. Die Hoffnung der "Sonnenschein"-Politiker, dass das Regime im Norden ihre Politik der "Wandlung durch Zusammenarbeit" unterstützen würde, schien zunichte gemacht worden zu sein. Auch erhielt die "Sonnenschein"-Politik keinerlei Rückendeckung aus Washington.
Nach dem Intermezzo der ihres Amtes enthobenen Park Geun-hye, die für einen eher konfrontativen Kurs gegenüber dem Norden gestanden hatte, übernahm 2017 Moon die Regierungsgeschäfte.[6] Moon kam als unerschütterlicher Vertreter der "Sonnenschein"-Doktrin, die eher auf Dialog und Kooperation denn auf Konfrontation mit dem Norden setzt, an die Macht. Er war angeblich empört über die neue Eskalation zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten. Er stellte zumindest anfangs die Entscheidung von Donald Trump (die dieser offensichtlich ohne Konsultation der Moon-Regierung traf) in Frage, das amerikanische THAAD-Raketenabwehrsystem in Südkorea aufzustellen, ein Schritt, der bereits unter Park Geun-hye, der des Amtes enthobenen Präsidentin, geplant worden war. Statt sich auf die Seite von Donald Trump im jüngsten Konflikt zu stellen, rief Seoul anfangs zur Mäßigung auf beiden Seiten auf. Doch nach den jüngsten Raketentests und Drohungen bat Moon plötzlich um die Aufstellung von US-Atomwaffen und peitschte die Installierung dieses Raketensystems in Südkorea durch. Zusätzlich soll die Reichweite südkoreanischer Raketen (bis jetzt auf 800 km Reichweite beschränkt) und ihre Trägerkapazität von 500 kg deutlich erhöht werden. Es ist zu früh, den Schluss zu ziehen, dass all dies eine unumkehrbare Kehrtwende der "Sonnenschein"-Politik bedeutet, aber all dies setzt sie mit Sicherheit aufs Spiel.
In all diesen Ländern versucht die herrschende Klasse, die Arbeiterklasse auf ein nationalistisches Terrain zu ziehen. Doch die Arbeiterklasse darf sich nicht in diese Falle locken lassen. Richtig, die Kampfbereitschaft und das Bewusstsein der Arbeiterklasse in Nordkorea sind schwer einzuschätzen. Angesichts der täglichen Überwachung und des Terrors müsste der Widerstand massenhaft sein und sofort den Staat und seinen Militär- und Polizeiapparat konfrontieren. Dies erscheint im Moment als unwahrscheinlich. Darüber hinaus werden die Auswirkungen der UN-Sanktionen das nordkoreanische Regime nicht die Luft abschneiden; sie werden vor allem die Arbeiterklasse treffen. Jedes Mal, wenn ihre Herrscher erfolgreiche Raketentests verkünden, wissen die Arbeiter_innen und Bauern /Bäuerinnen, dass neue Sanktionen im Anmarsch sind, für die sie die Zeche zahlen müssen. Und sie wissen, dass ihre Herrscher sich einen Dreck um die Gefahren einer Hungersnot scheren.
Umso mehr Gewicht liegt daher auf den Schultern der Arbeiterklasse in Südkorea und China. Obwohl jahrzehntelange "antikommunistische Kampagnen" den Blick vieler Arbeiterinnen auf den Kommunismus verstellt haben, haben sich südkoreanische und chinesische Arbeiter_innen in den letzten Jahrzehnten an vielen militanten und massenhaften Kämpfen beteiligt, was ein Anzeichen dafür ist, dass sie nicht gewillt sind, sich selbst in einem imperialistischen Krieg für ihre Ausbeuter zu opfern. Und wie groß auch immer der Widerstand der Arbeiterklasse ist, um den Kriegskurs zu konfrontieren, es ist wichtig, dass es innerhalb der Klasse eine Stimme gibt, die das älteste Prinzip und Motto der Arbeiterklasse vertritt - "Arbeiter_innen haben kein Vaterland". Daher unterstützen wir das internationalistische Flugblatt, das die Genossen der koreanischen Gruppe Internationale Kommunistische Perspektive geschrieben haben und das wir hier veröffentlichen.
Wir haben einige Kritik an dieser Stellungnahme, insbesondere an ihrem Fokus auf die Aufstellung von THAAD, was der Idee Auftrieb verleihen könnte, dass Ein-Punkt-Kampagnen gleichwertig wie der Arbeiterkampf seien, um ihre Interessen gegen die Erfordernisse der Kriegsmaschinerie zu verteidigen. Die Arbeiterklasse kann ihr Bewusstsein nicht durch die Agitation gegen diese oder jene Waffe weiterentwickeln. Die Aufgabe der Revolutionäre ist es, die Sackgasse des gesamten Systems zu enthüllen und sich an den Kämpfen für Klassenforderungen zu beteiligen, die die Illusionen über eine "nationale Einheit" auseinandernehmen und eine echte Solidarität mit Arbeiter_innen in anderen Ländern entwickeln können. Jedoch sollten unterschiedliche Ansichten unter Internationalisten debattiert werden und sie nicht daran hindern, sich zusammenzuschließen, um ihre gemeinsam geteilten Prinzipien zu verteidigen. Wir möchten daran erinnern, dass Lenin und Rosa Luxemburg nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zusammen gegen den imperialistischen Konflikt kämpften, aber hitzig über die nationale Frage debattierten. Wir stehen also in Solidarität mit den Genossen der IKP und all jenen, die für einen echten Internationalismus in dieser Region kämpfen.
Internationale Kommunistische Strömung
18.9.2017
[1]Die Arbeiter_innen erhalten zwischen 120-150 Pfund und arbeiten wie Sklaven mit nur einem oder zwei freien Tagen im Monat.
[2]Siehe "Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern"; /content/871/thesen-zur-oekonomischen-und-politischen-krise-der-udssr-und-den-osteuropaeischen [905]
[3]Die Liste der Titel der Führer ist endlos; siehe [14].
[4] Der US-Außenminister Powell und der britische Premierminister Blair warnten beide davor, dass Atomwaffen bereits für Saddam Hussein verfügbar waren; wie sich herausstellte, waren dies "Fake News" und ein Vorwand für die Invasion des Irak 2003.
[6]Die Gründe für die Amtsenthebung von Park Geun-hye waren vielfältiger Art: Einerseits gab es den Machtkampf zwischen den "Sonnenschein"-Politikern und den "Konfrontationisten", und wir können davon ausgehen, dass Erstere einige Fäden in der großen Welle von Protesten gegen Park Geun-Hye zogen. Gleichzeitig trug auch die Wut in der Bevölkerung über das große Ausmaß der Korruption zu ihrem Sturz bei. Jedenfalls war all dies benutzt worden, um das Ansehen der Demokratie zu steigern.
Katalonien und insbesondere Barcelona ist einer der Orte, die dem spanischen und weltweiten Proletariat in Erinnerung bleiben. Die Kämpfe, die Siege und Niederlagen der Arbeiterklasse in dieser Region haben ihre Spuren in der Geschichte unserer Klasse hinterlassen. Deshalb will die IKS in der gegenwärtigen Situation durch diesen Artikel und andere, die in unserer territorialen Presse erschienen sind, auf die Gefahr aufmerksam machen, dass das Proletariat in das sich entfaltende nationalistische Gezänk hineingezogen wird, was ihm nur schaden kann.
Am selben Ort, nur wenige Jahre auseinander, zwei soziale Szenarien, die nicht nur unterschiedlich, sondern völlig gegensätzlich sind.
Barcelona, wenige Tage nach dem 15. Mai 2011: Während der Bewegung der Indignados ist der Platz von Katalonien (Plaza de Cataluña) ein Knotenpunkt von Treffen und Versammlungen. Mehr als 40 verschiedene Kommissionen befassen sich mit Fragen von der Umweltkatastrophe bis zur Solidarität mit den Kämpfen in Griechenland gegen die Kürzungen der Sozialleistungen. Es gibt keine Fahnen, aber dafür gibt es improvisierte Bibliotheken, die von anonymen Teilnehmern eingerichtet und allen zugänglich sind mit dem Ziel, den Horizont der Bewegung zu erweitern, die im Wesentlichen Ausdruck der Empörung über die Verwüstungen der kapitalistischen Krise ist, der Sorge um die düstere Zukunft, die das Überleben dieses Systems für die gesamte Menschheit bedeutet. Orte wie dieser in Barcelona oder anderswo in Spanien, in einer Bewegung, die an der Puerta del Sol in Madrid begonnen hat, sehen Menschen aller Altersgruppen, aller Sprachen, verschiedener Bedingungen, die sich zusammenfinden und mit Respekt und dem Wunsch, sich gegenseitig zuzuhören, debattieren. Tag für Tag münden Arbeiterdemonstrationen, Demonstrationen gegen die Kürzungen bei den Gesundheitsleistungen, Delegationen aus Nachbarschaften, die Solidarität im Kampf gegen Häuserräumungen suchen, und so weiter in den Versammlungen auf den Plätzen. Die Versammlungen fungieren als kollektives Gehirn, das versucht, die verschiedenen Ausdrucksformen des Kampfes zu einer gemeinsamen, vereinheitlichenden Sache zu verknüpfen. „Wir sind gegen das System, weil das System unmenschlich ist", wird stolz verkündet. Die Bewegung wird rücksichtslos unterdrückt[1] - aber gleichzeitig gibt sie die Parole aus: "Gewalt ist auch, bloß 600 Euro im Monat zu verdienen"[2].
Und heute demonstrieren in denselben Straßen Hunderttausende von Menschen "für die Unabhängigkeit Kataloniens", aber in diesem Sinne können sie nur manipuliert werden, sie können nur als Manövriermasse agieren, sie können nur Aktionen folgen, zu denen oft schleierhafte Kräfte aufgerufen haben, Aktionen, die einem von anderen geschriebenen Drehbuch folgen. Das geschah denjenigen, die bei der Verteidigung der Wahlurnen während des Referendums am 1. Oktober Polizeiknüppel kassierten, denjenigen, die sahen, wie die Organisationen, die hinter dem Referendum standen, in den Tagen nach dem Referendum seine Bedeutung relativierten und es auf einen rein symbolischen Akt reduzierten. Das geschah denjenigen, die nach der Pantomime der Proklamation der katalanischen Republik am 27. Oktober in der Euphorie über "Wir sind bereits eine Republik" taumelten. Wie die Unabhängigkeitsführer später betonten, handelte es sich um eine virtuelle, "symbolische" Aktion. Ganz im Gegensatz zur Bewegung der Indignados im Jahr 2011 kann in den gegenwärtigen nationalistischen Aktionen der geringste kritische Geist nur ein Hindernis sein. Das Einzige, was sie tun müssen, ist, das „nationale Narrativ" auswendig zu lernen. Das gilt für jeden Nationalismus, aber im Falle Kataloniens und anderer Länder, die keinen eigenen Staat haben, ist diese Erzählung eine Sauce, in der alles vermischt wird und keine kritischen Stimmen zu hören sind.
So gibt es Forderungen nach der Wiederauferstehung eines untergegangenen Arkadiens, nach einem katalanischen Vaterland, das nie existierte. In diesem Prozess wird ein Feind gebraucht, und das kann nur der Zentralstaat mit seinen "faschistischen" Überresten sein. Und ein Sündenbock: das "Spanische" im Allgemeinen und alles, was dazu gehört, werden als Ursache für das Leid dieser Gesellschaft dargestellt. Und dann sind sie bereit, auf die Aufrufe der sozialen Medien zu reagieren und zu marschieren, Kopf nach unten, Augen zu, neben katalanischen Ausbeutern, korrupten katalanischen Politikern, der katalanischen Polizei, den katalanischen "Ultras", die darauf aus sind, mit dem Finger auf denjenigen zu zeigen und ihn einzuschüchtern, der in seinen antispanischen Gefühlen nicht genügend glüht. Und es ist dasselbe niederträchtige Schema, das wir ein paar Tage später bei den Demonstrationen in denselben Straßen sehen, wenn andere "gegen die Unabhängigkeit Kataloniens" marschieren. Diesmal ist das verlorene Paradies das "friedliche Zusammenlebens aller Spanier". Diesmal sind die Sündenböcke für die Armut oder die Ungewissheit über die Zukunft diejenigen, welche sich "dem Gesetz widersetzen" oder "diejenigen, die Spanien zerschlagen wollen". Und wieder marschieren sie Schulter an Schulter mit korrupten und repressiven Ausbeutern und anderen Ultras, die den gleichen Weg der mehr oder weniger offenen Gewalt und Einschüchterung gehen[3].
Zwischen der Indignados-Bewegung im Jahr 2011 und den jüngsten Orgien des katalanischen oder spanischen Patriotismus gibt es eine Klassengrenze, eine Kluft in den Perspektiven. Die erste, trotz der unbestreitbaren Schwierigkeiten, die diese Bewegung hatte, war der Ausdruck einer Klasse - des Proletariats -, die die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung auf dem Planeten Erde in sich trägt, einer Klasse, die eine schlüssige Erklärung für alle wesentlichen Probleme der Welt finden muss, einer Klasse, deren Kampf die Grundlage für eine wirkliche Vereinigung der Menschheit bildet, indem sie die Spaltung der Menschen in Klassen, Rassen, Kulturen usw. aufhebt. Eine Bewegung, die auf der Suche nach einer revolutionären Lösung für die Menschheit gründet, nach einer Zukunft, die frei von den Ketten der Ausbeutung ist. Diese patriotischen Orgien dagegen spielen sich auf der Grundlage einer atavistischen Sehnsucht nach einer mythischen Vergangenheit ab. Nicht nur das: Das Marschieren unter nationalistischen Flaggen rechtfertigt und vertieft die Trennung zwischen Klassenbrüdern und -schwestern. Ihre Perspektive ist kein revolutionärer Schritt nach vorn, sondern ein reaktionärer Schritt zurück in eine Vergangenheit voller Angst und Misstrauen. Sie wird nicht durch die Suche nach einer neuen sozialen Ordnung angetrieben, die auf die Befriedigung der Bedürfnisse aller ausgerichtet ist, sondern durch die Fäulnis der alten Gesellschaftsordnung und deren Motto: "Rette sich, wer kann“.
Die einen wie die anderen führen irgendwelche Erklärungen ins Feld. Nach Ansicht der katalanischen Nationalisten erleben wir das Wiederaufleben der franquistischen Überreste, die nach dem Übergang zur Demokratie in Spanien verblieben sind. Nach Ansicht der spanischen Nationalisten ist die Unabhängigkeitsbewegung eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit von den korrupten Praktiken abzulenken, die die katalanischen Verwaltungen seit Jahrzehnten kennzeichnen. Dass beide Seiten Nebelpetarden zünden, wird schnell klar, wenn man sich das Verhalten der Protagonisten selbst in diesem Theater vergegenwärtigt. Die wichtigste Partei der Generalitat (der autonomen katalanischen Verwaltung), die früher CiU hieß und heute PDECat[4], hat ihre Hegemonie jahrzehntelang auf ein System von Günstlingswirtschaft und Korruption abgestützt. Aber das hinderte die sich in der gleichen Zeit abfolgenden spanischen Rechts- und Linksregierungen nicht daran, dieser Partei saftige Subventionen aus den Kassen des Zentralstaates auszuhändigen. Und die katalanischen Nationalisten haben ihrerseits nie Bedenken gehabt, mit den "Überresten des Franquismus" im spanischen Staat, über den sie so viel reden, zusammen zu arbeiten, indem sie nacheinander Abkommen geschlossen haben mit der Volkspartei (Partido Popular) auf der rechten Seite[5] und dann mit dem sozialistischen Zapatero[6] auf der linken Seite (die Dreiparteien-Regierungen von ERC und Iniciativa[7], die jetzt zu den Anhängern des Bürgermeisters von Barcelona gehören). Als die PDECat 2010 in die Generalitat zurückkehrte, zögerte Artur Mas[8] - der von Pujol selbst gesalbte Nachfolger - nicht, auf die PP zu zählen, um ein Programm der unerbittlichen Sparsamkeit gegen den Lebensstandard durchzuführen, das später Mariano Rajoy[9] selbst inspirieren sollte.
Deshalb können wir sagen, dass die Erklärung für den separatistischen Antrieb in Katalonien nicht in der spezifischen historischen Entwicklung Kataloniens oder Spaniens zu finden ist, sondern in den weltgeschichtlichen Bedingungen, in der Tatsache, dass der Weltkapitalismus als Ganzes in seine Endphase, in seine Phase der sozialen Zersetzung eingetreten ist.
Der Marxismus hat nie die Existenz bestimmter Faktoren in der Entwicklung des Kapitalismus in jedem Land geleugnet. Insbesondere im Falle der verschiedenen separatistischen Bewegungen in Spanien, die als zusätzliches und reaktionäres Hindernis für die Fähigkeit des Proletariats fungieren, sich selbst als unteilbare Klasse anzuerkennen, anerkennt er das Gewicht der ungleichmäßigen Entwicklung zwischen den für Handel und Industrie offeneren Zonen und anderen, die isolierter und nicht in der Lage sind, zum Rest aufzuholen[10]. Aber der Marxismus erklärt auch, wie die Entwicklung dieser lokalen Konflikte und Widersprüche durch die Geschichte des Kapitalismus auf Weltebene bedingt ist. Besonders deutlich wird dies im Falle des Nationalismus. Während im 18. und 19. Jahrhundert die Bildung bestimmter neuer Nationalstaaten einen entscheidenden Fortschritt bei der Zerstörung feudaler Strukturen und der Entwicklung der Produktivkräfte darstellte, wurde die "nationale Befreiung", nachdem der Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Ende seiner aufsteigenden Phase erreicht hatte, zu einem eindeutig reaktionären Mythos, der die Bevölkerung und insbesondere die revolutionäre Klasse in und für den imperialistischen Krieg mobilisierte[11]. Deshalb haben die wirklichen Revolutionäre immer den antiproletarischen Charakter des Separatismus jeder Art in Spanien gebrandmarkt[12]. Die Separatisten waren und sind Ausbeuter und erklärte Feinde der Arbeiterklasse, wie das Proletariat in Katalonien, eines der ältesten in der Arbeiterbewegung der Welt, mehrfach schmerzlich erfahren musste.
Es ist kein Zufall, dass Barcelona 1855 der Schauplatz des ersten Generalstreiks auf spanischem Territorium war, oder dass diese Stadt der Sitz des Kongresses der Arbeiter der spanischen Region war, der 1870 die Grundlage für die Erste Internationale in Spanien bildete[13]. Es war auch kein Zufall, dass die katalanische Bourgeoisie sich 1920-22 angesichts der fortschrittlichsten Ausdrucksformen des Klassenkampfes, wie z.B. des Streiks "La Canadiense" in Barcelona 1919, der im Solde der Bosse stehenden "Pistolero"-Banden bediente, die brutal gegen Streiks und die Kämpfer anarcho-syndikalistischer Organisationen vorgingen. Es ist kein Zufall, dass der katalanische Nationalismus (Cambó) zusammen mit den rückständigsten Sektoren der spanischen Armee die wichtigsten Unterstützer der Primo-de-Rivera-Diktatur von 1923-30 waren. Und es war wieder kein Zufall, dass die katalanische Generalitat (Companys, unterstützt von den Stalinisten und mit der Komplizenschaft des anarcho-syndikalistischen CNT selbst) zur Bastion des republikanischen Staates wurde, der die Arbeiter - sowohl durch Ideologie als auch durch Waffengewalt - von ihrem Klassenterrain, vom Kampf gegen die Ausbeutung, auf die militärischen Fronten und in den Konflikt zwischen den faschistischen und demokratischen Lagern ablenkte, die beide gleich bürgerlich sind und die Konstellation der beiden Lager des bevorstehenden Zweiten Weltkriegs vorwegnahmen. Es war kein Zufall, dass niemand anderes als die katalanische Generalitat mit der kriminellen Mission beauftragt wurde, den Aufstand des Proletariats von Barcelona im Mai 1937 niederzuschießen, den letzten Versuch des Proletariats, auf eigenem Terrain gegen die Ausbeuter aller Lager und aller Vaterländer zu kämpfen[14].
Es war auch kein Zufall, dass es die Arbeiter Kataloniens waren, die oft aus den rückständigsten Regionen des Landes kamen, deren Kämpfe in der 1970er Jahren (Bajo Llobregat 1973, SEAT 1975) zum Vorbild der Kämpfe der gesamten Arbeiterklasse in Spanien wurden. Die Arbeiterklasse in Katalonien ist durch ihre eigene Entwicklung und ihre gesammelte Erfahrung ein zentraler Bestandteil des assoziierten Charakters der Produktion von gesellschaftlichem Reichtum, eines Prozesses, der im internationalen Proletariat verkörpert ist und mit der privaten, nationalen Aneignung dieses Reichtums kollidiert. In der Region Barcelona kommen Arbeitskräfte aus mehr als 60 Nationen zusammen, von angehenden amerikanischen Ingenieuren bis hin zu eingewanderten Arbeitskräften aus Schwarzafrika. Sie alle sind integraler und fundamentaler Bestandteil derselben Weltarbeiterklasse, auch wenn die kapitalistische Ideologie, insbesondere mit der Unterstützung der Linksextremen, ständig bestrebt ist, dem Proletariat eine "nationale" Identität zu verleihen, die nur dazu dienen kann, seine Klasseneinheit zu untergraben.[15]
Heute ist es das gesamte Potenzial, das sich über Jahrzehnte von Arbeiterkämpfen angesammelt hat – und nun durch den Vormarsch des gesellschaftlichen Zerfalls im Kapitalismus bedroht ist. Wir befinden uns nicht in einer gesellschaftlichen Lage, in der die Arbeiter bereit wären, sich als Kanonenfutter den Konflikten zwischen den verschiedenen Fraktionen der Ausbeuteklasse zu unterwerfen. Eine solche Situation würde den vollständigen Sieg der bürgerlichen Alternative in der historischen Krise des Kapitalismus bedeuten. Ein Indiz dafür ist die aktuelle Situation in Katalonien, die Tatsache, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter den Forderungen nach einem Generalstreik für die "Unabhängigkeit" nicht mit großer Begeisterung folgen. Aber es bedeutet umgekehrt nicht, dass die Arbeiter sich bewusst wären, dass sie eine Alternative für die Zukunft der Menschheit darstellen, eine Zukunft, die den Krieg eines jeden gegen jeden für immer verbannen könnte.
Besonders gefährlich für das Bewusstsein der Arbeiterklasse sind die Alternativen, deren Vertreter behaupten, es gebe eine "rationale" Lösung für diese Spannungen innerhalb der Ausbeuterklasse, während der kapitalistische Zerfall zunehmend irrationale "populistische" Antworten hervorbringt, wie z.B. die Aufforderung, die Europäische Union zu verlassen (wie z.B. von der CUP oder Teilen von Podemos[16] vorgeschlagen), oder die totale Akzeptanz des spanischen Staates, wie sie von der "konstitutionellen" Seite verteidigt wird. Nationalismus und Gewalt gehen schließlich immer zusammen. Die Illusion einer "Revolution des Lächelns", wie sie der katalanischen Separatismus zu inszenieren versucht, oder der Traum einer "Rückkehr zur Normalität" der Anhänger der spanischen Einheit sind je Fiktionen des gleichen Verblendungszusammenhangs. Wie wir bereits in unserem Artikel von 1990 (International Review 62 – engl./frz./span. Ausgabe), Der Osten: nationalistische Barbarei, betont haben, "führen alle Ausdrucksformen des Nationalismus, ob groß oder klein, notwendigerweise und tödlich in den Marsch der Aggression, des Krieges, des Jeder-gegen-Jeden, des Ausschlusses und der Diskriminierung".
Die Alternative des Weltproletariats ist eine völlig andere Perspektive für die Menschheit. Wie wir in diesem Artikel über nationalistische Barbarei unterstreichen: Der Kampf des Proletariats enthält den Samen für die Überwindung der nationalen, ethnischen, religiösen und sprachlichen Spaltungen, mit denen der Kapitalismus die Menschheit foltert und die Arbeit der Unterdrücker der früheren Produktionsweisen fortsetzt. In der gemeinsamen Organisierung des vereinten Kampfes für Klasseninteressen werden diese Spaltungen natürlich und logisch überwunden. Die gemeinsamen Grundlagen sind die Bedingungen der Ausbeutung, die sich mit der Weltkrise überall verschärfen werden, das gemeinsame Interesse ist die Bestätigung unserer Bedürfnisse als Menschen gegen die unmenschlichen, je länger je despotischeren Sachzwänge der Warenlogik und des nationalen Interesses.
Was in der gegenwärtigen Lage des Weltproletariats in Katalonien auf dem Spiel steht, ist die Notwendigkeit für die revolutionäre Klasse, die Interessen der gesamten Menschheit voranzustellen, die internationale Klassensolidarität gegen den sozialen Zerfall zu verteidigen, den der dekadente Kapitalismus mit sich bringt. Angesichts der Suche nach einer Zuflucht in falschen lokalen Identitäten, der Vorstellung von "jeder für sich selbst" zum Nachteil aller anderen, des wachsenden Pessimismus in der Gesellschaft und der nationalen Spaltungen muss das Proletariat Vertrauen in seine eigenen Formen der Assoziation haben. Es muss verstehen, dass die Barbarei der heutigen Welt das Ergebnis der Unterwerfung des Planeten unter die kapitalistischen Gesetze des Profits und des Konkurrenz ist. Und vor allem ist es die Pflicht derjenigen Gruppen, die an vorderster Front des Klassenkampfes stehen wollen, alle Fallen zu verurteilen, die unsere Klasse spalten, und vor allem die Leute zu entlarven, die versuchen, ihre Unterstützung für die eine oder andere Fraktion der herrschenden Klasse zu rechtfertigen, indem sie behaupten, diese oder jene sei "weniger repressiv" oder für die Interessen des proletarischen Kampfes vorteilhafter. Wenn die weltweite revolutionäre Alternative des Proletariats scheitert, kann die Perspektive nur ein Krieg eines jeden gegen alle sein, in dem es schwierig sein wird zu sagen, welche Fraktion die grausamste oder unmenschlichste ist, um ihr Überleben auf Kosten des Restes der Menschheit zu sichern.
Als die Polizei versuchte, die Lager der 15M-Bewegung in Barcelona 2011 niederzureißen, ertönte im ganzen Land der Ruf: "Wir alle sind Barcelona". Er wurde auf allen Plätzen und bei allen Demonstrationen erhoben, und nirgendwo war er lauter als auf der Puerta del Sol in Madrid. Der Aufschwung des Nationalismus in Katalonien ist ein Schlag auf den Kopf nicht nur für das Proletariat von Barcelona, sondern für das Proletariat in ganz Spanien, da im ganzen Land Proletarier_innen in Mobilisierungen für oder gegen die Einheit des spanischen Staates hineingezogen wurden. Dieses Gift hat sich auch auf die vielen Migrant_innen aus Spanien ausgewirkt, die jetzt in anderen europäischen Ländern arbeiten, wo es kleine, aber bedeutende Demonstrationen zum gleichen Thema gab. Und ein Schlag gegen das Proletariat Spaniens, gerade wegen der Tiefe seiner revolutionären Traditionen, ist ein Schlag gegen das gesamte Weltproletariat. Wie immer kann die Solidarität mit den Arbeiter_innen Spaniens nur in der Entwicklung des internationalen Klassenkampfes liegen.
Valerio, 5. Dezember 2017
[1] Am 27. Mai 2011 griff die katalanische Polizei auf Befehl der katalanischen nationalistischen Regierung die Protestierenden brutal an, wobei sie eng mit dem spanischen Innenminister zusammenarbeitete und darauf abzielte, die Plaza de Cataluña zu "räumen". Dabei verletzte sie mehr als 100 Menschen.
[2] Für eine Analyse der Indignados-Bewegung und der Kämpfe von 2011 siehe unsere Artikel Solidarität mit den “Empörten” in Spanien – Die Zukunft gehört der Arbeiterklasse! (/content/2134/solidaritaet-mit-den-empoerten-spanien-die-zukunft-gehoert-der-arbeiterklasse [910]); Spanien: Bürgerbewegung Echte Demokratie jetzt! - staatliche Diktatur gegen Massenversammlungen (/content/2139/spanien-buergerbewegung-echte-demokratie-jetzt-staatliche-diktatur-gegen [424]) und weitere Artikel auf unserer Webseite.
[3] Dieses Klima der Suche nach der Quelle aller Übel der Gesellschaft in der anderen Hälfte der Bevölkerung wurde auch durch die Demonstrationen gegen die Terroranschläge vom 17. August gefördert. Siehe Acción Proletaria: “Atentados terroristas en Cataluña: la barbarie imperialista del capitalismo en descomposición” (https://es.internationalism.org/accion-proletaria/201709/4229/atentados-terroristas-en-cataluna-la-barbarie-imperialista-del-capital [911]).
[4] Convergencia i Uniò (CiU) war die Koalition der katalanischen Rechten, die die autonome Region Katalonien seit dem "demokratischen Übergang" (1978) regierte, mit einigen Unterbrüchen einer linken Regierung. Sie hatte zwei Komponenten: eine nationalistische und eine autonome, aber beide waren für den Pakt mit der Zentralmacht und vor allem innig verbunden in ihrer Günstlingswirtschaft, welche die CiU zu einer der korruptesten Parteien Spaniens werden ließ. Die Koalition zerfiel, und die extremsten Nationalisten, die heutigen Separatisten, gründeten die Europäische Demokratische Partei Kataloniens (PDECat) mit Puigdemont als Kandidat.
[5] Die PP ist die Partei von Rajoy, die heute Spanien regiert. Sie ist ebenfalls Champion auf dem Gebiet der Korruption.
[6] Zapatero war von 2004 bis 2011 Chef der spanischen sozialistischen Regierung. Nachdem er die Wirtschaftskrise von 2008 abgefedert hatte, begann er mit arbeiterfeindlichen Maßnahmen, die den Weg zu ihrer brutalen Intensivierung durch die Regierung Rajoy ebneten.
[7] Die katalanische Regierung von 2003-2010, gebildet von der "Linken": SP, ERC (Republikanische Linke Kataloniens) und einer Koalition, Iniciativa, bestehend u.a. aus der stalinistischen KP und den Grünen.
[8] A. Mas war von 2010 bis 2016 Präsident der Generalitat. Nachdem er den rechten Flügel in Richtung einer Politik der Unabhängigkeitsbewegung gelenkt hatte, organisierte er das Referendum für die Unabhängigkeit. Sein Nachfolger wurde Carles Puigdemont.
[9] Rajoy ist der Kopf der Rechten und der spanischen Regierung. Er setzte Artikel 155 der Verfassung in Kraft, um die katalanische Generalitat direkt der Zentralregierung zu unterstellen, indem er ihre Minister entließ und einige von ihnen ins Gefängnis steckte. Präsident Puigdemont floh nach Belgien.
[10] Dies wiederum war, wie Marx bemerkte, das Ergebnis der außergewöhnlichen Bedingungen für die Entwicklung des Kapitalismus in Spanien, das jahrhundertelang über eine ganze Welt verfügte, in der es ihm möglich war, sein Kapital zu investieren, ohne eine generelle Änderung seiner feudalen Strukturen vornehmen und das "Mutterland" industrialisieren zu müssen. Wir haben diese Analyse des Separatismus in Spanien in einem kürzlich erschienenen Online-Artikel zusammengefasst: „El embrollo catalán muestra la agravación de la descomposición capitalista” (Der katalanische Sumpf zeigt den zunehmenden Zerfall des Kapitalismus - https://es.internationalism.org/accion-proletaria/201709/4234/el-embroll... [912]).
[11] Siehe unsere Broschüre Nation oder Klasse, aber auch unsere Artikel, die den reaktionären Charakter der Forderung nach "dem Recht der Völker auf Selbstbestimmung" in der International Review 34, 37 und 42 (engl./frz./span. Ausgabe) anprangern.
[12] So sagt beispielsweise ein Artikel in der Publikation Bilan der Italienischen Kommunistischen Linken: „Solche Grundtatsachen [das oben erwähnte Ungleichgewicht in der Industrialisierung] erklären, warum die Industrieregionen Schauplätze separatistischer Bewegungen ohne Ausweg und diese gezwungen sind, eine reaktionäre Bedeutung zu erlangen, weil die Klasse an der Macht schlicht und einfach kapitalistisch ist, die auf dem gesamten Territorium die Herrschaft der Banken ausbreitet, in denen sich – um die Magnaten herum – die Produkte des Mehrwertes der Arbeiter und der Mehrarbeit der Bauern konzentrieren.“ Aus dem Artikel: „El aplastamiento del proletariado español” (Die Niederschlagung des spanischen Proletariats), Bilan vom Oktober 1934
[13] Der Name des dem Kongress zugewiesenen Territoriums ("die spanische Region" und keineswegs "die katalanische Nation") ist ein Hinweis auf das internationalistische Klima, das während dieser ersten Schritte der Arbeiterbewegung herrschte, die jedes Territorium als eine Region betrachtete, die von einer Gemeinde der weltweit befreiten Menschen bewohnt wird.
[14] Siehe dazu die Texte der Italienischen Kommunistischen Linken zu dieser Frage, wiederveröffentlicht in International Review (engl./frz./span. Ausgabe) 4, 6 und 7.
[15] Die gegenwärtige Kampagne, die von der extremen Linken des Kapitals wie der CUP und Podemos geführt wird und versucht, soziale Interessen mit nationalen Interessen zu identifizieren, beerbt - wenn auch in anderen Tonarten - die von den Stalinisten geführten Kampagne der 70er und 80er Jahre, die darauf abzielte, den Klassenkampf den Forderungen nach "demokratischen Freiheiten" oder "Autonomiestatus für Katalonien“ unterzuordnen.
[16] Podemos ist eine nationale spanische Partei mit regional zugeschnittenem Outfit. Ihre Vertreter in Katalonien zusammen mit ihren Verbündeten wie der Bürgermeisterin von Barcelona sind sich nicht sicher, in welchem nationalen Gewand sie tanzen sollen. Sie haben sich für ein mit der Zentralregierung zu vereinbarendes Referendum ausgesprochen.
Am 28. Dezember 2017 begannen die ersten Funken einer Bewegung, die an den "Arabischen Frühling" vor einigen Jahren erinnerte, das Gebiet des Irans zu erfassen. Die Bewegung scheint im Moment, da wir schreiben, an Schwung verloren zu haben, obwohl wir auch anderswo Äußerungen des Zorns gegen die Verschlechterung des Lebensstandards sehen, wie in Marokko, im Sudan und vor allem in Tunesien.
Iran ist ein Land mit mächtigen imperialistischen Ambitionen, in dem die Militärausgaben für Interventionen im gesamten Nahen und Mittleren Osten stark angestiegen sind. Obwohl der Iran noch immer unter den von den USA verhängten Sanktionen leidet, hat er im Krieg im Jemen, bei der Unterstützung der Hisbollah und des Assad-Regimes sowie seiner eigenen bewaffneten Banden, die auf internationaler Ebene operieren, enorme Summen ausgegeben. Und Iran hat militärisch gegen Saudi-Arabien aufgerüstet. All dies bedeutete für die Bevölkerung Sparmaßnahmen. Die Wirtschaftskrise, die durch die internationalen Sanktionen und die Korruption des Regimes verschärft wurde, hat in einem von enttäuschten Hoffnungen geprägten Umfeld nach dem mit der Obama-Regierung vereinbarten Atomwaffendeal die Mehrheit der Bevölkerung in Armut und Unsicherheit gestürzt. Seit Monaten gibt es Demonstrationen der Unzufriedenheit von Rentner_innen, Arbeitslosen (28% der Jugendlichen sind arbeitslos), Lehrer_innen, Arbeiter_innen, deren Löhne nicht bezahlt werden. Schließlich haben der 50%ige Anstieg der Preise von Öl und anderen Grundnahrungsmitteln wie die Verdoppelung des Eierpreises - es wurde von einer "Revolution der Eier" gesprochen - die Lunte angezündet. Die Bewegung brach in Maschhad, der zweitgrößten Stadt im Nordosten, aus und griff rasch auf die Hauptstadt Teheran und alle wichtigen städtischen Zentren über: im Norden bis Rascht und im Süden bis Tschahbahar. In den Menschenmassen, die die Politik des Staates offen ablehnten, war die Arbeiterklasse präsent, auch wenn sie im Rest der Demonstrant_innen etwas verwässert war: Fabrikarbeiter_innen, Lehrer_innen, viele Arbeitslose, vor allem junge Menschen: sie waren alle da. Auch viele Student_innen. Es ist auch bezeichnend, dass ein großer Teil der Demonstrierenden Frauen waren.
Gleichzeitig war die Arbeiterklasse trotz des Mutes und Kampfgeistes der Demonstrierenden nicht in der Lage, diesem Kampf eine wirkliche Orientierung zu geben, sie war nicht in der Lage, sich als autonome politische Kraft zu behaupten. Und dieser Mangel war vorhanden, auch wenn sich eine Minderheit unter den Student_innen, vor allem in Teheran, gegen den reaktionären nationalistischen Slogan "Weder für Gaza noch für den Libanon, ich werde nur für den Iran sterben" mit einem Ausdruck echter proletarischer Internationalität aussprach: "Von Gaza bis zum Iran, nieder mit den Ausbeutern". Diese Leute forderten auch Arbeiterräte und lehnten jede Idee ab, in den Kampf zwischen den "reformistischen" und "harten" bürgerlichen Cliquen hineingezogen zu werden[1]. Solche Einstellungen haben die Behörden wirklich erschreckt, und die Student_innen wurden bei den Verhaftungen besonders ins Visier genommen. Und im Allgemeinen war die Bourgeoisie trotz des Gewichts demokratischer Illusionen und anderer politischer Schwächen äußerst besorgt über diese "führerlose" Explosion des Zorns. Der Oberste Führer Khamenei schwieg einige Zeit, und Präsident Rohani war mehr vorsichtig als standfest. Die Regierung kündigte sogar an, dass der Anstieg der Treibstoffpreise aufgehoben werde. Es stimmt, dass Symbole der politischen und religiösen Autoritäten ins Visier genommen und teilweise niedergebrannt wurden: Banken, öffentliche Gebäude, religiöse Zentren und vor allem das Hauptquartier der Revolutionsgarden, die Milizen des Regimes. Gewalttätige Zusammenstöße mit der Polizei führten nicht nur zu Verhaftungen, sondern auch zu einer Reihe von Todesfällen. Nach und nach wurden der Ton der Behörden und ihre Reaktion immer entschlossener. Rohani und Khamenei kündigten an, dass Gewalt und illegale Handlungen von "Unruhestiftern" streng bestraft würden. Sie warfen den Demonstranten vor, "Feinde des Iran" zu sein, sich mit ausländischen Mächten, insbesondere den USA und Saudi-Arabien, zu verbünden.
Und in der Tat, in den sozialen Netzwerken wie Twitter stammen viele der Hashtags, die zu Demonstrationen auffordern, aus Saudi-Arabien; ebenso hat die in Paris ansässige Mudschahedin-Organisation, die in Opposition zum iranischen Regime und in der Nähe der Saudis steht, ihre Unterstützung für die Demonstrationen erklärt. Und natürlich wollen Trump mit seinen provokativen Aussagen und die anderen rivalisierenden Mächte einen geschwächten Iran. Aber es ist eine Bewegung, die ihren Ursprung im Iran hat. Das Regime könnte die fehlende Perspektive der Bewegung ausnutzen und den Boden für Repressionen vorbereiten. Die Herrschenden organisierten Gegendemonstrationen zur Unterstützung des Regimes und seines Ayatollahs durch, sie riefen Slogans wie "Tod für Amerika" und "Tod für Israel" und verurteilten den "Aufruhr". Das Staatsoberhaupt könnte mit diesen Spaltungen spielen und verkünden, dass die Alternative "Wir oder Chaos" sei. Indem die Regierung an die Tragödie erinnerte, die auf die ursprünglichen Proteste in Syrien und anderswo folgte, drohte sie eindeutig den Demonstrant_innen und deutete an, dass ihre Bewegung zu ähnlichem Chaos und Blutvergießen führen könnte.
Diese spontane soziale Bewegung ist die wichtigste seit der sozialen Krise von 2009, dem Jahr der "Grünen Bewegung". Zu dieser Zeit bestand die reale Gefahr, dass das Proletariat in das Kreuzfeuer zwischen konkurrierenden bürgerlichen Cliquen gerät. Wie wir damals schrieben:
„Im Gegensatz zu den blutigen, korrupten Elementen um Ahmadinedschad sehen wir Menschen, die ihnen ähnlich sehen wie zwei Wassertropfen. Sie sind auch für eine Islamische Republik und für den Bau der iranischen Atombombe. Alle diese Menschen sind im Grunde genommen gleich, weil sie alle für ihre eigenen persönlichen und nationalistischen Interessen stehen."
Heute, viel mehr als 2009, ist die Bewegung ein echter Ausdruck der Ausgebeuteten und der Enterbten selbst, jedoch ohne eine klare proletarische Orientierung, abgesehen von einigen wenigen Minderheiten. Die Kämpfe des Proletariats im Iran waren zweifellos Teil der Kämpfe des Weltproletariats seit den 1960er Jahren, vor allem in der Ölindustrie, im Verkehrswesen, im Bildungswesen und so weiter, aber selbst als die Kämpfe 1978-79 ihren Höhepunkt erreichten, als sie den Fall des Schahs auslösten, ermöglichten die politischen Schwächen des Proletariats einer Horde religiöser Fanatiker unter der Führung des Ayatollah Khomeini, unterstützt von den Stalinisten und anderen linken Nationalisten, die Macht an sich zu reißen. Nach der "Islamischen Revolution" kam es zu brutaler Unterdrückung. Viele militante Arbeiter_innen wurden hingerichtet, weil sie an Streiks unter dem Regime der Mullahs teilgenommen hatten. Das Proletariat war auch dem schrecklichen Krieg zwischen dem Iran und dem Irak zwischen 1980 und 1988 ausgesetzt, der Millionen Tote forderte.
Seitdem gab es wieder einige wichtige Kämpfe, wie z.B. im Jahr 2007, als 100‘000 Lehrer aus Solidarität mit den Fabrikarbeitern auf die Straße gingen, aber die zugrunde liegenden Schwierigkeiten bleiben bis heute bestehen. Trotz eines sehr starken Kampfgeistes und der Tatsache, dass die gegenwärtige Bewegung auf ökonomischen Forderungen beruhte, die Teil eines jeden proletarischen Kampfes sind, ist die Bewegung aufgrund des Fehlens einer wirklichen Klassenidentität und -perspektive zurückgegangen. Gleichzeitig sind die Arbeiterinnen und Arbeiter immer noch sehr stark mit der ständigen Rivalität verschiedener bürgerlicher Fraktionen konfrontiert, und es besteht die reale Gefahr, dass die Klasse in das Fahrwasser der einen oder der anderen gerät[2]. Hinzu kommt, dass der Iran von Ländern umgeben ist, die sich im Krieg befinden, was es den Arbeiter_innen des Irans sehr schwer macht, die Solidarität des Proletariats in diesen Ländern zu gewinnen, und umgekehrt den Nationalismus in ihren eigenen Reihen verstärkt.
Aber in einem tieferen Sinn sind die Schwächen des Proletariats im Iran vor allem die Schwächen des Weltproletariats, denn selbst in den erfahrensten Teilen der Klasse erleben wir einen gravierenden Verlust der Klassenidentität und vor allem eine Perspektivlosigkeit – den Verlust jeder Perspektive, die dem Klassenkampf Bedeutung und Richtung geben könnte.
Dennoch sollten die Tapferkeit und die Kampfbereitschaft der Demonstrierenden im Iran eine Ermutigung für die Arbeiter_innen der Welt sein. Der Kampf gegen die Sparpolitik, zur Verteidigung unserer wirtschaftlichen Interessen, das ist nach wie vor unerlässlich, wenn der Klassenkampf wieder einmal den Kopf erheben soll. Aber die wirkliche Solidarität mit unseren Klassenbrüdern und -schwestern im Iran besteht darin, unseren eigenen Kampf wiederzubeleben und bewusst in die Hand zu nehmen, nicht nur gegen die Sparpolitik, sondern gegen das kapitalistische System als Ganzes.
WH, 5. Januar 2018
[2] Siehe auch unseren online-Artikel „Iran: Der Kampf zwischen den bürgerlichen Cliquen ist eine Gefahr für die Arbeiterklasse“
Wie wir in unserem Artikel "Demonstrationen im Iran: Stärken und Grenzen der Bewegung" zeigen, gibt es zwar vielversprechende Anzeichen für die Widerstandsfähigkeit der Arbeiterklasse, aber die Gefahr ist sehr real, nicht nur der blutigen Unterdrückung, sondern auch der Manipulation des Volkszorns durch die verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse. Der alte Konflikt zwischen "Reformern" und "Hardlinern" innerhalb der "Islamischen Republik" ist in eine neue Phase eingetreten. Die Reformer um Präsident Rohani sind überzeugt, dass eine grundlegende Änderung der Politik notwendig ist, um die beträchtlichen Gewinne, die der Iran in letzter Zeit erzielt hat, zu konsolidieren. Diese Fortschritte haben im Wesentlichen auf zwei Ebenen stattgefunden. Auf der Ebene der Außenpolitik haben die schiitischen Milizen und andere von Teheran unterstützte Kräfte wichtige Fortschritte im Irak, in Syrien und im Libanon (der sogenannten revolutionären Sichel vom Iran bis zum Mittelmeer) und im Jemen gemacht. Auf diplomatischer Ebene konnte das Regime mit den Großmächten einen "atomaren Deal" abschließen, der zur Aufhebung gewisser Wirtschaftssanktionen führte (im Austausch gegen einen formellen Verzicht auf den Erwerb einer iranischen Atombombe). Heute sind diese Fortschritte von mehreren Seiten bedroht. Eine davon ist das Bündnis gegen den Iran, das die USA unter Trump um Israel und Saudi-Arabien herum aufbauen wollen. Ein weiterer Punkt ist die wirtschaftliche Situation. Anders als auf militärischer oder diplomatischer Ebene hat der iranische Kapitalismus in den letzten Jahren keine wirtschaftlichen Fortschritte gemacht. Das Gegenteil ist der Fall. Die Wirtschaft stöhnt unter den Kosten der Operationen des iranischen Imperialismus im Ausland und wird durch die internationalen Sanktionen geschwächt. Die Vereinigten Staaten haben es versäumt, die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran aufzuheben, wie sie es im Rahmen des Atomabkommens versprochen hatten. Stattdessen hat sie das Engagement europäischer Unternehmen im Iran behindert. Jetzt, unter Trump, werden die US-Sanktionen sogar noch verschärft. Ein weiteres zentrales Problem ist, dass die Wettbewerbsfähigkeit der iranischen Hauptstadt durch die hoch anachronistische theokratisch-klerikale Bürokratie, die keine Ahnung hat, wie eine moderne kapitalistische Wirtschaft zu führen ist, und durch das kleptomanische System der "Revolutionsgarden" erstickt wird. Aus der Sicht von Präsident Rohani wäre es im besten Interesse des iranischen Kapitalismus, die Dominanz dieser Strukturen zu brechen oder zumindest einzudämmen. Es würde auch dem Iran ein liberaleres Image verleihen, das besser geeignet wäre, den Sanktionen, der Diplomatie und der Rhetorik seiner Feinde im Ausland entgegenzuwirken.
Doch aufgrund der dominanten Stellung der Hardliner innerhalb der Streitkräfte verfügen die Reformer nur über wenige rechtliche Mittel, um ihre Politik durchzusetzen. Deshalb begann Präsident Rohani, die breite Bevölkerung aufzufordern, ihre eigene Kritik an der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik und der Korruption der Garde und ihrer Geschäftsinteressen zu formulieren. Die Reformer versuchten, die Unzufriedenheit der Bevölkerung als Hebel gegen die Hardliner zu nutzen. Eine solche gefährliche Politik offenbart die Rückständigkeit und mangelnde Geschmeidigkeit der herrschenden Klasse im Iran, die nicht in der Lage ist, die Konflikte in ihren eigenen Reihen intern zu lösen. Es war umso gefährlicher, wenn man bedenkt, dass Rohani sich der Enttäuschung des Volkes durchaus bewusst war, als der versprochene Wirtschaftsboom, der auf die Aufhebung der Sanktionen folgen sollte, ausblieb. Außerdem war Rohani offenbar nicht der Einzige, der Risiken eingeht. Der Präsident selbst hat seinen hardline Gegnern vorgeworfen, die erste Demonstration in Maschhad, der Bastion von Ibrahim Raisi, dem Kandidaten der Hardliner bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Mai, organisiert zu haben. Das Hauptmotto dieser Demonstration soll in der Tat "Tod für Rohani" gewesen sein. Aber sobald die Proteste sich ausdehnten, hörte man andere Parolen wie "Tod für Khamenei" (das religiöse Hardliner-Staatsoberhaupt), "Nieder mit der Diktatur" oder "Was ist im Iran frei? Diebstahl und Ungerechtigkeit!" Das Erscheinen solcher Parolen, die sich gegen das gesamte Regime richten, zeigt, dass keine der beiden großen bürgerlichen Fraktionen in der Lage ist, den Volkszorn nach Belieben gegen die andere zu manipulieren.
Dies vermindert jedoch keineswegs die Gefahr, dass die ArbeiterInnen von der herrschenden Klasse manipuliert werden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich an die Ereignisse in Ägypten zu erinnern, wo der Protest der Bevölkerung ("Tahrir-Platz") mit Massenveranstaltungen und Demonstrationen, aber auch Arbeiterstreiks, das Mubarak-Regime weggefegt hat. Das war zu Beginn des "Arabischen Frühlings". Dies war aber nur möglich, weil das Militär es zuließ (Präsident Mubarak wollte den Einfluss der Generäle auf die Politik und vor allem auf die Wirtschaft eindämmen). Im Iran (wie damals in Ägypten) waren auch ausländische Mächte beteiligt. Die Behauptung der klerikalen Führer in Teheran heute, dass die Proteste im Iran von ausländischen Mächten (USA, Israel, Saudi-Arabien) angestiftet worden seien, hat weite Teile der Bevölkerung erzürnt, da diese Behauptungen arrogant sowohl ihr sehr reales Leid als auch ihre Fähigkeit, selbst die Initiative zu ergreifen, leugnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese und andere rivalisierende Mächte nicht versuchen, das iranische Regime zu destabilisieren. In einem Interview im April letzten Jahres erklärte der saudische Kronprinz Bin Salman, dass der Konflikt zwischen seinem Land und seinem persischen Nachbarn "im Iran, nicht in Saudi-Arabien" ausgetragen werde. Einer seiner Think-Tanks in Riad hat ihm geraten, Unzufriedenheit bei der sunnitischen religiösen Minderheit im Iran sowie bei ethnischen Minderheiten (ein Drittel der iranischen Bevölkerung sind keine Perser) zu schüren. In Ägypten wurde nach dem Sturz von Mubarak ein Bürgerkrieg zwischen den beiden Hauptfraktionen der Bourgeoisie - den Streitkräften und der Muslimbruderschaft - nur durch die heftige Unterdrückung der Bourgeoisie durch die ersteren abgewendet. In Syrien lösten die sozialen Proteste einen imperialistischen Krieg aus, der immer noch wütet. Ob in Ägypten, Syrien oder im Iran, die Arbeiterklasse ist nicht nur relativ schwach, sie ist auch international isoliert aufgrund des gegenwärtigen Rückflusses von Klassenkampf, Klassenbewusstsein und Klassenidentität im Weltmaßstab. Ohne die Unterstützung des Weltproletariats sind die Schwierigkeiten und Gefahren für unsere Klassenschwestern und -brüder im Iran umso größer.
Steinklopfer. 9.1.2018
Wir veröffentlichen zwei Flugblätter, die die IKS vor kurzem auf Aktionstagen der Gewerkschaften in Frankreich und auf einer Demo von Rentnern in Spanien verteilt hat. Des weiteren haben unsere Genossen in Peru ein Flugblatt verteilt, das sich gegen einen Beschluss der Regierung richtet, wonach Jugendliche im letzten Studienjahr ein kostenloses „Praktikum“ absolvieren müssen. https://es.internationalism.org/accion-proletaria/201803/4279/peru-la-ley-1215-otra-ley-contra-la-clase-trabajadora [914]
Auch wenn die Arbeiterklasse zur Zeit in großen Schwierigkeiten steckt und eine tiefgreifende Desorientierung in vielen Teilen zu spüren ist, gibt es doch winzige Minderheiten, die unseren Positionen gegenüber aufgeschlossen sind. In allen drei Ländern wurden die Flugblätter mit großem Interesse von allen möglichen Altersgruppen aufgenommen.
„Nadelstichtaktik“ der Gewerkschaften – ein Manöver, das die Beschäftigten spalten soll (Flugblatt der IKS – in Frankreich verteilt))
Bei der EHPAD, in den Krankenhäusern, bei Air France, Carrefour, in der Müllabfuhr, Universitäten, Eisenbahnen.... seit mehreren Wochen sind immer wieder Streiktage durchgeführt worden. Präsident Macron und seine Regierung schlagen hart zu. Gestern das "Arbeitsrecht", heute die Reform der SNCF, morgen ein neuer weitreichender Angriff auf das Rentensystem. Überall werden alle Arbeitnehmer und ihre Familien konfrontiert mit: sinkenden Löhnen und Sozialleistungen, Arbeitsplatzabbau und stärkerem Druck an den Arbeitsplätzen, mehr Flexibilität und Unsicherheit, einer größere Verarmung der Rentner und Jagd auf Arbeitslose.
DIE GANZE ARBEITERKLASSE WIRD ANGEGRIFFEN!
Wie können wir dieser neuen Verschlechterung unserer Lebensbedingungen begegnen? Wie können wir uns organisieren? Wie können wir unsere Einheit und Solidarität entwickeln?
Kann die Regierung zurückgedrängt werden?
In den letzten 15 Jahren sind die herrschende Klasse, ihre Regierung und ihr demokratischer Staat nur während der Bewegung gegen den CPE (1) im Frühjahr 2006 wirklich zurückgewichen. Warum? Diese soziale Bewegung, die von Studenten initiiert wurde, die sich bewusst waren, dass sie zukünftige prekär Beschäftigte sind, entwickelte sich spontan, indem sie die Solidarität zwischen den arbeitenden Generationen in den Mittelpunkt ihrer Mobilisierungen stellte. Die unter prekären Bedingungen lebende Jugend hat die lebenswichtige Bedeutung souveräner und autonomer Vollversammlungen wiederentdeckt. Dank ihrer sehr lebhaften Debatten wurde ihr bewusst, dass ihr Kampf kein besonderer Kampf war, sondern dass er die Interessen der ganzen Arbeiterklasse widerspiegelte. Deshalb haben die kämpfenden Studenten ihre Vollversammlungen für Gymnasiasten, Arbeitslose, Arbeiter und Rentner geöffnet. Bei jeder Demonstration entstand durch die Umzüge ein jeweils zunehmender Druck. Bei jeder Demonstration schlossen sich andere Teile der Arbeiterklasse dem Kampf an. Die Parolen, die damals verbreitet wurden, enthüllten diese Suche nach Einheit: "Junger Speck, alte Croutons, der gleiche Salat"; "Studenten, Gymnasiasten, Arbeitslose, prekäre Arbeiter, ob im öffentlichen Dienst oder in der Privatwirtschaft beschäftigt, der gleiche Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Prekarität!“ Die Studentenbewegung gegen die Prekarität begann, die Beschäftigten der Privatwirtschaft für sich zu gewinnen und zwang die Regierung Villepin, den CPE zurückzuziehen.
Das ist es, was die Bourgeoisie 2006 erschreckte: die Ausweitung des Kampfes und die Solidarität der gesamten Arbeiterklasse, aller Generationen zusammen. Diese Dynamik von Studenten, die die Kontrolle über den Kampf übernahmen (die meisten Studenten sind gezwungen, Gelegenheitsjobs anzunehmen um zu überleben und ihr Studium zu finanzieren), die Entwicklung der Solidarität, massive Vollversammlungen, die Parolen, die die Einheit der gesamten Arbeiterklasse hervorhoben, die Anfechtung von Gewerkschaften.... das ist es, was die Stärke der ausgebeuteten Klasse ausmacht.
Eine große Offensive der herrschenden Klasse, um die soziale Unzufriedenheit in eine Sackgasse zu lenken.
Ist die gegenwärtige soziale Bewegung durch diesen Sieg von 2006 inspiriert durch das, was uns stark gemacht hat, unsere Einheit im Kampf? An der Oberfläche wollen sie, dass wir es glauben. Die Vollversammlungen der Eisenbahner in den Bahnhöfen werden in den Medien publik gemacht. Die Gewerkschaften präsentieren sich "vereint", "kämpferisch" und sogar "einfallsreich" (jetzt hat man eine neue Streikform - "Perlenstreiks"! (Nadelstichtaktik aus dem Hut gezogen). Uns wird der Sieg versprochen, sogar ein neuer "Mai 68"!
Ist das die Realität? Nein! Denn hinter der Fassade der "Einheit der Gewerkschaften" liegen die schlimmsten berufsspezifischen und branchenspezifischen Spaltungen: Streiks sind voneinander isoliert; jeder Sektor stellt "seine" Parolen, seine eigenen Aktionstage vor.
Denn hinter dem "gewerkschaftlichen Erfindungsreichtum" des "Perlenstreiks“(Nadelstichtaktik) steckt das Gift der Spaltung: Ziel der Gewerkschaften ist es, diesen Streik der Eisenbahner unbeliebt zu machen, Arbeiter gegeneinander auszuspielen, diejenigen, die wegen des Streiks der Eisenbahner nicht zur Arbeit gehen oder nachts nicht nach Hause zurückkehren können, langfristig zu verärgern. Es ist eine alte Taktik, die wir gut kennen und die nur darauf abzielt, jede Solidaritätsbekundung mit den Streikenden zu verhindern, die "ein Chaos anrichten" (wie Präsident Macron kurz nach der Machtübernahme sagte und der betont: "Wir müssen aufhören, Menschen als Geiseln zu nehmen!"”).
Denn hinter den von den Gewerkschaften eingerichteten "Solidaritätsfonds" verbirgt sich ein Angriff auf die wirkliche Solidarität der Arbeiter: Aktive Solidarität im Kampf wird durch platonische Unterstützung "durch Stellvertreter" angesichts eines langen "Perlenstreiks/Nadelstichtaktik" ersetzt.
Schließlich, weil hinter "gewerkschaftlicher Kampfbereitschaft" in Wirklichkeit eine machtlose und zur Erschöpfung führende Bewegung steht: Völlig isoliert vom Rest ihrer Klasse riskieren die Eisenbahner große Lohnverluste und vor allem die mit der Niederlage verbundene Demoralisierung.
Eine klassische Strategie: ein Schlüsselsektor wird allein in den Kampf geschickt, um eine Niederlage zu erleiden
Angesichts wachsender sozialer Unzufriedenheit isolierte die Bourgeoisie einen Schlüsselteil der Beschäftigten, die Eisenbahner, um erneut eine für alle sichtbare Niederlage zu erzwingen und damit ihre Botschaft zu verbreiten: Der Kampf ist nutzlos, er zahlt sich nicht aus.
Dies ist eine Falle, die immer wieder benutzt wird, um Arbeiter in Branchen und Unternehmen zu spalten und ihren Kampfgeist zu erschöpfen, um Angriffe und andere "Reformen" von Regierung und Arbeitgebern durchzuboxen.
Erinnern wir uns an den Eisenbahnerstreik 1986-87. Nach einer mehrwöchigen Lahmlegung des Eisenbahnbetriebs kehrten die durch die Gewerkschaften isolierten und in ihrem "Bereich" eingesperrten und abgekapselten Beschäftigten wieder an ihren Arbeitsplatz zurück, ohne etwas erreicht zu haben.
Erinnern wir uns an die Streiks und Demonstrationen des Jahres 2003 im nationalen Bildungswesen. Mehrere Wochen lang haben die Lehrer gekämpft. Aber anstatt eine treibende Kraft für einen globaleren Kampf zu sein, ist diese Mobilisierung völlig isoliert geblieben, weil sie von den Gewerkschaften sehr stark kontrolliert wurde. Es folgte eine bittere Niederlage, die es der Regierung Raffarin erlaubte, zynisch zu behaupten: "Es ist nicht die Straße, die regiert"!
Dieselbe Strategie wurde in den Jahren 2010-2011 verfolgt: Der gesamte öffentliche Sektor war dank der schmutzigen Arbeit der Gewerkschaften sorgfältig von der Privatwirtschaft abgeschnitten worden. Monatelang fanden nacheinander gewerkschaftliche Aktionstage und Umzüge statt, manchmal mit mehreren hunderttausend Demonstranten. Tatsächlich handelte es sich um wirkungslose und hilflose Demonstrationen, gegenüber denen Präsident Sarkozy behaupten konnte, dass die Macht nicht von der Straße kommt (und er konnte beanspruchen, "wir müssen den Geist von 68 zu Grabe tragen"!).
Heute wurde uns die gleiche Falle gestellt. Die herrschende Klasse will verhindern, dass die sehr starke soziale Unzufriedenheit mit Macrons "Reformen" explodiert. Ziel ist es, diese Wut im Keim zu ersticken, damit alle geplanten Reformen und Angriffe gemäß der Strategie von Präsident Macron über die Bühne gehen können.
Wir müssen diskutieren und aus der Vergangenheit lernen, um uns auf zukünftige Kämpfe vorzubereiten.
Es muss klar sein, wenn wir den Kampf in die Hände der Gewerkschaften legen, kann dies nur zur Niederlage führen. Wir müssen über die schmutzige Arbeit der Gewerkschaften diskutieren und nachdenken; diese professionellen Spalter, die sich heute gegen uns zusammenschließen, indem sie den legitimen Zorn der Eisenbahner gegen uns ausschlachten. Wir müssen ihre arbeitnehmerfeindliche Praxis, ihre Doppelzüngigkeit und ihre Komplizenschaft mit der Regierung und den Arbeitgebern anprangern.
Der "perlenförmige Streik (Nadelstichtaktik), den große Gewerkschaftsverbände wie CGT, CFDT, FO organisiert haben (indem sie hinter dem Rücken der Arbeiter geheim mit den Leuten aus den Ministerien "verhandeln"), lässt den Kampf nicht zu. Im Gegenteil, sie wollen unseren Kampf sabotieren! Der von SUD-Rail empfohlene "erneuerbare", isolierte und "unbefristete" Streik ist ebenso schädlich. Sie trennt uns von jeglicher Solidarität, indem sie die Vereinigung unseres Kampfes verhindert. Die berühmte "Zusammenführung der Kämpfe", welche die "radikalen" Gewerkschaften so lauthals propagieren, ist nur eine Variante des Berufsegoismus, um uns zu spalten. Diese Idee der "Zusammenführung der Kämpfe", die angeblich in bestimmten zeitgleich stattfindenden Umzügen verwirklicht wird, steht der notwendigen Vereinheitlichung der Kämpfe radikal entgegen. Vereinheitlichung bedeutet einen branchenübergreifenden, einheitlichen Kampf, bei dem alle von den Gewerkschaften errichteten Barrieren abgebaut werden. Diese Vereinigung der Kämpfe beinhaltet zwangsläufig Massenvollversammlungen, an denen jeder teilnehmen kann, am Arbeitsplatz, auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen, in Nachbarschaften, an Universitäten.
Im Gegensatz zu dem, was die Gewerkschaften und die gesamte herrschende Klasse glauben machen wollen, ist die Arbeiterklasse durchaus in der Lage, ihre Kämpfe selbst in die Hand zu nehmen, ohne diesen "Spezialisten" anzuvertrauen. All die großen Erfahrungen der Vergangenheit sind ein Beweis dafür.... Im Mai 1968 konnten die ArbeiterInnen massiv und spontan gegen die Gewerkschaften kämpfen, indem sie ihre Gewerkschaftsmitgliedsausweise zerrissen haben. Die Studenten, die 2006 die massive Bewegung gegen den CPE organisierten, ließen die Gewerkschaften ihren Kampf nicht vereinnahmen. In Polen konnten die Werftarbeiter in Danzig im August 1980 einen Massenstreik entwickeln, der sich ohne jede Gewerkschaft im ganzen Land ausbreitete, wobei die Delegierten jederzeit von den Vollversammlungen gewählt wurden und ihnen gegenüber Rechenschaft ablegten. Nur die Arbeiterklasse kann ihre eigenen Interessen gegen ihre Ausbeuter verteidigen.
Angesichts dieses neuen Manövers der Bourgeoisie und ihrer Gewerkschaften mit dem Ziel der Sabotage jeglichen Kampfwillens und jeder Reflexion über vergangene Erfahrungen nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern, müssen die kämpferischsten und bewusstesten Arbeiter versuchen, zusammenzukommen. Sie müssen gemeinsam über die immer dramatischere Situation diskutieren und nachdenken, die uns der Kapitalismus auferlegt, egal welche Clique auch immer an der Macht ist. Welche Zukunft kann dieses System der Ausbeutung den Arbeitnehmern und ihren Kindern bieten? Nichts als zunehmendes Elend und endlose Barbarei. Wie können wir nicht nur für uns selbst, sondern auch für zukünftige Generationen kämpfen?
Das sind Fragen, die nur durch Diskussion und kollektive Reflexion praktisch beantwortet werden können.
Die einzig mögliche Zukunft der Gesellschaft liegt in den Händen der Arbeiterklasse, einer Klasse, die nichts zu verlieren hat als ihre Ketten und eine Welt zu gewinnen.
Révolution Internationale, Section der IKS in Frankreich, 19. April 2018
1 [915] Contrat Première Embauche, erster Arbeitsvertrag, von einigen Studenten umgetauft in „Beschäftigungsvertrag für die Mülltonne“
Der Kahlschlag gegen die Renten bedroht die Zukunft aller Beschäftigten
Flugblatt, das auf den Demonstrationen der Rentner in Spanien verteilt wurde
Am 17. März finden in mehr als 100 spanischen Städten Demonstrationen von Rentnern statt, die ausdrücklich andere Teile der Arbeiterklasse - die Lohnempfänger, die Arbeitslosen und die Jugendlichen – dazu auffordern, sich ihnen anzuschließen. Und wir alle müssen gemeinsam kämpfen, denn es geht um die gegenwärtigen und zukünftige Renten.
Auslöser für diese Proteste war die lächerliche und demütigende Erhöhung der Renten um 0,25% und vor allem die Drohung, ab 2019 den sogenannten "Nachhaltigkeitsfaktor" einzuführen, der die Renten entsprechend dem prognostizierten Anstieg der "Lebenserwartung" neu berechnet, wobei die Renten im ersten Jahr um 0,5% gekürzt werden sollen. Experten schätzen, dass mit diesen Maßnahmen in den nächsten 20 Jahren mindestens 25 % der Kaufkraft verloren gehen werden.
Es ist ein Kampf im Interesse der gesamten Arbeiterklasse: Im Interesse unsere Vorgänger, deren Gehälter und Renten unter dem Vorwand verschwendet wurden, eine Zukunft für nachfolgende Generationen von Arbeitnehmern zu sichern. Aber tatsächlich werden sie heute betrogen, wie die Auflösung des Reservefonds beweist. Und der Kampf dient auch den Interessen der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen des Proletariats, damit denjenigen, die heute nicht 677 Euro/Monat der Rente erreichen (das ist die Hälfte aller Rentner) und die die statistische Grenze der sozialen Ausgrenzung markieren.
Aber die Arbeiterklasse trifft nicht nur die Axt der Rentenkürzungen. Hinzu kommen die brutale Jugendarbeitslosigkeit (über 40%), die Arbeitsplatzunsicherheit bei Arbeitnehmern aller Altersgruppen (6 Millionen, ein Drittel aller Beschäftigten) und die schlimmsten Einkommenskürzungen seit 60 Jahren: Seit 2008 wurden sie um 26% gesenkt. Die Situation der neuen Generationen ist so, dass nach Angaben des Wirtschafts- und Sozialrats mehr als 422.000 Familien in Spanien aufgrund der Zahlungen durch eine Altersrente überleben.
Wir müssen noch mehr blechen durch die unerbittliche Verschlechterung der Gesundheitsfürsorge (durch die Abschaffung der Finanzierung von bestimmten Medikamenten und die Kürzung der Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen usw.) und aller Arten von Sozialleistungen usw. Und sie haben immer noch den Mut, vorzuschlagen, dass wir eine private Altersvorsorge finanzieren!
Wenn wir also alle auf einmal angegriffen werden, müssen wir uns alle zusammen wehren!
Kein Vertrauen in die Legalität des kapitalistischen Staates!
In diesen Mobilisierungen wird die "verfassungsmäßige Absicherung" der Renten als Lösung vorgeschlagen, um sie vor weiteren Kürzungen zu schützen. Wir sind zu alt, um an solche Märchen zu glauben! In allen Ländern, auch in Ländern mit "fortgeschritteneren und sozialeren" Versicherungssystemen wie Frankreich oder Schweden wurden die Renten gesenkt und die Bedingungen für den Zugang zu ihnen verschärft (Anhebung des Rentenalters weltweit). Wenn der Fall eintritt, umgeht jede Regierung, egal welcher politischen Couleur, das Gesetz, um die Bedürfnisse des Kapitals durchzusetzen, wie es Zapatero im Jahr 2011 getan hat, zum Beispiel durch das Einfrieren der Renten.
Die heutigen Demonstranten, arbeitende Männer und Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren, haben den Zynismus der Irreführung durch die Demokratie durchlebt. Kurz nach der Verabschiedung der Verfassung im Jahr 1978, in deren Artikel 35 das Recht auf Arbeit verkündet wurde, litten sie unter der Reihe von industriellen Umstrukturierungsmaßnahmen der 80er Jahre, die viele von ihnen zur chronischen Arbeitslosigkeit verurteilte. Es waren eine Millionen Jobs, die damals zerstört wurden!
Und wir haben vor kurzem eine Welle von Wohnungszwangsräumungen erlebt, die viele Menschen obdachlos gemacht hat, obwohl Artikel 47 der Verfassung eine „angemessene Wohnung" garantiert.
Die derzeitige Generation der Rentner hat in dieser "Verfassungsperiode" mehr als fünf Rentenreformen durchlaufen. Die erste Maßnahme der "sozialistischen" Regierung von Felipe González im Jahr 1985 legte das Rentenalter auf 65 Jahre fest, verlängerte die Beitragszeit von 8 auf 15 Jahre, um eine Rente zu erhalten, und berechnete diese auf der Grundlage der letzten 8 Jahre und nicht der letzten beiden, wie es bis dahin der Fall war. Diese Reform, die zum Generalstreik im Juni 1985 führte, hat die Tür für die von den Regierungen von Aznar, Zapatero und Rajoy durchgeführten Rentenkürzungen geöffnet, von denen die überwiegende Mehrheit von den Gewerkschaften gebilligt wurde, wie die von Zapatero im Jahr 2011, mit der das Rentenalter auf 67 Jahre verlängert wurde. Mit anderen Worten, die Hochburgen des demokratischen Staates, die Parteien und Gewerkschaften, waren in der Tat die treibenden Kräfte der Verarmung von Arbeitnehmern und Rentnern. Die demokratische Verfassung hat uns nicht geschützt, sondern uns mehr Elend aufgezwungen.
Nein zur Verteilung des Elends! Ja zur Solidarität und zum Klassenkampf!
All diese Verschlechterungen unserer Lebensbedingungen wurden immer als Opfer gerechtfertigt, die ein Teil der Arbeiterklasse bringen müsste, um die zukünftigen Lebensbedingungen zu verbessern. Die Reform von 1985 wurde mit dem Alibi begründet, dass dieses Geld die Ausbildung und Qualifikation junger Arbeitnehmer verbessern würde. 30 Jahre später ist das "Problem", dass junge Menschen zu sehr "ausgebildet" wurden, um Arbeit zu finden. Die jüngsten „Reformen“ - wie die von Zapatero oder Rajoy - wurden unter dem Vorwand gemacht, dass das Geld, das den Rentnern weggenommen wird, zur Förderung der Beschäftigung - beispielsweise durch Befreiung der Arbeitgeber von Sozialversicherungsbeiträgen - und damit zur Sicherung der gegenwärtigen und künftigen Lebensbedingungen der Arbeitnehmer verwendet wird, wenn sich die Epidemie der arbeitenden Armen ausbreitet (die nicht einmal eine Wohnung mit Arbeit finden können). Gegenüber der Zukunft haben die meisten Jüngeren Gefühl, dass sie durch die Aneinanderreihung von prekären Verträgen und Arbeitslosigkeit später nie eine Rente bekommen werden.
Unsere Ausbeuter wollen mit den Manövern ihrer Parteien und Gewerkschaften einen Spaltpilz in unsere Reihen säen, die DIVIDE AND VENCERAS (Teile und herrsche). Dass junge Menschen den Ruhestand als eine Belastung sehen, die das Wirtschaftswachstum behindern würde; dass einheimische Arbeiter Migranten als den Feind sehen, der ihre Arbeitsplätze und ihre soziale Sicherheit stehlen würde...... Tatsache ist, dass es in dieser Welt nur einen Parasiten gibt: das kapitalistische System, das eine ausbeuterische Minderheit auf Kosten des Reichtums der gesamten Arbeiterklasse leben lässt.
Renten, Arbeitslosenversicherung und Krankenversicherung prägten historisch gesehen die Entstehung der Arbeiterklasse im 19. und frühen 20. Jahrhundert, im Bewusstsein der Bedeutung der Klassensolidarität. Aber die sogenannten "Sozialversicherungssysteme" sind etwas anderes. Deren Ressourcen wurden durch den Staat vereinnahmt; und sie werden von diesem als ein Mittel der Hilfeleistungen, der Solidarität des kapitalistischen Staates dargestellt. Das Sozialversicherungssystem, das vor allem in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurde, war ein riesiges Geschäft für die Staaten, weil sie das Geld der Arbeiter für ihre Finanzspekulationen und zur Wiederbelebung von Unternehmen und Banken verwendet haben
Außerdem hat es dazu beigetragen, dass wir alle von Vater-Staat "geschützt" werden, indem dieser die Solidarität zerstört und verheimlicht, dass alle diese Gelder nur durch unsere Arbeit zusammengetragen werden. Es erlaubt ihnen auch, Spaltung zu säen, indem sie sagen, dass Migranten unsere Privilegien wegnehmen würden. Das Problem für die Zukunft der Menschheit ist nicht, dass es zu viele Menschen gibt oder dass sie zu lange leben. Was die menschliche Spezies und die gesamte Natur des Planeten wirklich bedroht, ist das Überleben eines Systems, das auf Ausbeutung und Akkumulation, auf der Aneignung durch einige wenige von dem, was wir alle zusammen produzieren. Die Zukunft kann nur auf Solidarität und nicht auf Wettbewerb basieren.
Der Kahlschlag der Rentenkürzungen in Spanien findet gleichzeitig statt mit Kürzungen in anderen Ländern, wie z.B. in Griechenland, wo es seit 2010 13! Kürzungen gegeben hat! Rentner aus Spanien, Frankreich, Italien und der ganzen Welt stellen sich die beunruhigende Frage, die sich ein griechischer Rentner stellte: „Ich kann also nicht sterben, wovon werden meine Enkelkinder leben?“ Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und der Zusammenbruch des Rentensystems sind globale Probleme, die durch die Krise des Kapitalismus entstanden sind. Nur der vereinte, geeinte und selbstorganisierte Kampf aller Arbeiter in allen Ländern kann einen Weg zur Überwindung des Kapitalismus eröffnen.
Internationale Kommunistische Strömung, 16.03.2018
Von Emmanuel Macron bis Daniel Cohn-Bendit, von Le Figaro bis Marianne, von BFM TV bis Radio France, von der extremen Rechten bis zur extremen Linken, indem sie ihn ehren oder ihn anprangern, auf ihre Weise unternehmen sie alles, um die Erinnerung an Mai 68 vor 50 Jahren mit Lügen zu überhäufen.
Niemand kann bestreiten, dass der Mai 68 Teil einer internationalen Dynamik ist. Doch durch die Fokussierung auf die Nacht des 22. März in Nanterre, auf Cohn Bendits "erfrischende" Redekünste, auf De Gaulles erdrückenden Paternalismus, den Zusammenprall des "neuen und alten Frankreich".… ist diese internationale Dimension bewusst zur Seite gedrängt worden, um den Mai 1968 endlich zu einer "französischen Besonderheit" zu machen. In Wirklichkeit begann die Welle der Studentenproteste 1964 an der Universität von Berkeley in Kalifornien und forderte die Redefreiheit, ein Ende der Rassentrennung und ein Ende des Krieges in Vietnam. Diese Welle breitete sich ab 1965 in Japan, Ende 1967 in Großbritannien, Anfang 1968 in Italien, Spanien, Deutschland, Brasilien, der Türkei und Mexiko aus. Vor allem aber gehört der Mai 68 der internationalen Arbeiterbewegung. Die Streikwelle, die 1967 in Frankreich begann und im Mai 1968 ihren Höhepunkt erreichte, erschütterte die Welt bis 1974: der berühmte argentinische Cordobazo, der italienische "heiße Herbst" 1969, Spanien und Polen 1971, Belgien und Großbritannien 1972, Skandinavien, Deutschland....
Der proletarische Charakter des Mai 68 wird oft durch die Betonung der Studentenbewegung verschleiert. Die raffinierteste und hinterhältigste Version dieser Mystifikation ist offensichtlich die, die von Linken und Gewerkschaften ausgeht: "Die Stärke des 68. Mai ist die Konvergenz von Studenten und Arbeitern!" Das sind Lügen! Wenn der Mai 68 den Kampf überall auf der Welt angeregt hat, dann gerade deshalb, weil die Arbeiterklasse sich nicht an die Bewegung angehängt hat, sondern im Gegenteil zu ihrer treibenden Kraft geworden ist.
Die Studentenbewegung der 1960er Jahre trug einen kleinbürgerlichen Charakter. Einer der deutlichsten Aspekte war der Wunsch, "das Leben sofort zu verändern". Damals bestand keine große Gefahr der Unsicherheit, gar der Prekarisierung am Ende des Studiums. Die Studentenbewegung, die 1964 begann, entwickelte sich in einer Zeit des Wohlstands. Doch ab 1967 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage ernsthaft, was das Proletariat in den Kampf trieb. Seit Anfang 1967 kam es in Bordeaux (in der Flugzeugfabrik Dassault), Besançon und in der Region Lyon (Streik mit Besetzung in Rhodia, Streik in Berliet), in den Bergwerken von Lothringen, in den Werften von Saint-Nazaire, in Caen zu Zusammenstößen... Diese Streiks kündigten an, was ab Mitte Mai 1968 im ganzen Land geschehen würde. Man kann nicht sagen, dass Mai 68 wie ein Blitz am heiteren Himmel ausbrach. Zwischen dem 22. März und dem 13. Mai 1968 mobilisierte die heftige Unterdrückung von Studenten zunehmend die Arbeiterklasse, und die Bewegung wurde getragen durch die instinktiven Solidaritätsimpulse. Am 14. Mai starteten junge Arbeiter in Nantes eine Streikbewegung. Am 15. Mai erreichte die Bewegung das Renault-Werk in Cléon, in der Normandie, sowie zwei weitere Werke in der Region. Am 16. Mai traten die anderen Renault-Werke in die Bewegung ein: Rote Fahnen über Flins, Sandouville und Le Mans. Renault-Billancourts Eintritt in den Kampf war dann ein Signal: Es war die größte Fabrik in Frankreich (35.000 Arbeiter) und es gab lange Zeit ein Sprichwort: "Wenn Renault niest, steckt es ganz Frankreich an". Am 17. Mai begann der Streik in ganz Frankreich. Es war eine völlig spontane Bewegung. Überall standen junge Arbeiterinnen und Arbeiter an der Spitze. Es gab keine besonderen Forderungen: Es war eine allgemeine Unzufriedenheit, die aufbrach. Am 18. Mai streikten mittags eine Million Arbeiter. Am 22. Mai waren es acht Millionen. Es war der größte Streik in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung. Beschäftigte aus allen Branchen beteiligten sich: Industrie, Verkehr, Energie, Post und Telekommunikation, Bildung, Verwaltungen, Medien, Forschungslabors usw. Während dieser Zeit wurden besetzte Fakultäten, bestimmte öffentliche Gebäude wie das Théâtre de l'Odéon in Paris, Straßen, Arbeitsplätze zu Orten ständiger politischer Diskussion. "Wir reden miteinander und wir hören gegenseitig zu" wurde zu einem Slogan.
Indem der Mai 68 auf irreführende Weise auf seine "studentische" Dimension reduziert wird, wird der Mai 68 als Symbol für sexuelle Befreiung und die Befreiung der Frauen dargestellt.
Die großen Kampfbewegungen des Proletariats haben immer die Frage der Frauen gestellt. Während der Pariser Kommune 1871, des Massenstreiks von 1905 und der Revolution von 1917 in Russland spielten Arbeiterinnen eine unschätzbare Rolle. Aber was die studentische Kleinbourgeoisie von 1968 rühmt, ist etwas ganz anderes: Befreiung "jetzt und sofort" im Kapitalismus, Befreiung der Menschheit durch sexuelle Befreiung und nicht als Produkt eines langen Kampfes gegen das kapitalistische Ausbeutungssystem. Kurz gesagt, es ist der Verzicht auf jede Form der Reflexion, die die Wurzeln der etablierten Ordnung wirklich in Frage stellen könnte, es ist die Negation der Dynamik von Streiks, der Selbstorganisation und der Diskussion der Arbeiterklasse in Frankreich während dieser wenigen Wochen im Mai. Die Absicht der herrschenden Klasse, den Mai 68 auf weggeworfene BH‘s (d.h. die „sexuelle Befreiung der Frauen“ ) zu reduzieren, ist daher offensichtlich.
Heute, mit dem Streik der Eisenbahner in Frankreich, behaupten Gewerkschaften und linke Organisationen, dass ein neuer Generalstreik möglich sei. Wie im Mai 68 würden die Gewerkschaften die "Konvergenz der Kämpfe" der Macron-Politik organisieren. Das sind Lügen![1] Die Arbeiterklasse trat im Mai 1968 in einen spontanen Kampf ein, ohne gewerkschaftliche Aufrufe oder Slogans. Sie rannten nur der Bewegung hinterher, um sie besser zu sabotieren. Sinés Zeichnung vom Mai 1968 zeigt sehr deutlich, was die Arbeiterklasse damals angesichts der schmutzigen Arbeit der Gewerkschaften empfand:
Die Grenelle-Vereinbarungen, die die Linke und die Gewerkschaften als DEN großen Sieg von 1968 feierten, waren im Gegenteil das Ergebnis des gemeinsamen Vorgehens der Regierung und der Gewerkschaften, um die Bewegung in eine Niederlage zu treiben. Diese Vereinbarungen führten zu einem deutlich geringeren Anstieg der Kaufkraft als in den Vorjahren. Was heute verborgen wird, war damals schon schnell klar, denn viele Arbeiter spürten das sofort als einen Schlag ins Gesicht: Séguy, Generalsekretär der CGT, kam am Morgen des 27. Mai nach Renault-Billancourt, um die Vereinbarungen vorzustellen und zu verteidigen; aber daraufhin zerrissen viele Arbeiter ihre Mitgliedsausweise der Gewerkschaften. Am 30. Mai verkündete De Gaulle die Auflösung der Nationalversammlung, die Abhaltung von Wahlen Ende Juni und forderte die Eröffnung von Verhandlungen von Industriezweig zu Industriezweig. Die Gewerkschaften nutzen diese Gelegenheit, um Bereiche wie Elektrizität & Gas ( EDF-GDF), in denen die Arbeitgeber über die Grenelle-Vereinbarungen hinausgehende größere Zugeständnisse versprachen, zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Sie verstärken diesen Druck zur Wiederaufnahme der Arbeit durch allerlei Manöver, wie z.B. Fälschungen bei Stimmenauszählungen, Lügen über die Wiederaufnahme der Arbeit in bestimmten Branchen, Einschüchterungen im Namen des Kampfes gegen "linke Provokateure". Eines ihrer Hauptargumente war, dass wir wieder an die Arbeit gehen müssten, damit die Wahlen, die den "Sieg der Arbeiter vollenden" sollten, normal stattfinden könnten.
Der Mai 68 wird als eine Bewegung der Wohlstandszeit dargestellt. Mit anderen Worten, als ob all dies der Vergangenheit angehörte. Auch hier könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein! Ab 1967 begann sich die Weltwirtschaftslage zu verschlechtern, was die Zeit der permanenten Krise, die wir seither kennen, eröffnete und bestätigte, dass der Kapitalismus ein dekadentes System ist, das zu Fall gebracht werden muss. Der Mai 68 bestätigte, dass das Proletariat die revolutionäre Klasse ist, dass es die Kraft hat, sich zu organisieren, sein Bewusstsein durch Debatten in autonomen Vollversammlungen zu entwickeln, sich gegen die etablierte Ordnung zu erheben und sie zum Zittern zu bringen. Der Mai 68 brachte vor allem das Ende von 40 Jahren stalinistischer Konterrevolution mit sich! Er war das deutlichste Zeichen für die Rückkehr des Proletariats auf die Bühne des weltweiten Klassenkampfes. Es ist notwendig, die Bedeutung dieses Ereignisses richtig zu ermessen: Mai 68 und die Welle der Kämpfe, die sich dann in vielen Ländern entwickelte, führten dazu, dass die Arbeiterklasse nicht mehr bereit war, alle Opfer im Interesse des Kapitals zu bringen und noch weniger dazu bereit war, ihr Leben für das Kapital zu lassen. Dieses Wiedererstarken des Klassenkampfes wirkte dann als Hindernis, dass die Konfrontation zwischen den beiden Militärblöcken – dem Ost- und Westblock in einen Dritten Weltkrieg ausartete! Seitdem ist die Entwicklung der proletarischen Bewegung auf viele Schwierigkeiten gestoßen. Die Idee, dass "Revolution möglich, aber nicht unbedingt notwendig" ist, ist der Idee gewichen, dass "Revolution absolut notwendig ist, aber unmöglich geworden ist". Das Proletariat hat sein Selbstvertrauen verloren. Aber gerade die Realität der proletarischen Kraft vom Mai 68 muss eine Quelle der Inspiration für die Zukunft sein. Die Bourgeoisie weiß es, deshalb decken sie sie mit so vielen Lügen ab!
Bmc, 28. April 2018
[1] Für unsere Analyse der aktuellen Bewegung, die eine Falle für die Arbeiterklasse ist, verweisen wir unsere Leser auf unseren Artikel auf dieser Seite.
Vor einigen Monaten schien die Welt einen Schritt in Richtung einer nuklearen Konfrontation wegen Nordkorea zu gehen, mit Trumps Drohungen von "Feuer und Wut" und Nordkoreas großem Führer, der sich seiner Fähigkeit zu massiven Vergeltungsmaßnahmen rühmt. Heute halten die nord- und südkoreanischen Führer in der Öffentlichkeit Händchen und versprechen uns echte Schritte in Richtung Frieden. Trump wird Kim Jong-un am 12. Juni in Singapur direkt treffen.
Erst vor wenigen Wochen wurde über den Ausbruch des Dritten Weltkrieges in Syrien gesprochen, diesmal mit der Warnung von Trump an Russland, dass seine intelligenten Raketen als Reaktion auf den Chemiewaffenangriff in Douma unterwegs wären. Die Raketen wurden abgeschossen, es wurden keine russischen Militäreinheiten getroffen, und es sieht so aus, als wären wir wieder bei dem "normalen", alltäglichen Abschlachten in Syrien.
Dann rührte Trump wieder die Trommel und verkündete, dass die USA sich aus dem "Bad Deal", den Obama mit dem Iran hinsichtlich dessen Atomwaffenprogramm abgeschlossen hatte, zurückziehen würden. Dies führte sofort zu Spaltungen zwischen den USA und anderen westlichen Mächten, die der Ansicht sind, dass das Abkommen mit dem Iran funktioniert, und die nun mit Sanktionen der USA rechnen müssen, wenn sie weiterhin mit dem Iran Handel treiben oder zusammenarbeiten. Und im Nahen Osten selbst waren die Auswirkungen nicht weniger unmittelbar: Zum ersten Mal wurde von iranischen Truppen in Syrien Israel mit Raketen beschossen, nicht wie früher von dem Handlanger Irans, der Hisbollah. Israel - dessen Premierminister Netanjahu nicht lange zuvor eine Medienshow über iranische Verletzungen des Atomabkommens aufgeführt hatte - reagierte mit seiner gewohnten Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit und beschoss iranische Stützpunkte im Süden Syriens.
Unterdessen hat Trumps jüngste Erklärung zur Unterstützung Jerusalems als Hauptstadt Israels die Atmosphäre im besetzten Westjordanland entzündet, insbesondere im Gazastreifen, wo die Hamas zu "Märtyrer"-Protesten aufgerufen hat, und allein an einem blutigen Tag massakrierte Israel mehr als 60 Demonstranten (acht von ihnen unter 16 Jahren) und verletzte über 2'500 weitere Personen, die durch Scharfschützen und automatisches Feuer, durch Schrapnell aus unbekannten Quellen und das Einatmen von Tränengas getroffen wurden – für das "Verbrechen", sich den Grenzzäunen genähert zu haben, und in einigen Fällen wegen des Besitzes von Steinen, Schleudern und Benzinflaschen, die an Drachen befestigt waren.
Es ist leicht, in einer Welt, die zunehmend außer Kontrolle gerät, in Panik zu verfallen - und dann in Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit, wenn unsere unmittelbaren Ängste nicht zur Wirklichkeit werden. Aber um die wirklichen Gefahren des gegenwärtigen Systems und seiner Kriege zu verstehen, ist es notwendig, mit Abstand die Lage zu beurteilen und zu überlegen, wo wir uns in der Entwicklung der Ereignisse auf historischer und weltweiter Ebene befinden.
In der Junius-Broschüre, die 1915 aus dem Gefängnis geschrieben wurde, schrieb Rosa Luxemburg: „Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur, sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte“ (Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre), Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke Bd. 4, S. 62).
Was Luxemburg vorhergesehen hatte, wurde von der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale aufgegriffen: Wenn die Arbeiterklasse nicht das kapitalistische System stürzen würde, das jetzt in seine Epoche des Verfalls eingetreten war, würden dem "Großen Krieg" noch größere, d.h. noch mehr zerstörerische und barbarischere Kriege folgen, die das Überleben der Zivilisation gefährden würden. Und das erwies sich als richtig: Die Niederlage der Welle von revolutionären Kämpfen, die als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg ausbrachen, öffnete die Tür zu einem zweiten und noch alptraumhafteren Konflikt. Und am Ende von sechs Jahren Abschlachten, bei dem die Zivilbevölkerung das erste Ziel war, verlieh die Entfesselung der Atombombe durch die USA gegen Japan der Gefahr, dass künftige Kriege zur Ausrottung der Menschheit führen würden, materielle Gestalt.
In den darauf folgenden vier Jahrzehnten lebten wir unter dem bedrohlichen Schatten eines dritten Weltkrieges zwischen den atomar bewaffneten Blöcken, die den Planeten beherrschten. Aber obwohl diese Gefahr – wie zum Beispiel bei der Kuba-Krise 1962 – fast zur Wirklichkeit wurde, hat die bloße Existenz der USA und Russlands als Blockführer eine Art Disziplin aufgezwungen gegenüber der natürlichen Tendenz des Kapitalismus, durch den Krieg eines ‚jeden gegen alle‘ zu agieren. Dies war ein Element, das ein Ausufern lokaler Konflikte – die in der Regel Stellvertreterkriege zwischen den Blöcken waren – verhindert hat. Ein weiteres Element war die Tatsache, dass die Bourgeoisie nach der weltweiten Wiederbelebung des Klassenkampfes nach 1968 die Arbeiterklasse nicht im Griff hatte und sich nicht sicher war, ob sie in den Krieg ziehen konnte.
In den Jahren 1989-91 brach der russische Block zusammen angesichts der wachsenden Umzingelung durch die USA und der Unfähigkeit des im russischen Block vorherrschenden Modells des Staatskapitalismus, sich den Anforderungen der Weltwirtschaftskrise anzupassen. Die Politiker des siegreichen US-Lagers krähten, dass wir mit dem Untergang des "sowjetischen" Feindes in eine neue Ära des Wohlstands und des Friedens eintreten würden. Wir als Revolutionäre bestanden darauf, dass der Kapitalismus nicht weniger imperialistisch, nicht weniger militaristisch bleiben würde, sondern dass der in das System eingeschriebene Drang zum Krieg einfach eine chaotischere und noch weniger berechenbare Form annehmen würde. Und auch das erwies sich als richtig.[1] Und es ist wichtig zu verstehen, dass sich dieser Prozess, dieses Abrutschen in das militärische Chaos in den letzten drei Jahrzehnten verschärft hat.
In den ersten Jahren dieser neuen Phase konnte die verbliebene Supermacht, die sich bewusst war, dass der Untergang ihres russischen Feindes zentrifugale Tendenzen in ihrem eigenen Block mit sich bringen würde, noch eine gewisse Disziplin seitens ihrer ehemaligen Verbündeten erzwingen. Im ersten Golfkrieg beispielsweise schlossen sich die ehemaligen Untergebenen (Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Japan usw.) nicht nur der US-geführten Koalition gegen Saddam an oder unterstützten sie, sondern diese erfreute sich sogar der Unterstützung der UdSSR Gorbatschows und des Regimes in Syrien. Doch schon bald zeigten sich Risse: Im Krieg in Ex-Jugoslawien nahmen Großbritannien, Deutschland und Frankreich Positionen ein, die den Interessen der USA oft direkt entgegenstanden, und ein Jahrzehnt später lehnten Frankreich, Deutschland und Russland die US-Invasion im Irak offen ab.
Die "Unabhängigkeit" der ehemaligen westlichen Verbündeten der USA erreichte nie das Stadium der Bildung eines neuen imperialistischen Blocks, der sich gegen Washington gerichtet hätte. Aber in den letzten 20 oder 30 Jahren haben wir den Aufstieg einer neuen Macht erlebt, die eine direktere Herausforderung für die USA darstellt: China, dessen überraschendes Wirtschaftswachstum von einem wachsenden imperialistischen Einfluss begleitet wurde, nicht nur im Fernen Osten, sondern über die asiatische Landmasse in Richtung Naher Osten und nach Afrika. Aber China hat die Fähigkeit gezeigt, eine langfristige Strategie einzuschlagen, um seine imperialistischen Ambitionen zu verfolgen - wie der zielstrebige, aber mit langem Atem geplante Bau seiner "Neuen Seidenstraße" in den Westen und der allmähliche Aufbau von Militärbasen im Südchinesischen Meer zeigen.
Auch wenn die diplomatischen Initiativen zwischen Nord- und Südkorea und der angekündigte US-Nordkoreanische Gipfel im Moment den Eindruck erwecken mögen, dass "Frieden" und "Abrüstung" durch Verhandlungen herbeigeführt und die Gefahr der nuklearen Zerstörung durch die "zur Vernunft kommenden Führer" gebannt werden könnte, werden die imperialistischen Spannungen zwischen den USA und China weiterhin die Rivalitäten in der Region dominieren, und alle zukünftigen Schritte um Korea werden von deren Rivalitäten überschattet werden.
Während die chinesische Bourgeoisie eine langfristige und weltweite Offensive betreibt, die nicht nur die Positionen der USA, sondern auch Russlands und anderer Länder in Zentralasien und im Fernen Osten untergräbt, haben russische Interventionen in Osteuropa und im Nahen Osten die USA mit dem Dilemma konfrontiert, sich gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Regionen zwei Rivalen stellen zu müssen. Die Spannungen zwischen Russland und einigen westlichen Ländern, vor allem den USA und Großbritannien, haben in letzter Zeit deutlich zugenommen. So ist die russische Gegenoffensive neben der sich bereits entfaltenden Rivalität zwischen den USA und ihrem größten globalen Herausforderer China zu einer weiteren direkten Herausforderung für die Autorität der USA geworden.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Russland in der Tat eine Gegenoffensive unternimmt, eine Reaktion auf die drohende Strangulierung durch die USA und ihre Verbündeten. Das Putin-Regime, das sich auf nationalistische Rhetorik und die aus der "sowjetischen" Ära stammende militärische Stärke stützt, entstand nicht nur als eine Reaktion gegen die in den ersten Jahren der Russischen Föderation deutlich gewordene Wirtschaftspolitik des Westens, die Filetstücke der russischen Wirtschaft an sich zu reißen. Das Regime Putins war vor allem eine Reaktion gegen die Fortsetzung und sogar Intensivierung der im Kalten Krieg begonnenen Umzingelung Russlands. Russland wurde durch die Erweiterung der EU und der NATO auf die meisten osteuropäischen Staaten seiner früheren Schutzzone im Westen beraubt. In den 90er Jahren zeigte es mit seiner brutalen Politik der verbrannten Erde in Tschetschenien, wie es auf jedes Bestreben nach Unabhängigkeit innerhalb der Föderation selbst reagieren würde. Seitdem hat es diese Politik auf Georgien (2008) und die Ukraine (ab 2014) ausgedehnt - Staaten, die nicht Teil der Föderation sind, die aber Gefahr gelaufen sind, an seinen südlichen Grenzen zu Brennpunkten des westlichen Einflusses zu werden. In beiden Fällen setzte Moskau sowohl örtliche separatistische Kräfte als auch seine eigenen spärlich getarnten Streitkräfte ein, um pro-westlichen Regimes zu begegnen.
Diese Aktionen verschärften bereits die Spannungen zwischen Russland und den USA, die daraufhin Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängten, die von anderen westlichen Staaten mehr oder weniger unterstützt wurden, trotz ihrer Differenzen mit den USA über die russische Politik, die im Allgemeinen auf ihren besonderen wirtschaftlichen Interessen beruhten (dies galt insbesondere für Deutschland). Doch die anschließende Intervention Russlands in Syrien führte diese Konflikte auf eine neue Ebene.
Tatsächlich hat Russland das Assad-Regime in Syrien immer mit Waffen und Beratern unterstützt. Syrien ist seit langem sein letzter Vorposten im Nahen Osten, nachdem der Einfluss der UdSSR in Libyen, Ägypten und anderswo nachgelassen hatte. Der syrische Hafen von Tartus ist für seine strategischen Interessen absolut lebenswichtig: Er ist sein wichtigster Außenposten im Mittelmeer, und Russland hat stets darauf bestanden, seine Flotte dort nicht abzuziehen. Doch angesichts der drohenden Niederlage des Assad-Regimes durch die Rebellen und des Vorstoßes der IS-Kräfte in Richtung Tartus unternahm Russland 2015 den großen Schritt, offen Truppen und Kampfflugzeuge im Dienste des Assad-Regimes einzusetzen, ohne zu zögern, sich an der täglichen Verwüstung der von den Rebellen besetzten Städte und Stadtviertel zu beteiligen, was die Zahl der zivilen Todesopfer erheblich erhöht hat.
Aber Amerika hat auch seine Kräfte vor Ort in Syrien, angeblich als Reaktion auf den Aufstieg des IS. Und die USA haben kein Geheimnis daraus gemacht, die Anti-Assad-Rebellen zu unterstützen – einschließlich des dschihadistischen Flügels, der der Expansion des IS diente. Damit ist schon seit einiger Zeit der Nährboden für eine direkte Konfrontation zwischen russischen und amerikanischen Streitkräften vorhanden. Die beiden Luftangriffe als militärische Reaktion auf den Einsatz von chemischen Waffen haben wahrscheinlich mehr oder weniger symbolischen Charakter, nicht zuletzt, weil der Einsatz von "konventionellen" Waffen durch das Regime weit mehr Zivilisten getötet hat als der Einsatz von Chlor oder anderen chemischen Waffen. Es gibt starke Beweise dafür, dass das US-Militär Trump gezügelt und dafür gesorgt hat, dass nur die Einrichtungen des Regimes und nicht die russischen Truppen angegriffen werden.[2] Das heißt aber nicht, dass die amerikanische und die russische Regierung in Zukunft direktere Auseinandersetzungen zwischen den beiden Mächten vermeiden können – die Kräfte, die destabilisierend wirken und Unordnung stiften, sind einfach zu tief verwurzelt und nehmen immer mehr an Heftigkeit zu.
Während der beiden Weltkriege war der Nahe und Mittlere Osten ein wichtiger, aber immer noch sekundärer Kriegsschauplatz, dessen strategische Bedeutung mit der Entwicklung seiner immensen Ölreserven in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen ist. Zwischen 1948 und 1973 war der Hauptschauplatz der militärischen Konfrontationen die Reihe von Kriegen zwischen Israel und den umliegenden arabischen Staaten, aber diese Kriege waren eher kurzlebig, und ihr Ausgang kam in der Regel dem US-Block zugute. Dies war ein Ausdruck der "Disziplin", die das Blocksystem den zweit- und drittklassigen Mächten auferlegte. Aber auch in dieser Zeit gab es Anzeichen einer eher zentrifugalen Tendenz - vor allem der lange "Bürgerkrieg" im Libanon und die "islamische Revolution", die die Herrschaft der USA über den Iran unterminierte und den Iran-Irak-Krieg auslöste (wo der Westen vor allem Saddam als Gegengewicht zum Iran unterstützte).
Das endgültige Ende des Blocksystems hat diese Zentrifugalkräfte zutiefst beschleunigt, und der Syrienkrieg hat sie auf die Spitze getrieben. So können wir innerhalb oder um Syrien herum eine Reihe von Kämpfen beobachten:
- Zwischen dem Iran und Saudi-Arabien: Oft getarnt unter der Ideologie der schiitisch-sunnitischen Spaltung, haben iranische Hisbollah-Milizen aus dem Libanon eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung des Assad-Regimes gespielt, insbesondere gegen Dschihad-Milizen, die von Saudi-Arabien und Katar (die ihrerseits gegenseitig ihren eigenen Konflikt haben) unterstützt werden. Der Iran war der Hauptnutznießer der US-Invasion im Irak, die zum tatsächlichen Zerfall des Landes und zur Ernennung einer pro-iranischen Regierung in Bagdad geführt hat. Irans imperialistische Ambitionen werden ebenso im Krieg im Jemen ausgetragen, dem Schauplatz eines brutalen Stellvertreterkrieges zwischen dem Iran und Saudi-Arabien (der durch britische Waffen noch weiter angeheizt wird)[3];
- Zwischen Israel und dem Iran. Die jüngsten israelischen Luftangriffe gegen iranische Ziele in Syrien sind eine direkte Fortsetzung einer Reihe von Überfällen, die darauf abzielen, die Truppen der Hisbollah in diesem Land zu schwächen. Es scheint, dass Israel Russland weiterhin im Voraus über diese Angriffe informiert, und im Allgemeinen verschließt Russland wohl die Augen vor ihnen, obwohl das Putin-Regime nun begonnen hat, sie offener zu kritisieren. Aber es gibt keine Garantie, dass der Konflikt zwischen Israel und dem Iran nicht über diese kontrollierten Reaktionen hinausgeht. Trumps "diplomatischer Vandalismus"[4] in Bezug auf das iranische Atomabkommen treibt sowohl die aggressiv anti-iranische Haltung der Regierung Netanjahu als auch die Feindseligkeit des Iran gegenüber dem "zionistischen Regime" an, welches – und das dürfen wir nicht vergessen – seit langem seine eigenen Atomwaffen unter Missachtung internationaler Abkommen beibehält;
- Zwischen der Türkei und den Kurden, die Enklaven in Nordsyrien errichtet haben. Die Türkei hat den IS im Kampf um Rojava heimlich unterstützt, aber direkt gegen die Enklave Afrin interveniert. Die kurdischen Streitkräfte, die im Interesse der USA als zuverlässigstes Hindernis für die Ausbreitung des IS wirkten, sind bis jetzt von den USA unterstützt worden, auch wenn diese wohl zögern, jene direkt gegen den imperialistischen Vorstoß der Türkei zu benützen. Darüber hinaus haben türkische Ambitionen, wieder eine führende Rolle in der Region und darüber hinaus zu spielen, die Türkei nicht nur in einen Konflikt mit der NATO und den EU-Ländern getrieben, sondern auch die russischen Bemühungen verstärkt, einen Keil zwischen die NATO und die Türkei zu treiben und die Türkei trotz der langjährigen Rivalität der Türkei mit dem Assad-Regime näher an Russland heranzuführen.
- Dieses Bild des Chaos wird noch durch den Aufstieg zahlreicher bewaffneter Banden bereichert, die zwar Allianzen mit bestimmten Staaten bilden können, die ihnen aber nicht unbedingt untergeordnet sind. Der IS ist der offensichtlichste Ausdruck dieser neuen Tendenz zu mehr Warlords und Kriegsherrschaft, aber keineswegs der einzige.
Wir haben bereits gesehen, wie die impulsiven Erklärungen von Trump dazu beigetragen haben, dass die Situation im Nahen und Mittleren Osten noch unberechenbarer wird. Sie sind symptomatisch für tiefe Spaltungen innerhalb der amerikanischen Bourgeoisie. Der Präsident wird derzeit vom Sicherheitsapparat auf Beweise für eine Beteiligung Russlands (über seine gut entwickelten Cyberkriegstechniken, finanzielle Unregelmäßigkeiten, Erpressung usw.) am Trump-Wahlkampf untersucht; und bis vor kurzem machte Trump kaum ein Geheimnis aus seiner Bewunderung für Putin, was möglicherweise eine Option für ein Bündnis mit Russland als Gegengewicht zum Aufstieg Chinas widerspiegelt. Aber die Antipathie gegenüber Russland innerhalb der amerikanischen Bourgeoisie sitzt sehr tief, und unabhängig von seinen persönlichen Motiven (wie Rache oder dem Wunsch zu beweisen, dass er kein russischer Handlanger ist) war Trump auch gezwungen, „hart zu drohen“ und dann den Worten Taten folgen zu lassen. Diese Instabilität im Herzen der führenden Macht der Welt ist nicht einfach das Ergebnis des Verhaltens der instabilen Person Trump; vielmehr ist Trumps Regentschaft ein Beweis für den Aufstieg des Populismus und den zunehmenden Kontrollverlust der Bourgeoisie über ihren eigenen politischen Apparat – der direkte politische Ausdruck des gesellschaftlichen Zerfalls. Und solche Tendenzen im politischen Apparat können die Entwicklung der Instabilität auf der imperialistischen Ebene, wo sie am gefährlichsten ist, nur verstärken.
In einem derart unbeständigen Umfeld ist die Gefahr eines plötzlichen, noch aggressiveren und völlig irrationalen Verhaltens nicht auszuschließen. Die Tendenz zu einer Art selbstmörderischem Wahnsinn, die sicherlich real ist, hat die führenden Fraktionen der herrschenden Klasse noch nicht vollständig erfasst, die immer noch verstehen, dass die Entfesselung ihrer Atomwaffenarsenale das Risiko birgt, das kapitalistische System selbst zu zerstören. Und doch wäre es töricht, sich auf den gesunden Menschenverstand der imperialistischen Gangster zu verlassen, die derzeit den Planeten regieren – schon jetzt erforschen sie, wie man mit Atomwaffen einen Krieg gewinnen kann.
Wie Luxemburg 1915 betonte, ist die einzige Alternative zur Zerstörung der Kultur durch den Imperialismus "Sieg des Sozialismus, d.h. der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg. Dies ist ein Dilemma der Weltgeschichte, ein Entweder – Oder, dessen Waagschalen zitternd schwanken vor dem Entschluss des klassenbewussten Proletariats“ (ebenda, S. 62).
Die gegenwärtige Phase des kapitalistischen Zerfalls, der Spirale des imperialistischen Chaos, ist der Preis, den die Menschheit für die Unfähigkeit der Arbeiterklasse zahlt, das Versprechen von 1968 und der darauf folgenden Welle des internationalen Klassenkampfes zu verwirklichen: einen bewussten Kampf für die sozialistische Umwälzung der Welt. Heute sieht sich die Arbeiterklasse mit der Zuspitzung der Barbarei konfrontiert, die sich in Form einer Vielzahl imperialistischer Konflikte, sozialer Desintegration und ökologischer Verwüstung vollzieht; und – im Gegensatz zu 1917-18, als der Arbeiteraufstand dem Krieg ein Ende setzte – sind diese Formen der Barbarei viel schwerer zu bekämpfen. Sie sind sicherlich am stärksten in Gebieten, in denen die Arbeiterklasse wenig gesellschaftliches Gewicht hat - Syrien ist das offensichtlichste Beispiel, aber selbst in Ländern wie der Türkei, wo die Arbeiterklasse mit einer langen Kampftradition der Frage des Krieges gegenübersteht, gibt es kaum Anzeichen von direktem Widerstand gegen die Kriegsdynamik. Was die Arbeiterklasse in den zentralen Ländern des Kapitals betrifft, so befinden sich ihre Kämpfe gegen die heute mehr oder weniger permanente Wirtschaftskrise derzeit auf einem sehr niedrigen Niveau und haben keine direkten Auswirkungen auf die Kriege, die zwar geografisch in der Nähe Europas stattfinden, aber durch die Zunahme des Terrorismus und die zynische Manipulation der Flüchtlingsfrage eine wachsende – und vor allem negative – Auswirkung auf das gesellschaftliche Leben auch in Europa und in anderen Industriezentren haben.[5]
Aber der Klassenkampf ist noch lange nicht vorbei. Hie und da gibt es Lebenszeichen: bei den Demonstrationen und Streiks im Iran, die eine deutliche Reaktion gegen die militaristischen Abenteuer des Staates zeigten; bei den Kämpfen im Bildungswesen in Großbritannien und den USA; bei der wachsenden Unzufriedenheit mit den Sparmaßnahmen der Regierung in Frankreich und Spanien. Dies bleibt weit unter dem Niveau, das notwendig ist, um auf den Zerfall einer ganzen Gesellschaftsordnung zu reagieren, aber der defensive Kampf der Arbeiterklasse gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise bleibt die unverzichtbare Grundlage für eine tiefere Infragestellung des kapitalistischen Systems.
Amos, 16.05.2018
[1] Siehe insbesondere unseren Orientierungstext ‘Militarismus und Zerfall’ in Internationale Revue 13, 1991 (/content/758/orientierungstext-militarismus-und-zerfall [834])
[2] "US-Verteidigungsminister James Mattis hat es geschafft, den Präsidenten bei der Entscheidung über den Umfang der Luftangriffe auf Syrien im Zaum zu halten. (....) Es war Jim Mattis, der den Tag gerettet hat. Der US-Verteidigungsminister, Pentagon-Chef und pensionierter Marine General hat den Ruf, ein Hardliner zu sein. Sein früherer Spitzname war 'Mad Dog'. Als es letzte Woche darum ging, eine Entscheidung zu Syrien zu fällen, war es Mattis – nicht das Außenministerium oder der Kongress –, der sich gegen einen Donald Trump auflehnte, der nach Blut lechzte. Mattis sagte Trump, dass der dritte Weltkrieg nicht unter seiner Kommandogewalt beginnen würde. Als die Luftangriffe früh am Samstag begannen, äußerte sich Mattis, und er klang präsidialer als Präsident Trump. Das Assad-Regime, sagte er, habe sich “erneut den Normen zivilisierter Menschen widersetzt, indem es chemische Waffen einsetzte, um Frauen, Kinder und andere Unschuldige zu ermorden. Wir und unsere Verbündeten finden diese Gräueltaten unentschuldbar”. Im Gegensatz zu Trump, der Russland und dessen Präsidenten, Wladimir Putin, in einer Fernsehansprache sehr persönlich und gefühlsbetont anklagte, äußerte sich Mattis betont sachlich. Die USA griffen Anlagen in Syrien an, in denen Chemiewaffen produziert werden könnten. Dann sagte er dies sei der Grund für die Luftangriffe, nichts anderes. Mattis hatte auch eine beruhigendere Botschaft für Moskau. “Ich möchte betonen, dass diese Luftschläge gegen das syrische Regime gerichtet sind.... Wir haben große Anstrengungen unternommen, um zivile und ausländische Opfer zu vermeiden". Mit anderen Worten, russische Truppen und deren Einrichtungen vor Ort waren kein Ziel. Zudem seien die Luftschläge "einmalig" gewesen. Weitere würden nicht folgen". (Simon Tisdall, The Guardian, 15. April 2018)
[3] https://en.internationalism.org/icconline/201712/14640/yemen-pivotal-war-fight-influence-middle-east [921]
[4] https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/may/09/europe-trump-wreck-iran-nuclear-deal-cancel-visit-sanctions [922]
[5] Für eine Einschätzung der allgemeinen Entwicklung des Klassenkampfes siehe unsere „Resolution zum internationalen Klassenkampf“ von unserem 22. Internationalen Kongress, in International Review 159. Der Text ist auch auf Deutsch auf unserer Webseite: https://de.internationalism.org/iksonline/kongress-der-iks-resolution-zum-internationalen-klassenkampf [923]
Vor 90 Jahren am 8. und 9. April 1928 fand unter Beteiligung von 150 Delegierten und 100 Gästen der Gründungskongress des Leninbundes im preußischen Landtag in Berlin statt. Mit der Wahl des Ortes sollte an die Gründung der KPD (S) erinnert werden. Erklärtes Ziel dieses Kongresses war die „Wiederherstellung der Leninschen Komintern“, der Kampf um die Partei und eben „keine neue Partei“. [1]
Es ist bemerkenswert, dass von diesem Kampf in und um die Partei so wenig bekannt ist. Immerhin hatte das im Januar 1927 gegründete „Mitteilungsblatt – Linke Opposition der KPD“ (im Juni 1927 in „Fahne des Kommunismus“ umbenannt und nun wöchentlich erscheinend) eine Auflage von 15.000 Stück und die Massenversammlungen der Opposition insbesondere in Berlin zogen Tausende von KPD-Mitgliedern an und waren der Ort, wo Parteifragen wirklich diskutiert werden konnten[2].
Noch bemerkenswerter ist, dass die Gründung des Leninbundes kein isoliertes Phänomen war, sondern dass ebenfalls im April 1928 in Pantin (Vorort von Paris) die „Linke Fraktion der Kommunistischen Internationale“ durch die Italienische Linke im Exil gegründet wurde.[3] Auch wenn dies zeitgleich stattfand, wussten beide Strömungen (wenn überhaupt) nur sehr wenig voneinander und hatten keine gemeinsame Diskussion gehabt. Während die Italienische Linke in den folgenden Jahren auf Grundlage einer programmatischen Strenge und organisatorisch klarer Prinzipien in der Lage war, eine gründliche Bilanz der historischen Periode zu starten und die Arbeit einer Fraktion aufzunehmen, und damit eine Grundlage schuf, auf die sich die IKS am Ende der Konterrevolution sammeln und gründen konnte, ist die Linke Opposition der KPD schon ein Jahr später wieder auseinandergebrochen. Es war ein weiterer Ausdruck einer dramatischen Schwäche der linken kommunistischen Kräfte in Deutschland, die zu einem historischen Scheitern gegenüber den Herausforderungen des Rückflusses der revolutionären Welle führte.
Dieser kurze Artikel möchte zuerst hervorheben, dass in der KPD ein langer und zäher Kampf in und um die Partei gefochten wurde. Der Ausschluss der Mehrheit auf dem Heidelberger Parteitag 1919 (welches Ereignis 1920 zur Gründung der KAPD führte) bedeutete noch lange nicht das Ende des proletarischen Lebens in der KPD. Wir werden demnächst auf diesen Kampf zwischen 1920 und 1928 in weiteren Artikeln zurückkommen.[4] Die folgenden Ausführungen um die Gründung des Leninbundes sollen also nur gewissermaßen einen kleinen Vorgeschmack geben.
Des weiteren müssen wir besser verstehen, auf welchem Boden sich die linken kommunistischen Kräfte in der Partei bewegten und warum sie nicht in der Lage waren, eine mit der Italienischen Linken vergleichbare programmatische Strenge und organisatorische Prinzipientreue zu entwickeln.
Doch nun zurück zu dem tapferen Aufbäumen vieler Tausender Militanter gegen die Degenerierung ihrer Partei.[5] Um den XI. Parteikongress der KPD (März 1927 in Essen) war es zu massenhaften Ausschlüssen aus der Partei gekommen. Hiergegen stemmte sich der „Aufruf an die Arbeiter Deutschlands“ der Reichskonferenz der Opposition (März 1928) und warnte vor einer „Spaltung der Kommunistischen Parteien“ und erklärte: „Kommunisten können nicht aus der Kommunistischen Partei zum Nutzen des Opportunismus ausgeschlossen werden … wir denken nicht daran Tausende ehrlicher Kommunisten, Linke Kommunisten, die durch die gegenwärtige opportunistische Führung der Komintern und der KPD außerhalb der Partei gedrängt werden sollen, für die Bewegung verlorengehen zu lassen.“ Dies ist eine sehr verantwortungsvolle Haltung und grenzt sich damit deutlich von den Positionen ab, die die Russische Revolution und die Komintern bereits als bürgerlich verworfen[6] hatten. „Eben weil wir überzeugt sind, dass das revolutionäre Proletariat sich seine revolutionäre Kommunistische Partei schmieden wird, eben deshalb antworten wir auf die verbrecherische Spaltung der Partei mit dem Appell an alle revolutionäre Kommunisten, sich zusammenzuschließen im Leninbund!“
Die Gründung der Leninbundes mit vielen früheren Führungskadern der KPD wie Ruth Fischer, Arkadi Maslow, Hugo Urbahns, Werner Scholem und Anton Grylewicz ist vorläufiger Abschluss eines länger währenden Kampfes in der Partei. Bereits im September 1926 war zur Unterstützung der russischen Linken Opposition um Trotzki und dem in der KPD zu der Zeit hoch angesehenen Sinowjew der sogenannte Brief der 700 (den wir in Kürze publizieren werden) veröffentlicht worden. Auch hier müssen wir auf eine Parallele zur Italienischen Linken verweisen, die 1926 die berühmten Lyoner Thesen (die Position der Italienischen Linken auf dem Parteitag der PCI in Lyon) veröffentlichte. Auch hier wird eine zukünftige Arbeit die Parallelen, aber eben auch die Unterschiede heraus arbeiten müssen. Ebenso ist wichtig zu betonen, dass Trotzki für die deutsche Linke Opposition kein Referenzpunkt war[7], wohingegen die Italienische Linke in ihrer Resolution der Konferenz von Pantin zur „Einberufung des 6. Weltkongresses unter der Präsidentschaft von Leo Trotzki“[8] aufrief. Die Fraktion um Stalin war sich zu dieser Zeit sehr wohl der Gefahr einer Formierung einer Internationalen Linken Opposition (ILO) bewusst. Und weder Trotzki noch Sinowjew begriffen, welche Auswirkung ihr taktischer Waffenstillstand mit Stalin im Oktober 1926 hatte. Dieser taktische Waffenstillstand verlangte, dass Trotzki und Sinowjew sich öffentlich von der sich formierenden ILO und insbesondere von Fischer/Maslow, Souvarine, Weber, Urbahns und Bordiga lossagen mussten. Um einen Eindruck von der Größe und Einflussmöglichkeit zu geben, seien hier zwei Zahlen genannt: die GPU schätzte die Anhänger der LO in Deutschland auf 20.000 und stellte fest, dass in Berlin ca 35 % der KPD-Mitglieder Anhänger der LO waren. In ihren Analysen verwies sie auf die zentrale Rolle des Proletariats in Berlin, und die Agentenzahl in Berlin wurde auf 30 erhöht. Auch in der Partei wurde der Druck erhöht und nach einer Attacke von Thälmann wurden Scholem, Schwan und Urbahns im Dezember 1926 ausgeschlossen (Fischer/Maslow wurden bereits im August 1926 ausgeschlossen). Dennoch entwickelte sich in Deutschland erstmal eine 'jetzt-erst-recht-Stimmung'. Die Zeitschrift der Korsch-Gruppe Kommunistische Politik machte sich darüber lustig: „Urbahns versucht Sinowjew-Gruppe ohne Sinowjew“.[9] Während die KPD versuchte, jede Diskussion zu den Fraktionskämpfen in der RKP (B) und zu der sogenannten „chinesischen Frage“ zu unterdrücken, entwickelten sich die Veranstaltungen des Leninbundes zu den Orten des eigentlichen Parteilebens. Der sich formierende Leninbund schickte Ruth Fischer und Anton Grylewicz auf Auslandsreisen, um die internationale Beteiligung der LO aus Russland, Bulgarien, Polen, Frankreich, Großbritannien und der Tschechoslowakei zu ermöglichen[10].
Am Osterwochenende 1928 trafen sich dann Delegierte u. a. aus den Ortsgruppen in Berlin, Halle, Magdeburg, Hamburg, Dortmund, Mannheim, Speyer, Würzburg, Gelsenkirchen, Frankfurt/Main. Sechs ehemalige ZK-Mitglieder und mehrere Reichstags- und Landtagsabgeordnete der KPD nahmen als Mitglieder des Leninbundes teil. Es wurden Grußschreiben aus Frankreich, Österreich, der Tschechoslowakei und Russland verlesen, darüber hinaus gab es Solidaritätserklärungen oppositioneller KPD-Ortsgruppen.
In den „Aufgaben der Linken Kommunisten“ heißt es: „Wir erfinden damit kein neues Programm, wir gründen damit keine neue Partei. Was wir wollen, das ist: alle Kommunisten sammeln, die auf dem Boden Lenins stehen, die die grundlegenden Beschlüsse der bisherigen fünf Weltkongresse der Kommunistischen Internationale anerkennen, zur Wiedervereinigung aller ehrlichen Kommunisten zum Kampfe gegen den Opportunismus und Revisionismus jeglicher Form, Art und Organisation. Wir haben Tausende Genossen in der KPD. Diesen rufen wir zu: Tretet dem Leninbund bei, aber bleibt zugleich Mitglieder der KPD und sorgt mit uns für die Wiedervereinigung aller Kommunisten.“
Dieses Aufbäumen der selbsternannten Linken Kommunisten in Deutschland war ein wichtiges Zeugnis für das noch vorhandene proletarische Leben in der Partei und ebenfalls Ausdruck einer verantwortungsvollen Haltung gegenüber der fortschreitenden Degenerierung der Partei des Proletariats und dem Zurückweichen der revolutionären Welle. Doch gleichzeitig zeigt selbst dieses flüchtige Zitat den fragilen und unzureichenden Boden, auf dem die Sammlungsbewegung stattfinden sollte. Sicherlich war der Rückbezug zu Lenin zu begrüßen, doch in dieser Periode bezog auch Stalin sich auf Lenin, und auch der Kampf gegen Opportunismus und Revisionismus konnte als Schlagwort verwässert werden. Ein Problem stellt der bedingungs- und kritiklose Bezug auf alle Beschlüsse der fünf Weltkongresse der Kommunistischen Internationale dar. Denn diese Kongresse selbst waren Kampfplatz der verschiedenen Fraktionen und trugen zumindest nach dem 3. Kongress bereits Merkmale der Degenerierung. Der Kampf der Kommunistischen Linken stützte sich genau auf die Kontinuität des kommunistischen Programms und der kommunistischen Prinzipien und hatte deshalb auch keine Hemmungen, gegen die spätere Mehrheitsposition in der Kommunistischen Internationale anzukämpfen. Es ist daher kein kleiner Unterschied, wenn die Resolution der Konferenz der Linken Fraktion der Kommunistischen Internationale in Punkt 4 ausführte: „Gründung von Gruppen der Linken, deren Aufgabe der bedingungslose Kampf gegen den Opportunismus und die Opportunisten ist. In diesem Kampf berufen wir uns auf das Kommunistische Manifest, die Thesen des zweiten Kongresses der Dritten Internationale, die Thesen von Rom, die Thesen der nationalen Konferenz der Kommunistischen Partei Italiens, die von Bordiga auf dem Vierten Weltkongress dargelegten Thesen, die Thesen, die von der Linken auf dem Kongress der SFIC von Lille vorgestellt wurden, und auf alle Schriften des Genossen Bordiga.“[11]
Wenn wir gezwungen sind, diese Frage kurz zu beantworten, müssen wir leider sagen, dass der Leninbund zwar ein wichtige Aufbäumen der proletarischen Teile der Partei darstellte, jedoch unfähig war, organisatorisch den Rahmen zu schaffen, um das Programm der revolutionären Klasse auf Dauer zu verteidigen, eine Analyse der historischen Lage anzufertigen, die Lehren aus der Niederlage zu ziehen und die Organisation der Revolutionäre entsprechend zu bewahren. Es schließen sich wichtige Fragen an. Warum ist der Leninbund, der doch viele wichtige Militanten der KPD organisieren konnte und der auf Tausende Arbeiter und Mitglieder der KPD Einfluss hatte, schon nach so kurzer Zeit wieder zusammengebrochen? Warum ist annähernd der gesamte linke Flügel der deutschen Arbeiterbewegung in den folgenden Jahren mit der Ideologie des Antifaschismus in die Arme der bereits degenerierten Teile gefallen? Warum ist der Leninbund heute annähernd vergessen und wenn überhaupt nur Gegenstand akademischer Untersuchungen? Wir denken, dass diese Fragen für uns nur fruchtbringend beantwortet werden können, wenn wir die Erfahrung des Leninbundes kontrastieren mit den Erfahrungen der Italienischen Linken. Die dramatische Niederlage der Deutschen Revolution beendete den revolutionären Anlauf, von dem die Russische Revolution nur die erste Etappe war. Die Klarheit und Stärke der revolutionären Organisation des Proletariats ist ein entscheidender Faktor in der Fähigkeit des Proletariats, im richtigen Moment handeln zu können. Die revolutionäre Organisation in Deutschland hat im Vergleich mit der in Russland (den Bolschewiki) und der in Italien (der Italienischen Linken) eine organisatorische Schwäche, die sie nach Gründung der KPD in den heftigen Kämpfen der folgenden Jahre (insbesondere 1919–1928) nicht überwinden konnte. Diese Schwächen müssen wir offenlegen und die richtigen Lehren daraus ziehen, ansonsten können wir die große historische Bürde, die noch heute auf dem Proletariat lastet, nicht beseitigen. Bereits in unserer Artikelfolge zur Deutschen Revolution haben wir dieses Dilemma aufgezeigt, hier gilt es wieder anzuknüpfen.
„Die Partei kann nur aufgebaut werden, indem sie sich auf langwierige vorherige programmatische Klärung und vor allem die Ausarbeitung fester organisatorischer Prinzipien stützt. Die Erfahrung in Deutschland zeigt: Ohne die Klarheit über eine marxistische organisatorische Funktionsweise wird jede Organisation auseinanderbrechen.
Das Versagen der Revolutionäre in Deutschland in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg beim wirklichen Parteiaufbau hat katastrophale Auswirkungen gehabt. Nicht nur zerstümmelte und verkrüppelte die Partei sich damit selbst. Im Laufe der Konterrevolution wurden schon bis Ende der 20er Jahre die Stimmen der organisierten Revolutionäre weitestgehend zum Schweigen gebracht. In Deutschland sollte dann ein mehr als 50jährige Friedhofsruhe herrschen. Als das Proletariat dann nach 1968 auch in Deutschland wieder seine Stirn zeigte, fehlte natürlich diese revolutionäre Stimme des Proletariats. Es gehört somit zu den wichtigsten Aufgaben der Vorbereitung der zukünftigen proletarischen Revolution, den Organisationsaufbau erfolgreich in Angriff zu nehmen. Sonst wird es nicht nur zu keiner Revolution kommen, sondern ihr Scheitern wäre jetzt schon vorprogrammiert.
Deshalb steht der Kampf für den Aufbau der Organisation im Mittelpunkt der Vorbereitung der
Revolution von morgen.“ (aus dem Kapitel „Geschichte der Schwäche der Partei“ der Artikelfolge „Die Deutsche Revolution“ (1914-1923)
G, April 2018
[1]Wir möchten auf die Arbeit von Marcel Bois „Kommunisten gegen Hitler und Stalin – Die Linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik“ verweisen, die trotz vieler Schwächen insbesondere ihres Unverständnis des internationalen Linkskommunismus und der Frage des Fraktionskampfes immerhin an diese wenig bekannten Auseinandersetzungen in und um der KPD verweist und aus der wir alle nicht anders gekennzeichneten Zitate entnommen haben.
[2]Wichtiges Thema war 1927 die verheerende Komintern-Politik in China, die fast zu Liquidierung der jungen chinesischen KP führte (siehe unseren Artikel zur China-Frage). Während die KPD versuchte, jede Diskussion zu diesem Thema zu unterdrücken, gab es auf den Veranstaltungen der Linken Opposition Informationen und Analysen zu dieser Frage.
[3]Siehe hierzu unser Buch Die Italienische Kommunistische Linke und unsere umfangreichen Artikel in der Internationalen Revue.
[4]Die Artikelfolge zur „Deutschen Revolution“ (Internationale Revue Nr. 17 – 29, auch als Pdf von unserer Website downloadbar) behandelt bereits die Ereignisse um den Kapp-Putsch und den Märzaufstand. https://de.internationalism.org/deutschrev/1 [924]
[5]Selbstverständlich ist diese Degenerierung und ihr Kampf dagegen nur im internationalen und historischen Kontext zu verstehen, auf dem Hintergrund der Fähigkeit der Bourgeoisie, den Auftakt zur Weltrevolution in Russland zu isolieren, insbesondere die deutschen Arbeiterklasse niederzuschlagen und eine internationale Ausweitung der Revolution zu stoppen. Die Frage der Degenerierung umfasst sowohl die Tendenz der Partei, mit dem Staate zu verschmelzen (hier hat Bilan eine wichtige kritische Aufarbeitung geleistet) als auch die Unfähigkeit, eine Kampforganisation des Proletariats aufzubauen (eine Schwäche, die insbesondere in Deutschland sich verheerend ausgewirkt hat). Wir möchten hier auf unsere vielfältigen Artikel dazu verweisen.
[6]Die Gruppe um Korsch argumentierte sicherlich noch am genauesten, siehe Kommunistische Politik Nr. 18 vom Oktober 1926, die zwar bereits von der „Liquidierung“ der RKP spricht, aber immerhin noch darauf besteht, dass sie vormals eine „revolutionäre proletarische Klassenpartei“ war: „zum Abschluß gebracht worden … die Liquidierung der Russischen Kommunistischen Partei als einer wirklichen kommunistischen Partei, ihre Umwandlung aus einer revolutionären proletarischen Klassenpartei in eine scheinbar 'über den Klassen' stehende bürgerliche Staatspartei“. Andere hatten unmittelbar nach der Revolution angefangen, ganz falsche Schlussfolgerungen zu ziehen und verwarfen gleich den proletarischen Charakter der Revolution selbst.
[7]Ein Argument war, dass der „Trotzkist“ Radek 1923 Brandler unterstützt hätte, ebenfalls hatte die Fischer/Maslow Gruppe 1923/24 die Kampagne gegen den „rechten“ Trotzki für eigene Machtkämpfe benutzt
[8]Siehe Seite 78 in unserem Buch Die Italienische Kommunistische Linke
[9]Dies spielte darauf an, dass die deutsche LO sich bisher an Sinowjew orientiert hatte, aber seiner Kapitulation nicht folgte, es ist aber ebenfalls ein Zeichen dafür, dass Trotzki zu diesem Zeitpunkt in Deutschland ebenfalls in der Linken isoliert war.
[10]Hierüber wissen wir leider viel zu wenig, ran an die Arbeit!
[11]Siehe Seite 78 in unserem Buch Die Italienische Kommunistische Linke
Die Ereignisse des Frühjahrs 1968 hatten eine internationale Dimension, sowohl in ihren Wurzeln als auch in ihren Folgen. Sie beruhten auf den Folgen der ersten Anzeichen der Weltwirtschaftskrise, die für die Arbeiterklasse nach mehr als einem Jahrzehnt kapitalistischen Wohlstands wieder zu spüren waren.
Nach Jahrzehnten der Niederlage, Unterwerfung und Orientierungslosigkeit kehrte die Arbeiterklasse im Mai 1968 durch die große Tür auf die Bühne der Geschichte zurück. Nachdem die Student_innenunruhen seit Beginn des Frühlings und vor ihnen die radikalen Arbeiterkämpfe, die seit 1967 stattgefunden hatten, bereits die gesellschaftliche Atmosphäre des Landes verändert hatten, erschütterte der massive Eintritt der Arbeiterklasse in den Kampf (mit 10 Millionen Streikenden) die gesamte soziale Landschaft.
Ziemlich schnell nahmen auch andere nationale Sektoren der Weltarbeiterklasse den Kampf auf. Nach dem großen Streik im Mai 1968 in Frankreich, den Kämpfen in Argentinien (dem Cordobazo), dem italienischen "Heißen Herbst" und vielen anderen Kämpfen in verschiedenen Ländern der Welt war der Beweis geliefert, dass das Weltproletariat die Zeit der Konterrevolution verlassen hatte. Anders als die Krise von 1929 sollte die sich nun entwickelnde nicht zum Weltkrieg führen, sondern zu einer Entwicklung von Klassenkämpfen, die die herrschende Klasse daran hinderte, ihre barbarische Antwort auf die Erschütterungen ihrer Wirtschaft zu geben.
Um das Jubiläum dieses wichtigen Ereignisses zu feiern, veröffentlichen wir auf unserer Website ein Dossier mit den wichtigsten Artikeln, welche die IKS über dieses Ereignis geschrieben hat:
- ‘Den Mai verstehen [925]’, eine Wiederveröffentlichung aus Révolution Internationale 2, 1969 (hier einstweilen der Link auf die englische Übersetzung, bis die deutsche fertig ist), welcher Artikel insbesondere auf die Situationisten antwortet, die damals die Rückkehr der Wirtschaftskrise als Faktor bei der Entstehung der Bewegung bestritten;
- Mai 1968: Die Studentenbewegung in Frankreich und auf der Welt /Teil 1 [926] aus Weltrevolution 147, 2008, und 40 Jahre seit Mai 1968: Das Ende der Konterrevolution - Das historische Wiedererstarken der Arbeiterklasse - 2. Teil [927], der Folgeartikel auf IKSOnline im Juli 2008, die auf die Ereignisse selbst eingehen und ihre historische Bedeutung untersuchen.
Wir beginnen auch, eine Reihe von drei Artikeln mit einem Rückblick auf die Zeit seit 1968 zu veröffentlichen, mit dem Ziel, zu untersuchen, inwieweit die Schlussfolgerungen, die wir über die Bedeutung des Mai 1968 gezogen haben, durch die Geschichte bestätigt wurden. Der erste (Das Versinken in der Wirtschaftskrise [928]) beschäftigt sich mit dem Verlauf der Verschärfung der Wirtschaftskrise und die beiden folgenden mit der Dynamik des Klassenkampfes bzw. der Entwicklung des revolutionären Milieus.
Im Folgenden veröffentlichen wir einen ‚Bericht über die imperialistische Situation‘, der vom Zentralorgan der IKS auf einer Sitzung im Juni 2018 angenommen wurde. Seit der Erstellung des Berichts haben die Ereignisse um Trumps Besuch in Europa die im Bericht entwickelten Hauptideen sehr deutlich bestätigt, insbesondere die Auffassung, dass die USA inzwischen zur Hauptantriebskraft der Tendenz des "Jeder für sich“ auf globaler Ebene geworden sind, bis hin zum Zertrümmern der Instrumente ihrer eigenen "Weltordnung".
Der NATO-Gipfel im Juli in Brüssel war geprägt von den lautstarken und drohenden Forderungen des US-Präsidenten Trump, die europäischen NATO-Mitglieder sollten ihre Militärbudgets so schnell und massiv wie möglich erhöhen - zunächst auf 2% und sogar auf 4%, ein Betrag, den die USA angeblich schon seit einiger Zeit ausgeben.
Trumps Beschwerde, dass der gigantische Umfang der amerikanischen Militärausgaben eine furchtbare Belastung für die US-Wirtschaft und ihre Wettbewerbsfähigkeit darstellt, ist sicher keine „fake news“. Die jahrzehntelange Finanzierung eines Militärapparates, der auf allen Kontinenten der Welt präsent ist, und der wirtschaftliche Preis der Fiaskos der USA in Afghanistan und im Irak ersticken die amerikanische Wirtschaft. Das ist das unvermeidliche Ergebnis des Krebsgeschwürs des Militarismus. Und doch sind im laufenden US-Haushalt wieder viel höhere Rüstungsausgaben als in den Vorjahren bewilligt worden - und diese Ausrichtung wurde sowohl von der Demokratischen Partei als auch von den Republikanern vorangetrieben [i]. Trotz der Warnung, dass die steigenden Kosten des Militarismus die Gesamtleistung der US-Wirtschaft untergraben, zwingt der Moloch des Militarismus früher oder später alle Regierungen der Welt, diesem unersättlichen Moloch immer mehr Ressourcen und Ausgaben zu opfern. Die Tatsache, dass die Rüstungskonzerne hieraus fette Gewinne erzielen, verhindert nicht die Schwächung der Gesamtwirtschaft. Das Beispiel Russlands in den 70er und 80er Jahren dient als Warnung: Das lähmende Gewicht seines Rüstungssektors, das nicht zu gewinnende Wettrüsten mit den USA, war ein Schlüsselfaktor für den Zusammenbruch des gesamten stalinistischen Regimes.
Gleichzeitig bringt Trumps Drohung, dass die USA, wenn die europäischen 'Verbündeten' ihre Militärbudgets nicht entsprechend den Forderungen der USA erhöhen, „auf eigene Faust handeln werden“, ja sogar die NATO verlassen könnten, ihn in einen direkten Konflikt mit denjenigen, die bislang die globalen imperialistischen Interessen des US-Kapitals verteidigt haben. Es gibt sicherlich eine Logik bei Trumps Antipathie gegenüber der NATO, die in vieler Hinsicht ein Überrest der Zeit der Blöcke ist und deren Rolle in der heutigen multipolaren Welt zunehmend ungewiss geworden ist. Gleich war die NATO zur Zeit des Kalten Krieges das zentrale Instrument eines Militärblocks mit den USA an der Spitze, das es ihr ermöglichte, ihre eigenen Entscheidungen und eine Disziplin im ganzen Block durchzusetzen. Und auch nach dem Zusammenbruch des russischen Blocks in den Jahren 1989-91 diente die NATO noch immer als eine von den USA dominierte Machtstruktur, ein Mittel, um die globale Hegemonie der USA zu erhalten und den zentrifugalen Tendenzen unter ihren ehemaligen Verbündeten entgegenzuwirken. Insbesondere wurde die NATO genutzt, um mehr Truppen in Mittel- und Osteuropa zu stationieren und die US-Offensive gegen Russland voranzutreiben. Und die NATO wirkt in den Augen mehrerer osteuropäischer Länder nach wie vor als Schutzschild gegen Russland.
Natürlich haben die fortschreitenden Tendenzen des "Jeder für sich" und die zunehmenden Spannungen zwischen den Nationalstaaten dazu geführt, dass die Vorherrschaft der USA über die NATO und ihre ehemaligen Verbündeten stetig und unwiderruflich geschwächt wurde. Aber Trumps Drohungen, sich aus der NATO zurückzuziehen, stehen immer noch in direktem Konflikt mit den Interessen des militärischen Flügels in den US, der das, was noch von der immer noch führenden Position der USA innerhalb der NATO übrig bleibt, nicht aufgeben und noch weniger die NATO gänzlich fallen lassen will. Diese Fraktion der herrschenden Klasse begreift, dass die Aufrechterhaltung der US-Vorherrschaft mehr ist als ein wirtschaftliches Problem.
Der NATO-Gipfel und die weitreichenden Drohungen von Trump zeigen die Realität der Auswirkungen des Krebsgeschwürs des Militarismus, aber auch die Tatsache, dass die herrschende Klasse der USA über ihre militärischen Orientierungen tief gespalten ist.
Gleichzeitig konnten die Ergebnisse des NATO-Gipfels die Entschlossenheit der europäischen Mitgliedsländer, ihre Militärausgaben zu erhöhen und mehr Spielraum außerhalb der Kontrollzone der USA zu gewinnen, nur verstärken. Die Ultimaten von Trump waren für sie ein willkommener Vorwand, diesen Prozess zu beschleunigen und die europäischen Ambitionen zur Entwicklung neuer militärischer Strukturen innerhalb und außerhalb der EU, insbesondere zwischen Frankreich und Deutschland, aber auch mit Großbritannien (unabhängig von Brexit) zu stärken. Wir sehen also, dass das globale Gewicht des Militarismus nicht abnimmt: Wenn die bisherigen militärischen Machtstrukturen erodieren, entstehen nur neue Spannungen und neue, wenn auch kurzlebige Militärbündnisse. Wie bei jeder Gang, wenn der oberste Anführer geschwächt oder gestürzt wird, bilden die nachrangigen Gangster in der Regel neue Allianzen, bevor sie sich gegenseitig angreifen.......
Unmittelbar nach dem NATO-Gipfel stattete Trump Großbritannien einen kurzen Besuch ab, dessen Politik, wie er bemerkte, "etwas in Aufruhr" steckt. Er unternahm dann selbst alles, diese Turbulenzen zu verstärken, als es so aussah, er untergrabe Theresa Mays Bemühungen eine Brexit-Vereinbarung zusammenzuflicken und als er erklärte, dass sie nicht das befolgt hätte, was er ihr gesagt hatte, und dass der Deal mit der EU, den sie vorschlug, einen Deal mit den USA ausschließen würde. Zuvor hatte er auch noch den Aufwiegler des Kabinetts, Boris Johnson, gepriesen und behauptet, er würde einen "großen Premierminister" hergeben. Der Schaden war angerichtet worden trotz des wütenden Zurückruderns auf der Pressekonferenz im Chequers, wo er Seite an Seite mit May auftrat. Und nachdem er die EU kurz vor seinem Gipfeltreffen mit Putin als "Gegner" definiert hatte, entspricht die Haltung dieses "Störers" gegenüber der EU, die als Teil des westlichen Blocks errichtet worden war und die die USA in der Weltordnung nach 1989 weiterhin unterstützten, eindeutig seinem Ansatz gegenüber der NATO.
Dann kam der Trump-Putin-Gipfel in Helsinki. Dabei wurde vor allem deutlich, dass die herrschende Klasse in den USA einen Präsidenten an der Spitze hat, der mehr und mehr eigenmächtig handelt oder nur auf ganz bestimmten Interessen, insbesondere auf kurzfristigen wirtschaftlichen Kalkülen, besteht. Anstatt eine zentralisierende Kraft zu sein, die das Militär und den Sicherheitsapparat führt, handelt er nicht nur ohne Rücksprache mit ihnen, sondern er äußerte sogar ein größeres Vertrauen in die Worte Putins als in die seines Sicherheitsapparats in Bezug auf die Einmischung Russlands in die US-Wahlen. Es ist offensichtlich, dass Trump unberechenbarer denn je geworden ist, und die lächerlichen Korrekturen seiner seltsamsten Aussagen können den wahren Sumpf, in dem sich die herrschende Klasse der USA befindet, nicht verbergen.
So wie seine Haltung auf dem NATO-Gipfel die Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse zum Vorschein brachte, zeigt das Fiasko des Putin-Treffens zunehmende Konflikte innerhalb und zwischen dem Militär-/Sicherheitsapparat und dem Weißen Haus, innerhalb und zwischen bestimmten Industriezweigen und wichtigen Flügeln des Staates. Die Opposition gegen die imperialistischen Ambitionen Russlands ist seit 1945 tief in der imperialistischen Politik der USA verwurzelt und wurde nur durch Putins aggressive Außenpolitik verstärkt. Die Vorstellung, dass Trump und mit ihm bestimmte Fraktionen der herrschenden Klasse bereit sein könnten, alle möglichen Geschäfte mit Putin zu machen oder sogar als seine Handlanger aufzutreten, verursacht große Ängste in den etablierten Fraktionen der herrschenden Klasse der USA, die nicht von dem Argument überzeugt sind, die USA könnten sich sinnvollerweise mit Russland gegen die größere Bedrohung durch China verbünden und als ein Gegengewicht zur EU handeln.
Als Trump in Großbritannien ankam, wurde er von Zehntausenden, ja Hunderttausenden von Demonstranten "begrüßt", die wütend sind über seine rassistischen Aussagen zur Einwanderung, sein offenes Eingeständnis des sexuellen Missbrauchs, sein Lob für das "feine Volk" der faschistischen Rechten. Aber diese Demonstrationen fanden ganz klar auf bürgerlichem Terrain statt, nicht zuletzt, weil sie von den Sprachrohren der herrschenden Klassen wie The Guardian und The Evening Standard offen unterstützt wurden. Ihr Fokus lag vor allem auf ‚Trump the man‘: seine Orangenfarbene Haut, seine Frisur, seine kleinen Hände und sein Penis, die aufschlussreiche Tatsache, dass eine Bedeutung von "Trump" "Furz" ist. Das Problem bei all dem ist, dass es verbirgt, was wirklich auf dem Spiel steht. So wie vor 10 Jahren die Banker für eine Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht wurden, die in den unpersönlichen Widersprüchen des Kapitals wurzelt, so wird Trump heute für das wachsende politische, wirtschaftliche und militärische Chaos verantwortlich gemacht, obgleich er letzten Endes nur das Produkt dieses Chaos ist, das auf die Auflösung und Fäulnis eines ganzen sozialen Systems zurückzuführen ist. Wie eines der Plakate auf der Londoner Demo es ausdrückte: "Können wir jetzt bitte die klugen Leute die Dinge regeln lassen?" Aber Trump durch einen klügeren und verantwortungsvolleren Politiker zu ersetzen, wird den Abstieg des Kapitalismus in den Abgrund der Barbarei nicht aufhalten. Nur ein entschlossener Kampf gegen das Weltkapital, ein Kampf, der auf seinen Sturz abzielt, kann der Menschheit diese Hoffnung geben.
DA, 24.7.18
[i] Am 16. März 2017 reichte Präsident Trump seinen Antrag beim Kongress für 639 Milliarden Dollar an Militärausgaben ein - 54 Milliarden Dollar mehr - was einem Anstieg von 10 Prozent für das Geschäftsjahr 2018 sowie 30 Milliarden Dollar für das Geschäftsjahr 20117 entspricht, das im September endet. ... Der Kongress erhöhte das Budget auf insgesamt 696 Milliarden Dollar. Diese Erhöhung um 61 Milliarden Dollar entspricht oder übertrifft sogar den gesamten russischen Militärhaushalt jedes Jahr (even surpasses [929]). Es ist mehr, als die Trump-Administration ursprünglich wollte. Es ist vergleichbar mit zwei großen Ausgabenschüben während der Amtszeit von Präsident George W. Bush in den Jahren 2003 und 2008, die den Irak-Krieg finanzierten. "Heute erhalten wir den größten Militärhaushalt der Geschichte, der viele Jahre des Niedergangs und der unvorhersehbaren Zusatzausgaben umkehrt", so Verteidigungsminister Jim Mattis (https://www.npr.org/sections/parallels/2018/03/26/596129462/how-the-pent... [930]).
In „Staat und Revolution“ schrieb Lenin: "Die großen Revolutionäre wurden zu Lebzeiten von den unterdrückten Klassen ständig verfolgt, die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und wütendem Hass begegneten, mit zügellosen Lügen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tod versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem Namen einen gewissen Ruhm zu zur „Tröstung“ und Betörung der unterdrückten Klassen, wo man ihre revolutionäre Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie vulgarisiert“ (Lenin, Staat und Revolution, Ges. Werke, Bd. 25, S. 397). In der Tat unternahm die Bourgeoisie zu Lebzeiten von Marx alles, was sie konnte, um ihn daran zu hindern, zu handeln, indem sie ihn dämonisierte und indem sie ihn ständig mit ihrem ganzen Repressionsapparat verfolgte.[1] Nach seinem Tod tat sie alles, um seinen Kampf gegen den Kapitalismus zu verzerren und den Kommunismus zu verhindern.
Alle Publikationen, Radio- und Fernsehsendungen, die anlässlich des 200. Geburtstags von Marx produziert wurden, bilden keine Ausnahme von der Regel. Viele Akademiker begrüßen Marx' Beiträge zur Ökonomie, Philosophie oder Soziologie, während sie ihn gleichzeitig als einen Denker präsentieren, der "jenseits der Wirklichkeit“ stand, "überholt" oder politisch völlig falsch gelegen hätte. Es geht vor allem darum, Marx‘ „kämpferische Seite“ zu entschärfen und sie abzustumpfen. So sei Marx nur ein "Denker des 19. Jahrhunderts" gewesen,[2] sein Werk würde es uns daher nicht erlauben, die spätere Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts zu verstehen. Eine revolutionäre Perspektive gäbe es daher heute nicht mehr. Die Arbeiterklasse würde nicht mehr existieren und ihr politisches Projekt könnte nur zu einem Horror wie dem Stalinismus führen. Die gesamte politische Seite von Marx' Werk müsste endlich in den Mülleimer der Geschichte geworfen werden.
Aber ein subtilerer Teil dieser Propaganda behauptet, dass Marx, der "aktuelle" Marx, herangezogen werden sollte, da dies schlussendlich die Verteidigung von Demokratie, Liberalismus und Kritik der Entfremdung bestätigen könnte. Im Grunde wäre es eine Frage des Verständnisses von Marx nicht als dem revolutionären Kämpfer, der er war, sondern als ein Denker, von dem bestimmte Aspekte der Arbeit es ermöglichen würden, den Kapitalismus zu "verstehen" und zu verbessern, welcher, wenn sich selbst überlassen, "ungezügelt" durch die Kontrolle des Staates Ungleichheiten und wirtschaftliche Krisen erzeugen würde. Innerhalb der Bourgeoisie ziehen es die meisten vor, Marx als "einen ökonomisch weitsichtigen Denker" zu präsentieren, der die Krisen des Kapitalismus vorhergesehen und die Globalisierung, die Zunahme von Ungleichheiten usw. vorausgesagt hätte.
Unter Marx' Beweihräuchern sind viele auch seiner sogenannten selbsternannten Erben, die seit einem Jahrhundert, von den Stalinisten bis zu den Linken, einschließlich der Trotzkisten, nicht aufgehört haben, im gleichen Sinne den revolutionären Marx zu entstellen, zu verunglimpfen, zu beschmutzen, indem sie ihn, wie Lenin richtigerweise vorausgesehen hatte, in einen quasi-religiösen Götzen verwandelten, sie ihn quasi heilig gesprochen und Statuen für ihn aufgestellt haben. All dies geschah, um das als Sozialismus oder Kommunismus zu präsentieren, was bei der Aufrechterhaltung der Herrschaft des Kapitalismus in der Zeit seines Niedergangs durch eine besondere und bedingungslose Verteidigung der Form der Konterrevolution, der Herrschaft des Staatskapitalismus nach dem Vorbild der UdSSR, in den Ländern des ehemaligen Ostblocks oder Chinas geschah.
Vor allem muss man sich bei Engels daran erinnern, dass Marx zuerst ein Revolutionär, also ein Kämpfer war. Ohne diesen Ausgangspunkt kann man seine theoretische Arbeit nicht begreifen. Einige wollten Marx zu einem reinen Gelehrten machen, der mit seinen Büchern eingeschlossen und von der Welt zurückgezogen und abgeschnitten war. Aber nur ein revolutionärer Kämpfer kann ein Marxist sein. Seit seiner Teilnahme an den junghegelianischen Aktivitäten in Berlin 1842 war Marx' Leben ein Kampf gegen den preußischen Absolutismus. Dieser Kampf wurde zu einem Kampf für den Kommunismus, als er die Ursachen des Elends eines beträchtlichen Teils der Gesellschaft zu verstehen suchte und mit den Pariser Arbeitern das Potential der Arbeiterklasse spürte. Es war dieser Kampf, der ihn ins Exil trieb, von einem Land ins andere getrieben und der ihn in ein Elend stürzte, das den Tod seines Sohnes verursachte. In dieser Hinsicht ist es wirklich obszön, Marx' Elend der Tatsache zuzuschreiben, dass weder er noch seine Frau wussten, wie man mit Haushaltsgeld umgeht, weil sie aus wohlhabenden sozialen Schichten stammten, wie es ein Arte-Film darstellte. In Wirklichkeit nutzte Marx, erfüllt von dem Geiste proletarischer Solidarität, regelmäßig sein geringes Einkommen, um dieses in den Dienst der revolutionären Sache zu stellen.
Im Gegensatz zu den Aussagen von Jonathan Sperber war Marx kein „Journalist“, sondern ein Kämpfer, der wusste, dass der Kampf zunächst gegen die autoritäre preußische Monarchie und dann gegen die Bourgeoisie eine Propagandatätigkeit erforderlich machte, die er in [1] der Rheinische Zeitung [932] , dann in der Deutsche-Brüsseler-Zeitung [933], in den Deutsch-Französische Jahrbücher [934] und in der Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie [935], erfüllte. Als Kämpfer beteiligte sich Marx an den Tätigkeiten des Bund der Kommunisten und erfüllte ein Mandat des Bund der Kommunisten, indem er einen Haupttext der Arbeiterbewegung verfasste: Das Manifest der Kommunistischen Partei. Und weil er auch ein Kämpfer war (wie der Titel einer Bibliographie von B. Nicolaevsky [936], O. Maenchen-Helfen auf französisch lautet), stand die Sorge um den Zusammenschluss der Revolutionäre und den Aufbau der Organisation im Mittelpunkt seines Wirkens. Und auch seine theoretischen Arbeiten wurden getragen von dem Anliegen, den Kampf der Arbeiterklasse voranzutreiben.
Marx konnte eine immense theoretische Arbeit entfalten, weil er von der Sicht der Arbeiterklasse ausging, einer Klasse, die im Kapitalismus nichts zu verteidigen hat und durch ihren Kampf gegen ihre Ausbeutung "nur ihre Ketten verliert". Aus dieser Prämisse heraus verstand er, dass dieser Kampf potenziell das Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beinhaltet, gegen die die Menschheit seit der Entstehung der sozialen Klassen gekämpft hat, und dass die Befreiung der Arbeiterklasse die Entstehung der wiedervereinigten Menschheit, d.h. des Kommunismus, ermöglichen würde. Wenn Jacques Attali als Autor und Mitarbeiter der Zeitung ‚Le Monde Diplomatique‘ behauptet, Marx sei ein "Gründervater der modernen Demokratie", dann ist er nur ein Verfälscher im Dienste der Bourgeoisie, die uns die heutige Gesellschaft als die bestmögliche darstellt. Der Zweck dieser Propaganda ist es zu verhindern, dass die Arbeiterklasse versteht, dass die einzig mögliche Perspektive zur Überwindung des dahinsiechenden Kapitalismus der Kommunismus ist.
Ausgehend von den Bedürfnissen der Arbeiterklasse entfaltete Marx eine wissenschaftliche Methode, den historischen Materialismus, der es der Arbeiterklasse ermöglicht, ihren Kampf zu orientieren. Diese Methode ist kritisch und geht über Hegels Philosophie hinaus, indem sie das, was er entdeckt hatte, nämlich dass die Transformation der Realität immer ein dialektischer Prozess ist, "auf die Beine stellt". Diese Methode ermöglichte es ihm, Lehren aus den großen Kämpfen der Arbeiterklasse wie denen von 1848 und der Pariser Kommune zu ziehen. Seine Weitergabe an die ihm folgenden Generationen von Revolutionären sowie an die der kommunistischen Linken ermöglichte es auch, Lehren aus dem Scheitern der revolutionären Welle von 1917 zu ziehen. Marx' Ansatz ist lebendig; er besteht darin, die Realität mit seiner Methode zu untersuchen und sie im Lichte der erzielten Ergebnissen zu messen; dadurch können die Revolutionäre die Theorie bereichern.
Ausgehend von der Sicht der Arbeiterklasse konnte er auch begreifen, dass es wichtig ist zu verstehen, was die Arbeiterklasse bekämpft und was sie zerstören muss, um sich von ihren Ketten zu befreien. Er beschäftigte sich daher mit der Untersuchung der wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft, um daran Kritik zu üben (Kritik der politischen Ökonomie). Diese Studie ermöglichte ihm zu zeigen, dass die Grundlage des Kapitalismus der Warentausch ist und dass der Tausch die Grundlage der Lohnverhältnisse ist, d.h. das Verhältnis der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen im Kapitalismus. Es ist interessant, dieses grundlegende Ergebnis mit dem zu vergleichen, was die Zeitung Libération in einem Artikel zum Jahrestag seiner Geburt getan hat: Karl Marx "zeigt, dass der Erwerb von Arbeitskraft durch den Kapitalisten ein Problem der Unsicherheit über die Realität der Bemühungen der Arbeiter darstellt", mit anderen Worten, wenn man die Arbeit des Arbeiters so messen könnte, dass seine Bemühungen erträglich sind, wäre die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen eine gute Sache ; hier ist ein gutes Beispiel dafür, wie Marx benutzt wird, um den Kapitalismus zu rechtfertigen ! Für Marx bedeutet "Kauf von Arbeitskraft" die "Produktion von Mehrwert" und damit Ausbeutung!
Auch durch den zutiefst militanten Aspekt seiner theoretischen Arbeiten konnte Marx einerseits erkennen, dass der Kapitalismus nicht ewig bestehen kann, und dass dieses System wie die ihm vorangegangenen Produktionsweisen an Grenzen stößt und historisch in eine Krise gerät. „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein“ (K. Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort, MEW 13, S. 9, 1859). Andererseits zeigte Marx, dass der Kapitalismus seinen eigenen Totengräber hervorbringt, das Proletariat, das sowohl die letzte ausgebeutete Klasse in der Geschichte ist, besitzlos, als auch die einzige potenziell revolutionäre soziale Klasse ist aufgrund des assoziierten Charakters ihrer Arbeit. Indem sich die Arbeiterklasse über alle Grenzen hinweg zusammenschließt, entfaltet sie die einzige Kraft ist, die den Kapitalismus auf internationaler Ebene zu stürzen vermag, um eine klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung aufzubauen.
Die "großen Analysen" des 20. und 21. Jahrhunderts, die an der Oberfläche stehen bleibend, entweder behaupten, dass Marx' Denken überholt sei, oder dass es immer noch aktuell sei, weil er ein "Ökonom", ein "genialer Vorläufer" gegenwärtiger, in Mode befindlicher globalisierungskritischer Theorien zur "Korrektur der Exzesse" des Kapitalismus sei, zielen nur darauf ab, die Notwendigkeit des Kampfes um die proletarische Revolution zu verschleiern.
Die Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse als einige Kraft dazu in der Lage ist den Kapitalismus zu stürzen und die Entstehung des Kommunismus zu ermöglichen, war aus Marx‘ Sicht untrennbar verbunden mit der Notwendigkeit , dass sich das Proletariat selbst organisiert. In dieser Hinsicht wie in anderen Bereichen ist der Beitrag von Marx von wesentlicher Bedeutung. Bereits 1846 beteiligte er sich in einem Kommunistische Korrespondenz-Komitee [937], um deutsche, französische und englische Sozialisten zusammenzubringen, denn "zum Zeitpunkt der Aktion ist es sicherlich für jeden von großem Interesse, über den Stand der Dinge im In- und Ausland informiert zu sein". Die Notwendigkeit, sich zu organisieren, verdeutlichte sich später in seiner ständigen Teilnahme an den Kämpfen für die Errichtung und Verteidigung einer internationalen revolutionären Organisation innerhalb des Proletariats. Der Kampf für den Kommunismus und das tiefste Verständnis dessen, was dieser Kampf darstellt, bedeutete, dass er den Kampf für die Umwandlung des Bund der Gerechten in den Bund der Kommunisten 1847 führte und zur Klärung der Rolle dieser Organisation innerhalb der Arbeiterklasse beitrug. Weil sie sich dieser Rolle sehr wohl bewusst waren, verteidigten Marx und Engels die Notwendigkeit eines Programms innerhalb des Bund der Kommunisten, wodurch 1848 das Kommunistische Manifest verfasst wurde.
Der Bund der Kommunisten konnte der Unterdrückung nach der Niederlage der Revolutionen von 1848 nicht widerstehen. Aber sobald die Kämpfe in den frühen 1860er Jahren wieder aufgenommen wurden, wurden andere organisatorische Anstrengungen unternommen. Von Anfang an war Marx ab 1864 an der Internationalen Arbeiter-Assoziation [938] (kurz „Erste Internationale“) beteiligt. Bei der Ausarbeitung der Statuten spielte er eine wichtige Rolle und er verfasste auch ihre Inauguraladresse. Seine Überzeugung von der Bedeutung der I. Internationale und seine theoretische Klarheit ließen ihn zur zentralen Figur in der Organisation werden. Sowohl im Bund der Kommunisten als auch in der I. Internationalen führte er einen entschlossenen Kampf, damit diese Organisationen ihre Rolle übernahmen. Seine theoretischen Überlegungen wurden nie von den Bedürfnissen des Kampfes getrennt. Aus diesen Gründen antwortete er im Bund der Kommunisten gegenüber Weitling: "Bis jetzt hat die Unwissenheit niemandem gedient", weil letzterer eine utopische und idealistische Auffassung vom Kommunismus vertrat. Deshalb kämpfte er auch innerhalb der I. Internationale gegen Mazzini, der wollte, dass die Organisation die nationalen Interessen verteidigte, und gegen Bakunin, der einen Komplott betrieb, um die Kontrolle über die I. Internationale zu übernehmen und sie in konspirative Abenteuer verwickelte, die die Massenaktion des Proletariats ersetzten.
Marx' theoretische Ausarbeitung ist eine beeindruckende Sicht, die hilft, die bürgerliche Gesellschaft sowohl im 19. als auch in den beiden nachfolgenden Jahrhunderten zu durchleuchten. Aber wenn wir diese Ausarbeitung nur als eine Sichtweise zum „Verständnis der Welt“ nach dem Vorbild aller Pseudo-Experten der Bourgeoisie betrachten, die dieses Jahr an seinen Geburt erinnern, wird sein Werk von einem Heiligenschein eines Mysteriums umgeben bleiben. Im Gegenteil, während die Bourgeoisie eine „no-future“ Sicht verbreitet, muss sich die Arbeiterklasse von ihren Ketten befreien. Dazu muss sie nicht nur die theoretischen Entdeckungen von Marx nutzen, sondern sich auch von seinem Leben als Kämpfer inspirieren lassen. Die Mittel, die er zu entwickelte, waren immer in voller Übereinstimmung mit dem Ziel des proletarischen Kampfes, die Welt "umzuwälzen"!
Vitaz, 15. Juni 2018
[1]So erklärte Engels bei Marx' Beerdigung: "Und deswegen war Marx der bestgehasse und bestverleumdete Mann seiner Zeit. Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus, Bourgeois, konservative wie extrem-demokratische, logen ihm um die Wette Verlästerungen nach“ (Das Begräbnis von Marx, MEW 19, 18.3.1883, S. 336).
[2]Vor allem in der jüngsten Biographie des amerikanischen Gelehrten Jonathan Sperber mit dem Titel: ‚Karl Marx, Mann des 19. Jahrhunderts‘, die in den Medien auf ein großes Echo gestoßen ist.
Vor 170 Jahren erschien das Manifest der Kommunistischen Partei: "Auf dem Kongress des Bundes in London, der im November 1847 in London stattfand, wurden Marx und Engels beauftragt, die Veröffentlichung eines vollständigen theoretischen und praktischen Parteiprogramms in die Wege zu leiten. In deutscher Sprache abgefasst, wurde das Manuskript im Januar 1848, wenige Wochen vor der Französischen Revolution vom 24. Februar, nach London zum Druck geschickt. Eine französische Übersetzung wurde kurz vor der Juni-Insurrektion von 1848 in Paris herausgebracht" (Vorwort von Engels zur Ausgabe 1888, MEW 4, S. 578).
Seitdem gab es unzählige Veröffentlichungen und Übersetzungen dieses Buches, das eines der berühmtesten Bücher der Welt geworden ist. Heute muss die offizielle Propaganda des bürgerlichen Staates die Idee des Kommunismus in Anbetracht des relativ neuen Interesses kleiner kämpferischer Minderheiten auf der Suche nach einer revolutionären Perspektive weiterhin stark diskreditieren und das Manifest zum finsteren und tragischen Werk einer blutigen Vergangenheit machen. Indem die stalinistische Konterrevolution betrügerisch und täuschend mit dem Aufkommen eines angeblich bankrotten Kommunismus gleichgesetzt wird, stellt man das Manifest so dar, als ob es ein "veraltetes", ja sogar "gefährliches" Projekt verkörperte. Schließlich ist das Manifest der Kommunistischen Partei wie in den Augen der schlimmsten Reaktionäre des 19. Jahrhunderts auch heute noch "das Werk des Teufels".
Auf dem Höhepunkt der weltweiten Welle von revolutionären Kämpfen von 1917-1923, d.h., lange bevor der Ostblock zusammenbrach und damit der sogenannte Kommunismus zu Grabe getragen wurde, wurde das Manifest bereits von der herrschenden Klasse, die Sowjetrussland umzingelte, verleumdet und mit der Waffe in der Hand bekämpft. Damals blieb das Manifest mehr denn je ein Kompass für Revolutionäre, um das Proletariat beim Sturz des Kapitalismus für sein weltrevolutionäres Projekt zu leiten. In Riazanovs Vorträgen von 1922 über das Leben und Wirken von Marx und Engels galt das Manifest als reines Produkt eines Kampfes der Arbeiterklasse. Dies zeigt dieser Abschnitt: "Die Arbeiter stellten sich vor und luden Marx und Engels in ihre Vereinigung ein; Marx und Engels erklärten, dass sie nicht eintreten würden, bis ihr Programm angenommen wurde; die Arbeiter stimmten zu, organisierten den Bund der Kommunisten und beauftragten Marx und Engels sofort, das Manifest der Kommunistischen Partei zu schreiben.“ Diese "Zustimmung" war nicht zurückzuführen auf einen plötzlichen Impuls, eine Schwäche, die einer "autoritären Krise" und noch weniger einer "aufgezwungenen Aktion" von Marx und Engels wich. Im Gegenteil, es war das Ergebnis einer wirklichen Reifung des Bewusstseins der Arbeiter und das Ergebnis einer langen Debatte, ein militantes Produkt, das mit der organisierten Tätigkeit des Bund der Kommunisten verbunden war: "Die Debatten dauerten mehrere Tage, und Marx hatte große Schwierigkeiten, die Mehrheit von der Richtigkeit des neuen Programms zu überzeugen. Letzteres wurde in seinen Grundzügen angenommen, und der Kongress beauftragte Marx insbesondere, im Namen des Bund der Kommunisten nicht ein Glaubensbekenntnis, sondern ein Manifest zu schreiben“:[1] Es ist sehr wichtig zu betonen, dass das Manifest in erster Linie ein Mandat war, das Marx und Engels vom Kongress als Militante erhalten hatten und es war keineswegs nur deren eigenes Werk. Daher sollte ein Schreiben der Zentralbehörde an die Brüsseler Kreisbehörde vom 26. März auf der Grundlage einer am 24. Januar angenommenen Entschließung übermittelt werden, in dem sie um einen Bericht über seine Arbeit gebeten wird. Marx riskierte sogar ‚Maßregeln‘, falls er sein Mandat nicht rechtzeitig erfüllte. „Die Zentralbehörde an die Kreisbehörde Brüssel, Beschluss vom 24. Januar 1848: Die Zentralbehörde beauftragt hiermit die Kreisbehörde Brüssel, dem K. Marx anzuzeigen, dass, wenn das „Manifest der K[ommunistischen] Partei“, dessen Abfassung er auf dem letztem Kongress übernommen, nicht bis Dienstag, 1. Februar d.J., in London angekommen ist, weitere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden. In diesem Fall, dass K. Marx das Manifest nicht abfasst, verlangt die Zentralbehörde augenblickliche Zurücksendung der ihm vom Kongress zugestellten Dokumente. Im Namen und Auftrag etc. gez. Schapper, Bauer, Moll“ (Der Bund der Kommunisten, Dokumente und Materialien Band 1, S. 654). Marx und Engels haben es, wie wir wissen, geschafft, ihre Arbeit pünktlich abzuschließen. Gleichzeitig hatten sie nicht aufgehört, im Sinne der Entwicklung der Einheit des Proletariats zu handeln, indem sie auch eine ganze beispielhafte Organisationsarbeit leisteten, deren Produkt und Werkzeug zugleich das Manifest selbst ist. Dadurch wurde auch eine Weiterentwicklung ihrer Arbeiten ermöglicht. "Die Historiker sind sich nicht dieses organisatorischen Wirkens von Marx bewusst, denn sie haben ihn als jemanden dargestellt, der nur in Hinterzimmern oder in Bibliotheken tätig ist. Seine Rolle als Organisator wurde verkannt; sie haben eine der interessantesten Seiten seines Wesens nicht gewürdigt. Wenn man die Rolle, die Marx (und ich betone Marx und nicht Engels) schon 1846-47 als ein Führer und Inspirator all dieser Organisationsarbeit nicht wahrnimmt, kann man die wesentliche Rolle nicht erkennen, die er als Organisator bei der Bewegung von 1848-49 und zur Zeit der I. Internationalen spielte.“ All diese militante Arbeit im Dienste der Einheit und des Kampfes des Proletariats findet sich in den Formulierungen des Manifests, das die Position der Kommunisten als "Avantgarde" definiert und nicht von der Arbeiterklasse getrennt ist: "Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen“ [2]
Die Bolschewiki hielten auch das Manifest der Kommunistischen Partei für einen echten "Kompass". Lenin selbst sagte über das Manifest: "Dieser Text ist enorm wertvoll: er inspiriert und belebt bis heute das gesamte organisierte und kämpfende Proletariat der zivilisierten Welt".[3] Die theoretische Kraft des Manifests kam über Marx' eigenes unbestreitbares Genie hinaus nur durch die Tatsache zum Tragen, dass das Proletariat begann, sich als eine von der Gesellschaft unabhängige Klasse zu konstituieren. Dieser Kampf würde es dem Kommunismus selbst ermöglichen, über das abstrakte Ideal der Utopisten hinauszugehen und eine praktische soziale Bewegung zu werden, die auf einer wissenschaftlichen, dialektischen Methode basiert, der des historischen Materialismus. Die wesentliche Aufgabe bestand dann darin, die wahre Natur des Kommunismus, des Klassenkampfes und die Mittel zur Erreichung dieses Ziels auszuarbeiten, die in einem Programm formuliert werden mussten. Vor zwanzig Jahren sagten wir über das Manifest: "Es gibt kein Dokument, das die Bourgeoisie heute mehr stört als das Kommunistische Manifest, und zwar aus zwei Gründen. Erstens aufgrund der Beweisführung, dass die kapitalistische Produktionsweise nur eine historisch vorübergehende ist, und zweitens weil der unlösbare Charakter ihrer inneren Widersprüche aufgezeigt wurde, die durch die gegenwärtige Realität bestätigt werden. All das belastet weiterhin die herrschende Klasse. Das Manifest wurde bereits damals geschrieben, um die Verwirrung der Arbeiterklasse über das Wesen des Kommunismus zu zerstreuen“.[4] Das Manifest ist ein echter Schatz für die Arbeiterbewegung. "Seiner Zeit voraus" gibt bietet es alle nötigen Waffen, um die herrschende Ideologie heute zu bekämpfen. Die Kritik am "konservativen oder bürgerlichen" Sozialismus der damaligen Zeit trifft auch ungeachtet der Unterschiede auf den Stalinismus des 20. Jahrhunderts zu und zeigt, was die Abschaffung von Privateigentum wirklich bedeutet. "(....) Durch die Transformation der materiellen Lebensbedingungen bedeutet dieser Sozialismus keineswegs die Abschaffung der bürgerlichen Produktionsbeziehungen, die nur mit revolutionären Mitteln erreicht werden können; damit sind nur Verwaltungsreformen gemeint, die auf der Grundlage dieser Produktionsbeziehungen durchgeführt werden, ohne folglich die Beziehungen von Kapital und Lohnarbeit zu beeinträchtigen, und die es der Bourgeoisie im besten Fall ermöglichen, die Kosten ihrer Herrschaft zu senken und den Staatshaushalt zu entlasten“. Zusätzlich zu diesen kritischen Elementen bekräftigt das Manifest einige wesentliche Elemente, die auch heute noch für den Kampf gültig sind.
- Die erste ist die Krise des kapitalistischen Systems, die Realität der "Überproduktion", die Tatsache, dass Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft durch die Geschichte obsolet werden: "Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr [der Bourgeoisie leben[; das heißt, ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft“ (Manifest, MEW Bd 4, S. 473).
- das zweite wesentliche Element, während die Bourgeoisie nie aufhört zu sagen, dass das Proletariat "verschwunden" ist und dass nur die bürgerlichen "demokratischen" Reformen, angeblich "für das Volk", gültig sind, legt das Manifest im Gegenteil eine revolutionäre Perspektive frei, indem es dies klar unterstreicht: "Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse“ (MEW, Bd 4, S. 472). Ausdruck einer universellen Klasse, die von Natur aus ausgebeutet und revolutionär ist und in den kapitalistischen Produktionsbeziehungen assoziiert und vereint arbeitet, wird ihr Kampf nicht nur durch die Notwendigkeit sondern auch durch die Fähigkeit bestimmt, dieses Projekt zu verwirklichen. Eine der wichtigsten Klarstellungen des Manifests besteht darin, dass es viel deutlicher als zuvor feststellt, dass die Befreiung der Menschheit nun in den Händen des Proletariats liegt. Dieser Befreiungskampf des Proletariats muss sich der Bourgeoisie rücksichtslos entgegenstellen; es kann kein gemeinsames Vorgehen zwischen Bourgeoisie und Proletariat mehr geben. Dies war ein Aspekt, der bis 1848 nicht so klar war und auch nicht immer danach. Erinnern wir uns, dass der Slogan des Bund der Gerechten ("Alle Menschen sind Brüder") noch immer die ganze Verwirrung ausdrückt, die in der Arbeiterbewegung herrschte. Im Gegenteil, das Manifest bekräftigt den unüberwindbaren Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Es war damit Ausdruck eines entscheidenden Schrittes im Klassenbewusstsein.
- Die dritte betrifft das Wesen und die Rolle der Kommunisten, „Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ (Manifest, MEW 4, S. 474).
- der letzte Punkt, last but not least, ist die Bekräftigung des internationalistischen Charakters des Klassenkampfes: "Die Arbeiter haben kein Vaterland", der mehr denn je der Prüfstein für die Verteidigung von Klassenpositionen war und ist, ganz im Gegensatz zum Nationalismus des Klassenfeindes. Die Tatsache, dass das Manifest mit diesem lebendigen Aufruf endet: "Proletarier aller Länder vereinigt euch" ist der stärkste Ausdruck, der die an sich internationalistische Dimension des proletarischen Kampfes und die Verteidigung seines Grundprinzips widerspiegelt.
Wir könnten viele andere wichtige Aspekte hervorheben, die bereits im Manifest enthalten sind, aber wir möchten diese kurze militante Hommage abschließen, indem wir zu den ersten Zeilen der nicht minder berühmten Formel zurückkehren, die unserer Meinung nach ebenfalls noch relevant ist: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus". In der Tat bekräftigen wir, dass das internationale Proletariat trotz der Schwierigkeiten, vor denen es heute steht, dennoch seine Fähigkeiten und die Kraft behält, die kapitalistische Ordnung niederzuschlagen, um sie durch eine Gesellschaft ohne Klassen, ohne Krieg und Ausbeutung zu ersetzen. Dieses "Gespenst" ist - auch wenn es den Herrschenden nicht gefällt - immer noch vorhanden! WH, 3. Juni 2018
Am 25. Mai kam Harvey Weinstein, ein berühmter amerikanischer Filmproduzent, in Handschellen und von zwei Polizisten abgeführt aus einer Polizeiwache heraus, auf der er sich selbst gestellt hatte. Gegen ihn wurde Anklage erhoben wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und sexueller Übergriffe. Schließlich wurde er gegen Kaution freigelassen, und bis zum Prozesstermin muss er eine elektronische Fußfessel tragen.
Die „Weinstein-Affäre“ ist seit Oktober 2017 weltweit bekannt, als die New York Times und der New Yorker eine Untersuchung der zahlreichen sexuellen Übergriffe des Hollywood-Produzenten veröffentlichten, die ihm von mehr als einem Dutzend Frauen vorgeworfen wurden. Seitdem haben zahlreiche Frauen die Übergriffe und Verbrechen vieler Machthaber aus allen Bereichen angeprangert: Filmbranche, Wirtschaft, Politik, etc. Die Medienberichterstattung über die „Weinstein-Affäre“ wurde anfangs auch zum Anlass genommen, um Trump in die Enge zu treiben und zu versuchen, belastendes Material für ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn zu sammeln. Während Bill Clintons Amtszeit war sexueller Missbrauch durch einen Mann, der sich aufgrund seiner führenden Machtposition unantastbar fühlte und meinte, ungestraft davonkommen zu können, bereits dazu benutzt worden, den damaligen Präsidenten in der berühmten Lewinsky-Affäre zu schwächen. Im Oktober 2017, als die Weinstein-Affäre publik wurde, war das verabscheuungswürdige Verhalten dieser finsteren Gestalt in amerikanischen Kultur- und Intellektuellenkreisen längst ein offenes Geheimnis. Indem die amerikanische herrschende Klasse es als ein Thema der Empörung des Volkes mediatisierte, fand sie einen Weg, den amerikanischen Präsidenten in diese Affäre mit reinzuziehen und ihn zu beschuldigen, weil er in diesen Fragen einiges auf dem Kerbholz hat (er hatte, neben anderen Schandtaten, das Schweigen einer Pornodarstellerin und eines Models erkauft, bevor er heiratete, nachdem eine dieser Frauen drohte, ihre frühere Beziehung mit ihm zu enthüllen).
In der Tat zeigt die internationale Reichweite dieses Falles viel mehr als eine weitere machiavellistische Strategie der Herrschenden. Sie offenbart eine echte und tiefe Empörung über die Lage der Frauen in der Gesellschaft. Am „Frauentag“ am 8. März 2018 war die Beteiligung an Protesten in vielen Ländern höher als in den Vorjahren (Demonstrationen fanden in der Türkei, Russland, den Philippinen, Indien, Pakistan, der Schweiz, Südkorea, Kongo, Elfenbeinküste usw. statt), mit entschlosseneren Slogans oder Forderungen. Bis nach Indien oder in die Türkei versammelten sich Demonstranten, um Angriffe und Vergewaltigungen gegen Frauen anzuprangern.
Aber diese legitime Empörung wurde von den Herrschenden durch eine von den Medien und der Kulturszene inszenierte Kampagne über soziale Netzwerke schnell wieder vereinnahmt. Frauen werden z.B. als systematische Opfer von Männern dargestellt, oder es wird behauptet, „Alle Männer sind Schweine“.
Es war zu erwarten, dass die herrschende Klasse der Empörung nicht freien Lauf lassen, sondern diese in falsche Bahnen lenken würde, indem ein falscher Gegensatz aufgezogen wurde wie der zwischen „Männer gegen Frauen“, und indem Gefühle, „Opfer zu sein“, sowie Schuldgefühle verbreitet wurden, während gleichzeitig die traditionelle Karte des Puritanismus und der Prüderie gespielt wurde. Immer mehr Stellungnahmen wurden verfasst, Regierungen mehrerer Länder traten auf den Plan und verkündeten, die „Gleichstellung der Geschlechter“ unter anderem in Bezug auf Löhne oder die Kriminalisierung von sexuellen Übergriffen und Belästigungen zu stärken. Die herrschende Klasse kann angesichts der empörten Reaktionen nicht schweigen, obwohl dieser tiefgreifende Zorn im Moment nicht in der Lage ist, sich auf einem Klassenterrain zu entfalten, denn dieser bleibt gefangen im Rahmen eines zersplitterten und klassenübergreifenden Kampfes und stellt keine Gefahr für ihre Klassenprivilegien dar. Die herrschende Klasse nutzt diese Situation, um alles in das Korsett der demokratischen Mystifikationen zu zwängen, und verstärkte die Illusion, Diskriminierung habe in dieser Gesellschaft keinen Platz.
Aber das ist eine Mystifikation. Wenn Gefängnisse mit Männern gefüllt sind, die ihren Frauen gegenüber gewalttätig aufgetreten oder wegen sexueller Übergriffe straffällig geworden sind, was muss sich in der Gesellschaft grundlegend ändern, damit diese Verhaltensweisen keine materielle Grundlage mehr haben? Die herrschende Klasse weiß, dass die Kriminalisierung des erniedrigenden Verhaltens gegenüber Frauen nicht mal einen Tropfen auf den heißen Stein ist, was ihr Gerede und ihre Gesten nur noch widerwärtiger erscheinen lässt. Indem die herrschende Klasse den Frauen staatlichen Schutz bietet, sperrt sie die Frauenfrage in den bürgerlich-demokratischen Rahmen ein und reduziert sie auf eine Behandlung von abweichendem Verhalten in einer Gesellschaft, in der der „Gleichstellung der Geschlechter“ nichts Strukturelles entgegenstehe.
Genau in diese Falle darf diese legitime und wirkliche Welle der Empörung nicht geraten. Wenn Frauen extrem ausgebeutet, missbraucht, als Sklavinnen und sexuelle Objekte von Männern betrachtet werden, ist es weniger das Produkt einer Art „Abgleiten“ oder „Regression“ der Gesellschaft als vielmehr ein Ausdruck des wahren Wesens der Gesellschaft, die repressiv und in Klassen gespalten ist.
Es dauerte nicht lange, bis die Arbeiterbewegung die spezifische Situation der Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft an den Pranger stellte. 1845 schrieb Engels Die Lage der Arbeiterklasse in England. Darin beschrieb er, wie der Kapitalismus das Leben, die Gesundheit, die Zukunft der Kinder und die Körper der Frauen zerstörte, indem er sie in die unmenschliche Produktion großer Fabriken und Bergwerke integrierte. Er erklärte auch, wie der Chef seine Arbeiterinnen durch seine Macht über Leben und Tod, nach Belieben missbrauchen kann. Aber gerade in Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates zeigte Engels, dass die Situation der Unterordnung der Frauen tief mit der Spaltung der Gesellschaft in gesellschaftliche Klassen, mit der Existenz des Privateigentums verbunden ist und wie sehr der historische Kampf des Proletariats Träger einer wahren Emanzipation der Frauen ist. Anhand von Morgans Arbeit zeigte Engels, dass die Entstehung von Privateigentum die Familie, die erste wirtschaftliche Einheit der Klassengesellschaften, hervorgebracht hat. In dieser Familie ist der Mann nun für die Versorgung der Bedürfnisse zuständig, und die Frau wird in eine Position des Objektes, des Eigentums des Mannes und der Aufzucht und Versorgung der Kinder gezwungen, welche das vom Familienoberhaupt „übermittelte“ Erbe übernehmen werden.
August Bebel seinerseits beschrieb in seinem klassischen Werk Frau und Sozialismus aus der gleichen Zeit, wie die kapitalistischen Beziehungen diese Position der Frauen im Dienste der Männer aufrechterhalten und wie die sozialen Strukturen im Kapitalismus auf dieser Position basieren, insbesondere die bürgerliche Ehe. Im Kapitalismus bleiben Frauen Eigentum der Männer bis zu dem Punkt, dass sie zu einer Rolle von Werkzeugen im Dienste der männlichen Begierden und Impulse reduziert werden. Bebel zeigte damit, wie am Ende dieser Logik die Prostitution für das „reibungslose“ Funktionieren der kapitalistischen Gesellschaft notwendig ist.
Der Marxismus hat daher sehr früh festgestellt, dass die Unterwerfung der Frauen unter die Männer nicht grundsätzlich moralischer oder gar physischer Natur ist, sondern materieller und sozialer Natur. In ihrer Entwicklung führten die Produktivkräfte die Menschheit von den kollektiven sozialen Formen des primitiven Kommunismus zu einer Organisation, die auf Privateigentum und Spaltung in soziale Klassen basiert. Der Kapitalismus führt, indem er Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen in seine Produktion integriert, zur Unterdrückung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, aber seine sozialen Strukturen halten zwangsläufig den Rahmen der Unterwerfung von Frauen unter Männer aufrecht, insbesondere durch Ehe und Familie.
Dies wird durch die Medienberichterstattung über das heutige Verhalten umfassend bestätigt. Die gesellschaftliche Entwicklung seit Engels und Bebel, die weit davon entfernt ist, den Frauen einen besseren Platz in der Gesellschaft zu geben, hat ihren Status als Gebrauchsgegenstand bestätigt und verewigt. Die Frau wird immer objektiv als ein grundlegend minderwertiges Wesen betrachtet und damit dem Mann unterworfen. Diese ihr übertragene materielle Natur führt zu einer zunehmenden Entmenschlichung der Frauen und ihrer Beziehungen zu Männern. Die Werbung beispielsweise spiegelt dieses Frauenbild brutal in der Form von unterwürfigen Sexualobjekten wider. Pornografie wird mit dem Internet immer wichtiger und vermittelt jüngeren Menschen eine entmenschlichte und verdinglichte Vorstellung von Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die erniedrigendes Verhalten, Belästigung und sexuelle Gewalt nur trivialisieren können, vor allem auf der Arbeit, wo Herrschafts- und Unterwerfungsbeziehungen sichtbarer sind als anderswo.
Außerdem bietet die Arbeit nicht mehr die Mindestbedingungen für ein gesellschaftliches Leben. Die Zersetzung des sozialen Gefüges und die Ausbeutungsbedingungen erzeugen und verstärken eine teilweise extreme Atomisierung der Menschen, die sie sehr oft in Einsamkeit und sexuelles Elend stürzt.
Doch die herrschende Klasse befasst sich auch mit der „Frauenfrage“. Feministische Bewegungen sind nicht neu und haben regelmäßig die Sozialgeschichte des Kapitalismus geprägt. Denn leiden bürgerliche Frauen nicht genauso unter der Herrschaft ihrer Männer? Zweifellos kann man das teilweise einräumen, aber die feministische Bewegung ist Teil eines Prozesses klassenübergreifender Forderungen, die einerseits nur einen begrenzten Spielraum im Rahmen einer Gesellschaft haben können, deren Struktur nicht in Frage gestellt wird, und andererseits eine reale Gefahr für das Proletariat in dem Sinne darstellen, dass der Feminismus, wie alle klassenübergreifenden Bewegungen, dazu beiträgt, von Forderungen und Positionen der Klasse, die allein die Lösung beinhalten, abzubringen.
Durch ein tiefes Verständnis des Zusammenhangs, der den Status und die Ausbeutung von Frauen eng mit der Organisation der kapitalistischen Gesellschaft verbindet, konnte sich die Arbeiterbewegung sehr früh mit der Situation von Frauen auseinandersetzen und sich gleichzeitig sehr klar und deutlich von der feministischen Bewegung unterscheiden, die von einem Teil der Bourgeoisie unterstützt wurde, der sich für den Zugang von Frauen zu Bildung, Verantwortung und Wahlrecht einsetzte. Clara Zetkin und August Bebel in der Zweiten Internationale, Alexandra Kollontaï in der bolschewistischen Partei, um nur diese drei zu nennen, betonten alle die Hauptverantwortung des kapitalistischen Systems für die Lage der Frauen und damit die Bedeutung der Verbindung dieser Frage mit der Lage der Arbeiterklasse, mit dem Kampf der gegen den Kapitalismus vereinigten Arbeiter, um eine neue Gesellschaft aufzubauen, in der Männer und Frauen frei von ihren Ketten leben werden.
Es war die Arbeiterbewegung, die den Frauentag (damals Internationaler Frauentag) ins Leben rief, der zum ersten Mal am 28. Februar 1909 stattfand. Nach 1914 fanden am Internationalen Frauentag militante Demonstrationen und Proteste gegen den imperialistischen Krieg statt, und in Russland riefen am 8. März 1917 [i] Frauen (und Männer gemeinsam) Slogans gegen Krieg und Hunger, was dann den Funken darstellte, welcher das Feuer der proletarischen Revolution anfachte.
Was hat sich für Frauen im Kapitalismus seit der von Engels 1845 beschriebenen Situation geändert? In den entwickelten Ländern haben Frauen eine Reihe von Rechten erworben: Zugang zu Bildung, Wahlmöglichkeiten ... Einige stehen an der Spitze großer Unternehmen, sogar großer Länder! Aber ihre Lage unterscheidet sich ungeachtet aller geringfügigen Unterschiede und Heucheleien nicht wesentlich. Wenn eine Frau nicht mehr bis zum Tag ihrer Geburt arbeiten muss, wie Engels in der englischen Industrie beobachten konnte, wird eine arbeitslose Frau garantiert arbeitslos bleiben, wenn sie schwanger ist, und die Anstellung junger Frauen wird durch das „Schwangerschaftsrisiko“ behindert, wenn das den Personalabteilungen bekannt wird.
Wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert steht die Arbeiterklasse damit grundsätzlich vor den gleichen Problemen. Aber in der Vergangenheit konnten Arbeiterparteien diese Themen aufgreifen und Bildung und Propaganda entfalten, die in der Arbeiterklasse ein Echo fanden. Heute, wo der Kapitalismus nur durch den Zusammenbruch der sozialen Beziehungen überlebt, hat die Arbeiterklasse große Schwierigkeiten, ihre Klassenidentität zu erkennen, was ein großes Hindernis für das Verständnis des notwendigerweise revolutionären Charakters ihres Kampfes darstellt, der die radikale Veränderung des Status der Frauen einschließen muss. Was die Arbeiterbewegung seit langem vertreten hat, nämlich dass Frauen nur dann von ihren Ketten befreit werden, wenn die ganze Menschheit durch den Sieg der proletarischen Revolution und den Aufbau des Kommunismus befreit ist, wird heute von der Arbeiterklasse wegen des niedrigen Niveaus ihres Klassenbewusstseins nicht mehr wahrgenommen.
Die herrschende Klasse nutzt also die Situation, um das Problem auf das verfaulte und gefährliche Terrain des Interklassismus zu zerren. Gemäß dieser Sicht der herrschenden Klasse sollten sich Frauen zusammenschließen, um sich von Männern zu befreien und einen Teil der Macht zurückzugewinnen, die Männer gegen Frauen zu behalten suchen. Diese Auffassung verdeckt nicht nur die Konflikte in den gesellschaftlichen Klassenbeziehungen (als hätten die Arbeiterinnen die gleichen wirtschaftlichen oder sozialen Interessen wie die Frauen aus der herrschenden Klasse!), sondern sie erzeugt auch einen Gegensatz, der ohne das Eingreifen des Staates, des Garanten der „Gleichheit“, unüberwindbar erscheint, um „die Starken“ zu zwingen, einige ihrer Vorteile zugunsten der „Schwachen“ aufzugeben. In diesem Rahmen soll der feministische Kampf Druck auf den Staat ausüben, um mehr Rechte und mehr Gleichheit zu erreichen. Teile und herrsche, das Rezept funktioniert immer noch!
Die Empörung der gegenwärtigen Bewegung über die ungerechte, demütigende und erniedrigende Behandlung von Frauen ist ein Zeichen dafür, dass das kapitalistische System nicht in der Lage ist, die Lebensbedingungen der Ausgebeuteten zu verbessern. Im Gegenteil, und in völligem Widerspruch zum Gerede vom wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt, verschlechtern sich die Bedingungen und führen ständig zu einer noch stärkeren Auflösung des gesellschaftlichen Gewebes. Bei allen „unterdrückten Kategorien“ (Frauen, Einwanderer, Homosexuelle, diese oder jene Rasse oder ethnische Gruppe usw.), die sich ausgeschlossen, bedrängt oder abgelehnt fühlen, geschieht dies nicht wegen ihrer „Besonderheiten“, sondern weil das kapitalistische System nur durch die Unterscheidung nach zwei Kategorien von Menschen (Ausbeuter und Ausgebeutete) funktioniert und nur auf einem wesentlichen Merkmal beruht: dem Wettbewerb aller gegen alle, dem Druck der Krise, und darüber hinaus noch einer Fäulnis ausgesetzt ist. Die Solidarität wird somit behindert bzw. unmöglich gemacht, weil sie gefesselt wird durch die Verteidigung von Partikularinteressen.
Was August Bebel in Die Frau und der Sozialismus schrieb, ist weiterhin von beeindruckender Aktualität: „Bei dieser handelt es sich um die Stellung, welche die Frau in unserem sozialen Organismus einnehmen soll, wie sie ihre Kräfte und Fähigkeiten nach allen Seiten entwickeln kann, damit sie ein volles, gleichberechtigtes und möglichst nützlich wirkendes Glied der menschlichen Gesellschaft werde. Von unserem Standpunkt fällt diese Frage zusammen mit der Frage, welche Gestalt und Organisation die menschliche Gesellschaft sich geben muss, damit an Stelle von Unterdrückung, Ausbeutung, Not und Elend die physische und soziale Gesundheit der Individuen und der Gesellschaft tritt. Die Frauenfrage ist also für uns nur eine Seite der allgemeinen sozialen Frage, die gegenwärtig alle denkenden Köpfe erfüllt und alle Geister in Bewegung setzt; sie kann daher ihre endgültige Lösung nur finden durch die Aufhebung der gesellschaftlichen Gegensätze und Beseitigung der aus diesen hervorgehenden Übel“ (Bebel, Die Frau und Sozialismus, Einleitung, Berlin 1973, S. 25).
GD, 2.7.2018
[i] Der letzte Sonntag im Februar im alten russischen (julianischen) Kalender. Später wurde der 8. März zum offiziellen Frauentag.
Ein solcher Titel mag heute seltsam erscheinen, so sehr ist dieses gewaltige historische Ereignis in Vergessenheit geraten. Der herrschenden Klasse ist es gelungen, es aus dem Gedächtnis der Arbeiter zu löschen. Doch 1918 richteten sich alle Augen auf Deutschland, Augen voller Hoffnung für das Proletariat, während die Herrschenden mit Schrecken auf die Ereignisse starrten.
Die Arbeiterklasse hatte gerade die Macht in Russland erobert; es war Oktober 1917, die Sowjets, die Bolschewiki, der Aufstand ... Wie Lenin schrieb: "Die russische Revolution ist lediglich einer der Trupps der internationalen sozialistischen Armee, von deren Aktion der Erfolg und der Triumph der von uns vollzogenen Umwälzung abhängt. Diese Tatsache wird von keinem von uns vergessen. (…) Das russische Proletariat ist sich bewusst, in der Revolution allein dazustehen, und erkennt klar, dass die vereinte Aktion der Arbeiter der ganzen Welt oder einiger in kapitalistischer Hinsicht fortgeschrittener Länder die notwendige Bedingung und grundlegende Voraussetzung seines Sieges ist“ (Referat auf der Moskauer Gouvernementskonferenz der Betriebskomitees, 23. Juli 1918, Zeitungsbericht, Lenin Werke, Band 27, S. 547).
Deutschland war das Schlüsselland, das wichtigste Verbindungsglied zwischen Ost und West. Eine siegreiche Revolution hier, dann würde sich die Tür zum Klassenkampf zu den anderen Ländern in Europa öffnen; die Flammen der Revolution könnten auf ganz Europa übergreifen. Die herrschende Klasse aus allen Ländern wollte verhindern, dass die Kämpfe in Deutschland die Brücke zu den anderen Ländern schlagen. Deshalb richtete die herrschende Klasse all ihren Hass gegen die Entfaltung der Kämpfe und sie stellte die raffiniertesten Fallen auf. Vom Ausgang der Kämpfe der Arbeiterklasse in Deutschland hing der Erfolg oder Misserfolg der in Russland begonnenen Weltrevolution ab.
1914. Der Weltkrieg brach aus. Vier Jahre lang erlebte das Proletariat das schlimmste Abschlachten in der Geschichte der Menschheit: Schützengräben, Giftgasangriffe, Hunger, Millionen Tote ... Vier Jahre lang nutzten die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie ihre ruhmreiche proletarische Vergangenheit - die sie 1914 verraten hatten – aus, indem sie die Mobilisierung für den Krieg seitens der Herrschenden tatkräftig unterstützten – und sie missbrauchten das Vertrauen, das ihnen von den Arbeitern aufgrund ihrer Vergangenheit entgegengebracht wurde, um ihnen die schlimmsten Opfer aufzuzwingen und die Kriegsanstrengungen zu rechtfertigen.
Aber in diesen vier Jahren entwickelte auch die Arbeiterklasse allmählich ihren Kampf. In allen Städten nahmen Streiks und Unruhen in der Armee weiter zu. Auf der anderen Seite blieb die herrschende Klasse natürlich nicht untätig, sie schlug heftig zurück. Streikführer in den Fabriken, die von den Gewerkschaften denunziert wurden, wurden verhaftet. Soldaten wurden wegen Disziplinlosigkeit oder Fahnenflucht hingerichtet.
1916. Am 1. Mai rief Karl Liebknecht: "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" Rosa Luxemburg wurde inhaftiert, ebenso wie andere Revolutionäre: Meyer, Eberlein, Mehring[1] (damals 70 Jahre alt!). Karl Liebknecht[2] wurde an die Front geschickt. Aber diese Unterdrückung reichte nicht aus, um die Unzufriedenheit zum Schweigen zu bringen – im Gegenteil! In den Fabriken brodelte es immer mehr.
1917. Gewerkschaften wurden zunehmend kritisiert. Die Obleute, die Delegierten der Fabrik, traten in Erscheinung, hauptsächlich bestehend aus Delegierten aus der „Basis“ der Gewerkschaft, die mit der Gewerkschaftsspitze gebrochen hatten. Vor allem die Arbeiter in Deutschland ließen sich vom Mut der Arbeiter in Russland inspirieren, der Atem der Oktoberrevolution wurde immer mehr spürbar.
1918. Die deutsche Bourgeoisie war sich der Gefahr bewusst. „Zum offenen Ausbruch kam die revolutionäre Bewegung in Kiel. Der Anlass war die Weigerung der Matrosen der Hochseeflotte, in diesem Stadium des Zusammenbruchs noch einmal auszufahren und der englischen Flotte eine Seeschlacht zu liefern, die an der militärischen Lage nichts ändern konnte, aber die Vernichtung der deutschen Flotte und den sicheren Untergang der 80.000 Matrosen herbeigeführt hätte (…) Mit der Verhaftung der meuternden Matrosen der Hochseeflotte hatte die Marineleitung versucht, der revolutionären Bewegung Herr zu werden. Diese Verhaftung jedoch wurde der Anstoß zum offenen Widerstand, zur Organisierung des bewaffneten Aufstandes gegen das herrschende Regime.“ (Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution, S. 185).
Inspiriert durch die Oktoberrevolution übernahm die Arbeiterklasse die Kontrolle über ihre Kämpfe und gründete die ersten Arbeiter- und Soldatenräte. Die Bourgeoisie berief sich dann auf einen ihrer treuesten Bluthunde: die Sozialdemokratie. So wurde Gustav Noske, SPD-Führer, Spezialist für militärische Angelegenheiten und "Truppenmoralerhaltung" (sic!), in das Gebiet geschickt, um die Bewegung zu beruhigen und zu ersticken. Aber es war zu spät, der Arbeiter- und Soldatenrat verbreitete schon seine Forderungen: Eine spontane Bewegung breitete sich auf andere Hafenstädte aus, dann auf die großen Arbeiterzentren des Ruhrgebiets und in Bayern. Die geografische Ausdehnung der Kämpfe war in Gang gesetzt worden. Noske konnte sich dieser nicht mehr direkt entgegenstellen. Am 7. November rief der Kieler Arbeiterrat zur Revolution auf und verkündete: "Die Macht liegt in unseren Händen". Am 8. November befand sich fast ganz Nordwestdeutschland in den Händen von Arbeiter- und Soldatenräten. Gleichzeitig drängten die Ereignisse in Bayern und Sachsen die „Provinzfürsten“ zur Abdankung. In allen Städten des Reiches breiteten sich die Arbeiter- und Soldatenräte aus.
Gerade die Verbreitung dieser politischen Organisierung der Arbeiterklasse in der Form der Arbeiter- und Soldatenräte, welche zur Antriebskraft der Bewegung der Arbeiter wurde, jagte der herrschenden Klasse Angst ein. Die Organisation der Klasse in Arbeiter- und Soldatenräten mit gewählten Vertretern, die der Versammlung gegenüber rechenschaftspflichtig und jederzeit abwählbar sind, ist eine äußerst dynamische Organisationsform, die den revolutionären Prozess widerspiegelt. Sie sind der Ort, an dem die gesamte Arbeiterklasse auf einheitliche Weise ihren Kampf und die Kontrolle der Gesellschaft, die revolutionäre Perspektive, diskutiert. Mit der Erfahrung von 1917 hatte die Bourgeoisie dies nur allzu gut verstanden. Deshalb begann sie, die Arbeiter- und Soldatenräte von innen heraus abzuwürgen und die noch immer sehr großen Illusionen der Arbeiterklasse gegenüber ihrer ehemaligen Partei, der SPD, auszuschlachten. Noske wurde zum Vorsitzenden des Kieler Arbeiter- und Soldatenrates gewählt. Diese Schwäche der Arbeiterklasse sollte tragische Folgen für die darauffolgenden Wochen haben.
Aber vorerst, am Morgen des 9. November 1918, entwickelte sich der Kampf weiter. In Berlin zogen die Arbeiter vor die Kasernen, um die Soldaten für ihre Sache zu gewinnen, sie zogen zu den Gefängnissen, um ihre Klassenkameraden zu befreien. Die Bourgeoisie war sich damals bewusst, dass der Krieg sofort beendet und das Kaiserregime fallen musste. Sie hatte aus den Fehlern der russischen Bourgeoisie gelernt. Am 9. November 1918 wurde Wilhelm II. abgesetzt, am 11. November der Waffenstillstand unterzeichnet.
Der Kampf der Arbeiter in Deutschland hatte das Ende des Krieges herbeigeführt, aber es war die Bourgeoisie, die den Friedensvertrag unterzeichnete und dieses Ereignis nutzte, um gegen die Revolution vorzugehen.
Zunächst eine kurze Zusammenfassung des Kräfteverhältnisses zu Beginn des Bürgerkriegs im November 1918:
- Auf der einen Seite war die Arbeiterklasse äußerst kämpferisch. Sie konnte die Arbeiter- und Soldatenräte sehr schnell auf das ganze Land ausdehnen. Aber sie war voller Illusionen über ihre ehemalige Partei, die SPD; sie ließ diese Verräter sogar die höchsten Posten in den Arbeiter- und Soldatenräten übernehmen, wie Noske in Kiel. Die revolutionären Organisationen, die Spartakisten und die verschiedenen Gruppen der revolutionären Linken, führten den politischen Kampf an, sie übernahmen ihre Rolle als Wegweiser in den Kämpfen; sie betonten die Notwendigkeit, eine Brücke zur Arbeiterklasse in Russland zu bauen, sie entlarvten die Manöver und Sabotage der Bourgeoisie, sie erkannten die grundlegende Rolle der Arbeiterräte.
- Andererseits war sich die deutsche Bourgeoisie, eine äußerst erfahrene und organisierte Bourgeoisie, der Wirksamkeit der Waffe der SPD in ihren Händen bewusst. Aus den Ereignissen in Russland zog sie Lehren und erkannte deutlich die Gefahr einer Fortsetzung des Krieges und der Entstehung von Arbeiter- und Soldatenräten. Die Untergrabung der Bewegung durch die SPD sollte daher darin bestehen, im revolutionären Prozess ‚mitzuschwimmen‘, um den Kampf in Richtung bürgerliche Demokratie zu lenken. Dazu griff die Bourgeoisie auf allen Ebenen an: von der verleumderischen Propaganda über die heftigste Unterdrückung bis hin zu mehreren Provokationen.
Die SPD griff daher das Motto der Revolution auf: "Beendigung des Krieges" und setzte sich für "die Einheit der Partei" ein und sie unternahm alles, um ihre eigene führende Rolle bei der Durchführung des Krieges in Vergessenheit geraten zu lassen. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes nutzte die SPD die Schwächen des Proletariats aus; sie verbreitete das Betäubungsmittel der Demokratie und sorgte dafür, dass das, was für die Arbeiter am unerträglichsten war: Krieg und Hungersnot, ‚beseitigt‘ wurde. Dazu präsentierte die Sozialdemokratie geeignete Sündenbö aus Russland. Die Abwählbarkeit der Delegierten war ein echtes Problem für die Bourgeoisie, denn sie erlaubte es den Räten, sich ständig zu erneuern und zu radikalisieren. Die Räte wurden daher von den treuen Vertretern der SPD angegriffen und sie nutzten dabei die noch vorhandenen Illusionen über diese alte "Arbeiterpartei" aus. Die Räte wurden von innen heraus ausgehöhlt, wobei sie bekannte SPD-Führer (Noske in Kiel, Ebert in Berlin) an deren Spitze stellten. Das Gift der Demokratie wurde u.a. dadurch verbreitet, dass zur Unterstützung der Wahl der Nationalversammlung aufgerufen wurde. Das Ziel war klar: die Arbeiter- und Soldatenräte zu neutralisieren, indem ihr revolutionärer Charakter beseitigt wurde. Die Tagung des Reichsrätekongresses am 16. Dezember 1918 in Berlin war das beste Beispiel dafür:
- Die Delegierten der Soldaten waren im Verhältnis zu den Delegierten der Arbeiter überrepräsentiert (ein Delegierter für 100.000 Soldaten, einer für 200.000 Arbeiter), da die Arbeiter eher ziemlich links von den Soldaten standen.
- Der Zugang zum Kongress wurde der russischen Delegation untersagt. Der Internationalismus wurde begraben.
- Es sollten nur „Arbeiterdelegierte“ in der Gestalt von „Hand- und Kopfarbeitern“ zugelassen werden, d.h. die Delegierten beteiligten sich anhand ihrer beruflichen Tätigkeit. So wurde Mitgliedern des Spartakusbundes einschließlich Luxemburg und Liebknecht die Teilnahme verweigert. Die revolutionäre Linke wurde so ausgesperrt. Selbst dem Druck von 250.000 Demonstranten vor dem Gebäude des Kongresses gab der Rätekongress nicht nach.
- Und der SPD gelang es, den Kongress dazu zu bewegen, für die Forderung nach der Abhaltung von Wahlen zum Reichstag am 19. Januar 1919 zu stimmen.
Das System der Arbeiter- und Soldatenräte war ein Gegenpol gegen den Kapitalismus und seinen demokratischen Machtapparat. Die Bourgeoisie war sich dessen wohl bewusst. Aber sie wusste auch, dass die Zeit gegen sie lief und der Stern der SPD als Arbeiterpartei tendenziell verblasste. Die SPD musste also die Initiative ergreifen, während das Proletariat Zeit brauchte, um zu reifen, um politisch zu wachsen.
Parallel zu diesen ideologischen Manövern schlossen Ebert und die SPD ab dem 9. November geheime Vereinbarungen mit der Armee, um die Revolution zu zerschlagen. Sie vermehrten Provokationen, Lügen und Verleumdungen, um den Weg zu einer militärischen Konfrontation zu ebnen. Ihre Verleumdungen richteten sich insbesondere gegen den Spartakusbund, indem sie ihn der Ermordung und Plünderung bezichtigten und behaupteten, der Spartakusbund fordere die Arbeiter wieder auf, ihr Blut zu vergießen. Sie drängten auf Pogrome gegen die Spartakisten, insbesondere gegen Liebknecht und Luxemburg. Sie gründeten eine "Weiße Armee" - das Freikorps, bestehend aus Soldaten, die durch den Krieg traumatisiert und durch blinden Hass angetrieben waren.
Ab dem 6. Dezember 1918 startete die Bourgeoisie große konterrevolutionäre Offensiven:
- Angriff auf die Druckerei, in der die Spartakisten ihre Zeitung „Rote Fahne“ druckten.
- Versuche, Mitglieder des Vollzugsrates zu verhaften,
- versuchte Ermordung von Karl Liebknecht,
- systematisch bewaffnete Überfälle auf Arbeiterdemonstrationen,
- Medienkampagne der Verleumdung und militärische Offensive gegen die Volksmarinedivision. Diese bestand aus bewaffneten Matrosen, die von den Häfen der Küste auf die Hauptstadt marschiert waren, um die Revolution zu verbreiten und diese zu verteidigen.
Aber weit davon entfernt, die erwachende Arbeiterklasse einzuschüchtern, verstärkte dies nur den Zorn der Arbeiter. Immer mehr Arbeiter bewaffneten sich, um auf die Provokation zu reagieren. Die Antwort lautete: Klassensolidarität. Am 25. Dezember 1918 fand die bis dahin größte Demonstration seit dem 9. November statt! Fünf Tage später wurde in Berlin die KPD, die Kommunistische Partei Deutschlands, gegründet.
Angesichts dieser Misserfolge lernte und passte sich die Bourgeoisie schnell an. Ende Dezember 1918 verstand sie, dass ein direkter Angriff auf die führenden Revolutionäre ihr nicht nützlich sein würde, weil ein solcher umgekehrt nur die Klassensolidarität stärken würde. Dann beschloss sie, Gerüchte und Verleumdungen zu verstärken, direkte bewaffnete Konfrontationen zu vermeiden und weniger bekannte Revolutionäre ins Visier zu nehmen. So richteten sich ihre Angriffe gegen den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, der zum Vorsitzenden eines Soldatenausschusses in Berlin gewählt worden war. Eichhorn wurde am 4. Januar vom preußischen Innenminister aus dem Amt entlassen. Dies wurde sofort als Angriff gegen die Arbeiter der Stadt empfunden. Das Berliner Proletariat reagierte am 5. Januar 1919 massiv: 150.000 Menschen waren auf den Straßen, was sogar die Bourgeoisie überraschte. Aber das hinderte die Arbeiterklasse nicht daran, in die Falle eines vorzeitigen Aufstands zu tappen. Obwohl die Bewegung in den übrigen Gebieten Deutschlands, wo Eichhorn nicht bekannt war, dem Proletariat der Hauptstadt nicht folgte, beschloss der provisorische Revolutionsausschuss[3], darunter Pieck und Liebknecht, noch am selben Abend, den bewaffneten Aufstand zu starten, was gegen die Beschlüsse des KPD-Kongresses verstieß. Die Folgen dieses überstürzten Handelns waren dramatisch: Nachdem die Arbeiter in großen Massen auf der Straße zusammengeströmt waren, verharrten sie dort, ohne Anweisungen, ohne ein präzises Ziel und in größter Verwirrung. Schlimmer noch, die Soldaten weigerten sich, an dem Aufstand teilzunehmen, was ein Zeichen für sein Scheitern war. Angesichts dieses Fehlers der Einschätzung der Lage und der daraus resultierenden sehr gefährlichen Situation verteidigten Rosa Luxemburg und Leo Jogiches die einzig gültige Position, um ein Blutbad zu vermeiden: die Mobilisierung fortsetzen, das Proletariat bewaffnen und es auffordern, die Kasernen zu umzingeln, bis sich die Soldaten für die Revolution erheben. Diese Position untermauerten sie mit der richtigen Analyse, dass zwar das politische Kräfteverhältnis Anfang Januar 1919 nicht zugunsten des Proletariats in Deutschland war, aber die Aussichten auf militärischer Ebene (zumindest in Berlin) nicht schlecht standen.
Aber anstatt zu versuchen, die Arbeiter zu bewaffnen, begann der "provisorische Revolutionsausschuss" mit der Regierung zu verhandeln, die er gerade für abgesetzt erklärt hatte. Von da an spielte die Zeit nicht mehr zugunsten des Proletariats, sondern zugunsten der Konterrevolution.
Am 10. Januar 1919 forderte die KPD Liebknecht und Pieck zum Rücktritt auf. Aber der Schaden war schon angerichtet. Es folgt die "blutige Woche" oder "Spartakuswoche". Der "kommunistische Putsch" wurde "von den Helden der Freiheit und Demokratie" vereitelt. Der weiße Terror fing an. Die Freikorps verfolgten Revolutionäre in der ganzen Stadt, und die standrechtlichen Erschießungen fingen an. Am Abend des 15. Januar wurden Rosa Luxemburg und Liebknecht entführt und dann sofort ermordet. Im März 1919 wurden Leo Jogiches und Hunderte andere Revolutionäre ermordet.
Worauf war dieses dramatische Scheitern zurückzuführen? Die Ereignisse vom Januar 1919 weisen alle Faktoren auf, die zur Niederlage der Revolution führten: Einerseits war eine schlaue, trickreiche Bourgeoisie am Werk, andererseits eine Arbeiterklasse, die immer noch Illusionen über die Sozialdemokratie hegte und eine unzureichend organisierte Kommunistische Partei, deren Bemühungen, ihr eine solide programmatische Grundlage zu geben, nicht ausgereicht hatten. Die KPD war in der Tat ziemlich desorientiert, sie war unerfahren (es gab viele neue, junge Mitglieder, viele der älteren Generation waren durch Krieg oder Unterdrückung nicht mehr da), gespalten und unfähig, der Arbeiterklasse eine klare Führung zu geben.
Im Gegensatz zu den Bolschewiki, die seit 1903 über eine historische Kontinuität verfügten, und Erfahrungen mit der Revolution und den Arbeiter- und Soldatenräten 1905 gewonnen hatten, musste die revolutionäre Linke in Deutschland, die eine sehr kleine Minderheit innerhalb der SPD war, im August 1914 gegen den Verrat der Parteiführung ankämpfen und dann hastig eine Partei in der Hitze der Ereignisse aufbauen. Die KPD wurde am 30. Dezember 1918 vom Spartakusbund und den Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) gegründet. Auf dieser Konferenz sprach sich die Mehrheit der Delegierten sehr deutlich gegen die Teilnahme an bürgerlichen Wahlen aus und lehnte Gewerkschaften ab. Aber die Organisationsfrage wurde weitgehend unterschätzt. Die Bedeutung der Partei wurde nicht ausreichend im Lichte dessen, was auf dem Spiel stand, verstanden.
Diese Unterschätzung führte zur Entscheidung für den bewaffneten Aufstand seitens Liebknecht und anderer Genossen anhand einer neuen Analyse des Kräfteverhältnisses, ohne dabei jedoch eine klare Analyse und Methode für die Entwicklung des Kräfteverhältnisses zu benutzen. Es fehlte an einer zentralen Entscheidungsfindung.
Die Tatsache, dass vorher keine Weltpartei gegründet worden war (die Kommunistische Internationale wurde erst zwei Monate später, im März 1919, gegründet), spiegelte die mangelnde Vorbereitung der KPD wider – und das sollte dramatische Folgen haben. Innerhalb weniger Stunden kehrte sich das Kräfteverhältnis um: Die Bourgeoisie konnte nun ihren weißen Terror verbreiten.
Die Streiks hörten jedoch nicht auf. Von Januar bis März 1919 entfalteten sich landesweit viele Massenstreiks. Aber gleichzeitig setzte die Bourgeoisie ihre schmutzige Arbeit fort: Hinrichtungen, Gerüchte, Verleumdungen ... Mit den Methoden des Terrors zerschlug die Bourgeoisie die Bewegung Stück für Stück. Während im Februar in ganz Deutschland massive Streiks stattfanden, konnte das Berliner Proletariat, das Herzstück der Revolution, nicht mehr folgen, angeschlagen durch die Niederlage im Januar. Als es wieder zurückschlug, war es zu spät. Die Kämpfe in Berlin und dem Rest Deutschlands schafften es nicht, sich zu vereinen. Gleichzeitig war die "enthauptete" KPD gezwungen, in der Illegalität zu arbeiten. So konnte sie in den Streikwellen von Februar bis April 1919 ihre entscheidende Rolle nicht spielen. Ihre Stimme wurde vom Kapital fast erstickt. Hätte die KPD die Gelegenheit gehabt, die Provokation der Bourgeoisie in der Januarwoche aufzudecken und zu verhindern, dass die Arbeiter in diese Falle tappen, wäre die Bewegung sicherlich ganz anders ausgegangen ... Überall setzte die Jagd auf "Kommunisten" ein. Die Kommunikation zwischen den noch vorhandenen Teilen der KPD-Zentrale und den lokalen oder regionalen KPD-Delegierten wurde mehrmals unterbrochen. Auf der Reichskonferenz am 29. März 1919 wurde festgestellt, dass "die lokalen Organisationen von Agenten und Provokateuren durchsiebt sind".
Die Revolution in Deutschland war vor allem die Massenstreikbewegung des Proletariats, die sich geografisch ausdehnte, sich mittels der Solidarität der Arbeiter gegen die kapitalistische Barbarei wandte, die Lehren aus dem Oktober 1917 übernahm und sich in Arbeiter- und Soldatenräten organisierte. Die Revolution in Deutschland verdeutlicht auch die Lehre, dass eine zentralisierte internationale kommunistische Partei mit klaren organisatorischen und programmatischen Grundlagen notwendig ist, ohne die das Proletariat den Machiavellismus der Bourgeoisie nicht vereiteln kann. Aber die Revolution in Deutschland verdeutlichte auch die Fähigkeit der Bourgeoisien, sich gegen das Proletariat zusammenzuschließen, mit ihrem Arsenal an Manövern, Lügen und Manipulationen aller Art. Sie brachte den Fäulnisprozess einer dahinsiechenden Welt zum Ausdruck, die nicht von selbst verschwinden will. Die tödliche Falle der Illusionen über die Demokratie wurde ersichtlich. Die Arbeiterräte wurden von ihrem Inneren her ausgehöhlt. Obwohl die Ereignisse von 1919 entscheidend waren, erlosch die noch vorhandene brennende Glut der deutschen Revolution mehrere Jahre lang nicht. Aber im historischen Rückblick waren die Folgen dieser Niederlage für die Menschheit dramatisch: der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, des Stalinismus in Russland, der Weg zum Zweiten Weltkrieg unter dem Banner des Antifaschismus. Diese alptraumhaften Ereignisse sind alle auf das Scheitern der revolutionären Welle zwischen 1917 und 1923 zurückzuführen, die die bürgerliche Ordnung erschüttert hatte, ohne sie ein für allemal stürzen zu können. Deshalb ist die Revolution in Deutschland 1918 für uns eine Quelle der Inspiration und der Lehren für die zukünftigen Kämpfe des Proletariats. Denn wie Rosa Luxemburg am Vorabend ihrer Ermordung durch die Handlanger der Sozialdemokratie schrieb: „Was zeigt uns die ganze Geschichte der modernen Revolutionen und des Sozialismus? Das erste Aufflammen des Klassenkampfes in Europa, der Aufruhr der Lyoner Seidenweber 1831, endet mit einer schweren Niederlage; die Chartistenbewegung in England – mit einer Niederlage. Die Erhebung des Pariser Proletariats in den Junitagen 1848 endet mit einer niederschmetternden Niederlage. Die Pariser Kommune endete mit einer furchtbaren Niederlage. Der ganze Weg des Sozialismus ist – soweit revolutionäre Kämpfe in Betracht kommen – mit lauter Niederlagen besät. (…)
Wo wären wir heute ohne jene „Niederlagen“, aus denen wir historische Erfahrung, Erkenntnis, Macht, Idealismus geschöpft haben! Wir fußen heute, wo wir unmittelbar bis vor die Endschlacht des proletarischen Klassenkampfes herangetreten sind, geradezu auf jenen Niederlagen, deren keine wir missen dürften, deren jede ein Teil unserer Kraft und Zielklarheit ist. (…) Die Revolutionen haben uns bis jetzt lauter Niederlagen gebracht, aber diese unvermeidlichen Niederlagen häufen gerade Bürgschaft auf Bürgschaft des künftigen Endsieges. Allerdings unter einer Bedingung! Es fragt sich, unter welchen Umständen die jeweilige Niederlage davongetragen wurde (…).
„Ordnung herrscht in Berlin!“ Ihr stumpfen Schergen! Eure „Ordnung“ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon „rasselnd wieder in die Höh‘ richten“ und zu eurem Schreck mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“ (Rosa Luxemburg, Die Rote Fahne, 14. Januar 1919).
IKS, 29. Oktober 2018
[1] Alle drei gehörten zu der SPD-Minderheit, die Kriegskredite ablehnte und sich dem Spartakusbund anschloss.
[2] Er war zusammen mit Rosa Luxemburg einer der beiden berühmtesten und am meisten gehetzten und verfolgten Führer des Spartakusbundes.
[3] „Am 5. Januar trafen sich die Revolutionären Obleute, Mitglieder der Führung der USPD des Großraums Berlin, und Liebknecht und Pieck von der KPD im Polizeipräsidium, um darüber zu diskutieren, wie die Aktion fortgesetzt werden soll (...) Die Vertreter der revolutionären Arbeiter gründeten einen 52-köpfigen provisorischen Revolutionsausschuss, der die revolutionäre Bewegung leiten und gegebenenfalls alle Regierungs- und Verwaltungsfunktionen übernehmen sollte. Die Entscheidung, den Kampf um den Sturz der Regierung zu beginnen, wurde auf dieser Sitzung gegen sechs Gegenstimmen getroffen.“ (Zusammenfassung aus Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution, S. 274, Junius-Drucke, Paul Frölich)
Am 8. September mobilisierte das sandinistische Regime von Daniel Ortega seine Anhänger, um den "Siegreichen September" zu feiern, weil es seiner Meinung nach einen "Putschversuch" verhindern konnte. Dieser Sieg des Regimes hat schreckliche Folgen hinterlassen: etwa 450 Tote,[1] Dutzende von Vermissten, Tausende von Verwundeten, Hunderte von Gefangenen und der Exodus von Tausenden von Nicaraguanern. Dies war die Bilanz von fünf Monaten Protesten gegen arbeiterfeindliche Maßnahmen und heftige Repressionen, ähnlich oder schlimmer als die unter der Somoza-Diktatur.[2]
Diese Todesfälle sind nicht nur auf das Ortega-Regime und seine Anhänger zurückzuführen, welche die Drecksarbeit der Verfolgung, Drangsalierung und Inhaftierung der Bevölkerung, vor allem der Jugendlichen, verrichtet haben. Sie sind auch den Geistlichen und den privaten Kapitalisten (ehemalige Verbündete des Regimes) sowie den politischen Kräften der Opposition zuzuschreiben, die sich in der „Bürgerallianz für Gerechtigkeit und Demokratie“ zusammengeschlossen haben, welche die Bewegung erdrosselten und eindämmten, indem sie einen "Nationalen Dialog" mit der Regierung propagierten, während diese sich für ihre blutige Strategie der Unterdrückung rüstete. Ebenso trägt die so genannte internationale Gemeinschaft ihren Teil der Verantwortung, da sie die verschiedenen bürgerlichen Gruppen im Konflikt innerhalb der nicaraguanischen Hauptstadt unterstützt: auf der einen Seite jene, welche wie die UNO, die OAS, die EU, die Lima-Gruppe, die Vereinigten Staaten die Illusionen von demokratischen und wahltaktischen Lösungen für die politische Krise geschürt haben (und weiterhin schüren); auf der anderen Seite Staaten wie Russland, China, Kuba, Bolivien und andere Länder, die sich zu "Feinden des Yankee-Imperialismus" erklären und ihre Unterstützung für den Sandinismus verbergen[3], indem sie behaupten, dass die Situation in Nicaragua eine "innenpolitische" Angelegenheit sei.
Die Lage der nicaraguanischen Bevölkerung ist dramatisch; sie ist geprägt von den Vereinbarungen, die zwischen den bürgerlich-sandinistischen Bürokraten, die den Staat kontrollieren, und den privaten Kapitalisten möglich sind. Heute, unter dem Terror des Staates, hat das sandinistische Regime die Möglichkeit, die arbeiterfeindlichen Maßnahmen durchzusetzen, die es im April letzten Jahres zu ergreifen versuchte. Angesichts dieser Barbarei besteht die einzige Möglichkeit für das nicaraguanische Proletariat darin, auf seinem eigenen Klassenterrain zu kämpfen, alle Fraktionen des Kapitals an der Regierungsmacht und in der Opposition zu bekämpfen und ein Bezugspunkt für die ausgebeutete Bevölkerung zu werden. Andernfalls werden Staatsterror und Massenemigration die Folge sein, eine Situation, die derjenigen ähnelt, die derzeit in Ländern wie Venezuela, Syrien oder mehreren afrikanischen Ländern herrscht.
Die Demonstrationen begannen am 18. April 2018 mit der Bekanntgabe einer Verordnung zur Änderung des Sozialversicherungsgesetzes, die am 19. April in Kraft getreten ist und welche die Beiträge der Versicherten und der Arbeitgeber erhöht sowie die Renten kürzt. In einem auf unserer Website veröffentlichten Artikel haben wir die Ereignisse beschrieben und analysiert.[4] Wir haben beschrieben, wie der Privatunternehmer-Verband (COSEP) zu Beginn der Proteste eine Erklärung abgegeben hat, in der er die Reform als "zusätzliche Steuer" bezeichnet und garantiert, dass diese Maßnahme zu höherer Arbeitslosigkeit und niedrigeren Löhnen führen würde ...
Die Empörung über die Angriffe der Repressionskräfte und der sandinistischen Anhänger gegen Student_innen und Rentner_innen führte zu einer weit verbreiteten Unzufriedenheit unter der ausgebeuteten und prekär beschäftigten Bevölkerung, die spontan reagierte, indem sie auf die Straße ging. In dem oben genannten Artikel haben wir angeprangert, wie das private Kapital und die Kirche sich vereinten, um die Mobilisierung zu kontrollieren und abzuwürgen: Am 21. April rief die COSEP zu einer Demonstration am 23. April auf. Es sei daran erinnert, dass Ortega am 22. die Aufhebung des Dekrets ankündigte, um die soziale Unzufriedenheit zu dämpfen, aber dies hinderte den von den Geschäftsleuten geforderten Marsch nicht daran, Zehntausende von Menschen zusammenzubringen ... Die katholische Kirche mit ihrem großen Einfluss spielte eine noch aktivere Rolle bei der "Kritik" an der Regierung. Sie rief zu einer Demonstration am 29. April auf, welche die größte war und bei der die Forderungen gegen die Angriffe auf die Renten verdrängt wurden zugunsten der Forderungen nach "nationaler Versöhnung", "Demokratisierung", "Dialog" usw.
Dass die "Kritiker" vom Schlage der COSEP und der katholischen Kirche auf die Bühne traten, bedeutete keine Stärkung der Bewegung, sondern ein Streich, um ihr ein Ende zu bereiten. Was Ortega und seine bewaffneten Banden mit ihrer blutigen Unterdrückung nicht schafften, erreichten die COSEP und insbesondere die katholische Kirche mit ihren Forderungen nach "Befriedung". Man kann sagen, dass das Kapital "beide Hände" benutzte, um den Protest zu brechen: Die eine war die mörderische Hand der FSLN,[5] die andere die "helfende Hand" der Kirche.
Der Artikel zeigte auch die Schwächen des nicaraguanischen Proletariats auf, das sich von den bürgerlichen Fraktionen in ihre Kämpfe zwischen offiziellen und oppositionellen Fraktionen und für nationalistische Vorschläge dieser Fraktionen sowie des Kleinbürgertums einspannen ließ.
Die Situation in Nicaragua ist ein Beispiel in der Region, neben Venezuela, für die Unfähigkeit der herrschenden Klasse, ein Minimum an Einheit für eine Regierung zu finden, und für die Unfähigkeit der Arbeiterklasse, als Bezugspunkt für die ausgebeuteten Massen zu dienen, um der Barbarei des zerfallenden Kapitalismus zu entkommen.
2013 baute die sandinistische Regierung das Rentensystem als Reaktion auf die sich verschärfende Wirtschaftskrise in Nicaragua um. Das Ortega-Regime profitierte ab 2008 nicht mehr von der Wirtschaftshilfe des Chavez-Regimes, die der schwachen Wirtschaft des Landes durch die Eingliederung Nicaraguas in die ALBA-Länder eine Atempause verschaffte[6], ein Bündnis von Ländern, das auf Initiative Kubas und Venezuelas gegründet worden war mit dem Zweck, der Amerikanischen Freihandelszone[7] etwas entgegen zu stellen. Aufgrund verschiedener Vereinbarungen lieferte das Chavez-Regime nicht nur subventioniertes Öl, sondern steuerte auch mehr als 4 Milliarden Dollar zum sandinistischen Regime bei. Nach Schätzungen wurde ein Drittel dieser Mittel zur Finanzierung von Sozialprogrammen eingesetzt, die dem FSLN zur soziale Kontrolle zur Verfügung standen und damit das sandinistische Regime stützten.
Ab 2014, nach dem Tod von Hugo Chávez und dem Rückgang der Rohölpreise, begannen die Handelsbeziehungen mit Venezuela zurückzugehen, was die Exporte mit diesem Land im ersten Quartal dieses Jahres auf Null reduzierte. Bis Ende 2016 betrug die Verschuldung des Unternehmens ALBANISA, das mit 51% venezolanischem Kapital gegründet worden war, 3 Milliarden Dollar oder 24% des BIP. Die Handelsbeziehungen wurden durch die Maßnahmen der Trump-Administration gegen die PDVSA, eine staatliche Ölgesellschaft, die Chávez und Maduro erstmals zur Finanzierung der imperialistischen Projekte Venezuelas in der Region verwendeten, stark beeinträchtigt. Heute wird der größte Teil des Öls aus den Vereinigten Staaten und zu internationalen Marktpreisen importiert, und nicht mehr zu den Vorzugspreisen, die das sandinistische Regime bei der "Bolivarischen Revolution" fand, als es 50% des effektiven Preises bezahlte.
Die Reform des Rentensystems, die das Regime unter dem Druck der Proteste annullierte, war eine der Möglichkeiten, mit den Staatsausgaben und der Rückzahlung von Auslandsschulden umzugehen. Sozialprogramme können nicht mehr aufrechterhalten werden, was zu einer Verschlechterung des Lebensstandards der verarmten Massen des Landes führen wird[8]. Die fünf Monate der Proteste haben die Wirtschaftskrise verschärft. Die Proteste betrafen vor allem Handel, Tourismus und Baugewerbe; die Arbeitslosigkeit ist schätzungsweise um rund 5% gestiegen, was etwa 85.000 Arbeitsplätzen entspricht. Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum wurden auf 1% gesenkt, und es könnte sogar zu einer wirtschaftlichen Rezession kommen, wenn die politische Krise anhält. Die Ähnlichkeit mit der Situation in Venezuela ist kein Zufall.
Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Sandinismus der 1980er Jahre und dem heutigen Sandinismus.
Nach den Protesten in Nicaragua und der heftigen Repression des Regimes hat sich die bereits bestehende Spaltung in den Reihen der FSLN verschärft. Viele der sandinistischen Führer, die an der Seite Ortegas gegen die Somoza-Diktatur kämpften und Teil seiner ersten Regierung (1984-1990) waren, prangern ihn heute an und betrachten ihn als Verräter an den Idealen des ursprünglichen Sandinismus, indem sie sagen, dass "er keine fortschrittliche und linke Regierung mehr ist", usw.[9].
Tatsächlich führte Daniel Ortega nach der Niederlage der FSLN bei den Wahlen von 1990 einen Kampf, der ihn dazu brachte, die Front zu stören und eine allein herrschende Fraktion aufzubauen, ohne andere Führer, die ihn zuvor in den Hintergrund gedrängt hatten. Er entwickelte Allianzen mit der Liberalen Partei von Arnoldo Alemán, mit der Kirche und konsolidierte eine Kontrolle sozialer Organisationen unter dem Banner der FSLN. Er legte 2006 den Grundstein für eine neue Präsidentschaft und ist seitdem mit Unterstützung von Kuba und Chávez' "Bolivarischer Revolution" an der Macht.
Es ist eine große Lüge zu behaupten, dass es zwei Gesichter des Sandinismus gebe.
Einige Kritiker von Ortega werfen ihm vor, eine umfangreiche "Säuberungs-Operation" durchgeführt zu haben, ebenso wie die Diktatur Somozas gegen die Bevölkerung. Tatsächlich nutzen die linken und linksextremen Organisationen die gleichen Ressourcen wie die Rechte, um das Proletariat und die Bevölkerung zu unterwerfen; der einzige Unterschied besteht in der Verwendung von "revolutionären" Worten im Namen des "Marxismus-Leninismus", den sie als "antiimperialistisch" bezeichnen, weil sie gegen die Vereinigten Staaten sind; aber gleichzeitig schmieden sie Bündnisse und treiben Geschäfte mit anderen imperialistischen Mächten oder Ländern, wie es die FSLN 1982 mit der UdSSR getan hat.
Die Zuspitzung des Zerfalls in den Reihen der bürgerlichen Parteien und Organisationen weltweit, ob rechts oder links, kommt in linken Regimen wie in Venezuela, Kuba, Nicaragua, Syrien, China, Nordkorea zum Ausdruck. Der Sandinismus ist ein Beispiel. Das Proletariat muss in seinem Kampf dem Mythos einer so genannten revolutionären Linken ein Ende setzen, die am treffendsten als die Linke des Kapitals definiert wird.
Die Situation in Nicaragua verschärft die regionale Lage. Die US-amerikanischen Maßnahmen gegen die hochrangigen Führer des sandinistischen Regimes und die Finanzblockaden werden nicht nur vom Regime genutzt, um seine Anhänger zu mobilisieren und die Vereinigten Staaten für die politische und wirtschaftliche Krise verantwortlich zu machen, sondern wenden sich auch gegen die Bevölkerung und werden zu einem erschwerenden Faktor in der Krise. Andererseits hilft die Drohung, militärische Optionen nicht auszuschließen (wie in Venezuela), diesen Führern eher, ihre Macht zu etablieren, indem sie sich als Opfer ausgeben, um Unterstützung innerhalb und außerhalb des Landes zu erhalten. Diese Situation wird von imperialistischen Mächten wie China, Russland, Kuba, Venezuela, Iran usw. ausgenützt, um zu intervenieren und in den Hinterhof der Vereinigten Staaten zu treten.
Chaos und Auswanderung[10], verursacht nicht nur durch Staatsterror oder den drohenden Bürgerkrieg, sondern auch durch die Wirtschaftskrise, nehmen zu.
Durch die sich verschärfende Wirtschaftskrise und die politischen Auseinandersetzungen wird die Situation immer komplizierter. Die Einheit zwischen den verschiedenen Kapitalfraktionen ist zerbrochen. Die Machtdemonstrationen des sandinistischen Regimes brachten es in eine Situation, in der es Maßnahmen, um die Wirtschaftskrise abzuschwächen, durchsetzen kann. Auf der anderen Seite besteht nach dem Vorbild Venezuelas eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Finanzblockade gegen das Regime verschärft.
Diese Situation stellt eine enorme Herausforderung für das nicaraguanische und das Weltproletariat dar, da weitere Angriffe auf die ohnehin schon prekären Lebensbedingungen der Arbeiterklasse absehbar sind. Die Reaktionsfähigkeit des Proletariats wird sowohl durch die politische Polarisierung der Bourgeoisie als auch durch seine historische Schwäche untergraben. Auf der anderen Seite benutzen Sektoren der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums das Thema der Flucht, um die menschliche Solidarität und insbesondere die Solidarität, die unter Proletarier_innen existieren muss, anzugreifen. Wir sehen bereits Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit in Costa Rica. Dieses schreckliche Szenario bedeutet ein verstärktes Chaos in der Region, das die chronische Armut der Region nur verschlimmern kann und die Gefahr einer Destabilisierung von Costa Rica mit sich bringt, dieses Landes, das bisher in Zentralamerika am wenigsten in Schwierigkeiten war.
Die Situation in Nicaragua, die sich neben diejenige in Venezuela, Syrien und anderen Ländern reiht, erhöht die Dringlichkeit, mit der das Proletariat seinen Kampf auf seinem Klassenterrain weltweit wieder aufnehmen muss, damit sich die Bedingungen entwickeln können, die es ihm ermöglichen, dieses System der Ausbeutung, des Zerfalls und der Barbarei zu zerstören.
Revolucion Mundial, Sektion der IKS in Mexiko, 25. September 2018
[1]Nach Angaben der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (IACHR) wird die Zahl der Todesfälle in diesen fünf Monaten der Zusammenstöße auf 322 geschätzt, mehr als 450 nach Angaben humanitärer Organisationen, 198 nach Angaben der Regierung.
[2]Anastasio Somoza Debayle, der zwischen 1967 und 1979 die Macht ausübte, war der letzte Vertreter einer Diktatorenfamilie, die seit mehr als 40 Jahren (seit 1937) durch heftige Repressionen gegen die Opposition und die gesamte Bevölkerung absolute Macht über das Land aufgebaut hatte.
[3]Die "Sandinistenbewegung" behauptet, das Vermächtnis von Augusto Sandino (1895-1934) zu sein, der 1927 nach der militärischen Intervention der Vereinigten Staaten eine kleine antiamerikanische nationalistische Bewegung, die Armee zur Verteidigung der nationalen Souveränität, unter sich hatte, die einen Guerillakrieg führte (ihre Kämpfer unter armen Bauern rekrutierte) und sich weigerte, ihre Waffen vor der von den USA unterstützten konservativen Regierung niederzulegen. Seine Ermordung durch die Nationalgarde unter dem Ältesten der Somoza-Dynastie machte ihn zu einem Helden der "nationalen Befreiungskämpfe" des 20. Jahrhunderts und seine "Guerillataktik" zu einem Bezugspunkt für alle Linken.
[4]Siehe unseren Artikel auf Spanisch "El abril sangriento de Nicaragua : Sólo la lucha autónoma del proletariado puede acabar con la explotación y la barbarie represiva".
[5]Sandinistische Nationale Befreiungsfront: eine politisch-militärische Organisation, die 1961 gegründet wurde und einen bewaffneten Kampf in Form der Guerilla gegen die Somoza-Diktatur führte, 1979 die Macht übernahm und bei den Wahlen von 1990 verdrängt wurde. In der Koalition aus drei rivalisierenden Haupttendenzen innerhalb der FSLN konnte Daniel Ortega 2006 die Kontrolle zurückgewinnen. Mit ihr gelang es ihm, mit Intrigen und neue Allianzen 2006 an die Regierungsmacht zu kommen und sich seither dort halten.
[6]Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América (Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerikas), gegründet 2004.
[7]Freihandelszone der USA (FTAA) gemäß den 1994 unterzeichneten Abkommen mit dem Ziel, den Einfluss der USA auf Lateinamerika aufrecht zu erhalten.
[8]Nach Angaben der Weltbank leben 29,6% der nicaraguanischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze, nach Angaben der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank IDB sind es 40%, und die sogenannte extreme Armut betrifft 14,6% der Bevölkerung, so die IDB.
[9]Diese "Kritik" übt namentlich der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramirez.
[10]Nach Angaben der UNO sind seit April letzten Jahres 23.000 Nicaraguaner nach Costa Rica geflohen.
Unsere Genossin Elisabeth hat uns im Alter von 77 Jahren verlassen. Sie starb in der Nacht vom Samstag auf Sonntag, den 18. November an Atembeschwerden, die zu einem Herzstillstand führten.
Elisabeth wurde im Zweiten Weltkrieg, am 19. Mai 1941, in Bane, einem Dorf im französischen Jura bei Besançon, geboren. Ihr Vater besaß ein Sägewerk, und die Mutter war Hausfrau. Elisabeth wuchs in einer Familie von neun Kindern in einer ländlichen Umgebung auf. Es war eine einigermaßen begüterte katholische Familie. Ihre Tante, eine Lehrerin, brachte ihr das Grundschulwissen bei, bevor sie auf ein von Nonnen geleitetes katholisches Gymnasium geschickt wurde, zuerst nach Besançon, später nach Lyon[1]. Danach ging sie an die Universität Lyon und entwickelte ein leidenschaftliches Interesse an der Meeresbiologie. 1968, im Alter von 27 Jahren, zog sie nach Marseille und mietete ein altes Haus mit einem kleinen Garten und einer Terrasse auf dem Dach, nur wenige Schritte vom Meer entfernt. Sie war am Centre d'Océanologie des CNRS[2] in Marseille beschäftigt, nachdem sie ein Jahr in Kanada verbracht hatte. Sie promovierte 1983, was ihr ermöglichte, eine Lehrtätigkeit zu übernehmen und die Forschung ihrer Student_innen zu betreuen.
Elisabeth gehörte zu jener Generation junger Leute, die nach der Bewegung von Mai 68 eine revolutionäre Perspektive suchten. Schon während ihres Studiums begann sie sich zu politisieren und trat dem Parti Socialiste Unifié in Lyon bei[3].
In Marseille entdeckte sie, dass die Arbeiterklasse die einzige Kraft in der kapitalistischen Gesellschaft ist, die in der Lage ist, die Welt zu verändern. Bei einer Demonstration traf sie Robert, einen jungen Mitstreiter, der vor 1968 in der anarchistischen Bewegung politisiert worden war. Sie nahm an den Treffen der Gruppe Informations et Correspondances Ouvrières (ICO) teil, zusammen mit Robert, der seit 1968 Les Cahiers du Communisme de Conseils veröffentlichte. Auf diese Weise entdeckte Elisabeth die Arbeiterbewegung, den Marxismus und die revolutionäre Perspektive des Proletariats. Nachdem sie eine katholische Ausbildung erhalten hatte, brach sie mit der Religion und wurde Atheistin, während sie weiterhin sehr enge Beziehungen zu ihrer Familie unterhielt.
1972 fusionierte die Gruppe Cahiers du Communisme de Conseils mit der Gruppe, die die Zeitschrift Révolution Internationale herausgab. Die neue Gruppe behielt den Namen RI. 1973 wurde Elisabeth Sympathisantin von RI. 1974 trat sie der Gruppe bei, die zur Sektion der IKS in Frankreich wurde.
Elisabeth war bei der internationalen Konferenz anwesend, an welcher 1975 die IKS gegründet wurde, wie auch beim ersten Kongress unserer Organisation 1976. So hat uns mit ihrem Tod plötzlich ein Gründungsmitglied der IKS, eine Militante der ersten Generation, verlassen.
Elisabeth übernahm wichtige Aufgaben in der Organisation, immer mit größtem Engagement. Sie schrieb regelmäßig Berichte über den internationalen Klassenkampf. Sie reiste viel innerhalb der IKS und lernte Italienisch, um an der Arbeit der Organisation in Italien teilnehmen zu können. Sie konnte auch sehr gut Englisch und machte viele Übersetzungen, ohne diese Aufgabe jemals als Routine und langweilig zu betrachten. Im Gegenteil, bei der Übersetzung von Texten für unsere internen Diskussionsbulletins war Elisabeth oft eine der ersten französischsprachigen Genoss_innen, die mit den Positionen und Beiträgen ihrer englischsprachigen Genoss_innen vertraut war. Und vor allem half Elisabeth, den Kern der IKS in Marseille aufzubauen. 45 Jahre lang hielt sie neben einem weiteren Genossen die politische Präsenz der IKS in der Stadt aufrecht.
Was ihr militantes Engagement antrieb, waren ihre Revolte gegen die Barbarei des Kapitalismus, ihr Wille, gegen dieses dekadente System zu kämpfen, ihre Leidenschaft für den Kommunismus und ihre Überzeugung von der grundlegenden Rolle der revolutionären Organisation bei der Emanzipation des Proletariats. Ihre militante Aktivität stand im Mittelpunkt ihres Lebens. Elisabeth hatte eine tiefe Verbundenheit nicht nur mit der Organisation, sondern auch mit ihren Genoss_innen im Kampf.
Trotz ihres sozialen Status als CNRS-Forscherin war Elisabeth äußerst bescheiden. Sie akzeptierte politische Kritik, ohne jemals mit verletztem Stolz zu reagieren, und versuchte immer, die allgemeinen Interessen der Organisation über ihre eigenen persönlichen Interessen zu stellen. Und sie versuchte zu verstehen. Trotz ihres Universitätsabschlusses, ihres Doktortitels und ihrer beachtlichen allgemeinen Bildung war sie keine "Akademikerin", keine "Intellektuelle", die von dem geprägt gewesen wäre, was Lenin in seinem Buch Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück den "Lehnstuhl-Anarchismus" genannt hat, der so charakteristisch für das Kleinbürgertum ist.
Elisabeth empfand ihr militantes Engagement in der IKS nie als "Gefängnis" oder als Fessel bei der Entfaltung ihres persönlichen Lebens. Sie machte eine Karriere im Universitätsmilieu, veröffentlichte wissenschaftliche Bücher und Artikel in ihrem Fachgebiet, weil sie über viel Wissen verfügte und ihre Arbeit liebte. Aber wie Marx und andere Militante beschloss sie, ihr Leben der Sache des Proletariats zu widmen. Wir könnten hinzufügen, dass sie, wie alle Genoss_innen der IKS, die gleiche Vorstellung von Glück hatte wie er: zu kämpfen![4]
So zeigte sie am Ende ihres Lebens weit entfernt davon, von der Militanz ausgebrannt oder zerstört zu sein, eine erstaunliche Dynamik. Trotz ihrer Atembeschwerden und ihrer zerbrechlichen Gesundheit (insbesondere, da sie kurz nach ihrem letzten Geburtstag einen Schlüsselbeinbruch erlitten hatte), nahm sie begeistert an einem kürzlich stattgefundenen Studien-Wochenende der IKS und den entsprechenden Diskussionen teil. Bei diesem Treffen hat sie sich sehr klar und überzeugend in die Debatte eingebracht. Bevor Elisabeth ihre Genoss_innen verließ, um nach Marseille zurückzukehren, ging sie mit einigen von ihnen, insbesondere Genoss_innen aus anderen Ländern, zum Friedhof von Père Lachaise und zeigte den ihnen die Mur des Fédérés[5]. Das war 15 Tage vor ihrem Tod.
Alle Genossinnen und Genossen der IKS waren daher schockiert, als sie die tragische Nachricht von ihrem plötzlichen Tod erhielten. Niemand von uns hatte sich vorgestellt, dass sie uns so schnell und ohne Vorwarnung verlassen würde, denn sie war nicht so alt. Trotz ihrer 77 Jahre hatte sie die Frische der Jugend bewahrt und hatte persönliche Freunde aus der jüngeren Generation.
Elisabeth liebte Kinder. Sie bedauerte, dass sie selber keine hatte. Unter anderem deshalb freundete sie sich mit den Kindern von Genoss_innen an, die sie immer mit viel Liebe in ihrem Haus empfing.
Elisabeth war eine sehr herzliche und großzügige Person. Sie hatte ein tiefes Gefühl der Gastfreundschaft. Ihr altes Haus, das sie 45 Jahre lang gemietet hatte, war ein Durchgangsort für Genossen nicht nur der Sektion in Frankreich, sondern auch anderer territorialer Sektionen. Sie waren immer willkommen, zusammen mit ihren Familien. Sie öffnete ihre Tür für alle Militanten der IKS, ohne Ausnahme. Elisabeth hasste das Privateigentum. Wenn sie nicht in ihrem Haus war, legte sie immer den Schlüssel für ihre Genossen bereit (manchmal entschuldigte sie sich gar dafür, dass sie keine Zeit zum Aufräumen gehabt hatte!).
Elisabeth hatte natürlich auch ihre Fehler. Aber es waren die Fehler ihrer Qualitäten. Sie hatte ihren eigenen Charakter. Manchmal hatte sie Streit mit bestimmten Genoss_innen (auch mit denen, die ihr am nächsten standen). Aber sie wusste, wie man darüber hinwegkommt, immer auf der Suche nach erneuter Aussöhnung, denn sie verlor nie aus den Augen, was die Mitglieder der IKS vereint: eine Plattform gemeinsamer Prinzipien; der Kampf, den sie alle gegen den Kapitalismus führen und gegen das Gewicht der herrschenden Ideologie. Elisabeth hatte eine tiefe politische Wertschätzung für die Militanten der IKS, einschließlich derer, deren Stil oder Charakter nicht zu ihr passten. In unseren internen Debatten listete sie alle Interventionen, alle Argumente aufmerksam auf und machte sich oft eigene Notizen, um ihre Reflexion zu vertiefen und, wie sie es ausdrückte, "aus dem Bedürfnis der Klärung".
Elisabeth war auch sehr sentimental und neigte dazu, die Organisation der Revolutionäre als eine große Familie oder eine Gruppe von Freunden zu sehen. Früher hatte sie eine gewisse Illusion, dass die Gruppe Révolution Internationale (der sie sich in einer von der Studentenbewegung vom Mai 68 geprägten Zeit angeschlossen hatte) zu einer Art Insel des Kommunismus werden könnte. Was ihr erlaubte, diese Verwirrung zu überwinden, waren unsere Studientage und die Diskussionen über den Zirkelgeist in der Arbeiterbewegung sowie unsere internen Debatten über die Schwierigkeiten unserer Sektion in Frankreich mit dem Ziel, "aus einem Freundeszirkel zu einer politischen Gruppe" zu werden[6].
Dank ihrer Fähigkeit zur Reflexion konnte Elisabeth verstehen, dass die Organisation der Revolutionäre, obwohl sie der "Beginn einer Antwort" auf die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse ist, nicht bereits die Antwort sein kann (um einen Begriff unseres Genossen MC zu verwenden), eine kleine Insel des Kommunismus in dieser Gesellschaft. Es war ihr unerschütterliches Engagement für die Sache der Arbeiterklasse, ihre uneigennützige Hingabe an die IKS, die es Elisabeth ermöglichten, allen Krisen, die die IKS seit ihrer Gründung durchlebt hat, geduldig zu trotzen und sie zu überstehen. Trotz ihres "sentimentalen" Umgangs mit der Organisation und des Schmerzes, den sie empfand, als einige ihrer Freunde die Organisation verließen, wurde Elisabeth nie aus einer fehlgeleiteten Loyalität zu ihnen aus der IKS gezogen. Jedes Mal, wenn sie mit einem "Loyalitätskonflikt" konfrontiert war, entschied sich Elisabeth für die IKS und ihren Kampf für den Kommunismus (im Gegensatz zu anderen Militanten, die die Organisation aus Loyalität zu ihren Freunden und mit Feindseligkeit gegenüber der IKS verließen). Sie hat nie ihre Überzeugungen verloren. Bis zum Schluss blieb sie der IKS treu und loyal.
Bis zu ihrem letzten Atemzug war Elisabeth eine echte Kämpferin für die proletarische Sache. Eine Kämpferin, die das Beste von sich selbst für die kollektive und assoziierte Arbeit der wichtigsten Gruppe der kommunistischen Linken gab.
Elisabeth liebte es, zu lesen. Sie liebte das Meer, Blumen, Kunst: Barockmusik, Literatur, Malerei. Aber vor allem liebte sie die menschliche Spezies. Ihre Liebe zur Menschheit war das Rückgrat ihrer Leidenschaft für den Kommunismus und ihres militanten Engagements innerhalb der IKS.
Das Ableben unserer Genossin hinterlässt bei uns ein großes Loch. Für die IKS ist jeder Militante ein unersetzliches Glied in einer Kette. Elisabeth kann nicht ersetzt werden, also ist der einzige Weg, das Loch zu füllen, sie zu würdigen, indem wir unseren Kampf, ihren Kampf fortsetzen.
Elisabeth vermachte ihren Körper der Wissenschaft. Es gab keine Kränze oder Blumen.
Ihrem Bruder Pierre und ihrer ganzen Familie;
Ihren Freunden Sara und Fayçal, die uns sofort von ihrem Tod berichteten;
Ihren Freunden in Marseille, Chantal, Dasha, Josette, Margaux, Marie-Jo, Rémi, Sarah..., die uns geholfen haben, ihr Haus aufzuräumen und dabei den größten Respekt für ihr politische Engagement und ihre letzten Wünsche zeigten,
Senden wir all unsere Sympathie und Solidarität.
Leb wohl, Elisabeth! Du bist in einer Nacht im November von uns gegangen, als du alleine zu Hause warst, ein Haus, das wir auch vermissen werden. Aber du warst nicht wirklich allein, für uns alle bleibst du am Leben in unseren Herzen, in unseren Gedanken, in unserem Bewusstsein.
Im Januar wird die IKS ein Treffen zur politischen Würdigung unserer Genossin organisieren. Unsere Leser, Sympathisanten, Weggefährten sowie Aktivisten der Gruppen der kommunistischen Linken, die Elisabeth kannten, können an die IKS schreiben, wenn sie an dieser Hommage teilnehmen wollen, die in Marseille stattfinden wird.
Révolution Internationale, Sektion der IKS in Frankreich, 24.11.18
[1] Elisabeth hatte keine guten Erinnerungen an die Schulzeit bei den "guten" Schwestern.
[2] Centre Nationale de Recherche Scientifique (Nationales Forschungszentrum)
[3] Diese Partei wurde 1960 gegründet und löste sich 1989 wieder auf. In ihr fanden sich bei der Gründung ehemalige Mitglieder der Sozialistischen Partei, die sich deren kolonialistischen Politik widersetzten, linke Christen und Leute, die dem Trotzkismus und Maoismus entstammten. Einer seiner wichtigsten Exponenten war Michel Rocard, der später wieder der Sozialistischen Partei beitrat und dort die Führung ihres rechten Flügels übernahm. In der Mai-68-Bewegung nahm der PSU eine viel "radikalere" Haltung ein als der PCF und vertrat die "Selbstverwaltung".
[4] Vgl. « La confession de Karl Marx », 1923 herausgegeben von Dawid Rjasanow (https://www.marxists.org/francais/riazanov/works/1923/00/confession.htm#... [942])
[5] Die Wand, an der 147 Kämpfer der Pariser Kommune erschossen und in einen Graben geworfen wurden.
[6] Diese Formulierung findet man in einem sehr wichtigen Beitrag unseres Genossen MC zur internen Debatte 1980, auszugweise zitiert in einer Fußnote zu unserem Text "Die Frage der Funktionsweise der Organisation in der IKS" (Internationale Revue Nr. 30): „In der zweiten Hälfte der 60er Jahre bestanden kleine Freundeskreise aus meist sehr jungen Leuten ohne politische Erfahrung, die im Studentenmilieu lebten. Auf der individuellen Ebene erschien ihre Existenz rein zufällig. Auf der objektiven Ebene - der einzigen, in der eine wirkliche Erklärung gefunden werden kann - entsprachen diese Kreise dem Ende des Wiederaufbaus nach dem Krieg und den ersten Anzeichen, dass der Kapitalismus in die offene Phase seiner permanenten Krise zurückkehrte, was zu einem Wiederaufleben des Klassenkampfes führte. Trotz dessen, was die Individuen, die diese Kreise zusammengesetzt haben, gedacht haben, indem sie sich vorstellten, dass ihre Gruppe auf Freundschaft, dem Versuch, ihren Alltag gemeinsam zu verwirklichen, basierte, überlebten diese Kreise nur in dem Maße, in dem sie politisiert wurden, zu politischen Gruppen wurden und ihr Schicksal vollbrachten und annahmen. Die Kreise, die sich dessen nicht bewusst waren, wurden weggespült oder lösten sich im linken oder modernistischen Sumpf auf oder verschwanden in der Natur. Das ist unsere eigene Geschichte. Und nicht ohne Schwierigkeiten haben wir diesen Prozess der Transformation von einem Freundeskreis zu einer politischen Gruppe überlebt, in der die Einheit, die auf Zuneigung, persönlicher Sympathie und dem gleichen Lebensstil basiert, einem politischen Zusammenhalt und einer Solidarität aus der Überzeugung Platz gemacht hat, dass man am gleichen historischen Kampf beteiligt ist: der proletarischen Revolution (....)"
Am 11. November 2018 ist es seit dem Ende des Ersten Weltkriegs genau hundert Jahre her. Dies geschieht unter großer Aufmerksamkeit der Medien. Bei einer Zeremonie in Paris stellten sich unter anderem Trump, Putin und Erdogan ins Rampenlicht; Könige, Königinnen, Generäle, Läufer und Politiker von rechts bis links waren alle auf Rädern unterwegs, um ihren Beitrag zu leisten; Zeremonien fanden in Städten, Dörfern und Weilern statt, die von verschiedenen Unternehmen, Wohltätigkeitsorganisationen und Supermärkten unterstützt wurden; Veranstaltungen für die Jugend wurden organisiert, einschließlich „Friedenskonzerte“ zur Indoktrination der Jugendlichen; Märsche, Veranstaltungen und „Schweigeminuten“ wurden in ganz Europa, insbesondere in Großbritannien, Frankreich und Belgien, neben weiteren Gedenkveranstaltungen in Australien, Neuseeland, Indien und Nordirland im Voraus abgehalten.
Es handelt sich um eine bewusste, massive, organisierte und repressive Kampagne, deren Hauptaufgabe darin besteht, eine der größten Gräueltaten des Kapitalismus zum Anlass zu nehmen, um dieses Verbrechen gegen die Hauptopfer seiner imperialistischen Kriege, die Arbeiterklasse, zu richten und gleichzeitig zu versuchen, falsche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Die Arbeiterklasse muss nicht nur unter den Gräueltaten des kapitalistischen Krieges leiden, sondern wird auch noch gezwungen, ihre Jahrestage mit solchen Heucheleien wie „Opfer für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ und „Der Krieg zur Beendigung aller Kriege“ und „Nie wieder“ zu „feiern“. Aber es gibt keine Gerechtigkeit, keinen Frieden und keine Freiheit für die Arbeiterklasse: Der Krieg zur Beendigung aller Kriege war nur der Beginn einer sich verschärfenden Spirale nach unten, und statt „nie wieder“ hat der imperialistische Krieg hundert Jahre lang nicht aufgehört, bis zu dem Punkt, dass seine sich ständig entwickelnde Produktion der Zerstörungsmittel die Existenz der Menschheit bedroht. Die ganzen Waffenstillstandsfeiern haben nichts mit der Achtung vor den Kriegstoten zu tun, sondern beleidigen sie im Gegenteil mit Lügen und Krokodilstränen über „die erbrachten Opfer“. Mit gefälschten Nachrichten haben wir eine gefälschte Geschichte, in der Worte in ihr Gegenteil verkehrt werden: Massaker werden zur Aufopferung, Ruin wird zur Zivilisation und Krieg zum Frieden. Kurz gesagt, die gesamten „Erinnerungsfeiern“ zum Waffenstillstand sind nichts anderes als ein allgemeiner Angriff auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse, der die Notwendigkeit ihres revolutionären Kampfes für einen Frieden und eine Freiheit verbergen soll, gegen die der Kapitalismus mit allen Mitteln kämpfen wird.
Im November 1918 herrschte in Europa ein riesiges Chaos: Millionen Menschen aus Haus und Hof vertrieben, wieder auf der Suche nach einem Ort, wo sie weiterleben und eine neue Existenz aufbauen konnten. So gab es in den Niederlanden eine Million geflohene und evakuierte Belgier, von denen 100.000 nach dem Waffenstillstand noch zurückkehren mussten. In Frankreich gab es 300.000 belgische Flüchtlinge, die 1918 wieder ihren Weg nach Hause finden mussten. Schließlich gab es Hunderttausende Verwundete, entstellte und verkrüppelte Soldaten, die kreuz und quer durch Europa ihren Weg in ihr Dorf oder ihre Stadt suchten. Aufgrund des Chaos des Weltkriegs und der damit verbundenen massenhaften Migration konnte die Spanische Grippe verheerend wüten und schließlich mehr Todesopfer fordern als der Erste Weltkrieg selbst.
Bourgeoise Ideologen sind sich einig, dass die Deutschland von den alliierten Ländern im Versailler Vertrag auferlegten Lasten die Bedingungen für den Keim eines neuen Krieg zwanzig Jahre später schufen. Der „Friedensvertrag“ war der Anstoß für die Entstehung von Rache- und Vergeltungsgefühlen, die sich im Laufe der 1920er Jahre in einem großen Teil der deutschen Bevölkerung entwickeln sollten. Die Reaktion der SDAP-Zeitung (sozialdemokratische Arbeiterpartei) in den Niederlanden gibt 1919 einen Vorgeschmack darauf: „Eine tiefe und bittere Enttäuschung, eine Ernüchterung, die man als Katastrophe empfindet, ist dieser Frieden für alle. (...) Der Friedensvertrag legt die Richtung für Europas Niedergang sowie seine Regression hin zu einem niedrigeren Grad der Zivilisation fest. Das größte Volk des Festlandes wird gefesselt und durch Zwangsarbeit (...) gedemütigt und in Verbitterung getrieben. Die neuen „Elemente der Zivilisation“ wurden vom Staat des Friedens durch Rache hier, Übervertrauen, Machtwille, Leichtsinn dort geweckt.“ (Het Volk, 21. Juni 1919).
Die Bourgeoisie verschiedener Länder war sich bewusst, dass dieser Frieden zum Scheitern verurteilt war. Nicht allein die Politik gegenüber Deutschland hat die Situation verschärft, sondern auch „die Schaffung neuer Staaten wie Polen, Österreich, Ungarn und Jugoslawien hat zu unaufhörlichen Konflikten über die neuen Staatsgrenzen dieser Länder geführt. Vor allem für Ungarn, das zwei Drittel seines Vorkriegsgebiets verloren hat. (...) Kurz gesagt, der Frieden ist ein Misserfolg, ein Fiasko.“ (Jay Winter in einem Interview mit Le Monde; 12.11.2014)
Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 war im Wesentlichen ein Frieden, der jeglichem Frieden ein Ende setzte!
Seit dem Ersten Weltkrieg ist der Kapitalismus im Niedergang begriffen, und diese Niedergangsperiode, die damals begann, führte zu einem quasi andauernden Kriegszustand. Einige Beispiele aus den nächsten zwei Jahrzehnten verdeutlichen dies:
- Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Griechenland in der Türkei eine Besatzungszone zuerkannt. Im Sommer 1920 wollten die Griechen ihr Gebiet erweitern. Dabei stießen sie auf heftigen türkischen Widerstand. Dies war der Beginn des griechisch-türkischen Krieges, der bis 1922 andauerte. Der Krieg wurde von schweren Gräueltaten auf beiden Seiten begleitet, wie der Ermordung von Zehntausenden von Griechen und Armeniern durch die Türken.
- 1920 vereinigten sich die Riff-Stämme und entfesselten im Norden Marokkos einen Krieg gegen die spanische Herrschaft. Im Sommer 1921 wurden etwa 19.000 spanische Soldaten getötet. Dieser Krieg gegen Spanien, der später von Frankreich unterstützt wurde, dauerte bis 1926. Spanien und Frankreich verwendeten unter anderem Giftgas, das Tausende Menschen tötete.
- 1929 besetzten die Chinesen die Eisenbahnlinie in der Mandschurei. Dies führte zu einem offenen Konflikt mit der Sowjetunion. Als sowjetische Truppen am 15. November die Grenze zu China überschritten, kam es zu schweren Kämpfen. Mehr als 2.000 Menschen wurden auf der chinesischen Seite getötet und 10.000 verletzt. Der Mandschurei-Vorfall von 1931, ein Bombenanschlag auf eine Eisenbahnlinie, wurde von Japan genutzt, um den Krieg zu beginnen und die chinesische Provinz zu besetzen. 1937 setzte sich der Krieg mit einem Angriff auf das gesamte chinesische Festland fort, das dann auch von Japan erobert wurde. Während dieses Krieges wurden Hunderttausende Menschen getötet, vor allem Zivilisten, und die japanischen Truppen begingen mehrere Massenmorde.
- Am 3. Oktober 1935 führte Italien einen Krieg gegen Äthiopien. Nach sieben Monaten heftiger Kämpfe gelang es Italien, das Land zu erobern. Bei Angriffen auf die Zivilbevölkerung verwendeten die Italiener in großem Stil Senfgas. Neben 25.000 Soldaten kostete dieser Krieg 250.000 Zivilisten das Leben.
- 1936 führte eine Anzahl von spanischen Generälen einen Krieg gegen die spanische Republik. Sie wurden von Italien, Deutschland und Portugal unterstützt. Die Republik wurde ihrerseits von der Sowjetunion und Mexiko unterstützt. Der Krieg, der drei Jahre dauerte und mit einem Sieg für die Generäle endete, forderte insgesamt mehr als eine halbe Million Menschenleben.
- Am 12. März 1938 marschierten deutsche Soldaten in Österreich ein.
- Am 15. März 1939 besetzten deutsche Armeeeinheiten die Tschechische Republik und ungarische Truppen die Slowakei. Diese militärischen Eroberungen waren die ersten Kriegshandlungen, die zum Zweiten Weltkrieg führten.
Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 kündigte keine Periode des Friedens an, sondern brachte eine ununterbrochene Reihe von Kriegen mit sich, die schließlich im Zweiten Weltkrieg endeten.
Der Waffenstillstand ermöglichte es der Bourgeoisie, dem Proletariat den Krieg zu erklären, indem sie (a) die Arbeiter zwischen solche der „Siegerländer“ und jene der „eroberten“ Länder aufteilte und (b) Waffen gegen die Revolution einsetzte. In Russland war die Konterrevolution bereits in ihrer ganzen Intensität ausgebrochen (vgl. dazu „Die Weltbourgeoisie gegen die Oktoberrevolution“; Internationale Revue, französische, englische und spanische Ausgabe, Nr. 160). Auch in Deutschland war die Bourgeoisie bereit, ihren konterrevolutionären Terror durchzuführen. Getragen, genährt von einem beispiellosen, nie gekannten Hass auf die Arbeiterklasse, bereitete sie sich darauf vor, die Brutstätten der kommunistischen Revolution gewaltsam auszurotten und zu zerstören.
Die Bourgeoisie war sich der Gefahr bewusst: „Ganz Europa ist vom Geist der Revolution erfüllt. Es gibt nicht nur ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit, sondern auch der Wut und des Aufruhrs unter den Arbeitern (...). Die gesamte bestehende Ordnung wird in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht von den Massen der Bevölkerung von einem Ende Europas zum anderen in Frage gestellt.“ (Der britische Premierminister Lloyd George, in einem geheimen Memorandum an den französischen Premierminister Georges Clemenceau, März 1919) Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands wurde die Arbeiterklasse in Europa in zwei Teile gespalten: einerseits die Arbeiterklasse, die sich im Lager der unterlegenen Nationalstaaten befand, und andererseits der Teil, der sich in den siegreichen kapitalistischen Ländern befand und von einer Welle des nationalen Chauvinismus überschwemmt wurde (insbesondere in Frankreich, England, Belgien und den USA). Auf diese Weise gelang es der Bourgeoisie, die revolutionären Aufstände auf die erstgenannten Verliererstaaten (und Italien) zu beschränken.
Ein Beispiel dafür ist die besondere Situation, die in Brüssel einige Tage vor und nach dem 11. November 1918 entstanden war. Deutsche Soldaten, die dort stationiert waren, verstärkt durch deutsche Matrosen vom Stützpunkt der deutschen Kriegsmarine in Ostende, erhoben sich und gründeten einen revolutionären Soldatenrat. Sie zogen mit deutschen, belgischen und roten Fahnen durch Brüssels Straßen, um die Solidarität mit den belgischen Arbeitern und ihren Organisationen zu suchen. Trotz einiger Verbrüderungen mit Mitgliedern der Sozialistischen Jungen Garde riefen die Gewerkschaften dazu auf, nichts zu tun. Unter dem Einfluss der chauvinistischen Propaganda gab es keine Mobilisierung der Brüsseler Arbeiter, sondern man wartete passiv auf den feierlichen Einzug der siegreichen belgischen Armee einige Tage später.
„Zuerst hatten die verschiedenen nationalen Bourgeoisien auf dem Schlachtfeld des imperialistischen Krieges versucht, sich gegenseitig die Territorien wegzunehmen, was mehr als 20 Millionen Tote und unzählige Verwundete kostete. Aber konfrontiert mit einer Arbeiterklasse, die auf ihrem Klassenterrain kämpfte, waren sie sofort bereit, ihre Kräfte zu bündeln. Wieder einmal wurde bestätigt, dass sich die herrschende Klasse, in Konkurrenz durch ihre eigene Natur stehend, sich in einer revolutionären Situation vereinen kann, um der Arbeiterklasse die Stirn zu bieten.“ („1918-1919: Vor siebzig Jahren - Zur Revolution in Deutschland“; Internationale Revue, Französisch, Englisch und Spanisch, Nr. 56)
Als die Sowjets im Oktober 1917 in Russland an die Macht kamen, reagierten die imperialistischen Kräfte unmittelbar darauf. Eine international vereinte Bourgeoisie mit Armeen aus 21 verschiedenen Ländern wandte sich gegen die junge Sowjetrepublik.
Der konterrevolutionäre Angriff begann 1917 und dauerte bis 1922. Die „Weißen Armeen“ lösten einen schrecklichen Bürgerkrieg aus. Der Kampf der Armeen der kapitalistischen Staaten Europas, der Vereinigten Staaten und Japans forderten unzählige Opfer in ihrem Krieg gegen die Arbeiterklasse in Russland. Von den Toten des Bürgerkriegs waren etwa eine Million Soldaten der Roten Armee. Darüber hinaus starben viele Millionen Menschen an den indirekten Folgen des Krieges, wie an Hungersnot und Epidemien. Schätzungen über die Zahl der Todesfälle durch den Terror der Weißen Armeen reichen von 300.000 bis 1 Million (https://www.quora.com/How-many-people-died-during-the-Russian-Civil-War [943]).
Die Entfesselung der Revolution in Mitteleuropa: Deutschland, Österreich, Ungarn und so weiter, machte es notwendig, die deutsche Armee nicht vollständig zu entwaffnen. „Man war darauf aus, dass die deutsche Armee stark genug sein sollte, um die innere Ordnung aufrechtzuerhalten und der Machtergreifung der Bolschewiki zuvor zu kommen.“ („Lloyd George im Krieg“, George H. Cassar) Schließlich durfte das deutsche Militärische Oberkommando, nachdem es 30.000 Maschinengewehre gefordert hatte, deren 5.000 behalten.
Auch in Deutschland brach Ende 1918 der Aufstand aus. Am 10. November 1918 bot General Groener, Ludendorffs Nachfolger als Oberbefehlshaber der deutschen Armee, in einem Telefonat mit dem sozialdemokratischen Regierungschef Friedrich Ebert einen Pakt an. Der General schlug eine loyale Zusammenarbeit vor, um den Bolschewismus so schnell wie möglich zu beenden und eine Rückkehr zu „Recht und Ordnung“ zu gewährleisten. „Es war ein Bund gegen die Revolution. Ebert hat meinem Vorschlag zugestimmt, ein Bündnis zu bilden“, schreibt Groener. „Von da an diskutierten wir jeden Abend miteinander mittels einer geheimen Verbindung zwischen der Reichskanzlei Eberts und dem Armeeoberkommando über die notwendigen Maßnahmen, die miteinander zu ergreifen sind. Die Bundesgenossenschaft hat vollauf befriedigt.“ (Sebastian Haffner, Die Verratene Revolution)
Unter dem Einfluss der Revolution waren große Teile des Militärs und der Marine für die Bourgeoisie unzuverlässig geworden. Mit Blick auf den bevorstehenden Klassenkampf wurde der Sozialdemokrat Gustav Noske, der im Dezember 1918 der Regierung Ebert beigetreten war, mit der Bildung von Freikorps beauftragt. Dies geschah vor allem durch die Rekrutierung von gesetzestreuen, konservativen und rechtsextremen Frontsoldaten, die ihre Heimat gegen den Bolschewismus verteidigen wollten und bis zum Kriegsende aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. So verfügte der deutsche Staat im Januar 1919 wieder über loyale Armeeeinheiten von einigen Hunderttausend Soldaten, darunter 38 Freikorps. Im Kampf gegen die Revolution zögerte die SDP-Regierung nicht, die reaktionärsten Streitkräfte schamlos einzusetzen. Nachdem er die Worte „jemand muss der Bluthund sein“ ausgesprochen und die Aufständischen „die Hyänen der Revolution“ genannt hatte, ließ Noske die Freikorps auf die Arbeiter los: Der Krieg gegen die Arbeiterklasse in Deutschland hatte begonnen. Ab Mitte Januar 1919 wurde der militärische Angriff auf die Arbeiterklasse und ihre revolutionären Organisationen (Parteien, Gruppen, Presse usw.) gestartet. Ganze Arbeiterviertel der Großstädte wurden nacheinander angegriffen, und überall wurden die schrecklichsten Massaker verübt.
So wie der Krieg gegen die Arbeiterklasse in Deutschland geführt wurde, so verlief dieser Krieg in einer Reihe anderer Länder. Eines dieser Länder war Ungarn, wo der Aufstand der Arbeiter auch eine revolutionäre Führung an die Macht gebracht hatte. Dort wurde der Aufstand nach einigen Monaten ebenfalls durch einen militärischen Angriff der kapitalistischen Kräfte im Blut ertränkt. Am 1. August 1919 marschierten die kapitalistischen Kräfte in Rumänien und Ungarn ein, stürzten die revolutionäre Regierung und beendeten das kommunistische Experiment. Mit Unterstützung von Frankreich und England sowie der Weißen Armee nahmen rumänische Truppen Budapest ein und setzten eine Gewerkschaftsregierung ein, die die Betriebsräte liquidierte. Als die Gewerkschaften ihre Arbeit beendet hatten, übergaben sie das Kommando an Admiral Horty (einen späteren Nazi-Kollaborateur), der eine Schreckensherrschaft gegen die Arbeiter entfesselte (8.000 Menschen wurden hingerichtet, 100.000 deportiert).
Der Kapitalismus ist Gewalt, und der Frieden im Kapitalismus ist eine völlige Illusion. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass ein „Waffenstillstand“ nur geschlossen wird, um einen neuen Krieg zu beginnen. Die Waffen schwiegen schon zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg nicht einen Moment lang, aber dieser Trend eines permanenten Kriegszustandes verstärkte sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr. So war die Zeit des „Kalten Krieges“ im Gegensatz zu dem, was oft behauptet wird, keine Zeit des „reinen“ bewaffneten Friedens, sondern von Dutzenden von militärischen Auseinandersetzungen (Korea, Vietnam, Naher Osten usw.), die sich über die ganze Welt erstreckten und Millionen von Opfern forderten.
Eine fromme Hoffnung auf Frieden stoppt den Krieg nicht, auch wenn sie durch massive Demonstrationen unterstützt wird. So rief die SPD am 25. Juli 1914 zu einer Massendemonstration gegen den Krieg auf. Der Aufruf wurde massenhaft gehört. Am 29. und 30. Juli nahmen 750.000 Menschen an den Protesten in ganz Deutschland teil. Dies war jedoch kein Grund für die Bourgeoisie, ihren Weg in den Krieg zu stoppen. Im Gegenteil, die gleiche sozialdemokratische SPD beschloss einige Tage später, die Massen der Arbeiter zu verraten und die Bourgeoisie bei ihrer Kriegsführung zu unterstützen.
Eine Massendemonstration kann ein Moment im Widerstand gegen den Krieg sein, aber sie muss im Rahmen eines allgemeinen proletarischen Aufstands, in einer Dynamik des Angriffs auf den bürgerlichen Staat stattfinden. Dies wurde 1917 in Russland deutlich. Auch der Aufstand von 1918 in Deutschland zielte zunächst nur auf die Beendigung des Krieges ab. Und dieser Krieg wurde auch beendet, weil die Gefahr bestand, dass die Arbeiter die Macht übernehmen würden. Denn nur ein revolutionärer Umsturz und die Macht in den Händen der Arbeiterklasse können alle Formen des Krieges beenden.
So schrieb Rosa Luxemburg 1917: „Ihr Arbeiter! Entweder machen die bürgerlichen Regierungen den Frieden, wie sie den Krieg machten, dann bleibt bei jedem Ausgang des Krieges der Imperialismus die beherrschende Macht, und dann geht es unvermeidlich immer weiter neuen Rüstungen, Kriegen und dem Ruin, der Reaktion, der Barbarei entgegen. Oder ihr rafft euch zu revolutionären Massenerhebungen auf, zum Kampf um die politische Macht, um eueren Frieden nach außen und nach innen zu diktieren.“ (Rosa Luxemburg, Spartakusbriefe Nr. 4, April 1917, in Gesammelte Werke Bd. 4 S. 250 f.)
Dennis / 10.11.2018
Die Finanzkrise von 2008 traf die USA schwer. Nacheinander gingen mehrere Banken pleite; Millionen von Proletarier*innen wurden plötzlich ins Elend gestoßen. Eine bedeutende Symbolfigur des Bankensektors, eines der großen Standbeine der US-amerikanischen Wirtschaft, die New Yorker Investmentbank Lehman Brothers, wurde plötzlich insolvent und löste damit im gesamten internationalen Bankensystem, zu deren Spitzenreitern sie gehörte, eine Panik aus.
Ermöglicht durch die Kredite, die die Bankinstitute von Lehman Brothers erhielten, wurden Haushalten mit schwachen Einkommen Hypothekendarlehen zu variablen Zinssätzen gewährt (Subprimes). Die Arbeiter*innen dieser Haushalte, die zu den ärmsten in den USA zählen, wurden zu dem Glauben verleitet, mit Hilfe dieser langfristigen Darlehen ihre Eigenheime finanzieren zu können. In Wahrheit waren die variablen Zinssätze nur vorteilhaft, solange die Immobilienpreise stiegen. Unter diesen Bedingungen konnten die potenziellen Hauseigentümer*innen bei Problemen, ihre Hypothek abzubezahlen, die Eigenheime mit einem Gewinn verkaufen, der zur Schuldenrückzahlung ausgereicht hätte. Doch Ende 2006 / Anfang 2007 kollabierte der US-amerikanische Immobilienmarkt. Die Zinssätze der Subprimes stiegen; die Arbeiter*innen konnten nicht mithalten. In dieser Situation verlangten die kreditgebenden Banken die Herausgabe des mit den Hypotheken belasteten Eigentums und eröffneten rücksichtslos eine schmutzige und massive Welle der Aneignung des Wohneigentums. Von einem Tag auf den anderen wurden rund 7,5 Millionen Arbeiter*innen brutal aus ihrem Zuhause auf die Straße geworfen, teilweise in militärmäßigen Operationen mit Unterstützung der Polizei. Während sich diese Familien ohne ein Dach über den Kopf wiederfanden, zur Übernachtung in Notunterkünften oder zu anderen Formen der Unterbringung gezwungen, blieb die Mehrzahl der zurückgenommenen Häuser unverkauft und leer.
Es versteht sich, dass die Arbeiter*innen ziemlich leicht zu dem naiven Gedanken verleitet werden konnten, sich diese Immoblien dank der „vorteilhaften“ Zinsen, mit denen man sie lockte, leisten zu können. Viele von ihnen wussten nicht einmal, was sie da eigentlich unterschrieben hatten! Diese Arbeiter*innenfamilien sind unmittelbare Opfer der kapitalistischen Haie der „Finanzwelt“, eines besonders korrupten und verdorbenen Segmentes der herrschenden Klasse.
Der US-amerikanische Staat tat offensichtlich nichts, um diese menschliche Katastrophe zu vermeiden. Im Gegenteil erlaubte er Lehman Brothers ganz bewusst, sich ohne Konsequenzen aus der Affäre zu ziehen. Damit trägt er die Hauptverantwortung dafür, dass Millionen von Proletarier*innen in den durch die platzende „Immobilienblase“ vertieften Abgrund der Not und des Elends stürzten.
Wenn das US-Bankensystem entschied, Lehman Brothers kollabieren zu lassen (während es anderen Banken am Rande der Insolvenz unter die Arme griff), geschah dies, weil die führende Weltmacht damit ein Exempel statuieren wollte. Indem sie das Gespenst eines ähnlichen oder sogar schlimmeren Zusammenbruchs als den von 1929 aufscheinen ließ, sandte sie eine Warnung an die Bourgeoisien der bedeutenden Industrienationen aus, sich zur Rettung des internationalen Finanzsystems zu wappnen. Die wichtigsten europäischen Banken hatten ebenfalls massiv in Subprimes investiert, die sie für eine vernünftige Anlagemöglichkeit hielten. Nach dem Bankrott von Lehman Brothers war der Schock in den anderen bedeutenden Industrienationen sofort spürbar. Das Platzen der Immobilienblase war unmittelbar von der Gefahr weiterer Bankrotte und des Eintretens eines „Dominoeffekts“ begleitet. Um das Risiko einer Kette von Insolvenzen abzuwenden, waren die Staaten und ihre Zentralbanken in Europa wie in den USA genötigt, sofortige Rettungsmaßnahmen zu ergreifen. In Großbritannien verstaatlichte die Regierung unverzüglich einige Banken, insbesondere die Großbank Northern Rock. In Frankreich und Deutschland entschieden die Regierungen, zur Abwendung von Konkursen und eines Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems kolossale Mengen liquider Mittel in die großen Banken zu pumpen. Doch diese Rettungsmaßnahmen erhöhten die Staatsdefizite noch weiter und verschlimmerten Erwerbslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse. Die von der herrschenden Klasse angewandten Kuren der Sparpolitik, mit denen die Staatdefizite etwas reduziert werden sollten, machten sich rasch in den schwächsten Ländern, namentlich in Griechenland, Portugal und Irland, bemerkbar und nach und nach in allen entwickelten Ländern der Welt.
Heute, da die Gefahr eines neuen Finanzgewitters am Horizont erscheint, haben die Medien eine hinterhältige Propagandakampagne zum zehnjährigen Jahrestag des Zusammenbruchs von Lehman Brothers gestartet. Indem die Staaten sich selbst als „Retter“ der Weltwirtschaft ausgeben, machen sie die „Finanzwelt“ mit ihren „gierigen Brokern“ und „halbseidenen Managern“ für diese Krise verantwortlich. All dies zielt darauf ab, das kapitalistische System an sich freizusprechen.
Mit Hilfe der effizienten Nutzung des Nationalismus und der Rolle der Zentralbanken bei der Rettung vom Konkurs bedrohter Anlagefonds begann die Bourgeoisie eine ideologische Offensive, die den Staat als Regulator der „Exzesse“ des Finanzsektors und Beschützer des Kleinsparers darstellt. Und tatsächlich ermöglichte es die Rolle des Staates als „Retter der Weltwirtschaft“ den Regierungen aller Arten bis zu einem gewissen Grad, die Notwendigkeit niedriger Löhne zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaften auf dem Weltmarkt und zur Senkung ihrer jeweiligen Staatsverschuldung zu rechtfertigen.
Im Gegensatz zu den Lügen, die von den Sprachrohren der Bourgeoisie verbreitet wurden und noch immer werden, war es nicht die Finanzkrise von 2008, die den Strom von „Reformen“ auslöste, der die Lebensbedingungen des Proletariats enorm verschlechterte und so viele sogenannte Sozialleistungen untergrub. Mit diesen großen „Reformen“ haben sich die massiven Angriffe auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats nach den dramatischen Ereignissen von 2008 weltweit zwar verschärft, doch waren sie bereits seit Jahrzehnten im Gange. Organisiert wurden diese Angriffe von Staaten und Regierungen sowohl der Rechten als auch der Linken, ohne natürlich die Krise beheben zu können[1].
Dies erklärt besser die ideologische Propaganda, die 2008 entfesselt wurde. Sie hatte das Ziel, die Symptome der Finanzkrise in betrügerischer Weise als Krankheit auszugeben, die in Wirklichkeit in der historischen Krise der kapitalistischen Wirtschaft besteht.
Seit der Rückkehr der offenen Krise des Kapitalismus Ende der 1960er Jahre prägten immer tiefere Rezessionen das soziale Leben. Und jedes Mal wartete die Bourgeoisie mit Rechtfertigungen und Sündenböcken auf. 1973 wurde alles auf den „Ölpreisschock“ zurückgeführt. Zu dieser Zeit galten die Golfstaaten und ihre im Geld schwimmenden Prinzen als die Unruhestifter. In den Jahren 1987, 1998, 2001 und 2008 waren als Schuldige die Finanzwelt und die Banken an der Reihe. Doch noch nie waren diese ideologischen Angriffe so intensiv wie 2008. So wurden alle möglichen scheinheiligen Reden geführt über die Notwendigkeit, das Bankensystem zu säubern und die Banken zu „moralischem“ Vorgehen zu bringen, indem man zwielichtige Spekulanten und „skrupellose“ Bankiers wie den Vorstandsvorsitzenden von Lehman Brothers zur Verantwortung zog, der in den Medien als „der abscheulichste Mann Amerikas“ dargestellt wurde.
Nach den eigenen Äußerungen aller bürgerlichen Führer*innen und aller „Wirtschaftsexpert*innen“ ist die Krise von 2008 die schwerste, die das kapitalistische System seit der großen Depression, die 1929 begann, erlebt hat. Doch ermöglichen die Erklärungen, die sie bieten, kein klares Verständnis der tatsächlichen Bedeutung dieser Erschütterungen und der Zukunft, die sie für die gesamte Gesellschaft und insbesondere für die Arbeiter*innenklasse ankündigen.
Was heute von all diesen Wirtschaftsexpert*innen verschleiert wird, ist die Krise der Überproduktion, die fundamentale Unfähigkeit des Systems, die Masse der von ihm produzierten Waren zu verkaufen. Natürlich besteht keine Überproduktion in Bezug auf die Bedürfnisse der Menschheit (die zu befriedigen der Kapitalismus unfähig ist), sondern Überproduktion in Bezug auf solvente Märkte, auf die Kaufkraft der Massen. Offizielle Darstellungen der Bourgeoisie konzentrieren sich auf die Finanzkrise, auf die Schwächen der Banken allein, aber die Realität dessen, was diese bürgerlichen Kriecher „die Realwirtschaft“ nennen (im Gegensatz zur „fiktiven Wirtschaft“), zeigt sich in der täglichen Bekanntmachung von Fabrikschließungen, massiven Arbeitsplatzverlusten und Unternehmenspleiten.
Zum Zeitpunkt der Krise von 2008 offenbarte der Rückgang des Welthandels die Unfähigkeit der Unternehmen, Käufer*innen zu finden, um ihre Produktionen am Laufen zu halten. Somit war es nicht die „Finanzkrise“ (und noch weniger der Konkurs von Lehman Brothers), die der offenen Rezession von 2008 zugrunde lag; ganz im Gegenteil. Diese Finanzkrise zeigte deutlich, dass die Anhäufung von Schulden als Mittel gegen die Überproduktion nicht unendlich fortgesetzt werden konnte. Früher oder später nimmt die „Realwirtschaft“ Rache, d.h. die Basis der Widersprüche des Kapitalismus (die Unmöglichkeit, dass Unternehmen die Gesamtheit der von ihnen produzierten Güter verkaufen können) tritt wieder in den Vordergrund. Die Krise der Überproduktion ist nicht die einfache Folge einer „Finanzkrise“, wie die Mehrheit der bürgerlichen Expert*innen uns glauben machen will. Sie entsteht aus dem Innersten der kapitalistischen Wirtschaft, wie es vor anderthalb Jahrhunderten der Marxismus aufdeckte.
Wie Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 schrieben, ist die Gesellschaft zu „reich“ geworden! Der Kapitalismus produziert zu viele Waren, während solvente Märkte immer weiter schrumpfen, wie wir am bitteren Handelskrieg zwischen den USA und Europa sehen können, der zudem mit der Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Waren konfrontiert ist.
Der Kapitalismus wird heute durch das überwältigende Gewicht seiner Schulden erstickt. Gleichzeitig kann er sich nur künstlich, dank des Kredits, in Gang halten. Die einzige „Lösung“, die das Kapital bieten kann, ist ein weiterer Vorstoß in eine teuflische Schuldenspirale. Mit der Entwicklung der Spekulation scheint diese auf dem Streben nach Profit basierende Produktionsweise mehr und mehr zur Casino-Wirtschaft zu werden. Die Maßnahme, liquide Mittel in Banken und andere große Finanzinstitutionen zu pumpen, kann in der realen Welt die Krankheit nur verschlimmern, insbesondere durch eine Erhöhung der Staatsverschuldung bei den Banken.
Zehn Jahre nach den erschütternden Ereignissen von 2008 wird die Bourgeoisie trotz der eiligen Rettungsmaßnahmen für das Finanzsystem und trotz einer gewissen, sehr fragilen „Erholung“ der Wachstumsrate 2012-2013 wieder unruhig. Zehn Jahre Austeritätskur haben nichts grundlegend verändert. Nach wie vor sind die Staaten mit Schulden überlastet, und die Zentralbanken wurden mit zweifelhaften Vermögenswerten zwangsversorgt. Das weltweite Wachstum hat sich erneut verlangsamt, und alle Akteure gehen immer höhere Risiken ein. Seit Mitte 2018 schlagen die Medien und bürgerliche Ökonom*innen aus Angst vor einer ähnlichen oder schlimmeren Situation als 2008 Alarm. Durch die Ausweitung dieser alarmierenden Äußerungen und Kampagnen bezüglich der Exzesse der Finanzwelt versucht die Bourgeoisie, die Arbeiter*innenklasse zu terrorisieren und zu lähmen, um sie hinter dem „rettenden Staat“ zu versammeln. Damit ihre (illusorischen) Pläne zur Rettung des Finanzsystems nicht blockiert werden, sind die Proletarier*innen aufgerufen, den Gürtel noch enger zu schnallen und neue Opfer, neue Einbrüche in ihren Einkommen hinzunehmen.
Angesichts dieser kapitalistischen Barbarei, die sich insbesondere 2008 an den skandalösen Vertreibungen von Millionen von Arbeiter*innen aus ihren Häusern im reichsten Land der Welt offenbarte, hat das Proletariat keine andere Wahl, als wieder einmal den Kampf für die Verteidigung seiner Lebensbedingungen und gegen die soziale Ordnung seiner Ausbeuter*innen aufzunehmen. Es muss verstehen, dass der bürgerliche Staat weit davon entfernt ist, ein „neutraler Beschützer“ zu sein, der die spekulativen Exzesse von Finanzhändler*innen reguliert, sondern in erster Linie eine Organisation der Unterdrückung ist, die der Aufrechterhaltung aller Ungerechtigkeiten des Kapitalismus zu dienen hat. In der Insolvenz von Banken und Unternehmen zeigt sich lediglich die Schwäche der kapitalistischen Produktionsweise, die der Menschheit keine Zukunft bietet. Die einzige Lösung der Krise besteht im Sturz dieses Systems und in der Zerstörung des Staates durch die Klasse, die alle Reichtümer der Gesellschaft hervorbringt: das internationale Proletariat.
Sonia, 17. November 2018
[1] Es ist dieser Umstand, der die erhebliche Diskreditierung der traditionellen politischen Parteien in den Augen der Arbeiter*innenklasse miterklärt. In den USA ist es die Ablehnung des „Establishments“, besonders in den stark betroffenen Industriegebieten, die einen großen Teil der Arbeiter*innenklasse dazu brachte, für Trump zu stimmen.
Ende Dezember 2018 starb der israelische Schriftsteller Amos Oz im Alter von 79 Jahren. Er war nicht nur ein angesehener Schriftsteller von Romanen, die die schwierige Geschichte des modernen israelischen Staates aufzeichneten, sondern auch ein konsequenter Kritiker seiner zunehmend militaristischen Politik. 1967, inmitten der Euphorie über den Sieg im Sechstagekrieg, war Oz einer der wenigen, die vor dem moralisch korrumpierenden Einfluss warnten, den die Besetzung der israelischen Gesellschaft bringen würde. Er plädierte für ein sofortiges Ende der Besetzung und die Schaffung eines palästinensischen Staates neben Israel. Diese Sichtweise mag damals radikal gewesen sein, aber es dauerte nicht lange, bis sie zum Mainstream gehörte und im Jahr 2000 im Mittelpunkt der Vereinbarungen von Camp David stand.
In der Zeit des hemmungslosen Populismus erscheint jedoch auch dieser moderate Vorschlag völlig utopisch. Die rechte Netanyahu-Regierung in Israel, die alles getan hat, um die Fortschritte bei der Bildung eines palästinensischen Staates zunichte zu machen, steht unter zunehmendem Druck von denjenigen, die noch weiter rechts stehen und offen ein „Greater Israel“ fordern - eine Ein-Staaten-Lösung, die sicherlich die Massendeportation palästinensischer Araber beinhalten würde. Unterdessen wird die palästinensische Nationalbewegung zunehmend von islamistischen Gruppierungen beherrscht, die sich mit nichts Geringerem zufrieden geben werden als mit der militärischen Zerstörung des zionistischen Staates, einer ‚Lösung‘, die zweifellos eine weitere Massendeportation - die der israelischen Juden - erfordern würde.
In dieser immer giftigeren Atmosphäre können wir das Erscheinen eines Artikels nur begrüßen, der unseres Wissens einer der wenigen Ausdrücke eines wirklich internationalistischen Standpunkts ist, der aus Israel selbst kommt. Der Autor des Artikels vertritt die marxistische Position, dass alle nationalen Kämpfe und Slogans in der Epoche des kapitalistischen Niedergangs reaktionär geworden sind, und zögert nicht zu argumentieren, dass der einzige Ausweg aus der vom Imperialismus in Israel-Palästina geschaffenen Falle die Vereinigung der israelischen und palästinensischen Arbeiter auf Klassenbasis ist, die zu einer proletarischen Revolution gegen alle bürgerlichen Staaten führt.
Der Genosse fordert zu Recht die Gründung einer revolutionären Partei, die für diese Perspektive steht. Wir argumentieren, dass dies nur im Rahmen einer internationalen Entwicklung möglich ist, in der die Arbeiterklasse, vor allem in den Hauptzentren des Weltkapitals, in der Lage ist, ihr historisches Projekt des Kommunismus wieder aufzugreifen. Ebenso ist es mehr als wahrscheinlich, dass eine dauerhafte Einheit zwischen israelischen und palästinensischen Arbeitern nur im Rahmen einer weltweiten Wiederbelebung des Klassenkampfes möglich sein wird, einer Bewegung, die in der Lage ist, die Wellen des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit, die in den letzten Jahren überall an Stärke gewonnen haben, die aber aufgrund ihrer besonderen Geschichte eine zusätzliche Kraft in Israel-Palästina ausüben, zurückzudrängen.
Dennoch ist das Erscheinen selbst einer winzigen Minderheit, die sich für eine proletarische Alternative im Nahen Osten einsetzt, ein äußerst wichtiges Bindeglied zu dieser revolutionären Zukunft, die noch möglich und mehr denn je notwendig ist.
IKS, 2.1.2018
Die vorgezogenen Wahlen in Israel, die im April 2019 stattfinden sollen, werden von der Instabilität des zionistischen Staates geprägt sein. Die Entscheidung von Premierminister Benjamin Netanyahu, vorgezogene Wahlen zu fordern, ist Ausdruck der Sackgasse, in der sich die Regierung in Tel Aviv befindet. Neben der erwarteten Entscheidung des israelischen Generalstaatsanwalts, Netanyahu wegen Bestechung und Betrug anzuklagen – ein Faktor, der zu seiner Entscheidung beigetragen hat, vorgezogene Wahlen einzuleiten – steht das zionistische Regime vor schlimmen wirtschaftlichen und politischen Krisen.
Wirtschaftlich gesehen spürt die israelische Arbeiterklasse eine schreckliche Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen sowie ihrer Fähigkeit, weiterhin den Preis für die jahrzehntelange militärische Besetzung zu zahlen. Das Gesundheits- und Bildungssystem ist unterfinanziert, die Kosten für Konsumgüter und Dienstleistungen steigen, und viele Schichten unter den verarmten Arbeitern des Landes fühlen sich unfähig, mit ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation fertigzuwerden. So leben 20 Prozent der Israelis in Armut und das Land ist eine der ungleichsten Gesellschaften im Westen.
Politisch gesehen wird Israel von den palästinensischen bewaffneten Gruppen im Westjordanland und im Gazastreifen herausgefordert, die sich den israelischen Besatzungstruppen widersetzen. Die Südgrenze ist instabil, weil die islamischen Militanten der Hamas weiterhin versuchen, den bewaffneten Widerstand in der Nähe der Mauer voranzutreiben; die islamischen Kämpfer feuern Raketen gegen die israelische Bevölkerung im Süden und graben Tunnels, um die israelische Armee anzugreifen. An der Nordgrenze greift Israel immer wieder militärische Basen der iranischen Revolutionsgarden in Syrien an. Darüber hinaus stehen die israelischen Streitkräfte und die Hisbollah näher als je zuvor vor einem weiteren Krieg. Unterstützt von der US-Regierung betreibt Israel an seinen Grenzen eine aggressive Politik, um die Islamisten im Gaza-Streifen zu stürzen (der Gaza-Streifen steht aufgrund der israelischen Blockade vor einer schrecklichen humanitären Situation) und die iranischen Milizen aus Syrien zu vertreiben (es befürchtet, dass diese der Hisbollah in einem zukünftigen Krieg helfen könnten).
Diese Situation des israelischen Regimes zeigt seine Instabilität und die anhaltende Krise. Als Apartheidstaat versucht Israel, einen Zustand aufrechtzuerhalten, in dem die Arbeiterklasse den Preis für die Besatzung und die militärische Aggressivität des Landes zahlt und gleichzeitig die kapitalistische Art und Weise akzeptiert, in der die Regierung die Wirtschaft führt. Die israelische herrschende Klasse, die gegen die nationalistische Bewegung Boykott, Entblößung und Sanktionen (BDS) kämpft und von rechtspopulistischen und faschistischen Führern im Ausland unterstützt wird, unterdrückt die Massen, um das zionistische Kolonisierungsprojekt am Leben zu erhalten. Es gibt viele israelische Arbeiter und Jugendliche, die nicht mehr bereit sind, die israelische Bedingungen der Unterdrückung im Land und der grausamen kapitalistischen Ausbeutung zu akzeptieren. Einige von ihnen werden bereits von den israelischen Oppositionsparteien gegen die Regierung Netanyahu mobilisiert, obwohl diese Parteien der israelischen bürgerlichen Elite dienen.
Das politische System Israels ist fragmentiert und zerbrechlich. Die politischen Rechtsparteien sind traditionell um die Likud-Partei unter der Leitung von Premierminister Netanyahu organisiert. Doch selbst unter den rechten Parteien, die das Land regieren, gibt es Spaltungen und Krisen. Neben der größten politischen Fraktion im Knesset, dem Likud, einer ultra-chauvinistischen und neoliberalen Formation, die 1973 gegründet wurde, gibt es andere, kleinere Parteien als der Likud, deren Politik noch nationalistischer und chauvinistischer ist. Diese Parteien führen eine Politik fort, die darauf abzielt, das Groß-Israel zu bilden, aus dem die Palästinenser vertrieben werden sollen. Die einzige politische Fraktion aus der „Mitte“, die der Netanyahu-Koalition beitrat, wurde von einigen ehemaligen Likud-Mitgliedern gebildet. Diese Fraktion arbeitete jedoch mit Netanyahu und der politischen Rechten zusammen, wobei die Wirtschaftskrise des Landes sich extrem zuspitzte.
Die Parteien, die die Opposition zu Netanyahu bilden, sind politisch und ideologisch nicht homogen. Dazu gehören die Arbeiterpartei, deren opportunistischer und sozial-chauvinistischer Politik die meisten Israelis misstrauen, und die kleine sozialdemokratische und zionistische Partei Meretz, deren politische Wählerschaft zahlenmäßig gering ist. Die Palästinenser in Israel sind in einer gemeinsamen Liste nationalistischer politischer Parteien vertreten, in der die stalinistische Kommunistische Partei Israels eine zentrale Rolle spielt. Das Problem dieses Mischmaschs aus einem Mitte-Links-Block ist nicht nur seine politische Heterogenität, sondern es besteht auch darin, dass keiner von ihnen der israelischen und arabischen Arbeiterklasse einen Weg nach vorn vorschlägt. Weder die pseudolinken zionistischen Fraktionen noch die antizionistischen arabischen und kommunistischen Parteien schlagen einen Ausweg aus jahrzehntelanger Besatzung, brutalem Kapitalismus, Sparpolitik und anhaltenden sozialen Krisen vor.
Diese Situation ist bedauerlich, wird aber so verstanden, dass Israel als Siedlerstaat weiterhin die palästinensischen Massen kolonisiert. Das Problem der israelischen Besetzung spielt eine zentrale Rolle in der Politik des Landes. Während die politische Rechte die Besetzung und Kolonisierung intensivieren will, setzt die politische Pseudolinke die Politik der bereits begrabenen Zwei-Staaten-Lösung fort, nach der neben Israel ein kleiner palästinensischer ‚Bantustan‘-Staat gegründet werden sollte. Während sich die Massen stark das Ende dieses blutigen Konflikts herbeiwünschen, gedeiht die Rechte dadurch, dass sie radikalen Chauvinismus und giftige nationalistische Ideen verbreitet, um die Arbeiterklasse nach nationalen Gesichtspunkten zu spalten. Das Pseudolinken schlagen gar nichts vor außer einer Lösung auf der Grundlage der imperialistischen Ordnung, in der das kapitalistische System die Massen weiterhin unterdrücken und ausbeuten wird. Ohne echte Alternative zu mehr als 100 Jahren blutigem Konflikt gedeiht der Nationalismus, und der Chauvinismus vereitelt weiterhin jeden Wandel zu einer echten Versöhnung zwischen den israelischen Arbeitern und ihren palästinensischen Kollegen.
Der neue Trend in einigen linken Kreisen ist die Idee eines einzigen, bi-nationalen Staates Israel/Palästina, eines Staates, der den beiden Nationen „Selbstbestimmung“ verschaffen würde. Diese Idee wird in dem radikalen Milieu populär, das so seine Verzweiflung ausdrückt über die trübe Aussicht, zwei unabhängige Nationalstaaten in Palästina aufzubauen. Der Slogan „Selbstbestimmung“ täuscht jedoch. In der Epoche des Imperialismus und der Dekadenz des Kapitalismus bedeutet die Forderung nach Selbstbestimmung die Errichtung eines bürgerlichen Regimes. Aus Sicht der Arbeiterklasse ist die Idee des Aufbaus eines bürgerlichen Staates eine Sackgasse im Sinne des Klassenkampfes. Abgesehen davon, dass die Forderung nach Selbstbestimmung im Kapitalismus eine riskante Illusion in die bürgerliche Ordnung darstellt, führt sie zu einer Situation, in der die Arbeiterklasse nicht von der nationalen Bourgeoisie unterschieden wird. In dieser Situation gibt es eine Spaltung der Arbeiterklasse nach nationalen Gesichtspunkten. In den Ländern, in denen das Proletariat existiert und zu revolutionärem Handeln fähig ist, können sich die Revolutionäre nicht mit der Forderung nach „Selbstbestimmung“ zufrieden geben.
Darüber hinaus beinhaltet die Unterstützung des „Rechts auf Selbstbestimmung“ die Behauptung, dieses Recht stünde im Gegensatz zu den Interessen der nationalen Bourgeoisie. Diese Position widerspricht der Realität in Palästina, da die Bourgeoisien nur von einer Situation einer vereinigten kapitalistischen Wirtschaft in einem Staat profitieren können. Das Interesse der israelischen und palästinensischen Proletariats ist seine Vereinigung auf einer Klassengrundlage; der Nationalismus und der reaktionäre Ruf nach Selbstbestimmung stellen eine Waffe in den Händen der nationalen Bourgeoisie dar, die verhindern will, dass die Arbeiterklasse den Sozialismus erreicht. Hinzu kommt, dass in der Epoche des Imperialismus der Kampf um die nationale Unabhängigkeit nicht erfolgreich sein kann, da der Kapitalismus versucht, die Nationalstaaten und ihre Wirtschaften zu zerstören und durch den Prozess der Kolonisierung einen Weltmarkt aufzubauen. Der radikale Versuch zur Rückkehr in die Zeit, in der es möglich war, einen wirklich unabhängigen Nationalstaat aufzubauen, ist utopisch und sogar reaktionär.
Die Forderung nach der Gründung eines Palästinenser-Staates innerhalb der kapitalistischen Ordnung bedeutet also in der Tat einen Aufruf an die Bourgeoisie, ein weiteres kapitalistisches Land aufzubauen, in dem die Arbeiterklasse unterdrückt und unfähig wäre, ihre Rechte gegen die kapitalistische herrschende Klasse zu verteidigen. Es gibt jedoch eine winzige Minderheit, hauptsächlich trotzkistische Gruppen, die die Gründung eines einzigen sozialistischen Staates Palästina fordern, nämlich eines Nationalstaates mit sozialistischen Merkmalen, der auf dem Recht auf Selbstbestimmung des „unterdrückten“ Volkes, nämlich der Palästinenser, beruht. Diese Unterscheidung zwischen „Unterdrückten“ und „Unterdrückern“ widerspricht dem revolutionären Projekt, das darauf abzielt, die Arbeiterklasse zu stärken; sie verwischt die Klassenunterschiede zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie. Die Einheit der Massen wird nur auf der Grundlage der proletarischen Revolution erreicht werden.
Es gibt Aufrufe unter diesen oder jenen Linken, für verschiedene Parteien – Liberale, Reformisten, Stalinisten oder Trotzkisten – zu stimmen, um die israelische bürgerliche Demokratie vor der Zerstörung durch den Faschismus zu bewahren. Allerdings spiegeln solche Aufrufe den Glauben wider, dass die bürgerliche Demokratie in der Epoche des Imperialismus ein echtes demokratisches Regime und keine reine Illusion ist. Die Massen wünschen sich eine Demokratie, und die Faschisten wollen die Überreste der bürgerlichen Demokratie zerstören. Dennoch ist die Vorstellung, dass der Faschismus nicht triumphieren wird, wenn bürgerlich-demokratische/liberale Parteien die Parlamentswahlen gewinnen, nicht nur eine Illusion, sondern auch eine politische Strategie, die die Macht der Arbeiterklasse als revolutionär handelnde Kraft reduziert. Der Faschismus soll von den Massen in direkter und unabhängiger revolutionärer Aktion besiegt werden, nicht von denen, die den Kapitalismus unterstützen oder ihn verteidigen.
Die derzeitigen „linken“ Parteien im israelischen politischen System unterscheiden sich nicht von anderen Parteien in Europa und den USA in dem Sinne, dass sie die kapitalistische Ordnung verteidigen und Illusionen über die Möglichkeit der Lösung der nationalen Frage innerhalb des Kapitalismus verbreiten. Sie verteidigen eine im Zerfall begriffene Ordnung, die sich in Agonie wälzt. Diese Parteien können die Massen nicht um sich sammeln, da das Proletariat sie verachtet und weder ihrer Führung noch ihrem Programm vertraut. Das Proletariat braucht seine eigene revolutionäre Partei, die das kommunistische Programm vorantreiben wird; das von einigen Reformisten und Stalinisten vorgeschlagene Spiel, nämlich am bürgerlichen Parlament teilzunehmen und somit zu warten, bis die Revolution aus dem Nichts kommt, ist jedoch falsch und irreführend. Die Mystifikation der bürgerlichen Demokratie geht auf eine falsche Analyse derjenigen zurück, die fest an Begriffe wie „Staatsbürgerschaft“ glauben. In der Tat, in einer Klassengesellschaft ist die einzig wahre Demokratie, d.h. die Herrschaft des Proletariats, nur durch eine proletarische Revolution zu erreichen. Diese Behauptung bedeutet nicht, dass die Revolution nahe ist oder wir uns ihr nähern; sie erfordert die bewusste Intervention des Proletariats. Mit Illusionen über die Arbeit in bürgerlichen Parlamenten werden die Arbeiter jedoch nicht emanzipiert.
Diese Analyse zielt nicht darauf ab, die Arbeiterklasse in Israel/Palästina aufzurufen, ihre Stimmzettel zu zerreissen, sondern sich in einer einheitlichen revolutionären Partei auf der Grundlage eines kommunistischen Programms zu organisieren. Der einzige Weg, den Kapitalismus sowie Nationalismus und Kriege loszuwerden, führt über die Revolution. Die Arbeiter haben kein Vaterland und müssen daher vereint werden, um ihre Zukunft in einer kommunistischen Gesellschaft aufzubauen.
DS
Das Ausmaß der Mobilisierung der "Gelbwesten" zeugt von der gewaltigen Wut im Innern der Gesellschaft, besonders in der Arbeiterklasse über die Austeritätspolitik der Macron-Regierung.
Den offiziellen Daten der Bourgeoisie zufolge ist das durchschnittliche Jahresnettoeinkommen zwischen 2008 und 2016 um 440 Euro gesunken. Dies ist nur ein kleiner Teil der Angriffe gegen die Arbeiterklasse. Denn hinzu kamen allgemeine Steuererhöhungen in verschiedenen Bereichen, der Anstieg der Arbeitslosigkeit, die Verschärfung und Ausdehnung der prekären Arbeitsbedingungen auch im Bereich des öffentlichen Dienstes, die Inflation insbesondere bei den Grundnahrungsmitteln, der Anstieg der Mieten usw. Die Verarmung schreitet unaufhaltsam voran, und damit verbunden nehmen die Zukunftsängste um unsere Kinder zu. Am härtesten sind von dieser zunehmenden Misere die Beschäftigten, ob fest oder prekär beschäftigt, die Arbeitslosen und die Rentner betroffen, denen am Ende des Monats oft das Geld ausgeht.
Die Medien und die Regierung haben die Verwüstungen und gewalttätigen Auseinandersetzung auf den Champs-Élysées in den Vordergrund gestellt, um den Eindruck zu erwecken, jeder Abwehrkampf gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen könnte nur zu Chaos und Anarchie führen.
Die im Dienst der Bourgeoisie stehenden Medien, die darauf spezialisiert sind, alles zu vermischen, wollen uns glauben machen, die „Gelbwesten“ seien "Extremisten“, die sich mit den Bullen herumschlagen wollen, während uns in Wirklichkeit diese Kräfte der Repression angreifen und provozieren! In Paris wurden am 24. November unaufhörlich Tränengasgranaten auf die Demonstranten geschossen, genauso wie die Bürgerkriegspolizei CRS auf Gruppen von Männern und Frauen einprügelten, die friedlich auf den Champs-Élysées marschierten.
Trotz der legitimen Wut vieler Arbeiter, die nicht mehr über die Runden kommen, hat diese Bewegung als solche keine Perspektive und sie ist nicht dazu in der Lage, die Regierung und die Arbeitgeber zur Zurücknahme der Angriffe zu zwingen.
Ein Teil der Arbeiterklasse ist in Wirklichkeit ins Schlepptau von Kleinunternehmern und ‚selbständigen‘ Unternehmern (LKW-, Taxi-, Krankenwagenfahrern) geraten, die wütend sind über die Steuererhöhungen und den Anstieg der Treibstoffpreise. Sie kämpfen mit völlig unwirksamen Mitteln, die nur in Sackgassen führen können (wie z.B. die von Priscillia Ludosky eingereichte Petition, die Straßenblockaden und die Besetzung von Kreisverkehren, wie Éric Drouet sie propagiert). Dies ist kein Zufall. Unter den acht Sprechern der "Gelbwesten“, die am 26. November ernannt wurden, gibt es eine erdrückende Mehrheit von Kleinunternehmern und selbständige Unternehmer.
Aber noch schlimmer, die Initiatoren der Bewegung haben die Arbeiter hinter die bürgerliche Ideologie des Nationalismus und der „Bürgergesellschaft“ locken können. Ein Teil der ärmsten Arbeiter hat sich vor den Karren der „Bürger Frankreichs“ spannen lassen, weil sie von „denen da Oben“ verachtet und nicht gehört werden, anstatt als Mitglied der Arbeiterklasse gesehen zu werden. Die Bewegung der "Gelbwesten" ist daher sehr deutlich eine zwischen den Klassen lavierende Bewegung, wo alle Klassen und Zwischenschichten zusammenströmen, obwohl sie gar nicht die gleichen Interessen haben. So kommen Proletarier (Arbeiter, Arbeitslose, prekär Beschäftigte, Rentner) und Kleinbürger (Handwerker, Freiberufliche, Kleinunternehmer, durch eine hohe Steuerlast in den Ruin getriebene Landwirte) zusammen. Die ärmsten Arbeiter haben sich gegen ihre wachsende Verarmung mobilisiert, gegen die Armut, anhaltende ökonomische Angriffe, Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, während die Kleinunternehmer lediglich gegen die Benzinpreiserhöhungen und Steuererhöhungen protestieren. Nur durch die Steuererhöhungen getrieben, wird die Wut der Kleinbürger vor allem durch die Tatsache bestimmt, dass die Regierung sie im Regen stehen lässt, da Macron die Großunternehmer begünstigt hat, insbesondere durch die Abschaffung der Vermögenssteuer. Die überwiegende Anzahl der Kleinunternehmer ist nicht an einer Lohnerhöhung, insbesondere nicht an der Erhöhung des Mindestlohns (SMIC) interessiert.
Die Kleinunternehmen nutzen insofern die Wut der Arbeiter in „Gelbwesten“ aus, um auf die Regierung Druck auszuüben und diese zum Nachgeben zu zwingen – nämlich die Steuererhöhungen rückgängig zu machen. Deshalb hat Marine Le Pen, die die Bewegung von Anfang an medienwirksam unterstützt hat, im Scheinwerferlicht der Medien betont, dass sie gegen eine Erhöhung des Mindestlohns ist, um die kleinen und mittleren Betriebe nicht zu benachteiligen!
Diese "Bürger"-Revolte ist eine Falle, bei der die meisten Parteien des politischen Apparats der Bourgeoisie natürlich als "Unterstützer" mitmischen. Von Marine Le Pen über Olivier Besancenot, über Mélenchon und Laurent Wauquiez (und sogar Brigitte Bardot), alle sind zur Stelle, um diese klassenübergreifende Bewegung und deren nationalistisches Gift zu unterstützen. Die Arbeiter müssen das Bündnis all dieser gegen das Programm Macrons gerichteten Cliquen verwerfen. Diese Kleinbürger manipulieren den Zorn der "Gelbwesten", um bei den Wahlen eine größtmögliche Zahl an Stimmen einzuheimsen und das nationale Kapital zu verteidigen, indem sie sich hinter der Nationalfahne Frankreichs, der Trikolore, sammeln und die Ausbeuter unterstützen.
Wenn alle diese Parteien die "Gelbwesten" nutzen um Macron zu schwächen, wissen sie, dass diese Bewegung den Kampf des Proletariats gegen seine Ausbeutung und Unterdrückung nicht im Geringsten verstärkt.
In dieser sogenannten "unpolitischen" und "außergewerkschaftlichen" Bewegung werden überhaupt keine Kampfmethoden des Proletariats angewandt. Es gibt keinen Aufruf zu Streiks und deren Ausdehnung auf alle Bereiche der Wirtschaft. Kein Aufruf zu souveränen Vollversammlungen in den Betrieben, damit die Beschäftigten gemeinsam über die Aktionen diskutieren und nachdenken, die ergriffen werden müssen, um den Kampf gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen zu führen, über vereinigende Forderungen sowie die Zukunft zu diskutieren und nachzudenken. Dabei können nur diese Methoden des Klassenkampfes die Angriffe abschwächen und die Regierung und die Arbeitgeber zum Zurückweichen zwingen.
Der Kampf der Arbeiter ist nicht der Kampf "aller Armen“ gegen die „Reichen". Es ist der Kampf einer ausgebeuteten Klasse, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft lebt, gegen die Kapitalistenklasse, die ihre Profite macht durch die Ausbeutung der Arbeitskraft. Diese Ausbeutung liegt an der Wurzel der wachsenden Verarmung der Arbeiterklasse.
Die Arbeiterklasse muss ihre Lebensbedingungen auf ihrem eigenen Klassenterrain als autonome Klasse verteidigen, die unabhängig ist von den anderen Klassen und sozialen Schichten wie z.B. dem Kleinbürgertum. Wenn sich die Arbeiterklasse als autonome Klasse behauptet, indem sie einen massiven Kampf entwickelt, kann sie einen immer größeren Teil der Gesellschaft in ihren Bann ziehen. Aber das geht nur, indem sie ihre eigenen Methoden des Kampfes, ihren eigenen vereinigenden Slogans und schließlich ihr eigenes revolutionäres Projekt der Umwälzung der Gesellschaft ein- und umsetzt.
Im Jahr 1980 entfaltete sich in Polen eine riesige Massenbewegung von den Danziger Werften ausgehend, nachdem die Preise für Grundnahrungsmittel brutal erhöht worden waren. Um der Regierung entgegentreten zu können, hatten sich die Arbeiter zusammengeschlossen, sie hatten sich städteübergreifend als Klasse gegen die „rote“ Bourgeoisie und ihren stalinistischen Staat organisiert. Die anderen Bevölkerungsteile beteiligten sich an dem massiven Kampf der ausgebeuteten Klasse. Wenn das Proletariat seinen Kampf als eigenständige Klasse entwickelt, stehen die Vollversammlungen mit massiver Beteiligung im Vordergrund, die gleichzeitig souverän sind und allen am Kampf Beteiligten offenstehen. Dann gibt es keinen Platz für Nationalismus. Im Gegenteil, dann schlagen die Herzen für die internationale Solidarität, denn "die Proletarier haben kein Vaterland“, wie die Arbeiterbewegung schon von Anfang an seit dem 19. Jahrhundert verkündet hat. Die Arbeiter müssen sich also weigern, die Marseillaise zu singen und Fahnen wie die Trikolore zu schwenken, die die Fahne der Versailler war, die 30.000 Proletarier während der Pariser Kommune 1871 ermordeten.
Heute wollen die Arbeiter ihre tiefgreifende Wut zum Ausdruck bringen, aber sie wissen nicht, wie man effektiv kämpft, um ihre Lebensbedingungen gegen die zunehmenden Angriffe der Bourgeoisie und ihrer Regierung zu verteidigen.
Viele pensionierte Arbeiter haben ihre eigenen früheren Erfahrungen vergessen, wissen nicht mehr, wie man sich zusammenschließt und sich organisiert, ohne auf die Anweisungen der Gewerkschaften zu warten – d.h. so zu handeln wie im Mai 1968. Junge Arbeiter verfügen noch nicht über ausreichend Erfahrung im Klassenkampf und stoßen auf große Schwierigkeiten, die Fallen der Verteidiger des kapitalistischen Systems zu durchschauen.
Viele Arbeiter in "Gelbwesten" werfen den Gewerkschaften „Untätigkeit“ vor und dass sie nicht ihre „Aufgabe erfüllen“. Aus diesem Grund hat die CGT aus Konkurrenzverhalten zu den „Gelbwesten“ versucht, Boden gut zu machen, indem sie zu einem neuen "Aktionstag" für den 1. Dezember aufgerufen hat, d.h. wenn die „Gelbwesten" auf den Champs-Élysées zusammenkommen wollen. In Anbetracht des Misstrauens gegenüber den Gewerkschaften kann man davon ausgehen, dass die CGT und die anderen Gewerkschaften weiterhin "ihren dreckigen Job machen" (in Komplizenschaft mit den Trotzkisten der NPA und "Lutte Ouvrière"): kontrollieren, spalten, zersplittern, sabotieren und die Kampfbereitschaft zermürben, um die spontanen und nach Einheit strebenden Bewegungen der Arbeiter auf ihrer Klassengrundlage zu verhindern.
Vergessen wir nicht all die gewerkschaftlichen Manöver der Sabotage von Kämpfen, wie wir sie wieder gesehen haben bei dem ‚Nadelstich‘-Streik bei der SNCF unter Führung der Gewerkschaften. Vergessen wir nicht die vielen "Aktionstage", die wirkungslos blieben und mit ihren vielen spaziergangsähnlichen Demonstrationen nur in der Zerstreuung und Spaltung endeten, so wie am 9. Oktober, oder als eine Woche später die Rentner auf die Straße gingen, und dann wurde drei Tage später im Erziehungswesen gestreikt.
Die tiefe Unzufriedenheit vieler Arbeiter gegenüber den Gewerkschaften wurde von denjenigen, die die Bewegung der „Gelbwesten“ ins Leben gerufen haben, wieder eingefangen. Sie konnten dabei auf die Unterstützung aller bürgerlichen politischen Parteien bauen.
Die Botschaft, die alle heuchlerischen Anhänger der Arbeiter in den „Gelbwesten“ vermitteln wollen, lautet: Die Kampfmethoden der Arbeiterklasse (Streiks, Massendemonstrationen, Vollversammlungen mit gewählten und jederzeit abwählbaren Delegierten, Streikkomitees …) führten zu nichts. Man müsse deshalb nun den Kleinunternehmern vertrauen, damit andere Methoden eines angeblich radikalen Kampfes, der zu einem Sammelbecken werden könne, gefunden werden, wo sich alle „Bürger“ aus „ganz Frankreich“ gegen den „Diktator“ und „Präsidenten der Reichen, Macron“ zusammenschließen.
Die Arbeiterklasse kann ihren Kampf nicht delegieren und ihn in die Hände anderer legen, weder in die Hände von gesellschaftlich reaktionären Schichten noch in die der Parteien, die behaupten, sie zu unterstützen. Auch dürfen sie nicht den Gewerkschaften vertrauen, die sich als ihre Freunde ausgeben. All diese Kräfte besetzen und kontrollieren den Kampfring, um die Arbeiter daran zu hindern, massiv den Kampf aufzunehmen und einen eigenständigen, solidarischen und vereinten Kampf gegen die Angriffe der Herrschenden zu führen, bei dem Widerstand geleistet wird gegen „das zu teure Leben“, die Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsbedingungen, die Verdichtung der Arbeit, die Lohn- und Rentenkürzungen usw. Um ihren Kampf zu entfalten und ein Kräfteverhältnis aufzubauen, das die Angriffe der Herrschenden aufhält und sie zum Nachgeben zwingt, darf die Arbeiterklasse nur auf ihre eigene Kraft bauen. Sie muss ihre eigene Klassenidentität wiederfinden, anstatt sich im „französischen Volk“ aufzulösen. Sie muss das Vertrauen in ihre eigenen Stärken zurückgewinnen, indem sie den Kampf auf ihrer eigenen Klassengrundlage führt und dabei alle Barrieren zwischen den Branchen, den Betrieben und Ländern überwindet.
Um sich auf zukünftige Kämpfe vorzubereiten, müssen alle kämpferischen Arbeiter, die sich der Notwendigkeit des proletarischen Kampfes bewusst sind, versuchen zusammenzukommen, um zusammen zu diskutieren, die Lehren der letzten sozialen Bewegungen zu ziehen und sich wieder die Geschichte der Arbeiterbewegung aneignen. Sie dürfen den Gewerkschaften nicht das Feld überlassen und sich auch nicht durch die falschen Mobilisierungen durch die Populisten und die Vertreter der kleinbürgerlichen Schichten im Namen der „Bürger“ und des „Volkes“ einschläfern lassen.
Trotz aller Schwierigkeiten des Proletariats, die Zukunft liegt weiterhin im Klassenkampf.
Révolution Internationale
Sektion der Internationalen kommunistischen Strömung in Frankreich
29. November 2018
(Wir organisieren in Kürze Diskussionsveranstaltungen zum Thema „Geldwesten“ - warum die Arbeiterklasse ihre Klassenautonomie verteidigen muss!“ Nähere Angaben siehe unsere Webseite.)
Artikel von unserer Sektion in Frankreich Révolution Internationale, während den Ereignissen geschrieben:
Präsident Emmanuel Macron brach sein Schweigen, indem er am 10. Dezember um 20.00 Uhr auf allen Fernsehsendern zu den Franzosen sprach: "Französische Frauen und Franzosen, hier sind wir gemeinsam am Treffpunkt unseres Landes und der Zukunft. Die Ereignisse der letzten Wochen (...) haben legitime Forderungen mit einem Ausbruch inakzeptabler Gewalt vermischt. (....) Diese Gewalt wird nicht nachsichtig sein. Es gibt keinen Zorn, der es rechtfertigt, einen Polizisten, einen Gendarm anzugreifen, ein Unternehmen oder öffentliche Gebäude zu beschädigen. (...) Wenn Gewalt ausbricht, hört die Freiheit auf. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, dass sich eine ruhige und republikanische Ordnung durchsetzt. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um dies zu erreichen. (....) Ich habe der Regierung die strengsten Anweisungen dazu gegeben.
Aber zu Beginn all dessen vergesse ich nicht, dass es Wut und Empörung gibt. Und diese Empörung, viele von uns, viele Franzosen können sie teilen (...) Aber diese Wut ist tiefer, ich empfinde sie in vielerlei Hinsicht als fair, und sie kann unsere Chance sein (...) Es sind vierzig Jahre des Unbehagens, die wieder auftauchen.
Wir waren wahrscheinlich in den letzten anderthalb Jahren nicht in der Lage, eine schnelle und starke Antwort darauf zu geben. Ich übernehme meinen Teil der Verantwortung. Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit einige von euch mit meinen Worten verletzt habe. (....) Wir werden nicht zum normalen Verlauf unseres Lebens zurückkehren, wie in der Vergangenheit allzu oft in Krisenzeiten. Wir befinden uns in einem historischen Moment in unserem Land. Ich möchte auch, dass wir die Nation in Übereinstimmung mit sich selbst und ihrer tiefen Identität bringen. Dass wir das Problem der Einwanderung angehen."
Keine "republikanische Strafverfolgung" rechtfertigt in der Tat, dass Polizisten Flashballs auf Minderjährige (ohne Helm oder Schild) schießen, auf Jugendliche und Schüler, deren körperliche Verletzungen viel schwerer wiegend sind als die der Polizisten, die am Samstag, den 1. Dezember, vor dem Grab des unbekannten Soldaten angegriffen wurden. Keine "republikanische Strafverfolgung" rechtfertigt es, dass die Polizei Tränengasgranaten gegen Demonstranten feuert, die friedlich auf der Avenue des Champs-Élysées laufen; Demonstranten, unter denen es ältere Menschen gab (und viele von ihnen waren Frauen). Keine "republikanische Strafverfolgung" rechtfertigt die Verkrüppelung von Teenagern, wenn deren Hände durch die Explosion einer offensiven Granate abgerissen werden (einer Waffe, die in anderen europäischen Ländern nicht verwendet wird).
Wenn Polizeigewalt gegen Jugendliche entfesselt wird, kann sie nur zu Unruhen in den Städten führen (wie 2005); sie kann nur das soziale Chaos verschärfen. Gewalt kann nur Gewalt erzeugen! Auf Teenager zu schießen, ist ein Verbrechen. Wenn die Beamten der Polizei der "republikanischen Ordnung" Kinder töten (wie es bei diesem schwer verwundeten Gymnasiasten in einer Gemeinde in Loiret fast der Fall war), bedeutet das, dass diese republikanische Ordnung der Menschheit keine Zukunft zu bieten hat! Diese den Tod an Kindern in Kauf nehmende Polizeigewalt ist verabscheuungswürdig und abscheulich! "Ruhe" und "sozialer Frieden" werden sicherlich nicht mit Einschüchterung und Drohungen wiederhergestellt werden.
Die Rede des Präsidenten der Republik richtet sich nur an "französische Männer und Frauen", während viele Arbeiter_innen, die ihre Steuern zahlen, nicht "Französinnen oder Franzosen" sind. Unsere Vorfahren waren nicht "Gallier", sondern Afrikaner (auch wenn das der Gallierin Madame Le Pen nicht gefällt!): Afrika ist die Wiege der menschlichen Gattung, wie Wissenschaftler, Anthropologen und Primatologen wissen. Nur die Kirchen behaupten noch immer, dass Gott den Menschen erschaffen hat. Wie der Philosoph Spinoza sagte: "Unwissenheit ist kein Argument".
Alle Konjunkturindikatoren liegen wieder im roten Bereich. Zehn Jahre nach der Finanzkrise 2008, die die Staatsverschuldung weiter verschärfte, droht wieder eine neue Finanzkrise mit dem Risiko eines neuen Börsencrashs. Aber jetzt rebelliert das "Volk"! Weil es das "Volk" war, das von allen Regierungen mit Sparplänen in allen Ländern für die Krise 2008 zur Kasse gebeten wurde. Die Arbeiter_innen mussten zusätzliche Opfer hinnehmen, um "alle gemeinsam" aus der Krise herauszukommen (seit 2008 beträgt der durchschnittliche Kaufkraftverlust der Arbeiter_innen 440 Euro pro Haushalt). Der Staat musste uns vor dem Risiko einer Reihe von Bankenpleiten "schützen", bei denen das "Volk" seine kleinen Ersparnisse hinterlegt hat, um im hohen Alter überleben zu können. Diese Opfer, insbesondere bei der Kaufkraft der Haushalte, sollten das Wachstum wiederherstellen und die Arbeitsplätze schützen.
Nach zehn Jahren Opfer, um Banken vor dem Bankrott zu bewahren und das Haushaltsdefizit des Nationalstaates zu aufzufangen, ist es normal, dass das "Volk" nicht mehr über die Runden kommt und empört ist, die "Reichen" im Luxus leben zu sehen, während die "Armen" nicht mehr genug Geld haben, um den Kühlschrank zu füllen oder an Weihnachten Spielzeug für ihre Kinder zu kaufen.
Der Präsident hat daher völlig Recht, wenn er den "wirtschaftlichen und sozialen Notstand" ausruft. Er braucht unbedingt neue "soziale Feuerwehrleute", um das "Feuer" des Klassenkampfes zu löschen, denn die großen Gewerkschaftsverbände haben ihre schmutzige Arbeit sorgfältig verrichtet, um die Kämpfe der Arbeiter zu sabotieren, um der Regierung und den Arbeitgebern zu helfen, ihre Angriffe auf unsere Lebensbedingungen durchzusetzen. Die "Reichen" sind diejenigen, die Arbeitskraft der "Armen" für Profit, Mehrwert und zur Aufrechterhaltung ihrer Privilegien ausbeuten. Das hat Karl Marx 1848 im "Manifest der Kommunistischen Partei"[1] deutlich gemacht.
Um die Krise der Exekutive zu überwinden und den "Dialog" zu eröffnen, kündigte "unser" Präsident folgende Maßnahmen an: Erhöhung des Mindestlohns um 100 Euro pro Monat, Aufhebung der Erhöhung der CSG (Sozialabgaben) für Rentner, die weniger als 2.000 Euro pro Monat erhalten, Steuerbefreiung für Überstunden. Er bat auch die Chefs, die es können, ihren Mitarbeitern Jahresabschlussboni zu zahlen (die ebenfalls steuerfrei sind). "Unser Präsident der „Republik in Bewegung" (République en Marche) hat daher "einen Schritt nach vorne" gemacht. Die zu ziehende Lehre wäre daher, dass nur "moderne" (und nicht "altmodische") Kampfmethoden wie die der "Gelbwesten" sich auszahlen und die Regierung zum „Nachgeben“ zwingen können!
Wir unsererseits bleiben "Nerds", die davon überzeugt sind, dass Boulespiel-Kugeln und andere Geschosse zur Bekämpfung intensiver Tränengasbombardierungen völlig wirkungslos sind und nur zur Eskalation von Gewalt, sozialem Chaos und zur Stärkung des Polizeistaats beitragen können. Der proletarische Klassenkampf ist keine Schleuder. Die Hauptwaffen des Proletariats bleiben seine Organisation und sein Bewusstsein. Denn "wenn die Theorie die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Kraft", sagte Karl Marx. Im Gegensatz zur Bewegung der "Gelbwesten" beziehen wir uns bei den "Galliern" nicht auf die Französische Revolution von 1789 (mit ihrer Guillotine, ihrer Trikolore und ihrer Nationalhymne), sondern auf die Pariser Kommune von 1871.
Seit dem "Schwarzen Samstag" vom 1. Dezember haben uns die Medien einen echten Live-Thriller auf allen Fernsehbildschirmen und sozialen Netzwerken vorgeführt: Wird der "Präsident der Reichen", Emmanuel Macron, unter dem Druck der Bewegung "Gelbwesten" endlich "einen Rückzieher" machen? Wird er der Entschlossenheit der "Gelbwesten", die an den Straßenkreiseln lagern, nachgeben und den Losungen von Éric Drouet, einer führenden Persönlichkeit und Initiatorin der Bewegung, folgen?
Der Marsch der "Gelbwesten" auf den Champs-Élysées am Samstag, den 1. Dezember, war zu einem wahren städtischen Guerillakrieg geworden, der sich in einen Aufstand mit halluzinatorischen Gewaltszenen unter dem Arc de Triomphe wie auf den Straßen Kléber und Foch im 16. Arrondissement verwandelte. Schon zwei Wochen zuvor, am 17. November, hatten die "Polizeikräfte" nicht gezögert, Tränengas einzusetzen und Gruppen von "Bürgern", Männern und Frauen in Gelbwesten, anzugreifen, die ruhig auf den Champs-Élysées marschierten und dabei die Marseillaise sangen und die Trikolore schwenkten. Diese polizeilichen Provokationen konnten die Wut der Bürger in "Gelbwesten" gegen den „Bürger in Anzug und Krawatte“ des Elysée-Palastes nur schüren. Die Forderung nach "Akt III" der "Gelbwesten" hat somit zu einer Nachahmung unter den deklassierten Elementen des französischen "Volkes" geführt. Organisierte Banden von professionellen Randalierern, schwarzen Blöcken, rechtsextremen Handlangern, "Anarchisten" und anderen mysteriösen, nicht identifizierten "Randalierern" nutzten die Gelegenheit, um auf der "schönsten Allee der Welt" ein Chaos anzurichten.
Aber was das Pulver in Brand setzte, war ein Fehler in der "Strategie" des Innenministeriums zur Aufrechterhaltung der Ordnung: die Einrichtung einer "Fan-Zone" auf Seiten der Champs-Élysées zum Schutz der schönen Viertel der Reichen. Nach dem "Schwarzen Samstag" räumte Innenminister Christophe Castaner seinen Fehler ein: "Wir haben einen Fehler gemacht!“ Ein weiterer Fehler wurde ebenfalls anerkannt: die mangelnde Mobilität der CRS und Gendarmen, die von der Situation (trotz ihrer Wasserwerfer und des unaufhörlichen Feuerns von Tränengasgranaten) völlig überwältigt, ja in Angst und Schrecken gerieten, als einer von ihnen verprügelt und sie selbst mit allen möglichen Wurfgegenständen beworfen wurden. Die Medien wiederholten diese groteske Szene während der ganzen Woche im Fernsehen, bei der die CRS gezwungen waren, sich vor den Gruppen von "Gelbwesten" um den Arc de Triomphe zurückzuziehen. Die aufgezeichneten Kommentare, die selten von den Medien ausgestrahlt wurden: "Nächsten Samstag kommen wir mit Waffen zurück", sowie der Zorn der Ladenbesitzer und Bewohner der Nobelbezirke über die Fahrlässigkeit der Polizeikräfte, wurden von der Regierung und der gesamten politischen Klasse deutlich vernommen. Die Gefahr, dass die Französische Republik im sozialen Chaos versinkt, wurde durch die Bereitschaft eines Teils der Bevölkerung des 16. und 8. Arrondissements weiter verstärkt, sich selbst zu verteidigen, wenn die Polizei sie bei der für Samstag, den 8. Dezember geplanten vierten "Demonstration" der "Gelbwesten" (Akt IV mit dem kindischen Slogan: "Alle auf zum Elysée!") nicht vor der Spirale der Gewalt schützen könnte.
Der dramatischste Aspekt bei der Krise der Exekutive ist der Verlust der Glaubwürdigkeit des "Staates als Beschützer" und seines "Strafverfolgungsapparates". Diese Schwäche des Apparates um Macron (und die Unterschätzung des Ausmaßes der Unzufriedenheit, die im Innern der Gesellschaft zu spüren ist) verlieh nicht nur "radikalen" Gelbwesten Auftrieb, sondern auch all denen, die "Polizisten verprügeln" wollen, um angesichts der Perspektivlosigkeit überall Feuer zu legen, besonders bei den jüngeren Generationen, die mit Arbeitslosigkeit und Unsicherheit konfrontiert sind. Viele junge Menschen, die die Universität mit Abschluss in der Tasche verlassen, finden keinen Job und sind gezwungen, irgendwelche Jobs zu machen, um zu überleben.
Angesichts der Gefahr, die Kontrolle über die Situation zu verlieren und die Regierung den Kopf verliert, beschloss Präsident Macron, nachdem er den Schaden (auch in Bezug auf die "Moral der Einsatzkräfte" der CRS, die von der städtischen Guerilla schockiert waren, auf die sie nicht vorbereitet waren) gesehen hatte, sich in seinem Bunker des Elysées einzusperren, um "nachzudenken", indem er die gesamte politische Klasse ins Boot holte und seinen Premierminister Edouard Philippe, unterstützt von Innenminister Christophe Castaner, vorschickte.
Abgesehen von dem dünkelhaften Auftreten des jüngsten Präsidenten der Französischen Republik wirkte er auch wie ein Feigling, der sich hinter seinem Premierminister "versteckt" und sich nicht in der Lage sieht, aus dem Schatten zu treten, um "mit seinem Volk zu sprechen". Die Medien verbreiteten sogar das Gerücht, dass Emmanuel Macron Edouard Philippe oder sogar den Innenminister als "Blitzableiter" benutzen würde, d.h. sie für seine eigenen Fehler verantwortlich machen würde.
In der gesamten politischen Klasse wurde nach dem "Schwarzen Samstag" Jupiter Macron als der Sündenbock und der einzige Verantwortliche für das soziale Chaos bezeichnet. Der "Brandstiftende Präsident" soll mit seiner "Erbsünde" das Feuer gelegt haben: der Abschaffung der Vermögenssteuer und seiner arroganten und provozierenden Haltung. Die Ankündigung der jüngsten Sparmaßnahmen (Erhöhung der Kraftstoff-, Gas- und Stromsteuer) wäre nur der Funke gewesen, der das Pulver in Brand gesetzt hätte. Von der extremen Rechten bis zur extremen Linken protestierten alle bürgerlichen Cliquen lauthals und versuchten, sich von ihrer Mitschuld freizusprechen. Alle Cliquen des bürgerlichen politischen Apparats, der die Bürgerbewegung der "Gelbwesten" feige "unterstützte", ließen den kleinen Präsidenten fallen und forderten ihn auf, endlich die Rufe des "Volkes" zu hören, das nicht mehr über die Runden kommen kann. Einige haben ein Referendum gefordert, andere die Auflösung der Nationalversammlung. Alle riefen den Präsidenten auf, seine Verantwortung zu übernehmen. Auch die Staatsoberhäupter anderer Länder (Trump, Erdogan, Putin...) begannen, auf den jungen Präsidenten der Französischen Republik rote Kugeln zu schießen, indem sie ihm eine Narrenkappe aufsetzten, weil sie zu viel Unterdrückung gegen sein Volk gezeigt hatten. Es ist wirklich das Krankenhaus, das sich über die Nächstenliebe lustig macht, die Entfesselung der Haltung des „Jeder für sich“ und Gott für alle!
Bereits am Dienstag, den 3. Dezember, kündigte der Premierminister drei Maßnahmen an, um aus der Krise herauszukommen, soziale Spannungen "abzubauen" und die Eskalation der Gewalt zu verhindern: eine sechsmonatige Aussetzung der Kraftstoffsteuer, eine dreimonatige Aussetzung der Erhöhung der Gas- und Strompreise und eine Reform der technischen Überwachung von Fahrzeugen, die im Namen des "ökologischen Übergangs" viele von ihnen zum Verschrotten ihrer Fahrzeug verurteilten. Aber dieser "Trick" verschärfte nur die Wut der beschäftigten Armen in den Reihen der „Gelbwesten“. Die Leute ließen sich nicht hinters Licht führen: "Macron versucht, uns zu verarschen!" "Er denkt, wir sind dumm!" Sogar die PCF rief: "Wir sind keine Tauben, denen wir Krümel geben!" Ein Brand kann nicht mit einer Gießkanne (oder Wasserwerfern) gelöscht werden.
Angesichts des Aufschreis, der durch diese "Ankündigung" ausgelöst wurde, trat Premierminister Edouard Philippe am nächsten Tag mit bemerkenswerter Gelassenheit auf, um mit dem französischen "Volk" zu sprechen und anzukündigen, dass schließlich die Erhöhungen der Kraftstoffsteuern nicht ausgesetzt, sondern einfach aufgehoben würde. Nach der Ankündigung des jüngsten "Ausweichmanövers" der Regierung (Steuerbefreiung für Überstundenzuschläge) sagte Benoit Hamon, die „Rechnung geht nicht auf“. Die Regierung hatte keine andere Wahl, als weitere Zugeständnisse zu machen um die Geister zu „beruhigen“ und zu verhindern, dass sich der städtische Guerillakrieg auf den Champs-Élysées noch weiter verschärft, obwohl diese Gewalt die Bewegung der "Gelbwesten" nicht diskreditieren konnte.
Seit dem "schwarzen Samstag" geht die Regierung mit Zuckerbrot und Peitsche vor. Diese kleinen diplomatischen Zugeständnisse wurden von einem gigantischen Medienhype um den "außergewöhnlichen" Einsatz der Polizei für den "Akt IV" der "Gelbwesten" am Samstag, den 8. Dezember, begleitet. Um der bürgerlichen "Demokratie" nicht zu schaden, hat die Regierung die Kundgebung nicht verboten. Es ging auch nicht darum, den Ausnahmezustand auszurufen (wie von bestimmten Teilen des politischen Apparats ins Auge gefasst und sogar gefordert).
Nachdem das "Problem" mit allen für die innere Sicherheit zuständigen hohen Beamten besprochen wurde, versuchte unser nachsichtige Minister für innere Angelegenheiten, "alle" zu beruhigen, indem er ankündigte, dass in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium eine andere Strategie der Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung entwickelt worden sei. Die Polizei sollte sich nicht mehr in der Hauptstadt und im ganzen Land zurückziehen. Der Ausnahmezustand sei nicht erforderlich: Es gäbe keine "unmittelbare Gefahr" für die Republik.
Was in den schönen, reichen Stadtteilen von Paris passiert ist, insbesondere die Plünderungen, ähnelt eher den Hungerunruhen, wie sie 2001 in Argentinien, und den Aufständen in den Vorstädten, wie sie 2005 in Frankreich stattgefunden haben. Der Slogan "Macron tritt zurück“ ähnelt ähnlichen Parolen im arabischen Frühling 2011, die in den sozialen Netzwerken kursierten. Deshalb lesen wir auch auf den Plakaten: "Macron - Rücktritt!".
Aber auch trotz dieses außerordentlichen gewaltigen Aufmarsches der Polizeikräfte gelang es nicht, "alle" zu beruhigen, so dass der Innenminister geduldig auf Fernsehbildschirmen erklären musste, dass es sich bei den Räumfahrzeugen der Gendarmerie nicht um Panzer handelt, sondern nur um Fahrzeuge, die dazu bestimmt sind, Barrikaden zu räumen und die Polizei in ihrem Einsatz zu schützen. Ziel eines solchen Einsatzes sei es, Todesfälle sowohl bei Demonstranten als auch bei der Polizei zu vermeiden, obwohl es viele Verletzungen und 1.723 Festnahmen gab (ganz zu schweigen von Sachschäden).
Der Präsident hat daher viel „nachgedacht“ mit Unterstützung seines engen Kreises von "Spezialisten" und "Beratern" und, hinter den Kulissen, unter Mitwirkung all der „Pufferorganisationen“ und den professionellen Sozialfeuerwehrleuten der Gewerkschaften. Der von der CGT ausgerufene unbefristete LKW-Fahrerstreik wurde 48 Stunden später abgesagt, da die Verkehrsministerin den LKW-Fahrern sofort garantierte, dass die Vergütung der Überstunden aufrechterhalten bliebe, noch bevor von ihnen der Streik ausgerufen wurde!
Der Präsident der Republik stand vor einem chinesischen "Rätsel". Indem er in Anbetracht des „Protestes aus dem Volk“ zu einigen Konzessionen (die zu spät gemacht wurden) gezwungen wurde, hat er die Büchse der Pandora geöffnet: Es bestand die Gefahr, dass das ganze "Volk" auf den Plan gerufen wird, wie wir auch bei den massiven Demonstrationen von Gymnasiasten (ohne "Gelbwesten" oder Trikolore) gegen die Reform des Abiturs und des Parcours Sup (Zulassungsbedingungen zur Uni) gesehen haben. Aber falls Emmanuel Macron sich weiterhin weigerte, Zugeständnisse zu machen, riskierte er eine größere Welle von Demonstranten in "Gelbwesten", die seinen Rücktritt forderten.
Wie wird die Regierung nun die Büchse der Pandora schließen? Die Regierung stand vor einem weiteren Dilemma, das sie schnell lösen musste, um die Gefahr einer Spirale von Gewalt mit Todesfällen während der Demonstration am 8. Dezember einzudämmen. Nach den Angriffen gegen die CRS, die vor dem Arc de Triomphe zum Rückzug gezwungen wurde, galt es vor allem zu zeigen, dass "der Staat wieder über das Gewaltmonopol verfügt“ und die Glaubwürdigkeit des "schützenden" und die "nationale Einheit garantierenden" Apparates wiederherstellt. Die Macron-Regierung konnte es nicht riskieren, den französischen demokratischen Staat als eine einfache Bananenrepublik der "Dritten Welt" erscheinen zu lassen, die nur mit einer starken Militärjunta an der Macht überleben kann.
Mit diesem Fokus auf den "Tag X" und das Problem der Gewalt sollte sichergestellt werden, dass die Regierung nicht bei einem der zentralen Themen "zurückweichen" sollte: den Lohnerhöhungen. Vor allem aber blieb der "Präsident der Reichen" bei der Abschaffung der Vermögenssteuer, die als tiefgreifende Ungerechtigkeit angesehen wurde, "standhaft". Es kommt nicht in Frage, "das wieder zurückzunehmen, was wir seit 18 Monaten getan haben", so der Präsident, wie er in den Medien widergegeben wurde.
Dies ermöglichte es Marine Le Pen, am Vorabend des 8, Dezembers eine neue Erklärung abzugeben, um noch einmal über Macron zu sprechen, "diesem kaltblütigen Mann", der zeigt, dass er "über kein Mitgefühl für die Menschen verfügt". Das ist reine Heuchelei! Kein Staatsoberhaupt hat "Mitgefühl für das Volk". Wenn Madame Le Pen (die eines Tages "Staatsoberhaupt" werden will) ein solches "Mitgefühl für die Menschen" hat, warum hat sie dann vor den Fernsehern gesagt, dass sie nicht für eine Erhöhung des Mindestlohns ist, um die Firmeninhaber der kleinen und mittleren Unternehmen (PME), die zu ihrer Wählerschaft gehören, nicht zu bestrafen? Alle diese bürgerlichen Parteien, die die "Gelbwesten" unterstützen und ihre ganze Aufmerksamkeit auf Macrons verabscheuungswürdige Persönlichkeit richten, wollen uns glauben machen, der Kapitalismus werde von diesem oder jenem Individuum personifiziert, wobei tatsächlich das Weltwirtschaftssystem zerstört werden muss. Dies kann nicht innerhalb von wenigen Tagen erfolgen, wenn man bedenkt, wie lang der Weg dahin noch ist (wir glauben nicht an den Mythos, dass wir am Vorabend solch eines Schrittes stehen). Macrons Rücktritt und seine Ablösung durch einen „Kasperle-Joker" wird das wachsende Elend der Proletarier nicht ändern. Die Armut wird sich aufgrund der Erschütterungen der Weltwirtschaftskrise, deren Ende nicht in Sicht ist, weiter verschärfen.
Die klassenübergreifende Bewegung der "Gelbwesten" konnte nur zwischen "Extremisten" und "Gemäßigten" gespalten werden. Éric Drouet, der Initiator der Bewegung in den sozialen Netzwerken, dachte, er könne mit den verschiedenen "Akten" ein Theaterstück aufführen. Im Fernsehen erklärte er deutlich, dass sein Aufruf zum "Akt IV" am Samstag, den 8. Dezember, die "Gelbwesten" dazu bringen würde, zum Elysée-Palast zu ziehen und eine Debatte mit dem "König" Macron zu führen. Dieser kleine größenwahnsinnige Abenteurer stellte sich vielleicht vor, dass die "Gelbwesten" der Republikanischen Garde, die den Präsidentenpalast schützt, standhalten könnten. Man betritt die Elysée nicht wie in einem alten Gebäude, in dem es keinen Hausmeister oder Digitalcode gibt! Nachdem die Vorbereitungen getroffen waren, sollte der "König" den Anführern der "sans culottes" den Hintern versohlen können.
Am Vorabend der Demonstration am 8. Dezember wurde berichtet, dass diesem jungen LKW-Fahrer eine gerichtliche Untersuchung wegen "Aufstachelung zu einem Verbrechen" bevorstünde, was ihn fünf Jahre Gefängnis kosten könnte! Eric Drouets abenteuerliche und aktivistische Methoden (und seiner virtuellen "Freunde") sind typisch für das Kleinbürgertum. Sie zeigen die Verzweiflung der "mittleren" sozialen Schichten (die sich zwischen den beiden grundlegenden Klassen der Gesellschaft befinden: der Bourgeoisie und dem Proletariat), die ebenfalls von der Verarmung betroffen sind.
Die Regierung hat auch versucht, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen, indem sie ein Kollektiv von "freien Gelbwesten" gründete, die sich von den "Radikalen" unterschieden haben, die sich hinter der Fahne des "schlechten Bürgers" Éric Drouet versammelt hatten. Die drei Hauptvertreter dieses "Kollektivs" der "gemäßigten" Gelbwesten distanzierten sich von ihren "Kameraden", nachdem sie am "Schwarzen Samstag" teilgenommen hatten. Wer sind diese drei neuen ‚Sterne‘ in einer "Gelbweste"?
- ein Schmied, Christophe Chalençon, der den Rücktritt der Regierung gefordert und die Ernennung von General De Villiers zum Premierminister vorgeschlagen hatte (nachdem er am 28. Juni 2015 auf Facebook angekündigt hatte, dass er gegen Einwanderer ist und einen Beitritt zur Front Nationalen in Betracht gezogen hatte, bevor er "Macron-Anhänger" und dann ein unglücklicher Verlierer als Kandidat bei den letzten Parlamentswahlen wurde) !
- eine Frau, Jacline Mouraud, liberale Hypno-Therapeutin und Akkordeonspielerin;
- ein dynamischer Manager und den Rechtsextreme nahestehend: Benjamin Cauchy.
Diese "freien Gelbwesten" sind königlicher geworden als der König. Während die Regierung die Demonstration vom 8. Dezember in Paris nicht verboten hatte, rief das selbsternannte Triumvirat die "Gelbwesten" auf, nicht teilzunehmen (um nicht das "Spiel der Regierung" zu spielen!). Diese drei Sprecher der Bewegung wurden (zusammen mit vier weiteren) vom Premierminister als bevorzugte Gesprächspartner für die "freien Gelbwesten" empfangen. Sie zeigten ihre weißen Pfoten als "gute Bürger", verantwortungsbewusst, dialogbereit und bereit, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, damit "wir miteinander reden können". Wie Jacline Mouraud nach einem Treffen mit Edouard Philippe im Matignon sagte: Der Premierminister "hörte uns zu", räumte ein, dass die Regierung Fehler gemacht habe und "wir konnten über alles reden".
Wir haben auch im Fernsehen nach dem "schwarzen Samstag "Gelbwesten" gesehen, die behaupteten, die CRS jetzt vor "Randalierern" schützen zu wollen. Es steht die Welt auf dem Kopf! Auf den Fernsehbildschirmen wurde auch das erbärmliche Spektakel einer Gruppe von "Gelbwesten" gezeigt, die der Polizei von Fréjus und der Gendarmerie Croissants anboten, um mit diesen „gut Freund“ zu sein. Der Gendarm, der sie begrüßte, war erstaunt, diese "Gelbwesten" beschämt und reuevoll zu hören wie sie für die Gewalt des "schwarzen Samstags" entschuldigten: "Wir hätten uns gewünscht, dass ihr bei uns wärt, aber da das nicht möglich ist, wollten wir euch (mit Croissants) sagen, dass wir bei euch sind und wir auch für euch kämpfen". Dass Demonstranten in einer sozialen Bewegung versuchen, die Repressionskräfte zu demoralisieren oder sie sogar aufzufordern, die Seiten zu wechseln, ist eine richtige Vorgehensweise, wie viele Beispiele in der Geschichte bestätigt haben. Aber wir haben noch nie gesehen, wie sich die Unterdrückten bei den Unterdrückern entschuldigen! Hat sich die Polizei jemals für die vielen ‚Fehler‘ entschuldigt, die sie begangen hat, wie z.B. einen jungen Gymnasiasten in der Region Loiret mit Hartgummigeschossen schwer verletzt zu haben, ganz zu schweigen vom Tod von zwei Kindern, die die Unruhen in den Vororten im Herbst 2005 ausgelöst haben?
Es war dieses Vorgehen der Polizei, das den Hass auf die Polizisten und den Wunsch der Jugendlichen verstärkt hat, "die Polizisten zu verprügeln", indem sie nicht nur den Müll, sondern auch die Schulen in Brand gesetzt haben. In diesen Aufständen der Verzweiflung wurde die Idee deutlich, dass es "keinen Sinn macht, zur Schule zu gehen", um einen Beruf zu finden, da Papa arbeitslos ist und Mama putzen gehen muss, um genügend zu essen zu haben. In einigen verarmten Stadtteilen von Paris entwickelt sich weiterhin eine Art Schwarzmarkt mit allen möglichen Produkten, z.B. Diebesgut und inzwischen auch geplünderte Waren. Ganz zu schweigen von diesen Migrantenkindern, die auf der Straße in der "Goutte d'Or" (sic!) (Goldener Tropfen) des Ghettos des 18. Pariser Arrondissements leben, ohne Familie, die nicht in die Schule gehen können und die echte "Straffällige" sind (aber es ist nicht "genetisch" bedingt, wie der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy meinte).
Während einige Bereiche der verarmten Kleinbourgeoisie sich in Gewalttaten stürzen, haben andere nun die Hände an der Hosennaht. Letztendlich wechselte diese instabile und opportunistische soziale Zwischenschicht unter den gegenwärtigen Umständen nicht auf die Seite des Proletariats, wie es zu anderen Zeiten in der Geschichte möglich war, sondern auf die Seite der Großbourgeoisie.
Gerade weil die Bewegung der Gelbwesten klassenübergreifend ist, wurde sie nicht nur durch das ideologische Gift des patriotischen Nationalismus, sondern auch durch den ekelhaften Gestank der populistischen, ausländerfeindlichen Ideologie infiltriert. Tatsächlich steht auf der Liste (à la Prévert!) der "42 Forderungen" der "Gelbwesten" die der Rückführung illegaler Einwanderer an die Grenzen! Deshalb erlaubte sich "unser" Präsident in seiner Rede am 10. Dezember, den "Gelbwesten"-Mitgliedern oder Anhängern des Front National von Marine Le Pen (ex-FN) eine kleine Freude zu machen, indem er das Thema Einwanderung anschnitt (obwohl diese Partei seit Beginn der Bewegung 4% an Umfragen gewonnen hat).
Diese "Volksrevolte" all dieser "armen" Menschen im "arbeitenden Frankreich", die nicht mehr "über die Runden kommen" können, ist als solche keine proletarische Bewegung, trotz ihrer "soziologischen" Zusammensetzung. Die überwiegende Mehrheit der "Gelbwesten" sind in der Tat bezahlte, ausgebeutete, prekäre Arbeiter, von denen einige nicht einmal den Mindestlohn erhalten (ganz zu schweigen von Rentnern, die nicht einmal das Recht auf das "Mindesteinkommen im Rentenalter" haben). Diese armen Arbeiter, die in Randgebieten oder ländlichen Gebieten leben, ohne öffentliche Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen oder ihre Kinder zur Schule zu begleiten, sind gezwungen, ein Auto zu benutzen. Sie waren daher die ersten, die von der Erhöhung der Kraftstoffsteuern und der Reform der technischen Überwachung ihrer Fahrzeuge betroffen waren.
Diese zahlenmäßig kleine und verstreute Gruppe des Proletariats in ländlichen und peripheren Gebieten hat keine Erfahrung mit dem Klassenkampf. Die überwiegende Mehrheit von ihnen sind größtenteils "erstmalige Teilnehmer an Demonstrantionen", die noch nie die Möglichkeit hatten, an Streiks, Hauptversammlungen oder Straßendemonstrationen teilzunehmen. Deshalb nahmen ihre ersten Erfahrungen mit Demonstrationen in großen städtischen Ballungszentren, insbesondere in Paris, die Form einer ungeordneten Massenbewegung an, die blind und ohne Kompass umherwanderte und zum ersten Mal in vivo die Polizeikräfte mit ihren Tränengasgranaten, Wasserwerfern, Flashball-Waffen und Gendarmerieräumfahrzeugen entdeckte. Haben sie auch diesen Scharfschützen mit einem Scharfschützengewehr gesehen, der am "Schwarzen Samstag" auf dem Dach eines Gebäudes postiert war? (er wurde von der Agentur Reuters gezeigt)
Der völlig legitime Ausbruch der Wut der "Gelbwesten" gegen das Elend ihrer Lebensbedingungen wurde in einem interklassistischen Sammelsurium von angeblich freien individuellen Bürgern ertränkt. Ihre Ablehnung der "Eliten" und der Politik "im Allgemeinen" macht sie besonders anfällig für das Eindringen der reaktionärsten Ideologien, einschließlich der der extrem fremdenfeindlichen Rechten. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat eindrucksvoll gezeigt, dass es die "Zwischenschichten“ (zwischen Bourgeoisie und Proletariat) waren, insbesondere die Kleinbourgeoisie, die das Fundament des faschistischen und nationalsozialistischen Regimes bildeten (mit Unterstützung der Lumpenproletarier, die hasserfüllt und rachsüchtig waren und geblendet wurden von Vorurteilen und Aberglauben, die in den 1930er Jahren Hochkonjunktur hatten).
Nur in Augenblicken massiver und vorrevolutionärer Kämpfe, in denen sich das Proletariat offen als autonome, unabhängige Klasse mit eigenen Kampf- und Organisationsmethoden, eigener Klassenkultur und Moral auf der gesellschaftlichen Bühne behauptet, kann die Kleinbourgeoisie (und selbst einige aufgeklärte Elemente der Bourgeoisie) ihren Kult des Individualismus und "Bürgers" aufgeben, ihren reaktionären Charakter verlieren, indem sie sich hinter die Perspektive des Proletariats stellt, der einzigen Klasse in der Gesellschaft, die der Menschheit eine Zukunft bieten kann.
Die Bewegung der "Gelbwesten" kann aufgrund ihrer interklassischen Natur keine Perspektive bieten. Sie konnte nur die Form eines verzweifelten Aufbegehrens in den Straßen der Hauptstadt annehmen, bevor sie in verschiedene Tendenzen zerbrach, die der Radikalen, der "Freunde" von Eric Drouet und die der Gemäßigten des "Kollektivs der freien Gelbwesten". Indem sie die gelbe Weste anziehen, stehen die armen Proletarier, die sich den Losungen des Kleinbürgertums verschrieben haben, heute wie die Dummen und Betrogenen da. Sie wollten nicht, dass Vertreter hinter ihrem Rücken mit der Regierung verhandeln (wie es die Gewerkschaften immer getan haben): Die Regierung lehnte jede Aufzeichnung von Gesprächen mit den "Sprechern" der "Gelbwesten" ab.
Jetzt haben sie Vertreter (die sie nicht gewählt haben): insbesondere das "Kollektiv der freien Gelbwesten". Diese informelle, unorganisierte Bewegung, die von sozialen Netzwerken initiiert wurde, begann sich nach dem 1. Dezember zu strukturieren. Die wichtigsten selbsternannten Vertreter dieser angeblich unpolitischen Bewegung haben erwogen, eine Liste für die Europawahlen vorzulegen. Hier kommt also die Kleinbourgeoisie in einer "gelben Weste", die davon träumt, in der oberen Liga spielen zu können!
Noch bevor die "öffentliche Ordnung" wieder hergestellt war, wurde die Idee der Abhaltung von "pädagogischen" Konferenzen in der Provinz zum Thema "ökologischer Wandel" eingebracht (von Emmanuel Macron selbst). Die Bürger des Landes werden ihre Ideen in diese umfassende demokratische Debatte einbringen können, die dazu beitragen sollte, die Republik nach einer Zeit des Staus und der Blockade auf Regierungsseite wieder auf Trab zu bringen. Diese so genannte unpolitische Bürgerbewegung ist voll von Gewerkschaftern, Mitgliedern politischer Organisationen und allen möglichen undurchsichtigen Personen. Jeder kann die gelbe Weste tragen (einschließlich der Randalierer). Die Mehrheit der Bürger in "Gelbwesten" sind potentielle Wähler von Jean-Luc Mélenchon oder Marine Le Pen. Ganz zu schweigen von den Trotzkisten, insbesondere Olivier Besancenots NPA und Lutte Ouvrière. Diese trotzkistischen Organisationen erzählen uns immer die gleiche Geschichte: "Man muss das Geld aus den Taschen der Reichen nehmen". Das Proletariat ist keine Klasse von Taschendieben! Das Geld in den "Taschen der Reichen" ist das Ergebnis der Ausbeutung der Arbeit der "Armen", d. h. der Proletarier. Es geht nicht darum, den Reichen "die Taschen zu leeren", sondern heute darum zu kämpfen, diesem wirklichen Diebstahl, den kapitalistische Ausbeutung bedeutet, entgegenzutreten und dabei die Kräfte zu bündeln, um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen.
Während des „Marsches für den Klimaschutz“ in Paris am 8. Dezember beteiligten sich viele "Gelbwesten" mit der Demonstration der "Grünwesten" mit dem Bewusstsein besonders bei jungen Demonstranten, dass "das Ende des Monats und das Ende der Welt" (d.h. Schwierigkeiten, materiell über die Runden zu kommen und die Gefahr der Zerstörung des Planeten),"alles miteinander verbunden ist." Bei dem Marsch der "Gelbwesten" beschlossen einige, ihre Westen und Wählerkarten in Brand zu setzen. Es ist wahr, dass die ökonomischen Probleme und die Gefahr der Zerstörung des Planeten miteinander verbunden sind. Es sind zwei Seiten derselben Medaille, die eines Systems, das auf dem Profit einer kleinen Minderheit und nicht auf den Bedürfnissen der Menschheit basiert.
Nach dem "Schwarzen Samstag" erwähnte eine nationale Polizeigewerkschaft einen "unbefristeten Streik" von Polizisten, die auch die gelbe Uniform tragen wollen! Sie können nicht mehr über die Runden kommen und haben genug von den "untragbaren Arbeitsbedingungen", dem Burn-out durch Stress und der Angst, durch eine Petanque-Kugel auf dem Kopf erwischt zu werden. Die Regierung musste daher Mittel freigeben, um ein Weihnachtsgeld für CRSs und andere Berufsgruppen, die für die -Aufrechterhaltung der Ordnung zuständig sind, bereitzustellen. Die Regierung wird neue Arbeitsplätze in diesem völlig unproduktiven Sektor schaffen und damit die Defizite weiter erhöhen müssen, um die Ordnung in einer zerfallenden Gesellschaft aufrechtzuerhalten, in der sich die sozialen Spaltungen aufgrund der sich verschlechterten Lebensbedingungen und verstärkter Unterdrückung nur noch mehr verschärfen können. Jeder weiß, dass die gallischen Polizisten kein Federlesen machen: Sie schlagen zuerst zu und „reden“ dann!
Was die Regierung und die gesamte bürgerliche Klasse beunruhigte, war die Tatsache, dass trotz des gewaltsamen Eskalation seitens der „Gelbwesten“ am "Schwarzen Samstag" die Beliebtheit ihrer Bewegung nicht nachließ: Nach dem 1. Dezember zeigten Umfragen, dass 72% der französischen Bevölkerung weiterhin die "Gelbwesten" unterstützen (obwohl 80% die Gewalt verurteilen und 34% sie verstehen). Die "Gelbwesten" sind sogar zum Weltstar geworden: In Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Bulgarien und sogar im Irak, in Basra wurde die gelbe Weste getragen! Was die ägyptische Regierung betrifft, so hat sie beschlossen, den Verkauf von Gelbwesten aus Angst vor "Ansteckung" einzuschränken; um eine zu kaufen, braucht man eine polizeiliche Genehmigung!
Diese Popularität ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass die gesamte Arbeiterklasse, die die Mehrheit der "Menschen" ausmacht, die Wut, Empörung und die wirtschaftlichen Forderungen der "Gelbwesten" gegen die hohen Lebenshaltungskosten, gegen soziale und steuerliche Ungerechtigkeiten teilt. Nachdem er beim ehemaligen linken Präsidenten François Hollande gelernt hatte, erklärte unser Staatspräsident in seinem hölzernen Stil eine Theorie, die für das "Volk" völlig unverständlich war: die Theorie des "Abfließens". Diese "Theorie" besagt: Je mehr Geld die "Reichen" haben, desto mehr können sie es an die "Armen" "fließen" lassen. Das ist das Argument der Gönnerinnen, die die Armen von ihrer Großzügigkeit profitieren lassen, indem sie ein wenig von ihrer Beute abziehen. Was man vergessen hat zu sagen, ist, dass der Reichtum der Reichen nicht vom Himmel fällt. Er stammt aus der Ausbeutung der Proletarier.
Diese „Macronsche“ Theorie wurde durch die Abschaffung der Vermögenssteuer konkretisiert: Diese Steuerspende würde es den "Reichen" (eigentlich der Großbourgeoisie) ermöglichen, das an sie zurückgegebene Geld so zu verwenden, dass sie Investitionen tätigen, die letztlich Arbeitsplätze schaffen, die Arbeitslosigkeit verringern und damit den Proletariern zugute kommen. Demnach wäre es also im Interesse der Arbeiterklasse, dass die Reichtumssteuer (ISF) abgeschafft wurde! Die "Armen" in Gelbwesten haben trotz ihres "Analphabetentums" der "aufsässigen Gallier" genau verstanden, dass der „Macronismus“ versucht, sie zu "verarschen" (wie eine im Fernsehen interviewte Rentnerin in „Gelbwesten“ sagte). Bis die Abschaffung der Reichtumssteuer den Proletariern zugutekommt, müssen sie immer noch gezwungen werden, den Gürtel enger zu schnallen, während die Kapitalistenklasse weiterhin im Luxus schwelgt. Es ist nicht verwunderlich, dass wir bei der Demonstration am 8. Dezember auf einem Plakat lesen konnten: "Auch wir wollen die ISF bezahlen! Gib das Geld zurück!"
Trotz der allgemeinen Wut aller "Menschen" des "arbeitenden Frankreichs" will die überwiegende Mehrheit der Proletarier nicht an den Protesten der "Gelbwesten" teilnehmen, auch wenn sie vielleicht Sympathie für ihre Mobilisierung haben. Sie erkennen sich nicht in den Kampfmethoden einer Bewegung wieder, die von Marine Le Pen und der gesamten Rechten unterstützt wird. Sie erkennen sich nicht in der ziellosen und sinnlosen Gewalt der schwarzen Blöcke, den Morddrohungen, der pogromistischen Mentalität, den fremdenfeindlichen und homophoben verbalen Aggressionen einiger "Gelbwesten" wieder.
Die Popularität dieser Bewegung, auch nach der Gewalt des "Schwarzen Samstags", ist ein Zeichen für die immense Wut, die im Innern der Gesellschaft brodelt. Aber vorerst ist die überwiegende Mehrheit der Proletarier (Arbeiter in der Industrie, im Transportwesen oder Logistik, Gesundheits- oder Bildungswesen, kleine Beamte in Verwaltungen oder Sozialdiensten...) immer noch gelähmt durch die Schwierigkeit, ihre Klassenidentität wiederherzustellen, d.h. das Bewusstsein, dass sie derselben sozialen Klasse angehören, die unter derselben Ausbeutung leidet. Die überwiegende Mehrheit hat genug von wirkungslosen "Aktionstagen", Gewerkschaftsaufrufen zu Rundgängen und anderen "Nadelstich"-Streiks, wie dem Bahnarbeiterstreik im vergangenen Frühjahr. Solange das Proletariat nicht den Weg zurück zu seinen Kampf gefunden und seine Unabhängigkeit als autonome Klasse bekräftigt, sein Bewusstsein entwickelt hat, kann die Gesellschaft nur weiterhin im Chaos versinken. Sie kann nur durch die bestialische Entfesselung von Gewalt weiter verrotten.
Die klassenübergreifende Bewegung der "Gelbwesten" hat deutlich eine Gefahr offenbart, vor der auch das Proletariat in Frankreich wie in anderen Ländern steht: den Aufstieg des Populismus der extremen Rechten. Diese "Gelbwesten"-Bewegung kann die Partei von Marine Le Pen, dem wichtigsten und führenden Unterstützer der Bewegung, insbesondere bei den bevorstehenden Europawahlen nur in deren Wahlkampf begünstigen. M. Le Pen setzt sich für den "hexagonalen Protektionismus" (d.h. Protektionismus Frankreichs) ein: Die Grenzen müssen für ausländische Waren und insbesondere für dunkelhäutige "Ausländer" geschlossen werden, die vor absoluter Armut und kriegerischer Barbarei in ihren Herkunftsländern fliehen. Die Partei von Marine Le Pen hatte bereits angekündigt, dass die Regierung bei der Einwanderung "sparen" muss, um die Kaufkraft der Franzosen zu erhöhen. Die Front National wird ein weiteres Argument finden können, um Migranten abzulehnen: Unsere "Menschen", die nicht über die Runden kommen können, können "nicht alle Elendigen der Welt aufnehmen“ (wie der sozialistische Premierminister Michel Rocard am 3. Dezember 1989 in der Sendung von Anne Sinclair „7 sur 7" sagte) !
Ausländerfeindliche verbale Angriffe, die Denunzierung illegaler Migranten, die in einem Tankwagen versteckt waren (weil wir immer noch mit unseren Steuern für diese "Arschlöscher" bezahlen werden, sagt eine "Gelbweste"!), die Forderung einiger "Gelbwesten", illegale Migranten über "unsere" Grenzen hinaus zurückzubringen, darf nicht bagatellisiert werden! Das Mitgefühl, das jeder für diese soziale Bewegung empfindet, darf das Proletariat und seine klarsten Elemente nicht blenden.
Um seine Klassenidentität wiederzufinden und zu seiner eigenen revolutionären Perspektive zu gelangen, darf das Proletariat in Frankreich wie auch anderswo nicht den "alten" Schlachtruf der Arbeiterbewegung über Bord werfen (oder unter der Trikolore begraben): "Die Proletarier haben kein Vaterland. Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!".
Inmitten der Atmosphäre von Gewalt und nationalistischer Hysterie, die das soziale Klima in Frankreich verpestet, ist nach dem "Schwarzen Samstag" dennoch ein kleiner Hoffnungsschimmer aufgetreten. Dieser kleine Schimmer sind die armen Studenten, die zu Gelegenheitsarbeiten gezwungen sind, indem sie in ihren Mobilisierungen und Vollversammlungen die Forderung nach der Rücknahme der Erhöhung der Studiengebühren für ihre ausländischen Kommilitonen, die nicht zur EU gehören, erhoben haben. An der Fakultät von Paris Tolbiac stand auf einem Schild: "Solidarität mit Ausländern". Dieser Slogan, gegen die nationalistische Flutwelle der "Gelbwesten", zeigt dem Proletariat den Weg in die Zukunft.
Dank ihrer vielen Ideen konnten Studenten, die gegen den „Ersten Arbeitsvertrag“ (CPE) der Regierung von Dominique de Villepin kämpften, 2006 spontan die Methoden des Proletariats wiederfinden. Sie haben sich damals so organisiert, dass sie nicht von den kleinen "Randalierern" der Vororte angegriffen wurden. Sie weigerten sich, in die Spirale der Gewalt hineingezogen zu werden, die den Terror des Staates nur verstärken kann.
Angesichts der Gefahr des sozialen Chaos im Herzen Europas gehört die Zukunft heute mehr denn je dem Klassenkampf der jüngeren Generationen von Proletariern. Es liegt an diesen neuen Generationen, die Fackel des historischen Kampfes der ausgebeuteten Klasse zu übernehmen, die den gesamten Reichtum der Gesellschaft produziert. Nicht nur materieller Reichtum, sondern auch kultureller Reichtum. Wie Rosa Luxemburg sagte, ist der Kampf des Proletariats nicht nur eine Frage von "Messern und Gabeln", um den Magen zu füllen.
Die Proletarier in Frankreich sind keine „sans-culottes“. Sie müssen weiterhin ein Beispiel für alle ihre Klassengenossen/Innen in anderen Ländern geben, wie es ihre Vorfahren während der Tage im Juni 1848, in der Pariser Kommune 1871 und im Mai 1968 taten. Es ist der einzige Weg, ihre Würde wiederzuerlangen, weiterhin aufrecht zu gehen, um weit in die Zukunft zu schauen, und nicht auf allen Vieren wie die wilden Tiere, die uns das Gesetz des Dschungels aufzwingen wollen.
Angesichts der Gefahr eines sozialen Chaos, das durch die "heilige Allianz" aller Ausbeuter und Randalierer verursacht wird:
Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!
Marianne, 10. Dezember 2018
[1] In diesem Werk gibt es auch ein Kapitel mit dem Titel "Bourgeois und Proletarier".
Unter den "Gelbwesten" sind Gewerkschaften nicht beliebt. Trotz der unzähligen und oft vergeblichen Versuche von CGT oder Solidaire, die Bewegung zu "unterstützen", war die Feindseligkeit der „Gelbwesten“ gegenüber diesen Organisationen eine Tatsache. Aber anstatt dass sich jetzt eine Antwort der Arbeiterklasse gegenüber der systematischen Sabotage ihrer Kämpfe entwickelt, wurde die tiefe Unzufriedenheit der Bürger in "Gelben Westen" gegenüber den Gewerkschaften völlig verwechselt mit der reaktionären Ideologie derjenigen, die diese Bewegung ins Leben gerufen haben: kleine Unternehmer, Händler, Handwerker und andere Leute aus den Zwischenschichten, die infolge ihrer Verblendung und Verarmung einen rachsüchtigen Hass auf das „Fürsorgewesen“ und die Gewerkschaften entwickelt haben, welche aus ihrer Sicht die so genannten Privilegien von Privatangestellten und, noch schlimmer, von Beamten verteidigen würden, die von einer Art besonderen "Schutzstatus" profitieren und kein "Risiko" eingehen würden, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Rechte und die extreme Rechte diese "gewerkschaftsfeindliche" Bewegung von Anfang an unterstützen.
Im Gegensatz zu dem, was kleine Unternehmer in Gelbwesten denken, sind Gewerkschaften nicht die Feinde des Privateigentums und der Ausbeutung. Im Gegenteil, seit dem Ersten Weltkrieg und mit dem Eintritt des Kapitalismus in seine Dekadenz sind die Gewerkschaften zu echten Wachhunden des bürgerlichen Staates geworden; zu Organen, die darauf abzielen, die Kampfbereitschaft der Arbeiter zu kontrollieren, jeden Kampf zu spalten und zu untergraben, um zu verhindern, dass die ausgebeutete Klasse ihren Kampf in die eigenen Hände nimmt und sich so gegen ihre Ausbeuter zur Wehr setzt. [1]
Die Bewegung der "Gelbwesten" entfaltete sich am Ende eines Jahres (nach so vielen anderen!) der systematischen Sabotage der Kämpfe, die durch unzählige kleine Streiks gekennzeichnet waren, die die Gewerkschaften voneinander isolierten, indem sie viele wirkungslose und demoralisierende "Aktionstage" abhielten. Die Spaltung in Berufsgruppen und die damit verbundene Zersplitterung wird mittlerweile von vielen Arbeitern hinterfragt: Sollten wir angesichts der Angriffe der Regierung nicht alle gemeinsam kämpfen? Deshalb haben die Gewerkschaften während der Streiks gegen die Reform der „Beschäftigungsbedingungen“ der Eisenbahner im Mai vorgetäuscht, dass sie für eine "Konvergenz der Kämpfe" eintreten, wobei aber in Wirklichkeit jeder Bereich, jede Branche, jede Niederlassung, jedes Unternehmen sorgfältig aufgespalten und hinter "seiner" Fahne und "seinem" Slogan mobilisiert wurde. Die Lautsprecheranlagen der Gewerkschaften waren so ohrenbetäubend laut eingestellt, dass jegliche Diskussion auf den Kundgebungen verhindert wurde. Vor allem mit der „Nadelstichtaktik“ der bei der SNCF durchgeführten Streiks erschöpften die Gewerkschaften die Streikenden in einem langen und wirkungslosen Kampf, der von den anderen Teilen der Arbeiterklasse abgeschnitten war. Gleichzeitig stellten sie die Eisenbahner als den kampfbereitesten Teil der Klasse dar, der in der Lage gewesen sei, die Regierung allein zurückzudrängen. So sollte die gesamte Arbeiterklasse stärker demoralisiert werden. Die CGT verfolgte auch das Ziel der Isolierung und Demoralisierung, als sie ihren "Solidaritätsfonds" einrichtete, der nichts anderes war als ein Aufruf zum Kampf in der Form von Stellvertreteraktionen, und dass man selbst nicht zu kämpfen brauche und die anderen allein lassen könne.
Wegen der gewerkschaftlichen Sabotage der Arbeiterkämpfe war die Arbeiterklasse nicht dazu in der Lage, sich den Angriffen der Macron-Regierung wirksam entgegenzustellen. Weil die Arbeiterklasse gewissermaßen gelähmt ist und große Schwierigkeiten hat, den gewerkschaftlichen Rahmen zu durchbrechen, konnte die klassenübergreifende Bürgerbewegung der „Gelbwesten“ auftauchen und die ganze Bühne beherrschen. Diese vorübergehende Ersetzung des Klassenkampfes durch die „Revolte des Volkes“, die durch die „Gelbwesten“ zum Ausdruck gebracht wird, musste unausweichlich die Desorientierung der Arbeiterklasse verschärfen und ihr Bewusstsein weiter trüben. Aufgrund dieser politischen Schwächung des Proletariats können die Gewerkschaften, die CGT an ihrer Spitze, weiterhin Aufrufe starten zu wirkungslosen Aktionstagen.
Was die "radikale" Linke des bürgerlichen politischen Apparats betrifft, so hat sie das ganze Jahr über unaufhörlich ihr benebelndes Gift mit Hilfe eines von den Stalinisten übernommenen Slogans verstreut: "Geld gibt es genug in den Taschen der Arbeitgeber!" So ist es nicht verwunderlich, dass Spruchbänder wie "Macron, gib uns das Geld zurück" überall dort präsent waren, wo eine Gruppe von "Gelbwesten" mobilisiert wurde. Ja, es gibt Geld "in der Tasche" von Arbeitgebern, Aktionären und Staatskassen. Wäre es aber ausreichend, den Reichtum "umzuverteilen", um alles besser zu machen? Was für eine Irreführung! Das Problem ist nicht die "gerechte" Verteilung des Reichtums, sondern die Ausbeutung der Arbeitskraft, die Existenz selbst von Waren, Geld und Privateigentum. Das Problem ist die Existenz einer Klasse, die von einer ausbeutenden Klasse ausgebeutet wird. Wie Marx und Engels bereits im Manifest der Kommunistischen Partei über die "bürgerlichen Sozialisten" schrieben: „Eine [...] weniger systematische, nur mehr praktische Form des [bürgerlichen] Sozialismus suchte der Arbeierklasse jede revolutionäre Bewegung zu verleiden, durch den Nachweis, wie nicht diese oder jene politische Veränderung, sondern nur eine Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse, der ökonomischen Verhältnisse ihr von Nutzen sein könne. Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die nur auf revolutionärem Wege möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen.“[2]
Durch die Unterstützung der "Gelbwesten"-Bewegung und die Aufforderung an die Gymnasiasten, sich daran zu beteiligen, trieben die Parteien der "radikalen Linken" (Besancenot unterstützte die Bewegung bei ihrem Auftritt in der Fernsehsendung von Laurent Ruquier) sie bewusst in die Falle, wo sie von den Polizisten verprügelt wurden.
Seit 1914 entsprechen die Gewerkschaften nicht mehr den Bedürfnissen des Proletariats und sind ein Teil des Räderwerks des kapitalistischen Staates, ja zu Kontrollorganen für die Eindämmung und Abwürgung der Kämpfe und zur Polizei in den Betrieben geworden. Schon im Ersten Weltkrieg haben sich die Gewerkschaften in einem „Burgfrieden“ bei der Kriegsmobilisierung auf die Seite ihres jeweiligen Nationalstaates gestellt. Während der deutschen Revolution 1918-1919 arbeiteten sie Hand in Hand mit der Sozialdemokratischen Partei überall daran, Streiks zu brechen und das Proletariat daran zu hindern, seinen revolutionären Kampf zu entwickeln, indem sie alles taten, um die Spaltung zu säen und die Einheit der Arbeiterklasse zu zerstören.
Im Jahr 1979 betrieben die Gewerkschaften in Frankreich angesichts des Ausbruchs von Streiks in vielen Branchen, insbesondere in der Stahlindustrie, eine geschickte Spaltungs- und Isolierungstaktik. Sie hatten zunächst dafür gesorgt, dass die Arbeit in anderen Bereichen (Post, Krankenhäuser, Banken, usw.) wieder aufgenommen wurde, bevor sie unter dem Druck der Arbeiter den Sternmarsch der Stahlarbeiter nach Paris am 23. März organisierten, der zusammen von Polizei und Gewerkschaften sabotiert wurde.
1983 gelang es den Gewerkschaften in Belgien, jede Vereinigung zwischen den Beschäftigten des öffentlichen und des privaten Sektors auf die gleiche Weise zu verhindern, indem sie dank der alten Taktik der Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Gewerkschaften diese spalteten und gleichzeitig Demonstrationen nach Branchen, Regionen, Unternehmen und Werken organisierten – jeweils fein säuberlich voneinander getrennt.
Ein weiteres Beispiel: 1986 stellten die trotzkistischen Organisationen Lutte Ouvrière und die Vorgängerorganisation der NPA (LCR) in Frankreich angesichts des Verlustes der Glaubwürdigkeit der Gewerkschaften während des Kampfes der Eisenbahner der SNCF sofort die Falle der "Basisgewerkschaften" auf, die dann die gleiche schmutzige Arbeit verrichteten wie die traditionellen Gewerkschaften, indem sie die Eisenbahner in dem Unternehmen oder einer Branche von den anderen trennten, um eine Ausweitung des Kampfes zu verhindern. Dabei wurden immer wieder „Ordnungskräfte“ eingesetzt, die den Zugang zu den Vollversammlungen für die Leute blockierten, die nicht bei der SNCF beschäftigt waren.
Seit mehr als einem Jahrhundert wird das Proletariat von den Methoden und der Ideologie der sogenannten "Freunde" der Arbeiterklasse gefesselt, nämlich den Gewerkschaften und den linken und linksextremen Parteien des politischen Apparats der Bourgeoisie. So hat die Bewegung der "Gelbwesten" trotz einer fast einhelligen Ablehnung der Gewerkschaften nur all die Sackgassen wieder eingesetzt, in welche die Gewerkschaften, insbesondere die CGT, seit Jahrzehnten die Kämpfe der Arbeiter immer wieder stürzen: Straßensperren oder angeblich strategische Standorte mit den altbekannten brennenden Reifen und anderen angeblichen Sperren. Diese Blockaden dienen keinem anderen Zweck als der Aufspaltung der Proletarier zwischen denen, die kämpfen, und denen, die gezwungen sind, zur Arbeit zu gehen. Sie sind nur ein Mückenstich auf die Elefantenhaut des Kapitalismus, und diese Methoden haben nie eine echte Bedrohung für die Regierung und noch weniger für den Staat dargestellt.
Die permanente Sabotage der Gewerkschaften hat nur den Weg bereitet für die Ablenkung der Kampfbereitschaft eines Teils der ausgebeuteten Klasse in die Sackgasse des "Bürgerpatriotismus" der "Gelbwesten". Dank ihrer guten und loyalen Dienste konnten die Bourgeoisie, ihr Staat und ihre Regierung bisher die Arbeiterklasse lähmen und den "sozialen Frieden" wahren, um die Ordnung des Kapitals zu verteidigen. Diese Ordnung kann nur dann immer mehr Elend, Ausbeutung, Unterdrückung, soziales Chaos und Barbarei hervorrufen, wenn das Proletariat zulässt, dass sein Kampf von den Gewerkschaften und dem Kleinbürgertum vereinnahmt wird.
EG, 18. Dezember 2018.
[1] Siehe die IKS- Broschüre: Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse.
[2] Während ein "bürgerlicher Sozialist" wie Proudhon trotz seiner politischen Fehler und reformistischen Vorstellungen sich dadurch auszeichnete, ein aufrichtiger Kämpfer der Arbeiterklasse gewesen zu sein, sind die linken Parteien NPA und LO nur Organisationen der extremen Linken des Kapitals, deren Aufgabe es ist, die Arbeiterklasse zu mystifizieren, ihre Kämpfe zu kontrollieren und sie an das bürgerliche und reformistische Terrain der Wahlen zu fesseln.
Der Volksaufstand der „Gelbwesten“ ist kein Teil des Kampfes der Arbeiterklasse. Im Gegenteil, diese klassenübergreifende Bewegung konnte nur entstehen und die gesamte gesellschaftliche Bühne mehrere Wochen lang besetzt halten aufgrund der Leere, welche aufgrund der Schwierigkeiten der Arbeiterklasse entstanden ist, sich massiv in den Kampf gegen die ökonomischen Angriffe der Regierung und der Arbeitgeber auf ihrem eigenen Klassenboden, mit ihren eigenen Kampfmethoden einzubringen.
An der Revolte der „Gelbwesten“ haben sich die periphersten und unerfahrensten Teile der Arbeiterklasse, die in ländlichen Gebieten und im Einzugsgebiet der Vororte der Großstädte leben, beteiligt. Sie wurden für Parolen eingespannt, die auch von Kleinunternehmern und Handwerkern vertreten werden. Die Tatsache, dass viele der ärmsten Lohnempfänger in der klassenübergreifenden Bewegung mitgewirkt haben, die in den sozialen Netzwerken initiiert wurde, hat sie besonders anfällig für die reaktionärsten antiproletarischen Ideologien gemacht: den patriotischen Nationalismus, den Populismus der extremen Rechten (mit seinem ausländerfeindlichen Programm und der Aufforderung „Frankreich stark zu machen“) und schließlich die Forderung nach dem Referendum über die Bürgerinitiative (RIC). Es ist kein Zufall, dass die Bewegung Rassemblement National von Marine Le Pen (wie auch das gesamte rechte Lager) die „Gelbwesten“ von Anfang an unterstützt hat!
Das Proletariat hat nichts zu gewinnen, wenn es sich dieser Bewegung der „französischen Bürger“ anschließt, die Trikolore verteidigt und die Marseillaise singt. Die Arbeiterklasse kann nur noch mehr von ihrer Identität als revolutionäre Klasse verlieren, wenn sie hinter den perspektivlosen und verarmten sozialen Schichten hinterherläuft, die durch die Erhöhung der Kraftstoffsteuern und den Rückgang der Kaufkraft bei den Kleinunternehmern, Handwerkern, Bauern usw. umgetrieben sind.
Diese Bewegung der „Gelbwesten“ ist bestenfalls der sichtbarste und spektakulärste Ausdruck der gewaltigen Wut, die in der Bevölkerung und insbesondere in der gesamten ausgebeuteten Klasse angesichts der hohen Lebenshaltungskosten und der von der Macron-Regierung veranlassten Sparmaßnahmen aufkocht. Sie ist bestenfalls nichts anderes als ein Vorbote der zukünftigen Klassenkämpfe des Proletariats.
Weil der Volksaufstand der „Gelbwesten“ die widerwärtigen Merkmale des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft in sich trägt (fremdenfeindliche Vorurteile, Angst vor der Invasion von Migranten, die kommen, „das Brot der Franzosen zu essen“ und „von unseren Steuergeldern zu profitieren“ ...), stellt er einen Aufruf an die Verantwortung des Proletariats angesichts des Ernstes der Herausforderungen der aktuellen historischen Situation dar.
Wenn es der ausgebeuteten Klasse nicht gelingt, ihre Schwierigkeiten zu überwinden und wieder auf der gesellschaftliche Bühne in Erscheinung zu treten und den Kampf mit ihren eigenen Orientierungen (einschließlich der Solidarität mit Einwanderern), ihren eigenen Kampfmethoden (einschließlich massiver und souveräner Vollversammlungen) zu führen; wenn sie es nicht schafft, sich dem gewerkschaftlichen Würgegriff zu entwinden, kann die Gesellschaft nur im Chaos und weiter in ihrem Fäulnisprozess versinken – mit der Folge einer grenzenlosen Armut und unerbittlicher Unterdrückung für die Ausgebeuteten.
Nur wenn sich die proletarische Klasse im Kampf als eigenständige und unabhängige Klasse erkennt, kann sie die anderen nicht-ausbeutenden sozialen Schichten in ihren Kampf gegen den Kapitalismus integrieren. Dieses Phänomen der „Inklusion“ kann sich nur dann entwickeln, wenn das Proletariat die Führung in einer gewaltigen Bewegung gegen Ausbeutung und Elend übernimmt und dazu in der Lage ist, jede Ideologie und jede Kampfmethode resolut zu verwerfen, die sich gegen die von der Arbeiterbewegung geerbten proletarischen Prinzipien richten.
Die Ablehnung des Nationalismus und die Bekräftigung des Internationalismus sind der Grundstein, der den Weg für die Politisierung der zukünftigen Kämpfe des Proletariats bereiten muss.
Die klassenübergreifende, nationalistische und reformistische Bewegung der „Bürger“ in „Gelbwesten“ ist eine Sackgasse; sie kann der Gesellschaft keine Perspektive eröffnen. Nur der revolutionäre Klassenkampf des Proletariats ist die Zukunft der Menschheit. Das Endziel des Klassenkampfes der Ausgebeuteten ist weder eine „gerechtere“ Verteilung des Reichtums noch eine Verbesserung der bürgerlichen Demokratie, sondern die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und die Diktatur des Kapitals in allen Ländern der Welt.
Gegen alle Formen des Nationalismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und die Mentalität, „Herr im eigenen Haus“ sein zu wollen.
ES LEBE DER INTERNATIONALISTISCHE KLASSENKAMPF DES PROLETARIATS!
Révolution Internationale, 31.12.2018
Von Anfang an bezeichnete sich die Bewegung der „Gelben Westen“ als „unpolitisch“. Es gab keine offizielle Vertretung, keine Form dessen, was die Bourgeoisie „Vermittlungsorgane“ nennt (Parteien oder Gewerkschaften), die das Recht gehabt hätten, sich zu Sprechern der Bewegung zu erklären. Keine Form der traditionellen Repräsentation hat sich dabei wirklich einem Risiko ausgesetzt. Als der Premierminister nach „Gesprächspartnern“ suchte, sah er sich mit einer Leerstelle konfrontiert – schnell besetzt von einigen selbsternannten Personen, deren Westen nicht mehr anerkannt wurden und die Einschüchterungen oder gar ernsthaften Drohungen ausgesetzt waren. Als sich „Gelbe Westen“ zunehmend am Fernsehen ausdrückten, wagten sie es meist nicht, über einige wenige Aussagen „im eigenen Namen“ hinauszugehen.
Wie lässt sich dieses Misstrauen erklären? Total angewidert von jahrzehntelangem Lügen der offiziellen bürgerlichen Parteien, von Versprechungen, die nie eingehalten wurden und dafür sehr reale Angriffe zur Folge hatten, von allen Arten von Affären und zunehmender Korruption, ganz zu schweigen von der hölzernen Zunge von Demagogen und der Kälte von Technokraten, fühlte sich dieser Teil der Bevölkerung, aus dem die „Gelben Westen“ bestehen, nicht nur in die Armut abgedrängt, sondern auch verachtet. Durch eine fast instinktive Ablehnung von „Politikern“ halten die „Gelben Westen“ schließlich die Illusion aufrecht, dass sie nicht von einer politischen „Voreingenommenheit“ animiert werden, und sehen sich nur als einfache „Bürger“, die von Armut und Steuern aller Art überwältigt sind. Sie würden nur versuchen, sich zu verteidigen und ihre Wut auszudrücken. In den Reihen der „Gelben Westen“ wird in der Regel schon hinter dem geringsten Hinweis auf eine politische Idee sofort die Absicht vermutet, sie für fremde Interessen zu vereinnahmen. Das ist es, was wir zum Beispiel in den Worten eines der Sprecher der Bewegung in Obernai, Dominique Balasz (Peugeot-Mitarbeiter), über die Politiker, die versuchen, ihnen den Hof zu machen (FO, France insoumise, Rassemblement national usw.), deutlich hören können: „Sie können kommen, aber wir zeigen kein Etikett, Gelbe Westen sind unpolitisch.“ Mit anderen Worten, wir werden uns nicht „täuschen“ lassen, sie können immer „reden“.
Doch trotz der weit verbreiteten „unpolitischen“ Illusion in der Bewegung ist sie in Wirklichkeit – sehr politisch! Hinter all den gelben Rittern des „Apolitismus“ verbirgt sich in der Tat eine „heilige Einheit“, die die bürgerliche „Staatsbürgerschaft“ respektiert und per Definition sehr konformistisch und an die Werte des Kapitalismus gebunden ist. Hinter dem dargestellten „Apolitismus“ verbergen sich traditionell die konservativsten Vorstellungen der Rechten und der extremen Rechten. Die Parolen, die die verschiedenen Forderungen nach „Kaufkraft“ begleiten, konzentrieren sich in der Tat stark auf Fragen der politischen Macht: „Macron – Rücktritt!“, „Auflösung der Versammlung“, „Das Volk will, dass das Regime fällt“ etc.
Wer kann ernsthaft behaupten, dass diese Parolen „unpolitisch“ seien? In Wirklichkeit gibt es in der bunt zusammengewürfelten und klassenübergreifenden Bewegung der „Gelben Westen“ nicht nur eine, sondern ganz unterschiedliche politische Ausdrucksformen, ein echtes Kaleidoskop, das die vielfältigen Nuancen widerspiegelt, die aus den Zwischenschichten kommen, insbesondere dem Kleinbürgertum, und in die sich viele Arbeiter verloren haben, die aufgrund der Leere, die die Arbeiterklasse hinterlassen hat, auf ihr Bürger-Dasein reduziert werden – Bürger, die an der „Nation“ hängen.
Während einige „Gelbe Westen“ leidenschaftliche Verfechter der bürgerlichen Demokratie sind und – wie sie es am 13. Dezember in Versailles symbolisch getan haben – zur gesetzlichen Einführung des „Referendums über eine Bürgerinitiative“ aufrufen (das berühmte „RIC“, welches nach Macrons Rede auf zahlreichen Plakaten an den Kreiseln aufgetaucht ist), propagieren andere, wie Maxime Nicolle, alias „Fly Rider“, alle Arten von nebligen und reaktionären Theorien, die für die extreme Rechte typisch sind: nationalistische Visionen oder die Art und Weise, den jüngsten „Marrakesch-Pakt“ zur Migration zu kritisieren, etc.
Tatsächlich ist es offensichtlich, dass aus der Bewegung selbst Leute hervorgegangen sind, die sich schon durch ihre Art zu reden und zu handeln in ihrer Rolle als Auszubildende im Politikgeschäft üben!
Von Eric Drouet, dem Sans-Culotte, der zu einer Invasion des Palastes des republikanischen Monarchen aufruft, über Christophe Chalençon und seine als rechtsextrem bezeichneten Reden bis hin zu Jacline Mouraud, der Hypnotherapeutin-Akkordeonistin, deren „aufrührerische“ Reden dem Ruf nach „Achtung vor den Institutionen der 5. Republik, der öffentlichen Ordnung, den Gütern und Menschen“ gewichen sind! Von nun an fühlen sich all diese Leute wohl wie die Fische im Wasser im medienpolitischen Aquarium und wollen sogar Listen für die Europawahlen zusammenstellen. „Wir wollen in die politische Arena eintreten“, sagte Hayk Shahinyan. „Ohne Struktur werden wir nie gehört werden. Wir müssen Institutionen respektieren und in die Politik investieren“, sagt die hypnotisierende Akkordeonistin. Diese Entwicklung, die auf die Fragmentierung der „Gelben Westen“ zurückzuführen ist, wird vom gesamten Staatsapparat aktiv gefördert, der dies als eine gute Möglichkeit sieht, einen wahrscheinlichen neuen Durchbruch des Rassemblement national zu verhindern.
Eines ist sicher, der so genannte „Apolitismus“ hat leider keine andere Wirkung, als die mobilisierten Arbeiter zu enteignen und sie zu einem formlosen Magma zu verdünnen, das vom proletarischen Lumpen bis zum kleinen Boss reicht und sie ihrer Klassenautonomie und ihrer eigenen Kampfmittel beraubt. Da es sich nicht um eine Arbeiterbewegung handelt, konnte dieser Protest nur in Form von Posten, Ansammlungen, gewalttätigen und blinden Ausbrüchen, Stadtguerilla, Einbrüchen und Plünderungen vor dem Hintergrund nationalistischer Lieder und manchmal sogar fremdenfeindlicher Äußerungen erfolgen. Dass eine solche Bewegung reaktionäre und fremdenfeindliche politische Äußerungen der schlimmsten Art, insbesondere patriotische und nationalistische Lieder auf den Champs-Élysées, hinnehmen kann, ohne sich von ihnen zu distanzieren oder sie ausdrücklich abzulehnen, zeugt vom moralischen Schandfleck, den eine solche Bewegung über ihren legitimen Zorn hinaus vermitteln kann. Auch wenn die Zeit heute völlig anders ist, darf das Proletariat nicht vergessen, dass sich der Faschismus in den 1930er Jahren im Namen des „Apolitismus“ durchgesetzt hat.
In einem Kontext, in dem die Arbeiterklasse gegenwärtig ihre Klassenidentität verloren hat, ohne eine Niederlage erlitten zu haben, stellen solche ekelhaften Gerüche eine große Gefahr dar: die der Spaltung zwischen den Fraktionen, die den schlimmsten nationalistischen und fremdenfeindlichen Lockrufen erliegen, und denen, die die demokratische Ideologie akzeptieren, d.h. die heuchlerische Maske der kapitalistischen Diktatur, einem System, das nichts anderes mehr anzubieten hat als zunehmende Barbarei.
In Wirklichkeit braucht die Arbeiterklasse eine echte Politisierung ihres Kampfes! Sie muss sich wieder mit ihren eigenen Methoden des Kampfes, ihrem eigenen revolutionären politischen Projekt verbinden. Wie wir über die Bewegung der „Indignados“ in Spanien gesagt haben: „Ja, wir müssen uns für „Politik“ interessieren! Die Konfrontation mit politischen Ideen in Vollversammlungen ist der einzige Weg, unsere falschen Freunde zu entlarven, ihre Fallen zu vereiteln und unsere Kämpfe nicht von „spezialisierten“ Politikern in Verhandlungen und Intrigen vereinnahmen zu lassen. In der politischen Konfrontation und der Debatte, insbesondere innerhalb souveräner Versammlungen, können die Ausgebeuteten im Kampf zwischen politischen Gruppen unterscheiden, die ihre Interessen wirklich vertreten, und solchen, die die Rolle der „Wächter des Kapitals“ spielen. Der Kampf der ausgebeuteten Klasse gegen die ausbeuterische Klasse ist immer ein politischer Kampf. Nur in diesem Kampf, durch eine möglichst breite Debatte, können die Ausgebeuteten ein Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten aufbauen, angesichts der Schande des Kapitals und seiner Politiker auf allen Seiten. In diesem politischen Kampf, auf der Straße und in massenhaften Versammlungen, können sie ihre Klassenidentität zurückgewinnen, ihre Solidarität, ihre Einheit entwickeln und das Vertrauen in ihre eigene Stärke zurückgewinnen“ (siehe Révolution internationale Nr. 424 Juli-August 2011). Dies kann natürlich nur durch einen wirklich autonomen Kampf erreicht werden, der sich deutlich von anderen Schichten der Gesellschaft unterscheidet. Das Proletariat darf sich daher nicht auf den Holzweg der Stadtguerilla-Praktiken ziehen lassen, die von den nationalistischen Slogans des hasserfüllten und empörten Kleinbürgertums geprägt sind, sondern muss sich im Gegenteil öffnen hin zu einer massiven Bewegung mit internationaler Ausrichtung, zu einer einheitlichen Bewegung, deren Perspektive die bewusste Abschaffung der kapitalistischen Verhältnisse ist. Ein historischer und globaler Kampf, dessen politisches Ziel die Abschaffung der sozialen Klassen und die Wiedervereinigung der Menschheit ist.
WH, Januar 2019
Die Konfrontation zwischen den bürgerlichen Fraktionen der Opposition und dem Chavismus in Venezuela hat seit Anfang 2019 einen qualitativen Sprung gemacht. Sie findet in einem Kontext einer beispiellosen Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Krise statt, deren deutlichstes Zeichen die Zunahme des Elends eines großen Teils der Bevölkerung ist, aber auch in einem Szenario, in dem sich die Rivalität zwischen den Großmächten verschärft, in dem auch die so genannte „internationale Gemeinschaft“ handelt, die zum Teil das Regime von Nicolás Maduro offen unterstützt, zum anderen den erklärten Interimspräsidenten Juan Guaidó. Es sind die USA, die den Ton angeben, die, nachdem sie Guaidó als Präsidenten Venezuelas anerkannt haben, eine intensivere und umfassendere Strategie auf den Weg gebracht haben, die plant, Nicolás Maduro endgültig von der Macht zu beseitigen, und dabei die Drohung einer US-Militärintervention nicht ausschließt – wie von hohen Beamten und Donald Trump selbst geäußert, wobei sie die „humanitäre Hilfe“ als Rechtfertigung verwenden. Die Reaktionen zur Unterstützung von Nicolás Maduro kamen hauptsächlich aus Ländern wie Russland und China, den wichtigsten Verbündeten des Chavismus. Die potenzielle Gefahr besteht jedoch nicht in einer direkten militärischen Konfrontation zwischen den Großmächten, sondern in der Nutzung der Bevölkerung und der Arbeiter als Kanonenfutter in einem Krieg zwischen Banditen, der zu noch mehr Blutvergießen führt. Die mehr als 40 Toten und die brutale Unterdrückung der Bevölkerung (mehr als 900 Gefangene allein in den letzten zwei Januarwochen) sind der Vorgeschmack darauf.
Angesichts dieser Eskalation der Konfrontation zwischen den bürgerlichen Fraktionen der Rechten und Linken in Venezuela, die über die Grenzen dieses Landes hinausgeht, ist es wichtig und dringend geboten, das venezolanische und das Weltproletariat aufzufordern, die unmittelbare Gefahr dieser Situation eines Massakers in seinen Reihen zu verstehen, nicht mit einer der internen oder externen Fraktionen des Kapitals zusammenzuarbeiten, auf seinem Klassenterrain zu bleiben und dieses höllische Treiben von Chaos und Barbarei, in das die Region versinkt, abzulehnen.[1]
Guaidó ist nicht von ungefähr aufgetaucht; sein plötzliches Auftreten wurde von den USA mit Unterstützung von Mitgliedern der venezolanischen Opposition in diesem Land und Staaten der so genannten internationalen Gemeinschaft (Lima-Gruppe mit Ausnahme von Mexiko), die die US-Strategie gegen das Regime von Maduro unterstützen, sorgfältig vorbereitet. Das aggressive und entschlossene Vorgehen der USA gegen Maduro wurde auf geopolitischer Ebene verstärkt und durch den Triumph von Jair Bolsonaro in Brasilien (zu dem sie einen großen Beitrag geleistet haben) unterstützt. Es ist kein Zufall, dass die erste gemeinsame Erklärung von Mike Pompeo (US-Außenminister bei der Einweihung von Bolsonaro) den Kampf gegen den „Sozialismus“ und die Wiederherstellung der Demokratie in Venezuela zum Ziel hatte. Auf diese Weise wird Venezuela an seinen wichtigsten Grenzen blockiert, derjenigen im Westen durch Kolumbien (Hauptverbündeter der USA in Südamerika) und derjenigen im Süden durch Brasilien. Mehrere EU-Länder haben Guaidó kürzlich ebenfalls ihre Anerkennung ausgesprochen, obwohl sie versucht haben, über die so genannte „Kontaktgruppe“, die versucht, das Vorgehen der USA zu schwächen, eine eigene Interventionspolitik zu entwickeln.
Diese energische Reaktion der USA und ihrer Verbündeten in der Region nutzt den Hintergrund der Flucht von Venezolanern, die wegen des Elends und der Barbarei des linken bürgerlichen Regimes des Chavismus-Madurismus das Land verlassen (nach Angaben der UNO sollen es bereits mehr als 4 Millionen sein). Die venezolanische Opposition (die aufgrund ihrer internen Konflikte und der Zersetzung in ihren Reihen den Weg für den Aufstieg des Abenteurers Chávez im Jahr 1999 ebnete) startet diese Offensive gegen Maduro und nutzt die Proteste der empörten Arbeiter_innen und der Bevölkerung aus, welche nicht die Kraft haben, das chavistische Regime und die bürgerliche Opposition geschlossen zu bekämpfen, da sie aufgrund der Mobilisierungen für die Kämpfe der bürgerlichen Fraktionen selber gespalten sind.
Die verschiedenen Sektoren der Opposition sind durch interne Konflikte geschwächt, versuchen nun aber, sich hinter der Figur von Guaidó zu vereinen, und beginnen damit ein weiteres Abenteuer, das aufgrund der durch Hunger und Elend verursachten Verzweiflung in der Bevölkerung Unterstützung findet. Das Vorgehen der Mehrheit der regionalen und internationalen Bourgeoisie, das sich nun gegen Maduro richtet, beweist die Heuchelei der ausbeuterischen Klassen, die heute von „Respekt vor der Menschlichkeit“ sprechen, nachdem sie Chávez als „Verteidiger der Armen“ gelobt haben, der es angeblich geschafft habe, in Venezuela „Millionen armer Menschen aus Armut und Unsichtbarkeit herauszuholen“ und dank hoher Ölpreise Geschenke an die Bevölkerung zu verteilen, während er in Wirklichkeit die Grundlagen für die Barbarei, die wir heute sehen, festigte und die militärischen und zivilen Führer, die heute ihre Privilegien mit Blut und Feuer verteidigen, bereicherte.
Das Chávez-Regime seinerseits erklärt sich als „sozialistisch“ und „revolutionär“, obwohl es in Wirklichkeit in Venezuela ein Regime des Staatskapitalismus um jeden Preis, im Stil der diktatorischen Regime von Kuba, China, Nordkorea oder des sogenannten „arabischen Sozialismus“, umgesetzt hat.[2] Das Regime führte angeblich einen Kampf gegen den „wilden Neoliberalismus“, aber die Auswirkungen seines „Sozialismus“ waren für die Bevölkerung ebenso verheerend: von extremer Armut betroffen sind 61,2% der Bevölkerung, und die Armut gemessen am Familieneinkommen betrifft 87%, mehr als 10% der Kinder leiden unter schwerer Unterernährung, 2017 starben durchschnittlich 5 bis 6 Kinder pro Woche an Unterernährung und Krankheiten, 2017 und 2018 übertraf die Hyperinflation 1.000.000% und vernichtete die Löhne. Darüber hinaus hat der Chavismus Kollektivarbeitsverträge faktisch beseitigt und ein repressives System am Arbeitsplatz eingeführt.
Diese Modelle des Kapitalmanagements wie der Chavismus sind Regimes, die nichts mit dem Kommunismus zu tun haben, für den Marx, Engels, Lenin, Rosa Luxemburg kämpften und der darin bestehen würde, dem bürgerlichen Staat (ob rechts oder links regiert) und den blinden Gesetzen der kapitalistischen Produktionsweise ein Ende zu bereiten. Wir müssen bedenken, dass weder die linken Kräfte des Kapitals noch die Rechten eine Lösung für die Krise des zerfallenden Kapitalismus finden können: Wir sehen zum Beispiel, wie die Rechte in Argentinien, nachdem sie die linken Regierungen der Kirchner verdrängt hat, jetzt das Land in eine noch schlimmere Krise stürzt, die sich über den Arbeiter_innen entlädt. Das Gleiche wird mit der Regierung Bolsonaro in Brasilien geschehen.
Sowohl der Chavismus und seine linken Fans in der Region und in der ganzen Welt als auch die verschiedenen Oppositionskräfte in der Mitte und auf der Rechten haben sich bemüht, alle möglichen Lügen und Verwirrungen zu verbreiten, um das historische und theoretische Erbe des Marxismus und die Lehren, die die Kämpfe des Proletariats hinterlassen haben, zu deformieren, selbst wenn sie sich als „Marxisten“ ausgeben oder wenn sie den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ als „kommunistisch“ bezeichnen. Sie alle haben versucht, ihre Klassenherrschaft aufrechtzuerhalten; jetzt sind wieder die Rechten und das rechte Zentrum an der Reihe, und sie proklamieren, dass der „Kommunismus“ in Lateinamerika ausgerottet werden müsse, mit dem sie Chavismus und Castrismus identifizieren.
Wie bereits erwähnt, haben die USA Guaidó gefördert, um wieder eine möglichst enge Kontrolle über ihren Hinterhof herzustellen. China, mit seiner Expansion auf den Märkten in Lateinamerika und anderen Ländern der Welt und nun mit dem umfangreichen „Seidenstraßen“-Projekt, beabsichtigt nicht nur eine Eroberung der in seiner Reichweite liegenden Märkte, sondern auch eine strategische, imperialistische Verankerung weltweit. China stützt sich auf wirtschaftliche Mittel bei seinem Versuch, ein globales imperialistisches Netz zu spinnen, um die Einkreisung, die die USA seit Obama verfolgt hat (mit Japan, Südkorea, Philippinen, Indien usw.) zu durchbrechen. In diesem Sinne sind die Bündnisse mit Venezuela, Ecuador, Nicaragua usw. für die imperialistischen Ambitionen Chinas sehr wichtig. Die „Operation Guaidó“ der USA ist ein Gegenangriff, der sich einreihen soll in die gewonnen Positionen in Argentinien und Brasilien sowie die traditionelle Loyalität Kolumbiens.
Der erste Schritt der imperialistischen Operation der USA ist der Einsatz der so genannten humanitären Hilfe. Es ist der Höhepunkt des Zynismus und der Heuchelei, dass der Hunger, der Mangel an Medikamenten, die verzweifelte Situation von Millionen von Arbeiter_innen und Ausgebeuteten in Venezuela dazu benutzt werden, die erste Phase der US-Strategie gegen das Maduro-Regime umzusetzen. Die Lastwagen, die Lebensmittel und Medikamente transportieren und auf der berühmten Tienditas-Brücke in der kolumbianischen Stadt Cúcuta parken, sind gleichbedeutend mit Raketen und Bombern. Mit ihnen versucht der US-Imperialismus, seinen imperialistischen Rivalen, den Chavismus, in eine unbequeme Lage zu bringen: Lebensmittel und Medikamente für die hungrige Bevölkerung abzulehnen. Sowohl die Amerikaner als auch die Chavisten, die Seite von Guaidó und die von Maduro, zeigen sich in ihrem widerwärtigen Zynismus. Die erste, die den Hunger der Bevölkerung als Kriegswaffe ausnutzt und eine Operation wiederholt, die Clinton 1998-99 in Serbien durchführte, wo Tonnen von Lebensmitteln aus Flugzeugen geworfen wurden, um das rivalisierende Regime von Milosevic zu schwächen, oder ein ähnliches Manöver in Haiti 2004[3]. Die Chavisten, mit Maduro an der Spitze, lehnen die Hilfe ab und zeigen damit, was offensichtlich ist: Sie scheren sich einen Dreck um den Hunger und das unsägliche Leid der Bevölkerung.
Maduro wird so lange wie möglich widerstehen, und ohne Zweifel werden China und Russland ihr Bestes tun, um ihn zu unterstützen. Bisher haben sich die Armee und die Repressionskräfte mit dem Chavismus zusammengeschlossen. Was jetzt versucht wird, ist, diesen „unzerbrechlichen“ Zusammenhalt zwischen dem militärisch-repressiven Apparat und Maduro zu schwächen. Bei der Durchführung dieser destabilisierenden Operation wird die Gefahr von bewaffneten Auseinandersetzungen am Horizont aufgezeigt. Angesichts des imperialistischen Eifers und des fortgeschrittenen Grades an ideologischem, politischem, wirtschaftlichem und sozialem Zerfall in Venezuela besteht eine echte Gefahr, auch in einem Bürgerkrieg oder zumindest in einer Situation aufeinanderfolgender Konfrontationen mit wiederholten Blutbädern zu enden, was zu einer wachsenden Spirale des Chaos und einer Vervielfachung von Konfrontationen in alle Richtungen führen können, die das Land und die Region in den Zusammenbruch ziehen. Diese Perspektive wird auch durch die Informationen des Venezolanischen Observatoriums für Gewalt gestützt, wonach es im Land 8 Millionen illegale Schusswaffen gebe, zudem fehlten genauen Daten über die Anzahl der Waffen in den Händen der organisierten Unterwelt, zu denen noch die Drohung der Regierung Maduro hinzukommt, 500.000 Gewehre an ihre Milizen zu übergeben.
Die massive Abwanderung der venezolanischen Bevölkerung in Länder der Region wie Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Chile, Ecuador und Peru (mit Karawanen von Wandernden, die denen aus Honduras in die Vereinigten Staaten ähneln) ist ebenfalls ein Faktor für die Ausbreitung des Chaos. Es ist ein nicht zu unterschätzendes Problem, auf das die Bourgeoisien der am stärksten betroffenen Länder mit rassistischen und fremdenfeindlichen Kampagnen reagieren, die als Barriere gegen das Chaos gedacht sind.
Nur das Proletariat stellt eine Alternative für die Zukunft der Menschheit dar Die Krise des Kapitalismus ist unaufhaltsam, sie nährt sich Tag für Tag an den Widersprüchen des kapitalistischen Regimes selbst. Aus diesem Grund wird die Lösung der Krise, in der die Ausgebeuteten leben, nur durch die Vereinigung der Proletarier_innen Venezuelas, der Region und der ganzen Welt möglich sein. In der gegenwärtigen Periode des Zerfalls des Kapitalismus gibt es kein Land der Welt, das nicht von der Barbarei bedroht wäre, die Venezuela heimsucht. Weder der Populismus der Linken noch derjenige der Rechten, noch die Verteidiger des Neoliberalismus stellen einen Ausweg dar.
Die Arbeiter_innen in Venezuela müssen jede Mobilisierung für irgendeine der am Kampf beteiligten Fraktionen der Bourgeoisie ablehnen und die Sirenengesänge der Opposition ignorieren, die die ausgebeuteten Massen zur Unterstützung aufrufen; ebenso müssen sie die Fallen der Parteien, Gruppen und Gewerkschaften der Linken und Linksextremen vermeiden, welche sich dem Regime ebenfalls widersetzen, wie die des so genannten „Chavismus ohne Chávez“, die versuchen, ihre linksbürgerliche Version eines Ausbeutungsregimes ähnlich dem von Maduro einzubringen.
Wir haben gesehen, dass es in Venezuela während des chavistischen Regimes eine große Zahl von Protesten gegeben hat. Allein 2018 gab es mehr als 5.000 Demonstrationen (durchschnittlich 30 Proteste pro Tag), die sich meist um soziale Rechte wie Nahrung, Wasser, Dienstleistungen und bessere Löhne drehten. In den letzten Jahren sind insbesondere Kämpfe der Ärzt_innen und des Pflegepersonals aufgefallen, die es wagten, die Repressionskräfte des Staates herauszufordern, aber auch eine große Solidarität zeigten, indem sie sich hinter Patient_innen stellten, die keine Medizin oder Pflege erhielten, und die Einheit mit anderen Sektoren wie Lehrer_innen und Professor_innen suchten. Diese Kämpfe standen aber unter dem Einfluss von Gewerkschaften, die sie zu kontrollieren und zu sabotieren versuchten, obwohl es bemerkenswert ist, dass es in den Kämpfen eine Tendenz gab, sowohl den Chavismus als auch die Opposition abzulehnen und zu versuchen, sie autonomer zu führen. Die Arbeiter_innen müssen ihre Kämpfe gegen das Regime der bürgerlichen Ausbeutung auf ihrem eigenen Terrain fortsetzen. In ihrem Kampf müssen die Arbeiter_innen versuchen, andere nicht ausbeutende Schichten mitzuziehen; nur das Proletariat hat die Fähigkeit, die soziale Empörung in einen echten politischen Vorschlag für die gesellschaftliche Veränderung zu verwandeln.
Die revolutionären Organisationen, die sich auf die Kommunistische Linke berufen, sowie die am stärksten politisierten Minderheiten in Venezuela, der Region und der Welt, müssen zur Entwicklung einer Bewegung auf den proletarischen Grundlagen der Solidarität und des Kampfes mit den ausgebeuteten Massen aufrufen, die überall auf der Welt Situationen wie die venezolanische erleben. Nur das Weltproletariat hat die Antwort auf diese Perspektive des Untergangs in der Barbarei; aus diesem Grund muss es seine Klassenautonomie verteidigen, die voraussetzt, dass es jedes Bündnis mit irgendeiner Konfliktpartei ablehnt und seine eigenen Forderungen als Klasse bekräftigt; um für die Einheit aller Arbeiter zu kämpfen, muss es sich hinter der Losung vereinen: Ob einheimisch oder ausländisch – dieselbe Arbeiterklasse!
Internationale Kommunistische Strömung, 12.02.2019
[1] Dieses Chaos ist Ausdruck des Zerfallsstadiums, in das der Kapitalismus eingetreten ist; vgl. zur historischen Tragweite und Tiefe dieser Sackgasse unsere Thesen zum Zerfall, /content/748/der-zerfall-die-letzte-phase-der-dekadenz-des-kapitalismus [414]
[2] Wir haben bei zahlreichen Gelegenheiten die große Lüge des 20. Jahrhunderts angeprangert, wonach Staaten wie die UdSSR, China, Kuba und Nordkorea „kommunistisch“ seien (oder gewesen seien). Siehe z.B. die Artikel in der Internationalen Revue Nr. 12: Die russische Erfahrung: Privateigentum und Gemeineigentum, https://de.internationalism.org/rint12isme [947], oder in Weltrevolution Nr. 145: Zur neuen Plattform des Aufbaus: Sind die so genannten sozialistischen Länder Übergangsgesellschaften zum Kommunismus, /content/1560/zur-neuen-plattform-des-aufbaus-sind-die-so-genannten-sozialistischen-laender [948].
[3] Vgl. dazu Die demokratische und humanitäre Scheinheiligkeit in Internationale Revue Nr. 35, https://de.internationalism.org/revue/35_imperialistischeRivalitaeten [949]
Im November 2018 trafen sich die beiden Hauptgruppen der Kommunistischen Linken in Großbritannien, die IKS und die Communist Workers Organisation (CWO)[1], in London zum hundertsten Jahrestag der deutschen Revolution. Bei beiden Treffen zeigte sich, dass über eine Reihe von Kernpunkten, die sich aus dieser Erfahrung ergeben, grundsätzliches Einvernehmen besteht:
- Die immense historische Bedeutung der deutschen Revolution als Wendepunkt in der Weltrevolution, die in Russland begonnen hatte, und die tragischen Folgen ihrer Niederlage: die Isolation und Degeneration der Revolution in Russland und der globale Triumph der Konterrevolution in ihren faschistischen, stalinistischen und demokratischen Formen, die den Weg zum Zweiten Weltkrieg ebneten.
- Der unumkehrbare Verrat von den Teilen der Sozialdemokratie, die sich den Kriegsanstrengungen der herrschenden Klasse anschlossen und dann eine zentrale Rolle bei der Sabotage und Unterdrückung der Revolution spielten, die eine Reaktion auf das Gemetzel des Krieges war. In jeder zukünftigen Revolution werden es die linken Fraktionen der Bourgeoisie, die wahren Erben von Noske, Scheidemann und anderen Bluthunden der Konterrevolution sein, die vom Kapital als letzte Verteidigungslinie gegen das Proletariat eingesetzt werden;
- die entscheidende Bedeutung des Kampfes für eine kommunistische Partei, um den Lügen der Agenten der Bourgeoisie entgegenzutreten und eine klare und kohärente revolutionäre Alternative vorzuschlagen. Eine solche Partei kann nur im Weltmaßstab zentralisiert werden, da die Revolution selbst nur auf der weltweiten Bühne erfolgreich sein kann. Wie die CWO in ihrem Artikel "Die Bedeutung der deutschen Revolution: Überlegungen zum öffentlichen Treffen der CWO/IKT in London am 17. November 2018"[2] sagt: "ohne einen revolutionären Kern der Arbeiterklasse, um den herum eine Partei aufgebaut werden kann, gibt es nicht die geringste Chance auf einen erfolgreichen Ausgang unseres Kampfes".
Und doch gab es auch eindeutige Meinungsverschiedenheiten zwischen unseren beiden Organisationen, die bei der CWO-Veranstaltung auftauchten und die bei der IKS-Veranstaltung in der folgenden Woche, an der ein Mitglied der CWO teilnahm[3], weiter diskutiert wurden. Diese Meinungsverschiedenheiten werden in dem gerade erwähnten CWO-Artikel angesprochen:
"Angesichts des obigen Szenarios war es daher überraschend, dass ein Mitglied der Internationalistischen Kommunistischen Strömung (die einzige andere am Treffen anwesende Organisation), von welcher andere Genossen positive Beiträge zur Diskussion leisteten, die Frage aufwarf, dass der August 1914 zu früh war für die Abspaltung der Gruppe Internationale von der deutschen Sozialdemokratie. Er argumentierte überraschend, dass der August 1914 kein endgültiger Verrat an der internationalen Arbeiterbewegung gewesen sei.
Er fuhr fort zu sagen, dass die IKS und die IKT beide aus der Tradition der Italienischen Kommunistischen Linken stammten und dass wir anerkennen sollten, dass dies genauso für die Mitglieder der Kommunistischen Partei Italiens (PCd'I) galt, die in den 1920er Jahren ins Exil gingen. Sie hatten gesehen, wie die von ihnen gegründete Partei von den "Zentristen" wie Gramsci und Togliatti mit Unterstützung der Kommunistischen Internationale übernommen wurde (obwohl die Linke immer noch die Unterstützung der Mehrheit der PCd'I hatte). Da sie jedoch keine eindeutigen Beweise dafür hatten, dass dies bedeutete, dass die Dritte Internationale endgültig und unwiderruflich mit der internationalen Revolution gebrochen hatte (und angesichts der abrupten Veränderungen in der Politik der Komintern war dies eine Zeit großer Verwirrung), beschlossen sie, sich als "Fraktion" zu formieren. Das Ziel der Fraktion war es, entweder die Komintern davon zu überzeugen, am revolutionären Internationalismus festzuhalten, oder, wenn das fehlschlug und die Internationale etwas tat, das eindeutig zeigte, dass sie die Arbeiterklasse verraten hatte, dann sollte die Fraktion den Kern der neuen Partei bilden. Tatsächlich entschied die Fraktion 1935, dass die Komintern auf die andere Seite der Klassenbarrikaden übergegangen war (mit der Annahme der Volksfront-Politik). Allerdings wurde sie dann zwischen den Anhängern von Vercesi, die nun argumentierten, dass die Partei nur unter Bedingungen gegründet werden könne, unter denen sie eine Massenanhängerschaft gewinnen könne (ähnlich wie in Luxemburg), und denen, die mit dem Aufbau in den 1930er Jahren beginnen wollten, gespalten. Das Problem wurde nie gelöst und die Fraktion brach 1939 zusammen.
Wir antworteten, dass die beiden Fälle von Deutschland 1914 und den italienischen Genossen in den 1920er Jahren nicht identisch waren. Wie die vorstehende Analyse zeigt, war die Abstimmung der SPD für Kriegskredite ein klarer und offensichtlicher Verrat an der Sache der Arbeiterklasse. Und dieses Urteil ist nicht das Ergebnis der Rückschau. Es gab damals andere Sozialisten (wie Lenin, aber nicht nur ihn), die das lautstark sagten. Die Notwendigkeit bestand in einem neuen Banner, um das sich die revolutionäre Arbeiterklasse versammeln konnte. Je früher dieses Banner aufgestellt wurde, desto schneller konnten die Revolutionäre an die Arbeit gehen, um für die Bewegung zu erbeiten, die früher oder später gegen den Krieg ausbrechen würde. Und die Tatsache, dass Deutschland ein föderaler Staat mit sehr viel lokalistischen Tendenzen war, machte diese Aufgabe umso dringlicher".
Wir haben die CWO ausführlich zitiert, weil wir sicherstellen wollen, dass unsere Antwort genau auf ihre Ansichten eingeht. Aber dabei müssen wir einige wichtige Ungenauigkeiten in der Darstellung der CWO berücksichtigen, sowohl in Bezug auf bestimmte historische Elemente als auch auf unser eigenes Verständnis von ihnen.
Zunächst ist es irreführend zu sagen, dass für die IKS "der August 1914 kein endgültiger Verrat an der internationalen Arbeiterbewegung gewesen sei". Im Gegenteil: Die Kapitulation der Mehrheitssozialdemokraten innerhalb und außerhalb des Parlaments war in der Tat ein deutlicher Verrat an allem, wofür die internationale Sozialdemokratie gestanden und auf großen internationalen Kongressen gestimmt hatte. Er bestätigte, dass der opportunistische rechte Flügel der Sozialdemokratie, gegen den Militante wie Luxemburg seit Ende des 19. Jahrhunderts einen entschlossenen Kampf geführt hatten, die Grenze zum feindlichen Lager überschritten hatte - ein Schritt, von dem aus es kein Zurück mehr geben konnte.
Unser Punkt war jedoch, dass der Verrat eines wesentlichen Teils der Organisation noch nicht bedeutete, dass die gesamte Partei in den kapitalistischen Staat integriert worden war; gerade weil die Sozialdemokratie - entgegen dem, was einige Anarchisten behaupten - nicht von Anfang an bürgerlich war, führte der Verrat vom August 1914 zu einer riesigen Schlacht innerhalb der Partei, zu einer Flut von Reaktionen gegen den Verrat, die wenn auch oft verwirrt und unzureichend, begrenzt durch zentristische und pazifistische Vorstellungen, immer noch im Grunde eine proletarische, internationalistische Reaktion gegen den Krieg ausdrückten. Die klarsten, entschlossensten und berühmtesten unter ihnen waren die Spartakisten. Und solange diese Schlacht andauerte, solange die verschiedenen Oppositionen gegen die neue offizielle Linie noch innerhalb der Partei operieren konnten, war die Frage der Fraktion, eines organisierten, internen Kampfes für die "Seele" der Partei - bis entweder zur Säuberung der Verräter oder zur Vertreibung der Internationalisten - noch völlig relevant[4].
In einem internen Diskussionstext über die Natur des Zentrismus, den wir 2015 veröffentlicht haben, gab unser Genosse Marc Chirik eine ganze Reihe von Beispielen für die oppositionelle Bewegung innerhalb der SPD nach August 1914, sowohl im Parlament als auch in der gesamten Partei. Der entschlossenste Ausdruck dieser Reaktion war die Gruppe um Luxemburg und Liebknecht, die nicht darauf wartete, dass sich die Klasse in großer Zahl mobilisierte, sondern vom ersten Tag des Krieges an ihren Widerstand im späteren Spartakusbund zu organisieren begann und versuchte, internationalistische Kräfte innerhalb der Partei um den Slogan "Lasst die Partei nicht in den Händen der Verräter" zu sammeln. Nicht lange danach gab es die Entscheidung zahlreicher Abgeordneter, nicht für weitere Kriegskredite zu stimmen; die Beschlüsse vieler Ortsgruppen der SPD, dass die Führung die Politik der Union Sacrée (der geheiligten Einheit) aufgibt; die Bildung des "sozialdemokratischen Arbeitskollektivs", das den Kern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der UPSD, bilden würde; die Veröffentlichung von Flugblättern und Manifesten sowie die Aufforderung zu Demonstrationen gegen den Krieg und in Solidarität mit Karl Liebknecht für seine unnachgiebige Opposition gegen den Militarismus der herrschenden Klasse. Für Marc war dies eine Bestätigung dafür, dass "Was auch für das Leben des einzelnen Menschen nicht wahr ist, ist eine totale Absurdität auf der Ebene einer historischen Bewegung wie der des Proletariats. Hier wird der Übergang vom Leben zum Tod nicht in Sekunden oder gar Minuten, sondern in Jahren gemessen. Der Moment, in dem eine Arbeiterpartei ihre eigene Sterbeurkunde und ihren tatsächlichen, endgültigen Tod unterzeichnet, ist nicht dasselbe. Das ist vielleicht für einen radikalen Phraseologen schwer zu verstehen, aber es ist durchaus verständlich für einen Marxisten, der nicht die Gewohnheit hat, ein Schiff wie eine Ratte zu verlassen, wenn es anfängt, Wasser aufzunehmen. Revolutionäre kennen die historische Bedeutung einer Organisation, die die Klasse ins Leben gerufen hat, und solange sie noch einen Hauch von Leben enthält, kämpfen sie, um sie zu retten, um sie für die Klasse zu behalten"[5].
Es ist auch nicht wahr, dass sich die Situation der deutschen Revolutionäre 1914 grundlegend von der der Genossen der italienischen Linken unterschied, die beschlossen, eine Fraktion zu bilden, um gegen die Degeneration der Kommunistischen Partei Italiens in den 1920er Jahren zu kämpfen. Im Gegenteil: In beiden Fällen haben Sie eine Partei, die zunehmend von einer offen bürgerlichen Fraktion dominiert wird (Sozialchauvinisten in der SPD, Stalinisten in der CP), und eine Opposition, die in ein schwankendes Zentrum und eine revolutionäre Linke unterteilt ist, die zu Recht entschieden hat, dass es, selbst wenn sich die Flut gegen die Klasse wendet, eine elementare Pflicht bleibt, so lange wie möglich für das eigentliche Programm und die Traditionen der Partei zu kämpfen, solange es noch proletarisches Leben gibt. Im Gegensatz dazu hat die Methode der CWO, die die Situation der SPD 1914 beschreibt, eine seltsame Ähnlichkeit mit der alten (im Wesentlichen rätistischen) CWO-Position gegenüber den Bolschewiki und den kommunistischen Parteien - dass sie bereits 1921 völlig bürgerlich waren und jeder, der anders dachte, im Grunde ein Apologet für ihre nachfolgenden Verbrechen war.
Wir könnten auch die äußerst vereinfachte Darstellung der Geschichte der Debatten innerhalb der italienischen Fraktion bis 1939 aufgreifen, aber es wäre besser, darauf in einem separaten Artikel zurückzukommen, da die CWO kürzlich einen Artikel von Battalgia Comunista (BC)[6] zur Frage von Fraktion und Partei mit einer langen Einführung durch die CWO veröffentlicht hat, die viele Aspekte ihrer Kritik an der IKS äußert, nicht nur zur Frage der Fraktion und der Partei, sondern auch zu unserer Analyse der Weltsituation[7]. Aber einer der Kernpunkte, die sich sowohl aus dem BC-Artikel als auch aus der neuen Einleitung ergeben, ist die Idee, dass eine Fraktion im Grunde genommen nur ein Diskussionskreis ist, der wenig Interesse daran hat, in den Klassenkampf einzugreifen: "Dies ist keine Zeit für Brüche oder Diskussionskreise", wie sie am Ende des Artikels über die öffentliche Versammlung feststellten. Es ist an der Zeit, überall Kerne von Revolutionären zu bilden und sie in der Gründung einer internationalen und internationalistischen revolutionären Partei zur Vorbereitung auf die unvermeidlichen Klassenkonflikte der Zukunft zusammenzuführen".
Wenn die Spartakistengruppe trotz ihrer vielen Schwächen grundsätzlich die Rolle einer Fraktion innerhalb der SPD spielte, deren lange Degenerationsdynamik sich nach dem Wendepunkt im August 1914 dramatisch zu einem endgültigen Bruchpunkt beschleunigte, dann ist Fraktionsarbeit eindeutig etwas ganz anderes als ein Rückzug in die akademische Debatte, der sich von der täglichen Realität von Krieg und Klassenkampf entfernt. Im Gegenteil, es steht außer Frage, dass die Spartakisten das Banner des Klassenkampfes gegen den Krieg "aufgezogen" haben. Innerhalb der SPD hatte der Spartakusbund eine eigene Organisationsstruktur, veröffentlichte eine eigene Zeitung, gab viele Flugblätter heraus und konnte zusammen mit einigen der radikalsten Elemente der Klasse (insbesondere den "Revolutionären Betriebsräten" oder "Obleute" in den Industriezentren) zu Demonstrationen aufrufen, die Tausende von Arbeitern zusammenfassen. Diese ausgeprägte Organisationsstruktur wurde als Voraussetzung für den Eintritt der Spartakisten in die USPD fast drei Jahre nach Kriegsbeginn im April 1917 nach der Massenvertreibung der Opposition aus der SPD beibehalten. Diese Entscheidung wurde getroffen, wie Liebknecht es ausdrückte, "um sie voranzutreiben, um eine Plattform für unsere Position zu haben, um Tausende von Elementen erreichen zu können". Wie Marc in seinem Text kommentiert: "Es ist mehr als zweifelhaft, ob diese Strategie in diesem Moment gültig war, aber eines ist klar: Wenn eine solche Frage für Luxemburg und Liebknecht gestellt wurde, dann deshalb, weil sie die USPD zu Recht als eine zentristische Bewegung und nicht als Partei der Bourgeoisie betrachteten". Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Fraktion der Spartakisten, ob innerhalb oder außerhalb einer größeren Partei, als unabhängige Kraft weitermachte, die versuchte, die Bedingungen für eine neue Partei zu schaffen, die sowohl von bürgerlichen als auch von zentristischen Elementen gereinigt wurde - so wie es für die italienische Linke in den späten 20er und 30er Jahren nach ihrer Vertreibung aus der Partei und sogar nach ihrer Anerkennung, dass die CPs an den Feind übergegangen waren, weiterging.
So gründet sich ein Teil der Kritik der CWO an den Spartakisten für einen zu langen Aufenthalt in der alten Partei auf dieses Missverständnis der Rolle einer Fraktion als Diskussionskreis, deren Tätigkeit in gewisser Weise gegen die Bildung revolutionärer Kerne ist, die den Boden für die zukünftige Weltpartei bereiten. Im Gegenteil: Das war genau das Konzept der Fraktion, wie es von der italienischen Linken ausgearbeitet wurde. Der Unterschied liegt anderswo: in der (von Luxemburg und der italienischen Linken geteilten) Erkenntnis, dass die Gründung einer neuen internationalen Partei nicht nur das Ergebnis des Willens von Revolutionären war, sondern von einem viel breiteren und tieferen Reifungsprozess in der Klasse abhängig war.
Die CWO-Präsentation auf dem Treffen und ihr dem nachfolgendern Artikel legent großen Wert auf den Kontrast zwischen den Spartakisten und den Bolschewiki:
"In Russland wurden die Bolschewiki Anfang 1917 auf nur 8000 - 10.000 geschätzt, aber sie waren in fast jeder Stadt oder Stadt präsent und, was noch wichtiger ist, eingebettet in die breitere Arbeiterklasse. Als die revolutionäre Bewegung entstand, war sie also nicht nur in der Lage, eine Führung zu geben, sondern wuchs auch in ihr. Arbeiter hatten im Februar 1917 spontan nach "sowjetischer Macht" (basierend auf dem Gedenken an 1905) gerufen, aber im Sommer 1917 war klar, dass nur eine Partei "alle Macht den Sowjets" unterstützte und diese Partei in den meisten Schätzungen nun 300.000 Mitglieder hatte".
Es ist sicherlich wahr, dass die Bolschewiki in den Jahren 1914-19 an der Spitze der revolutionären Bewegung standen. In der Frage des Krieges verteidigte die bolschewistische Delegation in Zimmerwald eine viel rigorosere Position als die der Spartakisten: Sie hoben zusammen mit den deutschen "Linksradikalen" den Slogan "verwandeln den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg" hervor, während die spartakistische Delegation die Tendenz zeigte, dem Pazifismus Zugeständnisse zu machen. In ihrer tatsächlichen Praxis in einer revolutionären Situation konnten die Bolschewiki das Gleichgewicht der Klassenkräfte mit großer Klarheit analysieren und spielten so in entscheidenden Momenten eine Schlüsselrolle: im Juli, als es notwendig war, die Provokationen der Bourgeoisie zu vermeiden, die versuchten, revolutionäre Arbeiter in eine vorzeitige militärische Konfrontation zu ziehen; im Oktober, als Lenin darauf bestand, dass die Bedingungen für den Aufstand definitiv gereift waren und es vor dem Moment notwendig geworden war, zuzuschlagen. Dies stand im tragischen Gegensatz zur jungen Kommunistischen Partei Deutschlands, die im Januar 1919 in Berlin den monumentalen Fehler machte, den Köder der Bourgeoisie zu schlucken, nicht zuletzt, weil der Spartakistenführer Liebknecht die Parteidisziplin brach, indem er auf einen sofortigen bewaffneten Aufstand drängte.
Die Fähigkeit der Bolschewiki, diese Rolle zu spielen, lässt sich jedoch nicht auf die Vorstellung reduzieren, in die Klasse "eingebettet" zu sein. Es war vor allem das Ergebnis eines langen Kampfes um politische und organisatorische Klarheit innerhalb der russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der es den Bolschewiki ermöglichte, zu begreifen, was nach dem Februaraufstand wirklich auf dem Spiel stand, auch wenn es einen entschlossenen Kampf innerhalb der Partei erforderte, um eine sehr starke Tendenz zur Unterstützung der bürgerlichen Demokratie und eine "verteidigende" Position im Krieg zu verfolgen - das war der ganze Sinn der Debatten um Lenins Aprilthesen[8]. Die Tatsache, dass die Bolschewiki aus dieser Debatte hervorgegangen sind, hat den Kampf für die Sowjetmacht gestärkt und entschlossener gemacht, war das Ergebnis zweier wesentlicher Faktoren: einerseits ihre organisatorische Solidität, die es ermöglichte, die Einheit der Partei trotz der sehr starken Divergenzen, die während des revolutionären Prozesses in ihr auftraten, zu bewahren; und andererseits die Tatsache, dass ihr politisches Programm von Anfang an - auch wenn es noch nicht so klar war wie nach 1917 - immer auf dem Prinzip der Klassenunabhängigkeit von der Bourgeoisie basierte, im Gegensatz zu der anderen Haupttendenz der russischen Sozialdemokratie, den Menschewiki. Aber all das deutet darauf hin, dass die Bolschewiki in den Jahren zwischen der Geburt des Bolschewismus und dem Ausbruch der Revolution selbst die zentralen Aufgaben einer revolutionären Fraktion innerhalb der russischen Partei und der Zweiten Internationale wahrgenommen haben.
Die Strenge der Bolschewiki in organisatorischen und programmatischen Fragen war die eine Seite dieser Fähigkeit, den Übergang von der Fraktion zur Partei zu vollziehen; die andere Seite war die schnelle Reifung innerhalb des russischen Proletariats als Ganzes. Dies war ein Proletariat, das weitaus weniger anfällig für reformistische Illusionen war als seine Klassenbrüder und -schwestern in Deutschland: Sowohl auf der Ebene ihrer Lebensbedingungen als auch unter den politischen Bedingungen des zaristischen Regimes nahm ihr Kampf notwendigerweise einen explosiven und revolutionären Charakter an, der in gewisser Weise bereits auf die Umstände hinwies, denen die Arbeiterklasse in den am weitesten fortgeschrittenen Ländern in der neuen Epoche der Dekadenz gegenüberstehen würde. Dies war ein Proletariat, das die Möglichkeit des Aufbaus von Massenverteidigungsorganisationen innerhalb des alten Systems weitgehend verneinte, 1905 die sowjetische Organisationsform hervorbrachte und einen unschätzbar wertvollen Vorgeschmack auf die Bedeutung einer Revolution erhielt. Es sei auch daran erinnert, dass das russische Proletariat mit einer viel schwächeren Bourgeoisie konfrontiert war, während die deutschen Arbeiter in revolutionäre Kämpfe gegen eine mächtige herrschende Klasse katapultiert würden, die wusste, dass sie auf die Unterstützung der SPD und der Gewerkschaften sowie der internationalen Bourgeoisie zählen konnte. Unter diesem Gesichtspunkt können wir besser verstehen, warum die Frage nicht auf eine Art physische Präsenz von Revolutionären innerhalb der Arbeiterklasse reduziert werden kann, so wichtig das auch sein mag. Die deutschen Sozialdemokraten waren sicherlich in der Arbeiterklasse in allen Bereichen ihres Lebens - Wirtschaft, Politik und Kultur - sehr präsent. Das Problem war, dass dieser Einfluss innerhalb der Klasse zunehmend auf die Institutionalisierung und damit Neutralisierung des Klassenkampfes ausgerichtet war. Der Hauptunterschied zwischen der SPD und den Bolschewiki bestand in ihrer Fähigkeit, die Klassenautonomie des Proletariats zu erhalten und zu entwickeln.
Um schließlich den Kontrast zwischen den Bolschewiki und den Spartakisten wirklich zu verstehen, um tiefer auf die immensen Probleme einzugehen, mit denen die kommunistische Minderheit während der Revolutionswelle nach 1917 konfrontiert war, müssen wir die besonderen Situationen, die dieses oder jenes Land betreffen, in eine breitere internationale Vision integrieren. Die Zweite Internationale ist 1914 tatsächlich auseinandergefallen: Angesichts des Verrats an wesentlichen Teilen ihrer nationalen Komponenten hat sie einfach aufgehört zu existieren. Dies stellte sofort die Notwendigkeit für eine neue Internationale dar, auch wenn die Bedingungen für ihre Gründung noch nicht erfüllt waren. Die späte Gründung der Kommunistischen Internationale - und die damit verbundenen programmatischen Schwächen - sollte ein großes Handicap nicht nur für die deutsche Revolution, sondern für die russische Sowjetmacht und die gesamte revolutionäre Welle sein. Darauf werden wir in anderen Artikeln zurückkommen. Wir haben argumentiert, dass die vorherige Arbeit der linken Fraktionen eine unverzichtbare Grundlage für die Bildung der Partei auf einer soliden Basis ist. Aber wir müssen auch erkennen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Gefahr des Opportunismus innerhalb der sozialdemokratischen Parteien immer deutlicher wurde, die linken Fraktionen, die sich dieser Tendenz zur Integration in die Politik der Bourgeoisie widersetzten, von der föderalen Struktur der Zweiten Internationale gefesselt waren. Dies war eine Internationale, die weitgehend als eine Art Koordinationszentrum für eine Sammlung nationaler Parteien fungierte. Es gab Solidarität und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen linken Strömungen (z.B. als Lenin und Luxemburg zusammenarbeiteten, um die Basler Resolution zum Krieg auf dem Internationalen Kongress von 1912 zu entwerfen), aber es gab nie eine international zentralisierte Fraktion, die eine kohärente Politik in allen Ländern entwickeln konnte, eine einheitliche Antwort auf all die dramatischen Veränderungen, die durch den Übergang des Kapitalismus in eine Epoche von Kriegen und Revolutionen ausgelöst wurden.
Die heutigen revolutionären Gruppen sind nicht wirklich Fraktionen im Sinne eines organischen Teils einer ehemaligen Arbeiterpartei, aber sie werden nicht in der Lage sein, den Boden für die Partei von morgen zu bereiten, wenn sie nicht verstehen, was wir aus dem historischen Beitrag der linken Fraktionen lernen können.
Amos
[1] Die CWO ist die britische Tochterorganisation der Internationalen Kommunistischen Tendenz; ein Genosse aus ihrer deutschen Gruppe, der GIS, nahm ebenfalls an der Sitzung teil. Während es positiv war, dass beide Organisationen die historische Bedeutung der Revolution in Deutschland anerkennen - die den Ersten Weltkrieg effektiv beendete und für einen kurzen Moment damit drohte, die politische Macht der Arbeiterklasse von Russland auf Westeuropa auszudehnen -, war es ein Zeichen der Uneinigkeit der bestehenden revolutionären Bewegung, dass innerhalb einer Woche zwei Treffen zum gleichen Thema in derselben Stadt stattfanden. Die IKS hatte die Abhaltung einer gemeinsamen Sitzung vorgeschlagen, um diesen teilweisen Konflikt zu vermeiden, aber die CWO lehnte unseren Vorschlag aus Gründen ab, die für uns nicht klar sind. Dies steht im Gegensatz zu den Treffen über die russische Revolution im Jahr 2017, bei denen sich die CWO bereit erklärte, an unserem Diskussionstag in London einen Vortrag zu halten https://en.internationalism.org/icconline/201712/14536/icc-day-discussio... [950] Für uns ist die Tatsache, dass die Gruppen der kommunistischen Linken mehr oder weniger allein mit der Bewahrung und Ausarbeitung der wesentlichen Lehren aus der Revolution in Deutschland sind, Grund genug, ihre Reaktion auf die ideologischen Verzerrungen dieses Ereignisses durch alle Fraktionen der herrschenden Klasse (zu denen auch die virtuelle Löschung aus den Geschichtsbüchern gehört) zu koordinieren.
[3] Diese Meinungsverschiedenheit stand im Mittelpunkt der Diskussion auf der CWO-Sitzung. Die Diskussion war auch auf dem IKS-Treffen wieder zentral, obwohl es auch eine Debatte über die Fragen eines internationalistischen anarchistischen Genossen gab, ob es einen Bedarf an einer Partei gibt und ob die Zentralisierung den organisatorischen Bedürfnissen der Arbeiterklasse entspricht. Zu dieser Frage der Notwendigkeit der Zentralisierung als Ausdruck der Tendenz zur Einheit sagte der Genosse später, dass er unsere Argumente klar und überzeugend fand.
[4] Siehe insbesondere die Artikel über die deutsche Revolution in der International Review 81,82 und 85:
[6] Veröffentlichung der Internationalistischen Kommunistischen Partei, der italienischen Tochterorganisation der IKT.
[7] In der Zwischenzeit können sich die Genossen auf eine Reihe von Artikeln beziehen, die wir veröffentlicht haben, in denen wir die Ansichten von Battaglia und von der CWO zur Frage der Fraktion kritisieren: siehe International Reviews 59, 61, 64, 65 (https://en.internationalism.org/series/2042 [953].).
Vor einem Jahrhundert kam unter den Menschen Hoffnung auf. In Russland war es der Arbeiterklasse gelungen, die Macht zu übernehmen. Nun kämpfte sie in Deutschland, Ungarn und Italien mutig weiter, um das Werk der russischen Arbeiter mit dem gemeinsamen Schlachtruf fortzusetzen: Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, deren Widersprüche die Zivilisation in vier Jahre Krieg gestürzt hatten. Vier Jahre einer bis dahin beispiellose Barbarei, die belegte, dass der Kapitalismus in seine Phase der Dekadenz eingetreten war.
Auf diesem Hintergrund wurde die III. Internationale am 4. März 1919 in Moskau gegründet, womit gleichzeitig die zusammengebrochene II. Internationale zu Grabe getragen wurde. Dabei stützte sich die Komintern auf alle Vorarbeiten zum Wiederaufbau der internationalen Einheit der Arbeiterklasse, die im September 1915 in Zimmerwald und dann im April 1916 in Kienthal begonnen wurden. Bereits 1917 forderte Lenin in den Aprilthesen die Gründung einer neuen Weltpartei. Aber die Unreife der revolutionären Bewegung hatte eine Verschiebung ihrer Gründung erforderlich gemacht. Für Lenin war der entscheidende Schritt mit der Gründung der KPD in Deutschland getan. In einem "Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas" vom 26. Januar schrieb Lenin: "(…) als der ‚Spartakusbund‘ den Namen ‚Kommunistische Partei Deutschlands‘ annahm, da war die Gründung einer wahrhaft proletarischen, wahrhaft internationalistischen, wahrhaft revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, Tatsache geworden. Formell ist diese Gründung noch nicht vollzogen, aber faktisch besteht die III. Internationale heute schon.“ (Lenin, 21. Januar 1919, /Prawda Nr. 16, 24.1.1919, Werke Band 28, S.442). Neben dem übertriebenen Enthusiasmus für eine solche Einschätzung, wie wir später sehen werden, verstanden die Revolutionäre der damaligen Zeit, dass es nun unerlässlich war, die Partei für den Sieg der Revolution auf weltweiter Ebene zu schmieden. Nach mehrwöchiger Vorbereitung trafen sich vom 2. bis 6. März 1919 51 Delegierte, um die organisatorischen und programmatischen Grundlagen zu schaffen, die es dem Weltproletariat ermöglichen würden, im Kampf gegen sämtliche bürgerlichen Kräfte weiter voranzukommen.
Die IKS beruft sich auf die Beiträge der Kommunistischen Internationale (KI). Daher ist dieses hundertjährige Jubiläum sowohl eine Gelegenheit, den unschätzbaren Beitrag der Komintern in der Geschichte der revolutionären Bewegung zu würdigen und hervorzuheben, als auch, um aus dieser Erfahrung Lehren zu ziehen und ihre Schwächen zur Sprache zu bringen, um das Proletariat von heute für die Kämpfe der Zukunft zu rüsten.
Wie in Trotzkis "Einladungsschreiben an den Kongress" ausgeführt: „Die unterzeichneten Parteien und Organisationen halten es für dringend notwendig, den ersten Kongress der neuen revolutionären Internationale einzuberufen. (…) Die riesenhaft schnelle Vorwärtsbewegung der Weltrevolution, die stets neue Probleme aufstellt, die Gefahr der Erstickung dieser Revolution durch das Bündnis der kapitalistischen Staaten, die sich gegen die Revolution unter der heuchlerischen Fahne des ‚Völkerbundes‘ zusammenschliessen, die Versuche der sozialverräterischen Parteien, sich miteinander zu einigen und, nachdem sie einander ‚Amnestie‘ erteilt haben, ihren Regierungen und ihrer Bourgeoisie nochmals zum Betrug der Arbeiterklasse zu verhelfen; endlich die bereits erworbene außerordentlich reiche revolutionäre Erfahrung und die Internationalisierung der ganzen Revolutionsbewegung - alle diese Umstände zwingen uns, die Initiative zu ergreifen, um die Diskussion über die Einberufung eines internationalen Kongresses der revolutionären proletarischen Parteien auf die Tagesordnung zu stellen.“ (Einladungsschreiben einiger kommunistischer Parteien zur Teilnahme an einem Internationalen Kommunistischen Kongress, aus „Der I. und II. Kongress der Kommunistischen Internationale“, Berlin, 1959, S. 45)
Wie bei diesem ersten Aufruf der Bolschewiki drückte die Gründung der Komintern den Wunsch aus, revolutionäre Kräfte aus der ganzen Welt zusammenzuschließen. Aber auch der proletarische Internationalismus, der von der überwiegenden Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien der Zweiten Internationale mit Füßen getreten worden war, sollte verteidigt werden. Nach vier Jahren schrecklichen Krieges, der Millionen von Proletariern auf den Schlachtfeldern gespalten und abgeschlachtet hatte, zeigte das Entstehen einer neuen Weltpartei den Willen, die Arbeit der Organisationen zu vertiefen, die dem Internationalismus treu geblieben waren. In dieser Hinsicht ist die Komintern Ausdruck der politischen Kraft des Proletariats, die sich nach dem schweren, durch den Krieg verursachten Rückschlag, überall wieder manifestierte, sowie der Verantwortung der Revolutionäre, die Interessen der Arbeiterklasse und der Weltrevolution weiterhin zu verteidigen.
Auf dem Gründungskongress wurde wiederholt festgestellt, dass die Komintern die Partei der revolutionären Aktion sei. Wie in ihrem Manifest festgehalten, wurde die Komintern zu einer Zeit gegründet, in der der Kapitalismus deutlich gezeigt hatte, dass er auf den Misthaufen der Geschichte gehörte. Die Menschheit trat nun in die "Epoche der Kriege und Revolutionen" ein. Mit anderen Worten, die Abschaffung des Kapitalismus wurde zu einer absoluten Notwendigkeit für die Zukunft der Menschheit. Mit diesem neuen Verständnis der historischen Entwicklung des Kapitalismus verteidigte die Komintern unermüdlich die Arbeiterräte und die Diktatur des Proletariats.
«Dieser neue Machtapparat muss die Diktatur der Arbeiterklasse (…) verkörpern, das heißt, das Werkzeug der systematischen Niederwerfung der Ausbeuterklassen und das Werkzeug ihrer Expropriation sein. (…) Die Macht der Arbeiterräte oder Organisationen ist seine konkrete Form.“ (Einladungsschreiben einiger kommunistischer Parteien zur Teilnahme an einem Internationalen Kommunistischen Kongress, ebenda, S. 46) Diese Orientierungen wurden während des Kongresses durchgehend verfochten. Und die «Thesen zur bürgerlichen Demokratie und proletarischen Diktatur», die von Lenin verfasst und vom Kongress verabschiedet wurden, bemühten sich die Verschleierungen der Demokratie zu entblößen und vor allem die Arbeiterklasse vor den Gefahren derselben im Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft zu warnen. So stand die Komintern von Anfang an fest auf der Seite der Arbeiterklasse, indem sie die Prinzipien und Methoden des Arbeiterkampfes vertrat und energisch die zentristische Bewegung entblößte, die zur unmöglichen Einheit zwischen Sozialverrätern und Kommunisten drängte, „d.h. die Einheit der kommunistischen Arbeiter mit den Mördern der kommunistischen Führer, Liebknechts und Rosa Luxemburgs.“ (Resolution über die Stellung zu den sozialistischen Strömungen und zur Berner Konferenz, in „Der I. und II. Kongress der Kommunistischen Internationale“Berlin, 1959, S. 96) Als Beweis der unnachgiebigen Verteidigung der proletarischen Prinzipien stellte diese Resolution, die vom Kongress einstimmig verfasst wurde, eine Reaktion gegenüber der Berner Konferenz dar, die von den meisten sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale abgehalten worden war, wo eine Reihe von Orientierungen verabschiedet wurde, die offen gegen die revolutionäre Welle von Kämpfen gerichtet war. [i] Die Resolution endete mit den Worten: „Der Kongress fordert die Arbeiter aller Länder auf, einen entschlossenen Kampf gegen die gelbe Internationale aufzunehmen und die breitesten Massen des Proletariats vor dieser Lug- und Truginternationale zu bewahren.“ (ebenda, S. 99)
Die Gründung der KI erwies sich als ein wichtiger Schritt in der Fortsetzung des historischen Kampfes des Proletariats. Sie war in der Lage, die besten Beiträge der Zweiten Internationale weiterzuführen, während sie gleichzeitig deren Positionen oder Analysen über Bord warf, die nicht mehr der gerade begonnenen historischen Periode entsprachen.[ii] Während die 2. Internationale den proletarischen Internationalismus im Namen des Burgfriedens am Vorabend des Ersten Weltkriegs verraten hatte, ermöglichte die Gründung der neuen Partei die Stärkung der Einheit der Arbeiterklasse und ihre Stärkung in dem erbitterten Kampf, den sie in vielen Ländern der Welt für die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise führte. Trotz ungünstiger Umstände und der begangenen Fehler, wie wir sehen werden, begrüßen und unterstützen wir daher ein solches Vorhaben. Die Revolutionäre der Zeit übernahmen ihre Verantwortung. Sie mussten dies tun und sie taten es!
Das Jahr 1919 war der Höhepunkt der revolutionären Welle. Nach dem Sieg der Revolution in Russland im Oktober 1917, der Abdankung von Wilhelm II. und der eiligen Unterzeichnung des Waffenstillstands angesichts von Meutereien und der Revolte der Arbeiter in Deutschland kam es zu Arbeiteraufständen und auch zur Gründung der Räterepublik in Bayern und Ungarn. Es gab auch Meutereien in der Flotte und unter den französischen Truppen sowie in den britischen Militäreinheiten, die sich weigerten, gegen Sowjetrussland vorzugehen. So gab es auch eine Streikwelle, zu deren Zentrum z.B. Clyde, Sheffield, Südwales im Vereinigten Königreich (1919) gehörten. Aber im März 1919, als die Komintern in Moskau gegründet wurde, waren diese Aufstände bereits unterdrückt worden oder deren Unterdrückung zeichnete sich bereits ab.
Es besteht kein Zweifel, dass sich die Revolutionäre der damaligen Zeit in einer Notsituation befanden und gezwungen waren, in der Hitze des revolutionären Kampfes zu handeln. Wie die französische Fraktion der Kommunistischen Linken (FFGC) 1946 feststellte: "Die Revolutionäre versuchten, die Kluft zwischen der reifen objektiven Situation und der Unreife des subjektiven Faktors (der Abwesenheit der Partei) durch eine große Ansammlung politisch heterogener Gruppen und Strömungen zu überbrücken und diese Ansammlung zur neuen Partei zu erklären"[[iii]].
Es geht hier nicht darum zu diskutieren, ob die neue Partei, die die Komintern darstellte, hätte gegründet werden sollen oder nicht. Es war eine zwingende Notwendigkeit. Nichtsdestotrotz möchten wir auf eine Reihe von Fehlern in der dabei zugrunde liegenden Herangehensweise hinweisen.
Auch wenn die meisten der von den Delegierten vorgelegten Berichte über die Situation des Klassenkampfes in den jeweiligen Ländern die Reaktion der Bourgeoisie auf den Fortschritt der Revolution berücksichtigten (eine Resolution über den weißen Terror wurde am Ende des Kongresses verabschiedet), fällt auf, wie sehr dieser Aspekt in diesen fünf Tagen der Beratungen unterschätzt wurde. Bereits wenige Tage nach der Nachricht von der Gründung der KPD, die auf die Gründung der Kommunistischen Parteien Österreichs (November 1918) und Polens (Dezember 1918) folgte, vertrat Lenin die Auffassung, dass die Würfel gefallen seien: "Als der deutsche ‚Spartakusbund‘ mit so weltbekannten und weltberühmten, der Arbeiterklasse so treu ergebenen Führern wie Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Franz Mehring endgültig seine Verbindung mit Sozialisten vom Schlage Scheidemanns und Südekums abbrach (…), als der ‚Spartakusbund‘ den Namen ‚Kommunistische Partei Deutschlands‘ annahm, da war die Gründung einer wahrhaft proletarischen, wahrhaft internationalistischen, wahrhaft revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, Tatsache geworden. Formell ist diese Gründung noch nicht vollzogen, aber faktisch besteht die III. Internationale heute schon.» [[iv]]
Eine wichtige Anekdote: Dieser Text wurde am 21. Januar 1919 verfasst, dem Tag, an dem Lenin über den Mord an K. Liebknecht informiert wurde. Dieses unerschütterliche Gefühl der Gewissheit über den Sieg sollte sich durch den gesamten Kongress ziehen. Bereits in der Eröffnungsrede kündigte Lenin den Ton an: "Mag die Bourgeoisie noch so wüten, mag sie noch Tausende von Arbeitern niedermetzeln, der Sieg ist unser, der Sieg der kommunistischen Weltrevolution ist gesichert.» (Lenin, Eröffnungsrede des Internationalen Kommunistischen Kongresses am 2. März 1919). In der Folge vernahm man bei allen Berichterstattern über die Lage den gleichen überbordenden Optimismus. Der Redebeitrag des Genossen Albert, ein Mitglied der jungen KPD, der vor dem Kongress am 2. März sprach, belegt dies: "Ich glaube nicht zu optimistisch zu sein, wenn ich sage, dass die Kommunistische Partei Deutschlands sowie Russlands den Kampf in der festen Hoffnung fortsetzt, dass die Zeit reif ist, in der auch das deutsche Proletariat die Revolutionen zu einem erfolgreichen Ende führen wird, in der trotz aller Nationalversammlungen, trotz der Scheidemänner und trotz des bürgerlichen Nationalismus die proletarische Diktatur in Deutschland errichtet werden kann. (…) Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich Ihrer Einladung freudig Folge geleistet, in der Überzeugung, dass wir in der kürzesten Frist mit dem Proletariat aller anderen Länder, besonders Englands und Frankreichs, Schulter an Schulter für die Weltrevolution kämpfen können, um die Ziele der Revolution auch in Deutschland zu verwirklichen.“ (Albert, in „Der erste Kongress der Kommunistischen Internationale, Protokoll der Verhandlungen in Moskau vom 2. bis 19. März 1919“, S. 18).
Einige Tage später, zwischen dem 6. und 9. März, kam es zu einer schrecklichen Repression in Berlin, bei der am 8. März 3000 Menschen getötet wurden, darunter 28 Matrosen, die gefangen genommen und dann mit Maschinengewehren in der reinen Versailler Tradition hingerichtet wurden! Am 10. März wurde Leo Jogiches ermordet. Heinrich Dorrenbach[[v]] erlitt am 19. Mai das gleiche Schicksal.
Lenins letzten Sätze in der Schlussrede auf dem Kongress zeigten jedoch, dass der Kongress bei der Analyse des Machtverhältnisse sich keinen Schritt bewegt hatte. Er erklärte ohne zu zögern: „Der Sieg der proletarischen Revolution in der ganzen Welt ist sicher. Die Gründung der Internationalen Räterepublik wird kommen.“ (Schlussrede Lenins auf dem Gründungskongress der Komintern, Protokoll, ebenda, S. 202)
Aber wie Amadeo Bordiga ein Jahr später betonte: "Nachdem das russische Proletariat und das internationale Proletariat den Slogan "Herrschaft der Arbeiterräte (Sowjets)» auf der ganzen Welt verbreitet hatten, sahen wir zuerst den Aufstieg der revolutionären Welle nach dem Ende des Krieges, und das Proletariat der ganzen Welt begann sich in Bewegung zu setzen. Wir haben in allen Ländern einen Selektionsprozess unter den ehemaligen sozialistischen Parteien gesehen und wie diese kommunistische Parteien hervorbringen, die einen revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie geführt haben. Leider war die Folgezeit eine Zeit des Stillstands, da die Revolutionen in Deutschland, Bayern und Ungarn von der Bourgeoisie niedergeschlagen wurden."
In Wirklichkeit stellten große Schwächen auf der Ebene des Bewusstseins innerhalb des Proletariats ein großes Hindernis für die revolutionäre Entwicklung der Situation dar:
"Die Arbeiterbewegung befand sich nach dem ersten imperialistischen Weltkrieg in einem Zustand extremer Spaltung. Der imperialistische Krieg brach die formale Einheit der politischen Organisationen, die behaupteten, proletarisch zu sein. Die Krise der Arbeiterbewegung, die bereits vorher existiert hatte, erreichte ihren Höhepunkt durch den Weltkrieg und die diesem gegenüber zu beziehenden Positionen. Alle anarchistischen, gewerkschaftlichen und marxistischen Parteien und Organisationen wurden heftig erschüttert. Die Spaltungen nahmen zu. Es entstanden neue Gruppen. Es fand eine politische Abgrenzung statt. Die revolutionäre Minderheit der 2. Internationalen, verkörpert durch die Bolschewiki, die deutsche Linke um Luxemburg und die niederländischen Tribunisten, die bereits selbst nicht sehr homogen war, stand nicht mehr einem opportunistischen Block gegenüber. Zwischen ihr und den Opportunisten gab es eine ganze Vielfalt von mehr oder weniger verwirrten, mehr oder weniger zentristischen, mehr oder weniger revolutionären politischen Gruppen und Tendenzen. Diese spiegelten eine Umwälzung in den breiten Massen wider, die mit dem Krieg, dem Burgfrieden und dem Verrat der ehemaligen sozialdemokratischen Parteien brachen. Man sah den Prozess der Auflösung der ehemaligen Parteien, deren Zusammenbruch zu einer Vielzahl von Gruppen führte. Diese Gruppen drücken weniger den Prozess der Bildung der neuen Partei aus als den Prozess des Auseinanderbrechens, der Auflösung, des Todes der alten Partei. Diese Gruppen enthielten zwar Elemente für die Bildung der neuen Partei, stellen aber nicht die Grundlage dieser neuen Gründung dar. Diese Strömungen drückten im Wesentlichen die Negation der Vergangenheit und nicht die positive Bekräftigung der Zukunft aus. Die Grundlage der neuen Klassenpartei fand sich nur in der alten Linken, in der kritischen und konstruktiven Arbeit, in den theoretischen Positionen, in den programmatischen Prinzipien, die diese Linke in den 20 Jahren ihrer Existenz und Kampfes als FRAKTION innerhalb der alten Partei entwickelt hatte."[[vi]]
So war das revolutionäre Milieu extrem fragmentiert, bestehend aus Gruppen, die unklar und noch unreif waren. Nur die linken Fraktionen der Zweiten Internationale (die Bolschewiki, die Tribunisten und zum Großteil die Spartakisten, die heterogen oder gar gespalten waren) waren in der Lage, einen Weg vorzugeben und ein solides Fundament für das Fundament der neuen Partei zu legen.
Darüber hinaus fehlte vielen Militanten die politische Erfahrung. Von den 43 Delegierten des Gründungskongresses, deren Alter bekannt ist, waren 5 zwischen 20-30 Jahre, 24 zwischen 30-40 Jahre, nur einer über 50 Jahre alt.[[vii]] Von den 42 Delegierten, deren politische Entwicklung zurückverfolgt werden kann, waren 17 vor der Russischen Revolution von 1905 den sozialdemokratischen Parteien beigetreten, während 8 erst nach 1914 aktiv geworden waren[[viii]].
Trotz ihrer Begeisterung und revolutionären Leidenschaft fehlte vielen von ihnen die notwendige Erfahrung im Umgang mit solchen Situationen.
Wie die FFGC bereits 1946 betonte: "Es ist unbestreitbar, dass eine der historischen Ursachen für den Sieg der Revolution in Russland und ihre Niederlage in Deutschland, Ungarn und Italien in der Existenz der revolutionären Partei im entscheidenden Moment in Russland und ihrer Abwesenheit oder Unvollständigkeit in den anderen Ländern liegt". Die Gründung der Dritten Internationale wurde wegen der verschiedenen Hindernisse, denen das proletarische Lager während der revolutionären Episode ausgesetzt war, lange hinausgeschoben. In dem Bewusstsein, dass das Fehlen der neuen Partei eine irreparable Schwäche für den Sieg der Weltrevolution war, blieb die Avantgarde des Proletariats 1918-1919 einstimmig bei der dringenden Notwendigkeit, die neue Partei zu gründen. Allerdings waren sich nicht alle einig über den Zeitpunkt und vor allem über den zu verfolgenden Ansatz. Während die überwiegende Mehrheit der kommunistischen Organisationen und Gruppen für eine möglichst baldige Gründung war, entschied sich die KPD, insbesondere Rosa Luxemburg und Leo Jogiches, für eine Verschiebung, da die Situation noch nicht reif, das kommunistische Bewusstsein der Massen noch schwach und auch das revolutionäre Milieu noch unklar war[[ix]]. Der KPD-Delegierte für die Konferenz, Genosse Albert, wurde daher beauftragt, diese Position zu verteidigen und nicht für die sofortige Gründung der Kommunistischen Internationale zu stimmen. «Wenn gesagt wird, dass das Proletariat in seinem Kampfe zuerst einmal ein geistiges Zentrum braucht, so kann man sagen, dass ein solches Zentrum schon vorhanden ist, und dass alle Elemente, die sich zusammenfinden auf der Grundlage des Rätesystems, sich damit schon heute von all den anderen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse, die noch zur bürgerlichen Demokratie neigen, losgesagt haben, wir sehen, dass überall die Trennung sich vorbereitet und durchgeführt wird. Aber was eine III. Internationale sein muss, ist nicht allein ein geistiges Zentrum, nicht alleine eine Institution, in der sich die Theoretiker gegenseitig heiße Reden halten, sondern sie muss die Grundlage einer organisierten Macht sein. Wollen wir aus der III. Internationale ein gebrauchsfähiges Werkzeug machen, wollen wir diese Internationale zu einem Kampfmittel gestalten, dann ist es notwendig, dass dazu auch die Vorbedingungen vorhanden sind. Also allein vom geistigen Gesichtspunkte darf diese Frage unseres Erachtens nach nicht erörtert, nicht beurteilt werden, sondern es ist notwendig, dass wir uns sachlich fragen, ob die organisatorischen Grundlagen vorhanden sind. Ich habe dabei immer das Gefühl, als ob die Genossen, die so zur Gründung drängen, sich doch bedeutend beeinflussen lassen vom Werdegang der II. Internationale, dass sie nach dem Zustandekommen der Berner Konferenz ihr ein Konkurrenzunternehmen entgegensetzen wollen. Das scheint uns weniger wichtig, und wenn gesagt wird, dass die Klärung notwendig sei, dass sonst alle zweifelhaften Elemente zur Gelben übergehen könnten, so sage ich, die Gründung der III. Internationale wird die Elemente, die heute noch hinüberlaufen, nicht abhalten, und wenn sie dennoch hinübergehen, dann gehören sie dorthin." [[x]10]
Wie man sieht, warnte der deutsche Delegierte vor der Gefahr der Parteigründung durch Kompromisse bei den Grundsätzen und der organisatorischen und programmatischen Klärung. Obwohl die Bolschewiki die Vorbehalte der KPD-Zentrale sehr ernst genommen haben, besteht kein Zweifel, dass auch sie in diesem Wettlauf mit der Zeit gefangen waren. Von Lenin bis Sinowjew, von Trotzki bis Rakowski betonten sie alle, wie wichtig es war, alle Parteien, Organisationen, Gruppen oder Einzelpersonen, die sich auf den Kommunismus und die Räte beriefen, zum Beitritt zu bewegen. Wie in einer Biographie von Rosa Luxemburg erwähnt, "sah Lenin in der Internationalen ein Mittel, den verschiedenen kommunistischen Parteien zu helfen, sich zu bilden oder zu stärken"[[xi]] in einem Prozess der Abgrenzung im Kampf gegen Zentrismus und Opportunismus. Für die KPD ging es zunächst darum, "solide" kommunistische Parteien mit den Massen hinter sich zu bilden, bevor sie die Gründung der neuen Partei unterstützte.
Die Zusammensetzung des Kongresses war ein Beispiel für die Überstürzung und die Schwierigkeiten, mit denen revolutionäre Organisationen zu dieser Zeit konfrontiert waren. Von den 51 Delegierten, die unter Berücksichtigung von verspäteter Ankunft, vorzeitigen Abreisen und vorübergehender Abwesenheit an den Beratungen teilgenommen haben, waren etwa 40 bolschewistische Militanten aus der russischen Partei, aber auch aus der lettischen, litauischen, weißrussischen, armenischen Partei und der Vereinigten Gruppe der Ostvölker Russlands. Neben der Bolschewistischen Partei hatten nur die deutschen, polnischen, österreichischen und ungarischen kommunistischen Parteien eine eigenständige Existenz.
Die anderen zum Kongress eingeladenen Kräfte bestanden aus einer Vielzahl von Organisationen, Gruppen oder Elementen, die nicht offen "kommunistisch" waren, sondern sich in einem Abgrenzungsprozess innerhalb der Sozialdemokratie und des Syndikalismus befanden. Das Einladungsschreiben an den Kongress rief alle Kräfte, die direkt oder indirekt die Russische Revolution unterstützten und den guten Willen zu haben schienen, auf den Sieg der Weltrevolution hinzuarbeiten, dazu auf: «10) Auf der anderen Seite ist ein Block mit denjenigen Elementen der revolutionären Arbeiterbewegung notwendig, die, obgleich sie früher der sozialistischen Partei nicht angehörten, jetzt im großen und ganzen auf dem Standpunkt der proletarischen Diktatur in der Form der Sowjetmacht stehen. Solche sind an erster Stelle die syndikalistischen Elemente der Arbeiterbewegung.
11. Endlich ist das Heranziehen aller jener proletarischen Gruppen und Organisationen notwendig, die, obgleich sie nicht der linken, revolutionären Strömung sich offen angeschlossen haben, nichtsdestoweniger in ihrer Entwicklung eine Tendenz in dieser Richtung an den Tag legen.“ [xii]
Dieser Ansatz führte zu mehreren Anomalien, die von der mangelnden Repräsentativität eines Teils des Kongresses zeugen. So hatte beispielsweise der Amerikaner Boris Reinstein kein Mandat seiner Partei, der Socialist Labor Party. Der Niederländer S.J. Rutgers vertrat eine Amerikanische Liga der sozialistischen Propaganda. Christian Rakowski[[xiii] sollte die Balkanische Revolutionäre Föderation, bulgarische Tesnjaki und die rumänische KP vertreten. [xiv]14] Folglich war dieser Gründungskongress trotz des Anscheins im Grunde genommen eine genaue Widerspiegelung der mangelnden Bewusstseinsentwicklung innerhalb der Weltarbeiterklasse.
All diese Aspekte zeigen auch, dass ein großer Teil der revolutionären Avantgarde der Quantität Vorrang vor der vorherigen Klärung der Organisationsprinzipien einräumte. Dieser Ansatz wandte sich von dem gesamten Konzept ab, das die Bolschewiki fünfzehn Jahren davor entwickelt hatten. Und darauf hat die FFGC bereits 1946 hingewiesen: "So sehr die "enge" Methode der Auswahl anhand der präzisesten Hauptgrundlagen, ohne die unmittelbaren zahlenmäßigen Erfolge zu berücksichtigen, es den Bolschewiki erlaubte, die Partei aufzubauen, die im entscheidenden Moment in der Lage war, alle revolutionären Energien und Kämpfer der anderen Strömungen in ihre Reihen aufzunehmen und schließlich das Proletariat zum Sieg zu führen, so sehr hat die "breite" Methode, die vor allem darauf abzielte, sofort die größtmögliche Mitgliederzahl auf Kosten der Genauigkeit in Programm- und Prinzipienfragen zu sammeln, nur zur Bildung von Massenparteien geführt, die in Wirklichkeit nur auf tönernen Füßen standen und nach den ersten Niederlagen unter der Herrschaft des Opportunismus zusammenbrachen. Die Gründung der Klassenpartei ist in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern - in denen die Bourgeoisie tausend Möglichkeiten hat, das Bewusstsein des Proletariats zu untergraben - ungleich schwieriger als in Russland".
Geblendet durch ihr Gefühl der Gewissheit des bevorstehenden Sieges des Proletariats, unterschätzte die revolutionäre Avantgarde die objektiven Schwierigkeiten, die vor ihr lagen, erheblich. Diese Euphorie führte sie zu einem Nachgeben gegenüber der "engen" Methode des Organisationsaufbaus, die vor allem von den Bolschewiki in Russland und teilweise von den Spartakisten in Deutschland verteidigt worden war. Dabei spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass einem großen revolutionären Zusammenschluss Vorrang eingeräumt werden sollte, da man somit der "Gelben Internationale" begegnen könnte, die einige Wochen zuvor in Bern auf die Beine gestellt worden war. Diese "breite" Methode ordnete der Klärung der Organisationsprinzipien eine nebensächliche, nachgeordnete Rolle zu. Auch wenn die in die neue Partei aufgenommenen Gruppen Verwirrungen mit sich brächten, würde der Kampf in ihr geführt werden. Vorläufig wurde der Schwerpunkt darauf gelegt, so viele Kräfte wie möglich zusammenzubringen.
Diese "breite" Methode sollte sich als sehr verhängnisvoll erweisen, da sie die Komintern im späteren Organisationskampf schwächte. Tatsächlich sollte die programmatische Klarheit des ersten Kongresses durch den opportunistischen Druck in einem Kontext der Abschwächung und des Niedergangs der revolutionären Welle mit Füßen getreten werden. Innerhalb der Komintern entstanden die linken Fraktionen, die die Unzulänglichkeiten des Bruchs mit der Zweiten Internationale kritisierten. Wie wir später sehen werden, stellten die von diesen Gruppen verteidigten und entwickelten Positionen eine Reaktion auf die Probleme dar, die in der Komintern durch die neue Periode der Dekadenz des Kapitalismus aufgeworfen wurden.
(Wird fortgesetzt).
Narek, 4. März 2019.
[i] Die Berner Konferenz im Februar 1919, die "ein Versuch war, die Leiche der Zweiten Internationale wieder zu beleben" und zu der "das Zentrum" seine Vertreter geschickt hatte.
[ii] Siehe auch unseren Artikel "März 1919: Gründung der Kommunistischen Internationale", International Review Nr. 57, 2. Quartal 1989.
[iii] Internationalisme, "Über den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Italiens", Nr. 7, Januar-Februar 1946.
[iv] Lenin, 21. Januar 1919, /Prawda Nr. 16, 24.1.1919, Werke Band 28, S.442
[v] Kommandant der Volksmarinedivision in Berlin 1918. Nach der Niederlage im Januar flüchtete er nach Braunschweig und Eisenach. Er wurde im Mai 1919 verhaftet und hingerichtet.
[vi] Internationalisme, "Über den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Italiens", Nr. 7, Januar-Februar 1946.
[vii] Founding the Communist International: The Communist International in Lenin's Time. Proceedings and Documents of the First Congress : March 1919, Edited by John Riddell, New York, 1987, Introduction, S. 19
[viii] Ibidem.
[ix] Dies war das Mandat, das sie (in der ersten Januarhälfte) dem KPD-Delegierten für die Konferenz erteilt hatten. Das bedeutet nicht, dass Rosa Luxemburg zum Beispiel grundsätzlich gegen die Gründung einer neuen Internationale war. Ganz im Gegenteil.
[x] Rede des deutschen Delegierten am 4. März 1919, (3. Sitzungstag) in «Erster Kongress der Kommunistischen Internationale», S. 132.
[xi] Gilbert Badia, Rosa Luxemburg. Journalistin, Polemikerin, Revolutionärin, Editions sociales, 1975.
[xii]"Einladungsschreiben zum Kongress", in Op. Cit., Erster Kongress der Internationale.S. 48.
[xiii] Einer der einflussreichsten und für eine sofortige Gründung der Komintern entschlossensten Delegierten.
[xiv]Pierre Broué, Histoire de l'Internationale Communiste (1919-1943), Fayard, 1997, S. 79.
[i] Die Berner Konferenz im Februar 1919, die "ein Versuch war, die Leiche der Zweiten Internationale wieder zu beleben" und zu der "das Zentrum" seine Vertreter geschickt hatte.
[ii] Siehe auch unseren Artikel "März 1919: Gründung der Kommunistischen Internationale", International Review Nr. 57, 2. Quartal 1989.
[iii] Internationalisme, "Über den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Italiens", Nr. 7, Januar-Februar 1946.
[iv] Lenin, 21. Januar 1919, /Prawda Nr. 16, 24.1.1919, Werke Band 28, S.442
[v] Kommandant der Volksmarinedivision in Berlin 1918. Nach der Niederlage im Januar flüchtete er nach Braunschweig und Eisenach. Er wurde im Mai 1919 verhaftet und hingerichtet.
[vi] Internationalisme, "Über den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Italiens", Nr. 7, Januar-Februar 1946.
[vii] Founding the Communist International: The Communist International in Lenin's Time. Proceedings and Documents of the First Congress : March 1919, Edited by John Riddell, New York, 1987, Introduction, S. 19
[viii] Ibidem.
[ix] Dies war das Mandat, das sie (in der ersten Januarhälfte) dem KPD-Delegierten für die Konferenz erteilt hatten. Das bedeutet nicht, dass Rosa Luxemburg zum Beispiel grundsätzlich gegen die Gründung einer neuen Internationale war. Ganz im Gegenteil.
[x] Rede des deutschen Delegierten am 4. März 1919, (3. Sitzungstag) in «Erster Kongress der Kommunistischen Internationale», S. 132.
[xi] Gilbert Badia, Rosa Luxemburg. Journalistin, Polemikerin, Revolutionärin, Editions sociales, 1975.
[xii]"Einladungsschreiben zum Kongress", in Op. Cit., Erster Kongress der Internationale.S. 48.
[xiii] Einer der einflussreichsten und für eine sofortige Gründung der Komintern entschlossensten Delegierten.
[xiv]Pierre Broué, Histoire de l'Internationale Communiste (1919-1943), Fayard, 1997, S. 79.
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Seit den letzten Monaten demonstrieren junge Menschen in mehr als 270 Städten auf der ganzen Welt gegen die Verschlechterung des Klimas und der Umwelt auf dem Planeten.
Junge Menschen gehen auf die Straße, um ihre berechtigte Sorge um die Zukunft des Planeten und der menschlichen Spezies selbst zum Ausdruck zu bringen. Die Zukunft des Planeten und der Menschheit wird zunehmend durch die Auswirkungen eines Produktionssystems bedroht, das die natürliche Umwelt zerstört (während es das Leben von Millionen Menschen durch Ausbeutung, Krieg und das daraus resultierende Elend vernichtet). Diese Veränderungen der klimatischen, atmosphärischen und reproduktiven Bedingungen des Planeten bringen immer mehr katastrophale Folgen mit sich.
Gleichzeitig bringen die Jugendlichen ihre Empörung über den Zynismus und die Heuchelei der Herrschenden zum Ausdruck, die uns volllabern mit Erklärungen, die „ihre Sorge„ um das „Umweltproblem“ zum Ausdruck bringen. All die unzähligen Foren (Kyoto, Paris usw.), die „Maßnahmen“ ergreifen und Abkommen beschließen, sind ebenso spektakulär wie unwirksam. Und doch tun sie gleichzeitig im Dienste ihrer imperialistischen und wirtschaftlichen Pläne nichts anderes, als die Zerstörung des Planeten weiter zu verschlimmern.
Wir teilen voll und ganz die Besorgnis und Empörung dieser Tausenden von Jugendlichen, aber wir müssen uns fragen, ob diese Bewegung in ihren Zielen, Ansätzen und Methoden einen echten Kampf zur Lösung des Problems bedeutet, oder ob sie eine Falle darstellt, die nur zu Entmutigung und Bitterkeit führt, wenn man einsehen muss, dass man ausgenutzt und getäuscht wird.
Die Geschichte der letzten 100 Jahre ist voll von dieser Art von widerwärtiger Täuschung, die von Regierungen und Parteien begangen wird, welche dem Kapitalismus treu ergeben sind. In den 1930er und 1980er Jahren wurden große Demonstrationen „für den Frieden“ von Regierungen und „demokratischen“ Parteien organisiert, aber die Erfahrung zeigte, dass sie eine schreckliche Manipulation waren, denn mit diesen „pazifistischen“ Mobilisierungen bereiteten sie sich auf den Krieg vor: den Zweiten Weltkrieg mit seinen 60 Millionen Toten oder die unzähligen lokalen Kriege, die heute noch viele Orte des Planeten mit Tod, Ruin und Leid übersäen.
Die gegenwärtigen Demonstrationen haben als Achse „die Aufforderung an die Behörden, etwas zu tun“, sie unter Druck zu setzen, ja sogar ihre Computer mit Mails, Spams usw. zu füllen, um ihnen so angeblich Kopfschmerzen zu bereiten.
Es sind jedoch dieselben Kräfte, die zur Verteidigung der kapitalistischen Interessen des maximalen Profits und der Besetzung strategischer Positionen auf dem Weltmarkt Maßnahmen ergreifen, die die Verschlechterung des Klimas und der Umwelt nur verschlimmern. Ein solcher Ansatz, Regierungen zu „bedrängen“, sich zu „bewegen“, ist wie einen Hacker zu bitten, sich um die Computersicherheit oder den Fuchs sich um die Hühner zu kümmern.
Die Regierungen der Staaten stehen weder „im Dienste der Bürger“ noch wollen sie „auf ihre Forderungen hören“. Der Staat ist nicht das Organ des „Volkes“, sondern er dient ausschließlich als Werkzeug dazu, die Interessen jedes nationalen Kapitals und die Minderheit zu verteidigen, die uns ausbeutet und für die Umweltverschmutzung verantwortlich ist.
Die Initiatoren der Bewegung verurteilen, dass „seit 40 Jahren politische Parteien aller Couleur den Krieg gegen den Klimawandel verlieren“. Diese Parteien machen nur leere Versprechen, führen uns hinters Licht, während sie in Wirklichkeit ökonomische, militärische oder kriegerische Entscheidungen treffen, die zur Zerstörung des Planeten beitragen. Ein 18-jähriger Gymnasiast in Genf verurteilte diese Farce: „Es herrscht großes Misstrauen gegenüber der institutionellen Politik, aber auch gegenüber Umweltorganisationen wie Greenpeace, die als zu moderat und institutionalisiert wahrgenommen werden“.
Im Mittelpunkt der Demonstrationen steht das Erreichen von „Gesprächen“ mit Ministern, Parlamentariern, Interessengruppen und Umweltaktivisten. Dies dient nur dazu, den Ruf des demokratischen Staates wiederherzustellen und sich im Labyrinth von Recht und Regierungspolitik zu verlieren. Versuche des „Dialogs“ mit politischen Repräsentanten führen nur zu großspurigen Versprechungen, die nichts lösen.
Einer der Slogans der Demonstrationen lautet: „Rettet das Klima, verändert das System“. Das soll heißen, „ändert etwas in der Praxis“. Tatsächlich bedeutet dies, sich zu verzetteln in einer Reihe von lokalen oder regionalen Maßnahmen, die absolut nichts lösen und nur Erschöpfung und Enttäuschung verursachen.
So wurden beispielsweise in verschiedenen Schulen „Klimaausschüsse“ gebildet, um „Klimaprojekte“ in jeder Schule zu entwickeln. Unter dem Motto „Change the world, start by yourself“ ist das vorgeschlagene Ziel, den eigenen „ökologischen Fußabdruck“ zu reduzieren.
Diese Art der Orientierung ist besonders pervers, da sie nichts anderes bedeutet, als dass wir für die Klimakatastrophe verantwortlich seien. Dadurch wird aber ein historisches und globales Problem, das durch den Kapitalismus verursacht wurde, in ein Problem sozusagen „in uns selbst“ verwandelt, welches durch den Einzelnen verursacht wurde. Die Reduzierung unseres „ökologischen Fußabdrucks“ würde darin bestehen, beim Waschen oder Spülen weniger Wasser zu verbrauchen, nur einmal pro Woche zu duschen, die Toilettenspülung nur selten zu bedienen usw.
Dieser Ansatz, den „Einzelnen verantwortlich zu machen“ ist, besonders gefährlich. Erstens, weil er dazu dient, das Kapital und die Staaten und Regierungen, die ihnen dienen, von jeglicher Verantwortung freizusprechen.
Zweitens, weil sie jene Tausende von Jugendlichen, die heute Schüler oder Studenten sind, aber morgen Lohnabhängige oder Arbeitslose sein werden, zu „Bürgern“ macht, die gegenüber ihren Herrschern zu Bittstellern zu werden. Dies führt zu einem falschen Bild der Gesellschaft, in der wir leben: Sie wird nicht von „freien und gleichberechtigten Bürgern“ gebildet, sondern von sozialen Schichten, die sich mit entgegengesetzten Interessen gegenübertreten. In der Gesellschaft regiert eine Minderheit, das Kapital, das fast alles besitzt und immer sich immer mehr bereichert, und einer immensen Mehrheit, dem Proletariat, das nichts besitzt und immer mehr von Verarmung bedroht ist.
Und drittens, und das ist das Schlimmste: Der individualistische Ansatz von „Lasst uns etwas für das Klima tun“ führt zu Spaltung und Konfrontation innerhalb der Arbeiterklasse selbst. Wenn im Namen des „Klimakampfes“ Autofabriken oder andere industrielle oder logistische Niederlassungen geschlossen werden, werden die Behörden mit dem Finger auf Arbeiter zeigen, die sich gegen Entlassungen wehren, indem sie sie als Komplizen der Klimaverschlechterung anprangern.
Mit diesem Ansatz, der aber alles auf den Kopf stellt („Reden wir nicht mehr über den Klimawandel, schützen wir die Arbeitsplätze“), ging der populistische Demagoge Trump auf Stimmenfang in den Industriestaaten des mittleren Westens der USA (dem Rustbelt) und ermöglichte ihm so, bei den Wahlen als Sieger hervorzugehen.
Es ist ein Dilemma, mit dem sie uns täuschen wollen: Die Arbeitsplätze, die Beschäftigung auf Kosten des Klimas zu erhalten oder die Lebensbedingungen und den Arbeitsplatz selbst zu verlieren, um „den Planeten zu retten“? Es ist eine schmutzige Falle, mit der Kapitalismus seine egoistischen Interessen zu schützen versucht, wobei all das verpackt wird in der Hülle der „Rettung des Planeten“.
Die Probleme der Zerstörung der Natur, der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, der Zerstörung und der globalen Erwärmung können nur auf globaler Ebene gelöst werden. Die Herrschenden können und wollen dies nicht tun, denn im Kapitalismus ist der Nationalstaat die maximale Form der Einheit, die dieser erreichen kann. Infolgedessen prallen Nationen wie Geier aufeinander, so „grün“ ihre Regierungen auch sein mögen, trotz der Existenz internationaler Konferenzen und supranationaler Organisationen wie der UNO oder der Europäischen Union.
Diese internationalen Organisationen wie die UNO haben nicht zur Aufgabe, die Probleme der Weltbevölkerung zu „lösen“. Es gibt keine „internationale Weltgemeinschaft der Nationen“. Im Gegenteil, auf der ganzen Welt gibt es brutale imperialistische Zusammenstöße zwischen allen Staaten und einen tödlichen Konkurrenzkampf ums Überleben. Die UNO und die verschiedenen internationalen Organisationen der „Zusammenarbeit“ sind nur Räuberbanden, die vom jeweiligen nationalen Kapital benutzt werden, um die eigenen Interessen durchzusetzen.
Die einzige Klasse, die einen wirklichen Internationalismus durchsetzen kann, ist die Arbeiterklasse.
Welche sozialen Kräfte können einen so grundlegenden Wandel bewirken? Im Gegensatz zur herrschenden Klasse ist die Arbeiterklasse in der Lage, sich auf internationaler Ebene zu vereinen, Spaltungen und Gegensätze zwischen Nationalstaaten zu überwinden und sie hat keine Privilegien in der heutigen ausbeuterischen Gesellschaft zu verteidigen. Nur im Rahmen eines revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse können Umweltprobleme angegangen werden.
Die Arbeiterklasse hat kein Interesse daran, dieses dekadente System zu verteidigen. Zudem kann sie aufgrund der assoziierten Art und Weise, wie sie im Kapitalismus organisiert ist, die Saat für eine andere Gesellschaft aussäen, einer Gesellschaft, die keine Trennung zwischen den Völkern, zwischen der Natur und den daraus hergestellten Produkten, zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umgebung erzwingt. Wenn sich die Arbeiterklasse als autonome Klasse in Bewegung setzt, indem sie einen massiven Kampf auf ihrer eigenen Klassengrundlage entwickelt, zieht sie einen immer größeren Teil der Gesellschaft in ihren Bann, hinter ihren eigenen Kampfmethoden und den Slogans, die die Vereinigung aufzeigen. Dadurch wird das eigene revolutionäre Projekt der Umwälzung der Gesellschaft möglich.
Die Bewegung gegen die globale Erwärmung entwickelt sich in einem Kontext der fast völligen Abwesenheit von Kämpfen der Arbeiterklasse, die auch einen Verlust an Selbstvertrauen und sogar ihrer eigenen Klassenidentität erleidet. Infolgedessen ist die Arbeiterklasse noch nicht in der Lage, Antworten auf die Fragen zu geben, die sich einige der Teilnehmer der Klimabewegung stellen, nämlich die nach einer Perspektive für die Zukunft angesichts einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf dem Weg in den Abgrund ist.
Was können wir tun? Es geht nicht darum, gar nichts zu tun; es geht darum, den Vorwand, etwas zu „tun“, abzulehnen, um damit die Parteien und Regierungen zu unterstützen, die dem Kapitalismus dienen.
Empörung und Sorge um die Zukunft des Planeten werden einen historischen Rahmen finden, wenn sich die Arbeiterkämpfe weltweit entwickeln als Abwehrreaktion auf die Angriffe gegen unsere Lebensbedingungen, die Entlassungen usw., denn es gibt eine Einheit zwischen dem Kampf gegen die Auswirkungen der kapitalistischen Ausbeutung und dem Kampf für deren Überwindung.
Die Jugendlichen, die an der Bewegung teilnehmen, müssen verstehen, dass sie keine „zukünftigen Bürger“, sondern die meisten von ihnen zukünftige prekär Beschäftigte, zukünftige Arbeitslose, zukünftige Ausgebeutete, die ihren Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung mit dem Kampf gegen Krieg, Umweltkatastrophen, moralische Barbarei usw. verbinden müssen, den dieses Ausbeutungssystem überall entstehen lässt.
Genau das hat die Bewegung gegen den ‚Ersten Arbeitsvertrag‘ in Frankreich im Jahr 2006 oder die Bewegung der Indignados in Spanien und anderen Ländern im Jahr 2011 in den Mittelpunkt gestellt, wenn auch sehr zaghaft. Es waren Bewegungen junger Menschen, die ahnten, dass ihre Zukunft nicht die der „freien und gleichberechtigten Bürger“ ist, sondern die der ausgebeuteten Menschen, die gegen die Ausbeutung kämpfen mussten, um sie endlich abzuschaffen.
Im Kapitalismus gibt es keine Lösung: weder für die Zerstörung des Planeten, noch für Kriege, noch für Arbeitslosigkeit, noch für Unsicherheit. Nur der Kampf des Weltproletariats zusammen mit all den Unterdrückten und Ausgebeuteten der Welt kann den Boden für eine Alternative bereiten.
Siehe unsere Webseite: https://internationalism.org [956]
ÖKOLOGIE: DER KAPITALISMUS VERGIFTET DIE ERDE [957]
Folgende zwei Artikel sind auch als Sonderbroschüre bei untenstehenden Adressen bestellbar:
DIE WELT AM RANDE EINER UMWELTKATASTROPHE /I [958]
DIE WELT AM RANDE EINER UMWELTKATASTROPHE (II) – WER IST VERANTWORTLICH? [959]
Schreibt uns an:
[email protected] [110]
[email protected] [960]
Internationale Revue Postfach 2124, CH-8021 Zürich
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Öffentliche Diskussionsveranstaltung der Internationalen Kommunistischen Strömung
100 Jahre seit der Gründung der Kommunistischen Internationale
Donnerstag 11. April 19.00, Volkshaus Zürich, Stauffacherstr. 6
Die Gründung der Kommunistischen Internationale 1919 weckt unangenehme Erinnerungen für die gesamte kapitalistische Klasse. Insbesondere erinnert es sie an ihren Schrecken am Ende des Ersten Weltkriegs, angesichts der ausgebrochenen internationalen revolutionären Welle: die proletarische Revolution in Russland im Oktober 1917; Meutereien in den Schützengräben; die Abdankung Kaiser Wilhelms und die eilige Unterzeichnung eines Waffenstillstands angesichts von Meutereien und dem Aufstand der arbeitenden Massen in Deutschland; dann der Aufstand der deutschen Arbeiter; die Räterepubliken in Bayern und Ungarn; der Beginn von Streiks unter den arbeitenden Massen in Großbritannien und Italien; Meutereien in der Flotte und Armee in Frankreich sowie unter einigen britischen Militäreinheiten, die sich solidarisch weigern, gegen die Revolution in Sowjetrussland vorzugehen.
Die Kommunistische Internationale wurde gegründet um diesem massiven Aufschwung des Klassenkampfes eine klare politische Orientierung zu geben und den Weg für die weltweite Machteroberung durch die Arbeiterklasse zu weisen. An diesem Punkt der Geschichte war die Kommunistische Internationale eine ganz andere Organisation als die, die sie später mit der Isolation, Degeneration und Niederlage der Revolution in Russland wurde - eine einfache Agentur für die Außenpolitik eines russischen kapitalistischen Staates bei seiner Integration in das globale imperialistische System. Daher gilt es heute zu erkennen, dass die Geschichte der Kommunistischen Internationale ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Arbeiterklasse ist.
Internationale Kommunistische Strömung IKS
www.internationalism.org
Ohne die Ereignisse vom Mai 1968 würde die IKS nicht existieren. Marc Chirik hatte bereits geholfen, eine Gruppe in Venezuela, Internacionalismo, zu bilden, die ab 1964 alle Grundpositionen verteidigt hatte, die ein Jahrzehnt später die IKS einnahm. Aber Marc war sich von Anfang an bewusst, dass nur die Wiederbelebung des Klassenkampfes in den Zentren des Weltkapitalismus entscheidend für die Einleitung einer Veränderung im Kurs der Geschichte werden konnte. Es war dieses Verständnis, das ihn dazu veranlasste, nach Frankreich zurückzukehren und eine aktive Rolle in der Bewegung vom Mai bis Juni 1968 zu spielen, und dazu gehörte auch die Suche nach Kontakten mit der politisierten Avantgarde. Zwei junge Mitglieder der venezolanischen Gruppe waren bereits nach Frankreich gezogen, um an der Universität Toulouse zu studieren, und neben diesen Genossen und einer Handvoll anderer wurde Marc im Oktober 1968 Gründungsmitglied von Révolution Internationale (RI) - der Gruppe, die sieben Jahre später eine zentrale Rolle bei der Gründung der IKS spielte.
Seitdem hat sich die IKS nie von ihrer Überzeugung von der historischen Bedeutung des 68 abbringen lassen, und wir sind immer wieder auf dieses Thema zurückgekommen. Alle etwa zehn Jahre haben wir rückblickende Artikel in unserem theoretischen Organ, der Internationalen Revue, sowie weiter führenden Stoff in unserer territorialen Presse veröffentlicht. Wir haben öffentliche Diskussionsveranstaltungen anlässlich des 40- und 50-jährigen Jubiläums abgehalten und uns an Veranstaltungen beteiligt, die von anderen organisiert wurden[1]. In diesem Artikel beginnen wir mit einem Rückblick auf einen dieser Artikel, der zu einem Jubiläum geschrieben wurde, das heute einen eindeutigen Symbolwert hat: 1988.
Im ersten Teil dieser neuen Serie[2] kamen wir zum Schluss, dass die erste Einschätzung von RI - „Den Mai verstehen“, geschrieben 1969, wonach der Mai 68 die erste große Reaktion der Weltarbeiterklasse auf die erneute Auftauchen der historischen Wirtschaftskrise des Kapitalismus darstellte – vollständig berechtigt war: Trotz der oft erstaunlichen Fähigkeit des Kapitals, sich an seine sich verschärfenden Widersprüche anzupassen, ist die Krise, die Ende der 60er Jahre erst anhand ihrer ersten Symptome erkannt werden konnte, immer deutlicher und in jeder Hinsicht zu einem Dauerzustand geworden.
Aber was ist mit unserem Beharren darauf, dass der Mai 68 das Ende der vorangegangenen Jahrzehnte der Konterrevolution und die Eröffnung einer neuen Periode signalisierte, in der sich eine unbesiegte Arbeiterklasse in Richtung massiver und entschlossener Kämpfe bewegen würde; und dass wiederum das Ergebnis dieser Kämpfe das historische Dilemma der unlösbaren Wirtschaftskrise lösen würde: Weltkrieg, im Falle einer neuen Niederlage für die Arbeiterklasse, oder Weltrevolution und der Aufbau einer neuen, kommunistischen Gesellschaft?
Der Artikel von 1988, „20 Jahre nach Mai 1968 – Der internationale Klassenkampf: Die Reifung der Bedingungen der proletarischen Revolution“[3] begann mit einer Replik auf die dominante Skepsis der damaligen Zeit - die in den bürgerlichen Medien und in einer ganzen Strömung unter den Intellektuellen verbreitete Vorstellung, dass der Mai 68 bestenfalls ein schöner utopischer Traum gewesen sei, den die harte Realität habe verblassen und sterben lassen. An anderer Stelle in unserer Presse, etwa zur gleichen Zeit[4], hatten wir auch die Skepsis kritisiert, die große Teile des revolutionären Milieus betraf, und zwar seit den Ereignissen von 68 selbst – eine Tendenz, die vor allem durch die Weigerung der Haupterben der Tradition der Italienischen Kommunistischen Linken zum Ausdruck kam, im Mai 68 mehr zu sehen als eine Welle kleinbürgerlicher Agitation, die nichts getan habe, um das Bleigewicht der Konterrevolution zu beseitigen.
Sowohl der bordigistische als auch der damenistische Flügel[5] dieser Tradition der italienischen kommunistischen Linken nach dem Zweiten Weltkrieg reagierten auf diese Weise. Beide neigen dazu, die Partei als etwas außerhalb der Geschichte zu betrachten, da sie der Ansicht sind, dass es möglich ist, sie unabhängig vom Kräfteverhältnis zwischen den Klassen zu erhalten. Sie neigen daher dazu, den Kampf der Arbeiter als im Wesentlichen kreisförmig zu betrachten, da er nur durch das Eingreifen der Partei in einem revolutionären Sinne transformiert werden kann, was die Frage aufwirft, woher die Partei selbst kommt. Insbesondere die Bordigisten boten 68 eine Karikatur dieses Ansatzes, als sie Flugblätter herausgaben, in denen sie darauf bestanden, dass die Bewegung nur dann irgendetwas erreichen würde, wenn sie sich hinter die Banner der Partei (d.h. ihrer eigenen kleinen politischen Gruppe) stellte. Unsere Strömung hat immer dagegen gehalten, dass es sich um einen im Wesentlichen idealistischen Ansatz handle, der die Partei von ihren materiellen Wurzeln im Klassenkampf trenne. Wir waren fähig, die wirklichen Errungenschaften der italienischen kommunistischen Linken in ihrer theoretisch fruchtbarsten Zeit fortzusetzen – der Zeit der Fraktion in den 1930er und 40er Jahren, als sie erkannte, dass ihre eigene Schrumpfung gegenüber der vorangegangenen Phase der Partei ein Produkt der Niederlage der Arbeiterklasse war und dass nur eine Wiederbelebung des Klassenkampfes die Bedingungen für die Umwandlung der bestehenden kommunistischen Fraktionen in eine echte Klassenpartei schaffen konnte.
Diese Bedingungen entwickelten sich in der Tat nach 1968, nicht nur auf der Ebene der politisierten Minderheiten, die nach den 68er Ereignissen und den anschließenden Kämpfen der Arbeiterklasse eine wichtige Wachstumsphase durchliefen, sondern auch auf einer allgemeineren Ebene. Der Klassenkampf, der im Mai 68 ausbrach, war kein Strohfeuer, sondern der Startschuss für eine starke Dynamik, die weltweit schnell in den Vordergrund trat.
In Übereinstimmung mit der marxistischen Sichtweise, die seit langem den wellenartigen Prozess der Klassenbewegung festgestellt hat, analysiert der Artikel drei verschiedene internationale Kampfwellen in den zwei Jahrzehnten nach 68: Die erste, zweifellos die spektakulärste, umfasste den italienischen Heißen Herbst von 69, die gewalttätigen Aufstände in Cordoba, Argentinien, 69 und in Polen 1970 sowie wichtige Bewegungen in Spanien und Großbritannien 1972. Insbesondere in Spanien begannen die Arbeiter, sich durch Massenversammlungen zu organisieren, welcher Prozess 1976 in Vitoria seinen Höhepunkt erreichte. Die internationale Dimension der Welle zeigte sich in ihren Echos in Israel (1969) und Ägypten (1972) und später in den Aufständen in den Townships Südafrikas, die von Kampfkommissionen (den Civics) angeführt wurden.
Nach einer kurzen Pause Mitte der 70er Jahre gab es eine zweite Welle, die die Streiks der iranischen Ölarbeiter und der Stahlarbeiter Frankreichs 1978, den „Winter der Unzufriedenheit“ in Großbritannien, den Rotterdamer Hafenstreik unter der Leitung eines unabhängigen Streikkomitees und die Stahlarbeiterstreiks in Brasilien 1979 umfasste, die auch die Kontrolle der Gewerkschaften herausforderten. Diese globale Bewegung gipfelte im Massenstreik in Polen im Jahr 1980, der aufgrund seines Ausmaßes an Selbstorganisation und Einheit als wichtigste Einzelaktion im Weltklassenkampf seit 1968 und sogar seit den 1920er Jahren herausragt. Und obwohl die schwere Unterdrückung der polnischen Arbeiter diese Welle zum Stillstand brachte, dauerte es nicht lange, bis ein neuer Aufschwung einsetzte, der sich in den Kämpfen in Belgien 1983 und 1986, dem Generalstreik in Dänemark 1985, dem Bergarbeiterstreik in Großbritannien 1984-5, den Kämpfen der Eisenbahnarbeiter und dann der Gesundheitsbediensteten in Frankreich 1986 und 1988 und die Bewegung der Bildungsarbeiter in Italien 1987 ausdrückte. Vor allem die Kämpfe in Frankreich und Italien - wie schon zuvor der Massenstreik in Polen - zeigten eine echte Selbstorganisationsfähigkeit durch Generalversammlungen und Streikkomitees.
Dies war nicht einfach eine Liste von Streiks. Der Artikel hob auch die Tatsache hervor, dass diese wellenartige Bewegung sich nicht im Kreis drehte, sondern echte Fortschritte im Klassenbewusstsein hervorbrachte:
„Der einfache Vergleich der Kennzeichen der Kämpfe vor 20 Jahren mit denen von heute legt das Ausmaß der Entwicklung offen, das langsam in der Arbeiterklasse stattgefunden hat. Neben der katastrophalen Entwicklung des kapitalistischen Systems hat es ihre eigene Erfahrung ermöglicht, ein viel tiefer greifendes Verständnis der Wirklichkeit ihrer Kämpfe zu entfalten. Dies kam insbesondere zum Ausdruck durch:
- einen Verlust der Illusion über die politischen Kräfte der Linke des Kapitals und an erster Stelle über die Gewerkschaften, gegenüber denen die Illusionen gewichen sind und ein Misstrauen entstanden ist, das immer mehr durch die offene Feindschaft ihnen gegenüber abgelöst wird;
- die immer deutlichere Aufgabe von wirkungslosen Kampfformen, in die die Gewerkschaften die Kampfbereitschaft der Arbeiter so oft haben verstricken wollen, wie z.B. Aktionstage, Demonstrationsspaziergänge, lange und isolierte Streiks ...
Aber die Erfahrung dieser 20 Jahre Kämpfe hat nicht nur „negative“ Lehren (d.h. was man nicht tun soll) für die Arbeiterklasse zutage gebracht. Sie hat auch aufgezeigt, wie man
- die Kämpfe ausdehnen kann (insbesondere Belgien 1986 war sehr aufschlussreich),
- wie man die Kämpfe unter eigener Kontrolle halten kann, indem man Vollversammlungen einberuft und Streikkomitees wählt, die jeweils vor der Vollversammlung verantwortlich und abwählbar sind (Frankreich Ende 86, Italien 1987).“
Gleichzeitig vernachlässigte der Artikel nicht die Reaktionen der Bourgeoisie auf den drohenden Klassenkampf: Obwohl sie vom Ausbruch der Bewegung im Mai 68 überrascht war und auf grobe Formen der Repression zurückgriff, was als Katalysator für die Ausweitung des Kampfes wirkte, lernte sie in der Folge viel dazu oder griff auf alte Lehren darüber zurück, wie man den Widerstand des Klassenfeindes überwältigen kann. Sie verzichtete natürlich nicht auf den Einsatz der Repression, fand aber subtilere Mittel, um ihren Einsatz zu präsentieren und zu rechtfertigen, wie mit dem Schreckgespenst des Terrorismus; unterdessen entwickelte sie ihr Arsenal demokratischer Mystifikationen, um Kämpfe – insbesondere in Ländern, die noch von offenen Diktaturen beherrscht wurden – auf bürgerliche politische Ziele und Bahnen zu lenken. Auf der Ebene der Kämpfe selbst antwortete sie auf die wachsende Ernüchterung der Arbeiter*innen über die offiziellen Gewerkschaften und auf die Gefahr der Selbstorganisation, indem sie radikalere Formen des Gewerkschaftswesens entwickelte, die sogar „außergewerkschaftliche“ Formen umfassen sollten (zum Beispiel die von den Linksextremen in Frankreich aufgestellten „Koordinationen“).
Der Artikel begann mit der Einsicht, dass Vieles von dem optimistischen Gerede über die Revolution im Jahr 1968 tatsächlich utopisch war. Zum Teil deshalb, weil die ganze Diskussion über die Möglichkeit einer Revolution durch die linken Vorstellungen verzerrt wurde, wonach es sich bei dem, was in Vietnam oder Kuba geschah, um sozialistische Revolutionen handle, die von der Arbeiterklasse in den zentralen Ländern aktiv unterstützt werden müssten; zum Teil aber auch deshalb, weil die objektiven Bedingungen 1968 vor allem bei der Wirtschaftskrise – selbst wenn es Kräfte gab, die die Revolution als etwas verstanden, das wirklich die Transformation der gesamten gesellschaftlichen Beziehungen beinhaltete – gerade erst begannen, die materielle Grundlage für eine revolutionäre Herausforderung des Kapitals zu schaffen. Seitdem waren die Dinge schwieriger, aber tiefgründiger geworden:
„Man verwendet 1988 vielleicht weniger leicht den Begriff der Revolution als 1968. Aber wenn heute dieser Ruf durch eine Demonstration geht, die das bürgerliche Wesen der Gewerkschaften entlarvt, wie das bei Demonstrationen in Rom oder von Arbeitslosen in Bilbao der Fall war, hat dies eine ganz andere und tiefer greifende Bedeutung als in den euphorischen Vollversammlungen von 1968, die noch voller falscher Illusionen steckten.
1968 hatte erneut das Ziel der Revolution auf die Tagesordnung gestellt. Während der letzten 20 Jahre sind die Bedingungen ihrer Verwirklichung weiter herangereift. Das Versinken des Kapitalismus in seiner eigenen Sackgasse, die immer unerträglichere Situation, die daraus für die Gesamtheit der ausgebeuteten Klassen entsteht, die Erfahrung der Arbeiterkämpfe, all dies führt zu einer Lage, von der Marx sagte, dass es ‚kein Zurück mehr gibt‘.“
In dieser Analyse gibt es vieles, woran wir auch heute noch festhalten können. Und doch können wir nicht umhin, uns von den Stellen im Artikel beeindrucken zu lassen, welche die Einschätzung über die dritte Welle von Kämpfen zusammenfasst:
„(...) schließlich die Mobilisierungen der Arbeiter im Ruhrgebiet im Dez. 87 und die Streikwellen in GB 1988. All dies beweist, dass diese 3. Welle von internationalen Arbeiterkämpfen, die nunmehr schon 4 Jahre dauert, bei weitem nicht beendet ist (...)“.
Tatsächlich sollte die dritte Welle, und zwar die gesamte Zeit der Kämpfe seit 1968, mit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989-91 und der damit verbundenen Flut von Kampagnen über den Tod des Kommunismus plötzlich zum Stillstand kommen. Diese historische Veränderung der Weltlage markierte den endgültigen Beginn einer neuen Phase des Niedergangs des Kapitalismus - der Phase des Zerfalls.
Die IKS hatte die Symptome des Zerfalls bereits früher in den 80er Jahren festgestellt, und eine Diskussion über ihre Auswirkungen auf den Klassenkampf wurde in der Organisation bereits geführt. Der Artikel über den Mai 68 in Internationale Revue 10 sowie der Leitartikel in der entsprechenden englischen/französischen/spanischen Ausgabe (Nr. 53) belegen jedoch, dass seine tiefere Bedeutung nicht verstanden wurde. Der Artikel über 68 hat einen Untertitel: „20 Jahre kapitalistischer Zerfall“, ohne den Begriff zu erklären, während der Leitartikel ihn nur auf seine Erscheinungsformen auf der Ebene imperialistischer Konflikte anwendet – das Phänomen, das damals als „Libanonisierung“ bezeichnet wurde, die Tendenz, dass ganze Nationalstaaten unter dem Gewicht zunehmend irrationaler imperialistischer Rivalitäten zerfallen. Es ist wahrscheinlich, dass diese Ungenauigkeiten reale Divergenzen widerspiegelten, die sich auf dem 8. Kongress der IKS gegen Ende 1988 gezeigt hatten.
Die vorherrschende Stimmung auf diesem Kongress war ein übertriebener Optimismus und sogar eine Art Euphorie. Zum Teil spiegelte dies die verständliche Begeisterung auf dem Kongress wider, die die Integration zweier neuer Sektionen der IKS in Mexiko und Indien hervorrief. Aber die Euphorie äußerte sich vor allem in bestimmten Analysen des Klassenkampfes, die vorgelegt wurden: die Vorstellung, dass sich neue bürgerliche Mystifikationen innerhalb weniger Monate abnutzen; übertriebene Hoffnungen auf die Kämpfe, die damals in Russland stattfanden; die Idee einer dritten Welle, die ständig vorwärts rollen und anwachsen würde; und vor allem eine Weigerung zu akzeptieren, dass der Klassenkampf angesichts des zunehmenden sozialen Zerfalls „auf der Stelle trat“ oder stagnierte (was angesichts der Ernsthaftigkeit der damit verbundenen Herausforderungen nur eine Tendenz zum Rückzug oder Rückschritt bedeuten konnte). Dieser Standpunkt wurde von Marc Chirik und einer Minderheit von Genoss*innen auf dem Kongress vertreten. Er basierte auf einem klaren Bewusstsein, dass die Entwicklung des Zerfalls eine Art historisches Patt zwischen den Klassen ausdrückte. Die Bourgeoisie hatte der Arbeiterklasse keine entscheidende historische Niederlage bereitet und war nicht in der Lage, sie für einen neuen Weltkrieg zu mobilisieren; aber die Arbeiterklasse war trotz 20 Jahren des Kampfes, die die Tendenz zum Krieg gebremst und die in der Tat wichtige Entwicklungen im Klassenbewusstsein gebracht hatten, nicht in der Lage, die Perspektive hin zur Revolution zu entwickeln, ihre eigene politische Alternative zur Krise des Systems zu finden. Der Kapitalismus, der keinen Ausweg nach vorne hatte, sondern immer noch in einer sehr langwierigen Wirtschaftskrise steckte, begann auf der Stelle zu verrotten, und diese Verwesung beeinflusste die kapitalistische Gesellschaft auf allen Ebenen[6].
Diese Diagnose wurde durch den Zusammenbruch des Ostblocks eindrücklich bestätigt. Auf der einen Seite war dieses bedeutsame Ereignis ein Produkt des Zerfalls. Es verdeutlichte die tiefe Sackgasse der stalinistischen Bourgeoisie, die in einem wirtschaftlichen Sumpf steckenblieb und offensichtlich nicht in der Lage war, ihre Arbeiter für eine militärische Lösung des Bankrotts ihrer Wirtschaft zu mobilisieren (die Kämpfe in Polen 1980 hatten dies der stalinistischen herrschenden Klasse eindeutig gezeigt). Gleichzeitig offenbarte es die schweren politischen Schwächen dieses Teils der Weltarbeiterklasse. Das Proletariat des russischen Blocks hatte zwar seine Fähigkeit bewiesen, auf dem Terrain der wirtschaftlichen Verteidigung zu kämpfen, aber angesichts eines enormen historischen Ereignisses, das sich weitgehend auf politischer Ebene äußerte, war es völlig außerstande, seine eigene Alternative anzubieten, und als Klasse wurde es in dem demokratischen Aufschwung ertränkt, der fälschlicherweise als eine Reihe von „Volksrevolutionen“ beschrieben wurde.
Diese Ereignisse wiederum beschleunigten den Prozess des Zerfalls auf weltweiter Ebene dramatisch. Dies zeigte sich am deutlichsten auf der imperialistischen Ebene, wo der schnelle Zusammenbruch des alten Blocksystems zunehmend die Tendenz des „Jeder-für-sich“ in den diplomatischen und militärischen Rivalitäten dominierte. Aber das galt auch in Bezug auf das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen. Nach dem Debakel im Ostblock waren die Kampagnen der Weltbourgeoisie über den Tod des Kommunismus, über die Unmöglichkeit einer Alternative der Arbeiterklasse zum Kapitalismus weitere Schläge gegen die Fähigkeit der internationalen Arbeiterklasse – insbesondere in den zentralen Ländern des Systems –, eine politische Perspektive zu entwickeln.
Die IKS hatte die Ereignisse von 89-91 nicht vorhergesehen, aber wir konnten auf sie mit einer kohärenten Analyse reagieren, die auf früheren theoretischen Arbeiten fußte. Dies galt sowohl für das Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren, die mit dem Untergang des Stalinismus zusammen hingen[7], als auch für die Vorhersage des wachsenden Chaos, das ohne Blöcke nun im Bereich der imperialistischen Konflikte ausbrach[8]. Und auf der Ebene des Klassenkampfes konnten wir sehen, dass das Proletariat nun vor einer besonders schwierigen Zeit stand:
„Die systematische Gleichsetzung des Kommunismus mit dem Stalinismus, die tausendmal wiederholte und auch noch heute verbreitete Lüge, derzufolge die proletarische Revolution nur scheitern kann, wird nach dem Zusammenbruch des Stalinismus noch eine ganze Zeitlang ihre Spuren in den Rängen der Arbeiterklasse hinterlassen. Wir müssen daher mit einem zeitweiligen Rückgang im Bewusstsein der Arbeiterklasse rechnen, dessen Manifestationen - besonders mit dem Comeback der Gewerkschaften - sich schon jetzt bemerkbar machen. Obgleich der Kapitalismus pausenlos und immer brutaler das Proletariat angreift und es damit zum Kampf zwingen wird, darf man in naher Zukunft nicht mit einer größeren Fähigkeit der Klasse rechnen, ihr Bewusstsein voranzutreiben. Insbesondere die reformistische Ideologie wird sehr stark auf den Kämpfen in der kommenden Periode lasten, wodurch die Aktionen der Gewerkschaften begünstigt werden.
In Anbetracht der historischen Bedeutung der Faktoren, die es determinieren, wird der gegenwärtige Rückzug des Proletariats – ungeachtet der Tatsache, dass er den historischen Kurs, die allgemeine Perspektive der Klassenkonfrontationen, nicht infragestellt – tiefer sein als der Rückzug, der 1981 mit der Niederlage in Polen einhergegangen war. Trotz allem kann man heute noch nicht seinen reellen Umfang und seine Dauer voraussehen. Insbesondere wird das Tempo des Zusammenbruchs des westlichen Kapitalismus - das gegenwärtig eine Beschleunigung mit der Perspektive einer neuen offenen Rezession erfährt - ein entscheidender Faktor in dem Moment sein, wenn das Proletariat seinen Marsch zu einem revolutionären Bewusstsein wiederaufnimmt.“[9]
Diese Passage ist sehr deutlich hinsichtlich der zutiefst negativen Auswirkungen des Zusammenbruchs des Stalinismus, enthält aber immer noch eine gewisse Unterschätzung der Tiefe des Rückzugs. Die Einschätzung, dass dies „vorübergehend“ sein würde, schwächt bereits die darauf folgende Aussage, dass der Rückzug „viel tiefer sein wird als derjenige, der 1981 mit der Niederlage in Polen einhergegangen war“, und dieses Problem sollte sich in unseren Analysen in den folgenden Jahren manifestieren, insbesondere in der Vorstellung, dass bestimmte Kämpfe in den 90er Jahren – 1992 und erneut 1998 – das Ende des Rückzugs einläuten würden. In Wirklichkeit können wir im Rückblick auf die letzten drei Jahrzehnte sagen, dass der Rückzug des Klassenbewusstseins nicht nur fortgesetzt, sondern auch vertieft wurde, was zu einer Art Amnesie über die Errungenschaften und Fortschritte der Jahre 1968-89 führte.
Was sind die Hauptindikatoren dieser negativen Dynamik?
- Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise im Westen waren nicht so einfach, wie es die oben genannte Passage andeutet. Die wiederholten Rezessionen der Wirtschaft haben die Prahlerei der herrschenden Klasse Anfang der 90er Jahre sicherlich geschwächt, wonach wir mit dem Ende des Ostblocks nun in eine Zeit des ungetrübten Wohlstands eintreten würden. Aber die Bourgeoisie war in der Lage, neue Formen des Staatskapitalismus und der ökonomischen Manipulation (typisiert im Konzept des „Neoliberalismus“) zu entwickeln, die zumindest eine Illusion von Wachstum aufrecht erhalten haben, während insbesondere die reale Entwicklung der chinesischen Wirtschaft viele davon überzeugt hat, dass der Kapitalismus unendlich anpassungsfähig sei und immer neue Wege finden könne, sich von seiner Krise zu befreien. Und als die zugrunde liegenden Widersprüche an die Oberfläche zurückkehrten, wie sie es mit dem großen Finanzcrash von 2008 taten, mögen sie bestimmte proletarische Reaktionen stimuliert haben (z.B. im Zeitraum 2010-2013); aber gleichzeitig erschwerte die Form dieser Krise, eine „Kreditklemme“, die einen massiven Verlust an Ersparnissen für Millionen von Arbeiter*innen mit sich brachte, die Reaktion darauf auf einem proletarischen Klassenterrain, da die Auswirkungen auf den einzelnen Haushalt mehr auf den Einzelnen als auf eine zugehörige Klasse zu fallen schienen[10].
- Der Zerfall untergräbt dieses Selbstbewusstsein des Proletariats als eigenständige soziale Kraft auf verschiedene Weise, wobei jede die Atomisierung und den Individualismus der bürgerlichen Gesellschaft verschärfen. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Tendenz zur Bildung von Banden in den städtischen Zentren, die sowohl das Fehlen jeglicher wirtschaftlicher Perspektiven für einen beträchtlichen Teil der proletarischen Jugend als auch die verzweifelte Suche nach einer Ersatzgemeinschaft zum Ausdruck bringt, die am Ende mörderische Spaltungen zwischen jungen Menschen hervorruft, die auf Rivalitäten zwischen verschiedenen Vierteln und Siedlungen, auf dem Konkurrenzkampf um die Kontrolle der lokalen Drogenwirtschaft oder auf rassischen und religiösen Unterschieden beruhen. Aber auch die Wirtschaftspolitik der herrschenden Klasse hat bewusst jedes Gefühl von Klassenidentität angegriffen – sowohl durch die Auflösung alter industrieller Zentren des Widerstandes der Arbeiterklasse als auch durch die Einführung noch weiter atomisierter Arbeitsformen, wie in der so genannten „Gig Economy“, wo Arbeiter regelmäßig wie selbständige „Unternehmer“ behandelt werden.
- Die wachsende Zahl blutiger und chaotischer Kriege, die diese Periode charakterisieren, widerlegt zwar erneut die Behauptung, dass das Ende des Stalinismus der Menschheit eine „Friedensdividende“ bescheren würde, bildet aber nicht die Grundlage für eine allgemeine Entwicklung des Klassenbewusstseins, wie sie es beispielsweise während des Ersten Weltkriegs tat, als das Proletariat der zentralen Länder direkt für das Gemetzel mobilisiert wurde. Die Bourgeoisie hat die Lehren aus den sozialen Konflikten der Vergangenheit gezogen, die durch den Krieg (einschließlich des Widerstands gegen den Vietnamkrieg) ausgelöst wurden, und hat in den Schlüsselländern des Westens ihr Bestes getan, um die Mobilisierung von Wehrpflichtigen zu vermeiden und ihre Kriege in den Peripherien des Systems unter Quarantäne zu stellen. Dies hat diese militärischen Konfrontationen nicht daran gehindert, sehr reale Auswirkungen auf die zentralen Länder zu haben, aber dies hat vor allem Formen angenommen, die dazu neigen, den Nationalismus und das Vertrauen auf den „Schutz“ des Staates zu verstärken: die enorme Zunahme der Zahl der Flüchtlinge, die aus den Kriegsgebieten fliehen, und die Aktion von Terrorgruppen, die darauf abzielen, die Bevölkerung der am weitesten entwickelten Länder zu treffen[11].
- Auf der politischen Ebene haben wir gesehen, dass in Ermangelung einer klaren proletarischen Perspektive verschiedene Teile der Arbeiterklasse von den falschen Kritiken des Systems beeinflusst wurden, dem Populismus auf der einen Seite und dem Dschihadismus auf der anderen Seite. Und der wachsende Einfluss der „Identitätspolitik“ auf die gebildeten Schichten der Arbeiterklasse ist ein weiterer Ausdruck dieser Dynamik: Der Mangel an Klassenidentität wird durch den Übergang zur Fragmentierung in rassische, geschlechtliche und andere Identitäten verschärft, wodurch Ausgrenzung und Spaltung verstärkt werden, während nur das Proletariat, das für seine eigenen Interessen kämpft, wirklich integrativ sein kann.
Wir müssen uns der Realität all dieser Schwierigkeiten stellen und ihre politischen Konsequenzen für den Kampf um die Veränderung der Gesellschaft ziehen. Aber unserer Ansicht nach kann das Proletariat zwar die harte Schule der Niederlage nicht vermeiden, aber wachsende Schwierigkeiten und selbst Teilniederlagen summieren sich noch nicht zu einer historischen Niederlage für die Klasse und zur Auslöschung der Möglichkeit des Kommunismus.
In den letzten etwa zehn Jahren gab es eine Reihe wichtiger Bewegungen, die diese Schlussfolgerung unterstützen. Im Jahr 2006 erlebten wir die massive Mobilisierung von gebildeten Jugendlichen in Frankreich gegen den CPE[12]. Die Medien der herrschenden Klasse beschreiben oft Kämpfe in Frankreich, auch wenn diese von den Gewerkschaften streng kontrolliert werden, wie im jüngsten Fall[13], als das Schreckgespenst eines „neuen Mai 68“, um möglichst wirkungsvoll die wahren Lehren des Mai 68 zu verzerren. Aber die Bewegung von 2006 hat in gewisser Weise den wahren Geist von 68 wiederbelebt: zunächst, weil ihre Protagonisten die damals erschienenen Kampfformen wiederentdeckten, vor allem die Vollversammlungen, auf denen echte Diskussionen stattfinden konnten und auf denen die jungen Teilnehmer begierig darauf waren, das Zeugnis älterer Genoss*innen zu hören, die an den Ereignissen von 68 teilgenommen hatten. Aber gleichzeitig enthielt diese Studentenbewegung, die die Gewerkschaften überflügelt hatte, das reale Risiko, die beschäftigten Arbeiter*innen auf eine ähnlich „unkontrollierte“ Weise einzubeziehen, genau wie im Mai 1968, und deshalb zog die Regierung das CPE-Gesetz zurück, das den Aufstand überhaupt erst ausgelöst hatte.
Ebenfalls im Mai 2006 stritten 23.000 Metallarbeiter in Vigo, in der spanischen Provinz Galzien, gegen neue Arbeitsvorschriften in diesem Sektor, und anstatt in den Fabriken eingesperrt zu bleiben, suchten sie die Solidarität der Arbeiter*innen anderer Unternehmen, insbesondere der Werften und Citroën-Werke, organisierten Demonstrationen in der Stadt, um die gesamte Bevölkerung zu sammeln, und hielten vor allem täglich öffentliche Vollversammlungen ab, die völlig offen für andere Arbeiter*innen, Angestellte, Arbeitslose und Rentner*innen waren. Diese proletarischen Versammlungen waren die Lunge eines exemplarischen Kampfes für eine Woche, bis die Bewegung zwischen gewalttätiger Unterdrückung auf der einen Seite und den Verhandlungsmanövern der Gewerkschaften und Bosse gefangen war.
Im Jahr 2011 erlebten wir die Welle der sozialen Revolten im Nahen Osten und in Griechenland, die in den Bewegungen der Indignados in Spanien und von „Occupy“ in den USA gipfelte. Das proletarische Element in diesen Bewegungen war von Land zu Land unterschiedlich, aber am stärksten in Spanien, wo wir die breite Akzeptanz der Versammlungsform sahen; ein starker internationalistischer Impuls, der Solidaritätsbekundungen von Teilnehmer*innen aus der ganzen Welt begrüßte und wo das Motto „Weltrevolution“ vielleicht zum ersten Mal seit der Revolutionswelle von 1917 ernst genommen wurde; eine Anerkennung, dass „das System überwunden werden muss“ und ein starker Wille, die Möglichkeit einer neuen Form der gesellschaftlichen Organisation zu diskutieren. In den vielen angeregten Diskussionen, die in den Versammlungen und Kommissionen über Fragen der Moral, der Wissenschaft und der Kultur stattgefunden haben, in der allgegenwärtigen Infragestellung des Dogmas, dass die kapitalistischen Beziehungen ewig sind – hat wieder der wahre Geist des Mai 68 Gestalt angenommen.
Natürlich hatten die meisten dieser Bewegungen viele Schwächen, die wir anderswo analysiert haben[14], nicht zuletzt eine Tendenz, dass sich die daran Teilnehmenden eher als „Bürger*innen“ denn als Proletarier*innen sahen und damit anfällig waren für die demokratische Ideologie, welche Schwäche es bürgerlichen Parteien wie Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien ermöglichte, sich als die wahren Erben dieser Aufstände zu präsentieren. Und in gewisser Weise, wie bei jeder proletarischen Niederlage, je höher du kletterst, desto tiefer fällst du: Der Rückfluss dieser Bewegungen vertiefte den allgemeinen Rückzug im Klassenbewusstsein weiter. In Ägypten, wo die Bewegung auf den großen Plätzen die Bewegungen in Spanien und Griechenland inspirierte, bereiteten Illusionen über die Demokratie den Weg zur Wiederherstellung der gleichen Art autoritärer Herrschaft, welche der erste Auslöser für den „arabischen Frühling“ gewesen war; in Israel, wo Massendemonstrationen einst den internationalistischen Slogan „Netanyahu, Mubarak, Assad – alle der gleiche Feind“ erhoben, gewann die brutale militaristische Politik der Netanyahu-Regierung die Oberhand. Und vor allem: In Spanien verrannten sich viele der jungen Menschen, die an der Indignados-Bewegung teilgenommen hatten, in die totalen Sackgassen des katalanischen oder spanischen Nationalismus.
Das Auftreten dieser neuen proletarischen Generation in den Bewegungen der Jahre 2006 und 2011 hat bei einer Minderheit auch zu einer neuen Suche nach kommunistischer Politik geführt, aber die Hoffnung, dass dies zu einem ganz neuen Zustrom revolutionärer Kräfte führen würde, hat sich zumindest bis heute nicht verwirklicht. Die kommunistische Linke bleibt weitgehend isoliert und uneinig; unter den Anarchisten, wo man eine Zeit lang einige interessante neue Entwicklungen beobachten konnte, wird die Suche nach Klassenpositionen durch den Einfluss von Identitätspolitik und sogar Nationalismus untergraben. In einem dritten Artikel dieser Serie werden wir uns näher mit der Entwicklung des proletarischen politischen Lagers und seiner Umfelds seit 1968 befassen.
Aber wenn der Mai 1968 uns etwas lehrt, dann dies, dass die Arbeiterklasse nach den schlimmsten Niederlagen sich wieder aufrichten, aus den tiefsten Rückzügen auf die Bühne zurückkehren kann. Die Momente der proletarischen Revolte, die trotz der zunehmenden Bedrohung durch den kapitalistischen Zerfall stattgefunden haben, zeigen die Möglichkeit, dass neue Bewegungen entstehen können, die durch die Wiedererlangung der Perspektive der Revolution die vielfältigen Gefahren, die der Zerfall für die Zukunft der Spezies darstellt, verhindern können.
Diese Gefahren – die Ausbreitung des militärischen Chaos, der ökologischen Katastrophe, des Hungers und der Krankheiten in einem beispiellosen Ausmaß – beweisen, dass die Revolution mehr denn je eine Notwendigkeit für die Menschheit ist. Die Dekadenz und der Zerfall des Kapitalismus verstärken sicherlich die Gefahr, dass die objektive Grundlage einer neuen Gesellschaft endgültig zerstört wird, wenn der Zerfall über einen bestimmten Punkt hinaus fortschreitet. Aber auch in seiner letzten Phase produziert der Kapitalismus noch die Kräfte, mit denen er gestürzt werden kann – in den Worten des Kommunistischen Manifests von 1848: „Die Bourgeoisie produziert vor allem ihre eigenen Totengräber“. Der Kapitalismus, seine Produktions- und Kommunikationsmittel sind globaler denn je – aber auch das Proletariat ist internationaler und in der Lage, weltweit mit sich selbst zu kommunizieren. Der Kapitalismus ist technologisch immer weiter fortgeschritten – aber dabei muss er das Proletariat in der Nutzung der Wissenschaft und Technologie unterrichten, die es in einer zukünftigen Gesellschaft für menschliche Bedürfnisse und nicht für Profit in seine Hand nehmen kann. Diese besser gebildete, international orientierte Schicht der Klasse tauchte in den jüngsten sozialen Bewegungen, vor allem in den zentralen Ländern des Systems, immer wieder auf und wird sicherlich eine Schlüsselrolle bei jedem zukünftigen Wiederaufleben des Klassenkampfes spielen, ebenso wie die neuen proletarischen Armeen, die von dem schwindelerregenden, aber kranken Wachstum des Kapitalismus in Asien und anderen zuvor „unterentwickelten“ Regionen geschaffen wurden. Wir haben den Geist des Mai 68 nicht das letzte Mal gesehen.
Amos, Juni 2018
[1] Vgl. beispielsweise World Revolution Nr. 315, IKS-Veranstaltung zu «1968 and all that»: die 1968 eröffnete Perspektive ist nicht verschwunden, https://en.internationalism.org/wr/315/may68-meetings [962]
[2] 50 Jahre seit Mai 1968 – Das Versinken in der ökonomischen Krise, in Internationale Revue Nr. 55
[3] Internationale Revue Nr. 10, 1988. Der Artikel ist gezeichnet von RV, einem der „Venezolaner“, die 1968 geholfen hatten, RI aufzubauen.
[4] Vgl. insbesondere den Artikel Die Konfusionen von politischen Gruppen über die gegenwärtige Zeit: Unterschätzung des Klassenkampfes in International Review (englische/französische/spanische Ausgaben) Nr. 54, drittes Quartal 1988.
[5] Vgl. dazu unseren Artikel Die 1950er und 60er: Damen, Bordiga und die Leidenschaft für den Kommunismus in International Review (englische/französische/spanische Ausgaben) Nr. 158; der Artikel erscheint in Kürze auch auf Deutsch.
[6] Für eine genauere Bilanz der Kämpfe der letzten paar Jahrzehnte und die Tendenzen in unseren Analysen, das unmittelbare Potenzial des Klassenkampfes zu überschätzen, verweisen wir auf den Bericht über den Klassenkampf vom 21. Kongress der IKS, Internationale Revue Nr. 53, Frühling 2016.
[7] Vgl. Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern vom Oktober 1989, Internationale Revue Nr. 12
[8] Vgl. insbesondere Orientierungstext: Militarismus und Zerfalls, Internationale Revue Nr. 13, 1991.
[9] Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern
[10] Vgl. dazu Punkt 15 in 22. Kongress der IKS: Resolution zum internationalen Klassenkampf, Internationale Revue Nr. 55.
[11] Vgl. dazu die Punkte 16 und 17 der oben erwähnten Resolution.
[12] CPE = contrat première embauche (Erstanstellungsvertrag), eine Gesetzesvorlage mit der Absicht, die Arbeitsbedingungen der Jungen weiter zu verschlechtern, vgl. dazu unsere Analyse in den Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich im Frühling 2006, /content/876/thesen-ueber-die-studentenbewegung-frankreich-im-fruehling-2006 [415]
[13] „Nadelstichtaktik“ der Gewerkschaften – ein Manöver, das die Beschäftigten spalten soll (Flugblatt der IKS – in Frankreich verteilt), /content/2750/flugblaetter-der-iks-zur-sozialen-lage-frankreich-und-spanien [963]
[14] Vgl. beispielsweise Die Bewegung der Empörten in Spanien, Griechenland und Israel: von der Empörung zur Vorbereitung der Klassenkämpfe, Nov. 2011, https://de.internationalism.org/bilanzspangriechisrael [635]
In den beiden vorangegangenen Artikeln dieser Folge haben wir uns mit der historischen Bedeutung des Wiedererwachens des Klassenkampfes nach Jahrzehnten der Konterrevolution beschäftigt – die Konterrevolution, die durch das Zerschlagen der revolutionären Hoffnungen von 1917-23 eingeleitet wurde. Wir haben versucht, sowohl die Ursprünge der Ereignisse vom Mai 1968 als auch den Verlauf des Klassenkampfes in den fünf Jahrzehnten danach zu verstehen, wobei wir uns insbesondere auf die Schwierigkeiten der Klasse bei der Wiederaneignung der Perspektive der kommunistischen Revolution konzentriert haben.
In diesem Artikel wollen wir uns speziell mit der Entwicklung des proletarischen politischen Milieus seit 1968 befassen und verstehen, warum die Entwicklung des proletarischen politischen Milieus – trotz erheblicher Fortschritte auf theoretischer und programmatischer Ebene seit der ersten revolutionären Welle am Ausgang des 1. Weltkriegs und trotz der Tatsache, dass die am weitesten fortgeschrittenen proletarischen Gruppen verstanden haben, dass es notwendig ist, die wesentlichen Schritte zur Bildung einer neuen Weltpartei vor den entscheidenden Auseinandersetzungen mit dem kapitalistischen System zu unternehmen – noch sehr weit von diesem Ziel entfernt ist.
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Der 100. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Internationale im März 1919 erinnert uns daran, dass die Oktoberrevolution in Russland die proletarische Weltrevolution auf die unmittelbare Tagesordnung gesetzt hatte. Vor allem die deutsche Revolution war bereits im Gange und entscheidend sowohl für das Überleben der Macht der Sowjets, der Arbeiterräte in Russland als auch für die Ausweitung der Revolution auf die Hauptzentren des Kapitalismus. In diesem Moment waren alle verschiedenen Gruppen und Tendenzen, die dem revolutionären Marxismus treu geblieben waren, davon überzeugt, dass die Bildung und das Handeln der Klassenpartei für den Sieg der Revolution unerlässlich waren. Aber im Nachhinein können wir sagen, dass die späte Gründung der Kommunistischen Internationale – fast zwei Jahre nach der Machtergreifung in Russland und einige Monate nach dem Ausbruch der Revolution in Deutschland – sowie ihre Unklarheiten und Fehler in wichtigen programmatischen und organisatorischen Fragen auch Elemente in der Niederlage des internationalen revolutionären Aufschwungs waren.
Das müssen wir bedenken, wenn wir auf einen anderen Jahrestag zurückblicken: auf den Mai 1968 in Frankreich und die daraus resultierende Welle von Klassenbewegungen. In den beiden vorangegangenen Artikeln dieser Serie haben wir uns mit der historischen Bedeutung dieser Bewegungen beschäftigt, Ausdruck des Wiedererwachens des Klassenkampfes nach Jahrzehnten der Konterrevolution – welche ihrerseits durch das Zerschlagen der revolutionären Hoffnungen von 1917-23 eingeleitet worden war. Wir haben versucht, sowohl die Ursprünge der Ereignisse vom Mai 1968 als auch den Verlauf des Klassenkampfes in den fünf Jahrzehnten danach zu verstehen, wobei wir uns insbesondere auf die Schwierigkeiten der Klasse bei der Wiederaneignung der Perspektive der kommunistischen Revolution konzentriert haben.
In diesem Artikel wollen wir uns speziell mit der Entwicklung des proletarischen politischen Milieus seit 1968 befassen und verstehen, warum sie – trotz erheblicher Fortschritte auf theoretischer und programmatischer Ebene seit der ersten revolutionären Welle am Ausgang des 1. Weltkriegs und trotz der Tatsache, dass die am weitesten fortgeschrittenen proletarischen Gruppen verstanden haben, dass es notwendig ist, die wesentlichen Schritte zur Bildung einer neuen Weltpartei vor entscheidenden Auseinandersetzungen mit dem kapitalistischen System zu unternehmen – noch sehr weit von einer solchen Perspektive entfernt ist und diese manchmal nahezu vollständig aus dem Blickfeld geraten zu sein scheint.
Die globale Wiederbelebung des Klassenkampfes Ende der 1960er Jahre brachte eine ebensolche Wiedererweckung der proletarisch-politischen Bewegung mit sich, ein Aufblühen neuer Gruppen, die versuchten, das, was durch die stalinistische Konterrevolution ausgelöscht worden war, wieder zu erlernen, sowie eine gewisse Reanimation der ganz wenigen Organisationen, die diese dunkle Periode überlebt hatten.
Einen Eindruck von diesem neuen revolutionären Milieu können wir uns verschaffen, wenn wir uns die sehr vielfältige Liste der Gruppen dieses Milieus ansehen, die von den Genossen von Internationalism in den USA mit dem Ziel kontaktiert wurden, ein internationales Korrespondenznetzwerk einzurichten.[1]
- USA: Internationalism und Philadelphia Solidarity;
- Großbritannien: Workers‘ Voice (Stimme der Arbeiter), Solidarity;
- Frankreich: Révolution Internationale, Groupe de Liaison Pour l'Action des Travailleurs, Le Mouvement Communiste;
- Spanien: Fomento Obrero Revolucionario;
- Italien; Partito Comunista Internazionalista (Battaglia Comunista);
- Deutschland Gruppe Soziale Revolution, Arbeiterpolitik, Revolutionärer Kampf;
- Dänemark: Proletarisk Socialistisk Arbejdsgruppe, Koministisk Programm;
- Schweden: Komunismen;
- Niederlande: Spartacus; Daad und Gedachte;
- Belgien: Lutte de Classe, Gruppe "Bilan";
- Venezuela: Internacionalismo.
In ihrer Einführung fügte Internationalism hinzu, dass sich eine Reihe anderer Gruppen mit ihnen mit der Bitte um Teilnahme in Verbindung gesetzt hätten:
- World Revolution, die sich inzwischen von der Gruppe Solidarity in Großbritannien getrennt hatte;
- Pour le Pouvoir Internationale des Conseils Ouvrières und Les Amis de 4 Millions de Jeunes Travailleurs in Frankreich;
- Internationell Arbetarkamp in Schweden;
- Rivoluzione Comunista und Iniziativa Comunista in Italien.
Nicht alle diese Strömungen waren ein direktes Ergebnis der offenen Kämpfe der späten 1960er und frühen 1970er Jahre: Viele von ihnen hatten schon vor diesen bestanden, wie im Falle von Battaglia Comunista in Italien (BC) und der Gruppe Internacionalismo in Venezuela. Einige andere Gruppen, die sich im Vorfeld der Kämpfe entwickelt hatten, erreichten ihren Höhepunkt im Jahr 1968 oder kurz danach und gingen danach schnell unter – das offensichtlichste Beispiel waren die Situationisten. Dennoch war die Entstehung dieses neuen Milieus von Leuten auf der Suche nach kommunistischen Positionen Ausdruck eines tiefen Prozesses des "unterirdischen" Wachstums, einer zunehmenden Unzufriedenheit mit der kapitalistischen Gesellschaft, die sowohl das Proletariat (und dies geschah auch in Form offener Kämpfe wie der Streikbewegungen in Spanien und Frankreich vor 1968) als auch breite Schichten eines Kleinbürgertums betraf, das sich selbst bereits im Prozess der Proletarisierung befand. Tatsächlich hatte insbesondere die Rebellion der letztgenannten Schichten bereits vor 1968 eine offene Form angenommen – insbesondere die Revolte an den Universitäten und die eng damit verbundenen Proteste gegen Krieg und Rassismus, die in den USA und Deutschland das spektakulärste Ausmaß erreichten, und natürlich in Frankreich, wo die Studentenrevolte beim Ausbruch der eigentlichen Arbeiterbewegung im Mai 68 eine offensichtliche Rolle spielte. Das massive Wiederaufleben der Arbeiterklasse nach 1968 gab eine klare Antwort auf diejenigen, die wie Marcuse begonnen hatten, die Integration der Arbeiterklasse in die kapitalistische Gesellschaft zu theoretisieren und sie in ihrer Rolle als revolutionäre Avantgarde durch andere Schichten wie z.B. die Studenten zu ersetzen. Das massive Wiederaufleben der Arbeiterklasse bekräftigte, dass der Schlüssel zur Zukunft der Menschheit in den Händen der ausgebeuteten Klasse lag, wie das schon am Ausgang des 1. Weltkriegs der Fall war, und überzeugte viele junge Rebellen und Suchende, unabhängig von ihrem soziologischen Hintergrund, davon, dass ihre eigene politische Zukunft im Kampf der Arbeiter und in der organisierten politischen Bewegung der Arbeiterklasse lag.
Die tiefe Verbindung zwischen dem Wiederaufleben des Klassenkampfes und dieser neu politisierten Schicht war eine Bestätigung der materialistischen Analyse, die in den 30er Jahren die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linken entwickelt hatte. Die Klassenpartei existiert nicht außerhalb des Lebens der Klasse. Sie ist sicherlich ein lebenswichtiger, aktiver Faktor bei der Entwicklung des Klassenbewusstseins, aber sie ist auch ein Produkt dieser Entwicklung, und sie kann nicht in Zeiten existieren, in denen die Klasse eine weltgeschichtliche Niederlage erlitten hat wie in den 1920er und 1930er Jahren. Die Genossen der Italienischen Linken hatten diese Wahrheit am eigenen Leib erfahren. Sie erlebten auch die Degeneration der kommunistischen Parteien und wie diese durch die Bourgeoisie aufgesaugt wurden und wie die echten kommunistischen Kräfte zu kleinen, isolierten Gruppen wie ihrer eigenen schrumpften. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Partei erst wieder auftauchen kann, wenn sich die gesamte Klasse von ihrer Niederlage auf internationaler Ebene erholt und sich wieder die Frage der Revolution stellt. Die Hauptaufgabe der Fraktion bestand also darin, die Prinzipien des Kommunismus zu verteidigen, die Lehren aus früheren Niederlagen zu ziehen und als Brücke zu der neuen Partei zu fungieren, die sich bilden würde, wenn sich der Grad des Klassenkampfes und das Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat grundlegend veränderten. Und als eine Reihe von Genossen der Italienischen Linken diese wichtige Lehre vergaßen und 1943 nach Italien zurückkehrten, um eine neue Partei zu gründen, als trotz einiger wichtiger Zeichen einer proletarischen Revolte gegen den Krieg, vor allem in Italien, die Konterrevolution noch immer die Oberhand behielt, führten die Genossen der Französischen Kommunistischen Linken den Kampf weiter, der von der Italienischen Fraktion aufgegeben wurde, nachdem diese sich überstürzt dem italienischen Partito Comunista Internazionalista (PCInt) angeschlossen hatte.
Aber da die Klasse Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre endlich die Fesseln der Konterrevolution sprengte, da weltweit neue proletarische Gruppen auftauchten und eine Dynamik der Debatte, Konfrontation und Umgruppierung unter diesen neuen Strömungen herrschte, wurde die Perspektive der Parteigründung – nicht sofort, aber auf lange Sicht – wieder ernsthaft gestellt.
Die Dynamik zur Vereinigung der proletarischen Kräfte nahm verschiedene Formen an. So reisten z.B. Marc Chirik und andere aus der Gruppe Internacionalismo in Venezuela nach Italien, um die Diskussion mit den Gruppen der Italienischen Linken wiederzubeleben; es gab Konferenzen wie die der französischen Gruppe Information et Correspondence Ouvrières; und es gab das von Internationalism initiierte internationale Korrespondentennetzwerk. Letzteres wurde konkretisiert durch die Treffen verschiedener Gruppen in Großbritannien in Liverpool und London (Workers‘ Voice, World Revolution, Revolutionary Perspectives, die sich ebenfalls von Solidarity abgespalten hatten und der Vorläufer der heutigen Communist Workers Organisation CWO waren) sowie von RI und dem GLAT aus Frankreich.
Dieser Prozess der Konfrontation und Debatte verlief nicht immer reibungslos: Die Existenz von zwei Gruppen der kommunistischen Linken in Großbritannien heute – eine Situation, die viele nach einer Klassenpolitik Suchende als äußerst verwirrend empfinden – ist auf den unreifen und gescheiterten Prozess der Umgruppierung nach den Konferenzen in Großbritannien zurückzuführen. Einige der damals stattfindenden Spaltungen hatten wenig Berechtigung, da sie durch nebensächliche Differenzen hervorgerufen wurden – zum Beispiel spaltete sich die Gruppe, die Pour une Intervention Communiste in Frankreich gründete, von RI ab, um selbst bestimmen zu können, wann sie ein Flugblatt über den Militärputsch in Chile herausgeben durfte. Nichtsdestotrotz fand ein echter Prozess der „Kristallisierung“ (Decantation) und Umgruppierung statt. Die Genossen von RI in Frankreich griffen energisch in die ICO-Konferenzen [Information et Correspondence Ouvrières] ein, um auf die Notwendigkeit einer politischen Organisation zu drängen, die auf einer klaren Plattform basiert, im Gegensatz zu den damals äußerst einflussreichen Vorstellungen von Arbeitertümelei, Rätismus und "Anti-Leninismus", und diese Aktivität beschleunigte ihre Vereinigung mit Gruppen in Marseille und Clermont-Ferrand. Die RI-Gruppe war auch auf internationaler Ebene äußerst aktiv, und ihre wachsende Konvergenz mit WR, Internationalism, Internacionalismo und neuen Gruppen in Italien und Spanien führte 1975 zur Gründung der IKS, was die Möglichkeit einer zentralisierten Organisierung auf internationaler Ebene zeigte. Der IKS sah sich, wie die GCF in den 40er Jahren, als ein Ausdruck einer breiteren Bewegung und sah ihre Entstehung nicht als Endpunkt des allgemeineren Prozesses der Umgruppierung. Der Name "Strömung" drückt diesen Ansatz aus: Die IKS ging nicht aus einer früheren Organisation hervor, obwohl sie einen Großteil der Arbeit der alten Fraktionen wie Bilan fortsetzte; sie war Teil eines breiteren Stroms, der auf die Partei der Zukunft zusteuerte.
Die Aussichten für die IKS schienen sehr vielversprechend: Es gab eine erfolgreiche Vereinigung von drei Gruppen in Belgien, die Lehren aus dem zuvor im Vereinigten Königreich gescheiterten Versuch gezogen hatte, und einige IKS-Sektionen (insbesondere in Frankreich und Großbritannien) wuchsen erheblich. Bei WR zum Beispiel stieg die Anzahl der Militanten um das Vierfache an, und RI hatte zu einer gewissen Zeit genügend Mitglieder, um separate lokale Sektionen im Norden und Süden von Paris einzurichten. Natürlich sprechen wir immer noch von sehr kleinen Mitgliederzahlen, aber dennoch war dies ein bedeutsamer Ausdruck einer echten Entwicklung des Klassenbewusstseins. Unterdessen gründete die bordigistische Internationale Kommunistische Partei (Kommunistisches Programm) Sektionen in einer Reihe anderer Länder und wurde schnell zur größten Organisation der Kommunistischen Linken.
Und von besonderer Bedeutung in diesem Prozess war die Entwicklung der Internationalen Konferenzen der Kommunistischen Linken, die zunächst von Battaglia Comunista einberufen und von der IKS begeistert unterstützt wurden, obwohl wir die ursprüngliche Grundlage für den Aufruf zu den Konferenzen kritisierten (nämlich den Vorschlag, das Phänomen des "Eurokommunismus" zu diskutieren, den Battaglia Comunista "Sozialdemokratisierung" der kommunistischen Parteien nannte).
Etwa drei Jahre lang boten die Konferenzen einen Bezugspunkt, einen organisierten Rahmen für die Debatte, der eine Reihe von Gruppen mit unterschiedlichem Hintergrund ansprach.[2] Die Texte und Protokolle der Treffen wurden in einer Reihe von Broschüren veröffentlicht; die Kriterien für die Teilnahme an den Konferenzen waren klarer definiert als in der ursprünglichen Einladung, und die diskutierten Themen konzentrierten sich mehr auf entscheidende Fragen wie die kapitalistische Krise, die Rolle der Revolutionäre, die Frage der nationalen Kämpfe und so weiter. Die Debatten ermöglichten es auch Gruppen, die gemeinsame Perspektiven hatten, näher zusammenzukommen (wie im Falle von Communist Workers‘ Organisation (CWO) und Battaglia Comunista oder der IKS und För Kommunismen in Schweden).
Trotz dieser positiven Entwicklungen war die aufstrebende revolutionäre Bewegung jedoch mit vielen Schwächen belastet, die aus der langen Zeit der Konterrevolution erwachsen waren.
Zum einen wurden viele derjenigen, die für die revolutionäre Politik hätten gewonnen werden können, von dem Apparat der linken bürgerlichen Gruppen und Parteien absorbiert, der auch im Zuge der Klassenbewegungen nach 1968 erheblich gewachsen war. Maoistische und insbesondere trotzkistische Organisationen wurden gegründet und boten eine scheinbar radikale Alternative zu den "offiziellen" stalinistischen Parteien, deren Rolle als Streikbrecher bei den Ereignissen von 1968 und danach eindeutig gewesen war. Daniel Cohn-Bendit, "der rote Danny", der gefeierte Studentenführer von 1968, schrieb ein Buch, das die Funktion der stalinistischen Kommunistischen Parteien angriff und eine "linke Alternative" vorschlug, die sich positiv auf die Kommunistische Linke der 1920er Jahre und auf rätistische Gruppen wie die ICO in der Gegenwart bezog.[3] Aber wie so viele andere verlor Cohn-Bendit die Geduld, in der kleinen Welt der echten Revolutionäre zu bleiben, und machte sich auf die Suche nach schnelleren Lösungen, die auch bequem die Möglichkeit einer Karriere boten, und wurde Mitglied der deutschen Grünen, die voll in den Dienst des bürgerlichen Staat traten. Seiner Laufbahn – von potenziell revolutionären Ideen in die Sackgasse der bürgerlichen Linken – folgten viele Tausende.
Aber einige der größten Probleme, mit denen das entstehende Milieu konfrontiert war, waren "intern", auch wenn sie letztlich den Druck der bürgerlichen Ideologie auf die proletarische politische Avantgarde widerspiegelten.
Die Gruppen, die während der Zeit der Konterrevolution eine organisierte Existenz aufrechterhalten hatten – hauptsächlich die Gruppen der Italienischen Linken – waren mehr oder weniger sklerotisch geworden. Vor allem die Bordigisten der verschiedenen Internationalen Kommunistischen Parteien[4] hatten sich vor dem ewigen Regen neuer Theorien geschützt, die den Marxismus "transzendierten", indem sie den Marxismus selbst zu einem Dogma machten, das nicht in der Lage war, auf neue Entwicklungen zu reagieren, wie ihre Reaktion auf die Klassenbewegungen von und nach 1968 zeigte - im Wesentlichen das Dogma, das Marx bereits in seinem Brief von 1843 an Ruge verspottete: Hier ist die Wahrheit (die Partei), auf die Knie! Untrennbar mit der bordigistischen Vorstellung von der "Invarianz" des Marxismus verbunden war ein extremes Sektierertum[5], das jede Idee einer Debatte mit anderen proletarischen Gruppen ablehnte. Diese Haltung war ersichtlich anhand der hochnäsigen Weigerung aller bordigistischen Gruppen, sich mit den internationalen Konferenzen der Kommunistischen Linken auch nur irgendwie auseinanderzusetzen. Aber obwohl der Aufruf von Battaglia Comunista eine gewisse Distanz zur Haltung markierte, die eigene kleine Gruppe als einzigen Hüter der revolutionären Politik zu sehen, war sie keineswegs selbst frei von Sektierertum: Ihre Einladung schloss zunächst die bordigistischen Gruppen aus und wurde nicht an die IKS als Ganzes, sondern an unsere Sektion in Frankreich geschickt, was eine unausgesprochene Vorstellung verriet, dass die revolutionäre Bewegung aus separaten "Filialen" in verschiedenen Ländern besteht (wobei Battaglia Comunista natürlich die italienische Filiale darstellen sollte).
Außerdem war das Sektierertum nicht auf die Erben der Italienischen Linken beschränkt. Die Diskussionen über die Umgruppierung in Großbritannien wurden dadurch torpediert. Insbesondere Workers‘ Voice, welche Gruppe Angst hatte, ihre Identität als lokal ansässige Gruppe in Liverpool zu verlieren, brach die Beziehungen mit der internationalen Tendenz um RI und WR ab wegen der Frage nach dem Staat in der Übergangsperiode, die für Revolutionäre nur eine offene sein konnte, die hinsichtlich der übrigen, wesentlichen Klassenparameter der Debatte übereinstimmten.
Der gleiche Vorwand, um die Diskussionen abzubrechen, wurde später von RP [Revolutionary Perspectives] und der CWO (Produkt einer kurzlebigen Fusion von RP und WV [Workers‘ Voice]) gesucht, die die IKS für konterrevolutionär erklärten, weil wir nicht akzeptierten, dass die bolschewistische Partei und die Kommunistische Internationale (Komintern) ab 1921 – und keinen Moment später – jeden Funken proletarischen Lebens verloren hätten.
Die IKS war besser gegen Sektierertum gerüstet, weil sie ihre Ursprünge in der Italienischen Fraktion und der GCF sah, die sich immer als Teil einer breiteren proletarischen politischen Bewegung und nicht als einziger Ort der Wahrheit verstanden hatten. Aber auch die Einberufung der Konferenzen hatte Elemente des Sektierertums in unseren eigenen Reihen offenbart. Einige Genossen reagierten zunächst mit der Erklärung, dass die Bordigisten und sogar Battaglia Comunista wegen ihrer Unklarheiten in der nationalen Frage keine proletarischen Gruppen seien. Bezeichnenderweise wurde die anschließende Debatte über proletarische Gruppen, die zu einer umfassenden Klärung in der IKS führte[6], durch einen Text von Marc Chirik eingeleitet, der in der Italienischen und Französischen Linken "geschult" worden war und deshalb verstand, dass das Bewusstsein der proletarischen Klasse auch unter den politisch fortgeschritteneren Minderheiten keineswegs homogen ist und dass man den Klassencharakter einer Organisation nicht isoliert von ihrer Geschichte und ihrer Reaktion auf große historische Ereignisse, insbesondere Weltkrieg und Revolution, bestimmen konnte.
Bei den neuen Gruppen waren diese sektiererischen Einstellungen weniger das Ergebnis eines langen Prozesses der Sklerose als vielmehr der Unreife und des Bruchs in der Kontinuität der Traditionen und Organisationen der Vergangenheit. Diese Gruppen sahen sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich gegen die vorherrschende Atmosphäre der bürgerlichen Linken zu definieren, so dass eine Art Starrheit des Denkens oft als Mittel zur Verteidigung gegen die Gefahr erschien, den viel größeren Organisationen der bürgerlichen Linken unterworfen zu werden. Und doch nahm die Ablehnung von Stalinismus und Trotzkismus oft die Form einer Flucht in anarchistische und rätistische Haltungen an. Manchmal äußerte sich diese mangelnde Selbstsicherheit nicht nur in der Tendenz, die gesamte bolschewistische Erfahrung abzulehnen, sondern auch in einem weit verbreiteten Vorbehalt gegen jede Erwähnung der Gründung einer proletarischen Partei. Konkret begünstigten solche Ansätze föderalistische Organisationskonzepte, die Gleichsetzung von zentralisierten Organisationsformen mit Bürokratie und sogar Stalinismus. Die Tatsache, dass viele Anhänger der neuen Gruppen aus einer Studentenbewegung hervorgegangen waren, die viel stärker vom Kleinbürgertum geprägt war als das heutige Studentenmilieu, verstärkte diese demokratischen und individualistischen Ideen, die sich am deutlichsten in der neo-situationistischen Parole "Militantismus: die höchste Stufe der Entfremdung" ausdrückten.[7] Das Ergebnis all dessen ist, dass die revolutionäre Bewegung Jahrzehnte damit verbracht hat, die Organisationsfrage zu verstehen, und dieser Mangel an Verständnis war der Kern vieler Konflikte und Spaltungen in der Bewegung. Natürlich war die Frage der Organisation zwangsläufig ein ständiges Schlachtfeld innerhalb der Arbeiterbewegung (siehe die Spaltung zwischen Marxisten und Bakuninisten in der Ersten Internationale oder zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki in Russland). Aber das Problem in der wieder aufkeimenden revolutionären Bewegung Ende der 1960er Jahre wurde noch verschärft durch den langen Bruch in der Kontinuität mit den Organisationen der Vergangenheit, so dass viele der durch frühere organisatorische Kämpfe vererbten Lehren fast von Grund auf neu erkämpft werden mussten.
Es war im Wesentlichen die Unfähigkeit des Milieus als Ganzem, das Sektierertum zu überwinden, die zur Blockade und schließlichen Sabotage der Konferenzen führte.[8] Von Anfang an hatte die IKS darauf bestanden, dass die Konferenzen nicht stumm bleiben sollten, sondern nach Möglichkeit ein Minimum an gemeinsamen Erklärungen abgeben sollten, um dem Rest der Bewegung klarzumachen, welche Einigung erreicht wurden und welche Meinungsverschiedenheiten übrig blieben, aber auch – angesichts großer internationaler Ereignisse wie der Klassenbewegung in Polen oder der russischen Invasion in Afghanistan – um gemeinsame öffentliche Erklärungen zu Fragen abzugeben, die bereits wesentliche Kriterien für die Konferenzen waren, wie die Ablehnung des imperialistischen Krieges. Diese Vorschläge, die von einigen unterstützt wurden, wurden von Battaglia Comunista und der CWO mit der Begründung abgelehnt, dass es "opportunistisch" sei, gemeinsame Erklärungen abzugeben, wenn andere Unterschiede bestehen blieben. Als Munis und das FOR die Zweite Konferenz verließen, weil sie sich weigerten, über die Frage der kapitalistischen Krise zu diskutieren, und auf den Vorschlag der IKS, eine gemeinsame Kritik am Sektierertum der FOR abzugeben, stellte sich BC der Idee entgegen, dass das Sektierertum ein Problem sei: Das FOR sei gegangen, weil es andere Positionen hatte, also wo sei das Problem?
Offensichtlich gab es bei diesen Spaltungen ziemlich tiefe Meinungsverschiedenheiten darüber, wie eine proletarische Debattenkultur aussehen sollte, und die Dinge erreichten einen Höhepunkt, als BC und die CWO plötzlich ein neues Kriterium für die Teilnahme an den Konferenzen einführten – eine Formulierung über die Rolle der Partei, die Unklarheiten über ihr Verhältnis zur politischen Macht enthielt, von der sie wussten, dass sie für die IKS nicht akzeptabel wäre und die sie effektiv ausschloss. Dieser Ausschluss war selbst ein konzentrierter Ausdruck des Sektierertums, aber er zeigte auch, dass die andere Seite der Medaille des Sektierertums der Opportunismus ist: Einerseits, weil die neue "harte" Definition der Partei BC und die CWO nicht daran gehindert hat, eine 4. Konferenz im Faradayschen Käfig abzuhalten, an der nur sie selbst und die iranischen Linken der „Einheit der kommunistischen Militanten“ teilnahmen[9]; und andererseits, weil BC mit der Annäherung zwischen BC und der CWO wahrscheinlich die Rechnung machte, dass sie alles aus den Konferenzen gewonnen hatte, was sie konnte, ein klassischer Fall, bei dem die Zukunft der Bewegung für den sofortigen Gewinn geopfert wurde. Und die Folgen der Auflösung der Konferenzen waren in der Tat schwerwiegend – der Verlust eines organisierten Rahmens für Diskussionen, für gegenseitige Solidarität und eine mögliche gemeinsame Praxis zwischen den Organisationen der Kommunistischen Linken, der trotz gelegentlicher Bemühungen um gemeinsame Arbeit in den Folgejahren nie wiederhergestellt wurde.
Der Zusammenbruch der Konferenzen erwies sich bald als ein Aspekt einer breiteren Krise im proletarischen Milieu, der am deutlichsten durch die Implosion der bordigistischen Internationalen Kommunistischen Partei (IKP) und die "Chenier-Affäre" in der IKS zum Ausdruck kam, die dazu führte, dass eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern die Organisation verließen, insbesondere in Großbritannien.
Die Entwicklung der wichtigsten bordigistischen Organisation, die unter anderem Programma Comunista in Italien und Le Prolétaire in Frankreich veröffentlichte, bestätigte die Gefahren des Opportunismus im proletarischen Lager. Die IKP war in den 1970er Jahren stetig gewachsen und war wahrscheinlich die größte linkskommunistische Gruppe der Welt geworden. Und doch war ihr Wachstum weitgehend durch die Integration einer Reihe von Leuten erfolgt, die nie wirklich mit der bürgerlichen Linken und dem Nationalismus gebrochen hatten. Sicherlich waren die großen Verwirrungen der IKP in der nationalen Frage nicht neu: Sie behauptete, die Thesen des Zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale über die Solidarität mit Aufständen und bürgerlichen Revolutionen in den Kolonialregionen zu verteidigen. Die Komintern-Thesen hatten sich bald als völlig fehlerhaft erwiesen, aber sie enthielten bestimmte Vorgaben, die darauf abzielten, die Unabhängigkeit der Kommunisten angesichts der Rebellionen der nationalen Bourgeoisien in den Kolonien zu wahren. Die IKP hatte sich bereits einige gefährliche Schritte von solchen Schutzmaßnahmen für die Unabhängigkeit der Kommunisten entfernt, z.B. als sie den stalinistischen Terror in Kambodscha als Beispiel für die notwendige Kraft einer bürgerlichen Revolution begrüßte[10]. Aber die um die Zeitung El Oumami herum organisierten Sektionen der IKP in Nordafrika gingen noch weiter, denn angesichts der militärischen Konflikte im Nahen Osten forderte sie offen die Verteidigung des syrischen Staates gegen Israel. Dies war das erste Mal, dass eine bordigistische Gruppe dreist zur Teilnahme an einem Krieg zwischen kapitalistischen Staaten aufrief. Es ist bezeichnend, dass es innerhalb der IKP heftige Reaktionen gegen diese Positionen gab, was beweist, dass die Organisation ihren proletarischen Charakter beibehalten hat, aber das Endergebnis waren weitere Spaltungen, das Verlassen ganzer Sektionen und vieler einzelner Kämpfer, wodurch die Überlebenden des Schiffbruchs auf kleine Kerne reduziert wurden, die nie in der Lage waren, alle Lehren aus diesen Ereignissen zu ziehen.
Aber auch in der IKS zeigte sich damals eine opportunistische Tendenz – eine Gruppierung, die als Reaktion auf die Klassenkämpfe der späten 70er und frühen 80er Jahre begann, ernsthafte Zugeständnisse an die Gewerkschaftsbewegung zu machen. Das Problem dieser Gruppierung lag jedoch vor allem auf der organisatorischen Ebene, da sie begann, den zentralisierten Charakter der IKS in Frage zu stellen und zu argumentieren, dass die Zentralorgane hauptsächlich als Briefkästen und nicht als Gremien fungieren sollten, die zwischen Generalversammlungen und Kongressen zur politischen Orientierung gewählt wurden. Dies bedeutete nicht, dass die Gruppierung durch eine tiefe programmatische Einheit zusammengehalten worden wäre. In Wirklichkeit wurde sie durch Zugehörigkeiten zusammengehalten, die auf persönlichen Beziehungen und gemeinsamen Ressentiments gegen die Organisation basierten – mit anderen Worten, es war eher ein geheimnisvoller "Clan" als eine echte Tendenz, und in einer unreifen Organisation führte sie zu einem "Gegen-Clan" in der britischen Sektion, mit verheerenden Folgen. Und diese Ressentiments und Konflikte schürte die undurchsichtige Person Chenier, der in der Vergangenheit durch revolutionäre Organisationen gezogen war und dort Krisen geschürt und die schändlichste Manipulation seines Umfelds betrieben hatte. Die Krise spitzte sich im Sommer 1981 zu, als Mitglieder der "Tendenz" während seiner Abwesenheit das Haus eines Genossen betraten und der Organisation Ausrüstung stahlen, mit der fadenscheinigen Begründung, dass sie nur die Investitionen, die sie in die Organisation getätigt hatten, zurückholten. Die „Tendenz“ bildete eine neue Gruppe, die bald zusammenbrach, und Chenier "kehrte" zur Sozialistischen Partei und zur CFDT (einer der SP nahestehende Gewerkschaft) zurück, für die er wahrscheinlich die ganze Zeit gearbeitet hatte, höchstwahrscheinlich in dem "Secteur des Associations", die die Entwicklung der Strömungen links von der Sozialistischen Partei (PS) überwacht.
Die Reaktion darauf war in der IKS als Ganzes sehr uneinheitlich, insbesondere nachdem die Organisation einen entschlossenen Versuch unternommen hatte, ihr gestohlenes Material zurückzubekommen, indem sie die Wohnungen derjenigen besuchte, von denen vermutet wurde, dass sie an den Diebstählen beteiligt waren, und die Rückgabe der Geräte verlangte. So verließen einige Genossen in Großbritannien die Organisation einfach und waren nicht in der Lage zu begreifen, dass sich eine revolutionäre Organisation in dieser Gesellschaft verteidigen muss und dass dies sowohl physische Aktionen als auch politische Propaganda umfassen kann. Die Sektionen aus Aberdeen/Edinburgh traten nicht nur schnell aus der Organisation aus, sondern verurteilten auch öffentlich die Aktionen der IKS und drohten, die Polizei zu rufen, wenn sie selbst aufgesucht würden (da sie auch Einiges an Material, das der Organisation gehörte, aufbewahrten, obwohl sie nach unserem Wissen nicht direkt an den erwähnten Diebstählen beteiligt waren). Und als die IKS eine sehr notwendige öffentliche Warnung über die Aktivitäten von Chenier herausgab, beeilten sie sich, seinen Ruf zu verteidigen. Dies war der unrühmliche Beginn der Gruppe Kommunistisches Bulletin (CBG), deren Veröffentlichungen weitgehend Angriffen auf den angeblichen Stalinismus, aber auch den „Wahnsinn“ der IKS gewidmet waren. Kurz gesagt, dies war ein frühes Beispiel für politischen Parasitismus, der in den folgenden Jahrzehnten zu einem bedeutenden Phänomen werden sollte[11]. Innerhalb des breiteren proletarischen Milieus gab es nur wenige Ausdrücke der Solidarität mit der IKS, wenn überhaupt. Im Gegenteil, die Version der CBG über die Ereignisse zirkuliert immer noch im Internet und hat einen starken Einfluss, insbesondere auf das anarchistische Milieu.
Wir können auf weitere Ausdrücke der Krisen in den folgenden Jahren verweisen. Die Bilanz der Gruppen, die an den internationalen Konferenzen teilgenommen haben, ist hauptsächlich negativ: das Verschwinden von Gruppen, die erst kurz davor mit der bürgerlichen Linken gebrochen hatten (L'Eveil Internationaliste, die OCRIA, die Marxist Workers Group in den USA). Andere wurden in die entgegengesetzte Richtung gezogen: Der NCI, eine Abspaltung von den Bordigisten, der während der Konferenzen einen gewissen Reifegrad in organisatorischen Fragen gezeigt hatte, fusionierte mit der Gruppe Il Leninsta und folgte ihr, um den Internationalismus aufzugeben und eine mehr oder weniger offene Form der bürgerlichen Linken (die OCI) anzunehmen[12]. Die Groupe Communiste Internationaliste (GCI), die zur dritten Konferenz nur gekommen war, um sie anzuprangern, indem sie bereits ihren destruktiven und parasitären Charakter zum Ausdruck brachte, begann, offen reaktionäre Positionen einzunehmen (Unterstützung für peruanische Maoisten und Guerillas in El Salvador, die in einer grotesken Rechtfertigung für das Handeln der "zentristischen" Al Qaida und in physischen Drohungen gegen die IKS in Mexiko gipfelten[13]). Was auch immer ihre Beweggründe sind, die GCI ist eine Gruppe, die im Wesentlichen die Arbeit der Polizei leistet, nicht nur durch die Androhung von Gewalt gegen proletarische Organisationen, sondern auch durch den von ihr erweckten Eindruck, dass es einen Zusammenhang zwischen authentischen kommunistischen Gruppen und dem fragwürdigen Milieu des Terrorismus gebe.
1984 wurde auch das Internationale Büro für die Revolutionäre Partei (IBRP) gegründet, ein Zusammenschluss von CWO und Battaglia Comunista. Das IBRP (jetzt die IKT) hat sich auf einem internationalistischen Terrain behauptet, aber die Umgruppierung wurde unserer Meinung nach auf opportunistischer Basis erreicht – mit einer föderalistischen Auffassung von nationalen Gruppen, einem Mangel an offener Debatte über die Unterschiede zwischen ihnen und einer Reihe von hastigen Versuchen, neue Sektionen zu integrieren, die in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt waren[14].
1984/85 erfolgte eine Spaltung der IKS, aus der die „Externe Fraktion der IKS“ (EFIKS) hervorging. Diese behauptete zunächst, die wahre Verteidigerin der Plattform der IKS gegen angebliche Abweichungen bei den Fragen des Klassenbewusstseins, der Existenz von Opportunismus in der Arbeiterbewegung sowie gegenüber angeblichem Monolithismus und sogar "Stalinismus" unserer Zentralorgane usw. zu sein. In Wirklichkeit gab die EFIKS den gesamten Ansatz der IKS sehr schnell auf, was zeigte, dass sie nicht das war, wofür sie sich hielt: eine echte Fraktion, die die Degeneration der ursprünglichen Organisation bekämpfe. Unserer Meinung nach war dies eine weitere Clanbildung, die persönliche Verbindungen über die Bedürfnisse der Organisation stellte und deren Tätigkeit nach dem Austritt aus der IKS ein weiteres Beispiel für politischen Parasitismus war[15].
Das Proletariat, so Marx, ist eine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist – Teil des Kapitalismus, und doch in gewisser Weise ihm fremd[16]. Und die proletarische Organisation, die vor allem die kommunistische Zukunft der Arbeiterklasse verkörpert, ist als Teil des Proletariats nicht weniger ein Fremdkörper in dieser Gesellschaft. Wie das Proletariat als Ganzes ist sie dem ständigen Druck der bürgerlichen Ideologie ausgesetzt, und es ist dieser Druck, oder besser gesagt die Versuchung, sich ihm anzupassen, sich mit ihm zu versöhnen, der die Quelle des Opportunismus ist. Das ist auch der Grund, warum revolutionäre Organisationen kein "friedliches" Leben in der kapitalistischen Gesellschaft führen können und zwangsläufig dazu verdammt sind, Krisen und Spaltungen zu durchlaufen, da Konflikte zwischen der proletarischen "Seele" der Organisation und denen ausbrechen, die den Ideologien anderer sozialer Klassen erliegen. Die Geschichte des Bolschewismus zum Beispiel ist auch eine Geschichte von Organisationskämpfen. Revolutionäre suchen oder befürworten keine Krisen, aber wenn sie ausbrechen, ist es wichtig, ihre Kräfte zu mobilisieren, um ihre grundlegenden Prinzipien zu verteidigen, wenn sie untergraben werden, und für die Aufklärung der Divergenzen und ihrer Wurzeln zu kämpfen, statt vor diesen Verpflichtungen davonzulaufen. Und natürlich ist es wichtig, die Lehren zu ziehen, die diese Krisen zwangsläufig mit sich bringen, um die Organisation in Zukunft widerstandsfähiger zu machen.
Für die IKS waren Krisen häufig wiederkehrend und manchmal sehr schädlich, aber sie waren nicht immer ganz negativ. So führte die Krise von 1981 nach einer außerordentlichen Konferenz im Jahr 1982 zur Ausarbeitung grundlegender Texte über die Funktion und die Funktionsweise revolutionärer Organisationen in der heutigen Epoche[17] und brachte wichtige Erkenntnisse über die ständige Notwendigkeit, sich als revolutionäre Organisation zu verteidigen, nicht nur gegen die direkte Unterdrückung seitens des bürgerlichen Staates, sondern auch gegen zweifelhafte oder feindliche Elemente, die sich als Teil der revolutionären Bewegung ausgeben und sogar ihre Organisationen infiltrieren können.
Ebenso führte die Krise, in welcher die EFIKS austrat, zu einer Reifung der IKS in einer Reihe von Schlüsselfragen: wie der tatsächlichen Existenz von Opportunismus und Zentrismus als Krankheiten der Arbeiterbewegung; die Ablehnung rätistischer Sichtweisen über das Klassenbewusstseins, nämlich dass letzteres bloß ein Produkt des unmittelbaren Kampfes sei (und damit eine Klärung über die Notwendigkeit der revolutionären Organisation als Hauptausdruck der historischen, tiefen Dimension des Klassenbewusstseins); und, damit verbunden, das Verständnis der revolutionären Organisation als einer Organisation des Kampfes, die in der Lage ist, auf mehreren Ebenen in die Klasse einzugreifen: nicht nur theoretisch und propagandistisch, sondern auch agitatorisch, indem sie Orientierungen für die Erweiterung und Selbstorganisation des Kampfes liefert, aktiv an Versammlungen und Kampfgruppen teilnimmt.
Trotz der Klärungen, welche die IKS als Reaktion auf ihre internen Krisen vorgenommen hat, ist damit insbesondere das Organisationsproblem nicht ein- für allemal gelöst und gewährleistet worden, dass es keine Fehler mehr geben würde. Aber zumindest hat die IKS anerkannt, dass die Frage der Organisation eine eigenständige politische Frage ist. Andererseits anerkannte das Milieu allgemein nicht die Bedeutung der Organisationsfrage. "Anti-Leninisten" verschiedener Couleur (Anarchisten, Räte, Modernisten usw.) sahen den Versuch, die Zentralisierung zu stärken als stalinistisch an, während die Bordigisten umgekehrt den fatalen Fehler machten, zu denken, dass das letzte Wort zu dieser Frage eh schon gesagt sei und es nichts mehr zu diskutieren gäbe. Das IBRP war weniger dogmatisch, tendierte aber dazu, die Organisationsfrage als zweitrangig zu betrachten. So hat es sich beispielsweise in seiner Reaktion auf die Krise, die die IKS Mitte der 90er Jahre heimgesucht hat, überhaupt nicht mit den organisatorischen Fragen beschäftigt, sondern argumentiert, dass sie im Wesentlichen ein Nebenprodukt der falschen Einschätzung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen sei. Es besteht kein Zweifel, dass eine falsche Einschätzung der Weltsituation ein wichtiger Faktor in Organisationskrisen sein kann: In der Geschichte der Kommunistischen Linken zum Beispiel können wir auf Vercesis Theorie der Kriegswirtschaft verweisen, wonach die sich beschleunigende Dynamik in Richtung Krieg in den späten 30er Jahren ein Beweis dafür war, dass die Revolution bevorstehe. Der Ausbruch des imperialistischen Krieges führte dadurch zu einer völligen Desorientierung in der Fraktion.
Ebenso bedeutete die Tendenz der Gruppen, die aus dem 1968er Aufschwung hervorgingen, den Klassenkampf zu überschätzen, die Revolution als "kurz bevorstehend" zu sehen und zu unterschätzen, dass das Wachstum der revolutionären Kräfte in den 1970er Jahren äußerst fragil war: Viele derjenigen, die sich der IKS damals anschlossen, hatten nicht die Geduld und Überzeugung, den Kampf fortzusetzen, als sich herausstellte, dass der Kampf um die Revolution ein langfristiger war und dass die revolutionäre Organisation einen ständigen Überlebenskampf führen muss, selbst wenn der Klassenkampf weltweit aufwärts ginge. Aber die Schwierigkeiten, die sich aus dieser unmittelbaren Sichtweise des Weltgeschehens ergaben, hatten auch ein wesentliches organisatorisches Element: nicht nur, dass die Mitglieder in dieser Zeit oft hastig und oberflächlich integriert wurden, sondern vor allem, dass sie in eine Organisation integriert wurden, die noch keine klare Vorstellung von ihrer Funktion hatte, die so tat, als wäre sie bereits eine Art Mini-Partei, anstatt sich vor allem als Brücke zur zukünftigen kommunistischen Partei zu verstehen. Die revolutionäre Organisation in der Zeit, die 1968 begann, behielt somit viele Merkmale einer kommunistischen Fraktion bei, auch wenn sie keine direkte organische Kontinuität zu den Parteien oder Fraktionen der Vergangenheit hatte. Das bedeutet keineswegs, dass wir auf die Aufgabe der direkten Intervention in den Klassenkampf hätten verzichten sollen. Im Gegenteil, wir haben bereits argumentiert, dass eine der Schlüsselkomponenten in der Debatte mit der Tendenz, die die "Externe Fraktion" bildete, gerade das Beharren auf der Notwendigkeit einer kommunistischen Intervention in die Kämpfe der Klasse war – eine Aufgabe, die in Umfang und Intensität unterschiedlich sein kann, die aber in den verschiedenen Phasen des Klassenkampfes nie verschwindet. Aber es bedeutet, dass der größte Teil unserer Energien notwendigerweise auf die Verteidigung und den Aufbau der Organisation, auf die Analyse einer sich schnell entwickelnden Weltsituation und auf die Erhaltung und Weiterentwicklung unserer theoretischen Errungenschaften konzentriert gewesen ist. Dieser Fokus ist unter den Bedingungen der Phase des sozialen Zerfalls ab den 1990er Jahren, die den Druck und die Gefahren, denen revolutionäre Organisationen ausgesetzt sind, stark erhöht haben, noch wichtiger geworden. Wir werden die Auswirkungen dieser Phase im zweiten Teil dieses Artikels untersuchen.
Amos, Februar 2019
Einleitender Hinweis zu den Broschüren mit den Texten und dem Protokoll der Zweiten Internationalen Konferenz der Gruppen der Kommunistischen Linken, 1978, verfasst vom Internationalen Technischen Komitee:
"Mit dieser ersten Broschüre beginnen wir die Veröffentlichung der Texte der Zweiten Internationalen Konferenz der Gruppen der kommunistischen Linken, die am 11. und 12. November 1978 auf Initiative der Internationalistischen Kommunistischen Partei Battaglia Comunista in Paris stattfand. Die Texte der Ersten Internationalen Konferenz, die am 30. April und am 1. Mai 1977 in Mailand stattfand, wurden unter der Verantwortung der IntKP/BC auf Italienisch und unter der Verantwortung der IKS auf Französisch und Englisch veröffentlicht.
Am 30. Juni 1977 versandte die IntKP/BC in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Mailänder Konferenz und den anschließenden Kontakten mit der IKS und der CWO ein Rundschreiben, in dem sie die folgenden Gruppen zu einer neuen Konferenz in Paris einlud:
Internationale Kommunistische Strömung (Frankreich, Belgien, Großbritannien, Spanien, Italien, Deutschland, Holland, USA, Venezuela)
Communist Workers Organisation (Großbritannien)
Internationale Kommunistische Partei (Kommunistisches Programm: Italien, Frankreich, etc.)
Il Leninista (Italien)
Nucleo Comunista Internazionalista (Italien)
Iniziativa Comunista (Italien)
Fomento Obrero Revolucionario (Frankreich, Spanien)
Pour Une Intervention Communiste (Frankreich)
Forbundet Arbetarmakt (Schweden)
För Komunismen (Schweden)
Organisation Communistise Révolutionaire Internationaliste d’Algérie
Kakamaru Ha (Japan)
Partito Comunista Internazionale/Il Partito Comunista (Italien)
Spartakusbond (Holland)
Im zweiten Teil dieses Artikels werden wir diesen Brief veröffentlichen.
Von den eingeladenen Gruppen antworteten Spartakusbond und Kakamaru Ha nicht.
Das Kommunistische Programm und Il Partito Comunista weigerten sich, sich an Artikel zu beteiligen, die in ihren jeweiligen Publikationen erscheinen. Beide lehnten den Geist der Initiative sowie den politischen Inhalt der Arbeit selbst ab (insbesondere in den Fragen der Partei und der nationalen Befreiungskriege).
Der PIC schickte einen Brief mit der Weigerung, an einem Treffen teilzunehmen, das auf der Anerkennung der ersten beiden Kongresse der Dritten Internationale basierte, die er von Anfang an als im Wesentlichen sozialdemokratisch ansah (siehe Band II).
Forbundet Arbetarmakt lehnte die Einladung ab, da er bezweifelte, dass er die Kriterien für die Teilnahme anerkennen könne (siehe Band II).
Die Iniziativa Comunista gab keine schriftliche Antwort, und in letzter Minute – nachdem sie zugestimmt hatte, zu einer gemeinsamen Sitzung von Battaglia und Il Leninista zu kommen – weigerte sie sich, an der Konferenz teilzunehmen, und rechtfertigte ihre Haltung in der Ausgabe ihres Bulletins, das nach der Pariser Konferenz erschien.
Il Leninista. Obwohl er seine Zustimmung zur Teilnahme bestätigte, konnte er aufgrund technischer Probleme zum Zeitpunkt der Abreise an der Sitzung nicht teilnehmen.
Die OCRIA der algerischen Einwanderer in Frankreich konnte aus Sicherheitsgründen nicht physisch an der Sitzung teilnehmen, bat aber darum, als teilnehmende Gruppe betrachtet zu werden.
Das FOR, obwohl es zu Beginn der Konferenz teilgenommen hatte – der es sich als Beobachter am Rande der Konferenz präsentierte –, distanzierte sich schnell von der Konferenz und sagte, dass seine Präsenz mit Gruppen unvereinbar sei, die behaupten, dass es jetzt eine strukturelle Krise des Kapitals gebe (siehe Band II) ...."
Zwischen der zweiten und dritten Konferenz war die schwedische Gruppe För Komunismen zur IKS-Sektion in Schweden geworden, und Il Nucleo und Il Leninista waren zu einer einzigen Organisation verschmolzen, I Nuclei Leninisti.
Die Liste der teilnehmenden Gruppen war:
IKS, Battaglia, CWO, Groupe Communiste Internationaliste, L'Éveil Internationaliste, I Nuclei Leninisti, OCRIA, die schriftliche Beiträge geschickt haben. Die American Marxist Workers' Group schloss sich der Konferenz an und hätte einen Delegierten geschickt, wurde aber in letzter Minute daran gehindert.
[1] Veröffentlicht in Internationalismus 4, undatiert, aber um 1973.
[2] Eine Liste der Gruppen, die an Konferenzen teilgenommen oder diese unterstützt haben, findet ihr im Anhang.
[3] Linksradikalismus – Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus, Frankfurt, 1968
[4] Diese Gruppen hatten alle ihren Ursprung in der Spaltung 1952 innerhalb der Internationalistischen Kommunistischen Partei in Italien. Die Gruppe um Damen behielt den Namen Internationalistische Kommunistische Partei; die "Bordigisten" nahmen den Namen Internationale Kommunistische Partei an, die nach weiteren Spaltungen nun mehrere organisatorische Ausdrücke unter dem gleichen Namen hat.
[5] Das Sektierertum war ein Problem, das Marx bereits früh identifizierte: „Die Sekte suchte ihre raison d‘etre und ihren point d‘honneur nicht in dem, was sie mit der Klassenbewegung gemein hat, sondern in dem besondren Schibboleth, das sie von ihr unterscheidet.“ (Marx (Entwurf) an Schweitzer, 13.10.1868, MEW, Bd. 32, S. 568). Natürlich können solche Formeln missbraucht werden, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden. Für die Linke des Kapitals ist die gesamte kommunistische Linke sektiererisch, weil sie sich nicht als Teil dessen versteht, was sie die "Arbeiterbewegung" nennt – Organisationen wie die Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien, deren Klassencharakter sich seit Marx' Tagen verändert hat. Aus unserer Sicht ist das Sektierertum heute ein Problem zwischen proletarischen Organisationen. Es ist nicht sektiererisch, vorzeitige Fusionen oder Anschlüsse abzulehnen, die echte Meinungsverschiedenheiten überdecken. Aber es ist sicherlich sektiererisch, jede Diskussion zwischen proletarischen Gruppen oder die Notwendigkeit einer grundlegenden Solidarität zwischen ihnen abzulehnen.
[6] Diese Debatte führte zu einer Resolution zu proletarischen Fraktionen auf dem Zweiten IKS-Kongress (siehe International Review Nr. 11: https://en.internationalism.org/content/4091/resolution-proletarian-poli... [965])
[7] Vgl. https://libcom.org/article/militancy-highest-stage-alienation-organisation-des-jeunes-travailleurs-revolutionnaires [966]. Anfang der 1970er Jahre entstanden auch "modernistische" Gruppen, die das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse in Frage stellten und dazu neigten, politische Organisationen, auch wenn sie eindeutig für die kommunistische Revolution standen, als nichts anderes wie Betrüger zu sehen. Siehe dazu die Schriften von Jacques Camatte. Diese Gruppen waren die Vorläufer der heutigen "Kommunisierungstendenz". Eine Reihe der 1973 von Internationalism kontaktierten Gruppen ging in diese Richtung und war unwiederbringlich verloren: Mouvement Communiste in Frankreich (nicht die bestehende autonome Gruppe, sondern die Gruppe um Barrot/Dauvé, die ursprünglich einen schriftlichen Beitrag zum Treffen in Liverpool geleistet hatte), Komunism in Schweden und in gewissem Sinne Solidarity UK, die mit diesen anderen Gruppen die Einbildung teilten, über den Marxismus hinauszugehen.
[9] Ein früher Ausdruck der "hekmatistischen" Tendenz, die heute in Form der Kommunistischen Arbeiterparteien des Iran und des Irak existiert – eine Tendenz, die immer noch oft als linkskommunistisch bezeichnet wird, aber in Wirklichkeit eine radikale Form des Stalinismus ist. Siehe unseren Artikel "Worker Communist Parties of Iran and Iraq: the dangers of radical Stalinism". https://en.internationalism.org/wr/293_wpiran.html [968]
[10] „Die gegenwärtigen Krämpfe im revolutionären Milieu", International Review Nr. 28, https://en.internationalism.org/node/3116 [969]; auch International Review Nr. 32, https://en.internationalism.org/node/3123 [970]
[11] https://en.internationalism.org/content/3667/political-parasitism-cbg-does-bourgeoisies-work [971]. Wir werden im zweiten Teil des Artikels auf das Problem des politischen Parasitismus zurückkommen.
[12] Organizzazione Comunista Internazionalista
[14] Siehe Internationale Revue Nr. 36: Polemik mit dem IBRP: Eine opportunistische Politik der Umgruppierung führt lediglich zu "Fehlgeburten" /content/123/polemik-mit-dem-ibrp-eine-opportunistische-politik-der-umgruppierung-fuehrt-lediglich-zu [972]
[15] Vgl. „Die "Externe Fraktion" der IKS“, in International Review Nr. 45: https://en.internationalism.org/ir/45_eficc [973]
[16] In Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
[17] Siehe die beiden Berichte über die Organisationsfrage der Außerordentlichen Konferenz 1982: Die Funktion der revolutionären Organisation (Internationale Revue Nr. 9) und Bericht zur Struktur und Funktionsweise der revolutionären Organisation (Internationale Revue Nr. 22)
Der überwältigende Konsensus fundierter wissenschaftlicher Gutachten besteht darin, dass wir bereits in eine globale ökologische Katastrophe von beispiellosem Ausmaß eintreten. Hier ist nicht der richtige Ort, um alle Aspekte der Katastrophe, mit der die Menschheit konfrontiert ist, aufzuschlüsseln – von der Verschmutzung des Meeres, der Luft und der Flüsse bis hin zum bevorstehenden Aussterben unzähliger Pflanzen- und Tierarten –, die in den Bedrohungen durch den beschleunigten Prozess der globalen Erwärmung gipfeln. Es genügt zu sagen, dass die Kombination all dieser Tendenzen, wenn sie ohne Gegenmaßnahmen bleibt, den Planeten selbst unbewohnbar und zumindest ungeeignet machen könnte, um eine menschenwürdige Existenz zu führen.
Wir sind jedoch der Meinung, dass es nicht ausreicht, dieses Problem allein durch die Linse der Ökologie oder der Naturwissenschaften zu untersuchen. Um die zugrunde liegenden Ursachen der ökologischen Verwüstung und die Möglichkeit, sie umzukehren, zu verstehen, müssen wir ihren Zusammenhang mit den bestehenden sozialen Beziehungen, mit dem Wirtschaftssystem, das die Erde regiert, verstehen: dem Kapitalismus. Und für uns bedeutet das, den einzigen wirklich wissenschaftlichen Ansatz zum Verständnis der Struktur und Dynamik der menschlichen Gesellschaft zu nutzen – die Methode des Marxismus. Ein ausgezeichneter Ausgangspunkt ist Engels' Essay von 1876: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen – eine unvollendete Sequenz, die in eine umfassendere unvollendete Symphonie eingebettet ist: die Dialektik der Natur[1].
Engels' Essay ist eine Anwendung des Verständnisses, dass es nur durch die Betrachtung der menschlichen Vergangenheit aus der Sicht einer Klasse der Arbeit – und insbesondere der assoziierten Arbeit – möglich wird, die Entstehung der menschlichen Spezies zu verstehen. Im Gegensatz zur mechanistischen Sichtweise, nach der es sich um das Ergebnis der Entwicklung des isoliert betrachteten menschlichen Gehirns handelt – dessen Wachstum in Größe und Komplexität als einfaches Ergebnis zufälliger Mutationen –, argumentiert Engels, dass sich der Mensch letztlich selbst macht; dass es die dialektische Interaktion zwischen Hand und Gehirn bei der kollektiven Produktion von Werkzeugen und der Transformation unserer natürlichen Umgebung ist, die die „mechanischen“ Fähigkeiten des Gehirns, die Geschicklichkeit der menschlichen Hand und die Entwicklung eines spezifisch menschlichen Bewusstseins bestimmt. Dieses Bewusstsein ist eines, in dem geplante, zielgerichtete Aktivität und kulturelle Übertragung die eher instinktiven Handlungen früherer Tierarten überwiegt.
„Es versteht sich ... von selbst, daß es uns nicht einfällt, den Tieren die Fähigkeit planmäßiger, vorbedachter Handlungsweise abzustreiten. Im Gegenteil. Planmäßige Handlungsweise existiert im Keime schon überall, wo Protoplasma, lebendiges Eiweiß existiert und reagiert, d.h. bestimmte, wenn auch noch so einfache Bewegungen als Folge bestimmter Reize von außen vollzieht. Solche Reaktion findet statt, wo noch gar keine Zelle, geschweige eine Nervenzelle, besteht. Die Art, wie insektenfressende Pflanzen ihre Beute abfangen, erscheint ebenfalls in gewisser Beziehung als planmäßig, obwohl vollständig bewußtlos. Bei den Tieren entwickelt sich die Fähigkeit bewußter, planmäßiger Aktion im Verhältnis zur Entwicklung des Nervensystems und erreicht bei den Säugetieren eine schon hohe Stufe. ... Aber alle planmäßige Aktion aller Tiere hat es nicht fertiggebracht, der Erde den Stempel ihres Willens aufzudrücken. Dazu gehörte der Mensch.[2]
Kurz, das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt.“
Es steht außer Frage, dass die Menschheit diese Fähigkeiten durch kollektive Aktivitäten, durch Assoziation erworben hat. Engels argumentiert insbesondere, dass die Evolution der Sprache – eine Voraussetzung für die Entwicklung des Denkens und der kulturellen Übertragung von einer Generation zur nächsten – nur im Kontext einer sich entwickelnden sozialen Verbindung verstanden werden kann:
„Wie schon gesagt, waren unsre äffischen Vorfahren gesellig; es ist augenscheinlich unmöglich, den Menschen, das geselligste aller Tiere, von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher aneinanderzuschließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewußtsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten. Das Bedürfnis schuf sich sein Organ: Der unentwickelte Kehlkopf des Affen bildete sich langsam aber sicher um, durch Modulation für stets gesteigerte Modulation, und die Organe des Mundes lernten allmählich einen artikulierten Buchstaben nach dem andern aussprechen.“
Die menschliche Fähigkeit zur Veränderung der Natur hat der Menschheit enorme evolutionäre und historische Vorteile gebracht, die sie unbestreitbar zur dominanten Spezies auf dem Planeten machten. Von der Nutzung des Feuers über die Domestikation von Tieren zur Aussaat von Pflanzen; vom Bau der ersten Städte bis hin zur Entwicklung riesiger Produktions- und Kommunikationsnetze, die den gesamten Planeten vereinen könnten: dies waren die notwendigen Etappen in Richtung der Entstehung einer globalen menschlichen Gemeinschaft, die auf der Verwirklichung des kreativen Potenzials aller ihrer Mitglieder basiert, d.h. auf der kommunistischen Zukunft, die Marx und Engels vorausgesagt und für die sie gekämpft haben.
Und doch ist Der Anteil der Arbeit alles andere als eine arrogante Hymne auf die menschliche Überlegenheit. Auf den Spuren Darwins beginnt der Text damit, zu erkennen, dass alles, was einzigartig menschlich ist, auch seine Wurzeln in den Fähigkeiten unserer tierischen Vorfahren hat. Und vor allem stellte Engels den grundsätzlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht fest, ohne zugleich eine Warnung auszusprechen, die angesichts der heutigen ökologischen Krise eine sehr deutliche Resonanz hat:
„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, daß sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wußten nicht, daß sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrofelkrankheit verbreiteten[3]. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“
Engels liefert uns in diesem Abschnitt ein konkretes Beispiel für die marxistische Theorie der Entfremdung, die auf der Erkenntnis beruht, dass das Produkt der eigenen Arbeit unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen zu einer feindlichen Macht werden kann, zu einer fremden Kraft, die sich der Kontrolle des Menschen entzieht und gegen ihn wirkt. Ohne in eine Diskussion über die entfernteren Ursprünge dieser menschlichen Selbstentfremdung einzutreten, können wir mit Sicherheit sagen, dass die qualitative Entwicklung dieses Prozesses mit der Entstehung der Klassenausbeutung verbunden ist, bei der diejenigen, die arbeiten, per Definition gezwungen sind, nicht für sich selbst, sondern für eine Klasse zu produzieren, die die Macht und den Reichtum der Gesellschaft in ihren Händen hält. Und es ist kein Zufall, dass die Entwicklung von Ausbeutung und entfremdeter Arbeit mit der fortschreitenden Entfremdung der Menschheit von der Natur verbunden ist. Die Beispiele für „unvorhergesehene Folgen“ der Produktion, die Engels uns in der gerade zitierten Passage liefert, stammen hauptsächlich aus vorkapitalistischen Formen der Klassengesellschaft, und gerade mit diesen früheren Zivilisationsformen finden wir das erste klare Beispiel für von Menschen verursachte Umweltkatastrophen.
„Die ersten Fälle einer ausgedehnten ökologischen Zerstörung fielen zusammen mit den frühen Stadtstaaten; es gibt tatsächlich Beweise dafür, daß der eigentliche Vorgang der Abholzung, der es Zivilisationen wie den Sumerern, Babyloniern, Singhalesen und anderen erlaubte, sich auf einer umfangreichen landwirtschaftlichen Basis zu entwickeln, auch eine beträchtliche Rolle in ihrem Zerfall und Verschwinden spielte.“[4]
Aber das waren relativ gesehen lokale Katastrophen. Im Gegensatz zu früheren Produktionsweisen ist der Kapitalismus durch seinen tiefsten inneren Drang gezwungen, den gesamten Planeten zu dominieren. So heißt es im Kommunistischen Manifest:
„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. ...
Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“
Diese Notwendigkeit, sich selbst zu „globalisieren“, bedeutete aber auch die Globalisierung der ökologischen Katastrophe. Für Marx bedeuteten die kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse den Höhepunkt im gesamten Prozess der Entfremdung, denn jetzt ist die Ausbeutung menschlicher Arbeit nicht mehr auf eine persönliche Beziehung zwischen Meister und Diener ausgerichtet, wie es in früheren Klassengesellschaften der Fall war, sondern auf die Expansion und das Wachstum einer grundsätzlich unpersönlichen Macht: „das Kapital“ oder das Profitsystem. Mit dem universellen Aufkommen der Produktion für den Markt und für den Profit erreichte die Tendenz, dass die Ergebnisse der Produktion der Kontrolle des Produzenten entzogen werden, ihren Höhepunkt; zudem wird auch der kapitalistische Ausbeuter selbst, obwohl er von den Erträgen der Ausbeutung profitiert, durch den unerbittlichen Wettbewerb um die Gewinne angetrieben und ist letztlich nur die Personifizierung des Kapitals. Wir sind also mit einer Produktionsweise konfrontiert, die gleich einem außer Kontrolle geratenen Moloch Ausbeuter und Ausgebeutete gleichermaßen zu zermalmen droht.
Da der Kapitalismus von den unerbittlichen Anforderungen der Akkumulation getrieben wird (die er „Wirtschaftswachstum“ nennt), kann er nie zu einer rationalen, globalen Kontrolle des Produktionsprozesses gelangen, die sich an den langfristigen Interessen der Menschheit orientiert. Dies gilt vor allem in einer Zeit der Wirtschaftskrise, in der der Druck, in die letzten unberührten Regionen des Planeten einzudringen und ihre Ressourcen zu plündern, für alle fieberhaft konkurrierenden kapitalistischen und nationalen Einheiten immer unwiderstehlicher wird.
Der Höhepunkt der Entfremdung des Arbeiters im Produktionsprozess spiegelt sich also in der extremsten Entfremdung der Menschheit von der Natur wider. So wie die Arbeitskraft der Arbeiter kommodifiziert wird, unsere intimsten Bedürfnisse und Gefühle als potenzielle Märkte gesehen werden, so sieht der Kapitalismus die Natur als ein riesiges Lagerhaus, das nach Belieben durchwühlt und geplündert werden kann, um den Moloch der Akkumulation zu befeuern. Wir sehen jetzt die ultimativen Folgen der Illusion, die Natur sei zu beherrschen „wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht“. „Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns“ – in weitaus größerem Ausmaß als in jeder früheren Zivilisation, da diese „Rache“ in der Auslöschung der Menschheit selbst gipfeln könnte.
Kehren wir zum letzten Abschnitt von Engels zurück, wo er schreibt, „daß unsre ganze Herrschaft über sie (die Natur) darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“
So fährt er fort: „Und in der Tat lernen wir mit jedem Tag ihre Gesetze richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen.“
Das Paradoxon des Kapitals besteht darin, dass die Entwicklung der Wissenschaft unter ihrer Herrschaft es uns zwar ermöglicht hat, die Naturgesetze in einem noch nie dagewesenen Ausmaß zu verstehen, wir aber immer machtloser scheinen, sie „richtig anwenden zu können“.
Für Engels hing die Fähigkeit, die Folgen unserer Produktion zu beherrschen, natürlich vom Sturz des Kapitalismus und der Aneignung der Wissenschaft durch die revolutionäre Arbeiterklasse ab. Aber Engels, der zuversichtlich war, dass der Sieg der sozialistischen Revolution nicht mehr weit entfernt war, konnte die Tragödie der Jahrhunderte, die auf seines folgten, nicht vorhersehen: die Niederlage des ersten Versuchs einer proletarischen Weltrevolution und die Verlängerung des kapitalistischen Systems, das ein solches Ausmaß des Verfalls erreicht hat, dass es die Grundlagen für eine zukünftige kommunistische Gesellschaft untergräbt. In der alptraumhaften Welt, die der dekadente Kapitalismus vor unseren Augen ausgestaltet, werden wissenschaftliche Erkenntnisse über die Naturgesetze, die zum Wohle der Menschheit genutzt werden könnten und sollten, mehr und mehr herangezogen, um die wachsende Katastrophe zu verschlimmern, indem sie zur Intensivierung der Ausbeutung von Mensch und Natur oder zur Schaffung von schrecklichen Vernichtungswaffen, die ihrerseits eine große ökologische Bedrohung darstellen, verbogen werden. In der Tat ist ein Maß für die Dekadenz des Kapitalismus genau diese wachsende Kluft zwischen dem durch die Produktivkraftentwicklung entstehenden Potenzial, zu dem die Wissenschaft wesentlich dazugehört, und der Art und Weise, wie dieses Potenzial durch die bestehenden sozialen Beziehungen blockiert und verzerrt wird.
Für sich genommen ist auch das uneigennützigste Wissen zu machtlos, um den Lauf der ökologischen Ausbeutung umzukehren.
Daher werden die endlosen Warnungen besorgter wissenschaftlicher Gremien über das Abschmelzen der Gletscher, die Vergiftung der Ozeane oder das Aussterben von Arten notorisch ignoriert oder durch die reale Politik kapitalistischer Regierungen unterlaufen, deren oberste Regel immer lautet: „expandiere oder stirb“, ob diese Regierungen nun von plumpen Leugnern des Klimawandels wie Trump oder von aufrichtigen Liberalen und selbsternannten Sozialisten gestellt werden.
Die Lösung der ökologischen Krise – die zunehmend nicht mehr von der unumkehrbaren Wirtschaftskrise des Kapitalismus und seinem Drang zum imperialistischen Krieg zu trennen ist – kann nur dann zustande kommen, wenn die Menschheit durch Niederschlagung der Kapitalakkumulation mit all ihren äußeren Ausdrucksformen, nicht zuletzt Geld, Staat und allen nationalen Grenzen, die Kontrolle zurückerlangt. Die Arbeit muss sich von der kapitalistischen Ausbeutung emanzipieren: Der gesamte Produktionsprozess muss auf der Grundlage der Bedürfnisse der Produzenten und ihrer langfristigen Interaktion mit dem Rest der Natur organisiert werden.
Dies ist eine Voraussetzung für das Überleben unserer Spezies. Aber es ist auch viel mehr als das. In der letztgenannten Passage fährt Engels fort: „Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.“
Hier kehrt Engels zu einigen der kühnsten Hypothesen des jungen Marx über die Natur des Kommunismus zurück. Vollkommener Kommunismus bedeutet die Emanzipation der Arbeit nicht nur im Sinne des Wegfalls der Klassenausbeutung, sondern erfordert auch die Umwandlung der Arbeit von einer Qual in ein Vergnügen, die Entfesselung der menschlichen Kreativität. Und das wiederum ist die Voraussetzung für die subjektive Transformation der menschlichen Spezies, die ihre Einheit mit der Natur „nicht nur fühlen, sondern auch wissen“ wird.
Solche Vorstellungen führen uns in eine weit entfernte Zukunft. Aber es wird nur dann unsere Zukunft sein, wenn die Klasse, die sie verkörpert, das Weltproletariat, in der Lage ist, für ihre spezifischen Interessen zu kämpfen, ihr Selbstverständnis als Klasse wieder zu entdecken und eine Perspektive für ihre Kämpfe zu formulieren. Dies wird bedeuten, dass ihre unmittelbaren, defensiven Kämpfe den Kampf gegen kapitalistische Unterdrückung und Barbarei in all ihren Formen immer mehr einbeziehen müssen; gleichzeitig kann das Proletariat nur durch den Kampf auf seinem eigenen Klassenterrain alle jene Gesellschaftsschichten hinter sich bringen, die die Kannibalisierung der Natur durch den Kapitalismus stoppen wollen. Die Erkenntnis, dass der Kapitalismus eine Bedrohung für alles Leben auf dem Planeten ist, wird im Mittelpunkt dieser Erweiterung des Klassenkampfes zu einer politischen und sozialen Revolution stehen.
Amos, April 2019
[2] Anthropologen, Geologen und andere Wissenschaftler haben den Begriff „Anthropozän“ geprägt, um eine neue geologische Ära zu bezeichnen, in der der Mensch der Atmosphäre, dem Klima und der Biologie der Erde seinen Willen definitiv aufgeprägt hat. Sie schlugen verschiedene Momente vor, um diesen Übergang vom Holozän zum Anthropozän zu markieren, wobei einige die Erfindung der Landwirtschaft als entscheidend ansehen, während andere sich für den Beginn der industriellen Revolution entscheiden, d.h. den Beginn der kapitalistischen Epoche, aber auch eine Phase der erheblichen Beschleunigung nach 1945.
[3] Diese Kenntnisse entsprechen offenbar nicht dem heutigen Stand der Wissenschaft – 140 Jahre später. Durch den Verzehr der grünen Kartoffelteile kam es zu leichten Vergiftungen. Hauptursache der Verbreitung von Skrofeln waren schlechte Lebensbedingungen und mangelnde Hygiene.
[4] Der Kapitalismus vergiftet die Erde, https://de.internationalism.org/Umwelt_13 [976]
Gaza, Libanon, Syrien, Irak, Afghanistan, Jemen – die höllische Spirale des imperialistischen Kriegs stürzt den Nahen Osten weiter in die Abgründe der Barbarei. Diese Region ist eine Konzentration von allem, was am dekadenten Kapitalismus widerlich ist. Nach jahrzehntelanger Instabilität, Invasionen, "Bürgerkriegen" und mörderischen Konflikten aller Art steht der Iran nun im Auge des Zyklons.
Im Jahr 2015, während der Obama-Jahre, unterzeichnete der Iran zusammen mit den Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates und Deutschland ein Abkommen zur Kontrolle seines Atomprogramms im Gegenzug für die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, die das Land seit Jahrzehnten gelähmt hatten. Aber seit Trump an die Macht kam, unterstützt von den amerikanischen Falken, dem israelischen Premierminister und der saudischen Monarchie, verurteilte er den "schlimmsten Deal der Geschichte", bevor er im Mai 2018 ankündigte, dass die USA sich für immer daraus zurückziehen würden[1].
Seitdem haben sich die Provokationen und Spannungen auf beiden Seiten verschärft. Die USA eröffneten den Reigen, indem sie ein hartes Embargo verhängten. Ein Jahr später drohte der Iran damit, seine Verpflichtungen aus dem Abkommen auszusetzen und die Menge an angereichertem Uran zu erhöhen, was eine neue Salve von Sanktionen einleitete. Einige Tage zuvor hatten die USA unter Berufung auf obskure "Hinweise auf eine glaubwürdige Bedrohung" den Flugzeugträger Abraham Lincoln und eine Reihe von Bombern in den Persischen Golf geschickt. Laut The New York Times hat das Pentagon den Einsatz von nicht weniger als 120.000 zusätzlichen Soldaten im Nahen Osten geplant. Die USS Arlington und das Patriot-Flugabwehrraketensystem wurden bereits in die Straße von Hormus geschickt, eine Transitroute für einen wichtigen Teil der weltweiten Ölproduktion.
Am 13. Juni 2019, einen Monat nach der Sabotage von vier Marineschiffen in denselben Gewässern, stieg der Druck nach einem Angriff auf zwei Tanker, einen norwegischen und einen japanischen, weiter an. Trump beschuldigte den Iran trotz der Dementis sowohl des Iran als auch der norwegischen und japanischen Sprecher[2]. Eine Woche später schoss der Iran eine amerikanische Drohne ab, von der es hieß, sie sei über iranisches Territorium geflogen. Diesmal war es Trump, der dementierte und seine Bomber mobilisierte, nur um den Angriff in letzter Minute abzubrechen. Und all dies wurde durch eine Welle kriegstreiberischer Beschimpfungen, Rhetorik und Drohungen angeheizt[3].
Es scheint, dass Trump, der sich kaum noch mit beschönigenden Worten über "saubere" und "humanitäre" Kriege beschäftigt, wieder die Strategie verfolgt, die er "maximalen Druck" nennt. Die amerikanische Armee ist nicht in der Lage, in den Iran einzumarschieren. Aber klar ist umgekehrt, dass die Bedingungen für eine Spirale in den Krieg zusammenkommen: eine Strategie, deren Unwirksamkeit im Falle Nordkoreas bewiesen wurde; kampfbereite Truppen auf beiden Seiten der Grenze, zynische Kriegstreiber an der Spitze des amerikanischen und iranischen Regimes. – Die Strategie des "maximalen Drucks" beinhaltet vor allem das maximale Kriegsrisiko!
Trump kann den harten Kerl spielen, wie er will, aber diese Spannungen sind effektiv ein klarer Ausdruck der historischen Schwächung der amerikanischen Führung. In den militärischen Abenteuern im Irak (1990 und 2003) und in Afghanistan (2001) zeigten die USA ihre unbestreitbare militärische Überlegenheit, aber auch ihre wachsende Ohnmacht, ein Minimum an Stabilität in der Region aufrecht zu erhalten und ihre Verbündeten im ehemaligen Westblock zu zwingen, sich hinter sie zu scharen. Diese Schwächung führte dazu, dass die USA nicht in der Lage waren, ihre Landstreitkräfte in Syrien einzusetzen, und somit ihren Konkurrenten in der Region, in erster Linie Russland, aber auch dem Iran, freie Hand lassen mussten.
Teheran konnte so seinem historischen Verbündeten, der Hisbollah im Libanon, einen Militärkorridor über den Irak und Syrien öffnen und so die Wut seines wichtigsten arabischen Konkurrenten in der Region, Saudi-Arabien, und Israels, das bereits Luftangriffe gegen iranische Positionen in Syrien durchgeführt hat, anstacheln. Auch im Jemen, dem Schauplatz eines grauenhaften Krieges, kratzt der Iran ernsthaft an der militärischen Glaubwürdigkeit Saudi-Arabiens, der wichtigsten Militärmacht in der Region und amerikanischen Stütze im Nahen Osten.
In dieser Konstellation musste sich der ehemalige Präsident Obama damit abfinden, ein Abkommen mit Teheran auszuhandeln: Die USA würden es dem Iran ermöglichen, einen Platz in der Weltwirtschaft zu finden, wenn Teheran umgekehrt zustimmt, seine imperialistischen Ambitionen zu zügeln, insbesondere durch Aufgabe seines Atomprogramms. Obama hatte die alte Strategie im Sinn, einen feindlichen Staat durch die Öffnung seiner Wirtschaft zu destabilisieren, um so den Einfluss der lokalen Bourgeoisie auf die Bevölkerung zu schwächen und dann Aufstände zu ermutigen, die das bestehende Regime stürzen.
Die USA, die immer noch in Afghanistan festgefahren waren und sich mit europäischen Verbündeten konfrontiert sahen, die ihnen im Nacken saßen, waren gezwungen, immer mehr nur noch auf ihre regionalen Verbündeten zu zählen, um ihre Politik der Isolation des Iran durchzusetzen. Deshalb hat Trump kürzlich sein Engagement zur Unterstützung Israels und Saudi-Arabiens vervielfacht: massive Waffenlieferungen an Saudi-Arabien für den Krieg im Jemen, Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt des jüdischen Staates, die anhaltende Unterstützung des saudischen Kronprinzen durch Trump auch nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi – auch wenn die machohaften und spektakulären Gesten von Trump mit den unmittelbaren taktischen Überlegungen übereinstimmen mögen, wird diese Strategie die Schwächung der US-Führung im Allgemeinen und das Chaos im Nahen Osten im Besonderen nur weiter beschleunigen.
Es ist zwar klar, dass die amerikanische Bourgeoisie auf den Untergang des Ayatollah-Regimes abzielt, aber über den Weg dahin ist sie weiterhin gespalten. Trumps Gefolge besteht zum Teil aus berüchtigten Kriegshetzern wie dem Berater für nationale Sicherheit John Bolton, Cowboys, die zuerst schießen und dann Fragen stellen. Bolton hat dies bereits mit seinem leidenschaftlichen Eintreten für die Invasion in den Irak unter der Präsidentschaft von Bush junior gezeigt. Der Iran und seine imperialistischen Ambitionen sind jetzt sein Ziel. Das hat der für die US-Außenpolitik zuständige Mann bereits 2015 in der New York Times geschrieben: "Die unbequeme Wahrheit ist, dass nur militärische Aktionen (...) das erreichen können, was erforderlich ist (...). Die Vereinigten Staaten könnten eine gründliche Arbeit der Zerstörung leisten, doch Israel allein kann das Notwendige tun. Diese Maßnahmen sollten mit einer energischen amerikanischen Unterstützung der iranischen Opposition einhergehen, die auf einen Regimewechsel in Teheran abzielt.“[4] Man kann Bolton nicht vorwerfen, dass er seine Ideen verschleiere oder ein Heuchler sei! Kein einziges Wort, kein Quäntchen Mitgefühl für diejenigen, die unter amerikanischen oder iranischen Bomben sterben würden.
Aber die Mehrdeutigkeiten und widersprüchlichen Entscheidungen von Trump, abgesehen von seiner Tendenz zum Handeln ohne Nachdenken, lassen sich auch dadurch erklären, dass ein Teil der amerikanischen Bourgeoisie, der sich der Schwächung der USA bewusst ist, immer noch an die geschickteren Methoden von Obama gebunden ist. Drei republikanische Kongressabgeordnete unter der Leitung von Kevin McCarthy haben ein Kommuniqué in Übereinstimmung mit der Demokratischen Partei unterzeichnet, in dem sie die Regierung auffordern, in Richtung Iran "maßvoller" zu handeln. Aber das "Maß", von dem diese bürgerlichen Politiker sprechen, ist nur ein anderes Wort für Verrenkung, denn die USA stehen vor einem unlösbaren Dilemma: Entweder sie fördern die Offensive ihrer Rivalen, indem sie nicht direkt eingreifen, oder sie treiben den Abstieg ins Chaos an, indem sie ihre Truppen einsetzen. Was auch immer sie tun, die USA können ebenso wenig wie die anderen imperialistischen Mächte der Logik und den Widersprüchen des Militarismus entkommen.
Von den Großmächten bis zu fanatischen Banden, von regionalen Mächten bis zu den reichsten Öl-Monarchien – alle Geier sind blutgierig. Sie sind nur um die Verteidigung ihrer schmutzigen imperialistischen Interessen besorgt und kümmern sich nicht um die Leichen, die unzähligen Flüchtlinge, die zerstörten Städte, die von Bomben vernichteten Leben, das Elend und die Verwüstung. Alle diese Kriegsparteien kotzen Worte über Frieden, Verhandlung und Stabilität, aber die barbarische Realität, die sich aus ihren Handlungen ergibt, zeugt von der Fäulnis des kapitalistischen Systems, dem sie alle dienen.
EG, 1.7.19
[1] Angelockt von der Aussicht auf einen neuen Markt, der erobert werden soll, haben die anderen Länder, die den Vertrag unterzeichnet haben, einschließlich der Europäer, versucht, das Abkommen mit dem Iran aufrechtzuerhalten. Aus Rache hat Trump gedroht, Unternehmen zu sanktionieren, die sich nicht an das neue amerikanische Embargo halten, was die europäischen Ambitionen eindeutig gebremst hat.
[2] Im jetzigen Zeitpunkt, in dem der Artikel verfasst wird, ist es notwendig, vorsichtig bei der Einschätzung zu sein, wer diese Angriffe durchgeführt hat. Es ist zwar durchaus möglich, dass der Iran angesichts der Tradition der Manipulation durch die großen Demokratien (wie die Erfindung der "Massenvernichtungswaffen" des Irak) eine Botschaft an Trump senden wollte, aber es ist nicht auszuschließen, dass die USA oder einer ihrer Verbündeten die Schläge organisierten, um die Spannungen zu erhöhen.
[3] Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels nehmen die Spannungen weiter zu: Teheran hat gerade angekündigt, die durch das Abkommen von 2015 erlaubten Mengen an angereichertem Uran zu überschreiten, und Israel hat die iranischen Positionen in Syrien erneut bombardiert.
[4] “To stop Iran’s bomb, bomb Iran”, The New York Times, 26. März 2015
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Nach dem Sieg der Truppen Francos im April 1939 war Spanien durch den dreijährigen Krieg völlig zerstört, versank im Elend und blieb traumatisiert. Im Gegensatz zur Mythologie von Anarchisten, gewissen Linksextremen und Journalisten hatte dieser schreckliche Krieg absolut nichts mit einer "sozialen Revolution" zu tun. Im Gegenteil, es war der
Triumph der Konterrevolution und der Prolog zum Zweiten Weltkrieg, eine Katastrophe, die durch die physische Niederlage des Proletariats und seine Rekrutierung unter der Flagge der herrschenden Klasse zur Verteidigung schmutziger imperialistischer Interessen beider Seiten ermöglicht wurde. Auf der Seite der Demokratie geschieht die Mobilisierung in den Krieg im Namen von "faschistischer Gefahr" und "Antifaschismus".
Wenn der spanische Krieg zweifellos eine imperialistische Tragödie war, endete er auch mit einer Episode, die zeigte, wie die "Demokratie" dem "Faschismus" mit seiner Barbarei in nichts nachstand: das schreckliche Schicksal der spanischen Flüchtlinge, welches lange von der Bourgeoisie, vor allem in Frankreich, verheimlicht wurde. Nach dem Krieg überquerten eine halbe Million Spanier die Pyrenäen, um Armut und Unterdrückung zu entkommen. Dieses menschliche Ausbluten endete auf tragische und barbarische Weise in den Konzentrationslagern Südfrankreichs. Die meisten spanischen Flüchtlinge wurden dann als Soldaten an der Militärfront der Résistance rekrutiert, als Arbeitskräfte in den Minen oder für landwirtschaftliche Arbeiten extrem ausgebeutet. Viele von ihnen wurden später in Nazi-Lager deportiert und umgebracht.
Kommt und diskutiert die politischen Lehren aus diesen Ereignissen an der öffentlichen Veranstaltung der Internationalen Kommunistischen Strömung.
Eine der beliebteren Parolen bei den Protesten gegen den Klimawandel lautet: "Systemwechsel statt Klimawandel".
Es steht außer Frage, dass das gegenwärtige System die Menschheit in eine Umweltkatastrophe treibt. Jeder Tag liefert neue Beweise dafür: beispiellose Hitzewellen, noch nie dagewesene Waldbrände im Amazonasgebiet, schmelzende Gletscher, Überschwemmungen, das Aussterben von Tierarten und Pflanzen - mit dem Aussterben der menschlichen Gattung als Endergebnis. Und selbst wenn die globale Erwärmung nicht stattfände, würden der Boden, die Luft, die Flüsse und Meere weiterhin vergiftet und das Leben dadurch zerstört.
Kein Wunder, dass so viele Menschen und vor allem so viele junge Menschen, die vor einer bedrohlichen Zukunft stehen, sich große Sorgen um diese Situation machen und etwas dagegen tun wollen.
Die Welle von Protesten von Youth for Climate, Extinction Rebellion, der Grünen und der linken Parteien werden als richtige Stoßrichtung dargestellt. Aber diejenigen, die derzeit ihrem Beispiel folgen, sollten sich fragen: Warum werden diese Proteste von denen, die das gegenwärtige System verwalten und verteidigen, so breit unterstützt? Warum wird Greta eingeladen, mit Regierungen, vor Parlamenten und den Vereinten Nationen zu sprechen?
Natürlich verunglimpfen Politiker wie Trump, Bolsonaro oder Farage Greta und die "Umweltkrieger" ständig. Sie behaupten, dass der Klimawandel ein Schwindel sei und Maßnahmen zur Eindämmung der Umweltverschmutzung eine Bedrohung für das Wirtschaftswachstum darstellten, vor allem in den Bereichen der Automobilindustrie und der fossilen Brennstoffe. Sie sind die unverblümten Verfechter des kapitalistischen Profits. Aber was ist mit Merkel, Macron, Corbyn, Alexandria Ocasio-Cortez und anderen, die die Klimaproteste gelobt haben: Sind sie nicht weniger Teil des gegenwärtigen Systems?
Viele der Teilnehmer*innen an den gegenwärtigen Protesten würden zustimmen, dass die Wurzeln der ökologischen Zerstörung im System liegen und dass das System kapitalistisch ist. Aber die Organisationen hinter den Protesten und die Politiker*innen, die ihre heuchlerische Unterstützung für sie in die Welt hinausposaunen, verteidigen politische Maßnahmen, die das wahre Wesen des Kapitalismus verschleiern.
Betrachten wir eines der Hauptprogramme, das die radikaleren unter diesen Politiker*innen vorschlagen: den so genannten "New Green Deal". Er besteht aus einem Maßnahmenpaket, das die bestehenden Staaten umsetzen sollen und das massive Investitionen zur Entwicklung von "umweltfreundlichen" Industrien beinhaltet, die in der Lage sein sollen, einen angemessenen Gewinn zu erzielen. Mit anderen Worten: Er bewegt sich vollständig im Rahmen des kapitalistischen Systems. Wie der New Deal der 1930er Jahre verfolgt er das Ziel, den Kapitalismus in der Not zu retten, statt ihn zu ersetzen.
Der Kapitalismus verschwindet nicht, wenn er von Staatsbürokraten anstelle von privaten Unternehmern verwaltet wird oder wenn er sich selbst einen grünen Anstrich verpasst.
Das Kapital ist ein weltweites gesellschaftliches Verhältnis zwischen den Klassen, das auf der Ausbeutung von Lohnarbeit und auf der Produktion zum Zwecke des Verkaufs basiert, um schließlich Gewinne zu erzielen. Die ständige Suche nach Absatzmöglichkeiten für die Waren führt zu einem gnadenlosen Wettbewerb zwischen den Nationalstaaten um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt. Und dieser Wettbewerb bedeutet, dass jedes nationale Kapital entweder expandieren oder sterben muss. Ein Kapitalismus, der nicht mehr danach strebt, bis in die letzte Ecke des Planeten vorzudringen und grenzenlos zu wachsen, kann nicht existieren. Ebenso ist der Kapitalismus völlig unfähig zu einer Kooperation auf globaler Ebene, um auf die ökologische Krise zu reagieren, wie das bittere Scheitern all der verschiedenen Klimagipfel und -protokolle bereits gezeigt hat.
Die Jagd nach Profit, die nichts mit den menschlichen Bedürfnissen zu tun hat, ist die Triebkraft hinter der Plünderung der Natur, und das gilt seit den Anfängen des Kapitalismus. Aber der Kapitalismus hat eine Geschichte, und seit rund hundert Jahren hat er aufgehört, ein Faktor des Fortschritts zu sein, er ist vielmehr in eine tiefe historische Krise gestürzt. Er ist eine Zivilisation im Verfall, denn seine wirtschaftliche Basis, die gezwungenermaßen ständig über ihre Grenzen hinauswachsen muss, erzeugt Krisen der Überproduktion, die tendenziell dauerhaft werden. Und wie die Weltkriege und der "Kalte Krieg" des 20. Jahrhunderts gezeigt haben, kann dieser Prozess des Verfalls die Tendenz des Kapitals zur Zerstörung nur beschleunigen. Noch bevor das globale Massaker an der Natur offensichtlich wurde, drohte der Kapitalismus bereits damit, die Menschheit durch seine unaufhörlichen imperialistischen Konfrontationen und Kriege zu vernichten, die heute über einen ganzen Teil des Planeten von Nordafrika über den Nahen Osten bis nach Pakistan und Indien sich fortsetzen. Solche Konflikte können durch die ökologische Krise nur verschärft werden, da die Nationalstaaten um knapper werdende Ressourcen konkurrieren, während das Wettrüsten mit immer schrecklicheren Waffen – und vor allem deren Einsatz – den Planeten nur weiter verpeste kann. Diese unheilige Kombination kapitalistischer Verwüstung hat bereits Teile des Planeten unbewohnbar werden lassen und zwingt Millionen von Menschen zur Flucht.
Dieses System kann weder die Wirtschaftskrise, noch die ökologische Krise noch den Drang zum Krieg überwinden.
Es ist daher eine Selbsttäuschung, von den Regierungen der Welt zu verlangen, dass sie "zusammenkommen" und etwas tun, um den Planeten zu retten – eine Forderung, die von allen Gruppen erhoben wird, die die aktuellen Märsche und Proteste organisieren. Die einzige Hoffnung für die Menschheit liegt in der Zerstörung des gegenwärtigen Systems und der Schaffung einer neuen Gesellschaftsform. Wir nennen diese Kommunismus – eine weltweite menschliche Gemeinschaft ohne Nationalstaaten, ohne die Ausbeutung von Arbeitskräften, ohne Märkte und Geld, wo die gesamte Produktion auf globaler Ebene geplant wird mit dem einzigen Ziel, die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Es versteht sich von selbst, dass diese Gesellschaft nichts mit der staatlichen Form des Kapitalismus zu tun hat, die wir in Ländern wie China, Nordkorea und Kuba oder früher der Sowjetunion sehen bzw. gesehen haben.
Der wirkliche Kommunismus ist die einzige Grundlage für die Herstellung einer neuen Beziehung zwischen dem Menschen und der übrigen Natur. Und er ist keine Utopie. Er ist deshalb möglich, weil der Kapitalismus seine materiellen Grundlagen gelegt hat: die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie, die von ihrer Entstellung durch das gegenwärtige System befreit werden könnten, und die globale wechselseitige Abhängigkeit aller produktiven Aktivitäten, die vom kapitalistischen Wettbewerb und nationalen Gegensätzen zu erlösen wären.
Aber vor allem ist der Kommunismus möglich, weil der Kapitalismus auf der Bildung einer Klasse basiert, die nur ihre Ketten zu verlieren hat, einer Klasse, die ein Interesse daran hat, sich der Ausbeutung zu widersetzen und sie zu überwinden: die internationale Arbeiterklasse, das Proletariat aller Länder. Sie ist eine Klasse, die nicht nur diejenigen umfasst, die bei der Arbeit ausgebeutet werden, sondern auch diejenigen, die studieren, um eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt zu finden, und diejenigen, die das Kapital auf die Straße wirft und scheinbar überflüssig macht.
Bürgerproteste oder Arbeiterkämpfe?
Und gerade hier dient die Ideologie der Klimademos dazu, zu verhindern, dass wir die Mittel zum Kampf gegen dieses System ergreifen. Sie behauptet zum Beispiel, dass die Welt in einem Chaos stecke, weil sich die "ältere Generation" daran gewöhnt habe, zu viel zu konsumieren. Aber über Generationen "im Allgemeinen" zu sprechen, verdeckt die Tatsache, dass das Problem gestern und heute in der Spaltung der Gesellschaft in zwei Hauptklassen besteht – wovon die eine, die kapitalistische Klasse oder Bourgeoisie, die ganze Macht hat, und die andere, die weitaus größere Klasse, ausgebeutet und aller Entscheidungsgewalt beraubt ist, selbst in den "demokratischsten" Ländern. Es sind die unpersönlichen Mechanismen des Kapitals, die uns in das aktuelle Chaos gebracht haben, nicht das persönliche Verhalten von Individuen oder die Gier einer früheren Generation.
Das Gleiche gilt für das ganze Gerede über das "Volk" oder die "Bürger" als die Kraft, die die Welt retten könne. Dies sind sinnlose, irreführende Kategorien, die antagonistische Klasseninteressen verdecken. Der Ausweg aus einem System, das ohne die Ausbeutung einer Klasse durch eine andere nicht existieren kann, ist nur durch die Wiederbelebung des Klassenkampfes möglich, der damit beginnt, dass die Arbeiter*innen ihre elementarsten Interessen gegen die Angriffe auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen verteidigen, die von allen Regierungen und allen Chefs als Reaktion auf die Wirtschaftskrise begangen werden – Angriffe, die je länger je mehr auch im Namen des Umweltschutzes gerechtfertigt werden. Diese Verteidigung ist die einzige Grundlage dafür, dass die Arbeiterklasse ein Gefühl ihrer eigenen Existenz gegen all die Lügen entwickelt, die behaupten, dass sie bereits eine ausgestorbene Spezies sei. Und sie ist die einzige Grundlage für den Klassenkampf, der die wirtschaftliche und politische Dimension vereint – den Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise, Krieg und Umweltkatastrophe herstellt und dabei erkennt, dass nur eine weltweite Revolution diese Übel überwinden kann.
Vor dem Ersten Weltkrieg beteiligten sich Hunderttausende von Leuten an pazifistischen Demonstrationen. Sie wurden von den "demokratischen" herrschenden Klassen dazu ermutigt, weil sie die Illusion verbreiteten, dass man einen friedlichen Kapitalismus haben könne. Heute wird die Illusion verbreitet, dass man einen grünen Kapitalismus haben könne. Und noch einmal ein Blick zurück: Der Pazifismus, mit seinem Appell an alle guten Menschen und die Wahrhaftigen, verschleierte die Tatsache, dass sich nur der Klassenkampf wirklich gegen den Krieg stellen kann – wie er es 1917-18 bewies, als der Ausbruch der Revolution in Russland und Deutschland die Herrscher der Welt zwang, den Krieg schnell zu beenden. Der Pazifismus hat die Kriege nie gestoppt, und die aktuellen ökologischen Kampagnen, indem sie falsche Lösungen für die Klimakatastrophe verkaufen, müssen als Hindernis für ihre eigentliche Lösung verstanden werden.
Internationale Kommunistische Strömung
27.08.2019
Das Flugblatt wird in mehr als einem Dutzend Länder verteilt. Wir begrüßen Diskussionen mit all denen, die das niedergehende System infragestellen. Auf unserer Webseite (www.internationalism.org [109]) findet ihr viele Artikel, die tiefer auf das Wesen des Kapitalismus, seine vom ihm ausgehenden Gefahren und die Geschichte der Kämpfe dagegen eingehen. Schreibt uns an [email protected] [981]. Im Herbst halten wir eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen zum Thema dieses Flugblatts ab. Nähere Angaben findet ihr auf unserer Webseite.
Vor achtzig Jahren ging eines der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu Ende: der spanische Krieg. Dieses Großereignis stand im Mittelpunkt der Weltsituation in den 1930er Jahren. Es steht seit einigen Jahren im Zentrum der internationalen politischen Aufmerksamkeit. Es war ein entscheidender Test für alle politischen Tendenzen, die behaupten, proletarisch und revolutionär zu sein. So erschien beispielsweise in Spanien der Stalinismus zum ersten Mal außerhalb der UdSSR in seiner Rolle als Henker des Proletariats. Ebenso geschah um die spanische Frage herum eine Dekantierung, eine Kristallisation innerhalb der Strömungen, die in den 1920er Jahren gegen die Degeneration und den Verrat der kommunistischen Parteien gekämpft hatten, eine Dekantierung zwischen denen, die dann während des Zweiten Weltkriegs eine internationalistische Position einnahmen, und denen, die sich an diesem Krieg beteiligten wie zum Beispiel die trotzkistische Bewegung. Auch heute noch sind die Ereignisse von 1936-1939 in Spanien in der Positionierung und Propaganda der Strömungen präsent, die für sich beanspruchen, Teil der proletarischen Revolution zu sein. Dies gilt insbesondere für die verschiedenen Tendenzen des Anarchismus und des Trotzkismus, die über ihre Unterschiede hinaus darin übereinstimmen, dass es 1936 in Spanien eine "Revolution" gegeben habe. Eine Revolution, die nach Ansicht der Anarchisten wegen der von der CNT, der anarchosyndikalistischen Gewerkschaftszentale, geförderten Bildung der “Kollektive“ [986] viel weiter gegangen sei als die Revolution von 1917 in Russland. Eine Analyse, die damals von den verschiedenen Strömungen der Kommunistischen Linken, der Italienischen Linken und auch der Deutsch-Holländischen Linken abgelehnt wurde.
Die erste Frage, die wir daher beantworten müssen, lautet: Gab es 1936 in Spanien eine Revolution?
Bevor man diese Frage beantwortet, muss man sich natürlich darauf einigen, was unter "Revolution" zu verstehen ist. Es ist ein überbeanspruchter Begriff, da er sowohl von der extremen Linken (z.B. Mélenchon mit seiner "Bürgerrevolution") als auch von der extremen Rechten (mit ihrer "Nationalen Revolution") beansprucht wird. Sogar Macron gab seinem Buch, in dem er sein Programm vorstellt, den Titel "Révolution".
Tatsächlich steht dieser Begriff "Revolution" jenseits aller phantastischen Interpretationen historisch für einen gewalttätigen Wechsel des politischen Regimes, der eine Umwälzung des Kräfterverhältnisses zwischen den sozialen Klassen zugunsten derjenigen ausdrückt, die den Fortschritt für die Gesellschaft darstellen. Dies war der Fall bei der Englischen Revolution der 1640er Jahre und der Französischen Revolution von 1789, die beide die politische Macht der Aristokratie im Interesse der Bourgeoisie angriffen.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts stellten die politischen Fortschritte der Bourgeoisie auf Kosten des Adels einen Fortschritt für die Gesellschaft insgesamt dar. Und zwar deshalb, weil der Kapitalismus zu dieser Zeit ein aufstrebendes System war, das die Welt erobern wollte. Aber diese Situation änderte sich im 20. Jahrhundert grundlegend. Die bürgerlichen Staaten hatten die Teilung der Welt beendet. Jede neue Eroberung, ob kolonial oder kommerziell, stieß auf die Einflusssphäre einer rivalisierenden Macht. Dies führte zu einer Zunahme des Militarismus und zu imperialistischen Spannungen, die den Ersten Weltkrieg bedingten. Diese Entwicklung ist ein Zeichen dafür, dass der Kapitalismus zu einem dekadenten und überholten System geworden ist. Die bürgerlichen Revolutionen sind nicht mehr angesagt. Die einzige Revolution auf der Tagesordnung ist die, die das kapitalistische System stürzen und eine neue Gesellschaft ohne Ausbeutung und Krieg, den Kommunismus, aufbauen soll. Das Subjekt dieser Revolution ist die Klasse der Lohnarbeiter*innen, der Produzent*innen des größten Teils des sozialen Reichtums, das Proletariat.
Es gibt grundlegende Unterschiede zwischen bürgerlichen und proletarischen Revolutionen. Eine bürgerliche Revolution, d.h. die Übernahme der politischen Macht durch die Vertreter der bürgerlichen Klasse eines Landes, ist das Ergebnis einer ganzen historischen Periode, in der die Bourgeoisie durch die Entwicklung von Handel und Produktionstechniken ein entscheidendes Gewicht im wirtschaftlichen Bereich erlangt hat. Die politische Revolution, die Abschaffung der Privilegien des Adels, stellt einen wichtigen (wenn auch nicht unerlässlichen) Schritt in der wachsenden Kontrolle der Bourgeoisie über die Gesellschaft dar, die es ihr ermöglicht, diesen Prozess der Kontrolle zu erleichtern und zu beschleunigen.
Die proletarische Revolution steht keineswegs am Ende des wirtschaftlichen Transformationsprozesses der Gesellschaft, sondern im Gegenteil ganz am Anfang. Die Bourgeoisie war in der Lage, Inseln der bürgerlichen Wirtschaft in der feudalen Gesellschaft, in Handelsstädten, Handelsnetzen zu bilden, die sich allmählich erweiterten und stärkten. Nichts davon gilt für das Proletariat. Inseln des Kommunismus in einer vom Kapitalismus und seinen Handelsbeziehungen dominierten Weltwirtschaft sind unmöglich. Das war zwar der Traum von utopischen Sozialisten wie Fourier, Saint-Simon oder Owen. Aber trotz all ihres guten Willens und ihrer oft tiefgreifenden Analysen der Widersprüche des Kapitalismus brachen ihre Träume angesichts der Realität der kapitalistischen Gesellschaft zusammen und ihre Projekte scheiterten. Tatsächlich besteht die erste Stufe der kommunistischen Revolution in der Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat auf globaler Ebene. Von der Ausübung dieser politischen Macht wird es abhängen, ob die revolutionäre Klasse in der Lage sein wird, die gesamte Wirtschaft allmählich zu transformieren, indem sie sie sozialisiert, indem sie das private Eigentum an den Produktionsmitteln und den Warentausch abschafft.
Es gibt noch zwei weitere grundlegende Unterschiede zwischen bürgerlichen und proletarischen Revolutionen:
Am 18. Juli 1936, angesichts des Militärputsches von Franco gegen die Regierung der Volksfront, griff das Proletariat zu den Waffen. Es gelang ihm, das kriminelle Unternehmen unter der Führung von Franco und seinen Komplizen in den meisten Großstädten zu besiegen. Hat das Proletariat diese Situation, seine Position der Stärke genutzt, um den bürgerlichen Staat anzugreifen? Einen bürgerlichen Staat, der sich seit der Gründung der Republik 1931 bereits in der blutigen Unterdrückung der Arbeiterklasse, insbesondere in Asturien 1934 mit 3.000 Toten, ausgezeichnet hatte. Auf keinen Fall!
Die Reaktion der Arbeiter*innen war sicherlich zunächst eine Aktion der Klasse, die den Erfolg des Putsches verhinderte. Aber leider wurde die Energie der Arbeiter*innen schnell kanalisiert und ideologisch mit der verschleiernden Parole des "Antifaschismus" hinter der Fahne des Staates und der Volksfront gefangen. Weit davon entfernt, den bürgerlichen Staat anzugreifen und zu zerstören, wie es im Oktober 1917 in Russland der Fall war, wurden die Arbeiter*innen von ihrem Terrain weggebracht und für die Verteidigung des republikanischen Staates rekrutiert. In dieser Tragödie spielte die anarchistische CNT, die mächtigste Gewerkschaftszentrale, in der Tat eine führende Rolle, indem sie die Arbeiter*innen politisch entwaffnete und sie dazu drängte, den Boden des Klassenkampfes zu verlassen und sich dem bürgerlichen Staat anzuvertrauen. Anstatt den Staat anzugreifen, um ihn zu zerstören, wie sie es immer behauptet haben, haben Anarchist*innen Ministerposten angenommen, wie Federica Montseny, anarchistische Ministerin der republikanischen Regierung, die erklärte: "Heute ist die Regierung als Instrument der Kontrolle über die Staatsorgane nicht mehr ein Unterdrückungsinstrument gegen die Arbeiterklasse, so wie der Staat nicht mehr eine Organisation darstellt, die die Gesellschaft in Klassen teilt. Beide werden das Volk nun sogar weniger unterdrücken, nachdem Mitglieder der CNT interveniert haben.“ Die Anarchist*innen, die behaupten, die besten "Staatsfeinde" zu sein, waren daher dank dieser Art von Rhetorik in der Lage, die spanischen Arbeiter*innen schlicht und einfach zur Verteidigung des demokratischen Staates auszubilden. Die Arbeiterklasse wurde von ihren eigenen politischen Zielen abgelenkt, um die "demokratische" gegen die "faschistische" Fraktion der Bourgeoisie zu unterstützen. Daran können wir das volle Ausmaß des politischen, moralischen und historischen Bankrotts des Anarchismus erkennen. Der auf der iberischen Halbinsel politisch dominante Anarchismus hat dort seine völlige Unfähigkeit gezeigt, eine Klassenpolitik der Emanzipation des Proletariats zu verfolgen. Seine Politik führte lediglich dazu, es zur Verteidigung der demokratischen Bourgeoisie, des kapitalistischen Staates, zu drängen. Aber der Bankrott des Anarchismus hörte damit nicht auf. Indem er behauptete, für die Revolution seien "lokale Aktionen" zu bevorzugen, die zu den "Kollektivierungen" von 1936 führten, erwies er dem bürgerlichen Staat einen weiteren großen Dienst:
Während das Proletariat im Juli 1936 sich der Straßen bemächtigte, wurde es in weniger als einem Jahr von der Koalition republikanischer politischer Kräfte unterworfen. Am 3. Mai 1937 unternahm es einen letzten Versuch, sich diesem Vorhaben zu widersetzen. An diesem Tag versuchten die "Sturmtruppen" – Polizeieinheiten der Regierung, der Generalitat, von Katalonien, in der Tat die Instrumente der Stalinisten, die die Kontrolle über sie übernommen hatten – die Telefonzentrale von Barcelona, die sich in den Händen der CNT befand, zu besetzen. Der kämpferischste Teil des Proletariats reagierte auf diese Provokation, indem er die Straße eroberte, Barrikaden errichtete, in den Streik trat, der fast ein Generalstreik wurde. Das Proletariat war gut mobilisiert, hatte sicherlich Waffen, blieb aber ohne Perspektive. Der demokratische Staat war intakt geblieben. Er war immer präsent und in der Offensive, im Gegensatz zu dem, was die Anarchist*innen sagten, und er hatte keineswegs darauf verzichtet, proletarische Widerstandsversuche zu unterdrücken. Während die Truppen Francos freiwillig ihre Offensive an der Front einstellten, schlugen die Stalinisten und die republikanische Regierung dieselben Arbeiter*innen nieder, die im Juli 1936 den faschistischen Staatsstreich verhindert hatten. In diesem Moment forderte Federica Montseny, die prominenteste anarchistische Ministerin, die Arbeiter*innen auf, den Kampf einzustellen und die Waffen niederzulegen! Es war also ein richtiger Schlag in den Rücken der Arbeiterklasse, ein echter Verrat und eine vernichtende Niederlage. Die Zeitschrift Bilan, die Publikation der Italienischen Kommunistischen Linken, schrieb bei dieser Gelegenheit: "Am 19. Juli 1936 schlugen die Proletarier von Barcelona mit ihren nackten Fäusten den Angriff von Francos Bataillonen zurück, die bis zu den Zähnen bewaffnet waren. Am 4. Mai 1937 ließen dieselben Proletarier, die nun selber bewaffnet waren, viel mehr Opfer auf der Strasse zurück als im Juli, als sie Franco abwehren mussten, und es war die antifaschistische Regierung (einschließlich sogar der Anarchisten, mit denen die POUM indirekt solidarisch war), die das Gesindel der Repressionskräfte auf die Arbeiter losliess."
In der allgemeinen Repression nach der Niederlage des Aufstands vom Mai 1937 arbeiteten die Stalinisten hart daran, die "störenden Elemente" physisch zu beseitigen. So zum Beispiel den italienischen anarchistischen Militanten Camilo Berneri, der die Klarheit und den Mut hatte, in einem "Offenen Brief an die Genossin Federica Montseny" Kritik an der Politik der CNT und dem Handeln der anarchistischen Minister*innen zu üben.
Zu sagen, dass das, was 1936 in Spanien geschah, eine Revolution gewesen sei, die gegenüber derjenigen von 1917 in Russland „überlegen“ gewesen sei, kehrt nicht nur der Realität völlig den Rücken, sondern stellt auch einen großen Angriff auf das Bewusstsein des Proletariats dar, indem es die wertvollsten Erfahrungen der Russischen Revolution verschüttet und negiert: insbesondere die der Arbeiterräte (der Sowjets), die Zerstörung des bürgerlichen Staates und die Erfahrung des proletarischen Internationalismus, da diese Revolution als erste Stufe der Weltrevolution begriffen wurde und der Gründung der Kommunistischen Internationale Impulse gab. Ein proletarischer Internationalismus, der der anarchistischen Bewegung trotz anderslautender Behauptungen ziemlich fremd war, wie wir gleich sehen werden.
Das erste Element, das uns zeigt, dass der spanische Krieg nur ein Auftakt zum Zweiten Weltkrieg und keine soziale Revolution war, ist das Wesen des Kampfes zwischen den verschiedenen bürgerlichen Fraktionen des Staates, Republikanern und Faschisten sowie zwischen Nationen. Der Nationalismus der CNT veranlasste sie, ausdrücklich zum Weltkrieg aufzurufen, um die "spanische Nation" zu retten: "Das freie Spanien wird seine Pflicht tun. Was werden Demokratien angesichts dieser heroischen Haltung tun? Es ist zu hoffen, dass das Unvermeidliche nicht lange auf sich warten lässt. Die provokative und primitive Haltung Deutschlands wird bereits unerträglich. (....) Jeder weiß, dass Demokratien letztendlich mit ihren Geschwadern und Armeen eingreifen müssen, um den Durchmarsch dieser Horden von Narren zu verhindern…" (Solidaridad obrera, Zeitung der CNT, 6. Januar 1937, zitiert in Révolution prolétarienne Nr. 238, Januar 1937). Die beiden kämpfenden bürgerlichen Fraktionen suchten sofort nach externer Unterstützung: Es gab nicht nur eine massive militärische Intervention faschistischer Staaten, die den Frankisten moderne Flugzeuge und Panzer brachten, sondern auch die UdSSR war durch Waffenlieferungen und ihre "Militärberater" in den Konflikt verwickelt. Auf der ganzen Welt gab es eine enorme politische und mediale Unterstützung für das eine oder andere bürgerliche Lager. Umgekehrt hatte keine der großen kapitalistischen Nationen die russische Revolution von 1917 unterstützt! Im Gegenteil, sie alle hatten daran teilgenommen, sie zu isolieren und militärisch zu bekämpfen, indem sie versuchten, sie im Blut zu ertränken.
Eines der spektakulärsten Beispiele für die Rolle des spanischen Krieges bei der Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg ist die Haltung vieler anarchistischer Aktivisten zu ihm. So engagierten sich in den Jahren darauf viele von ihnen in der Résistence, d.h. in der Organisation, die das anglo-amerikanische imperialistische Lager auf dem von Deutschland besetzten französischen Territorium vertrat. Einige traten sogar der regulären französischen Armee bei, insbesondere der Fremdenlegion oder der 2. Panzerdivision von General Leclerc, dem gleichen Leclerc, der seine Karriere im Kolonialkrieg in Indochina fortsetzte. So wurden die ersten Panzer, die am 24. August 1944 in Paris eintrafen, von spanischen Tankern angeführt und zeigten das Porträt von Durruti, einem anarchistischen Führer, der die berühmte "Durruti-Kolonne" befehligt hatte und im November 1936 vor Madrid gefallen war.
All jene, die sich, obwohl sie behaupten, Teil der proletarischen Revolution zu sein, für die Republik, des "demokratischen Lagers" einsetzten, taten dies im Allgemeinen im Namen des "geringeren Übels" und des Kampfes gegen die "faschistische Gefahr". Anarchisten waren die Förderer dieser demokratischen Ideologie im Namen ihrer "antiautoritären" Prinzipien. Sie sind der Meinung, dass die "Demokratie", selbst wenn sie zugeben, dass sie eine der Ausdrucksformen des Kapitals ist, im Vergleich zum Faschismus ein "geringeres Übel" darstelle, weil sie offensichtlich weniger autoritär ist. Das ist totale Blindheit! Demokratie ist kein "kleineres Übel". Im Gegenteil! Gerade weil sie in der Lage ist, mehr Illusionen zu erzeugen als faschistische oder autoritäre Regimes, stellt sie die bevorzugte Waffe der Bourgeoisie gegen das Proletariat dar.
Außerdem ist die Demokratie bei der Unterdrückung der Arbeiterklasse nicht zu übertreffen. Es waren die "Demokraten", und selbst die "Sozialdemokraten" Ebert und Noske, die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sowie Tausende von Arbeiter*innen während der deutschen Revolution 1919 ermorden ließen, um die Ausbreitung der Weltrevolution zu stoppen. Im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg sind die Gräueltaten des "faschistischen Lagers" bekannt und mediatisiert, aber das "demokratische Lager" stand nicht abseits: Es war nicht Hitler, der zwei Atombomben auf die Zivilbevölkerung von Hiroshima und Nagasaki warf, sondern der "demokratische" Truman, Präsident der großen amerikanischen "Demokratie".
Und wenn wir auf den Fall des spanischen Krieges zurückblicken, dürfen wir nicht vergessen, wie sehr die Französische Republik, Verfechterin der "Menschenrechte" und von "Liberté-Égalité-Fraternité", die 400.000 Flüchtlinge willkommen hieß, die im Winter 1939 nach dem Ende des „Bürgerkriegs“ aus Spanien flohen. Die meisten von ihnen wurden wie Vieh in Konzentrationslager gesperrt, die von Stacheldraht umgeben waren, unter der bewaffneten Aufsicht der Gendarmen der französischen Demokratie.
Von November 2018 bis Juni 2019 waren die Medien voll von Nachrichten über die soziale Bewegung der "Gilets jaunes". Es war eine "beispiellose Unzufriedenheit", so die Experten, ein Ausdruck eines neuen sozialen Kampfmodells. Aus der Sicht einiger passe diese Bewegung sogar besser zur heutigen Entwicklung der Gesellschaft. Angesichts der Krise der traditionellen "repräsentativen" Parteien und der Gewerkschaften, angesichts der Exzesse von Globalisierung und Liberalismus sollte das "Volk" die Mittel gefunden haben, sich zu äußern und seiner Stimmen Gehör zu verschaffen, die großen nationalen politischen Kräfte unter Druck zu setzen; Nein zur Ungerechtigkeit, Nein zu unsicheren Arbeitsplätzen und Nein zum Ansteigen der Armut zu sagen. Kurzum, die originelle und besondere Form dieser Bewegung präge die Zukunft. Die Gewerkschaften forderten zukünftig ein Zusammenfließen der Kämpfe der Arbeitswelt und dieser neuen sozialen Proteste und versprachen eine neue "Volksfront". Einige Organisationen der Linken und der extremen Linken begrüßten sogar die Kreativität der demonstrierenden Gelbwesten. War dies eine neue, effizientere Form des Arbeitskampfes? In Wirklichkeit sind die "Gilets jaunes" keineswegs Ausdruck eines Arbeiterkampfes. Sie sind eine klassenübergreifende Bewegung, ein Hindernis für den Klassenkampf. Die Arbeiter*innen werden als Kategorie „aufgelöst“, wenn sie mit der Bevölkerung im Allgemeinen in einen Topf geschmissen werden. Die Arbeiter*innen werden von jeder Klassenkategorie getrennt und als Individuen, als einzelne Menschen dargestellt. Die "Gilets jaunes" verbreiten die ätzende Ideologie des Kleinbürgertums, die stark von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit geprägt und mit Freiheitsträumen aufgeblasen ist – und von unternehmerischer Freiheit träumt. Diese Bewegung unterwirft sich einem institutionellen Rahmen, der die schlimmsten demokratischen Illusionen nährt, als ob ein "gerechter" und "menschlicher" Kapitalismus möglich wäre, und als ob es darum ginge die Institutionen der Republik zu verbessern. In Wirklichkeit deutet alles darauf hin, dass diese Bewegung die Fähigkeit der Arbeiterklasse schwächt, auf einheitliche und organisierte Weise zu kämpfen.
In Perigueux, Dordogne, zogen am 27. Januar 2018 rund 250 Menschen auf die Straße und forderten die Aufhebung einer neuen Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Einige trugen gelbe Westen mit Slogans auf dem Rücken gegen die hohen Lebenshaltungskosten, die Erhöhung der CSG (Sozialsteuer) und die mit dem Autofahren verbundenen Steuern (Maut, Kraftstoff ...). Sie blockierten auch den Verkehr in Kreisverkehren. Diese Aktion mit dem Titel "Colère – Wut“, die am 12. Januar von einem Maurer, Leandro Antonio Nogueira, in den sozialen Medien gestartet wurde, erhielt sofort die Unterstützung von Jean Lassalle (Präsidentschaftskandidat unter dem Banner "Résistons" – „Leisten wir Widerstand“) und denen, die Marine Le Pen nahe standen. Wenn ein Kampf gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung schnell auf die größere Frage der Steuern übergriff, dann deshalb, weil die 80 km/h als Vorwand angesehen wurden, Geldbußen zu erheben und damit mehr Geld aus den Taschen der Autofahrer zu ziehen. Laut der Zeitung Libération war "diese Frage der 80 km/h viel mehr als eine Verkehrssicherheitsmaßnahme, (...) sie war der Ausgangspunkt einer Steuerrevolte". So scheint hier die Geburt der Bewegung "Gilets jaunes" zu liegen. Wie Nogueira bestätigte: "Ich möchte nicht sagen, dass es „die Partei der Wut“ ist (einige frühe Teilnehmer dieser Bewegung nahmen unter dem Banner von "Wut und Rage“ teil). Aber wenn man sich die "Gilets jaunes" ansieht, sind sie oft frühere Mitglieder von "colère/Wut". In einigen Gebieten, wie der Dordogne oder Corrèze, sind alle "Gilets jaunes" ehemalige Mitglieder der „Wut“-Bewegung."
Am 29. März 2018 erschien der Name "gilets jaunes" zum ersten Mal in den Medien anlässlich einer Demonstration an der TGV-Bahnstrecke Paris-Rennes.
Am selben Tag startete eine selbständige Unternehmerin, Priscilla Ludosky, eine Online-Petition, in der sie die Senkung der Kraftstoffpreise forderte. Die Reaktion erfolgte prompt und massenhaft. Später wurde sie eine der offiziellen Vertreterinnen der Bewegung.
Am 10. Oktober 2018 rief der Lastwagenfahrer Eric Drouet erneut über Facebook zu einer Demonstration für den 17. November auf: "Eine nationale Blockade gegen den Anstieg der Kraftstoffpreise". Seine Botschaft wurde über alle sozialen Netzwerke verbreitet. Nach Angaben der Regierung verteilten sich am 17. November 287.710 Menschen auf 2034 verschiedene Punkte, blockierten Kreuzungen, Bundesstraßen, Kreisverkehre, Autobahnen, Mautstellen und Supermarktparkplätze. Die Bewegung "Gilets jaunes" war definitiv im Gange. Für den 24. November war ein neuer, großer Aktionstag mit dem Titel "Akt II: Ganz Frankreich bis Paris" geplant. Ziel war es, die prestigeträchtigsten Bereiche und die Machtzentren der Hauptstadt zu blockieren: die Champs-Élysées, die Concorde, den Senat und vor allem den Élysée-Palast: "Es ist an der Zeit, einen K.o.-Schlag zu versetzen und mit allen möglichen Mitteln (Carsharing, Zug, Bus, etc.) nach Paris zu kommen; Paris, weil wir hier die Regierung finden! Wir warten auf jeden, Lastwagen, Busse, Taxis, Traktoren, etc. Alle", verkündete Eric Drouet.
Am selben Abend wurde ein Auruf, wiederum über Facebook, für eine dritte Demonstration gestartet, einen Aktionstag, der für Samstag, den 1. Dezember vorgeschlagen wurde: "Akt III, Macron-Résignation/Rücktritt", auf dem zwei Forderungen erhoben werden sollten: "eine Erhöhung der Kaufkraft und die Abschaffung der Kraftstoffsteuern".
Wie erklärt man den Erfolg dieser verschiedenen Aufrufe über das Internet? Vor allem wird der Umfang dieser Bewegung aus dem immensen Zorn, der im Innern der Gesellschaft zu spüren ist, gespeist. Eine Reihe Steuererhöhungen aller Art, wachsende Arbeitslosigkeit, die systematische Einführung prekärer Arbeitsplätze auch im öffentlichen Dienst, inflationäre Preisentwicklung bei Grundnahrungsmitteln, unerschwingliche Mieten.... die Gründe für die Wut sind vielfältig. Allerdings sollten wir die tatsächliche Breite der Mobilisierung der Arbeitnehmer innerhalb der Bewegung berücksichtigen, die zeitweise auf ihrem Höhepunkt mehrere Hunderttausend zusammengebracht hat. Die großen ‚Bataillone‘ der Arbeiter*innen waren abgesehen von einer platonischen Sympathie nie wirklich beteiligt, weder bei der Blockade der Kreisverkehre noch auf den Champs-Elysées. Was im Gegenteil deutlich wurde, war, dass diese Bewegung auf Initiative der Vertreter der Kleinbourgeoisie und ihrer Anliegen ins Leben gerufen wurde. Es ist kein Zufall, dass unter den acht Sprechern der am 26. November ernannten "Gilets jaunes" eine überwältigende Mehrheit Kleinunternehmer und Chefs aus mittelständigen Unternehmern sind. Es ist kein Zufall, dass der Führer Eric Drouet in erster Linie "Fahrer von Lastwagen, Bussen, Taxen, Traktoren" zur Beteiligung aufforderte, Wirtschaftsbereiche, die von Selbständigen dominiert werden. Die "Gilets jaunes" bilden eine klassenübergreifende Bewegung: Hier sind alle Klassen und die ausgebeuteten und mittleren Schichten der Gesellschaft in einem Haufen durchmischt und spiegeln damit die Ideologie der Kleinbourgeoisie wider.
Die Liste der 42 Forderungen der "Gilets jaunes", veröffentlicht am 29. November 2018, offenbart ihren klassenübergreifenden Charakter und die Vorherrschaft der kleinbürgerlichen Ideologie. Hier finden wir, alle zusammengenommen, zum Beispiel sowohl die Forderungen der Arbeiter*innen nach höheren Löhnen und Renten, als auch nationalistische, lokalistische und kleinbürgerliche Forderungen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Stellung von Unternehmen und sogar fremdenfeindliche und üble Positionen zur Einwanderung. Hier einige Auszüge aus der ungewöhnlichen Mischung auf dieser Liste:
Ja, mit der Bewegung der "Gilets jaunes" haben Tausende von Arbeitnehmern, Arbeitslose und Rentner einen Schrei der berechtigten Wut angesichts der Armut ausgedrückt. Aber diese diffuse Wut wurde von Anfang an sehr leicht von den Kleinunternehmern monopolisiert und manipuliert, die die Demonstrationen und ihre wichtigsten Slogans initiierten, um die Regierung unter Druck zu setzen und eine gewisse Befriedigung für ihre Sache zu erhalten: die Senkung der Steuern, die ihre Unternehmen ersticken. Alles andere, ihre Forderungen nach Unterstützung der französischen Wirtschaft, Verschärfung der Einwanderungskontrollen usw., bilden den Hintergrund der Ideologie der Kleinbourgeoisie[1].
Hauptsächlich bestand die Handlungsmethode am Anfang der Bewegung "Gilets jaunes" aus Verbindungen in sozialen Netzwerken, der täglichen Besetzung von Kreisverkehren und der Errichtung von Straßensperren. In wenigen Wochen wurden diese Verbindungen zu direkten physischen Verbindungen, zu Inseln des Widerstands mit Lagern und Grillfesten. Hier finden wir Landarbeiter*innen, Handwerker*innen, unzufriedene kleine Bosse und vor allem prekäre Arbeiter*innen in Notlagen. Das vorherrschende Gefühl ist der Wunsch, "sichtbar zu sein", wahrgenommen zu werden und Zusammengehörigkeit zu zeigen. Das Tragen der gelben Weste dient somit als Treffpunkt für diejenigen, die "nur zu leben versuchen". Die "Gilets jaunes" ziehen Autofahrer an, die sie größtenteils durch Winken und Hupen unterstützen. Jeder Punkt der Blockade ist mit der Trikolore geschmückt, man spielte regelmäßig die Marseillaise. Aber die Sterilität dieser Kampfmethode wurde sehr schnell deutlich, und so kam Ende November die Entscheidung, jeden Samstag die symbolischen Gebiete der großen französischen Städte, insbesondere die Champs Élysées in Paris, zu besetzen. Was vor allem die immense Wut der "gilet jaunes" nährte, wurde als "selbstverständlich" angesehen, von der Regierung ignoriert und wollte gehört und wieder aufgenommen werden.
Die Tage gegen Ende November und Anfang Dezember 2018 waren daher von einer extrem gewalttätigen Auseinandersetzung mit den staatlichen Repressionskräften geprägt.
Am Samstag, den 1. Dezember, in Puy-en-Velay (Haute-Loire), kam es zu einer Konfrontation mit der Polizei, nachdem einige Demonstranten mit Tränengas beschossen wurden; die Präfektur wurde in Brand gesteckt. Aber vor allem in Paris waren die Zusammenstöße die spektakulärsten. Der Arc de Triomphe wurde teilweise besetzt und beschädigt, Autos wurden in Brand gesteckt und einige Geschäfte geplündert: Bilder, die um die Welt gingen. Die Behörden schienen zunächst überfordert, da sie nicht in der Lage waren, die Ordnung in der Hauptstadt aufrechtzuerhalten. Die große Mehrheit der bürgerlichen politischen Parteien nutzte die Situation, um zu versuchen, die Position von Präsident Macron zu schwächen; sie kritisierten ihn wegen seiner Unfähigkeit, die Sicherheit aufrechtzuerhalten, und wegen seiner Arroganz oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden des "Volkes". Es bestand die Gefahr, dass er politisch isoliert und sein internationales Ansehen und sein Ruf als Staatschef lädiert würden. Darüber hinaus hat sich seine Partei, La République en Marche, noch nicht ausreichend im Staatsapparat eingenistet; sie gründet einen großen Teil ihrer Stabilität auf ihren Führer: den "verheißungsvollen und jupiterischen", der mit dem kometenhaften Aufstieg: Macron. Seine Regierung reagierte auf zwei Ebenen, mit Zuckerbrot und Peitsche, genauer gesagt, ein kleines Zuckerbrot und eine sehr große Peitsche. Am Samstag, den 8. Dezember, wurden 264 Menschen verletzt, darunter schwere Verletzungen (Verlust eines Auges und einer Hand), insbesondere durch die Verwendung von "flash-balls" oder Granaten, die in Europa nur von den Repressionskräften in Frankreich verwendet werden. Dies war eine sehr konkrete Strategieänderung des Innenministers, der zuvor seiner Polizei befohlen hatte, Kontakt mit den Demonstranten aufzunehmen. Am 10. Dezember 2018 hielt Präsident Macron eine Fernsehansprache, in der er mehrere Maßnahmen ankündigte, um zu beweisen, dass er "das Leiden des französischen Volkes hört". Allerdings waren sich die Demonstranten in Wirklichkeit bewusst, dass sich ihre Lebensbedingungen trotz der zehn Milliarden Euro, die ihnen winkten, weiter verschlechtern würden. Der Zorn ließ nicht nach und die Bewegung ging weiter. Am 15. Dezember wurden 69.000 Mitglieder der Ordnungskräfte in ganz Frankreich eingesetzt - ein Verhältnis von 1:8.000, d.h. ein Polizist auf 8000 Demonstranten in Paris; 179 Menschen wurden verhaftet und 144 eingesperrt. Die Bilder in den französischen und internationalen Medien waren sehr unterschiedlich im Vergleich zum 1. Dezember. Diesmal wurden die Champs Elysées von Panzern und einer Vielzahl von "Robocops" besetzt. Der Staat, mit Macron an der Spitze, entfesselte eine echte Demonstration der Stärke und zeigte, was ein paar verbrannte Autos und zerbrochene Fenster der vergangenen Wochen für den Kapitalismus bedeuten: ein Insektenstich auf die Haut eines Elefanten. Ordnung herrschte in Paris.
Nach und nach verdrängte eine Forderung alle anderen: das Referendum der Bürgerinitiative (RIC), ein Instrument der "direkten Demokratie". Mit dem RIC können die Bürger eine Reihe von gesetzlich festgelegten Unterschriften sammeln, die es ihnen ermöglichen, ein Referendum zu beantragen, ohne dass das Parlament oder der Präsident der Republik eingreifen müssen. Die "Gilets jaunes" wollten vier Verfahren: Abstimmung über einen Gesetzesvorschlag; Aufhebung eines Gesetzes oder Vertrages, für das bereits das Parlament gestimmt hat; Änderung der Verfassung (Verfassungsreferendum) und Widerruf politischer Mandate.
Ab Januar 2019 tauchten die drei Buchstaben RIC nach und nach auf fast allen Rücken der Gelbwesten auf. Aber diese Hoffnungen auf einen demokratischeren Kapitalismus sind nur Illusionen und vor allem ein echtes Gift für die Arbeiterklasse.
Wir schrieben 1978: "Für die bürgerlichen Ideologen ist der Staat die Verkörperung der Volkssouveränität. Demokratie ist die höchste Form des Staates, die Verwirklichung und Vervollkommnung seines Seins. Der Marxismus sieht das jedoch ganz anders: Er zeigt die Spaltung der sozialen Schichten und zeigt, dass es keine Interessengemeinschaft zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten geben kann. Folglich ist der Staat, weit davon entfernt, ein so genanntes Gemeinwohl zu verwalten, nichts anderes als ein Trick in den Händen der ausgebeuteten Klasse. Das bleibt auch dann so, wenn die Demokratie ihren scheinheiligen Schleier über die Klassenbeziehungen ausbreitet und die Vorstellung von "freien und gleichberechtigten" Bürgern hervorruft. Hinter den formalen Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit verbirgt sich der Schatten des großen Stockes, mit dem die Unterdrückerklasse die unterdrückte Klasse unterjocht (...) Proletarische Kämpfe, die beginnen, stoßen so auf die demokratische und parlamentarische Fata Morgana, die darauf abzielt, die Gefahren, die sie für den bürgerlichen Staat tragen, zu täuschen, zu schwächen und beiseite zu schieben, indem sie ihre Kämpfe und deren Elan stoppt oder auflöst und sie ohne Anwendung von Gewalt von ihren Zielen wegdrückt.
Denn wenn "der militärische und politische Apparat des bürgerlichen Staates eine direkte Aktion gegen das revolutionäre Proletariat organisiert, stellt die Demokratie einen Weg zu ihrer indirekten Verteidigung dar, indem sie die Illusion unter den Massen verbreitet, die Illusion, dass sie ihre Freiheit durch einen friedlichen Prozess verwirklichen können" (Thesen der italienischen Linken, 1920). Durch diese indirekte Verteidigung kann kein Staat der dominanten Klasse längerfristig verhindern, dass sich soziale Antagonismen verschärfen".
Demokratie ist die anspruchsvollste und effizienteste politische Organisation der bürgerlichen Klassenherrschaft über die Gesellschaft und insbesondere über die Klasse, die sie ausbeutet, das Proletariat. Dieses oder jenes Detail der demokratischen Funktionsweise, wie das RIC, findet nur in diesem Rahmen statt. Darüber hinaus gibt es diese Art von Referendum bereits in etwa 40 Ländern, darunter in der Schweiz, Italien, Slowenien, Uruguay und sogar Deutschland und die Vereinigten Staaten, allesamt Teile des Planeten, in denen kapitalistische Ausbeutung, die wirtschaftliche und politische Vorherrschaft der Bourgeoisie, genauso stark existiert wie in Frankreich. Demokratie ist die schärfste Waffe des Kapitalismus, und mit dem RIC und der Bewegung der "Gilets jaunes" erlaubt sie es der herrschenden Klasse, sie ein wenig mehr zu stärken. Deshalb nutzten Macron und seine Regierung die Gelegenheit und starteten am 15. Januar 2019 eine "Große Nationale Debatte". Drei Monate lang (Januar-März) berichteten die Medien über eine besonders ruppige Debatte: die Teilnahme an der "Großen Debatte" oder die Organisation von Diskussionen zwischen den "Gilets jaunes". In Wirklichkeit sind diese Diskussionen, ob sie nun von der Regierung oder von den "Gilets jaunes" (in den dafür zur Verfügung gestellten Räumen der Gemeinden, in den Rathäusern usw.) inszeniert werden, die beiden Seiten derselben Medaille: Dem Schein nach waren sie zwei Gegensätze, aber sie bilden sie ein Ganzes. Wo immer sie stattfinden und wer auch immer sie initiiert, diese großen und kleinen Debatten basieren auf der Hoffnung auf eine "echte Demokratie", wo die demokratischen Institutionen den Sprechern und Frauen des "Volkes" aufmerksamer zuhören. Aber, um es noch einmal zu sagen, dieses demokratische System ist nur eine Mystifikation, die die Tatsache verdeckt, dass alle Regierungen die Herrscher sind; sie sind Instrumente einer Minderheitsklasse, die die Mehrheitsklasse ausbeutet: das Proletariat.
Ein Teil der "Gilets jaunes" war sich der Nutzlosigkeit dieser Gespräche bewusst; sie wollten ihre Forderungen mit Gewalt durchsetzen. Am Tag nach dem Ende der "Großen Nationalen Debatte", Samstag, 16. März, explodierte der Zorn. Hunderte von Mitgliedern des ‚Schwarzen Blocks‘ und der "Gilets jaunes" randalierten und versuchten zunächst erfolglos, einen Angriff auf den Arc de Triomphe ähnlich dem vom 1. Dezember zu starten, dann über die Champs Élysées und die angrenzenden Straßen zu ziehen, dort zu randalieren, Fenster einzuschmeißen und Kioske zu zerstören, um "die Symbole des Kapitalismus" anzugreifen. Die Bilder des berühmten Restaurants Les Fouquet's, das in Brand geraten war, gingen um die ganze Welt. Laut Le Monde: "Immer mehr Demonstranten kamen zu dem Schluss, dass die Zerstörung von Dingen das einzige Mittel ist, um sich Gehör zu verschaffen und die Regierung zum Nachgeben zu bringen". Diese Revolte der Verzweiflung wurde daher zunehmend durch den Nihilismus der Schwarzen Blöcke geprägt, die die Idee propagierten: "Frankreich ist ein Fenster und ich bin ein Pflasterstein". Eines Tages las man an immer mehr Wänden: "Das Volk applaudiert den Zerstörern". Die "Menschen" mögen soviel applaudieren, wie sie wollen, aber diese Zerstörungen haben die Grundlagen des Systems überhaupt nicht untergraben. Schlimmer noch, sie erlaubten es der Bourgeoisie und ihrer Regierung, die Stärkung ihres Justiz- und Polizeiapparats durch ein vom Parlament verabschiedetes "Anti-Randalierer-Gesetz" zu legitimieren. Hätten die Regierung und ihr Innenministerium die "schönste Allee der Welt" schützen wollen, hätte sie ihre Busladungen Polizisten, ihre CRS-Trupps und sogar die Panzerwagen ihrer Gendarmerie problemlos einsetzen können, um den Zugang zu blockieren, wie zum Zeitpunkt ihrer Demonstration am 15. Dezember 2018. Man müsste besonders naiv sein, um sich vorzustellen, dass die Regierung von einer unerwarteten Situation völlig überrumpelt wurde. Darüber hinaus waren die Ordnungskräfte nach dem Bekenntnis des Generalsekretärs der UNSA-Polizei "bereit zum Eingreifen", bekamen aber "nicht die Befugnis dazu". Wenn Macron und seine Regierungsclique am 16. März die Dinge außer Kontrolle geraten ließen, geschah dies, weil man so die anderen Parteien im Wahlkampf und die "öffentliche Meinung" drängen wollte, ihre Reihen um die Verteidigung des vom Chaos bedrohten republikanischen Staat zu schließen und die Zerstörungswut der als "Gilet Jaunes" getarnten "Randalierer" oder in schwarzen Kleidung Vermummten zu verurteilen. Das Anti-Randalierergesetz sollte war nicht mehr umstritten sein und akzeptiert werden.
Dann erklärte Macron: "Niemand darf hinnehmen, dass die Republik im Namen des Demonstrationsrechts angegriffen wird". Es musste eine "nationale Einheit" gegen Vandalismus mit "größter Entschlossenheit" gegründet werden; das gesamte "französische Volk" musste die Maßnahmen zur Stärkung der Polizei gegen diejenigen akzeptieren, die "illegal" demonstrierten, die "drohten, die Republik in Gefahr zu bringen".
So kündigte Benjamin Griveaux, Regierungssprecher, am 20. März ruhig die Umsetzung des Sentinelle-Plans, d.h. die Intervention der Armee an. Als direkte Folge dieser verstärkten staatlichen Repression und aggressiven Regierungserklärungen vom 23. März in Nizza wurde Geneviève Legay, eine "gilet jaune"-Kämpferin von Attac im Alter von 74 Jahren durch das Vorgehen der Ordnungskräfte schwer verletzt. Sie wurde zum Symbol der Opfer der endlosen Gewalt der Polizei; Bilder auf sozialen Medien von geschwollenen Augen und verletzten Händen zirkulierten schnell. Der Hass gegen die Polizei nahm unter den radikalsten "Gilets jaunes" immer mehr zu und am 20. April, während der Demonstration "Ultimatum", schrien einige Demonstranten der Polizei entgegen: "Tötet euch selbst"!
Welche Lehren können wir aus den Demonstrationen im März und April ziehen? Die Regierung hat weiterhin polizeiliche Gewalt angewendet, um Öl aufs Feuer zu gießen. Ziel ist es, den Zorn innerhalb der Bewegung "Gilets jaunes" aufrechtzuerhalten und ihn als Mittel zur Mystifizierung des Proletariats zu nutzen:
Die Bewegung "Gilets jaunes" entwickelte sich nicht nur außerhalb der Gewerkschaftsstrukturen, sondern positionierte sich weitgehend gegen sie. Die Breite dieser klassenübergeifenden Bewegung lässt sich durch die Schwierigkeit der Arbeiterklasse erklären, ihre Kampfbereitschaft zum Ausdruck zu bringen, die sich aus den gewerkschaftlichen Manövern ergibt, die ihre Kämpfe sabotieren (wie wir kürzlich mit dem langen, langwierigen Go-Slow bei der SNCF gesehen haben). Die Unzufriedenheit mit den Gewerkschaften, die innerhalb der Arbeiterklasse besteht, wurde von denen, die diese Bewegung ins Leben gerufen haben, vereinnahmt. Viele der Anhänger der "Gilets jaunes" wollten, dass die Methoden der Arbeiterkämpfe (Streiks, allgemeine und souveräne Versammlungen, massive Demonstrationen, Streikkomitees ...) zu nichts führten. Jetzt ist es also notwendig, auf kleine Bosse zu vertrauen (die gegen Steuern und deren allgemeine Erhöhung protestieren), um "andere Methoden des Kampfes" gegen die hohen Lebenshaltungskosten zu finden und die demokratischen Institutionen und ihre Vertreter zu verbessern, indem sie "das gesamte französische Volk" zusammenbringen.
Allerdings haben die Gewerkschaften von der Bewegung profitiert, um zu versuchen, ihre Diskreditierung zu begrenzen. Sicherlich nicht durch die Verteidigung der Kampfmethoden der Arbeiterklasse, denn sie verbringen ihre Zeit damit, jede Möglichkeit autonomer Arbeiterversammlungen zu untergraben und aufzubrechen. Nein, sie taten dies, indem sie die Idee der "Volksrevolte" aufnahmen. Dies war der Sinn der aufeinanderfolgenden Forderungen nach "Konvergenz" zwischen der Bewegung der "Gilets jaunes" und den Mobilisierungen der Gewerkschaften. So gab es die Multiplikation aller Arten von farbigen Warnwesten für jeden Sektor oder Berufszweig. Für die Beschäftigten der Kitas die "Gilets Rose"; für die CGT die "Gilets Rouges"; für die unabhängigen ÖPNV-Mitarbeiter die "Orangenwesten"; für die Lehrer die originelleren "Rotstifte"! Die Gewerkschaften haben nicht nur die Spaltungen in einem ohnehin schon sehr fragmentierten, in Sektoren aufgeteilten Kampf verstärkt, eine Praxis, die sie seit einem Jahrhundert systematisch anwenden, sondern auch die bereits atomisierten Arbeiter*innen sind aufgerufen, sich weiter in den Reihen des „Volkes“ aufzulösen, indem sie unterschiedlich farbige Körperwesten tragen und als Klasse verschwinden. Die Gewerkschaften, mit der CGT an der Spitze, organisierten daher große, mehrfarbige Karnevalsumzüge für Februar und den 1. Mai. In Paris führten diese Demonstrationen zu einer echten Kakophonie, bei der die Marseillaise und die Internationale sich ablösen und die französische Nationalflagge neben den roten und schwarzen Fahnen der Trotzkisten (von der NPA und LO) und der Anarchisten (von der CNT) geschwenkt wurde.
Am 1. Mai schloss schließlich die von den Gewerkschaften gebilligte Anwesenheit an der Spitze des Umzugs von Tausenden von "Gilets jaunes" und Hunderten aus dem Schwarzen Block diese Atomisierung der Arbeiter*innen, ihre Auflösung in dieser Mischung aller Schichten aus dem Volk, ab.
Diese Bewegung der "Gilets jaunes" ist bestenfalls die sichtbarste und spektakulärste Ausdrucksform der enormen Wut, die sich innerhalb der Bevölkerung und vor allem in allen ausgebeuteten Klassen, die mit den Lebenshaltungskosten und den Sparmaßnahmen der Regierung Macrons konfrontiert sind, breit macht. Es ist bestenfalls ein Vorzeichen für zukünftige Kämpfe der Arbeiterklasse. Zahlreiche Arbeitnehmer sind mit Armut, anhaltenden wirtschaftlichen Angriffen, prekären Arbeitsplätzen konfrontiert ... Aber wenn sie sich den "Gilets jaunes" anschließen, werden diese Arbeiter*innen jetzt irregeführt und geraten in das Schlepptau einer Bewegung, die nur in eine Sackgasse führen kann. Und es ist diese Sackgasse, die es der Macron-Regierung heute ermöglicht, noch arroganter vorzugehen und sich weiter auf neue Angriffe vorzubereiten.
Die Arbeiterklasse befindet sich in einer sehr schwierigen Phase. Seit 1989, als die Kampagnen um den Zusammenbruch des Stalinismus als das so genannte Scheitern des Kommunismus dargestellt wurden, ist es dem Proletariat nicht gelungen, seine Klassenidentität wiederzuentdecken und sich als Klasse und als revolutionäres Subjekt zu erkennen. Die ausgebeutete Klasse, die nicht in der Lage ist, die Konturen einer Gesellschaft ohne Ausbeutung zu skizzieren, hat heute kein Vertrauen in ihre eigene Stärke, ist sehr verletzlich und fühlt sich unfähig zu kämpfen. Die Arbeiterklasse ist sich ihrer Existenz als Gegenpol zur bürgerlichen Klasse nicht bewusst und erkennt nicht den Unterschied zwischen sich und den sozialen Zwischenschichten (insbesondere der Kleinbourgeoisie). Sie hat ihre Erinnerung an ihre eigene Vergangenheit verloren und ist keineswegs bereit, ihre gewaltige historische Erfahrung zu nutzen; sie schämt sich sogar etwas für letztere, da die Bourgeoisie den Begriff Proletariat ununterbrochen einer ausgestorbenen Spezies und das Wort Kommunismus der Hölle des Stalinismus gleichsetzt.
Trotz dieser wichtigen Schwierigkeiten ist das Proletariat nicht geschlagen. Unter Berücksichtigung der allgemeinen Unzufriedenheit und der Angriffe, die auf sie zukommen, sind die großen Massen des Proletariats durchaus in der Lage, in der kommenden Zeit diese Lethargie zu überwinden. Sicherlich hat das Proletariat vorübergehend seine Klassenidentität verloren und ist von seiner Geschichte und Erfahrung abgeschnitten. Aber es existiert immer noch. Es bleibt der Totengräber des Kapitalismus. In seinen Reihen geht das Nachdenken über das Fehlen einer Perspektive für die kapitalistische Gesellschaft weiter, insbesondere unter seinen bewusstesten und kämpferischsten Teilen. Unter dem Druck der Verschärfung der Wirtschaftskrise, zunächst ohne sich der eigenen Stärke bewusst zu sein, ohne an ihre mögliche Einheit und Selbstorganisation zu denken, wird das Proletariat zwangsläufig gezwungen sein, sich im Kampf um die Verteidigung seiner Lebensbedingungen in Bewegung zu setzen. Erinnere dich, was Marx gesagt hat: "Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.“ Engels, Marx, Die heilige Familie, MEW Bd. 2, S. 38). Die Tage des Aufstands vom Juni 1848 und die Pariser Kommune von 1871, die Kämpfe der 1890er Jahre in Belgien, die revolutionären Kämpfe in Russland von 1905 und 1917 in Osteuropa, die deutsche Revolution von 1918 -1919, der Ausbruch einer neuen Bewegung im Mai 68 in Frankreich und im Rest der Welt nach einer langen Zeit der Konterrevolution, die Massenstreiks in Polen 1980 etc. haben nichts gemeinsam mit der populistischen, klassenübergreifenden, pseudoradikalen, "Friss-oder-stirb"-Bewegung der "Gilets jaunes". Wenn das Proletariat seinen Kampf weiterentwickelt, werden die massiven und souveränen Vollversammlungen für alle Arbeiter*innen offen sein und im Mittelpunkt der Bewegung stehen; Verbindungen, in denen das Proletariat den Kampf gemeinsam organisieren und über die vereinheitlichenden Parolen für die Zukunft nachdenken kann. Für den Nationalismus wird es keinen Platz geben, im Gegenteil: Der Massenstreik der Zukunft wird im Mittelpunkt der internationalen Solidarität stehen, denn "die Arbeiterklasse hat kein Vaterland". Die Arbeiter*innen müssen sich weigern, Nationalhymnen zu singen und Nationalflaggen wie die Tricolore, die Flagge von Versailles, unter der 30.000 Arbeiter*innen zur Zeit der Pariser Kommune von 1871 ermordet wurden, zu schwenken!
Um sich auf diese Zukunft vorzubereiten, müssen alle, die sich der Notwendigkeit des proletarischen Kampfes bewusst sind, versuchen, sich neu zu gruppieren, zu diskutieren, Lehren aus den neuesten sozialen Bewegungen zu ziehen, über die Geschichte der Arbeiterbewegung neu reflektieren und nicht auf scheinbar radikale lautstarke Stimmen von Bürger-Mobilisierungen hören, die die populistischen und klassenübergreifenden Stimmen der kleinbürgerlichen Gesellschaft widerspiegeln.
"Die Autonomie des Proletariats gegenüber allen Klassen der Gesellschaft ist die erste Vorbedingung für die Entwicklung des Klassenkampfes bis hin zur Revolution. Alle Bündnisse mit anderen Klassen oder Schichten und insbesondere jene Bündnisse mit anderen Fraktionen der Bourgeoisie können nur zur Entwaffnung des Proletariats gegenüber seinen Feinden führen, da diese Bündnisse die Arbeiterklasse zur Aufgabe der einzigen Grundlage führen, wo das Proletariat seine Kräfte stärken kann: auf der Grundlage seines Kampfes als Klasse". (Plattform der IKS).
Die Zukunft gehört immer noch dem Klassenkampf!
Révolution Internationale, 14. August 2019
[1]Es ist dieser klassenübergreifende Charakter der "Gilets jaunes"-Bewegung, der erklärt, warum Marine Le Pen sie von Anfang an als "legitime Bewegung" des "französischen Volkes" bezeichnete: Warum Nicolas Dupont-Aigan, Präsident von Debout La France, die Bewegung unterstützt hat: "Wir müssen ganz Frankreich blockieren (....) Die französische Bevölkerung muss der Regierung sagen: Das ist genug!": Warum Laurent Wauquiez, der damalige Präsident von Les Républicains, die "Gilet jaunes" als "würdige, entschlossene Menschen bezeichnete, die zu Recht darum bitten, dass die Schwierigkeiten der arbeitenden Menschen in Frankreich gehört werden"; warum der Abgeordnete Jean Lassalle an der Spitze der Résistons eine der Figuren der Bewegung war und seine gelbe Weste in der Nationalversammlung und auf der Straße trug. Dieser "einladende Ansatz" steht im krassen Gegensatz zu der Tatsache, dass jede echte proletarische Bewegung immer abgelehnt wird ...
Überall auf der Welt nehmen die Angriffe auf die Arbeiterklasse zu[1]. Wie immer versucht die herrschende Klasse auf dem Rücken der Proletarier verzweifelt, die Auswirkungen des historischen Niedergangs ihrer eigenen Produktionsweise einzudämmen; die Arbeiterklasse soll wie immer den Preis dafür bezahlen! In den "reichen" Ländern nehmen die Entlassungspläne zu, insbesondere in Deutschland und Großbritannien. Einige der so genannten "Schwellenländer" befinden sich bereits in der Rezession (Brasilien, Argentinien, Türkei), mit all ihren Folgen für die Verschlechterung der Lage der Arbeiter. Was die Proletarier in Ländern betrifft, die weder "reich" noch "aufstrebend" sind, so ist ihre Situation noch dramatischer; auch die nicht ausbeuterische Bevölkerung wird in grenzenlose Armut gestürzt.
Vor allem letztere Länder waren in jüngster Zeit Schauplatz von Volksbewegungen als Reaktion auf die wiederholten Opfer, die der Kapitalismus seit Jahren fordert und von Regierungen verlangt werden, die oft total korrupt und diskreditiert sind und dementsprechend vom Volk gehasst werden. Solche Bewegungen fanden in Chile, Ecuador, Haiti, Irak, Algerien, Libanon und in jüngster Zeit im Iran statt. Die oft sehr massiven Mobilisierungen werden in einigen Ländern von Gewaltausbrüchen und blutiger Unterdrückung begleitet. Die sehr massive Protestbewegung in Hongkong, die sich nicht in erster Linie als Reaktion auf Armut und Korruption, sondern infolge der Verschärfung der repressiven Maßnahmen - insbesondere die Zulassung von Auslieferungen an die Volksrepublik - entwickelt hat, hat in jüngster Zeit ein höheres Maß an Repressionen hervorgerufen: Die Polizei hat Demonstranten aus nächster Nähe angeschossen oder erschossen. Wenn die Arbeiterklasse in diesen "Volksaufständen" präsent ist, ist sie dies nie als Klasse, die dem Kapital als Gegenpol entgegentritt, sondern sie erscheint immer in der Bevölkerung aufgelöst. Darüber hinaus sind es die großen Schwierigkeiten ihre eigene Klassenidentität zu erkennen und damit die Abwesenheit der Arbeiterklasse auf der Bühne der gesellschaftlichen Kämpfe,, welche die Zunahme solcher hilflosen Volksbewegungen erklären, die nicht in der Lage sind, sich der Logik des Kapitals entgegenzustellen. So tragen die Volksrevolten, die (klassenübergreifend) sind und "keine Zukunft" haben, nicht dazu bei, dass sich später ein Widerstand der Arbeiter entwickelt, bei dem die Perspektive des Kampfes gegen das kapitalistische System entsteht. Sie verstärken gar die Schwierigkeiten der Arbeiterklasse, ihren Klassenkampf angesichts der immer unerträglicher werdenden Folgen des Bankrotts des Kapitalismus aufzunehmen. Und sie ändern nichts an der Tatsache, dass die sich immer mehr verschärfenden Widersprüche dieses Systems, die Arbeiterklasse auf der Welt zunehmend dazu drängen werden, sich all den Schwierigkeiten zu stellen, mit denen sie derzeit konfrontiert ist. Die Rolle der Revolutionäre ist hier entscheidend, denn nur sie sind in der Lage, eine kompromisslose Kritik an ihren Schwächen zu üben.
Nach Jahren wiederholter Angriffe ist es oft ein neuer, nicht unbedingt massiver Angriff, der das Pulver "in Brand setzt".
In Chile brachte der Preisanstieg der Metrotickets in Santiago das Fass zum Überlaufen. "Das Problem sind nicht die 30 Cent [der Erhöhung], sondern die 30 Jahre [der Angriffe]", ein Slogan, der bei den Demonstrationen auftauchte. In diesem Land beträgt das Monatsgehalt weniger als 400 EUR, die Prekarisierung hat massiv zugenommen, die Kosten für Lebensmittel und Dienstleistungen sind unverhältnismäßig hoch, die Bildungs- und Gesundheitssysteme sind oft unzureichend oder nicht vorhanden, und das Rentensystem treibt die Rentner in die Verarmung.
In Ecuador wird die Protestbewegung durch einen plötzlichen Anstieg der Fahrpreise verursacht. Hinzu kommen die Preiserhöhungen aller Grundnahrungsmittel oder Dienstleistungen, die wiederum mit Lohnstopps, massiven Entlassungen, der obligatorischen unbezahlten "Leistung" eines Arbeitstages an den Staat, Urlaubskürzungen und anderen Maßnahmenverbunden ist, die zu einer Verschlechterung und Prekarisierung der Lebensbedingungen führen.
In Haiti bedeutet der Treibstoffmangel für die Bevölkerung eine weitere Katastrophe, was wiederum zur Lähmung des ärmsten Landes Lateinamerikas führt, in dem die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen nicht gesunken ist.
Während die Wirtschaftskrise im Allgemeinen die Hauptursache für Angriffe auf die Lebensbedingungen ist, ist sie in einigen Ländern wie dem Libanon und dem Irak mit den traumatischen und dramatischen Folgen der imperialistischen Spannungen und endlosen Kriege im Nahen Osten verbunden.
Im Libanon löste die Erhebung einer Steuer auf WhatsApp Nachrichten den "Aufstand" in dem Land mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung der Welt aus. Jedes Jahr fügt die Regierung neue Steuern hinzu, ein Drittel der Bevölkerung ist arbeitslos und die Infrastruktur ist miserabel. Im Irak fordern die Demonstranten vom ersten Tag einer spontanen Bewegung nach Aufrufen zu Demonstrationen in sozialen Netzwerken Arbeitsplätze und einen funktionierenden öffentlichen Dienst, während sie gleichzeitig ihre Wut über die als korrupt geltende herrschende Klasse äußern.
Im Iran wurden die Treibstoffpreise auf dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise erhöht, die durch die Sanktionen der USA gegen das Land verschärft wird.
In Chile wurden die Kämpfe auf das Terrain nihilistischer Gewalt ohne Perspektive verlagert, was für den kapitalistischen Zerfall typisch ist. Dort tauchten auch mit Rückdeckung des Staates lumpenproletarische Kräfte auf, die die sinnlose und nur von Minderheiten getragene Gewalt mit anfachten. Dieses Klima der Gewalt wurde natürlich vom Staat genutzt, um Unterdrückung zu rechtfertigen und das Proletariat einzuschüchtern. Nach offiziellen Angaben sind dabei 19 Menschen getötet worden. Es wird wieder gefoltert wie in Pinochets schlimmsten Zeiten. Infolgedessen verstand die chilenische Bourgeoisie, dass brutale Repression nicht ausreicht, um die Unzufriedenheit zu beseitigen. Die Piñera-Regierung machte dann ihr mea culpa, nahm eine "demütige" Haltung ein, äußerte "Verständnis" für die "Botschaft des Volkes", zog "vorübergehend" die Maßnahmen zurück und „bereitete den Weg zum gesellschaftlichen Dialog“. Das heißt, die Angriffe werden durch "Verhandlungen" am Verhandlungstisch aufgezwungen. Dort kommen dann die Oppositionsparteien, Gewerkschaften, Arbeitgeber und all diejenigen zusammen, die die "Nation vertreten". Warum diese Änderung der Taktik? Repression ist nicht wirksam, wenn sie nicht von der Taktik der demokratischen Täuschungen, der Falle der nationalen Einheit und der Auflösung und Zerstreuung des Proletariats in die amorphe Masse des "Volkes" begleitet wird.[2]
In Ecuador haben die Transportunternehmer den Verkehr lahmgelegt und die indigene Bewegung sowie andere verschiedene Gruppen haben sich der Mobilisierung angeschlossen. Die Proteste von Transportunternehmern und kleinen Unternehmern entfalten sich auf einem "bürgerlichen" und vor allem nationalistischen Boden. In diesem Zusammenhang stellen die beginnenden Mobilisierungen von Arbeitern gegen die Angriffe - im Süden von Quito, Tulcán und der Provinz Bolívar - einen Kompass für das Handeln und Nachdenken angesichts der Welle der "Mobilisierung" der Kleinbourgeoisie dar.
Die Republik Haiti befindet sich in einer Situation, die einer allgemeinen Lähmung nahe kommt. Schulen sind geschlossen, die Hauptstraßen zwischen der Hauptstadt und den Regionen sind durch Straßensperren blockiert, viele Geschäfte sind geschlossen. Die Bewegung wird von oft gewalttätigen Demonstrationen begleitet, während kriminelle Banden (unter den 76 bewaffneten Banden, die im ganzen Gebiet gezählt wurden...., mindestens drei werden von der Regierung bezahlt, der Rest steht unter der Kontrolle eines ehemaligen Abgeordneten und oppositionellen Senators) erpressen, Straßen blockieren und von den wenigen Autofahrern Zwangsabgaben fordern. Am Sonntag, den 27. Oktober, feuerte ein privater Wachmann auf die Demonstranten und tötete eine Person. Er wurde dann von der Menge gelyncht und lebendig verbrannt. Einem inoffiziellen Bericht zufolge sind in zwei Monaten etwa 20 Menschen gestorben.
Algerien: Am Jahrestag des Ausbruchs des Krieges gegen den französischen Kolonisator drängte erneut eine Flut von Menschen durch die Straßen von Algier. Die Mobilisierung ist ähnlich wie auf dem Höhepunkt der "Hirak", der beispiellosen Protestbewegung in Algerien seit dem 22. Februar. Sie richtet sich massiv gegen die Präsidentschaftswahlen, die die Regierung am 12. Dezember zur Wahl eines Nachfolgers von Bouteflika durchführt, da sie nur darauf abzielt, dieses "System" zu verjüngen.
Irak: In mehreren südlichen Provinzen haben Demonstranten Institutionen und Büros von politischen Parteien und bewaffneten Gruppen angegriffen. Beamte, Gewerkschaften, Studenten und Schulkinder demonstrierten und begannen Sit-ins. Während die Unterdrückung der Demonstrationen bisher laut einem offiziellen Bericht zum Tod von 239 Menschen geführt hat, von denen die meisten durch scharfe Munition getötet wurden, hat sich die Mobilisierung in Bagdad und im Süden des Landes fortgesetzt. Seit Beginn des Protestes haben die Demonstranten wiederholt erklärt, dass sie jede politische Vereinnahmung ihrer Bewegung ablehnen, weil sie die gesamte politische Klasse erneuern wollen. Sie sagen auch, dass man das komplizierte System des Postenschachers gemäß religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit beenden müsse, das vom Klientelismus aufgezehrt wird und das junge Menschen, obgleich sie die Mehrheit der Bevölkerung darstellen, immer beiseite schiebt. In den letzten Tagen gab es Massendemonstrationen mit viel Jubel, Streikposten wurden vor Universitäten, Schulen und Verwaltungen errichtet. Darüber hinaus kam es nachts zu Gewaltakten gegen die Zentralen der Parteien und Miliz.
Libanon: Der Zorn der Bevölkerung ist sehr groß und weit verbreitet und überschreitet alle Gemeinschaften, Religionen und Regionen des Landes. Die Aufhebung der neuen Steuer auf WhatsApp-Nachrichten verhinderte nicht, dass sich der Aufstand im ganzen Land ausbreitete. Der Rücktritt von Saad Hariri ist nur ein kleiner Teil der Forderungen der Bevölkerung. Die Libanesen fordern den Rücktritt der gesamten als korrupt und inkompetent geltenden politischen Klasse und einen radikalen Systemwechsel.
Iran: Sobald die Erhöhung des Benzinpreises angekündigt wurde, verursachten gewalttätige Zusammenstöße zwischen Randalierern und Polizeikräften auf beiden Seiten, insbesondere auf der Seite der Demonstranten, mehrere Todesopfer.
In allen oben erwähnten interklassistischen Volksaufständen und nach den Informationen, die wir sammeln konnten, ist es der Arbeiterklasse nur sehr selten gelungen, als solche in Erscheinung zu treten, auch nicht in Situationen wie Chile, wo die Hauptursache für die Mobilisierungen eindeutig die Notwendigkeit war, sich gegen wirtschaftliche Angriffe zu verteidigen.
Häufig nimmt die "Revolte" dann als bevorzugtes oder gar einziges Ziel diejenigen an der Macht ins Visier, die für all die Übel verantwortlich gemacht werden, die die Bevölkerung auspressen. Dadurch bleibt das System, dessen Diener sie sind, gewissermaßen verschont und gerät aus der Schusslinie. Den Kampf auf die Forderung nach der Absetzung korrupter Politiker zu konzentrieren, ist natürlich eine Sackgasse, denn unabhängig von den an der Macht befindlichen Cliquen, unabhängig von ihrem Grad der Korruption, werden sie nur die Interessen der Bourgeoisie verteidigen können und nur eine Politik zugunsten des in der Krise steckenden Kapitalismus betreiben. Es ist umso gefährlicher, als es durch demokratische Ansprüche "für ein sauberes System" "legitimiert" ist, während Demokratie die privilegierte Form der bürgerlichen Herrschaft ist, um ihre Klassenherrschaft über die Gesellschaft und das Proletariat aufrechtzuerhalten. In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass in Chile nach der heftigen Unterdrückung und angesichts einer Situation, deren Brisanz von der Bourgeoisie unterschätzt worden war, diese dann in eine neue Phase ihrer Reaktion durch einen politischen Angriff überging, der die traditionellen demokratischen Organe der Mystifikation und Kontrolle in Gang setzte, was zum Entwurf einer "neuen Verfassung" führte, die als Sieg für die Protestbewegung dargestellt wurde.
Die demokratische Forderung löst die Proletarier in der gesamten Bevölkerung auf, verwischt das Bewusstsein für ihren historischen Kampf, unterwirft sie der Logik der Herrschaft über den Kapitalismus, zwingt sie zur politischen Machtlosigkeit.
Interklassismus und Demokratie sind zwei sich ergänzende Methoden, die gegen den autonomen Kampf der Arbeiterklasse sehr effektiv eingesetzt werden können. Dies umso mehr, als mit der historischen Periode seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und den irreführenden Kampagnen über den Tod des Kommunismus das historische Projekt des Proletariats vorübergehend nicht mehr als Stützpfeiler wirkt[3]. Wenn sich der Klassenkampf durchsetzt, wirkt er gegen das allgemeine Phänomen des Zerfalls der Gesellschaft, bei dem die Haltung des „Jeder für sich“ und die Perspektivlosigkeit usw. ein noch größeres Gewicht einnehmen[4]
Die Gewaltausbrüche, die oft mit Volksaufständen einhergehen, spiegeln überhaupt keine Art von Radikalität wider. Dies ist offensichtlich, wenn sie das Werk von lumpenproletarischen Elemente sind, die spontan oder nach geheimen Anweisungen der Bourgeoisie wie Vandalen handeln, plündern, alles in Brand setzen, und einer wahnsinnigen und nur von einer Minderheit getragenen Gewalt frönen. Aber noch wichtiger: diese Gewaltausbrüche sind in solchen Volksbewegungen untrennbar enthalten, wenn sie nicht gar direkt vom Staat angezettelt werden. Weil sie offensichtlich keine Perspektive auf eine radikale Umwälzung der Gesellschaft bieten, um Armut, Kriege, wachsende Unsicherheit und andere Katastrophen des dahinsiechenden Kapitalismus zu beseitigen, können sie nur Träger all der Merkmale der zerfallenden kapitalistischen Gesellschaft sein.
Der Werdegang der Protestbewegung in Hongkong ist ein perfektes Beispiel dafür, denn sie ist zunehmend perspektivlos - sie konnte eigentlich gar keine haben, da sie auf den "demokratischen" Bereich beschränkt war, ohne den Kapitalismus in Frage zu stellen - zu einer gigantischen Vendetta der Demonstranten angesichts der polizeilichen Gewalt und dann der Polizisten selbst geworden, die manchmal spontan auf die Gewalt vor Ort reagieren. Zu dieser offensichtlichen Feststellung sind einige Organe der bürgerlichen Presse in der Lage: "Nichts, was Peking versucht sie aufzuhalten, hat funktioniert, weder die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes noch die polizeiliche Repression noch das Vermummungsverbot in der Öffentlichkeit. [...] Von nun an werden diese jungen Hong Konger nicht mehr von der Hoffnung getrieben, sondern von dem Wunsch zu randalieren, weil es keinen anderen möglichen Ausweg gibt".[5]
Einige glauben - oder wollen uns weismachen, dass jede Gewalt in dieser Gesellschaft, wenn sie gegen die Repressionskräfte des Staates ausgeübt wird, unbedingt unterstützt werden muss, d.h. ähnlich der notwendigen Klassengewalt des Proletariats wäre, wenn es in den Kampf gegen kapitalistische Unterdrückung und Ausbeutung eintritt.[6]
Das ist ein tiefes Missverständnis oder eine grobe Mystifizierung. Die blinde Gewalt der interklassistischen Bewegungen hat nämlich nichts mit der Klassengewalt des Proletariats zu tun, die befreiend ist, für die Unterdrückung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, im Gegensatz zu der des Kapitalismus, der unterdrückend ist, insbesondere mit dem Ziel, die Klassengesellschaft zu schützen. Die Gewalt der interklassistischen Bewegungen ist verzweifelt, genau wie die Kleinbourgeoisie, die keine eigene Zukunft hat, vor dem Nichts steht und nur ihren Platz hinter der Bourgeoisie oder dem Proletariat einnehmen kann.
Tatsächlich ist die Trilogie "Interklassismus, demokratische Forderungen, willkürliche Gewalt" das Markenzeichen der Aufstände, die auf der ganzen Welt als Reaktion auf die beschleunigte Verschlechterung aller Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, und anderer nicht ausbeuterischen Schichten und der völlig verarmten Kleinbourgeoisie entstehen. Die vor einem Jahr in Frankreich erschienene Bewegung der Gelben Westen gehört ebenfalls zu dieser Kategorie der Volksaufstände. [7]
Solche Bewegungen können nur dazu beitragen, in den Augen der Proletarier das zu vernebeln, was der wahre Klassenkampf ist, ihre gegenwärtigen Schwierigkeiten zu verstärken, sich als eine Gesellschaftsklasse zu verstehen, die sich von den anderen Klassen mit ihrem spezifischen Kampf gegen die Ausbeutung und ihrer historischen Mission, den Kapitalismus zu stürzen, unterscheidet.
Deshalb liegt die Verantwortung der bewusstesten Revolutionäre und Minderheiten innerhalb der Arbeiterklasse darin, daran zu arbeiten, dass die Arbeiterklasse ihre eigenen Kampfmethoden wieder anwendet, in deren Mittelpunkt der massive Kampf steht; die Vollversammlung als Diskussions- und Entscheidungsforum, das gegen Versuche der Sabotage durch die Gewerkschaften verteidigt werden muss, die allen Teilen der Arbeiterklasse offen stehen; die Ausweitung auf andere Bereiche, gegen die Blockademanöver der Gewerkschaften und der Linken des Kapitals.[8]
Auch wenn diese Perspektiven heute als Zukunftsmusik erscheinen, und das ist heute in vielen Teilen der Welt der Fall, vor allem dort, wo die Arbeiterklasse in einer sehr kleinen Minderheit ist, mit wenig historischer Erfahrung, bilden sie dennoch überall den einzigen Kompass, der es dem Proletariat ermöglicht, sich nicht aufzulösen und sich zu verirren.
Silvio. (17/11/2019)
[1] Siehe auch unseren Artikel auf französisch: Nouvelle récession : Le capital exige davantage de sacrifices pour le prolétariat ! [993], Révolution internationale N° 478.
[2] Mehr Informationen und Analysen zur Lage in Chile siehe Mouvement social au Chili : l’alternative dictature ou démocratie est une impasse [994].
[3]Wir werden bald in Artikeln in unserer Presse über die erheblichen Auswirkungen dieser falschen Kampagnen auf den Klassenkampf zurückkommen und aufzeigen, wie der Zustand der Welt zum Gegenteil dessen geworden ist, was damals angekündigt wurde, nämlich eine Ära des Friedens und des Wohlstands.
[4]Siehe dazu weitere Artikel auf unserer Webseite in verschiedenen Sprachen
[5]"The Hong Kong Protesters Aren’t Driven by Hope [995]". The Atlantic
[6]Unter diesem Gesichtspunkt ist es aufschlussreich, die jüngsten Revolten in Chile mit der Episode des Arbeiterkampfes in Argentinien, der 1969 als Cordobazo bekannt war, zu vergleichen, über den wir unseren Artikel "The Argentine Cordobazo (May 1969): a link in a chain of workers' mobilisations throughout the world" empfehlen. https://en.internationalism.org/content/16757/argentinean-cordobazo-may-... [996]
[7]Siehe dazu den Artikel auf unserer Webseite -Bilanz der Gelbwesten https://de.internationalism.org/content/2882/gelbwesten-frankreich-eine-klassenuebergreifende-bewegung-ein-hindernis-fuer-den [997]
[8]Siehe dazu die Resolution zum Klassenkampf https://de.internationalism.org/content/2862/resolution-ueber-das-kraeft... [998]
Der Börsenkrach vom Oktober 1929, der die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre einleitete, bestätigte vor neunzig Jahren, was der Erste Weltkrieg bedeutet hatte, nämlich dass der Kapitalismus definitiv in seine Phase des Niedergangs eingetreten war. Innerhalb weniger Monate gerieten viele Millionen von Menschen in schreckliche materielle Not. Natürlich hat die Bourgeoisie seit dieser Zeit gelernt, die Gewalt der Krise abzuschwächen, aber trotz der Lehren, die sie daraus ziehen konnte, ist diese Krise nie überwunden worden. Dies bestätigt, dass in der Periode die durch den Ersten Weltkrieg eingeläutet wurde, die Widersprüche des Kapitalismus nur zur Verschlechterung der Lebensbedingungen der überwiegenden Mehrheit der Menschheit führen konnten.
Die Krise von 1929 entspricht zweifellos der Diagnose von Marx und Engels aus dem Manifest der Kommunistischen Partei über die bereits im 19. Jahrhundert vom Kapitalismus hervorgerufenen Krisen: „In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion.“ (Kommunistisches Manifest, Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 4. S- 468). Die Krise von 1929 ist nicht mit dem Börsenkrach vom 24. und 29. Oktober 1929 ausgebrochen, sondern die Lage des Kapitals verschlechterte sich vor dieser Zeit in mehreren Ländern und in mehreren Bereichen der Wirtschaft beträchtlich. So war beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Produktion im Bau- und Automobilsektor seit März 1929 rückläufig, und dieser Rückgang weitete sich im Sommer desselben Jahres auf die gesamte Wirtschaft aus. Darüber hinaus war in den europäischen Ländern die Konjunktur im Allgemeinen rückläufig, hier lag der Börsenkrach bereits vor dem, den die USA erlebten. Unter diesen Bedingungen konnten Spekulationen an der New Yorker Börse nur zu einem Gewinnrückgang und letztendlich zu einem Crash führen. Dieser Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in den Kernländern des Kapitalismus war zum einen auf die seit Mitte der 1920er Jahre anhaltende weltweite Überproduktion von Agrarprodukten zurückzuführen, die einen Rückgang der landwirtschaftlichen Einkommen zur Folge hatte, und zum anderen auf das anhaltend niedrige Lohnniveau, das in allen Industrieländern deutlich geringer gestiegen war als die Produktion. Eine solche Dynamik bestätigte eindrücklich, was Marx als Ursache der Krise unterstrichen hatte: "Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde“. Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 25, "Das Kapital", Bd. III, Fünfter Abschnitt, 30. Kapitel. Geldkapital und wirkliches Kapital II [999], S. 500).
Natürlich reduzierte der Börsencrash die Finanzkapitalreserven stark was den Konkurs von Großbanken wie der Bank of the United States verursachte, was wiederum die Überproduktion verschärfet, da die Finanzierung der Kapitalakkumulation immer schwieriger wurde. Es folgte ein drastischer Rückgang der Investitionen, der den seit mehreren Jahren bestehenden allgemeinen Trend um eine massive Überproduktion von Produktionsgütern erweiterte. Diese Dynamik hat zu einer raschen Beschleunigung des Rückgangs der Industrieproduktion geführt. Ebenso sollte sich die Krise aufgrund der internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen weltweit verschärfen. Die beiden am stärksten entwickelten Länder, die Vereinigten Staaten und Deutschland, verzeichneten den stärksten und schnellsten Rückgang der Wirtschaftstätigkeit. Doch in den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch waren die Bourgeoisie und die meisten ihrer Ökonomen geblendet von der Vorstellung, dass das kapitalistische System ewig sei, und dachten mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Hoover, dass "alles in sechzig Tagen vorbei sein würde" und dass, wie in den Krisen des 19. Jahrhunderts, die wirtschaftliche Erholung spontan erfolgen würde. Die Gewalt der Krise verursachte tiefe Verzweiflung in der herrschenden Klasse, aber da es ihnen zunächst darum ging, einen Mindestgewinn zu erzielen, reagierten die Unternehmen damit, massenhaft Arbeiter zu entlassen und die Löhne zu senken. Was die Staaten betrifft, so haben sie trotz aller Zögerungen versucht, ihre finanzielle Glaubwürdigkeit zu wahren, indem sie einen ausgeglichenen Haushalt durch dieSenkung der öffentlichen Ausgaben aufrechterhalten haben. So wurde in den Vereinigten Staaten eine Politik der Geldmengenreduzierung und der massiven Erhöhung der direkten und indirekten Steuern, die im Juni 1932 beschlossen wurde, durchgeführt. In Deutschland erhöhte Reichskanzler Brüning, genannt Hungerkanzler, die Steuern, reduzierte die Gehälter der Beamten um 10% und ab 1930 die Arbeitslosenunterstützung; im Juni 1931 wurden dann in Deutschland noch härtere Maßnahmen gegen die Arbeitslosen ergriffen. In Frankreich kürzten die verschiedenen Regierungen bereits 1933 die öffentlichen Ausgaben, Renten und Beamtengehälter und 1935 wurden diese um 15% und dann nochmal um 10% gekürzt. Eine weitere Vorgehensweise der Staaten bestand darin, die Volkswirtschaft durch Protektionismus zu schützen: Alle Länder traten in die Fußstapfen der Vereinigten Staaten, deren Kongress den Smoot-Hartley Act verabschiedet hatte, der die Zölle vor dem Absturz im Oktober 1929 um 50% erhöhte. In den 1930er Jahren entwickelte sich sogar ein richtiger Handels- und Währungskrieg zwischen den Großmächten.
Insbesondere das im September 1931 beschlossene Floating des britischen Pfunds und seine Abwertung um mehr als 30 % und die Abwertung des Dollars um 40 % im Jahr 1933 zeigen, dass sich jede Großmacht wie das Vereinigte Königreich und der Commonwealth, die eine imperiale Präferenz für ihren Außenhandel behaupten, auf ihren Einflussbereich zurückgezogen hat. Diese Politik zeigt, dass die Bourgeoisie nicht verstanden hatte, dass der Kapitalismus, der sich vor dem Ersten Weltkrieg in seiner aufsteigenden Periode befand, nicht mehr in der Lage war, die Überproduktion einzudämmen, zu der seine Widersprüche unwiderruflich drängen. Im 19. Jahrhundert hatten die Krisen zu neuen Wachstumsphasen geführt, weil der Weltmarkt noch offen war und somit das modernste und dynamischste inländische Kapital neue Märkte finden konnte, die die zyklischen Probleme der Überproduktion überwinden konnten. Wie Rosa Luxemburg zeigte, war der Erste Weltkrieg Ausdruck der Tatsache, dass der Weltmarkt global zwischen den Großmächten aufgeteilt worden war, und dass es nicht mehr genug neue, zu erobernde Märkte gab. Dies bedeutete, dass der „Ausweg“ aus der Krise nur die Zerstörung des Kapitalismus durch die Arbeiterklasse oder der Ausbruch eines neuen Weltkriegs sein konnte. Infolgedessen haben die staatlichen Maßnahmen, die in den ersten drei oder vier Jahren nach dem Krach vom Oktober 1929 folgten und die sich auf die Erfahrungen des 19. Jahrhunderts stützten, die Auswirkungen der Überproduktion nicht verringert, sondern im Gegenteil verschlimmert. Tatsächlich waren, wie der Ökonom Kindleberger sagt, diese Jahre "ein Rutschen in den Abgrund". Zwischen dem Herbst 1929 und dem ersten Quartal 1933 schrumpfte das BIP der Vereinigten Staaten und Deutschlands um die Hälfte, das durchschnittliche Preisniveau sank weltweit um 32%, das Volumen des Welthandels um 25%. Eine solche Verschlechterung der wirtschaftlichen Aktivität führte zu einem Rückgang der Gewinne, was erklärt, warum die Bruttoinvestitionen in den Vereinigten Staaten 1932 nahe Null lagen. Mit anderen Worten, viele Unternehmen haben ihre verschlissenen Maschinen nicht ersetzt. Wie Keynes sagte, können Unternehmen ab einem gewissen Grad Preisverfall und damit Verlusten ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen und somitkönnen Banken nur noch zusammenbrechen; was dann auch passierte. Großbanken gingen in allen Ländern in Konkurs. Am 13. Mai 1931 wurde die österreichische Creditanstalt als größte mitteleuropäische Bank zahlungsunfähig; im Juli desselben Jahres befand sich auch die große deutsche Bank Danatbank in Konkurs und aufgrund der Bankenpanik schlossen alle deutschen Banken drei Tage lang; in den USA war die Zahl der Bankenpleiten Anfang 1932 so hoch, dass der neu gewählte Präsident Roosevelt gezwungen war, das gesamte Bankensystem zu schließen (mehr als 1.000 Banken sollten nie wieder öffnen!). Die Folgen für die Arbeiterklasse waren erschreckend: Die Arbeitslosigkeit stieg in allen Ländern: Ende 1932 erreichte die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten mindestens 25% und 30% in Deutschland. [1]Ein großer Teil der Arbeitnehmer arbeitete nur ein paar Stunden in völliger Armut; in Deutschland und Großbritannien wurden die Arbeitslosenunterstützung gekürzt; die Warteschlangen von ausgemergelten Menschen, die fast nur noch Lumpen anhatten, für eine Suppenküche wurden immer länger, während Tonnen unverkäuflicher Waren zerstört wurden. In Brasilien wurden sogar Kaffeevorräte in Lokomotiven verheizt! Schließlich haben Steuererhöhungen zu einer weiteren Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse geführt.
Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft zwang die herrschende Klasse und einige ihrer Experten, ihre alten liberalen Gebote der Nichteinmischung durch den Staat und der Einhaltung ausgeglichener Staatshalte in Frage zu stellen und zu erkennen, dass die Ursache der Krise die Überproduktion war, die die Bourgeoisie geschickt in Keynes' Theorie der "unzureichenden Nachfrage" umtaufte. Um den Zusammenbruch des Kapitals zu stoppen, ging es zunächst darum, dass die Staaten den Produktionsapparat übernahmen, manchmal gar direkt, wie in Frankreich bei den Eisenbahnen oder in Großbritannien bei London Transport oder beim Luftverkehr. Aber vor allem bestand diese staatliche Kontrolle darin, alle Unternehmen durch Regulierung zu zwingen, die Betriebe im Einklang mit den Interessen des nationalen Kapitals zu führen: Das ist der Kern des berühmten New Deal von Präsident Roosevelt in den Vereinigten Staaten oder des De Man Plans in Belgien. In den Vereinigten Staaten hat die US-Regierung durch den Banking Act eine Art Versicherung geschaffen, an die sich die Banken halten mussten, um Mittel von der Zentralbank (FED) zu erhalten. Ein anderes Gesetz organisierte die Agrarpreisstützung, indem es den Landwirten einen Ausgleich anbot, wenn sie die Menge der von ihnen bewirtschafteten Flächen reduzierten. Der National Industrial Recovery Act von 1933 verlangte von den Industriezweigen festgelegte Produktionsquoten und betriebliche Verkaufspreise (in Deutschland wurden die Unternehmen selbst dafür verantwortlich gemacht). Außerdem gewährte sie den Gewerkschaften das Recht, Tarifverträge zu unterzeichnen, was ihnen auch erlaubte, ihren Einfluss auf die Arbeiterklasse zu erhöhen. Solche Gesetze (die auch in anderen Ländern wie Frankreich zur Zeit der Volksfront zu finden waren) verbesserten die Löhne nicht, da die Preise weiter stiegen. Um die Überproduktion abzubauen, zielten diese Gesetze nicht nur auf die Reduzierung der Produktion, sondern auch auf die Steigerung der Nachfrage durch Erhöhung des Haushaltsdefizits. So hat der National Industrial Recovery Act eine Politik der großen öffentlichen Arbeiten wie die Sanierung des Appalachen Tals, den Bau der Triborough Bridge in New York und den Bau zahlreicher Dämme im Tennessee Valley organisiert. Dasselbe geschah nach 1932 in Deutschland mit dem Bau von Autobahnen, dem Graben von Kanälen und der Sanierung bestimmter Regionen. Die Nachfrage künstlich ansteigen zu lassen bei gleichzeitiger Stärkung der Kontrolle über die Arbeiterklasse war auch das Ziel der britischen Bourgeoisie, als sie die Arbeitslosenunterstützung und ein Rentensystem und die Förderung des Wohnungsbaus einführte. Die Entwicklung der staatlichen Kontrolle über das Kapital, die in den 1930er Jahren auf eher chaotische Weise ihren Einzug hielt, sollte sich immer mehr verbreiten und in der Form des so genannten Keynesianismus theoretisiert werden. Die staatliche Kontrolle des gesamten Kapitals mit einer Reihe von Mitteln (von der Verstaatlichung bis zur staatlichen Unterstützung von Unternehmen) wurde zunehmend systematisiert. Die zunehmend massive (staatlich angefachte) Verschuldung der gesamten Wirtschaft sowie die Praxis der öffentlichen Defizite nahmen kontinuierlich zu, um die Auswirkungen der Überproduktion abzumildern. Ebenso die Errichtung des "Wohlfahrtsstaates" nach dem Zweiten Weltkrieg, der die in Westeuropa in den 1930er Jahren ergriffenen Maßnahmen weiter ausbaute – somit wirkte dies als ein Nachfrageregulator und gleichzeitig als ein Instrument der ideologischen Kontrolle der Arbeiterklasse. Wie in den 1930er Jahren konnte der Einsatz all dieser Mittel es dem Staat ermöglichen, die Auswirkungen der Überproduktion über die Zeit zu verteilen. Aber unter keinen Umständen kann die Bourgeoisie die Krise lösen und die Überproduktion wirklich überwinden.
Heute verschärft sich die Krise des kapitalistischen Systems weiter, wenn auch in einem viel langsameren Tempo als in den 1930er Jahren. Sie bestätigt, dass der Staatskapitalismus kein Mittel ist, um der Überproduktion, die dem Kapitalismus innewohnt, ein Ende zu setzen. Tatsächlich ist die Reaktion des Kapitals auf die Krise selbst Ausdruck der Senilität der kapitalistischen Produktionsweise, die sich ständig verstärkt. So kann die Krise nur begrenzt werden, aber dies geschieht nur durch die Verschärfung aller Widersprüche, die immer heftiger und zerstörerischer werden.
Vitaz, 8. Oktober 2019
[1]Einige Statistiken weisen viel höhere Zahlen aus.
Trumps Vorgehen hat bei wichtigen Teilen der US-Bourgeoisie die Alarmglocken läuten lassen und Befürchtungen vervielfacht, Trumps unberechenbarer und selbstsüchtiger Präsidentschaftsstil könnte zu einer echten Gefahr für die USA werden, und sogar die Befürchtung hervorgerufen, Trump könnte unter dem Druck des Amtes und vor allem angesichts der aktuellen Amtsenthebungskampagne gegen ihn seine wenig ausgeprägte mentale Stabilität verlieren. Sicherlich wird sein Verhalten immer bizarrer; er zeigt sich nicht nur als Ignorant (indem er sagte, "die Kurden halfen uns nicht bei der Landungen der Alliierten am Ausgang des 2. Weltkrieges in der Normandie" ...), sondern auch als gewöhnlicher Gangster (in einem Brief an Erdogan rät er letzterem: „Seien Sie kein harter Kerl, seien sie kein Narr“; der türkische Führer warf den Brief prompt in den Papierkorb; Trumps Drohungen, die Wirtschaft der Türkei zu zerstören ...). Trump regiert per Tweet, trifft impulsive Entscheidungen, missachtet die Ratschläge seiner Mitarbeiter*innen – und muss dann in der nächsten Minute zurückrudern, um einen Waffenstillstand in Nordsyrien zusammenzuschustern, wie das Schreiben und die hastige Entsendung von Pence und Pompeo nach Ankara zeigen.
Doch konzentrieren wir uns nicht zu sehr auf die Persönlichkeit von Trump. In erster Linie ist Trump lediglich Ausdruck der fortschreitenden Zersetzung seiner Klasse – eines Prozesses, der überall „starke Männer“ hervorbringt, von Duterte bis Oban und von Modi bis Boris Johnson, die in ihrer Missachtung der Wahrheit und der traditionellen Regeln des politischen Spiels die niedrigsten Leidenschaften und die Schadenfreude ansprechen. Und selbst wenn Trump in seinen Beziehungen zu Erdogan zu früh losschoss: die Politik des Truppenrückzugs aus dem Nahen Osten war keine Erfindung von Trump, sondern geht auf die Obama-Regierung zurück, die das völlige Scheitern der US-Politik im Nahen Osten seit Anfang der 1990er Jahre erkannte und sich der Notwendigkeit bewusst war, den Schwerpunkt im Fernen Osten zu setzen („Pivot to Asia“), um der wachsenden Bedrohung durch den chinesischen Imperialismus zu begegnen.
Das letzte Mal, als die USA „grünes Licht“ im Nahen Osten gaben, war 1990, als der US-Botschafter April Glaspie mitteilte, die USA werde sich nicht einmischen, wenn Saddam Hussein nach Kuwait marschierte. Es war eine gut organisierte Falle, die mit der Idee begann, eine massive US-Operation in der Region durchzuführen und die westlichen Partner zu zwingen, sich einem großen Kreuzzug anzuschließen. Dies geschah zu einer Zeit, in der sich der Westblock – nach dem Zusammenbruch des russischen Blocks im Jahr 1989 – bereits zu lockern begann und die USA als einzige verbliebene Supermacht ihre Autorität durch eine spektakuläre Demonstration der Gewalt behaupten musste. Geleitet von einer fast messianischen „Neocon“-Ideologie ließ die US-Regierung auf den ersten Golfkrieg weitere militärische Abenteuer folgen: 2001 in Afghanistan und 2003 im Irak. Doch die schwindende Unterstützung dieser Operationen durch ihre ehemaligen Verbündeten und vor allem das völlige Chaos, das diese Operationen im Nahen Osten entfachten, indem sie die US-Streitkräfte an nicht zu gewinnende Konflikte gegen lokale Aufstände fesselten, demonstrierten den rapiden Verfall der Befähigung der USA als „Weltpolizei“. In diesem Sinne liegt eine Logik hinter Trumps impulsiven Aktivitäten, die von beachtlichen Teilen der US-amerikanischen Bourgeoisie unterstützt werden, die erkannt haben, dass die USA den Nahen Osten nicht regieren können, indem sie Bodentruppen einsetzen oder sogar nur ihre Luftmacht nutzen. Zur militärischen Verteidigung der Interessen, insbesondere gegen die aufstrebende Macht des Iran (und langfristig gegen die potenzielle Präsenz Chinas als ernstzunehmender Konkurrent in der Region), wird man sich mehr und mehr auf die zuverlässigsten Verbündeten der Region stützen, Israel und Saudi-Arabien.
Der von Pence und Pompeo ausgehandelte Waffenstillstand, von dem Trump behauptet, er werde „Millionen von Menschenleben retten“, ändert nichts an der Politik des Fallenlassens der Kurd*innen, da er lediglich darauf abzielt, den kurdischen Kräften die Möglichkeit zum Rückzug zu geben, während die türkische Armee ihre Kontrolle über Nordsyrien etabliert. Dabei ist festzustellen, dass diese Art von „Verrat“ nichts Neues ist. 1991, im Krieg gegen Saddam Hussein, ermutigten die USA unter Bush Senior die Kurd*innen im Nordirak, sich gegen das Regime Saddams zu erheben – und ließen dann Saddam an der Macht, bereit und in der Lage, den kurdischen Aufstand mit äußerster Brutalität zu zerschlagen. Der Iran hat ebenfalls versucht, die Kurd*innen des Irak gegen Saddam einzusetzen. Aber alle Mächte der Region und die Weltmächte, die hinter ihnen stehen, haben sich stets gegen die Bildung eines einheitlichen Staates Kurdistan ausgesprochen, die eine Auflösung der bestehenden nationalstaatlichen Konstellationen im Nahen Osten bedeuten würde.
Die kurdischen Streitkräfte zögerten unterdessen nie, sich an den Höchstbietenden zu verkaufen. Dies geschieht vor unseren Augen: Die kurdische Miliz wandte sich sofort an Russland und das Assad-Regime selbst, um vor der türkischen Invasion geschützt zu werden.
Seit mindestens dem Ersten Weltkrieg ist dies außerdem das Schicksal aller Kämpfe um „nationale Befreiung“: nur unter dem Einfluss und mit der Unterstützung der einen oder anderen imperialistischen Macht gedeihen zu können. Dieselbe grimmige Notwendigkeit besteht im gesamten Nahen Osten, insbesondere: Die palästinensische Nationalbewegung suchte in den 1930er und 40er Jahren die Unterstützung Deutschlands und Italiens; während des Kalten Krieges die Unterstützung Russlands; und in der Weltunordnung, die der Zusammenbruch des Blocksystems nach sich zog, die Unterstützung verschiedener regionaler Mächte. Die Abhängigkeit des Zionismus von der imperialistischen Unterstützung (hauptsächlich, aber nicht nur von den USA) bedarf unterdessen keiner Erklärung und stellt keine Ausnahme von der allgemeinen Regel dar. Nationale Befreiungsbewegungen können unter vielen ideologischen Bannern stehen – Stalinismus, Islamismus, sogar, wie im Fall der kurdischen Streitkräfte in Rojava, unter dem Banner einer Art Anarchismus –, aber sie halten die Ausgebeuteten und Unterdrückten nur in den endlosen Kriegen des Kapitalismus in dessen Epoche des imperialistischen Zerfalls gefangen.[2]
Der offensichtlichste Nutznießer des Rückzugs der USA aus dem Nahen Osten ist Russland. In den 1970er und 80er Jahren war die UdSSR gezwungen gewesen, auf die meisten ihrer Positionen im Nahen Osten zu verzichten, insbesondere auf ihren Einfluss in Ägypten und vor allem auf ihre Versuche der Kontrolle Afghanistans. Ihr letzter Vorposten und ein wichtiger Zugangspunkt zum Mittelmeer waren Syrien und das Assad-Regime, das durch den Krieg, der das Land ab 2011 heimsuchte, und durch die Fortschritte der „demokratischen“ Rebell*innen und vor allem des „Islamischen Staates“ vom Zusammenbruch bedroht war.
Die massive Intervention Russlands in Syrien rettete das Assad-Regime und stellte dessen Kontrolle über den größten Teil des Landes wieder her. Doch ist es zweifelhaft, ob dies möglich gewesen wäre, wenn nicht die USA im verzweifelten Versuch, nach Afghanistan und Irak einem weiteren ausweglosen Morast zu entgehen, das Land effektiv Russland überlassen hätten. Dies hat zu großen Spaltungen in der US-Bourgeoisie geführt, wobei einige ihrer etablierteren Fraktionen im Militärapparat immer noch zutiefst misstrauisch gegenüber allem sind, was „die Russen“ tun könnten, während Trump und diejenigen hinter ihm Putin als einen Mann zum Geschäftemachen betrachteten und vor allem als ein mögliches Bollwerk gegen den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg Chinas.
Ein Teil des Aufstiegs Russlands zu einer solchen Führungsposition in Syrien bestand darin, eine neue Beziehung zur Türkei aufzubauen, die sich allmählich von den USA entfernt hat, nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung der USA für die Kurd*innen bei deren Operation gegen den IS im Norden Syriens. Aber die Kurdenfrage bereitet der russisch-türkischen Annäherung bereits Schwierigkeiten: Da sich ein Teil der kurdischen Streitkräfte jetzt an Assad und Russland wendet, um Schutz zu erhalten, und da das syrische und russische Militär die Gebiete, die zuvor von den kurdischen Kämpfern kontrolliert wurden, besetzt, besteht die Gefahr einer Konfrontation zwischen der Türkei einerseits und Syrien und dessen russischen Unterstützer*innen andererseits. Im Moment scheint diese Gefahr durch das Abkommen vom 22. Oktober zwischen Erdogan und Putin in Sotschi abgewendet worden zu sein. Das Abkommen gibt auf Kosten der Kurd*innen der Türkei die Kontrolle über eine Pufferzone in Nordsyrien und bestätigt gleichzeitig die Rolle Russlands als wichtigster Macht-Broker der Region. Ob diese Regelung die seit langem bestehenden Gegensätze zwischen der Türkei und Assads Syrien überwinden wird, bleibt abzuwarten. Der Krieg eines jeden gegen alle, ein zentrales Merkmal imperialistischer Konflikte seit dem Untergang des Blocksystems, ist nirgendwo deutlicher sichtbar als in Syrien.
Im Moment kann sich zudem die Türkei Erdogans für ihren schnellen militärischen Fortschritt in Nordsyrien und die Räumung der kurdischen „Terroristennester“ beglückwünschen. Der Einmarsch ist für Erdogan auch auf nationaler Ebene ein Geschenk des Himmels: Nach einigen schweren Rückschlägen seiner AKP-Partei bei den Wahlen im vergangenen Jahr spaltete die durch das militärische Abenteuer ausgelöste Welle der nationalistischen Hysterie die aus türkischen „Demokrat*innen“ und kurdischer HDP bestehende Opposition.
Erdogan kann vorerst wieder den Traum vom neuen Osmanischen Reich verkaufen: die Türkei im früheren Glanz als Global Player wieder auferstanden, nachdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts zum „kranken Mann am Bosporus“ wurde. Aber in eine ohnehin schon zutiefst chaotische Situation zu marschieren, könnte für die Türkei auf lange Sicht eine gefährliche Falle darstellen. Vor allem wird diese neue Eskalation des syrischen Konflikts die ohnehin schon gigantischen menschlichen Kosten erheblich erhöhen. Weit über 100.000 Zivilist*innen wurden bereits vertrieben, was den internen Flüchtlingsalptraum Syriens erheblich verschärft, während ein sekundäres Ziel der Invasion darin besteht, weitgehend zu Lasten der lokalen kurdischen Bevölkerung etwa 3 Millionen syrische Flüchtlinge abzuladen, die derzeit unter katastrophalen Bedingungen in türkischen Lagern in Nordsyrien leben.
Der bodenlose Zynismus der herrschenden Klasse zeigt sich nicht nur im Massenmord, den Flugzeuge, Artillerie und terroristische Bomben unter der Zivilbevölkerung Syriens, des Iraks, Afghanistans oder des Gazastreifens anrichten, sondern auch in der Art und Weise, wie sie die zum Flüchten aus den Todeszonen gezwungenen Menschen funktionalisiert. Die EU, dieses Paradebeispiel demokratischer Tugenden, verlässt sich seit langem auf Erdogan als Gefängniswärter, damit unter seinem „Schutz“ die syrischen Flüchtlinge nicht die Wellen in Richtung Europa verstärken. Erdogan sieht in der ethnischen Säuberung Nordsyriens nun eine Erlösung von dieser Bürde und droht, eine neue Flüchtlingsflut nach Europa zu lenken, sollte die EU seine Aktionen kritisieren.
Menschen sind für das Kapital nur dann von Nutzen, wenn sie ausgebeutet oder als Kanonenfutter verwendet werden können. Und die offene Barbarei des Krieges in Syrien ist nur ein Vorgeschmack darauf, was der Kapitalismus für die gesamte Menschheit bereithält, wenn er weitermachen darf. Doch sind die Hauptopfer dieses Systems – all jene, die es ausbeutet und unterdrückt –, keine passiven Objekte, und im vergangenen Jahr etwa konnten wir in den sozialen Revolten in Jordanien, Iran, Irak und zuletzt im Libanon einen Eindruck der Möglichkeit von Massenaktionen gegen Armut und Korruption der herrschenden Klasse gewinnen. In der Regel sind diese Bewegungen sehr verwirrt, von nationalistischen Illusionen infiziert und schreien nach einer klaren Führung durch die Arbeiter*innenklasse, die auf ihrem eigenen Klassenterrain agiert. Aber das ist nicht nur eine Aufgabe für die Arbeiter*innen im Nahen Osten, sondern auch für die Arbeiter*innen der Welt, und vor allem für die Arbeiter*innen der alten Zentren des Kapitals, wo die autonome politische Tradition des Proletariats geboren wurde und die tiefsten Wurzeln hat.
Amos, 23.10.19
[1]Natürlich ist es denkbar, dass Trump angesichts der Möglichkeit einer gewissen Präsenz von IS-Kräften in Syrien ganz entspannt ist, jetzt, da es Russland und die Türkei sind, die sich mit ihnen zu befassen haben. Ebenso schien Trump sehr glücklich darüber zu sein, dass die Europäer*innen mit dem Problem der Rückkehr ehemaliger IS-Kämpfer in ihre europäischen Herkunftsländer konfrontiert werden. Aber innerhalb der herrschenden Klasse der USA werden solche Ideen nicht unangefochten bleiben.
[2]Für eine weitere Analyse der Geschichte des kurdischen Nationalismus siehe
Die kommunistische Revolution kann nur erfolgreich sein, wenn sich das Proletariat mit einer politischen Partei als ihre Avantgarde rüstet. Diese muss in der Lage sein, ihre Verantwortung wahrzunehmen, so wie es die bolschewistische Partei im ersten revolutionären Versuch von 1917 tun konnte. Die Geschichte hat gezeigt, wie schwierig es ist, eine solche Partei aufzubauen. Es ist eine Aufgabe, die zahlreiche und vielfältige Anstrengungen erfordert. Sie erfordert vor allem eine große Klarheit in Bezug auf programmatische Fragen und auf die Grundsätze des organisatorischen Funktionierens, die notwendigerweise auf der Gesamtheit der bisherigen Erfahrungen der Arbeiterbewegung und ihrer politischen Organisationen beruht.
In jedem Schritt in der Geschichte dieser Bewegung haben sich bestimmte Strömungen als der beste Ausdruck dieser Klarheit herausgestellt, als diejenigen, die einen entscheidenden Beitrag zur Zukunft des Kampfes leisten konnten. Dies ist bei der marxistischen Strömung seit 1848 der Fall, einer Zeit, in der große Teile des Proletariats noch stark von den Konzepten des Kleinbürgertums beeinflusst wurden, die in Kapitel drei ('Sozialistische und Kommunistische Literatur') des Kommunistischen Manifests energisch bekämpft wurden. Dies galt umso mehr innerhalb der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter Assoziation:
„Aber diese Assoziation, die ausdrücklich zu dem Zwecke gegründet wurde, das gesamte kampfgewillte Proletariat Europas und Amerikas zu einer einzigen Körperschaft zusammenzuschweißen, konnte die im 'Manifest' niedergelegten Grundsätze nicht sofort proklamieren. Die Internationale mußte ein Programm haben, breit genug, um für die englischen Trade-Unions, für die französischen, belgischen, italienischen und spanischen Anhänger Proudhons und für die Lassalleaner in Deutschland annehmbar zu sein. Marx, der dieses Programm zur Zufriedenheit aller Parteien abfaßte, hatte volles Vertrauen zur intellektuellen Entwicklung der Arbeiterklasse, einer Entwicklung, wie sie aus der vereinigten Aktion und der gemeinschaftlichen Diskussion notwendig hervorgehn mußte. […] Und Marx hatte recht. Als im Jahre 1874 die Internationale zerfiel, ließ sie die Arbeiter schon in einem ganz anderen Zustand zurück, als sie sie bei ihrer Gründung im Jahre 1864 vorgefunden hatte. […] In der Tat: Die Grundsätze des 'Manifestes' hatten unter den Arbeitern aller Länder erhebliche Fortschritte gemacht." (Engels, Vorwort zur englischen Ausgabe des Manifests 1888, MEW 21 S. 352/353).
Innerhalb der 1889 gegründeten Zweiten Internationale wurde die marxistische Strömung schließlich – insbesondere durch den Einfluss der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – hegemonial. Und Rosa Luxemburg engagierte sich im Namen des Marxismus im Kampf gegen den Opportunismus, der seit Ende des 19. Jahrhunderts in dieser Partei und der gesamten Internationalen an Bedeutung gewann. Auch die Internationalisten, die während des Ersten Weltkriegs den Kampf gegen den Verrat der Mehrheit der sozialistischen Parteien führten, taten dies im Namen des Marxismus, genauso wie mit Hilfe der treibenden Kraft der Bolschewiki 1919 die Dritte, die Kommunistische Internationale, gegründet wurde. Und als letztere nach dem Scheitern der Weltrevolution und der Isolation der Revolution in Russland wiederum einem Weg der opportunistischen Degeneration einschlug, war es wieder einmal die marxistische Strömung der kommunistischen Linken – vertreten insbesondere durch die italienische und deutsch-holländische Linke –, die den Kampf gegen diese Degeneration führte. Wie die Mehrheit der Parteien der Zweiten Internationale ging auch die der Dritten mit dem Triumph des Stalinismus zum Lager des kapitalistischen Feindes über. Dieser Verrat, diese Unterwerfung der kommunistischen Parteien unter die imperialistische Diplomatie der UdSSR, löste neben denen der kommunistischen Linken viele verschiedene Reaktionen aus. Einige der Enttäuschten wechselten in einer "kritischen" Rückkehr wieder in das Lager der Sozialdemokratie. Andere versuchten, im Lager des Proletariats und der kommunistischen Revolution zu bleiben, wie es nach 1926 mit der Linken Opposition von Trotzki, einem der großen Namen der Oktoberrevolution von 1917 und der Gründung der Kommunistischen Internationale, der Fall war.
Die kommunistische Weltpartei, die an der Spitze der proletarischen Revolution der Zukunft stehen wird, wird sich auf die Erfahrung und die Arbeit der linken Fraktionen stützen müssen, die sich von der degenerierenden Kommunistischen Internationale gelöst haben. Jede dieser verschiedenen Fraktionen zog ihre eigenen Lehren aus dieser historischen Erfahrung. Diese Lektionen sind nicht alle gleichwertig. So gibt es tiefgreifende Unterschiede zwischen der Analyse und Politik der linken kommunistischen Strömungen, die sich gleich zu Beginn der 1920er Jahre gebildet haben, und der „trotzkistischen“ Strömung, die viel später auftauchte und die, obwohl sie sich auf einem proletarischen Terrain befand, von Anfang an stark vom Opportunismus geprägt war. Es ist offensichtlich kein Zufall, dass die trotzkistische Strömung sich im Zweiten Weltkrieg dem bürgerlichen Lager anschloss, während die Strömungen der kommunistischen Linken dem Internationalismus treu blieben.
So kann die zukünftige Weltpartei, wenn sie einen echten Beitrag zur kommunistischen Revolution leisten will, sich nicht auf das Erbe der Linken Opposition stützen. Sie muss ihr Programm und ihre Aktionsmethoden auf die Erfahrungen der Kommunistischen Linken stützen. Es gibt Meinungsverschiedenheiten zwischen den bestehenden Gruppen, die aus dieser Tradition hervorgegangen sind, und es liegt in ihrer Verantwortung, sich weiterhin mit diesen politischen Meinungsverschiedenheiten auseinanderzusetzen, damit die neuen Generationen ihre Herkunft und Bedeutung besser verstehen können. Das ist der Sinn der Polemiken, die wir bereits mit der Internationalistischen Kommunistischen Tendenz und den bordigistischen Gruppen veröffentlicht haben. Abgesehen von diesen Divergenzen gibt es jedoch ein gemeinsames Erbe der Kommunistischen Linken, das sie von anderen linken Strömungen unterscheidet, die aus der Kommunistischen Internationale hervorgegangen sind. Aus diesem Grund ist jeder, der behauptet, zur Kommunistischen Linken zu gehören, dafür verantwortlich, die Geschichte dieses Teils der Arbeiterbewegung, ihre Ursprünge als Reaktion auf die Degeneration der Parteien der Kommunistischen Internationale und der verschiedenen Zweige, aus denen sie besteht (Italienische Linke, Deutsch-Holländische Linke usw.), zu kennen und bekannt zu machen. Es ist vor allem wichtig, die historischen Konturen der Kommunistischen Linken und die Unterschiede, die sie von anderen linken Strömungen der Vergangenheit, insbesondere der trotzkistischen Strömung, trennen, sehr genau herauszuarbeiten. Dies ist das Ziel des vorliegenden Artikels.
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Auf dem Blog Nuevo Curso wurde ein Artikel veröffentlicht, der versucht die Ursprünge der Kommunistischen Linken zu erklären[1]: „Wir bezeichnen mit die Kommunistische Linke die internationalistische Bewegung, die begann, gegen die Degeneration der Dritten Internationale zu kämpfen und versuchte, die Fehler zu korrigieren, die aus der Vergangenheit stammten und sich in ihrem Programm widerspiegelten, das 1928 angesichts des Triumphs des Thermidor[2] in Russland und der konterrevolutionären Rolle der Internationalen und der stalinistischen Parteien begann“.
Was bedeutet das genau? Dass die Kommunistische Linke ihren Kampf 1928 begann? Wenn es das ist, was Nuevo Curso denkt, dann ist es falsch, denn die Kommunistische Linke entstand als Reaktion auf die Degeneration der Kommunistischen Internationale bereits 1920-21 auf dem Zweiten und Dritten Kongress der Internationalen. In jener bewegten Zeit, in der die letzten Möglichkeiten der proletarischen Weltrevolution ausgeschöpft wurden, führten Gruppen, Kerne der Kommunistischen Linken in Italien, den Niederlanden, Deutschland, Russland selbst und später in Frankreich und anderen Ländern einen Kampf gegen den Opportunismus, der den revolutionären Körper der Dritten Internationale bis zu seinen Wurzeln zerstörte[3]. Zwei der Ausdrücke dieser Kommunistischen Linken äußerten sich sehr deutlich auf dem Dritten Kongress der KI (1921), der eine harte, aber brüderliche Kritik an den Positionen der Internationalen übte:
„Es waren diejenigen, die Lenin als "Linke" bezeichnete, die sich in der KAPD zusammenschlossen, die sich gegen die Rückkehr zum Parlamentarismus, zum Gewerkschaftswesen, wehrten und zeigten, dass diese Positionen in Widerspruch zu denen des Ersten Kongresses standen, der versucht hatte, die Auswirkungen der neuen, durch den Ersten Weltkrieg eröffneten, Periode auf den Kampf des Proletariats herauszuarbeiten.
Auf diesem Kongress reagierte auch die italienische Linke, die die Kommunistische Partei Italiens anführte, energisch – wenn auch in tiefer Uneinigkeit mit der KAPD – gegen die prinzipienlose Politik des Bündnisses mit den "Zentristen" und die Entstellung der KPs durch den massiven Eintritt von Abspaltungen aus der Sozialdemokratie“[4].
In der bolschewistischen Partei selbst „hatten die "Linkskommunisten" Bucharin und Ossinsky ab 1918 begonnen, die Partei vor der Gefahr zu warnen, eine Politik des Staatskapitalismus durchzuführen. Drei Jahre später, nachdem sie von der bolschewistischen Partei ausgeschlossen worden war, setzte Miasnikows 'Arbeitergruppe' den Kampf konspirativ und in enger Verbindung mit der KAPD und der Bulgarischen Kommunistischen Arbeiterpartei fort, bis sie 1924 unter den wiederholten Schlägen der staatlichen Unterdrückung verschwand. Diese Gruppe kritisierte die bolschewistische Partei dafür, dass sie die Interessen der Weltrevolution für die Verteidigung des russischen Staates geopfert hatte, und bekräftigte, dass nur die Weltrevolution der Revolution erlauben könnte, in Russland zu überleben“ (ebd.).
Auch wenn sie sich noch in der Entwicklung befanden, suchten die verschiedenen Strömungen der Kommunistischen Linken bereits seit 1919-21 nach einer tiefgreifenden programmatischen Alternative zur Degeneration der Internationalen. Sie machten Fehler, da sie angesichts der großen historischen Probleme oft im Dunkeln tappten. Wie auch immer, aus der Sicht Nuevo Cursos „kann jedoch gesagt werden, dass die historische Epoche der Kommunistischen Linken in dem Jahrzehnt zwischen 1943 und 1953 endete, als die Hauptströmungen, die eine internationalistische Praxis innerhalb der Vierten Internationale aufrechterhalten hatten, den Verrat des Internationalismus anprangerten und eine neue Plattform erarbeiteten, die mit der Verurteilung des stalinistischen Russland als kapitalistischer, imperialistischer Staat begann" (ihr Artikel).
Diese Passage sagt uns, dass die Vierte Internationale einerseits die Heimat von Gruppen mit „einer internationalistischen Praxis“ war, und andererseits, dass nach 1953 „die historische Zeit der Kommunistischen Linken im Jahrzehnt zwischen 1943 und 1953 endete“. Lasst uns diese Behauptungen überprüfen.
Die IV. Internationale wurde 1938 auf der Grundlage der Linken Opposition gegründet, deren erster Ausdruck in Russland mit dem Manifest der 46 im Oktober 1923 – dem auch Trotzki beitrat – formuliert wurde und auf internationaler Ebene durch das Auftreten von Gruppen, Individuen und Tendenzen, die zwischen 1925-26 versuchten, dem immer überwältigender werdenden Triumph des Stalinismus in den Kommunistischen Parteien entgegenzutreten.
Diese Ausdrücke zeigten zweifellos eine proletarische Reaktion. Jedoch war diese verwirrt, schwach und widersprüchlich. Sie äußerte eine oberflächliche Ablehnung des Aufstiegs des Stalinismus. Die Opposition in der UdSSR zeigte sich trotz ihrer heroischen Kämpfe „unfähig, die wahre Natur der Phänomene des Stalinismus und der Bürokratisierung zu verstehen, war eine Gefangene ihrer Illusionen über das Wesen des russischen Staates. Sie wurde auch zum Verfechter des Staatskapitalismus, den sie durch eine beschleunigte Industrialisierung fördern wollte. Als sie gegen die Theorie des Sozialismus in einem Land kämpfte, gelang es ihr nicht, mit den Unklarheiten der bolschewistischen Partei über die Verteidigung des 'sowjetischen Vaterlandes' zu brechen. Und ihre Mitglieder, Trotzki an der Spitze, präsentierten sich als die besten Unterstützer der revolutionären 'Verteidigung des sowjetischen Vaterlandes'. Sie begriff sich nicht als revolutionäre Fraktion, die versucht, die großen Lehren aus der Oktoberrevolution theoretisch und organisatorisch zu sichern, sondern nur als loyale Opposition zur Kommunistischen Partei Russlands". Dies führte zu allen möglichen "prinzipienlosen Bündnissen (so suchte Trotzki die Unterstützung von Sinowjew und Kamenjew, die seit 1923 nie aufgehört hatten, ihn zu verleumden)"[5] (Quelle: vgl. Fußnote 4).
Was die Internationale Linke Opposition betrifft, so berief sie sich auf „die ersten vier Kongresse der KI. Gleichzeitig setzte sie die Praxis der Manöver fort, die bereits die linke Opposition in Russland prägten. Diese Opposition war zu einem großen Teil eine prinzipienlose Umgruppierung, die sich auf eine 'linke' Kritik am Stalinismus beschränkte. Jede wahre politische Klärung war in ihren Reihen verboten, und es wurde Trotzki, der als das Symbol der Oktoberrevolution galt, überlassen, als Sprecher und ‚Theoretiker‘“ (ebd.) zu fungieren.
Auf diesem fragilen Fundament gründete 1938 die Linke Opposition eine „Vierte Internationale“, die für die Arbeiterklasse eine Totgeburt war. Bereits in den 1930er Jahren war die Opposition nicht in der Lage gewesen, „den Auswirkungen der Konterrevolution zu widerstehen, die sich auf der Grundlage der Niederlage des internationalen Proletariats auf internationaler Ebene entwickelte" (ebd.), denn während der verschiedenen lokalen Kriege, die den Holocaust des Zweiten Weltkriegs vorbereiteten, entwickelte die Opposition eine „taktische Perspektive“, „ein imperialistisches Lager gegen ein anderes zu unterstützen (ohne es offen zuzugeben)". Diese Taktik „wurde vom Trotzkismus in den 1930er Jahren unter mehreren Vorwänden in die Tat umgesetzt: Unterstützung des 'kolonialen Widerstands' in Äthiopien, China und Mexiko, Unterstützung für das republikanische Spanien usw. Die Unterstützung des Trotzkismus für die Kriegsvorbereitungen des russischen Imperialismus war während dieses Zeitraums (Polen, Finnland 1939) ebenso klar, wenn auch versteckt hinter der Losung der 'Verteidigung des sowjetischen Vaterlandes'“[6]. Dies, zusammen mit der Taktik des Entrismus in die sozialistischen Parteien (beschlossen 1934), stellte sicher, dass „das auf dem Gründungskongress der IV. Internationale verabschiedete politische Programm, das von Trotzki selbst verfasst wurde, nicht nur die Orientierungen, die diesem Kongress vorausgingen, aufgriff und verschärfte (Verteidigung der UdSSR, Arbeitereinheitsfront, falsche Analyse der Zeitepoche ...), sondern auch eine Wiederholung des Minimalprogramms von sozialdemokratischem Typus ('Übergangsforderungen') darstellte, eines Programms, das durch die Unmöglichkeit von Reformen seit dem Eintritt des Kapitalismus in seine Phase der Dekadenz, des historischen Niedergangs überholt war“ (siehe Fußnote 4). Die IV. Internationale verteidigte „die Beteiligung an den Gewerkschaften, die kritische Unterstützung der so genannten 'Arbeiterparteien', der 'Einheitsfront' und der 'antifaschistischen Front', der 'Arbeiter- und Bauernregierungen' und als Gefangene der Erfahrungen in der UdSSR staatskapitalistische Maßnahmen wie: die Enteignung von Privatbanken, die Verstaatlichung des Kreditsystems, die Enteignung bestimmter Industriezweige (....) und die Verteidigung des degenerierten russischen Arbeiterstaats. Und auf der politischen Ebene sah sie die demokratische und bürgerliche Revolution in den unterdrückten Nationen vor, die durch den Kampf um die nationale Befreiung stattfindet“. Dieses unverkennbar opportunistische Programm bereitete den Weg für den Verrat der trotzkistischen Parteien durch die Verteidigung ihrer jeweiligen Nationalstaaten in den Jahren 1939-40[7]. Nur wenige Individuen und in keiner Weise "Strömungen mit einer internationalistischen Praxis", wie Nuevo Curso behauptet, versuchten, diesem reaktionären Kurs zu widerstehen! Unter ihnen Natalia Sedowa, Trotzkis Witwe, die 1951 mit der IV. Internationalen brach, und vor allem Munís, über den wir im Folgenden sprechen werden.[8]
Es ist daher notwendig zu verstehen, dass der Kampf um die Ausarbeitung eines programmatischen Rahmens, der der Entwicklung des proletarischen Bewusstseins dient und die Voraussetzungen für die Bildung der Weltpartei schafft, nicht die Aufgabe verstreuter Persönlichkeiten und Zirkel ist, sondern die Frucht eines organisierten, kollektiven Kampfes, der Teil der kritischen historischen Kontinuität kommunistischer Organisationen ist. Diese Kontinuität geht, wie wir in unseren Grundsatzpositionen bekräftigen, durch „die Errungenschaften, die nacheinander erbracht wurden vom Bund der Kommunisten (1847–52) um Marx und Engels, den drei Internationalen (Internationale Arbeiterassoziation 1864–72, Sozialistische Internationale 1889–1914, Kommunistische Internationale 1919–1928), den Linkskommunistischen Fraktionen, die in den 20er und 30er Jahren aus der Dritten Internationale während ihres Niedergangs hervorgegangen waren, insbesondere der Deutschen, Holländischen und Italienischen Linken“[9].
Wir haben bereits gesehen, dass diese Kontinuität weder von der Linken Opposition noch von der Vierten Internationale[10] weitergegeben werden konnte. Aber laut Nuevo Curso endete die „historische Epoche der kommunistischen Linken im Jahrzehnt zwischen 1943 und 1953“. Sie geben keine Erklärung dafür ab, aber in ihrem Artikel fügen sie einen weiteren Satz hinzu: „Die kommunistischen Linken, die bei der internationalen Umgruppierung abseits standen – die Italiener und ihre französischen Ableger – werden, wenn auch nicht alle von ihnen und nicht vollständig und nicht immer auf kohärenten Positionen, im gleichen Zeitraum zu einem ähnlichen Rahmen kommen“.
Diese Passage enthält zahlreiche „Rätsel“. Welche sind zunächst die Gruppen der Kommunistischen Linken, die bei der „internationalen Umgruppierung“ abseits standen? Welche internationale Umgruppierung ist hier gemeint? Natürlich lehnten Bilan und die anderen Strömungen der Kommunistischen Linken die Illusion ab, „den Weg zum Aufbau einer Vierte Internationale einzuschlagen“[11]. Ab 1929 taten sie jedoch alles Mögliche, um mit der Linken Opposition zu polemisieren, indem sie erkannten, dass es sich um eine proletarische Strömung handelte, an der jedoch der Opportunismus nagte. Trotzki lehnte jedoch hartnäckig jede Debatte ab[12]; nur einige Strömungen wie der Bund der Internationalistischen Kommunisten (LIC) Belgiens oder die Marxistische Gruppe (GM) Mexikos akzeptierten die Debatte, und dies brachte eine Entwicklung mit sich, die sie zum Bruch mit dem Trotzkismus führte[13].
Nuevo Curso schreibt, dass diejenigen Gruppen, die „bei der internationalen Umgruppierung abseits standen“ [...] „wenn auch nicht alle von ihnen und nicht vollständig und nicht immer auf kohärenten Positionen, im gleichen Zeitraum zu einem ähnlichen Rahmen kommen“. Was hat ihnen „gefehlt“? Wo waren sie „inkohärent“? Nuevo Curso liefert keine Erklärung. Wir werden es anhand einer Übersichtstabelle demonstrieren, die wir in einem Artikel mit dem Titel „Was sind die Unterschiede zwischen der Kommunistischen Linken und der Vierten Internationale“[14] zusammengestellt haben. Ergänzend muss man klar betonen, dass diese Gruppen Positionen hatten, die mit dem Programm des Proletariats übereinstimmten, und sie hatten in keiner Weise „Ähnlichkeiten“ mit dem opportunistischen Sumpf der Opposition und der Gruppen, die in der Vierten Internationale eine sogenannte „internationalistische Praxis“ entwickelten:
KOMMUNISTISCHE LINKE Basierend auf dem Ersten Kongress der KI und setzt sich kritisch mit den Beiträgen des Zweiten Kongresses auseinander. Lehnt die meisten Positionen des dritten und vierten Kongresses ab Schaut kritisch auf das Geschehen in Russland und kommt zu dem Schluss, dass die UdSSR nicht unterstützt werden sollte, da sie in die Hände des Weltkapitalismus gefallen ist. Weigert sich, in den Gewerkschaften (Deutsch-Holländische Kommunistische Linke) zu arbeiten und wird am Ende zu dem Schluss kommen, dass sie zu Staatsorganen geworden sind. Verurteilt die nationale Befreiung. Verurteilt den Parlamentarismus und die Teilnahme an Wahlen. Unternimmt die Arbeit einer Fraktion, um Lehren aus der Niederlage zu ziehen und die Grundlagen für eine künftige Rekonstruktion der Weltpartei des Proletariats zu legen. In den 1930er Jahren, insbesondere innerhalb von Bilan, ist man der Ansicht, dass die Welt auf dem Weg zum Zweiten Weltkrieg war; dass die Partei unter solchen Bedingungen nicht gebildet werden konnte, sondern dass Lehren gezogen und die Zukunft vorbereitet werden musste. Das ist der Grund, warum Bilan verkündete: "Die Losung der Stunde ist nicht zu verraten" Verurteilt den Zweiten Weltkrieg; verurteilt beide Konfliktparteien und verteidigt die proletarische Weltrevolution. |
LINKE OPPOSITION Basiert auf den Beschlüssen der ersten vier Kongresse der KI, ohne kritische Analyse. Betrachtet Russland als einen degenerierten Arbeiterstaat, der trotz allem unterstützt werden muss. Befürwortet die Gewerkschaften als Organe der Arbeiter und hält es für notwendig, in ihnen zu arbeiten. Unterstützt die nationale Befreiung. Unterstützt die Teilnahme an Wahlen und den "revolutionären Parlamentarismus". Unternimmt "Oppositionsarbeit", die sogar Entrismus in den sozialdemokratischen Parteien legimiert. Inmitten der Konterrevolution glaubt Trotzki, dass die Bedingungen für die Bildung der Partei erfüllt sind, 1938 wird die Vierte Internationale gegründet wird. Fordert die Arbeiter auf, sich unter den Teilnehmern des Zweiten Weltkriegs für eine Seite zu entscheiden und damit den Internationalismus aufzugeben. |
Wir fügen der obigen Tabelle einen Punkt hinzu, der uns sehr wichtig erscheint, um wirklich zum proletarischen Kampf beizutragen und auf dem Weg zur Weltpartei der Revolution voranzukommen: Während die Kommunistische Linke eine organisierte, kollektive und zentralisierte Arbeit leistete, die auf der Loyalität zu den Organisationsprinzipien des Proletariats und auf der historischen Kontinuität ihrer Klassenpositionen beruhte, war die Linke Opposition eine Ansammlung heterogener Persönlichkeiten, Zirkel und Gruppen, die nur durch das Charisma Trotzkis vereint waren, der mit der Aufgabe der „politischen Ausarbeitung“ betraut war.
Um das Ganze noch zu krönen, schmeißt Nuevo Curso die Kommunistische Linke und die Vertreter der Kommunisierung (eine dem Marxismus radikal fremde modernistische Bewegung) in denselben Topf: „Der so genannte 'Linkskommunismus' ist ein Konzept, das die Kommunistische Linke – insbesondere die italienische und deutsch-holländische –, die Gruppen und Tendenzen, die ihr Kontinuität verleihen, vom 'Rätismus' bis zum 'Bordigismus' und die Denker der "Kommunisierung" umfasst.“ Und weil ein Bild mehr als tausend Worte sagt, stellen sie ein Foto von Amadeo Bordiga[15] inmitten eines Absatzes über die Verurteilung der „Kommunisierer“, was implizieren soll, dass die Kommunistische Linke mit ihnen verbunden sei oder Positionen mit ihnen teile.
So müssen Revolutionäre heute laut Nuevo Curso nicht mehr nach den Grundlagen ihrer Aktivität in den Gruppen der Kommunistischen Linken (IKT, IKS usw.) suchen, sondern nach dem, was aus dem von der Vierten Internationale ausgearbeiteten Programm der Kapitulation vor dem Kapitalismus und konkret, wie wir unten sehen werden, der Arbeit des Revolutionärs Munís hervorgegangen sei. Auf verwirrende und verworrene Weise lässt Nuevo Curso durchblicken, jedoch ohne es klar zu sagen, dass Munís das wichtigste Bindeglied zu einer vermeintlichen „spanischen kommunistischen Linken“ sei, einer Strömung, die laut Nuevo Curso „1920 die spanische Kommunistische Partei gründete und 1930 die spanische Gruppe der Linken Opposition gegen den Stalinismus gründete, dann die Kommunistische Linke Spaniens, die an der Gründung der Internationalen Opposition beteiligt war und auch als Ausgangspunkt und Bezugspunkt für die kommunistischen Linken in Argentinien (1933-43) und Uruguay (1937-43) diente. Sie nahm eine revolutionäre Position zum Arbeiteraufstand vom 19. Juli 1936 ein und war die einzige marxistische Tendenz, die an dem revolutionären Aufstand von 1937 in Barcelona teilnahm. Sie verurteilte den Verrat am Internationalismus und die daraus resultierende Abkehr vom Klassenterrain auf dem Zweiten Kongress der Vierten Internationale (1948), der zu einer Spaltung durch die übrigen internationalistischen Elemente und zur Gründung der "Internationalen Arbeiterunion" führte.“
Bevor wir uns nun dem Beitrag von Munís zuwenden, müssen wir die vermeintliche "Kontinuität" zwischen 1920 und 1948 analysieren.
Wir können jetzt nicht mit einer Analyse der Ursprünge der Kommunistischen Partei in Spanien (PCE) beginnen. 1918 gab es einige kleine Kerne, die sich für die Positionen von Gorter und Pannekoek interessierten, die die Argumente des Amsterdamer Büros der Dritten Internationale aufgriffen, das die linken Gruppen innerhalb der Dritten Internationale zusammenfasste. Aus diesen Kernen wurde die erste Kommunistische Partei Spaniens geboren, aber sie wurden von der KI gezwungen, mit dem zentristischen Flügel der PSOE zu verschmelzen, der für den Beitritt zur Dritten Internationale war.
Wir werden so schnell wie möglich eine Untersuchung über die Ursprünge der PCE durchführen, aber es ist klar, dass diese Kerne über einige Ideen und eine unbestreitbare Kampffreudigkeit hinaus kein wirkliches Organ der Kommunistischen Linken waren und keine Kontinuität hatten. Später tauchten Gruppen der Linken Opposition, angeführt von Nin, auf und trugen den Namen „Kommunistische Linke Spaniens“. Diese Gruppe spaltete sich zwischen Befürwortern der Fusion mit dem Arbeiter- und Bauernblock (einer katalanischen nationalistischen stalinistischen Gruppe) und denen, die sich für den Eintritt in die PSOE einsetzten, verführt von der Radikalisierung von Largo Caballero (ehemaliger Staatsberater des Diktators Primo de Rivera), der sich als „spanischer Lenin“ ausgab. Munís gehörte zu den letzteren, während die Mehrheit, angeführt von Nin, 1935 mit dem Block zum POUM verschmolz. So hatten sie von der „Kommunistischen Linken“ nichts anderes als den Namen, den sie sich gaben, um „originell“ zu wirken, aber der Inhalt ihrer Positionen und ihres Handelns war nicht von der vorherrschenden opportunistischen Tendenz in der Linken Opposition zu unterscheiden.
Was die Existenz einer kommunistischen Linken in Uruguay und Argentinien betrifft, so haben wir die von Nuevo Curso veröffentlichten Artikel untersucht, in denen sie bewiesen werden soll. Was Uruguay betrifft, so war es der Bolschewistisch-Leninistische Bund als eine der wenigen Gruppen, die innerhalb des Trotzkismus eine internationalistische Position gegen den Zweiten Weltkrieg einnahmen. Das ist zu wertschätzen, und wir begrüßen dies als Ausdruck einer proletarischen Anstrengung, aber die Lektüre des Artikels von Nuevo Curso zeigt, dass diese Gruppe kaum eine organisierte Aktivität durchführen konnte und sich in einem politischen Umfeld betätigte, das von der peruanischen APRA dominiert wurde, einer bürgerlichen Partei von Kopf bis Fuß, die mit der bereits entarteten Kommunistischen Internationale flirtete: „Wir wissen, dass sich die Liga 1942 in Lima mit den Anti-Defensistas im Haus des Gründers der APRA, Víctor Raúl Haya de la Torre, traf, nur um die tiefgreifenden Unterschiede zu überprüfen, die sie trennten. (....) Nach dem Scheitern ihres Anti-Verteidigungs-Kontakts wurden sie der Hexenjagd ausgesetzt, die von der Regierung und der Kommunistischen Partei gegen die Trotzkisten organisiert wurde. Ohne internationale Referenzen – die IV. Internationale gab ihnen nur die Möglichkeit, ihre Kritik an der 'bedingungslosen Verteidigung der UdSSR' aufzugeben – wurde die Gruppe aufgelöst“[16].
Was Nuevo Curso die Argentinische Kommunistische Linke nennt, sind zwei Gruppen, die sich zur Internationalistischen Kommunistischen Liga zusammengeschlossen hatten und bis 1937 aktiv blieben, um schließlich durch den Einsatz von Trotzkis Anhängern in Argentinien zerstört zu werden. Es ist wahr, dass die Liga den „Sozialismus in einem Land“ abgelehnt und angesichts der „nationalen Befreiung“ eine sozialistische Revolution gefordert hat, aber obwohl wir ihren Kampf als Teil des unsrigen anerkennen, sind ihre Argumente sehr schwach. In Nuevo Curso finden wir Zitate von einem der wichtigsten Mitglieder der Gruppe, Gallo, die unsere Sicht bestätigen:
„Was bedeutet der Kampf um die nationale Befreiung? Repräsentiert das Proletariat als solches nicht die historischen Interessen der Nation in dem Sinne, dass es dazu neigt, durch sein Handeln alle sozialen Klassen zu befreien und durch sein Verschwinden zu überwinden? Aber um dies zu erreichen, darf sie gerade nicht mit nationalen Interessen verwechselt werden (die denen der Bourgeoisie entsprechen, denn dies ist die herrschende Klasse), die sich auf dem inneren und äußeren Gebiet stark widersprechen. Diese Losung ist also kategorisch falsch (....) und bestätigt unser Kriterium, dass nur die sozialistische Revolution die Bühne sein kann, die den kolonialen und halbkolonialen Ländern entspricht“. Als Gefangener der Dogmen der Opposition über die nationale Befreiung und unfähig, mit ihnen zu brechen, bekräftigt die Gruppe: „Die IV. Internationale lässt keine Parole der "nationalen Befreiung" zu, die dazu neigt, das Proletariat den herrschenden Klassen unterzuordnen, sondern sorgt im Gegenteil dafür, dass der erste Schritt der proletarischen nationalen Befreiung der Kampf gegen die herrschenden Klassen ist“[17]. Die Verwirrung ist schrecklich: Das Proletariat sollte eine proletarische „nationale Befreiung“ vornehmen, das heißt, das Proletariat sollte eine Aufgabe erfüllen, die in Wirklichkeit von der Bourgeoisie übernommen werden müsste.
Sehr spät (1948!) tauchten aus dem faulen Stamm der IV. Internationale zwei vielversprechende Tendenzen auf (die letzten in der trotzkistischen Bewegung[18]): Gemeint sind die Tendenzen, die sich um Munís und Castoriadis herum gruppierten. In dem Artikel „Castoriadis, Munís, und das Problem des Bruchs mit dem Trotzkismus“[19] machen wir eine sehr klare Unterscheidung zwischen Castoriadis, der als überzeugter Propagandist für den westlichen Kapitalismus endete, und Munís, der dem Proletariat immer treu blieb[20].
Diese Loyalität ist bewundernswert und ist Teil der vielen Bemühungen, sich auf ein kommunistisches Bewusstsein zuzubewegen. Das ist eine Sache; eine andere ist jedoch, dass die Arbeit von Munís eher ein Beispiel für individuelle Aktivität war als etwas, das mit einer authentischen, organisierten proletarischen Strömung verbunden ist, etwas, das die theoretische, programmatische und organisatorische Grundlage für die Fortsetzung der Arbeit einer kommunistischen Organisation heute liefern könnte.
Wir haben in einer Reihe von Artikeln gezeigt, dass Munís wegen seiner Herkunft aus dem Trotzkismus nicht in der Lage war, diese Aufgabe zu erfüllen.[21]
In einem 1958 verfassten Artikel macht Munís eine sehr klare Analyse, in der er die amerikanischen und englischen Führer der Vierten Internationale anprangert, die sich beschämend über den Internationalismus geäußert hatten, und kommt zu dem Schluss, dass „die Vierte Internationale keinen historischen Existenzgrund hat; sie ist überflüssig, ihr Fundament muss als Fehler angesehen werden, und ihre einzige Aufgabe ist es, mehr oder weniger kritisch dem Stalinismus hinterherzulaufen. Darauf ist sie in der Tat seit Jahren beschränkt als Stütze und Spucknapf des Stalinismus, je nach dessen Bedürfnissen“[22]. Munís glaubte jedoch, dass sie für das Proletariat von gewissem Nutzen sein kann, da es den Anschein habe, dass „sie eine mögliche Rolle in Ländern spielt, die vom Stalinismus dominiert werden, hauptsächlich in Russland. Dort war das Ansehen des Trotzkismus immer noch sehr groß. Die Moskauer Prozesse, die gigantische Propaganda, die fast fünfzehn Jahre lang im Namen des Kampfes gegen den Trotzkismus durchgeführt wurde, die unaufhörliche Verleumdung, der er unter Stalin ausgesetzt war und die seine Nachfolger aufrechterhalten, tragen alle dazu bei, den Trotzkismus zu einer latenten Tendenz von Millionen von Menschen zu machen. Wenn morgen - und das ist ein durchaus mögliches Ereignis - die Konterrevolution einem Frontalangriff des Proletariats weichen würde, könnte sich die Vierte Internationale in Russland schnell zu einer sehr mächtigen Organisation entwickeln“.
Munís wiederholt mit Bezug auf den Trotzkismus das gleiche Argument, das er gegen den Stalinismus und die Sozialdemokratie vorbringt: dass ALLES DEM PROLETARIAT DIENEN kann. Warum? Weil der Stalinismus ihn als „Staatsfeind Nummer eins“ bezeichnet hat, so wie rechte Parteien Sozialdemokraten und Stalinisten als gefährliche Revolutionäre präsentieren. Er fügt ein weiteres Argument hinzu, das in Bezug auf Sozialdemokraten und Stalinisten ebenso typisch für den Trotzkismus ist: „Es gibt viele Arbeiter, die Anhänger dieser Parteien sind“.
Dass die Parteien der Linken Rivalen der Rechten sind und dadurch verunglimpft werden, macht sie nicht „für das Proletariat förderlich“, und ebenso wenig rechtfertigt ihr Einfluss auf die Arbeiter ihre Unterstützung. Im Gegenteil, sie sind wegen ihrer Rolle im Dienste des Kapitalismus zu verurteilen. Zu sagen, dass der Trotzkismus den Internationalismus aufgegeben hat, und sofort hinzuzufügen, dass „er möglicherweise noch eine positive Rolle zugunsten des Proletariats spielen könnte“, ist ein sehr gefährlicher Widerspruch, der der notwendigen Arbeit zur Unterscheidung zwischen echten Revolutionären und kapitalistischen Wölfen, die das Fell eines „kommunistischen“ oder „sozialistischen“ Lamms tragen, im Wege steht. Im Kommunistischen Manifest wird im dritten Kapitel mit dem Titel „Sozialistische und Kommunistische Literatur“ klar die Grenze gezogen zwischen dem „reaktionären Sozialismus“ und dem „bürgerlichen Sozialismus“ einerseits, die es als Feinde betrachtet, und den Strömungen des „kritischen utopischen Sozialismus“ andererseits, die es als Teil des proletarischen Lagers anerkennt.
Der trotzkistische Einfluss findet sich auch in bei Munís, wenn er „Übergangsforderungen“ nach dem Vorbild des berühmten Übergangsprogramms vorschlägt, das Trotzki 1938 vorgelegt hat. Das haben wir in unserem Artikel „Wohin geht das FOR“ kritisiert:
„In seinem [Text] ‚Für ein zweites kommunistisches Manifest' hielt es das FOR für richtig, alle Arten von Übergangsforderungen auch ohne revolutionäre Bewegung des Proletariats zu stellen. Auf wirtschaftlichem Gebiet reichen diese Forderungen von der 30-Stunden-Woche, der Abschaffung der Akkordarbeit und der Zeit- und Bewegungsstudien in den Fabriken bis hin zur 'Forderung nach Arbeit für alle, Arbeitslose und Jugendliche'. Auf politischer Ebene fordert das FOR demokratische 'Rechte' und 'Freiheiten' von der Bourgeoisie: Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit; das Recht der Arbeiter, ständige Werkstatt-, Fabrik- oder Berufsdelegierte 'ohne Gerichts- oder Gewerkschaftsformalitäten' zu wählen. Das alles bleibt innerhalb der trotzkistischen Logik, nach der es ausreicht, die richtigen Forderungen zu stellen, um allmählich zur Revolution zu gelangen. Für die Trotzkisten besteht der ganze Trick darin, zu wissen, wie man zum Pädagogen für die Arbeiter, die nichts von ihren Forderungen verstehen, wird, um vor ihnen die appetitlichsten Karotten zu schwenken, um die Arbeiter zu ihrer 'Partei' zu treiben“.
Wir sehen hier eine gradualistische Vision, in der "die führende Partei" ihre Zaubertränke verwaltet, um die Massen zum "endgültigen Sieg" zu führen, was um den Preis geschieht, gefährliche reformistische Illusionen zwischen den Arbeitern zu säen und den kapitalistischen Staat zu beschönigen, indem sie die Wahrheit verschweigt, dass seine "demokratischen Freiheiten" ein Mittel zur Spaltung, Täuschung und Ablenkung von Arbeiterkämpfen sind. Kommunist*innen sind keine Kraft außerhalb des Proletariats, die mit den Fähigkeiten einer revolutionären Führung ausgestattet und somit in der Lage sind, die Arbeiter*innen in die richtige Richtung zu lenken. Bereits 1843 kritisierte Marx diese Idee von Erlösung bringenden Propheten:
„Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will.“[23]
Die Arbeit als Fraktion – ein Konzept, das die Linke Opposition nie entwickeln konnte – ermöglicht es Revolutionären zu verstehen, in welchem Moment des Kräfteverhältnisses zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat wir uns befinden, zu wissen, ob wir in einer Dynamik sind, die es uns ermöglicht, zur Bildung der Weltpartei voranzuschreiten, oder ob wir uns im Gegenteil in einer Situation befinden, in der die Bourgeoisie der Gesellschaft ihre Entwicklung aufzwingen und sie in Krieg und Barbarei führen kann.
Trotzki, der dieses Kompasses beraubt war, glaubte, dass alles auf die Fähigkeit reduziert werden könne, eine große Masse von Mitgliedern zu sammeln, die als „revolutionäre Führung“ zur Verfügung stehe. So glaubte Trotzki in einer Zeit, als sich die Weltgesellschaft im Soge der Massaker von Abessinien, des Spanischen Kriegs und des Russisch-Japanischen Kriegs usw. auf die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zubewegte, in den französischen Streiks im Juli 1936 und in der ersten mutigen Reaktion der spanischen Arbeiter auf Francos Staatsstreich den Beginn der Revolution zu sehen.
Munís war nicht in der Lage, mit diesem Voluntarismus zu brechen, und wiederholte den gleichen Fehler. Wie wir im zweiten Teil unseres Artikels über Munís und Castoriadis geschrieben haben:
„Dieser Weigerung, die wirtschaftliche Dimension der Dekadenz des Kapitalismus zu analysieren, liegt ein ungelöster Voluntarismus zugrunde, dessen theoretische Grundlagen auf den Brief zurückzuführen sind, in dem er seinen Bruch mit der trotzkistischen Organisation in Frankreich, dem Parti Communiste Internationaliste, ankündigte. In diesem Brief hält er Trotzkis Vorstellung, die in den ersten Zeilen des Übergangsprogramms dargelegt wurde, dass die Krise der Menschheit die Krise der revolutionären Führung ist, beharrlich aufrecht“.
So schrieb Munís: „Die Krise der Menschheit - wir wiederholen dies tausendfach gemeinsam mit L.D. Trotzki - ist eine Krise der revolutionären Führung. Alle Erklärungen, die versuchen, die Verantwortung für das Scheitern der Revolution auf die objektiven Bedingungen, die ideologische Kluft oder die Illusionen der Massen, auf die Macht des Stalinismus oder die illusorische Anziehungskraft des "entarteten Arbeiterstaates" zu lenken, sind falsch und dienen nur dazu, die Verantwortlichen zu entschuldigen, die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Problem abzulenken und seine Lösung zu behindern. Eine authentische revolutionäre Führung muss unter den gegenwärtigen objektiven Bedingungen für die Machtergreifung alle Hindernisse überwinden, alle Schwierigkeiten überwinden, über alle ihre Gegner triumphieren“[24].
Eine „echte revolutionäre Führung“ würde also ausreichen, um alle Hindernisse, alle Gegner wegzufegen. Das Proletariat müsse sich nicht auf seine Einheit, Solidarität und sein Klassenbewusstsein verlassen, sondern sich der Güte einer „revolutionären Führung“ anvertrauen. Dieser Messianismus führte Munís zu einem wahnsinnigen Schluss: „Der letzte Krieg bot mehr revolutionäre Möglichkeiten als der von 1914-18. Monatelang erschienen alle europäischen Staaten, einschließlich Russland, geschlagen und diskreditiert, und hätten durch eine proletarische Offensive besiegt werden können. Millionen von bewaffneten Männern strebten verwirrt nach einer revolutionären Lösung, [....] das auf revolutionärer Basis organisierte Proletariat hätte einen Aufstand in mehreren Ländern auslösen und auf dem ganzen Kontinent verbreiten können. Die Bolschewiki im Jahre 1917 genossen bei weitem nicht die enormen Möglichkeiten“[25].
Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg hatte sich die Bourgeoisie gewissenhaft auf die Niederlage des Proletariats vor dem Zweiten Weltkrieg vorbereitet: Niedergemetzelt in Deutschland und Russland, unter dem Banner des "Antifaschismus" in die demokratischen Mächte aufgenommen, konnte das Proletariat nur einen schwachen Widerstand gegen das Massaker leisten. Es gab den großen proletarischen Aufstand in Norditalien 1943, den blutig niederzuschlagen die demokratischen Alliierten den Nazis überließen[26], einige Streiks und Desertionen in Deutschland (1943-44), die die Verbündeten mit den schrecklichen Bombenanschlägen von Hamburg, Dresden usw. im Keim ersticken ließen, Bombenanschläge ohne militärisches Ziel, die somit ausschließlich auf die Terrorisierung der Zivilbevölkerung abzielten. Ein weiteres Beispiel war die Warschauer Kommune (1944), die die russische Armee durch die Nazis unterdrücken ließ.
Nur wenn man sich den selbstmörderischsten Illusionen hingeben würde, könnte man meinen, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs „das auf revolutionärer Basis organisierte Proletariat einen Aufstand in mehreren Ländern hätte auslösen können“. Mit solchen Fantasien kann wenig zur Bildung einer proletarischen Organisation beigetragen werden.
Ein grundlegender Pfeiler der revolutionären Organisation ist ihre Offenheit und Bereitschaft, mit den anderen proletarischen Strömungen zu diskutieren. Wir haben bereits gesehen, wie das Kommunistische Manifest die Beiträge von Babeuf, Blanqui und dem utopischen Sozialismus mit Respekt und im Geiste der Debatte betrachtet. Deshalb haben wir in der von unserem zweiten Internationalen Kongress angenommenen Resolution zu proletarischen politischen Gruppen darauf hingewiesen, dass „die Charakterisierung der verschiedenen Organisationen, die behaupten, den Sozialismus und die Arbeiterklasse zu verteidigen, für die IKS von größter Bedeutung ist. Dies ist keineswegs eine rein theoretische oder abstrakte Frage; im Gegenteil, sie ist direkt relevant für die Haltung der Strömung gegenüber diesen Organisationen und damit für ihr Eingreifen gegenüber diesen: ob sie sie als Organe und Produkte des Kapitals anprangert; oder ob sie mit ihnen polemisiert und diskutiert, um ihnen zu helfen, sich zu mehr Klarheit und programmatischer Strenge zu entwickeln; oder um beim Erscheinen von Tendenzen in ihnen, die nach solcher Klarheit suchen, zu helfen“[27].
Im Gegensatz zu dieser Position lehnte Trotzki, wie wir zuvor gesehen haben, die Debatte mit Bilan ab und öffnete stattdessen die Tür weit für einen so genannten „linken Flügel der Sozialdemokratie“.
Munís war ebenso vom Sektierertum betroffen. Unser Artikel in Hommage an Munís[28] würdigt mit Anerkennung, dass „er 1967 zusammen mit Genossen der venezolanischen Gruppe Internacionalismo an den Bemühungen zur Wiederherstellung der Kontakte zum revolutionären Milieu in Italien mitgewirkt hat. So nahm er Ende der 60er Jahre mit dem Wiederaufleben der Arbeiterklasse auf dem Schauplatz der Geschichte seinen Platz neben den damals bestehenden schwachen revolutionären Kräften ein, darunter denjenigen, die später Révolution Internationale in Frankreich gründeten. Aber Anfang der 70er Jahre blieb er leider außerhalb der Diskussionen und Umgruppierungsversuche, welche insbesondere zur Gründung der IKS im Jahr 1975 führten“. Diese Bemühungen hatten keine Kontinuität, und wie wir im oben genannten Artikel („Castoriadis, Munís und das Problem des Bruchs mit dem Trotzkismus, zweiter Teil“) sagen, „litt die Gruppe unter einer Tendenz zum Sektierertum, die ihre Überlebensfähigkeit weiter schwächte. Das Beispiel für diese in der Hommage erwähnte Haltung ist der ziemlich auffällige Abgang von Munís und seiner Gruppe während der zweiten Konferenz der kommunistischen Linken, indem er seine Uneinigkeit mit den anderen Gruppen über das Problem der Wirtschaftskrise anführt".
So wichtig sie auch sein mag, eine Meinungsverschiedenheit über die Analyse der Wirtschaftskrise darf nicht dazu führen, dass die Debatte unter den Revolutionären abgebrochen wird. Dies muss mit äußerster Hartnäckigkeit geschehen, mit der Haltung, „zu überzeugen oder überzeugt zu werden“, und nicht die Tür zuzuschlagen, bevor die Möglichkeiten der Diskussion ausgeschöpft sind. Unser Artikel weist zu Recht darauf hin, dass eine solche Haltung etwas Wesentliches betrifft: den Aufbau einer soliden Organisation, die in der Lage ist, Kontinuität zu wahren. Das FOR überlebte den Tod von Munís nicht und verschwand 1993 endgültig, wie im Artikel erwähnt. „Heute existiert das FOR nicht mehr. Es war immer stark vom persönlichen Charisma von Munís abhängig, der es nicht vermochte, eine solide Organisationstradition an die neue Generation von Militanten weiterzugeben, die sich um ihn versammelten und die als Grundlage für das weitere Funktionieren der Gruppe nach Munís' Tod hätte dienen können“.
So wie das negative Gewicht des trotzkistischen Erbes Munís daran gehindert hat, zum Aufbau der Organisation beizutragen, so ist die Aktivität der Revolutionäre nicht die einer Summe von Individuen, noch weniger die von charismatischen Führern: Sie basiert auf einer organisierten kollektiven Anstrengung. Wie wir in unserem Bericht über die Funktion der revolutionären Organisation von 1982 sagen: „Die Zeit der illustren Führer und großen Theoretiker ist vorbei. Die theoretische Weiterentwicklung ist zu einer wahrhaft kollektiven Aufgabe geworden. Nach dem Bilde von Millionen "anonymer" proletarischer Kämpfer entwickelt sich das Bewußtsein der Organisation durch die Integration und Überflügelung des individuellen Bewußtseins in einem einzigen, kollektiven Bewußtsein.“[29] Tiefer greifend bringt „die Arbeiterklasse (...) keine revolutionären Militanten hervor, sondern nur revolutionäre Organisationen: Es gibt keine direkte Beziehung zwischen Militanten und der Klasse. Die Militanten beteiligen sich am Kampf der Klasse, indem sie zu Mitgliedern der Organisation werden und sich an der Verwirklichung deren Aufgaben beteiligen. Sie haben kein besonderes Heil gegenüber der Arbeiterklasse oder der Geschichte zu suchen. Ihnen geht es um das Wohlergehen der ganzen Klasse und der Organisation, die diese hervorgebracht hat.“[30]
Wie wir in dem Artikel, den wir 1989 nach Munís‘ Tod veröffentlichten, feststellten: „Trotz der schwerwiegenden Fehler, die er gemacht haben mag, blieb Munís jedoch bis zum Ende ein Militanter, der dem Kampf der Arbeiterklasse zutiefst treu blieb. Er war einer jener sehr seltenen Kämpfer, die dem Druck der schrecklichsten Konterrevolution standhielten, die das Proletariat je erlebt hat, als viele den militanten Kampf verließen oder sogar verrieten; und mit dem historischen Wiederaufleben ihrer Kämpfe Ende der 60er Jahre war er wiederum an der Seite der Klasse.“
Lenin sagte hinsichtlich der Revolutionäre: „Nach ihrem Tode versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem NAMEN einen gewissen Ruhm zu zur "Tröstung" und Betörung der unterdrückten Klassen, wobei man ihre revolutionäre Lehre des INHALTS beraubt, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie vulgarisiert". Warum füllt Nuevo Curso seinen Blog mit Fotos von Munís, veröffentlicht einige seiner Texte ohne jeden kritischen Kommentar? Warum erhebt er ihn zur Ikone einer „neuen Schule“?
Vielleicht handelt es sich um einen sentimentalen Kult um einen ehemaligen proletarischen Kämpfer. Wenn das der Fall ist, müssen wir sagen, dass es sich um ein Unterfangen handelt, das dazu bestimmt ist, mehr Verwirrung zu stiften, denn seine in Dogmen verwandelten Thesen werden vor allem die schlimmsten seiner Fehler neu auflegen. Erinnern wir uns an die genaue Analyse des Kommunistischen Manifests in Bezug auf die utopischen Sozialisten und diejenigen, die später versuchten, sich auf sie zu berufen. „Waren daher die Urheber dieser Systeme auch in vieler Beziehung revolutionär, so bilden ihre Schüler jedesmal reaktionäre Sekten. Sie halten die alten Anschauungen der Meister fest gegenüber der geschichtlichen Fortentwicklung des Proletariats.“
Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass die authentische kommunistische Linke mit einer Spam-Doktrin angegriffen wird, die über Nacht mit den Materialien dieses großen Revolutionärs erstellt wurde. Wenn dies der Fall ist, ist es die Pflicht der Revolutionäre, einen solchen Betrug mit der maximalen Energie zu bekämpfen.
C.Mir 17.8.2019
[1] es.communia.blog/la-izquierda-comunista-no-fue-comunista-de-izquierda.
[2] In unserer Artikelreihe über den Kommunismus ("1924 - 28: Der Triumph des stalinistischen Staatskapitalismus") kritisierten wir die Verwendung des für den Trotzkismus sehr typischen Begriffs "Thermidor", um den Aufstieg und die Entwicklung des Stalinismus zu beschreiben. Der Thermidor der Französischen Revolution (28. Juli 1794) war nicht gerade eine "Konterrevolution", sondern ein notwendiger Schritt in der Konsolidierung der bürgerlichen Macht, die über eine Reihe von Zugeständnissen hinaus nie wieder zur feudalen Ordnung zurückkehren würde. Andererseits bedeutete der Aufstieg des Stalinismus seit 1924 die endgültige Wiederherstellung der kapitalistischen Ordnung, und die UdSSR Stalins stellte nicht, wie Trotzki immer irrtümlich dachte, ein 'sozialistisches Terrain' dar, in dem „einige Eroberungen des Oktober“ bleiben würden. Dies ist ein grundlegender Unterschied, den Marx bereits im 18. Brumaire des Louis Bonaparte festgestellt hat: „Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.“ (MEW 8)
Der Thermidor war genau einer jener Momente der 'Assimilation' der politischen Eroberungen der Bourgeoisie, die den gemäßigteren Fraktionen dieser Klasse Raum gaben und eher bereit waren, einen Pakt mit den feudalen Kräften zu schließen, die mächtig blieben.
[3] Die Leser*innen finden viel Material über die Geschichte der Kommunistischen Linken auf unserer Website: https://de.internationalism.org/go_deeper [1005]
[4] "Trotzkismus, Kind der Konterrevolution" in World Revolution 11; online auf Spanisch als: https://es.internationalism.org/cci/200605/914/el-trotskismo-hijo-de-la-contrarrevolucion [1006]
[5] 1926 wurde die Vereinigte Opposition gegründet, in der sich die früheren Gruppen aus dem Manifest der 46 mit Sinowjew und Kamenjew zusammenschlossen – die beiden letzteren waren Experten für Manöver und Bürokratie.
[6] "Trotzkismus, Verteidiger des imperialistischen Krieges"; auf Spanisch online https://es.internationalism.org/cci/200605/917/el-trotskismo-defensor-de-la-guerra-imperialista [1007]
[7] All dies ist ausführlich dokumentiert im Artikel "Trotzkismus, Verteidiger des imperialistischen Krieges".
[8] Zu den Einzelpersonen und kleinen Gruppen, die sich dem Verrat an den Organisationen der Vierten Internationale widersetzten, sollten wir auch die RKD Österreichs (siehe unten) und den griechischen Revolutionär Stinas hinzufügen, der dem Proletariat treu geblieben ist und den Nationalismus und die Barbarei des Krieges verurteilte. Siehe unser Artikel: "Die Lebenserinnerungen eines Revolutionärs (Agis Stinas): Nationalismus und Antifaschismus", /content/2234/die-lebenserinnerungen-eines-revolutionaers-agis-stinas-nationalismus-und [1008]
[9] Siehe zum Beispiel auf Englisch: "Die kommunistische Linke und die Kontinuität des Marxismus", https://en.internationalism.org/the-communist-left; [1009] International Review 9, "Notizen zu einer Geschichte der Kommunistischen Linken (Italienische Fraktion 1926-1939)" https://en.internationalism.org/content/2555/notes-towards-history-commu... [1010]
und auf Deutsch unser Buch über die Italienische Kommunistische Linke:
de.internationalism.org/content/1919/die-italienische-kommunistische-linke [1011]
[10] Wie die Gauche Communiste de France in ihrer Zeitschrift Internationalisme schrieb: „Der Trotzkismus ist weit davon entfernt, die Entwicklung des revolutionären Denkens und der Organismen (Fraktionen und Tendenzen), die ihn zum Ausdruck bringen, zu fördern; er ist gar ein organisiertes Milieu, um ihn zu untergraben. Dies ist eine allgemeine Regel, die für jede dem Proletariat fremde politische Organisation gilt, und die Erfahrung hat gezeigt, dass sie für Stalinismus und Trotzkismus gilt. Wir kennen den Trotzkismus seit 15 Jahren der ewigen Krise, durch Spaltungen und Vereinigungen, gefolgt von weiteren Spaltungen und Krisen, aber wir kennen keine Beispiele, die zu echten, lebensfähigen revolutionären Tendenzen geführt haben. Der Trotzkismus scheidet in sich selbst keine revolutionäre Gärung aus. Im Gegenteil, er vernichtet sie. Die Voraussetzung für die Existenz und Entwicklung eines revolutionären Ferments ist es, außerhalb des organisatorischen und ideologischen Rahmens des Trotzkismus zu sein“. /content/1977/internationalisme-1947-was-die-revolutionaere-von-den-trotzkisten-unterscheidet [1012]
[11] Siehe zum Beispiel Bilan Nummer 1, 1933, Organ der italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken, den Artikel "Hin zu einer Zwei Dreiviertel Internationale?", der Trotzkis Perspektive kritisiert, sich auf die Bildung einer Vierten Internationale zuzubewegen.
[12] Siehe zum Beispiel Trotzki y la Izquierda italiana (Textos de la Izquierda comunista de los años 30 sobre el trotskismo), https://es.internationalism.org/cci/200605/919/anexo-trotsky-y-la-izquierda-italiana-textos-de-la-izquierda-comunista-de-los-anos-30 [1013]
[13] Siehe zum Beispiel "The Mexican Communist Left", https://en.internationalism.org/series/1250 [1014]
[14] https://es.internationalism.org/cci-online/200706/1935/cuales-son-las-diferencias-entre-la-izquierda-comunista-y-la-iv-internacional [1015]
[15] Geboren 1889, gestorben 1970, war er einer der Gründer der Kommunistischen Partei Italiens und leistete einen wichtigen Beitrag zu den Positionen der Kommunistischen Linken, insbesondere bis 1926.
[16] es.communia.blog/hubo-izquierda-comunista-en-uruguay-y-chile.
[17] es.communia.blog/la-izquierda-comunista-argentina-y-el-internacionalismo.
[18] Eine dritte Tendenz sollte hinzugefügt werden: die österreichische RKD, die sich 1945 vom Trotzkismus löste. Internationalisme diskutierte ernsthaft mit ihnen, doch sie glitten schließlich in den Anarchismus ab.
[19] "Castoriadis, Munís und das Problem des Bruchs mit dem Trotzkismus" in der International Review 161 und 162; https://en.internationalism.org/content/14445/communism-agenda-history-castoriadis-munis-and-problem-breaking-trotskyism [1016] und https://en.internationalism.org/international-review/201808/16490/castoriadis-munis-and-problem-breaking-trotskyism-second-part-cont [1017]
[20] 1948-49 diskutierte Munís viel mit dem Genossen MC, einem Mitglied der GCF, und in dieser Periode vollzog er seinen endgültigen Bruch mit dem Trotzkismus.
[21] Siehe auf Englisch: "Abschied von Munís, einem revolutionären Kämpfer", https://en.internationalism.org/internationalreview/200908/3077/farewell-munis-revolutionary-militant [1018];
"Polemik: Wohin geht das FOR", International Review 52, https://en.internationalism.org/content/2937/polemic-where-going [1019];
"Die Konfusionen des Fomento Obrero Revolucionario (FOR): Russland 1917 und Spanien 1936 [1020]", International Review 25.
siehe auf Spanisch auch die folgende Buchbesprechung: JALONES DE DERROTA PROMESAS DE VICTORIA, https://es.internationalism.org/cci/200602/753/1critica-del-libro-jalones-de-derrota-promesas-de-victoria [1021].
[22] auf Spanisch: marxismo.school/ICE/1959%20La%20IV%C2%AA%20Internacional.html
[23] Brief an Arnold Ruge, MEW 1, S. 345 www.mlwerke.de/me/me01/me01_337.htm [1022]
[24] https://www.marxists.org/francais/4int/postwar/1947/06/nt_19470600.htm [1023] Als Beispiel für diesen blinden Voluntarismus und vor dem Hintergrund der Niederlage sollten wir die tragische Erfahrung von Munís selbst hinzufügen. 1951 eskalierte in Barcelona ein Boykott von Straßenbahnen. Es war eine sehr kämpferische Reaktion der Arbeiter in der schwarzen Nacht der Franco-Diktatur. Munís zog dorthin in der Hoffnung, die Revolution zu 'fördern', ohne das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen zu verstehen. Internationalisme und MC rieten ihm von diesem Abenteuer ab. Er bestand jedoch darauf und wurde verhaftet und verbrachte 7 Jahre in Francos Gefängnissen. Wir schätzen den Kampfwillen des Militanten und sind solidarisch mit ihm; der revolutionäre Kampf erfordert jedoch eine bewusste Analyse und keinen einfachen Voluntarismus - oder, noch schlimmer, Messianismus, der glaubt, dass durch seine „Präsenz“ unter den Massen das „Neue Jerusalem“ erreicht werde.
[25] Aus einem Artikel von Munís, auf Spanisch: „La IV Internacional“, marxismo.school/archivo/1959%20La%20IV%c2%aa%20Internacional.html
[26] Siehe "1943, Das italienische Proletariat lehnt die für den Krieg geforderten Opfer ab", International Review 75, https://en.internationalism.org/ir/075_1943.html [1024];
auf Deutsch zu dieser Periode: /content/1150/die-arbeiterkaempfe-italien-1943 [1025]
[27] Resolution zu proletarischen politischen Gruppen, International Review 11, https://en.internationalism.org/content/4091/resolution-proletarian-political-groups [965]
[28] siehe Fußnote 21; „Farewell to Munís, a revolutionary militant“, https://en.internationalism.org/internationalreview/200908/3077/farewell-Munís-revolutionary-militant [1026]
[29] „Die Funktion der revolutionären Organisation“, Internationale Revue 9, /content/745/die-funktion-der-revolutionaeren-organisation [847]
[30] „Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre“, Internationale Revue 22, /content/1075/bericht-zur-struktur-und-funktionsweise-der-organisation-der-revolutionaere [1027]
Vor 150 Jahren, Anfang der 1860er Jahre, steckte die internationale Arbeiterbewegung noch in den Kinderschuhen, und ihre verschiedenen Komponenten hatten noch nicht viel Erfahrung beim Aufbau und der Verteidigung politischer Organisationen gesammelt. Nach der Repressionswelle nach den Kämpfen von 1848 mussten viele Mitglieder des Bundes der Kommunisten ins Exil gehen oder wurden vor Gericht gestellt, wie beim Kommunistenprozess in Köln 1852.
In Deutschland gab es Anfang der 1860er Jahre keine unabhängige politische Organisation der Arbeiterklasse. In vielen Städten gab es Arbeiterbildungsvereine, aber noch keine proletarische politische Organisation mit einer klaren politischen Abgrenzung zur Bourgeoisie. Die Debatte, ob die Arbeiterklasse bestimmte Fraktionen der Bourgeoisie in ihrem Kampf für die nationale Einigung noch unterstützen könnte, oder ob der Klassenfeind mit der Bourgeoisie im Mittelpunkt des Kampfes stehen sollte, war in vollem Gange. In diesem Zusammenhang, wo es der Bourgeoisie noch nicht gelungen war, die Ketten der Aristokratie und der Junker abzuwerfen, wo das deutsche Kapital noch nicht in der Lage war, sich als nationales Kapital zu vereinen, wurde versucht, die erste politische Partei der Arbeiterklasse in Deutschland zu schmieden.
Gleichzeitig sollte die Arbeiterklasse in Deutschland vor eine der schwierigsten politischen Herausforderungen gestellt werden, nämlich die Auseinandersetzung mit den Aktivitäten politischer Abenteurer. Obwohl es nicht nur ein einziges und bestimmtes Profil politischer Abenteurer gibt, ist ein gemeinsames Merkmal unter ihnen, dass sie politische Organisationen nutzen, nicht um den Kampf der Arbeiterklasse zu stärken, sondern um diese politischen Organisationen in ihren Dienst zu stellen; sie nutzen die Organisationen der Arbeiterklasse, um ihre eigenen Ambitionen zu fördern. Die größte Herausforderung besteht jedoch darin, Abenteurer zu entlarven, denn sie handeln nicht offen und zeigen ihre eigenen Ambitionen nicht in der Öffentlichkeit. Im Gegenteil, sie neigen dazu, eine große Fähigkeit darin zu haben, eine große Anzahl von Unterstützern hinter sich zu scharen, was die Aufgabe, solche "hochgeschätzten" Figuren zu entlarven, viel schwieriger macht.
Wie wir zeigen werden, wurde die wahre Natur des Abenteurers Lassalle zu seinen Lebzeiten nie vollständig entlarvt. Und während auf einem Parteitag im Frühjahr 1869 in Wuppertal erstmals das wahre Gesicht des Abenteurers Schweitzer enthüllt wurde, war der Versuch, ihn zu enttarnen, nicht ganz erfolgreich. Nur wenige Jahre später gelang es der Arbeiterklasse, durch die Bemühungen des Generalrates der Ersten Internationale die Aktivitäten eines weiteren Abenteurers, Michail Bakunin, auf dem Haager Kongress zu entlarven. Die Fälle Lassalle, Schweitzer und Bakunin zeigen, dass die Arbeiterklasse und ihre politischen Organisationen von Anfang an mit den Aktivitäten politischer Abenteurer konfrontiert wurden.
In diesem Artikel werden wir uns mit den Fällen Lassalle und Schweitzer befassen. In früheren Artikeln haben wir bereits ausführlich über den Kampf gegen Bakunins Abenteurergeist berichtet.[1]
Im Jahr 1862 wurde in Leipzig der Vorschlag der Vorbereitung eines allgemeinen Arbeiterkongresses durch Mitglieder des „Vorwärts“ gemacht. Im Januar 1863 nahmen die Leipziger Initiatoren Kontakt mit Lassalle auf.[2]
Dieser war in mehreren Vorträgen kritisch gegen die Bourgeoisie in deren Streit mit dem Junkertum aufgetreten, und gleichzeitig hatte er die Bedeutung der Arbeiterklasse für den geschichtlichen Fortschritt betont. Lassalle distanzierte sich jedoch von kommunistischen Auffassungen, wie sie ein gutes Dutzend Jahre zuvor im Kommunistischen Manifest umrissen worden waren.
Der Vorschlag, dass Lassalle das Programm des zu gründenden „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ verfassen sollte, der schließlich am 23. Mai 1863 in Leipzig gegründet wurde, richtete sich an einen Mann, der seit Jahren darauf gebrannt hatte, eine führende Rolle im politischen Leben in Deutschland zu spielen.
Die Tatsache, dass die Führung an eine Person übergeben wurde, die – abgesehen von einer kurzen Tätigkeit in den 1848er Kämpfen – noch nie in einer proletarischen Organisation mitgewirkt hatte und auch keine Kontinuität mit dem Bund der Kommunisten herstellen konnte; ja, der zuvor der Eintritt in den Bund der Kommunisten verwehrt worden war, und die jetzt sozusagen als „Retter“ de facto von „außen“ kommend wirken sollte und sofort den Anspruch auf eine Präsidentenrolle erhob, spiegelte den damaligen unreifen Zustand der Arbeiterbewegung wider.
Lassalle hatte im Alter von 20 Jahren die damals doppelt so alte Sophie Gräfin von Hatzfeldt [1028] kennengelernt. Damit diese sich aus der Zwangsheirat mit ihrem Ehemann „befreien“ konnte, übernahm Lassalle als Rechtsanwalt deren Verteidigung. Ihm gelang es nicht nur, den Prozess der Gräfin zu gewinnen, sondern er verschaffte sich damit ein außerordentliches Vermögen, denn die Gräfin finanzierte fortan sein Einkommen und wurde zu dessen politischer Bündnispartnerin.[3] Gleichzeitig unterhielt die Gräfin als Mitglied des Adels privilegierte und intensive Beziehungen zu verschiedenen Teilen der herrschenden Klasse. In den Jahren 1856 und 1857 lebte er in ihrem Haus in Düsseldorf, und 1858 zog er mit ihr nach Berlin[4].
Angespornt durch den Erfolg im Hatzfeldt-Prozess und weiter angetrieben durch seine Ambitionen, Karriere zu machen, fing er Mitte der 1850er Jahre an, sich über die „provinzielle Enge“ in seinem damaligen Wohnort Düsseldorf zu beklagen. Im Mai 1855 bat er beim Polizeipräsidenten Berlins um die damals erforderliche Erlaubnis für die Umsiedlung von Düsseldorf nach Berlin.[5] Im gleichen Monat des Jahres 1855 verfasste er einen „Spitzelbericht über sich selbst“, der dem Berliner Polizeipräsidenten Hinkeldey in die Hände gespielt werden sollte (es ist nicht klar, ob er wirklich in dessen Hände gespielt wurde oder in dessen Hände gespielt werden sollte). Gustav Mayer berichtet über „die abgefeimte Schlauheit und raffinierte Verschlagenheit, die hier aufgeboten“ wurde, um den Polizeipräsidenten von seiner Wichtigkeit zu überzeugen und zu beeindrucken.[6] Lassalle pries sich als derart hochgeschätzt von den Düsseldorfern Arbeitern an, „welche Lassalle quasi als ihren Chef zu betrachten und in dem Verlassen der Rheinprovinz seitens desselben ein Unrecht gegen sie und sein Verhältnis zu ihnen zu erblicken scheinen, haben sie zwar nicht mit ihm gebrochen, aber wie aus dem Gespräch hervorgeht, in sehr energischem Ausdruck ihm einen Bruch mit ihm angedroht“. Mit Hinweis auf die Frage nach dem Verbleib der früheren Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung (u.a. Marx) nach der Repression nach 1848 pries er in seinem „Spitzelbericht“ sein Insiderwissen über Marx‘ Wohnort: „Ich fingierte anzunehmen, dass sie nach Amerika ausgewandert seien, Lassalle aber belehrte mich, dass sie in London lebten und war offenbar über die Lebensverhältnisse derselben genau unterrichtet.“ Um das Interesse des Polizeipräsidenten weiter zu steigern, brüstete er sich: „Es geht hieraus also mit vollständiger Gewissheit hervor, dass Lassalle mit diesen Leuten in London, jedenfalls mit Marx, in ununterbrochener Korrespondenz stehen muss.“ Wohl wissend, wie sehr die Polizei an Informationen über die tatsächlichen Postwege der Korrespondenz zwischen Marx und seinen Mitkämpfern interessiert war, schrieb er: „Ich habe sub. B. bereits erwähnt, dass Lassalle mit London, jedenfalls mit Marx in Korrespondenz stehen muss. Ich muss hinzufügen, dass er, wie mir aus einer Äußerung wahrscheinlich geworden ist, diese Briefe unter fremden unverdächtigen Adressen zu beziehen scheint.“
Den Köder für den Polizeipräsidenten um einen zusätzlichen Aspekt schmackhaft machend, schrieb Lassalle: „Sein Hauptgrund, der ihn zu jenem Umzug treibt, ist die ihm unerträglich gewordene Einförmigkeit des Düsseldorfer Lebens. Hinzu kommt ein gewisser, trotz seiner großen Arbeitsliebe und Arbeitsausdauer in seinem Naturell nicht minder stark ausgedrückter Hang nach Genuss und zumal weiblichen Zerstreuungen, ein Hang, den er in Düsseldorf nicht befriedigen kann, dem er in Berlin aber die reichste Nahrung geben zu können hofft“. Er wiederholte sein Motiv für seinen angestrebten Umzug nach Berlin. „(...) wenn nicht einerseits der Einfluss der Gräfin, anderseits hauptsächlich der schon geschilderte große Hang nach Genuss und sinnlicher Zerstreuung und die ihm unerträgliche Monotonie seines Düsseldorfer Lebens den Ausschlag gäbe...“. Er bezeichnete sich selbst als „in hohem Grade ehrgeizig und eiteln Charakters.“
Um die Polizei (sowie die hinter ihr stehenden politischen Kräfte) zu beeindrucken, prahlte Lassalle: „Da ich Lassalle für einen der geistig hervorragendsten und mit seltener Energie begabten Vertreter der Demokratie halte, so bin ich, von der unmaßgeblichen Meinung ausgehend, dass vor allem dieser so höchst gefährliche Mann nicht genug beobachtet werden kann (...)“. Lassalle fügte ein weiteres Lockelement an die Polizei hinzu: Der Verfasser des Briefes, d.h. der Spitzel, habe Aussicht darauf, als Lassalles Sekretär arbeiten zu können. „Ich besitze sein Wohlwollen bereits in nicht geringem Grade. Ich habe mir dasselbe erworben teils durch ein feines Benutzen seiner Eitelkeit (…) Kurze Zeit in der Stellung seines Sekretärs und ich würde mich nicht nur zum Vertrauten seiner geheimsten Gedanken, sondern ihm vollständig unentbehrlich gemacht haben.“ Bereit, der Polizei die Umstürzler, die Lassalle und seine Freunde seien, in die Arme zu treiben, endete Lassalle seinen Spitzelbericht damit: „ich würde, durch meine Stelle bei Lassalle und seine Freundschaft legitimiert, keine Schwierigkeit haben, auch allen anderen mehr oder weniger hervorragenden Gliedern der Demokratie intern bekannt zu werden und ihre Angelegenheiten von Grund aus zu erforschen; ich würde somit ihn und Konsorten, mit einem Worte den Behörden so in die Hände liefern, dass es nur von dem eigenen Ermessen derselben abhängen würde, zu jeder beliebigen Stunde diese unverbesserlichen Parteigänger des Umsturzes zu vernichten“ (alle Zitate aus dem Spitzelbericht).
Dieser Spitzelbericht über sich selbst, der erst in seinem Nachlass nach dessen Tod gefunden wurde, wirft ein Licht auf seine Tätigkeit als Abenteurer in den Reihen der deutschen Arbeiterbewegung.
Wir haben hier einen ersten Charakterzug von Abenteurern. Im Gegensatz zu aufrichtigen Kämpfern, die sich einer revolutionären Organisation anschließen, um die historische Rolle der Arbeiterklasse selbstlos zu erfüllen, treten Abenteurer revolutionären Organisationen bei, um ihre „eigene historische Mission“ zu erfüllen. Sie wollen sich die Bewegung dienstbar machen. Aus dem Gefühl, dass ihre Fähigkeiten größer sind als ihnen bislang Anerkennung zuteil wurde, streben sie nach Anerkennung sowohl der Arbeiterbewegung aber auch seitens der Herrschenden. Lassalles Spitzelbericht über sich selbst ist nichts anderes als eine "Werbeveranstaltung" für seine angeblich herausragenden Fähigkeiten. Proletarische Organisationen dienen ihnen daher nur als Sprungbrett für ihre Karriere, entweder innerhalb einer proletarischen Organisation oder in den Reihen der Herrschenden selbst. In der Überzeugung, dass ihre Fähigkeiten größer sind als bisher anerkannt, suchen sie die Anerkennung sowohl bei der Arbeiterbewegung als auch bei den Herrschenden.
Als der ADAV im Mai 1863 gegründet wurde, ließ sich Lassalle zum Präsidenten auf fünf Jahre krönen, mit nahezu diktatorischer Verfügungsgewalt über die örtlichen Sektionen. Er bestand gegenüber dem ADAV darauf, er wolle nur mitmachen, wenn er direkt dazu aufgefordert würde, die Führungsrolle zu übernehmen. D.h. anstatt sich einzureihen in einen kollektiven Kampf, erhob er sofort einen Führungsanspruch. Wir haben hier einen markanten Charakterzug, der oft bei Abenteurern anzutreffen ist. Sie streben nicht nur danach, eine Führungsrolle in einer Organisation einzunehmen, sondern erheben oft direkt Ansprüche auf besondere Befugnisse – und selbst wenn sie diese nicht von einer Instanz zugeteilt bekommen, betreiben sie selbst eine Politik auf eigene Faust. Als ob ein Kaiser gekrönt worden wäre, erklärte er: „Ich halte mich somit im Stande, den Anforderungen des Platzes zu entsprechen, den Sie mir anbieten und erkläre mich daher im Allgemeinen bereit, die Forderung zu erfüllen, die Sie an mich stellen, und die Führung der Arbeiterbewegung in die Hand zu nehmen.“[7] Die örtlichen Abteilungen des Vereins, die Gemeinden, hatten keinerlei Rechte, sie führten nur die Anordnungen des Präsidenten aus.
Hier handelte es sich um einen Rückschritt gegenüber dem Bund der Kommunisten, der zentralisiert war, eine Zentralbehörde und Kreisbehörden errichtet hatte, die ein viel kollektiveres Funktionieren garantierten, und wo die örtlichen Gemeinden Entscheidungsbefugnisse hatten. Insofern gelang es Lassalle mit der auf ihn zugeschnittenen „Führerrolle“ das Rad der Geschichte zurückzudrehen.
Bebel schrieb in seiner Autobiographie: „Lassalle genügte der Beifall der Masse nicht, er legte großes Gewicht darauf, Männer von Ansehen und Einfluss aus dem bürgerlichen Lager auf seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen.“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 85)[8]
Während auf der einen Seite der Machtapparat in Preußen und anderen Teilen Deutschland seine Agenten ausgeschickt hatte, um die aufstrebende Arbeiterbewegung zu beobachten und nach möglichen „kooperationsbereiten“ Kräften Ausschau zu halten, die man auf die Seite Bismarcks locken könnte, hatte gleichzeitig Lassalle – wie der Spitzelbericht eindeutig Aufschluss gibt – selbst seine Fühler ausgestreckt.
Zwei Wochen vor der Gründung des ADAV am 23. Mai 1863 begann Lassalle einen Briefwechsel mit Bismarck. Bismarck, der Deutschland „durch Blut und Eisen“ vereinigen wollte, lud Lassalle zu einer Unterredung ein. In einer Reihe von vier Gesprächen versuchte Lassalle nicht nur, Bismarck Ratschläge zu erteilen, sondern er machte ihm konkrete Vorschläge für ein gemeinsames Vorgehen.
Lassalle beteuerte Bismarck, der die rechte Hand des Königs war, dass sich der Arbeiterstand „instinktmäßig zur Diktatur geneigt fühlt“ (Gustav Mayer, Bismarck und Lassalle S. 60). Die Arbeiter würden die Monarchie als „natürlichen Träger der sozialen Diktatur“ anerkennen, wenn diese sich aus einem „Königtum der bevorrechteten Stände in ein soziales und revolutionäres Volkskönigtum“ verwandelt. Aus der Sicht Lassalles sei die preußische Monarchie fähig, ein soziales Königtum zu werden – so das Thema der ersten Unterredung mit Bismarck. Bei einer weiteren Unterredung wurden das allgemeine Wahlrecht und Kampagnen gegen Fraktionen der Bourgeoisie, denen Bismarck feindselig gegenüberstand, erörtert. Weil die Düsseldorfer Polizei zum Zeitpunkt des dritten Gesprächs am 23. Oktober 1863 gegen Lassalles Schriften vorgegangen war, bot Bismarck Lassalle an, dessen Werke unter seinen Schutz zu stellen. Zu diesem Zwecke wollte Bismarck ein Rundschreiben an die Staatsanwälte erlassen, das die Beschlagnahme der Werke von Lassalle verbot. Lassalle sprach sich gegenüber Bismarck gegen dieses Angebot aus. Er meinte, dass repressive Maßnahmen seine Glaubwürdigkeit verstärken, eine „Verschonung“ seiner Schriften jene dagegen schwächen würden. Bei diesem dritten Gespräch wurde auch die Möglichkeit und Notwendigkeit aus Lassalles Sicht eines Wahlblocks zwischen Konservativen und ADAV diskutiert. Am 12. Januar 1864 bot Lassalle in der nächsten Unterredung eine direkte politische Zusammenarbeit bei der Reform des Wahlgesetzes an, für das Lassalle einen Entwurf formulieren wollte. Lassalle selbst meinte gegenüber Bismarck, er fürchtete die Revolution, diesen „düsteren, finsteren Weg“. Und um diese zu vermeiden, schlug er Bismarck vor, damit dieser nicht mit einem revolutionären Ansturm konfrontiert werde, unverzüglich das allgemeine Wahlrecht einzuführen. Da aus Lassalles Sicht die deutsche Bourgeoisie zu keiner Revolution fähig sei, müsse die Arbeiterpartei dazu den Anstoß geben, und Bismarck solle dabei den König antreiben, diesen Umschwung zu vollziehen. Schließlich bot Lassalle Preußen Unterstützung im Krieg gegen Dänemark an (es ging u.a. um die Annexion Schleswig-Holsteins), falls Bismarck das Wahlgesetz änderte.
Als Wilhelm Liebknecht Lassalle vor Bismarck warnte, meinte dieser ihm gegenüber „Pah, ich esse mit Herrn von Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine“ (Bebel, S. 75, Aus meinem Leben). Nachdem Bebel zur Zeit des Sozialistengesetzes im September 1878 Bismarck im Reichstag zu dessen Kontakt mit Lassalle zur Rede gestellt hatte, antwortete Bismarck diesem im Parlament: „Lassalle habe ihn aber außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt. Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 76).
Lassalle gestand später gegenüber Helene von Dönniges, wie Bebel aus einem Gespräch mit dieser herausfand, dass sich sowohl Bismarck als auch Lassalle für zu schlau hielten, so dass sie sich nicht gegenseitig hätten austricksen können.[9]
Lassalle schrieb hinsichtlich seiner Reise nach Italien von seinen Begegnungen mit Führern der italienischen nationalen Bewegung und erklärte nahezu größenwahnsinnig, dass er gerade „durch seine ‚Broschüre über den italienischen Krieg‘ Preußens Intervention verhindert und in fact ‚die Geschichte der letzten drei Jahre‘ geleitet“ habe (vgl. unten).
In diesem Sinne ist ein Abenteurer nicht dasselbe wie ein Polizist oder ein Spitzel, der seine Informationen verkauft. Abenteurer müssen nicht korrupt sein, um einem Regime zu dienen. Für sie ist der Wunsch nach Ruhm und Anerkennung, d.h. psychologische Faktoren, stärker als bloße materielle Kompensationen.
Nachdem Lassalle im Mai 1863 zum Präsidenten des ADAV gewählt worden war, stellte er bei seinen Auftritten die programmatische Ausrichtung des ADAV häufig völlig unterschiedlich dar, je nachdem, mit wem er es zu tun hatte. Diese Doppelzüngigkeit ist ein weiteres Wesensmerkmal von Abenteurern – nicht mit offenen Karten“ zu spielen und nicht offen in den Ring zu treten. Während sich seinerzeit z.B. Marx und Engels in Polemiken, in Debatten „die Finger wund schrieben“, scheute Lassalle selbst die Debatte und trat in „unterschiedlichen Gewändern“ je nach Publikum auf.
Lassalle hatte kein Vertrauen in die (noch zu entwickelnden) Kräfte der Arbeiterklasse, sondern er wollte noch mehr Persönlichkeiten, Gelehrte und Wissenschaftler aus dem Lager der herrschenden Klasse für den ADAV gewinnen, da sie seiner Meinung nach berufen waren, dem Arbeiterstand die Fesseln abzunehmen. So versuchte Lassalle Johann Karl Rodbertus zu gewinnen, einen Vertreter des sogenannten Staatssozialismus. Rodbertus plädierte dafür, dass dem Verein auch „Freunde der sozialen Frage“ beitreten konnten, d.h. die Konservativen und die Bourgeoisie. Lassalle schrieb an Rodbertus: „Je mehr gute Bourgeoismitglieder des Vereins, desto besser“ (F. Lassalle: Nachgelassene Briefe und Schriften, 6. Band, Berlin 1925, S. 358).
Und weil es ihm eigentlich nicht so sehr um die Befreiung der Arbeiterklasse ging, sondern um die Förderung der allgemein demokratischen Bewegung, plädierte er auch für die Aufnahme von Liberalen und Konservativen in den ADAV. Somit richtete er sich gegen eine selbständige politische Arbeiterpartei. Gleichzeitig sollte jeder, der Lust hatte, die Mitgliedschaft erwerben können und unmittelbar eintreten dürfen – infolgedessen wurde der Verein von bürgerlichen und kleinbürgerlichen Leuten überflutet. Auch hier handelte es sich um einen riesigen Rückschritt gegenüber dem Bund der Kommunisten, dessen Mitgliedschaft sich auf die Verteidigung von Organisationsprinzipien, die in dessen Statuten verankert waren, stützte.
Lassalle plädierte dafür, dass „der Staat durch Kreditoperationen Ihnen [den Arbeitern] die Kapitalien liefere, damit Sie dann in freie, gleiche Konkurrenz mit den Kapitalien treten können“. Lassalle dachte gar nicht an die Vernichtung des preußischen Staates sondern hoffte auf das sozialistische Eingreifen des Staats Preußen! Er erweckte die Zuversicht, mit Hilfe des bestehenden Staates friedlich in den Sozialismus hineinwachsen zu können.[10]
Lassalle zufolge können die Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft keinen höheren Lohn bekommen als den, der das Minimum überschreitet, das für die Aufrechterhaltung ihrer physischen Kräfte notwendig ist. Ausgehend davon stemmte er sich gegen die Entfaltung von Forderungskämpfen der Arbeiter, verwarf Streiks und lehnte Gewerkschaftsverbände ab. Kurzum der ADAV sollte eine Sekte sein.
Stattdessen solle der Arbeiterstand in den Unternehmerstand erhoben werden. Der Staat sollte Kredite verleihen, Konsumgenossenschaften aufbauen und finanzieren.
Obwohl Lassalle von sich behauptete, das Kommunistische Manifest in und auswendig zu kennen, war er doch nie ein Marxist. Und obwohl er Marx und später Engels schon seit 1848 kannte und mit ihnen immer wieder korrespondierte, Marx 1862 sogar in dessen Berliner Wohnung einige Tage verbrachte, gerieten Marx und Engels ziemlich schnell mit Lassalle aneinander.
Der Grund: tiefgreifende politische Divergenzen (z.B. in der Frage der Unterstützung Preußens, der Forderung nach der Einführung des Wahlrechts und vielem mehr) sowie sein Verhalten. Marx schrieb in einem Brief an Engels am 30. Juli 1862, nachdem Lassalle ihn und seine Familie in London besucht hatte: „Der Aufenthalt in Zürich (mit Rüstow, Herwegh etc.) und die spätere Reise in Italien, dann sein „Herr Julian Schmidt" etc. haben ihm den Kopf vollends verdreht. Er ist nun ausgemacht nicht nur der größte Gelehrte, tiefste Denker, genialste Forscher usw., sondern außerdem Don Juan und revolutionärer Kardinal Richelieu. (…) Als tiefes Geheimnis teilte er mir und meiner Frau mit, daß er Garibaldi den Rat gab, nicht Rom zum Ziel des Angriffs zu machen, sondern er solle nach Neapel, dort sich zum Diktator (ohne Verletzung Viktor Emanuels) aufwerfen, die Volksarmee aufrufen zum Feldzug gegen Östreich. (...) Als Hebel der Aktion: Lassalles politischer Einfluß oder seine Feder in Berlin. Und Rüstow an der Spitze eines Korps von deutschen Freischärlern eingeschlossen an Garibaldi. Bonaparte aber war paralysiert durch diesen Lassalleschen coup d'éclat. Er war jetzt auch bei Mazzini, und „auch dieser" billigte und „bewunderte" seinen Plan. Er stellte sich diesen Leuten vor als „Repräsentant der deutschen revolutionären Arbeiterklasse" und unterstellte bei ihnen (wörtlich!) die Kenntnis, daß er (Itzig) durch seine „Broschüre über den italienischen Krieg Preußens Intervention verhinderte", und in fact „die Geschichte der letzten 3 Jahre" geleitet hat. L[assalle] war sehr wütend über mich und Frau, daß wir uns über seine Pläne lustig machten, ihn als „aufgeklärten Bonapartisten" hänselten usw. Er schrie, tobte, sprang und hat sich endlich gründlich überzeugt, daß ich zu „abstrakt" bin, um Politik zu verstehn.“ (Marx an Engels, 30. Juli 1862, MEW 30, S. 258)[11]
Diese Aussagen von Marx über die Figur, die Selbstdarstellung, den Größenwahn und sein ganzes Verhalten zeigen, wie empört Marx über Lassalle war. Als Marx und Engels ihre Einschätzungen über sein Verhalten teilten, wussten sie nichts über seine Kontakte und das Bündnis mit Bismarck. Marx' Frau Jenny schrieb über Lassalle nach seinem Besuch in ihrem Haus 1862. Sie machte sich auch über Lassalles Art der Selbstdarstellung lustig. "Er war fast erdrückt von der Last des Ruhms, den er sich als Gelehrter, Denker, Dichter und Politiker errungen. Die frische Lorbeerkrone ruhte noch auf der olympischen Stirn und dem ambrosischen Lockenhaupt oder vielmehr dem starren steifen chevelure des nègres. Er hatte eben den italienischen Feldzug siegreich beendet – ein neuer politischer Coup wurde von den großen Männern der Aktion ausgebrütet. Starke Kämpfe gingen in seiner Seele vor. Er hatte noch manche Felder der Wissenschaft nicht betreten. Da gab es noch Ägyptologie, die brachlag. ‚Soll ich nun als Ägyptologe die Welt in Erstaunen setzen, oder soll ich meine Allseitigkeit als Tatenmann, als Politiker, als Kämpfer, als Soldat bekunden?‘“ (Jenny Marx, Kurze Umrisse eines bewegten Lebens, 1865).
Was Marx von Lassalles programmatischen Positionen und dessen Auftreten hielt, wird auch durch einen Brief deutlich, den er am 9. April 1863 an Engels schickte: „Dagegen schickt er mir vorgestern sein „Offnes Antwortschreiben" an das Zentralarbeiterkomitee für den Leipziger Arbeiter- (lies Knoten') Kongreß. Er gebärdet sich - sehr wichtig mit den uns abgeborgten Phrasen um sich werfend -ganz als künftiger Arbeiterdiktator.“ (MEW, Bd. 30, S. 340) Dass das berühmte „Arbeiterprogramm“ nur eine schlechte Vulgarisierung des Kommunistischen Manifestes war, hatte Marx am 28. Januar 1863 in einem Brief an Engels erkannt.
Und nachdem Marx und Engels über die Verhandlungen zwischen Lassalle und Bismarck erfuhren, schrieb Marx an Engels: „Da wir übrigens jetzt wissen, daß Itzig [Lassalle] (was uns keineswegs in dieser Weise bekannt war) die Arbeiterpartei an Bismarck verhandeln wollte, um sich als „Richelieu des Proletariats" bekannt zu machen, so werde ich jetzt auch keinen Anstand nehmen, in der Vorrede zu meinem Buch hinreichend klar anzudeuten, daß er bloßer Nachbeter und Plagiarius ist“ (Marx an Engels in Manchester [London] 30. Jan. 1865). In der Vorrede zur ersten Auflage von Das Kapital hielt es Marx für nötig, auf die Methode Lassalles hinzuweisen, dass dieser aus Marxens Schriften Teile für seine Texte „entlehnt“ hatte, ohne Quellenangaben zu machen (Das Kapital, MEW, Bd. 23, S. 11).[12]
Schon damals betrachteten sie die Reden und Schriften Lassalles als „öklig royalistisch“ (Marx an Engels, 24. November 1864, MEW 31, S. 30).
Marx schrieb an Kugelmann:
„Verehrter Freund, Ich erhielt Ihren mir sehr interessanten Brief gestern und werde jetzt auf die einzelnen Punkte antworten. Ich will Ihnen zunächst mein Verhältnis zu Lassalle kurz darlegen. Während seiner Agitation war unser Verhältnis suspendiert, 1. wegen der selbstlobhudelnden Renommisterei, womit er zugleich den schamlosesten Plagiarismus an meinen etc. Schriften verband; 2. weil ich seine politische Taktik verdammte; 3. weil ich ihm schon vor Eröffnung seiner Agitation hier in London ausführlich erklärt und „bewiesen" hatte, daß unmittelbar sozialistisches Eingreifen eines „StaatsPreußen" Unsinn sei.“ (Marx an Kugelmann, 23. Februar 1865, MEW 31, S. 451)[13]
„Sobald er sich in London (Ende 1862) überzeugt, daß er nicht mit mir sein Spiel treiben könne, beschloß er gegen mich und die alte Partei sich als „Arbeiterdiktator" aufzuwerfen.“ (Marx an Kugelmann, ebenda, MEW 31, S. 451)
Engels schrieb am 11. Juni 1863 an Marx (drei Tage vor der Gründung des ADAV): „Der Kerl arbeitet jetzt rein im Dienst von Bismarck...“ (MEW Bd. 30, S. 354).
Lassalle behinderte tatsächlich die Verbreitung der Positionen von Marx und Engels unter den Arbeitern in Deutschland und versuchte, sie von der Arbeiterklasse in Deutschland zu isolieren. Stattdessen präsentierte er sich als der eigentliche "Aufklärer" und versuchte, die Veröffentlichung und Verbreitung von Texten von Marx und Engels zu verzögern und zu behindern, unter anderem, um stattdessen seine eigenen Positionen zu verbreiten, die oft von Marx und Engels abweichend oder ihnen diametral entgegengesetzt waren. Oder Lassalle veröffentlichte Texte, die oft nur ein Plagiat der Artikel von Marx und Engels waren, ohne jedoch die Quellen zu nennen. Marx hat eigens zu diesem Zweck einen Artikel mit dem Titel "Plagiat" geschrieben.[14]
Er präsentierte sich als der „wahre Kenner“ der Verhältnisse in Deutschland, während Marx und Engels ja im Ausland lebten und angeblich nicht über die notwendigen Einsichten verfügten.
Lassalle nahm in Korrespondenz mit Marx den Agenten Bonapartes, Karl Vogt, in Schutz. Er riet Marx, nicht öffentlich gegen Vogt vorzugehen, nicht die Sache „aufzurühren“, denn dies werde vom deutschen „Publikum“ schlecht aufgenommen werden. Marx hatte 1860 nahezu das ganze Jahr damit verbracht, eine Antwort auf das Buch von Karl Vogt, „Mein Prozess gegen die Allgemeine Zeitung“, zu schreiben, in dem dieser die politische Tätigkeit Marx‘ und seiner Genossen beschmutzte. „Ich werde eine Broschüre schreiben, sobald ich seinen Dreck (den von Karl Vogt) habe. Aber zugleich in der Vorrede erklären, dass ich den Teufel nach dem Urteil Deines deutschen Publikums frag.“ (Marx an Lassalle, 30. Januar 1860, MEW 30, S. 438).
Als die Arbeit Marx‘ Herr Vogt veröffentlicht worden war, unternahm Lassalle nichts, um ihre Verbreitung in Deutschland zu fördern. Die bürgerliche Presse war bestrebt, Marx‘ Schrift totzuschweigen und der Präsident des ADAV seinerseits sabotierte Marx‘ Kampf um seine Verteidigung.
Ende 1863, Anfang 1864 hatte sich der Widerstand gegen Lassalles Positionen entwickelt, insbesondere gegen seine Positionen zugunsten der Monarchie in Preußen. Am 11. April 1864 rief er offen zur Unterstützung der Monarchie auf. Wilhelm Liebknecht, der im Juli 1862 nach seinem Exil in London nach Berlin gezogen war, war einer der ersten, der mit Lassalle stark zusammenstieß. Marx warnte Liebknecht vor öffentlichen Auftritten zusammen mit Lassalle und riet ihm, keine engen Beziehungen zu Lassalle einzugehen. Darauf antwortete Liebknecht: "Im Lassalleanischen Arbeiterverein (ADAV) gärt etwas. Wenn Lassalle die "diktatorische Haltung" und das Flirten mit der Reaktion nicht aufgibt, wird es einen Skandal geben." Im gleichen Brief sagte Liebknecht, "(....) Er spielt ein so kompliziertes Spiel, dass er bald keinen Ausweg mehr finden wird".
Zusammen mit anderen Kräften wie Julius Vahlteich, dem Sekretär des ADAV, versuchten sie, den ADAV aus den Fängen des diktatorischen Präsidenten zu befreien. Als Lassalle diesen Widerstand bemerkte und das Gefühl hatte, dass er bald der Organisation Rechenschaft ablegen müsste und damit der Gefahr der Demaskierung ausgesetzt war, suchte er nach einem Weg, die Arbeiterbewegung zu verlassen. Seine letzten Briefe machen diese Suche nach einem "Ausweg" deutlich. Aber Lassalles plötzlicher Tod setzte seinen Aktivitäten ein unerwartetes Ende.
Am 28. August 1864 wurde er bei einem Duell um eine Frau schwer verletzt und starb drei Tage später an seinen tödlichen Verletzungen.[15] Vor seinem Tod hatte Lassalle ein Testament als Präsident des ADAV geschrieben, in dem er Bernhard Becker zu seinem Nachfolger als Präsident auserkor. Letzterer setzte dann mit Hilfe von Gräfin Hatzfeldt alles in Bewegung, um dieses Präsidium zu übernehmen und begann bald, die infamsten Beleidigungen über die "Marx-Partei" zu verbreiten.
Um die sektiererische Existenz des ADAV zu erhalten, kämpfte Beckers Nachfolger gegen den Beitritt zur inzwischen am 28. September 1864, fast einen Monat nach Lassalles Tod, in London gegründeten Ersten Internationale.
Wir können hier nicht näher auf die Bedeutung der Gründung der Ersten Internationale eingehen. Obwohl die Gründung ein enormer Fortschritt für die gesamte Arbeiterbewegung war, trugen die Kräfte um Lassalle weder zur Beteiligung der Arbeiter in Deutschland an ihrer Entstehung bei noch richteten sie ihre Tätigkeit gemäß den Perspektiven der Ersten Internationale aus.
Lassalle hatte sich durch den damals "bahnbrechenden" Sieg des Prozesses als Anwalt ein finanzielles Einkommen durch die Gräfin gesichert – und gleichzeitig war er von der Gräfin abhängig geworden. Obwohl er also sein Einkommen als Anwalt nicht verdienen musste, hatte er einen ganz besonderen privilegierten Status. Solche wirklich finanziell parasitären Positionen ließen ihn in seinen Augen als "unabhängig" gegenüber den Vertretern der herrschenden Klasse erscheinen, mit denen er in Verbindung stand. Lassalle hatte nie persönlich erfahren, was Lohnabhängigkeit oder materieller Druck bedeutet.
"Er war für uns gegenwärtig ein sehr unsicherer Freund, zukünftig ein ziemlich sicherer Feind ..." (Engels an Marx, 4. September 1864, MEW 30, S. 429).
In ihrem "Nachruf" auf Lassalle schrieben Marx und Engels: "Der brave Lassalle entpuppt sich nach und nach doch als ein ganz kommuner Schuft. Wir sind nie davon ausgegangen, die Leute zu beurteilen nach dem, was sie sich vorstellten, sondern nach dem, was sie waren, und ich sehe nicht, warum wir für Itzig [Lassalle] selig eine Ausnahme machen sollen. Subjektiv mag seine Eitelkeit ihm die Sache plausibel vorgestellt haben, objektiv gesehen war es ein Verrat der gesamten Arbeiterbewegung an die Preußen. Dabei scheint der dumme Geck sich von Bismarck aber auch gar keine Gegenleistung, gar nichts Bestimmtes, geschweige Garantien ausbedungen zu haben, sich bloß darauf verlassen zu haben, er müsse den B[ismarck] bescheißen, grade wie es ihm nicht fehlen konnte, den Racowitza totzuschießen. Ganz Baron Itzig [Lassalle]. Übrigens wird die Zeit nicht lange ausbleiben, wo es nicht nur wünschenswert, sondern notwendig wird, diese ganze Sache zu veröffentlichen. Uns kann das nur nützen und wenn die Sache mit dem Verein [ADAV] und dem Blatt in Deutschland sich hält, so muss es sogar bald geschehn, die Legatarien des Kerls herauszuwerfen. Indes wird das Proletariat in Deutschland bald sehn, was es an Bismarck hat." (MEW 31, S. 45 [1029])
Lassalle war ein Abenteurer gewesen, dessen wahre Rolle zu seinen Lebzeiten nur von sehr wenigen und dann nur stückweise erkannt wurde. Wie oben gezeigt, hatten selbst Marx, Engels, Bebel und Liebknecht, die ihn besser kennengelernt hatten, kein vollständiges Bild von ihm.
Gleichzeitig zeigt der Fall Lassalle, dass es in dieser Zeit gravierende Unterschiede zwischen den Revolutionären bei der Beurteilung solcher Menschen gab. Denn Jahrzehnte später sollten selbst so wichtige politische Köpfe wie Rosa Luxemburg oder Franz Mehring eklatante Fehleinschätzungen über Lassalles vertreten.
Zum Beispiel schrieb Rosa Luxemburg 1913, d.h. 50 Jahre nach der Gründung des ADAV, eine irreführende und trivialisierende Lobpreisung Lassalles. „Lassalle hat Fehler in seiner Kampftaktik begangen, gewiss. Doch ist es nur ein wohlfeiles Vergnügen für Kleinkrämer der Geschichtsforschung, Fehler in einem großen Lebenswerk zu konstatieren. Zur Beurteilung einer Persönlichkeit wie ihres Wirkens ist viel wichtiger die Erkenntnis der eigentlichen Ursache, der besonderen Quelle, aus der ihre Fehler wie ihre Vorzüge sich ergaben. Lassalle sündigte vielfach durch seine Neigung zum „Diplomatisieren", zum „Listen" mit der Idee, so in seinen Verhandlungen mit Bismarck über die Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts, so in seinen Plänen der Produktivassoziationen mit Staatskredit. Er begab sich in seinen politischen Kämpfen mit der bürgerlichen Gesellschaft wie in seinen gerichtlichen Kämpfen mit der preußischen Justiz mit Vorliebe auf den Boden des Gegners, ihm so äußerlich eine Konzession seines Standpunktes gewährend, ein kecker, kühner Akrobat, wie Johann Philipp Becker schrieb, wagte er oft einen Sprung bis auf den äußersten Rand des Abgrunds, der eine revolutionäre Taktik vom Paktieren mit der Reaktion scheidet.
Aber die Ursache, die ihn zu diesen gewagten Sprüngen verleitete, war nicht die innere Unsicherheit, der innere Zweifel an der Kraft und der Realisierbarkeit der revolutionären Sache, die er vertrat, sondern ganz umgekehrt ein Übermaß an selbstsicherem Glauben an die unbezwingbare Macht dieser Sache. Lassalle trat im Kampfe manchmal auf den Boden des Gegners über, nicht um dadurch etwas von seinen revolutionären Zielen preiszugeben, sondern in dem Wahn einer mächtigen Persönlichkeit, dem Gegner, umgekehrt, auf dessen eigenem Boden so viel für seine revolutionären Ziele abtrotzen zu können, dass dabei der Boden selbst dem Gegner unter den Füßen hätte zusammenbrechen müssen. Wenn Lassalle z.B. seine Idee der Produktivassoziationen mit Staatskredit auf eine idealistische, unhistorische Fiktion vom „Staate" aufpropfte, so lag die große Gefahr dieser Fiktion darin, dass er in Wirklichkeit damit doch nur den erbärmlichen preußischen Staat idealisierte. Aber was Lassalle auf Grund seiner Fiktion diesem Staate an Aufgaben und Pflichten der Arbeiterklasse gegenüber alles abfordern und aufoktroyieren wollte, das hätte nicht nur die elende Baracke von einem preußischen Staat, sondern den bürgerlichen Staat überhaupt ins Wanken gebracht.“[16]
Während Rosa Luxemburg zufolge Lassalle sich als „kecker, kühner Akrobat“ darstellte, der „oft einen Sprung bis auf den äußersten Rand des Abgrunds [wagte], der eine revolutionäre Taktik vom Paktieren mit der Reaktion scheidet“ (siehe oben), sah die Wirklichkeit anders aus. Richtige politische Aussagen, die ein politischer Abenteurer irgendwann machen kann, können nicht seinen Charakter und seinen Gesamtbeitrag ändern. Nicht minder irreführend war die Einschätzung von Franz Mehring, dem wohl berühmtesten Parteihistoriker, der lange Zeit an der Seite Rosa Luxemburgs stand. Aus seiner Sicht war Lassalle ein Revolutionär und als solcher Marx „durchaus ebenbürtig“ (Franz Mehring, Karl Marx – Geschichte seines Lebens, S. 318). Mehring zufolge war Lassalle jemand, „den die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie immer in dem gleichen Atem mit ihm [Marx] und Engels nennen wird.“ (Mehring, S. 320). Lassalles Agitationsschriften hätten „Hunderttausenden von deutschen Arbeitern ein neues Leben geschenkt haben“ (ebenda S. 314). Mehring zufolge habe Marx „niemals völlig seine Vorurteile“ gegen Lassalle überwunden. Mehring bedauerte, dass Marx „über den toten Lassalle noch bitterer und ungerechter urteilte, als nur je über den lebenden“ (ebenda S. 319 f.).
Aufgrund historischer Umstände wurde Lassalle zu seinen Lebzeiten nie vollständig entlarvt. Wie bereits erwähnt, brachen Marx und Engels mit ihm über programmatische Fragen und sein Verhalten um 1861/62, aber sie waren sich der Art seiner Verbindungen zu Bismarck nicht bewusst. Sein plötzlicher Tod verschärfte die Schwierigkeiten, den vollen Umfang seiner Persönlichkeit zu erfassen und zu enthüllen.
Nach Lassalles Tod 1864 wurde Jean Baptist von Schweitzer 1867 im Alter von 34 Jahren zum Präsidenten des ADAV gewählt. Um ein umfassenderes Bild von seinem Charakter zu erhalten, zitieren wir ausführlich die Beschreibung, die August Bebel lieferte:
„Unter den Persönlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die Führung des von ihm gegründeten Vereins übernahmen, steht J.B. v. Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen Führer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besaß, die für seine Stellung von großem Werte waren. Er besaß die nötige theoretische Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine kühle Überlegung. Als Journalist und Agitator hatte er die Fähigkeit, die schwierigsten Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er veröffentlichte im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit in seinem Blatte, dem »Sozialdemokrat«, eine Reihe populärwissenschaftlicher Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehören, was die sozialistische Literatur besitzt. (…) Er erfaßte rasch eine gegebene Situation und verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von großer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte.
Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer Arbeiterpartei, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm innerhalb des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch seine Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß der Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie für seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe von Jahren in einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, später sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rüstzeug, das ihn, der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen, lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche materielle Mittel, die er nicht besaß, nicht möglich war.“ (August Bebel, Aus meinem Leben, 2. Teil, S. 223)
Nachdem Schweitzer noch vor Gründung des ADAV im November 1861 zum Vorsitzenden des Frankfurter Arbeiterbildungsvereins gewählt und als Vorsitzender des Schützenvereins und des Turnclubs nicht nur lokal bekannt geworden war, sondern auch erste Beziehungen zum örtlichen Adel aufgebaut hatte, wurde er im Sommer 1862 der Unterschlagung bzw. Diebstahls an Geldern des Schützenvereins und des pädophilen Kontaktes mit einem Jungen in einem Park beschuldigt. Anschließend wurde er zu 2 Wochen Gefängnis wegen Vergehen an dem Jungen und „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ verurteilt.
Obwohl der Junge nie ermittelt wurde und Schweitzer die ganze Angelegenheit leugnete, lastete fortan der Vorwurf des Kindesmissbrauchs auf ihm. Er hat die Veruntreuung des Geldes des Schützenvereins nie geleugnet.
Dennoch beschützte ihn Lassalle und nahm ihn in den ADAV auf und machte ihn zum Vorstandsmitglied.
Bebel schrieb später über das Verhalten von Schweitzer und seine Beförderung durch Lassalle: „Er begriff rasch, daß sich hier eine Gelegenheit zu einer Stellung für seine Zukunft bot, die seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der bürgerlichen Welt nach dem oben geschilderten Vorgang [Kindesmissbrauch und Unterschlagung von Geld, Anmerkung der IKS] für alle Zeit abgeschnitten war. In diesen Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tür schließen müsse.“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 232)
In die Fußstapfen von F. Lassalle tretend, bemühte sich auch Schweitzer alsbald, mittels des Geheimen Oberregierungsrats Hermann Wagener Kontakte zu herrschenden Kreisen, insbesondere zu Bismarck und dessen Entourage aufzubauen. [17]
Wie Lassalle bot auch Schweitzer Bismarck politische Unterstützung an. Wie bewusst sich z.B. Hatzfeldt der Bestrebungen Schweitzers war, zeigt eine Aussage von Bebel in seiner Autobiographie: „Die Gräfin Hatzfeldt, der die Unterstützung der Bismarckschen Politik durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau Herweghs versucht, in dem sie schrieb: ‚Es liegt ein förmlicher Abîme [Abgrund] zwischen folgenden zwei Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn zu drängen und die dem Zwecke günstige Konjunktur, sie möge hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die bloßen ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen, in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig, kurz, sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser weiß.‘“ (Bebel, ebenda S. 251)
Hier sieht man die Sichtweise, die man oft bei Abenteurern findet: Die Massen sind dumm und müssen gesteuert werden, sie brauchen einen klugen Kopf, der wirksam auf den Gegner einwirken kann. Der Abenteurer ist der "Auserwählte, der Berufene". Und ein Teil dieses Verhaltens ist es, mit gespaltener Zunge zu sprechen. Wie Bebel schrieb:
„Die Art, wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in ähnlichem Maße begegnet.“[18]
Weil Schweitzer meinte, der König „Seine Majestät unser allverehrter König der Freund der Arbeiter ist“ und der Hauptfeind für den ADAV in der „liberalen Bourgeoispartei“ liege, bekannte er sich dazu, dass, „der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster Linie gegen sie gerichtet sein muß. Wenn Sie dies aber festhalten, meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: Warum hätte Lassalle sich nicht an Bismarck wenden sollen?“ (ebenda, S. 233, 247) Bebel führt weiter aus: „Schweitzer wußte, daß die von ihm gepredigte Auffassung eine grundreaktionäre war, ein Verrat an den Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte, sich dadurch nach oben zu empfehlen.
Es verstand sich von selbst, daß Bismarck und die Feudalen eine solche Hilfe von der äußersten Linken mit Vergnügen sich gefallen ließen und den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch unterstützten“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 233).
„Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für die Bismarcksche großpreußische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr frühzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, daß Schweitzer diesen Bestrebungen Bismarcks bewußt diente“ (ebenda S. 227).
Die Bemühungen, persönliche Ambitionen durch direkte oder indirekte Kontakte zu den Herrschern zu erfüllen, gingen daher oft mit programmatischen Schwächen und Täuschungen einher, wie man in der Frage des Wahlrechts sehen konnte (oder siehe z.B. Schweitzers Artikel "Das Ministerium für Bismarck und die Regierung der Mittel- und Kleinstaaten"). Engels schrieb später:
„Damals wurde der Versuch gemacht, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein – seinerzeit die einzige organisierte Vereinigung sozialdemokratischer Arbeiter in Deutschland – unter die Fittiche des Ministeriums Bismarck zu bringen, indem man den Arbeitern Aussicht machte, die Regierung werde das allgemeine Stimmrecht bewilligen. Das "allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht" war ja von Lassalle als das einzige und unfehlbare Mittel zur Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse gepredigt worden.“ www.mlwerke.de/me/me16/me16_326.htm [1030]
Engels schrieb damals zwei wichtige programmatische Texte, "Die preußische Militärfrage und die Deutsche Arbeiterpartei" sowie eine Antwort auf J.B. Schweitzer "Über P.-J. Proudhon". Wie Engels kommentierte, hatte dieser Artikel Proudhon zum Thema, aber eigentlich sollte er auch als Antwort auf das Lassalleanertum selbst gesehen werden (siehe MEW 15, S. 25).
Zugleich reagierte Schweitzer auf die Kritik an seiner Haltung zu Preußen. Da Marx und Engels in England und nicht in Deutschland lebten, könnten sie überhaupt kein "Expertenwissen" haben. Nur wenn man eine "lokale/nationale" Sichtweise habe, könne man die Verhältnisse richtig beurteilen: "Was aber die praktischen Fragen momentaner Taktik betrifft, so bitte ich Sie zu bedenken, daß, um diese Dinge zu beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen muß.“
Im Sozialdemokrat vom 15. Dezember 1864 verteidigte ein Artikel Unser Programm diesen nationalen Standpunkt: "Wir wollen nicht ein ohnmächtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos nach außen und voll Willkür im Innern – das ganze, gewaltige Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat" (Bebel, ebd., S. 234). Eine so starke nationale Sichtweise wurde zu einer Zeit vorgelegt, als die Erste Internationale die Bedeutung des Internationalismus für die gesamte Arbeiterklasse weltweit betonte.
Am 15. Dezember 1865 veröffentlichte Schweitzer im Sozialdemokrat einen Artikel mit einer Lobpreisung der "Verdienste" von Lassalle, als ob es vor ihm keine Arbeiterbewegung gegeben hätte. Marx schickte daraufhin den oben genannten Artikel über Proudhon, um "nahezu verklausuliert" zum kritischen Nachdenken über Lassalles Rolle anzuregen. Neben Lassalles Verherrlichung wollte der Sozialdemokrat unter Schweitzer die Unterstützung von Bismarck weiter ausbauen. Daraufhin kündigten Marx und Engels am 23. Februar 1865 ihre Mitarbeit am „Social-Demokrat“ auf, woraufhin Schweitzer die Positionen von Marx und Engels erneut verfälschte.[19]
Die Opposition innerhalb des ADAD fing an, gegen die „diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu polemisieren, [denn] so mußte die Organisation als das ureigenste Werk Lassalles mit einer Art Glorienschein umgeben werden. Der Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefördert und jeder als eine Art Schänder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu hegen wagte.“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 246) Bebel führte weiter aus: „Und Schweitzer unterstützte diese allmählich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schließlich eine Art religiöser Glaubenssätze wurden. (…) Kam es doch im Laufe der Jahre dahin, daß das Thema »Christus und Lassalle« das Thema für die Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde.“ (ebenda, S. 246) [20]
Ähnlich wie Lassalle stützte sich auch Schweitzer nicht nur auf dubiose Finanzierungsquellen. Zum einen klärte er nie auf, woher die großen Geldmittel für die Produktion und die Verbreitung des Sozialdemokrat stammten, nachdem der Verdacht aufgekommen war, dass ihm Gelder aus Regierungsquellen zuflossen. [21]
Der bloße Verdacht, dass er von staatlichen Mitteln abhängig sei, dass er so nicht nur erpressbar, sondern sogar direkt korrumpiert werden könne, hätte von Schweitzer nicht unbeantwortet bleiben dürfen. Stattdessen ließ er diese Beschuldigung auf sich sitzen.
Zum anderen unternahm er nichts, als bekannt wurde, dass ein Polizeispitzel namens Preuß in der Organisation tätig war, der mit dem Polizei-Oberen in Verbindung stand, mit dem Schweitzer selbst Kontakte pflegte.
Man könnte einwenden: Sind Gefängnisstrafen bzw. repressives Vorgehen gegen Abenteurer ein Beweis für deren „Unschuld“?
Im November 1865 war Schweitzer ins Gefängnis gewandert und hätte dort ein Jahr absitzen sollen wegen Majestätsbeleidigungen und Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen, mit Aberkennung der Ehrenrechte.
„Man hat geltend gemacht, daß die verschiedenen Gefängnisstrafen ein Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wäre Bismarckscher Agent gewesen. Diese Auffassung ist durchaus falsch. Die Beziehungen, die eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie nicht den Staatsanwälten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen ist auch sehr geeignet, Mißtrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen und das Vertrauen in ihn zu stärken. Bekanntlich haben auch die Berliner Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine stundenlangen politischen Unterhaltungen als »angenehmer Gutsnachbar« hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefängnisstrafen zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wußte, wie Bismarck und Lassalle zueinander standen.“ (Bebel, ebenda, S. 253)
Während die Berliner Polizei bei ihren polizeilichen Durchsuchungen morgens früh die polizeilich Verdächtigen mit Hausdurchsuchungen terrorisierte, hatte sich „Schweitzer (...) nie über solche oder ähnliche Maßnahmen zu beklagen. Er ging ins Gefängnis und verließ dasselbe, als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verließ“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 297). Tatsächlich wurde Schweitzer wiederholt aus dem Gefängnis entlassen bzw. konnte aus diesem nahezu ein- und ausgehen und weiter seine Aktivitäten betreiben – im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des ADAV, die dort schmachteten.
Tatsächlich denunzierte die enge Verbündete von Lassalle Gräfin Hatzfeldt Liebknecht sogar bei der Polizei, als er sich 1865 illegal in Berlin aufhielt, woraufhin er aus der Stadt ausgewiesen wurde. [22]
Im Frühjahr 1869 formierte sich Widerstand innerhalb des ADAV gegen Schweitzers diktatorische Vollmachten.
Zunächst gegen dessen verschwenderischen Lebensweisen: „Schweitzer gehörte zu den Naturen, die stets mindestens doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist: Die Bedürfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die Einnahmen haben sich nach den Bedürfnissen zu richten, was bedingt, daß sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer 1862 2600 Gulden aus der Schützenfestkasse entnommen, so unterschlug er später, als er Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war und als solcher über die Kassengelder verfügte, von schlecht gelohnten Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelüste zu befriedigen. Es handelte sich hier nicht um große Summen, aber das lag nicht an Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Mißwirtschaft ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen und nachgewiesen worden, und Bracke, der jahrelang Kassierer des Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mußte, hat ihn öffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne daß Schweitzer ein Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fähig ist, von dem soll man nicht behaupten, daß er unfähig gewesen sei, sich politisch zu verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschäft für ihn sein konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen, denn dergleichen Geschäfte werden nicht auf offenem Markte abgeschlossen.“ (Bebel, ebenda, S. 270)
Als die Erfurter Ortsgruppe die Kassenführung von Schweitzer überprüfen lassen wollte, drohte Schweitzer mit der Auflösung des Vereins – und drei Wochen später erschien die Polizei tatsächlich als Strafexpedition und löste den Verein auf ... (Bebel, ebenda, S. 274). [23]
Und nach Absprachen „in einem kleinen Kreise Auserwählter, die mit ihm durch dick und dünn gingen“, wurde ein neuer Verein gegründet, dessen Statuten nahezu auf Schweitzer zugeschnitten waren. „Das neue Statut enthielt geradezu ungeheuerliche Bestimmungen. So sollte der Präsident sechs Wochen vor der ordentlichen Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins gewählt werden, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und dessen Geschäftsführung geprüft hatte.“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 276)
„Im weiteren erklärte Schweitzer gegen Marx und Engels, daß sie sich vom »Sozialdemokrat« zurückgezogen, sobald sie eingesehen hätten, daß sie nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion, sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein schriftstellerischer Doktrinär, sondern ein Mann der praktischen Tat gewesen. Wobei wieder nicht vergessen werden darf, daß später Schweitzer den Mann der »unfruchtbaren Abstraktion«, den »schriftstellerischen Doktrinär« Karl Marx, umschmeichelte und für sich zu gewinnen suchte“ (Bebel, ebenda, S. 240).
Während der Generalversammlung des ADAV in Wuppertal Barmen-Elberfeld Ende März 1869, auf der Schweitzer zur Rechenschaft gezogen werden sollte, berichtete Bebel an Marx: „Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan für die morgige Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Fülle von Schuftereien Schweitzers zu hören bekommen, daß uns die Haare zu Berge stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, daß Schweitzer das Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlägt, um einen Hauptcoup gegen uns zu führen und ein gut Teil oppositioneller Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herüberzuziehen.“ (Bebel, ebenda, S. 281)
Bebel führte weiter aus, dass „Schweitzer mit allen Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns wühlt.“ (Bebel, ebenda, S. 282)
Bebel und Liebknecht wollten Schweitzer auf dieser Generalversammlung entblößen. [24] Bebel berichtete:
„Am nächsten Nachmittag traten wir in den überfüllten Saal, von wütenden Blicken der fanatisierten Anhänger Schweitzers empfangen. Liebknecht sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich kürzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrängt, was ich bisher hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent bezeichnete. Ich solle das Wort zurücknehmen. Dessen weigerte ich mich. Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu dürfen, sie, die Zuhörer, brauchten mir ja nicht zu glauben. (…)
Schweitzer, der während unserer Reden auf dem Podium hinter uns saß, erwiderte kein Wort. So verließen wir den Saal, wobei einige Delegierte vor und hinter uns gingen, um uns vor Tätlichkeiten der fanatisierten Anhänger Schweitzers zu schützen. Aber Schmeichelworte wie Schufte, Verräter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw., bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hören. Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen vom Podium durch einen Stoß in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der Tür nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach unserem Hotel zu geleiten“. (a.a.O., S. 283) „Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach erregter Debatte wurde ihm dasselbe (...) mit einer viel geringeren Stimmenzahl erteilt.“
„Durch diese und noch eine Reihe anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr bedeutend eingeschränkt. (...) Außerordentlich bezeichnend für sein damaliges Verhalten ist auch, daß er das ausführliche Protokoll, das über die Elberfelder Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden ließ, wie er das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die Oeffentlichkeit dringen.“ (S. 285) Für kurze Zeit hatten die beiden Flügel, in die sich der ADAV gespalten hatte, ihre Wiedervereinigung unter Schweitzer erklärt. Aber der Oppositionsflügel um Bracke herum kam zu dem Schluss, dass „Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer arbeiterfeindlichen reaktionären Politik herabwürdigen will“ (Bebel, ebenda, S. 290).
Die Oppositionellen riefen daraufhin zur Abhaltung eines Kongresses aller sozialdemokratischen Arbeitnehmer in Deutschland (der in Eisenach abgehalten wurde). Sie traten aus dem ADAV aus und erklärten: "Es wird sich zeigen, ob Korruption, Gemeinheit, Bestechung oder Ehrlichkeit und Reinheit der Absichten sich durchsetzen werden. Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit der Absichten auf unserer den Sieg davonträgt. Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie, hoch die Internationale Arbeiterassoziation!
Daß wir in dieser Erklärung und später wiederholt die Ehrlichkeit unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld führten, brachte nachher der neu gegründeten Partei von der Gegenseite den Spitznamen »Die Ehrlichen« ein.“ (Bebel, ebenda, S. 293)
Die Gegenoffensive Schweitzers ließ nicht lange auf sich warten.
„Der »Sozialdemokrat« beobachtete jetzt die Taktik, ständig zu verkünden, unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten, Schulmeistern und sonstigen Bourgeois.“ Vor allem sollte die Opposition durch Beschimpfungen, Spott und Verleumdung in Verruf gebracht werden. „Hinter unserem Kongreß, hieß es in der betreffenden Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation könne natürlich bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute müsse Gelegenheit haben, sich recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot, log er weiter. Er werde dafür sorgen, daß eine entsprechende Anzahl Delegierter auf den Eisenacher Kongreß komme, aber keine Literaten und Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter.“ (S. 295)
Schließlich beschuldigte Tölcke, der 1865 zum Präsidenten des ADAV gewählt worden war, Bebel im Sozialdemokrat vom 28. Juli 1869, 600 Taler pro Monat vom ehemaligen König von Hannover zu erhalten – eine echte Verleumdung!
Auf dem Gründungskongress der Eisenacher im August 1869 befürchteten die Mitglieder ein gewaltsames Eindringen der fanatisierten Anhänger Schweitzers, der seine „Truppen“ auch gewaltsam gegen die „Eisenacher“ einsetzen würde. Rund 100 Personen aus dem Kreis der "Schweitzerianer" erschienen dann auf dem Eisenacher Kongress, wurden aber wegen fehlender Mandate abgewiesen.
Mit der Gründung der Eisenacher Partei 1869, die sich durch den Widerstand gegen den ADAV gebildet hatte, wurde die erste Partei gegründet: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschland (SDAP).
In einem Brief an Schweitzer schrieb Marx über den unverzichtbaren Schritt des Übergangs von einer Sekte zu einer echten Klassenbewegung. Lassalle hatte sich nicht nur geweigert, zu diesem Schritt beizutragen, sondern war auch ein Hindernis, das die Bewegung überwinden musste.
„Er gab ferner von vornherein - wie jeder Mann, der behauptet, eine Panazee für die Leiden der Masse in der Tasche zu haben - seiner Agitation einen religiösen Sektencharakter. In der Tat, jede Sekte ist religiös. Er verleugnete ferner, eben weil Sektenstifter, allen natürlichen Zusammenhang mit der frühern Bewegung in Deutschland wie im Ausland. Er fiel in den Fehler Proudhons, die reelle Basis seiner Agitation nicht aus den wirklichen Elementen der Klassenbewegung zu suchen, sondern letzterer nach einem gewissen doktrinären Rezept ihren Verlauf vorschreiben zu wollen.
Was ich hier post festum sage, habe ich großenteils dem Lassalle vorhergesagt, als er 1862 nach London kam und mich aufforderte, mich mit ihm an die Spitze der neuen Bewegung zu stellen. Sie selbst haben den Gegensatz zwischen Sektenbewegung und Klassenbewegung an eigner Person erfahren. Die Sekte sucht ihre raison d'etre und ihren point d'honneur nicht in dem, was sie mit der Klassenbewegung gemein hat, sondern in dem besondren Schibboleth, das sie von ihr unterscheidet. Als Sie daher zu Hamburg den Kongreß zur Trades Unions Stiftung vorschlugen, konnten Sie den Sektenwiderstand nur niederschlagen durch Drohung, die Präsidentenwürde niederzulegen. Sie waren außerdem gezwungen, Ihre Person zu verdoppeln, zu erklären, das eine Mal als Sektenhaupt und das andre Mal als Organ der Klassenbewegung zu handeln. Die Auflösung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gab Ihnen den Anlaß, einen großen Fortschritt zu vollziehn und zu erklären, zu beweisen, s'il le fallait, daß nun ein neues Entwicklungsstadium eingetreten und die Sektenbewegung nun reif sei, in die Klassenbewegung aufzugehen und allem „Anertum" ein Ende zu machen. Was den wahren Inhalt der Sekte betraf, würde sie ihn, wie alle früheren Arbeitersekten, als bereichern-des Element in die allgemeine Bewegung tragen. Statt dessen haben Sie in der Tat die Forderung an die Klassenbewegung gestellt, sich einer besonderen Sektenbewegung unterzuordnen. Ihre Nichtfreunde haben daraus geschlossen, daß Sie unter allen Umständen Ihre „eigne Arbeiterbewegung" konservieren wollen.“[25]
Im Juli 1871 veröffentlichte der Braunschweiger Parteiausschuss einen Aufruf: „Dem Herrn v. Schweitzer aber, der in der gehässigsten und verwerflichsten Weise Arbeiter gegen Arbeiter, Sozialdemokraten gegen Sozialdemokraten zu hetzen sucht, sind wir um der Arbeitersache verpflichtet, mit aller Energie entgegenzutreten. Daher fordern wir die Parteigenossen in Barmen-Elberfeld, dem klassischen Boden für diesen Kampf, auf, die nötigen Schritte in dieser Richtung ohne Säumen zu tun; die Partei ist schuldig und verbunden, die allgemeine Bewegung von einem Menschen zu säubern, der, unter dem Deckmantel einer radikalen Gesinnung, bisher im Interesse der preußischen Staatsregierung alles getan hat, dieser Bewegung zu schaden. Die Partei wird den Genossen in Barmen-Elberfeld zur Seite stehen. Nun kräftig vorwärts.“ (Bebel, a.a.O., S. 330)
Im Frühjahr 1871 wurde Schweitzer aus dem ADAV ausgeschlossen.[26]
Wie im Falle von Lassalle wurde Schweitzer zu seinen Lebzeiten nie vollständig entlarvt (er starb 1875 an einer Lungenentzündung). Er wurde aus dem ADAV ausgeschlossen, aber ohne dass die Lehren ausreichend gezogen wurden.
Erst im Kampf gegen die Aktivitäten von Bakunin entwickelten die Erste Internationale und ihr Generalrat die Fähigkeit, die Aktivitäten eines Abenteurers effizient zu entblößen.
Die Rolle der beiden Abenteurer, beide Rechtsanwälte, die jahrelang ihr Unwesen im ADAV betreiben konnten und die in den Augen vieler als im Interesse der Arbeiterklasse handelnd galten, zeigt, wie schwierig es ist, einen Abenteurer zu identifizieren und zu entlarven.
Das Aufdecken und Entblößen ihres Verhaltens, ihres Werdegangs, ihrer Verbindungen, Reaktionen und wahren Motive ist eine der größten Herausforderungen für eine revolutionäre Organisation. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, ist die Tatsache, dass diese Personen durch Tricks das Vertrauen vieler Mitglieder der Organisation erschlichen haben und in der gesamten Arbeiterklasse einen hohen Ruf genießen können, ein großes Hindernis, das jedoch nicht die Fähigkeit beeinträchtigen darf, das eigentliche Wesen dieser Personen zu erkennen und zu verstehen. Die Entlarvung solcher Abenteurer stößt in der Regel auf das Entsetzen derjenigen, die sich ihnen am nächsten fühlen und die unfähig oder nicht bereit sind, die Realität aus langfristiger persönlicher Anhänglichkeit, "Loyalität" und/oder emotionaler Affinität zu erkennen. Da es sich um "hochgeschätzte" Persönlichkeiten handeln kann, von denen "niemand so etwas erwartet", ist es umso wichtiger, sich mit der schmerzhaften historischen Erfahrung der revolutionären Bewegung auseinanderzusetzen. Engels schrieb kurz vor seinem Lebensende 1891, "Ich werde nicht mehr erlauben, daß der falsche Ruhm Lassalles auf Kosten von Marx aufrechterhalten und neu gepredigt wird.“ (Engels an Bebel, 1. Mai 1891, MEW 38, S. 93) So resümierte er gegenüber den Zögerungen, Zweifeln, Abwieglern in der Partei, warum es wichtig war, Lassalle schonungslos zu entblößen.
„Du sagst, Bebel schreibe Dir, die Behandlung Lassalles durch Marx habe bei den alten Lassalleanern böses Blut gesetzt. Das mag sein. Die Leute kennen ja die wirkliche Geschichte nicht, und es scheint auch nichts geschehn zu sein, sie darüber aufzuklären. Wenn jene Leute nicht wissen, daß die ganze Größe Lassalles darauf beruhte, daß Marx ihm erlaubte, jahrelang sich mit M[arxen]s Forschungsresultaten als mit seinen eignen zu schmücken und sie obendrein aus mangelhafter ökonomischer Vorbildung zu verdrehn, so ist das nicht meine Schuld. Aber ich bin literarischer Testamentsvollstrecker von Marx und habe als solcher auch meine Pflichten. Lassalle gehört seit 26 Jahren der Geschichte an. Wenn man unter dem Ausnahmegesetz die historische Kritik über ihn hat ruhen lassen, so wird es endlich Zeit, daß sie zu ihrem Rechte kommt und über die Stellung Lassalles zu Marx Klarheit geschaffen wird. Die Legende, die die wahre Gestalt Lassalles verhüllt und verhimmelt, kann doch kein Glaubensartikel der Partei werden. Mag man die Verdienste L[assalle]s um die Bewegung noch so hoch anschlagen, seine historische Rolle darin bleibt eine zwieschlächtige. Den Sozialisten Lassalle begleitet der Demagog Lassalle auf Schritt und Tritt. Durch den Agitator und Organisator Lassalle scheint der Leiter des Hatzfeldtschen Prozesses 1751 überall durch: derselbe Zynismus in der Wahl der Mittel, dieselbe Vorliebe, sich mit anrüchigen und korrumpierten Leuten zu umgeben, die man als bloße Werkzeuge gebrauchen resp. wegwerfen kann. Bis 1862 in der Praxis spezifisch preußischer Vulgärdemokrat mit stark bonapartistischen Neigungen (ich habe eben seine Briefe an Marx durchgesehn), schlug er plötzlich um aus rein persönlichen Ursachen und begann seine Agitation; und ehe 2 Jahre vorbei, verlangte er, die Arbeiter sollten die Partei des Königtums gegen die Bourgeoisie ergreifen, und mogelte mit seinem Charakterverwandten Bismarck in einer Weise, die zum tatsächlichen Verrat an der Bewegung führen mußte, wäre er nicht zu seinem eigenen Glück rechtzeitig erschossen worden. In seinen Agitations-schriften ist das Richtige, das er von M[arx] entlehnt, so sehr mit Lassalleschen eignen und regelmäßig falschen Ausführungen verwebt, daß beides fast nicht zu trennen ist. Der Teil der Arbeiter, der sich durch M[arxen]s Urteil verletzt fühlt, kennt von L[assalle] eben nur die 2 Jahre Agitation und auch diese nur durch eine gefärbte Brille. Aber vor solchen Vorurteilen kann die historische Kritik nicht ewig stehnbleiben, den Hut in der Hand. Mir war es Pflicht, endlich einmal reinen Tisch zu schaffen zwischen Marx und Lassalle. Das ist geschehn. Damit kann ich mich vorderhand begnügen. Ich selbst habe zudem jetzt andres zu tun. Und das veröffentlichte rücksichtslose Urteil Marx‘ über L[assalle] wird schon allein seine Wirkung tun und andren Mut machen. Aber würde ich dazu gezwungen, so bliebe mir keine Wahl: ich müßte mit der Lassalle-Legende ein für allemal aufräumen.“ (Engels an Kautsky, 23. Februar 1891, MEW 38, S. 40).
Die Entlarvung der Aktivitäten von Bakunin durch den Generalrat der Ersten Internationale zeigte, dass dieser Kampf nur möglich war, weil das politische Bewusstsein und die Entschlossenheit, solche Abenteurer zu entlarven, vorhanden waren. Und das konnte nur durch die Erstellung eines spezifischen Berichts wie desjenigen des Generalrates an den Haager Kongress erreicht werden.[27]
Als Bebel und Liebknecht Schweitzer 1869 auf dem Wuppertaler Parteitag anprangerten, taten sie dies, ohne einen ordentlichen Bericht vorgelegt zu haben, ohne ein vollständiges Bild zu bieten, was sicherlich dazu beitrug, dass die Entlarvung unausgegoren blieb, und es hinderte Schweitzer nicht daran, wiedergewählt zu werden – trotz wachsenden Widerstandes.
Der Kampf gegen Abenteurer, der, wie die Erfahrung von Marx und Engels in ihrem Kampf gegen Lassalle und Schweitzer gezeigt hat, eine gewaltige Herausforderung darstellt, wurde durch den Generalrat der Ersten Internationalen beim Haager Kongress auf ein höheres, viel effizienteres Niveau gehoben. Indem er die Lehren aus den Schwächen und Schwierigkeiten des Kampfes gegen Lassalle und Schweitzer zog, schmiedete der Generalrat die Waffen, um sich Bakunin zu stellen. Es liegt heute an den revolutionären Organisationen, die Lehren aus diesem Kampf wieder anzunehmen.
Dino, Juli 2019
[1] Siehe Internationale Revue Nr. 17, 18, 19, 20
[2] Ferdinand Lassalle wurde 1825 in Breslau als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Seidenhändlers geboren. Schon in seiner Jugend zeichnete er sich durch seine starke Eigenständigkeit und seine Ambitionen aus. Als Student strebte er eine Berufung zum Universitätsprofessor an.
[3] Wegen seiner besonderen Beziehungen zur Gräfin Hatzfeld verweigerte der Bund der Kommunisten dessen Aufnahme in seine Reihen.
[4] Einer seiner Biographen, Schirokauer, erwähnte seinen üppigen Lebensstil als junger Mann und seinen hohen Konsum von teuren Weinen und Champagnern. In der Berliner Residenz, wo er und die Gräfin lebten, wurde berichtet, dass auch der Hasch- und Opiumkonsum eine gängige Praxis sei. Für weitere Details siehe: Arno Schirokauer: Lassalle. Die Macht der Illusion, die Illusion der Macht. Paul List Verlag, Leipzig 1928.
[5] Aufgrund des Vereinsgesetzes von 1854 waren politische Arbeitervereine und auch Verbindungen zwischen zugelassenen Vereinen verboten.
[6] Gustav Mayer, Spitzelbericht Lassalles über sich selbst. Wiederveröffentlicht in den Grünberg-Archiven, Bd. 10, S. 399 ff., siehe auch Gustav Mayer, J. B. Schweitzer und die Sozialdemokratie, Jena, 1909; Gustav Mayer, Bismarck und Lassalle, Ihr Briefwechsel und ihre Gespräche, Berlin, 1928.
[7] A.K. Worobjowa, Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland und des Kampfes von Karl Marx und Friedrich Engels gegen Lassalle und das Lassalleanertum 1862-1864, Berlin 1961, S. 249
[8] Später stellte Bebel Bismarck öffentlich zu seinen Verbindungen mit Lassalle im Reichstag zur Rede: “Auf die ihm von mir vorgehaltenen Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut. Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können?“ (Aus: Bebel, Aus meinem Leben, Kapitel 5: Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben, S. 76)
[9] „Helene v. Rakowicza (Helene v. Dönniges), die ehemalige Geliebte Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihm das Leben kostete, verwickelt wurde, erzählt in ihrem Buche: ‚Von anderen und mir‘, Berlin 1909, daß sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt: Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf dieser geantwortet habe: ‚Was Bismarck anbelangt und was er von mir gewollt hat und ich von ihm? – Laß dir's genügen, daß es nicht zustandekam, nicht zustandekommen konnte. Wir waren beide zu schlau – wir sahen unsere beiderseitige Schlauheit und hätten nur damit enden können, uns (immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut erzogen – also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprächen.‘“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 226).
[10] Siehe auch Engels, Die Preußische Militärfrage und die Deutsche Arbeiterpartei, Zur Auflösung des Lassalleanischen Arbeitervereins
[12] „Itzig schickt mir, was unvermeidlich, seine Verteidigungsrede (ist zu 4 Monaten verurteilt) vor Gericht zu. Macte puer virtute! Erstens hat dieser Renommist die Broschüre, die Du hast, Rede über „den Arbeiterstand", in der Schweiz wieder abdrucken lassen unter dem pompösen Titel: „Arbeiterprogramm". Du weißt, daß die Sache nichts ist als schlechte Vulgarisation des „Manifests" und andrer von uns so oft gepredigten Sachen, daß sie gewissermaßen schon Gemeinplätze geworden sind. (Der Bursche nennt z.B. „Stand" die Arbeiterklasse.) Well. In seiner Rede vor dem Berliner Gericht hat er die Schamlosigkeit zu sagen: „Ich behaupte ferner, daß diese Broschüre nicht nur ein wissenschaftliches Werk wie so manches andre ist, welches bereits bekannte Resultate zusammenfaßt, sondern daß sie sogar in der vielfachsten Hinsicht eine wissenschaftliche Tat, eine Entwicklung von neuen wissenschaftlichen Gedanken ist... In verschiedenen und schwierigen Gebieten der Wissenschaft habe ich umfangreiche Werke zu Tage gefördert, keine Mühen und keine Nachtwachen gescheut, um die Grenzen der Wissenschaft selbst zu erweitern, und ich kann vielleicht mit Horaz sagen: militavi non sine gloria [ich kämpfte nicht ruhmlos]. Aber ich selbst erkläre Ihnen: Niemals, nicht in meinen umfangreichsten Werken habe ich eine Zeile geschrieben, die strenger wissenschaftlich gedacht wäre als diese Produktion von ihrer ersten Seite bis zur letzten ... Werfen Sie also einen Blick auf den Inhalt dieser Broschüre. Dieser Inhalt ist nichts andres als eine auf 44 Seiten zusammengedrängte Philosophie der Geschichte ... Es ist eine Entwicklung des objektiven vernünftigen Gedankenprozesses, welcher der Europäischen Geschichte seit länger denn einem Jahrtausende zu Grunde liegt, eine Entfaltung der innern Seele etc." Ist diese Schamlosigkeit nicht baumhoch? Der Kerl denkt offenbar, er sei der Mann, um unser Inventarium anzutreten. Dabei das Grotesk-Lächerliche! Salut. Dein K.M.” (Marx an Engels, 28.1.1863 MEW 30, S. 322)
[14] MEW 16, S. 221,
[15] Lassalle verliebte sich bei einem Kuraufenthalt in eine junge Frau namens Helene von Dönniges [1032]. Er wollte sie heiraten, aber ihre Eltern waren dagegen. Um ihren Vater, den bayerischen Diplomaten Wilhelm von Dönniges [1033], mit Erfolg wegen Sequestrierung [1034] seiner Tochter verklagen zu können, versuchte er am 16. oder 17. August 1864, den bayerischen König Ludwig II. [1035] auf seine Seite zu bekommen. Daraufhin entschloss sich Lassalle zur Weiterreise in die Schweiz und zum Duell [1036] mit Wilhelm von Dönniges: Als Mitglied der Breslauer Burschenschaft [1037] forderte Lassalle Satisfaktion [1038] von Helenes Vater, einem Mitglied des Corps Rhenania Bonn [1039]. Der 50-jährige Vater beauftragte den von ihm gewünschten Verlobten, den rumänischen Bojaren [1040] Janko von Racowitza (Iancu Racoviţă), ein Mitglied des Corps Neoborussia-Berlin [1041], das Duell zu übernehmen.
Das Duell fand am Morgen des 28. August 1864 in der Genfer Vorstadt Carouge [1042] statt. Der Sekundant [1043] von Lassalle war Wilhelm Rüstow [1044]. Um 7:30 Uhr standen sich die Gegner mit Pistolen gegenüber. Racowitza feuerte als Erster und traf Lassalle in den Unterleib. Drei Tage später, am 31. August 1864, starb Ferdinand Lassalle im Alter von 39 Jahren in Carouge (https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Lassalle [1045]). Man mag es als ein typisches Macho-Verhalten von Männern mit aristokratischem oder wie im Falle Lassalles mit bürgerlichem Hintergrund banalisieren, wenn diese sich duellieren. Mag sein Buhlen in seiner frühen Jugend, denn mit 12 Jahren hatte er zum ersten Mal einen anderen Buhler schriftlich zum Duell um ein 14-jähriges Mädchen herausgefordert, noch als pubertärer Eifer abgetan werden, aber als 39-jähriger Erwachsener, der gegenüber den Arbeitern vorgab, revolutionäre Ziele zu verfolgen, „Konkurrenten“ durch Duelle aus der Welt zu schaffen und dabei noch sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, war eine grobe Pervertierung der Ziele der Arbeiterklasse.
[16] Rosa Luxemburg: Lassalle und die Revolution [Festschrift, März 1904, Berlin, S. 7/8. Gesammelte Werke Bd. 1/2, 1970, S. 417-421]
[17] Der Polizeiagent Preuß, der über den Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener ‚geführt‘ wurde, war es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Siehe A.K. Worobjowa, Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland und des Kampfes von Karl Marx und Friedrich Engels gegen Lassalle und das Lassalleanertum 1862-1864, Berlin 1961
[19] Siehe MEW Bd. 16, S. 79. Und Marx an Engels in Manchester 3. Febr. 1865: „Ich hatte vor about 10 Tagen dem Schweitzer geschrieben, er müsse Front gegen Bismarck machen, auch der Schein der Koketterie der Arbeiterpartei mit B[ismarck] müsse wegfallen etc. Zum Dank hat er „allbereits" mehr denn je geliebeleit mit dem Pißmarck.“ Sowie den Brief vom 18. Februar 1865 von Marx an Engels.
[20] „Die zwei ersten Probenummern enthielten schon mancherlei Bedenkliches. Ich remonstrierte. Und unter anderm sprach ich meine Entrüstung darüber aus, daß aus einem Privatbriefe, den ich auf die Nachricht von Lassalles Tod der Gräfin Hatzfeldt schrieb, ein paar Trostworte herausgerissen, ohne meine Namensunterschrift veröffentlicht und schamlos dazu mißbraucht worden seien, eine servile Lobhudelei Lassalles „ein- und auszuläuten".“
MEW 16, S. 87 [1047].
[21] In späteren Berichten von Parteimitgliedern wurde deutlich, in welchem Umfang er Gelder veruntreut hatte (Bebel, Aus meinem Leben, S. 320, 337).
[22] A.K. Worobjowa, a.a.O.
[23] „Es ist ganz zweifellos, daß Schweitzer vorher von dieser Auflösung wußte, ja daß sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeipräsidium verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den Verein auflöste.“ (Bebel, Aus meinem Leben, S. 275)
[24] Eigentlich erforderte die Praxis und Tradition der Arbeiterbewegung, wenn ein Mitglied oder Mitglieder der Organisation gegenüber einem anderen Mitglied einen Verdacht auf organisationsfeindliches Verhalten oder gar an dessen Glaubwürdigkeit haben, dass dazu ein besonders ernanntes Organ der Organisation handeln muss, um mit entsprechender Diskretion und mit entsprechender Methode Aufklärung zu betreiben. Solch eine Instanz existierte im ADAV nicht, und die Lage wurde noch dadurch erschwert, dass die unter Verdacht stehende Person der Präsident der Organisation war.
[26] Bebel berichtete, dass Schweitzers Anhänger zur Zeit des französisch-preußischen Krieges im Verdacht standen, Liebknechts Wohnung angegriffen zu haben ... (Bebel, Aus meinem Leben, S. 332).
[27] Siehe unsere Artikel in der Internationalen Revue Nr. 17-20
Links
[1] https://de.internationalism.org/files/de/images/2010TekelTurkey.jpg
[2] https://www.cnnturk.com/2009/turkiye/12/05/erdogana.tekel.iscilerinden.protesto/554272.0/
[3] https://www.evrensel.net/haber.php?haber_id=63999
[4] https://www.kizilbayrak.net/sinif-hareketi/haber/arsiv/2009/12/30/select/roeportaj/artikel/136/direnisteki-tek.html
[5] https://tr.internationalism.org/ekaonline-2000s/ekaonline-2009/tekel-iscisinden-seker-iscisine-mektup
[6] https://de.internationalism.org/tag/6/555/klassenkampf-t-rkei
[7] https://de.internationalism.org/tag/6/556/streiks-t-rkei
[8] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tekel-streik
[9] https://de.internationalism.org/tag/2/29/proletarischer-kampf
[10] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/selbstmord
[11] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/depression
[12] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/konflikt-usa-iran
[13] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/krieg-somalia
[14] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/jemen
[15] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/repression-serbien
[16] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/internationalismus-serbien
[17] https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/gefaehrdete-duesenflugzeuge-aufklaerung-von-air-france-absturz-offenbart-gefaehrliche-sicherheitsluecke-a-679180.html
[18] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/eisenbahnunfall-belgien
[19] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/u-bahn-skandal-koln
[20] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/flugzeugabsturz
[21] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/sicherheitsstandards-im-kapitalismus
[22] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wirtschaftskrise
[23] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/griechenland
[24] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/spanien
[25] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/krise-portugal
[26] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/staatsbankrott
[27] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/reunions_publiques_a_marseille_lyon_et_grenoble_harcelement_pressions_au_travail_comment_y_resister.html#sdfootnote1anc
[28] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeitsstress
[29] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/mobbing
[30] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeitsdruck
[31] https://de.internationalism.org/tag/geschichte-der-arbeiterbewegung/1905-revolution-russland
[32] https://de.internationalism.org/tag/theoretische-fragen/arbeiterklasse
[33] https://de.internationalism.org/tag/2/30/die-gewerkschaftsfrage
[34] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proletarische-militarische-disziplin
[35] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/rolle-von-genies
[36] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/partei-kollektives-leben
[37] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/bewusstseinsentwicklung
[38] https://de.internationalism.org/tag/leute/bordiga
[39] https://de.internationalism.org/tag/leute/vercesi
[40] https://de.internationalism.org/tag/politische-stromungen-und-verweise/bordigismus
[41] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/grundung-der-ikp
[42] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/partito-comunista-internazionalista
[43] https://de.internationalism.org/tag/entwicklung-des-proletarischen-bewusstseins-und-der-organisation/italienische-linke
[44] https://de.internationalism.org/tag/3/48/partei-und-fraktion
[45] https://fr.internationalism.org/rint140/l_automne_chaud_1969_en_italie_un_moment_de_la_reprise_historique_de_la_lutte_de_classe.html
[46] https://fr.internationalism.org/rint133/mai_68_et_la_perspective_revolutionnaire_le_mouvement_etudiant_dans_le_monde_dans_les_annees_1960.html
[47] https://fr.internationalism.org/node/3483
[48] https://fr.internationalism.org/rinte28/est.htm
[49] https://fr.internationalism.org/french/rint/109_argentina.html
[50] https://fr.internationalism.org/french/rint/114_pol_imp_US.html
[51] https://fr.internationalism.org/ri384/che_guevara_mythe_et_realite.html
[52] https://fr.internationalism.org/ri388/quelques_commentaires_sur_une_apologie_d_ernesto_che_guevara_a_propos_d_un_livre_de_besancenot.html
[53] https://fr.internationalism.org/rinte110/conflits.htm
[54] https://fr.internationalism.org/rinte115/mo.htm
[55] https://fr.internationalism.org/french/rint/117_conflits.htm
[56] https://fr.internationalism.org/french/rint/118_notes_MO.htm
[57] https://fr.internationalism.org/ri381/affrontements_hamas_fatah_la_bourgeoisie_palestinienne_est_aussi_sanguinaire_que_les_autres.html
[58] https://fr.internationalism.org/ri371/maoisme.htm
[59] https://fr.internationalism.org/rinte81/chine.htm
[60] https://fr.internationalism.org/rinte84/chine.htm
[61] https://indicius.it/
[62] https://deriveapprodi.com/
[63] http://www.libertaegiustizia.it/primopiano/pp_leggi_articolo.php?id=2803&id_titoli_primo_piano=1
[64] https://attac-italia.org/
[65] https://www.massimo.delmese.net/2189/9-aprile-1969-9-aprile-2009-a-40-anni-dai-moti-di-battipaglia/
[66] https://www.twotbsp.com/
[67] https://static.repubblica.it/milano/autunnocaldo/
[68] https://www.pmli.it/storiaautunnocaldo.htm
[69] https://de.internationalism.org/tag/leute/negri
[70] https://de.internationalism.org/tag/politische-stromungen-und-verweise/operaismus
[71] https://de.internationalism.org/tag/geschichte-der-arbeiterbewegung/mai-1968-frankreich
[72] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/heisser-herbst-italien
[73] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/heisser-herbst-1969
[74] https://de.internationalism.org/tag/6/554/tekel-arbeitskampf
[75] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/turk
[76] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/turkische-gewerkschaften
[77] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/1-mai-turkei
[78] https://www.fau.org/artikel/art_100616-001822
[79] https://karakok.wordpress.com/
[80] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tekel-streik-turkei
[81] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/fussballweltmeisterschaft-nationalismus
[82] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/gewalt-fussball
[83] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wm-sudafrika-nationalismus
[84] https://fr.internationalism.org/ri413/en_coree_les_grandes_puissances_jouent_avec_le_feu_autour_d_un_baril_de_poudre.html#sdfootnote1sym
[85] https://fr.internationalism.org/ri413/en_coree_les_grandes_puissances_jouent_avec_le_feu_autour_d_un_baril_de_poudre.html#sdfootnote1anc
[86] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/konflikt-nord-sudkorea
[87] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/cheonun
[88] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/nordkorea-atomwaffen
[89] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/koreakrieg
[90] https://libcom.org/article/china-unrest-spreads-honda-workers-keep-striking
[91] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/streiks-arbeiterkampfe-china
[92] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/honda-streik-china
[93] https://de.internationalism.org/tag/leute/kumlu
[94] https://de.internationalism.org/tag/leute/turkel
[95] https://www.afrika.info/
[96] http://www.counterpunch.org/watts08122009.html
[97] https://www.3sat.de/page/?source=/boerse/magazin/94491/index.html
[98] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/olpest-golf-von-mexiko
[99] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/olpest-nigeria
[100] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/shell-afrika
[101] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/nigerdelta
[102] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/biafra-krieg
[103] mailto:[email protected]
[104] https://esparevol.foroactivo.com/
[105] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/klassenkampf-spanien
[106] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/solidaritat-klassenkampf
[107] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/diskussionen-kontakte-arbeiter
[108] https://de.internationalism.org/files/de/Griechenland_Flugblatt.pdf
[109] https://world.internationalism.org
[110] mailto:[email protected]
[111] mailto:[email protected]
[112] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/sparprogramme-und-kampfe-dagegen
[113] https://de.internationalism.org/tag/3/49/politische-konomie
[114] https://www.welt.de/politik/deutschland/article8347558/Bundeswehr-soll-9-3-Milliarden-Euro-einsparen.html
[115] https://www.dailymail.co.uk/home/search.html?s=y&authornamef=Daily+Mail+Reporter
[116] https://www.dailymail.co.uk/news/article-1216015/More-British-soldiers-prison-serving-Afghanistan-shock-study-finds.html#ixzz0t4GPn9Fp
[117] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/abrustung
[118] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/umrustung
[119] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/posttraumatische-belastungsstorungen
[120] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/soldaten-traumata
[121] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/sipri
[122] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tote-love-parade
[123] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/love-parade-duisburg
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[126] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proletarische-stromungen
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[128] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/internationalisten-und-ihre-zusammenarbeit-im-kampf-gegen-den
[129] https://de.internationalism.org/tag/3/44/internationalismus
[130] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/kommunistische-linke-und-internationalismus
[131] https://de.internationalism.org/tag/politische-stromungen-und-verweise/ausserhalb-der-kommunistischen-linken
[132] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/kriterien-zur-kommunistischen-linken
[133] https://de.internationalism.org/tag/2/36/angebliche-arbeiterparteien
[134] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/vollversammlungen
[135] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/rentenreform-frankreich
[136] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/kampfe-frankreich
[137] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/generationenfrage
[138] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/polizeiliche-repression
[139] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/randalierer-frankreich
[140] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html#sdfootnote2sym
[141] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html#sdfootnote3sym
[142] mailto:[email protected]
[143] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html#sdfootnote4sym
[144] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html#sdfootnote1anc
[145] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html#sdfootnote2anc
[146] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html#sdfootnote3anc
[147] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html#sdfootnote4anc
[148] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/cnt-ait
[149] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/streiks-frankreich
[150] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote2sym
[151] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote3sym
[152] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote4sym
[153] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote5sym
[154] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote6sym
[155] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote7sym
[156] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote8sym
[157] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote9sym
[158] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote10sym
[159] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote11sym
[160] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote12sym
[161] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote1anc
[162] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote2anc
[163] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote3anc
[164] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote4anc
[165] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote5anc
[166] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote6anc
[167] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote7anc
[168] https://fr.internationalism.org/rinte102/anar.htm
[169] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote8anc
[170] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote9anc
[171] https://fr.internationalism.org/ri321/anarchisme.htm
[172] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote10anc
[173] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote11anc
[174] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote12anc
[175] https://fr.internationalism.org/ri416/quel_etat_d_esprit_doit_animer_le_debat_gauche_communiste_anarchisme_internationaliste_3.html#sdfootnote13anc
[176] https://fr.internationalism.org/node/4368#sdfootnote1sym
[177] https://fr.internationalism.org/node/4368#sdfootnote1anc
[178] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/umweltzerstorung
[179] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wirtschaftskrise-2010
[180] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wahrungskrieg
[181] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/lotta-comunista
[182] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/internationalismus-2-weltkrieg
[183] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/verbrechen-wehrmacht
[184] https://de.internationalism.org/tag/leute/rosa-luxemburg
[185] https://de.internationalism.org/tag/leute/tolstoi
[186] https://de.internationalism.org/files/de/europaweiter_aufruf.pdf
[187] mailto:[email protected]
[188] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/aufruf-vollversammlung-pariser-ostbahnhof
[189] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/aufruf-die-arbeiter-europas
[190] https://www.dailymail.co.uk/news/article-1331892/Tuition-fee-militants-picket-school-gates.html#ixzz16OoPiMUH
[191] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/studentproteste-england
[192] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/schulerproteste-england
[193] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/breve_chronologie_des_evenements_de_la_lutte_contre_la_reforme_des_retraites.html
[194] https://fr.internationalism.org/content/4379/temoignage-repression-lors-manifestation-du-19-octobre-2010-a-lyon
[195] http://www.syndicalistesunitaires.org/Appel-a-une-rencontre
[196] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/pariser-ostbahnhof-versammlung
[197] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/grossbritannien-aufruhr-universitaten-2
[198] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/hochschulen-und-schulen-1
[199] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/portugal
[200] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/staatsbankrotte
[201] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/bankenpleiten
[202] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/irland
[203] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/protektionismus
[204] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote1sym
[205] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote2sym
[206] https://libcom.org/
[207] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote3sym
[208] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote4sym
[209] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote5sym
[210] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote6sym
[211] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote7sym
[212] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote8sym
[213] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote9sym
[214] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote1anc
[215] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote2anc
[216] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote3anc
[217] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote4anc
[218] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote5anc
[219] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote6anc
[220] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote7anc
[221] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote8anc
[222] https://fr.internationalism.org/icconline/2010/sur_les_manifestations_contre_les_coupes_budgetaires_en_grande_bretagne.html#sdfootnote9anc
[223] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/studentenproteste-grossbritannien
[224] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterstreiks-gb
[225] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/haushaltskurzungen
[226] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/unigebuhren-gb
[227] https://fr.internationalism.org/icconline/2011/repression_sanglante_en_tunisie_et_en_algerie.html#sdfootnote1sym#sdfootnote1sym
[228] https://fr.internationalism.org/icconline/2011/repression_sanglante_en_tunisie_et_en_algerie.html#sdfootnote1anc#sdfootnote1anc
[229] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/algerien
[230] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/aufstand-tunesien
[231] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/streiks-tunesien
[232] https://de.internationalism.org/tag/leute/ben-ali
[233] https://de.internationalism.org/tag/leute/bouteflika
[234] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/repression-korea
[235] https://de.internationalism.org/tag/leute/oh-se-cheol
[236] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/agypten
[237] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/klassenkampf-nordafrika
[238] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/naher-osten
[239] https://de.internationalism.org/tag/leute/mubarak
[240] https://de.internationalism.org/tag/leute/el-baradei
[241] https://www.pmpress.org/
[242] https://www.arabawy.org/
[243] https://www.europe-solidaire.org/spip.php?article20203
[244] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/revolten-agpyten
[245] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/libyen
[246] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tunesien
[247] https://de.internationalism.org/tag/4/55/afrika
[248] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/aufstande-tunesien-agypten
[249] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/soziale-revolten
[250] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/demokratie-und-diktatur
[251] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/mubarak
[252] https://www.nytimes.com/2011/02/17/us/17wisconsin.html
[253] https://madison.com/wsj/news/local/govt-and-politics/article_de45ba12-3935-11e0-9b64-001cc4c002e0.html
[254] https://archive.jsonline.com/news/statepolitics/116470423.html/
[255] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterkampf-wisconsin
[256] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/streiks-usa
[257] https://de.internationalism.org/tag/leute/gouverneur-walker
[258] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterkampfe
[259] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/selbstorganisation
[260] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/gewerkschaften
[261] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/massenstreik
[262] https://www.occupiedlondon.org/cairo/?p=355
[263] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/revolten-tunesien
[264] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterkampfe-naher-osten
[265] https://www.monde-diplomatique.fr/2010/12/KATZ/19944
[266] https://www.europe1.fr/societe/En-France-les-incidents-nucleaires-en-hausse-497336
[267] https://www.lemonde.fr/
[268] https://blog.mondediplo.net/2011-03-12-Au-Japon-le-seisme-declenche-l-alerte-nucleaire
[269] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/erdbeben
[270] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tsunami
[271] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/atomare-verseuchung-japan
[272] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tsunami-japan
[273] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/erdbeben-japan
[274] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/fukushima-atomkatastrophe
[275] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/umweltzerstorung-kapitalismus
[276] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/volksaufstand-libyen
[277] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proteste-tunesien
[278] https://de.internationalism.org/tag/leute/gaddafi
[279] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wisconsin
[280] https://es.internationalism.org/node/3059#_ftnref1
[281] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterkampfe-spanien
[282] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterversammlungen
[283] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterinitiativen
[284] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/atomausstieg
[285] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/fukushima-konsequenzen
[286] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/ursachen-nuklearkatastrophen
[287] https://de.internationalism.org/30Jhr/37
[288] https://de.internationalism.org/ir3/1979_terrorismus
[289] https://de.internationalism.org/content/1880/resolution-zur-internationalen-situation
[290] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/heisse-herbst-italien-1969
[291] https://de.internationalism.org/tag/3/51/terrorismus
[292] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/syrien
[293] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/bahrain
[294] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proteste-agypten
[295] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/democracia-real-ya
[296] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/echte-demokratie-jetzt
[297] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/15m-spanien
[298] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proteste-spanien-0
[299] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proteste-place-de-la-bastille
[300] https://en.internationalism.org/wr/11/348/israel#_ftn1
[301] https://en.internationalism.org/wr/11/348/israel#_ftnref1
[302] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/israel
[303] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/palastina
[304] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/grundung-palastinenserstaat
[305] https://de.internationalism.org/tag/leute/abbas
[306] https://fr.internationalism.org/icconline/2011/repression_a_valence_solidarite_avec_les_indignes_indignation_contre_l_etat_democratique.html#sdfootnote1sym
[307] https://fr.internationalism.org/icconline/2011/repression_a_valence_solidarite_avec_les_indignes_indignation_contre_l_etat_democratique.html#sdfootnote1anc
[308] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/repression-spanien
[309] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/burgerbewegung-spanien
[310] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/demokratie-repression
[311] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/puerta-del-sol
[312] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/kampfe-spanien
[313] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/plaza-catalunya
[314] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proteste-spanien
[315] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/puerta-del-sol-proteste
[316] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proteste-plaza-de-catalunya
[317] https://de.internationalism.org/tag/geographisch/spanien
[318] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/burgerbewegung
[319] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/demokratie
[320] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/repression-demokratie
[321] https://de.internationalism.org/tag/geographisch/grossbritannien
[322] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/streiktag
[323] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/grossbritannien
[324] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/30-juni-2011
[325] https://es.internationalism.org/node/3130#_ftn9#_ftn9
[326] https://es.internationalism.org/cci-online/201106/3118/movimiento-ciudadano-democracia-real-ya-dictadura-del-estado-contra-las-asamb
[327] https://es.internationalism.org/revista-internacional/197806/944/terror-terrorismo-y-violencia-de-clase
[328] https://es.internationalism.org/node/2134
[329] https://es.internationalism.org/revista-internacional/200612/1139/texto-de-orientacion-sobre-marxismo-y-etica-i
[330] https://es.noticias.yahoo.com/blogs/hablemos-de-pol%C3%ADtica/pillados-los-polic-infiltrados-entre-los-indignados-133556223.html
[331] https://es.internationalism.org/node/3106
[332] https://es.internationalism.org/cci-online/201106/3107/debate-sobre-el-movimiento-15m
[333] https://es.internationalism.org/cci-online/201106/3120/carta-abierta-a-las-asambleas
[334] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/15m
[335] https://andiewaisendesexistierenden.noblogs.org/
[336] https://switzerland.indymedia.org/de/2011/05/81890.shtml
[337] https://de.internationalism.org/tag/3/52/umwelt
[338] https://de.internationalism.org/tag/4/62/indien
[339] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/gentechnisch-verandertes-saatgut
[340] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/monsanto
[341] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/bt-baumwolle
[342] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/baumwolle-indien
[343] https://fr.internationalism.org/ri424/_apolitisme_une_mystification_dangereuse_pour_la_classe_ouvriere.html#sdfootnote1sym
[344] https://fr.internationalism.org/ri424/_apolitisme_une_mystification_dangereuse_pour_la_classe_ouvriere.html
[345] https://fr.internationalism.org/icconline/2011/dossier_special_indignes/altercations_entre_democratie_reelle_maintenant_et_le_%20cci_a_paris.html
[346] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/apolitische-haltung
[347] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/apolitismus
[348] https://www.welt.de/politik/ausland/article13496687/Israelis-zelten-gegen-horrende-Mieten-in-Tel-Aviv.html
[349] https://www.wac-maan.org.il/
[350] https://awalls.org/
[351] https://www.taz.de/Proteste-gegen-hohe-Mieten-in-Israel/!75212/
[352] https://www.welt.de/politik/ausland/article13508911/Wir-gehen-erst-wenn-es-bezahlbaren-Wohnraum-gibt.html
[353] https://bundes.blog.de/2011/07/26/israel-israelis-protest-for-their-rights-and-against-their-government-11548198/
[354] https://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776796,00.html
[355] https://www.israelheute.com/Nachrichten/tabid/179/nid/23468/Default.aspx
[356] https://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4100935,00.html
[357] https://www.youtube.com/watch?v=t8u8cjS-TiM
[358] https://de.internationalism.org/tag/geographisch/israel
[359] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/proteste-israel
[360] https://de.internationalism.org/node/2161#_ftn1
[361] https://de.internationalism.org/tag/3/54/zerfall
[362] https://www.klassenlos.tk/data/pdf/aegypten_interview.pdf
[363] https://www.klassenlos.tk
[364] mailto:[email protected]
[365] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/kampfe-agpyten
[366] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tahrir-platz
[367] https://en.internationalism.org/podcast/20110925/chris-knight-origins-of-humanity
[368] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/marxismus-wissenschaft
[369] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/parteilichkeit
[370] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wissenschaftlichkeit
[371] https://de.internationalism.org/tag/leute/chris-knight
[372] https://de.internationalism.org/tag/leute/leo-trotzki
[373] https://de.internationalism.org/tag/leute/karl-august-wittfogel
[374] https://de.internationalism.org/tag/2/24/marxismus-die-theorie-der-revolution
[375] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote1sym
[376] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote2sym
[377] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote3sym
[378] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote5sym
[379] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote6sym
[380] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote7sym
[381] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote8sym
[382] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote9sym
[383] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote1anc
[384] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote2anc
[385] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote3anc
[386] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote4anc
[387] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote5anc
[388] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote6anc
[389] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote7anc
[390] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote8anc
[391] https://fr.internationalism.org/ri425/mouvement_des_indignes_compte-rendu_des_manifestations_de_la_fin_juillet_a_madrid.html#sdfootnote9anc
[392] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/demos-spanien
[393] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/asambleas
[394] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/sturz-gaddafis
[395] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/nationaler-ubergangsrat
[396] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/911
[397] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/11-september-2001
[398] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/new-york-attentate
[399] http://www.lejdd.fr/Election-presidentielle-2012/Actualite/Royal-gonfle-les-chiffres-du-chomage-des-jeunes-397587/
[400] http://www.lefigaro.fr/conjoncture/2011/10/13/04016-20111013ARTFIG00498-le-salaire-minimum-est-juge-trop-eleve-en-grece.php
[401] http://www.lepoint.fr/economie/grece-les-nouvelles-mesures-d-austerite-du-projet-de-loi-conteste-20-10-2011-1386811_28.php
[402] http://www.rfi.fr/ameriques/20110702-faillite-le-gouvernement-minnesota-cesse-activites
[403] http://www.info-grece.com/agora.php
[404] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wirtschaftskrise-verarmung
[405] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/kollaps-wirtschaft-verarmung
[406] https://de.internationalism.org/node/2181
[407] https://fr.internationalism.org/node/4752
[408] https://fr.internationalism.org/node/4776
[409] https://fr.internationalism.org/rinte103/edito.htm
[410] https://fr.internationalism.org/rint146/pour_les_revolutionnaires_la_grande_depression_confirme_l_obsolescence_du_capitalisme.html
[411] https://fr.internationalism.org/rinte104/aube21
[412] https://de.internationalism.org/content/2171/die-weltwirtschaftskrise-ein-moerderischer-sommer
[413] https://fr.internationalism.org/rint138/resolution_sur_la_situation_internationale_18e_congres_du_cci_mai_2009.html
[414] https://de.internationalism.org/content/748/der-zerfall-die-letzte-phase-der-dekadenz-des-kapitalismus
[415] https://de.internationalism.org/content/876/thesen-ueber-die-studentenbewegung-frankreich-im-fruehling-2006
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[417] https://de.internationalism.org/proteste_israel
[418] https://fr.internationalism.org/icconline/2011/dossier_special_indignes/quyatil_derriere_la_campagne_contre_les_violents_autour_des_incidents_de_barcelone.html
[419] https://www.marxists.org/francais/marx/works/1851/12/brum.htm
[420] https://fr.internationalism.org/icconline/dossier_special_indignes/l_apolitisme_est_une_mystification_dangereuse_pour_la_classe_ouvriere.html
[421] https://de.internationalism.org/node/2161
[422] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/bewegung-der-emporten
[423] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/sozialproteste-spanien
[424] https://de.internationalism.org/content/2139/spanien-buergerbewegung-echte-demokratie-jetzt-staatliche-diktatur-gegen
[425] https://news.yahoo.com/occupy-protests-seismic-effect-062600703.html
[426] https://www.sozialismus.info/?sid=4586
[427] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/uberproduktion
[428] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/schuldenkrise
[429] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/ursachen-krise
[430] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/profite-krise
[431] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/verschuldung
[432] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/kredit-kapitalismus
[433] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/der-gott-des-gemetzels
[434] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/filmkritik
[435] https://de.internationalism.org/tag/leute/roman-polanski
[436] https://de.internationalism.org/tag/3/47/kultur
[437] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterkampfe-italien-0
[438] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/klassenkampf-italien
[439] https://de.internationalism.org/files/de/images/99_prozent.jpg
[440] https://en.internationalism.org/icconline/201111/4578/oakland-occupy-movement-seeks-links-working-class
[441] https://de.internationalism.org/tag/geographisch/vereinigte-staaten
[442] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/occupy-bewegung-usa
[443] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/wahlen-usa
[444] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/oakland-occupy
[445] https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Zu_den_Auswirkungen_der_Reaktorkatastrophe_von_Fukushima_auf_den_Pazifik_und_die_Nahrungsketten.pdf
[446] https://news.ippnw.de/index.php?id=72
[447] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/fukushima
[448] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/tschernobyl
[449] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/fukushima-ein-jahr-danach
[450] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/dekontaminierung
[451] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/entsorgung
[452] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/atomkraft
[453] https://de.internationalism.org/tag/11/151/nationale-lage-deutschland
[454] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/neonazis
[455] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/rechtsterrorismus
[456] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/verfassungsschutz
[457] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/gladio
[458] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/freikorps
[459] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/rattenlinie
[460] https://www-independent.co.uk/news/world/politics/the-future-of-war-is-looking-bleak-8344462.html
[461] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/repression-syrien
[462] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/konflikt-iran
[463] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/strasse-von-hormus
[464] https://de.internationalism.org/tag/leute/assad
[465] https://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822232,00.html
[466] https://www.tagesschau.de/thema/usa
[467] https://www.dailymail.co.uk/news/article-1216015/More-British-soldiers-prison-serving-Afghanistan-shock-study-finds.html#ixzz1qEGoRWsa
[468] https://www.democracynow.org/2012/3/16/mind_zone_new_film_tracks_therapists
[469] https://watson.brown.edu/costsofwar/
[470] https://www.reuters.com/article/2011/06/29/us-usa-war-idUSTRE75S25320110629
[471] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/amoklauf-afghanistan
[472] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/morde-toulouse
[473] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/gewaltfrage
[474] https://de.internationalism.org/tag/leute/robert-bales
[475] https://de.internationalism.org/tag/leute/mohamed-merah
[476] http://www.internationalism.org
[477] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/streiks-indien
[478] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/gurgaon
[479] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/generalstreik-28februar-2012-indien
[480] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/indische-gewerkschaften
[481] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote1sym
[482] https://www.si-revue.de/der-beginn-einer-epoche
[483] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote12sym
[484] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote13sym
[485] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote14sym
[486] https://www.wwf.org.uk/what_we_do/press_centre/?unewsid=5529
[487] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote17sym
[488] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote1anc
[489] https://fr.internationalism.org/rint147/decadence_du_capitalisme_le_boom_d_apres_guerre_n_a_pas_renverse_le_cours_du_declin_du_capitalisme.html
[490] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote2anc
[491] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote3anc
[492] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote4anc
[493] https://fr.internationalism.org/rint142/rosa_luxemburg_et_les_limites_de_l_expansion_du_capitalisme.html
[494] https://fr.internationalism.org/rint132/decadence_du_capitalisme_la_revolution_est_necessaire_et_possible_depuis_un_siecle.html
[495] https://fr.internationalism.org/rinte59/guerre.htm
[496] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote14anc
[497] https://www.nationalgeographic.com/science/article/111109-world-energy-outlook-2011
[498] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote15anc
[499] https://www.theguardian.com/environment/2011/dec/11/global-climate-change-treaty-durban
[500] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote16anc
[501] https://www.washingtonpost.com/national/environment/warming-arctic-opens-way-to-competition-for-resources/2011/05/15/AF2W2Q4G_story.html
[502] https://fr.internationalism.org/rint148/40_annees_de_crise_ouverte_montrent_que_le_capitalisme_en_declin_est_incurable.html#sdfootnote17anc
[503] https://www.theguardian.com/culture/2011/dec/18/news-terrible-world-really-doomed
[504] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/dekadenz-kapitalismus
[505] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/socialisme-ou-barbarie
[506] https://de.internationalism.org/tag/leute/paul-mattick
[507] https://de.internationalism.org/tag/leute/casterioradis
[508] https://de.internationalism.org/tag/leute/grossmann
[509] https://stinas.blogsport.de/2010/04/17/das-massaker-an-den-internationalistischen-kommunisten-in-griechenland-dezember-1944/
[510] https://en.internationalism.org/specialtexts/IR072_stinas.htm
[511] https://de.internationalism.org/tag/leute/stinas
[512] https://de.internationalism.org/tag/politische-stromungen-und-verweise/kommunistische-linke
[513] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/zweiter-weltkrieg
[514] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/revolutionarer-defatismus
[515] https://de.internationalism.org/tag/entwicklung-des-proletarischen-bewusstseins-und-der-organisation/linke-opposition
[516] https://de.internationalism.org/tag/geographisch/russland-kaukasus-zentralasien
[517] https://de.internationalism.org/tag/leute/pannekoek
[518] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/faschismus
[519] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/antifaschismus
[520] https://de.internationalism.org/tag/historische-ereignisse/negationismus
[521] https://de.internationalism.org/tag/2/32/die-einheitsfront
[522] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/montauban
[523] https://en.internationalism.org/icconline/201201/4641/marxism-and-conspiracy-theories#_ftnref1
[524] http://news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/may/26/newsid_4396000/4396893.stm
[525] https://en.internationalism.org/icconline/201201/4641/marxism-and-conspiracy-theories#_ftnref2
[526] https://en.internationalism.org/icconline/201201/4641/marxism-and-conspiracy-theories#_ftnref3
[527] https://en.internationalism.org/icconline/201201/4641/marxism-and-conspiracy-theories#_ftnref4
[528] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/psychisches-elend
[529] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/sozialpsychiatrische-dienst-spd
[530] https://de.internationalism.org/files/de/chinaweb.pdf
[531] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterkampfe-china
[532] https://en.internationalism.org/icconline/201204/4841/welcome-new-icc-sections-peru-and-ecuador#sdfootnote1sym
[533] https://en.internationalism.org/icconline/201204/4841/welcome-new-icc-sections-peru-and-ecuador#sdfootnote2sym
[534] https://en.internationalism.org/icconline/201204/4841/welcome-new-icc-sections-peru-and-ecuador#sdfootnote1anc
[535] https://en.internationalism.org/icconline/201204/4841/welcome-new-icc-sections-peru-and-ecuador#sdfootnote2anc
[536] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/revolution-ecuador
[537] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/revolutionare-peru
[538] http://www.leftcom.org
[539] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/aufruf-aus-griechenland-arbeiterinnen-deutschland
[540] https://es.internationalism.org/node/3323
[541] https://es.internationalism.org/node/3324
[542] https://fr.internationalism.org/icconline/2012/grece_l_hopital_de_kilkis_sous_le_controle_des_travailleurs.html
[543] https://es.internationalism.org/ccionlinemarzo2012panfleto
[544] https://it.internationalism.org/node/1147
[545] https://fr.internationalism.org/icconline/2011/dossier_special_indignes/le_mouvement_citoyen%20_democracia_real%20_ya_une_dictature_sur_les_assemblees_massive.html
[546] https://fr.internationalism.org/ri418/bilan_du_blocage_des_raffineries_1ere_partie.html
[547] https://fr.internationalism.org/ri420/bilan_du_blocage_des_raffineries.html
[548] https://fr.internationalism.org/node/4524
[549] https://fr.internationalism.org/icconlinz/2012/2011_de_l_indignation_a_l_espoir.html
[550] https://fr.internationalism.org/rint125/france-etudiants
[551] https://fr.internationalism.org/rint136/les_revoltes_de_la_jeunesse_en_grece_confirme_le_developpement_de_la_lutte_de_classe.html
[552] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/indien
[553] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/mexiko
[554] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterstreiks
[555] https://de.internationalism.org/tag/aktuelles-und-laufendes/arbeiterprotese-2012
[556] https://de.internationalism.org/files/de/unterst%C3%BCtzungpdf.pdf
[557] https://www.revleft.space/vb/
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[1012] https://de.internationalism.org/content/1977/internationalisme-1947-was-die-revolutionaere-von-den-trotzkisten-unterscheidet
[1013] https://es.internationalism.org/cci/200605/919/anexo-trotsky-y-la-izquierda-italiana-textos-de-la-izquierda-comunista-de-los-anos-30
[1014] https://en.internationalism.org/series/1250
[1015] https://es.internationalism.org/cci-online/200706/1935/cuales-son-las-diferencias-entre-la-izquierda-comunista-y-la-iv-internacional
[1016] https://en.internationalism.org/content/14445/communism-agenda-history-castoriadis-munis-and-problem-breaking-trotskyism
[1017] https://en.internationalism.org/international-review/201808/16490/castoriadis-munis-and-problem-breaking-trotskyism-second-part-cont
[1018] https://en.internationalism.org/internationalreview/200908/3077/farewell-munis-revolutionary-militant
[1019] https://en.internationalism.org/content/2937/polemic-where-going
[1020] https://en.internationalism.org/content/3100/confusions-fomento-obrero-revolucionario-russia-1917-and-spain-1936
[1021] https://es.internationalism.org/cci/200602/753/1critica-del-libro-jalones-de-derrota-promesas-de-victoria
[1022] http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_337.htm
[1023] https://www.marxists.org/francais/4int/postwar/1947/06/nt_19470600.htm
[1024] https://en.internationalism.org/ir/075_1943.html
[1025] https://de.internationalism.org/content/1150/die-arbeiterkaempfe-italien-1943
[1026] https://en.internationalism.org/internationalreview/200908/3077/farewell-Munís-revolutionary-militant
[1027] https://de.internationalism.org/content/1075/bericht-zur-struktur-und-funktionsweise-der-organisation-der-revolutionaere
[1028] https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_von_Hatzfeldt
[1029] https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band31.pdf
[1030] http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_326.htm
[1031] https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band30.pdf
[1032] https://de.wikipedia.org/wiki/Helene_von_Dönniges
[1033] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Dönniges
[1034] https://de.wikipedia.org/wiki/Sequester_(Recht)
[1035] https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_II._(Bayern)
[1036] https://de.wikipedia.org/wiki/Duell
[1037] https://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Breslauer_Burschenschaft_der_Raczeks
[1038] https://de.wikipedia.org/wiki/Satisfaktion
[1039] https://de.wikipedia.org/wiki/Corps_Rhenania_Bonn
[1040] https://de.wikipedia.org/wiki/Bojaren
[1041] https://de.wikipedia.org/wiki/Corps_Neoborussia-Berlin_zu_Bochum
[1042] https://de.wikipedia.org/wiki/Carouge
[1043] https://de.wikipedia.org/wiki/Sekundant
[1044] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Rüstow
[1045] https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Lassalle
[1046] https://www.gutzitiert.de/aus_meinem_leben-august_bebel-kapitel_23.html
[1047] https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band16.pdf
[1048] https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band32.pdf